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Und +aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des +Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang. + +Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter +Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder +hörbar. + +Über der Stadt lag Abendsonnenschein. + +Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und +im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der +Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen. + +Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch. + +Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um +die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen +Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und +versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der +Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die +Brücke. + +Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit +Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, +aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen +spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten +davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des +Montags. + +Der Lehrer war gefürchtet. + +Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so +sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe +Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft +mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte +er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe. +Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel +zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann +holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke, +hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten +und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der +gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die +Fingerspitzen zwickte. + +Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang. +Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm, +erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen. + +Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen +mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch +nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der +Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den +>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da +unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen. + +Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr +vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront +gegen den Brückenberg steht. + +Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den +Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die +Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden. + +Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage, +denn die Sonne war noch nicht unter. + +Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für +den Fortschritt. + +Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem +Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen +Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter +Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen. + +»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und +schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a +ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a +Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine +gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe +grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf. + +Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen +ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er +hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei +Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand. + +»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager +seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, +und ließ den Tabak in seine Tasche fallen. + +»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus +mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote +Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! +die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die +Adern an seinem Halse schwollen. + +Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager +beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die +Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg +vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf. + +Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben, +dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach. + +Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang +freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen +stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten +einem Besitzer. + +Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher +trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob +den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen. + +Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende +Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter. + +Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel +gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere +Haut langsam wieder heraus in die Höhe. + +Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen +Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur +Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein +getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen +Himmel schlagen. + +Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den +Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen +starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian +und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den +Mageninhalt. + +Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine +gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter, +den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren. + +»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer +der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein +Mauseloch. + +»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?« + +»Dort, beim heiligen Kilian.« + +»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.« + +»Wenn er doch eine Wurst hat.« + +»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft. + +Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem +Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber +die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst +wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit +der Wurst?« + +»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon +gegessen.« + +»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.« + +»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.« + +»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm. + +Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und +wollte sie in den Mund gleiten lassen. + +»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute. +Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.« + +Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück. + +Aber der Duckmäuser nahm sie nicht. + +»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde +begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen. + +Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause +brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten. + +»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie +jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.« + +Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst +resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf +seinen Gegner. + +Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd +heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel. + +Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah +sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der +Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim. + +Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in +einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper +hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen. + +Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen. +Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch +um. Die Brücke war leer. + + * * * * * + +In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen +ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange +fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei +kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können. + +Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum +Fortgehen zu geben. + +»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen +benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er +aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an +seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der +Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine +Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er +in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und +reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten +Stock aus dem Fenster sah. + +Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister, +ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, +schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm. + +Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon +seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah +manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der +Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte +nur das Reiben. + +Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf +senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken. + +Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen, +Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter. + +Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn +hinunter. + +Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug. + +»Was soll denn das!« + +»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.« + +»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen +Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?« + +Oldshatterhand wurde blutrot. + +»Was bist du!« + +»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.« + +»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den +ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum +Teufel! . . . Eselsbande!« + +Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die +Jungen entfernten sich lautlos. + +Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb +er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser +riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war, +stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft. + +Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein +armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen +Tritt geraten. + +Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den +Heimweg. + +Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er +hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging +unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb +auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden +zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die +Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden. + +»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und +ging in der angezeigten Richtung fort. + +Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper +hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können. + +Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu. + +»Sie . . . Sie!« + +Der Mann blieb stehen. + +»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich +bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.« + +Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom +Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand. +Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne +nach. + +Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke +Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last +und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der +Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln. + +Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die +Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal +drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . . +Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben +mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich +Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die +Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.« + +Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend +gäbe. + +»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb +ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart +arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e +bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein +Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr +Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und +konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen +überrascht hatte. + +Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden +nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke. + +»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie +Rom.« + +Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie +Rooom!« + + * * * * * + +Es war elf Uhr nachts. + +Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande, +Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner +Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen. +An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein +handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht +getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht. + +Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns +betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf: + + »Ich wollte sie verführen, + Dazu hat sie kein Mut.« + +Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte +den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten +Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, +zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß +sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben, +hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln. + +Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt, +und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer. + +Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster, +»U . . . u!« + +Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die +Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter. + +Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein +dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der +Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein. + +Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge +Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf +dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein +Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die +Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine +Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei +einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um +Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein +Brand ausbrach. + +Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war +vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . . +hörst du nichts?« + +»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän, +sah sich auch um und zog die Schuhe an. + +»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst +hat.« + +»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz. +Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.« +Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die +Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder +zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich +gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit +fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz +unglaublich.« + +»Das hätt ich mir nit g'fall laß.« + +»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch +nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham +. . . Heiliger Gott!« + +»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit +Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was +erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz +genau, daß ich mir das nit g'fall laß.« + +»Ja no.« + +»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde +ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.« + +»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der +bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den +andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh +anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern +vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.« + +»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.« + +»Ja, aber leis.« + +Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene, +wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit +war das Tor geschlossen. + +Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand +vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf +Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt +hinunter und sprangen in den Festungsgraben. + +Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg +heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen, +den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den +Festungsgraben. + +Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt. + +Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst. + +Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die +Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im +Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder +Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt +war aus purem Silber. + +Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die +Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs. + +Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der +tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf. + +Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen +reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte. + +Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen, +auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die +Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf. +Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen. + +Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande +galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und +furchtsam.« + +»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän. + +»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.« + +»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau +festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser +kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar +Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter +und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen +sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante +die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er +deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung +mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder +Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn +Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch. + +»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die +Höhe. + +»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen +wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen +Teich.« + +»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen? +He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer +und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. +Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.« + +Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne +zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte +Hand zurück. + +»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich +der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? +Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.« + +Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß +sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden +Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft +verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf +unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.« + +»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und +stülpte die Negerlippen nach außen. + +»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer +eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab +ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur +unser Bureauvorsteher.« + +»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte +Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.« + +»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?« + +»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is +total tot.« + +Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur +Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das +schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins +Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter +gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der +Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie +mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . . +Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham +wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!« + +»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus +kämen«, sagte der Schreiber erstaunt. + +Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und +blieb reglos hocken. + +»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise +herum. + +Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer. +Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen. +Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem +Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male +angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka +. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man +immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf +nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen +. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und +er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der +Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die +Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel +hat sie.« + +»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China, +immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den +Schultern. + +»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten +empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke +. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so +groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß +er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso +kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma +. . . ma . . . meint ihr nit?« + +»Das weiß man halt nit recht.« + +Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und +schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen +nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als +einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten +Höhe zu sitzen. + +Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen +schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der +Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg +einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du +meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der +Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.« + +»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da +werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich +sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne +die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst, +schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt +gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre +Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst +in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche +Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen +glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge +sicher alles glatt.« + +»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.« + +»No, allemal.« + +Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als +Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der +bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder +Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel. + +Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen +Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und +baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus +Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.« + +Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie +sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten +vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit +einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt +den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf +Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer +Brückenbogen im Mississippi. + +Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die +Wildnis zurück zu seinem Blockhaus. + +»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme. +»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!« + +»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der +wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da +wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden +Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt +die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir +hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.« + +»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri +. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat +einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil +so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit +helf tr . . . tr . . . trag dürf.« + +»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein +Liebling. G'schieht dir ganz recht.« + +»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . . +Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden +muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!« +schrie Oldshatterhand wütend. + +»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in +Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch +Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib +und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.« + +»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der +hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.« + +»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von +Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus. + +»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . . +Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand. +»Grü . . . grüne vielleicht.« + +»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.« + +»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand +erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter. + +»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben, +ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen +Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß: +»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand +auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner. + +Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während +das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein +Glasauge. + +Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und +schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der +Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu +schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe +Nachtstille. + +»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den +heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge +. . . sp . . . sprochen.« + +Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen +Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden +Augen auf den Schreiber. + +Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die +sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber +den Kopf hob. + +»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän. + +Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den +anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft +und monoton dazu: + + »Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, + Nang kang killewi, nang kang killewi, + Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, + Nang kang killewi wau.« + +Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber +standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen +Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem +Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor +bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter. + +Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden. + +Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der, +gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe +fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die +Räuber oben hineinsehen konnten. + +Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten, +die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg +in die königlichen Weinberge. + +Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang +hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein +Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den +königlichen Weinbergen. + +Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben, +außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine +freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu +rühren. + +Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den +anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand +die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich. + +Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe. + +Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.« + +»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum. + +Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht. + +Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu +den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab, +aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel +abgezogen wird. + +»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen, +wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so +viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.« + +Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock. + +Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die +Domuhr schlug eins. + +Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum. +Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne +hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere +in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte +erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn +jetzt jemand kommt!« + +Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf +der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten, +und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß +er mich sieht.« + +»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt. + +»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des +bleichen Kapitäns laut von seitwärts. + +Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an +etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die +Taschen. + +Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der +Festungsmauer. + +»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän +Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.« + +Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer. + +Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine +klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt +blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie +zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für +eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden. +Das sieht man doch von der Stadt drunten.« + +Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous +Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und +trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder. + +Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen +zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern. + +»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug +habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie +ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich +wahrhaftig nit.« + +Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt +auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten, +zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem +Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg +geschmuggelt hatte. + +»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge. + +»Wo? . . . Wo denn!« + +»Jetzt is er weg.« + +»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da +sind«, sagte der Schreiber. + +Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin +und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!« + +Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite. + +Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum. + +Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens -- +ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines +unterirdischen Ganges. + +Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und +ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten +gegen die Räuber, und huschten ins Freie. + +Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte +der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit +Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem +Täfelchen war zu lesen: + +Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof +des Justizgebäudes. Vorsicht! + +Auf einem anderen Täfelchen stand: + +Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins +Nonnenkloster Himmelspforten. + +Auf dem dritten Täfelchen: + +Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur +Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten +Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in +die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen +Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang +nur bei Lebensgefahr zu betreten. + +Der Hauptmann. + +Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen +Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen +hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän +zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen +quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen +herausgehauen, Steinbänke waren. + +Das war »das Zimmer«. + +Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen +Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt +worden.« + +Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale +gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon +vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, +von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit +Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben +lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, +in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern +eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in +dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, +mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf +Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef +zu senden, zum Ersatz. + +Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit +Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der +Prärie die Rothaut beschliche. + +Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen +Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser, +sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem +Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten +Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen +an der Mauer. + +Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«. + +Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-, +Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische +Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in +zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem +Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls +zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen +oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle +Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des +bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im +gepreßt vollen Bücherregal. + +Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes +Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von +Schiller.« Das Hausbuch der Bande. + +Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das +Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte. + +Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher +Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf. + +Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken. + +»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der +bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen. + +Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und +ein Büchlein heraus. + +Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer +an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser +jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein +Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!« +Und dabei errötete er stets tief. + +»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die +Trauben. + +»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.« + +»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen. +Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und +deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger +Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?« + +»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk, +in Form einer Eidechse.« + +»Und das da, Hauptmann?« + +». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . . +Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird +ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist +er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht, +wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend, +gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.« + +Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe. + +Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«, +sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem +Sanderrasen. Er läuft im Trikot.« + +»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte +er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige +Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.« + +Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine +Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen +Platz. + +Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?« + +». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.« + +Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den +die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des +roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den +Schrank. + +Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten. + +Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß. +Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. +Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie +auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe. + +Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten. + +»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort. + +»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän. + +»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden +gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig +Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen +ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier +verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt. +Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß +wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und +erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir +uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind +wir verschollen auf ewig.« + +Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte +sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen +Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf. + +»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt. +»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer +von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu +heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.« + +Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke: +»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist, +das versteh ich ganz einfach nit.« + +Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte +und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das +hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der +Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der +Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein +scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren +Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die +Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und +hatte ein Indianerprofil. + +»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand. + +Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines +Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche +Gräfin!« + +»Räuberlied!« brüllten die anderen. + +»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich +überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt. +Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht +stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief +zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und +die Räuber hörten zu. + + »Stehlen, morden, huren, balgen, + Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun. + Morgen hangen wir am Galgen, + Drum laßt uns heute lustig sein. + Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!« + +Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das +gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän +sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der +Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht +besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte +pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam +Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er +nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den +Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme. + +Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt +in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen +die Schulter der Roten Wolke. + +»O Felli«, sagte müde Winnetou. + +»Sprich.« + +»Es ist Zeit, Hauptmann.« + +»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank +auf die Brust. + +Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die +Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf. + +Das Wasser im Fischkasten gluckste. + +Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase, +aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer« +herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa +Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe: + + »Das Wehgeheul geschlagener Väter, + Der bangen Mütter Klaggezeter, + Das Winseln der verlaßnen Braut + Ist Schmaus für meine Trommelhaut.« + +Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder +sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen. + +Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf +einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an +einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben +und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins +raschelnde Laub. + +Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig +Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren +Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand. + +»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte +ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der +Räuberrunde. + +»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war +der Hobel noch nit dort gelegen.« + +»Wie kommt er überhaupt daher.« + +»Ein schöner Hobel ist es ja.« + +»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig. + +»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.« + +Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die +übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet. + +»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch. + +Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste. +»Was heißt denn das . . . verloooren!« + +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es +wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete +die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen +ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.« + +»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal +heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre +Vorratskammer.« + +Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg +hinunter. + +Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem +alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um +zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der +Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre +bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden +hinunter. + +Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf +den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf +und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die +Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und +ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder. + +Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit +faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte +sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins +Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann. + +Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die +Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut +tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft +umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der +bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die +Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie +losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. +Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über. + +Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und +Beinen. + +Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den +hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der +Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer +gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar +nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen, +so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer. + +Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter +hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen. + +Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im +Wirtschaftsgarten. + +Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein +vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen. + + * * * * * + +Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen +Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die +»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang +sein Schimpfen bis auf die Straße heraus. + +Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln, +paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter +Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten. + +Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des +Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und +blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen +Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff: +»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und +weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, +den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete. + +Sonst blieb alles unverändert. + +Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«, +trillerte der Kanarienvogel. + +»Pst«, machte Oldshatterhand. + +Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den +Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und +winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen +Ausgang heute. + +Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich +zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt +war, und erstattete Bericht. + +Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen +solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte +ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe. + +Entschlossen trat er ein. + +»Haarschneiden -- Herr Benommen?« + +»Nein . . . Heute nur rasieren.« + +»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und +noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man +wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte +Haut des Hauptmanns gleiten. + +Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute +unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht +geschnitten habe. + +Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber +gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die +Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den +Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune. +Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter. + +Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen. + +Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges +Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der +Schreiber nachgerast. + +Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war +der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt. + +Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und +betrachtete dabei die Würste im Schaufenster. + +Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser +hörte auf zu kauen. + +»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber. +»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so +verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die +kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.« + +»Der Jud Meierheim soll's getan haben.« + +»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud +getan hat . . . du Rindvieh!« + +»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft. + +Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung. + +»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der +Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken +bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt +über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt, +blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das +Grauen der Räuber auf sich wirken. + +»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte +überzeugend der Schreiber. + +Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst. + +Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten +darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen +auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen. + +Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen +-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse. + +In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß +rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus +dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß +ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden +Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart. + +Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl. +Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller +in der Hand. + +Der bleiche Kapitän sah seine Leute an. + +»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.« + +Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln +zuckte über sein Gesicht. + +Da trat er in den Raum. + +Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm +hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor- +und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine. + +Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen +vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die +begeisterten Draufrufe seiner Bande. + +»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der +rote Fischer. + +Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang. + +Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren +Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen +Augen, wenn man nicht gab. + +Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten +vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um. +Und war weg. + +Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer +langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und +überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem +Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren +Runde vollkommen erschöpft aufgab. + +Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz. + +Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen +Menschensaum entlang. + +Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter. +Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen +kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.« + +»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.« + +»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.« + +»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der +Schreiber, mit der Uhr in der Hand. + +»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.« + +»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's +warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem +Backofen raus.« + +»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand. + +»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für +mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr +für die Reparatur verlangt.« + +»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.« + +»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so. +Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist, +daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.« + +Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und +bleich. + +Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der +Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche +Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte. +Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen. + +Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und +sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der +Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.« + +Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster +Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen +weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum? +. . . Ja, was wär denn das.« + +»Versuchen Sie ihn nur selber.« + +»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch +erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend. + +»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der +bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist +die Petroleumkanne daneben gestanden.« + +»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und +schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum. + +»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen +uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt +einmal den andern Platz an.« + +Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen +hinaus. + +Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in +den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte +der Schreiber nach einer Weile. + +Der Bäcker wurde dunkelrot. + +»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und +schluckte hastig. + +»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr +Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken +darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.« + +Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der +Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander +und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.« + +»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach +Petroleum.« + +Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu. + +»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir +ganz einfach in den Laden.« + +»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und +verschwand. + +Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein. + +»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann +der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!« + +Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das +dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die +Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei +heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete. + +»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber +sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen. + +Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns +unser Geld zurückgeben, natürlich.« + +Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen, +verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden +Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz +klar. Ich versteh Sie wirklich nit.« + +»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der +Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.« + +Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen. + +Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde +gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange +suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein +streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen +waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!« + +Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte, +nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende +Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. +Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes +Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von +Haselnußsträuchern umstanden. + +Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig +zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel +Kraft.« + +Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen +gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war. + +»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und +drückte das Stengelchen auch zur Seite. + +Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir +und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.« + +»Es braucht auch viel Sonne und Regen.« + +Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das +Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein +bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; +seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal +zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre +. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden, +der gestützt werden muß.« + +»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte +Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das +Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber +der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah +nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern +in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück. + +Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen +wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal +fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an. + +»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou. + +»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«, +sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem +Gesicht. + +Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und +die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen. + +Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites, +verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und +fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, +worauf sie erhitzt nach Hause eilten. + + + + +Zweites Kapitel + + +Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen +hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande +gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den +Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich +und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange +zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber +viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, +betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer +Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im »Zimmer« wurden +zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten. + +Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf +den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras. + +Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein +schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile +blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. »Was glaubt +ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist +erschossen worden.« + +»Oh, halt doch's Maul!« + +»Da hockt er ja«, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou. + +»Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern«, rief +der bleiche Kapitän wütend. + +»Winnetou ist tot?« fragte Winnetou leise. »Das ist nicht möglich. Wie +soll denn das passiert sein.« + +»No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer +gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle, +die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er +tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle +geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.« + +»Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in +so einem Augenblick nit da sein?« fragte Winnetou erregt. + +Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den +bleichen Kapitän geheftet. + +»Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und +hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz +unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist +er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten, +sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar +Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou +ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt +ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal +hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt +muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.« + +Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen +sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war. + +Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch +die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo +Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, +schwarzer Punkt -- schußbereit. + +»Da kann man jetzt nix mehr mach«, sagte der bleiche Kapitän und reckte +sich auf. »Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.« + +»Leih mir das Buch bis morgen«, bat Winnetou. + +»Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen«, wehrte +der bleiche Kapitän ab. + +»Morgen früh geb ich dir's wieder zurück.« + +»Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig +mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir +gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach, +wennst's ausgelesen hast.« + +Winnetou griff nach dem Buch. + +Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen. + +Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr +Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen +Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. »Ich muß erst die Stiefel vom +Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da +. . . Geh mit«, sagte er zum König der Luft. + +»Hn!« + +»Der frißt dich doch nit.« + +»Also hopp! Also wenn du meinst.« + +»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis +wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe. + +Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist +fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache +geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux +übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.« + +». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?« + +»Sei doch still.« + +Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht. +Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in +der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die +Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem +Kanapee hing. + +»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig +kosten die Stiefel.« + +Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös +mit den Daumen. + +»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die +lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief +blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?« + +»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft +blickte starr vor sich hin. + +Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den +Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke, +schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem +Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt +einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den +Geldbeutel. + +»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber +auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja +Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.« + +»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.« + +»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.« + +»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom +Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.« + +»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen +hab ich eine Mark siebzig dran verdient.« + +»Hn!« + +»Eine Mark siebzig.« + +»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.« + +»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän +vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber, +daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der +stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber, +wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!« +rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging. + +Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und +wollte in sein Zimmer schleichen. + +Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal +her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus +baumelte an ihrer Brust. + +Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden +Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee +neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör +standen auf dem Tisch. + +»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf +die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen. + +»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!« + +Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein +und schlug das Kreuz. + +»Nun?« + +Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus +Christus.« + +»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der +Kaplan und nippte vom Likör. + +». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden +verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor. + +Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust +hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der +rote Mann tot zu Boden.« + +Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin. + +»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau +Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.« + +Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!« + +»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.« + +Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte +Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich +mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!« + +Winnetou sah seine Mutter entsetzt an. + +»Wird's bald!« + +Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus +Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den +Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand +vorstreckte. + +»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm +hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz +geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos +das Zimmer. Die Tür verschloß sie. + +Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die +zart errötend ihm die Hand überließ. + +Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör. + +Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen +gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter, +daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen +trockneten. Die Gesichtshaut spannte. + +Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender +Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände +nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort +. . . dort.« + +Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war +eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und +verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder. + +Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er +hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich +sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. +Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich +gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte +altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem +Wagen gelegen und eingeregnet worden. + +Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten +Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken. + +Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und +sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren +ging. + +Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg +aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze +Südwand des Hauses bedeckte. + +Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch +herumgesetzt. + +Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß +der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das +pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke +streifte. + +Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße +ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte. + +Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß +bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer +seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte. + +Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen +Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond, +mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins +Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. +Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil +sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten. + +Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen +auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden. + +Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung +verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die +frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid +ihr auch wieder einmal da.« + +Die Räuber lächelten befangen. + +»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll +verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so +versaut.« + +Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte +verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r +Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er +drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu +den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.« + +»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der +Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?« + +»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine +Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die +Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf +seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant, +wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.« + +Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.« + +»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig +zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen. + +Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die +Hand auf die Schulter. + +»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der +Schreiber sehr schnell. + +»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl! +'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach +hinten zu seinem Schanktisch. + +Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim +>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän. +Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein +eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die +Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn +Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal, +kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?« + +Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an, +deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch +kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum +Tisch. + +Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm +erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er. +»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei +Schuh bei mein Vater mach.« + +Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den +Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke, +sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und +las laut den gerahmten Spruch an der Wand: + + »Ob ich morgen leben werde, + Weiß ich freilich nicht, + Daß ich aber, wenn ich lebe, + Trinken werde, das ist ganz gewiß.« + +Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und +begann an einem roten Strumpf zu stricken. + +Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen +den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte. +»Isterfrisch?« + +»He?« + +»Ist der Fisch frisch?« + +»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er +Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden +Karpfen unter die Nase. + +»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut. + +»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte +der Fischer. + +»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da. +Größter Seifenverbrauch usw.« + +»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is? +Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.« + +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann, +der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt +hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend +an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und +lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen +glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen +geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin +wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin +sie a no.« + +Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte. + +»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht +. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue, +wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle, +weil's mit der Brautschau Wasser war.« + +»No, allemal!« rief der Schreiber. + +»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«, +sagte der Glasermeister speichelspritzend. + +Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der +Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise +auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!« + +»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte. + +»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen. + +»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer +noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«, +sagte der Berliner. + +»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!« + +»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der +Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem +kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten +Glasermeisters: + + »Johann Ja--a--kob Streeeberle, + Johann Stre--e--berlee -- -- --« + +die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der +Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte, +gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen +durch und blickte wütend zu den Räubern hin. + +»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt. + +Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand +beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . . +Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher +Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort +einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ: + + »Hoch leb die Anarchie! + Es lebe der Achtstundentag, + Die Ruh, die Republik!« + +Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie +doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . . +Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, +Bürschli«, schloß er geheimnisvoll. + +»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber. + +»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.« + +»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.« + +Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei +still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt +ihr, was auf dem Hobel steht?« + +»Auf was für'n Hobel?« + +»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber +das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten. + +»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J. +St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem +Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.« + +Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum +Glasermeister hin. + +»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix +g'sagt hab.« + +»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber. + +»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«, +flüsterte der bleiche Kapitän. + +Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein +Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch. + +»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der +Schnauz kläffte. Alle Räuber standen. + +Da trat Winnetou ein. + +Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf. + +»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie, +was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut +und setzte sich. + +Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt! +. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute +in Ruh.« + +»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll +sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz +. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch. + +»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . . +Wir Männer -- -- --« + +Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein. + +Auch die Räuber setzten sich. + +Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das +Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile +senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch +sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit +ihm eilig die Weinstube. + +»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.« + +»No, jetzt sage Sie selber.« + +»Streberle, i will gar nix wiss.« + +»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«, +fragte der Berliner den Fischer. + +»Das is 'n Widerschein seiner.« + +»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein +reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.« + +»Ja, Berliiiiiiin!« + +»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . . +Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas +in die Hand. + +»Was? . . . Erhööööhen?« + +»Flecke auf die Absätze.« + +»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig +Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.« + +Der Schreiber horchte gespannt. + +»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne +getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister +gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip +. . . Ich bin Reisender.« + +»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch +hab.« + +»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu +ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.« + +Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem +Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim +is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.« + +»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle +Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.« + +»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.« + +»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob +Streberle und erhob sich. + +»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch +rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der +Glasermeister gegangen war. + +»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit +dem Kriege siebzig/einundsiebzig.« + +»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind +in einem Dorf gelege -- --« + +»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --« + + * * * * * + +Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse +lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende +Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in +den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir +ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die +Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am +heiligen Sonntag zu arbeiten!« + +»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied. + +»Hau mal her!« + +Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter. + +»Hau no mal her!!« + +Er hieb ihm wieder eine herunter. + +»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!« + +Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und +ging in seine Werkstatt zurück. + +Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas +angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts +nachdenklich nebenher ging. + +Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre +Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr. + +»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau +g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und +deutete zur Festung. + +»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber. + +»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche +Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege +Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget +. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.« + +Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen +die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den +Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag. + +»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir +zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.« + +»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die +Wirtschaft zu gehen.« + +»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?« + +»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?« + +»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.« + +»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche +den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen +Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal +ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch +himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust, +und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend, +erhaben die Hände gegen den Knochen aus. + +Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das +Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die +Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie, +eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über +die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen +wieder auf das Pflaster. + +Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung. +Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und +rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber +geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in +die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand +bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang. + +Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu +ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt +noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon +öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen. + +Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete +Ergriffenheit. + +Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte. + +Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit +Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit +anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein +wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen +hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder +mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie +gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die +Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem +Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied +den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, +frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung. + +Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und +warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn. + +Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte +zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die +Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den +Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu +stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte +sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, +drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und +schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging +er den Räubern nach. + +Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen +und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm +Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß +man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.« + +Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt +Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus +dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar, +das in die einzige Droschke stieg. + +Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb +zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er +und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund +und schwarz. + +»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle +redeten auf ihn ein. + +»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!« + +»Was ist ohne Beispiel?« + +»Wie sie's treiben!« + +»Jetzt halt doch's Maul!« + +»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!« + +»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten +kann.« + +»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . . +Aufruhr! Mut! Freiheit!« + +»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen +nur zusammenhalten.« + +»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert. + +Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in +dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«, +anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän +für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der +zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die +Ehre verlangte. + +Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte +manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem +er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst +kein Spiel zustande käme. + +Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des +Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer +nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor +jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden +Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen. +Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige +eingesetzt. + +»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu. + +»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.« + +»Ich hab's ja g'sagt.« + +Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder, +rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand, +mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, +schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen. +Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal: +»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte. + +Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem +Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die +Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, +zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen +glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch. + +Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der +Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte, +waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen +führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie +schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein +Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den +Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in +höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein +weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge +interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah. + +Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die +Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von +Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die +Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb +vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den +Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den +Hobel auszuliefern gedenke. + +Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den +Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern +unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde. + +Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem +Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau. +Sie Lügenbeutel!« + +Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit +einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das +Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, +vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein +ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die +Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber. +Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im +Menschenknäuel. + +Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte. +Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen +Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein +gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn +hinaus. + +Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die +Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom +Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des +Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen, +hinaus zu seinen wartenden Kameraden. + +Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle +sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der +Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging +hinaus zu den Räubern. + +Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem +Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die +Räuber wieder vor der Gartentür einfanden. + +Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark +gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem +Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das +Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber +sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen. + +»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge. + +Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber +langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde +schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er +danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel +entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, +traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke, +während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre +gewonnenen Preise verlangten. + +Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber +verschwanden. + +Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen +das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief +aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das +zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des +Schreibers Hand ruhte darauf. + +»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän. + +Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern +Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater +laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.« + +»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand +zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.« + +»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!« + +»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme, +stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main. +»Der Schub war gültig.« + +»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch +schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten. +Wenn doch der Schub gültig war.« + +Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll: +»Der Trainsoldat war's.« + +Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das +Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten +kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen +Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den +Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte, +erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem +Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen. + + »Horch, wer zieht so still und leise + Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf. + Ach, es sind die armen Briten, + Die so manchen Stoß erlitten. + Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf. + Plötzlich bleibt die Truppe stehen, + Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da. + Seht sie kämpfen, seht sie streiten, + Durch des Feindes Mitte reiten + Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!« + +klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der +Kneipe. + +»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän. + +»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn +Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.« + +In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn +fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die +Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in +den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des +Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit +Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein +Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte +drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im +Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die +Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des +ganzen Krieges ein gutes Geschäft. + +Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt +empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke. + +In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des +Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude +über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. +Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau +unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der +Wand spielte, viele Töne auslassend: + + Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- -- + +Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, +mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und +Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich +vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte +jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens +mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe +Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben +Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die +Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte +sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die +altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in +eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren +Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte. + +Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die +schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie +entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen +gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger +zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin +poussiert! Merk dir das!« + +Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit +übertrieben gleichgültiger Miene. + +Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen +Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.« + +Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem +Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld +entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht +verschönte. + +Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten +drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße, +schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine, +altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein +-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem +entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der +Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die +ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt +worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln +herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich +empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen +Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker +Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso +plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die +Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen +mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis +zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten +wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben. + +Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln +beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren +begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe +Benommen. + +Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum +von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja +gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.« + +»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand. + +Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es +gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren +der Räuber nicht unterdrücken konnte. + +Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu +äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter. + +»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt +und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab. + +»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was +willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n +rumschmier läßt.« + +»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz +und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.« + +Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht. + +»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich +kann mich ja nit rühr in der Schenk.« + +Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche +zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in +ihrer Wirtschaft beobachtete. + +Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!« +Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die +Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein +blutiges Vorhemd. + +Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker, +überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein +kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich +zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch +aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, +entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen +Hemdkragen trug. + +Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete +unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, +weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das +Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart +wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden +Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den +Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa! +Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug +zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, +schmalen Bart entlang. + +Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war +ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten +trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf +sie ausüben. + +Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre +Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch +sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der +andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren +Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen +wünschten. + +»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der +Kellnerin zu. + +»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän. + +»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho +angerissen.« + +»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?« + +»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach +. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.« + +Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn. + +Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er +die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän +drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen +Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und +die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog. + +Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es +rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus +Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen: + + Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb. + Sie flohen heimlich von Hause fort, + Es wußt's weder Vater noch Mutter. + +Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in +einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und +blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem +Rasseln fortfuhr: + + Sie sind gewandert hin und her, + Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, + Sie sind verdorben, gestorben. + +»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink +e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner +Mutter. + +Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von +Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter +hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.« + +»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich +zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.« + +»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das +eigentlich, dahinten in der Fischergaß?« + +»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.« + +Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er +sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen +verschmiert war. + +Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und +böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist +du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.« + +Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener +Bruder! Mei eigener Bruder!« + +»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin +doch dei Bruder.« + +»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande. +Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer +plötzlich laut. + +Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken +auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch +nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. +Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir +. . . Mit der eigene Schwägerin.« + +Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?« + +»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir +trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone! +a Maß Bier für mich und mein Bruder.« + +Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder +sangen kräftig mit: + + »Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen, + Denn sie fechten toll und kühn -- -- --« + +Die Alte war schlafen gegangen. + +»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin +und lächelte. + +Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort. + +»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän. + +Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur +Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter. + +Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech +geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs +Pflaster. + +Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel +gegen den Himmel. + +Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein +auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der +Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt +ihr . . . He?« + +Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels. + +»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und +plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß +den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit +hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen +Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat +das Geschehene begriffen hatte, schon weg war. + +Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne. + +Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang +ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er +seitdem verblieben ist. + +»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte +der bleiche Kapitän. + +Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde +stehen, wo ihre Wege sich trennten. + +Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend +und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht +ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig, +weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen +Wert! sag ich . . . Für uns nit!« + +»No und der Säbel?« + +»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich +gleich heim geh.« + +Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der +Schloßgasse. + +Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den +Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den +sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze +an. + +Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die +Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog +die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie +ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus +gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel, +und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir +ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und +blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden +Glases verdreifacht unter der Vitrine lag. + +Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm. + +Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte +die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte, +kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in +seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die +Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es +knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. +Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter +strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die +Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden. + +Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete +keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und +schlief augenblicklich ein. + + + + +Drittes Kapitel + + +Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und +Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn +Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang +seinen Arm nicht heben konnte. + +Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit +dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor +den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und +die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den +vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze +Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene +Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene +torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war +schwärzlich angelaufen. + +Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt, +saßen auf der Anklagebank. + +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in +die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. + +Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein +inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend +lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.« + +Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts +Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr +erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die +königlichen Weinberge zu gelangen. + +Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der +Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger, +Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen +Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die +Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die +Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im +Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden +Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe +Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die +Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen +bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager. + +Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter +starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen +streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der +Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt, +wie war die Sache.« + +Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr +Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so +frech und verdorben ist er . . . der Teufel.« + +Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während +Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der +Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf +und rede.« + +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war +still. + +»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein. + +Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den +senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner +natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n +halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen +und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und +ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, +und später sind wir heimgegangen.« + +»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser! +Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr +noch mitgenommen habt.« + +»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.« + +Im Zuschauerraum war es ganz still. + +»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?« + +Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten +und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult. + +Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den +Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum +Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben +mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: +»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten +gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner +stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem +König seine Trauben.« + +Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen +zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!« + +Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das, +wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen +Weinberg in Ruhe lassen.« + +»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß +gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab +ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.« + +»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt +hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben +versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . . +Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.« + +Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft +mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine +Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben. + +»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen, +und . . .?« + +»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die +Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich +das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der +Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, +Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.« + +»Was ist das? Oldshatterhand?« + +»No, Michl, also Michl Vierkant.« + +»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?« + +»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns +nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --« + +»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?« + +»Ja. Von Friedrich von Schiller.« + +»Nun, und dann?« + +»Hn?« + +»Was habt ihr dann gemacht?« + +»Dann haben wir registriert.« + +»Wie?« + +»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.« + +»Was habt ihr registriert?« + +». . . Also halt so. Also und alles.« + +»Zum Teufel, also was denn!« + +»Also halt einen Stallhasen.« + +»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?« + +». . . Gekauft! lebendig.« + +»Und was war weiter?« + +»Hell war's!« + +»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?« + +»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.« + +»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?« + +Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der +Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also +weil sie taub is.« + +»Was?« + +»Taub.« + +»Georg Bang!« + +Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu: +»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand +empört offen. + +»Georg Bang!« + +Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt +war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau, +während sein natürliches graubraun war. + +»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.« + +Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn +Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult. + +»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule. +Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen +herauszubringen ist.« + +Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr +Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der +Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und +dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie +empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens +habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er +einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten +immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen +niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?« + +»Wie meinen Sie das, Herr Mager?« + +»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient +hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche +freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle +festhalten.« + +»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich +langsam von seinem Staunen. + +Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte +und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen +Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das +»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein +Mensch in Würzburg wußte. + +Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder +Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen, +daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, +als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten +so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des +unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war. + +»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine +Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.« + +Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf +Winnetou, ihren Sohn. + +»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?« + +»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein +Schwur. + +Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir +können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald +Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und +freundlich: + +»Du bist eine Doppelwaise?« + +»Ja!« + +»Du wirst mich doch nicht belügen.« + +»Nein!« + +»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?« + +Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein +Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie +Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich +auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete +die alte Stadt.« + +»Wo sind die Trauben hingekommen?« + +»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.« + +Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende +Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans +Widerschein.« + +»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen +geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging +er zurück auf seinen Platz. + +Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten, +die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu +überweisen. + +Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu +sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn +wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen +Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre. + +Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner +Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor +sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne +jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine +lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache +durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es +nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu +einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.« + +Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr: +»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind +sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden +Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.« + +Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah +zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten +Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult. + +»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.« + +Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den +langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden +Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich +überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . +Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir +nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und +erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren +Mutter ist . . .« + +Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie +gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er +eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der +Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der +Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem +außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte +nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der +Schundliteratur. + +Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre +Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern +befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner +verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen +auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr +Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an +sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu +väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, +durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren +Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins +Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber +freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf +tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten, +während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten +schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun +aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war +Schulstunde. + + * * * * * + +Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel +bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen +Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und +wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich +lächelnd auf ihn zurücksah. + +»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem +Bruder, der Kriechenden Schlange. + +»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und +lachte zu Oldshatterhand hinüber. + +Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der +Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich +nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die +den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube +und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee. + +Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur +Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit +verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der +Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang +ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem +gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren +die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein +blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging +und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens. + +Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer, +schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika +wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn +Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von +drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich +beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen +verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen +aneinander. + +Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter +als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die +sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel +geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie +jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur +e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu +schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz +doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit +offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust +heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut +nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen. + +Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er. + +»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte +der Zwerg in schnellem Mazurkatakt. + +Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und +lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der +sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den +Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, +angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der +mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg +fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!« + +Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin +mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem +überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: +»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten, +einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem +Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte +und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln +heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief. + +»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der +Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.« + +Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb +am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n +rumpantsch.« + +»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund +wurde klein vor Freundlichkeit. + +Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern +da im Kreis rumhüpfe.« + +Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus. + +»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu. + +»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich +auf den Schanktisch. + +Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam +hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch +gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt +ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage +verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein +Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals +war e bißle vom Strick geränft.« + +»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat, +oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen +Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau +hinsah. + +»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.« + +»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und +der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am +Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue +Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund +war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen +verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein +Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der +hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte. + +Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen +lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander +auf dem Kanapee sitzen sah. + +»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze +Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's +Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die +Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt +versteh.« + +Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der +Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten +Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt +gestülpt hatte. + +Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte, +sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum +Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines +Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung +erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der +gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit. + +»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.« + +Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen +eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt +wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten. + +Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte +aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um +und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer +auf den Schanktisch. + +Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare +umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein +paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im +Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden +glänzte schon. + +Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von +einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die +Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der +seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf +das Mädchen hinunterblickte. + +An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht, +aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in +den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, +wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr. + +Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges +Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf +der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus. + +Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit +naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.« + +»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und +die Rote Wolke sahen verständnislos drein. + +»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch +und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den +Garten. + +»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän +Oldshatterhand. + +»Die . . . die machen was.« + +»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!« + +»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.« + +»Der freie Mensch steh Red und Antwort.« + +»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän +das Gespräch ab. + +Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm +Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte. + +Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf. + +»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf +derweil, ob niemand kommt.« + +Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken, +Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand. + +Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und +ab. + +Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte +er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm +weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und +deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der +langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand. + +Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein. +Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen. + +Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem +Schuppen trat; sein Haar war verwühlt. + +»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon. + +Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den +Schreiber: »Oooooo!« + +»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt. + +»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer< +seid, bring ich mei Schwester mit.« + +»Bring halt die andere auch mit.« + +». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.« + +Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die +Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte. + +Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog +einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und +schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«, +bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas +Bier trink.« + +»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab +selber nix.« + +Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen +Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.« + +»Komm mal da her zu mir.« + +Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des +Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne +gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich +und frech: »Was wollen Sie denn von mir?« + +»Gehst raus! Malefizlausbub!« + +Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's +denn?« + +»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.« + +»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast. + +»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.« + +»Da, greifen Sie nur selber nei.« + +Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer +gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom +Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter +größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte +Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in +dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte +Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem +Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine +farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa +Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze +heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze +erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach. + +»Habt ihr's Messer g'sehe?« + +»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend. + +»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.« + +Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe! +Also muß a da sei.« + +Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die +Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart, +weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!« +rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den +bleichen Kapitän an. + +»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!« + +»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die +Küchenlampe nit braucht.« + +Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war, +ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg. + +». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.« + +»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich +schäm.« + +»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend. + +Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und +schlich zur Tür hinaus. + +Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung. + +Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine. + +Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt +nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben +Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte +er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe +hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten +Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst +ankamen. + +Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten +direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der +Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken +aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen +dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still. + +Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon +versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch +Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und +sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin +zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und +flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.« + +Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und +deutete boshaft auf die beiden. + +Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die +Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten +davon. + +Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main. +Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert. + + * * * * * + +Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der +ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des +Herrn Mager hing noch drückende Stille. + +Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer +Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie +zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn +jeder Schulstunde tat. + +Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen +in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die +Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande +waren unter den übrigen Schülern verstreut. + +Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett. + +Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife +aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare +standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen +geordneten Igelschar glichen. + +Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit. + +Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es +schien, als würden die Worte im Keller gesprochen. + +Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das +Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in +Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen +Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften +blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an. + +Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb +jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das +erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die +Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte +einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«, +sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch +lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß +jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei, +der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag +und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste +ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, +ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo +denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel +zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen +großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles +aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis +wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der +größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen +Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt +hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel +besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das +sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!« + +Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte. + +Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.« + +Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine +Nerven nicht zu. + +Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von +der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um +einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen +ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den +Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte +es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer +Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein +herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement +-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu +viel. + +Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach +einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist +nicht mehr da.« + +Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant! +Raus!« + +Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf +nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock +des Herrn Mager. + +Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage: +wer kommt nach Oldshatterhand daran? + +Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager +atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die +vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal +geben darf.« + +Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine +Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot. + +Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen. +»Wer meldet sich?« rief Herr Mager. + +Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch +sitzen geblieben. + +Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken +brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die +Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den +Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte +ihn!« + +Oldshatterhand rührte sich nicht. + +Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte +ihn!« + +Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich +halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden. + +Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich +mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob +Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand +gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem +Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen. + +»Hans Lux! Raus!« + +Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer +standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte +ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine +Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm +die Prügel entgegen. + +Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken. + +Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die +gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die +Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang +heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand +auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand +sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen +und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut +speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze +Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. +»Hi! hihiha!« + +Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar +Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf +Oldshatterhand. + +Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück +hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm +nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar +vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als +tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst. + +Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein +Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden +Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine +Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform +und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel. + +Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf +die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid +trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter +sich hatten. + +Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige +Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm +Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn +Mager zuführte. + + + + +Viertes Kapitel + + +Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der +Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um +Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig +saftiggrüne Stellen sichtbar blieben. + +Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit +aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit +einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, +außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit +gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis +zur Brust reichte. + +Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig +machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen +Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur +anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage +lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten +schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam. + +Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden +Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.« + +Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen +offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, +parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den +ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen. + +Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die +Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das +Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch +hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch +einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach. +So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und +teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche +die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher +war ein Zirkus in Würzburg gewesen. + +Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige +Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der +Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben. + +Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez +angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und +giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf +dem Trapez und mahlte mit den Zähnen. + +Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und +die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen +Schloßbergrasen. + +Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen +gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den +Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, +sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand. + +»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän +zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester +anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann +direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten +Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen +Zöpfen. + +Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche +Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen +konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei +hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, +um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem +einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und +stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige +Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das +Bein gebrochen. + +In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum. + +Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen. + +Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der +Rasen roch. + +Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten, +tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der +Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte. + +Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher +etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über +den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das +wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen +anklammernd, in der Bahn herum. + +Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt. + +Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein +Indianer auf dem Gaul. + +Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!« + +Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem +scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in +den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und +mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter. + +Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert. +Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.« + +Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde. + +Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf +den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch +erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit +Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem +Bildwerk stand: + + An diesem Ort is Alois Würz + Mit sein Heuwage umg'stürzt. + War glei tot, mitsamt die Roß. + War ein frummer Mann, + Drum is er auf der Stell + In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn, + Was mer vo seine Roß nit sag kann. + +Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine +Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle +Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem +Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon. + +Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum +Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen +Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete +sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren +Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen, +wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge. + +Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu +Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch. + +Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur +zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich +unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand. + +Es war jetzt ganz dunkel geworden. + +Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich +nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .« + +»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel +herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den +Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß +dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete +Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten. + +»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich +erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig. + +»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern +will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa +. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz. + +»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war +furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den +Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte +Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht +stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht +auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da +. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und +die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . +fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet +wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.« + +»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?« + +»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.« + +»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann, +. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . . +brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu +stoßen.« + +»Pä! Ist das ritterlich?« + +»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . . +Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf +. . . Pfennig.« + +Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende +Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der +fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können, +weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten. +Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt +du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen +können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit +Indianern vorbeifährt.« + +»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg +ich.« + +Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und +seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, +blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf +dem Sockel sitzen sah. + +Der Duckmäuser schnellte in die Höhe. + +Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf +überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand, +der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie +genommen hatte. + + * * * * * + +Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt +wußte, daß der Kaplan der Vater war. + +Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung +Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache +verstummte das Gerede. + +Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine +Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben. + +Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou +setzte sich und sah steif geradeaus. + +Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der +Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand +auf. + +Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach +Winnetou um. + +Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die +Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou +nieder. + +Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten +unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine. + +Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel, +wie vorher. + +Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah +das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause +umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es +schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die +Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou +stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft +geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die +Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die +Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng +auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne +Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr +wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr +verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn +die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte +langsam übers Haar gestrichen. + +Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper +zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum +Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er +aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht +mehr glücklich sein würde. + +Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter +verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende +ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich +schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der +Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des +Bettes. + +Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und +meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter +tot sei. + +Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und +rannte ins Sterbezimmer. + +Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts. + +Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf +die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich +nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie +immerzu: + +»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.« + +Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich +zwischen die Schienen. + +Der Führer läutete. + +Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum +Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die +Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter. + +Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste +stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou +wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im +letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen +rauchten, und Winnetou sprang seitwärts. + +Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um +nachzusehen, ob Winnetou verletzt war. + +Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein. + +Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen, +als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah. + +Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife +am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust +hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog. + +Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir +schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und +zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und +schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.« + +». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou +und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche. + +Verdutzt blickten sie ihm nach. + +Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte +sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne +Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten +sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der +Mutter empfunden hatte, wieder ein. + +Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein. + +Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou +unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen +Räuberidealen nicht deckten. + +Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche +lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert +hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah. + +Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie +zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder +in die Kirche ein. + +Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und +als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte +Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war. + +Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers, +worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem +heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs +Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf +den Schloßberglinden gefangen. + +Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß. + +Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb +sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder. + +Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die +blaue Luft. + +»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie +wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach +einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das +Herzaß von Falkenauges Kartenspiel. + +»Und wenn du mir den Finger wegschießt?« + +»Ich wer doch no das Kärtle treffe.« + +Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus, +hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr +rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand +triffst.« + +Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und +durchlöcherte sie. + +Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.« + +Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie +mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.« + +Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und +durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie +fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir +auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge +lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht. + +-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der +Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor. + +». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller +Begeisterung. + +»Das kannst du ruhig riskier.« + +». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster +hinausgeflogen. + +»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern. + +Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und +das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte. + +»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A +schöns Armreifle.« + +»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht +schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.« + +Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den +Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die +Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte +auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter +der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das +Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher. +Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal +mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und +raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie +zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am +Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das +Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem +Hause. + +Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«. + +Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die +Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber. + +Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig +und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr +mit den Räubern. + +»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.« + +»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän. + +»Das Eichhörnchen.« + +Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit +jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und +mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von +den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen +Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei, +wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht +wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen. + +Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag +und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines +gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein +junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, +mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes +Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte +Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der +einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal +rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater +war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der +Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein, +blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor +vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, +als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht +vergessen. + +Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben +der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge, +Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er +im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing +jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er +als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren. + +Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen +Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab. +Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«. + +Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und +Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich +aufgelöst. + +Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande +zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen. + +Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die +Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die +Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken +läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen +Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen +Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur +Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen. + +Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die +Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden +Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in +himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube. + +Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren +solche Altäre hergerichtet. + +Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den +Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in +ihren Sonntagsanzügen. + +»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou +mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän. + +Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein +Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug +der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend. + +Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle, +Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in +Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten +im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der +Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den +Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten +Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und +getragen blasenden Blechmusikkapelle. + +Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der +silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im +Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz +schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf +die Erde gebreitet hatten. + +Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz +war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und +rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel +der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter +voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los, +»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte +wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten +Sakrament.« + +Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem +Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou +und noch zwei Jünglingen getragen. + +Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft. +Aber da war nichts zu machen. + +»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den +Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging. + +Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou +gedacht.« + +Verstummt sahen die Räuber ihm nach. + +Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und +Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den +sonnigen Himmel: »O Maria hilf!« + +Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen +Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener +und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen +angestellt; sein Geschäft blühte. + +Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs +Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine +Halsadern schwollen. + +>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn +ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr +Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein +stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren. + +Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser +einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne +und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues +Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten +es die Würzburger Stadtväter. + +Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche, +schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und +bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront +des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war. + +Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute, +beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand -- +die Fensterscheiben klirrten. + +Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen. + +Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans +Kasperl-Theater, aus dem Fenster. + +Da unten war alles still. + +Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß +ihrer ersten Jugend. + +In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein +und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein +Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue +Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster +waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und +machte Bankerott. + +Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr; +als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines +Tages war er verschwunden. + + * * * * * + +Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß +beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch. + +Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen +Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr. + +»Wo warst du?« + +»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt +weiter. + +»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so +oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so +stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän +und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der +Welt. Das is ja ganz kolossal.« + +Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen. + +»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand. + +»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen +Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich +dir's ja amal zeig.« + +Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und +saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden +Weidenbüschen umsäumt war. + +Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am +Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa« +schreiend über das Weidenland. + +Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen +Himmel traten die Sterne hervor. + +»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte +Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums +Handgelenk. + +»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho! +Oldshatterhand!« + +Der bleiche Kapitän grinste. + +»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst. + +»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.« + +»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch +lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach +Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind +Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu. +»Meerschiffe -- -- --« + +Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du +was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.« + +»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.« + +»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern +Büchern steht? He?« + +»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich +hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet +sind.« + +»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.« + +»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.« + +»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!« + +Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr +Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?« + +»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit +ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und +das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn +ich jetzt fortlaufen tät?« + +»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im +Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich +behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich. + +»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche +Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal +sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und +konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein +Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.« + +Es war jetzt tiefe Nacht geworden. + +Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam +fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen +hinunter. + +Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der +Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang +ein Mädchen. + + * * * * * + +»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins +Herz hinein erbebte. + +Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den +Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger +Bangen an die Arbeit gegangen. + +Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden +ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die +starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige +Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge, +sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, +wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick +hielt fest. + +Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg. +Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem +allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit +nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das +neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des +Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen. + +Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige +Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und +der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen +müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den +mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des +Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine +Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau +mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner +Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr. + +Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen +aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte +sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an. +Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, +der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für +den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich, +fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete. + +Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber, +lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die +Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen! +. . . Ich halt's nimmer aus.« + +Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins +Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das +Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog +sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die +Brille von der Nase fiel. + +Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden +Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu +drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße +die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes +Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano. + +Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen +des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem +Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder +seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe. + +Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom +schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein +Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe +er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die +Schloßfalle zu schmieden. + +Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den +unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu +verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich, +zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord +im Walde« und damit die ganze Bibliothek. + +Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur +Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie. + +Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang. + +Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und +Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf. + +Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf +immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben. + +Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden. + +In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer« +entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin +hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße +hin. + +Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch +einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen +ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach +links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem +Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen. + +Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging +weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte +unter dem Brustbein. + +-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und +blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß +ein Mensch darauf. + +War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden +gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die +Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt? + +Nie hatte er so einen Menschen gesehen. + +Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank +werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt +fühlte, wie von einem Gespenst. + +Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen +dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den +braunen Haaren schon graue. + +»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?« + +»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?« + +»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts +. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und +Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und +Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte +geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun +konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen. + +Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein +zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße. + +Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig +ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf +in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie +möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück. + +»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen +wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles +dumm und nicht wahr, was da drin steht.« + +Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist +. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem +Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein +ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein +blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.« + +Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich +und gerührt auf Oldshatterhand hinunter. + +Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte +Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte. +Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem +Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich +bin nicht so schwach, wie ich aussehe.« + +»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem +unbegreiflichen Lächeln. + +Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der +Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten +ein bewegtes Schattenmuster darauf. + +Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die +Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade, +endlose Straße hinaus. + +»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut, +denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden. + +»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen +muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere +ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach, +unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder +vorwärtsgehen -- -- --« + +Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden +zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel. + +Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen +und ihn geküßt. + +Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner, +und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens +verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden. + +Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern +ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich +zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der +spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter +hängen. + +»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?« + +»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.« + +»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du +mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.« + +»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann. + + * * * * * + +Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik +schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp +klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und +surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen +in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von +Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er +ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er +in der Oper gewesen. + +Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will +rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er +sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so +spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!« +Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!« + +Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe +jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem +Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal. + +Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer +richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer, +verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man +plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die +Vesperpause war gekommen. + +Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem +schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten +unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote +säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, +wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne +anzustoßen auf einmal unterzubringen. + +Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt +zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer, +in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse +ich meine Bemmchen alleine.« + +Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen +hinunter. + +Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern +durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die +noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu +Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins +Ohr. + +Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen +Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der +langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen +schluchzend. + +Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit +Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag. + +Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und +Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er +umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus +Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht +-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister +oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen +einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er +brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu +wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken +nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner +Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt, +aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, +was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß. + +Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen +geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine +Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand +in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi +stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage +lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der +Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und +der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr +verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler -- +hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden. + +Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der +ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht +gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er +selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie +klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge +gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus +den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im +Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg. + +Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den +unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine +Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer +grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_ +geworden war. + +Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht +unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war. +Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar, +die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als +fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun +der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war. + +Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand. + +Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften +Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder, +Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende +Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik +entlassen. + +»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging +fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen. + +Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter +Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit +wie ein Traum war die Straße. + +Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er +Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine +Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die +linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und +lang, durchschnitten seine Straße. + +Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war +eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, +und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es +roch nach Abort. + +In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand. + +Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete +ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein +orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie +doch näher, Herr Vierkant.« + +Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender +Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich +heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere +hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese +auch nicht.« + +Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des +Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr +heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet. + +Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne +Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte +Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war +ärgerlich. + +Das Mädchen arbeitete emsig weiter. »Wie viel?« + +»Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig«, sagte er mürrisch. + +Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. »Davon kannst du dreißig +zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir +Weihnachten heiraten.« + +Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier +Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief +ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im +andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des +Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er +sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging. +Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe +Gurke mit Salz. + +Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh +hatte er sich erst eingemietet. + +Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem +Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges +Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das +ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte. + +Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte +Wanzen. + +Er rief die Wirtin und kündigte. »Im Bett sind Wanzen.« + +»Ach nee.« + +»Unheimlich viel.« + +»Die beißen Ihnen doch nich.« + +»Sie haben mich gebissen.« + +»Aber die fressen Ihnen doch nich.« + +»Fressen?« + +»Tun se nich. Da ist der Kaffee.« + +»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber. + +»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.« + +Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt +hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.« + +»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich +drohend. + +»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der +ratlose Oldshatterhand. + +Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer +unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach +vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf +ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte. + +Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf +des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er +im Bett fand, in den Mund steckte. + +Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem +Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze +Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts +zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den +mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo +du wohnst.« + +Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins +Wohnzimmer. + + * * * * * + +Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht +besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von +Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in +knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen +angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden, +wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm +ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer +dahinglitten. + +Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten +plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und +Nischen hervor. + +Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab. + +Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe. + +Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde +Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein +Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.« + +Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht +war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der +kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel +klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das +Haarzöpfchen. + +Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit +glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame +als Erster quer durch den Saal. + +Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand +mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den +frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen +ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid, +was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben +schien, denn er stotterte nicht mehr. + +Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif. +»Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde +mich sehr freuen.« + +Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der +Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.« + +»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?« + +Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch +vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den +Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die +breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und +fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei. + +Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen +an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark +entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu +Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander +verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause +begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie +dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.« + +Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber +hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im +Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute +nicht. So ist es eben.« + +Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein +irrsinniges Lachen. + +»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich +vor Oldshatterhand. + +Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege +zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen +hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein. + +Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch +die kühlen Säle. + +Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen. +Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem +»Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an +den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes +Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht +abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich +vorsichtig um. + +Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade +noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen. + +Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den +er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben +glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah +stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und +lächelten, wenn er kam. + +Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft, +und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft +mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume +dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er +liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen +Hügel. + +Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und +malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden. + +Darüber verging ihm der Winter. + + * * * * * + +Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger +Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich +entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den +ganzen Tag über im Wasser herum. + +Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum +Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß +die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch +nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang, +daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen, +mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter +sich zu schieben. + +Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte +alle seine neu angeschafften Hanteln durch. + +Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen +Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen +geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der +Kammer einzustürzen drohte. + +Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«. + +Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr, +trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge +davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, +der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn +es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden. + +Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die +Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um +seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des +Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer +Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch +Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu +erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu. + +Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das +Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte. + +Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den +eingefallenen Wangen. + +»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man +nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf +der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt, +mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst +schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des +bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus. + +Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen. + +Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder, +nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins +»Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das +Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war +wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der +König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen +mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen +laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei +Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft +»Walfisch« geworden. + +Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der +Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen +hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er +war. + + * * * * * + +Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der +Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin +und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes +entstand in ihrem verhärmten Gesicht. + +Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der +Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch +den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker +junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß +gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes +Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er +zog eben braune Glacéhandschuhe über. + +Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant, +streckte ihr die Hand hin und lächelte. + +Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den +Kopf. + +Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr +als einen Kopf größer geworden. + +»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der +Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt. + +Winnetou fehlte. + +Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das +Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für +einen Athleten.« + +Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant +Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch. + +»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle +Schreiber. + +Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da +gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander +gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel +und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen +Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in +rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide +. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie +dich an, rufen sie dich . . . und so halt.« + +»Bist neigange mit so'n Mädle?« + +»Hi! hihiha!« + +»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann +man an dir merk.« + +»Ich mach ja gar nix mit Mädli.« + +»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas +denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem +Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber +noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es +verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.« + +»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb +Pfund.« + +»Kriegst vielleicht davo Kraft?« + +»He?« + +»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich +euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.« + +»So, jetzt.« + +Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über +seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den +Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die +zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im +Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche +Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote +Tüchlein war vorgebunden. + +Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte +von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste +gefallen. + +Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen +Körper. Der war hart wie Elfenbein. + +Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und +prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine +Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß. + +Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich +verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt +mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf +intelligenter Basis.« + +»Was ist das? Basis?« + +». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die +Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen +uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in +meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von +wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag: +hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt +schon, was ich mein'.« + +»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke. + +»Kriegst amend davo Kraft?« + +»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat +möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch +gar nie aus Würzburg draußen.« + +»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber +wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche +Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und +den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig +entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein. + +Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet. + +»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.« + +Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn +du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens +manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder +Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.« + +Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem +alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen +Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich. + +Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem +Athletentisch. + +Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller +Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber. + +Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger +Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die +Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und +seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg, +dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich +ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling. + +Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum +hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein +und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube. + +»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden. + +»Auf die wogende See.« + +»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . . + + »Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn, + Geschwind, wie der Sturm und Wind.« + + * * * * * + +An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner +Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert +Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte +Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in +vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der +frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist. + +Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren +Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im +Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, +welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um +Vergebung ihrer Sünden baten. + +Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe +gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese +abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei +Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten +sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend +das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt, +endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken. + +Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine +Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem +Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man +sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen, +bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe +Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde. + +Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen +vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die +Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick +gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter +eingesunken sei. + +Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich +vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste +Stufe rutschte. + +Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den +Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser +Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die +Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging. + +Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart, +aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an. + +>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten +sitzen<, dachte Oldshatterhand. + +Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche +herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker +und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein +Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden +Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte +eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern. + +Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, +Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse, +Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein +Schnäpschen war zu haben. + +Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene +Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die +verstaubte Menge. + +Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der +Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel +erklang. + +Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken +nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den +Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die +teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden +prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang +feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen. + +Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an +Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs, +die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke +Bein, das Ohr, das Herz gesund werde. + +»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte +einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad. +Vielleicht hilft's.« + +»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand. + +Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite: +neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen +Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend. + +Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn +Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber. + +Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden +Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine +halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister +Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte, +und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte +sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein +großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte. + +Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und +verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou +gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der +Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der +Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch +manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt +schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle +hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der +Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen. +Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib +hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei- +oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden, +der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte, +dann ließ er auch das gelten. + +Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune +umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange, +schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen +Beruf hatte er nicht. + +Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an +Weinbergen vorbei. + +Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am +Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen +Arm wenigstens schließen, meinte sie. + +Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager, +der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem +Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er +von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war. + +Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie +ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm +der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant +auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der +nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten +werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte. + +»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens +die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen, +dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.« + +Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund +geblieben. + +Versonnen schritt die Schwester weiter. + +Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in +ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah. + +»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und +nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, +und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange +mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen +. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann. +Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!« + +Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin +stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der +Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner +warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und +hinkte heulend weiter. + +Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer +Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?« + +»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung. + +Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer +noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch +die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger +Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur +aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei +Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch +mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle; +Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, +Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz +verschönten die Landschaft. + +Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von +Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.« + +»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die +verwirrt aufstand und vorausging. + +»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann +möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du +bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von +Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich +gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt! +Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .« + +»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!« + +Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein +silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke +mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe. + +Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem +Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne +beschienen, leuchteten rot. + +»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich. + +Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und +stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand. + +So gingen sie nach Hause. + + * * * * * + +»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade +noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is +er?« + +». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der +König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in +den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen +wir.« + +Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen +Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um +einen aufgebahrten Sarg herum. + +Die zwei drängten sich durch und wurden auch still. + +Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und +lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die +Tanzenden den Boden zu glätten. + +Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im +Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet +war. Es hatte große enthaarte Stellen. + +Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte +mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber +seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der +Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen, +beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde. + +Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube. +Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon +drinnen und tranken grünen Likör. + +Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne +Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel +herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft. + +Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der +Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am +Gründonnerstag mitzuwallen. + +Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen +in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen +war. + +»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!« +schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a +Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er +hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen +Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote +Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung +mitgeteilt.« + +»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das +Herze«, sagte der Sachse. + +»Jau, Herze!« + +Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der +Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif. + +Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum +herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl +aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke. + +Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum +herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im +Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff +ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück +in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe +zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah +im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken. + +»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte, +»aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr. + +Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der +großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den +Ministranten und dem hinkenden Flickschneider. + +Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es +über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus +vobiscum. Et cum spiritu tuo.« + +Die Weiber waren auf die Knie gesunken. + +Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der +Brust. + + * * * * * + +Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am +Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals +zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit +mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?< + +Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß +glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal +war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der +Erde. + +Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein +Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen +Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing. + +Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu +verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden +bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel. + +Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise, +sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn +die blaue Ferne genommen. + +Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob, +hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem +Flusse. + +»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und +malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das +fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort +Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«. + +»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö +. . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten +Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden +gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, +das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein +kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken +eines Frosches. + +Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und +wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten. + +Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen +sich das Licht der Laternen brach. + +Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein +dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester +des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin +und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang. + +Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an. + +Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel +versteckt. + +Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht, +wurde es still -- der Regen hatte geendet. + +Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den +Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch +die Regenlachen über die Straße. + +Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der +Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch +aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel +zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender +Hüftbewegung auf ihn zuschritt. + +Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich +Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.« + +»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es. + +Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts +Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig. + +»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In +eeewiger Liebe.« + +Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden. + +»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?« + +»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus. + +Er ging ganz langsam weg. + +»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach. + +Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl, +stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der +Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen +Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm +auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie +wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse +von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!« + +Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des +Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand +eintrat. + +Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee. +Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein +Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte. + +»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's +ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.« + +»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr +mitnander. Dumms Mädle.« + +»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das +sein?« + +»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der +nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein +Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was +Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich +rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.« + +»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich +Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am +linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer +und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«. + +Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich +so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen, +diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele +Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein. + +Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt. +Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein +vorgebunden. + +Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen +Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit. + +Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der +andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine +Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, +die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er +atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand, +kontrollierte die Zeit. + +Der Schreiber stöhnte. + +»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend. + +Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum. + +Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und +alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu +sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt. + +Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß +Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit +geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen +haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern +hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr. + +»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier! +Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen +mit der schönen Kellnerin. + +Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles +ins Büchlein. + +Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an +Umfang zugenommen hatte. + +Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und +Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem +Ohr, ohne Halskragen ins Bureau. + +»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie +sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die +Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie +herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche +kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen +müssen Sie anhaben im Bureau.« + +Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch, +wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen +auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg +anzutreten. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten +Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die +Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt. + +Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn +ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein +Monokel vor dem Auge. + +»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich. + +Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich +über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor. + +»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.« + +»Ich geb's Ihnen!« + +»Und wieviel soll das Bildchen kosten?« + +»Kosten?« -- -- -- + +Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher +beugte sich vor, um das Bild sehen zu können. + +»Vielleicht . . . eine Mark?« + +Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte +und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie +fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, +bitte.« + +Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel +beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn +sehen konnte. + +Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie +ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren. + +Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk +vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch +-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für +Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant +. . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat +einen Wert von sechzig Mark.« + +Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen +seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins +Ungemessene. + +Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf +und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um +gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um +Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen. + +Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war, +denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen +worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei +bereichert. + +Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln +gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem +Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!« + +»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm +zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und +ging weiter. + +Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben +Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch +Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen +Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei +kam. + +Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein +Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung. + +Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen +Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener +bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann +. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr +Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger +Juliusspital. + +Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu. + +». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.« + +Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine +Trinkgelder!« + +Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie +sie durch die dunkle Anlage davonsprang. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem +quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen +Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?« + +Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so +weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette +hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir +gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus +einem Meßzylinder Urin durch die Filter. + +Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter +Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei +und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr +geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die +Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes +Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind +die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?« + +»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das +macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.« + +Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht. +Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert +Frauen haben?« + +Der Türke lächelte. + +»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?« + +»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er +brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber +Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium +arbeiteten. + +Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede +Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend +Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?« + +Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch +fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch +mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns +. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.« + +Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher. +Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon +von weitem kommen hörte. + +Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich +interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig +Reagenzgläser. + +Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat +hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und +geschickten Diener entlassen. + +Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr +Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause +begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang +sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu +verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr +Leisegang schon sorgen. + +Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für +Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und +versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein +Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines +Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den +berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt. + +»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich +doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das +Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins +Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine +Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt +das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. +Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn +Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem +Laboratorium. + +Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche +später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war +siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden. + +Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen +Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit +Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein +irrsinniger, weißer Kreis. + +Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins +Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen. + +Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem +Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte. + +Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie +tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den +Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen +Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn +ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft +kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte +kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von +zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein +in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum +Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben. + +Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch +die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder, +den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke. +Frisches Blut. + +Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus +Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die +Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion. + +Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien, +Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote +Kälber schleppten. + +»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen +Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte +Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist +du jetzt Metzger?« + +»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und +hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel. + +Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um, +blöde auf die Kriechende Schlange zurück. + +»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!« + +». . . Blut soll ich holen.« + +»Kannst 'n Faß voll hab!« + +Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den +verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern +aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen. + +Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag +darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser +klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er +zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, +durch das Herz. + +Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein +Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus, +überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal, +durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische +aus dem blutgefärbten Wasser schnellen. + +Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die +Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme +heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite. + +Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen. +Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen +verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe +neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert. + +Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb +einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die +Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf +den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend +schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos +weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase. +Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, +breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen +wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag. + +»Fertig?« + +Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht +gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das +Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer +war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den +Schlachtstand. + +Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin +und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut +ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte. + +Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch +den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ +ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die +Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie +kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten. + +»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte +Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd. + +»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende +Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.« + +»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A +. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja +noch gelebt.« + +»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend, +warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ +Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor +Vergnügen. + +Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für +ihn bereit lag. + +Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im +Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem +Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte +es um und schob es weg. + +Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit +angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen, +brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die +Höhe gereckt. + +Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie +ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen +Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen. + +Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne. +Die Spatzen flatterten und schrien. + +Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus +vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger +Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große +Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.« + +Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den +unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich +die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah +aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden. + +Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück +ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.« + +»Ich muß aber Blut haben.« + +»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch +einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!« +wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; +da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, +während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den +Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete. + +»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch +selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt +drehen Sie einmal.« + +In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das +Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten. + +»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der +glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin. + +Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke +gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten +Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich +der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener +Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte, +wissende Mundlinie. + +Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen +zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert +lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf +den Gang. + +Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und +flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer. + +»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer, +Dicker. »Hat er heute schon gelacht?« + +Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem +Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir +alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.« + +Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt. + +»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke. + +Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat +erwartet Sie«, und hinkte energisch voran. + +Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus, +hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut +dem Türken. Der reichte ihm eine Mark. + +»Ich nehme kein Geld dafür!« + +Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand +die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, +weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die +kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf +den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte +zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen +stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch +gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide +Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube. + + * * * * * + +An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die +Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen. + +Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor +kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen +und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge +der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf +ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen +und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie +geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der +Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster +herauswarfen. + +»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte +Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend +standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen. + +»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar +Schritte zurück. + +Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte +und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.« + +Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen +im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht +sehr schnell durch die Gasse. + +Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die +Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er +heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen +zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten +Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam. + +Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei +gewesen war. + +In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den +drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa +Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein. + +Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den +Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch, +drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten +noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor +seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen +präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand +sich nicht rührte und nicht sprach. + +Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden +Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor +Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern. + +Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee +sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf, +erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als +er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock +hinauf. + +In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes +weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die +rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach. + +Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor +Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an +ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein +ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung. + +»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?« + +Er gab ihr das Geldstück. + +Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu +sich. + +Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter. + +Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm, +greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte +noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt +du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.« + + + + +Siebentes Kapitel + + +Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher +benachrichtigt zu haben. + +Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die +langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln. + +Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe, +sagte er apathisch: »Ich hatte keine Briefmarke.« Und rief plötzlich in +unbegreiflicher Begeisterung: »Was denkst du! Das ist anders, da draußen +in der Welt!« + +Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf +seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als +Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends +zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte +und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen +seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig +zerfallenen Gesicht deutlich ablesen. + +Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als +Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als +Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen. + +Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen +gerichtet zu dieser Zeit. + +Und die Familie Benommen war ehrgeizig. + +Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig +hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich +vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte +sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das +diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt +erscheinen lassen konnte. + +Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer +strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr +Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein +Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren +toten Mann und ihre grauen Haare besudelt. + +Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der +bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor +dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem +Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der +Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen +Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf +und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach +einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im +Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber +in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der +bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. »Ihr habt keinen +Charakter!« stieß er hervor. + +»Nun, und du?« lachte der total betrunkene Schreiber mutig. + +». . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab +Charakter!« Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und +lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. +Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, +sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener. + +Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und +war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder. + +So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat +Glück in Amerika. + +»Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug +ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!« schrie der rote Fischer. + +In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie +Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder. + +So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und +schweigender Verachtung umgeben. + +Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des +Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich +schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu +seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den +Räubern unter die Füße. + +Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit +niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer +seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der +Amerikaner durfte wenig ausgehen. + +Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte, +einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der +Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis +Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die +Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen +wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. +Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute +morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut +stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann +sofort, die Pläne zu zeichnen. + +Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des +Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen, +ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr +Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren +die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen. + +Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in +einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine +Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz +unerwartet, und verächtlich lächelnd: »Ha! Hinaus in die Welt!« mitten +in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich +aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den +Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe, +um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei. + +Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem +Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine +verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen. +Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer +auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur +seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu +schlagen. + +Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner +am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im +Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau +abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer +entlang. + +Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt, +diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das +Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde +spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten +Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen +die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so +komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen. +In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner. + +Der blieb in Kniebeuge hocken. »Sie müssen erst einmal hinaus in die +Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe. +Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.« + +»Hi! hihiha!« + +Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne +und rollte das große Papier auf. + +Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine +riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre +auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die +Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von +oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden +Eisenbahnzug zermalmt. + +»Dort!« schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke +mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, »die reiße ich weg! +. . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen +fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?« + +»Ja! Ja!« heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den +Augen. »Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte +vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere +und stürzte bewußtlos zusammen. + +Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die +Knie gestützt. »Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt +nicht hinaus in die Welt«, sagte er und lächelte immerzu. + +Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den +Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den +Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am +Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden +zur Wache. + +Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die +Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig +Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch +durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse +gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der +Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie +Benommen beim Teufel sei. »Mein Heiner soll's gut haben«, hatte die +Mutter geantwortet. + +Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die +Irrenanstalt. + +Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden +war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz +unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und +liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach +Schluß der Schulstunde. + +Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen +Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn +diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, +streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. »Nun, was +macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber +eine Hitz! Ich mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.« Er lachte +schallend. + +Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche +Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im +reinsten Hochdeutsch sprach: »Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, +Oskar.« + +»Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.« Er haschte +einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die +alte Linde. + +Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter +nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug +immer bis zur Hälfte zu leeren. »Weiß der Teufel, so eine Hitz!« rief er +und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter. + +»Trinkst du jetzt wieder?« fragte der Schreiber. + +»Gott, natürlich. Warum denn nit?« + +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das +Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb +begeistert offen stehen. + +Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den +Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein +Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne, +lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche +Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte +er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die +Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel +trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den +Tisch zurück und brüllte: »Sauft!« + +Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er +feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche +Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte +bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im +Kopf wie Benommen der Amerikaner. + +Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten +könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz +aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht +mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann +geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem +Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher +in seinem Leben. + +Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch +nichts mehr von ihr. + +In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die +kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu +umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und +Negerlippen, wie der bleiche Kapitän. + +Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe, +lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der +Anfang. + +Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse +der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren +hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen +Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit, +dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen, +aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein +zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr +Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet. +Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die +Witwe Benommen und war befriedigt. + +Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten, +die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der +ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe +verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm +passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag +zwanzig Mark kostet. + +Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher +geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder +freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und +Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen +Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen +gestülpten Benommenschen Lippen. + +Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal +die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und +aufmunternd sagte: »No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.« +So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig +und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte. + +Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den +Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein +Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages +der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden. + +Jahrelang wußte niemand, wo er war. + + * * * * * + +Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf +den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut +vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen +garniert war. + +»Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett«, sagte Herr Leisegang, nahm +sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis +seine Frau hereinkam. »Wo ist meine Desinfektionsvase!« + +Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte +eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das +Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die +desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen. + +Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die +Geldstücke. + +Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer +Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke +mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer +schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten +mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so +eine vielfarbige Decke gewünscht. + +Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf +sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem +Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß +auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube +war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus. +Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch +leer. + +Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er +so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer +siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte +Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt. + +Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe. + + * * * * * + +Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er +vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der +täglich zu den Mönchen aufs »Käppele« ging. + +Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in +der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte. +»Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter +Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler +gäbe.« Das wiederholte die Rote Wolke täglich. + +An einem Abend hatte er wieder in »Wilhelm Tell« im Stadttheater +statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr +stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne +beschienen. »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, rief er und wies +mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine +alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf +schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief: +»Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend' ich's, die +Gelegenheit ist günstig.« + +Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner +Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad +Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas +vorspielen dürfe. + +Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit +den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah +traurig hinunter in den Fluß. + +Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen +dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand +auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: »Brauch' i denn no'n +Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am +Stadtufer a.« + +». . . Warum denn am Stadtufer?« + +»Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens +wieder amal in mein Schelch.« + +Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts. +Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht. +Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv +aus. + +Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts. +Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der +Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen +Sandinsel, wo die Weiden stehen. + +Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen. + +»Ich rudere euch ein wenig herum«, sagte Oldshatterhand, der im +schaukelnden Schelch saß. + +Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses. +Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben. + +Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste +befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das +zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten. +Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam. + +Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an +den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten, +klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser +sinken. + +»Kunst ist heilig«, sagte die Rote Wolke gedämpft. + +Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. »Wir +werden Romeo und Julia zusammen spielen«, sagte sie und sah der Roten +Wolke sanft in die Augen. + +»Julia!« erwiderte die Rote Wolke verhaltend. + +»Und du bist Romeo.« + +»Da ist doch nix dabei«, flüsterte der Schreiber heftig. »Ich weiß nit, +warum du so eine Furcht davor hast.« + +Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr +erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an +Lenchen Leisegang. + +»Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu«, hörte +Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern. + +»Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!« + +Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die +hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann. + +»Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten«, sagte +Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen +Leisegang die Ruder los. »Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas +werden. Vielleicht berühmt.« + +Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem +Wasser und fiel zurück. + +Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: »Die Kunst. Die Kunst . . . +Tempel.« + +»Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich«, sagte das +Lehrerstöchterchen. + +»Rudre ans Ufer!« schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm +abgerückt steif auf dem Querbrettchen. + +Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch +fest. + +Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise +herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts +neben ihm her. + +»Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!« +schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale +des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, +die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der +Stadt waren. Die Würzburger »Strizzi«, von denen jeder sein im Griffe +festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten +beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie +ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen +vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die +alle schon gesessen hatten. + +»Laß sie doch«, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg, +der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief: +»Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!« Die weiteren Bemerkungen gingen +unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat +von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse. + +»Ich muß jetzt jemand abhol«, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und +sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm +gingen. + +Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand, +blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause. + +Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. »Weil +ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no +lang nit zornig zu sein.« + +»Du darfst mir nachmachen, soviel du willst«, sagte Oldshatterhand und +lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er +nachdenklich fort: »Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es +auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?« + +». . . Nein, das versteh ich nit.« + +». . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür. +Verstehst du?« + +»Ich weiß nit, was du da redst.« + +»Ja, es ist sicher so«, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging. + +Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor. + +»Laß mi amal schnupf!« rief einer der »Vierröhrenbrunnensteher«. + +»Wer ist denn das?« fragte ein anderer. + +»Metzger ist er . . . Da geh doch her.« + +Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die +Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum. + +Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen +Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht +er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei +Würzburg geküßt hatte. + + * * * * * + +Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen +Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf +vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang +wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare +gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von +Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein +Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih +und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den +Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen +sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu +unterscheiden -- plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das +Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen +alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das +einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses +Hochwaldes sein. + +In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues +Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem +Dache. + +Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt, +dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden, +die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg +am »Letzten Hieb« gehängt worden. + +In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler +Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand. + +»Dieses Haus gehört niemand«, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger +Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom +grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. »Und es wagt sich +auch keiner in die Nähe.« + +Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener, +bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg, +von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm +unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand +das Wenige, das er selbst besaß. + +Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die +technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen, +was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten +übergroßer Begeisterung. + +Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und +oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen +Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde +von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse +heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald. +Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen +Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und +geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts +ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene +Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß +es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell +die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen. + +Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um +Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und +wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb. + +Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte +einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts +anzuziehen. »Das ist die weichste«, sagte Grünwiesler und schleuderte +eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte. + +Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon +an. + +Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen. +»Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen«, sagte er +zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon +hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. »Und eine +einzige große Lilie, vorne herauf.« + +Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich +nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem +Eichenast. + +Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar +nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang +ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie +sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts. + +»Ihr schenkt ja auch niemand etwas«, sagte Oldshatterhand zu +Grünwiesler. »Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen +hat's.« + +Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in +den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die +langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann +schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald +verwachsen. + +»Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie +bleibt ja doch auf immer da«, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen. + +»Wenn sie's erlaubt«, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten +Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am +Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll +Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive. + +Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal +umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So +sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr +gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten. + +Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm +vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese. + +Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler, +verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und +reichte Grünwiesler einen Brief. »Von wem mag jetzt der sein«, fragte +der Briefträger. »Da ist ja gleich was drauf gemalt.« + +Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor +Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde. + +»No, von wem is jetzt der Brief?« + +»Von meinem Freund Immermann.« + +»Der is gewiß auch so ein Maler?« + +Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: »No, dann grüß +Ihne Gott«, und ging. + +Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß +Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für +Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob +Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser +Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne +man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe. +Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand +komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise +Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel +Einsicht verlangen. »Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,« schloß +der Brief, »im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit +diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir. +Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male +Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.« + +Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die +Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg +an. + +Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei. + +»Wie ist das?« fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein +angefangenes Bild auf die Staffelei. + +»Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.« + +»Dann erklär mir's doch, woran's liegt.« + +»Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die +Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.« + +»Du kannst nichts erklären!« schrie Oldshatterhand erregt. »Erklär doch! +Erklär doch!« + +Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild. + +Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. »Zeig +mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch +ist!« + +Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren. + +»Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!« + +»Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive«, +sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: »Es gibt auch noch +eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's +schon.« + +»Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein +Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!« + +Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut +über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner, +pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem +Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten +gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war, +drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem +aufbrausenden Schüler sagte er stockend: »Quäl mich nicht . . . Warum +quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.« Nur ein gefährliches +Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die +jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem +Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln. + +Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer. + +Oldshatterhand wurde sofort ruhig. »Ich packe es schon noch«, sagte er +und lächelte Grünwiesler an. »Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll +ich Tee eingießen?« + +»Oh, das wär lieb von dir«, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich +hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ». . . Du, ich hab einen Brief +bekommen von Immermann.« + +»Was schreibt denn der?« fragte Oldshatterhand mit gemachter +Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu +haben. + +». . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich +geh übrigens diese Woche noch zu ihm.« + +»Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.« + +»Nein«, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor, +wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein +entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. »Aber ich muß ihn wieder +einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.« + +»Pf!« machte Oldshatterhand verächtlich. ». . . Zeig mir einmal den +Brief.« + +»Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich +ihn geworfen.« + +»Du hast den Brief noch!« fuhr Oldshatterhand auf. ». . . Immermann hat +wieder schlecht über mich geschrieben.« + +»Nei . . . n«, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen +Oldshatterhands bedauerte. + +»Sei nur still! . . . Ich weiß schon.« + +». . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand +etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt +. . . So ist Immermann nicht.« + +»Du lügst! Ich seh dir's an.« + +»Wiesooooo?« erwiderte er traurig singend. + +»Du lügst einfach!« + +Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. »Wenn du's +wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben +. . . Schenk mir noch einen Tee ein!« rief er kameradschaftlich. »Den +hast du fein gemacht.« + +Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. »Ich kenn den +Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der +Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist +und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch +zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!« + +»Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander«, sagte Grünwiesler +fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. »Singen wir jetzt +ein Lied?« + +Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: »Zu dem Lied +malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden +sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.« Er sah +Oldshatterhand in die Augen. + +Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in +steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. »Was Immermann +malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst +hat's keinen Sinn.« + +»Mnja«, sagte Grünwiesler im Halbschlaf. + +»Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben«, rief er frohlockend. »Alle +werden zu mir kommen.« Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden +hörte, dachte er allein weiter. + + * * * * * + +Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch +den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung +nach Würzburg. + +Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen +zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte +sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen. + +Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm +Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne +berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein +schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen +Frühlingshoffnungen ruhten. + +Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber +die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben. + +»Komm, gehn wir«, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus +und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose +Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag. + +Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel +in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte +den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche +Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis +zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. »Wenn ich jetzt rasend +zornig sein könnte.« Grünwiesler sah erschrocken auf. »Ich könnte ja +hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen +kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen +nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.« Er sah Grünwiesler +an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand +blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt. + +»Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch +unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen +sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!« atmete +er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung. + +Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße +hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen +Bauernhäuschens in der Sonne glühte. + +Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah, +als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte +Oldshatterhand: »Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.« Und was +wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt +ist. »Es ist ja kein Ofen im Haus.« + +»Nein«, sagte Grünwiesler nachdenklich, »Türen hat das Haus nicht.« + + * * * * * + +Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige +Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers +Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen +unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab. +Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine +Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll +aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein +junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte +sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel, +stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, +durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von +einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe. + +»Herr Tierarzt Amrhein«, stellte der Gutsbesitzer vor. »Und das ist mein +lieber Freund Immermann.« + +Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen +kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den +Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit +verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf +den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und +tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. +Sie war schwanger. + +»Lassen Sie den Eber heraus!« rief der Gutsbesitzer ihr nach. »Bringen +Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.« + +Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann. +Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und +errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den +geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann. + +»Wie geht's mit deiner Gesundheit?« fragte Grünwiesler ängstlich. + +»Wie es einem Herzkranken gehen kann.« + +Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein. +Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit +seiner Herzkrankheit. + +Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand. + +Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte +die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand, +überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen +verzog. + +Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler +hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler +zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen -- +einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu. +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen +Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen +fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und +als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann +hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte +mit ironischem Lippenverziehen. + +»Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da +bist«, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu. +Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne +sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich +haßte, weil er stehen blieb. + +Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert +auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn +fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen. + +Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt +stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der +Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, +bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und +verließen interesselos den Düngerhaufen wieder. + +Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen +verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber +wurde in den Stall geschoben. + +Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter +legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah +dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen +Augen. + +»In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das +ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie +sind eingeladen«, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann. + +Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin +trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: »Nun? ist der +Tierarzt denn noch nicht da?« + +»Ach, das ist ja schon lange vorüber.« + +Immermann verzog die Lippen. + +Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand +gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich +ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin +gemein. + +Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus +gekommen war. + +»Eine Tippelschickse!« sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg +betroffen. + +Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz +gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt +vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte +sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht +von dem Mädchen sprach. + +»Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.« + +»Ausweispapiere! Man braucht keine!« sagte Oldshatterhand laut. + +»Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?« sagte +Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre. + +Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte +kein Wort hervor. + +Immermann verzog die Lippen. »Da habe ich es schon etwas ungefährlicher. +Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?« Er +lächelte Grünwiesler breit an. »Ich habe übrigens wieder ein +Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin +Romantiker.« + +»Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!« schrie Oldshatterhand plötzlich. ». . +. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.« +Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit +seinem Kanarienvogelblick nach. + +»Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht +verkehren«, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend. + +»Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir +haben schöne Stunden miteinander verlebt.« + +»Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.« + +»Nein, nein!« rief Grünwiesler ängstlich. ». . . Ich meinte ja nur so +. . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen +wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.« + +»Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei +sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.« + +». . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?« + +»Was denn?« + +»Schluß! Dann aber Schluß!« schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster +Wut. + +»Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt +mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch +du einsehen.« + +»Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von +mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.« + +»Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe, +dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz +einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die +Stimmung nicht länger verderben.« + +»Du hast recht.« + +»Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir +mein neues lyrisches Gedicht.« + +»Oh, das wäre wunderbar«, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand +auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen. + +»Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin +vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du +das Bild?« + +»Oh, das ist wunderbar.« + +Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am +Tannenstamm. »Pst . . . dort«, flüsterte Grünwiesler. + +Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter. +Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme +ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe. + +Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu +Immermann empor. + +»Siehst du die Kompositionen?« + +»Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie«, +sagte er traurig. + +»Tom der Reimer saß am Bach!« rief Immermann begeistert. + +Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten, +waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden. +Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am +Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen. + +»Ist das wahr«, fragte er den Weinbergshüter, »daß Sie den Buben, die +sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?« + +Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn. +»Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf +und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.« + +[Fußnote 1: Weinberg.] + +»Ach nein!« rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum +Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag +und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt +war. + +Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte. + +Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem +rotbäckigen Jüngling. Der sagte: »Bis übermorgen könnt ihr die zwei +Hauptrollen studiert haben von meinem Stück«, und reichte der Roten +Wolke sein Manuskript. + +»Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf +Akten«, las die Rote Wolke vor. + +Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen +des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die +Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte: + + »Entflieh mit mir, Klärchen! + Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.« + +Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien. + +Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das +Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt: +»Es lebe die Kunst und die Liebe.« + + + + +Achtes Kapitel + + +Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in +München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, +die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal; +nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem +Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere. + +Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ +die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen +Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie +aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung +bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen. + +Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in +die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und +her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen +Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf. + +Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und +strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil +auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander +nicht zu unterscheiden waren. + +Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört +oder traurig auf die Kreuze blickten. + +Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit +gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese +Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn +niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert +vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins +Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte. + +Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste +aufgenommen worden. + +Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte +zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die +Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem +schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, +zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich, +wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die +Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch +vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb +-- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem +Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein +Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen +Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen +weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb +die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen +Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu +Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden. + +Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf +ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz +Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann, +die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen +Limburger Käse. + +Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die +Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten, +der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, +pfeifend in der Ferne verklang. + +Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch +und hinaus. Und ging in die Schackgalerie. + +Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut, +aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von +Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute +sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen +durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die +schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick +senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah, +die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war. +Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart. +Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei +Frauen in eine zusammen. + +Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte +manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe. +»Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin. + +Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre +Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand +zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter. + +Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen, +zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen +sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr +kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche. + +Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an, +weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen +ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione +berechtigt seien oder gemein. + +»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er +nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien +Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen +fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. +Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein +kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein +charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_ +verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen +gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn +hinaus. + +Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten +hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen +überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das +einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich +darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der +Brust heraus. + +Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den +Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten +Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. + +Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte +ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?« + +Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden +Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte +Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib. + +Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und +sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den +zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf +Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand +Ekelgefühl und stand auf. + +In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt +den Überwurf vorne zusammen. + +Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin +und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein +wenig eng da ist.« + +Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob +ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und +angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur +Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf +pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche +. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.« + +Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an. + +Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger +Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte, +lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und +plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich +und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die +Wette krachende Äpfel essen. + +Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das +Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das +Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen +Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten +Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. + +In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem +Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel. +Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht +ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die +Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe. + +Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und +fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem +Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht +worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und +dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht +schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau +meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein +Haus beträte. + +Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett +wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb +stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.« + +Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um, +so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen +mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, +daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, +und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete +wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig. + +Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands +tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben +der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der +ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch +von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß, +wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem +Gelächter erfüllt war. + +Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant +regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen +und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß +wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei. +Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und +von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch +vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener +Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer +Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, +etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt. + +Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim +Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und +er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum +Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und +vielleicht etwas komfortablere zu mieten. + +Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen. +Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte, +rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst +am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte +im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie +wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt +hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.« + +Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja +doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den +komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig +hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke +waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten. + +Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und +starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine +Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der +mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette +reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein +Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das +hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas +aufs neue zum Kellner emporhielt. + +Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café +eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht +hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute +sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und +sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken +würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen. + +Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden +sofort vom Straßenschmutz gefressen. + +Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus +dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem +Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein +Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte +wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den +rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte +-- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, +noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht +reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er +plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte. + +Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß, +verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so +beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise +glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen +elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast +angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt +und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden +Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken +und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert +verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende, +fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden +dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um +sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur +Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos +und blickten düster vor sich hin. + +Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer +blonden Dame zum Abschied die Hand küßte. + +»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die +Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum +Kusse reichte. + +»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es +gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn +nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an +manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn +und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend +und ging. + +Oldshatterhand setzte sich und sah umher. + +Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll +Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es +gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen +violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die +Preiselbeermilch in den Magen. + +»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte +Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine +Jugendphotographie von sich betrachtet. + +»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man +unter die Räder.« + +Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt, +weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen, +brachte er nicht über sich. + +»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der +Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur +elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer +wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten +etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte +Schuhe.« + +»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker +Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen +Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein +Schloß aber in einer Woche fertig haben.« + +»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die +Dame.« + +»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau +mit Geld.« + +»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!« + +»Ja.« + +»Das ist ein Lebenskünstler.« + +»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein +hundsgemeiner Lump.« + +»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer +keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele, +verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.« + +Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er +den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde +hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe +hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt: +»Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem +furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr +rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß, +daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein +armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange +gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges, +gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach +handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, +einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht +zurückschlägt.« + +»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam. + +»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter; +seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.« + +». . . Nur einen hat's gegeben.« + +»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie +nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete +sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der +Kellner eckte von Tisch zu Tisch. + +»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam +die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend. + +Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur +manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit +dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter +seinen Augen sank faltenbildend übereinander. + +Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste +schob sich durchs Lokal. + +Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor; +fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu, +der eine Zeichnung hochhielt. + +Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder +vor sich hin. + +»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide +waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine +hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in +Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit +Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und +das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in +Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn +er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein +Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.« + +»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.« + +»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals +auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach. + +»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den +Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß +er geringschätzig. + +»Doch, ich kenne . . . mich.« + +». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands +zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich +einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am +Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten +habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier +an dem Tisch wenn er säße.« + +». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt +herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der +Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der +Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, +grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke +springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . . +So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder +Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, +bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder +. . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der +Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung +auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.« + +»>Gemein< habe ich nicht gesagt.« + +»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt, +die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so +einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich +dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an +seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz +unschuldig.« + +»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen. + +»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie +sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis +er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und +scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er +lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu +kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das +habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den +Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein +Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und +lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch. + +»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte +Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig +einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf +gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang +und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand +sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der +Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel. + +»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat +ein Loch in der Hose.« + +»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber +. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der +alten Brücke.« + +»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf +Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal. + +»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.« + + * * * * * + +Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und +unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen +können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand +er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich +anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar +und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete +unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter +Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht +lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst +dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu +bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner +Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder +aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen +Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, +trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er +das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen, +wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen +stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit +ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich +in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse +gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich +geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über +mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich. +Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war +ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem +schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen +Kerl ein Künstler werden könne. + +Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken. + +Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen, +sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme +darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich +den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen +Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem +Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!« + +»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.« + +»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu +kontrollieren, ob er größer sei als der Herr. + +Der Herr war kleiner. + +Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins +Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame +gar nicht. + +Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen. +»Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in +der Kammer. + +Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in +Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden. + +»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?« + +»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?« + +»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon +gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon +zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham +sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also +weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's +überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem +lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine +Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu +gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die +Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am +Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, +der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten +Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein +Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach +München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft +deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?« + +»Ja.« + +»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.« + +Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung. + +». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst +gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also +ich komm auch daher.« + +»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich? +Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder +einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht +an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft! +Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher +bekommts nie los.« + +Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler +klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken +müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber +kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München +gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu +studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die +er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, +nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz +verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen +der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht +ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von +Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe +ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur +sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante. +Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr. + +Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der +Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die +für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe +der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich +bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich +getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was +soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines +Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler. + +Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit +Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen. + +Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm +gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die +technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand +ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er +vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte. + +Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr +erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe +und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem +Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst, +erschieße ich mich vor deinen Augen.« + +Er trug den Brief sofort zur Post. + +Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer +zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine +düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin. + +Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte +vergessen, ihn zurückzusenden. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und +blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der +Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen. + +Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen +Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich +auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen +Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt. + +Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht +. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang +der Räuber. + +»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche +Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den +siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten. + +Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz +still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte. + +Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des +Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr +Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen +geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal +um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor. + +»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur +Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor. + +Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede +zog einen zerknüllten Schleier hervor. + +»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen +habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die +Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach +außen. + +»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem +grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am +Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.« + +»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich +will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle +Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt +schloß sie: »Ich bin doch Modistin.« + +Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große +Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.« + +»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut. +»Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das +wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle +Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat +einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und +Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr +langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. +Alle sahen ihr nach. + +»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die +Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen. + +Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands. + +An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt. +Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten +herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten. + +»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die +Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür +hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte +sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus. + +»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.« + +»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen. + +Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber +das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen +malen kannst.« + +Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau. + +»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?« + +»Ja.« + +»Das hab ich mir gedacht.« + +Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat +ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die +Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen. + +Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den +Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben. + +»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte +Oldshatterhand. + +»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer +verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . +ein Vierröhrenbrunnensteher.« + +»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast +nichts mehr. + +Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte +zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla! +. . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und +begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also +wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur +Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr +dazu?« + +Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen. +Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken. + +Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch +hatte ihren Schleier wieder vorgebunden. + +Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden +Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die +genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren +erschrocken auf. + +Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café, +saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile +betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt +lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß +die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König +der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte +geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung +weiterlas. + +Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am +Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch. + +Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan +auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte. + +Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem +bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich +wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und +weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.« + +Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde +vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich +an den Tisch dazu. + +Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in +einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam, +gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem +Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen +und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die +schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar +verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt. +Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank. + +»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief +erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!« + +Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an. +Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund +gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los. + +Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst +interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng +auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!« + +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. + +»Also und, wart bis der Leutnant fort is.« + +»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche +Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit: +Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das +Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein +Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.« + +Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte +sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im +Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime +Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch +kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand! +Ich!« + +Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen +öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz +schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine +Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes +Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.« +Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände. + +Der Leutnant verließ das Café. + +»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.« + +Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon +oft mit hinaufgeflogen?« + +»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte +das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also +seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man +kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft +die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft +rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da. + +»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und +Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also +und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?« +Alle blickten auf den Billardspieler. + +»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber +sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf. + +Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des +Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor +der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel. + +Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach +Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du +denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von +Unterfranken bin?« + +»Wie meinst du das? Siebzehnter?« + +»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und +Aschaffenburg.« Er entkleidete sich. + +Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine +waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und +schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum +tragen zu können. + +Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand -- +sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem +neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von +Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem +nackten Jüngling und sich. + +Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche +Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und +Aschaffenburg geworden. + +Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt +zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und +rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu +Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen. + +Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine +Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit +den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine +Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte. + +»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.« + +»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer +ist da.« + +»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem +Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine +Zeit.« + +»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra +von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze +Leben.« Er hob die Arme. + +Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke +eintreten. + +»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald +Kletterer aus Würzburg.« + +»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die +Augenbrauen und sah auf die Uhr. + +»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter +Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .« + +»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?« + +»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr +Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als +ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann. + +»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor +fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von +Bamberg.« + +Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann +von neuem. + +Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte +die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu +klein.« + +Der Mund stand offen, rund und schwarz. + +»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?« + +»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal +erben soll.« + +»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist +ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr +Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist +ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner +eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.« + +Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann +zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete +stärker, mit Frühjahrshagel vermischt. + +Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der +Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf +der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der +salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen +kam. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von +Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein. + +Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom +schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom. + +»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den +Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken. + +»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger +>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.« + +»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu +einer Italienreise eingeladen. + +Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon +braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in +den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne. + +Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein. + +»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet +hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den +Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser +und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt +ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen +zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . +Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf. + +»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte +Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen. +»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.« + +In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den +beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen +Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still. + +»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum +Fenster. + +»Nein, das ist nur ein See.« + +»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht +gesehen. + +Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom +Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor. + +Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im +Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand +unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es +heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein. +Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den +dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts +stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im +weißen Himmel. + +Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings +wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die +fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und +zerfallend. + +Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und +sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in +Schweiß und sammelte dann. + +»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter +Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah +genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und +sammelte. Sprach aber selten ein Wort.« + +Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener, +Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten +Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die +Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen. + +Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von +den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre +Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. +Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten +einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon +verschwunden war. + +Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei. + +»Was ist das?« + +»Das Meer.« + +»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen +Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden +Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die +schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte +Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter. + +Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die +Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer. + +Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum +schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua. + +Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm +schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri +. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.« + +»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte, +weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem +Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .« + +Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß +gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße, +bis zu einem der alten Paläste. + +Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende +große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier +dem Fremden ein Telegramm. + +»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem +Freund.« + +Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war +Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen +Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im +Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den +Schlüsselbund klingen und verklingen. + +Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die +Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen. + +Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen +Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne. + +Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen +Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen +Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus, +in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette. + +Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den +Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie +Wasserinsekten. + +Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer +warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine +Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge +Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich +hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern +gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen +Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der +Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit +dem Schiffskoloß verband. + +Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die +Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt, +blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die +Zurückbleibenden. + +Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß, +der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als +das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, +geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum +sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch, +während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich +entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden +konnten. + +Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine +Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers +losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen +hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch +zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein +Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der +alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika. + +Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit +hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er +nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die +Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte +Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor +Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins +schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper +vom Wasser weg und schwankte zurück. + +Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und +gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die +drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging. + +Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat +vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt: +Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen +lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in +Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich +verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft +willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen, +damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne, +was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein +altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit +Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er +nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden. +Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den +ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz +war unterstrichen. + +»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«, +sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens +immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die +aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch +einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und +sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch +kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.« + +Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder +-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens +wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne +jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind. + +Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang +hatte bleiben wollen. + +Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines +Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens +hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben +auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt +über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin +vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung +und legte beide Hände in die Hüften. + +»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein +graues Schloß, »una castello Genova.« + +Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft +ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß +des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien. + +Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener +erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu +können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht. + +Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag +Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser +hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen +Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem +alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des +Hafens von Genua. + +Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in +die Alte Pinakothek. + +Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van +Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah +auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal +Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund +Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg +Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd, +Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb +von dir.« + +Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen +Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn +ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie. + +»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die +Leiter. + +Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte. +»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.« + +»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im +Murillosaal.« + +»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.« + +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit +seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein +guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.« + +Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna +von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da. + +Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen, +eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten +ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten. + +»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf +der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen +Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?« + +Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die +Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte. +So gingen sie weiter. + +Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen, +machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer +herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und +Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.« + +»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?« + +»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen +will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.« +Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein +und drückte Oldshatterhand die Schulter. + +»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.« + +»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie +nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände +in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen +. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen +kaufen zu können.« + +Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. »Du bist eingeladen.« + +Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen, +und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal. + +Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand +hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und +bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. +Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen. + +»Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.« + +»Du und ich, wir halten zusammen«, erwiderte Grünwiesler und hieb +Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. + +»Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken. +Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige. +Kopieren kann jeder.« + +Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.« + +Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt +ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner +Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an. + +Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu +sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum +hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts +wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?« + +Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der +Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben +erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah +Bratmund an. + +»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich +dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich +wohnte in einem Palast.« + +»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was +_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast +mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von +mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel +glaubte, du wärst mein Freund.« + +»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte +doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß +ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild +verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.« + +»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken +in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, +dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark +eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu +Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen +bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich +vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin +endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt +verschwinde.« + +»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig +Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück. +Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das +Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir +raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen. +Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn +jetzt sein.« + +»Das wirst du schon sehen.« + +»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße +Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller +blickte. + +»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet +werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine +Photographie hat der Staatsanwalt.« + +»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet +werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein +ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam. + +»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast +geglaubt, ich sei ein Tölpel!« + +Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das +Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze. + +Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch +Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft +war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit +offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem +vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse +nichts. + +Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt +nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den +Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht +so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er +und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war +sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb +reglos hocken. + +Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine +Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht +mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich +nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter. +Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt +sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm +seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, +beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das +Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer +abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog. + +Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte +rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder +werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum. + +Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich +hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in +der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter +seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat. +Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den +Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit +zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die +Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann +jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er +den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie +Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater, +durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. +Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.« + +Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und +pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«. + +»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb. +Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte, +mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch +unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett. + +Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an +seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit +Grünwiesler. + +Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz +las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von +München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter +Aufforderung zu räuberischer Erpressung. + +Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht. +Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie +aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete +den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die +Höhe blickte und ins Haus trippelte. + +Ein Schutzmann schritt langsam vorüber. + +»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und +hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!« + +Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si +si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand +weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich +vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen. + +Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann +in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze +hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand +hinüberblickte. + +»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und +sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.« + +Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen +Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße +schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu. + +Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht +zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen. + +Der Mann stieg in die Elektrische. + +Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger +Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust +hochgenommenen Armen. + +Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine +Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86. + + * * * * * + +Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild. + +»Ich heiße Michael Vierkant.« + +Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen +Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die +Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief +geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.« + +Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die +Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich +herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln. + +»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete +Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas +ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte. + +»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte +eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr +Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes +Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister, +einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz +genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem +Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm +Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der +Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr +Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen +konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die +Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte. + +Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes +linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen +können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf +das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen +. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So, +dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du +mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler +Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich +unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr +gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt +es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt +Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein +schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber +Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein +ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das +denke ich.« + +Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich +glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend +Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über +einen Abgrund zu laufen. + +Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe +hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie +geschickt?« + +Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also +wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem +Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das +Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der +Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam. + +»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner +Tante die sechstausend Mark wegnehmen?« + +Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und +wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie! +Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: +Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in +schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat, +was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er +mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit +Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle +ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das +ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . . +Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer +zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar +unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte. +»Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt +weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich +verbrannt.« + +»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr +unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du +mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.« + +»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein +irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen +Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen +Augen.« + +»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie +wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden +bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte +Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt +auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die +Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so +furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«, +sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick +suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus. + +Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde +aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß +sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase. +»Letzter Hieb«, sagte er. + +»Wie?« fragte der Diener. + +»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.« + +»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging +wieder ins Zimmer. + +»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger +Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.« + +Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte. + +Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu. + +»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen +. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen +kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand; +er stand noch immer an der selben Stelle. + +Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür +leise. + +»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem +Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich +_mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar +Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins +Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_! +Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und +schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür. + +Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener +ein und führte ihn zum Arzt zurück. + +Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie +Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden +Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein +bißchen.« + +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke +in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er +gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er +mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.« + +Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam +an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie, +ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran +zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und +davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag +ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo +ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich +halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.« + +»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?« + +»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie +gehört doch eigentlich mir.« + +»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.« + +»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde +trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung. + +»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor +deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah +dabei Oldshatterhand an. + +»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da +breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß +ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der +Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte +von der Welt!« + +Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell +sinken und ging flammend aus dem Zimmer. + +Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen, +das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war. + +In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das +Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern +saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, +violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten. +Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse +hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die +langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb +abwehrend, halb zugreifend. + +Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde. + +Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen +wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen. + +Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie. + +Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens +mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und +die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, +legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah +keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen. + +Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte, +erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter +Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die +Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf +die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände +zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem +Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis. + +Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg, +aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine +Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit +zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten. + +Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er +nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort +betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn +der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich +zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch +an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt +worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er. + +Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten +sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der +auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden +Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu +unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen +dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit +Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand +zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen +Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas +zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd +und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen +Acker auf den Brand zustolperte. + +In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den +Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen, +floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich +stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt +von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und +fürchtete die alten Augen seiner Mutter. + +Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht. + +Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern +verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd +stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum +Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn +mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den +Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur +verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen +hinaufzusteigen. + +Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg. + +Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den +Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und +den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine +Stiefel und begann auf und ab zu gehen. + +Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte +ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte +näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. +Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem +Eisklumpen. + +»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit +gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben +springen können«, antwortete der bleiche Kapitän. + +Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine +Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte +den Wachtposten dunkel sprechen. + +Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales +Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand, +auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den +Rasen. + +Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife +zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig +nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche +Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern +hatten sich zu den Mädchen gesetzt. + +»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich +beim erstenmal.« + +»Hohaho! Eine Maß.« + +»Auf Ehr?« + +»Allemal!« + +»Also, ihr seid Zeugen.« + +Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an +den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den +Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen +sein Herz trafen. + +Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den +Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig +zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte. + +Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und +Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu +werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst, +gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das +kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein +Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die +Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein? +Deine Maß ist futsch.« + +»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . . +Liesl, gehst du mit?« + +»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken +nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob +seine Hand unter ihre Hände. + +Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens +gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine +Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife. + +»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte +sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn +dann doch an Falkenauges Wange lehnte. + +Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann +und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen, +und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein +Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«, +flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so +stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie +die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O +Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht +. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . . +oder ins Wasser.« + +Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut +zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf +Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. +Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.« + +»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab +mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.« + +»Mit Futteral?« + +»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in +mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig +Pfennig, das ganze Futteral.« + +»Und der Vogelstutzen?« + +»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.« + +»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.« + +»Er hat doch Silberbeschlag.« + +»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen +gedehnt. + +»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich +schieße nur auf Ratten.« + +»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber, +legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins +Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als +er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond. + +Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der +kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen +zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er +unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten +wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum. + +»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut. + +Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den +ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf +Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm. + +»Ich glaub, ich hab geschlafen.« + +»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand +den bleichen Kapitän sprechen und horchte. + +»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was +gehört von ihm.« + +»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich +sag, der ist irgendwo Kirchendiener.« + +Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder +stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen +der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in +seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«. + +Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die +Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor +er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in +Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die +beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient. + +Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von +seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem, +endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die +Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den +Augenlidern, um Tränen zu bekommen. + +Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes, +ewiges Licht. + +Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte +Gefühl, Winnetou könne ihn retten. + +Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus +hängt. + +Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle +ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann +klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt. + +Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So +spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle +Stück Brot, das Winnetou reichte. + +»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und +nahm das Brot. + +»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so +spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der +Mauer.« + +Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er +sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich, +zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele« +hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte +er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden +angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal +hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als +barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von +Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous +unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen. +Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!« + +Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden. + +Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner +Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein +paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist +du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen +großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her +strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte. + +»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme +und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat. +Hilf mir. + +»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?« + +»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.« + +Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und +tappte nach. + +Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum +roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind +wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum +erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.« + +»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?« + +»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?« + +»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . . +und dann Italien.« + +»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle +lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen +bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei +. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen +wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte +heiter. + +»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine +Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So +stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren +Maßstab.« + +»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!« + +»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte +heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter +Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist +das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt. + +»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou +ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt +dir etwas und hilft dir.« + +»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand +lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. +Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte +ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett +sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine +Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts? +. . . Irgend etwas Grauenhaftes.« + +»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.« + +»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich +bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.« + +Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou. + +Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die +Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den +schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand +auf. + +»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe +Zeit. Komme wieder, bitte.« + +»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg +Christi hinunter. + +Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück. + +Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner +Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten +Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das +Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten +ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten +Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich +in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war +und frei und kühl atmen konnte. + +So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft +zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten, +durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine +zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im +Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden +Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der +Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und +an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend +zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen +Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem +Bett saß. + +Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du +denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt +hast?« + +»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der +Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die +kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. +Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich +zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.« + +Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du +weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür +verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung +der Lügner kannst du nicht leben.« + +»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in +denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern +mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins +Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo +soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir +wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika +spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, +lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie +fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde +traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich +es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein +schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele +Kirchtürme, die alle die Achtung sind.« + +»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen, +sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du +geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land +und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da +unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin +allein.« + +»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und +redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.« + +»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn +ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir: +solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, +stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und +verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle +verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende +geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr +lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals +verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug +sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel. +Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, +der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.« + +»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge, +und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet +mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz +. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner +werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.« + +»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre +Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung +auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.« + +»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine +Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten +nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine +Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«, +flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen +--, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und +hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. +Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt. +Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff +umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im +Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot, +noch ein Fenster öffnete. + +Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer. +Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte +Gesichter. + +Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die +Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ, +sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, +erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um +ein Hindernis herum auf sie zuschoß. + +Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster, +schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen +droht. + +Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf +Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei. + +In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand, +daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt +worden sei. + + * * * * * + +Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte +Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt. +Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie +mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht. + +Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden +Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die +Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus +an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die +Frühlingssonne abzuhalten. + +Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit +Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen +Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm. + +Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein. +Der Anatom zog das weiße Tuch weg. + +Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen +Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und +Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen +Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche +reichten. + +Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte +mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und +Gesichtsmuskeln durch.« + +Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte +mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer +Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen +Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein +paar schnelle Striche. + +Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen +aufmerksam zu. + +Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die +Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet +gestorben, dachte der Fremde. + +Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die +Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell, +einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt +neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des +Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die +Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn +lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte +an der Leiche die Lage der Muskeln. + +Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der +Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten. + +»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille +hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß +er den Satz gesprochen hatte. + +Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und +eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt +von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte +der Anatom und zog das Tuch weg. + +Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er. +»Geben Sie mir meine Leiche.« + +Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren. + +»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der +Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist +erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als +bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.« + +Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim +Erblicken Oldshatterhands. + +»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte +Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man +jetzt nichts mehr machen.« + +»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen +hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur +gerecht . . . Gerecht!« + +In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler +Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie +bestimmt worden sei. + +An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild. +Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer. + + + + +Zehntes Kapitel + + +»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die +Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme, +als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden +war. + +Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum +letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine +schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die +vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick +voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen +gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten +Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den +ganzen Tag glückselig herum. + +Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen +Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung +in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr +hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der +»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus +Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische +Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden +waren. + +Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die +frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage +lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann +gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann +allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach +Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn +fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den +Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen +über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das +für Hammel und Rindviecher seien. + +Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein +geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt. +Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen +Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint, +es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr +richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die +Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder +gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er +zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen +Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt. + +Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu +Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der +Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng +auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten. + +Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung +angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des +»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen. + +Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub +»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen« +geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands +war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des +Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn +er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken +Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem +Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde. + +Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem +Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe +geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige +Geschäftsfrau war und sehr resolut. + +Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die +Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, +weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte, +sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit +überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die +Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und +anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie +war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten +Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die +schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein +Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so +wie der Bürgermeister von Bamberg.« + +An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft +ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann +schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet: +den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der +Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig +Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand. + + * * * * * + +Auch jetzt war der Fremde in Würzburg. + +Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um +nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb +stehen und blickte ihm mit großen Augen nach. + +Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher, +und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am +Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die +Ziehharmonika. + +Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen +vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde, +rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster +hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter. + +Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der +»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat. + +Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue +Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten. +Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst +hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren +noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer. + +Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock +aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend, +schritt er aufrecht weiter. + +Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie +befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt. + +»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und +legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete +heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, +horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen +-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte +nur noch nicht recht, wer die Gauner waren. + +Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von +Askalon«. + +»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«, +sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren +versammelt. + +»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das +verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte. +»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.« + +Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen +Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben, +übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen +belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch. + +Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin +erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten +Kinde in der Hoffnung. + +»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der +blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie +lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch +g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und +fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht. + +Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang +auf den Stuhl neben dem Fremden. + +»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog +die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er +und lächelte sicher. + +Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den +Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte +liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn, +was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene +Geld in sein Tellerchen. + +»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die +Kellnerin füllte das Glas. + +»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den +Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.« + +Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm. + +»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze. + +»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die +Karten. + +»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem +Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand. + +»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.« + +»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.« + +»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.« +Er stülpte die Lippen nach außen. + +»Sei still. Da, hast dein Sohn.« + +Ȁh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.« + +Die Witwe Benommen strahlte. + +»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.« + +»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft. + +Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder, +großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte +stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er +mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine +gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte +der Matrose. »Seid ihr alle da!« + +»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!« + +»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen. + +»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb +auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf +. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!« + +»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der +Luft. Er war im Verlust. + +»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle +durcheinander. + +»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum +Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.« + +Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf +der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite. +Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und +schüttelte lächelnd den Kopf. + +»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber. + +»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und +schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber, +alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!« + +»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und +betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen +offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen +zurückgezogen. + +»Warst du weit?« fragte einer. + +»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus. + +»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat +gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.« + +»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und +konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma +. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi +. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www +. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me +. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin +tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? +. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit +dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein +Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete. + +»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte +die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.« + +Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach +rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän +stimmte die Gitarre. + + »Auf, Matrosen, ohe! + Auf die wogende See. + Schwarze Gedanken, + Sie wanken und fliehn + Geschwind, wie der Sturm und Wind«, + +sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa +. . . Wa . . . Wein her!« + +»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube +g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab +no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in +mein Keller.« + +»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen +alle Räuber. + +»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer. +Wo käm ich denn da hin.« + +»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose +dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden +Räuber. + +»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«, +sagte plötzlich der Fremde und lächelte. + +Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig +den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen +auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand. + +»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der +Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!« + +»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän. + +»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee +. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser +Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien +. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du +. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . . +fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir +aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich +wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir +die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.« + + * * * * * + +Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens +und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag. + +»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die +Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo +der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein +Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie +über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte. + +»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft +und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen +Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer +aufgestellt hatte. + +Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im +Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt. + +»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«, +sagte der bleiche Kapitän. + +»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer +griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum. + +Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o +is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und +blickte gespannt und pfiffig die Räuber an. + +»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.« +Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite. + +»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum +>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf +eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar +. . . gott.« + +Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge +schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande +stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf. + +»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs +. . . Zs . . . Zimmer<?« + +Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die +Jahre zurück. + +»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber. + +Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm. +»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen, +rund und schwarz wie ein Mauseloch. + + * * * * * + +Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg. + +Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch +geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am +Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten +sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das +Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen +vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein +Kind.« + +»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde. + +»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles, +klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 *** diff --git a/30281-h/30281-h.htm b/30281-h/30281-h.htm new file mode 100644 index 0000000..891e7fd --- /dev/null +++ b/30281-h/30281-h.htm @@ -0,0 +1,16509 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> + <!-- TITLE="Die Räuberbande" --> + <!-- AUTHOR="Leonhard Frank" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Insel-Verlag, Leipzig" --> + <!-- DATE="1922" --> + <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +h1 { text-align:center; margin-top:5em; margin-bottom:5em; + page-break-before:always; } +div.titlematter { page-break-before:always; + margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:22em;} +h1.tit { margin-top:1em; margin-bottom:4em; } +h1.tit .line1 { font-size:0.7em; } +h1.tit .line2 { letter-spacing:0.1em; } +h1.tit .line3 { font-size:0.5em; } +h2 { text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:1em; + page-break-before:always; } + +p { margin-left:0; margin-right:0; margin-top:0; margin-bottom:0; + text-align:justify; text-indent:1em; } +p.run { font-size:0.8em; text-indent:0; text-align:left; margin-top:10em; } +p.run .line1 { border-top:2px solid black; } +p.pub { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.2em; line-height:1.5em; } +p.pub .line2 { border-top:2px solid black; padding-top:0.15em; } +p.cop { font-size:0.8em; text-indent:0; text-align:center; margin-top:10em; + letter-spacing:0.1em; } +p.ded { text-indent:0; text-align:center; margin-top:5em; margin-bottom:5em; } + +p.first { text-indent:0; } +span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.8em; padding-top:1px; + padding-bottom:1px; padding-right:2px; } +span.prefirstchar { font-size:0.333em; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.center { text-indent:0; text-align:center; } +p.block { text-indent:0; margin-left:2em; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em; } +p.right { text-indent:0; text-align:right; margin-left:1em; margin-bottom:0.5em; + margin-top:0.5em; } +p.footnote { font-size:0.8em; margin-left:2em; margin-top: 1em; margin-bottom:1em; } + +p.tb { text-indent:0; text-align: center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em; } + +/* poetry */ +div.poem { text-align:left; text-indent:0; margin-left:2em; margin-top:0.5em; + margin-bottom:0.5em; } +.poem .line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +em.em { letter-spacing:.2em; font-style:normal; } + +span.sperr { letter-spacing:.2em; } +span.smaller { font-size:smaller; } +span.underline { text-decoration: underline; } +span.hidden { display: none; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-family: sans-serif; font-size: small; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } + +/* page numbers */ +span.pagenum { position: absolute; right: 1%; color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing:normal; text-indent: 0em; text-align:right; font-style: normal; + font-variant:normal; font-weight: normal; font-size: 8pt; } +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +</style> +</head> + +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***</div> + +<div class="titlematter"> + +<p class="run"> +<span class="line1">16. bis 20. Tausend</span> +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<h1 class="tit" id="part-1"> +<span class="line1">Leonhard Frank</span><br /> +<span class="line2">Die Räuberbande</span><br /> +<span class="line3">Roman</span> +</h1> + +<p class="pub"> +<span class="line1">1922</span><br /> +<span class="line2">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span> +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<p class="cop"> +Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<p class="ded"> +Lisa Ertel gewidmet +</p> + +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-1"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +Erstes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">P</span>lötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem +holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre +Lippen bewegten sich — man hörte keinen Laut; Luft und +Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von +Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. +Und aus allen heraus tönte gewaltig +und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete +sich bis zuletzt und verklang. +</p> + +<p> +Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer +Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte +Brücke marschierten, wurden wieder hörbar. +</p> + +<p> +Über der Stadt lag Abendsonnenschein. +</p> + +<p> +Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung +auf dem Gipfel, und im steil abfallenden königlichen +Weinberg blitzten die Kopftücher der Winzerinnen — die +Weinernte hatte begonnen. +</p> + +<p> +Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch. +</p> + +<p> +Ein paar Knaben, die lachend und schreiend „Nachlauferles“ +spielten, um die zwölf mächtigen Brückenheiligen +aus Sandstein herum, vom heiligen Kilian zu +Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still +und versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr +Mager, der Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen +Knaben, schritt über die Brücke. +</p> + +<p> +Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und +stieß mit Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster. Erzürnt sah +er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen spannten sich. Er +hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten +davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der +Schulstunde des Montags. +</p> + +<p> +Der Lehrer war gefürchtet. +</p> + +<p> +Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. +Keiner traf so sicher wie er mit dem Rohrstock die +Fingerspitzen, immer genau dieselbe Stelle, daß die Fingerspitzen +schwollen und blau anliefen. Unverhofft mit +dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. +Und zöbelte er einen Jungen, so faßte er die feinsten +Härchen an der Schläfe. Benötigte er einen neuen Rohrstock, +dann mußte der Junge, welcher Prügel zu bekommen +hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann +holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, +beroch die Stöcke, hieb sie durch die Luft und +horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten und zähesten, +präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, +und der gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen +Blutblasen in die Fingerspitzen zwickte. +</p> + +<p> +Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine +Wolke, sein Leben lang. Und es kam vor, daß vierzigjährige +Männer, frühere Schüler von ihm, erschrocken +zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen. +</p> + +<p> +Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule +entlassen mußte, gab er ihnen die Angst mit auf +den Lebensweg: „Wir sind noch nicht fertig miteinander“, +sprach er und lächelte. „In der Fortbildungsschule habe +ich euch wieder, und wer von euch zu den ‚Neunern‘ einrückt, +den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +auch da unterrichte ich.“ Und dann erst war die Klasse +entlassen. +</p> + +<p> +Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die +beleuchtete Uhr vom „Spitäle“, einer kleinen Kirche im +Mainviertel, deren Vorderfront gegen den Brückenberg steht. +</p> + +<p> +Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem +Streit war von den Würzburger Stadtvätern der Jahresetat +von zwanzig Mark für die Nachtbeleuchtung der +Uhr bewilligt worden. +</p> + +<p> +Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar +schon am Tage, denn die Sonne war noch nicht unter. +</p> + +<p> +Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. +Er war für den Fortschritt. +</p> + +<p> +Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und +rotem Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann +und zwei buschigen Eichhornschwänzchen glich, stand +vor dem „Spitäle“ und ein alter Polizeiwachtmeister mit +kurzen Säbelbeinen. +</p> + +<p> +„A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!“ rief +der Fischer und schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung +ab. „Was nützt uns denn a ubeleuchte Uhr! +Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so +a Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.“ Er steckte die +Hände in seine gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich +weg und sah, die Unterlippe grimmig vorgeschoben, den +Brückenberg hinauf. +</p> + +<p> +Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger +Pfarrer, dessen ausgeprägte Rückenverlängerung sich +stark hin und her bewegte, denn er hatte Plattfüße. Ein +kleines Mädchen sprang zu ihm hin: „Gelobt sei Jesus +Christus“, knickste und gab ihm die Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +„In Ewigkeit. Amen.“ Der Pfarrer schlug das Kreuz +und hielt Herrn Mager seine Horndose hin. Herr Mager +nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, und ließ den +Tabak in seine Tasche fallen. +</p> + +<p> +„Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an +dreipfündige Hecht aus mein neue Sandschiff g’stohle, +mitsamt’n Blechkaste“, rief der rote Fischer. „Wenn i +so ’n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! die +Gurgl um.“ Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter +die Nase. Die Adern an seinem Halse schwollen. +</p> + +<p> +Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der +Kirche. Herr Mager beugte das Knie und hob erbleichend +die Arme, taumelte gegen die Kirchenmauer: ein +durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg +vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf. +</p> + +<p> +Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, +den Säbel hocherhoben, dem Pferde in großem Abstand +über die Brücke nach. +</p> + +<p> +Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte +ihn und sprang freudig bellend am Pferde empor, +das hinter einem hochbeladenen Heuwagen stehen geblieben +war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten +einem Besitzer. +</p> + +<p> +Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. +Der Heuwagenkutscher trat auch hinzu, tätschelte dem +durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob den Schwanz +— die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen. +</p> + +<p> +Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, +die das heufressende Pferd umstanden und ihre Pfeifen +stopften. Man unterhielt sich weiter. +</p> + +<p> +Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +Gesicht zum Himmel gerichtet, ließ eine Leberwurst in den +Mund gleiten und zog die leere Haut langsam wieder +heraus in die Höhe. +</p> + +<p> +Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt +mit winzigen Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und +blickte streng aufwärts zur Festung, deren viele Fenster +glühten, vom letzten Sonnenschein getroffen, als müßten +unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen +Himmel schlagen. +</p> + +<p> +Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt +Wurstfülle in den Mund bekommen, standen die Kinnbacken +des Knaben still. Voller Grauen starrte er auf +seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian +und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte +er auf den Mageninhalt. +</p> + +<p> +Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst +wie eine gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, +ging er langsam weiter, den Knaben entgegen, die vor +Herrn Mager geflüchtet waren. +</p> + +<p> +„Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst“, +sagte einer der Knaben, und sein Mund blieb +offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch. +</p> + +<p> +„Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?“ +</p> + +<p> +„Dort, beim heiligen Kilian.“ +</p> + +<p> +„Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten +mit ihm.“ +</p> + +<p> +„Wenn er doch eine Wurst hat.“ +</p> + +<p> +„Wer gibt mir was für die Wurst?“ fragte der Duckmäuser +zaghaft. +</p> + +<p> +Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst +über dem Zeigefinger. Winnetou bot nach langem +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Besinnen einen Pfennig, zog aber die Hand, mißtrauisch +geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst wirklich +so billig bekommen sollte. „Gelt, es ist etwas nit richtig +mit der Wurst?“ +</p> + +<p> +„Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere +hab ich schon gegessen.“ +</p> + +<p> +„Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich’s +nit.“ +</p> + +<p> +„Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.“ +</p> + +<p> +„Winnetou, jetzt kannst sie kaufen“, riet man ihm. +</p> + +<p> +Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht +zum Himmel und wollte sie in den Mund gleiten lassen. +</p> + +<p> +„Halt! Fasttag!“ schrie der Duckmäuser und lachte. +„Fasttag ist heute. Sonst hätte ich meine Wurst selber +gegessen.“ +</p> + +<p> +Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück. +</p> + +<p> +Aber der Duckmäuser nahm sie nicht. +</p> + +<p> +„Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast +du eine Todsünde begangen“, sagte Winnetou langsam, +in tiefem Entsetzen. +</p> + +<p> +Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem +uralten Vaterhause brannten die ewigen Lichtchen Tag +und Nacht vor den Betpulten. +</p> + +<p> +„Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich +dir zeigen, wo sie jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.“ +</p> + +<p> +Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing +die Leberwurst resolut über die große Zehe des heiligen +Kilian. Und stürzte sich auf seinen Gegner. +</p> + +<p> +Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister +führte das Pferd heraus und sprang energisch von ihm +weg zum Knabenknäuel. +</p> + +<p> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. +Das Pferd sah sich um, stieg mit dem Hinterteil +in die Höhe und galoppierte, von der Dogge umrast, in +mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim. +</p> + +<p> +Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister +stand plötzlich in einer schwarzen Rauchwolke und +schimpfte hustend zum Dampfschlepper hinunter, es sei +verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen. +</p> + +<p> +Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam +durch den Brückenbogen. Der Wachtmeister stieß seinen +Säbel in die Scheide und sah sich barsch um. Die Brücke +war leer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich +die Lehrjungen ängstlich herum und sahen auf die Uhr. +Der Geselle war schon lange fortgegangen, die Werkstatt +war peinlich sauber aufgeräumt, die drei kleinen Drehbänke +blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können. +</p> + +<p> +Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um +die Erlaubnis zum Fortgehen zu geben. +</p> + +<p> +„Oldshatterhand“, der jüngste der Lehrlinge, stand +Wache, um die anderen benachrichtigen zu können, wenn +der Meister ankam. Interessiert holte er aus der Tasche +seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an +seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er +weiter in der Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle +heraus, aus der sich eine Pflaume und ein rundes Handspiegelchen +schälten. Die Pflaume steckte er in den Mund; +das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und +reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die +im vierten Stock aus dem Fenster sah. +</p> + +<p> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. +Der Meister, ein Mann mit gepflegtem rotem +Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, schritt durch den +Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm. +</p> + +<p> +Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, +das er schon seit einer Stunde rieb, immer wieder +mit Öl einstrich und rieb, und sah manchmal von unten +herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der Drehbänke +lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, +man hörte nur das Reiben. +</p> + +<p> +Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, +der den Kopf senkte. Die anderen Lehrbuben +standen atemlos in den Ecken. +</p> + +<p> +Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden +Zangen, Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank +um Millimeter. +</p> + +<p> +Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund +schiefgezogen, auf ihn hinunter. +</p> + +<p> +Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug. +</p> + +<p> +„Was soll denn das!“ +</p> + +<p> +„Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.“ +</p> + +<p> +„Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!“ Der +Meister hatte seinen Blick in Oldshatterhands vergrößerte +Augen eingehackt. „Was bist du?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde blutrot. +</p> + +<p> +„Was bist du!“ +</p> + +<p> +„Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.“ +</p> + +<p> +„Was reibst du denn! Schafskopf!“ schrie unvermittelt +der Meister den ältesten Lehrjungen an und biß auf seine +Unterlippe. „Geht doch zum Teufel! . . . Eselsbande!“ +</p> + +<p> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte +höhnisch. Die Jungen entfernten sich lautlos. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer +Feinbäckerei blieb er stehen, sah die Kuchen an und schloß +manchmal die Augen, um besser riechen zu können; +denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war, +stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. +Sein Vater war ein armer Mann. Und vom Schultyrannen +Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen Tritt +geraten. +</p> + +<p> +Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen +machte er sich auf den Heimweg. +</p> + +<p> +Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete +die alten Häuschen. Er hatte einen Gummimantel an. +Oldshatterhand blickte auf ihn, ging unauffällig um ihn +herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb +auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf +den Fremden zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten +Gegenwart in die Zukunft. Seine Sehnsucht ließ +ihn zum Fremden werden. +</p> + +<p> +„Bitte schön, wo ist die Domstraße?“ fragte der Fremde +einen Bürger und ging in der angezeigten Richtung fort. +</p> + +<p> +Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand +den Oberkörper hin und her, um den Fremden +so lange wie möglich sehen zu können. +</p> + +<p> +Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter +kam auf ihn zu. +</p> + +<p> +„Sie . . . Sie!“ +</p> + +<p> +Der Mann blieb stehen. +</p> + +<p> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +„Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße +ist? . . . Ich bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.“ +</p> + +<p> +Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. „Du bist +doch der Sohn vom Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! +Dir geb ich . . .“ Er hob die Hand. Oldshatterhand +wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem +Manne nach. +</p> + +<p> +Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter +ein, eine kleine, dicke Frau mit nachdenklichem Gesicht, +worin die klugen, guten Augen über Last und Sorgen +und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die +Furchen der Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der +Güte verwandeln. +</p> + +<p> +Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel +klaffte, so daß die Kleider, die der Korb barg, zu sehen +waren. „Sechs Mark waren diesmal drauf. Und siebenundzwanzig +Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . . +Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und +Ausgehgeld, bleiben mir von seinem Lohn drei Mark +für die ganze Woche. Und damit soll ich Essen für vier +Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die +Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal +nimmer leben tät.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, +was es heute abend gäbe. +</p> + +<p> +„Für’n Vater hab ich a Täuble“, sagte die Mutter +und stellte ihren Korb ab. „Er ißt’s doch so gern . . . +Ja no, er muß ja die ganze Woche hart arbeiten . . . Und +wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e bißle +helf? . . . Siehst, das ist für dich.“ Sie holte aus dem +Korb ein Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +Hand auf die Schulter. Ihr Gesicht wurde tiefrot, sie +lachte, daß ihre Schultern schütterten, und konnte sich gar +nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen überrascht +hatte. +</p> + +<p> +Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte +zwischen den beiden nahe dem Boden die Domstraße hinunter +und über die alte Brücke. +</p> + +<p> +„Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. +Sie sieht aus wie Rom.“ +</p> + +<p> +Die Mutter lachte in sich hinein. „Was bist du für +einer . . . Wie Rooom!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war elf Uhr nachts. +</p> + +<p> +Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann +der Räuberbande, Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe +Benommen, stand nackt in seiner Dachkammer +am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen. +An einem Strick, der um seine Lenden gebunden +war, hing vorne ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. +Sein weißer Körper war vom Mondlicht getroffen. Hinten +in der Kammer war tiefschwarze Nacht. +</p> + +<p> +Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere +Bruder des Hauptmanns betrieb, klang der Gesang der +Soldaten herauf: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Ich wollte sie verführen,</p> + <p class="line">Dazu hat sie kein Mut.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an +zu üben: er reckte den Brustkasten heraus, sog ihn voll +mit Luft und zog die ausgebreiteten Arme mit den Bügeleisen +kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, zog +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, +daß sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die +Unterlippe vorgeschoben, hinunter auf das Spiel seiner +Armmuskeln. +</p> + +<p> +Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür +zugeknallt, und eine Wolke Bierdunst schlug in +des Hauptmanns Kammer. +</p> + +<p> +Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. „U . . . u!“ +klang es düster, „U . . . u!“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock +und schlich, die Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die +Treppe hinunter. +</p> + +<p> +Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, +elegant auf sein dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich +fast zum Halbkreis bog: der Schreiberlehrling des Rechtsanwalts +Karfunkelstein. +</p> + +<p> +Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen +Häuschen eine enge Gasse aufwärts, die bis an den Fuß +des dunklen Schloßberges führte. Auf dem steilen Bergrasen +standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein +Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig +war die Festung von den Preußen genommen +und geschleift worden. Seitdem lag eine Kompagnie +Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des +Berges, bei einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, +die abgefeuert wurde, um Bürger und Feuerwehr +zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein +Brand ausbrach. +</p> + +<p> +Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die +Linden warfen. Es war vollkommen still. Der Schreiber +sah sich ängstlich um. „Horch . . . hörst du nichts?“ +</p> + +<p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +„Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit“, sagte +der bleiche Kapitän, sah sich auch um und zog die +Schuhe an. +</p> + +<p> +„Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man +nur keine Angst hat.“ +</p> + +<p> +„Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß +gibt’s Gummiabsätz. Das Paar nur zehn Pfennig. Da +hab ich mir fünfzehn Paar kauft.“ Sitzlings streckte +der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die Höhe. +„Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei’ wieder +zurückgetragen und hat g’sagt, die brauchet ich nit . . . +Ich trau mich gar nimmer an dem G’schäft vorbei. Als +ob man in seinem Leben nit fünfzehn Paar Gummiabsätzli +aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz unglaublich.“ +</p> + +<p> +„Das hätt ich mir nit g’fall laß.“ +</p> + +<p> +„Gott, was willst denn mach.“ Er stülpte die dicken +Negerlippen mürrisch nach außen. „No, lang dauert’s +ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham . . . Heiliger +Gott!“ +</p> + +<p> +„Mei Vater hat heut zu mir g’sagt, wenn ich noch einmal +mit Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, +könnte ich was erleben . . . Grün und blau wollt +er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz genau, daß ich +mir das nit g’fall laß.“ +</p> + +<p> +„Ja no.“ +</p> + +<p> +„Das eine weiß ich“, sprach der Schreiber hochdeutsch, +„so saudumm würde ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.“ +</p> + +<p> +„Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden +die noch machen.“ Der bleiche Kapitän erhob sich +und trat prüfend von einem Fuße auf den andern. „Es +ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir +die andern vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.“ +</p> + +<p> +„So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn +wir jetzt.“ +</p> + +<p> +„Ja, aber leis.“ +</p> + +<p> +Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene, +wuchtige Bohlentor, durch das man in die +Festung gelangt. Um diese Zeit war das Tor geschlossen. +</p> + +<p> +Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, +bis an den Rand vor, von wo aus man tief unten die +Stadt liegen sieht, hoben wie auf Kommando die Arme, +schüttelten die Fäuste, riefen: „Weh dir!“ zur Stadt hinunter +und sprangen in den Festungsgraben. +</p> + +<p> +Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten +den Schloßberg heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, +riefen: „Weh dir!“ und sprangen, den bequemen Weg +verachtend, die hohe Mauer hinunter in den Festungsgraben. +</p> + +<p> +Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, +war versammelt. +</p> + +<p> +Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst. +</p> + +<p> +Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die +alte Brücke, die Häuser und krummen Gassen von Würzburg. +Die dreißig Kirchtürme bebten im Mondlicht. Der +Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder +Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. +Die ganze alte Stadt war aus purem Silber. +</p> + +<p> +Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und +rauchten ernst die Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, +derart viel im Graben wuchs. +</p> + +<p> +Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Mondlicht saß, fiel der tiefschwarze Schlagschatten, den die +Schloßmauer warf. +</p> + +<p> +Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. +Die Räuber saßen reglos und starrten auf das Lagerfeuer, +das in ihrer Mitte flackerte. +</p> + +<p> +Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter +Straminhaussegen, auf dem „Bet’ und arbeit’, so +hilft Gott allzeit“ gestickt war. Die Worte rollten sich +zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf. +Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen. +</p> + +<p> +Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken +als Schande galt, und sprach: „In Südamerika sind die +Indianer klein, falsch und furchtsam.“ +</p> + +<p> +„Südamerika!“ sagte verächtlich der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.“ +</p> + +<p> +„Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist +nur mit einem Tau festgemacht, unterm Brückenbogen. +Im Frühjahr, wenn das Hochwasser kommt, müßten wir +halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar +Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück +den Rhein hinunter und dann zu Fuß nach Hamburg. +Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen sein!“ rief +die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten +Tante die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht +mit der Tante; denn er deklamierte, nachdem er einmal +bei einer Vereinstheatervorstellung mitgewirkt hatte, den +ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder Leichenkränze +band. „Am ewigen Meer . . . da können wir in +vierzehn Tagen sein.“ Sein Mund stand offen, rund und +schwarz wie ein Mauseloch. +</p> + +<p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +„Und dann?“ fragte der Schreiber und zog lächelnd +die Augenbrauen in die Höhe. +</p> + +<p> +„Dann! Was heißt das — dann?“ rief der bleiche Kapitän. +„Dann machen wir eben ein Segelschiff los und +segeln ganz ruhig über den großen Teich.“ +</p> + +<p> +„Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, +und die Wachen? He? Vielleicht steht sogar der Kapitän +selbst die ganze Nacht am Steuer und blickt hinaus +aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. Diese +Sachen hab ich schon oft genug gelesen.“ +</p> + +<p> +Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, +die Zähne zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam +zog er die geschwärzte Hand zurück. +</p> + +<p> +„Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer“, +rief verächtlich der Hauptmann. „Oder weißt du +nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? Das — mein +Lieber, das geht im Handumdrehen.“ +</p> + +<p> +Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. „Die +Hauptsache ist, daß sich in einer einzigen Nacht in allen +Urwäldern und Prärien des wilden Westens bei absolut +allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft verbreitet, +aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . +Auf unsere ersten Taten kommt’s an. Die müssen gewaltig +sein und furchtbar.“ +</p> + +<p> +„Die Weiber werden natürlich verschont“, schloß der +bleiche Kapitän und stülpte die Negerlippen nach außen. +</p> + +<p> +„Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin +darf auch immer eine halbe Stunde früher fortgehn“, +sagte der Schreiber. „Gestern hab ich zum erstenmal +Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur +unser Bureauvorsteher.“ +</p> + +<p> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +„Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt’s kolossale +alte Revolver. Die können wir drüben gut +brauchen.“ +</p> + +<p> +„Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?“ +</p> + +<p> +„Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man +damit trifft, der is total tot.“ +</p> + +<p> +Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die +Hand, preßte sie zur Faust — und zählte leise für sich bis +neun, schleuderte das schwarzgewordene Holz ins Feuer +zurück und erzählte gequält: „Ins Zuchthaus käme ich +noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter +gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen +von der Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen +hab. Jetzt sperren sie mich daheim jeden Tag drei Stunden +in die Holzlage . . . Ich! . . . Ich!“ Er sprang auf, +drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham +wechselten auf seinem Gesicht. „Ich halt’s nimmer aus!“ +</p> + +<p> +„Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn +wir ins Zuchthaus kämen“, sagte der Schreiber erstaunt. +</p> + +<p> +Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich +langsam nieder und blieb reglos hocken. +</p> + +<p> +„Nun ja . . . warum denn nicht.“ Der Schreiber sah +fragend im Kreise herum. +</p> + +<p> +Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde +Feuer. Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im +Mondlicht schwammen. Eine Sternschnuppe fiel in den +Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem Gedanken +nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige +Male angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: +„Die Erde ka . . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . +Kugel sein, denn wenn man immer weiter geht, müßte +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf nach unten +stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen . . . Da +habt ihr’s, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.“ +Und er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen +Himmel stand. „Der Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. +Oder wenigstens nicht viel. Die Erde ist keine Ku . . . +Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel hat sie.“ +</p> + +<p> +„Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach +Rußland, nach China, immer ist der Himmel oben“, sagte +der Schreiber und zuckte mit den Schultern. +</p> + +<p> +„Da!“ rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die +Räuber blickten empor zu ihm. „Denkt euch halt eine +Ke . . . eine Ke . . . eine Ke . . . Kegelkugel — wenn darauf +ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so groß wie der +Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, +muß er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. +Aaalso kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel +sein. Das ist doch ganz klar. Ma . . . ma . . . meint +ihr nit?“ +</p> + +<p> +„Das weiß man halt nit recht.“ +</p> + +<p> +Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen +und schwebten langsam und lautlos zu den +im Mondlicht bebenden Bergen nieder. Vom funkelnden +Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als einzige +Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und +letzten Höhe zu sitzen. +</p> + +<p> +Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in +dem die großen Augen schwarz wie heißer Asphalt glänzten. +„Ach, Unsinn ist alles, was der Mager da von einer +Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg einäschern“, +fuhr er heftig fort, „ehe wir von hier abfahren, und du +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, +so wäre das der Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der +Mitte. Aber der brennt doch nit.“ +</p> + +<p> +„Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben +auch alles so glatt ginge. Da werden einfach hundert +Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt — ich sitze nebenan +im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, +und brenne die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, +und ehe du dich versiehst, schlägt eine kirchturmhohe +Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt gleich das +Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben +ihre Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil +wir schon längst in unserm Schiff den Main hinunterfahren. +Ha!“ schloß der bleiche Kapitän und spreizte +die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen glänzten, +„da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. +Dann ginge sicher alles glatt.“ +</p> + +<p> +„Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen +Bruder aufsuchen.“ +</p> + +<p> +„No, allemal.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein +paar Jahren als Ingenieur nach Amerika gegangen war. +Der einzige Mensch, dem sich der bleiche Kapitän nicht +ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder Gelegenheit +hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel. +</p> + +<p> +Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof +zum bleichen Kapitän gesagt: „Ich komme wieder, +dann reiße ich die alte Brücke ab und baue dafür eine +hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus Eisenkonstruktion. +Da werden die Würzburgerli Maul und Augen +aufreißen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem +Amerikaner — sie sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und +wortkarg gewaltige Taten vollbringen; sie sahen ihn am +reißenden Mississippi stehen, nur mit einer Zeichenrolle in +der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt den +Finger aus — da stürzen seine siebentausend Leute sich auf +Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer +Brückenbogen im Mississippi. +</p> + +<p> +Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und +reitet durch die Wildnis zurück zu seinem Blockhaus. +</p> + +<p> +„Die Schule geht in Flammen auf“, sagte der Schreiber +und hob die Arme. „Und Lehrer Mager verbrennt +zu nichts. Hi!“ +</p> + +<p> +„Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht +gehalten. Der wird ganz einfach gefesselt und in +den Festungsgraben geschleppt. Da wird er ausgezogen +und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden +Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden +lang. Überhaupt die ganze Brandnacht durch. Aber . . . +wir lassen ihn am Leben. Wir hetzen ihn lieber nackt +durch die brennende Stadt.“ +</p> + +<p> +„Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, +um die korri . . . um die korri . . . korrigierten +Schulhefte abzuholen. Seidel hat einen A . . . A . . . +Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil so viel +Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch +nit helf tr . . . tr . . . trag dürf.“ +</p> + +<p> +„Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. +Der ist doch sein Liebling. G’schieht dir ganz recht.“ +</p> + +<p> +„Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . +Hefte trag . . . Dann weiß ich aber noch einen, de . . . +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +de . . . der gemartert werden muß. Meee . . . Meee . . . +Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!“ schrie Oldshatterhand +wütend. +</p> + +<p> +„Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur +ein paar in Würzburg“, sagte sinnend der bleiche Kapitän, +„die werden vorher durch Briefe aufgefordert, ihre +Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib und Kind +aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.“ +</p> + +<p> +„Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher +einen Brief. Der hat mich gestern abend sein Garten +gießen lassen.“ +</p> + +<p> +„Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der +liegt inmitten von Prärien und Urwäldern“, sagte die +Rote Wolke und deutete weit hinaus. +</p> + +<p> +„Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei +Pa . . . Pa . . . Papageienflügel schicken? Für ihren +H . . . Hut“, sagte Oldshatterhand. „Grü . . . grüne +vielleicht.“ +</p> + +<p> +„Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.“ +</p> + +<p> +„Die, die . . . muß einen Brief bekommen!“ rief Oldshatterhand +erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter. +</p> + +<p> +„Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja +einen Brief schreiben, ich tu’s nit“, sagte der bleiche Kapitän, +tat die drei vorgeschriebenen Züge aus der Friedenspfeife +und sagte monoton in tiefem Baß: „Falkenauge“, +reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, +stand auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner. +</p> + +<p> +Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende +Schilfrohr, während das andere gespenstisch und +interesselos nach rechts blickte. Es war ein Glasauge. +</p> + +<p> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte +geiferte dünn und schnell dazwischen, andere mit tiefen +Tönen setzten ein; der Zusammenklang währte eine Weile. +Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu schlagen: +töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe +Nachtstille. +</p> + +<p> +„Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir +jetzt den heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand +haaa . . . t ge . . . sp . . . sprochen.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab +ihm einen Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete +seine wutfunkelnden Augen auf den Schreiber. +</p> + +<p> +Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, +dunkle Gestalt, die sich lautlos reckte und schnell wieder +zusammenduckte, als ein Räuber den Kopf hob. +</p> + +<p> +„Mit Gott denn!“ rief der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig +von einem Fuße auf den anderen hüpfend, im Kreis um +das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft und monoton +dazu: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p> + <p class="line">Nang kang killewi, nang kang killewi,</p> + <p class="line">Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p> + <p class="line">Nang kang killewi wau.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel +— die Räuber standen in ihrer momentanen Stellung +still. Die Hand des bleichen Kapitäns sank, und die +Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem Graben +führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, +schlichen vor bis zum Bergrand und riefen: „Weh dir!“ +zur Stadt hinunter. +</p> + +<p> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden. +</p> + +<p> +Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, +der, gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht +in die Tiefe fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, +in deren haushohen Schlot die Räuber oben hineinsehen +konnten. +</p> + +<p> +Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, +altersmorsche Latten, die aus dem Felsenabhang hinaus +in die Luft ragten, versperrte den Weg in die königlichen +Weinberge. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück +den Felsenabhang hinunter, erfaßte die Latten, schwang +ein paarmal wie ein Kirchenglockenschwengel über der +Tiefe hin und her — und stand in den königlichen Weinbergen. +</p> + +<p> +Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle +glücklich drüben, außer Oldshatterhand, der zitternd am +Felsenabhang klebte, denn seine freie Hand reichte nicht +bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu rühren. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend +und von den anderen gehalten, über den Felsenabhang +hinaus, streckte Oldshatterhand die Hand hinüber +und riß ihn frei durch die Luft zu sich. +</p> + +<p> +Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe. +</p> + +<p> +Der Schreiber grinste: „Hohaho! Oldshatterhand.“ +</p> + +<p> +„Still!“ rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im +Kreise herum. +</p> + +<p> +Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht. +</p> + +<p> +Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der +Festung weg, bis zu den ersten Häuschen der Stadt, fiel +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +der königliche Weinberg steil ab, aus dessen Trauben der +berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel abgezogen +wird. +</p> + +<p> +„Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und +so viel zu fressen, wie er kann“, befahl der bleiche Kapitän. +„Und dann erst steckt jeder so viel Trauben ein, wie +möglich, für unsere Vorratskammer.“ +</p> + +<p> +Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen +Weinstock. +</p> + +<p> +Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden +Stadt. Die Domuhr schlug eins. +</p> + +<p> +Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten +krochen herum. Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und +horchte, atemlos vor Angst. Ohne hinzusehen, griff er +seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere in den +Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, +rutschte erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte +gegen Winnetou. „Wenn jetzt jemand kommt!“ +</p> + +<p> +Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke +hinunter, auf der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte +Menschen traumhaft taumelten, und sagte laut: „Wenn +jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß er mich +sieht.“ +</p> + +<p> +„Duck dich doch“, flüsterte Oldshatterhand entsetzt. +</p> + +<p> +„Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt“, erklang +die Stimme des bleichen Kapitäns laut von seitwärts. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, +ohne noch an etwas zu denken, hastig Trauben +vom Stock und stopfte sie in die Taschen. +</p> + +<p> +Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand +im Schatten der Festungsmauer. +</p> + +<p> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +„Mit dem Messer mußt du abschneiden“, schimpfte der +bleiche Kapitän Oldshatterhand, „sonst werden sie ja ganz +verdrückt.“ +</p> + +<p> +Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem +Messer. +</p> + +<p> +Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus — über ihm +stieg eine klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in +den Nachthimmel. Entsetzt blickten die Räuber zur Flamme +hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie zu, und die Räuber +hörten ihn sagen: „Herrgott, was ist denn das für eine +Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt +werden. Das sieht man doch von der Stadt +drunten.“ +</p> + +<p> +Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete +Winnetous Gesicht. „Und wenn sie’s sehen! +Sie sollen’s ja sehen!“ schrie er und trat in Raserei den +brennenden Weinstock nieder. +</p> + +<p> +Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. +Seine Lippen zuckten. Die Tränen schaukelten +an seinen Wimpern. +</p> + +<p> +„Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . +Wenn ihr alle genug habt“, sagte der bleiche Kapitän. +Die Domuhr schlug dunkel zwei. „Wie ein Mensch so +was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh +ich wahrhaftig nit.“ +</p> + +<p> +Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg +und gelangten, jetzt auf einem ganz ungefährlichen Weg, +den sie herwärts verachtet hatten, zurück in den Festungsgraben. +Voran der bleiche Kapitän mit einem Waschkorb +voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den +Weinberg geschmuggelt hatte. +</p> + +<p> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +„Pst! Da war gerad jemand gestanden“, flüsterte +Falkenauge. +</p> + +<p> +„Wo? . . . Wo denn!“ +</p> + +<p> +„Jetzt is er weg.“ +</p> + +<p> +„Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, +die gar nit da sind“, sagte der Schreiber. +</p> + +<p> +Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es +dem Schreiber hin und rief frohlockend: „Mach das einmal +nach!“ +</p> + +<p> +Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite. +</p> + +<p> +Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte +im Kreise herum. +</p> + +<p> +Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer +des Festungsgrabens — ein großes, schwarzes Loch wurde +sichtbar. Der Anfang eines unterirdischen Ganges. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im +Gange lag, und ging voran. Fledermäuse klebten an der +Decke, flatterten auf, prallten gegen die Räuber, und +huschten ins Freie. +</p> + +<p> +Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über +jeden Seitengang hatte der bleiche Kapitän ein Täfelchen +unter Glas angebracht und mit Druckschrift darauf geschrieben, +wohin der Gang führte. Auf einem Täfelchen +war zu lesen: +</p> + +<p class="block"> +Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, +in den Hinrichtungshof des Justizgebäudes. Vorsicht! +</p> + +<p class="noindent"> +Auf einem anderen Täfelchen stand: +</p> + +<p class="block"> +Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt +eine Stunde weit ins Nonnenkloster Himmelspforten. +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +Auf dem dritten Täfelchen: +</p> + +<p class="block"> +Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die +Mitte des Flusses, zur Wasserfalle, die von Ratten +wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten Jahrhundert +der Bischof von Würzburg falsche Priester +gestoßen, die in die Wasserfalle gerieten, bis zum +Nabel im Wasser standen und lebendigen Leibes +von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, +diesen Gang nur bei Lebensgefahr zu betreten. +</p> + +<p class="right"> +Der Hauptmann. +</p> + +<p class="noindent"> +Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu +einem weißen Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner +Mutter vom Waschseil gestohlen hatte. Das einzige, was +er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän zog den +Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen +quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den +Felsen herausgehauen, Steinbänke waren. +</p> + +<p> +Das war „das Zimmer“. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche +von der niederen Decke herunterhing, und schimpfte: „Die +ist wieder nicht geputzt worden.“ +</p> + +<p> +Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam +auf die Holzregale gelegt, die an den Mauern angebracht +waren, und auf denen schon vielerlei Vorrat aufgestapelt +lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, von den Räubern +den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit Zigaretten +untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. +Daneben lagen: ein großer, geräucherter +Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, in Reihen +geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Räubern eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, +welches Falkenauge in dem Ledergeschäft, wo er +zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, mitgenommen +hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten +zwölf Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, +die Häute an seinen Chef zu senden, zum Ersatz. +</p> + +<p> +Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, +aber täglich mit Schweinefett eingerieben, auf +daß sie nicht knarrten, wenn man in der Prärie die Rothaut +beschliche. +</p> + +<p> +Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles +darauf, vom bleichen Kapitän aus dem Keller seines +Bruders mitgenommen. Die Biergläser, sorgfältig gespült, +mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem +Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft +und mit zertrennten Kartoffelsäcken belegt. Besen und +Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen an der Mauer. +</p> + +<p> +Es herrschte musterhafte Ordnung im „Zimmer“. +</p> + +<p> +Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an +Rücken, alle Räuber-, Indianer- und Seegeschichten, die +es überhaupt gibt: Der Bayrische Hiesl oder Der Herr der +böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in zweihundertunddreizehn +gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem +Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in +ebenfalls zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. +Um sieben Millionen oder Der Schurke von Zanzibar. +Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle Indianergeschichten, +die der Herr Buchbinder Männlein, der +Meister des bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, +standen wohlgeordnet im gepreßt vollen Bücherregal. +</p> + +<p> +Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +dünnes Reclambändchen: „Die Räuber. Drama in fünf +Aufzügen von Friedrich von Schiller.“ Das Hausbuch +der Bande. +</p> + +<p> +Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, +die früher das Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe +Benommen vor Staub geschützt hatte. +</p> + +<p> +Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der +Wand. „Heimlicher Versammlungsort der Räuberbande +von Würzburg“ stand darauf. +</p> + +<p> +Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken. +</p> + +<p> +„Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren“, +sagte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen +nach außen. +</p> + +<p> +Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm +Tinte und Feder und ein Büchlein heraus. +</p> + +<p> +Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn +der Rechnungsführer an seine Schande erinnert wurde, +ein Schreiber zu sein. Was dieser jedoch mit grimmigem, +etwas leidvollem Humor ertrug. „Was bin ich? Ein +Schreiber bin ich, ein Schrieb“, sagte er, „ein Federfuchser, +hohaho!“ Und dabei errötete er stets tief. +</p> + +<p> +„Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?“ fragte er +und sah auf die Trauben. +</p> + +<p> +„Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.“ +</p> + +<p> +„Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen +Weinbergen. Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig“, +notierte der Schreiber. Und deutete auf eine +farbige Eidechse aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. +„Und diese Eidechse? . . . Gekauft?“ +</p> + +<p> +„Mitgenommen“, gab der bleiche Kapitän an. „Schreib +auf: ein Kunstwerk, in Form einer Eidechse.“ +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +„Und das da, Hauptmann?“ +</p> + +<p> +„. . . Wer hat da gelacht!“ brüllte erzürnt der bleiche +Kapitän. „. . . Wenn noch einmal einer lacht, so wird er +ausgeschlossen . . . Da wird ganz einfach ballotiert, mit +schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist er draußen. +Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht, +wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein +weißer Stallhase, lebend, gekauft beim Jud Meyerheim, +um fünfunddreißig Pfennige.“ +</p> + +<p> +Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte +mit der Oberlippe. +</p> + +<p> +Gelacht hatte die Kriechende Schlange. „Der macht +uns ja alles voll“, sagte er, fuhr aber schnell fort: „Morgen +ist ein Schnelläufer auf dem Sanderrasen. Er läuft +im Trikot.“ +</p> + +<p> +„Da wird hingegangen“, erwiderte der Hauptmann, +„wenn ihr wollt“, setzte er, noch erbost, hinzu. „Morgen +mache ich einen Käfig für ‚Das heilige Tier‘. So heißt +von heute an der Stallhase.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte +stand, stellte eine Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen +zu haben, zurück an seinen Platz. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: +„. . . Gekauft?“ +</p> + +<p> +„. . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied +Gottlieb.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen +Hecht, den die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten +aus dem neuen Sandschiff des roten Fischers geholt +hatte, und schloß das Büchlein wieder in den +Schrank. +</p> + +<p> +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den +Hahn ins Bierfaß. Das donnerte im unterirdischen +Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. Er schenkte +die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie +auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe. +</p> + +<p> +Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und +rauchten. +</p> + +<p> +„O Felli“, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums +Wort. +</p> + +<p> +„Sprich“, erwiderte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und +ist dem Erdboden gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. +Alle! Auf uns, die einzig Überlebenden, fällt +natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen ungeheure +Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier +Wochen lang hier verbergen zu können. Bis die Regierung +glaubt, wir seien mitverbrannt. Nicht der geringste +Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß +wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter +aus und erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht +. . . Und wenn wir uns dann, als Bauernweiber verkleidet, +aus dem Staub gemacht haben, sind wir verschollen +auf ewig.“ +</p> + +<p> +Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou +schwieg und lehnte sich zurück. Die Kerzenflammen +standen unbeweglich. Die bleichen Gesichter hingen wie +kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf. +</p> + +<p> +„Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!“ rief +Oldshatterhand erregt. „Oh, im wilden Westen . . . Ihr +werdet’s schon sehen . . . Wenn einer von uns in +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu heiraten, +dann soll er’s lieber gleich sagen.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem +Blick in die Ecke: „Wie du glauben kannst, daß einer von +uns so ein dreckiger Feigling ist, das versteh ich ganz einfach +nit.“ +</p> + +<p> +Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König +der Luft in die Mitte und rief: „Ich, der König der Luft, +lese jetzt vor: das hundertundsiebenundneunzigste Kapitel +aus ‚Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde‘. Da +sind wir’s letztemal stehen geblieben.“ Der König der +Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig +und ein scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er +sprang von immer höheren Mauern herunter, um seinen +Ruhm zu steigern und eines Tages die Hauptmannschaft +an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und +hatte ein Indianerprofil. +</p> + +<p> +„Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?“ +fragte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten +Knopf seines Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur +Decke und rief: „Die bleiche Gräfin!“ +</p> + +<p> +„Räuberlied!“ brüllten die anderen. +</p> + +<p> +„Also, also Räuber —, also Räuber — Räuberlied!“ rief +schnell und sich überstürzend der König der Luft und stand +im Ausfall, die Faust geballt. Der Rockknopf sprang ab, +sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht stand senkrecht. +Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen +schief zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub +er an zu singen, und die Räuber hörten zu. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> + <p class="line">„Stehlen, morden, huren, balgen,</p> + <p class="line">Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.</p> + <p class="line">Morgen hangen wir am Galgen,</p> + <p class="line">Drum laßt uns heute lustig sein.</p> + <p class="line">Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, +während das gläserne tot und interesselos in die Ecke +blickte. Der bleiche Kapitän sang gewaltsam in tiefem +Baß und sehr falsch. Und die Lippen der Kriechenden +Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht +besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts +und agierte pathetisch. Jeder der Räuber sang eine +Strophe. Zuletzt kam Oldshatterhand, der sich sehr frei +fühlte, denn beim Singen stotterte er nicht. Um über seine +Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den Zehenspitzen. +Er sang mit feiner Mädchenstimme. +</p> + +<p> +Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag +müde zusammengerollt in der Ecke, und der Kopf des schlafenden +Oldshatterhand lehnte gegen die Schulter der +Roten Wolke. +</p> + +<p> +„O Felli“, sagte müde Winnetou. +</p> + +<p> +„Sprich.“ +</p> + +<p> +„Es ist Zeit, Hauptmann.“ +</p> + +<p> +„Auf morgen denn“, sagte leise der bleiche Kapitän, +und sein Kopf sank auf die Brust. +</p> + +<p> +Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, +zündeten die Pechfackel an und stellten gähnend ihre +Rockkragen auf. +</p> + +<p> +Das Wasser im Fischkasten gluckste. +</p> + +<p> +Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +der weiße Hase, aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal +sprang und ängstlich im „Zimmer“ herumhüpfte. Mit +einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa Schlips +herunter und brüllte noch einmal seine Strophe: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Das Wehgeheul geschlagener Väter,</p> + <p class="line">Der bangen Mütter Klaggezeter,</p> + <p class="line">Das Winseln der verlaßnen Braut</p> + <p class="line">Ist Schmaus für meine Trommelhaut.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Räuber hatten das „Zimmer“ verlassen, den Verschlußstein +wieder sorgfältig eingefügt und standen auf +dem Bergrücken beisammen. +</p> + +<p> +Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das +Gras war taunaß. Auf einem Busch saß eine Amsel und +pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an einem Lindenstamm, +mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben +und huschte in einer Spirale um den Stamm herum +und hinauf ins raschelnde Laub. +</p> + +<p> +Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; +nur die dreißig Kirchtürme stachen durch den Nebel und +schwarz in den morgenklaren Himmel hinein. Im Osten +hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand. +</p> + +<p> +„Da liegt ein Hobel“, sagte Falkenauge erschrocken, +hob ihn auf, beäugte ihn ganz nahe, roch daran und zeigte +ihn still und vielsagend der Räuberrunde. +</p> + +<p> +„An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; +da war der Hobel noch nit dort gelegen.“ +</p> + +<p> +„Wie kommt er überhaupt daher.“ +</p> + +<p> +„Ein schöner Hobel ist es ja.“ +</p> + +<p> +„Was ham wir davon!“ riefen ein paar gleichzeitig. +</p> + +<p> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +„Wenn uns jemand ausspioniert hat — no, dann geht’s +uns krumm.“ +</p> + +<p> +Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder +gefahren. Die übernächtigen Augen waren fragend +und gespannt aufeinander gerichtet. +</p> + +<p> +„Dann sind wir verloren!“ rief die Rote Wolke pathetisch. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen +Rock und Weste. „Was heißt denn das . . . verloooren!“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob +die Hand. „Es wird heißen: Im Herbst des Jahres +achtzehnhundertneunundneunzig +stattete die gefürchtete Räuberbande +von Würzburg den königlichen Weinbergen ihren +Besuch ab . . . In dunkler Nacht.“ +</p> + +<p> +„Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn +wir einmal heim“, riet der bleiche Kapitän. „Den Hobel +nehm ich mit, für unsre Vorratskammer.“ +</p> + +<p> +Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen +Wegen den Schloßberg hinunter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, +wo er auf einem alten Kanapee seine Schlafstätte +hatte. Gespannt beobachtete er seine um zwei Jahre ältere +Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der +Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett +hin und her; ihre bläulichen Lippen bewegten sich, und +die schmale Hand hing bis zum Boden hinunter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für +die Schwester auf den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, +trank Milch aus dem irdenen Topf und goß Wasser nach, +genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die Augen +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise +und ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende +Kanapee nieder. +</p> + +<p> +Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden +mit faserigem, grauem Bart, dabei an, +wie er seine Sachen ordnete. Der Alte sah sich um nach +seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins +Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann. +</p> + +<p> +Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, +die Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu +werden. Wohlgemut tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte +mit dem Stöckchen in der Luft umher und sang leise: +„Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der bangen +Mütter Klaggezeter“, öffnete die Wohnungstür — +da läutete die Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, +ein Schuster, hatte sie losgebunden und wartete auf seinen +Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. Wortlos nahm +er den Schreiber in Empfang und legte ihn über. +</p> + +<p> +Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber +ruderte mit Armen und Beinen. +</p> + +<p> +Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause +durch den hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen +Lichtchen unter der in der Mauer eingelassenen Mutter +Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer gelegt, +den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an +gar nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige +Licht zu verlöschen, so daß tiefstes Dunkel um ihn her +wurde. Langsam trat er in sein Zimmer. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und +war am Blitzableiter hinaufgekrabbelt und durchs Fenster +in seine Kammer gestiegen. +</p> + +<p> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des +Kastanienbaums im Wirtschaftsgarten. +</p> + +<p> +Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst +das rote Tüchlein vor und übte noch eine Weile ernst und +sachlich mit den zwei Bügeleisen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner +schulheftblauen Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig +vorgeschoben, energisch auf die „Altrenommierte +Weinstube zu den drei Kronen“ los. Gleich darauf klang +sein Schimpfen bis auf die Straße heraus. +</p> + +<p> +Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, +einzeln, paarweise und in Reihen, gingen in +der Richtung nach der Burkarter Kirche. Die Sonne +schien. Glocken läuteten. +</p> + +<p> +Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen +Häuschen des Schusters Widerschein auf einem +Handwagen, ließ die Beine baumeln und blickte hinauf +zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen Fenstern. +Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den +Bandenpfiff: „Nieder mit der Tyrannei“, und machte +leise: „Pst“, worauf die rot- und weißgefleckte Katze, +die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, den +Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete. +</p> + +<p> +Sonst blieb alles unverändert. +</p> + +<p> +Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. „Di di di +di quiridi“, trillerte der Kanarienvogel. +</p> + +<p> +„Pst“, machte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, +zwischen den Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige +Male im Handgelenk und winkte dann heftig weg, die +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen Ausgang +heute. +</p> + +<p> +Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die +Schloßgasse, begab sich zur Bande, die vor dem Friseurlädchen +des Herrn Adam Rein versammelt war, und erstattete +Bericht. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, +ob er es wagen solle, sich rasieren zu lassen. Wenn +er gegen die Sonne stand, flimmerte ein zarter Flaum +goldig auf seiner Oberlippe. +</p> + +<p> +Entschlossen trat er ein. +</p> + +<p> +„Haarschneiden — Herr Benommen?“ +</p> + +<p> +„Nein . . . Heute nur rasieren.“ +</p> + +<p> +„Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig +Jahre lang, und noch Ihren Großvater. Und jetzt sind +Sie auch schon so weit. Ja, man wird alt“, sagte Herr +Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte Haut +des Hauptmanns gleiten. +</p> + +<p> +Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte +seine Leute unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn +der Rein nicht geschnitten habe. +</p> + +<p> +Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich +sauber gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend +gewichsten Stiefeln. Die Räuber grüßten verlegen. Herr +Vierkant legte seinen Zeigefinger an den Hutrand und +lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester +Laune. Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, +schritt er weiter. +</p> + +<p> +Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen. +</p> + +<p> +Ein schneidender Pfiff ertönte: „Nieder mit der Tyrannei“, +und heftiges Keuchen. Sein dünnes Stöckchen +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +über dem Haupte schwingend, kam der Schreiber nachgerast. +</p> + +<p> +Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das +Ladenschild war der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes +gemalt. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein +Stück Pferdewurst und betrachtete dabei die Würste im +Schaufenster. +</p> + +<p> +Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug +aus. Der Duckmäuser hörte auf zu kauen. +</p> + +<p> +„Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann“, sagte +der Schreiber. „Begreift ihr das? Sein ganzes Leben +lang von allen Menschen so verachtet sein. Ich sag euch, +das ist fast so, wie mit den Juden, die kleine Christenkinder +schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.“ +</p> + +<p> +„Der Jud Meierheim soll’s getan haben.“ +</p> + +<p> +„Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt +niemals ein Jud getan hat . . . du Rindvieh!“ +</p> + +<p> +„I . . . i hahaha!“ wieherte der König der Luft. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung. +</p> + +<p> +„Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu +sagen“, rief der Schreiber und erschrak, denn er hatte +Herrn Metzgermeister Rücken bemerkt, dessen mächtiger +Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt über dem +Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt, +blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel +und ließ das Grauen der Räuber auf sich wirken. +</p> + +<p> +„Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!“ +sagte überzeugend der Schreiber. +</p> + +<p> +Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst. +</p> + +<p> +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. +Wenn nicht Soldaten darauf exerzierten, legten die +Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen auf. Diesen +Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen. +</p> + +<p> +Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller +Menschen — ein weißes Kleid hier und da, +der Farbfleck einer Bluse. +</p> + +<p> +In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in +rotem Trikot, einen Fuß rückwärts gestellt. Mit großer +Geste rief er: „Drei Mark demjenigen aus dem hochverehrlichen +Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne +daß ich ihn überhole.“ Er hatte kurze Beine mit gewaltig +hervortretenden Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, +schwarzen Schnurrbart. +</p> + +<p> +Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand +neben dem Stuhl. Sie war des Schnelläufers Mutter +und hielt einen zerknüllten Zinnteller in der Hand. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän sah seine Leute an. +</p> + +<p> +„Hohaho! Das machst du, Hauptmann.“ +</p> + +<p> +Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes +Lächeln zuckte über sein Gesicht. +</p> + +<p> +Da trat er in den Raum. +</p> + +<p> +Und schoß gleich hundert Meter vor, während der +Schnelläufer hinter ihm hertrabte mit zur Brust hochgenommenen +Armen, daß sich die Ellbogen vor- und zurückbewegten, +gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine. +</p> + +<p> +Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen +Sprüngen vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, +angetrieben durch die begeisterten Draufrufe seiner +Bande. +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +„Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die +drei Mark!“ rief der rote Fischer. +</p> + +<p> +Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang. +</p> + +<p> +Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den +Zuschauern ihren Zinnteller gleichgültig hin und ging +gleichgültig weiter, mit stumpfen Augen, wenn man nicht +gab. +</p> + +<p> +Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, +an seinen Leuten vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, +sah sich nach seinem Rivalen um. Und war weg. +</p> + +<p> +Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann +wurde immer langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen +Tempo, holte auf und überholte, unter knallendem +Gelächter des Publikums und besessenem Draufgebrüll +der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren +Runde vollkommen erschöpft aufgab. +</p> + +<p> +Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz. +</p> + +<p> +Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne +am schwarzen Menschensaum entlang. +</p> + +<p> +Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am +Gesicht hinunter. Ohne Atem stieß er hervor: „Der +Schnelläufer hat beschummelt! Einen kleineren Kreis hat +er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.“ +</p> + +<p> +„Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.“ +</p> + +<p> +„Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.“ +</p> + +<p> +„Aber eine halbe Stunde hast du’s doch ausgehalten“, +sagte der Schreiber, mit der Uhr in der Hand. +</p> + +<p> +„No wart nur, bis er wieder einmal läuft.“ +</p> + +<p> +„Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch +gehen. Da gibt’s warmen Käsekuchen. Es ist genau +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem Backofen +raus.“ +</p> + +<p> +„Ich hab kein Geld“, sagte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Aber ich!“ rief der Schreiber. „Siebzig Pfennig. +Weil ich heut früh für mein Vater Schuh fortgetrage hab, +und da hab ich siebzig Pfennig mehr für die Reparatur +verlangt.“ +</p> + +<p> +„Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.“ +</p> + +<p> +„Er erfährt’s aber nit. O Gott, das mach ich schon +seit Jahr und Tag so. Die Kundschaft frägt mein Vater +nit, weil sie’s jetzt schon gewöhnt ist, daß bei mein Vater +die Reparaturen so teuer sind.“ +</p> + +<p> +Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein +frommer Mann, fett und bleich. +</p> + +<p> +Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage +stehen. Der Schreiber kaufte für sich und die +andern sieben Stück Käsekuchen, welche Herr Schlauch +durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte. +Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen. +</p> + +<p> +Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah +die Räuber an und sagte: „Der Kuchen schmeckt nach +Petroleum . . . Herr Schlauch, der Kuchen schmeckt ja +nach Petroleum.“ +</p> + +<p> +Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke +durchs Fenster Herrn Schlauch wieder hinein, der sich +ängstlich nach seinen weintrinkenden Gästen umsah und +entsetzt den Kuchen beroch. „Petroleum? . . . Ja, was +wär denn das.“ +</p> + +<p> +„Versuchen Sie ihn nur selber.“ +</p> + +<p> +„Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum“, +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +sagte Herr Schlauch erstaunt, weiter mit der Zunge +prüfend. +</p> + +<p> +„Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch +gleich!“ sagte der bleiche Kapitän überzeugend und verzog +das Gesicht. „Wahrscheinlich ist die Petroleumkanne +daneben gestanden.“ +</p> + +<p> +„Wa wa wa wa wa!“ schrie der Bäcker aufgeregt. +„Das gibt’s nit!“ Und schob die angebissenen Stücke auf +dem Tische herum. +</p> + +<p> +„Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum +. . . Sie müssen uns neuen Kuchen geben. Wir ham +doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt einmal den andern +Platz an.“ +</p> + +<p> +Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke +zum Fensterchen hinaus. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die +Räuber bissen in den Kuchen . . . „Wahrhaftig! der schmeckt +auch nach Petroleum“, sagte der Schreiber nach einer Weile. +</p> + +<p> +Der Bäcker wurde dunkelrot. +</p> + +<p> +„Ich schmeck nix“, sagte der König der Luft mit vollem +Munde und schluckte hastig. +</p> + +<p> +„Du bist halt ein Rindvieh“, flüsterte der Schreiber . . . +„Also, Herr Schlauch, das gibt’s doch nit, daß Käsekuchen +nach Petroleum schmecken darf . . . da müssen Sie +uns doch recht geben.“ +</p> + +<p> +Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster +hinein. Der Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, +türmte sie aufeinander und sagte endlich zu seiner +Frau: „Da, versuch du einmal den Kuchen.“ +</p> + +<p> +„Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch +nit nach Petroleum.“ +</p> + +<p> +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu. +</p> + +<p> +„Machen Sie auf!“ Der Schreiber schlug an die +Scheibe . . . „Da gehn wir ganz einfach in den Laden.“ +</p> + +<p> +„Ich nit. Mein Vater sitzt drin“, sagte Oldshatterhand +bedauernd und verschwand. +</p> + +<p> +Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in +den Laden hinein. +</p> + +<p> +„Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch +bezahlt“, begann der Schreiber. „Jesus, wenn sowas bekannt +wird!“ +</p> + +<p> +Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich +reglos, das dichte Räubergrüppchen an, während ihr +Mann sich zum Regal umwandte, die Ränder der unangeschnittenen, +großen Kuchen ratlos beroch und dabei +heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete. +</p> + +<p> +„Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten“, sagte +der Schreiber sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän drängte sich vor. „Genau betrachtet, +müssen Sie uns unser Geld zurückgeben, natürlich.“ +</p> + +<p> +Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach +der Kasse griffen, verglich der Kapitän: „Wenn mei +Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden Schwartenmagen +verkauft, muß sie’n a zurücknehm. So was ist doch ganz +klar. Ich versteh Sie wirklich nit.“ +</p> + +<p> +„Also und, also da hinten hockt er“, flüsterte plötzlich +der König der Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt +hatte. „Also und, ich geh.“ +</p> + +<p> +Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen. +</p> + +<p> +Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern +in die Erde gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +werde. Er und Winnetou mußten lange suchen, bis sie +die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand +ein streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei +herzförmige Blättchen waren, und rief: „Das ist mein +junger Zwetschgenbaum!“ +</p> + +<p> +Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene +Töpfe, zerknüllte, nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, +Gipsbrocken, stinkende Gemüseabfälle. Es war der +Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. Oldshatterhands +Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes +Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war +auch da, von Haselnußsträuchern umstanden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger +vorsichtig zur Seite und ließ es zurückschnellen. +„Es hat schon ziemlich viel Kraft.“ +</p> + +<p> +Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die +Fußsohlen gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen +in der Mitte war. +</p> + +<p> +„Wie lange braucht’s, bis was dranhängt“, sagte Winnetou +bedauernd und drückte das Stengelchen auch zur +Seite. +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah es schon als Baum: „Alles, was +er trägt, gehört mir und dir. Er wächst schnell, hier ist +der Boden gut.“ +</p> + +<p> +„Es braucht auch viel Sonne und Regen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und +wieder auf das Stengelchen; er empfand einen Druck +über dem Herzen, weil er so klein bei dem kleinen Pflänzchen +saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; seine +Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: „Wenn ich +dann einmal zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +als ein Fremder zurückkehre . . . in einem Gummimantel, +dann ist es schon ein großer Baum geworden, der gestützt +werden muß.“ +</p> + +<p> +„Wir könnten’s eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?“ +fragte Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. +Sie steckten das Streichholz zum Stengelchen in die +Erde und banden es daran fest. Aber der Druck wich nicht +aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah nachdenklich +drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, +sondern in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein +zurück. +</p> + +<p> +Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das +Pflänzchen. „Wollen wir? . . . Was meinst du? . . . Das +düngt“, sagte er und war auf einmal fröhlich. Oldshatterhand +sah Winnetou erst entsetzt an. +</p> + +<p> +„Wirklich, das düngt“, beschwichtigte Winnetou. +</p> + +<p> +„Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann’s +ihm eigentlich nit“, sagte Oldshatterhand gedankenvoll, +und ein Lächeln entstand in seinem Gesicht. +</p> + +<p> +Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie +traten zurück, und die Strahlen trafen das erzitternde +Pflänzchen. +</p> + +<p> +Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf +schwamm ein breites, verfaulendes Brett. Andere Holzstücke +benützten sie zum Abstoßen und fuhren mit dem Brett +auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, worauf +sie erhitzt nach Hause eilten. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-2"> +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Zweites Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span>as war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige +Lehrjungen hatten aus der Kneipe der Witwe +Benommen heraus über die Räuberbande gelacht, die geschlossen +vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den +Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für +verächtlich und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch +einem schon lange zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen +war. Seitdem hatten die Räuber viele Stunden +in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, betrunken +zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn +er war mit ganzer Seele dabei und immer betrunken. Die +Zusammenkünfte im „Zimmer“ wurden zum Entsetzen Oldshatterhands +nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten. +</p> + +<p> +Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der +Sonne und warteten auf den bleichen Kapitän. Winnetou +kaute nachdenklich Gras. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg +hinauf; er hatte ein schmutziges Karl May-Buch ohne +Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte er schweigend +und gespannt auf die Räuber hinunter. „Was +glaubt ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht +. . . Winnetou ist erschossen worden.“ +</p> + +<p> +„Oh, halt doch’s Maul!“ +</p> + +<p> +„Da hockt er ja“, sagte der Schreiber lachend und deutete +auf Winnetou. +</p> + +<p> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +„Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl +May-Büchern“, rief der bleiche Kapitän wütend. +</p> + +<p> +„Winnetou ist tot?“ fragte Winnetou leise. „Das ist +nicht möglich. Wie soll denn das passiert sein.“ +</p> + +<p> +„No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert +Siouxindianer gegen Winnetou allein! Er ist halt +überrascht worden, in einer Höhle, die nur einen Ausgang +hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er tödlich getroffen +worden, weil die Feigling nur immerzu in die +Höhle geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.“ +</p> + +<p> +„Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . +Wie konnt er denn in so einem Augenblick nit da sein?“ +fragte Winnetou erregt. +</p> + +<p> +Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber +waren auf den bleichen Kapitän geheftet. +</p> + +<p> +„Das ist’s ja! Der war grad gefangen. Er hat aber +schon sowas geahnt und hat sich befreit vom Marterpfahl +. . . Und dann hat er eine ganz unglaubliche Leistung +vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist er +in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer +geritten, sondern geflogen auf seinem ‚Rih‘. Und ist halt +doch grad um ein paar Augenblick zu spät kommen. In +Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou ein paar +Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous +müßt ihr les’ . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und +dann heißt’s: Hundertmal hast du mir das Leben gerettet, +mein roter Bruder Winnetou, und jetzt muß ich zu spät +kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.“ +</p> + +<p> +Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die +den wilden Westen sahen, die Höhle, in der Winnetou +verschieden war. +</p> + +<p> +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter +Siouxindianer durch die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren +— aber am äußersten Ende, da, wo Prärie und Himmel +sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, +schwarzer Punkt — schußbereit. +</p> + +<p> +„Da kann man jetzt nix mehr mach“, sagte der bleiche +Kapitän und reckte sich auf. „Aber fürchterliche Rache +hat er geschworen.“ +</p> + +<p> +„Leih mir das Buch bis morgen“, bat Winnetou. +</p> + +<p> +„Das geht auf kein Fall. Ich hab’s selber noch nit +ausgelesen“, wehrte der bleiche Kapitän ab. +</p> + +<p> +„Morgen früh geb ich dir’s wieder zurück.“ +</p> + +<p> +„Morgen früh muß ich’s ja schon abliefern, sonst muß ich +vier Pfennig mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt +du’s gleich les . . . Wir gehn jetzt in die Weinwirtschaft ‚Zum +Lochfischer‘. Kommst halt nach, wennst’s ausgelesen hast.“ +</p> + +<p> +Winnetou griff nach dem Buch. +</p> + +<p> +Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die +Sonne war untergegangen. +</p> + +<p> +Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, +die Herr Widerschein vorgeschuht hatte. Bei +dem Hause des säbelbeinigen Polizeiwachtmeisters blieb +er stehen. „Ich muß erst die Stiefel vom Wachtmeister +nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder +da . . . Geh mit“, sagte er zum König der Luft. +</p> + +<p> +„Hn!“ +</p> + +<p> +„Der frißt dich doch nit.“ +</p> + +<p> +„Also hopp! Also wenn du meinst.“ +</p> + +<p> +„Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein +paar übrig sind, bis wir nüberkommen?“ fragte der König +der Luft auf der Treppe. +</p> + +<p> +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur +Achselhöhle. „Das ist fraglich . . . Mein Lieber, wenn +Oldshatterhand einmal blutige Rache geschworen hat, +dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben +. . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer +war.“ +</p> + +<p> +„. . . Verlangst du mehr für die Stiefel?“ +</p> + +<p> +„Sei doch still.“ +</p> + +<p> +Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich’s +bequem gemacht. Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, +die meterlange Pfeife lehnte in der Kanapee-Ecke. Der +blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe +zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt +über dem Kanapee hing. +</p> + +<p> +„Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, +drei Mark neunzig kosten die Stiefel.“ +</p> + +<p> +Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben +und schnalzte nervös mit den Daumen. +</p> + +<p> +„Schon fertig?“ Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, +stieg in die lange Röhre hinein und zog und zerrte +an den Stulpen. Sein Gesicht lief blaurot an. Dabei +preßte er hervor: „Drei . . . Mark . . . neunzig?“ +</p> + +<p> +„Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.“ Der +König der Luft blickte starr vor sich hin. +</p> + +<p> +Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, +am andern den Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und +blickte prüfend zur Decke, schlenkerte das bestiefelte Bein, +beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen auf das Oberleder. +„Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen +schönen Gruß aus an deinen Vater“, sagte er und zog den +Geldbeutel. +</p> + +<p> +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +„Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag“, +sagte der Schreiber auf der Treppe. „Die fünfzig Pfennig +mehr schaden dem nix . . . Er is ja Junggesell. Der +hat sogar Geld auf der Sparkasse.“ +</p> + +<p> +„Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr +verlangt.“ +</p> + +<p> +„Was glaubst denn, da wär er drauf komme.“ +</p> + +<p> +„Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, +die Füß vom Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet +man mehr Leder.“ +</p> + +<p> +„Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen +. . . Im ganzen hab ich eine Mark siebzig dran +verdient.“ +</p> + +<p> +„Hn!“ +</p> + +<p> +„Eine Mark siebzig.“ +</p> + +<p> +„Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.“ +</p> + +<p> +„Geb halt das Geld erst später dein Vater“, drängte +der bleiche Kapitän vor dem Hause. „. . . Du mußt von +vorne anfangen, dann siehst du selber, daß eine Rettung +absolut nit möglich war“, sagte er zu Winnetou, der stehend +las. „Also, jetzt gehen wir zum ‚Lochfischer‘ . . . Komm +aber, wennst’s ausgelesen hast!“ rief er Winnetou nach, +der „Ja, ja, sicher!“ rief und weiterlesend langsam in der +Richtung seiner Wohnung ging. +</p> + +<p> +Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen +Hemd und Brust und wollte in sein Zimmer schleichen. +</p> + +<p> +Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief +streng: „Da komm mal her!“ Sie war eine hagere Frau +mit dunklen Augen. Ein silberner Christus baumelte an +ihrer Brust. +</p> + +<p> +Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +hervorstehenden Backenknochen, saß, wie immer in seiner +freien Zeit, auf dem Kanapee neben der blassen, schönen +Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf +dem Tisch. +</p> + +<p> +„Wo hast du das Buch!“ rief die Mutter. Winnetou +blickte verwirrt auf die Heiligenbilder, die an allen Wänden +hingen. +</p> + +<p> +„Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man +eintritt!“ +</p> + +<p> +Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, +tauchte die Finger ein und schlug das Kreuz. +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. +„Gelobt sei Jesus Christus.“ +</p> + +<p> +„In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein +Buch?“ fragte der Kaplan und nippte vom Likör. +</p> + +<p> +„. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . +Hochwürden verzeihen.“ Sie tastete Winnetou ab und +zog das Buch hervor. +</p> + +<p> +Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: „Oldshatterhands +Eisenfaust hatte die Rothaut getroffen. Ohne +einen Laut von sich zu geben, sank der rote Mann tot zu +Boden.“ +</p> + +<p> +Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin. +</p> + +<p> +„Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände +geben, Frau Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete +Schultinte.“ +</p> + +<p> +Frau Steinbrecher wurde blutrot. „Von wem hast du +das Buch!“ +</p> + +<p> +„Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.“ +</p> + +<p> +Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +auf die gehäkelte Decke, welche über die polierte Kommode +gebreitet war. „Morgen gehe ich mit dem Buch zu Frau +Benommen . . . Vorwärts!“ +</p> + +<p> +Winnetou sah seine Mutter entsetzt an. +</p> + +<p> +„Wird’s bald!“ +</p> + +<p> +Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade +ein Lineal aus Eichenholz und reichte es der Mutter. +Scham verdunkelte Winnetou den Blick; das Blut war +ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte. +</p> + +<p> +„Jetzt komm!“ rief die Mutter nach der Züchtigung +und führte ihn am Arm hinaus, hinauf in sein Zimmer. +Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz geworden. Plötzlich +schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos +das Zimmer. Die Tür verschloß sie. +</p> + +<p> +Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous +Schwester, die zart errötend ihm die Hand überließ. +</p> + +<p> +Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör. +</p> + +<p> +Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich +zu Entsetzen gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen +Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend die Hände +ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten. +Die Gesichtshaut spannte. +</p> + +<p> +Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der +Kaplan in fliegender Soutane hinter ihm her durch den +Klostergarten stürze, die langen Hände nach ihm ausgestreckt. +Die Mutter stand erhöht und deutete: „Dort . . . dort.“ +</p> + +<p> +Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die +Mutter war eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot +auf den Tisch und verließ, ohne gesprochen zu haben, +das Zimmer wieder. +</p> + +<p> +Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +automatisch auf. Er hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen +eingebüßt, die erst allmählich sich wieder einstellte, +in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne +etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich +gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der +Christus hatte altersgelbe Flecken und Streifen; er war +beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und +eingeregnet worden. +</p> + +<p> +Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim „Lochfischer“ +versammelten Räuber auf ihn warteten, und +blieb reglos hocken. +</p> + +<p> +Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom +Bett, trat ans Fenster und sah, daß der Kaplan Arm in +Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging. +</p> + +<p> +Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden +war, stieg aufs Fenstersims und kletterte am +Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des Hauses +bedeckte. +</p> + +<p> +Die Räuber hatten sich beim „Lochfischer“ um einen +langen Tisch herumgesetzt. +</p> + +<p> +Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß +und so niedrig, daß der rote Fischer, der eben eintrat, mit +seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene rote Stuckherz +der Mutter Gottes an der Decke streifte. +</p> + +<p> +Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, +die auf dem Schoße ihren alten Schnauz und über ihm die +gefalteten Hände liegen hatte. +</p> + +<p> +Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus +Griebe und aß bedächtig eine Portion gebackene +kleine Fische, deren Köpfchen er immer seinem Sohne, dem +Duckmäuser, auf den Teller legte. +</p> + +<p> +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf +den gleichaltrigen Duckmäuser, einen großen, kräftigen, +immer hungrigen Burschen, blond, mit Pickeln im Gesicht, +der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft, +mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. +Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete +und haßte, weil sie ihm den Namen „Duckmäuser“ +gegeben hatten. +</p> + +<p> +Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich +drei Fischköpfchen auf einmal, die sofort in des Duckmäusers +Mund verschwanden. +</p> + +<p> +Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger +Entfernung verehrte blonde Kellnerin mit den +sanften Augen stellte freundlich die frischgefüllten Weingläser +auf den Tisch und sagte singend: „Nooo, seid ihr +auch wieder einmal da.“ +</p> + +<p> +Die Räuber lächelten befangen. +</p> + +<p> +„Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee +schwimmt voll verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn +wüßt, wer mir’s Wasser so versaut.“ +</p> + +<p> +Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer +zu und zuckte verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: +„No, wo wird’s herkumme, d’r Michl läßt halt ’n ganze +Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.“ Er drückte +mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und +trat zu den Räubern. „Was wird’s sei, d’r Drääk vo d’r +Färberei is.“ +</p> + +<p> +„No, da soll aber doch weeß d’r Teufl was alles neischlag! +Läßt der Hammel sei Farbsoß wied’r ins Wasser +läff? Wied’r?“ +</p> + +<p> +„Jau“, winkte der Wirt ab, „die alte G’schicht . . . +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +Grüß Gott, meine Herrn.“ Die Hände auf die Stuhllehne +gestützt, sah er lächelnd auf die Räuber hinunter. +Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts +zum Fischer hin: „Die alte G’schicht! . . . No, Herr Vierkant, +wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang +nimmer bei mir seh lass.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. „Ich +weiß nit, wo er is.“ +</p> + +<p> +„Ein guter Tropfen“, sagte der bleiche Kapitän, +zwang sich, gleichgültig zu trinken, und stülpte die nassen +Lippen nach außen. +</p> + +<p> +Der Wirt lächelte. „No, Herr Widerschein.“ Er legte +dem Schreiber die Hand auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu +tun hat“, sagte der Schreiber sehr schnell. +</p> + +<p> +„So, so . . . No, lasse Sie sich’s nur schmeck, mitnander +. . . Gretl! ’n Herrn Widerschein sei Glas is leer“, +sagte der Wirt und ging nach hinten zu seinem Schanktisch. +</p> + +<p> +Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. +„Beim ‚Lochfischer‘ müssen wir Stammgäst werden“, +sagte der bleiche Kapitän. Alle stimmen freudig +zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein eleganter +Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er +schlug die Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den +Fischer, gegen Herrn Hieronymus Griebe, gegen den +Räubertisch und fragte: „Hören Sie mal, kann man hier +Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?“ +</p> + +<p> +Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den +Berliner an, deutete auf einen Stuhl: „No, da setze Sie +sich nur erst amal, Fisch kriege Sie dann scho, soviel Sie +brauche“, und wandte sich zurück zum Tisch. +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. +„Die hab ich ihm erst heut früh gebracht. Sohle und +Absätz aufrichten“, flüsterte er. „Der Herr kommt jedes +Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh +bei mein Vater mach.“ +</p> + +<p> +Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die +Hände in den Hüften, und betrachtete das rote Herz der +Mutter Gottes an der Decke, sah sich erstaunt um, rief +dem Wirt erfreut zu: „Enormjemütlich!“ und las laut +den gerahmten Spruch an der Wand: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Ob ich morgen leben werde,</p> + <p class="line">Weiß ich freilich nicht,</p> + <p class="line">Daß ich aber, wenn ich lebe,</p> + <p class="line">Trinken werde, das ist ganz gewiß.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf +die Nasenspitze und begann an einem roten Strumpf zu +stricken. +</p> + +<p> +Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, +der sich zwischen den Fischer und die dicke Wirtin setzte und +einen Karpfen bestellte. „Isterfrisch?“ +</p> + +<p> +„He?“ +</p> + +<p> +„Ist der Fisch frisch?“ +</p> + +<p> +„No, wenn Sie ’n so frisch in Bauch nei kriege, wie +er is, bekommt er Ihne schlecht“, sagte der Wirt und +hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen unter die +Nase. +</p> + +<p> +„Was glaubt denn deer“, sagte der Schreiber laut. +</p> + +<p> +„Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli +zu stinke“, meinte der Fischer. +</p> + +<p> +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +„Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht +tadellos da. Größter Seifenverbrauch usw.“ +</p> + +<p> +„No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir +wisse nit, was Säfe is? Säfe könne Sie bei uns in jedn +Kolonialwarelädele käff.“ +</p> + +<p> +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein +noch sehr junger Mann, der erst kürzlich von seinem verstorbenen +Vater die Glaserei geerbt hatte, und setzte sich +an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an. +„Was hat denn der Verrecker“, rief Johann Jakob Streberle +und lachte, wobei „zs-zs“-Laute ertönten und Speichel +zwischen seinen glänzenden Zahnreihen durchspritzte, +denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. „Da, schau sie +an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö +derhem gebliebe. Nit amal ’s Geld hätte mir g’habt. Besuffe +sin sie a no.“ +</p> + +<p> +Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte. +</p> + +<p> +„No, was mi angeht“, antwortete der Fischer, „i hab’s +grad so gemacht . . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne +scho ’n Arsch aushaue, wenn’s nöti is. — I glaub als, dir +hockt er halt wieder, Streberle, weil’s mit der Brautschau +Wasser war.“ +</p> + +<p> +„No, allemal!“ rief der Schreiber. +</p> + +<p> +„O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg +i, so viel i will“, sagte der Glasermeister speichelspritzend. +</p> + +<p> +Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen +waren gerötet: der Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. +Oldshatterhand klimperte leise auf der Gitarre. +„Doch! Jetzt singen wir“, flüsterte er. „Hopp!“ +</p> + +<p> +„Gretl, <em class="em">noch</em> ein Maß“, sagte der Schreiber. Sein +Gesicht glühte. +</p> + +<p> +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +„Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer“, sang das +blonde Mädchen. +</p> + +<p> +„Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die +alten Deutschen, immer noch eins. Bringen Sie den +Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung“, sagte +der Berliner. +</p> + +<p> +„O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!“ +</p> + +<p> +„Einfach weil’s Wasser war mit der Brautschau“, +sagte plötzlich der Schreiber, stand schaukelnd auf und +sang, die Melodie von „In einem kühlen Grunde“ unterlegend, +immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Johann Ja—a—kob Streeeberle,</p> + <p class="line">Johann Stre—e—berlee — — —“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen +betrunken. Der Fischer verschluckte sich vor Lachen. +Johann Jakob Streberle spritzte, gezwungen lachend, +Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch +und blickte wütend zu den Räubern hin. +</p> + +<p> +„No, jetz is aber genug“, sagte der Wirt und lächelte +vergnügt. +</p> + +<p> +Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des +Berliners. Oldshatterhand beugte sich auf die Tischplatte, +zischte verhalten: „Also hopp! . . . Los!“ Und fing +mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher +Mädchenstimme: „Nieder mit der Tyrannei!“ Worauf +die anderen sofort einsetzten, daß der Berliner seine Gabel +fallen ließ: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Hoch leb die Anarchie!</p> + <p class="line">Es lebe der Achtstundentag,</p> + <p class="line">Die Ruh, die Republik!“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den +Kopf. „Bezahle Sie doch dene Lausbube nit a no Wein, +sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham sowieso scho +genug auf’n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli“, +schloß er geheimnisvoll. +</p> + +<p> +„Was wolle denn Sie von uns“, rief der Schreiber. +</p> + +<p> +„Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon +no sehn.“ +</p> + +<p> +„Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.“ +</p> + +<p> +Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des +Schreibers. „Pst! Sei still!“ flüsterte er und duckte das +Gesicht auf die Tischplatte. „Wißt ihr, was auf dem +Hobel steht?“ +</p> + +<p> +„Auf was für’n Hobel?“ +</p> + +<p> +„Aha! Hat’s euch scho?“ rief Johann Jakob Streberle, +weil alle Räuber das Gesicht horchend auf die +Tischplatte duckten. +</p> + +<p> +„No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf’n Schloßberg +g’funde ham. J. J. St. steht darauf“, flüsterte der +bleiche Kapitän. „Der Hobel gehört dem Streberle; der +Kerl hat uns sicher nachg’schnüffelt.“ +</p> + +<p> +Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle +blickten zum Glasermeister hin. +</p> + +<p> +„Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will +aber gar nix g’sagt hab.“ +</p> + +<p> +„Sie wisse nix . . . gar nix“, sagte der Schreiber. +</p> + +<p> +„Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht +sei Maul“, flüsterte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Der Glasermeister schnellte in die Höhe. „Sooo . . . +<em class="em">ihr</em> habt mein Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!“ Er +sprang an den Räubertisch. +</p> + +<p> +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +„Wolle Sie was von uns!“ Der Schreiber war in die +Höhe gefahren. Der Schnauz kläffte. Alle Räuber standen. +</p> + +<p> +Da trat Winnetou ein. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf. +</p> + +<p> +„Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein +. . . Wissen Sie, was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion +sind Sie“, sagte Winnetou laut und setzte sich. +</p> + +<p> +Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang +dazwischen. „Ruh jetzt! . . . Macht euer Sach wo anders +aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in Ruh.“ +</p> + +<p> +„Ihr Gauner!“ Er versuchte den Wirt zur Seite zu +drängen. Hoheitsvoll sah der Wirt den Glasermeister an. +„Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort ist Ihr Platz!“ +sprach er hochdeutsch. +</p> + +<p> +„No ja, aber hat’s denn scho so was gebe. Jetzt sagen +Sie selber . . . Wir Männer — — —“ +</p> + +<p> +Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein. +</p> + +<p> +Auch die Räuber setzten sich. +</p> + +<p> +Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, +hielt es gegen das Licht und reichte es seinem Sohn, der +das leere Glas eine Weile senkrecht zwischen die zur Decke +gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr Griebe +zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit +ihm eilig die Weinstube. +</p> + +<p> +„I wer mir mei Gäst vertreib lasse.“ +</p> + +<p> +„No, jetzt sage Sie selber.“ +</p> + +<p> +„Streberle, i will gar nix wiss.“ +</p> + +<p> +„Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister +Widerschein“, fragte der Berliner den +Fischer. +</p> + +<p> +„Das is ’n Widerschein seiner.“ +</p> + +<p> +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +„Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn +Widerschein reparieren . . . Bedeutend billiger als in +Berlin.“ +</p> + +<p> +„Ja, Berliiiiiiin!“ +</p> + +<p> +„Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig +wie früher . . . Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.“ +Der Berliner nahm sein Glas in die Hand. +</p> + +<p> +„Was? . . . Erhööööhen?“ +</p> + +<p> +„Flecke auf die Absätze.“ +</p> + +<p> +„Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä +Mark und dreißig Pfennig für Sohle und Absätz. Seit +zwanzig Jahr.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber horchte gespannt. +</p> + +<p> +„Aber hörn Sie mal!“ Der Berliner stellte das Glas +zurück, ohne getrunken zu haben. „Da muß ich doch morgen +gleich einmal zum Meister gehen . . . Gleiche Preise +für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin +Reisender.“ +</p> + +<p> +„Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, +kann Fisch hab.“ +</p> + +<p> +„Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, +ich käme morgen zu ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle +Sache bei mir.“ +</p> + +<p> +Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der +nervös auf dem Stuhle herumrutschte. „Es kann sei, daß +mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil er Schuh nach +Höchberg trägt.“ +</p> + +<p> +„Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle +Arbeit — reelle Preise. Daher der Aufschwung. Das ist +auch meine Weltanschauung.“ +</p> + +<p> +„Ja no, das Solide is no alleweil das beste.“ +</p> + +<p> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +„I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln“, +sagte Johann Jakob Streberle und erhob sich. +</p> + +<p> +„’n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge +lass. Wir müsse doch rauskrieg, was er vor hat“, sagte +der bleiche Kapitän, als der Glasermeister gegangen war. +</p> + +<p> +„Solide — reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung +zur Folge, seit dem Kriege siebzig/einundsiebzig.“ +</p> + +<p> +„Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor +Paris . . . Wir sind in einem Dorf gelege — —“ +</p> + +<p> +„Hör’n Sie mal!“ unterbrach der Berliner: „Die +Preußen — — — — —“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede +Feuer auf der Esse lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, +der unverhofft eine dringende Reparatur hatte ausführen +müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in +den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene +Schreiber lallte: „Mir ist jetzt alles gleich“, trat auf den +Schmied zu, starrte ihm in die Augen und rief streng: +„Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen Sonntag +zu arbeiten!“ +</p> + +<p> +„Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine“, rief erbost +der Schmied. +</p> + +<p> +„Hau mal her!“ +</p> + +<p> +Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter. +</p> + +<p> +„Hau no mal her!!“ +</p> + +<p> +Er hieb ihm wieder eine herunter. +</p> + +<p> +„Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!“ +</p> + +<p> +Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche +Maulschelle und ging in seine Werkstatt zurück. +</p> + +<p> +Die Räuber gingen die Straße vor bis zum „Spitäle“. +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +Alle waren etwas angetrunken, bis auf Winnetou, der +einige Schritte seitwärts nachdenklich nebenher ging. +</p> + +<p> +Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen +ihre Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war +gegen zehn Uhr. +</p> + +<p> +„Ich hab’s euch ja g’sagt, es war ein Mann dagestanden. +Ich hab’n genau g’sehn.“ Falkenauge drehte sich aufgeregt +im Kreis der Räuber herum und deutete zur +Festung. +</p> + +<p> +„Hast halt auch amal was g’sehn“, sagte der ernüchterte +Schreiber. +</p> + +<p> +„Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!“ +rief der bleiche Kapitän. „Ich werde dem Streberle sagen: +wenn Sie’s Maul halte, kriege Sie Ihren Hobel +wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . . +ich weiß ja gar nit, was da wär.“ +</p> + +<p> +Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg +hinaufgingen, wuchsen die Sandsteinheiligen der Brücke +und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel, bis zuletzt +die ganze Stadt vor ihnen lag. +</p> + +<p> +„Wollen wir nicht lieber ins ‚Zimmer‘“, fragte Oldshatterhand. +„Wir zünden die zwölf Kerzen an, das ist +doch schöner.“ +</p> + +<p> +„Hohaho!“ rief der Schreiber. „Oldshatterhand hat +Angst, in die Wirtschaft zu gehen.“ +</p> + +<p> +„Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern +zu tun?“ +</p> + +<p> +„Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?“ +</p> + +<p> +„Kerzen? — Kerzen haben was mit Indianern zu tun.“ +</p> + +<p> +„Also der spinnt!“ Der König der Luft, der beim Fortgehen +in der Küche den Knochen einer Kalbshaxe +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian hinauf und +gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal +ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht +ekstatisch himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die +Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm streckte der heilige +Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände gegen +den Knochen aus. +</p> + +<p> +Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf +das Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht +darauf zu laufen; die Räuber folgten seinem Beispiel: +mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle +Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die +ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe +und sprangen wieder auf das Pflaster. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich +um zur Festung. Plötzlich schwang auch er sich auf das +Geländer, schloß die Augen — und rannte los, im Galopp. +Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber geduckt, +sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand +würde in die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu +geben, bis Oldshatterhand bei ihnen angelangt war und +herunter in Sicherheit sprang. +</p> + +<p> +Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand +vom Tode zurück zu ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands +Innern drohte auch jetzt noch, da die Gefahr +schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon +öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen. +</p> + +<p> +Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von +Schauern begleitete Ergriffenheit. +</p> + +<p> +Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer +Mitte. +</p> + +<p> +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet +und verkehrten seit Jahren nicht mit ihnen. Sie waren +eine kompakte Masse, mit der Streit anzufangen ein Knabe +sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig, zu +einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen +hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande +erfahren oder mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte +die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen, als +sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb +hatten die Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen +untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied den +Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, +frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten +Vereinigung. +</p> + +<p> +Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben +war, und warteten beim Vierröhrenbrunnen +auf ihn. +</p> + +<p> +Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem +Heiligen und starrte zum Fluß hinunter; im fließenden +Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie sie ihn +vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den +Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und +auf den Kaplan zu stürzen. Er preßte die Fäuste an die +Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers Geländer, +die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte +er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück +und schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. +Langsam ging er den Räubern nach. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst +zum Stadttheater gehen und die Rote Wolke abholen müsse, +der als Statist mitwirkte in „Wilhelm Tell“, und schloß +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +ärgerlich: „Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß +man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.“ +</p> + +<p> +Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten +auf die erregt Gestikulierenden und auf die vor Erregung +stillen jungen Leute, die aus dem Hauptausgang strömten, +und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in die +einzige Droschke stieg. +</p> + +<p> +Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke +und blieb zurückweichend stehen. „Und frei erklär ich alle +meine Knechte!“ rief er und breitete die Arme aus. +„. . . Vorhang.“ Sein Mund blieb offen, rund und +schwarz. +</p> + +<p> +„Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns +verrat.“ Alle redeten auf ihn ein. +</p> + +<p> +„Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie’s treiben!“ +</p> + +<p> +„Was ist ohne Beispiel?“ +</p> + +<p> +„Wie sie’s treiben!“ +</p> + +<p> +„Jetzt halt doch’s Maul!“ +</p> + +<p> +„Theater! Theater! . . . Diese Pracht!“ +</p> + +<p> +„Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, +was uns retten kann.“ +</p> + +<p> +„Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig +hab ich kriegt . . . Aufruhr! Mut! Freiheit!“ +</p> + +<p> +„Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. +Wir müssen nur zusammenhalten.“ +</p> + +<p> +„Wir halten zusammen!“ rief die Rote Wolke begeistert. +</p> + +<p> +Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen +bereit, als sie in dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, +dem „Eckertsgärtle“, anlangten, was gleich +dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für +alle zusammen eine „Liesl“ Bier bestellte, einen hohen +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +Krug, der zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe +<em class="em">einer</em> Hand zu trinken die Ehre verlangte. +</p> + +<p> +Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert +und lächelte manchmal schadenfroh, während er +mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er sagte, er solle +die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein +Spiel zustande käme. +</p> + +<p> +Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die +bei Beginn des Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, +griffen sie gleichgültig immer nach der schwersten und +größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem +Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden +Schlange zuflüsterte: „Ich muß einen Preis holen. +Einen muß ich holen. Vielleicht den ersten!“ Er hatte +seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt. +</p> + +<p> +„Der andere kommt!“ rief der Glasermeister der Kriechenden +Schlange zu. +</p> + +<p> +„Das brauche Sie doch bloß zu sagen.“ +</p> + +<p> +„Ich hab’s ja g’sagt.“ +</p> + +<p> +Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe +Kniebeuge nieder, rief: „Weg da! Weg da! Weg da!“ +auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit den +Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, +schleuderte sie hinaus — und schoß in die Höhe auf die +Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem +Mund rief er jedesmal: „Die Dreckbahn fällt +nach links ab“, wenn er nichts getroffen hatte. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit <em class="em">einer</em> +Hand aus dem Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister +hin in tiefem Baß und jagte die Kugel hinaus. Johann +Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen +glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch. +</p> + +<p> +Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen +und der Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand +die Rattenfalle geschenkt hatte, waren von der innigen, +begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen führenden +Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös +geworden. Sie schimpften, wenn Falkenauge immer +wieder das Anschubbrett absuchte, ein Sandkörnchen davon +aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf +den Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger +gespreizt, in höchster Spannung jede Drehung der +Kugel mitzumachen schien, wobei sein weitaufgerissenes +Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge interesselos +und tot irgendeinen Mitspieler ansah. +</p> + +<p> +Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten +Preise heran; die Begeisterung wuchs, und die geröteten +Gesichter zuckten in dem von Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch +erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit +Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen. +Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf +den Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, +um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke. +</p> + +<p> +Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann +Jakob Streberle, den Soldaten und vom Schmied Gottlieb +für ungültig, dagegen von den Räubern unter empörten +Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig +Pfennige, rief dem Schmied erregt zu: „Sie lügen ganz +einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie Lügenbeutel!“ +</p> + +<p> +Und während Johann Jakob Streberle durch einen +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +wohlgezielten Schub mit einer nur faustgroßen Kugel +sich den ersten Preis sicherte und damit das Spiel beendete, +griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, +vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken +und ein ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand +— die Räuberbande stürzte auf den Schmied, +und die Soldaten auf die Räuber. Der Wirt und sein +Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im +Menschenknäuel. +</p> + +<p> +Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie — Scherben. Der +Schreiber wankte. Falkenauge griff sich ins Gesicht — +und griff ins Loch; durch einen Faustschlag, zum Glück +nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes Auge +herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn +hinaus. +</p> + +<p> +Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend +auf ihn ein. Die Bande flüchtete. Oldshatterhand, +mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom Schmied +Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume +des Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich +durch die Tür huschen, hinaus zu seinen wartenden Kameraden. +</p> + +<p> +Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos +auf dem Stuhle sitzen geblieben. Und als er die verblüfften +Blicke der Zurückgebliebenen auf sich gerichtet +sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern. +</p> + +<p> +Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann +trat aus dem Garten und ging in der entgegengesetzten +Richtung fort, worauf sich die Räuber wieder vor +der Gartentür einfanden. +</p> + +<p> +Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +Mark gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen +Kapitäns auf dem Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine +stumme Bedauern um das Plüschhütchen verwandelte +sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich +erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen. +</p> + +<p> +„Bring auch mein Auge mit“, bat Falkenauge. +</p> + +<p> +Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, +ging der Schreiber langsam durch den Garten, hinein in +die Kegelbahn — und wurde schrecklich zugerichtet. Nur +auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen, +ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen, +und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, +traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf +zur neuen Brücke, während die andern noch in den +Garten hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten. +</p> + +<p> +Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, +und die Räuber verschwanden. +</p> + +<p> +Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit +dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und den Kopf +auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem Munde +heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte +Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag +neben ihm; des Schreibers Hand ruhte darauf. +</p> + +<p> +„Und unser Preis ham wir auch nit“, sagte der bleiche +Kapitän. +</p> + +<p> +Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. „Nur +fünfzig Pfennig übern Preis . . . Deshalb braucht doch +des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe. Ich kann’s +ihm ja zurückgeb, wenn er’s will.“ +</p> + +<p> +„Hättst dei Maul nit so gewetzt“, rief der König der +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Luft Oldshatterhand zu, „dann hätten wir jetzt unser +Preis.“ +</p> + +<p> +„Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!“ +</p> + +<p> +„Darauf kommt’s ganz allein an“, sagte der Schreiber +mit dunkler Stimme, stand mühsam auf und spuckte blutigen +Speichel hinunter in den Main. „Der Schub war +gültig.“ +</p> + +<p> +„Und das ist die Hauptsache!“ rief der bleiche Kapitän. +„Das wär noch schöner, wenn wir uns von diesen +Kommißbrotfressern was g’fall ließeten. Wenn doch der +Schub gültig war.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und +sagte unheilvoll: „Der Trainsoldat war’s.“ +</p> + +<p> +Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, +seinen Leuten das Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, +indem er den Wachtposten kalt und gemessen fragte: +„Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?“ +und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof +eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben +hatte, erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, +mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der +Witwe Benommen. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Horch, wer zieht so still und leise</p> + <p class="line">Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.</p> + <p class="line">Ach, es sind die armen Briten,</p> + <p class="line">Die so manchen Stoß erlitten.</p> + <p class="line">Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.</p> + <p class="line">Plötzlich bleibt die Truppe stehen,</p> + <p class="line">Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.</p> +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> + <p class="line">Seht sie kämpfen, seht sie streiten,</p> + <p class="line">Durch des Feindes Mitte reiten</p> + <p class="line">Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, +aus der Kneipe. +</p> + +<p> +„Leih mir zwölf Pfennig“, bat Oldshatterhand den +bleichen Kapitän. +</p> + +<p> +„Ich hab ja selber nimmer genug.“ Er lieh ihm aber +sogar vierzehn Pfennige und sagte: „Die zwei gibst +Trinkgeld.“ +</p> + +<p> +In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die +Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand +ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter +kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den +Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die +Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals +Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den +Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar +des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der +Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. +Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen. +Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler +für die Buren wach und machte während des +ganzen Krieges ein gutes Geschäft. +</p> + +<p> +Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie +immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden +Tisch herum, neben der Schenke. +</p> + +<p> +In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das +blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf +den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge +saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag +blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen +über ihm an der Wand spielte, viele Töne +auslassend: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Sah’ ein Knab ein Röslein stehn — — —</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, +ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, +roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren, +stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, +neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte +jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines +jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen +Augen, während die Witwe Benommen, klein und +zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht, +die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und +verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin +beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus +den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte +Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er +sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die +Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt +hatte. +</p> + +<p> +Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, +bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der +seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm +weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen +den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und +mit dem Finger zur Türe wies: „In meiner Wirtschaft +wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!“ +</p> + +<p> +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete +diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene. +</p> + +<p> +Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der +Kellnerin zu: „Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß, +wo Sie hingehören.“ +</p> + +<p> +Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das +Lachen. Sie gab dem Gast auf dessen Mark heraus und +nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen, wobei ein +unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte. +</p> + +<p> +Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten +Gartenmauer, klebten drei niedere Häuschen aneinander, +über deren Haustüren metergroße, schwarze Nummern +gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz +kleine, altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. +Trat man aber ein — da war alles rosa. Und starkes +Parfüm und Frauenlachen schlug einem entgegen. Das +war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der +Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz +plötzlich waren die ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen +Neueinrichtung beschenkt worden, worauf ein +hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln herunter +entbrannt war und die Bewohner der vorderen +Fischergasse sich empört gegen die Schande gewehrt und +von den Stadtvätern einen anderen Namen für ihre Gasse +verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker +Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen +ebenso plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und +danach standen die Häuschen leer, denn es fand sich kein +Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem Vierteljahr +wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten +wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie +jemand haben. +</p> + +<p> +Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von +rosa Ampeln beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen +saß bei den für die Buren begeisterten Sandschöpfern +und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, +trank und sog den Schaum von der Oberlippe wie ein +schnurrbärtiger Alter. „Gott, daran kann ja gar kein +Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.“ +</p> + +<p> +„Wo das Recht ist, ist der Sieg“, sagte die Rote Wolke +und hob die Hand. +</p> + +<p> +Der Schreiber sagte ernst: „Ex!“ trank sein Glas leer +und reichte es gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln +über das sachliche Gebaren der Räuber nicht unterdrücken +konnte. +</p> + +<p> +Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an +der Kellnerin zu äußern, stand beim Wirt und legte ihm +die Hand auf die Schulter. +</p> + +<p> +„In meiner Wirtschaft gibt’s das einfach nit“, sagte +unwirsch der Wirt und schnitt ein Stück Schwartenmagen +ab. +</p> + +<p> +„Ja, in <em class="em">deiner</em> Wirtschaft“, sagte die Witwe Benommen +hämisch. „Was willst du denn, wenn sich das +schlampige Menschle doch von jed’n rumschmier läßt.“ +</p> + +<p> +„Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft +nit. Aber kurz und klein schlag ich dir alles, wennst +jetzt nit Ruh gibst.“ +</p> + +<p> +Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte +sich nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +„Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh +tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der +Schenk.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, +in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen +die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete. +</p> + +<p> +Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen +auf. „Das ist er!“ Alle Räuber wandten sich nach dem +Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte. +„Der war’s“, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein +blutiges Vorhemd. +</p> + +<p> +Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein +schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: +„Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine +Freunde auf den Tisch. Ja.“ Er hielt sich zu den vorurteilslosen +Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, +auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen +Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und +tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug. +</p> + +<p> +Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der +zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen +Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen, +aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das +Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er +den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform +öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar +wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und +rief: „Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. +Gsuffa! Ja.“ Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, +reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen +Bart entlang. +</p> + +<p> +Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens +gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und +seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht. +Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie +ausüben. +</p> + +<p> +Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch +konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen +nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu +ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen +zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren +Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu +verscherzen wünschten. +</p> + +<p> +„Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!“ rief der +Schreiber plötzlich der Kellnerin zu. +</p> + +<p> +„Kannst sie denn bezahl?“ fragte erstaunt der bleiche +Kapitän. +</p> + +<p> +„Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich +jetzt sowieso scho angerissen.“ +</p> + +<p> +„Mein Lieber, was machst denn da jetzt?“ +</p> + +<p> +„Ich geh halt heim . . . und halt’s aus. Da kann man +jetzt nix mehr mach . . . Wenn nur wenigstens den Berliner +der Teufel holet.“ +</p> + +<p> +Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke +neben ihrem Sohn. +</p> + +<p> +Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten +geheftet, und als er die Hand der schönen Kellnerin streichelte, +stülpte der bleiche Kapitän drohend die Lippen nach +außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick +auf das Mädchen, eine Biermarke auf den +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Schanktisch schmiß, und die Witwe Benommen hämisch das Gesicht +verzog. +</p> + +<p> +Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk +in Gang. Es rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal +und begann, aus Altersschwäche manche Worte +unterschlagend, zu spielen: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.</p> + <p class="line">Sie flohen heimlich von Hause fort,</p> + <p class="line">Es wußt’s weder Vater noch Mutter.</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als +säßen sie in einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin +stand wider die Mauer gelehnt und blickte in unbegreiflicher +Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem +Rasseln fortfuhr: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Sie sind gewandert hin und her,</p> + <p class="line">Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,</p> + <p class="line">Sie sind verdorben, gestorben.</p> +</div> + +<p class="noindent"> +„In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst +du’s nit? Und trink e Gläsle Wein dazu. Das tut dir +doch gut“, sagte der Wirt zu seiner Mutter. +</p> + +<p> +Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: +„Das war von Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen +mir ans Herze . . . Meine Mutter hat’s auch immer gesungen, +als ich noch ’n kleener Junge war.“ +</p> + +<p> +„Der kann leicht sei Maul vollnehm“, sagte der +Schreiber und beugte sich zu den Räubern. „Wenn man +eine Million verdient im Jahr.“ +</p> + +<p> +„So viel wird’s aber vielleicht nit sein. Überhaupt, +wie ist denn das eigentlich, dahinten in der Fischergaß?“ +</p> + +<p> +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +„So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die +Fischergaß.“ +</p> + +<p> +Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. +Manchmal wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht, +das ganz von Ruß und Tränen verschmiert war. +</p> + +<p> +Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter +Stirne und böse blickenden Augen, in die Wirtsstube +und hob die Hände: „Daa bist du? Dei Frau heult +sich daheim die Augen aus.“ +</p> + +<p> +Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend +immerzu: „Mei eigener Bruder! Mei eigener Bruder!“ +</p> + +<p> +„Es is nit wahr“, sagte der Eingetretene. „Also, +wenn i dir sag. I bin doch dei Bruder.“ +</p> + +<p> +„Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat’s mir ja +selber ei’g’stande. Gestern die ganze Nacht warst du bei +ihr!“ brüllte der Kohlenführer plötzlich laut. +</p> + +<p> +Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, +erschrocken auf seinen Bruder: „Also, wenn i dir +sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit mein eigene +Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. +Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch +nit von mir . . . Mit der eigene Schwägerin.“ +</p> + +<p> +Der Kohlenführer hob den Kopf. „Du sagst, es is +nit wahr?“ +</p> + +<p> +„Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i +dir sag! . . . Mir trinke a Maß Bier mitnander“, schloß +beruhigend der Sandschöpfer. „Lone! a Maß Bier für +mich und mein Bruder.“ +</p> + +<p> +Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und +die erleichterten Brüder sangen kräftig mit: +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> + <p class="line">„Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,</p> + <p class="line">Denn sie fechten toll und kühn — — —“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Alte war schlafen gegangen. +</p> + +<p> +„Setze Sie sich und esse Sie was“, sagte der Wirt zu +seiner Kellnerin und lächelte. +</p> + +<p> +Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging +fort. +</p> + +<p> +„Jetzt!“ rief der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und +stürmten zur Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde +und bleich, als Letzter. +</p> + +<p> +Vor dem „Spitäle“ stand der Soldat, summte: „Als +die Römer frech geworden“, und stieß dazu mit seinem +langen Säbel den Takt aufs Pflaster. +</p> + +<p> +Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der +Brücke standen dunkel gegen den Himmel. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, +ging allein auf den Soldaten zu und sagte: „Sie +sind doch der . . . von der Kegelbahn! He? . . . Zu fünft +über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?“ +</p> + +<p> +Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels. +</p> + +<p> +„Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im +Guten.“ Und plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns +nach dem Griff; er riß den Säbel aus der Scheide +und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem +Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den +dunklen Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß +die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen +hatte, schon weg war. +</p> + +<p> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne. +</p> + +<p> +Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den +unterirdischen Gang ins „Zimmer“ und brachten den +Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem verblieben +ist. +</p> + +<p> +„Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika +sein können“, sagte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei +der letzten Linde stehen, wo ihre Wege sich trennten. +</p> + +<p> +Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden +Winnetou stand frierend und grünbleich Oldshatterhand. +„Was hat das alles, was wir heut gemacht ham, eigentlich +für einen Wert“, sagte er, und rief, plötzlich zornig, +weil er den Widerstand der Räuber fühlte: „Für uns hat +das gar keinen Wert! sag ich . . . Für uns nit!“ +</p> + +<p> +„No und der Säbel?“ +</p> + +<p> +„Ich geh jetzt heim“, sagte der Schreiber. „Es is einfacher, +wenn ich gleich heim geh.“ +</p> + +<p> +Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand +in der Schloßgasse. +</p> + +<p> +Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. +Langsam stieg er den Schloßberg wieder hinauf, ging +unter Grauenschauern durch den sammetschwarzen unterirdischen +Gang ins „Zimmer“ und zündete eine Kerze an. +</p> + +<p> +Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah +den Kaplan und die Schwester auf dem Kanapee, die +Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die Lippen zu +einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer +die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen +ins Haus gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter +jammernd über seine Leiche fiel, und sagte plötzlich +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +haßerfüllt: „So, da hast du’s jetzt. Geschieht dir ganz +recht. Ganz recht.“ Schleichend näherte er sich der Glasvitrine +und blickte auf den alten Revolver, der durch die +Brechungen des runden Glases verdreifacht unter der Vitrine +lag. +</p> + +<p> +Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt +und rostig, vor ihm. +</p> + +<p> +Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver +geladen war, setzte die Mündung auf die Mitte seiner +Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor er abdrückte, +das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in +seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er +mitten durch die Mutter schießen würde. „Hopp!“ schrie +er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou stürzte +zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte +Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter +strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am +ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte +und wand sich; der Mund biß in den Boden. +</p> + +<p> +Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen +„Zimmer“ und atmete keuchend mit offenem Munde +den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und schlief +augenblicklich ein. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-3"> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +Drittes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span>pätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den +Schloßberglinden und Dachziegel von den Häusern, +wovon einer dem Spenglermeister Herrn Hieronymus +Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen +lang seinen Arm nicht heben konnte. +</p> + +<p> +Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. +Wagen, mit dickbauchigen Fässern beladen, schwankten +durch die Gassen, standen vor den Weinstuben; schwarze +Schläuche liefen davon weg in die Keller, und die geschmückten +Pferde stampften und pusteten die Streu aus +den vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. +Die ganze Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem +berühmt gewordene Achtzehnhundertneunundneunziger +war heimgebracht worden. Angetrunkene torkelten durch +die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war schwärzlich +angelaufen. +</p> + +<p> +Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig +versammelt, saßen auf der Anklagebank. +</p> + +<p> +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen +des Raubzuges in die königlichen Weinberge Anzeige +bei der Staatsanwaltschaft erstattet. +</p> + +<p> +Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann +sträubte sich sein inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, +und speichelspritzend lachte er: „Dene Früchtli +ham mir’s amal besorgt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des +Staatsanwalts Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon +überzeugt, daß es sehr erschwert, ja lebensgefährlich +war, um den Diebabhalter herum in die königlichen Weinberge +zu gelangen. +</p> + +<p> +Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit +hinter der Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm +gegenüber der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein +— des Schreibers Chef —, alle in schwarzen Talaren. Neben +Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die +Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht +gedrängt, die Zuschauer; darunter die erregten Väter +ihrer Söhne. Ganz im Vordergrunde, die dürren Hände +vor dem Bauch gefaltet, mit müden Augenlidern, den +Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe Benommen +und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und +neben ihr, die Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß +sich kleine Apfelbäckchen bildeten, saß kerzengerade Herr +Lehrer Mager. +</p> + +<p> +Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart +und geröteter starker Nase, blickte schon eine +Weile unverwandt mit seinen guten Augen streng von +einem Räuber zum andern. „Oskar Benommen, du sollst +ja der Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. +Erzähle uns jetzt, wie war die Sache.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. „Der da, +der kleine Vierkant, Herr Richter, der ist der Verführer +von meinem Sohn. So klein er ist, so frech und verdorben +ist er . . . der Teufel.“ +</p> + +<p> +Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. +Und während Oldshatterhand, bleich geworden, auf der +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +Bank herumrutschte, brüllte der Richter: „Das Maul gehalten! +Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf und +rede.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. +Das war alles. Es war still. +</p> + +<p> +„Den Kopf reißen wir dir nicht herunter“, lenkte der +Richter ein. +</p> + +<p> +Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen +Finger an den senkrecht hängenden Armen und sagte, +nicht im Baß, sondern mit seiner natürlichen, sehr hohen +Stimme und sehr schnell: „Ja also, wir war’n halt droben +in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen +und da hat’s zwölf Uhr geschlagen und da sind +wir in den Weinberg und ham unsere Trauben gegessen +. . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, und später +sind wir heimgegangen.“ +</p> + +<p> +„Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser +Weinberg! Unser! Unser! Unser! . . . Nun, und wo sind +denn die paar Trauben hingekommen? die ihr noch mitgenommen +habt.“ +</p> + +<p> +„Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.“ +</p> + +<p> +Im Zuschauerraum war es ganz still. +</p> + +<p> +„Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen +Bank heruntergleiten und ging ganz langsam bis knapp +vor das Richterpult. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf +ihn, den Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die +Hand dargereicht, zum Richter in die Höhe, sagte fein und +leise: „Zuletzt waren keine Trauben mehr da“, und schrak +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: „Kleiner +Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten +gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg +geboren ist! Und ihr Gauner stehlt ihm seine Trauben! +. . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem König seine +Trauben.“ +</p> + +<p> +Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt +getroffen. Die Lippen zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: +„Ich wachse noch!“ +</p> + +<p> +Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. „Setze dich. +Und merke dir das, wenn du den Prinzregenten kennen +würdest, dann würdest du seinen Weinberg in Ruhe +lassen.“ +</p> + +<p> +„Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal +einen Blumenstrauß gegeben hab. Damals, wie die neue +Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab ja sogar meinen +Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.“ +</p> + +<p> +„Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben +stehlen? . . . Jetzt hört mich einmal an. Wenn ihr nicht +gesteht, wo ihr die Trauben versteckt habt, sperre ich euch +ein, bis ihr alt und grau seid . . . Hans Lux! Wo sind +die Trauben hingekommen.“ +</p> + +<p> +Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht +vor; der König der Luft mahlte mit den Zähnen und +schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine Fäuste fest +an die Schenkel angepreßt blieben. +</p> + +<p> +„Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem +Weinberg zurückgestiegen, und . . .?“ +</p> + +<p> +„Und ham sie gegessen“, flüchtete der König der Luft +eilig über die Traubenaffäre weg und fuhr fort: „Also, +aber also und, dann wollte ich das +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +hundertsiebenundneunzigste +Kapitel aus ‚Die bleiche Gräfin oder Der Mord im +Walde‘ vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, +Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.“ +</p> + +<p> +„Was ist das? Oldshatterhand?“ +</p> + +<p> +„No, Michl, also Michl Vierkant.“ +</p> + +<p> +„Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?“ +</p> + +<p> +„Also no! also natürlich, ‚Stehlen, morden, huren, balgen, +heißt für uns nur die Zeit zerstreun, morgen hängen +wir am Galgen‘ — — —“ +</p> + +<p> +„Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?“ +</p> + +<p> +„Ja. Von Friedrich von Schiller.“ +</p> + +<p> +„Nun, und dann?“ +</p> + +<p> +„Hn?“ +</p> + +<p> +„Was habt ihr dann gemacht?“ +</p> + +<p> +„Dann haben wir registriert.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ +</p> + +<p> +„Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham +wir registriert.“ +</p> + +<p> +„Was habt ihr registriert?“ +</p> + +<p> +„. . . Also halt so. Also und alles.“ +</p> + +<p> +„Zum Teufel, also was denn!“ +</p> + +<p> +„Also halt einen Stallhasen.“ +</p> + +<p> +„Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?“ +</p> + +<p> +„. . . Gekauft! lebendig.“ +</p> + +<p> +„Und was war weiter?“ +</p> + +<p> +„Hell war’s!“ +</p> + +<p> +„Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?“ +</p> + +<p> +„Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich +gange.“ +</p> + +<p> +„Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. +Der König der Luft hatte gelächelt. „Nein, also und, sie +hat mich ja nit g’hört. Also weil sie taub is.“ +</p> + +<p> +„Was?“ +</p> + +<p> +„Taub.“ +</p> + +<p> +„Georg Bang!“ +</p> + +<p> +Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der +Roten Wolke zu: „Also das glaubt er nit, daß sie taub is.“ +Der Roten Wolke Mund stand empört offen. +</p> + +<p> +„Georg Bang!“ +</p> + +<p> +Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der +Schule her gewöhnt war. Sein neues Glasauge glänzte +in reinstem Weiß und Kobaltblau, während sein natürliches +graubraun war. +</p> + +<p> +„Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen +für Herrn Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt +frei zum Richterpult. +</p> + +<p> +„Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben +in der Volksschule. Vielleicht können Sie uns eine Handhabe +geben, wie etwas aus ihnen herauszubringen ist.“ +</p> + +<p> +Herr Mager stand wie ein Spazierstock. „Vorerst muß +ich bemerken, Herr Amtsrichter, daß ich diese Buben auch +jetzt noch abends in der Fortbildungsschule habe, und sie +auch als Rekruten wiederbekomme. Und dann: es war mir +nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie empfindlich +zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! +Drittens habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule +prophezeit, daß er einmal im Zuchthaus enden +werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten immer zusammen. +Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +Zwölfen niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: +Wer meldet sich?“ +</p> + +<p> +„Wie meinen Sie das, Herr Mager?“ +</p> + +<p> +„Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische +Züchtigung verdient hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es +melden sich dann immer welche freiwillig, die ihren Mitschüler +während der Züchtigung auf dem Stuhle festhalten.“ +</p> + +<p> +„Nun . . . ich danke, Herr Mager“, sagte der Richter +und erholte sich langsam von seinem Staunen. +</p> + +<p> +Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen +anderen, brüllte und war jovial. Es half ihm alles nichts. +Die Räuber hatten dem bleichen Kapitän vor der Verhandlung +einen langen Eid schwören müssen, das „Zimmer“ +nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer +Knabe, kein Mensch in Würzburg wußte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in „Der tote +Mann im Keller oder Verfolgt über alle Länder und +Meere“ von verborgenen Falltüren gelesen, daraufhin die +Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, +als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche +Kapitän hatten so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis +ihnen der Verschlußstein des unterirdischen Ganges zu +Füßen gefallen war. +</p> + +<p> +„Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir +und denke an deine Mutter. Sie ist eine ehrenwerte +Frau.“ +</p> + +<p> +Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher +kalt auf Winnetou, ihren Sohn. +</p> + +<p> +„Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +„Ich nehme keine Trauben mehr“, sagte Winnetou. +Und es klang wie ein Schwur. +</p> + +<p> +Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: „Ich +denke, wir können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort +geben . . . Theobald Kletterer!“ Er sah noch einmal +in seine Aktenmappe und fragte mild und freundlich: +</p> + +<p> +„Du bist eine Doppelwaise?“ +</p> + +<p> +„Ja!“ +</p> + +<p> +„Du wirst mich doch nicht belügen.“ +</p> + +<p> +„Nein!“ +</p> + +<p> +„Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?“ +</p> + +<p> +Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und +schwarz wie ein Mauseloch, worin die Zahnstummeln +standen, dunkelbraun wie Schokoladepyramidchen. Er +stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich auf und hob die +Hand. „Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete +die alte Stadt.“ +</p> + +<p> +„Wo sind die Trauben hingekommen?“ +</p> + +<p> +„Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere +blieb übrig.“ +</p> + +<p> +Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte +eine abschließende Handbewegung zum Staatsanwalt hin. +„Setzt euch. Auch du, Hans Widerschein.“ +</p> + +<p> +„Jawohl, Herr Amtsrichter“, sagte der enttäuschte +Schreiber, der stehen geblieben war, weil er auch gerne +etwas gesprochen hätte. Zögernd ging er zurück auf seinen +Platz. +</p> + +<p> +Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell +einleitenden Worten, die Räuber freizusprechen und sie +der Schule zur Bestrafung zu überweisen. +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +angefangen hatte zu sprechen, ihren faltigen Totenkopf +aufgestellt, als er fertig war, ihn wieder sanft schulterwärts +geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen Kapitän, +wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt +worden wäre. +</p> + +<p> +Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, +ein kleiner Mann. Bei dem Anfangswort jeden +Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor sich auf den Boden +stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne jemals +den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an +zu reden, eine lange Rede: „Hoher Gerichtshof! Gehen +Sie mit mir die ganze Strafsache durch. Von Anfang bis +zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es nimmermehr +geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß +Sie zu einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.“ +</p> + +<p> +Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, +welcher fortfuhr: „Sehen Sie die Angeklagten an. Jung +sind sie. Sehr jung. Knaben sind sie. Kinder sind sie. +Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden Angeklagten +für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.“ +</p> + +<p> +Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer +umher, sah zur Decke, schnupfte wütend und klopfte +mit dem senkrecht gestellten Bleistift den Radetzkymarsch +auf das Pult. +</p> + +<p> +„Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans +Lux an.“ +</p> + +<p> +Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht +hielt, den langen Hals wagrecht, mit den Zähnen +mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf seinen Verteidiger +starrte, rief dieser, mit sich überschlagender +Stimme: „Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte +Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem Hans +Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des +ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren +Mutter ist . . .“ +</p> + +<p> +Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten +für sich, wog sie gegeneinander ab, sprach über Hunger, +Not und Elend, berührte, wie er eindringlich bemerkte, +den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der Kinderkrankheiten +auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der Vererbungstheorie +eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem +außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, +und langte nach einer Stunde bei der Hauptstütze +seiner Verteidigung an, der Schundliteratur. +</p> + +<p> +Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung +ihre Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen +unter den Zuschauern befürchteten, die Richter würden +ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen +Mission bewußten Verteidiger an den Jungen auslassen +und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war +Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr +des Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem +er mit einer dringenden Mahnung zu väterlicher Güte +und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, +durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus +dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, +konnten die Richter ins Beratungszimmer gehen, nach +fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber freisprechen, +um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. +Worauf tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer +schwirrten, während Herr Karfunkelstein +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit +Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber +in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage +war Schulstunde. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung +Prügel bekommen und saß gegen neun Uhr +abends in der Wirtschaft „Zur schönen Mainaussicht“ +auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und +wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas +verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah. +</p> + +<p> +„Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee“, +sagte sie zu ihrem Bruder, der Kriechenden Schlange. +</p> + +<p> +„Der soll sich’s selber hol“, erwiderte die Kriechende +Schlange und lachte zu Oldshatterhand hinüber. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber +gingen auf der Kaimauer entlang, schwenkten, ohne +sich erst zu verständigen, plötzlich nach links ab und kletterten +an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die den +Garten der „Schönen Mainaussicht“ umschloß, traten in +die Wirtsstube und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand +aufs Kanapee. +</p> + +<p> +Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. +„Auf zur Quadrille!“ rief eine nasale Männerstimme, +und zu gleicher Zeit verschwand die zimmerbreite, +auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah +durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang +ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges +Gesicht einem gelben Papagei glich. Mit eleganten +Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn +Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +ein blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, +im Saal herumging und eine Stearinkerze zerschnitt, zur +Glättung des Bodens. +</p> + +<p> +Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder +und Tanzlehrer, schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, +hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde auseinandergezogen +und unter rhythmischem Händeklatschen +des Herrn Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten +Figuren der Quadrille, von drei im großen Saale glücklich +verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet. Junge +Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen +verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz +die Wangen aneinander. +</p> + +<p> +Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden +Zwerg, breiter als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert +die Frau des Tanzlehrers, die sehr der Witwe +Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel +geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, +wobei sie jedesmal schrill rief: „Ja, des muß i +hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle“, um +dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu +schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas +angetrunken. „Tanz doch e bißle“, sagte sie lustig zu +ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam +atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust +heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem +man das Blut nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß +wie Mehl, mit blauen Lippen. +</p> + +<p> +Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er. +</p> + +<p> +„Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist +Holzauktion“, spielte der Zwerg in schnellem Mazurkatakt. +</p> + +<p> +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des +Tanzlehrers zu und lächelte. „Spiel e bißle langsamer“, +sagte sie bittend zum Zwerg, der sich verbindlich verneigte, +„wir wolle a tanz“, und zog lachend den Kranken vom +Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, +angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen +Fischer, der mit seinem Mädchen mazurkastampfend +im Saal herumraste und dem Zwerg fortwährend zuschrie: +„Spiel schneller! Spiel schneller!“ +</p> + +<p> +Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte +Wirtin mit zarter, heftpflasterrosa Haut und +vom Korsett in die Höhe gehaltenem überquellendem Busen, +fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: „Tanzen +Sie nicht, meine Herren?“ und warf, ohne Antwort abzuwarten, +einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der +einen fettigen Fes auf dem Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse +gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte und es so lange +weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln +heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in +die Tasse lief. +</p> + +<p> +„Schämst dich nit, alte Sau!“ rief die Wirtin ihrem +Manne zu, und der Kriechenden Schlange: „Nehm ihm +die Tasse weg und trag sie in die Küch.“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert +an, blieb am Schanktisch lehnen und sagte +höhnisch: „Was geht’s mich an. Laß ’n rumpantsch.“ +</p> + +<p> +„Tanzen Sie doch auch, meine Herren“, animierte die +Wirtin. Ihr Mund wurde klein vor Freundlichkeit. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach +außen. „Wir wern da im Kreis rumhüpfe.“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus. +</p> + +<p> +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +„Gehst weg! Bankert!“ schrie die Mutter ihm zu. +</p> + +<p> +„Da bleib ich“, sagte die Kriechende Schlange ruhig und +lümmelte sich auf den Schanktisch. +</p> + +<p> +Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, +kam hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die +Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände um das +eirunde Gesicht gelegt. „Schau, er kommt ja wieder. Der +Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn +Tage verschwunden. Sie hat’s in die Zeitung setz laß, +und da hat ihn ein Bauer aus Versbach zurückgebracht. +An einem Kälberstrick. Nur sei Hals war e bißle vom +Strick geränft.“ +</p> + +<p> +„I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht +die Krätze hat, oder sowas. Und schau . . . den neue +Kamm.“ Der Wirt zog einen großen Hundekamm aus +seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau hinsah. +</p> + +<p> +„Steck ’n ein. Sie braucht ’n ja nit zu sehn.“ +</p> + +<p> +„Zsssssss“, ertönte es von draußen. Johann Jakob +Streberle trat ein und der zarte Sachse, der ein junges +Mädchen, das sich verschämt am Türpfosten wand, hereinzog. +Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue Seidenschleife +im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund +war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte +sein Vermögen verloren, sich auf dem Schloßberg an eine +alte Linde gehängt und sein Kind als mittellose Waise +zurückgelassen, worauf der Inhaber der hygienischen Anstältchen +sich ihrer angenommen hatte. +</p> + +<p> +Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, +dessen lachender Mund sich schloß, als er die vier +still und eng beieinander auf dem Kanapee sitzen sah. +</p> + +<p> +„Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Rahmen, die ganze Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is +mir zug’schlage worn, weil i’s Fenster um zwä Mark billiger +mach als alle andern“, rief er, steckte die Hände in +die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. „Das muß +mer halt versteh.“ +</p> + +<p> +Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien +unter der Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes +gehüllt, dessen präparierten Kopf mit grünen +Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt +gestülpt hatte. +</p> + +<p> +Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen +in den Mund steckte, sah hämisch lächelnd auf ihren +kleinen Mann, der interessiert zum Fischer trat, das +Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines +Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an +der Zeichnung erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten +lassen, um zu der gewünschten Bettvorlage zu kommen. +Der Fischer lachte breit. +</p> + +<p> +„Hast mein Hund umgebracht?“ stotterte der Wirt, +„mein Sultan.“ +</p> + +<p> +Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein +offen eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der +rasch alt gewordene Wirt wußte es, konnte aber nichts +dagegen ausrichten. +</p> + +<p> +Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich +und rannte aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft +nach, wandte sich um und rief erstaunt: „Was +denn?“ Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer auf +den Schanktisch. +</p> + +<p> +Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die +erhitzten Paare umherwandelten und sich mit +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +Taschentüchern Wind machten. Er trat ein paar Schritte auf +die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im Saal +herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der +Boden glänzte schon. +</p> + +<p> +Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem +Sachsen und nippte von einem grünen Likör, worauf jedesmal +ihre Zungenspitze erschien und die Lippen entlang +leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der seinen +aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei +lächelnd auf das Mädchen hinunterblickte. +</p> + +<p> +An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen +Pickeln im Gesicht, aus dem die starke Nase fast wagerecht +vorschoß, und sah verlangend in den Tanzsaal hinein. +Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, +wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr. +</p> + +<p> +Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein +vierzehnjähriges Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem +weichen Busen, Sommersprossen auf der zarten Haut, +ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: +„Geht mit naus . . . Wir machen was mit meiner +Schwester.“ +</p> + +<p> +„Ich geh nit mit“, sagte Oldshatterhand sofort. Der +bleiche Kapitän und die Rote Wolke sahen verständnislos +drein. +</p> + +<p> +„Also, ich geh mit“, sagte der Schreiber, zwängte sich +zwischen Tisch und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden +Schlange hinaus in den Garten. +</p> + +<p> +„Was machen denn die mit seiner Schwester?“ fragte +der bleiche Kapitän Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Die . . . die machen was.“ +</p> + +<p> +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +„Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!“ +</p> + +<p> +„Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.“ +</p> + +<p> +„Der freie Mensch steh Red und Antwort.“ +</p> + +<p> +„Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei“, schloß +der bleiche Kapitän das Gespräch ab. +</p> + +<p> +Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten +klein unterm Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel +reichte. +</p> + +<p> +Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und +senkte den Kopf. +</p> + +<p> +„Erst ich“, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. +„Paß du auf derweil, ob niemand kommt.“ +</p> + +<p> +Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, +in dem Hacken, Schaufeln und anderes Handwerkszeug +herumstand. +</p> + +<p> +Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und +Schuppen spähend auf und ab. +</p> + +<p> +Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein +zurückkam, flüsterte er: „Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh +doch nei!“ Er schob ihn vom Stamm weg. „Ich paß ja +auf derweil . . . Oh, du hast Angst“, flüsterte er und deutete, +den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, +der langsam auf den Schuppen zuging und in ihm +verschwand. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte +horchend hinein. Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem +Lachen. +</p> + +<p> +Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln +hinunter, als er aus dem Schuppen trat; sein Haar war +verwühlt. +</p> + +<p> +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +„Der kann ja nix“, sagte das Mädchen und lief davon. +</p> + +<p> +Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende +Schlange auf den Schreiber: „Oooooo!“ +</p> + +<p> +„Was willst denn!“ rief der Schreiber erzürnt. +</p> + +<p> +„Weil ich’s g’sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal +alle im ‚Zimmer‘ seid, bring ich mei Schwester mit.“ +</p> + +<p> +„Bring halt die andere auch mit.“ +</p> + +<p> +„. . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.“ +</p> + +<p> +Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, +gingen sie in die Wirtsstube zurück, wo der Schreiber +sich wieder aufs Kanapee setzte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte +reichte, zog einen langen Dolch, den zu tragen verboten +war, aus der Hintertasche und schnitt die Spitze +einer großen Zigarre ab. „Leih mir zwölf Pfennig“, bat +er den bleichen Kapitän. „Ich hab nix mehr und möcht +noch a Glas Bier trink.“ +</p> + +<p> +„Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal +schuldig. Ich hab selber nix.“ +</p> + +<p> +Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, +vom säbelbeinigen Wachtmeister begleitet, gleich wieder +zurück. „Dieser ist’s.“ +</p> + +<p> +„Komm mal da her zu mir.“ +</p> + +<p> +Der bleich gewordene Oldshatterhand — er hatte beim +Eintritt des Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen +Kanapeesitz und Lehne gesteckt — ließ geringschätzig +die Lippen hängen und fragte angstbleich und frech: +„Was wollen Sie denn von mir?“ +</p> + +<p> +„Gehst raus! Malefizlausbub!“ +</p> + +<p> +Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen +von außen. „Wo hast’s denn?“ +</p> + +<p> +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +„Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.“ +</p> + +<p> +„Einen ganz langen Dolch hat er“, rief der Gymnasiast. +</p> + +<p> +„Jetzt leerst glei dei Tasche aus.“ +</p> + +<p> +„Da, greifen Sie nur selber nei.“ +</p> + +<p> +Von Zuschauern umringt — alle Tanzschüler waren ins +Wirtszimmer gekommen — zog der Wachtmeister, während +der bleiche Kapitän, vom Schreiber gedeckt, den Dolch +immer tiefer ins Kanapee stieß, unter größter Stille aus +der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte +Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes +Blechkästchen, in dem Angelwürmer sich ringelten, einen +Himbeerapfel, eine Handvoll alte Briefmarken, ein Flötchen +und eine Meerschaumspitze, mit einem Segelschiff +darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine +farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. +Ein zartrosa Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen +Loch der Meerschaumspitze heraus und um den Zeigefinger +des Wachtmeisters herum, der die Spitze erschrocken von +sich schleuderte, so daß sie zerbrach. +</p> + +<p> +„Habt ihr’s Messer g’sehe?“ +</p> + +<p> +„Ach, er hat ja kein Messer“, sagte die Wirtin begütigend. +</p> + +<p> +„Und wenn er scho ens hat“, rief der Fischer. „Jau, +so a Gaudi.“ +</p> + +<p> +Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: +„I hab’s g’sehe! Also muß a da sei.“ +</p> + +<p> +Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch +noch in die Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. +„Das hab ich zammg’spart, weil ich meiner Mutter +eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!“ rief +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit +den bleichen Kapitän an. +</p> + +<p> +„Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du +selber hast!“ +</p> + +<p> +„Du glaubst’s nit . . . Kannst ja selber mei Mutter +frag, ob sie die Küchenlampe nit braucht.“ +</p> + +<p> +Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee +gekrochen war, ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze +wegen, schnell weg. +</p> + +<p> +„. . . Es ist wirklich so, wie ich g’sagt hab.“ +</p> + +<p> +„Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . +Ich tät mich schäm.“ +</p> + +<p> +„Aber du mach dich dünn jetzt“, zischte Oldshatterhand +wütend. +</p> + +<p> +Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen +schon gepackt und schlich zur Tür hinaus. +</p> + +<p> +Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung. +</p> + +<p> +Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst +und lange Beine. +</p> + +<p> +Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, +dunklen Gestalt nach, über die alte Brücke, durch +krumme Gassen, aber stets im selben Abstand. Der Gymnasiast +schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte er +wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die +Treppe hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten +Fenster des ersten Stockes schon die Zunge lang +heraus, als sie unten vor dem Hause erst ankamen. +</p> + +<p> +Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien +dem Gymnasiasten direkt in den Mund geflogen zu sein; +denn noch einen Augenblick war der Apfel auf dem Gesicht +zu sehen und die in maßlosem Schrecken aufgerissenen +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen +dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. +Dann war es still. +</p> + +<p> +Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das +Haustor schon versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der +„Schönen Mainaussicht“ noch Licht war, an der Mauer +hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und sahen, +als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin +zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt +zurück und flüsterte voller Grauen: „Fort! Fort! +Ich geh fort.“ +</p> + +<p> +Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee +vor und deutete boshaft auf die beiden. +</p> + +<p> +Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend +in die Höhe. Die Kriechende Schlange stürzte in die +Küche, die Räuber durch den Garten davon. +</p> + +<p> +Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen +Wirt tot aus dem Main. Das nasse Hundefell hielten +die Hände des Toten fest umklammert. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, +monotone Lesen der ganzen Klasse, aber über den siebzig +regungslos sitzenden Schülern des Herrn Mager hing +noch drückende Stille. +</p> + +<p> +Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich +einen Borsdorfer Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte +sie sorgfältig aus und aß sie zusammen mit einer mürben +Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn jeder +Schulstunde tat. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und +der Duckmäuser saßen in der ersten Bank; in der letzten +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +Bank saßen der König der Luft, die Rote Wolke und der +Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande +waren unter den übrigen Schülern verstreut. +</p> + +<p> +Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett. +</p> + +<p> +Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der +Seife aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und +die noch nassen Haare standen spitz und steif in die Höhe, so +daß die Köpfe einer in Reihen geordneten Igelschar glichen. +</p> + +<p> +Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit. +</p> + +<p> +Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine +Knabenstimme, und es schien, als würden die Worte im +Keller gesprochen. +</p> + +<p> +Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die +Klinge gegen das Licht, rieb noch eine Weile, und erhob +sich plötzlich, strich wie in Gedanken mit der Hand im +Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen Vollbart zur +polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften +blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der +ersten Bank an. +</p> + +<p> +Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu +reiben. Er rieb jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, +mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue Aderngeflecht +seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt +zur Schultafel. „Der berühmte Maler Albrecht Dürer +hatte einen Widersacher, welcher behauptete, der größere +Künstler zu sein“, sagte Herr Mager, legte die Hand in +die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank +an. „Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder +eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere +sei, der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der +eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang, und +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor +das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine +Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, +wo denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer +seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem feingespitzten +Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf +einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles +aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, +stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von +da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler“, +schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis +auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen +Punkt hinein. „Wie ich noch so jung war wie ihr, da +konnte ich das noch viel besser“, sagte er, weil der Kreis +etwas bucklig ausgefallen war. „Das sollt ihr bis zur +nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!“ +</p> + +<p> +Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte. +</p> + +<p> +Da stand Falkenauge auf. „Herr Lehrer, ich muß einmal +hinaus.“ +</p> + +<p> +Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel <em class="em">warten</em>, +das ließen seine Nerven nicht zu. +</p> + +<p> +Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war +er augenblicklich von der Kaimauer hinunter in den mit +Treibeis gehenden Main gesprungen, um einen Säugling +zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen +ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er +dem mit den Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen +nachgeschwommen, hatte es erfaßt und es glücklich +an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer +Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, +die er allein herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +Mager ersonnene Raffinement — die sicheren Prügel hinauszuschieben, +war für Falkenauges Mut zu viel. +</p> + +<p> +Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten +Schüler, der aber nach einer Weile allein zurückkam und +staunend sagte: „Herr Lehrer, er ist nicht mehr da.“ +</p> + +<p> +Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. +„Michael Vierkant! Raus!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel +preßte ihm den Kopf nach unten, und Oldshatterhand +schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des Herrn Mager. +</p> + +<p> +Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die +eine bange Frage: wer kommt nach Oldshatterhand daran? +</p> + +<p> +Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei +jedem sagte Herr Mager atemlos: „So! Heute diese +sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die vierundzwanzig +voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal +geben darf.“ +</p> + +<p> +Die Augen der Mitschüler standen weit offen und +glänzten. Das kleine Gesicht des Herrn Mager war jetzt +schon weinrot. +</p> + +<p> +Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber +nicht allein bändigen. „Wer meldet sich?“ rief Herr Mager. +</p> + +<p> +Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, +jedoch sitzen geblieben. +</p> + +<p> +Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie +in höchstem Entzücken brüllte er in allen Tonlagen: „Ah! +Ah! Ah! Ah!“ und schleuderte die Beine derart umher, daß +Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den Handrücken +traf. Voller Wut schrie er: „Michael Vierkant! Raus! +Halte ihn!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand rührte sich nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum +Stuhl. „Halte ihn!“ +</p> + +<p> +Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: „Herr +Lehrer . . . ich halte ihn nicht.“ Und selbst seine Lippen +waren weiß geworden. +</p> + +<p> +Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und +hieb ihm plötzlich mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, +immerzu. Nicht die Hand hob Oldshatterhand zur +Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand +gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. +Auf seinem Gesicht schwollen die blutunterlaufenen +Striemen. +</p> + +<p> +„Hans Lux! Raus!“ +</p> + +<p> +Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht +vor. Die vier Helfer standen bereit. Der König der +Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte ihn umständlich +zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine Weile +hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, +und nahm die Prügel entgegen. +</p> + +<p> +Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer +waren herabgesunken. +</p> + +<p> +Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, +stellt ihm die gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die +Nägel schmerzhaft in die Kopfhaut eindrücken, ruft: „Pä, +Krähenfuß!“ und streckte die Zunge lang heraus, wenn er +zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand +auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine +dunkle, gespreizte Hand sein Herz umkrallte. „Pä, +Krähenfuß“, flüsterte er, schauerte zusammen und hatte +einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut +speie. „Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +Anzünden! Die ganze Stadt! Hoo! Fort, fort!“ Und +plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. „Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser +ging ein paar Schritte seitwärts nebenher und sah +staunend ununterbrochen auf Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand +ging ein Stück hinter den anderen und sann darüber +nach, weshalb seine Freunde ihm nicht geantwortet hatten. +Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar vorbeigegangen +war? Umschlungen — dachte er. Hatte das Gefühl, +als tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, +und bekam Angst. +</p> + +<p> +Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein +Brückenheiliger, kein Licht zu sehen war. Plötzlich bekam +Oldshatterhand einen knallenden Schlag ins Gesicht, daß +er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine Stimme +rufen: „Rechts gehen!“ Er sah, nur einen Augenblick, +eine Uniform und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort +wieder nur noch Nebel. +</p> + +<p> +Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem „Spitäle“, +die Ellbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, +und blickte in wehmütigem Neid trübe auf die ankommenden +Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter sich +hatten. +</p> + +<p> +Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft +zu gehen; einige Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, +der unbenutzt unterm Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige +Wachtmeister ihn fand und Herrn Mager zuführte. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-4"> +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +Viertes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span>ie Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; +jetzt blühte der Holunder und der Flieder im Festungsgraben, +und die Hügel rund um Würzburg herum +waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig +saftiggrüne Stellen sichtbar blieben. +</p> + +<p> +Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis +auf die Rekrutenzeit aus der Fortbildungsschule entlassen +worden. Alle konnten jetzt mit einiger Berechtigung +bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, außer +Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen +Finger breit gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah +und seinen Kameraden nur bis zur Brust reichte. +</p> + +<p> +Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar +und streitsüchtig machte; unvermittelt konnte er, allen voran, +die Räuber zu gefährlichen Unternehmungen mitreißen, +um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen, ohne +erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele +Tage lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche +Kleinigkeiten schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche +bekam. +</p> + +<p> +Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. +Brachte er den wilden Westen zur Sprache, dann sagten +die Räuber: „Ja. Bald. Wart doch.“ +</p> + +<p> +Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es +keiner dem anderen offen ein. Wie mit einer Kugel +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, parodierten sie schon +leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen wilden +Westen unter Gelächter abrollen zu lassen. +</p> + +<p> +Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: „Jetzt +müssen wir fort, die Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige +Kämpfe ausgebrochen, das Kriegsbeil ist ausgegraben, +man braucht uns drüben, was sollen wir noch hier“, +bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle +doch einstweilen vorausgehen, wenn’s ihm so pressiere, +sie kämen schon nach. So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht +im Herzen gequält stillschwieg und teilnahmslos +und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche +die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg +gab. Kurz vorher war ein Zirkus in Würzburg +gewesen. +</p> + +<p> +Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern +saßen auch einige Mädchen auf dem Rasen. Und das +war der Anfang vom Verfall der Räuberbande: sie liebten +es neuerdings, Publikum um sich zu haben. +</p> + +<p> +Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war +ein Trapez angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden +Unterhosen und giftgrünem Trikotleibchen, ganz +einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und +mahlte mit den Zähnen. +</p> + +<p> +Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende +Sonnenscheibe, und die Gestalten der Räuber warfen +lange Schatten auf den abendgrünen Schloßbergrasen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich +nach außen gestülpt, und sah zu, wie der König der +Luft in gewaltigem Bogen in den Himmel sauste, das +Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +hoch in der Luft überschlug — und auf den Beinen stand. +</p> + +<p> +„Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft“, sagte +der bleiche Kapitän zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa +Kleid seiner Schwester anhatte. Aber ein Mädchen +mit zwei braunen Zöpfen sagte: „Der kann direkt zum +Zirkus gehen.“ Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten +Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor +dem Mädchen mit den braunen Zöpfen. +</p> + +<p> +Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, +stemmte der bleiche Kapitän einen schweren Steinquader +hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als jedoch der +König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang, +das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, +um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, +und unter einem einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte +auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln hielt — +da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, +denn der König der Luft hatte das Bein gebrochen. +</p> + +<p> +In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn +herum. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen. +</p> + +<p> +Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten +aus der Dämmerung. Der Rasen roch. +</p> + +<p> +Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, +von einem breiten, tiefen Graben umgeben und einer +Balkenbarriere. Im lockeren Sand der Reitbahn stand +ein dürres Soldatenpferd und wieherte. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: +ohne vorher etwas davon zu sagen, sprang er mit +einem fünf Meter langen Satz über den Graben und die +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das +wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und +Beinen anklammernd, in der Bahn herum. +</p> + +<p> +Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals +gebeugt, wie ein Indianer auf dem Gaul. +</p> + +<p> +Da brüllten die Räuber wie besessen: „Halt! Halt! +Ein Feldwebel!“ +</p> + +<p> +Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche +dem scheuenden Pferde nach; der Hauptmann +flog in großem Bogen herunter in den Sand, stürmte, +vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und +mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die +Felsengasse hinunter. +</p> + +<p> +Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft +war wieder gesichert. Keuchend rief er: „Wenn das mein +Bruder in Amerika miterlebt hätte.“ +</p> + +<p> +Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf +und setzte sich auf den Sockel des Bildwerks: Christus hing +am Kreuz in kaum noch erkennbaren Körperformen, so +oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit Ölfarbe angestrichen +und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf +dem Bildwerk stand: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">An diesem Ort is Alois Würz</p> + <p class="line">Mit sein Heuwage umg’stürzt.</p> + <p class="line">War glei tot, mitsamt die Roß.</p> + <p class="line">War ein frummer Mann,</p> + <p class="line">Drum is er auf der Stell</p> +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> + <p class="line">In sein Heuwage in Himmel nei g’fahrn,</p> + <p class="line">Was mer vo seine Roß nit sag kann.</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon +fast dunkel. Eine Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand +war bedrückt; er spannte alle Muskeln an und hielt den +Atem zurück, bis die Luft „pfa!“ aus seinem Munde fuhr. +Es wurde ihm aber nicht leichter davon. +</p> + +<p> +Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche +hervor, die zum Trocknen aufgehängt war, blähte sich +auf zu großen, weißen Menschenbäuchen. Oldshatterhand +spähte angestrengt hin und fürchtete sich, blieb aber sitzen +auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren Ton, +der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges +Stöhnen, wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen +in ihm klänge. +</p> + +<p> +Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des +Duckmäusers, der zu Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, +unhörbar auf ihn zukroch. +</p> + +<p> +Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten +später die nur zehn Schritt weite Entfernung hinter +sich gebracht, und setzte sich unbemerkt auf den Sockel neben +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Es war jetzt ganz dunkel geworden. +</p> + +<p> +Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den +Atem an, um sich nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: +„Wa . . . weil . . .“ +</p> + +<p> +„Oh . . . O Gott!“ schrie Oldshatterhand auf und fiel +vom Sockel herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, +als er den Duckmäuser erkannte, und drängte +seine Verwunderung darüber zurück, daß dieser es gewagt +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete Duckmäuser, +mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen +hatten. +</p> + +<p> +„Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . +drum bin ich erschrocken“, stotterte Oldshatterhand geringschätzig. +</p> + +<p> +„Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . +Indianern will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt +an den Fa . . . Fa . . . Feind“, beendete der Duckmäuser +seinen Satz. +</p> + +<p> +„— — — — Duuuu? zs . . . zu den Indianern?“ Oldshatterhand +war furchtbar verwundert und empört. Und +als er sah, wie der Duckmäuser den Kopf vorstreckte, blutrot +wurde und drückte, um reden zu können, dachte Oldshatterhand +voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf +nicht stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht +auszusprechende Worte vor: „O also nein, da mußt du +aushalten können, da . . . daß man dir vergiftete Hölzchen +in den Ba . . . Bauch steckt, und die werden angezündet. +O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . fünfzig +brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet +wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.“ +</p> + +<p> +„Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst +du?“ +</p> + +<p> +„O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.“ +</p> + +<p> +„We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen +ka . . . kann, . . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann +br . . . dann br . . . brauche ich ihm nur noch ein Messer +ins Herz zs . . . zs . . . zu stoßen.“ +</p> + +<p> +„Pä! Ist das ritterlich?“ +</p> + +<p> +„Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +fürs A . . . Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich +f . . . fünfundsiebzig Pf . . . Pfennig.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso +wie die Kriechende Schlange und die Rote Wolke, auch +ums Läuten beworben, der fünfundsiebzig Pfennige wegen. +Man hatte ihn aber nicht brauchen können, weil er zu +klein war. „Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit +läuten. Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu +den Indianern willst, mußt du mi . . . mindestens eine +halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen können, aber +mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe +mit Indianern vorbeifährt.“ +</p> + +<p> +„F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig +mooonatlich krieg ich.“ +</p> + +<p> +Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, +aus dem Dunkel, und seine Hand, die eben das Kreuz +schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, blieb erschrocken +abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten +auf dem Sockel sitzen sah. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser schnellte in die Höhe. +</p> + +<p> +Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn +fast um einen Kopf überragenden Sohn bei der Hand und +führte ihn weg von Oldshatterhand, der sitzen blieb und +den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie genommen +hatte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. +Die ganze Stadt wußte, daß der Kaplan der +Vater war. +</p> + +<p> +Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste +Pfarre in der Umgebung Würzburgs, und das Mädchen +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache verstummte +das Gerede. +</p> + +<p> +Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; +eine Lungenentzündung war dazugekommen. Sie +lag im Sterben. +</p> + +<p> +Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben +ihrem Bett. Winnetou setzte sich und sah steif geradeaus. +</p> + +<p> +Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im +Ornat, der Kirchendiener und die Ministranten traten ins +Zimmer. Winnetou stand auf. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich +wichtig nach Winnetou um. +</p> + +<p> +Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der +Geistliche und die Ministranten knieten nieder am Bett +und beteten. Da kniete auch Winnetou nieder. +</p> + +<p> +Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen +von hinten unter die Arme und half ihm wieder auf +die Beine. +</p> + +<p> +Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich +in den Sessel, wie vorher. +</p> + +<p> +Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur +Sterbenden hin, sah das weiße Gesicht an, das von einer +plissierten, gestärkten Krause umrahmt war, und beugte +sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm, +als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die +Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer +sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, +das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene +Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es +immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die +Brust — die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick +nicht von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein, +weil er diese sicher nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten +der Mutter auch in Angst vor ihr verbringe, und +ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die +Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer +Güte langsam übers Haar gestrichen. +</p> + +<p> +Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte +Winnetou, sein Körper zuckte, ein kaum erträgliches Glück +entstand in ihm; da begann er zum Weinen leise zu singen, +und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er aufhöre, +leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht +mehr glücklich sein würde. +</p> + +<p> +Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit +seiner Mutter verursachten Druck aus sich herausweinte, +fühlte er, wie die Sterbende ihm half, durch +ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich schwächer +wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der +Bauch der Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte +Winnetou ans Fußende des Bettes. +</p> + +<p> +Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, +ging hinaus und meldete der Köchin unter schluckendem +Lachen und Weinen, daß die Mutter tot sei. +</p> + +<p> +Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich +lächelte, und rannte ins Sterbezimmer. +</p> + +<p> +Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und +ohne Ziel stadtwärts. +</p> + +<p> +Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte +mit Krückstöcken auf die Haltestelle der Trambahn zu, +wandte sich um nach dem schnell sich nähernden Wagen, +den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie immerzu: +</p> + +<p> +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +„Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer +zurecht.“ +</p> + +<p> +Winnetou sah die Alte an — zur Elektrischen zurück, +und stellte sich zwischen die Schienen. +</p> + +<p> +Der Führer läutete. +</p> + +<p> +Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den +Führer zum Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich +im Geleise, auf die Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich +beeilend, weiter. +</p> + +<p> +Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten +Fahrgäste stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt +kam der Wagen angerast. Winnetou wandte den Kopf, +erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im letzten +Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen +rauchten, und Winnetou sprang seitwärts. +</p> + +<p> +Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer +aus dem Wagen, um nachzusehen, ob Winnetou verletzt +war. +</p> + +<p> +Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein. +</p> + +<p> +Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, +den Mund verzogen, als sei ihm schweres Unrecht geschehen, +zurücksah. +</p> + +<p> +Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses +mit der Tabakspfeife am Fenster saß, stand mühsam auf +und schüttelte wütend die Faust hinunter zu Winnetou, +der in die Seitengasse einbog. +</p> + +<p> +Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. +„Geh mit, wir schießen“, sagte der Hauptmann, +zog seinen Rockflügel zur Seite und zeigte Winnetou einen +neuen Zimmerstutzen. „Wir gehn zu Falkenauge und +schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.“ +</p> + +<p> +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +„. . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin“, +sagte Winnetou und ging auch gleich weg, in der Richtung +zur Kirche. +</p> + +<p> +Verdutzt blickten sie ihm nach. +</p> + +<p> +Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug +das Kreuz und setzte sich. Und als er die lateinischen +Worte des Priesters und das ferne Klingeln der Ministranten +im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten sich +die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer +der Mutter empfunden hatte, wieder ein. +</p> + +<p> +Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein. +</p> + +<p> +Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte +Winnetou unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube +sich mit seinen Räuberidealen nicht deckten. +</p> + +<p> +Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer +der Kirche lehnen, als er den Schreiber und den +Hauptmann, die ihm nachspioniert hatten, langsam die +Straße hinunter sich entfernen sah. +</p> + +<p> +Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden +Räubern nach, bis sie zu Punkten wurden und endlich nicht +mehr zu sehen waren, und trat wieder in die Kirche ein. +</p> + +<p> +Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges +Mutter, und als niemand antwortete, stiegen +sie hinauf in die dürftig möblierte Dachkammer Falkenauges, +der noch im Geschäft war. +</p> + +<p> +Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas +voll klaren Wassers, worin ein Glasauge lag. An der +Wand hing eine Tabakspfeife unter dem heiligen Joseph. +In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs +Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge +hatte es auf den Schloßberglinden gefangen. +</p> + +<p> +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, +auf der ein Spatz saß. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. +Der Spatz blieb sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte +Gefieder. +</p> + +<p> +Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, +stieg er in die blaue Luft. +</p> + +<p> +„Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung +zu groß ist . . . Wie wär denn das sonst möglich“, sagte +der bleiche Kapitän und sah sich nach einem näheren Ziel +um. „Halt einmal die Karte“, sagte er und nahm das +Herzaß von Falkenauges Kartenspiel. +</p> + +<p> +„Und wenn du mir den Finger wegschießt?“ +</p> + +<p> +„Ich wer doch no das Kärtle treffe.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte +den Arm aus, hielt die Karte an der äußersten Spitze. +„Ziel lieber ein bißchen mehr rechts . . . Es is mir lieber, +du triffst nix, als daß du mei Hand triffst.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte +der Karte und durchlöcherte sie. +</p> + +<p> +Der Schreiber atmete wieder. „Jetzt halt du die Karte.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern +umrahmte sie mit seiner Hand und stülpte die Lippen +nach außen. „Schieß.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte +kurz und durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der +bleiche Kapitän sie fallen. „Ich laß mir das Glas runterschieß, +vom Kopf . . . Das wär mir auch noch was“, +sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das +Auge lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar +sein Gesicht. +</p> + +<p> +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +— — — Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters +Bett. Der Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor. +</p> + +<p> +„. . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern“, rief er in +heller Begeisterung. +</p> + +<p> +„Das kannst du ruhig riskier.“ +</p> + +<p> +„. . . Haaargott . . . Getroffen!“ Das Auge war durchs +Fenster hinausgeflogen. +</p> + +<p> +„Das is doch ganz klar.“ Der bleiche Kapitän zuckte +die Schultern. +</p> + +<p> +Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel +fort war, und das Blut ihm einen schmalen Reif ums +Handgelenk gezogen hatte. +</p> + +<p> +„Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . +vielleicht. A schöns Armreifle.“ +</p> + +<p> +„Ein guter Schuß war’s doch“, sagte der Schreiber +und hielt, das Gesicht schmerzverzerrt, die Hand hoch. +„Aber das Aug ist futsch.“ +</p> + +<p> +Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie +schossen durch den Fußboden, zerschossen den gemalten +Engel an der Decke, die Tapetenblumen, durchlöcherten +den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte auf den Wasserkrug; +das Wasser platschte auf den Boden und rann unter +der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer +sie trafen; das Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige +kleine Brandlöcher. Das Eichhörnchen raste im +engen Käfig herum, hockte manchmal mäuschenstill, die +klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und raste +weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber +glühten. Sie zerrten die Bettstücke heraus und schmissen +sie in die Wasserlache am Boden, lehnten die Matratze +ans Fenster, rissen den Tisch um, das Bettgestell +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem +Hause. +</p> + +<p> +Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem „Spitäle“. +</p> + +<p> +Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte +er die Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber. +</p> + +<p> +Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, +lächelte geringschätzig und verlegen und ging weiter. Von +dem Tage an verkehrte er nicht mehr mit den Räubern. +</p> + +<p> +„Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.“ +</p> + +<p> +„Welches denn?“ fragte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Das Eichhörnchen.“ +</p> + +<p> +Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie +seit einiger Zeit jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch +von einer Stunde eilten, und mehr federweißen +Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den +zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen +Bauernburschen belauert wurden. Das endigte +oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt +fühlten, in der nächsten Nacht wieder im Dorfwirtshaus +zu sitzen. +</p> + +<p> +Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; +er angelte Tag und Nacht. Der König der Luft lag im +Juliusspital, wegen seines gebrochenen Beines. Die Rote +Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes +Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, +mit hektographierten Statuten, und hielten jeden +Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe der +Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante +Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war +der einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den +Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann +mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch +der Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: +„Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen +Sie sich widerscheinen.“ Vor vierzig Jahren hatte Herr +Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, als der +noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz +nicht vergessen. +</p> + +<p> +Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den +alten Schießgräben der Festung, schmolz es im „Zimmer“ +zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln daraus zu +gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im +„Zimmer“ und las Indianergeschichten. Eine Landkarte +von Amerika hing jetzt darinnen, auf der die Gegenden, +Seen, Prärien und Urwälder, die er als Westmann aufsuchen +wollte, mit Blaustift unterstrichen waren. +</p> + +<p> +Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers +im unterirdischen Gange. An vielen Abenden zeichnete er +stundenlang das „Heilige Tier“ ab. Mit der Zeit bekam +er überhaupt keinen Besuch mehr im „Zimmer“. +</p> + +<p> +Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge +und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte +die Räuberbande sich aufgelöst. +</p> + +<p> +Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten +einen Teil der Bande zum letzten Male zu einem gemeinsamen +Unternehmen. +</p> + +<p> +Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt +und die Häuschen bis zum ersten Stock hinauf +mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger waren festlich +gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten. Weißgekleidete +kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, +Männer in langen Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern +strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem +Zug der Walleute anzureihen. +</p> + +<p> +Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die +erste Station. Die Bäckereiauslage war in einen Altar +mit Betpult, Kruzifix und brennenden Kerzen umgewandelt +und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in +himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube. +</p> + +<p> +Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen +sollten, waren solche Altäre hergerichtet. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, +welche den Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem +„Spitäle“ beisammen, in ihren Sonntagsanzügen. +</p> + +<p> +„Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich +selber hab Winnetou mit einer Kerze in die Kirche gehen +sehen“, sagte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die +blaue Luft — ein Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten +Stadt hinunter: der Zug der Walleute näherte +sich, von der Burkarter Kirche kommend. +</p> + +<p> +Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann +Jakob Streberle, Schuster Widerschein, Benommen der +Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in Gehröcken und +mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten +im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden +Seiten der Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern +heraus; zusammen mit den Kindern, die dünn, +mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten Weibern, +deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der +heftig und getragen blasenden Blechmusikkapelle. +</p> + +<p> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz +trug, an dem der silberne Christus hing. Hinter ihm kam +der kleine, dicke Bischof im Ornat, vor dem Gesicht die +Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz schlugen +und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch +auf die Erde gebreitet hatten. +</p> + +<p> +Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes +Bein zu kurz war, schwenkte sich auf seinem normalen +Beine herum zu den Walleuten und rief langgezogen: +„Lob und Dank sei ohne End!“ Und während das Gemurmel +der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder +herum und hinkte weiter voran, sprang plötzlich mit einem +Satz auf Oldshatterhand los, „Sakramentslausbub!“ +schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte wieder +in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: „Dem allerheiligsten +Sakrament.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor +dem Bischof unter dem Himmel. Der Himmel wurde an +vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou und noch +zwei Jünglingen getragen. +</p> + +<p> +Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die +Räuber waren verblüfft. Aber da war nichts zu machen. +</p> + +<p> +„Da is er!“ rief der bleiche Kapitän und deutete auf +Winnetou, der den Kopf senkte, als er bei den Räubern +vorüberging. +</p> + +<p> +Der Schreiber schüttelte den Kopf: „Herrgott, wer hätt +das vom Winnetou gedacht.“ +</p> + +<p> +Verstummt sahen die Räuber ihm nach. +</p> + +<p> +Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, +Blechmusik und Böllerschüssen stachen die +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +Altweiberstimmen heraus und hinauf in den sonnigen Himmel: „O +Maria hilf!“ +</p> + +<p> +Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein +großes Haus mit vielen Fensterscheiben, denn der fromme +Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener und eifriger +Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen +angestellt; sein Geschäft blühte. +</p> + +<p> +Am Abend schimpfte der rote Fischer in den „Drei +Kronen“: „Ke enzigs Pfund Fisch verkäff ich’s ganze +Jahr, wenn i nit mitwall!“ Seine Halsadern schwollen. +</p> + +<p> +‚Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum +Besohlen geben, wenn ich nicht ein frommer, gottgefälliger +Schuster wäre‘, dachte sich Herr Widerschein und +reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein +stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren. +</p> + +<p> +Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die +Breite ihrer Häuser einhaltend, das zertretene Schilf +weg, gossen Kringel mit der Gießkanne und kehrten sauber +nach. Hier war gekehrt — dort lag noch ein genaues Quadrat +Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. +So wollten es die Würzburger Stadtväter. +</p> + +<p> +Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der +Tasche, schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor +dem „Spitäle“ vorbei und bogen in die Felsengasse ein, +welche von der vielfenstrigen Vorderfront des Hauses +vom frommen Flickschneider abgeschlossen war. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an +seine Leute, beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte +leise und hob die Hand — die Fensterscheiben klirrten. +</p> + +<p> +Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen. +</p> + +<p> +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel +im Hans Kasperl-Theater, aus dem Fenster. +</p> + +<p> +Da unten war alles still. +</p> + +<p> +Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die +Räuber der Abschluß ihrer ersten Jugend. +</p> + +<p> +In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des +Mainviertels von ein und derselben Sache: Herrn +Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein Unglück +passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das +neue Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal +gemacht; die Fenster waren unbrauchbar; er mußte eine +hohe Konventionalstrafe bezahlen und machte Bankerott. +</p> + +<p> +Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, +lachte nicht mehr; als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ +sein Meisterstolz nicht zu, und eines Tages war er verschwunden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand +standen am Fluß beisammen. Falkenauge kam geschritten, +energisch. +</p> + +<p> +Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem +braunen Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr. +</p> + +<p> +„Wo warst du?“ +</p> + +<p> +„Auf der Jagd!“ rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz +und schritt weiter. +</p> + +<p> +„Also, wenn ich dir sag, man kann’s jeden Tag fünf-, +sechsmal tun, so oft’s überhaupt geht. Es schadet einem +gar nichts; man bleibt genau so stark und gesund wie man +war“, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän und +schloß: „Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt +auf der Welt. Das is ja ganz kolossal.“ +</p> + +<p> +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, +graue Wangen. +</p> + +<p> +„Wie is denn das? . . . Wie tut man’s denn?“ fragte +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Für dich is das nichts“, sagte der Schreiber und +lächelte dem bleichen Kapitän zu. „Da bist du vielleicht +noch zu klein dazu. Morgen kann ich dir’s ja amal zeig.“ +</p> + +<p> +Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur +Sandinsel, und saßen dann beisammen an einem kleinen +See, der von überhängenden Weidenbüschen umsäumt +war. +</p> + +<p> +Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos +und graziös am Seeufer hin und Raben flatterten +immer wieder auf und flogen „aa aa“ schreiend über das +Weidenland. +</p> + +<p> +Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung +genommen und am tiefblauen Himmel traten die Sterne +hervor. +</p> + +<p> +„Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich +fort?“ fragte Oldshatterhand leise und wand sich einen +Weidenzweig schmerzhaft ums Handgelenk. +</p> + +<p> +„Auf, nach Amerika!“ rief lachend der Schreiber. „Hohaho! +Oldshatterhand!“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän grinste. +</p> + +<p> +„Nun sagen wir nächste Woche“, sprach der Schreiber +ernst. +</p> + +<p> +„Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.“ +</p> + +<p> +„Also! Also ja!“ rief Oldshatterhand freudig. „Oder +gehen wir doch lieber jetzt gleich fort! Immerzu da +nunter, den Sandweg, bis nach Frankfurt. Dann kommen +wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +Schiffe.“ Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk +fester zu. „Meerschiffe — — —“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer +Schirmfabrik. „Weißt du was . . . es gibt überhaupt +keine Indianer mehr.“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt’s mehr.“ +</p> + +<p> +„He? Millionen gibt’s! He! was wären denn sonst +die, von denen in unsern Büchern steht? He?“ +</p> + +<p> +„No ja, ein paar gibt’s ja noch“, gab der bleiche +Kapitän zu. „Aber ich hab neulich in der Zeitung gelese, +daß die andern alle schon ausgerottet sind.“ +</p> + +<p> +„Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist +du für Amerika.“ +</p> + +<p> +„Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt’s ganz +allein an.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!“ +</p> + +<p> +Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. „Ihr geht +also nit mit! Ihr Feigling . . . habt die ganze Jahr her +nur geloge?“ +</p> + +<p> +„Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr +Lehrzeit ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, +fünfzehn Mark, und das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär +ich da nicht ein Rindvieh, wenn ich jetzt fortlaufen tät?“ +</p> + +<p> +„No allemal“, sagte der Schreiber. „Ich krieg jetzt +auch vierzig Mark im Monat. Dreißig muß ich meiner +Mutter geb; aber zehn Mark darf ich behalt. Das is doch +jetzt alles ganz anders“, schloß er nachdenklich. +</p> + +<p> +„Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.“ +Der bleiche Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. +„Acht Mark kost er. Hast scho amal sowas g’hört? . . . +Acht Mark für’n Schirm!“ Er lachte krachend und konnte +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +sich lange nicht beruhigen. „Er is aber auch so dünn +wie ein Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.“ +</p> + +<p> +Es war jetzt tiefe Nacht geworden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu +zu sagen, langsam fort. Und nach einer Weile rollten ihm +die Tränen an den Wangen hinunter. +</p> + +<p> +Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. +Vorne saß der Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. +Irgendwo in der Ferne sang ein Mädchen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Schloßfallenfeuer!!“ rief Meister Tritt Oldshatterhand +zu, der bis ins Herz hinein erbebte. +</p> + +<p> +Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere +daran hinauf in den Himmel — hätte das Herr Tritt gerufen, +Oldshatterhand wäre mit weniger Bangen an die +Arbeit gegangen. +</p> + +<p> +Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt +geschmiedet worden ohne Angst und Beben des Lehrjungen, +der dazu helfen mußte, und ohne die starren +Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, +heftige Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen +waren das Arge, sondern der Zeitraum zwischen +Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, wann er +kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der +grüne Blick hielt fest. +</p> + +<p> +Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren +berühmt in Würzburg. Und das kam von den Schloßfallen, +die Herr Tritt stets selbst aus dem allerbesten +Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig +mit nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, +um sie in das neue elektrische Türschloß des Herrn +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +Metzgermeister Rücken oder des Herrn Trompeter Wohlleben +einzupassen. +</p> + +<p> +Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt +schon einige Male bankerott gemacht, weil er an einem +ein Vierteljahr arbeitete, und der Preis ein solcher war, +daß er es in einer Woche hätte anfertigen müssen. Jedoch, +als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den +mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen +Ehefrau des Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, +so daß Herr Tritt seine Kunstwerke weiterhin +schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau mit +Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war +ein schöner Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei +der freiwilligen Feuerwehr. +</p> + +<p> +Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies +die Stäubchen aus den Ecken, holte die frischen Kohlen +einzeln aus dem Kasten, wählte sorgfältig harzfreies Tannenholz +aus und schürte ein klares Feuer an. Erschrocken +griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, +der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte +den Handhammer für den Meister zurecht, die Feuerzangen, +den Vorschlaghammer für sich, fummelte mit +seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete. +</p> + +<p> +Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des +Lebens hinüber, lange; sein Mund stand offen. Da riß +er sich zusammen, flog in die Werkstatt — und stellte sich +dem Meister: „Ich will fort von Ihnen! . . . Ich halt’s +nimmer aus.“ +</p> + +<p> +Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende +Schlag ins Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen +hinaus auf das Pflaster. Die andern Lehrjungen +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +standen atemlos, und der Gehilfe bog sich vor Lachen, daß +sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die Brille +von der Nase fiel. +</p> + +<p> +Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an +einer der blitzenden Drehbänke eine kleine Eisenschraube +für das elektrische Türschloß zu drehen, wobei der älteste +Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße die Drehbank +trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein +ganzes Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als +spiele er Piano. +</p> + +<p> +Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen +und starrte in die Augen des Lehrjungen, der, vom Blick +des Meisters festgehalten, mit zitterndem Fuße weitertrat, +bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder seiner +Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in +die Höhe. +</p> + +<p> +Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich +die Spannung vom schweißnassen Lehrjungen, als habe +er vor einem Prüfungskollegium ein Klavierstück glücklich +zu Ende gespielt, während der Meister, als habe er es +komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um +die Schloßfalle zu schmieden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg +und durch den unterirdischen Gang ins „Zimmer“. Hastig, +als habe er keine Zeit zu verlieren, nahm er den alten Revolver +unter der Glasvitrine zu sich, zündete knieend ein +Heftchenbündel an: „Die bleiche Gräfin oder Der Mord +im Walde“ und damit die ganze Bibliothek. +</p> + +<p> +Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten +und hinauf zur Decke schlugen. Der Qualm trieb +ihn ins Freie. +</p> + +<p> +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang. +</p> + +<p> +Da hörte er ein aufrührerisches Krachen — eine mächtige +Rauch- und Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und +zum Himmel hinauf. +</p> + +<p> +Der unterirdische Gang war eingestürzt und das „Zimmer“ +verschüttet auf immer. Atemlos stand Oldshatterhand +im Festungsgraben. +</p> + +<p> +Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden. +</p> + +<p> +In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde +weit vom „Zimmer“ entfernten Nonnenkloster „Himmelspforten“ +sei in der Zelle der Oberin hinter dem Schrank +Rauch aufgestiegen. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-5"> +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +Fünftes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt +auf der Landstraße hin. +</p> + +<p> +Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die +verhaßte Stadt noch einmal zu sehen, die im grauen Dunst +lag, denn ein feiner, gerader Regen ging nieder; er +wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach links +wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, +einem Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas +dabei zu denken und zu wollen. +</p> + +<p> +Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den +Straßengraben, ging weiter, leer im Herzen, empfindungslos, +bis auf den Druck in der Mitte unter dem Brustbein. +</p> + +<p> +— — — Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein +sitzen — und blieb erbebend stehen: vorher war der Stein +leer gewesen, und jetzt saß ein Mensch darauf. +</p> + +<p> +War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? +Aus dem Erdboden gekommen? In der Luft heran +oder — — — aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu +Oldshatterhand geeilt? +</p> + +<p> +Nie hatte er so einen Menschen gesehen. +</p> + +<p> +Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher +jetzt, schlank werdend, aufstand und zu Oldshatterhand +trat, der sich kühl berührt fühlte, wie von einem Gespenst. +</p> + +<p> +Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig +Jahre alt, hatte einen dünnlippigen Mund im scharfen +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +Gesicht und an den Schläfen unter den braunen Haaren +schon graue. +</p> + +<p> +„Wollen wir ein Stück zusammen gehen?“ +</p> + +<p> +„Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher +Richtung?“ +</p> + +<p> +„Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen — dann gehe ich +wieder vorwärts . . . Sie wollen in die nächste große Stadt +wandern, Arbeit suchen und Geld verdienen“, schloß der +Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand +schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte +geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was +er vorhabe, und nun konnte er es gleich dem Ersten nicht +sagen. +</p> + +<p> +Wirr vor Verlegenheit, rief er: „Ich heiße Michael +Vierkant!“ Und sein zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf +die Landstraße. +</p> + +<p> +Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, +ob er es ein wenig ansehen dürfe, las den ersten Satz +auf der Decke: „Tom machte sich auf in den wilden Westen +und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich +das Lebenslicht auszublasen“, und gab es Oldshatterhand +zurück. +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand wieder das kurze, +irrsinnige Lachen wie damals auf dem Heimwege von der +Schule. „Das ist vielleicht alles dumm und nicht wahr, +was da drin steht.“ +</p> + +<p> +Da sagte der Fremde nachdenklich: „Ja, Sehnsucht +ist — weil Qual ist . . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, +diese selbe Straße, bis zu dem Berg, der meiner Jugend +den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein ersehntes, +wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +in ein blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang — +und stieg hinunter.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und +der Fremde zärtlich und gerührt auf Oldshatterhand +hinunter. +</p> + +<p> +Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen +wollte, erfüllte Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, +dem ein Ausruhen folgte. Entlastet schritt er neben +dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem Vertrauen zu +ihm. „Ich will auch arbeiten“, sagte er ganz still. „Ich +bin nicht so schwach, wie ich aussehe.“ +</p> + +<p> +„Nein . . . Sie sind nicht schwach“, sagte der Fremde, +mit einem unbegreiflichen Lächeln. +</p> + +<p> +Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die +Sonne auf der Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, +und die Apfelbaumreihen legten ein bewegtes Schattenmuster +darauf. +</p> + +<p> +Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben +und flohen, die Ohren zurückgelegt, hintereinander +her, gestreckt die schnurgerade, endlose Straße hinaus. +</p> + +<p> +„Was arbeiten denn Sie jetzt?“ fragte Oldshatterhand +ruhig und vertraut, denn er hatte die Empfindung, +mit seinem älteren Ich zu reden. +</p> + +<p> +„Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte +vom Baume fallen muß, bevor sie zur Frucht wird, während +neben ihr eine andere ungehindert zur Frucht reifen +darf . . . Darüber denke ich nach, unaufhörlich. Das ist +meine Arbeit. — Jetzt muß ich wieder vorwärtsgehen — — —“ +</p> + +<p> +Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, +auf die beiden zu, und stieg vor ihnen hinauf in den +Himmel. +</p> + +<p> +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands +geschlagen und ihn geküßt. +</p> + +<p> +Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer +kleiner und kleiner, und Oldshatterhand blickte ihm nach bis +der Fremde unversehens verschwunden war, als wäre +er zu Luft geworden. +</p> + +<p> +Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten +von Kornfeldern ein großes Gehöft liegen, und +einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich zukommen. Der +hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der +spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen +an der Schulter hängen. +</p> + +<p> +„Hast du Zeit? Wohin willst du denn?“ +</p> + +<p> +„Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.“ +</p> + +<p> +„Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen +und dein Essen. Du mußt dafür in meinem Keller eine +Woche lang Kartoffeln sortieren.“ +</p> + +<p> +„Ja!“ sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener +Fahrradfabrik schnurrten und sangen, die breiten +Treibriemen klatschten — klipp klapp klipp —, Hämmer +klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und +surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand +zusammen in „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro“, +denn er hatte, ehe er von Frankfurt nach Dresden gefahren +war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging und +stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher +war er in der Oper gewesen. +</p> + +<p> +Er versuchte, „Nun danket alle Gott“ unterzulegen, +oder „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +er in die weite Welt“, aber beugte er sich auch nur einen +Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte der +Fabriksaal wieder „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!“ +Den ganzen Tag „Auf, in den Kampf!“ +</p> + +<p> +Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch — +und in die Höhe jagender und, als reichte der Atem nicht +mehr, in maßlosem, wildem Schmerz jäh abbrechender +Pfiff heulte durch den Fabriksaal. +</p> + +<p> +Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. +Schweißgeschwärzte Männer richteten sich auf. Die Treibriemen +sangen leiser, klatschten langsamer, verklangen und +hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man +plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: +die Vesperpause war gekommen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster +neben einem schlottrigen Mann mit tief eingefallenen +Wangen und grünen Schatten unter den Augen, der jetzt +an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in +Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei +er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen +ohne anzustoßen auf einmal unterzubringen. +</p> + +<p> +Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu +und dann vergnügt zu einem Honigglas vor sich auf dem +Fenstersims, in dem sich ein langer, in vielen Falten gelegter +weißer Bandwurm befand, und sagte: „Jetzt esse ich +meine Bemmchen alleine.“ +</p> + +<p> +Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte +keinen Bissen hinunter. +</p> + +<p> +Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende +Pfiff den Arbeitern durch die Gehirne. Wie Lebewesen +begannen die Maschinen zu laufen; die noch kauenden +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern +und Feilen. Oldshatterhand klang wieder „Auf, in +den Kampf!“ ins Ohr. +</p> + +<p> +Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und +von einer anderen Dampfpfeife abgegeben wurde, klang +ganz anders, klang wie der langgezogene Flötenton eines +Singvogels und endete abgebrochen schluchzend. +</p> + +<p> +Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor +ins Freie, mit Mienen der Erleichterung und Freude, +denn es war Sonnabend und Zahltag. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. +Daumen und Zeigefinger spielten mit dem verdienten +Geld in der Westentasche. Er umkreiste wieder +seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus +Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen +hatte. Die Sehnsucht — <em class="em">Etwas</em> zu werden. Er wollte +<em class="em">Etwas</em> werden. Nicht gerade Minister oder Bürgermeister; +aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen +einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er +kaum werden, denn er brauche nur an seine Schuljahre +zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er +dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken +nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen +seiner Jugend ihm aus den Augen, dann war +er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte +er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, was eine +demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß. +</p> + +<p> +Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem +Geometer stehen geblieben und hatte zugesehen, wie der +Mann ohne viel Worte seine Arbeiter mit Stangen und +Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, +am Mississippi stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, +und hatte einige Tage lang überlegt, ob er nicht +Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung +hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, +und der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn +seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler +oder Sänger; irgendein Künstler — hier müsse für ihn die +Möglichkeit sein, <em class="em">Etwas</em> zu werden. +</p> + +<p> +Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten +Menschen begegnete, der ruhig seines Weges ging und dessen +Gesicht von Demütigungen nicht gezeichnet war, folgte +er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er selbst zu +dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie +klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er +auch eine Zeitlang Liftjunge gewesen war, in einem Hotel +in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus den sehnsüchtigen +Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser +im Geiste — als Fremder mit dem Fremden im Lift in die +Höhe stieg. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah +zurück in den unerreichbar weit entfernten, verwilderten +Garten, in dem seine Jugendträume und seine Sehnsucht +weiterlebten, umschlossen von einer grauen, türlosen +Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er <em class="em">Etwas</em> +geworden war. +</p> + +<p> +Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen +Gesicht unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben +Augen schwarzviolett war. Das Hemd stand vorne offen +und bot den grausig abgemagerten Körper dar, die schweißfeuchten +Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +als fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling +langsam am Bretterzaun der Glasfabrik hin, in der er +beschäftigt war. +</p> + +<p> +Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf +die grauenhaften Gestalten, die teilnahmslos und stier am +Zaun entlangschlichen. Kinder, Alte, Mädchen, steif, aus +Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende Reihe, auf +ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik +entlassen. +</p> + +<p> +„Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?“ +flüsterte er, ging fassungslos weiter, begann plötzlich zu +rennen. +</p> + +<p> +Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, +von größter Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, +weiß, mit flachen Dächern. Breit wie ein Traum war +die Straße. +</p> + +<p> +Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand +sich um, weil er Reiter vermutete, aber immer hing +an den ausgreifenden Pferden auch eine Equipage daran, +die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die linealgerade, +endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, +breit und lang, durchschnitten seine Straße. +</p> + +<p> +Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in +eine zweite. Die war eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, +Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, und halbnackte, +schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es +roch nach Abort. +</p> + +<p> +In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +Hausfrau öffnete ihm und lief schnell ins Wohnzimmer +zurück. Sie hatte ein orientalisch-weiches, gelbes Gesicht +und fast nichts an. „Kommen Sie doch näher, Herr +Vierkant.“ +</p> + +<p> +Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag +ein Haufen duftender Tabak, rechts — ein Berg Zigarettenhülsen. +„Siebenhundert Stück muß ich heute noch fertigkriegen“, +sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere hantierend. +„Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese +und diese auch nicht.“ +</p> + +<p> +Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei +in des Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn +das Hemd war ihr heruntergeglitten. Ihr großer Mund +blieb geöffnet. +</p> + +<p> +Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter +Maurer ohne Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat +ein, sah auf seine halbnackte Braut, auf Oldshatterhand +und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war ärgerlich. +</p> + +<p> +Das Mädchen arbeitete emsig weiter. „Wie viel?“ +</p> + +<p> +„Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig“, sagte er +mürrisch. +</p> + +<p> +Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. „Davon +kannst du dreißig zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so +weitergeht, können wir Weihnachten heiraten.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal +wie ein Gang. Vier Betten, hintereinander, standen darin +und sonst nichts. In einem schlief ein Viehtreiber — sein +fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke —, im andern der +Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn +des Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle +bekam, wobei er sich nackt auszog und mit einem +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +Küchenmesser auf seine Mutter losging. Er saß auf dem +Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe +Gurke mit Salz. +</p> + +<p> +Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten +Male, denn früh hatte er sich erst eingemietet. +</p> + +<p> +Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche +unaufhörlich an seinem Körper entlang, um ihn herum. +Er wachte auf, fühlte vielfüßiges Gekrabbel, griff unter +die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das ihm jedoch, +über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte. +</p> + +<p> +Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken +punktiert: zerdrückte Wanzen. +</p> + +<p> +Er rief die Wirtin und kündigte. „Im Bett sind +Wanzen.“ +</p> + +<p> +„Ach nee.“ +</p> + +<p> +„Unheimlich viel.“ +</p> + +<p> +„Die beißen Ihnen doch nich.“ +</p> + +<p> +„Sie haben mich gebissen.“ +</p> + +<p> +„Aber die fressen Ihnen doch nich.“ +</p> + +<p> +„Fressen?“ +</p> + +<p> +„Tun se nich. Da ist der Kaffee.“ +</p> + +<p> +„Erst komm ich!“ rief der Viehtreiber. +</p> + +<p> +„Und dann ich!“ der Bräutigam. „So war’s ausgemacht.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige +Kaffeeschale benutzt hatten und er daran kam. „Also, +ich ziehe aus, wegen der Wanzen.“ +</p> + +<p> +„Wanzen!“ schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und +Bräutigam erhoben sich drohend. +</p> + +<p> +„Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr“, +stotterte der ratlose Oldshatterhand. +</p> + +<p> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde +blutrot. Das Messer unter den Nabel an den haarigen +Bauch gehalten, mit der Spitze nach vorne, berannte er +seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf ihren +Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte. +</p> + +<p> +Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den +nackten Idioten auf des Viehtreibers Bett, wo er hocken +blieb und den Brocken Brot, den er im Bett fand, in den +Mund steckte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem +Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil +er für die ganze Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark +fünfzig Pfennige, und nichts zurückbekam. Da trat die +Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den mageren +Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. „Schreibe +mir, wo du wohnst.“ +</p> + +<p> +Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das +Mädchen huschte ins Wohnzimmer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell +erleuchtet und dicht besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen +in hellen Sommerkleidern, von Handwerkern, eleganten +Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in +knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und +an die Wangen angepreßten Schnurrbärten waren von +Leutnants kaum zu unterscheiden, wenn sie mit vornehmer +Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den +Arm ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen +im Schleifwalzer dahinglitten. +</p> + +<p> +Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende +Schleiernymphen schwebten plastisch an der Decke, aus den +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +Wänden heraus und aus allen Winkeln und Nischen hervor. +</p> + +<p> +Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab. +</p> + +<p> +Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe. +</p> + +<p> +Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine +sehr kleine, runde Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig +geblieben war, stand wie ein Stock, nur den Kopf geneigt, +und sagte: „Wenn ich bitten darf.“ +</p> + +<p> +Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges +Gesicht war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr +Korsett; darin lag weich der kolossale Busen, weit hinten +saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel klebte, in Form +eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das Haarzöpfchen. +</p> + +<p> +Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier +mit glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd +mit seiner schönen Dame als Erster quer durch den Saal. +</p> + +<p> +Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, +tanzte Oldshatterhand mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, +wenn das Geld reichte, bis in den frühen Morgen +hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen +ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die +Brust; er wuchs rapid, was eine günstige Veränderung +seiner Sprechorgane zur Folge zu haben schien, denn er +stotterte nicht mehr. +</p> + +<p> +Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und +stand steif. „Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu +Ihnen setze? . . . Ich würde mich sehr freuen.“ +</p> + +<p> +Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen +von der Stirne. „Bitte, wenn’s Ihnen so gräßlich +freuen tut.“ +</p> + +<p> +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +„Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein +Fräulein?“ +</p> + +<p> +Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands +Taschentuch vollkommen in der Riesenhand; sie +wischte sich übers Gesicht, über den Mund weg, daß die +Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die breite, +feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, +und fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei. +</p> + +<p> +Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes +Röckchen an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren +und dem er auch sonst stark entwachsen war. Seine braunen +Haare über der hohen Stirne standen zu Berge. Die +langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander +verkrampft, fragte er: „Würden Sie mir erlauben, daß ich +Sie nach Hause begleite, mein Fräulein?“ Und tief erschrocken +setzte er hinzu: „Sie dürfen nicht denken . . . ich +wollte Sie nicht beleidigen.“ +</p> + +<p> +Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund +und lugte darüber hinaus auf ihn. „Heute geht’s nicht. +Ich schlafe ja heute nacht im Zimmer meiner Gnädigen. +Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute nicht. So ist es eben.“ +</p> + +<p> +Er starrte die Köchin an und lachte „Hi! hihiha!“ plötzlich +sein irrsinniges Lachen. +</p> + +<p> +„Auf zur Damenwahl!“ rief der Tanzordner. Und die +Köchin verneigte sich vor Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand +auf dem Wege zum Tanzsaal vor dem Museum +stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen hielten vor +dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen +staunend durch die kühlen Säle. +</p> + +<p> +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank +setzen. Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er +im „Zimmer“ nach dem „Heiligen Tier“ gemacht hatte, +und verglich sie mit den Kunstwerken an den Wänden. +Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes +Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken +vom Gesicht abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger +Miene sah er sich vorsichtig um. +</p> + +<p> +Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum +und konnte gerade noch zwanzig Minuten lang die +Bilder ansehen. +</p> + +<p> +Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in +einem Zugbeutel, den er Tag und Nacht auf der Brust bei +sich trug. Als er genug zu haben glaubte, ging er nicht +mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah stundenlang +den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten +ihn schon und lächelten, wenn er kam. +</p> + +<p> +Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine +Landschaft, und wieder, ehe er das Museum verließ. Es +war eine hügelige Landschaft mit Felderstreifen, grün und +braun; ein paar blühende Apfelbäume dazwischen und +darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. +Er liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die +unterfränkischen Hügel. +</p> + +<p> +Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten +mit Pinsel, und malte von seinem Dachfenster aus die +Ansicht von Dresden. +</p> + +<p> +Darüber verging ihm der Winter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte +Würzburger Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +entbehrt hatten, sich entschlossen, ein Bad im Main zu +nehmen. Und die Kinder plätscherten den ganzen Tag +über im Wasser herum. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt +nach Hause zum Mittagessen. Das kleine, grüne +Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß die andere +blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch +nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den +Häusern entlang, daß sein Ärmel die Mauern streifte, +und schien mit den Fingerspitzen, mit denen er bei jedem +Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter sich zu +schieben. +</p> + +<p> +Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine +Dachkammer und übte alle seine neu angeschafften Hanteln +durch. +</p> + +<p> +Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen +Scheibenhantel, lagen in der Kammer +des bleichen Kapitäns in Reihen geordnet die Gewichte, +daß sich die Balken bogen und die Decke unter der Kammer +einzustürzen drohte. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: „Wie +werde ich Athlet“. +</p> + +<p> +Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, +rauchte nicht mehr, trank nicht mehr, redete nur noch das +Nötigste — er stemmte. Die Folge davon war ein schwerer +Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, der +dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren +würde, wenn es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das +Gestell, denn die Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, +spannte er einen Zentimeter um seinen +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel +des Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der +Muskel seit einer Woche um eineinhalb Millimeter stärker +geworden war. Nachdem er noch Unterarm- und Schenkelmuskel +gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu erheben, +dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu. +</p> + +<p> +Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie +er tief das Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte. +</p> + +<p> +Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde +Flecken auf den eingefallenen Wangen. +</p> + +<p> +„Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag +tun dürfe, so oft man nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, +was es überhaupt gibt auf der Welt“, sagte der +bleiche Kapitän. „Und was gar die Mädli anbelangt, +mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, +dann kannst schon nimmer stemm — so schwächt dich das. +Grüß Gott.“ Das war des bleichen Kapitäns letzter +längerer Satz auf Jahre hinaus. +</p> + +<p> +Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke sang den ganzen Tag „Nach der Heimat +möcht ich wieder, nach dem teuren Heimatort“, denn er +war Mitglied des Jünglingvereins „Frischer Bursch“ +geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das Stiftungsfest +des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied +war wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke +sang den ersten Tenor. Der König der Luft war eifriger +Turner und trug sich mit der Idee, zusammen mit einigen +jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den +Händen laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, +in einem Dorfe bei Würzburg. Falkenauge war aktives +Mitglied der Angelgesellschaft „Walfisch“ geworden. +</p> + +<p> +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung +der Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche +Kapitän einen Preis errungen hatte beim Vereinsstemmen +des Athletenklubs „Muskel“, dessen Mitglied er war. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde +in der Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in +den Perrondurchgang. Hin und wieder wischte sie sich +über die Augen, und ein Lächeln des Glückes entstand in +ihrem verhärmten Gesicht. +</p> + +<p> +Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster +Spannung der Erwartung und des Zweifels blickte +sie hinunter in den Durchgang, durch den jetzt die angekommenen +Reisenden eilten. Darunter ein schlanker +junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit +einer schwarz-weiß gestreiften Krawatte, die sich weit +heraus wölbte; sein dünnes Spazierstöckchen mit blitzender +Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er zog eben braune +Glacéhandschuhe über. +</p> + +<p> +Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab +vor Frau Vierkant, streckte ihr die Hand hin und lächelte. +</p> + +<p> +Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die +Arme über den Kopf. +</p> + +<p> +Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; +er war um mehr als einen Kopf größer geworden. +</p> + +<p> +„Einen Gummimantel hast du dir gekauft?“ fragte die +Mutter erstaunt. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-6"> +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +Sechstes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span>lle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand +in der Dachkammer des bleichen Kapitäns +versammelt. +</p> + +<p> +Winnetou fehlte. +</p> + +<p> +Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten +ihre Pfeifen vor das Fenster legen, denn der bleiche Kapitän +sagte: „Rauch ist Gift . . . für einen Athleten.“ +</p> + +<p> +Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte +elegant Oldshatterhand. „Wie werde ich Athlet“ lag aufgeschlagen +auf dem Tisch. +</p> + +<p> +„Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst“, +fragte der fahle Schreiber. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. „In +Frankfurt . . . Da gibt’s eine Gasse. Die Rosengasse. +Die ist so eng, daß man nebeneinander gar nicht durchgehen +kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel +und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf +den Stufen, sitzen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen +. . . seht, so sitzen sie, in rosaseidenen, in violetten +Hängekleidern und manche in ganz roter Seide . . . Und +wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln +sie dich an, rufen sie dich . . . und so halt.“ +</p> + +<p> +„Bist neigange mit so’n Mädle?“ +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +„Dann is aus mit der Kraft“, sagte still der bleiche +Kapitän. „Das kann man an dir merk.“ +</p> + +<p> +„Ich mach ja gar nix mit Mädli.“ +</p> + +<p> +„Wie . . . du’s machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt +nur an sowas denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.“ +Der bleiche Kapitän griff dem Schreiber an den Oberarm. +„Zieh mal dei Röckle aus.“ Schob dem Schreiber noch +den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen +und ließ es verächtlich sinken. „Oh, macht nur so +weiter.“ +</p> + +<p> +„Gestern hab ich ’n Hecht gefange“, sagte Falkenauge. +„Von anderthalb Pfund.“ +</p> + +<p> +„Kriegst vielleicht davo Kraft?“ +</p> + +<p> +„He?“ +</p> + +<p> +„Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! +Jetzt will ich euch amal was zeig. Schaut amal alle zum +Fenster naus.“ +</p> + +<p> +„So, jetzt.“ +</p> + +<p> +Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche +Kapitän nackt über seine Scheibenhantel zusammengekauert. +Die Räuber hörten, wie er den Brustkasten voll +Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die zentnerschwere +Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf +lag tief im Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, +stand reglos der bleiche Kapitän, vom kalten Mondlicht +getroffen. Das handgroße, zinnoberrote Tüchlein war +vorgebunden. +</p> + +<p> +Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein +dumpfes Krachen tönte von unten herauf: die Decke der +Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste gefallen. +</p> + +<p> +Die Räuber umringten ihren Hauptmann und +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +befühlten staunend seinen Körper. Der war hart wie Elfenbein. +</p> + +<p> +Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie +riß die Tür auf und prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. +Mürrisch stülpte er seine Unterlippe hin. Die Tür knallte +ins Schloß. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, +das sich verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte +hochdeutsch: „Jetzt mache ich euch einen Vorschlag. Wir +gründen einen Athletenklub . . . auf intelligenter Basis.“ +</p> + +<p> +„Was ist das? Basis?“ +</p> + +<p> +„. . . Basis ist schon richtig“, sagte der bleiche Kapitän +und legte die Faust auf „Wie werde ich Athlet“. „Den +Namen hab ich schon. Wir nennen uns ‚Klub für intelligente +Leibeszucht‘. Jeden Abend kommen wir in +meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich +nackt. Das ist von wegen der Transpiration . . . Und das +eine möcht ich euch noch sag: hütet euch vor den Weibern +und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt schon, was ich +mein’.“ +</p> + +<p> +„Aber ich hab ja Singprobe abends“, rief die Rote +Wolke. +</p> + +<p> +„Kriegst amend davo Kraft?“ +</p> + +<p> +„Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: +‚Nach der Heimat möcht ich wieder‘. Wenn ich mir’s +genau überleg . . . ich war ja noch gar nie aus Würzburg +draußen.“ +</p> + +<p> +„Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen +Geplärr. Aber wenn ich Muskel hab, da weiß +ich doch, was ich hab“, sagte der bleiche Kapitän und griff +zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +und den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten +Räuber, die sich hastig entkleideten, und registrierte alles +genau in sein Büchlein. +</p> + +<p> +Der „Klub für intelligente Leibeszucht“ war gegründet. +</p> + +<p> +„Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein +Bruder.“ +</p> + +<p> +Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den +Schreiber an. „Wenn du ein Athlet werden willst, darfst +du keinen Alkohol trinken. Höchstens manchmal, aber nur +einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder Beefsteak +mußt freß, soviel du kannst.“ +</p> + +<p> +Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und +saßen wieder auf dem alten Lederkanapee am runden +Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen Teller rohes +Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich. +</p> + +<p> +Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern +auf dem Athletentisch. +</p> + +<p> +Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib +trat stark vor. Voller Freude sah sie auf die wiedervereinigten +Räuber. +</p> + +<p> +Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein +schwarzhaariger Bursche schlich mit nach innen gerichteten +Fußspitzen lautlos durch die Wirtsstube. Sein abgemagertes +Gesicht war fleckig und ockergelb, und seine +dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus +Hamburg, dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank +zurückgekehrt. Er setzte sich ans Fenster zu einem helläugigen, +blonden Jüngling. +</p> + +<p> +Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die +zweite Stimme, kaum hörbar und hohl aus dem Halse +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +heraus, der andere die erste Stimme, rein und voller Hingabe. +Es wurde ganz still in der Stube. +</p> + +<p> +„Auf, Matrosen ohe!“ sangen die beiden. +</p> + +<p> +„Auf die wogende See.“ +</p> + +<p> +„Oo . . . heee!“ sang der Zurückgekehrte dunkel und +düster . . . +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,</p> + <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind.“</p> +</div> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand +mit seiner Schwester und deren Freundin, Lenchen +Leisegang, die vielen hundert Staffeln hinauf zum Würzburger +„Käppele“, an der Leidensgeschichte Christi vorbei, +welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in +vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang +der frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist. +</p> + +<p> +Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze +in die dürren Hände verschlungen, knieten auf +den Stufen und bewegten die Lippen im Gebet. Viele +Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, +welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den +Herrgott um Vergebung ihrer Sünden baten. +</p> + +<p> +Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf +der untersten Stufe gebetet, waren knieend auf die zweite +Stufe geklettert, auch diese abbetend, und weiter, Stufe +für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei Vaterunser gebetet +werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, +beteten sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter +sich, bis gegen Abend das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo +Christus am hohen Kreuze hängt, endlich erreicht war +und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken. +</p> + +<p> +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, +hatten eine Hausapotheke und halfen den Büßern +wieder auf die Beine, damit sie dem Hochamt in der +kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und +man sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, +daß für den langen, bitterschweren Betgang auf den Knien +durch Staub und Hitze der liebe Gott im Himmel ihre +Bitte um Hilfe erfüllen werde. +</p> + +<p> +Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an +den betenden Gläubigen vorbei, bis zum Marienfuß. Das +Mädchen probierte ihren Fuß in die Höhlung, von der es +hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick gerastet +habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in +Butter eingesunken sei. +</p> + +<p> +Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, +das sich vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, +gleich auf die nächste Stufe rutschte. +</p> + +<p> +Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß +die Bäuerin den Vaterunserdiebstahl vor der siebenten +Station — ein nackter, muskulöser Landsknecht mit Speer +und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die +Dornenkrone aufs Haupt — unter größter Vorsicht wieder +beging. +</p> + +<p> +Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie +war vögelchenzart, aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes +Sonntagskleid an. +</p> + +<p> +‚Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank +im Abendgarten sitzen‘, dachte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Unter Glockenläuten kamen sie auf dem „Käppele“ an. +Rund um die Kirche herum klebten die Verkaufsbuden, wo +Kerzen zu haben waren, nicht dicker und länger als ein +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein Männerschenkel +und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden Muttergottesherzen +aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, +konnte eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche +opfern. +</p> + +<p> +Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, +Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger +Lebkuchen, Christusse, Amulette, heilige Josephsringe aus +Zinn für zehn Pfennige. Auch ein Schnäpschen war zu +haben. +</p> + +<p> +Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das +der sonnengoldene Main zog. Langbärtige Mönche mit +klappenden Sandalen schritten durch die verstaubte +Menge. +</p> + +<p> +Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln +der Ministranten. Alle Menschen fielen auf die +Knie; das Gebetsgemurmel erklang. +</p> + +<p> +Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen +Hand, mit der linken nahmen sie den Kaufpreis entgegen +und stritten sich verzweifelt mit den Bauern herum, welche +die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die teueren, +dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden +prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis +boten, stundenlang feilschten, um sie dann befriedigt der +heiligen Mutter darzubringen. +</p> + +<p> +Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor +einer Bude, wo an Schnüren kleine Arme hingen, Beine, +Herzen, Ohren, Hände — aus Wachs, die man kaufen und +seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke +Bein, das Ohr, das Herz gesund werde. +</p> + +<p> +„Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?“ fragte die +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +Schwester. Sie hatte einen vom Knochenfraß steif gebliebenen +Arm. „Es könnte ja nix schad. Vielleicht +hilft’s.“ +</p> + +<p> +„Ich glaub nit, daß es was hilft“, meinte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Da trat die Menge, „Gelobt sei Jesus Christus“ murmelnd, +zur Seite: neben einem hohen Mönch kam Winnetou +geschritten in der weißen Ministrantenstola, das qualmende +Weihrauchfaß schwingend. +</p> + +<p> +Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg +betroffen, denn Winnetou senkte den Kopf und ging +vorüber. +</p> + +<p> +Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. +Der lief jeden Tag ohne Begleiter die vielen +hundert Stufen hinunter und noch eine halbe Stunde weit +durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch, +der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet +hatte, und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die +Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe schon sieben +Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes +Tier, dem ein Auge fehlte. +</p> + +<p> +Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen +geliebten und verehrten Tieres zu werden, war nur +der äußerliche Anlaß für Winnetou gewesen, sich den +Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der +Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht +hatte. Von der Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, +hatte er späterhin auch manche Nacht bei den stillen +Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den kränkelnden +Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle +hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +Kindern aus der Stadt das durch ein Vaterunser erbetete +Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten ihn +schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein. +Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage +zwei- oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer +unter den Bittenden, der das katholische Vaterunser nur so +ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das +gelten. +</p> + +<p> +Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht +waren von tiefer Bräune umschattet. Auf der Oberlippe +hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze Haare. Seit +einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf +hatte er nicht. +</p> + +<p> +Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch +einen Hohlweg, an Weinbergen vorbei. +</p> + +<p> +Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft +und es am Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich +die Wunde an ihrem steifen Arm wenigstens schließen, +meinte sie. +</p> + +<p> +Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, +als Herr Mager, der damals Lehrer der Mädchenklasse +gewesen war, der Schwester mit dem Rohrstock +sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl +er von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war. +</p> + +<p> +Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen +und seinem nie ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. +Aber die Wunde am Arm der Schwester war +seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant auf +den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, +das bei der nötig gewordenen Operation aus dem +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Ellbogengelenk herausgeschnitten werden mußte, einem Straßenhund +zu fressen gegeben hatte. +</p> + +<p> +„Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann +schließt sich wenigstens die Wunde“, hatte die weise Frau +gesagt; „stirbt er aber an dem Knochen, dann wird der +steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.“ +</p> + +<p> +Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war +aber ganz gesund geblieben. +</p> + +<p> +Versonnen schritt die Schwester weiter. +</p> + +<p> +Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun +ein Loch in ihr Sonntagskleid gerissen hatte +und bekümmert dreinsah. +</p> + +<p> +„Das können Sie wieder schön zustopfen“, tröstete +Oldshatterhand. Und nach einer Weile: „Man muß +eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, und alle +Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine +Zange mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune +auf die Seite schaffen . . ., daß sich kein Mensch mehr +einen Triangel ins Kleid reißen kann. Stacheldrahtzäune +sind doch hundsgemein und hinterlistig!“ +</p> + +<p> +Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im +Arm. Seine Bäuerin stolperte betend hinter ihm drein. +Ein paar barfüßige Jungen, auf der Flucht vor dem +Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner +warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus +der Fußsohle und hinkte heulend weiter. +</p> + +<p> +Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, +weißer Spitzhund. „Haben Sie gesehen, wo die verdammten +Lausbuben naus sind?“ +</p> + +<p> +„Da hinaus!“ zeigte Oldshatterhand in die falsche +Richtung. +</p> + +<p> +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht +hinunter, einer noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen +Felsenbergschlucht, durch die eine starke Quelle +ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger Verschönerungsverein +hatte nach langem Ringen mit der störrischen +Natur aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe +Seechen mit zwei Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen +aus krummen Birkenästen, noch mit der weißen Rinde, +überspannten die gezähmte Quelle; Birkenholz-Aussichtshäuschen, +Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, Gedenk-, +Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz +verschönten die Landschaft. +</p> + +<p> +Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen +war: „Gestiftet von Herrn Kilian Nikodemus Anastasius +Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Ihr paßt gut zueinander“, sagte die Schwester zur +Freundin, die verwirrt aufstand und vorausging. +</p> + +<p> +„Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an +auf der Straß, dann möcht sie glei durchs Pflaster in +Erdbode neifahr . . . Und du . . . du bist auch ein dummer +Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von Würzburg, +ham wir jed’n Tag von dir gesprochen. Und noch +ehe sie dich gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . +Aber so verliebt! Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .“ +</p> + +<p> +„Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, +auf der ein silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. +Auch daß die Wolke mit dem stillstehenden Engel +jetzt fortschwebe. +</p> + +<p> +Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell +vor einem Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +Stämme, von der Abendsonne beschienen, leuchteten rot. +</p> + +<p> +„Henkeln Sie ein bei mir“, sagte Oldshatterhand und +verbeugte sich. +</p> + +<p> +Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. +„. . . Da!“ Und stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand. +</p> + +<p> +So gingen sie nach Hause. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Greif amal her!“ brachte der König der Luft vor +Kraftanstrengung gerade noch heraus und ließ Falkenauge +seinen Oberarmmuskel befühlen. „Wie is er?“ +</p> + +<p> +„. . . Kolossal hart! Und meiner?“ Falkenauge stand +im Ausfall. Der König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel +und sah dabei prüfend in den Himmel. +„Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber +gehen wir.“ +</p> + +<p> +Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im +Garten „Zur schönen Mainaussicht“ standen flüsternde +Weiber und stillgewordene Kinder um einen aufgebahrten +Sarg herum. +</p> + +<p> +Die zwei drängten sich durch und wurden auch still. +</p> + +<p> +Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. +Nur ihr Mund war rot und lächelte hold, wie wenn sie +im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die Tanzenden +den Boden zu glätten. +</p> + +<p> +Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die +Vögel pfiffen im Kastanienbaum, unter dem das Fell des +Bernhardinerhundes ausgebreitet war. Es hatte große +enthaarte Stellen. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub +versteckt, und zielte mit einer stacheligen Kastanie einer +Alten auf den Scheitel, traf aber seiner toten Schwester +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der Wange der +Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen, +beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde. +</p> + +<p> +Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei +in die Wirtsstube. Der blonde Sachse und das kleine, +schöne Waisenmädchen saßen schon drinnen und tranken +grünen Likör. +</p> + +<p> +Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, +denn die „Schöne Mainaussicht“ war in Verruf geraten: +der Pfarrer hatte von der Kanzel herunter seine Pfarrkinder +gewarnt vor dieser Wirtschaft. +</p> + +<p> +Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und +Nacht saß er bei der Wirtin. Niemand kaufte Fische von +ihm — er hatte vergessen, am Gründonnerstag mitzuwallen. +</p> + +<p> +Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte +ein Zuckerplätzchen in ihr verquollenes Gesicht, in dem der +Mund gar nicht mehr zu sehen war. +</p> + +<p> +„Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag +sie doch zum Teufl!“ schimpfte der Fischer und hob die +Arme. „Heilige Maria und Joseph! so a Gaudi. Wer +tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; +er hat g’sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom +kirchlichen Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische +Hundsknoche dem tote Mädle ke christlichs Begräbnis +geb. No, i hab ’n mei Meinung mitgeteilt.“ +</p> + +<p> +„Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift +mir direkt an das Herze“, sagte der Sachse. +</p> + +<p> +„Jau, Herze!“ +</p> + +<p> +Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch +einmal, die Hände der Toten zu falten. Die Hände waren +aber schon steif. +</p> + +<p> +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen +vom Baum herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den +Schanktisch, und stahl aus der Geldschublade eine Handvoll +Nickelstücke. +</p> + +<p> +Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom +Kastanienbaum herunter auf das Hundefell plumpste und, +mit ein paar Haaren im Schnabel, auf den Baum zurückflog, +wo er sich sein Nest baute. Sie griff ins Fell, hatte +die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück +in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die +Köpfe zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die +jetzt zerfallen aussah im kalten Licht, denn die Sonne war +untergesunken. +</p> + +<p> +„Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,“ +sagte eine Alte, „aber er kommt nit.“ Die Alte flüsterte +der anderen noch etwas ins Ohr. +</p> + +<p> +Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder +Atem. Der großmächtige Pfarrer im Ornat kam die +Treppe herauf, mit den Ministranten und dem hinkenden +Flickschneider. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. +Der Pfarrer schwang es über die Tote. „Vor der Pforte +der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et +cum spiritu tuo.“ +</p> + +<p> +Die Weiber waren auf die Knie gesunken. +</p> + +<p> +Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die +Mütze vor der Brust. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild +eilte Oldshatterhand am Mainufer entlang, bis zu dem +Weidenbusch am kleinen See, wo er damals zum Schreiber +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: ‚Ihr geht also +nit mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?‘ +</p> + +<p> +Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge +umsäumt. Der Fluß glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, +Wasser und Weide, im ganzen Tal war kein Mensch, und +der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der Erde. +</p> + +<p> +Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; +er hatte kein Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und +Begeisterung den goldigen Rücken einer Hummel fertig, +die gekrümmt an einem Zweige hing. +</p> + +<p> +Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden +Gestalt etwas zu verändern, die er unter den Busch gemalt +hatte — ein Mädchen, zum Baden bereit, dem das +blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel. +</p> + +<p> +Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher +gemessen seine Kreise, sauste unvermittelt mit ein paar +Flügelschlägen davon; schnell hat ihn die blaue Ferne +genommen. +</p> + +<p> +Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue +den Blick erhob, hing der Reiher schon wieder still, aus +Gold, am blauen Himmel über dem Flusse. +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges +Lachen und malte in gotischer Druckschrift den +Namen des blonden Mädchens unter das fertige Bild: +„Helene, in ewiger Verehrung“, übermalte das Wort +Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, „In ewiger +Liebe“. +</p> + +<p> +„Oo . . . ha hööö . . . ö!“ klang es langgezogen vom +Fluß her. „Höö . . . ö!“ warf das Echo zurück: drei barfüßige +Schiffszieher mit nackten Oberkörpern, hintereinander +gespannt und schräg gegen den Boden gestemmt, +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, +das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts +bewegte, stand ein kleiner, weißer Spitz und bellte. Das +klang aus der Ferne wie das Quaken eines Frosches. +</p> + +<p> +Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße +und wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden +Tag seit zwei Monaten. +</p> + +<p> +Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen +in den Lachen, in denen sich das Licht der Laternen +brach. +</p> + +<p> +Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, +stand ein dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr +schöne, vollbusige Schwester des Glasermeisters Johann +Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin und im +selben Geschäft wie Lenchen Leisegang. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an. +</p> + +<p> +Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt +er unter dem Mantel versteckt. +</p> + +<p> +Plötzlich, wie wenn jemand „da!“ sagt und die Gesellschaft +aufhorcht, wurde es still — der Regen hatte geendet. +</p> + +<p> +Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte +mürrisch in den Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand +und stieg auf den Zehenspitzen durch die Regenlachen über +die Straße. +</p> + +<p> +Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. „Augen +rechts!“ brüllte der Sergeant. Die Gemeinen hieben in +die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch aufspritzte und +der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel zusammennahm, +während das schöne Fräulein Streberle +mit wiegender Hüftbewegung auf ihn zuschritt. +</p> + +<p> +Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +verbeugte sich Oldshatterhand und sagte: „Bitte, henkeln Sie +ein bei mir.“ +</p> + +<p> +„Jetzt sowas“, erwiderte sie und tat es. +</p> + +<p> +Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. +„Es ist nichts Besonderes. Nichts. Ich hab’s halt so gemalt“, +sagte er gleichgültig. +</p> + +<p> +„In eeewiger Liebe!“ rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. +„In eeewiger Liebe.“ +</p> + +<p> +Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und +blickten zu Boden. +</p> + +<p> +„Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?“ +</p> + +<p> +„Jetzt sowas“, sagte sie und trat ins Haus. +</p> + +<p> +Er ging ganz langsam weg. +</p> + +<p> +„Auf Wiedersehn!“ rief sie und warf ihm eine Kußhand +nach. +</p> + +<p> +Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein +unbekanntes Gefühl, stehen zu bleiben: er sah den weißen +Körper des Mädchens, und der Wunsch, der bis jetzt nur +in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen Körper +mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt +in ihm auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit +so vollkommen, wie wenn sein Körper blutleer geworden +wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse von Frankfurt. Und +brüllte: „Gemein! Ich bin gemein!“ +</p> + +<p> +Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale +Braut des Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, +als Oldshatterhand eintrat. +</p> + +<p> +Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant +mahlte Kaffee. Oldshatterhand begann an dem +Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein Hochzeitsgeschenk, +von der Braut anfertigte. +</p> + +<p> +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +„Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst +davor. Ich hab’s ihm schon g’sagt . . . ich tu’s nit. Nie! +Lieber heirat ich nit.“ +</p> + +<p> +„No, jetzt so dumm.“ Die Frau Vierkant lachte. „Jetzt +geht ihr acht Jahr mitnander. Dumms Mädle.“ +</p> + +<p> +„Ich tu’s nit. Nie! Nie!“ Die Braut riß die Augen +auf. „Muß denn das sein?“ +</p> + +<p> +„Sie müssen stillsitzen“, sagte Oldshatterhand und punktierte +mit der nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen +schwarzen Poren auf sein Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. +Bis die Braut, neugierig, was Oldshatterhand +da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich +rief: „Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit +g’fall.“ +</p> + +<p> +„Ich muß doch alles zeichnen, was da is“, verteidigte +sich Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den +großen Pickel am linken Augenlid der Braut fertig, trank +schnell seine Kaffeetasse leer und eilte zur Übungsstunde +in den „Klub für intelligente Leibeszucht“. +</p> + +<p> +Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die +Schlosserbraut sich so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte +er gehört, aber vor Grauen, diesen Gefühlen gegenüber, +den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele Monate +lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein. +</p> + +<p> +Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen +Kapitäns versammelt. Alle waren nackt, und jeder hatte +ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein vorgebunden. +</p> + +<p> +Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber +warf einen Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der +Arbeit. +</p> + +<p> +Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +auf und ab; der andere tat dasselbe rücklings. Der König +der Luft kreiste zwei kleine Hanteln und mahlte mit den +Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, die Fußspitzen +bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den +Kopf, er atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der +Uhr in der Hand, kontrollierte die Zeit. +</p> + +<p> +Der Schreiber stöhnte. +</p> + +<p> +„Still!“ rief der bleiche Kapitän wütend. +</p> + +<p> +Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum. +</p> + +<p> +Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager +und begeistert, und alle stellten sich möglichst immer so, +daß die Hinterteile nicht zu sehen waren, denn die waren +nicht mit roten Tüchlein verhängt. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. +Ja, nein, und grüß Gott. Seine Wangen waren schmal +und seine Brust war kolossal breit geworden. Er sah gefährlich +aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen +haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den +Häusern hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf +dem Ohr. +</p> + +<p> +„Hanna! Hanna!“ rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, +„Bier! Bier!“ und sogleich ertönte das +keifende Schimpfen der Witwe Benommen mit der schönen +Kellnerin. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber +und notierte alles ins Büchlein. +</p> + +<p> +Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um +drei Millimeter an Umfang zugenommen hatte. +</p> + +<p> +Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung +gegen Eleganz und Mädchen, die Arme athletenhaft +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +vom Körper weghaltend, den Hut auf einem Ohr, ohne +Halskragen ins Bureau. +</p> + +<p> +„Herr Widerschein . . . das geht nicht“, sagte Herr +Karfunkelstein, „Sie sind doch kein Stromer. So laufen +die Tagediebe herum, die Strizzi, die Vierröhrenbrunnensteher +. . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie herausgerissen +durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in +eine Patsche kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch +einmal . . . Einen Kragen müssen Sie anhaben im Bureau.“ +</p> + +<p> +Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, +den er jedoch, wenn er das Bureau verließ, in die +Tasche steckte, um, den Hut verwegen auf dem Ohr, die +Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg +anzutreten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan +auf der alten Brücke und malte das sonnige Bild vor sich — +das alte Rathaus und die Domstraße mit dem Dom, der +sie abschließt. +</p> + +<p> +Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit +am Kinn ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit +zu. Er hatte ein Monokel vor dem Auge. +</p> + +<p> +„Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?“ fragte der +Fremde freundlich. +</p> + +<p> +Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor +Scham, beugte er sich über seine Arbeit und brachte kein +Wort hervor. +</p> + +<p> +„Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken +an Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Ich geb’s Ihnen!“ +</p> + +<p> +„Und wieviel soll das Bildchen kosten?“ +</p> + +<p> +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +„Kosten?“ — — — +</p> + +<p> +Ein Bierwagen polterte während der langen Pause +vorüber; der Kutscher beugte sich vor, um das Bild sehen +zu können. +</p> + +<p> +„Vielleicht . . . eine Mark?“ +</p> + +<p> +Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche +eine Visitenkarte und ein Scheckformular und füllte es +aus. „Nehmen Sie das. Und malen Sie fest weiter. Das +schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, bitte.“ +</p> + +<p> +Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den +Bilderhandel beobachtet hatte, und blickte dann dem +Fremden nach, solange er ihn sehen konnte. +</p> + +<p> +Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke +gab, sah er wie ein Irrsinniger den Beamten an und konnte +kein Glied rühren. +</p> + +<p> +Sofort ging er in ein Papiergeschäft. „Packen Sie +dieses Kunstwerk vorsichtig ein und bringen Sie es ins +Hotel Kronprinz. Sie wissen doch — das vornehme Hotel +am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für Freiherrn +von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael +Vierkant . . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, +das Kunstwerk hat einen Wert von sechzig Mark.“ +</p> + +<p> +Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. +Die Vorstellungen seines künftigen Künstlerruhmes jagten, +übergipfelten einander, bis ins Ungemessene. +</p> + +<p> +Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den +Schloßberg hinauf und begann in den alten Schießgräben +der Festung nach Blei zu graben, um gleich noch etwas +dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um +Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste +Form gewonnen. +</p> + +<p> +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig +da zu finden war, denn vor vielleicht fünfzig Jahren +war das letztemal hier geschossen worden, und viele +Generationen Knaben hatten sich seither am Blei bereichert. +</p> + +<p> +Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte +Flintenkugeln gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier +hinter einem Brombeerbusch hervortrat. „Was +machen Sie da!“ +</p> + +<p> +„Ich . . . grabe Angelwürmer.“ Er hielt dem Offizier +einen langen Wurm zur Ansicht hin. Der Offizier legte +grüßend die Hand an die Mütze und ging weiter. +</p> + +<p> +Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in +den Schießgräben Blei gesucht und es verkauft beim +Lumpenhändler Ei, der auch Oldshatterhands Abnehmer +war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen Pfennig +mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das +Blei kam. +</p> + +<p> +Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann +und reich. Und sein Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten +Würzburger Verbindung. +</p> + +<p> +Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in +den dunklen Anlagen Oldshatterhands Arm genommen +hatte: „Mein Vater soll einen Hilfsdiener bekommen, +weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann +. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.“ +Herr Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren +Klinikdiener im Würzburger Juliusspital. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu. +</p> + +<p> +„. . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele +Trinkgelder.“ +</p> + +<p> +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. „Ich +nehme keine Trinkgelder!“ +</p> + +<p> +Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr +betroffen nach, wie sie durch die dunkle Anlage davonsprang. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik +neben einem quittengelben Japaner. „Die Japanerinnen +sind aber nicht schön. Gefallen Ihnen die deutschen Mädchen +nicht auch unheimlich viel besser?“ +</p> + +<p> +Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen +Lächeln, so weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen +denen stets eine Zigarette hing, und noch die zartrosa +Zahnfleischbogen sichtbar wurden. „Mir gefallen +die japanischen Mädchen viel besser“, sagte er und goß aus +einem Meßzylinder Urin durch die Filter. +</p> + +<p> +Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos +und mit größter Geduld die Urine des ganzen Spitals, +rauchte unzählige Zigaretten dabei und wurde von dem +berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr geschätzt. +Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die Untersuchungsstoffe +zusammen. „Es gibt aber doch kein einziges +blondes Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe +ich nicht — — —. Warum sind die Japaner eigentlich +alle so kohlschwarz?“ +</p> + +<p> +„Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. +Der ganze Kopf. Das macht schwarze Haare. Der ist am +schönsten, der ganz schwarz ist.“ +</p> + +<p> +Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem +Gesicht. Oldshatterhand sah ihm eine Weile +zu. „In der Türkei kann einer hundert Frauen haben?“ +</p> + +<p> +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +Der Türke lächelte. +</p> + +<p> +„Und Treue gibt’s in der Türkei überhaupt nicht?“ +</p> + +<p> +„Treue?“ fragte der Türke und stieß einen Ballon voll +Alkohol um. Er brachte nie etwas zustande, begann viel +und beendete nichts. Aber Geheimrat von Leube liebte es, +daß Ausländer in seinem Laboratorium arbeiteten. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. +„Wenn aber jede Frau zehn Kinder bekommt, dann ist +so ein Türke Vater von tausend Kindern? . . . Tausend +Kinder in einer Familie?“ +</p> + +<p> +Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. +„Deshalb haben auch fast alle Türken nur eine Frau. Nur +wer ganz viel Geld hat, kann auch mehr Frauen haben . . . +Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns . . . +Nicht so wie die deutschen Frauen.“ +</p> + +<p> +Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und +blickte streng umher. Herr Leisegang war klein und hatte +ein Holzbein, so daß man ihn schon von weitem kommen hörte. +</p> + +<p> +Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und +beugten sich interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand +spülte eifrig Reagenzgläser. +</p> + +<p> +Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. +Der Herr Geheimrat hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, +als seinen treuen und geschickten Diener entlassen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem +Gedanken, Herr Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter +täglich nach Hause begleitete, denn es war im ganzen +Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen +hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten. +Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte +Herr Leisegang schon sorgen. +</p> + +<p> +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen +war, für Herrn Leisegang öffnen. Eine große +Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt. Obenauf lag +Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in +dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen +lag. — Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den berühmten +Kliniker zur Untersuchung gesandt. +</p> + +<p> +„Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!“ rief Herr +Leisegang. „Da will ich doch aber gleich einmal sehen! . . . +Von einer Fürstin?“ Er roch in das Fläschchen, hielt es +gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins +Reagenzglas. „— — — Eiweiß hat die Fürstin nicht.“ Er +nahm noch eine Probe in ein zweites Reagenzglas. „— — — +Jetzt sowas! . . . Belästigt das Weibsbild unsern Herrn +Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. Glaubt, weil sie +eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn +Geheimrat das Resultat mitteilen.“ Erbost stelzte Herr +Leisegang aus dem Laboratorium. +</p> + +<p> +Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen +zu sein: eine Woche später traf die Fürstin in Würzburg +ein, mit großem Gefolge. Sie war siebenundachtzig Jahre +alt und mußte getragen werden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, +der in einen engen Käfig eingesperrt war. Man hatte +ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen drehte er +sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger, +weißer Kreis. +</p> + +<p> +Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand +ging ins Schlachthaus, um frisches Schweine- und +Ochsenblut zu holen. +</p> + +<p> +Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +stand neben dem Kessel, in dem das siedende Wasser +dampfte. +</p> + +<p> +Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; +sie tappten ängstlich grunzend, die Schnauze +suchend am Boden. Die bei den Türpfosten stehenden +Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel +auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie +wenn ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, +aus voller Kraft kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands +Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere +taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen +geschwungen, platschten sie in den Kessel, +hinein in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der +Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten +Schweineborsten leicht abschaben. +</p> + +<p> +Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender +Schnitt durch die ganze Gurgel, und das dampfende Blut +sprudelte in den Meßzylinder, den der bebende Oldshatterhand +bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut. +</p> + +<p> +Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als +habe er Schuhe aus Blei an den Füßen. Ziehend ging er +hinaus und hinüber: in die Ochsenschlachthalle. Groß, +hoch, aus Eisenkonstruktion. +</p> + +<p> +Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte +die Halle. Schreien, Fluchen, Rindergebrüll, hastende +Metzger, welche Häute, Gedärme, tote Kälber schleppten. +</p> + +<p> +„Ich möchte frisches Ochsenblut“, sagte Oldshatterhand +zu einem jungen Metzgerburschen, und sah ihm noch +fragend und fremd ins blutverschmierte Gesicht, als er +die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. „. . . Bist du +jetzt Metzger?“ +</p> + +<p> +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +„Nein, Büffeljäger!“ brüllte die kraftstrotzende Kriechende +Schlange und hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel. +</p> + +<p> +Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden +Schlachthalle um, blöde auf die Kriechende Schlange zurück. +</p> + +<p> +„Was schaust denn wie die Kuh wenn’s donnert!“ +</p> + +<p> +„. . . Blut soll ich holen.“ +</p> + +<p> +„Kannst ’n Faß voll hab!“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, +Blutkörperchen in den verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel +bis zu den Schultern aufgekrempelt, fesselten flink +wie Teufel den Ochsen. +</p> + +<p> +Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein +leichter Schlag darauf mit dem Hammer, ein schwacher +Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser klatscht — der Ochse +stand — schneller als ein Gedanke brach er zusammen. Die +Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, +durch das Herz. +</p> + +<p> +Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in +den Hals, ein Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein +junger Baumstamm aus, überschwemmte den Schlachtstand, +floß durch die Rinnen ab in den Kanal, durch den +Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und +die Fische aus dem blutgefärbten Wasser schnellen. +</p> + +<p> +Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die +Haut ab, die Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, +riß die dampfenden Gedärme heraus und stieß sie mit dem +Fuß zur Seite. +</p> + +<p> +Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie +fluchend den Ochsen. Da hing er, violette Adern über +dem blutrünstigen Fleisch, die Augen verglast, den blauen +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe neben +den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert. +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange +an, der einem Kalb einen Tritt in die Weichen gab, daß +es im Blut ausglitschte und in die Knie sank. Er wollte +etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf den +zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend +schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen +Anzug an, tadellos weiße Wäsche und trug eine goldene +Brille auf der leicht gebogenen Nase. Der Schächter. +In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, +breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, +die einen wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am +Boden lag. +</p> + +<p> +„Fertig?“ +</p> + +<p> +Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange +messergerecht gedreht hielt, das Maul und die angespannte +Gurgel nach oben, legte das Messer an — ohne noch zu +schneiden —, da klaffte der Hals; das Messer war bis zum +Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den +Schlachtstand. +</p> + +<p> +Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm +knienden Metzger hin und her, stieß unbeschreibliche +Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut ausbrach, zuckte, +zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein +Zittern lief durch den ganzen Körper; der Ochse hob noch +einmal schief den Kopf, und ließ ihn verendend sinken. +Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die Kriechende +Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +sie kleben blieben und von der Wand herunter auf die +Metzger stierten. +</p> + +<p> +„Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den +Ochsen so?“ fragte Oldshatterhand, vor Grauen wieder +stotternd. +</p> + +<p> +„’n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja“, sagte die +Kriechende Schlange lachend. „Und dann, das ist doch das +jüdische Gesetz.“ +</p> + +<p> +„Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen +. . . die A . . . Augen dort an der Wand . . . an der +Wand . . . Er hat . . . hat ja noch gelebt.“ +</p> + +<p> +„A . . . A . . . A . . . Augen!“ rief die Kriechende +Schlange lachend, warf sich die blutrünstige Ochsenhaut +über die Schulter und ließ Oldshatterhand stehen. Die +Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor Vergnügen. +</p> + +<p> +Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen +gegangen, der für ihn bereit lag. +</p> + +<p> +Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem +Lämmchen aus Holz im Arm, trippelte zwischen den +hastenden Metzgerburschen durch zu seinem Vater, dem +Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, +drehte es um und schob es weg. +</p> + +<p> +Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende +Ochsen mit angststierenden, wissenden Augen wurden +hereingeführt, hereingezogen, brüllten dumpfklagend — +nicht laut —, die schäumenden Mäuler in die Höhe gereckt. +</p> + +<p> +Hinein in den Schlachtstand, gefesselt — drei Minuten +später hingen sie ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe +von sich streckend, die blauen Zungen bläkend, in der +Reihe neben den anderen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus — +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +da schien die Sonne. Die Spatzen flatterten und schrien. +</p> + +<p> +Er blieb stehen. Und dachte zurück — wie oft er am +Schlachthaus vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört +hatte, Metzgerwagen voll blutiger Schweine herausfahren +und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große Schafherden, +zusammengedrängt. „Man geht vorüber.“ +</p> + +<p> +Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, +blieb stehen, den unbeschreiblichen Ton des Verröchelns +im Ohr, und schmetterte plötzlich die Blutgläser in den +Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah aus, +als wäre hier ein Mensch ermordet worden. +</p> + +<p> +Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, +ging er zurück ins Laboratorium. „Ich bringe +kein Blut.“ +</p> + +<p> +„Ich muß aber Blut haben.“ +</p> + +<p> +„Häää! Ich bringe kein Blut,“ wiederholte er hämisch, +und brüllte noch einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht +zum Türken tretend: „Kein Blut!“ wandte sich stracks +um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; +da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, +während ein Kranker, in der blau-weiß +gestreiften Spitalskleidung, den Schlauch in den Mund +hielt und mächtig ein- und ausatmete. +</p> + +<p> +„Jessas! Jessas! Jessas!“ rief Herr Leisegang und +nahm den Schlauch selbst in den Mund. „Wie kann man +sich so viechdumm anstellen. Jetzt drehen Sie einmal.“ +</p> + +<p> +In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung +für das Kolleg des Herrn Doktor Edelmut +bereit und lachten. +</p> + +<p> +„Ihr lacht? Ihr habt’s nötig! Jetzt sowas!“ rief Herr +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +Leisegang, und der glatzköpfige Herr Doktor Edelmut +blickte empört zu den Mädchen hin. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. +Unter den an Schminke gewöhnten, jetzt entschminkten, +fleckigen und mit Geschwüren besetzten Gesichtern sah +er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen +sich der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. +Ihr feingeschwungener Mund war auch jetzt tiefrot. +Die Lippen bildeten eine lasterhafte, wissende +Mundlinie. +</p> + +<p> +Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit +den hautkranken Frauen zusammen auf der Abteilung. Sie +blickte Oldshatterhand ungeniert lächelnd in die Augen. +Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf den +Gang. +</p> + +<p> +Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit +weißen Binden, und flüsterten miteinander, wie in einem +Sterbezimmer. +</p> + +<p> +„Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?“ +stotterte ein Großer, Dicker. „Hat er heute schon gelacht?“ +</p> + +<p> +Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der +plötzlich mit seltsamem Pathos rief: „Er hat gelacht! . . . +Aber wir sind gemein! Ich sage, wir alle sind gemein! +Alle! Er hat gelacht.“ +</p> + +<p> +Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine +Lippen waren erblaßt. +</p> + +<p> +„Er hat gelacht?“ flüsterte betroffen der Dicke. +</p> + +<p> +Da riß Herr Leisegang die Tür auf: „Meine Herren! +der Herr Geheimrat erwartet Sie“, und hinkte energisch +voran. +</p> + +<p> +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage +ins Schlachthaus, hielt den Meßzylinder unter das noch +zuckende Tier und brachte das Blut dem Türken. Der +reichte ihm eine Mark. +</p> + +<p> +„Ich nehme kein Geld dafür!“ +</p> + +<p> +Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen +Kapitäns betrat, stand die Wirtschaftstür offen; er +sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, weiß wie +ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der +Wirt, die kranken Augen wütend aufgerissen, das +Bierfaß vom Schenktisch weg auf den Tisch in der +Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte zersplitterte +und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die +Witwe Benommen stand reglos, die Lippen eingekniffen, +die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, in +der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, +beide Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der +Stube. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer +entlang, auf die Sandinsel zu, wo die Weiden um +die kleinen Seen stehen. +</p> + +<p> +Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den +Weiden hervor kamen Mädchen, paarweise hintereinander +wandelnd. Sie waren mit Rosen und Nelken geschmückt. +Still geworden, zog der Zug der Mädchen am +Zuge der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. +Und gleich darauf ertönte aus dem Dunkel das helle +Mädchengelächter. Die Räuber standen und horchten. +Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie geschlossen +um und standen einige Minuten später am Eingang der +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster +herauswarfen. +</p> + +<p> +„Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?“ +fragte Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber +immer noch schweigend standen, eng zusammengedrängt, +und in die Gasse hineinsahen. +</p> + +<p> +„Ich geh nit mit durch“, sagte die Rote Wolke sofort +und trat ein paar Schritte zurück. +</p> + +<p> +Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die +Brust vorstreckte und sagte: „Ich geh allein durch, wenn +ihr keine Schneid habt.“ +</p> + +<p> +Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein +dünnes Stöckchen im Kreise herumwirbelnd, ging der +Schreiber mit gleichgültigem Gesicht sehr schnell durch die +Gasse. +</p> + +<p> +Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd +wieder durch die Gasse zu ihnen zurückkehrte. „Das +wär mir aber auch noch was“, sagte er heiser, und redete +so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen zusammengedrängt, +durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten +Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam. +</p> + +<p> +Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, +der nicht dabei gewesen war. +</p> + +<p> +In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der +Mauer, gegenüber den drei Häuschen, und starrte intensiv +horchend auf die rosa Fensterausschnitte, preßte die Hand +aufs Herz. Und trat ein. +</p> + +<p> +Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst +sah er nur den Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch +den Zigarettendampf hindurch, drei Frauen in hellen +Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten noch +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah +Farben vor seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün +und dunkelrot. Die Frauen präsentierten sich und sahen +verlegen einander an, weil Oldshatterhand sich nicht rührte +und nicht sprach. +</p> + +<p> +Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig +glitzernden Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte +sich wie eine Mannequin vor Oldshatterhand und schnalzte +dazu mit den Fingern. +</p> + +<p> +Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, +die auf dem Kanapee sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands +rettungsuchenden Blick auf, erhob sich und fragte +lächelnd: „Willst du mich? Kleiner“, zog ihn, als er +nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den +ersten Stock hinauf. +</p> + +<p> +In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als +ein geöffnetes weißes Bett und eine Ottomane mit einer +türkischen Decke befand. Die rosa Ampel an der niederen +Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach. +</p> + +<p> +Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand +nackt vor Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit +beiden Händen etwas an ihren Haaren. Oldshatterhand +sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein ganzer Körper +zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung. +</p> + +<p> +„Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . +Fünf Mark?“ +</p> + +<p> +Er gab ihr das Geldstück. +</p> + +<p> +Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf +und winkte ihn zu sich. +</p> + +<p> +Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter. +</p> + +<p> +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. „Greife halt +her . . . Komm, greif her.“ Sie nahm seine Hand und +zog sie zu ihrem Körper . . . mußte noch öfter lachen, tätschelte +ihm die Wange und sagte endlich: „Da mußt du +halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.“ +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-7"> +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +Siebentes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span>enommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. +Ohne seine Familie vorher benachrichtigt zu haben. +</p> + +<p> +Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen +und ließ die langen, dürren Arme und Hände +zwischen seinen Beinen baumeln. +</p> + +<p> +Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher +geschrieben habe, sagte er apathisch: „Ich hatte keine Briefmarke.“ +Und rief plötzlich in unbegreiflicher Begeisterung: +„Was denkst du! Das ist anders, da draußen in der Welt!“ +</p> + +<p> +Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub +lag noch auf seinem armseligen Anzug. Er hatte +die Heimreise im Hochsommer als Hilfsheizer im Schiffsbauch +mitgemacht. Und das schien ihn vollends zerstört +zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln +bewegte und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann +konnte man die Entbehrungen seines langjährigen Aufenthaltes +in Amerika von seinem völlig zerfallenen Gesicht +deutlich ablesen. +</p> + +<p> +Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung +finden können. Als Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, +Zeitungsverkäufer und zuletzt als Bäckergehilfe hatte +er sich durchgeschlagen. +</p> + +<p> +Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die +Familie Benommen gerichtet zu dieser Zeit. +</p> + +<p> +Und die Familie Benommen war ehrgeizig. +</p> + +<p> +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz +es war, großspurig hinter dem Schanktisch zu stehen, +Unterlippe und Bauch verächtlich vorgeschoben, und so +und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte sich schwer +getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das +diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz +berechtigt erscheinen lassen konnte. +</p> + +<p> +Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete +und ob ihrer strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, +empfand dadurch, daß ihr Sohn, der Stolz der +Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein +Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, +ihren toten Mann und ihre grauen Haare besudelt. +</p> + +<p> +Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein +empfand der bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr +des Amerikaners. Eine Woche vor dem Erscheinen des +Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem Weidenbusch +gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. +Der Zug der Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den +braunen Zöpfen warf einen Rosenstrauß mitten in den +Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf und den +fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. +Und nach einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen +und Jünglinge vereinigt im Dunkel der Weiden verschwinden. +Ein paar Stunden später saßen die Räuber +in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, +als der bleiche Kapitän eintrat und wie ein +Pfosten stand. „Ihr habt keinen Charakter!“ stieß er +hervor. +</p> + +<p> +„Nun, und du?“ lachte der total betrunkene Schreiber +mutig. +</p> + +<p> +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +„. . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch +allen hab Charakter!“ Und damit ging er, schloß die Tür +leise und mit Kraft, und lehnte von dem Tage an alle +Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. Eilte, wie +in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, +sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner +geglaubt und war deshalb noch schroffer gegen +ihn, als Mutter und Bruder. +</p> + +<p> +So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, +nicht jeder hat Glück in Amerika. +</p> + +<p> +„Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue +Schuh käff und ’n Anzug ameß laß, dann is die G’schicht +erledigt!“ schrie der rote Fischer. +</p> + +<p> +In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht +in der Familie Benommen, urteilten die Mutter und die +zwei Brüder. +</p> + +<p> +So war der Amerikaner seitens seiner Familie von +Härte, Kälte und schweigender Verachtung umgeben. +</p> + +<p> +Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das +Unglück des Amerikaners rehabilitiert. — Ihr Jugendsehnsuchtland +hatte sich schlecht benommen, war entlarvt, +da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte +gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs +den Räubern unter die Füße. +</p> + +<p> +Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der +ersten Zeit niemand besonders auf. Doch späterhin +wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber anfangs +nur die Familie Benommen bemerkte, denn der +Amerikaner durfte wenig ausgehen. +</p> + +<p> +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand +das Jahrhunderte alte, einstöckige Häuschen des Spenglermeisters +Hieronymus Griebe. Der Amerikaner stand am +Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis +Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine +Mutter die Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle +das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock +hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er +etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute +morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in +verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller füllte. +Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu +zeichnen. +</p> + +<p> +Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an +der Mauer des Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, +um, wie er sagte, zu untersuchen, ob der Grund felsig genug +sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr Hieronymus +Griebe zwar betroffen, aber auch energisch +wehrte, erfuhren die Mainviertler von des Amerikaners +sonderbarem Wesen. +</p> + +<p> +Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen +Kapitän zusammen in einer Wirtschaft, dann verhielt er +sich meistens ganz still, aber seine Augen schienen etwas +Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet, +und verächtlich lächelnd: „Ha! Hinaus in die +Welt!“ mitten in die Unterhaltung hinein, worauf der +bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und mit dem Ingenieur +die Wirtschaft verließ. Und es schien den Zurückbleibenden, +daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb +mitbringe, um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges +an ihm sei. +</p> + +<p> +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng +befahl er seinem Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn +mitnehme, und überhaupt keine verrückten Sachen zu machen, +sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber +ohne jeden Erfolg blieb — der Amerikaner benahm sich +immer auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns +steigerte sich, und nur seine grenzenlose Verachtung hielt +ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen. +</p> + +<p> +Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht +den Amerikaner am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur +hielt eine lange Papierrolle im Arm, saß in tiefer Kniebeuge +und machte so, beidfüßig abspringend, genau abgemessene +Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, +am Ufer entlang. +</p> + +<p> +Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was +den Amerikaner zwingt, diese grausigen Sprünge zu +machen, ist man so machtlos wie gegen das Erdbeben. Und +plötzlich hatte er die Vision eines Bebens — die Erde spaltete +sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen +mußten Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten +sich, wurden breiter und zwangen die Fliehenden, immer +tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so komisch +aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges +Lachen. In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner. +</p> + +<p> +Der blieb in Kniebeuge hocken. „Sie müssen erst einmal +hinaus in die Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! +. . . Wohin ich jetzt bald gehe. Überall hin. Brasilien! . . . +Ihnen will ich’s zeigen, kommen Sie.“ +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog +ihn unter eine Laterne und rollte das große Papier auf. +</p> + +<p> +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: +Eine riesenhafte nackte Frau lag rücklings +darunter und ihre auseinandergespreizten aufgestellten +mächtigen Beine bildeten die Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, +in lasterhaften Stellungen, stürzten von oben herab; +andere wurden von einem über die Brücke jagenden Eisenbahnzug +zermalmt. +</p> + +<p> +„Dort!“ schrie wild der Amerikaner und deutete auf die +alte Mainbrücke mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, +„die reiße ich weg! . . . Herunter mit den +Heiligen! <em class="em">Meine</em> Brücke baue ich hin! Morgen fange +ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin <em class="em">ich</em>! Weißt +du das?“ +</p> + +<p> +„Ja! Ja!“ heulte Oldshatterhand auf und die Tränen +brachen ihm aus den Augen. „Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand, +und der Amerikaner brüllte vor Begeisterung. +Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere +und stürzte bewußtlos zusammen. +</p> + +<p> +Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, +das Kinn auf die Knie gestützt. „Du paßt nicht hinaus in +die Welt. Du nicht . . . Du paßt nicht hinaus in die Welt“, +sagte er und lächelte immerzu. +</p> + +<p> +Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister +den Amerikaner dabei an, wie er keuchend +am Fuße des Brückenbogens mit den Händen die Erde +herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am +Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich +wütend Wehrenden zur Wache. +</p> + +<p> +Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den +Amerikaner in die Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste +Klasse, wo jeder Tag zwanzig Mark kostete. So hatte es +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +die Witwe Benommen gewollt und auch durchgesetzt, obgleich +der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse gewehrt +und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, +daß, wenn der Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte +Vermögen der Familie Benommen beim Teufel sei. +„Mein Heiner soll’s gut haben“, hatte die Mutter geantwortet. +</p> + +<p> +Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung +in die Irrenanstalt. +</p> + +<p> +Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt +gebracht worden war, hatte sich der bleiche Kapitän +in einer für die Räuber ganz unbegreiflichen Weise +verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und liebenswürdig +geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, +wie nach Schluß der Schulstunde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten +dem bleichen Kapitän auf dem Schloßberg, und +wunderten sich und wurden verlegen, denn diesmal ging +der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, +streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. +„Nun, was macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. +Herrgott dividomini, aber eine Hitz! Ich mein’, ich müßt +ein Faß Bier allein aussaufen.“ Er lachte schallend. +</p> + +<p> +Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, +daß der bleiche Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, +ergriff ihn so sehr, daß er im reinsten Hochdeutsch sprach: +„Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, Oskar.“ +</p> + +<p> +„Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich +ausreiß.“ Er haschte einen Lindenast, schwang sich hinauf, +und schüttelte voller Freude die alte Linde. +</p> + +<p> +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän +bezahlte einen Liter nach dem andern und setzte seinen +Stolz darein, den Krug mit einem Zug immer bis zur +Hälfte zu leeren. „Weiß der Teufel, so eine Hitz!“ rief +er und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger +Alter. +</p> + +<p> +„Trinkst du jetzt wieder?“ fragte der Schreiber. +</p> + +<p> +„Gott, natürlich. Warum denn nit?“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die +Hand — aber das Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht +ein. Sein Mund blieb begeistert offen stehen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr +eilte er barsch an den Häusern entlang, sondern schritt +in der Mitte der Straße, schwenkte sein Plüschhütchen, +wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich +gerne, lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder +andere junge, fröhliche Mensch, der keine Sorgen hat und +einen gesunden Körper. Deshalb stemmte er jedoch nicht +weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die +Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er +lange und viel trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, +hieb den Krug auf den Tisch zurück und brüllte: „Sauft!“ +</p> + +<p> +Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. +Späterhin fand er feine Übergänge und war plötzlich +kein Mensch mehr, dessen barsche Verschlossenheit und sonderbares +Wesen jemand auf den Gedanken hätte bringen +können — der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig +im Kopf wie Benommen der Amerikaner. +</p> + +<p> +Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für +irrsinnig halten könne, vollkommen; die Anfälle von +krampfhafter Lustigkeit blieben ganz aus. Verschlossen +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht +mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener +junger Mann geworden, mit kleinen Sorgen, wie +sie jeder andere Mensch in seinem Alter und seinen Verhältnissen +hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher in seinem +Leben. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied +sich durch nichts mehr von ihr. +</p> + +<p> +In dieser Zeit — er war zwanzig Jahre alt geworden — +begann er die kleine, dicke Tochter des Weinwirts und +Bäckermeisters Schlauch zu umkreisen. Sie hatte ein rundes +Vollmondgesicht, mehlweiß, und Negerlippen, wie der +bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und +verkaufte Brotlaibe, lächelte, wenn er vorbeiging, und er +lächelte zurück. Das war der Anfang. +</p> + +<p> +Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte +die Vermögensverhältnisse der Familie Schlauch studiert +und war befriedigt. Vor ein paar Jahren hatte Herr +Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an +dessen Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider +nur drei Meter breit, dafür aber vier Stock hoch war, +so daß es, zwischen den zwei niederen, aber wuchtigen Patrizierhäusern +in die Höhe schießend, ganz gut für ein +zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich +hatte Herr Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke +Prachtkerzen gestiftet. Sein Geschäft ging ausgezeichnet. +Alles das und noch mehr wußte die Witwe Benommen +und war befriedigt. +</p> + +<p> +Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der +Schande vorbeigeglitten, die der Amerikaner über die +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +Familie gebracht hatte, und das kam von der ersten Klasse. +Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe verächtlich +vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn +es ihm passend erschien, konnte er von der ersten Klasse +sprechen, wo jeder Tag zwanzig Mark kostet. +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher +und menschlicher geworden zu sein; sie lächelte der +schönen Kellnerin hin und wieder freundlich zu, was zwar +noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und Dankbarkeit +entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin +einen Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die +verächtlich nach außen gestülpten Benommenschen +Lippen. +</p> + +<p> +Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen +Kellnerin manchmal die Hand auf die Schulter legte, in +Gegenwart der Mutter, und aufmunternd sagte: „No, +Hanna, wie geht’s Ihne denn? Esse Sie doch was.“ So +daß der schandebringende Amerikaner alles in allem +eigentlich günstig und entladend auf die ganze Familie +gewirkt hatte. +</p> + +<p> +Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit +schnell in den Hintergrund. Zum fassungslosen +Schrecken des Vorstandes vom Verein Christlicher Junger +Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages +der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden. +</p> + +<p> +Jahrelang wußte niemand, wo er war. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es +neben sich auf den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine +große Schüssel voll Sauerkraut vor ihn hin, das mit schon +zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen garniert war. +</p> + +<p> +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +„Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett“, sagte Herr +Leisegang, nahm sein Holzbein in beide Hände und klopfte +damit wütend auf den Tisch. Bis seine Frau hereinkam. +„Wo ist meine Desinfektionsvase!“ +</p> + +<p> +Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke +und brachte eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. +Herr Leisegang schnellte das Asbestdeckelchen +herunter und tauchte Messer und Gabel in die desinfizierende +Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen. +</p> + +<p> +Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. +Auch die Geldstücke. +</p> + +<p> +Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete +an einer Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein +paar Jahre daran, denn die Decke mußte sehr groß werden, +um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer schmücken +zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man +warten mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr +Leisegang hatte sich so eine vielfarbige Decke gewünscht. +</p> + +<p> +Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört +zu werden, worauf sie endlich verwundert hinein +zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem Lehnsessel wie +vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß +auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still +in der Stube war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden +Kehlton aus. Herr Leisegang war tot. Die +Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch leer. +</p> + +<p> +Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber +nach, weshalb er so friedlich aussehe. So zufrieden, +wie sie ihn in ihrer siebenunddreißigjährigen Ehe niemals +gesehen hatte. Sein Holzbein hatte Herr Leisegang quer +vor sich auf den Tisch gelegt. +</p> + +<p> +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte +keine Hilfe. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, +nachdem er vergebens versucht hatte, die Freundschaft +mit Winnetou zu erneuern, der täglich zu den Mönchen +aufs „Käppele“ ging. +</p> + +<p> +Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen +und zeichnete in der Vesperpause Blumen ab, während die +Rote Wolke Rollen studierte. „Schauspielkunst ist eine +göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter Schiller +und Goethe mit ihren Tragödien, wenn’s keine Schauspieler +gäbe.“ Das wiederholte die Rote Wolke täglich. +</p> + +<p> +An einem Abend hatte er wieder in „Wilhelm Tell“ im +Stadttheater statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell +studiert. Früh um fünf Uhr stand er auf dem Kartoffelacker, +von der eben aufgehenden Sonne beschienen. +„Durch diese hohle Gasse muß er kommen“, rief er und +wies mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren +anderem Ende seine alte Tante kniete, schwitzend mit den +Händen grub und den Kopf schüttelte über ihren Neffen, +der begeistert die Furche entlang rief: „Es führt kein +anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend’ ich’s, die Gelegenheit +ist günstig.“ +</p> + +<p> +Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, +seiner Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den +berühmten Schauspieler Konrad Drauer in München und +fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas vorspielen dürfe. +</p> + +<p> +Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf +der Kaimauer, mit den Beinen wasserwärts, den Kopf in +beide Hände gestützt, und sah traurig hinunter in den Fluß. +</p> + +<p> +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein +bißchen nehmen dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. +Und als Oldshatterhand auf der Ruderbank +saß, rief der Fischer plötzlich: „Brauch’ i denn no’n +Schelch! . . . I brauch ken’n Schelch mehr . . . Häng’n +nachher drübe am Stadtufer a.“ +</p> + +<p> +„. . . Warum denn am Stadtufer?“ +</p> + +<p> +„Weil i ’n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis’ komm +i wenigstens wieder amal in mein Schelch.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer +— flußabwärts. Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, +pfirsichfarbenes Gesicht. Sie trug einen +schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv aus. +</p> + +<p> +Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer +— flußaufwärts. Das Mädchen mit den braunen +Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der Schreiber +hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen +Sandinsel, wo die Weiden stehen. +</p> + +<p> +Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen. +</p> + +<p> +„Ich rudere euch ein wenig herum“, sagte Oldshatterhand, +der im schaukelnden Schelch saß. +</p> + +<p> +Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die +Mitte des Flusses. Der rote Fischer hatte den Kopf nicht +erhoben. +</p> + +<p> +Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber +und seine Liebste befanden sich halbliegend an dem einen +äußersten geschnäbelten Ende, das zweite Liebespaar lag +eng beieinander am entgegengesetzten. Oldshatterhand +saß genau in der Mitte und ruderte langsam. +</p> + +<p> +Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten +kleine Laternchen an den ruhenden Schiffen; das Singen +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +der Kinder, die am Ufer spielten, klang herüber; ein +Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser sinken. +</p> + +<p> +„Kunst ist heilig“, sagte die Rote Wolke gedämpft. +</p> + +<p> +Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des +Mädchens. „Wir werden Romeo und Julia zusammen +spielen“, sagte sie und sah der Roten Wolke sanft in die +Augen. +</p> + +<p> +„Julia!“ erwiderte die Rote Wolke verhaltend. +</p> + +<p> +„Und du bist Romeo.“ +</p> + +<p> +„Da ist doch nix dabei“, flüsterte der Schreiber heftig. +„Ich weiß nit, warum du so eine Furcht davor hast.“ +</p> + +<p> +Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. +Oldshatterhand sah ihr erschrockenes, weißes Gesicht aus +der Dunkelheit schimmern und dachte an Lenchen Leisegang. +</p> + +<p> +„Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . +immerzu“, hörte Oldshatterhand hinter sich das Mädchen +flüstern. +</p> + +<p> +„Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!“ +</p> + +<p> +Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, +die hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich +zu schaukeln begann. +</p> + +<p> +„Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten“, sagte +Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken +an Lenchen Leisegang die Ruder los. „Ich will doch . . . +ich muß doch erst etwas werden. Vielleicht berühmt.“ +</p> + +<p> +Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch +schnellte aus dem Wasser und fiel zurück. +</p> + +<p> +Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: „Die Kunst. +Die Kunst . . . Tempel.“ +</p> + +<p> +„Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich“, sagte das +Lehrerstöchterchen. +</p> + +<p> +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +„Rudre ans Ufer!“ schrie der Schreiber wütend. Das +Mädchen saß von ihm abgerückt steif auf dem Querbrettchen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und +machte den Schelch fest. +</p> + +<p> +Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes +Stöckchen im Kreise herum; das Mädchen ging mit gesenktem +Kopfe einige Schritte seitwärts neben ihm her. +</p> + +<p> +„Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich +auch ließe!“ schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. +Er saß auf der Wasserschale des Vierröhrenbrunnens, +zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, die +der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und +Auswuchs der Stadt waren. Die Würzburger „Strizzi“, +von denen jeder sein im Griffe festes, langes Messer in +der Hintertasche trug. Sie lebten beschäftigungslos in +den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie ohne +Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am +Brunnen vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. +Verlorene Existenzen, die alle schon gesessen hatten. +</p> + +<p> +„Laß sie doch“, sagte Oldshatterhand schnell und zog +den Schreiber weg, der wütend stehen geblieben war, weil +ihm einer der Burschen nachrief: „Hast dei Menschle +zünfti zammg’haut!“ Die weiteren Bemerkungen gingen +unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der +Schutzmann trat von einem Bein auf das andere und ab +in eine Seitengasse. +</p> + +<p> +„Ich muß jetzt jemand abhol“, sagte Oldshatterhand +auf der Brücke und sah bedrückt auf die Liebespaare, die +nun beide einträchtig vor ihm gingen. +</p> + +<p> +Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +Leisegang befand, blieb er plötzlich stehen, wandte sich um +und ging langsam nach Hause. +</p> + +<p> +Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange +auf ihn zu. „Weil ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . +Auge g’sagt hab, brauchst no lang nit zornig zu sein.“ +</p> + +<p> +„Du darfst mir nachmachen, soviel du willst“, sagte +Oldshatterhand und lächelte ruhig die Kriechende Schlange +an. Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort: „Ich +glaube, es geht halt nicht anders, als daß es auch solche +Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?“ +</p> + +<p> +„. . . Nein, das versteh ich nit.“ +</p> + +<p> +„. . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst +nix dafür. Verstehst du?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß nit, was du da redst.“ +</p> + +<p> +„Ja, es ist sicher so“, sagte Oldshatterhand nachdenklich +und ging. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor. +</p> + +<p> +„Laß mi amal schnupf!“ rief einer der „Vierröhrenbrunnensteher“. +</p> + +<p> +„Wer ist denn das?“ fragte ein anderer. +</p> + +<p> +„Metzger ist er . . . Da geh doch her.“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf +die Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum. +</p> + +<p> +Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er +während des kurzen Gespräches mit der Kriechenden +Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht er spreche, sondern +der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei +Würzburg geküßt hatte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, +des größten deutschen Malers Geburtsstadt, den +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf vom +Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. +Stundenlang wandert man durch den Eichenwald, hat +auf einer Höhe das unabsehbare gewellte Waldmeer vor +sich liegen, sieht stille Waldtäler, von Forellenbächen +durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein +Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, +hebt das Geweih und bricht weg, sobald er den Wanderer +erblickt. Rehe äsen auf den Abhängen. Amseln singen. +Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen sich am +Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum +zu unterscheiden — plötzlich bricht das Wildsaurudel +krachend durch das Gebüsch davon, daß die Erde zittert; +und einen Atemzug lang schweigen alle Vögel. Eine Amsel +beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das einzige Lebewesen +zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses +Hochwaldes sein. +</p> + +<p> +In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, +graues Haus. Türen und Fensterscheiben +fehlen, lange Gräser spielen auf dem Dache. +</p> + +<p> +Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch +heute von einem Wirt, dem vor langen Jahren das Haus +gehört hatte — er habe die Reisenden, die bei ihm einkehrten, +ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg +am „Letzten Hieb“ gehängt worden. +</p> + +<p> +In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang +der Kunstmaler Franziskus Grünwiesler und sein Freund +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Dieses Haus gehört niemand“, hatte Franziskus +Grünwieslers weißbärtiger Onkel gesagt, welcher Bürgermeister +des nächsten, drei Wegestunden vom grauen +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. „Und es +wagt sich auch keiner in die Nähe.“ +</p> + +<p> +Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er +war ein zufriedener, bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand +über Stimmungsstürze weg, von denen dieser +oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich +maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand +das Wenige, das er selbst besaß. +</p> + +<p> +Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang +sehr wenig; die technischen Schwierigkeiten hinderten ihn +immer wieder, das zu schaffen, was er ersehnte. Das +Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten +übergroßer Begeisterung. +</p> + +<p> +Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler +gehörte, und oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, +der die Gänse von allen Ortschaften des Spessarts +hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend +Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die +Gänse heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, +magere mit in den Wald. Der Hirt war ein achtzigjähriger, +bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel. +Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot +und geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten +die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und schliefen, und +der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, +über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es +von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und +dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten +und weiterschliefen. +</p> + +<p> +Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen +und hatte um Unterkunft gebeten für die Nacht. +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle. Es +fragte sie auch niemand. Sie blieb. +</p> + +<p> +Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand +selbst. Er hatte einen großen Vorrat Rohleinwand +liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen. „Das ist +die weichste“, sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle +Leinwand auf, die wie Seide glänzte. +</p> + +<p> +Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus +Rohleinwand schon an. +</p> + +<p> +Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das +Kleid zu malen. „Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht +ganz gut machen“, sagte er zu Oldshatterhand und +zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und +dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. +„Und eine einzige große Lilie, vorne herauf.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, +im Moos. Und schlich nach einer Weile wieder fort, denn +ihr Rohleinwandkleid hing über einem Eichenast. +</p> + +<p> +Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. +Sie arbeitete gar nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als +müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den vergangenen +Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für +die beiden im Haus tat sie nichts. +</p> + +<p> +„Ihr schenkt ja auch niemand etwas“, sagte Oldshatterhand +zu Grünwiesler. „Das Haus gehört ja +niemand . . . Nicht einmal Türen hat’s.“ +</p> + +<p> +Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen +Seite wieder hinaus in den Wald. Und saß man auf dem +flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die langen Gräser +spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das +Haus mit dem Wald verwachsen. +</p> + +<p> +„Wie wär’s, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln +ausmalen würde, sie bleibt ja doch auf immer da“, sagte +Grünwiesler vor dem Schlafengehen. +</p> + +<p> +„Wenn sie’s erlaubt“, erwiderte Oldshatterhand; er +hatte einen eleganten Schaukelstuhl gezimmert und ihn +ihr ins Zimmer gestellt, während sie am Waldsee gelegen +war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll Bucheckern. +Die schmeckten nach Nuß und Olive. +</p> + +<p> +Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid +hatte sie noch einmal umgeändert, den Halsausschnitt +rund und den Rock sehr eng gemacht. So sah Oldshatterhand +sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr gegangen, +blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten. +</p> + +<p> +Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend +im Waldtal. An ihm vorbei plätscherte ein Bach in vielen +Windungen durch die Wiese. +</p> + +<p> +Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und +zu Grünwiesler, verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, +eine Weile Bild und Motiv und reichte Grünwiesler +einen Brief. „Von wem mag jetzt der sein“, fragte der +Briefträger. „Da ist ja gleich was drauf gemalt.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler errötete — er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, +vor Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit +anbetender Gebärde. +</p> + +<p> +„No, von wem is jetzt der Brief?“ +</p> + +<p> +„Von meinem Freund Immermann.“ +</p> + +<p> +„Der is gewiß auch so ein Maler?“ +</p> + +<p> +Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: +„No, dann grüß Ihne Gott“, und ging. +</p> + +<p> +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +Versteht sich doch von selbst — angenehm sei es ihm gerade +nicht, daß Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, +der ein ungebildeter, ja, für Grünwiesler, direkt +gefährlicher Mensch sei — schrieb Immermann. Ob Grünwiesler +denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser +Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das +Bürschchen könne man nicht nur so mir nichts dir nichts +nehmen, wie es sich gebe. Nebenbei wisse man ja auch, +aus was für einer Familie Oldshatterhand komme. Auf +keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise +Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er +von Grünwiesler so viel Einsicht verlangen. „Nicht, daß +mir besonders viel daran liegt,“ schloß der Brief, „im +Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit +diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, +anstatt mit mir. Wenn dir an meinem Kreise noch etwas +gelegen ist, dann komme. Ich male Studien auf dem +Schleehof bei Würzburg.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte +den Brief in die Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen +und trat sofort den Heimweg an. +</p> + +<p> +Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander +vorbei. +</p> + +<p> +„Wie ist das?“ fragte Oldshatterhand endlich und stellte +sein angefangenes Bild auf die Staffelei. +</p> + +<p> +„Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.“ +</p> + +<p> +„Dann erklär mir’s doch, woran’s liegt.“ +</p> + +<p> +„Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen +sich die Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.“ +</p> + +<p> +„Du kannst nichts erklären!“ schrie Oldshatterhand erregt. +„Erklär doch! Erklär doch!“ +</p> + +<p> +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor +das Bild. +</p> + +<p> +Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein +Bild hin. „Zeig mir doch! Herrgott, kannst du mir denn +nicht zeigen, wieso das falsch ist!“ +</p> + +<p> +Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren. +</p> + +<p> +„Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! +Zeigen!“ +</p> + +<p> +„Ich hab dir’s doch schon so oft gezeigt, das mit der +Perspektive“, sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte +verwirrt: „Es gibt auch noch eine Luftperspektive und +eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir’s schon.“ +</p> + +<p> +„Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir’s zeigst! +. . . Daß es kein Mensch verstehen kann. Du bist . . . +du bist wirklich saudumm!“ +</p> + +<p> +Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit +in rachsüchtige Wut über, die an Irresein grenzte; er verlor +den Atem, ein dünner, pfeifender Ton entfloh seinem +Munde; aber wie schon oft in diesem Sommer, wenn +Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten +gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht +geworden war, drehte die Wut Grünwieslers sich nach +innen, und in Angst vor seinem aufbrausenden Schüler +sagte er stockend: „Quäl mich nicht . . . Warum quälst du +mich. Es braucht halt alles seine Zeit.“ Nur ein gefährliches +Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, +wie Irre es haben, die jahrelang sich kujonieren lassen und +eines Tages in einem Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln. +</p> + +<p> +Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer. +</p> + +<p> +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +Oldshatterhand wurde sofort ruhig. „Ich packe es schon +noch“, sagte er und lächelte Grünwiesler an. „Für mich +ist nichts zu schwer . . . Soll ich Tee eingießen?“ +</p> + +<p> +„Oh, das wär lieb von dir“, sagte Grünwiesler erleichtert, +sah vor sich hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. +„. . . Du, ich hab einen Brief bekommen von Immermann.“ +</p> + +<p> +„Was schreibt denn der?“ fragte Oldshatterhand mit +gemachter Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder +ab, ohne eingegossen zu haben. +</p> + +<p> +„. . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht +. . . Ich geh übrigens diese Woche noch zu ihm.“ +</p> + +<p> +„Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.“ +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief +lächelnd vor, wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, +schwarzes Löchlein entstand, als ob die Oberlippe zu +breit wäre. „Aber ich muß ihn wieder einmal sehen . . . +Er ist ein sehr bedeutender Mensch.“ +</p> + +<p> +„Pf!“ machte Oldshatterhand verächtlich. „. . . Zeig +mir einmal den Brief.“ +</p> + +<p> +„Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in +den Bach hab ich ihn geworfen.“ +</p> + +<p> +„Du hast den Brief noch!“ fuhr Oldshatterhand auf. +„. . . Immermann hat wieder schlecht über mich geschrieben.“ +</p> + +<p> +„Nei . . . n“, sagte Grünwiesler langgezogen, wie +wenn er das Mißtrauen Oldshatterhands bedauerte. +</p> + +<p> +„Sei nur still! . . . Ich weiß schon.“ +</p> + +<p> +„. . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann +spricht über niemand etwas Schlechtes . . . Nur was +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt . . . So ist Immermann +nicht.“ +</p> + +<p> +„Du lügst! Ich seh dir’s an.“ +</p> + +<p> +„Wiesooooo?“ erwiderte er traurig singend. +</p> + +<p> +„Du lügst einfach!“ +</p> + +<p> +Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die +Augen. „Wenn du’s wissen willst . . . Immermann hat +sogar nur Gutes über dich geschrieben . . . Schenk mir noch +einen Tee ein!“ rief er kameradschaftlich. „Den hast du +fein gemacht.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. +„Ich kenn den Immermann schon . . . Der will unter uns +der Erste sein . . . Der Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er +auf mich, weil du nicht mit ihm bist und ich nicht nach seiner +Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich’s noch zeigen, +wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!“ +</p> + +<p> +„Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander“, sagte +Grünwiesler fröhlich und streckte Oldshatterhand die +Rechte hin. „Singen wir jetzt ein Lied?“ +</p> + +<p> +Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: +„Zu dem Lied malt Immermann eine Bilderserie. +Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden sicher +wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.“ Er +sah Oldshatterhand in die Augen. +</p> + +<p> +Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte +Oldshatterhand in steigender Begeisterung seinen zukünftigen +Ruhm herbei. „Was Immermann malt, das ist +nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! +Sonst hat’s keinen Sinn.“ +</p> + +<p> +„Mnja“, sagte Grünwiesler im Halbschlaf. +</p> + +<p> +„Du glaubst’s nicht? Ich werde alles haben“, rief er +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +frohlockend. „Alle werden zu mir kommen.“ Und als er +die tiefen Atemzüge des Schlafenden hörte, dachte er +allein weiter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren +von früh bis nacht durch den Spessart gewandert und +noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung nach Würzburg. +</p> + +<p> +Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler +kniff die Augen zusammen und deckte mit der Hand +den Vordergrund weg. Seine Nase rollte sich aufwärts +und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen. +</p> + +<p> +Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart +herum und teilte ihm Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, +schwungradgroße Sonne berührte die Baumkronen +und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein +schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich +fernen Frühlingshoffnungen ruhten. +</p> + +<p> +Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den +beiden, und darüber die Atmosphäre spielte wunderbar in +zarten Farben. +</p> + +<p> +„Komm, gehn wir“, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich +die Brust heraus und wandte sich zur entgegengesetzten +Richtung, wo die sonnenlose Landschaft in tiefer, blauer +Abendstille lag. +</p> + +<p> +Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben +schon viel zu viel in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand +gequält zur Seite und hatte den Wunsch, niederzusitzen +und zu warten bis alle schwere, unerklärliche Traurigkeit +in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel +bis zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +„Wenn ich jetzt rasend zornig sein könnte.“ Grünwiesler +sah erschrocken auf. „Ich könnte ja hinterher abbitten +. . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen +kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer +neue rollen nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.“ +Er sah Grünwiesler an, der seinen Kopf schulterwärts +geneigt hielt und auf Oldshatterhand blickte, +wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt. +</p> + +<p> +„Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das +ist doch unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen +nicht geweinten Tränen sein . . . Vielleicht verdunkeln sie +alles in einem . . . Ach!“ atmete er tief aus und lachte plötzlich, +lang und laut, in großer Befreiung. +</p> + +<p> +Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der +weißen Landstraße hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote +Dach eines neuen Bauernhäuschens in der +Sonne glühte. +</p> + +<p> +Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, +der ganz anders aussah, als beide ihn sich aus der Ferne +vorgestellt hatten, sagte Oldshatterhand: „Jetzt ist das +Mädchen ganz allein im Haus.“ Und was wird sie im +Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn’s +kalt ist. „Es ist ja kein Ofen im Haus.“ +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Grünwiesler nachdenklich, „Türen hat +das Haus nicht.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. +Der rothaarige Kunstmaler Christinus Immermann, +Sohn des verstorbenen Häusermaklers Fürchtegott Immermann, +saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen +unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +Stellungen ab. Die meisten Brocken schnappte der Hahn +weg, der herrisch zwischen seine Hühner fuhr und, wenn +ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll aufrichtete, +als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. +Ein junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein +großer Hund, wälzte sich in der Sonne am Boden, streckte +die dünnen Beine in den Himmel, stand plötzlich und +rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, durch +das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet +von einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe. +</p> + +<p> +„Herr Tierarzt Amrhein“, stellte der Gutsbesitzer vor. +„Und das ist mein lieber Freund Immermann.“ +</p> + +<p> +Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die +Schulter. Das Fohlen kam hereingerast, stoppte, stieg in +die Höhe, drehte sich auf den Hinterbeinen und tollte wieder +hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit verklebten +Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen +auf den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, +der die Lippen verzog und tat, wie wenn er die Magd nicht +sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. Sie war schwanger. +</p> + +<p> +„Lassen Sie den Eber heraus!“ rief der Gutsbesitzer +ihr nach. „Bringen Sie reines, warmes Wasser. Und +der Knecht soll kommen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof +zu Immermann. Grünwiesler sah den Maler mit dem +bittenden Kanarienvogelblick an und errötete unaufhörlich. +Oldshatterhand ärgerte sich über den geringschätzigen +Gesichtsausdruck von Immermann. +</p> + +<p> +„Wie geht’s mit deiner Gesundheit?“ fragte Grünwiesler +ängstlich. +</p> + +<p> +„Wie es einem Herzkranken gehen kann.“ +</p> + +<p> +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah +betrübt drein. Oldshatterhand war wütend, weil er +glaubte, Immermann prahle nur mit seiner Herzkrankheit. +</p> + +<p> +Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann +sah ihn an, zuckte die Schultern und reichte ihm nur den +Zeigefinger, den Oldshatterhand, überrumpelt und verwirrt, +schüttelte, worauf Immermann die Lippen verzog. +</p> + +<p> +Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand +den Maler hilflos an, und als der Maler +sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler zudrehte, dachte +Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen — einer +ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger +auch dazu. Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte +und lächelte ironisch: Einen Finger? Wer wird so geizig +sein! — Viele schlagfertige Erwiderungen fielen ihm ein; er +hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und als er sich +dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann +hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen +und quittierte mit ironischem Lippenverziehen. +</p> + +<p> +„Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es +freut mich, daß du da bist“, sagte er und drehte Oldshatterhand +ostentativ den Rücken zu. Grünwiesler sah beglückt +auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne sich um +Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte +und sich haßte, weil er stehen blieb. +</p> + +<p> +Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und +sah interessiert auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. +Knecht und Magd hielten ihn fest; der kleine Arzt +besah ein blitzendes Messerchen. +</p> + +<p> +Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +aus. Der Arzt stand auf, lachte und warf etwas Blutiges +auf den Misthaufen, das der Jagdhund beroch, aber nicht +fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, bildeten, auf- und +übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und verließen +interesselos den Düngerhaufen wieder. +</p> + +<p> +Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann +an, der die Lippen verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. +Der jetzt beruhigt grunzende Eber wurde in den Stall geschoben. +</p> + +<p> +Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand +auf die Schulter legte. Die blonde Frau trat vorsichtig +leise vom Fenster zurück und sah dabei auf Immermann. +Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen Augen. +</p> + +<p> +„In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, +ein <em class="em">Er</em> ist das ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin +ist sein Fleisch eßbar. Sie sind eingeladen“, sagte der +Gutsbesitzer zu Immermann. +</p> + +<p> +Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. +Die Gutsherrin trat wieder vor ans Fenster und +fragte ihren Mann: „Nun? ist der Tierarzt denn noch +nicht da?“ +</p> + +<p> +„Ach, das ist ja schon lange vorüber.“ +</p> + +<p> +Immermann verzog die Lippen. +</p> + +<p> +Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler +und Oldshatterhand gingen am Saum entlang. Oldshatterhand +war bedrückt. Warum bin ich ungerecht, da +er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin gemein. +</p> + +<p> +Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das +ins Spessarthaus gekommen war. +</p> + +<p> +„Eine Tippelschickse!“ sagte Immermann kurz. Grünwiesler +schwieg betroffen. +</p> + +<p> +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte +man ihm ins Herz gezwickt. Gleich darauf aber fühlte +er sich sehr erleichtert. Er prahlt vielleicht doch nur mit +seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte sich, daß er +nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter +schlecht von dem Mädchen sprach. +</p> + +<p> +„Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.“ +</p> + +<p> +„Ausweispapiere! Man braucht keine!“ sagte Oldshatterhand +laut. +</p> + +<p> +„Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? +Was dann?“ sagte Immermann zu Grünwiesler, als ob +Oldshatterhand gar nicht da wäre. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen +verteidigen und brachte kein Wort hervor. +</p> + +<p> +Immermann verzog die Lippen. „Da habe ich es schon +etwas ungefährlicher. Die eine ist schwanger, und die +Gutsherrin — — — gefällt sie dir?“ Er lächelte Grünwiesler +breit an. „Ich habe übrigens wieder ein Märchengedicht +geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin Romantiker.“ +</p> + +<p> +„Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!“ schrie Oldshatterhand +plötzlich. „. . . Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen +Sie doch nur zu prahlen.“ Flammend wandte er sich um +und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. Grünwiesler +neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt +mit seinem Kanarienvogelblick nach. +</p> + +<p> +„Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann +man nicht verkehren“, sagte Immermann gleichgültig, +seinen Zorn verbergend. +</p> + +<p> +„Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem +leid tun. Wir haben schöne Stunden miteinander verlebt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +„Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.“ +</p> + +<p> +„Nein, nein!“ rief Grünwiesler ängstlich. „. . . Ich +meinte ja nur so . . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt +gezeichnet. Er hat einen wunderschönen Akt . . . Aber gequält +hat er mich ja auch.“ +</p> + +<p> +„Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt — +Tölpel bist. Bei sich lacht er natürlich über dich, nachdem +er dich ausgenützt hat.“ +</p> + +<p> +„. . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?“ +</p> + +<p> +„Was denn?“ +</p> + +<p> +„Schluß! Dann aber Schluß!“ schrie Grünwiesler in +plötzlicher höchster Wut. +</p> + +<p> +„Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber +daß ein Subjekt mit dieser Gesinnung nicht in unsern +Kreis gehört, das wirst doch auch du einsehen.“ +</p> + +<p> +„Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen +Sommer hat er von mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber +ich kenn ihn jetzt.“ +</p> + +<p> +„Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen +gebildet habe, dann lasse ich so jemand eben nicht +herein . . . Gott, wir wollen ganz einfach nicht. Und damit +fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die Stimmung +nicht länger verderben.“ +</p> + +<p> +„Du hast recht.“ +</p> + +<p> +„Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann +rezitiere ich dir mein neues lyrisches Gedicht.“ +</p> + +<p> +„Oh, das wäre wunderbar“, sagte Grünwiesler und +legte Immermann die Hand auf die Schulter. So verschwanden +sie zwischen den Tannenstämmen. +</p> + +<p> +„Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +Mägdlein kommt drin vor, einsames Waldesrauschen und +ein romantischer Ritter . . . Siehst du das Bild?“ +</p> + +<p> +„Oh, das ist wunderbar.“ +</p> + +<p> +Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben +ihnen am Tannenstamm. „Pst . . . dort“, flüsterte Grünwiesler. +</p> + +<p> +Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst +flüsternd, dann lauter. Entzückt horchte er auf seine +Stimme und mußte aufstehen. Die Arme ausgebreitet, +sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe. +</p> + +<p> +Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. +Gepackt sah er zu Immermann empor. +</p> + +<p> +„Siehst du die Kompositionen?“ +</p> + +<p> +„Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt’s mir an +Phantasie“, sagte er traurig. +</p> + +<p> +„Tom der Reimer saß am Bach!“ rief Immermann +begeistert. +</p> + +<p> +Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder +daran vorbei führten, waren schon gesperrt, denn die +Trauben begannen gelb zu werden. Oldshatterhand sah +auf das kleine, graue Männlein, das reglos am Waldsaum +stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite +hängen. +</p> + +<p> +„Ist das wahr“, fragte er den Weinbergshüter, „daß +Sie den Buben, die sich ein paar Trauben holen, Pfeffer +und Salz in die Waden schießen?“ +</p> + +<p> +Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein +Messinghorn. „Früher han i’s ton. Jetzet blas i. Dann +bricht glei’s ganze Dorf auf und umstellt ’n Wenger.<a href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> +Jetzet erwisch’n wir die Bub’n immer.“ +</p> + +<p class="footnote" id="footnote-1"> +<a href="#fnote-1">[1]</a> Weinberg. +</p> + +<p> +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +„Ach nein!“ rief Oldshatterhand erschrocken und ging +weiter, bis zum Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas +abseits vom Gärtnerhäuschen lag und von einer gerade +beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt war. +</p> + +<p> +Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten +und horchte. +</p> + +<p> +Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten +Wolke und einem rotbäckigen Jüngling. Der sagte: „Bis +übermorgen könnt ihr die zwei Hauptrollen studiert haben +von meinem Stück“, und reichte der Roten Wolke sein +Manuskript. +</p> + +<p> +„Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. +Tragödie in fünf Akten“, las die Rote Wolke vor. +</p> + +<p> +Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten +bis zum Ziehbrunnen des Gemüsegartens. Die Rote Wolke +schlug das Manuskript auf, begann die Brunnenkurbel +zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Entflieh mit mir, Klärchen!</p> + <p class="line">Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien. +</p> + +<p> +Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne +und goß das Blaukrautbeet, sah den Dichter an, +die Rote Wolke und sagte verschämt: „Es lebe die Kunst +und die Liebe.“ +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-8"> +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +Achtes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span>m Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden +Künste in München waren an den Wänden die +Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, die sich der Aufnahmeprüfung +unterzogen hatten. Kein Mensch war im +Saal; nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter +Negerkopf mit grellem Augenweiß, grinste in ein paar +hundert Exemplaren in die Leere. +</p> + +<p> +Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die +Flügeltüren und ließ die Prüfungskandidaten eintreten, +eine Schar Jünglinge, meist in kurzen Sammethosen und +mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie aufgenommen +waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete — +Prüfung bestanden, ein Kreuz — durchgefallen. +</p> + +<p> +Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief +allen voran bis in die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend +herum, wobei sein Körper hin und her zuckte, wie wenn er +einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen Gegner zu +bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf. +</p> + +<p> +Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch +die Tür und strahlten auseinander. Keiner konnte seine +Arbeit gleich finden, weil auf den ersten Anblick hin die +still grinsenden Negerköpfe voneinander nicht zu unterscheiden +waren. +</p> + +<p> +Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die +fassungslos, empört oder traurig auf die Kreuze blickten. +</p> + +<p> +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben +war, ging jetzt, mit gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten +entlang, sagte zu jemand: „Diese Arbeit ist sehr +gut, sehr gut“, blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand +beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert +vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer +mit eckigem Schädel ins Gesicht und deutete auf den +Kreis, der seinen Neger zierte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden +Künste aufgenommen worden. +</p> + +<p> +Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür +auf und prallte zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert +der Eintritt in die Kammer war. Die durch die +Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen +Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, +zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, +schlängelte sich, wieder vom Bett heruntersteigend, um die +Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen, sich +aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch. +Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter +schrieb — Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen +mit einem Artillerie-Sergeanten. „So?“ sagte +Oldshatterhand, „so?“ und sein Gaumen wurde trocken. +„Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten +ist sie doch viel zu zierlich!“ Seine Augen lasen weiter. +Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, +schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, +an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr +Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München +eingewandert und sei doch der größte Maler geworden. +</p> + +<p> +Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +auf und warf ein Mädchenlachen in Oldshatterhands +Kammer, welcher mit Kraft und Trotz Lenchen +Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft +nachsann, die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu +verzehrte er ein Stückchen Limburger Käse. +</p> + +<p> +Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen +und die Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig +gegen den Wind behaupteten, der jäh abbrach, aus +dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, pfeifend +in der Ferne verklang. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, +zwängte sich durch und hinaus. Und ging in die Schackgalerie. +</p> + +<p> +Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen +ihm zwar sehr gut, aber er hatte doch noch ganz anderes +erwartet. Vor der Venus von Giorgione, einer Kopie von +Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier +als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte, +ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur +die schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und +mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus unversehens +die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt +vor ihm auf der Ottomane gelegen war. Traumhaft +wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem +Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen +Körper flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen. +</p> + +<p> +Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen +Schuhen machte manchmal ein paar Schritte. +Das knallte wie in einem Kellergewölbe. „Lenbätsch“, +sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin. +</p> + +<p> +Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +zu Bild; ihre Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor +jedem Bild hob sie die Hand zu den Augen, nickte oder +schüttelte den Kopf und ging weiter. +</p> + +<p> +Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die +schwarzen, zusammengewachsenen Brauen in die Höhe +schlugen, bildeten einen sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften +Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund +und rot wie eine Kirsche. +</p> + +<p> +Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie +geistesabwesend an, weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst +hatte, den sein Kunstgewissen ihm verursachte: ob seine +sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione berechtigt +seien oder gemein. +</p> + +<p> +„Ja, das ist schön“, sagte die Malerin und sah ihm tief +in die Augen. Er nickte eifrig. Ohne Übergang begann +sie zu erzählen: von ihrem freien Leben, von Christus und +Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle sie +sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. +Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß +ihre Mutter ein kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei +und ihr Vater ein charakterloser Schwächling. „Kommen +Sie mit in mein Atelier. <em class="em">Sie</em> verstehen mich. Das fühle ich. +In Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!“ +Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus. +</p> + +<p> +Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden +umher. Kastanienketten hingen an den Wänden, die mit +Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen überzogene +Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, +das einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand +setzte sich darauf. Ohne erkennbaren Grund +lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust heraus. +</p> + +<p> +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid +über den Kopf und stand vor Oldshatterhand in +einem semmelgelben, blaugeblumten Überwurf aus dünner +Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie +lachte, und fragte ratlos: „Tragen Sie kein Hemd?“ +</p> + +<p> +Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den +sitzenden Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne +auseinander und drückte Oldshatterhands Kopf an ihren +bloßen Leib. +</p> + +<p> +Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken +herum, atmete, und sein Mund küßte. Plötzlich sah er die +alte Brücke von Würzburg mit den zwölf Heiligen, drückte +den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg und +glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand +Ekelgefühl und stand auf. +</p> + +<p> +In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen +ihn an und hielt den Überwurf vorne zusammen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. „Ich muß nach +Hause. Meine Wirtin und ich wollen zusammen die Möbel +umstellen in meiner Kammer, weil’s ein wenig eng da ist.“ +</p> + +<p> +Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen +vor; es war, als ob ein nackter Mensch vom heißen +Sommer plötzlich in den Winter träte und angespannt und +aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur +Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und +sagte, scharf pausierend: „Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! +. . . und Nietzsche . . . Uns trifft die unsichtbare Faust +der Welt . . . immerdar.“ +</p> + +<p> +Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das +Mädchen an. +</p> + +<p> +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß +ihr kräftiger Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand +lächelte, lachte, lachte laut, in großer Befreiung, +wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich +erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend — sah sich +und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen +sitzen und um die Wette krachende Äpfel essen. +</p> + +<p> +Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand +immer wieder an das Mädchen im Spessart, sah sie zum +Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das Kleid aus Rohleinwand +an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen +Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten +Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr +nicht bis zu den Knien reichte. +</p> + +<p> +In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand +mitten auf dem Waldsee; der Mond sank vom Himmel +herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den Überwurf +vorne auseinander und sank langsam und senkrecht +ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf +dem See lag. Die Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe. +</p> + +<p> +Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens +an ihre Tür und fragte beim Weggehen die Portiersfrau, +die den Hausflur kehrte, nach dem Mädchen. +Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus +gebracht worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb +stehen, sah ihr zu und dachte angestrengt die Szene im +Atelier zurück. „Daran bin ich nicht schuld . . . Das kann +doch nicht sein“, sagte er für sich. Und die Frau meinte, +die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor +er ein Haus beträte. +</p> + +<p> +Langsam ging er fort. „Ich muß die Möbel ja wirklich +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +umstellen. Das Bett wird sonst schmutzig . . . Ich hab +sie nicht angelogen.“ Er blieb stehen. „Sonst wär ich +doch nicht wiedergekommen.“ +</p> + +<p> +Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin +die Möbel um, so daß er beim Eintritt in die Kammer +nur unterm Tisch durchkriechen mußte. Das Bett stand +jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß Oldshatterhand +nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, +und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit +Frühstück kostete wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig. +</p> + +<p> +Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen +Oldshatterhands tapeziert. Sonst stand nur das +Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der alten, großen +Pistole aus dem „Zimmer“, ein Totenschädel stand, +der ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen +Zähne fehlten. Auch von allen Wänden herunter lachte +der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn Oldshatterhand +in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem +Gelächter erfüllt war. +</p> + +<p> +Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die +Frau Vierkant regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er +nur in kochendes Wasser zu legen und konnte sich noch +einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie +ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen +Taler bei. Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand +sich als Klinikdiener und von jenem Bildverkauf in +Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig +Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf +Münchener Monaten schmal geworden. Er war jedoch +überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig studieren +könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt. +</p> + +<p> +Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen +war, sich beim Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an +die Stirn gestoßen hatte, und er den Besuch dieser Dame +noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß, die +zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und +vielleicht etwas komfortablere zu mieten. +</p> + +<p> +Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht +wechseln lassen. Da ihm aber die Schwester wieder einen +Taler in Aussicht gestellt hatte, rief er die Wirtin und +sagte: „Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am +Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum +Pfand.“ Er zeigte im Kreise herum und blickte die Frau +voller Staunen an, weil sie wegwerfend sagte: „Entweder +Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die +Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.“ +</p> + +<p> +Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit +der Wirtin, die ja doch nichts verstand. Und auch die +junge Studentin ließ sich durch den komplizierten Eintritt +in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé +und sah gierig hinein. Alles darinnen schien ihm +wunderschön zu sein. Die Polsterbänke waren mit rotem +Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten. +</p> + +<p> +Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander +gegenüber und starrten auf das Schachbrett. Neben den +beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die +hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche +steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte. +Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +Sein Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand +hörte das hohle Lachen des Zeichenlehrers: +„Ho! ho! ho!“, der das leere Wasserglas aufs neue zum +Kellner emporhielt. +</p> + +<p> +Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die +kühn in das Café eintraten, und erschrak, weil er einen +Augenblick lang daran gedacht hatte, es auch zu wagen, +in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen. +Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten +und sagen würde: bitte, was wollen denn Sie +hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn unauffällig +wieder hinausführen zu lassen. +</p> + +<p> +Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken +fielen und wurden sofort vom Straßenschmutz gefressen. +</p> + +<p> +Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder +stehen. Mitten aus dem Gästegewühl heraus fühlte er die +Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht auf sich gerichtet +und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein +Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und +Oldshatterhand hatte wieder das Gefühl, als berühre ihn +ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften Fremden, der +auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte — ich denke +darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen +muß, noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr +eine andere zur Frucht reifen darf. Den Fremden, auf +dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr +nach dem wilden Westen gewollt hatte. +</p> + +<p> +Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der +im Café saß, verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. +Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend und grausig, +daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen +elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden +einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten +Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den +Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor, +warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken +und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie +hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, +krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand +nicht verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell +die Zigarette in den Mund zu stecken, um sofort +wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, +zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe +aufgestützt, reglos und blickten düster vor sich hin. +</p> + +<p> +Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den +Fremden zu, der einer blonden Dame zum Abschied die +Hand küßte. +</p> + +<p> +„Michael Vierkant“, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand +schlug die Augen fragend auf zu der schönen Dame, +weil sie auch ihm die Hand zum Kusse reichte. +</p> + +<p> +„Und Sie wissen ja selbst“, beendete die Dame das +Gespräch, „daß es gefährlich ist, sein Leben lang konsequent +in einer Linie zu gehen. Denn nebenher und kreuz +und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an manchen +Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten +der Irrsinn und der Untergang. Aber leben Sie wohl, +bis dahin“, schloß sie scherzend und ging. +</p> + +<p> +Oldshatterhand setzte sich und sah umher. +</p> + +<p> +Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll +Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +um und hielt es gegen das Licht. Es glich in der Farbe +genau seiner mit unzähligen violetten Äderchen besetzten, +käsigen Gesichtshaut. Er goß die Preiselbeermilch in den +Magen. +</p> + +<p> +„Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des +Lebens?“ fragte Oldshatterhand den Fremden, der ihn +gerührt ansah, wie man eine Jugendphotographie von sich +betrachtet. +</p> + +<p> +„Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im +Leben, sonst komme man unter die Räder.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich +gedemütigt, weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß +bedeutet. Danach zu fragen, brachte er nicht über sich. +</p> + +<p> +„Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft“, +erklärte der Fremde; „die Herrschaften, die feinen +Damen, die da wohnen, wollen nur elegante, ganz +leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer wieder: +ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur +die halten etwas aus, — bleibt konsequent und macht lieber +bankerott, als leichte Schuhe.“ +</p> + +<p> +„Ah da!“ rief Oldshatterhand und sprach mit den +Händen mit. „Mechaniker Tritt arbeitet ein Vierteljahr +lang an einem seiner elektrischen Türschlösser, auf die er +stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein Schloß aber +in einer Woche fertig haben.“ +</p> + +<p> +„Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht +solle, meinte die Dame.“ +</p> + +<p> +„Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer +wieder eine Frau mit Geld.“ +</p> + +<p> +„Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +„Das ist ein Lebenskünstler.“ +</p> + +<p> +„Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, +sondern ein hundsgemeiner Lump.“ +</p> + +<p> +„So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. +Und wer keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. +. . . Es gibt unendlich viele, verschiedenartige Kreuze, +und an allen hängen Menschen daran.“ +</p> + +<p> +Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend +sah er den Fremden an, denn er glaubte, +sich selbst lachen zu hören. Der Fremde hatte das irrsinnige +Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz +nahe hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, +flüsterte er jetzt: „Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer +Einsamkeit. An diesem furchtbaren Kreuz hängt +<em class="em">der</em> krummgenagelte Mensch, der nicht mehr rachsüchtig +sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß, +daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder +nur ein armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man +ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, +bis er ein bösartiges, gefährliches Tier wurde . . . Der +Mensch, der das weiß und danach handelt, der hängt an +dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, einsamsten +Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er +nicht zurückschlägt.“ +</p> + +<p> +„Das ist Jesus Christus“, sagte Oldshatterhand ganz +langsam. +</p> + +<p> +„Höre einmal, du.“ Der Fremde faßte Oldshatterhand +an die Schulter; seine Stirne wurde tiefrot und sprang +vor. „Es gibt viele Christusse.“ +</p> + +<p> +„. . . Nur einen hat’s gegeben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +„Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt +sie nicht. Will sie nicht kennen!“ Die Stirne des Fremden +wurde sichtbar weiß; er richtete sich auf. „Ober, sehen +Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.“ Der Kellner +eckte von Tisch zu Tisch. +</p> + +<p> +„Laaaa“, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete +dabei langsam die Arme aus. „G-Dur, verstehen +Sie“, schloß er brüllend. +</p> + +<p> +Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben +dem Büfett. Nur manchmal gab er dem Ober mit dem +Augenlid ein Zeichen. So saß er seit dreißig Jahren. Sein +Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter seinen +Augen sank faltenbildend übereinander. +</p> + +<p> +Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein +Trupp neuer Gäste schob sich durchs Lokal. +</p> + +<p> +Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel +stachen hervor; fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste +auf einen langen Italiener zu, der eine Zeichnung hochhielt. +</p> + +<p> +Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr +den Kopf und sah wieder vor sich hin. +</p> + +<p> +„Ich kannte zwei Maler.“ Der Fremde saß bequem +zurückgelehnt. „Beide waren ganz arm, sehr begabt und +ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine hat sich in Paris +erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in Berlin +— Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit +Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen +stehen und das Gewehr präsentieren vor einem +loyal dankenden Feldhasen in Generalsuniform . . . Dieser +Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn er verdient +mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +ein Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß +schließt.“ +</p> + +<p> +„Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto +lenken.“ +</p> + +<p> +„Nein, Sie nicht“, sagte der Fremde im selben Tonfall, +in dem er damals auf der Höhe von Würzburg gesagt +hatte: nein, Sie sind nicht schwach. +</p> + +<p> +„Da erschieße ich mich lieber auch.“ Oldshatterhand +warf den Kopf in den Nacken. „Das glauben Sie nicht? +. . . Da kennen Sie mich nicht“, schloß er geringschätzig. +</p> + +<p> +„Doch, ich kenne . . . mich.“ +</p> + +<p> +„. . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.“ Oldshatterhands +zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. „Der +Lehrer Mager hat mich einmal ins Gesicht geschlagen mit +dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden lag. Weil ich +meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten +habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, +der Lehrer . . . hier an dem Tisch wenn er säße.“ +</p> + +<p> +„. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in +dieser Stadt herum, weil es die Atmosphäre der Stadt +anders nicht zuläßt . . . Der Katholizismus, die Klöster, +Mönche und Priester, die engen Kurven der Gassen mit +den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, +grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke +springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen +von Jugend an . . . So eine Stadt bringt Böse +hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten +mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig +Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder +. . . auch Künstler. Und Menschen wie den +Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt, +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung auf dem +Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.“ +</p> + +<p> +„‚Gemein‘ habe ich nicht gesagt.“ +</p> + +<p> +„Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht +nur die Stadt, die Mitmenschen, die Bestimmungen der +Schulbehörde den Herrn Mager zu so einem harten Lumpen +gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür, +daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt +hat, an seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos +und ganz unschuldig.“ +</p> + +<p> +„Glauben Sie?“ fragte Oldshatterhand tief betroffen. +</p> + +<p> +„Halt!“ brüllte da der Fremde entsetzt. „Nein nein +nein! Rächen Sie sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! +Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er am Boden liegt!“ +Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und +scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, +schloß er, er lachte sogar, und es klang überzeugend: „Das +braucht Sie gar nicht zu kümmern, was ich da vom Leben +und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe ich nur so +gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, +den Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: +Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein Lump sind Sie!“ +Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und +als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch. +</p> + +<p> +„Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . +ist das möblierte Zimmer!“ rief ein junger Herr, der allein +Billard spielte, hartstimmig einem anderen zu. Er trug +eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf gehalten +und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm +lang und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. +Oldshatterhand sah ihm schon eine Weile interessiert +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +zu und fragte endlich, warum der Herr seine +Pelerine nicht abnehme beim Spiel. +</p> + +<p> +„So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen +Winter. Er hat ein Loch in der Hose.“ +</p> + +<p> +„Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager +doch lieber . . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich +ihn wieder einmal sehe auf der alten Brücke.“ +</p> + +<p> +„Sooo?“ fragte der Fremde und sah erbleichend und +starr auf Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal. +</p> + +<p> +„Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete +Ziffernblatt.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen +Genuß und unterdrücktem Staunen den Gedanken des +Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er durch das +Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr +von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich +anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam +ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre +des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie +früher eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von +denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht +lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern +Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen +mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen. +Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er +seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, +daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die +Nacht dem Tage folgt. Mit seinen Nerven hatte er das +Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, trennte +von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung +überwältigen, wollte er sofort zurückgehen +und sich mit Brust und Fäusten dagegen stemmen. Da +nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit +ins Gehirn. — Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der +Lehrer Mager hat mich in der Schule monatelang gar +nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse gesagt: von +mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich +geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der +Schreiber hat über mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat +zehnmal mehr Charakter als ich. Immer waren alle kräftiger +und geachteter als ich. Immer und überall war ich +hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so +einem schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und +durch lächerlichen Kerl ein Künstler werden könne. +</p> + +<p> +Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen +blieben trocken. +</p> + +<p> +Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, +blieb er stehen, sah gedankenlos auf das große Bild +in der Mitte, das eine Kreuzabnahme darstellte, wurde +interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den Herrn +neben sich am Ärmel. „Das linke Bein ist viel zu lang. +Sehen Sie? Sehr verzeichnet.“ Auf das betaute Fenster +zeichnete er mit dem Finger — Schenkel, Knie und Wade. +„So muß das sein! So!“ +</p> + +<p> +„Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe +ich den Fehler auch.“ +</p> + +<p> +„Nicht wahr!“ Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich +auf, um zu kontrollieren, ob er größer sei als der Herr. +</p> + +<p> +Der Herr war kleiner. +</p> + +<p> +Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +Dame ins Gesicht und zog tief den Hut. Seine +Augen glänzten. Er kannte die Dame gar nicht. +</p> + +<p> +Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der +Akademie beginnen. „Märchen“ war als Thema gegeben. +Die mannshohe Leinwand stand schon in der Kammer. +</p> + +<p> +Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein +Soldat, in Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte +an den Wänden. +</p> + +<p> +„Aber also und, also, das hast alles du gemalt?“ +</p> + +<p> +„Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?“ +</p> + +<p> +„Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon +gemeldet“, sagte der König der Luft. „Hab +aber immer noch keinen Ballon zu sehen bekommen. Also +was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham sie +mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen +. . . Also weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, +mit hinauffliegen, das gibt’s überhaupt nit. Höchstens +einen Strick dürfe man halten, von einem lumpigen Fesselballon, +so groß wie ein Waschkessel. Also so eine Saubande. +Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig +dazu gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich +gleich gehen, zurück in die Kasern. Sonst krieg ich Arrest.“ +Er kroch unterm Tisch durch. „Am Sonntag über acht +Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, +der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und +übernächsten Sonntag kommen sie alle nach München, weil +der bleiche Kapitän ein Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. +Und also dann kommen sie auch nach München und +besuchen dich. Und also auch mich.“ Der König der Luft +deutete auf einen Mädchenakt. „Lassen die sich so ohne +Kleider anguck?“ +</p> + +<p> +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung. +</p> + +<p> +„. . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich +schleunigst gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie +kommen alle zu dir her. Und also ich komm auch daher.“ +</p> + +<p> +„Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer +gewesen wäre als ich? Es ist doch ganz gleich, ob ein +Mensch einen Meter und siebzig oder einen Meter und +sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht +an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit +nachläuft! Vielleicht das ganze Leben lang. Und man +bekommts nicht los. Mancher bekommts nie los.“ +</p> + +<p> +Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. +Grünwiesler klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, +in Lohr am Main, hocken müsse, bei seiner Tante, weil +die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber kein Geld +mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach +München gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister +in den Galerien zu studieren. Gerade jetzt, da er eine große +Komposition begonnen habe, die er ohne Modell, das in +dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, nicht beendigen +könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz +verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren +in den Klauen der Pfaffen. Den ganzen Tag über +hocke einer bei ihr, wenn sie nicht ihrerseits bei den Pfaffen +oder in der Kirche sei. Er träume von Tonsuren und von +Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe +ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, +solle nur sechstausend Mark in Obligationen bekommen, +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +nach dem Tode der Tante. Aber dann nütze ihm das Geld +auch nichts mehr. +</p> + +<p> +Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu +haben, denn der Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen +Nachsatz. „— Ich habe die für mich bestimmten sechstausend +Mark in Obligationen, die in der Truhe der Tante +lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, +denn ich bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn +sie entdeckt was ich getan habe. Ich bitte dich, bitte dich +dringend, gib mir einen Rat. Was soll ich tun? Sende +mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines Freundes +sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus +Grünwiesler. +</p> + +<p> +Sende mir diesen Brief umgehend zurück.“ Dieser Satz +war auch mit Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen. +</p> + +<p> +Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, +hatte ihm gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm +mit unendlicher Geduld die technischen Schwierigkeiten +überwinden helfen und es Oldshatterhand ermöglicht, aus +den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er vorwärts +kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte. +</p> + +<p> +Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers +Brief sehr erregt, schrieb Oldshatterhand einen +langen, wirren Brief voller Hingabe und Begeisterung und +schloß: „Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem Revolver +in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du +mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen.“ +</p> + +<p> +Er trug den Brief sofort zur Post. +</p> + +<p> +Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in +seine Kammer zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +Der Entwurf wurde eine düstere, dunkle Gasse, +mit unwirklicher Helligkeit darin. +</p> + +<p> +Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand +hatte vergessen, ihn zurückzusenden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener +Hauptbahnhofs und blickte hinaus in die blaue Helle, wo +wie ein schwarzer Wurm der Nürnberger Zug gekrochen +kam, in dem die Räuber saßen. +</p> + +<p> +Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der +Brust gefaßten weißen Pikeekleid, lachte verwundert, weil +die Erregung Oldshatterhands sich auch ihr mitteilte. +Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen Rosenstrauß +vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt. +</p> + +<p> +Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte +aus. „Tyrannei! Acht . . . Stunden . . . Tag . . . Die +Ruh, die Republik!“ endete der Gesang der Räuber. +</p> + +<p> +„Hohaho!“ rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, +und der bleiche Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher +heraus. „Den siebenunddreißigsten Preis hab ich!“ +Die Fremden lächelten. +</p> + +<p> +Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, +und wurden ganz still, als ihnen die schöne Freundin +Oldshatterhands die Hand reichte. +</p> + +<p> +Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: +die Liebste des Schreibers, und Käthchen Schlauch, die +Braut des bleichen Kapitäns. Ihr Hut war flach wie +ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen geschmückt. +Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen +Zöpfe dreimal um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen +standen etwas vor. +</p> + +<p> +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +„Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.“ Falkenauge +sah empor zur Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten +empor. +</p> + +<p> +Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen +einander zu, und jede zog einen zerknüllten Schleier hervor. +</p> + +<p> +„Und wenn’s jemand in Würzburg erfährt, daß ihr +diese Fetzen getragen habt, dann ist der Teufel los, und +die ganze Stadt sieht euch über die Nase an“, schimpfte +der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen. +</p> + +<p> +„Da geh mal her, Käthl“, rief der Schreiber und band +dem grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier +fest am Tannenzapfenhut. „So, Käthl, jetzt bist du eine +feine Dame.“ +</p> + +<p> +„Die wollen ins Hofbräuhaus“, schmollte des Schreibers +Liebste, „ich will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte +will ich sehen, alle Hutgeschäfte.“ Und mit +einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt schloß +sie: „Ich bin doch Modistin.“ +</p> + +<p> +Sie standen noch immer auf dem Platz. „Wo ist denn +die große Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte +ich ansehen.“ +</p> + +<p> +„Das is jetzt Nebensache“, sagte der bleiche Kapitän +zu seiner Braut. „Aber daß hier die Leute genau so +herumlaufen wie in Würzburg, das wundert mich. Ich +hab gemeint, hier in München hätten sie alle Volkstrachten +an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die +hat einen alten Kartoffelsack an.“ Die Malerin in Sandalen +und Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit +Männerschritten weiter. Ihr langer, giftgrüner Schleier +flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. Alle sahen +ihr nach. +</p> + +<p> +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +„Hoppla!“ Im letzten Augenblick hatte der strahlende +Oldshatterhand die Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen. +</p> + +<p> +Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die +Kammer Oldshatterhands. +</p> + +<p> +An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein +Männer- und ein Frauenakt. Die Mädchen sahen zum +Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten herauf +auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau +schielten. +</p> + +<p> +„Liesl, bist du auch so schön wie die“, sagte der Schreiber +in die Stille. Die Modistin wandte sich zornig um +und kroch aufheulend zur Tür hinaus. Sofie Meinhalt +ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte sich auch +Fräulein Schlauch zur Tür hinaus. +</p> + +<p> +„Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt +doch, wie Mädli sind.“ +</p> + +<p> +„Hohaho!“ Der Schreiber war verlegen. +</p> + +<p> +Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich +nach innen. „Aber das hätt ich in meinem ganzen +Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen malen kannst.“ +</p> + +<p> +Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau. +</p> + +<p> +„Mit Kohle gezeichnet, was?“ fragte die Rote Wolke. +„Hast du’s fixiert?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Das hab ich mir gedacht.“ +</p> + +<p> +Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. +Sofie Meinhalt trat ein. „Ihr müßt jetzt hinausgehen. +Die Mädchen wollen sich waschen.“ Die Modistin wischte +sich lächelnd die Tränen von den Augen. +</p> + +<p> +Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +saßen auf den Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben. +</p> + +<p> +„Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?“ +fragte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem +kannst nimmer verkehr. Was glaubst denn! Der steht +am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . ein Vierröhrenbrunnensteher.“ +</p> + +<p> +„Ooooh!“ sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete +den ganzen Tag fast nichts mehr. +</p> + +<p> +Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür +auf und prallte zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. +„Also und hoppla! . . . Also so eine Dummheit!“ +Der König der Luft ging nach vorne und begrüßte +die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war +da. „Also wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. +Bis zwölf Uhr hab ich nur Ausgang. Also da verreckst +. . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr dazu?“ +</p> + +<p> +Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm +in Arm mit den Mädchen. Nach dem Essen wollten die +Räuber Kaffee trinken. +</p> + +<p> +Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. +Fräulein Schlauch hatte ihren Schleier wieder vorgebunden. +</p> + +<p> +Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst +abwinkenden Infanterieleutnant zusammen und marschierte +stramm an ihm vorbei, die genagelten Kanonenstiefel +auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren erschrocken +auf. +</p> + +<p> +Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +in das Café, saßen still zusammengedrängt beim Fenster +und blickten eine Weile betroffen auf die sonderbaren +Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt lächeln, worauf +alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß +die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während +der König der Luft die Räuber drohend anfunkelte +und, das Kinn zur Tischplatte geduckt, zum Offizier hinwies, +der jedoch ruhig in seiner Zeitung weiterlas. +</p> + +<p> +Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang +und schmal am Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch. +</p> + +<p> +Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge +Malerin, die nebenan auf der Polsterbank halb lag und +durch die Nase rauchte. +</p> + +<p> +Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener +Semmel dem bleichen Kapitän, der staunend den +Kopf schüttelte und sie verächtlich wieder zurücklegte ins +Körbchen. „Davon verzehr ich dreißig Stück und weiß +dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.“ +</p> + +<p> +Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der +seine Freunde vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. +Der Fremde setzte sich an den Tisch dazu. +</p> + +<p> +Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes +Mädchen in einem Kamelhaarsweater, barfüßig +in Sandalen, das auf die Malerin zukam, gefolgt von +einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in +einem Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel +fiel ihm bis zu den Füßen und war vorne mit einer Sicherheitsnadel +zugesteckt. Der Lange hielt die schmalen Schultern +so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar verschwanden, +und trug eine große Rundgläserbrille mit +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +Kautschuk gefaßt. Neben dem König der Luft fiel er +apathisch auf die Polsterbank. +</p> + +<p> +„Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, +wem ich will“, rief erregt das weißblonde Mädchen. +„Mein Vater ist ein Trottel!“ +</p> + +<p> +Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht +lief blaurot an. Seine Augen glotzten vor Anstrengung. +Er hielt die Faust auf den Mund gepreßt, pfutzte. Und +lachte endlich krachend los. +</p> + +<p> +Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den +Schreiber, sah erst interessiert dem Totlaufen der Billardkugel +zu, und richtete sich streng auf. „Bitte sehr! Sie +sind hier nicht in einer Menagerie!“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. +</p> + +<p> +„Also und, wart bis der Leutnant fort is.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken“, wandte +sich der bleiche Kapitän an den Fremden, „aber wenn das +Knochengerüst dort schreit: Menagerie! — da sagen Sie +einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das Kreuz einschlagen +soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: +‚mein Vater ist ein Trottel‘, kriegt sie eine Maulschelle.“ +</p> + +<p> +Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den +Leib und wandte sich seinen Freunden zu: „Wissen Sie, +daß es in Süddeutschland gärt? Im Westen. Der Osten +rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime Verbindung. +Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber +fluidisch kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen +Fäden in der Hand! Ich!“ +</p> + +<p> +Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; +ihre Augen öffneten sich starr. „Ich denke in +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +Oktaven — ganz schnell! ganz schnell! bis zurück, da ich +ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine Mutter durch den +Sommergarten gehen“, flüsterte sie, „und mein weißes +Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich +drei Jahre alt.“ Sie wachte auf. Der Lange strich ihr +beruhigend-zärtlich über die Hände. +</p> + +<p> +Der Leutnant verließ das Café. +</p> + +<p> +„Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.“ +</p> + +<p> +Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre +an. „Sind Sie schon oft mit hinaufgeflogen?“ +</p> + +<p> +„Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.“ Er +stand auf, streckte das Bein wagerecht aus und begann +den Kanonenstiefel zu kreisen. „Also seit fünf Wochen +Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was +man kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann +steht man und gafft die Kasernenhofmauern an . . . Oder +Kopfrollen.“ Der König der Luft rollte den Kopf. Die +Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da. +</p> + +<p> +„Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein +Trumm Fleisch. Und Kartoffeln, soviel man will . . . +Alles was recht ist . . . Aber also und, was machen wir +denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?“ Alle +blickten auf den Billardspieler. +</p> + +<p> +„Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen +wollen, müssen wir aber sofort gehen“, sagte der Fremde +und stand auf. +</p> + +<p> +Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch +und die Liebste des Schreibers in ein Hotel gebracht. +Die Räuber verabschiedeten sich vor der Tür: sie schliefen +in einem anderen Hotel. +</p> + +<p> +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz +bevor der Zug nach Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. +Er war verlegen. „Weißt du denn eigentlich, +daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken +bin?“ +</p> + +<p> +„Wie meinst du das? Siebzehnter?“ +</p> + +<p> +„Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von +Unterfranken und Aschaffenburg.“ Er entkleidete sich. +</p> + +<p> +Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. +Die Beine waren ein wenig zu lang, ein wenig +zu dünn, und ein wenig O-geformt, und schienen den kolossalen +Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum +tragen zu können. +</p> + +<p> +Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht +mehr Oldshatterhand — sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand +bestimmt und mit einem neuartigen Lächeln +im Gesicht: „Du mußt der erststärkste Mann von Unterfranken +werden“, und empfand erschauernd die Distanz +zwischen dem nackten Jüngling und sich. +</p> + +<p> +Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus +Würzburg. Der bleiche Kapitän war der fünfzehnte +Meisterschaftsathlet von Unterfranken und Aschaffenburg +geworden. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt +zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand +in der Kammer und rezitierte den Faustmonolog. +Denn noch am selbigen Tage wollte er zu Konrad Drauer +gehen und ihm vorsprechen. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen +Garten. Seine Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +rezitierte laut und agierte mit den Armen. Freude und +Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine Jugendjahre so +gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte. +</p> + +<p> +„Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.“ +</p> + +<p> +„Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, +Theobald Kletterer ist da.“ +</p> + +<p> +„Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler +vor dem Hause stehen sehen. Er kann jetzt +keinen Besuch empfangen. Hat keine Zeit.“ +</p> + +<p> +„Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . +Ich bin extra von Würzburg mit hierhergefahren. Es +ist eine Entscheidung fürs ganze Leben.“ Er hob die Arme. +</p> + +<p> +Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ +die Rote Wolke eintreten. +</p> + +<p> +„Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. +Theobald Kletterer aus Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Ja, und?“ Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, +hob die Augenbrauen und sah auf die Uhr. +</p> + +<p> +„Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie +gottbegnadeter Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten +Muse . . .“ +</p> + +<p> +„Sie sind Gärtner? Nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, +Herr Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es +besser machen kann als ich.“ Hingegeben stieß er die +Arme nach rückwärts und begann. +</p> + +<p> +„Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch +einmal . . . vor fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen +genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. „Ich bin aus +Würzburg.“ Und begann von neuem. +</p> + +<p> +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen +Zigarre ab und faßte die Rote Wolke am Rockknopf. „Sie +sind zu klein für die Bühne. Viel zu klein.“ +</p> + +<p> +Der Mund stand offen, rund und schwarz. +</p> + +<p> +„Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn +als Gärtner?“ +</p> + +<p> +„Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, +das ich einmal erben soll.“ +</p> + +<p> +„Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie +mir, das ist ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben +Sie Gärtner. Sie haben Ihr Auskommen. Hunderte +Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist ein +Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner +eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine +Zeit mehr. Grüß Gott.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog +die Uhr. Und begann zu rennen. In zwanzig Minuten +ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete stärker, mit +Frühjahrshagel vermischt. +</p> + +<p> +Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß +der Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé +steigen, worauf der Zug sich in Bewegung setzte. Und die +Rote Wolke wußte nicht, ob der salzige Geschmack auf der +Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen kam. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-9"> +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +Neuntes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe +auf dem Kirchplatz von Basel und sahen hinunter +auf die Stadt und den Rhein. +</p> + +<p> +Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß +sehr schnell, vom schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, +über den reißenden Strom. +</p> + +<p> +„Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und +Maler den Deutschen dargestellt haben“, sagte der Fremde +in Gedanken. +</p> + +<p> +„Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf +dem Würzburger ‚Käppele‘. Nur ist dort alles kleiner. +Der Rhein sieht gefährlich aus.“ +</p> + +<p> +„Der Main ist lieblich,“ sagte der Fremde. Er hatte +Oldshatterhand zu einer Italienreise eingeladen. +</p> + +<p> +Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem +Kirchplatz hatten schon braune, harzglänzende Knospen. +Zusammengesunkener Altschnee lag noch in den Ecken. +Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne. +</p> + +<p> +Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt +hinein. +</p> + +<p> +„Gott ist überall!“ rief der Pastor und schlug auf die +Kanzel. „Gehet hinaus in die Natur, und ihr werdet +Gott schauen. Im Wald, in den Wiesen, im Bach, in +den Blümlein, im Gestein.“ Seine Stimme war leiser +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: „Aber +auch zu mir müßt ihr kommen! Denn ich kann euch mit +Gottes Hilfe den Bach und Wiesen zeigen und Blumen, +auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . Kommet! +In der Natur ist Gott!“ Der Pastor schlug die +Bibel auf. +</p> + +<p> +„In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,“ +sagte Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf +dem Kirchplatz standen. „Ganz, ganz anders . . . Der +Pastor hat schöne Dinge gesagt.“ +</p> + +<p> +In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der +Morgendunst. Den beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen +und schwarzen Häuserflächen entgegen. +Die Gebirgsketten der Alpen standen still. +</p> + +<p> +„Das Meer!“ rief Oldshatterhand und schnellte mit +einem Satz zum Fenster. +</p> + +<p> +„Nein, das ist nur ein See.“ +</p> + +<p> +„Nicht das Meer?“ So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand +noch nicht gesehen. +</p> + +<p> +Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler +wurden enger. Vom Wagenfenster weg stieg die nasse +Felswand senkrecht empor. +</p> + +<p> +Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in +die Nacht. Die Luft im Tunnel war muffig vom alten +Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand unwahrscheinlich +lang vor, viel länger als die vorherigen. Da +wurde es heller — und hell, und der Zug sauste mitten in +den Frühling hinein. Kein Schnee mehr. Blumen standen +im Geleisegraben, und an den dunkelfelsigen Abhängen +blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, +und verschwand im weißen Himmel. +</p> + +<p> +Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften +Frühlings wegen froh war und seine Freude +nicht verbergen konnte, und sah auf die fremden, italienischen +Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und zerfallend. +</p> + +<p> +Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter +der Durchgangstür und sang den Gästen der zweiten +und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in Schweiß und +sammelte dann. +</p> + +<p> +„Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter +Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen +sehen. Der sah genau so aus wie dieser +Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und sammelte. +Sprach aber selten ein Wort.“ +</p> + +<p> +Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. +Kleine Italiener, Knaben und Mädchen, rannten barfuß +auf dem mit Schuttsteinen bedeckten Bahndamm neben +dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die +Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu +erhaschen. +</p> + +<p> +Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, +achteten die von den spitzen Steinen verursachten Schmerzen +nicht, und schleuderten ihre Blumensträußchen, schon +ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. Da +flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und +bildeten einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste +und Füße, als der Zug schon verschwunden war. +</p> + +<p> +Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei. +</p> + +<p> +„Was ist das?“ +</p> + +<p> +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +„Das Meer.“ +</p> + +<p> +„Das Meer?“ Betroffen blickte Oldshatterhand auf +den drohenden, grünen Wasserstreifen, der so schmal war, +daß er manchmal von den flatternden Hemden und Windeln, +die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die +schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens +machte Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer +weiter. +</p> + +<p> +Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt +und gespreizt in die Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand +zum Meer. +</p> + +<p> +Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg +hinunter, bis zum schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne +die mächtige, weiße Stadt Genua. +</p> + +<p> +Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen +unterm Arm schritt auf dem Perron am staubigen +Zug entlang und sang: „Co . . . rri . . . ere Della Sera. +Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.“ +</p> + +<p> +„Das klingt wie ein schönes Lied“, sagte Oldshatterhand +und lächelte, weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich +vorgebeugt standen und mit dem Zeigefinger auf ihre +Brust deuteten: „Si Signore? Si Signore? . . .“ +</p> + +<p> +Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von +einem rot und weiß gestreiften Riesensonnenschirm, durch +die vom Korso belebte Hauptstraße, bis zu einem der alten +Paläste. +</p> + +<p> +Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der +Decke hängende große Ampel schon brannte, obwohl es +noch hell war, reichte der Portier dem Fremden ein Telegramm. +</p> + +<p> +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +„Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach +Spanien. Zu meinem Freund.“ +</p> + +<p> +Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem +Koch und dem Portier war Oldshatterhand allein im +stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen Salon, und +an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im +Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal +hörte er den Schlüsselbund klingen und verklingen. +</p> + +<p> +Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. +Und die Sirenen erklangen unaufhörlich +im nahen Hafen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er +Lust habe. Den ganzen Sommer über, auch wenn der +Fremde nicht mehr zurückkehren könne. +</p> + +<p> +Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der +Taurolle im sonnigen Hafen. Neben ihm saß wieder +reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren an +der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer +hinaus, in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab +ihm eine Zigarette. +</p> + +<p> +Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen +den Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich +und schnell wie Wasserinsekten. +</p> + +<p> +Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und +Bettstücken. Die Männer warteten und rauchten. Einer +zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine Orangenschale, +die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine +junge Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige +Großvater döste vor sich hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern +mit schönen gelben Koffern gefolgt, hasteten +zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm +aus der Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, +welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband. +</p> + +<p> +Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen +wurde. Die Auswanderer, in einen bunten Saum von +Not und Hoffnung zusammengedrängt, blickten vom untersten +Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die +Zurückbleibenden. +</p> + +<p> +Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit +dem Schiffskoloß, der schwerfällig zu schaukeln begann +und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau sich straffte. +Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte +und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar +vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen +durch, während die Auswanderer reglos standen +und auf das allmählich entgleitende Hafenbild zurückblickten, +bis sie nichts mehr unterscheiden konnten. +</p> + +<p> +Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand +seine Augen endlich von den fernen Rauchfladen +des ausgefahrenen Dampfers losriß und neben +sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte. +Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles +Loch zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, +Obstabfälle, ein Weidenkorb schaukelten auf der +schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger +saß noch immer reglos und starrte nach Afrika. +</p> + +<p> +Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. +Wie in seiner Kinderzeit hatte ihn unvermittelt schwere +Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht kannte. Etwas +Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die +Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +über die alte Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine +Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er empfand +den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser +sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper +vom Wasser weg und schwankte zurück. +</p> + +<p> +Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den +Salon, lächelte und gab Oldshatterhand einen Brief. +„Una lettera, Signore.“ Sie zündete die drei Kerzen +im Standleuchter an, lächelte und ging. +</p> + +<p> +Franziskus Grünwiesler schrieb — er habe sich nach +Oldshatterhands Rat vor seine Tante hingestellt, mit dem +Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du mich anzeigst, +erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen, +ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn +je in Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung +lebe, plötzlich verhaftet zu werden. Oldshatterhand +solle um der treuen Freundschaft willen, die sie miteinander +verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit +er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und +beraten könne, was zu tun sei. Er möchte am liebsten von +den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen, irgendwo +in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand +zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er +nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden +zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek +kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. „Ich bitte +Dich, verbrenne diesen Brief sofort.“ Dieser Satz war +unterstrichen. +</p> + +<p> +„Erschieße ich mich . . . <em class="em">vor deinen Augen</em>, habe +ich geschrieben“, sagte Oldshatterhand langsam. Und zu +dem Druck, der während des Lesens immer beklemmender +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber +den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse +noch einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, +wurde ruhiger und sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: +„Schließlich darf eben doch kein Mensch, wer er auch +sei, einem andern etwas wegnehmen.“ +</p> + +<p> +Aber schon während er packte, entschwand ihm das +klare Bewußtsein wieder — weshalb ein Mensch dem anderen +nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein +Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar +Fetzen ohne jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind. +</p> + +<p> +Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er +den ganzen Sommer lang hatte bleiben wollen. +</p> + +<p> +Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit +dem Klopfen seines Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz +auf die andere Seite des Lebens hinüber, und er schloß +seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben +auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. +Napoleon schritt über hunderttausend Leichen weg auf +sein Ziel los. „Und ich bin vielleicht noch größer als +Napoleon!“ rief er in steigender Begeisterung und legte +beide Hände in die Hüften. +</p> + +<p> +„Niente Napoleone“, erwiderte ein alter Italiener +und deutete auf ein graues Schloß, „una castello Genova.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän +gesagt hatte: Kraft ist die Hauptsache auf der Welt! und +lächelte bei dem Gedanken — daß des bleichen Kapitäns +Kraft und seine Kraft zweierlei seien. +</p> + +<p> +Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand +sich als Klinikdiener erspart hatte, um, wie er glaubte, +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +damit ein berühmter Maler werden zu können, hatte gerade +noch für die Rückfahrkarte gereicht. +</p> + +<p> +Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag +in München an. Da lag Neuschnee. Und auf der Fahrstraße +spritzte das schmutzige Schneewasser hoch, als Oldshatterhand +sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen +Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der +Taurolle neben dem alten Neger sitzen, roch er die +Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens von +Genua. +</p> + +<p> +Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus +und ging sofort in die Alte Pinakothek. +</p> + +<p> +Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der +Susanna von van Dyck und äugte angestrengt auf seine +Kopie und zurück aufs Original, sah auf und stierte erschrocken +Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal +Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie +sein Freund Immermann, was Oldshatterhand erstaunt +beobachtete. Dann erst stieg Grünwiesler von der Leiter +herunter und hieb, in sich hineinkichernd, Oldshatterhand +die Hand auf die Schulter: „Da bist du ja. Das war +lieb von dir.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem +Lippenverziehen Grünwieslers nach und fühlte einen +Knoten in seiner Brust. „Die Stirn ist zu hoch“, sagte er +und deutete auf die Kopie. +</p> + +<p> +„Meinst du?“ Er verglich. „Du hast recht.“ Und stieg +wieder auf die Leiter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler +entdeckt hatte. „Wollen wir nicht fortgehen? Hier können +wir ja nicht sprechen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +„Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er +kopiert hinten im Murillosaal.“ +</p> + +<p> +„Den können wir doch jetzt nicht brauchen.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah +Oldshatterhand mit seinem Kanarienvogelblick an. „Ich +hab’s ihm versprochen. Er ist ein guter Kerl. Ich hole +ihn gleich. Warte ein bißchen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah +auf die Susanna von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der +Druck war wieder da. +</p> + +<p> +Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte +aufgeworfene Lippen, eine Stülpnase, und seine hohe +Stirne war trotz der vielen Falten ausdruckslos, wie die +eines unheilbar Verblödeten. +</p> + +<p> +„Jetzt gehen wir essen“, sagte Grünwiesler und lachte +fröhlich. Und auf der Straße sagte er: „Jetzt, was meinst +du eigentlich zu der ganzen Sache? . . . Wo soll das Häuschen +stehen? Im Spessart?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in +der Mitte ging, die Augenbrauen in die Höhe zog und +beiden die Hand auf die Schulter legte. So gingen sie +weiter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde lustig. „Wir lassen das alte +Häuschen ganz umbauen, machen eine Lambrie aus +braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer herum, und +darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und Zinngeschirr +. . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei +sein.“ +</p> + +<p> +„Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn +Geld zu einem Haus?“ +</p> + +<p> +„Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +ein Häuschen kaufen will . . . Es kommt nur darauf an, +ob man das Recht dazu hat.“ Oldshatterhand lachte +siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein und +drückte Oldshatterhand die Schulter. +</p> + +<p> +„Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.“ +</p> + +<p> +„Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. +Das können Sie nicht verstehen.“ Oldshatterhand reckte +sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Jetzt essen +wir, und dann wollen wir weiter sehen . . . Ich habe aber +gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen kaufen +zu können.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. „Du +bist eingeladen.“ +</p> + +<p> +Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende +Studenten saßen, und setzten sich an einen runden Tisch +mitten ins Lokal. +</p> + +<p> +Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; +Oldshatterhand hatte keinen Appetit, suchte immer +noch auf der Speisekarte und bestellte eine Hummermayonnaise. +Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. Grünwiesler +sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen. +</p> + +<p> +„Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal +arbeiten.“ +</p> + +<p> +„Du und ich, wir halten zusammen“, erwiderte Grünwiesler +und hieb Oldshatterhand die Hand auf die +Schulter. +</p> + +<p> +„Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle +Ausstellungen schicken. Kopieren darfst du nicht mehr so +viel. Das ist doch nicht das Richtige. Kopieren kann +jeder.“ +</p> + +<p> +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +Er schob die Hummermayonnaise zurück. „Ich hab +keinen Appetit.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie +plötzlich: „Jetzt halt ich’s nicht mehr aus! . . . Meinst du +denn wirklich, ich hätte meiner Tante ihre sechstausend +Mark gestohlen!“ Er starrte Oldshatterhand an. +</p> + +<p> +Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler +Luft ausgefüllt zu sein bis zum Gaumen. „Du hast die +sechstausend Mark nicht? . . . Warum hast du mir denn +dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts +wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?“ +</p> + +<p> +Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch +auf der Gabel und starrte Oldshatterhand +immer noch an. „Ich wollte eben erfahren, was du mir +darauf antwortest. Verstehst du?“ Er lachte und sah +Bratmund an. +</p> + +<p> +„Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen +lassen, damit ich dir helfe? Das hättest du doch +dann nicht zu tun brauchen . . . Ich wohnte in einem +Palast.“ +</p> + +<p> +„Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir +einmal sagen, was <em class="em">du</em> nicht hättest tun dürfen . . . Du +hattest neunzig Mark, und hast mir den ganzen Sommer +über im Spessart nichts davon gesagt und dich von mir +erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich +Esel glaubte, du wärst mein Freund.“ +</p> + +<p> +„Ich bin kein ganz gemeiner Kerl“, flüsterte Oldshatterhand. +„Ich wollte doch mit den neunzig Mark Maler +werden. Wer hat’s dir denn gesagt, daß ich neunzig +Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein +Bild verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.“ +</p> + +<p> +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +„Ich will dir einmal etwas sagen.“ Grünwiesler schob +den Goulaschbrocken in den Mund. „Wenn nicht einmal +deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, dann . . . na +weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark +eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz +verheult zu Immermann gelaufen und erzählte ihm, was +du für ein gemeines Bürschchen bist, weil du einen Haufen +Geld hast, während sie und dein Vater sich vor Sorgen +nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin +endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du’s. +Und jetzt verschwinde.“ +</p> + +<p> +„Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden +mit den neunzig Mark . . . Ich verdiene doch später +viel Geld und gebe dir alles zurück. Warum hast du mir +denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das +Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, +und daß ich dir raten und helfen soll. Und warum hast du +mich von Italien zurückgerufen. Sag mir doch. Bist du +denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn jetzt sein.“ +</p> + +<p> +„Das wirst du schon sehen.“ +</p> + +<p> +„— — — Du hast mich angezeigt“, flüsterten Oldshatterhands +weiße Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, +der lächelnd auf seinen Teller blickte. +</p> + +<p> +„Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien +verhaftet werden? Nein. Aber hier in München. Deinen +feinen Brief und deine Photographie hat der Staatsanwalt.“ +</p> + +<p> +„Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit +ich verhaftet werden kann? . . . Das alles hat Immermann +sich ausgedacht. So gemein ist außer ihm kein +Mensch“, sagte Oldshatterhand langsam. +</p> + +<p> +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +„Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger +Freund. Aber du hast geglaubt, ich sei ein Tölpel!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und +ging langsam durch das Lokal und hinaus. Der Dienstmann +davor hob die Hand zur Mütze. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder +Grünwiesler noch Immermann hassen, denn es fehlte ihm +dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft war ihm entzweigeschnitten +worden. Er atmete mühsam durch den weit +offenen Mund. „He?“ fragten seine schlaffen Lippen bei +seinem vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam +den Kopf — er wisse nichts. +</p> + +<p> +Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in +der Brust, litt nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war +niedergeschlagen. Mit den Fingernägeln versuchte er, sich +in die Wange zu zwicken, und hatte nicht so viel Kraft, +Schmerz zu erzeugen. „Frieren wäre wunderbar“, dachte +er und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den +Anlagen. Es war sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und +Weste, schloß die Augen und blieb reglos hocken. +</p> + +<p> +Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, +daß er seine Fußzehen und später die Beine bis über +die Knie herauf vor Kälte nicht mehr fühlte. Er genoß, +wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich nicht +und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände +hinunter. Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. +Und er glaubte, da jetzt sein ganzer Körper vor Kälte leblos +war, daß die heiße Stelle in ihm seine Seele sei. Während +sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, beobachtete +er seine immer heißer werdende Seele — beobachtete +er das Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +Fieber einen Hitzeschauer abstieß, der ihm durch den ganzen +Körper flog. +</p> + +<p> +Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand +er auf und stampfte rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste +in die Luft. Immer wilder werdend, tanzte er stampfend +im Kreise herum. +</p> + +<p> +Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte +lautlos in sich hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte +seine Kleider zu und ging in der Richtung nach seiner +Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter seinem +Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen +seinen Sitz hat. Er sah die Gassen und Kirchtürme von +Würzburg. ‚Es wird in den Würzburger Zeitungen +stehen‘. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit zurück. +„Ruhig!“ brüllte der Vater und stieß die Zeitung +vom Tisch. Die Räuber lächelten verlegen und drückten +sich an ihm vorbei. — Der kann jetzt mit der Kriechenden +Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er den +Schreiber sagen. „Ich? Vierröhrenbrunnensteher?“ +schrie Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt +bei seinem Vater, durch den abendlichen Wald +marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. Der +ganze Verein pfiff: „Wenn die Schwalben wiederkommen.“ +</p> + +<p> +Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand +weiter und pfiff gedankenlos „Wenn die +Schwalben wiederkommen“. +</p> + +<p> +„Die wer’n schau’n!“ schrie ein Bäckerjunge mit einem +Henkelkorb. Oldshatterhand schrak zusammen, zog +die Schultern in die Höhe und eilte, mit seinen Gedanken +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch +unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett. +</p> + +<p> +Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett +und dachte. Wollte an seine plötzliche Einsamkeit nicht +glauben und führte Gespräche mit Grünwiesler. +</p> + +<p> +Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte +und er den Satz las: In Sachen Franziskus Grünwiesler +erhebt die Staatsanwaltschaft von München Klage +gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung +zu räuberischer Erpressung. +</p> + +<p> +Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück +vor dem Tageslicht. Ganz langsam ging er weiter, sah an +den Häusern hinauf. Eine Frau schrie aus dem vierten +Stock herunter: „Hansl! Ha — — nsl!“ Er beobachtete +den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu +seiner Mutter in die Höhe blickte und ins Haus trippelte. +</p> + +<p> +Ein Schutzmann schritt langsam vorüber. +</p> + +<p> +„Marroni! Heiße Marroni!“ lud ein italienischer +Straßenverkäufer ein und hob den Zeigefinger. „Feine +Marroni! Fünf Pfennig!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete +den Schutzmann. „Si si, Signore.“ Der Schutzmann +ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand weiter, versuchte +die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich vorsichtig +um und ließ sie in den Schnee fallen. +</p> + +<p> +Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen +schnurrbärtigen Mann in schwarzem Überzieher, der auf +seinen Spazierstock mit Stahlspitze hüftlings gestützt stand, +auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand hinüberblickte. +</p> + +<p> +„Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter“, flüsterte +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +Oldshatterhand, und sein Herz stand still. „Gerade weil +er so unauffällig aussieht.“ +</p> + +<p> +Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, +in dessen Spiegelglas er den Mann sehen konnte, +der schräg über die Straße schritt, in der Richtung auf +Oldshatterhand zu. +</p> + +<p> +Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig +weiter, nicht zu schnell, bis an die Ecke, und begann +zu rennen. +</p> + +<p> +Der Mann stieg in die Elektrische. +</p> + +<p> +Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer +vom Würzburger Sanderrasen ein; da zwang er +sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust hochgenommenen +Armen. +</p> + +<p> +Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag +ein zweiter Brief. Eine Vorladung ins Justizgebäude, +Zimmer Nr. 86. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem +Türschild. +</p> + +<p> +„Ich heiße Michael Vierkant.“ +</p> + +<p> +Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand +auf, wies auf einen Stuhl am Schreibtisch, setzte sich +dazu, legte einen Maßstab auf die Aktenmappe, nahm ihn +wieder weg, blätterte. „Sie haben da einen Brief geschrieben. +Einen recht leichtsinnigen Brief.“ +</p> + +<p> +Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, +und nur die Überlegung — er würde vielleicht +sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln und wieder den +Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln. +</p> + +<p> +„Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?“ Der +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +Arzt beobachtete Oldshatterhand unmerklich und scharf, +und es schien, wie wenn er etwas ganz anderes in Erfahrung +bringen wolle, als das, wonach er fragte. +</p> + +<p> +„Der Maler Immermann steckt dahinter“, begann Oldshatterhand +und machte eine Handbewegung um den Arzt +herum in die Zimmerecke. „Sehen Sie, Herr Doktor, +Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes +Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte +es dem Bürgermeister, einem alten Bauern. Der nahm +das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging +damit in die schattige Zimmerecke — aber die Sonne auf +dem Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und +so, bis ihm Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen +ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht +begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das +Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte, +solle die sechstausend Mark bekommen.“ Oldshatterhand +schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte. +</p> + +<p> +Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, +daß des Arztes linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen +zuckte. Er hätte nicht sagen können, weshalb ihm dieses +Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das Zucken. +„Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen +. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf +zur Seite . . . So, dachte ich mir, stellt er sich vor seine +Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich +mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann +diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich +unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von +Anfang an wahr gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich +erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an . . . +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann +und sagt: so und so — und Grünwiesler ist auf einmal +ein schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. +Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger +Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann +nicht so und so gesagt hätte . . . Das denke ich.“ +</p> + +<p> +Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend +sagte er: „Ich glaubte, ich würde etwas von dem +Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark.“ Und er hatte +dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über +einen Abgrund zu laufen. +</p> + +<p> +Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus +der Aktenmappe hervor. „Warum haben Sie denn dem +Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. „. . . Hat +er also wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler +bat mich in dem Brief, ich solle ihm mein Bild senden; +er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes sehen +. . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben. +Jetzt sagen Sie einmal selbst“, schloß er langsam. +</p> + +<p> +„<em class="em">Sie</em> haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, +er solle seiner Tante die sechstausend Mark wegnehmen?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sprang auf. „Ich? . . . Ah!“ rief er +langgezogen und wühlte in seinen Taschen nach dem Brief +Grünwieslers. „Hier! Sehen Sie! Hier können Sie’s +lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: +Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und +lebe in schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß +an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein lebenslänglicher +Freund . . . Und dann hat <em class="em">er mich</em> angezeigt. +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift +geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich +solle ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann +hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen, den +Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern, +wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel. +Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar unordentlich. +Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.“ Oldshatterhand +glühte. „Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, +soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das +gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich verbrannt.“ +</p> + +<p> +„Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt +haben, ist sehr unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren +Brief auch so lesen: Wenn Du mich anzeigst, erschieße +ich <em class="em">Dich</em>.“ +</p> + +<p> +„Mich! Mich! heißt es natürlich“, rief Oldshatterhand +und lachte sein irrsinniges Lachen „. . . Erschieße ich +<em class="em">dich</em>? . . . <em class="em">Vor deinen Augen</em>? . . . Das geht ja +gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen Augen.“ +</p> + +<p> +„Auch so, auch so ist’s schlimm“, meinte der Arzt, und +es klang, wie wenn er gesagt hätte — Grünwiesler ist ein +Lump, aber Sie werden bestraft. Der Arzt spielte mit +dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte Drei- und +Vierecke — einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt +auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur +Tür. Ganz plötzlich saß die Last wieder über seinem Herzen. +„Und dann — es war ja auch so furchtbar, daß ich die +Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu“, sagte +er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den +Blick suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus. +</p> + +<p> +Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +Eine Tür wurde aufgerissen, ein Diener trat heraus, +schnell, riß die Tür zu und schloß sie ganz leise. Oldshatterhand +schlug Goulaschgeruch in die Nase. „Letzter +Hieb“, sagte er. +</p> + +<p> +„Wie?“ fragte der Diener. +</p> + +<p> +„So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Granat!“ rief eine Männerstimme. Der Diener +schnellte herum und ging wieder ins Zimmer. +</p> + +<p> +„Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem +Fahrrad mit neunziger Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren +ist.“ +</p> + +<p> +Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte. +</p> + +<p> +Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu. +</p> + +<p> +„Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, +zu einem Galgen . . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, +mit dem man Ovale ziehen kann. Einen Ovalzirkel. +Das wäre eine Erfindung“, dachte Oldshatterhand; +er stand noch immer an der selben Stelle. +</p> + +<p> +Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer +und schloß die Tür leise. +</p> + +<p> +„Da wurden früher die Verbrecher gehängt — an den +Galgen. Auf dem Letzten Hieb . . . Erschieße ich <em class="em">dich</em>? +Was! Nein! Erschieße ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben“, +schrie er und stürzte mit ein paar Sprüngen +zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall +ins Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. „Erschieße +ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße +<em class="em">mich</em>!“ rief er drohend und schloß, sich dabei aufrichtend, +die Tür. +</p> + +<p> +Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn +ein Gerichtsdiener ein und führte ihn zum Arzt zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie +Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines +Kindes ansieht. „Würden Sie noch einmal so einen +Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein bißchen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend +zur Zimmerdecke in die Höhe und dann auf den Arzt. +„Das weiß ich nicht“, sagte er gedehnt. „Man tut mir +unrecht. Aber daß man mir unrecht tut“, schloß er mit +zuckenden Lippen und lächelnd, „das halte ich aus.“ +</p> + +<p> +Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still +und aufmerksam an und spielte mit der Photographie, +stellte sie auf, betrachtete sie, ließ sie umfallen. Während +dieser Stille dachte Oldshatterhand daran zurück, daß er +als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und +davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und +sich den Schlag ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte +zum Arzt: „Die Polizei weiß, wo ich wohne. Sie muß +kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich halte +lieber alles aus.“ Er sah den Arzt an. „Jetzt gehe ich. +Adieu.“ +</p> + +<p> +„Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich +haben?“ +</p> + +<p> +„Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? +. . . Sie gehört doch eigentlich mir.“ +</p> + +<p> +„Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den +Akten bleiben.“ +</p> + +<p> +„Bei den Akten?“ fragte Oldshatterhand, und seine +Mundhöhle wurde trocken. Die Angst sprang ihn an. +Der Arzt beobachtete die Veränderung. +</p> + +<p> +„Ich hab nur geschrieben — erschieße ich mich vor deinen +Augen. Vor deinen Augen! . . . Wirklich.“ Der +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +Arzt nickte einige Male leise und sah dabei Oldshatterhand +an. +</p> + +<p> +„Wirklich“, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen +noch einmal. Da breitete er die Arme aus und stand wie +ein Gekreuzigter. „Manchmal weiß ich, daß ich der Unfähigste +und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste. +Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der +Größte von der Welt!“ +</p> + +<p> +Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die +Arme schnell sinken und ging flammend aus dem Zimmer. +</p> + +<p> +Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem +Märchenbilde zu malen, das für die Preisaufgabe der +Akademie bestimmt war. +</p> + +<p> +In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am +dritten Tage war das Bild fertig. Eine feuchte, dunkle +Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen Mädchen, +die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten +Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser +warteten. Es war die Hurengasse von Frankfurt am +Main. An den Eingang der Gasse hatte Oldshatterhand +sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen, +gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb +abwehrend, halb zugreifend. +</p> + +<p> +Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. +In den Zeitungen wurde das Bild später mit +einem Werke Daumiers verglichen. +</p> + +<p> +Er versah es mit einem Motto und sandte es an die +Akademie. +</p> + +<p> +Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte +während des Malens mit ihr gekämpft. So hatte er die +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +Angst ertragen. So war das Grauen und die Süßigkeit +in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, +legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. +Er sah keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte +er nicht beschleunigen. +</p> + +<p> +Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, +kannte und grüßte, erwiderten seinen Gruß nicht, weil +sie von Grünwiesler unter Verschweigen der Lockbriefe +den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung +griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr +auf die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander +verschränkten Hände zwischen seine Knie hängen und sah +stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen, +unrettbarer als im Gefängnis. +</p> + +<p> +Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge +nach Würzburg, aus dem vagen Gefühl heraus — die +zwanzig dort verlebten Jahre, seine Kindheit, seine Mutter, +irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit zur +Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten. +</p> + +<p> +Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. +Seit Tagen hatte er nichts genossen. Eine hagere Dame +gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort betrunken. Aber +es wurde ihm sehr gut. „Sie!“ rief er plötzlich, „wenn der +Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte — +nur um mich zu erschrecken!“ Und beugte sich zu der +Dame. „Deshalb habe ich ja auch an den Letzten Hieb +gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt worden +sind, an den Galgen. An den Galgen!“ flüsterte er. +</p> + +<p> +Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. +Reisende drängten sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +zu Oldshatterhand hinein, der auf der anderen +Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden +Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen +waren kaum zu unterscheiden von der hellen Luft. +Oldshatterhand hörte ein Glöckchen dünn Sturm bimmeln +und sah auf der Landstraße zwei Männer mit Feuerwehrhelmen +aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf +den Brand zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, +der auch einen Feuerwehrhelm aufhatte und die +Männer überholte, die ihm etwas zuschrien. „Das wird +wohl niederbrennen“, sagte Oldshatterhand bedauernd +und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über +einen schwarzen Acker auf den Brand zustolperte. +</p> + +<p> +In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die +Straßen, sah den Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise +herumwirbelte, des Weges kommen, floh vor ihm im letzten +Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich stundenlang +um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater +gehetzt von der Arbeit nach Hause kommen und wieder +zur Arbeit gehen, und fürchtete die alten Augen seiner +Mutter. +</p> + +<p> +Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde +Nacht. +</p> + +<p> +Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer +seiner Eltern verlöscht wurde, horchte auf das Weinen +eines kleinen Kindes. Ein Pferd stampfte im Stall neben +ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum Kopf des +Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd +würde ihn mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt +anschauen. Er zog den Kopf ein, da er die Güte +des Pferdes fühlte im Gegensatz zur verächtlichen Stille +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen hinaufzusteigen. +</p> + +<p> +Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen +Schloßberg. +</p> + +<p> +Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand +sah den Militärposten vor dem Schilderhaus +stehen, beide Arme übers Gewehr und den Bauch zusammengeschlagen. +Der Posten sah in den Himmel, auf seine +Stiefel und begann auf und ab zu gehen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die +Linden rochen. Er hörte ein Lachen und unterdrücktes +Mädchengekicher; vielfüßige Schritte näherten sich. „Ja, +mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. Hohaho!“ +hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde +zu einem Eisklumpen. +</p> + +<p> +„Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter +und sechzig weit gesprungen bin, dann wer ich doch auch +noch über diesen dreckigen Graben springen können“, antwortete +der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne +stehen. Eine Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand +konnte alle Räuber erkennen und hörte den Wachtposten +dunkel sprechen. +</p> + +<p> +Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein +blondes, schmales Mädchen trennten sich von der Gruppe, +sprangen plötzlich, Hand in Hand, auf Oldshatterhands +Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den Rasen. +</p> + +<p> +Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine +komische Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Sie ging +erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig nach unten. +Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +bleiche Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand +entfernt. Die andern hatten sich zu den Mädchen gesetzt. +</p> + +<p> +„Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben +spring? Gleich beim erstenmal.“ +</p> + +<p> +„Hohaho! Eine Maß.“ +</p> + +<p> +„Auf Ehr?“ +</p> + +<p> +„Allemal!“ +</p> + +<p> +„Also, ihr seid Zeugen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige +Pfeife, dachte an den Meterstab des Gerichtspsychiaters +und schluchzte nach innen. Den Mund gehetzt offen, +glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen sein +Herz trafen. +</p> + +<p> +Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch +den Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere +Pfeife wieder richtig zwischen die Zähne zu bekommen, +damit er sie halten konnte. +</p> + +<p> +Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän +zurück. Und Oldshatterhand mußte schnell niederknien, +um von ihm nicht gesehen zu werden, denn der Lindenstamm +verjüngte sich nach oben. Vor Angst, gesehen zu +werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur +das kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen +Kapitäns. Fräulein Schlauch schrie. „Angstorschel!“ +sagte der bleiche Kapitän, stülpte die Lippen nach außen +und setzte sich neben seine Braut. „Na, Schreiberlein? +Deine Maß ist futsch.“ +</p> + +<p> +„Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und +trinken sie . . . Liesl, gehst du mit?“ +</p> + +<p> +„Aber nein“, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf +den Rücken nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +Mond. Der Schreiber schob seine Hand unter ihre Hände. +</p> + +<p> +Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden +schmalen Mädchens gelegt, das sich leise wehrte und +ihn dann anlächelte. Da nahm er seine Pfeife aus dem +Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife. +</p> + +<p> +„Aber paß auf darauf“, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, +und näherte sein Auge dem blonden Mädchen, +die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn dann doch an +Falkenauges Wange lehnte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, +sah auf den Hauptmann und dessen Braut, die beide bleich +und friedlich nebeneinander saßen, und hatte den stürmischen +Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein Knabe +zu lächeln. „Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie +sie“, flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde +Trennung so stark, wie wenn er die Räuber nie +gekannt hätte. „Ich bin nicht so wie die Kriechende +Schlange . . . ihr tut mir unrecht“, flüsterte er. „O +Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange +auch nicht . . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell +gestürzt hätte . . . oder ins Wasser.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der +Bluse seiner Braut zu. „Ich hab mir einen Photographenapparat +kommen lassen. Auf Abschlagszahlung! +Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. Er +ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.“ +</p> + +<p> +„Meine Pfeife — brennt sie noch? — ist aus derselben +Fabrik. Ich hab mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. +Mit Silberbeschlag.“ +</p> + +<p> +„Mit Futteral?“ +</p> + +<p> +„Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +Kalbleder geb laß in mein G’schäft, und der Sattler +Grumbe näht mir’s zusammen. Kost zwanzig Pfennig, +das ganze Futteral.“ +</p> + +<p> +„Und der Vogelstutzen?“ +</p> + +<p> +„Siebenundsiebzig Mark fünfzig.“ +</p> + +<p> +„Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.“ +</p> + +<p> +„Er hat doch Silberbeschlag.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht erschießt du mich dann damit“, sagte das +schmale Mädchen gedehnt. +</p> + +<p> +„Ja, was glaubst du denn.“ Falkenauge lachte. „Hast +du Angst? . . . Ich schieße nur auf Ratten.“ +</p> + +<p> +„Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl“, +sagte der Schreiber, legte sich auch auf den Rücken, neben +seine Liebste, und blies ihr ins Haar. Sie drehte ihm +das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als er die +Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond. +</p> + +<p> +Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in +die Stille. Der kniende Oldshatterhand klammerte sich am +Baumstamm an. Seine Schläfen zuckten. „Ich kann mit +keinem von ihnen darüber reden“, flüsterte er unzählige +Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten +wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom +Baum. +</p> + +<p> +„Schläfst du?“ fragte der bleiche Kapitän seine Braut. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen +angstvoll auf den ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch +er, sich rückwärts bewegend, auf Händen und Füßen wie +ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm. +</p> + +<p> +„Ich glaub, ich hab geschlafen.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter“, hörte +Oldshatterhand den bleichen Kapitän sprechen und horchte. +</p> + +<p> +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +„Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen +sein? Man hat nie mehr was gehört von ihm.“ +</p> + +<p> +„Der Duckmäuser?“ rief der Schreiber lachend, „wo +wird der sein — ich sag, der ist irgendwo Kirchendiener.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb +sofort wieder stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen +war. Da hörte er einen der Räuber leise die Mundharmonika +spielen und lauschte eine Weile in seltsamer +Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem +„Käppele“. +</p> + +<p> +Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte +augenblicklich die Empfindung, den Geruch vom Zimmer +seiner Eltern zu riechen, noch bevor er seinen Vater erkannt +hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in +Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister +stand. Die beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen +in Augsburg gedient. +</p> + +<p> +Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. +Er bog ab von seinem Wege, in eine Nebengasse, +rannte weiter und blieb, außer Atem, endlich auf dem Leidenswege +Christi stehen, der zum „Käppele“ in die Höhe +führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit +den Augenlidern, um Tränen zu bekommen. +</p> + +<p> +Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste +ein rotes, ewiges Licht. +</p> + +<p> +Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er +hatte nur das bestimmte Gefühl, Winnetou könne ihn +retten. +</p> + +<p> +Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, +an dem Jesus hängt. +</p> + +<p> +Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +Pförtnerzelle ging. Er sah den Klingelzug an und zog +die Hand wieder zurück. Dann klingelte die Glocke als +einziges Geräusch auf der Welt. +</p> + +<p> +Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou +sagen: „So spät in der Nacht darf ich kein Brot +geben“, und sah zugleich das helle Stück Brot, das Winnetou +reichte. +</p> + +<p> +„Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?“ fragte +Oldshatterhand und nahm das Brot. +</p> + +<p> +„Michael, du bist’s? — — — Ich habe gedacht, ein Armer +sei noch so spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze +dich auf die Bank bei der Mauer.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: +sofort war er sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen +Tage, und er sah sich, zusammen mit Winnetou, +an einem heißen Sommertage zum „Käppele“ hinaufsteigen +und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich +mußte er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou +raffinierte Methoden angewandt hatte, um dem +Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander +ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen +Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, +von Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung +an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über +einen knienden Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen +fuhr er zusammen und rief erschrocken: „Nein, nein!“ +</p> + +<p> +Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart +verdrängt worden. +</p> + +<p> +Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. +Als Knoten in seiner Brust empfand er die Unmöglichkeit, +Winnetou zu beichten, und machte ein paar hastige Fluchtsprünge. +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +Da hörte er rufen: „Michael! . . . Wo bist du?“ +und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm +den einäugigen großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands +Beinen hin und her strich, zu ihm aufsah, +nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte. +</p> + +<p> +„Der Hund lebt noch immer?“ fragte Oldshatterhand +mit veränderter Stimme und hatte sagen wollen — Winnetou, +höre doch, was man mir angetan hat. Hilf mir. +</p> + +<p> +„Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du +weggehen?“ +</p> + +<p> +„Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. +Nur so.“ +</p> + +<p> +Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob +sich sofort und tappte nach. +</p> + +<p> +Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands +Schulter und lächelte zum roten, ewigen Licht hin unter +der Mutter Gottes. „Michael, jetzt sind wir auf einmal +keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem +Traum erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der +gar nie mehr enden wird.“ +</p> + +<p> +„Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?“ +</p> + +<p> +„Warum sagst du Weichpfotenmönchen?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht +weich . . . und dann Italien.“ +</p> + +<p> +„Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior +liebt mich. Alle lieben mich und sagen, ich solle nur noch +ein paar Jahre so bei ihnen bleiben und erst dann Mönch +werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei . . . Erinnerst +du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen +wollten . . . Ich denke oft daran zurück“, sagte +Winnetou und lächelte heiter. +</p> + +<p> +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +„Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst +du auch eine Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine +rechtwinklige Pfeife. So stelle doch die Mutter Gottes +dort weg . . . und den verstellbaren Maßstab.“ +</p> + +<p> +„O Gott!“ Winnetou war aufgestanden. „Du bist +krank!“ +</p> + +<p> +„Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .“ +Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein, nein! Ich meinte, +ich würde an Stelle der Mutter Gottes dort ein Muttergottesbild +hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist das!“ +schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt. +</p> + +<p> +„Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, +komm“, bat Winnetou ängstlich und zärtlich, „ich will dich +zum guten Prior führen. Der gibt dir etwas und hilft dir.“ +</p> + +<p> +„Ich war draußen in der Welt! In der Welt!“ schrie +Oldshatterhand lachend. „In Italien! In Genua zum +Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte da in +einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte +ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das +goldene Bett sehen sollen“, schloß er mit einer verächtlichen +Handbewegung, und seine Lippen zuckten vor +Scham . . . „Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . . +Irgend etwas Grauenhaftes.“ +</p> + +<p> +„Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche +Angst um dich.“ +</p> + +<p> +„Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! +Glaubst du’s nicht? Ich bin ganz einfach einmal nach +Würzburg gefahren. Sonst nichts.“ +</p> + +<p> +Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou. +</p> + +<p> +Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein +über die Stadt. Die Kirchtürme standen wie gespenstige +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +Auswüchse von Riesendrachen in den schmutzigen Wolkenhimmel +hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund +stand auf. +</p> + +<p> +„Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, +komme. Um dieselbe Zeit. Komme wieder, bitte.“ +</p> + +<p> +„Morgen um diese Zeit“, sagte Oldshatterhand und +raste den Leidensweg Christi hinunter. +</p> + +<p> +Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück. +</p> + +<p> +Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch +aufs Bett in seiner Kammer, sah gequält und mit kraftlosem +Haß auf die bekannten Studienköpfe an den Wänden +und fiel sofort in Halbschlaf. — Das Schwere, jüngst +Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten +ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben +ihm einen letzten Schlag und zogen dann singend in +eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich +um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und +frei und kühl atmen konnte. +</p> + +<p> +So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg +aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand +geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte der +zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine +zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, +schritt er im Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, +an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes +Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am +Horizont — bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, +und an dessen Stelle Oldshatterhand — zum Fremden wurde, +und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse +des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken +in der Kammer auf dem Bett saß. +</p> + +<p> +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: +„Warum bist du denn verzweifelt und gebrochen, +da du doch weißt, daß du recht gehandelt hast?“ +</p> + +<p> +„Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner +Mensch!“ schrie der Oldshatterhand auf dem Bett und +deutete flüsternd: „Aber sieh doch die kalten, verachtenden +Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie +haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen +verächtlich zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter +nicht.“ +</p> + +<p> +Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand +sagte: „Du bist feige. Du weißt zwar, daß du recht gehandelt +hast; aber da die Menschen dich dafür verachten — +weil sie Lügner sind —, wimmerst du, denn ohne die Achtung +der Lügner kannst du nicht leben.“ +</p> + +<p> +„Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. +Die Gassen, in denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster +schämen sich meiner, flüstern mir ihre Verachtung zu. Die +Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück +vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. +Wo soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, +bei dem ich mir wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen +Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur +Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig +werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, +wenn sie fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu +. . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und wenn +sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie +dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher +Kirchturm. In Würzburg gibt’s so grauenhaft +viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind.“ +</p> + +<p> +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +„Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, +die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie +werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie +sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land +und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet +und stinkt da unten. Ich wende mich um, da ist die Luft +dünn und blau. Und ich bin allein.“ +</p> + +<p> +„Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er +hat zehn Augen und redet kein Wort, so sehr verachtet +er uns.“ +</p> + +<p> +„Wie kannst du <em class="em">uns</em> sagen. Ich habe mit dir nichts +mehr gemein. Denn ich verachte die Verachtung der +Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange ein +Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, +stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und +höhnen und verachten ihn. Und der Vater schämt sich +seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich den +Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet +stehst, schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna +zu und sagen zueinander — den haben wir niemals +verachtet. Und der Vater ruft — das ist mein Sohn. Jesus +Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und +verhöhnt bis zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner +ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, der du dein +Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.“ +</p> + +<p> +„Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, +an dem ich hänge, und das schwarze Menschengewimmel +zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich. Meine +Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz +. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will +kein Lügner werden wie sie, sondern <em class="em">Etwas</em> werden.“ +</p> + +<p> +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +„Es gibt nur zweierlei — lügen wie die anderen: sein +wie sie; oder ihre Verachtung verachten: einsam sein. +Blicke auf das Lächeln der Verheißung auf meinem Gesicht +und töte das Schwache und Feige an dir.“ +</p> + +<p> +„Ja!“ stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, +schwankend, und seine Hand hielt den Fenstergriff gepackt. +Seine verglasten Augen stierten nach dem alten +Revolver aus dem „Zimmer“, der auf dem Tische lag. +„Meine Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, +meine arme Mutter“, flüsterte er und dachte in einem +Winkel seiner Seele — er wird versagen —, brüllte langgezogen +und mit vollster Kraft „I . . . . . i!“ und hatte +sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. +Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver +hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur +Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte, +krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im +Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, +schon tot, noch ein Fenster öffnete. +</p> + +<p> +Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in +der kleinen Kammer. Aus den Fenstern der Hofwohnungen +fuhren erschrockene und empörte Gesichter. +</p> + +<p> +Die Wirtin kam gesprungen — — — sah einen Fremden +klar und ruhig die Treppe hinuntersteigen, öffnete die +Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah niemanden in der +Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte +sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich +um ein Hindernis herum auf sie zuschoß. +</p> + +<p> +Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke +beim Fenster, schief und haltlos wie ein ausgestopfter +Hampelmann, der umzufallen droht. +</p> + +<p> +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, +auf Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei. +</p> + +<p> +In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, +stand, daß das Strafverfahren gegen den +Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, +den der berühmte Anatom Molière allwöchentlich +den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der Fremde +sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er +nie mehr älter werden, so stark und klar war sein +Gesicht. +</p> + +<p> +Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe +steigenden Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, +unter denen auch die Maler Immermann und Franziskus +Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an +den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, +um die Frühlingssonne abzuhalten. +</p> + +<p> +Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem +Gehrock mit Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen +der Hörer in den kleinen Halbkreis unten. Der Fremde +saß neben ihm. +</p> + +<p> +Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die +Leiche herein. Der Anatom zog das weiße Tuch weg. +</p> + +<p> +Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper +eines bartlosen jungen Mannes mit Gladiatorenprofil +und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und Bauch, bis +zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem +weißen Tuch zugebunden, über das hinaus die starken +Hände der halben Leiche reichten. +</p> + +<p> +Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +Rumpf, tippte mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. +„Wir nehmen heute Arm- und Gesichtsmuskeln durch.“ +</p> + +<p> +Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am +Unterarm frei, erklärte mit ein paar Worten ihre Lage, +hob den Arm der Leiche und zog an einer Sehne, worauf +die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen +Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die +Wandtafel. Ein paar schnelle Striche. +</p> + +<p> +Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; +andere sahen aufmerksam zu. +</p> + +<p> +Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, +da öffnete die Leiche den Mund. Es war sehr still. — +Warum ist dieser junge Athlet gestorben, dachte der Fremde. +</p> + +<p> +Der Anatom zog an einer anderen Sehne — und die +Leiche streckte die Zunge heraus. „Kemmerich!“ wandte +sich der Anatom an das lebende Modell, einen fünfundsiebzigjährigen +Mann mit spärlichem, weißem Bart, der +nackt neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen +und Muskeln des Modells waren sichtbar und vor +Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung +des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, +ließ ihn lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit +den Armen, und demonstrierte an der Leiche die Lage der +Muskeln. +</p> + +<p> +Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz +und die Füße der Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, +zu den Füßen des Alten. +</p> + +<p> +„Es ist eine Freude zu leben“, sagte ein Maler zu laut +in die Stille hinein, und staunte mit den anderen erschrocken +über die Tatsache, daß er den Satz gesprochen hatte. +</p> + +<p> +Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +halbe Leiche hinaus- und eine verdeckte hereingefahren. +„Hier haben wir einen jugendlichen Akt von schönen Proportionen. +Den wollte ich den Herren noch zeigen“, sagte +der Anatom und zog das Tuch weg. +</p> + +<p> +Der Fremde stand langsam auf. „Das ist meine Leiche“, +flüsterte er. „Geben Sie mir meine Leiche.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren. +</p> + +<p> +„Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet“, +schloß der Anatom seinen Vortrag und hob die +weiße, gepflegte Hand. „Und es ist erfreulich, daß bei der +jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher der +Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.“ +</p> + +<p> +Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal +verlassen beim Erblicken Oldshatterhands. +</p> + +<p> +„Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du +geworden“, sagte Grünwiesler auf der Straße und stützte +Immermann. „Mnja, da kann man jetzt nichts mehr +machen.“ +</p> + +<p> +„Weißt du“, sagte Immermann, mit schiefgezerrten +Lippen, „erschießen hätte er sich nicht brauchen; aber das, +was wir getan haben — war nur gerecht . . . Gerecht!“ +</p> + +<p> +In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, +talentvolle Maler Michael Vierkant um zehn Uhr früh +zum ersten Preisträger der Akademie bestimmt worden sei. +</p> + +<p> +An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das +preisgekrönte Bild. Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-10"> +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +Zehntes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>Z</span>um schwarzen Walfisch von Askalon“ hatte der +bleiche Kapitän die Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen +benannt, sofort nach der Übernahme, als +Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens +Frau geworden war. +</p> + +<p> +Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte +trotz der sich bis zum letzten Tage zäh wehrenden Mutter +nach einem letzten großen Krach seine schöne Kellnerin geheiratet. +Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier +Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick +voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen +nach außen gestülpten Benommenschen Lippen. +Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am Knöchel mit +rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen +Tag glückselig herum. +</p> + +<p> +Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken +und unheilvollen Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft +eine nach der Bürger Meinung in gewissen Dingen +allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche +Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin +von der „Schönen Mainaussicht“ war eines Tages mit +dem zarten Sachsen aus Würzburg verschwunden gewesen, +nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf +Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden +waren. +</p> + +<p> +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, +als die frühere Kellnerin und jetzige junge +Frau des roten Fischers halbe Tage lang in Winterkälte +im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann gefangen +hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr +Mann allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin +immer noch nicht nach Hause gekommen, dann ging sie +ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn fand, trank stillschweigend +und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den +Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er +mit dem Daumen über die Schulter zurückwies und seiner +Frau deutlich erklärte, was das für Hammel und Rindviecher +seien. +</p> + +<p> +Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt +Karfunkelstein geworden, unterstützte seine Eltern +und war mit seiner Liebsten verlobt. Er hatte eine +schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen Sterbesakramente +empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben +und gemeint, es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, +er würde im Kopfe nicht mehr richtig sein. Der allzu +viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die Knochen +geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber +war wieder gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas +steifes Bein hatte er zurückbehalten. Jetzt war er +wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen Kapitän, dem +jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt. +</p> + +<p> +Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei +ihrem Hauptmann zu Gast zu sein, denn da waren der +Kegelklub „Kanonenrohr“, der Radfahrerklub „Um die +Welt“, die Rauchgesellschaft „Vesuv“, die streng auf das +regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten. +</p> + +<p> +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +Der König der Luft hatte dem „Turnerbund Jahn“ +eine Akrobatenabteilung angegliedert, von welchem Zeitpunkte +an die Varietévorstellungen des „Turnerbundes“ +einen bedeutenden Ruf genossen. +</p> + +<p> +Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch +dem Angelklub „Walfisch“ an, war Mitglied des Gesangvereins +„Zwischen grünen Bäumen“ geworden, +dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands +war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte +Mitglied des Vogelstutzenklubs „Löwenjagd“ +und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn er errang alle +ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken +Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, +die von keinem Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde. +</p> + +<p> +Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, +schmale Mädchen seinem Freund Falkenauge weggeheiratet. +Den eine um zehn Jahre ältere Witwe geheiratet +hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige +Geschäftsfrau war und sehr resolut. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm +ihr Häuschen und die Gärtnerei vermacht hatte, gehörte +allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, weil er für alle +Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte, +sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen +weit überragender Charakterschauspieler und jugendlicher +Held, für die Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich +geschätzt und anerkannt war. Er hatte das +schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie war eine junge, +frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten +Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze +band, die schönsten Stellen aus den klassischen +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> +Dramen vor. Und manchmal, wenn ein Freund bei ihnen +saß, sagte sie zärtlich: „Mein Mann spricht genau so wie +der Bürgermeister von Bamberg.“ +</p> + +<p> +An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber +in der Weinwirtschaft ihres Hauptmanns zusammen. +Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann schnell entschlossen, +für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet: +den Skatklub „Bargeld lacht“, der fünfundzwanzig +Jahre später, als der Fremde zum letzten Male Würzburg +besuchte und die Räuber schon fünfzig Jahre alte, +graubärtige Männer waren, immer noch bestand. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auch jetzt war der Fremde in Würzburg. +</p> + +<p> +Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen +sahen sich um nach ihm. „Ah, Herr Baron“, neckte +ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und blickte ihm mit +großen Augen nach. +</p> + +<p> +Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend +in der Luft umher, und über der Festung hing eine große +Wolke mit glühendem Saum. Am Brückenheiligen Kilian +lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die Ziehharmonika. +</p> + +<p> +Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. +Bürger saßen vor den Haustüren, blickten prüfend +in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten und +unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster +hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter. +</p> + +<p> +Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, +welcher aus der „Altrenommierten Weinstube zu den drei +Kronen“ trat. +</p> + +<p> +Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. +Seine Apfelbäckchen glühten. Denn er trank +jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. +Sonst hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; +seine Haare waren noch dunkel, sein Körper zäh und dürr +und aufgereckt wie immer. +</p> + +<p> +Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, +seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen +hing, aufs Pflaster stoßend, schritt er aufrecht weiter. +</p> + +<p> +Vor dem „Spitäle“ blieb er stehen, zog seine Taschenuhr +und verglich sie befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt. +</p> + +<p> +„Grüß Gott, Herr Lehrer“, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister +und legte die Hand an die Mütze. Sein +Bart war blauweiß geworden. Er redete heftig gestikulierend +weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, horchte +Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe +zusammen — es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas +angestellt. Man wußte nur noch nicht recht, wer die +Gauner waren. +</p> + +<p> +Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf „Zum schwarzen +Walfisch von Askalon“. +</p> + +<p> +„Mit ’n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei +Herzaß heimgebracht“, sagte still der Schreiber und mischte +die Karten flink. Die Räuber waren versammelt. +</p> + +<p> +„Er is halt ein Rindvieh“, sagte wütend Falkenauge, +der durch das verkehrte Spielen des Königs der Luft +sieben Pfennig verloren hatte. „Das sag ich ihm schon +seit Jahr und Tag, aber er will’s nit glaub.“ +</p> + +<p> +Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite +des langen Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +mit Brotlaiben, übriggebliebenen Semmeln und +vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen belagert. +Außer ihm saß niemand am Tisch. +</p> + +<p> +Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch +die junge Wirtin erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein +brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der Hoffnung. +</p> + +<p> +„Herrgott! Else! <em class="em">wieder</em> ein Glas!“ rief der +bleiche Kapitän der blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas +aus der Hand gefallen war. Sie lächelte immer und +hatte verklebte Augen. „No, jetzt bin ich aber doch +g’spannt . . . Solo!“ schloß er, stülpte die Lippen nach +außen und fingerte den Kartenfächer in seiner Hand +zurecht. +</p> + +<p> +Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte +sich und sprang auf den Stuhl neben dem Fremden. +</p> + +<p> +„Das wird mir aber auch noch ein Solo sein“, sagte +der Schreiber, zog die Brauen in die Höhe, holte den ersten +Stich. „Und Trumpf!“ rief er und lächelte sicher. +</p> + +<p> +Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die +Karten auf den Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ +seine Stiche in der Mitte liegen; die Karten flogen immer +schneller. „Das hamm wir jetzt g’sehn, was das für ein +Solo war“, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene +Geld in sein Tellerchen. +</p> + +<p> +„No, Else, wo hast denn dei Auge!“ rief er und wies +auf den Fremden. Die Kellnerin füllte das Glas. +</p> + +<p> +„Else, wir trinken auch noch eins“, sagte der Schreiber +und legte den Arm um die Taille der Kellnerin. „Ein +saubers Mädle bist.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf +dem Arm. +</p> + +<p> +<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> +„Pssss, wssss“, machte der Fremde leise zur Katze. +</p> + +<p> +„Schläft der ganz Kleine denn?“ fragte der bleiche +Kapitän und gab die Karten. +</p> + +<p> +„Was wird er denn sonst tun“, erwiderte die Witwe +Benommen und gab dem Kind auf ihrem Arm ein Stück +Zwetschgenkuchen in die Hand. +</p> + +<p> +„Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.“ +</p> + +<p> +„Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.“ +</p> + +<p> +„Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche +nit die Abweiche.“ Er stülpte die Lippen nach außen. +</p> + +<p> +„Sei still. Da, hast dein Sohn.“ +</p> + +<p> +„Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen strahlte. +</p> + +<p> +„Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein +Schelloberlein.“ +</p> + +<p> +„Da! hast’n!“ rief wütend der König der Luft. +</p> + +<p> +Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein +blonder, großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief +gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und Händen voran, +bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und +ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen +roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. „Ooooskar!“ +brüllte der Matrose. „Seid ihr alle da!“ +</p> + +<p> +„Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!“ +</p> + +<p> +„Haargott!“ riefen die Räuber, und ihre Münder blieben +offen. +</p> + +<p> +„Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!“ stotterte der +Duckmäuser und blieb auf dem Tische liegen. Er war total +betrunken. „Pf . . . Pf . . . Pf . . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!“ +</p> + +<p> +„Also, also aber und! Du bist am Geben“, sagte grimmig +der König der Luft. Er war im Verlust. +</p> + +<p> +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +„Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. +Schluß!“ riefen alle durcheinander. +</p> + +<p> +„Setzt euch da rüber an lange Tisch“, sagte der bleiche +Kapitän, und zum Fremden gewandt: „Sie erlauben doch.“ +</p> + +<p> +Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose +saß in der Mitte auf der Bank. Der Fremde, als habe er +das Präsidium, saß an der Stirnseite. Die Witwe Benommen +stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, +und schüttelte lächelnd den Kopf. +</p> + +<p> +„Bring a paar Maß Wein!“ rief der Schreiber. +</p> + +<p> +„Ich zs zs zs zs zahl alles!“ brüllte der Matrose. +„Sssssauft!“ Und schüttete ein Glas Wein in sich hinein. +„Sch . . . Sch . . . Schreiber, alter Ga . . . Ga . . . +Ga . . . Gauner!“ +</p> + +<p> +„Herrgott, wer hätt das gedacht“, sagten die Räuber +und sahen still und betroffen auf den Matrosen, wie auf +ein fernes Land. Ihre Münder standen offen, die Mundwinkel +waren in wehmütigem Staunen in die Wangen +zurückgezogen. +</p> + +<p> +„Warst du weit?“ fragte einer. +</p> + +<p> +„Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!“ Er breitete +weit die Arme aus. +</p> + +<p> +„So einer, immer war er so still“, sagte die Witwe Benommen. +„Man hat gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.“ +</p> + +<p> +„Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?“ Er +leerte sein Glas und konnte dann fließender sprechen. +„Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma . . . Mager geträumt. +Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi . . . +Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber +es www . . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen +— www . . . er me . . . meldet sich? — und ich hab um mich +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +. . . um mich g’haut, und bin tropf . . . tropfnaß aufgewacht +. . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? . . . Ssssauft +doch! . . . Ssssauf du auch!“ brüllte er und reckte, mit +dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte +liegend, sein Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete. +</p> + +<p> +„Kommt ihm nur nit mit’n Zündhölzle zu nah, er explodiert +sonst“, sagte die Witwe Benommen. „Er trinkt +e bißle zu viel.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte +die Fußspitzen nach rückwärts. „Ein deutscher Seemann +ist trinkfest.“ Der bleiche Kapitän stimmte die Gitarre. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Auf, Matrosen, ohe!</p> + <p class="line">Auf die wogende See.</p> + <p class="line">Schwarze Gedanken,</p> + <p class="line">Sie wanken und fliehn</p> + <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind“,</p> +</div> + +<p class="noindent"> +sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er +trank. „Wa . . . Wa . . . Wa . . . Wein her!“ +</p> + +<p> +„Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, +wie wir damals Traube g’stohle ham, im königliche Weinberg? +Das war Anno . . . 1899. Ich hab no a paar +Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg +in mein Keller.“ +</p> + +<p> +„Den mußt aber spendier“, sagte der Schreiber. „No, +allemal!“ riefen alle Räuber. +</p> + +<p> +„Ja, paßt auf“, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, +„der is teuer. Wo käm ich denn da hin.“ +</p> + +<p> +„Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!“ +brüllte der Matrose dem Fremden zu. +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> +„Haargott, is der besoffen!“ riefen die lachenden Räuber. +</p> + +<p> +„Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon +im Keller haben“, sagte plötzlich der Fremde und lächelte. +</p> + +<p> +Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche +Kapitän vorsichtig den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln +in die Kelche. Alle standen auf. Auch der Matrose +lehnte schief an der Wand. +</p> + +<p> +„Aber also und, Donnerschlag!“ Die tiefe Falte verschwand. +Der König der Luft hatte gelächelt. „Das is +e Weinle!“ +</p> + +<p> +„Das will ich meinen“, erwiderte stolz der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . +Kee . . . Kee . . . Kette gelegt.“ Er trank und sprach +fließender. „Da war unser Schiff an einer unbewohnten +Insel vorbeig’fahre, in der Näh von Indien . . . Ich +hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . +du . . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . +nix zu fr . . . fresse g’funde. Da hab ich a Sch . . . +a Schlange gebrate. Die war dir aber bi . . . bi . . . +bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich wieder erwischt +und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir die +Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung +des Festungsgrabens und sahen hinunter auf die +Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag. +</p> + +<p> +„U . . . u!“ klang es langgezogen und klagend von +unten herauf. „Die Meekuh brüllt“, sagte der Schreiber +und deutete hinunter zum Main, wo der Schleppdampfer +eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. +Ein Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +Die Räuber sahen, wie über den Flößer am Steuer der +weiße Gischt stürzte. +</p> + +<p> +„Aber also und, wie aus dem Boden gewachse“, sagte +der König der Luft und deutete neben sich auf die Aussichtsbank +aus krummen, weißschaligen Birkenästen, die +der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer +aufgestellt hatte. +</p> + +<p> +Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. +Eine Geiß weidete im Graben. Das hohe, dürre Gras +zirpte, vom Winde bewegt. +</p> + +<p> +„Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle +gewachse“, sagte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Is des nit e Birnbäumle?“ fragte der König der Luft, +und ein anderer griff in die Zweige. Ein paar Hummeln +flogen auf und umsummten den Baum. +</p> + +<p> +Der Matrose sah sich um: „A a also, jetzt sagt mir +aber amal, wo . . . o is denn eigentlich euer ‚Zs . . . Zs +. . . Zs . . . Zimmer‘?“ Und blickte gespannt und pfiffig +die Räuber an. +</p> + +<p> +„Ach, des is ja scho lang zugemauert.“ Sie suchten. +„Da muß gewese sei.“ Und zogen einen üppigen Brombeerbusch +zur Seite. +</p> + +<p> +„Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . +Gang zs . . . zum ‚Zs . . . Zs . . . Zimmer‘?“ fragte der +Matrose staunend und deutete auf eine Stelle, die noch +etwas heller war als die übrige Mauer. „Haaar . . . gott.“ +</p> + +<p> +Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. +Ein rothaariger Junge schnellte in die Höhe, hob die +Hand und rief: „Heimatscha!“ Seine Bande stürmte zur +Mauer und krabbelte daran hinauf. +</p> + +<p> +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +„Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war +das ‚Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer‘?“ +</p> + +<p> +Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre +Gedanken eilten die Jahre zurück. +</p> + +<p> +„Wir warn halt Kinder damals“, sagte der Schreiber. +</p> + +<p> +Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und +hing am Baumstamm. „Dort! Schaut hin!“ zeigte die +Rote Wolke, und sein Mund stand offen, rund und schwarz +wie ein Mauseloch. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg. +</p> + +<p> +Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, +hoher Mönch geschritten, in brauner Kutte. Er +beugte das Knie vor dem Marienbild am Wege und schlug +das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten +sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. +Der Wind wehte dem Kinde das Haar ins Gesicht; es +sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen +vor der Sonne. „Gelobt sei Jesus Christus.“ „In Ewigkeit, +Amen, mein Kind.“ +</p> + +<p> +„Wie weit ist’s bis zum nächsten Gutshof?“ fragte +der Fremde. +</p> + +<p> +„Eine Stunde über den Berg“, sagte Winnetou. Er +hatte ein stilles, klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel. +</p> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/30281-h/images/cover-page.jpg b/30281-h/images/cover-page.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0083ae4 --- /dev/null +++ b/30281-h/images/cover-page.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + + +Title: Die Räuberbande + +Author: Leonhard Frank + +Release Date: October 19, 2009 [EBook #30281] +[Last updated: September 12, 2014] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + + 16. bis 20. Tausend + + + + + Leonhard Frank + Die Räuberbande + Roman + + + 1922 + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig + + Lisa Ertel gewidmet + + + + +Erstes Kapitel + + +Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die +Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen +Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von +Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und +aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des +Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang. + +Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter +Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder +hörbar. + +Über der Stadt lag Abendsonnenschein. + +Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und +im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der +Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen. + +Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch. + +Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um +die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen +Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und +versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der +Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die +Brücke. + +Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit +Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, +aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen +spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten +davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des +Montags. + +Der Lehrer war gefürchtet. + +Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so +sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe +Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft +mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte +er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe. +Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel +zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann +holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke, +hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten +und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der +gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die +Fingerspitzen zwickte. + +Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang. +Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm, +erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen. + +Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen +mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch +nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der +Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den +>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da +unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen. + +Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr +vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront +gegen den Brückenberg steht. + +Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den +Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die +Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden. + +Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage, +denn die Sonne war noch nicht unter. + +Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für +den Fortschritt. + +Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem +Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen +Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter +Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen. + +»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und +schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a +ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a +Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine +gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe +grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf. + +Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen +ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er +hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei +Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand. + +»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager +seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, +und ließ den Tabak in seine Tasche fallen. + +»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus +mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote +Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! +die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die +Adern an seinem Halse schwollen. + +Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager +beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die +Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg +vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf. + +Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben, +dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach. + +Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang +freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen +stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten +einem Besitzer. + +Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher +trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob +den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen. + +Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende +Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter. + +Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel +gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere +Haut langsam wieder heraus in die Höhe. + +Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen +Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur +Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein +getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen +Himmel schlagen. + +Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den +Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen +starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian +und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den +Mageninhalt. + +Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine +gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter, +den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren. + +»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer +der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein +Mauseloch. + +»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?« + +»Dort, beim heiligen Kilian.« + +»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.« + +»Wenn er doch eine Wurst hat.« + +»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft. + +Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem +Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber +die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst +wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit +der Wurst?« + +»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon +gegessen.« + +»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.« + +»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.« + +»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm. + +Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und +wollte sie in den Mund gleiten lassen. + +»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute. +Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.« + +Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück. + +Aber der Duckmäuser nahm sie nicht. + +»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde +begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen. + +Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause +brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten. + +»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie +jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.« + +Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst +resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf +seinen Gegner. + +Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd +heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel. + +Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah +sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der +Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim. + +Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in +einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper +hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen. + +Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen. +Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch +um. Die Brücke war leer. + + * * * * * + +In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen +ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange +fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei +kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können. + +Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum +Fortgehen zu geben. + +»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen +benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er +aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an +seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der +Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine +Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er +in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und +reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten +Stock aus dem Fenster sah. + +Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister, +ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, +schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm. + +Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon +seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah +manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der +Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte +nur das Reiben. + +Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf +senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken. + +Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen, +Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter. + +Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn +hinunter. + +Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug. + +»Was soll denn das!« + +»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.« + +»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen +Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?« + +Oldshatterhand wurde blutrot. + +»Was bist du!« + +»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.« + +»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den +ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum +Teufel! . . . Eselsbande!« + +Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die +Jungen entfernten sich lautlos. + +Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb +er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser +riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war, +stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft. + +Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein +armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen +Tritt geraten. + +Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den +Heimweg. + +Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er +hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging +unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb +auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden +zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die +Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden. + +»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und +ging in der angezeigten Richtung fort. + +Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper +hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können. + +Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu. + +»Sie . . . Sie!« + +Der Mann blieb stehen. + +»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich +bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.« + +Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom +Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand. +Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne +nach. + +Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke +Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last +und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der +Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln. + +Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die +Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal +drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . . +Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben +mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich +Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die +Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.« + +Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend +gäbe. + +»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb +ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart +arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e +bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein +Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr +Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und +konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen +überrascht hatte. + +Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden +nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke. + +»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie +Rom.« + +Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie +Rooom!« + + * * * * * + +Es war elf Uhr nachts. + +Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande, +Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner +Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen. +An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein +handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht +getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht. + +Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns +betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf: + + »Ich wollte sie verführen, + Dazu hat sie kein Mut.« + +Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte +den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten +Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, +zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß +sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben, +hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln. + +Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt, +und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer. + +Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster, +»U . . . u!« + +Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die +Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter. + +Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein +dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der +Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein. + +Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge +Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf +dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein +Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die +Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine +Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei +einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um +Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein +Brand ausbrach. + +Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war +vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . . +hörst du nichts?« + +»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän, +sah sich auch um und zog die Schuhe an. + +»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst +hat.« + +»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz. +Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.« +Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die +Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder +zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich +gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit +fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz +unglaublich.« + +»Das hätt ich mir nit g'fall laß.« + +»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch +nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham +. . . Heiliger Gott!« + +»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit +Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was +erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz +genau, daß ich mir das nit g'fall laß.« + +»Ja no.« + +»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde +ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.« + +»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der +bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den +andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh +anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern +vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.« + +»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.« + +»Ja, aber leis.« + +Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene, +wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit +war das Tor geschlossen. + +Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand +vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf +Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt +hinunter und sprangen in den Festungsgraben. + +Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg +heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen, +den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den +Festungsgraben. + +Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt. + +Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst. + +Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die +Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im +Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder +Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt +war aus purem Silber. + +Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die +Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs. + +Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der +tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf. + +Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen +reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte. + +Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen, +auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die +Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf. +Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen. + +Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande +galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und +furchtsam.« + +»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän. + +»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.« + +»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau +festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser +kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar +Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter +und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen +sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante +die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er +deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung +mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder +Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn +Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch. + +»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die +Höhe. + +»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen +wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen +Teich.« + +»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen? +He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer +und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. +Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.« + +Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne +zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte +Hand zurück. + +»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich +der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? +Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.« + +Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß +sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden +Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft +verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf +unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.« + +»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und +stülpte die Negerlippen nach außen. + +»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer +eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab +ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur +unser Bureauvorsteher.« + +»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte +Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.« + +»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?« + +»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is +total tot.« + +Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur +Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das +schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins +Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter +gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der +Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie +mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . . +Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham +wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!« + +»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus +kämen«, sagte der Schreiber erstaunt. + +Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und +blieb reglos hocken. + +»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise +herum. + +Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer. +Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen. +Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem +Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male +angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka +. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man +immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf +nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen +. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und +er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der +Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die +Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel +hat sie.« + +»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China, +immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den +Schultern. + +»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten +empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke +. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so +groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß +er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso +kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma +. . . ma . . . meint ihr nit?« + +»Das weiß man halt nit recht.« + +Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und +schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen +nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als +einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten +Höhe zu sitzen. + +Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen +schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der +Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg +einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du +meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der +Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.« + +»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da +werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich +sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne +die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst, +schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt +gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre +Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst +in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche +Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen +glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge +sicher alles glatt.« + +»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.« + +»No, allemal.« + +Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als +Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der +bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder +Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel. + +Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen +Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und +baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus +Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.« + +Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie +sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten +vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit +einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt +den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf +Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer +Brückenbogen im Mississippi. + +Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die +Wildnis zurück zu seinem Blockhaus. + +»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme. +»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!« + +»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der +wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da +wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden +Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt +die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir +hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.« + +»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri +. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat +einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil +so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit +helf tr . . . tr . . . trag dürf.« + +»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein +Liebling. G'schieht dir ganz recht.« + +»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . . +Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden +muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!« +schrie Oldshatterhand wütend. + +»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in +Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch +Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib +und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.« + +»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der +hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.« + +»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von +Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus. + +»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . . +Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand. +»Grü . . . grüne vielleicht.« + +»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.« + +»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand +erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter. + +»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben, +ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen +Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß: +»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand +auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner. + +Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während +das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein +Glasauge. + +Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und +schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der +Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu +schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe +Nachtstille. + +»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den +heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge +. . . sp . . . sprochen.« + +Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen +Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden +Augen auf den Schreiber. + +Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die +sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber +den Kopf hob. + +»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän. + +Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den +anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft +und monoton dazu: + + »Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, + Nang kang killewi, nang kang killewi, + Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, + Nang kang killewi wau.« + +Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber +standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen +Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem +Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor +bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter. + +Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden. + +Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der, +gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe +fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die +Räuber oben hineinsehen konnten. + +Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten, +die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg +in die königlichen Weinberge. + +Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang +hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein +Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den +königlichen Weinbergen. + +Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben, +außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine +freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu +rühren. + +Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den +anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand +die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich. + +Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe. + +Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.« + +»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum. + +Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht. + +Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu +den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab, +aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel +abgezogen wird. + +»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen, +wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so +viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.« + +Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock. + +Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die +Domuhr schlug eins. + +Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum. +Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne +hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere +in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte +erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn +jetzt jemand kommt!« + +Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf +der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten, +und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß +er mich sieht.« + +»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt. + +»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des +bleichen Kapitäns laut von seitwärts. + +Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an +etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die +Taschen. + +Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der +Festungsmauer. + +»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän +Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.« + +Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer. + +Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine +klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt +blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie +zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für +eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden. +Das sieht man doch von der Stadt drunten.« + +Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous +Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und +trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder. + +Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen +zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern. + +»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug +habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie +ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich +wahrhaftig nit.« + +Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt +auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten, +zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem +Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg +geschmuggelt hatte. + +»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge. + +»Wo? . . . Wo denn!« + +»Jetzt is er weg.« + +»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da +sind«, sagte der Schreiber. + +Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin +und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!« + +Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite. + +Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum. + +Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens -- +ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines +unterirdischen Ganges. + +Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und +ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten +gegen die Räuber, und huschten ins Freie. + +Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte +der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit +Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem +Täfelchen war zu lesen: + +Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof +des Justizgebäudes. Vorsicht! + +Auf einem anderen Täfelchen stand: + +Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins +Nonnenkloster Himmelspforten. + +Auf dem dritten Täfelchen: + +Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur +Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten +Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in +die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen +Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang +nur bei Lebensgefahr zu betreten. + +Der Hauptmann. + +Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen +Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen +hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän +zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen +quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen +herausgehauen, Steinbänke waren. + +Das war »das Zimmer«. + +Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen +Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt +worden.« + +Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale +gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon +vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, +von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit +Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben +lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, +in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern +eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in +dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, +mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf +Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef +zu senden, zum Ersatz. + +Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit +Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der +Prärie die Rothaut beschliche. + +Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen +Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser, +sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem +Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten +Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen +an der Mauer. + +Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«. + +Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-, +Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische +Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in +zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem +Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls +zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen +oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle +Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des +bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im +gepreßt vollen Bücherregal. + +Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes +Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von +Schiller.« Das Hausbuch der Bande. + +Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das +Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte. + +Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher +Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf. + +Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken. + +»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der +bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen. + +Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und +ein Büchlein heraus. + +Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer +an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser +jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein +Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!« +Und dabei errötete er stets tief. + +»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die +Trauben. + +»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.« + +»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen. +Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und +deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger +Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?« + +»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk, +in Form einer Eidechse.« + +»Und das da, Hauptmann?« + +». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . . +Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird +ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist +er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht, +wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend, +gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.« + +Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe. + +Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«, +sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem +Sanderrasen. Er läuft im Trikot.« + +»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte +er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige +Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.« + +Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine +Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen +Platz. + +Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?« + +». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.« + +Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den +die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des +roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den +Schrank. + +Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten. + +Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß. +Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. +Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie +auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe. + +Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten. + +»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort. + +»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän. + +»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden +gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig +Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen +ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier +verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt. +Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß +wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und +erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir +uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind +wir verschollen auf ewig.« + +Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte +sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen +Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf. + +»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt. +»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer +von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu +heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.« + +Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke: +»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist, +das versteh ich ganz einfach nit.« + +Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte +und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das +hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der +Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der +Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein +scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren +Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die +Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und +hatte ein Indianerprofil. + +»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand. + +Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines +Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche +Gräfin!« + +»Räuberlied!« brüllten die anderen. + +»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich +überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt. +Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht +stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief +zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und +die Räuber hörten zu. + + »Stehlen, morden, huren, balgen, + Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun. + Morgen hangen wir am Galgen, + Drum laßt uns heute lustig sein. + Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!« + +Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das +gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän +sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der +Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht +besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte +pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam +Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er +nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den +Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme. + +Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt +in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen +die Schulter der Roten Wolke. + +»O Felli«, sagte müde Winnetou. + +»Sprich.« + +»Es ist Zeit, Hauptmann.« + +»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank +auf die Brust. + +Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die +Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf. + +Das Wasser im Fischkasten gluckste. + +Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase, +aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer« +herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa +Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe: + + »Das Wehgeheul geschlagener Väter, + Der bangen Mütter Klaggezeter, + Das Winseln der verlaßnen Braut + Ist Schmaus für meine Trommelhaut.« + +Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder +sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen. + +Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf +einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an +einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben +und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins +raschelnde Laub. + +Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig +Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren +Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand. + +»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte +ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der +Räuberrunde. + +»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war +der Hobel noch nit dort gelegen.« + +»Wie kommt er überhaupt daher.« + +»Ein schöner Hobel ist es ja.« + +»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig. + +»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.« + +Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die +übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet. + +»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch. + +Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste. +»Was heißt denn das . . . verloooren!« + +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es +wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete +die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen +ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.« + +»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal +heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre +Vorratskammer.« + +Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg +hinunter. + +Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem +alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um +zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der +Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre +bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden +hinunter. + +Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf +den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf +und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die +Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und +ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder. + +Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit +faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte +sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins +Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann. + +Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die +Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut +tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft +umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der +bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die +Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie +losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. +Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über. + +Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und +Beinen. + +Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den +hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der +Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer +gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar +nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen, +so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer. + +Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter +hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen. + +Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im +Wirtschaftsgarten. + +Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein +vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen. + + * * * * * + +Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen +Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die +»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang +sein Schimpfen bis auf die Straße heraus. + +Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln, +paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter +Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten. + +Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des +Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und +blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen +Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff: +»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und +weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, +den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete. + +Sonst blieb alles unverändert. + +Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«, +trillerte der Kanarienvogel. + +»Pst«, machte Oldshatterhand. + +Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den +Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und +winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen +Ausgang heute. + +Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich +zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt +war, und erstattete Bericht. + +Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen +solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte +ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe. + +Entschlossen trat er ein. + +»Haarschneiden -- Herr Benommen?« + +»Nein . . . Heute nur rasieren.« + +»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und +noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man +wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte +Haut des Hauptmanns gleiten. + +Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute +unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht +geschnitten habe. + +Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber +gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die +Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den +Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune. +Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter. + +Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen. + +Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges +Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der +Schreiber nachgerast. + +Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war +der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt. + +Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und +betrachtete dabei die Würste im Schaufenster. + +Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser +hörte auf zu kauen. + +»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber. +»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so +verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die +kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.« + +»Der Jud Meierheim soll's getan haben.« + +»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud +getan hat . . . du Rindvieh!« + +»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft. + +Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung. + +»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der +Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken +bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt +über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt, +blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das +Grauen der Räuber auf sich wirken. + +»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte +überzeugend der Schreiber. + +Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst. + +Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten +darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen +auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen. + +Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen +-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse. + +In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß +rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus +dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß +ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden +Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart. + +Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl. +Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller +in der Hand. + +Der bleiche Kapitän sah seine Leute an. + +»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.« + +Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln +zuckte über sein Gesicht. + +Da trat er in den Raum. + +Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm +hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor- +und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine. + +Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen +vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die +begeisterten Draufrufe seiner Bande. + +»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der +rote Fischer. + +Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang. + +Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren +Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen +Augen, wenn man nicht gab. + +Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten +vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um. +Und war weg. + +Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer +langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und +überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem +Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren +Runde vollkommen erschöpft aufgab. + +Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz. + +Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen +Menschensaum entlang. + +Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter. +Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen +kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.« + +»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.« + +»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.« + +»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der +Schreiber, mit der Uhr in der Hand. + +»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.« + +»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's +warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem +Backofen raus.« + +»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand. + +»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für +mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr +für die Reparatur verlangt.« + +»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.« + +»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so. +Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist, +daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.« + +Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und +bleich. + +Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der +Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche +Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte. +Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen. + +Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und +sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der +Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.« + +Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster +Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen +weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum? +. . . Ja, was wär denn das.« + +»Versuchen Sie ihn nur selber.« + +»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch +erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend. + +»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der +bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist +die Petroleumkanne daneben gestanden.« + +»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und +schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum. + +»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen +uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt +einmal den andern Platz an.« + +Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen +hinaus. + +Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in +den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte +der Schreiber nach einer Weile. + +Der Bäcker wurde dunkelrot. + +»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und +schluckte hastig. + +»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr +Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken +darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.« + +Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der +Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander +und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.« + +»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach +Petroleum.« + +Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu. + +»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir +ganz einfach in den Laden.« + +»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und +verschwand. + +Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein. + +»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann +der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!« + +Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das +dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die +Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei +heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete. + +»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber +sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen. + +Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns +unser Geld zurückgeben, natürlich.« + +Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen, +verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden +Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz +klar. Ich versteh Sie wirklich nit.« + +»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der +Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.« + +Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen. + +Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde +gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange +suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein +streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen +waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!« + +Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte, +nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende +Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. +Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes +Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von +Haselnußsträuchern umstanden. + +Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig +zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel +Kraft.« + +Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen +gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war. + +»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und +drückte das Stengelchen auch zur Seite. + +Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir +und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.« + +»Es braucht auch viel Sonne und Regen.« + +Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das +Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein +bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; +seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal +zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre +. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden, +der gestützt werden muß.« + +»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte +Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das +Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber +der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah +nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern +in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück. + +Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen +wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal +fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an. + +»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou. + +»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«, +sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem +Gesicht. + +Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und +die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen. + +Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites, +verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und +fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, +worauf sie erhitzt nach Hause eilten. + + + + +Zweites Kapitel + + +Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen +hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande +gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den +Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich +und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange +zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber +viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, +betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer +Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im »Zimmer« wurden +zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten. + +Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf +den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras. + +Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein +schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile +blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. »Was glaubt +ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist +erschossen worden.« + +»Oh, halt doch's Maul!« + +»Da hockt er ja«, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou. + +»Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern«, rief +der bleiche Kapitän wütend. + +»Winnetou ist tot?« fragte Winnetou leise. »Das ist nicht möglich. Wie +soll denn das passiert sein.« + +»No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer +gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle, +die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er +tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle +geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.« + +»Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in +so einem Augenblick nit da sein?« fragte Winnetou erregt. + +Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den +bleichen Kapitän geheftet. + +»Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und +hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz +unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist +er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten, +sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar +Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou +ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt +ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal +hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt +muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.« + +Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen +sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war. + +Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch +die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo +Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, +schwarzer Punkt -- schußbereit. + +»Da kann man jetzt nix mehr mach«, sagte der bleiche Kapitän und reckte +sich auf. »Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.« + +»Leih mir das Buch bis morgen«, bat Winnetou. + +»Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen«, wehrte +der bleiche Kapitän ab. + +»Morgen früh geb ich dir's wieder zurück.« + +»Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig +mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir +gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach, +wennst's ausgelesen hast.« + +Winnetou griff nach dem Buch. + +Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen. + +Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr +Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen +Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. »Ich muß erst die Stiefel vom +Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da +. . . Geh mit«, sagte er zum König der Luft. + +»Hn!« + +»Der frißt dich doch nit.« + +»Also hopp! Also wenn du meinst.« + +»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis +wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe. + +Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist +fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache +geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux +übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.« + +». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?« + +»Sei doch still.« + +Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht. +Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in +der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die +Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem +Kanapee hing. + +»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig +kosten die Stiefel.« + +Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös +mit den Daumen. + +»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die +lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief +blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?« + +»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft +blickte starr vor sich hin. + +Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den +Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke, +schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem +Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt +einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den +Geldbeutel. + +»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber +auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja +Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.« + +»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.« + +»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.« + +»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom +Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.« + +»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen +hab ich eine Mark siebzig dran verdient.« + +»Hn!« + +»Eine Mark siebzig.« + +»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.« + +»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän +vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber, +daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der +stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber, +wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!« +rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging. + +Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und +wollte in sein Zimmer schleichen. + +Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal +her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus +baumelte an ihrer Brust. + +Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden +Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee +neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör +standen auf dem Tisch. + +»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf +die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen. + +»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!« + +Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein +und schlug das Kreuz. + +»Nun?« + +Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus +Christus.« + +»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der +Kaplan und nippte vom Likör. + +». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden +verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor. + +Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust +hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der +rote Mann tot zu Boden.« + +Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin. + +»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau +Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.« + +Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!« + +»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.« + +Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte +Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich +mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!« + +Winnetou sah seine Mutter entsetzt an. + +»Wird's bald!« + +Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus +Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den +Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand +vorstreckte. + +»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm +hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz +geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos +das Zimmer. Die Tür verschloß sie. + +Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die +zart errötend ihm die Hand überließ. + +Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör. + +Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen +gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter, +daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen +trockneten. Die Gesichtshaut spannte. + +Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender +Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände +nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort +. . . dort.« + +Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war +eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und +verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder. + +Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er +hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich +sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. +Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich +gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte +altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem +Wagen gelegen und eingeregnet worden. + +Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten +Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken. + +Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und +sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren +ging. + +Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg +aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze +Südwand des Hauses bedeckte. + +Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch +herumgesetzt. + +Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß +der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das +pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke +streifte. + +Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße +ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte. + +Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß +bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer +seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte. + +Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen +Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond, +mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins +Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. +Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil +sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten. + +Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen +auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden. + +Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung +verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die +frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid +ihr auch wieder einmal da.« + +Die Räuber lächelten befangen. + +»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll +verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so +versaut.« + +Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte +verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r +Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er +drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu +den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.« + +»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der +Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?« + +»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine +Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die +Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf +seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant, +wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.« + +Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.« + +»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig +zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen. + +Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die +Hand auf die Schulter. + +»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der +Schreiber sehr schnell. + +»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl! +'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach +hinten zu seinem Schanktisch. + +Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim +>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän. +Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein +eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die +Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn +Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal, +kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?« + +Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an, +deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch +kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum +Tisch. + +Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm +erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er. +»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei +Schuh bei mein Vater mach.« + +Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den +Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke, +sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und +las laut den gerahmten Spruch an der Wand: + + »Ob ich morgen leben werde, + Weiß ich freilich nicht, + Daß ich aber, wenn ich lebe, + Trinken werde, das ist ganz gewiß.« + +Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und +begann an einem roten Strumpf zu stricken. + +Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen +den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte. +»Isterfrisch?« + +»He?« + +»Ist der Fisch frisch?« + +»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er +Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden +Karpfen unter die Nase. + +»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut. + +»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte +der Fischer. + +»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da. +Größter Seifenverbrauch usw.« + +»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is? +Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.« + +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann, +der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt +hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend +an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und +lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen +glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen +geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin +wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin +sie a no.« + +Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte. + +»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht +. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue, +wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle, +weil's mit der Brautschau Wasser war.« + +»No, allemal!« rief der Schreiber. + +»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«, +sagte der Glasermeister speichelspritzend. + +Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der +Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise +auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!« + +»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte. + +»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen. + +»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer +noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«, +sagte der Berliner. + +»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!« + +»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der +Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem +kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten +Glasermeisters: + + »Johann Ja--a--kob Streeeberle, + Johann Stre--e--berlee -- -- --« + +die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der +Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte, +gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen +durch und blickte wütend zu den Räubern hin. + +»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt. + +Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand +beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . . +Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher +Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort +einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ: + + »Hoch leb die Anarchie! + Es lebe der Achtstundentag, + Die Ruh, die Republik!« + +Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie +doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . . +Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, +Bürschli«, schloß er geheimnisvoll. + +»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber. + +»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.« + +»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.« + +Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei +still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt +ihr, was auf dem Hobel steht?« + +»Auf was für'n Hobel?« + +»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber +das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten. + +»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J. +St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem +Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.« + +Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum +Glasermeister hin. + +»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix +g'sagt hab.« + +»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber. + +»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«, +flüsterte der bleiche Kapitän. + +Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein +Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch. + +»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der +Schnauz kläffte. Alle Räuber standen. + +Da trat Winnetou ein. + +Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf. + +»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie, +was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut +und setzte sich. + +Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt! +. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute +in Ruh.« + +»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll +sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz +. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch. + +»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . . +Wir Männer -- -- --« + +Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein. + +Auch die Räuber setzten sich. + +Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das +Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile +senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch +sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit +ihm eilig die Weinstube. + +»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.« + +»No, jetzt sage Sie selber.« + +»Streberle, i will gar nix wiss.« + +»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«, +fragte der Berliner den Fischer. + +»Das is 'n Widerschein seiner.« + +»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein +reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.« + +»Ja, Berliiiiiiin!« + +»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . . +Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas +in die Hand. + +»Was? . . . Erhööööhen?« + +»Flecke auf die Absätze.« + +»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig +Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.« + +Der Schreiber horchte gespannt. + +»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne +getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister +gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip +. . . Ich bin Reisender.« + +»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch +hab.« + +»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu +ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.« + +Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem +Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim +is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.« + +»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle +Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.« + +»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.« + +»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob +Streberle und erhob sich. + +»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch +rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der +Glasermeister gegangen war. + +»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit +dem Kriege siebzig/einundsiebzig.« + +»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind +in einem Dorf gelege -- --« + +»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --« + + * * * * * + +Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse +lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende +Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in +den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir +ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die +Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am +heiligen Sonntag zu arbeiten!« + +»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied. + +»Hau mal her!« + +Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter. + +»Hau no mal her!!« + +Er hieb ihm wieder eine herunter. + +»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!« + +Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und +ging in seine Werkstatt zurück. + +Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas +angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts +nachdenklich nebenher ging. + +Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre +Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr. + +»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau +g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und +deutete zur Festung. + +»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber. + +»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche +Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege +Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget +. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.« + +Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen +die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den +Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag. + +»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir +zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.« + +»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die +Wirtschaft zu gehen.« + +»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?« + +»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?« + +»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.« + +»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche +den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen +Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal +ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch +himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust, +und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend, +erhaben die Hände gegen den Knochen aus. + +Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das +Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die +Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie, +eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über +die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen +wieder auf das Pflaster. + +Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung. +Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und +rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber +geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in +die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand +bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang. + +Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu +ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt +noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon +öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen. + +Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete +Ergriffenheit. + +Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte. + +Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit +Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit +anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein +wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen +hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder +mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie +gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die +Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem +Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied +den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, +frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung. + +Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und +warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn. + +Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte +zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die +Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den +Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu +stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte +sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, +drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und +schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging +er den Räubern nach. + +Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen +und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm +Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß +man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.« + +Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt +Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus +dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar, +das in die einzige Droschke stieg. + +Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb +zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er +und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund +und schwarz. + +»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle +redeten auf ihn ein. + +»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!« + +»Was ist ohne Beispiel?« + +»Wie sie's treiben!« + +»Jetzt halt doch's Maul!« + +»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!« + +»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten +kann.« + +»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . . +Aufruhr! Mut! Freiheit!« + +»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen +nur zusammenhalten.« + +»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert. + +Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in +dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«, +anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän +für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der +zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die +Ehre verlangte. + +Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte +manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem +er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst +kein Spiel zustande käme. + +Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des +Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer +nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor +jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden +Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen. +Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige +eingesetzt. + +»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu. + +»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.« + +»Ich hab's ja g'sagt.« + +Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder, +rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand, +mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, +schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen. +Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal: +»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte. + +Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem +Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die +Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, +zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen +glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch. + +Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der +Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte, +waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen +führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie +schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein +Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den +Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in +höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein +weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge +interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah. + +Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die +Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von +Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die +Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb +vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den +Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den +Hobel auszuliefern gedenke. + +Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den +Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern +unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde. + +Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem +Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau. +Sie Lügenbeutel!« + +Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit +einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das +Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, +vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein +ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die +Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber. +Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im +Menschenknäuel. + +Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte. +Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen +Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein +gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn +hinaus. + +Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die +Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom +Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des +Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen, +hinaus zu seinen wartenden Kameraden. + +Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle +sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der +Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging +hinaus zu den Räubern. + +Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem +Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die +Räuber wieder vor der Gartentür einfanden. + +Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark +gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem +Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das +Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber +sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen. + +»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge. + +Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber +langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde +schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er +danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel +entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, +traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke, +während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre +gewonnenen Preise verlangten. + +Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber +verschwanden. + +Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen +das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief +aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das +zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des +Schreibers Hand ruhte darauf. + +»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän. + +Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern +Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater +laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.« + +»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand +zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.« + +»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!« + +»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme, +stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main. +»Der Schub war gültig.« + +»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch +schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten. +Wenn doch der Schub gültig war.« + +Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll: +»Der Trainsoldat war's.« + +Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das +Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten +kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen +Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den +Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte, +erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem +Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen. + + »Horch, wer zieht so still und leise + Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf. + Ach, es sind die armen Briten, + Die so manchen Stoß erlitten. + Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf. + Plötzlich bleibt die Truppe stehen, + Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da. + Seht sie kämpfen, seht sie streiten, + Durch des Feindes Mitte reiten + Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!« + +klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der +Kneipe. + +»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän. + +»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn +Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.« + +In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn +fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die +Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in +den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des +Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit +Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein +Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte +drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im +Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die +Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des +ganzen Krieges ein gutes Geschäft. + +Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt +empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke. + +In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des +Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude +über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. +Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau +unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der +Wand spielte, viele Töne auslassend: + + Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- -- + +Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, +mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und +Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich +vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte +jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens +mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe +Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben +Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die +Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte +sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die +altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in +eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren +Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte. + +Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die +schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie +entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen +gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger +zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin +poussiert! Merk dir das!« + +Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit +übertrieben gleichgültiger Miene. + +Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen +Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.« + +Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem +Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld +entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht +verschönte. + +Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten +drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße, +schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine, +altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein +-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem +entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der +Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die +ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt +worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln +herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich +empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen +Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker +Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso +plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die +Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen +mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis +zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten +wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben. + +Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln +beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren +begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe +Benommen. + +Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum +von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja +gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.« + +»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand. + +Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es +gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren +der Räuber nicht unterdrücken konnte. + +Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu +äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter. + +»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt +und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab. + +»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was +willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n +rumschmier läßt.« + +»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz +und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.« + +Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht. + +»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich +kann mich ja nit rühr in der Schenk.« + +Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche +zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in +ihrer Wirtschaft beobachtete. + +Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!« +Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die +Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein +blutiges Vorhemd. + +Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker, +überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein +kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich +zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch +aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, +entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen +Hemdkragen trug. + +Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete +unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, +weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das +Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart +wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden +Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den +Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa! +Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug +zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, +schmalen Bart entlang. + +Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war +ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten +trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf +sie ausüben. + +Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre +Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch +sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der +andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren +Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen +wünschten. + +»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der +Kellnerin zu. + +»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän. + +»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho +angerissen.« + +»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?« + +»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach +. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.« + +Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn. + +Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er +die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän +drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen +Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und +die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog. + +Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es +rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus +Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen: + + Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb. + Sie flohen heimlich von Hause fort, + Es wußt's weder Vater noch Mutter. + +Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in +einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und +blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem +Rasseln fortfuhr: + + Sie sind gewandert hin und her, + Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, + Sie sind verdorben, gestorben. + +»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink +e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner +Mutter. + +Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von +Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter +hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.« + +»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich +zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.« + +»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das +eigentlich, dahinten in der Fischergaß?« + +»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.« + +Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er +sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen +verschmiert war. + +Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und +böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist +du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.« + +Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener +Bruder! Mei eigener Bruder!« + +»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin +doch dei Bruder.« + +»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande. +Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer +plötzlich laut. + +Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken +auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch +nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. +Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir +. . . Mit der eigene Schwägerin.« + +Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?« + +»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir +trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone! +a Maß Bier für mich und mein Bruder.« + +Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder +sangen kräftig mit: + + »Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen, + Denn sie fechten toll und kühn -- -- --« + +Die Alte war schlafen gegangen. + +»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin +und lächelte. + +Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort. + +»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän. + +Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur +Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter. + +Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech +geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs +Pflaster. + +Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel +gegen den Himmel. + +Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein +auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der +Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt +ihr . . . He?« + +Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels. + +»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und +plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß +den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit +hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen +Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat +das Geschehene begriffen hatte, schon weg war. + +Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne. + +Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang +ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er +seitdem verblieben ist. + +»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte +der bleiche Kapitän. + +Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde +stehen, wo ihre Wege sich trennten. + +Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend +und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht +ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig, +weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen +Wert! sag ich . . . Für uns nit!« + +»No und der Säbel?« + +»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich +gleich heim geh.« + +Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der +Schloßgasse. + +Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den +Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den +sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze +an. + +Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die +Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog +die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie +ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus +gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel, +und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir +ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und +blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden +Glases verdreifacht unter der Vitrine lag. + +Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm. + +Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte +die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte, +kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in +seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die +Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es +knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. +Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter +strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die +Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden. + +Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete +keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und +schlief augenblicklich ein. + + + + +Drittes Kapitel + + +Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und +Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn +Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang +seinen Arm nicht heben konnte. + +Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit +dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor +den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und +die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den +vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze +Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene +Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene +torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war +schwärzlich angelaufen. + +Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt, +saßen auf der Anklagebank. + +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in +die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. + +Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein +inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend +lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.« + +Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts +Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr +erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die +königlichen Weinberge zu gelangen. + +Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der +Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger, +Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen +Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die +Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die +Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im +Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden +Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe +Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die +Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen +bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager. + +Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter +starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen +streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der +Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt, +wie war die Sache.« + +Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr +Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so +frech und verdorben ist er . . . der Teufel.« + +Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während +Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der +Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf +und rede.« + +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war +still. + +»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein. + +Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den +senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner +natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n +halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen +und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und +ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, +und später sind wir heimgegangen.« + +»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser! +Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr +noch mitgenommen habt.« + +»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.« + +Im Zuschauerraum war es ganz still. + +»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?« + +Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten +und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult. + +Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den +Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum +Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben +mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: +»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten +gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner +stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem +König seine Trauben.« + +Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen +zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!« + +Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das, +wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen +Weinberg in Ruhe lassen.« + +»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß +gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab +ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.« + +»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt +hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben +versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . . +Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.« + +Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft +mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine +Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben. + +»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen, +und . . .?« + +»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die +Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich +das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der +Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, +Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.« + +»Was ist das? Oldshatterhand?« + +»No, Michl, also Michl Vierkant.« + +»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?« + +»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns +nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --« + +»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?« + +»Ja. Von Friedrich von Schiller.« + +»Nun, und dann?« + +»Hn?« + +»Was habt ihr dann gemacht?« + +»Dann haben wir registriert.« + +»Wie?« + +»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.« + +»Was habt ihr registriert?« + +». . . Also halt so. Also und alles.« + +»Zum Teufel, also was denn!« + +»Also halt einen Stallhasen.« + +»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?« + +». . . Gekauft! lebendig.« + +»Und was war weiter?« + +»Hell war's!« + +»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?« + +»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.« + +»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?« + +Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der +Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also +weil sie taub is.« + +»Was?« + +»Taub.« + +»Georg Bang!« + +Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu: +»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand +empört offen. + +»Georg Bang!« + +Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt +war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau, +während sein natürliches graubraun war. + +»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.« + +Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn +Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult. + +»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule. +Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen +herauszubringen ist.« + +Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr +Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der +Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und +dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie +empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens +habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er +einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten +immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen +niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?« + +»Wie meinen Sie das, Herr Mager?« + +»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient +hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche +freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle +festhalten.« + +»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich +langsam von seinem Staunen. + +Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte +und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen +Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das +»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein +Mensch in Würzburg wußte. + +Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder +Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen, +daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, +als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten +so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des +unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war. + +»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine +Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.« + +Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf +Winnetou, ihren Sohn. + +»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?« + +»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein +Schwur. + +Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir +können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald +Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und +freundlich: + +»Du bist eine Doppelwaise?« + +»Ja!« + +»Du wirst mich doch nicht belügen.« + +»Nein!« + +»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?« + +Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein +Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie +Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich +auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete +die alte Stadt.« + +»Wo sind die Trauben hingekommen?« + +»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.« + +Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende +Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans +Widerschein.« + +»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen +geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging +er zurück auf seinen Platz. + +Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten, +die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu +überweisen. + +Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu +sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn +wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen +Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre. + +Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner +Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor +sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne +jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine +lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache +durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es +nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu +einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.« + +Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr: +»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind +sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden +Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.« + +Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah +zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten +Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult. + +»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.« + +Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den +langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden +Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich +überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . +Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir +nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und +erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren +Mutter ist . . .« + +Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie +gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er +eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der +Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der +Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem +außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte +nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der +Schundliteratur. + +Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre +Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern +befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner +verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen +auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr +Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an +sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu +väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, +durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren +Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins +Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber +freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf +tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten, +während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten +schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun +aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war +Schulstunde. + + * * * * * + +Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel +bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen +Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und +wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich +lächelnd auf ihn zurücksah. + +»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem +Bruder, der Kriechenden Schlange. + +»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und +lachte zu Oldshatterhand hinüber. + +Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der +Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich +nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die +den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube +und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee. + +Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur +Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit +verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der +Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang +ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem +gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren +die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein +blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging +und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens. + +Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer, +schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika +wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn +Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von +drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich +beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen +verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen +aneinander. + +Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter +als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die +sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel +geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie +jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur +e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu +schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz +doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit +offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust +heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut +nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen. + +Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er. + +»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte +der Zwerg in schnellem Mazurkatakt. + +Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und +lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der +sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den +Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, +angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der +mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg +fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!« + +Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin +mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem +überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: +»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten, +einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem +Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte +und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln +heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief. + +»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der +Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.« + +Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb +am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n +rumpantsch.« + +»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund +wurde klein vor Freundlichkeit. + +Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern +da im Kreis rumhüpfe.« + +Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus. + +»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu. + +»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich +auf den Schanktisch. + +Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam +hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch +gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt +ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage +verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein +Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals +war e bißle vom Strick geränft.« + +»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat, +oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen +Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau +hinsah. + +»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.« + +»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und +der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am +Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue +Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund +war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen +verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein +Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der +hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte. + +Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen +lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander +auf dem Kanapee sitzen sah. + +»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze +Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's +Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die +Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt +versteh.« + +Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der +Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten +Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt +gestülpt hatte. + +Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte, +sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum +Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines +Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung +erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der +gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit. + +»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.« + +Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen +eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt +wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten. + +Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte +aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um +und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer +auf den Schanktisch. + +Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare +umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein +paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im +Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden +glänzte schon. + +Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von +einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die +Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der +seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf +das Mädchen hinunterblickte. + +An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht, +aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in +den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, +wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr. + +Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges +Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf +der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus. + +Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit +naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.« + +»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und +die Rote Wolke sahen verständnislos drein. + +»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch +und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den +Garten. + +»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän +Oldshatterhand. + +»Die . . . die machen was.« + +»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!« + +»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.« + +»Der freie Mensch steh Red und Antwort.« + +»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän +das Gespräch ab. + +Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm +Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte. + +Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf. + +»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf +derweil, ob niemand kommt.« + +Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken, +Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand. + +Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und +ab. + +Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte +er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm +weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und +deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der +langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand. + +Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein. +Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen. + +Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem +Schuppen trat; sein Haar war verwühlt. + +»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon. + +Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den +Schreiber: »Oooooo!« + +»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt. + +»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer< +seid, bring ich mei Schwester mit.« + +»Bring halt die andere auch mit.« + +». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.« + +Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die +Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte. + +Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog +einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und +schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«, +bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas +Bier trink.« + +»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab +selber nix.« + +Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen +Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.« + +»Komm mal da her zu mir.« + +Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des +Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne +gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich +und frech: »Was wollen Sie denn von mir?« + +»Gehst raus! Malefizlausbub!« + +Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's +denn?« + +»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.« + +»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast. + +»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.« + +»Da, greifen Sie nur selber nei.« + +Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer +gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom +Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter +größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte +Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in +dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte +Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem +Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine +farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa +Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze +heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze +erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach. + +»Habt ihr's Messer g'sehe?« + +»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend. + +»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.« + +Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe! +Also muß a da sei.« + +Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die +Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart, +weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!« +rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den +bleichen Kapitän an. + +»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!« + +»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die +Küchenlampe nit braucht.« + +Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war, +ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg. + +». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.« + +»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich +schäm.« + +»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend. + +Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und +schlich zur Tür hinaus. + +Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung. + +Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine. + +Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt +nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben +Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte +er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe +hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten +Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst +ankamen. + +Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten +direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der +Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken +aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen +dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still. + +Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon +versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch +Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und +sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin +zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und +flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.« + +Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und +deutete boshaft auf die beiden. + +Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die +Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten +davon. + +Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main. +Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert. + + * * * * * + +Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der +ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des +Herrn Mager hing noch drückende Stille. + +Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer +Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie +zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn +jeder Schulstunde tat. + +Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen +in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die +Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande +waren unter den übrigen Schülern verstreut. + +Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett. + +Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife +aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare +standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen +geordneten Igelschar glichen. + +Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit. + +Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es +schien, als würden die Worte im Keller gesprochen. + +Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das +Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in +Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen +Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften +blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an. + +Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb +jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das +erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die +Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte +einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«, +sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch +lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß +jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei, +der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag +und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste +ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, +ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo +denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel +zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen +großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles +aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis +wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der +größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen +Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt +hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel +besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das +sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!« + +Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte. + +Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.« + +Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine +Nerven nicht zu. + +Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von +der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um +einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen +ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den +Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte +es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer +Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein +herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement +-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu +viel. + +Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach +einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist +nicht mehr da.« + +Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant! +Raus!« + +Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf +nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock +des Herrn Mager. + +Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage: +wer kommt nach Oldshatterhand daran? + +Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager +atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die +vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal +geben darf.« + +Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine +Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot. + +Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen. +»Wer meldet sich?« rief Herr Mager. + +Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch +sitzen geblieben. + +Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken +brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die +Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den +Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte +ihn!« + +Oldshatterhand rührte sich nicht. + +Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte +ihn!« + +Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich +halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden. + +Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich +mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob +Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand +gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem +Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen. + +»Hans Lux! Raus!« + +Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer +standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte +ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine +Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm +die Prügel entgegen. + +Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken. + +Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die +gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die +Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang +heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand +auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand +sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen +und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut +speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze +Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. +»Hi! hihiha!« + +Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar +Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf +Oldshatterhand. + +Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück +hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm +nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar +vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als +tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst. + +Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein +Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden +Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine +Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform +und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel. + +Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf +die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid +trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter +sich hatten. + +Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige +Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm +Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn +Mager zuführte. + + + + +Viertes Kapitel + + +Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der +Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um +Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig +saftiggrüne Stellen sichtbar blieben. + +Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit +aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit +einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, +außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit +gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis +zur Brust reichte. + +Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig +machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen +Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur +anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage +lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten +schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam. + +Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden +Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.« + +Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen +offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, +parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den +ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen. + +Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die +Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das +Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch +hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch +einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach. +So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und +teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche +die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher +war ein Zirkus in Würzburg gewesen. + +Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige +Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der +Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben. + +Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez +angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und +giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf +dem Trapez und mahlte mit den Zähnen. + +Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und +die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen +Schloßbergrasen. + +Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen +gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den +Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, +sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand. + +»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän +zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester +anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann +direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten +Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen +Zöpfen. + +Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche +Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen +konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei +hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, +um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem +einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und +stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige +Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das +Bein gebrochen. + +In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum. + +Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen. + +Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der +Rasen roch. + +Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten, +tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der +Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte. + +Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher +etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über +den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das +wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen +anklammernd, in der Bahn herum. + +Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt. + +Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein +Indianer auf dem Gaul. + +Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!« + +Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem +scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in +den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und +mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter. + +Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert. +Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.« + +Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde. + +Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf +den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch +erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit +Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem +Bildwerk stand: + + An diesem Ort is Alois Würz + Mit sein Heuwage umg'stürzt. + War glei tot, mitsamt die Roß. + War ein frummer Mann, + Drum is er auf der Stell + In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn, + Was mer vo seine Roß nit sag kann. + +Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine +Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle +Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem +Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon. + +Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum +Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen +Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete +sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren +Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen, +wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge. + +Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu +Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch. + +Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur +zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich +unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand. + +Es war jetzt ganz dunkel geworden. + +Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich +nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .« + +»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel +herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den +Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß +dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete +Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten. + +»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich +erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig. + +»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern +will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa +. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz. + +»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war +furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den +Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte +Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht +stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht +auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da +. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und +die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . +fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet +wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.« + +»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?« + +»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.« + +»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann, +. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . . +brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu +stoßen.« + +»Pä! Ist das ritterlich?« + +»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . . +Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf +. . . Pfennig.« + +Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende +Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der +fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können, +weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten. +Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt +du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen +können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit +Indianern vorbeifährt.« + +»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg +ich.« + +Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und +seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, +blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf +dem Sockel sitzen sah. + +Der Duckmäuser schnellte in die Höhe. + +Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf +überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand, +der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie +genommen hatte. + + * * * * * + +Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt +wußte, daß der Kaplan der Vater war. + +Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung +Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache +verstummte das Gerede. + +Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine +Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben. + +Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou +setzte sich und sah steif geradeaus. + +Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der +Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand +auf. + +Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach +Winnetou um. + +Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die +Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou +nieder. + +Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten +unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine. + +Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel, +wie vorher. + +Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah +das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause +umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es +schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die +Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou +stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft +geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die +Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die +Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng +auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne +Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr +wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr +verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn +die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte +langsam übers Haar gestrichen. + +Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper +zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum +Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er +aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht +mehr glücklich sein würde. + +Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter +verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende +ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich +schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der +Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des +Bettes. + +Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und +meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter +tot sei. + +Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und +rannte ins Sterbezimmer. + +Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts. + +Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf +die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich +nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie +immerzu: + +»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.« + +Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich +zwischen die Schienen. + +Der Führer läutete. + +Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum +Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die +Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter. + +Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste +stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou +wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im +letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen +rauchten, und Winnetou sprang seitwärts. + +Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um +nachzusehen, ob Winnetou verletzt war. + +Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein. + +Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen, +als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah. + +Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife +am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust +hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog. + +Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir +schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und +zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und +schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.« + +». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou +und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche. + +Verdutzt blickten sie ihm nach. + +Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte +sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne +Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten +sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der +Mutter empfunden hatte, wieder ein. + +Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein. + +Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou +unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen +Räuberidealen nicht deckten. + +Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche +lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert +hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah. + +Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie +zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder +in die Kirche ein. + +Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und +als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte +Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war. + +Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers, +worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem +heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs +Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf +den Schloßberglinden gefangen. + +Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß. + +Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb +sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder. + +Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die +blaue Luft. + +»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie +wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach +einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das +Herzaß von Falkenauges Kartenspiel. + +»Und wenn du mir den Finger wegschießt?« + +»Ich wer doch no das Kärtle treffe.« + +Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus, +hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr +rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand +triffst.« + +Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und +durchlöcherte sie. + +Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.« + +Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie +mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.« + +Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und +durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie +fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir +auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge +lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht. + +-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der +Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor. + +». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller +Begeisterung. + +»Das kannst du ruhig riskier.« + +». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster +hinausgeflogen. + +»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern. + +Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und +das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte. + +»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A +schöns Armreifle.« + +»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht +schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.« + +Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den +Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die +Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte +auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter +der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das +Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher. +Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal +mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und +raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie +zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am +Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das +Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem +Hause. + +Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«. + +Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die +Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber. + +Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig +und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr +mit den Räubern. + +»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.« + +»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän. + +»Das Eichhörnchen.« + +Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit +jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und +mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von +den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen +Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei, +wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht +wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen. + +Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag +und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines +gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein +junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, +mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes +Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte +Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der +einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal +rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater +war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der +Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein, +blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor +vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, +als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht +vergessen. + +Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben +der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge, +Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er +im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing +jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er +als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren. + +Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen +Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab. +Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«. + +Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und +Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich +aufgelöst. + +Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande +zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen. + +Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die +Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die +Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken +läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen +Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen +Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur +Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen. + +Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die +Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden +Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in +himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube. + +Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren +solche Altäre hergerichtet. + +Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den +Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in +ihren Sonntagsanzügen. + +»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou +mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän. + +Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein +Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug +der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend. + +Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle, +Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in +Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten +im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der +Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den +Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten +Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und +getragen blasenden Blechmusikkapelle. + +Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der +silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im +Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz +schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf +die Erde gebreitet hatten. + +Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz +war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und +rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel +der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter +voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los, +»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte +wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten +Sakrament.« + +Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem +Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou +und noch zwei Jünglingen getragen. + +Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft. +Aber da war nichts zu machen. + +»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den +Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging. + +Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou +gedacht.« + +Verstummt sahen die Räuber ihm nach. + +Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und +Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den +sonnigen Himmel: »O Maria hilf!« + +Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen +Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener +und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen +angestellt; sein Geschäft blühte. + +Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs +Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine +Halsadern schwollen. + +>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn +ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr +Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein +stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren. + +Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser +einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne +und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues +Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten +es die Würzburger Stadtväter. + +Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche, +schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und +bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront +des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war. + +Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute, +beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand -- +die Fensterscheiben klirrten. + +Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen. + +Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans +Kasperl-Theater, aus dem Fenster. + +Da unten war alles still. + +Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß +ihrer ersten Jugend. + +In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein +und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein +Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue +Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster +waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und +machte Bankerott. + +Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr; +als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines +Tages war er verschwunden. + + * * * * * + +Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß +beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch. + +Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen +Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr. + +»Wo warst du?« + +»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt +weiter. + +»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so +oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so +stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän +und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der +Welt. Das is ja ganz kolossal.« + +Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen. + +»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand. + +»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen +Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich +dir's ja amal zeig.« + +Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und +saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden +Weidenbüschen umsäumt war. + +Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am +Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa« +schreiend über das Weidenland. + +Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen +Himmel traten die Sterne hervor. + +»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte +Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums +Handgelenk. + +»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho! +Oldshatterhand!« + +Der bleiche Kapitän grinste. + +»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst. + +»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.« + +»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch +lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach +Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind +Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu. +»Meerschiffe -- -- --« + +Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du +was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.« + +»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.« + +»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern +Büchern steht? He?« + +»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich +hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet +sind.« + +»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.« + +»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.« + +»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!« + +Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr +Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?« + +»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit +ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und +das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn +ich jetzt fortlaufen tät?« + +»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im +Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich +behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich. + +»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche +Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal +sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und +konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein +Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.« + +Es war jetzt tiefe Nacht geworden. + +Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam +fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen +hinunter. + +Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der +Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang +ein Mädchen. + + * * * * * + +»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins +Herz hinein erbebte. + +Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den +Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger +Bangen an die Arbeit gegangen. + +Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden +ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die +starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige +Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge, +sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, +wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick +hielt fest. + +Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg. +Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem +allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit +nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das +neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des +Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen. + +Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige +Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und +der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen +müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den +mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des +Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine +Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau +mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner +Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr. + +Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen +aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte +sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an. +Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, +der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für +den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich, +fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete. + +Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber, +lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die +Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen! +. . . Ich halt's nimmer aus.« + +Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins +Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das +Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog +sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die +Brille von der Nase fiel. + +Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden +Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu +drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße +die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes +Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano. + +Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen +des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem +Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder +seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe. + +Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom +schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein +Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe +er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die +Schloßfalle zu schmieden. + +Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den +unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu +verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich, +zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord +im Walde« und damit die ganze Bibliothek. + +Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur +Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie. + +Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang. + +Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und +Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf. + +Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf +immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben. + +Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden. + +In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer« +entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin +hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße +hin. + +Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch +einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen +ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach +links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem +Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen. + +Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging +weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte +unter dem Brustbein. + +-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und +blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß +ein Mensch darauf. + +War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden +gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die +Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt? + +Nie hatte er so einen Menschen gesehen. + +Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank +werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt +fühlte, wie von einem Gespenst. + +Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen +dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den +braunen Haaren schon graue. + +»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?« + +»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?« + +»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts +. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und +Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und +Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte +geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun +konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen. + +Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein +zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße. + +Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig +ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf +in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie +möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück. + +»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen +wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles +dumm und nicht wahr, was da drin steht.« + +Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist +. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem +Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein +ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein +blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.« + +Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich +und gerührt auf Oldshatterhand hinunter. + +Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte +Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte. +Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem +Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich +bin nicht so schwach, wie ich aussehe.« + +»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem +unbegreiflichen Lächeln. + +Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der +Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten +ein bewegtes Schattenmuster darauf. + +Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die +Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade, +endlose Straße hinaus. + +»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut, +denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden. + +»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen +muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere +ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach, +unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder +vorwärtsgehen -- -- --« + +Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden +zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel. + +Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen +und ihn geküßt. + +Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner, +und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens +verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden. + +Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern +ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich +zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der +spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter +hängen. + +»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?« + +»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.« + +»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du +mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.« + +»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann. + + * * * * * + +Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik +schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp +klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und +surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen +in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von +Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er +ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er +in der Oper gewesen. + +Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will +rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er +sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so +spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!« +Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!« + +Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe +jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem +Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal. + +Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer +richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer, +verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man +plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die +Vesperpause war gekommen. + +Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem +schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten +unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote +säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, +wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne +anzustoßen auf einmal unterzubringen. + +Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt +zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer, +in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse +ich meine Bemmchen alleine.« + +Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen +hinunter. + +Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern +durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die +noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu +Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins +Ohr. + +Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen +Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der +langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen +schluchzend. + +Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit +Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag. + +Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und +Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er +umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus +Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht +-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister +oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen +einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er +brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu +wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken +nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner +Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt, +aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, +was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß. + +Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen +geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine +Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand +in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi +stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage +lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der +Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und +der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr +verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler -- +hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden. + +Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der +ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht +gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er +selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie +klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge +gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus +den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im +Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg. + +Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den +unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine +Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer +grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_ +geworden war. + +Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht +unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war. +Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar, +die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als +fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun +der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war. + +Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand. + +Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften +Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder, +Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende +Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik +entlassen. + +»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging +fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen. + +Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter +Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit +wie ein Traum war die Straße. + +Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er +Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine +Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die +linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und +lang, durchschnitten seine Straße. + +Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war +eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, +und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es +roch nach Abort. + +In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand. + +Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete +ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein +orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie +doch näher, Herr Vierkant.« + +Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender +Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich +heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere +hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese +auch nicht.« + +Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des +Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr +heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet. + +Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne +Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte +Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war +ärgerlich. + +Das Mädchen arbeitete emsig weiter. »Wie viel?« + +»Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig«, sagte er mürrisch. + +Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. »Davon kannst du dreißig +zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir +Weihnachten heiraten.« + +Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier +Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief +ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im +andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des +Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er +sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging. +Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe +Gurke mit Salz. + +Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh +hatte er sich erst eingemietet. + +Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem +Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges +Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das +ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte. + +Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte +Wanzen. + +Er rief die Wirtin und kündigte. »Im Bett sind Wanzen.« + +»Ach nee.« + +»Unheimlich viel.« + +»Die beißen Ihnen doch nich.« + +»Sie haben mich gebissen.« + +»Aber die fressen Ihnen doch nich.« + +»Fressen?« + +»Tun se nich. Da ist der Kaffee.« + +»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber. + +»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.« + +Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt +hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.« + +»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich +drohend. + +»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der +ratlose Oldshatterhand. + +Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer +unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach +vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf +ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte. + +Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf +des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er +im Bett fand, in den Mund steckte. + +Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem +Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze +Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts +zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den +mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo +du wohnst.« + +Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins +Wohnzimmer. + + * * * * * + +Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht +besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von +Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in +knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen +angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden, +wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm +ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer +dahinglitten. + +Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten +plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und +Nischen hervor. + +Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab. + +Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe. + +Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde +Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein +Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.« + +Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht +war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der +kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel +klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das +Haarzöpfchen. + +Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit +glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame +als Erster quer durch den Saal. + +Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand +mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den +frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen +ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid, +was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben +schien, denn er stotterte nicht mehr. + +Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif. +»Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde +mich sehr freuen.« + +Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der +Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.« + +»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?« + +Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch +vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den +Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die +breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und +fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei. + +Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen +an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark +entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu +Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander +verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause +begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie +dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.« + +Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber +hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im +Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute +nicht. So ist es eben.« + +Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein +irrsinniges Lachen. + +»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich +vor Oldshatterhand. + +Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege +zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen +hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein. + +Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch +die kühlen Säle. + +Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen. +Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem +»Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an +den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes +Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht +abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich +vorsichtig um. + +Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade +noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen. + +Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den +er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben +glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah +stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und +lächelten, wenn er kam. + +Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft, +und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft +mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume +dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er +liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen +Hügel. + +Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und +malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden. + +Darüber verging ihm der Winter. + + * * * * * + +Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger +Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich +entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den +ganzen Tag über im Wasser herum. + +Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum +Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß +die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch +nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang, +daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen, +mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter +sich zu schieben. + +Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte +alle seine neu angeschafften Hanteln durch. + +Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen +Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen +geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der +Kammer einzustürzen drohte. + +Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«. + +Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr, +trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge +davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, +der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn +es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden. + +Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die +Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um +seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des +Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer +Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch +Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu +erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu. + +Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das +Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte. + +Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den +eingefallenen Wangen. + +»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man +nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf +der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt, +mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst +schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des +bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus. + +Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen. + +Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder, +nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins +»Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das +Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war +wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der +König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen +mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen +laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei +Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft +»Walfisch« geworden. + +Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der +Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen +hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er +war. + + * * * * * + +Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der +Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin +und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes +entstand in ihrem verhärmten Gesicht. + +Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der +Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch +den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker +junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß +gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes +Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er +zog eben braune Glacéhandschuhe über. + +Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant, +streckte ihr die Hand hin und lächelte. + +Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den +Kopf. + +Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr +als einen Kopf größer geworden. + +»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der +Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt. + +Winnetou fehlte. + +Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das +Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für +einen Athleten.« + +Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant +Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch. + +»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle +Schreiber. + +Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da +gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander +gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel +und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen +Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in +rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide +. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie +dich an, rufen sie dich . . . und so halt.« + +»Bist neigange mit so'n Mädle?« + +»Hi! hihiha!« + +»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann +man an dir merk.« + +»Ich mach ja gar nix mit Mädli.« + +»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas +denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem +Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber +noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es +verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.« + +»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb +Pfund.« + +»Kriegst vielleicht davo Kraft?« + +»He?« + +»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich +euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.« + +»So, jetzt.« + +Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über +seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den +Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die +zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im +Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche +Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote +Tüchlein war vorgebunden. + +Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte +von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste +gefallen. + +Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen +Körper. Der war hart wie Elfenbein. + +Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und +prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine +Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß. + +Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich +verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt +mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf +intelligenter Basis.« + +»Was ist das? Basis?« + +». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die +Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen +uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in +meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von +wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag: +hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt +schon, was ich mein'.« + +»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke. + +»Kriegst amend davo Kraft?« + +»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat +möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch +gar nie aus Würzburg draußen.« + +»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber +wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche +Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und +den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig +entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein. + +Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet. + +»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.« + +Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn +du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens +manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder +Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.« + +Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem +alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen +Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich. + +Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem +Athletentisch. + +Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller +Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber. + +Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger +Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die +Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und +seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg, +dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich +ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling. + +Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum +hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein +und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube. + +»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden. + +»Auf die wogende See.« + +»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . . + + »Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn, + Geschwind, wie der Sturm und Wind.« + + * * * * * + +An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner +Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert +Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte +Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in +vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der +frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist. + +Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren +Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im +Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, +welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um +Vergebung ihrer Sünden baten. + +Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe +gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese +abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei +Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten +sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend +das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt, +endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken. + +Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine +Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem +Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man +sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen, +bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe +Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde. + +Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen +vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die +Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick +gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter +eingesunken sei. + +Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich +vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste +Stufe rutschte. + +Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den +Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser +Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die +Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging. + +Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart, +aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an. + +>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten +sitzen<, dachte Oldshatterhand. + +Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche +herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker +und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein +Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden +Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte +eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern. + +Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, +Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse, +Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein +Schnäpschen war zu haben. + +Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene +Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die +verstaubte Menge. + +Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der +Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel +erklang. + +Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken +nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den +Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die +teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden +prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang +feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen. + +Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an +Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs, +die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke +Bein, das Ohr, das Herz gesund werde. + +»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte +einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad. +Vielleicht hilft's.« + +»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand. + +Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite: +neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen +Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend. + +Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn +Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber. + +Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden +Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine +halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister +Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte, +und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte +sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein +großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte. + +Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und +verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou +gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der +Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der +Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch +manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt +schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle +hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der +Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen. +Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib +hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei- +oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden, +der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte, +dann ließ er auch das gelten. + +Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune +umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange, +schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen +Beruf hatte er nicht. + +Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an +Weinbergen vorbei. + +Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am +Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen +Arm wenigstens schließen, meinte sie. + +Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager, +der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem +Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er +von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war. + +Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie +ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm +der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant +auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der +nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten +werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte. + +»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens +die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen, +dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.« + +Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund +geblieben. + +Versonnen schritt die Schwester weiter. + +Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in +ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah. + +»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und +nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, +und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange +mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen +. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann. +Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!« + +Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin +stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der +Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner +warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und +hinkte heulend weiter. + +Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer +Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?« + +»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung. + +Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer +noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch +die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger +Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur +aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei +Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch +mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle; +Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, +Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz +verschönten die Landschaft. + +Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von +Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.« + +»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die +verwirrt aufstand und vorausging. + +»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann +möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du +bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von +Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich +gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt! +Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .« + +»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!« + +Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein +silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke +mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe. + +Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem +Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne +beschienen, leuchteten rot. + +»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich. + +Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und +stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand. + +So gingen sie nach Hause. + + * * * * * + +»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade +noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is +er?« + +». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der +König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in +den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen +wir.« + +Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen +Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um +einen aufgebahrten Sarg herum. + +Die zwei drängten sich durch und wurden auch still. + +Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und +lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die +Tanzenden den Boden zu glätten. + +Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im +Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet +war. Es hatte große enthaarte Stellen. + +Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte +mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber +seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der +Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen, +beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde. + +Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube. +Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon +drinnen und tranken grünen Likör. + +Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne +Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel +herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft. + +Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der +Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am +Gründonnerstag mitzuwallen. + +Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen +in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen +war. + +»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!« +schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a +Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er +hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen +Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote +Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung +mitgeteilt.« + +»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das +Herze«, sagte der Sachse. + +»Jau, Herze!« + +Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der +Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif. + +Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum +herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl +aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke. + +Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum +herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im +Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff +ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück +in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe +zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah +im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken. + +»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte, +»aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr. + +Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der +großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den +Ministranten und dem hinkenden Flickschneider. + +Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es +über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus +vobiscum. Et cum spiritu tuo.« + +Die Weiber waren auf die Knie gesunken. + +Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der +Brust. + + * * * * * + +Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am +Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals +zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit +mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?< + +Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß +glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal +war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der +Erde. + +Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein +Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen +Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing. + +Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu +verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden +bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel. + +Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise, +sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn +die blaue Ferne genommen. + +Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob, +hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem +Flusse. + +»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und +malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das +fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort +Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«. + +»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö +. . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten +Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden +gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, +das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein +kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken +eines Frosches. + +Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und +wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten. + +Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen +sich das Licht der Laternen brach. + +Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein +dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester +des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin +und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang. + +Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an. + +Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel +versteckt. + +Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht, +wurde es still -- der Regen hatte geendet. + +Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den +Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch +die Regenlachen über die Straße. + +Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der +Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch +aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel +zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender +Hüftbewegung auf ihn zuschritt. + +Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich +Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.« + +»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es. + +Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts +Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig. + +»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In +eeewiger Liebe.« + +Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden. + +»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?« + +»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus. + +Er ging ganz langsam weg. + +»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach. + +Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl, +stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der +Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen +Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm +auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie +wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse +von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!« + +Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des +Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand +eintrat. + +Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee. +Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein +Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte. + +»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's +ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.« + +»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr +mitnander. Dumms Mädle.« + +»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das +sein?« + +»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der +nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein +Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was +Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich +rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.« + +»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich +Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am +linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer +und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«. + +Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich +so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen, +diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele +Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein. + +Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt. +Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein +vorgebunden. + +Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen +Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit. + +Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der +andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine +Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, +die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er +atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand, +kontrollierte die Zeit. + +Der Schreiber stöhnte. + +»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend. + +Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum. + +Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und +alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu +sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt. + +Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß +Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit +geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen +haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern +hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr. + +»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier! +Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen +mit der schönen Kellnerin. + +Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles +ins Büchlein. + +Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an +Umfang zugenommen hatte. + +Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und +Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem +Ohr, ohne Halskragen ins Bureau. + +»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie +sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die +Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie +herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche +kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen +müssen Sie anhaben im Bureau.« + +Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch, +wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen +auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg +anzutreten. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten +Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die +Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt. + +Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn +ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein +Monokel vor dem Auge. + +»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich. + +Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich +über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor. + +»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.« + +»Ich geb's Ihnen!« + +»Und wieviel soll das Bildchen kosten?« + +»Kosten?« -- -- -- + +Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher +beugte sich vor, um das Bild sehen zu können. + +»Vielleicht . . . eine Mark?« + +Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte +und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie +fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, +bitte.« + +Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel +beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn +sehen konnte. + +Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie +ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren. + +Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk +vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch +-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für +Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant +. . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat +einen Wert von sechzig Mark.« + +Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen +seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins +Ungemessene. + +Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf +und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um +gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um +Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen. + +Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war, +denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen +worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei +bereichert. + +Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln +gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem +Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!« + +»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm +zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und +ging weiter. + +Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben +Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch +Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen +Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei +kam. + +Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein +Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung. + +Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen +Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener +bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann +. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr +Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger +Juliusspital. + +Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu. + +». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.« + +Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine +Trinkgelder!« + +Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie +sie durch die dunkle Anlage davonsprang. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem +quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen +Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?« + +Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so +weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette +hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir +gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus +einem Meßzylinder Urin durch die Filter. + +Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter +Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei +und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr +geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die +Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes +Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind +die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?« + +»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das +macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.« + +Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht. +Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert +Frauen haben?« + +Der Türke lächelte. + +»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?« + +»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er +brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber +Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium +arbeiteten. + +Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede +Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend +Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?« + +Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch +fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch +mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns +. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.« + +Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher. +Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon +von weitem kommen hörte. + +Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich +interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig +Reagenzgläser. + +Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat +hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und +geschickten Diener entlassen. + +Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr +Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause +begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang +sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu +verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr +Leisegang schon sorgen. + +Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für +Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und +versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein +Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines +Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den +berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt. + +»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich +doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das +Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins +Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine +Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt +das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. +Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn +Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem +Laboratorium. + +Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche +später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war +siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden. + +Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen +Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit +Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein +irrsinniger, weißer Kreis. + +Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins +Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen. + +Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem +Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte. + +Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie +tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den +Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen +Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn +ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft +kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte +kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von +zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein +in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum +Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben. + +Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch +die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder, +den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke. +Frisches Blut. + +Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus +Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die +Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion. + +Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien, +Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote +Kälber schleppten. + +»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen +Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte +Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist +du jetzt Metzger?« + +»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und +hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel. + +Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um, +blöde auf die Kriechende Schlange zurück. + +»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!« + +». . . Blut soll ich holen.« + +»Kannst 'n Faß voll hab!« + +Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den +verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern +aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen. + +Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag +darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser +klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er +zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, +durch das Herz. + +Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein +Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus, +überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal, +durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische +aus dem blutgefärbten Wasser schnellen. + +Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die +Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme +heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite. + +Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen. +Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen +verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe +neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert. + +Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb +einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die +Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf +den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend +schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos +weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase. +Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, +breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen +wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag. + +»Fertig?« + +Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht +gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das +Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer +war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den +Schlachtstand. + +Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin +und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut +ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte. + +Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch +den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ +ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die +Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie +kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten. + +»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte +Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd. + +»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende +Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.« + +»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A +. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja +noch gelebt.« + +»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend, +warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ +Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor +Vergnügen. + +Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für +ihn bereit lag. + +Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im +Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem +Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte +es um und schob es weg. + +Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit +angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen, +brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die +Höhe gereckt. + +Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie +ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen +Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen. + +Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne. +Die Spatzen flatterten und schrien. + +Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus +vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger +Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große +Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.« + +Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den +unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich +die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah +aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden. + +Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück +ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.« + +»Ich muß aber Blut haben.« + +»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch +einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!« +wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; +da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, +während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den +Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete. + +»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch +selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt +drehen Sie einmal.« + +In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das +Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten. + +»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der +glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin. + +Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke +gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten +Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich +der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener +Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte, +wissende Mundlinie. + +Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen +zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert +lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf +den Gang. + +Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und +flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer. + +»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer, +Dicker. »Hat er heute schon gelacht?« + +Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem +Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir +alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.« + +Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt. + +»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke. + +Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat +erwartet Sie«, und hinkte energisch voran. + +Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus, +hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut +dem Türken. Der reichte ihm eine Mark. + +»Ich nehme kein Geld dafür!« + +Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand +die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, +weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die +kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf +den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte +zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen +stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch +gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide +Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube. + + * * * * * + +An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die +Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen. + +Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor +kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen +und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge +der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf +ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen +und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie +geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der +Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster +herauswarfen. + +»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte +Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend +standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen. + +»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar +Schritte zurück. + +Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte +und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.« + +Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen +im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht +sehr schnell durch die Gasse. + +Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die +Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er +heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen +zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten +Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam. + +Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei +gewesen war. + +In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den +drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa +Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein. + +Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den +Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch, +drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten +noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor +seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen +präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand +sich nicht rührte und nicht sprach. + +Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden +Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor +Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern. + +Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee +sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf, +erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als +er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock +hinauf. + +In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes +weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die +rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach. + +Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor +Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an +ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein +ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung. + +»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?« + +Er gab ihr das Geldstück. + +Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu +sich. + +Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter. + +Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm, +greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte +noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt +du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.« + + + + +Siebentes Kapitel + + +Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher +benachrichtigt zu haben. + +Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die +langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln. + +Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe, +sagte er apathisch: »Ich hatte keine Briefmarke.« Und rief plötzlich in +unbegreiflicher Begeisterung: »Was denkst du! Das ist anders, da draußen +in der Welt!« + +Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf +seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als +Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends +zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte +und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen +seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig +zerfallenen Gesicht deutlich ablesen. + +Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als +Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als +Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen. + +Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen +gerichtet zu dieser Zeit. + +Und die Familie Benommen war ehrgeizig. + +Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig +hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich +vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte +sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das +diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt +erscheinen lassen konnte. + +Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer +strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr +Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein +Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren +toten Mann und ihre grauen Haare besudelt. + +Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der +bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor +dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem +Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der +Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen +Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf +und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach +einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im +Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber +in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der +bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. »Ihr habt keinen +Charakter!« stieß er hervor. + +»Nun, und du?« lachte der total betrunkene Schreiber mutig. + +». . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab +Charakter!« Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und +lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. +Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, +sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener. + +Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und +war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder. + +So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat +Glück in Amerika. + +»Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug +ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!« schrie der rote Fischer. + +In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie +Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder. + +So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und +schweigender Verachtung umgeben. + +Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des +Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich +schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu +seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den +Räubern unter die Füße. + +Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit +niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer +seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der +Amerikaner durfte wenig ausgehen. + +Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte, +einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der +Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis +Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die +Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen +wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. +Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute +morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut +stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann +sofort, die Pläne zu zeichnen. + +Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des +Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen, +ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr +Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren +die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen. + +Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in +einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine +Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz +unerwartet, und verächtlich lächelnd: »Ha! Hinaus in die Welt!« mitten +in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich +aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den +Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe, +um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei. + +Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem +Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine +verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen. +Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer +auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur +seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu +schlagen. + +Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner +am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im +Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau +abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer +entlang. + +Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt, +diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das +Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde +spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten +Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen +die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so +komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen. +In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner. + +Der blieb in Kniebeuge hocken. »Sie müssen erst einmal hinaus in die +Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe. +Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.« + +»Hi! hihiha!« + +Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne +und rollte das große Papier auf. + +Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine +riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre +auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die +Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von +oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden +Eisenbahnzug zermalmt. + +»Dort!« schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke +mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, »die reiße ich weg! +. . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen +fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?« + +»Ja! Ja!« heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den +Augen. »Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte +vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere +und stürzte bewußtlos zusammen. + +Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die +Knie gestützt. »Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt +nicht hinaus in die Welt«, sagte er und lächelte immerzu. + +Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den +Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den +Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am +Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden +zur Wache. + +Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die +Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig +Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch +durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse +gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der +Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie +Benommen beim Teufel sei. »Mein Heiner soll's gut haben«, hatte die +Mutter geantwortet. + +Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die +Irrenanstalt. + +Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden +war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz +unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und +liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach +Schluß der Schulstunde. + +Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen +Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn +diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, +streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. »Nun, was +macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber +eine Hitz! Ich mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.« Er lachte +schallend. + +Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche +Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im +reinsten Hochdeutsch sprach: »Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, +Oskar.« + +»Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.« Er haschte +einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die +alte Linde. + +Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter +nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug +immer bis zur Hälfte zu leeren. »Weiß der Teufel, so eine Hitz!« rief er +und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter. + +»Trinkst du jetzt wieder?« fragte der Schreiber. + +»Gott, natürlich. Warum denn nit?« + +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das +Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb +begeistert offen stehen. + +Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den +Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein +Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne, +lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche +Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte +er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die +Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel +trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den +Tisch zurück und brüllte: »Sauft!« + +Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er +feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche +Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte +bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im +Kopf wie Benommen der Amerikaner. + +Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten +könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz +aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht +mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann +geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem +Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher +in seinem Leben. + +Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch +nichts mehr von ihr. + +In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die +kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu +umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und +Negerlippen, wie der bleiche Kapitän. + +Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe, +lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der +Anfang. + +Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse +der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren +hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen +Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit, +dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen, +aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein +zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr +Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet. +Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die +Witwe Benommen und war befriedigt. + +Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten, +die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der +ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe +verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm +passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag +zwanzig Mark kostet. + +Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher +geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder +freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und +Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen +Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen +gestülpten Benommenschen Lippen. + +Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal +die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und +aufmunternd sagte: »No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.« +So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig +und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte. + +Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den +Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein +Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages +der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden. + +Jahrelang wußte niemand, wo er war. + + * * * * * + +Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf +den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut +vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen +garniert war. + +»Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett«, sagte Herr Leisegang, nahm +sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis +seine Frau hereinkam. »Wo ist meine Desinfektionsvase!« + +Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte +eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das +Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die +desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen. + +Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die +Geldstücke. + +Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer +Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke +mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer +schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten +mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so +eine vielfarbige Decke gewünscht. + +Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf +sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem +Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß +auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube +war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus. +Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch +leer. + +Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er +so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer +siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte +Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt. + +Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe. + + * * * * * + +Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er +vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der +täglich zu den Mönchen aufs »Käppele« ging. + +Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in +der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte. +»Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter +Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler +gäbe.« Das wiederholte die Rote Wolke täglich. + +An einem Abend hatte er wieder in »Wilhelm Tell« im Stadttheater +statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr +stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne +beschienen. »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, rief er und wies +mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine +alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf +schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief: +»Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend' ich's, die +Gelegenheit ist günstig.« + +Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner +Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad +Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas +vorspielen dürfe. + +Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit +den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah +traurig hinunter in den Fluß. + +Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen +dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand +auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: »Brauch' i denn no'n +Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am +Stadtufer a.« + +». . . Warum denn am Stadtufer?« + +»Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens +wieder amal in mein Schelch.« + +Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts. +Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht. +Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv +aus. + +Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts. +Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der +Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen +Sandinsel, wo die Weiden stehen. + +Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen. + +»Ich rudere euch ein wenig herum«, sagte Oldshatterhand, der im +schaukelnden Schelch saß. + +Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses. +Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben. + +Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste +befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das +zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten. +Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam. + +Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an +den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten, +klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser +sinken. + +»Kunst ist heilig«, sagte die Rote Wolke gedämpft. + +Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. »Wir +werden Romeo und Julia zusammen spielen«, sagte sie und sah der Roten +Wolke sanft in die Augen. + +»Julia!« erwiderte die Rote Wolke verhaltend. + +»Und du bist Romeo.« + +»Da ist doch nix dabei«, flüsterte der Schreiber heftig. »Ich weiß nit, +warum du so eine Furcht davor hast.« + +Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr +erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an +Lenchen Leisegang. + +»Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu«, hörte +Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern. + +»Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!« + +Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die +hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann. + +»Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten«, sagte +Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen +Leisegang die Ruder los. »Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas +werden. Vielleicht berühmt.« + +Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem +Wasser und fiel zurück. + +Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: »Die Kunst. Die Kunst . . . +Tempel.« + +»Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich«, sagte das +Lehrerstöchterchen. + +»Rudre ans Ufer!« schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm +abgerückt steif auf dem Querbrettchen. + +Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch +fest. + +Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise +herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts +neben ihm her. + +»Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!« +schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale +des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, +die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der +Stadt waren. Die Würzburger »Strizzi«, von denen jeder sein im Griffe +festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten +beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie +ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen +vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die +alle schon gesessen hatten. + +»Laß sie doch«, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg, +der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief: +»Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!« Die weiteren Bemerkungen gingen +unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat +von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse. + +»Ich muß jetzt jemand abhol«, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und +sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm +gingen. + +Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand, +blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause. + +Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. »Weil +ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no +lang nit zornig zu sein.« + +»Du darfst mir nachmachen, soviel du willst«, sagte Oldshatterhand und +lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er +nachdenklich fort: »Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es +auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?« + +». . . Nein, das versteh ich nit.« + +». . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür. +Verstehst du?« + +»Ich weiß nit, was du da redst.« + +»Ja, es ist sicher so«, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging. + +Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor. + +»Laß mi amal schnupf!« rief einer der »Vierröhrenbrunnensteher«. + +»Wer ist denn das?« fragte ein anderer. + +»Metzger ist er . . . Da geh doch her.« + +Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die +Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum. + +Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen +Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht +er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei +Würzburg geküßt hatte. + + * * * * * + +Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen +Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf +vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang +wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare +gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von +Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein +Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih +und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den +Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen +sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu +unterscheiden -- plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das +Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen +alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das +einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses +Hochwaldes sein. + +In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues +Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem +Dache. + +Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt, +dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden, +die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg +am »Letzten Hieb« gehängt worden. + +In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler +Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand. + +»Dieses Haus gehört niemand«, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger +Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom +grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. »Und es wagt sich +auch keiner in die Nähe.« + +Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener, +bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg, +von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm +unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand +das Wenige, das er selbst besaß. + +Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die +technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen, +was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten +übergroßer Begeisterung. + +Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und +oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen +Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde +von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse +heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald. +Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen +Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und +geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts +ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene +Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß +es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell +die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen. + +Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um +Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und +wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb. + +Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte +einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts +anzuziehen. »Das ist die weichste«, sagte Grünwiesler und schleuderte +eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte. + +Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon +an. + +Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen. +»Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen«, sagte er +zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon +hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. »Und eine +einzige große Lilie, vorne herauf.« + +Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich +nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem +Eichenast. + +Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar +nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang +ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie +sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts. + +»Ihr schenkt ja auch niemand etwas«, sagte Oldshatterhand zu +Grünwiesler. »Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen +hat's.« + +Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in +den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die +langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann +schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald +verwachsen. + +»Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie +bleibt ja doch auf immer da«, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen. + +»Wenn sie's erlaubt«, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten +Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am +Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll +Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive. + +Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal +umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So +sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr +gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten. + +Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm +vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese. + +Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler, +verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und +reichte Grünwiesler einen Brief. »Von wem mag jetzt der sein«, fragte +der Briefträger. »Da ist ja gleich was drauf gemalt.« + +Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor +Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde. + +»No, von wem is jetzt der Brief?« + +»Von meinem Freund Immermann.« + +»Der is gewiß auch so ein Maler?« + +Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: »No, dann grüß +Ihne Gott«, und ging. + +Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß +Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für +Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob +Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser +Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne +man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe. +Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand +komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise +Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel +Einsicht verlangen. »Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,« schloß +der Brief, »im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit +diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir. +Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male +Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.« + +Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die +Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg +an. + +Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei. + +»Wie ist das?« fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein +angefangenes Bild auf die Staffelei. + +»Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.« + +»Dann erklär mir's doch, woran's liegt.« + +»Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die +Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.« + +»Du kannst nichts erklären!« schrie Oldshatterhand erregt. »Erklär doch! +Erklär doch!« + +Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild. + +Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. »Zeig +mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch +ist!« + +Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren. + +»Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!« + +»Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive«, +sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: »Es gibt auch noch +eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's +schon.« + +»Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein +Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!« + +Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut +über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner, +pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem +Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten +gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war, +drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem +aufbrausenden Schüler sagte er stockend: »Quäl mich nicht . . . Warum +quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.« Nur ein gefährliches +Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die +jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem +Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln. + +Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer. + +Oldshatterhand wurde sofort ruhig. »Ich packe es schon noch«, sagte er +und lächelte Grünwiesler an. »Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll +ich Tee eingießen?« + +»Oh, das wär lieb von dir«, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich +hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ». . . Du, ich hab einen Brief +bekommen von Immermann.« + +»Was schreibt denn der?« fragte Oldshatterhand mit gemachter +Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu +haben. + +». . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich +geh übrigens diese Woche noch zu ihm.« + +»Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.« + +»Nein«, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor, +wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein +entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. »Aber ich muß ihn wieder +einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.« + +»Pf!« machte Oldshatterhand verächtlich. ». . . Zeig mir einmal den +Brief.« + +»Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich +ihn geworfen.« + +»Du hast den Brief noch!« fuhr Oldshatterhand auf. ». . . Immermann hat +wieder schlecht über mich geschrieben.« + +»Nei . . . n«, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen +Oldshatterhands bedauerte. + +»Sei nur still! . . . Ich weiß schon.« + +». . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand +etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt +. . . So ist Immermann nicht.« + +»Du lügst! Ich seh dir's an.« + +»Wiesooooo?« erwiderte er traurig singend. + +»Du lügst einfach!« + +Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. »Wenn du's +wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben +. . . Schenk mir noch einen Tee ein!« rief er kameradschaftlich. »Den +hast du fein gemacht.« + +Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. »Ich kenn den +Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der +Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist +und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch +zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!« + +»Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander«, sagte Grünwiesler +fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. »Singen wir jetzt +ein Lied?« + +Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: »Zu dem Lied +malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden +sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.« Er sah +Oldshatterhand in die Augen. + +Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in +steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. »Was Immermann +malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst +hat's keinen Sinn.« + +»Mnja«, sagte Grünwiesler im Halbschlaf. + +»Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben«, rief er frohlockend. »Alle +werden zu mir kommen.« Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden +hörte, dachte er allein weiter. + + * * * * * + +Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch +den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung +nach Würzburg. + +Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen +zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte +sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen. + +Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm +Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne +berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein +schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen +Frühlingshoffnungen ruhten. + +Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber +die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben. + +»Komm, gehn wir«, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus +und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose +Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag. + +Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel +in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte +den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche +Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis +zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. »Wenn ich jetzt rasend +zornig sein könnte.« Grünwiesler sah erschrocken auf. »Ich könnte ja +hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen +kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen +nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.« Er sah Grünwiesler +an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand +blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt. + +»Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch +unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen +sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!« atmete +er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung. + +Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße +hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen +Bauernhäuschens in der Sonne glühte. + +Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah, +als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte +Oldshatterhand: »Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.« Und was +wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt +ist. »Es ist ja kein Ofen im Haus.« + +»Nein«, sagte Grünwiesler nachdenklich, »Türen hat das Haus nicht.« + + * * * * * + +Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige +Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers +Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen +unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab. +Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine +Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll +aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein +junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte +sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel, +stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, +durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von +einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe. + +»Herr Tierarzt Amrhein«, stellte der Gutsbesitzer vor. »Und das ist mein +lieber Freund Immermann.« + +Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen +kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den +Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit +verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf +den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und +tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. +Sie war schwanger. + +»Lassen Sie den Eber heraus!« rief der Gutsbesitzer ihr nach. »Bringen +Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.« + +Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann. +Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und +errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den +geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann. + +»Wie geht's mit deiner Gesundheit?« fragte Grünwiesler ängstlich. + +»Wie es einem Herzkranken gehen kann.« + +Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein. +Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit +seiner Herzkrankheit. + +Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand. + +Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte +die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand, +überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen +verzog. + +Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler +hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler +zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen -- +einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu. +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen +Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen +fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und +als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann +hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte +mit ironischem Lippenverziehen. + +»Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da +bist«, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu. +Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne +sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich +haßte, weil er stehen blieb. + +Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert +auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn +fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen. + +Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt +stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der +Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, +bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und +verließen interesselos den Düngerhaufen wieder. + +Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen +verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber +wurde in den Stall geschoben. + +Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter +legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah +dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen +Augen. + +»In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das +ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie +sind eingeladen«, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann. + +Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin +trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: »Nun? ist der +Tierarzt denn noch nicht da?« + +»Ach, das ist ja schon lange vorüber.« + +Immermann verzog die Lippen. + +Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand +gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich +ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin +gemein. + +Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus +gekommen war. + +»Eine Tippelschickse!« sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg +betroffen. + +Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz +gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt +vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte +sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht +von dem Mädchen sprach. + +»Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.« + +»Ausweispapiere! Man braucht keine!« sagte Oldshatterhand laut. + +»Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?« sagte +Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre. + +Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte +kein Wort hervor. + +Immermann verzog die Lippen. »Da habe ich es schon etwas ungefährlicher. +Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?« Er +lächelte Grünwiesler breit an. »Ich habe übrigens wieder ein +Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin +Romantiker.« + +»Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!« schrie Oldshatterhand plötzlich. ». . +. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.« +Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit +seinem Kanarienvogelblick nach. + +»Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht +verkehren«, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend. + +»Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir +haben schöne Stunden miteinander verlebt.« + +»Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.« + +»Nein, nein!« rief Grünwiesler ängstlich. ». . . Ich meinte ja nur so +. . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen +wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.« + +»Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei +sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.« + +». . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?« + +»Was denn?« + +»Schluß! Dann aber Schluß!« schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster +Wut. + +»Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt +mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch +du einsehen.« + +»Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von +mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.« + +»Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe, +dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz +einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die +Stimmung nicht länger verderben.« + +»Du hast recht.« + +»Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir +mein neues lyrisches Gedicht.« + +»Oh, das wäre wunderbar«, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand +auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen. + +»Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin +vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du +das Bild?« + +»Oh, das ist wunderbar.« + +Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am +Tannenstamm. »Pst . . . dort«, flüsterte Grünwiesler. + +Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter. +Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme +ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe. + +Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu +Immermann empor. + +»Siehst du die Kompositionen?« + +»Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie«, +sagte er traurig. + +»Tom der Reimer saß am Bach!« rief Immermann begeistert. + +Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten, +waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden. +Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am +Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen. + +»Ist das wahr«, fragte er den Weinbergshüter, »daß Sie den Buben, die +sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?« + +Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn. +»Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf +und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.« + +[Fußnote 1: Weinberg.] + +»Ach nein!« rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum +Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag +und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt +war. + +Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte. + +Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem +rotbäckigen Jüngling. Der sagte: »Bis übermorgen könnt ihr die zwei +Hauptrollen studiert haben von meinem Stück«, und reichte der Roten +Wolke sein Manuskript. + +»Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf +Akten«, las die Rote Wolke vor. + +Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen +des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die +Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte: + + »Entflieh mit mir, Klärchen! + Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.« + +Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien. + +Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das +Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt: +»Es lebe die Kunst und die Liebe.« + + + + +Achtes Kapitel + + +Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in +München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, +die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal; +nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem +Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere. + +Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ +die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen +Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie +aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung +bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen. + +Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in +die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und +her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen +Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf. + +Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und +strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil +auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander +nicht zu unterscheiden waren. + +Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört +oder traurig auf die Kreuze blickten. + +Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit +gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese +Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn +niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert +vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins +Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte. + +Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste +aufgenommen worden. + +Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte +zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die +Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem +schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, +zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich, +wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die +Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch +vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb +-- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem +Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein +Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen +Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen +weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb +die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen +Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu +Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden. + +Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf +ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz +Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann, +die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen +Limburger Käse. + +Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die +Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten, +der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, +pfeifend in der Ferne verklang. + +Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch +und hinaus. Und ging in die Schackgalerie. + +Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut, +aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von +Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute +sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen +durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die +schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick +senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah, +die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war. +Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart. +Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei +Frauen in eine zusammen. + +Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte +manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe. +»Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin. + +Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre +Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand +zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter. + +Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen, +zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen +sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr +kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche. + +Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an, +weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen +ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione +berechtigt seien oder gemein. + +»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er +nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien +Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen +fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. +Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein +kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein +charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_ +verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen +gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn +hinaus. + +Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten +hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen +überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das +einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich +darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der +Brust heraus. + +Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den +Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten +Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. + +Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte +ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?« + +Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden +Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte +Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib. + +Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und +sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den +zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf +Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand +Ekelgefühl und stand auf. + +In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt +den Überwurf vorne zusammen. + +Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin +und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein +wenig eng da ist.« + +Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob +ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und +angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur +Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf +pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche +. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.« + +Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an. + +Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger +Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte, +lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und +plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich +und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die +Wette krachende Äpfel essen. + +Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das +Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das +Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen +Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten +Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. + +In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem +Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel. +Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht +ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die +Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe. + +Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und +fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem +Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht +worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und +dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht +schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau +meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein +Haus beträte. + +Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett +wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb +stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.« + +Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um, +so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen +mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, +daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, +und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete +wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig. + +Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands +tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben +der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der +ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch +von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß, +wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem +Gelächter erfüllt war. + +Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant +regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen +und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß +wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei. +Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und +von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch +vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener +Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer +Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, +etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt. + +Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim +Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und +er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum +Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und +vielleicht etwas komfortablere zu mieten. + +Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen. +Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte, +rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst +am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte +im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie +wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt +hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.« + +Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja +doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den +komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig +hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke +waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten. + +Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und +starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine +Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der +mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette +reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein +Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das +hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas +aufs neue zum Kellner emporhielt. + +Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café +eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht +hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute +sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und +sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken +würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen. + +Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden +sofort vom Straßenschmutz gefressen. + +Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus +dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem +Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein +Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte +wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den +rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte +-- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, +noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht +reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er +plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte. + +Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß, +verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so +beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise +glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen +elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast +angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt +und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden +Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken +und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert +verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende, +fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden +dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um +sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur +Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos +und blickten düster vor sich hin. + +Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer +blonden Dame zum Abschied die Hand küßte. + +»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die +Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum +Kusse reichte. + +»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es +gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn +nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an +manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn +und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend +und ging. + +Oldshatterhand setzte sich und sah umher. + +Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll +Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es +gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen +violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die +Preiselbeermilch in den Magen. + +»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte +Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine +Jugendphotographie von sich betrachtet. + +»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man +unter die Räder.« + +Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt, +weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen, +brachte er nicht über sich. + +»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der +Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur +elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer +wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten +etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte +Schuhe.« + +»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker +Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen +Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein +Schloß aber in einer Woche fertig haben.« + +»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die +Dame.« + +»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau +mit Geld.« + +»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!« + +»Ja.« + +»Das ist ein Lebenskünstler.« + +»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein +hundsgemeiner Lump.« + +»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer +keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele, +verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.« + +Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er +den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde +hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe +hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt: +»Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem +furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr +rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß, +daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein +armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange +gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges, +gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach +handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, +einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht +zurückschlägt.« + +»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam. + +»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter; +seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.« + +». . . Nur einen hat's gegeben.« + +»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie +nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete +sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der +Kellner eckte von Tisch zu Tisch. + +»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam +die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend. + +Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur +manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit +dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter +seinen Augen sank faltenbildend übereinander. + +Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste +schob sich durchs Lokal. + +Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor; +fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu, +der eine Zeichnung hochhielt. + +Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder +vor sich hin. + +»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide +waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine +hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in +Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit +Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und +das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in +Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn +er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein +Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.« + +»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.« + +»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals +auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach. + +»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den +Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß +er geringschätzig. + +»Doch, ich kenne . . . mich.« + +». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands +zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich +einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am +Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten +habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier +an dem Tisch wenn er säße.« + +». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt +herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der +Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der +Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, +grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke +springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . . +So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder +Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, +bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder +. . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der +Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung +auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.« + +»>Gemein< habe ich nicht gesagt.« + +»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt, +die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so +einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich +dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an +seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz +unschuldig.« + +»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen. + +»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie +sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis +er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und +scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er +lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu +kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das +habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den +Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein +Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und +lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch. + +»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte +Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig +einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf +gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang +und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand +sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der +Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel. + +»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat +ein Loch in der Hose.« + +»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber +. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der +alten Brücke.« + +»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf +Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal. + +»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.« + + * * * * * + +Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und +unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen +können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand +er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich +anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar +und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete +unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter +Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht +lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst +dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu +bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner +Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder +aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen +Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, +trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er +das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen, +wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen +stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit +ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich +in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse +gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich +geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über +mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich. +Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war +ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem +schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen +Kerl ein Künstler werden könne. + +Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken. + +Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen, +sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme +darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich +den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen +Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem +Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!« + +»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.« + +»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu +kontrollieren, ob er größer sei als der Herr. + +Der Herr war kleiner. + +Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins +Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame +gar nicht. + +Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen. +»Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in +der Kammer. + +Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in +Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden. + +»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?« + +»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?« + +»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon +gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon +zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham +sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also +weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's +überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem +lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine +Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu +gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die +Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am +Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, +der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten +Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein +Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach +München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft +deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?« + +»Ja.« + +»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.« + +Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung. + +». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst +gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also +ich komm auch daher.« + +»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich? +Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder +einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht +an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft! +Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher +bekommts nie los.« + +Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler +klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken +müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber +kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München +gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu +studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die +er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, +nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz +verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen +der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht +ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von +Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe +ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur +sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante. +Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr. + +Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der +Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die +für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe +der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich +bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich +getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was +soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines +Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler. + +Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit +Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen. + +Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm +gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die +technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand +ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er +vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte. + +Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr +erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe +und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem +Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst, +erschieße ich mich vor deinen Augen.« + +Er trug den Brief sofort zur Post. + +Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer +zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine +düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin. + +Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte +vergessen, ihn zurückzusenden. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und +blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der +Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen. + +Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen +Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich +auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen +Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt. + +Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht +. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang +der Räuber. + +»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche +Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den +siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten. + +Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz +still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte. + +Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des +Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr +Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen +geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal +um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor. + +»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur +Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor. + +Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede +zog einen zerknüllten Schleier hervor. + +»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen +habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die +Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach +außen. + +»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem +grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am +Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.« + +»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich +will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle +Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt +schloß sie: »Ich bin doch Modistin.« + +Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große +Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.« + +»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut. +»Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das +wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle +Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat +einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und +Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr +langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. +Alle sahen ihr nach. + +»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die +Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen. + +Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands. + +An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt. +Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten +herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten. + +»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die +Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür +hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte +sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus. + +»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.« + +»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen. + +Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber +das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen +malen kannst.« + +Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau. + +»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?« + +»Ja.« + +»Das hab ich mir gedacht.« + +Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat +ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die +Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen. + +Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den +Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben. + +»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte +Oldshatterhand. + +»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer +verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . +ein Vierröhrenbrunnensteher.« + +»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast +nichts mehr. + +Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte +zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla! +. . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und +begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also +wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur +Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr +dazu?« + +Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen. +Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken. + +Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch +hatte ihren Schleier wieder vorgebunden. + +Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden +Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die +genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren +erschrocken auf. + +Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café, +saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile +betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt +lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß +die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König +der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte +geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung +weiterlas. + +Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am +Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch. + +Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan +auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte. + +Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem +bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich +wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und +weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.« + +Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde +vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich +an den Tisch dazu. + +Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in +einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam, +gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem +Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen +und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die +schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar +verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt. +Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank. + +»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief +erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!« + +Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an. +Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund +gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los. + +Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst +interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng +auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!« + +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. + +»Also und, wart bis der Leutnant fort is.« + +»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche +Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit: +Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das +Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein +Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.« + +Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte +sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im +Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime +Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch +kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand! +Ich!« + +Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen +öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz +schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine +Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes +Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.« +Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände. + +Der Leutnant verließ das Café. + +»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.« + +Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon +oft mit hinaufgeflogen?« + +»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte +das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also +seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man +kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft +die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft +rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da. + +»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und +Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also +und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?« +Alle blickten auf den Billardspieler. + +»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber +sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf. + +Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des +Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor +der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel. + +Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach +Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du +denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von +Unterfranken bin?« + +»Wie meinst du das? Siebzehnter?« + +»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und +Aschaffenburg.« Er entkleidete sich. + +Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine +waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und +schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum +tragen zu können. + +Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand -- +sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem +neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von +Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem +nackten Jüngling und sich. + +Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche +Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und +Aschaffenburg geworden. + +Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt +zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und +rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu +Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen. + +Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine +Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit +den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine +Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte. + +»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.« + +»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer +ist da.« + +»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem +Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine +Zeit.« + +»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra +von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze +Leben.« Er hob die Arme. + +Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke +eintreten. + +»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald +Kletterer aus Würzburg.« + +»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die +Augenbrauen und sah auf die Uhr. + +»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter +Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .« + +»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?« + +»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr +Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als +ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann. + +»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor +fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von +Bamberg.« + +Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann +von neuem. + +Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte +die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu +klein.« + +Der Mund stand offen, rund und schwarz. + +»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?« + +»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal +erben soll.« + +»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist +ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr +Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist +ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner +eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.« + +Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann +zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete +stärker, mit Frühjahrshagel vermischt. + +Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der +Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf +der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der +salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen +kam. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von +Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein. + +Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom +schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom. + +»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den +Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken. + +»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger +>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.« + +»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu +einer Italienreise eingeladen. + +Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon +braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in +den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne. + +Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein. + +»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet +hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den +Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser +und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt +ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen +zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . +Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf. + +»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte +Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen. +»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.« + +In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den +beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen +Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still. + +»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum +Fenster. + +»Nein, das ist nur ein See.« + +»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht +gesehen. + +Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom +Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor. + +Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im +Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand +unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es +heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein. +Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den +dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts +stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im +weißen Himmel. + +Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings +wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die +fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und +zerfallend. + +Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und +sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in +Schweiß und sammelte dann. + +»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter +Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah +genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und +sammelte. Sprach aber selten ein Wort.« + +Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener, +Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten +Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die +Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen. + +Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von +den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre +Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. +Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten +einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon +verschwunden war. + +Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei. + +»Was ist das?« + +»Das Meer.« + +»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen +Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden +Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die +schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte +Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter. + +Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die +Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer. + +Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum +schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua. + +Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm +schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri +. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.« + +»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte, +weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem +Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .« + +Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß +gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße, +bis zu einem der alten Paläste. + +Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende +große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier +dem Fremden ein Telegramm. + +»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem +Freund.« + +Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war +Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen +Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im +Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den +Schlüsselbund klingen und verklingen. + +Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die +Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen. + +Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen +Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne. + +Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen +Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen +Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus, +in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette. + +Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den +Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie +Wasserinsekten. + +Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer +warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine +Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge +Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich +hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern +gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen +Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der +Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit +dem Schiffskoloß verband. + +Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die +Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt, +blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die +Zurückbleibenden. + +Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß, +der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als +das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, +geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum +sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch, +während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich +entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden +konnten. + +Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine +Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers +losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen +hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch +zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein +Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der +alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika. + +Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit +hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er +nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die +Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte +Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor +Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins +schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper +vom Wasser weg und schwankte zurück. + +Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und +gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die +drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging. + +Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat +vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt: +Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen +lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in +Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich +verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft +willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen, +damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne, +was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein +altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit +Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er +nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden. +Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den +ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz +war unterstrichen. + +»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«, +sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens +immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die +aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch +einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und +sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch +kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.« + +Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder +-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens +wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne +jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind. + +Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang +hatte bleiben wollen. + +Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines +Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens +hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben +auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt +über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin +vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung +und legte beide Hände in die Hüften. + +»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein +graues Schloß, »una castello Genova.« + +Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft +ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß +des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien. + +Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener +erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu +können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht. + +Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag +Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser +hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen +Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem +alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des +Hafens von Genua. + +Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in +die Alte Pinakothek. + +Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van +Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah +auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal +Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund +Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg +Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd, +Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb +von dir.« + +Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen +Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn +ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie. + +»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die +Leiter. + +Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte. +»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.« + +»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im +Murillosaal.« + +»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.« + +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit +seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein +guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.« + +Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna +von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da. + +Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen, +eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten +ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten. + +»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf +der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen +Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?« + +Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die +Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte. +So gingen sie weiter. + +Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen, +machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer +herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und +Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.« + +»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?« + +»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen +will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.« +Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein +und drückte Oldshatterhand die Schulter. + +»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.« + +»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie +nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände +in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen +. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen +kaufen zu können.« + +Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. »Du bist eingeladen.« + +Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen, +und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal. + +Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand +hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und +bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. +Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen. + +»Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.« + +»Du und ich, wir halten zusammen«, erwiderte Grünwiesler und hieb +Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. + +»Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken. +Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige. +Kopieren kann jeder.« + +Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.« + +Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt +ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner +Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an. + +Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu +sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum +hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts +wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?« + +Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der +Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben +erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah +Bratmund an. + +»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich +dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich +wohnte in einem Palast.« + +»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was +_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast +mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von +mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel +glaubte, du wärst mein Freund.« + +»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte +doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß +ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild +verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.« + +»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken +in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, +dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark +eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu +Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen +bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich +vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin +endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt +verschwinde.« + +»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig +Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück. +Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das +Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir +raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen. +Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn +jetzt sein.« + +»Das wirst du schon sehen.« + +»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße +Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller +blickte. + +»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet +werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine +Photographie hat der Staatsanwalt.« + +»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet +werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein +ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam. + +»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast +geglaubt, ich sei ein Tölpel!« + +Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das +Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze. + +Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch +Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft +war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit +offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem +vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse +nichts. + +Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt +nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den +Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht +so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er +und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war +sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb +reglos hocken. + +Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine +Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht +mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich +nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter. +Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt +sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm +seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, +beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das +Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer +abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog. + +Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte +rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder +werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum. + +Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich +hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in +der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter +seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat. +Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den +Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit +zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die +Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann +jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er +den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie +Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater, +durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. +Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.« + +Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und +pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«. + +»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb. +Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte, +mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch +unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett. + +Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an +seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit +Grünwiesler. + +Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz +las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von +München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter +Aufforderung zu räuberischer Erpressung. + +Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht. +Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie +aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete +den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die +Höhe blickte und ins Haus trippelte. + +Ein Schutzmann schritt langsam vorüber. + +»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und +hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!« + +Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si +si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand +weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich +vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen. + +Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann +in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze +hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand +hinüberblickte. + +»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und +sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.« + +Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen +Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße +schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu. + +Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht +zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen. + +Der Mann stieg in die Elektrische. + +Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger +Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust +hochgenommenen Armen. + +Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine +Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86. + + * * * * * + +Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild. + +»Ich heiße Michael Vierkant.« + +Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen +Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die +Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief +geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.« + +Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die +Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich +herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln. + +»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete +Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas +ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte. + +»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte +eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr +Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes +Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister, +einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz +genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem +Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm +Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der +Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr +Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen +konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die +Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte. + +Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes +linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen +können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf +das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen +. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So, +dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du +mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler +Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich +unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr +gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt +es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt +Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein +schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber +Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein +ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das +denke ich.« + +Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich +glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend +Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über +einen Abgrund zu laufen. + +Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe +hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie +geschickt?« + +Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also +wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem +Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das +Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der +Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam. + +»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner +Tante die sechstausend Mark wegnehmen?« + +Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und +wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie! +Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: +Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in +schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat, +was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er +mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit +Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle +ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das +ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . . +Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer +zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar +unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte. +»Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt +weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich +verbrannt.« + +»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr +unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du +mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.« + +»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein +irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen +Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen +Augen.« + +»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie +wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden +bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte +Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt +auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die +Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so +furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«, +sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick +suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus. + +Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde +aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß +sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase. +»Letzter Hieb«, sagte er. + +»Wie?« fragte der Diener. + +»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.« + +»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging +wieder ins Zimmer. + +»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger +Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.« + +Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte. + +Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu. + +»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen +. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen +kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand; +er stand noch immer an der selben Stelle. + +Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür +leise. + +»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem +Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich +_mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar +Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins +Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_! +Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und +schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür. + +Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener +ein und führte ihn zum Arzt zurück. + +Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie +Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden +Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein +bißchen.« + +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke +in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er +gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er +mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.« + +Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam +an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie, +ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran +zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und +davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag +ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo +ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich +halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.« + +»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?« + +»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie +gehört doch eigentlich mir.« + +»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.« + +»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde +trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung. + +»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor +deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah +dabei Oldshatterhand an. + +»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da +breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß +ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der +Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte +von der Welt!« + +Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell +sinken und ging flammend aus dem Zimmer. + +Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen, +das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war. + +In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das +Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern +saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, +violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten. +Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse +hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die +langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb +abwehrend, halb zugreifend. + +Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde. + +Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen +wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen. + +Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie. + +Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens +mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und +die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, +legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah +keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen. + +Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte, +erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter +Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die +Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf +die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände +zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem +Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis. + +Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg, +aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine +Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit +zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten. + +Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er +nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort +betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn +der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich +zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch +an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt +worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er. + +Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten +sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der +auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden +Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu +unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen +dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit +Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand +zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen +Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas +zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd +und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen +Acker auf den Brand zustolperte. + +In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den +Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen, +floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich +stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt +von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und +fürchtete die alten Augen seiner Mutter. + +Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht. + +Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern +verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd +stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum +Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn +mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den +Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur +verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen +hinaufzusteigen. + +Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg. + +Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den +Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und +den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine +Stiefel und begann auf und ab zu gehen. + +Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte +ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte +näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. +Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem +Eisklumpen. + +»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit +gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben +springen können«, antwortete der bleiche Kapitän. + +Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine +Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte +den Wachtposten dunkel sprechen. + +Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales +Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand, +auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den +Rasen. + +Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife +zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig +nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche +Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern +hatten sich zu den Mädchen gesetzt. + +»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich +beim erstenmal.« + +»Hohaho! Eine Maß.« + +»Auf Ehr?« + +»Allemal!« + +»Also, ihr seid Zeugen.« + +Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an +den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den +Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen +sein Herz trafen. + +Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den +Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig +zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte. + +Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und +Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu +werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst, +gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das +kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein +Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die +Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein? +Deine Maß ist futsch.« + +»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . . +Liesl, gehst du mit?« + +»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken +nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob +seine Hand unter ihre Hände. + +Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens +gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine +Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife. + +»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte +sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn +dann doch an Falkenauges Wange lehnte. + +Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann +und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen, +und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein +Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«, +flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so +stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie +die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O +Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht +. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . . +oder ins Wasser.« + +Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut +zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf +Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. +Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.« + +»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab +mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.« + +»Mit Futteral?« + +»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in +mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig +Pfennig, das ganze Futteral.« + +»Und der Vogelstutzen?« + +»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.« + +»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.« + +»Er hat doch Silberbeschlag.« + +»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen +gedehnt. + +»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich +schieße nur auf Ratten.« + +»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber, +legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins +Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als +er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond. + +Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der +kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen +zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er +unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten +wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum. + +»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut. + +Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den +ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf +Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm. + +»Ich glaub, ich hab geschlafen.« + +»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand +den bleichen Kapitän sprechen und horchte. + +»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was +gehört von ihm.« + +»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich +sag, der ist irgendwo Kirchendiener.« + +Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder +stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen +der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in +seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«. + +Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die +Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor +er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in +Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die +beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient. + +Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von +seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem, +endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die +Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den +Augenlidern, um Tränen zu bekommen. + +Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes, +ewiges Licht. + +Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte +Gefühl, Winnetou könne ihn retten. + +Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus +hängt. + +Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle +ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann +klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt. + +Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So +spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle +Stück Brot, das Winnetou reichte. + +»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und +nahm das Brot. + +»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so +spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der +Mauer.« + +Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er +sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich, +zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele« +hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte +er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden +angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal +hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als +barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von +Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous +unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen. +Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!« + +Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden. + +Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner +Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein +paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist +du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen +großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her +strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte. + +»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme +und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat. +Hilf mir. + +»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?« + +»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.« + +Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und +tappte nach. + +Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum +roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind +wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum +erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.« + +»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?« + +»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?« + +»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . . +und dann Italien.« + +»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle +lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen +bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei +. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen +wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte +heiter. + +»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine +Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So +stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren +Maßstab.« + +»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!« + +»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte +heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter +Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist +das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt. + +»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou +ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt +dir etwas und hilft dir.« + +»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand +lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. +Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte +ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett +sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine +Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts? +. . . Irgend etwas Grauenhaftes.« + +»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.« + +»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich +bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.« + +Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou. + +Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die +Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den +schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand +auf. + +»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe +Zeit. Komme wieder, bitte.« + +»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg +Christi hinunter. + +Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück. + +Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner +Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten +Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das +Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten +ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten +Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich +in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war +und frei und kühl atmen konnte. + +So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft +zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten, +durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine +zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im +Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden +Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der +Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und +an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend +zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen +Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem +Bett saß. + +Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du +denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt +hast?« + +»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der +Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die +kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. +Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich +zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.« + +Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du +weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür +verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung +der Lügner kannst du nicht leben.« + +»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in +denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern +mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins +Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo +soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir +wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika +spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, +lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie +fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde +traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich +es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein +schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele +Kirchtürme, die alle die Achtung sind.« + +»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen, +sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du +geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land +und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da +unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin +allein.« + +»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und +redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.« + +»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn +ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir: +solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, +stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und +verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle +verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende +geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr +lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals +verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug +sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel. +Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, +der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.« + +»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge, +und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet +mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz +. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner +werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.« + +»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre +Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung +auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.« + +»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine +Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten +nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine +Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«, +flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen +--, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und +hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. +Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt. +Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff +umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im +Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot, +noch ein Fenster öffnete. + +Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer. +Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte +Gesichter. + +Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die +Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ, +sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, +erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um +ein Hindernis herum auf sie zuschoß. + +Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster, +schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen +droht. + +Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf +Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei. + +In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand, +daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt +worden sei. + + * * * * * + +Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte +Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt. +Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie +mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht. + +Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden +Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die +Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus +an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die +Frühlingssonne abzuhalten. + +Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit +Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen +Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm. + +Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein. +Der Anatom zog das weiße Tuch weg. + +Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen +Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und +Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen +Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche +reichten. + +Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte +mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und +Gesichtsmuskeln durch.« + +Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte +mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer +Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen +Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein +paar schnelle Striche. + +Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen +aufmerksam zu. + +Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die +Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet +gestorben, dachte der Fremde. + +Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die +Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell, +einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt +neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des +Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die +Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn +lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte +an der Leiche die Lage der Muskeln. + +Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der +Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten. + +»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille +hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß +er den Satz gesprochen hatte. + +Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und +eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt +von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte +der Anatom und zog das Tuch weg. + +Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er. +»Geben Sie mir meine Leiche.« + +Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren. + +»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der +Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist +erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als +bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.« + +Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim +Erblicken Oldshatterhands. + +»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte +Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man +jetzt nichts mehr machen.« + +»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen +hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur +gerecht . . . Gerecht!« + +In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler +Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie +bestimmt worden sei. + +An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild. +Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer. + + + + +Zehntes Kapitel + + +»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die +Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme, +als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden +war. + +Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum +letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine +schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die +vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick +voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen +gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten +Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den +ganzen Tag glückselig herum. + +Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen +Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung +in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr +hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der +»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus +Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische +Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden +waren. + +Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die +frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage +lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann +gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann +allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach +Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn +fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den +Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen +über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das +für Hammel und Rindviecher seien. + +Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein +geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt. +Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen +Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint, +es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr +richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die +Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder +gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er +zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen +Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt. + +Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu +Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der +Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng +auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten. + +Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung +angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des +»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen. + +Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub +»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen« +geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands +war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des +Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn +er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken +Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem +Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde. + +Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem +Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe +geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige +Geschäftsfrau war und sehr resolut. + +Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die +Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, +weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte, +sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit +überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die +Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und +anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie +war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten +Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die +schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein +Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so +wie der Bürgermeister von Bamberg.« + +An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft +ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann +schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet: +den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der +Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig +Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand. + + * * * * * + +Auch jetzt war der Fremde in Würzburg. + +Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um +nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb +stehen und blickte ihm mit großen Augen nach. + +Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher, +und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am +Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die +Ziehharmonika. + +Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen +vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde, +rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster +hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter. + +Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der +»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat. + +Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue +Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten. +Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst +hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren +noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer. + +Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock +aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend, +schritt er aufrecht weiter. + +Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie +befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt. + +»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und +legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete +heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, +horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen +-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte +nur noch nicht recht, wer die Gauner waren. + +Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von +Askalon«. + +»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«, +sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren +versammelt. + +»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das +verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte. +»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.« + +Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen +Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben, +übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen +belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch. + +Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin +erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten +Kinde in der Hoffnung. + +»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der +blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie +lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch +g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und +fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht. + +Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang +auf den Stuhl neben dem Fremden. + +»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog +die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er +und lächelte sicher. + +Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den +Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte +liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn, +was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene +Geld in sein Tellerchen. + +»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die +Kellnerin füllte das Glas. + +»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den +Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.« + +Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm. + +»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze. + +»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die +Karten. + +»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem +Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand. + +»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.« + +»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.« + +»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.« +Er stülpte die Lippen nach außen. + +»Sei still. Da, hast dein Sohn.« + +»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.« + +Die Witwe Benommen strahlte. + +»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.« + +»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft. + +Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder, +großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte +stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er +mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine +gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte +der Matrose. »Seid ihr alle da!« + +»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!« + +»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen. + +»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb +auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf +. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!« + +»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der +Luft. Er war im Verlust. + +»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle +durcheinander. + +»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum +Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.« + +Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf +der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite. +Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und +schüttelte lächelnd den Kopf. + +»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber. + +»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und +schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber, +alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!« + +»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und +betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen +offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen +zurückgezogen. + +»Warst du weit?« fragte einer. + +»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus. + +»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat +gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.« + +»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und +konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma +. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi +. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www +. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me +. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin +tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? +. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit +dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein +Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete. + +»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte +die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.« + +Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach +rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän +stimmte die Gitarre. + + »Auf, Matrosen, ohe! + Auf die wogende See. + Schwarze Gedanken, + Sie wanken und fliehn + Geschwind, wie der Sturm und Wind«, + +sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa +. . . Wa . . . Wein her!« + +»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube +g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab +no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in +mein Keller.« + +»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen +alle Räuber. + +»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer. +Wo käm ich denn da hin.« + +»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose +dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden +Räuber. + +»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«, +sagte plötzlich der Fremde und lächelte. + +Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig +den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen +auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand. + +»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der +Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!« + +»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän. + +»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee +. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser +Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien +. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du +. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . . +fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir +aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich +wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir +die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.« + + * * * * * + +Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens +und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag. + +»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die +Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo +der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein +Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie +über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte. + +»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft +und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen +Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer +aufgestellt hatte. + +Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im +Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt. + +»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«, +sagte der bleiche Kapitän. + +»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer +griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum. + +Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o +is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und +blickte gespannt und pfiffig die Räuber an. + +»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.« +Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite. + +»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum +>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf +eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar +. . . gott.« + +Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge +schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande +stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf. + +»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs +. . . Zs . . . Zimmer<?« + +Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die +Jahre zurück. + +»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber. + +Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm. +»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen, +rund und schwarz wie ein Mauseloch. + + * * * * * + +Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg. + +Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch +geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am +Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten +sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das +Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen +vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein +Kind.« + +»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde. + +»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles, +klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE *** + +***** This file should be named 30281-8.txt or 30281-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/0/2/8/30281/ + +Produced by Jens Sadowski +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/30281-8.zip b/old/30281-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2b1d1c7 --- /dev/null +++ b/old/30281-8.zip diff --git a/old/30281-h.zip b/old/30281-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c98d4b3 --- /dev/null +++ b/old/30281-h.zip diff --git a/old/30281-h/30281-h.htm b/old/30281-h/30281-h.htm new file mode 100644 index 0000000..ece0828 --- /dev/null +++ b/old/30281-h/30281-h.htm @@ -0,0 +1,17275 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> + <!-- TITLE="Die Räuberbande" --> + <!-- AUTHOR="Leonhard Frank" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Insel-Verlag, Leipzig" --> + <!-- DATE="1922" --> + <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + + +Title: Die Räuberbande + +Author: Leonhard Frank + + +Release Date: October 19, 2009 [EBook #30281] +[Last updated: September 12, 2014] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<div class="titlematter"> + +<p class="run"> +<span class="line1">16. bis 20. Tausend</span> +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<h1 class="tit" id="part-1"> +<span class="line1">Leonhard Frank</span><br /> +<span class="line2">Die Räuberbande</span><br /> +<span class="line3">Roman</span> +</h1> + +<p class="pub"> +<span class="line1">1922</span><br /> +<span class="line2">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span> +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<p class="cop"> +Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig +</p> + +</div> + +<div class="titlematter"> + +<p class="ded"> +Lisa Ertel gewidmet +</p> + +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-1"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +Erstes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">P</span>lötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem +holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre +Lippen bewegten sich — man hörte keinen Laut; Luft und +Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von +Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. +Und aus allen heraus tönte gewaltig +und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete +sich bis zuletzt und verklang. +</p> + +<p> +Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer +Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte +Brücke marschierten, wurden wieder hörbar. +</p> + +<p> +Über der Stadt lag Abendsonnenschein. +</p> + +<p> +Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung +auf dem Gipfel, und im steil abfallenden königlichen +Weinberg blitzten die Kopftücher der Winzerinnen — die +Weinernte hatte begonnen. +</p> + +<p> +Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch. +</p> + +<p> +Ein paar Knaben, die lachend und schreiend „Nachlauferles“ +spielten, um die zwölf mächtigen Brückenheiligen +aus Sandstein herum, vom heiligen Kilian zu +Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still +und versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr +Mager, der Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen +Knaben, schritt über die Brücke. +</p> + +<p> +Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und +stieß mit Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster. Erzürnt sah +er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen spannten sich. Er +hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten +davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der +Schulstunde des Montags. +</p> + +<p> +Der Lehrer war gefürchtet. +</p> + +<p> +Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. +Keiner traf so sicher wie er mit dem Rohrstock die +Fingerspitzen, immer genau dieselbe Stelle, daß die Fingerspitzen +schwollen und blau anliefen. Unverhofft mit +dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. +Und zöbelte er einen Jungen, so faßte er die feinsten +Härchen an der Schläfe. Benötigte er einen neuen Rohrstock, +dann mußte der Junge, welcher Prügel zu bekommen +hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann +holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, +beroch die Stöcke, hieb sie durch die Luft und +horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten und zähesten, +präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, +und der gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen +Blutblasen in die Fingerspitzen zwickte. +</p> + +<p> +Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine +Wolke, sein Leben lang. Und es kam vor, daß vierzigjährige +Männer, frühere Schüler von ihm, erschrocken +zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen. +</p> + +<p> +Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule +entlassen mußte, gab er ihnen die Angst mit auf +den Lebensweg: „Wir sind noch nicht fertig miteinander“, +sprach er und lächelte. „In der Fortbildungsschule habe +ich euch wieder, und wer von euch zu den ‚Neunern‘ einrückt, +den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +auch da unterrichte ich.“ Und dann erst war die Klasse +entlassen. +</p> + +<p> +Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die +beleuchtete Uhr vom „Spitäle“, einer kleinen Kirche im +Mainviertel, deren Vorderfront gegen den Brückenberg steht. +</p> + +<p> +Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem +Streit war von den Würzburger Stadtvätern der Jahresetat +von zwanzig Mark für die Nachtbeleuchtung der +Uhr bewilligt worden. +</p> + +<p> +Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar +schon am Tage, denn die Sonne war noch nicht unter. +</p> + +<p> +Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. +Er war für den Fortschritt. +</p> + +<p> +Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und +rotem Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann +und zwei buschigen Eichhornschwänzchen glich, stand +vor dem „Spitäle“ und ein alter Polizeiwachtmeister mit +kurzen Säbelbeinen. +</p> + +<p> +„A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!“ rief +der Fischer und schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung +ab. „Was nützt uns denn a ubeleuchte Uhr! +Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so +a Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.“ Er steckte die +Hände in seine gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich +weg und sah, die Unterlippe grimmig vorgeschoben, den +Brückenberg hinauf. +</p> + +<p> +Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger +Pfarrer, dessen ausgeprägte Rückenverlängerung sich +stark hin und her bewegte, denn er hatte Plattfüße. Ein +kleines Mädchen sprang zu ihm hin: „Gelobt sei Jesus +Christus“, knickste und gab ihm die Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +„In Ewigkeit. Amen.“ Der Pfarrer schlug das Kreuz +und hielt Herrn Mager seine Horndose hin. Herr Mager +nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, und ließ den +Tabak in seine Tasche fallen. +</p> + +<p> +„Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an +dreipfündige Hecht aus mein neue Sandschiff g’stohle, +mitsamt’n Blechkaste“, rief der rote Fischer. „Wenn i +so ’n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! die +Gurgl um.“ Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter +die Nase. Die Adern an seinem Halse schwollen. +</p> + +<p> +Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der +Kirche. Herr Mager beugte das Knie und hob erbleichend +die Arme, taumelte gegen die Kirchenmauer: ein +durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg +vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf. +</p> + +<p> +Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, +den Säbel hocherhoben, dem Pferde in großem Abstand +über die Brücke nach. +</p> + +<p> +Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte +ihn und sprang freudig bellend am Pferde empor, +das hinter einem hochbeladenen Heuwagen stehen geblieben +war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten +einem Besitzer. +</p> + +<p> +Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. +Der Heuwagenkutscher trat auch hinzu, tätschelte dem +durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob den Schwanz +— die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen. +</p> + +<p> +Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, +die das heufressende Pferd umstanden und ihre Pfeifen +stopften. Man unterhielt sich weiter. +</p> + +<p> +Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +Gesicht zum Himmel gerichtet, ließ eine Leberwurst in den +Mund gleiten und zog die leere Haut langsam wieder +heraus in die Höhe. +</p> + +<p> +Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt +mit winzigen Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und +blickte streng aufwärts zur Festung, deren viele Fenster +glühten, vom letzten Sonnenschein getroffen, als müßten +unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen +Himmel schlagen. +</p> + +<p> +Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt +Wurstfülle in den Mund bekommen, standen die Kinnbacken +des Knaben still. Voller Grauen starrte er auf +seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian +und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte +er auf den Mageninhalt. +</p> + +<p> +Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst +wie eine gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, +ging er langsam weiter, den Knaben entgegen, die vor +Herrn Mager geflüchtet waren. +</p> + +<p> +„Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst“, +sagte einer der Knaben, und sein Mund blieb +offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch. +</p> + +<p> +„Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?“ +</p> + +<p> +„Dort, beim heiligen Kilian.“ +</p> + +<p> +„Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten +mit ihm.“ +</p> + +<p> +„Wenn er doch eine Wurst hat.“ +</p> + +<p> +„Wer gibt mir was für die Wurst?“ fragte der Duckmäuser +zaghaft. +</p> + +<p> +Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst +über dem Zeigefinger. Winnetou bot nach langem +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +Besinnen einen Pfennig, zog aber die Hand, mißtrauisch +geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst wirklich +so billig bekommen sollte. „Gelt, es ist etwas nit richtig +mit der Wurst?“ +</p> + +<p> +„Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere +hab ich schon gegessen.“ +</p> + +<p> +„Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich’s +nit.“ +</p> + +<p> +„Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.“ +</p> + +<p> +„Winnetou, jetzt kannst sie kaufen“, riet man ihm. +</p> + +<p> +Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht +zum Himmel und wollte sie in den Mund gleiten lassen. +</p> + +<p> +„Halt! Fasttag!“ schrie der Duckmäuser und lachte. +„Fasttag ist heute. Sonst hätte ich meine Wurst selber +gegessen.“ +</p> + +<p> +Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück. +</p> + +<p> +Aber der Duckmäuser nahm sie nicht. +</p> + +<p> +„Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast +du eine Todsünde begangen“, sagte Winnetou langsam, +in tiefem Entsetzen. +</p> + +<p> +Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem +uralten Vaterhause brannten die ewigen Lichtchen Tag +und Nacht vor den Betpulten. +</p> + +<p> +„Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich +dir zeigen, wo sie jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.“ +</p> + +<p> +Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing +die Leberwurst resolut über die große Zehe des heiligen +Kilian. Und stürzte sich auf seinen Gegner. +</p> + +<p> +Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister +führte das Pferd heraus und sprang energisch von ihm +weg zum Knabenknäuel. +</p> + +<p> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. +Das Pferd sah sich um, stieg mit dem Hinterteil +in die Höhe und galoppierte, von der Dogge umrast, in +mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim. +</p> + +<p> +Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister +stand plötzlich in einer schwarzen Rauchwolke und +schimpfte hustend zum Dampfschlepper hinunter, es sei +verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen. +</p> + +<p> +Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam +durch den Brückenbogen. Der Wachtmeister stieß seinen +Säbel in die Scheide und sah sich barsch um. Die Brücke +war leer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich +die Lehrjungen ängstlich herum und sahen auf die Uhr. +Der Geselle war schon lange fortgegangen, die Werkstatt +war peinlich sauber aufgeräumt, die drei kleinen Drehbänke +blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können. +</p> + +<p> +Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um +die Erlaubnis zum Fortgehen zu geben. +</p> + +<p> +„Oldshatterhand“, der jüngste der Lehrlinge, stand +Wache, um die anderen benachrichtigen zu können, wenn +der Meister ankam. Interessiert holte er aus der Tasche +seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an +seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er +weiter in der Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle +heraus, aus der sich eine Pflaume und ein rundes Handspiegelchen +schälten. Die Pflaume steckte er in den Mund; +das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und +reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die +im vierten Stock aus dem Fenster sah. +</p> + +<p> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. +Der Meister, ein Mann mit gepflegtem rotem +Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, schritt durch den +Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm. +</p> + +<p> +Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, +das er schon seit einer Stunde rieb, immer wieder +mit Öl einstrich und rieb, und sah manchmal von unten +herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der Drehbänke +lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, +man hörte nur das Reiben. +</p> + +<p> +Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, +der den Kopf senkte. Die anderen Lehrbuben +standen atemlos in den Ecken. +</p> + +<p> +Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden +Zangen, Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank +um Millimeter. +</p> + +<p> +Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund +schiefgezogen, auf ihn hinunter. +</p> + +<p> +Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug. +</p> + +<p> +„Was soll denn das!“ +</p> + +<p> +„Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.“ +</p> + +<p> +„Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!“ Der +Meister hatte seinen Blick in Oldshatterhands vergrößerte +Augen eingehackt. „Was bist du?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde blutrot. +</p> + +<p> +„Was bist du!“ +</p> + +<p> +„Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.“ +</p> + +<p> +„Was reibst du denn! Schafskopf!“ schrie unvermittelt +der Meister den ältesten Lehrjungen an und biß auf seine +Unterlippe. „Geht doch zum Teufel! . . . Eselsbande!“ +</p> + +<p> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte +höhnisch. Die Jungen entfernten sich lautlos. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer +Feinbäckerei blieb er stehen, sah die Kuchen an und schloß +manchmal die Augen, um besser riechen zu können; +denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war, +stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. +Sein Vater war ein armer Mann. Und vom Schultyrannen +Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen Tritt +geraten. +</p> + +<p> +Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen +machte er sich auf den Heimweg. +</p> + +<p> +Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete +die alten Häuschen. Er hatte einen Gummimantel an. +Oldshatterhand blickte auf ihn, ging unauffällig um ihn +herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb +auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf +den Fremden zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten +Gegenwart in die Zukunft. Seine Sehnsucht ließ +ihn zum Fremden werden. +</p> + +<p> +„Bitte schön, wo ist die Domstraße?“ fragte der Fremde +einen Bürger und ging in der angezeigten Richtung fort. +</p> + +<p> +Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand +den Oberkörper hin und her, um den Fremden +so lange wie möglich sehen zu können. +</p> + +<p> +Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter +kam auf ihn zu. +</p> + +<p> +„Sie . . . Sie!“ +</p> + +<p> +Der Mann blieb stehen. +</p> + +<p> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +„Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße +ist? . . . Ich bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.“ +</p> + +<p> +Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. „Du bist +doch der Sohn vom Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! +Dir geb ich . . .“ Er hob die Hand. Oldshatterhand +wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem +Manne nach. +</p> + +<p> +Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter +ein, eine kleine, dicke Frau mit nachdenklichem Gesicht, +worin die klugen, guten Augen über Last und Sorgen +und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die +Furchen der Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der +Güte verwandeln. +</p> + +<p> +Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel +klaffte, so daß die Kleider, die der Korb barg, zu sehen +waren. „Sechs Mark waren diesmal drauf. Und siebenundzwanzig +Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . . +Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und +Ausgehgeld, bleiben mir von seinem Lohn drei Mark +für die ganze Woche. Und damit soll ich Essen für vier +Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die +Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal +nimmer leben tät.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, +was es heute abend gäbe. +</p> + +<p> +„Für’n Vater hab ich a Täuble“, sagte die Mutter +und stellte ihren Korb ab. „Er ißt’s doch so gern . . . +Ja no, er muß ja die ganze Woche hart arbeiten . . . Und +wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e bißle +helf? . . . Siehst, das ist für dich.“ Sie holte aus dem +Korb ein Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +Hand auf die Schulter. Ihr Gesicht wurde tiefrot, sie +lachte, daß ihre Schultern schütterten, und konnte sich gar +nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen überrascht +hatte. +</p> + +<p> +Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte +zwischen den beiden nahe dem Boden die Domstraße hinunter +und über die alte Brücke. +</p> + +<p> +„Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. +Sie sieht aus wie Rom.“ +</p> + +<p> +Die Mutter lachte in sich hinein. „Was bist du für +einer . . . Wie Rooom!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war elf Uhr nachts. +</p> + +<p> +Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann +der Räuberbande, Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe +Benommen, stand nackt in seiner Dachkammer +am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen. +An einem Strick, der um seine Lenden gebunden +war, hing vorne ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. +Sein weißer Körper war vom Mondlicht getroffen. Hinten +in der Kammer war tiefschwarze Nacht. +</p> + +<p> +Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere +Bruder des Hauptmanns betrieb, klang der Gesang der +Soldaten herauf: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Ich wollte sie verführen,</p> + <p class="line">Dazu hat sie kein Mut.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an +zu üben: er reckte den Brustkasten heraus, sog ihn voll +mit Luft und zog die ausgebreiteten Arme mit den Bügeleisen +kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, zog +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, +daß sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die +Unterlippe vorgeschoben, hinunter auf das Spiel seiner +Armmuskeln. +</p> + +<p> +Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür +zugeknallt, und eine Wolke Bierdunst schlug in +des Hauptmanns Kammer. +</p> + +<p> +Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. „U . . . u!“ +klang es düster, „U . . . u!“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock +und schlich, die Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die +Treppe hinunter. +</p> + +<p> +Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, +elegant auf sein dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich +fast zum Halbkreis bog: der Schreiberlehrling des Rechtsanwalts +Karfunkelstein. +</p> + +<p> +Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen +Häuschen eine enge Gasse aufwärts, die bis an den Fuß +des dunklen Schloßberges führte. Auf dem steilen Bergrasen +standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein +Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig +war die Festung von den Preußen genommen +und geschleift worden. Seitdem lag eine Kompagnie +Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des +Berges, bei einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, +die abgefeuert wurde, um Bürger und Feuerwehr +zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein +Brand ausbrach. +</p> + +<p> +Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die +Linden warfen. Es war vollkommen still. Der Schreiber +sah sich ängstlich um. „Horch . . . hörst du nichts?“ +</p> + +<p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +„Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit“, sagte +der bleiche Kapitän, sah sich auch um und zog die +Schuhe an. +</p> + +<p> +„Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man +nur keine Angst hat.“ +</p> + +<p> +„Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß +gibt’s Gummiabsätz. Das Paar nur zehn Pfennig. Da +hab ich mir fünfzehn Paar kauft.“ Sitzlings streckte +der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die Höhe. +„Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei’ wieder +zurückgetragen und hat g’sagt, die brauchet ich nit . . . +Ich trau mich gar nimmer an dem G’schäft vorbei. Als +ob man in seinem Leben nit fünfzehn Paar Gummiabsätzli +aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz unglaublich.“ +</p> + +<p> +„Das hätt ich mir nit g’fall laß.“ +</p> + +<p> +„Gott, was willst denn mach.“ Er stülpte die dicken +Negerlippen mürrisch nach außen. „No, lang dauert’s +ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham . . . Heiliger +Gott!“ +</p> + +<p> +„Mei Vater hat heut zu mir g’sagt, wenn ich noch einmal +mit Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, +könnte ich was erleben . . . Grün und blau wollt +er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz genau, daß ich +mir das nit g’fall laß.“ +</p> + +<p> +„Ja no.“ +</p> + +<p> +„Das eine weiß ich“, sprach der Schreiber hochdeutsch, +„so saudumm würde ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.“ +</p> + +<p> +„Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden +die noch machen.“ Der bleiche Kapitän erhob sich +und trat prüfend von einem Fuße auf den andern. „Es +ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir +die andern vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.“ +</p> + +<p> +„So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn +wir jetzt.“ +</p> + +<p> +„Ja, aber leis.“ +</p> + +<p> +Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene, +wuchtige Bohlentor, durch das man in die +Festung gelangt. Um diese Zeit war das Tor geschlossen. +</p> + +<p> +Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, +bis an den Rand vor, von wo aus man tief unten die +Stadt liegen sieht, hoben wie auf Kommando die Arme, +schüttelten die Fäuste, riefen: „Weh dir!“ zur Stadt hinunter +und sprangen in den Festungsgraben. +</p> + +<p> +Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten +den Schloßberg heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, +riefen: „Weh dir!“ und sprangen, den bequemen Weg +verachtend, die hohe Mauer hinunter in den Festungsgraben. +</p> + +<p> +Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, +war versammelt. +</p> + +<p> +Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst. +</p> + +<p> +Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die +alte Brücke, die Häuser und krummen Gassen von Würzburg. +Die dreißig Kirchtürme bebten im Mondlicht. Der +Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder +Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. +Die ganze alte Stadt war aus purem Silber. +</p> + +<p> +Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und +rauchten ernst die Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, +derart viel im Graben wuchs. +</p> + +<p> +Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Mondlicht saß, fiel der tiefschwarze Schlagschatten, den die +Schloßmauer warf. +</p> + +<p> +Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. +Die Räuber saßen reglos und starrten auf das Lagerfeuer, +das in ihrer Mitte flackerte. +</p> + +<p> +Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter +Straminhaussegen, auf dem „Bet’ und arbeit’, so +hilft Gott allzeit“ gestickt war. Die Worte rollten sich +zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf. +Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen. +</p> + +<p> +Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken +als Schande galt, und sprach: „In Südamerika sind die +Indianer klein, falsch und furchtsam.“ +</p> + +<p> +„Südamerika!“ sagte verächtlich der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.“ +</p> + +<p> +„Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist +nur mit einem Tau festgemacht, unterm Brückenbogen. +Im Frühjahr, wenn das Hochwasser kommt, müßten wir +halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar +Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück +den Rhein hinunter und dann zu Fuß nach Hamburg. +Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen sein!“ rief +die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten +Tante die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht +mit der Tante; denn er deklamierte, nachdem er einmal +bei einer Vereinstheatervorstellung mitgewirkt hatte, den +ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder Leichenkränze +band. „Am ewigen Meer . . . da können wir in +vierzehn Tagen sein.“ Sein Mund stand offen, rund und +schwarz wie ein Mauseloch. +</p> + +<p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +„Und dann?“ fragte der Schreiber und zog lächelnd +die Augenbrauen in die Höhe. +</p> + +<p> +„Dann! Was heißt das — dann?“ rief der bleiche Kapitän. +„Dann machen wir eben ein Segelschiff los und +segeln ganz ruhig über den großen Teich.“ +</p> + +<p> +„Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, +und die Wachen? He? Vielleicht steht sogar der Kapitän +selbst die ganze Nacht am Steuer und blickt hinaus +aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. Diese +Sachen hab ich schon oft genug gelesen.“ +</p> + +<p> +Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, +die Zähne zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam +zog er die geschwärzte Hand zurück. +</p> + +<p> +„Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer“, +rief verächtlich der Hauptmann. „Oder weißt du +nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? Das — mein +Lieber, das geht im Handumdrehen.“ +</p> + +<p> +Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. „Die +Hauptsache ist, daß sich in einer einzigen Nacht in allen +Urwäldern und Prärien des wilden Westens bei absolut +allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft verbreitet, +aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . +Auf unsere ersten Taten kommt’s an. Die müssen gewaltig +sein und furchtbar.“ +</p> + +<p> +„Die Weiber werden natürlich verschont“, schloß der +bleiche Kapitän und stülpte die Negerlippen nach außen. +</p> + +<p> +„Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin +darf auch immer eine halbe Stunde früher fortgehn“, +sagte der Schreiber. „Gestern hab ich zum erstenmal +Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur +unser Bureauvorsteher.“ +</p> + +<p> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +„Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt’s kolossale +alte Revolver. Die können wir drüben gut +brauchen.“ +</p> + +<p> +„Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?“ +</p> + +<p> +„Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man +damit trifft, der is total tot.“ +</p> + +<p> +Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die +Hand, preßte sie zur Faust — und zählte leise für sich bis +neun, schleuderte das schwarzgewordene Holz ins Feuer +zurück und erzählte gequält: „Ins Zuchthaus käme ich +noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter +gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen +von der Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen +hab. Jetzt sperren sie mich daheim jeden Tag drei Stunden +in die Holzlage . . . Ich! . . . Ich!“ Er sprang auf, +drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham +wechselten auf seinem Gesicht. „Ich halt’s nimmer aus!“ +</p> + +<p> +„Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn +wir ins Zuchthaus kämen“, sagte der Schreiber erstaunt. +</p> + +<p> +Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich +langsam nieder und blieb reglos hocken. +</p> + +<p> +„Nun ja . . . warum denn nicht.“ Der Schreiber sah +fragend im Kreise herum. +</p> + +<p> +Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde +Feuer. Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im +Mondlicht schwammen. Eine Sternschnuppe fiel in den +Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem Gedanken +nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige +Male angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: +„Die Erde ka . . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . +Kugel sein, denn wenn man immer weiter geht, müßte +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf nach unten +stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen . . . Da +habt ihr’s, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.“ +Und er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen +Himmel stand. „Der Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. +Oder wenigstens nicht viel. Die Erde ist keine Ku . . . +Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel hat sie.“ +</p> + +<p> +„Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach +Rußland, nach China, immer ist der Himmel oben“, sagte +der Schreiber und zuckte mit den Schultern. +</p> + +<p> +„Da!“ rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die +Räuber blickten empor zu ihm. „Denkt euch halt eine +Ke . . . eine Ke . . . eine Ke . . . Kegelkugel — wenn darauf +ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so groß wie der +Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, +muß er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. +Aaalso kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel +sein. Das ist doch ganz klar. Ma . . . ma . . . meint +ihr nit?“ +</p> + +<p> +„Das weiß man halt nit recht.“ +</p> + +<p> +Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen +und schwebten langsam und lautlos zu den +im Mondlicht bebenden Bergen nieder. Vom funkelnden +Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als einzige +Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und +letzten Höhe zu sitzen. +</p> + +<p> +Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in +dem die großen Augen schwarz wie heißer Asphalt glänzten. +„Ach, Unsinn ist alles, was der Mager da von einer +Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg einäschern“, +fuhr er heftig fort, „ehe wir von hier abfahren, und du +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, +so wäre das der Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der +Mitte. Aber der brennt doch nit.“ +</p> + +<p> +„Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben +auch alles so glatt ginge. Da werden einfach hundert +Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt — ich sitze nebenan +im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, +und brenne die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, +und ehe du dich versiehst, schlägt eine kirchturmhohe +Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt gleich das +Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben +ihre Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil +wir schon längst in unserm Schiff den Main hinunterfahren. +Ha!“ schloß der bleiche Kapitän und spreizte +die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen glänzten, +„da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. +Dann ginge sicher alles glatt.“ +</p> + +<p> +„Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen +Bruder aufsuchen.“ +</p> + +<p> +„No, allemal.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein +paar Jahren als Ingenieur nach Amerika gegangen war. +Der einzige Mensch, dem sich der bleiche Kapitän nicht +ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder Gelegenheit +hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel. +</p> + +<p> +Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof +zum bleichen Kapitän gesagt: „Ich komme wieder, +dann reiße ich die alte Brücke ab und baue dafür eine +hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus Eisenkonstruktion. +Da werden die Würzburgerli Maul und Augen +aufreißen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem +Amerikaner — sie sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und +wortkarg gewaltige Taten vollbringen; sie sahen ihn am +reißenden Mississippi stehen, nur mit einer Zeichenrolle in +der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt den +Finger aus — da stürzen seine siebentausend Leute sich auf +Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer +Brückenbogen im Mississippi. +</p> + +<p> +Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und +reitet durch die Wildnis zurück zu seinem Blockhaus. +</p> + +<p> +„Die Schule geht in Flammen auf“, sagte der Schreiber +und hob die Arme. „Und Lehrer Mager verbrennt +zu nichts. Hi!“ +</p> + +<p> +„Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht +gehalten. Der wird ganz einfach gefesselt und in +den Festungsgraben geschleppt. Da wird er ausgezogen +und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden +Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden +lang. Überhaupt die ganze Brandnacht durch. Aber . . . +wir lassen ihn am Leben. Wir hetzen ihn lieber nackt +durch die brennende Stadt.“ +</p> + +<p> +„Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, +um die korri . . . um die korri . . . korrigierten +Schulhefte abzuholen. Seidel hat einen A . . . A . . . +Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil so viel +Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch +nit helf tr . . . tr . . . trag dürf.“ +</p> + +<p> +„Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. +Der ist doch sein Liebling. G’schieht dir ganz recht.“ +</p> + +<p> +„Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . +Hefte trag . . . Dann weiß ich aber noch einen, de . . . +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +de . . . der gemartert werden muß. Meee . . . Meee . . . +Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!“ schrie Oldshatterhand +wütend. +</p> + +<p> +„Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur +ein paar in Würzburg“, sagte sinnend der bleiche Kapitän, +„die werden vorher durch Briefe aufgefordert, ihre +Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib und Kind +aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.“ +</p> + +<p> +„Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher +einen Brief. Der hat mich gestern abend sein Garten +gießen lassen.“ +</p> + +<p> +„Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der +liegt inmitten von Prärien und Urwäldern“, sagte die +Rote Wolke und deutete weit hinaus. +</p> + +<p> +„Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei +Pa . . . Pa . . . Papageienflügel schicken? Für ihren +H . . . Hut“, sagte Oldshatterhand. „Grü . . . grüne +vielleicht.“ +</p> + +<p> +„Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.“ +</p> + +<p> +„Die, die . . . muß einen Brief bekommen!“ rief Oldshatterhand +erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter. +</p> + +<p> +„Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja +einen Brief schreiben, ich tu’s nit“, sagte der bleiche Kapitän, +tat die drei vorgeschriebenen Züge aus der Friedenspfeife +und sagte monoton in tiefem Baß: „Falkenauge“, +reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, +stand auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner. +</p> + +<p> +Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende +Schilfrohr, während das andere gespenstisch und +interesselos nach rechts blickte. Es war ein Glasauge. +</p> + +<p> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte +geiferte dünn und schnell dazwischen, andere mit tiefen +Tönen setzten ein; der Zusammenklang währte eine Weile. +Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu schlagen: +töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe +Nachtstille. +</p> + +<p> +„Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir +jetzt den heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand +haaa . . . t ge . . . sp . . . sprochen.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab +ihm einen Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete +seine wutfunkelnden Augen auf den Schreiber. +</p> + +<p> +Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, +dunkle Gestalt, die sich lautlos reckte und schnell wieder +zusammenduckte, als ein Räuber den Kopf hob. +</p> + +<p> +„Mit Gott denn!“ rief der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig +von einem Fuße auf den anderen hüpfend, im Kreis um +das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft und monoton +dazu: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p> + <p class="line">Nang kang killewi, nang kang killewi,</p> + <p class="line">Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p> + <p class="line">Nang kang killewi wau.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel +— die Räuber standen in ihrer momentanen Stellung +still. Die Hand des bleichen Kapitäns sank, und die +Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem Graben +führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, +schlichen vor bis zum Bergrand und riefen: „Weh dir!“ +zur Stadt hinunter. +</p> + +<p> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden. +</p> + +<p> +Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, +der, gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht +in die Tiefe fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, +in deren haushohen Schlot die Räuber oben hineinsehen +konnten. +</p> + +<p> +Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, +altersmorsche Latten, die aus dem Felsenabhang hinaus +in die Luft ragten, versperrte den Weg in die königlichen +Weinberge. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück +den Felsenabhang hinunter, erfaßte die Latten, schwang +ein paarmal wie ein Kirchenglockenschwengel über der +Tiefe hin und her — und stand in den königlichen Weinbergen. +</p> + +<p> +Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle +glücklich drüben, außer Oldshatterhand, der zitternd am +Felsenabhang klebte, denn seine freie Hand reichte nicht +bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu rühren. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend +und von den anderen gehalten, über den Felsenabhang +hinaus, streckte Oldshatterhand die Hand hinüber +und riß ihn frei durch die Luft zu sich. +</p> + +<p> +Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe. +</p> + +<p> +Der Schreiber grinste: „Hohaho! Oldshatterhand.“ +</p> + +<p> +„Still!“ rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im +Kreise herum. +</p> + +<p> +Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht. +</p> + +<p> +Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der +Festung weg, bis zu den ersten Häuschen der Stadt, fiel +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +der königliche Weinberg steil ab, aus dessen Trauben der +berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel abgezogen +wird. +</p> + +<p> +„Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und +so viel zu fressen, wie er kann“, befahl der bleiche Kapitän. +„Und dann erst steckt jeder so viel Trauben ein, wie +möglich, für unsere Vorratskammer.“ +</p> + +<p> +Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen +Weinstock. +</p> + +<p> +Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden +Stadt. Die Domuhr schlug eins. +</p> + +<p> +Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten +krochen herum. Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und +horchte, atemlos vor Angst. Ohne hinzusehen, griff er +seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere in den +Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, +rutschte erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte +gegen Winnetou. „Wenn jetzt jemand kommt!“ +</p> + +<p> +Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke +hinunter, auf der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte +Menschen traumhaft taumelten, und sagte laut: „Wenn +jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß er mich +sieht.“ +</p> + +<p> +„Duck dich doch“, flüsterte Oldshatterhand entsetzt. +</p> + +<p> +„Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt“, erklang +die Stimme des bleichen Kapitäns laut von seitwärts. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, +ohne noch an etwas zu denken, hastig Trauben +vom Stock und stopfte sie in die Taschen. +</p> + +<p> +Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand +im Schatten der Festungsmauer. +</p> + +<p> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +„Mit dem Messer mußt du abschneiden“, schimpfte der +bleiche Kapitän Oldshatterhand, „sonst werden sie ja ganz +verdrückt.“ +</p> + +<p> +Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem +Messer. +</p> + +<p> +Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus — über ihm +stieg eine klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in +den Nachthimmel. Entsetzt blickten die Räuber zur Flamme +hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie zu, und die Räuber +hörten ihn sagen: „Herrgott, was ist denn das für eine +Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt +werden. Das sieht man doch von der Stadt +drunten.“ +</p> + +<p> +Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete +Winnetous Gesicht. „Und wenn sie’s sehen! +Sie sollen’s ja sehen!“ schrie er und trat in Raserei den +brennenden Weinstock nieder. +</p> + +<p> +Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. +Seine Lippen zuckten. Die Tränen schaukelten +an seinen Wimpern. +</p> + +<p> +„Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . +Wenn ihr alle genug habt“, sagte der bleiche Kapitän. +Die Domuhr schlug dunkel zwei. „Wie ein Mensch so +was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh +ich wahrhaftig nit.“ +</p> + +<p> +Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg +und gelangten, jetzt auf einem ganz ungefährlichen Weg, +den sie herwärts verachtet hatten, zurück in den Festungsgraben. +Voran der bleiche Kapitän mit einem Waschkorb +voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den +Weinberg geschmuggelt hatte. +</p> + +<p> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +„Pst! Da war gerad jemand gestanden“, flüsterte +Falkenauge. +</p> + +<p> +„Wo? . . . Wo denn!“ +</p> + +<p> +„Jetzt is er weg.“ +</p> + +<p> +„Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, +die gar nit da sind“, sagte der Schreiber. +</p> + +<p> +Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es +dem Schreiber hin und rief frohlockend: „Mach das einmal +nach!“ +</p> + +<p> +Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite. +</p> + +<p> +Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte +im Kreise herum. +</p> + +<p> +Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer +des Festungsgrabens — ein großes, schwarzes Loch wurde +sichtbar. Der Anfang eines unterirdischen Ganges. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im +Gange lag, und ging voran. Fledermäuse klebten an der +Decke, flatterten auf, prallten gegen die Räuber, und +huschten ins Freie. +</p> + +<p> +Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über +jeden Seitengang hatte der bleiche Kapitän ein Täfelchen +unter Glas angebracht und mit Druckschrift darauf geschrieben, +wohin der Gang führte. Auf einem Täfelchen +war zu lesen: +</p> + +<p class="block"> +Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, +in den Hinrichtungshof des Justizgebäudes. Vorsicht! +</p> + +<p class="noindent"> +Auf einem anderen Täfelchen stand: +</p> + +<p class="block"> +Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt +eine Stunde weit ins Nonnenkloster Himmelspforten. +</p> + +<p class="noindent"> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +Auf dem dritten Täfelchen: +</p> + +<p class="block"> +Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die +Mitte des Flusses, zur Wasserfalle, die von Ratten +wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten Jahrhundert +der Bischof von Würzburg falsche Priester +gestoßen, die in die Wasserfalle gerieten, bis zum +Nabel im Wasser standen und lebendigen Leibes +von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, +diesen Gang nur bei Lebensgefahr zu betreten. +</p> + +<p class="right"> +Der Hauptmann. +</p> + +<p class="noindent"> +Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu +einem weißen Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner +Mutter vom Waschseil gestohlen hatte. Das einzige, was +er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän zog den +Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen +quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den +Felsen herausgehauen, Steinbänke waren. +</p> + +<p> +Das war „das Zimmer“. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche +von der niederen Decke herunterhing, und schimpfte: „Die +ist wieder nicht geputzt worden.“ +</p> + +<p> +Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam +auf die Holzregale gelegt, die an den Mauern angebracht +waren, und auf denen schon vielerlei Vorrat aufgestapelt +lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, von den Räubern +den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit Zigaretten +untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. +Daneben lagen: ein großer, geräucherter +Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, in Reihen +geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Räubern eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, +welches Falkenauge in dem Ledergeschäft, wo er +zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, mitgenommen +hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten +zwölf Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, +die Häute an seinen Chef zu senden, zum Ersatz. +</p> + +<p> +Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, +aber täglich mit Schweinefett eingerieben, auf +daß sie nicht knarrten, wenn man in der Prärie die Rothaut +beschliche. +</p> + +<p> +Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles +darauf, vom bleichen Kapitän aus dem Keller seines +Bruders mitgenommen. Die Biergläser, sorgfältig gespült, +mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem +Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft +und mit zertrennten Kartoffelsäcken belegt. Besen und +Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen an der Mauer. +</p> + +<p> +Es herrschte musterhafte Ordnung im „Zimmer“. +</p> + +<p> +Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an +Rücken, alle Räuber-, Indianer- und Seegeschichten, die +es überhaupt gibt: Der Bayrische Hiesl oder Der Herr der +böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in zweihundertunddreizehn +gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem +Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in +ebenfalls zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. +Um sieben Millionen oder Der Schurke von Zanzibar. +Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle Indianergeschichten, +die der Herr Buchbinder Männlein, der +Meister des bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, +standen wohlgeordnet im gepreßt vollen Bücherregal. +</p> + +<p> +Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +dünnes Reclambändchen: „Die Räuber. Drama in fünf +Aufzügen von Friedrich von Schiller.“ Das Hausbuch +der Bande. +</p> + +<p> +Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, +die früher das Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe +Benommen vor Staub geschützt hatte. +</p> + +<p> +Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der +Wand. „Heimlicher Versammlungsort der Räuberbande +von Würzburg“ stand darauf. +</p> + +<p> +Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken. +</p> + +<p> +„Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren“, +sagte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen +nach außen. +</p> + +<p> +Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm +Tinte und Feder und ein Büchlein heraus. +</p> + +<p> +Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn +der Rechnungsführer an seine Schande erinnert wurde, +ein Schreiber zu sein. Was dieser jedoch mit grimmigem, +etwas leidvollem Humor ertrug. „Was bin ich? Ein +Schreiber bin ich, ein Schrieb“, sagte er, „ein Federfuchser, +hohaho!“ Und dabei errötete er stets tief. +</p> + +<p> +„Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?“ fragte er +und sah auf die Trauben. +</p> + +<p> +„Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.“ +</p> + +<p> +„Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen +Weinbergen. Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig“, +notierte der Schreiber. Und deutete auf eine +farbige Eidechse aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. +„Und diese Eidechse? . . . Gekauft?“ +</p> + +<p> +„Mitgenommen“, gab der bleiche Kapitän an. „Schreib +auf: ein Kunstwerk, in Form einer Eidechse.“ +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +„Und das da, Hauptmann?“ +</p> + +<p> +„. . . Wer hat da gelacht!“ brüllte erzürnt der bleiche +Kapitän. „. . . Wenn noch einmal einer lacht, so wird er +ausgeschlossen . . . Da wird ganz einfach ballotiert, mit +schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist er draußen. +Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht, +wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein +weißer Stallhase, lebend, gekauft beim Jud Meyerheim, +um fünfunddreißig Pfennige.“ +</p> + +<p> +Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte +mit der Oberlippe. +</p> + +<p> +Gelacht hatte die Kriechende Schlange. „Der macht +uns ja alles voll“, sagte er, fuhr aber schnell fort: „Morgen +ist ein Schnelläufer auf dem Sanderrasen. Er läuft +im Trikot.“ +</p> + +<p> +„Da wird hingegangen“, erwiderte der Hauptmann, +„wenn ihr wollt“, setzte er, noch erbost, hinzu. „Morgen +mache ich einen Käfig für ‚Das heilige Tier‘. So heißt +von heute an der Stallhase.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte +stand, stellte eine Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen +zu haben, zurück an seinen Platz. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: +„. . . Gekauft?“ +</p> + +<p> +„. . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied +Gottlieb.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen +Hecht, den die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten +aus dem neuen Sandschiff des roten Fischers geholt +hatte, und schloß das Büchlein wieder in den +Schrank. +</p> + +<p> +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den +Hahn ins Bierfaß. Das donnerte im unterirdischen +Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. Er schenkte +die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie +auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe. +</p> + +<p> +Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und +rauchten. +</p> + +<p> +„O Felli“, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums +Wort. +</p> + +<p> +„Sprich“, erwiderte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und +ist dem Erdboden gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. +Alle! Auf uns, die einzig Überlebenden, fällt +natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen ungeheure +Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier +Wochen lang hier verbergen zu können. Bis die Regierung +glaubt, wir seien mitverbrannt. Nicht der geringste +Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß +wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter +aus und erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht +. . . Und wenn wir uns dann, als Bauernweiber verkleidet, +aus dem Staub gemacht haben, sind wir verschollen +auf ewig.“ +</p> + +<p> +Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou +schwieg und lehnte sich zurück. Die Kerzenflammen +standen unbeweglich. Die bleichen Gesichter hingen wie +kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf. +</p> + +<p> +„Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!“ rief +Oldshatterhand erregt. „Oh, im wilden Westen . . . Ihr +werdet’s schon sehen . . . Wenn einer von uns in +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu heiraten, +dann soll er’s lieber gleich sagen.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem +Blick in die Ecke: „Wie du glauben kannst, daß einer von +uns so ein dreckiger Feigling ist, das versteh ich ganz einfach +nit.“ +</p> + +<p> +Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König +der Luft in die Mitte und rief: „Ich, der König der Luft, +lese jetzt vor: das hundertundsiebenundneunzigste Kapitel +aus ‚Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde‘. Da +sind wir’s letztemal stehen geblieben.“ Der König der +Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig +und ein scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er +sprang von immer höheren Mauern herunter, um seinen +Ruhm zu steigern und eines Tages die Hauptmannschaft +an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und +hatte ein Indianerprofil. +</p> + +<p> +„Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?“ +fragte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten +Knopf seines Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur +Decke und rief: „Die bleiche Gräfin!“ +</p> + +<p> +„Räuberlied!“ brüllten die anderen. +</p> + +<p> +„Also, also Räuber —, also Räuber — Räuberlied!“ rief +schnell und sich überstürzend der König der Luft und stand +im Ausfall, die Faust geballt. Der Rockknopf sprang ab, +sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht stand senkrecht. +Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen +schief zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub +er an zu singen, und die Räuber hörten zu. +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> + <p class="line">„Stehlen, morden, huren, balgen,</p> + <p class="line">Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.</p> + <p class="line">Morgen hangen wir am Galgen,</p> + <p class="line">Drum laßt uns heute lustig sein.</p> + <p class="line">Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, +während das gläserne tot und interesselos in die Ecke +blickte. Der bleiche Kapitän sang gewaltsam in tiefem +Baß und sehr falsch. Und die Lippen der Kriechenden +Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht +besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts +und agierte pathetisch. Jeder der Räuber sang eine +Strophe. Zuletzt kam Oldshatterhand, der sich sehr frei +fühlte, denn beim Singen stotterte er nicht. Um über seine +Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den Zehenspitzen. +Er sang mit feiner Mädchenstimme. +</p> + +<p> +Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag +müde zusammengerollt in der Ecke, und der Kopf des schlafenden +Oldshatterhand lehnte gegen die Schulter der +Roten Wolke. +</p> + +<p> +„O Felli“, sagte müde Winnetou. +</p> + +<p> +„Sprich.“ +</p> + +<p> +„Es ist Zeit, Hauptmann.“ +</p> + +<p> +„Auf morgen denn“, sagte leise der bleiche Kapitän, +und sein Kopf sank auf die Brust. +</p> + +<p> +Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, +zündeten die Pechfackel an und stellten gähnend ihre +Rockkragen auf. +</p> + +<p> +Das Wasser im Fischkasten gluckste. +</p> + +<p> +Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +der weiße Hase, aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal +sprang und ängstlich im „Zimmer“ herumhüpfte. Mit +einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa Schlips +herunter und brüllte noch einmal seine Strophe: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Das Wehgeheul geschlagener Väter,</p> + <p class="line">Der bangen Mütter Klaggezeter,</p> + <p class="line">Das Winseln der verlaßnen Braut</p> + <p class="line">Ist Schmaus für meine Trommelhaut.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Räuber hatten das „Zimmer“ verlassen, den Verschlußstein +wieder sorgfältig eingefügt und standen auf +dem Bergrücken beisammen. +</p> + +<p> +Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das +Gras war taunaß. Auf einem Busch saß eine Amsel und +pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an einem Lindenstamm, +mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben +und huschte in einer Spirale um den Stamm herum +und hinauf ins raschelnde Laub. +</p> + +<p> +Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; +nur die dreißig Kirchtürme stachen durch den Nebel und +schwarz in den morgenklaren Himmel hinein. Im Osten +hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand. +</p> + +<p> +„Da liegt ein Hobel“, sagte Falkenauge erschrocken, +hob ihn auf, beäugte ihn ganz nahe, roch daran und zeigte +ihn still und vielsagend der Räuberrunde. +</p> + +<p> +„An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; +da war der Hobel noch nit dort gelegen.“ +</p> + +<p> +„Wie kommt er überhaupt daher.“ +</p> + +<p> +„Ein schöner Hobel ist es ja.“ +</p> + +<p> +„Was ham wir davon!“ riefen ein paar gleichzeitig. +</p> + +<p> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +„Wenn uns jemand ausspioniert hat — no, dann geht’s +uns krumm.“ +</p> + +<p> +Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder +gefahren. Die übernächtigen Augen waren fragend +und gespannt aufeinander gerichtet. +</p> + +<p> +„Dann sind wir verloren!“ rief die Rote Wolke pathetisch. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen +Rock und Weste. „Was heißt denn das . . . verloooren!“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob +die Hand. „Es wird heißen: Im Herbst des Jahres +achtzehnhundertneunundneunzig +stattete die gefürchtete Räuberbande +von Würzburg den königlichen Weinbergen ihren +Besuch ab . . . In dunkler Nacht.“ +</p> + +<p> +„Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn +wir einmal heim“, riet der bleiche Kapitän. „Den Hobel +nehm ich mit, für unsre Vorratskammer.“ +</p> + +<p> +Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen +Wegen den Schloßberg hinunter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, +wo er auf einem alten Kanapee seine Schlafstätte +hatte. Gespannt beobachtete er seine um zwei Jahre ältere +Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der +Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett +hin und her; ihre bläulichen Lippen bewegten sich, und +die schmale Hand hing bis zum Boden hinunter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für +die Schwester auf den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, +trank Milch aus dem irdenen Topf und goß Wasser nach, +genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die Augen +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise +und ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende +Kanapee nieder. +</p> + +<p> +Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden +mit faserigem, grauem Bart, dabei an, +wie er seine Sachen ordnete. Der Alte sah sich um nach +seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins +Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann. +</p> + +<p> +Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, +die Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu +werden. Wohlgemut tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte +mit dem Stöckchen in der Luft umher und sang leise: +„Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der bangen +Mütter Klaggezeter“, öffnete die Wohnungstür — +da läutete die Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, +ein Schuster, hatte sie losgebunden und wartete auf seinen +Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. Wortlos nahm +er den Schreiber in Empfang und legte ihn über. +</p> + +<p> +Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber +ruderte mit Armen und Beinen. +</p> + +<p> +Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause +durch den hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen +Lichtchen unter der in der Mauer eingelassenen Mutter +Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer gelegt, +den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an +gar nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige +Licht zu verlöschen, so daß tiefstes Dunkel um ihn her +wurde. Langsam trat er in sein Zimmer. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und +war am Blitzableiter hinaufgekrabbelt und durchs Fenster +in seine Kammer gestiegen. +</p> + +<p> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des +Kastanienbaums im Wirtschaftsgarten. +</p> + +<p> +Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst +das rote Tüchlein vor und übte noch eine Weile ernst und +sachlich mit den zwei Bügeleisen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner +schulheftblauen Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig +vorgeschoben, energisch auf die „Altrenommierte +Weinstube zu den drei Kronen“ los. Gleich darauf klang +sein Schimpfen bis auf die Straße heraus. +</p> + +<p> +Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, +einzeln, paarweise und in Reihen, gingen in +der Richtung nach der Burkarter Kirche. Die Sonne +schien. Glocken läuteten. +</p> + +<p> +Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen +Häuschen des Schusters Widerschein auf einem +Handwagen, ließ die Beine baumeln und blickte hinauf +zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen Fenstern. +Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den +Bandenpfiff: „Nieder mit der Tyrannei“, und machte +leise: „Pst“, worauf die rot- und weißgefleckte Katze, +die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, den +Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete. +</p> + +<p> +Sonst blieb alles unverändert. +</p> + +<p> +Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. „Di di di +di quiridi“, trillerte der Kanarienvogel. +</p> + +<p> +„Pst“, machte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, +zwischen den Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige +Male im Handgelenk und winkte dann heftig weg, die +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen Ausgang +heute. +</p> + +<p> +Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die +Schloßgasse, begab sich zur Bande, die vor dem Friseurlädchen +des Herrn Adam Rein versammelt war, und erstattete +Bericht. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, +ob er es wagen solle, sich rasieren zu lassen. Wenn +er gegen die Sonne stand, flimmerte ein zarter Flaum +goldig auf seiner Oberlippe. +</p> + +<p> +Entschlossen trat er ein. +</p> + +<p> +„Haarschneiden — Herr Benommen?“ +</p> + +<p> +„Nein . . . Heute nur rasieren.“ +</p> + +<p> +„Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig +Jahre lang, und noch Ihren Großvater. Und jetzt sind +Sie auch schon so weit. Ja, man wird alt“, sagte Herr +Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte Haut +des Hauptmanns gleiten. +</p> + +<p> +Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte +seine Leute unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn +der Rein nicht geschnitten habe. +</p> + +<p> +Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich +sauber gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend +gewichsten Stiefeln. Die Räuber grüßten verlegen. Herr +Vierkant legte seinen Zeigefinger an den Hutrand und +lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester +Laune. Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, +schritt er weiter. +</p> + +<p> +Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen. +</p> + +<p> +Ein schneidender Pfiff ertönte: „Nieder mit der Tyrannei“, +und heftiges Keuchen. Sein dünnes Stöckchen +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +über dem Haupte schwingend, kam der Schreiber nachgerast. +</p> + +<p> +Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das +Ladenschild war der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes +gemalt. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein +Stück Pferdewurst und betrachtete dabei die Würste im +Schaufenster. +</p> + +<p> +Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug +aus. Der Duckmäuser hörte auf zu kauen. +</p> + +<p> +„Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann“, sagte +der Schreiber. „Begreift ihr das? Sein ganzes Leben +lang von allen Menschen so verachtet sein. Ich sag euch, +das ist fast so, wie mit den Juden, die kleine Christenkinder +schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.“ +</p> + +<p> +„Der Jud Meierheim soll’s getan haben.“ +</p> + +<p> +„Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt +niemals ein Jud getan hat . . . du Rindvieh!“ +</p> + +<p> +„I . . . i hahaha!“ wieherte der König der Luft. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung. +</p> + +<p> +„Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu +sagen“, rief der Schreiber und erschrak, denn er hatte +Herrn Metzgermeister Rücken bemerkt, dessen mächtiger +Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt über dem +Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt, +blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel +und ließ das Grauen der Räuber auf sich wirken. +</p> + +<p> +„Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!“ +sagte überzeugend der Schreiber. +</p> + +<p> +Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst. +</p> + +<p> +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. +Wenn nicht Soldaten darauf exerzierten, legten die +Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen auf. Diesen +Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen. +</p> + +<p> +Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller +Menschen — ein weißes Kleid hier und da, +der Farbfleck einer Bluse. +</p> + +<p> +In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in +rotem Trikot, einen Fuß rückwärts gestellt. Mit großer +Geste rief er: „Drei Mark demjenigen aus dem hochverehrlichen +Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne +daß ich ihn überhole.“ Er hatte kurze Beine mit gewaltig +hervortretenden Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, +schwarzen Schnurrbart. +</p> + +<p> +Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand +neben dem Stuhl. Sie war des Schnelläufers Mutter +und hielt einen zerknüllten Zinnteller in der Hand. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän sah seine Leute an. +</p> + +<p> +„Hohaho! Das machst du, Hauptmann.“ +</p> + +<p> +Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes +Lächeln zuckte über sein Gesicht. +</p> + +<p> +Da trat er in den Raum. +</p> + +<p> +Und schoß gleich hundert Meter vor, während der +Schnelläufer hinter ihm hertrabte mit zur Brust hochgenommenen +Armen, daß sich die Ellbogen vor- und zurückbewegten, +gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine. +</p> + +<p> +Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen +Sprüngen vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, +angetrieben durch die begeisterten Draufrufe seiner +Bande. +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +„Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die +drei Mark!“ rief der rote Fischer. +</p> + +<p> +Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang. +</p> + +<p> +Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den +Zuschauern ihren Zinnteller gleichgültig hin und ging +gleichgültig weiter, mit stumpfen Augen, wenn man nicht +gab. +</p> + +<p> +Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, +an seinen Leuten vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, +sah sich nach seinem Rivalen um. Und war weg. +</p> + +<p> +Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann +wurde immer langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen +Tempo, holte auf und überholte, unter knallendem +Gelächter des Publikums und besessenem Draufgebrüll +der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren +Runde vollkommen erschöpft aufgab. +</p> + +<p> +Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz. +</p> + +<p> +Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne +am schwarzen Menschensaum entlang. +</p> + +<p> +Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am +Gesicht hinunter. Ohne Atem stieß er hervor: „Der +Schnelläufer hat beschummelt! Einen kleineren Kreis hat +er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.“ +</p> + +<p> +„Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.“ +</p> + +<p> +„Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.“ +</p> + +<p> +„Aber eine halbe Stunde hast du’s doch ausgehalten“, +sagte der Schreiber, mit der Uhr in der Hand. +</p> + +<p> +„No wart nur, bis er wieder einmal läuft.“ +</p> + +<p> +„Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch +gehen. Da gibt’s warmen Käsekuchen. Es ist genau +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem Backofen +raus.“ +</p> + +<p> +„Ich hab kein Geld“, sagte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Aber ich!“ rief der Schreiber. „Siebzig Pfennig. +Weil ich heut früh für mein Vater Schuh fortgetrage hab, +und da hab ich siebzig Pfennig mehr für die Reparatur +verlangt.“ +</p> + +<p> +„Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.“ +</p> + +<p> +„Er erfährt’s aber nit. O Gott, das mach ich schon +seit Jahr und Tag so. Die Kundschaft frägt mein Vater +nit, weil sie’s jetzt schon gewöhnt ist, daß bei mein Vater +die Reparaturen so teuer sind.“ +</p> + +<p> +Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein +frommer Mann, fett und bleich. +</p> + +<p> +Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage +stehen. Der Schreiber kaufte für sich und die +andern sieben Stück Käsekuchen, welche Herr Schlauch +durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte. +Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen. +</p> + +<p> +Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah +die Räuber an und sagte: „Der Kuchen schmeckt nach +Petroleum . . . Herr Schlauch, der Kuchen schmeckt ja +nach Petroleum.“ +</p> + +<p> +Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke +durchs Fenster Herrn Schlauch wieder hinein, der sich +ängstlich nach seinen weintrinkenden Gästen umsah und +entsetzt den Kuchen beroch. „Petroleum? . . . Ja, was +wär denn das.“ +</p> + +<p> +„Versuchen Sie ihn nur selber.“ +</p> + +<p> +„Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum“, +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +sagte Herr Schlauch erstaunt, weiter mit der Zunge +prüfend. +</p> + +<p> +„Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch +gleich!“ sagte der bleiche Kapitän überzeugend und verzog +das Gesicht. „Wahrscheinlich ist die Petroleumkanne +daneben gestanden.“ +</p> + +<p> +„Wa wa wa wa wa!“ schrie der Bäcker aufgeregt. +„Das gibt’s nit!“ Und schob die angebissenen Stücke auf +dem Tische herum. +</p> + +<p> +„Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum +. . . Sie müssen uns neuen Kuchen geben. Wir ham +doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt einmal den andern +Platz an.“ +</p> + +<p> +Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke +zum Fensterchen hinaus. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die +Räuber bissen in den Kuchen . . . „Wahrhaftig! der schmeckt +auch nach Petroleum“, sagte der Schreiber nach einer Weile. +</p> + +<p> +Der Bäcker wurde dunkelrot. +</p> + +<p> +„Ich schmeck nix“, sagte der König der Luft mit vollem +Munde und schluckte hastig. +</p> + +<p> +„Du bist halt ein Rindvieh“, flüsterte der Schreiber . . . +„Also, Herr Schlauch, das gibt’s doch nit, daß Käsekuchen +nach Petroleum schmecken darf . . . da müssen Sie +uns doch recht geben.“ +</p> + +<p> +Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster +hinein. Der Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, +türmte sie aufeinander und sagte endlich zu seiner +Frau: „Da, versuch du einmal den Kuchen.“ +</p> + +<p> +„Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch +nit nach Petroleum.“ +</p> + +<p> +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu. +</p> + +<p> +„Machen Sie auf!“ Der Schreiber schlug an die +Scheibe . . . „Da gehn wir ganz einfach in den Laden.“ +</p> + +<p> +„Ich nit. Mein Vater sitzt drin“, sagte Oldshatterhand +bedauernd und verschwand. +</p> + +<p> +Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in +den Laden hinein. +</p> + +<p> +„Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch +bezahlt“, begann der Schreiber. „Jesus, wenn sowas bekannt +wird!“ +</p> + +<p> +Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich +reglos, das dichte Räubergrüppchen an, während ihr +Mann sich zum Regal umwandte, die Ränder der unangeschnittenen, +großen Kuchen ratlos beroch und dabei +heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete. +</p> + +<p> +„Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten“, sagte +der Schreiber sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän drängte sich vor. „Genau betrachtet, +müssen Sie uns unser Geld zurückgeben, natürlich.“ +</p> + +<p> +Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach +der Kasse griffen, verglich der Kapitän: „Wenn mei +Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden Schwartenmagen +verkauft, muß sie’n a zurücknehm. So was ist doch ganz +klar. Ich versteh Sie wirklich nit.“ +</p> + +<p> +„Also und, also da hinten hockt er“, flüsterte plötzlich +der König der Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt +hatte. „Also und, ich geh.“ +</p> + +<p> +Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen. +</p> + +<p> +Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern +in die Erde gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +werde. Er und Winnetou mußten lange suchen, bis sie +die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand +ein streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei +herzförmige Blättchen waren, und rief: „Das ist mein +junger Zwetschgenbaum!“ +</p> + +<p> +Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene +Töpfe, zerknüllte, nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, +Gipsbrocken, stinkende Gemüseabfälle. Es war der +Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. Oldshatterhands +Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes +Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war +auch da, von Haselnußsträuchern umstanden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger +vorsichtig zur Seite und ließ es zurückschnellen. +„Es hat schon ziemlich viel Kraft.“ +</p> + +<p> +Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die +Fußsohlen gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen +in der Mitte war. +</p> + +<p> +„Wie lange braucht’s, bis was dranhängt“, sagte Winnetou +bedauernd und drückte das Stengelchen auch zur +Seite. +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah es schon als Baum: „Alles, was +er trägt, gehört mir und dir. Er wächst schnell, hier ist +der Boden gut.“ +</p> + +<p> +„Es braucht auch viel Sonne und Regen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und +wieder auf das Stengelchen; er empfand einen Druck +über dem Herzen, weil er so klein bei dem kleinen Pflänzchen +saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; seine +Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: „Wenn ich +dann einmal zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +als ein Fremder zurückkehre . . . in einem Gummimantel, +dann ist es schon ein großer Baum geworden, der gestützt +werden muß.“ +</p> + +<p> +„Wir könnten’s eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?“ +fragte Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. +Sie steckten das Streichholz zum Stengelchen in die +Erde und banden es daran fest. Aber der Druck wich nicht +aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah nachdenklich +drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, +sondern in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein +zurück. +</p> + +<p> +Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das +Pflänzchen. „Wollen wir? . . . Was meinst du? . . . Das +düngt“, sagte er und war auf einmal fröhlich. Oldshatterhand +sah Winnetou erst entsetzt an. +</p> + +<p> +„Wirklich, das düngt“, beschwichtigte Winnetou. +</p> + +<p> +„Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann’s +ihm eigentlich nit“, sagte Oldshatterhand gedankenvoll, +und ein Lächeln entstand in seinem Gesicht. +</p> + +<p> +Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie +traten zurück, und die Strahlen trafen das erzitternde +Pflänzchen. +</p> + +<p> +Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf +schwamm ein breites, verfaulendes Brett. Andere Holzstücke +benützten sie zum Abstoßen und fuhren mit dem Brett +auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, worauf +sie erhitzt nach Hause eilten. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-2"> +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Zweites Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span>as war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige +Lehrjungen hatten aus der Kneipe der Witwe +Benommen heraus über die Räuberbande gelacht, die geschlossen +vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den +Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für +verächtlich und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch +einem schon lange zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen +war. Seitdem hatten die Räuber viele Stunden +in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, betrunken +zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn +er war mit ganzer Seele dabei und immer betrunken. Die +Zusammenkünfte im „Zimmer“ wurden zum Entsetzen Oldshatterhands +nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten. +</p> + +<p> +Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der +Sonne und warteten auf den bleichen Kapitän. Winnetou +kaute nachdenklich Gras. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg +hinauf; er hatte ein schmutziges Karl May-Buch ohne +Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte er schweigend +und gespannt auf die Räuber hinunter. „Was +glaubt ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht +. . . Winnetou ist erschossen worden.“ +</p> + +<p> +„Oh, halt doch’s Maul!“ +</p> + +<p> +„Da hockt er ja“, sagte der Schreiber lachend und deutete +auf Winnetou. +</p> + +<p> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +„Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl +May-Büchern“, rief der bleiche Kapitän wütend. +</p> + +<p> +„Winnetou ist tot?“ fragte Winnetou leise. „Das ist +nicht möglich. Wie soll denn das passiert sein.“ +</p> + +<p> +„No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert +Siouxindianer gegen Winnetou allein! Er ist halt +überrascht worden, in einer Höhle, die nur einen Ausgang +hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er tödlich getroffen +worden, weil die Feigling nur immerzu in die +Höhle geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.“ +</p> + +<p> +„Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . +Wie konnt er denn in so einem Augenblick nit da sein?“ +fragte Winnetou erregt. +</p> + +<p> +Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber +waren auf den bleichen Kapitän geheftet. +</p> + +<p> +„Das ist’s ja! Der war grad gefangen. Er hat aber +schon sowas geahnt und hat sich befreit vom Marterpfahl +. . . Und dann hat er eine ganz unglaubliche Leistung +vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist er +in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer +geritten, sondern geflogen auf seinem ‚Rih‘. Und ist halt +doch grad um ein paar Augenblick zu spät kommen. In +Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou ein paar +Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous +müßt ihr les’ . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und +dann heißt’s: Hundertmal hast du mir das Leben gerettet, +mein roter Bruder Winnetou, und jetzt muß ich zu spät +kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.“ +</p> + +<p> +Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die +den wilden Westen sahen, die Höhle, in der Winnetou +verschieden war. +</p> + +<p> +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter +Siouxindianer durch die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren +— aber am äußersten Ende, da, wo Prärie und Himmel +sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, +schwarzer Punkt — schußbereit. +</p> + +<p> +„Da kann man jetzt nix mehr mach“, sagte der bleiche +Kapitän und reckte sich auf. „Aber fürchterliche Rache +hat er geschworen.“ +</p> + +<p> +„Leih mir das Buch bis morgen“, bat Winnetou. +</p> + +<p> +„Das geht auf kein Fall. Ich hab’s selber noch nit +ausgelesen“, wehrte der bleiche Kapitän ab. +</p> + +<p> +„Morgen früh geb ich dir’s wieder zurück.“ +</p> + +<p> +„Morgen früh muß ich’s ja schon abliefern, sonst muß ich +vier Pfennig mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt +du’s gleich les . . . Wir gehn jetzt in die Weinwirtschaft ‚Zum +Lochfischer‘. Kommst halt nach, wennst’s ausgelesen hast.“ +</p> + +<p> +Winnetou griff nach dem Buch. +</p> + +<p> +Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die +Sonne war untergegangen. +</p> + +<p> +Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, +die Herr Widerschein vorgeschuht hatte. Bei +dem Hause des säbelbeinigen Polizeiwachtmeisters blieb +er stehen. „Ich muß erst die Stiefel vom Wachtmeister +nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder +da . . . Geh mit“, sagte er zum König der Luft. +</p> + +<p> +„Hn!“ +</p> + +<p> +„Der frißt dich doch nit.“ +</p> + +<p> +„Also hopp! Also wenn du meinst.“ +</p> + +<p> +„Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein +paar übrig sind, bis wir nüberkommen?“ fragte der König +der Luft auf der Treppe. +</p> + +<p> +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur +Achselhöhle. „Das ist fraglich . . . Mein Lieber, wenn +Oldshatterhand einmal blutige Rache geschworen hat, +dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben +. . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer +war.“ +</p> + +<p> +„. . . Verlangst du mehr für die Stiefel?“ +</p> + +<p> +„Sei doch still.“ +</p> + +<p> +Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich’s +bequem gemacht. Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, +die meterlange Pfeife lehnte in der Kanapee-Ecke. Der +blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe +zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt +über dem Kanapee hing. +</p> + +<p> +„Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, +drei Mark neunzig kosten die Stiefel.“ +</p> + +<p> +Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben +und schnalzte nervös mit den Daumen. +</p> + +<p> +„Schon fertig?“ Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, +stieg in die lange Röhre hinein und zog und zerrte +an den Stulpen. Sein Gesicht lief blaurot an. Dabei +preßte er hervor: „Drei . . . Mark . . . neunzig?“ +</p> + +<p> +„Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.“ Der +König der Luft blickte starr vor sich hin. +</p> + +<p> +Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, +am andern den Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und +blickte prüfend zur Decke, schlenkerte das bestiefelte Bein, +beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen auf das Oberleder. +„Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen +schönen Gruß aus an deinen Vater“, sagte er und zog den +Geldbeutel. +</p> + +<p> +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +„Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag“, +sagte der Schreiber auf der Treppe. „Die fünfzig Pfennig +mehr schaden dem nix . . . Er is ja Junggesell. Der +hat sogar Geld auf der Sparkasse.“ +</p> + +<p> +„Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr +verlangt.“ +</p> + +<p> +„Was glaubst denn, da wär er drauf komme.“ +</p> + +<p> +„Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, +die Füß vom Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet +man mehr Leder.“ +</p> + +<p> +„Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen +. . . Im ganzen hab ich eine Mark siebzig dran +verdient.“ +</p> + +<p> +„Hn!“ +</p> + +<p> +„Eine Mark siebzig.“ +</p> + +<p> +„Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.“ +</p> + +<p> +„Geb halt das Geld erst später dein Vater“, drängte +der bleiche Kapitän vor dem Hause. „. . . Du mußt von +vorne anfangen, dann siehst du selber, daß eine Rettung +absolut nit möglich war“, sagte er zu Winnetou, der stehend +las. „Also, jetzt gehen wir zum ‚Lochfischer‘ . . . Komm +aber, wennst’s ausgelesen hast!“ rief er Winnetou nach, +der „Ja, ja, sicher!“ rief und weiterlesend langsam in der +Richtung seiner Wohnung ging. +</p> + +<p> +Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen +Hemd und Brust und wollte in sein Zimmer schleichen. +</p> + +<p> +Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief +streng: „Da komm mal her!“ Sie war eine hagere Frau +mit dunklen Augen. Ein silberner Christus baumelte an +ihrer Brust. +</p> + +<p> +Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +hervorstehenden Backenknochen, saß, wie immer in seiner +freien Zeit, auf dem Kanapee neben der blassen, schönen +Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf +dem Tisch. +</p> + +<p> +„Wo hast du das Buch!“ rief die Mutter. Winnetou +blickte verwirrt auf die Heiligenbilder, die an allen Wänden +hingen. +</p> + +<p> +„Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man +eintritt!“ +</p> + +<p> +Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, +tauchte die Finger ein und schlug das Kreuz. +</p> + +<p> +„Nun?“ +</p> + +<p> +Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. +„Gelobt sei Jesus Christus.“ +</p> + +<p> +„In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein +Buch?“ fragte der Kaplan und nippte vom Likör. +</p> + +<p> +„. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . +Hochwürden verzeihen.“ Sie tastete Winnetou ab und +zog das Buch hervor. +</p> + +<p> +Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: „Oldshatterhands +Eisenfaust hatte die Rothaut getroffen. Ohne +einen Laut von sich zu geben, sank der rote Mann tot zu +Boden.“ +</p> + +<p> +Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin. +</p> + +<p> +„Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände +geben, Frau Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete +Schultinte.“ +</p> + +<p> +Frau Steinbrecher wurde blutrot. „Von wem hast du +das Buch!“ +</p> + +<p> +„Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.“ +</p> + +<p> +Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +auf die gehäkelte Decke, welche über die polierte Kommode +gebreitet war. „Morgen gehe ich mit dem Buch zu Frau +Benommen . . . Vorwärts!“ +</p> + +<p> +Winnetou sah seine Mutter entsetzt an. +</p> + +<p> +„Wird’s bald!“ +</p> + +<p> +Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade +ein Lineal aus Eichenholz und reichte es der Mutter. +Scham verdunkelte Winnetou den Blick; das Blut war +ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte. +</p> + +<p> +„Jetzt komm!“ rief die Mutter nach der Züchtigung +und führte ihn am Arm hinaus, hinauf in sein Zimmer. +Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz geworden. Plötzlich +schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos +das Zimmer. Die Tür verschloß sie. +</p> + +<p> +Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous +Schwester, die zart errötend ihm die Hand überließ. +</p> + +<p> +Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör. +</p> + +<p> +Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich +zu Entsetzen gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen +Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend die Hände +ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten. +Die Gesichtshaut spannte. +</p> + +<p> +Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der +Kaplan in fliegender Soutane hinter ihm her durch den +Klostergarten stürze, die langen Hände nach ihm ausgestreckt. +Die Mutter stand erhöht und deutete: „Dort . . . dort.“ +</p> + +<p> +Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die +Mutter war eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot +auf den Tisch und verließ, ohne gesprochen zu haben, +das Zimmer wieder. +</p> + +<p> +Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +automatisch auf. Er hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen +eingebüßt, die erst allmählich sich wieder einstellte, +in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne +etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich +gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der +Christus hatte altersgelbe Flecken und Streifen; er war +beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und +eingeregnet worden. +</p> + +<p> +Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim „Lochfischer“ +versammelten Räuber auf ihn warteten, und +blieb reglos hocken. +</p> + +<p> +Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom +Bett, trat ans Fenster und sah, daß der Kaplan Arm in +Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging. +</p> + +<p> +Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden +war, stieg aufs Fenstersims und kletterte am +Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des Hauses +bedeckte. +</p> + +<p> +Die Räuber hatten sich beim „Lochfischer“ um einen +langen Tisch herumgesetzt. +</p> + +<p> +Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß +und so niedrig, daß der rote Fischer, der eben eintrat, mit +seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene rote Stuckherz +der Mutter Gottes an der Decke streifte. +</p> + +<p> +Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, +die auf dem Schoße ihren alten Schnauz und über ihm die +gefalteten Hände liegen hatte. +</p> + +<p> +Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus +Griebe und aß bedächtig eine Portion gebackene +kleine Fische, deren Köpfchen er immer seinem Sohne, dem +Duckmäuser, auf den Teller legte. +</p> + +<p> +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf +den gleichaltrigen Duckmäuser, einen großen, kräftigen, +immer hungrigen Burschen, blond, mit Pickeln im Gesicht, +der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft, +mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. +Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete +und haßte, weil sie ihm den Namen „Duckmäuser“ +gegeben hatten. +</p> + +<p> +Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich +drei Fischköpfchen auf einmal, die sofort in des Duckmäusers +Mund verschwanden. +</p> + +<p> +Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger +Entfernung verehrte blonde Kellnerin mit den +sanften Augen stellte freundlich die frischgefüllten Weingläser +auf den Tisch und sagte singend: „Nooo, seid ihr +auch wieder einmal da.“ +</p> + +<p> +Die Räuber lächelten befangen. +</p> + +<p> +„Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee +schwimmt voll verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn +wüßt, wer mir’s Wasser so versaut.“ +</p> + +<p> +Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer +zu und zuckte verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: +„No, wo wird’s herkumme, d’r Michl läßt halt ’n ganze +Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.“ Er drückte +mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und +trat zu den Räubern. „Was wird’s sei, d’r Drääk vo d’r +Färberei is.“ +</p> + +<p> +„No, da soll aber doch weeß d’r Teufl was alles neischlag! +Läßt der Hammel sei Farbsoß wied’r ins Wasser +läff? Wied’r?“ +</p> + +<p> +„Jau“, winkte der Wirt ab, „die alte G’schicht . . . +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +Grüß Gott, meine Herrn.“ Die Hände auf die Stuhllehne +gestützt, sah er lächelnd auf die Räuber hinunter. +Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts +zum Fischer hin: „Die alte G’schicht! . . . No, Herr Vierkant, +wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang +nimmer bei mir seh lass.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. „Ich +weiß nit, wo er is.“ +</p> + +<p> +„Ein guter Tropfen“, sagte der bleiche Kapitän, +zwang sich, gleichgültig zu trinken, und stülpte die nassen +Lippen nach außen. +</p> + +<p> +Der Wirt lächelte. „No, Herr Widerschein.“ Er legte +dem Schreiber die Hand auf die Schulter. +</p> + +<p> +„Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu +tun hat“, sagte der Schreiber sehr schnell. +</p> + +<p> +„So, so . . . No, lasse Sie sich’s nur schmeck, mitnander +. . . Gretl! ’n Herrn Widerschein sei Glas is leer“, +sagte der Wirt und ging nach hinten zu seinem Schanktisch. +</p> + +<p> +Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. +„Beim ‚Lochfischer‘ müssen wir Stammgäst werden“, +sagte der bleiche Kapitän. Alle stimmen freudig +zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein eleganter +Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er +schlug die Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den +Fischer, gegen Herrn Hieronymus Griebe, gegen den +Räubertisch und fragte: „Hören Sie mal, kann man hier +Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?“ +</p> + +<p> +Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den +Berliner an, deutete auf einen Stuhl: „No, da setze Sie +sich nur erst amal, Fisch kriege Sie dann scho, soviel Sie +brauche“, und wandte sich zurück zum Tisch. +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. +„Die hab ich ihm erst heut früh gebracht. Sohle und +Absätz aufrichten“, flüsterte er. „Der Herr kommt jedes +Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh +bei mein Vater mach.“ +</p> + +<p> +Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die +Hände in den Hüften, und betrachtete das rote Herz der +Mutter Gottes an der Decke, sah sich erstaunt um, rief +dem Wirt erfreut zu: „Enormjemütlich!“ und las laut +den gerahmten Spruch an der Wand: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Ob ich morgen leben werde,</p> + <p class="line">Weiß ich freilich nicht,</p> + <p class="line">Daß ich aber, wenn ich lebe,</p> + <p class="line">Trinken werde, das ist ganz gewiß.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf +die Nasenspitze und begann an einem roten Strumpf zu +stricken. +</p> + +<p> +Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, +der sich zwischen den Fischer und die dicke Wirtin setzte und +einen Karpfen bestellte. „Isterfrisch?“ +</p> + +<p> +„He?“ +</p> + +<p> +„Ist der Fisch frisch?“ +</p> + +<p> +„No, wenn Sie ’n so frisch in Bauch nei kriege, wie +er is, bekommt er Ihne schlecht“, sagte der Wirt und +hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen unter die +Nase. +</p> + +<p> +„Was glaubt denn deer“, sagte der Schreiber laut. +</p> + +<p> +„Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli +zu stinke“, meinte der Fischer. +</p> + +<p> +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +„Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht +tadellos da. Größter Seifenverbrauch usw.“ +</p> + +<p> +„No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir +wisse nit, was Säfe is? Säfe könne Sie bei uns in jedn +Kolonialwarelädele käff.“ +</p> + +<p> +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein +noch sehr junger Mann, der erst kürzlich von seinem verstorbenen +Vater die Glaserei geerbt hatte, und setzte sich +an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an. +„Was hat denn der Verrecker“, rief Johann Jakob Streberle +und lachte, wobei „zs-zs“-Laute ertönten und Speichel +zwischen seinen glänzenden Zahnreihen durchspritzte, +denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. „Da, schau sie +an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö +derhem gebliebe. Nit amal ’s Geld hätte mir g’habt. Besuffe +sin sie a no.“ +</p> + +<p> +Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte. +</p> + +<p> +„No, was mi angeht“, antwortete der Fischer, „i hab’s +grad so gemacht . . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne +scho ’n Arsch aushaue, wenn’s nöti is. — I glaub als, dir +hockt er halt wieder, Streberle, weil’s mit der Brautschau +Wasser war.“ +</p> + +<p> +„No, allemal!“ rief der Schreiber. +</p> + +<p> +„O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg +i, so viel i will“, sagte der Glasermeister speichelspritzend. +</p> + +<p> +Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen +waren gerötet: der Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. +Oldshatterhand klimperte leise auf der Gitarre. +„Doch! Jetzt singen wir“, flüsterte er. „Hopp!“ +</p> + +<p> +„Gretl, <em class="em">noch</em> ein Maß“, sagte der Schreiber. Sein +Gesicht glühte. +</p> + +<p> +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +„Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer“, sang das +blonde Mädchen. +</p> + +<p> +„Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die +alten Deutschen, immer noch eins. Bringen Sie den +Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung“, sagte +der Berliner. +</p> + +<p> +„O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!“ +</p> + +<p> +„Einfach weil’s Wasser war mit der Brautschau“, +sagte plötzlich der Schreiber, stand schaukelnd auf und +sang, die Melodie von „In einem kühlen Grunde“ unterlegend, +immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Johann Ja—a—kob Streeeberle,</p> + <p class="line">Johann Stre—e—berlee — — —“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen +betrunken. Der Fischer verschluckte sich vor Lachen. +Johann Jakob Streberle spritzte, gezwungen lachend, +Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch +und blickte wütend zu den Räubern hin. +</p> + +<p> +„No, jetz is aber genug“, sagte der Wirt und lächelte +vergnügt. +</p> + +<p> +Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des +Berliners. Oldshatterhand beugte sich auf die Tischplatte, +zischte verhalten: „Also hopp! . . . Los!“ Und fing +mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher +Mädchenstimme: „Nieder mit der Tyrannei!“ Worauf +die anderen sofort einsetzten, daß der Berliner seine Gabel +fallen ließ: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Hoch leb die Anarchie!</p> + <p class="line">Es lebe der Achtstundentag,</p> + <p class="line">Die Ruh, die Republik!“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den +Kopf. „Bezahle Sie doch dene Lausbube nit a no Wein, +sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham sowieso scho +genug auf’n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli“, +schloß er geheimnisvoll. +</p> + +<p> +„Was wolle denn Sie von uns“, rief der Schreiber. +</p> + +<p> +„Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon +no sehn.“ +</p> + +<p> +„Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.“ +</p> + +<p> +Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des +Schreibers. „Pst! Sei still!“ flüsterte er und duckte das +Gesicht auf die Tischplatte. „Wißt ihr, was auf dem +Hobel steht?“ +</p> + +<p> +„Auf was für’n Hobel?“ +</p> + +<p> +„Aha! Hat’s euch scho?“ rief Johann Jakob Streberle, +weil alle Räuber das Gesicht horchend auf die +Tischplatte duckten. +</p> + +<p> +„No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf’n Schloßberg +g’funde ham. J. J. St. steht darauf“, flüsterte der +bleiche Kapitän. „Der Hobel gehört dem Streberle; der +Kerl hat uns sicher nachg’schnüffelt.“ +</p> + +<p> +Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle +blickten zum Glasermeister hin. +</p> + +<p> +„Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will +aber gar nix g’sagt hab.“ +</p> + +<p> +„Sie wisse nix . . . gar nix“, sagte der Schreiber. +</p> + +<p> +„Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht +sei Maul“, flüsterte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Der Glasermeister schnellte in die Höhe. „Sooo . . . +<em class="em">ihr</em> habt mein Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!“ Er +sprang an den Räubertisch. +</p> + +<p> +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +„Wolle Sie was von uns!“ Der Schreiber war in die +Höhe gefahren. Der Schnauz kläffte. Alle Räuber standen. +</p> + +<p> +Da trat Winnetou ein. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf. +</p> + +<p> +„Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein +. . . Wissen Sie, was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion +sind Sie“, sagte Winnetou laut und setzte sich. +</p> + +<p> +Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang +dazwischen. „Ruh jetzt! . . . Macht euer Sach wo anders +aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in Ruh.“ +</p> + +<p> +„Ihr Gauner!“ Er versuchte den Wirt zur Seite zu +drängen. Hoheitsvoll sah der Wirt den Glasermeister an. +„Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort ist Ihr Platz!“ +sprach er hochdeutsch. +</p> + +<p> +„No ja, aber hat’s denn scho so was gebe. Jetzt sagen +Sie selber . . . Wir Männer — — —“ +</p> + +<p> +Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein. +</p> + +<p> +Auch die Räuber setzten sich. +</p> + +<p> +Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, +hielt es gegen das Licht und reichte es seinem Sohn, der +das leere Glas eine Weile senkrecht zwischen die zur Decke +gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr Griebe +zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit +ihm eilig die Weinstube. +</p> + +<p> +„I wer mir mei Gäst vertreib lasse.“ +</p> + +<p> +„No, jetzt sage Sie selber.“ +</p> + +<p> +„Streberle, i will gar nix wiss.“ +</p> + +<p> +„Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister +Widerschein“, fragte der Berliner den +Fischer. +</p> + +<p> +„Das is ’n Widerschein seiner.“ +</p> + +<p> +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +„Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn +Widerschein reparieren . . . Bedeutend billiger als in +Berlin.“ +</p> + +<p> +„Ja, Berliiiiiiin!“ +</p> + +<p> +„Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig +wie früher . . . Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.“ +Der Berliner nahm sein Glas in die Hand. +</p> + +<p> +„Was? . . . Erhööööhen?“ +</p> + +<p> +„Flecke auf die Absätze.“ +</p> + +<p> +„Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä +Mark und dreißig Pfennig für Sohle und Absätz. Seit +zwanzig Jahr.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber horchte gespannt. +</p> + +<p> +„Aber hörn Sie mal!“ Der Berliner stellte das Glas +zurück, ohne getrunken zu haben. „Da muß ich doch morgen +gleich einmal zum Meister gehen . . . Gleiche Preise +für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin +Reisender.“ +</p> + +<p> +„Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, +kann Fisch hab.“ +</p> + +<p> +„Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, +ich käme morgen zu ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle +Sache bei mir.“ +</p> + +<p> +Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der +nervös auf dem Stuhle herumrutschte. „Es kann sei, daß +mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil er Schuh nach +Höchberg trägt.“ +</p> + +<p> +„Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle +Arbeit — reelle Preise. Daher der Aufschwung. Das ist +auch meine Weltanschauung.“ +</p> + +<p> +„Ja no, das Solide is no alleweil das beste.“ +</p> + +<p> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +„I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln“, +sagte Johann Jakob Streberle und erhob sich. +</p> + +<p> +„’n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge +lass. Wir müsse doch rauskrieg, was er vor hat“, sagte +der bleiche Kapitän, als der Glasermeister gegangen war. +</p> + +<p> +„Solide — reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung +zur Folge, seit dem Kriege siebzig/einundsiebzig.“ +</p> + +<p> +„Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor +Paris . . . Wir sind in einem Dorf gelege — —“ +</p> + +<p> +„Hör’n Sie mal!“ unterbrach der Berliner: „Die +Preußen — — — — —“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede +Feuer auf der Esse lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, +der unverhofft eine dringende Reparatur hatte ausführen +müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in +den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene +Schreiber lallte: „Mir ist jetzt alles gleich“, trat auf den +Schmied zu, starrte ihm in die Augen und rief streng: +„Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen Sonntag +zu arbeiten!“ +</p> + +<p> +„Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine“, rief erbost +der Schmied. +</p> + +<p> +„Hau mal her!“ +</p> + +<p> +Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter. +</p> + +<p> +„Hau no mal her!!“ +</p> + +<p> +Er hieb ihm wieder eine herunter. +</p> + +<p> +„Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!“ +</p> + +<p> +Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche +Maulschelle und ging in seine Werkstatt zurück. +</p> + +<p> +Die Räuber gingen die Straße vor bis zum „Spitäle“. +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +Alle waren etwas angetrunken, bis auf Winnetou, der +einige Schritte seitwärts nachdenklich nebenher ging. +</p> + +<p> +Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen +ihre Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war +gegen zehn Uhr. +</p> + +<p> +„Ich hab’s euch ja g’sagt, es war ein Mann dagestanden. +Ich hab’n genau g’sehn.“ Falkenauge drehte sich aufgeregt +im Kreis der Räuber herum und deutete zur +Festung. +</p> + +<p> +„Hast halt auch amal was g’sehn“, sagte der ernüchterte +Schreiber. +</p> + +<p> +„Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!“ +rief der bleiche Kapitän. „Ich werde dem Streberle sagen: +wenn Sie’s Maul halte, kriege Sie Ihren Hobel +wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . . +ich weiß ja gar nit, was da wär.“ +</p> + +<p> +Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg +hinaufgingen, wuchsen die Sandsteinheiligen der Brücke +und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel, bis zuletzt +die ganze Stadt vor ihnen lag. +</p> + +<p> +„Wollen wir nicht lieber ins ‚Zimmer‘“, fragte Oldshatterhand. +„Wir zünden die zwölf Kerzen an, das ist +doch schöner.“ +</p> + +<p> +„Hohaho!“ rief der Schreiber. „Oldshatterhand hat +Angst, in die Wirtschaft zu gehen.“ +</p> + +<p> +„Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern +zu tun?“ +</p> + +<p> +„Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?“ +</p> + +<p> +„Kerzen? — Kerzen haben was mit Indianern zu tun.“ +</p> + +<p> +„Also der spinnt!“ Der König der Luft, der beim Fortgehen +in der Küche den Knochen einer Kalbshaxe +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian hinauf und +gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal +ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht +ekstatisch himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die +Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm streckte der heilige +Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände gegen +den Knochen aus. +</p> + +<p> +Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf +das Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht +darauf zu laufen; die Räuber folgten seinem Beispiel: +mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle +Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die +ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe +und sprangen wieder auf das Pflaster. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich +um zur Festung. Plötzlich schwang auch er sich auf das +Geländer, schloß die Augen — und rannte los, im Galopp. +Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber geduckt, +sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand +würde in die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu +geben, bis Oldshatterhand bei ihnen angelangt war und +herunter in Sicherheit sprang. +</p> + +<p> +Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand +vom Tode zurück zu ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands +Innern drohte auch jetzt noch, da die Gefahr +schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon +öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen. +</p> + +<p> +Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von +Schauern begleitete Ergriffenheit. +</p> + +<p> +Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer +Mitte. +</p> + +<p> +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet +und verkehrten seit Jahren nicht mit ihnen. Sie waren +eine kompakte Masse, mit der Streit anzufangen ein Knabe +sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig, zu +einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen +hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande +erfahren oder mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte +die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen, als +sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb +hatten die Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen +untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied den +Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, +frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten +Vereinigung. +</p> + +<p> +Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben +war, und warteten beim Vierröhrenbrunnen +auf ihn. +</p> + +<p> +Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem +Heiligen und starrte zum Fluß hinunter; im fließenden +Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie sie ihn +vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den +Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und +auf den Kaplan zu stürzen. Er preßte die Fäuste an die +Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers Geländer, +die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte +er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück +und schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. +Langsam ging er den Räubern nach. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst +zum Stadttheater gehen und die Rote Wolke abholen müsse, +der als Statist mitwirkte in „Wilhelm Tell“, und schloß +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +ärgerlich: „Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß +man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.“ +</p> + +<p> +Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten +auf die erregt Gestikulierenden und auf die vor Erregung +stillen jungen Leute, die aus dem Hauptausgang strömten, +und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in die +einzige Droschke stieg. +</p> + +<p> +Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke +und blieb zurückweichend stehen. „Und frei erklär ich alle +meine Knechte!“ rief er und breitete die Arme aus. +„. . . Vorhang.“ Sein Mund blieb offen, rund und +schwarz. +</p> + +<p> +„Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns +verrat.“ Alle redeten auf ihn ein. +</p> + +<p> +„Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie’s treiben!“ +</p> + +<p> +„Was ist ohne Beispiel?“ +</p> + +<p> +„Wie sie’s treiben!“ +</p> + +<p> +„Jetzt halt doch’s Maul!“ +</p> + +<p> +„Theater! Theater! . . . Diese Pracht!“ +</p> + +<p> +„Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, +was uns retten kann.“ +</p> + +<p> +„Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig +hab ich kriegt . . . Aufruhr! Mut! Freiheit!“ +</p> + +<p> +„Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. +Wir müssen nur zusammenhalten.“ +</p> + +<p> +„Wir halten zusammen!“ rief die Rote Wolke begeistert. +</p> + +<p> +Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen +bereit, als sie in dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, +dem „Eckertsgärtle“, anlangten, was gleich +dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für +alle zusammen eine „Liesl“ Bier bestellte, einen hohen +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +Krug, der zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe +<em class="em">einer</em> Hand zu trinken die Ehre verlangte. +</p> + +<p> +Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert +und lächelte manchmal schadenfroh, während er +mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er sagte, er solle +die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein +Spiel zustande käme. +</p> + +<p> +Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die +bei Beginn des Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, +griffen sie gleichgültig immer nach der schwersten und +größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem +Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden +Schlange zuflüsterte: „Ich muß einen Preis holen. +Einen muß ich holen. Vielleicht den ersten!“ Er hatte +seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt. +</p> + +<p> +„Der andere kommt!“ rief der Glasermeister der Kriechenden +Schlange zu. +</p> + +<p> +„Das brauche Sie doch bloß zu sagen.“ +</p> + +<p> +„Ich hab’s ja g’sagt.“ +</p> + +<p> +Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe +Kniebeuge nieder, rief: „Weg da! Weg da! Weg da!“ +auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit den +Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, +schleuderte sie hinaus — und schoß in die Höhe auf die +Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem +Mund rief er jedesmal: „Die Dreckbahn fällt +nach links ab“, wenn er nichts getroffen hatte. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit <em class="em">einer</em> +Hand aus dem Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister +hin in tiefem Baß und jagte die Kugel hinaus. Johann +Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen +glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch. +</p> + +<p> +Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen +und der Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand +die Rattenfalle geschenkt hatte, waren von der innigen, +begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen führenden +Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös +geworden. Sie schimpften, wenn Falkenauge immer +wieder das Anschubbrett absuchte, ein Sandkörnchen davon +aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf +den Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger +gespreizt, in höchster Spannung jede Drehung der +Kugel mitzumachen schien, wobei sein weitaufgerissenes +Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge interesselos +und tot irgendeinen Mitspieler ansah. +</p> + +<p> +Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten +Preise heran; die Begeisterung wuchs, und die geröteten +Gesichter zuckten in dem von Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch +erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit +Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen. +Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf +den Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, +um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke. +</p> + +<p> +Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann +Jakob Streberle, den Soldaten und vom Schmied Gottlieb +für ungültig, dagegen von den Räubern unter empörten +Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig +Pfennige, rief dem Schmied erregt zu: „Sie lügen ganz +einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie Lügenbeutel!“ +</p> + +<p> +Und während Johann Jakob Streberle durch einen +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +wohlgezielten Schub mit einer nur faustgroßen Kugel +sich den ersten Preis sicherte und damit das Spiel beendete, +griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, +vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken +und ein ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand +— die Räuberbande stürzte auf den Schmied, +und die Soldaten auf die Räuber. Der Wirt und sein +Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im +Menschenknäuel. +</p> + +<p> +Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie — Scherben. Der +Schreiber wankte. Falkenauge griff sich ins Gesicht — +und griff ins Loch; durch einen Faustschlag, zum Glück +nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes Auge +herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn +hinaus. +</p> + +<p> +Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend +auf ihn ein. Die Bande flüchtete. Oldshatterhand, +mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom Schmied +Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume +des Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich +durch die Tür huschen, hinaus zu seinen wartenden Kameraden. +</p> + +<p> +Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos +auf dem Stuhle sitzen geblieben. Und als er die verblüfften +Blicke der Zurückgebliebenen auf sich gerichtet +sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern. +</p> + +<p> +Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann +trat aus dem Garten und ging in der entgegengesetzten +Richtung fort, worauf sich die Räuber wieder vor +der Gartentür einfanden. +</p> + +<p> +Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +Mark gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen +Kapitäns auf dem Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine +stumme Bedauern um das Plüschhütchen verwandelte +sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich +erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen. +</p> + +<p> +„Bring auch mein Auge mit“, bat Falkenauge. +</p> + +<p> +Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, +ging der Schreiber langsam durch den Garten, hinein in +die Kegelbahn — und wurde schrecklich zugerichtet. Nur +auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen, +ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen, +und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, +traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf +zur neuen Brücke, während die andern noch in den +Garten hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten. +</p> + +<p> +Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, +und die Räuber verschwanden. +</p> + +<p> +Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit +dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und den Kopf +auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem Munde +heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte +Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag +neben ihm; des Schreibers Hand ruhte darauf. +</p> + +<p> +„Und unser Preis ham wir auch nit“, sagte der bleiche +Kapitän. +</p> + +<p> +Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. „Nur +fünfzig Pfennig übern Preis . . . Deshalb braucht doch +des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe. Ich kann’s +ihm ja zurückgeb, wenn er’s will.“ +</p> + +<p> +„Hättst dei Maul nit so gewetzt“, rief der König der +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Luft Oldshatterhand zu, „dann hätten wir jetzt unser +Preis.“ +</p> + +<p> +„Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!“ +</p> + +<p> +„Darauf kommt’s ganz allein an“, sagte der Schreiber +mit dunkler Stimme, stand mühsam auf und spuckte blutigen +Speichel hinunter in den Main. „Der Schub war +gültig.“ +</p> + +<p> +„Und das ist die Hauptsache!“ rief der bleiche Kapitän. +„Das wär noch schöner, wenn wir uns von diesen +Kommißbrotfressern was g’fall ließeten. Wenn doch der +Schub gültig war.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und +sagte unheilvoll: „Der Trainsoldat war’s.“ +</p> + +<p> +Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, +seinen Leuten das Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, +indem er den Wachtposten kalt und gemessen fragte: +„Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?“ +und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof +eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben +hatte, erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, +mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der +Witwe Benommen. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Horch, wer zieht so still und leise</p> + <p class="line">Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.</p> + <p class="line">Ach, es sind die armen Briten,</p> + <p class="line">Die so manchen Stoß erlitten.</p> + <p class="line">Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.</p> + <p class="line">Plötzlich bleibt die Truppe stehen,</p> + <p class="line">Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.</p> +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> + <p class="line">Seht sie kämpfen, seht sie streiten,</p> + <p class="line">Durch des Feindes Mitte reiten</p> + <p class="line">Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, +aus der Kneipe. +</p> + +<p> +„Leih mir zwölf Pfennig“, bat Oldshatterhand den +bleichen Kapitän. +</p> + +<p> +„Ich hab ja selber nimmer genug.“ Er lieh ihm aber +sogar vierzehn Pfennige und sagte: „Die zwei gibst +Trinkgeld.“ +</p> + +<p> +In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die +Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand +ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter +kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den +Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die +Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals +Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den +Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar +des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der +Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. +Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen. +Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler +für die Buren wach und machte während des +ganzen Krieges ein gutes Geschäft. +</p> + +<p> +Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie +immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden +Tisch herum, neben der Schenke. +</p> + +<p> +In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das +blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf +den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge +saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag +blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen +über ihm an der Wand spielte, viele Töne +auslassend: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Sah’ ein Knab ein Röslein stehn — — —</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, +ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, +roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren, +stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, +neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte +jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines +jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen +Augen, während die Witwe Benommen, klein und +zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht, +die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und +verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin +beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus +den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte +Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er +sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die +Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt +hatte. +</p> + +<p> +Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, +bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der +seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm +weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen +den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und +mit dem Finger zur Türe wies: „In meiner Wirtschaft +wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!“ +</p> + +<p> +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete +diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene. +</p> + +<p> +Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der +Kellnerin zu: „Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß, +wo Sie hingehören.“ +</p> + +<p> +Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das +Lachen. Sie gab dem Gast auf dessen Mark heraus und +nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen, wobei ein +unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte. +</p> + +<p> +Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten +Gartenmauer, klebten drei niedere Häuschen aneinander, +über deren Haustüren metergroße, schwarze Nummern +gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz +kleine, altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. +Trat man aber ein — da war alles rosa. Und starkes +Parfüm und Frauenlachen schlug einem entgegen. Das +war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der +Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz +plötzlich waren die ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen +Neueinrichtung beschenkt worden, worauf ein +hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln herunter +entbrannt war und die Bewohner der vorderen +Fischergasse sich empört gegen die Schande gewehrt und +von den Stadtvätern einen anderen Namen für ihre Gasse +verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker +Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen +ebenso plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und +danach standen die Häuschen leer, denn es fand sich kein +Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem Vierteljahr +wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten +wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie +jemand haben. +</p> + +<p> +Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von +rosa Ampeln beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen +saß bei den für die Buren begeisterten Sandschöpfern +und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, +trank und sog den Schaum von der Oberlippe wie ein +schnurrbärtiger Alter. „Gott, daran kann ja gar kein +Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.“ +</p> + +<p> +„Wo das Recht ist, ist der Sieg“, sagte die Rote Wolke +und hob die Hand. +</p> + +<p> +Der Schreiber sagte ernst: „Ex!“ trank sein Glas leer +und reichte es gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln +über das sachliche Gebaren der Räuber nicht unterdrücken +konnte. +</p> + +<p> +Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an +der Kellnerin zu äußern, stand beim Wirt und legte ihm +die Hand auf die Schulter. +</p> + +<p> +„In meiner Wirtschaft gibt’s das einfach nit“, sagte +unwirsch der Wirt und schnitt ein Stück Schwartenmagen +ab. +</p> + +<p> +„Ja, in <em class="em">deiner</em> Wirtschaft“, sagte die Witwe Benommen +hämisch. „Was willst du denn, wenn sich das +schlampige Menschle doch von jed’n rumschmier läßt.“ +</p> + +<p> +„Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft +nit. Aber kurz und klein schlag ich dir alles, wennst +jetzt nit Ruh gibst.“ +</p> + +<p> +Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte +sich nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +„Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh +tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der +Schenk.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, +in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen +die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete. +</p> + +<p> +Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen +auf. „Das ist er!“ Alle Räuber wandten sich nach dem +Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte. +„Der war’s“, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein +blutiges Vorhemd. +</p> + +<p> +Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein +schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: +„Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine +Freunde auf den Tisch. Ja.“ Er hielt sich zu den vorurteilslosen +Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, +auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen +Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und +tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug. +</p> + +<p> +Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der +zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen +Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen, +aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das +Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er +den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform +öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar +wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und +rief: „Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. +Gsuffa! Ja.“ Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, +reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen +Bart entlang. +</p> + +<p> +Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens +gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und +seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht. +Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie +ausüben. +</p> + +<p> +Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch +konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen +nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu +ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen +zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren +Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu +verscherzen wünschten. +</p> + +<p> +„Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!“ rief der +Schreiber plötzlich der Kellnerin zu. +</p> + +<p> +„Kannst sie denn bezahl?“ fragte erstaunt der bleiche +Kapitän. +</p> + +<p> +„Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich +jetzt sowieso scho angerissen.“ +</p> + +<p> +„Mein Lieber, was machst denn da jetzt?“ +</p> + +<p> +„Ich geh halt heim . . . und halt’s aus. Da kann man +jetzt nix mehr mach . . . Wenn nur wenigstens den Berliner +der Teufel holet.“ +</p> + +<p> +Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke +neben ihrem Sohn. +</p> + +<p> +Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten +geheftet, und als er die Hand der schönen Kellnerin streichelte, +stülpte der bleiche Kapitän drohend die Lippen nach +außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick +auf das Mädchen, eine Biermarke auf den +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Schanktisch schmiß, und die Witwe Benommen hämisch das Gesicht +verzog. +</p> + +<p> +Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk +in Gang. Es rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal +und begann, aus Altersschwäche manche Worte +unterschlagend, zu spielen: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.</p> + <p class="line">Sie flohen heimlich von Hause fort,</p> + <p class="line">Es wußt’s weder Vater noch Mutter.</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als +säßen sie in einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin +stand wider die Mauer gelehnt und blickte in unbegreiflicher +Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem +Rasseln fortfuhr: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">Sie sind gewandert hin und her,</p> + <p class="line">Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,</p> + <p class="line">Sie sind verdorben, gestorben.</p> +</div> + +<p class="noindent"> +„In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst +du’s nit? Und trink e Gläsle Wein dazu. Das tut dir +doch gut“, sagte der Wirt zu seiner Mutter. +</p> + +<p> +Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: +„Das war von Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen +mir ans Herze . . . Meine Mutter hat’s auch immer gesungen, +als ich noch ’n kleener Junge war.“ +</p> + +<p> +„Der kann leicht sei Maul vollnehm“, sagte der +Schreiber und beugte sich zu den Räubern. „Wenn man +eine Million verdient im Jahr.“ +</p> + +<p> +„So viel wird’s aber vielleicht nit sein. Überhaupt, +wie ist denn das eigentlich, dahinten in der Fischergaß?“ +</p> + +<p> +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +„So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die +Fischergaß.“ +</p> + +<p> +Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. +Manchmal wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht, +das ganz von Ruß und Tränen verschmiert war. +</p> + +<p> +Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter +Stirne und böse blickenden Augen, in die Wirtsstube +und hob die Hände: „Daa bist du? Dei Frau heult +sich daheim die Augen aus.“ +</p> + +<p> +Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend +immerzu: „Mei eigener Bruder! Mei eigener Bruder!“ +</p> + +<p> +„Es is nit wahr“, sagte der Eingetretene. „Also, +wenn i dir sag. I bin doch dei Bruder.“ +</p> + +<p> +„Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat’s mir ja +selber ei’g’stande. Gestern die ganze Nacht warst du bei +ihr!“ brüllte der Kohlenführer plötzlich laut. +</p> + +<p> +Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, +erschrocken auf seinen Bruder: „Also, wenn i dir +sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit mein eigene +Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. +Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch +nit von mir . . . Mit der eigene Schwägerin.“ +</p> + +<p> +Der Kohlenführer hob den Kopf. „Du sagst, es is +nit wahr?“ +</p> + +<p> +„Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i +dir sag! . . . Mir trinke a Maß Bier mitnander“, schloß +beruhigend der Sandschöpfer. „Lone! a Maß Bier für +mich und mein Bruder.“ +</p> + +<p> +Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und +die erleichterten Brüder sangen kräftig mit: +</p> + +<div class="poem"> +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> + <p class="line">„Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,</p> + <p class="line">Denn sie fechten toll und kühn — — —“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Alte war schlafen gegangen. +</p> + +<p> +„Setze Sie sich und esse Sie was“, sagte der Wirt zu +seiner Kellnerin und lächelte. +</p> + +<p> +Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging +fort. +</p> + +<p> +„Jetzt!“ rief der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und +stürmten zur Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde +und bleich, als Letzter. +</p> + +<p> +Vor dem „Spitäle“ stand der Soldat, summte: „Als +die Römer frech geworden“, und stieß dazu mit seinem +langen Säbel den Takt aufs Pflaster. +</p> + +<p> +Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der +Brücke standen dunkel gegen den Himmel. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, +ging allein auf den Soldaten zu und sagte: „Sie +sind doch der . . . von der Kegelbahn! He? . . . Zu fünft +über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?“ +</p> + +<p> +Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels. +</p> + +<p> +„Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im +Guten.“ Und plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns +nach dem Griff; er riß den Säbel aus der Scheide +und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem +Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den +dunklen Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß +die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen +hatte, schon weg war. +</p> + +<p> +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne. +</p> + +<p> +Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den +unterirdischen Gang ins „Zimmer“ und brachten den +Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem verblieben +ist. +</p> + +<p> +„Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika +sein können“, sagte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei +der letzten Linde stehen, wo ihre Wege sich trennten. +</p> + +<p> +Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden +Winnetou stand frierend und grünbleich Oldshatterhand. +„Was hat das alles, was wir heut gemacht ham, eigentlich +für einen Wert“, sagte er, und rief, plötzlich zornig, +weil er den Widerstand der Räuber fühlte: „Für uns hat +das gar keinen Wert! sag ich . . . Für uns nit!“ +</p> + +<p> +„No und der Säbel?“ +</p> + +<p> +„Ich geh jetzt heim“, sagte der Schreiber. „Es is einfacher, +wenn ich gleich heim geh.“ +</p> + +<p> +Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand +in der Schloßgasse. +</p> + +<p> +Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. +Langsam stieg er den Schloßberg wieder hinauf, ging +unter Grauenschauern durch den sammetschwarzen unterirdischen +Gang ins „Zimmer“ und zündete eine Kerze an. +</p> + +<p> +Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah +den Kaplan und die Schwester auf dem Kanapee, die +Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die Lippen zu +einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer +die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen +ins Haus gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter +jammernd über seine Leiche fiel, und sagte plötzlich +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +haßerfüllt: „So, da hast du’s jetzt. Geschieht dir ganz +recht. Ganz recht.“ Schleichend näherte er sich der Glasvitrine +und blickte auf den alten Revolver, der durch die +Brechungen des runden Glases verdreifacht unter der Vitrine +lag. +</p> + +<p> +Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt +und rostig, vor ihm. +</p> + +<p> +Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver +geladen war, setzte die Mündung auf die Mitte seiner +Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor er abdrückte, +das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in +seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er +mitten durch die Mutter schießen würde. „Hopp!“ schrie +er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou stürzte +zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte +Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter +strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am +ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte +und wand sich; der Mund biß in den Boden. +</p> + +<p> +Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen +„Zimmer“ und atmete keuchend mit offenem Munde +den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und schlief +augenblicklich ein. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-3"> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +Drittes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">S</span>pätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den +Schloßberglinden und Dachziegel von den Häusern, +wovon einer dem Spenglermeister Herrn Hieronymus +Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen +lang seinen Arm nicht heben konnte. +</p> + +<p> +Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. +Wagen, mit dickbauchigen Fässern beladen, schwankten +durch die Gassen, standen vor den Weinstuben; schwarze +Schläuche liefen davon weg in die Keller, und die geschmückten +Pferde stampften und pusteten die Streu aus +den vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. +Die ganze Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem +berühmt gewordene Achtzehnhundertneunundneunziger +war heimgebracht worden. Angetrunkene torkelten durch +die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war schwärzlich +angelaufen. +</p> + +<p> +Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig +versammelt, saßen auf der Anklagebank. +</p> + +<p> +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen +des Raubzuges in die königlichen Weinberge Anzeige +bei der Staatsanwaltschaft erstattet. +</p> + +<p> +Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann +sträubte sich sein inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, +und speichelspritzend lachte er: „Dene Früchtli +ham mir’s amal besorgt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des +Staatsanwalts Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon +überzeugt, daß es sehr erschwert, ja lebensgefährlich +war, um den Diebabhalter herum in die königlichen Weinberge +zu gelangen. +</p> + +<p> +Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit +hinter der Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm +gegenüber der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein +— des Schreibers Chef —, alle in schwarzen Talaren. Neben +Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die +Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht +gedrängt, die Zuschauer; darunter die erregten Väter +ihrer Söhne. Ganz im Vordergrunde, die dürren Hände +vor dem Bauch gefaltet, mit müden Augenlidern, den +Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe Benommen +und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und +neben ihr, die Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß +sich kleine Apfelbäckchen bildeten, saß kerzengerade Herr +Lehrer Mager. +</p> + +<p> +Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart +und geröteter starker Nase, blickte schon eine +Weile unverwandt mit seinen guten Augen streng von +einem Räuber zum andern. „Oskar Benommen, du sollst +ja der Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. +Erzähle uns jetzt, wie war die Sache.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. „Der da, +der kleine Vierkant, Herr Richter, der ist der Verführer +von meinem Sohn. So klein er ist, so frech und verdorben +ist er . . . der Teufel.“ +</p> + +<p> +Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. +Und während Oldshatterhand, bleich geworden, auf der +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +Bank herumrutschte, brüllte der Richter: „Das Maul gehalten! +Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf und +rede.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. +Das war alles. Es war still. +</p> + +<p> +„Den Kopf reißen wir dir nicht herunter“, lenkte der +Richter ein. +</p> + +<p> +Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen +Finger an den senkrecht hängenden Armen und sagte, +nicht im Baß, sondern mit seiner natürlichen, sehr hohen +Stimme und sehr schnell: „Ja also, wir war’n halt droben +in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen +und da hat’s zwölf Uhr geschlagen und da sind +wir in den Weinberg und ham unsere Trauben gegessen +. . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, und später +sind wir heimgegangen.“ +</p> + +<p> +„Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser +Weinberg! Unser! Unser! Unser! . . . Nun, und wo sind +denn die paar Trauben hingekommen? die ihr noch mitgenommen +habt.“ +</p> + +<p> +„Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.“ +</p> + +<p> +Im Zuschauerraum war es ganz still. +</p> + +<p> +„Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen +Bank heruntergleiten und ging ganz langsam bis knapp +vor das Richterpult. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf +ihn, den Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die +Hand dargereicht, zum Richter in die Höhe, sagte fein und +leise: „Zuletzt waren keine Trauben mehr da“, und schrak +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: „Kleiner +Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten +gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg +geboren ist! Und ihr Gauner stehlt ihm seine Trauben! +. . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem König seine +Trauben.“ +</p> + +<p> +Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt +getroffen. Die Lippen zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: +„Ich wachse noch!“ +</p> + +<p> +Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. „Setze dich. +Und merke dir das, wenn du den Prinzregenten kennen +würdest, dann würdest du seinen Weinberg in Ruhe +lassen.“ +</p> + +<p> +„Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal +einen Blumenstrauß gegeben hab. Damals, wie die neue +Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab ja sogar meinen +Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.“ +</p> + +<p> +„Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben +stehlen? . . . Jetzt hört mich einmal an. Wenn ihr nicht +gesteht, wo ihr die Trauben versteckt habt, sperre ich euch +ein, bis ihr alt und grau seid . . . Hans Lux! Wo sind +die Trauben hingekommen.“ +</p> + +<p> +Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht +vor; der König der Luft mahlte mit den Zähnen und +schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine Fäuste fest +an die Schenkel angepreßt blieben. +</p> + +<p> +„Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem +Weinberg zurückgestiegen, und . . .?“ +</p> + +<p> +„Und ham sie gegessen“, flüchtete der König der Luft +eilig über die Traubenaffäre weg und fuhr fort: „Also, +aber also und, dann wollte ich das +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +hundertsiebenundneunzigste +Kapitel aus ‚Die bleiche Gräfin oder Der Mord im +Walde‘ vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, +Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.“ +</p> + +<p> +„Was ist das? Oldshatterhand?“ +</p> + +<p> +„No, Michl, also Michl Vierkant.“ +</p> + +<p> +„Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?“ +</p> + +<p> +„Also no! also natürlich, ‚Stehlen, morden, huren, balgen, +heißt für uns nur die Zeit zerstreun, morgen hängen +wir am Galgen‘ — — —“ +</p> + +<p> +„Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?“ +</p> + +<p> +„Ja. Von Friedrich von Schiller.“ +</p> + +<p> +„Nun, und dann?“ +</p> + +<p> +„Hn?“ +</p> + +<p> +„Was habt ihr dann gemacht?“ +</p> + +<p> +„Dann haben wir registriert.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ +</p> + +<p> +„Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham +wir registriert.“ +</p> + +<p> +„Was habt ihr registriert?“ +</p> + +<p> +„. . . Also halt so. Also und alles.“ +</p> + +<p> +„Zum Teufel, also was denn!“ +</p> + +<p> +„Also halt einen Stallhasen.“ +</p> + +<p> +„Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?“ +</p> + +<p> +„. . . Gekauft! lebendig.“ +</p> + +<p> +„Und was war weiter?“ +</p> + +<p> +„Hell war’s!“ +</p> + +<p> +„Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?“ +</p> + +<p> +„Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich +gange.“ +</p> + +<p> +„Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. +Der König der Luft hatte gelächelt. „Nein, also und, sie +hat mich ja nit g’hört. Also weil sie taub is.“ +</p> + +<p> +„Was?“ +</p> + +<p> +„Taub.“ +</p> + +<p> +„Georg Bang!“ +</p> + +<p> +Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der +Roten Wolke zu: „Also das glaubt er nit, daß sie taub is.“ +Der Roten Wolke Mund stand empört offen. +</p> + +<p> +„Georg Bang!“ +</p> + +<p> +Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der +Schule her gewöhnt war. Sein neues Glasauge glänzte +in reinstem Weiß und Kobaltblau, während sein natürliches +graubraun war. +</p> + +<p> +„Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen +für Herrn Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt +frei zum Richterpult. +</p> + +<p> +„Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben +in der Volksschule. Vielleicht können Sie uns eine Handhabe +geben, wie etwas aus ihnen herauszubringen ist.“ +</p> + +<p> +Herr Mager stand wie ein Spazierstock. „Vorerst muß +ich bemerken, Herr Amtsrichter, daß ich diese Buben auch +jetzt noch abends in der Fortbildungsschule habe, und sie +auch als Rekruten wiederbekomme. Und dann: es war mir +nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie empfindlich +zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! +Drittens habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule +prophezeit, daß er einmal im Zuchthaus enden +werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten immer zusammen. +Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +Zwölfen niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: +Wer meldet sich?“ +</p> + +<p> +„Wie meinen Sie das, Herr Mager?“ +</p> + +<p> +„Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische +Züchtigung verdient hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es +melden sich dann immer welche freiwillig, die ihren Mitschüler +während der Züchtigung auf dem Stuhle festhalten.“ +</p> + +<p> +„Nun . . . ich danke, Herr Mager“, sagte der Richter +und erholte sich langsam von seinem Staunen. +</p> + +<p> +Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen +anderen, brüllte und war jovial. Es half ihm alles nichts. +Die Räuber hatten dem bleichen Kapitän vor der Verhandlung +einen langen Eid schwören müssen, das „Zimmer“ +nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer +Knabe, kein Mensch in Würzburg wußte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in „Der tote +Mann im Keller oder Verfolgt über alle Länder und +Meere“ von verborgenen Falltüren gelesen, daraufhin die +Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, +als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche +Kapitän hatten so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis +ihnen der Verschlußstein des unterirdischen Ganges zu +Füßen gefallen war. +</p> + +<p> +„Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir +und denke an deine Mutter. Sie ist eine ehrenwerte +Frau.“ +</p> + +<p> +Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher +kalt auf Winnetou, ihren Sohn. +</p> + +<p> +„Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +„Ich nehme keine Trauben mehr“, sagte Winnetou. +Und es klang wie ein Schwur. +</p> + +<p> +Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: „Ich +denke, wir können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort +geben . . . Theobald Kletterer!“ Er sah noch einmal +in seine Aktenmappe und fragte mild und freundlich: +</p> + +<p> +„Du bist eine Doppelwaise?“ +</p> + +<p> +„Ja!“ +</p> + +<p> +„Du wirst mich doch nicht belügen.“ +</p> + +<p> +„Nein!“ +</p> + +<p> +„Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?“ +</p> + +<p> +Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und +schwarz wie ein Mauseloch, worin die Zahnstummeln +standen, dunkelbraun wie Schokoladepyramidchen. Er +stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich auf und hob die +Hand. „Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete +die alte Stadt.“ +</p> + +<p> +„Wo sind die Trauben hingekommen?“ +</p> + +<p> +„Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere +blieb übrig.“ +</p> + +<p> +Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte +eine abschließende Handbewegung zum Staatsanwalt hin. +„Setzt euch. Auch du, Hans Widerschein.“ +</p> + +<p> +„Jawohl, Herr Amtsrichter“, sagte der enttäuschte +Schreiber, der stehen geblieben war, weil er auch gerne +etwas gesprochen hätte. Zögernd ging er zurück auf seinen +Platz. +</p> + +<p> +Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell +einleitenden Worten, die Räuber freizusprechen und sie +der Schule zur Bestrafung zu überweisen. +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +angefangen hatte zu sprechen, ihren faltigen Totenkopf +aufgestellt, als er fertig war, ihn wieder sanft schulterwärts +geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen Kapitän, +wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt +worden wäre. +</p> + +<p> +Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, +ein kleiner Mann. Bei dem Anfangswort jeden +Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor sich auf den Boden +stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne jemals +den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an +zu reden, eine lange Rede: „Hoher Gerichtshof! Gehen +Sie mit mir die ganze Strafsache durch. Von Anfang bis +zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es nimmermehr +geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß +Sie zu einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.“ +</p> + +<p> +Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, +welcher fortfuhr: „Sehen Sie die Angeklagten an. Jung +sind sie. Sehr jung. Knaben sind sie. Kinder sind sie. +Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden Angeklagten +für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.“ +</p> + +<p> +Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer +umher, sah zur Decke, schnupfte wütend und klopfte +mit dem senkrecht gestellten Bleistift den Radetzkymarsch +auf das Pult. +</p> + +<p> +„Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans +Lux an.“ +</p> + +<p> +Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht +hielt, den langen Hals wagrecht, mit den Zähnen +mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf seinen Verteidiger +starrte, rief dieser, mit sich überschlagender +Stimme: „Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte +Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem Hans +Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des +ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren +Mutter ist . . .“ +</p> + +<p> +Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten +für sich, wog sie gegeneinander ab, sprach über Hunger, +Not und Elend, berührte, wie er eindringlich bemerkte, +den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der Kinderkrankheiten +auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der Vererbungstheorie +eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem +außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, +und langte nach einer Stunde bei der Hauptstütze +seiner Verteidigung an, der Schundliteratur. +</p> + +<p> +Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung +ihre Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen +unter den Zuschauern befürchteten, die Richter würden +ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen +Mission bewußten Verteidiger an den Jungen auslassen +und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war +Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr +des Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem +er mit einer dringenden Mahnung zu väterlicher Güte +und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, +durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus +dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, +konnten die Richter ins Beratungszimmer gehen, nach +fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber freisprechen, +um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. +Worauf tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer +schwirrten, während Herr Karfunkelstein +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit +Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber +in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage +war Schulstunde. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung +Prügel bekommen und saß gegen neun Uhr +abends in der Wirtschaft „Zur schönen Mainaussicht“ +auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und +wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas +verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah. +</p> + +<p> +„Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee“, +sagte sie zu ihrem Bruder, der Kriechenden Schlange. +</p> + +<p> +„Der soll sich’s selber hol“, erwiderte die Kriechende +Schlange und lachte zu Oldshatterhand hinüber. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber +gingen auf der Kaimauer entlang, schwenkten, ohne +sich erst zu verständigen, plötzlich nach links ab und kletterten +an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die den +Garten der „Schönen Mainaussicht“ umschloß, traten in +die Wirtsstube und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand +aufs Kanapee. +</p> + +<p> +Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. +„Auf zur Quadrille!“ rief eine nasale Männerstimme, +und zu gleicher Zeit verschwand die zimmerbreite, +auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah +durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang +ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges +Gesicht einem gelben Papagei glich. Mit eleganten +Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn +Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +ein blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, +im Saal herumging und eine Stearinkerze zerschnitt, zur +Glättung des Bodens. +</p> + +<p> +Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder +und Tanzlehrer, schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, +hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde auseinandergezogen +und unter rhythmischem Händeklatschen +des Herrn Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten +Figuren der Quadrille, von drei im großen Saale glücklich +verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet. Junge +Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen +verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz +die Wangen aneinander. +</p> + +<p> +Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden +Zwerg, breiter als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert +die Frau des Tanzlehrers, die sehr der Witwe +Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel +geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, +wobei sie jedesmal schrill rief: „Ja, des muß i +hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle“, um +dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu +schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas +angetrunken. „Tanz doch e bißle“, sagte sie lustig zu +ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam +atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust +heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem +man das Blut nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß +wie Mehl, mit blauen Lippen. +</p> + +<p> +Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er. +</p> + +<p> +„Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist +Holzauktion“, spielte der Zwerg in schnellem Mazurkatakt. +</p> + +<p> +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des +Tanzlehrers zu und lächelte. „Spiel e bißle langsamer“, +sagte sie bittend zum Zwerg, der sich verbindlich verneigte, +„wir wolle a tanz“, und zog lachend den Kranken vom +Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, +angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen +Fischer, der mit seinem Mädchen mazurkastampfend +im Saal herumraste und dem Zwerg fortwährend zuschrie: +„Spiel schneller! Spiel schneller!“ +</p> + +<p> +Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte +Wirtin mit zarter, heftpflasterrosa Haut und +vom Korsett in die Höhe gehaltenem überquellendem Busen, +fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: „Tanzen +Sie nicht, meine Herren?“ und warf, ohne Antwort abzuwarten, +einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der +einen fettigen Fes auf dem Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse +gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte und es so lange +weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln +heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in +die Tasse lief. +</p> + +<p> +„Schämst dich nit, alte Sau!“ rief die Wirtin ihrem +Manne zu, und der Kriechenden Schlange: „Nehm ihm +die Tasse weg und trag sie in die Küch.“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert +an, blieb am Schanktisch lehnen und sagte +höhnisch: „Was geht’s mich an. Laß ’n rumpantsch.“ +</p> + +<p> +„Tanzen Sie doch auch, meine Herren“, animierte die +Wirtin. Ihr Mund wurde klein vor Freundlichkeit. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach +außen. „Wir wern da im Kreis rumhüpfe.“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus. +</p> + +<p> +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +„Gehst weg! Bankert!“ schrie die Mutter ihm zu. +</p> + +<p> +„Da bleib ich“, sagte die Kriechende Schlange ruhig und +lümmelte sich auf den Schanktisch. +</p> + +<p> +Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, +kam hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die +Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände um das +eirunde Gesicht gelegt. „Schau, er kommt ja wieder. Der +Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn +Tage verschwunden. Sie hat’s in die Zeitung setz laß, +und da hat ihn ein Bauer aus Versbach zurückgebracht. +An einem Kälberstrick. Nur sei Hals war e bißle vom +Strick geränft.“ +</p> + +<p> +„I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht +die Krätze hat, oder sowas. Und schau . . . den neue +Kamm.“ Der Wirt zog einen großen Hundekamm aus +seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau hinsah. +</p> + +<p> +„Steck ’n ein. Sie braucht ’n ja nit zu sehn.“ +</p> + +<p> +„Zsssssss“, ertönte es von draußen. Johann Jakob +Streberle trat ein und der zarte Sachse, der ein junges +Mädchen, das sich verschämt am Türpfosten wand, hereinzog. +Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue Seidenschleife +im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund +war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte +sein Vermögen verloren, sich auf dem Schloßberg an eine +alte Linde gehängt und sein Kind als mittellose Waise +zurückgelassen, worauf der Inhaber der hygienischen Anstältchen +sich ihrer angenommen hatte. +</p> + +<p> +Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, +dessen lachender Mund sich schloß, als er die vier +still und eng beieinander auf dem Kanapee sitzen sah. +</p> + +<p> +„Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Rahmen, die ganze Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is +mir zug’schlage worn, weil i’s Fenster um zwä Mark billiger +mach als alle andern“, rief er, steckte die Hände in +die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. „Das muß +mer halt versteh.“ +</p> + +<p> +Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien +unter der Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes +gehüllt, dessen präparierten Kopf mit grünen +Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt +gestülpt hatte. +</p> + +<p> +Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen +in den Mund steckte, sah hämisch lächelnd auf ihren +kleinen Mann, der interessiert zum Fischer trat, das +Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines +Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an +der Zeichnung erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten +lassen, um zu der gewünschten Bettvorlage zu kommen. +Der Fischer lachte breit. +</p> + +<p> +„Hast mein Hund umgebracht?“ stotterte der Wirt, +„mein Sultan.“ +</p> + +<p> +Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein +offen eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der +rasch alt gewordene Wirt wußte es, konnte aber nichts +dagegen ausrichten. +</p> + +<p> +Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich +und rannte aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft +nach, wandte sich um und rief erstaunt: „Was +denn?“ Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer auf +den Schanktisch. +</p> + +<p> +Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die +erhitzten Paare umherwandelten und sich mit +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +Taschentüchern Wind machten. Er trat ein paar Schritte auf +die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im Saal +herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der +Boden glänzte schon. +</p> + +<p> +Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem +Sachsen und nippte von einem grünen Likör, worauf jedesmal +ihre Zungenspitze erschien und die Lippen entlang +leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der seinen +aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei +lächelnd auf das Mädchen hinunterblickte. +</p> + +<p> +An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen +Pickeln im Gesicht, aus dem die starke Nase fast wagerecht +vorschoß, und sah verlangend in den Tanzsaal hinein. +Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, +wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr. +</p> + +<p> +Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein +vierzehnjähriges Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem +weichen Busen, Sommersprossen auf der zarten Haut, +ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: +„Geht mit naus . . . Wir machen was mit meiner +Schwester.“ +</p> + +<p> +„Ich geh nit mit“, sagte Oldshatterhand sofort. Der +bleiche Kapitän und die Rote Wolke sahen verständnislos +drein. +</p> + +<p> +„Also, ich geh mit“, sagte der Schreiber, zwängte sich +zwischen Tisch und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden +Schlange hinaus in den Garten. +</p> + +<p> +„Was machen denn die mit seiner Schwester?“ fragte +der bleiche Kapitän Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Die . . . die machen was.“ +</p> + +<p> +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +„Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!“ +</p> + +<p> +„Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.“ +</p> + +<p> +„Der freie Mensch steh Red und Antwort.“ +</p> + +<p> +„Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei“, schloß +der bleiche Kapitän das Gespräch ab. +</p> + +<p> +Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten +klein unterm Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel +reichte. +</p> + +<p> +Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und +senkte den Kopf. +</p> + +<p> +„Erst ich“, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. +„Paß du auf derweil, ob niemand kommt.“ +</p> + +<p> +Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, +in dem Hacken, Schaufeln und anderes Handwerkszeug +herumstand. +</p> + +<p> +Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und +Schuppen spähend auf und ab. +</p> + +<p> +Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein +zurückkam, flüsterte er: „Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh +doch nei!“ Er schob ihn vom Stamm weg. „Ich paß ja +auf derweil . . . Oh, du hast Angst“, flüsterte er und deutete, +den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, +der langsam auf den Schuppen zuging und in ihm +verschwand. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte +horchend hinein. Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem +Lachen. +</p> + +<p> +Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln +hinunter, als er aus dem Schuppen trat; sein Haar war +verwühlt. +</p> + +<p> +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +„Der kann ja nix“, sagte das Mädchen und lief davon. +</p> + +<p> +Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende +Schlange auf den Schreiber: „Oooooo!“ +</p> + +<p> +„Was willst denn!“ rief der Schreiber erzürnt. +</p> + +<p> +„Weil ich’s g’sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal +alle im ‚Zimmer‘ seid, bring ich mei Schwester mit.“ +</p> + +<p> +„Bring halt die andere auch mit.“ +</p> + +<p> +„. . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.“ +</p> + +<p> +Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, +gingen sie in die Wirtsstube zurück, wo der Schreiber +sich wieder aufs Kanapee setzte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte +reichte, zog einen langen Dolch, den zu tragen verboten +war, aus der Hintertasche und schnitt die Spitze +einer großen Zigarre ab. „Leih mir zwölf Pfennig“, bat +er den bleichen Kapitän. „Ich hab nix mehr und möcht +noch a Glas Bier trink.“ +</p> + +<p> +„Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal +schuldig. Ich hab selber nix.“ +</p> + +<p> +Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, +vom säbelbeinigen Wachtmeister begleitet, gleich wieder +zurück. „Dieser ist’s.“ +</p> + +<p> +„Komm mal da her zu mir.“ +</p> + +<p> +Der bleich gewordene Oldshatterhand — er hatte beim +Eintritt des Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen +Kanapeesitz und Lehne gesteckt — ließ geringschätzig +die Lippen hängen und fragte angstbleich und frech: +„Was wollen Sie denn von mir?“ +</p> + +<p> +„Gehst raus! Malefizlausbub!“ +</p> + +<p> +Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen +von außen. „Wo hast’s denn?“ +</p> + +<p> +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +„Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.“ +</p> + +<p> +„Einen ganz langen Dolch hat er“, rief der Gymnasiast. +</p> + +<p> +„Jetzt leerst glei dei Tasche aus.“ +</p> + +<p> +„Da, greifen Sie nur selber nei.“ +</p> + +<p> +Von Zuschauern umringt — alle Tanzschüler waren ins +Wirtszimmer gekommen — zog der Wachtmeister, während +der bleiche Kapitän, vom Schreiber gedeckt, den Dolch +immer tiefer ins Kanapee stieß, unter größter Stille aus +der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte +Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes +Blechkästchen, in dem Angelwürmer sich ringelten, einen +Himbeerapfel, eine Handvoll alte Briefmarken, ein Flötchen +und eine Meerschaumspitze, mit einem Segelschiff +darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine +farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. +Ein zartrosa Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen +Loch der Meerschaumspitze heraus und um den Zeigefinger +des Wachtmeisters herum, der die Spitze erschrocken von +sich schleuderte, so daß sie zerbrach. +</p> + +<p> +„Habt ihr’s Messer g’sehe?“ +</p> + +<p> +„Ach, er hat ja kein Messer“, sagte die Wirtin begütigend. +</p> + +<p> +„Und wenn er scho ens hat“, rief der Fischer. „Jau, +so a Gaudi.“ +</p> + +<p> +Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: +„I hab’s g’sehe! Also muß a da sei.“ +</p> + +<p> +Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch +noch in die Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. +„Das hab ich zammg’spart, weil ich meiner Mutter +eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!“ rief +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit +den bleichen Kapitän an. +</p> + +<p> +„Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du +selber hast!“ +</p> + +<p> +„Du glaubst’s nit . . . Kannst ja selber mei Mutter +frag, ob sie die Küchenlampe nit braucht.“ +</p> + +<p> +Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee +gekrochen war, ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze +wegen, schnell weg. +</p> + +<p> +„. . . Es ist wirklich so, wie ich g’sagt hab.“ +</p> + +<p> +„Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . +Ich tät mich schäm.“ +</p> + +<p> +„Aber du mach dich dünn jetzt“, zischte Oldshatterhand +wütend. +</p> + +<p> +Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen +schon gepackt und schlich zur Tür hinaus. +</p> + +<p> +Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung. +</p> + +<p> +Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst +und lange Beine. +</p> + +<p> +Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, +dunklen Gestalt nach, über die alte Brücke, durch +krumme Gassen, aber stets im selben Abstand. Der Gymnasiast +schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte er +wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die +Treppe hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten +Fenster des ersten Stockes schon die Zunge lang +heraus, als sie unten vor dem Hause erst ankamen. +</p> + +<p> +Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien +dem Gymnasiasten direkt in den Mund geflogen zu sein; +denn noch einen Augenblick war der Apfel auf dem Gesicht +zu sehen und die in maßlosem Schrecken aufgerissenen +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen +dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. +Dann war es still. +</p> + +<p> +Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das +Haustor schon versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der +„Schönen Mainaussicht“ noch Licht war, an der Mauer +hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und sahen, +als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin +zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt +zurück und flüsterte voller Grauen: „Fort! Fort! +Ich geh fort.“ +</p> + +<p> +Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee +vor und deutete boshaft auf die beiden. +</p> + +<p> +Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend +in die Höhe. Die Kriechende Schlange stürzte in die +Küche, die Räuber durch den Garten davon. +</p> + +<p> +Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen +Wirt tot aus dem Main. Das nasse Hundefell hielten +die Hände des Toten fest umklammert. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, +monotone Lesen der ganzen Klasse, aber über den siebzig +regungslos sitzenden Schülern des Herrn Mager hing +noch drückende Stille. +</p> + +<p> +Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich +einen Borsdorfer Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte +sie sorgfältig aus und aß sie zusammen mit einer mürben +Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn jeder +Schulstunde tat. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und +der Duckmäuser saßen in der ersten Bank; in der letzten +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +Bank saßen der König der Luft, die Rote Wolke und der +Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande +waren unter den übrigen Schülern verstreut. +</p> + +<p> +Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett. +</p> + +<p> +Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der +Seife aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und +die noch nassen Haare standen spitz und steif in die Höhe, so +daß die Köpfe einer in Reihen geordneten Igelschar glichen. +</p> + +<p> +Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit. +</p> + +<p> +Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine +Knabenstimme, und es schien, als würden die Worte im +Keller gesprochen. +</p> + +<p> +Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die +Klinge gegen das Licht, rieb noch eine Weile, und erhob +sich plötzlich, strich wie in Gedanken mit der Hand im +Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen Vollbart zur +polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften +blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der +ersten Bank an. +</p> + +<p> +Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu +reiben. Er rieb jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, +mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue Aderngeflecht +seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt +zur Schultafel. „Der berühmte Maler Albrecht Dürer +hatte einen Widersacher, welcher behauptete, der größere +Künstler zu sein“, sagte Herr Mager, legte die Hand in +die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank +an. „Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder +eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere +sei, der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der +eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang, und +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor +das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine +Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, +wo denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer +seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem feingespitzten +Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf +einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles +aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, +stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von +da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler“, +schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis +auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen +Punkt hinein. „Wie ich noch so jung war wie ihr, da +konnte ich das noch viel besser“, sagte er, weil der Kreis +etwas bucklig ausgefallen war. „Das sollt ihr bis zur +nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!“ +</p> + +<p> +Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte. +</p> + +<p> +Da stand Falkenauge auf. „Herr Lehrer, ich muß einmal +hinaus.“ +</p> + +<p> +Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel <em class="em">warten</em>, +das ließen seine Nerven nicht zu. +</p> + +<p> +Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war +er augenblicklich von der Kaimauer hinunter in den mit +Treibeis gehenden Main gesprungen, um einen Säugling +zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen +ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er +dem mit den Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen +nachgeschwommen, hatte es erfaßt und es glücklich +an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer +Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, +die er allein herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +Mager ersonnene Raffinement — die sicheren Prügel hinauszuschieben, +war für Falkenauges Mut zu viel. +</p> + +<p> +Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten +Schüler, der aber nach einer Weile allein zurückkam und +staunend sagte: „Herr Lehrer, er ist nicht mehr da.“ +</p> + +<p> +Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. +„Michael Vierkant! Raus!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel +preßte ihm den Kopf nach unten, und Oldshatterhand +schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des Herrn Mager. +</p> + +<p> +Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die +eine bange Frage: wer kommt nach Oldshatterhand daran? +</p> + +<p> +Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei +jedem sagte Herr Mager atemlos: „So! Heute diese +sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die vierundzwanzig +voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal +geben darf.“ +</p> + +<p> +Die Augen der Mitschüler standen weit offen und +glänzten. Das kleine Gesicht des Herrn Mager war jetzt +schon weinrot. +</p> + +<p> +Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber +nicht allein bändigen. „Wer meldet sich?“ rief Herr Mager. +</p> + +<p> +Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, +jedoch sitzen geblieben. +</p> + +<p> +Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie +in höchstem Entzücken brüllte er in allen Tonlagen: „Ah! +Ah! Ah! Ah!“ und schleuderte die Beine derart umher, daß +Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den Handrücken +traf. Voller Wut schrie er: „Michael Vierkant! Raus! +Halte ihn!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand rührte sich nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum +Stuhl. „Halte ihn!“ +</p> + +<p> +Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: „Herr +Lehrer . . . ich halte ihn nicht.“ Und selbst seine Lippen +waren weiß geworden. +</p> + +<p> +Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und +hieb ihm plötzlich mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, +immerzu. Nicht die Hand hob Oldshatterhand zur +Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand +gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. +Auf seinem Gesicht schwollen die blutunterlaufenen +Striemen. +</p> + +<p> +„Hans Lux! Raus!“ +</p> + +<p> +Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht +vor. Die vier Helfer standen bereit. Der König der +Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte ihn umständlich +zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine Weile +hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, +und nahm die Prügel entgegen. +</p> + +<p> +Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer +waren herabgesunken. +</p> + +<p> +Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, +stellt ihm die gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die +Nägel schmerzhaft in die Kopfhaut eindrücken, ruft: „Pä, +Krähenfuß!“ und streckte die Zunge lang heraus, wenn er +zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand +auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine +dunkle, gespreizte Hand sein Herz umkrallte. „Pä, +Krähenfuß“, flüsterte er, schauerte zusammen und hatte +einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut +speie. „Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +Anzünden! Die ganze Stadt! Hoo! Fort, fort!“ Und +plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. „Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser +ging ein paar Schritte seitwärts nebenher und sah +staunend ununterbrochen auf Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand +ging ein Stück hinter den anderen und sann darüber +nach, weshalb seine Freunde ihm nicht geantwortet hatten. +Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar vorbeigegangen +war? Umschlungen — dachte er. Hatte das Gefühl, +als tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, +und bekam Angst. +</p> + +<p> +Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein +Brückenheiliger, kein Licht zu sehen war. Plötzlich bekam +Oldshatterhand einen knallenden Schlag ins Gesicht, daß +er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine Stimme +rufen: „Rechts gehen!“ Er sah, nur einen Augenblick, +eine Uniform und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort +wieder nur noch Nebel. +</p> + +<p> +Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem „Spitäle“, +die Ellbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, +und blickte in wehmütigem Neid trübe auf die ankommenden +Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter sich +hatten. +</p> + +<p> +Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft +zu gehen; einige Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, +der unbenutzt unterm Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige +Wachtmeister ihn fand und Herrn Mager zuführte. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-4"> +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +Viertes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span>ie Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; +jetzt blühte der Holunder und der Flieder im Festungsgraben, +und die Hügel rund um Würzburg herum +waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig +saftiggrüne Stellen sichtbar blieben. +</p> + +<p> +Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis +auf die Rekrutenzeit aus der Fortbildungsschule entlassen +worden. Alle konnten jetzt mit einiger Berechtigung +bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, außer +Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen +Finger breit gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah +und seinen Kameraden nur bis zur Brust reichte. +</p> + +<p> +Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar +und streitsüchtig machte; unvermittelt konnte er, allen voran, +die Räuber zu gefährlichen Unternehmungen mitreißen, +um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen, ohne +erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele +Tage lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche +Kleinigkeiten schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche +bekam. +</p> + +<p> +Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. +Brachte er den wilden Westen zur Sprache, dann sagten +die Räuber: „Ja. Bald. Wart doch.“ +</p> + +<p> +Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es +keiner dem anderen offen ein. Wie mit einer Kugel +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, parodierten sie schon +leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen wilden +Westen unter Gelächter abrollen zu lassen. +</p> + +<p> +Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: „Jetzt +müssen wir fort, die Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige +Kämpfe ausgebrochen, das Kriegsbeil ist ausgegraben, +man braucht uns drüben, was sollen wir noch hier“, +bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle +doch einstweilen vorausgehen, wenn’s ihm so pressiere, +sie kämen schon nach. So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht +im Herzen gequält stillschwieg und teilnahmslos +und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche +die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg +gab. Kurz vorher war ein Zirkus in Würzburg +gewesen. +</p> + +<p> +Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern +saßen auch einige Mädchen auf dem Rasen. Und das +war der Anfang vom Verfall der Räuberbande: sie liebten +es neuerdings, Publikum um sich zu haben. +</p> + +<p> +Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war +ein Trapez angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden +Unterhosen und giftgrünem Trikotleibchen, ganz +einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und +mahlte mit den Zähnen. +</p> + +<p> +Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende +Sonnenscheibe, und die Gestalten der Räuber warfen +lange Schatten auf den abendgrünen Schloßbergrasen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich +nach außen gestülpt, und sah zu, wie der König der +Luft in gewaltigem Bogen in den Himmel sauste, das +Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +hoch in der Luft überschlug — und auf den Beinen stand. +</p> + +<p> +„Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft“, sagte +der bleiche Kapitän zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa +Kleid seiner Schwester anhatte. Aber ein Mädchen +mit zwei braunen Zöpfen sagte: „Der kann direkt zum +Zirkus gehen.“ Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten +Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor +dem Mädchen mit den braunen Zöpfen. +</p> + +<p> +Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, +stemmte der bleiche Kapitän einen schweren Steinquader +hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als jedoch der +König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang, +das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, +um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, +und unter einem einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte +auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln hielt — +da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, +denn der König der Luft hatte das Bein gebrochen. +</p> + +<p> +In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn +herum. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen. +</p> + +<p> +Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten +aus der Dämmerung. Der Rasen roch. +</p> + +<p> +Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, +von einem breiten, tiefen Graben umgeben und einer +Balkenbarriere. Im lockeren Sand der Reitbahn stand +ein dürres Soldatenpferd und wieherte. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: +ohne vorher etwas davon zu sagen, sprang er mit +einem fünf Meter langen Satz über den Graben und die +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das +wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und +Beinen anklammernd, in der Bahn herum. +</p> + +<p> +Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals +gebeugt, wie ein Indianer auf dem Gaul. +</p> + +<p> +Da brüllten die Räuber wie besessen: „Halt! Halt! +Ein Feldwebel!“ +</p> + +<p> +Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche +dem scheuenden Pferde nach; der Hauptmann +flog in großem Bogen herunter in den Sand, stürmte, +vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und +mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die +Felsengasse hinunter. +</p> + +<p> +Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft +war wieder gesichert. Keuchend rief er: „Wenn das mein +Bruder in Amerika miterlebt hätte.“ +</p> + +<p> +Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf +und setzte sich auf den Sockel des Bildwerks: Christus hing +am Kreuz in kaum noch erkennbaren Körperformen, so +oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit Ölfarbe angestrichen +und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf +dem Bildwerk stand: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">An diesem Ort is Alois Würz</p> + <p class="line">Mit sein Heuwage umg’stürzt.</p> + <p class="line">War glei tot, mitsamt die Roß.</p> + <p class="line">War ein frummer Mann,</p> + <p class="line">Drum is er auf der Stell</p> +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> + <p class="line">In sein Heuwage in Himmel nei g’fahrn,</p> + <p class="line">Was mer vo seine Roß nit sag kann.</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon +fast dunkel. Eine Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand +war bedrückt; er spannte alle Muskeln an und hielt den +Atem zurück, bis die Luft „pfa!“ aus seinem Munde fuhr. +Es wurde ihm aber nicht leichter davon. +</p> + +<p> +Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche +hervor, die zum Trocknen aufgehängt war, blähte sich +auf zu großen, weißen Menschenbäuchen. Oldshatterhand +spähte angestrengt hin und fürchtete sich, blieb aber sitzen +auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren Ton, +der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges +Stöhnen, wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen +in ihm klänge. +</p> + +<p> +Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des +Duckmäusers, der zu Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, +unhörbar auf ihn zukroch. +</p> + +<p> +Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten +später die nur zehn Schritt weite Entfernung hinter +sich gebracht, und setzte sich unbemerkt auf den Sockel neben +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Es war jetzt ganz dunkel geworden. +</p> + +<p> +Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den +Atem an, um sich nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: +„Wa . . . weil . . .“ +</p> + +<p> +„Oh . . . O Gott!“ schrie Oldshatterhand auf und fiel +vom Sockel herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, +als er den Duckmäuser erkannte, und drängte +seine Verwunderung darüber zurück, daß dieser es gewagt +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete Duckmäuser, +mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen +hatten. +</p> + +<p> +„Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . +drum bin ich erschrocken“, stotterte Oldshatterhand geringschätzig. +</p> + +<p> +„Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . +Indianern will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt +an den Fa . . . Fa . . . Feind“, beendete der Duckmäuser +seinen Satz. +</p> + +<p> +„— — — — Duuuu? zs . . . zu den Indianern?“ Oldshatterhand +war furchtbar verwundert und empört. Und +als er sah, wie der Duckmäuser den Kopf vorstreckte, blutrot +wurde und drückte, um reden zu können, dachte Oldshatterhand +voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf +nicht stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht +auszusprechende Worte vor: „O also nein, da mußt du +aushalten können, da . . . daß man dir vergiftete Hölzchen +in den Ba . . . Bauch steckt, und die werden angezündet. +O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . fünfzig +brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet +wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.“ +</p> + +<p> +„Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst +du?“ +</p> + +<p> +„O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.“ +</p> + +<p> +„We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen +ka . . . kann, . . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann +br . . . dann br . . . brauche ich ihm nur noch ein Messer +ins Herz zs . . . zs . . . zu stoßen.“ +</p> + +<p> +„Pä! Ist das ritterlich?“ +</p> + +<p> +„Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +fürs A . . . Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich +f . . . fünfundsiebzig Pf . . . Pfennig.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso +wie die Kriechende Schlange und die Rote Wolke, auch +ums Läuten beworben, der fünfundsiebzig Pfennige wegen. +Man hatte ihn aber nicht brauchen können, weil er zu +klein war. „Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit +läuten. Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu +den Indianern willst, mußt du mi . . . mindestens eine +halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen können, aber +mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe +mit Indianern vorbeifährt.“ +</p> + +<p> +„F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig +mooonatlich krieg ich.“ +</p> + +<p> +Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, +aus dem Dunkel, und seine Hand, die eben das Kreuz +schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, blieb erschrocken +abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten +auf dem Sockel sitzen sah. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser schnellte in die Höhe. +</p> + +<p> +Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn +fast um einen Kopf überragenden Sohn bei der Hand und +führte ihn weg von Oldshatterhand, der sitzen blieb und +den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie genommen +hatte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. +Die ganze Stadt wußte, daß der Kaplan der +Vater war. +</p> + +<p> +Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste +Pfarre in der Umgebung Würzburgs, und das Mädchen +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache verstummte +das Gerede. +</p> + +<p> +Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; +eine Lungenentzündung war dazugekommen. Sie +lag im Sterben. +</p> + +<p> +Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben +ihrem Bett. Winnetou setzte sich und sah steif geradeaus. +</p> + +<p> +Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im +Ornat, der Kirchendiener und die Ministranten traten ins +Zimmer. Winnetou stand auf. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich +wichtig nach Winnetou um. +</p> + +<p> +Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der +Geistliche und die Ministranten knieten nieder am Bett +und beteten. Da kniete auch Winnetou nieder. +</p> + +<p> +Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen +von hinten unter die Arme und half ihm wieder auf +die Beine. +</p> + +<p> +Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich +in den Sessel, wie vorher. +</p> + +<p> +Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur +Sterbenden hin, sah das weiße Gesicht an, das von einer +plissierten, gestärkten Krause umrahmt war, und beugte +sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm, +als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die +Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer +sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, +das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene +Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es +immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die +Brust — die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick +nicht von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein, +weil er diese sicher nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten +der Mutter auch in Angst vor ihr verbringe, und +ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die +Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer +Güte langsam übers Haar gestrichen. +</p> + +<p> +Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte +Winnetou, sein Körper zuckte, ein kaum erträgliches Glück +entstand in ihm; da begann er zum Weinen leise zu singen, +und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er aufhöre, +leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht +mehr glücklich sein würde. +</p> + +<p> +Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit +seiner Mutter verursachten Druck aus sich herausweinte, +fühlte er, wie die Sterbende ihm half, durch +ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich schwächer +wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der +Bauch der Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte +Winnetou ans Fußende des Bettes. +</p> + +<p> +Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, +ging hinaus und meldete der Köchin unter schluckendem +Lachen und Weinen, daß die Mutter tot sei. +</p> + +<p> +Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich +lächelte, und rannte ins Sterbezimmer. +</p> + +<p> +Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und +ohne Ziel stadtwärts. +</p> + +<p> +Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte +mit Krückstöcken auf die Haltestelle der Trambahn zu, +wandte sich um nach dem schnell sich nähernden Wagen, +den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie immerzu: +</p> + +<p> +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +„Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer +zurecht.“ +</p> + +<p> +Winnetou sah die Alte an — zur Elektrischen zurück, +und stellte sich zwischen die Schienen. +</p> + +<p> +Der Führer läutete. +</p> + +<p> +Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den +Führer zum Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich +im Geleise, auf die Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich +beeilend, weiter. +</p> + +<p> +Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten +Fahrgäste stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt +kam der Wagen angerast. Winnetou wandte den Kopf, +erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im letzten +Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen +rauchten, und Winnetou sprang seitwärts. +</p> + +<p> +Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer +aus dem Wagen, um nachzusehen, ob Winnetou verletzt +war. +</p> + +<p> +Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein. +</p> + +<p> +Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, +den Mund verzogen, als sei ihm schweres Unrecht geschehen, +zurücksah. +</p> + +<p> +Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses +mit der Tabakspfeife am Fenster saß, stand mühsam auf +und schüttelte wütend die Faust hinunter zu Winnetou, +der in die Seitengasse einbog. +</p> + +<p> +Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. +„Geh mit, wir schießen“, sagte der Hauptmann, +zog seinen Rockflügel zur Seite und zeigte Winnetou einen +neuen Zimmerstutzen. „Wir gehn zu Falkenauge und +schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.“ +</p> + +<p> +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +„. . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin“, +sagte Winnetou und ging auch gleich weg, in der Richtung +zur Kirche. +</p> + +<p> +Verdutzt blickten sie ihm nach. +</p> + +<p> +Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug +das Kreuz und setzte sich. Und als er die lateinischen +Worte des Priesters und das ferne Klingeln der Ministranten +im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten sich +die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer +der Mutter empfunden hatte, wieder ein. +</p> + +<p> +Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein. +</p> + +<p> +Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte +Winnetou unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube +sich mit seinen Räuberidealen nicht deckten. +</p> + +<p> +Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer +der Kirche lehnen, als er den Schreiber und den +Hauptmann, die ihm nachspioniert hatten, langsam die +Straße hinunter sich entfernen sah. +</p> + +<p> +Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden +Räubern nach, bis sie zu Punkten wurden und endlich nicht +mehr zu sehen waren, und trat wieder in die Kirche ein. +</p> + +<p> +Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges +Mutter, und als niemand antwortete, stiegen +sie hinauf in die dürftig möblierte Dachkammer Falkenauges, +der noch im Geschäft war. +</p> + +<p> +Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas +voll klaren Wassers, worin ein Glasauge lag. An der +Wand hing eine Tabakspfeife unter dem heiligen Joseph. +In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs +Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge +hatte es auf den Schloßberglinden gefangen. +</p> + +<p> +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, +auf der ein Spatz saß. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. +Der Spatz blieb sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte +Gefieder. +</p> + +<p> +Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, +stieg er in die blaue Luft. +</p> + +<p> +„Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung +zu groß ist . . . Wie wär denn das sonst möglich“, sagte +der bleiche Kapitän und sah sich nach einem näheren Ziel +um. „Halt einmal die Karte“, sagte er und nahm das +Herzaß von Falkenauges Kartenspiel. +</p> + +<p> +„Und wenn du mir den Finger wegschießt?“ +</p> + +<p> +„Ich wer doch no das Kärtle treffe.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte +den Arm aus, hielt die Karte an der äußersten Spitze. +„Ziel lieber ein bißchen mehr rechts . . . Es is mir lieber, +du triffst nix, als daß du mei Hand triffst.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte +der Karte und durchlöcherte sie. +</p> + +<p> +Der Schreiber atmete wieder. „Jetzt halt du die Karte.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern +umrahmte sie mit seiner Hand und stülpte die Lippen +nach außen. „Schieß.“ +</p> + +<p> +Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte +kurz und durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der +bleiche Kapitän sie fallen. „Ich laß mir das Glas runterschieß, +vom Kopf . . . Das wär mir auch noch was“, +sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das +Auge lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar +sein Gesicht. +</p> + +<p> +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +— — — Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters +Bett. Der Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor. +</p> + +<p> +„. . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern“, rief er in +heller Begeisterung. +</p> + +<p> +„Das kannst du ruhig riskier.“ +</p> + +<p> +„. . . Haaargott . . . Getroffen!“ Das Auge war durchs +Fenster hinausgeflogen. +</p> + +<p> +„Das is doch ganz klar.“ Der bleiche Kapitän zuckte +die Schultern. +</p> + +<p> +Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel +fort war, und das Blut ihm einen schmalen Reif ums +Handgelenk gezogen hatte. +</p> + +<p> +„Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . +vielleicht. A schöns Armreifle.“ +</p> + +<p> +„Ein guter Schuß war’s doch“, sagte der Schreiber +und hielt, das Gesicht schmerzverzerrt, die Hand hoch. +„Aber das Aug ist futsch.“ +</p> + +<p> +Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie +schossen durch den Fußboden, zerschossen den gemalten +Engel an der Decke, die Tapetenblumen, durchlöcherten +den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte auf den Wasserkrug; +das Wasser platschte auf den Boden und rann unter +der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer +sie trafen; das Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige +kleine Brandlöcher. Das Eichhörnchen raste im +engen Käfig herum, hockte manchmal mäuschenstill, die +klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und raste +weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber +glühten. Sie zerrten die Bettstücke heraus und schmissen +sie in die Wasserlache am Boden, lehnten die Matratze +ans Fenster, rissen den Tisch um, das Bettgestell +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem +Hause. +</p> + +<p> +Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem „Spitäle“. +</p> + +<p> +Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte +er die Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber. +</p> + +<p> +Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, +lächelte geringschätzig und verlegen und ging weiter. Von +dem Tage an verkehrte er nicht mehr mit den Räubern. +</p> + +<p> +„Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.“ +</p> + +<p> +„Welches denn?“ fragte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Das Eichhörnchen.“ +</p> + +<p> +Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie +seit einiger Zeit jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch +von einer Stunde eilten, und mehr federweißen +Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den +zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen +Bauernburschen belauert wurden. Das endigte +oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt +fühlten, in der nächsten Nacht wieder im Dorfwirtshaus +zu sitzen. +</p> + +<p> +Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; +er angelte Tag und Nacht. Der König der Luft lag im +Juliusspital, wegen seines gebrochenen Beines. Die Rote +Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes +Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, +mit hektographierten Statuten, und hielten jeden +Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe der +Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante +Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war +der einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den +Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann +mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch +der Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: +„Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen +Sie sich widerscheinen.“ Vor vierzig Jahren hatte Herr +Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, als der +noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz +nicht vergessen. +</p> + +<p> +Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den +alten Schießgräben der Festung, schmolz es im „Zimmer“ +zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln daraus zu +gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im +„Zimmer“ und las Indianergeschichten. Eine Landkarte +von Amerika hing jetzt darinnen, auf der die Gegenden, +Seen, Prärien und Urwälder, die er als Westmann aufsuchen +wollte, mit Blaustift unterstrichen waren. +</p> + +<p> +Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers +im unterirdischen Gange. An vielen Abenden zeichnete er +stundenlang das „Heilige Tier“ ab. Mit der Zeit bekam +er überhaupt keinen Besuch mehr im „Zimmer“. +</p> + +<p> +Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge +und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte +die Räuberbande sich aufgelöst. +</p> + +<p> +Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten +einen Teil der Bande zum letzten Male zu einem gemeinsamen +Unternehmen. +</p> + +<p> +Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt +und die Häuschen bis zum ersten Stock hinauf +mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger waren festlich +gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten. Weißgekleidete +kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, +Männer in langen Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern +strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem +Zug der Walleute anzureihen. +</p> + +<p> +Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die +erste Station. Die Bäckereiauslage war in einen Altar +mit Betpult, Kruzifix und brennenden Kerzen umgewandelt +und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in +himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube. +</p> + +<p> +Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen +sollten, waren solche Altäre hergerichtet. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, +welche den Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem +„Spitäle“ beisammen, in ihren Sonntagsanzügen. +</p> + +<p> +„Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich +selber hab Winnetou mit einer Kerze in die Kirche gehen +sehen“, sagte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die +blaue Luft — ein Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten +Stadt hinunter: der Zug der Walleute näherte +sich, von der Burkarter Kirche kommend. +</p> + +<p> +Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann +Jakob Streberle, Schuster Widerschein, Benommen der +Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in Gehröcken und +mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten +im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden +Seiten der Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern +heraus; zusammen mit den Kindern, die dünn, +mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten Weibern, +deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der +heftig und getragen blasenden Blechmusikkapelle. +</p> + +<p> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz +trug, an dem der silberne Christus hing. Hinter ihm kam +der kleine, dicke Bischof im Ornat, vor dem Gesicht die +Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz schlugen +und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch +auf die Erde gebreitet hatten. +</p> + +<p> +Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes +Bein zu kurz war, schwenkte sich auf seinem normalen +Beine herum zu den Walleuten und rief langgezogen: +„Lob und Dank sei ohne End!“ Und während das Gemurmel +der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder +herum und hinkte weiter voran, sprang plötzlich mit einem +Satz auf Oldshatterhand los, „Sakramentslausbub!“ +schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte wieder +in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: „Dem allerheiligsten +Sakrament.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor +dem Bischof unter dem Himmel. Der Himmel wurde an +vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou und noch +zwei Jünglingen getragen. +</p> + +<p> +Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die +Räuber waren verblüfft. Aber da war nichts zu machen. +</p> + +<p> +„Da is er!“ rief der bleiche Kapitän und deutete auf +Winnetou, der den Kopf senkte, als er bei den Räubern +vorüberging. +</p> + +<p> +Der Schreiber schüttelte den Kopf: „Herrgott, wer hätt +das vom Winnetou gedacht.“ +</p> + +<p> +Verstummt sahen die Räuber ihm nach. +</p> + +<p> +Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, +Blechmusik und Böllerschüssen stachen die +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +Altweiberstimmen heraus und hinauf in den sonnigen Himmel: „O +Maria hilf!“ +</p> + +<p> +Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein +großes Haus mit vielen Fensterscheiben, denn der fromme +Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener und eifriger +Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen +angestellt; sein Geschäft blühte. +</p> + +<p> +Am Abend schimpfte der rote Fischer in den „Drei +Kronen“: „Ke enzigs Pfund Fisch verkäff ich’s ganze +Jahr, wenn i nit mitwall!“ Seine Halsadern schwollen. +</p> + +<p> +‚Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum +Besohlen geben, wenn ich nicht ein frommer, gottgefälliger +Schuster wäre‘, dachte sich Herr Widerschein und +reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein +stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren. +</p> + +<p> +Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die +Breite ihrer Häuser einhaltend, das zertretene Schilf +weg, gossen Kringel mit der Gießkanne und kehrten sauber +nach. Hier war gekehrt — dort lag noch ein genaues Quadrat +Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. +So wollten es die Würzburger Stadtväter. +</p> + +<p> +Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der +Tasche, schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor +dem „Spitäle“ vorbei und bogen in die Felsengasse ein, +welche von der vielfenstrigen Vorderfront des Hauses +vom frommen Flickschneider abgeschlossen war. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an +seine Leute, beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte +leise und hob die Hand — die Fensterscheiben klirrten. +</p> + +<p> +Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen. +</p> + +<p> +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel +im Hans Kasperl-Theater, aus dem Fenster. +</p> + +<p> +Da unten war alles still. +</p> + +<p> +Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die +Räuber der Abschluß ihrer ersten Jugend. +</p> + +<p> +In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des +Mainviertels von ein und derselben Sache: Herrn +Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein Unglück +passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das +neue Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal +gemacht; die Fenster waren unbrauchbar; er mußte eine +hohe Konventionalstrafe bezahlen und machte Bankerott. +</p> + +<p> +Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, +lachte nicht mehr; als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ +sein Meisterstolz nicht zu, und eines Tages war er verschwunden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand +standen am Fluß beisammen. Falkenauge kam geschritten, +energisch. +</p> + +<p> +Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem +braunen Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr. +</p> + +<p> +„Wo warst du?“ +</p> + +<p> +„Auf der Jagd!“ rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz +und schritt weiter. +</p> + +<p> +„Also, wenn ich dir sag, man kann’s jeden Tag fünf-, +sechsmal tun, so oft’s überhaupt geht. Es schadet einem +gar nichts; man bleibt genau so stark und gesund wie man +war“, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän und +schloß: „Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt +auf der Welt. Das is ja ganz kolossal.“ +</p> + +<p> +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, +graue Wangen. +</p> + +<p> +„Wie is denn das? . . . Wie tut man’s denn?“ fragte +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Für dich is das nichts“, sagte der Schreiber und +lächelte dem bleichen Kapitän zu. „Da bist du vielleicht +noch zu klein dazu. Morgen kann ich dir’s ja amal zeig.“ +</p> + +<p> +Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur +Sandinsel, und saßen dann beisammen an einem kleinen +See, der von überhängenden Weidenbüschen umsäumt +war. +</p> + +<p> +Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos +und graziös am Seeufer hin und Raben flatterten +immer wieder auf und flogen „aa aa“ schreiend über das +Weidenland. +</p> + +<p> +Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung +genommen und am tiefblauen Himmel traten die Sterne +hervor. +</p> + +<p> +„Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich +fort?“ fragte Oldshatterhand leise und wand sich einen +Weidenzweig schmerzhaft ums Handgelenk. +</p> + +<p> +„Auf, nach Amerika!“ rief lachend der Schreiber. „Hohaho! +Oldshatterhand!“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän grinste. +</p> + +<p> +„Nun sagen wir nächste Woche“, sprach der Schreiber +ernst. +</p> + +<p> +„Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.“ +</p> + +<p> +„Also! Also ja!“ rief Oldshatterhand freudig. „Oder +gehen wir doch lieber jetzt gleich fort! Immerzu da +nunter, den Sandweg, bis nach Frankfurt. Dann kommen +wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +Schiffe.“ Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk +fester zu. „Meerschiffe — — —“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer +Schirmfabrik. „Weißt du was . . . es gibt überhaupt +keine Indianer mehr.“ +</p> + +<p> +„Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt’s mehr.“ +</p> + +<p> +„He? Millionen gibt’s! He! was wären denn sonst +die, von denen in unsern Büchern steht? He?“ +</p> + +<p> +„No ja, ein paar gibt’s ja noch“, gab der bleiche +Kapitän zu. „Aber ich hab neulich in der Zeitung gelese, +daß die andern alle schon ausgerottet sind.“ +</p> + +<p> +„Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist +du für Amerika.“ +</p> + +<p> +„Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt’s ganz +allein an.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!“ +</p> + +<p> +Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. „Ihr geht +also nit mit! Ihr Feigling . . . habt die ganze Jahr her +nur geloge?“ +</p> + +<p> +„Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr +Lehrzeit ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, +fünfzehn Mark, und das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär +ich da nicht ein Rindvieh, wenn ich jetzt fortlaufen tät?“ +</p> + +<p> +„No allemal“, sagte der Schreiber. „Ich krieg jetzt +auch vierzig Mark im Monat. Dreißig muß ich meiner +Mutter geb; aber zehn Mark darf ich behalt. Das is doch +jetzt alles ganz anders“, schloß er nachdenklich. +</p> + +<p> +„Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.“ +Der bleiche Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. +„Acht Mark kost er. Hast scho amal sowas g’hört? . . . +Acht Mark für’n Schirm!“ Er lachte krachend und konnte +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +sich lange nicht beruhigen. „Er is aber auch so dünn +wie ein Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.“ +</p> + +<p> +Es war jetzt tiefe Nacht geworden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu +zu sagen, langsam fort. Und nach einer Weile rollten ihm +die Tränen an den Wangen hinunter. +</p> + +<p> +Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. +Vorne saß der Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. +Irgendwo in der Ferne sang ein Mädchen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Schloßfallenfeuer!!“ rief Meister Tritt Oldshatterhand +zu, der bis ins Herz hinein erbebte. +</p> + +<p> +Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere +daran hinauf in den Himmel — hätte das Herr Tritt gerufen, +Oldshatterhand wäre mit weniger Bangen an die +Arbeit gegangen. +</p> + +<p> +Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt +geschmiedet worden ohne Angst und Beben des Lehrjungen, +der dazu helfen mußte, und ohne die starren +Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, +heftige Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen +waren das Arge, sondern der Zeitraum zwischen +Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, wann er +kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der +grüne Blick hielt fest. +</p> + +<p> +Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren +berühmt in Würzburg. Und das kam von den Schloßfallen, +die Herr Tritt stets selbst aus dem allerbesten +Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig +mit nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, +um sie in das neue elektrische Türschloß des Herrn +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +Metzgermeister Rücken oder des Herrn Trompeter Wohlleben +einzupassen. +</p> + +<p> +Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt +schon einige Male bankerott gemacht, weil er an einem +ein Vierteljahr arbeitete, und der Preis ein solcher war, +daß er es in einer Woche hätte anfertigen müssen. Jedoch, +als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den +mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen +Ehefrau des Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, +so daß Herr Tritt seine Kunstwerke weiterhin +schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau mit +Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war +ein schöner Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei +der freiwilligen Feuerwehr. +</p> + +<p> +Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies +die Stäubchen aus den Ecken, holte die frischen Kohlen +einzeln aus dem Kasten, wählte sorgfältig harzfreies Tannenholz +aus und schürte ein klares Feuer an. Erschrocken +griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, +der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte +den Handhammer für den Meister zurecht, die Feuerzangen, +den Vorschlaghammer für sich, fummelte mit +seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete. +</p> + +<p> +Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des +Lebens hinüber, lange; sein Mund stand offen. Da riß +er sich zusammen, flog in die Werkstatt — und stellte sich +dem Meister: „Ich will fort von Ihnen! . . . Ich halt’s +nimmer aus.“ +</p> + +<p> +Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende +Schlag ins Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen +hinaus auf das Pflaster. Die andern Lehrjungen +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +standen atemlos, und der Gehilfe bog sich vor Lachen, daß +sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die Brille +von der Nase fiel. +</p> + +<p> +Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an +einer der blitzenden Drehbänke eine kleine Eisenschraube +für das elektrische Türschloß zu drehen, wobei der älteste +Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße die Drehbank +trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein +ganzes Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als +spiele er Piano. +</p> + +<p> +Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen +und starrte in die Augen des Lehrjungen, der, vom Blick +des Meisters festgehalten, mit zitterndem Fuße weitertrat, +bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder seiner +Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in +die Höhe. +</p> + +<p> +Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich +die Spannung vom schweißnassen Lehrjungen, als habe +er vor einem Prüfungskollegium ein Klavierstück glücklich +zu Ende gespielt, während der Meister, als habe er es +komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um +die Schloßfalle zu schmieden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg +und durch den unterirdischen Gang ins „Zimmer“. Hastig, +als habe er keine Zeit zu verlieren, nahm er den alten Revolver +unter der Glasvitrine zu sich, zündete knieend ein +Heftchenbündel an: „Die bleiche Gräfin oder Der Mord +im Walde“ und damit die ganze Bibliothek. +</p> + +<p> +Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten +und hinauf zur Decke schlugen. Der Qualm trieb +ihn ins Freie. +</p> + +<p> +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang. +</p> + +<p> +Da hörte er ein aufrührerisches Krachen — eine mächtige +Rauch- und Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und +zum Himmel hinauf. +</p> + +<p> +Der unterirdische Gang war eingestürzt und das „Zimmer“ +verschüttet auf immer. Atemlos stand Oldshatterhand +im Festungsgraben. +</p> + +<p> +Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden. +</p> + +<p> +In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde +weit vom „Zimmer“ entfernten Nonnenkloster „Himmelspforten“ +sei in der Zelle der Oberin hinter dem Schrank +Rauch aufgestiegen. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-5"> +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +Fünftes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt +auf der Landstraße hin. +</p> + +<p> +Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die +verhaßte Stadt noch einmal zu sehen, die im grauen Dunst +lag, denn ein feiner, gerader Regen ging nieder; er +wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach links +wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, +einem Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas +dabei zu denken und zu wollen. +</p> + +<p> +Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den +Straßengraben, ging weiter, leer im Herzen, empfindungslos, +bis auf den Druck in der Mitte unter dem Brustbein. +</p> + +<p> +— — — Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein +sitzen — und blieb erbebend stehen: vorher war der Stein +leer gewesen, und jetzt saß ein Mensch darauf. +</p> + +<p> +War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? +Aus dem Erdboden gekommen? In der Luft heran +oder — — — aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu +Oldshatterhand geeilt? +</p> + +<p> +Nie hatte er so einen Menschen gesehen. +</p> + +<p> +Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher +jetzt, schlank werdend, aufstand und zu Oldshatterhand +trat, der sich kühl berührt fühlte, wie von einem Gespenst. +</p> + +<p> +Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig +Jahre alt, hatte einen dünnlippigen Mund im scharfen +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +Gesicht und an den Schläfen unter den braunen Haaren +schon graue. +</p> + +<p> +„Wollen wir ein Stück zusammen gehen?“ +</p> + +<p> +„Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher +Richtung?“ +</p> + +<p> +„Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen — dann gehe ich +wieder vorwärts . . . Sie wollen in die nächste große Stadt +wandern, Arbeit suchen und Geld verdienen“, schloß der +Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand +schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte +geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was +er vorhabe, und nun konnte er es gleich dem Ersten nicht +sagen. +</p> + +<p> +Wirr vor Verlegenheit, rief er: „Ich heiße Michael +Vierkant!“ Und sein zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf +die Landstraße. +</p> + +<p> +Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, +ob er es ein wenig ansehen dürfe, las den ersten Satz +auf der Decke: „Tom machte sich auf in den wilden Westen +und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich +das Lebenslicht auszublasen“, und gab es Oldshatterhand +zurück. +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand wieder das kurze, +irrsinnige Lachen wie damals auf dem Heimwege von der +Schule. „Das ist vielleicht alles dumm und nicht wahr, +was da drin steht.“ +</p> + +<p> +Da sagte der Fremde nachdenklich: „Ja, Sehnsucht +ist — weil Qual ist . . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, +diese selbe Straße, bis zu dem Berg, der meiner Jugend +den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein ersehntes, +wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +in ein blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang — +und stieg hinunter.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und +der Fremde zärtlich und gerührt auf Oldshatterhand +hinunter. +</p> + +<p> +Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen +wollte, erfüllte Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, +dem ein Ausruhen folgte. Entlastet schritt er neben +dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem Vertrauen zu +ihm. „Ich will auch arbeiten“, sagte er ganz still. „Ich +bin nicht so schwach, wie ich aussehe.“ +</p> + +<p> +„Nein . . . Sie sind nicht schwach“, sagte der Fremde, +mit einem unbegreiflichen Lächeln. +</p> + +<p> +Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die +Sonne auf der Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, +und die Apfelbaumreihen legten ein bewegtes Schattenmuster +darauf. +</p> + +<p> +Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben +und flohen, die Ohren zurückgelegt, hintereinander +her, gestreckt die schnurgerade, endlose Straße hinaus. +</p> + +<p> +„Was arbeiten denn Sie jetzt?“ fragte Oldshatterhand +ruhig und vertraut, denn er hatte die Empfindung, +mit seinem älteren Ich zu reden. +</p> + +<p> +„Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte +vom Baume fallen muß, bevor sie zur Frucht wird, während +neben ihr eine andere ungehindert zur Frucht reifen +darf . . . Darüber denke ich nach, unaufhörlich. Das ist +meine Arbeit. — Jetzt muß ich wieder vorwärtsgehen — — —“ +</p> + +<p> +Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, +auf die beiden zu, und stieg vor ihnen hinauf in den +Himmel. +</p> + +<p> +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands +geschlagen und ihn geküßt. +</p> + +<p> +Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer +kleiner und kleiner, und Oldshatterhand blickte ihm nach bis +der Fremde unversehens verschwunden war, als wäre +er zu Luft geworden. +</p> + +<p> +Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten +von Kornfeldern ein großes Gehöft liegen, und +einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich zukommen. Der +hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der +spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen +an der Schulter hängen. +</p> + +<p> +„Hast du Zeit? Wohin willst du denn?“ +</p> + +<p> +„Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.“ +</p> + +<p> +„Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen +und dein Essen. Du mußt dafür in meinem Keller eine +Woche lang Kartoffeln sortieren.“ +</p> + +<p> +„Ja!“ sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener +Fahrradfabrik schnurrten und sangen, die breiten +Treibriemen klatschten — klipp klapp klipp —, Hämmer +klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und +surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand +zusammen in „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro“, +denn er hatte, ehe er von Frankfurt nach Dresden gefahren +war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging und +stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher +war er in der Oper gewesen. +</p> + +<p> +Er versuchte, „Nun danket alle Gott“ unterzulegen, +oder „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +er in die weite Welt“, aber beugte er sich auch nur einen +Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte der +Fabriksaal wieder „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!“ +Den ganzen Tag „Auf, in den Kampf!“ +</p> + +<p> +Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch — +und in die Höhe jagender und, als reichte der Atem nicht +mehr, in maßlosem, wildem Schmerz jäh abbrechender +Pfiff heulte durch den Fabriksaal. +</p> + +<p> +Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. +Schweißgeschwärzte Männer richteten sich auf. Die Treibriemen +sangen leiser, klatschten langsamer, verklangen und +hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man +plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: +die Vesperpause war gekommen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster +neben einem schlottrigen Mann mit tief eingefallenen +Wangen und grünen Schatten unter den Augen, der jetzt +an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in +Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei +er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen +ohne anzustoßen auf einmal unterzubringen. +</p> + +<p> +Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu +und dann vergnügt zu einem Honigglas vor sich auf dem +Fenstersims, in dem sich ein langer, in vielen Falten gelegter +weißer Bandwurm befand, und sagte: „Jetzt esse ich +meine Bemmchen alleine.“ +</p> + +<p> +Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte +keinen Bissen hinunter. +</p> + +<p> +Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende +Pfiff den Arbeitern durch die Gehirne. Wie Lebewesen +begannen die Maschinen zu laufen; die noch kauenden +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern +und Feilen. Oldshatterhand klang wieder „Auf, in +den Kampf!“ ins Ohr. +</p> + +<p> +Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und +von einer anderen Dampfpfeife abgegeben wurde, klang +ganz anders, klang wie der langgezogene Flötenton eines +Singvogels und endete abgebrochen schluchzend. +</p> + +<p> +Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor +ins Freie, mit Mienen der Erleichterung und Freude, +denn es war Sonnabend und Zahltag. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. +Daumen und Zeigefinger spielten mit dem verdienten +Geld in der Westentasche. Er umkreiste wieder +seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus +Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen +hatte. Die Sehnsucht — <em class="em">Etwas</em> zu werden. Er wollte +<em class="em">Etwas</em> werden. Nicht gerade Minister oder Bürgermeister; +aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen +einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er +kaum werden, denn er brauche nur an seine Schuljahre +zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er +dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken +nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen +seiner Jugend ihm aus den Augen, dann war +er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte +er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, was eine +demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß. +</p> + +<p> +Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem +Geometer stehen geblieben und hatte zugesehen, wie der +Mann ohne viel Worte seine Arbeiter mit Stangen und +Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, +am Mississippi stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, +und hatte einige Tage lang überlegt, ob er nicht +Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung +hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, +und der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn +seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler +oder Sänger; irgendein Künstler — hier müsse für ihn die +Möglichkeit sein, <em class="em">Etwas</em> zu werden. +</p> + +<p> +Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten +Menschen begegnete, der ruhig seines Weges ging und dessen +Gesicht von Demütigungen nicht gezeichnet war, folgte +er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er selbst zu +dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie +klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er +auch eine Zeitlang Liftjunge gewesen war, in einem Hotel +in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus den sehnsüchtigen +Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser +im Geiste — als Fremder mit dem Fremden im Lift in die +Höhe stieg. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah +zurück in den unerreichbar weit entfernten, verwilderten +Garten, in dem seine Jugendträume und seine Sehnsucht +weiterlebten, umschlossen von einer grauen, türlosen +Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er <em class="em">Etwas</em> +geworden war. +</p> + +<p> +Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen +Gesicht unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben +Augen schwarzviolett war. Das Hemd stand vorne offen +und bot den grausig abgemagerten Körper dar, die schweißfeuchten +Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +als fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling +langsam am Bretterzaun der Glasfabrik hin, in der er +beschäftigt war. +</p> + +<p> +Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf +die grauenhaften Gestalten, die teilnahmslos und stier am +Zaun entlangschlichen. Kinder, Alte, Mädchen, steif, aus +Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende Reihe, auf +ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik +entlassen. +</p> + +<p> +„Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?“ +flüsterte er, ging fassungslos weiter, begann plötzlich zu +rennen. +</p> + +<p> +Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, +von größter Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, +weiß, mit flachen Dächern. Breit wie ein Traum war +die Straße. +</p> + +<p> +Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand +sich um, weil er Reiter vermutete, aber immer hing +an den ausgreifenden Pferden auch eine Equipage daran, +die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die linealgerade, +endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, +breit und lang, durchschnitten seine Straße. +</p> + +<p> +Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in +eine zweite. Die war eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, +Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, und halbnackte, +schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es +roch nach Abort. +</p> + +<p> +In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +Hausfrau öffnete ihm und lief schnell ins Wohnzimmer +zurück. Sie hatte ein orientalisch-weiches, gelbes Gesicht +und fast nichts an. „Kommen Sie doch näher, Herr +Vierkant.“ +</p> + +<p> +Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag +ein Haufen duftender Tabak, rechts — ein Berg Zigarettenhülsen. +„Siebenhundert Stück muß ich heute noch fertigkriegen“, +sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere hantierend. +„Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese +und diese auch nicht.“ +</p> + +<p> +Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei +in des Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn +das Hemd war ihr heruntergeglitten. Ihr großer Mund +blieb geöffnet. +</p> + +<p> +Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter +Maurer ohne Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat +ein, sah auf seine halbnackte Braut, auf Oldshatterhand +und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war ärgerlich. +</p> + +<p> +Das Mädchen arbeitete emsig weiter. „Wie viel?“ +</p> + +<p> +„Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig“, sagte er +mürrisch. +</p> + +<p> +Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. „Davon +kannst du dreißig zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so +weitergeht, können wir Weihnachten heiraten.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal +wie ein Gang. Vier Betten, hintereinander, standen darin +und sonst nichts. In einem schlief ein Viehtreiber — sein +fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke —, im andern der +Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn +des Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle +bekam, wobei er sich nackt auszog und mit einem +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +Küchenmesser auf seine Mutter losging. Er saß auf dem +Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe +Gurke mit Salz. +</p> + +<p> +Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten +Male, denn früh hatte er sich erst eingemietet. +</p> + +<p> +Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche +unaufhörlich an seinem Körper entlang, um ihn herum. +Er wachte auf, fühlte vielfüßiges Gekrabbel, griff unter +die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das ihm jedoch, +über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte. +</p> + +<p> +Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken +punktiert: zerdrückte Wanzen. +</p> + +<p> +Er rief die Wirtin und kündigte. „Im Bett sind +Wanzen.“ +</p> + +<p> +„Ach nee.“ +</p> + +<p> +„Unheimlich viel.“ +</p> + +<p> +„Die beißen Ihnen doch nich.“ +</p> + +<p> +„Sie haben mich gebissen.“ +</p> + +<p> +„Aber die fressen Ihnen doch nich.“ +</p> + +<p> +„Fressen?“ +</p> + +<p> +„Tun se nich. Da ist der Kaffee.“ +</p> + +<p> +„Erst komm ich!“ rief der Viehtreiber. +</p> + +<p> +„Und dann ich!“ der Bräutigam. „So war’s ausgemacht.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige +Kaffeeschale benutzt hatten und er daran kam. „Also, +ich ziehe aus, wegen der Wanzen.“ +</p> + +<p> +„Wanzen!“ schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und +Bräutigam erhoben sich drohend. +</p> + +<p> +„Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr“, +stotterte der ratlose Oldshatterhand. +</p> + +<p> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde +blutrot. Das Messer unter den Nabel an den haarigen +Bauch gehalten, mit der Spitze nach vorne, berannte er +seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf ihren +Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte. +</p> + +<p> +Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den +nackten Idioten auf des Viehtreibers Bett, wo er hocken +blieb und den Brocken Brot, den er im Bett fand, in den +Mund steckte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem +Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil +er für die ganze Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark +fünfzig Pfennige, und nichts zurückbekam. Da trat die +Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den mageren +Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. „Schreibe +mir, wo du wohnst.“ +</p> + +<p> +Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das +Mädchen huschte ins Wohnzimmer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell +erleuchtet und dicht besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen +in hellen Sommerkleidern, von Handwerkern, eleganten +Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in +knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und +an die Wangen angepreßten Schnurrbärten waren von +Leutnants kaum zu unterscheiden, wenn sie mit vornehmer +Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den +Arm ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen +im Schleifwalzer dahinglitten. +</p> + +<p> +Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende +Schleiernymphen schwebten plastisch an der Decke, aus den +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +Wänden heraus und aus allen Winkeln und Nischen hervor. +</p> + +<p> +Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab. +</p> + +<p> +Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe. +</p> + +<p> +Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine +sehr kleine, runde Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig +geblieben war, stand wie ein Stock, nur den Kopf geneigt, +und sagte: „Wenn ich bitten darf.“ +</p> + +<p> +Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges +Gesicht war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr +Korsett; darin lag weich der kolossale Busen, weit hinten +saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel klebte, in Form +eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das Haarzöpfchen. +</p> + +<p> +Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier +mit glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd +mit seiner schönen Dame als Erster quer durch den Saal. +</p> + +<p> +Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, +tanzte Oldshatterhand mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, +wenn das Geld reichte, bis in den frühen Morgen +hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen +ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die +Brust; er wuchs rapid, was eine günstige Veränderung +seiner Sprechorgane zur Folge zu haben schien, denn er +stotterte nicht mehr. +</p> + +<p> +Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und +stand steif. „Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu +Ihnen setze? . . . Ich würde mich sehr freuen.“ +</p> + +<p> +Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen +von der Stirne. „Bitte, wenn’s Ihnen so gräßlich +freuen tut.“ +</p> + +<p> +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +„Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein +Fräulein?“ +</p> + +<p> +Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands +Taschentuch vollkommen in der Riesenhand; sie +wischte sich übers Gesicht, über den Mund weg, daß die +Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die breite, +feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, +und fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei. +</p> + +<p> +Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes +Röckchen an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren +und dem er auch sonst stark entwachsen war. Seine braunen +Haare über der hohen Stirne standen zu Berge. Die +langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander +verkrampft, fragte er: „Würden Sie mir erlauben, daß ich +Sie nach Hause begleite, mein Fräulein?“ Und tief erschrocken +setzte er hinzu: „Sie dürfen nicht denken . . . ich +wollte Sie nicht beleidigen.“ +</p> + +<p> +Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund +und lugte darüber hinaus auf ihn. „Heute geht’s nicht. +Ich schlafe ja heute nacht im Zimmer meiner Gnädigen. +Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute nicht. So ist es eben.“ +</p> + +<p> +Er starrte die Köchin an und lachte „Hi! hihiha!“ plötzlich +sein irrsinniges Lachen. +</p> + +<p> +„Auf zur Damenwahl!“ rief der Tanzordner. Und die +Köchin verneigte sich vor Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand +auf dem Wege zum Tanzsaal vor dem Museum +stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen hielten vor +dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen +staunend durch die kühlen Säle. +</p> + +<p> +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank +setzen. Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er +im „Zimmer“ nach dem „Heiligen Tier“ gemacht hatte, +und verglich sie mit den Kunstwerken an den Wänden. +Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes +Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken +vom Gesicht abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger +Miene sah er sich vorsichtig um. +</p> + +<p> +Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum +und konnte gerade noch zwanzig Minuten lang die +Bilder ansehen. +</p> + +<p> +Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in +einem Zugbeutel, den er Tag und Nacht auf der Brust bei +sich trug. Als er genug zu haben glaubte, ging er nicht +mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah stundenlang +den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten +ihn schon und lächelten, wenn er kam. +</p> + +<p> +Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine +Landschaft, und wieder, ehe er das Museum verließ. Es +war eine hügelige Landschaft mit Felderstreifen, grün und +braun; ein paar blühende Apfelbäume dazwischen und +darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. +Er liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die +unterfränkischen Hügel. +</p> + +<p> +Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten +mit Pinsel, und malte von seinem Dachfenster aus die +Ansicht von Dresden. +</p> + +<p> +Darüber verging ihm der Winter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte +Würzburger Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +entbehrt hatten, sich entschlossen, ein Bad im Main zu +nehmen. Und die Kinder plätscherten den ganzen Tag +über im Wasser herum. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt +nach Hause zum Mittagessen. Das kleine, grüne +Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß die andere +blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch +nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den +Häusern entlang, daß sein Ärmel die Mauern streifte, +und schien mit den Fingerspitzen, mit denen er bei jedem +Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter sich zu +schieben. +</p> + +<p> +Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine +Dachkammer und übte alle seine neu angeschafften Hanteln +durch. +</p> + +<p> +Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen +Scheibenhantel, lagen in der Kammer +des bleichen Kapitäns in Reihen geordnet die Gewichte, +daß sich die Balken bogen und die Decke unter der Kammer +einzustürzen drohte. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: „Wie +werde ich Athlet“. +</p> + +<p> +Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, +rauchte nicht mehr, trank nicht mehr, redete nur noch das +Nötigste — er stemmte. Die Folge davon war ein schwerer +Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, der +dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren +würde, wenn es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das +Gestell, denn die Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, +spannte er einen Zentimeter um seinen +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel +des Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der +Muskel seit einer Woche um eineinhalb Millimeter stärker +geworden war. Nachdem er noch Unterarm- und Schenkelmuskel +gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu erheben, +dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu. +</p> + +<p> +Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie +er tief das Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte. +</p> + +<p> +Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde +Flecken auf den eingefallenen Wangen. +</p> + +<p> +„Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag +tun dürfe, so oft man nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, +was es überhaupt gibt auf der Welt“, sagte der +bleiche Kapitän. „Und was gar die Mädli anbelangt, +mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, +dann kannst schon nimmer stemm — so schwächt dich das. +Grüß Gott.“ Das war des bleichen Kapitäns letzter +längerer Satz auf Jahre hinaus. +</p> + +<p> +Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke sang den ganzen Tag „Nach der Heimat +möcht ich wieder, nach dem teuren Heimatort“, denn er +war Mitglied des Jünglingvereins „Frischer Bursch“ +geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das Stiftungsfest +des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied +war wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke +sang den ersten Tenor. Der König der Luft war eifriger +Turner und trug sich mit der Idee, zusammen mit einigen +jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den +Händen laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, +in einem Dorfe bei Würzburg. Falkenauge war aktives +Mitglied der Angelgesellschaft „Walfisch“ geworden. +</p> + +<p> +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung +der Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche +Kapitän einen Preis errungen hatte beim Vereinsstemmen +des Athletenklubs „Muskel“, dessen Mitglied er war. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde +in der Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in +den Perrondurchgang. Hin und wieder wischte sie sich +über die Augen, und ein Lächeln des Glückes entstand in +ihrem verhärmten Gesicht. +</p> + +<p> +Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster +Spannung der Erwartung und des Zweifels blickte +sie hinunter in den Durchgang, durch den jetzt die angekommenen +Reisenden eilten. Darunter ein schlanker +junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit +einer schwarz-weiß gestreiften Krawatte, die sich weit +heraus wölbte; sein dünnes Spazierstöckchen mit blitzender +Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er zog eben braune +Glacéhandschuhe über. +</p> + +<p> +Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab +vor Frau Vierkant, streckte ihr die Hand hin und lächelte. +</p> + +<p> +Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die +Arme über den Kopf. +</p> + +<p> +Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; +er war um mehr als einen Kopf größer geworden. +</p> + +<p> +„Einen Gummimantel hast du dir gekauft?“ fragte die +Mutter erstaunt. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-6"> +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +Sechstes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">A</span>lle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand +in der Dachkammer des bleichen Kapitäns +versammelt. +</p> + +<p> +Winnetou fehlte. +</p> + +<p> +Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten +ihre Pfeifen vor das Fenster legen, denn der bleiche Kapitän +sagte: „Rauch ist Gift . . . für einen Athleten.“ +</p> + +<p> +Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte +elegant Oldshatterhand. „Wie werde ich Athlet“ lag aufgeschlagen +auf dem Tisch. +</p> + +<p> +„Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst“, +fragte der fahle Schreiber. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. „In +Frankfurt . . . Da gibt’s eine Gasse. Die Rosengasse. +Die ist so eng, daß man nebeneinander gar nicht durchgehen +kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel +und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf +den Stufen, sitzen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen +. . . seht, so sitzen sie, in rosaseidenen, in violetten +Hängekleidern und manche in ganz roter Seide . . . Und +wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln +sie dich an, rufen sie dich . . . und so halt.“ +</p> + +<p> +„Bist neigange mit so’n Mädle?“ +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +„Dann is aus mit der Kraft“, sagte still der bleiche +Kapitän. „Das kann man an dir merk.“ +</p> + +<p> +„Ich mach ja gar nix mit Mädli.“ +</p> + +<p> +„Wie . . . du’s machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt +nur an sowas denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.“ +Der bleiche Kapitän griff dem Schreiber an den Oberarm. +„Zieh mal dei Röckle aus.“ Schob dem Schreiber noch +den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen +und ließ es verächtlich sinken. „Oh, macht nur so +weiter.“ +</p> + +<p> +„Gestern hab ich ’n Hecht gefange“, sagte Falkenauge. +„Von anderthalb Pfund.“ +</p> + +<p> +„Kriegst vielleicht davo Kraft?“ +</p> + +<p> +„He?“ +</p> + +<p> +„Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! +Jetzt will ich euch amal was zeig. Schaut amal alle zum +Fenster naus.“ +</p> + +<p> +„So, jetzt.“ +</p> + +<p> +Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche +Kapitän nackt über seine Scheibenhantel zusammengekauert. +Die Räuber hörten, wie er den Brustkasten voll +Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die zentnerschwere +Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf +lag tief im Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, +stand reglos der bleiche Kapitän, vom kalten Mondlicht +getroffen. Das handgroße, zinnoberrote Tüchlein war +vorgebunden. +</p> + +<p> +Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein +dumpfes Krachen tönte von unten herauf: die Decke der +Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste gefallen. +</p> + +<p> +Die Räuber umringten ihren Hauptmann und +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +befühlten staunend seinen Körper. Der war hart wie Elfenbein. +</p> + +<p> +Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie +riß die Tür auf und prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. +Mürrisch stülpte er seine Unterlippe hin. Die Tür knallte +ins Schloß. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, +das sich verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte +hochdeutsch: „Jetzt mache ich euch einen Vorschlag. Wir +gründen einen Athletenklub . . . auf intelligenter Basis.“ +</p> + +<p> +„Was ist das? Basis?“ +</p> + +<p> +„. . . Basis ist schon richtig“, sagte der bleiche Kapitän +und legte die Faust auf „Wie werde ich Athlet“. „Den +Namen hab ich schon. Wir nennen uns ‚Klub für intelligente +Leibeszucht‘. Jeden Abend kommen wir in +meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich +nackt. Das ist von wegen der Transpiration . . . Und das +eine möcht ich euch noch sag: hütet euch vor den Weibern +und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt schon, was ich +mein’.“ +</p> + +<p> +„Aber ich hab ja Singprobe abends“, rief die Rote +Wolke. +</p> + +<p> +„Kriegst amend davo Kraft?“ +</p> + +<p> +„Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: +‚Nach der Heimat möcht ich wieder‘. Wenn ich mir’s +genau überleg . . . ich war ja noch gar nie aus Würzburg +draußen.“ +</p> + +<p> +„Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen +Geplärr. Aber wenn ich Muskel hab, da weiß +ich doch, was ich hab“, sagte der bleiche Kapitän und griff +zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +und den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten +Räuber, die sich hastig entkleideten, und registrierte alles +genau in sein Büchlein. +</p> + +<p> +Der „Klub für intelligente Leibeszucht“ war gegründet. +</p> + +<p> +„Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein +Bruder.“ +</p> + +<p> +Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den +Schreiber an. „Wenn du ein Athlet werden willst, darfst +du keinen Alkohol trinken. Höchstens manchmal, aber nur +einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder Beefsteak +mußt freß, soviel du kannst.“ +</p> + +<p> +Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und +saßen wieder auf dem alten Lederkanapee am runden +Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen Teller rohes +Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich. +</p> + +<p> +Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern +auf dem Athletentisch. +</p> + +<p> +Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib +trat stark vor. Voller Freude sah sie auf die wiedervereinigten +Räuber. +</p> + +<p> +Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein +schwarzhaariger Bursche schlich mit nach innen gerichteten +Fußspitzen lautlos durch die Wirtsstube. Sein abgemagertes +Gesicht war fleckig und ockergelb, und seine +dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus +Hamburg, dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank +zurückgekehrt. Er setzte sich ans Fenster zu einem helläugigen, +blonden Jüngling. +</p> + +<p> +Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die +zweite Stimme, kaum hörbar und hohl aus dem Halse +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +heraus, der andere die erste Stimme, rein und voller Hingabe. +Es wurde ganz still in der Stube. +</p> + +<p> +„Auf, Matrosen ohe!“ sangen die beiden. +</p> + +<p> +„Auf die wogende See.“ +</p> + +<p> +„Oo . . . heee!“ sang der Zurückgekehrte dunkel und +düster . . . +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,</p> + <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind.“</p> +</div> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand +mit seiner Schwester und deren Freundin, Lenchen +Leisegang, die vielen hundert Staffeln hinauf zum Würzburger +„Käppele“, an der Leidensgeschichte Christi vorbei, +welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in +vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang +der frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist. +</p> + +<p> +Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze +in die dürren Hände verschlungen, knieten auf +den Stufen und bewegten die Lippen im Gebet. Viele +Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, +welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den +Herrgott um Vergebung ihrer Sünden baten. +</p> + +<p> +Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf +der untersten Stufe gebetet, waren knieend auf die zweite +Stufe geklettert, auch diese abbetend, und weiter, Stufe +für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei Vaterunser gebetet +werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, +beteten sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter +sich, bis gegen Abend das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo +Christus am hohen Kreuze hängt, endlich erreicht war +und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken. +</p> + +<p> +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, +hatten eine Hausapotheke und halfen den Büßern +wieder auf die Beine, damit sie dem Hochamt in der +kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und +man sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, +daß für den langen, bitterschweren Betgang auf den Knien +durch Staub und Hitze der liebe Gott im Himmel ihre +Bitte um Hilfe erfüllen werde. +</p> + +<p> +Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an +den betenden Gläubigen vorbei, bis zum Marienfuß. Das +Mädchen probierte ihren Fuß in die Höhlung, von der es +hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick gerastet +habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in +Butter eingesunken sei. +</p> + +<p> +Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, +das sich vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, +gleich auf die nächste Stufe rutschte. +</p> + +<p> +Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß +die Bäuerin den Vaterunserdiebstahl vor der siebenten +Station — ein nackter, muskulöser Landsknecht mit Speer +und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die +Dornenkrone aufs Haupt — unter größter Vorsicht wieder +beging. +</p> + +<p> +Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie +war vögelchenzart, aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes +Sonntagskleid an. +</p> + +<p> +‚Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank +im Abendgarten sitzen‘, dachte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Unter Glockenläuten kamen sie auf dem „Käppele“ an. +Rund um die Kirche herum klebten die Verkaufsbuden, wo +Kerzen zu haben waren, nicht dicker und länger als ein +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein Männerschenkel +und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden Muttergottesherzen +aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, +konnte eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche +opfern. +</p> + +<p> +Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, +Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger +Lebkuchen, Christusse, Amulette, heilige Josephsringe aus +Zinn für zehn Pfennige. Auch ein Schnäpschen war zu +haben. +</p> + +<p> +Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das +der sonnengoldene Main zog. Langbärtige Mönche mit +klappenden Sandalen schritten durch die verstaubte +Menge. +</p> + +<p> +Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln +der Ministranten. Alle Menschen fielen auf die +Knie; das Gebetsgemurmel erklang. +</p> + +<p> +Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen +Hand, mit der linken nahmen sie den Kaufpreis entgegen +und stritten sich verzweifelt mit den Bauern herum, welche +die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die teueren, +dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden +prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis +boten, stundenlang feilschten, um sie dann befriedigt der +heiligen Mutter darzubringen. +</p> + +<p> +Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor +einer Bude, wo an Schnüren kleine Arme hingen, Beine, +Herzen, Ohren, Hände — aus Wachs, die man kaufen und +seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke +Bein, das Ohr, das Herz gesund werde. +</p> + +<p> +„Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?“ fragte die +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +Schwester. Sie hatte einen vom Knochenfraß steif gebliebenen +Arm. „Es könnte ja nix schad. Vielleicht +hilft’s.“ +</p> + +<p> +„Ich glaub nit, daß es was hilft“, meinte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +Da trat die Menge, „Gelobt sei Jesus Christus“ murmelnd, +zur Seite: neben einem hohen Mönch kam Winnetou +geschritten in der weißen Ministrantenstola, das qualmende +Weihrauchfaß schwingend. +</p> + +<p> +Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg +betroffen, denn Winnetou senkte den Kopf und ging +vorüber. +</p> + +<p> +Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. +Der lief jeden Tag ohne Begleiter die vielen +hundert Stufen hinunter und noch eine halbe Stunde weit +durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch, +der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet +hatte, und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die +Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe schon sieben +Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes +Tier, dem ein Auge fehlte. +</p> + +<p> +Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen +geliebten und verehrten Tieres zu werden, war nur +der äußerliche Anlaß für Winnetou gewesen, sich den +Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der +Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht +hatte. Von der Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, +hatte er späterhin auch manche Nacht bei den stillen +Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den kränkelnden +Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle +hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +Kindern aus der Stadt das durch ein Vaterunser erbetete +Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten ihn +schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein. +Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage +zwei- oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer +unter den Bittenden, der das katholische Vaterunser nur so +ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das +gelten. +</p> + +<p> +Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht +waren von tiefer Bräune umschattet. Auf der Oberlippe +hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze Haare. Seit +einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf +hatte er nicht. +</p> + +<p> +Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch +einen Hohlweg, an Weinbergen vorbei. +</p> + +<p> +Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft +und es am Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich +die Wunde an ihrem steifen Arm wenigstens schließen, +meinte sie. +</p> + +<p> +Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, +als Herr Mager, der damals Lehrer der Mädchenklasse +gewesen war, der Schwester mit dem Rohrstock +sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl +er von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war. +</p> + +<p> +Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen +und seinem nie ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. +Aber die Wunde am Arm der Schwester war +seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant auf +den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, +das bei der nötig gewordenen Operation aus dem +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Ellbogengelenk herausgeschnitten werden mußte, einem Straßenhund +zu fressen gegeben hatte. +</p> + +<p> +„Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann +schließt sich wenigstens die Wunde“, hatte die weise Frau +gesagt; „stirbt er aber an dem Knochen, dann wird der +steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.“ +</p> + +<p> +Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war +aber ganz gesund geblieben. +</p> + +<p> +Versonnen schritt die Schwester weiter. +</p> + +<p> +Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun +ein Loch in ihr Sonntagskleid gerissen hatte +und bekümmert dreinsah. +</p> + +<p> +„Das können Sie wieder schön zustopfen“, tröstete +Oldshatterhand. Und nach einer Weile: „Man muß +eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, und alle +Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine +Zange mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune +auf die Seite schaffen . . ., daß sich kein Mensch mehr +einen Triangel ins Kleid reißen kann. Stacheldrahtzäune +sind doch hundsgemein und hinterlistig!“ +</p> + +<p> +Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im +Arm. Seine Bäuerin stolperte betend hinter ihm drein. +Ein paar barfüßige Jungen, auf der Flucht vor dem +Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner +warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus +der Fußsohle und hinkte heulend weiter. +</p> + +<p> +Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, +weißer Spitzhund. „Haben Sie gesehen, wo die verdammten +Lausbuben naus sind?“ +</p> + +<p> +„Da hinaus!“ zeigte Oldshatterhand in die falsche +Richtung. +</p> + +<p> +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht +hinunter, einer noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen +Felsenbergschlucht, durch die eine starke Quelle +ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger Verschönerungsverein +hatte nach langem Ringen mit der störrischen +Natur aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe +Seechen mit zwei Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen +aus krummen Birkenästen, noch mit der weißen Rinde, +überspannten die gezähmte Quelle; Birkenholz-Aussichtshäuschen, +Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, Gedenk-, +Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz +verschönten die Landschaft. +</p> + +<p> +Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen +war: „Gestiftet von Herrn Kilian Nikodemus Anastasius +Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Ihr paßt gut zueinander“, sagte die Schwester zur +Freundin, die verwirrt aufstand und vorausging. +</p> + +<p> +„Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an +auf der Straß, dann möcht sie glei durchs Pflaster in +Erdbode neifahr . . . Und du . . . du bist auch ein dummer +Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von Würzburg, +ham wir jed’n Tag von dir gesprochen. Und noch +ehe sie dich gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . +Aber so verliebt! Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .“ +</p> + +<p> +„Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, +auf der ein silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. +Auch daß die Wolke mit dem stillstehenden Engel +jetzt fortschwebe. +</p> + +<p> +Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell +vor einem Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +Stämme, von der Abendsonne beschienen, leuchteten rot. +</p> + +<p> +„Henkeln Sie ein bei mir“, sagte Oldshatterhand und +verbeugte sich. +</p> + +<p> +Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. +„. . . Da!“ Und stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand. +</p> + +<p> +So gingen sie nach Hause. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Greif amal her!“ brachte der König der Luft vor +Kraftanstrengung gerade noch heraus und ließ Falkenauge +seinen Oberarmmuskel befühlen. „Wie is er?“ +</p> + +<p> +„. . . Kolossal hart! Und meiner?“ Falkenauge stand +im Ausfall. Der König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel +und sah dabei prüfend in den Himmel. +„Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber +gehen wir.“ +</p> + +<p> +Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im +Garten „Zur schönen Mainaussicht“ standen flüsternde +Weiber und stillgewordene Kinder um einen aufgebahrten +Sarg herum. +</p> + +<p> +Die zwei drängten sich durch und wurden auch still. +</p> + +<p> +Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. +Nur ihr Mund war rot und lächelte hold, wie wenn sie +im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die Tanzenden +den Boden zu glätten. +</p> + +<p> +Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die +Vögel pfiffen im Kastanienbaum, unter dem das Fell des +Bernhardinerhundes ausgebreitet war. Es hatte große +enthaarte Stellen. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub +versteckt, und zielte mit einer stacheligen Kastanie einer +Alten auf den Scheitel, traf aber seiner toten Schwester +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der Wange der +Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen, +beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde. +</p> + +<p> +Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei +in die Wirtsstube. Der blonde Sachse und das kleine, +schöne Waisenmädchen saßen schon drinnen und tranken +grünen Likör. +</p> + +<p> +Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, +denn die „Schöne Mainaussicht“ war in Verruf geraten: +der Pfarrer hatte von der Kanzel herunter seine Pfarrkinder +gewarnt vor dieser Wirtschaft. +</p> + +<p> +Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und +Nacht saß er bei der Wirtin. Niemand kaufte Fische von +ihm — er hatte vergessen, am Gründonnerstag mitzuwallen. +</p> + +<p> +Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte +ein Zuckerplätzchen in ihr verquollenes Gesicht, in dem der +Mund gar nicht mehr zu sehen war. +</p> + +<p> +„Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag +sie doch zum Teufl!“ schimpfte der Fischer und hob die +Arme. „Heilige Maria und Joseph! so a Gaudi. Wer +tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; +er hat g’sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom +kirchlichen Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische +Hundsknoche dem tote Mädle ke christlichs Begräbnis +geb. No, i hab ’n mei Meinung mitgeteilt.“ +</p> + +<p> +„Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift +mir direkt an das Herze“, sagte der Sachse. +</p> + +<p> +„Jau, Herze!“ +</p> + +<p> +Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch +einmal, die Hände der Toten zu falten. Die Hände waren +aber schon steif. +</p> + +<p> +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen +vom Baum herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den +Schanktisch, und stahl aus der Geldschublade eine Handvoll +Nickelstücke. +</p> + +<p> +Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom +Kastanienbaum herunter auf das Hundefell plumpste und, +mit ein paar Haaren im Schnabel, auf den Baum zurückflog, +wo er sich sein Nest baute. Sie griff ins Fell, hatte +die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück +in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die +Köpfe zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die +jetzt zerfallen aussah im kalten Licht, denn die Sonne war +untergesunken. +</p> + +<p> +„Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,“ +sagte eine Alte, „aber er kommt nit.“ Die Alte flüsterte +der anderen noch etwas ins Ohr. +</p> + +<p> +Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder +Atem. Der großmächtige Pfarrer im Ornat kam die +Treppe herauf, mit den Ministranten und dem hinkenden +Flickschneider. +</p> + +<p> +Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. +Der Pfarrer schwang es über die Tote. „Vor der Pforte +der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et +cum spiritu tuo.“ +</p> + +<p> +Die Weiber waren auf die Knie gesunken. +</p> + +<p> +Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die +Mütze vor der Brust. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild +eilte Oldshatterhand am Mainufer entlang, bis zu dem +Weidenbusch am kleinen See, wo er damals zum Schreiber +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: ‚Ihr geht also +nit mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?‘ +</p> + +<p> +Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge +umsäumt. Der Fluß glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, +Wasser und Weide, im ganzen Tal war kein Mensch, und +der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der Erde. +</p> + +<p> +Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; +er hatte kein Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und +Begeisterung den goldigen Rücken einer Hummel fertig, +die gekrümmt an einem Zweige hing. +</p> + +<p> +Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden +Gestalt etwas zu verändern, die er unter den Busch gemalt +hatte — ein Mädchen, zum Baden bereit, dem das +blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel. +</p> + +<p> +Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher +gemessen seine Kreise, sauste unvermittelt mit ein paar +Flügelschlägen davon; schnell hat ihn die blaue Ferne +genommen. +</p> + +<p> +Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue +den Blick erhob, hing der Reiher schon wieder still, aus +Gold, am blauen Himmel über dem Flusse. +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges +Lachen und malte in gotischer Druckschrift den +Namen des blonden Mädchens unter das fertige Bild: +„Helene, in ewiger Verehrung“, übermalte das Wort +Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, „In ewiger +Liebe“. +</p> + +<p> +„Oo . . . ha hööö . . . ö!“ klang es langgezogen vom +Fluß her. „Höö . . . ö!“ warf das Echo zurück: drei barfüßige +Schiffszieher mit nackten Oberkörpern, hintereinander +gespannt und schräg gegen den Boden gestemmt, +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, +das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts +bewegte, stand ein kleiner, weißer Spitz und bellte. Das +klang aus der Ferne wie das Quaken eines Frosches. +</p> + +<p> +Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße +und wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden +Tag seit zwei Monaten. +</p> + +<p> +Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen +in den Lachen, in denen sich das Licht der Laternen +brach. +</p> + +<p> +Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, +stand ein dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr +schöne, vollbusige Schwester des Glasermeisters Johann +Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin und im +selben Geschäft wie Lenchen Leisegang. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an. +</p> + +<p> +Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt +er unter dem Mantel versteckt. +</p> + +<p> +Plötzlich, wie wenn jemand „da!“ sagt und die Gesellschaft +aufhorcht, wurde es still — der Regen hatte geendet. +</p> + +<p> +Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte +mürrisch in den Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand +und stieg auf den Zehenspitzen durch die Regenlachen über +die Straße. +</p> + +<p> +Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. „Augen +rechts!“ brüllte der Sergeant. Die Gemeinen hieben in +die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch aufspritzte und +der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel zusammennahm, +während das schöne Fräulein Streberle +mit wiegender Hüftbewegung auf ihn zuschritt. +</p> + +<p> +Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +verbeugte sich Oldshatterhand und sagte: „Bitte, henkeln Sie +ein bei mir.“ +</p> + +<p> +„Jetzt sowas“, erwiderte sie und tat es. +</p> + +<p> +Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. +„Es ist nichts Besonderes. Nichts. Ich hab’s halt so gemalt“, +sagte er gleichgültig. +</p> + +<p> +„In eeewiger Liebe!“ rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. +„In eeewiger Liebe.“ +</p> + +<p> +Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und +blickten zu Boden. +</p> + +<p> +„Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?“ +</p> + +<p> +„Jetzt sowas“, sagte sie und trat ins Haus. +</p> + +<p> +Er ging ganz langsam weg. +</p> + +<p> +„Auf Wiedersehn!“ rief sie und warf ihm eine Kußhand +nach. +</p> + +<p> +Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein +unbekanntes Gefühl, stehen zu bleiben: er sah den weißen +Körper des Mädchens, und der Wunsch, der bis jetzt nur +in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen Körper +mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt +in ihm auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit +so vollkommen, wie wenn sein Körper blutleer geworden +wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse von Frankfurt. Und +brüllte: „Gemein! Ich bin gemein!“ +</p> + +<p> +Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale +Braut des Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, +als Oldshatterhand eintrat. +</p> + +<p> +Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant +mahlte Kaffee. Oldshatterhand begann an dem +Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein Hochzeitsgeschenk, +von der Braut anfertigte. +</p> + +<p> +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +„Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst +davor. Ich hab’s ihm schon g’sagt . . . ich tu’s nit. Nie! +Lieber heirat ich nit.“ +</p> + +<p> +„No, jetzt so dumm.“ Die Frau Vierkant lachte. „Jetzt +geht ihr acht Jahr mitnander. Dumms Mädle.“ +</p> + +<p> +„Ich tu’s nit. Nie! Nie!“ Die Braut riß die Augen +auf. „Muß denn das sein?“ +</p> + +<p> +„Sie müssen stillsitzen“, sagte Oldshatterhand und punktierte +mit der nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen +schwarzen Poren auf sein Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. +Bis die Braut, neugierig, was Oldshatterhand +da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich +rief: „Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit +g’fall.“ +</p> + +<p> +„Ich muß doch alles zeichnen, was da is“, verteidigte +sich Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den +großen Pickel am linken Augenlid der Braut fertig, trank +schnell seine Kaffeetasse leer und eilte zur Übungsstunde +in den „Klub für intelligente Leibeszucht“. +</p> + +<p> +Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die +Schlosserbraut sich so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte +er gehört, aber vor Grauen, diesen Gefühlen gegenüber, +den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele Monate +lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein. +</p> + +<p> +Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen +Kapitäns versammelt. Alle waren nackt, und jeder hatte +ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein vorgebunden. +</p> + +<p> +Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber +warf einen Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der +Arbeit. +</p> + +<p> +Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +auf und ab; der andere tat dasselbe rücklings. Der König +der Luft kreiste zwei kleine Hanteln und mahlte mit den +Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, die Fußspitzen +bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den +Kopf, er atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der +Uhr in der Hand, kontrollierte die Zeit. +</p> + +<p> +Der Schreiber stöhnte. +</p> + +<p> +„Still!“ rief der bleiche Kapitän wütend. +</p> + +<p> +Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum. +</p> + +<p> +Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager +und begeistert, und alle stellten sich möglichst immer so, +daß die Hinterteile nicht zu sehen waren, denn die waren +nicht mit roten Tüchlein verhängt. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. +Ja, nein, und grüß Gott. Seine Wangen waren schmal +und seine Brust war kolossal breit geworden. Er sah gefährlich +aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen +haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den +Häusern hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf +dem Ohr. +</p> + +<p> +„Hanna! Hanna!“ rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, +„Bier! Bier!“ und sogleich ertönte das +keifende Schimpfen der Witwe Benommen mit der schönen +Kellnerin. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber +und notierte alles ins Büchlein. +</p> + +<p> +Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um +drei Millimeter an Umfang zugenommen hatte. +</p> + +<p> +Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung +gegen Eleganz und Mädchen, die Arme athletenhaft +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +vom Körper weghaltend, den Hut auf einem Ohr, ohne +Halskragen ins Bureau. +</p> + +<p> +„Herr Widerschein . . . das geht nicht“, sagte Herr +Karfunkelstein, „Sie sind doch kein Stromer. So laufen +die Tagediebe herum, die Strizzi, die Vierröhrenbrunnensteher +. . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie herausgerissen +durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in +eine Patsche kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch +einmal . . . Einen Kragen müssen Sie anhaben im Bureau.“ +</p> + +<p> +Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, +den er jedoch, wenn er das Bureau verließ, in die +Tasche steckte, um, den Hut verwegen auf dem Ohr, die +Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg +anzutreten. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan +auf der alten Brücke und malte das sonnige Bild vor sich — +das alte Rathaus und die Domstraße mit dem Dom, der +sie abschließt. +</p> + +<p> +Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit +am Kinn ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit +zu. Er hatte ein Monokel vor dem Auge. +</p> + +<p> +„Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?“ fragte der +Fremde freundlich. +</p> + +<p> +Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor +Scham, beugte er sich über seine Arbeit und brachte kein +Wort hervor. +</p> + +<p> +„Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken +an Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Ich geb’s Ihnen!“ +</p> + +<p> +„Und wieviel soll das Bildchen kosten?“ +</p> + +<p> +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +„Kosten?“ — — — +</p> + +<p> +Ein Bierwagen polterte während der langen Pause +vorüber; der Kutscher beugte sich vor, um das Bild sehen +zu können. +</p> + +<p> +„Vielleicht . . . eine Mark?“ +</p> + +<p> +Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche +eine Visitenkarte und ein Scheckformular und füllte es +aus. „Nehmen Sie das. Und malen Sie fest weiter. Das +schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, bitte.“ +</p> + +<p> +Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den +Bilderhandel beobachtet hatte, und blickte dann dem +Fremden nach, solange er ihn sehen konnte. +</p> + +<p> +Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke +gab, sah er wie ein Irrsinniger den Beamten an und konnte +kein Glied rühren. +</p> + +<p> +Sofort ging er in ein Papiergeschäft. „Packen Sie +dieses Kunstwerk vorsichtig ein und bringen Sie es ins +Hotel Kronprinz. Sie wissen doch — das vornehme Hotel +am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für Freiherrn +von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael +Vierkant . . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, +das Kunstwerk hat einen Wert von sechzig Mark.“ +</p> + +<p> +Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. +Die Vorstellungen seines künftigen Künstlerruhmes jagten, +übergipfelten einander, bis ins Ungemessene. +</p> + +<p> +Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den +Schloßberg hinauf und begann in den alten Schießgräben +der Festung nach Blei zu graben, um gleich noch etwas +dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um +Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste +Form gewonnen. +</p> + +<p> +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig +da zu finden war, denn vor vielleicht fünfzig Jahren +war das letztemal hier geschossen worden, und viele +Generationen Knaben hatten sich seither am Blei bereichert. +</p> + +<p> +Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte +Flintenkugeln gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier +hinter einem Brombeerbusch hervortrat. „Was +machen Sie da!“ +</p> + +<p> +„Ich . . . grabe Angelwürmer.“ Er hielt dem Offizier +einen langen Wurm zur Ansicht hin. Der Offizier legte +grüßend die Hand an die Mütze und ging weiter. +</p> + +<p> +Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in +den Schießgräben Blei gesucht und es verkauft beim +Lumpenhändler Ei, der auch Oldshatterhands Abnehmer +war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen Pfennig +mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das +Blei kam. +</p> + +<p> +Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann +und reich. Und sein Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten +Würzburger Verbindung. +</p> + +<p> +Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in +den dunklen Anlagen Oldshatterhands Arm genommen +hatte: „Mein Vater soll einen Hilfsdiener bekommen, +weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann +. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.“ +Herr Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren +Klinikdiener im Würzburger Juliusspital. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu. +</p> + +<p> +„. . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele +Trinkgelder.“ +</p> + +<p> +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. „Ich +nehme keine Trinkgelder!“ +</p> + +<p> +Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr +betroffen nach, wie sie durch die dunkle Anlage davonsprang. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik +neben einem quittengelben Japaner. „Die Japanerinnen +sind aber nicht schön. Gefallen Ihnen die deutschen Mädchen +nicht auch unheimlich viel besser?“ +</p> + +<p> +Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen +Lächeln, so weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen +denen stets eine Zigarette hing, und noch die zartrosa +Zahnfleischbogen sichtbar wurden. „Mir gefallen +die japanischen Mädchen viel besser“, sagte er und goß aus +einem Meßzylinder Urin durch die Filter. +</p> + +<p> +Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos +und mit größter Geduld die Urine des ganzen Spitals, +rauchte unzählige Zigaretten dabei und wurde von dem +berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr geschätzt. +Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die Untersuchungsstoffe +zusammen. „Es gibt aber doch kein einziges +blondes Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe +ich nicht — — —. Warum sind die Japaner eigentlich +alle so kohlschwarz?“ +</p> + +<p> +„Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. +Der ganze Kopf. Das macht schwarze Haare. Der ist am +schönsten, der ganz schwarz ist.“ +</p> + +<p> +Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem +Gesicht. Oldshatterhand sah ihm eine Weile +zu. „In der Türkei kann einer hundert Frauen haben?“ +</p> + +<p> +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +Der Türke lächelte. +</p> + +<p> +„Und Treue gibt’s in der Türkei überhaupt nicht?“ +</p> + +<p> +„Treue?“ fragte der Türke und stieß einen Ballon voll +Alkohol um. Er brachte nie etwas zustande, begann viel +und beendete nichts. Aber Geheimrat von Leube liebte es, +daß Ausländer in seinem Laboratorium arbeiteten. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. +„Wenn aber jede Frau zehn Kinder bekommt, dann ist +so ein Türke Vater von tausend Kindern? . . . Tausend +Kinder in einer Familie?“ +</p> + +<p> +Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. +„Deshalb haben auch fast alle Türken nur eine Frau. Nur +wer ganz viel Geld hat, kann auch mehr Frauen haben . . . +Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns . . . +Nicht so wie die deutschen Frauen.“ +</p> + +<p> +Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und +blickte streng umher. Herr Leisegang war klein und hatte +ein Holzbein, so daß man ihn schon von weitem kommen hörte. +</p> + +<p> +Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und +beugten sich interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand +spülte eifrig Reagenzgläser. +</p> + +<p> +Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. +Der Herr Geheimrat hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, +als seinen treuen und geschickten Diener entlassen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem +Gedanken, Herr Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter +täglich nach Hause begleitete, denn es war im ganzen +Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen +hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten. +Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte +Herr Leisegang schon sorgen. +</p> + +<p> +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen +war, für Herrn Leisegang öffnen. Eine große +Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt. Obenauf lag +Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in +dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen +lag. — Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den berühmten +Kliniker zur Untersuchung gesandt. +</p> + +<p> +„Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!“ rief Herr +Leisegang. „Da will ich doch aber gleich einmal sehen! . . . +Von einer Fürstin?“ Er roch in das Fläschchen, hielt es +gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins +Reagenzglas. „— — — Eiweiß hat die Fürstin nicht.“ Er +nahm noch eine Probe in ein zweites Reagenzglas. „— — — +Jetzt sowas! . . . Belästigt das Weibsbild unsern Herrn +Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. Glaubt, weil sie +eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn +Geheimrat das Resultat mitteilen.“ Erbost stelzte Herr +Leisegang aus dem Laboratorium. +</p> + +<p> +Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen +zu sein: eine Woche später traf die Fürstin in Würzburg +ein, mit großem Gefolge. Sie war siebenundachtzig Jahre +alt und mußte getragen werden. +</p> + +<p> +Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, +der in einen engen Käfig eingesperrt war. Man hatte +ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen drehte er +sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger, +weißer Kreis. +</p> + +<p> +Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand +ging ins Schlachthaus, um frisches Schweine- und +Ochsenblut zu holen. +</p> + +<p> +Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +stand neben dem Kessel, in dem das siedende Wasser +dampfte. +</p> + +<p> +Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; +sie tappten ängstlich grunzend, die Schnauze +suchend am Boden. Die bei den Türpfosten stehenden +Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel +auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie +wenn ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, +aus voller Kraft kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands +Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere +taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen +geschwungen, platschten sie in den Kessel, +hinein in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der +Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten +Schweineborsten leicht abschaben. +</p> + +<p> +Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender +Schnitt durch die ganze Gurgel, und das dampfende Blut +sprudelte in den Meßzylinder, den der bebende Oldshatterhand +bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut. +</p> + +<p> +Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als +habe er Schuhe aus Blei an den Füßen. Ziehend ging er +hinaus und hinüber: in die Ochsenschlachthalle. Groß, +hoch, aus Eisenkonstruktion. +</p> + +<p> +Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte +die Halle. Schreien, Fluchen, Rindergebrüll, hastende +Metzger, welche Häute, Gedärme, tote Kälber schleppten. +</p> + +<p> +„Ich möchte frisches Ochsenblut“, sagte Oldshatterhand +zu einem jungen Metzgerburschen, und sah ihm noch +fragend und fremd ins blutverschmierte Gesicht, als er +die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. „. . . Bist du +jetzt Metzger?“ +</p> + +<p> +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +„Nein, Büffeljäger!“ brüllte die kraftstrotzende Kriechende +Schlange und hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel. +</p> + +<p> +Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden +Schlachthalle um, blöde auf die Kriechende Schlange zurück. +</p> + +<p> +„Was schaust denn wie die Kuh wenn’s donnert!“ +</p> + +<p> +„. . . Blut soll ich holen.“ +</p> + +<p> +„Kannst ’n Faß voll hab!“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, +Blutkörperchen in den verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel +bis zu den Schultern aufgekrempelt, fesselten flink +wie Teufel den Ochsen. +</p> + +<p> +Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein +leichter Schlag darauf mit dem Hammer, ein schwacher +Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser klatscht — der Ochse +stand — schneller als ein Gedanke brach er zusammen. Die +Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, +durch das Herz. +</p> + +<p> +Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in +den Hals, ein Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein +junger Baumstamm aus, überschwemmte den Schlachtstand, +floß durch die Rinnen ab in den Kanal, durch den +Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und +die Fische aus dem blutgefärbten Wasser schnellen. +</p> + +<p> +Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die +Haut ab, die Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, +riß die dampfenden Gedärme heraus und stieß sie mit dem +Fuß zur Seite. +</p> + +<p> +Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie +fluchend den Ochsen. Da hing er, violette Adern über +dem blutrünstigen Fleisch, die Augen verglast, den blauen +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe neben +den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert. +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange +an, der einem Kalb einen Tritt in die Weichen gab, daß +es im Blut ausglitschte und in die Knie sank. Er wollte +etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf den +zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend +schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen +Anzug an, tadellos weiße Wäsche und trug eine goldene +Brille auf der leicht gebogenen Nase. Der Schächter. +In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, +breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, +die einen wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am +Boden lag. +</p> + +<p> +„Fertig?“ +</p> + +<p> +Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange +messergerecht gedreht hielt, das Maul und die angespannte +Gurgel nach oben, legte das Messer an — ohne noch zu +schneiden —, da klaffte der Hals; das Messer war bis zum +Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den +Schlachtstand. +</p> + +<p> +Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm +knienden Metzger hin und her, stieß unbeschreibliche +Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut ausbrach, zuckte, +zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein +Zittern lief durch den ganzen Körper; der Ochse hob noch +einmal schief den Kopf, und ließ ihn verendend sinken. +Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die Kriechende +Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +sie kleben blieben und von der Wand herunter auf die +Metzger stierten. +</p> + +<p> +„Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den +Ochsen so?“ fragte Oldshatterhand, vor Grauen wieder +stotternd. +</p> + +<p> +„’n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja“, sagte die +Kriechende Schlange lachend. „Und dann, das ist doch das +jüdische Gesetz.“ +</p> + +<p> +„Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen +. . . die A . . . Augen dort an der Wand . . . an der +Wand . . . Er hat . . . hat ja noch gelebt.“ +</p> + +<p> +„A . . . A . . . A . . . Augen!“ rief die Kriechende +Schlange lachend, warf sich die blutrünstige Ochsenhaut +über die Schulter und ließ Oldshatterhand stehen. Die +Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor Vergnügen. +</p> + +<p> +Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen +gegangen, der für ihn bereit lag. +</p> + +<p> +Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem +Lämmchen aus Holz im Arm, trippelte zwischen den +hastenden Metzgerburschen durch zu seinem Vater, dem +Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, +drehte es um und schob es weg. +</p> + +<p> +Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende +Ochsen mit angststierenden, wissenden Augen wurden +hereingeführt, hereingezogen, brüllten dumpfklagend — +nicht laut —, die schäumenden Mäuler in die Höhe gereckt. +</p> + +<p> +Hinein in den Schlachtstand, gefesselt — drei Minuten +später hingen sie ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe +von sich streckend, die blauen Zungen bläkend, in der +Reihe neben den anderen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus — +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +da schien die Sonne. Die Spatzen flatterten und schrien. +</p> + +<p> +Er blieb stehen. Und dachte zurück — wie oft er am +Schlachthaus vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört +hatte, Metzgerwagen voll blutiger Schweine herausfahren +und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große Schafherden, +zusammengedrängt. „Man geht vorüber.“ +</p> + +<p> +Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, +blieb stehen, den unbeschreiblichen Ton des Verröchelns +im Ohr, und schmetterte plötzlich die Blutgläser in den +Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah aus, +als wäre hier ein Mensch ermordet worden. +</p> + +<p> +Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, +ging er zurück ins Laboratorium. „Ich bringe +kein Blut.“ +</p> + +<p> +„Ich muß aber Blut haben.“ +</p> + +<p> +„Häää! Ich bringe kein Blut,“ wiederholte er hämisch, +und brüllte noch einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht +zum Türken tretend: „Kein Blut!“ wandte sich stracks +um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; +da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, +während ein Kranker, in der blau-weiß +gestreiften Spitalskleidung, den Schlauch in den Mund +hielt und mächtig ein- und ausatmete. +</p> + +<p> +„Jessas! Jessas! Jessas!“ rief Herr Leisegang und +nahm den Schlauch selbst in den Mund. „Wie kann man +sich so viechdumm anstellen. Jetzt drehen Sie einmal.“ +</p> + +<p> +In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung +für das Kolleg des Herrn Doktor Edelmut +bereit und lachten. +</p> + +<p> +„Ihr lacht? Ihr habt’s nötig! Jetzt sowas!“ rief Herr +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +Leisegang, und der glatzköpfige Herr Doktor Edelmut +blickte empört zu den Mädchen hin. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. +Unter den an Schminke gewöhnten, jetzt entschminkten, +fleckigen und mit Geschwüren besetzten Gesichtern sah +er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen +sich der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. +Ihr feingeschwungener Mund war auch jetzt tiefrot. +Die Lippen bildeten eine lasterhafte, wissende +Mundlinie. +</p> + +<p> +Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit +den hautkranken Frauen zusammen auf der Abteilung. Sie +blickte Oldshatterhand ungeniert lächelnd in die Augen. +Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf den +Gang. +</p> + +<p> +Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit +weißen Binden, und flüsterten miteinander, wie in einem +Sterbezimmer. +</p> + +<p> +„Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?“ +stotterte ein Großer, Dicker. „Hat er heute schon gelacht?“ +</p> + +<p> +Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der +plötzlich mit seltsamem Pathos rief: „Er hat gelacht! . . . +Aber wir sind gemein! Ich sage, wir alle sind gemein! +Alle! Er hat gelacht.“ +</p> + +<p> +Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine +Lippen waren erblaßt. +</p> + +<p> +„Er hat gelacht?“ flüsterte betroffen der Dicke. +</p> + +<p> +Da riß Herr Leisegang die Tür auf: „Meine Herren! +der Herr Geheimrat erwartet Sie“, und hinkte energisch +voran. +</p> + +<p> +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage +ins Schlachthaus, hielt den Meßzylinder unter das noch +zuckende Tier und brachte das Blut dem Türken. Der +reichte ihm eine Mark. +</p> + +<p> +„Ich nehme kein Geld dafür!“ +</p> + +<p> +Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen +Kapitäns betrat, stand die Wirtschaftstür offen; er +sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, weiß wie +ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der +Wirt, die kranken Augen wütend aufgerissen, das +Bierfaß vom Schenktisch weg auf den Tisch in der +Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte zersplitterte +und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die +Witwe Benommen stand reglos, die Lippen eingekniffen, +die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, in +der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, +beide Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der +Stube. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer +entlang, auf die Sandinsel zu, wo die Weiden um +die kleinen Seen stehen. +</p> + +<p> +Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den +Weiden hervor kamen Mädchen, paarweise hintereinander +wandelnd. Sie waren mit Rosen und Nelken geschmückt. +Still geworden, zog der Zug der Mädchen am +Zuge der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. +Und gleich darauf ertönte aus dem Dunkel das helle +Mädchengelächter. Die Räuber standen und horchten. +Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie geschlossen +um und standen einige Minuten später am Eingang der +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster +herauswarfen. +</p> + +<p> +„Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?“ +fragte Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber +immer noch schweigend standen, eng zusammengedrängt, +und in die Gasse hineinsahen. +</p> + +<p> +„Ich geh nit mit durch“, sagte die Rote Wolke sofort +und trat ein paar Schritte zurück. +</p> + +<p> +Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die +Brust vorstreckte und sagte: „Ich geh allein durch, wenn +ihr keine Schneid habt.“ +</p> + +<p> +Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein +dünnes Stöckchen im Kreise herumwirbelnd, ging der +Schreiber mit gleichgültigem Gesicht sehr schnell durch die +Gasse. +</p> + +<p> +Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd +wieder durch die Gasse zu ihnen zurückkehrte. „Das +wär mir aber auch noch was“, sagte er heiser, und redete +so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen zusammengedrängt, +durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten +Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam. +</p> + +<p> +Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, +der nicht dabei gewesen war. +</p> + +<p> +In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der +Mauer, gegenüber den drei Häuschen, und starrte intensiv +horchend auf die rosa Fensterausschnitte, preßte die Hand +aufs Herz. Und trat ein. +</p> + +<p> +Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst +sah er nur den Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch +den Zigarettendampf hindurch, drei Frauen in hellen +Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten noch +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah +Farben vor seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün +und dunkelrot. Die Frauen präsentierten sich und sahen +verlegen einander an, weil Oldshatterhand sich nicht rührte +und nicht sprach. +</p> + +<p> +Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig +glitzernden Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte +sich wie eine Mannequin vor Oldshatterhand und schnalzte +dazu mit den Fingern. +</p> + +<p> +Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, +die auf dem Kanapee sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands +rettungsuchenden Blick auf, erhob sich und fragte +lächelnd: „Willst du mich? Kleiner“, zog ihn, als er +nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den +ersten Stock hinauf. +</p> + +<p> +In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als +ein geöffnetes weißes Bett und eine Ottomane mit einer +türkischen Decke befand. Die rosa Ampel an der niederen +Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach. +</p> + +<p> +Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand +nackt vor Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit +beiden Händen etwas an ihren Haaren. Oldshatterhand +sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein ganzer Körper +zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung. +</p> + +<p> +„Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . +Fünf Mark?“ +</p> + +<p> +Er gab ihr das Geldstück. +</p> + +<p> +Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf +und winkte ihn zu sich. +</p> + +<p> +Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter. +</p> + +<p> +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. „Greife halt +her . . . Komm, greif her.“ Sie nahm seine Hand und +zog sie zu ihrem Körper . . . mußte noch öfter lachen, tätschelte +ihm die Wange und sagte endlich: „Da mußt du +halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.“ +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-7"> +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +Siebentes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span>enommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. +Ohne seine Familie vorher benachrichtigt zu haben. +</p> + +<p> +Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen +und ließ die langen, dürren Arme und Hände +zwischen seinen Beinen baumeln. +</p> + +<p> +Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher +geschrieben habe, sagte er apathisch: „Ich hatte keine Briefmarke.“ +Und rief plötzlich in unbegreiflicher Begeisterung: +„Was denkst du! Das ist anders, da draußen in der Welt!“ +</p> + +<p> +Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub +lag noch auf seinem armseligen Anzug. Er hatte +die Heimreise im Hochsommer als Hilfsheizer im Schiffsbauch +mitgemacht. Und das schien ihn vollends zerstört +zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln +bewegte und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann +konnte man die Entbehrungen seines langjährigen Aufenthaltes +in Amerika von seinem völlig zerfallenen Gesicht +deutlich ablesen. +</p> + +<p> +Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung +finden können. Als Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, +Zeitungsverkäufer und zuletzt als Bäckergehilfe hatte +er sich durchgeschlagen. +</p> + +<p> +Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die +Familie Benommen gerichtet zu dieser Zeit. +</p> + +<p> +Und die Familie Benommen war ehrgeizig. +</p> + +<p> +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz +es war, großspurig hinter dem Schanktisch zu stehen, +Unterlippe und Bauch verächtlich vorgeschoben, und so +und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte sich schwer +getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das +diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz +berechtigt erscheinen lassen konnte. +</p> + +<p> +Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete +und ob ihrer strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, +empfand dadurch, daß ihr Sohn, der Stolz der +Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein +Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, +ihren toten Mann und ihre grauen Haare besudelt. +</p> + +<p> +Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein +empfand der bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr +des Amerikaners. Eine Woche vor dem Erscheinen des +Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem Weidenbusch +gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. +Der Zug der Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den +braunen Zöpfen warf einen Rosenstrauß mitten in den +Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf und den +fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. +Und nach einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen +und Jünglinge vereinigt im Dunkel der Weiden verschwinden. +Ein paar Stunden später saßen die Räuber +in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, +als der bleiche Kapitän eintrat und wie ein +Pfosten stand. „Ihr habt keinen Charakter!“ stieß er +hervor. +</p> + +<p> +„Nun, und du?“ lachte der total betrunkene Schreiber +mutig. +</p> + +<p> +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +„. . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch +allen hab Charakter!“ Und damit ging er, schloß die Tür +leise und mit Kraft, und lehnte von dem Tage an alle +Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. Eilte, wie +in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, +sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner +geglaubt und war deshalb noch schroffer gegen +ihn, als Mutter und Bruder. +</p> + +<p> +So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, +nicht jeder hat Glück in Amerika. +</p> + +<p> +„Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue +Schuh käff und ’n Anzug ameß laß, dann is die G’schicht +erledigt!“ schrie der rote Fischer. +</p> + +<p> +In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht +in der Familie Benommen, urteilten die Mutter und die +zwei Brüder. +</p> + +<p> +So war der Amerikaner seitens seiner Familie von +Härte, Kälte und schweigender Verachtung umgeben. +</p> + +<p> +Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das +Unglück des Amerikaners rehabilitiert. — Ihr Jugendsehnsuchtland +hatte sich schlecht benommen, war entlarvt, +da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte +gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs +den Räubern unter die Füße. +</p> + +<p> +Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der +ersten Zeit niemand besonders auf. Doch späterhin +wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber anfangs +nur die Familie Benommen bemerkte, denn der +Amerikaner durfte wenig ausgehen. +</p> + +<p> +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand +das Jahrhunderte alte, einstöckige Häuschen des Spenglermeisters +Hieronymus Griebe. Der Amerikaner stand am +Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis +Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine +Mutter die Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle +das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock +hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er +etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute +morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in +verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller füllte. +Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu +zeichnen. +</p> + +<p> +Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an +der Mauer des Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, +um, wie er sagte, zu untersuchen, ob der Grund felsig genug +sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr Hieronymus +Griebe zwar betroffen, aber auch energisch +wehrte, erfuhren die Mainviertler von des Amerikaners +sonderbarem Wesen. +</p> + +<p> +Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen +Kapitän zusammen in einer Wirtschaft, dann verhielt er +sich meistens ganz still, aber seine Augen schienen etwas +Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet, +und verächtlich lächelnd: „Ha! Hinaus in die +Welt!“ mitten in die Unterhaltung hinein, worauf der +bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und mit dem Ingenieur +die Wirtschaft verließ. Und es schien den Zurückbleibenden, +daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb +mitbringe, um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges +an ihm sei. +</p> + +<p> +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng +befahl er seinem Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn +mitnehme, und überhaupt keine verrückten Sachen zu machen, +sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber +ohne jeden Erfolg blieb — der Amerikaner benahm sich +immer auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns +steigerte sich, und nur seine grenzenlose Verachtung hielt +ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen. +</p> + +<p> +Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht +den Amerikaner am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur +hielt eine lange Papierrolle im Arm, saß in tiefer Kniebeuge +und machte so, beidfüßig abspringend, genau abgemessene +Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, +am Ufer entlang. +</p> + +<p> +Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was +den Amerikaner zwingt, diese grausigen Sprünge zu +machen, ist man so machtlos wie gegen das Erdbeben. Und +plötzlich hatte er die Vision eines Bebens — die Erde spaltete +sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen +mußten Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten +sich, wurden breiter und zwangen die Fliehenden, immer +tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so komisch +aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges +Lachen. In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner. +</p> + +<p> +Der blieb in Kniebeuge hocken. „Sie müssen erst einmal +hinaus in die Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! +. . . Wohin ich jetzt bald gehe. Überall hin. Brasilien! . . . +Ihnen will ich’s zeigen, kommen Sie.“ +</p> + +<p> +„Hi! hihiha!“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog +ihn unter eine Laterne und rollte das große Papier auf. +</p> + +<p> +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: +Eine riesenhafte nackte Frau lag rücklings +darunter und ihre auseinandergespreizten aufgestellten +mächtigen Beine bildeten die Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, +in lasterhaften Stellungen, stürzten von oben herab; +andere wurden von einem über die Brücke jagenden Eisenbahnzug +zermalmt. +</p> + +<p> +„Dort!“ schrie wild der Amerikaner und deutete auf die +alte Mainbrücke mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, +„die reiße ich weg! . . . Herunter mit den +Heiligen! <em class="em">Meine</em> Brücke baue ich hin! Morgen fange +ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin <em class="em">ich</em>! Weißt +du das?“ +</p> + +<p> +„Ja! Ja!“ heulte Oldshatterhand auf und die Tränen +brachen ihm aus den Augen. „Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand, +und der Amerikaner brüllte vor Begeisterung. +Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere +und stürzte bewußtlos zusammen. +</p> + +<p> +Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, +das Kinn auf die Knie gestützt. „Du paßt nicht hinaus in +die Welt. Du nicht . . . Du paßt nicht hinaus in die Welt“, +sagte er und lächelte immerzu. +</p> + +<p> +Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister +den Amerikaner dabei an, wie er keuchend +am Fuße des Brückenbogens mit den Händen die Erde +herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am +Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich +wütend Wehrenden zur Wache. +</p> + +<p> +Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den +Amerikaner in die Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste +Klasse, wo jeder Tag zwanzig Mark kostete. So hatte es +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +die Witwe Benommen gewollt und auch durchgesetzt, obgleich +der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse gewehrt +und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, +daß, wenn der Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte +Vermögen der Familie Benommen beim Teufel sei. +„Mein Heiner soll’s gut haben“, hatte die Mutter geantwortet. +</p> + +<p> +Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung +in die Irrenanstalt. +</p> + +<p> +Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt +gebracht worden war, hatte sich der bleiche Kapitän +in einer für die Räuber ganz unbegreiflichen Weise +verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und liebenswürdig +geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, +wie nach Schluß der Schulstunde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten +dem bleichen Kapitän auf dem Schloßberg, und +wunderten sich und wurden verlegen, denn diesmal ging +der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, +streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. +„Nun, was macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. +Herrgott dividomini, aber eine Hitz! Ich mein’, ich müßt +ein Faß Bier allein aussaufen.“ Er lachte schallend. +</p> + +<p> +Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, +daß der bleiche Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, +ergriff ihn so sehr, daß er im reinsten Hochdeutsch sprach: +„Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, Oskar.“ +</p> + +<p> +„Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich +ausreiß.“ Er haschte einen Lindenast, schwang sich hinauf, +und schüttelte voller Freude die alte Linde. +</p> + +<p> +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän +bezahlte einen Liter nach dem andern und setzte seinen +Stolz darein, den Krug mit einem Zug immer bis zur +Hälfte zu leeren. „Weiß der Teufel, so eine Hitz!“ rief +er und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger +Alter. +</p> + +<p> +„Trinkst du jetzt wieder?“ fragte der Schreiber. +</p> + +<p> +„Gott, natürlich. Warum denn nit?“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die +Hand — aber das Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht +ein. Sein Mund blieb begeistert offen stehen. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr +eilte er barsch an den Häusern entlang, sondern schritt +in der Mitte der Straße, schwenkte sein Plüschhütchen, +wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich +gerne, lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder +andere junge, fröhliche Mensch, der keine Sorgen hat und +einen gesunden Körper. Deshalb stemmte er jedoch nicht +weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die +Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er +lange und viel trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, +hieb den Krug auf den Tisch zurück und brüllte: „Sauft!“ +</p> + +<p> +Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. +Späterhin fand er feine Übergänge und war plötzlich +kein Mensch mehr, dessen barsche Verschlossenheit und sonderbares +Wesen jemand auf den Gedanken hätte bringen +können — der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig +im Kopf wie Benommen der Amerikaner. +</p> + +<p> +Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für +irrsinnig halten könne, vollkommen; die Anfälle von +krampfhafter Lustigkeit blieben ganz aus. Verschlossen +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht +mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener +junger Mann geworden, mit kleinen Sorgen, wie +sie jeder andere Mensch in seinem Alter und seinen Verhältnissen +hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher in seinem +Leben. +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied +sich durch nichts mehr von ihr. +</p> + +<p> +In dieser Zeit — er war zwanzig Jahre alt geworden — +begann er die kleine, dicke Tochter des Weinwirts und +Bäckermeisters Schlauch zu umkreisen. Sie hatte ein rundes +Vollmondgesicht, mehlweiß, und Negerlippen, wie der +bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und +verkaufte Brotlaibe, lächelte, wenn er vorbeiging, und er +lächelte zurück. Das war der Anfang. +</p> + +<p> +Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte +die Vermögensverhältnisse der Familie Schlauch studiert +und war befriedigt. Vor ein paar Jahren hatte Herr +Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an +dessen Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider +nur drei Meter breit, dafür aber vier Stock hoch war, +so daß es, zwischen den zwei niederen, aber wuchtigen Patrizierhäusern +in die Höhe schießend, ganz gut für ein +zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich +hatte Herr Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke +Prachtkerzen gestiftet. Sein Geschäft ging ausgezeichnet. +Alles das und noch mehr wußte die Witwe Benommen +und war befriedigt. +</p> + +<p> +Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der +Schande vorbeigeglitten, die der Amerikaner über die +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +Familie gebracht hatte, und das kam von der ersten Klasse. +Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe verächtlich +vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn +es ihm passend erschien, konnte er von der ersten Klasse +sprechen, wo jeder Tag zwanzig Mark kostet. +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher +und menschlicher geworden zu sein; sie lächelte der +schönen Kellnerin hin und wieder freundlich zu, was zwar +noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und Dankbarkeit +entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin +einen Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die +verächtlich nach außen gestülpten Benommenschen +Lippen. +</p> + +<p> +Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen +Kellnerin manchmal die Hand auf die Schulter legte, in +Gegenwart der Mutter, und aufmunternd sagte: „No, +Hanna, wie geht’s Ihne denn? Esse Sie doch was.“ So +daß der schandebringende Amerikaner alles in allem +eigentlich günstig und entladend auf die ganze Familie +gewirkt hatte. +</p> + +<p> +Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit +schnell in den Hintergrund. Zum fassungslosen +Schrecken des Vorstandes vom Verein Christlicher Junger +Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages +der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden. +</p> + +<p> +Jahrelang wußte niemand, wo er war. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es +neben sich auf den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine +große Schüssel voll Sauerkraut vor ihn hin, das mit schon +zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen garniert war. +</p> + +<p> +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +„Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett“, sagte Herr +Leisegang, nahm sein Holzbein in beide Hände und klopfte +damit wütend auf den Tisch. Bis seine Frau hereinkam. +„Wo ist meine Desinfektionsvase!“ +</p> + +<p> +Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke +und brachte eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. +Herr Leisegang schnellte das Asbestdeckelchen +herunter und tauchte Messer und Gabel in die desinfizierende +Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen. +</p> + +<p> +Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. +Auch die Geldstücke. +</p> + +<p> +Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete +an einer Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein +paar Jahre daran, denn die Decke mußte sehr groß werden, +um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer schmücken +zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man +warten mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr +Leisegang hatte sich so eine vielfarbige Decke gewünscht. +</p> + +<p> +Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört +zu werden, worauf sie endlich verwundert hinein +zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem Lehnsessel wie +vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß +auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still +in der Stube war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden +Kehlton aus. Herr Leisegang war tot. Die +Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch leer. +</p> + +<p> +Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber +nach, weshalb er so friedlich aussehe. So zufrieden, +wie sie ihn in ihrer siebenunddreißigjährigen Ehe niemals +gesehen hatte. Sein Holzbein hatte Herr Leisegang quer +vor sich auf den Tisch gelegt. +</p> + +<p> +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte +keine Hilfe. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, +nachdem er vergebens versucht hatte, die Freundschaft +mit Winnetou zu erneuern, der täglich zu den Mönchen +aufs „Käppele“ ging. +</p> + +<p> +Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen +und zeichnete in der Vesperpause Blumen ab, während die +Rote Wolke Rollen studierte. „Schauspielkunst ist eine +göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter Schiller +und Goethe mit ihren Tragödien, wenn’s keine Schauspieler +gäbe.“ Das wiederholte die Rote Wolke täglich. +</p> + +<p> +An einem Abend hatte er wieder in „Wilhelm Tell“ im +Stadttheater statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell +studiert. Früh um fünf Uhr stand er auf dem Kartoffelacker, +von der eben aufgehenden Sonne beschienen. +„Durch diese hohle Gasse muß er kommen“, rief er und +wies mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren +anderem Ende seine alte Tante kniete, schwitzend mit den +Händen grub und den Kopf schüttelte über ihren Neffen, +der begeistert die Furche entlang rief: „Es führt kein +anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend’ ich’s, die Gelegenheit +ist günstig.“ +</p> + +<p> +Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, +seiner Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den +berühmten Schauspieler Konrad Drauer in München und +fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas vorspielen dürfe. +</p> + +<p> +Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf +der Kaimauer, mit den Beinen wasserwärts, den Kopf in +beide Hände gestützt, und sah traurig hinunter in den Fluß. +</p> + +<p> +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein +bißchen nehmen dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. +Und als Oldshatterhand auf der Ruderbank +saß, rief der Fischer plötzlich: „Brauch’ i denn no’n +Schelch! . . . I brauch ken’n Schelch mehr . . . Häng’n +nachher drübe am Stadtufer a.“ +</p> + +<p> +„. . . Warum denn am Stadtufer?“ +</p> + +<p> +„Weil i ’n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis’ komm +i wenigstens wieder amal in mein Schelch.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer +— flußabwärts. Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, +pfirsichfarbenes Gesicht. Sie trug einen +schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv aus. +</p> + +<p> +Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer +— flußaufwärts. Das Mädchen mit den braunen +Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der Schreiber +hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen +Sandinsel, wo die Weiden stehen. +</p> + +<p> +Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen. +</p> + +<p> +„Ich rudere euch ein wenig herum“, sagte Oldshatterhand, +der im schaukelnden Schelch saß. +</p> + +<p> +Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die +Mitte des Flusses. Der rote Fischer hatte den Kopf nicht +erhoben. +</p> + +<p> +Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber +und seine Liebste befanden sich halbliegend an dem einen +äußersten geschnäbelten Ende, das zweite Liebespaar lag +eng beieinander am entgegengesetzten. Oldshatterhand +saß genau in der Mitte und ruderte langsam. +</p> + +<p> +Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten +kleine Laternchen an den ruhenden Schiffen; das Singen +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +der Kinder, die am Ufer spielten, klang herüber; ein +Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser sinken. +</p> + +<p> +„Kunst ist heilig“, sagte die Rote Wolke gedämpft. +</p> + +<p> +Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des +Mädchens. „Wir werden Romeo und Julia zusammen +spielen“, sagte sie und sah der Roten Wolke sanft in die +Augen. +</p> + +<p> +„Julia!“ erwiderte die Rote Wolke verhaltend. +</p> + +<p> +„Und du bist Romeo.“ +</p> + +<p> +„Da ist doch nix dabei“, flüsterte der Schreiber heftig. +„Ich weiß nit, warum du so eine Furcht davor hast.“ +</p> + +<p> +Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. +Oldshatterhand sah ihr erschrockenes, weißes Gesicht aus +der Dunkelheit schimmern und dachte an Lenchen Leisegang. +</p> + +<p> +„Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . +immerzu“, hörte Oldshatterhand hinter sich das Mädchen +flüstern. +</p> + +<p> +„Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!“ +</p> + +<p> +Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, +die hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich +zu schaukeln begann. +</p> + +<p> +„Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten“, sagte +Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken +an Lenchen Leisegang die Ruder los. „Ich will doch . . . +ich muß doch erst etwas werden. Vielleicht berühmt.“ +</p> + +<p> +Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch +schnellte aus dem Wasser und fiel zurück. +</p> + +<p> +Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: „Die Kunst. +Die Kunst . . . Tempel.“ +</p> + +<p> +„Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich“, sagte das +Lehrerstöchterchen. +</p> + +<p> +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +„Rudre ans Ufer!“ schrie der Schreiber wütend. Das +Mädchen saß von ihm abgerückt steif auf dem Querbrettchen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und +machte den Schelch fest. +</p> + +<p> +Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes +Stöckchen im Kreise herum; das Mädchen ging mit gesenktem +Kopfe einige Schritte seitwärts neben ihm her. +</p> + +<p> +„Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich +auch ließe!“ schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. +Er saß auf der Wasserschale des Vierröhrenbrunnens, +zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, die +der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und +Auswuchs der Stadt waren. Die Würzburger „Strizzi“, +von denen jeder sein im Griffe festes, langes Messer in +der Hintertasche trug. Sie lebten beschäftigungslos in +den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie ohne +Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am +Brunnen vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. +Verlorene Existenzen, die alle schon gesessen hatten. +</p> + +<p> +„Laß sie doch“, sagte Oldshatterhand schnell und zog +den Schreiber weg, der wütend stehen geblieben war, weil +ihm einer der Burschen nachrief: „Hast dei Menschle +zünfti zammg’haut!“ Die weiteren Bemerkungen gingen +unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der +Schutzmann trat von einem Bein auf das andere und ab +in eine Seitengasse. +</p> + +<p> +„Ich muß jetzt jemand abhol“, sagte Oldshatterhand +auf der Brücke und sah bedrückt auf die Liebespaare, die +nun beide einträchtig vor ihm gingen. +</p> + +<p> +Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +Leisegang befand, blieb er plötzlich stehen, wandte sich um +und ging langsam nach Hause. +</p> + +<p> +Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange +auf ihn zu. „Weil ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . +Auge g’sagt hab, brauchst no lang nit zornig zu sein.“ +</p> + +<p> +„Du darfst mir nachmachen, soviel du willst“, sagte +Oldshatterhand und lächelte ruhig die Kriechende Schlange +an. Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort: „Ich +glaube, es geht halt nicht anders, als daß es auch solche +Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?“ +</p> + +<p> +„. . . Nein, das versteh ich nit.“ +</p> + +<p> +„. . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst +nix dafür. Verstehst du?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß nit, was du da redst.“ +</p> + +<p> +„Ja, es ist sicher so“, sagte Oldshatterhand nachdenklich +und ging. +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor. +</p> + +<p> +„Laß mi amal schnupf!“ rief einer der „Vierröhrenbrunnensteher“. +</p> + +<p> +„Wer ist denn das?“ fragte ein anderer. +</p> + +<p> +„Metzger ist er . . . Da geh doch her.“ +</p> + +<p> +Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf +die Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum. +</p> + +<p> +Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er +während des kurzen Gespräches mit der Kriechenden +Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht er spreche, sondern +der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei +Würzburg geküßt hatte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, +des größten deutschen Malers Geburtsstadt, den +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf vom +Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. +Stundenlang wandert man durch den Eichenwald, hat +auf einer Höhe das unabsehbare gewellte Waldmeer vor +sich liegen, sieht stille Waldtäler, von Forellenbächen +durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein +Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, +hebt das Geweih und bricht weg, sobald er den Wanderer +erblickt. Rehe äsen auf den Abhängen. Amseln singen. +Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen sich am +Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum +zu unterscheiden — plötzlich bricht das Wildsaurudel +krachend durch das Gebüsch davon, daß die Erde zittert; +und einen Atemzug lang schweigen alle Vögel. Eine Amsel +beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das einzige Lebewesen +zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses +Hochwaldes sein. +</p> + +<p> +In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, +graues Haus. Türen und Fensterscheiben +fehlen, lange Gräser spielen auf dem Dache. +</p> + +<p> +Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch +heute von einem Wirt, dem vor langen Jahren das Haus +gehört hatte — er habe die Reisenden, die bei ihm einkehrten, +ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg +am „Letzten Hieb“ gehängt worden. +</p> + +<p> +In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang +der Kunstmaler Franziskus Grünwiesler und sein Freund +Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Dieses Haus gehört niemand“, hatte Franziskus +Grünwieslers weißbärtiger Onkel gesagt, welcher Bürgermeister +des nächsten, drei Wegestunden vom grauen +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. „Und es +wagt sich auch keiner in die Nähe.“ +</p> + +<p> +Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er +war ein zufriedener, bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand +über Stimmungsstürze weg, von denen dieser +oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich +maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand +das Wenige, das er selbst besaß. +</p> + +<p> +Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang +sehr wenig; die technischen Schwierigkeiten hinderten ihn +immer wieder, das zu schaffen, was er ersehnte. Das +Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten +übergroßer Begeisterung. +</p> + +<p> +Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler +gehörte, und oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, +der die Gänse von allen Ortschaften des Spessarts +hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend +Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die +Gänse heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, +magere mit in den Wald. Der Hirt war ein achtzigjähriger, +bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel. +Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot +und geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten +die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und schliefen, und +der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, +über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es +von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und +dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten +und weiterschliefen. +</p> + +<p> +Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen +und hatte um Unterkunft gebeten für die Nacht. +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle. Es +fragte sie auch niemand. Sie blieb. +</p> + +<p> +Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand +selbst. Er hatte einen großen Vorrat Rohleinwand +liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen. „Das ist +die weichste“, sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle +Leinwand auf, die wie Seide glänzte. +</p> + +<p> +Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus +Rohleinwand schon an. +</p> + +<p> +Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das +Kleid zu malen. „Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht +ganz gut machen“, sagte er zu Oldshatterhand und +zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und +dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. +„Und eine einzige große Lilie, vorne herauf.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, +im Moos. Und schlich nach einer Weile wieder fort, denn +ihr Rohleinwandkleid hing über einem Eichenast. +</p> + +<p> +Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. +Sie arbeitete gar nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als +müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den vergangenen +Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für +die beiden im Haus tat sie nichts. +</p> + +<p> +„Ihr schenkt ja auch niemand etwas“, sagte Oldshatterhand +zu Grünwiesler. „Das Haus gehört ja +niemand . . . Nicht einmal Türen hat’s.“ +</p> + +<p> +Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen +Seite wieder hinaus in den Wald. Und saß man auf dem +flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die langen Gräser +spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das +Haus mit dem Wald verwachsen. +</p> + +<p> +„Wie wär’s, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln +ausmalen würde, sie bleibt ja doch auf immer da“, sagte +Grünwiesler vor dem Schlafengehen. +</p> + +<p> +„Wenn sie’s erlaubt“, erwiderte Oldshatterhand; er +hatte einen eleganten Schaukelstuhl gezimmert und ihn +ihr ins Zimmer gestellt, während sie am Waldsee gelegen +war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll Bucheckern. +Die schmeckten nach Nuß und Olive. +</p> + +<p> +Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid +hatte sie noch einmal umgeändert, den Halsausschnitt +rund und den Rock sehr eng gemacht. So sah Oldshatterhand +sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr gegangen, +blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten. +</p> + +<p> +Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend +im Waldtal. An ihm vorbei plätscherte ein Bach in vielen +Windungen durch die Wiese. +</p> + +<p> +Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und +zu Grünwiesler, verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, +eine Weile Bild und Motiv und reichte Grünwiesler +einen Brief. „Von wem mag jetzt der sein“, fragte der +Briefträger. „Da ist ja gleich was drauf gemalt.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler errötete — er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, +vor Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit +anbetender Gebärde. +</p> + +<p> +„No, von wem is jetzt der Brief?“ +</p> + +<p> +„Von meinem Freund Immermann.“ +</p> + +<p> +„Der is gewiß auch so ein Maler?“ +</p> + +<p> +Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: +„No, dann grüß Ihne Gott“, und ging. +</p> + +<p> +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +Versteht sich doch von selbst — angenehm sei es ihm gerade +nicht, daß Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, +der ein ungebildeter, ja, für Grünwiesler, direkt +gefährlicher Mensch sei — schrieb Immermann. Ob Grünwiesler +denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser +Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das +Bürschchen könne man nicht nur so mir nichts dir nichts +nehmen, wie es sich gebe. Nebenbei wisse man ja auch, +aus was für einer Familie Oldshatterhand komme. Auf +keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise +Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er +von Grünwiesler so viel Einsicht verlangen. „Nicht, daß +mir besonders viel daran liegt,“ schloß der Brief, „im +Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit +diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, +anstatt mit mir. Wenn dir an meinem Kreise noch etwas +gelegen ist, dann komme. Ich male Studien auf dem +Schleehof bei Würzburg.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte +den Brief in die Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen +und trat sofort den Heimweg an. +</p> + +<p> +Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander +vorbei. +</p> + +<p> +„Wie ist das?“ fragte Oldshatterhand endlich und stellte +sein angefangenes Bild auf die Staffelei. +</p> + +<p> +„Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.“ +</p> + +<p> +„Dann erklär mir’s doch, woran’s liegt.“ +</p> + +<p> +„Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen +sich die Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.“ +</p> + +<p> +„Du kannst nichts erklären!“ schrie Oldshatterhand erregt. +„Erklär doch! Erklär doch!“ +</p> + +<p> +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor +das Bild. +</p> + +<p> +Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein +Bild hin. „Zeig mir doch! Herrgott, kannst du mir denn +nicht zeigen, wieso das falsch ist!“ +</p> + +<p> +Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren. +</p> + +<p> +„Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! +Zeigen!“ +</p> + +<p> +„Ich hab dir’s doch schon so oft gezeigt, das mit der +Perspektive“, sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte +verwirrt: „Es gibt auch noch eine Luftperspektive und +eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir’s schon.“ +</p> + +<p> +„Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir’s zeigst! +. . . Daß es kein Mensch verstehen kann. Du bist . . . +du bist wirklich saudumm!“ +</p> + +<p> +Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit +in rachsüchtige Wut über, die an Irresein grenzte; er verlor +den Atem, ein dünner, pfeifender Ton entfloh seinem +Munde; aber wie schon oft in diesem Sommer, wenn +Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten +gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht +geworden war, drehte die Wut Grünwieslers sich nach +innen, und in Angst vor seinem aufbrausenden Schüler +sagte er stockend: „Quäl mich nicht . . . Warum quälst du +mich. Es braucht halt alles seine Zeit.“ Nur ein gefährliches +Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, +wie Irre es haben, die jahrelang sich kujonieren lassen und +eines Tages in einem Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln. +</p> + +<p> +Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer. +</p> + +<p> +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +Oldshatterhand wurde sofort ruhig. „Ich packe es schon +noch“, sagte er und lächelte Grünwiesler an. „Für mich +ist nichts zu schwer . . . Soll ich Tee eingießen?“ +</p> + +<p> +„Oh, das wär lieb von dir“, sagte Grünwiesler erleichtert, +sah vor sich hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. +„. . . Du, ich hab einen Brief bekommen von Immermann.“ +</p> + +<p> +„Was schreibt denn der?“ fragte Oldshatterhand mit +gemachter Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder +ab, ohne eingegossen zu haben. +</p> + +<p> +„. . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht +. . . Ich geh übrigens diese Woche noch zu ihm.“ +</p> + +<p> +„Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.“ +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief +lächelnd vor, wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, +schwarzes Löchlein entstand, als ob die Oberlippe zu +breit wäre. „Aber ich muß ihn wieder einmal sehen . . . +Er ist ein sehr bedeutender Mensch.“ +</p> + +<p> +„Pf!“ machte Oldshatterhand verächtlich. „. . . Zeig +mir einmal den Brief.“ +</p> + +<p> +„Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in +den Bach hab ich ihn geworfen.“ +</p> + +<p> +„Du hast den Brief noch!“ fuhr Oldshatterhand auf. +„. . . Immermann hat wieder schlecht über mich geschrieben.“ +</p> + +<p> +„Nei . . . n“, sagte Grünwiesler langgezogen, wie +wenn er das Mißtrauen Oldshatterhands bedauerte. +</p> + +<p> +„Sei nur still! . . . Ich weiß schon.“ +</p> + +<p> +„. . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann +spricht über niemand etwas Schlechtes . . . Nur was +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt . . . So ist Immermann +nicht.“ +</p> + +<p> +„Du lügst! Ich seh dir’s an.“ +</p> + +<p> +„Wiesooooo?“ erwiderte er traurig singend. +</p> + +<p> +„Du lügst einfach!“ +</p> + +<p> +Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die +Augen. „Wenn du’s wissen willst . . . Immermann hat +sogar nur Gutes über dich geschrieben . . . Schenk mir noch +einen Tee ein!“ rief er kameradschaftlich. „Den hast du +fein gemacht.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. +„Ich kenn den Immermann schon . . . Der will unter uns +der Erste sein . . . Der Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er +auf mich, weil du nicht mit ihm bist und ich nicht nach seiner +Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich’s noch zeigen, +wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!“ +</p> + +<p> +„Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander“, sagte +Grünwiesler fröhlich und streckte Oldshatterhand die +Rechte hin. „Singen wir jetzt ein Lied?“ +</p> + +<p> +Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: +„Zu dem Lied malt Immermann eine Bilderserie. +Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden sicher +wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.“ Er +sah Oldshatterhand in die Augen. +</p> + +<p> +Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte +Oldshatterhand in steigender Begeisterung seinen zukünftigen +Ruhm herbei. „Was Immermann malt, das ist +nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! +Sonst hat’s keinen Sinn.“ +</p> + +<p> +„Mnja“, sagte Grünwiesler im Halbschlaf. +</p> + +<p> +„Du glaubst’s nicht? Ich werde alles haben“, rief er +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +frohlockend. „Alle werden zu mir kommen.“ Und als er +die tiefen Atemzüge des Schlafenden hörte, dachte er +allein weiter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren +von früh bis nacht durch den Spessart gewandert und +noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung nach Würzburg. +</p> + +<p> +Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler +kniff die Augen zusammen und deckte mit der Hand +den Vordergrund weg. Seine Nase rollte sich aufwärts +und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen. +</p> + +<p> +Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart +herum und teilte ihm Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, +schwungradgroße Sonne berührte die Baumkronen +und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein +schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich +fernen Frühlingshoffnungen ruhten. +</p> + +<p> +Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den +beiden, und darüber die Atmosphäre spielte wunderbar in +zarten Farben. +</p> + +<p> +„Komm, gehn wir“, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich +die Brust heraus und wandte sich zur entgegengesetzten +Richtung, wo die sonnenlose Landschaft in tiefer, blauer +Abendstille lag. +</p> + +<p> +Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben +schon viel zu viel in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand +gequält zur Seite und hatte den Wunsch, niederzusitzen +und zu warten bis alle schwere, unerklärliche Traurigkeit +in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel +bis zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +„Wenn ich jetzt rasend zornig sein könnte.“ Grünwiesler +sah erschrocken auf. „Ich könnte ja hinterher abbitten +. . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen +kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer +neue rollen nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.“ +Er sah Grünwiesler an, der seinen Kopf schulterwärts +geneigt hielt und auf Oldshatterhand blickte, +wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt. +</p> + +<p> +„Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das +ist doch unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen +nicht geweinten Tränen sein . . . Vielleicht verdunkeln sie +alles in einem . . . Ach!“ atmete er tief aus und lachte plötzlich, +lang und laut, in großer Befreiung. +</p> + +<p> +Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der +weißen Landstraße hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote +Dach eines neuen Bauernhäuschens in der +Sonne glühte. +</p> + +<p> +Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, +der ganz anders aussah, als beide ihn sich aus der Ferne +vorgestellt hatten, sagte Oldshatterhand: „Jetzt ist das +Mädchen ganz allein im Haus.“ Und was wird sie im +Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn’s +kalt ist. „Es ist ja kein Ofen im Haus.“ +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Grünwiesler nachdenklich, „Türen hat +das Haus nicht.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. +Der rothaarige Kunstmaler Christinus Immermann, +Sohn des verstorbenen Häusermaklers Fürchtegott Immermann, +saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen +unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +Stellungen ab. Die meisten Brocken schnappte der Hahn +weg, der herrisch zwischen seine Hühner fuhr und, wenn +ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll aufrichtete, +als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. +Ein junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein +großer Hund, wälzte sich in der Sonne am Boden, streckte +die dünnen Beine in den Himmel, stand plötzlich und +rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, durch +das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet +von einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe. +</p> + +<p> +„Herr Tierarzt Amrhein“, stellte der Gutsbesitzer vor. +„Und das ist mein lieber Freund Immermann.“ +</p> + +<p> +Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die +Schulter. Das Fohlen kam hereingerast, stoppte, stieg in +die Höhe, drehte sich auf den Hinterbeinen und tollte wieder +hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit verklebten +Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen +auf den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, +der die Lippen verzog und tat, wie wenn er die Magd nicht +sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. Sie war schwanger. +</p> + +<p> +„Lassen Sie den Eber heraus!“ rief der Gutsbesitzer +ihr nach. „Bringen Sie reines, warmes Wasser. Und +der Knecht soll kommen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof +zu Immermann. Grünwiesler sah den Maler mit dem +bittenden Kanarienvogelblick an und errötete unaufhörlich. +Oldshatterhand ärgerte sich über den geringschätzigen +Gesichtsausdruck von Immermann. +</p> + +<p> +„Wie geht’s mit deiner Gesundheit?“ fragte Grünwiesler +ängstlich. +</p> + +<p> +„Wie es einem Herzkranken gehen kann.“ +</p> + +<p> +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah +betrübt drein. Oldshatterhand war wütend, weil er +glaubte, Immermann prahle nur mit seiner Herzkrankheit. +</p> + +<p> +Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann +sah ihn an, zuckte die Schultern und reichte ihm nur den +Zeigefinger, den Oldshatterhand, überrumpelt und verwirrt, +schüttelte, worauf Immermann die Lippen verzog. +</p> + +<p> +Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand +den Maler hilflos an, und als der Maler +sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler zudrehte, dachte +Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen — einer +ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger +auch dazu. Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte +und lächelte ironisch: Einen Finger? Wer wird so geizig +sein! — Viele schlagfertige Erwiderungen fielen ihm ein; er +hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und als er sich +dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann +hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen +und quittierte mit ironischem Lippenverziehen. +</p> + +<p> +„Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es +freut mich, daß du da bist“, sagte er und drehte Oldshatterhand +ostentativ den Rücken zu. Grünwiesler sah beglückt +auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne sich um +Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte +und sich haßte, weil er stehen blieb. +</p> + +<p> +Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und +sah interessiert auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. +Knecht und Magd hielten ihn fest; der kleine Arzt +besah ein blitzendes Messerchen. +</p> + +<p> +Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +aus. Der Arzt stand auf, lachte und warf etwas Blutiges +auf den Misthaufen, das der Jagdhund beroch, aber nicht +fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, bildeten, auf- und +übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und verließen +interesselos den Düngerhaufen wieder. +</p> + +<p> +Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann +an, der die Lippen verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. +Der jetzt beruhigt grunzende Eber wurde in den Stall geschoben. +</p> + +<p> +Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand +auf die Schulter legte. Die blonde Frau trat vorsichtig +leise vom Fenster zurück und sah dabei auf Immermann. +Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen Augen. +</p> + +<p> +„In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, +ein <em class="em">Er</em> ist das ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin +ist sein Fleisch eßbar. Sie sind eingeladen“, sagte der +Gutsbesitzer zu Immermann. +</p> + +<p> +Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. +Die Gutsherrin trat wieder vor ans Fenster und +fragte ihren Mann: „Nun? ist der Tierarzt denn noch +nicht da?“ +</p> + +<p> +„Ach, das ist ja schon lange vorüber.“ +</p> + +<p> +Immermann verzog die Lippen. +</p> + +<p> +Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler +und Oldshatterhand gingen am Saum entlang. Oldshatterhand +war bedrückt. Warum bin ich ungerecht, da +er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin gemein. +</p> + +<p> +Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das +ins Spessarthaus gekommen war. +</p> + +<p> +„Eine Tippelschickse!“ sagte Immermann kurz. Grünwiesler +schwieg betroffen. +</p> + +<p> +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte +man ihm ins Herz gezwickt. Gleich darauf aber fühlte +er sich sehr erleichtert. Er prahlt vielleicht doch nur mit +seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte sich, daß er +nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter +schlecht von dem Mädchen sprach. +</p> + +<p> +„Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.“ +</p> + +<p> +„Ausweispapiere! Man braucht keine!“ sagte Oldshatterhand +laut. +</p> + +<p> +„Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? +Was dann?“ sagte Immermann zu Grünwiesler, als ob +Oldshatterhand gar nicht da wäre. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen +verteidigen und brachte kein Wort hervor. +</p> + +<p> +Immermann verzog die Lippen. „Da habe ich es schon +etwas ungefährlicher. Die eine ist schwanger, und die +Gutsherrin — — — gefällt sie dir?“ Er lächelte Grünwiesler +breit an. „Ich habe übrigens wieder ein Märchengedicht +geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin Romantiker.“ +</p> + +<p> +„Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!“ schrie Oldshatterhand +plötzlich. „. . . Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen +Sie doch nur zu prahlen.“ Flammend wandte er sich um +und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. Grünwiesler +neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt +mit seinem Kanarienvogelblick nach. +</p> + +<p> +„Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann +man nicht verkehren“, sagte Immermann gleichgültig, +seinen Zorn verbergend. +</p> + +<p> +„Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem +leid tun. Wir haben schöne Stunden miteinander verlebt.“ +</p> + +<p> +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +„Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.“ +</p> + +<p> +„Nein, nein!“ rief Grünwiesler ängstlich. „. . . Ich +meinte ja nur so . . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt +gezeichnet. Er hat einen wunderschönen Akt . . . Aber gequält +hat er mich ja auch.“ +</p> + +<p> +„Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt — +Tölpel bist. Bei sich lacht er natürlich über dich, nachdem +er dich ausgenützt hat.“ +</p> + +<p> +„. . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?“ +</p> + +<p> +„Was denn?“ +</p> + +<p> +„Schluß! Dann aber Schluß!“ schrie Grünwiesler in +plötzlicher höchster Wut. +</p> + +<p> +„Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber +daß ein Subjekt mit dieser Gesinnung nicht in unsern +Kreis gehört, das wirst doch auch du einsehen.“ +</p> + +<p> +„Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen +Sommer hat er von mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber +ich kenn ihn jetzt.“ +</p> + +<p> +„Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen +gebildet habe, dann lasse ich so jemand eben nicht +herein . . . Gott, wir wollen ganz einfach nicht. Und damit +fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die Stimmung +nicht länger verderben.“ +</p> + +<p> +„Du hast recht.“ +</p> + +<p> +„Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann +rezitiere ich dir mein neues lyrisches Gedicht.“ +</p> + +<p> +„Oh, das wäre wunderbar“, sagte Grünwiesler und +legte Immermann die Hand auf die Schulter. So verschwanden +sie zwischen den Tannenstämmen. +</p> + +<p> +„Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +Mägdlein kommt drin vor, einsames Waldesrauschen und +ein romantischer Ritter . . . Siehst du das Bild?“ +</p> + +<p> +„Oh, das ist wunderbar.“ +</p> + +<p> +Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben +ihnen am Tannenstamm. „Pst . . . dort“, flüsterte Grünwiesler. +</p> + +<p> +Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst +flüsternd, dann lauter. Entzückt horchte er auf seine +Stimme und mußte aufstehen. Die Arme ausgebreitet, +sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe. +</p> + +<p> +Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. +Gepackt sah er zu Immermann empor. +</p> + +<p> +„Siehst du die Kompositionen?“ +</p> + +<p> +„Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt’s mir an +Phantasie“, sagte er traurig. +</p> + +<p> +„Tom der Reimer saß am Bach!“ rief Immermann +begeistert. +</p> + +<p> +Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder +daran vorbei führten, waren schon gesperrt, denn die +Trauben begannen gelb zu werden. Oldshatterhand sah +auf das kleine, graue Männlein, das reglos am Waldsaum +stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite +hängen. +</p> + +<p> +„Ist das wahr“, fragte er den Weinbergshüter, „daß +Sie den Buben, die sich ein paar Trauben holen, Pfeffer +und Salz in die Waden schießen?“ +</p> + +<p> +Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein +Messinghorn. „Früher han i’s ton. Jetzet blas i. Dann +bricht glei’s ganze Dorf auf und umstellt ’n Wenger.<a href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> +Jetzet erwisch’n wir die Bub’n immer.“ +</p> + +<p class="footnote" id="footnote-1"> +<a href="#fnote-1">[1]</a> Weinberg. +</p> + +<p> +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +„Ach nein!“ rief Oldshatterhand erschrocken und ging +weiter, bis zum Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas +abseits vom Gärtnerhäuschen lag und von einer gerade +beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt war. +</p> + +<p> +Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten +und horchte. +</p> + +<p> +Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten +Wolke und einem rotbäckigen Jüngling. Der sagte: „Bis +übermorgen könnt ihr die zwei Hauptrollen studiert haben +von meinem Stück“, und reichte der Roten Wolke sein +Manuskript. +</p> + +<p> +„Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. +Tragödie in fünf Akten“, las die Rote Wolke vor. +</p> + +<p> +Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten +bis zum Ziehbrunnen des Gemüsegartens. Die Rote Wolke +schlug das Manuskript auf, begann die Brunnenkurbel +zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte: +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Entflieh mit mir, Klärchen!</p> + <p class="line">Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.“</p> +</div> + +<p class="noindent"> +Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien. +</p> + +<p> +Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne +und goß das Blaukrautbeet, sah den Dichter an, +die Rote Wolke und sagte verschämt: „Es lebe die Kunst +und die Liebe.“ +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-8"> +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +Achtes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span>m Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden +Künste in München waren an den Wänden die +Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, die sich der Aufnahmeprüfung +unterzogen hatten. Kein Mensch war im +Saal; nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter +Negerkopf mit grellem Augenweiß, grinste in ein paar +hundert Exemplaren in die Leere. +</p> + +<p> +Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die +Flügeltüren und ließ die Prüfungskandidaten eintreten, +eine Schar Jünglinge, meist in kurzen Sammethosen und +mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie aufgenommen +waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete — +Prüfung bestanden, ein Kreuz — durchgefallen. +</p> + +<p> +Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief +allen voran bis in die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend +herum, wobei sein Körper hin und her zuckte, wie wenn er +einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen Gegner zu +bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf. +</p> + +<p> +Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch +die Tür und strahlten auseinander. Keiner konnte seine +Arbeit gleich finden, weil auf den ersten Anblick hin die +still grinsenden Negerköpfe voneinander nicht zu unterscheiden +waren. +</p> + +<p> +Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die +fassungslos, empört oder traurig auf die Kreuze blickten. +</p> + +<p> +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben +war, ging jetzt, mit gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten +entlang, sagte zu jemand: „Diese Arbeit ist sehr +gut, sehr gut“, blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand +beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert +vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer +mit eckigem Schädel ins Gesicht und deutete auf den +Kreis, der seinen Neger zierte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden +Künste aufgenommen worden. +</p> + +<p> +Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür +auf und prallte zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert +der Eintritt in die Kammer war. Die durch die +Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen +Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, +zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, +schlängelte sich, wieder vom Bett heruntersteigend, um die +Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen, sich +aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch. +Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter +schrieb — Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen +mit einem Artillerie-Sergeanten. „So?“ sagte +Oldshatterhand, „so?“ und sein Gaumen wurde trocken. +„Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten +ist sie doch viel zu zierlich!“ Seine Augen lasen weiter. +Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, +schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, +an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr +Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München +eingewandert und sei doch der größte Maler geworden. +</p> + +<p> +Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +auf und warf ein Mädchenlachen in Oldshatterhands +Kammer, welcher mit Kraft und Trotz Lenchen +Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft +nachsann, die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu +verzehrte er ein Stückchen Limburger Käse. +</p> + +<p> +Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen +und die Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig +gegen den Wind behaupteten, der jäh abbrach, aus +dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, pfeifend +in der Ferne verklang. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, +zwängte sich durch und hinaus. Und ging in die Schackgalerie. +</p> + +<p> +Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen +ihm zwar sehr gut, aber er hatte doch noch ganz anderes +erwartet. Vor der Venus von Giorgione, einer Kopie von +Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier +als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte, +ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur +die schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und +mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus unversehens +die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt +vor ihm auf der Ottomane gelegen war. Traumhaft +wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem +Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen +Körper flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen. +</p> + +<p> +Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen +Schuhen machte manchmal ein paar Schritte. +Das knallte wie in einem Kellergewölbe. „Lenbätsch“, +sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin. +</p> + +<p> +Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +zu Bild; ihre Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor +jedem Bild hob sie die Hand zu den Augen, nickte oder +schüttelte den Kopf und ging weiter. +</p> + +<p> +Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die +schwarzen, zusammengewachsenen Brauen in die Höhe +schlugen, bildeten einen sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften +Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund +und rot wie eine Kirsche. +</p> + +<p> +Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie +geistesabwesend an, weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst +hatte, den sein Kunstgewissen ihm verursachte: ob seine +sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione berechtigt +seien oder gemein. +</p> + +<p> +„Ja, das ist schön“, sagte die Malerin und sah ihm tief +in die Augen. Er nickte eifrig. Ohne Übergang begann +sie zu erzählen: von ihrem freien Leben, von Christus und +Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle sie +sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. +Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß +ihre Mutter ein kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei +und ihr Vater ein charakterloser Schwächling. „Kommen +Sie mit in mein Atelier. <em class="em">Sie</em> verstehen mich. Das fühle ich. +In Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!“ +Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus. +</p> + +<p> +Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden +umher. Kastanienketten hingen an den Wänden, die mit +Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen überzogene +Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, +das einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand +setzte sich darauf. Ohne erkennbaren Grund +lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust heraus. +</p> + +<p> +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid +über den Kopf und stand vor Oldshatterhand in +einem semmelgelben, blaugeblumten Überwurf aus dünner +Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie +lachte, und fragte ratlos: „Tragen Sie kein Hemd?“ +</p> + +<p> +Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den +sitzenden Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne +auseinander und drückte Oldshatterhands Kopf an ihren +bloßen Leib. +</p> + +<p> +Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken +herum, atmete, und sein Mund küßte. Plötzlich sah er die +alte Brücke von Würzburg mit den zwölf Heiligen, drückte +den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg und +glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand +Ekelgefühl und stand auf. +</p> + +<p> +In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen +ihn an und hielt den Überwurf vorne zusammen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. „Ich muß nach +Hause. Meine Wirtin und ich wollen zusammen die Möbel +umstellen in meiner Kammer, weil’s ein wenig eng da ist.“ +</p> + +<p> +Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen +vor; es war, als ob ein nackter Mensch vom heißen +Sommer plötzlich in den Winter träte und angespannt und +aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur +Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und +sagte, scharf pausierend: „Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! +. . . und Nietzsche . . . Uns trifft die unsichtbare Faust +der Welt . . . immerdar.“ +</p> + +<p> +Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das +Mädchen an. +</p> + +<p> +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß +ihr kräftiger Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand +lächelte, lachte, lachte laut, in großer Befreiung, +wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich +erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend — sah sich +und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen +sitzen und um die Wette krachende Äpfel essen. +</p> + +<p> +Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand +immer wieder an das Mädchen im Spessart, sah sie zum +Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das Kleid aus Rohleinwand +an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen +Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten +Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr +nicht bis zu den Knien reichte. +</p> + +<p> +In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand +mitten auf dem Waldsee; der Mond sank vom Himmel +herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den Überwurf +vorne auseinander und sank langsam und senkrecht +ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf +dem See lag. Die Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe. +</p> + +<p> +Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens +an ihre Tür und fragte beim Weggehen die Portiersfrau, +die den Hausflur kehrte, nach dem Mädchen. +Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus +gebracht worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb +stehen, sah ihr zu und dachte angestrengt die Szene im +Atelier zurück. „Daran bin ich nicht schuld . . . Das kann +doch nicht sein“, sagte er für sich. Und die Frau meinte, +die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor +er ein Haus beträte. +</p> + +<p> +Langsam ging er fort. „Ich muß die Möbel ja wirklich +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +umstellen. Das Bett wird sonst schmutzig . . . Ich hab +sie nicht angelogen.“ Er blieb stehen. „Sonst wär ich +doch nicht wiedergekommen.“ +</p> + +<p> +Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin +die Möbel um, so daß er beim Eintritt in die Kammer +nur unterm Tisch durchkriechen mußte. Das Bett stand +jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß Oldshatterhand +nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, +und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit +Frühstück kostete wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig. +</p> + +<p> +Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen +Oldshatterhands tapeziert. Sonst stand nur das +Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der alten, großen +Pistole aus dem „Zimmer“, ein Totenschädel stand, +der ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen +Zähne fehlten. Auch von allen Wänden herunter lachte +der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn Oldshatterhand +in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem +Gelächter erfüllt war. +</p> + +<p> +Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die +Frau Vierkant regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er +nur in kochendes Wasser zu legen und konnte sich noch +einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie +ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen +Taler bei. Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand +sich als Klinikdiener und von jenem Bildverkauf in +Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig +Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf +Münchener Monaten schmal geworden. Er war jedoch +überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig studieren +könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt. +</p> + +<p> +Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen +war, sich beim Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an +die Stirn gestoßen hatte, und er den Besuch dieser Dame +noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß, die +zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und +vielleicht etwas komfortablere zu mieten. +</p> + +<p> +Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht +wechseln lassen. Da ihm aber die Schwester wieder einen +Taler in Aussicht gestellt hatte, rief er die Wirtin und +sagte: „Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am +Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum +Pfand.“ Er zeigte im Kreise herum und blickte die Frau +voller Staunen an, weil sie wegwerfend sagte: „Entweder +Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die +Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.“ +</p> + +<p> +Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit +der Wirtin, die ja doch nichts verstand. Und auch die +junge Studentin ließ sich durch den komplizierten Eintritt +in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé +und sah gierig hinein. Alles darinnen schien ihm +wunderschön zu sein. Die Polsterbänke waren mit rotem +Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten. +</p> + +<p> +Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander +gegenüber und starrten auf das Schachbrett. Neben den +beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die +hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche +steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte. +Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +Sein Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand +hörte das hohle Lachen des Zeichenlehrers: +„Ho! ho! ho!“, der das leere Wasserglas aufs neue zum +Kellner emporhielt. +</p> + +<p> +Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die +kühn in das Café eintraten, und erschrak, weil er einen +Augenblick lang daran gedacht hatte, es auch zu wagen, +in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen. +Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten +und sagen würde: bitte, was wollen denn Sie +hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn unauffällig +wieder hinausführen zu lassen. +</p> + +<p> +Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken +fielen und wurden sofort vom Straßenschmutz gefressen. +</p> + +<p> +Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder +stehen. Mitten aus dem Gästegewühl heraus fühlte er die +Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht auf sich gerichtet +und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein +Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und +Oldshatterhand hatte wieder das Gefühl, als berühre ihn +ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften Fremden, der +auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte — ich denke +darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen +muß, noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr +eine andere zur Frucht reifen darf. Den Fremden, auf +dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr +nach dem wilden Westen gewollt hatte. +</p> + +<p> +Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der +im Café saß, verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. +Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend und grausig, +daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen +elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden +einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten +Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den +Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor, +warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken +und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie +hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, +krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand +nicht verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell +die Zigarette in den Mund zu stecken, um sofort +wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, +zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe +aufgestützt, reglos und blickten düster vor sich hin. +</p> + +<p> +Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den +Fremden zu, der einer blonden Dame zum Abschied die +Hand küßte. +</p> + +<p> +„Michael Vierkant“, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand +schlug die Augen fragend auf zu der schönen Dame, +weil sie auch ihm die Hand zum Kusse reichte. +</p> + +<p> +„Und Sie wissen ja selbst“, beendete die Dame das +Gespräch, „daß es gefährlich ist, sein Leben lang konsequent +in einer Linie zu gehen. Denn nebenher und kreuz +und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an manchen +Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten +der Irrsinn und der Untergang. Aber leben Sie wohl, +bis dahin“, schloß sie scherzend und ging. +</p> + +<p> +Oldshatterhand setzte sich und sah umher. +</p> + +<p> +Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll +Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +um und hielt es gegen das Licht. Es glich in der Farbe +genau seiner mit unzähligen violetten Äderchen besetzten, +käsigen Gesichtshaut. Er goß die Preiselbeermilch in den +Magen. +</p> + +<p> +„Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des +Lebens?“ fragte Oldshatterhand den Fremden, der ihn +gerührt ansah, wie man eine Jugendphotographie von sich +betrachtet. +</p> + +<p> +„Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im +Leben, sonst komme man unter die Räder.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich +gedemütigt, weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß +bedeutet. Danach zu fragen, brachte er nicht über sich. +</p> + +<p> +„Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft“, +erklärte der Fremde; „die Herrschaften, die feinen +Damen, die da wohnen, wollen nur elegante, ganz +leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer wieder: +ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur +die halten etwas aus, — bleibt konsequent und macht lieber +bankerott, als leichte Schuhe.“ +</p> + +<p> +„Ah da!“ rief Oldshatterhand und sprach mit den +Händen mit. „Mechaniker Tritt arbeitet ein Vierteljahr +lang an einem seiner elektrischen Türschlösser, auf die er +stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein Schloß aber +in einer Woche fertig haben.“ +</p> + +<p> +„Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht +solle, meinte die Dame.“ +</p> + +<p> +„Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer +wieder eine Frau mit Geld.“ +</p> + +<p> +„Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +„Das ist ein Lebenskünstler.“ +</p> + +<p> +„Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, +sondern ein hundsgemeiner Lump.“ +</p> + +<p> +„So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. +Und wer keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. +. . . Es gibt unendlich viele, verschiedenartige Kreuze, +und an allen hängen Menschen daran.“ +</p> + +<p> +Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend +sah er den Fremden an, denn er glaubte, +sich selbst lachen zu hören. Der Fremde hatte das irrsinnige +Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz +nahe hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, +flüsterte er jetzt: „Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer +Einsamkeit. An diesem furchtbaren Kreuz hängt +<em class="em">der</em> krummgenagelte Mensch, der nicht mehr rachsüchtig +sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß, +daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder +nur ein armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man +ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, +bis er ein bösartiges, gefährliches Tier wurde . . . Der +Mensch, der das weiß und danach handelt, der hängt an +dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, einsamsten +Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er +nicht zurückschlägt.“ +</p> + +<p> +„Das ist Jesus Christus“, sagte Oldshatterhand ganz +langsam. +</p> + +<p> +„Höre einmal, du.“ Der Fremde faßte Oldshatterhand +an die Schulter; seine Stirne wurde tiefrot und sprang +vor. „Es gibt viele Christusse.“ +</p> + +<p> +„. . . Nur einen hat’s gegeben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +„Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt +sie nicht. Will sie nicht kennen!“ Die Stirne des Fremden +wurde sichtbar weiß; er richtete sich auf. „Ober, sehen +Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.“ Der Kellner +eckte von Tisch zu Tisch. +</p> + +<p> +„Laaaa“, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete +dabei langsam die Arme aus. „G-Dur, verstehen +Sie“, schloß er brüllend. +</p> + +<p> +Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben +dem Büfett. Nur manchmal gab er dem Ober mit dem +Augenlid ein Zeichen. So saß er seit dreißig Jahren. Sein +Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter seinen +Augen sank faltenbildend übereinander. +</p> + +<p> +Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein +Trupp neuer Gäste schob sich durchs Lokal. +</p> + +<p> +Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel +stachen hervor; fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste +auf einen langen Italiener zu, der eine Zeichnung hochhielt. +</p> + +<p> +Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr +den Kopf und sah wieder vor sich hin. +</p> + +<p> +„Ich kannte zwei Maler.“ Der Fremde saß bequem +zurückgelehnt. „Beide waren ganz arm, sehr begabt und +ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine hat sich in Paris +erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in Berlin +— Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit +Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen +stehen und das Gewehr präsentieren vor einem +loyal dankenden Feldhasen in Generalsuniform . . . Dieser +Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn er verdient +mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +ein Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß +schließt.“ +</p> + +<p> +„Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto +lenken.“ +</p> + +<p> +„Nein, Sie nicht“, sagte der Fremde im selben Tonfall, +in dem er damals auf der Höhe von Würzburg gesagt +hatte: nein, Sie sind nicht schwach. +</p> + +<p> +„Da erschieße ich mich lieber auch.“ Oldshatterhand +warf den Kopf in den Nacken. „Das glauben Sie nicht? +. . . Da kennen Sie mich nicht“, schloß er geringschätzig. +</p> + +<p> +„Doch, ich kenne . . . mich.“ +</p> + +<p> +„. . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.“ Oldshatterhands +zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. „Der +Lehrer Mager hat mich einmal ins Gesicht geschlagen mit +dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden lag. Weil ich +meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten +habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, +der Lehrer . . . hier an dem Tisch wenn er säße.“ +</p> + +<p> +„. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in +dieser Stadt herum, weil es die Atmosphäre der Stadt +anders nicht zuläßt . . . Der Katholizismus, die Klöster, +Mönche und Priester, die engen Kurven der Gassen mit +den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, +grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke +springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen +von Jugend an . . . So eine Stadt bringt Böse +hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten +mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig +Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder +. . . auch Künstler. Und Menschen wie den +Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt, +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung auf dem +Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.“ +</p> + +<p> +„‚Gemein‘ habe ich nicht gesagt.“ +</p> + +<p> +„Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht +nur die Stadt, die Mitmenschen, die Bestimmungen der +Schulbehörde den Herrn Mager zu so einem harten Lumpen +gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür, +daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt +hat, an seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos +und ganz unschuldig.“ +</p> + +<p> +„Glauben Sie?“ fragte Oldshatterhand tief betroffen. +</p> + +<p> +„Halt!“ brüllte da der Fremde entsetzt. „Nein nein +nein! Rächen Sie sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! +Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er am Boden liegt!“ +Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und +scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, +schloß er, er lachte sogar, und es klang überzeugend: „Das +braucht Sie gar nicht zu kümmern, was ich da vom Leben +und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe ich nur so +gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, +den Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: +Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein Lump sind Sie!“ +Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und +als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch. +</p> + +<p> +„Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . +ist das möblierte Zimmer!“ rief ein junger Herr, der allein +Billard spielte, hartstimmig einem anderen zu. Er trug +eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf gehalten +und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm +lang und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. +Oldshatterhand sah ihm schon eine Weile interessiert +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +zu und fragte endlich, warum der Herr seine +Pelerine nicht abnehme beim Spiel. +</p> + +<p> +„So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen +Winter. Er hat ein Loch in der Hose.“ +</p> + +<p> +„Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager +doch lieber . . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich +ihn wieder einmal sehe auf der alten Brücke.“ +</p> + +<p> +„Sooo?“ fragte der Fremde und sah erbleichend und +starr auf Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal. +</p> + +<p> +„Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete +Ziffernblatt.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen +Genuß und unterdrücktem Staunen den Gedanken des +Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er durch das +Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr +von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich +anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam +ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre +des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie +früher eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von +denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht +lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern +Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen +mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen. +Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er +seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, +daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die +Nacht dem Tage folgt. Mit seinen Nerven hatte er das +Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, trennte +von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung +überwältigen, wollte er sofort zurückgehen +und sich mit Brust und Fäusten dagegen stemmen. Da +nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit +ins Gehirn. — Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der +Lehrer Mager hat mich in der Schule monatelang gar +nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse gesagt: von +mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich +geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der +Schreiber hat über mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat +zehnmal mehr Charakter als ich. Immer waren alle kräftiger +und geachteter als ich. Immer und überall war ich +hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so +einem schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und +durch lächerlichen Kerl ein Künstler werden könne. +</p> + +<p> +Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen +blieben trocken. +</p> + +<p> +Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, +blieb er stehen, sah gedankenlos auf das große Bild +in der Mitte, das eine Kreuzabnahme darstellte, wurde +interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den Herrn +neben sich am Ärmel. „Das linke Bein ist viel zu lang. +Sehen Sie? Sehr verzeichnet.“ Auf das betaute Fenster +zeichnete er mit dem Finger — Schenkel, Knie und Wade. +„So muß das sein! So!“ +</p> + +<p> +„Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe +ich den Fehler auch.“ +</p> + +<p> +„Nicht wahr!“ Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich +auf, um zu kontrollieren, ob er größer sei als der Herr. +</p> + +<p> +Der Herr war kleiner. +</p> + +<p> +Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +Dame ins Gesicht und zog tief den Hut. Seine +Augen glänzten. Er kannte die Dame gar nicht. +</p> + +<p> +Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der +Akademie beginnen. „Märchen“ war als Thema gegeben. +Die mannshohe Leinwand stand schon in der Kammer. +</p> + +<p> +Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein +Soldat, in Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte +an den Wänden. +</p> + +<p> +„Aber also und, also, das hast alles du gemalt?“ +</p> + +<p> +„Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?“ +</p> + +<p> +„Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon +gemeldet“, sagte der König der Luft. „Hab +aber immer noch keinen Ballon zu sehen bekommen. Also +was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham sie +mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen +. . . Also weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, +mit hinauffliegen, das gibt’s überhaupt nit. Höchstens +einen Strick dürfe man halten, von einem lumpigen Fesselballon, +so groß wie ein Waschkessel. Also so eine Saubande. +Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig +dazu gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich +gleich gehen, zurück in die Kasern. Sonst krieg ich Arrest.“ +Er kroch unterm Tisch durch. „Am Sonntag über acht +Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, +der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und +übernächsten Sonntag kommen sie alle nach München, weil +der bleiche Kapitän ein Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. +Und also dann kommen sie auch nach München und +besuchen dich. Und also auch mich.“ Der König der Luft +deutete auf einen Mädchenakt. „Lassen die sich so ohne +Kleider anguck?“ +</p> + +<p> +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung. +</p> + +<p> +„. . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich +schleunigst gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie +kommen alle zu dir her. Und also ich komm auch daher.“ +</p> + +<p> +„Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer +gewesen wäre als ich? Es ist doch ganz gleich, ob ein +Mensch einen Meter und siebzig oder einen Meter und +sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht +an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit +nachläuft! Vielleicht das ganze Leben lang. Und man +bekommts nicht los. Mancher bekommts nie los.“ +</p> + +<p> +Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. +Grünwiesler klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, +in Lohr am Main, hocken müsse, bei seiner Tante, weil +die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber kein Geld +mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach +München gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister +in den Galerien zu studieren. Gerade jetzt, da er eine große +Komposition begonnen habe, die er ohne Modell, das in +dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, nicht beendigen +könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz +verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren +in den Klauen der Pfaffen. Den ganzen Tag über +hocke einer bei ihr, wenn sie nicht ihrerseits bei den Pfaffen +oder in der Kirche sei. Er träume von Tonsuren und von +Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe +ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, +solle nur sechstausend Mark in Obligationen bekommen, +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +nach dem Tode der Tante. Aber dann nütze ihm das Geld +auch nichts mehr. +</p> + +<p> +Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu +haben, denn der Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen +Nachsatz. „— Ich habe die für mich bestimmten sechstausend +Mark in Obligationen, die in der Truhe der Tante +lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, +denn ich bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn +sie entdeckt was ich getan habe. Ich bitte dich, bitte dich +dringend, gib mir einen Rat. Was soll ich tun? Sende +mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines Freundes +sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus +Grünwiesler. +</p> + +<p> +Sende mir diesen Brief umgehend zurück.“ Dieser Satz +war auch mit Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen. +</p> + +<p> +Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, +hatte ihm gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm +mit unendlicher Geduld die technischen Schwierigkeiten +überwinden helfen und es Oldshatterhand ermöglicht, aus +den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er vorwärts +kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte. +</p> + +<p> +Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers +Brief sehr erregt, schrieb Oldshatterhand einen +langen, wirren Brief voller Hingabe und Begeisterung und +schloß: „Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem Revolver +in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du +mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen.“ +</p> + +<p> +Er trug den Brief sofort zur Post. +</p> + +<p> +Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in +seine Kammer zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +Der Entwurf wurde eine düstere, dunkle Gasse, +mit unwirklicher Helligkeit darin. +</p> + +<p> +Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand +hatte vergessen, ihn zurückzusenden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener +Hauptbahnhofs und blickte hinaus in die blaue Helle, wo +wie ein schwarzer Wurm der Nürnberger Zug gekrochen +kam, in dem die Räuber saßen. +</p> + +<p> +Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der +Brust gefaßten weißen Pikeekleid, lachte verwundert, weil +die Erregung Oldshatterhands sich auch ihr mitteilte. +Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen Rosenstrauß +vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt. +</p> + +<p> +Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte +aus. „Tyrannei! Acht . . . Stunden . . . Tag . . . Die +Ruh, die Republik!“ endete der Gesang der Räuber. +</p> + +<p> +„Hohaho!“ rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, +und der bleiche Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher +heraus. „Den siebenunddreißigsten Preis hab ich!“ +Die Fremden lächelten. +</p> + +<p> +Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, +und wurden ganz still, als ihnen die schöne Freundin +Oldshatterhands die Hand reichte. +</p> + +<p> +Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: +die Liebste des Schreibers, und Käthchen Schlauch, die +Braut des bleichen Kapitäns. Ihr Hut war flach wie +ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen geschmückt. +Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen +Zöpfe dreimal um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen +standen etwas vor. +</p> + +<p> +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +„Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.“ Falkenauge +sah empor zur Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten +empor. +</p> + +<p> +Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen +einander zu, und jede zog einen zerknüllten Schleier hervor. +</p> + +<p> +„Und wenn’s jemand in Würzburg erfährt, daß ihr +diese Fetzen getragen habt, dann ist der Teufel los, und +die ganze Stadt sieht euch über die Nase an“, schimpfte +der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen. +</p> + +<p> +„Da geh mal her, Käthl“, rief der Schreiber und band +dem grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier +fest am Tannenzapfenhut. „So, Käthl, jetzt bist du eine +feine Dame.“ +</p> + +<p> +„Die wollen ins Hofbräuhaus“, schmollte des Schreibers +Liebste, „ich will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte +will ich sehen, alle Hutgeschäfte.“ Und mit +einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt schloß +sie: „Ich bin doch Modistin.“ +</p> + +<p> +Sie standen noch immer auf dem Platz. „Wo ist denn +die große Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte +ich ansehen.“ +</p> + +<p> +„Das is jetzt Nebensache“, sagte der bleiche Kapitän +zu seiner Braut. „Aber daß hier die Leute genau so +herumlaufen wie in Würzburg, das wundert mich. Ich +hab gemeint, hier in München hätten sie alle Volkstrachten +an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die +hat einen alten Kartoffelsack an.“ Die Malerin in Sandalen +und Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit +Männerschritten weiter. Ihr langer, giftgrüner Schleier +flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. Alle sahen +ihr nach. +</p> + +<p> +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +„Hoppla!“ Im letzten Augenblick hatte der strahlende +Oldshatterhand die Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen. +</p> + +<p> +Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die +Kammer Oldshatterhands. +</p> + +<p> +An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein +Männer- und ein Frauenakt. Die Mädchen sahen zum +Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten herauf +auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau +schielten. +</p> + +<p> +„Liesl, bist du auch so schön wie die“, sagte der Schreiber +in die Stille. Die Modistin wandte sich zornig um +und kroch aufheulend zur Tür hinaus. Sofie Meinhalt +ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte sich auch +Fräulein Schlauch zur Tür hinaus. +</p> + +<p> +„Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt +doch, wie Mädli sind.“ +</p> + +<p> +„Hohaho!“ Der Schreiber war verlegen. +</p> + +<p> +Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich +nach innen. „Aber das hätt ich in meinem ganzen +Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen malen kannst.“ +</p> + +<p> +Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau. +</p> + +<p> +„Mit Kohle gezeichnet, was?“ fragte die Rote Wolke. +„Hast du’s fixiert?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Das hab ich mir gedacht.“ +</p> + +<p> +Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. +Sofie Meinhalt trat ein. „Ihr müßt jetzt hinausgehen. +Die Mädchen wollen sich waschen.“ Die Modistin wischte +sich lächelnd die Tränen von den Augen. +</p> + +<p> +Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +saßen auf den Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben. +</p> + +<p> +„Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?“ +fragte Oldshatterhand. +</p> + +<p> +„Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem +kannst nimmer verkehr. Was glaubst denn! Der steht +am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . ein Vierröhrenbrunnensteher.“ +</p> + +<p> +„Ooooh!“ sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete +den ganzen Tag fast nichts mehr. +</p> + +<p> +Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür +auf und prallte zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. +„Also und hoppla! . . . Also so eine Dummheit!“ +Der König der Luft ging nach vorne und begrüßte +die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war +da. „Also wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. +Bis zwölf Uhr hab ich nur Ausgang. Also da verreckst +. . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr dazu?“ +</p> + +<p> +Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm +in Arm mit den Mädchen. Nach dem Essen wollten die +Räuber Kaffee trinken. +</p> + +<p> +Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. +Fräulein Schlauch hatte ihren Schleier wieder vorgebunden. +</p> + +<p> +Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst +abwinkenden Infanterieleutnant zusammen und marschierte +stramm an ihm vorbei, die genagelten Kanonenstiefel +auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren erschrocken +auf. +</p> + +<p> +Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +in das Café, saßen still zusammengedrängt beim Fenster +und blickten eine Weile betroffen auf die sonderbaren +Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt lächeln, worauf +alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß +die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während +der König der Luft die Räuber drohend anfunkelte +und, das Kinn zur Tischplatte geduckt, zum Offizier hinwies, +der jedoch ruhig in seiner Zeitung weiterlas. +</p> + +<p> +Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang +und schmal am Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch. +</p> + +<p> +Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge +Malerin, die nebenan auf der Polsterbank halb lag und +durch die Nase rauchte. +</p> + +<p> +Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener +Semmel dem bleichen Kapitän, der staunend den +Kopf schüttelte und sie verächtlich wieder zurücklegte ins +Körbchen. „Davon verzehr ich dreißig Stück und weiß +dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.“ +</p> + +<p> +Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der +seine Freunde vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. +Der Fremde setzte sich an den Tisch dazu. +</p> + +<p> +Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes +Mädchen in einem Kamelhaarsweater, barfüßig +in Sandalen, das auf die Malerin zukam, gefolgt von +einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in +einem Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel +fiel ihm bis zu den Füßen und war vorne mit einer Sicherheitsnadel +zugesteckt. Der Lange hielt die schmalen Schultern +so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar verschwanden, +und trug eine große Rundgläserbrille mit +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +Kautschuk gefaßt. Neben dem König der Luft fiel er +apathisch auf die Polsterbank. +</p> + +<p> +„Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, +wem ich will“, rief erregt das weißblonde Mädchen. +„Mein Vater ist ein Trottel!“ +</p> + +<p> +Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht +lief blaurot an. Seine Augen glotzten vor Anstrengung. +Er hielt die Faust auf den Mund gepreßt, pfutzte. Und +lachte endlich krachend los. +</p> + +<p> +Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den +Schreiber, sah erst interessiert dem Totlaufen der Billardkugel +zu, und richtete sich streng auf. „Bitte sehr! Sie +sind hier nicht in einer Menagerie!“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. +</p> + +<p> +„Also und, wart bis der Leutnant fort is.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken“, wandte +sich der bleiche Kapitän an den Fremden, „aber wenn das +Knochengerüst dort schreit: Menagerie! — da sagen Sie +einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das Kreuz einschlagen +soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: +‚mein Vater ist ein Trottel‘, kriegt sie eine Maulschelle.“ +</p> + +<p> +Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den +Leib und wandte sich seinen Freunden zu: „Wissen Sie, +daß es in Süddeutschland gärt? Im Westen. Der Osten +rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime Verbindung. +Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber +fluidisch kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen +Fäden in der Hand! Ich!“ +</p> + +<p> +Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; +ihre Augen öffneten sich starr. „Ich denke in +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +Oktaven — ganz schnell! ganz schnell! bis zurück, da ich +ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine Mutter durch den +Sommergarten gehen“, flüsterte sie, „und mein weißes +Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich +drei Jahre alt.“ Sie wachte auf. Der Lange strich ihr +beruhigend-zärtlich über die Hände. +</p> + +<p> +Der Leutnant verließ das Café. +</p> + +<p> +„Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.“ +</p> + +<p> +Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre +an. „Sind Sie schon oft mit hinaufgeflogen?“ +</p> + +<p> +„Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.“ Er +stand auf, streckte das Bein wagerecht aus und begann +den Kanonenstiefel zu kreisen. „Also seit fünf Wochen +Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was +man kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann +steht man und gafft die Kasernenhofmauern an . . . Oder +Kopfrollen.“ Der König der Luft rollte den Kopf. Die +Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da. +</p> + +<p> +„Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein +Trumm Fleisch. Und Kartoffeln, soviel man will . . . +Alles was recht ist . . . Aber also und, was machen wir +denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?“ Alle +blickten auf den Billardspieler. +</p> + +<p> +„Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen +wollen, müssen wir aber sofort gehen“, sagte der Fremde +und stand auf. +</p> + +<p> +Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch +und die Liebste des Schreibers in ein Hotel gebracht. +Die Räuber verabschiedeten sich vor der Tür: sie schliefen +in einem anderen Hotel. +</p> + +<p> +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz +bevor der Zug nach Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. +Er war verlegen. „Weißt du denn eigentlich, +daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken +bin?“ +</p> + +<p> +„Wie meinst du das? Siebzehnter?“ +</p> + +<p> +„Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von +Unterfranken und Aschaffenburg.“ Er entkleidete sich. +</p> + +<p> +Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. +Die Beine waren ein wenig zu lang, ein wenig +zu dünn, und ein wenig O-geformt, und schienen den kolossalen +Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum +tragen zu können. +</p> + +<p> +Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht +mehr Oldshatterhand — sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand +bestimmt und mit einem neuartigen Lächeln +im Gesicht: „Du mußt der erststärkste Mann von Unterfranken +werden“, und empfand erschauernd die Distanz +zwischen dem nackten Jüngling und sich. +</p> + +<p> +Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus +Würzburg. Der bleiche Kapitän war der fünfzehnte +Meisterschaftsathlet von Unterfranken und Aschaffenburg +geworden. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt +zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand +in der Kammer und rezitierte den Faustmonolog. +Denn noch am selbigen Tage wollte er zu Konrad Drauer +gehen und ihm vorsprechen. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen +Garten. Seine Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +rezitierte laut und agierte mit den Armen. Freude und +Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine Jugendjahre so +gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte. +</p> + +<p> +„Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.“ +</p> + +<p> +„Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, +Theobald Kletterer ist da.“ +</p> + +<p> +„Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler +vor dem Hause stehen sehen. Er kann jetzt +keinen Besuch empfangen. Hat keine Zeit.“ +</p> + +<p> +„Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . +Ich bin extra von Würzburg mit hierhergefahren. Es +ist eine Entscheidung fürs ganze Leben.“ Er hob die Arme. +</p> + +<p> +Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ +die Rote Wolke eintreten. +</p> + +<p> +„Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. +Theobald Kletterer aus Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Ja, und?“ Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, +hob die Augenbrauen und sah auf die Uhr. +</p> + +<p> +„Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie +gottbegnadeter Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten +Muse . . .“ +</p> + +<p> +„Sie sind Gärtner? Nicht wahr?“ +</p> + +<p> +„Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, +Herr Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es +besser machen kann als ich.“ Hingegeben stieß er die +Arme nach rückwärts und begann. +</p> + +<p> +„Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch +einmal . . . vor fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen +genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. „Ich bin aus +Würzburg.“ Und begann von neuem. +</p> + +<p> +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen +Zigarre ab und faßte die Rote Wolke am Rockknopf. „Sie +sind zu klein für die Bühne. Viel zu klein.“ +</p> + +<p> +Der Mund stand offen, rund und schwarz. +</p> + +<p> +„Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn +als Gärtner?“ +</p> + +<p> +„Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, +das ich einmal erben soll.“ +</p> + +<p> +„Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie +mir, das ist ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben +Sie Gärtner. Sie haben Ihr Auskommen. Hunderte +Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist ein +Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner +eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine +Zeit mehr. Grüß Gott.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog +die Uhr. Und begann zu rennen. In zwanzig Minuten +ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete stärker, mit +Frühjahrshagel vermischt. +</p> + +<p> +Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß +der Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé +steigen, worauf der Zug sich in Bewegung setzte. Und die +Rote Wolke wußte nicht, ob der salzige Geschmack auf der +Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen kam. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-9"> +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +Neuntes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe +auf dem Kirchplatz von Basel und sahen hinunter +auf die Stadt und den Rhein. +</p> + +<p> +Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß +sehr schnell, vom schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, +über den reißenden Strom. +</p> + +<p> +„Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und +Maler den Deutschen dargestellt haben“, sagte der Fremde +in Gedanken. +</p> + +<p> +„Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf +dem Würzburger ‚Käppele‘. Nur ist dort alles kleiner. +Der Rhein sieht gefährlich aus.“ +</p> + +<p> +„Der Main ist lieblich,“ sagte der Fremde. Er hatte +Oldshatterhand zu einer Italienreise eingeladen. +</p> + +<p> +Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem +Kirchplatz hatten schon braune, harzglänzende Knospen. +Zusammengesunkener Altschnee lag noch in den Ecken. +Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne. +</p> + +<p> +Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt +hinein. +</p> + +<p> +„Gott ist überall!“ rief der Pastor und schlug auf die +Kanzel. „Gehet hinaus in die Natur, und ihr werdet +Gott schauen. Im Wald, in den Wiesen, im Bach, in +den Blümlein, im Gestein.“ Seine Stimme war leiser +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: „Aber +auch zu mir müßt ihr kommen! Denn ich kann euch mit +Gottes Hilfe den Bach und Wiesen zeigen und Blumen, +auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . Kommet! +In der Natur ist Gott!“ Der Pastor schlug die +Bibel auf. +</p> + +<p> +„In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,“ +sagte Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf +dem Kirchplatz standen. „Ganz, ganz anders . . . Der +Pastor hat schöne Dinge gesagt.“ +</p> + +<p> +In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der +Morgendunst. Den beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen +und schwarzen Häuserflächen entgegen. +Die Gebirgsketten der Alpen standen still. +</p> + +<p> +„Das Meer!“ rief Oldshatterhand und schnellte mit +einem Satz zum Fenster. +</p> + +<p> +„Nein, das ist nur ein See.“ +</p> + +<p> +„Nicht das Meer?“ So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand +noch nicht gesehen. +</p> + +<p> +Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler +wurden enger. Vom Wagenfenster weg stieg die nasse +Felswand senkrecht empor. +</p> + +<p> +Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in +die Nacht. Die Luft im Tunnel war muffig vom alten +Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand unwahrscheinlich +lang vor, viel länger als die vorherigen. Da +wurde es heller — und hell, und der Zug sauste mitten in +den Frühling hinein. Kein Schnee mehr. Blumen standen +im Geleisegraben, und an den dunkelfelsigen Abhängen +blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts +<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> +stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, +und verschwand im weißen Himmel. +</p> + +<p> +Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften +Frühlings wegen froh war und seine Freude +nicht verbergen konnte, und sah auf die fremden, italienischen +Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und zerfallend. +</p> + +<p> +Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter +der Durchgangstür und sang den Gästen der zweiten +und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in Schweiß und +sammelte dann. +</p> + +<p> +„Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter +Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen +sehen. Der sah genau so aus wie dieser +Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und sammelte. +Sprach aber selten ein Wort.“ +</p> + +<p> +Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. +Kleine Italiener, Knaben und Mädchen, rannten barfuß +auf dem mit Schuttsteinen bedeckten Bahndamm neben +dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die +Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu +erhaschen. +</p> + +<p> +Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, +achteten die von den spitzen Steinen verursachten Schmerzen +nicht, und schleuderten ihre Blumensträußchen, schon +ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. Da +flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und +bildeten einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste +und Füße, als der Zug schon verschwunden war. +</p> + +<p> +Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei. +</p> + +<p> +„Was ist das?“ +</p> + +<p> +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +„Das Meer.“ +</p> + +<p> +„Das Meer?“ Betroffen blickte Oldshatterhand auf +den drohenden, grünen Wasserstreifen, der so schmal war, +daß er manchmal von den flatternden Hemden und Windeln, +die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die +schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens +machte Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer +weiter. +</p> + +<p> +Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt +und gespreizt in die Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand +zum Meer. +</p> + +<p> +Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg +hinunter, bis zum schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne +die mächtige, weiße Stadt Genua. +</p> + +<p> +Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen +unterm Arm schritt auf dem Perron am staubigen +Zug entlang und sang: „Co . . . rri . . . ere Della Sera. +Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.“ +</p> + +<p> +„Das klingt wie ein schönes Lied“, sagte Oldshatterhand +und lächelte, weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich +vorgebeugt standen und mit dem Zeigefinger auf ihre +Brust deuteten: „Si Signore? Si Signore? . . .“ +</p> + +<p> +Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von +einem rot und weiß gestreiften Riesensonnenschirm, durch +die vom Korso belebte Hauptstraße, bis zu einem der alten +Paläste. +</p> + +<p> +Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der +Decke hängende große Ampel schon brannte, obwohl es +noch hell war, reichte der Portier dem Fremden ein Telegramm. +</p> + +<p> +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +„Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach +Spanien. Zu meinem Freund.“ +</p> + +<p> +Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem +Koch und dem Portier war Oldshatterhand allein im +stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen Salon, und +an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im +Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal +hörte er den Schlüsselbund klingen und verklingen. +</p> + +<p> +Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. +Und die Sirenen erklangen unaufhörlich +im nahen Hafen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er +Lust habe. Den ganzen Sommer über, auch wenn der +Fremde nicht mehr zurückkehren könne. +</p> + +<p> +Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der +Taurolle im sonnigen Hafen. Neben ihm saß wieder +reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren an +der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer +hinaus, in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab +ihm eine Zigarette. +</p> + +<p> +Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen +den Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich +und schnell wie Wasserinsekten. +</p> + +<p> +Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und +Bettstücken. Die Männer warteten und rauchten. Einer +zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine Orangenschale, +die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine +junge Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige +Großvater döste vor sich hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern +mit schönen gelben Koffern gefolgt, hasteten +zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm +aus der Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, +welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband. +</p> + +<p> +Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen +wurde. Die Auswanderer, in einen bunten Saum von +Not und Hoffnung zusammengedrängt, blickten vom untersten +Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die +Zurückbleibenden. +</p> + +<p> +Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit +dem Schiffskoloß, der schwerfällig zu schaukeln begann +und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau sich straffte. +Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte +und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar +vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen +durch, während die Auswanderer reglos standen +und auf das allmählich entgleitende Hafenbild zurückblickten, +bis sie nichts mehr unterscheiden konnten. +</p> + +<p> +Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand +seine Augen endlich von den fernen Rauchfladen +des ausgefahrenen Dampfers losriß und neben +sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte. +Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles +Loch zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, +Obstabfälle, ein Weidenkorb schaukelten auf der +schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger +saß noch immer reglos und starrte nach Afrika. +</p> + +<p> +Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. +Wie in seiner Kinderzeit hatte ihn unvermittelt schwere +Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht kannte. Etwas +Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die +Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +über die alte Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine +Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er empfand +den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser +sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper +vom Wasser weg und schwankte zurück. +</p> + +<p> +Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den +Salon, lächelte und gab Oldshatterhand einen Brief. +„Una lettera, Signore.“ Sie zündete die drei Kerzen +im Standleuchter an, lächelte und ging. +</p> + +<p> +Franziskus Grünwiesler schrieb — er habe sich nach +Oldshatterhands Rat vor seine Tante hingestellt, mit dem +Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du mich anzeigst, +erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen, +ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn +je in Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung +lebe, plötzlich verhaftet zu werden. Oldshatterhand +solle um der treuen Freundschaft willen, die sie miteinander +verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit +er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und +beraten könne, was zu tun sei. Er möchte am liebsten von +den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen, irgendwo +in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand +zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er +nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden +zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek +kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. „Ich bitte +Dich, verbrenne diesen Brief sofort.“ Dieser Satz war +unterstrichen. +</p> + +<p> +„Erschieße ich mich . . . <em class="em">vor deinen Augen</em>, habe +ich geschrieben“, sagte Oldshatterhand langsam. Und zu +dem Druck, der während des Lesens immer beklemmender +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber +den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse +noch einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, +wurde ruhiger und sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: +„Schließlich darf eben doch kein Mensch, wer er auch +sei, einem andern etwas wegnehmen.“ +</p> + +<p> +Aber schon während er packte, entschwand ihm das +klare Bewußtsein wieder — weshalb ein Mensch dem anderen +nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein +Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar +Fetzen ohne jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind. +</p> + +<p> +Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er +den ganzen Sommer lang hatte bleiben wollen. +</p> + +<p> +Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit +dem Klopfen seines Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz +auf die andere Seite des Lebens hinüber, und er schloß +seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben +auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. +Napoleon schritt über hunderttausend Leichen weg auf +sein Ziel los. „Und ich bin vielleicht noch größer als +Napoleon!“ rief er in steigender Begeisterung und legte +beide Hände in die Hüften. +</p> + +<p> +„Niente Napoleone“, erwiderte ein alter Italiener +und deutete auf ein graues Schloß, „una castello Genova.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän +gesagt hatte: Kraft ist die Hauptsache auf der Welt! und +lächelte bei dem Gedanken — daß des bleichen Kapitäns +Kraft und seine Kraft zweierlei seien. +</p> + +<p> +Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand +sich als Klinikdiener erspart hatte, um, wie er glaubte, +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +damit ein berühmter Maler werden zu können, hatte gerade +noch für die Rückfahrkarte gereicht. +</p> + +<p> +Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag +in München an. Da lag Neuschnee. Und auf der Fahrstraße +spritzte das schmutzige Schneewasser hoch, als Oldshatterhand +sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen +Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der +Taurolle neben dem alten Neger sitzen, roch er die +Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens von +Genua. +</p> + +<p> +Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus +und ging sofort in die Alte Pinakothek. +</p> + +<p> +Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der +Susanna von van Dyck und äugte angestrengt auf seine +Kopie und zurück aufs Original, sah auf und stierte erschrocken +Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal +Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie +sein Freund Immermann, was Oldshatterhand erstaunt +beobachtete. Dann erst stieg Grünwiesler von der Leiter +herunter und hieb, in sich hineinkichernd, Oldshatterhand +die Hand auf die Schulter: „Da bist du ja. Das war +lieb von dir.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem +Lippenverziehen Grünwieslers nach und fühlte einen +Knoten in seiner Brust. „Die Stirn ist zu hoch“, sagte er +und deutete auf die Kopie. +</p> + +<p> +„Meinst du?“ Er verglich. „Du hast recht.“ Und stieg +wieder auf die Leiter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler +entdeckt hatte. „Wollen wir nicht fortgehen? Hier können +wir ja nicht sprechen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +„Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er +kopiert hinten im Murillosaal.“ +</p> + +<p> +„Den können wir doch jetzt nicht brauchen.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah +Oldshatterhand mit seinem Kanarienvogelblick an. „Ich +hab’s ihm versprochen. Er ist ein guter Kerl. Ich hole +ihn gleich. Warte ein bißchen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah +auf die Susanna von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der +Druck war wieder da. +</p> + +<p> +Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte +aufgeworfene Lippen, eine Stülpnase, und seine hohe +Stirne war trotz der vielen Falten ausdruckslos, wie die +eines unheilbar Verblödeten. +</p> + +<p> +„Jetzt gehen wir essen“, sagte Grünwiesler und lachte +fröhlich. Und auf der Straße sagte er: „Jetzt, was meinst +du eigentlich zu der ganzen Sache? . . . Wo soll das Häuschen +stehen? Im Spessart?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in +der Mitte ging, die Augenbrauen in die Höhe zog und +beiden die Hand auf die Schulter legte. So gingen sie +weiter. +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde lustig. „Wir lassen das alte +Häuschen ganz umbauen, machen eine Lambrie aus +braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer herum, und +darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und Zinngeschirr +. . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei +sein.“ +</p> + +<p> +„Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn +Geld zu einem Haus?“ +</p> + +<p> +„Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +ein Häuschen kaufen will . . . Es kommt nur darauf an, +ob man das Recht dazu hat.“ Oldshatterhand lachte +siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein und +drückte Oldshatterhand die Schulter. +</p> + +<p> +„Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.“ +</p> + +<p> +„Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. +Das können Sie nicht verstehen.“ Oldshatterhand reckte +sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Jetzt essen +wir, und dann wollen wir weiter sehen . . . Ich habe aber +gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen kaufen +zu können.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. „Du +bist eingeladen.“ +</p> + +<p> +Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende +Studenten saßen, und setzten sich an einen runden Tisch +mitten ins Lokal. +</p> + +<p> +Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; +Oldshatterhand hatte keinen Appetit, suchte immer +noch auf der Speisekarte und bestellte eine Hummermayonnaise. +Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. Grünwiesler +sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen. +</p> + +<p> +„Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal +arbeiten.“ +</p> + +<p> +„Du und ich, wir halten zusammen“, erwiderte Grünwiesler +und hieb Oldshatterhand die Hand auf die +Schulter. +</p> + +<p> +„Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle +Ausstellungen schicken. Kopieren darfst du nicht mehr so +viel. Das ist doch nicht das Richtige. Kopieren kann +jeder.“ +</p> + +<p> +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +Er schob die Hummermayonnaise zurück. „Ich hab +keinen Appetit.“ +</p> + +<p> +Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie +plötzlich: „Jetzt halt ich’s nicht mehr aus! . . . Meinst du +denn wirklich, ich hätte meiner Tante ihre sechstausend +Mark gestohlen!“ Er starrte Oldshatterhand an. +</p> + +<p> +Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler +Luft ausgefüllt zu sein bis zum Gaumen. „Du hast die +sechstausend Mark nicht? . . . Warum hast du mir denn +dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts +wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?“ +</p> + +<p> +Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch +auf der Gabel und starrte Oldshatterhand +immer noch an. „Ich wollte eben erfahren, was du mir +darauf antwortest. Verstehst du?“ Er lachte und sah +Bratmund an. +</p> + +<p> +„Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen +lassen, damit ich dir helfe? Das hättest du doch +dann nicht zu tun brauchen . . . Ich wohnte in einem +Palast.“ +</p> + +<p> +„Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir +einmal sagen, was <em class="em">du</em> nicht hättest tun dürfen . . . Du +hattest neunzig Mark, und hast mir den ganzen Sommer +über im Spessart nichts davon gesagt und dich von mir +erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich +Esel glaubte, du wärst mein Freund.“ +</p> + +<p> +„Ich bin kein ganz gemeiner Kerl“, flüsterte Oldshatterhand. +„Ich wollte doch mit den neunzig Mark Maler +werden. Wer hat’s dir denn gesagt, daß ich neunzig +Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein +Bild verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.“ +</p> + +<p> +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +„Ich will dir einmal etwas sagen.“ Grünwiesler schob +den Goulaschbrocken in den Mund. „Wenn nicht einmal +deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, dann . . . na +weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark +eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz +verheult zu Immermann gelaufen und erzählte ihm, was +du für ein gemeines Bürschchen bist, weil du einen Haufen +Geld hast, während sie und dein Vater sich vor Sorgen +nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin +endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du’s. +Und jetzt verschwinde.“ +</p> + +<p> +„Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden +mit den neunzig Mark . . . Ich verdiene doch später +viel Geld und gebe dir alles zurück. Warum hast du mir +denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das +Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, +und daß ich dir raten und helfen soll. Und warum hast du +mich von Italien zurückgerufen. Sag mir doch. Bist du +denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn jetzt sein.“ +</p> + +<p> +„Das wirst du schon sehen.“ +</p> + +<p> +„— — — Du hast mich angezeigt“, flüsterten Oldshatterhands +weiße Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, +der lächelnd auf seinen Teller blickte. +</p> + +<p> +„Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien +verhaftet werden? Nein. Aber hier in München. Deinen +feinen Brief und deine Photographie hat der Staatsanwalt.“ +</p> + +<p> +„Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit +ich verhaftet werden kann? . . . Das alles hat Immermann +sich ausgedacht. So gemein ist außer ihm kein +Mensch“, sagte Oldshatterhand langsam. +</p> + +<p> +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +„Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger +Freund. Aber du hast geglaubt, ich sei ein Tölpel!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und +ging langsam durch das Lokal und hinaus. Der Dienstmann +davor hob die Hand zur Mütze. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder +Grünwiesler noch Immermann hassen, denn es fehlte ihm +dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft war ihm entzweigeschnitten +worden. Er atmete mühsam durch den weit +offenen Mund. „He?“ fragten seine schlaffen Lippen bei +seinem vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam +den Kopf — er wisse nichts. +</p> + +<p> +Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in +der Brust, litt nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war +niedergeschlagen. Mit den Fingernägeln versuchte er, sich +in die Wange zu zwicken, und hatte nicht so viel Kraft, +Schmerz zu erzeugen. „Frieren wäre wunderbar“, dachte +er und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den +Anlagen. Es war sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und +Weste, schloß die Augen und blieb reglos hocken. +</p> + +<p> +Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, +daß er seine Fußzehen und später die Beine bis über +die Knie herauf vor Kälte nicht mehr fühlte. Er genoß, +wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich nicht +und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände +hinunter. Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. +Und er glaubte, da jetzt sein ganzer Körper vor Kälte leblos +war, daß die heiße Stelle in ihm seine Seele sei. Während +sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, beobachtete +er seine immer heißer werdende Seele — beobachtete +er das Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +Fieber einen Hitzeschauer abstieß, der ihm durch den ganzen +Körper flog. +</p> + +<p> +Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand +er auf und stampfte rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste +in die Luft. Immer wilder werdend, tanzte er stampfend +im Kreise herum. +</p> + +<p> +Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte +lautlos in sich hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte +seine Kleider zu und ging in der Richtung nach seiner +Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter seinem +Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen +seinen Sitz hat. Er sah die Gassen und Kirchtürme von +Würzburg. ‚Es wird in den Würzburger Zeitungen +stehen‘. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit zurück. +„Ruhig!“ brüllte der Vater und stieß die Zeitung +vom Tisch. Die Räuber lächelten verlegen und drückten +sich an ihm vorbei. — Der kann jetzt mit der Kriechenden +Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er den +Schreiber sagen. „Ich? Vierröhrenbrunnensteher?“ +schrie Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt +bei seinem Vater, durch den abendlichen Wald +marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. Der +ganze Verein pfiff: „Wenn die Schwalben wiederkommen.“ +</p> + +<p> +Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand +weiter und pfiff gedankenlos „Wenn die +Schwalben wiederkommen“. +</p> + +<p> +„Die wer’n schau’n!“ schrie ein Bäckerjunge mit einem +Henkelkorb. Oldshatterhand schrak zusammen, zog +die Schultern in die Höhe und eilte, mit seinen Gedanken +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch +unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett. +</p> + +<p> +Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett +und dachte. Wollte an seine plötzliche Einsamkeit nicht +glauben und führte Gespräche mit Grünwiesler. +</p> + +<p> +Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte +und er den Satz las: In Sachen Franziskus Grünwiesler +erhebt die Staatsanwaltschaft von München Klage +gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung +zu räuberischer Erpressung. +</p> + +<p> +Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück +vor dem Tageslicht. Ganz langsam ging er weiter, sah an +den Häusern hinauf. Eine Frau schrie aus dem vierten +Stock herunter: „Hansl! Ha — — nsl!“ Er beobachtete +den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu +seiner Mutter in die Höhe blickte und ins Haus trippelte. +</p> + +<p> +Ein Schutzmann schritt langsam vorüber. +</p> + +<p> +„Marroni! Heiße Marroni!“ lud ein italienischer +Straßenverkäufer ein und hob den Zeigefinger. „Feine +Marroni! Fünf Pfennig!“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete +den Schutzmann. „Si si, Signore.“ Der Schutzmann +ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand weiter, versuchte +die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich vorsichtig +um und ließ sie in den Schnee fallen. +</p> + +<p> +Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen +schnurrbärtigen Mann in schwarzem Überzieher, der auf +seinen Spazierstock mit Stahlspitze hüftlings gestützt stand, +auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand hinüberblickte. +</p> + +<p> +„Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter“, flüsterte +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +Oldshatterhand, und sein Herz stand still. „Gerade weil +er so unauffällig aussieht.“ +</p> + +<p> +Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, +in dessen Spiegelglas er den Mann sehen konnte, +der schräg über die Straße schritt, in der Richtung auf +Oldshatterhand zu. +</p> + +<p> +Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig +weiter, nicht zu schnell, bis an die Ecke, und begann +zu rennen. +</p> + +<p> +Der Mann stieg in die Elektrische. +</p> + +<p> +Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer +vom Würzburger Sanderrasen ein; da zwang er +sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust hochgenommenen +Armen. +</p> + +<p> +Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag +ein zweiter Brief. Eine Vorladung ins Justizgebäude, +Zimmer Nr. 86. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem +Türschild. +</p> + +<p> +„Ich heiße Michael Vierkant.“ +</p> + +<p> +Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand +auf, wies auf einen Stuhl am Schreibtisch, setzte sich +dazu, legte einen Maßstab auf die Aktenmappe, nahm ihn +wieder weg, blätterte. „Sie haben da einen Brief geschrieben. +Einen recht leichtsinnigen Brief.“ +</p> + +<p> +Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, +und nur die Überlegung — er würde vielleicht +sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln und wieder den +Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln. +</p> + +<p> +„Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?“ Der +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +Arzt beobachtete Oldshatterhand unmerklich und scharf, +und es schien, wie wenn er etwas ganz anderes in Erfahrung +bringen wolle, als das, wonach er fragte. +</p> + +<p> +„Der Maler Immermann steckt dahinter“, begann Oldshatterhand +und machte eine Handbewegung um den Arzt +herum in die Zimmerecke. „Sehen Sie, Herr Doktor, +Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes +Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte +es dem Bürgermeister, einem alten Bauern. Der nahm +das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging +damit in die schattige Zimmerecke — aber die Sonne auf +dem Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und +so, bis ihm Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen +ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht +begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das +Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte, +solle die sechstausend Mark bekommen.“ Oldshatterhand +schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte. +</p> + +<p> +Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, +daß des Arztes linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen +zuckte. Er hätte nicht sagen können, weshalb ihm dieses +Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das Zucken. +„Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen +. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf +zur Seite . . . So, dachte ich mir, stellt er sich vor seine +Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich +mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann +diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich +unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von +Anfang an wahr gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich +erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an . . . +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann +und sagt: so und so — und Grünwiesler ist auf einmal +ein schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. +Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger +Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann +nicht so und so gesagt hätte . . . Das denke ich.“ +</p> + +<p> +Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend +sagte er: „Ich glaubte, ich würde etwas von dem +Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark.“ Und er hatte +dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über +einen Abgrund zu laufen. +</p> + +<p> +Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus +der Aktenmappe hervor. „Warum haben Sie denn dem +Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. „. . . Hat +er also wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler +bat mich in dem Brief, ich solle ihm mein Bild senden; +er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes sehen +. . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben. +Jetzt sagen Sie einmal selbst“, schloß er langsam. +</p> + +<p> +„<em class="em">Sie</em> haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, +er solle seiner Tante die sechstausend Mark wegnehmen?“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand sprang auf. „Ich? . . . Ah!“ rief er +langgezogen und wühlte in seinen Taschen nach dem Brief +Grünwieslers. „Hier! Sehen Sie! Hier können Sie’s +lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: +Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und +lebe in schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß +an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein lebenslänglicher +Freund . . . Und dann hat <em class="em">er mich</em> angezeigt. +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift +geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich +solle ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann +hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen, den +Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern, +wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel. +Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar unordentlich. +Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.“ Oldshatterhand +glühte. „Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, +soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das +gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich verbrannt.“ +</p> + +<p> +„Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt +haben, ist sehr unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren +Brief auch so lesen: Wenn Du mich anzeigst, erschieße +ich <em class="em">Dich</em>.“ +</p> + +<p> +„Mich! Mich! heißt es natürlich“, rief Oldshatterhand +und lachte sein irrsinniges Lachen „. . . Erschieße ich +<em class="em">dich</em>? . . . <em class="em">Vor deinen Augen</em>? . . . Das geht ja +gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen Augen.“ +</p> + +<p> +„Auch so, auch so ist’s schlimm“, meinte der Arzt, und +es klang, wie wenn er gesagt hätte — Grünwiesler ist ein +Lump, aber Sie werden bestraft. Der Arzt spielte mit +dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte Drei- und +Vierecke — einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt +auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur +Tür. Ganz plötzlich saß die Last wieder über seinem Herzen. +„Und dann — es war ja auch so furchtbar, daß ich die +Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu“, sagte +er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den +Blick suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus. +</p> + +<p> +Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +Eine Tür wurde aufgerissen, ein Diener trat heraus, +schnell, riß die Tür zu und schloß sie ganz leise. Oldshatterhand +schlug Goulaschgeruch in die Nase. „Letzter +Hieb“, sagte er. +</p> + +<p> +„Wie?“ fragte der Diener. +</p> + +<p> +„So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.“ +</p> + +<p> +„Granat!“ rief eine Männerstimme. Der Diener +schnellte herum und ging wieder ins Zimmer. +</p> + +<p> +„Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem +Fahrrad mit neunziger Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren +ist.“ +</p> + +<p> +Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte. +</p> + +<p> +Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu. +</p> + +<p> +„Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, +zu einem Galgen . . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, +mit dem man Ovale ziehen kann. Einen Ovalzirkel. +Das wäre eine Erfindung“, dachte Oldshatterhand; +er stand noch immer an der selben Stelle. +</p> + +<p> +Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer +und schloß die Tür leise. +</p> + +<p> +„Da wurden früher die Verbrecher gehängt — an den +Galgen. Auf dem Letzten Hieb . . . Erschieße ich <em class="em">dich</em>? +Was! Nein! Erschieße ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben“, +schrie er und stürzte mit ein paar Sprüngen +zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall +ins Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. „Erschieße +ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße +<em class="em">mich</em>!“ rief er drohend und schloß, sich dabei aufrichtend, +die Tür. +</p> + +<p> +Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn +ein Gerichtsdiener ein und führte ihn zum Arzt zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie +Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines +Kindes ansieht. „Würden Sie noch einmal so einen +Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein bißchen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend +zur Zimmerdecke in die Höhe und dann auf den Arzt. +„Das weiß ich nicht“, sagte er gedehnt. „Man tut mir +unrecht. Aber daß man mir unrecht tut“, schloß er mit +zuckenden Lippen und lächelnd, „das halte ich aus.“ +</p> + +<p> +Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still +und aufmerksam an und spielte mit der Photographie, +stellte sie auf, betrachtete sie, ließ sie umfallen. Während +dieser Stille dachte Oldshatterhand daran zurück, daß er +als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und +davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und +sich den Schlag ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte +zum Arzt: „Die Polizei weiß, wo ich wohne. Sie muß +kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich halte +lieber alles aus.“ Er sah den Arzt an. „Jetzt gehe ich. +Adieu.“ +</p> + +<p> +„Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich +haben?“ +</p> + +<p> +„Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? +. . . Sie gehört doch eigentlich mir.“ +</p> + +<p> +„Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den +Akten bleiben.“ +</p> + +<p> +„Bei den Akten?“ fragte Oldshatterhand, und seine +Mundhöhle wurde trocken. Die Angst sprang ihn an. +Der Arzt beobachtete die Veränderung. +</p> + +<p> +„Ich hab nur geschrieben — erschieße ich mich vor deinen +Augen. Vor deinen Augen! . . . Wirklich.“ Der +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +Arzt nickte einige Male leise und sah dabei Oldshatterhand +an. +</p> + +<p> +„Wirklich“, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen +noch einmal. Da breitete er die Arme aus und stand wie +ein Gekreuzigter. „Manchmal weiß ich, daß ich der Unfähigste +und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste. +Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der +Größte von der Welt!“ +</p> + +<p> +Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die +Arme schnell sinken und ging flammend aus dem Zimmer. +</p> + +<p> +Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem +Märchenbilde zu malen, das für die Preisaufgabe der +Akademie bestimmt war. +</p> + +<p> +In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am +dritten Tage war das Bild fertig. Eine feuchte, dunkle +Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen Mädchen, +die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten +Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser +warteten. Es war die Hurengasse von Frankfurt am +Main. An den Eingang der Gasse hatte Oldshatterhand +sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen, +gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb +abwehrend, halb zugreifend. +</p> + +<p> +Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde. +</p> + +<p> +Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. +In den Zeitungen wurde das Bild später mit +einem Werke Daumiers verglichen. +</p> + +<p> +Er versah es mit einem Motto und sandte es an die +Akademie. +</p> + +<p> +Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte +während des Malens mit ihr gekämpft. So hatte er die +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +Angst ertragen. So war das Grauen und die Süßigkeit +in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, +legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. +Er sah keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte +er nicht beschleunigen. +</p> + +<p> +Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, +kannte und grüßte, erwiderten seinen Gruß nicht, weil +sie von Grünwiesler unter Verschweigen der Lockbriefe +den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung +griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr +auf die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander +verschränkten Hände zwischen seine Knie hängen und sah +stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen, +unrettbarer als im Gefängnis. +</p> + +<p> +Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge +nach Würzburg, aus dem vagen Gefühl heraus — die +zwanzig dort verlebten Jahre, seine Kindheit, seine Mutter, +irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit zur +Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten. +</p> + +<p> +Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. +Seit Tagen hatte er nichts genossen. Eine hagere Dame +gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort betrunken. Aber +es wurde ihm sehr gut. „Sie!“ rief er plötzlich, „wenn der +Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte — +nur um mich zu erschrecken!“ Und beugte sich zu der +Dame. „Deshalb habe ich ja auch an den Letzten Hieb +gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt worden +sind, an den Galgen. An den Galgen!“ flüsterte er. +</p> + +<p> +Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. +Reisende drängten sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +zu Oldshatterhand hinein, der auf der anderen +Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden +Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen +waren kaum zu unterscheiden von der hellen Luft. +Oldshatterhand hörte ein Glöckchen dünn Sturm bimmeln +und sah auf der Landstraße zwei Männer mit Feuerwehrhelmen +aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf +den Brand zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, +der auch einen Feuerwehrhelm aufhatte und die +Männer überholte, die ihm etwas zuschrien. „Das wird +wohl niederbrennen“, sagte Oldshatterhand bedauernd +und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über +einen schwarzen Acker auf den Brand zustolperte. +</p> + +<p> +In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die +Straßen, sah den Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise +herumwirbelte, des Weges kommen, floh vor ihm im letzten +Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich stundenlang +um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater +gehetzt von der Arbeit nach Hause kommen und wieder +zur Arbeit gehen, und fürchtete die alten Augen seiner +Mutter. +</p> + +<p> +Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde +Nacht. +</p> + +<p> +Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer +seiner Eltern verlöscht wurde, horchte auf das Weinen +eines kleinen Kindes. Ein Pferd stampfte im Stall neben +ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum Kopf des +Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd +würde ihn mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt +anschauen. Er zog den Kopf ein, da er die Güte +des Pferdes fühlte im Gegensatz zur verächtlichen Stille +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen hinaufzusteigen. +</p> + +<p> +Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen +Schloßberg. +</p> + +<p> +Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand +sah den Militärposten vor dem Schilderhaus +stehen, beide Arme übers Gewehr und den Bauch zusammengeschlagen. +Der Posten sah in den Himmel, auf seine +Stiefel und begann auf und ab zu gehen. +</p> + +<p> +Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die +Linden rochen. Er hörte ein Lachen und unterdrücktes +Mädchengekicher; vielfüßige Schritte näherten sich. „Ja, +mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. Hohaho!“ +hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde +zu einem Eisklumpen. +</p> + +<p> +„Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter +und sechzig weit gesprungen bin, dann wer ich doch auch +noch über diesen dreckigen Graben springen können“, antwortete +der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne +stehen. Eine Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand +konnte alle Räuber erkennen und hörte den Wachtposten +dunkel sprechen. +</p> + +<p> +Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein +blondes, schmales Mädchen trennten sich von der Gruppe, +sprangen plötzlich, Hand in Hand, auf Oldshatterhands +Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den Rasen. +</p> + +<p> +Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine +komische Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Sie ging +erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig nach unten. +Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +bleiche Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand +entfernt. Die andern hatten sich zu den Mädchen gesetzt. +</p> + +<p> +„Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben +spring? Gleich beim erstenmal.“ +</p> + +<p> +„Hohaho! Eine Maß.“ +</p> + +<p> +„Auf Ehr?“ +</p> + +<p> +„Allemal!“ +</p> + +<p> +„Also, ihr seid Zeugen.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige +Pfeife, dachte an den Meterstab des Gerichtspsychiaters +und schluchzte nach innen. Den Mund gehetzt offen, +glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen sein +Herz trafen. +</p> + +<p> +Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch +den Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere +Pfeife wieder richtig zwischen die Zähne zu bekommen, +damit er sie halten konnte. +</p> + +<p> +Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän +zurück. Und Oldshatterhand mußte schnell niederknien, +um von ihm nicht gesehen zu werden, denn der Lindenstamm +verjüngte sich nach oben. Vor Angst, gesehen zu +werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur +das kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen +Kapitäns. Fräulein Schlauch schrie. „Angstorschel!“ +sagte der bleiche Kapitän, stülpte die Lippen nach außen +und setzte sich neben seine Braut. „Na, Schreiberlein? +Deine Maß ist futsch.“ +</p> + +<p> +„Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und +trinken sie . . . Liesl, gehst du mit?“ +</p> + +<p> +„Aber nein“, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf +den Rücken nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +Mond. Der Schreiber schob seine Hand unter ihre Hände. +</p> + +<p> +Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden +schmalen Mädchens gelegt, das sich leise wehrte und +ihn dann anlächelte. Da nahm er seine Pfeife aus dem +Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife. +</p> + +<p> +„Aber paß auf darauf“, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, +und näherte sein Auge dem blonden Mädchen, +die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn dann doch an +Falkenauges Wange lehnte. +</p> + +<p> +Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, +sah auf den Hauptmann und dessen Braut, die beide bleich +und friedlich nebeneinander saßen, und hatte den stürmischen +Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein Knabe +zu lächeln. „Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie +sie“, flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde +Trennung so stark, wie wenn er die Räuber nie +gekannt hätte. „Ich bin nicht so wie die Kriechende +Schlange . . . ihr tut mir unrecht“, flüsterte er. „O +Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange +auch nicht . . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell +gestürzt hätte . . . oder ins Wasser.“ +</p> + +<p> +Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der +Bluse seiner Braut zu. „Ich hab mir einen Photographenapparat +kommen lassen. Auf Abschlagszahlung! +Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. Er +ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.“ +</p> + +<p> +„Meine Pfeife — brennt sie noch? — ist aus derselben +Fabrik. Ich hab mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. +Mit Silberbeschlag.“ +</p> + +<p> +„Mit Futteral?“ +</p> + +<p> +„Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +Kalbleder geb laß in mein G’schäft, und der Sattler +Grumbe näht mir’s zusammen. Kost zwanzig Pfennig, +das ganze Futteral.“ +</p> + +<p> +„Und der Vogelstutzen?“ +</p> + +<p> +„Siebenundsiebzig Mark fünfzig.“ +</p> + +<p> +„Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.“ +</p> + +<p> +„Er hat doch Silberbeschlag.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht erschießt du mich dann damit“, sagte das +schmale Mädchen gedehnt. +</p> + +<p> +„Ja, was glaubst du denn.“ Falkenauge lachte. „Hast +du Angst? . . . Ich schieße nur auf Ratten.“ +</p> + +<p> +„Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl“, +sagte der Schreiber, legte sich auch auf den Rücken, neben +seine Liebste, und blies ihr ins Haar. Sie drehte ihm +das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als er die +Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond. +</p> + +<p> +Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in +die Stille. Der kniende Oldshatterhand klammerte sich am +Baumstamm an. Seine Schläfen zuckten. „Ich kann mit +keinem von ihnen darüber reden“, flüsterte er unzählige +Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten +wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom +Baum. +</p> + +<p> +„Schläfst du?“ fragte der bleiche Kapitän seine Braut. +</p> + +<p> +Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen +angstvoll auf den ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch +er, sich rückwärts bewegend, auf Händen und Füßen wie +ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm. +</p> + +<p> +„Ich glaub, ich hab geschlafen.“ +</p> + +<p> +„Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter“, hörte +Oldshatterhand den bleichen Kapitän sprechen und horchte. +</p> + +<p> +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +„Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen +sein? Man hat nie mehr was gehört von ihm.“ +</p> + +<p> +„Der Duckmäuser?“ rief der Schreiber lachend, „wo +wird der sein — ich sag, der ist irgendwo Kirchendiener.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb +sofort wieder stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen +war. Da hörte er einen der Räuber leise die Mundharmonika +spielen und lauschte eine Weile in seltsamer +Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem +„Käppele“. +</p> + +<p> +Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte +augenblicklich die Empfindung, den Geruch vom Zimmer +seiner Eltern zu riechen, noch bevor er seinen Vater erkannt +hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in +Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister +stand. Die beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen +in Augsburg gedient. +</p> + +<p> +Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. +Er bog ab von seinem Wege, in eine Nebengasse, +rannte weiter und blieb, außer Atem, endlich auf dem Leidenswege +Christi stehen, der zum „Käppele“ in die Höhe +führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit +den Augenlidern, um Tränen zu bekommen. +</p> + +<p> +Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste +ein rotes, ewiges Licht. +</p> + +<p> +Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er +hatte nur das bestimmte Gefühl, Winnetou könne ihn +retten. +</p> + +<p> +Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, +an dem Jesus hängt. +</p> + +<p> +Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +Pförtnerzelle ging. Er sah den Klingelzug an und zog +die Hand wieder zurück. Dann klingelte die Glocke als +einziges Geräusch auf der Welt. +</p> + +<p> +Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou +sagen: „So spät in der Nacht darf ich kein Brot +geben“, und sah zugleich das helle Stück Brot, das Winnetou +reichte. +</p> + +<p> +„Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?“ fragte +Oldshatterhand und nahm das Brot. +</p> + +<p> +„Michael, du bist’s? — — — Ich habe gedacht, ein Armer +sei noch so spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze +dich auf die Bank bei der Mauer.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: +sofort war er sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen +Tage, und er sah sich, zusammen mit Winnetou, +an einem heißen Sommertage zum „Käppele“ hinaufsteigen +und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich +mußte er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou +raffinierte Methoden angewandt hatte, um dem +Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander +ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen +Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, +von Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung +an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über +einen knienden Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen +fuhr er zusammen und rief erschrocken: „Nein, nein!“ +</p> + +<p> +Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart +verdrängt worden. +</p> + +<p> +Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. +Als Knoten in seiner Brust empfand er die Unmöglichkeit, +Winnetou zu beichten, und machte ein paar hastige Fluchtsprünge. +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +Da hörte er rufen: „Michael! . . . Wo bist du?“ +und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm +den einäugigen großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands +Beinen hin und her strich, zu ihm aufsah, +nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte. +</p> + +<p> +„Der Hund lebt noch immer?“ fragte Oldshatterhand +mit veränderter Stimme und hatte sagen wollen — Winnetou, +höre doch, was man mir angetan hat. Hilf mir. +</p> + +<p> +„Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du +weggehen?“ +</p> + +<p> +„Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. +Nur so.“ +</p> + +<p> +Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob +sich sofort und tappte nach. +</p> + +<p> +Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands +Schulter und lächelte zum roten, ewigen Licht hin unter +der Mutter Gottes. „Michael, jetzt sind wir auf einmal +keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem +Traum erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der +gar nie mehr enden wird.“ +</p> + +<p> +„Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?“ +</p> + +<p> +„Warum sagst du Weichpfotenmönchen?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht +weich . . . und dann Italien.“ +</p> + +<p> +„Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior +liebt mich. Alle lieben mich und sagen, ich solle nur noch +ein paar Jahre so bei ihnen bleiben und erst dann Mönch +werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei . . . Erinnerst +du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen +wollten . . . Ich denke oft daran zurück“, sagte +Winnetou und lächelte heiter. +</p> + +<p> +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +„Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst +du auch eine Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine +rechtwinklige Pfeife. So stelle doch die Mutter Gottes +dort weg . . . und den verstellbaren Maßstab.“ +</p> + +<p> +„O Gott!“ Winnetou war aufgestanden. „Du bist +krank!“ +</p> + +<p> +„Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .“ +Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein, nein! Ich meinte, +ich würde an Stelle der Mutter Gottes dort ein Muttergottesbild +hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist das!“ +schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt. +</p> + +<p> +„Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, +komm“, bat Winnetou ängstlich und zärtlich, „ich will dich +zum guten Prior führen. Der gibt dir etwas und hilft dir.“ +</p> + +<p> +„Ich war draußen in der Welt! In der Welt!“ schrie +Oldshatterhand lachend. „In Italien! In Genua zum +Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte da in +einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte +ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das +goldene Bett sehen sollen“, schloß er mit einer verächtlichen +Handbewegung, und seine Lippen zuckten vor +Scham . . . „Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . . +Irgend etwas Grauenhaftes.“ +</p> + +<p> +„Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche +Angst um dich.“ +</p> + +<p> +„Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! +Glaubst du’s nicht? Ich bin ganz einfach einmal nach +Würzburg gefahren. Sonst nichts.“ +</p> + +<p> +Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou. +</p> + +<p> +Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein +über die Stadt. Die Kirchtürme standen wie gespenstige +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +Auswüchse von Riesendrachen in den schmutzigen Wolkenhimmel +hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund +stand auf. +</p> + +<p> +„Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, +komme. Um dieselbe Zeit. Komme wieder, bitte.“ +</p> + +<p> +„Morgen um diese Zeit“, sagte Oldshatterhand und +raste den Leidensweg Christi hinunter. +</p> + +<p> +Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück. +</p> + +<p> +Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch +aufs Bett in seiner Kammer, sah gequält und mit kraftlosem +Haß auf die bekannten Studienköpfe an den Wänden +und fiel sofort in Halbschlaf. — Das Schwere, jüngst +Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten +ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben +ihm einen letzten Schlag und zogen dann singend in +eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich +um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und +frei und kühl atmen konnte. +</p> + +<p> +So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg +aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand +geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte der +zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine +zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, +schritt er im Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, +an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes +Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am +Horizont — bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, +und an dessen Stelle Oldshatterhand — zum Fremden wurde, +und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse +des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken +in der Kammer auf dem Bett saß. +</p> + +<p> +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: +„Warum bist du denn verzweifelt und gebrochen, +da du doch weißt, daß du recht gehandelt hast?“ +</p> + +<p> +„Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner +Mensch!“ schrie der Oldshatterhand auf dem Bett und +deutete flüsternd: „Aber sieh doch die kalten, verachtenden +Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie +haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen +verächtlich zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter +nicht.“ +</p> + +<p> +Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand +sagte: „Du bist feige. Du weißt zwar, daß du recht gehandelt +hast; aber da die Menschen dich dafür verachten — +weil sie Lügner sind —, wimmerst du, denn ohne die Achtung +der Lügner kannst du nicht leben.“ +</p> + +<p> +„Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. +Die Gassen, in denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster +schämen sich meiner, flüstern mir ihre Verachtung zu. Die +Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück +vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. +Wo soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, +bei dem ich mir wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen +Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur +Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig +werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, +wenn sie fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu +. . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und wenn +sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie +dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher +Kirchturm. In Würzburg gibt’s so grauenhaft +viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind.“ +</p> + +<p> +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +„Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, +die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie +werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie +sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land +und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet +und stinkt da unten. Ich wende mich um, da ist die Luft +dünn und blau. Und ich bin allein.“ +</p> + +<p> +„Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er +hat zehn Augen und redet kein Wort, so sehr verachtet +er uns.“ +</p> + +<p> +„Wie kannst du <em class="em">uns</em> sagen. Ich habe mit dir nichts +mehr gemein. Denn ich verachte die Verachtung der +Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange ein +Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, +stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und +höhnen und verachten ihn. Und der Vater schämt sich +seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich den +Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet +stehst, schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna +zu und sagen zueinander — den haben wir niemals +verachtet. Und der Vater ruft — das ist mein Sohn. Jesus +Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und +verhöhnt bis zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner +ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, der du dein +Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.“ +</p> + +<p> +„Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, +an dem ich hänge, und das schwarze Menschengewimmel +zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich. Meine +Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz +. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will +kein Lügner werden wie sie, sondern <em class="em">Etwas</em> werden.“ +</p> + +<p> +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +„Es gibt nur zweierlei — lügen wie die anderen: sein +wie sie; oder ihre Verachtung verachten: einsam sein. +Blicke auf das Lächeln der Verheißung auf meinem Gesicht +und töte das Schwache und Feige an dir.“ +</p> + +<p> +„Ja!“ stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, +schwankend, und seine Hand hielt den Fenstergriff gepackt. +Seine verglasten Augen stierten nach dem alten +Revolver aus dem „Zimmer“, der auf dem Tische lag. +„Meine Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, +meine arme Mutter“, flüsterte er und dachte in einem +Winkel seiner Seele — er wird versagen —, brüllte langgezogen +und mit vollster Kraft „I . . . . . i!“ und hatte +sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. +Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver +hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur +Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte, +krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im +Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, +schon tot, noch ein Fenster öffnete. +</p> + +<p> +Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in +der kleinen Kammer. Aus den Fenstern der Hofwohnungen +fuhren erschrockene und empörte Gesichter. +</p> + +<p> +Die Wirtin kam gesprungen — — — sah einen Fremden +klar und ruhig die Treppe hinuntersteigen, öffnete die +Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah niemanden in der +Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte +sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich +um ein Hindernis herum auf sie zuschoß. +</p> + +<p> +Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke +beim Fenster, schief und haltlos wie ein ausgestopfter +Hampelmann, der umzufallen droht. +</p> + +<p> +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, +auf Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei. +</p> + +<p> +In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, +stand, daß das Strafverfahren gegen den +Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, +den der berühmte Anatom Molière allwöchentlich +den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der Fremde +sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er +nie mehr älter werden, so stark und klar war sein +Gesicht. +</p> + +<p> +Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe +steigenden Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, +unter denen auch die Maler Immermann und Franziskus +Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an +den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, +um die Frühlingssonne abzuhalten. +</p> + +<p> +Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem +Gehrock mit Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen +der Hörer in den kleinen Halbkreis unten. Der Fremde +saß neben ihm. +</p> + +<p> +Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die +Leiche herein. Der Anatom zog das weiße Tuch weg. +</p> + +<p> +Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper +eines bartlosen jungen Mannes mit Gladiatorenprofil +und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und Bauch, bis +zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem +weißen Tuch zugebunden, über das hinaus die starken +Hände der halben Leiche reichten. +</p> + +<p> +Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +Rumpf, tippte mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. +„Wir nehmen heute Arm- und Gesichtsmuskeln durch.“ +</p> + +<p> +Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am +Unterarm frei, erklärte mit ein paar Worten ihre Lage, +hob den Arm der Leiche und zog an einer Sehne, worauf +die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen +Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die +Wandtafel. Ein paar schnelle Striche. +</p> + +<p> +Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; +andere sahen aufmerksam zu. +</p> + +<p> +Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, +da öffnete die Leiche den Mund. Es war sehr still. — +Warum ist dieser junge Athlet gestorben, dachte der Fremde. +</p> + +<p> +Der Anatom zog an einer anderen Sehne — und die +Leiche streckte die Zunge heraus. „Kemmerich!“ wandte +sich der Anatom an das lebende Modell, einen fünfundsiebzigjährigen +Mann mit spärlichem, weißem Bart, der +nackt neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen +und Muskeln des Modells waren sichtbar und vor +Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung +des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, +ließ ihn lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit +den Armen, und demonstrierte an der Leiche die Lage der +Muskeln. +</p> + +<p> +Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz +und die Füße der Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, +zu den Füßen des Alten. +</p> + +<p> +„Es ist eine Freude zu leben“, sagte ein Maler zu laut +in die Stille hinein, und staunte mit den anderen erschrocken +über die Tatsache, daß er den Satz gesprochen hatte. +</p> + +<p> +Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +halbe Leiche hinaus- und eine verdeckte hereingefahren. +„Hier haben wir einen jugendlichen Akt von schönen Proportionen. +Den wollte ich den Herren noch zeigen“, sagte +der Anatom und zog das Tuch weg. +</p> + +<p> +Der Fremde stand langsam auf. „Das ist meine Leiche“, +flüsterte er. „Geben Sie mir meine Leiche.“ +</p> + +<p> +Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren. +</p> + +<p> +„Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet“, +schloß der Anatom seinen Vortrag und hob die +weiße, gepflegte Hand. „Und es ist erfreulich, daß bei der +jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher der +Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.“ +</p> + +<p> +Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal +verlassen beim Erblicken Oldshatterhands. +</p> + +<p> +„Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du +geworden“, sagte Grünwiesler auf der Straße und stützte +Immermann. „Mnja, da kann man jetzt nichts mehr +machen.“ +</p> + +<p> +„Weißt du“, sagte Immermann, mit schiefgezerrten +Lippen, „erschießen hätte er sich nicht brauchen; aber das, +was wir getan haben — war nur gerecht . . . Gerecht!“ +</p> + +<p> +In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, +talentvolle Maler Michael Vierkant um zehn Uhr früh +zum ersten Preisträger der Akademie bestimmt worden sei. +</p> + +<p> +An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das +preisgekrönte Bild. Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1-10"> +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +Zehntes Kapitel +</h2> + +<p class="first"> +<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>Z</span>um schwarzen Walfisch von Askalon“ hatte der +bleiche Kapitän die Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen +benannt, sofort nach der Übernahme, als +Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens +Frau geworden war. +</p> + +<p> +Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte +trotz der sich bis zum letzten Tage zäh wehrenden Mutter +nach einem letzten großen Krach seine schöne Kellnerin geheiratet. +Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier +Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick +voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen +nach außen gestülpten Benommenschen Lippen. +Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am Knöchel mit +rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen +Tag glückselig herum. +</p> + +<p> +Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken +und unheilvollen Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft +eine nach der Bürger Meinung in gewissen Dingen +allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche +Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin +von der „Schönen Mainaussicht“ war eines Tages mit +dem zarten Sachsen aus Würzburg verschwunden gewesen, +nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf +Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden +waren. +</p> + +<p> +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, +als die frühere Kellnerin und jetzige junge +Frau des roten Fischers halbe Tage lang in Winterkälte +im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann gefangen +hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr +Mann allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin +immer noch nicht nach Hause gekommen, dann ging sie +ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn fand, trank stillschweigend +und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den +Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er +mit dem Daumen über die Schulter zurückwies und seiner +Frau deutlich erklärte, was das für Hammel und Rindviecher +seien. +</p> + +<p> +Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt +Karfunkelstein geworden, unterstützte seine Eltern +und war mit seiner Liebsten verlobt. Er hatte eine +schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen Sterbesakramente +empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben +und gemeint, es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, +er würde im Kopfe nicht mehr richtig sein. Der allzu +viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die Knochen +geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber +war wieder gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas +steifes Bein hatte er zurückbehalten. Jetzt war er +wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen Kapitän, dem +jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt. +</p> + +<p> +Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei +ihrem Hauptmann zu Gast zu sein, denn da waren der +Kegelklub „Kanonenrohr“, der Radfahrerklub „Um die +Welt“, die Rauchgesellschaft „Vesuv“, die streng auf das +regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten. +</p> + +<p> +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +Der König der Luft hatte dem „Turnerbund Jahn“ +eine Akrobatenabteilung angegliedert, von welchem Zeitpunkte +an die Varietévorstellungen des „Turnerbundes“ +einen bedeutenden Ruf genossen. +</p> + +<p> +Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch +dem Angelklub „Walfisch“ an, war Mitglied des Gesangvereins +„Zwischen grünen Bäumen“ geworden, +dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands +war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte +Mitglied des Vogelstutzenklubs „Löwenjagd“ +und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn er errang alle +ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken +Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, +die von keinem Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde. +</p> + +<p> +Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, +schmale Mädchen seinem Freund Falkenauge weggeheiratet. +Den eine um zehn Jahre ältere Witwe geheiratet +hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige +Geschäftsfrau war und sehr resolut. +</p> + +<p> +Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm +ihr Häuschen und die Gärtnerei vermacht hatte, gehörte +allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, weil er für alle +Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte, +sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen +weit überragender Charakterschauspieler und jugendlicher +Held, für die Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich +geschätzt und anerkannt war. Er hatte das +schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie war eine junge, +frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten +Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze +band, die schönsten Stellen aus den klassischen +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> +Dramen vor. Und manchmal, wenn ein Freund bei ihnen +saß, sagte sie zärtlich: „Mein Mann spricht genau so wie +der Bürgermeister von Bamberg.“ +</p> + +<p> +An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber +in der Weinwirtschaft ihres Hauptmanns zusammen. +Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann schnell entschlossen, +für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet: +den Skatklub „Bargeld lacht“, der fünfundzwanzig +Jahre später, als der Fremde zum letzten Male Würzburg +besuchte und die Räuber schon fünfzig Jahre alte, +graubärtige Männer waren, immer noch bestand. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auch jetzt war der Fremde in Würzburg. +</p> + +<p> +Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen +sahen sich um nach ihm. „Ah, Herr Baron“, neckte +ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und blickte ihm mit +großen Augen nach. +</p> + +<p> +Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend +in der Luft umher, und über der Festung hing eine große +Wolke mit glühendem Saum. Am Brückenheiligen Kilian +lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die Ziehharmonika. +</p> + +<p> +Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. +Bürger saßen vor den Haustüren, blickten prüfend +in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten und +unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster +hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter. +</p> + +<p> +Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, +welcher aus der „Altrenommierten Weinstube zu den drei +Kronen“ trat. +</p> + +<p> +Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. +Seine Apfelbäckchen glühten. Denn er trank +jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. +Sonst hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; +seine Haare waren noch dunkel, sein Körper zäh und dürr +und aufgereckt wie immer. +</p> + +<p> +Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, +seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen +hing, aufs Pflaster stoßend, schritt er aufrecht weiter. +</p> + +<p> +Vor dem „Spitäle“ blieb er stehen, zog seine Taschenuhr +und verglich sie befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt. +</p> + +<p> +„Grüß Gott, Herr Lehrer“, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister +und legte die Hand an die Mütze. Sein +Bart war blauweiß geworden. Er redete heftig gestikulierend +weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, horchte +Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe +zusammen — es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas +angestellt. Man wußte nur noch nicht recht, wer die +Gauner waren. +</p> + +<p> +Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf „Zum schwarzen +Walfisch von Askalon“. +</p> + +<p> +„Mit ’n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei +Herzaß heimgebracht“, sagte still der Schreiber und mischte +die Karten flink. Die Räuber waren versammelt. +</p> + +<p> +„Er is halt ein Rindvieh“, sagte wütend Falkenauge, +der durch das verkehrte Spielen des Königs der Luft +sieben Pfennig verloren hatte. „Das sag ich ihm schon +seit Jahr und Tag, aber er will’s nit glaub.“ +</p> + +<p> +Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite +des langen Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +mit Brotlaiben, übriggebliebenen Semmeln und +vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen belagert. +Außer ihm saß niemand am Tisch. +</p> + +<p> +Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch +die junge Wirtin erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein +brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der Hoffnung. +</p> + +<p> +„Herrgott! Else! <em class="em">wieder</em> ein Glas!“ rief der +bleiche Kapitän der blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas +aus der Hand gefallen war. Sie lächelte immer und +hatte verklebte Augen. „No, jetzt bin ich aber doch +g’spannt . . . Solo!“ schloß er, stülpte die Lippen nach +außen und fingerte den Kartenfächer in seiner Hand +zurecht. +</p> + +<p> +Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte +sich und sprang auf den Stuhl neben dem Fremden. +</p> + +<p> +„Das wird mir aber auch noch ein Solo sein“, sagte +der Schreiber, zog die Brauen in die Höhe, holte den ersten +Stich. „Und Trumpf!“ rief er und lächelte sicher. +</p> + +<p> +Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die +Karten auf den Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ +seine Stiche in der Mitte liegen; die Karten flogen immer +schneller. „Das hamm wir jetzt g’sehn, was das für ein +Solo war“, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene +Geld in sein Tellerchen. +</p> + +<p> +„No, Else, wo hast denn dei Auge!“ rief er und wies +auf den Fremden. Die Kellnerin füllte das Glas. +</p> + +<p> +„Else, wir trinken auch noch eins“, sagte der Schreiber +und legte den Arm um die Taille der Kellnerin. „Ein +saubers Mädle bist.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf +dem Arm. +</p> + +<p> +<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> +„Pssss, wssss“, machte der Fremde leise zur Katze. +</p> + +<p> +„Schläft der ganz Kleine denn?“ fragte der bleiche +Kapitän und gab die Karten. +</p> + +<p> +„Was wird er denn sonst tun“, erwiderte die Witwe +Benommen und gab dem Kind auf ihrem Arm ein Stück +Zwetschgenkuchen in die Hand. +</p> + +<p> +„Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.“ +</p> + +<p> +„Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.“ +</p> + +<p> +„Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche +nit die Abweiche.“ Er stülpte die Lippen nach außen. +</p> + +<p> +„Sei still. Da, hast dein Sohn.“ +</p> + +<p> +„Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.“ +</p> + +<p> +Die Witwe Benommen strahlte. +</p> + +<p> +„Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein +Schelloberlein.“ +</p> + +<p> +„Da! hast’n!“ rief wütend der König der Luft. +</p> + +<p> +Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein +blonder, großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief +gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und Händen voran, +bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und +ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen +roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. „Ooooskar!“ +brüllte der Matrose. „Seid ihr alle da!“ +</p> + +<p> +„Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!“ +</p> + +<p> +„Haargott!“ riefen die Räuber, und ihre Münder blieben +offen. +</p> + +<p> +„Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!“ stotterte der +Duckmäuser und blieb auf dem Tische liegen. Er war total +betrunken. „Pf . . . Pf . . . Pf . . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!“ +</p> + +<p> +„Also, also aber und! Du bist am Geben“, sagte grimmig +der König der Luft. Er war im Verlust. +</p> + +<p> +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +„Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. +Schluß!“ riefen alle durcheinander. +</p> + +<p> +„Setzt euch da rüber an lange Tisch“, sagte der bleiche +Kapitän, und zum Fremden gewandt: „Sie erlauben doch.“ +</p> + +<p> +Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose +saß in der Mitte auf der Bank. Der Fremde, als habe er +das Präsidium, saß an der Stirnseite. Die Witwe Benommen +stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, +und schüttelte lächelnd den Kopf. +</p> + +<p> +„Bring a paar Maß Wein!“ rief der Schreiber. +</p> + +<p> +„Ich zs zs zs zs zahl alles!“ brüllte der Matrose. +„Sssssauft!“ Und schüttete ein Glas Wein in sich hinein. +„Sch . . . Sch . . . Schreiber, alter Ga . . . Ga . . . +Ga . . . Gauner!“ +</p> + +<p> +„Herrgott, wer hätt das gedacht“, sagten die Räuber +und sahen still und betroffen auf den Matrosen, wie auf +ein fernes Land. Ihre Münder standen offen, die Mundwinkel +waren in wehmütigem Staunen in die Wangen +zurückgezogen. +</p> + +<p> +„Warst du weit?“ fragte einer. +</p> + +<p> +„Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!“ Er breitete +weit die Arme aus. +</p> + +<p> +„So einer, immer war er so still“, sagte die Witwe Benommen. +„Man hat gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.“ +</p> + +<p> +„Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?“ Er +leerte sein Glas und konnte dann fließender sprechen. +„Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma . . . Mager geträumt. +Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi . . . +Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber +es www . . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen +— www . . . er me . . . meldet sich? — und ich hab um mich +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +. . . um mich g’haut, und bin tropf . . . tropfnaß aufgewacht +. . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? . . . Ssssauft +doch! . . . Ssssauf du auch!“ brüllte er und reckte, mit +dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte +liegend, sein Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete. +</p> + +<p> +„Kommt ihm nur nit mit’n Zündhölzle zu nah, er explodiert +sonst“, sagte die Witwe Benommen. „Er trinkt +e bißle zu viel.“ +</p> + +<p> +Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte +die Fußspitzen nach rückwärts. „Ein deutscher Seemann +ist trinkfest.“ Der bleiche Kapitän stimmte die Gitarre. +</p> + +<div class="poem"> + <p class="line">„Auf, Matrosen, ohe!</p> + <p class="line">Auf die wogende See.</p> + <p class="line">Schwarze Gedanken,</p> + <p class="line">Sie wanken und fliehn</p> + <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind“,</p> +</div> + +<p class="noindent"> +sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er +trank. „Wa . . . Wa . . . Wa . . . Wein her!“ +</p> + +<p> +„Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, +wie wir damals Traube g’stohle ham, im königliche Weinberg? +Das war Anno . . . 1899. Ich hab no a paar +Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg +in mein Keller.“ +</p> + +<p> +„Den mußt aber spendier“, sagte der Schreiber. „No, +allemal!“ riefen alle Räuber. +</p> + +<p> +„Ja, paßt auf“, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, +„der is teuer. Wo käm ich denn da hin.“ +</p> + +<p> +„Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!“ +brüllte der Matrose dem Fremden zu. +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> +„Haargott, is der besoffen!“ riefen die lachenden Räuber. +</p> + +<p> +„Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon +im Keller haben“, sagte plötzlich der Fremde und lächelte. +</p> + +<p> +Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche +Kapitän vorsichtig den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln +in die Kelche. Alle standen auf. Auch der Matrose +lehnte schief an der Wand. +</p> + +<p> +„Aber also und, Donnerschlag!“ Die tiefe Falte verschwand. +Der König der Luft hatte gelächelt. „Das is +e Weinle!“ +</p> + +<p> +„Das will ich meinen“, erwiderte stolz der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . +Kee . . . Kee . . . Kette gelegt.“ Er trank und sprach +fließender. „Da war unser Schiff an einer unbewohnten +Insel vorbeig’fahre, in der Näh von Indien . . . Ich +hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . +du . . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . +nix zu fr . . . fresse g’funde. Da hab ich a Sch . . . +a Schlange gebrate. Die war dir aber bi . . . bi . . . +bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich wieder erwischt +und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir die +Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung +des Festungsgrabens und sahen hinunter auf die +Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag. +</p> + +<p> +„U . . . u!“ klang es langgezogen und klagend von +unten herauf. „Die Meekuh brüllt“, sagte der Schreiber +und deutete hinunter zum Main, wo der Schleppdampfer +eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. +Ein Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +Die Räuber sahen, wie über den Flößer am Steuer der +weiße Gischt stürzte. +</p> + +<p> +„Aber also und, wie aus dem Boden gewachse“, sagte +der König der Luft und deutete neben sich auf die Aussichtsbank +aus krummen, weißschaligen Birkenästen, die +der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer +aufgestellt hatte. +</p> + +<p> +Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. +Eine Geiß weidete im Graben. Das hohe, dürre Gras +zirpte, vom Winde bewegt. +</p> + +<p> +„Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle +gewachse“, sagte der bleiche Kapitän. +</p> + +<p> +„Is des nit e Birnbäumle?“ fragte der König der Luft, +und ein anderer griff in die Zweige. Ein paar Hummeln +flogen auf und umsummten den Baum. +</p> + +<p> +Der Matrose sah sich um: „A a also, jetzt sagt mir +aber amal, wo . . . o is denn eigentlich euer ‚Zs . . . Zs +. . . Zs . . . Zimmer‘?“ Und blickte gespannt und pfiffig +die Räuber an. +</p> + +<p> +„Ach, des is ja scho lang zugemauert.“ Sie suchten. +„Da muß gewese sei.“ Und zogen einen üppigen Brombeerbusch +zur Seite. +</p> + +<p> +„Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . +Gang zs . . . zum ‚Zs . . . Zs . . . Zimmer‘?“ fragte der +Matrose staunend und deutete auf eine Stelle, die noch +etwas heller war als die übrige Mauer. „Haaar . . . gott.“ +</p> + +<p> +Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. +Ein rothaariger Junge schnellte in die Höhe, hob die +Hand und rief: „Heimatscha!“ Seine Bande stürmte zur +Mauer und krabbelte daran hinauf. +</p> + +<p> +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +„Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war +das ‚Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer‘?“ +</p> + +<p> +Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre +Gedanken eilten die Jahre zurück. +</p> + +<p> +„Wir warn halt Kinder damals“, sagte der Schreiber. +</p> + +<p> +Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und +hing am Baumstamm. „Dort! Schaut hin!“ zeigte die +Rote Wolke, und sein Mund stand offen, rund und schwarz +wie ein Mauseloch. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg. +</p> + +<p> +Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, +hoher Mönch geschritten, in brauner Kutte. Er +beugte das Knie vor dem Marienbild am Wege und schlug +das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten +sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. +Der Wind wehte dem Kinde das Haar ins Gesicht; es +sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen +vor der Sonne. „Gelobt sei Jesus Christus.“ „In Ewigkeit, +Amen, mein Kind.“ +</p> + +<p> +„Wie weit ist’s bis zum nächsten Gutshof?“ fragte +der Fremde. +</p> + +<p> +„Eine Stunde über den Berg“, sagte Winnetou. Er +hatte ein stilles, klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel. +</p> + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE *** + +***** This file should be named 30281-h.htm or 30281-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/0/2/8/30281/ + +Produced by Jens Sadowski +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive +specific permission. If you do not charge anything for copies of this +eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given +away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks +not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country outside the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you'll have to check the laws of the country where you + are located before using this ebook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm web site +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The +Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm +trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. 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You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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