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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***
+
+ 16. bis 20. Tausend
+
+
+
+
+ Leonhard Frank
+ Die Räuberbande
+ Roman
+
+
+ 1922
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+ Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig
+
+ Lisa Ertel gewidmet
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die
+Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen
+Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von
+Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und
+aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des
+Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.
+
+Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter
+Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder
+hörbar.
+
+Über der Stadt lag Abendsonnenschein.
+
+Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und
+im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der
+Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen.
+
+Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.
+
+Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um
+die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen
+Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und
+versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der
+Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die
+Brücke.
+
+Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit
+Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing,
+aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen
+spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten
+davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des
+Montags.
+
+Der Lehrer war gefürchtet.
+
+Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so
+sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe
+Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft
+mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte
+er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe.
+Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel
+zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann
+holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke,
+hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten
+und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der
+gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die
+Fingerspitzen zwickte.
+
+Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang.
+Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm,
+erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.
+
+Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen
+mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch
+nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der
+Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den
+>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da
+unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen.
+
+Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr
+vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront
+gegen den Brückenberg steht.
+
+Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den
+Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die
+Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden.
+
+Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage,
+denn die Sonne war noch nicht unter.
+
+Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für
+den Fortschritt.
+
+Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem
+Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen
+Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter
+Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen.
+
+»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und
+schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a
+ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a
+Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine
+gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe
+grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf.
+
+Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen
+ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er
+hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei
+Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand.
+
+»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager
+seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er,
+und ließ den Tabak in seine Tasche fallen.
+
+»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus
+mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote
+Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks!
+die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die
+Adern an seinem Halse schwollen.
+
+Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager
+beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die
+Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
+vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.
+
+Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben,
+dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach.
+
+Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang
+freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen
+stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten
+einem Besitzer.
+
+Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher
+trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob
+den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.
+
+Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende
+Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter.
+
+Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel
+gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere
+Haut langsam wieder heraus in die Höhe.
+
+Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen
+Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur
+Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein
+getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen
+Himmel schlagen.
+
+Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den
+Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen
+starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian
+und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den
+Mageninhalt.
+
+Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine
+gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter,
+den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren.
+
+»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer
+der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein
+Mauseloch.
+
+»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?«
+
+»Dort, beim heiligen Kilian.«
+
+»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.«
+
+»Wenn er doch eine Wurst hat.«
+
+»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft.
+
+Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem
+Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber
+die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst
+wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit
+der Wurst?«
+
+»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon
+gegessen.«
+
+»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.«
+
+»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.«
+
+»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm.
+
+Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und
+wollte sie in den Mund gleiten lassen.
+
+»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute.
+Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.«
+
+Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.
+
+Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.
+
+»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde
+begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen.
+
+Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause
+brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten.
+
+»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie
+jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.«
+
+Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst
+resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf
+seinen Gegner.
+
+Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd
+heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel.
+
+Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah
+sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der
+Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.
+
+Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in
+einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper
+hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.
+
+Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen.
+Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch
+um. Die Brücke war leer.
+
+ * * * * *
+
+In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen
+ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange
+fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei
+kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.
+
+Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum
+Fortgehen zu geben.
+
+»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen
+benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er
+aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
+seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der
+Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine
+Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er
+in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und
+reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten
+Stock aus dem Fenster sah.
+
+Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister,
+ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen,
+schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.
+
+Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon
+seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah
+manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der
+Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte
+nur das Reiben.
+
+Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf
+senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.
+
+Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen,
+Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.
+
+Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn
+hinunter.
+
+Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.
+
+»Was soll denn das!«
+
+»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.«
+
+»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen
+Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?«
+
+Oldshatterhand wurde blutrot.
+
+»Was bist du!«
+
+»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.«
+
+»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den
+ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum
+Teufel! . . . Eselsbande!«
+
+Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die
+Jungen entfernten sich lautlos.
+
+Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb
+er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser
+riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,
+stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.
+
+Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein
+armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen
+Tritt geraten.
+
+Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den
+Heimweg.
+
+Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er
+hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging
+unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
+auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden
+zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die
+Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden.
+
+»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und
+ging in der angezeigten Richtung fort.
+
+Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper
+hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können.
+
+Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu.
+
+»Sie . . . Sie!«
+
+Der Mann blieb stehen.
+
+»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich
+bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.«
+
+Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom
+Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand.
+Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne
+nach.
+
+Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke
+Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last
+und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der
+Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln.
+
+Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die
+Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal
+drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .
+Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben
+mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich
+Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die
+Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.«
+
+Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend
+gäbe.
+
+»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb
+ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart
+arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e
+bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein
+Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr
+Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und
+konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen
+überrascht hatte.
+
+Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden
+nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke.
+
+»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie
+Rom.«
+
+Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie
+Rooom!«
+
+ * * * * *
+
+Es war elf Uhr nachts.
+
+Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande,
+Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner
+Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen.
+An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein
+handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht
+getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht.
+
+Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns
+betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf:
+
+ »Ich wollte sie verführen,
+ Dazu hat sie kein Mut.«
+
+Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte
+den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten
+Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander,
+zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß
+sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben,
+hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln.
+
+Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt,
+und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer.
+
+Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster,
+»U . . . u!«
+
+Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die
+Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter.
+
+Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein
+dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der
+Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein.
+
+Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge
+Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf
+dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein
+Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die
+Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine
+Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei
+einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um
+Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein
+Brand ausbrach.
+
+Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war
+vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . .
+hörst du nichts?«
+
+»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän,
+sah sich auch um und zog die Schuhe an.
+
+»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst
+hat.«
+
+»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz.
+Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.«
+Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die
+Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder
+zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich
+gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit
+fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz
+unglaublich.«
+
+»Das hätt ich mir nit g'fall laß.«
+
+»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch
+nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham
+. . . Heiliger Gott!«
+
+»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit
+Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was
+erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz
+genau, daß ich mir das nit g'fall laß.«
+
+»Ja no.«
+
+»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde
+ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.«
+
+»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der
+bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den
+andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh
+anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern
+vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.«
+
+»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.«
+
+»Ja, aber leis.«
+
+Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,
+wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit
+war das Tor geschlossen.
+
+Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand
+vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf
+Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt
+hinunter und sprangen in den Festungsgraben.
+
+Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg
+heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen,
+den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den
+Festungsgraben.
+
+Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt.
+
+Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.
+
+Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die
+Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im
+Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder
+Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt
+war aus purem Silber.
+
+Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die
+Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs.
+
+Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der
+tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf.
+
+Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen
+reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte.
+
+Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen,
+auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die
+Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.
+Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.
+
+Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande
+galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und
+furchtsam.«
+
+»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän.
+
+»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.«
+
+»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau
+festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser
+kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar
+Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter
+und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen
+sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante
+die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er
+deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung
+mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder
+Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn
+Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+
+»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die
+Höhe.
+
+»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen
+wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen
+Teich.«
+
+»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen?
+He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer
+und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird.
+Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.«
+
+Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne
+zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte
+Hand zurück.
+
+»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich
+der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist?
+Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.«
+
+Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß
+sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden
+Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft
+verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf
+unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.«
+
+»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und
+stülpte die Negerlippen nach außen.
+
+»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer
+eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab
+ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur
+unser Bureauvorsteher.«
+
+»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte
+Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.«
+
+»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?«
+
+»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is
+total tot.«
+
+Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur
+Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das
+schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins
+Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter
+gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der
+Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie
+mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . .
+Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham
+wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!«
+
+»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus
+kämen«, sagte der Schreiber erstaunt.
+
+Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und
+blieb reglos hocken.
+
+»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise
+herum.
+
+Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer.
+Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen.
+Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem
+Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male
+angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka
+. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man
+immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf
+nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen
+. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und
+er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der
+Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die
+Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel
+hat sie.«
+
+»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China,
+immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den
+Schultern.
+
+»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten
+empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke
+. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so
+groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß
+er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso
+kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma
+. . . ma . . . meint ihr nit?«
+
+»Das weiß man halt nit recht.«
+
+Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und
+schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen
+nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als
+einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten
+Höhe zu sitzen.
+
+Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen
+schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der
+Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg
+einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du
+meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der
+Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.«
+
+»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da
+werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich
+sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne
+die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst,
+schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt
+gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre
+Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst
+in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche
+Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen
+glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge
+sicher alles glatt.«
+
+»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.«
+
+»No, allemal.«
+
+Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als
+Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der
+bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder
+Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.
+
+Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen
+Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und
+baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus
+Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.«
+
+Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie
+sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten
+vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit
+einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt
+den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf
+Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer
+Brückenbogen im Mississippi.
+
+Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die
+Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.
+
+»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme.
+»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!«
+
+»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der
+wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da
+wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden
+Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt
+die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir
+hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.«
+
+»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri
+. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat
+einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil
+so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit
+helf tr . . . tr . . . trag dürf.«
+
+»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein
+Liebling. G'schieht dir ganz recht.«
+
+»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . .
+Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden
+muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!«
+schrie Oldshatterhand wütend.
+
+»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in
+Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch
+Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib
+und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.«
+
+»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der
+hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.«
+
+»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von
+Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.
+
+»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . .
+Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand.
+»Grü . . . grüne vielleicht.«
+
+»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.«
+
+»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand
+erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.
+
+»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben,
+ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen
+Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß:
+»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand
+auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.
+
+Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während
+das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein
+Glasauge.
+
+Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und
+schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der
+Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu
+schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe
+Nachtstille.
+
+»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den
+heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge
+. . . sp . . . sprochen.«
+
+Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen
+Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden
+Augen auf den Schreiber.
+
+Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die
+sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber
+den Kopf hob.
+
+»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den
+anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft
+und monoton dazu:
+
+ »Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
+ Nang kang killewi, nang kang killewi,
+ Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
+ Nang kang killewi wau.«
+
+Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber
+standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen
+Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem
+Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor
+bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter.
+
+Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.
+
+Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der,
+gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe
+fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die
+Räuber oben hineinsehen konnten.
+
+Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten,
+die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg
+in die königlichen Weinberge.
+
+Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang
+hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein
+Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den
+königlichen Weinbergen.
+
+Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben,
+außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine
+freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu
+rühren.
+
+Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den
+anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand
+die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich.
+
+Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.
+
+Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.«
+
+»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum.
+
+Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.
+
+Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu
+den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab,
+aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel
+abgezogen wird.
+
+»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen,
+wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so
+viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.«
+
+Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock.
+
+Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die
+Domuhr schlug eins.
+
+Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum.
+Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne
+hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere
+in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte
+erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn
+jetzt jemand kommt!«
+
+Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf
+der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten,
+und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß
+er mich sieht.«
+
+»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.
+
+»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des
+bleichen Kapitäns laut von seitwärts.
+
+Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an
+etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die
+Taschen.
+
+Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der
+Festungsmauer.
+
+»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän
+Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.«
+
+Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.
+
+Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine
+klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt
+blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie
+zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für
+eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden.
+Das sieht man doch von der Stadt drunten.«
+
+Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous
+Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und
+trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder.
+
+Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen
+zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern.
+
+»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug
+habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie
+ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich
+wahrhaftig nit.«
+
+Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt
+auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten,
+zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem
+Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg
+geschmuggelt hatte.
+
+»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge.
+
+»Wo? . . . Wo denn!«
+
+»Jetzt is er weg.«
+
+»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da
+sind«, sagte der Schreiber.
+
+Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin
+und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!«
+
+Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.
+
+Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.
+
+Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens --
+ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines
+unterirdischen Ganges.
+
+Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und
+ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten
+gegen die Räuber, und huschten ins Freie.
+
+Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte
+der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit
+Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem
+Täfelchen war zu lesen:
+
+Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof
+des Justizgebäudes. Vorsicht!
+
+Auf einem anderen Täfelchen stand:
+
+Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins
+Nonnenkloster Himmelspforten.
+
+Auf dem dritten Täfelchen:
+
+Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur
+Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten
+Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in
+die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen
+Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang
+nur bei Lebensgefahr zu betreten.
+
+Der Hauptmann.
+
+Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen
+Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen
+hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän
+zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
+quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen
+herausgehauen, Steinbänke waren.
+
+Das war »das Zimmer«.
+
+Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen
+Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt
+worden.«
+
+Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale
+gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon
+vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität,
+von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit
+Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben
+lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier,
+in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern
+eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in
+dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte,
+mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf
+Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef
+zu senden, zum Ersatz.
+
+Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit
+Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der
+Prärie die Rothaut beschliche.
+
+Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen
+Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser,
+sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
+Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten
+Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen
+an der Mauer.
+
+Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«.
+
+Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-,
+Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische
+Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in
+zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem
+Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls
+zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen
+oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle
+Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des
+bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im
+gepreßt vollen Bücherregal.
+
+Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes
+Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von
+Schiller.« Das Hausbuch der Bande.
+
+Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das
+Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte.
+
+Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher
+Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf.
+
+Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.
+
+»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der
+bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
+
+Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und
+ein Büchlein heraus.
+
+Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer
+an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser
+jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein
+Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!«
+Und dabei errötete er stets tief.
+
+»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die
+Trauben.
+
+»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.«
+
+»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen.
+Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und
+deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger
+Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?«
+
+»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk,
+in Form einer Eidechse.«
+
+»Und das da, Hauptmann?«
+
+». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . .
+Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird
+ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist
+er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
+wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend,
+gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.«
+
+Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe.
+
+Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«,
+sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem
+Sanderrasen. Er läuft im Trikot.«
+
+»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte
+er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige
+Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.«
+
+Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine
+Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen
+Platz.
+
+Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?«
+
+». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.«
+
+Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den
+die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des
+roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den
+Schrank.
+
+Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.
+
+Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß.
+Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden.
+Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie
+auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.
+
+Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten.
+
+»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort.
+
+»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän.
+
+»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden
+gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig
+Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen
+ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier
+verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt.
+Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß
+wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und
+erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir
+uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind
+wir verschollen auf ewig.«
+
+Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte
+sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen
+Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.
+
+»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt.
+»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer
+von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu
+heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.«
+
+Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke:
+»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist,
+das versteh ich ganz einfach nit.«
+
+Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte
+und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das
+hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
+Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der
+Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein
+scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren
+Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die
+Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und
+hatte ein Indianerprofil.
+
+»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand.
+
+Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines
+Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche
+Gräfin!«
+
+»Räuberlied!« brüllten die anderen.
+
+»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich
+überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt.
+Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht
+stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief
+zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und
+die Räuber hörten zu.
+
+ »Stehlen, morden, huren, balgen,
+ Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
+ Morgen hangen wir am Galgen,
+ Drum laßt uns heute lustig sein.
+ Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!«
+
+Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das
+gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän
+sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der
+Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht
+besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte
+pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam
+Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er
+nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den
+Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme.
+
+Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt
+in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen
+die Schulter der Roten Wolke.
+
+»O Felli«, sagte müde Winnetou.
+
+»Sprich.«
+
+»Es ist Zeit, Hauptmann.«
+
+»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank
+auf die Brust.
+
+Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die
+Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf.
+
+Das Wasser im Fischkasten gluckste.
+
+Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase,
+aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer«
+herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa
+Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:
+
+ »Das Wehgeheul geschlagener Väter,
+ Der bangen Mütter Klaggezeter,
+ Das Winseln der verlaßnen Braut
+ Ist Schmaus für meine Trommelhaut.«
+
+Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder
+sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen.
+
+Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf
+einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an
+einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben
+und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins
+raschelnde Laub.
+
+Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig
+Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren
+Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.
+
+»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte
+ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der
+Räuberrunde.
+
+»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war
+der Hobel noch nit dort gelegen.«
+
+»Wie kommt er überhaupt daher.«
+
+»Ein schöner Hobel ist es ja.«
+
+»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig.
+
+»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.«
+
+Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die
+übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.
+
+»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch.
+
+Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste.
+»Was heißt denn das . . . verloooren!«
+
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es
+wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete
+die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen
+ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.«
+
+»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal
+heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre
+Vorratskammer.«
+
+Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg
+hinunter.
+
+Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem
+alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um
+zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der
+Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre
+bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden
+hinunter.
+
+Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf
+den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf
+und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die
+Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und
+ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.
+
+Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit
+faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte
+sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
+Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.
+
+Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die
+Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut
+tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft
+umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der
+bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die
+Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie
+losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand.
+Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.
+
+Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und
+Beinen.
+
+Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den
+hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der
+Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer
+gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar
+nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen,
+so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.
+
+Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter
+hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.
+
+Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im
+Wirtschaftsgarten.
+
+Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein
+vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.
+
+ * * * * *
+
+Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen
+Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die
+»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang
+sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.
+
+Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln,
+paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter
+Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten.
+
+Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des
+Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und
+blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen
+Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff:
+»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und
+weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte,
+den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.
+
+Sonst blieb alles unverändert.
+
+Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«,
+trillerte der Kanarienvogel.
+
+»Pst«, machte Oldshatterhand.
+
+Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den
+Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und
+winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen
+Ausgang heute.
+
+Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich
+zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt
+war, und erstattete Bericht.
+
+Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen
+solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte
+ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.
+
+Entschlossen trat er ein.
+
+»Haarschneiden -- Herr Benommen?«
+
+»Nein . . . Heute nur rasieren.«
+
+»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und
+noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man
+wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte
+Haut des Hauptmanns gleiten.
+
+Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute
+unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht
+geschnitten habe.
+
+Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber
+gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die
+Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den
+Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune.
+Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter.
+
+Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.
+
+Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges
+Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der
+Schreiber nachgerast.
+
+Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war
+der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt.
+
+Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und
+betrachtete dabei die Würste im Schaufenster.
+
+Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser
+hörte auf zu kauen.
+
+»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber.
+»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so
+verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die
+kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.«
+
+»Der Jud Meierheim soll's getan haben.«
+
+»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud
+getan hat . . . du Rindvieh!«
+
+»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft.
+
+Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.
+
+»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der
+Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken
+bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt
+über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt,
+blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das
+Grauen der Räuber auf sich wirken.
+
+»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte
+überzeugend der Schreiber.
+
+Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.
+
+Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten
+darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen
+auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.
+
+Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen
+-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.
+
+In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß
+rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus
+dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß
+ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden
+Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart.
+
+Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl.
+Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller
+in der Hand.
+
+Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.
+
+»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.«
+
+Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln
+zuckte über sein Gesicht.
+
+Da trat er in den Raum.
+
+Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm
+hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor-
+und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.
+
+Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen
+vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die
+begeisterten Draufrufe seiner Bande.
+
+»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der
+rote Fischer.
+
+Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.
+
+Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren
+Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen
+Augen, wenn man nicht gab.
+
+Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten
+vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um.
+Und war weg.
+
+Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer
+langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und
+überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem
+Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren
+Runde vollkommen erschöpft aufgab.
+
+Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.
+
+Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen
+Menschensaum entlang.
+
+Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter.
+Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen
+kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.«
+
+»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.«
+
+»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.«
+
+»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der
+Schreiber, mit der Uhr in der Hand.
+
+»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.«
+
+»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's
+warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem
+Backofen raus.«
+
+»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand.
+
+»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für
+mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr
+für die Reparatur verlangt.«
+
+»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.«
+
+»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so.
+Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist,
+daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.«
+
+Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und
+bleich.
+
+Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der
+Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche
+Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.
+Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.
+
+Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und
+sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der
+Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.«
+
+Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster
+Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen
+weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum?
+. . . Ja, was wär denn das.«
+
+»Versuchen Sie ihn nur selber.«
+
+»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch
+erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend.
+
+»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der
+bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist
+die Petroleumkanne daneben gestanden.«
+
+»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und
+schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum.
+
+»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen
+uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt
+einmal den andern Platz an.«
+
+Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen
+hinaus.
+
+Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in
+den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte
+der Schreiber nach einer Weile.
+
+Der Bäcker wurde dunkelrot.
+
+»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und
+schluckte hastig.
+
+»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr
+Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken
+darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.«
+
+Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der
+Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander
+und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.«
+
+»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach
+Petroleum.«
+
+Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.
+
+»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir
+ganz einfach in den Laden.«
+
+»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und
+verschwand.
+
+Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein.
+
+»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann
+der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!«
+
+Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das
+dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die
+Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei
+heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.
+
+»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber
+sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.
+
+Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns
+unser Geld zurückgeben, natürlich.«
+
+Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen,
+verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden
+Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz
+klar. Ich versteh Sie wirklich nit.«
+
+»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der
+Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.«
+
+Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.
+
+Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde
+gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange
+suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein
+streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen
+waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!«
+
+Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte,
+nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende
+Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt.
+Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes
+Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von
+Haselnußsträuchern umstanden.
+
+Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig
+zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel
+Kraft.«
+
+Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen
+gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war.
+
+»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und
+drückte das Stengelchen auch zur Seite.
+
+Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir
+und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.«
+
+»Es braucht auch viel Sonne und Regen.«
+
+Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das
+Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein
+bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien;
+seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal
+zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre
+. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden,
+der gestützt werden muß.«
+
+»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte
+Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das
+Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber
+der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah
+nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern
+in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück.
+
+Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen
+wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal
+fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.
+
+»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou.
+
+»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«,
+sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem
+Gesicht.
+
+Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und
+die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.
+
+Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites,
+verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und
+fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach,
+worauf sie erhitzt nach Hause eilten.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen
+hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande
+gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
+Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich
+und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange
+zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber
+viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre,
+betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer
+Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im »Zimmer« wurden
+zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.
+
+Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf
+den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.
+
+Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein
+schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile
+blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. »Was glaubt
+ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist
+erschossen worden.«
+
+»Oh, halt doch's Maul!«
+
+»Da hockt er ja«, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.
+
+»Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern«, rief
+der bleiche Kapitän wütend.
+
+»Winnetou ist tot?« fragte Winnetou leise. »Das ist nicht möglich. Wie
+soll denn das passiert sein.«
+
+»No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer
+gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle,
+die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er
+tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle
+geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.«
+
+»Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in
+so einem Augenblick nit da sein?« fragte Winnetou erregt.
+
+Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den
+bleichen Kapitän geheftet.
+
+»Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und
+hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz
+unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist
+er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten,
+sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar
+Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou
+ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt
+ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal
+hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt
+muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.«
+
+Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen
+sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war.
+
+Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch
+die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo
+Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner,
+schwarzer Punkt -- schußbereit.
+
+»Da kann man jetzt nix mehr mach«, sagte der bleiche Kapitän und reckte
+sich auf. »Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.«
+
+»Leih mir das Buch bis morgen«, bat Winnetou.
+
+»Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen«, wehrte
+der bleiche Kapitän ab.
+
+»Morgen früh geb ich dir's wieder zurück.«
+
+»Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig
+mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir
+gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach,
+wennst's ausgelesen hast.«
+
+Winnetou griff nach dem Buch.
+
+Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.
+
+Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr
+Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen
+Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. »Ich muß erst die Stiefel vom
+Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da
+. . . Geh mit«, sagte er zum König der Luft.
+
+»Hn!«
+
+»Der frißt dich doch nit.«
+
+»Also hopp! Also wenn du meinst.«
+
+»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis
+wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe.
+
+Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist
+fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache
+geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux
+übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.«
+
+». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?«
+
+»Sei doch still.«
+
+Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht.
+Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in
+der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die
+Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem
+Kanapee hing.
+
+»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig
+kosten die Stiefel.«
+
+Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös
+mit den Daumen.
+
+»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die
+lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief
+blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?«
+
+»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft
+blickte starr vor sich hin.
+
+Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den
+Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke,
+schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem
+Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt
+einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den
+Geldbeutel.
+
+»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber
+auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja
+Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.«
+
+»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.«
+
+»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.«
+
+»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom
+Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.«
+
+»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen
+hab ich eine Mark siebzig dran verdient.«
+
+»Hn!«
+
+»Eine Mark siebzig.«
+
+»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.«
+
+»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän
+vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber,
+daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der
+stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber,
+wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!«
+rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.
+
+Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und
+wollte in sein Zimmer schleichen.
+
+Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal
+her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus
+baumelte an ihrer Brust.
+
+Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden
+Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee
+neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör
+standen auf dem Tisch.
+
+»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf
+die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.
+
+»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!«
+
+Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein
+und schlug das Kreuz.
+
+»Nun?«
+
+Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus
+Christus.«
+
+»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der
+Kaplan und nippte vom Likör.
+
+». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden
+verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.
+
+Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust
+hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der
+rote Mann tot zu Boden.«
+
+Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
+
+»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau
+Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.«
+
+Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!«
+
+»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.«
+
+Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte
+Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich
+mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!«
+
+Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
+
+»Wird's bald!«
+
+Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus
+Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den
+Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand
+vorstreckte.
+
+»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm
+hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz
+geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos
+das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
+
+Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die
+zart errötend ihm die Hand überließ.
+
+Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
+
+Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen
+gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter,
+daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen
+trockneten. Die Gesichtshaut spannte.
+
+Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender
+Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände
+nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort
+. . . dort.«
+
+Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war
+eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und
+verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.
+
+Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er
+hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich
+sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit.
+Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
+gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte
+altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem
+Wagen gelegen und eingeregnet worden.
+
+Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten
+Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.
+
+Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und
+sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren
+ging.
+
+Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg
+aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze
+Südwand des Hauses bedeckte.
+
+Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch
+herumgesetzt.
+
+Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß
+der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das
+pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke
+streifte.
+
+Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße
+ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.
+
+Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß
+bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer
+seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.
+
+Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen
+Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond,
+mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins
+Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
+Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil
+sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten.
+
+Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen
+auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.
+
+Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung
+verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die
+frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid
+ihr auch wieder einmal da.«
+
+Die Räuber lächelten befangen.
+
+»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll
+verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so
+versaut.«
+
+Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte
+verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r
+Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er
+drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu
+den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.«
+
+»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der
+Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?«
+
+»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine
+Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die
+Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf
+seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant,
+wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.«
+
+Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.«
+
+»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig
+zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.
+
+Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die
+Hand auf die Schulter.
+
+»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der
+Schreiber sehr schnell.
+
+»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl!
+'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach
+hinten zu seinem Schanktisch.
+
+Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim
+>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän.
+Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein
+eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die
+Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn
+Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal,
+kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?«
+
+Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an,
+deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch
+kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum
+Tisch.
+
+Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm
+erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er.
+»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei
+Schuh bei mein Vater mach.«
+
+Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den
+Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke,
+sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und
+las laut den gerahmten Spruch an der Wand:
+
+ »Ob ich morgen leben werde,
+ Weiß ich freilich nicht,
+ Daß ich aber, wenn ich lebe,
+ Trinken werde, das ist ganz gewiß.«
+
+Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und
+begann an einem roten Strumpf zu stricken.
+
+Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen
+den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte.
+»Isterfrisch?«
+
+»He?«
+
+»Ist der Fisch frisch?«
+
+»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er
+Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden
+Karpfen unter die Nase.
+
+»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut.
+
+»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte
+der Fischer.
+
+»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da.
+Größter Seifenverbrauch usw.«
+
+»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is?
+Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.«
+
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann,
+der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt
+hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend
+an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und
+lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen
+glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen
+geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin
+wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin
+sie a no.«
+
+Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
+
+»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht
+. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue,
+wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle,
+weil's mit der Brautschau Wasser war.«
+
+»No, allemal!« rief der Schreiber.
+
+»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«,
+sagte der Glasermeister speichelspritzend.
+
+Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der
+Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise
+auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!«
+
+»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.
+
+»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen.
+
+»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer
+noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«,
+sagte der Berliner.
+
+»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!«
+
+»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der
+Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem
+kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten
+Glasermeisters:
+
+ »Johann Ja--a--kob Streeeberle,
+ Johann Stre--e--berlee -- -- --«
+
+die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der
+Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte,
+gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen
+durch und blickte wütend zu den Räubern hin.
+
+»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.
+
+Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand
+beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . .
+Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
+Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort
+einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:
+
+ »Hoch leb die Anarchie!
+ Es lebe der Achtstundentag,
+ Die Ruh, die Republik!«
+
+Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie
+doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . .
+Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur,
+Bürschli«, schloß er geheimnisvoll.
+
+»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber.
+
+»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.«
+
+»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.«
+
+Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei
+still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt
+ihr, was auf dem Hobel steht?«
+
+»Auf was für'n Hobel?«
+
+»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber
+das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.
+
+»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J.
+St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem
+Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.«
+
+Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum
+Glasermeister hin.
+
+»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix
+g'sagt hab.«
+
+»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber.
+
+»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«,
+flüsterte der bleiche Kapitän.
+
+Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein
+Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch.
+
+»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der
+Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
+
+Da trat Winnetou ein.
+
+Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
+
+»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie,
+was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut
+und setzte sich.
+
+Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt!
+. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute
+in Ruh.«
+
+»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll
+sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz
+. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch.
+
+»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . .
+Wir Männer -- -- --«
+
+Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
+
+Auch die Räuber setzten sich.
+
+Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das
+Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile
+senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch
+sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit
+ihm eilig die Weinstube.
+
+»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.«
+
+»No, jetzt sage Sie selber.«
+
+»Streberle, i will gar nix wiss.«
+
+»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«,
+fragte der Berliner den Fischer.
+
+»Das is 'n Widerschein seiner.«
+
+»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein
+reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.«
+
+»Ja, Berliiiiiiin!«
+
+»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . .
+Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas
+in die Hand.
+
+»Was? . . . Erhööööhen?«
+
+»Flecke auf die Absätze.«
+
+»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig
+Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.«
+
+Der Schreiber horchte gespannt.
+
+»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne
+getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister
+gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip
+. . . Ich bin Reisender.«
+
+»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch
+hab.«
+
+»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu
+ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.«
+
+Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem
+Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim
+is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.«
+
+»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle
+Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.«
+
+»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.«
+
+»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob
+Streberle und erhob sich.
+
+»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch
+rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der
+Glasermeister gegangen war.
+
+»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit
+dem Kriege siebzig/einundsiebzig.«
+
+»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind
+in einem Dorf gelege -- --«
+
+»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --«
+
+ * * * * *
+
+Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse
+lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende
+Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
+den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir
+ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die
+Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am
+heiligen Sonntag zu arbeiten!«
+
+»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied.
+
+»Hau mal her!«
+
+Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
+
+»Hau no mal her!!«
+
+Er hieb ihm wieder eine herunter.
+
+»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!«
+
+Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und
+ging in seine Werkstatt zurück.
+
+Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas
+angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts
+nachdenklich nebenher ging.
+
+Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre
+Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.
+
+»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau
+g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und
+deutete zur Festung.
+
+»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber.
+
+»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche
+Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege
+Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget
+. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.«
+
+Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen
+die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den
+Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.
+
+»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir
+zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.«
+
+»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die
+Wirtschaft zu gehen.«
+
+»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?«
+
+»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?«
+
+»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.«
+
+»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche
+den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen
+Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal
+ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch
+himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust,
+und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend,
+erhaben die Hände gegen den Knochen aus.
+
+Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das
+Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die
+Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie,
+eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über
+die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen
+wieder auf das Pflaster.
+
+Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung.
+Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und
+rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber
+geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in
+die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand
+bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.
+
+Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu
+ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt
+noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon
+öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
+
+Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete
+Ergriffenheit.
+
+Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.
+
+Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit
+Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit
+anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein
+wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen
+hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder
+mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie
+gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die
+Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem
+Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied
+den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger,
+frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.
+
+Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und
+warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.
+
+Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte
+zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die
+Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den
+Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu
+stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte
+sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend,
+drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und
+schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging
+er den Räubern nach.
+
+Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen
+und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm
+Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß
+man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.«
+
+Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt
+Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus
+dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar,
+das in die einzige Droschke stieg.
+
+Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb
+zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er
+und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund
+und schwarz.
+
+»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle
+redeten auf ihn ein.
+
+»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!«
+
+»Was ist ohne Beispiel?«
+
+»Wie sie's treiben!«
+
+»Jetzt halt doch's Maul!«
+
+»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!«
+
+»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten
+kann.«
+
+»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . .
+Aufruhr! Mut! Freiheit!«
+
+»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen
+nur zusammenhalten.«
+
+»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert.
+
+Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in
+dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«,
+anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän
+für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der
+zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die
+Ehre verlangte.
+
+Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte
+manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem
+er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst
+kein Spiel zustande käme.
+
+Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des
+Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer
+nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor
+jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden
+Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen.
+Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige
+eingesetzt.
+
+»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.
+
+»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.«
+
+»Ich hab's ja g'sagt.«
+
+Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder,
+rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand,
+mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum,
+schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen.
+Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal:
+»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte.
+
+Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem
+Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die
+Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln,
+zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen
+glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
+
+Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der
+Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte,
+waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen
+führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie
+schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein
+Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den
+Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in
+höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein
+weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge
+interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
+
+Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die
+Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von
+Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die
+Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb
+vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den
+Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den
+Hobel auszuliefern gedenke.
+
+Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den
+Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern
+unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
+
+Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem
+Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau.
+Sie Lügenbeutel!«
+
+Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit
+einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das
+Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
+vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein
+ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die
+Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber.
+Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
+Menschenknäuel.
+
+Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte.
+Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen
+Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein
+gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn
+hinaus.
+
+Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die
+Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom
+Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des
+Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen,
+hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
+
+Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle
+sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der
+Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging
+hinaus zu den Räubern.
+
+Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem
+Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die
+Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.
+
+Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark
+gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem
+Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das
+Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber
+sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
+
+»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge.
+
+Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber
+langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde
+schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er
+danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel
+entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen,
+traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke,
+während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre
+gewonnenen Preise verlangten.
+
+Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber
+verschwanden.
+
+Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen
+das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief
+aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das
+zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des
+Schreibers Hand ruhte darauf.
+
+»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän.
+
+Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern
+Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater
+laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.«
+
+»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand
+zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.«
+
+»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!«
+
+»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme,
+stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main.
+»Der Schub war gültig.«
+
+»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch
+schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten.
+Wenn doch der Schub gültig war.«
+
+Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll:
+»Der Trainsoldat war's.«
+
+Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das
+Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten
+kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen
+Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den
+Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte,
+erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem
+Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.
+
+ »Horch, wer zieht so still und leise
+ Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.
+ Ach, es sind die armen Briten,
+ Die so manchen Stoß erlitten.
+ Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.
+ Plötzlich bleibt die Truppe stehen,
+ Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.
+ Seht sie kämpfen, seht sie streiten,
+ Durch des Feindes Mitte reiten
+ Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!«
+
+klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der
+Kneipe.
+
+»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.
+
+»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn
+Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.«
+
+In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn
+fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die
+Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in
+den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des
+Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit
+Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein
+Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte
+drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im
+Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die
+Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des
+ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
+
+Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt
+empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.
+
+In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des
+Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude
+über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah.
+Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau
+unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der
+Wand spielte, viele Töne auslassend:
+
+ Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- --
+
+Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann,
+mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und
+Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich
+vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
+jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens
+mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe
+Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben
+Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die
+Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte
+sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die
+altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in
+eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren
+Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
+
+Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die
+schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie
+entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen
+gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger
+zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin
+poussiert! Merk dir das!«
+
+Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit
+übertrieben gleichgültiger Miene.
+
+Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen
+Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.«
+
+Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem
+Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld
+entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht
+verschönte.
+
+Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten
+drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße,
+schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine,
+altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein
+-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem
+entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
+Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die
+ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt
+worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln
+herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich
+empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen
+Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
+Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso
+plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die
+Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen
+mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis
+zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten
+wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.
+
+Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln
+beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren
+begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe
+Benommen.
+
+Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum
+von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja
+gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.«
+
+»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.
+
+Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es
+gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren
+der Räuber nicht unterdrücken konnte.
+
+Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu
+äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
+
+»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt
+und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.
+
+»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was
+willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n
+rumschmier läßt.«
+
+»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz
+und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.«
+
+Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.
+
+»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich
+kann mich ja nit rühr in der Schenk.«
+
+Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche
+zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in
+ihrer Wirtschaft beobachtete.
+
+Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!«
+Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die
+Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
+blutiges Vorhemd.
+
+Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker,
+überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein
+kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich
+zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch
+aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten,
+entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen
+Hemdkragen trug.
+
+Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete
+unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten,
+weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
+Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart
+wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden
+Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den
+Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa!
+Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug
+zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden,
+schmalen Bart entlang.
+
+Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war
+ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten
+trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf
+sie ausüben.
+
+Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre
+Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch
+sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der
+andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren
+Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen
+wünschten.
+
+»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der
+Kellnerin zu.
+
+»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän.
+
+»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho
+angerissen.«
+
+»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?«
+
+»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach
+. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.«
+
+Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.
+
+Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er
+die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän
+drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen
+Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und
+die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.
+
+Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es
+rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus
+Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:
+
+ Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
+ Sie flohen heimlich von Hause fort,
+ Es wußt's weder Vater noch Mutter.
+
+Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in
+einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und
+blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
+Rasseln fortfuhr:
+
+ Sie sind gewandert hin und her,
+ Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
+ Sie sind verdorben, gestorben.
+
+»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink
+e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner
+Mutter.
+
+Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von
+Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter
+hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.«
+
+»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich
+zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.«
+
+»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das
+eigentlich, dahinten in der Fischergaß?«
+
+»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.«
+
+Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er
+sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen
+verschmiert war.
+
+Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und
+böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist
+du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.«
+
+Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener
+Bruder! Mei eigener Bruder!«
+
+»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin
+doch dei Bruder.«
+
+»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande.
+Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer
+plötzlich laut.
+
+Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken
+auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch
+nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin.
+Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir
+. . . Mit der eigene Schwägerin.«
+
+Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?«
+
+»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir
+trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone!
+a Maß Bier für mich und mein Bruder.«
+
+Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder
+sangen kräftig mit:
+
+ »Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,
+ Denn sie fechten toll und kühn -- -- --«
+
+Die Alte war schlafen gegangen.
+
+»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin
+und lächelte.
+
+Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.
+
+»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur
+Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.
+
+Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech
+geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs
+Pflaster.
+
+Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel
+gegen den Himmel.
+
+Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein
+auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der
+Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt
+ihr . . . He?«
+
+Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
+
+»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und
+plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß
+den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit
+hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen
+Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat
+das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.
+
+Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
+
+Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang
+ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er
+seitdem verblieben ist.
+
+»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte
+der bleiche Kapitän.
+
+Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde
+stehen, wo ihre Wege sich trennten.
+
+Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend
+und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht
+ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig,
+weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen
+Wert! sag ich . . . Für uns nit!«
+
+»No und der Säbel?«
+
+»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich
+gleich heim geh.«
+
+Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der
+Schloßgasse.
+
+Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den
+Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den
+sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze
+an.
+
+Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die
+Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog
+die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie
+ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus
+gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel,
+und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir
+ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und
+blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden
+Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.
+
+Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.
+
+Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte
+die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte,
+kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in
+seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die
+Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es
+knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit.
+Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter
+strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die
+Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.
+
+Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete
+keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und
+schlief augenblicklich ein.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und
+Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn
+Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang
+seinen Arm nicht heben konnte.
+
+Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit
+dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor
+den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und
+die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den
+vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze
+Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene
+Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene
+torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war
+schwärzlich angelaufen.
+
+Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt,
+saßen auf der Anklagebank.
+
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in
+die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
+
+Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein
+inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend
+lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.«
+
+Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts
+Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr
+erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die
+königlichen Weinberge zu gelangen.
+
+Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der
+Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger,
+Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen
+Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die
+Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die
+Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im
+Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden
+Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe
+Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die
+Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen
+bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.
+
+Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter
+starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen
+streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der
+Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt,
+wie war die Sache.«
+
+Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr
+Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so
+frech und verdorben ist er . . . der Teufel.«
+
+Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während
+Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der
+Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf
+und rede.«
+
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war
+still.
+
+»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein.
+
+Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den
+senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner
+natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n
+halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
+und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und
+ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen,
+und später sind wir heimgegangen.«
+
+»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser!
+Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr
+noch mitgenommen habt.«
+
+»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.«
+
+Im Zuschauerraum war es ganz still.
+
+»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten
+und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.
+
+Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den
+Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum
+Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben
+mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte:
+»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten
+gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner
+stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem
+König seine Trauben.«
+
+Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen
+zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!«
+
+Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das,
+wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen
+Weinberg in Ruhe lassen.«
+
+»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß
+gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab
+ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.«
+
+»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt
+hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben
+versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . .
+Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.«
+
+Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft
+mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine
+Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.
+
+»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen,
+und . . .?«
+
+»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die
+Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich
+das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
+Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
+Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.«
+
+»Was ist das? Oldshatterhand?«
+
+»No, Michl, also Michl Vierkant.«
+
+»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?«
+
+»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns
+nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --«
+
+»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?«
+
+»Ja. Von Friedrich von Schiller.«
+
+»Nun, und dann?«
+
+»Hn?«
+
+»Was habt ihr dann gemacht?«
+
+»Dann haben wir registriert.«
+
+»Wie?«
+
+»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.«
+
+»Was habt ihr registriert?«
+
+». . . Also halt so. Also und alles.«
+
+»Zum Teufel, also was denn!«
+
+»Also halt einen Stallhasen.«
+
+»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?«
+
+». . . Gekauft! lebendig.«
+
+»Und was war weiter?«
+
+»Hell war's!«
+
+»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?«
+
+»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.«
+
+»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?«
+
+Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der
+Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also
+weil sie taub is.«
+
+»Was?«
+
+»Taub.«
+
+»Georg Bang!«
+
+Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu:
+»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand
+empört offen.
+
+»Georg Bang!«
+
+Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt
+war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau,
+während sein natürliches graubraun war.
+
+»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.«
+
+Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn
+Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.
+
+»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule.
+Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen
+herauszubringen ist.«
+
+Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr
+Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der
+Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und
+dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie
+empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens
+habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er
+einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten
+immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen
+niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?«
+
+»Wie meinen Sie das, Herr Mager?«
+
+»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient
+hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche
+freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle
+festhalten.«
+
+»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich
+langsam von seinem Staunen.
+
+Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte
+und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen
+Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das
+»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein
+Mensch in Würzburg wußte.
+
+Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder
+Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen,
+daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
+als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten
+so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des
+unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.
+
+»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine
+Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.«
+
+Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf
+Winnetou, ihren Sohn.
+
+»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein
+Schwur.
+
+Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir
+können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald
+Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und
+freundlich:
+
+»Du bist eine Doppelwaise?«
+
+»Ja!«
+
+»Du wirst mich doch nicht belügen.«
+
+»Nein!«
+
+»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?«
+
+Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein
+Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie
+Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich
+auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
+die alte Stadt.«
+
+»Wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.«
+
+Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende
+Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans
+Widerschein.«
+
+»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen
+geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging
+er zurück auf seinen Platz.
+
+Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten,
+die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu
+überweisen.
+
+Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu
+sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn
+wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen
+Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.
+
+Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner
+Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor
+sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne
+jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine
+lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache
+durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es
+nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu
+einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.«
+
+Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr:
+»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind
+sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden
+Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.«
+
+Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah
+zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten
+Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.
+
+»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.«
+
+Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den
+langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden
+Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich
+überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . .
+Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir
+nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und
+erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren
+Mutter ist . . .«
+
+Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie
+gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er
+eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der
+Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der
+Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
+außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte
+nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der
+Schundliteratur.
+
+Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre
+Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern
+befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner
+verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen
+auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr
+Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an
+sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu
+väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
+durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren
+Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins
+Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber
+freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf
+tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten,
+während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten
+schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun
+aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war
+Schulstunde.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel
+bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen
+Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
+wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich
+lächelnd auf ihn zurücksah.
+
+»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem
+Bruder, der Kriechenden Schlange.
+
+»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und
+lachte zu Oldshatterhand hinüber.
+
+Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der
+Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich
+nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die
+den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube
+und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.
+
+Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur
+Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit
+verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der
+Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang
+ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem
+gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren
+die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein
+blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging
+und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.
+
+Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer,
+schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika
+wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn
+Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von
+drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich
+beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen
+verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen
+aneinander.
+
+Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter
+als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die
+sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel
+geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie
+jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur
+e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu
+schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz
+doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit
+offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust
+heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut
+nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.
+
+Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
+
+»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte
+der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
+
+Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und
+lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der
+sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den
+Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
+angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der
+mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg
+fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!«
+
+Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin
+mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem
+überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber:
+»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten,
+einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem
+Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte
+und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
+heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.
+
+»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der
+Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.«
+
+Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb
+am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n
+rumpantsch.«
+
+»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund
+wurde klein vor Freundlichkeit.
+
+Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern
+da im Kreis rumhüpfe.«
+
+Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
+
+»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu.
+
+»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich
+auf den Schanktisch.
+
+Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam
+hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch
+gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt
+ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage
+verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein
+Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals
+war e bißle vom Strick geränft.«
+
+»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat,
+oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen
+Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau
+hinsah.
+
+»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.«
+
+»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und
+der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am
+Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue
+Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
+war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen
+verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein
+Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der
+hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte.
+
+Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen
+lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander
+auf dem Kanapee sitzen sah.
+
+»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze
+Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's
+Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die
+Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt
+versteh.«
+
+Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der
+Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten
+Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt
+gestülpt hatte.
+
+Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte,
+sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum
+Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines
+Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung
+erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der
+gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.
+
+»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.«
+
+Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen
+eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt
+wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.
+
+Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte
+aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um
+und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer
+auf den Schanktisch.
+
+Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare
+umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein
+paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im
+Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden
+glänzte schon.
+
+Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von
+einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die
+Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der
+seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf
+das Mädchen hinunterblickte.
+
+An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht,
+aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in
+den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
+wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.
+
+Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges
+Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf
+der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.
+
+Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit
+naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.«
+
+»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und
+die Rote Wolke sahen verständnislos drein.
+
+»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch
+und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den
+Garten.
+
+»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän
+Oldshatterhand.
+
+»Die . . . die machen was.«
+
+»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!«
+
+»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.«
+
+»Der freie Mensch steh Red und Antwort.«
+
+»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän
+das Gespräch ab.
+
+Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm
+Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.
+
+Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.
+
+»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf
+derweil, ob niemand kommt.«
+
+Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken,
+Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.
+
+Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und
+ab.
+
+Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte
+er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm
+weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und
+deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der
+langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.
+
+Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein.
+Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.
+
+Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem
+Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.
+
+»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon.
+
+Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den
+Schreiber: »Oooooo!«
+
+»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt.
+
+»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer<
+seid, bring ich mei Schwester mit.«
+
+»Bring halt die andere auch mit.«
+
+». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.«
+
+Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die
+Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.
+
+Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog
+einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und
+schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«,
+bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas
+Bier trink.«
+
+»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab
+selber nix.«
+
+Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen
+Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.«
+
+»Komm mal da her zu mir.«
+
+Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des
+Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne
+gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich
+und frech: »Was wollen Sie denn von mir?«
+
+»Gehst raus! Malefizlausbub!«
+
+Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's
+denn?«
+
+»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.«
+
+»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast.
+
+»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.«
+
+»Da, greifen Sie nur selber nei.«
+
+Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer
+gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom
+Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter
+größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
+Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in
+dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte
+Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem
+Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
+farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa
+Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze
+heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze
+erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach.
+
+»Habt ihr's Messer g'sehe?«
+
+»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend.
+
+»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.«
+
+Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe!
+Also muß a da sei.«
+
+Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die
+Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart,
+weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!«
+rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den
+bleichen Kapitän an.
+
+»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!«
+
+»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die
+Küchenlampe nit braucht.«
+
+Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war,
+ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.
+
+». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.«
+
+»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich
+schäm.«
+
+»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend.
+
+Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und
+schlich zur Tür hinaus.
+
+Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.
+
+Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.
+
+Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt
+nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben
+Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte
+er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe
+hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten
+Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst
+ankamen.
+
+Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten
+direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der
+Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken
+aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen
+dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.
+
+Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon
+versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch
+Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und
+sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin
+zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und
+flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.«
+
+Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und
+deutete boshaft auf die beiden.
+
+Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die
+Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten
+davon.
+
+Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main.
+Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.
+
+ * * * * *
+
+Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der
+ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des
+Herrn Mager hing noch drückende Stille.
+
+Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer
+Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie
+zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn
+jeder Schulstunde tat.
+
+Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen
+in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die
+Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande
+waren unter den übrigen Schülern verstreut.
+
+Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.
+
+Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife
+aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare
+standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen
+geordneten Igelschar glichen.
+
+Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.
+
+Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es
+schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.
+
+Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das
+Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in
+Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen
+Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
+blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.
+
+Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb
+jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das
+erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die
+Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte
+einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«,
+sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch
+lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß
+jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei,
+der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag
+und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste
+ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat,
+ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo
+denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel
+zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen
+großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
+aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis
+wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der
+größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen
+Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt
+hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel
+besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das
+sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!«
+
+Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.
+
+Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.«
+
+Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine
+Nerven nicht zu.
+
+Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von
+der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um
+einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen
+ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den
+Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte
+es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer
+Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein
+herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement
+-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu
+viel.
+
+Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach
+einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist
+nicht mehr da.«
+
+Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant!
+Raus!«
+
+Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf
+nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock
+des Herrn Mager.
+
+Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage:
+wer kommt nach Oldshatterhand daran?
+
+Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager
+atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die
+vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal
+geben darf.«
+
+Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine
+Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.
+
+Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen.
+»Wer meldet sich?« rief Herr Mager.
+
+Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch
+sitzen geblieben.
+
+Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken
+brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die
+Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den
+Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte
+ihn!«
+
+Oldshatterhand rührte sich nicht.
+
+Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte
+ihn!«
+
+Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich
+halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.
+
+Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich
+mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob
+Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
+gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem
+Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.
+
+»Hans Lux! Raus!«
+
+Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer
+standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte
+ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine
+Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm
+die Prügel entgegen.
+
+Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.
+
+Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die
+gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die
+Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang
+heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand
+auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand
+sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen
+und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut
+speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze
+Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen.
+»Hi! hihiha!«
+
+Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar
+Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf
+Oldshatterhand.
+
+Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück
+hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm
+nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar
+vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als
+tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.
+
+Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein
+Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden
+Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine
+Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform
+und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.
+
+Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf
+die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid
+trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter
+sich hatten.
+
+Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige
+Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm
+Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn
+Mager zuführte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der
+Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um
+Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig
+saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.
+
+Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit
+aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit
+einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen,
+außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit
+gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis
+zur Brust reichte.
+
+Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig
+machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen
+Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur
+anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage
+lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten
+schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.
+
+Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden
+Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.«
+
+Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen
+offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,
+parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den
+ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.
+
+Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die
+Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das
+Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch
+hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch
+einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach.
+So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und
+teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
+die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher
+war ein Zirkus in Würzburg gewesen.
+
+Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige
+Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der
+Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.
+
+Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez
+angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und
+giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf
+dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.
+
+Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und
+die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen
+Schloßbergrasen.
+
+Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen
+gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den
+Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend,
+sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.
+
+»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän
+zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester
+anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann
+direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten
+Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen
+Zöpfen.
+
+Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche
+Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen
+konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei
+hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,
+um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem
+einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und
+stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige
+Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das
+Bein gebrochen.
+
+In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.
+
+Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.
+
+Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der
+Rasen roch.
+
+Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,
+tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der
+Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.
+
+Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher
+etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über
+den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
+wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen
+anklammernd, in der Bahn herum.
+
+Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.
+
+Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein
+Indianer auf dem Gaul.
+
+Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!«
+
+Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem
+scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in
+den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und
+mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.
+
+Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert.
+Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.«
+
+Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.
+
+Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf
+den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch
+erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit
+Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem
+Bildwerk stand:
+
+ An diesem Ort is Alois Würz
+ Mit sein Heuwage umg'stürzt.
+ War glei tot, mitsamt die Roß.
+ War ein frummer Mann,
+ Drum is er auf der Stell
+ In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn,
+ Was mer vo seine Roß nit sag kann.
+
+Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine
+Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle
+Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem
+Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.
+
+Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum
+Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen
+Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete
+sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren
+Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen,
+wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge.
+
+Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu
+Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.
+
+Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur
+zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich
+unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.
+
+Es war jetzt ganz dunkel geworden.
+
+Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich
+nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .«
+
+»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel
+herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den
+Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß
+dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete
+Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.
+
+»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich
+erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.
+
+»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern
+will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa
+. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz.
+
+»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war
+furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den
+Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte
+Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht
+stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht
+auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da
+. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und
+die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . .
+fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet
+wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.«
+
+»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?«
+
+»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.«
+
+»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann,
+. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . .
+brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu
+stoßen.«
+
+»Pä! Ist das ritterlich?«
+
+»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . .
+Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf
+. . . Pfennig.«
+
+Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende
+Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der
+fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können,
+weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten.
+Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt
+du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen
+können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit
+Indianern vorbeifährt.«
+
+»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg
+ich.«
+
+Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und
+seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk,
+blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf
+dem Sockel sitzen sah.
+
+Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.
+
+Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf
+überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand,
+der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie
+genommen hatte.
+
+ * * * * *
+
+Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt
+wußte, daß der Kaplan der Vater war.
+
+Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung
+Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache
+verstummte das Gerede.
+
+Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine
+Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.
+
+Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou
+setzte sich und sah steif geradeaus.
+
+Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der
+Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand
+auf.
+
+Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach
+Winnetou um.
+
+Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die
+Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou
+nieder.
+
+Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten
+unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.
+
+Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel,
+wie vorher.
+
+Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah
+das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause
+umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es
+schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die
+Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou
+stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft
+geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die
+Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die
+Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng
+auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne
+Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr
+wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr
+verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn
+die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte
+langsam übers Haar gestrichen.
+
+Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper
+zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum
+Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er
+aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht
+mehr glücklich sein würde.
+
+Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter
+verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende
+ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich
+schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der
+Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des
+Bettes.
+
+Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und
+meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter
+tot sei.
+
+Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und
+rannte ins Sterbezimmer.
+
+Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.
+
+Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf
+die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich
+nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie
+immerzu:
+
+»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.«
+
+Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich
+zwischen die Schienen.
+
+Der Führer läutete.
+
+Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum
+Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die
+Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.
+
+Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste
+stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou
+wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im
+letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen
+rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.
+
+Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um
+nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.
+
+Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.
+
+Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen,
+als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.
+
+Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife
+am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust
+hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.
+
+Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir
+schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und
+zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und
+schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.«
+
+». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou
+und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.
+
+Verdutzt blickten sie ihm nach.
+
+Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte
+sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne
+Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten
+sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der
+Mutter empfunden hatte, wieder ein.
+
+Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.
+
+Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou
+unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen
+Räuberidealen nicht deckten.
+
+Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche
+lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert
+hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.
+
+Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie
+zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder
+in die Kirche ein.
+
+Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und
+als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte
+Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war.
+
+Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers,
+worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem
+heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs
+Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf
+den Schloßberglinden gefangen.
+
+Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.
+
+Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb
+sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.
+
+Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die
+blaue Luft.
+
+»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie
+wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach
+einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das
+Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.
+
+»Und wenn du mir den Finger wegschießt?«
+
+»Ich wer doch no das Kärtle treffe.«
+
+Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus,
+hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr
+rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand
+triffst.«
+
+Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und
+durchlöcherte sie.
+
+Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.«
+
+Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie
+mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.«
+
+Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und
+durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie
+fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir
+auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge
+lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.
+
+-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der
+Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.
+
+». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller
+Begeisterung.
+
+»Das kannst du ruhig riskier.«
+
+». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster
+hinausgeflogen.
+
+»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.
+
+Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und
+das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.
+
+»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A
+schöns Armreifle.«
+
+»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht
+schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.«
+
+Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den
+Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die
+Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte
+auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter
+der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das
+Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher.
+Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal
+mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und
+raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie
+zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am
+Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das
+Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem
+Hause.
+
+Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«.
+
+Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die
+Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.
+
+Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig
+und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr
+mit den Räubern.
+
+»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.«
+
+»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän.
+
+»Das Eichhörnchen.«
+
+Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit
+jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und
+mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von
+den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen
+Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei,
+wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht
+wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.
+
+Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag
+und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines
+gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein
+junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub,
+mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes
+Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte
+Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der
+einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal
+rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater
+war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der
+Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein,
+blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor
+vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt,
+als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht
+vergessen.
+
+Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben
+der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge,
+Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er
+im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing
+jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er
+als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.
+
+Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen
+Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab.
+Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«.
+
+Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und
+Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich
+aufgelöst.
+
+Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande
+zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.
+
+Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die
+Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die
+Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken
+läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen
+Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen
+Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur
+Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.
+
+Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die
+Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden
+Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in
+himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.
+
+Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren
+solche Altäre hergerichtet.
+
+Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den
+Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in
+ihren Sonntagsanzügen.
+
+»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou
+mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän.
+
+Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein
+Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug
+der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.
+
+Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle,
+Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in
+Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten
+im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der
+Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den
+Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten
+Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und
+getragen blasenden Blechmusikkapelle.
+
+Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der
+silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im
+Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz
+schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf
+die Erde gebreitet hatten.
+
+Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz
+war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und
+rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel
+der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter
+voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los,
+»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte
+wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten
+Sakrament.«
+
+Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem
+Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou
+und noch zwei Jünglingen getragen.
+
+Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft.
+Aber da war nichts zu machen.
+
+»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den
+Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.
+
+Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou
+gedacht.«
+
+Verstummt sahen die Räuber ihm nach.
+
+Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und
+Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den
+sonnigen Himmel: »O Maria hilf!«
+
+Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen
+Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener
+und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen
+angestellt; sein Geschäft blühte.
+
+Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs
+Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine
+Halsadern schwollen.
+
+>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn
+ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr
+Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein
+stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.
+
+Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser
+einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne
+und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues
+Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten
+es die Würzburger Stadtväter.
+
+Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche,
+schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und
+bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront
+des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.
+
+Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute,
+beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand --
+die Fensterscheiben klirrten.
+
+Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.
+
+Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans
+Kasperl-Theater, aus dem Fenster.
+
+Da unten war alles still.
+
+Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß
+ihrer ersten Jugend.
+
+In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein
+und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein
+Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue
+Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster
+waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und
+machte Bankerott.
+
+Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr;
+als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines
+Tages war er verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß
+beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.
+
+Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen
+Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.
+
+»Wo warst du?«
+
+»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt
+weiter.
+
+»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so
+oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so
+stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän
+und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der
+Welt. Das is ja ganz kolossal.«
+
+Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.
+
+»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand.
+
+»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen
+Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich
+dir's ja amal zeig.«
+
+Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und
+saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden
+Weidenbüschen umsäumt war.
+
+Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am
+Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa«
+schreiend über das Weidenland.
+
+Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen
+Himmel traten die Sterne hervor.
+
+»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte
+Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums
+Handgelenk.
+
+»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho!
+Oldshatterhand!«
+
+Der bleiche Kapitän grinste.
+
+»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst.
+
+»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.«
+
+»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch
+lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach
+Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind
+Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu.
+»Meerschiffe -- -- --«
+
+Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du
+was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.«
+
+»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.«
+
+»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern
+Büchern steht? He?«
+
+»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich
+hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet
+sind.«
+
+»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.«
+
+»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.«
+
+»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!«
+
+Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr
+Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?«
+
+»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit
+ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und
+das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn
+ich jetzt fortlaufen tät?«
+
+»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im
+Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich
+behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich.
+
+»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche
+Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal
+sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und
+konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein
+Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.«
+
+Es war jetzt tiefe Nacht geworden.
+
+Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam
+fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen
+hinunter.
+
+Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der
+Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang
+ein Mädchen.
+
+ * * * * *
+
+»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins
+Herz hinein erbebte.
+
+Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den
+Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger
+Bangen an die Arbeit gegangen.
+
+Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden
+ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die
+starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige
+Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge,
+sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte,
+wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick
+hielt fest.
+
+Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg.
+Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem
+allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit
+nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das
+neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des
+Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.
+
+Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige
+Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und
+der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen
+müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den
+mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des
+Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine
+Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau
+mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner
+Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.
+
+Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen
+aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte
+sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an.
+Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,
+der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für
+den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich,
+fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.
+
+Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber,
+lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die
+Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen!
+. . . Ich halt's nimmer aus.«
+
+Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins
+Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das
+Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog
+sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die
+Brille von der Nase fiel.
+
+Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden
+Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu
+drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße
+die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes
+Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.
+
+Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen
+des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem
+Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder
+seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.
+
+Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom
+schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein
+Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe
+er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die
+Schloßfalle zu schmieden.
+
+Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den
+unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu
+verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich,
+zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord
+im Walde« und damit die ganze Bibliothek.
+
+Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur
+Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.
+
+Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.
+
+Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und
+Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.
+
+Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf
+immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.
+
+Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.
+
+In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer«
+entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin
+hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße
+hin.
+
+Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch
+einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen
+ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach
+links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem
+Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.
+
+Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging
+weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte
+unter dem Brustbein.
+
+-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und
+blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß
+ein Mensch darauf.
+
+War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden
+gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die
+Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?
+
+Nie hatte er so einen Menschen gesehen.
+
+Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank
+werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt
+fühlte, wie von einem Gespenst.
+
+Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen
+dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den
+braunen Haaren schon graue.
+
+»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?«
+
+»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?«
+
+»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts
+. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und
+Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und
+Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
+geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun
+konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.
+
+Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein
+zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.
+
+Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig
+ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf
+in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie
+möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück.
+
+»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen
+wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles
+dumm und nicht wahr, was da drin steht.«
+
+Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist
+. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem
+Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein
+ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein
+blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.«
+
+Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich
+und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.
+
+Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte
+Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.
+Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem
+Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich
+bin nicht so schwach, wie ich aussehe.«
+
+»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem
+unbegreiflichen Lächeln.
+
+Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der
+Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten
+ein bewegtes Schattenmuster darauf.
+
+Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die
+Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade,
+endlose Straße hinaus.
+
+»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,
+denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.
+
+»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
+muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere
+ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach,
+unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder
+vorwärtsgehen -- -- --«
+
+Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden
+zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.
+
+Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen
+und ihn geküßt.
+
+Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner,
+und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens
+verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.
+
+Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern
+ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich
+zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der
+spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter
+hängen.
+
+»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?«
+
+»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.«
+
+»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du
+mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.«
+
+»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
+
+ * * * * *
+
+Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik
+schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp
+klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und
+surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen
+in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von
+Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er
+ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er
+in der Oper gewesen.
+
+Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will
+rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er
+sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so
+spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!«
+Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!«
+
+Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe
+jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem
+Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
+
+Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer
+richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer,
+verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
+plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die
+Vesperpause war gekommen.
+
+Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem
+schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten
+unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote
+säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob,
+wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne
+anzustoßen auf einmal unterzubringen.
+
+Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt
+zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer,
+in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse
+ich meine Bemmchen alleine.«
+
+Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen
+hinunter.
+
+Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern
+durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die
+noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu
+Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins
+Ohr.
+
+Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen
+Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der
+langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen
+schluchzend.
+
+Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit
+Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.
+
+Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und
+Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er
+umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
+Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht
+-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister
+oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen
+einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er
+brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu
+wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken
+nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner
+Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt,
+aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein,
+was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
+
+Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen
+geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine
+Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand
+in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi
+stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage
+lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der
+Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und
+der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr
+verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler --
+hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden.
+
+Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der
+ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht
+gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er
+selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
+klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge
+gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus
+den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im
+Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.
+
+Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den
+unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine
+Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer
+grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_
+geworden war.
+
+Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht
+unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war.
+Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar,
+die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als
+fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun
+der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.
+
+Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.
+
+Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften
+Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder,
+Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende
+Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik
+entlassen.
+
+»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging
+fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.
+
+Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter
+Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit
+wie ein Traum war die Straße.
+
+Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er
+Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine
+Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die
+linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und
+lang, durchschnitten seine Straße.
+
+Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war
+eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen,
+und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es
+roch nach Abort.
+
+In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.
+
+Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete
+ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein
+orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie
+doch näher, Herr Vierkant.«
+
+Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender
+Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich
+heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere
+hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese
+auch nicht.«
+
+Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des
+Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr
+heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet.
+
+Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne
+Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte
+Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war
+ärgerlich.
+
+Das Mädchen arbeitete emsig weiter. »Wie viel?«
+
+»Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig«, sagte er mürrisch.
+
+Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. »Davon kannst du dreißig
+zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir
+Weihnachten heiraten.«
+
+Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier
+Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief
+ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im
+andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des
+Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er
+sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging.
+Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe
+Gurke mit Salz.
+
+Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh
+hatte er sich erst eingemietet.
+
+Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem
+Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges
+Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das
+ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.
+
+Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte
+Wanzen.
+
+Er rief die Wirtin und kündigte. »Im Bett sind Wanzen.«
+
+»Ach nee.«
+
+»Unheimlich viel.«
+
+»Die beißen Ihnen doch nich.«
+
+»Sie haben mich gebissen.«
+
+»Aber die fressen Ihnen doch nich.«
+
+»Fressen?«
+
+»Tun se nich. Da ist der Kaffee.«
+
+»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber.
+
+»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.«
+
+Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt
+hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.«
+
+»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich
+drohend.
+
+»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der
+ratlose Oldshatterhand.
+
+Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer
+unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach
+vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf
+ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.
+
+Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf
+des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er
+im Bett fand, in den Mund steckte.
+
+Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem
+Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze
+Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts
+zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den
+mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo
+du wohnst.«
+
+Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins
+Wohnzimmer.
+
+ * * * * *
+
+Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht
+besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von
+Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in
+knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen
+angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden,
+wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm
+ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer
+dahinglitten.
+
+Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten
+plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und
+Nischen hervor.
+
+Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.
+
+Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.
+
+Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde
+Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein
+Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.«
+
+Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht
+war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der
+kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel
+klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das
+Haarzöpfchen.
+
+Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit
+glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame
+als Erster quer durch den Saal.
+
+Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand
+mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den
+frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
+ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid,
+was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben
+schien, denn er stotterte nicht mehr.
+
+Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif.
+»Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde
+mich sehr freuen.«
+
+Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der
+Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.«
+
+»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?«
+
+Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch
+vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den
+Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die
+breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und
+fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.
+
+Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen
+an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark
+entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu
+Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander
+verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause
+begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie
+dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.«
+
+Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber
+hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im
+Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute
+nicht. So ist es eben.«
+
+Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein
+irrsinniges Lachen.
+
+»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich
+vor Oldshatterhand.
+
+Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege
+zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen
+hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.
+
+Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch
+die kühlen Säle.
+
+Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen.
+Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem
+»Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an
+den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes
+Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht
+abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich
+vorsichtig um.
+
+Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade
+noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.
+
+Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den
+er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben
+glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah
+stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und
+lächelten, wenn er kam.
+
+Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft,
+und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft
+mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume
+dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er
+liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen
+Hügel.
+
+Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und
+malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.
+
+Darüber verging ihm der Winter.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger
+Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich
+entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den
+ganzen Tag über im Wasser herum.
+
+Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum
+Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß
+die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch
+nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang,
+daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen,
+mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter
+sich zu schieben.
+
+Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte
+alle seine neu angeschafften Hanteln durch.
+
+Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen
+Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen
+geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der
+Kammer einzustürzen drohte.
+
+Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«.
+
+Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr,
+trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge
+davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt,
+der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn
+es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.
+
+Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die
+Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um
+seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des
+Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer
+Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch
+Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu
+erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.
+
+Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das
+Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.
+
+Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den
+eingefallenen Wangen.
+
+»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man
+nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf
+der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt,
+mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst
+schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des
+bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus.
+
+Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.
+
+Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder,
+nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins
+»Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das
+Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war
+wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der
+König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen
+mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen
+laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei
+Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft
+»Walfisch« geworden.
+
+Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der
+Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen
+hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er
+war.
+
+ * * * * *
+
+Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der
+Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin
+und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes
+entstand in ihrem verhärmten Gesicht.
+
+Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der
+Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch
+den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker
+junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß
+gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes
+Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er
+zog eben braune Glacéhandschuhe über.
+
+Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant,
+streckte ihr die Hand hin und lächelte.
+
+Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den
+Kopf.
+
+Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr
+als einen Kopf größer geworden.
+
+»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der
+Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt.
+
+Winnetou fehlte.
+
+Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das
+Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für
+einen Athleten.«
+
+Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant
+Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch.
+
+»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle
+Schreiber.
+
+Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da
+gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander
+gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel
+und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen
+Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in
+rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide
+. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie
+dich an, rufen sie dich . . . und so halt.«
+
+»Bist neigange mit so'n Mädle?«
+
+»Hi! hihiha!«
+
+»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann
+man an dir merk.«
+
+»Ich mach ja gar nix mit Mädli.«
+
+»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas
+denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem
+Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber
+noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es
+verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.«
+
+»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb
+Pfund.«
+
+»Kriegst vielleicht davo Kraft?«
+
+»He?«
+
+»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich
+euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.«
+
+»So, jetzt.«
+
+Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über
+seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den
+Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die
+zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im
+Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche
+Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote
+Tüchlein war vorgebunden.
+
+Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte
+von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste
+gefallen.
+
+Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen
+Körper. Der war hart wie Elfenbein.
+
+Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und
+prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine
+Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß.
+
+Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich
+verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt
+mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf
+intelligenter Basis.«
+
+»Was ist das? Basis?«
+
+». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die
+Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen
+uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in
+meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von
+wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag:
+hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt
+schon, was ich mein'.«
+
+»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke.
+
+»Kriegst amend davo Kraft?«
+
+»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat
+möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch
+gar nie aus Würzburg draußen.«
+
+»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber
+wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche
+Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und
+den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig
+entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein.
+
+Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet.
+
+»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.«
+
+Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn
+du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens
+manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder
+Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.«
+
+Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem
+alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen
+Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.
+
+Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem
+Athletentisch.
+
+Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller
+Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber.
+
+Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger
+Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die
+Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und
+seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg,
+dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich
+ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling.
+
+Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum
+hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein
+und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.
+
+»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden.
+
+»Auf die wogende See.«
+
+»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . .
+
+ »Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,
+ Geschwind, wie der Sturm und Wind.«
+
+ * * * * *
+
+An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner
+Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert
+Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte
+Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in
+vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der
+frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.
+
+Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren
+Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im
+Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige,
+welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um
+Vergebung ihrer Sünden baten.
+
+Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe
+gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese
+abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei
+Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten
+sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend
+das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt,
+endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.
+
+Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine
+Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem
+Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man
+sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen,
+bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe
+Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde.
+
+Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen
+vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die
+Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick
+gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter
+eingesunken sei.
+
+Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich
+vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste
+Stufe rutschte.
+
+Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den
+Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser
+Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die
+Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging.
+
+Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart,
+aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an.
+
+>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten
+sitzen<, dachte Oldshatterhand.
+
+Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche
+herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker
+und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein
+Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden
+Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte
+eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern.
+
+Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen,
+Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse,
+Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein
+Schnäpschen war zu haben.
+
+Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene
+Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die
+verstaubte Menge.
+
+Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der
+Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel
+erklang.
+
+Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken
+nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den
+Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die
+teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
+prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang
+feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.
+
+Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an
+Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs,
+die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke
+Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.
+
+»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte
+einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad.
+Vielleicht hilft's.«
+
+»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand.
+
+Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite:
+neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen
+Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend.
+
+Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn
+Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.
+
+Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden
+Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine
+halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister
+Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte,
+und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte
+sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein
+großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte.
+
+Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und
+verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou
+gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der
+Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der
+Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch
+manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt
+schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle
+hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der
+Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen.
+Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib
+hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei-
+oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden,
+der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte,
+dann ließ er auch das gelten.
+
+Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune
+umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange,
+schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen
+Beruf hatte er nicht.
+
+Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an
+Weinbergen vorbei.
+
+Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am
+Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen
+Arm wenigstens schließen, meinte sie.
+
+Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager,
+der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem
+Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er
+von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.
+
+Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie
+ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm
+der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant
+auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der
+nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten
+werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte.
+
+»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens
+die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen,
+dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.«
+
+Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund
+geblieben.
+
+Versonnen schritt die Schwester weiter.
+
+Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in
+ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah.
+
+»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und
+nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt,
+und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange
+mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen
+. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann.
+Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!«
+
+Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin
+stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der
+Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner
+warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und
+hinkte heulend weiter.
+
+Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer
+Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?«
+
+»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.
+
+Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer
+noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch
+die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger
+Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur
+aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei
+Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch
+mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle;
+Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser,
+Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz
+verschönten die Landschaft.
+
+Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von
+Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.«
+
+»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die
+verwirrt aufstand und vorausging.
+
+»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann
+möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du
+bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von
+Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich
+gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt!
+Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .«
+
+»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!«
+
+Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein
+silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke
+mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.
+
+Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem
+Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne
+beschienen, leuchteten rot.
+
+»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.
+
+Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und
+stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.
+
+So gingen sie nach Hause.
+
+ * * * * *
+
+»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade
+noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is
+er?«
+
+». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der
+König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in
+den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen
+wir.«
+
+Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen
+Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um
+einen aufgebahrten Sarg herum.
+
+Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.
+
+Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und
+lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die
+Tanzenden den Boden zu glätten.
+
+Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im
+Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet
+war. Es hatte große enthaarte Stellen.
+
+Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte
+mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber
+seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der
+Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen,
+beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.
+
+Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube.
+Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon
+drinnen und tranken grünen Likör.
+
+Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne
+Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel
+herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.
+
+Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der
+Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am
+Gründonnerstag mitzuwallen.
+
+Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen
+in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen
+war.
+
+»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!«
+schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a
+Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er
+hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen
+Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote
+Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung
+mitgeteilt.«
+
+»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das
+Herze«, sagte der Sachse.
+
+»Jau, Herze!«
+
+Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der
+Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif.
+
+Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum
+herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl
+aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke.
+
+Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum
+herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im
+Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff
+ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück
+in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe
+zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah
+im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken.
+
+»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte,
+»aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr.
+
+Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der
+großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den
+Ministranten und dem hinkenden Flickschneider.
+
+Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es
+über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus
+vobiscum. Et cum spiritu tuo.«
+
+Die Weiber waren auf die Knie gesunken.
+
+Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der
+Brust.
+
+ * * * * *
+
+Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am
+Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals
+zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit
+mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?<
+
+Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß
+glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal
+war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der
+Erde.
+
+Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein
+Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen
+Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing.
+
+Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu
+verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden
+bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.
+
+Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise,
+sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn
+die blaue Ferne genommen.
+
+Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob,
+hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem
+Flusse.
+
+»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und
+malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das
+fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort
+Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«.
+
+»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö
+. . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten
+Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden
+gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes,
+das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein
+kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken
+eines Frosches.
+
+Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und
+wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.
+
+Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen
+sich das Licht der Laternen brach.
+
+Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein
+dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester
+des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin
+und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.
+
+Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.
+
+Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel
+versteckt.
+
+Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht,
+wurde es still -- der Regen hatte geendet.
+
+Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den
+Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch
+die Regenlachen über die Straße.
+
+Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der
+Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch
+aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel
+zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender
+Hüftbewegung auf ihn zuschritt.
+
+Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich
+Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.«
+
+»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es.
+
+Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts
+Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig.
+
+»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In
+eeewiger Liebe.«
+
+Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden.
+
+»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?«
+
+»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus.
+
+Er ging ganz langsam weg.
+
+»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach.
+
+Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl,
+stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der
+Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen
+Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm
+auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie
+wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse
+von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!«
+
+Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des
+Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand
+eintrat.
+
+Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee.
+Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein
+Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.
+
+»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's
+ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.«
+
+»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr
+mitnander. Dumms Mädle.«
+
+»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das
+sein?«
+
+»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der
+nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein
+Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was
+Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich
+rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.«
+
+»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich
+Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am
+linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer
+und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«.
+
+Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich
+so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen,
+diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele
+Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.
+
+Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt.
+Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein
+vorgebunden.
+
+Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen
+Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit.
+
+Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der
+andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine
+Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen,
+die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er
+atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand,
+kontrollierte die Zeit.
+
+Der Schreiber stöhnte.
+
+»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend.
+
+Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.
+
+Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und
+alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu
+sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt.
+
+Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß
+Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit
+geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
+haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern
+hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr.
+
+»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier!
+Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen
+mit der schönen Kellnerin.
+
+Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles
+ins Büchlein.
+
+Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an
+Umfang zugenommen hatte.
+
+Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und
+Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem
+Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.
+
+»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie
+sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die
+Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie
+herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche
+kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen
+müssen Sie anhaben im Bureau.«
+
+Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch,
+wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen
+auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg
+anzutreten.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten
+Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die
+Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt.
+
+Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn
+ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein
+Monokel vor dem Auge.
+
+»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich.
+
+Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich
+über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.
+
+»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.«
+
+»Ich geb's Ihnen!«
+
+»Und wieviel soll das Bildchen kosten?«
+
+»Kosten?« -- -- --
+
+Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher
+beugte sich vor, um das Bild sehen zu können.
+
+»Vielleicht . . . eine Mark?«
+
+Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte
+und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie
+fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz,
+bitte.«
+
+Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel
+beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn
+sehen konnte.
+
+Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie
+ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren.
+
+Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk
+vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch
+-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für
+Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant
+. . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat
+einen Wert von sechzig Mark.«
+
+Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen
+seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins
+Ungemessene.
+
+Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf
+und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um
+gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
+Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.
+
+Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war,
+denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen
+worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei
+bereichert.
+
+Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln
+gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem
+Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!«
+
+»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm
+zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und
+ging weiter.
+
+Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben
+Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch
+Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen
+Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei
+kam.
+
+Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein
+Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung.
+
+Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen
+Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener
+bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
+. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr
+Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger
+Juliusspital.
+
+Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.
+
+». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.«
+
+Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine
+Trinkgelder!«
+
+Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie
+sie durch die dunkle Anlage davonsprang.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem
+quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen
+Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?«
+
+Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so
+weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette
+hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir
+gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus
+einem Meßzylinder Urin durch die Filter.
+
+Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter
+Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei
+und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr
+geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die
+Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes
+Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind
+die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?«
+
+»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das
+macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.«
+
+Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht.
+Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert
+Frauen haben?«
+
+Der Türke lächelte.
+
+»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?«
+
+»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er
+brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber
+Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium
+arbeiteten.
+
+Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede
+Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend
+Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?«
+
+Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch
+fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch
+mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns
+. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.«
+
+Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher.
+Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon
+von weitem kommen hörte.
+
+Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich
+interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig
+Reagenzgläser.
+
+Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat
+hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und
+geschickten Diener entlassen.
+
+Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr
+Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause
+begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang
+sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu
+verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr
+Leisegang schon sorgen.
+
+Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für
+Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und
+versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein
+Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines
+Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den
+berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.
+
+»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich
+doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das
+Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins
+Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine
+Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt
+das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht.
+Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn
+Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem
+Laboratorium.
+
+Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche
+später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war
+siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.
+
+Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen
+Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit
+Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein
+irrsinniger, weißer Kreis.
+
+Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins
+Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.
+
+Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem
+Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.
+
+Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie
+tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den
+Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen
+Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn
+ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft
+kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte
+kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von
+zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein
+in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum
+Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.
+
+Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch
+die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder,
+den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke.
+Frisches Blut.
+
+Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus
+Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die
+Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.
+
+Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien,
+Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote
+Kälber schleppten.
+
+»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen
+Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte
+Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist
+du jetzt Metzger?«
+
+»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und
+hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.
+
+Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um,
+blöde auf die Kriechende Schlange zurück.
+
+»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!«
+
+». . . Blut soll ich holen.«
+
+»Kannst 'n Faß voll hab!«
+
+Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den
+verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern
+aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen.
+
+Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag
+darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser
+klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er
+zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper,
+durch das Herz.
+
+Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein
+Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus,
+überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal,
+durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische
+aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.
+
+Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die
+Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme
+heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite.
+
+Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen.
+Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen
+verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe
+neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.
+
+Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb
+einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die
+Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf
+den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend
+schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos
+weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase.
+Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach,
+breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen
+wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag.
+
+»Fertig?«
+
+Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht
+gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das
+Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer
+war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den
+Schlachtstand.
+
+Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin
+und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut
+ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.
+
+Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch
+den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ
+ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die
+Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie
+kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.
+
+»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte
+Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.
+
+»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende
+Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.«
+
+»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A
+. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja
+noch gelebt.«
+
+»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend,
+warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ
+Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor
+Vergnügen.
+
+Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für
+ihn bereit lag.
+
+Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im
+Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem
+Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte
+es um und schob es weg.
+
+Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit
+angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen,
+brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die
+Höhe gereckt.
+
+Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie
+ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen
+Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen.
+
+Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne.
+Die Spatzen flatterten und schrien.
+
+Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus
+vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger
+Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große
+Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.«
+
+Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den
+unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich
+die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah
+aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden.
+
+Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück
+ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.«
+
+»Ich muß aber Blut haben.«
+
+»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch
+einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!«
+wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal;
+da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates,
+während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den
+Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete.
+
+»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch
+selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt
+drehen Sie einmal.«
+
+In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das
+Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.
+
+»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der
+glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin.
+
+Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke
+gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten
+Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich
+der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener
+Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte,
+wissende Mundlinie.
+
+Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen
+zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert
+lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf
+den Gang.
+
+Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und
+flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.
+
+»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer,
+Dicker. »Hat er heute schon gelacht?«
+
+Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem
+Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir
+alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.«
+
+Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt.
+
+»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke.
+
+Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat
+erwartet Sie«, und hinkte energisch voran.
+
+Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus,
+hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut
+dem Türken. Der reichte ihm eine Mark.
+
+»Ich nehme kein Geld dafür!«
+
+Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand
+die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin,
+weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die
+kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf
+den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte
+zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen
+stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch
+gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide
+Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube.
+
+ * * * * *
+
+An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die
+Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.
+
+Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor
+kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen
+und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge
+der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf
+ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen
+und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie
+geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der
+Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster
+herauswarfen.
+
+»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte
+Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend
+standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen.
+
+»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar
+Schritte zurück.
+
+Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte
+und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.«
+
+Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen
+im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht
+sehr schnell durch die Gasse.
+
+Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die
+Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er
+heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen
+zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten
+Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.
+
+Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei
+gewesen war.
+
+In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den
+drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa
+Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein.
+
+Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den
+Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch,
+drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten
+noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor
+seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen
+präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand
+sich nicht rührte und nicht sprach.
+
+Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden
+Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor
+Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.
+
+Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee
+sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf,
+erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als
+er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock
+hinauf.
+
+In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes
+weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die
+rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.
+
+Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor
+Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an
+ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein
+ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.
+
+»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?«
+
+Er gab ihr das Geldstück.
+
+Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu
+sich.
+
+Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.
+
+Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm,
+greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte
+noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt
+du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher
+benachrichtigt zu haben.
+
+Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die
+langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln.
+
+Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe,
+sagte er apathisch: »Ich hatte keine Briefmarke.« Und rief plötzlich in
+unbegreiflicher Begeisterung: »Was denkst du! Das ist anders, da draußen
+in der Welt!«
+
+Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf
+seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als
+Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends
+zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte
+und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen
+seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig
+zerfallenen Gesicht deutlich ablesen.
+
+Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als
+Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als
+Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen.
+
+Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen
+gerichtet zu dieser Zeit.
+
+Und die Familie Benommen war ehrgeizig.
+
+Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig
+hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich
+vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte
+sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das
+diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt
+erscheinen lassen konnte.
+
+Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer
+strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr
+Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein
+Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren
+toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.
+
+Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der
+bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor
+dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem
+Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der
+Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen
+Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf
+und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach
+einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im
+Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber
+in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der
+bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. »Ihr habt keinen
+Charakter!« stieß er hervor.
+
+»Nun, und du?« lachte der total betrunkene Schreiber mutig.
+
+». . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab
+Charakter!« Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und
+lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab.
+Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang,
+sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.
+
+Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und
+war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder.
+
+So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat
+Glück in Amerika.
+
+»Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug
+ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!« schrie der rote Fischer.
+
+In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie
+Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder.
+
+So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und
+schweigender Verachtung umgeben.
+
+Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des
+Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich
+schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu
+seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den
+Räubern unter die Füße.
+
+Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit
+niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer
+seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der
+Amerikaner durfte wenig ausgehen.
+
+Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte,
+einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der
+Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis
+Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die
+Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen
+wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen.
+Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute
+morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut
+stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann
+sofort, die Pläne zu zeichnen.
+
+Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des
+Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen,
+ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr
+Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren
+die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.
+
+Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in
+einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine
+Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz
+unerwartet, und verächtlich lächelnd: »Ha! Hinaus in die Welt!« mitten
+in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich
+aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den
+Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe,
+um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei.
+
+Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem
+Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine
+verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen.
+Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer
+auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur
+seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu
+schlagen.
+
+Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner
+am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im
+Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau
+abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer
+entlang.
+
+Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt,
+diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das
+Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde
+spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten
+Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen
+die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so
+komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen.
+In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.
+
+Der blieb in Kniebeuge hocken. »Sie müssen erst einmal hinaus in die
+Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe.
+Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.«
+
+»Hi! hihiha!«
+
+Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne
+und rollte das große Papier auf.
+
+Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine
+riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre
+auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die
+Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von
+oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden
+Eisenbahnzug zermalmt.
+
+»Dort!« schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke
+mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, »die reiße ich weg!
+. . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen
+fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?«
+
+»Ja! Ja!« heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den
+Augen. »Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte
+vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere
+und stürzte bewußtlos zusammen.
+
+Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die
+Knie gestützt. »Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt
+nicht hinaus in die Welt«, sagte er und lächelte immerzu.
+
+Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den
+Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den
+Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am
+Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden
+zur Wache.
+
+Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die
+Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig
+Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch
+durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse
+gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der
+Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie
+Benommen beim Teufel sei. »Mein Heiner soll's gut haben«, hatte die
+Mutter geantwortet.
+
+Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die
+Irrenanstalt.
+
+Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden
+war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz
+unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und
+liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach
+Schluß der Schulstunde.
+
+Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen
+Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn
+diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu,
+streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. »Nun, was
+macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber
+eine Hitz! Ich mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.« Er lachte
+schallend.
+
+Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche
+Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im
+reinsten Hochdeutsch sprach: »Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht,
+Oskar.«
+
+»Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.« Er haschte
+einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die
+alte Linde.
+
+Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter
+nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug
+immer bis zur Hälfte zu leeren. »Weiß der Teufel, so eine Hitz!« rief er
+und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter.
+
+»Trinkst du jetzt wieder?« fragte der Schreiber.
+
+»Gott, natürlich. Warum denn nit?«
+
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das
+Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb
+begeistert offen stehen.
+
+Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den
+Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein
+Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne,
+lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche
+Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte
+er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die
+Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel
+trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den
+Tisch zurück und brüllte: »Sauft!«
+
+Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er
+feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche
+Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte
+bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im
+Kopf wie Benommen der Amerikaner.
+
+Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten
+könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz
+aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht
+mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann
+geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem
+Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher
+in seinem Leben.
+
+Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch
+nichts mehr von ihr.
+
+In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die
+kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu
+umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und
+Negerlippen, wie der bleiche Kapitän.
+
+Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe,
+lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der
+Anfang.
+
+Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse
+der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren
+hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen
+Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit,
+dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen,
+aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein
+zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr
+Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet.
+Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die
+Witwe Benommen und war befriedigt.
+
+Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten,
+die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der
+ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe
+verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm
+passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag
+zwanzig Mark kostet.
+
+Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher
+geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder
+freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und
+Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen
+Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen
+gestülpten Benommenschen Lippen.
+
+Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal
+die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und
+aufmunternd sagte: »No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.«
+So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig
+und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte.
+
+Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den
+Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein
+Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages
+der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.
+
+Jahrelang wußte niemand, wo er war.
+
+ * * * * *
+
+Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf
+den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut
+vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen
+garniert war.
+
+»Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett«, sagte Herr Leisegang, nahm
+sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis
+seine Frau hereinkam. »Wo ist meine Desinfektionsvase!«
+
+Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte
+eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das
+Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die
+desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.
+
+Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die
+Geldstücke.
+
+Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer
+Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke
+mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer
+schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten
+mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so
+eine vielfarbige Decke gewünscht.
+
+Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf
+sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem
+Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß
+auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube
+war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus.
+Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch
+leer.
+
+Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er
+so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer
+siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte
+Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt.
+
+Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er
+vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der
+täglich zu den Mönchen aufs »Käppele« ging.
+
+Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in
+der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte.
+»Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter
+Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler
+gäbe.« Das wiederholte die Rote Wolke täglich.
+
+An einem Abend hatte er wieder in »Wilhelm Tell« im Stadttheater
+statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr
+stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne
+beschienen. »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, rief er und wies
+mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine
+alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf
+schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief:
+»Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend' ich's, die
+Gelegenheit ist günstig.«
+
+Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner
+Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad
+Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas
+vorspielen dürfe.
+
+Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit
+den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah
+traurig hinunter in den Fluß.
+
+Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen
+dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand
+auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: »Brauch' i denn no'n
+Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am
+Stadtufer a.«
+
+». . . Warum denn am Stadtufer?«
+
+»Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens
+wieder amal in mein Schelch.«
+
+Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts.
+Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht.
+Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv
+aus.
+
+Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts.
+Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der
+Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen
+Sandinsel, wo die Weiden stehen.
+
+Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.
+
+»Ich rudere euch ein wenig herum«, sagte Oldshatterhand, der im
+schaukelnden Schelch saß.
+
+Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses.
+Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben.
+
+Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste
+befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das
+zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten.
+Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam.
+
+Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an
+den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten,
+klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser
+sinken.
+
+»Kunst ist heilig«, sagte die Rote Wolke gedämpft.
+
+Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. »Wir
+werden Romeo und Julia zusammen spielen«, sagte sie und sah der Roten
+Wolke sanft in die Augen.
+
+»Julia!« erwiderte die Rote Wolke verhaltend.
+
+»Und du bist Romeo.«
+
+»Da ist doch nix dabei«, flüsterte der Schreiber heftig. »Ich weiß nit,
+warum du so eine Furcht davor hast.«
+
+Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr
+erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an
+Lenchen Leisegang.
+
+»Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu«, hörte
+Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern.
+
+»Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!«
+
+Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die
+hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann.
+
+»Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten«, sagte
+Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen
+Leisegang die Ruder los. »Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas
+werden. Vielleicht berühmt.«
+
+Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem
+Wasser und fiel zurück.
+
+Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: »Die Kunst. Die Kunst . . .
+Tempel.«
+
+»Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich«, sagte das
+Lehrerstöchterchen.
+
+»Rudre ans Ufer!« schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm
+abgerückt steif auf dem Querbrettchen.
+
+Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch
+fest.
+
+Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise
+herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts
+neben ihm her.
+
+»Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!«
+schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale
+des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen,
+die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der
+Stadt waren. Die Würzburger »Strizzi«, von denen jeder sein im Griffe
+festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten
+beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie
+ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen
+vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die
+alle schon gesessen hatten.
+
+»Laß sie doch«, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg,
+der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief:
+»Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!« Die weiteren Bemerkungen gingen
+unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat
+von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse.
+
+»Ich muß jetzt jemand abhol«, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und
+sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm
+gingen.
+
+Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand,
+blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause.
+
+Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. »Weil
+ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no
+lang nit zornig zu sein.«
+
+»Du darfst mir nachmachen, soviel du willst«, sagte Oldshatterhand und
+lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er
+nachdenklich fort: »Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es
+auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?«
+
+». . . Nein, das versteh ich nit.«
+
+». . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür.
+Verstehst du?«
+
+»Ich weiß nit, was du da redst.«
+
+»Ja, es ist sicher so«, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging.
+
+Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.
+
+»Laß mi amal schnupf!« rief einer der »Vierröhrenbrunnensteher«.
+
+»Wer ist denn das?« fragte ein anderer.
+
+»Metzger ist er . . . Da geh doch her.«
+
+Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die
+Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.
+
+Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen
+Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht
+er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei
+Würzburg geküßt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen
+Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf
+vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang
+wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare
+gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von
+Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein
+Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih
+und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den
+Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen
+sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu
+unterscheiden -- plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das
+Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen
+alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das
+einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses
+Hochwaldes sein.
+
+In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues
+Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem
+Dache.
+
+Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt,
+dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden,
+die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg
+am »Letzten Hieb« gehängt worden.
+
+In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler
+Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand.
+
+»Dieses Haus gehört niemand«, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger
+Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom
+grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. »Und es wagt sich
+auch keiner in die Nähe.«
+
+Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener,
+bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg,
+von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm
+unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand
+das Wenige, das er selbst besaß.
+
+Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die
+technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen,
+was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten
+übergroßer Begeisterung.
+
+Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und
+oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen
+Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde
+von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse
+heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald.
+Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen
+Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und
+geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts
+ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene
+Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß
+es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell
+die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen.
+
+Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um
+Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und
+wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.
+
+Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte
+einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts
+anzuziehen. »Das ist die weichste«, sagte Grünwiesler und schleuderte
+eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte.
+
+Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon
+an.
+
+Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen.
+»Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen«, sagte er
+zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon
+hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. »Und eine
+einzige große Lilie, vorne herauf.«
+
+Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich
+nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem
+Eichenast.
+
+Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar
+nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang
+ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie
+sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts.
+
+»Ihr schenkt ja auch niemand etwas«, sagte Oldshatterhand zu
+Grünwiesler. »Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen
+hat's.«
+
+Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in
+den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die
+langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann
+schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald
+verwachsen.
+
+»Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie
+bleibt ja doch auf immer da«, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen.
+
+»Wenn sie's erlaubt«, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten
+Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am
+Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll
+Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive.
+
+Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal
+umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So
+sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr
+gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten.
+
+Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm
+vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese.
+
+Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler,
+verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und
+reichte Grünwiesler einen Brief. »Von wem mag jetzt der sein«, fragte
+der Briefträger. »Da ist ja gleich was drauf gemalt.«
+
+Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor
+Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde.
+
+»No, von wem is jetzt der Brief?«
+
+»Von meinem Freund Immermann.«
+
+»Der is gewiß auch so ein Maler?«
+
+Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: »No, dann grüß
+Ihne Gott«, und ging.
+
+Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß
+Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für
+Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob
+Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser
+Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne
+man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe.
+Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand
+komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise
+Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel
+Einsicht verlangen. »Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,« schloß
+der Brief, »im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit
+diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir.
+Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male
+Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.«
+
+Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die
+Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg
+an.
+
+Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei.
+
+»Wie ist das?« fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein
+angefangenes Bild auf die Staffelei.
+
+»Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.«
+
+»Dann erklär mir's doch, woran's liegt.«
+
+»Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die
+Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.«
+
+»Du kannst nichts erklären!« schrie Oldshatterhand erregt. »Erklär doch!
+Erklär doch!«
+
+Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild.
+
+Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. »Zeig
+mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch
+ist!«
+
+Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.
+
+»Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!«
+
+»Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive«,
+sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: »Es gibt auch noch
+eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's
+schon.«
+
+»Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein
+Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!«
+
+Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut
+über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner,
+pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem
+Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten
+gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war,
+drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem
+aufbrausenden Schüler sagte er stockend: »Quäl mich nicht . . . Warum
+quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.« Nur ein gefährliches
+Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die
+jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem
+Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.
+
+Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.
+
+Oldshatterhand wurde sofort ruhig. »Ich packe es schon noch«, sagte er
+und lächelte Grünwiesler an. »Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll
+ich Tee eingießen?«
+
+»Oh, das wär lieb von dir«, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich
+hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ». . . Du, ich hab einen Brief
+bekommen von Immermann.«
+
+»Was schreibt denn der?« fragte Oldshatterhand mit gemachter
+Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu
+haben.
+
+». . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich
+geh übrigens diese Woche noch zu ihm.«
+
+»Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.«
+
+»Nein«, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor,
+wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein
+entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. »Aber ich muß ihn wieder
+einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.«
+
+»Pf!« machte Oldshatterhand verächtlich. ». . . Zeig mir einmal den
+Brief.«
+
+»Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich
+ihn geworfen.«
+
+»Du hast den Brief noch!« fuhr Oldshatterhand auf. ». . . Immermann hat
+wieder schlecht über mich geschrieben.«
+
+»Nei . . . n«, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen
+Oldshatterhands bedauerte.
+
+»Sei nur still! . . . Ich weiß schon.«
+
+». . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand
+etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt
+. . . So ist Immermann nicht.«
+
+»Du lügst! Ich seh dir's an.«
+
+»Wiesooooo?« erwiderte er traurig singend.
+
+»Du lügst einfach!«
+
+Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. »Wenn du's
+wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben
+. . . Schenk mir noch einen Tee ein!« rief er kameradschaftlich. »Den
+hast du fein gemacht.«
+
+Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. »Ich kenn den
+Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der
+Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist
+und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch
+zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!«
+
+»Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander«, sagte Grünwiesler
+fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. »Singen wir jetzt
+ein Lied?«
+
+Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: »Zu dem Lied
+malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden
+sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.« Er sah
+Oldshatterhand in die Augen.
+
+Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in
+steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. »Was Immermann
+malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst
+hat's keinen Sinn.«
+
+»Mnja«, sagte Grünwiesler im Halbschlaf.
+
+»Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben«, rief er frohlockend. »Alle
+werden zu mir kommen.« Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden
+hörte, dachte er allein weiter.
+
+ * * * * *
+
+Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch
+den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung
+nach Würzburg.
+
+Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen
+zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte
+sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.
+
+Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm
+Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne
+berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein
+schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen
+Frühlingshoffnungen ruhten.
+
+Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber
+die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben.
+
+»Komm, gehn wir«, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus
+und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose
+Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag.
+
+Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel
+in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte
+den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche
+Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis
+zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. »Wenn ich jetzt rasend
+zornig sein könnte.« Grünwiesler sah erschrocken auf. »Ich könnte ja
+hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen
+kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen
+nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.« Er sah Grünwiesler
+an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand
+blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.
+
+»Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch
+unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen
+sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!« atmete
+er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung.
+
+Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße
+hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen
+Bauernhäuschens in der Sonne glühte.
+
+Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah,
+als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte
+Oldshatterhand: »Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.« Und was
+wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt
+ist. »Es ist ja kein Ofen im Haus.«
+
+»Nein«, sagte Grünwiesler nachdenklich, »Türen hat das Haus nicht.«
+
+ * * * * *
+
+Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige
+Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers
+Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen
+unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab.
+Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine
+Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll
+aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein
+junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte
+sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel,
+stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus,
+durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von
+einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.
+
+»Herr Tierarzt Amrhein«, stellte der Gutsbesitzer vor. »Und das ist mein
+lieber Freund Immermann.«
+
+Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen
+kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den
+Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit
+verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf
+den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und
+tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus.
+Sie war schwanger.
+
+»Lassen Sie den Eber heraus!« rief der Gutsbesitzer ihr nach. »Bringen
+Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.«
+
+Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann.
+Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und
+errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den
+geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann.
+
+»Wie geht's mit deiner Gesundheit?« fragte Grünwiesler ängstlich.
+
+»Wie es einem Herzkranken gehen kann.«
+
+Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein.
+Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit
+seiner Herzkrankheit.
+
+Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.
+
+Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte
+die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand,
+überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen
+verzog.
+
+Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler
+hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler
+zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen --
+einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu.
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen
+Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen
+fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und
+als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann
+hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte
+mit ironischem Lippenverziehen.
+
+»Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da
+bist«, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu.
+Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne
+sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich
+haßte, weil er stehen blieb.
+
+Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert
+auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn
+fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen.
+
+Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt
+stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der
+Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los,
+bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und
+verließen interesselos den Düngerhaufen wieder.
+
+Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen
+verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber
+wurde in den Stall geschoben.
+
+Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter
+legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah
+dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen
+Augen.
+
+»In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das
+ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie
+sind eingeladen«, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann.
+
+Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin
+trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: »Nun? ist der
+Tierarzt denn noch nicht da?«
+
+»Ach, das ist ja schon lange vorüber.«
+
+Immermann verzog die Lippen.
+
+Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand
+gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich
+ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin
+gemein.
+
+Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus
+gekommen war.
+
+»Eine Tippelschickse!« sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg
+betroffen.
+
+Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz
+gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt
+vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte
+sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht
+von dem Mädchen sprach.
+
+»Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.«
+
+»Ausweispapiere! Man braucht keine!« sagte Oldshatterhand laut.
+
+»Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?« sagte
+Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre.
+
+Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte
+kein Wort hervor.
+
+Immermann verzog die Lippen. »Da habe ich es schon etwas ungefährlicher.
+Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?« Er
+lächelte Grünwiesler breit an. »Ich habe übrigens wieder ein
+Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin
+Romantiker.«
+
+»Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!« schrie Oldshatterhand plötzlich. ». .
+. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.«
+Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein.
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit
+seinem Kanarienvogelblick nach.
+
+»Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht
+verkehren«, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend.
+
+»Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir
+haben schöne Stunden miteinander verlebt.«
+
+»Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.«
+
+»Nein, nein!« rief Grünwiesler ängstlich. ». . . Ich meinte ja nur so
+. . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen
+wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.«
+
+»Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei
+sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.«
+
+». . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?«
+
+»Was denn?«
+
+»Schluß! Dann aber Schluß!« schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster
+Wut.
+
+»Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt
+mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch
+du einsehen.«
+
+»Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von
+mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.«
+
+»Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe,
+dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz
+einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die
+Stimmung nicht länger verderben.«
+
+»Du hast recht.«
+
+»Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir
+mein neues lyrisches Gedicht.«
+
+»Oh, das wäre wunderbar«, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand
+auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen.
+
+»Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin
+vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du
+das Bild?«
+
+»Oh, das ist wunderbar.«
+
+Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am
+Tannenstamm. »Pst . . . dort«, flüsterte Grünwiesler.
+
+Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter.
+Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme
+ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.
+
+Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu
+Immermann empor.
+
+»Siehst du die Kompositionen?«
+
+»Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie«,
+sagte er traurig.
+
+»Tom der Reimer saß am Bach!« rief Immermann begeistert.
+
+Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten,
+waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden.
+Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am
+Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen.
+
+»Ist das wahr«, fragte er den Weinbergshüter, »daß Sie den Buben, die
+sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?«
+
+Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn.
+»Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf
+und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.«
+
+[Fußnote 1: Weinberg.]
+
+»Ach nein!« rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum
+Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag
+und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt
+war.
+
+Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte.
+
+Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem
+rotbäckigen Jüngling. Der sagte: »Bis übermorgen könnt ihr die zwei
+Hauptrollen studiert haben von meinem Stück«, und reichte der Roten
+Wolke sein Manuskript.
+
+»Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf
+Akten«, las die Rote Wolke vor.
+
+Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen
+des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die
+Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte:
+
+ »Entflieh mit mir, Klärchen!
+ Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.«
+
+Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.
+
+Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das
+Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt:
+»Es lebe die Kunst und die Liebe.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in
+München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt,
+die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal;
+nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem
+Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.
+
+Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ
+die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen
+Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie
+aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung
+bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen.
+
+Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in
+die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und
+her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen
+Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.
+
+Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und
+strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil
+auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander
+nicht zu unterscheiden waren.
+
+Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört
+oder traurig auf die Kreuze blickten.
+
+Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit
+gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese
+Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn
+niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert
+vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins
+Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.
+
+Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste
+aufgenommen worden.
+
+Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte
+zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die
+Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem
+schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal,
+zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich,
+wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die
+Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch
+vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb
+-- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem
+Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein
+Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen
+Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen
+weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb
+die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen
+Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu
+Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.
+
+Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf
+ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz
+Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann,
+die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen
+Limburger Käse.
+
+Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die
+Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten,
+der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend,
+pfeifend in der Ferne verklang.
+
+Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch
+und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.
+
+Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut,
+aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von
+Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute
+sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen
+durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die
+schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick
+senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah,
+die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war.
+Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart.
+Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei
+Frauen in eine zusammen.
+
+Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte
+manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe.
+»Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.
+
+Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre
+Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand
+zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.
+
+Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen,
+zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen
+sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr
+kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.
+
+Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an,
+weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen
+ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione
+berechtigt seien oder gemein.
+
+»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er
+nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien
+Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen
+fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit.
+Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein
+kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein
+charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_
+verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen
+gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn
+hinaus.
+
+Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten
+hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen
+überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das
+einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich
+darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der
+Brust heraus.
+
+Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den
+Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten
+Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+
+Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte
+ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?«
+
+Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden
+Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte
+Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.
+
+Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und
+sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den
+zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf
+Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand
+Ekelgefühl und stand auf.
+
+In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt
+den Überwurf vorne zusammen.
+
+Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin
+und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein
+wenig eng da ist.«
+
+Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob
+ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und
+angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur
+Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf
+pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche
+. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.«
+
+Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.
+
+Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger
+Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte,
+lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und
+plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich
+und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die
+Wette krachende Äpfel essen.
+
+Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das
+Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das
+Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen
+Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten
+Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+
+In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem
+Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel.
+Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht
+ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die
+Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
+
+Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und
+fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem
+Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht
+worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und
+dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht
+schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau
+meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein
+Haus beträte.
+
+Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett
+wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb
+stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.«
+
+Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um,
+so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen
+mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte,
+daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen,
+und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete
+wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
+
+Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands
+tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben
+der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der
+ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch
+von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß,
+wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem
+Gelächter erfüllt war.
+
+Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant
+regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen
+und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß
+wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei.
+Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und
+von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch
+vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener
+Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer
+Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst,
+etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
+
+Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim
+Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und
+er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum
+Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und
+vielleicht etwas komfortablere zu mieten.
+
+Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen.
+Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte,
+rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst
+am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte
+im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie
+wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt
+hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.«
+
+Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja
+doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den
+komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig
+hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke
+waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
+
+Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und
+starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine
+Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der
+mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette
+reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein
+Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das
+hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas
+aufs neue zum Kellner emporhielt.
+
+Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café
+eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht
+hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute
+sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und
+sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken
+würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen.
+
+Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden
+sofort vom Straßenschmutz gefressen.
+
+Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus
+dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem
+Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein
+Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte
+wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den
+rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte
+-- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß,
+noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht
+reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er
+plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.
+
+Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß,
+verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so
+beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise
+glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen
+elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast
+angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt
+und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden
+Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken
+und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert
+verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende,
+fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden
+dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um
+sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur
+Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos
+und blickten düster vor sich hin.
+
+Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer
+blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.
+
+»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die
+Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum
+Kusse reichte.
+
+»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es
+gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn
+nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an
+manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn
+und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend
+und ging.
+
+Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
+
+Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll
+Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es
+gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen
+violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die
+Preiselbeermilch in den Magen.
+
+»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte
+Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine
+Jugendphotographie von sich betrachtet.
+
+»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man
+unter die Räder.«
+
+Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt,
+weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen,
+brachte er nicht über sich.
+
+»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der
+Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur
+elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer
+wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten
+etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte
+Schuhe.«
+
+»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker
+Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen
+Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein
+Schloß aber in einer Woche fertig haben.«
+
+»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die
+Dame.«
+
+»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau
+mit Geld.«
+
+»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist ein Lebenskünstler.«
+
+»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein
+hundsgemeiner Lump.«
+
+»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer
+keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele,
+verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.«
+
+Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er
+den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde
+hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe
+hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt:
+»Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem
+furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr
+rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß,
+daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein
+armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange
+gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges,
+gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach
+handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten,
+einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht
+zurückschlägt.«
+
+»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam.
+
+»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter;
+seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.«
+
+». . . Nur einen hat's gegeben.«
+
+»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie
+nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete
+sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der
+Kellner eckte von Tisch zu Tisch.
+
+»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam
+die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend.
+
+Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur
+manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit
+dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter
+seinen Augen sank faltenbildend übereinander.
+
+Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste
+schob sich durchs Lokal.
+
+Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor;
+fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu,
+der eine Zeichnung hochhielt.
+
+Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder
+vor sich hin.
+
+»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide
+waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine
+hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in
+Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
+Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und
+das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in
+Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn
+er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein
+Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.«
+
+»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.«
+
+»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals
+auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
+
+»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den
+Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß
+er geringschätzig.
+
+»Doch, ich kenne . . . mich.«
+
+». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands
+zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich
+einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am
+Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten
+habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier
+an dem Tisch wenn er säße.«
+
+». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt
+herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der
+Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der
+Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen,
+grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke
+springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . .
+So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder
+Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige,
+bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder
+. . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der
+Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung
+auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.«
+
+»>Gemein< habe ich nicht gesagt.«
+
+»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt,
+die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so
+einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich
+dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an
+seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz
+unschuldig.«
+
+»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen.
+
+»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie
+sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis
+er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
+scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er
+lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu
+kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das
+habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den
+Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein
+Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und
+lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
+
+»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte
+Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig
+einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf
+gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang
+und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand
+sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der
+Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
+
+»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat
+ein Loch in der Hose.«
+
+»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber
+. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der
+alten Brücke.«
+
+»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf
+Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
+
+»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.«
+
+ * * * * *
+
+Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und
+unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen
+können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand
+er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich
+anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar
+und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete
+unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter
+Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht
+lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst
+dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu
+bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner
+Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder
+aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen
+Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden,
+trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er
+das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen,
+wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen
+stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit
+ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich
+in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse
+gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
+geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über
+mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich.
+Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war
+ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem
+schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen
+Kerl ein Künstler werden könne.
+
+Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.
+
+Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen,
+sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme
+darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich
+den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen
+Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem
+Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!«
+
+»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.«
+
+»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu
+kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
+
+Der Herr war kleiner.
+
+Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins
+Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame
+gar nicht.
+
+Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen.
+»Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in
+der Kammer.
+
+Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in
+Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.
+
+»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?«
+
+»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?«
+
+»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon
+gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon
+zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham
+sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also
+weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's
+überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem
+lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine
+Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu
+gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die
+Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am
+Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän,
+der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten
+Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein
+Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach
+München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft
+deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?«
+
+»Ja.«
+
+»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.«
+
+Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
+
+». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst
+gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also
+ich komm auch daher.«
+
+»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich?
+Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder
+einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht
+an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft!
+Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher
+bekommts nie los.«
+
+Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler
+klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken
+müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber
+kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München
+gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu
+studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die
+er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei,
+nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz
+verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen
+der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht
+ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von
+Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe
+ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur
+sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante.
+Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr.
+
+Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der
+Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die
+für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe
+der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich
+bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich
+getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was
+soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines
+Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler.
+
+Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit
+Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
+
+Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm
+gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die
+technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand
+ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er
+vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
+
+Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr
+erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe
+und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem
+Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst,
+erschieße ich mich vor deinen Augen.«
+
+Er trug den Brief sofort zur Post.
+
+Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer
+zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine
+düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.
+
+Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte
+vergessen, ihn zurückzusenden.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und
+blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der
+Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen.
+
+Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen
+Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich
+auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen
+Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
+
+Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht
+. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang
+der Räuber.
+
+»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche
+Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den
+siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten.
+
+Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz
+still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.
+
+Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des
+Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr
+Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen
+geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal
+um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.
+
+»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur
+Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.
+
+Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede
+zog einen zerknüllten Schleier hervor.
+
+»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen
+habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die
+Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach
+außen.
+
+»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem
+grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am
+Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.«
+
+»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich
+will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle
+Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt
+schloß sie: »Ich bin doch Modistin.«
+
+Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große
+Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.«
+
+»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut.
+»Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das
+wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle
+Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat
+einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und
+Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr
+langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten.
+Alle sahen ihr nach.
+
+»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die
+Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
+
+Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.
+
+An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt.
+Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten
+herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.
+
+»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die
+Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür
+hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte
+sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
+
+»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.«
+
+»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen.
+
+Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber
+das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen
+malen kannst.«
+
+Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
+
+»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?«
+
+»Ja.«
+
+»Das hab ich mir gedacht.«
+
+Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat
+ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die
+Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen.
+
+Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den
+Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
+
+»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte
+Oldshatterhand.
+
+»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer
+verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . .
+ein Vierröhrenbrunnensteher.«
+
+»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast
+nichts mehr.
+
+Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte
+zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla!
+. . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und
+begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also
+wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur
+Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr
+dazu?«
+
+Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen.
+Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken.
+
+Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch
+hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
+
+Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden
+Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die
+genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren
+erschrocken auf.
+
+Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café,
+saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile
+betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt
+lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß
+die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König
+der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte
+geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung
+weiterlas.
+
+Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am
+Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
+
+Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan
+auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.
+
+Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem
+bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich
+wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und
+weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.«
+
+Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde
+vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich
+an den Tisch dazu.
+
+Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in
+einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam,
+gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem
+Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen
+und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die
+schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar
+verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt.
+Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.
+
+»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief
+erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!«
+
+Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an.
+Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund
+gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los.
+
+Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst
+interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng
+auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!«
+
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
+
+»Also und, wart bis der Leutnant fort is.«
+
+»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche
+Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit:
+Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das
+Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein
+Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.«
+
+Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte
+sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im
+Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime
+Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch
+kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand!
+Ich!«
+
+Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen
+öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz
+schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine
+Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes
+Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.«
+Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände.
+
+Der Leutnant verließ das Café.
+
+»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.«
+
+Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon
+oft mit hinaufgeflogen?«
+
+»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte
+das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also
+seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man
+kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft
+die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft
+rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
+
+»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und
+Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also
+und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?«
+Alle blickten auf den Billardspieler.
+
+»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber
+sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf.
+
+Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des
+Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor
+der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel.
+
+Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach
+Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du
+denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von
+Unterfranken bin?«
+
+»Wie meinst du das? Siebzehnter?«
+
+»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und
+Aschaffenburg.« Er entkleidete sich.
+
+Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine
+waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und
+schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum
+tragen zu können.
+
+Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand --
+sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem
+neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von
+Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem
+nackten Jüngling und sich.
+
+Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche
+Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und
+Aschaffenburg geworden.
+
+Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt
+zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und
+rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu
+Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen.
+
+Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine
+Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit
+den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine
+Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
+
+»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.«
+
+»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer
+ist da.«
+
+»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem
+Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine
+Zeit.«
+
+»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra
+von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze
+Leben.« Er hob die Arme.
+
+Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke
+eintreten.
+
+»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald
+Kletterer aus Würzburg.«
+
+»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die
+Augenbrauen und sah auf die Uhr.
+
+»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter
+Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .«
+
+»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?«
+
+»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr
+Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als
+ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann.
+
+»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor
+fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von
+Bamberg.«
+
+Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann
+von neuem.
+
+Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte
+die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu
+klein.«
+
+Der Mund stand offen, rund und schwarz.
+
+»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?«
+
+»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal
+erben soll.«
+
+»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist
+ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr
+Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist
+ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner
+eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.«
+
+Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann
+zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete
+stärker, mit Frühjahrshagel vermischt.
+
+Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der
+Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf
+der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der
+salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen
+kam.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von
+Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.
+
+Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom
+schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.
+
+»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den
+Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken.
+
+»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger
+>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.«
+
+»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu
+einer Italienreise eingeladen.
+
+Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon
+braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in
+den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
+
+Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.
+
+»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet
+hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den
+Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser
+und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt
+ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen
+zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . .
+Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf.
+
+»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte
+Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen.
+»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.«
+
+In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den
+beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen
+Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
+
+»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum
+Fenster.
+
+»Nein, das ist nur ein See.«
+
+»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht
+gesehen.
+
+Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom
+Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.
+
+Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im
+Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand
+unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es
+heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein.
+Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den
+dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts
+stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im
+weißen Himmel.
+
+Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings
+wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die
+fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und
+zerfallend.
+
+Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und
+sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in
+Schweiß und sammelte dann.
+
+»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter
+Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah
+genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und
+sammelte. Sprach aber selten ein Wort.«
+
+Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener,
+Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten
+Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die
+Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.
+
+Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von
+den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre
+Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite.
+Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten
+einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon
+verschwunden war.
+
+Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
+
+»Was ist das?«
+
+»Das Meer.«
+
+»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen
+Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden
+Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
+schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte
+Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.
+
+Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die
+Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.
+
+Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum
+schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.
+
+Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm
+schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri
+. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.«
+
+»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte,
+weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem
+Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .«
+
+Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß
+gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße,
+bis zu einem der alten Paläste.
+
+Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende
+große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier
+dem Fremden ein Telegramm.
+
+»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem
+Freund.«
+
+Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war
+Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen
+Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
+Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den
+Schlüsselbund klingen und verklingen.
+
+Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die
+Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.
+
+Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen
+Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
+
+Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen
+Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen
+Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus,
+in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.
+
+Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den
+Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie
+Wasserinsekten.
+
+Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer
+warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine
+Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge
+Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich
+hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern
+gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen
+Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der
+Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit
+dem Schiffskoloß verband.
+
+Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die
+Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt,
+blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
+Zurückbleibenden.
+
+Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß,
+der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als
+das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich,
+geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum
+sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch,
+während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich
+entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden
+konnten.
+
+Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine
+Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers
+losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen
+hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch
+zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein
+Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der
+alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
+
+Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit
+hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er
+nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die
+Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte
+Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor
+Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins
+schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper
+vom Wasser weg und schwankte zurück.
+
+Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und
+gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die
+drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.
+
+Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat
+vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt:
+Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen
+lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in
+Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich
+verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft
+willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen,
+damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne,
+was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein
+altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit
+Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er
+nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden.
+Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den
+ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz
+war unterstrichen.
+
+»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«,
+sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens
+immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die
+aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch
+einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und
+sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch
+kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.«
+
+Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder
+-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens
+wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne
+jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
+
+Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang
+hatte bleiben wollen.
+
+Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines
+Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens
+hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben
+auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt
+über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin
+vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung
+und legte beide Hände in die Hüften.
+
+»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein
+graues Schloß, »una castello Genova.«
+
+Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft
+ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß
+des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
+
+Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener
+erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu
+können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.
+
+Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag
+Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser
+hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen
+Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem
+alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des
+Hafens von Genua.
+
+Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in
+die Alte Pinakothek.
+
+Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van
+Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah
+auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal
+Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund
+Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg
+Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd,
+Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb
+von dir.«
+
+Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen
+Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn
+ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie.
+
+»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die
+Leiter.
+
+Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte.
+»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.«
+
+»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im
+Murillosaal.«
+
+»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.«
+
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit
+seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein
+guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.«
+
+Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna
+von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.
+
+Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen,
+eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten
+ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten.
+
+»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf
+der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen
+Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?«
+
+Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die
+Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte.
+So gingen sie weiter.
+
+Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen,
+machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer
+herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und
+Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.«
+
+»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?«
+
+»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen
+will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.«
+Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein
+und drückte Oldshatterhand die Schulter.
+
+»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.«
+
+»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie
+nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände
+in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen
+. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen
+kaufen zu können.«
+
+Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. »Du bist eingeladen.«
+
+Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen,
+und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal.
+
+Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand
+hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und
+bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig.
+Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.
+
+»Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.«
+
+»Du und ich, wir halten zusammen«, erwiderte Grünwiesler und hieb
+Oldshatterhand die Hand auf die Schulter.
+
+»Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken.
+Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige.
+Kopieren kann jeder.«
+
+Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.«
+
+Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt
+ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner
+Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an.
+
+Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu
+sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum
+hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts
+wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?«
+
+Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der
+Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben
+erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah
+Bratmund an.
+
+»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich
+dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich
+wohnte in einem Palast.«
+
+»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was
+_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast
+mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von
+mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel
+glaubte, du wärst mein Freund.«
+
+»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte
+doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß
+ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild
+verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.«
+
+»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken
+in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt,
+dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark
+eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu
+Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen
+bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich
+vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin
+endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt
+verschwinde.«
+
+»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig
+Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück.
+Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das
+Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir
+raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen.
+Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn
+jetzt sein.«
+
+»Das wirst du schon sehen.«
+
+»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße
+Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller
+blickte.
+
+»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet
+werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine
+Photographie hat der Staatsanwalt.«
+
+»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet
+werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein
+ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam.
+
+»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast
+geglaubt, ich sei ein Tölpel!«
+
+Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das
+Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze.
+
+Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch
+Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft
+war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit
+offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem
+vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse
+nichts.
+
+Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt
+nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den
+Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht
+so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er
+und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war
+sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb
+reglos hocken.
+
+Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine
+Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht
+mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich
+nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter.
+Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt
+sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm
+seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb,
+beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das
+Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer
+abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog.
+
+Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte
+rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder
+werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum.
+
+Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich
+hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in
+der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter
+seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat.
+Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den
+Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit
+zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die
+Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann
+jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er
+den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie
+Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater,
+durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein.
+Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.«
+
+Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und
+pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«.
+
+»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb.
+Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte,
+mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch
+unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.
+
+Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an
+seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit
+Grünwiesler.
+
+Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz
+las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von
+München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter
+Aufforderung zu räuberischer Erpressung.
+
+Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht.
+Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie
+aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete
+den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die
+Höhe blickte und ins Haus trippelte.
+
+Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.
+
+»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und
+hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!«
+
+Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si
+si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand
+weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich
+vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen.
+
+Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann
+in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze
+hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand
+hinüberblickte.
+
+»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und
+sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.«
+
+Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen
+Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße
+schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu.
+
+Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht
+zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.
+
+Der Mann stieg in die Elektrische.
+
+Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger
+Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust
+hochgenommenen Armen.
+
+Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine
+Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86.
+
+ * * * * *
+
+Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild.
+
+»Ich heiße Michael Vierkant.«
+
+Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen
+Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die
+Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief
+geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.«
+
+Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die
+Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich
+herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.
+
+»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete
+Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas
+ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.
+
+»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte
+eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr
+Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes
+Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister,
+einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz
+genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem
+Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm
+Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der
+Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr
+Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen
+konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die
+Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.
+
+Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes
+linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen
+können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf
+das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen
+. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So,
+dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du
+mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler
+Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich
+unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr
+gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt
+es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt
+Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein
+schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber
+Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein
+ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das
+denke ich.«
+
+Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich
+glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend
+Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über
+einen Abgrund zu laufen.
+
+Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe
+hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie
+geschickt?«
+
+Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also
+wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem
+Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das
+Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der
+Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam.
+
+»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner
+Tante die sechstausend Mark wegnehmen?«
+
+Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und
+wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie!
+Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst:
+Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in
+schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat,
+was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er
+mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit
+Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle
+ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das
+ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . .
+Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer
+zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar
+unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte.
+»Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt
+weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich
+verbrannt.«
+
+»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr
+unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du
+mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.«
+
+»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein
+irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen
+Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen
+Augen.«
+
+»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie
+wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden
+bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte
+Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt
+auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die
+Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so
+furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«,
+sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick
+suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.
+
+Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde
+aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß
+sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase.
+»Letzter Hieb«, sagte er.
+
+»Wie?« fragte der Diener.
+
+»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.«
+
+»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging
+wieder ins Zimmer.
+
+»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger
+Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.«
+
+Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.
+
+Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.
+
+»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen
+. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen
+kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand;
+er stand noch immer an der selben Stelle.
+
+Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür
+leise.
+
+»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem
+Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich
+_mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar
+Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins
+Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_!
+Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und
+schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür.
+
+Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener
+ein und führte ihn zum Arzt zurück.
+
+Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie
+Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden
+Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein
+bißchen.«
+
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke
+in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er
+gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er
+mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.«
+
+Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam
+an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie,
+ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran
+zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und
+davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag
+ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo
+ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich
+halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.«
+
+»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?«
+
+»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie
+gehört doch eigentlich mir.«
+
+»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.«
+
+»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde
+trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung.
+
+»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor
+deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah
+dabei Oldshatterhand an.
+
+»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da
+breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß
+ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der
+Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte
+von der Welt!«
+
+Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell
+sinken und ging flammend aus dem Zimmer.
+
+Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen,
+das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.
+
+In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das
+Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern
+saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen,
+violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten.
+Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse
+hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die
+langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb
+abwehrend, halb zugreifend.
+
+Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.
+
+Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen
+wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.
+
+Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.
+
+Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens
+mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und
+die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war,
+legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah
+keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.
+
+Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte,
+erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter
+Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die
+Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf
+die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände
+zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem
+Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis.
+
+Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg,
+aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine
+Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit
+zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.
+
+Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er
+nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort
+betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn
+der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich
+zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch
+an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt
+worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er.
+
+Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten
+sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der
+auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden
+Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu
+unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen
+dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit
+Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand
+zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen
+Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas
+zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd
+und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen
+Acker auf den Brand zustolperte.
+
+In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den
+Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen,
+floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich
+stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt
+von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und
+fürchtete die alten Augen seiner Mutter.
+
+Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht.
+
+Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern
+verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd
+stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum
+Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn
+mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den
+Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur
+verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen
+hinaufzusteigen.
+
+Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg.
+
+Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den
+Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und
+den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine
+Stiefel und begann auf und ab zu gehen.
+
+Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte
+ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte
+näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen.
+Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem
+Eisklumpen.
+
+»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit
+gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben
+springen können«, antwortete der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine
+Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte
+den Wachtposten dunkel sprechen.
+
+Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales
+Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand,
+auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den
+Rasen.
+
+Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife
+zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig
+nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche
+Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern
+hatten sich zu den Mädchen gesetzt.
+
+»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich
+beim erstenmal.«
+
+»Hohaho! Eine Maß.«
+
+»Auf Ehr?«
+
+»Allemal!«
+
+»Also, ihr seid Zeugen.«
+
+Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an
+den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den
+Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen
+sein Herz trafen.
+
+Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den
+Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig
+zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte.
+
+Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und
+Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu
+werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst,
+gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das
+kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein
+Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die
+Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein?
+Deine Maß ist futsch.«
+
+»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . .
+Liesl, gehst du mit?«
+
+»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken
+nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob
+seine Hand unter ihre Hände.
+
+Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens
+gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine
+Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.
+
+»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte
+sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn
+dann doch an Falkenauges Wange lehnte.
+
+Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann
+und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen,
+und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein
+Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«,
+flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so
+stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie
+die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O
+Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht
+. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . .
+oder ins Wasser.«
+
+Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut
+zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf
+Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung.
+Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.«
+
+»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab
+mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.«
+
+»Mit Futteral?«
+
+»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in
+mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig
+Pfennig, das ganze Futteral.«
+
+»Und der Vogelstutzen?«
+
+»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.«
+
+»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.«
+
+»Er hat doch Silberbeschlag.«
+
+»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen
+gedehnt.
+
+»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich
+schieße nur auf Ratten.«
+
+»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber,
+legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins
+Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als
+er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.
+
+Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der
+kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen
+zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er
+unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten
+wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum.
+
+»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut.
+
+Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den
+ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf
+Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.
+
+»Ich glaub, ich hab geschlafen.«
+
+»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand
+den bleichen Kapitän sprechen und horchte.
+
+»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was
+gehört von ihm.«
+
+»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich
+sag, der ist irgendwo Kirchendiener.«
+
+Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder
+stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen
+der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in
+seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«.
+
+Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die
+Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor
+er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in
+Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die
+beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient.
+
+Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von
+seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem,
+endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die
+Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den
+Augenlidern, um Tränen zu bekommen.
+
+Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes,
+ewiges Licht.
+
+Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte
+Gefühl, Winnetou könne ihn retten.
+
+Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus
+hängt.
+
+Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle
+ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann
+klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.
+
+Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So
+spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle
+Stück Brot, das Winnetou reichte.
+
+»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und
+nahm das Brot.
+
+»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so
+spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der
+Mauer.«
+
+Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er
+sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich,
+zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele«
+hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte
+er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden
+angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal
+hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als
+barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von
+Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous
+unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen.
+Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!«
+
+Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.
+
+Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner
+Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein
+paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist
+du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen
+großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her
+strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.
+
+»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme
+und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat.
+Hilf mir.
+
+»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?«
+
+»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.«
+
+Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und
+tappte nach.
+
+Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum
+roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind
+wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum
+erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.«
+
+»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?«
+
+»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?«
+
+»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . .
+und dann Italien.«
+
+»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle
+lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen
+bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei
+. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen
+wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte
+heiter.
+
+»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine
+Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So
+stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren
+Maßstab.«
+
+»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!«
+
+»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte
+heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter
+Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist
+das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.
+
+»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou
+ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt
+dir etwas und hilft dir.«
+
+»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand
+lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen.
+Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte
+ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett
+sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine
+Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts?
+. . . Irgend etwas Grauenhaftes.«
+
+»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.«
+
+»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich
+bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.«
+
+Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.
+
+Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die
+Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den
+schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand
+auf.
+
+»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe
+Zeit. Komme wieder, bitte.«
+
+»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg
+Christi hinunter.
+
+Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.
+
+Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner
+Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten
+Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das
+Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten
+ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten
+Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich
+in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war
+und frei und kühl atmen konnte.
+
+So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft
+zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten,
+durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine
+zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im
+Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden
+Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der
+Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und
+an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend
+zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen
+Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem
+Bett saß.
+
+Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du
+denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt
+hast?«
+
+»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der
+Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die
+kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern.
+Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich
+zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.«
+
+Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du
+weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür
+verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung
+der Lügner kannst du nicht leben.«
+
+»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in
+denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern
+mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins
+Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo
+soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir
+wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika
+spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen,
+lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie
+fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde
+traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich
+es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein
+schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele
+Kirchtürme, die alle die Achtung sind.«
+
+»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen,
+sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du
+geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land
+und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da
+unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin
+allein.«
+
+»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und
+redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.«
+
+»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn
+ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir:
+solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden,
+stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und
+verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle
+verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende
+geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr
+lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals
+verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug
+sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel.
+Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir,
+der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.«
+
+»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge,
+und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet
+mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz
+. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner
+werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.«
+
+»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre
+Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung
+auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.«
+
+»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine
+Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten
+nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine
+Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«,
+flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen
+--, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und
+hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen.
+Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt.
+Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff
+umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im
+Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot,
+noch ein Fenster öffnete.
+
+Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer.
+Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte
+Gesichter.
+
+Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die
+Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ,
+sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte,
+erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um
+ein Hindernis herum auf sie zuschoß.
+
+Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster,
+schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen
+droht.
+
+Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf
+Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.
+
+In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand,
+daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt
+worden sei.
+
+ * * * * *
+
+Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte
+Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt.
+Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie
+mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.
+
+Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden
+Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die
+Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus
+an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die
+Frühlingssonne abzuhalten.
+
+Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit
+Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen
+Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.
+
+Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein.
+Der Anatom zog das weiße Tuch weg.
+
+Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen
+Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und
+Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen
+Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche
+reichten.
+
+Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte
+mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und
+Gesichtsmuskeln durch.«
+
+Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte
+mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer
+Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen
+Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein
+paar schnelle Striche.
+
+Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen
+aufmerksam zu.
+
+Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die
+Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet
+gestorben, dachte der Fremde.
+
+Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die
+Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell,
+einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt
+neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des
+Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die
+Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn
+lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte
+an der Leiche die Lage der Muskeln.
+
+Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der
+Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.
+
+»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille
+hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß
+er den Satz gesprochen hatte.
+
+Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und
+eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt
+von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte
+der Anatom und zog das Tuch weg.
+
+Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er.
+»Geben Sie mir meine Leiche.«
+
+Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.
+
+»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der
+Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist
+erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als
+bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.«
+
+Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim
+Erblicken Oldshatterhands.
+
+»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte
+Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man
+jetzt nichts mehr machen.«
+
+»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen
+hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur
+gerecht . . . Gerecht!«
+
+In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler
+Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie
+bestimmt worden sei.
+
+An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild.
+Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die
+Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme,
+als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden
+war.
+
+Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum
+letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine
+schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die
+vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick
+voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen
+gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten
+Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den
+ganzen Tag glückselig herum.
+
+Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen
+Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung
+in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr
+hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der
+»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus
+Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische
+Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden
+waren.
+
+Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die
+frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage
+lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann
+gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann
+allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach
+Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn
+fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den
+Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen
+über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das
+für Hammel und Rindviecher seien.
+
+Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein
+geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt.
+Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen
+Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint,
+es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr
+richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die
+Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder
+gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er
+zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen
+Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.
+
+Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu
+Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der
+Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng
+auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.
+
+Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung
+angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des
+»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen.
+
+Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub
+»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen«
+geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands
+war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des
+Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn
+er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken
+Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem
+Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.
+
+Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem
+Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe
+geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige
+Geschäftsfrau war und sehr resolut.
+
+Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die
+Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur,
+weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,
+sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit
+überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die
+Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und
+anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie
+war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten
+Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die
+schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein
+Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so
+wie der Bürgermeister von Bamberg.«
+
+An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft
+ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann
+schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:
+den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der
+Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig
+Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.
+
+ * * * * *
+
+Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.
+
+Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um
+nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb
+stehen und blickte ihm mit großen Augen nach.
+
+Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher,
+und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am
+Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die
+Ziehharmonika.
+
+Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen
+vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde,
+rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster
+hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.
+
+Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der
+»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat.
+
+Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue
+Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten.
+Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst
+hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren
+noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.
+
+Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock
+aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend,
+schritt er aufrecht weiter.
+
+Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie
+befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.
+
+»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und
+legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete
+heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt,
+horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen
+-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte
+nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.
+
+Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von
+Askalon«.
+
+»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«,
+sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren
+versammelt.
+
+»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das
+verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte.
+»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.«
+
+Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen
+Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben,
+übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen
+belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch.
+
+Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin
+erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten
+Kinde in der Hoffnung.
+
+»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der
+blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie
+lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch
+g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und
+fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht.
+
+Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang
+auf den Stuhl neben dem Fremden.
+
+»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog
+die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er
+und lächelte sicher.
+
+Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den
+Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte
+liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn,
+was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene
+Geld in sein Tellerchen.
+
+»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die
+Kellnerin füllte das Glas.
+
+»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den
+Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.«
+
+Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.
+
+»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze.
+
+»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die
+Karten.
+
+»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem
+Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.
+
+»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.«
+
+»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.«
+
+»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.«
+Er stülpte die Lippen nach außen.
+
+»Sei still. Da, hast dein Sohn.«
+
+»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.«
+
+Die Witwe Benommen strahlte.
+
+»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.«
+
+»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft.
+
+Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder,
+großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte
+stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er
+mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine
+gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte
+der Matrose. »Seid ihr alle da!«
+
+»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!«
+
+»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.
+
+»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb
+auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf
+. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!«
+
+»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der
+Luft. Er war im Verlust.
+
+»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle
+durcheinander.
+
+»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum
+Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.«
+
+Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf
+der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite.
+Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und
+schüttelte lächelnd den Kopf.
+
+»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber.
+
+»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und
+schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber,
+alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!«
+
+»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und
+betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen
+offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen
+zurückgezogen.
+
+»Warst du weit?« fragte einer.
+
+»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus.
+
+»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat
+gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.«
+
+»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und
+konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma
+. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi
+. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www
+. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me
+. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin
+tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot?
+. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit
+dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein
+Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.
+
+»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte
+die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.«
+
+Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach
+rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän
+stimmte die Gitarre.
+
+ »Auf, Matrosen, ohe!
+ Auf die wogende See.
+ Schwarze Gedanken,
+ Sie wanken und fliehn
+ Geschwind, wie der Sturm und Wind«,
+
+sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa
+. . . Wa . . . Wein her!«
+
+»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube
+g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab
+no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in
+mein Keller.«
+
+»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen
+alle Räuber.
+
+»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer.
+Wo käm ich denn da hin.«
+
+»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose
+dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden
+Räuber.
+
+»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«,
+sagte plötzlich der Fremde und lächelte.
+
+Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig
+den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen
+auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand.
+
+»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der
+Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!«
+
+»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.
+
+»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee
+. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser
+Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien
+. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du
+. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . .
+fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir
+aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich
+wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir
+die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.«
+
+ * * * * *
+
+Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens
+und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.
+
+»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die
+Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo
+der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein
+Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie
+über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte.
+
+»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft
+und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen
+Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer
+aufgestellt hatte.
+
+Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im
+Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt.
+
+»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«,
+sagte der bleiche Kapitän.
+
+»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer
+griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.
+
+Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o
+is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und
+blickte gespannt und pfiffig die Räuber an.
+
+»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.«
+Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite.
+
+»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum
+>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf
+eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar
+. . . gott.«
+
+Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge
+schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande
+stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.
+
+»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs
+. . . Zs . . . Zimmer<?«
+
+Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die
+Jahre zurück.
+
+»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber.
+
+Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm.
+»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen,
+rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+
+ * * * * *
+
+Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.
+
+Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch
+geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am
+Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten
+sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das
+Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen
+vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein
+Kind.«
+
+»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde.
+
+»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles,
+klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank</title>
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***</div>
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+<div class="titlematter">
+
+<p class="run">
+<span class="line1">16. bis 20. Tausend</span>
+</p>
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+</div>
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+<div class="titlematter">
+
+<h1 class="tit" id="part-1">
+<span class="line1">Leonhard Frank</span><br />
+<span class="line2">Die Räuberbande</span><br />
+<span class="line3">Roman</span>
+</h1>
+
+<p class="pub">
+<span class="line1">1922</span><br />
+<span class="line2">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span>
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="titlematter">
+
+<p class="cop">
+Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig
+</p>
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+
+<div class="titlematter">
+
+<p class="ded">
+Lisa Ertel gewidmet
+</p>
+
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-1">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+Erstes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">P</span>lötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem
+holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre
+Lippen bewegten sich &mdash; man hörte keinen Laut; Luft und
+Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von
+Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst.
+Und aus allen heraus tönte gewaltig
+und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete
+sich bis zuletzt und verklang.
+</p>
+
+<p>
+Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer
+Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte
+Brücke marschierten, wurden wieder hörbar.
+</p>
+
+<p>
+Über der Stadt lag Abendsonnenschein.
+</p>
+
+<p>
+Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung
+auf dem Gipfel, und im steil abfallenden königlichen
+Weinberg blitzten die Kopftücher der Winzerinnen &mdash; die
+Weinernte hatte begonnen.
+</p>
+
+<p>
+Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Knaben, die lachend und schreiend &bdquo;Nachlauferles&ldquo;
+spielten, um die zwölf mächtigen Brückenheiligen
+aus Sandstein herum, vom heiligen Kilian zu
+Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still
+und versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr
+Mager, der Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen
+Knaben, schritt über die Brücke.
+</p>
+
+<p>
+Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und
+stieß mit Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz,
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster. Erzürnt sah
+er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen spannten sich. Er
+hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten
+davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der
+Schulstunde des Montags.
+</p>
+
+<p>
+Der Lehrer war gefürchtet.
+</p>
+
+<p>
+Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet.
+Keiner traf so sicher wie er mit dem Rohrstock die
+Fingerspitzen, immer genau dieselbe Stelle, daß die Fingerspitzen
+schwollen und blau anliefen. Unverhofft mit
+dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er.
+Und zöbelte er einen Jungen, so faßte er die feinsten
+Härchen an der Schläfe. Benötigte er einen neuen Rohrstock,
+dann mußte der Junge, welcher Prügel zu bekommen
+hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann
+holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig,
+beroch die Stöcke, hieb sie durch die Luft und
+horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten und zähesten,
+präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete,
+und der gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen
+Blutblasen in die Fingerspitzen zwickte.
+</p>
+
+<p>
+Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine
+Wolke, sein Leben lang. Und es kam vor, daß vierzigjährige
+Männer, frühere Schüler von ihm, erschrocken
+zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.
+</p>
+
+<p>
+Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule
+entlassen mußte, gab er ihnen die Angst mit auf
+den Lebensweg: &bdquo;Wir sind noch nicht fertig miteinander&ldquo;,
+sprach er und lächelte. &bdquo;In der Fortbildungsschule habe
+ich euch wieder, und wer von euch zu den &sbquo;Neunern&lsquo; einrückt,
+den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+auch da unterrichte ich.&ldquo; Und dann erst war die Klasse
+entlassen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die
+beleuchtete Uhr vom &bdquo;Spitäle&ldquo;, einer kleinen Kirche im
+Mainviertel, deren Vorderfront gegen den Brückenberg steht.
+</p>
+
+<p>
+Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem
+Streit war von den Würzburger Stadtvätern der Jahresetat
+von zwanzig Mark für die Nachtbeleuchtung der
+Uhr bewilligt worden.
+</p>
+
+<p>
+Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar
+schon am Tage, denn die Sonne war noch nicht unter.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt.
+Er war für den Fortschritt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und
+rotem Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann
+und zwei buschigen Eichhornschwänzchen glich, stand
+vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo; und ein alter Polizeiwachtmeister mit
+kurzen Säbelbeinen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!&ldquo; rief
+der Fischer und schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung
+ab. &bdquo;Was nützt uns denn a ubeleuchte Uhr!
+Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so
+a Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.&ldquo; Er steckte die
+Hände in seine gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich
+weg und sah, die Unterlippe grimmig vorgeschoben, den
+Brückenberg hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger
+Pfarrer, dessen ausgeprägte Rückenverlängerung sich
+stark hin und her bewegte, denn er hatte Plattfüße. Ein
+kleines Mädchen sprang zu ihm hin: &bdquo;Gelobt sei Jesus
+Christus&ldquo;, knickste und gab ihm die Hand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+&bdquo;In Ewigkeit. Amen.&ldquo; Der Pfarrer schlug das Kreuz
+und hielt Herrn Mager seine Horndose hin. Herr Mager
+nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, und ließ den
+Tabak in seine Tasche fallen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an
+dreipfündige Hecht aus mein neue Sandschiff g&rsquo;stohle,
+mitsamt&rsquo;n Blechkaste&ldquo;, rief der rote Fischer. &bdquo;Wenn i
+so &rsquo;n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! die
+Gurgl um.&ldquo; Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter
+die Nase. Die Adern an seinem Halse schwollen.
+</p>
+
+<p>
+Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der
+Kirche. Herr Mager beugte das Knie und hob erbleichend
+die Arme, taumelte gegen die Kirchenmauer: ein
+durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
+vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte,
+den Säbel hocherhoben, dem Pferde in großem Abstand
+über die Brücke nach.
+</p>
+
+<p>
+Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte
+ihn und sprang freudig bellend am Pferde empor,
+das hinter einem hochbeladenen Heuwagen stehen geblieben
+war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten
+einem Besitzer.
+</p>
+
+<p>
+Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister.
+Der Heuwagenkutscher trat auch hinzu, tätschelte dem
+durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob den Schwanz
+&mdash; die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger,
+die das heufressende Pferd umstanden und ihre Pfeifen
+stopften. Man unterhielt sich weiter.
+</p>
+
+<p>
+Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Gesicht zum Himmel gerichtet, ließ eine Leberwurst in den
+Mund gleiten und zog die leere Haut langsam wieder
+heraus in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt
+mit winzigen Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und
+blickte streng aufwärts zur Festung, deren viele Fenster
+glühten, vom letzten Sonnenschein getroffen, als müßten
+unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen
+Himmel schlagen.
+</p>
+
+<p>
+Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt
+Wurstfülle in den Mund bekommen, standen die Kinnbacken
+des Knaben still. Voller Grauen starrte er auf
+seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian
+und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte
+er auf den Mageninhalt.
+</p>
+
+<p>
+Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst
+wie eine gefährliche Giftschlange vor sich hertragend,
+ging er langsam weiter, den Knaben entgegen, die vor
+Herrn Mager geflüchtet waren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst&ldquo;,
+sagte einer der Knaben, und sein Mund blieb
+offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dort, beim heiligen Kilian.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten
+mit ihm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn er doch eine Wurst hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer gibt mir was für die Wurst?&ldquo; fragte der Duckmäuser
+zaghaft.
+</p>
+
+<p>
+Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst
+über dem Zeigefinger. Winnetou bot nach langem
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Besinnen einen Pfennig, zog aber die Hand, mißtrauisch
+geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst wirklich
+so billig bekommen sollte. &bdquo;Gelt, es ist etwas nit richtig
+mit der Wurst?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere
+hab ich schon gegessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich&rsquo;s
+nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou, jetzt kannst sie kaufen&ldquo;, riet man ihm.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht
+zum Himmel und wollte sie in den Mund gleiten lassen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt! Fasttag!&ldquo; schrie der Duckmäuser und lachte.
+&bdquo;Fasttag ist heute. Sonst hätte ich meine Wurst selber
+gegessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast
+du eine Todsünde begangen&ldquo;, sagte Winnetou langsam,
+in tiefem Entsetzen.
+</p>
+
+<p>
+Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem
+uralten Vaterhause brannten die ewigen Lichtchen Tag
+und Nacht vor den Betpulten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich
+dir zeigen, wo sie jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing
+die Leberwurst resolut über die große Zehe des heiligen
+Kilian. Und stürzte sich auf seinen Gegner.
+</p>
+
+<p>
+Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister
+führte das Pferd heraus und sprang energisch von ihm
+weg zum Knabenknäuel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter.
+Das Pferd sah sich um, stieg mit dem Hinterteil
+in die Höhe und galoppierte, von der Dogge umrast, in
+mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister
+stand plötzlich in einer schwarzen Rauchwolke und
+schimpfte hustend zum Dampfschlepper hinunter, es sei
+verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam
+durch den Brückenbogen. Der Wachtmeister stieß seinen
+Säbel in die Scheide und sah sich barsch um. Die Brücke
+war leer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich
+die Lehrjungen ängstlich herum und sahen auf die Uhr.
+Der Geselle war schon lange fortgegangen, die Werkstatt
+war peinlich sauber aufgeräumt, die drei kleinen Drehbänke
+blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um
+die Erlaubnis zum Fortgehen zu geben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oldshatterhand&ldquo;, der jüngste der Lehrlinge, stand
+Wache, um die anderen benachrichtigen zu können, wenn
+der Meister ankam. Interessiert holte er aus der Tasche
+seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
+seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er
+weiter in der Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle
+heraus, aus der sich eine Pflaume und ein rundes Handspiegelchen
+schälten. Die Pflaume steckte er in den Mund;
+das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und
+reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die
+im vierten Stock aus dem Fenster sah.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt.
+Der Meister, ein Mann mit gepflegtem rotem
+Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, schritt durch den
+Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.
+</p>
+
+<p>
+Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug,
+das er schon seit einer Stunde rieb, immer wieder
+mit Öl einstrich und rieb, und sah manchmal von unten
+herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der Drehbänke
+lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still,
+man hörte nur das Reiben.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden,
+der den Kopf senkte. Die anderen Lehrbuben
+standen atemlos in den Ecken.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden
+Zangen, Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank
+um Millimeter.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund
+schiefgezogen, auf ihn hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was soll denn das!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!&ldquo; Der
+Meister hatte seinen Blick in Oldshatterhands vergrößerte
+Augen eingehackt. &bdquo;Was bist du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde blutrot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was bist du!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was reibst du denn! Schafskopf!&ldquo; schrie unvermittelt
+der Meister den ältesten Lehrjungen an und biß auf seine
+Unterlippe. &bdquo;Geht doch zum Teufel! . . . Eselsbande!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte
+höhnisch. Die Jungen entfernten sich lautlos.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer
+Feinbäckerei blieb er stehen, sah die Kuchen an und schloß
+manchmal die Augen, um besser riechen zu können;
+denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,
+stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben.
+Sein Vater war ein armer Mann. Und vom Schultyrannen
+Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen Tritt
+geraten.
+</p>
+
+<p>
+Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen
+machte er sich auf den Heimweg.
+</p>
+
+<p>
+Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete
+die alten Häuschen. Er hatte einen Gummimantel an.
+Oldshatterhand blickte auf ihn, ging unauffällig um ihn
+herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
+auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf
+den Fremden zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten
+Gegenwart in die Zukunft. Seine Sehnsucht ließ
+ihn zum Fremden werden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bitte schön, wo ist die Domstraße?&ldquo; fragte der Fremde
+einen Bürger und ging in der angezeigten Richtung fort.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand
+den Oberkörper hin und her, um den Fremden
+so lange wie möglich sehen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter
+kam auf ihn zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie . . . Sie!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Mann blieb stehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+&bdquo;Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße
+ist? . . . Ich bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. &bdquo;Du bist
+doch der Sohn vom Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub!
+Dir geb ich . . .&ldquo; Er hob die Hand. Oldshatterhand
+wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem
+Manne nach.
+</p>
+
+<p>
+Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter
+ein, eine kleine, dicke Frau mit nachdenklichem Gesicht,
+worin die klugen, guten Augen über Last und Sorgen
+und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die
+Furchen der Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der
+Güte verwandeln.
+</p>
+
+<p>
+Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel
+klaffte, so daß die Kleider, die der Korb barg, zu sehen
+waren. &bdquo;Sechs Mark waren diesmal drauf. Und siebenundzwanzig
+Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .
+Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und
+Ausgehgeld, bleiben mir von seinem Lohn drei Mark
+für die ganze Woche. Und damit soll ich Essen für vier
+Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die
+Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal
+nimmer leben tät.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann,
+was es heute abend gäbe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Für&rsquo;n Vater hab ich a Täuble&ldquo;, sagte die Mutter
+und stellte ihren Korb ab. &bdquo;Er ißt&rsquo;s doch so gern . . .
+Ja no, er muß ja die ganze Woche hart arbeiten . . . Und
+wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e bißle
+helf? . . . Siehst, das ist für dich.&ldquo; Sie holte aus dem
+Korb ein Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+Hand auf die Schulter. Ihr Gesicht wurde tiefrot, sie
+lachte, daß ihre Schultern schütterten, und konnte sich gar
+nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen überrascht
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte
+zwischen den beiden nahe dem Boden die Domstraße hinunter
+und über die alte Brücke.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung.
+Sie sieht aus wie Rom.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter lachte in sich hinein. &bdquo;Was bist du für
+einer . . . Wie Rooom!&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war elf Uhr nachts.
+</p>
+
+<p>
+Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann
+der Räuberbande, Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe
+Benommen, stand nackt in seiner Dachkammer
+am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen.
+An einem Strick, der um seine Lenden gebunden
+war, hing vorne ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein.
+Sein weißer Körper war vom Mondlicht getroffen. Hinten
+in der Kammer war tiefschwarze Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere
+Bruder des Hauptmanns betrieb, klang der Gesang der
+Soldaten herauf:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Ich wollte sie verführen,</p>
+ <p class="line">Dazu hat sie kein Mut.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an
+zu üben: er reckte den Brustkasten heraus, sog ihn voll
+mit Luft und zog die ausgebreiteten Arme mit den Bügeleisen
+kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, zog
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen,
+daß sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die
+Unterlippe vorgeschoben, hinunter auf das Spiel seiner
+Armmuskeln.
+</p>
+
+<p>
+Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür
+zugeknallt, und eine Wolke Bierdunst schlug in
+des Hauptmanns Kammer.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. &bdquo;U . . . u!&ldquo;
+klang es düster, &bdquo;U . . . u!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock
+und schlich, die Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die
+Treppe hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge,
+elegant auf sein dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich
+fast zum Halbkreis bog: der Schreiberlehrling des Rechtsanwalts
+Karfunkelstein.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen
+Häuschen eine enge Gasse aufwärts, die bis an den Fuß
+des dunklen Schloßberges führte. Auf dem steilen Bergrasen
+standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein
+Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig
+war die Festung von den Preußen genommen
+und geschleift worden. Seitdem lag eine Kompagnie
+Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des
+Berges, bei einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone,
+die abgefeuert wurde, um Bürger und Feuerwehr
+zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein
+Brand ausbrach.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die
+Linden warfen. Es war vollkommen still. Der Schreiber
+sah sich ängstlich um. &bdquo;Horch . . . hörst du nichts?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+&bdquo;Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän, sah sich auch um und zog die
+Schuhe an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man
+nur keine Angst hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß
+gibt&rsquo;s Gummiabsätz. Das Paar nur zehn Pfennig. Da
+hab ich mir fünfzehn Paar kauft.&ldquo; Sitzlings streckte
+der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die Höhe.
+&bdquo;Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei&rsquo; wieder
+zurückgetragen und hat g&rsquo;sagt, die brauchet ich nit . . .
+Ich trau mich gar nimmer an dem G&rsquo;schäft vorbei. Als
+ob man in seinem Leben nit fünfzehn Paar Gummiabsätzli
+aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz unglaublich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das hätt ich mir nit g&rsquo;fall laß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, was willst denn mach.&ldquo; Er stülpte die dicken
+Negerlippen mürrisch nach außen. &bdquo;No, lang dauert&rsquo;s
+ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham . . . Heiliger
+Gott!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mei Vater hat heut zu mir g&rsquo;sagt, wenn ich noch einmal
+mit Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre,
+könnte ich was erleben . . . Grün und blau wollt
+er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz genau, daß ich
+mir das nit g&rsquo;fall laß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja no.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das eine weiß ich&ldquo;, sprach der Schreiber hochdeutsch,
+&bdquo;so saudumm würde ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden
+die noch machen.&ldquo; Der bleiche Kapitän erhob sich
+und trat prüfend von einem Fuße auf den andern. &bdquo;Es
+ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir
+die andern vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn
+wir jetzt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, aber leis.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,
+wuchtige Bohlentor, durch das man in die
+Festung gelangt. Um diese Zeit war das Tor geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links,
+bis an den Rand vor, von wo aus man tief unten die
+Stadt liegen sieht, hoben wie auf Kommando die Arme,
+schüttelten die Fäuste, riefen: &bdquo;Weh dir!&ldquo; zur Stadt hinunter
+und sprangen in den Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten
+den Schloßberg heraufgeschlichen, bis an den Rand vor,
+riefen: &bdquo;Weh dir!&ldquo; und sprangen, den bequemen Weg
+verachtend, die hohe Mauer hinunter in den Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen,
+war versammelt.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.
+</p>
+
+<p>
+Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die
+alte Brücke, die Häuser und krummen Gassen von Würzburg.
+Die dreißig Kirchtürme bebten im Mondlicht. Der
+Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder
+Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel.
+Die ganze alte Stadt war aus purem Silber.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und
+rauchten ernst die Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf,
+derart viel im Graben wuchs.
+</p>
+
+<p>
+Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Mondlicht saß, fiel der tiefschwarze Schlagschatten, den die
+Schloßmauer warf.
+</p>
+
+<p>
+Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch.
+Die Räuber saßen reglos und starrten auf das Lagerfeuer,
+das in ihrer Mitte flackerte.
+</p>
+
+<p>
+Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter
+Straminhaussegen, auf dem &bdquo;Bet&rsquo; und arbeit&rsquo;, so
+hilft Gott allzeit&ldquo; gestickt war. Die Worte rollten sich
+zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.
+Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.
+</p>
+
+<p>
+Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken
+als Schande galt, und sprach: &bdquo;In Südamerika sind die
+Indianer klein, falsch und furchtsam.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Südamerika!&ldquo; sagte verächtlich der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist
+nur mit einem Tau festgemacht, unterm Brückenbogen.
+Im Frühjahr, wenn das Hochwasser kommt, müßten wir
+halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar
+Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück
+den Rhein hinunter und dann zu Fuß nach Hamburg.
+Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen sein!&ldquo; rief
+die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten
+Tante die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht
+mit der Tante; denn er deklamierte, nachdem er einmal
+bei einer Vereinstheatervorstellung mitgewirkt hatte, den
+ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder Leichenkränze
+band. &bdquo;Am ewigen Meer . . . da können wir in
+vierzehn Tagen sein.&ldquo; Sein Mund stand offen, rund und
+schwarz wie ein Mauseloch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+&bdquo;Und dann?&ldquo; fragte der Schreiber und zog lächelnd
+die Augenbrauen in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann! Was heißt das &mdash; dann?&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+&bdquo;Dann machen wir eben ein Segelschiff los und
+segeln ganz ruhig über den großen Teich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen,
+und die Wachen? He? Vielleicht steht sogar der Kapitän
+selbst die ganze Nacht am Steuer und blickt hinaus
+aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. Diese
+Sachen hab ich schon oft genug gelesen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte,
+die Zähne zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam
+zog er die geschwärzte Hand zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer&ldquo;,
+rief verächtlich der Hauptmann. &bdquo;Oder weißt du
+nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? Das &mdash; mein
+Lieber, das geht im Handumdrehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. &bdquo;Die
+Hauptsache ist, daß sich in einer einzigen Nacht in allen
+Urwäldern und Prärien des wilden Westens bei absolut
+allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft verbreitet,
+aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . .
+Auf unsere ersten Taten kommt&rsquo;s an. Die müssen gewaltig
+sein und furchtbar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Weiber werden natürlich verschont&ldquo;, schloß der
+bleiche Kapitän und stülpte die Negerlippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin
+darf auch immer eine halbe Stunde früher fortgehn&ldquo;,
+sagte der Schreiber. &bdquo;Gestern hab ich zum erstenmal
+Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur
+unser Bureauvorsteher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+&bdquo;Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt&rsquo;s kolossale
+alte Revolver. Die können wir drüben gut
+brauchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man
+damit trifft, der is total tot.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die
+Hand, preßte sie zur Faust &mdash; und zählte leise für sich bis
+neun, schleuderte das schwarzgewordene Holz ins Feuer
+zurück und erzählte gequält: &bdquo;Ins Zuchthaus käme ich
+noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter
+gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen
+von der Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen
+hab. Jetzt sperren sie mich daheim jeden Tag drei Stunden
+in die Holzlage . . . Ich! . . . Ich!&ldquo; Er sprang auf,
+drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham
+wechselten auf seinem Gesicht. &bdquo;Ich halt&rsquo;s nimmer aus!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn
+wir ins Zuchthaus kämen&ldquo;, sagte der Schreiber erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich
+langsam nieder und blieb reglos hocken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun ja . . . warum denn nicht.&ldquo; Der Schreiber sah
+fragend im Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde
+Feuer. Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im
+Mondlicht schwammen. Eine Sternschnuppe fiel in den
+Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem Gedanken
+nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige
+Male angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd:
+&bdquo;Die Erde ka . . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . .
+Kugel sein, denn wenn man immer weiter geht, müßte
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf nach unten
+stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen . . . Da
+habt ihr&rsquo;s, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.&ldquo;
+Und er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen
+Himmel stand. &bdquo;Der Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts.
+Oder wenigstens nicht viel. Die Erde ist keine Ku . . .
+Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel hat sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach
+Rußland, nach China, immer ist der Himmel oben&ldquo;, sagte
+der Schreiber und zuckte mit den Schultern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da!&ldquo; rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die
+Räuber blickten empor zu ihm. &bdquo;Denkt euch halt eine
+Ke . . . eine Ke . . . eine Ke . . . Kegelkugel &mdash; wenn darauf
+ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so groß wie der
+Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft,
+muß er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen.
+Aaalso kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel
+sein. Das ist doch ganz klar. Ma . . . ma . . . meint
+ihr nit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das weiß man halt nit recht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen
+und schwebten langsam und lautlos zu den
+im Mondlicht bebenden Bergen nieder. Vom funkelnden
+Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als einzige
+Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und
+letzten Höhe zu sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in
+dem die großen Augen schwarz wie heißer Asphalt glänzten.
+&bdquo;Ach, Unsinn ist alles, was der Mager da von einer
+Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg einäschern&ldquo;,
+fuhr er heftig fort, &bdquo;ehe wir von hier abfahren, und du
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden,
+so wäre das der Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der
+Mitte. Aber der brennt doch nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben
+auch alles so glatt ginge. Da werden einfach hundert
+Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt &mdash; ich sitze nebenan
+im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke,
+und brenne die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht,
+und ehe du dich versiehst, schlägt eine kirchturmhohe
+Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt gleich das
+Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben
+ihre Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil
+wir schon längst in unserm Schiff den Main hinunterfahren.
+Ha!&ldquo; schloß der bleiche Kapitän und spreizte
+die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen glänzten,
+&bdquo;da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein.
+Dann ginge sicher alles glatt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen
+Bruder aufsuchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, allemal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein
+paar Jahren als Ingenieur nach Amerika gegangen war.
+Der einzige Mensch, dem sich der bleiche Kapitän nicht
+ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder Gelegenheit
+hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.
+</p>
+
+<p>
+Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof
+zum bleichen Kapitän gesagt: &bdquo;Ich komme wieder,
+dann reiße ich die alte Brücke ab und baue dafür eine
+hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus Eisenkonstruktion.
+Da werden die Würzburgerli Maul und Augen
+aufreißen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem
+Amerikaner &mdash; sie sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und
+wortkarg gewaltige Taten vollbringen; sie sahen ihn am
+reißenden Mississippi stehen, nur mit einer Zeichenrolle in
+der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt den
+Finger aus &mdash; da stürzen seine siebentausend Leute sich auf
+Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer
+Brückenbogen im Mississippi.
+</p>
+
+<p>
+Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und
+reitet durch die Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Schule geht in Flammen auf&ldquo;, sagte der Schreiber
+und hob die Arme. &bdquo;Und Lehrer Mager verbrennt
+zu nichts. Hi!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht
+gehalten. Der wird ganz einfach gefesselt und in
+den Festungsgraben geschleppt. Da wird er ausgezogen
+und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden
+Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden
+lang. Überhaupt die ganze Brandnacht durch. Aber . . .
+wir lassen ihn am Leben. Wir hetzen ihn lieber nackt
+durch die brennende Stadt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen,
+um die korri . . . um die korri . . . korrigierten
+Schulhefte abzuholen. Seidel hat einen A . . . A . . .
+Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil so viel
+Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch
+nit helf tr . . . tr . . . trag dürf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager.
+Der ist doch sein Liebling. G&rsquo;schieht dir ganz recht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . .
+Hefte trag . . . Dann weiß ich aber noch einen, de . . .
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+de . . . der gemartert werden muß. Meee . . . Meee . . .
+Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!&ldquo; schrie Oldshatterhand
+wütend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur
+ein paar in Würzburg&ldquo;, sagte sinnend der bleiche Kapitän,
+&bdquo;die werden vorher durch Briefe aufgefordert, ihre
+Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib und Kind
+aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher
+einen Brief. Der hat mich gestern abend sein Garten
+gießen lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der
+liegt inmitten von Prärien und Urwäldern&ldquo;, sagte die
+Rote Wolke und deutete weit hinaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei
+Pa . . . Pa . . . Papageienflügel schicken? Für ihren
+H . . . Hut&ldquo;, sagte Oldshatterhand. &bdquo;Grü . . . grüne
+vielleicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die, die . . . muß einen Brief bekommen!&ldquo; rief Oldshatterhand
+erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja
+einen Brief schreiben, ich tu&rsquo;s nit&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän,
+tat die drei vorgeschriebenen Züge aus der Friedenspfeife
+und sagte monoton in tiefem Baß: &bdquo;Falkenauge&ldquo;,
+reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn,
+stand auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende
+Schilfrohr, während das andere gespenstisch und
+interesselos nach rechts blickte. Es war ein Glasauge.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte
+geiferte dünn und schnell dazwischen, andere mit tiefen
+Tönen setzten ein; der Zusammenklang währte eine Weile.
+Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu schlagen:
+töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe
+Nachtstille.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir
+jetzt den heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand
+haaa . . . t ge . . . sp . . . sprochen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab
+ihm einen Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete
+seine wutfunkelnden Augen auf den Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große,
+dunkle Gestalt, die sich lautlos reckte und schnell wieder
+zusammenduckte, als ein Räuber den Kopf hob.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit Gott denn!&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig
+von einem Fuße auf den anderen hüpfend, im Kreis um
+das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft und monoton
+dazu:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p>
+ <p class="line">Nang kang killewi, nang kang killewi,</p>
+ <p class="line">Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p>
+ <p class="line">Nang kang killewi wau.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel
+&mdash; die Räuber standen in ihrer momentanen Stellung
+still. Die Hand des bleichen Kapitäns sank, und die
+Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem Graben
+führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf,
+schlichen vor bis zum Bergrand und riefen: &bdquo;Weh dir!&ldquo;
+zur Stadt hinunter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung,
+der, gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht
+in die Tiefe fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik,
+in deren haushohen Schlot die Räuber oben hineinsehen
+konnten.
+</p>
+
+<p>
+Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende,
+altersmorsche Latten, die aus dem Felsenabhang hinaus
+in die Luft ragten, versperrte den Weg in die königlichen
+Weinberge.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück
+den Felsenabhang hinunter, erfaßte die Latten, schwang
+ein paarmal wie ein Kirchenglockenschwengel über der
+Tiefe hin und her &mdash; und stand in den königlichen Weinbergen.
+</p>
+
+<p>
+Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle
+glücklich drüben, außer Oldshatterhand, der zitternd am
+Felsenabhang klebte, denn seine freie Hand reichte nicht
+bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu rühren.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend
+und von den anderen gehalten, über den Felsenabhang
+hinaus, streckte Oldshatterhand die Hand hinüber
+und riß ihn frei durch die Luft zu sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber grinste: &bdquo;Hohaho! Oldshatterhand.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Still!&ldquo; rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im
+Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.
+</p>
+
+<p>
+Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der
+Festung weg, bis zu den ersten Häuschen der Stadt, fiel
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+der königliche Weinberg steil ab, aus dessen Trauben der
+berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel abgezogen
+wird.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und
+so viel zu fressen, wie er kann&ldquo;, befahl der bleiche Kapitän.
+&bdquo;Und dann erst steckt jeder so viel Trauben ein, wie
+möglich, für unsere Vorratskammer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen
+Weinstock.
+</p>
+
+<p>
+Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden
+Stadt. Die Domuhr schlug eins.
+</p>
+
+<p>
+Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten
+krochen herum. Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und
+horchte, atemlos vor Angst. Ohne hinzusehen, griff er
+seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere in den
+Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort,
+rutschte erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte
+gegen Winnetou. &bdquo;Wenn jetzt jemand kommt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke
+hinunter, auf der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte
+Menschen traumhaft taumelten, und sagte laut: &bdquo;Wenn
+jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß er mich
+sieht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Duck dich doch&ldquo;, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt&ldquo;, erklang
+die Stimme des bleichen Kapitäns laut von seitwärts.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos,
+ohne noch an etwas zu denken, hastig Trauben
+vom Stock und stopfte sie in die Taschen.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand
+im Schatten der Festungsmauer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+&bdquo;Mit dem Messer mußt du abschneiden&ldquo;, schimpfte der
+bleiche Kapitän Oldshatterhand, &bdquo;sonst werden sie ja ganz
+verdrückt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem
+Messer.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus &mdash; über ihm
+stieg eine klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in
+den Nachthimmel. Entsetzt blickten die Räuber zur Flamme
+hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie zu, und die Räuber
+hörten ihn sagen: &bdquo;Herrgott, was ist denn das für eine
+Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt
+werden. Das sieht man doch von der Stadt
+drunten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete
+Winnetous Gesicht. &bdquo;Und wenn sie&rsquo;s sehen!
+Sie sollen&rsquo;s ja sehen!&ldquo; schrie er und trat in Raserei den
+brennenden Weinstock nieder.
+</p>
+
+<p>
+Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht.
+Seine Lippen zuckten. Die Tränen schaukelten
+an seinen Wimpern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . .
+Wenn ihr alle genug habt&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+Die Domuhr schlug dunkel zwei. &bdquo;Wie ein Mensch so
+was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh
+ich wahrhaftig nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg
+und gelangten, jetzt auf einem ganz ungefährlichen Weg,
+den sie herwärts verachtet hatten, zurück in den Festungsgraben.
+Voran der bleiche Kapitän mit einem Waschkorb
+voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den
+Weinberg geschmuggelt hatte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+&bdquo;Pst! Da war gerad jemand gestanden&ldquo;, flüsterte
+Falkenauge.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo? . . . Wo denn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt is er weg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen,
+die gar nit da sind&ldquo;, sagte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es
+dem Schreiber hin und rief frohlockend: &bdquo;Mach das einmal
+nach!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte
+im Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer
+des Festungsgrabens &mdash; ein großes, schwarzes Loch wurde
+sichtbar. Der Anfang eines unterirdischen Ganges.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im
+Gange lag, und ging voran. Fledermäuse klebten an der
+Decke, flatterten auf, prallten gegen die Räuber, und
+huschten ins Freie.
+</p>
+
+<p>
+Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über
+jeden Seitengang hatte der bleiche Kapitän ein Täfelchen
+unter Glas angebracht und mit Druckschrift darauf geschrieben,
+wohin der Gang führte. Auf einem Täfelchen
+war zu lesen:
+</p>
+
+<p class="block">
+Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch,
+in den Hinrichtungshof des Justizgebäudes. Vorsicht!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf einem anderen Täfelchen stand:
+</p>
+
+<p class="block">
+Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt
+eine Stunde weit ins Nonnenkloster Himmelspforten.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+Auf dem dritten Täfelchen:
+</p>
+
+<p class="block">
+Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die
+Mitte des Flusses, zur Wasserfalle, die von Ratten
+wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten Jahrhundert
+der Bischof von Würzburg falsche Priester
+gestoßen, die in die Wasserfalle gerieten, bis zum
+Nabel im Wasser standen und lebendigen Leibes
+von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten,
+diesen Gang nur bei Lebensgefahr zu betreten.
+</p>
+
+<p class="right">
+Der Hauptmann.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu
+einem weißen Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner
+Mutter vom Waschseil gestohlen hatte. Das einzige, was
+er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän zog den
+Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
+quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den
+Felsen herausgehauen, Steinbänke waren.
+</p>
+
+<p>
+Das war &bdquo;das Zimmer&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche
+von der niederen Decke herunterhing, und schimpfte: &bdquo;Die
+ist wieder nicht geputzt worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam
+auf die Holzregale gelegt, die an den Mauern angebracht
+waren, und auf denen schon vielerlei Vorrat aufgestapelt
+lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, von den Räubern
+den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit Zigaretten
+untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen.
+Daneben lagen: ein großer, geräucherter
+Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, in Reihen
+geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Räubern eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder,
+welches Falkenauge in dem Ledergeschäft, wo er
+zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, mitgenommen
+hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten
+zwölf Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde,
+die Häute an seinen Chef zu senden, zum Ersatz.
+</p>
+
+<p>
+Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen,
+aber täglich mit Schweinefett eingerieben, auf
+daß sie nicht knarrten, wenn man in der Prärie die Rothaut
+beschliche.
+</p>
+
+<p>
+Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles
+darauf, vom bleichen Kapitän aus dem Keller seines
+Bruders mitgenommen. Die Biergläser, sorgfältig gespült,
+mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
+Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft
+und mit zertrennten Kartoffelsäcken belegt. Besen und
+Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen an der Mauer.
+</p>
+
+<p>
+Es herrschte musterhafte Ordnung im &bdquo;Zimmer&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an
+Rücken, alle Räuber-, Indianer- und Seegeschichten, die
+es überhaupt gibt: Der Bayrische Hiesl oder Der Herr der
+böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in zweihundertunddreizehn
+gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem
+Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in
+ebenfalls zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige.
+Um sieben Millionen oder Der Schurke von Zanzibar.
+Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle Indianergeschichten,
+die der Herr Buchbinder Männlein, der
+Meister des bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte,
+standen wohlgeordnet im gepreßt vollen Bücherregal.
+</p>
+
+<p>
+Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+dünnes Reclambändchen: &bdquo;Die Räuber. Drama in fünf
+Aufzügen von Friedrich von Schiller.&ldquo; Das Hausbuch
+der Bande.
+</p>
+
+<p>
+Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine,
+die früher das Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe
+Benommen vor Staub geschützt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der
+Wand. &bdquo;Heimlicher Versammlungsort der Räuberbande
+von Würzburg&ldquo; stand darauf.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren&ldquo;,
+sagte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen
+nach außen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm
+Tinte und Feder und ein Büchlein heraus.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn
+der Rechnungsführer an seine Schande erinnert wurde,
+ein Schreiber zu sein. Was dieser jedoch mit grimmigem,
+etwas leidvollem Humor ertrug. &bdquo;Was bin ich? Ein
+Schreiber bin ich, ein Schrieb&ldquo;, sagte er, &bdquo;ein Federfuchser,
+hohaho!&ldquo; Und dabei errötete er stets tief.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?&ldquo; fragte er
+und sah auf die Trauben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen
+Weinbergen. Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig&ldquo;,
+notierte der Schreiber. Und deutete auf eine
+farbige Eidechse aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur.
+&bdquo;Und diese Eidechse? . . . Gekauft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mitgenommen&ldquo;, gab der bleiche Kapitän an. &bdquo;Schreib
+auf: ein Kunstwerk, in Form einer Eidechse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+&bdquo;Und das da, Hauptmann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Wer hat da gelacht!&ldquo; brüllte erzürnt der bleiche
+Kapitän. &bdquo;. . . Wenn noch einmal einer lacht, so wird er
+ausgeschlossen . . . Da wird ganz einfach ballotiert, mit
+schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist er draußen.
+Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
+wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein
+weißer Stallhase, lebend, gekauft beim Jud Meyerheim,
+um fünfunddreißig Pfennige.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte
+mit der Oberlippe.
+</p>
+
+<p>
+Gelacht hatte die Kriechende Schlange. &bdquo;Der macht
+uns ja alles voll&ldquo;, sagte er, fuhr aber schnell fort: &bdquo;Morgen
+ist ein Schnelläufer auf dem Sanderrasen. Er läuft
+im Trikot.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da wird hingegangen&ldquo;, erwiderte der Hauptmann,
+&bdquo;wenn ihr wollt&ldquo;, setzte er, noch erbost, hinzu. &bdquo;Morgen
+mache ich einen Käfig für &sbquo;Das heilige Tier&lsquo;. So heißt
+von heute an der Stallhase.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte
+stand, stellte eine Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen
+zu haben, zurück an seinen Platz.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin:
+&bdquo;. . . Gekauft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied
+Gottlieb.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen
+Hecht, den die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten
+aus dem neuen Sandschiff des roten Fischers geholt
+hatte, und schloß das Büchlein wieder in den
+Schrank.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den
+Hahn ins Bierfaß. Das donnerte im unterirdischen
+Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. Er schenkte
+die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie
+auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und
+rauchten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Felli&ldquo;, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums
+Wort.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sprich&ldquo;, erwiderte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und
+ist dem Erdboden gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen.
+Alle! Auf uns, die einzig Überlebenden, fällt
+natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen ungeheure
+Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier
+Wochen lang hier verbergen zu können. Bis die Regierung
+glaubt, wir seien mitverbrannt. Nicht der geringste
+Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß
+wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter
+aus und erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht
+. . . Und wenn wir uns dann, als Bauernweiber verkleidet,
+aus dem Staub gemacht haben, sind wir verschollen
+auf ewig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou
+schwieg und lehnte sich zurück. Die Kerzenflammen
+standen unbeweglich. Die bleichen Gesichter hingen wie
+kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!&ldquo; rief
+Oldshatterhand erregt. &bdquo;Oh, im wilden Westen . . . Ihr
+werdet&rsquo;s schon sehen . . . Wenn einer von uns in
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu heiraten,
+dann soll er&rsquo;s lieber gleich sagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem
+Blick in die Ecke: &bdquo;Wie du glauben kannst, daß einer von
+uns so ein dreckiger Feigling ist, das versteh ich ganz einfach
+nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König
+der Luft in die Mitte und rief: &bdquo;Ich, der König der Luft,
+lese jetzt vor: das hundertundsiebenundneunzigste Kapitel
+aus &sbquo;Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde&lsquo;. Da
+sind wir&rsquo;s letztemal stehen geblieben.&ldquo; Der König der
+Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig
+und ein scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er
+sprang von immer höheren Mauern herunter, um seinen
+Ruhm zu steigern und eines Tages die Hauptmannschaft
+an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und
+hatte ein Indianerprofil.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?&ldquo;
+fragte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten
+Knopf seines Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur
+Decke und rief: &bdquo;Die bleiche Gräfin!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Räuberlied!&ldquo; brüllten die anderen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, also Räuber &mdash;, also Räuber &mdash; Räuberlied!&ldquo; rief
+schnell und sich überstürzend der König der Luft und stand
+im Ausfall, die Faust geballt. Der Rockknopf sprang ab,
+sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht stand senkrecht.
+Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen
+schief zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub
+er an zu singen, und die Räuber hörten zu.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+ <p class="line">&bdquo;Stehlen, morden, huren, balgen,</p>
+ <p class="line">Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.</p>
+ <p class="line">Morgen hangen wir am Galgen,</p>
+ <p class="line">Drum laßt uns heute lustig sein.</p>
+ <p class="line">Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen,
+während das gläserne tot und interesselos in die Ecke
+blickte. Der bleiche Kapitän sang gewaltsam in tiefem
+Baß und sehr falsch. Und die Lippen der Kriechenden
+Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht
+besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts
+und agierte pathetisch. Jeder der Räuber sang eine
+Strophe. Zuletzt kam Oldshatterhand, der sich sehr frei
+fühlte, denn beim Singen stotterte er nicht. Um über seine
+Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den Zehenspitzen.
+Er sang mit feiner Mädchenstimme.
+</p>
+
+<p>
+Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag
+müde zusammengerollt in der Ecke, und der Kopf des schlafenden
+Oldshatterhand lehnte gegen die Schulter der
+Roten Wolke.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Felli&ldquo;, sagte müde Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sprich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist Zeit, Hauptmann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf morgen denn&ldquo;, sagte leise der bleiche Kapitän,
+und sein Kopf sank auf die Brust.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen,
+zündeten die Pechfackel an und stellten gähnend ihre
+Rockkragen auf.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser im Fischkasten gluckste.
+</p>
+
+<p>
+Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+der weiße Hase, aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal
+sprang und ängstlich im &bdquo;Zimmer&ldquo; herumhüpfte. Mit
+einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa Schlips
+herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Das Wehgeheul geschlagener Väter,</p>
+ <p class="line">Der bangen Mütter Klaggezeter,</p>
+ <p class="line">Das Winseln der verlaßnen Braut</p>
+ <p class="line">Ist Schmaus für meine Trommelhaut.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Räuber hatten das &bdquo;Zimmer&ldquo; verlassen, den Verschlußstein
+wieder sorgfältig eingefügt und standen auf
+dem Bergrücken beisammen.
+</p>
+
+<p>
+Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das
+Gras war taunaß. Auf einem Busch saß eine Amsel und
+pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an einem Lindenstamm,
+mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben
+und huschte in einer Spirale um den Stamm herum
+und hinauf ins raschelnde Laub.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt;
+nur die dreißig Kirchtürme stachen durch den Nebel und
+schwarz in den morgenklaren Himmel hinein. Im Osten
+hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da liegt ein Hobel&ldquo;, sagte Falkenauge erschrocken,
+hob ihn auf, beäugte ihn ganz nahe, roch daran und zeigte
+ihn still und vielsagend der Räuberrunde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen;
+da war der Hobel noch nit dort gelegen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie kommt er überhaupt daher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein schöner Hobel ist es ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ham wir davon!&ldquo; riefen ein paar gleichzeitig.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+&bdquo;Wenn uns jemand ausspioniert hat &mdash; no, dann geht&rsquo;s
+uns krumm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder
+gefahren. Die übernächtigen Augen waren fragend
+und gespannt aufeinander gerichtet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann sind wir verloren!&ldquo; rief die Rote Wolke pathetisch.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen
+Rock und Weste. &bdquo;Was heißt denn das . . . verloooren!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob
+die Hand. &bdquo;Es wird heißen: Im Herbst des Jahres
+achtzehnhundertneunundneunzig
+stattete die gefürchtete Räuberbande
+von Würzburg den königlichen Weinbergen ihren
+Besuch ab . . . In dunkler Nacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn
+wir einmal heim&ldquo;, riet der bleiche Kapitän. &bdquo;Den Hobel
+nehm ich mit, für unsre Vorratskammer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen
+Wegen den Schloßberg hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen,
+wo er auf einem alten Kanapee seine Schlafstätte
+hatte. Gespannt beobachtete er seine um zwei Jahre ältere
+Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der
+Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett
+hin und her; ihre bläulichen Lippen bewegten sich, und
+die schmale Hand hing bis zum Boden hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für
+die Schwester auf den Stuhl, schlich zum Küchenschrank,
+trank Milch aus dem irdenen Topf und goß Wasser nach,
+genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die Augen
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise
+und ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende
+Kanapee nieder.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden
+mit faserigem, grauem Bart, dabei an,
+wie er seine Sachen ordnete. Der Alte sah sich um nach
+seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
+Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war,
+die Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu
+werden. Wohlgemut tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte
+mit dem Stöckchen in der Luft umher und sang leise:
+&bdquo;Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der bangen
+Mütter Klaggezeter&ldquo;, öffnete die Wohnungstür &mdash;
+da läutete die Glocke durchs Haus. Herr Widerschein,
+ein Schuster, hatte sie losgebunden und wartete auf seinen
+Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. Wortlos nahm
+er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.
+</p>
+
+<p>
+Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber
+ruderte mit Armen und Beinen.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause
+durch den hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen
+Lichtchen unter der in der Mauer eingelassenen Mutter
+Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer gelegt,
+den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an
+gar nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige
+Licht zu verlöschen, so daß tiefstes Dunkel um ihn her
+wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und
+war am Blitzableiter hinaufgekrabbelt und durchs Fenster
+in seine Kammer gestiegen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des
+Kastanienbaums im Wirtschaftsgarten.
+</p>
+
+<p>
+Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst
+das rote Tüchlein vor und übte noch eine Weile ernst und
+sachlich mit den zwei Bügeleisen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner
+schulheftblauen Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig
+vorgeschoben, energisch auf die &bdquo;Altrenommierte
+Weinstube zu den drei Kronen&ldquo; los. Gleich darauf klang
+sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.
+</p>
+
+<p>
+Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen,
+einzeln, paarweise und in Reihen, gingen in
+der Richtung nach der Burkarter Kirche. Die Sonne
+schien. Glocken läuteten.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen
+Häuschen des Schusters Widerschein auf einem
+Handwagen, ließ die Beine baumeln und blickte hinauf
+zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen Fenstern.
+Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den
+Bandenpfiff: &bdquo;Nieder mit der Tyrannei&ldquo;, und machte
+leise: &bdquo;Pst&ldquo;, worauf die rot- und weißgefleckte Katze,
+die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, den
+Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.
+</p>
+
+<p>
+Sonst blieb alles unverändert.
+</p>
+
+<p>
+Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. &bdquo;Di di di
+di quiridi&ldquo;, trillerte der Kanarienvogel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pst&ldquo;, machte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt,
+zwischen den Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige
+Male im Handgelenk und winkte dann heftig weg, die
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen Ausgang
+heute.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die
+Schloßgasse, begab sich zur Bande, die vor dem Friseurlädchen
+des Herrn Adam Rein versammelt war, und erstattete
+Bericht.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten,
+ob er es wagen solle, sich rasieren zu lassen. Wenn
+er gegen die Sonne stand, flimmerte ein zarter Flaum
+goldig auf seiner Oberlippe.
+</p>
+
+<p>
+Entschlossen trat er ein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Haarschneiden &mdash; Herr Benommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein . . . Heute nur rasieren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig
+Jahre lang, und noch Ihren Großvater. Und jetzt sind
+Sie auch schon so weit. Ja, man wird alt&ldquo;, sagte Herr
+Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte Haut
+des Hauptmanns gleiten.
+</p>
+
+<p>
+Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte
+seine Leute unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn
+der Rein nicht geschnitten habe.
+</p>
+
+<p>
+Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich
+sauber gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend
+gewichsten Stiefeln. Die Räuber grüßten verlegen. Herr
+Vierkant legte seinen Zeigefinger an den Hutrand und
+lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester
+Laune. Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend,
+schritt er weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.
+</p>
+
+<p>
+Ein schneidender Pfiff ertönte: &bdquo;Nieder mit der Tyrannei&ldquo;,
+und heftiges Keuchen. Sein dünnes Stöckchen
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+über dem Haupte schwingend, kam der Schreiber nachgerast.
+</p>
+
+<p>
+Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das
+Ladenschild war der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes
+gemalt.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein
+Stück Pferdewurst und betrachtete dabei die Würste im
+Schaufenster.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug
+aus. Der Duckmäuser hörte auf zu kauen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann&ldquo;, sagte
+der Schreiber. &bdquo;Begreift ihr das? Sein ganzes Leben
+lang von allen Menschen so verachtet sein. Ich sag euch,
+das ist fast so, wie mit den Juden, die kleine Christenkinder
+schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Jud Meierheim soll&rsquo;s getan haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt
+niemals ein Jud getan hat . . . du Rindvieh!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;I . . . i hahaha!&ldquo; wieherte der König der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu
+sagen&ldquo;, rief der Schreiber und erschrak, denn er hatte
+Herrn Metzgermeister Rücken bemerkt, dessen mächtiger
+Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt über dem
+Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt,
+blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel
+und ließ das Grauen der Räuber auf sich wirken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!&ldquo;
+sagte überzeugend der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden.
+Wenn nicht Soldaten darauf exerzierten, legten die
+Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen auf. Diesen
+Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.
+</p>
+
+<p>
+Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller
+Menschen &mdash; ein weißes Kleid hier und da,
+der Farbfleck einer Bluse.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in
+rotem Trikot, einen Fuß rückwärts gestellt. Mit großer
+Geste rief er: &bdquo;Drei Mark demjenigen aus dem hochverehrlichen
+Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne
+daß ich ihn überhole.&ldquo; Er hatte kurze Beine mit gewaltig
+hervortretenden Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten,
+schwarzen Schnurrbart.
+</p>
+
+<p>
+Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand
+neben dem Stuhl. Sie war des Schnelläufers Mutter
+und hielt einen zerknüllten Zinnteller in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho! Das machst du, Hauptmann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes
+Lächeln zuckte über sein Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Da trat er in den Raum.
+</p>
+
+<p>
+Und schoß gleich hundert Meter vor, während der
+Schnelläufer hinter ihm hertrabte mit zur Brust hochgenommenen
+Armen, daß sich die Ellbogen vor- und zurückbewegten,
+gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen
+Sprüngen vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus,
+angetrieben durch die begeisterten Draufrufe seiner
+Bande.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+&bdquo;Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die
+drei Mark!&ldquo; rief der rote Fischer.
+</p>
+
+<p>
+Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den
+Zuschauern ihren Zinnteller gleichgültig hin und ging
+gleichgültig weiter, mit stumpfen Augen, wenn man nicht
+gab.
+</p>
+
+<p>
+Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden,
+an seinen Leuten vorüber, winkte ihren Draufrufen ab,
+sah sich nach seinem Rivalen um. Und war weg.
+</p>
+
+<p>
+Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann
+wurde immer langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen
+Tempo, holte auf und überholte, unter knallendem
+Gelächter des Publikums und besessenem Draufgebrüll
+der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren
+Runde vollkommen erschöpft aufgab.
+</p>
+
+<p>
+Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne
+am schwarzen Menschensaum entlang.
+</p>
+
+<p>
+Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am
+Gesicht hinunter. Ohne Atem stieß er hervor: &bdquo;Der
+Schnelläufer hat beschummelt! Einen kleineren Kreis hat
+er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber eine halbe Stunde hast du&rsquo;s doch ausgehalten&ldquo;,
+sagte der Schreiber, mit der Uhr in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No wart nur, bis er wieder einmal läuft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch
+gehen. Da gibt&rsquo;s warmen Käsekuchen. Es ist genau
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem Backofen
+raus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab kein Geld&ldquo;, sagte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich!&ldquo; rief der Schreiber. &bdquo;Siebzig Pfennig.
+Weil ich heut früh für mein Vater Schuh fortgetrage hab,
+und da hab ich siebzig Pfennig mehr für die Reparatur
+verlangt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er erfährt&rsquo;s aber nit. O Gott, das mach ich schon
+seit Jahr und Tag so. Die Kundschaft frägt mein Vater
+nit, weil sie&rsquo;s jetzt schon gewöhnt ist, daß bei mein Vater
+die Reparaturen so teuer sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein
+frommer Mann, fett und bleich.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage
+stehen. Der Schreiber kaufte für sich und die
+andern sieben Stück Käsekuchen, welche Herr Schlauch
+durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.
+Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.
+</p>
+
+<p>
+Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah
+die Räuber an und sagte: &bdquo;Der Kuchen schmeckt nach
+Petroleum . . . Herr Schlauch, der Kuchen schmeckt ja
+nach Petroleum.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke
+durchs Fenster Herrn Schlauch wieder hinein, der sich
+ängstlich nach seinen weintrinkenden Gästen umsah und
+entsetzt den Kuchen beroch. &bdquo;Petroleum? . . . Ja, was
+wär denn das.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Versuchen Sie ihn nur selber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum&ldquo;,
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+sagte Herr Schlauch erstaunt, weiter mit der Zunge
+prüfend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch
+gleich!&ldquo; sagte der bleiche Kapitän überzeugend und verzog
+das Gesicht. &bdquo;Wahrscheinlich ist die Petroleumkanne
+daneben gestanden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wa wa wa wa wa!&ldquo; schrie der Bäcker aufgeregt.
+&bdquo;Das gibt&rsquo;s nit!&ldquo; Und schob die angebissenen Stücke auf
+dem Tische herum.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum
+. . . Sie müssen uns neuen Kuchen geben. Wir ham
+doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt einmal den andern
+Platz an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke
+zum Fensterchen hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die
+Räuber bissen in den Kuchen . . . &bdquo;Wahrhaftig! der schmeckt
+auch nach Petroleum&ldquo;, sagte der Schreiber nach einer Weile.
+</p>
+
+<p>
+Der Bäcker wurde dunkelrot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich schmeck nix&ldquo;, sagte der König der Luft mit vollem
+Munde und schluckte hastig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist halt ein Rindvieh&ldquo;, flüsterte der Schreiber . . .
+&bdquo;Also, Herr Schlauch, das gibt&rsquo;s doch nit, daß Käsekuchen
+nach Petroleum schmecken darf . . . da müssen Sie
+uns doch recht geben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster
+hinein. Der Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin,
+türmte sie aufeinander und sagte endlich zu seiner
+Frau: &bdquo;Da, versuch du einmal den Kuchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch
+nit nach Petroleum.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Machen Sie auf!&ldquo; Der Schreiber schlug an die
+Scheibe . . . &bdquo;Da gehn wir ganz einfach in den Laden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich nit. Mein Vater sitzt drin&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+bedauernd und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in
+den Laden hinein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch
+bezahlt&ldquo;, begann der Schreiber. &bdquo;Jesus, wenn sowas bekannt
+wird!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich
+reglos, das dichte Räubergrüppchen an, während ihr
+Mann sich zum Regal umwandte, die Ränder der unangeschnittenen,
+großen Kuchen ratlos beroch und dabei
+heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten&ldquo;, sagte
+der Schreiber sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän drängte sich vor. &bdquo;Genau betrachtet,
+müssen Sie uns unser Geld zurückgeben, natürlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach
+der Kasse griffen, verglich der Kapitän: &bdquo;Wenn mei
+Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden Schwartenmagen
+verkauft, muß sie&rsquo;n a zurücknehm. So was ist doch ganz
+klar. Ich versteh Sie wirklich nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, also da hinten hockt er&ldquo;, flüsterte plötzlich
+der König der Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt
+hatte. &bdquo;Also und, ich geh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.
+</p>
+
+<p>
+Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern
+in die Erde gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+werde. Er und Winnetou mußten lange suchen, bis sie
+die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand
+ein streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei
+herzförmige Blättchen waren, und rief: &bdquo;Das ist mein
+junger Zwetschgenbaum!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene
+Töpfe, zerknüllte, nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen,
+Gipsbrocken, stinkende Gemüseabfälle. Es war der
+Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. Oldshatterhands
+Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes
+Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war
+auch da, von Haselnußsträuchern umstanden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger
+vorsichtig zur Seite und ließ es zurückschnellen.
+&bdquo;Es hat schon ziemlich viel Kraft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die
+Fußsohlen gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen
+in der Mitte war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie lange braucht&rsquo;s, bis was dranhängt&ldquo;, sagte Winnetou
+bedauernd und drückte das Stengelchen auch zur
+Seite.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah es schon als Baum: &bdquo;Alles, was
+er trägt, gehört mir und dir. Er wächst schnell, hier ist
+der Boden gut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es braucht auch viel Sonne und Regen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und
+wieder auf das Stengelchen; er empfand einen Druck
+über dem Herzen, weil er so klein bei dem kleinen Pflänzchen
+saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; seine
+Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: &bdquo;Wenn ich
+dann einmal zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+als ein Fremder zurückkehre . . . in einem Gummimantel,
+dann ist es schon ein großer Baum geworden, der gestützt
+werden muß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir könnten&rsquo;s eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?&ldquo;
+fragte Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel.
+Sie steckten das Streichholz zum Stengelchen in die
+Erde und banden es daran fest. Aber der Druck wich nicht
+aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah nachdenklich
+drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen,
+sondern in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das
+Pflänzchen. &bdquo;Wollen wir? . . . Was meinst du? . . . Das
+düngt&ldquo;, sagte er und war auf einmal fröhlich. Oldshatterhand
+sah Winnetou erst entsetzt an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wirklich, das düngt&ldquo;, beschwichtigte Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann&rsquo;s
+ihm eigentlich nit&ldquo;, sagte Oldshatterhand gedankenvoll,
+und ein Lächeln entstand in seinem Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie
+traten zurück, und die Strahlen trafen das erzitternde
+Pflänzchen.
+</p>
+
+<p>
+Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf
+schwamm ein breites, verfaulendes Brett. Andere Holzstücke
+benützten sie zum Abstoßen und fuhren mit dem Brett
+auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, worauf
+sie erhitzt nach Hause eilten.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-2">
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Zweites Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>as war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige
+Lehrjungen hatten aus der Kneipe der Witwe
+Benommen heraus über die Räuberbande gelacht, die geschlossen
+vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
+Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für
+verächtlich und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch
+einem schon lange zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen
+war. Seitdem hatten die Räuber viele Stunden
+in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, betrunken
+zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn
+er war mit ganzer Seele dabei und immer betrunken. Die
+Zusammenkünfte im &bdquo;Zimmer&ldquo; wurden zum Entsetzen Oldshatterhands
+nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der
+Sonne und warteten auf den bleichen Kapitän. Winnetou
+kaute nachdenklich Gras.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg
+hinauf; er hatte ein schmutziges Karl May-Buch ohne
+Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte er schweigend
+und gespannt auf die Räuber hinunter. &bdquo;Was
+glaubt ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht
+. . . Winnetou ist erschossen worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, halt doch&rsquo;s Maul!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da hockt er ja&ldquo;, sagte der Schreiber lachend und deutete
+auf Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+&bdquo;Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl
+May-Büchern&ldquo;, rief der bleiche Kapitän wütend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou ist tot?&ldquo; fragte Winnetou leise. &bdquo;Das ist
+nicht möglich. Wie soll denn das passiert sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert
+Siouxindianer gegen Winnetou allein! Er ist halt
+überrascht worden, in einer Höhle, die nur einen Ausgang
+hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er tödlich getroffen
+worden, weil die Feigling nur immerzu in die
+Höhle geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . .
+Wie konnt er denn in so einem Augenblick nit da sein?&ldquo;
+fragte Winnetou erregt.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber
+waren auf den bleichen Kapitän geheftet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist&rsquo;s ja! Der war grad gefangen. Er hat aber
+schon sowas geahnt und hat sich befreit vom Marterpfahl
+. . . Und dann hat er eine ganz unglaubliche Leistung
+vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist er
+in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer
+geritten, sondern geflogen auf seinem &sbquo;Rih&lsquo;. Und ist halt
+doch grad um ein paar Augenblick zu spät kommen. In
+Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou ein paar
+Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous
+müßt ihr les&rsquo; . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und
+dann heißt&rsquo;s: Hundertmal hast du mir das Leben gerettet,
+mein roter Bruder Winnetou, und jetzt muß ich zu spät
+kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die
+den wilden Westen sahen, die Höhle, in der Winnetou
+verschieden war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter
+Siouxindianer durch die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren
+&mdash; aber am äußersten Ende, da, wo Prärie und Himmel
+sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner,
+schwarzer Punkt &mdash; schußbereit.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da kann man jetzt nix mehr mach&ldquo;, sagte der bleiche
+Kapitän und reckte sich auf. &bdquo;Aber fürchterliche Rache
+hat er geschworen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Leih mir das Buch bis morgen&ldquo;, bat Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das geht auf kein Fall. Ich hab&rsquo;s selber noch nit
+ausgelesen&ldquo;, wehrte der bleiche Kapitän ab.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Morgen früh geb ich dir&rsquo;s wieder zurück.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Morgen früh muß ich&rsquo;s ja schon abliefern, sonst muß ich
+vier Pfennig mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt
+du&rsquo;s gleich les . . . Wir gehn jetzt in die Weinwirtschaft &sbquo;Zum
+Lochfischer&lsquo;. Kommst halt nach, wennst&rsquo;s ausgelesen hast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou griff nach dem Buch.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die
+Sonne war untergegangen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel,
+die Herr Widerschein vorgeschuht hatte. Bei
+dem Hause des säbelbeinigen Polizeiwachtmeisters blieb
+er stehen. &bdquo;Ich muß erst die Stiefel vom Wachtmeister
+nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder
+da . . . Geh mit&ldquo;, sagte er zum König der Luft.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der frißt dich doch nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also hopp! Also wenn du meinst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein
+paar übrig sind, bis wir nüberkommen?&ldquo; fragte der König
+der Luft auf der Treppe.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur
+Achselhöhle. &bdquo;Das ist fraglich . . . Mein Lieber, wenn
+Oldshatterhand einmal blutige Rache geschworen hat,
+dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben
+. . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer
+war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Verlangst du mehr für die Stiefel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sei doch still.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich&rsquo;s
+bequem gemacht. Sein Uniformrock hing über dem Stuhle,
+die meterlange Pfeife lehnte in der Kanapee-Ecke. Der
+blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe
+zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt
+über dem Kanapee hing.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt,
+drei Mark neunzig kosten die Stiefel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben
+und schnalzte nervös mit den Daumen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schon fertig?&ldquo; Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel,
+stieg in die lange Röhre hinein und zog und zerrte
+an den Stulpen. Sein Gesicht lief blaurot an. Dabei
+preßte er hervor: &bdquo;Drei . . . Mark . . . neunzig?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.&ldquo; Der
+König der Luft blickte starr vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel,
+am andern den Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und
+blickte prüfend zur Decke, schlenkerte das bestiefelte Bein,
+beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen auf das Oberleder.
+&bdquo;Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen
+schönen Gruß aus an deinen Vater&ldquo;, sagte er und zog den
+Geldbeutel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+&bdquo;Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag&ldquo;,
+sagte der Schreiber auf der Treppe. &bdquo;Die fünfzig Pfennig
+mehr schaden dem nix . . . Er is ja Junggesell. Der
+hat sogar Geld auf der Sparkasse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr
+verlangt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was glaubst denn, da wär er drauf komme.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen,
+die Füß vom Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet
+man mehr Leder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen
+. . . Im ganzen hab ich eine Mark siebzig dran
+verdient.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Mark siebzig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Geb halt das Geld erst später dein Vater&ldquo;, drängte
+der bleiche Kapitän vor dem Hause. &bdquo;. . . Du mußt von
+vorne anfangen, dann siehst du selber, daß eine Rettung
+absolut nit möglich war&ldquo;, sagte er zu Winnetou, der stehend
+las. &bdquo;Also, jetzt gehen wir zum &sbquo;Lochfischer&lsquo; . . . Komm
+aber, wennst&rsquo;s ausgelesen hast!&ldquo; rief er Winnetou nach,
+der &bdquo;Ja, ja, sicher!&ldquo; rief und weiterlesend langsam in der
+Richtung seiner Wohnung ging.
+</p>
+
+<p>
+Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen
+Hemd und Brust und wollte in sein Zimmer schleichen.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief
+streng: &bdquo;Da komm mal her!&ldquo; Sie war eine hagere Frau
+mit dunklen Augen. Ein silberner Christus baumelte an
+ihrer Brust.
+</p>
+
+<p>
+Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+hervorstehenden Backenknochen, saß, wie immer in seiner
+freien Zeit, auf dem Kanapee neben der blassen, schönen
+Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf
+dem Tisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo hast du das Buch!&ldquo; rief die Mutter. Winnetou
+blickte verwirrt auf die Heiligenbilder, die an allen Wänden
+hingen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man
+eintritt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür,
+tauchte die Finger ein und schlug das Kreuz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand.
+&bdquo;Gelobt sei Jesus Christus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein
+Buch?&ldquo; fragte der Kaplan und nippte vom Likör.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . .
+Hochwürden verzeihen.&ldquo; Sie tastete Winnetou ab und
+zog das Buch hervor.
+</p>
+
+<p>
+Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: &bdquo;Oldshatterhands
+Eisenfaust hatte die Rothaut getroffen. Ohne
+einen Laut von sich zu geben, sank der rote Mann tot zu
+Boden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände
+geben, Frau Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete
+Schultinte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Frau Steinbrecher wurde blutrot. &bdquo;Von wem hast du
+das Buch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+auf die gehäkelte Decke, welche über die polierte Kommode
+gebreitet war. &bdquo;Morgen gehe ich mit dem Buch zu Frau
+Benommen . . . Vorwärts!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wird&rsquo;s bald!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade
+ein Lineal aus Eichenholz und reichte es der Mutter.
+Scham verdunkelte Winnetou den Blick; das Blut war
+ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt komm!&ldquo; rief die Mutter nach der Züchtigung
+und führte ihn am Arm hinaus, hinauf in sein Zimmer.
+Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz geworden. Plötzlich
+schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos
+das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous
+Schwester, die zart errötend ihm die Hand überließ.
+</p>
+
+<p>
+Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich
+zu Entsetzen gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen
+Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend die Hände
+ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten.
+Die Gesichtshaut spannte.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der
+Kaplan in fliegender Soutane hinter ihm her durch den
+Klostergarten stürze, die langen Hände nach ihm ausgestreckt.
+Die Mutter stand erhöht und deutete: &bdquo;Dort . . . dort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die
+Mutter war eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot
+auf den Tisch und verließ, ohne gesprochen zu haben,
+das Zimmer wieder.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+automatisch auf. Er hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen
+eingebüßt, die erst allmählich sich wieder einstellte,
+in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne
+etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
+gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der
+Christus hatte altersgelbe Flecken und Streifen; er war
+beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und
+eingeregnet worden.
+</p>
+
+<p>
+Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim &bdquo;Lochfischer&ldquo;
+versammelten Räuber auf ihn warteten, und
+blieb reglos hocken.
+</p>
+
+<p>
+Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom
+Bett, trat ans Fenster und sah, daß der Kaplan Arm in
+Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging.
+</p>
+
+<p>
+Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden
+war, stieg aufs Fenstersims und kletterte am
+Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des Hauses
+bedeckte.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hatten sich beim &bdquo;Lochfischer&ldquo; um einen
+langen Tisch herumgesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß
+und so niedrig, daß der rote Fischer, der eben eintrat, mit
+seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene rote Stuckherz
+der Mutter Gottes an der Decke streifte.
+</p>
+
+<p>
+Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin,
+die auf dem Schoße ihren alten Schnauz und über ihm die
+gefalteten Hände liegen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus
+Griebe und aß bedächtig eine Portion gebackene
+kleine Fische, deren Köpfchen er immer seinem Sohne, dem
+Duckmäuser, auf den Teller legte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf
+den gleichaltrigen Duckmäuser, einen großen, kräftigen,
+immer hungrigen Burschen, blond, mit Pickeln im Gesicht,
+der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft,
+mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
+Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete
+und haßte, weil sie ihm den Namen &bdquo;Duckmäuser&ldquo;
+gegeben hatten.
+</p>
+
+<p>
+Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich
+drei Fischköpfchen auf einmal, die sofort in des Duckmäusers
+Mund verschwanden.
+</p>
+
+<p>
+Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger
+Entfernung verehrte blonde Kellnerin mit den
+sanften Augen stellte freundlich die frischgefüllten Weingläser
+auf den Tisch und sagte singend: &bdquo;Nooo, seid ihr
+auch wieder einmal da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber lächelten befangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee
+schwimmt voll verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn
+wüßt, wer mir&rsquo;s Wasser so versaut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer
+zu und zuckte verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite:
+&bdquo;No, wo wird&rsquo;s herkumme, d&rsquo;r Michl läßt halt &rsquo;n ganze
+Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.&ldquo; Er drückte
+mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und
+trat zu den Räubern. &bdquo;Was wird&rsquo;s sei, d&rsquo;r Drääk vo d&rsquo;r
+Färberei is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, da soll aber doch weeß d&rsquo;r Teufl was alles neischlag!
+Läßt der Hammel sei Farbsoß wied&rsquo;r ins Wasser
+läff? Wied&rsquo;r?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jau&ldquo;, winkte der Wirt ab, &bdquo;die alte G&rsquo;schicht . . .
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+Grüß Gott, meine Herrn.&ldquo; Die Hände auf die Stuhllehne
+gestützt, sah er lächelnd auf die Räuber hinunter.
+Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts
+zum Fischer hin: &bdquo;Die alte G&rsquo;schicht! . . . No, Herr Vierkant,
+wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang
+nimmer bei mir seh lass.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. &bdquo;Ich
+weiß nit, wo er is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein guter Tropfen&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän,
+zwang sich, gleichgültig zu trinken, und stülpte die nassen
+Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt lächelte. &bdquo;No, Herr Widerschein.&ldquo; Er legte
+dem Schreiber die Hand auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu
+tun hat&ldquo;, sagte der Schreiber sehr schnell.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So, so . . . No, lasse Sie sich&rsquo;s nur schmeck, mitnander
+. . . Gretl! &rsquo;n Herrn Widerschein sei Glas is leer&ldquo;,
+sagte der Wirt und ging nach hinten zu seinem Schanktisch.
+</p>
+
+<p>
+Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen.
+&bdquo;Beim &sbquo;Lochfischer&lsquo; müssen wir Stammgäst werden&ldquo;,
+sagte der bleiche Kapitän. Alle stimmen freudig
+zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein eleganter
+Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er
+schlug die Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den
+Fischer, gegen Herrn Hieronymus Griebe, gegen den
+Räubertisch und fragte: &bdquo;Hören Sie mal, kann man hier
+Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den
+Berliner an, deutete auf einen Stuhl: &bdquo;No, da setze Sie
+sich nur erst amal, Fisch kriege Sie dann scho, soviel Sie
+brauche&ldquo;, und wandte sich zurück zum Tisch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners.
+&bdquo;Die hab ich ihm erst heut früh gebracht. Sohle und
+Absätz aufrichten&ldquo;, flüsterte er. &bdquo;Der Herr kommt jedes
+Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh
+bei mein Vater mach.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die
+Hände in den Hüften, und betrachtete das rote Herz der
+Mutter Gottes an der Decke, sah sich erstaunt um, rief
+dem Wirt erfreut zu: &bdquo;Enormjemütlich!&ldquo; und las laut
+den gerahmten Spruch an der Wand:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Ob ich morgen leben werde,</p>
+ <p class="line">Weiß ich freilich nicht,</p>
+ <p class="line">Daß ich aber, wenn ich lebe,</p>
+ <p class="line">Trinken werde, das ist ganz gewiß.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf
+die Nasenspitze und begann an einem roten Strumpf zu
+stricken.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner,
+der sich zwischen den Fischer und die dicke Wirtin setzte und
+einen Karpfen bestellte. &bdquo;Isterfrisch?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist der Fisch frisch?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, wenn Sie &rsquo;n so frisch in Bauch nei kriege, wie
+er is, bekommt er Ihne schlecht&ldquo;, sagte der Wirt und
+hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen unter die
+Nase.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was glaubt denn deer&ldquo;, sagte der Schreiber laut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli
+zu stinke&ldquo;, meinte der Fischer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+&bdquo;Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht
+tadellos da. Größter Seifenverbrauch usw.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir
+wisse nit, was Säfe is? Säfe könne Sie bei uns in jedn
+Kolonialwarelädele käff.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein
+noch sehr junger Mann, der erst kürzlich von seinem verstorbenen
+Vater die Glaserei geerbt hatte, und setzte sich
+an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an.
+&bdquo;Was hat denn der Verrecker&ldquo;, rief Johann Jakob Streberle
+und lachte, wobei &bdquo;zs-zs&ldquo;-Laute ertönten und Speichel
+zwischen seinen glänzenden Zahnreihen durchspritzte,
+denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. &bdquo;Da, schau sie
+an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö
+derhem gebliebe. Nit amal &rsquo;s Geld hätte mir g&rsquo;habt. Besuffe
+sin sie a no.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, was mi angeht&ldquo;, antwortete der Fischer, &bdquo;i hab&rsquo;s
+grad so gemacht . . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne
+scho &rsquo;n Arsch aushaue, wenn&rsquo;s nöti is. &mdash; I glaub als, dir
+hockt er halt wieder, Streberle, weil&rsquo;s mit der Brautschau
+Wasser war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, allemal!&ldquo; rief der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg
+i, so viel i will&ldquo;, sagte der Glasermeister speichelspritzend.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen
+waren gerötet: der Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt.
+Oldshatterhand klimperte leise auf der Gitarre.
+&bdquo;Doch! Jetzt singen wir&ldquo;, flüsterte er. &bdquo;Hopp!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gretl, <em class="em">noch</em> ein Maß&ldquo;, sagte der Schreiber. Sein
+Gesicht glühte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+&bdquo;Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer&ldquo;, sang das
+blonde Mädchen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die
+alten Deutschen, immer noch eins. Bringen Sie den
+Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung&ldquo;, sagte
+der Berliner.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einfach weil&rsquo;s Wasser war mit der Brautschau&ldquo;,
+sagte plötzlich der Schreiber, stand schaukelnd auf und
+sang, die Melodie von &bdquo;In einem kühlen Grunde&ldquo; unterlegend,
+immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Johann Ja&mdash;a&mdash;kob Streeeberle,</p>
+ <p class="line">Johann Stre&mdash;e&mdash;berlee &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen
+betrunken. Der Fischer verschluckte sich vor Lachen.
+Johann Jakob Streberle spritzte, gezwungen lachend,
+Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch
+und blickte wütend zu den Räubern hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, jetz is aber genug&ldquo;, sagte der Wirt und lächelte
+vergnügt.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des
+Berliners. Oldshatterhand beugte sich auf die Tischplatte,
+zischte verhalten: &bdquo;Also hopp! . . . Los!&ldquo; Und fing
+mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
+Mädchenstimme: &bdquo;Nieder mit der Tyrannei!&ldquo; Worauf
+die anderen sofort einsetzten, daß der Berliner seine Gabel
+fallen ließ:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Hoch leb die Anarchie!</p>
+ <p class="line">Es lebe der Achtstundentag,</p>
+ <p class="line">Die Ruh, die Republik!&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den
+Kopf. &bdquo;Bezahle Sie doch dene Lausbube nit a no Wein,
+sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham sowieso scho
+genug auf&rsquo;n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli&ldquo;,
+schloß er geheimnisvoll.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was wolle denn Sie von uns&ldquo;, rief der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon
+no sehn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des
+Schreibers. &bdquo;Pst! Sei still!&ldquo; flüsterte er und duckte das
+Gesicht auf die Tischplatte. &bdquo;Wißt ihr, was auf dem
+Hobel steht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf was für&rsquo;n Hobel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aha! Hat&rsquo;s euch scho?&ldquo; rief Johann Jakob Streberle,
+weil alle Räuber das Gesicht horchend auf die
+Tischplatte duckten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf&rsquo;n Schloßberg
+g&rsquo;funde ham. J. J. St. steht darauf&ldquo;, flüsterte der
+bleiche Kapitän. &bdquo;Der Hobel gehört dem Streberle; der
+Kerl hat uns sicher nachg&rsquo;schnüffelt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle
+blickten zum Glasermeister hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will
+aber gar nix g&rsquo;sagt hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie wisse nix . . . gar nix&ldquo;, sagte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht
+sei Maul&ldquo;, flüsterte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister schnellte in die Höhe. &bdquo;Sooo . . .
+<em class="em">ihr</em> habt mein Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!&ldquo; Er
+sprang an den Räubertisch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+&bdquo;Wolle Sie was von uns!&ldquo; Der Schreiber war in die
+Höhe gefahren. Der Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
+</p>
+
+<p>
+Da trat Winnetou ein.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein
+. . . Wissen Sie, was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion
+sind Sie&ldquo;, sagte Winnetou laut und setzte sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang
+dazwischen. &bdquo;Ruh jetzt! . . . Macht euer Sach wo anders
+aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in Ruh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr Gauner!&ldquo; Er versuchte den Wirt zur Seite zu
+drängen. Hoheitsvoll sah der Wirt den Glasermeister an.
+&bdquo;Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort ist Ihr Platz!&ldquo;
+sprach er hochdeutsch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No ja, aber hat&rsquo;s denn scho so was gebe. Jetzt sagen
+Sie selber . . . Wir Männer &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Räuber setzten sich.
+</p>
+
+<p>
+Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus,
+hielt es gegen das Licht und reichte es seinem Sohn, der
+das leere Glas eine Weile senkrecht zwischen die zur Decke
+gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr Griebe
+zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit
+ihm eilig die Weinstube.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;I wer mir mei Gäst vertreib lasse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, jetzt sage Sie selber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Streberle, i will gar nix wiss.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister
+Widerschein&ldquo;, fragte der Berliner den
+Fischer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das is &rsquo;n Widerschein seiner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+&bdquo;Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn
+Widerschein reparieren . . . Bedeutend billiger als in
+Berlin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, Berliiiiiiin!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig
+wie früher . . . Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.&ldquo;
+Der Berliner nahm sein Glas in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was? . . . Erhööööhen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Flecke auf die Absätze.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä
+Mark und dreißig Pfennig für Sohle und Absätz. Seit
+zwanzig Jahr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber horchte gespannt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber hörn Sie mal!&ldquo; Der Berliner stellte das Glas
+zurück, ohne getrunken zu haben. &bdquo;Da muß ich doch morgen
+gleich einmal zum Meister gehen . . . Gleiche Preise
+für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin
+Reisender.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt,
+kann Fisch hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater,
+ich käme morgen zu ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle
+Sache bei mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der
+nervös auf dem Stuhle herumrutschte. &bdquo;Es kann sei, daß
+mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil er Schuh nach
+Höchberg trägt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle
+Arbeit &mdash; reelle Preise. Daher der Aufschwung. Das ist
+auch meine Weltanschauung.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja no, das Solide is no alleweil das beste.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+&bdquo;I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln&ldquo;,
+sagte Johann Jakob Streberle und erhob sich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&rsquo;n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge
+lass. Wir müsse doch rauskrieg, was er vor hat&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän, als der Glasermeister gegangen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Solide &mdash; reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung
+zur Folge, seit dem Kriege siebzig/einundsiebzig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor
+Paris . . . Wir sind in einem Dorf gelege &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hör&rsquo;n Sie mal!&ldquo; unterbrach der Berliner: &bdquo;Die
+Preußen &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede
+Feuer auf der Esse lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell,
+der unverhofft eine dringende Reparatur hatte ausführen
+müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
+den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene
+Schreiber lallte: &bdquo;Mir ist jetzt alles gleich&ldquo;, trat auf den
+Schmied zu, starrte ihm in die Augen und rief streng:
+&bdquo;Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen Sonntag
+zu arbeiten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine&ldquo;, rief erbost
+der Schmied.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hau mal her!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hau no mal her!!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er hieb ihm wieder eine herunter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche
+Maulschelle und ging in seine Werkstatt zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber gingen die Straße vor bis zum &bdquo;Spitäle&ldquo;.
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+Alle waren etwas angetrunken, bis auf Winnetou, der
+einige Schritte seitwärts nachdenklich nebenher ging.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen
+ihre Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war
+gegen zehn Uhr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab&rsquo;s euch ja g&rsquo;sagt, es war ein Mann dagestanden.
+Ich hab&rsquo;n genau g&rsquo;sehn.&ldquo; Falkenauge drehte sich aufgeregt
+im Kreis der Räuber herum und deutete zur
+Festung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast halt auch amal was g&rsquo;sehn&ldquo;, sagte der ernüchterte
+Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!&ldquo;
+rief der bleiche Kapitän. &bdquo;Ich werde dem Streberle sagen:
+wenn Sie&rsquo;s Maul halte, kriege Sie Ihren Hobel
+wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . .
+ich weiß ja gar nit, was da wär.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg
+hinaufgingen, wuchsen die Sandsteinheiligen der Brücke
+und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel, bis zuletzt
+die ganze Stadt vor ihnen lag.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir nicht lieber ins &sbquo;Zimmer&lsquo;&ldquo;, fragte Oldshatterhand.
+&bdquo;Wir zünden die zwölf Kerzen an, das ist
+doch schöner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho!&ldquo; rief der Schreiber. &bdquo;Oldshatterhand hat
+Angst, in die Wirtschaft zu gehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern
+zu tun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kerzen? &mdash; Kerzen haben was mit Indianern zu tun.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also der spinnt!&ldquo; Der König der Luft, der beim Fortgehen
+in der Küche den Knochen einer Kalbshaxe
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian hinauf und
+gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal
+ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht
+ekstatisch himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die
+Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm streckte der heilige
+Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände gegen
+den Knochen aus.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf
+das Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht
+darauf zu laufen; die Räuber folgten seinem Beispiel:
+mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle
+Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die
+ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe
+und sprangen wieder auf das Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich
+um zur Festung. Plötzlich schwang auch er sich auf das
+Geländer, schloß die Augen &mdash; und rannte los, im Galopp.
+Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber geduckt,
+sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand
+würde in die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu
+geben, bis Oldshatterhand bei ihnen angelangt war und
+herunter in Sicherheit sprang.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand
+vom Tode zurück zu ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands
+Innern drohte auch jetzt noch, da die Gefahr
+schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon
+öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von
+Schauern begleitete Ergriffenheit.
+</p>
+
+<p>
+Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer
+Mitte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet
+und verkehrten seit Jahren nicht mit ihnen. Sie waren
+eine kompakte Masse, mit der Streit anzufangen ein Knabe
+sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig, zu
+einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen
+hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande
+erfahren oder mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte
+die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen, als
+sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb
+hatten die Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen
+untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied den
+Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger,
+frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten
+Vereinigung.
+</p>
+
+<p>
+Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben
+war, und warteten beim Vierröhrenbrunnen
+auf ihn.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem
+Heiligen und starrte zum Fluß hinunter; im fließenden
+Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie sie ihn
+vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den
+Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und
+auf den Kaplan zu stürzen. Er preßte die Fäuste an die
+Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers Geländer,
+die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte
+er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück
+und schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen.
+Langsam ging er den Räubern nach.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst
+zum Stadttheater gehen und die Rote Wolke abholen müsse,
+der als Statist mitwirkte in &bdquo;Wilhelm Tell&ldquo;, und schloß
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+ärgerlich: &bdquo;Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß
+man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten
+auf die erregt Gestikulierenden und auf die vor Erregung
+stillen jungen Leute, die aus dem Hauptausgang strömten,
+und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in die
+einzige Droschke stieg.
+</p>
+
+<p>
+Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke
+und blieb zurückweichend stehen. &bdquo;Und frei erklär ich alle
+meine Knechte!&ldquo; rief er und breitete die Arme aus.
+&bdquo;. . . Vorhang.&ldquo; Sein Mund blieb offen, rund und
+schwarz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns
+verrat.&ldquo; Alle redeten auf ihn ein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie&rsquo;s treiben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist ohne Beispiel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie sie&rsquo;s treiben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt halt doch&rsquo;s Maul!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Theater! Theater! . . . Diese Pracht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige,
+was uns retten kann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig
+hab ich kriegt . . . Aufruhr! Mut! Freiheit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle.
+Wir müssen nur zusammenhalten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir halten zusammen!&ldquo; rief die Rote Wolke begeistert.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen
+bereit, als sie in dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten,
+dem &bdquo;Eckertsgärtle&ldquo;, anlangten, was gleich
+dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für
+alle zusammen eine &bdquo;Liesl&ldquo; Bier bestellte, einen hohen
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+Krug, der zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe
+<em class="em">einer</em> Hand zu trinken die Ehre verlangte.
+</p>
+
+<p>
+Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert
+und lächelte manchmal schadenfroh, während er
+mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er sagte, er solle
+die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein
+Spiel zustande käme.
+</p>
+
+<p>
+Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die
+bei Beginn des Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte,
+griffen sie gleichgültig immer nach der schwersten und
+größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem
+Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden
+Schlange zuflüsterte: &bdquo;Ich muß einen Preis holen.
+Einen muß ich holen. Vielleicht den ersten!&ldquo; Er hatte
+seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der andere kommt!&ldquo; rief der Glasermeister der Kriechenden
+Schlange zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das brauche Sie doch bloß zu sagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab&rsquo;s ja g&rsquo;sagt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe
+Kniebeuge nieder, rief: &bdquo;Weg da! Weg da! Weg da!&ldquo;
+auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit den
+Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum,
+schleuderte sie hinaus &mdash; und schoß in die Höhe auf die
+Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem
+Mund rief er jedesmal: &bdquo;Die Dreckbahn fällt
+nach links ab&ldquo;, wenn er nichts getroffen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit <em class="em">einer</em>
+Hand aus dem Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister
+hin in tiefem Baß und jagte die Kugel hinaus. Johann
+Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen
+glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
+</p>
+
+<p>
+Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen
+und der Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand
+die Rattenfalle geschenkt hatte, waren von der innigen,
+begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen führenden
+Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös
+geworden. Sie schimpften, wenn Falkenauge immer
+wieder das Anschubbrett absuchte, ein Sandkörnchen davon
+aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf
+den Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger
+gespreizt, in höchster Spannung jede Drehung der
+Kugel mitzumachen schien, wobei sein weitaufgerissenes
+Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge interesselos
+und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten
+Preise heran; die Begeisterung wuchs, und die geröteten
+Gesichter zuckten in dem von Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch
+erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit
+Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen.
+Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf
+den Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete,
+um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke.
+</p>
+
+<p>
+Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann
+Jakob Streberle, den Soldaten und vom Schmied Gottlieb
+für ungültig, dagegen von den Räubern unter empörten
+Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig
+Pfennige, rief dem Schmied erregt zu: &bdquo;Sie lügen ganz
+einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie Lügenbeutel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und während Johann Jakob Streberle durch einen
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+wohlgezielten Schub mit einer nur faustgroßen Kugel
+sich den ersten Preis sicherte und damit das Spiel beendete,
+griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
+vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken
+und ein ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand
+&mdash; die Räuberbande stürzte auf den Schmied,
+und die Soldaten auf die Räuber. Der Wirt und sein
+Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
+Menschenknäuel.
+</p>
+
+<p>
+Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie &mdash; Scherben. Der
+Schreiber wankte. Falkenauge griff sich ins Gesicht &mdash;
+und griff ins Loch; durch einen Faustschlag, zum Glück
+nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes Auge
+herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend
+auf ihn ein. Die Bande flüchtete. Oldshatterhand,
+mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom Schmied
+Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume
+des Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich
+durch die Tür huschen, hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos
+auf dem Stuhle sitzen geblieben. Und als er die verblüfften
+Blicke der Zurückgebliebenen auf sich gerichtet
+sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann
+trat aus dem Garten und ging in der entgegengesetzten
+Richtung fort, worauf sich die Räuber wieder vor
+der Gartentür einfanden.
+</p>
+
+<p>
+Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+Mark gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen
+Kapitäns auf dem Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine
+stumme Bedauern um das Plüschhütchen verwandelte
+sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich
+erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bring auch mein Auge mit&ldquo;, bat Falkenauge.
+</p>
+
+<p>
+Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen,
+ging der Schreiber langsam durch den Garten, hinein in
+die Kegelbahn &mdash; und wurde schrecklich zugerichtet. Nur
+auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen,
+ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen,
+und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen,
+traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf
+zur neuen Brücke, während die andern noch in den
+Garten hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht,
+und die Räuber verschwanden.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit
+dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und den Kopf
+auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem Munde
+heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte
+Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag
+neben ihm; des Schreibers Hand ruhte darauf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und unser Preis ham wir auch nit&ldquo;, sagte der bleiche
+Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. &bdquo;Nur
+fünfzig Pfennig übern Preis . . . Deshalb braucht doch
+des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe. Ich kann&rsquo;s
+ihm ja zurückgeb, wenn er&rsquo;s will.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hättst dei Maul nit so gewetzt&ldquo;, rief der König der
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+Luft Oldshatterhand zu, &bdquo;dann hätten wir jetzt unser
+Preis.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Darauf kommt&rsquo;s ganz allein an&ldquo;, sagte der Schreiber
+mit dunkler Stimme, stand mühsam auf und spuckte blutigen
+Speichel hinunter in den Main. &bdquo;Der Schub war
+gültig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und das ist die Hauptsache!&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+&bdquo;Das wär noch schöner, wenn wir uns von diesen
+Kommißbrotfressern was g&rsquo;fall ließeten. Wenn doch der
+Schub gültig war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und
+sagte unheilvoll: &bdquo;Der Trainsoldat war&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte,
+seinen Leuten das Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen,
+indem er den Wachtposten kalt und gemessen fragte:
+&bdquo;Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?&ldquo;
+und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof
+eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben
+hatte, erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen,
+mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der
+Witwe Benommen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Horch, wer zieht so still und leise</p>
+ <p class="line">Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.</p>
+ <p class="line">Ach, es sind die armen Briten,</p>
+ <p class="line">Die so manchen Stoß erlitten.</p>
+ <p class="line">Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.</p>
+ <p class="line">Plötzlich bleibt die Truppe stehen,</p>
+ <p class="line">Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.</p>
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+ <p class="line">Seht sie kämpfen, seht sie streiten,</p>
+ <p class="line">Durch des Feindes Mitte reiten</p>
+ <p class="line">Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen,
+aus der Kneipe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Leih mir zwölf Pfennig&ldquo;, bat Oldshatterhand den
+bleichen Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab ja selber nimmer genug.&ldquo; Er lieh ihm aber
+sogar vierzehn Pfennige und sagte: &bdquo;Die zwei gibst
+Trinkgeld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die
+Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand
+ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter
+kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den
+Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die
+Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals
+Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den
+Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar
+des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der
+Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied.
+Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen.
+Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler
+für die Buren wach und machte während des
+ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie
+immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden
+Tisch herum, neben der Schenke.
+</p>
+
+<p>
+In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das
+blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf
+den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge
+saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag
+blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen
+über ihm an der Wand spielte, viele Töne
+auslassend:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Sah&rsquo; ein Knab ein Röslein stehn &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt,
+ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen,
+roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren,
+stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben,
+neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
+jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines
+jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen
+Augen, während die Witwe Benommen, klein und
+zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht,
+die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und
+verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin
+beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus
+den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte
+Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er
+sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die
+Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben,
+bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der
+seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm
+weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen
+den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und
+mit dem Finger zur Türe wies: &bdquo;In meiner Wirtschaft
+wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete
+diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene.
+</p>
+
+<p>
+Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der
+Kellnerin zu: &bdquo;Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß,
+wo Sie hingehören.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das
+Lachen. Sie gab dem Gast auf dessen Mark heraus und
+nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen, wobei ein
+unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte.
+</p>
+
+<p>
+Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten
+Gartenmauer, klebten drei niedere Häuschen aneinander,
+über deren Haustüren metergroße, schwarze Nummern
+gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz
+kleine, altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern.
+Trat man aber ein &mdash; da war alles rosa. Und starkes
+Parfüm und Frauenlachen schlug einem entgegen. Das
+war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
+Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz
+plötzlich waren die ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen
+Neueinrichtung beschenkt worden, worauf ein
+hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln herunter
+entbrannt war und die Bewohner der vorderen
+Fischergasse sich empört gegen die Schande gewehrt und
+von den Stadtvätern einen anderen Namen für ihre Gasse
+verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
+Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen
+ebenso plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und
+danach standen die Häuschen leer, denn es fand sich kein
+Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem Vierteljahr
+wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten
+wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie
+jemand haben.
+</p>
+
+<p>
+Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von
+rosa Ampeln beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen
+saß bei den für die Buren begeisterten Sandschöpfern
+und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier,
+trank und sog den Schaum von der Oberlippe wie ein
+schnurrbärtiger Alter. &bdquo;Gott, daran kann ja gar kein
+Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo das Recht ist, ist der Sieg&ldquo;, sagte die Rote Wolke
+und hob die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber sagte ernst: &bdquo;Ex!&ldquo; trank sein Glas leer
+und reichte es gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln
+über das sachliche Gebaren der Räuber nicht unterdrücken
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an
+der Kellnerin zu äußern, stand beim Wirt und legte ihm
+die Hand auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In meiner Wirtschaft gibt&rsquo;s das einfach nit&ldquo;, sagte
+unwirsch der Wirt und schnitt ein Stück Schwartenmagen
+ab.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, in <em class="em">deiner</em> Wirtschaft&ldquo;, sagte die Witwe Benommen
+hämisch. &bdquo;Was willst du denn, wenn sich das
+schlampige Menschle doch von jed&rsquo;n rumschmier läßt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft
+nit. Aber kurz und klein schlag ich dir alles, wennst
+jetzt nit Ruh gibst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte
+sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+&bdquo;Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh
+tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der
+Schenk.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend,
+in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen
+die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete.
+</p>
+
+<p>
+Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen
+auf. &bdquo;Das ist er!&ldquo; Alle Räuber wandten sich nach dem
+Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte.
+&bdquo;Der war&rsquo;s&ldquo;, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
+blutiges Vorhemd.
+</p>
+
+<p>
+Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein
+schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt:
+&bdquo;Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine
+Freunde auf den Tisch. Ja.&ldquo; Er hielt sich zu den vorurteilslosen
+Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen,
+auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen
+Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und
+tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der
+zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen
+Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen,
+aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
+Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er
+den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform
+öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar
+wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und
+rief: &bdquo;Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran.
+Gsuffa! Ja.&ldquo; Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen,
+reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen
+Bart entlang.
+</p>
+
+<p>
+Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens
+gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und
+seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht.
+Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie
+ausüben.
+</p>
+
+<p>
+Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch
+konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen
+nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu
+ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen
+zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren
+Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu
+verscherzen wünschten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!&ldquo; rief der
+Schreiber plötzlich der Kellnerin zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kannst sie denn bezahl?&ldquo; fragte erstaunt der bleiche
+Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich
+jetzt sowieso scho angerissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mein Lieber, was machst denn da jetzt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh halt heim . . . und halt&rsquo;s aus. Da kann man
+jetzt nix mehr mach . . . Wenn nur wenigstens den Berliner
+der Teufel holet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke
+neben ihrem Sohn.
+</p>
+
+<p>
+Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten
+geheftet, und als er die Hand der schönen Kellnerin streichelte,
+stülpte der bleiche Kapitän drohend die Lippen nach
+außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick
+auf das Mädchen, eine Biermarke auf den
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+Schanktisch schmiß, und die Witwe Benommen hämisch das Gesicht
+verzog.
+</p>
+
+<p>
+Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk
+in Gang. Es rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal
+und begann, aus Altersschwäche manche Worte
+unterschlagend, zu spielen:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.</p>
+ <p class="line">Sie flohen heimlich von Hause fort,</p>
+ <p class="line">Es wußt&rsquo;s weder Vater noch Mutter.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als
+säßen sie in einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin
+stand wider die Mauer gelehnt und blickte in unbegreiflicher
+Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
+Rasseln fortfuhr:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Sie sind gewandert hin und her,</p>
+ <p class="line">Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,</p>
+ <p class="line">Sie sind verdorben, gestorben.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst
+du&rsquo;s nit? Und trink e Gläsle Wein dazu. Das tut dir
+doch gut&ldquo;, sagte der Wirt zu seiner Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte:
+&bdquo;Das war von Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen
+mir ans Herze . . . Meine Mutter hat&rsquo;s auch immer gesungen,
+als ich noch &rsquo;n kleener Junge war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der kann leicht sei Maul vollnehm&ldquo;, sagte der
+Schreiber und beugte sich zu den Räubern. &bdquo;Wenn man
+eine Million verdient im Jahr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So viel wird&rsquo;s aber vielleicht nit sein. Überhaupt,
+wie ist denn das eigentlich, dahinten in der Fischergaß?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+&bdquo;So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die
+Fischergaß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte.
+Manchmal wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht,
+das ganz von Ruß und Tränen verschmiert war.
+</p>
+
+<p>
+Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter
+Stirne und böse blickenden Augen, in die Wirtsstube
+und hob die Hände: &bdquo;Daa bist du? Dei Frau heult
+sich daheim die Augen aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend
+immerzu: &bdquo;Mei eigener Bruder! Mei eigener Bruder!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es is nit wahr&ldquo;, sagte der Eingetretene. &bdquo;Also,
+wenn i dir sag. I bin doch dei Bruder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat&rsquo;s mir ja
+selber ei&rsquo;g&rsquo;stande. Gestern die ganze Nacht warst du bei
+ihr!&ldquo; brüllte der Kohlenführer plötzlich laut.
+</p>
+
+<p>
+Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen,
+erschrocken auf seinen Bruder: &bdquo;Also, wenn i dir
+sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit mein eigene
+Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin.
+Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch
+nit von mir . . . Mit der eigene Schwägerin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kohlenführer hob den Kopf. &bdquo;Du sagst, es is
+nit wahr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i
+dir sag! . . . Mir trinke a Maß Bier mitnander&ldquo;, schloß
+beruhigend der Sandschöpfer. &bdquo;Lone! a Maß Bier für
+mich und mein Bruder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und
+die erleichterten Brüder sangen kräftig mit:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+ <p class="line">&bdquo;Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,</p>
+ <p class="line">Denn sie fechten toll und kühn &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Alte war schlafen gegangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Setze Sie sich und esse Sie was&ldquo;, sagte der Wirt zu
+seiner Kellnerin und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging
+fort.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt!&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und
+stürmten zur Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde
+und bleich, als Letzter.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo; stand der Soldat, summte: &bdquo;Als
+die Römer frech geworden&ldquo;, und stieß dazu mit seinem
+langen Säbel den Takt aufs Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der
+Brücke standen dunkel gegen den Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben,
+ging allein auf den Soldaten zu und sagte: &bdquo;Sie
+sind doch der . . . von der Kegelbahn! He? . . . Zu fünft
+über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im
+Guten.&ldquo; Und plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns
+nach dem Griff; er riß den Säbel aus der Scheide
+und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem
+Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den
+dunklen Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß
+die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen
+hatte, schon weg war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
+</p>
+
+<p>
+Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den
+unterirdischen Gang ins &bdquo;Zimmer&ldquo; und brachten den
+Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem verblieben
+ist.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika
+sein können&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei
+der letzten Linde stehen, wo ihre Wege sich trennten.
+</p>
+
+<p>
+Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden
+Winnetou stand frierend und grünbleich Oldshatterhand.
+&bdquo;Was hat das alles, was wir heut gemacht ham, eigentlich
+für einen Wert&ldquo;, sagte er, und rief, plötzlich zornig,
+weil er den Widerstand der Räuber fühlte: &bdquo;Für uns hat
+das gar keinen Wert! sag ich . . . Für uns nit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No und der Säbel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh jetzt heim&ldquo;, sagte der Schreiber. &bdquo;Es is einfacher,
+wenn ich gleich heim geh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand
+in der Schloßgasse.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben.
+Langsam stieg er den Schloßberg wieder hinauf, ging
+unter Grauenschauern durch den sammetschwarzen unterirdischen
+Gang ins &bdquo;Zimmer&ldquo; und zündete eine Kerze an.
+</p>
+
+<p>
+Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah
+den Kaplan und die Schwester auf dem Kanapee, die
+Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die Lippen zu
+einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer
+die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen
+ins Haus gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter
+jammernd über seine Leiche fiel, und sagte plötzlich
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+haßerfüllt: &bdquo;So, da hast du&rsquo;s jetzt. Geschieht dir ganz
+recht. Ganz recht.&ldquo; Schleichend näherte er sich der Glasvitrine
+und blickte auf den alten Revolver, der durch die
+Brechungen des runden Glases verdreifacht unter der Vitrine
+lag.
+</p>
+
+<p>
+Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt
+und rostig, vor ihm.
+</p>
+
+<p>
+Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver
+geladen war, setzte die Mündung auf die Mitte seiner
+Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor er abdrückte,
+das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in
+seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er
+mitten durch die Mutter schießen würde. &bdquo;Hopp!&ldquo; schrie
+er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou stürzte
+zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte
+Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter
+strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am
+ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte
+und wand sich; der Mund biß in den Boden.
+</p>
+
+<p>
+Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen
+&bdquo;Zimmer&ldquo; und atmete keuchend mit offenem Munde
+den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und schlief
+augenblicklich ein.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-3">
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+Drittes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span>pätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den
+Schloßberglinden und Dachziegel von den Häusern,
+wovon einer dem Spenglermeister Herrn Hieronymus
+Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen
+lang seinen Arm nicht heben konnte.
+</p>
+
+<p>
+Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift.
+Wagen, mit dickbauchigen Fässern beladen, schwankten
+durch die Gassen, standen vor den Weinstuben; schwarze
+Schläuche liefen davon weg in die Keller, und die geschmückten
+Pferde stampften und pusteten die Streu aus
+den vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft.
+Die ganze Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem
+berühmt gewordene Achtzehnhundertneunundneunziger
+war heimgebracht worden. Angetrunkene torkelten durch
+die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war schwärzlich
+angelaufen.
+</p>
+
+<p>
+Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig
+versammelt, saßen auf der Anklagebank.
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen
+des Raubzuges in die königlichen Weinberge Anzeige
+bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
+</p>
+
+<p>
+Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann
+sträubte sich sein inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen,
+und speichelspritzend lachte er: &bdquo;Dene Früchtli
+ham mir&rsquo;s amal besorgt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des
+Staatsanwalts Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon
+überzeugt, daß es sehr erschwert, ja lebensgefährlich
+war, um den Diebabhalter herum in die königlichen Weinberge
+zu gelangen.
+</p>
+
+<p>
+Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit
+hinter der Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm
+gegenüber der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein
+&mdash; des Schreibers Chef &mdash;, alle in schwarzen Talaren. Neben
+Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die
+Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht
+gedrängt, die Zuschauer; darunter die erregten Väter
+ihrer Söhne. Ganz im Vordergrunde, die dürren Hände
+vor dem Bauch gefaltet, mit müden Augenlidern, den
+Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe Benommen
+und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und
+neben ihr, die Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß
+sich kleine Apfelbäckchen bildeten, saß kerzengerade Herr
+Lehrer Mager.
+</p>
+
+<p>
+Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart
+und geröteter starker Nase, blickte schon eine
+Weile unverwandt mit seinen guten Augen streng von
+einem Räuber zum andern. &bdquo;Oskar Benommen, du sollst
+ja der Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein.
+Erzähle uns jetzt, wie war die Sache.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. &bdquo;Der da,
+der kleine Vierkant, Herr Richter, der ist der Verführer
+von meinem Sohn. So klein er ist, so frech und verdorben
+ist er . . . der Teufel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte.
+Und während Oldshatterhand, bleich geworden, auf der
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+Bank herumrutschte, brüllte der Richter: &bdquo;Das Maul gehalten!
+Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf und
+rede.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
+Das war alles. Es war still.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den Kopf reißen wir dir nicht herunter&ldquo;, lenkte der
+Richter ein.
+</p>
+
+<p>
+Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen
+Finger an den senkrecht hängenden Armen und sagte,
+nicht im Baß, sondern mit seiner natürlichen, sehr hohen
+Stimme und sehr schnell: &bdquo;Ja also, wir war&rsquo;n halt droben
+in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
+und da hat&rsquo;s zwölf Uhr geschlagen und da sind
+wir in den Weinberg und ham unsere Trauben gegessen
+. . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, und später
+sind wir heimgegangen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser
+Weinberg! Unser! Unser! Unser! . . . Nun, und wo sind
+denn die paar Trauben hingekommen? die ihr noch mitgenommen
+habt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Im Zuschauerraum war es ganz still.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen
+Bank heruntergleiten und ging ganz langsam bis knapp
+vor das Richterpult.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf
+ihn, den Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die
+Hand dargereicht, zum Richter in die Höhe, sagte fein und
+leise: &bdquo;Zuletzt waren keine Trauben mehr da&ldquo;, und schrak
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: &bdquo;Kleiner
+Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten
+gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg
+geboren ist! Und ihr Gauner stehlt ihm seine Trauben!
+. . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem König seine
+Trauben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt
+getroffen. Die Lippen zitterten ihm. Erregt stieß er hervor:
+&bdquo;Ich wachse noch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. &bdquo;Setze dich.
+Und merke dir das, wenn du den Prinzregenten kennen
+würdest, dann würdest du seinen Weinberg in Ruhe
+lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal
+einen Blumenstrauß gegeben hab. Damals, wie die neue
+Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab ja sogar meinen
+Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben
+stehlen? . . . Jetzt hört mich einmal an. Wenn ihr nicht
+gesteht, wo ihr die Trauben versteckt habt, sperre ich euch
+ein, bis ihr alt und grau seid . . . Hans Lux! Wo sind
+die Trauben hingekommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht
+vor; der König der Luft mahlte mit den Zähnen und
+schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine Fäuste fest
+an die Schenkel angepreßt blieben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem
+Weinberg zurückgestiegen, und . . .?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und ham sie gegessen&ldquo;, flüchtete der König der Luft
+eilig über die Traubenaffäre weg und fuhr fort: &bdquo;Also,
+aber also und, dann wollte ich das
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+hundertsiebenundneunzigste
+Kapitel aus &sbquo;Die bleiche Gräfin oder Der Mord im
+Walde&lsquo; vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
+Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist das? Oldshatterhand?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, Michl, also Michl Vierkant.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also no! also natürlich, &sbquo;Stehlen, morden, huren, balgen,
+heißt für uns nur die Zeit zerstreun, morgen hängen
+wir am Galgen&lsquo; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja. Von Friedrich von Schiller.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, und dann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was habt ihr dann gemacht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann haben wir registriert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham
+wir registriert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was habt ihr registriert?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Also halt so. Also und alles.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zum Teufel, also was denn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also halt einen Stallhasen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Gekauft! lebendig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und was war weiter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hell war&rsquo;s!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich
+gange.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf.
+Der König der Luft hatte gelächelt. &bdquo;Nein, also und, sie
+hat mich ja nit g&rsquo;hört. Also weil sie taub is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Taub.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Georg Bang!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der
+Roten Wolke zu: &bdquo;Also das glaubt er nit, daß sie taub is.&ldquo;
+Der Roten Wolke Mund stand empört offen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Georg Bang!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der
+Schule her gewöhnt war. Sein neues Glasauge glänzte
+in reinstem Weiß und Kobaltblau, während sein natürliches
+graubraun war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen
+für Herrn Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt
+frei zum Richterpult.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben
+in der Volksschule. Vielleicht können Sie uns eine Handhabe
+geben, wie etwas aus ihnen herauszubringen ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager stand wie ein Spazierstock. &bdquo;Vorerst muß
+ich bemerken, Herr Amtsrichter, daß ich diese Buben auch
+jetzt noch abends in der Fortbildungsschule habe, und sie
+auch als Rekruten wiederbekomme. Und dann: es war mir
+nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie empfindlich
+zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand!
+Drittens habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule
+prophezeit, daß er einmal im Zuchthaus enden
+werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten immer zusammen.
+Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+Zwölfen niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief:
+Wer meldet sich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie meinen Sie das, Herr Mager?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische
+Züchtigung verdient hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es
+melden sich dann immer welche freiwillig, die ihren Mitschüler
+während der Züchtigung auf dem Stuhle festhalten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun . . . ich danke, Herr Mager&ldquo;, sagte der Richter
+und erholte sich langsam von seinem Staunen.
+</p>
+
+<p>
+Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen
+anderen, brüllte und war jovial. Es half ihm alles nichts.
+Die Räuber hatten dem bleichen Kapitän vor der Verhandlung
+einen langen Eid schwören müssen, das &bdquo;Zimmer&ldquo;
+nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer
+Knabe, kein Mensch in Würzburg wußte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in &bdquo;Der tote
+Mann im Keller oder Verfolgt über alle Länder und
+Meere&ldquo; von verborgenen Falltüren gelesen, daraufhin die
+Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
+als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche
+Kapitän hatten so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis
+ihnen der Verschlußstein des unterirdischen Ganges zu
+Füßen gefallen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir
+und denke an deine Mutter. Sie ist eine ehrenwerte
+Frau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher
+kalt auf Winnetou, ihren Sohn.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+&bdquo;Ich nehme keine Trauben mehr&ldquo;, sagte Winnetou.
+Und es klang wie ein Schwur.
+</p>
+
+<p>
+Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: &bdquo;Ich
+denke, wir können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort
+geben . . . Theobald Kletterer!&ldquo; Er sah noch einmal
+in seine Aktenmappe und fragte mild und freundlich:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist eine Doppelwaise?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du wirst mich doch nicht belügen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und
+schwarz wie ein Mauseloch, worin die Zahnstummeln
+standen, dunkelbraun wie Schokoladepyramidchen. Er
+stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich auf und hob die
+Hand. &bdquo;Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
+die alte Stadt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo sind die Trauben hingekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere
+blieb übrig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte
+eine abschließende Handbewegung zum Staatsanwalt hin.
+&bdquo;Setzt euch. Auch du, Hans Widerschein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl, Herr Amtsrichter&ldquo;, sagte der enttäuschte
+Schreiber, der stehen geblieben war, weil er auch gerne
+etwas gesprochen hätte. Zögernd ging er zurück auf seinen
+Platz.
+</p>
+
+<p>
+Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell
+einleitenden Worten, die Räuber freizusprechen und sie
+der Schule zur Bestrafung zu überweisen.
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+angefangen hatte zu sprechen, ihren faltigen Totenkopf
+aufgestellt, als er fertig war, ihn wieder sanft schulterwärts
+geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen Kapitän,
+wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt
+worden wäre.
+</p>
+
+<p>
+Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein,
+ein kleiner Mann. Bei dem Anfangswort jeden
+Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor sich auf den Boden
+stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne jemals
+den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an
+zu reden, eine lange Rede: &bdquo;Hoher Gerichtshof! Gehen
+Sie mit mir die ganze Strafsache durch. Von Anfang bis
+zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es nimmermehr
+geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß
+Sie zu einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein,
+welcher fortfuhr: &bdquo;Sehen Sie die Angeklagten an. Jung
+sind sie. Sehr jung. Knaben sind sie. Kinder sind sie.
+Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden Angeklagten
+für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer
+umher, sah zur Decke, schnupfte wütend und klopfte
+mit dem senkrecht gestellten Bleistift den Radetzkymarsch
+auf das Pult.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans
+Lux an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht
+hielt, den langen Hals wagrecht, mit den Zähnen
+mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf seinen Verteidiger
+starrte, rief dieser, mit sich überschlagender
+Stimme: &bdquo;Bände! spricht das schon allein. Bände! . . .
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte
+Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem Hans
+Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des
+ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren
+Mutter ist . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten
+für sich, wog sie gegeneinander ab, sprach über Hunger,
+Not und Elend, berührte, wie er eindringlich bemerkte,
+den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der Kinderkrankheiten
+auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der Vererbungstheorie
+eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
+außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten,
+und langte nach einer Stunde bei der Hauptstütze
+seiner Verteidigung an, der Schundliteratur.
+</p>
+
+<p>
+Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung
+ihre Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen
+unter den Zuschauern befürchteten, die Richter würden
+ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen
+Mission bewußten Verteidiger an den Jungen auslassen
+und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war
+Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr
+des Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem
+er mit einer dringenden Mahnung zu väterlicher Güte
+und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
+durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus
+dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen,
+konnten die Richter ins Beratungszimmer gehen, nach
+fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber freisprechen,
+um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen.
+Worauf tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer
+schwirrten, während Herr Karfunkelstein
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit
+Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber
+in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage
+war Schulstunde.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung
+Prügel bekommen und saß gegen neun Uhr
+abends in der Wirtschaft &bdquo;Zur schönen Mainaussicht&ldquo;
+auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
+wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas
+verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee&ldquo;,
+sagte sie zu ihrem Bruder, der Kriechenden Schlange.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der soll sich&rsquo;s selber hol&ldquo;, erwiderte die Kriechende
+Schlange und lachte zu Oldshatterhand hinüber.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber
+gingen auf der Kaimauer entlang, schwenkten, ohne
+sich erst zu verständigen, plötzlich nach links ab und kletterten
+an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die den
+Garten der &bdquo;Schönen Mainaussicht&ldquo; umschloß, traten in
+die Wirtsstube und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand
+aufs Kanapee.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika.
+&bdquo;Auf zur Quadrille!&ldquo; rief eine nasale Männerstimme,
+und zu gleicher Zeit verschwand die zimmerbreite,
+auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah
+durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang
+ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges
+Gesicht einem gelben Papagei glich. Mit eleganten
+Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn
+Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter,
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+ein blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust,
+im Saal herumging und eine Stearinkerze zerschnitt, zur
+Glättung des Bodens.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder
+und Tanzlehrer, schwindsüchtig und hieß Gipfelmann,
+hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde auseinandergezogen
+und unter rhythmischem Händeklatschen
+des Herrn Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten
+Figuren der Quadrille, von drei im großen Saale glücklich
+verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet. Junge
+Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen
+verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz
+die Wangen aneinander.
+</p>
+
+<p>
+Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden
+Zwerg, breiter als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert
+die Frau des Tanzlehrers, die sehr der Witwe
+Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel
+geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen,
+wobei sie jedesmal schrill rief: &bdquo;Ja, des muß i
+hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle&ldquo;, um
+dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu
+schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas
+angetrunken. &bdquo;Tanz doch e bißle&ldquo;, sagte sie lustig zu
+ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam
+atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust
+heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem
+man das Blut nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß
+wie Mehl, mit blauen Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist
+Holzauktion&ldquo;, spielte der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des
+Tanzlehrers zu und lächelte. &bdquo;Spiel e bißle langsamer&ldquo;,
+sagte sie bittend zum Zwerg, der sich verbindlich verneigte,
+&bdquo;wir wolle a tanz&ldquo;, und zog lachend den Kranken vom
+Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
+angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen
+Fischer, der mit seinem Mädchen mazurkastampfend
+im Saal herumraste und dem Zwerg fortwährend zuschrie:
+&bdquo;Spiel schneller! Spiel schneller!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte
+Wirtin mit zarter, heftpflasterrosa Haut und
+vom Korsett in die Höhe gehaltenem überquellendem Busen,
+fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: &bdquo;Tanzen
+Sie nicht, meine Herren?&ldquo; und warf, ohne Antwort abzuwarten,
+einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der
+einen fettigen Fes auf dem Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse
+gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte und es so lange
+weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
+heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in
+die Tasse lief.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schämst dich nit, alte Sau!&ldquo; rief die Wirtin ihrem
+Manne zu, und der Kriechenden Schlange: &bdquo;Nehm ihm
+die Tasse weg und trag sie in die Küch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert
+an, blieb am Schanktisch lehnen und sagte
+höhnisch: &bdquo;Was geht&rsquo;s mich an. Laß &rsquo;n rumpantsch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tanzen Sie doch auch, meine Herren&ldquo;, animierte die
+Wirtin. Ihr Mund wurde klein vor Freundlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach
+außen. &bdquo;Wir wern da im Kreis rumhüpfe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+&bdquo;Gehst weg! Bankert!&ldquo; schrie die Mutter ihm zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da bleib ich&ldquo;, sagte die Kriechende Schlange ruhig und
+lümmelte sich auf den Schanktisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen,
+kam hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die
+Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände um das
+eirunde Gesicht gelegt. &bdquo;Schau, er kommt ja wieder. Der
+Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn
+Tage verschwunden. Sie hat&rsquo;s in die Zeitung setz laß,
+und da hat ihn ein Bauer aus Versbach zurückgebracht.
+An einem Kälberstrick. Nur sei Hals war e bißle vom
+Strick geränft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht
+die Krätze hat, oder sowas. Und schau . . . den neue
+Kamm.&ldquo; Der Wirt zog einen großen Hundekamm aus
+seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau hinsah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Steck &rsquo;n ein. Sie braucht &rsquo;n ja nit zu sehn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zsssssss&ldquo;, ertönte es von draußen. Johann Jakob
+Streberle trat ein und der zarte Sachse, der ein junges
+Mädchen, das sich verschämt am Türpfosten wand, hereinzog.
+Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue Seidenschleife
+im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
+war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte
+sein Vermögen verloren, sich auf dem Schloßberg an eine
+alte Linde gehängt und sein Kind als mittellose Waise
+zurückgelassen, worauf der Inhaber der hygienischen Anstältchen
+sich ihrer angenommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle,
+dessen lachender Mund sich schloß, als er die vier
+still und eng beieinander auf dem Kanapee sitzen sah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Rahmen, die ganze Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is
+mir zug&rsquo;schlage worn, weil i&rsquo;s Fenster um zwä Mark billiger
+mach als alle andern&ldquo;, rief er, steckte die Hände in
+die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. &bdquo;Das muß
+mer halt versteh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien
+unter der Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes
+gehüllt, dessen präparierten Kopf mit grünen
+Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt
+gestülpt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen
+in den Mund steckte, sah hämisch lächelnd auf ihren
+kleinen Mann, der interessiert zum Fischer trat, das
+Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines
+Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an
+der Zeichnung erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten
+lassen, um zu der gewünschten Bettvorlage zu kommen.
+Der Fischer lachte breit.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast mein Hund umgebracht?&ldquo; stotterte der Wirt,
+&bdquo;mein Sultan.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein
+offen eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der
+rasch alt gewordene Wirt wußte es, konnte aber nichts
+dagegen ausrichten.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich
+und rannte aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft
+nach, wandte sich um und rief erstaunt: &bdquo;Was
+denn?&ldquo; Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer auf
+den Schanktisch.
+</p>
+
+<p>
+Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die
+erhitzten Paare umherwandelten und sich mit
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+Taschentüchern Wind machten. Er trat ein paar Schritte auf
+die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im Saal
+herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der
+Boden glänzte schon.
+</p>
+
+<p>
+Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem
+Sachsen und nippte von einem grünen Likör, worauf jedesmal
+ihre Zungenspitze erschien und die Lippen entlang
+leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der seinen
+aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei
+lächelnd auf das Mädchen hinunterblickte.
+</p>
+
+<p>
+An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen
+Pickeln im Gesicht, aus dem die starke Nase fast wagerecht
+vorschoß, und sah verlangend in den Tanzsaal hinein.
+Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
+wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein
+vierzehnjähriges Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem
+weichen Busen, Sommersprossen auf der zarten Haut,
+ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte:
+&bdquo;Geht mit naus . . . Wir machen was mit meiner
+Schwester.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh nit mit&ldquo;, sagte Oldshatterhand sofort. Der
+bleiche Kapitän und die Rote Wolke sahen verständnislos
+drein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, ich geh mit&ldquo;, sagte der Schreiber, zwängte sich
+zwischen Tisch und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden
+Schlange hinaus in den Garten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was machen denn die mit seiner Schwester?&ldquo; fragte
+der bleiche Kapitän Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die . . . die machen was.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+&bdquo;Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der freie Mensch steh Red und Antwort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei&ldquo;, schloß
+der bleiche Kapitän das Gespräch ab.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten
+klein unterm Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel
+reichte.
+</p>
+
+<p>
+Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und
+senkte den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erst ich&ldquo;, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber.
+&bdquo;Paß du auf derweil, ob niemand kommt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen,
+in dem Hacken, Schaufeln und anderes Handwerkszeug
+herumstand.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und
+Schuppen spähend auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein
+zurückkam, flüsterte er: &bdquo;Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh
+doch nei!&ldquo; Er schob ihn vom Stamm weg. &bdquo;Ich paß ja
+auf derweil . . . Oh, du hast Angst&ldquo;, flüsterte er und deutete,
+den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber,
+der langsam auf den Schuppen zuging und in ihm
+verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte
+horchend hinein. Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem
+Lachen.
+</p>
+
+<p>
+Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln
+hinunter, als er aus dem Schuppen trat; sein Haar war
+verwühlt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+&bdquo;Der kann ja nix&ldquo;, sagte das Mädchen und lief davon.
+</p>
+
+<p>
+Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende
+Schlange auf den Schreiber: &bdquo;Oooooo!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was willst denn!&ldquo; rief der Schreiber erzürnt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil ich&rsquo;s g&rsquo;sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal
+alle im &sbquo;Zimmer&lsquo; seid, bring ich mei Schwester mit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bring halt die andere auch mit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten,
+gingen sie in die Wirtsstube zurück, wo der Schreiber
+sich wieder aufs Kanapee setzte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte
+reichte, zog einen langen Dolch, den zu tragen verboten
+war, aus der Hintertasche und schnitt die Spitze
+einer großen Zigarre ab. &bdquo;Leih mir zwölf Pfennig&ldquo;, bat
+er den bleichen Kapitän. &bdquo;Ich hab nix mehr und möcht
+noch a Glas Bier trink.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal
+schuldig. Ich hab selber nix.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam,
+vom säbelbeinigen Wachtmeister begleitet, gleich wieder
+zurück. &bdquo;Dieser ist&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm mal da her zu mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleich gewordene Oldshatterhand &mdash; er hatte beim
+Eintritt des Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen
+Kanapeesitz und Lehne gesteckt &mdash; ließ geringschätzig
+die Lippen hängen und fragte angstbleich und frech:
+&bdquo;Was wollen Sie denn von mir?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gehst raus! Malefizlausbub!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen
+von außen. &bdquo;Wo hast&rsquo;s denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+&bdquo;Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen ganz langen Dolch hat er&ldquo;, rief der Gymnasiast.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt leerst glei dei Tasche aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da, greifen Sie nur selber nei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Von Zuschauern umringt &mdash; alle Tanzschüler waren ins
+Wirtszimmer gekommen &mdash; zog der Wachtmeister, während
+der bleiche Kapitän, vom Schreiber gedeckt, den Dolch
+immer tiefer ins Kanapee stieß, unter größter Stille aus
+der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
+Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes
+Blechkästchen, in dem Angelwürmer sich ringelten, einen
+Himbeerapfel, eine Handvoll alte Briefmarken, ein Flötchen
+und eine Meerschaumspitze, mit einem Segelschiff
+darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
+farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte.
+Ein zartrosa Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen
+Loch der Meerschaumspitze heraus und um den Zeigefinger
+des Wachtmeisters herum, der die Spitze erschrocken von
+sich schleuderte, so daß sie zerbrach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Habt ihr&rsquo;s Messer g&rsquo;sehe?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, er hat ja kein Messer&ldquo;, sagte die Wirtin begütigend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn er scho ens hat&ldquo;, rief der Fischer. &bdquo;Jau,
+so a Gaudi.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand:
+&bdquo;I hab&rsquo;s g&rsquo;sehe! Also muß a da sei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch
+noch in die Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus.
+&bdquo;Das hab ich zammg&rsquo;spart, weil ich meiner Mutter
+eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!&ldquo; rief
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit
+den bleichen Kapitän an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du
+selber hast!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du glaubst&rsquo;s nit . . . Kannst ja selber mei Mutter
+frag, ob sie die Küchenlampe nit braucht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee
+gekrochen war, ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze
+wegen, schnell weg.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Es ist wirklich so, wie ich g&rsquo;sagt hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . .
+Ich tät mich schäm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber du mach dich dünn jetzt&ldquo;, zischte Oldshatterhand
+wütend.
+</p>
+
+<p>
+Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen
+schon gepackt und schlich zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst
+und lange Beine.
+</p>
+
+<p>
+Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden,
+dunklen Gestalt nach, über die alte Brücke, durch
+krumme Gassen, aber stets im selben Abstand. Der Gymnasiast
+schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte er
+wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die
+Treppe hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten
+Fenster des ersten Stockes schon die Zunge lang
+heraus, als sie unten vor dem Hause erst ankamen.
+</p>
+
+<p>
+Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien
+dem Gymnasiasten direkt in den Mund geflogen zu sein;
+denn noch einen Augenblick war der Apfel auf dem Gesicht
+zu sehen und die in maßlosem Schrecken aufgerissenen
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen
+dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas.
+Dann war es still.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das
+Haustor schon versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der
+&bdquo;Schönen Mainaussicht&ldquo; noch Licht war, an der Mauer
+hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und sahen,
+als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin
+zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt
+zurück und flüsterte voller Grauen: &bdquo;Fort! Fort!
+Ich geh fort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee
+vor und deutete boshaft auf die beiden.
+</p>
+
+<p>
+Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend
+in die Höhe. Die Kriechende Schlange stürzte in die
+Küche, die Räuber durch den Garten davon.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen
+Wirt tot aus dem Main. Das nasse Hundefell hielten
+die Hände des Toten fest umklammert.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende,
+monotone Lesen der ganzen Klasse, aber über den siebzig
+regungslos sitzenden Schülern des Herrn Mager hing
+noch drückende Stille.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich
+einen Borsdorfer Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte
+sie sorgfältig aus und aß sie zusammen mit einer mürben
+Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn jeder
+Schulstunde tat.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und
+der Duckmäuser saßen in der ersten Bank; in der letzten
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+Bank saßen der König der Luft, die Rote Wolke und der
+Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande
+waren unter den übrigen Schülern verstreut.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.
+</p>
+
+<p>
+Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der
+Seife aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und
+die noch nassen Haare standen spitz und steif in die Höhe, so
+daß die Köpfe einer in Reihen geordneten Igelschar glichen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine
+Knabenstimme, und es schien, als würden die Worte im
+Keller gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die
+Klinge gegen das Licht, rieb noch eine Weile, und erhob
+sich plötzlich, strich wie in Gedanken mit der Hand im
+Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen Vollbart zur
+polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
+blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der
+ersten Bank an.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu
+reiben. Er rieb jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war,
+mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue Aderngeflecht
+seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt
+zur Schultafel. &bdquo;Der berühmte Maler Albrecht Dürer
+hatte einen Widersacher, welcher behauptete, der größere
+Künstler zu sein&ldquo;, sagte Herr Mager, legte die Hand in
+die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank
+an. &bdquo;Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder
+eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere
+sei, der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der
+eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang, und
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor
+das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine
+Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich,
+wo denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer
+seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem feingespitzten
+Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf
+einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
+aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen,
+stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von
+da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler&ldquo;,
+schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis
+auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen
+Punkt hinein. &bdquo;Wie ich noch so jung war wie ihr, da
+konnte ich das noch viel besser&ldquo;, sagte er, weil der Kreis
+etwas bucklig ausgefallen war. &bdquo;Das sollt ihr bis zur
+nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.
+</p>
+
+<p>
+Da stand Falkenauge auf. &bdquo;Herr Lehrer, ich muß einmal
+hinaus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel <em class="em">warten</em>,
+das ließen seine Nerven nicht zu.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war
+er augenblicklich von der Kaimauer hinunter in den mit
+Treibeis gehenden Main gesprungen, um einen Säugling
+zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen
+ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er
+dem mit den Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen
+nachgeschwommen, hatte es erfaßt und es glücklich
+an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer
+Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden,
+die er allein herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+Mager ersonnene Raffinement &mdash; die sicheren Prügel hinauszuschieben,
+war für Falkenauges Mut zu viel.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten
+Schüler, der aber nach einer Weile allein zurückkam und
+staunend sagte: &bdquo;Herr Lehrer, er ist nicht mehr da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück.
+&bdquo;Michael Vierkant! Raus!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel
+preßte ihm den Kopf nach unten, und Oldshatterhand
+schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des Herrn Mager.
+</p>
+
+<p>
+Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die
+eine bange Frage: wer kommt nach Oldshatterhand daran?
+</p>
+
+<p>
+Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei
+jedem sagte Herr Mager atemlos: &bdquo;So! Heute diese
+sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die vierundzwanzig
+voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal
+geben darf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Augen der Mitschüler standen weit offen und
+glänzten. Das kleine Gesicht des Herrn Mager war jetzt
+schon weinrot.
+</p>
+
+<p>
+Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber
+nicht allein bändigen. &bdquo;Wer meldet sich?&ldquo; rief Herr Mager.
+</p>
+
+<p>
+Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt,
+jedoch sitzen geblieben.
+</p>
+
+<p>
+Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie
+in höchstem Entzücken brüllte er in allen Tonlagen: &bdquo;Ah!
+Ah! Ah! Ah!&ldquo; und schleuderte die Beine derart umher, daß
+Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den Handrücken
+traf. Voller Wut schrie er: &bdquo;Michael Vierkant! Raus!
+Halte ihn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand rührte sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum
+Stuhl. &bdquo;Halte ihn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: &bdquo;Herr
+Lehrer . . . ich halte ihn nicht.&ldquo; Und selbst seine Lippen
+waren weiß geworden.
+</p>
+
+<p>
+Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und
+hieb ihm plötzlich mit dem Rohrstock quer über das Gesicht,
+immerzu. Nicht die Hand hob Oldshatterhand zur
+Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
+gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank.
+Auf seinem Gesicht schwollen die blutunterlaufenen
+Striemen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hans Lux! Raus!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht
+vor. Die vier Helfer standen bereit. Der König der
+Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte ihn umständlich
+zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine Weile
+hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war,
+und nahm die Prügel entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer
+waren herabgesunken.
+</p>
+
+<p>
+Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran,
+stellt ihm die gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die
+Nägel schmerzhaft in die Kopfhaut eindrücken, ruft: &bdquo;Pä,
+Krähenfuß!&ldquo; und streckte die Zunge lang heraus, wenn er
+zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand
+auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine
+dunkle, gespreizte Hand sein Herz umkrallte. &bdquo;Pä,
+Krähenfuß&ldquo;, flüsterte er, schauerte zusammen und hatte
+einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut
+speie. &bdquo;Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen.
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+Anzünden! Die ganze Stadt! Hoo! Fort, fort!&ldquo; Und
+plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. &bdquo;Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser
+ging ein paar Schritte seitwärts nebenher und sah
+staunend ununterbrochen auf Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand
+ging ein Stück hinter den anderen und sann darüber
+nach, weshalb seine Freunde ihm nicht geantwortet hatten.
+Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar vorbeigegangen
+war? Umschlungen &mdash; dachte er. Hatte das Gefühl,
+als tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam,
+und bekam Angst.
+</p>
+
+<p>
+Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein
+Brückenheiliger, kein Licht zu sehen war. Plötzlich bekam
+Oldshatterhand einen knallenden Schlag ins Gesicht, daß
+er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine Stimme
+rufen: &bdquo;Rechts gehen!&ldquo; Er sah, nur einen Augenblick,
+eine Uniform und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort
+wieder nur noch Nebel.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo;,
+die Ellbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt,
+und blickte in wehmütigem Neid trübe auf die ankommenden
+Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter sich
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft
+zu gehen; einige Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen,
+der unbenutzt unterm Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige
+Wachtmeister ihn fand und Herrn Mager zuführte.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-4">
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+Viertes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>ie Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden;
+jetzt blühte der Holunder und der Flieder im Festungsgraben,
+und die Hügel rund um Würzburg herum
+waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig
+saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis
+auf die Rekrutenzeit aus der Fortbildungsschule entlassen
+worden. Alle konnten jetzt mit einiger Berechtigung
+bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, außer
+Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen
+Finger breit gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah
+und seinen Kameraden nur bis zur Brust reichte.
+</p>
+
+<p>
+Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar
+und streitsüchtig machte; unvermittelt konnte er, allen voran,
+die Räuber zu gefährlichen Unternehmungen mitreißen,
+um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen, ohne
+erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele
+Tage lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche
+Kleinigkeiten schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche
+bekam.
+</p>
+
+<p>
+Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand.
+Brachte er den wilden Westen zur Sprache, dann sagten
+die Räuber: &bdquo;Ja. Bald. Wart doch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es
+keiner dem anderen offen ein. Wie mit einer Kugel
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, parodierten sie schon
+leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen wilden
+Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: &bdquo;Jetzt
+müssen wir fort, die Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige
+Kämpfe ausgebrochen, das Kriegsbeil ist ausgegraben,
+man braucht uns drüben, was sollen wir noch hier&ldquo;,
+bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle
+doch einstweilen vorausgehen, wenn&rsquo;s ihm so pressiere,
+sie kämen schon nach. So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht
+im Herzen gequält stillschwieg und teilnahmslos
+und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
+die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg
+gab. Kurz vorher war ein Zirkus in Würzburg
+gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern
+saßen auch einige Mädchen auf dem Rasen. Und das
+war der Anfang vom Verfall der Räuberbande: sie liebten
+es neuerdings, Publikum um sich zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war
+ein Trapez angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden
+Unterhosen und giftgrünem Trikotleibchen, ganz
+einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und
+mahlte mit den Zähnen.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende
+Sonnenscheibe, und die Gestalten der Räuber warfen
+lange Schatten auf den abendgrünen Schloßbergrasen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich
+nach außen gestülpt, und sah zu, wie der König der
+Luft in gewaltigem Bogen in den Himmel sauste, das
+Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+hoch in der Luft überschlug &mdash; und auf den Beinen stand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa
+Kleid seiner Schwester anhatte. Aber ein Mädchen
+mit zwei braunen Zöpfen sagte: &bdquo;Der kann direkt zum
+Zirkus gehen.&ldquo; Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten
+Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor
+dem Mädchen mit den braunen Zöpfen.
+</p>
+
+<p>
+Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen,
+stemmte der bleiche Kapitän einen schweren Steinquader
+hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als jedoch der
+König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang,
+das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,
+um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte,
+und unter einem einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte
+auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln hielt &mdash;
+da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein,
+denn der König der Luft hatte das Bein gebrochen.
+</p>
+
+<p>
+In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn
+herum.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten
+aus der Dämmerung. Der Rasen roch.
+</p>
+
+<p>
+Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn,
+von einem breiten, tiefen Graben umgeben und einer
+Balkenbarriere. Im lockeren Sand der Reitbahn stand
+ein dürres Soldatenpferd und wieherte.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß:
+ohne vorher etwas davon zu sagen, sprang er mit
+einem fünf Meter langen Satz über den Graben und die
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
+wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und
+Beinen anklammernd, in der Bahn herum.
+</p>
+
+<p>
+Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals
+gebeugt, wie ein Indianer auf dem Gaul.
+</p>
+
+<p>
+Da brüllten die Räuber wie besessen: &bdquo;Halt! Halt!
+Ein Feldwebel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche
+dem scheuenden Pferde nach; der Hauptmann
+flog in großem Bogen herunter in den Sand, stürmte,
+vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und
+mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die
+Felsengasse hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft
+war wieder gesichert. Keuchend rief er: &bdquo;Wenn das mein
+Bruder in Amerika miterlebt hätte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf
+und setzte sich auf den Sockel des Bildwerks: Christus hing
+am Kreuz in kaum noch erkennbaren Körperformen, so
+oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit Ölfarbe angestrichen
+und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf
+dem Bildwerk stand:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">An diesem Ort is Alois Würz</p>
+ <p class="line">Mit sein Heuwage umg&rsquo;stürzt.</p>
+ <p class="line">War glei tot, mitsamt die Roß.</p>
+ <p class="line">War ein frummer Mann,</p>
+ <p class="line">Drum is er auf der Stell</p>
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+ <p class="line">In sein Heuwage in Himmel nei g&rsquo;fahrn,</p>
+ <p class="line">Was mer vo seine Roß nit sag kann.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon
+fast dunkel. Eine Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand
+war bedrückt; er spannte alle Muskeln an und hielt den
+Atem zurück, bis die Luft &bdquo;pfa!&ldquo; aus seinem Munde fuhr.
+Es wurde ihm aber nicht leichter davon.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche
+hervor, die zum Trocknen aufgehängt war, blähte sich
+auf zu großen, weißen Menschenbäuchen. Oldshatterhand
+spähte angestrengt hin und fürchtete sich, blieb aber sitzen
+auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren Ton,
+der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges
+Stöhnen, wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen
+in ihm klänge.
+</p>
+
+<p>
+Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des
+Duckmäusers, der zu Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig,
+unhörbar auf ihn zukroch.
+</p>
+
+<p>
+Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten
+später die nur zehn Schritt weite Entfernung hinter
+sich gebracht, und setzte sich unbemerkt auf den Sockel neben
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Es war jetzt ganz dunkel geworden.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den
+Atem an, um sich nicht zu verraten. Plötzlich sagte er:
+&bdquo;Wa . . . weil . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh . . . O Gott!&ldquo; schrie Oldshatterhand auf und fiel
+vom Sockel herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit,
+als er den Duckmäuser erkannte, und drängte
+seine Verwunderung darüber zurück, daß dieser es gewagt
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete Duckmäuser,
+mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . .
+drum bin ich erschrocken&ldquo;, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . .
+Indianern will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt
+an den Fa . . . Fa . . . Feind&ldquo;, beendete der Duckmäuser
+seinen Satz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Duuuu? zs . . . zu den Indianern?&ldquo; Oldshatterhand
+war furchtbar verwundert und empört. Und
+als er sah, wie der Duckmäuser den Kopf vorstreckte, blutrot
+wurde und drückte, um reden zu können, dachte Oldshatterhand
+voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf
+nicht stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht
+auszusprechende Worte vor: &bdquo;O also nein, da mußt du
+aushalten können, da . . . daß man dir vergiftete Hölzchen
+in den Ba . . . Bauch steckt, und die werden angezündet.
+O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . fünfzig
+brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet
+wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst
+du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen
+ka . . . kann, . . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann
+br . . . dann br . . . brauche ich ihm nur noch ein Messer
+ins Herz zs . . . zs . . . zu stoßen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pä! Ist das ritterlich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+fürs A . . . Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich
+f . . . fünfundsiebzig Pf . . . Pfennig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso
+wie die Kriechende Schlange und die Rote Wolke, auch
+ums Läuten beworben, der fünfundsiebzig Pfennige wegen.
+Man hatte ihn aber nicht brauchen können, weil er zu
+klein war. &bdquo;Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit
+läuten. Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu
+den Indianern willst, mußt du mi . . . mindestens eine
+halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen können, aber
+mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe
+mit Indianern vorbeifährt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig
+mooonatlich krieg ich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe,
+aus dem Dunkel, und seine Hand, die eben das Kreuz
+schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, blieb erschrocken
+abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten
+auf dem Sockel sitzen sah.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn
+fast um einen Kopf überragenden Sohn bei der Hand und
+führte ihn weg von Oldshatterhand, der sitzen blieb und
+den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie genommen
+hatte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen.
+Die ganze Stadt wußte, daß der Kaplan der
+Vater war.
+</p>
+
+<p>
+Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste
+Pfarre in der Umgebung Würzburgs, und das Mädchen
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache verstummte
+das Gerede.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt;
+eine Lungenentzündung war dazugekommen. Sie
+lag im Sterben.
+</p>
+
+<p>
+Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben
+ihrem Bett. Winnetou setzte sich und sah steif geradeaus.
+</p>
+
+<p>
+Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im
+Ornat, der Kirchendiener und die Ministranten traten ins
+Zimmer. Winnetou stand auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich
+wichtig nach Winnetou um.
+</p>
+
+<p>
+Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der
+Geistliche und die Ministranten knieten nieder am Bett
+und beteten. Da kniete auch Winnetou nieder.
+</p>
+
+<p>
+Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen
+von hinten unter die Arme und half ihm wieder auf
+die Beine.
+</p>
+
+<p>
+Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich
+in den Sessel, wie vorher.
+</p>
+
+<p>
+Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur
+Sterbenden hin, sah das weiße Gesicht an, das von einer
+plissierten, gestärkten Krause umrahmt war, und beugte
+sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm,
+als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die
+Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer
+sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter,
+das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene
+Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es
+immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die
+Brust &mdash; die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage,
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick
+nicht von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein,
+weil er diese sicher nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten
+der Mutter auch in Angst vor ihr verbringe, und
+ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die
+Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer
+Güte langsam übers Haar gestrichen.
+</p>
+
+<p>
+Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte
+Winnetou, sein Körper zuckte, ein kaum erträgliches Glück
+entstand in ihm; da begann er zum Weinen leise zu singen,
+und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er aufhöre,
+leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht
+mehr glücklich sein würde.
+</p>
+
+<p>
+Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit
+seiner Mutter verursachten Druck aus sich herausweinte,
+fühlte er, wie die Sterbende ihm half, durch
+ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich schwächer
+wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der
+Bauch der Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte
+Winnetou ans Fußende des Bettes.
+</p>
+
+<p>
+Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter,
+ging hinaus und meldete der Köchin unter schluckendem
+Lachen und Weinen, daß die Mutter tot sei.
+</p>
+
+<p>
+Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich
+lächelte, und rannte ins Sterbezimmer.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und
+ohne Ziel stadtwärts.
+</p>
+
+<p>
+Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte
+mit Krückstöcken auf die Haltestelle der Trambahn zu,
+wandte sich um nach dem schnell sich nähernden Wagen,
+den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie immerzu:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+&bdquo;Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer
+zurecht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou sah die Alte an &mdash; zur Elektrischen zurück,
+und stellte sich zwischen die Schienen.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer läutete.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den
+Führer zum Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich
+im Geleise, auf die Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich
+beeilend, weiter.
+</p>
+
+<p>
+Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten
+Fahrgäste stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt
+kam der Wagen angerast. Winnetou wandte den Kopf,
+erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im letzten
+Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen
+rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.
+</p>
+
+<p>
+Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer
+aus dem Wagen, um nachzusehen, ob Winnetou verletzt
+war.
+</p>
+
+<p>
+Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.
+</p>
+
+<p>
+Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der,
+den Mund verzogen, als sei ihm schweres Unrecht geschehen,
+zurücksah.
+</p>
+
+<p>
+Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses
+mit der Tabakspfeife am Fenster saß, stand mühsam auf
+und schüttelte wütend die Faust hinunter zu Winnetou,
+der in die Seitengasse einbog.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen.
+&bdquo;Geh mit, wir schießen&ldquo;, sagte der Hauptmann,
+zog seinen Rockflügel zur Seite und zeigte Winnetou einen
+neuen Zimmerstutzen. &bdquo;Wir gehn zu Falkenauge und
+schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+&bdquo;. . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin&ldquo;,
+sagte Winnetou und ging auch gleich weg, in der Richtung
+zur Kirche.
+</p>
+
+<p>
+Verdutzt blickten sie ihm nach.
+</p>
+
+<p>
+Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug
+das Kreuz und setzte sich. Und als er die lateinischen
+Worte des Priesters und das ferne Klingeln der Ministranten
+im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten sich
+die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer
+der Mutter empfunden hatte, wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.
+</p>
+
+<p>
+Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte
+Winnetou unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube
+sich mit seinen Räuberidealen nicht deckten.
+</p>
+
+<p>
+Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer
+der Kirche lehnen, als er den Schreiber und den
+Hauptmann, die ihm nachspioniert hatten, langsam die
+Straße hinunter sich entfernen sah.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden
+Räubern nach, bis sie zu Punkten wurden und endlich nicht
+mehr zu sehen waren, und trat wieder in die Kirche ein.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges
+Mutter, und als niemand antwortete, stiegen
+sie hinauf in die dürftig möblierte Dachkammer Falkenauges,
+der noch im Geschäft war.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas
+voll klaren Wassers, worin ein Glasauge lag. An der
+Wand hing eine Tabakspfeife unter dem heiligen Joseph.
+In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs
+Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge
+hatte es auf den Schloßberglinden gefangen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer,
+auf der ein Spatz saß.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab.
+Der Spatz blieb sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte
+Gefieder.
+</p>
+
+<p>
+Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei,
+stieg er in die blaue Luft.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung
+zu groß ist . . . Wie wär denn das sonst möglich&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän und sah sich nach einem näheren Ziel
+um. &bdquo;Halt einmal die Karte&ldquo;, sagte er und nahm das
+Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn du mir den Finger wegschießt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich wer doch no das Kärtle treffe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte
+den Arm aus, hielt die Karte an der äußersten Spitze.
+&bdquo;Ziel lieber ein bißchen mehr rechts . . . Es is mir lieber,
+du triffst nix, als daß du mei Hand triffst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte
+der Karte und durchlöcherte sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber atmete wieder. &bdquo;Jetzt halt du die Karte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern
+umrahmte sie mit seiner Hand und stülpte die Lippen
+nach außen. &bdquo;Schieß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte
+kurz und durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der
+bleiche Kapitän sie fallen. &bdquo;Ich laß mir das Glas runterschieß,
+vom Kopf . . . Das wär mir auch noch was&ldquo;,
+sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das
+Auge lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar
+sein Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+&mdash; &mdash; &mdash; Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters
+Bett. Der Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern&ldquo;, rief er in
+heller Begeisterung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das kannst du ruhig riskier.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Haaargott . . . Getroffen!&ldquo; Das Auge war durchs
+Fenster hinausgeflogen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das is doch ganz klar.&ldquo; Der bleiche Kapitän zuckte
+die Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel
+fort war, und das Blut ihm einen schmalen Reif ums
+Handgelenk gezogen hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . .
+vielleicht. A schöns Armreifle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein guter Schuß war&rsquo;s doch&ldquo;, sagte der Schreiber
+und hielt, das Gesicht schmerzverzerrt, die Hand hoch.
+&bdquo;Aber das Aug ist futsch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie
+schossen durch den Fußboden, zerschossen den gemalten
+Engel an der Decke, die Tapetenblumen, durchlöcherten
+den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte auf den Wasserkrug;
+das Wasser platschte auf den Boden und rann unter
+der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer
+sie trafen; das Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige
+kleine Brandlöcher. Das Eichhörnchen raste im
+engen Käfig herum, hockte manchmal mäuschenstill, die
+klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und raste
+weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber
+glühten. Sie zerrten die Bettstücke heraus und schmissen
+sie in die Wasserlache am Boden, lehnten die Matratze
+ans Fenster, rissen den Tisch um, das Bettgestell
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem
+Hause.
+</p>
+
+<p>
+Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte
+er die Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um,
+lächelte geringschätzig und verlegen und ging weiter. Von
+dem Tage an verkehrte er nicht mehr mit den Räubern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Welches denn?&ldquo; fragte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Eichhörnchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie
+seit einiger Zeit jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch
+von einer Stunde eilten, und mehr federweißen
+Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den
+zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen
+Bauernburschen belauert wurden. Das endigte
+oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt
+fühlten, in der nächsten Nacht wieder im Dorfwirtshaus
+zu sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport;
+er angelte Tag und Nacht. Der König der Luft lag im
+Juliusspital, wegen seines gebrochenen Beines. Die Rote
+Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes
+Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub,
+mit hektographierten Statuten, und hielten jeden
+Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe der
+Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante
+Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war
+der einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den
+Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann
+mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch
+der Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er:
+&bdquo;Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen
+Sie sich widerscheinen.&ldquo; Vor vierzig Jahren hatte Herr
+Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, als der
+noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz
+nicht vergessen.
+</p>
+
+<p>
+Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den
+alten Schießgräben der Festung, schmolz es im &bdquo;Zimmer&ldquo;
+zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln daraus zu
+gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im
+&bdquo;Zimmer&ldquo; und las Indianergeschichten. Eine Landkarte
+von Amerika hing jetzt darinnen, auf der die Gegenden,
+Seen, Prärien und Urwälder, die er als Westmann aufsuchen
+wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.
+</p>
+
+<p>
+Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers
+im unterirdischen Gange. An vielen Abenden zeichnete er
+stundenlang das &bdquo;Heilige Tier&ldquo; ab. Mit der Zeit bekam
+er überhaupt keinen Besuch mehr im &bdquo;Zimmer&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge
+und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte
+die Räuberbande sich aufgelöst.
+</p>
+
+<p>
+Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten
+einen Teil der Bande zum letzten Male zu einem gemeinsamen
+Unternehmen.
+</p>
+
+<p>
+Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt
+und die Häuschen bis zum ersten Stock hinauf
+mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger waren festlich
+gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten. Weißgekleidete
+kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen,
+Männer in langen Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern
+strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem
+Zug der Walleute anzureihen.
+</p>
+
+<p>
+Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die
+erste Station. Die Bäckereiauslage war in einen Altar
+mit Betpult, Kruzifix und brennenden Kerzen umgewandelt
+und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in
+himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.
+</p>
+
+<p>
+Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen
+sollten, waren solche Altäre hergerichtet.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die,
+welche den Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem
+&bdquo;Spitäle&ldquo; beisammen, in ihren Sonntagsanzügen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich
+selber hab Winnetou mit einer Kerze in die Kirche gehen
+sehen&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die
+blaue Luft &mdash; ein Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten
+Stadt hinunter: der Zug der Walleute näherte
+sich, von der Burkarter Kirche kommend.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann
+Jakob Streberle, Schuster Widerschein, Benommen der
+Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in Gehröcken und
+mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten
+im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden
+Seiten der Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern
+heraus; zusammen mit den Kindern, die dünn,
+mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten Weibern,
+deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der
+heftig und getragen blasenden Blechmusikkapelle.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz
+trug, an dem der silberne Christus hing. Hinter ihm kam
+der kleine, dicke Bischof im Ornat, vor dem Gesicht die
+Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz schlugen
+und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch
+auf die Erde gebreitet hatten.
+</p>
+
+<p>
+Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes
+Bein zu kurz war, schwenkte sich auf seinem normalen
+Beine herum zu den Walleuten und rief langgezogen:
+&bdquo;Lob und Dank sei ohne End!&ldquo; Und während das Gemurmel
+der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder
+herum und hinkte weiter voran, sprang plötzlich mit einem
+Satz auf Oldshatterhand los, &bdquo;Sakramentslausbub!&ldquo;
+schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte wieder
+in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: &bdquo;Dem allerheiligsten
+Sakrament.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor
+dem Bischof unter dem Himmel. Der Himmel wurde an
+vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou und noch
+zwei Jünglingen getragen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die
+Räuber waren verblüfft. Aber da war nichts zu machen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da is er!&ldquo; rief der bleiche Kapitän und deutete auf
+Winnetou, der den Kopf senkte, als er bei den Räubern
+vorüberging.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber schüttelte den Kopf: &bdquo;Herrgott, wer hätt
+das vom Winnetou gedacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verstummt sahen die Räuber ihm nach.
+</p>
+
+<p>
+Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten,
+Blechmusik und Böllerschüssen stachen die
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+Altweiberstimmen heraus und hinauf in den sonnigen Himmel: &bdquo;O
+Maria hilf!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein
+großes Haus mit vielen Fensterscheiben, denn der fromme
+Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener und eifriger
+Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen
+angestellt; sein Geschäft blühte.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend schimpfte der rote Fischer in den &bdquo;Drei
+Kronen&ldquo;: &bdquo;Ke enzigs Pfund Fisch verkäff ich&rsquo;s ganze
+Jahr, wenn i nit mitwall!&ldquo; Seine Halsadern schwollen.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum
+Besohlen geben, wenn ich nicht ein frommer, gottgefälliger
+Schuster wäre&lsquo;, dachte sich Herr Widerschein und
+reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein
+stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.
+</p>
+
+<p>
+Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die
+Breite ihrer Häuser einhaltend, das zertretene Schilf
+weg, gossen Kringel mit der Gießkanne und kehrten sauber
+nach. Hier war gekehrt &mdash; dort lag noch ein genaues Quadrat
+Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank.
+So wollten es die Würzburger Stadtväter.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der
+Tasche, schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor
+dem &bdquo;Spitäle&ldquo; vorbei und bogen in die Felsengasse ein,
+welche von der vielfenstrigen Vorderfront des Hauses
+vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an
+seine Leute, beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte
+leise und hob die Hand &mdash; die Fensterscheiben klirrten.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel
+im Hans Kasperl-Theater, aus dem Fenster.
+</p>
+
+<p>
+Da unten war alles still.
+</p>
+
+<p>
+Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die
+Räuber der Abschluß ihrer ersten Jugend.
+</p>
+
+<p>
+In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des
+Mainviertels von ein und derselben Sache: Herrn
+Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein Unglück
+passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das
+neue Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal
+gemacht; die Fenster waren unbrauchbar; er mußte eine
+hohe Konventionalstrafe bezahlen und machte Bankerott.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum,
+lachte nicht mehr; als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ
+sein Meisterstolz nicht zu, und eines Tages war er verschwunden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand
+standen am Fluß beisammen. Falkenauge kam geschritten,
+energisch.
+</p>
+
+<p>
+Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem
+braunen Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo warst du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der Jagd!&ldquo; rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz
+und schritt weiter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, wenn ich dir sag, man kann&rsquo;s jeden Tag fünf-,
+sechsmal tun, so oft&rsquo;s überhaupt geht. Es schadet einem
+gar nichts; man bleibt genau so stark und gesund wie man
+war&ldquo;, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän und
+schloß: &bdquo;Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt
+auf der Welt. Das is ja ganz kolossal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene,
+graue Wangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie is denn das? . . . Wie tut man&rsquo;s denn?&ldquo; fragte
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Für dich is das nichts&ldquo;, sagte der Schreiber und
+lächelte dem bleichen Kapitän zu. &bdquo;Da bist du vielleicht
+noch zu klein dazu. Morgen kann ich dir&rsquo;s ja amal zeig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur
+Sandinsel, und saßen dann beisammen an einem kleinen
+See, der von überhängenden Weidenbüschen umsäumt
+war.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos
+und graziös am Seeufer hin und Raben flatterten
+immer wieder auf und flogen &bdquo;aa aa&ldquo; schreiend über das
+Weidenland.
+</p>
+
+<p>
+Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung
+genommen und am tiefblauen Himmel traten die Sterne
+hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich
+fort?&ldquo; fragte Oldshatterhand leise und wand sich einen
+Weidenzweig schmerzhaft ums Handgelenk.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf, nach Amerika!&ldquo; rief lachend der Schreiber. &bdquo;Hohaho!
+Oldshatterhand!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän grinste.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun sagen wir nächste Woche&ldquo;, sprach der Schreiber
+ernst.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also! Also ja!&ldquo; rief Oldshatterhand freudig. &bdquo;Oder
+gehen wir doch lieber jetzt gleich fort! Immerzu da
+nunter, den Sandweg, bis nach Frankfurt. Dann kommen
+wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+Schiffe.&ldquo; Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk
+fester zu. &bdquo;Meerschiffe &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer
+Schirmfabrik. &bdquo;Weißt du was . . . es gibt überhaupt
+keine Indianer mehr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt&rsquo;s mehr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;He? Millionen gibt&rsquo;s! He! was wären denn sonst
+die, von denen in unsern Büchern steht? He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No ja, ein paar gibt&rsquo;s ja noch&ldquo;, gab der bleiche
+Kapitän zu. &bdquo;Aber ich hab neulich in der Zeitung gelese,
+daß die andern alle schon ausgerottet sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist
+du für Amerika.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt&rsquo;s ganz
+allein an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. &bdquo;Ihr geht
+also nit mit! Ihr Feigling . . . habt die ganze Jahr her
+nur geloge?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr
+Lehrzeit ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt,
+fünfzehn Mark, und das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär
+ich da nicht ein Rindvieh, wenn ich jetzt fortlaufen tät?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No allemal&ldquo;, sagte der Schreiber. &bdquo;Ich krieg jetzt
+auch vierzig Mark im Monat. Dreißig muß ich meiner
+Mutter geb; aber zehn Mark darf ich behalt. Das is doch
+jetzt alles ganz anders&ldquo;, schloß er nachdenklich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.&ldquo;
+Der bleiche Kapitän zeigte den Schirm im Katalog.
+&bdquo;Acht Mark kost er. Hast scho amal sowas g&rsquo;hört? . . .
+Acht Mark für&rsquo;n Schirm!&ldquo; Er lachte krachend und konnte
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+sich lange nicht beruhigen. &bdquo;Er is aber auch so dünn
+wie ein Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es war jetzt tiefe Nacht geworden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu
+zu sagen, langsam fort. Und nach einer Weile rollten ihm
+die Tränen an den Wangen hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts.
+Vorne saß der Flößer und spielte leise die Ziehharmonika.
+Irgendwo in der Ferne sang ein Mädchen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;Schloßfallenfeuer!!&ldquo; rief Meister Tritt Oldshatterhand
+zu, der bis ins Herz hinein erbebte.
+</p>
+
+<p>
+Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere
+daran hinauf in den Himmel &mdash; hätte das Herr Tritt gerufen,
+Oldshatterhand wäre mit weniger Bangen an die
+Arbeit gegangen.
+</p>
+
+<p>
+Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt
+geschmiedet worden ohne Angst und Beben des Lehrjungen,
+der dazu helfen mußte, und ohne die starren
+Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze,
+heftige Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen
+waren das Arge, sondern der Zeitraum zwischen
+Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, wann er
+kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der
+grüne Blick hielt fest.
+</p>
+
+<p>
+Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren
+berühmt in Würzburg. Und das kam von den Schloßfallen,
+die Herr Tritt stets selbst aus dem allerbesten
+Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig
+mit nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff,
+um sie in das neue elektrische Türschloß des Herrn
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+Metzgermeister Rücken oder des Herrn Trompeter Wohlleben
+einzupassen.
+</p>
+
+<p>
+Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt
+schon einige Male bankerott gemacht, weil er an einem
+ein Vierteljahr arbeitete, und der Preis ein solcher war,
+daß er es in einer Woche hätte anfertigen müssen. Jedoch,
+als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den
+mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen
+Ehefrau des Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen,
+so daß Herr Tritt seine Kunstwerke weiterhin
+schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau mit
+Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war
+ein schöner Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei
+der freiwilligen Feuerwehr.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies
+die Stäubchen aus den Ecken, holte die frischen Kohlen
+einzeln aus dem Kasten, wählte sorgfältig harzfreies Tannenholz
+aus und schürte ein klares Feuer an. Erschrocken
+griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,
+der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte
+den Handhammer für den Meister zurecht, die Feuerzangen,
+den Vorschlaghammer für sich, fummelte mit
+seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.
+</p>
+
+<p>
+Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des
+Lebens hinüber, lange; sein Mund stand offen. Da riß
+er sich zusammen, flog in die Werkstatt &mdash; und stellte sich
+dem Meister: &bdquo;Ich will fort von Ihnen! . . . Ich halt&rsquo;s
+nimmer aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende
+Schlag ins Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen
+hinaus auf das Pflaster. Die andern Lehrjungen
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+standen atemlos, und der Gehilfe bog sich vor Lachen, daß
+sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die Brille
+von der Nase fiel.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an
+einer der blitzenden Drehbänke eine kleine Eisenschraube
+für das elektrische Türschloß zu drehen, wobei der älteste
+Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße die Drehbank
+trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein
+ganzes Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als
+spiele er Piano.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen
+und starrte in die Augen des Lehrjungen, der, vom Blick
+des Meisters festgehalten, mit zitterndem Fuße weitertrat,
+bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder seiner
+Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in
+die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich
+die Spannung vom schweißnassen Lehrjungen, als habe
+er vor einem Prüfungskollegium ein Klavierstück glücklich
+zu Ende gespielt, während der Meister, als habe er es
+komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um
+die Schloßfalle zu schmieden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg
+und durch den unterirdischen Gang ins &bdquo;Zimmer&ldquo;. Hastig,
+als habe er keine Zeit zu verlieren, nahm er den alten Revolver
+unter der Glasvitrine zu sich, zündete knieend ein
+Heftchenbündel an: &bdquo;Die bleiche Gräfin oder Der Mord
+im Walde&ldquo; und damit die ganze Bibliothek.
+</p>
+
+<p>
+Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten
+und hinauf zur Decke schlugen. Der Qualm trieb
+ihn ins Freie.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.
+</p>
+
+<p>
+Da hörte er ein aufrührerisches Krachen &mdash; eine mächtige
+Rauch- und Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und
+zum Himmel hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Der unterirdische Gang war eingestürzt und das &bdquo;Zimmer&ldquo;
+verschüttet auf immer. Atemlos stand Oldshatterhand
+im Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde
+weit vom &bdquo;Zimmer&ldquo; entfernten Nonnenkloster &bdquo;Himmelspforten&ldquo;
+sei in der Zelle der Oberin hinter dem Schrank
+Rauch aufgestiegen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-5">
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+Fünftes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt
+auf der Landstraße hin.
+</p>
+
+<p>
+Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die
+verhaßte Stadt noch einmal zu sehen, die im grauen Dunst
+lag, denn ein feiner, gerader Regen ging nieder; er
+wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach links
+wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm,
+einem Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas
+dabei zu denken und zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den
+Straßengraben, ging weiter, leer im Herzen, empfindungslos,
+bis auf den Druck in der Mitte unter dem Brustbein.
+</p>
+
+<p>
+&mdash; &mdash; &mdash; Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein
+sitzen &mdash; und blieb erbebend stehen: vorher war der Stein
+leer gewesen, und jetzt saß ein Mensch darauf.
+</p>
+
+<p>
+War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten?
+Aus dem Erdboden gekommen? In der Luft heran
+oder &mdash; &mdash; &mdash; aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu
+Oldshatterhand geeilt?
+</p>
+
+<p>
+Nie hatte er so einen Menschen gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher
+jetzt, schlank werdend, aufstand und zu Oldshatterhand
+trat, der sich kühl berührt fühlte, wie von einem Gespenst.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig
+Jahre alt, hatte einen dünnlippigen Mund im scharfen
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+Gesicht und an den Schläfen unter den braunen Haaren
+schon graue.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir ein Stück zusammen gehen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher
+Richtung?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen &mdash; dann gehe ich
+wieder vorwärts . . . Sie wollen in die nächste große Stadt
+wandern, Arbeit suchen und Geld verdienen&ldquo;, schloß der
+Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand
+schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
+geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was
+er vorhabe, und nun konnte er es gleich dem Ersten nicht
+sagen.
+</p>
+
+<p>
+Wirr vor Verlegenheit, rief er: &bdquo;Ich heiße Michael
+Vierkant!&ldquo; Und sein zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf
+die Landstraße.
+</p>
+
+<p>
+Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte,
+ob er es ein wenig ansehen dürfe, las den ersten Satz
+auf der Decke: &bdquo;Tom machte sich auf in den wilden Westen
+und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich
+das Lebenslicht auszublasen&ldquo;, und gab es Oldshatterhand
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; lachte Oldshatterhand wieder das kurze,
+irrsinnige Lachen wie damals auf dem Heimwege von der
+Schule. &bdquo;Das ist vielleicht alles dumm und nicht wahr,
+was da drin steht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da sagte der Fremde nachdenklich: &bdquo;Ja, Sehnsucht
+ist &mdash; weil Qual ist . . . Vor vielen Jahren ging ich wie du,
+diese selbe Straße, bis zu dem Berg, der meiner Jugend
+den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein ersehntes,
+wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+in ein blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang &mdash;
+und stieg hinunter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und
+der Fremde zärtlich und gerührt auf Oldshatterhand
+hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen
+wollte, erfüllte Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen,
+dem ein Ausruhen folgte. Entlastet schritt er neben
+dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem Vertrauen zu
+ihm. &bdquo;Ich will auch arbeiten&ldquo;, sagte er ganz still. &bdquo;Ich
+bin nicht so schwach, wie ich aussehe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein . . . Sie sind nicht schwach&ldquo;, sagte der Fremde,
+mit einem unbegreiflichen Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die
+Sonne auf der Landstraße, die jetzt aus Mattgold war,
+und die Apfelbaumreihen legten ein bewegtes Schattenmuster
+darauf.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben
+und flohen, die Ohren zurückgelegt, hintereinander
+her, gestreckt die schnurgerade, endlose Straße hinaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was arbeiten denn Sie jetzt?&ldquo; fragte Oldshatterhand
+ruhig und vertraut, denn er hatte die Empfindung,
+mit seinem älteren Ich zu reden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte
+vom Baume fallen muß, bevor sie zur Frucht wird, während
+neben ihr eine andere ungehindert zur Frucht reifen
+darf . . . Darüber denke ich nach, unaufhörlich. Das ist
+meine Arbeit. &mdash; Jetzt muß ich wieder vorwärtsgehen &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft,
+auf die beiden zu, und stieg vor ihnen hinauf in den
+Himmel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands
+geschlagen und ihn geküßt.
+</p>
+
+<p>
+Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer
+kleiner und kleiner, und Oldshatterhand blickte ihm nach bis
+der Fremde unversehens verschwunden war, als wäre
+er zu Luft geworden.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten
+von Kornfeldern ein großes Gehöft liegen, und
+einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich zukommen. Der
+hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der
+spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen
+an der Schulter hängen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast du Zeit? Wohin willst du denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen
+und dein Essen. Du mußt dafür in meinem Keller eine
+Woche lang Kartoffeln sortieren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja!&ldquo; sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener
+Fahrradfabrik schnurrten und sangen, die breiten
+Treibriemen klatschten &mdash; klipp klapp klipp &mdash;, Hämmer
+klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und
+surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand
+zusammen in &bdquo;Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro&ldquo;,
+denn er hatte, ehe er von Frankfurt nach Dresden gefahren
+war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging und
+stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher
+war er in der Oper gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Er versuchte, &bdquo;Nun danket alle Gott&ldquo; unterzulegen,
+oder &bdquo;Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+er in die weite Welt&ldquo;, aber beugte er sich auch nur einen
+Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte der
+Fabriksaal wieder &bdquo;Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!&ldquo;
+Den ganzen Tag &bdquo;Auf, in den Kampf!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch &mdash;
+und in die Höhe jagender und, als reichte der Atem nicht
+mehr, in maßlosem, wildem Schmerz jäh abbrechender
+Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
+</p>
+
+<p>
+Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke.
+Schweißgeschwärzte Männer richteten sich auf. Die Treibriemen
+sangen leiser, klatschten langsamer, verklangen und
+hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
+plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht:
+die Vesperpause war gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster
+neben einem schlottrigen Mann mit tief eingefallenen
+Wangen und grünen Schatten unter den Augen, der jetzt
+an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in
+Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei
+er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen
+ohne anzustoßen auf einmal unterzubringen.
+</p>
+
+<p>
+Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu
+und dann vergnügt zu einem Honigglas vor sich auf dem
+Fenstersims, in dem sich ein langer, in vielen Falten gelegter
+weißer Bandwurm befand, und sagte: &bdquo;Jetzt esse ich
+meine Bemmchen alleine.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte
+keinen Bissen hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende
+Pfiff den Arbeitern durch die Gehirne. Wie Lebewesen
+begannen die Maschinen zu laufen; die noch kauenden
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern
+und Feilen. Oldshatterhand klang wieder &bdquo;Auf, in
+den Kampf!&ldquo; ins Ohr.
+</p>
+
+<p>
+Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und
+von einer anderen Dampfpfeife abgegeben wurde, klang
+ganz anders, klang wie der langgezogene Flötenton eines
+Singvogels und endete abgebrochen schluchzend.
+</p>
+
+<p>
+Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor
+ins Freie, mit Mienen der Erleichterung und Freude,
+denn es war Sonnabend und Zahltag.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang.
+Daumen und Zeigefinger spielten mit dem verdienten
+Geld in der Westentasche. Er umkreiste wieder
+seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
+Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen
+hatte. Die Sehnsucht &mdash; <em class="em">Etwas</em> zu werden. Er wollte
+<em class="em">Etwas</em> werden. Nicht gerade Minister oder Bürgermeister;
+aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen
+einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er
+kaum werden, denn er brauche nur an seine Schuljahre
+zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er
+dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken
+nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen
+seiner Jugend ihm aus den Augen, dann war
+er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte
+er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, was eine
+demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem
+Geometer stehen geblieben und hatte zugesehen, wie der
+Mann ohne viel Worte seine Arbeiter mit Stangen und
+Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner,
+am Mississippi stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen,
+und hatte einige Tage lang überlegt, ob er nicht
+Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung
+hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt,
+und der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn
+seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler
+oder Sänger; irgendein Künstler &mdash; hier müsse für ihn die
+Möglichkeit sein, <em class="em">Etwas</em> zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten
+Menschen begegnete, der ruhig seines Weges ging und dessen
+Gesicht von Demütigungen nicht gezeichnet war, folgte
+er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er selbst zu
+dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
+klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er
+auch eine Zeitlang Liftjunge gewesen war, in einem Hotel
+in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus den sehnsüchtigen
+Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser
+im Geiste &mdash; als Fremder mit dem Fremden im Lift in die
+Höhe stieg.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah
+zurück in den unerreichbar weit entfernten, verwilderten
+Garten, in dem seine Jugendträume und seine Sehnsucht
+weiterlebten, umschlossen von einer grauen, türlosen
+Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er <em class="em">Etwas</em>
+geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen
+Gesicht unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben
+Augen schwarzviolett war. Das Hemd stand vorne offen
+und bot den grausig abgemagerten Körper dar, die schweißfeuchten
+Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig,
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+als fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling
+langsam am Bretterzaun der Glasfabrik hin, in der er
+beschäftigt war.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf
+die grauenhaften Gestalten, die teilnahmslos und stier am
+Zaun entlangschlichen. Kinder, Alte, Mädchen, steif, aus
+Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende Reihe, auf
+ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik
+entlassen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?&ldquo;
+flüsterte er, ging fassungslos weiter, begann plötzlich zu
+rennen.
+</p>
+
+<p>
+Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert,
+von größter Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser,
+weiß, mit flachen Dächern. Breit wie ein Traum war
+die Straße.
+</p>
+
+<p>
+Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand
+sich um, weil er Reiter vermutete, aber immer hing
+an den ausgreifenden Pferden auch eine Equipage daran,
+die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die linealgerade,
+endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön,
+breit und lang, durchschnitten seine Straße.
+</p>
+
+<p>
+Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in
+eine zweite. Die war eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle,
+Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, und halbnackte,
+schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es
+roch nach Abort.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+Hausfrau öffnete ihm und lief schnell ins Wohnzimmer
+zurück. Sie hatte ein orientalisch-weiches, gelbes Gesicht
+und fast nichts an. &bdquo;Kommen Sie doch näher, Herr
+Vierkant.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag
+ein Haufen duftender Tabak, rechts &mdash; ein Berg Zigarettenhülsen.
+&bdquo;Siebenhundert Stück muß ich heute noch fertigkriegen&ldquo;,
+sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere hantierend.
+&bdquo;Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese
+und diese auch nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei
+in des Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn
+das Hemd war ihr heruntergeglitten. Ihr großer Mund
+blieb geöffnet.
+</p>
+
+<p>
+Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter
+Maurer ohne Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat
+ein, sah auf seine halbnackte Braut, auf Oldshatterhand
+und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war ärgerlich.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen arbeitete emsig weiter. &bdquo;Wie viel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig&ldquo;, sagte er
+mürrisch.
+</p>
+
+<p>
+Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. &bdquo;Davon
+kannst du dreißig zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so
+weitergeht, können wir Weihnachten heiraten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal
+wie ein Gang. Vier Betten, hintereinander, standen darin
+und sonst nichts. In einem schlief ein Viehtreiber &mdash; sein
+fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke &mdash;, im andern der
+Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn
+des Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle
+bekam, wobei er sich nackt auszog und mit einem
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+Küchenmesser auf seine Mutter losging. Er saß auf dem
+Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe
+Gurke mit Salz.
+</p>
+
+<p>
+Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten
+Male, denn früh hatte er sich erst eingemietet.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche
+unaufhörlich an seinem Körper entlang, um ihn herum.
+Er wachte auf, fühlte vielfüßiges Gekrabbel, griff unter
+die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das ihm jedoch,
+über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.
+</p>
+
+<p>
+Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken
+punktiert: zerdrückte Wanzen.
+</p>
+
+<p>
+Er rief die Wirtin und kündigte. &bdquo;Im Bett sind
+Wanzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach nee.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Unheimlich viel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die beißen Ihnen doch nich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie haben mich gebissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber die fressen Ihnen doch nich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fressen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tun se nich. Da ist der Kaffee.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erst komm ich!&ldquo; rief der Viehtreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und dann ich!&ldquo; der Bräutigam. &bdquo;So war&rsquo;s ausgemacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige
+Kaffeeschale benutzt hatten und er daran kam. &bdquo;Also,
+ich ziehe aus, wegen der Wanzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wanzen!&ldquo; schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und
+Bräutigam erhoben sich drohend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr&ldquo;,
+stotterte der ratlose Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde
+blutrot. Das Messer unter den Nabel an den haarigen
+Bauch gehalten, mit der Spitze nach vorne, berannte er
+seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf ihren
+Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.
+</p>
+
+<p>
+Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den
+nackten Idioten auf des Viehtreibers Bett, wo er hocken
+blieb und den Brocken Brot, den er im Bett fand, in den
+Mund steckte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem
+Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil
+er für die ganze Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark
+fünfzig Pfennige, und nichts zurückbekam. Da trat die
+Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den mageren
+Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. &bdquo;Schreibe
+mir, wo du wohnst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das
+Mädchen huschte ins Wohnzimmer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell
+erleuchtet und dicht besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen
+in hellen Sommerkleidern, von Handwerkern, eleganten
+Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in
+knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und
+an die Wangen angepreßten Schnurrbärten waren von
+Leutnants kaum zu unterscheiden, wenn sie mit vornehmer
+Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den
+Arm ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen
+im Schleifwalzer dahinglitten.
+</p>
+
+<p>
+Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende
+Schleiernymphen schwebten plastisch an der Decke, aus den
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+Wänden heraus und aus allen Winkeln und Nischen hervor.
+</p>
+
+<p>
+Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.
+</p>
+
+<p>
+Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine
+sehr kleine, runde Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig
+geblieben war, stand wie ein Stock, nur den Kopf geneigt,
+und sagte: &bdquo;Wenn ich bitten darf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges
+Gesicht war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr
+Korsett; darin lag weich der kolossale Busen, weit hinten
+saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel klebte, in Form
+eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das Haarzöpfchen.
+</p>
+
+<p>
+Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier
+mit glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd
+mit seiner schönen Dame als Erster quer durch den Saal.
+</p>
+
+<p>
+Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war,
+tanzte Oldshatterhand mit aller Leidenschaft jeden Sonntag,
+wenn das Geld reichte, bis in den frühen Morgen
+hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
+ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die
+Brust; er wuchs rapid, was eine günstige Veränderung
+seiner Sprechorgane zur Folge zu haben schien, denn er
+stotterte nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und
+stand steif. &bdquo;Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu
+Ihnen setze? . . . Ich würde mich sehr freuen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen
+von der Stirne. &bdquo;Bitte, wenn&rsquo;s Ihnen so gräßlich
+freuen tut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+&bdquo;Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein
+Fräulein?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands
+Taschentuch vollkommen in der Riesenhand; sie
+wischte sich übers Gesicht, über den Mund weg, daß die
+Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die breite,
+feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde,
+und fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.
+</p>
+
+<p>
+Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes
+Röckchen an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren
+und dem er auch sonst stark entwachsen war. Seine braunen
+Haare über der hohen Stirne standen zu Berge. Die
+langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander
+verkrampft, fragte er: &bdquo;Würden Sie mir erlauben, daß ich
+Sie nach Hause begleite, mein Fräulein?&ldquo; Und tief erschrocken
+setzte er hinzu: &bdquo;Sie dürfen nicht denken . . . ich
+wollte Sie nicht beleidigen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund
+und lugte darüber hinaus auf ihn. &bdquo;Heute geht&rsquo;s nicht.
+Ich schlafe ja heute nacht im Zimmer meiner Gnädigen.
+Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute nicht. So ist es eben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er starrte die Köchin an und lachte &bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; plötzlich
+sein irrsinniges Lachen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf zur Damenwahl!&ldquo; rief der Tanzordner. Und die
+Köchin verneigte sich vor Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand
+auf dem Wege zum Tanzsaal vor dem Museum
+stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen hielten vor
+dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen
+staunend durch die kühlen Säle.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank
+setzen. Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er
+im &bdquo;Zimmer&ldquo; nach dem &bdquo;Heiligen Tier&ldquo; gemacht hatte,
+und verglich sie mit den Kunstwerken an den Wänden.
+Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes
+Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken
+vom Gesicht abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger
+Miene sah er sich vorsichtig um.
+</p>
+
+<p>
+Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum
+und konnte gerade noch zwanzig Minuten lang die
+Bilder ansehen.
+</p>
+
+<p>
+Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in
+einem Zugbeutel, den er Tag und Nacht auf der Brust bei
+sich trug. Als er genug zu haben glaubte, ging er nicht
+mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah stundenlang
+den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten
+ihn schon und lächelten, wenn er kam.
+</p>
+
+<p>
+Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine
+Landschaft, und wieder, ehe er das Museum verließ. Es
+war eine hügelige Landschaft mit Felderstreifen, grün und
+braun; ein paar blühende Apfelbäume dazwischen und
+darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach.
+Er liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die
+unterfränkischen Hügel.
+</p>
+
+<p>
+Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten
+mit Pinsel, und malte von seinem Dachfenster aus die
+Ansicht von Dresden.
+</p>
+
+<p>
+Darüber verging ihm der Winter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte
+Würzburger Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+entbehrt hatten, sich entschlossen, ein Bad im Main zu
+nehmen. Und die Kinder plätscherten den ganzen Tag
+über im Wasser herum.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt
+nach Hause zum Mittagessen. Das kleine, grüne
+Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß die andere
+blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch
+nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den
+Häusern entlang, daß sein Ärmel die Mauern streifte,
+und schien mit den Fingerspitzen, mit denen er bei jedem
+Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter sich zu
+schieben.
+</p>
+
+<p>
+Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine
+Dachkammer und übte alle seine neu angeschafften Hanteln
+durch.
+</p>
+
+<p>
+Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen
+Scheibenhantel, lagen in der Kammer
+des bleichen Kapitäns in Reihen geordnet die Gewichte,
+daß sich die Balken bogen und die Decke unter der Kammer
+einzustürzen drohte.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: &bdquo;Wie
+werde ich Athlet&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert,
+rauchte nicht mehr, trank nicht mehr, redete nur noch das
+Nötigste &mdash; er stemmte. Die Folge davon war ein schwerer
+Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, der
+dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren
+würde, wenn es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das
+Gestell, denn die Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend,
+spannte er einen Zentimeter um seinen
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel
+des Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der
+Muskel seit einer Woche um eineinhalb Millimeter stärker
+geworden war. Nachdem er noch Unterarm- und Schenkelmuskel
+gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu erheben,
+dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie
+er tief das Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde
+Flecken auf den eingefallenen Wangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag
+tun dürfe, so oft man nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste,
+was es überhaupt gibt auf der Welt&ldquo;, sagte der
+bleiche Kapitän. &bdquo;Und was gar die Mädli anbelangt,
+mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst,
+dann kannst schon nimmer stemm &mdash; so schwächt dich das.
+Grüß Gott.&ldquo; Das war des bleichen Kapitäns letzter
+längerer Satz auf Jahre hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke sang den ganzen Tag &bdquo;Nach der Heimat
+möcht ich wieder, nach dem teuren Heimatort&ldquo;, denn er
+war Mitglied des Jünglingvereins &bdquo;Frischer Bursch&ldquo;
+geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das Stiftungsfest
+des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied
+war wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke
+sang den ersten Tenor. Der König der Luft war eifriger
+Turner und trug sich mit der Idee, zusammen mit einigen
+jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den
+Händen laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben,
+in einem Dorfe bei Würzburg. Falkenauge war aktives
+Mitglied der Angelgesellschaft &bdquo;Walfisch&ldquo; geworden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung
+der Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche
+Kapitän einen Preis errungen hatte beim Vereinsstemmen
+des Athletenklubs &bdquo;Muskel&ldquo;, dessen Mitglied er war.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde
+in der Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in
+den Perrondurchgang. Hin und wieder wischte sie sich
+über die Augen, und ein Lächeln des Glückes entstand in
+ihrem verhärmten Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster
+Spannung der Erwartung und des Zweifels blickte
+sie hinunter in den Durchgang, durch den jetzt die angekommenen
+Reisenden eilten. Darunter ein schlanker
+junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit
+einer schwarz-weiß gestreiften Krawatte, die sich weit
+heraus wölbte; sein dünnes Spazierstöckchen mit blitzender
+Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er zog eben braune
+Glacéhandschuhe über.
+</p>
+
+<p>
+Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab
+vor Frau Vierkant, streckte ihr die Hand hin und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die
+Arme über den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt;
+er war um mehr als einen Kopf größer geworden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen Gummimantel hast du dir gekauft?&ldquo; fragte die
+Mutter erstaunt.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-6">
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+Sechstes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>lle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand
+in der Dachkammer des bleichen Kapitäns
+versammelt.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten
+ihre Pfeifen vor das Fenster legen, denn der bleiche Kapitän
+sagte: &bdquo;Rauch ist Gift . . . für einen Athleten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte
+elegant Oldshatterhand. &bdquo;Wie werde ich Athlet&ldquo; lag aufgeschlagen
+auf dem Tisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst&ldquo;,
+fragte der fahle Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. &bdquo;In
+Frankfurt . . . Da gibt&rsquo;s eine Gasse. Die Rosengasse.
+Die ist so eng, daß man nebeneinander gar nicht durchgehen
+kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel
+und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf
+den Stufen, sitzen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen
+. . . seht, so sitzen sie, in rosaseidenen, in violetten
+Hängekleidern und manche in ganz roter Seide . . . Und
+wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln
+sie dich an, rufen sie dich . . . und so halt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bist neigange mit so&rsquo;n Mädle?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+&bdquo;Dann is aus mit der Kraft&ldquo;, sagte still der bleiche
+Kapitän. &bdquo;Das kann man an dir merk.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich mach ja gar nix mit Mädli.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie . . . du&rsquo;s machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt
+nur an sowas denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.&ldquo;
+Der bleiche Kapitän griff dem Schreiber an den Oberarm.
+&bdquo;Zieh mal dei Röckle aus.&ldquo; Schob dem Schreiber noch
+den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen
+und ließ es verächtlich sinken. &bdquo;Oh, macht nur so
+weiter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gestern hab ich &rsquo;n Hecht gefange&ldquo;, sagte Falkenauge.
+&bdquo;Von anderthalb Pfund.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kriegst vielleicht davo Kraft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt!
+Jetzt will ich euch amal was zeig. Schaut amal alle zum
+Fenster naus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So, jetzt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche
+Kapitän nackt über seine Scheibenhantel zusammengekauert.
+Die Räuber hörten, wie er den Brustkasten voll
+Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die zentnerschwere
+Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf
+lag tief im Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber,
+stand reglos der bleiche Kapitän, vom kalten Mondlicht
+getroffen. Das handgroße, zinnoberrote Tüchlein war
+vorgebunden.
+</p>
+
+<p>
+Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein
+dumpfes Krachen tönte von unten herauf: die Decke der
+Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber umringten ihren Hauptmann und
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+befühlten staunend seinen Körper. Der war hart wie Elfenbein.
+</p>
+
+<p>
+Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie
+riß die Tür auf und prallte zurück vor ihrem nackten Sohn.
+Mürrisch stülpte er seine Unterlippe hin. Die Tür knallte
+ins Schloß.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein,
+das sich verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte
+hochdeutsch: &bdquo;Jetzt mache ich euch einen Vorschlag. Wir
+gründen einen Athletenklub . . . auf intelligenter Basis.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist das? Basis?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Basis ist schon richtig&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän
+und legte die Faust auf &bdquo;Wie werde ich Athlet&ldquo;. &bdquo;Den
+Namen hab ich schon. Wir nennen uns &sbquo;Klub für intelligente
+Leibeszucht&lsquo;. Jeden Abend kommen wir in
+meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich
+nackt. Das ist von wegen der Transpiration . . . Und das
+eine möcht ich euch noch sag: hütet euch vor den Weibern
+und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt schon, was ich
+mein&rsquo;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich hab ja Singprobe abends&ldquo;, rief die Rote
+Wolke.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kriegst amend davo Kraft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen:
+&sbquo;Nach der Heimat möcht ich wieder&lsquo;. Wenn ich mir&rsquo;s
+genau überleg . . . ich war ja noch gar nie aus Würzburg
+draußen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen
+Geplärr. Aber wenn ich Muskel hab, da weiß
+ich doch, was ich hab&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän und griff
+zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+und den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten
+Räuber, die sich hastig entkleideten, und registrierte alles
+genau in sein Büchlein.
+</p>
+
+<p>
+Der &bdquo;Klub für intelligente Leibeszucht&ldquo; war gegründet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein
+Bruder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den
+Schreiber an. &bdquo;Wenn du ein Athlet werden willst, darfst
+du keinen Alkohol trinken. Höchstens manchmal, aber nur
+einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder Beefsteak
+mußt freß, soviel du kannst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und
+saßen wieder auf dem alten Lederkanapee am runden
+Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen Teller rohes
+Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.
+</p>
+
+<p>
+Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern
+auf dem Athletentisch.
+</p>
+
+<p>
+Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib
+trat stark vor. Voller Freude sah sie auf die wiedervereinigten
+Räuber.
+</p>
+
+<p>
+Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein
+schwarzhaariger Bursche schlich mit nach innen gerichteten
+Fußspitzen lautlos durch die Wirtsstube. Sein abgemagertes
+Gesicht war fleckig und ockergelb, und seine
+dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus
+Hamburg, dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank
+zurückgekehrt. Er setzte sich ans Fenster zu einem helläugigen,
+blonden Jüngling.
+</p>
+
+<p>
+Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die
+zweite Stimme, kaum hörbar und hohl aus dem Halse
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+heraus, der andere die erste Stimme, rein und voller Hingabe.
+Es wurde ganz still in der Stube.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf, Matrosen ohe!&ldquo; sangen die beiden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf die wogende See.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oo . . . heee!&ldquo; sang der Zurückgekehrte dunkel und
+düster . . .
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,</p>
+ <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand
+mit seiner Schwester und deren Freundin, Lenchen
+Leisegang, die vielen hundert Staffeln hinauf zum Würzburger
+&bdquo;Käppele&ldquo;, an der Leidensgeschichte Christi vorbei,
+welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in
+vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang
+der frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.
+</p>
+
+<p>
+Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze
+in die dürren Hände verschlungen, knieten auf
+den Stufen und bewegten die Lippen im Gebet. Viele
+Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige,
+welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den
+Herrgott um Vergebung ihrer Sünden baten.
+</p>
+
+<p>
+Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf
+der untersten Stufe gebetet, waren knieend auf die zweite
+Stufe geklettert, auch diese abbetend, und weiter, Stufe
+für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei Vaterunser gebetet
+werden mußten. Immer auf den Knien rutschend,
+beteten sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter
+sich, bis gegen Abend das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo
+Christus am hohen Kreuze hängt, endlich erreicht war
+und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter,
+hatten eine Hausapotheke und halfen den Büßern
+wieder auf die Beine, damit sie dem Hochamt in der
+kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und
+man sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten,
+daß für den langen, bitterschweren Betgang auf den Knien
+durch Staub und Hitze der liebe Gott im Himmel ihre
+Bitte um Hilfe erfüllen werde.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an
+den betenden Gläubigen vorbei, bis zum Marienfuß. Das
+Mädchen probierte ihren Fuß in die Höhlung, von der es
+hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick gerastet
+habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in
+Butter eingesunken sei.
+</p>
+
+<p>
+Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein,
+das sich vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend,
+gleich auf die nächste Stufe rutschte.
+</p>
+
+<p>
+Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß
+die Bäuerin den Vaterunserdiebstahl vor der siebenten
+Station &mdash; ein nackter, muskulöser Landsknecht mit Speer
+und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die
+Dornenkrone aufs Haupt &mdash; unter größter Vorsicht wieder
+beging.
+</p>
+
+<p>
+Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie
+war vögelchenzart, aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes
+Sonntagskleid an.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank
+im Abendgarten sitzen&lsquo;, dachte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Unter Glockenläuten kamen sie auf dem &bdquo;Käppele&ldquo; an.
+Rund um die Kirche herum klebten die Verkaufsbuden, wo
+Kerzen zu haben waren, nicht dicker und länger als ein
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein Männerschenkel
+und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden Muttergottesherzen
+aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte,
+konnte eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche
+opfern.
+</p>
+
+<p>
+Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen,
+Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger
+Lebkuchen, Christusse, Amulette, heilige Josephsringe aus
+Zinn für zehn Pfennige. Auch ein Schnäpschen war zu
+haben.
+</p>
+
+<p>
+Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das
+der sonnengoldene Main zog. Langbärtige Mönche mit
+klappenden Sandalen schritten durch die verstaubte
+Menge.
+</p>
+
+<p>
+Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln
+der Ministranten. Alle Menschen fielen auf die
+Knie; das Gebetsgemurmel erklang.
+</p>
+
+<p>
+Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen
+Hand, mit der linken nahmen sie den Kaufpreis entgegen
+und stritten sich verzweifelt mit den Bauern herum, welche
+die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die teueren,
+dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
+prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis
+boten, stundenlang feilschten, um sie dann befriedigt der
+heiligen Mutter darzubringen.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor
+einer Bude, wo an Schnüren kleine Arme hingen, Beine,
+Herzen, Ohren, Hände &mdash; aus Wachs, die man kaufen und
+seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke
+Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?&ldquo; fragte die
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+Schwester. Sie hatte einen vom Knochenfraß steif gebliebenen
+Arm. &bdquo;Es könnte ja nix schad. Vielleicht
+hilft&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich glaub nit, daß es was hilft&ldquo;, meinte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Da trat die Menge, &bdquo;Gelobt sei Jesus Christus&ldquo; murmelnd,
+zur Seite: neben einem hohen Mönch kam Winnetou
+geschritten in der weißen Ministrantenstola, das qualmende
+Weihrauchfaß schwingend.
+</p>
+
+<p>
+Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg
+betroffen, denn Winnetou senkte den Kopf und ging
+vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund.
+Der lief jeden Tag ohne Begleiter die vielen
+hundert Stufen hinunter und noch eine halbe Stunde weit
+durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch,
+der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet
+hatte, und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die
+Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe schon sieben
+Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes
+Tier, dem ein Auge fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen
+geliebten und verehrten Tieres zu werden, war nur
+der äußerliche Anlaß für Winnetou gewesen, sich den
+Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der
+Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht
+hatte. Von der Mystik des Klosters angezogen und gefesselt,
+hatte er späterhin auch manche Nacht bei den stillen
+Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den kränkelnden
+Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle
+hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+Kindern aus der Stadt das durch ein Vaterunser erbetete
+Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten ihn
+schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein.
+Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage
+zwei- oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer
+unter den Bittenden, der das katholische Vaterunser nur so
+ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das
+gelten.
+</p>
+
+<p>
+Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht
+waren von tiefer Bräune umschattet. Auf der Oberlippe
+hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze Haare. Seit
+einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf
+hatte er nicht.
+</p>
+
+<p>
+Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch
+einen Hohlweg, an Weinbergen vorbei.
+</p>
+
+<p>
+Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft
+und es am Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich
+die Wunde an ihrem steifen Arm wenigstens schließen,
+meinte sie.
+</p>
+
+<p>
+Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren,
+als Herr Mager, der damals Lehrer der Mädchenklasse
+gewesen war, der Schwester mit dem Rohrstock
+sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl
+er von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen
+und seinem nie ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert.
+Aber die Wunde am Arm der Schwester war
+seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant auf
+den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen,
+das bei der nötig gewordenen Operation aus dem
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Ellbogengelenk herausgeschnitten werden mußte, einem Straßenhund
+zu fressen gegeben hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann
+schließt sich wenigstens die Wunde&ldquo;, hatte die weise Frau
+gesagt; &bdquo;stirbt er aber an dem Knochen, dann wird der
+steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war
+aber ganz gesund geblieben.
+</p>
+
+<p>
+Versonnen schritt die Schwester weiter.
+</p>
+
+<p>
+Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun
+ein Loch in ihr Sonntagskleid gerissen hatte
+und bekümmert dreinsah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das können Sie wieder schön zustopfen&ldquo;, tröstete
+Oldshatterhand. Und nach einer Weile: &bdquo;Man muß
+eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, und alle
+Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine
+Zange mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune
+auf die Seite schaffen . . ., daß sich kein Mensch mehr
+einen Triangel ins Kleid reißen kann. Stacheldrahtzäune
+sind doch hundsgemein und hinterlistig!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im
+Arm. Seine Bäuerin stolperte betend hinter ihm drein.
+Ein paar barfüßige Jungen, auf der Flucht vor dem
+Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner
+warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus
+der Fußsohle und hinkte heulend weiter.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner,
+weißer Spitzhund. &bdquo;Haben Sie gesehen, wo die verdammten
+Lausbuben naus sind?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da hinaus!&ldquo; zeigte Oldshatterhand in die falsche
+Richtung.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht
+hinunter, einer noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen
+Felsenbergschlucht, durch die eine starke Quelle
+ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger Verschönerungsverein
+hatte nach langem Ringen mit der störrischen
+Natur aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe
+Seechen mit zwei Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen
+aus krummen Birkenästen, noch mit der weißen Rinde,
+überspannten die gezähmte Quelle; Birkenholz-Aussichtshäuschen,
+Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, Gedenk-,
+Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz
+verschönten die Landschaft.
+</p>
+
+<p>
+Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen
+war: &bdquo;Gestiftet von Herrn Kilian Nikodemus Anastasius
+Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr paßt gut zueinander&ldquo;, sagte die Schwester zur
+Freundin, die verwirrt aufstand und vorausging.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an
+auf der Straß, dann möcht sie glei durchs Pflaster in
+Erdbode neifahr . . . Und du . . . du bist auch ein dummer
+Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von Würzburg,
+ham wir jed&rsquo;n Tag von dir gesprochen. Und noch
+ehe sie dich gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . .
+Aber so verliebt! Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke,
+auf der ein silberner Engel stand, und sagte es der Schwester.
+Auch daß die Wolke mit dem stillstehenden Engel
+jetzt fortschwebe.
+</p>
+
+<p>
+Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell
+vor einem Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+Stämme, von der Abendsonne beschienen, leuchteten rot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Henkeln Sie ein bei mir&ldquo;, sagte Oldshatterhand und
+verbeugte sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester.
+&bdquo;. . . Da!&ldquo; Und stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+So gingen sie nach Hause.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;Greif amal her!&ldquo; brachte der König der Luft vor
+Kraftanstrengung gerade noch heraus und ließ Falkenauge
+seinen Oberarmmuskel befühlen. &bdquo;Wie is er?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Kolossal hart! Und meiner?&ldquo; Falkenauge stand
+im Ausfall. Der König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel
+und sah dabei prüfend in den Himmel.
+&bdquo;Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber
+gehen wir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im
+Garten &bdquo;Zur schönen Mainaussicht&ldquo; standen flüsternde
+Weiber und stillgewordene Kinder um einen aufgebahrten
+Sarg herum.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.
+</p>
+
+<p>
+Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg.
+Nur ihr Mund war rot und lächelte hold, wie wenn sie
+im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die Tanzenden
+den Boden zu glätten.
+</p>
+
+<p>
+Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die
+Vögel pfiffen im Kastanienbaum, unter dem das Fell des
+Bernhardinerhundes ausgebreitet war. Es hatte große
+enthaarte Stellen.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub
+versteckt, und zielte mit einer stacheligen Kastanie einer
+Alten auf den Scheitel, traf aber seiner toten Schwester
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der Wange der
+Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen,
+beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei
+in die Wirtsstube. Der blonde Sachse und das kleine,
+schöne Waisenmädchen saßen schon drinnen und tranken
+grünen Likör.
+</p>
+
+<p>
+Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste,
+denn die &bdquo;Schöne Mainaussicht&ldquo; war in Verruf geraten:
+der Pfarrer hatte von der Kanzel herunter seine Pfarrkinder
+gewarnt vor dieser Wirtschaft.
+</p>
+
+<p>
+Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und
+Nacht saß er bei der Wirtin. Niemand kaufte Fische von
+ihm &mdash; er hatte vergessen, am Gründonnerstag mitzuwallen.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte
+ein Zuckerplätzchen in ihr verquollenes Gesicht, in dem der
+Mund gar nicht mehr zu sehen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag
+sie doch zum Teufl!&ldquo; schimpfte der Fischer und hob die
+Arme. &bdquo;Heilige Maria und Joseph! so a Gaudi. Wer
+tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer;
+er hat g&rsquo;sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom
+kirchlichen Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische
+Hundsknoche dem tote Mädle ke christlichs Begräbnis
+geb. No, i hab &rsquo;n mei Meinung mitgeteilt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift
+mir direkt an das Herze&ldquo;, sagte der Sachse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jau, Herze!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch
+einmal, die Hände der Toten zu falten. Die Hände waren
+aber schon steif.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen
+vom Baum herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den
+Schanktisch, und stahl aus der Geldschublade eine Handvoll
+Nickelstücke.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom
+Kastanienbaum herunter auf das Hundefell plumpste und,
+mit ein paar Haaren im Schnabel, auf den Baum zurückflog,
+wo er sich sein Nest baute. Sie griff ins Fell, hatte
+die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück
+in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die
+Köpfe zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die
+jetzt zerfallen aussah im kalten Licht, denn die Sonne war
+untergesunken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,&ldquo;
+sagte eine Alte, &bdquo;aber er kommt nit.&ldquo; Die Alte flüsterte
+der anderen noch etwas ins Ohr.
+</p>
+
+<p>
+Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder
+Atem. Der großmächtige Pfarrer im Ornat kam die
+Treppe herauf, mit den Ministranten und dem hinkenden
+Flickschneider.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß.
+Der Pfarrer schwang es über die Tote. &bdquo;Vor der Pforte
+der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et
+cum spiritu tuo.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Weiber waren auf die Knie gesunken.
+</p>
+
+<p>
+Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die
+Mütze vor der Brust.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild
+eilte Oldshatterhand am Mainufer entlang, bis zu dem
+Weidenbusch am kleinen See, wo er damals zum Schreiber
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: &sbquo;Ihr geht also
+nit mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge
+umsäumt. Der Fluß glitt breit dahin. Es roch nach Wiese,
+Wasser und Weide, im ganzen Tal war kein Mensch, und
+der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der Erde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild;
+er hatte kein Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und
+Begeisterung den goldigen Rücken einer Hummel fertig,
+die gekrümmt an einem Zweige hing.
+</p>
+
+<p>
+Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden
+Gestalt etwas zu verändern, die er unter den Busch gemalt
+hatte &mdash; ein Mädchen, zum Baden bereit, dem das
+blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.
+</p>
+
+<p>
+Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher
+gemessen seine Kreise, sauste unvermittelt mit ein paar
+Flügelschlägen davon; schnell hat ihn die blaue Ferne
+genommen.
+</p>
+
+<p>
+Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue
+den Blick erhob, hing der Reiher schon wieder still, aus
+Gold, am blauen Himmel über dem Flusse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges
+Lachen und malte in gotischer Druckschrift den
+Namen des blonden Mädchens unter das fertige Bild:
+&bdquo;Helene, in ewiger Verehrung&ldquo;, übermalte das Wort
+Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, &bdquo;In ewiger
+Liebe&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oo . . . ha hööö . . . ö!&ldquo; klang es langgezogen vom
+Fluß her. &bdquo;Höö . . . ö!&ldquo; warf das Echo zurück: drei barfüßige
+Schiffszieher mit nackten Oberkörpern, hintereinander
+gespannt und schräg gegen den Boden gestemmt,
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes,
+das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts
+bewegte, stand ein kleiner, weißer Spitz und bellte. Das
+klang aus der Ferne wie das Quaken eines Frosches.
+</p>
+
+<p>
+Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße
+und wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden
+Tag seit zwei Monaten.
+</p>
+
+<p>
+Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen
+in den Lachen, in denen sich das Licht der Laternen
+brach.
+</p>
+
+<p>
+Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk,
+stand ein dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr
+schöne, vollbusige Schwester des Glasermeisters Johann
+Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin und im
+selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.
+</p>
+
+<p>
+Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt
+er unter dem Mantel versteckt.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, wie wenn jemand &bdquo;da!&ldquo; sagt und die Gesellschaft
+aufhorcht, wurde es still &mdash; der Regen hatte geendet.
+</p>
+
+<p>
+Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte
+mürrisch in den Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand
+und stieg auf den Zehenspitzen durch die Regenlachen über
+die Straße.
+</p>
+
+<p>
+Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. &bdquo;Augen
+rechts!&ldquo; brüllte der Sergeant. Die Gemeinen hieben in
+die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch aufspritzte und
+der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel zusammennahm,
+während das schöne Fräulein Streberle
+mit wiegender Hüftbewegung auf ihn zuschritt.
+</p>
+
+<p>
+Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden,
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+verbeugte sich Oldshatterhand und sagte: &bdquo;Bitte, henkeln Sie
+ein bei mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt sowas&ldquo;, erwiderte sie und tat es.
+</p>
+
+<p>
+Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend.
+&bdquo;Es ist nichts Besonderes. Nichts. Ich hab&rsquo;s halt so gemalt&ldquo;,
+sagte er gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In eeewiger Liebe!&ldquo; rief sie, laut lachend vor Verlegenheit.
+&bdquo;In eeewiger Liebe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und
+blickten zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt sowas&ldquo;, sagte sie und trat ins Haus.
+</p>
+
+<p>
+Er ging ganz langsam weg.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf Wiedersehn!&ldquo; rief sie und warf ihm eine Kußhand
+nach.
+</p>
+
+<p>
+Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein
+unbekanntes Gefühl, stehen zu bleiben: er sah den weißen
+Körper des Mädchens, und der Wunsch, der bis jetzt nur
+in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen Körper
+mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt
+in ihm auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit
+so vollkommen, wie wenn sein Körper blutleer geworden
+wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse von Frankfurt. Und
+brüllte: &bdquo;Gemein! Ich bin gemein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale
+Braut des Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee,
+als Oldshatterhand eintrat.
+</p>
+
+<p>
+Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant
+mahlte Kaffee. Oldshatterhand begann an dem
+Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein Hochzeitsgeschenk,
+von der Braut anfertigte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+&bdquo;Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst
+davor. Ich hab&rsquo;s ihm schon g&rsquo;sagt . . . ich tu&rsquo;s nit. Nie!
+Lieber heirat ich nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, jetzt so dumm.&ldquo; Die Frau Vierkant lachte. &bdquo;Jetzt
+geht ihr acht Jahr mitnander. Dumms Mädle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich tu&rsquo;s nit. Nie! Nie!&ldquo; Die Braut riß die Augen
+auf. &bdquo;Muß denn das sein?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie müssen stillsitzen&ldquo;, sagte Oldshatterhand und punktierte
+mit der nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen
+schwarzen Poren auf sein Blatt, mit peinlichster Genauigkeit.
+Bis die Braut, neugierig, was Oldshatterhand
+da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich
+rief: &bdquo;Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit
+g&rsquo;fall.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich muß doch alles zeichnen, was da is&ldquo;, verteidigte
+sich Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den
+großen Pickel am linken Augenlid der Braut fertig, trank
+schnell seine Kaffeetasse leer und eilte zur Übungsstunde
+in den &bdquo;Klub für intelligente Leibeszucht&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die
+Schlosserbraut sich so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte
+er gehört, aber vor Grauen, diesen Gefühlen gegenüber,
+den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele Monate
+lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen
+Kapitäns versammelt. Alle waren nackt, und jeder hatte
+ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein vorgebunden.
+</p>
+
+<p>
+Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber
+warf einen Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der
+Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+auf und ab; der andere tat dasselbe rücklings. Der König
+der Luft kreiste zwei kleine Hanteln und mahlte mit den
+Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, die Fußspitzen
+bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den
+Kopf, er atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der
+Uhr in der Hand, kontrollierte die Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber stöhnte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Still!&ldquo; rief der bleiche Kapitän wütend.
+</p>
+
+<p>
+Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager
+und begeistert, und alle stellten sich möglichst immer so,
+daß die Hinterteile nicht zu sehen waren, denn die waren
+nicht mit roten Tüchlein verhängt.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste.
+Ja, nein, und grüß Gott. Seine Wangen waren schmal
+und seine Brust war kolossal breit geworden. Er sah gefährlich
+aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
+haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den
+Häusern hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf
+dem Ohr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hanna! Hanna!&ldquo; rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten,
+&bdquo;Bier! Bier!&ldquo; und sogleich ertönte das
+keifende Schimpfen der Witwe Benommen mit der schönen
+Kellnerin.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber
+und notierte alles ins Büchlein.
+</p>
+
+<p>
+Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um
+drei Millimeter an Umfang zugenommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung
+gegen Eleganz und Mädchen, die Arme athletenhaft
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+vom Körper weghaltend, den Hut auf einem Ohr, ohne
+Halskragen ins Bureau.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Widerschein . . . das geht nicht&ldquo;, sagte Herr
+Karfunkelstein, &bdquo;Sie sind doch kein Stromer. So laufen
+die Tagediebe herum, die Strizzi, die Vierröhrenbrunnensteher
+. . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie herausgerissen
+durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in
+eine Patsche kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch
+einmal . . . Einen Kragen müssen Sie anhaben im Bureau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen,
+den er jedoch, wenn er das Bureau verließ, in die
+Tasche steckte, um, den Hut verwegen auf dem Ohr, die
+Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg
+anzutreten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan
+auf der alten Brücke und malte das sonnige Bild vor sich &mdash;
+das alte Rathaus und die Domstraße mit dem Dom, der
+sie abschließt.
+</p>
+
+<p>
+Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit
+am Kinn ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit
+zu. Er hatte ein Monokel vor dem Auge.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?&ldquo; fragte der
+Fremde freundlich.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor
+Scham, beugte er sich über seine Arbeit und brachte kein
+Wort hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken
+an Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geb&rsquo;s Ihnen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wieviel soll das Bildchen kosten?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+&bdquo;Kosten?&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>
+Ein Bierwagen polterte während der langen Pause
+vorüber; der Kutscher beugte sich vor, um das Bild sehen
+zu können.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vielleicht . . . eine Mark?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche
+eine Visitenkarte und ein Scheckformular und füllte es
+aus. &bdquo;Nehmen Sie das. Und malen Sie fest weiter. Das
+schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, bitte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den
+Bilderhandel beobachtet hatte, und blickte dann dem
+Fremden nach, solange er ihn sehen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke
+gab, sah er wie ein Irrsinniger den Beamten an und konnte
+kein Glied rühren.
+</p>
+
+<p>
+Sofort ging er in ein Papiergeschäft. &bdquo;Packen Sie
+dieses Kunstwerk vorsichtig ein und bringen Sie es ins
+Hotel Kronprinz. Sie wissen doch &mdash; das vornehme Hotel
+am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für Freiherrn
+von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael
+Vierkant . . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein,
+das Kunstwerk hat einen Wert von sechzig Mark.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße.
+Die Vorstellungen seines künftigen Künstlerruhmes jagten,
+übergipfelten einander, bis ins Ungemessene.
+</p>
+
+<p>
+Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den
+Schloßberg hinauf und begann in den alten Schießgräben
+der Festung nach Blei zu graben, um gleich noch etwas
+dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
+Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste
+Form gewonnen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig
+da zu finden war, denn vor vielleicht fünfzig Jahren
+war das letztemal hier geschossen worden, und viele
+Generationen Knaben hatten sich seither am Blei bereichert.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte
+Flintenkugeln gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier
+hinter einem Brombeerbusch hervortrat. &bdquo;Was
+machen Sie da!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich . . . grabe Angelwürmer.&ldquo; Er hielt dem Offizier
+einen langen Wurm zur Ansicht hin. Der Offizier legte
+grüßend die Hand an die Mütze und ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in
+den Schießgräben Blei gesucht und es verkauft beim
+Lumpenhändler Ei, der auch Oldshatterhands Abnehmer
+war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen Pfennig
+mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das
+Blei kam.
+</p>
+
+<p>
+Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann
+und reich. Und sein Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten
+Würzburger Verbindung.
+</p>
+
+<p>
+Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in
+den dunklen Anlagen Oldshatterhands Arm genommen
+hatte: &bdquo;Mein Vater soll einen Hilfsdiener bekommen,
+weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
+. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.&ldquo;
+Herr Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren
+Klinikdiener im Würzburger Juliusspital.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele
+Trinkgelder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. &bdquo;Ich
+nehme keine Trinkgelder!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr
+betroffen nach, wie sie durch die dunkle Anlage davonsprang.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik
+neben einem quittengelben Japaner. &bdquo;Die Japanerinnen
+sind aber nicht schön. Gefallen Ihnen die deutschen Mädchen
+nicht auch unheimlich viel besser?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen
+Lächeln, so weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen
+denen stets eine Zigarette hing, und noch die zartrosa
+Zahnfleischbogen sichtbar wurden. &bdquo;Mir gefallen
+die japanischen Mädchen viel besser&ldquo;, sagte er und goß aus
+einem Meßzylinder Urin durch die Filter.
+</p>
+
+<p>
+Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos
+und mit größter Geduld die Urine des ganzen Spitals,
+rauchte unzählige Zigaretten dabei und wurde von dem
+berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr geschätzt.
+Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die Untersuchungsstoffe
+zusammen. &bdquo;Es gibt aber doch kein einziges
+blondes Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe
+ich nicht &mdash; &mdash; &mdash;. Warum sind die Japaner eigentlich
+alle so kohlschwarz?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden.
+Der ganze Kopf. Das macht schwarze Haare. Der ist am
+schönsten, der ganz schwarz ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem
+Gesicht. Oldshatterhand sah ihm eine Weile
+zu. &bdquo;In der Türkei kann einer hundert Frauen haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+Der Türke lächelte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und Treue gibt&rsquo;s in der Türkei überhaupt nicht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Treue?&ldquo; fragte der Türke und stieß einen Ballon voll
+Alkohol um. Er brachte nie etwas zustande, begann viel
+und beendete nichts. Aber Geheimrat von Leube liebte es,
+daß Ausländer in seinem Laboratorium arbeiteten.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf.
+&bdquo;Wenn aber jede Frau zehn Kinder bekommt, dann ist
+so ein Türke Vater von tausend Kindern? . . . Tausend
+Kinder in einer Familie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten.
+&bdquo;Deshalb haben auch fast alle Türken nur eine Frau. Nur
+wer ganz viel Geld hat, kann auch mehr Frauen haben . . .
+Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns . . .
+Nicht so wie die deutschen Frauen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und
+blickte streng umher. Herr Leisegang war klein und hatte
+ein Holzbein, so daß man ihn schon von weitem kommen hörte.
+</p>
+
+<p>
+Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und
+beugten sich interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand
+spülte eifrig Reagenzgläser.
+</p>
+
+<p>
+Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals.
+Der Herr Geheimrat hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt,
+als seinen treuen und geschickten Diener entlassen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem
+Gedanken, Herr Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter
+täglich nach Hause begleitete, denn es war im ganzen
+Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen
+hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten.
+Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte
+Herr Leisegang schon sorgen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen
+war, für Herrn Leisegang öffnen. Eine große
+Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt. Obenauf lag
+Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in
+dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen
+lag. &mdash; Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den berühmten
+Kliniker zur Untersuchung gesandt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!&ldquo; rief Herr
+Leisegang. &bdquo;Da will ich doch aber gleich einmal sehen! . . .
+Von einer Fürstin?&ldquo; Er roch in das Fläschchen, hielt es
+gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins
+Reagenzglas. &bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; Eiweiß hat die Fürstin nicht.&ldquo; Er
+nahm noch eine Probe in ein zweites Reagenzglas. &bdquo;&mdash; &mdash; &mdash;
+Jetzt sowas! . . . Belästigt das Weibsbild unsern Herrn
+Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. Glaubt, weil sie
+eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn
+Geheimrat das Resultat mitteilen.&ldquo; Erbost stelzte Herr
+Leisegang aus dem Laboratorium.
+</p>
+
+<p>
+Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen
+zu sein: eine Woche später traf die Fürstin in Würzburg
+ein, mit großem Gefolge. Sie war siebenundachtzig Jahre
+alt und mußte getragen werden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier,
+der in einen engen Käfig eingesperrt war. Man hatte
+ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen drehte er
+sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger,
+weißer Kreis.
+</p>
+
+<p>
+Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand
+ging ins Schlachthaus, um frisches Schweine- und
+Ochsenblut zu holen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+stand neben dem Kessel, in dem das siedende Wasser
+dampfte.
+</p>
+
+<p>
+Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben;
+sie tappten ängstlich grunzend, die Schnauze
+suchend am Boden. Die bei den Türpfosten stehenden
+Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel
+auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie
+wenn ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes,
+aus voller Kraft kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands
+Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere
+taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen
+geschwungen, platschten sie in den Kessel,
+hinein in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der
+Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten
+Schweineborsten leicht abschaben.
+</p>
+
+<p>
+Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender
+Schnitt durch die ganze Gurgel, und das dampfende Blut
+sprudelte in den Meßzylinder, den der bebende Oldshatterhand
+bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut.
+</p>
+
+<p>
+Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als
+habe er Schuhe aus Blei an den Füßen. Ziehend ging er
+hinaus und hinüber: in die Ochsenschlachthalle. Groß,
+hoch, aus Eisenkonstruktion.
+</p>
+
+<p>
+Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte
+die Halle. Schreien, Fluchen, Rindergebrüll, hastende
+Metzger, welche Häute, Gedärme, tote Kälber schleppten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich möchte frisches Ochsenblut&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+zu einem jungen Metzgerburschen, und sah ihm noch
+fragend und fremd ins blutverschmierte Gesicht, als er
+die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. &bdquo;. . . Bist du
+jetzt Metzger?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+&bdquo;Nein, Büffeljäger!&ldquo; brüllte die kraftstrotzende Kriechende
+Schlange und hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.
+</p>
+
+<p>
+Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden
+Schlachthalle um, blöde auf die Kriechende Schlange zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was schaust denn wie die Kuh wenn&rsquo;s donnert!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Blut soll ich holen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kannst &rsquo;n Faß voll hab!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen,
+Blutkörperchen in den verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel
+bis zu den Schultern aufgekrempelt, fesselten flink
+wie Teufel den Ochsen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein
+leichter Schlag darauf mit dem Hammer, ein schwacher
+Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser klatscht &mdash; der Ochse
+stand &mdash; schneller als ein Gedanke brach er zusammen. Die
+Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper,
+durch das Herz.
+</p>
+
+<p>
+Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in
+den Hals, ein Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein
+junger Baumstamm aus, überschwemmte den Schlachtstand,
+floß durch die Rinnen ab in den Kanal, durch den
+Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und
+die Fische aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.
+</p>
+
+<p>
+Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die
+Haut ab, die Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf,
+riß die dampfenden Gedärme heraus und stieß sie mit dem
+Fuß zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie
+fluchend den Ochsen. Da hing er, violette Adern über
+dem blutrünstigen Fleisch, die Augen verglast, den blauen
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe neben
+den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange
+an, der einem Kalb einen Tritt in die Weichen gab, daß
+es im Blut ausglitschte und in die Knie sank. Er wollte
+etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf den
+zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend
+schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen
+Anzug an, tadellos weiße Wäsche und trug eine goldene
+Brille auf der leicht gebogenen Nase. Der Schächter.
+In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach,
+breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen,
+die einen wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am
+Boden lag.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fertig?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange
+messergerecht gedreht hielt, das Maul und die angespannte
+Gurgel nach oben, legte das Messer an &mdash; ohne noch zu
+schneiden &mdash;, da klaffte der Hals; das Messer war bis zum
+Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den
+Schlachtstand.
+</p>
+
+<p>
+Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm
+knienden Metzger hin und her, stieß unbeschreibliche
+Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut ausbrach, zuckte,
+zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein
+Zittern lief durch den ganzen Körper; der Ochse hob noch
+einmal schief den Kopf, und ließ ihn verendend sinken.
+Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die Kriechende
+Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+sie kleben blieben und von der Wand herunter auf die
+Metzger stierten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den
+Ochsen so?&ldquo; fragte Oldshatterhand, vor Grauen wieder
+stotternd.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&rsquo;n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja&ldquo;, sagte die
+Kriechende Schlange lachend. &bdquo;Und dann, das ist doch das
+jüdische Gesetz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen
+. . . die A . . . Augen dort an der Wand . . . an der
+Wand . . . Er hat . . . hat ja noch gelebt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;A . . . A . . . A . . . Augen!&ldquo; rief die Kriechende
+Schlange lachend, warf sich die blutrünstige Ochsenhaut
+über die Schulter und ließ Oldshatterhand stehen. Die
+Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor Vergnügen.
+</p>
+
+<p>
+Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen
+gegangen, der für ihn bereit lag.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem
+Lämmchen aus Holz im Arm, trippelte zwischen den
+hastenden Metzgerburschen durch zu seinem Vater, dem
+Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind,
+drehte es um und schob es weg.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende
+Ochsen mit angststierenden, wissenden Augen wurden
+hereingeführt, hereingezogen, brüllten dumpfklagend &mdash;
+nicht laut &mdash;, die schäumenden Mäuler in die Höhe gereckt.
+</p>
+
+<p>
+Hinein in den Schlachtstand, gefesselt &mdash; drei Minuten
+später hingen sie ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe
+von sich streckend, die blauen Zungen bläkend, in der
+Reihe neben den anderen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus &mdash;
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+da schien die Sonne. Die Spatzen flatterten und schrien.
+</p>
+
+<p>
+Er blieb stehen. Und dachte zurück &mdash; wie oft er am
+Schlachthaus vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört
+hatte, Metzgerwagen voll blutiger Schweine herausfahren
+und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große Schafherden,
+zusammengedrängt. &bdquo;Man geht vorüber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen,
+blieb stehen, den unbeschreiblichen Ton des Verröchelns
+im Ohr, und schmetterte plötzlich die Blutgläser in den
+Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah aus,
+als wäre hier ein Mensch ermordet worden.
+</p>
+
+<p>
+Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen,
+ging er zurück ins Laboratorium. &bdquo;Ich bringe
+kein Blut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich muß aber Blut haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Häää! Ich bringe kein Blut,&ldquo; wiederholte er hämisch,
+und brüllte noch einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht
+zum Türken tretend: &bdquo;Kein Blut!&ldquo; wandte sich stracks
+um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal;
+da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates,
+während ein Kranker, in der blau-weiß
+gestreiften Spitalskleidung, den Schlauch in den Mund
+hielt und mächtig ein- und ausatmete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jessas! Jessas! Jessas!&ldquo; rief Herr Leisegang und
+nahm den Schlauch selbst in den Mund. &bdquo;Wie kann man
+sich so viechdumm anstellen. Jetzt drehen Sie einmal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung
+für das Kolleg des Herrn Doktor Edelmut
+bereit und lachten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr lacht? Ihr habt&rsquo;s nötig! Jetzt sowas!&ldquo; rief Herr
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+Leisegang, und der glatzköpfige Herr Doktor Edelmut
+blickte empört zu den Mädchen hin.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben.
+Unter den an Schminke gewöhnten, jetzt entschminkten,
+fleckigen und mit Geschwüren besetzten Gesichtern sah
+er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen
+sich der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte.
+Ihr feingeschwungener Mund war auch jetzt tiefrot.
+Die Lippen bildeten eine lasterhafte, wissende
+Mundlinie.
+</p>
+
+<p>
+Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit
+den hautkranken Frauen zusammen auf der Abteilung. Sie
+blickte Oldshatterhand ungeniert lächelnd in die Augen.
+Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf den
+Gang.
+</p>
+
+<p>
+Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit
+weißen Binden, und flüsterten miteinander, wie in einem
+Sterbezimmer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?&ldquo;
+stotterte ein Großer, Dicker. &bdquo;Hat er heute schon gelacht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der
+plötzlich mit seltsamem Pathos rief: &bdquo;Er hat gelacht! . . .
+Aber wir sind gemein! Ich sage, wir alle sind gemein!
+Alle! Er hat gelacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine
+Lippen waren erblaßt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er hat gelacht?&ldquo; flüsterte betroffen der Dicke.
+</p>
+
+<p>
+Da riß Herr Leisegang die Tür auf: &bdquo;Meine Herren!
+der Herr Geheimrat erwartet Sie&ldquo;, und hinkte energisch
+voran.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage
+ins Schlachthaus, hielt den Meßzylinder unter das noch
+zuckende Tier und brachte das Blut dem Türken. Der
+reichte ihm eine Mark.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich nehme kein Geld dafür!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen
+Kapitäns betrat, stand die Wirtschaftstür offen; er
+sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, weiß wie
+ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der
+Wirt, die kranken Augen wütend aufgerissen, das
+Bierfaß vom Schenktisch weg auf den Tisch in der
+Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte zersplitterte
+und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die
+Witwe Benommen stand reglos, die Lippen eingekniffen,
+die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, in
+der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke,
+beide Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der
+Stube.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer
+entlang, auf die Sandinsel zu, wo die Weiden um
+die kleinen Seen stehen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den
+Weiden hervor kamen Mädchen, paarweise hintereinander
+wandelnd. Sie waren mit Rosen und Nelken geschmückt.
+Still geworden, zog der Zug der Mädchen am
+Zuge der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden.
+Und gleich darauf ertönte aus dem Dunkel das helle
+Mädchengelächter. Die Räuber standen und horchten.
+Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie geschlossen
+um und standen einige Minuten später am Eingang der
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster
+herauswarfen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?&ldquo;
+fragte Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber
+immer noch schweigend standen, eng zusammengedrängt,
+und in die Gasse hineinsahen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh nit mit durch&ldquo;, sagte die Rote Wolke sofort
+und trat ein paar Schritte zurück.
+</p>
+
+<p>
+Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die
+Brust vorstreckte und sagte: &bdquo;Ich geh allein durch, wenn
+ihr keine Schneid habt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein
+dünnes Stöckchen im Kreise herumwirbelnd, ging der
+Schreiber mit gleichgültigem Gesicht sehr schnell durch die
+Gasse.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd
+wieder durch die Gasse zu ihnen zurückkehrte. &bdquo;Das
+wär mir aber auch noch was&ldquo;, sagte er heiser, und redete
+so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen zusammengedrängt,
+durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten
+Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän,
+der nicht dabei gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der
+Mauer, gegenüber den drei Häuschen, und starrte intensiv
+horchend auf die rosa Fensterausschnitte, preßte die Hand
+aufs Herz. Und trat ein.
+</p>
+
+<p>
+Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst
+sah er nur den Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch
+den Zigarettendampf hindurch, drei Frauen in hellen
+Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten noch
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah
+Farben vor seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün
+und dunkelrot. Die Frauen präsentierten sich und sahen
+verlegen einander an, weil Oldshatterhand sich nicht rührte
+und nicht sprach.
+</p>
+
+<p>
+Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig
+glitzernden Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte
+sich wie eine Mannequin vor Oldshatterhand und schnalzte
+dazu mit den Fingern.
+</p>
+
+<p>
+Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund,
+die auf dem Kanapee sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands
+rettungsuchenden Blick auf, erhob sich und fragte
+lächelnd: &bdquo;Willst du mich? Kleiner&ldquo;, zog ihn, als er
+nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den
+ersten Stock hinauf.
+</p>
+
+<p>
+In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als
+ein geöffnetes weißes Bett und eine Ottomane mit einer
+türkischen Decke befand. Die rosa Ampel an der niederen
+Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand
+nackt vor Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit
+beiden Händen etwas an ihren Haaren. Oldshatterhand
+sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein ganzer Körper
+zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . .
+Fünf Mark?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er gab ihr das Geldstück.
+</p>
+
+<p>
+Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf
+und winkte ihn zu sich.
+</p>
+
+<p>
+Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. &bdquo;Greife halt
+her . . . Komm, greif her.&ldquo; Sie nahm seine Hand und
+zog sie zu ihrem Körper . . . mußte noch öfter lachen, tätschelte
+ihm die Wange und sagte endlich: &bdquo;Da mußt du
+halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.&ldquo;
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-7">
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+Siebentes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span>enommen, der Amerikaner, war zurückgekommen.
+Ohne seine Familie vorher benachrichtigt zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen
+und ließ die langen, dürren Arme und Hände
+zwischen seinen Beinen baumeln.
+</p>
+
+<p>
+Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher
+geschrieben habe, sagte er apathisch: &bdquo;Ich hatte keine Briefmarke.&ldquo;
+Und rief plötzlich in unbegreiflicher Begeisterung:
+&bdquo;Was denkst du! Das ist anders, da draußen in der Welt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub
+lag noch auf seinem armseligen Anzug. Er hatte
+die Heimreise im Hochsommer als Hilfsheizer im Schiffsbauch
+mitgemacht. Und das schien ihn vollends zerstört
+zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln
+bewegte und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann
+konnte man die Entbehrungen seines langjährigen Aufenthaltes
+in Amerika von seinem völlig zerfallenen Gesicht
+deutlich ablesen.
+</p>
+
+<p>
+Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung
+finden können. Als Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter,
+Zeitungsverkäufer und zuletzt als Bäckergehilfe hatte
+er sich durchgeschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die
+Familie Benommen gerichtet zu dieser Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Und die Familie Benommen war ehrgeizig.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz
+es war, großspurig hinter dem Schanktisch zu stehen,
+Unterlippe und Bauch verächtlich vorgeschoben, und so
+und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte sich schwer
+getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das
+diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz
+berechtigt erscheinen lassen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete
+und ob ihrer strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau,
+empfand dadurch, daß ihr Sohn, der Stolz der
+Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein
+Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft,
+ihren toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein
+empfand der bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr
+des Amerikaners. Eine Woche vor dem Erscheinen des
+Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem Weidenbusch
+gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See.
+Der Zug der Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den
+braunen Zöpfen warf einen Rosenstrauß mitten in den
+Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf und den
+fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber.
+Und nach einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen
+und Jünglinge vereinigt im Dunkel der Weiden verschwinden.
+Ein paar Stunden später saßen die Räuber
+in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken,
+als der bleiche Kapitän eintrat und wie ein
+Pfosten stand. &bdquo;Ihr habt keinen Charakter!&ldquo; stieß er
+hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, und du?&ldquo; lachte der total betrunkene Schreiber
+mutig.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+&bdquo;. . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch
+allen hab Charakter!&ldquo; Und damit ging er, schloß die Tür
+leise und mit Kraft, und lehnte von dem Tage an alle
+Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. Eilte, wie
+in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang,
+sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner
+geglaubt und war deshalb noch schroffer gegen
+ihn, als Mutter und Bruder.
+</p>
+
+<p>
+So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen,
+nicht jeder hat Glück in Amerika.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue
+Schuh käff und &rsquo;n Anzug ameß laß, dann is die G&rsquo;schicht
+erledigt!&ldquo; schrie der rote Fischer.
+</p>
+
+<p>
+In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht
+in der Familie Benommen, urteilten die Mutter und die
+zwei Brüder.
+</p>
+
+<p>
+So war der Amerikaner seitens seiner Familie von
+Härte, Kälte und schweigender Verachtung umgeben.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das
+Unglück des Amerikaners rehabilitiert. &mdash; Ihr Jugendsehnsuchtland
+hatte sich schlecht benommen, war entlarvt,
+da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte
+gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs
+den Räubern unter die Füße.
+</p>
+
+<p>
+Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der
+ersten Zeit niemand besonders auf. Doch späterhin
+wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber anfangs
+nur die Familie Benommen bemerkte, denn der
+Amerikaner durfte wenig ausgehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand
+das Jahrhunderte alte, einstöckige Häuschen des Spenglermeisters
+Hieronymus Griebe. Der Amerikaner stand am
+Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis
+Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine
+Mutter die Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle
+das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock
+hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er
+etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute
+morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in
+verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller füllte.
+Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu
+zeichnen.
+</p>
+
+<p>
+Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an
+der Mauer des Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß,
+um, wie er sagte, zu untersuchen, ob der Grund felsig genug
+sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr Hieronymus
+Griebe zwar betroffen, aber auch energisch
+wehrte, erfuhren die Mainviertler von des Amerikaners
+sonderbarem Wesen.
+</p>
+
+<p>
+Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen
+Kapitän zusammen in einer Wirtschaft, dann verhielt er
+sich meistens ganz still, aber seine Augen schienen etwas
+Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet,
+und verächtlich lächelnd: &bdquo;Ha! Hinaus in die
+Welt!&ldquo; mitten in die Unterhaltung hinein, worauf der
+bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und mit dem Ingenieur
+die Wirtschaft verließ. Und es schien den Zurückbleibenden,
+daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb
+mitbringe, um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges
+an ihm sei.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng
+befahl er seinem Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn
+mitnehme, und überhaupt keine verrückten Sachen zu machen,
+sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber
+ohne jeden Erfolg blieb &mdash; der Amerikaner benahm sich
+immer auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns
+steigerte sich, und nur seine grenzenlose Verachtung hielt
+ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen.
+</p>
+
+<p>
+Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht
+den Amerikaner am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur
+hielt eine lange Papierrolle im Arm, saß in tiefer Kniebeuge
+und machte so, beidfüßig abspringend, genau abgemessene
+Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts,
+am Ufer entlang.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was
+den Amerikaner zwingt, diese grausigen Sprünge zu
+machen, ist man so machtlos wie gegen das Erdbeben. Und
+plötzlich hatte er die Vision eines Bebens &mdash; die Erde spaltete
+sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen
+mußten Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten
+sich, wurden breiter und zwangen die Fliehenden, immer
+tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so komisch
+aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges
+Lachen. In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.
+</p>
+
+<p>
+Der blieb in Kniebeuge hocken. &bdquo;Sie müssen erst einmal
+hinaus in die Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha!
+. . . Wohin ich jetzt bald gehe. Überall hin. Brasilien! . . .
+Ihnen will ich&rsquo;s zeigen, kommen Sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog
+ihn unter eine Laterne und rollte das große Papier auf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion:
+Eine riesenhafte nackte Frau lag rücklings
+darunter und ihre auseinandergespreizten aufgestellten
+mächtigen Beine bildeten die Pfeiler. Nackte, dicke Weiber,
+in lasterhaften Stellungen, stürzten von oben herab;
+andere wurden von einem über die Brücke jagenden Eisenbahnzug
+zermalmt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dort!&ldquo; schrie wild der Amerikaner und deutete auf die
+alte Mainbrücke mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen,
+&bdquo;die reiße ich weg! . . . Herunter mit den
+Heiligen! <em class="em">Meine</em> Brücke baue ich hin! Morgen fange
+ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin <em class="em">ich</em>! Weißt
+du das?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja! Ja!&ldquo; heulte Oldshatterhand auf und die Tränen
+brachen ihm aus den Augen. &bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; lachte Oldshatterhand,
+und der Amerikaner brüllte vor Begeisterung.
+Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere
+und stürzte bewußtlos zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden,
+das Kinn auf die Knie gestützt. &bdquo;Du paßt nicht hinaus in
+die Welt. Du nicht . . . Du paßt nicht hinaus in die Welt&ldquo;,
+sagte er und lächelte immerzu.
+</p>
+
+<p>
+Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister
+den Amerikaner dabei an, wie er keuchend
+am Fuße des Brückenbogens mit den Händen die Erde
+herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am
+Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich
+wütend Wehrenden zur Wache.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den
+Amerikaner in die Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste
+Klasse, wo jeder Tag zwanzig Mark kostete. So hatte es
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+die Witwe Benommen gewollt und auch durchgesetzt, obgleich
+der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse gewehrt
+und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte,
+daß, wenn der Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte
+Vermögen der Familie Benommen beim Teufel sei.
+&bdquo;Mein Heiner soll&rsquo;s gut haben&ldquo;, hatte die Mutter geantwortet.
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung
+in die Irrenanstalt.
+</p>
+
+<p>
+Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt
+gebracht worden war, hatte sich der bleiche Kapitän
+in einer für die Räuber ganz unbegreiflichen Weise
+verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und liebenswürdig
+geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit,
+wie nach Schluß der Schulstunde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten
+dem bleichen Kapitän auf dem Schloßberg, und
+wunderten sich und wurden verlegen, denn diesmal ging
+der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu,
+streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter.
+&bdquo;Nun, was macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute.
+Herrgott dividomini, aber eine Hitz! Ich mein&rsquo;, ich müßt
+ein Faß Bier allein aussaufen.&ldquo; Er lachte schallend.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude,
+daß der bleiche Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach,
+ergriff ihn so sehr, daß er im reinsten Hochdeutsch sprach:
+&bdquo;Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, Oskar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich
+ausreiß.&ldquo; Er haschte einen Lindenast, schwang sich hinauf,
+und schüttelte voller Freude die alte Linde.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän
+bezahlte einen Liter nach dem andern und setzte seinen
+Stolz darein, den Krug mit einem Zug immer bis zur
+Hälfte zu leeren. &bdquo;Weiß der Teufel, so eine Hitz!&ldquo; rief
+er und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger
+Alter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Trinkst du jetzt wieder?&ldquo; fragte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, natürlich. Warum denn nit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die
+Hand &mdash; aber das Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht
+ein. Sein Mund blieb begeistert offen stehen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr
+eilte er barsch an den Häusern entlang, sondern schritt
+in der Mitte der Straße, schwenkte sein Plüschhütchen,
+wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich
+gerne, lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder
+andere junge, fröhliche Mensch, der keine Sorgen hat und
+einen gesunden Körper. Deshalb stemmte er jedoch nicht
+weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die
+Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er
+lange und viel trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck,
+hieb den Krug auf den Tisch zurück und brüllte: &bdquo;Sauft!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben.
+Späterhin fand er feine Übergänge und war plötzlich
+kein Mensch mehr, dessen barsche Verschlossenheit und sonderbares
+Wesen jemand auf den Gedanken hätte bringen
+können &mdash; der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig
+im Kopf wie Benommen der Amerikaner.
+</p>
+
+<p>
+Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für
+irrsinnig halten könne, vollkommen; die Anfälle von
+krampfhafter Lustigkeit blieben ganz aus. Verschlossen
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht
+mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener
+junger Mann geworden, mit kleinen Sorgen, wie
+sie jeder andere Mensch in seinem Alter und seinen Verhältnissen
+hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher in seinem
+Leben.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied
+sich durch nichts mehr von ihr.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Zeit &mdash; er war zwanzig Jahre alt geworden &mdash;
+begann er die kleine, dicke Tochter des Weinwirts und
+Bäckermeisters Schlauch zu umkreisen. Sie hatte ein rundes
+Vollmondgesicht, mehlweiß, und Negerlippen, wie der
+bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und
+verkaufte Brotlaibe, lächelte, wenn er vorbeiging, und er
+lächelte zurück. Das war der Anfang.
+</p>
+
+<p>
+Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte
+die Vermögensverhältnisse der Familie Schlauch studiert
+und war befriedigt. Vor ein paar Jahren hatte Herr
+Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an
+dessen Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider
+nur drei Meter breit, dafür aber vier Stock hoch war,
+so daß es, zwischen den zwei niederen, aber wuchtigen Patrizierhäusern
+in die Höhe schießend, ganz gut für ein
+zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich
+hatte Herr Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke
+Prachtkerzen gestiftet. Sein Geschäft ging ausgezeichnet.
+Alles das und noch mehr wußte die Witwe Benommen
+und war befriedigt.
+</p>
+
+<p>
+Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der
+Schande vorbeigeglitten, die der Amerikaner über die
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+Familie gebracht hatte, und das kam von der ersten Klasse.
+Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe verächtlich
+vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn
+es ihm passend erschien, konnte er von der ersten Klasse
+sprechen, wo jeder Tag zwanzig Mark kostet.
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher
+und menschlicher geworden zu sein; sie lächelte der
+schönen Kellnerin hin und wieder freundlich zu, was zwar
+noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und Dankbarkeit
+entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin
+einen Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die
+verächtlich nach außen gestülpten Benommenschen
+Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen
+Kellnerin manchmal die Hand auf die Schulter legte, in
+Gegenwart der Mutter, und aufmunternd sagte: &bdquo;No,
+Hanna, wie geht&rsquo;s Ihne denn? Esse Sie doch was.&ldquo; So
+daß der schandebringende Amerikaner alles in allem
+eigentlich günstig und entladend auf die ganze Familie
+gewirkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit
+schnell in den Hintergrund. Zum fassungslosen
+Schrecken des Vorstandes vom Verein Christlicher Junger
+Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages
+der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Jahrelang wußte niemand, wo er war.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es
+neben sich auf den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine
+große Schüssel voll Sauerkraut vor ihn hin, das mit schon
+zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen garniert war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+&bdquo;Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett&ldquo;, sagte Herr
+Leisegang, nahm sein Holzbein in beide Hände und klopfte
+damit wütend auf den Tisch. Bis seine Frau hereinkam.
+&bdquo;Wo ist meine Desinfektionsvase!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke
+und brachte eine Blumenvase aus grünem Kristallglas.
+Herr Leisegang schnellte das Asbestdeckelchen
+herunter und tauchte Messer und Gabel in die desinfizierende
+Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.
+</p>
+
+<p>
+Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert.
+Auch die Geldstücke.
+</p>
+
+<p>
+Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete
+an einer Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein
+paar Jahre daran, denn die Decke mußte sehr groß werden,
+um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer schmücken
+zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man
+warten mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr
+Leisegang hatte sich so eine vielfarbige Decke gewünscht.
+</p>
+
+<p>
+Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört
+zu werden, worauf sie endlich verwundert hinein
+zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem Lehnsessel wie
+vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß
+auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still
+in der Stube war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden
+Kehlton aus. Herr Leisegang war tot. Die
+Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch leer.
+</p>
+
+<p>
+Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber
+nach, weshalb er so friedlich aussehe. So zufrieden,
+wie sie ihn in ihrer siebenunddreißigjährigen Ehe niemals
+gesehen hatte. Sein Holzbein hatte Herr Leisegang quer
+vor sich auf den Tisch gelegt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte
+keine Hilfe.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen,
+nachdem er vergebens versucht hatte, die Freundschaft
+mit Winnetou zu erneuern, der täglich zu den Mönchen
+aufs &bdquo;Käppele&ldquo; ging.
+</p>
+
+<p>
+Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen
+und zeichnete in der Vesperpause Blumen ab, während die
+Rote Wolke Rollen studierte. &bdquo;Schauspielkunst ist eine
+göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter Schiller
+und Goethe mit ihren Tragödien, wenn&rsquo;s keine Schauspieler
+gäbe.&ldquo; Das wiederholte die Rote Wolke täglich.
+</p>
+
+<p>
+An einem Abend hatte er wieder in &bdquo;Wilhelm Tell&ldquo; im
+Stadttheater statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell
+studiert. Früh um fünf Uhr stand er auf dem Kartoffelacker,
+von der eben aufgehenden Sonne beschienen.
+&bdquo;Durch diese hohle Gasse muß er kommen&ldquo;, rief er und
+wies mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren
+anderem Ende seine alte Tante kniete, schwitzend mit den
+Händen grub und den Kopf schüttelte über ihren Neffen,
+der begeistert die Furche entlang rief: &bdquo;Es führt kein
+anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend&rsquo; ich&rsquo;s, die Gelegenheit
+ist günstig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter,
+seiner Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den
+berühmten Schauspieler Konrad Drauer in München und
+fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas vorspielen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf
+der Kaimauer, mit den Beinen wasserwärts, den Kopf in
+beide Hände gestützt, und sah traurig hinunter in den Fluß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein
+bißchen nehmen dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen.
+Und als Oldshatterhand auf der Ruderbank
+saß, rief der Fischer plötzlich: &bdquo;Brauch&rsquo; i denn no&rsquo;n
+Schelch! . . . I brauch ken&rsquo;n Schelch mehr . . . Häng&rsquo;n
+nachher drübe am Stadtufer a.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Warum denn am Stadtufer?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil i &rsquo;n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis&rsquo; komm
+i wenigstens wieder amal in mein Schelch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer
+&mdash; flußabwärts. Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes,
+pfirsichfarbenes Gesicht. Sie trug einen
+schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv aus.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer
+&mdash; flußaufwärts. Das Mädchen mit den braunen
+Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der Schreiber
+hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen
+Sandinsel, wo die Weiden stehen.
+</p>
+
+<p>
+Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich rudere euch ein wenig herum&ldquo;, sagte Oldshatterhand,
+der im schaukelnden Schelch saß.
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die
+Mitte des Flusses. Der rote Fischer hatte den Kopf nicht
+erhoben.
+</p>
+
+<p>
+Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber
+und seine Liebste befanden sich halbliegend an dem einen
+äußersten geschnäbelten Ende, das zweite Liebespaar lag
+eng beieinander am entgegengesetzten. Oldshatterhand
+saß genau in der Mitte und ruderte langsam.
+</p>
+
+<p>
+Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten
+kleine Laternchen an den ruhenden Schiffen; das Singen
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+der Kinder, die am Ufer spielten, klang herüber; ein
+Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser sinken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kunst ist heilig&ldquo;, sagte die Rote Wolke gedämpft.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des
+Mädchens. &bdquo;Wir werden Romeo und Julia zusammen
+spielen&ldquo;, sagte sie und sah der Roten Wolke sanft in die
+Augen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Julia!&ldquo; erwiderte die Rote Wolke verhaltend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und du bist Romeo.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da ist doch nix dabei&ldquo;, flüsterte der Schreiber heftig.
+&bdquo;Ich weiß nit, warum du so eine Furcht davor hast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber.
+Oldshatterhand sah ihr erschrockenes, weißes Gesicht aus
+der Dunkelheit schimmern und dachte an Lenchen Leisegang.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . .
+immerzu&ldquo;, hörte Oldshatterhand hinter sich das Mädchen
+flüstern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen,
+die hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich
+zu schaukeln begann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten&ldquo;, sagte
+Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken
+an Lenchen Leisegang die Ruder los. &bdquo;Ich will doch . . .
+ich muß doch erst etwas werden. Vielleicht berühmt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch
+schnellte aus dem Wasser und fiel zurück.
+</p>
+
+<p>
+Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: &bdquo;Die Kunst.
+Die Kunst . . . Tempel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich&ldquo;, sagte das
+Lehrerstöchterchen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+&bdquo;Rudre ans Ufer!&ldquo; schrie der Schreiber wütend. Das
+Mädchen saß von ihm abgerückt steif auf dem Querbrettchen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und
+machte den Schelch fest.
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes
+Stöckchen im Kreise herum; das Mädchen ging mit gesenktem
+Kopfe einige Schritte seitwärts neben ihm her.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich
+auch ließe!&ldquo; schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu.
+Er saß auf der Wasserschale des Vierröhrenbrunnens,
+zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, die
+der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und
+Auswuchs der Stadt waren. Die Würzburger &bdquo;Strizzi&ldquo;,
+von denen jeder sein im Griffe festes, langes Messer in
+der Hintertasche trug. Sie lebten beschäftigungslos in
+den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie ohne
+Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am
+Brunnen vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen.
+Verlorene Existenzen, die alle schon gesessen hatten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß sie doch&ldquo;, sagte Oldshatterhand schnell und zog
+den Schreiber weg, der wütend stehen geblieben war, weil
+ihm einer der Burschen nachrief: &bdquo;Hast dei Menschle
+zünfti zammg&rsquo;haut!&ldquo; Die weiteren Bemerkungen gingen
+unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der
+Schutzmann trat von einem Bein auf das andere und ab
+in eine Seitengasse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich muß jetzt jemand abhol&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+auf der Brücke und sah bedrückt auf die Liebespaare, die
+nun beide einträchtig vor ihm gingen.
+</p>
+
+<p>
+Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+Leisegang befand, blieb er plötzlich stehen, wandte sich um
+und ging langsam nach Hause.
+</p>
+
+<p>
+Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange
+auf ihn zu. &bdquo;Weil ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . .
+Auge g&rsquo;sagt hab, brauchst no lang nit zornig zu sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du darfst mir nachmachen, soviel du willst&ldquo;, sagte
+Oldshatterhand und lächelte ruhig die Kriechende Schlange
+an. Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort: &bdquo;Ich
+glaube, es geht halt nicht anders, als daß es auch solche
+Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Nein, das versteh ich nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst
+nix dafür. Verstehst du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß nit, was du da redst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, es ist sicher so&ldquo;, sagte Oldshatterhand nachdenklich
+und ging.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß mi amal schnupf!&ldquo; rief einer der &bdquo;Vierröhrenbrunnensteher&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer ist denn das?&ldquo; fragte ein anderer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Metzger ist er . . . Da geh doch her.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf
+die Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.
+</p>
+
+<p>
+Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er
+während des kurzen Gespräches mit der Kriechenden
+Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht er spreche, sondern
+der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei
+Würzburg geküßt hatte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds,
+des größten deutschen Malers Geburtsstadt, den
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf vom
+Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein.
+Stundenlang wandert man durch den Eichenwald, hat
+auf einer Höhe das unabsehbare gewellte Waldmeer vor
+sich liegen, sieht stille Waldtäler, von Forellenbächen
+durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein
+Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus,
+hebt das Geweih und bricht weg, sobald er den Wanderer
+erblickt. Rehe äsen auf den Abhängen. Amseln singen.
+Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen sich am
+Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum
+zu unterscheiden &mdash; plötzlich bricht das Wildsaurudel
+krachend durch das Gebüsch davon, daß die Erde zittert;
+und einen Atemzug lang schweigen alle Vögel. Eine Amsel
+beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das einzige Lebewesen
+zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses
+Hochwaldes sein.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes,
+graues Haus. Türen und Fensterscheiben
+fehlen, lange Gräser spielen auf dem Dache.
+</p>
+
+<p>
+Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch
+heute von einem Wirt, dem vor langen Jahren das Haus
+gehört hatte &mdash; er habe die Reisenden, die bei ihm einkehrten,
+ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg
+am &bdquo;Letzten Hieb&ldquo; gehängt worden.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang
+der Kunstmaler Franziskus Grünwiesler und sein Freund
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dieses Haus gehört niemand&ldquo;, hatte Franziskus
+Grünwieslers weißbärtiger Onkel gesagt, welcher Bürgermeister
+des nächsten, drei Wegestunden vom grauen
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. &bdquo;Und es
+wagt sich auch keiner in die Nähe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er
+war ein zufriedener, bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand
+über Stimmungsstürze weg, von denen dieser
+oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich
+maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand
+das Wenige, das er selbst besaß.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang
+sehr wenig; die technischen Schwierigkeiten hinderten ihn
+immer wieder, das zu schaffen, was er ersehnte. Das
+Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten
+übergroßer Begeisterung.
+</p>
+
+<p>
+Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler
+gehörte, und oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten,
+der die Gänse von allen Ortschaften des Spessarts
+hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend
+Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die
+Gänse heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge,
+magere mit in den Wald. Der Hirt war ein achtzigjähriger,
+bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel.
+Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot
+und geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten
+die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und schliefen, und
+der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen,
+über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es
+von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und
+dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten
+und weiterschliefen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen
+und hatte um Unterkunft gebeten für die Nacht.
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle. Es
+fragte sie auch niemand. Sie blieb.
+</p>
+
+<p>
+Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand
+selbst. Er hatte einen großen Vorrat Rohleinwand
+liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen. &bdquo;Das ist
+die weichste&ldquo;, sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle
+Leinwand auf, die wie Seide glänzte.
+</p>
+
+<p>
+Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus
+Rohleinwand schon an.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das
+Kleid zu malen. &bdquo;Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht
+ganz gut machen&ldquo;, sagte er zu Oldshatterhand und
+zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und
+dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen.
+&bdquo;Und eine einzige große Lilie, vorne herauf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen,
+im Moos. Und schlich nach einer Weile wieder fort, denn
+ihr Rohleinwandkleid hing über einem Eichenast.
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee.
+Sie arbeitete gar nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als
+müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den vergangenen
+Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für
+die beiden im Haus tat sie nichts.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr schenkt ja auch niemand etwas&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+zu Grünwiesler. &bdquo;Das Haus gehört ja
+niemand . . . Nicht einmal Türen hat&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen
+Seite wieder hinaus in den Wald. Und saß man auf dem
+flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die langen Gräser
+spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das
+Haus mit dem Wald verwachsen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie wär&rsquo;s, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln
+ausmalen würde, sie bleibt ja doch auf immer da&ldquo;, sagte
+Grünwiesler vor dem Schlafengehen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn sie&rsquo;s erlaubt&ldquo;, erwiderte Oldshatterhand; er
+hatte einen eleganten Schaukelstuhl gezimmert und ihn
+ihr ins Zimmer gestellt, während sie am Waldsee gelegen
+war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll Bucheckern.
+Die schmeckten nach Nuß und Olive.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid
+hatte sie noch einmal umgeändert, den Halsausschnitt
+rund und den Rock sehr eng gemacht. So sah Oldshatterhand
+sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr gegangen,
+blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend
+im Waldtal. An ihm vorbei plätscherte ein Bach in vielen
+Windungen durch die Wiese.
+</p>
+
+<p>
+Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und
+zu Grünwiesler, verglich, auf seinen Knotenstock gestützt,
+eine Weile Bild und Motiv und reichte Grünwiesler
+einen Brief. &bdquo;Von wem mag jetzt der sein&ldquo;, fragte der
+Briefträger. &bdquo;Da ist ja gleich was drauf gemalt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler errötete &mdash; er selbst war aufs Kuvert gezeichnet,
+vor Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit
+anbetender Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, von wem is jetzt der Brief?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Von meinem Freund Immermann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der is gewiß auch so ein Maler?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger:
+&bdquo;No, dann grüß Ihne Gott&ldquo;, und ging.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+Versteht sich doch von selbst &mdash; angenehm sei es ihm gerade
+nicht, daß Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre,
+der ein ungebildeter, ja, für Grünwiesler, direkt
+gefährlicher Mensch sei &mdash; schrieb Immermann. Ob Grünwiesler
+denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser
+Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das
+Bürschchen könne man nicht nur so mir nichts dir nichts
+nehmen, wie es sich gebe. Nebenbei wisse man ja auch,
+aus was für einer Familie Oldshatterhand komme. Auf
+keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise
+Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er
+von Grünwiesler so viel Einsicht verlangen. &bdquo;Nicht, daß
+mir besonders viel daran liegt,&ldquo; schloß der Brief, &bdquo;im
+Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit
+diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast,
+anstatt mit mir. Wenn dir an meinem Kreise noch etwas
+gelegen ist, dann komme. Ich male Studien auf dem
+Schleehof bei Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte
+den Brief in die Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen
+und trat sofort den Heimweg an.
+</p>
+
+<p>
+Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander
+vorbei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie ist das?&ldquo; fragte Oldshatterhand endlich und stellte
+sein angefangenes Bild auf die Staffelei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann erklär mir&rsquo;s doch, woran&rsquo;s liegt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen
+sich die Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du kannst nichts erklären!&ldquo; schrie Oldshatterhand erregt.
+&bdquo;Erklär doch! Erklär doch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor
+das Bild.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein
+Bild hin. &bdquo;Zeig mir doch! Herrgott, kannst du mir denn
+nicht zeigen, wieso das falsch ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen!
+Zeigen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab dir&rsquo;s doch schon so oft gezeigt, das mit der
+Perspektive&ldquo;, sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte
+verwirrt: &bdquo;Es gibt auch noch eine Luftperspektive und
+eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir&rsquo;s schon.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir&rsquo;s zeigst!
+. . . Daß es kein Mensch verstehen kann. Du bist . . .
+du bist wirklich saudumm!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit
+in rachsüchtige Wut über, die an Irresein grenzte; er verlor
+den Atem, ein dünner, pfeifender Ton entfloh seinem
+Munde; aber wie schon oft in diesem Sommer, wenn
+Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten
+gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht
+geworden war, drehte die Wut Grünwieslers sich nach
+innen, und in Angst vor seinem aufbrausenden Schüler
+sagte er stockend: &bdquo;Quäl mich nicht . . . Warum quälst du
+mich. Es braucht halt alles seine Zeit.&ldquo; Nur ein gefährliches
+Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben,
+wie Irre es haben, die jahrelang sich kujonieren lassen und
+eines Tages in einem Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+Oldshatterhand wurde sofort ruhig. &bdquo;Ich packe es schon
+noch&ldquo;, sagte er und lächelte Grünwiesler an. &bdquo;Für mich
+ist nichts zu schwer . . . Soll ich Tee eingießen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, das wär lieb von dir&ldquo;, sagte Grünwiesler erleichtert,
+sah vor sich hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand.
+&bdquo;. . . Du, ich hab einen Brief bekommen von Immermann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was schreibt denn der?&ldquo; fragte Oldshatterhand mit
+gemachter Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder
+ab, ohne eingegossen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht
+. . . Ich geh übrigens diese Woche noch zu ihm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein&ldquo;, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief
+lächelnd vor, wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines,
+schwarzes Löchlein entstand, als ob die Oberlippe zu
+breit wäre. &bdquo;Aber ich muß ihn wieder einmal sehen . . .
+Er ist ein sehr bedeutender Mensch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pf!&ldquo; machte Oldshatterhand verächtlich. &bdquo;. . . Zeig
+mir einmal den Brief.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in
+den Bach hab ich ihn geworfen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du hast den Brief noch!&ldquo; fuhr Oldshatterhand auf.
+&bdquo;. . . Immermann hat wieder schlecht über mich geschrieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nei . . . n&ldquo;, sagte Grünwiesler langgezogen, wie
+wenn er das Mißtrauen Oldshatterhands bedauerte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sei nur still! . . . Ich weiß schon.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann
+spricht über niemand etwas Schlechtes . . . Nur was
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt . . . So ist Immermann
+nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du lügst! Ich seh dir&rsquo;s an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wiesooooo?&ldquo; erwiderte er traurig singend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du lügst einfach!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die
+Augen. &bdquo;Wenn du&rsquo;s wissen willst . . . Immermann hat
+sogar nur Gutes über dich geschrieben . . . Schenk mir noch
+einen Tee ein!&ldquo; rief er kameradschaftlich. &bdquo;Den hast du
+fein gemacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin.
+&bdquo;Ich kenn den Immermann schon . . . Der will unter uns
+der Erste sein . . . Der Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er
+auf mich, weil du nicht mit ihm bist und ich nicht nach seiner
+Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich&rsquo;s noch zeigen,
+wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander&ldquo;, sagte
+Grünwiesler fröhlich und streckte Oldshatterhand die
+Rechte hin. &bdquo;Singen wir jetzt ein Lied?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler:
+&bdquo;Zu dem Lied malt Immermann eine Bilderserie.
+Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden sicher
+wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.&ldquo; Er
+sah Oldshatterhand in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte
+Oldshatterhand in steigender Begeisterung seinen zukünftigen
+Ruhm herbei. &bdquo;Was Immermann malt, das ist
+nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald!
+Sonst hat&rsquo;s keinen Sinn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mnja&ldquo;, sagte Grünwiesler im Halbschlaf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du glaubst&rsquo;s nicht? Ich werde alles haben&ldquo;, rief er
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+frohlockend. &bdquo;Alle werden zu mir kommen.&ldquo; Und als er
+die tiefen Atemzüge des Schlafenden hörte, dachte er
+allein weiter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren
+von früh bis nacht durch den Spessart gewandert und
+noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung nach Würzburg.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler
+kniff die Augen zusammen und deckte mit der Hand
+den Vordergrund weg. Seine Nase rollte sich aufwärts
+und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart
+herum und teilte ihm Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende,
+schwungradgroße Sonne berührte die Baumkronen
+und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein
+schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich
+fernen Frühlingshoffnungen ruhten.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den
+beiden, und darüber die Atmosphäre spielte wunderbar in
+zarten Farben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm, gehn wir&ldquo;, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich
+die Brust heraus und wandte sich zur entgegengesetzten
+Richtung, wo die sonnenlose Landschaft in tiefer, blauer
+Abendstille lag.
+</p>
+
+<p>
+Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben
+schon viel zu viel in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand
+gequält zur Seite und hatte den Wunsch, niederzusitzen
+und zu warten bis alle schwere, unerklärliche Traurigkeit
+in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel
+bis zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne.
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+&bdquo;Wenn ich jetzt rasend zornig sein könnte.&ldquo; Grünwiesler
+sah erschrocken auf. &bdquo;Ich könnte ja hinterher abbitten
+. . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen
+kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer
+neue rollen nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.&ldquo;
+Er sah Grünwiesler an, der seinen Kopf schulterwärts
+geneigt hielt und auf Oldshatterhand blickte,
+wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das
+ist doch unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen
+nicht geweinten Tränen sein . . . Vielleicht verdunkeln sie
+alles in einem . . . Ach!&ldquo; atmete er tief aus und lachte plötzlich,
+lang und laut, in großer Befreiung.
+</p>
+
+<p>
+Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der
+weißen Landstraße hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote
+Dach eines neuen Bauernhäuschens in der
+Sonne glühte.
+</p>
+
+<p>
+Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren,
+der ganz anders aussah, als beide ihn sich aus der Ferne
+vorgestellt hatten, sagte Oldshatterhand: &bdquo;Jetzt ist das
+Mädchen ganz allein im Haus.&ldquo; Und was wird sie im
+Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn&rsquo;s
+kalt ist. &bdquo;Es ist ja kein Ofen im Haus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein&ldquo;, sagte Grünwiesler nachdenklich, &bdquo;Türen hat
+das Haus nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof.
+Der rothaarige Kunstmaler Christinus Immermann,
+Sohn des verstorbenen Häusermaklers Fürchtegott Immermann,
+saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen
+unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+Stellungen ab. Die meisten Brocken schnappte der Hahn
+weg, der herrisch zwischen seine Hühner fuhr und, wenn
+ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll aufrichtete,
+als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte.
+Ein junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein
+großer Hund, wälzte sich in der Sonne am Boden, streckte
+die dünnen Beine in den Himmel, stand plötzlich und
+rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, durch
+das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet
+von einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Tierarzt Amrhein&ldquo;, stellte der Gutsbesitzer vor.
+&bdquo;Und das ist mein lieber Freund Immermann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die
+Schulter. Das Fohlen kam hereingerast, stoppte, stieg in
+die Höhe, drehte sich auf den Hinterbeinen und tollte wieder
+hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit verklebten
+Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen
+auf den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an,
+der die Lippen verzog und tat, wie wenn er die Magd nicht
+sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. Sie war schwanger.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lassen Sie den Eber heraus!&ldquo; rief der Gutsbesitzer
+ihr nach. &bdquo;Bringen Sie reines, warmes Wasser. Und
+der Knecht soll kommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof
+zu Immermann. Grünwiesler sah den Maler mit dem
+bittenden Kanarienvogelblick an und errötete unaufhörlich.
+Oldshatterhand ärgerte sich über den geringschätzigen
+Gesichtsausdruck von Immermann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie geht&rsquo;s mit deiner Gesundheit?&ldquo; fragte Grünwiesler
+ängstlich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie es einem Herzkranken gehen kann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah
+betrübt drein. Oldshatterhand war wütend, weil er
+glaubte, Immermann prahle nur mit seiner Herzkrankheit.
+</p>
+
+<p>
+Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann
+sah ihn an, zuckte die Schultern und reichte ihm nur den
+Zeigefinger, den Oldshatterhand, überrumpelt und verwirrt,
+schüttelte, worauf Immermann die Lippen verzog.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand
+den Maler hilflos an, und als der Maler
+sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler zudrehte, dachte
+Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen &mdash; einer
+ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger
+auch dazu. Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte
+und lächelte ironisch: Einen Finger? Wer wird so geizig
+sein! &mdash; Viele schlagfertige Erwiderungen fielen ihm ein; er
+hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und als er sich
+dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann
+hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen
+und quittierte mit ironischem Lippenverziehen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es
+freut mich, daß du da bist&ldquo;, sagte er und drehte Oldshatterhand
+ostentativ den Rücken zu. Grünwiesler sah beglückt
+auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne sich um
+Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte
+und sich haßte, weil er stehen blieb.
+</p>
+
+<p>
+Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und
+sah interessiert auf die Gruppe, die um den Eber herumstand.
+Knecht und Magd hielten ihn fest; der kleine Arzt
+besah ein blitzendes Messerchen.
+</p>
+
+<p>
+Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+aus. Der Arzt stand auf, lachte und warf etwas Blutiges
+auf den Misthaufen, das der Jagdhund beroch, aber nicht
+fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, bildeten, auf- und
+übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und verließen
+interesselos den Düngerhaufen wieder.
+</p>
+
+<p>
+Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann
+an, der die Lippen verzog, wie vorher bei der Dienstmagd.
+Der jetzt beruhigt grunzende Eber wurde in den Stall geschoben.
+</p>
+
+<p>
+Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand
+auf die Schulter legte. Die blonde Frau trat vorsichtig
+leise vom Fenster zurück und sah dabei auf Immermann.
+Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen Augen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt,
+ein <em class="em">Er</em> ist das ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin
+ist sein Fleisch eßbar. Sie sind eingeladen&ldquo;, sagte der
+Gutsbesitzer zu Immermann.
+</p>
+
+<p>
+Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann.
+Die Gutsherrin trat wieder vor ans Fenster und
+fragte ihren Mann: &bdquo;Nun? ist der Tierarzt denn noch
+nicht da?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, das ist ja schon lange vorüber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Immermann verzog die Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler
+und Oldshatterhand gingen am Saum entlang. Oldshatterhand
+war bedrückt. Warum bin ich ungerecht, da
+er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin gemein.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das
+ins Spessarthaus gekommen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Tippelschickse!&ldquo; sagte Immermann kurz. Grünwiesler
+schwieg betroffen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte
+man ihm ins Herz gezwickt. Gleich darauf aber fühlte
+er sich sehr erleichtert. Er prahlt vielleicht doch nur mit
+seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte sich, daß er
+nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter
+schlecht von dem Mädchen sprach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ausweispapiere! Man braucht keine!&ldquo; sagte Oldshatterhand
+laut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse?
+Was dann?&ldquo; sagte Immermann zu Grünwiesler, als ob
+Oldshatterhand gar nicht da wäre.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen
+verteidigen und brachte kein Wort hervor.
+</p>
+
+<p>
+Immermann verzog die Lippen. &bdquo;Da habe ich es schon
+etwas ungefährlicher. Die eine ist schwanger, und die
+Gutsherrin &mdash; &mdash; &mdash; gefällt sie dir?&ldquo; Er lächelte Grünwiesler
+breit an. &bdquo;Ich habe übrigens wieder ein Märchengedicht
+geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin Romantiker.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!&ldquo; schrie Oldshatterhand
+plötzlich. &bdquo;. . . Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen
+Sie doch nur zu prahlen.&ldquo; Flammend wandte er sich um
+und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. Grünwiesler
+neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt
+mit seinem Kanarienvogelblick nach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann
+man nicht verkehren&ldquo;, sagte Immermann gleichgültig,
+seinen Zorn verbergend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem
+leid tun. Wir haben schöne Stunden miteinander verlebt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+&bdquo;Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo; rief Grünwiesler ängstlich. &bdquo;. . . Ich
+meinte ja nur so . . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt
+gezeichnet. Er hat einen wunderschönen Akt . . . Aber gequält
+hat er mich ja auch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt &mdash;
+Tölpel bist. Bei sich lacht er natürlich über dich, nachdem
+er dich ausgenützt hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schluß! Dann aber Schluß!&ldquo; schrie Grünwiesler in
+plötzlicher höchster Wut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber
+daß ein Subjekt mit dieser Gesinnung nicht in unsern
+Kreis gehört, das wirst doch auch du einsehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen
+Sommer hat er von mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber
+ich kenn ihn jetzt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen
+gebildet habe, dann lasse ich so jemand eben nicht
+herein . . . Gott, wir wollen ganz einfach nicht. Und damit
+fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die Stimmung
+nicht länger verderben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du hast recht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann
+rezitiere ich dir mein neues lyrisches Gedicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, das wäre wunderbar&ldquo;, sagte Grünwiesler und
+legte Immermann die Hand auf die Schulter. So verschwanden
+sie zwischen den Tannenstämmen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+Mägdlein kommt drin vor, einsames Waldesrauschen und
+ein romantischer Ritter . . . Siehst du das Bild?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, das ist wunderbar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben
+ihnen am Tannenstamm. &bdquo;Pst . . . dort&ldquo;, flüsterte Grünwiesler.
+</p>
+
+<p>
+Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst
+flüsternd, dann lauter. Entzückt horchte er auf seine
+Stimme und mußte aufstehen. Die Arme ausgebreitet,
+sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern.
+Gepackt sah er zu Immermann empor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Siehst du die Kompositionen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt&rsquo;s mir an
+Phantasie&ldquo;, sagte er traurig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tom der Reimer saß am Bach!&ldquo; rief Immermann
+begeistert.
+</p>
+
+<p>
+Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder
+daran vorbei führten, waren schon gesperrt, denn die
+Trauben begannen gelb zu werden. Oldshatterhand sah
+auf das kleine, graue Männlein, das reglos am Waldsaum
+stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite
+hängen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist das wahr&ldquo;, fragte er den Weinbergshüter, &bdquo;daß
+Sie den Buben, die sich ein paar Trauben holen, Pfeffer
+und Salz in die Waden schießen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein
+Messinghorn. &bdquo;Früher han i&rsquo;s ton. Jetzet blas i. Dann
+bricht glei&rsquo;s ganze Dorf auf und umstellt &rsquo;n Wenger.<a href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
+Jetzet erwisch&rsquo;n wir die Bub&rsquo;n immer.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="footnote" id="footnote-1">
+<a href="#fnote-1">[1]</a>&nbsp; Weinberg.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+&bdquo;Ach nein!&ldquo; rief Oldshatterhand erschrocken und ging
+weiter, bis zum Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas
+abseits vom Gärtnerhäuschen lag und von einer gerade
+beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt war.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten
+und horchte.
+</p>
+
+<p>
+Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten
+Wolke und einem rotbäckigen Jüngling. Der sagte: &bdquo;Bis
+übermorgen könnt ihr die zwei Hauptrollen studiert haben
+von meinem Stück&ldquo;, und reichte der Roten Wolke sein
+Manuskript.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann.
+Tragödie in fünf Akten&ldquo;, las die Rote Wolke vor.
+</p>
+
+<p>
+Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten
+bis zum Ziehbrunnen des Gemüsegartens. Die Rote Wolke
+schlug das Manuskript auf, begann die Brunnenkurbel
+zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Entflieh mit mir, Klärchen!</p>
+ <p class="line">Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.
+</p>
+
+<p>
+Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne
+und goß das Blaukrautbeet, sah den Dichter an,
+die Rote Wolke und sagte verschämt: &bdquo;Es lebe die Kunst
+und die Liebe.&ldquo;
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-8">
+<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
+Achtes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span>m Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden
+Künste in München waren an den Wänden die
+Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, die sich der Aufnahmeprüfung
+unterzogen hatten. Kein Mensch war im
+Saal; nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter
+Negerkopf mit grellem Augenweiß, grinste in ein paar
+hundert Exemplaren in die Leere.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die
+Flügeltüren und ließ die Prüfungskandidaten eintreten,
+eine Schar Jünglinge, meist in kurzen Sammethosen und
+mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie aufgenommen
+waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete &mdash;
+Prüfung bestanden, ein Kreuz &mdash; durchgefallen.
+</p>
+
+<p>
+Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief
+allen voran bis in die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend
+herum, wobei sein Körper hin und her zuckte, wie wenn er
+einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen Gegner zu
+bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.
+</p>
+
+<p>
+Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch
+die Tür und strahlten auseinander. Keiner konnte seine
+Arbeit gleich finden, weil auf den ersten Anblick hin die
+still grinsenden Negerköpfe voneinander nicht zu unterscheiden
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die
+fassungslos, empört oder traurig auf die Kreuze blickten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
+Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben
+war, ging jetzt, mit gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten
+entlang, sagte zu jemand: &bdquo;Diese Arbeit ist sehr
+gut, sehr gut&ldquo;, blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand
+beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert
+vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer
+mit eckigem Schädel ins Gesicht und deutete auf den
+Kreis, der seinen Neger zierte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden
+Künste aufgenommen worden.
+</p>
+
+<p>
+Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür
+auf und prallte zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert
+der Eintritt in die Kammer war. Die durch die
+Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen
+Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal,
+zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte,
+schlängelte sich, wieder vom Bett heruntersteigend, um die
+Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen, sich
+aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch.
+Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter
+schrieb &mdash; Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen
+mit einem Artillerie-Sergeanten. &bdquo;So?&ldquo; sagte
+Oldshatterhand, &bdquo;so?&ldquo; und sein Gaumen wurde trocken.
+&bdquo;Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten
+ist sie doch viel zu zierlich!&ldquo; Seine Augen lasen weiter.
+Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben,
+schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand,
+an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr
+Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München
+eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.
+</p>
+
+<p>
+Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel
+<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
+auf und warf ein Mädchenlachen in Oldshatterhands
+Kammer, welcher mit Kraft und Trotz Lenchen
+Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft
+nachsann, die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu
+verzehrte er ein Stückchen Limburger Käse.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen
+und die Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig
+gegen den Wind behaupteten, der jäh abbrach, aus
+dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, pfeifend
+in der Ferne verklang.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf,
+zwängte sich durch und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.
+</p>
+
+<p>
+Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen
+ihm zwar sehr gut, aber er hatte doch noch ganz anderes
+erwartet. Vor der Venus von Giorgione, einer Kopie von
+Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier
+als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte,
+ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur
+die schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und
+mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus unversehens
+die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt
+vor ihm auf der Ottomane gelegen war. Traumhaft
+wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem
+Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen
+Körper flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen
+Schuhen machte manchmal ein paar Schritte.
+Das knallte wie in einem Kellergewölbe. &bdquo;Lenbätsch&ldquo;,
+sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.
+</p>
+
+<p>
+Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild
+<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
+zu Bild; ihre Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor
+jedem Bild hob sie die Hand zu den Augen, nickte oder
+schüttelte den Kopf und ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die
+schwarzen, zusammengewachsenen Brauen in die Höhe
+schlugen, bildeten einen sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften
+Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund
+und rot wie eine Kirsche.
+</p>
+
+<p>
+Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie
+geistesabwesend an, weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst
+hatte, den sein Kunstgewissen ihm verursachte: ob seine
+sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione berechtigt
+seien oder gemein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, das ist schön&ldquo;, sagte die Malerin und sah ihm tief
+in die Augen. Er nickte eifrig. Ohne Übergang begann
+sie zu erzählen: von ihrem freien Leben, von Christus und
+Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle sie
+sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit.
+Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß
+ihre Mutter ein kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei
+und ihr Vater ein charakterloser Schwächling. &bdquo;Kommen
+Sie mit in mein Atelier. <em class="em">Sie</em> verstehen mich. Das fühle ich.
+In Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!&ldquo;
+Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden
+umher. Kastanienketten hingen an den Wänden, die mit
+Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen überzogene
+Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane,
+das einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand
+setzte sich darauf. Ohne erkennbaren Grund
+lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust heraus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
+Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid
+über den Kopf und stand vor Oldshatterhand in
+einem semmelgelben, blaugeblumten Überwurf aus dünner
+Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie
+lachte, und fragte ratlos: &bdquo;Tragen Sie kein Hemd?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den
+sitzenden Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne
+auseinander und drückte Oldshatterhands Kopf an ihren
+bloßen Leib.
+</p>
+
+<p>
+Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken
+herum, atmete, und sein Mund küßte. Plötzlich sah er die
+alte Brücke von Würzburg mit den zwölf Heiligen, drückte
+den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg und
+glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand
+Ekelgefühl und stand auf.
+</p>
+
+<p>
+In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen
+ihn an und hielt den Überwurf vorne zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. &bdquo;Ich muß nach
+Hause. Meine Wirtin und ich wollen zusammen die Möbel
+umstellen in meiner Kammer, weil&rsquo;s ein wenig eng da ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen
+vor; es war, als ob ein nackter Mensch vom heißen
+Sommer plötzlich in den Winter träte und angespannt und
+aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur
+Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und
+sagte, scharf pausierend: &bdquo;Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin!
+. . . und Nietzsche . . . Uns trifft die unsichtbare Faust
+der Welt . . . immerdar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das
+Mädchen an.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
+Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß
+ihr kräftiger Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand
+lächelte, lachte, lachte laut, in großer Befreiung,
+wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich
+erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend &mdash; sah sich
+und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen
+sitzen und um die Wette krachende Äpfel essen.
+</p>
+
+<p>
+Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand
+immer wieder an das Mädchen im Spessart, sah sie zum
+Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das Kleid aus Rohleinwand
+an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen
+Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten
+Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr
+nicht bis zu den Knien reichte.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand
+mitten auf dem Waldsee; der Mond sank vom Himmel
+herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den Überwurf
+vorne auseinander und sank langsam und senkrecht
+ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf
+dem See lag. Die Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens
+an ihre Tür und fragte beim Weggehen die Portiersfrau,
+die den Hausflur kehrte, nach dem Mädchen.
+Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus
+gebracht worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb
+stehen, sah ihr zu und dachte angestrengt die Szene im
+Atelier zurück. &bdquo;Daran bin ich nicht schuld . . . Das kann
+doch nicht sein&ldquo;, sagte er für sich. Und die Frau meinte,
+die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor
+er ein Haus beträte.
+</p>
+
+<p>
+Langsam ging er fort. &bdquo;Ich muß die Möbel ja wirklich
+<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
+umstellen. Das Bett wird sonst schmutzig . . . Ich hab
+sie nicht angelogen.&ldquo; Er blieb stehen. &bdquo;Sonst wär ich
+doch nicht wiedergekommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin
+die Möbel um, so daß er beim Eintritt in die Kammer
+nur unterm Tisch durchkriechen mußte. Das Bett stand
+jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß Oldshatterhand
+nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen,
+und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit
+Frühstück kostete wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
+</p>
+
+<p>
+Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen
+Oldshatterhands tapeziert. Sonst stand nur das
+Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der alten, großen
+Pistole aus dem &bdquo;Zimmer&ldquo;, ein Totenschädel stand,
+der ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen
+Zähne fehlten. Auch von allen Wänden herunter lachte
+der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn Oldshatterhand
+in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem
+Gelächter erfüllt war.
+</p>
+
+<p>
+Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die
+Frau Vierkant regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er
+nur in kochendes Wasser zu legen und konnte sich noch
+einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie
+ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen
+Taler bei. Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand
+sich als Klinikdiener und von jenem Bildverkauf in
+Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig
+Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf
+Münchener Monaten schmal geworden. Er war jedoch
+überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig studieren
+könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben
+<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
+zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
+</p>
+
+<p>
+Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen
+war, sich beim Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an
+die Stirn gestoßen hatte, und er den Besuch dieser Dame
+noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß, die
+zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und
+vielleicht etwas komfortablere zu mieten.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht
+wechseln lassen. Da ihm aber die Schwester wieder einen
+Taler in Aussicht gestellt hatte, rief er die Wirtin und
+sagte: &bdquo;Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am
+Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum
+Pfand.&ldquo; Er zeigte im Kreise herum und blickte die Frau
+voller Staunen an, weil sie wegwerfend sagte: &bdquo;Entweder
+Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die
+Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit
+der Wirtin, die ja doch nichts verstand. Und auch die
+junge Studentin ließ sich durch den komplizierten Eintritt
+in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé
+und sah gierig hinein. Alles darinnen schien ihm
+wunderschön zu sein. Die Polsterbänke waren mit rotem
+Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
+</p>
+
+<p>
+Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander
+gegenüber und starrten auf das Schachbrett. Neben den
+beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die
+hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche
+steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte.
+Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas.
+<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
+Sein Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand
+hörte das hohle Lachen des Zeichenlehrers:
+&bdquo;Ho! ho! ho!&ldquo;, der das leere Wasserglas aufs neue zum
+Kellner emporhielt.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die
+kühn in das Café eintraten, und erschrak, weil er einen
+Augenblick lang daran gedacht hatte, es auch zu wagen,
+in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen.
+Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten
+und sagen würde: bitte, was wollen denn Sie
+hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn unauffällig
+wieder hinausführen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken
+fielen und wurden sofort vom Straßenschmutz gefressen.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder
+stehen. Mitten aus dem Gästegewühl heraus fühlte er die
+Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht auf sich gerichtet
+und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein
+Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und
+Oldshatterhand hatte wieder das Gefühl, als berühre ihn
+ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften Fremden, der
+auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte &mdash; ich denke
+darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
+muß, noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr
+eine andere zur Frucht reifen darf. Den Fremden, auf
+dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr
+nach dem wilden Westen gewollt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der
+im Café saß, verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein.
+Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend und grausig,
+daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden
+<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
+Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen
+elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden
+einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten
+Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den
+Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor,
+warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken
+und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie
+hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend,
+krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand
+nicht verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell
+die Zigarette in den Mund zu stecken, um sofort
+wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden,
+zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe
+aufgestützt, reglos und blickten düster vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den
+Fremden zu, der einer blonden Dame zum Abschied die
+Hand küßte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Michael Vierkant&ldquo;, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand
+schlug die Augen fragend auf zu der schönen Dame,
+weil sie auch ihm die Hand zum Kusse reichte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und Sie wissen ja selbst&ldquo;, beendete die Dame das
+Gespräch, &bdquo;daß es gefährlich ist, sein Leben lang konsequent
+in einer Linie zu gehen. Denn nebenher und kreuz
+und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an manchen
+Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten
+der Irrsinn und der Untergang. Aber leben Sie wohl,
+bis dahin&ldquo;, schloß sie scherzend und ging.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
+</p>
+
+<p>
+Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll
+Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze
+<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
+um und hielt es gegen das Licht. Es glich in der Farbe
+genau seiner mit unzähligen violetten Äderchen besetzten,
+käsigen Gesichtshaut. Er goß die Preiselbeermilch in den
+Magen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des
+Lebens?&ldquo; fragte Oldshatterhand den Fremden, der ihn
+gerührt ansah, wie man eine Jugendphotographie von sich
+betrachtet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im
+Leben, sonst komme man unter die Räder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich
+gedemütigt, weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß
+bedeutet. Danach zu fragen, brachte er nicht über sich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft&ldquo;,
+erklärte der Fremde; &bdquo;die Herrschaften, die feinen
+Damen, die da wohnen, wollen nur elegante, ganz
+leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer wieder:
+ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur
+die halten etwas aus, &mdash; bleibt konsequent und macht lieber
+bankerott, als leichte Schuhe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah da!&ldquo; rief Oldshatterhand und sprach mit den
+Händen mit. &bdquo;Mechaniker Tritt arbeitet ein Vierteljahr
+lang an einem seiner elektrischen Türschlösser, auf die er
+stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein Schloß aber
+in einer Woche fertig haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht
+solle, meinte die Dame.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer
+wieder eine Frau mit Geld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
+&bdquo;Das ist ein Lebenskünstler.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler,
+sondern ein hundsgemeiner Lump.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler.
+Und wer keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt.
+. . . Es gibt unendlich viele, verschiedenartige Kreuze,
+und an allen hängen Menschen daran.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend
+sah er den Fremden an, denn er glaubte,
+sich selbst lachen zu hören. Der Fremde hatte das irrsinnige
+Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz
+nahe hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend,
+flüsterte er jetzt: &bdquo;Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer
+Einsamkeit. An diesem furchtbaren Kreuz hängt
+<em class="em">der</em> krummgenagelte Mensch, der nicht mehr rachsüchtig
+sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß,
+daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder
+nur ein armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man
+ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat,
+bis er ein bösartiges, gefährliches Tier wurde . . . Der
+Mensch, der das weiß und danach handelt, der hängt an
+dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, einsamsten
+Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er
+nicht zurückschlägt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist Jesus Christus&ldquo;, sagte Oldshatterhand ganz
+langsam.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Höre einmal, du.&ldquo; Der Fremde faßte Oldshatterhand
+an die Schulter; seine Stirne wurde tiefrot und sprang
+vor. &bdquo;Es gibt viele Christusse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Nur einen hat&rsquo;s gegeben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
+&bdquo;Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt
+sie nicht. Will sie nicht kennen!&ldquo; Die Stirne des Fremden
+wurde sichtbar weiß; er richtete sich auf. &bdquo;Ober, sehen
+Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.&ldquo; Der Kellner
+eckte von Tisch zu Tisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laaaa&ldquo;, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete
+dabei langsam die Arme aus. &bdquo;G-Dur, verstehen
+Sie&ldquo;, schloß er brüllend.
+</p>
+
+<p>
+Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben
+dem Büfett. Nur manchmal gab er dem Ober mit dem
+Augenlid ein Zeichen. So saß er seit dreißig Jahren. Sein
+Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter seinen
+Augen sank faltenbildend übereinander.
+</p>
+
+<p>
+Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein
+Trupp neuer Gäste schob sich durchs Lokal.
+</p>
+
+<p>
+Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel
+stachen hervor; fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste
+auf einen langen Italiener zu, der eine Zeichnung hochhielt.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr
+den Kopf und sah wieder vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich kannte zwei Maler.&ldquo; Der Fremde saß bequem
+zurückgelehnt. &bdquo;Beide waren ganz arm, sehr begabt und
+ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine hat sich in Paris
+erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in Berlin
+&mdash; Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
+Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen
+stehen und das Gewehr präsentieren vor einem
+loyal dankenden Feldhasen in Generalsuniform . . . Dieser
+Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn er verdient
+mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird
+<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
+ein Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß
+schließt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto
+lenken.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Sie nicht&ldquo;, sagte der Fremde im selben Tonfall,
+in dem er damals auf der Höhe von Würzburg gesagt
+hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da erschieße ich mich lieber auch.&ldquo; Oldshatterhand
+warf den Kopf in den Nacken. &bdquo;Das glauben Sie nicht?
+. . . Da kennen Sie mich nicht&ldquo;, schloß er geringschätzig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Doch, ich kenne . . . mich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.&ldquo; Oldshatterhands
+zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. &bdquo;Der
+Lehrer Mager hat mich einmal ins Gesicht geschlagen mit
+dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden lag. Weil ich
+meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten
+habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre,
+der Lehrer . . . hier an dem Tisch wenn er säße.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in
+dieser Stadt herum, weil es die Atmosphäre der Stadt
+anders nicht zuläßt . . . Der Katholizismus, die Klöster,
+Mönche und Priester, die engen Kurven der Gassen mit
+den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen,
+grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke
+springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen
+von Jugend an . . . So eine Stadt bringt Böse
+hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten
+mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig
+Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder
+. . . auch Künstler. Und Menschen wie den
+Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt,
+<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
+Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung auf dem
+Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&sbquo;Gemein&lsquo; habe ich nicht gesagt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht
+nur die Stadt, die Mitmenschen, die Bestimmungen der
+Schulbehörde den Herrn Mager zu so einem harten Lumpen
+gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür,
+daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt
+hat, an seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos
+und ganz unschuldig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Glauben Sie?&ldquo; fragte Oldshatterhand tief betroffen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt!&ldquo; brüllte da der Fremde entsetzt. &bdquo;Nein nein
+nein! Rächen Sie sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie!
+Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er am Boden liegt!&ldquo;
+Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
+scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde,
+schloß er, er lachte sogar, und es klang überzeugend: &bdquo;Das
+braucht Sie gar nicht zu kümmern, was ich da vom Leben
+und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe ich nur so
+gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren,
+den Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen:
+Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein Lump sind Sie!&ldquo;
+Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und
+als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . .
+ist das möblierte Zimmer!&ldquo; rief ein junger Herr, der allein
+Billard spielte, hartstimmig einem anderen zu. Er trug
+eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf gehalten
+und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm
+lang und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel.
+Oldshatterhand sah ihm schon eine Weile interessiert
+<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
+zu und fragte endlich, warum der Herr seine
+Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen
+Winter. Er hat ein Loch in der Hose.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager
+doch lieber . . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich
+ihn wieder einmal sehe auf der alten Brücke.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sooo?&ldquo; fragte der Fremde und sah erbleichend und
+starr auf Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete
+Ziffernblatt.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen
+Genuß und unterdrücktem Staunen den Gedanken des
+Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er durch das
+Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr
+von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich
+anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam
+ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre
+des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie
+früher eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von
+denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht
+lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern
+Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen
+mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen.
+Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er
+seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er,
+daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die
+Nacht dem Tage folgt. Mit seinen Nerven hatte er das
+Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, trennte
+von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als
+<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
+könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung
+überwältigen, wollte er sofort zurückgehen
+und sich mit Brust und Fäusten dagegen stemmen. Da
+nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit
+ins Gehirn. &mdash; Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der
+Lehrer Mager hat mich in der Schule monatelang gar
+nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse gesagt: von
+mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
+geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der
+Schreiber hat über mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat
+zehnmal mehr Charakter als ich. Immer waren alle kräftiger
+und geachteter als ich. Immer und überall war ich
+hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so
+einem schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und
+durch lächerlichen Kerl ein Künstler werden könne.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen
+blieben trocken.
+</p>
+
+<p>
+Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen,
+blieb er stehen, sah gedankenlos auf das große Bild
+in der Mitte, das eine Kreuzabnahme darstellte, wurde
+interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den Herrn
+neben sich am Ärmel. &bdquo;Das linke Bein ist viel zu lang.
+Sehen Sie? Sehr verzeichnet.&ldquo; Auf das betaute Fenster
+zeichnete er mit dem Finger &mdash; Schenkel, Knie und Wade.
+&bdquo;So muß das sein! So!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe
+ich den Fehler auch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nicht wahr!&ldquo; Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich
+auf, um zu kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
+</p>
+
+<p>
+Der Herr war kleiner.
+</p>
+
+<p>
+Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen
+<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
+Dame ins Gesicht und zog tief den Hut. Seine
+Augen glänzten. Er kannte die Dame gar nicht.
+</p>
+
+<p>
+Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der
+Akademie beginnen. &bdquo;Märchen&ldquo; war als Thema gegeben.
+Die mannshohe Leinwand stand schon in der Kammer.
+</p>
+
+<p>
+Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein
+Soldat, in Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte
+an den Wänden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber also und, also, das hast alles du gemalt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon
+gemeldet&ldquo;, sagte der König der Luft. &bdquo;Hab
+aber immer noch keinen Ballon zu sehen bekommen. Also
+was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham sie
+mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen
+. . . Also weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen,
+mit hinauffliegen, das gibt&rsquo;s überhaupt nit. Höchstens
+einen Strick dürfe man halten, von einem lumpigen Fesselballon,
+so groß wie ein Waschkessel. Also so eine Saubande.
+Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig
+dazu gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich
+gleich gehen, zurück in die Kasern. Sonst krieg ich Arrest.&ldquo;
+Er kroch unterm Tisch durch. &bdquo;Am Sonntag über acht
+Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän,
+der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und
+übernächsten Sonntag kommen sie alle nach München, weil
+der bleiche Kapitän ein Preisstemmen mitmacht in Nürnberg.
+Und also dann kommen sie auch nach München und
+besuchen dich. Und also auch mich.&ldquo; Der König der Luft
+deutete auf einen Mädchenakt. &bdquo;Lassen die sich so ohne
+Kleider anguck?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich
+schleunigst gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie
+kommen alle zu dir her. Und also ich komm auch daher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer
+gewesen wäre als ich? Es ist doch ganz gleich, ob ein
+Mensch einen Meter und siebzig oder einen Meter und
+sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht
+an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit
+nachläuft! Vielleicht das ganze Leben lang. Und man
+bekommts nicht los. Mancher bekommts nie los.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler.
+Grünwiesler klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest,
+in Lohr am Main, hocken müsse, bei seiner Tante, weil
+die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber kein Geld
+mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach
+München gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister
+in den Galerien zu studieren. Gerade jetzt, da er eine große
+Komposition begonnen habe, die er ohne Modell, das in
+dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, nicht beendigen
+könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz
+verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren
+in den Klauen der Pfaffen. Den ganzen Tag über
+hocke einer bei ihr, wenn sie nicht ihrerseits bei den Pfaffen
+oder in der Kirche sei. Er träume von Tonsuren und von
+Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe
+ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler,
+solle nur sechstausend Mark in Obligationen bekommen,
+<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
+nach dem Tode der Tante. Aber dann nütze ihm das Geld
+auch nichts mehr.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu
+haben, denn der Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen
+Nachsatz. &bdquo;&mdash; Ich habe die für mich bestimmten sechstausend
+Mark in Obligationen, die in der Truhe der Tante
+lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst,
+denn ich bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn
+sie entdeckt was ich getan habe. Ich bitte dich, bitte dich
+dringend, gib mir einen Rat. Was soll ich tun? Sende
+mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines Freundes
+sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus
+Grünwiesler.
+</p>
+
+<p>
+Sende mir diesen Brief umgehend zurück.&ldquo; Dieser Satz
+war auch mit Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt,
+hatte ihm gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm
+mit unendlicher Geduld die technischen Schwierigkeiten
+überwinden helfen und es Oldshatterhand ermöglicht, aus
+den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er vorwärts
+kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers
+Brief sehr erregt, schrieb Oldshatterhand einen
+langen, wirren Brief voller Hingabe und Begeisterung und
+schloß: &bdquo;Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem Revolver
+in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du
+mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er trug den Brief sofort zur Post.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in
+seine Kammer zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe.
+<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
+Der Entwurf wurde eine düstere, dunkle Gasse,
+mit unwirklicher Helligkeit darin.
+</p>
+
+<p>
+Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand
+hatte vergessen, ihn zurückzusenden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener
+Hauptbahnhofs und blickte hinaus in die blaue Helle, wo
+wie ein schwarzer Wurm der Nürnberger Zug gekrochen
+kam, in dem die Räuber saßen.
+</p>
+
+<p>
+Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der
+Brust gefaßten weißen Pikeekleid, lachte verwundert, weil
+die Erregung Oldshatterhands sich auch ihr mitteilte.
+Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen Rosenstrauß
+vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
+</p>
+
+<p>
+Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte
+aus. &bdquo;Tyrannei! Acht . . . Stunden . . . Tag . . . Die
+Ruh, die Republik!&ldquo; endete der Gesang der Räuber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho!&ldquo; rief der Schreiber aus dem Coupéfenster,
+und der bleiche Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher
+heraus. &bdquo;Den siebenunddreißigsten Preis hab ich!&ldquo;
+Die Fremden lächelten.
+</p>
+
+<p>
+Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron,
+und wurden ganz still, als ihnen die schöne Freundin
+Oldshatterhands die Hand reichte.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht:
+die Liebste des Schreibers, und Käthchen Schlauch, die
+Braut des bleichen Kapitäns. Ihr Hut war flach wie
+ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen geschmückt.
+Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen
+Zöpfe dreimal um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen
+standen etwas vor.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
+&bdquo;Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.&ldquo; Falkenauge
+sah empor zur Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten
+empor.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen
+einander zu, und jede zog einen zerknüllten Schleier hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn&rsquo;s jemand in Würzburg erfährt, daß ihr
+diese Fetzen getragen habt, dann ist der Teufel los, und
+die ganze Stadt sieht euch über die Nase an&ldquo;, schimpfte
+der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da geh mal her, Käthl&ldquo;, rief der Schreiber und band
+dem grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier
+fest am Tannenzapfenhut. &bdquo;So, Käthl, jetzt bist du eine
+feine Dame.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die wollen ins Hofbräuhaus&ldquo;, schmollte des Schreibers
+Liebste, &bdquo;ich will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte
+will ich sehen, alle Hutgeschäfte.&ldquo; Und mit
+einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt schloß
+sie: &bdquo;Ich bin doch Modistin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie standen noch immer auf dem Platz. &bdquo;Wo ist denn
+die große Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte
+ich ansehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das is jetzt Nebensache&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän
+zu seiner Braut. &bdquo;Aber daß hier die Leute genau so
+herumlaufen wie in Würzburg, das wundert mich. Ich
+hab gemeint, hier in München hätten sie alle Volkstrachten
+an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die
+hat einen alten Kartoffelsack an.&ldquo; Die Malerin in Sandalen
+und Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit
+Männerschritten weiter. Ihr langer, giftgrüner Schleier
+flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. Alle sahen
+ihr nach.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
+&bdquo;Hoppla!&ldquo; Im letzten Augenblick hatte der strahlende
+Oldshatterhand die Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die
+Kammer Oldshatterhands.
+</p>
+
+<p>
+An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein
+Männer- und ein Frauenakt. Die Mädchen sahen zum
+Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten herauf
+auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau
+schielten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Liesl, bist du auch so schön wie die&ldquo;, sagte der Schreiber
+in die Stille. Die Modistin wandte sich zornig um
+und kroch aufheulend zur Tür hinaus. Sofie Meinhalt
+ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte sich auch
+Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt
+doch, wie Mädli sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho!&ldquo; Der Schreiber war verlegen.
+</p>
+
+<p>
+Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich
+nach innen. &bdquo;Aber das hätt ich in meinem ganzen
+Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen malen kannst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit Kohle gezeichnet, was?&ldquo; fragte die Rote Wolke.
+&bdquo;Hast du&rsquo;s fixiert?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das hab ich mir gedacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber standen still um den Frauenakt herum.
+Sofie Meinhalt trat ein. &bdquo;Ihr müßt jetzt hinausgehen.
+Die Mädchen wollen sich waschen.&ldquo; Die Modistin wischte
+sich lächelnd die Tränen von den Augen.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und
+<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
+saßen auf den Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?&ldquo;
+fragte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem
+kannst nimmer verkehr. Was glaubst denn! Der steht
+am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . ein Vierröhrenbrunnensteher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ooooh!&ldquo; sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete
+den ganzen Tag fast nichts mehr.
+</p>
+
+<p>
+Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür
+auf und prallte zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien.
+&bdquo;Also und hoppla! . . . Also so eine Dummheit!&ldquo;
+Der König der Luft ging nach vorne und begrüßte
+die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war
+da. &bdquo;Also wie lang brauchen denn die Schneegäns noch.
+Bis zwölf Uhr hab ich nur Ausgang. Also da verreckst
+. . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr dazu?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm
+in Arm mit den Mädchen. Nach dem Essen wollten die
+Räuber Kaffee trinken.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé.
+Fräulein Schlauch hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
+</p>
+
+<p>
+Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst
+abwinkenden Infanterieleutnant zusammen und marschierte
+stramm an ihm vorbei, die genagelten Kanonenstiefel
+auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren erschrocken
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp
+<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
+in das Café, saßen still zusammengedrängt beim Fenster
+und blickten eine Weile betroffen auf die sonderbaren
+Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt lächeln, worauf
+alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß
+die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während
+der König der Luft die Räuber drohend anfunkelte
+und, das Kinn zur Tischplatte geduckt, zum Offizier hinwies,
+der jedoch ruhig in seiner Zeitung weiterlas.
+</p>
+
+<p>
+Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang
+und schmal am Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge
+Malerin, die nebenan auf der Polsterbank halb lag und
+durch die Nase rauchte.
+</p>
+
+<p>
+Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener
+Semmel dem bleichen Kapitän, der staunend den
+Kopf schüttelte und sie verächtlich wieder zurücklegte ins
+Körbchen. &bdquo;Davon verzehr ich dreißig Stück und weiß
+dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der
+seine Freunde vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden.
+Der Fremde setzte sich an den Tisch dazu.
+</p>
+
+<p>
+Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes
+Mädchen in einem Kamelhaarsweater, barfüßig
+in Sandalen, das auf die Malerin zukam, gefolgt von
+einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in
+einem Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel
+fiel ihm bis zu den Füßen und war vorne mit einer Sicherheitsnadel
+zugesteckt. Der Lange hielt die schmalen Schultern
+so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar verschwanden,
+und trug eine große Rundgläserbrille mit
+<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
+Kautschuk gefaßt. Neben dem König der Luft fiel er
+apathisch auf die Polsterbank.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben,
+wem ich will&ldquo;, rief erregt das weißblonde Mädchen.
+&bdquo;Mein Vater ist ein Trottel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht
+lief blaurot an. Seine Augen glotzten vor Anstrengung.
+Er hielt die Faust auf den Mund gepreßt, pfutzte. Und
+lachte endlich krachend los.
+</p>
+
+<p>
+Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den
+Schreiber, sah erst interessiert dem Totlaufen der Billardkugel
+zu, und richtete sich streng auf. &bdquo;Bitte sehr! Sie
+sind hier nicht in einer Menagerie!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, wart bis der Leutnant fort is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken&ldquo;, wandte
+sich der bleiche Kapitän an den Fremden, &bdquo;aber wenn das
+Knochengerüst dort schreit: Menagerie! &mdash; da sagen Sie
+einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das Kreuz einschlagen
+soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt:
+&sbquo;mein Vater ist ein Trottel&lsquo;, kriegt sie eine Maulschelle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den
+Leib und wandte sich seinen Freunden zu: &bdquo;Wissen Sie,
+daß es in Süddeutschland gärt? Im Westen. Der Osten
+rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime Verbindung.
+Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber
+fluidisch kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen
+Fäden in der Hand! Ich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe;
+ihre Augen öffneten sich starr. &bdquo;Ich denke in
+<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
+Oktaven &mdash; ganz schnell! ganz schnell! bis zurück, da ich
+ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine Mutter durch den
+Sommergarten gehen&ldquo;, flüsterte sie, &bdquo;und mein weißes
+Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich
+drei Jahre alt.&ldquo; Sie wachte auf. Der Lange strich ihr
+beruhigend-zärtlich über die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Der Leutnant verließ das Café.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre
+an. &bdquo;Sind Sie schon oft mit hinaufgeflogen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.&ldquo; Er
+stand auf, streckte das Bein wagerecht aus und begann
+den Kanonenstiefel zu kreisen. &bdquo;Also seit fünf Wochen
+Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was
+man kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann
+steht man und gafft die Kasernenhofmauern an . . . Oder
+Kopfrollen.&ldquo; Der König der Luft rollte den Kopf. Die
+Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein
+Trumm Fleisch. Und Kartoffeln, soviel man will . . .
+Alles was recht ist . . . Aber also und, was machen wir
+denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?&ldquo; Alle
+blickten auf den Billardspieler.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen
+wollen, müssen wir aber sofort gehen&ldquo;, sagte der Fremde
+und stand auf.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch
+und die Liebste des Schreibers in ein Hotel gebracht.
+Die Räuber verabschiedeten sich vor der Tür: sie schliefen
+in einem anderen Hotel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
+Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz
+bevor der Zug nach Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand.
+Er war verlegen. &bdquo;Weißt du denn eigentlich,
+daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken
+bin?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie meinst du das? Siebzehnter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von
+Unterfranken und Aschaffenburg.&ldquo; Er entkleidete sich.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän.
+Die Beine waren ein wenig zu lang, ein wenig
+zu dünn, und ein wenig O-geformt, und schienen den kolossalen
+Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum
+tragen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht
+mehr Oldshatterhand &mdash; sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand
+bestimmt und mit einem neuartigen Lächeln
+im Gesicht: &bdquo;Du mußt der erststärkste Mann von Unterfranken
+werden&ldquo;, und empfand erschauernd die Distanz
+zwischen dem nackten Jüngling und sich.
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus
+Würzburg. Der bleiche Kapitän war der fünfzehnte
+Meisterschaftsathlet von Unterfranken und Aschaffenburg
+geworden.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt
+zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand
+in der Kammer und rezitierte den Faustmonolog.
+Denn noch am selbigen Tage wollte er zu Konrad Drauer
+gehen und ihm vorsprechen.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen
+Garten. Seine Lippen bewegten sich. Er blieb stehen,
+<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
+rezitierte laut und agierte mit den Armen. Freude und
+Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine Jugendjahre so
+gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur,
+Theobald Kletterer ist da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler
+vor dem Hause stehen sehen. Er kann jetzt
+keinen Besuch empfangen. Hat keine Zeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . .
+Ich bin extra von Würzburg mit hierhergefahren. Es
+ist eine Entscheidung fürs ganze Leben.&ldquo; Er hob die Arme.
+</p>
+
+<p>
+Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ
+die Rote Wolke eintreten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer.
+Theobald Kletterer aus Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, und?&ldquo; Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt,
+hob die Augenbrauen und sah auf die Uhr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie
+gottbegnadeter Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten
+Muse . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind Gärtner? Nicht wahr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen,
+Herr Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es
+besser machen kann als ich.&ldquo; Hingegeben stieß er die
+Arme nach rückwärts und begann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch
+einmal . . . vor fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen
+genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. &bdquo;Ich bin aus
+Würzburg.&ldquo; Und begann von neuem.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
+Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen
+Zigarre ab und faßte die Rote Wolke am Rockknopf. &bdquo;Sie
+sind zu klein für die Bühne. Viel zu klein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Mund stand offen, rund und schwarz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn
+als Gärtner?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen,
+das ich einmal erben soll.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie
+mir, das ist ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben
+Sie Gärtner. Sie haben Ihr Auskommen. Hunderte
+Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist ein
+Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner
+eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine
+Zeit mehr. Grüß Gott.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog
+die Uhr. Und begann zu rennen. In zwanzig Minuten
+ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete stärker, mit
+Frühjahrshagel vermischt.
+</p>
+
+<p>
+Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß
+der Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé
+steigen, worauf der Zug sich in Bewegung setzte. Und die
+Rote Wolke wußte nicht, ob der salzige Geschmack auf der
+Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen kam.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-9">
+<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
+Neuntes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe
+auf dem Kirchplatz von Basel und sahen hinunter
+auf die Stadt und den Rhein.
+</p>
+
+<p>
+Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß
+sehr schnell, vom schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben,
+über den reißenden Strom.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und
+Maler den Deutschen dargestellt haben&ldquo;, sagte der Fremde
+in Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf
+dem Würzburger &sbquo;Käppele&lsquo;. Nur ist dort alles kleiner.
+Der Rhein sieht gefährlich aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Main ist lieblich,&ldquo; sagte der Fremde. Er hatte
+Oldshatterhand zu einer Italienreise eingeladen.
+</p>
+
+<p>
+Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem
+Kirchplatz hatten schon braune, harzglänzende Knospen.
+Zusammengesunkener Altschnee lag noch in den Ecken.
+Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
+</p>
+
+<p>
+Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt
+hinein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott ist überall!&ldquo; rief der Pastor und schlug auf die
+Kanzel. &bdquo;Gehet hinaus in die Natur, und ihr werdet
+Gott schauen. Im Wald, in den Wiesen, im Bach, in
+den Blümlein, im Gestein.&ldquo; Seine Stimme war leiser
+<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
+und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: &bdquo;Aber
+auch zu mir müßt ihr kommen! Denn ich kann euch mit
+Gottes Hilfe den Bach und Wiesen zeigen und Blumen,
+auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . Kommet!
+In der Natur ist Gott!&ldquo; Der Pastor schlug die
+Bibel auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,&ldquo;
+sagte Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf
+dem Kirchplatz standen. &bdquo;Ganz, ganz anders . . . Der
+Pastor hat schöne Dinge gesagt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der
+Morgendunst. Den beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen
+und schwarzen Häuserflächen entgegen.
+Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Meer!&ldquo; rief Oldshatterhand und schnellte mit
+einem Satz zum Fenster.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, das ist nur ein See.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nicht das Meer?&ldquo; So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand
+noch nicht gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler
+wurden enger. Vom Wagenfenster weg stieg die nasse
+Felswand senkrecht empor.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in
+die Nacht. Die Luft im Tunnel war muffig vom alten
+Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand unwahrscheinlich
+lang vor, viel länger als die vorherigen. Da
+wurde es heller &mdash; und hell, und der Zug sauste mitten in
+den Frühling hinein. Kein Schnee mehr. Blumen standen
+im Geleisegraben, und an den dunkelfelsigen Abhängen
+blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts
+<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
+stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher,
+und verschwand im weißen Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften
+Frühlings wegen froh war und seine Freude
+nicht verbergen konnte, und sah auf die fremden, italienischen
+Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und zerfallend.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter
+der Durchgangstür und sang den Gästen der zweiten
+und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in Schweiß und
+sammelte dann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter
+Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen
+sehen. Der sah genau so aus wie dieser
+Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und sammelte.
+Sprach aber selten ein Wort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren.
+Kleine Italiener, Knaben und Mädchen, rannten barfuß
+auf dem mit Schuttsteinen bedeckten Bahndamm neben
+dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die
+Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu
+erhaschen.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller,
+achteten die von den spitzen Steinen verursachten Schmerzen
+nicht, und schleuderten ihre Blumensträußchen, schon
+ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. Da
+flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und
+bildeten einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste
+und Füße, als der Zug schon verschwunden war.
+</p>
+
+<p>
+Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist das?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
+&bdquo;Das Meer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Meer?&ldquo; Betroffen blickte Oldshatterhand auf
+den drohenden, grünen Wasserstreifen, der so schmal war,
+daß er manchmal von den flatternden Hemden und Windeln,
+die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
+schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens
+machte Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt
+und gespreizt in die Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand
+zum Meer.
+</p>
+
+<p>
+Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg
+hinunter, bis zum schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne
+die mächtige, weiße Stadt Genua.
+</p>
+
+<p>
+Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen
+unterm Arm schritt auf dem Perron am staubigen
+Zug entlang und sang: &bdquo;Co . . . rri . . . ere Della Sera.
+Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das klingt wie ein schönes Lied&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+und lächelte, weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich
+vorgebeugt standen und mit dem Zeigefinger auf ihre
+Brust deuteten: &bdquo;Si Signore? Si Signore? . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von
+einem rot und weiß gestreiften Riesensonnenschirm, durch
+die vom Korso belebte Hauptstraße, bis zu einem der alten
+Paläste.
+</p>
+
+<p>
+Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der
+Decke hängende große Ampel schon brannte, obwohl es
+noch hell war, reichte der Portier dem Fremden ein Telegramm.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
+&bdquo;Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach
+Spanien. Zu meinem Freund.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem
+Koch und dem Portier war Oldshatterhand allein im
+stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen Salon, und
+an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
+Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal
+hörte er den Schlüsselbund klingen und verklingen.
+</p>
+
+<p>
+Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume.
+Und die Sirenen erklangen unaufhörlich
+im nahen Hafen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er
+Lust habe. Den ganzen Sommer über, auch wenn der
+Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
+</p>
+
+<p>
+Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der
+Taurolle im sonnigen Hafen. Neben ihm saß wieder
+reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren an
+der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer
+hinaus, in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab
+ihm eine Zigarette.
+</p>
+
+<p>
+Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen
+den Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich
+und schnell wie Wasserinsekten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und
+Bettstücken. Die Männer warteten und rauchten. Einer
+zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine Orangenschale,
+die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine
+junge Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige
+Großvater döste vor sich hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern
+mit schönen gelben Koffern gefolgt, hasteten
+zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen
+<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
+und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm
+aus der Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke,
+welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen
+wurde. Die Auswanderer, in einen bunten Saum von
+Not und Hoffnung zusammengedrängt, blickten vom untersten
+Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
+Zurückbleibenden.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit
+dem Schiffskoloß, der schwerfällig zu schaukeln begann
+und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau sich straffte.
+Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte
+und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar
+vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen
+durch, während die Auswanderer reglos standen
+und auf das allmählich entgleitende Hafenbild zurückblickten,
+bis sie nichts mehr unterscheiden konnten.
+</p>
+
+<p>
+Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand
+seine Augen endlich von den fernen Rauchfladen
+des ausgefahrenen Dampfers losriß und neben
+sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte.
+Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles
+Loch zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen,
+Obstabfälle, ein Weidenkorb schaukelten auf der
+schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger
+saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm.
+Wie in seiner Kinderzeit hatte ihn unvermittelt schwere
+Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht kannte. Etwas
+Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die
+Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer
+<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
+über die alte Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine
+Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er empfand
+den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser
+sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper
+vom Wasser weg und schwankte zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den
+Salon, lächelte und gab Oldshatterhand einen Brief.
+&bdquo;Una lettera, Signore.&ldquo; Sie zündete die drei Kerzen
+im Standleuchter an, lächelte und ging.
+</p>
+
+<p>
+Franziskus Grünwiesler schrieb &mdash; er habe sich nach
+Oldshatterhands Rat vor seine Tante hingestellt, mit dem
+Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du mich anzeigst,
+erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen,
+ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn
+je in Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung
+lebe, plötzlich verhaftet zu werden. Oldshatterhand
+solle um der treuen Freundschaft willen, die sie miteinander
+verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit
+er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und
+beraten könne, was zu tun sei. Er möchte am liebsten von
+den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen, irgendwo
+in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand
+zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er
+nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden
+zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek
+kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. &bdquo;Ich bitte
+Dich, verbrenne diesen Brief sofort.&ldquo; Dieser Satz war
+unterstrichen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erschieße ich mich . . . <em class="em">vor deinen Augen</em>, habe
+ich geschrieben&ldquo;, sagte Oldshatterhand langsam. Und zu
+dem Druck, der während des Lesens immer beklemmender
+<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
+sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber
+den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse
+noch einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein,
+wurde ruhiger und sagte im stillen zu sich und Grünwiesler:
+&bdquo;Schließlich darf eben doch kein Mensch, wer er auch
+sei, einem andern etwas wegnehmen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber schon während er packte, entschwand ihm das
+klare Bewußtsein wieder &mdash; weshalb ein Mensch dem anderen
+nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein
+Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar
+Fetzen ohne jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
+</p>
+
+<p>
+Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er
+den ganzen Sommer lang hatte bleiben wollen.
+</p>
+
+<p>
+Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit
+dem Klopfen seines Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz
+auf die andere Seite des Lebens hinüber, und er schloß
+seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben
+auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet.
+Napoleon schritt über hunderttausend Leichen weg auf
+sein Ziel los. &bdquo;Und ich bin vielleicht noch größer als
+Napoleon!&ldquo; rief er in steigender Begeisterung und legte
+beide Hände in die Hüften.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Niente Napoleone&ldquo;, erwiderte ein alter Italiener
+und deutete auf ein graues Schloß, &bdquo;una castello Genova.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän
+gesagt hatte: Kraft ist die Hauptsache auf der Welt! und
+lächelte bei dem Gedanken &mdash; daß des bleichen Kapitäns
+Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
+</p>
+
+<p>
+Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand
+sich als Klinikdiener erspart hatte, um, wie er glaubte,
+<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
+damit ein berühmter Maler werden zu können, hatte gerade
+noch für die Rückfahrkarte gereicht.
+</p>
+
+<p>
+Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag
+in München an. Da lag Neuschnee. Und auf der Fahrstraße
+spritzte das schmutzige Schneewasser hoch, als Oldshatterhand
+sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen
+Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der
+Taurolle neben dem alten Neger sitzen, roch er die
+Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens von
+Genua.
+</p>
+
+<p>
+Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus
+und ging sofort in die Alte Pinakothek.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der
+Susanna von van Dyck und äugte angestrengt auf seine
+Kopie und zurück aufs Original, sah auf und stierte erschrocken
+Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal
+Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie
+sein Freund Immermann, was Oldshatterhand erstaunt
+beobachtete. Dann erst stieg Grünwiesler von der Leiter
+herunter und hieb, in sich hineinkichernd, Oldshatterhand
+die Hand auf die Schulter: &bdquo;Da bist du ja. Das war
+lieb von dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem
+Lippenverziehen Grünwieslers nach und fühlte einen
+Knoten in seiner Brust. &bdquo;Die Stirn ist zu hoch&ldquo;, sagte er
+und deutete auf die Kopie.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meinst du?&ldquo; Er verglich. &bdquo;Du hast recht.&ldquo; Und stieg
+wieder auf die Leiter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler
+entdeckt hatte. &bdquo;Wollen wir nicht fortgehen? Hier können
+wir ja nicht sprechen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
+&bdquo;Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er
+kopiert hinten im Murillosaal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den können wir doch jetzt nicht brauchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah
+Oldshatterhand mit seinem Kanarienvogelblick an. &bdquo;Ich
+hab&rsquo;s ihm versprochen. Er ist ein guter Kerl. Ich hole
+ihn gleich. Warte ein bißchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah
+auf die Susanna von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der
+Druck war wieder da.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte
+aufgeworfene Lippen, eine Stülpnase, und seine hohe
+Stirne war trotz der vielen Falten ausdruckslos, wie die
+eines unheilbar Verblödeten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt gehen wir essen&ldquo;, sagte Grünwiesler und lachte
+fröhlich. Und auf der Straße sagte er: &bdquo;Jetzt, was meinst
+du eigentlich zu der ganzen Sache? . . . Wo soll das Häuschen
+stehen? Im Spessart?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in
+der Mitte ging, die Augenbrauen in die Höhe zog und
+beiden die Hand auf die Schulter legte. So gingen sie
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde lustig. &bdquo;Wir lassen das alte
+Häuschen ganz umbauen, machen eine Lambrie aus
+braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer herum, und
+darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und Zinngeschirr
+. . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei
+sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn
+Geld zu einem Haus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich
+<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
+ein Häuschen kaufen will . . . Es kommt nur darauf an,
+ob man das Recht dazu hat.&ldquo; Oldshatterhand lachte
+siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein und
+drückte Oldshatterhand die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben.
+Das können Sie nicht verstehen.&ldquo; Oldshatterhand reckte
+sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. &bdquo;Jetzt essen
+wir, und dann wollen wir weiter sehen . . . Ich habe aber
+gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen kaufen
+zu können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. &bdquo;Du
+bist eingeladen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende
+Studenten saßen, und setzten sich an einen runden Tisch
+mitten ins Lokal.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig;
+Oldshatterhand hatte keinen Appetit, suchte immer
+noch auf der Speisekarte und bestellte eine Hummermayonnaise.
+Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. Grünwiesler
+sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal
+arbeiten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du und ich, wir halten zusammen&ldquo;, erwiderte Grünwiesler
+und hieb Oldshatterhand die Hand auf die
+Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle
+Ausstellungen schicken. Kopieren darfst du nicht mehr so
+viel. Das ist doch nicht das Richtige. Kopieren kann
+jeder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
+Er schob die Hummermayonnaise zurück. &bdquo;Ich hab
+keinen Appetit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie
+plötzlich: &bdquo;Jetzt halt ich&rsquo;s nicht mehr aus! . . . Meinst du
+denn wirklich, ich hätte meiner Tante ihre sechstausend
+Mark gestohlen!&ldquo; Er starrte Oldshatterhand an.
+</p>
+
+<p>
+Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler
+Luft ausgefüllt zu sein bis zum Gaumen. &bdquo;Du hast die
+sechstausend Mark nicht? . . . Warum hast du mir denn
+dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts
+wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch
+auf der Gabel und starrte Oldshatterhand
+immer noch an. &bdquo;Ich wollte eben erfahren, was du mir
+darauf antwortest. Verstehst du?&ldquo; Er lachte und sah
+Bratmund an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen
+lassen, damit ich dir helfe? Das hättest du doch
+dann nicht zu tun brauchen . . . Ich wohnte in einem
+Palast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir
+einmal sagen, was <em class="em">du</em> nicht hättest tun dürfen . . . Du
+hattest neunzig Mark, und hast mir den ganzen Sommer
+über im Spessart nichts davon gesagt und dich von mir
+erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich
+Esel glaubte, du wärst mein Freund.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin kein ganz gemeiner Kerl&ldquo;, flüsterte Oldshatterhand.
+&bdquo;Ich wollte doch mit den neunzig Mark Maler
+werden. Wer hat&rsquo;s dir denn gesagt, daß ich neunzig
+Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein
+Bild verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
+&bdquo;Ich will dir einmal etwas sagen.&ldquo; Grünwiesler schob
+den Goulaschbrocken in den Mund. &bdquo;Wenn nicht einmal
+deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, dann . . . na
+weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark
+eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz
+verheult zu Immermann gelaufen und erzählte ihm, was
+du für ein gemeines Bürschchen bist, weil du einen Haufen
+Geld hast, während sie und dein Vater sich vor Sorgen
+nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin
+endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du&rsquo;s.
+Und jetzt verschwinde.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden
+mit den neunzig Mark . . . Ich verdiene doch später
+viel Geld und gebe dir alles zurück. Warum hast du mir
+denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das
+Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast,
+und daß ich dir raten und helfen soll. Und warum hast du
+mich von Italien zurückgerufen. Sag mir doch. Bist du
+denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn jetzt sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das wirst du schon sehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; Du hast mich angezeigt&ldquo;, flüsterten Oldshatterhands
+weiße Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an,
+der lächelnd auf seinen Teller blickte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien
+verhaftet werden? Nein. Aber hier in München. Deinen
+feinen Brief und deine Photographie hat der Staatsanwalt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit
+ich verhaftet werden kann? . . . Das alles hat Immermann
+sich ausgedacht. So gemein ist außer ihm kein
+Mensch&ldquo;, sagte Oldshatterhand langsam.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
+&bdquo;Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger
+Freund. Aber du hast geglaubt, ich sei ein Tölpel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und
+ging langsam durch das Lokal und hinaus. Der Dienstmann
+davor hob die Hand zur Mütze.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder
+Grünwiesler noch Immermann hassen, denn es fehlte ihm
+dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft war ihm entzweigeschnitten
+worden. Er atmete mühsam durch den weit
+offenen Mund. &bdquo;He?&ldquo; fragten seine schlaffen Lippen bei
+seinem vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam
+den Kopf &mdash; er wisse nichts.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in
+der Brust, litt nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war
+niedergeschlagen. Mit den Fingernägeln versuchte er, sich
+in die Wange zu zwicken, und hatte nicht so viel Kraft,
+Schmerz zu erzeugen. &bdquo;Frieren wäre wunderbar&ldquo;, dachte
+er und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den
+Anlagen. Es war sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und
+Weste, schloß die Augen und blieb reglos hocken.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand,
+daß er seine Fußzehen und später die Beine bis über
+die Knie herauf vor Kälte nicht mehr fühlte. Er genoß,
+wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich nicht
+und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände
+hinunter. Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß.
+Und er glaubte, da jetzt sein ganzer Körper vor Kälte leblos
+war, daß die heiße Stelle in ihm seine Seele sei. Während
+sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, beobachtete
+er seine immer heißer werdende Seele &mdash; beobachtete
+er das Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das
+<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
+Fieber einen Hitzeschauer abstieß, der ihm durch den ganzen
+Körper flog.
+</p>
+
+<p>
+Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand
+er auf und stampfte rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste
+in die Luft. Immer wilder werdend, tanzte er stampfend
+im Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte
+lautlos in sich hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte
+seine Kleider zu und ging in der Richtung nach seiner
+Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter seinem
+Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen
+seinen Sitz hat. Er sah die Gassen und Kirchtürme von
+Würzburg. &sbquo;Es wird in den Würzburger Zeitungen
+stehen&lsquo;. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit zurück.
+&bdquo;Ruhig!&ldquo; brüllte der Vater und stieß die Zeitung
+vom Tisch. Die Räuber lächelten verlegen und drückten
+sich an ihm vorbei. &mdash; Der kann jetzt mit der Kriechenden
+Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er den
+Schreiber sagen. &bdquo;Ich? Vierröhrenbrunnensteher?&ldquo;
+schrie Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt
+bei seinem Vater, durch den abendlichen Wald
+marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. Der
+ganze Verein pfiff: &bdquo;Wenn die Schwalben wiederkommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand
+weiter und pfiff gedankenlos &bdquo;Wenn die
+Schwalben wiederkommen&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die wer&rsquo;n schau&rsquo;n!&ldquo; schrie ein Bäckerjunge mit einem
+Henkelkorb. Oldshatterhand schrak zusammen, zog
+die Schultern in die Höhe und eilte, mit seinen Gedanken
+<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
+in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch
+unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.
+</p>
+
+<p>
+Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett
+und dachte. Wollte an seine plötzliche Einsamkeit nicht
+glauben und führte Gespräche mit Grünwiesler.
+</p>
+
+<p>
+Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte
+und er den Satz las: In Sachen Franziskus Grünwiesler
+erhebt die Staatsanwaltschaft von München Klage
+gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung
+zu räuberischer Erpressung.
+</p>
+
+<p>
+Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück
+vor dem Tageslicht. Ganz langsam ging er weiter, sah an
+den Häusern hinauf. Eine Frau schrie aus dem vierten
+Stock herunter: &bdquo;Hansl! Ha &mdash; &mdash; nsl!&ldquo; Er beobachtete
+den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu
+seiner Mutter in die Höhe blickte und ins Haus trippelte.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Marroni! Heiße Marroni!&ldquo; lud ein italienischer
+Straßenverkäufer ein und hob den Zeigefinger. &bdquo;Feine
+Marroni! Fünf Pfennig!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete
+den Schutzmann. &bdquo;Si si, Signore.&ldquo; Der Schutzmann
+ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand weiter, versuchte
+die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich vorsichtig
+um und ließ sie in den Schnee fallen.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen
+schnurrbärtigen Mann in schwarzem Überzieher, der auf
+seinen Spazierstock mit Stahlspitze hüftlings gestützt stand,
+auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand hinüberblickte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter&ldquo;, flüsterte
+<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
+Oldshatterhand, und sein Herz stand still. &bdquo;Gerade weil
+er so unauffällig aussieht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster,
+in dessen Spiegelglas er den Mann sehen konnte,
+der schräg über die Straße schritt, in der Richtung auf
+Oldshatterhand zu.
+</p>
+
+<p>
+Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig
+weiter, nicht zu schnell, bis an die Ecke, und begann
+zu rennen.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann stieg in die Elektrische.
+</p>
+
+<p>
+Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer
+vom Würzburger Sanderrasen ein; da zwang er
+sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust hochgenommenen
+Armen.
+</p>
+
+<p>
+Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag
+ein zweiter Brief. Eine Vorladung ins Justizgebäude,
+Zimmer Nr. 86.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem
+Türschild.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich heiße Michael Vierkant.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand
+auf, wies auf einen Stuhl am Schreibtisch, setzte sich
+dazu, legte einen Maßstab auf die Aktenmappe, nahm ihn
+wieder weg, blätterte. &bdquo;Sie haben da einen Brief geschrieben.
+Einen recht leichtsinnigen Brief.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden,
+und nur die Überlegung &mdash; er würde vielleicht
+sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln und wieder den
+Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?&ldquo; Der
+<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
+Arzt beobachtete Oldshatterhand unmerklich und scharf,
+und es schien, wie wenn er etwas ganz anderes in Erfahrung
+bringen wolle, als das, wonach er fragte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Maler Immermann steckt dahinter&ldquo;, begann Oldshatterhand
+und machte eine Handbewegung um den Arzt
+herum in die Zimmerecke. &bdquo;Sehen Sie, Herr Doktor,
+Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes
+Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte
+es dem Bürgermeister, einem alten Bauern. Der nahm
+das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging
+damit in die schattige Zimmerecke &mdash; aber die Sonne auf
+dem Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und
+so, bis ihm Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen
+ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht
+begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das
+Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte,
+solle die sechstausend Mark bekommen.&ldquo; Oldshatterhand
+schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah,
+daß des Arztes linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen
+zuckte. Er hätte nicht sagen können, weshalb ihm dieses
+Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das Zucken.
+&bdquo;Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen
+. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf
+zur Seite . . . So, dachte ich mir, stellt er sich vor seine
+Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich
+mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann
+diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich
+unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von
+Anfang an wahr gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich
+erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an . . .
+<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
+Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann
+und sagt: so und so &mdash; und Grünwiesler ist auf einmal
+ein schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht.
+Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger
+Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann
+nicht so und so gesagt hätte . . . Das denke ich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend
+sagte er: &bdquo;Ich glaubte, ich würde etwas von dem
+Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark.&ldquo; Und er hatte
+dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über
+einen Abgrund zu laufen.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus
+der Aktenmappe hervor. &bdquo;Warum haben Sie denn dem
+Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. &bdquo;. . . Hat
+er also wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler
+bat mich in dem Brief, ich solle ihm mein Bild senden;
+er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes sehen
+. . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben.
+Jetzt sagen Sie einmal selbst&ldquo;, schloß er langsam.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;<em class="em">Sie</em> haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten,
+er solle seiner Tante die sechstausend Mark wegnehmen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sprang auf. &bdquo;Ich? . . . Ah!&ldquo; rief er
+langgezogen und wühlte in seinen Taschen nach dem Brief
+Grünwieslers. &bdquo;Hier! Sehen Sie! Hier können Sie&rsquo;s
+lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst:
+Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und
+lebe in schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß
+an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein lebenslänglicher
+Freund . . . Und dann hat <em class="em">er mich</em> angezeigt.
+<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
+Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift
+geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich
+solle ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann
+hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen, den
+Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern,
+wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel.
+Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar unordentlich.
+Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.&ldquo; Oldshatterhand
+glühte. &bdquo;Und den zweiten Brief, hat er geschrieben,
+soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das
+gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich verbrannt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt
+haben, ist sehr unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren
+Brief auch so lesen: Wenn Du mich anzeigst, erschieße
+ich <em class="em">Dich</em>.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mich! Mich! heißt es natürlich&ldquo;, rief Oldshatterhand
+und lachte sein irrsinniges Lachen &bdquo;. . . Erschieße ich
+<em class="em">dich</em>? . . . <em class="em">Vor deinen Augen</em>? . . . Das geht ja
+gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen Augen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auch so, auch so ist&rsquo;s schlimm&ldquo;, meinte der Arzt, und
+es klang, wie wenn er gesagt hätte &mdash; Grünwiesler ist ein
+Lump, aber Sie werden bestraft. Der Arzt spielte mit
+dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte Drei- und
+Vierecke &mdash; einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt
+auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur
+Tür. Ganz plötzlich saß die Last wieder über seinem Herzen.
+&bdquo;Und dann &mdash; es war ja auch so furchtbar, daß ich die
+Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu&ldquo;, sagte
+er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den
+Blick suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren.
+<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
+Eine Tür wurde aufgerissen, ein Diener trat heraus,
+schnell, riß die Tür zu und schloß sie ganz leise. Oldshatterhand
+schlug Goulaschgeruch in die Nase. &bdquo;Letzter
+Hieb&ldquo;, sagte er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie?&ldquo; fragte der Diener.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Granat!&ldquo; rief eine Männerstimme. Der Diener
+schnellte herum und ging wieder ins Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem
+Fahrrad mit neunziger Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren
+ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.
+</p>
+
+<p>
+Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck,
+zu einem Galgen . . . Man müßte einen Zirkel konstruieren,
+mit dem man Ovale ziehen kann. Einen Ovalzirkel.
+Das wäre eine Erfindung&ldquo;, dachte Oldshatterhand;
+er stand noch immer an der selben Stelle.
+</p>
+
+<p>
+Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer
+und schloß die Tür leise.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da wurden früher die Verbrecher gehängt &mdash; an den
+Galgen. Auf dem Letzten Hieb . . . Erschieße ich <em class="em">dich</em>?
+Was! Nein! Erschieße ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben&ldquo;,
+schrie er und stürzte mit ein paar Sprüngen
+zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall
+ins Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. &bdquo;Erschieße
+ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße
+<em class="em">mich</em>!&ldquo; rief er drohend und schloß, sich dabei aufrichtend,
+die Tür.
+</p>
+
+<p>
+Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn
+ein Gerichtsdiener ein und führte ihn zum Arzt zurück.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
+Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie
+Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines
+Kindes ansieht. &bdquo;Würden Sie noch einmal so einen
+Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein bißchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend
+zur Zimmerdecke in die Höhe und dann auf den Arzt.
+&bdquo;Das weiß ich nicht&ldquo;, sagte er gedehnt. &bdquo;Man tut mir
+unrecht. Aber daß man mir unrecht tut&ldquo;, schloß er mit
+zuckenden Lippen und lächelnd, &bdquo;das halte ich aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still
+und aufmerksam an und spielte mit der Photographie,
+stellte sie auf, betrachtete sie, ließ sie umfallen. Während
+dieser Stille dachte Oldshatterhand daran zurück, daß er
+als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und
+davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und
+sich den Schlag ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte
+zum Arzt: &bdquo;Die Polizei weiß, wo ich wohne. Sie muß
+kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich halte
+lieber alles aus.&ldquo; Er sah den Arzt an. &bdquo;Jetzt gehe ich.
+Adieu.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich
+haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen?
+. . . Sie gehört doch eigentlich mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den
+Akten bleiben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bei den Akten?&ldquo; fragte Oldshatterhand, und seine
+Mundhöhle wurde trocken. Die Angst sprang ihn an.
+Der Arzt beobachtete die Veränderung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab nur geschrieben &mdash; erschieße ich mich vor deinen
+Augen. Vor deinen Augen! . . . Wirklich.&ldquo; Der
+<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
+Arzt nickte einige Male leise und sah dabei Oldshatterhand
+an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wirklich&ldquo;, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen
+noch einmal. Da breitete er die Arme aus und stand wie
+ein Gekreuzigter. &bdquo;Manchmal weiß ich, daß ich der Unfähigste
+und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste.
+Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der
+Größte von der Welt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die
+Arme schnell sinken und ging flammend aus dem Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem
+Märchenbilde zu malen, das für die Preisaufgabe der
+Akademie bestimmt war.
+</p>
+
+<p>
+In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am
+dritten Tage war das Bild fertig. Eine feuchte, dunkle
+Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen Mädchen,
+die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten
+Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser
+warteten. Es war die Hurengasse von Frankfurt am
+Main. An den Eingang der Gasse hatte Oldshatterhand
+sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen,
+gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb
+abwehrend, halb zugreifend.
+</p>
+
+<p>
+Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen.
+In den Zeitungen wurde das Bild später mit
+einem Werke Daumiers verglichen.
+</p>
+
+<p>
+Er versah es mit einem Motto und sandte es an die
+Akademie.
+</p>
+
+<p>
+Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte
+während des Malens mit ihr gekämpft. So hatte er die
+<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
+Angst ertragen. So war das Grauen und die Süßigkeit
+in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war,
+legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz.
+Er sah keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte
+er nicht beschleunigen.
+</p>
+
+<p>
+Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler,
+kannte und grüßte, erwiderten seinen Gruß nicht, weil
+sie von Grünwiesler unter Verschweigen der Lockbriefe
+den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung
+griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr
+auf die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander
+verschränkten Hände zwischen seine Knie hängen und sah
+stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen,
+unrettbarer als im Gefängnis.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge
+nach Würzburg, aus dem vagen Gefühl heraus &mdash; die
+zwanzig dort verlebten Jahre, seine Kindheit, seine Mutter,
+irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit zur
+Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.
+</p>
+
+<p>
+Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall.
+Seit Tagen hatte er nichts genossen. Eine hagere Dame
+gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort betrunken. Aber
+es wurde ihm sehr gut. &bdquo;Sie!&ldquo; rief er plötzlich, &bdquo;wenn der
+Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte &mdash;
+nur um mich zu erschrecken!&ldquo; Und beugte sich zu der
+Dame. &bdquo;Deshalb habe ich ja auch an den Letzten Hieb
+gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt worden
+sind, an den Galgen. An den Galgen!&ldquo; flüsterte er.
+</p>
+
+<p>
+Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé.
+Reisende drängten sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig
+<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
+zu Oldshatterhand hinein, der auf der anderen
+Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden
+Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen
+waren kaum zu unterscheiden von der hellen Luft.
+Oldshatterhand hörte ein Glöckchen dünn Sturm bimmeln
+und sah auf der Landstraße zwei Männer mit Feuerwehrhelmen
+aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf
+den Brand zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer,
+der auch einen Feuerwehrhelm aufhatte und die
+Männer überholte, die ihm etwas zuschrien. &bdquo;Das wird
+wohl niederbrennen&ldquo;, sagte Oldshatterhand bedauernd
+und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über
+einen schwarzen Acker auf den Brand zustolperte.
+</p>
+
+<p>
+In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die
+Straßen, sah den Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise
+herumwirbelte, des Weges kommen, floh vor ihm im letzten
+Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich stundenlang
+um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater
+gehetzt von der Arbeit nach Hause kommen und wieder
+zur Arbeit gehen, und fürchtete die alten Augen seiner
+Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde
+Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer
+seiner Eltern verlöscht wurde, horchte auf das Weinen
+eines kleinen Kindes. Ein Pferd stampfte im Stall neben
+ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum Kopf des
+Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd
+würde ihn mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt
+anschauen. Er zog den Kopf ein, da er die Güte
+des Pferdes fühlte im Gegensatz zur verächtlichen Stille
+<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
+seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen hinaufzusteigen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen
+Schloßberg.
+</p>
+
+<p>
+Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand
+sah den Militärposten vor dem Schilderhaus
+stehen, beide Arme übers Gewehr und den Bauch zusammengeschlagen.
+Der Posten sah in den Himmel, auf seine
+Stiefel und begann auf und ab zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die
+Linden rochen. Er hörte ein Lachen und unterdrücktes
+Mädchengekicher; vielfüßige Schritte näherten sich. &bdquo;Ja,
+mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. Hohaho!&ldquo;
+hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde
+zu einem Eisklumpen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter
+und sechzig weit gesprungen bin, dann wer ich doch auch
+noch über diesen dreckigen Graben springen können&ldquo;, antwortete
+der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne
+stehen. Eine Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand
+konnte alle Räuber erkennen und hörte den Wachtposten
+dunkel sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein
+blondes, schmales Mädchen trennten sich von der Gruppe,
+sprangen plötzlich, Hand in Hand, auf Oldshatterhands
+Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den Rasen.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine
+komische Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Sie ging
+erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig nach unten.
+Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der
+<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
+bleiche Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand
+entfernt. Die andern hatten sich zu den Mädchen gesetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben
+spring? Gleich beim erstenmal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho! Eine Maß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf Ehr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Allemal!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, ihr seid Zeugen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige
+Pfeife, dachte an den Meterstab des Gerichtspsychiaters
+und schluchzte nach innen. Den Mund gehetzt offen,
+glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen sein
+Herz trafen.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch
+den Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere
+Pfeife wieder richtig zwischen die Zähne zu bekommen,
+damit er sie halten konnte.
+</p>
+
+<p>
+Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän
+zurück. Und Oldshatterhand mußte schnell niederknien,
+um von ihm nicht gesehen zu werden, denn der Lindenstamm
+verjüngte sich nach oben. Vor Angst, gesehen zu
+werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur
+das kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen
+Kapitäns. Fräulein Schlauch schrie. &bdquo;Angstorschel!&ldquo;
+sagte der bleiche Kapitän, stülpte die Lippen nach außen
+und setzte sich neben seine Braut. &bdquo;Na, Schreiberlein?
+Deine Maß ist futsch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und
+trinken sie . . . Liesl, gehst du mit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber nein&ldquo;, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf
+den Rücken nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum
+<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
+Mond. Der Schreiber schob seine Hand unter ihre Hände.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden
+schmalen Mädchens gelegt, das sich leise wehrte und
+ihn dann anlächelte. Da nahm er seine Pfeife aus dem
+Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber paß auf darauf&ldquo;, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen,
+und näherte sein Auge dem blonden Mädchen,
+die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn dann doch an
+Falkenauges Wange lehnte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm,
+sah auf den Hauptmann und dessen Braut, die beide bleich
+und friedlich nebeneinander saßen, und hatte den stürmischen
+Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein Knabe
+zu lächeln. &bdquo;Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie
+sie&ldquo;, flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde
+Trennung so stark, wie wenn er die Räuber nie
+gekannt hätte. &bdquo;Ich bin nicht so wie die Kriechende
+Schlange . . . ihr tut mir unrecht&ldquo;, flüsterte er. &bdquo;O
+Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange
+auch nicht . . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell
+gestürzt hätte . . . oder ins Wasser.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der
+Bluse seiner Braut zu. &bdquo;Ich hab mir einen Photographenapparat
+kommen lassen. Auf Abschlagszahlung!
+Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. Er
+ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meine Pfeife &mdash; brennt sie noch? &mdash; ist aus derselben
+Fabrik. Ich hab mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt.
+Mit Silberbeschlag.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit Futteral?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück
+<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
+Kalbleder geb laß in mein G&rsquo;schäft, und der Sattler
+Grumbe näht mir&rsquo;s zusammen. Kost zwanzig Pfennig,
+das ganze Futteral.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und der Vogelstutzen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Siebenundsiebzig Mark fünfzig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er hat doch Silberbeschlag.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vielleicht erschießt du mich dann damit&ldquo;, sagte das
+schmale Mädchen gedehnt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, was glaubst du denn.&ldquo; Falkenauge lachte. &bdquo;Hast
+du Angst? . . . Ich schieße nur auf Ratten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl&ldquo;,
+sagte der Schreiber, legte sich auch auf den Rücken, neben
+seine Liebste, und blies ihr ins Haar. Sie drehte ihm
+das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als er die
+Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.
+</p>
+
+<p>
+Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in
+die Stille. Der kniende Oldshatterhand klammerte sich am
+Baumstamm an. Seine Schläfen zuckten. &bdquo;Ich kann mit
+keinem von ihnen darüber reden&ldquo;, flüsterte er unzählige
+Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten
+wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom
+Baum.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schläfst du?&ldquo; fragte der bleiche Kapitän seine Braut.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen
+angstvoll auf den ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch
+er, sich rückwärts bewegend, auf Händen und Füßen wie
+ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich glaub, ich hab geschlafen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter&ldquo;, hörte
+Oldshatterhand den bleichen Kapitän sprechen und horchte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
+&bdquo;Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen
+sein? Man hat nie mehr was gehört von ihm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Duckmäuser?&ldquo; rief der Schreiber lachend, &bdquo;wo
+wird der sein &mdash; ich sag, der ist irgendwo Kirchendiener.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb
+sofort wieder stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen
+war. Da hörte er einen der Räuber leise die Mundharmonika
+spielen und lauschte eine Weile in seltsamer
+Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem
+&bdquo;Käppele&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte
+augenblicklich die Empfindung, den Geruch vom Zimmer
+seiner Eltern zu riechen, noch bevor er seinen Vater erkannt
+hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in
+Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister
+stand. Die beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen
+in Augsburg gedient.
+</p>
+
+<p>
+Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht.
+Er bog ab von seinem Wege, in eine Nebengasse,
+rannte weiter und blieb, außer Atem, endlich auf dem Leidenswege
+Christi stehen, der zum &bdquo;Käppele&ldquo; in die Höhe
+führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit
+den Augenlidern, um Tränen zu bekommen.
+</p>
+
+<p>
+Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste
+ein rotes, ewiges Licht.
+</p>
+
+<p>
+Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er
+hatte nur das bestimmte Gefühl, Winnetou könne ihn
+retten.
+</p>
+
+<p>
+Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe,
+an dem Jesus hängt.
+</p>
+
+<p>
+Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur
+<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
+Pförtnerzelle ging. Er sah den Klingelzug an und zog
+die Hand wieder zurück. Dann klingelte die Glocke als
+einziges Geräusch auf der Welt.
+</p>
+
+<p>
+Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou
+sagen: &bdquo;So spät in der Nacht darf ich kein Brot
+geben&ldquo;, und sah zugleich das helle Stück Brot, das Winnetou
+reichte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?&ldquo; fragte
+Oldshatterhand und nahm das Brot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Michael, du bist&rsquo;s? &mdash; &mdash; &mdash; Ich habe gedacht, ein Armer
+sei noch so spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze
+dich auf die Bank bei der Mauer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis:
+sofort war er sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen
+Tage, und er sah sich, zusammen mit Winnetou,
+an einem heißen Sommertage zum &bdquo;Käppele&ldquo; hinaufsteigen
+und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich
+mußte er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou
+raffinierte Methoden angewandt hatte, um dem
+Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander
+ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen
+Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen,
+von Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung
+an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über
+einen knienden Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen
+fuhr er zusammen und rief erschrocken: &bdquo;Nein, nein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart
+verdrängt worden.
+</p>
+
+<p>
+Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf.
+Als Knoten in seiner Brust empfand er die Unmöglichkeit,
+Winnetou zu beichten, und machte ein paar hastige Fluchtsprünge.
+<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
+Da hörte er rufen: &bdquo;Michael! . . . Wo bist du?&ldquo;
+und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm
+den einäugigen großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands
+Beinen hin und her strich, zu ihm aufsah,
+nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Hund lebt noch immer?&ldquo; fragte Oldshatterhand
+mit veränderter Stimme und hatte sagen wollen &mdash; Winnetou,
+höre doch, was man mir angetan hat. Hilf mir.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du
+weggehen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen.
+Nur so.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob
+sich sofort und tappte nach.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands
+Schulter und lächelte zum roten, ewigen Licht hin unter
+der Mutter Gottes. &bdquo;Michael, jetzt sind wir auf einmal
+keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem
+Traum erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der
+gar nie mehr enden wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum sagst du Weichpfotenmönchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht
+weich . . . und dann Italien.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior
+liebt mich. Alle lieben mich und sagen, ich solle nur noch
+ein paar Jahre so bei ihnen bleiben und erst dann Mönch
+werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei . . . Erinnerst
+du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen
+wollten . . . Ich denke oft daran zurück&ldquo;, sagte
+Winnetou und lächelte heiter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
+&bdquo;Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst
+du auch eine Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine
+rechtwinklige Pfeife. So stelle doch die Mutter Gottes
+dort weg . . . und den verstellbaren Maßstab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Gott!&ldquo; Winnetou war aufgestanden. &bdquo;Du bist
+krank!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .&ldquo;
+Er schüttelte heftig den Kopf. &bdquo;Nein, nein! Ich meinte,
+ich würde an Stelle der Mutter Gottes dort ein Muttergottesbild
+hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist das!&ldquo;
+schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm,
+komm&ldquo;, bat Winnetou ängstlich und zärtlich, &bdquo;ich will dich
+zum guten Prior führen. Der gibt dir etwas und hilft dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich war draußen in der Welt! In der Welt!&ldquo; schrie
+Oldshatterhand lachend. &bdquo;In Italien! In Genua zum
+Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte da in
+einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte
+ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das
+goldene Bett sehen sollen&ldquo;, schloß er mit einer verächtlichen
+Handbewegung, und seine Lippen zuckten vor
+Scham . . . &bdquo;Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . .
+Irgend etwas Grauenhaftes.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche
+Angst um dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts!
+Glaubst du&rsquo;s nicht? Ich bin ganz einfach einmal nach
+Würzburg gefahren. Sonst nichts.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein
+über die Stadt. Die Kirchtürme standen wie gespenstige
+<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
+Auswüchse von Riesendrachen in den schmutzigen Wolkenhimmel
+hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund
+stand auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte,
+komme. Um dieselbe Zeit. Komme wieder, bitte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Morgen um diese Zeit&ldquo;, sagte Oldshatterhand und
+raste den Leidensweg Christi hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.
+</p>
+
+<p>
+Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch
+aufs Bett in seiner Kammer, sah gequält und mit kraftlosem
+Haß auf die bekannten Studienköpfe an den Wänden
+und fiel sofort in Halbschlaf. &mdash; Das Schwere, jüngst
+Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten
+ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben
+ihm einen letzten Schlag und zogen dann singend in
+eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich
+um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und
+frei und kühl atmen konnte.
+</p>
+
+<p>
+So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg
+aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand
+geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte der
+zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine
+zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt,
+schritt er im Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke,
+an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes
+Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am
+Horizont &mdash; bis zum Fremden, der traumhaft verschwand,
+und an dessen Stelle Oldshatterhand &mdash; zum Fremden wurde,
+und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse
+des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken
+in der Kammer auf dem Bett saß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
+Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand:
+&bdquo;Warum bist du denn verzweifelt und gebrochen,
+da du doch weißt, daß du recht gehandelt hast?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner
+Mensch!&ldquo; schrie der Oldshatterhand auf dem Bett und
+deutete flüsternd: &bdquo;Aber sieh doch die kalten, verachtenden
+Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie
+haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen
+verächtlich zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter
+nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand
+sagte: &bdquo;Du bist feige. Du weißt zwar, daß du recht gehandelt
+hast; aber da die Menschen dich dafür verachten &mdash;
+weil sie Lügner sind &mdash;, wimmerst du, denn ohne die Achtung
+der Lügner kannst du nicht leben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben.
+Die Gassen, in denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster
+schämen sich meiner, flüstern mir ihre Verachtung zu. Die
+Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück
+vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich.
+Wo soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann,
+bei dem ich mir wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen
+Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur
+Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig
+werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen,
+wenn sie fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu
+. . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und wenn
+sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie
+dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher
+Kirchturm. In Würzburg gibt&rsquo;s so grauenhaft
+viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
+&bdquo;Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle,
+die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie
+werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie
+sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land
+und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet
+und stinkt da unten. Ich wende mich um, da ist die Luft
+dünn und blau. Und ich bin allein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er
+hat zehn Augen und redet kein Wort, so sehr verachtet
+er uns.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie kannst du <em class="em">uns</em> sagen. Ich habe mit dir nichts
+mehr gemein. Denn ich verachte die Verachtung der
+Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange ein
+Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden,
+stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und
+höhnen und verachten ihn. Und der Vater schämt sich
+seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich den
+Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet
+stehst, schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna
+zu und sagen zueinander &mdash; den haben wir niemals
+verachtet. Und der Vater ruft &mdash; das ist mein Sohn. Jesus
+Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und
+verhöhnt bis zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner
+ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, der du dein
+Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz,
+an dem ich hänge, und das schwarze Menschengewimmel
+zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich. Meine
+Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz
+. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will
+kein Lügner werden wie sie, sondern <em class="em">Etwas</em> werden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
+&bdquo;Es gibt nur zweierlei &mdash; lügen wie die anderen: sein
+wie sie; oder ihre Verachtung verachten: einsam sein.
+Blicke auf das Lächeln der Verheißung auf meinem Gesicht
+und töte das Schwache und Feige an dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja!&ldquo; stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt,
+schwankend, und seine Hand hielt den Fenstergriff gepackt.
+Seine verglasten Augen stierten nach dem alten
+Revolver aus dem &bdquo;Zimmer&ldquo;, der auf dem Tische lag.
+&bdquo;Meine Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter,
+meine arme Mutter&ldquo;, flüsterte er und dachte in einem
+Winkel seiner Seele &mdash; er wird versagen &mdash;, brüllte langgezogen
+und mit vollster Kraft &bdquo;I . . . . . i!&ldquo; und hatte
+sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen.
+Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver
+hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur
+Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte,
+krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im
+Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand,
+schon tot, noch ein Fenster öffnete.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in
+der kleinen Kammer. Aus den Fenstern der Hofwohnungen
+fuhren erschrockene und empörte Gesichter.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin kam gesprungen &mdash; &mdash; &mdash; sah einen Fremden
+klar und ruhig die Treppe hinuntersteigen, öffnete die
+Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah niemanden in der
+Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte
+sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich
+um ein Hindernis herum auf sie zuschoß.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke
+beim Fenster, schief und haltlos wie ein ausgestopfter
+Hampelmann, der umzufallen droht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
+Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt,
+auf Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.
+</p>
+
+<p>
+In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft,
+stand, daß das Strafverfahren gegen den
+Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie,
+den der berühmte Anatom Molière allwöchentlich
+den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der Fremde
+sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er
+nie mehr älter werden, so stark und klar war sein
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe
+steigenden Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern,
+unter denen auch die Maler Immermann und Franziskus
+Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an
+den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen,
+um die Frühlingssonne abzuhalten.
+</p>
+
+<p>
+Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem
+Gehrock mit Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen
+der Hörer in den kleinen Halbkreis unten. Der Fremde
+saß neben ihm.
+</p>
+
+<p>
+Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die
+Leiche herein. Der Anatom zog das weiße Tuch weg.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper
+eines bartlosen jungen Mannes mit Gladiatorenprofil
+und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und Bauch, bis
+zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem
+weißen Tuch zugebunden, über das hinaus die starken
+Hände der halben Leiche reichten.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen
+<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
+Rumpf, tippte mit der Fingerspitze auf beide Augenlider.
+&bdquo;Wir nehmen heute Arm- und Gesichtsmuskeln durch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am
+Unterarm frei, erklärte mit ein paar Worten ihre Lage,
+hob den Arm der Leiche und zog an einer Sehne, worauf
+die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen
+Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die
+Wandtafel. Ein paar schnelle Striche.
+</p>
+
+<p>
+Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher;
+andere sahen aufmerksam zu.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran,
+da öffnete die Leiche den Mund. Es war sehr still. &mdash;
+Warum ist dieser junge Athlet gestorben, dachte der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom zog an einer anderen Sehne &mdash; und die
+Leiche streckte die Zunge heraus. &bdquo;Kemmerich!&ldquo; wandte
+sich der Anatom an das lebende Modell, einen fünfundsiebzigjährigen
+Mann mit spärlichem, weißem Bart, der
+nackt neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen
+und Muskeln des Modells waren sichtbar und vor
+Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung
+des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete,
+ließ ihn lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit
+den Armen, und demonstrierte an der Leiche die Lage der
+Muskeln.
+</p>
+
+<p>
+Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz
+und die Füße der Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium,
+zu den Füßen des Alten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist eine Freude zu leben&ldquo;, sagte ein Maler zu laut
+in die Stille hinein, und staunte mit den anderen erschrocken
+über die Tatsache, daß er den Satz gesprochen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die
+<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
+halbe Leiche hinaus- und eine verdeckte hereingefahren.
+&bdquo;Hier haben wir einen jugendlichen Akt von schönen Proportionen.
+Den wollte ich den Herren noch zeigen&ldquo;, sagte
+der Anatom und zog das Tuch weg.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde stand langsam auf. &bdquo;Das ist meine Leiche&ldquo;,
+flüsterte er. &bdquo;Geben Sie mir meine Leiche.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet&ldquo;,
+schloß der Anatom seinen Vortrag und hob die
+weiße, gepflegte Hand. &bdquo;Und es ist erfreulich, daß bei der
+jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher der
+Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal
+verlassen beim Erblicken Oldshatterhands.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du
+geworden&ldquo;, sagte Grünwiesler auf der Straße und stützte
+Immermann. &bdquo;Mnja, da kann man jetzt nichts mehr
+machen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weißt du&ldquo;, sagte Immermann, mit schiefgezerrten
+Lippen, &bdquo;erschießen hätte er sich nicht brauchen; aber das,
+was wir getan haben &mdash; war nur gerecht . . . Gerecht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge,
+talentvolle Maler Michael Vierkant um zehn Uhr früh
+zum ersten Preisträger der Akademie bestimmt worden sei.
+</p>
+
+<p>
+An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das
+preisgekrönte Bild. Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-10">
+<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
+Zehntes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>Z</span>um schwarzen Walfisch von Askalon&ldquo; hatte der
+bleiche Kapitän die Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen
+benannt, sofort nach der Übernahme, als
+Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens
+Frau geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte
+trotz der sich bis zum letzten Tage zäh wehrenden Mutter
+nach einem letzten großen Krach seine schöne Kellnerin geheiratet.
+Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier
+Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick
+voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen
+nach außen gestülpten Benommenschen Lippen.
+Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am Knöchel mit
+rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen
+Tag glückselig herum.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken
+und unheilvollen Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft
+eine nach der Bürger Meinung in gewissen Dingen
+allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche
+Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin
+von der &bdquo;Schönen Mainaussicht&ldquo; war eines Tages mit
+dem zarten Sachsen aus Würzburg verschwunden gewesen,
+nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf
+Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden
+waren.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
+Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung,
+als die frühere Kellnerin und jetzige junge
+Frau des roten Fischers halbe Tage lang in Winterkälte
+im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann gefangen
+hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr
+Mann allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin
+immer noch nicht nach Hause gekommen, dann ging sie
+ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn fand, trank stillschweigend
+und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den
+Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er
+mit dem Daumen über die Schulter zurückwies und seiner
+Frau deutlich erklärte, was das für Hammel und Rindviecher
+seien.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt
+Karfunkelstein geworden, unterstützte seine Eltern
+und war mit seiner Liebsten verlobt. Er hatte eine
+schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen Sterbesakramente
+empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben
+und gemeint, es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe,
+er würde im Kopfe nicht mehr richtig sein. Der allzu
+viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die Knochen
+geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber
+war wieder gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas
+steifes Bein hatte er zurückbehalten. Jetzt war er
+wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen Kapitän, dem
+jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.
+</p>
+
+<p>
+Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei
+ihrem Hauptmann zu Gast zu sein, denn da waren der
+Kegelklub &bdquo;Kanonenrohr&ldquo;, der Radfahrerklub &bdquo;Um die
+Welt&ldquo;, die Rauchgesellschaft &bdquo;Vesuv&ldquo;, die streng auf das
+regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
+Der König der Luft hatte dem &bdquo;Turnerbund Jahn&ldquo;
+eine Akrobatenabteilung angegliedert, von welchem Zeitpunkte
+an die Varietévorstellungen des &bdquo;Turnerbundes&ldquo;
+einen bedeutenden Ruf genossen.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch
+dem Angelklub &bdquo;Walfisch&ldquo; an, war Mitglied des Gesangvereins
+&bdquo;Zwischen grünen Bäumen&ldquo; geworden,
+dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands
+war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte
+Mitglied des Vogelstutzenklubs &bdquo;Löwenjagd&ldquo;
+und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn er errang alle
+ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken
+Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache,
+die von keinem Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde,
+schmale Mädchen seinem Freund Falkenauge weggeheiratet.
+Den eine um zehn Jahre ältere Witwe geheiratet
+hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige
+Geschäftsfrau war und sehr resolut.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm
+ihr Häuschen und die Gärtnerei vermacht hatte, gehörte
+allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, weil er für alle
+Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,
+sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen
+weit überragender Charakterschauspieler und jugendlicher
+Held, für die Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich
+geschätzt und anerkannt war. Er hatte das
+schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie war eine junge,
+frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten
+Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze
+band, die schönsten Stellen aus den klassischen
+<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
+Dramen vor. Und manchmal, wenn ein Freund bei ihnen
+saß, sagte sie zärtlich: &bdquo;Mein Mann spricht genau so wie
+der Bürgermeister von Bamberg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber
+in der Weinwirtschaft ihres Hauptmanns zusammen.
+Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann schnell entschlossen,
+für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:
+den Skatklub &bdquo;Bargeld lacht&ldquo;, der fünfundzwanzig
+Jahre später, als der Fremde zum letzten Male Würzburg
+besuchte und die Räuber schon fünfzig Jahre alte,
+graubärtige Männer waren, immer noch bestand.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.
+</p>
+
+<p>
+Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen
+sahen sich um nach ihm. &bdquo;Ah, Herr Baron&ldquo;, neckte
+ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und blickte ihm mit
+großen Augen nach.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend
+in der Luft umher, und über der Festung hing eine große
+Wolke mit glühendem Saum. Am Brückenheiligen Kilian
+lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die Ziehharmonika.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel.
+Bürger saßen vor den Haustüren, blickten prüfend
+in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten und
+unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster
+hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an,
+welcher aus der &bdquo;Altrenommierten Weinstube zu den drei
+Kronen&ldquo; trat.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das
+<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
+erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens.
+Seine Apfelbäckchen glühten. Denn er trank
+jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst.
+Sonst hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert;
+seine Haare waren noch dunkel, sein Körper zäh und dürr
+und aufgereckt wie immer.
+</p>
+
+<p>
+Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend,
+seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen
+hing, aufs Pflaster stoßend, schritt er aufrecht weiter.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo; blieb er stehen, zog seine Taschenuhr
+und verglich sie befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß Gott, Herr Lehrer&ldquo;, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister
+und legte die Hand an die Mütze. Sein
+Bart war blauweiß geworden. Er redete heftig gestikulierend
+weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, horchte
+Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe
+zusammen &mdash; es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas
+angestellt. Man wußte nur noch nicht recht, wer die
+Gauner waren.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf &bdquo;Zum schwarzen
+Walfisch von Askalon&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit &rsquo;n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei
+Herzaß heimgebracht&ldquo;, sagte still der Schreiber und mischte
+die Karten flink. Die Räuber waren versammelt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er is halt ein Rindvieh&ldquo;, sagte wütend Falkenauge,
+der durch das verkehrte Spielen des Königs der Luft
+sieben Pfennig verloren hatte. &bdquo;Das sag ich ihm schon
+seit Jahr und Tag, aber er will&rsquo;s nit glaub.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite
+des langen Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage,
+<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
+mit Brotlaiben, übriggebliebenen Semmeln und
+vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen belagert.
+Außer ihm saß niemand am Tisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch
+die junge Wirtin erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein
+brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott! Else! <em class="em">wieder</em> ein Glas!&ldquo; rief der
+bleiche Kapitän der blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas
+aus der Hand gefallen war. Sie lächelte immer und
+hatte verklebte Augen. &bdquo;No, jetzt bin ich aber doch
+g&rsquo;spannt . . . Solo!&ldquo; schloß er, stülpte die Lippen nach
+außen und fingerte den Kartenfächer in seiner Hand
+zurecht.
+</p>
+
+<p>
+Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte
+sich und sprang auf den Stuhl neben dem Fremden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das wird mir aber auch noch ein Solo sein&ldquo;, sagte
+der Schreiber, zog die Brauen in die Höhe, holte den ersten
+Stich. &bdquo;Und Trumpf!&ldquo; rief er und lächelte sicher.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die
+Karten auf den Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ
+seine Stiche in der Mitte liegen; die Karten flogen immer
+schneller. &bdquo;Das hamm wir jetzt g&rsquo;sehn, was das für ein
+Solo war&ldquo;, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene
+Geld in sein Tellerchen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, Else, wo hast denn dei Auge!&ldquo; rief er und wies
+auf den Fremden. Die Kellnerin füllte das Glas.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Else, wir trinken auch noch eins&ldquo;, sagte der Schreiber
+und legte den Arm um die Taille der Kellnerin. &bdquo;Ein
+saubers Mädle bist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf
+dem Arm.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
+&bdquo;Pssss, wssss&ldquo;, machte der Fremde leise zur Katze.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schläft der ganz Kleine denn?&ldquo; fragte der bleiche
+Kapitän und gab die Karten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was wird er denn sonst tun&ldquo;, erwiderte die Witwe
+Benommen und gab dem Kind auf ihrem Arm ein Stück
+Zwetschgenkuchen in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche
+nit die Abweiche.&ldquo; Er stülpte die Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sei still. Da, hast dein Sohn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen strahlte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein
+Schelloberlein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da! hast&rsquo;n!&ldquo; rief wütend der König der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein
+blonder, großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief
+gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und Händen voran,
+bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und
+ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen
+roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. &bdquo;Ooooskar!&ldquo;
+brüllte der Matrose. &bdquo;Seid ihr alle da!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Haargott!&ldquo; riefen die Räuber, und ihre Münder blieben
+offen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!&ldquo; stotterte der
+Duckmäuser und blieb auf dem Tische liegen. Er war total
+betrunken. &bdquo;Pf . . . Pf . . . Pf . . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, also aber und! Du bist am Geben&ldquo;, sagte grimmig
+der König der Luft. Er war im Verlust.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
+&bdquo;Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is.
+Schluß!&ldquo; riefen alle durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Setzt euch da rüber an lange Tisch&ldquo;, sagte der bleiche
+Kapitän, und zum Fremden gewandt: &bdquo;Sie erlauben doch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose
+saß in der Mitte auf der Bank. Der Fremde, als habe er
+das Präsidium, saß an der Stirnseite. Die Witwe Benommen
+stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet,
+und schüttelte lächelnd den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bring a paar Maß Wein!&ldquo; rief der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich zs zs zs zs zahl alles!&ldquo; brüllte der Matrose.
+&bdquo;Sssssauft!&ldquo; Und schüttete ein Glas Wein in sich hinein.
+&bdquo;Sch . . . Sch . . . Schreiber, alter Ga . . . Ga . . .
+Ga . . . Gauner!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, wer hätt das gedacht&ldquo;, sagten die Räuber
+und sahen still und betroffen auf den Matrosen, wie auf
+ein fernes Land. Ihre Münder standen offen, die Mundwinkel
+waren in wehmütigem Staunen in die Wangen
+zurückgezogen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warst du weit?&ldquo; fragte einer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!&ldquo; Er breitete
+weit die Arme aus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So einer, immer war er so still&ldquo;, sagte die Witwe Benommen.
+&bdquo;Man hat gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?&ldquo; Er
+leerte sein Glas und konnte dann fließender sprechen.
+&bdquo;Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma . . . Mager geträumt.
+Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi . . .
+Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber
+es www . . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen
+&mdash; www . . . er me . . . meldet sich? &mdash; und ich hab um mich
+<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
+. . . um mich g&rsquo;haut, und bin tropf . . . tropfnaß aufgewacht
+. . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? . . . Ssssauft
+doch! . . . Ssssauf du auch!&ldquo; brüllte er und reckte, mit
+dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte
+liegend, sein Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kommt ihm nur nit mit&rsquo;n Zündhölzle zu nah, er explodiert
+sonst&ldquo;, sagte die Witwe Benommen. &bdquo;Er trinkt
+e bißle zu viel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte
+die Fußspitzen nach rückwärts. &bdquo;Ein deutscher Seemann
+ist trinkfest.&ldquo; Der bleiche Kapitän stimmte die Gitarre.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Auf, Matrosen, ohe!</p>
+ <p class="line">Auf die wogende See.</p>
+ <p class="line">Schwarze Gedanken,</p>
+ <p class="line">Sie wanken und fliehn</p>
+ <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind&ldquo;,</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er
+trank. &bdquo;Wa . . . Wa . . . Wa . . . Wein her!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch,
+wie wir damals Traube g&rsquo;stohle ham, im königliche Weinberg?
+Das war Anno . . . 1899. Ich hab no a paar
+Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg
+in mein Keller.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den mußt aber spendier&ldquo;, sagte der Schreiber. &bdquo;No,
+allemal!&ldquo; riefen alle Räuber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, paßt auf&ldquo;, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend,
+&bdquo;der is teuer. Wo käm ich denn da hin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!&ldquo;
+brüllte der Matrose dem Fremden zu.
+<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
+&bdquo;Haargott, is der besoffen!&ldquo; riefen die lachenden Räuber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon
+im Keller haben&ldquo;, sagte plötzlich der Fremde und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche
+Kapitän vorsichtig den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln
+in die Kelche. Alle standen auf. Auch der Matrose
+lehnte schief an der Wand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber also und, Donnerschlag!&ldquo; Die tiefe Falte verschwand.
+Der König der Luft hatte gelächelt. &bdquo;Das is
+e Weinle!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das will ich meinen&ldquo;, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . .
+Kee . . . Kee . . . Kette gelegt.&ldquo; Er trank und sprach
+fließender. &bdquo;Da war unser Schiff an einer unbewohnten
+Insel vorbeig&rsquo;fahre, in der Näh von Indien . . . Ich
+hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . .
+du . . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . .
+nix zu fr . . . fresse g&rsquo;funde. Da hab ich a Sch . . .
+a Schlange gebrate. Die war dir aber bi . . . bi . . .
+bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich wieder erwischt
+und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir die
+Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung
+des Festungsgrabens und sahen hinunter auf die
+Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;U . . . u!&ldquo; klang es langgezogen und klagend von
+unten herauf. &bdquo;Die Meekuh brüllt&ldquo;, sagte der Schreiber
+und deutete hinunter zum Main, wo der Schleppdampfer
+eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog.
+Ein Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke.
+<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
+Die Räuber sahen, wie über den Flößer am Steuer der
+weiße Gischt stürzte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber also und, wie aus dem Boden gewachse&ldquo;, sagte
+der König der Luft und deutete neben sich auf die Aussichtsbank
+aus krummen, weißschaligen Birkenästen, die
+der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer
+aufgestellt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben.
+Eine Geiß weidete im Graben. Das hohe, dürre Gras
+zirpte, vom Winde bewegt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle
+gewachse&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Is des nit e Birnbäumle?&ldquo; fragte der König der Luft,
+und ein anderer griff in die Zweige. Ein paar Hummeln
+flogen auf und umsummten den Baum.
+</p>
+
+<p>
+Der Matrose sah sich um: &bdquo;A a also, jetzt sagt mir
+aber amal, wo . . . o is denn eigentlich euer &sbquo;Zs . . . Zs
+. . . Zs . . . Zimmer&lsquo;?&ldquo; Und blickte gespannt und pfiffig
+die Räuber an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, des is ja scho lang zugemauert.&ldquo; Sie suchten.
+&bdquo;Da muß gewese sei.&ldquo; Und zogen einen üppigen Brombeerbusch
+zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . .
+Gang zs . . . zum &sbquo;Zs . . . Zs . . . Zimmer&lsquo;?&ldquo; fragte der
+Matrose staunend und deutete auf eine Stelle, die noch
+etwas heller war als die übrige Mauer. &bdquo;Haaar . . . gott.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis.
+Ein rothaariger Junge schnellte in die Höhe, hob die
+Hand und rief: &bdquo;Heimatscha!&ldquo; Seine Bande stürmte zur
+Mauer und krabbelte daran hinauf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
+&bdquo;Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war
+das &sbquo;Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer&lsquo;?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre
+Gedanken eilten die Jahre zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir warn halt Kinder damals&ldquo;, sagte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und
+hing am Baumstamm. &bdquo;Dort! Schaut hin!&ldquo; zeigte die
+Rote Wolke, und sein Mund stand offen, rund und schwarz
+wie ein Mauseloch.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.
+</p>
+
+<p>
+Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser,
+hoher Mönch geschritten, in brauner Kutte. Er
+beugte das Knie vor dem Marienbild am Wege und schlug
+das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten
+sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou.
+Der Wind wehte dem Kinde das Haar ins Gesicht; es
+sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen
+vor der Sonne. &bdquo;Gelobt sei Jesus Christus.&ldquo; &bdquo;In Ewigkeit,
+Amen, mein Kind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie weit ist&rsquo;s bis zum nächsten Gutshof?&ldquo; fragte
+der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Stunde über den Berg&ldquo;, sagte Winnetou. Er
+hatte ein stilles, klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.
+</p>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***</div>
+</body>
+</html>
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #30281 (https://www.gutenberg.org/ebooks/30281)
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+The Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+
+Title: Die Räuberbande
+
+Author: Leonhard Frank
+
+Release Date: October 19, 2009 [EBook #30281]
+[Last updated: September 12, 2014]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+ 16. bis 20. Tausend
+
+
+
+
+ Leonhard Frank
+ Die Räuberbande
+ Roman
+
+
+ 1922
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+ Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig
+
+ Lisa Ertel gewidmet
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die
+Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen
+Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von
+Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und
+aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des
+Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.
+
+Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter
+Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder
+hörbar.
+
+Über der Stadt lag Abendsonnenschein.
+
+Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und
+im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der
+Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen.
+
+Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.
+
+Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um
+die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen
+Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und
+versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der
+Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die
+Brücke.
+
+Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit
+Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing,
+aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen
+spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten
+davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des
+Montags.
+
+Der Lehrer war gefürchtet.
+
+Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so
+sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe
+Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft
+mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte
+er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe.
+Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel
+zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann
+holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke,
+hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten
+und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der
+gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die
+Fingerspitzen zwickte.
+
+Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang.
+Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm,
+erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.
+
+Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen
+mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch
+nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der
+Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den
+>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da
+unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen.
+
+Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr
+vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront
+gegen den Brückenberg steht.
+
+Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den
+Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die
+Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden.
+
+Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage,
+denn die Sonne war noch nicht unter.
+
+Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für
+den Fortschritt.
+
+Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem
+Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen
+Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter
+Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen.
+
+»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und
+schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a
+ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a
+Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine
+gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe
+grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf.
+
+Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen
+ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er
+hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei
+Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand.
+
+»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager
+seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er,
+und ließ den Tabak in seine Tasche fallen.
+
+»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus
+mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote
+Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks!
+die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die
+Adern an seinem Halse schwollen.
+
+Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager
+beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die
+Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
+vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.
+
+Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben,
+dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach.
+
+Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang
+freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen
+stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten
+einem Besitzer.
+
+Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher
+trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob
+den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.
+
+Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende
+Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter.
+
+Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel
+gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere
+Haut langsam wieder heraus in die Höhe.
+
+Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen
+Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur
+Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein
+getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen
+Himmel schlagen.
+
+Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den
+Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen
+starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian
+und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den
+Mageninhalt.
+
+Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine
+gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter,
+den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren.
+
+»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer
+der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein
+Mauseloch.
+
+»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?«
+
+»Dort, beim heiligen Kilian.«
+
+»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.«
+
+»Wenn er doch eine Wurst hat.«
+
+»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft.
+
+Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem
+Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber
+die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst
+wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit
+der Wurst?«
+
+»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon
+gegessen.«
+
+»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.«
+
+»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.«
+
+»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm.
+
+Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und
+wollte sie in den Mund gleiten lassen.
+
+»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute.
+Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.«
+
+Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.
+
+Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.
+
+»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde
+begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen.
+
+Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause
+brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten.
+
+»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie
+jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.«
+
+Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst
+resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf
+seinen Gegner.
+
+Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd
+heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel.
+
+Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah
+sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der
+Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.
+
+Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in
+einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper
+hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.
+
+Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen.
+Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch
+um. Die Brücke war leer.
+
+ * * * * *
+
+In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen
+ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange
+fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei
+kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.
+
+Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum
+Fortgehen zu geben.
+
+»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen
+benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er
+aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
+seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der
+Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine
+Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er
+in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und
+reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten
+Stock aus dem Fenster sah.
+
+Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister,
+ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen,
+schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.
+
+Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon
+seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah
+manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der
+Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte
+nur das Reiben.
+
+Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf
+senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.
+
+Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen,
+Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.
+
+Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn
+hinunter.
+
+Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.
+
+»Was soll denn das!«
+
+»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.«
+
+»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen
+Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?«
+
+Oldshatterhand wurde blutrot.
+
+»Was bist du!«
+
+»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.«
+
+»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den
+ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum
+Teufel! . . . Eselsbande!«
+
+Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die
+Jungen entfernten sich lautlos.
+
+Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb
+er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser
+riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,
+stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.
+
+Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein
+armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen
+Tritt geraten.
+
+Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den
+Heimweg.
+
+Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er
+hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging
+unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
+auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden
+zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die
+Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden.
+
+»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und
+ging in der angezeigten Richtung fort.
+
+Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper
+hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können.
+
+Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu.
+
+»Sie . . . Sie!«
+
+Der Mann blieb stehen.
+
+»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich
+bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.«
+
+Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom
+Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand.
+Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne
+nach.
+
+Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke
+Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last
+und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der
+Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln.
+
+Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die
+Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal
+drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .
+Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben
+mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich
+Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die
+Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.«
+
+Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend
+gäbe.
+
+»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb
+ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart
+arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e
+bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein
+Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr
+Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und
+konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen
+überrascht hatte.
+
+Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden
+nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke.
+
+»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie
+Rom.«
+
+Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie
+Rooom!«
+
+ * * * * *
+
+Es war elf Uhr nachts.
+
+Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande,
+Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner
+Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen.
+An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein
+handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht
+getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht.
+
+Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns
+betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf:
+
+ »Ich wollte sie verführen,
+ Dazu hat sie kein Mut.«
+
+Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte
+den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten
+Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander,
+zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß
+sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben,
+hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln.
+
+Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt,
+und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer.
+
+Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster,
+»U . . . u!«
+
+Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die
+Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter.
+
+Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein
+dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der
+Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein.
+
+Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge
+Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf
+dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein
+Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die
+Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine
+Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei
+einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um
+Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein
+Brand ausbrach.
+
+Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war
+vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . .
+hörst du nichts?«
+
+»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän,
+sah sich auch um und zog die Schuhe an.
+
+»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst
+hat.«
+
+»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz.
+Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.«
+Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die
+Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder
+zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich
+gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit
+fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz
+unglaublich.«
+
+»Das hätt ich mir nit g'fall laß.«
+
+»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch
+nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham
+. . . Heiliger Gott!«
+
+»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit
+Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was
+erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz
+genau, daß ich mir das nit g'fall laß.«
+
+»Ja no.«
+
+»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde
+ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.«
+
+»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der
+bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den
+andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh
+anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern
+vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.«
+
+»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.«
+
+»Ja, aber leis.«
+
+Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,
+wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit
+war das Tor geschlossen.
+
+Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand
+vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf
+Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt
+hinunter und sprangen in den Festungsgraben.
+
+Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg
+heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen,
+den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den
+Festungsgraben.
+
+Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt.
+
+Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.
+
+Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die
+Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im
+Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder
+Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt
+war aus purem Silber.
+
+Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die
+Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs.
+
+Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der
+tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf.
+
+Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen
+reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte.
+
+Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen,
+auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die
+Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.
+Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.
+
+Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande
+galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und
+furchtsam.«
+
+»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän.
+
+»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.«
+
+»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau
+festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser
+kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar
+Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter
+und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen
+sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante
+die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er
+deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung
+mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder
+Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn
+Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+
+»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die
+Höhe.
+
+»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen
+wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen
+Teich.«
+
+»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen?
+He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer
+und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird.
+Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.«
+
+Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne
+zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte
+Hand zurück.
+
+»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich
+der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist?
+Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.«
+
+Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß
+sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden
+Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft
+verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf
+unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.«
+
+»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und
+stülpte die Negerlippen nach außen.
+
+»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer
+eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab
+ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur
+unser Bureauvorsteher.«
+
+»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte
+Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.«
+
+»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?«
+
+»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is
+total tot.«
+
+Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur
+Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das
+schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins
+Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter
+gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der
+Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie
+mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . .
+Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham
+wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!«
+
+»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus
+kämen«, sagte der Schreiber erstaunt.
+
+Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und
+blieb reglos hocken.
+
+»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise
+herum.
+
+Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer.
+Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen.
+Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem
+Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male
+angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka
+. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man
+immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf
+nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen
+. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und
+er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der
+Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die
+Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel
+hat sie.«
+
+»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China,
+immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den
+Schultern.
+
+»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten
+empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke
+. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so
+groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß
+er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso
+kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma
+. . . ma . . . meint ihr nit?«
+
+»Das weiß man halt nit recht.«
+
+Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und
+schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen
+nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als
+einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten
+Höhe zu sitzen.
+
+Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen
+schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der
+Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg
+einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du
+meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der
+Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.«
+
+»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da
+werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich
+sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne
+die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst,
+schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt
+gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre
+Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst
+in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche
+Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen
+glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge
+sicher alles glatt.«
+
+»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.«
+
+»No, allemal.«
+
+Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als
+Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der
+bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder
+Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.
+
+Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen
+Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und
+baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus
+Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.«
+
+Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie
+sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten
+vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit
+einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt
+den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf
+Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer
+Brückenbogen im Mississippi.
+
+Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die
+Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.
+
+»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme.
+»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!«
+
+»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der
+wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da
+wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden
+Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt
+die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir
+hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.«
+
+»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri
+. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat
+einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil
+so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit
+helf tr . . . tr . . . trag dürf.«
+
+»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein
+Liebling. G'schieht dir ganz recht.«
+
+»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . .
+Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden
+muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!«
+schrie Oldshatterhand wütend.
+
+»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in
+Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch
+Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib
+und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.«
+
+»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der
+hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.«
+
+»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von
+Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.
+
+»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . .
+Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand.
+»Grü . . . grüne vielleicht.«
+
+»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.«
+
+»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand
+erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.
+
+»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben,
+ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen
+Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß:
+»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand
+auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.
+
+Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während
+das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein
+Glasauge.
+
+Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und
+schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der
+Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu
+schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe
+Nachtstille.
+
+»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den
+heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge
+. . . sp . . . sprochen.«
+
+Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen
+Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden
+Augen auf den Schreiber.
+
+Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die
+sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber
+den Kopf hob.
+
+»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den
+anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft
+und monoton dazu:
+
+ »Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
+ Nang kang killewi, nang kang killewi,
+ Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
+ Nang kang killewi wau.«
+
+Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber
+standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen
+Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem
+Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor
+bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter.
+
+Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.
+
+Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der,
+gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe
+fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die
+Räuber oben hineinsehen konnten.
+
+Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten,
+die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg
+in die königlichen Weinberge.
+
+Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang
+hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein
+Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den
+königlichen Weinbergen.
+
+Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben,
+außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine
+freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu
+rühren.
+
+Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den
+anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand
+die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich.
+
+Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.
+
+Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.«
+
+»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum.
+
+Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.
+
+Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu
+den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab,
+aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel
+abgezogen wird.
+
+»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen,
+wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so
+viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.«
+
+Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock.
+
+Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die
+Domuhr schlug eins.
+
+Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum.
+Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne
+hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere
+in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte
+erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn
+jetzt jemand kommt!«
+
+Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf
+der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten,
+und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß
+er mich sieht.«
+
+»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.
+
+»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des
+bleichen Kapitäns laut von seitwärts.
+
+Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an
+etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die
+Taschen.
+
+Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der
+Festungsmauer.
+
+»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän
+Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.«
+
+Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.
+
+Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine
+klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt
+blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie
+zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für
+eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden.
+Das sieht man doch von der Stadt drunten.«
+
+Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous
+Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und
+trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder.
+
+Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen
+zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern.
+
+»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug
+habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie
+ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich
+wahrhaftig nit.«
+
+Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt
+auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten,
+zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem
+Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg
+geschmuggelt hatte.
+
+»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge.
+
+»Wo? . . . Wo denn!«
+
+»Jetzt is er weg.«
+
+»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da
+sind«, sagte der Schreiber.
+
+Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin
+und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!«
+
+Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.
+
+Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.
+
+Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens --
+ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines
+unterirdischen Ganges.
+
+Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und
+ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten
+gegen die Räuber, und huschten ins Freie.
+
+Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte
+der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit
+Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem
+Täfelchen war zu lesen:
+
+Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof
+des Justizgebäudes. Vorsicht!
+
+Auf einem anderen Täfelchen stand:
+
+Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins
+Nonnenkloster Himmelspforten.
+
+Auf dem dritten Täfelchen:
+
+Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur
+Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten
+Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in
+die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen
+Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang
+nur bei Lebensgefahr zu betreten.
+
+Der Hauptmann.
+
+Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen
+Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen
+hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän
+zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
+quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen
+herausgehauen, Steinbänke waren.
+
+Das war »das Zimmer«.
+
+Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen
+Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt
+worden.«
+
+Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale
+gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon
+vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität,
+von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit
+Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben
+lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier,
+in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern
+eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in
+dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte,
+mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf
+Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef
+zu senden, zum Ersatz.
+
+Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit
+Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der
+Prärie die Rothaut beschliche.
+
+Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen
+Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser,
+sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
+Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten
+Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen
+an der Mauer.
+
+Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«.
+
+Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-,
+Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische
+Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in
+zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem
+Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls
+zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen
+oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle
+Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des
+bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im
+gepreßt vollen Bücherregal.
+
+Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes
+Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von
+Schiller.« Das Hausbuch der Bande.
+
+Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das
+Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte.
+
+Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher
+Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf.
+
+Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.
+
+»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der
+bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
+
+Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und
+ein Büchlein heraus.
+
+Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer
+an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser
+jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein
+Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!«
+Und dabei errötete er stets tief.
+
+»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die
+Trauben.
+
+»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.«
+
+»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen.
+Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und
+deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger
+Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?«
+
+»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk,
+in Form einer Eidechse.«
+
+»Und das da, Hauptmann?«
+
+». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . .
+Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird
+ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist
+er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
+wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend,
+gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.«
+
+Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe.
+
+Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«,
+sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem
+Sanderrasen. Er läuft im Trikot.«
+
+»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte
+er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige
+Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.«
+
+Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine
+Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen
+Platz.
+
+Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?«
+
+». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.«
+
+Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den
+die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des
+roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den
+Schrank.
+
+Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.
+
+Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß.
+Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden.
+Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie
+auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.
+
+Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten.
+
+»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort.
+
+»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän.
+
+»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden
+gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig
+Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen
+ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier
+verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt.
+Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß
+wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und
+erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir
+uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind
+wir verschollen auf ewig.«
+
+Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte
+sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen
+Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.
+
+»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt.
+»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer
+von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu
+heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.«
+
+Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke:
+»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist,
+das versteh ich ganz einfach nit.«
+
+Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte
+und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das
+hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
+Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der
+Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein
+scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren
+Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die
+Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und
+hatte ein Indianerprofil.
+
+»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand.
+
+Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines
+Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche
+Gräfin!«
+
+»Räuberlied!« brüllten die anderen.
+
+»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich
+überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt.
+Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht
+stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief
+zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und
+die Räuber hörten zu.
+
+ »Stehlen, morden, huren, balgen,
+ Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
+ Morgen hangen wir am Galgen,
+ Drum laßt uns heute lustig sein.
+ Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!«
+
+Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das
+gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän
+sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der
+Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht
+besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte
+pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam
+Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er
+nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den
+Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme.
+
+Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt
+in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen
+die Schulter der Roten Wolke.
+
+»O Felli«, sagte müde Winnetou.
+
+»Sprich.«
+
+»Es ist Zeit, Hauptmann.«
+
+»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank
+auf die Brust.
+
+Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die
+Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf.
+
+Das Wasser im Fischkasten gluckste.
+
+Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase,
+aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer«
+herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa
+Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:
+
+ »Das Wehgeheul geschlagener Väter,
+ Der bangen Mütter Klaggezeter,
+ Das Winseln der verlaßnen Braut
+ Ist Schmaus für meine Trommelhaut.«
+
+Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder
+sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen.
+
+Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf
+einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an
+einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben
+und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins
+raschelnde Laub.
+
+Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig
+Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren
+Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.
+
+»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte
+ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der
+Räuberrunde.
+
+»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war
+der Hobel noch nit dort gelegen.«
+
+»Wie kommt er überhaupt daher.«
+
+»Ein schöner Hobel ist es ja.«
+
+»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig.
+
+»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.«
+
+Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die
+übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.
+
+»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch.
+
+Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste.
+»Was heißt denn das . . . verloooren!«
+
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es
+wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete
+die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen
+ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.«
+
+»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal
+heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre
+Vorratskammer.«
+
+Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg
+hinunter.
+
+Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem
+alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um
+zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der
+Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre
+bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden
+hinunter.
+
+Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf
+den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf
+und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die
+Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und
+ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.
+
+Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit
+faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte
+sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
+Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.
+
+Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die
+Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut
+tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft
+umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der
+bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die
+Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie
+losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand.
+Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.
+
+Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und
+Beinen.
+
+Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den
+hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der
+Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer
+gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar
+nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen,
+so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.
+
+Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter
+hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.
+
+Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im
+Wirtschaftsgarten.
+
+Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein
+vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.
+
+ * * * * *
+
+Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen
+Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die
+»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang
+sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.
+
+Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln,
+paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter
+Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten.
+
+Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des
+Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und
+blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen
+Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff:
+»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und
+weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte,
+den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.
+
+Sonst blieb alles unverändert.
+
+Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«,
+trillerte der Kanarienvogel.
+
+»Pst«, machte Oldshatterhand.
+
+Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den
+Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und
+winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen
+Ausgang heute.
+
+Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich
+zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt
+war, und erstattete Bericht.
+
+Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen
+solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte
+ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.
+
+Entschlossen trat er ein.
+
+»Haarschneiden -- Herr Benommen?«
+
+»Nein . . . Heute nur rasieren.«
+
+»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und
+noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man
+wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte
+Haut des Hauptmanns gleiten.
+
+Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute
+unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht
+geschnitten habe.
+
+Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber
+gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die
+Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den
+Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune.
+Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter.
+
+Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.
+
+Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges
+Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der
+Schreiber nachgerast.
+
+Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war
+der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt.
+
+Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und
+betrachtete dabei die Würste im Schaufenster.
+
+Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser
+hörte auf zu kauen.
+
+»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber.
+»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so
+verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die
+kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.«
+
+»Der Jud Meierheim soll's getan haben.«
+
+»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud
+getan hat . . . du Rindvieh!«
+
+»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft.
+
+Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.
+
+»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der
+Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken
+bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt
+über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt,
+blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das
+Grauen der Räuber auf sich wirken.
+
+»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte
+überzeugend der Schreiber.
+
+Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.
+
+Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten
+darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen
+auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.
+
+Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen
+-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.
+
+In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß
+rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus
+dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß
+ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden
+Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart.
+
+Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl.
+Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller
+in der Hand.
+
+Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.
+
+»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.«
+
+Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln
+zuckte über sein Gesicht.
+
+Da trat er in den Raum.
+
+Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm
+hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor-
+und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.
+
+Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen
+vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die
+begeisterten Draufrufe seiner Bande.
+
+»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der
+rote Fischer.
+
+Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.
+
+Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren
+Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen
+Augen, wenn man nicht gab.
+
+Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten
+vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um.
+Und war weg.
+
+Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer
+langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und
+überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem
+Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren
+Runde vollkommen erschöpft aufgab.
+
+Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.
+
+Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen
+Menschensaum entlang.
+
+Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter.
+Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen
+kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.«
+
+»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.«
+
+»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.«
+
+»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der
+Schreiber, mit der Uhr in der Hand.
+
+»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.«
+
+»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's
+warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem
+Backofen raus.«
+
+»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand.
+
+»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für
+mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr
+für die Reparatur verlangt.«
+
+»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.«
+
+»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so.
+Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist,
+daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.«
+
+Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und
+bleich.
+
+Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der
+Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche
+Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.
+Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.
+
+Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und
+sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der
+Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.«
+
+Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster
+Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen
+weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum?
+. . . Ja, was wär denn das.«
+
+»Versuchen Sie ihn nur selber.«
+
+»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch
+erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend.
+
+»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der
+bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist
+die Petroleumkanne daneben gestanden.«
+
+»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und
+schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum.
+
+»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen
+uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt
+einmal den andern Platz an.«
+
+Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen
+hinaus.
+
+Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in
+den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte
+der Schreiber nach einer Weile.
+
+Der Bäcker wurde dunkelrot.
+
+»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und
+schluckte hastig.
+
+»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr
+Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken
+darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.«
+
+Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der
+Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander
+und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.«
+
+»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach
+Petroleum.«
+
+Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.
+
+»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir
+ganz einfach in den Laden.«
+
+»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und
+verschwand.
+
+Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein.
+
+»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann
+der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!«
+
+Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das
+dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die
+Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei
+heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.
+
+»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber
+sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.
+
+Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns
+unser Geld zurückgeben, natürlich.«
+
+Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen,
+verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden
+Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz
+klar. Ich versteh Sie wirklich nit.«
+
+»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der
+Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.«
+
+Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.
+
+Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde
+gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange
+suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein
+streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen
+waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!«
+
+Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte,
+nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende
+Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt.
+Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes
+Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von
+Haselnußsträuchern umstanden.
+
+Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig
+zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel
+Kraft.«
+
+Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen
+gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war.
+
+»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und
+drückte das Stengelchen auch zur Seite.
+
+Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir
+und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.«
+
+»Es braucht auch viel Sonne und Regen.«
+
+Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das
+Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein
+bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien;
+seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal
+zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre
+. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden,
+der gestützt werden muß.«
+
+»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte
+Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das
+Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber
+der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah
+nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern
+in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück.
+
+Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen
+wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal
+fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.
+
+»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou.
+
+»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«,
+sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem
+Gesicht.
+
+Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und
+die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.
+
+Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites,
+verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und
+fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach,
+worauf sie erhitzt nach Hause eilten.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen
+hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande
+gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
+Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich
+und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange
+zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber
+viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre,
+betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer
+Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im »Zimmer« wurden
+zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.
+
+Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf
+den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.
+
+Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein
+schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile
+blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. »Was glaubt
+ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist
+erschossen worden.«
+
+»Oh, halt doch's Maul!«
+
+»Da hockt er ja«, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.
+
+»Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern«, rief
+der bleiche Kapitän wütend.
+
+»Winnetou ist tot?« fragte Winnetou leise. »Das ist nicht möglich. Wie
+soll denn das passiert sein.«
+
+»No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer
+gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle,
+die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er
+tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle
+geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.«
+
+»Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in
+so einem Augenblick nit da sein?« fragte Winnetou erregt.
+
+Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den
+bleichen Kapitän geheftet.
+
+»Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und
+hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz
+unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist
+er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten,
+sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar
+Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou
+ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt
+ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal
+hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt
+muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.«
+
+Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen
+sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war.
+
+Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch
+die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo
+Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner,
+schwarzer Punkt -- schußbereit.
+
+»Da kann man jetzt nix mehr mach«, sagte der bleiche Kapitän und reckte
+sich auf. »Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.«
+
+»Leih mir das Buch bis morgen«, bat Winnetou.
+
+»Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen«, wehrte
+der bleiche Kapitän ab.
+
+»Morgen früh geb ich dir's wieder zurück.«
+
+»Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig
+mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir
+gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach,
+wennst's ausgelesen hast.«
+
+Winnetou griff nach dem Buch.
+
+Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.
+
+Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr
+Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen
+Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. »Ich muß erst die Stiefel vom
+Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da
+. . . Geh mit«, sagte er zum König der Luft.
+
+»Hn!«
+
+»Der frißt dich doch nit.«
+
+»Also hopp! Also wenn du meinst.«
+
+»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis
+wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe.
+
+Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist
+fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache
+geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux
+übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.«
+
+». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?«
+
+»Sei doch still.«
+
+Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht.
+Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in
+der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die
+Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem
+Kanapee hing.
+
+»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig
+kosten die Stiefel.«
+
+Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös
+mit den Daumen.
+
+»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die
+lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief
+blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?«
+
+»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft
+blickte starr vor sich hin.
+
+Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den
+Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke,
+schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem
+Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt
+einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den
+Geldbeutel.
+
+»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber
+auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja
+Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.«
+
+»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.«
+
+»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.«
+
+»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom
+Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.«
+
+»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen
+hab ich eine Mark siebzig dran verdient.«
+
+»Hn!«
+
+»Eine Mark siebzig.«
+
+»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.«
+
+»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän
+vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber,
+daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der
+stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber,
+wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!«
+rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.
+
+Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und
+wollte in sein Zimmer schleichen.
+
+Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal
+her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus
+baumelte an ihrer Brust.
+
+Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden
+Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee
+neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör
+standen auf dem Tisch.
+
+»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf
+die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.
+
+»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!«
+
+Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein
+und schlug das Kreuz.
+
+»Nun?«
+
+Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus
+Christus.«
+
+»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der
+Kaplan und nippte vom Likör.
+
+». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden
+verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.
+
+Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust
+hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der
+rote Mann tot zu Boden.«
+
+Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
+
+»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau
+Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.«
+
+Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!«
+
+»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.«
+
+Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte
+Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich
+mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!«
+
+Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
+
+»Wird's bald!«
+
+Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus
+Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den
+Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand
+vorstreckte.
+
+»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm
+hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz
+geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos
+das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
+
+Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die
+zart errötend ihm die Hand überließ.
+
+Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
+
+Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen
+gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter,
+daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen
+trockneten. Die Gesichtshaut spannte.
+
+Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender
+Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände
+nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort
+. . . dort.«
+
+Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war
+eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und
+verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.
+
+Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er
+hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich
+sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit.
+Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
+gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte
+altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem
+Wagen gelegen und eingeregnet worden.
+
+Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten
+Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.
+
+Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und
+sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren
+ging.
+
+Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg
+aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze
+Südwand des Hauses bedeckte.
+
+Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch
+herumgesetzt.
+
+Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß
+der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das
+pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke
+streifte.
+
+Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße
+ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.
+
+Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß
+bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer
+seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.
+
+Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen
+Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond,
+mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins
+Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
+Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil
+sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten.
+
+Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen
+auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.
+
+Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung
+verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die
+frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid
+ihr auch wieder einmal da.«
+
+Die Räuber lächelten befangen.
+
+»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll
+verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so
+versaut.«
+
+Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte
+verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r
+Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er
+drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu
+den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.«
+
+»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der
+Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?«
+
+»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine
+Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die
+Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf
+seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant,
+wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.«
+
+Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.«
+
+»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig
+zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.
+
+Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die
+Hand auf die Schulter.
+
+»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der
+Schreiber sehr schnell.
+
+»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl!
+'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach
+hinten zu seinem Schanktisch.
+
+Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim
+>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän.
+Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein
+eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die
+Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn
+Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal,
+kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?«
+
+Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an,
+deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch
+kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum
+Tisch.
+
+Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm
+erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er.
+»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei
+Schuh bei mein Vater mach.«
+
+Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den
+Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke,
+sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und
+las laut den gerahmten Spruch an der Wand:
+
+ »Ob ich morgen leben werde,
+ Weiß ich freilich nicht,
+ Daß ich aber, wenn ich lebe,
+ Trinken werde, das ist ganz gewiß.«
+
+Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und
+begann an einem roten Strumpf zu stricken.
+
+Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen
+den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte.
+»Isterfrisch?«
+
+»He?«
+
+»Ist der Fisch frisch?«
+
+»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er
+Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden
+Karpfen unter die Nase.
+
+»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut.
+
+»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte
+der Fischer.
+
+»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da.
+Größter Seifenverbrauch usw.«
+
+»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is?
+Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.«
+
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann,
+der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt
+hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend
+an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und
+lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen
+glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen
+geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin
+wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin
+sie a no.«
+
+Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
+
+»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht
+. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue,
+wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle,
+weil's mit der Brautschau Wasser war.«
+
+»No, allemal!« rief der Schreiber.
+
+»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«,
+sagte der Glasermeister speichelspritzend.
+
+Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der
+Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise
+auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!«
+
+»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.
+
+»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen.
+
+»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer
+noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«,
+sagte der Berliner.
+
+»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!«
+
+»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der
+Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem
+kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten
+Glasermeisters:
+
+ »Johann Ja--a--kob Streeeberle,
+ Johann Stre--e--berlee -- -- --«
+
+die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der
+Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte,
+gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen
+durch und blickte wütend zu den Räubern hin.
+
+»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.
+
+Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand
+beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . .
+Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
+Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort
+einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:
+
+ »Hoch leb die Anarchie!
+ Es lebe der Achtstundentag,
+ Die Ruh, die Republik!«
+
+Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie
+doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . .
+Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur,
+Bürschli«, schloß er geheimnisvoll.
+
+»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber.
+
+»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.«
+
+»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.«
+
+Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei
+still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt
+ihr, was auf dem Hobel steht?«
+
+»Auf was für'n Hobel?«
+
+»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber
+das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.
+
+»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J.
+St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem
+Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.«
+
+Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum
+Glasermeister hin.
+
+»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix
+g'sagt hab.«
+
+»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber.
+
+»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«,
+flüsterte der bleiche Kapitän.
+
+Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein
+Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch.
+
+»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der
+Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
+
+Da trat Winnetou ein.
+
+Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
+
+»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie,
+was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut
+und setzte sich.
+
+Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt!
+. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute
+in Ruh.«
+
+»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll
+sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz
+. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch.
+
+»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . .
+Wir Männer -- -- --«
+
+Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
+
+Auch die Räuber setzten sich.
+
+Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das
+Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile
+senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch
+sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit
+ihm eilig die Weinstube.
+
+»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.«
+
+»No, jetzt sage Sie selber.«
+
+»Streberle, i will gar nix wiss.«
+
+»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«,
+fragte der Berliner den Fischer.
+
+»Das is 'n Widerschein seiner.«
+
+»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein
+reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.«
+
+»Ja, Berliiiiiiin!«
+
+»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . .
+Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas
+in die Hand.
+
+»Was? . . . Erhööööhen?«
+
+»Flecke auf die Absätze.«
+
+»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig
+Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.«
+
+Der Schreiber horchte gespannt.
+
+»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne
+getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister
+gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip
+. . . Ich bin Reisender.«
+
+»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch
+hab.«
+
+»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu
+ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.«
+
+Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem
+Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim
+is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.«
+
+»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle
+Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.«
+
+»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.«
+
+»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob
+Streberle und erhob sich.
+
+»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch
+rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der
+Glasermeister gegangen war.
+
+»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit
+dem Kriege siebzig/einundsiebzig.«
+
+»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind
+in einem Dorf gelege -- --«
+
+»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --«
+
+ * * * * *
+
+Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse
+lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende
+Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
+den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir
+ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die
+Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am
+heiligen Sonntag zu arbeiten!«
+
+»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied.
+
+»Hau mal her!«
+
+Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
+
+»Hau no mal her!!«
+
+Er hieb ihm wieder eine herunter.
+
+»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!«
+
+Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und
+ging in seine Werkstatt zurück.
+
+Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas
+angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts
+nachdenklich nebenher ging.
+
+Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre
+Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.
+
+»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau
+g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und
+deutete zur Festung.
+
+»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber.
+
+»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche
+Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege
+Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget
+. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.«
+
+Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen
+die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den
+Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.
+
+»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir
+zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.«
+
+»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die
+Wirtschaft zu gehen.«
+
+»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?«
+
+»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?«
+
+»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.«
+
+»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche
+den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen
+Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal
+ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch
+himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust,
+und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend,
+erhaben die Hände gegen den Knochen aus.
+
+Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das
+Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die
+Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie,
+eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über
+die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen
+wieder auf das Pflaster.
+
+Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung.
+Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und
+rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber
+geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in
+die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand
+bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.
+
+Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu
+ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt
+noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon
+öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
+
+Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete
+Ergriffenheit.
+
+Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.
+
+Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit
+Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit
+anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein
+wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen
+hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder
+mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie
+gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die
+Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem
+Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied
+den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger,
+frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.
+
+Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und
+warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.
+
+Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte
+zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die
+Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den
+Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu
+stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte
+sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend,
+drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und
+schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging
+er den Räubern nach.
+
+Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen
+und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm
+Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß
+man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.«
+
+Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt
+Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus
+dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar,
+das in die einzige Droschke stieg.
+
+Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb
+zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er
+und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund
+und schwarz.
+
+»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle
+redeten auf ihn ein.
+
+»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!«
+
+»Was ist ohne Beispiel?«
+
+»Wie sie's treiben!«
+
+»Jetzt halt doch's Maul!«
+
+»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!«
+
+»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten
+kann.«
+
+»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . .
+Aufruhr! Mut! Freiheit!«
+
+»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen
+nur zusammenhalten.«
+
+»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert.
+
+Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in
+dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«,
+anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän
+für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der
+zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die
+Ehre verlangte.
+
+Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte
+manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem
+er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst
+kein Spiel zustande käme.
+
+Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des
+Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer
+nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor
+jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden
+Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen.
+Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige
+eingesetzt.
+
+»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.
+
+»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.«
+
+»Ich hab's ja g'sagt.«
+
+Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder,
+rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand,
+mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum,
+schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen.
+Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal:
+»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte.
+
+Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem
+Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die
+Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln,
+zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen
+glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
+
+Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der
+Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte,
+waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen
+führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie
+schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein
+Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den
+Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in
+höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein
+weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge
+interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
+
+Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die
+Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von
+Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die
+Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb
+vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den
+Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den
+Hobel auszuliefern gedenke.
+
+Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den
+Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern
+unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
+
+Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem
+Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau.
+Sie Lügenbeutel!«
+
+Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit
+einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das
+Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
+vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein
+ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die
+Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber.
+Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
+Menschenknäuel.
+
+Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte.
+Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen
+Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein
+gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn
+hinaus.
+
+Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die
+Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom
+Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des
+Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen,
+hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
+
+Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle
+sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der
+Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging
+hinaus zu den Räubern.
+
+Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem
+Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die
+Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.
+
+Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark
+gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem
+Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das
+Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber
+sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
+
+»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge.
+
+Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber
+langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde
+schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er
+danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel
+entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen,
+traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke,
+während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre
+gewonnenen Preise verlangten.
+
+Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber
+verschwanden.
+
+Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen
+das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief
+aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das
+zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des
+Schreibers Hand ruhte darauf.
+
+»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän.
+
+Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern
+Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater
+laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.«
+
+»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand
+zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.«
+
+»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!«
+
+»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme,
+stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main.
+»Der Schub war gültig.«
+
+»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch
+schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten.
+Wenn doch der Schub gültig war.«
+
+Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll:
+»Der Trainsoldat war's.«
+
+Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das
+Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten
+kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen
+Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den
+Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte,
+erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem
+Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.
+
+ »Horch, wer zieht so still und leise
+ Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.
+ Ach, es sind die armen Briten,
+ Die so manchen Stoß erlitten.
+ Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.
+ Plötzlich bleibt die Truppe stehen,
+ Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.
+ Seht sie kämpfen, seht sie streiten,
+ Durch des Feindes Mitte reiten
+ Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!«
+
+klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der
+Kneipe.
+
+»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.
+
+»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn
+Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.«
+
+In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn
+fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die
+Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in
+den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des
+Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit
+Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein
+Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte
+drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im
+Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die
+Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des
+ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
+
+Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt
+empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.
+
+In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des
+Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude
+über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah.
+Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau
+unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der
+Wand spielte, viele Töne auslassend:
+
+ Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- --
+
+Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann,
+mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und
+Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich
+vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
+jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens
+mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe
+Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben
+Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die
+Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte
+sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die
+altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in
+eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren
+Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
+
+Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die
+schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie
+entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen
+gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger
+zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin
+poussiert! Merk dir das!«
+
+Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit
+übertrieben gleichgültiger Miene.
+
+Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen
+Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.«
+
+Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem
+Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld
+entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht
+verschönte.
+
+Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten
+drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße,
+schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine,
+altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein
+-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem
+entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
+Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die
+ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt
+worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln
+herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich
+empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen
+Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
+Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso
+plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die
+Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen
+mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis
+zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten
+wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.
+
+Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln
+beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren
+begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe
+Benommen.
+
+Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum
+von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja
+gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.«
+
+»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.
+
+Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es
+gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren
+der Räuber nicht unterdrücken konnte.
+
+Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu
+äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
+
+»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt
+und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.
+
+»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was
+willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n
+rumschmier läßt.«
+
+»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz
+und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.«
+
+Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.
+
+»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich
+kann mich ja nit rühr in der Schenk.«
+
+Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche
+zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in
+ihrer Wirtschaft beobachtete.
+
+Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!«
+Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die
+Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
+blutiges Vorhemd.
+
+Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker,
+überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein
+kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich
+zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch
+aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten,
+entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen
+Hemdkragen trug.
+
+Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete
+unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten,
+weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
+Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart
+wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden
+Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den
+Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa!
+Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug
+zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden,
+schmalen Bart entlang.
+
+Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war
+ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten
+trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf
+sie ausüben.
+
+Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre
+Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch
+sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der
+andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren
+Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen
+wünschten.
+
+»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der
+Kellnerin zu.
+
+»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän.
+
+»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho
+angerissen.«
+
+»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?«
+
+»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach
+. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.«
+
+Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.
+
+Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er
+die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän
+drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen
+Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und
+die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.
+
+Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es
+rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus
+Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:
+
+ Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
+ Sie flohen heimlich von Hause fort,
+ Es wußt's weder Vater noch Mutter.
+
+Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in
+einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und
+blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
+Rasseln fortfuhr:
+
+ Sie sind gewandert hin und her,
+ Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
+ Sie sind verdorben, gestorben.
+
+»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink
+e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner
+Mutter.
+
+Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von
+Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter
+hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.«
+
+»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich
+zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.«
+
+»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das
+eigentlich, dahinten in der Fischergaß?«
+
+»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.«
+
+Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er
+sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen
+verschmiert war.
+
+Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und
+böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist
+du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.«
+
+Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener
+Bruder! Mei eigener Bruder!«
+
+»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin
+doch dei Bruder.«
+
+»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande.
+Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer
+plötzlich laut.
+
+Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken
+auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch
+nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin.
+Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir
+. . . Mit der eigene Schwägerin.«
+
+Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?«
+
+»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir
+trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone!
+a Maß Bier für mich und mein Bruder.«
+
+Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder
+sangen kräftig mit:
+
+ »Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,
+ Denn sie fechten toll und kühn -- -- --«
+
+Die Alte war schlafen gegangen.
+
+»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin
+und lächelte.
+
+Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.
+
+»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur
+Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.
+
+Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech
+geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs
+Pflaster.
+
+Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel
+gegen den Himmel.
+
+Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein
+auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der
+Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt
+ihr . . . He?«
+
+Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
+
+»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und
+plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß
+den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit
+hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen
+Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat
+das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.
+
+Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
+
+Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang
+ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er
+seitdem verblieben ist.
+
+»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte
+der bleiche Kapitän.
+
+Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde
+stehen, wo ihre Wege sich trennten.
+
+Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend
+und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht
+ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig,
+weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen
+Wert! sag ich . . . Für uns nit!«
+
+»No und der Säbel?«
+
+»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich
+gleich heim geh.«
+
+Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der
+Schloßgasse.
+
+Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den
+Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den
+sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze
+an.
+
+Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die
+Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog
+die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie
+ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus
+gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel,
+und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir
+ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und
+blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden
+Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.
+
+Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.
+
+Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte
+die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte,
+kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in
+seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die
+Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es
+knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit.
+Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter
+strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die
+Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.
+
+Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete
+keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und
+schlief augenblicklich ein.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und
+Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn
+Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang
+seinen Arm nicht heben konnte.
+
+Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit
+dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor
+den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und
+die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den
+vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze
+Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene
+Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene
+torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war
+schwärzlich angelaufen.
+
+Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt,
+saßen auf der Anklagebank.
+
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in
+die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
+
+Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein
+inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend
+lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.«
+
+Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts
+Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr
+erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die
+königlichen Weinberge zu gelangen.
+
+Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der
+Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger,
+Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen
+Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die
+Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die
+Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im
+Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden
+Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe
+Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die
+Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen
+bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.
+
+Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter
+starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen
+streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der
+Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt,
+wie war die Sache.«
+
+Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr
+Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so
+frech und verdorben ist er . . . der Teufel.«
+
+Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während
+Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der
+Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf
+und rede.«
+
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war
+still.
+
+»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein.
+
+Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den
+senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner
+natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n
+halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
+und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und
+ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen,
+und später sind wir heimgegangen.«
+
+»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser!
+Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr
+noch mitgenommen habt.«
+
+»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.«
+
+Im Zuschauerraum war es ganz still.
+
+»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten
+und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.
+
+Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den
+Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum
+Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben
+mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte:
+»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten
+gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner
+stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem
+König seine Trauben.«
+
+Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen
+zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!«
+
+Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das,
+wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen
+Weinberg in Ruhe lassen.«
+
+»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß
+gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab
+ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.«
+
+»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt
+hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben
+versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . .
+Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.«
+
+Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft
+mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine
+Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.
+
+»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen,
+und . . .?«
+
+»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die
+Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich
+das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
+Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
+Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.«
+
+»Was ist das? Oldshatterhand?«
+
+»No, Michl, also Michl Vierkant.«
+
+»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?«
+
+»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns
+nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --«
+
+»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?«
+
+»Ja. Von Friedrich von Schiller.«
+
+»Nun, und dann?«
+
+»Hn?«
+
+»Was habt ihr dann gemacht?«
+
+»Dann haben wir registriert.«
+
+»Wie?«
+
+»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.«
+
+»Was habt ihr registriert?«
+
+». . . Also halt so. Also und alles.«
+
+»Zum Teufel, also was denn!«
+
+»Also halt einen Stallhasen.«
+
+»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?«
+
+». . . Gekauft! lebendig.«
+
+»Und was war weiter?«
+
+»Hell war's!«
+
+»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?«
+
+»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.«
+
+»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?«
+
+Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der
+Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also
+weil sie taub is.«
+
+»Was?«
+
+»Taub.«
+
+»Georg Bang!«
+
+Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu:
+»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand
+empört offen.
+
+»Georg Bang!«
+
+Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt
+war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau,
+während sein natürliches graubraun war.
+
+»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.«
+
+Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn
+Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.
+
+»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule.
+Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen
+herauszubringen ist.«
+
+Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr
+Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der
+Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und
+dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie
+empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens
+habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er
+einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten
+immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen
+niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?«
+
+»Wie meinen Sie das, Herr Mager?«
+
+»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient
+hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche
+freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle
+festhalten.«
+
+»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich
+langsam von seinem Staunen.
+
+Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte
+und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen
+Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das
+»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein
+Mensch in Würzburg wußte.
+
+Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder
+Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen,
+daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
+als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten
+so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des
+unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.
+
+»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine
+Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.«
+
+Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf
+Winnetou, ihren Sohn.
+
+»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein
+Schwur.
+
+Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir
+können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald
+Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und
+freundlich:
+
+»Du bist eine Doppelwaise?«
+
+»Ja!«
+
+»Du wirst mich doch nicht belügen.«
+
+»Nein!«
+
+»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?«
+
+Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein
+Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie
+Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich
+auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
+die alte Stadt.«
+
+»Wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.«
+
+Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende
+Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans
+Widerschein.«
+
+»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen
+geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging
+er zurück auf seinen Platz.
+
+Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten,
+die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu
+überweisen.
+
+Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu
+sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn
+wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen
+Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.
+
+Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner
+Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor
+sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne
+jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine
+lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache
+durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es
+nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu
+einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.«
+
+Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr:
+»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind
+sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden
+Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.«
+
+Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah
+zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten
+Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.
+
+»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.«
+
+Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den
+langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden
+Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich
+überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . .
+Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir
+nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und
+erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren
+Mutter ist . . .«
+
+Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie
+gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er
+eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der
+Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der
+Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
+außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte
+nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der
+Schundliteratur.
+
+Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre
+Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern
+befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner
+verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen
+auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr
+Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an
+sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu
+väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
+durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren
+Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins
+Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber
+freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf
+tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten,
+während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten
+schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun
+aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war
+Schulstunde.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel
+bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen
+Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
+wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich
+lächelnd auf ihn zurücksah.
+
+»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem
+Bruder, der Kriechenden Schlange.
+
+»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und
+lachte zu Oldshatterhand hinüber.
+
+Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der
+Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich
+nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die
+den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube
+und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.
+
+Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur
+Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit
+verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der
+Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang
+ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem
+gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren
+die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein
+blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging
+und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.
+
+Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer,
+schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika
+wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn
+Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von
+drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich
+beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen
+verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen
+aneinander.
+
+Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter
+als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die
+sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel
+geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie
+jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur
+e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu
+schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz
+doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit
+offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust
+heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut
+nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.
+
+Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
+
+»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte
+der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
+
+Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und
+lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der
+sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den
+Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
+angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der
+mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg
+fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!«
+
+Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin
+mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem
+überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber:
+»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten,
+einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem
+Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte
+und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
+heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.
+
+»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der
+Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.«
+
+Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb
+am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n
+rumpantsch.«
+
+»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund
+wurde klein vor Freundlichkeit.
+
+Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern
+da im Kreis rumhüpfe.«
+
+Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
+
+»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu.
+
+»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich
+auf den Schanktisch.
+
+Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam
+hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch
+gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt
+ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage
+verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein
+Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals
+war e bißle vom Strick geränft.«
+
+»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat,
+oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen
+Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau
+hinsah.
+
+»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.«
+
+»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und
+der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am
+Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue
+Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
+war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen
+verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein
+Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der
+hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte.
+
+Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen
+lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander
+auf dem Kanapee sitzen sah.
+
+»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze
+Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's
+Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die
+Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt
+versteh.«
+
+Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der
+Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten
+Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt
+gestülpt hatte.
+
+Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte,
+sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum
+Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines
+Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung
+erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der
+gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.
+
+»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.«
+
+Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen
+eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt
+wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.
+
+Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte
+aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um
+und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer
+auf den Schanktisch.
+
+Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare
+umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein
+paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im
+Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden
+glänzte schon.
+
+Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von
+einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die
+Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der
+seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf
+das Mädchen hinunterblickte.
+
+An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht,
+aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in
+den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
+wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.
+
+Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges
+Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf
+der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.
+
+Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit
+naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.«
+
+»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und
+die Rote Wolke sahen verständnislos drein.
+
+»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch
+und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den
+Garten.
+
+»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän
+Oldshatterhand.
+
+»Die . . . die machen was.«
+
+»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!«
+
+»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.«
+
+»Der freie Mensch steh Red und Antwort.«
+
+»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän
+das Gespräch ab.
+
+Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm
+Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.
+
+Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.
+
+»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf
+derweil, ob niemand kommt.«
+
+Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken,
+Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.
+
+Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und
+ab.
+
+Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte
+er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm
+weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und
+deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der
+langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.
+
+Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein.
+Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.
+
+Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem
+Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.
+
+»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon.
+
+Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den
+Schreiber: »Oooooo!«
+
+»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt.
+
+»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer<
+seid, bring ich mei Schwester mit.«
+
+»Bring halt die andere auch mit.«
+
+». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.«
+
+Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die
+Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.
+
+Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog
+einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und
+schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«,
+bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas
+Bier trink.«
+
+»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab
+selber nix.«
+
+Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen
+Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.«
+
+»Komm mal da her zu mir.«
+
+Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des
+Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne
+gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich
+und frech: »Was wollen Sie denn von mir?«
+
+»Gehst raus! Malefizlausbub!«
+
+Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's
+denn?«
+
+»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.«
+
+»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast.
+
+»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.«
+
+»Da, greifen Sie nur selber nei.«
+
+Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer
+gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom
+Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter
+größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
+Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in
+dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte
+Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem
+Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
+farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa
+Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze
+heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze
+erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach.
+
+»Habt ihr's Messer g'sehe?«
+
+»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend.
+
+»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.«
+
+Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe!
+Also muß a da sei.«
+
+Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die
+Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart,
+weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!«
+rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den
+bleichen Kapitän an.
+
+»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!«
+
+»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die
+Küchenlampe nit braucht.«
+
+Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war,
+ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.
+
+». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.«
+
+»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich
+schäm.«
+
+»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend.
+
+Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und
+schlich zur Tür hinaus.
+
+Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.
+
+Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.
+
+Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt
+nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben
+Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte
+er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe
+hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten
+Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst
+ankamen.
+
+Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten
+direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der
+Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken
+aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen
+dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.
+
+Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon
+versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch
+Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und
+sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin
+zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und
+flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.«
+
+Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und
+deutete boshaft auf die beiden.
+
+Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die
+Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten
+davon.
+
+Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main.
+Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.
+
+ * * * * *
+
+Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der
+ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des
+Herrn Mager hing noch drückende Stille.
+
+Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer
+Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie
+zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn
+jeder Schulstunde tat.
+
+Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen
+in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die
+Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande
+waren unter den übrigen Schülern verstreut.
+
+Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.
+
+Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife
+aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare
+standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen
+geordneten Igelschar glichen.
+
+Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.
+
+Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es
+schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.
+
+Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das
+Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in
+Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen
+Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
+blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.
+
+Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb
+jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das
+erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die
+Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte
+einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«,
+sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch
+lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß
+jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei,
+der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag
+und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste
+ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat,
+ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo
+denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel
+zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen
+großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
+aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis
+wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der
+größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen
+Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt
+hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel
+besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das
+sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!«
+
+Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.
+
+Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.«
+
+Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine
+Nerven nicht zu.
+
+Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von
+der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um
+einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen
+ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den
+Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte
+es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer
+Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein
+herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement
+-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu
+viel.
+
+Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach
+einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist
+nicht mehr da.«
+
+Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant!
+Raus!«
+
+Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf
+nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock
+des Herrn Mager.
+
+Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage:
+wer kommt nach Oldshatterhand daran?
+
+Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager
+atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die
+vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal
+geben darf.«
+
+Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine
+Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.
+
+Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen.
+»Wer meldet sich?« rief Herr Mager.
+
+Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch
+sitzen geblieben.
+
+Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken
+brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die
+Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den
+Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte
+ihn!«
+
+Oldshatterhand rührte sich nicht.
+
+Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte
+ihn!«
+
+Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich
+halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.
+
+Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich
+mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob
+Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
+gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem
+Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.
+
+»Hans Lux! Raus!«
+
+Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer
+standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte
+ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine
+Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm
+die Prügel entgegen.
+
+Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.
+
+Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die
+gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die
+Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang
+heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand
+auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand
+sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen
+und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut
+speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze
+Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen.
+»Hi! hihiha!«
+
+Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar
+Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf
+Oldshatterhand.
+
+Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück
+hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm
+nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar
+vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als
+tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.
+
+Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein
+Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden
+Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine
+Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform
+und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.
+
+Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf
+die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid
+trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter
+sich hatten.
+
+Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige
+Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm
+Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn
+Mager zuführte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der
+Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um
+Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig
+saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.
+
+Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit
+aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit
+einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen,
+außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit
+gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis
+zur Brust reichte.
+
+Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig
+machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen
+Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur
+anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage
+lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten
+schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.
+
+Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden
+Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.«
+
+Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen
+offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,
+parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den
+ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.
+
+Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die
+Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das
+Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch
+hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch
+einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach.
+So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und
+teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
+die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher
+war ein Zirkus in Würzburg gewesen.
+
+Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige
+Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der
+Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.
+
+Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez
+angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und
+giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf
+dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.
+
+Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und
+die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen
+Schloßbergrasen.
+
+Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen
+gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den
+Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend,
+sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.
+
+»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän
+zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester
+anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann
+direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten
+Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen
+Zöpfen.
+
+Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche
+Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen
+konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei
+hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,
+um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem
+einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und
+stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige
+Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das
+Bein gebrochen.
+
+In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.
+
+Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.
+
+Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der
+Rasen roch.
+
+Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,
+tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der
+Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.
+
+Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher
+etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über
+den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
+wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen
+anklammernd, in der Bahn herum.
+
+Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.
+
+Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein
+Indianer auf dem Gaul.
+
+Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!«
+
+Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem
+scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in
+den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und
+mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.
+
+Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert.
+Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.«
+
+Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.
+
+Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf
+den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch
+erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit
+Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem
+Bildwerk stand:
+
+ An diesem Ort is Alois Würz
+ Mit sein Heuwage umg'stürzt.
+ War glei tot, mitsamt die Roß.
+ War ein frummer Mann,
+ Drum is er auf der Stell
+ In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn,
+ Was mer vo seine Roß nit sag kann.
+
+Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine
+Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle
+Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem
+Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.
+
+Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum
+Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen
+Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete
+sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren
+Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen,
+wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge.
+
+Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu
+Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.
+
+Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur
+zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich
+unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.
+
+Es war jetzt ganz dunkel geworden.
+
+Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich
+nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .«
+
+»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel
+herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den
+Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß
+dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete
+Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.
+
+»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich
+erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.
+
+»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern
+will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa
+. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz.
+
+»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war
+furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den
+Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte
+Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht
+stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht
+auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da
+. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und
+die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . .
+fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet
+wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.«
+
+»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?«
+
+»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.«
+
+»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann,
+. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . .
+brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu
+stoßen.«
+
+»Pä! Ist das ritterlich?«
+
+»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . .
+Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf
+. . . Pfennig.«
+
+Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende
+Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der
+fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können,
+weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten.
+Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt
+du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen
+können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit
+Indianern vorbeifährt.«
+
+»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg
+ich.«
+
+Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und
+seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk,
+blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf
+dem Sockel sitzen sah.
+
+Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.
+
+Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf
+überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand,
+der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie
+genommen hatte.
+
+ * * * * *
+
+Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt
+wußte, daß der Kaplan der Vater war.
+
+Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung
+Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache
+verstummte das Gerede.
+
+Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine
+Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.
+
+Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou
+setzte sich und sah steif geradeaus.
+
+Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der
+Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand
+auf.
+
+Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach
+Winnetou um.
+
+Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die
+Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou
+nieder.
+
+Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten
+unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.
+
+Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel,
+wie vorher.
+
+Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah
+das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause
+umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es
+schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die
+Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou
+stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft
+geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die
+Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die
+Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng
+auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne
+Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr
+wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr
+verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn
+die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte
+langsam übers Haar gestrichen.
+
+Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper
+zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum
+Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er
+aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht
+mehr glücklich sein würde.
+
+Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter
+verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende
+ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich
+schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der
+Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des
+Bettes.
+
+Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und
+meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter
+tot sei.
+
+Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und
+rannte ins Sterbezimmer.
+
+Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.
+
+Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf
+die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich
+nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie
+immerzu:
+
+»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.«
+
+Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich
+zwischen die Schienen.
+
+Der Führer läutete.
+
+Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum
+Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die
+Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.
+
+Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste
+stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou
+wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im
+letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen
+rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.
+
+Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um
+nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.
+
+Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.
+
+Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen,
+als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.
+
+Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife
+am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust
+hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.
+
+Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir
+schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und
+zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und
+schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.«
+
+». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou
+und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.
+
+Verdutzt blickten sie ihm nach.
+
+Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte
+sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne
+Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten
+sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der
+Mutter empfunden hatte, wieder ein.
+
+Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.
+
+Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou
+unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen
+Räuberidealen nicht deckten.
+
+Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche
+lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert
+hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.
+
+Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie
+zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder
+in die Kirche ein.
+
+Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und
+als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte
+Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war.
+
+Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers,
+worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem
+heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs
+Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf
+den Schloßberglinden gefangen.
+
+Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.
+
+Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb
+sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.
+
+Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die
+blaue Luft.
+
+»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie
+wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach
+einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das
+Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.
+
+»Und wenn du mir den Finger wegschießt?«
+
+»Ich wer doch no das Kärtle treffe.«
+
+Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus,
+hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr
+rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand
+triffst.«
+
+Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und
+durchlöcherte sie.
+
+Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.«
+
+Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie
+mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.«
+
+Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und
+durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie
+fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir
+auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge
+lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.
+
+-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der
+Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.
+
+». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller
+Begeisterung.
+
+»Das kannst du ruhig riskier.«
+
+». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster
+hinausgeflogen.
+
+»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.
+
+Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und
+das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.
+
+»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A
+schöns Armreifle.«
+
+»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht
+schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.«
+
+Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den
+Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die
+Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte
+auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter
+der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das
+Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher.
+Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal
+mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und
+raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie
+zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am
+Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das
+Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem
+Hause.
+
+Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«.
+
+Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die
+Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.
+
+Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig
+und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr
+mit den Räubern.
+
+»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.«
+
+»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän.
+
+»Das Eichhörnchen.«
+
+Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit
+jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und
+mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von
+den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen
+Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei,
+wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht
+wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.
+
+Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag
+und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines
+gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein
+junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub,
+mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes
+Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte
+Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der
+einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal
+rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater
+war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der
+Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein,
+blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor
+vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt,
+als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht
+vergessen.
+
+Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben
+der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge,
+Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er
+im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing
+jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er
+als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.
+
+Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen
+Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab.
+Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«.
+
+Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und
+Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich
+aufgelöst.
+
+Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande
+zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.
+
+Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die
+Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die
+Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken
+läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen
+Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen
+Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur
+Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.
+
+Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die
+Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden
+Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in
+himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.
+
+Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren
+solche Altäre hergerichtet.
+
+Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den
+Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in
+ihren Sonntagsanzügen.
+
+»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou
+mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän.
+
+Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein
+Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug
+der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.
+
+Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle,
+Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in
+Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten
+im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der
+Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den
+Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten
+Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und
+getragen blasenden Blechmusikkapelle.
+
+Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der
+silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im
+Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz
+schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf
+die Erde gebreitet hatten.
+
+Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz
+war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und
+rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel
+der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter
+voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los,
+»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte
+wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten
+Sakrament.«
+
+Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem
+Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou
+und noch zwei Jünglingen getragen.
+
+Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft.
+Aber da war nichts zu machen.
+
+»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den
+Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.
+
+Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou
+gedacht.«
+
+Verstummt sahen die Räuber ihm nach.
+
+Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und
+Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den
+sonnigen Himmel: »O Maria hilf!«
+
+Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen
+Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener
+und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen
+angestellt; sein Geschäft blühte.
+
+Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs
+Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine
+Halsadern schwollen.
+
+>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn
+ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr
+Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein
+stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.
+
+Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser
+einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne
+und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues
+Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten
+es die Würzburger Stadtväter.
+
+Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche,
+schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und
+bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront
+des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.
+
+Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute,
+beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand --
+die Fensterscheiben klirrten.
+
+Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.
+
+Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans
+Kasperl-Theater, aus dem Fenster.
+
+Da unten war alles still.
+
+Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß
+ihrer ersten Jugend.
+
+In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein
+und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein
+Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue
+Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster
+waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und
+machte Bankerott.
+
+Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr;
+als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines
+Tages war er verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß
+beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.
+
+Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen
+Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.
+
+»Wo warst du?«
+
+»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt
+weiter.
+
+»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so
+oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so
+stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän
+und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der
+Welt. Das is ja ganz kolossal.«
+
+Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.
+
+»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand.
+
+»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen
+Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich
+dir's ja amal zeig.«
+
+Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und
+saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden
+Weidenbüschen umsäumt war.
+
+Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am
+Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa«
+schreiend über das Weidenland.
+
+Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen
+Himmel traten die Sterne hervor.
+
+»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte
+Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums
+Handgelenk.
+
+»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho!
+Oldshatterhand!«
+
+Der bleiche Kapitän grinste.
+
+»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst.
+
+»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.«
+
+»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch
+lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach
+Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind
+Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu.
+»Meerschiffe -- -- --«
+
+Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du
+was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.«
+
+»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.«
+
+»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern
+Büchern steht? He?«
+
+»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich
+hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet
+sind.«
+
+»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.«
+
+»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.«
+
+»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!«
+
+Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr
+Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?«
+
+»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit
+ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und
+das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn
+ich jetzt fortlaufen tät?«
+
+»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im
+Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich
+behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich.
+
+»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche
+Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal
+sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und
+konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein
+Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.«
+
+Es war jetzt tiefe Nacht geworden.
+
+Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam
+fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen
+hinunter.
+
+Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der
+Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang
+ein Mädchen.
+
+ * * * * *
+
+»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins
+Herz hinein erbebte.
+
+Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den
+Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger
+Bangen an die Arbeit gegangen.
+
+Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden
+ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die
+starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige
+Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge,
+sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte,
+wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick
+hielt fest.
+
+Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg.
+Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem
+allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit
+nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das
+neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des
+Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.
+
+Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige
+Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und
+der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen
+müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den
+mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des
+Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine
+Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau
+mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner
+Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.
+
+Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen
+aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte
+sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an.
+Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,
+der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für
+den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich,
+fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.
+
+Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber,
+lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die
+Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen!
+. . . Ich halt's nimmer aus.«
+
+Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins
+Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das
+Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog
+sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die
+Brille von der Nase fiel.
+
+Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden
+Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu
+drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße
+die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes
+Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.
+
+Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen
+des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem
+Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder
+seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.
+
+Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom
+schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein
+Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe
+er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die
+Schloßfalle zu schmieden.
+
+Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den
+unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu
+verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich,
+zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord
+im Walde« und damit die ganze Bibliothek.
+
+Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur
+Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.
+
+Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.
+
+Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und
+Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.
+
+Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf
+immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.
+
+Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.
+
+In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer«
+entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin
+hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße
+hin.
+
+Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch
+einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen
+ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach
+links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem
+Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.
+
+Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging
+weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte
+unter dem Brustbein.
+
+-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und
+blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß
+ein Mensch darauf.
+
+War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden
+gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die
+Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?
+
+Nie hatte er so einen Menschen gesehen.
+
+Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank
+werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt
+fühlte, wie von einem Gespenst.
+
+Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen
+dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den
+braunen Haaren schon graue.
+
+»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?«
+
+»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?«
+
+»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts
+. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und
+Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und
+Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
+geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun
+konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.
+
+Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein
+zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.
+
+Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig
+ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf
+in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie
+möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück.
+
+»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen
+wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles
+dumm und nicht wahr, was da drin steht.«
+
+Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist
+. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem
+Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein
+ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein
+blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.«
+
+Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich
+und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.
+
+Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte
+Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.
+Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem
+Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich
+bin nicht so schwach, wie ich aussehe.«
+
+»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem
+unbegreiflichen Lächeln.
+
+Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der
+Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten
+ein bewegtes Schattenmuster darauf.
+
+Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die
+Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade,
+endlose Straße hinaus.
+
+»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,
+denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.
+
+»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
+muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere
+ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach,
+unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder
+vorwärtsgehen -- -- --«
+
+Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden
+zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.
+
+Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen
+und ihn geküßt.
+
+Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner,
+und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens
+verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.
+
+Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern
+ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich
+zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der
+spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter
+hängen.
+
+»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?«
+
+»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.«
+
+»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du
+mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.«
+
+»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
+
+ * * * * *
+
+Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik
+schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp
+klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und
+surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen
+in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von
+Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er
+ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er
+in der Oper gewesen.
+
+Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will
+rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er
+sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so
+spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!«
+Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!«
+
+Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe
+jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem
+Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
+
+Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer
+richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer,
+verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
+plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die
+Vesperpause war gekommen.
+
+Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem
+schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten
+unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote
+säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob,
+wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne
+anzustoßen auf einmal unterzubringen.
+
+Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt
+zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer,
+in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse
+ich meine Bemmchen alleine.«
+
+Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen
+hinunter.
+
+Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern
+durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die
+noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu
+Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins
+Ohr.
+
+Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen
+Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der
+langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen
+schluchzend.
+
+Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit
+Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.
+
+Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und
+Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er
+umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
+Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht
+-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister
+oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen
+einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er
+brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu
+wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken
+nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner
+Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt,
+aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein,
+was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
+
+Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen
+geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine
+Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand
+in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi
+stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage
+lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der
+Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und
+der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr
+verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler --
+hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden.
+
+Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der
+ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht
+gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er
+selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
+klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge
+gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus
+den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im
+Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.
+
+Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den
+unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine
+Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer
+grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_
+geworden war.
+
+Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht
+unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war.
+Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar,
+die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als
+fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun
+der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.
+
+Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.
+
+Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften
+Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder,
+Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende
+Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik
+entlassen.
+
+»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging
+fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.
+
+Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter
+Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit
+wie ein Traum war die Straße.
+
+Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er
+Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine
+Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die
+linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und
+lang, durchschnitten seine Straße.
+
+Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war
+eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen,
+und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es
+roch nach Abort.
+
+In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.
+
+Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete
+ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein
+orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie
+doch näher, Herr Vierkant.«
+
+Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender
+Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich
+heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere
+hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese
+auch nicht.«
+
+Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des
+Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr
+heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet.
+
+Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne
+Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte
+Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war
+ärgerlich.
+
+Das Mädchen arbeitete emsig weiter. »Wie viel?«
+
+»Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig«, sagte er mürrisch.
+
+Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. »Davon kannst du dreißig
+zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir
+Weihnachten heiraten.«
+
+Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier
+Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief
+ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im
+andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des
+Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er
+sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging.
+Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe
+Gurke mit Salz.
+
+Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh
+hatte er sich erst eingemietet.
+
+Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem
+Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges
+Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das
+ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.
+
+Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte
+Wanzen.
+
+Er rief die Wirtin und kündigte. »Im Bett sind Wanzen.«
+
+»Ach nee.«
+
+»Unheimlich viel.«
+
+»Die beißen Ihnen doch nich.«
+
+»Sie haben mich gebissen.«
+
+»Aber die fressen Ihnen doch nich.«
+
+»Fressen?«
+
+»Tun se nich. Da ist der Kaffee.«
+
+»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber.
+
+»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.«
+
+Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt
+hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.«
+
+»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich
+drohend.
+
+»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der
+ratlose Oldshatterhand.
+
+Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer
+unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach
+vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf
+ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.
+
+Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf
+des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er
+im Bett fand, in den Mund steckte.
+
+Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem
+Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze
+Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts
+zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den
+mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo
+du wohnst.«
+
+Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins
+Wohnzimmer.
+
+ * * * * *
+
+Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht
+besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von
+Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in
+knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen
+angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden,
+wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm
+ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer
+dahinglitten.
+
+Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten
+plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und
+Nischen hervor.
+
+Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.
+
+Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.
+
+Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde
+Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein
+Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.«
+
+Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht
+war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der
+kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel
+klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das
+Haarzöpfchen.
+
+Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit
+glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame
+als Erster quer durch den Saal.
+
+Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand
+mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den
+frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
+ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid,
+was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben
+schien, denn er stotterte nicht mehr.
+
+Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif.
+»Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde
+mich sehr freuen.«
+
+Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der
+Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.«
+
+»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?«
+
+Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch
+vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den
+Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die
+breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und
+fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.
+
+Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen
+an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark
+entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu
+Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander
+verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause
+begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie
+dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.«
+
+Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber
+hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im
+Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute
+nicht. So ist es eben.«
+
+Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein
+irrsinniges Lachen.
+
+»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich
+vor Oldshatterhand.
+
+Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege
+zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen
+hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.
+
+Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch
+die kühlen Säle.
+
+Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen.
+Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem
+»Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an
+den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes
+Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht
+abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich
+vorsichtig um.
+
+Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade
+noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.
+
+Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den
+er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben
+glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah
+stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und
+lächelten, wenn er kam.
+
+Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft,
+und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft
+mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume
+dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er
+liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen
+Hügel.
+
+Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und
+malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.
+
+Darüber verging ihm der Winter.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger
+Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich
+entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den
+ganzen Tag über im Wasser herum.
+
+Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum
+Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß
+die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch
+nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang,
+daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen,
+mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter
+sich zu schieben.
+
+Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte
+alle seine neu angeschafften Hanteln durch.
+
+Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen
+Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen
+geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der
+Kammer einzustürzen drohte.
+
+Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«.
+
+Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr,
+trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge
+davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt,
+der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn
+es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.
+
+Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die
+Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um
+seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des
+Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer
+Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch
+Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu
+erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.
+
+Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das
+Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.
+
+Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den
+eingefallenen Wangen.
+
+»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man
+nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf
+der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt,
+mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst
+schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des
+bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus.
+
+Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.
+
+Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder,
+nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins
+»Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das
+Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war
+wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der
+König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen
+mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen
+laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei
+Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft
+»Walfisch« geworden.
+
+Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der
+Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen
+hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er
+war.
+
+ * * * * *
+
+Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der
+Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin
+und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes
+entstand in ihrem verhärmten Gesicht.
+
+Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der
+Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch
+den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker
+junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß
+gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes
+Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er
+zog eben braune Glacéhandschuhe über.
+
+Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant,
+streckte ihr die Hand hin und lächelte.
+
+Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den
+Kopf.
+
+Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr
+als einen Kopf größer geworden.
+
+»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der
+Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt.
+
+Winnetou fehlte.
+
+Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das
+Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für
+einen Athleten.«
+
+Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant
+Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch.
+
+»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle
+Schreiber.
+
+Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da
+gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander
+gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel
+und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen
+Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in
+rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide
+. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie
+dich an, rufen sie dich . . . und so halt.«
+
+»Bist neigange mit so'n Mädle?«
+
+»Hi! hihiha!«
+
+»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann
+man an dir merk.«
+
+»Ich mach ja gar nix mit Mädli.«
+
+»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas
+denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem
+Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber
+noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es
+verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.«
+
+»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb
+Pfund.«
+
+»Kriegst vielleicht davo Kraft?«
+
+»He?«
+
+»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich
+euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.«
+
+»So, jetzt.«
+
+Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über
+seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den
+Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die
+zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im
+Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche
+Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote
+Tüchlein war vorgebunden.
+
+Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte
+von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste
+gefallen.
+
+Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen
+Körper. Der war hart wie Elfenbein.
+
+Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und
+prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine
+Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß.
+
+Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich
+verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt
+mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf
+intelligenter Basis.«
+
+»Was ist das? Basis?«
+
+». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die
+Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen
+uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in
+meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von
+wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag:
+hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt
+schon, was ich mein'.«
+
+»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke.
+
+»Kriegst amend davo Kraft?«
+
+»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat
+möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch
+gar nie aus Würzburg draußen.«
+
+»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber
+wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche
+Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und
+den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig
+entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein.
+
+Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet.
+
+»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.«
+
+Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn
+du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens
+manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder
+Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.«
+
+Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem
+alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen
+Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.
+
+Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem
+Athletentisch.
+
+Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller
+Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber.
+
+Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger
+Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die
+Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und
+seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg,
+dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich
+ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling.
+
+Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum
+hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein
+und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.
+
+»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden.
+
+»Auf die wogende See.«
+
+»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . .
+
+ »Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,
+ Geschwind, wie der Sturm und Wind.«
+
+ * * * * *
+
+An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner
+Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert
+Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte
+Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in
+vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der
+frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.
+
+Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren
+Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im
+Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige,
+welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um
+Vergebung ihrer Sünden baten.
+
+Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe
+gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese
+abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei
+Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten
+sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend
+das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt,
+endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.
+
+Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine
+Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem
+Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man
+sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen,
+bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe
+Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde.
+
+Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen
+vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die
+Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick
+gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter
+eingesunken sei.
+
+Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich
+vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste
+Stufe rutschte.
+
+Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den
+Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser
+Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die
+Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging.
+
+Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart,
+aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an.
+
+>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten
+sitzen<, dachte Oldshatterhand.
+
+Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche
+herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker
+und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein
+Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden
+Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte
+eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern.
+
+Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen,
+Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse,
+Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein
+Schnäpschen war zu haben.
+
+Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene
+Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die
+verstaubte Menge.
+
+Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der
+Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel
+erklang.
+
+Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken
+nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den
+Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die
+teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
+prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang
+feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.
+
+Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an
+Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs,
+die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke
+Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.
+
+»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte
+einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad.
+Vielleicht hilft's.«
+
+»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand.
+
+Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite:
+neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen
+Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend.
+
+Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn
+Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.
+
+Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden
+Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine
+halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister
+Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte,
+und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte
+sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein
+großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte.
+
+Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und
+verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou
+gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der
+Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der
+Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch
+manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt
+schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle
+hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der
+Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen.
+Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib
+hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei-
+oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden,
+der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte,
+dann ließ er auch das gelten.
+
+Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune
+umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange,
+schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen
+Beruf hatte er nicht.
+
+Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an
+Weinbergen vorbei.
+
+Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am
+Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen
+Arm wenigstens schließen, meinte sie.
+
+Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager,
+der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem
+Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er
+von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.
+
+Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie
+ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm
+der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant
+auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der
+nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten
+werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte.
+
+»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens
+die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen,
+dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.«
+
+Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund
+geblieben.
+
+Versonnen schritt die Schwester weiter.
+
+Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in
+ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah.
+
+»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und
+nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt,
+und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange
+mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen
+. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann.
+Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!«
+
+Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin
+stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der
+Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner
+warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und
+hinkte heulend weiter.
+
+Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer
+Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?«
+
+»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.
+
+Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer
+noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch
+die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger
+Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur
+aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei
+Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch
+mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle;
+Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser,
+Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz
+verschönten die Landschaft.
+
+Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von
+Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.«
+
+»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die
+verwirrt aufstand und vorausging.
+
+»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann
+möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du
+bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von
+Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich
+gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt!
+Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .«
+
+»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!«
+
+Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein
+silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke
+mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.
+
+Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem
+Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne
+beschienen, leuchteten rot.
+
+»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.
+
+Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und
+stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.
+
+So gingen sie nach Hause.
+
+ * * * * *
+
+»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade
+noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is
+er?«
+
+». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der
+König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in
+den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen
+wir.«
+
+Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen
+Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um
+einen aufgebahrten Sarg herum.
+
+Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.
+
+Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und
+lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die
+Tanzenden den Boden zu glätten.
+
+Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im
+Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet
+war. Es hatte große enthaarte Stellen.
+
+Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte
+mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber
+seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der
+Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen,
+beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.
+
+Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube.
+Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon
+drinnen und tranken grünen Likör.
+
+Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne
+Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel
+herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.
+
+Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der
+Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am
+Gründonnerstag mitzuwallen.
+
+Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen
+in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen
+war.
+
+»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!«
+schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a
+Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er
+hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen
+Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote
+Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung
+mitgeteilt.«
+
+»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das
+Herze«, sagte der Sachse.
+
+»Jau, Herze!«
+
+Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der
+Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif.
+
+Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum
+herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl
+aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke.
+
+Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum
+herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im
+Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff
+ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück
+in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe
+zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah
+im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken.
+
+»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte,
+»aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr.
+
+Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der
+großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den
+Ministranten und dem hinkenden Flickschneider.
+
+Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es
+über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus
+vobiscum. Et cum spiritu tuo.«
+
+Die Weiber waren auf die Knie gesunken.
+
+Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der
+Brust.
+
+ * * * * *
+
+Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am
+Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals
+zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit
+mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?<
+
+Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß
+glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal
+war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der
+Erde.
+
+Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein
+Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen
+Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing.
+
+Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu
+verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden
+bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.
+
+Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise,
+sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn
+die blaue Ferne genommen.
+
+Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob,
+hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem
+Flusse.
+
+»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und
+malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das
+fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort
+Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«.
+
+»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö
+. . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten
+Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden
+gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes,
+das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein
+kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken
+eines Frosches.
+
+Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und
+wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.
+
+Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen
+sich das Licht der Laternen brach.
+
+Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein
+dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester
+des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin
+und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.
+
+Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.
+
+Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel
+versteckt.
+
+Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht,
+wurde es still -- der Regen hatte geendet.
+
+Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den
+Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch
+die Regenlachen über die Straße.
+
+Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der
+Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch
+aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel
+zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender
+Hüftbewegung auf ihn zuschritt.
+
+Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich
+Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.«
+
+»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es.
+
+Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts
+Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig.
+
+»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In
+eeewiger Liebe.«
+
+Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden.
+
+»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?«
+
+»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus.
+
+Er ging ganz langsam weg.
+
+»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach.
+
+Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl,
+stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der
+Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen
+Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm
+auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie
+wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse
+von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!«
+
+Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des
+Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand
+eintrat.
+
+Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee.
+Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein
+Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.
+
+»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's
+ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.«
+
+»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr
+mitnander. Dumms Mädle.«
+
+»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das
+sein?«
+
+»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der
+nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein
+Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was
+Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich
+rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.«
+
+»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich
+Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am
+linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer
+und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«.
+
+Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich
+so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen,
+diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele
+Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.
+
+Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt.
+Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein
+vorgebunden.
+
+Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen
+Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit.
+
+Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der
+andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine
+Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen,
+die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er
+atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand,
+kontrollierte die Zeit.
+
+Der Schreiber stöhnte.
+
+»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend.
+
+Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.
+
+Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und
+alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu
+sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt.
+
+Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß
+Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit
+geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
+haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern
+hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr.
+
+»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier!
+Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen
+mit der schönen Kellnerin.
+
+Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles
+ins Büchlein.
+
+Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an
+Umfang zugenommen hatte.
+
+Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und
+Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem
+Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.
+
+»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie
+sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die
+Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie
+herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche
+kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen
+müssen Sie anhaben im Bureau.«
+
+Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch,
+wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen
+auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg
+anzutreten.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten
+Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die
+Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt.
+
+Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn
+ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein
+Monokel vor dem Auge.
+
+»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich.
+
+Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich
+über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.
+
+»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.«
+
+»Ich geb's Ihnen!«
+
+»Und wieviel soll das Bildchen kosten?«
+
+»Kosten?« -- -- --
+
+Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher
+beugte sich vor, um das Bild sehen zu können.
+
+»Vielleicht . . . eine Mark?«
+
+Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte
+und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie
+fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz,
+bitte.«
+
+Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel
+beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn
+sehen konnte.
+
+Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie
+ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren.
+
+Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk
+vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch
+-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für
+Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant
+. . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat
+einen Wert von sechzig Mark.«
+
+Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen
+seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins
+Ungemessene.
+
+Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf
+und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um
+gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
+Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.
+
+Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war,
+denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen
+worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei
+bereichert.
+
+Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln
+gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem
+Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!«
+
+»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm
+zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und
+ging weiter.
+
+Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben
+Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch
+Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen
+Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei
+kam.
+
+Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein
+Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung.
+
+Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen
+Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener
+bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
+. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr
+Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger
+Juliusspital.
+
+Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.
+
+». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.«
+
+Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine
+Trinkgelder!«
+
+Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie
+sie durch die dunkle Anlage davonsprang.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem
+quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen
+Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?«
+
+Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so
+weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette
+hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir
+gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus
+einem Meßzylinder Urin durch die Filter.
+
+Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter
+Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei
+und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr
+geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die
+Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes
+Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind
+die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?«
+
+»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das
+macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.«
+
+Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht.
+Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert
+Frauen haben?«
+
+Der Türke lächelte.
+
+»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?«
+
+»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er
+brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber
+Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium
+arbeiteten.
+
+Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede
+Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend
+Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?«
+
+Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch
+fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch
+mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns
+. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.«
+
+Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher.
+Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon
+von weitem kommen hörte.
+
+Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich
+interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig
+Reagenzgläser.
+
+Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat
+hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und
+geschickten Diener entlassen.
+
+Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr
+Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause
+begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang
+sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu
+verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr
+Leisegang schon sorgen.
+
+Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für
+Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und
+versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein
+Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines
+Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den
+berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.
+
+»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich
+doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das
+Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins
+Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine
+Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt
+das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht.
+Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn
+Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem
+Laboratorium.
+
+Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche
+später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war
+siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.
+
+Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen
+Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit
+Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein
+irrsinniger, weißer Kreis.
+
+Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins
+Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.
+
+Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem
+Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.
+
+Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie
+tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den
+Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen
+Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn
+ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft
+kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte
+kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von
+zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein
+in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum
+Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.
+
+Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch
+die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder,
+den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke.
+Frisches Blut.
+
+Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus
+Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die
+Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.
+
+Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien,
+Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote
+Kälber schleppten.
+
+»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen
+Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte
+Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist
+du jetzt Metzger?«
+
+»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und
+hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.
+
+Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um,
+blöde auf die Kriechende Schlange zurück.
+
+»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!«
+
+». . . Blut soll ich holen.«
+
+»Kannst 'n Faß voll hab!«
+
+Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den
+verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern
+aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen.
+
+Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag
+darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser
+klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er
+zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper,
+durch das Herz.
+
+Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein
+Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus,
+überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal,
+durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische
+aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.
+
+Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die
+Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme
+heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite.
+
+Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen.
+Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen
+verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe
+neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.
+
+Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb
+einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die
+Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf
+den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend
+schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos
+weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase.
+Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach,
+breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen
+wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag.
+
+»Fertig?«
+
+Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht
+gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das
+Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer
+war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den
+Schlachtstand.
+
+Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin
+und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut
+ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.
+
+Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch
+den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ
+ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die
+Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie
+kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.
+
+»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte
+Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.
+
+»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende
+Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.«
+
+»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A
+. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja
+noch gelebt.«
+
+»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend,
+warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ
+Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor
+Vergnügen.
+
+Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für
+ihn bereit lag.
+
+Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im
+Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem
+Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte
+es um und schob es weg.
+
+Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit
+angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen,
+brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die
+Höhe gereckt.
+
+Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie
+ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen
+Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen.
+
+Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne.
+Die Spatzen flatterten und schrien.
+
+Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus
+vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger
+Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große
+Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.«
+
+Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den
+unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich
+die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah
+aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden.
+
+Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück
+ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.«
+
+»Ich muß aber Blut haben.«
+
+»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch
+einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!«
+wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal;
+da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates,
+während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den
+Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete.
+
+»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch
+selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt
+drehen Sie einmal.«
+
+In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das
+Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.
+
+»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der
+glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin.
+
+Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke
+gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten
+Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich
+der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener
+Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte,
+wissende Mundlinie.
+
+Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen
+zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert
+lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf
+den Gang.
+
+Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und
+flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.
+
+»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer,
+Dicker. »Hat er heute schon gelacht?«
+
+Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem
+Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir
+alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.«
+
+Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt.
+
+»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke.
+
+Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat
+erwartet Sie«, und hinkte energisch voran.
+
+Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus,
+hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut
+dem Türken. Der reichte ihm eine Mark.
+
+»Ich nehme kein Geld dafür!«
+
+Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand
+die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin,
+weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die
+kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf
+den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte
+zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen
+stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch
+gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide
+Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube.
+
+ * * * * *
+
+An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die
+Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.
+
+Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor
+kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen
+und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge
+der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf
+ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen
+und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie
+geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der
+Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster
+herauswarfen.
+
+»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte
+Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend
+standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen.
+
+»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar
+Schritte zurück.
+
+Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte
+und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.«
+
+Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen
+im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht
+sehr schnell durch die Gasse.
+
+Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die
+Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er
+heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen
+zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten
+Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.
+
+Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei
+gewesen war.
+
+In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den
+drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa
+Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein.
+
+Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den
+Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch,
+drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten
+noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor
+seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen
+präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand
+sich nicht rührte und nicht sprach.
+
+Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden
+Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor
+Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.
+
+Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee
+sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf,
+erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als
+er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock
+hinauf.
+
+In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes
+weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die
+rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.
+
+Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor
+Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an
+ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein
+ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.
+
+»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?«
+
+Er gab ihr das Geldstück.
+
+Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu
+sich.
+
+Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.
+
+Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm,
+greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte
+noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt
+du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher
+benachrichtigt zu haben.
+
+Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die
+langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln.
+
+Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe,
+sagte er apathisch: »Ich hatte keine Briefmarke.« Und rief plötzlich in
+unbegreiflicher Begeisterung: »Was denkst du! Das ist anders, da draußen
+in der Welt!«
+
+Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf
+seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als
+Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends
+zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte
+und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen
+seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig
+zerfallenen Gesicht deutlich ablesen.
+
+Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als
+Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als
+Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen.
+
+Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen
+gerichtet zu dieser Zeit.
+
+Und die Familie Benommen war ehrgeizig.
+
+Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig
+hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich
+vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte
+sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das
+diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt
+erscheinen lassen konnte.
+
+Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer
+strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr
+Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein
+Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren
+toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.
+
+Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der
+bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor
+dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem
+Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der
+Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen
+Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf
+und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach
+einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im
+Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber
+in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der
+bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. »Ihr habt keinen
+Charakter!« stieß er hervor.
+
+»Nun, und du?« lachte der total betrunkene Schreiber mutig.
+
+». . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab
+Charakter!« Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und
+lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab.
+Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang,
+sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.
+
+Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und
+war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder.
+
+So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat
+Glück in Amerika.
+
+»Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug
+ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!« schrie der rote Fischer.
+
+In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie
+Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder.
+
+So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und
+schweigender Verachtung umgeben.
+
+Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des
+Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich
+schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu
+seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den
+Räubern unter die Füße.
+
+Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit
+niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer
+seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der
+Amerikaner durfte wenig ausgehen.
+
+Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte,
+einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der
+Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis
+Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die
+Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen
+wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen.
+Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute
+morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut
+stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann
+sofort, die Pläne zu zeichnen.
+
+Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des
+Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen,
+ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr
+Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren
+die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.
+
+Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in
+einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine
+Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz
+unerwartet, und verächtlich lächelnd: »Ha! Hinaus in die Welt!« mitten
+in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich
+aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den
+Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe,
+um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei.
+
+Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem
+Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine
+verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen.
+Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer
+auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur
+seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu
+schlagen.
+
+Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner
+am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im
+Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau
+abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer
+entlang.
+
+Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt,
+diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das
+Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde
+spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten
+Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen
+die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so
+komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen.
+In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.
+
+Der blieb in Kniebeuge hocken. »Sie müssen erst einmal hinaus in die
+Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe.
+Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.«
+
+»Hi! hihiha!«
+
+Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne
+und rollte das große Papier auf.
+
+Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine
+riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre
+auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die
+Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von
+oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden
+Eisenbahnzug zermalmt.
+
+»Dort!« schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke
+mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, »die reiße ich weg!
+. . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen
+fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?«
+
+»Ja! Ja!« heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den
+Augen. »Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte
+vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere
+und stürzte bewußtlos zusammen.
+
+Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die
+Knie gestützt. »Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt
+nicht hinaus in die Welt«, sagte er und lächelte immerzu.
+
+Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den
+Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den
+Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am
+Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden
+zur Wache.
+
+Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die
+Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig
+Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch
+durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse
+gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der
+Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie
+Benommen beim Teufel sei. »Mein Heiner soll's gut haben«, hatte die
+Mutter geantwortet.
+
+Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die
+Irrenanstalt.
+
+Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden
+war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz
+unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und
+liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach
+Schluß der Schulstunde.
+
+Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen
+Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn
+diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu,
+streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. »Nun, was
+macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber
+eine Hitz! Ich mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.« Er lachte
+schallend.
+
+Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche
+Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im
+reinsten Hochdeutsch sprach: »Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht,
+Oskar.«
+
+»Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.« Er haschte
+einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die
+alte Linde.
+
+Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter
+nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug
+immer bis zur Hälfte zu leeren. »Weiß der Teufel, so eine Hitz!« rief er
+und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter.
+
+»Trinkst du jetzt wieder?« fragte der Schreiber.
+
+»Gott, natürlich. Warum denn nit?«
+
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das
+Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb
+begeistert offen stehen.
+
+Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den
+Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein
+Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne,
+lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche
+Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte
+er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die
+Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel
+trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den
+Tisch zurück und brüllte: »Sauft!«
+
+Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er
+feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche
+Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte
+bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im
+Kopf wie Benommen der Amerikaner.
+
+Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten
+könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz
+aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht
+mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann
+geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem
+Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher
+in seinem Leben.
+
+Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch
+nichts mehr von ihr.
+
+In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die
+kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu
+umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und
+Negerlippen, wie der bleiche Kapitän.
+
+Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe,
+lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der
+Anfang.
+
+Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse
+der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren
+hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen
+Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit,
+dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen,
+aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein
+zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr
+Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet.
+Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die
+Witwe Benommen und war befriedigt.
+
+Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten,
+die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der
+ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe
+verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm
+passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag
+zwanzig Mark kostet.
+
+Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher
+geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder
+freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und
+Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen
+Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen
+gestülpten Benommenschen Lippen.
+
+Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal
+die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und
+aufmunternd sagte: »No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.«
+So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig
+und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte.
+
+Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den
+Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein
+Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages
+der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.
+
+Jahrelang wußte niemand, wo er war.
+
+ * * * * *
+
+Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf
+den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut
+vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen
+garniert war.
+
+»Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett«, sagte Herr Leisegang, nahm
+sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis
+seine Frau hereinkam. »Wo ist meine Desinfektionsvase!«
+
+Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte
+eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das
+Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die
+desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.
+
+Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die
+Geldstücke.
+
+Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer
+Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke
+mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer
+schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten
+mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so
+eine vielfarbige Decke gewünscht.
+
+Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf
+sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem
+Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß
+auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube
+war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus.
+Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch
+leer.
+
+Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er
+so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer
+siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte
+Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt.
+
+Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er
+vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der
+täglich zu den Mönchen aufs »Käppele« ging.
+
+Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in
+der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte.
+»Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter
+Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler
+gäbe.« Das wiederholte die Rote Wolke täglich.
+
+An einem Abend hatte er wieder in »Wilhelm Tell« im Stadttheater
+statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr
+stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne
+beschienen. »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, rief er und wies
+mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine
+alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf
+schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief:
+»Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend' ich's, die
+Gelegenheit ist günstig.«
+
+Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner
+Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad
+Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas
+vorspielen dürfe.
+
+Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit
+den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah
+traurig hinunter in den Fluß.
+
+Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen
+dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand
+auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: »Brauch' i denn no'n
+Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am
+Stadtufer a.«
+
+». . . Warum denn am Stadtufer?«
+
+»Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens
+wieder amal in mein Schelch.«
+
+Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts.
+Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht.
+Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv
+aus.
+
+Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts.
+Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der
+Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen
+Sandinsel, wo die Weiden stehen.
+
+Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.
+
+»Ich rudere euch ein wenig herum«, sagte Oldshatterhand, der im
+schaukelnden Schelch saß.
+
+Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses.
+Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben.
+
+Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste
+befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das
+zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten.
+Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam.
+
+Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an
+den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten,
+klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser
+sinken.
+
+»Kunst ist heilig«, sagte die Rote Wolke gedämpft.
+
+Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. »Wir
+werden Romeo und Julia zusammen spielen«, sagte sie und sah der Roten
+Wolke sanft in die Augen.
+
+»Julia!« erwiderte die Rote Wolke verhaltend.
+
+»Und du bist Romeo.«
+
+»Da ist doch nix dabei«, flüsterte der Schreiber heftig. »Ich weiß nit,
+warum du so eine Furcht davor hast.«
+
+Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr
+erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an
+Lenchen Leisegang.
+
+»Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu«, hörte
+Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern.
+
+»Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!«
+
+Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die
+hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann.
+
+»Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten«, sagte
+Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen
+Leisegang die Ruder los. »Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas
+werden. Vielleicht berühmt.«
+
+Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem
+Wasser und fiel zurück.
+
+Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: »Die Kunst. Die Kunst . . .
+Tempel.«
+
+»Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich«, sagte das
+Lehrerstöchterchen.
+
+»Rudre ans Ufer!« schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm
+abgerückt steif auf dem Querbrettchen.
+
+Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch
+fest.
+
+Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise
+herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts
+neben ihm her.
+
+»Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!«
+schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale
+des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen,
+die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der
+Stadt waren. Die Würzburger »Strizzi«, von denen jeder sein im Griffe
+festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten
+beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie
+ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen
+vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die
+alle schon gesessen hatten.
+
+»Laß sie doch«, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg,
+der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief:
+»Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!« Die weiteren Bemerkungen gingen
+unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat
+von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse.
+
+»Ich muß jetzt jemand abhol«, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und
+sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm
+gingen.
+
+Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand,
+blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause.
+
+Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. »Weil
+ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no
+lang nit zornig zu sein.«
+
+»Du darfst mir nachmachen, soviel du willst«, sagte Oldshatterhand und
+lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er
+nachdenklich fort: »Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es
+auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?«
+
+». . . Nein, das versteh ich nit.«
+
+». . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür.
+Verstehst du?«
+
+»Ich weiß nit, was du da redst.«
+
+»Ja, es ist sicher so«, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging.
+
+Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.
+
+»Laß mi amal schnupf!« rief einer der »Vierröhrenbrunnensteher«.
+
+»Wer ist denn das?« fragte ein anderer.
+
+»Metzger ist er . . . Da geh doch her.«
+
+Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die
+Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.
+
+Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen
+Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht
+er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei
+Würzburg geküßt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen
+Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf
+vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang
+wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare
+gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von
+Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein
+Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih
+und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den
+Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen
+sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu
+unterscheiden -- plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das
+Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen
+alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das
+einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses
+Hochwaldes sein.
+
+In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues
+Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem
+Dache.
+
+Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt,
+dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden,
+die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg
+am »Letzten Hieb« gehängt worden.
+
+In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler
+Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand.
+
+»Dieses Haus gehört niemand«, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger
+Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom
+grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. »Und es wagt sich
+auch keiner in die Nähe.«
+
+Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener,
+bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg,
+von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm
+unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand
+das Wenige, das er selbst besaß.
+
+Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die
+technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen,
+was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten
+übergroßer Begeisterung.
+
+Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und
+oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen
+Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde
+von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse
+heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald.
+Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen
+Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und
+geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts
+ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene
+Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß
+es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell
+die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen.
+
+Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um
+Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und
+wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.
+
+Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte
+einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts
+anzuziehen. »Das ist die weichste«, sagte Grünwiesler und schleuderte
+eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte.
+
+Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon
+an.
+
+Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen.
+»Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen«, sagte er
+zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon
+hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. »Und eine
+einzige große Lilie, vorne herauf.«
+
+Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich
+nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem
+Eichenast.
+
+Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar
+nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang
+ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie
+sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts.
+
+»Ihr schenkt ja auch niemand etwas«, sagte Oldshatterhand zu
+Grünwiesler. »Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen
+hat's.«
+
+Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in
+den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die
+langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann
+schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald
+verwachsen.
+
+»Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie
+bleibt ja doch auf immer da«, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen.
+
+»Wenn sie's erlaubt«, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten
+Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am
+Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll
+Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive.
+
+Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal
+umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So
+sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr
+gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten.
+
+Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm
+vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese.
+
+Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler,
+verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und
+reichte Grünwiesler einen Brief. »Von wem mag jetzt der sein«, fragte
+der Briefträger. »Da ist ja gleich was drauf gemalt.«
+
+Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor
+Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde.
+
+»No, von wem is jetzt der Brief?«
+
+»Von meinem Freund Immermann.«
+
+»Der is gewiß auch so ein Maler?«
+
+Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: »No, dann grüß
+Ihne Gott«, und ging.
+
+Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß
+Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für
+Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob
+Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser
+Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne
+man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe.
+Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand
+komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise
+Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel
+Einsicht verlangen. »Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,« schloß
+der Brief, »im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit
+diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir.
+Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male
+Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.«
+
+Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die
+Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg
+an.
+
+Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei.
+
+»Wie ist das?« fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein
+angefangenes Bild auf die Staffelei.
+
+»Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.«
+
+»Dann erklär mir's doch, woran's liegt.«
+
+»Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die
+Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.«
+
+»Du kannst nichts erklären!« schrie Oldshatterhand erregt. »Erklär doch!
+Erklär doch!«
+
+Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild.
+
+Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. »Zeig
+mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch
+ist!«
+
+Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.
+
+»Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!«
+
+»Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive«,
+sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: »Es gibt auch noch
+eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's
+schon.«
+
+»Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein
+Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!«
+
+Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut
+über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner,
+pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem
+Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten
+gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war,
+drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem
+aufbrausenden Schüler sagte er stockend: »Quäl mich nicht . . . Warum
+quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.« Nur ein gefährliches
+Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die
+jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem
+Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.
+
+Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.
+
+Oldshatterhand wurde sofort ruhig. »Ich packe es schon noch«, sagte er
+und lächelte Grünwiesler an. »Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll
+ich Tee eingießen?«
+
+»Oh, das wär lieb von dir«, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich
+hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ». . . Du, ich hab einen Brief
+bekommen von Immermann.«
+
+»Was schreibt denn der?« fragte Oldshatterhand mit gemachter
+Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu
+haben.
+
+». . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich
+geh übrigens diese Woche noch zu ihm.«
+
+»Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.«
+
+»Nein«, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor,
+wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein
+entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. »Aber ich muß ihn wieder
+einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.«
+
+»Pf!« machte Oldshatterhand verächtlich. ». . . Zeig mir einmal den
+Brief.«
+
+»Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich
+ihn geworfen.«
+
+»Du hast den Brief noch!« fuhr Oldshatterhand auf. ». . . Immermann hat
+wieder schlecht über mich geschrieben.«
+
+»Nei . . . n«, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen
+Oldshatterhands bedauerte.
+
+»Sei nur still! . . . Ich weiß schon.«
+
+». . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand
+etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt
+. . . So ist Immermann nicht.«
+
+»Du lügst! Ich seh dir's an.«
+
+»Wiesooooo?« erwiderte er traurig singend.
+
+»Du lügst einfach!«
+
+Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. »Wenn du's
+wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben
+. . . Schenk mir noch einen Tee ein!« rief er kameradschaftlich. »Den
+hast du fein gemacht.«
+
+Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. »Ich kenn den
+Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der
+Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist
+und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch
+zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!«
+
+»Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander«, sagte Grünwiesler
+fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. »Singen wir jetzt
+ein Lied?«
+
+Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: »Zu dem Lied
+malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden
+sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.« Er sah
+Oldshatterhand in die Augen.
+
+Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in
+steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. »Was Immermann
+malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst
+hat's keinen Sinn.«
+
+»Mnja«, sagte Grünwiesler im Halbschlaf.
+
+»Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben«, rief er frohlockend. »Alle
+werden zu mir kommen.« Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden
+hörte, dachte er allein weiter.
+
+ * * * * *
+
+Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch
+den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung
+nach Würzburg.
+
+Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen
+zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte
+sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.
+
+Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm
+Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne
+berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein
+schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen
+Frühlingshoffnungen ruhten.
+
+Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber
+die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben.
+
+»Komm, gehn wir«, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus
+und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose
+Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag.
+
+Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel
+in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte
+den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche
+Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis
+zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. »Wenn ich jetzt rasend
+zornig sein könnte.« Grünwiesler sah erschrocken auf. »Ich könnte ja
+hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen
+kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen
+nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.« Er sah Grünwiesler
+an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand
+blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.
+
+»Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch
+unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen
+sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!« atmete
+er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung.
+
+Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße
+hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen
+Bauernhäuschens in der Sonne glühte.
+
+Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah,
+als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte
+Oldshatterhand: »Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.« Und was
+wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt
+ist. »Es ist ja kein Ofen im Haus.«
+
+»Nein«, sagte Grünwiesler nachdenklich, »Türen hat das Haus nicht.«
+
+ * * * * *
+
+Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige
+Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers
+Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen
+unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab.
+Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine
+Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll
+aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein
+junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte
+sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel,
+stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus,
+durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von
+einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.
+
+»Herr Tierarzt Amrhein«, stellte der Gutsbesitzer vor. »Und das ist mein
+lieber Freund Immermann.«
+
+Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen
+kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den
+Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit
+verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf
+den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und
+tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus.
+Sie war schwanger.
+
+»Lassen Sie den Eber heraus!« rief der Gutsbesitzer ihr nach. »Bringen
+Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.«
+
+Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann.
+Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und
+errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den
+geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann.
+
+»Wie geht's mit deiner Gesundheit?« fragte Grünwiesler ängstlich.
+
+»Wie es einem Herzkranken gehen kann.«
+
+Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein.
+Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit
+seiner Herzkrankheit.
+
+Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.
+
+Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte
+die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand,
+überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen
+verzog.
+
+Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler
+hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler
+zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen --
+einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu.
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen
+Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen
+fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und
+als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann
+hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte
+mit ironischem Lippenverziehen.
+
+»Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da
+bist«, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu.
+Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne
+sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich
+haßte, weil er stehen blieb.
+
+Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert
+auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn
+fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen.
+
+Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt
+stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der
+Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los,
+bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und
+verließen interesselos den Düngerhaufen wieder.
+
+Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen
+verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber
+wurde in den Stall geschoben.
+
+Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter
+legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah
+dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen
+Augen.
+
+»In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das
+ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie
+sind eingeladen«, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann.
+
+Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin
+trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: »Nun? ist der
+Tierarzt denn noch nicht da?«
+
+»Ach, das ist ja schon lange vorüber.«
+
+Immermann verzog die Lippen.
+
+Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand
+gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich
+ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin
+gemein.
+
+Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus
+gekommen war.
+
+»Eine Tippelschickse!« sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg
+betroffen.
+
+Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz
+gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt
+vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte
+sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht
+von dem Mädchen sprach.
+
+»Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.«
+
+»Ausweispapiere! Man braucht keine!« sagte Oldshatterhand laut.
+
+»Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?« sagte
+Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre.
+
+Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte
+kein Wort hervor.
+
+Immermann verzog die Lippen. »Da habe ich es schon etwas ungefährlicher.
+Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?« Er
+lächelte Grünwiesler breit an. »Ich habe übrigens wieder ein
+Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin
+Romantiker.«
+
+»Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!« schrie Oldshatterhand plötzlich. ». .
+. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.«
+Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein.
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit
+seinem Kanarienvogelblick nach.
+
+»Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht
+verkehren«, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend.
+
+»Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir
+haben schöne Stunden miteinander verlebt.«
+
+»Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.«
+
+»Nein, nein!« rief Grünwiesler ängstlich. ». . . Ich meinte ja nur so
+. . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen
+wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.«
+
+»Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei
+sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.«
+
+». . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?«
+
+»Was denn?«
+
+»Schluß! Dann aber Schluß!« schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster
+Wut.
+
+»Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt
+mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch
+du einsehen.«
+
+»Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von
+mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.«
+
+»Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe,
+dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz
+einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die
+Stimmung nicht länger verderben.«
+
+»Du hast recht.«
+
+»Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir
+mein neues lyrisches Gedicht.«
+
+»Oh, das wäre wunderbar«, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand
+auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen.
+
+»Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin
+vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du
+das Bild?«
+
+»Oh, das ist wunderbar.«
+
+Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am
+Tannenstamm. »Pst . . . dort«, flüsterte Grünwiesler.
+
+Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter.
+Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme
+ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.
+
+Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu
+Immermann empor.
+
+»Siehst du die Kompositionen?«
+
+»Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie«,
+sagte er traurig.
+
+»Tom der Reimer saß am Bach!« rief Immermann begeistert.
+
+Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten,
+waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden.
+Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am
+Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen.
+
+»Ist das wahr«, fragte er den Weinbergshüter, »daß Sie den Buben, die
+sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?«
+
+Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn.
+»Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf
+und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.«
+
+[Fußnote 1: Weinberg.]
+
+»Ach nein!« rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum
+Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag
+und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt
+war.
+
+Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte.
+
+Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem
+rotbäckigen Jüngling. Der sagte: »Bis übermorgen könnt ihr die zwei
+Hauptrollen studiert haben von meinem Stück«, und reichte der Roten
+Wolke sein Manuskript.
+
+»Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf
+Akten«, las die Rote Wolke vor.
+
+Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen
+des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die
+Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte:
+
+ »Entflieh mit mir, Klärchen!
+ Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.«
+
+Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.
+
+Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das
+Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt:
+»Es lebe die Kunst und die Liebe.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in
+München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt,
+die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal;
+nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem
+Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.
+
+Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ
+die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen
+Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie
+aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung
+bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen.
+
+Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in
+die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und
+her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen
+Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.
+
+Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und
+strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil
+auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander
+nicht zu unterscheiden waren.
+
+Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört
+oder traurig auf die Kreuze blickten.
+
+Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit
+gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese
+Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn
+niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert
+vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins
+Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.
+
+Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste
+aufgenommen worden.
+
+Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte
+zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die
+Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem
+schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal,
+zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich,
+wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die
+Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch
+vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb
+-- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem
+Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein
+Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen
+Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen
+weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb
+die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen
+Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu
+Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.
+
+Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf
+ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz
+Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann,
+die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen
+Limburger Käse.
+
+Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die
+Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten,
+der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend,
+pfeifend in der Ferne verklang.
+
+Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch
+und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.
+
+Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut,
+aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von
+Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute
+sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen
+durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die
+schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick
+senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah,
+die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war.
+Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart.
+Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei
+Frauen in eine zusammen.
+
+Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte
+manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe.
+»Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.
+
+Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre
+Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand
+zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.
+
+Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen,
+zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen
+sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr
+kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.
+
+Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an,
+weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen
+ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione
+berechtigt seien oder gemein.
+
+»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er
+nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien
+Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen
+fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit.
+Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein
+kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein
+charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_
+verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen
+gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn
+hinaus.
+
+Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten
+hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen
+überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das
+einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich
+darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der
+Brust heraus.
+
+Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den
+Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten
+Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+
+Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte
+ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?«
+
+Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden
+Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte
+Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.
+
+Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und
+sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den
+zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf
+Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand
+Ekelgefühl und stand auf.
+
+In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt
+den Überwurf vorne zusammen.
+
+Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin
+und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein
+wenig eng da ist.«
+
+Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob
+ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und
+angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur
+Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf
+pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche
+. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.«
+
+Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.
+
+Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger
+Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte,
+lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und
+plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich
+und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die
+Wette krachende Äpfel essen.
+
+Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das
+Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das
+Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen
+Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten
+Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+
+In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem
+Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel.
+Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht
+ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die
+Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
+
+Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und
+fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem
+Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht
+worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und
+dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht
+schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau
+meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein
+Haus beträte.
+
+Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett
+wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb
+stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.«
+
+Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um,
+so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen
+mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte,
+daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen,
+und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete
+wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
+
+Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands
+tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben
+der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der
+ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch
+von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß,
+wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem
+Gelächter erfüllt war.
+
+Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant
+regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen
+und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß
+wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei.
+Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und
+von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch
+vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener
+Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer
+Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst,
+etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
+
+Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim
+Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und
+er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum
+Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und
+vielleicht etwas komfortablere zu mieten.
+
+Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen.
+Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte,
+rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst
+am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte
+im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie
+wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt
+hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.«
+
+Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja
+doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den
+komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig
+hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke
+waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
+
+Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und
+starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine
+Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der
+mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette
+reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein
+Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das
+hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas
+aufs neue zum Kellner emporhielt.
+
+Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café
+eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht
+hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute
+sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und
+sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken
+würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen.
+
+Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden
+sofort vom Straßenschmutz gefressen.
+
+Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus
+dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem
+Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein
+Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte
+wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den
+rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte
+-- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß,
+noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht
+reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er
+plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.
+
+Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß,
+verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so
+beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise
+glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen
+elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast
+angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt
+und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden
+Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken
+und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert
+verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende,
+fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden
+dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um
+sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur
+Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos
+und blickten düster vor sich hin.
+
+Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer
+blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.
+
+»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die
+Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum
+Kusse reichte.
+
+»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es
+gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn
+nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an
+manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn
+und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend
+und ging.
+
+Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
+
+Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll
+Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es
+gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen
+violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die
+Preiselbeermilch in den Magen.
+
+»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte
+Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine
+Jugendphotographie von sich betrachtet.
+
+»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man
+unter die Räder.«
+
+Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt,
+weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen,
+brachte er nicht über sich.
+
+»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der
+Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur
+elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer
+wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten
+etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte
+Schuhe.«
+
+»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker
+Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen
+Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein
+Schloß aber in einer Woche fertig haben.«
+
+»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die
+Dame.«
+
+»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau
+mit Geld.«
+
+»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist ein Lebenskünstler.«
+
+»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein
+hundsgemeiner Lump.«
+
+»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer
+keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele,
+verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.«
+
+Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er
+den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde
+hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe
+hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt:
+»Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem
+furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr
+rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß,
+daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein
+armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange
+gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges,
+gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach
+handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten,
+einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht
+zurückschlägt.«
+
+»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam.
+
+»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter;
+seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.«
+
+». . . Nur einen hat's gegeben.«
+
+»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie
+nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete
+sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der
+Kellner eckte von Tisch zu Tisch.
+
+»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam
+die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend.
+
+Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur
+manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit
+dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter
+seinen Augen sank faltenbildend übereinander.
+
+Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste
+schob sich durchs Lokal.
+
+Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor;
+fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu,
+der eine Zeichnung hochhielt.
+
+Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder
+vor sich hin.
+
+»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide
+waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine
+hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in
+Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
+Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und
+das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in
+Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn
+er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein
+Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.«
+
+»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.«
+
+»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals
+auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
+
+»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den
+Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß
+er geringschätzig.
+
+»Doch, ich kenne . . . mich.«
+
+». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands
+zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich
+einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am
+Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten
+habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier
+an dem Tisch wenn er säße.«
+
+». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt
+herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der
+Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der
+Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen,
+grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke
+springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . .
+So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder
+Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige,
+bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder
+. . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der
+Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung
+auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.«
+
+»>Gemein< habe ich nicht gesagt.«
+
+»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt,
+die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so
+einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich
+dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an
+seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz
+unschuldig.«
+
+»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen.
+
+»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie
+sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis
+er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
+scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er
+lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu
+kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das
+habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den
+Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein
+Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und
+lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
+
+»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte
+Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig
+einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf
+gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang
+und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand
+sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der
+Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
+
+»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat
+ein Loch in der Hose.«
+
+»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber
+. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der
+alten Brücke.«
+
+»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf
+Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
+
+»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.«
+
+ * * * * *
+
+Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und
+unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen
+können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand
+er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich
+anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar
+und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete
+unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter
+Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht
+lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst
+dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu
+bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner
+Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder
+aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen
+Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden,
+trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er
+das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen,
+wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen
+stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit
+ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich
+in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse
+gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
+geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über
+mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich.
+Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war
+ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem
+schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen
+Kerl ein Künstler werden könne.
+
+Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.
+
+Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen,
+sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme
+darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich
+den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen
+Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem
+Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!«
+
+»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.«
+
+»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu
+kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
+
+Der Herr war kleiner.
+
+Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins
+Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame
+gar nicht.
+
+Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen.
+»Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in
+der Kammer.
+
+Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in
+Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.
+
+»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?«
+
+»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?«
+
+»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon
+gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon
+zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham
+sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also
+weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's
+überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem
+lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine
+Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu
+gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die
+Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am
+Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän,
+der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten
+Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein
+Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach
+München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft
+deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?«
+
+»Ja.«
+
+»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.«
+
+Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
+
+». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst
+gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also
+ich komm auch daher.«
+
+»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich?
+Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder
+einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht
+an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft!
+Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher
+bekommts nie los.«
+
+Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler
+klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken
+müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber
+kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München
+gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu
+studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die
+er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei,
+nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz
+verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen
+der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht
+ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von
+Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe
+ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur
+sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante.
+Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr.
+
+Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der
+Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die
+für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe
+der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich
+bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich
+getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was
+soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines
+Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler.
+
+Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit
+Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
+
+Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm
+gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die
+technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand
+ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er
+vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
+
+Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr
+erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe
+und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem
+Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst,
+erschieße ich mich vor deinen Augen.«
+
+Er trug den Brief sofort zur Post.
+
+Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer
+zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine
+düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.
+
+Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte
+vergessen, ihn zurückzusenden.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und
+blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der
+Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen.
+
+Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen
+Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich
+auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen
+Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
+
+Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht
+. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang
+der Räuber.
+
+»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche
+Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den
+siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten.
+
+Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz
+still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.
+
+Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des
+Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr
+Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen
+geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal
+um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.
+
+»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur
+Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.
+
+Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede
+zog einen zerknüllten Schleier hervor.
+
+»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen
+habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die
+Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach
+außen.
+
+»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem
+grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am
+Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.«
+
+»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich
+will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle
+Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt
+schloß sie: »Ich bin doch Modistin.«
+
+Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große
+Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.«
+
+»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut.
+»Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das
+wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle
+Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat
+einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und
+Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr
+langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten.
+Alle sahen ihr nach.
+
+»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die
+Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
+
+Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.
+
+An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt.
+Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten
+herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.
+
+»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die
+Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür
+hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte
+sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
+
+»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.«
+
+»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen.
+
+Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber
+das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen
+malen kannst.«
+
+Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
+
+»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?«
+
+»Ja.«
+
+»Das hab ich mir gedacht.«
+
+Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat
+ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die
+Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen.
+
+Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den
+Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
+
+»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte
+Oldshatterhand.
+
+»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer
+verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . .
+ein Vierröhrenbrunnensteher.«
+
+»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast
+nichts mehr.
+
+Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte
+zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla!
+. . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und
+begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also
+wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur
+Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr
+dazu?«
+
+Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen.
+Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken.
+
+Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch
+hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
+
+Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden
+Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die
+genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren
+erschrocken auf.
+
+Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café,
+saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile
+betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt
+lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß
+die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König
+der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte
+geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung
+weiterlas.
+
+Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am
+Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
+
+Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan
+auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.
+
+Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem
+bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich
+wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und
+weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.«
+
+Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde
+vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich
+an den Tisch dazu.
+
+Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in
+einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam,
+gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem
+Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen
+und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die
+schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar
+verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt.
+Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.
+
+»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief
+erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!«
+
+Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an.
+Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund
+gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los.
+
+Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst
+interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng
+auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!«
+
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
+
+»Also und, wart bis der Leutnant fort is.«
+
+»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche
+Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit:
+Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das
+Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein
+Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.«
+
+Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte
+sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im
+Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime
+Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch
+kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand!
+Ich!«
+
+Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen
+öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz
+schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine
+Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes
+Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.«
+Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände.
+
+Der Leutnant verließ das Café.
+
+»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.«
+
+Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon
+oft mit hinaufgeflogen?«
+
+»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte
+das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also
+seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man
+kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft
+die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft
+rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
+
+»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und
+Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also
+und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?«
+Alle blickten auf den Billardspieler.
+
+»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber
+sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf.
+
+Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des
+Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor
+der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel.
+
+Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach
+Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du
+denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von
+Unterfranken bin?«
+
+»Wie meinst du das? Siebzehnter?«
+
+»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und
+Aschaffenburg.« Er entkleidete sich.
+
+Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine
+waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und
+schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum
+tragen zu können.
+
+Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand --
+sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem
+neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von
+Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem
+nackten Jüngling und sich.
+
+Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche
+Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und
+Aschaffenburg geworden.
+
+Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt
+zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und
+rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu
+Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen.
+
+Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine
+Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit
+den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine
+Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
+
+»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.«
+
+»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer
+ist da.«
+
+»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem
+Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine
+Zeit.«
+
+»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra
+von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze
+Leben.« Er hob die Arme.
+
+Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke
+eintreten.
+
+»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald
+Kletterer aus Würzburg.«
+
+»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die
+Augenbrauen und sah auf die Uhr.
+
+»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter
+Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .«
+
+»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?«
+
+»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr
+Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als
+ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann.
+
+»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor
+fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von
+Bamberg.«
+
+Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann
+von neuem.
+
+Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte
+die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu
+klein.«
+
+Der Mund stand offen, rund und schwarz.
+
+»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?«
+
+»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal
+erben soll.«
+
+»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist
+ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr
+Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist
+ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner
+eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.«
+
+Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann
+zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete
+stärker, mit Frühjahrshagel vermischt.
+
+Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der
+Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf
+der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der
+salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen
+kam.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von
+Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.
+
+Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom
+schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.
+
+»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den
+Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken.
+
+»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger
+>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.«
+
+»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu
+einer Italienreise eingeladen.
+
+Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon
+braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in
+den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
+
+Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.
+
+»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet
+hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den
+Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser
+und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt
+ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen
+zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . .
+Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf.
+
+»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte
+Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen.
+»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.«
+
+In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den
+beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen
+Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
+
+»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum
+Fenster.
+
+»Nein, das ist nur ein See.«
+
+»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht
+gesehen.
+
+Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom
+Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.
+
+Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im
+Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand
+unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es
+heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein.
+Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den
+dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts
+stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im
+weißen Himmel.
+
+Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings
+wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die
+fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und
+zerfallend.
+
+Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und
+sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in
+Schweiß und sammelte dann.
+
+»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter
+Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah
+genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und
+sammelte. Sprach aber selten ein Wort.«
+
+Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener,
+Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten
+Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die
+Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.
+
+Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von
+den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre
+Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite.
+Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten
+einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon
+verschwunden war.
+
+Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
+
+»Was ist das?«
+
+»Das Meer.«
+
+»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen
+Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden
+Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
+schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte
+Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.
+
+Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die
+Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.
+
+Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum
+schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.
+
+Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm
+schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri
+. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.«
+
+»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte,
+weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem
+Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .«
+
+Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß
+gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße,
+bis zu einem der alten Paläste.
+
+Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende
+große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier
+dem Fremden ein Telegramm.
+
+»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem
+Freund.«
+
+Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war
+Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen
+Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
+Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den
+Schlüsselbund klingen und verklingen.
+
+Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die
+Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.
+
+Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen
+Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
+
+Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen
+Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen
+Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus,
+in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.
+
+Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den
+Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie
+Wasserinsekten.
+
+Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer
+warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine
+Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge
+Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich
+hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern
+gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen
+Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der
+Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit
+dem Schiffskoloß verband.
+
+Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die
+Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt,
+blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
+Zurückbleibenden.
+
+Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß,
+der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als
+das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich,
+geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum
+sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch,
+während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich
+entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden
+konnten.
+
+Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine
+Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers
+losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen
+hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch
+zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein
+Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der
+alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
+
+Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit
+hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er
+nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die
+Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte
+Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor
+Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins
+schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper
+vom Wasser weg und schwankte zurück.
+
+Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und
+gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die
+drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.
+
+Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat
+vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt:
+Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen
+lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in
+Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich
+verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft
+willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen,
+damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne,
+was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein
+altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit
+Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er
+nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden.
+Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den
+ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz
+war unterstrichen.
+
+»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«,
+sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens
+immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die
+aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch
+einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und
+sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch
+kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.«
+
+Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder
+-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens
+wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne
+jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
+
+Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang
+hatte bleiben wollen.
+
+Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines
+Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens
+hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben
+auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt
+über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin
+vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung
+und legte beide Hände in die Hüften.
+
+»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein
+graues Schloß, »una castello Genova.«
+
+Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft
+ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß
+des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
+
+Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener
+erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu
+können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.
+
+Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag
+Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser
+hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen
+Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem
+alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des
+Hafens von Genua.
+
+Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in
+die Alte Pinakothek.
+
+Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van
+Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah
+auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal
+Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund
+Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg
+Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd,
+Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb
+von dir.«
+
+Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen
+Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn
+ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie.
+
+»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die
+Leiter.
+
+Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte.
+»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.«
+
+»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im
+Murillosaal.«
+
+»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.«
+
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit
+seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein
+guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.«
+
+Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna
+von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.
+
+Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen,
+eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten
+ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten.
+
+»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf
+der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen
+Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?«
+
+Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die
+Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte.
+So gingen sie weiter.
+
+Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen,
+machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer
+herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und
+Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.«
+
+»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?«
+
+»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen
+will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.«
+Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein
+und drückte Oldshatterhand die Schulter.
+
+»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.«
+
+»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie
+nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände
+in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen
+. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen
+kaufen zu können.«
+
+Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. »Du bist eingeladen.«
+
+Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen,
+und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal.
+
+Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand
+hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und
+bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig.
+Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.
+
+»Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.«
+
+»Du und ich, wir halten zusammen«, erwiderte Grünwiesler und hieb
+Oldshatterhand die Hand auf die Schulter.
+
+»Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken.
+Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige.
+Kopieren kann jeder.«
+
+Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.«
+
+Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt
+ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner
+Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an.
+
+Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu
+sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum
+hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts
+wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?«
+
+Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der
+Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben
+erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah
+Bratmund an.
+
+»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich
+dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich
+wohnte in einem Palast.«
+
+»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was
+_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast
+mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von
+mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel
+glaubte, du wärst mein Freund.«
+
+»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte
+doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß
+ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild
+verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.«
+
+»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken
+in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt,
+dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark
+eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu
+Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen
+bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich
+vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin
+endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt
+verschwinde.«
+
+»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig
+Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück.
+Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das
+Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir
+raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen.
+Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn
+jetzt sein.«
+
+»Das wirst du schon sehen.«
+
+»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße
+Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller
+blickte.
+
+»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet
+werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine
+Photographie hat der Staatsanwalt.«
+
+»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet
+werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein
+ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam.
+
+»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast
+geglaubt, ich sei ein Tölpel!«
+
+Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das
+Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze.
+
+Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch
+Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft
+war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit
+offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem
+vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse
+nichts.
+
+Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt
+nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den
+Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht
+so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er
+und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war
+sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb
+reglos hocken.
+
+Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine
+Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht
+mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich
+nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter.
+Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt
+sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm
+seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb,
+beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das
+Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer
+abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog.
+
+Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte
+rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder
+werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum.
+
+Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich
+hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in
+der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter
+seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat.
+Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den
+Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit
+zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die
+Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann
+jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er
+den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie
+Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater,
+durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein.
+Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.«
+
+Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und
+pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«.
+
+»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb.
+Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte,
+mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch
+unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.
+
+Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an
+seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit
+Grünwiesler.
+
+Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz
+las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von
+München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter
+Aufforderung zu räuberischer Erpressung.
+
+Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht.
+Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie
+aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete
+den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die
+Höhe blickte und ins Haus trippelte.
+
+Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.
+
+»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und
+hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!«
+
+Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si
+si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand
+weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich
+vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen.
+
+Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann
+in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze
+hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand
+hinüberblickte.
+
+»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und
+sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.«
+
+Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen
+Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße
+schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu.
+
+Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht
+zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.
+
+Der Mann stieg in die Elektrische.
+
+Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger
+Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust
+hochgenommenen Armen.
+
+Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine
+Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86.
+
+ * * * * *
+
+Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild.
+
+»Ich heiße Michael Vierkant.«
+
+Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen
+Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die
+Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief
+geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.«
+
+Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die
+Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich
+herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.
+
+»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete
+Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas
+ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.
+
+»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte
+eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr
+Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes
+Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister,
+einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz
+genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem
+Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm
+Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der
+Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr
+Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen
+konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die
+Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.
+
+Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes
+linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen
+können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf
+das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen
+. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So,
+dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du
+mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler
+Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich
+unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr
+gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt
+es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt
+Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein
+schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber
+Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein
+ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das
+denke ich.«
+
+Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich
+glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend
+Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über
+einen Abgrund zu laufen.
+
+Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe
+hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie
+geschickt?«
+
+Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also
+wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem
+Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das
+Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der
+Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam.
+
+»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner
+Tante die sechstausend Mark wegnehmen?«
+
+Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und
+wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie!
+Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst:
+Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in
+schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat,
+was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er
+mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit
+Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle
+ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das
+ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . .
+Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer
+zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar
+unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte.
+»Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt
+weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich
+verbrannt.«
+
+»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr
+unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du
+mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.«
+
+»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein
+irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen
+Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen
+Augen.«
+
+»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie
+wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden
+bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte
+Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt
+auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die
+Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so
+furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«,
+sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick
+suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.
+
+Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde
+aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß
+sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase.
+»Letzter Hieb«, sagte er.
+
+»Wie?« fragte der Diener.
+
+»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.«
+
+»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging
+wieder ins Zimmer.
+
+»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger
+Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.«
+
+Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.
+
+Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.
+
+»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen
+. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen
+kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand;
+er stand noch immer an der selben Stelle.
+
+Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür
+leise.
+
+»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem
+Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich
+_mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar
+Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins
+Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_!
+Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und
+schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür.
+
+Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener
+ein und führte ihn zum Arzt zurück.
+
+Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie
+Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden
+Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein
+bißchen.«
+
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke
+in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er
+gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er
+mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.«
+
+Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam
+an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie,
+ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran
+zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und
+davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag
+ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo
+ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich
+halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.«
+
+»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?«
+
+»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie
+gehört doch eigentlich mir.«
+
+»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.«
+
+»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde
+trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung.
+
+»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor
+deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah
+dabei Oldshatterhand an.
+
+»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da
+breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß
+ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der
+Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte
+von der Welt!«
+
+Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell
+sinken und ging flammend aus dem Zimmer.
+
+Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen,
+das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.
+
+In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das
+Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern
+saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen,
+violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten.
+Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse
+hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die
+langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb
+abwehrend, halb zugreifend.
+
+Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.
+
+Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen
+wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.
+
+Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.
+
+Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens
+mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und
+die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war,
+legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah
+keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.
+
+Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte,
+erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter
+Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die
+Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf
+die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände
+zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem
+Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis.
+
+Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg,
+aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine
+Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit
+zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.
+
+Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er
+nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort
+betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn
+der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich
+zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch
+an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt
+worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er.
+
+Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten
+sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der
+auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden
+Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu
+unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen
+dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit
+Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand
+zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen
+Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas
+zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd
+und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen
+Acker auf den Brand zustolperte.
+
+In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den
+Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen,
+floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich
+stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt
+von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und
+fürchtete die alten Augen seiner Mutter.
+
+Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht.
+
+Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern
+verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd
+stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum
+Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn
+mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den
+Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur
+verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen
+hinaufzusteigen.
+
+Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg.
+
+Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den
+Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und
+den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine
+Stiefel und begann auf und ab zu gehen.
+
+Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte
+ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte
+näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen.
+Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem
+Eisklumpen.
+
+»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit
+gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben
+springen können«, antwortete der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine
+Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte
+den Wachtposten dunkel sprechen.
+
+Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales
+Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand,
+auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den
+Rasen.
+
+Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife
+zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig
+nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche
+Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern
+hatten sich zu den Mädchen gesetzt.
+
+»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich
+beim erstenmal.«
+
+»Hohaho! Eine Maß.«
+
+»Auf Ehr?«
+
+»Allemal!«
+
+»Also, ihr seid Zeugen.«
+
+Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an
+den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den
+Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen
+sein Herz trafen.
+
+Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den
+Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig
+zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte.
+
+Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und
+Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu
+werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst,
+gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das
+kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein
+Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die
+Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein?
+Deine Maß ist futsch.«
+
+»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . .
+Liesl, gehst du mit?«
+
+»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken
+nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob
+seine Hand unter ihre Hände.
+
+Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens
+gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine
+Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.
+
+»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte
+sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn
+dann doch an Falkenauges Wange lehnte.
+
+Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann
+und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen,
+und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein
+Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«,
+flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so
+stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie
+die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O
+Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht
+. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . .
+oder ins Wasser.«
+
+Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut
+zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf
+Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung.
+Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.«
+
+»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab
+mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.«
+
+»Mit Futteral?«
+
+»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in
+mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig
+Pfennig, das ganze Futteral.«
+
+»Und der Vogelstutzen?«
+
+»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.«
+
+»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.«
+
+»Er hat doch Silberbeschlag.«
+
+»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen
+gedehnt.
+
+»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich
+schieße nur auf Ratten.«
+
+»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber,
+legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins
+Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als
+er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.
+
+Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der
+kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen
+zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er
+unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten
+wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum.
+
+»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut.
+
+Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den
+ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf
+Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.
+
+»Ich glaub, ich hab geschlafen.«
+
+»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand
+den bleichen Kapitän sprechen und horchte.
+
+»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was
+gehört von ihm.«
+
+»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich
+sag, der ist irgendwo Kirchendiener.«
+
+Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder
+stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen
+der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in
+seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«.
+
+Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die
+Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor
+er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in
+Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die
+beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient.
+
+Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von
+seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem,
+endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die
+Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den
+Augenlidern, um Tränen zu bekommen.
+
+Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes,
+ewiges Licht.
+
+Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte
+Gefühl, Winnetou könne ihn retten.
+
+Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus
+hängt.
+
+Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle
+ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann
+klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.
+
+Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So
+spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle
+Stück Brot, das Winnetou reichte.
+
+»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und
+nahm das Brot.
+
+»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so
+spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der
+Mauer.«
+
+Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er
+sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich,
+zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele«
+hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte
+er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden
+angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal
+hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als
+barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von
+Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous
+unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen.
+Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!«
+
+Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.
+
+Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner
+Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein
+paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist
+du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen
+großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her
+strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.
+
+»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme
+und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat.
+Hilf mir.
+
+»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?«
+
+»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.«
+
+Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und
+tappte nach.
+
+Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum
+roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind
+wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum
+erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.«
+
+»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?«
+
+»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?«
+
+»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . .
+und dann Italien.«
+
+»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle
+lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen
+bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei
+. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen
+wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte
+heiter.
+
+»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine
+Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So
+stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren
+Maßstab.«
+
+»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!«
+
+»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte
+heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter
+Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist
+das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.
+
+»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou
+ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt
+dir etwas und hilft dir.«
+
+»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand
+lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen.
+Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte
+ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett
+sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine
+Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts?
+. . . Irgend etwas Grauenhaftes.«
+
+»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.«
+
+»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich
+bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.«
+
+Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.
+
+Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die
+Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den
+schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand
+auf.
+
+»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe
+Zeit. Komme wieder, bitte.«
+
+»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg
+Christi hinunter.
+
+Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.
+
+Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner
+Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten
+Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das
+Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten
+ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten
+Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich
+in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war
+und frei und kühl atmen konnte.
+
+So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft
+zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten,
+durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine
+zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im
+Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden
+Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der
+Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und
+an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend
+zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen
+Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem
+Bett saß.
+
+Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du
+denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt
+hast?«
+
+»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der
+Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die
+kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern.
+Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich
+zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.«
+
+Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du
+weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür
+verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung
+der Lügner kannst du nicht leben.«
+
+»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in
+denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern
+mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins
+Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo
+soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir
+wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika
+spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen,
+lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie
+fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde
+traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich
+es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein
+schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele
+Kirchtürme, die alle die Achtung sind.«
+
+»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen,
+sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du
+geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land
+und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da
+unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin
+allein.«
+
+»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und
+redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.«
+
+»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn
+ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir:
+solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden,
+stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und
+verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle
+verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende
+geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr
+lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals
+verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug
+sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel.
+Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir,
+der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.«
+
+»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge,
+und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet
+mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz
+. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner
+werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.«
+
+»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre
+Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung
+auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.«
+
+»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine
+Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten
+nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine
+Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«,
+flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen
+--, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und
+hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen.
+Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt.
+Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff
+umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im
+Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot,
+noch ein Fenster öffnete.
+
+Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer.
+Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte
+Gesichter.
+
+Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die
+Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ,
+sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte,
+erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um
+ein Hindernis herum auf sie zuschoß.
+
+Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster,
+schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen
+droht.
+
+Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf
+Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.
+
+In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand,
+daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt
+worden sei.
+
+ * * * * *
+
+Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte
+Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt.
+Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie
+mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.
+
+Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden
+Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die
+Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus
+an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die
+Frühlingssonne abzuhalten.
+
+Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit
+Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen
+Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.
+
+Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein.
+Der Anatom zog das weiße Tuch weg.
+
+Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen
+Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und
+Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen
+Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche
+reichten.
+
+Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte
+mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und
+Gesichtsmuskeln durch.«
+
+Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte
+mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer
+Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen
+Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein
+paar schnelle Striche.
+
+Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen
+aufmerksam zu.
+
+Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die
+Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet
+gestorben, dachte der Fremde.
+
+Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die
+Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell,
+einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt
+neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des
+Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die
+Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn
+lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte
+an der Leiche die Lage der Muskeln.
+
+Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der
+Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.
+
+»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille
+hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß
+er den Satz gesprochen hatte.
+
+Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und
+eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt
+von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte
+der Anatom und zog das Tuch weg.
+
+Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er.
+»Geben Sie mir meine Leiche.«
+
+Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.
+
+»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der
+Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist
+erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als
+bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.«
+
+Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim
+Erblicken Oldshatterhands.
+
+»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte
+Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man
+jetzt nichts mehr machen.«
+
+»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen
+hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur
+gerecht . . . Gerecht!«
+
+In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler
+Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie
+bestimmt worden sei.
+
+An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild.
+Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die
+Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme,
+als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden
+war.
+
+Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum
+letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine
+schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die
+vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick
+voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen
+gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten
+Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den
+ganzen Tag glückselig herum.
+
+Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen
+Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung
+in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr
+hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der
+»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus
+Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische
+Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden
+waren.
+
+Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die
+frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage
+lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann
+gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann
+allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach
+Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn
+fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den
+Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen
+über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das
+für Hammel und Rindviecher seien.
+
+Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein
+geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt.
+Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen
+Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint,
+es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr
+richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die
+Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder
+gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er
+zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen
+Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.
+
+Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu
+Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der
+Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng
+auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.
+
+Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung
+angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des
+»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen.
+
+Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub
+»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen«
+geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands
+war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des
+Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn
+er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken
+Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem
+Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.
+
+Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem
+Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe
+geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige
+Geschäftsfrau war und sehr resolut.
+
+Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die
+Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur,
+weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,
+sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit
+überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die
+Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und
+anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie
+war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten
+Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die
+schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein
+Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so
+wie der Bürgermeister von Bamberg.«
+
+An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft
+ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann
+schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:
+den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der
+Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig
+Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.
+
+ * * * * *
+
+Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.
+
+Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um
+nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb
+stehen und blickte ihm mit großen Augen nach.
+
+Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher,
+und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am
+Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die
+Ziehharmonika.
+
+Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen
+vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde,
+rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster
+hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.
+
+Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der
+»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat.
+
+Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue
+Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten.
+Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst
+hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren
+noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.
+
+Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock
+aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend,
+schritt er aufrecht weiter.
+
+Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie
+befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.
+
+»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und
+legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete
+heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt,
+horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen
+-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte
+nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.
+
+Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von
+Askalon«.
+
+»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«,
+sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren
+versammelt.
+
+»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das
+verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte.
+»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.«
+
+Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen
+Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben,
+übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen
+belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch.
+
+Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin
+erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten
+Kinde in der Hoffnung.
+
+»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der
+blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie
+lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch
+g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und
+fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht.
+
+Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang
+auf den Stuhl neben dem Fremden.
+
+»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog
+die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er
+und lächelte sicher.
+
+Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den
+Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte
+liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn,
+was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene
+Geld in sein Tellerchen.
+
+»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die
+Kellnerin füllte das Glas.
+
+»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den
+Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.«
+
+Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.
+
+»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze.
+
+»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die
+Karten.
+
+»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem
+Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.
+
+»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.«
+
+»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.«
+
+»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.«
+Er stülpte die Lippen nach außen.
+
+»Sei still. Da, hast dein Sohn.«
+
+»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.«
+
+Die Witwe Benommen strahlte.
+
+»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.«
+
+»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft.
+
+Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder,
+großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte
+stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er
+mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine
+gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte
+der Matrose. »Seid ihr alle da!«
+
+»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!«
+
+»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.
+
+»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb
+auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf
+. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!«
+
+»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der
+Luft. Er war im Verlust.
+
+»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle
+durcheinander.
+
+»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum
+Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.«
+
+Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf
+der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite.
+Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und
+schüttelte lächelnd den Kopf.
+
+»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber.
+
+»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und
+schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber,
+alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!«
+
+»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und
+betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen
+offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen
+zurückgezogen.
+
+»Warst du weit?« fragte einer.
+
+»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus.
+
+»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat
+gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.«
+
+»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und
+konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma
+. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi
+. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www
+. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me
+. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin
+tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot?
+. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit
+dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein
+Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.
+
+»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte
+die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.«
+
+Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach
+rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän
+stimmte die Gitarre.
+
+ »Auf, Matrosen, ohe!
+ Auf die wogende See.
+ Schwarze Gedanken,
+ Sie wanken und fliehn
+ Geschwind, wie der Sturm und Wind«,
+
+sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa
+. . . Wa . . . Wein her!«
+
+»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube
+g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab
+no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in
+mein Keller.«
+
+»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen
+alle Räuber.
+
+»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer.
+Wo käm ich denn da hin.«
+
+»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose
+dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden
+Räuber.
+
+»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«,
+sagte plötzlich der Fremde und lächelte.
+
+Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig
+den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen
+auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand.
+
+»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der
+Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!«
+
+»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.
+
+»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee
+. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser
+Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien
+. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du
+. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . .
+fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir
+aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich
+wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir
+die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.«
+
+ * * * * *
+
+Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens
+und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.
+
+»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die
+Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo
+der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein
+Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie
+über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte.
+
+»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft
+und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen
+Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer
+aufgestellt hatte.
+
+Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im
+Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt.
+
+»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«,
+sagte der bleiche Kapitän.
+
+»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer
+griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.
+
+Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o
+is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und
+blickte gespannt und pfiffig die Räuber an.
+
+»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.«
+Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite.
+
+»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum
+>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf
+eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar
+. . . gott.«
+
+Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge
+schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande
+stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.
+
+»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs
+. . . Zs . . . Zimmer<?«
+
+Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die
+Jahre zurück.
+
+»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber.
+
+Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm.
+»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen,
+rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+
+ * * * * *
+
+Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.
+
+Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch
+geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am
+Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten
+sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das
+Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen
+vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein
+Kind.«
+
+»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde.
+
+»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles,
+klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.
+
+
+
+
+
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+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE ***
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+posted with the permission of the copyright holder found at the
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
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+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
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+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ Project Gutenberg-tm works.
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+</head>
+
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+
+Title: Die Räuberbande
+
+Author: Leonhard Frank
+
+
+Release Date: October 19, 2009 [EBook #30281]
+[Last updated: September 12, 2014]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+</pre>
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+<span class="line1">16. bis 20. Tausend</span>
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+<h1 class="tit" id="part-1">
+<span class="line1">Leonhard Frank</span><br />
+<span class="line2">Die Räuberbande</span><br />
+<span class="line3">Roman</span>
+</h1>
+
+<p class="pub">
+<span class="line1">1922</span><br />
+<span class="line2">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span>
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="titlematter">
+
+<p class="cop">
+Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="titlematter">
+
+<p class="ded">
+Lisa Ertel gewidmet
+</p>
+
+</div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-1">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+Erstes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">P</span>lötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem
+holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre
+Lippen bewegten sich &mdash; man hörte keinen Laut; Luft und
+Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von
+Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst.
+Und aus allen heraus tönte gewaltig
+und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete
+sich bis zuletzt und verklang.
+</p>
+
+<p>
+Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer
+Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte
+Brücke marschierten, wurden wieder hörbar.
+</p>
+
+<p>
+Über der Stadt lag Abendsonnenschein.
+</p>
+
+<p>
+Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung
+auf dem Gipfel, und im steil abfallenden königlichen
+Weinberg blitzten die Kopftücher der Winzerinnen &mdash; die
+Weinernte hatte begonnen.
+</p>
+
+<p>
+Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Knaben, die lachend und schreiend &bdquo;Nachlauferles&ldquo;
+spielten, um die zwölf mächtigen Brückenheiligen
+aus Sandstein herum, vom heiligen Kilian zu
+Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still
+und versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr
+Mager, der Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen
+Knaben, schritt über die Brücke.
+</p>
+
+<p>
+Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und
+stieß mit Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz,
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster. Erzürnt sah
+er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen spannten sich. Er
+hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten
+davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der
+Schulstunde des Montags.
+</p>
+
+<p>
+Der Lehrer war gefürchtet.
+</p>
+
+<p>
+Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet.
+Keiner traf so sicher wie er mit dem Rohrstock die
+Fingerspitzen, immer genau dieselbe Stelle, daß die Fingerspitzen
+schwollen und blau anliefen. Unverhofft mit
+dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er.
+Und zöbelte er einen Jungen, so faßte er die feinsten
+Härchen an der Schläfe. Benötigte er einen neuen Rohrstock,
+dann mußte der Junge, welcher Prügel zu bekommen
+hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann
+holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig,
+beroch die Stöcke, hieb sie durch die Luft und
+horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten und zähesten,
+präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete,
+und der gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen
+Blutblasen in die Fingerspitzen zwickte.
+</p>
+
+<p>
+Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine
+Wolke, sein Leben lang. Und es kam vor, daß vierzigjährige
+Männer, frühere Schüler von ihm, erschrocken
+zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.
+</p>
+
+<p>
+Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule
+entlassen mußte, gab er ihnen die Angst mit auf
+den Lebensweg: &bdquo;Wir sind noch nicht fertig miteinander&ldquo;,
+sprach er und lächelte. &bdquo;In der Fortbildungsschule habe
+ich euch wieder, und wer von euch zu den &sbquo;Neunern&lsquo; einrückt,
+den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+auch da unterrichte ich.&ldquo; Und dann erst war die Klasse
+entlassen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die
+beleuchtete Uhr vom &bdquo;Spitäle&ldquo;, einer kleinen Kirche im
+Mainviertel, deren Vorderfront gegen den Brückenberg steht.
+</p>
+
+<p>
+Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem
+Streit war von den Würzburger Stadtvätern der Jahresetat
+von zwanzig Mark für die Nachtbeleuchtung der
+Uhr bewilligt worden.
+</p>
+
+<p>
+Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar
+schon am Tage, denn die Sonne war noch nicht unter.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt.
+Er war für den Fortschritt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und
+rotem Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann
+und zwei buschigen Eichhornschwänzchen glich, stand
+vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo; und ein alter Polizeiwachtmeister mit
+kurzen Säbelbeinen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!&ldquo; rief
+der Fischer und schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung
+ab. &bdquo;Was nützt uns denn a ubeleuchte Uhr!
+Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so
+a Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.&ldquo; Er steckte die
+Hände in seine gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich
+weg und sah, die Unterlippe grimmig vorgeschoben, den
+Brückenberg hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger
+Pfarrer, dessen ausgeprägte Rückenverlängerung sich
+stark hin und her bewegte, denn er hatte Plattfüße. Ein
+kleines Mädchen sprang zu ihm hin: &bdquo;Gelobt sei Jesus
+Christus&ldquo;, knickste und gab ihm die Hand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+&bdquo;In Ewigkeit. Amen.&ldquo; Der Pfarrer schlug das Kreuz
+und hielt Herrn Mager seine Horndose hin. Herr Mager
+nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, und ließ den
+Tabak in seine Tasche fallen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an
+dreipfündige Hecht aus mein neue Sandschiff g&rsquo;stohle,
+mitsamt&rsquo;n Blechkaste&ldquo;, rief der rote Fischer. &bdquo;Wenn i
+so &rsquo;n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! die
+Gurgl um.&ldquo; Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter
+die Nase. Die Adern an seinem Halse schwollen.
+</p>
+
+<p>
+Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der
+Kirche. Herr Mager beugte das Knie und hob erbleichend
+die Arme, taumelte gegen die Kirchenmauer: ein
+durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
+vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte,
+den Säbel hocherhoben, dem Pferde in großem Abstand
+über die Brücke nach.
+</p>
+
+<p>
+Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte
+ihn und sprang freudig bellend am Pferde empor,
+das hinter einem hochbeladenen Heuwagen stehen geblieben
+war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten
+einem Besitzer.
+</p>
+
+<p>
+Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister.
+Der Heuwagenkutscher trat auch hinzu, tätschelte dem
+durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob den Schwanz
+&mdash; die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger,
+die das heufressende Pferd umstanden und ihre Pfeifen
+stopften. Man unterhielt sich weiter.
+</p>
+
+<p>
+Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Gesicht zum Himmel gerichtet, ließ eine Leberwurst in den
+Mund gleiten und zog die leere Haut langsam wieder
+heraus in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt
+mit winzigen Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und
+blickte streng aufwärts zur Festung, deren viele Fenster
+glühten, vom letzten Sonnenschein getroffen, als müßten
+unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen
+Himmel schlagen.
+</p>
+
+<p>
+Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt
+Wurstfülle in den Mund bekommen, standen die Kinnbacken
+des Knaben still. Voller Grauen starrte er auf
+seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian
+und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte
+er auf den Mageninhalt.
+</p>
+
+<p>
+Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst
+wie eine gefährliche Giftschlange vor sich hertragend,
+ging er langsam weiter, den Knaben entgegen, die vor
+Herrn Mager geflüchtet waren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst&ldquo;,
+sagte einer der Knaben, und sein Mund blieb
+offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dort, beim heiligen Kilian.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten
+mit ihm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn er doch eine Wurst hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer gibt mir was für die Wurst?&ldquo; fragte der Duckmäuser
+zaghaft.
+</p>
+
+<p>
+Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst
+über dem Zeigefinger. Winnetou bot nach langem
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Besinnen einen Pfennig, zog aber die Hand, mißtrauisch
+geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst wirklich
+so billig bekommen sollte. &bdquo;Gelt, es ist etwas nit richtig
+mit der Wurst?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere
+hab ich schon gegessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich&rsquo;s
+nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou, jetzt kannst sie kaufen&ldquo;, riet man ihm.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht
+zum Himmel und wollte sie in den Mund gleiten lassen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt! Fasttag!&ldquo; schrie der Duckmäuser und lachte.
+&bdquo;Fasttag ist heute. Sonst hätte ich meine Wurst selber
+gegessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast
+du eine Todsünde begangen&ldquo;, sagte Winnetou langsam,
+in tiefem Entsetzen.
+</p>
+
+<p>
+Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem
+uralten Vaterhause brannten die ewigen Lichtchen Tag
+und Nacht vor den Betpulten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich
+dir zeigen, wo sie jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing
+die Leberwurst resolut über die große Zehe des heiligen
+Kilian. Und stürzte sich auf seinen Gegner.
+</p>
+
+<p>
+Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister
+führte das Pferd heraus und sprang energisch von ihm
+weg zum Knabenknäuel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter.
+Das Pferd sah sich um, stieg mit dem Hinterteil
+in die Höhe und galoppierte, von der Dogge umrast, in
+mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister
+stand plötzlich in einer schwarzen Rauchwolke und
+schimpfte hustend zum Dampfschlepper hinunter, es sei
+verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam
+durch den Brückenbogen. Der Wachtmeister stieß seinen
+Säbel in die Scheide und sah sich barsch um. Die Brücke
+war leer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich
+die Lehrjungen ängstlich herum und sahen auf die Uhr.
+Der Geselle war schon lange fortgegangen, die Werkstatt
+war peinlich sauber aufgeräumt, die drei kleinen Drehbänke
+blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um
+die Erlaubnis zum Fortgehen zu geben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oldshatterhand&ldquo;, der jüngste der Lehrlinge, stand
+Wache, um die anderen benachrichtigen zu können, wenn
+der Meister ankam. Interessiert holte er aus der Tasche
+seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
+seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er
+weiter in der Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle
+heraus, aus der sich eine Pflaume und ein rundes Handspiegelchen
+schälten. Die Pflaume steckte er in den Mund;
+das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und
+reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die
+im vierten Stock aus dem Fenster sah.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt.
+Der Meister, ein Mann mit gepflegtem rotem
+Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, schritt durch den
+Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.
+</p>
+
+<p>
+Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug,
+das er schon seit einer Stunde rieb, immer wieder
+mit Öl einstrich und rieb, und sah manchmal von unten
+herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der Drehbänke
+lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still,
+man hörte nur das Reiben.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden,
+der den Kopf senkte. Die anderen Lehrbuben
+standen atemlos in den Ecken.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden
+Zangen, Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank
+um Millimeter.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund
+schiefgezogen, auf ihn hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was soll denn das!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!&ldquo; Der
+Meister hatte seinen Blick in Oldshatterhands vergrößerte
+Augen eingehackt. &bdquo;Was bist du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde blutrot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was bist du!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was reibst du denn! Schafskopf!&ldquo; schrie unvermittelt
+der Meister den ältesten Lehrjungen an und biß auf seine
+Unterlippe. &bdquo;Geht doch zum Teufel! . . . Eselsbande!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte
+höhnisch. Die Jungen entfernten sich lautlos.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer
+Feinbäckerei blieb er stehen, sah die Kuchen an und schloß
+manchmal die Augen, um besser riechen zu können;
+denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,
+stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben.
+Sein Vater war ein armer Mann. Und vom Schultyrannen
+Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen Tritt
+geraten.
+</p>
+
+<p>
+Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen
+machte er sich auf den Heimweg.
+</p>
+
+<p>
+Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete
+die alten Häuschen. Er hatte einen Gummimantel an.
+Oldshatterhand blickte auf ihn, ging unauffällig um ihn
+herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
+auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf
+den Fremden zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten
+Gegenwart in die Zukunft. Seine Sehnsucht ließ
+ihn zum Fremden werden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bitte schön, wo ist die Domstraße?&ldquo; fragte der Fremde
+einen Bürger und ging in der angezeigten Richtung fort.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand
+den Oberkörper hin und her, um den Fremden
+so lange wie möglich sehen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter
+kam auf ihn zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie . . . Sie!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Mann blieb stehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+&bdquo;Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße
+ist? . . . Ich bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. &bdquo;Du bist
+doch der Sohn vom Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub!
+Dir geb ich . . .&ldquo; Er hob die Hand. Oldshatterhand
+wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem
+Manne nach.
+</p>
+
+<p>
+Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter
+ein, eine kleine, dicke Frau mit nachdenklichem Gesicht,
+worin die klugen, guten Augen über Last und Sorgen
+und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die
+Furchen der Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der
+Güte verwandeln.
+</p>
+
+<p>
+Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel
+klaffte, so daß die Kleider, die der Korb barg, zu sehen
+waren. &bdquo;Sechs Mark waren diesmal drauf. Und siebenundzwanzig
+Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .
+Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und
+Ausgehgeld, bleiben mir von seinem Lohn drei Mark
+für die ganze Woche. Und damit soll ich Essen für vier
+Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die
+Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal
+nimmer leben tät.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann,
+was es heute abend gäbe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Für&rsquo;n Vater hab ich a Täuble&ldquo;, sagte die Mutter
+und stellte ihren Korb ab. &bdquo;Er ißt&rsquo;s doch so gern . . .
+Ja no, er muß ja die ganze Woche hart arbeiten . . . Und
+wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e bißle
+helf? . . . Siehst, das ist für dich.&ldquo; Sie holte aus dem
+Korb ein Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+Hand auf die Schulter. Ihr Gesicht wurde tiefrot, sie
+lachte, daß ihre Schultern schütterten, und konnte sich gar
+nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen überrascht
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte
+zwischen den beiden nahe dem Boden die Domstraße hinunter
+und über die alte Brücke.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung.
+Sie sieht aus wie Rom.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter lachte in sich hinein. &bdquo;Was bist du für
+einer . . . Wie Rooom!&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war elf Uhr nachts.
+</p>
+
+<p>
+Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann
+der Räuberbande, Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe
+Benommen, stand nackt in seiner Dachkammer
+am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen.
+An einem Strick, der um seine Lenden gebunden
+war, hing vorne ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein.
+Sein weißer Körper war vom Mondlicht getroffen. Hinten
+in der Kammer war tiefschwarze Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere
+Bruder des Hauptmanns betrieb, klang der Gesang der
+Soldaten herauf:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Ich wollte sie verführen,</p>
+ <p class="line">Dazu hat sie kein Mut.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an
+zu üben: er reckte den Brustkasten heraus, sog ihn voll
+mit Luft und zog die ausgebreiteten Arme mit den Bügeleisen
+kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, zog
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen,
+daß sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die
+Unterlippe vorgeschoben, hinunter auf das Spiel seiner
+Armmuskeln.
+</p>
+
+<p>
+Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür
+zugeknallt, und eine Wolke Bierdunst schlug in
+des Hauptmanns Kammer.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. &bdquo;U . . . u!&ldquo;
+klang es düster, &bdquo;U . . . u!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock
+und schlich, die Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die
+Treppe hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge,
+elegant auf sein dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich
+fast zum Halbkreis bog: der Schreiberlehrling des Rechtsanwalts
+Karfunkelstein.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen
+Häuschen eine enge Gasse aufwärts, die bis an den Fuß
+des dunklen Schloßberges führte. Auf dem steilen Bergrasen
+standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein
+Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig
+war die Festung von den Preußen genommen
+und geschleift worden. Seitdem lag eine Kompagnie
+Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des
+Berges, bei einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone,
+die abgefeuert wurde, um Bürger und Feuerwehr
+zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein
+Brand ausbrach.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die
+Linden warfen. Es war vollkommen still. Der Schreiber
+sah sich ängstlich um. &bdquo;Horch . . . hörst du nichts?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+&bdquo;Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän, sah sich auch um und zog die
+Schuhe an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man
+nur keine Angst hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß
+gibt&rsquo;s Gummiabsätz. Das Paar nur zehn Pfennig. Da
+hab ich mir fünfzehn Paar kauft.&ldquo; Sitzlings streckte
+der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die Höhe.
+&bdquo;Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei&rsquo; wieder
+zurückgetragen und hat g&rsquo;sagt, die brauchet ich nit . . .
+Ich trau mich gar nimmer an dem G&rsquo;schäft vorbei. Als
+ob man in seinem Leben nit fünfzehn Paar Gummiabsätzli
+aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz unglaublich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das hätt ich mir nit g&rsquo;fall laß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, was willst denn mach.&ldquo; Er stülpte die dicken
+Negerlippen mürrisch nach außen. &bdquo;No, lang dauert&rsquo;s
+ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham . . . Heiliger
+Gott!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mei Vater hat heut zu mir g&rsquo;sagt, wenn ich noch einmal
+mit Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre,
+könnte ich was erleben . . . Grün und blau wollt
+er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz genau, daß ich
+mir das nit g&rsquo;fall laß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja no.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das eine weiß ich&ldquo;, sprach der Schreiber hochdeutsch,
+&bdquo;so saudumm würde ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden
+die noch machen.&ldquo; Der bleiche Kapitän erhob sich
+und trat prüfend von einem Fuße auf den andern. &bdquo;Es
+ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir
+die andern vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn
+wir jetzt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, aber leis.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,
+wuchtige Bohlentor, durch das man in die
+Festung gelangt. Um diese Zeit war das Tor geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links,
+bis an den Rand vor, von wo aus man tief unten die
+Stadt liegen sieht, hoben wie auf Kommando die Arme,
+schüttelten die Fäuste, riefen: &bdquo;Weh dir!&ldquo; zur Stadt hinunter
+und sprangen in den Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten
+den Schloßberg heraufgeschlichen, bis an den Rand vor,
+riefen: &bdquo;Weh dir!&ldquo; und sprangen, den bequemen Weg
+verachtend, die hohe Mauer hinunter in den Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen,
+war versammelt.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.
+</p>
+
+<p>
+Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die
+alte Brücke, die Häuser und krummen Gassen von Würzburg.
+Die dreißig Kirchtürme bebten im Mondlicht. Der
+Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder
+Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel.
+Die ganze alte Stadt war aus purem Silber.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und
+rauchten ernst die Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf,
+derart viel im Graben wuchs.
+</p>
+
+<p>
+Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Mondlicht saß, fiel der tiefschwarze Schlagschatten, den die
+Schloßmauer warf.
+</p>
+
+<p>
+Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch.
+Die Räuber saßen reglos und starrten auf das Lagerfeuer,
+das in ihrer Mitte flackerte.
+</p>
+
+<p>
+Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter
+Straminhaussegen, auf dem &bdquo;Bet&rsquo; und arbeit&rsquo;, so
+hilft Gott allzeit&ldquo; gestickt war. Die Worte rollten sich
+zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.
+Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.
+</p>
+
+<p>
+Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken
+als Schande galt, und sprach: &bdquo;In Südamerika sind die
+Indianer klein, falsch und furchtsam.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Südamerika!&ldquo; sagte verächtlich der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist
+nur mit einem Tau festgemacht, unterm Brückenbogen.
+Im Frühjahr, wenn das Hochwasser kommt, müßten wir
+halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar
+Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück
+den Rhein hinunter und dann zu Fuß nach Hamburg.
+Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen sein!&ldquo; rief
+die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten
+Tante die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht
+mit der Tante; denn er deklamierte, nachdem er einmal
+bei einer Vereinstheatervorstellung mitgewirkt hatte, den
+ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder Leichenkränze
+band. &bdquo;Am ewigen Meer . . . da können wir in
+vierzehn Tagen sein.&ldquo; Sein Mund stand offen, rund und
+schwarz wie ein Mauseloch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+&bdquo;Und dann?&ldquo; fragte der Schreiber und zog lächelnd
+die Augenbrauen in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann! Was heißt das &mdash; dann?&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+&bdquo;Dann machen wir eben ein Segelschiff los und
+segeln ganz ruhig über den großen Teich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen,
+und die Wachen? He? Vielleicht steht sogar der Kapitän
+selbst die ganze Nacht am Steuer und blickt hinaus
+aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. Diese
+Sachen hab ich schon oft genug gelesen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte,
+die Zähne zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam
+zog er die geschwärzte Hand zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer&ldquo;,
+rief verächtlich der Hauptmann. &bdquo;Oder weißt du
+nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? Das &mdash; mein
+Lieber, das geht im Handumdrehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. &bdquo;Die
+Hauptsache ist, daß sich in einer einzigen Nacht in allen
+Urwäldern und Prärien des wilden Westens bei absolut
+allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft verbreitet,
+aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . .
+Auf unsere ersten Taten kommt&rsquo;s an. Die müssen gewaltig
+sein und furchtbar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Weiber werden natürlich verschont&ldquo;, schloß der
+bleiche Kapitän und stülpte die Negerlippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin
+darf auch immer eine halbe Stunde früher fortgehn&ldquo;,
+sagte der Schreiber. &bdquo;Gestern hab ich zum erstenmal
+Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur
+unser Bureauvorsteher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+&bdquo;Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt&rsquo;s kolossale
+alte Revolver. Die können wir drüben gut
+brauchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man
+damit trifft, der is total tot.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die
+Hand, preßte sie zur Faust &mdash; und zählte leise für sich bis
+neun, schleuderte das schwarzgewordene Holz ins Feuer
+zurück und erzählte gequält: &bdquo;Ins Zuchthaus käme ich
+noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter
+gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen
+von der Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen
+hab. Jetzt sperren sie mich daheim jeden Tag drei Stunden
+in die Holzlage . . . Ich! . . . Ich!&ldquo; Er sprang auf,
+drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham
+wechselten auf seinem Gesicht. &bdquo;Ich halt&rsquo;s nimmer aus!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn
+wir ins Zuchthaus kämen&ldquo;, sagte der Schreiber erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich
+langsam nieder und blieb reglos hocken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun ja . . . warum denn nicht.&ldquo; Der Schreiber sah
+fragend im Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde
+Feuer. Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im
+Mondlicht schwammen. Eine Sternschnuppe fiel in den
+Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem Gedanken
+nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige
+Male angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd:
+&bdquo;Die Erde ka . . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . .
+Kugel sein, denn wenn man immer weiter geht, müßte
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf nach unten
+stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen . . . Da
+habt ihr&rsquo;s, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.&ldquo;
+Und er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen
+Himmel stand. &bdquo;Der Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts.
+Oder wenigstens nicht viel. Die Erde ist keine Ku . . .
+Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel hat sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach
+Rußland, nach China, immer ist der Himmel oben&ldquo;, sagte
+der Schreiber und zuckte mit den Schultern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da!&ldquo; rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die
+Räuber blickten empor zu ihm. &bdquo;Denkt euch halt eine
+Ke . . . eine Ke . . . eine Ke . . . Kegelkugel &mdash; wenn darauf
+ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so groß wie der
+Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft,
+muß er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen.
+Aaalso kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel
+sein. Das ist doch ganz klar. Ma . . . ma . . . meint
+ihr nit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das weiß man halt nit recht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen
+und schwebten langsam und lautlos zu den
+im Mondlicht bebenden Bergen nieder. Vom funkelnden
+Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als einzige
+Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und
+letzten Höhe zu sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in
+dem die großen Augen schwarz wie heißer Asphalt glänzten.
+&bdquo;Ach, Unsinn ist alles, was der Mager da von einer
+Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg einäschern&ldquo;,
+fuhr er heftig fort, &bdquo;ehe wir von hier abfahren, und du
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden,
+so wäre das der Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der
+Mitte. Aber der brennt doch nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben
+auch alles so glatt ginge. Da werden einfach hundert
+Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt &mdash; ich sitze nebenan
+im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke,
+und brenne die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht,
+und ehe du dich versiehst, schlägt eine kirchturmhohe
+Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt gleich das
+Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben
+ihre Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil
+wir schon längst in unserm Schiff den Main hinunterfahren.
+Ha!&ldquo; schloß der bleiche Kapitän und spreizte
+die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen glänzten,
+&bdquo;da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein.
+Dann ginge sicher alles glatt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen
+Bruder aufsuchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, allemal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein
+paar Jahren als Ingenieur nach Amerika gegangen war.
+Der einzige Mensch, dem sich der bleiche Kapitän nicht
+ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder Gelegenheit
+hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.
+</p>
+
+<p>
+Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof
+zum bleichen Kapitän gesagt: &bdquo;Ich komme wieder,
+dann reiße ich die alte Brücke ab und baue dafür eine
+hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus Eisenkonstruktion.
+Da werden die Würzburgerli Maul und Augen
+aufreißen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem
+Amerikaner &mdash; sie sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und
+wortkarg gewaltige Taten vollbringen; sie sahen ihn am
+reißenden Mississippi stehen, nur mit einer Zeichenrolle in
+der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt den
+Finger aus &mdash; da stürzen seine siebentausend Leute sich auf
+Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer
+Brückenbogen im Mississippi.
+</p>
+
+<p>
+Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und
+reitet durch die Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Schule geht in Flammen auf&ldquo;, sagte der Schreiber
+und hob die Arme. &bdquo;Und Lehrer Mager verbrennt
+zu nichts. Hi!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht
+gehalten. Der wird ganz einfach gefesselt und in
+den Festungsgraben geschleppt. Da wird er ausgezogen
+und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden
+Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden
+lang. Überhaupt die ganze Brandnacht durch. Aber . . .
+wir lassen ihn am Leben. Wir hetzen ihn lieber nackt
+durch die brennende Stadt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen,
+um die korri . . . um die korri . . . korrigierten
+Schulhefte abzuholen. Seidel hat einen A . . . A . . .
+Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil so viel
+Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch
+nit helf tr . . . tr . . . trag dürf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager.
+Der ist doch sein Liebling. G&rsquo;schieht dir ganz recht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . .
+Hefte trag . . . Dann weiß ich aber noch einen, de . . .
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+de . . . der gemartert werden muß. Meee . . . Meee . . .
+Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!&ldquo; schrie Oldshatterhand
+wütend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur
+ein paar in Würzburg&ldquo;, sagte sinnend der bleiche Kapitän,
+&bdquo;die werden vorher durch Briefe aufgefordert, ihre
+Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib und Kind
+aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher
+einen Brief. Der hat mich gestern abend sein Garten
+gießen lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der
+liegt inmitten von Prärien und Urwäldern&ldquo;, sagte die
+Rote Wolke und deutete weit hinaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei
+Pa . . . Pa . . . Papageienflügel schicken? Für ihren
+H . . . Hut&ldquo;, sagte Oldshatterhand. &bdquo;Grü . . . grüne
+vielleicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die, die . . . muß einen Brief bekommen!&ldquo; rief Oldshatterhand
+erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja
+einen Brief schreiben, ich tu&rsquo;s nit&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän,
+tat die drei vorgeschriebenen Züge aus der Friedenspfeife
+und sagte monoton in tiefem Baß: &bdquo;Falkenauge&ldquo;,
+reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn,
+stand auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende
+Schilfrohr, während das andere gespenstisch und
+interesselos nach rechts blickte. Es war ein Glasauge.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte
+geiferte dünn und schnell dazwischen, andere mit tiefen
+Tönen setzten ein; der Zusammenklang währte eine Weile.
+Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu schlagen:
+töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe
+Nachtstille.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir
+jetzt den heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand
+haaa . . . t ge . . . sp . . . sprochen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab
+ihm einen Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete
+seine wutfunkelnden Augen auf den Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große,
+dunkle Gestalt, die sich lautlos reckte und schnell wieder
+zusammenduckte, als ein Räuber den Kopf hob.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit Gott denn!&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig
+von einem Fuße auf den anderen hüpfend, im Kreis um
+das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft und monoton
+dazu:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p>
+ <p class="line">Nang kang killewi, nang kang killewi,</p>
+ <p class="line">Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,</p>
+ <p class="line">Nang kang killewi wau.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel
+&mdash; die Räuber standen in ihrer momentanen Stellung
+still. Die Hand des bleichen Kapitäns sank, und die
+Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem Graben
+führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf,
+schlichen vor bis zum Bergrand und riefen: &bdquo;Weh dir!&ldquo;
+zur Stadt hinunter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung,
+der, gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht
+in die Tiefe fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik,
+in deren haushohen Schlot die Räuber oben hineinsehen
+konnten.
+</p>
+
+<p>
+Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende,
+altersmorsche Latten, die aus dem Felsenabhang hinaus
+in die Luft ragten, versperrte den Weg in die königlichen
+Weinberge.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück
+den Felsenabhang hinunter, erfaßte die Latten, schwang
+ein paarmal wie ein Kirchenglockenschwengel über der
+Tiefe hin und her &mdash; und stand in den königlichen Weinbergen.
+</p>
+
+<p>
+Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle
+glücklich drüben, außer Oldshatterhand, der zitternd am
+Felsenabhang klebte, denn seine freie Hand reichte nicht
+bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu rühren.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend
+und von den anderen gehalten, über den Felsenabhang
+hinaus, streckte Oldshatterhand die Hand hinüber
+und riß ihn frei durch die Luft zu sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber grinste: &bdquo;Hohaho! Oldshatterhand.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Still!&ldquo; rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im
+Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.
+</p>
+
+<p>
+Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der
+Festung weg, bis zu den ersten Häuschen der Stadt, fiel
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+der königliche Weinberg steil ab, aus dessen Trauben der
+berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel abgezogen
+wird.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und
+so viel zu fressen, wie er kann&ldquo;, befahl der bleiche Kapitän.
+&bdquo;Und dann erst steckt jeder so viel Trauben ein, wie
+möglich, für unsere Vorratskammer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen
+Weinstock.
+</p>
+
+<p>
+Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden
+Stadt. Die Domuhr schlug eins.
+</p>
+
+<p>
+Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten
+krochen herum. Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und
+horchte, atemlos vor Angst. Ohne hinzusehen, griff er
+seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere in den
+Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort,
+rutschte erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte
+gegen Winnetou. &bdquo;Wenn jetzt jemand kommt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke
+hinunter, auf der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte
+Menschen traumhaft taumelten, und sagte laut: &bdquo;Wenn
+jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß er mich
+sieht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Duck dich doch&ldquo;, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt&ldquo;, erklang
+die Stimme des bleichen Kapitäns laut von seitwärts.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos,
+ohne noch an etwas zu denken, hastig Trauben
+vom Stock und stopfte sie in die Taschen.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand
+im Schatten der Festungsmauer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+&bdquo;Mit dem Messer mußt du abschneiden&ldquo;, schimpfte der
+bleiche Kapitän Oldshatterhand, &bdquo;sonst werden sie ja ganz
+verdrückt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem
+Messer.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus &mdash; über ihm
+stieg eine klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in
+den Nachthimmel. Entsetzt blickten die Räuber zur Flamme
+hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie zu, und die Räuber
+hörten ihn sagen: &bdquo;Herrgott, was ist denn das für eine
+Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt
+werden. Das sieht man doch von der Stadt
+drunten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete
+Winnetous Gesicht. &bdquo;Und wenn sie&rsquo;s sehen!
+Sie sollen&rsquo;s ja sehen!&ldquo; schrie er und trat in Raserei den
+brennenden Weinstock nieder.
+</p>
+
+<p>
+Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht.
+Seine Lippen zuckten. Die Tränen schaukelten
+an seinen Wimpern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . .
+Wenn ihr alle genug habt&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+Die Domuhr schlug dunkel zwei. &bdquo;Wie ein Mensch so
+was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh
+ich wahrhaftig nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg
+und gelangten, jetzt auf einem ganz ungefährlichen Weg,
+den sie herwärts verachtet hatten, zurück in den Festungsgraben.
+Voran der bleiche Kapitän mit einem Waschkorb
+voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den
+Weinberg geschmuggelt hatte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+&bdquo;Pst! Da war gerad jemand gestanden&ldquo;, flüsterte
+Falkenauge.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo? . . . Wo denn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt is er weg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen,
+die gar nit da sind&ldquo;, sagte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es
+dem Schreiber hin und rief frohlockend: &bdquo;Mach das einmal
+nach!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte
+im Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer
+des Festungsgrabens &mdash; ein großes, schwarzes Loch wurde
+sichtbar. Der Anfang eines unterirdischen Ganges.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im
+Gange lag, und ging voran. Fledermäuse klebten an der
+Decke, flatterten auf, prallten gegen die Räuber, und
+huschten ins Freie.
+</p>
+
+<p>
+Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über
+jeden Seitengang hatte der bleiche Kapitän ein Täfelchen
+unter Glas angebracht und mit Druckschrift darauf geschrieben,
+wohin der Gang führte. Auf einem Täfelchen
+war zu lesen:
+</p>
+
+<p class="block">
+Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch,
+in den Hinrichtungshof des Justizgebäudes. Vorsicht!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf einem anderen Täfelchen stand:
+</p>
+
+<p class="block">
+Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt
+eine Stunde weit ins Nonnenkloster Himmelspforten.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+Auf dem dritten Täfelchen:
+</p>
+
+<p class="block">
+Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die
+Mitte des Flusses, zur Wasserfalle, die von Ratten
+wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten Jahrhundert
+der Bischof von Würzburg falsche Priester
+gestoßen, die in die Wasserfalle gerieten, bis zum
+Nabel im Wasser standen und lebendigen Leibes
+von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten,
+diesen Gang nur bei Lebensgefahr zu betreten.
+</p>
+
+<p class="right">
+Der Hauptmann.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu
+einem weißen Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner
+Mutter vom Waschseil gestohlen hatte. Das einzige, was
+er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän zog den
+Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
+quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den
+Felsen herausgehauen, Steinbänke waren.
+</p>
+
+<p>
+Das war &bdquo;das Zimmer&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche
+von der niederen Decke herunterhing, und schimpfte: &bdquo;Die
+ist wieder nicht geputzt worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam
+auf die Holzregale gelegt, die an den Mauern angebracht
+waren, und auf denen schon vielerlei Vorrat aufgestapelt
+lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, von den Räubern
+den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit Zigaretten
+untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen.
+Daneben lagen: ein großer, geräucherter
+Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, in Reihen
+geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Räubern eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder,
+welches Falkenauge in dem Ledergeschäft, wo er
+zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, mitgenommen
+hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten
+zwölf Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde,
+die Häute an seinen Chef zu senden, zum Ersatz.
+</p>
+
+<p>
+Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen,
+aber täglich mit Schweinefett eingerieben, auf
+daß sie nicht knarrten, wenn man in der Prärie die Rothaut
+beschliche.
+</p>
+
+<p>
+Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles
+darauf, vom bleichen Kapitän aus dem Keller seines
+Bruders mitgenommen. Die Biergläser, sorgfältig gespült,
+mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
+Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft
+und mit zertrennten Kartoffelsäcken belegt. Besen und
+Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen an der Mauer.
+</p>
+
+<p>
+Es herrschte musterhafte Ordnung im &bdquo;Zimmer&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an
+Rücken, alle Räuber-, Indianer- und Seegeschichten, die
+es überhaupt gibt: Der Bayrische Hiesl oder Der Herr der
+böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in zweihundertunddreizehn
+gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem
+Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in
+ebenfalls zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige.
+Um sieben Millionen oder Der Schurke von Zanzibar.
+Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle Indianergeschichten,
+die der Herr Buchbinder Männlein, der
+Meister des bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte,
+standen wohlgeordnet im gepreßt vollen Bücherregal.
+</p>
+
+<p>
+Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+dünnes Reclambändchen: &bdquo;Die Räuber. Drama in fünf
+Aufzügen von Friedrich von Schiller.&ldquo; Das Hausbuch
+der Bande.
+</p>
+
+<p>
+Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine,
+die früher das Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe
+Benommen vor Staub geschützt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der
+Wand. &bdquo;Heimlicher Versammlungsort der Räuberbande
+von Würzburg&ldquo; stand darauf.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren&ldquo;,
+sagte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen
+nach außen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm
+Tinte und Feder und ein Büchlein heraus.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn
+der Rechnungsführer an seine Schande erinnert wurde,
+ein Schreiber zu sein. Was dieser jedoch mit grimmigem,
+etwas leidvollem Humor ertrug. &bdquo;Was bin ich? Ein
+Schreiber bin ich, ein Schrieb&ldquo;, sagte er, &bdquo;ein Federfuchser,
+hohaho!&ldquo; Und dabei errötete er stets tief.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?&ldquo; fragte er
+und sah auf die Trauben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen
+Weinbergen. Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig&ldquo;,
+notierte der Schreiber. Und deutete auf eine
+farbige Eidechse aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur.
+&bdquo;Und diese Eidechse? . . . Gekauft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mitgenommen&ldquo;, gab der bleiche Kapitän an. &bdquo;Schreib
+auf: ein Kunstwerk, in Form einer Eidechse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+&bdquo;Und das da, Hauptmann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Wer hat da gelacht!&ldquo; brüllte erzürnt der bleiche
+Kapitän. &bdquo;. . . Wenn noch einmal einer lacht, so wird er
+ausgeschlossen . . . Da wird ganz einfach ballotiert, mit
+schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist er draußen.
+Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
+wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein
+weißer Stallhase, lebend, gekauft beim Jud Meyerheim,
+um fünfunddreißig Pfennige.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte
+mit der Oberlippe.
+</p>
+
+<p>
+Gelacht hatte die Kriechende Schlange. &bdquo;Der macht
+uns ja alles voll&ldquo;, sagte er, fuhr aber schnell fort: &bdquo;Morgen
+ist ein Schnelläufer auf dem Sanderrasen. Er läuft
+im Trikot.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da wird hingegangen&ldquo;, erwiderte der Hauptmann,
+&bdquo;wenn ihr wollt&ldquo;, setzte er, noch erbost, hinzu. &bdquo;Morgen
+mache ich einen Käfig für &sbquo;Das heilige Tier&lsquo;. So heißt
+von heute an der Stallhase.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte
+stand, stellte eine Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen
+zu haben, zurück an seinen Platz.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin:
+&bdquo;. . . Gekauft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied
+Gottlieb.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen
+Hecht, den die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten
+aus dem neuen Sandschiff des roten Fischers geholt
+hatte, und schloß das Büchlein wieder in den
+Schrank.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den
+Hahn ins Bierfaß. Das donnerte im unterirdischen
+Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. Er schenkte
+die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie
+auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und
+rauchten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Felli&ldquo;, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums
+Wort.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sprich&ldquo;, erwiderte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und
+ist dem Erdboden gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen.
+Alle! Auf uns, die einzig Überlebenden, fällt
+natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen ungeheure
+Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier
+Wochen lang hier verbergen zu können. Bis die Regierung
+glaubt, wir seien mitverbrannt. Nicht der geringste
+Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß
+wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter
+aus und erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht
+. . . Und wenn wir uns dann, als Bauernweiber verkleidet,
+aus dem Staub gemacht haben, sind wir verschollen
+auf ewig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou
+schwieg und lehnte sich zurück. Die Kerzenflammen
+standen unbeweglich. Die bleichen Gesichter hingen wie
+kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!&ldquo; rief
+Oldshatterhand erregt. &bdquo;Oh, im wilden Westen . . . Ihr
+werdet&rsquo;s schon sehen . . . Wenn einer von uns in
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu heiraten,
+dann soll er&rsquo;s lieber gleich sagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem
+Blick in die Ecke: &bdquo;Wie du glauben kannst, daß einer von
+uns so ein dreckiger Feigling ist, das versteh ich ganz einfach
+nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König
+der Luft in die Mitte und rief: &bdquo;Ich, der König der Luft,
+lese jetzt vor: das hundertundsiebenundneunzigste Kapitel
+aus &sbquo;Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde&lsquo;. Da
+sind wir&rsquo;s letztemal stehen geblieben.&ldquo; Der König der
+Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig
+und ein scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er
+sprang von immer höheren Mauern herunter, um seinen
+Ruhm zu steigern und eines Tages die Hauptmannschaft
+an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und
+hatte ein Indianerprofil.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?&ldquo;
+fragte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten
+Knopf seines Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur
+Decke und rief: &bdquo;Die bleiche Gräfin!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Räuberlied!&ldquo; brüllten die anderen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, also Räuber &mdash;, also Räuber &mdash; Räuberlied!&ldquo; rief
+schnell und sich überstürzend der König der Luft und stand
+im Ausfall, die Faust geballt. Der Rockknopf sprang ab,
+sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht stand senkrecht.
+Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen
+schief zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub
+er an zu singen, und die Räuber hörten zu.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+ <p class="line">&bdquo;Stehlen, morden, huren, balgen,</p>
+ <p class="line">Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.</p>
+ <p class="line">Morgen hangen wir am Galgen,</p>
+ <p class="line">Drum laßt uns heute lustig sein.</p>
+ <p class="line">Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen,
+während das gläserne tot und interesselos in die Ecke
+blickte. Der bleiche Kapitän sang gewaltsam in tiefem
+Baß und sehr falsch. Und die Lippen der Kriechenden
+Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht
+besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts
+und agierte pathetisch. Jeder der Räuber sang eine
+Strophe. Zuletzt kam Oldshatterhand, der sich sehr frei
+fühlte, denn beim Singen stotterte er nicht. Um über seine
+Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den Zehenspitzen.
+Er sang mit feiner Mädchenstimme.
+</p>
+
+<p>
+Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag
+müde zusammengerollt in der Ecke, und der Kopf des schlafenden
+Oldshatterhand lehnte gegen die Schulter der
+Roten Wolke.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Felli&ldquo;, sagte müde Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sprich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist Zeit, Hauptmann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf morgen denn&ldquo;, sagte leise der bleiche Kapitän,
+und sein Kopf sank auf die Brust.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen,
+zündeten die Pechfackel an und stellten gähnend ihre
+Rockkragen auf.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser im Fischkasten gluckste.
+</p>
+
+<p>
+Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+der weiße Hase, aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal
+sprang und ängstlich im &bdquo;Zimmer&ldquo; herumhüpfte. Mit
+einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa Schlips
+herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Das Wehgeheul geschlagener Väter,</p>
+ <p class="line">Der bangen Mütter Klaggezeter,</p>
+ <p class="line">Das Winseln der verlaßnen Braut</p>
+ <p class="line">Ist Schmaus für meine Trommelhaut.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Räuber hatten das &bdquo;Zimmer&ldquo; verlassen, den Verschlußstein
+wieder sorgfältig eingefügt und standen auf
+dem Bergrücken beisammen.
+</p>
+
+<p>
+Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das
+Gras war taunaß. Auf einem Busch saß eine Amsel und
+pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an einem Lindenstamm,
+mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben
+und huschte in einer Spirale um den Stamm herum
+und hinauf ins raschelnde Laub.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt;
+nur die dreißig Kirchtürme stachen durch den Nebel und
+schwarz in den morgenklaren Himmel hinein. Im Osten
+hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da liegt ein Hobel&ldquo;, sagte Falkenauge erschrocken,
+hob ihn auf, beäugte ihn ganz nahe, roch daran und zeigte
+ihn still und vielsagend der Räuberrunde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen;
+da war der Hobel noch nit dort gelegen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie kommt er überhaupt daher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein schöner Hobel ist es ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ham wir davon!&ldquo; riefen ein paar gleichzeitig.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+&bdquo;Wenn uns jemand ausspioniert hat &mdash; no, dann geht&rsquo;s
+uns krumm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder
+gefahren. Die übernächtigen Augen waren fragend
+und gespannt aufeinander gerichtet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann sind wir verloren!&ldquo; rief die Rote Wolke pathetisch.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen
+Rock und Weste. &bdquo;Was heißt denn das . . . verloooren!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob
+die Hand. &bdquo;Es wird heißen: Im Herbst des Jahres
+achtzehnhundertneunundneunzig
+stattete die gefürchtete Räuberbande
+von Würzburg den königlichen Weinbergen ihren
+Besuch ab . . . In dunkler Nacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn
+wir einmal heim&ldquo;, riet der bleiche Kapitän. &bdquo;Den Hobel
+nehm ich mit, für unsre Vorratskammer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen
+Wegen den Schloßberg hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen,
+wo er auf einem alten Kanapee seine Schlafstätte
+hatte. Gespannt beobachtete er seine um zwei Jahre ältere
+Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der
+Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett
+hin und her; ihre bläulichen Lippen bewegten sich, und
+die schmale Hand hing bis zum Boden hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für
+die Schwester auf den Stuhl, schlich zum Küchenschrank,
+trank Milch aus dem irdenen Topf und goß Wasser nach,
+genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die Augen
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise
+und ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende
+Kanapee nieder.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden
+mit faserigem, grauem Bart, dabei an,
+wie er seine Sachen ordnete. Der Alte sah sich um nach
+seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
+Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war,
+die Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu
+werden. Wohlgemut tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte
+mit dem Stöckchen in der Luft umher und sang leise:
+&bdquo;Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der bangen
+Mütter Klaggezeter&ldquo;, öffnete die Wohnungstür &mdash;
+da läutete die Glocke durchs Haus. Herr Widerschein,
+ein Schuster, hatte sie losgebunden und wartete auf seinen
+Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. Wortlos nahm
+er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.
+</p>
+
+<p>
+Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber
+ruderte mit Armen und Beinen.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause
+durch den hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen
+Lichtchen unter der in der Mauer eingelassenen Mutter
+Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer gelegt,
+den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an
+gar nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige
+Licht zu verlöschen, so daß tiefstes Dunkel um ihn her
+wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und
+war am Blitzableiter hinaufgekrabbelt und durchs Fenster
+in seine Kammer gestiegen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des
+Kastanienbaums im Wirtschaftsgarten.
+</p>
+
+<p>
+Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst
+das rote Tüchlein vor und übte noch eine Weile ernst und
+sachlich mit den zwei Bügeleisen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner
+schulheftblauen Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig
+vorgeschoben, energisch auf die &bdquo;Altrenommierte
+Weinstube zu den drei Kronen&ldquo; los. Gleich darauf klang
+sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.
+</p>
+
+<p>
+Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen,
+einzeln, paarweise und in Reihen, gingen in
+der Richtung nach der Burkarter Kirche. Die Sonne
+schien. Glocken läuteten.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen
+Häuschen des Schusters Widerschein auf einem
+Handwagen, ließ die Beine baumeln und blickte hinauf
+zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen Fenstern.
+Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den
+Bandenpfiff: &bdquo;Nieder mit der Tyrannei&ldquo;, und machte
+leise: &bdquo;Pst&ldquo;, worauf die rot- und weißgefleckte Katze,
+die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, den
+Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.
+</p>
+
+<p>
+Sonst blieb alles unverändert.
+</p>
+
+<p>
+Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. &bdquo;Di di di
+di quiridi&ldquo;, trillerte der Kanarienvogel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pst&ldquo;, machte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt,
+zwischen den Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige
+Male im Handgelenk und winkte dann heftig weg, die
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen Ausgang
+heute.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die
+Schloßgasse, begab sich zur Bande, die vor dem Friseurlädchen
+des Herrn Adam Rein versammelt war, und erstattete
+Bericht.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten,
+ob er es wagen solle, sich rasieren zu lassen. Wenn
+er gegen die Sonne stand, flimmerte ein zarter Flaum
+goldig auf seiner Oberlippe.
+</p>
+
+<p>
+Entschlossen trat er ein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Haarschneiden &mdash; Herr Benommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein . . . Heute nur rasieren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig
+Jahre lang, und noch Ihren Großvater. Und jetzt sind
+Sie auch schon so weit. Ja, man wird alt&ldquo;, sagte Herr
+Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte Haut
+des Hauptmanns gleiten.
+</p>
+
+<p>
+Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte
+seine Leute unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn
+der Rein nicht geschnitten habe.
+</p>
+
+<p>
+Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich
+sauber gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend
+gewichsten Stiefeln. Die Räuber grüßten verlegen. Herr
+Vierkant legte seinen Zeigefinger an den Hutrand und
+lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester
+Laune. Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend,
+schritt er weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.
+</p>
+
+<p>
+Ein schneidender Pfiff ertönte: &bdquo;Nieder mit der Tyrannei&ldquo;,
+und heftiges Keuchen. Sein dünnes Stöckchen
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+über dem Haupte schwingend, kam der Schreiber nachgerast.
+</p>
+
+<p>
+Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das
+Ladenschild war der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes
+gemalt.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein
+Stück Pferdewurst und betrachtete dabei die Würste im
+Schaufenster.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug
+aus. Der Duckmäuser hörte auf zu kauen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann&ldquo;, sagte
+der Schreiber. &bdquo;Begreift ihr das? Sein ganzes Leben
+lang von allen Menschen so verachtet sein. Ich sag euch,
+das ist fast so, wie mit den Juden, die kleine Christenkinder
+schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Jud Meierheim soll&rsquo;s getan haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt
+niemals ein Jud getan hat . . . du Rindvieh!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;I . . . i hahaha!&ldquo; wieherte der König der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu
+sagen&ldquo;, rief der Schreiber und erschrak, denn er hatte
+Herrn Metzgermeister Rücken bemerkt, dessen mächtiger
+Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt über dem
+Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt,
+blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel
+und ließ das Grauen der Räuber auf sich wirken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!&ldquo;
+sagte überzeugend der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden.
+Wenn nicht Soldaten darauf exerzierten, legten die
+Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen auf. Diesen
+Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.
+</p>
+
+<p>
+Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller
+Menschen &mdash; ein weißes Kleid hier und da,
+der Farbfleck einer Bluse.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in
+rotem Trikot, einen Fuß rückwärts gestellt. Mit großer
+Geste rief er: &bdquo;Drei Mark demjenigen aus dem hochverehrlichen
+Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne
+daß ich ihn überhole.&ldquo; Er hatte kurze Beine mit gewaltig
+hervortretenden Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten,
+schwarzen Schnurrbart.
+</p>
+
+<p>
+Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand
+neben dem Stuhl. Sie war des Schnelläufers Mutter
+und hielt einen zerknüllten Zinnteller in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho! Das machst du, Hauptmann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes
+Lächeln zuckte über sein Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Da trat er in den Raum.
+</p>
+
+<p>
+Und schoß gleich hundert Meter vor, während der
+Schnelläufer hinter ihm hertrabte mit zur Brust hochgenommenen
+Armen, daß sich die Ellbogen vor- und zurückbewegten,
+gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen
+Sprüngen vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus,
+angetrieben durch die begeisterten Draufrufe seiner
+Bande.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+&bdquo;Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die
+drei Mark!&ldquo; rief der rote Fischer.
+</p>
+
+<p>
+Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den
+Zuschauern ihren Zinnteller gleichgültig hin und ging
+gleichgültig weiter, mit stumpfen Augen, wenn man nicht
+gab.
+</p>
+
+<p>
+Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden,
+an seinen Leuten vorüber, winkte ihren Draufrufen ab,
+sah sich nach seinem Rivalen um. Und war weg.
+</p>
+
+<p>
+Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann
+wurde immer langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen
+Tempo, holte auf und überholte, unter knallendem
+Gelächter des Publikums und besessenem Draufgebrüll
+der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren
+Runde vollkommen erschöpft aufgab.
+</p>
+
+<p>
+Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne
+am schwarzen Menschensaum entlang.
+</p>
+
+<p>
+Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am
+Gesicht hinunter. Ohne Atem stieß er hervor: &bdquo;Der
+Schnelläufer hat beschummelt! Einen kleineren Kreis hat
+er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber eine halbe Stunde hast du&rsquo;s doch ausgehalten&ldquo;,
+sagte der Schreiber, mit der Uhr in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No wart nur, bis er wieder einmal läuft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch
+gehen. Da gibt&rsquo;s warmen Käsekuchen. Es ist genau
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem Backofen
+raus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab kein Geld&ldquo;, sagte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich!&ldquo; rief der Schreiber. &bdquo;Siebzig Pfennig.
+Weil ich heut früh für mein Vater Schuh fortgetrage hab,
+und da hab ich siebzig Pfennig mehr für die Reparatur
+verlangt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er erfährt&rsquo;s aber nit. O Gott, das mach ich schon
+seit Jahr und Tag so. Die Kundschaft frägt mein Vater
+nit, weil sie&rsquo;s jetzt schon gewöhnt ist, daß bei mein Vater
+die Reparaturen so teuer sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein
+frommer Mann, fett und bleich.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage
+stehen. Der Schreiber kaufte für sich und die
+andern sieben Stück Käsekuchen, welche Herr Schlauch
+durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.
+Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.
+</p>
+
+<p>
+Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah
+die Räuber an und sagte: &bdquo;Der Kuchen schmeckt nach
+Petroleum . . . Herr Schlauch, der Kuchen schmeckt ja
+nach Petroleum.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke
+durchs Fenster Herrn Schlauch wieder hinein, der sich
+ängstlich nach seinen weintrinkenden Gästen umsah und
+entsetzt den Kuchen beroch. &bdquo;Petroleum? . . . Ja, was
+wär denn das.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Versuchen Sie ihn nur selber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum&ldquo;,
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+sagte Herr Schlauch erstaunt, weiter mit der Zunge
+prüfend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch
+gleich!&ldquo; sagte der bleiche Kapitän überzeugend und verzog
+das Gesicht. &bdquo;Wahrscheinlich ist die Petroleumkanne
+daneben gestanden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wa wa wa wa wa!&ldquo; schrie der Bäcker aufgeregt.
+&bdquo;Das gibt&rsquo;s nit!&ldquo; Und schob die angebissenen Stücke auf
+dem Tische herum.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum
+. . . Sie müssen uns neuen Kuchen geben. Wir ham
+doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt einmal den andern
+Platz an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke
+zum Fensterchen hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die
+Räuber bissen in den Kuchen . . . &bdquo;Wahrhaftig! der schmeckt
+auch nach Petroleum&ldquo;, sagte der Schreiber nach einer Weile.
+</p>
+
+<p>
+Der Bäcker wurde dunkelrot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich schmeck nix&ldquo;, sagte der König der Luft mit vollem
+Munde und schluckte hastig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist halt ein Rindvieh&ldquo;, flüsterte der Schreiber . . .
+&bdquo;Also, Herr Schlauch, das gibt&rsquo;s doch nit, daß Käsekuchen
+nach Petroleum schmecken darf . . . da müssen Sie
+uns doch recht geben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster
+hinein. Der Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin,
+türmte sie aufeinander und sagte endlich zu seiner
+Frau: &bdquo;Da, versuch du einmal den Kuchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch
+nit nach Petroleum.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Machen Sie auf!&ldquo; Der Schreiber schlug an die
+Scheibe . . . &bdquo;Da gehn wir ganz einfach in den Laden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich nit. Mein Vater sitzt drin&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+bedauernd und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in
+den Laden hinein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch
+bezahlt&ldquo;, begann der Schreiber. &bdquo;Jesus, wenn sowas bekannt
+wird!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich
+reglos, das dichte Räubergrüppchen an, während ihr
+Mann sich zum Regal umwandte, die Ränder der unangeschnittenen,
+großen Kuchen ratlos beroch und dabei
+heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten&ldquo;, sagte
+der Schreiber sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän drängte sich vor. &bdquo;Genau betrachtet,
+müssen Sie uns unser Geld zurückgeben, natürlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach
+der Kasse griffen, verglich der Kapitän: &bdquo;Wenn mei
+Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden Schwartenmagen
+verkauft, muß sie&rsquo;n a zurücknehm. So was ist doch ganz
+klar. Ich versteh Sie wirklich nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, also da hinten hockt er&ldquo;, flüsterte plötzlich
+der König der Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt
+hatte. &bdquo;Also und, ich geh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.
+</p>
+
+<p>
+Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern
+in die Erde gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+werde. Er und Winnetou mußten lange suchen, bis sie
+die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand
+ein streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei
+herzförmige Blättchen waren, und rief: &bdquo;Das ist mein
+junger Zwetschgenbaum!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene
+Töpfe, zerknüllte, nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen,
+Gipsbrocken, stinkende Gemüseabfälle. Es war der
+Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. Oldshatterhands
+Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes
+Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war
+auch da, von Haselnußsträuchern umstanden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger
+vorsichtig zur Seite und ließ es zurückschnellen.
+&bdquo;Es hat schon ziemlich viel Kraft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die
+Fußsohlen gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen
+in der Mitte war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie lange braucht&rsquo;s, bis was dranhängt&ldquo;, sagte Winnetou
+bedauernd und drückte das Stengelchen auch zur
+Seite.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah es schon als Baum: &bdquo;Alles, was
+er trägt, gehört mir und dir. Er wächst schnell, hier ist
+der Boden gut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es braucht auch viel Sonne und Regen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und
+wieder auf das Stengelchen; er empfand einen Druck
+über dem Herzen, weil er so klein bei dem kleinen Pflänzchen
+saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; seine
+Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: &bdquo;Wenn ich
+dann einmal zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+als ein Fremder zurückkehre . . . in einem Gummimantel,
+dann ist es schon ein großer Baum geworden, der gestützt
+werden muß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir könnten&rsquo;s eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?&ldquo;
+fragte Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel.
+Sie steckten das Streichholz zum Stengelchen in die
+Erde und banden es daran fest. Aber der Druck wich nicht
+aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah nachdenklich
+drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen,
+sondern in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das
+Pflänzchen. &bdquo;Wollen wir? . . . Was meinst du? . . . Das
+düngt&ldquo;, sagte er und war auf einmal fröhlich. Oldshatterhand
+sah Winnetou erst entsetzt an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wirklich, das düngt&ldquo;, beschwichtigte Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann&rsquo;s
+ihm eigentlich nit&ldquo;, sagte Oldshatterhand gedankenvoll,
+und ein Lächeln entstand in seinem Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie
+traten zurück, und die Strahlen trafen das erzitternde
+Pflänzchen.
+</p>
+
+<p>
+Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf
+schwamm ein breites, verfaulendes Brett. Andere Holzstücke
+benützten sie zum Abstoßen und fuhren mit dem Brett
+auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, worauf
+sie erhitzt nach Hause eilten.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-2">
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Zweites Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>as war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige
+Lehrjungen hatten aus der Kneipe der Witwe
+Benommen heraus über die Räuberbande gelacht, die geschlossen
+vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
+Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für
+verächtlich und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch
+einem schon lange zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen
+war. Seitdem hatten die Räuber viele Stunden
+in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, betrunken
+zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn
+er war mit ganzer Seele dabei und immer betrunken. Die
+Zusammenkünfte im &bdquo;Zimmer&ldquo; wurden zum Entsetzen Oldshatterhands
+nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der
+Sonne und warteten auf den bleichen Kapitän. Winnetou
+kaute nachdenklich Gras.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg
+hinauf; er hatte ein schmutziges Karl May-Buch ohne
+Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte er schweigend
+und gespannt auf die Räuber hinunter. &bdquo;Was
+glaubt ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht
+. . . Winnetou ist erschossen worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, halt doch&rsquo;s Maul!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da hockt er ja&ldquo;, sagte der Schreiber lachend und deutete
+auf Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+&bdquo;Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl
+May-Büchern&ldquo;, rief der bleiche Kapitän wütend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou ist tot?&ldquo; fragte Winnetou leise. &bdquo;Das ist
+nicht möglich. Wie soll denn das passiert sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert
+Siouxindianer gegen Winnetou allein! Er ist halt
+überrascht worden, in einer Höhle, die nur einen Ausgang
+hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er tödlich getroffen
+worden, weil die Feigling nur immerzu in die
+Höhle geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . .
+Wie konnt er denn in so einem Augenblick nit da sein?&ldquo;
+fragte Winnetou erregt.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber
+waren auf den bleichen Kapitän geheftet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist&rsquo;s ja! Der war grad gefangen. Er hat aber
+schon sowas geahnt und hat sich befreit vom Marterpfahl
+. . . Und dann hat er eine ganz unglaubliche Leistung
+vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist er
+in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer
+geritten, sondern geflogen auf seinem &sbquo;Rih&lsquo;. Und ist halt
+doch grad um ein paar Augenblick zu spät kommen. In
+Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou ein paar
+Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous
+müßt ihr les&rsquo; . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und
+dann heißt&rsquo;s: Hundertmal hast du mir das Leben gerettet,
+mein roter Bruder Winnetou, und jetzt muß ich zu spät
+kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die
+den wilden Westen sahen, die Höhle, in der Winnetou
+verschieden war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter
+Siouxindianer durch die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren
+&mdash; aber am äußersten Ende, da, wo Prärie und Himmel
+sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner,
+schwarzer Punkt &mdash; schußbereit.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da kann man jetzt nix mehr mach&ldquo;, sagte der bleiche
+Kapitän und reckte sich auf. &bdquo;Aber fürchterliche Rache
+hat er geschworen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Leih mir das Buch bis morgen&ldquo;, bat Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das geht auf kein Fall. Ich hab&rsquo;s selber noch nit
+ausgelesen&ldquo;, wehrte der bleiche Kapitän ab.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Morgen früh geb ich dir&rsquo;s wieder zurück.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Morgen früh muß ich&rsquo;s ja schon abliefern, sonst muß ich
+vier Pfennig mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt
+du&rsquo;s gleich les . . . Wir gehn jetzt in die Weinwirtschaft &sbquo;Zum
+Lochfischer&lsquo;. Kommst halt nach, wennst&rsquo;s ausgelesen hast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou griff nach dem Buch.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die
+Sonne war untergegangen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel,
+die Herr Widerschein vorgeschuht hatte. Bei
+dem Hause des säbelbeinigen Polizeiwachtmeisters blieb
+er stehen. &bdquo;Ich muß erst die Stiefel vom Wachtmeister
+nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder
+da . . . Geh mit&ldquo;, sagte er zum König der Luft.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der frißt dich doch nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also hopp! Also wenn du meinst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein
+paar übrig sind, bis wir nüberkommen?&ldquo; fragte der König
+der Luft auf der Treppe.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur
+Achselhöhle. &bdquo;Das ist fraglich . . . Mein Lieber, wenn
+Oldshatterhand einmal blutige Rache geschworen hat,
+dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben
+. . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer
+war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Verlangst du mehr für die Stiefel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sei doch still.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich&rsquo;s
+bequem gemacht. Sein Uniformrock hing über dem Stuhle,
+die meterlange Pfeife lehnte in der Kanapee-Ecke. Der
+blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe
+zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt
+über dem Kanapee hing.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt,
+drei Mark neunzig kosten die Stiefel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben
+und schnalzte nervös mit den Daumen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schon fertig?&ldquo; Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel,
+stieg in die lange Röhre hinein und zog und zerrte
+an den Stulpen. Sein Gesicht lief blaurot an. Dabei
+preßte er hervor: &bdquo;Drei . . . Mark . . . neunzig?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.&ldquo; Der
+König der Luft blickte starr vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel,
+am andern den Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und
+blickte prüfend zur Decke, schlenkerte das bestiefelte Bein,
+beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen auf das Oberleder.
+&bdquo;Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen
+schönen Gruß aus an deinen Vater&ldquo;, sagte er und zog den
+Geldbeutel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+&bdquo;Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag&ldquo;,
+sagte der Schreiber auf der Treppe. &bdquo;Die fünfzig Pfennig
+mehr schaden dem nix . . . Er is ja Junggesell. Der
+hat sogar Geld auf der Sparkasse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr
+verlangt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was glaubst denn, da wär er drauf komme.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen,
+die Füß vom Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet
+man mehr Leder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen
+. . . Im ganzen hab ich eine Mark siebzig dran
+verdient.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Mark siebzig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Geb halt das Geld erst später dein Vater&ldquo;, drängte
+der bleiche Kapitän vor dem Hause. &bdquo;. . . Du mußt von
+vorne anfangen, dann siehst du selber, daß eine Rettung
+absolut nit möglich war&ldquo;, sagte er zu Winnetou, der stehend
+las. &bdquo;Also, jetzt gehen wir zum &sbquo;Lochfischer&lsquo; . . . Komm
+aber, wennst&rsquo;s ausgelesen hast!&ldquo; rief er Winnetou nach,
+der &bdquo;Ja, ja, sicher!&ldquo; rief und weiterlesend langsam in der
+Richtung seiner Wohnung ging.
+</p>
+
+<p>
+Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen
+Hemd und Brust und wollte in sein Zimmer schleichen.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief
+streng: &bdquo;Da komm mal her!&ldquo; Sie war eine hagere Frau
+mit dunklen Augen. Ein silberner Christus baumelte an
+ihrer Brust.
+</p>
+
+<p>
+Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+hervorstehenden Backenknochen, saß, wie immer in seiner
+freien Zeit, auf dem Kanapee neben der blassen, schönen
+Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf
+dem Tisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo hast du das Buch!&ldquo; rief die Mutter. Winnetou
+blickte verwirrt auf die Heiligenbilder, die an allen Wänden
+hingen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man
+eintritt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür,
+tauchte die Finger ein und schlug das Kreuz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand.
+&bdquo;Gelobt sei Jesus Christus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein
+Buch?&ldquo; fragte der Kaplan und nippte vom Likör.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . .
+Hochwürden verzeihen.&ldquo; Sie tastete Winnetou ab und
+zog das Buch hervor.
+</p>
+
+<p>
+Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: &bdquo;Oldshatterhands
+Eisenfaust hatte die Rothaut getroffen. Ohne
+einen Laut von sich zu geben, sank der rote Mann tot zu
+Boden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände
+geben, Frau Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete
+Schultinte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Frau Steinbrecher wurde blutrot. &bdquo;Von wem hast du
+das Buch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+auf die gehäkelte Decke, welche über die polierte Kommode
+gebreitet war. &bdquo;Morgen gehe ich mit dem Buch zu Frau
+Benommen . . . Vorwärts!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wird&rsquo;s bald!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade
+ein Lineal aus Eichenholz und reichte es der Mutter.
+Scham verdunkelte Winnetou den Blick; das Blut war
+ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt komm!&ldquo; rief die Mutter nach der Züchtigung
+und führte ihn am Arm hinaus, hinauf in sein Zimmer.
+Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz geworden. Plötzlich
+schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos
+das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous
+Schwester, die zart errötend ihm die Hand überließ.
+</p>
+
+<p>
+Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich
+zu Entsetzen gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen
+Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend die Hände
+ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten.
+Die Gesichtshaut spannte.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der
+Kaplan in fliegender Soutane hinter ihm her durch den
+Klostergarten stürze, die langen Hände nach ihm ausgestreckt.
+Die Mutter stand erhöht und deutete: &bdquo;Dort . . . dort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die
+Mutter war eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot
+auf den Tisch und verließ, ohne gesprochen zu haben,
+das Zimmer wieder.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+automatisch auf. Er hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen
+eingebüßt, die erst allmählich sich wieder einstellte,
+in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne
+etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
+gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der
+Christus hatte altersgelbe Flecken und Streifen; er war
+beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und
+eingeregnet worden.
+</p>
+
+<p>
+Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim &bdquo;Lochfischer&ldquo;
+versammelten Räuber auf ihn warteten, und
+blieb reglos hocken.
+</p>
+
+<p>
+Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom
+Bett, trat ans Fenster und sah, daß der Kaplan Arm in
+Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging.
+</p>
+
+<p>
+Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden
+war, stieg aufs Fenstersims und kletterte am
+Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des Hauses
+bedeckte.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hatten sich beim &bdquo;Lochfischer&ldquo; um einen
+langen Tisch herumgesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß
+und so niedrig, daß der rote Fischer, der eben eintrat, mit
+seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene rote Stuckherz
+der Mutter Gottes an der Decke streifte.
+</p>
+
+<p>
+Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin,
+die auf dem Schoße ihren alten Schnauz und über ihm die
+gefalteten Hände liegen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus
+Griebe und aß bedächtig eine Portion gebackene
+kleine Fische, deren Köpfchen er immer seinem Sohne, dem
+Duckmäuser, auf den Teller legte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf
+den gleichaltrigen Duckmäuser, einen großen, kräftigen,
+immer hungrigen Burschen, blond, mit Pickeln im Gesicht,
+der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft,
+mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
+Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete
+und haßte, weil sie ihm den Namen &bdquo;Duckmäuser&ldquo;
+gegeben hatten.
+</p>
+
+<p>
+Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich
+drei Fischköpfchen auf einmal, die sofort in des Duckmäusers
+Mund verschwanden.
+</p>
+
+<p>
+Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger
+Entfernung verehrte blonde Kellnerin mit den
+sanften Augen stellte freundlich die frischgefüllten Weingläser
+auf den Tisch und sagte singend: &bdquo;Nooo, seid ihr
+auch wieder einmal da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber lächelten befangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee
+schwimmt voll verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn
+wüßt, wer mir&rsquo;s Wasser so versaut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer
+zu und zuckte verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite:
+&bdquo;No, wo wird&rsquo;s herkumme, d&rsquo;r Michl läßt halt &rsquo;n ganze
+Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.&ldquo; Er drückte
+mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und
+trat zu den Räubern. &bdquo;Was wird&rsquo;s sei, d&rsquo;r Drääk vo d&rsquo;r
+Färberei is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, da soll aber doch weeß d&rsquo;r Teufl was alles neischlag!
+Läßt der Hammel sei Farbsoß wied&rsquo;r ins Wasser
+läff? Wied&rsquo;r?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jau&ldquo;, winkte der Wirt ab, &bdquo;die alte G&rsquo;schicht . . .
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+Grüß Gott, meine Herrn.&ldquo; Die Hände auf die Stuhllehne
+gestützt, sah er lächelnd auf die Räuber hinunter.
+Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts
+zum Fischer hin: &bdquo;Die alte G&rsquo;schicht! . . . No, Herr Vierkant,
+wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang
+nimmer bei mir seh lass.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. &bdquo;Ich
+weiß nit, wo er is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein guter Tropfen&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän,
+zwang sich, gleichgültig zu trinken, und stülpte die nassen
+Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt lächelte. &bdquo;No, Herr Widerschein.&ldquo; Er legte
+dem Schreiber die Hand auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu
+tun hat&ldquo;, sagte der Schreiber sehr schnell.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So, so . . . No, lasse Sie sich&rsquo;s nur schmeck, mitnander
+. . . Gretl! &rsquo;n Herrn Widerschein sei Glas is leer&ldquo;,
+sagte der Wirt und ging nach hinten zu seinem Schanktisch.
+</p>
+
+<p>
+Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen.
+&bdquo;Beim &sbquo;Lochfischer&lsquo; müssen wir Stammgäst werden&ldquo;,
+sagte der bleiche Kapitän. Alle stimmen freudig
+zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein eleganter
+Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er
+schlug die Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den
+Fischer, gegen Herrn Hieronymus Griebe, gegen den
+Räubertisch und fragte: &bdquo;Hören Sie mal, kann man hier
+Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den
+Berliner an, deutete auf einen Stuhl: &bdquo;No, da setze Sie
+sich nur erst amal, Fisch kriege Sie dann scho, soviel Sie
+brauche&ldquo;, und wandte sich zurück zum Tisch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners.
+&bdquo;Die hab ich ihm erst heut früh gebracht. Sohle und
+Absätz aufrichten&ldquo;, flüsterte er. &bdquo;Der Herr kommt jedes
+Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh
+bei mein Vater mach.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die
+Hände in den Hüften, und betrachtete das rote Herz der
+Mutter Gottes an der Decke, sah sich erstaunt um, rief
+dem Wirt erfreut zu: &bdquo;Enormjemütlich!&ldquo; und las laut
+den gerahmten Spruch an der Wand:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Ob ich morgen leben werde,</p>
+ <p class="line">Weiß ich freilich nicht,</p>
+ <p class="line">Daß ich aber, wenn ich lebe,</p>
+ <p class="line">Trinken werde, das ist ganz gewiß.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf
+die Nasenspitze und begann an einem roten Strumpf zu
+stricken.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner,
+der sich zwischen den Fischer und die dicke Wirtin setzte und
+einen Karpfen bestellte. &bdquo;Isterfrisch?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist der Fisch frisch?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, wenn Sie &rsquo;n so frisch in Bauch nei kriege, wie
+er is, bekommt er Ihne schlecht&ldquo;, sagte der Wirt und
+hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen unter die
+Nase.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was glaubt denn deer&ldquo;, sagte der Schreiber laut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli
+zu stinke&ldquo;, meinte der Fischer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+&bdquo;Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht
+tadellos da. Größter Seifenverbrauch usw.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir
+wisse nit, was Säfe is? Säfe könne Sie bei uns in jedn
+Kolonialwarelädele käff.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein
+noch sehr junger Mann, der erst kürzlich von seinem verstorbenen
+Vater die Glaserei geerbt hatte, und setzte sich
+an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an.
+&bdquo;Was hat denn der Verrecker&ldquo;, rief Johann Jakob Streberle
+und lachte, wobei &bdquo;zs-zs&ldquo;-Laute ertönten und Speichel
+zwischen seinen glänzenden Zahnreihen durchspritzte,
+denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. &bdquo;Da, schau sie
+an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö
+derhem gebliebe. Nit amal &rsquo;s Geld hätte mir g&rsquo;habt. Besuffe
+sin sie a no.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, was mi angeht&ldquo;, antwortete der Fischer, &bdquo;i hab&rsquo;s
+grad so gemacht . . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne
+scho &rsquo;n Arsch aushaue, wenn&rsquo;s nöti is. &mdash; I glaub als, dir
+hockt er halt wieder, Streberle, weil&rsquo;s mit der Brautschau
+Wasser war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, allemal!&ldquo; rief der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg
+i, so viel i will&ldquo;, sagte der Glasermeister speichelspritzend.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen
+waren gerötet: der Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt.
+Oldshatterhand klimperte leise auf der Gitarre.
+&bdquo;Doch! Jetzt singen wir&ldquo;, flüsterte er. &bdquo;Hopp!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gretl, <em class="em">noch</em> ein Maß&ldquo;, sagte der Schreiber. Sein
+Gesicht glühte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+&bdquo;Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer&ldquo;, sang das
+blonde Mädchen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die
+alten Deutschen, immer noch eins. Bringen Sie den
+Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung&ldquo;, sagte
+der Berliner.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einfach weil&rsquo;s Wasser war mit der Brautschau&ldquo;,
+sagte plötzlich der Schreiber, stand schaukelnd auf und
+sang, die Melodie von &bdquo;In einem kühlen Grunde&ldquo; unterlegend,
+immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Johann Ja&mdash;a&mdash;kob Streeeberle,</p>
+ <p class="line">Johann Stre&mdash;e&mdash;berlee &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen
+betrunken. Der Fischer verschluckte sich vor Lachen.
+Johann Jakob Streberle spritzte, gezwungen lachend,
+Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch
+und blickte wütend zu den Räubern hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, jetz is aber genug&ldquo;, sagte der Wirt und lächelte
+vergnügt.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des
+Berliners. Oldshatterhand beugte sich auf die Tischplatte,
+zischte verhalten: &bdquo;Also hopp! . . . Los!&ldquo; Und fing
+mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
+Mädchenstimme: &bdquo;Nieder mit der Tyrannei!&ldquo; Worauf
+die anderen sofort einsetzten, daß der Berliner seine Gabel
+fallen ließ:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Hoch leb die Anarchie!</p>
+ <p class="line">Es lebe der Achtstundentag,</p>
+ <p class="line">Die Ruh, die Republik!&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den
+Kopf. &bdquo;Bezahle Sie doch dene Lausbube nit a no Wein,
+sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham sowieso scho
+genug auf&rsquo;n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli&ldquo;,
+schloß er geheimnisvoll.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was wolle denn Sie von uns&ldquo;, rief der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon
+no sehn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des
+Schreibers. &bdquo;Pst! Sei still!&ldquo; flüsterte er und duckte das
+Gesicht auf die Tischplatte. &bdquo;Wißt ihr, was auf dem
+Hobel steht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf was für&rsquo;n Hobel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aha! Hat&rsquo;s euch scho?&ldquo; rief Johann Jakob Streberle,
+weil alle Räuber das Gesicht horchend auf die
+Tischplatte duckten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf&rsquo;n Schloßberg
+g&rsquo;funde ham. J. J. St. steht darauf&ldquo;, flüsterte der
+bleiche Kapitän. &bdquo;Der Hobel gehört dem Streberle; der
+Kerl hat uns sicher nachg&rsquo;schnüffelt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle
+blickten zum Glasermeister hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will
+aber gar nix g&rsquo;sagt hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie wisse nix . . . gar nix&ldquo;, sagte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht
+sei Maul&ldquo;, flüsterte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister schnellte in die Höhe. &bdquo;Sooo . . .
+<em class="em">ihr</em> habt mein Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!&ldquo; Er
+sprang an den Räubertisch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+&bdquo;Wolle Sie was von uns!&ldquo; Der Schreiber war in die
+Höhe gefahren. Der Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
+</p>
+
+<p>
+Da trat Winnetou ein.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein
+. . . Wissen Sie, was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion
+sind Sie&ldquo;, sagte Winnetou laut und setzte sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang
+dazwischen. &bdquo;Ruh jetzt! . . . Macht euer Sach wo anders
+aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in Ruh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr Gauner!&ldquo; Er versuchte den Wirt zur Seite zu
+drängen. Hoheitsvoll sah der Wirt den Glasermeister an.
+&bdquo;Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort ist Ihr Platz!&ldquo;
+sprach er hochdeutsch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No ja, aber hat&rsquo;s denn scho so was gebe. Jetzt sagen
+Sie selber . . . Wir Männer &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Räuber setzten sich.
+</p>
+
+<p>
+Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus,
+hielt es gegen das Licht und reichte es seinem Sohn, der
+das leere Glas eine Weile senkrecht zwischen die zur Decke
+gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr Griebe
+zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit
+ihm eilig die Weinstube.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;I wer mir mei Gäst vertreib lasse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, jetzt sage Sie selber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Streberle, i will gar nix wiss.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister
+Widerschein&ldquo;, fragte der Berliner den
+Fischer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das is &rsquo;n Widerschein seiner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+&bdquo;Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn
+Widerschein reparieren . . . Bedeutend billiger als in
+Berlin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, Berliiiiiiin!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig
+wie früher . . . Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.&ldquo;
+Der Berliner nahm sein Glas in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was? . . . Erhööööhen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Flecke auf die Absätze.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä
+Mark und dreißig Pfennig für Sohle und Absätz. Seit
+zwanzig Jahr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber horchte gespannt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber hörn Sie mal!&ldquo; Der Berliner stellte das Glas
+zurück, ohne getrunken zu haben. &bdquo;Da muß ich doch morgen
+gleich einmal zum Meister gehen . . . Gleiche Preise
+für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin
+Reisender.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt,
+kann Fisch hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater,
+ich käme morgen zu ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle
+Sache bei mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der
+nervös auf dem Stuhle herumrutschte. &bdquo;Es kann sei, daß
+mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil er Schuh nach
+Höchberg trägt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle
+Arbeit &mdash; reelle Preise. Daher der Aufschwung. Das ist
+auch meine Weltanschauung.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja no, das Solide is no alleweil das beste.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+&bdquo;I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln&ldquo;,
+sagte Johann Jakob Streberle und erhob sich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&rsquo;n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge
+lass. Wir müsse doch rauskrieg, was er vor hat&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän, als der Glasermeister gegangen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Solide &mdash; reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung
+zur Folge, seit dem Kriege siebzig/einundsiebzig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor
+Paris . . . Wir sind in einem Dorf gelege &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hör&rsquo;n Sie mal!&ldquo; unterbrach der Berliner: &bdquo;Die
+Preußen &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede
+Feuer auf der Esse lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell,
+der unverhofft eine dringende Reparatur hatte ausführen
+müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
+den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene
+Schreiber lallte: &bdquo;Mir ist jetzt alles gleich&ldquo;, trat auf den
+Schmied zu, starrte ihm in die Augen und rief streng:
+&bdquo;Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen Sonntag
+zu arbeiten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine&ldquo;, rief erbost
+der Schmied.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hau mal her!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hau no mal her!!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er hieb ihm wieder eine herunter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche
+Maulschelle und ging in seine Werkstatt zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber gingen die Straße vor bis zum &bdquo;Spitäle&ldquo;.
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+Alle waren etwas angetrunken, bis auf Winnetou, der
+einige Schritte seitwärts nachdenklich nebenher ging.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen
+ihre Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war
+gegen zehn Uhr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab&rsquo;s euch ja g&rsquo;sagt, es war ein Mann dagestanden.
+Ich hab&rsquo;n genau g&rsquo;sehn.&ldquo; Falkenauge drehte sich aufgeregt
+im Kreis der Räuber herum und deutete zur
+Festung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast halt auch amal was g&rsquo;sehn&ldquo;, sagte der ernüchterte
+Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!&ldquo;
+rief der bleiche Kapitän. &bdquo;Ich werde dem Streberle sagen:
+wenn Sie&rsquo;s Maul halte, kriege Sie Ihren Hobel
+wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . .
+ich weiß ja gar nit, was da wär.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg
+hinaufgingen, wuchsen die Sandsteinheiligen der Brücke
+und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel, bis zuletzt
+die ganze Stadt vor ihnen lag.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir nicht lieber ins &sbquo;Zimmer&lsquo;&ldquo;, fragte Oldshatterhand.
+&bdquo;Wir zünden die zwölf Kerzen an, das ist
+doch schöner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho!&ldquo; rief der Schreiber. &bdquo;Oldshatterhand hat
+Angst, in die Wirtschaft zu gehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern
+zu tun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kerzen? &mdash; Kerzen haben was mit Indianern zu tun.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also der spinnt!&ldquo; Der König der Luft, der beim Fortgehen
+in der Küche den Knochen einer Kalbshaxe
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian hinauf und
+gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal
+ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht
+ekstatisch himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die
+Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm streckte der heilige
+Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände gegen
+den Knochen aus.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf
+das Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht
+darauf zu laufen; die Räuber folgten seinem Beispiel:
+mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle
+Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die
+ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe
+und sprangen wieder auf das Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich
+um zur Festung. Plötzlich schwang auch er sich auf das
+Geländer, schloß die Augen &mdash; und rannte los, im Galopp.
+Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber geduckt,
+sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand
+würde in die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu
+geben, bis Oldshatterhand bei ihnen angelangt war und
+herunter in Sicherheit sprang.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand
+vom Tode zurück zu ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands
+Innern drohte auch jetzt noch, da die Gefahr
+schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon
+öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von
+Schauern begleitete Ergriffenheit.
+</p>
+
+<p>
+Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer
+Mitte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet
+und verkehrten seit Jahren nicht mit ihnen. Sie waren
+eine kompakte Masse, mit der Streit anzufangen ein Knabe
+sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig, zu
+einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen
+hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande
+erfahren oder mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte
+die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen, als
+sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb
+hatten die Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen
+untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied den
+Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger,
+frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten
+Vereinigung.
+</p>
+
+<p>
+Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben
+war, und warteten beim Vierröhrenbrunnen
+auf ihn.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem
+Heiligen und starrte zum Fluß hinunter; im fließenden
+Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie sie ihn
+vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den
+Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und
+auf den Kaplan zu stürzen. Er preßte die Fäuste an die
+Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers Geländer,
+die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte
+er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück
+und schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen.
+Langsam ging er den Räubern nach.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst
+zum Stadttheater gehen und die Rote Wolke abholen müsse,
+der als Statist mitwirkte in &bdquo;Wilhelm Tell&ldquo;, und schloß
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+ärgerlich: &bdquo;Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß
+man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten
+auf die erregt Gestikulierenden und auf die vor Erregung
+stillen jungen Leute, die aus dem Hauptausgang strömten,
+und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in die
+einzige Droschke stieg.
+</p>
+
+<p>
+Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke
+und blieb zurückweichend stehen. &bdquo;Und frei erklär ich alle
+meine Knechte!&ldquo; rief er und breitete die Arme aus.
+&bdquo;. . . Vorhang.&ldquo; Sein Mund blieb offen, rund und
+schwarz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns
+verrat.&ldquo; Alle redeten auf ihn ein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie&rsquo;s treiben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist ohne Beispiel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie sie&rsquo;s treiben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt halt doch&rsquo;s Maul!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Theater! Theater! . . . Diese Pracht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige,
+was uns retten kann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig
+hab ich kriegt . . . Aufruhr! Mut! Freiheit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle.
+Wir müssen nur zusammenhalten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir halten zusammen!&ldquo; rief die Rote Wolke begeistert.
+</p>
+
+<p>
+Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen
+bereit, als sie in dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten,
+dem &bdquo;Eckertsgärtle&ldquo;, anlangten, was gleich
+dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für
+alle zusammen eine &bdquo;Liesl&ldquo; Bier bestellte, einen hohen
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+Krug, der zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe
+<em class="em">einer</em> Hand zu trinken die Ehre verlangte.
+</p>
+
+<p>
+Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert
+und lächelte manchmal schadenfroh, während er
+mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er sagte, er solle
+die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein
+Spiel zustande käme.
+</p>
+
+<p>
+Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die
+bei Beginn des Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte,
+griffen sie gleichgültig immer nach der schwersten und
+größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem
+Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden
+Schlange zuflüsterte: &bdquo;Ich muß einen Preis holen.
+Einen muß ich holen. Vielleicht den ersten!&ldquo; Er hatte
+seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der andere kommt!&ldquo; rief der Glasermeister der Kriechenden
+Schlange zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das brauche Sie doch bloß zu sagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab&rsquo;s ja g&rsquo;sagt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe
+Kniebeuge nieder, rief: &bdquo;Weg da! Weg da! Weg da!&ldquo;
+auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit den
+Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum,
+schleuderte sie hinaus &mdash; und schoß in die Höhe auf die
+Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem
+Mund rief er jedesmal: &bdquo;Die Dreckbahn fällt
+nach links ab&ldquo;, wenn er nichts getroffen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit <em class="em">einer</em>
+Hand aus dem Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister
+hin in tiefem Baß und jagte die Kugel hinaus. Johann
+Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen
+glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
+</p>
+
+<p>
+Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen
+und der Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand
+die Rattenfalle geschenkt hatte, waren von der innigen,
+begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen führenden
+Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös
+geworden. Sie schimpften, wenn Falkenauge immer
+wieder das Anschubbrett absuchte, ein Sandkörnchen davon
+aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf
+den Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger
+gespreizt, in höchster Spannung jede Drehung der
+Kugel mitzumachen schien, wobei sein weitaufgerissenes
+Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge interesselos
+und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten
+Preise heran; die Begeisterung wuchs, und die geröteten
+Gesichter zuckten in dem von Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch
+erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit
+Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen.
+Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf
+den Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete,
+um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke.
+</p>
+
+<p>
+Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann
+Jakob Streberle, den Soldaten und vom Schmied Gottlieb
+für ungültig, dagegen von den Räubern unter empörten
+Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig
+Pfennige, rief dem Schmied erregt zu: &bdquo;Sie lügen ganz
+einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie Lügenbeutel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und während Johann Jakob Streberle durch einen
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+wohlgezielten Schub mit einer nur faustgroßen Kugel
+sich den ersten Preis sicherte und damit das Spiel beendete,
+griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
+vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken
+und ein ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand
+&mdash; die Räuberbande stürzte auf den Schmied,
+und die Soldaten auf die Räuber. Der Wirt und sein
+Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
+Menschenknäuel.
+</p>
+
+<p>
+Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie &mdash; Scherben. Der
+Schreiber wankte. Falkenauge griff sich ins Gesicht &mdash;
+und griff ins Loch; durch einen Faustschlag, zum Glück
+nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes Auge
+herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend
+auf ihn ein. Die Bande flüchtete. Oldshatterhand,
+mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom Schmied
+Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume
+des Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich
+durch die Tür huschen, hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos
+auf dem Stuhle sitzen geblieben. Und als er die verblüfften
+Blicke der Zurückgebliebenen auf sich gerichtet
+sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann
+trat aus dem Garten und ging in der entgegengesetzten
+Richtung fort, worauf sich die Räuber wieder vor
+der Gartentür einfanden.
+</p>
+
+<p>
+Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+Mark gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen
+Kapitäns auf dem Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine
+stumme Bedauern um das Plüschhütchen verwandelte
+sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich
+erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bring auch mein Auge mit&ldquo;, bat Falkenauge.
+</p>
+
+<p>
+Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen,
+ging der Schreiber langsam durch den Garten, hinein in
+die Kegelbahn &mdash; und wurde schrecklich zugerichtet. Nur
+auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen,
+ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen,
+und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen,
+traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf
+zur neuen Brücke, während die andern noch in den
+Garten hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht,
+und die Räuber verschwanden.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit
+dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und den Kopf
+auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem Munde
+heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte
+Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag
+neben ihm; des Schreibers Hand ruhte darauf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und unser Preis ham wir auch nit&ldquo;, sagte der bleiche
+Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. &bdquo;Nur
+fünfzig Pfennig übern Preis . . . Deshalb braucht doch
+des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe. Ich kann&rsquo;s
+ihm ja zurückgeb, wenn er&rsquo;s will.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hättst dei Maul nit so gewetzt&ldquo;, rief der König der
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+Luft Oldshatterhand zu, &bdquo;dann hätten wir jetzt unser
+Preis.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Darauf kommt&rsquo;s ganz allein an&ldquo;, sagte der Schreiber
+mit dunkler Stimme, stand mühsam auf und spuckte blutigen
+Speichel hinunter in den Main. &bdquo;Der Schub war
+gültig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und das ist die Hauptsache!&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+&bdquo;Das wär noch schöner, wenn wir uns von diesen
+Kommißbrotfressern was g&rsquo;fall ließeten. Wenn doch der
+Schub gültig war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und
+sagte unheilvoll: &bdquo;Der Trainsoldat war&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte,
+seinen Leuten das Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen,
+indem er den Wachtposten kalt und gemessen fragte:
+&bdquo;Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?&ldquo;
+und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof
+eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben
+hatte, erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen,
+mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der
+Witwe Benommen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Horch, wer zieht so still und leise</p>
+ <p class="line">Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.</p>
+ <p class="line">Ach, es sind die armen Briten,</p>
+ <p class="line">Die so manchen Stoß erlitten.</p>
+ <p class="line">Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.</p>
+ <p class="line">Plötzlich bleibt die Truppe stehen,</p>
+ <p class="line">Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.</p>
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+ <p class="line">Seht sie kämpfen, seht sie streiten,</p>
+ <p class="line">Durch des Feindes Mitte reiten</p>
+ <p class="line">Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen,
+aus der Kneipe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Leih mir zwölf Pfennig&ldquo;, bat Oldshatterhand den
+bleichen Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab ja selber nimmer genug.&ldquo; Er lieh ihm aber
+sogar vierzehn Pfennige und sagte: &bdquo;Die zwei gibst
+Trinkgeld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die
+Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand
+ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter
+kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den
+Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die
+Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals
+Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den
+Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar
+des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der
+Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied.
+Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen.
+Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler
+für die Buren wach und machte während des
+ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie
+immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden
+Tisch herum, neben der Schenke.
+</p>
+
+<p>
+In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das
+blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf
+den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge
+saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag
+blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen
+über ihm an der Wand spielte, viele Töne
+auslassend:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Sah&rsquo; ein Knab ein Röslein stehn &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt,
+ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen,
+roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren,
+stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben,
+neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
+jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines
+jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen
+Augen, während die Witwe Benommen, klein und
+zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht,
+die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und
+verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin
+beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus
+den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte
+Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er
+sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die
+Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben,
+bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der
+seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm
+weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen
+den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und
+mit dem Finger zur Türe wies: &bdquo;In meiner Wirtschaft
+wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete
+diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene.
+</p>
+
+<p>
+Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der
+Kellnerin zu: &bdquo;Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß,
+wo Sie hingehören.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das
+Lachen. Sie gab dem Gast auf dessen Mark heraus und
+nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen, wobei ein
+unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte.
+</p>
+
+<p>
+Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten
+Gartenmauer, klebten drei niedere Häuschen aneinander,
+über deren Haustüren metergroße, schwarze Nummern
+gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz
+kleine, altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern.
+Trat man aber ein &mdash; da war alles rosa. Und starkes
+Parfüm und Frauenlachen schlug einem entgegen. Das
+war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
+Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz
+plötzlich waren die ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen
+Neueinrichtung beschenkt worden, worauf ein
+hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln herunter
+entbrannt war und die Bewohner der vorderen
+Fischergasse sich empört gegen die Schande gewehrt und
+von den Stadtvätern einen anderen Namen für ihre Gasse
+verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
+Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen
+ebenso plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und
+danach standen die Häuschen leer, denn es fand sich kein
+Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem Vierteljahr
+wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten
+wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie
+jemand haben.
+</p>
+
+<p>
+Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von
+rosa Ampeln beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen
+saß bei den für die Buren begeisterten Sandschöpfern
+und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier,
+trank und sog den Schaum von der Oberlippe wie ein
+schnurrbärtiger Alter. &bdquo;Gott, daran kann ja gar kein
+Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo das Recht ist, ist der Sieg&ldquo;, sagte die Rote Wolke
+und hob die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber sagte ernst: &bdquo;Ex!&ldquo; trank sein Glas leer
+und reichte es gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln
+über das sachliche Gebaren der Räuber nicht unterdrücken
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an
+der Kellnerin zu äußern, stand beim Wirt und legte ihm
+die Hand auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In meiner Wirtschaft gibt&rsquo;s das einfach nit&ldquo;, sagte
+unwirsch der Wirt und schnitt ein Stück Schwartenmagen
+ab.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, in <em class="em">deiner</em> Wirtschaft&ldquo;, sagte die Witwe Benommen
+hämisch. &bdquo;Was willst du denn, wenn sich das
+schlampige Menschle doch von jed&rsquo;n rumschmier läßt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft
+nit. Aber kurz und klein schlag ich dir alles, wennst
+jetzt nit Ruh gibst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte
+sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+&bdquo;Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh
+tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der
+Schenk.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend,
+in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen
+die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete.
+</p>
+
+<p>
+Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen
+auf. &bdquo;Das ist er!&ldquo; Alle Räuber wandten sich nach dem
+Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte.
+&bdquo;Der war&rsquo;s&ldquo;, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
+blutiges Vorhemd.
+</p>
+
+<p>
+Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein
+schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt:
+&bdquo;Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine
+Freunde auf den Tisch. Ja.&ldquo; Er hielt sich zu den vorurteilslosen
+Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen,
+auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen
+Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und
+tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der
+zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen
+Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen,
+aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
+Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er
+den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform
+öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar
+wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und
+rief: &bdquo;Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran.
+Gsuffa! Ja.&ldquo; Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen,
+reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen
+Bart entlang.
+</p>
+
+<p>
+Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens
+gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und
+seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht.
+Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie
+ausüben.
+</p>
+
+<p>
+Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch
+konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen
+nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu
+ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen
+zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren
+Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu
+verscherzen wünschten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!&ldquo; rief der
+Schreiber plötzlich der Kellnerin zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kannst sie denn bezahl?&ldquo; fragte erstaunt der bleiche
+Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich
+jetzt sowieso scho angerissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mein Lieber, was machst denn da jetzt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh halt heim . . . und halt&rsquo;s aus. Da kann man
+jetzt nix mehr mach . . . Wenn nur wenigstens den Berliner
+der Teufel holet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke
+neben ihrem Sohn.
+</p>
+
+<p>
+Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten
+geheftet, und als er die Hand der schönen Kellnerin streichelte,
+stülpte der bleiche Kapitän drohend die Lippen nach
+außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick
+auf das Mädchen, eine Biermarke auf den
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+Schanktisch schmiß, und die Witwe Benommen hämisch das Gesicht
+verzog.
+</p>
+
+<p>
+Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk
+in Gang. Es rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal
+und begann, aus Altersschwäche manche Worte
+unterschlagend, zu spielen:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.</p>
+ <p class="line">Sie flohen heimlich von Hause fort,</p>
+ <p class="line">Es wußt&rsquo;s weder Vater noch Mutter.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als
+säßen sie in einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin
+stand wider die Mauer gelehnt und blickte in unbegreiflicher
+Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
+Rasseln fortfuhr:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">Sie sind gewandert hin und her,</p>
+ <p class="line">Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,</p>
+ <p class="line">Sie sind verdorben, gestorben.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst
+du&rsquo;s nit? Und trink e Gläsle Wein dazu. Das tut dir
+doch gut&ldquo;, sagte der Wirt zu seiner Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte:
+&bdquo;Das war von Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen
+mir ans Herze . . . Meine Mutter hat&rsquo;s auch immer gesungen,
+als ich noch &rsquo;n kleener Junge war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der kann leicht sei Maul vollnehm&ldquo;, sagte der
+Schreiber und beugte sich zu den Räubern. &bdquo;Wenn man
+eine Million verdient im Jahr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So viel wird&rsquo;s aber vielleicht nit sein. Überhaupt,
+wie ist denn das eigentlich, dahinten in der Fischergaß?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+&bdquo;So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die
+Fischergaß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte.
+Manchmal wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht,
+das ganz von Ruß und Tränen verschmiert war.
+</p>
+
+<p>
+Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter
+Stirne und böse blickenden Augen, in die Wirtsstube
+und hob die Hände: &bdquo;Daa bist du? Dei Frau heult
+sich daheim die Augen aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend
+immerzu: &bdquo;Mei eigener Bruder! Mei eigener Bruder!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es is nit wahr&ldquo;, sagte der Eingetretene. &bdquo;Also,
+wenn i dir sag. I bin doch dei Bruder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat&rsquo;s mir ja
+selber ei&rsquo;g&rsquo;stande. Gestern die ganze Nacht warst du bei
+ihr!&ldquo; brüllte der Kohlenführer plötzlich laut.
+</p>
+
+<p>
+Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen,
+erschrocken auf seinen Bruder: &bdquo;Also, wenn i dir
+sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit mein eigene
+Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin.
+Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch
+nit von mir . . . Mit der eigene Schwägerin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Kohlenführer hob den Kopf. &bdquo;Du sagst, es is
+nit wahr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i
+dir sag! . . . Mir trinke a Maß Bier mitnander&ldquo;, schloß
+beruhigend der Sandschöpfer. &bdquo;Lone! a Maß Bier für
+mich und mein Bruder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und
+die erleichterten Brüder sangen kräftig mit:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+ <p class="line">&bdquo;Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,</p>
+ <p class="line">Denn sie fechten toll und kühn &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Alte war schlafen gegangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Setze Sie sich und esse Sie was&ldquo;, sagte der Wirt zu
+seiner Kellnerin und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging
+fort.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt!&ldquo; rief der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und
+stürmten zur Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde
+und bleich, als Letzter.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo; stand der Soldat, summte: &bdquo;Als
+die Römer frech geworden&ldquo;, und stieß dazu mit seinem
+langen Säbel den Takt aufs Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der
+Brücke standen dunkel gegen den Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben,
+ging allein auf den Soldaten zu und sagte: &bdquo;Sie
+sind doch der . . . von der Kegelbahn! He? . . . Zu fünft
+über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im
+Guten.&ldquo; Und plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns
+nach dem Griff; er riß den Säbel aus der Scheide
+und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem
+Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den
+dunklen Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß
+die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen
+hatte, schon weg war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
+</p>
+
+<p>
+Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den
+unterirdischen Gang ins &bdquo;Zimmer&ldquo; und brachten den
+Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem verblieben
+ist.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika
+sein können&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei
+der letzten Linde stehen, wo ihre Wege sich trennten.
+</p>
+
+<p>
+Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden
+Winnetou stand frierend und grünbleich Oldshatterhand.
+&bdquo;Was hat das alles, was wir heut gemacht ham, eigentlich
+für einen Wert&ldquo;, sagte er, und rief, plötzlich zornig,
+weil er den Widerstand der Räuber fühlte: &bdquo;Für uns hat
+das gar keinen Wert! sag ich . . . Für uns nit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No und der Säbel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh jetzt heim&ldquo;, sagte der Schreiber. &bdquo;Es is einfacher,
+wenn ich gleich heim geh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand
+in der Schloßgasse.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben.
+Langsam stieg er den Schloßberg wieder hinauf, ging
+unter Grauenschauern durch den sammetschwarzen unterirdischen
+Gang ins &bdquo;Zimmer&ldquo; und zündete eine Kerze an.
+</p>
+
+<p>
+Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah
+den Kaplan und die Schwester auf dem Kanapee, die
+Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die Lippen zu
+einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer
+die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen
+ins Haus gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter
+jammernd über seine Leiche fiel, und sagte plötzlich
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+haßerfüllt: &bdquo;So, da hast du&rsquo;s jetzt. Geschieht dir ganz
+recht. Ganz recht.&ldquo; Schleichend näherte er sich der Glasvitrine
+und blickte auf den alten Revolver, der durch die
+Brechungen des runden Glases verdreifacht unter der Vitrine
+lag.
+</p>
+
+<p>
+Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt
+und rostig, vor ihm.
+</p>
+
+<p>
+Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver
+geladen war, setzte die Mündung auf die Mitte seiner
+Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor er abdrückte,
+das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in
+seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er
+mitten durch die Mutter schießen würde. &bdquo;Hopp!&ldquo; schrie
+er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou stürzte
+zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte
+Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter
+strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am
+ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte
+und wand sich; der Mund biß in den Boden.
+</p>
+
+<p>
+Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen
+&bdquo;Zimmer&ldquo; und atmete keuchend mit offenem Munde
+den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und schlief
+augenblicklich ein.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-3">
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+Drittes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">S</span>pätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den
+Schloßberglinden und Dachziegel von den Häusern,
+wovon einer dem Spenglermeister Herrn Hieronymus
+Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen
+lang seinen Arm nicht heben konnte.
+</p>
+
+<p>
+Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift.
+Wagen, mit dickbauchigen Fässern beladen, schwankten
+durch die Gassen, standen vor den Weinstuben; schwarze
+Schläuche liefen davon weg in die Keller, und die geschmückten
+Pferde stampften und pusteten die Streu aus
+den vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft.
+Die ganze Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem
+berühmt gewordene Achtzehnhundertneunundneunziger
+war heimgebracht worden. Angetrunkene torkelten durch
+die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war schwärzlich
+angelaufen.
+</p>
+
+<p>
+Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig
+versammelt, saßen auf der Anklagebank.
+</p>
+
+<p>
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen
+des Raubzuges in die königlichen Weinberge Anzeige
+bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
+</p>
+
+<p>
+Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann
+sträubte sich sein inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen,
+und speichelspritzend lachte er: &bdquo;Dene Früchtli
+ham mir&rsquo;s amal besorgt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des
+Staatsanwalts Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon
+überzeugt, daß es sehr erschwert, ja lebensgefährlich
+war, um den Diebabhalter herum in die königlichen Weinberge
+zu gelangen.
+</p>
+
+<p>
+Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit
+hinter der Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm
+gegenüber der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein
+&mdash; des Schreibers Chef &mdash;, alle in schwarzen Talaren. Neben
+Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die
+Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht
+gedrängt, die Zuschauer; darunter die erregten Väter
+ihrer Söhne. Ganz im Vordergrunde, die dürren Hände
+vor dem Bauch gefaltet, mit müden Augenlidern, den
+Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe Benommen
+und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und
+neben ihr, die Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß
+sich kleine Apfelbäckchen bildeten, saß kerzengerade Herr
+Lehrer Mager.
+</p>
+
+<p>
+Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart
+und geröteter starker Nase, blickte schon eine
+Weile unverwandt mit seinen guten Augen streng von
+einem Räuber zum andern. &bdquo;Oskar Benommen, du sollst
+ja der Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein.
+Erzähle uns jetzt, wie war die Sache.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. &bdquo;Der da,
+der kleine Vierkant, Herr Richter, der ist der Verführer
+von meinem Sohn. So klein er ist, so frech und verdorben
+ist er . . . der Teufel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte.
+Und während Oldshatterhand, bleich geworden, auf der
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+Bank herumrutschte, brüllte der Richter: &bdquo;Das Maul gehalten!
+Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf und
+rede.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
+Das war alles. Es war still.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den Kopf reißen wir dir nicht herunter&ldquo;, lenkte der
+Richter ein.
+</p>
+
+<p>
+Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen
+Finger an den senkrecht hängenden Armen und sagte,
+nicht im Baß, sondern mit seiner natürlichen, sehr hohen
+Stimme und sehr schnell: &bdquo;Ja also, wir war&rsquo;n halt droben
+in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
+und da hat&rsquo;s zwölf Uhr geschlagen und da sind
+wir in den Weinberg und ham unsere Trauben gegessen
+. . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, und später
+sind wir heimgegangen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser
+Weinberg! Unser! Unser! Unser! . . . Nun, und wo sind
+denn die paar Trauben hingekommen? die ihr noch mitgenommen
+habt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Im Zuschauerraum war es ganz still.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen
+Bank heruntergleiten und ging ganz langsam bis knapp
+vor das Richterpult.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf
+ihn, den Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die
+Hand dargereicht, zum Richter in die Höhe, sagte fein und
+leise: &bdquo;Zuletzt waren keine Trauben mehr da&ldquo;, und schrak
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: &bdquo;Kleiner
+Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten
+gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg
+geboren ist! Und ihr Gauner stehlt ihm seine Trauben!
+. . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem König seine
+Trauben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt
+getroffen. Die Lippen zitterten ihm. Erregt stieß er hervor:
+&bdquo;Ich wachse noch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. &bdquo;Setze dich.
+Und merke dir das, wenn du den Prinzregenten kennen
+würdest, dann würdest du seinen Weinberg in Ruhe
+lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal
+einen Blumenstrauß gegeben hab. Damals, wie die neue
+Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab ja sogar meinen
+Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben
+stehlen? . . . Jetzt hört mich einmal an. Wenn ihr nicht
+gesteht, wo ihr die Trauben versteckt habt, sperre ich euch
+ein, bis ihr alt und grau seid . . . Hans Lux! Wo sind
+die Trauben hingekommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht
+vor; der König der Luft mahlte mit den Zähnen und
+schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine Fäuste fest
+an die Schenkel angepreßt blieben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem
+Weinberg zurückgestiegen, und . . .?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und ham sie gegessen&ldquo;, flüchtete der König der Luft
+eilig über die Traubenaffäre weg und fuhr fort: &bdquo;Also,
+aber also und, dann wollte ich das
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+hundertsiebenundneunzigste
+Kapitel aus &sbquo;Die bleiche Gräfin oder Der Mord im
+Walde&lsquo; vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
+Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist das? Oldshatterhand?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, Michl, also Michl Vierkant.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also no! also natürlich, &sbquo;Stehlen, morden, huren, balgen,
+heißt für uns nur die Zeit zerstreun, morgen hängen
+wir am Galgen&lsquo; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja. Von Friedrich von Schiller.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, und dann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was habt ihr dann gemacht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann haben wir registriert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham
+wir registriert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was habt ihr registriert?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Also halt so. Also und alles.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zum Teufel, also was denn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also halt einen Stallhasen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Gekauft! lebendig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und was war weiter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hell war&rsquo;s!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich
+gange.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf.
+Der König der Luft hatte gelächelt. &bdquo;Nein, also und, sie
+hat mich ja nit g&rsquo;hört. Also weil sie taub is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Taub.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Georg Bang!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der
+Roten Wolke zu: &bdquo;Also das glaubt er nit, daß sie taub is.&ldquo;
+Der Roten Wolke Mund stand empört offen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Georg Bang!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der
+Schule her gewöhnt war. Sein neues Glasauge glänzte
+in reinstem Weiß und Kobaltblau, während sein natürliches
+graubraun war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen
+für Herrn Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt
+frei zum Richterpult.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben
+in der Volksschule. Vielleicht können Sie uns eine Handhabe
+geben, wie etwas aus ihnen herauszubringen ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager stand wie ein Spazierstock. &bdquo;Vorerst muß
+ich bemerken, Herr Amtsrichter, daß ich diese Buben auch
+jetzt noch abends in der Fortbildungsschule habe, und sie
+auch als Rekruten wiederbekomme. Und dann: es war mir
+nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie empfindlich
+zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand!
+Drittens habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule
+prophezeit, daß er einmal im Zuchthaus enden
+werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten immer zusammen.
+Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+Zwölfen niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief:
+Wer meldet sich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie meinen Sie das, Herr Mager?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische
+Züchtigung verdient hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es
+melden sich dann immer welche freiwillig, die ihren Mitschüler
+während der Züchtigung auf dem Stuhle festhalten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun . . . ich danke, Herr Mager&ldquo;, sagte der Richter
+und erholte sich langsam von seinem Staunen.
+</p>
+
+<p>
+Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen
+anderen, brüllte und war jovial. Es half ihm alles nichts.
+Die Räuber hatten dem bleichen Kapitän vor der Verhandlung
+einen langen Eid schwören müssen, das &bdquo;Zimmer&ldquo;
+nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer
+Knabe, kein Mensch in Würzburg wußte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in &bdquo;Der tote
+Mann im Keller oder Verfolgt über alle Länder und
+Meere&ldquo; von verborgenen Falltüren gelesen, daraufhin die
+Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
+als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche
+Kapitän hatten so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis
+ihnen der Verschlußstein des unterirdischen Ganges zu
+Füßen gefallen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir
+und denke an deine Mutter. Sie ist eine ehrenwerte
+Frau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher
+kalt auf Winnetou, ihren Sohn.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+&bdquo;Ich nehme keine Trauben mehr&ldquo;, sagte Winnetou.
+Und es klang wie ein Schwur.
+</p>
+
+<p>
+Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: &bdquo;Ich
+denke, wir können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort
+geben . . . Theobald Kletterer!&ldquo; Er sah noch einmal
+in seine Aktenmappe und fragte mild und freundlich:
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist eine Doppelwaise?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du wirst mich doch nicht belügen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und
+schwarz wie ein Mauseloch, worin die Zahnstummeln
+standen, dunkelbraun wie Schokoladepyramidchen. Er
+stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich auf und hob die
+Hand. &bdquo;Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
+die alte Stadt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo sind die Trauben hingekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere
+blieb übrig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte
+eine abschließende Handbewegung zum Staatsanwalt hin.
+&bdquo;Setzt euch. Auch du, Hans Widerschein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl, Herr Amtsrichter&ldquo;, sagte der enttäuschte
+Schreiber, der stehen geblieben war, weil er auch gerne
+etwas gesprochen hätte. Zögernd ging er zurück auf seinen
+Platz.
+</p>
+
+<p>
+Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell
+einleitenden Worten, die Räuber freizusprechen und sie
+der Schule zur Bestrafung zu überweisen.
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+angefangen hatte zu sprechen, ihren faltigen Totenkopf
+aufgestellt, als er fertig war, ihn wieder sanft schulterwärts
+geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen Kapitän,
+wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt
+worden wäre.
+</p>
+
+<p>
+Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein,
+ein kleiner Mann. Bei dem Anfangswort jeden
+Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor sich auf den Boden
+stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne jemals
+den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an
+zu reden, eine lange Rede: &bdquo;Hoher Gerichtshof! Gehen
+Sie mit mir die ganze Strafsache durch. Von Anfang bis
+zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es nimmermehr
+geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß
+Sie zu einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein,
+welcher fortfuhr: &bdquo;Sehen Sie die Angeklagten an. Jung
+sind sie. Sehr jung. Knaben sind sie. Kinder sind sie.
+Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden Angeklagten
+für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer
+umher, sah zur Decke, schnupfte wütend und klopfte
+mit dem senkrecht gestellten Bleistift den Radetzkymarsch
+auf das Pult.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans
+Lux an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht
+hielt, den langen Hals wagrecht, mit den Zähnen
+mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf seinen Verteidiger
+starrte, rief dieser, mit sich überschlagender
+Stimme: &bdquo;Bände! spricht das schon allein. Bände! . . .
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte
+Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem Hans
+Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des
+ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren
+Mutter ist . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten
+für sich, wog sie gegeneinander ab, sprach über Hunger,
+Not und Elend, berührte, wie er eindringlich bemerkte,
+den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der Kinderkrankheiten
+auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der Vererbungstheorie
+eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
+außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten,
+und langte nach einer Stunde bei der Hauptstütze
+seiner Verteidigung an, der Schundliteratur.
+</p>
+
+<p>
+Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung
+ihre Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen
+unter den Zuschauern befürchteten, die Richter würden
+ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen
+Mission bewußten Verteidiger an den Jungen auslassen
+und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war
+Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr
+des Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem
+er mit einer dringenden Mahnung zu väterlicher Güte
+und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
+durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus
+dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen,
+konnten die Richter ins Beratungszimmer gehen, nach
+fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber freisprechen,
+um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen.
+Worauf tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer
+schwirrten, während Herr Karfunkelstein
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit
+Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber
+in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage
+war Schulstunde.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung
+Prügel bekommen und saß gegen neun Uhr
+abends in der Wirtschaft &bdquo;Zur schönen Mainaussicht&ldquo;
+auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
+wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas
+verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee&ldquo;,
+sagte sie zu ihrem Bruder, der Kriechenden Schlange.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der soll sich&rsquo;s selber hol&ldquo;, erwiderte die Kriechende
+Schlange und lachte zu Oldshatterhand hinüber.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber
+gingen auf der Kaimauer entlang, schwenkten, ohne
+sich erst zu verständigen, plötzlich nach links ab und kletterten
+an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die den
+Garten der &bdquo;Schönen Mainaussicht&ldquo; umschloß, traten in
+die Wirtsstube und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand
+aufs Kanapee.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika.
+&bdquo;Auf zur Quadrille!&ldquo; rief eine nasale Männerstimme,
+und zu gleicher Zeit verschwand die zimmerbreite,
+auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah
+durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang
+ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges
+Gesicht einem gelben Papagei glich. Mit eleganten
+Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn
+Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter,
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+ein blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust,
+im Saal herumging und eine Stearinkerze zerschnitt, zur
+Glättung des Bodens.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder
+und Tanzlehrer, schwindsüchtig und hieß Gipfelmann,
+hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde auseinandergezogen
+und unter rhythmischem Händeklatschen
+des Herrn Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten
+Figuren der Quadrille, von drei im großen Saale glücklich
+verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet. Junge
+Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen
+verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz
+die Wangen aneinander.
+</p>
+
+<p>
+Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden
+Zwerg, breiter als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert
+die Frau des Tanzlehrers, die sehr der Witwe
+Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel
+geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen,
+wobei sie jedesmal schrill rief: &bdquo;Ja, des muß i
+hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle&ldquo;, um
+dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu
+schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas
+angetrunken. &bdquo;Tanz doch e bißle&ldquo;, sagte sie lustig zu
+ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam
+atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust
+heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem
+man das Blut nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß
+wie Mehl, mit blauen Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist
+Holzauktion&ldquo;, spielte der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des
+Tanzlehrers zu und lächelte. &bdquo;Spiel e bißle langsamer&ldquo;,
+sagte sie bittend zum Zwerg, der sich verbindlich verneigte,
+&bdquo;wir wolle a tanz&ldquo;, und zog lachend den Kranken vom
+Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
+angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen
+Fischer, der mit seinem Mädchen mazurkastampfend
+im Saal herumraste und dem Zwerg fortwährend zuschrie:
+&bdquo;Spiel schneller! Spiel schneller!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte
+Wirtin mit zarter, heftpflasterrosa Haut und
+vom Korsett in die Höhe gehaltenem überquellendem Busen,
+fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: &bdquo;Tanzen
+Sie nicht, meine Herren?&ldquo; und warf, ohne Antwort abzuwarten,
+einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der
+einen fettigen Fes auf dem Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse
+gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte und es so lange
+weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
+heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in
+die Tasse lief.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schämst dich nit, alte Sau!&ldquo; rief die Wirtin ihrem
+Manne zu, und der Kriechenden Schlange: &bdquo;Nehm ihm
+die Tasse weg und trag sie in die Küch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert
+an, blieb am Schanktisch lehnen und sagte
+höhnisch: &bdquo;Was geht&rsquo;s mich an. Laß &rsquo;n rumpantsch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tanzen Sie doch auch, meine Herren&ldquo;, animierte die
+Wirtin. Ihr Mund wurde klein vor Freundlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach
+außen. &bdquo;Wir wern da im Kreis rumhüpfe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+&bdquo;Gehst weg! Bankert!&ldquo; schrie die Mutter ihm zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da bleib ich&ldquo;, sagte die Kriechende Schlange ruhig und
+lümmelte sich auf den Schanktisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen,
+kam hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die
+Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände um das
+eirunde Gesicht gelegt. &bdquo;Schau, er kommt ja wieder. Der
+Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn
+Tage verschwunden. Sie hat&rsquo;s in die Zeitung setz laß,
+und da hat ihn ein Bauer aus Versbach zurückgebracht.
+An einem Kälberstrick. Nur sei Hals war e bißle vom
+Strick geränft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht
+die Krätze hat, oder sowas. Und schau . . . den neue
+Kamm.&ldquo; Der Wirt zog einen großen Hundekamm aus
+seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau hinsah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Steck &rsquo;n ein. Sie braucht &rsquo;n ja nit zu sehn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zsssssss&ldquo;, ertönte es von draußen. Johann Jakob
+Streberle trat ein und der zarte Sachse, der ein junges
+Mädchen, das sich verschämt am Türpfosten wand, hereinzog.
+Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue Seidenschleife
+im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
+war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte
+sein Vermögen verloren, sich auf dem Schloßberg an eine
+alte Linde gehängt und sein Kind als mittellose Waise
+zurückgelassen, worauf der Inhaber der hygienischen Anstältchen
+sich ihrer angenommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle,
+dessen lachender Mund sich schloß, als er die vier
+still und eng beieinander auf dem Kanapee sitzen sah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Rahmen, die ganze Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is
+mir zug&rsquo;schlage worn, weil i&rsquo;s Fenster um zwä Mark billiger
+mach als alle andern&ldquo;, rief er, steckte die Hände in
+die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. &bdquo;Das muß
+mer halt versteh.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien
+unter der Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes
+gehüllt, dessen präparierten Kopf mit grünen
+Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt
+gestülpt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen
+in den Mund steckte, sah hämisch lächelnd auf ihren
+kleinen Mann, der interessiert zum Fischer trat, das
+Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines
+Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an
+der Zeichnung erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten
+lassen, um zu der gewünschten Bettvorlage zu kommen.
+Der Fischer lachte breit.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast mein Hund umgebracht?&ldquo; stotterte der Wirt,
+&bdquo;mein Sultan.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein
+offen eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der
+rasch alt gewordene Wirt wußte es, konnte aber nichts
+dagegen ausrichten.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich
+und rannte aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft
+nach, wandte sich um und rief erstaunt: &bdquo;Was
+denn?&ldquo; Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer auf
+den Schanktisch.
+</p>
+
+<p>
+Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die
+erhitzten Paare umherwandelten und sich mit
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+Taschentüchern Wind machten. Er trat ein paar Schritte auf
+die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im Saal
+herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der
+Boden glänzte schon.
+</p>
+
+<p>
+Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem
+Sachsen und nippte von einem grünen Likör, worauf jedesmal
+ihre Zungenspitze erschien und die Lippen entlang
+leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der seinen
+aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei
+lächelnd auf das Mädchen hinunterblickte.
+</p>
+
+<p>
+An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen
+Pickeln im Gesicht, aus dem die starke Nase fast wagerecht
+vorschoß, und sah verlangend in den Tanzsaal hinein.
+Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
+wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein
+vierzehnjähriges Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem
+weichen Busen, Sommersprossen auf der zarten Haut,
+ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte:
+&bdquo;Geht mit naus . . . Wir machen was mit meiner
+Schwester.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh nit mit&ldquo;, sagte Oldshatterhand sofort. Der
+bleiche Kapitän und die Rote Wolke sahen verständnislos
+drein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, ich geh mit&ldquo;, sagte der Schreiber, zwängte sich
+zwischen Tisch und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden
+Schlange hinaus in den Garten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was machen denn die mit seiner Schwester?&ldquo; fragte
+der bleiche Kapitän Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die . . . die machen was.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+&bdquo;Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der freie Mensch steh Red und Antwort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei&ldquo;, schloß
+der bleiche Kapitän das Gespräch ab.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten
+klein unterm Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel
+reichte.
+</p>
+
+<p>
+Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und
+senkte den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erst ich&ldquo;, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber.
+&bdquo;Paß du auf derweil, ob niemand kommt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen,
+in dem Hacken, Schaufeln und anderes Handwerkszeug
+herumstand.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und
+Schuppen spähend auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein
+zurückkam, flüsterte er: &bdquo;Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh
+doch nei!&ldquo; Er schob ihn vom Stamm weg. &bdquo;Ich paß ja
+auf derweil . . . Oh, du hast Angst&ldquo;, flüsterte er und deutete,
+den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber,
+der langsam auf den Schuppen zuging und in ihm
+verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte
+horchend hinein. Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem
+Lachen.
+</p>
+
+<p>
+Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln
+hinunter, als er aus dem Schuppen trat; sein Haar war
+verwühlt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+&bdquo;Der kann ja nix&ldquo;, sagte das Mädchen und lief davon.
+</p>
+
+<p>
+Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende
+Schlange auf den Schreiber: &bdquo;Oooooo!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was willst denn!&ldquo; rief der Schreiber erzürnt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil ich&rsquo;s g&rsquo;sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal
+alle im &sbquo;Zimmer&lsquo; seid, bring ich mei Schwester mit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bring halt die andere auch mit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten,
+gingen sie in die Wirtsstube zurück, wo der Schreiber
+sich wieder aufs Kanapee setzte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte
+reichte, zog einen langen Dolch, den zu tragen verboten
+war, aus der Hintertasche und schnitt die Spitze
+einer großen Zigarre ab. &bdquo;Leih mir zwölf Pfennig&ldquo;, bat
+er den bleichen Kapitän. &bdquo;Ich hab nix mehr und möcht
+noch a Glas Bier trink.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal
+schuldig. Ich hab selber nix.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam,
+vom säbelbeinigen Wachtmeister begleitet, gleich wieder
+zurück. &bdquo;Dieser ist&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm mal da her zu mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleich gewordene Oldshatterhand &mdash; er hatte beim
+Eintritt des Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen
+Kanapeesitz und Lehne gesteckt &mdash; ließ geringschätzig
+die Lippen hängen und fragte angstbleich und frech:
+&bdquo;Was wollen Sie denn von mir?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gehst raus! Malefizlausbub!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen
+von außen. &bdquo;Wo hast&rsquo;s denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+&bdquo;Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen ganz langen Dolch hat er&ldquo;, rief der Gymnasiast.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt leerst glei dei Tasche aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da, greifen Sie nur selber nei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Von Zuschauern umringt &mdash; alle Tanzschüler waren ins
+Wirtszimmer gekommen &mdash; zog der Wachtmeister, während
+der bleiche Kapitän, vom Schreiber gedeckt, den Dolch
+immer tiefer ins Kanapee stieß, unter größter Stille aus
+der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
+Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes
+Blechkästchen, in dem Angelwürmer sich ringelten, einen
+Himbeerapfel, eine Handvoll alte Briefmarken, ein Flötchen
+und eine Meerschaumspitze, mit einem Segelschiff
+darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
+farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte.
+Ein zartrosa Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen
+Loch der Meerschaumspitze heraus und um den Zeigefinger
+des Wachtmeisters herum, der die Spitze erschrocken von
+sich schleuderte, so daß sie zerbrach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Habt ihr&rsquo;s Messer g&rsquo;sehe?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, er hat ja kein Messer&ldquo;, sagte die Wirtin begütigend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn er scho ens hat&ldquo;, rief der Fischer. &bdquo;Jau,
+so a Gaudi.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand:
+&bdquo;I hab&rsquo;s g&rsquo;sehe! Also muß a da sei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch
+noch in die Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus.
+&bdquo;Das hab ich zammg&rsquo;spart, weil ich meiner Mutter
+eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!&ldquo; rief
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit
+den bleichen Kapitän an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du
+selber hast!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du glaubst&rsquo;s nit . . . Kannst ja selber mei Mutter
+frag, ob sie die Küchenlampe nit braucht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee
+gekrochen war, ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze
+wegen, schnell weg.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Es ist wirklich so, wie ich g&rsquo;sagt hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . .
+Ich tät mich schäm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber du mach dich dünn jetzt&ldquo;, zischte Oldshatterhand
+wütend.
+</p>
+
+<p>
+Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen
+schon gepackt und schlich zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst
+und lange Beine.
+</p>
+
+<p>
+Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden,
+dunklen Gestalt nach, über die alte Brücke, durch
+krumme Gassen, aber stets im selben Abstand. Der Gymnasiast
+schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte er
+wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die
+Treppe hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten
+Fenster des ersten Stockes schon die Zunge lang
+heraus, als sie unten vor dem Hause erst ankamen.
+</p>
+
+<p>
+Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien
+dem Gymnasiasten direkt in den Mund geflogen zu sein;
+denn noch einen Augenblick war der Apfel auf dem Gesicht
+zu sehen und die in maßlosem Schrecken aufgerissenen
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen
+dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas.
+Dann war es still.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das
+Haustor schon versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der
+&bdquo;Schönen Mainaussicht&ldquo; noch Licht war, an der Mauer
+hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und sahen,
+als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin
+zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt
+zurück und flüsterte voller Grauen: &bdquo;Fort! Fort!
+Ich geh fort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee
+vor und deutete boshaft auf die beiden.
+</p>
+
+<p>
+Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend
+in die Höhe. Die Kriechende Schlange stürzte in die
+Küche, die Räuber durch den Garten davon.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen
+Wirt tot aus dem Main. Das nasse Hundefell hielten
+die Hände des Toten fest umklammert.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende,
+monotone Lesen der ganzen Klasse, aber über den siebzig
+regungslos sitzenden Schülern des Herrn Mager hing
+noch drückende Stille.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich
+einen Borsdorfer Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte
+sie sorgfältig aus und aß sie zusammen mit einer mürben
+Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn jeder
+Schulstunde tat.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und
+der Duckmäuser saßen in der ersten Bank; in der letzten
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+Bank saßen der König der Luft, die Rote Wolke und der
+Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande
+waren unter den übrigen Schülern verstreut.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.
+</p>
+
+<p>
+Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der
+Seife aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und
+die noch nassen Haare standen spitz und steif in die Höhe, so
+daß die Köpfe einer in Reihen geordneten Igelschar glichen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine
+Knabenstimme, und es schien, als würden die Worte im
+Keller gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die
+Klinge gegen das Licht, rieb noch eine Weile, und erhob
+sich plötzlich, strich wie in Gedanken mit der Hand im
+Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen Vollbart zur
+polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
+blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der
+ersten Bank an.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu
+reiben. Er rieb jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war,
+mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue Aderngeflecht
+seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt
+zur Schultafel. &bdquo;Der berühmte Maler Albrecht Dürer
+hatte einen Widersacher, welcher behauptete, der größere
+Künstler zu sein&ldquo;, sagte Herr Mager, legte die Hand in
+die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank
+an. &bdquo;Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder
+eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere
+sei, der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der
+eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang, und
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor
+das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine
+Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich,
+wo denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer
+seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem feingespitzten
+Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf
+einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
+aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen,
+stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von
+da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler&ldquo;,
+schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis
+auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen
+Punkt hinein. &bdquo;Wie ich noch so jung war wie ihr, da
+konnte ich das noch viel besser&ldquo;, sagte er, weil der Kreis
+etwas bucklig ausgefallen war. &bdquo;Das sollt ihr bis zur
+nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.
+</p>
+
+<p>
+Da stand Falkenauge auf. &bdquo;Herr Lehrer, ich muß einmal
+hinaus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel <em class="em">warten</em>,
+das ließen seine Nerven nicht zu.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war
+er augenblicklich von der Kaimauer hinunter in den mit
+Treibeis gehenden Main gesprungen, um einen Säugling
+zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen
+ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er
+dem mit den Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen
+nachgeschwommen, hatte es erfaßt und es glücklich
+an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer
+Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden,
+die er allein herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+Mager ersonnene Raffinement &mdash; die sicheren Prügel hinauszuschieben,
+war für Falkenauges Mut zu viel.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten
+Schüler, der aber nach einer Weile allein zurückkam und
+staunend sagte: &bdquo;Herr Lehrer, er ist nicht mehr da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück.
+&bdquo;Michael Vierkant! Raus!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel
+preßte ihm den Kopf nach unten, und Oldshatterhand
+schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des Herrn Mager.
+</p>
+
+<p>
+Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die
+eine bange Frage: wer kommt nach Oldshatterhand daran?
+</p>
+
+<p>
+Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei
+jedem sagte Herr Mager atemlos: &bdquo;So! Heute diese
+sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die vierundzwanzig
+voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal
+geben darf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Augen der Mitschüler standen weit offen und
+glänzten. Das kleine Gesicht des Herrn Mager war jetzt
+schon weinrot.
+</p>
+
+<p>
+Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber
+nicht allein bändigen. &bdquo;Wer meldet sich?&ldquo; rief Herr Mager.
+</p>
+
+<p>
+Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt,
+jedoch sitzen geblieben.
+</p>
+
+<p>
+Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie
+in höchstem Entzücken brüllte er in allen Tonlagen: &bdquo;Ah!
+Ah! Ah! Ah!&ldquo; und schleuderte die Beine derart umher, daß
+Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den Handrücken
+traf. Voller Wut schrie er: &bdquo;Michael Vierkant! Raus!
+Halte ihn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand rührte sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum
+Stuhl. &bdquo;Halte ihn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: &bdquo;Herr
+Lehrer . . . ich halte ihn nicht.&ldquo; Und selbst seine Lippen
+waren weiß geworden.
+</p>
+
+<p>
+Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und
+hieb ihm plötzlich mit dem Rohrstock quer über das Gesicht,
+immerzu. Nicht die Hand hob Oldshatterhand zur
+Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
+gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank.
+Auf seinem Gesicht schwollen die blutunterlaufenen
+Striemen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hans Lux! Raus!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht
+vor. Die vier Helfer standen bereit. Der König der
+Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte ihn umständlich
+zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine Weile
+hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war,
+und nahm die Prügel entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer
+waren herabgesunken.
+</p>
+
+<p>
+Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran,
+stellt ihm die gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die
+Nägel schmerzhaft in die Kopfhaut eindrücken, ruft: &bdquo;Pä,
+Krähenfuß!&ldquo; und streckte die Zunge lang heraus, wenn er
+zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand
+auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine
+dunkle, gespreizte Hand sein Herz umkrallte. &bdquo;Pä,
+Krähenfuß&ldquo;, flüsterte er, schauerte zusammen und hatte
+einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut
+speie. &bdquo;Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen.
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+Anzünden! Die ganze Stadt! Hoo! Fort, fort!&ldquo; Und
+plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. &bdquo;Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser
+ging ein paar Schritte seitwärts nebenher und sah
+staunend ununterbrochen auf Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand
+ging ein Stück hinter den anderen und sann darüber
+nach, weshalb seine Freunde ihm nicht geantwortet hatten.
+Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar vorbeigegangen
+war? Umschlungen &mdash; dachte er. Hatte das Gefühl,
+als tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam,
+und bekam Angst.
+</p>
+
+<p>
+Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein
+Brückenheiliger, kein Licht zu sehen war. Plötzlich bekam
+Oldshatterhand einen knallenden Schlag ins Gesicht, daß
+er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine Stimme
+rufen: &bdquo;Rechts gehen!&ldquo; Er sah, nur einen Augenblick,
+eine Uniform und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort
+wieder nur noch Nebel.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo;,
+die Ellbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt,
+und blickte in wehmütigem Neid trübe auf die ankommenden
+Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter sich
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft
+zu gehen; einige Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen,
+der unbenutzt unterm Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige
+Wachtmeister ihn fand und Herrn Mager zuführte.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-4">
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+Viertes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span>ie Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden;
+jetzt blühte der Holunder und der Flieder im Festungsgraben,
+und die Hügel rund um Würzburg herum
+waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig
+saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis
+auf die Rekrutenzeit aus der Fortbildungsschule entlassen
+worden. Alle konnten jetzt mit einiger Berechtigung
+bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, außer
+Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen
+Finger breit gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah
+und seinen Kameraden nur bis zur Brust reichte.
+</p>
+
+<p>
+Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar
+und streitsüchtig machte; unvermittelt konnte er, allen voran,
+die Räuber zu gefährlichen Unternehmungen mitreißen,
+um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen, ohne
+erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele
+Tage lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche
+Kleinigkeiten schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche
+bekam.
+</p>
+
+<p>
+Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand.
+Brachte er den wilden Westen zur Sprache, dann sagten
+die Räuber: &bdquo;Ja. Bald. Wart doch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es
+keiner dem anderen offen ein. Wie mit einer Kugel
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, parodierten sie schon
+leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen wilden
+Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: &bdquo;Jetzt
+müssen wir fort, die Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige
+Kämpfe ausgebrochen, das Kriegsbeil ist ausgegraben,
+man braucht uns drüben, was sollen wir noch hier&ldquo;,
+bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle
+doch einstweilen vorausgehen, wenn&rsquo;s ihm so pressiere,
+sie kämen schon nach. So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht
+im Herzen gequält stillschwieg und teilnahmslos
+und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
+die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg
+gab. Kurz vorher war ein Zirkus in Würzburg
+gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern
+saßen auch einige Mädchen auf dem Rasen. Und das
+war der Anfang vom Verfall der Räuberbande: sie liebten
+es neuerdings, Publikum um sich zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war
+ein Trapez angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden
+Unterhosen und giftgrünem Trikotleibchen, ganz
+einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und
+mahlte mit den Zähnen.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende
+Sonnenscheibe, und die Gestalten der Räuber warfen
+lange Schatten auf den abendgrünen Schloßbergrasen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich
+nach außen gestülpt, und sah zu, wie der König der
+Luft in gewaltigem Bogen in den Himmel sauste, das
+Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+hoch in der Luft überschlug &mdash; und auf den Beinen stand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa
+Kleid seiner Schwester anhatte. Aber ein Mädchen
+mit zwei braunen Zöpfen sagte: &bdquo;Der kann direkt zum
+Zirkus gehen.&ldquo; Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten
+Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor
+dem Mädchen mit den braunen Zöpfen.
+</p>
+
+<p>
+Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen,
+stemmte der bleiche Kapitän einen schweren Steinquader
+hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als jedoch der
+König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang,
+das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,
+um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte,
+und unter einem einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte
+auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln hielt &mdash;
+da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein,
+denn der König der Luft hatte das Bein gebrochen.
+</p>
+
+<p>
+In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn
+herum.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten
+aus der Dämmerung. Der Rasen roch.
+</p>
+
+<p>
+Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn,
+von einem breiten, tiefen Graben umgeben und einer
+Balkenbarriere. Im lockeren Sand der Reitbahn stand
+ein dürres Soldatenpferd und wieherte.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß:
+ohne vorher etwas davon zu sagen, sprang er mit
+einem fünf Meter langen Satz über den Graben und die
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
+wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und
+Beinen anklammernd, in der Bahn herum.
+</p>
+
+<p>
+Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals
+gebeugt, wie ein Indianer auf dem Gaul.
+</p>
+
+<p>
+Da brüllten die Räuber wie besessen: &bdquo;Halt! Halt!
+Ein Feldwebel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche
+dem scheuenden Pferde nach; der Hauptmann
+flog in großem Bogen herunter in den Sand, stürmte,
+vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und
+mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die
+Felsengasse hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft
+war wieder gesichert. Keuchend rief er: &bdquo;Wenn das mein
+Bruder in Amerika miterlebt hätte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf
+und setzte sich auf den Sockel des Bildwerks: Christus hing
+am Kreuz in kaum noch erkennbaren Körperformen, so
+oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit Ölfarbe angestrichen
+und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf
+dem Bildwerk stand:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">An diesem Ort is Alois Würz</p>
+ <p class="line">Mit sein Heuwage umg&rsquo;stürzt.</p>
+ <p class="line">War glei tot, mitsamt die Roß.</p>
+ <p class="line">War ein frummer Mann,</p>
+ <p class="line">Drum is er auf der Stell</p>
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+ <p class="line">In sein Heuwage in Himmel nei g&rsquo;fahrn,</p>
+ <p class="line">Was mer vo seine Roß nit sag kann.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon
+fast dunkel. Eine Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand
+war bedrückt; er spannte alle Muskeln an und hielt den
+Atem zurück, bis die Luft &bdquo;pfa!&ldquo; aus seinem Munde fuhr.
+Es wurde ihm aber nicht leichter davon.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche
+hervor, die zum Trocknen aufgehängt war, blähte sich
+auf zu großen, weißen Menschenbäuchen. Oldshatterhand
+spähte angestrengt hin und fürchtete sich, blieb aber sitzen
+auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren Ton,
+der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges
+Stöhnen, wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen
+in ihm klänge.
+</p>
+
+<p>
+Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des
+Duckmäusers, der zu Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig,
+unhörbar auf ihn zukroch.
+</p>
+
+<p>
+Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten
+später die nur zehn Schritt weite Entfernung hinter
+sich gebracht, und setzte sich unbemerkt auf den Sockel neben
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Es war jetzt ganz dunkel geworden.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den
+Atem an, um sich nicht zu verraten. Plötzlich sagte er:
+&bdquo;Wa . . . weil . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh . . . O Gott!&ldquo; schrie Oldshatterhand auf und fiel
+vom Sockel herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit,
+als er den Duckmäuser erkannte, und drängte
+seine Verwunderung darüber zurück, daß dieser es gewagt
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete Duckmäuser,
+mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . .
+drum bin ich erschrocken&ldquo;, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . .
+Indianern will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt
+an den Fa . . . Fa . . . Feind&ldquo;, beendete der Duckmäuser
+seinen Satz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Duuuu? zs . . . zu den Indianern?&ldquo; Oldshatterhand
+war furchtbar verwundert und empört. Und
+als er sah, wie der Duckmäuser den Kopf vorstreckte, blutrot
+wurde und drückte, um reden zu können, dachte Oldshatterhand
+voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf
+nicht stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht
+auszusprechende Worte vor: &bdquo;O also nein, da mußt du
+aushalten können, da . . . daß man dir vergiftete Hölzchen
+in den Ba . . . Bauch steckt, und die werden angezündet.
+O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . fünfzig
+brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet
+wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst
+du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen
+ka . . . kann, . . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann
+br . . . dann br . . . brauche ich ihm nur noch ein Messer
+ins Herz zs . . . zs . . . zu stoßen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pä! Ist das ritterlich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+fürs A . . . Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich
+f . . . fünfundsiebzig Pf . . . Pfennig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso
+wie die Kriechende Schlange und die Rote Wolke, auch
+ums Läuten beworben, der fünfundsiebzig Pfennige wegen.
+Man hatte ihn aber nicht brauchen können, weil er zu
+klein war. &bdquo;Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit
+läuten. Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu
+den Indianern willst, mußt du mi . . . mindestens eine
+halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen können, aber
+mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe
+mit Indianern vorbeifährt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig
+mooonatlich krieg ich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe,
+aus dem Dunkel, und seine Hand, die eben das Kreuz
+schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, blieb erschrocken
+abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten
+auf dem Sockel sitzen sah.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn
+fast um einen Kopf überragenden Sohn bei der Hand und
+führte ihn weg von Oldshatterhand, der sitzen blieb und
+den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie genommen
+hatte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen.
+Die ganze Stadt wußte, daß der Kaplan der
+Vater war.
+</p>
+
+<p>
+Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste
+Pfarre in der Umgebung Würzburgs, und das Mädchen
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache verstummte
+das Gerede.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt;
+eine Lungenentzündung war dazugekommen. Sie
+lag im Sterben.
+</p>
+
+<p>
+Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben
+ihrem Bett. Winnetou setzte sich und sah steif geradeaus.
+</p>
+
+<p>
+Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im
+Ornat, der Kirchendiener und die Ministranten traten ins
+Zimmer. Winnetou stand auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich
+wichtig nach Winnetou um.
+</p>
+
+<p>
+Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der
+Geistliche und die Ministranten knieten nieder am Bett
+und beteten. Da kniete auch Winnetou nieder.
+</p>
+
+<p>
+Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen
+von hinten unter die Arme und half ihm wieder auf
+die Beine.
+</p>
+
+<p>
+Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich
+in den Sessel, wie vorher.
+</p>
+
+<p>
+Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur
+Sterbenden hin, sah das weiße Gesicht an, das von einer
+plissierten, gestärkten Krause umrahmt war, und beugte
+sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm,
+als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die
+Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer
+sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter,
+das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene
+Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es
+immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die
+Brust &mdash; die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage,
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick
+nicht von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein,
+weil er diese sicher nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten
+der Mutter auch in Angst vor ihr verbringe, und
+ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die
+Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer
+Güte langsam übers Haar gestrichen.
+</p>
+
+<p>
+Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte
+Winnetou, sein Körper zuckte, ein kaum erträgliches Glück
+entstand in ihm; da begann er zum Weinen leise zu singen,
+und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er aufhöre,
+leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht
+mehr glücklich sein würde.
+</p>
+
+<p>
+Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit
+seiner Mutter verursachten Druck aus sich herausweinte,
+fühlte er, wie die Sterbende ihm half, durch
+ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich schwächer
+wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der
+Bauch der Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte
+Winnetou ans Fußende des Bettes.
+</p>
+
+<p>
+Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter,
+ging hinaus und meldete der Köchin unter schluckendem
+Lachen und Weinen, daß die Mutter tot sei.
+</p>
+
+<p>
+Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich
+lächelte, und rannte ins Sterbezimmer.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und
+ohne Ziel stadtwärts.
+</p>
+
+<p>
+Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte
+mit Krückstöcken auf die Haltestelle der Trambahn zu,
+wandte sich um nach dem schnell sich nähernden Wagen,
+den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie immerzu:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+&bdquo;Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer
+zurecht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Winnetou sah die Alte an &mdash; zur Elektrischen zurück,
+und stellte sich zwischen die Schienen.
+</p>
+
+<p>
+Der Führer läutete.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den
+Führer zum Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich
+im Geleise, auf die Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich
+beeilend, weiter.
+</p>
+
+<p>
+Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten
+Fahrgäste stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt
+kam der Wagen angerast. Winnetou wandte den Kopf,
+erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im letzten
+Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen
+rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.
+</p>
+
+<p>
+Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer
+aus dem Wagen, um nachzusehen, ob Winnetou verletzt
+war.
+</p>
+
+<p>
+Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.
+</p>
+
+<p>
+Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der,
+den Mund verzogen, als sei ihm schweres Unrecht geschehen,
+zurücksah.
+</p>
+
+<p>
+Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses
+mit der Tabakspfeife am Fenster saß, stand mühsam auf
+und schüttelte wütend die Faust hinunter zu Winnetou,
+der in die Seitengasse einbog.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen.
+&bdquo;Geh mit, wir schießen&ldquo;, sagte der Hauptmann,
+zog seinen Rockflügel zur Seite und zeigte Winnetou einen
+neuen Zimmerstutzen. &bdquo;Wir gehn zu Falkenauge und
+schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+&bdquo;. . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin&ldquo;,
+sagte Winnetou und ging auch gleich weg, in der Richtung
+zur Kirche.
+</p>
+
+<p>
+Verdutzt blickten sie ihm nach.
+</p>
+
+<p>
+Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug
+das Kreuz und setzte sich. Und als er die lateinischen
+Worte des Priesters und das ferne Klingeln der Ministranten
+im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten sich
+die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer
+der Mutter empfunden hatte, wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.
+</p>
+
+<p>
+Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte
+Winnetou unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube
+sich mit seinen Räuberidealen nicht deckten.
+</p>
+
+<p>
+Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer
+der Kirche lehnen, als er den Schreiber und den
+Hauptmann, die ihm nachspioniert hatten, langsam die
+Straße hinunter sich entfernen sah.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden
+Räubern nach, bis sie zu Punkten wurden und endlich nicht
+mehr zu sehen waren, und trat wieder in die Kirche ein.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges
+Mutter, und als niemand antwortete, stiegen
+sie hinauf in die dürftig möblierte Dachkammer Falkenauges,
+der noch im Geschäft war.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas
+voll klaren Wassers, worin ein Glasauge lag. An der
+Wand hing eine Tabakspfeife unter dem heiligen Joseph.
+In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs
+Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge
+hatte es auf den Schloßberglinden gefangen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer,
+auf der ein Spatz saß.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab.
+Der Spatz blieb sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte
+Gefieder.
+</p>
+
+<p>
+Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei,
+stieg er in die blaue Luft.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung
+zu groß ist . . . Wie wär denn das sonst möglich&ldquo;, sagte
+der bleiche Kapitän und sah sich nach einem näheren Ziel
+um. &bdquo;Halt einmal die Karte&ldquo;, sagte er und nahm das
+Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn du mir den Finger wegschießt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich wer doch no das Kärtle treffe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte
+den Arm aus, hielt die Karte an der äußersten Spitze.
+&bdquo;Ziel lieber ein bißchen mehr rechts . . . Es is mir lieber,
+du triffst nix, als daß du mei Hand triffst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte
+der Karte und durchlöcherte sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber atmete wieder. &bdquo;Jetzt halt du die Karte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern
+umrahmte sie mit seiner Hand und stülpte die Lippen
+nach außen. &bdquo;Schieß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte
+kurz und durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der
+bleiche Kapitän sie fallen. &bdquo;Ich laß mir das Glas runterschieß,
+vom Kopf . . . Das wär mir auch noch was&ldquo;,
+sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das
+Auge lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar
+sein Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+&mdash; &mdash; &mdash; Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters
+Bett. Der Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern&ldquo;, rief er in
+heller Begeisterung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das kannst du ruhig riskier.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Haaargott . . . Getroffen!&ldquo; Das Auge war durchs
+Fenster hinausgeflogen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das is doch ganz klar.&ldquo; Der bleiche Kapitän zuckte
+die Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel
+fort war, und das Blut ihm einen schmalen Reif ums
+Handgelenk gezogen hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . .
+vielleicht. A schöns Armreifle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein guter Schuß war&rsquo;s doch&ldquo;, sagte der Schreiber
+und hielt, das Gesicht schmerzverzerrt, die Hand hoch.
+&bdquo;Aber das Aug ist futsch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie
+schossen durch den Fußboden, zerschossen den gemalten
+Engel an der Decke, die Tapetenblumen, durchlöcherten
+den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte auf den Wasserkrug;
+das Wasser platschte auf den Boden und rann unter
+der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer
+sie trafen; das Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige
+kleine Brandlöcher. Das Eichhörnchen raste im
+engen Käfig herum, hockte manchmal mäuschenstill, die
+klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und raste
+weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber
+glühten. Sie zerrten die Bettstücke heraus und schmissen
+sie in die Wasserlache am Boden, lehnten die Matratze
+ans Fenster, rissen den Tisch um, das Bettgestell
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem
+Hause.
+</p>
+
+<p>
+Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte
+er die Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um,
+lächelte geringschätzig und verlegen und ging weiter. Von
+dem Tage an verkehrte er nicht mehr mit den Räubern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Welches denn?&ldquo; fragte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Eichhörnchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie
+seit einiger Zeit jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch
+von einer Stunde eilten, und mehr federweißen
+Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den
+zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen
+Bauernburschen belauert wurden. Das endigte
+oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt
+fühlten, in der nächsten Nacht wieder im Dorfwirtshaus
+zu sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport;
+er angelte Tag und Nacht. Der König der Luft lag im
+Juliusspital, wegen seines gebrochenen Beines. Die Rote
+Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes
+Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub,
+mit hektographierten Statuten, und hielten jeden
+Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe der
+Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante
+Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war
+der einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den
+Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann
+mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch
+der Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er:
+&bdquo;Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen
+Sie sich widerscheinen.&ldquo; Vor vierzig Jahren hatte Herr
+Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, als der
+noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz
+nicht vergessen.
+</p>
+
+<p>
+Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den
+alten Schießgräben der Festung, schmolz es im &bdquo;Zimmer&ldquo;
+zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln daraus zu
+gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im
+&bdquo;Zimmer&ldquo; und las Indianergeschichten. Eine Landkarte
+von Amerika hing jetzt darinnen, auf der die Gegenden,
+Seen, Prärien und Urwälder, die er als Westmann aufsuchen
+wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.
+</p>
+
+<p>
+Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers
+im unterirdischen Gange. An vielen Abenden zeichnete er
+stundenlang das &bdquo;Heilige Tier&ldquo; ab. Mit der Zeit bekam
+er überhaupt keinen Besuch mehr im &bdquo;Zimmer&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge
+und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte
+die Räuberbande sich aufgelöst.
+</p>
+
+<p>
+Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten
+einen Teil der Bande zum letzten Male zu einem gemeinsamen
+Unternehmen.
+</p>
+
+<p>
+Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt
+und die Häuschen bis zum ersten Stock hinauf
+mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger waren festlich
+gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten. Weißgekleidete
+kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen,
+Männer in langen Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern
+strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem
+Zug der Walleute anzureihen.
+</p>
+
+<p>
+Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die
+erste Station. Die Bäckereiauslage war in einen Altar
+mit Betpult, Kruzifix und brennenden Kerzen umgewandelt
+und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in
+himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.
+</p>
+
+<p>
+Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen
+sollten, waren solche Altäre hergerichtet.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die,
+welche den Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem
+&bdquo;Spitäle&ldquo; beisammen, in ihren Sonntagsanzügen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich
+selber hab Winnetou mit einer Kerze in die Kirche gehen
+sehen&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die
+blaue Luft &mdash; ein Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten
+Stadt hinunter: der Zug der Walleute näherte
+sich, von der Burkarter Kirche kommend.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann
+Jakob Streberle, Schuster Widerschein, Benommen der
+Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in Gehröcken und
+mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten
+im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden
+Seiten der Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern
+heraus; zusammen mit den Kindern, die dünn,
+mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten Weibern,
+deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der
+heftig und getragen blasenden Blechmusikkapelle.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz
+trug, an dem der silberne Christus hing. Hinter ihm kam
+der kleine, dicke Bischof im Ornat, vor dem Gesicht die
+Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz schlugen
+und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch
+auf die Erde gebreitet hatten.
+</p>
+
+<p>
+Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes
+Bein zu kurz war, schwenkte sich auf seinem normalen
+Beine herum zu den Walleuten und rief langgezogen:
+&bdquo;Lob und Dank sei ohne End!&ldquo; Und während das Gemurmel
+der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder
+herum und hinkte weiter voran, sprang plötzlich mit einem
+Satz auf Oldshatterhand los, &bdquo;Sakramentslausbub!&ldquo;
+schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte wieder
+in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: &bdquo;Dem allerheiligsten
+Sakrament.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor
+dem Bischof unter dem Himmel. Der Himmel wurde an
+vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou und noch
+zwei Jünglingen getragen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die
+Räuber waren verblüfft. Aber da war nichts zu machen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da is er!&ldquo; rief der bleiche Kapitän und deutete auf
+Winnetou, der den Kopf senkte, als er bei den Räubern
+vorüberging.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber schüttelte den Kopf: &bdquo;Herrgott, wer hätt
+das vom Winnetou gedacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verstummt sahen die Räuber ihm nach.
+</p>
+
+<p>
+Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten,
+Blechmusik und Böllerschüssen stachen die
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+Altweiberstimmen heraus und hinauf in den sonnigen Himmel: &bdquo;O
+Maria hilf!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein
+großes Haus mit vielen Fensterscheiben, denn der fromme
+Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener und eifriger
+Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen
+angestellt; sein Geschäft blühte.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend schimpfte der rote Fischer in den &bdquo;Drei
+Kronen&ldquo;: &bdquo;Ke enzigs Pfund Fisch verkäff ich&rsquo;s ganze
+Jahr, wenn i nit mitwall!&ldquo; Seine Halsadern schwollen.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum
+Besohlen geben, wenn ich nicht ein frommer, gottgefälliger
+Schuster wäre&lsquo;, dachte sich Herr Widerschein und
+reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein
+stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.
+</p>
+
+<p>
+Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die
+Breite ihrer Häuser einhaltend, das zertretene Schilf
+weg, gossen Kringel mit der Gießkanne und kehrten sauber
+nach. Hier war gekehrt &mdash; dort lag noch ein genaues Quadrat
+Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank.
+So wollten es die Würzburger Stadtväter.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der
+Tasche, schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor
+dem &bdquo;Spitäle&ldquo; vorbei und bogen in die Felsengasse ein,
+welche von der vielfenstrigen Vorderfront des Hauses
+vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an
+seine Leute, beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte
+leise und hob die Hand &mdash; die Fensterscheiben klirrten.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel
+im Hans Kasperl-Theater, aus dem Fenster.
+</p>
+
+<p>
+Da unten war alles still.
+</p>
+
+<p>
+Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die
+Räuber der Abschluß ihrer ersten Jugend.
+</p>
+
+<p>
+In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des
+Mainviertels von ein und derselben Sache: Herrn
+Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein Unglück
+passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das
+neue Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal
+gemacht; die Fenster waren unbrauchbar; er mußte eine
+hohe Konventionalstrafe bezahlen und machte Bankerott.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum,
+lachte nicht mehr; als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ
+sein Meisterstolz nicht zu, und eines Tages war er verschwunden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand
+standen am Fluß beisammen. Falkenauge kam geschritten,
+energisch.
+</p>
+
+<p>
+Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem
+braunen Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo warst du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der Jagd!&ldquo; rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz
+und schritt weiter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, wenn ich dir sag, man kann&rsquo;s jeden Tag fünf-,
+sechsmal tun, so oft&rsquo;s überhaupt geht. Es schadet einem
+gar nichts; man bleibt genau so stark und gesund wie man
+war&ldquo;, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän und
+schloß: &bdquo;Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt
+auf der Welt. Das is ja ganz kolossal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene,
+graue Wangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie is denn das? . . . Wie tut man&rsquo;s denn?&ldquo; fragte
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Für dich is das nichts&ldquo;, sagte der Schreiber und
+lächelte dem bleichen Kapitän zu. &bdquo;Da bist du vielleicht
+noch zu klein dazu. Morgen kann ich dir&rsquo;s ja amal zeig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur
+Sandinsel, und saßen dann beisammen an einem kleinen
+See, der von überhängenden Weidenbüschen umsäumt
+war.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos
+und graziös am Seeufer hin und Raben flatterten
+immer wieder auf und flogen &bdquo;aa aa&ldquo; schreiend über das
+Weidenland.
+</p>
+
+<p>
+Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung
+genommen und am tiefblauen Himmel traten die Sterne
+hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich
+fort?&ldquo; fragte Oldshatterhand leise und wand sich einen
+Weidenzweig schmerzhaft ums Handgelenk.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf, nach Amerika!&ldquo; rief lachend der Schreiber. &bdquo;Hohaho!
+Oldshatterhand!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän grinste.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun sagen wir nächste Woche&ldquo;, sprach der Schreiber
+ernst.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also! Also ja!&ldquo; rief Oldshatterhand freudig. &bdquo;Oder
+gehen wir doch lieber jetzt gleich fort! Immerzu da
+nunter, den Sandweg, bis nach Frankfurt. Dann kommen
+wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+Schiffe.&ldquo; Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk
+fester zu. &bdquo;Meerschiffe &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer
+Schirmfabrik. &bdquo;Weißt du was . . . es gibt überhaupt
+keine Indianer mehr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt&rsquo;s mehr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;He? Millionen gibt&rsquo;s! He! was wären denn sonst
+die, von denen in unsern Büchern steht? He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No ja, ein paar gibt&rsquo;s ja noch&ldquo;, gab der bleiche
+Kapitän zu. &bdquo;Aber ich hab neulich in der Zeitung gelese,
+daß die andern alle schon ausgerottet sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist
+du für Amerika.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt&rsquo;s ganz
+allein an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. &bdquo;Ihr geht
+also nit mit! Ihr Feigling . . . habt die ganze Jahr her
+nur geloge?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr
+Lehrzeit ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt,
+fünfzehn Mark, und das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär
+ich da nicht ein Rindvieh, wenn ich jetzt fortlaufen tät?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No allemal&ldquo;, sagte der Schreiber. &bdquo;Ich krieg jetzt
+auch vierzig Mark im Monat. Dreißig muß ich meiner
+Mutter geb; aber zehn Mark darf ich behalt. Das is doch
+jetzt alles ganz anders&ldquo;, schloß er nachdenklich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.&ldquo;
+Der bleiche Kapitän zeigte den Schirm im Katalog.
+&bdquo;Acht Mark kost er. Hast scho amal sowas g&rsquo;hört? . . .
+Acht Mark für&rsquo;n Schirm!&ldquo; Er lachte krachend und konnte
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+sich lange nicht beruhigen. &bdquo;Er is aber auch so dünn
+wie ein Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es war jetzt tiefe Nacht geworden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu
+zu sagen, langsam fort. Und nach einer Weile rollten ihm
+die Tränen an den Wangen hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts.
+Vorne saß der Flößer und spielte leise die Ziehharmonika.
+Irgendwo in der Ferne sang ein Mädchen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;Schloßfallenfeuer!!&ldquo; rief Meister Tritt Oldshatterhand
+zu, der bis ins Herz hinein erbebte.
+</p>
+
+<p>
+Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere
+daran hinauf in den Himmel &mdash; hätte das Herr Tritt gerufen,
+Oldshatterhand wäre mit weniger Bangen an die
+Arbeit gegangen.
+</p>
+
+<p>
+Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt
+geschmiedet worden ohne Angst und Beben des Lehrjungen,
+der dazu helfen mußte, und ohne die starren
+Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze,
+heftige Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen
+waren das Arge, sondern der Zeitraum zwischen
+Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, wann er
+kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der
+grüne Blick hielt fest.
+</p>
+
+<p>
+Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren
+berühmt in Würzburg. Und das kam von den Schloßfallen,
+die Herr Tritt stets selbst aus dem allerbesten
+Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig
+mit nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff,
+um sie in das neue elektrische Türschloß des Herrn
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+Metzgermeister Rücken oder des Herrn Trompeter Wohlleben
+einzupassen.
+</p>
+
+<p>
+Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt
+schon einige Male bankerott gemacht, weil er an einem
+ein Vierteljahr arbeitete, und der Preis ein solcher war,
+daß er es in einer Woche hätte anfertigen müssen. Jedoch,
+als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den
+mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen
+Ehefrau des Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen,
+so daß Herr Tritt seine Kunstwerke weiterhin
+schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau mit
+Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war
+ein schöner Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei
+der freiwilligen Feuerwehr.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies
+die Stäubchen aus den Ecken, holte die frischen Kohlen
+einzeln aus dem Kasten, wählte sorgfältig harzfreies Tannenholz
+aus und schürte ein klares Feuer an. Erschrocken
+griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,
+der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte
+den Handhammer für den Meister zurecht, die Feuerzangen,
+den Vorschlaghammer für sich, fummelte mit
+seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.
+</p>
+
+<p>
+Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des
+Lebens hinüber, lange; sein Mund stand offen. Da riß
+er sich zusammen, flog in die Werkstatt &mdash; und stellte sich
+dem Meister: &bdquo;Ich will fort von Ihnen! . . . Ich halt&rsquo;s
+nimmer aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende
+Schlag ins Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen
+hinaus auf das Pflaster. Die andern Lehrjungen
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+standen atemlos, und der Gehilfe bog sich vor Lachen, daß
+sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die Brille
+von der Nase fiel.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an
+einer der blitzenden Drehbänke eine kleine Eisenschraube
+für das elektrische Türschloß zu drehen, wobei der älteste
+Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße die Drehbank
+trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein
+ganzes Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als
+spiele er Piano.
+</p>
+
+<p>
+Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen
+und starrte in die Augen des Lehrjungen, der, vom Blick
+des Meisters festgehalten, mit zitterndem Fuße weitertrat,
+bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder seiner
+Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in
+die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich
+die Spannung vom schweißnassen Lehrjungen, als habe
+er vor einem Prüfungskollegium ein Klavierstück glücklich
+zu Ende gespielt, während der Meister, als habe er es
+komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um
+die Schloßfalle zu schmieden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg
+und durch den unterirdischen Gang ins &bdquo;Zimmer&ldquo;. Hastig,
+als habe er keine Zeit zu verlieren, nahm er den alten Revolver
+unter der Glasvitrine zu sich, zündete knieend ein
+Heftchenbündel an: &bdquo;Die bleiche Gräfin oder Der Mord
+im Walde&ldquo; und damit die ganze Bibliothek.
+</p>
+
+<p>
+Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten
+und hinauf zur Decke schlugen. Der Qualm trieb
+ihn ins Freie.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.
+</p>
+
+<p>
+Da hörte er ein aufrührerisches Krachen &mdash; eine mächtige
+Rauch- und Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und
+zum Himmel hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Der unterirdische Gang war eingestürzt und das &bdquo;Zimmer&ldquo;
+verschüttet auf immer. Atemlos stand Oldshatterhand
+im Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde
+weit vom &bdquo;Zimmer&ldquo; entfernten Nonnenkloster &bdquo;Himmelspforten&ldquo;
+sei in der Zelle der Oberin hinter dem Schrank
+Rauch aufgestiegen.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-5">
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+Fünftes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt
+auf der Landstraße hin.
+</p>
+
+<p>
+Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die
+verhaßte Stadt noch einmal zu sehen, die im grauen Dunst
+lag, denn ein feiner, gerader Regen ging nieder; er
+wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach links
+wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm,
+einem Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas
+dabei zu denken und zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den
+Straßengraben, ging weiter, leer im Herzen, empfindungslos,
+bis auf den Druck in der Mitte unter dem Brustbein.
+</p>
+
+<p>
+&mdash; &mdash; &mdash; Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein
+sitzen &mdash; und blieb erbebend stehen: vorher war der Stein
+leer gewesen, und jetzt saß ein Mensch darauf.
+</p>
+
+<p>
+War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten?
+Aus dem Erdboden gekommen? In der Luft heran
+oder &mdash; &mdash; &mdash; aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu
+Oldshatterhand geeilt?
+</p>
+
+<p>
+Nie hatte er so einen Menschen gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher
+jetzt, schlank werdend, aufstand und zu Oldshatterhand
+trat, der sich kühl berührt fühlte, wie von einem Gespenst.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig
+Jahre alt, hatte einen dünnlippigen Mund im scharfen
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+Gesicht und an den Schläfen unter den braunen Haaren
+schon graue.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir ein Stück zusammen gehen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher
+Richtung?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen &mdash; dann gehe ich
+wieder vorwärts . . . Sie wollen in die nächste große Stadt
+wandern, Arbeit suchen und Geld verdienen&ldquo;, schloß der
+Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand
+schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
+geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was
+er vorhabe, und nun konnte er es gleich dem Ersten nicht
+sagen.
+</p>
+
+<p>
+Wirr vor Verlegenheit, rief er: &bdquo;Ich heiße Michael
+Vierkant!&ldquo; Und sein zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf
+die Landstraße.
+</p>
+
+<p>
+Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte,
+ob er es ein wenig ansehen dürfe, las den ersten Satz
+auf der Decke: &bdquo;Tom machte sich auf in den wilden Westen
+und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich
+das Lebenslicht auszublasen&ldquo;, und gab es Oldshatterhand
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; lachte Oldshatterhand wieder das kurze,
+irrsinnige Lachen wie damals auf dem Heimwege von der
+Schule. &bdquo;Das ist vielleicht alles dumm und nicht wahr,
+was da drin steht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da sagte der Fremde nachdenklich: &bdquo;Ja, Sehnsucht
+ist &mdash; weil Qual ist . . . Vor vielen Jahren ging ich wie du,
+diese selbe Straße, bis zu dem Berg, der meiner Jugend
+den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein ersehntes,
+wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+in ein blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang &mdash;
+und stieg hinunter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und
+der Fremde zärtlich und gerührt auf Oldshatterhand
+hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen
+wollte, erfüllte Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen,
+dem ein Ausruhen folgte. Entlastet schritt er neben
+dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem Vertrauen zu
+ihm. &bdquo;Ich will auch arbeiten&ldquo;, sagte er ganz still. &bdquo;Ich
+bin nicht so schwach, wie ich aussehe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein . . . Sie sind nicht schwach&ldquo;, sagte der Fremde,
+mit einem unbegreiflichen Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die
+Sonne auf der Landstraße, die jetzt aus Mattgold war,
+und die Apfelbaumreihen legten ein bewegtes Schattenmuster
+darauf.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben
+und flohen, die Ohren zurückgelegt, hintereinander
+her, gestreckt die schnurgerade, endlose Straße hinaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was arbeiten denn Sie jetzt?&ldquo; fragte Oldshatterhand
+ruhig und vertraut, denn er hatte die Empfindung,
+mit seinem älteren Ich zu reden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte
+vom Baume fallen muß, bevor sie zur Frucht wird, während
+neben ihr eine andere ungehindert zur Frucht reifen
+darf . . . Darüber denke ich nach, unaufhörlich. Das ist
+meine Arbeit. &mdash; Jetzt muß ich wieder vorwärtsgehen &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft,
+auf die beiden zu, und stieg vor ihnen hinauf in den
+Himmel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands
+geschlagen und ihn geküßt.
+</p>
+
+<p>
+Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer
+kleiner und kleiner, und Oldshatterhand blickte ihm nach bis
+der Fremde unversehens verschwunden war, als wäre
+er zu Luft geworden.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten
+von Kornfeldern ein großes Gehöft liegen, und
+einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich zukommen. Der
+hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der
+spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen
+an der Schulter hängen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast du Zeit? Wohin willst du denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen
+und dein Essen. Du mußt dafür in meinem Keller eine
+Woche lang Kartoffeln sortieren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja!&ldquo; sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener
+Fahrradfabrik schnurrten und sangen, die breiten
+Treibriemen klatschten &mdash; klipp klapp klipp &mdash;, Hämmer
+klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und
+surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand
+zusammen in &bdquo;Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro&ldquo;,
+denn er hatte, ehe er von Frankfurt nach Dresden gefahren
+war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging und
+stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher
+war er in der Oper gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Er versuchte, &bdquo;Nun danket alle Gott&ldquo; unterzulegen,
+oder &bdquo;Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+er in die weite Welt&ldquo;, aber beugte er sich auch nur einen
+Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte der
+Fabriksaal wieder &bdquo;Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!&ldquo;
+Den ganzen Tag &bdquo;Auf, in den Kampf!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch &mdash;
+und in die Höhe jagender und, als reichte der Atem nicht
+mehr, in maßlosem, wildem Schmerz jäh abbrechender
+Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
+</p>
+
+<p>
+Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke.
+Schweißgeschwärzte Männer richteten sich auf. Die Treibriemen
+sangen leiser, klatschten langsamer, verklangen und
+hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
+plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht:
+die Vesperpause war gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster
+neben einem schlottrigen Mann mit tief eingefallenen
+Wangen und grünen Schatten unter den Augen, der jetzt
+an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in
+Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei
+er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen
+ohne anzustoßen auf einmal unterzubringen.
+</p>
+
+<p>
+Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu
+und dann vergnügt zu einem Honigglas vor sich auf dem
+Fenstersims, in dem sich ein langer, in vielen Falten gelegter
+weißer Bandwurm befand, und sagte: &bdquo;Jetzt esse ich
+meine Bemmchen alleine.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte
+keinen Bissen hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende
+Pfiff den Arbeitern durch die Gehirne. Wie Lebewesen
+begannen die Maschinen zu laufen; die noch kauenden
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern
+und Feilen. Oldshatterhand klang wieder &bdquo;Auf, in
+den Kampf!&ldquo; ins Ohr.
+</p>
+
+<p>
+Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und
+von einer anderen Dampfpfeife abgegeben wurde, klang
+ganz anders, klang wie der langgezogene Flötenton eines
+Singvogels und endete abgebrochen schluchzend.
+</p>
+
+<p>
+Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor
+ins Freie, mit Mienen der Erleichterung und Freude,
+denn es war Sonnabend und Zahltag.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang.
+Daumen und Zeigefinger spielten mit dem verdienten
+Geld in der Westentasche. Er umkreiste wieder
+seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
+Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen
+hatte. Die Sehnsucht &mdash; <em class="em">Etwas</em> zu werden. Er wollte
+<em class="em">Etwas</em> werden. Nicht gerade Minister oder Bürgermeister;
+aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen
+einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er
+kaum werden, denn er brauche nur an seine Schuljahre
+zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er
+dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken
+nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen
+seiner Jugend ihm aus den Augen, dann war
+er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte
+er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, was eine
+demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem
+Geometer stehen geblieben und hatte zugesehen, wie der
+Mann ohne viel Worte seine Arbeiter mit Stangen und
+Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner,
+am Mississippi stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen,
+und hatte einige Tage lang überlegt, ob er nicht
+Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung
+hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt,
+und der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn
+seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler
+oder Sänger; irgendein Künstler &mdash; hier müsse für ihn die
+Möglichkeit sein, <em class="em">Etwas</em> zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten
+Menschen begegnete, der ruhig seines Weges ging und dessen
+Gesicht von Demütigungen nicht gezeichnet war, folgte
+er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er selbst zu
+dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
+klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er
+auch eine Zeitlang Liftjunge gewesen war, in einem Hotel
+in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus den sehnsüchtigen
+Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser
+im Geiste &mdash; als Fremder mit dem Fremden im Lift in die
+Höhe stieg.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah
+zurück in den unerreichbar weit entfernten, verwilderten
+Garten, in dem seine Jugendträume und seine Sehnsucht
+weiterlebten, umschlossen von einer grauen, türlosen
+Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er <em class="em">Etwas</em>
+geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen
+Gesicht unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben
+Augen schwarzviolett war. Das Hemd stand vorne offen
+und bot den grausig abgemagerten Körper dar, die schweißfeuchten
+Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig,
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+als fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling
+langsam am Bretterzaun der Glasfabrik hin, in der er
+beschäftigt war.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf
+die grauenhaften Gestalten, die teilnahmslos und stier am
+Zaun entlangschlichen. Kinder, Alte, Mädchen, steif, aus
+Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende Reihe, auf
+ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik
+entlassen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?&ldquo;
+flüsterte er, ging fassungslos weiter, begann plötzlich zu
+rennen.
+</p>
+
+<p>
+Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert,
+von größter Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser,
+weiß, mit flachen Dächern. Breit wie ein Traum war
+die Straße.
+</p>
+
+<p>
+Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand
+sich um, weil er Reiter vermutete, aber immer hing
+an den ausgreifenden Pferden auch eine Equipage daran,
+die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die linealgerade,
+endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön,
+breit und lang, durchschnitten seine Straße.
+</p>
+
+<p>
+Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in
+eine zweite. Die war eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle,
+Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, und halbnackte,
+schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es
+roch nach Abort.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+Hausfrau öffnete ihm und lief schnell ins Wohnzimmer
+zurück. Sie hatte ein orientalisch-weiches, gelbes Gesicht
+und fast nichts an. &bdquo;Kommen Sie doch näher, Herr
+Vierkant.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag
+ein Haufen duftender Tabak, rechts &mdash; ein Berg Zigarettenhülsen.
+&bdquo;Siebenhundert Stück muß ich heute noch fertigkriegen&ldquo;,
+sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere hantierend.
+&bdquo;Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese
+und diese auch nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei
+in des Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn
+das Hemd war ihr heruntergeglitten. Ihr großer Mund
+blieb geöffnet.
+</p>
+
+<p>
+Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter
+Maurer ohne Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat
+ein, sah auf seine halbnackte Braut, auf Oldshatterhand
+und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war ärgerlich.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen arbeitete emsig weiter. &bdquo;Wie viel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig&ldquo;, sagte er
+mürrisch.
+</p>
+
+<p>
+Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. &bdquo;Davon
+kannst du dreißig zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so
+weitergeht, können wir Weihnachten heiraten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal
+wie ein Gang. Vier Betten, hintereinander, standen darin
+und sonst nichts. In einem schlief ein Viehtreiber &mdash; sein
+fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke &mdash;, im andern der
+Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn
+des Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle
+bekam, wobei er sich nackt auszog und mit einem
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+Küchenmesser auf seine Mutter losging. Er saß auf dem
+Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe
+Gurke mit Salz.
+</p>
+
+<p>
+Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten
+Male, denn früh hatte er sich erst eingemietet.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche
+unaufhörlich an seinem Körper entlang, um ihn herum.
+Er wachte auf, fühlte vielfüßiges Gekrabbel, griff unter
+die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das ihm jedoch,
+über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.
+</p>
+
+<p>
+Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken
+punktiert: zerdrückte Wanzen.
+</p>
+
+<p>
+Er rief die Wirtin und kündigte. &bdquo;Im Bett sind
+Wanzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach nee.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Unheimlich viel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die beißen Ihnen doch nich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie haben mich gebissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber die fressen Ihnen doch nich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fressen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tun se nich. Da ist der Kaffee.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erst komm ich!&ldquo; rief der Viehtreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und dann ich!&ldquo; der Bräutigam. &bdquo;So war&rsquo;s ausgemacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige
+Kaffeeschale benutzt hatten und er daran kam. &bdquo;Also,
+ich ziehe aus, wegen der Wanzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wanzen!&ldquo; schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und
+Bräutigam erhoben sich drohend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr&ldquo;,
+stotterte der ratlose Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde
+blutrot. Das Messer unter den Nabel an den haarigen
+Bauch gehalten, mit der Spitze nach vorne, berannte er
+seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf ihren
+Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.
+</p>
+
+<p>
+Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den
+nackten Idioten auf des Viehtreibers Bett, wo er hocken
+blieb und den Brocken Brot, den er im Bett fand, in den
+Mund steckte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem
+Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil
+er für die ganze Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark
+fünfzig Pfennige, und nichts zurückbekam. Da trat die
+Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den mageren
+Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. &bdquo;Schreibe
+mir, wo du wohnst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das
+Mädchen huschte ins Wohnzimmer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell
+erleuchtet und dicht besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen
+in hellen Sommerkleidern, von Handwerkern, eleganten
+Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in
+knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und
+an die Wangen angepreßten Schnurrbärten waren von
+Leutnants kaum zu unterscheiden, wenn sie mit vornehmer
+Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den
+Arm ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen
+im Schleifwalzer dahinglitten.
+</p>
+
+<p>
+Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende
+Schleiernymphen schwebten plastisch an der Decke, aus den
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+Wänden heraus und aus allen Winkeln und Nischen hervor.
+</p>
+
+<p>
+Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.
+</p>
+
+<p>
+Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine
+sehr kleine, runde Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig
+geblieben war, stand wie ein Stock, nur den Kopf geneigt,
+und sagte: &bdquo;Wenn ich bitten darf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges
+Gesicht war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr
+Korsett; darin lag weich der kolossale Busen, weit hinten
+saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel klebte, in Form
+eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das Haarzöpfchen.
+</p>
+
+<p>
+Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier
+mit glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd
+mit seiner schönen Dame als Erster quer durch den Saal.
+</p>
+
+<p>
+Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war,
+tanzte Oldshatterhand mit aller Leidenschaft jeden Sonntag,
+wenn das Geld reichte, bis in den frühen Morgen
+hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
+ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die
+Brust; er wuchs rapid, was eine günstige Veränderung
+seiner Sprechorgane zur Folge zu haben schien, denn er
+stotterte nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und
+stand steif. &bdquo;Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu
+Ihnen setze? . . . Ich würde mich sehr freuen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen
+von der Stirne. &bdquo;Bitte, wenn&rsquo;s Ihnen so gräßlich
+freuen tut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+&bdquo;Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein
+Fräulein?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands
+Taschentuch vollkommen in der Riesenhand; sie
+wischte sich übers Gesicht, über den Mund weg, daß die
+Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die breite,
+feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde,
+und fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.
+</p>
+
+<p>
+Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes
+Röckchen an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren
+und dem er auch sonst stark entwachsen war. Seine braunen
+Haare über der hohen Stirne standen zu Berge. Die
+langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander
+verkrampft, fragte er: &bdquo;Würden Sie mir erlauben, daß ich
+Sie nach Hause begleite, mein Fräulein?&ldquo; Und tief erschrocken
+setzte er hinzu: &bdquo;Sie dürfen nicht denken . . . ich
+wollte Sie nicht beleidigen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund
+und lugte darüber hinaus auf ihn. &bdquo;Heute geht&rsquo;s nicht.
+Ich schlafe ja heute nacht im Zimmer meiner Gnädigen.
+Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute nicht. So ist es eben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er starrte die Köchin an und lachte &bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; plötzlich
+sein irrsinniges Lachen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf zur Damenwahl!&ldquo; rief der Tanzordner. Und die
+Köchin verneigte sich vor Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand
+auf dem Wege zum Tanzsaal vor dem Museum
+stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen hielten vor
+dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen
+staunend durch die kühlen Säle.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank
+setzen. Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er
+im &bdquo;Zimmer&ldquo; nach dem &bdquo;Heiligen Tier&ldquo; gemacht hatte,
+und verglich sie mit den Kunstwerken an den Wänden.
+Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes
+Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken
+vom Gesicht abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger
+Miene sah er sich vorsichtig um.
+</p>
+
+<p>
+Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum
+und konnte gerade noch zwanzig Minuten lang die
+Bilder ansehen.
+</p>
+
+<p>
+Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in
+einem Zugbeutel, den er Tag und Nacht auf der Brust bei
+sich trug. Als er genug zu haben glaubte, ging er nicht
+mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah stundenlang
+den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten
+ihn schon und lächelten, wenn er kam.
+</p>
+
+<p>
+Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine
+Landschaft, und wieder, ehe er das Museum verließ. Es
+war eine hügelige Landschaft mit Felderstreifen, grün und
+braun; ein paar blühende Apfelbäume dazwischen und
+darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach.
+Er liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die
+unterfränkischen Hügel.
+</p>
+
+<p>
+Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten
+mit Pinsel, und malte von seinem Dachfenster aus die
+Ansicht von Dresden.
+</p>
+
+<p>
+Darüber verging ihm der Winter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte
+Würzburger Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+entbehrt hatten, sich entschlossen, ein Bad im Main zu
+nehmen. Und die Kinder plätscherten den ganzen Tag
+über im Wasser herum.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt
+nach Hause zum Mittagessen. Das kleine, grüne
+Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß die andere
+blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch
+nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den
+Häusern entlang, daß sein Ärmel die Mauern streifte,
+und schien mit den Fingerspitzen, mit denen er bei jedem
+Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter sich zu
+schieben.
+</p>
+
+<p>
+Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine
+Dachkammer und übte alle seine neu angeschafften Hanteln
+durch.
+</p>
+
+<p>
+Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen
+Scheibenhantel, lagen in der Kammer
+des bleichen Kapitäns in Reihen geordnet die Gewichte,
+daß sich die Balken bogen und die Decke unter der Kammer
+einzustürzen drohte.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: &bdquo;Wie
+werde ich Athlet&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert,
+rauchte nicht mehr, trank nicht mehr, redete nur noch das
+Nötigste &mdash; er stemmte. Die Folge davon war ein schwerer
+Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, der
+dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren
+würde, wenn es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das
+Gestell, denn die Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend,
+spannte er einen Zentimeter um seinen
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel
+des Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der
+Muskel seit einer Woche um eineinhalb Millimeter stärker
+geworden war. Nachdem er noch Unterarm- und Schenkelmuskel
+gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu erheben,
+dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie
+er tief das Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde
+Flecken auf den eingefallenen Wangen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag
+tun dürfe, so oft man nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste,
+was es überhaupt gibt auf der Welt&ldquo;, sagte der
+bleiche Kapitän. &bdquo;Und was gar die Mädli anbelangt,
+mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst,
+dann kannst schon nimmer stemm &mdash; so schwächt dich das.
+Grüß Gott.&ldquo; Das war des bleichen Kapitäns letzter
+längerer Satz auf Jahre hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke sang den ganzen Tag &bdquo;Nach der Heimat
+möcht ich wieder, nach dem teuren Heimatort&ldquo;, denn er
+war Mitglied des Jünglingvereins &bdquo;Frischer Bursch&ldquo;
+geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das Stiftungsfest
+des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied
+war wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke
+sang den ersten Tenor. Der König der Luft war eifriger
+Turner und trug sich mit der Idee, zusammen mit einigen
+jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den
+Händen laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben,
+in einem Dorfe bei Würzburg. Falkenauge war aktives
+Mitglied der Angelgesellschaft &bdquo;Walfisch&ldquo; geworden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung
+der Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche
+Kapitän einen Preis errungen hatte beim Vereinsstemmen
+des Athletenklubs &bdquo;Muskel&ldquo;, dessen Mitglied er war.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde
+in der Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in
+den Perrondurchgang. Hin und wieder wischte sie sich
+über die Augen, und ein Lächeln des Glückes entstand in
+ihrem verhärmten Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster
+Spannung der Erwartung und des Zweifels blickte
+sie hinunter in den Durchgang, durch den jetzt die angekommenen
+Reisenden eilten. Darunter ein schlanker
+junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit
+einer schwarz-weiß gestreiften Krawatte, die sich weit
+heraus wölbte; sein dünnes Spazierstöckchen mit blitzender
+Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er zog eben braune
+Glacéhandschuhe über.
+</p>
+
+<p>
+Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab
+vor Frau Vierkant, streckte ihr die Hand hin und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die
+Arme über den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt;
+er war um mehr als einen Kopf größer geworden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen Gummimantel hast du dir gekauft?&ldquo; fragte die
+Mutter erstaunt.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-6">
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+Sechstes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">A</span>lle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand
+in der Dachkammer des bleichen Kapitäns
+versammelt.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten
+ihre Pfeifen vor das Fenster legen, denn der bleiche Kapitän
+sagte: &bdquo;Rauch ist Gift . . . für einen Athleten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte
+elegant Oldshatterhand. &bdquo;Wie werde ich Athlet&ldquo; lag aufgeschlagen
+auf dem Tisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst&ldquo;,
+fragte der fahle Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. &bdquo;In
+Frankfurt . . . Da gibt&rsquo;s eine Gasse. Die Rosengasse.
+Die ist so eng, daß man nebeneinander gar nicht durchgehen
+kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel
+und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf
+den Stufen, sitzen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen
+. . . seht, so sitzen sie, in rosaseidenen, in violetten
+Hängekleidern und manche in ganz roter Seide . . . Und
+wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln
+sie dich an, rufen sie dich . . . und so halt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bist neigange mit so&rsquo;n Mädle?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+&bdquo;Dann is aus mit der Kraft&ldquo;, sagte still der bleiche
+Kapitän. &bdquo;Das kann man an dir merk.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich mach ja gar nix mit Mädli.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie . . . du&rsquo;s machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt
+nur an sowas denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.&ldquo;
+Der bleiche Kapitän griff dem Schreiber an den Oberarm.
+&bdquo;Zieh mal dei Röckle aus.&ldquo; Schob dem Schreiber noch
+den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen
+und ließ es verächtlich sinken. &bdquo;Oh, macht nur so
+weiter.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gestern hab ich &rsquo;n Hecht gefange&ldquo;, sagte Falkenauge.
+&bdquo;Von anderthalb Pfund.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kriegst vielleicht davo Kraft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;He?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt!
+Jetzt will ich euch amal was zeig. Schaut amal alle zum
+Fenster naus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So, jetzt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche
+Kapitän nackt über seine Scheibenhantel zusammengekauert.
+Die Räuber hörten, wie er den Brustkasten voll
+Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die zentnerschwere
+Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf
+lag tief im Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber,
+stand reglos der bleiche Kapitän, vom kalten Mondlicht
+getroffen. Das handgroße, zinnoberrote Tüchlein war
+vorgebunden.
+</p>
+
+<p>
+Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein
+dumpfes Krachen tönte von unten herauf: die Decke der
+Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber umringten ihren Hauptmann und
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+befühlten staunend seinen Körper. Der war hart wie Elfenbein.
+</p>
+
+<p>
+Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie
+riß die Tür auf und prallte zurück vor ihrem nackten Sohn.
+Mürrisch stülpte er seine Unterlippe hin. Die Tür knallte
+ins Schloß.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein,
+das sich verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte
+hochdeutsch: &bdquo;Jetzt mache ich euch einen Vorschlag. Wir
+gründen einen Athletenklub . . . auf intelligenter Basis.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist das? Basis?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Basis ist schon richtig&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän
+und legte die Faust auf &bdquo;Wie werde ich Athlet&ldquo;. &bdquo;Den
+Namen hab ich schon. Wir nennen uns &sbquo;Klub für intelligente
+Leibeszucht&lsquo;. Jeden Abend kommen wir in
+meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich
+nackt. Das ist von wegen der Transpiration . . . Und das
+eine möcht ich euch noch sag: hütet euch vor den Weibern
+und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt schon, was ich
+mein&rsquo;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber ich hab ja Singprobe abends&ldquo;, rief die Rote
+Wolke.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kriegst amend davo Kraft?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen:
+&sbquo;Nach der Heimat möcht ich wieder&lsquo;. Wenn ich mir&rsquo;s
+genau überleg . . . ich war ja noch gar nie aus Würzburg
+draußen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen
+Geplärr. Aber wenn ich Muskel hab, da weiß
+ich doch, was ich hab&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän und griff
+zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+und den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten
+Räuber, die sich hastig entkleideten, und registrierte alles
+genau in sein Büchlein.
+</p>
+
+<p>
+Der &bdquo;Klub für intelligente Leibeszucht&ldquo; war gegründet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein
+Bruder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den
+Schreiber an. &bdquo;Wenn du ein Athlet werden willst, darfst
+du keinen Alkohol trinken. Höchstens manchmal, aber nur
+einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder Beefsteak
+mußt freß, soviel du kannst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und
+saßen wieder auf dem alten Lederkanapee am runden
+Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen Teller rohes
+Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.
+</p>
+
+<p>
+Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern
+auf dem Athletentisch.
+</p>
+
+<p>
+Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib
+trat stark vor. Voller Freude sah sie auf die wiedervereinigten
+Räuber.
+</p>
+
+<p>
+Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein
+schwarzhaariger Bursche schlich mit nach innen gerichteten
+Fußspitzen lautlos durch die Wirtsstube. Sein abgemagertes
+Gesicht war fleckig und ockergelb, und seine
+dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus
+Hamburg, dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank
+zurückgekehrt. Er setzte sich ans Fenster zu einem helläugigen,
+blonden Jüngling.
+</p>
+
+<p>
+Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die
+zweite Stimme, kaum hörbar und hohl aus dem Halse
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+heraus, der andere die erste Stimme, rein und voller Hingabe.
+Es wurde ganz still in der Stube.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf, Matrosen ohe!&ldquo; sangen die beiden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf die wogende See.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oo . . . heee!&ldquo; sang der Zurückgekehrte dunkel und
+düster . . .
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,</p>
+ <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand
+mit seiner Schwester und deren Freundin, Lenchen
+Leisegang, die vielen hundert Staffeln hinauf zum Würzburger
+&bdquo;Käppele&ldquo;, an der Leidensgeschichte Christi vorbei,
+welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in
+vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang
+der frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.
+</p>
+
+<p>
+Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze
+in die dürren Hände verschlungen, knieten auf
+den Stufen und bewegten die Lippen im Gebet. Viele
+Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige,
+welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den
+Herrgott um Vergebung ihrer Sünden baten.
+</p>
+
+<p>
+Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf
+der untersten Stufe gebetet, waren knieend auf die zweite
+Stufe geklettert, auch diese abbetend, und weiter, Stufe
+für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei Vaterunser gebetet
+werden mußten. Immer auf den Knien rutschend,
+beteten sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter
+sich, bis gegen Abend das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo
+Christus am hohen Kreuze hängt, endlich erreicht war
+und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter,
+hatten eine Hausapotheke und halfen den Büßern
+wieder auf die Beine, damit sie dem Hochamt in der
+kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und
+man sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten,
+daß für den langen, bitterschweren Betgang auf den Knien
+durch Staub und Hitze der liebe Gott im Himmel ihre
+Bitte um Hilfe erfüllen werde.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an
+den betenden Gläubigen vorbei, bis zum Marienfuß. Das
+Mädchen probierte ihren Fuß in die Höhlung, von der es
+hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick gerastet
+habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in
+Butter eingesunken sei.
+</p>
+
+<p>
+Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein,
+das sich vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend,
+gleich auf die nächste Stufe rutschte.
+</p>
+
+<p>
+Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß
+die Bäuerin den Vaterunserdiebstahl vor der siebenten
+Station &mdash; ein nackter, muskulöser Landsknecht mit Speer
+und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die
+Dornenkrone aufs Haupt &mdash; unter größter Vorsicht wieder
+beging.
+</p>
+
+<p>
+Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie
+war vögelchenzart, aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes
+Sonntagskleid an.
+</p>
+
+<p>
+&sbquo;Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank
+im Abendgarten sitzen&lsquo;, dachte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Unter Glockenläuten kamen sie auf dem &bdquo;Käppele&ldquo; an.
+Rund um die Kirche herum klebten die Verkaufsbuden, wo
+Kerzen zu haben waren, nicht dicker und länger als ein
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein Männerschenkel
+und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden Muttergottesherzen
+aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte,
+konnte eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche
+opfern.
+</p>
+
+<p>
+Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen,
+Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger
+Lebkuchen, Christusse, Amulette, heilige Josephsringe aus
+Zinn für zehn Pfennige. Auch ein Schnäpschen war zu
+haben.
+</p>
+
+<p>
+Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das
+der sonnengoldene Main zog. Langbärtige Mönche mit
+klappenden Sandalen schritten durch die verstaubte
+Menge.
+</p>
+
+<p>
+Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln
+der Ministranten. Alle Menschen fielen auf die
+Knie; das Gebetsgemurmel erklang.
+</p>
+
+<p>
+Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen
+Hand, mit der linken nahmen sie den Kaufpreis entgegen
+und stritten sich verzweifelt mit den Bauern herum, welche
+die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die teueren,
+dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
+prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis
+boten, stundenlang feilschten, um sie dann befriedigt der
+heiligen Mutter darzubringen.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor
+einer Bude, wo an Schnüren kleine Arme hingen, Beine,
+Herzen, Ohren, Hände &mdash; aus Wachs, die man kaufen und
+seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke
+Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?&ldquo; fragte die
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+Schwester. Sie hatte einen vom Knochenfraß steif gebliebenen
+Arm. &bdquo;Es könnte ja nix schad. Vielleicht
+hilft&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich glaub nit, daß es was hilft&ldquo;, meinte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+Da trat die Menge, &bdquo;Gelobt sei Jesus Christus&ldquo; murmelnd,
+zur Seite: neben einem hohen Mönch kam Winnetou
+geschritten in der weißen Ministrantenstola, das qualmende
+Weihrauchfaß schwingend.
+</p>
+
+<p>
+Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg
+betroffen, denn Winnetou senkte den Kopf und ging
+vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund.
+Der lief jeden Tag ohne Begleiter die vielen
+hundert Stufen hinunter und noch eine halbe Stunde weit
+durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch,
+der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet
+hatte, und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die
+Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe schon sieben
+Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes
+Tier, dem ein Auge fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen
+geliebten und verehrten Tieres zu werden, war nur
+der äußerliche Anlaß für Winnetou gewesen, sich den
+Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der
+Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht
+hatte. Von der Mystik des Klosters angezogen und gefesselt,
+hatte er späterhin auch manche Nacht bei den stillen
+Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den kränkelnden
+Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle
+hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+Kindern aus der Stadt das durch ein Vaterunser erbetete
+Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten ihn
+schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein.
+Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage
+zwei- oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer
+unter den Bittenden, der das katholische Vaterunser nur so
+ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das
+gelten.
+</p>
+
+<p>
+Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht
+waren von tiefer Bräune umschattet. Auf der Oberlippe
+hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze Haare. Seit
+einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf
+hatte er nicht.
+</p>
+
+<p>
+Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch
+einen Hohlweg, an Weinbergen vorbei.
+</p>
+
+<p>
+Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft
+und es am Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich
+die Wunde an ihrem steifen Arm wenigstens schließen,
+meinte sie.
+</p>
+
+<p>
+Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren,
+als Herr Mager, der damals Lehrer der Mädchenklasse
+gewesen war, der Schwester mit dem Rohrstock
+sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl
+er von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen
+und seinem nie ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert.
+Aber die Wunde am Arm der Schwester war
+seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant auf
+den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen,
+das bei der nötig gewordenen Operation aus dem
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Ellbogengelenk herausgeschnitten werden mußte, einem Straßenhund
+zu fressen gegeben hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann
+schließt sich wenigstens die Wunde&ldquo;, hatte die weise Frau
+gesagt; &bdquo;stirbt er aber an dem Knochen, dann wird der
+steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war
+aber ganz gesund geblieben.
+</p>
+
+<p>
+Versonnen schritt die Schwester weiter.
+</p>
+
+<p>
+Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun
+ein Loch in ihr Sonntagskleid gerissen hatte
+und bekümmert dreinsah.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das können Sie wieder schön zustopfen&ldquo;, tröstete
+Oldshatterhand. Und nach einer Weile: &bdquo;Man muß
+eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, und alle
+Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine
+Zange mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune
+auf die Seite schaffen . . ., daß sich kein Mensch mehr
+einen Triangel ins Kleid reißen kann. Stacheldrahtzäune
+sind doch hundsgemein und hinterlistig!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im
+Arm. Seine Bäuerin stolperte betend hinter ihm drein.
+Ein paar barfüßige Jungen, auf der Flucht vor dem
+Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner
+warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus
+der Fußsohle und hinkte heulend weiter.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner,
+weißer Spitzhund. &bdquo;Haben Sie gesehen, wo die verdammten
+Lausbuben naus sind?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da hinaus!&ldquo; zeigte Oldshatterhand in die falsche
+Richtung.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht
+hinunter, einer noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen
+Felsenbergschlucht, durch die eine starke Quelle
+ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger Verschönerungsverein
+hatte nach langem Ringen mit der störrischen
+Natur aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe
+Seechen mit zwei Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen
+aus krummen Birkenästen, noch mit der weißen Rinde,
+überspannten die gezähmte Quelle; Birkenholz-Aussichtshäuschen,
+Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, Gedenk-,
+Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz
+verschönten die Landschaft.
+</p>
+
+<p>
+Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen
+war: &bdquo;Gestiftet von Herrn Kilian Nikodemus Anastasius
+Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr paßt gut zueinander&ldquo;, sagte die Schwester zur
+Freundin, die verwirrt aufstand und vorausging.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an
+auf der Straß, dann möcht sie glei durchs Pflaster in
+Erdbode neifahr . . . Und du . . . du bist auch ein dummer
+Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von Würzburg,
+ham wir jed&rsquo;n Tag von dir gesprochen. Und noch
+ehe sie dich gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . .
+Aber so verliebt! Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke,
+auf der ein silberner Engel stand, und sagte es der Schwester.
+Auch daß die Wolke mit dem stillstehenden Engel
+jetzt fortschwebe.
+</p>
+
+<p>
+Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell
+vor einem Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+Stämme, von der Abendsonne beschienen, leuchteten rot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Henkeln Sie ein bei mir&ldquo;, sagte Oldshatterhand und
+verbeugte sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester.
+&bdquo;. . . Da!&ldquo; Und stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+So gingen sie nach Hause.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+&bdquo;Greif amal her!&ldquo; brachte der König der Luft vor
+Kraftanstrengung gerade noch heraus und ließ Falkenauge
+seinen Oberarmmuskel befühlen. &bdquo;Wie is er?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Kolossal hart! Und meiner?&ldquo; Falkenauge stand
+im Ausfall. Der König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel
+und sah dabei prüfend in den Himmel.
+&bdquo;Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber
+gehen wir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im
+Garten &bdquo;Zur schönen Mainaussicht&ldquo; standen flüsternde
+Weiber und stillgewordene Kinder um einen aufgebahrten
+Sarg herum.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.
+</p>
+
+<p>
+Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg.
+Nur ihr Mund war rot und lächelte hold, wie wenn sie
+im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die Tanzenden
+den Boden zu glätten.
+</p>
+
+<p>
+Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die
+Vögel pfiffen im Kastanienbaum, unter dem das Fell des
+Bernhardinerhundes ausgebreitet war. Es hatte große
+enthaarte Stellen.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub
+versteckt, und zielte mit einer stacheligen Kastanie einer
+Alten auf den Scheitel, traf aber seiner toten Schwester
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der Wange der
+Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen,
+beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei
+in die Wirtsstube. Der blonde Sachse und das kleine,
+schöne Waisenmädchen saßen schon drinnen und tranken
+grünen Likör.
+</p>
+
+<p>
+Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste,
+denn die &bdquo;Schöne Mainaussicht&ldquo; war in Verruf geraten:
+der Pfarrer hatte von der Kanzel herunter seine Pfarrkinder
+gewarnt vor dieser Wirtschaft.
+</p>
+
+<p>
+Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und
+Nacht saß er bei der Wirtin. Niemand kaufte Fische von
+ihm &mdash; er hatte vergessen, am Gründonnerstag mitzuwallen.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte
+ein Zuckerplätzchen in ihr verquollenes Gesicht, in dem der
+Mund gar nicht mehr zu sehen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag
+sie doch zum Teufl!&ldquo; schimpfte der Fischer und hob die
+Arme. &bdquo;Heilige Maria und Joseph! so a Gaudi. Wer
+tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer;
+er hat g&rsquo;sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom
+kirchlichen Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische
+Hundsknoche dem tote Mädle ke christlichs Begräbnis
+geb. No, i hab &rsquo;n mei Meinung mitgeteilt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift
+mir direkt an das Herze&ldquo;, sagte der Sachse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jau, Herze!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch
+einmal, die Hände der Toten zu falten. Die Hände waren
+aber schon steif.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen
+vom Baum herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den
+Schanktisch, und stahl aus der Geldschublade eine Handvoll
+Nickelstücke.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom
+Kastanienbaum herunter auf das Hundefell plumpste und,
+mit ein paar Haaren im Schnabel, auf den Baum zurückflog,
+wo er sich sein Nest baute. Sie griff ins Fell, hatte
+die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück
+in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die
+Köpfe zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die
+jetzt zerfallen aussah im kalten Licht, denn die Sonne war
+untergesunken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,&ldquo;
+sagte eine Alte, &bdquo;aber er kommt nit.&ldquo; Die Alte flüsterte
+der anderen noch etwas ins Ohr.
+</p>
+
+<p>
+Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder
+Atem. Der großmächtige Pfarrer im Ornat kam die
+Treppe herauf, mit den Ministranten und dem hinkenden
+Flickschneider.
+</p>
+
+<p>
+Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß.
+Der Pfarrer schwang es über die Tote. &bdquo;Vor der Pforte
+der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et
+cum spiritu tuo.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Weiber waren auf die Knie gesunken.
+</p>
+
+<p>
+Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die
+Mütze vor der Brust.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild
+eilte Oldshatterhand am Mainufer entlang, bis zu dem
+Weidenbusch am kleinen See, wo er damals zum Schreiber
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: &sbquo;Ihr geht also
+nit mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge
+umsäumt. Der Fluß glitt breit dahin. Es roch nach Wiese,
+Wasser und Weide, im ganzen Tal war kein Mensch, und
+der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der Erde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild;
+er hatte kein Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und
+Begeisterung den goldigen Rücken einer Hummel fertig,
+die gekrümmt an einem Zweige hing.
+</p>
+
+<p>
+Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden
+Gestalt etwas zu verändern, die er unter den Busch gemalt
+hatte &mdash; ein Mädchen, zum Baden bereit, dem das
+blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.
+</p>
+
+<p>
+Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher
+gemessen seine Kreise, sauste unvermittelt mit ein paar
+Flügelschlägen davon; schnell hat ihn die blaue Ferne
+genommen.
+</p>
+
+<p>
+Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue
+den Blick erhob, hing der Reiher schon wieder still, aus
+Gold, am blauen Himmel über dem Flusse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges
+Lachen und malte in gotischer Druckschrift den
+Namen des blonden Mädchens unter das fertige Bild:
+&bdquo;Helene, in ewiger Verehrung&ldquo;, übermalte das Wort
+Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, &bdquo;In ewiger
+Liebe&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oo . . . ha hööö . . . ö!&ldquo; klang es langgezogen vom
+Fluß her. &bdquo;Höö . . . ö!&ldquo; warf das Echo zurück: drei barfüßige
+Schiffszieher mit nackten Oberkörpern, hintereinander
+gespannt und schräg gegen den Boden gestemmt,
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes,
+das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts
+bewegte, stand ein kleiner, weißer Spitz und bellte. Das
+klang aus der Ferne wie das Quaken eines Frosches.
+</p>
+
+<p>
+Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße
+und wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden
+Tag seit zwei Monaten.
+</p>
+
+<p>
+Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen
+in den Lachen, in denen sich das Licht der Laternen
+brach.
+</p>
+
+<p>
+Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk,
+stand ein dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr
+schöne, vollbusige Schwester des Glasermeisters Johann
+Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin und im
+selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.
+</p>
+
+<p>
+Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt
+er unter dem Mantel versteckt.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, wie wenn jemand &bdquo;da!&ldquo; sagt und die Gesellschaft
+aufhorcht, wurde es still &mdash; der Regen hatte geendet.
+</p>
+
+<p>
+Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte
+mürrisch in den Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand
+und stieg auf den Zehenspitzen durch die Regenlachen über
+die Straße.
+</p>
+
+<p>
+Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. &bdquo;Augen
+rechts!&ldquo; brüllte der Sergeant. Die Gemeinen hieben in
+die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch aufspritzte und
+der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel zusammennahm,
+während das schöne Fräulein Streberle
+mit wiegender Hüftbewegung auf ihn zuschritt.
+</p>
+
+<p>
+Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden,
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+verbeugte sich Oldshatterhand und sagte: &bdquo;Bitte, henkeln Sie
+ein bei mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt sowas&ldquo;, erwiderte sie und tat es.
+</p>
+
+<p>
+Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend.
+&bdquo;Es ist nichts Besonderes. Nichts. Ich hab&rsquo;s halt so gemalt&ldquo;,
+sagte er gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In eeewiger Liebe!&ldquo; rief sie, laut lachend vor Verlegenheit.
+&bdquo;In eeewiger Liebe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und
+blickten zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt sowas&ldquo;, sagte sie und trat ins Haus.
+</p>
+
+<p>
+Er ging ganz langsam weg.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf Wiedersehn!&ldquo; rief sie und warf ihm eine Kußhand
+nach.
+</p>
+
+<p>
+Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein
+unbekanntes Gefühl, stehen zu bleiben: er sah den weißen
+Körper des Mädchens, und der Wunsch, der bis jetzt nur
+in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen Körper
+mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt
+in ihm auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit
+so vollkommen, wie wenn sein Körper blutleer geworden
+wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse von Frankfurt. Und
+brüllte: &bdquo;Gemein! Ich bin gemein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale
+Braut des Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee,
+als Oldshatterhand eintrat.
+</p>
+
+<p>
+Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant
+mahlte Kaffee. Oldshatterhand begann an dem
+Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein Hochzeitsgeschenk,
+von der Braut anfertigte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+&bdquo;Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst
+davor. Ich hab&rsquo;s ihm schon g&rsquo;sagt . . . ich tu&rsquo;s nit. Nie!
+Lieber heirat ich nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, jetzt so dumm.&ldquo; Die Frau Vierkant lachte. &bdquo;Jetzt
+geht ihr acht Jahr mitnander. Dumms Mädle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich tu&rsquo;s nit. Nie! Nie!&ldquo; Die Braut riß die Augen
+auf. &bdquo;Muß denn das sein?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie müssen stillsitzen&ldquo;, sagte Oldshatterhand und punktierte
+mit der nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen
+schwarzen Poren auf sein Blatt, mit peinlichster Genauigkeit.
+Bis die Braut, neugierig, was Oldshatterhand
+da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich
+rief: &bdquo;Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit
+g&rsquo;fall.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich muß doch alles zeichnen, was da is&ldquo;, verteidigte
+sich Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den
+großen Pickel am linken Augenlid der Braut fertig, trank
+schnell seine Kaffeetasse leer und eilte zur Übungsstunde
+in den &bdquo;Klub für intelligente Leibeszucht&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die
+Schlosserbraut sich so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte
+er gehört, aber vor Grauen, diesen Gefühlen gegenüber,
+den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele Monate
+lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen
+Kapitäns versammelt. Alle waren nackt, und jeder hatte
+ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein vorgebunden.
+</p>
+
+<p>
+Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber
+warf einen Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der
+Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+auf und ab; der andere tat dasselbe rücklings. Der König
+der Luft kreiste zwei kleine Hanteln und mahlte mit den
+Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, die Fußspitzen
+bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den
+Kopf, er atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der
+Uhr in der Hand, kontrollierte die Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber stöhnte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Still!&ldquo; rief der bleiche Kapitän wütend.
+</p>
+
+<p>
+Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager
+und begeistert, und alle stellten sich möglichst immer so,
+daß die Hinterteile nicht zu sehen waren, denn die waren
+nicht mit roten Tüchlein verhängt.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste.
+Ja, nein, und grüß Gott. Seine Wangen waren schmal
+und seine Brust war kolossal breit geworden. Er sah gefährlich
+aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
+haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den
+Häusern hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf
+dem Ohr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hanna! Hanna!&ldquo; rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten,
+&bdquo;Bier! Bier!&ldquo; und sogleich ertönte das
+keifende Schimpfen der Witwe Benommen mit der schönen
+Kellnerin.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber
+und notierte alles ins Büchlein.
+</p>
+
+<p>
+Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um
+drei Millimeter an Umfang zugenommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung
+gegen Eleganz und Mädchen, die Arme athletenhaft
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+vom Körper weghaltend, den Hut auf einem Ohr, ohne
+Halskragen ins Bureau.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Widerschein . . . das geht nicht&ldquo;, sagte Herr
+Karfunkelstein, &bdquo;Sie sind doch kein Stromer. So laufen
+die Tagediebe herum, die Strizzi, die Vierröhrenbrunnensteher
+. . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie herausgerissen
+durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in
+eine Patsche kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch
+einmal . . . Einen Kragen müssen Sie anhaben im Bureau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen,
+den er jedoch, wenn er das Bureau verließ, in die
+Tasche steckte, um, den Hut verwegen auf dem Ohr, die
+Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg
+anzutreten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan
+auf der alten Brücke und malte das sonnige Bild vor sich &mdash;
+das alte Rathaus und die Domstraße mit dem Dom, der
+sie abschließt.
+</p>
+
+<p>
+Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit
+am Kinn ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit
+zu. Er hatte ein Monokel vor dem Auge.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?&ldquo; fragte der
+Fremde freundlich.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor
+Scham, beugte er sich über seine Arbeit und brachte kein
+Wort hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken
+an Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geb&rsquo;s Ihnen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wieviel soll das Bildchen kosten?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+&bdquo;Kosten?&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>
+Ein Bierwagen polterte während der langen Pause
+vorüber; der Kutscher beugte sich vor, um das Bild sehen
+zu können.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vielleicht . . . eine Mark?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche
+eine Visitenkarte und ein Scheckformular und füllte es
+aus. &bdquo;Nehmen Sie das. Und malen Sie fest weiter. Das
+schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, bitte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den
+Bilderhandel beobachtet hatte, und blickte dann dem
+Fremden nach, solange er ihn sehen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke
+gab, sah er wie ein Irrsinniger den Beamten an und konnte
+kein Glied rühren.
+</p>
+
+<p>
+Sofort ging er in ein Papiergeschäft. &bdquo;Packen Sie
+dieses Kunstwerk vorsichtig ein und bringen Sie es ins
+Hotel Kronprinz. Sie wissen doch &mdash; das vornehme Hotel
+am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für Freiherrn
+von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael
+Vierkant . . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein,
+das Kunstwerk hat einen Wert von sechzig Mark.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße.
+Die Vorstellungen seines künftigen Künstlerruhmes jagten,
+übergipfelten einander, bis ins Ungemessene.
+</p>
+
+<p>
+Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den
+Schloßberg hinauf und begann in den alten Schießgräben
+der Festung nach Blei zu graben, um gleich noch etwas
+dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
+Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste
+Form gewonnen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig
+da zu finden war, denn vor vielleicht fünfzig Jahren
+war das letztemal hier geschossen worden, und viele
+Generationen Knaben hatten sich seither am Blei bereichert.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte
+Flintenkugeln gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier
+hinter einem Brombeerbusch hervortrat. &bdquo;Was
+machen Sie da!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich . . . grabe Angelwürmer.&ldquo; Er hielt dem Offizier
+einen langen Wurm zur Ansicht hin. Der Offizier legte
+grüßend die Hand an die Mütze und ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in
+den Schießgräben Blei gesucht und es verkauft beim
+Lumpenhändler Ei, der auch Oldshatterhands Abnehmer
+war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen Pfennig
+mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das
+Blei kam.
+</p>
+
+<p>
+Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann
+und reich. Und sein Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten
+Würzburger Verbindung.
+</p>
+
+<p>
+Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in
+den dunklen Anlagen Oldshatterhands Arm genommen
+hatte: &bdquo;Mein Vater soll einen Hilfsdiener bekommen,
+weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
+. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.&ldquo;
+Herr Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren
+Klinikdiener im Würzburger Juliusspital.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele
+Trinkgelder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. &bdquo;Ich
+nehme keine Trinkgelder!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr
+betroffen nach, wie sie durch die dunkle Anlage davonsprang.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik
+neben einem quittengelben Japaner. &bdquo;Die Japanerinnen
+sind aber nicht schön. Gefallen Ihnen die deutschen Mädchen
+nicht auch unheimlich viel besser?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen
+Lächeln, so weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen
+denen stets eine Zigarette hing, und noch die zartrosa
+Zahnfleischbogen sichtbar wurden. &bdquo;Mir gefallen
+die japanischen Mädchen viel besser&ldquo;, sagte er und goß aus
+einem Meßzylinder Urin durch die Filter.
+</p>
+
+<p>
+Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos
+und mit größter Geduld die Urine des ganzen Spitals,
+rauchte unzählige Zigaretten dabei und wurde von dem
+berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr geschätzt.
+Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die Untersuchungsstoffe
+zusammen. &bdquo;Es gibt aber doch kein einziges
+blondes Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe
+ich nicht &mdash; &mdash; &mdash;. Warum sind die Japaner eigentlich
+alle so kohlschwarz?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden.
+Der ganze Kopf. Das macht schwarze Haare. Der ist am
+schönsten, der ganz schwarz ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem
+Gesicht. Oldshatterhand sah ihm eine Weile
+zu. &bdquo;In der Türkei kann einer hundert Frauen haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+Der Türke lächelte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und Treue gibt&rsquo;s in der Türkei überhaupt nicht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Treue?&ldquo; fragte der Türke und stieß einen Ballon voll
+Alkohol um. Er brachte nie etwas zustande, begann viel
+und beendete nichts. Aber Geheimrat von Leube liebte es,
+daß Ausländer in seinem Laboratorium arbeiteten.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf.
+&bdquo;Wenn aber jede Frau zehn Kinder bekommt, dann ist
+so ein Türke Vater von tausend Kindern? . . . Tausend
+Kinder in einer Familie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten.
+&bdquo;Deshalb haben auch fast alle Türken nur eine Frau. Nur
+wer ganz viel Geld hat, kann auch mehr Frauen haben . . .
+Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns . . .
+Nicht so wie die deutschen Frauen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und
+blickte streng umher. Herr Leisegang war klein und hatte
+ein Holzbein, so daß man ihn schon von weitem kommen hörte.
+</p>
+
+<p>
+Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und
+beugten sich interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand
+spülte eifrig Reagenzgläser.
+</p>
+
+<p>
+Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals.
+Der Herr Geheimrat hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt,
+als seinen treuen und geschickten Diener entlassen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem
+Gedanken, Herr Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter
+täglich nach Hause begleitete, denn es war im ganzen
+Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen
+hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten.
+Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte
+Herr Leisegang schon sorgen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen
+war, für Herrn Leisegang öffnen. Eine große
+Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt. Obenauf lag
+Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in
+dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen
+lag. &mdash; Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den berühmten
+Kliniker zur Untersuchung gesandt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!&ldquo; rief Herr
+Leisegang. &bdquo;Da will ich doch aber gleich einmal sehen! . . .
+Von einer Fürstin?&ldquo; Er roch in das Fläschchen, hielt es
+gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins
+Reagenzglas. &bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; Eiweiß hat die Fürstin nicht.&ldquo; Er
+nahm noch eine Probe in ein zweites Reagenzglas. &bdquo;&mdash; &mdash; &mdash;
+Jetzt sowas! . . . Belästigt das Weibsbild unsern Herrn
+Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. Glaubt, weil sie
+eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn
+Geheimrat das Resultat mitteilen.&ldquo; Erbost stelzte Herr
+Leisegang aus dem Laboratorium.
+</p>
+
+<p>
+Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen
+zu sein: eine Woche später traf die Fürstin in Würzburg
+ein, mit großem Gefolge. Sie war siebenundachtzig Jahre
+alt und mußte getragen werden.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier,
+der in einen engen Käfig eingesperrt war. Man hatte
+ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen drehte er
+sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger,
+weißer Kreis.
+</p>
+
+<p>
+Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand
+ging ins Schlachthaus, um frisches Schweine- und
+Ochsenblut zu holen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+stand neben dem Kessel, in dem das siedende Wasser
+dampfte.
+</p>
+
+<p>
+Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben;
+sie tappten ängstlich grunzend, die Schnauze
+suchend am Boden. Die bei den Türpfosten stehenden
+Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel
+auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie
+wenn ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes,
+aus voller Kraft kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands
+Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere
+taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen
+geschwungen, platschten sie in den Kessel,
+hinein in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der
+Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten
+Schweineborsten leicht abschaben.
+</p>
+
+<p>
+Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender
+Schnitt durch die ganze Gurgel, und das dampfende Blut
+sprudelte in den Meßzylinder, den der bebende Oldshatterhand
+bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut.
+</p>
+
+<p>
+Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als
+habe er Schuhe aus Blei an den Füßen. Ziehend ging er
+hinaus und hinüber: in die Ochsenschlachthalle. Groß,
+hoch, aus Eisenkonstruktion.
+</p>
+
+<p>
+Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte
+die Halle. Schreien, Fluchen, Rindergebrüll, hastende
+Metzger, welche Häute, Gedärme, tote Kälber schleppten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich möchte frisches Ochsenblut&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+zu einem jungen Metzgerburschen, und sah ihm noch
+fragend und fremd ins blutverschmierte Gesicht, als er
+die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. &bdquo;. . . Bist du
+jetzt Metzger?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+&bdquo;Nein, Büffeljäger!&ldquo; brüllte die kraftstrotzende Kriechende
+Schlange und hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.
+</p>
+
+<p>
+Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden
+Schlachthalle um, blöde auf die Kriechende Schlange zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was schaust denn wie die Kuh wenn&rsquo;s donnert!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Blut soll ich holen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kannst &rsquo;n Faß voll hab!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen,
+Blutkörperchen in den verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel
+bis zu den Schultern aufgekrempelt, fesselten flink
+wie Teufel den Ochsen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein
+leichter Schlag darauf mit dem Hammer, ein schwacher
+Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser klatscht &mdash; der Ochse
+stand &mdash; schneller als ein Gedanke brach er zusammen. Die
+Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper,
+durch das Herz.
+</p>
+
+<p>
+Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in
+den Hals, ein Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein
+junger Baumstamm aus, überschwemmte den Schlachtstand,
+floß durch die Rinnen ab in den Kanal, durch den
+Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und
+die Fische aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.
+</p>
+
+<p>
+Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die
+Haut ab, die Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf,
+riß die dampfenden Gedärme heraus und stieß sie mit dem
+Fuß zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie
+fluchend den Ochsen. Da hing er, violette Adern über
+dem blutrünstigen Fleisch, die Augen verglast, den blauen
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe neben
+den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange
+an, der einem Kalb einen Tritt in die Weichen gab, daß
+es im Blut ausglitschte und in die Knie sank. Er wollte
+etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf den
+zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend
+schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen
+Anzug an, tadellos weiße Wäsche und trug eine goldene
+Brille auf der leicht gebogenen Nase. Der Schächter.
+In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach,
+breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen,
+die einen wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am
+Boden lag.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fertig?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange
+messergerecht gedreht hielt, das Maul und die angespannte
+Gurgel nach oben, legte das Messer an &mdash; ohne noch zu
+schneiden &mdash;, da klaffte der Hals; das Messer war bis zum
+Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den
+Schlachtstand.
+</p>
+
+<p>
+Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm
+knienden Metzger hin und her, stieß unbeschreibliche
+Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut ausbrach, zuckte,
+zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein
+Zittern lief durch den ganzen Körper; der Ochse hob noch
+einmal schief den Kopf, und ließ ihn verendend sinken.
+Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die Kriechende
+Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+sie kleben blieben und von der Wand herunter auf die
+Metzger stierten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den
+Ochsen so?&ldquo; fragte Oldshatterhand, vor Grauen wieder
+stotternd.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&rsquo;n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja&ldquo;, sagte die
+Kriechende Schlange lachend. &bdquo;Und dann, das ist doch das
+jüdische Gesetz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen
+. . . die A . . . Augen dort an der Wand . . . an der
+Wand . . . Er hat . . . hat ja noch gelebt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;A . . . A . . . A . . . Augen!&ldquo; rief die Kriechende
+Schlange lachend, warf sich die blutrünstige Ochsenhaut
+über die Schulter und ließ Oldshatterhand stehen. Die
+Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor Vergnügen.
+</p>
+
+<p>
+Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen
+gegangen, der für ihn bereit lag.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem
+Lämmchen aus Holz im Arm, trippelte zwischen den
+hastenden Metzgerburschen durch zu seinem Vater, dem
+Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind,
+drehte es um und schob es weg.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende
+Ochsen mit angststierenden, wissenden Augen wurden
+hereingeführt, hereingezogen, brüllten dumpfklagend &mdash;
+nicht laut &mdash;, die schäumenden Mäuler in die Höhe gereckt.
+</p>
+
+<p>
+Hinein in den Schlachtstand, gefesselt &mdash; drei Minuten
+später hingen sie ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe
+von sich streckend, die blauen Zungen bläkend, in der
+Reihe neben den anderen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus &mdash;
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+da schien die Sonne. Die Spatzen flatterten und schrien.
+</p>
+
+<p>
+Er blieb stehen. Und dachte zurück &mdash; wie oft er am
+Schlachthaus vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört
+hatte, Metzgerwagen voll blutiger Schweine herausfahren
+und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große Schafherden,
+zusammengedrängt. &bdquo;Man geht vorüber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen,
+blieb stehen, den unbeschreiblichen Ton des Verröchelns
+im Ohr, und schmetterte plötzlich die Blutgläser in den
+Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah aus,
+als wäre hier ein Mensch ermordet worden.
+</p>
+
+<p>
+Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen,
+ging er zurück ins Laboratorium. &bdquo;Ich bringe
+kein Blut.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich muß aber Blut haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Häää! Ich bringe kein Blut,&ldquo; wiederholte er hämisch,
+und brüllte noch einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht
+zum Türken tretend: &bdquo;Kein Blut!&ldquo; wandte sich stracks
+um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal;
+da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates,
+während ein Kranker, in der blau-weiß
+gestreiften Spitalskleidung, den Schlauch in den Mund
+hielt und mächtig ein- und ausatmete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jessas! Jessas! Jessas!&ldquo; rief Herr Leisegang und
+nahm den Schlauch selbst in den Mund. &bdquo;Wie kann man
+sich so viechdumm anstellen. Jetzt drehen Sie einmal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung
+für das Kolleg des Herrn Doktor Edelmut
+bereit und lachten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr lacht? Ihr habt&rsquo;s nötig! Jetzt sowas!&ldquo; rief Herr
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+Leisegang, und der glatzköpfige Herr Doktor Edelmut
+blickte empört zu den Mädchen hin.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben.
+Unter den an Schminke gewöhnten, jetzt entschminkten,
+fleckigen und mit Geschwüren besetzten Gesichtern sah
+er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen
+sich der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte.
+Ihr feingeschwungener Mund war auch jetzt tiefrot.
+Die Lippen bildeten eine lasterhafte, wissende
+Mundlinie.
+</p>
+
+<p>
+Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit
+den hautkranken Frauen zusammen auf der Abteilung. Sie
+blickte Oldshatterhand ungeniert lächelnd in die Augen.
+Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf den
+Gang.
+</p>
+
+<p>
+Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit
+weißen Binden, und flüsterten miteinander, wie in einem
+Sterbezimmer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?&ldquo;
+stotterte ein Großer, Dicker. &bdquo;Hat er heute schon gelacht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der
+plötzlich mit seltsamem Pathos rief: &bdquo;Er hat gelacht! . . .
+Aber wir sind gemein! Ich sage, wir alle sind gemein!
+Alle! Er hat gelacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine
+Lippen waren erblaßt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er hat gelacht?&ldquo; flüsterte betroffen der Dicke.
+</p>
+
+<p>
+Da riß Herr Leisegang die Tür auf: &bdquo;Meine Herren!
+der Herr Geheimrat erwartet Sie&ldquo;, und hinkte energisch
+voran.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage
+ins Schlachthaus, hielt den Meßzylinder unter das noch
+zuckende Tier und brachte das Blut dem Türken. Der
+reichte ihm eine Mark.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich nehme kein Geld dafür!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen
+Kapitäns betrat, stand die Wirtschaftstür offen; er
+sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, weiß wie
+ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der
+Wirt, die kranken Augen wütend aufgerissen, das
+Bierfaß vom Schenktisch weg auf den Tisch in der
+Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte zersplitterte
+und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die
+Witwe Benommen stand reglos, die Lippen eingekniffen,
+die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, in
+der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke,
+beide Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der
+Stube.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer
+entlang, auf die Sandinsel zu, wo die Weiden um
+die kleinen Seen stehen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den
+Weiden hervor kamen Mädchen, paarweise hintereinander
+wandelnd. Sie waren mit Rosen und Nelken geschmückt.
+Still geworden, zog der Zug der Mädchen am
+Zuge der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden.
+Und gleich darauf ertönte aus dem Dunkel das helle
+Mädchengelächter. Die Räuber standen und horchten.
+Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie geschlossen
+um und standen einige Minuten später am Eingang der
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster
+herauswarfen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?&ldquo;
+fragte Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber
+immer noch schweigend standen, eng zusammengedrängt,
+und in die Gasse hineinsahen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich geh nit mit durch&ldquo;, sagte die Rote Wolke sofort
+und trat ein paar Schritte zurück.
+</p>
+
+<p>
+Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die
+Brust vorstreckte und sagte: &bdquo;Ich geh allein durch, wenn
+ihr keine Schneid habt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein
+dünnes Stöckchen im Kreise herumwirbelnd, ging der
+Schreiber mit gleichgültigem Gesicht sehr schnell durch die
+Gasse.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd
+wieder durch die Gasse zu ihnen zurückkehrte. &bdquo;Das
+wär mir aber auch noch was&ldquo;, sagte er heiser, und redete
+so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen zusammengedrängt,
+durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten
+Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän,
+der nicht dabei gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der
+Mauer, gegenüber den drei Häuschen, und starrte intensiv
+horchend auf die rosa Fensterausschnitte, preßte die Hand
+aufs Herz. Und trat ein.
+</p>
+
+<p>
+Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst
+sah er nur den Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch
+den Zigarettendampf hindurch, drei Frauen in hellen
+Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten noch
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah
+Farben vor seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün
+und dunkelrot. Die Frauen präsentierten sich und sahen
+verlegen einander an, weil Oldshatterhand sich nicht rührte
+und nicht sprach.
+</p>
+
+<p>
+Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig
+glitzernden Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte
+sich wie eine Mannequin vor Oldshatterhand und schnalzte
+dazu mit den Fingern.
+</p>
+
+<p>
+Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund,
+die auf dem Kanapee sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands
+rettungsuchenden Blick auf, erhob sich und fragte
+lächelnd: &bdquo;Willst du mich? Kleiner&ldquo;, zog ihn, als er
+nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den
+ersten Stock hinauf.
+</p>
+
+<p>
+In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als
+ein geöffnetes weißes Bett und eine Ottomane mit einer
+türkischen Decke befand. Die rosa Ampel an der niederen
+Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand
+nackt vor Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit
+beiden Händen etwas an ihren Haaren. Oldshatterhand
+sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein ganzer Körper
+zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . .
+Fünf Mark?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er gab ihr das Geldstück.
+</p>
+
+<p>
+Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf
+und winkte ihn zu sich.
+</p>
+
+<p>
+Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. &bdquo;Greife halt
+her . . . Komm, greif her.&ldquo; Sie nahm seine Hand und
+zog sie zu ihrem Körper . . . mußte noch öfter lachen, tätschelte
+ihm die Wange und sagte endlich: &bdquo;Da mußt du
+halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.&ldquo;
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-7">
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+Siebentes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span>enommen, der Amerikaner, war zurückgekommen.
+Ohne seine Familie vorher benachrichtigt zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen
+und ließ die langen, dürren Arme und Hände
+zwischen seinen Beinen baumeln.
+</p>
+
+<p>
+Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher
+geschrieben habe, sagte er apathisch: &bdquo;Ich hatte keine Briefmarke.&ldquo;
+Und rief plötzlich in unbegreiflicher Begeisterung:
+&bdquo;Was denkst du! Das ist anders, da draußen in der Welt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub
+lag noch auf seinem armseligen Anzug. Er hatte
+die Heimreise im Hochsommer als Hilfsheizer im Schiffsbauch
+mitgemacht. Und das schien ihn vollends zerstört
+zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln
+bewegte und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann
+konnte man die Entbehrungen seines langjährigen Aufenthaltes
+in Amerika von seinem völlig zerfallenen Gesicht
+deutlich ablesen.
+</p>
+
+<p>
+Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung
+finden können. Als Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter,
+Zeitungsverkäufer und zuletzt als Bäckergehilfe hatte
+er sich durchgeschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die
+Familie Benommen gerichtet zu dieser Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Und die Familie Benommen war ehrgeizig.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz
+es war, großspurig hinter dem Schanktisch zu stehen,
+Unterlippe und Bauch verächtlich vorgeschoben, und so
+und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte sich schwer
+getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das
+diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz
+berechtigt erscheinen lassen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete
+und ob ihrer strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau,
+empfand dadurch, daß ihr Sohn, der Stolz der
+Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein
+Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft,
+ihren toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein
+empfand der bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr
+des Amerikaners. Eine Woche vor dem Erscheinen des
+Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem Weidenbusch
+gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See.
+Der Zug der Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den
+braunen Zöpfen warf einen Rosenstrauß mitten in den
+Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf und den
+fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber.
+Und nach einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen
+und Jünglinge vereinigt im Dunkel der Weiden verschwinden.
+Ein paar Stunden später saßen die Räuber
+in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken,
+als der bleiche Kapitän eintrat und wie ein
+Pfosten stand. &bdquo;Ihr habt keinen Charakter!&ldquo; stieß er
+hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, und du?&ldquo; lachte der total betrunkene Schreiber
+mutig.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+&bdquo;. . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch
+allen hab Charakter!&ldquo; Und damit ging er, schloß die Tür
+leise und mit Kraft, und lehnte von dem Tage an alle
+Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. Eilte, wie
+in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang,
+sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner
+geglaubt und war deshalb noch schroffer gegen
+ihn, als Mutter und Bruder.
+</p>
+
+<p>
+So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen,
+nicht jeder hat Glück in Amerika.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue
+Schuh käff und &rsquo;n Anzug ameß laß, dann is die G&rsquo;schicht
+erledigt!&ldquo; schrie der rote Fischer.
+</p>
+
+<p>
+In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht
+in der Familie Benommen, urteilten die Mutter und die
+zwei Brüder.
+</p>
+
+<p>
+So war der Amerikaner seitens seiner Familie von
+Härte, Kälte und schweigender Verachtung umgeben.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das
+Unglück des Amerikaners rehabilitiert. &mdash; Ihr Jugendsehnsuchtland
+hatte sich schlecht benommen, war entlarvt,
+da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte
+gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs
+den Räubern unter die Füße.
+</p>
+
+<p>
+Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der
+ersten Zeit niemand besonders auf. Doch späterhin
+wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber anfangs
+nur die Familie Benommen bemerkte, denn der
+Amerikaner durfte wenig ausgehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand
+das Jahrhunderte alte, einstöckige Häuschen des Spenglermeisters
+Hieronymus Griebe. Der Amerikaner stand am
+Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis
+Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine
+Mutter die Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle
+das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock
+hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er
+etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute
+morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in
+verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller füllte.
+Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu
+zeichnen.
+</p>
+
+<p>
+Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an
+der Mauer des Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß,
+um, wie er sagte, zu untersuchen, ob der Grund felsig genug
+sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr Hieronymus
+Griebe zwar betroffen, aber auch energisch
+wehrte, erfuhren die Mainviertler von des Amerikaners
+sonderbarem Wesen.
+</p>
+
+<p>
+Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen
+Kapitän zusammen in einer Wirtschaft, dann verhielt er
+sich meistens ganz still, aber seine Augen schienen etwas
+Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet,
+und verächtlich lächelnd: &bdquo;Ha! Hinaus in die
+Welt!&ldquo; mitten in die Unterhaltung hinein, worauf der
+bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und mit dem Ingenieur
+die Wirtschaft verließ. Und es schien den Zurückbleibenden,
+daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb
+mitbringe, um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges
+an ihm sei.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng
+befahl er seinem Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn
+mitnehme, und überhaupt keine verrückten Sachen zu machen,
+sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber
+ohne jeden Erfolg blieb &mdash; der Amerikaner benahm sich
+immer auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns
+steigerte sich, und nur seine grenzenlose Verachtung hielt
+ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen.
+</p>
+
+<p>
+Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht
+den Amerikaner am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur
+hielt eine lange Papierrolle im Arm, saß in tiefer Kniebeuge
+und machte so, beidfüßig abspringend, genau abgemessene
+Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts,
+am Ufer entlang.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was
+den Amerikaner zwingt, diese grausigen Sprünge zu
+machen, ist man so machtlos wie gegen das Erdbeben. Und
+plötzlich hatte er die Vision eines Bebens &mdash; die Erde spaltete
+sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen
+mußten Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten
+sich, wurden breiter und zwangen die Fliehenden, immer
+tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so komisch
+aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges
+Lachen. In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.
+</p>
+
+<p>
+Der blieb in Kniebeuge hocken. &bdquo;Sie müssen erst einmal
+hinaus in die Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha!
+. . . Wohin ich jetzt bald gehe. Überall hin. Brasilien! . . .
+Ihnen will ich&rsquo;s zeigen, kommen Sie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hi! hihiha!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog
+ihn unter eine Laterne und rollte das große Papier auf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion:
+Eine riesenhafte nackte Frau lag rücklings
+darunter und ihre auseinandergespreizten aufgestellten
+mächtigen Beine bildeten die Pfeiler. Nackte, dicke Weiber,
+in lasterhaften Stellungen, stürzten von oben herab;
+andere wurden von einem über die Brücke jagenden Eisenbahnzug
+zermalmt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dort!&ldquo; schrie wild der Amerikaner und deutete auf die
+alte Mainbrücke mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen,
+&bdquo;die reiße ich weg! . . . Herunter mit den
+Heiligen! <em class="em">Meine</em> Brücke baue ich hin! Morgen fange
+ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin <em class="em">ich</em>! Weißt
+du das?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja! Ja!&ldquo; heulte Oldshatterhand auf und die Tränen
+brachen ihm aus den Augen. &bdquo;Hi! hihiha!&ldquo; lachte Oldshatterhand,
+und der Amerikaner brüllte vor Begeisterung.
+Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere
+und stürzte bewußtlos zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden,
+das Kinn auf die Knie gestützt. &bdquo;Du paßt nicht hinaus in
+die Welt. Du nicht . . . Du paßt nicht hinaus in die Welt&ldquo;,
+sagte er und lächelte immerzu.
+</p>
+
+<p>
+Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister
+den Amerikaner dabei an, wie er keuchend
+am Fuße des Brückenbogens mit den Händen die Erde
+herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am
+Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich
+wütend Wehrenden zur Wache.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den
+Amerikaner in die Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste
+Klasse, wo jeder Tag zwanzig Mark kostete. So hatte es
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+die Witwe Benommen gewollt und auch durchgesetzt, obgleich
+der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse gewehrt
+und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte,
+daß, wenn der Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte
+Vermögen der Familie Benommen beim Teufel sei.
+&bdquo;Mein Heiner soll&rsquo;s gut haben&ldquo;, hatte die Mutter geantwortet.
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung
+in die Irrenanstalt.
+</p>
+
+<p>
+Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt
+gebracht worden war, hatte sich der bleiche Kapitän
+in einer für die Räuber ganz unbegreiflichen Weise
+verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und liebenswürdig
+geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit,
+wie nach Schluß der Schulstunde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten
+dem bleichen Kapitän auf dem Schloßberg, und
+wunderten sich und wurden verlegen, denn diesmal ging
+der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu,
+streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter.
+&bdquo;Nun, was macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute.
+Herrgott dividomini, aber eine Hitz! Ich mein&rsquo;, ich müßt
+ein Faß Bier allein aussaufen.&ldquo; Er lachte schallend.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude,
+daß der bleiche Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach,
+ergriff ihn so sehr, daß er im reinsten Hochdeutsch sprach:
+&bdquo;Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, Oskar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich
+ausreiß.&ldquo; Er haschte einen Lindenast, schwang sich hinauf,
+und schüttelte voller Freude die alte Linde.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän
+bezahlte einen Liter nach dem andern und setzte seinen
+Stolz darein, den Krug mit einem Zug immer bis zur
+Hälfte zu leeren. &bdquo;Weiß der Teufel, so eine Hitz!&ldquo; rief
+er und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger
+Alter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Trinkst du jetzt wieder?&ldquo; fragte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott, natürlich. Warum denn nit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die
+Hand &mdash; aber das Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht
+ein. Sein Mund blieb begeistert offen stehen.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr
+eilte er barsch an den Häusern entlang, sondern schritt
+in der Mitte der Straße, schwenkte sein Plüschhütchen,
+wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich
+gerne, lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder
+andere junge, fröhliche Mensch, der keine Sorgen hat und
+einen gesunden Körper. Deshalb stemmte er jedoch nicht
+weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die
+Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er
+lange und viel trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck,
+hieb den Krug auf den Tisch zurück und brüllte: &bdquo;Sauft!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben.
+Späterhin fand er feine Übergänge und war plötzlich
+kein Mensch mehr, dessen barsche Verschlossenheit und sonderbares
+Wesen jemand auf den Gedanken hätte bringen
+können &mdash; der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig
+im Kopf wie Benommen der Amerikaner.
+</p>
+
+<p>
+Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für
+irrsinnig halten könne, vollkommen; die Anfälle von
+krampfhafter Lustigkeit blieben ganz aus. Verschlossen
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht
+mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener
+junger Mann geworden, mit kleinen Sorgen, wie
+sie jeder andere Mensch in seinem Alter und seinen Verhältnissen
+hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher in seinem
+Leben.
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied
+sich durch nichts mehr von ihr.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Zeit &mdash; er war zwanzig Jahre alt geworden &mdash;
+begann er die kleine, dicke Tochter des Weinwirts und
+Bäckermeisters Schlauch zu umkreisen. Sie hatte ein rundes
+Vollmondgesicht, mehlweiß, und Negerlippen, wie der
+bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und
+verkaufte Brotlaibe, lächelte, wenn er vorbeiging, und er
+lächelte zurück. Das war der Anfang.
+</p>
+
+<p>
+Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte
+die Vermögensverhältnisse der Familie Schlauch studiert
+und war befriedigt. Vor ein paar Jahren hatte Herr
+Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an
+dessen Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider
+nur drei Meter breit, dafür aber vier Stock hoch war,
+so daß es, zwischen den zwei niederen, aber wuchtigen Patrizierhäusern
+in die Höhe schießend, ganz gut für ein
+zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich
+hatte Herr Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke
+Prachtkerzen gestiftet. Sein Geschäft ging ausgezeichnet.
+Alles das und noch mehr wußte die Witwe Benommen
+und war befriedigt.
+</p>
+
+<p>
+Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der
+Schande vorbeigeglitten, die der Amerikaner über die
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+Familie gebracht hatte, und das kam von der ersten Klasse.
+Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe verächtlich
+vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn
+es ihm passend erschien, konnte er von der ersten Klasse
+sprechen, wo jeder Tag zwanzig Mark kostet.
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher
+und menschlicher geworden zu sein; sie lächelte der
+schönen Kellnerin hin und wieder freundlich zu, was zwar
+noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und Dankbarkeit
+entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin
+einen Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die
+verächtlich nach außen gestülpten Benommenschen
+Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen
+Kellnerin manchmal die Hand auf die Schulter legte, in
+Gegenwart der Mutter, und aufmunternd sagte: &bdquo;No,
+Hanna, wie geht&rsquo;s Ihne denn? Esse Sie doch was.&ldquo; So
+daß der schandebringende Amerikaner alles in allem
+eigentlich günstig und entladend auf die ganze Familie
+gewirkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit
+schnell in den Hintergrund. Zum fassungslosen
+Schrecken des Vorstandes vom Verein Christlicher Junger
+Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages
+der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Jahrelang wußte niemand, wo er war.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es
+neben sich auf den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine
+große Schüssel voll Sauerkraut vor ihn hin, das mit schon
+zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen garniert war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+&bdquo;Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett&ldquo;, sagte Herr
+Leisegang, nahm sein Holzbein in beide Hände und klopfte
+damit wütend auf den Tisch. Bis seine Frau hereinkam.
+&bdquo;Wo ist meine Desinfektionsvase!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke
+und brachte eine Blumenvase aus grünem Kristallglas.
+Herr Leisegang schnellte das Asbestdeckelchen
+herunter und tauchte Messer und Gabel in die desinfizierende
+Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.
+</p>
+
+<p>
+Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert.
+Auch die Geldstücke.
+</p>
+
+<p>
+Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete
+an einer Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein
+paar Jahre daran, denn die Decke mußte sehr groß werden,
+um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer schmücken
+zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man
+warten mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr
+Leisegang hatte sich so eine vielfarbige Decke gewünscht.
+</p>
+
+<p>
+Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört
+zu werden, worauf sie endlich verwundert hinein
+zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem Lehnsessel wie
+vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß
+auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still
+in der Stube war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden
+Kehlton aus. Herr Leisegang war tot. Die
+Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch leer.
+</p>
+
+<p>
+Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber
+nach, weshalb er so friedlich aussehe. So zufrieden,
+wie sie ihn in ihrer siebenunddreißigjährigen Ehe niemals
+gesehen hatte. Sein Holzbein hatte Herr Leisegang quer
+vor sich auf den Tisch gelegt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte
+keine Hilfe.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen,
+nachdem er vergebens versucht hatte, die Freundschaft
+mit Winnetou zu erneuern, der täglich zu den Mönchen
+aufs &bdquo;Käppele&ldquo; ging.
+</p>
+
+<p>
+Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen
+und zeichnete in der Vesperpause Blumen ab, während die
+Rote Wolke Rollen studierte. &bdquo;Schauspielkunst ist eine
+göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter Schiller
+und Goethe mit ihren Tragödien, wenn&rsquo;s keine Schauspieler
+gäbe.&ldquo; Das wiederholte die Rote Wolke täglich.
+</p>
+
+<p>
+An einem Abend hatte er wieder in &bdquo;Wilhelm Tell&ldquo; im
+Stadttheater statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell
+studiert. Früh um fünf Uhr stand er auf dem Kartoffelacker,
+von der eben aufgehenden Sonne beschienen.
+&bdquo;Durch diese hohle Gasse muß er kommen&ldquo;, rief er und
+wies mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren
+anderem Ende seine alte Tante kniete, schwitzend mit den
+Händen grub und den Kopf schüttelte über ihren Neffen,
+der begeistert die Furche entlang rief: &bdquo;Es führt kein
+anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend&rsquo; ich&rsquo;s, die Gelegenheit
+ist günstig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter,
+seiner Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den
+berühmten Schauspieler Konrad Drauer in München und
+fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas vorspielen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf
+der Kaimauer, mit den Beinen wasserwärts, den Kopf in
+beide Hände gestützt, und sah traurig hinunter in den Fluß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein
+bißchen nehmen dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen.
+Und als Oldshatterhand auf der Ruderbank
+saß, rief der Fischer plötzlich: &bdquo;Brauch&rsquo; i denn no&rsquo;n
+Schelch! . . . I brauch ken&rsquo;n Schelch mehr . . . Häng&rsquo;n
+nachher drübe am Stadtufer a.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Warum denn am Stadtufer?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil i &rsquo;n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis&rsquo; komm
+i wenigstens wieder amal in mein Schelch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer
+&mdash; flußabwärts. Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes,
+pfirsichfarbenes Gesicht. Sie trug einen
+schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv aus.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer
+&mdash; flußaufwärts. Das Mädchen mit den braunen
+Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der Schreiber
+hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen
+Sandinsel, wo die Weiden stehen.
+</p>
+
+<p>
+Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich rudere euch ein wenig herum&ldquo;, sagte Oldshatterhand,
+der im schaukelnden Schelch saß.
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die
+Mitte des Flusses. Der rote Fischer hatte den Kopf nicht
+erhoben.
+</p>
+
+<p>
+Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber
+und seine Liebste befanden sich halbliegend an dem einen
+äußersten geschnäbelten Ende, das zweite Liebespaar lag
+eng beieinander am entgegengesetzten. Oldshatterhand
+saß genau in der Mitte und ruderte langsam.
+</p>
+
+<p>
+Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten
+kleine Laternchen an den ruhenden Schiffen; das Singen
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+der Kinder, die am Ufer spielten, klang herüber; ein
+Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser sinken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kunst ist heilig&ldquo;, sagte die Rote Wolke gedämpft.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des
+Mädchens. &bdquo;Wir werden Romeo und Julia zusammen
+spielen&ldquo;, sagte sie und sah der Roten Wolke sanft in die
+Augen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Julia!&ldquo; erwiderte die Rote Wolke verhaltend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und du bist Romeo.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da ist doch nix dabei&ldquo;, flüsterte der Schreiber heftig.
+&bdquo;Ich weiß nit, warum du so eine Furcht davor hast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber.
+Oldshatterhand sah ihr erschrockenes, weißes Gesicht aus
+der Dunkelheit schimmern und dachte an Lenchen Leisegang.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . .
+immerzu&ldquo;, hörte Oldshatterhand hinter sich das Mädchen
+flüstern.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen,
+die hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich
+zu schaukeln begann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten&ldquo;, sagte
+Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken
+an Lenchen Leisegang die Ruder los. &bdquo;Ich will doch . . .
+ich muß doch erst etwas werden. Vielleicht berühmt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch
+schnellte aus dem Wasser und fiel zurück.
+</p>
+
+<p>
+Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: &bdquo;Die Kunst.
+Die Kunst . . . Tempel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich&ldquo;, sagte das
+Lehrerstöchterchen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+&bdquo;Rudre ans Ufer!&ldquo; schrie der Schreiber wütend. Das
+Mädchen saß von ihm abgerückt steif auf dem Querbrettchen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und
+machte den Schelch fest.
+</p>
+
+<p>
+Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes
+Stöckchen im Kreise herum; das Mädchen ging mit gesenktem
+Kopfe einige Schritte seitwärts neben ihm her.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich
+auch ließe!&ldquo; schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu.
+Er saß auf der Wasserschale des Vierröhrenbrunnens,
+zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, die
+der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und
+Auswuchs der Stadt waren. Die Würzburger &bdquo;Strizzi&ldquo;,
+von denen jeder sein im Griffe festes, langes Messer in
+der Hintertasche trug. Sie lebten beschäftigungslos in
+den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie ohne
+Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am
+Brunnen vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen.
+Verlorene Existenzen, die alle schon gesessen hatten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß sie doch&ldquo;, sagte Oldshatterhand schnell und zog
+den Schreiber weg, der wütend stehen geblieben war, weil
+ihm einer der Burschen nachrief: &bdquo;Hast dei Menschle
+zünfti zammg&rsquo;haut!&ldquo; Die weiteren Bemerkungen gingen
+unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der
+Schutzmann trat von einem Bein auf das andere und ab
+in eine Seitengasse.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich muß jetzt jemand abhol&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+auf der Brücke und sah bedrückt auf die Liebespaare, die
+nun beide einträchtig vor ihm gingen.
+</p>
+
+<p>
+Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+Leisegang befand, blieb er plötzlich stehen, wandte sich um
+und ging langsam nach Hause.
+</p>
+
+<p>
+Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange
+auf ihn zu. &bdquo;Weil ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . .
+Auge g&rsquo;sagt hab, brauchst no lang nit zornig zu sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du darfst mir nachmachen, soviel du willst&ldquo;, sagte
+Oldshatterhand und lächelte ruhig die Kriechende Schlange
+an. Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort: &bdquo;Ich
+glaube, es geht halt nicht anders, als daß es auch solche
+Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Nein, das versteh ich nit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst
+nix dafür. Verstehst du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß nit, was du da redst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, es ist sicher so&ldquo;, sagte Oldshatterhand nachdenklich
+und ging.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß mi amal schnupf!&ldquo; rief einer der &bdquo;Vierröhrenbrunnensteher&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wer ist denn das?&ldquo; fragte ein anderer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Metzger ist er . . . Da geh doch her.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf
+die Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.
+</p>
+
+<p>
+Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er
+während des kurzen Gespräches mit der Kriechenden
+Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht er spreche, sondern
+der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei
+Würzburg geküßt hatte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds,
+des größten deutschen Malers Geburtsstadt, den
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf vom
+Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein.
+Stundenlang wandert man durch den Eichenwald, hat
+auf einer Höhe das unabsehbare gewellte Waldmeer vor
+sich liegen, sieht stille Waldtäler, von Forellenbächen
+durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein
+Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus,
+hebt das Geweih und bricht weg, sobald er den Wanderer
+erblickt. Rehe äsen auf den Abhängen. Amseln singen.
+Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen sich am
+Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum
+zu unterscheiden &mdash; plötzlich bricht das Wildsaurudel
+krachend durch das Gebüsch davon, daß die Erde zittert;
+und einen Atemzug lang schweigen alle Vögel. Eine Amsel
+beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das einzige Lebewesen
+zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses
+Hochwaldes sein.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes,
+graues Haus. Türen und Fensterscheiben
+fehlen, lange Gräser spielen auf dem Dache.
+</p>
+
+<p>
+Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch
+heute von einem Wirt, dem vor langen Jahren das Haus
+gehört hatte &mdash; er habe die Reisenden, die bei ihm einkehrten,
+ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg
+am &bdquo;Letzten Hieb&ldquo; gehängt worden.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang
+der Kunstmaler Franziskus Grünwiesler und sein Freund
+Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dieses Haus gehört niemand&ldquo;, hatte Franziskus
+Grünwieslers weißbärtiger Onkel gesagt, welcher Bürgermeister
+des nächsten, drei Wegestunden vom grauen
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. &bdquo;Und es
+wagt sich auch keiner in die Nähe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er
+war ein zufriedener, bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand
+über Stimmungsstürze weg, von denen dieser
+oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich
+maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand
+das Wenige, das er selbst besaß.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang
+sehr wenig; die technischen Schwierigkeiten hinderten ihn
+immer wieder, das zu schaffen, was er ersehnte. Das
+Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten
+übergroßer Begeisterung.
+</p>
+
+<p>
+Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler
+gehörte, und oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten,
+der die Gänse von allen Ortschaften des Spessarts
+hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend
+Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die
+Gänse heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge,
+magere mit in den Wald. Der Hirt war ein achtzigjähriger,
+bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel.
+Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot
+und geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten
+die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und schliefen, und
+der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen,
+über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es
+von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und
+dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten
+und weiterschliefen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen
+und hatte um Unterkunft gebeten für die Nacht.
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle. Es
+fragte sie auch niemand. Sie blieb.
+</p>
+
+<p>
+Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand
+selbst. Er hatte einen großen Vorrat Rohleinwand
+liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen. &bdquo;Das ist
+die weichste&ldquo;, sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle
+Leinwand auf, die wie Seide glänzte.
+</p>
+
+<p>
+Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus
+Rohleinwand schon an.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das
+Kleid zu malen. &bdquo;Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht
+ganz gut machen&ldquo;, sagte er zu Oldshatterhand und
+zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und
+dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen.
+&bdquo;Und eine einzige große Lilie, vorne herauf.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen,
+im Moos. Und schlich nach einer Weile wieder fort, denn
+ihr Rohleinwandkleid hing über einem Eichenast.
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee.
+Sie arbeitete gar nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als
+müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den vergangenen
+Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für
+die beiden im Haus tat sie nichts.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr schenkt ja auch niemand etwas&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+zu Grünwiesler. &bdquo;Das Haus gehört ja
+niemand . . . Nicht einmal Türen hat&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen
+Seite wieder hinaus in den Wald. Und saß man auf dem
+flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die langen Gräser
+spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das
+Haus mit dem Wald verwachsen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie wär&rsquo;s, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln
+ausmalen würde, sie bleibt ja doch auf immer da&ldquo;, sagte
+Grünwiesler vor dem Schlafengehen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn sie&rsquo;s erlaubt&ldquo;, erwiderte Oldshatterhand; er
+hatte einen eleganten Schaukelstuhl gezimmert und ihn
+ihr ins Zimmer gestellt, während sie am Waldsee gelegen
+war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll Bucheckern.
+Die schmeckten nach Nuß und Olive.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid
+hatte sie noch einmal umgeändert, den Halsausschnitt
+rund und den Rock sehr eng gemacht. So sah Oldshatterhand
+sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr gegangen,
+blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend
+im Waldtal. An ihm vorbei plätscherte ein Bach in vielen
+Windungen durch die Wiese.
+</p>
+
+<p>
+Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und
+zu Grünwiesler, verglich, auf seinen Knotenstock gestützt,
+eine Weile Bild und Motiv und reichte Grünwiesler
+einen Brief. &bdquo;Von wem mag jetzt der sein&ldquo;, fragte der
+Briefträger. &bdquo;Da ist ja gleich was drauf gemalt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler errötete &mdash; er selbst war aufs Kuvert gezeichnet,
+vor Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit
+anbetender Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, von wem is jetzt der Brief?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Von meinem Freund Immermann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der is gewiß auch so ein Maler?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger:
+&bdquo;No, dann grüß Ihne Gott&ldquo;, und ging.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+Versteht sich doch von selbst &mdash; angenehm sei es ihm gerade
+nicht, daß Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre,
+der ein ungebildeter, ja, für Grünwiesler, direkt
+gefährlicher Mensch sei &mdash; schrieb Immermann. Ob Grünwiesler
+denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser
+Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das
+Bürschchen könne man nicht nur so mir nichts dir nichts
+nehmen, wie es sich gebe. Nebenbei wisse man ja auch,
+aus was für einer Familie Oldshatterhand komme. Auf
+keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise
+Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er
+von Grünwiesler so viel Einsicht verlangen. &bdquo;Nicht, daß
+mir besonders viel daran liegt,&ldquo; schloß der Brief, &bdquo;im
+Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit
+diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast,
+anstatt mit mir. Wenn dir an meinem Kreise noch etwas
+gelegen ist, dann komme. Ich male Studien auf dem
+Schleehof bei Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte
+den Brief in die Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen
+und trat sofort den Heimweg an.
+</p>
+
+<p>
+Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander
+vorbei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie ist das?&ldquo; fragte Oldshatterhand endlich und stellte
+sein angefangenes Bild auf die Staffelei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dann erklär mir&rsquo;s doch, woran&rsquo;s liegt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen
+sich die Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du kannst nichts erklären!&ldquo; schrie Oldshatterhand erregt.
+&bdquo;Erklär doch! Erklär doch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor
+das Bild.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein
+Bild hin. &bdquo;Zeig mir doch! Herrgott, kannst du mir denn
+nicht zeigen, wieso das falsch ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen!
+Zeigen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab dir&rsquo;s doch schon so oft gezeigt, das mit der
+Perspektive&ldquo;, sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte
+verwirrt: &bdquo;Es gibt auch noch eine Luftperspektive und
+eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir&rsquo;s schon.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir&rsquo;s zeigst!
+. . . Daß es kein Mensch verstehen kann. Du bist . . .
+du bist wirklich saudumm!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit
+in rachsüchtige Wut über, die an Irresein grenzte; er verlor
+den Atem, ein dünner, pfeifender Ton entfloh seinem
+Munde; aber wie schon oft in diesem Sommer, wenn
+Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten
+gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht
+geworden war, drehte die Wut Grünwieslers sich nach
+innen, und in Angst vor seinem aufbrausenden Schüler
+sagte er stockend: &bdquo;Quäl mich nicht . . . Warum quälst du
+mich. Es braucht halt alles seine Zeit.&ldquo; Nur ein gefährliches
+Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben,
+wie Irre es haben, die jahrelang sich kujonieren lassen und
+eines Tages in einem Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+Oldshatterhand wurde sofort ruhig. &bdquo;Ich packe es schon
+noch&ldquo;, sagte er und lächelte Grünwiesler an. &bdquo;Für mich
+ist nichts zu schwer . . . Soll ich Tee eingießen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, das wär lieb von dir&ldquo;, sagte Grünwiesler erleichtert,
+sah vor sich hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand.
+&bdquo;. . . Du, ich hab einen Brief bekommen von Immermann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was schreibt denn der?&ldquo; fragte Oldshatterhand mit
+gemachter Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder
+ab, ohne eingegossen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht
+. . . Ich geh übrigens diese Woche noch zu ihm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein&ldquo;, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief
+lächelnd vor, wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines,
+schwarzes Löchlein entstand, als ob die Oberlippe zu
+breit wäre. &bdquo;Aber ich muß ihn wieder einmal sehen . . .
+Er ist ein sehr bedeutender Mensch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pf!&ldquo; machte Oldshatterhand verächtlich. &bdquo;. . . Zeig
+mir einmal den Brief.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in
+den Bach hab ich ihn geworfen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du hast den Brief noch!&ldquo; fuhr Oldshatterhand auf.
+&bdquo;. . . Immermann hat wieder schlecht über mich geschrieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nei . . . n&ldquo;, sagte Grünwiesler langgezogen, wie
+wenn er das Mißtrauen Oldshatterhands bedauerte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sei nur still! . . . Ich weiß schon.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann
+spricht über niemand etwas Schlechtes . . . Nur was
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt . . . So ist Immermann
+nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du lügst! Ich seh dir&rsquo;s an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wiesooooo?&ldquo; erwiderte er traurig singend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du lügst einfach!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die
+Augen. &bdquo;Wenn du&rsquo;s wissen willst . . . Immermann hat
+sogar nur Gutes über dich geschrieben . . . Schenk mir noch
+einen Tee ein!&ldquo; rief er kameradschaftlich. &bdquo;Den hast du
+fein gemacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin.
+&bdquo;Ich kenn den Immermann schon . . . Der will unter uns
+der Erste sein . . . Der Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er
+auf mich, weil du nicht mit ihm bist und ich nicht nach seiner
+Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich&rsquo;s noch zeigen,
+wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander&ldquo;, sagte
+Grünwiesler fröhlich und streckte Oldshatterhand die
+Rechte hin. &bdquo;Singen wir jetzt ein Lied?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler:
+&bdquo;Zu dem Lied malt Immermann eine Bilderserie.
+Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden sicher
+wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.&ldquo; Er
+sah Oldshatterhand in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte
+Oldshatterhand in steigender Begeisterung seinen zukünftigen
+Ruhm herbei. &bdquo;Was Immermann malt, das ist
+nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald!
+Sonst hat&rsquo;s keinen Sinn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mnja&ldquo;, sagte Grünwiesler im Halbschlaf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du glaubst&rsquo;s nicht? Ich werde alles haben&ldquo;, rief er
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+frohlockend. &bdquo;Alle werden zu mir kommen.&ldquo; Und als er
+die tiefen Atemzüge des Schlafenden hörte, dachte er
+allein weiter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren
+von früh bis nacht durch den Spessart gewandert und
+noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung nach Würzburg.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler
+kniff die Augen zusammen und deckte mit der Hand
+den Vordergrund weg. Seine Nase rollte sich aufwärts
+und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart
+herum und teilte ihm Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende,
+schwungradgroße Sonne berührte die Baumkronen
+und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein
+schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich
+fernen Frühlingshoffnungen ruhten.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den
+beiden, und darüber die Atmosphäre spielte wunderbar in
+zarten Farben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm, gehn wir&ldquo;, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich
+die Brust heraus und wandte sich zur entgegengesetzten
+Richtung, wo die sonnenlose Landschaft in tiefer, blauer
+Abendstille lag.
+</p>
+
+<p>
+Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben
+schon viel zu viel in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand
+gequält zur Seite und hatte den Wunsch, niederzusitzen
+und zu warten bis alle schwere, unerklärliche Traurigkeit
+in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel
+bis zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne.
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+&bdquo;Wenn ich jetzt rasend zornig sein könnte.&ldquo; Grünwiesler
+sah erschrocken auf. &bdquo;Ich könnte ja hinterher abbitten
+. . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen
+kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer
+neue rollen nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.&ldquo;
+Er sah Grünwiesler an, der seinen Kopf schulterwärts
+geneigt hielt und auf Oldshatterhand blickte,
+wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das
+ist doch unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen
+nicht geweinten Tränen sein . . . Vielleicht verdunkeln sie
+alles in einem . . . Ach!&ldquo; atmete er tief aus und lachte plötzlich,
+lang und laut, in großer Befreiung.
+</p>
+
+<p>
+Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der
+weißen Landstraße hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote
+Dach eines neuen Bauernhäuschens in der
+Sonne glühte.
+</p>
+
+<p>
+Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren,
+der ganz anders aussah, als beide ihn sich aus der Ferne
+vorgestellt hatten, sagte Oldshatterhand: &bdquo;Jetzt ist das
+Mädchen ganz allein im Haus.&ldquo; Und was wird sie im
+Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn&rsquo;s
+kalt ist. &bdquo;Es ist ja kein Ofen im Haus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein&ldquo;, sagte Grünwiesler nachdenklich, &bdquo;Türen hat
+das Haus nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof.
+Der rothaarige Kunstmaler Christinus Immermann,
+Sohn des verstorbenen Häusermaklers Fürchtegott Immermann,
+saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen
+unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+Stellungen ab. Die meisten Brocken schnappte der Hahn
+weg, der herrisch zwischen seine Hühner fuhr und, wenn
+ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll aufrichtete,
+als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte.
+Ein junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein
+großer Hund, wälzte sich in der Sonne am Boden, streckte
+die dünnen Beine in den Himmel, stand plötzlich und
+rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, durch
+das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet
+von einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Tierarzt Amrhein&ldquo;, stellte der Gutsbesitzer vor.
+&bdquo;Und das ist mein lieber Freund Immermann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die
+Schulter. Das Fohlen kam hereingerast, stoppte, stieg in
+die Höhe, drehte sich auf den Hinterbeinen und tollte wieder
+hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit verklebten
+Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen
+auf den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an,
+der die Lippen verzog und tat, wie wenn er die Magd nicht
+sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. Sie war schwanger.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lassen Sie den Eber heraus!&ldquo; rief der Gutsbesitzer
+ihr nach. &bdquo;Bringen Sie reines, warmes Wasser. Und
+der Knecht soll kommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof
+zu Immermann. Grünwiesler sah den Maler mit dem
+bittenden Kanarienvogelblick an und errötete unaufhörlich.
+Oldshatterhand ärgerte sich über den geringschätzigen
+Gesichtsausdruck von Immermann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie geht&rsquo;s mit deiner Gesundheit?&ldquo; fragte Grünwiesler
+ängstlich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie es einem Herzkranken gehen kann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah
+betrübt drein. Oldshatterhand war wütend, weil er
+glaubte, Immermann prahle nur mit seiner Herzkrankheit.
+</p>
+
+<p>
+Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann
+sah ihn an, zuckte die Schultern und reichte ihm nur den
+Zeigefinger, den Oldshatterhand, überrumpelt und verwirrt,
+schüttelte, worauf Immermann die Lippen verzog.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand
+den Maler hilflos an, und als der Maler
+sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler zudrehte, dachte
+Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen &mdash; einer
+ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger
+auch dazu. Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte
+und lächelte ironisch: Einen Finger? Wer wird so geizig
+sein! &mdash; Viele schlagfertige Erwiderungen fielen ihm ein; er
+hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und als er sich
+dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann
+hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen
+und quittierte mit ironischem Lippenverziehen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es
+freut mich, daß du da bist&ldquo;, sagte er und drehte Oldshatterhand
+ostentativ den Rücken zu. Grünwiesler sah beglückt
+auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne sich um
+Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte
+und sich haßte, weil er stehen blieb.
+</p>
+
+<p>
+Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und
+sah interessiert auf die Gruppe, die um den Eber herumstand.
+Knecht und Magd hielten ihn fest; der kleine Arzt
+besah ein blitzendes Messerchen.
+</p>
+
+<p>
+Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+aus. Der Arzt stand auf, lachte und warf etwas Blutiges
+auf den Misthaufen, das der Jagdhund beroch, aber nicht
+fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, bildeten, auf- und
+übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und verließen
+interesselos den Düngerhaufen wieder.
+</p>
+
+<p>
+Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann
+an, der die Lippen verzog, wie vorher bei der Dienstmagd.
+Der jetzt beruhigt grunzende Eber wurde in den Stall geschoben.
+</p>
+
+<p>
+Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand
+auf die Schulter legte. Die blonde Frau trat vorsichtig
+leise vom Fenster zurück und sah dabei auf Immermann.
+Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen Augen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt,
+ein <em class="em">Er</em> ist das ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin
+ist sein Fleisch eßbar. Sie sind eingeladen&ldquo;, sagte der
+Gutsbesitzer zu Immermann.
+</p>
+
+<p>
+Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann.
+Die Gutsherrin trat wieder vor ans Fenster und
+fragte ihren Mann: &bdquo;Nun? ist der Tierarzt denn noch
+nicht da?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, das ist ja schon lange vorüber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Immermann verzog die Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler
+und Oldshatterhand gingen am Saum entlang. Oldshatterhand
+war bedrückt. Warum bin ich ungerecht, da
+er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin gemein.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das
+ins Spessarthaus gekommen war.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Tippelschickse!&ldquo; sagte Immermann kurz. Grünwiesler
+schwieg betroffen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte
+man ihm ins Herz gezwickt. Gleich darauf aber fühlte
+er sich sehr erleichtert. Er prahlt vielleicht doch nur mit
+seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte sich, daß er
+nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter
+schlecht von dem Mädchen sprach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ausweispapiere! Man braucht keine!&ldquo; sagte Oldshatterhand
+laut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse?
+Was dann?&ldquo; sagte Immermann zu Grünwiesler, als ob
+Oldshatterhand gar nicht da wäre.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen
+verteidigen und brachte kein Wort hervor.
+</p>
+
+<p>
+Immermann verzog die Lippen. &bdquo;Da habe ich es schon
+etwas ungefährlicher. Die eine ist schwanger, und die
+Gutsherrin &mdash; &mdash; &mdash; gefällt sie dir?&ldquo; Er lächelte Grünwiesler
+breit an. &bdquo;Ich habe übrigens wieder ein Märchengedicht
+geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin Romantiker.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!&ldquo; schrie Oldshatterhand
+plötzlich. &bdquo;. . . Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen
+Sie doch nur zu prahlen.&ldquo; Flammend wandte er sich um
+und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. Grünwiesler
+neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt
+mit seinem Kanarienvogelblick nach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann
+man nicht verkehren&ldquo;, sagte Immermann gleichgültig,
+seinen Zorn verbergend.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem
+leid tun. Wir haben schöne Stunden miteinander verlebt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+&bdquo;Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo; rief Grünwiesler ängstlich. &bdquo;. . . Ich
+meinte ja nur so . . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt
+gezeichnet. Er hat einen wunderschönen Akt . . . Aber gequält
+hat er mich ja auch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt &mdash;
+Tölpel bist. Bei sich lacht er natürlich über dich, nachdem
+er dich ausgenützt hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schluß! Dann aber Schluß!&ldquo; schrie Grünwiesler in
+plötzlicher höchster Wut.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber
+daß ein Subjekt mit dieser Gesinnung nicht in unsern
+Kreis gehört, das wirst doch auch du einsehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen
+Sommer hat er von mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber
+ich kenn ihn jetzt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen
+gebildet habe, dann lasse ich so jemand eben nicht
+herein . . . Gott, wir wollen ganz einfach nicht. Und damit
+fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die Stimmung
+nicht länger verderben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du hast recht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann
+rezitiere ich dir mein neues lyrisches Gedicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, das wäre wunderbar&ldquo;, sagte Grünwiesler und
+legte Immermann die Hand auf die Schulter. So verschwanden
+sie zwischen den Tannenstämmen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+Mägdlein kommt drin vor, einsames Waldesrauschen und
+ein romantischer Ritter . . . Siehst du das Bild?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, das ist wunderbar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben
+ihnen am Tannenstamm. &bdquo;Pst . . . dort&ldquo;, flüsterte Grünwiesler.
+</p>
+
+<p>
+Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst
+flüsternd, dann lauter. Entzückt horchte er auf seine
+Stimme und mußte aufstehen. Die Arme ausgebreitet,
+sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern.
+Gepackt sah er zu Immermann empor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Siehst du die Kompositionen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt&rsquo;s mir an
+Phantasie&ldquo;, sagte er traurig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tom der Reimer saß am Bach!&ldquo; rief Immermann
+begeistert.
+</p>
+
+<p>
+Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder
+daran vorbei führten, waren schon gesperrt, denn die
+Trauben begannen gelb zu werden. Oldshatterhand sah
+auf das kleine, graue Männlein, das reglos am Waldsaum
+stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite
+hängen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist das wahr&ldquo;, fragte er den Weinbergshüter, &bdquo;daß
+Sie den Buben, die sich ein paar Trauben holen, Pfeffer
+und Salz in die Waden schießen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein
+Messinghorn. &bdquo;Früher han i&rsquo;s ton. Jetzet blas i. Dann
+bricht glei&rsquo;s ganze Dorf auf und umstellt &rsquo;n Wenger.<a href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
+Jetzet erwisch&rsquo;n wir die Bub&rsquo;n immer.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="footnote" id="footnote-1">
+<a href="#fnote-1">[1]</a>&nbsp; Weinberg.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+&bdquo;Ach nein!&ldquo; rief Oldshatterhand erschrocken und ging
+weiter, bis zum Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas
+abseits vom Gärtnerhäuschen lag und von einer gerade
+beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt war.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten
+und horchte.
+</p>
+
+<p>
+Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten
+Wolke und einem rotbäckigen Jüngling. Der sagte: &bdquo;Bis
+übermorgen könnt ihr die zwei Hauptrollen studiert haben
+von meinem Stück&ldquo;, und reichte der Roten Wolke sein
+Manuskript.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann.
+Tragödie in fünf Akten&ldquo;, las die Rote Wolke vor.
+</p>
+
+<p>
+Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten
+bis zum Ziehbrunnen des Gemüsegartens. Die Rote Wolke
+schlug das Manuskript auf, begann die Brunnenkurbel
+zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte:
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Entflieh mit mir, Klärchen!</p>
+ <p class="line">Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.
+</p>
+
+<p>
+Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne
+und goß das Blaukrautbeet, sah den Dichter an,
+die Rote Wolke und sagte verschämt: &bdquo;Es lebe die Kunst
+und die Liebe.&ldquo;
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-8">
+<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
+Achtes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span>m Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden
+Künste in München waren an den Wänden die
+Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, die sich der Aufnahmeprüfung
+unterzogen hatten. Kein Mensch war im
+Saal; nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter
+Negerkopf mit grellem Augenweiß, grinste in ein paar
+hundert Exemplaren in die Leere.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die
+Flügeltüren und ließ die Prüfungskandidaten eintreten,
+eine Schar Jünglinge, meist in kurzen Sammethosen und
+mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie aufgenommen
+waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete &mdash;
+Prüfung bestanden, ein Kreuz &mdash; durchgefallen.
+</p>
+
+<p>
+Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief
+allen voran bis in die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend
+herum, wobei sein Körper hin und her zuckte, wie wenn er
+einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen Gegner zu
+bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.
+</p>
+
+<p>
+Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch
+die Tür und strahlten auseinander. Keiner konnte seine
+Arbeit gleich finden, weil auf den ersten Anblick hin die
+still grinsenden Negerköpfe voneinander nicht zu unterscheiden
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die
+fassungslos, empört oder traurig auf die Kreuze blickten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
+Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben
+war, ging jetzt, mit gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten
+entlang, sagte zu jemand: &bdquo;Diese Arbeit ist sehr
+gut, sehr gut&ldquo;, blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand
+beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert
+vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer
+mit eckigem Schädel ins Gesicht und deutete auf den
+Kreis, der seinen Neger zierte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden
+Künste aufgenommen worden.
+</p>
+
+<p>
+Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür
+auf und prallte zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert
+der Eintritt in die Kammer war. Die durch die
+Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen
+Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal,
+zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte,
+schlängelte sich, wieder vom Bett heruntersteigend, um die
+Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen, sich
+aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch.
+Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter
+schrieb &mdash; Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen
+mit einem Artillerie-Sergeanten. &bdquo;So?&ldquo; sagte
+Oldshatterhand, &bdquo;so?&ldquo; und sein Gaumen wurde trocken.
+&bdquo;Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten
+ist sie doch viel zu zierlich!&ldquo; Seine Augen lasen weiter.
+Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben,
+schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand,
+an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr
+Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München
+eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.
+</p>
+
+<p>
+Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel
+<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
+auf und warf ein Mädchenlachen in Oldshatterhands
+Kammer, welcher mit Kraft und Trotz Lenchen
+Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft
+nachsann, die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu
+verzehrte er ein Stückchen Limburger Käse.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen
+und die Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig
+gegen den Wind behaupteten, der jäh abbrach, aus
+dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, pfeifend
+in der Ferne verklang.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf,
+zwängte sich durch und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.
+</p>
+
+<p>
+Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen
+ihm zwar sehr gut, aber er hatte doch noch ganz anderes
+erwartet. Vor der Venus von Giorgione, einer Kopie von
+Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier
+als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte,
+ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur
+die schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und
+mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus unversehens
+die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt
+vor ihm auf der Ottomane gelegen war. Traumhaft
+wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem
+Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen
+Körper flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen
+Schuhen machte manchmal ein paar Schritte.
+Das knallte wie in einem Kellergewölbe. &bdquo;Lenbätsch&ldquo;,
+sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.
+</p>
+
+<p>
+Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild
+<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
+zu Bild; ihre Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor
+jedem Bild hob sie die Hand zu den Augen, nickte oder
+schüttelte den Kopf und ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die
+schwarzen, zusammengewachsenen Brauen in die Höhe
+schlugen, bildeten einen sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften
+Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund
+und rot wie eine Kirsche.
+</p>
+
+<p>
+Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie
+geistesabwesend an, weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst
+hatte, den sein Kunstgewissen ihm verursachte: ob seine
+sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione berechtigt
+seien oder gemein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, das ist schön&ldquo;, sagte die Malerin und sah ihm tief
+in die Augen. Er nickte eifrig. Ohne Übergang begann
+sie zu erzählen: von ihrem freien Leben, von Christus und
+Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle sie
+sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit.
+Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß
+ihre Mutter ein kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei
+und ihr Vater ein charakterloser Schwächling. &bdquo;Kommen
+Sie mit in mein Atelier. <em class="em">Sie</em> verstehen mich. Das fühle ich.
+In Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!&ldquo;
+Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden
+umher. Kastanienketten hingen an den Wänden, die mit
+Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen überzogene
+Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane,
+das einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand
+setzte sich darauf. Ohne erkennbaren Grund
+lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust heraus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
+Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid
+über den Kopf und stand vor Oldshatterhand in
+einem semmelgelben, blaugeblumten Überwurf aus dünner
+Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie
+lachte, und fragte ratlos: &bdquo;Tragen Sie kein Hemd?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den
+sitzenden Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne
+auseinander und drückte Oldshatterhands Kopf an ihren
+bloßen Leib.
+</p>
+
+<p>
+Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken
+herum, atmete, und sein Mund küßte. Plötzlich sah er die
+alte Brücke von Würzburg mit den zwölf Heiligen, drückte
+den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg und
+glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand
+Ekelgefühl und stand auf.
+</p>
+
+<p>
+In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen
+ihn an und hielt den Überwurf vorne zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. &bdquo;Ich muß nach
+Hause. Meine Wirtin und ich wollen zusammen die Möbel
+umstellen in meiner Kammer, weil&rsquo;s ein wenig eng da ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen
+vor; es war, als ob ein nackter Mensch vom heißen
+Sommer plötzlich in den Winter träte und angespannt und
+aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur
+Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und
+sagte, scharf pausierend: &bdquo;Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin!
+. . . und Nietzsche . . . Uns trifft die unsichtbare Faust
+der Welt . . . immerdar.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das
+Mädchen an.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
+Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß
+ihr kräftiger Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand
+lächelte, lachte, lachte laut, in großer Befreiung,
+wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich
+erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend &mdash; sah sich
+und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen
+sitzen und um die Wette krachende Äpfel essen.
+</p>
+
+<p>
+Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand
+immer wieder an das Mädchen im Spessart, sah sie zum
+Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das Kleid aus Rohleinwand
+an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen
+Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten
+Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr
+nicht bis zu den Knien reichte.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand
+mitten auf dem Waldsee; der Mond sank vom Himmel
+herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den Überwurf
+vorne auseinander und sank langsam und senkrecht
+ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf
+dem See lag. Die Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens
+an ihre Tür und fragte beim Weggehen die Portiersfrau,
+die den Hausflur kehrte, nach dem Mädchen.
+Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus
+gebracht worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb
+stehen, sah ihr zu und dachte angestrengt die Szene im
+Atelier zurück. &bdquo;Daran bin ich nicht schuld . . . Das kann
+doch nicht sein&ldquo;, sagte er für sich. Und die Frau meinte,
+die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor
+er ein Haus beträte.
+</p>
+
+<p>
+Langsam ging er fort. &bdquo;Ich muß die Möbel ja wirklich
+<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
+umstellen. Das Bett wird sonst schmutzig . . . Ich hab
+sie nicht angelogen.&ldquo; Er blieb stehen. &bdquo;Sonst wär ich
+doch nicht wiedergekommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin
+die Möbel um, so daß er beim Eintritt in die Kammer
+nur unterm Tisch durchkriechen mußte. Das Bett stand
+jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß Oldshatterhand
+nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen,
+und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit
+Frühstück kostete wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
+</p>
+
+<p>
+Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen
+Oldshatterhands tapeziert. Sonst stand nur das
+Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der alten, großen
+Pistole aus dem &bdquo;Zimmer&ldquo;, ein Totenschädel stand,
+der ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen
+Zähne fehlten. Auch von allen Wänden herunter lachte
+der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn Oldshatterhand
+in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem
+Gelächter erfüllt war.
+</p>
+
+<p>
+Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die
+Frau Vierkant regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er
+nur in kochendes Wasser zu legen und konnte sich noch
+einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie
+ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen
+Taler bei. Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand
+sich als Klinikdiener und von jenem Bildverkauf in
+Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig
+Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf
+Münchener Monaten schmal geworden. Er war jedoch
+überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig studieren
+könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben
+<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
+zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
+</p>
+
+<p>
+Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen
+war, sich beim Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an
+die Stirn gestoßen hatte, und er den Besuch dieser Dame
+noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß, die
+zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und
+vielleicht etwas komfortablere zu mieten.
+</p>
+
+<p>
+Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht
+wechseln lassen. Da ihm aber die Schwester wieder einen
+Taler in Aussicht gestellt hatte, rief er die Wirtin und
+sagte: &bdquo;Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am
+Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum
+Pfand.&ldquo; Er zeigte im Kreise herum und blickte die Frau
+voller Staunen an, weil sie wegwerfend sagte: &bdquo;Entweder
+Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die
+Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit
+der Wirtin, die ja doch nichts verstand. Und auch die
+junge Studentin ließ sich durch den komplizierten Eintritt
+in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé
+und sah gierig hinein. Alles darinnen schien ihm
+wunderschön zu sein. Die Polsterbänke waren mit rotem
+Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
+</p>
+
+<p>
+Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander
+gegenüber und starrten auf das Schachbrett. Neben den
+beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die
+hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche
+steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte.
+Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas.
+<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
+Sein Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand
+hörte das hohle Lachen des Zeichenlehrers:
+&bdquo;Ho! ho! ho!&ldquo;, der das leere Wasserglas aufs neue zum
+Kellner emporhielt.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die
+kühn in das Café eintraten, und erschrak, weil er einen
+Augenblick lang daran gedacht hatte, es auch zu wagen,
+in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen.
+Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten
+und sagen würde: bitte, was wollen denn Sie
+hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn unauffällig
+wieder hinausführen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken
+fielen und wurden sofort vom Straßenschmutz gefressen.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder
+stehen. Mitten aus dem Gästegewühl heraus fühlte er die
+Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht auf sich gerichtet
+und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein
+Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und
+Oldshatterhand hatte wieder das Gefühl, als berühre ihn
+ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften Fremden, der
+auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte &mdash; ich denke
+darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
+muß, noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr
+eine andere zur Frucht reifen darf. Den Fremden, auf
+dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr
+nach dem wilden Westen gewollt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der
+im Café saß, verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein.
+Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend und grausig,
+daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden
+<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
+Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen
+elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden
+einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten
+Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den
+Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor,
+warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken
+und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie
+hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend,
+krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand
+nicht verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell
+die Zigarette in den Mund zu stecken, um sofort
+wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden,
+zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe
+aufgestützt, reglos und blickten düster vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den
+Fremden zu, der einer blonden Dame zum Abschied die
+Hand küßte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Michael Vierkant&ldquo;, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand
+schlug die Augen fragend auf zu der schönen Dame,
+weil sie auch ihm die Hand zum Kusse reichte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und Sie wissen ja selbst&ldquo;, beendete die Dame das
+Gespräch, &bdquo;daß es gefährlich ist, sein Leben lang konsequent
+in einer Linie zu gehen. Denn nebenher und kreuz
+und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an manchen
+Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten
+der Irrsinn und der Untergang. Aber leben Sie wohl,
+bis dahin&ldquo;, schloß sie scherzend und ging.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
+</p>
+
+<p>
+Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll
+Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze
+<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
+um und hielt es gegen das Licht. Es glich in der Farbe
+genau seiner mit unzähligen violetten Äderchen besetzten,
+käsigen Gesichtshaut. Er goß die Preiselbeermilch in den
+Magen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des
+Lebens?&ldquo; fragte Oldshatterhand den Fremden, der ihn
+gerührt ansah, wie man eine Jugendphotographie von sich
+betrachtet.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im
+Leben, sonst komme man unter die Räder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich
+gedemütigt, weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß
+bedeutet. Danach zu fragen, brachte er nicht über sich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft&ldquo;,
+erklärte der Fremde; &bdquo;die Herrschaften, die feinen
+Damen, die da wohnen, wollen nur elegante, ganz
+leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer wieder:
+ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur
+die halten etwas aus, &mdash; bleibt konsequent und macht lieber
+bankerott, als leichte Schuhe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ah da!&ldquo; rief Oldshatterhand und sprach mit den
+Händen mit. &bdquo;Mechaniker Tritt arbeitet ein Vierteljahr
+lang an einem seiner elektrischen Türschlösser, auf die er
+stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein Schloß aber
+in einer Woche fertig haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht
+solle, meinte die Dame.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer
+wieder eine Frau mit Geld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
+&bdquo;Das ist ein Lebenskünstler.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler,
+sondern ein hundsgemeiner Lump.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler.
+Und wer keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt.
+. . . Es gibt unendlich viele, verschiedenartige Kreuze,
+und an allen hängen Menschen daran.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend
+sah er den Fremden an, denn er glaubte,
+sich selbst lachen zu hören. Der Fremde hatte das irrsinnige
+Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz
+nahe hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend,
+flüsterte er jetzt: &bdquo;Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer
+Einsamkeit. An diesem furchtbaren Kreuz hängt
+<em class="em">der</em> krummgenagelte Mensch, der nicht mehr rachsüchtig
+sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß,
+daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder
+nur ein armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man
+ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat,
+bis er ein bösartiges, gefährliches Tier wurde . . . Der
+Mensch, der das weiß und danach handelt, der hängt an
+dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, einsamsten
+Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er
+nicht zurückschlägt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist Jesus Christus&ldquo;, sagte Oldshatterhand ganz
+langsam.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Höre einmal, du.&ldquo; Der Fremde faßte Oldshatterhand
+an die Schulter; seine Stirne wurde tiefrot und sprang
+vor. &bdquo;Es gibt viele Christusse.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Nur einen hat&rsquo;s gegeben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
+&bdquo;Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt
+sie nicht. Will sie nicht kennen!&ldquo; Die Stirne des Fremden
+wurde sichtbar weiß; er richtete sich auf. &bdquo;Ober, sehen
+Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.&ldquo; Der Kellner
+eckte von Tisch zu Tisch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Laaaa&ldquo;, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete
+dabei langsam die Arme aus. &bdquo;G-Dur, verstehen
+Sie&ldquo;, schloß er brüllend.
+</p>
+
+<p>
+Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben
+dem Büfett. Nur manchmal gab er dem Ober mit dem
+Augenlid ein Zeichen. So saß er seit dreißig Jahren. Sein
+Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter seinen
+Augen sank faltenbildend übereinander.
+</p>
+
+<p>
+Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein
+Trupp neuer Gäste schob sich durchs Lokal.
+</p>
+
+<p>
+Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel
+stachen hervor; fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste
+auf einen langen Italiener zu, der eine Zeichnung hochhielt.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr
+den Kopf und sah wieder vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich kannte zwei Maler.&ldquo; Der Fremde saß bequem
+zurückgelehnt. &bdquo;Beide waren ganz arm, sehr begabt und
+ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine hat sich in Paris
+erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in Berlin
+&mdash; Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
+Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen
+stehen und das Gewehr präsentieren vor einem
+loyal dankenden Feldhasen in Generalsuniform . . . Dieser
+Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn er verdient
+mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird
+<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
+ein Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß
+schließt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto
+lenken.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Sie nicht&ldquo;, sagte der Fremde im selben Tonfall,
+in dem er damals auf der Höhe von Würzburg gesagt
+hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da erschieße ich mich lieber auch.&ldquo; Oldshatterhand
+warf den Kopf in den Nacken. &bdquo;Das glauben Sie nicht?
+. . . Da kennen Sie mich nicht&ldquo;, schloß er geringschätzig.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Doch, ich kenne . . . mich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.&ldquo; Oldshatterhands
+zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. &bdquo;Der
+Lehrer Mager hat mich einmal ins Gesicht geschlagen mit
+dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden lag. Weil ich
+meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten
+habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre,
+der Lehrer . . . hier an dem Tisch wenn er säße.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in
+dieser Stadt herum, weil es die Atmosphäre der Stadt
+anders nicht zuläßt . . . Der Katholizismus, die Klöster,
+Mönche und Priester, die engen Kurven der Gassen mit
+den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen,
+grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke
+springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen
+von Jugend an . . . So eine Stadt bringt Böse
+hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten
+mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig
+Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder
+. . . auch Künstler. Und Menschen wie den
+Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt,
+<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
+Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung auf dem
+Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&sbquo;Gemein&lsquo; habe ich nicht gesagt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht
+nur die Stadt, die Mitmenschen, die Bestimmungen der
+Schulbehörde den Herrn Mager zu so einem harten Lumpen
+gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür,
+daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt
+hat, an seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos
+und ganz unschuldig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Glauben Sie?&ldquo; fragte Oldshatterhand tief betroffen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt!&ldquo; brüllte da der Fremde entsetzt. &bdquo;Nein nein
+nein! Rächen Sie sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie!
+Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er am Boden liegt!&ldquo;
+Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
+scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde,
+schloß er, er lachte sogar, und es klang überzeugend: &bdquo;Das
+braucht Sie gar nicht zu kümmern, was ich da vom Leben
+und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe ich nur so
+gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren,
+den Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen:
+Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein Lump sind Sie!&ldquo;
+Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und
+als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . .
+ist das möblierte Zimmer!&ldquo; rief ein junger Herr, der allein
+Billard spielte, hartstimmig einem anderen zu. Er trug
+eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf gehalten
+und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm
+lang und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel.
+Oldshatterhand sah ihm schon eine Weile interessiert
+<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
+zu und fragte endlich, warum der Herr seine
+Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen
+Winter. Er hat ein Loch in der Hose.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager
+doch lieber . . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich
+ihn wieder einmal sehe auf der alten Brücke.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sooo?&ldquo; fragte der Fremde und sah erbleichend und
+starr auf Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete
+Ziffernblatt.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen
+Genuß und unterdrücktem Staunen den Gedanken des
+Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er durch das
+Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr
+von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich
+anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam
+ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre
+des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie
+früher eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von
+denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht
+lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern
+Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen
+mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen.
+Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er
+seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er,
+daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die
+Nacht dem Tage folgt. Mit seinen Nerven hatte er das
+Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, trennte
+von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als
+<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
+könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung
+überwältigen, wollte er sofort zurückgehen
+und sich mit Brust und Fäusten dagegen stemmen. Da
+nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit
+ins Gehirn. &mdash; Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der
+Lehrer Mager hat mich in der Schule monatelang gar
+nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse gesagt: von
+mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
+geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der
+Schreiber hat über mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat
+zehnmal mehr Charakter als ich. Immer waren alle kräftiger
+und geachteter als ich. Immer und überall war ich
+hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so
+einem schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und
+durch lächerlichen Kerl ein Künstler werden könne.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen
+blieben trocken.
+</p>
+
+<p>
+Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen,
+blieb er stehen, sah gedankenlos auf das große Bild
+in der Mitte, das eine Kreuzabnahme darstellte, wurde
+interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den Herrn
+neben sich am Ärmel. &bdquo;Das linke Bein ist viel zu lang.
+Sehen Sie? Sehr verzeichnet.&ldquo; Auf das betaute Fenster
+zeichnete er mit dem Finger &mdash; Schenkel, Knie und Wade.
+&bdquo;So muß das sein! So!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe
+ich den Fehler auch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nicht wahr!&ldquo; Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich
+auf, um zu kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
+</p>
+
+<p>
+Der Herr war kleiner.
+</p>
+
+<p>
+Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen
+<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
+Dame ins Gesicht und zog tief den Hut. Seine
+Augen glänzten. Er kannte die Dame gar nicht.
+</p>
+
+<p>
+Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der
+Akademie beginnen. &bdquo;Märchen&ldquo; war als Thema gegeben.
+Die mannshohe Leinwand stand schon in der Kammer.
+</p>
+
+<p>
+Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein
+Soldat, in Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte
+an den Wänden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber also und, also, das hast alles du gemalt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon
+gemeldet&ldquo;, sagte der König der Luft. &bdquo;Hab
+aber immer noch keinen Ballon zu sehen bekommen. Also
+was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham sie
+mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen
+. . . Also weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen,
+mit hinauffliegen, das gibt&rsquo;s überhaupt nit. Höchstens
+einen Strick dürfe man halten, von einem lumpigen Fesselballon,
+so groß wie ein Waschkessel. Also so eine Saubande.
+Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig
+dazu gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich
+gleich gehen, zurück in die Kasern. Sonst krieg ich Arrest.&ldquo;
+Er kroch unterm Tisch durch. &bdquo;Am Sonntag über acht
+Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän,
+der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und
+übernächsten Sonntag kommen sie alle nach München, weil
+der bleiche Kapitän ein Preisstemmen mitmacht in Nürnberg.
+Und also dann kommen sie auch nach München und
+besuchen dich. Und also auch mich.&ldquo; Der König der Luft
+deutete auf einen Mädchenakt. &bdquo;Lassen die sich so ohne
+Kleider anguck?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;. . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich
+schleunigst gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie
+kommen alle zu dir her. Und also ich komm auch daher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer
+gewesen wäre als ich? Es ist doch ganz gleich, ob ein
+Mensch einen Meter und siebzig oder einen Meter und
+sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht
+an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit
+nachläuft! Vielleicht das ganze Leben lang. Und man
+bekommts nicht los. Mancher bekommts nie los.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler.
+Grünwiesler klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest,
+in Lohr am Main, hocken müsse, bei seiner Tante, weil
+die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber kein Geld
+mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach
+München gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister
+in den Galerien zu studieren. Gerade jetzt, da er eine große
+Komposition begonnen habe, die er ohne Modell, das in
+dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, nicht beendigen
+könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz
+verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren
+in den Klauen der Pfaffen. Den ganzen Tag über
+hocke einer bei ihr, wenn sie nicht ihrerseits bei den Pfaffen
+oder in der Kirche sei. Er träume von Tonsuren und von
+Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe
+ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler,
+solle nur sechstausend Mark in Obligationen bekommen,
+<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
+nach dem Tode der Tante. Aber dann nütze ihm das Geld
+auch nichts mehr.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu
+haben, denn der Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen
+Nachsatz. &bdquo;&mdash; Ich habe die für mich bestimmten sechstausend
+Mark in Obligationen, die in der Truhe der Tante
+lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst,
+denn ich bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn
+sie entdeckt was ich getan habe. Ich bitte dich, bitte dich
+dringend, gib mir einen Rat. Was soll ich tun? Sende
+mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines Freundes
+sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus
+Grünwiesler.
+</p>
+
+<p>
+Sende mir diesen Brief umgehend zurück.&ldquo; Dieser Satz
+war auch mit Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt,
+hatte ihm gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm
+mit unendlicher Geduld die technischen Schwierigkeiten
+überwinden helfen und es Oldshatterhand ermöglicht, aus
+den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er vorwärts
+kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers
+Brief sehr erregt, schrieb Oldshatterhand einen
+langen, wirren Brief voller Hingabe und Begeisterung und
+schloß: &bdquo;Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem Revolver
+in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du
+mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er trug den Brief sofort zur Post.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in
+seine Kammer zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe.
+<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
+Der Entwurf wurde eine düstere, dunkle Gasse,
+mit unwirklicher Helligkeit darin.
+</p>
+
+<p>
+Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand
+hatte vergessen, ihn zurückzusenden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener
+Hauptbahnhofs und blickte hinaus in die blaue Helle, wo
+wie ein schwarzer Wurm der Nürnberger Zug gekrochen
+kam, in dem die Räuber saßen.
+</p>
+
+<p>
+Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der
+Brust gefaßten weißen Pikeekleid, lachte verwundert, weil
+die Erregung Oldshatterhands sich auch ihr mitteilte.
+Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen Rosenstrauß
+vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
+</p>
+
+<p>
+Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte
+aus. &bdquo;Tyrannei! Acht . . . Stunden . . . Tag . . . Die
+Ruh, die Republik!&ldquo; endete der Gesang der Räuber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho!&ldquo; rief der Schreiber aus dem Coupéfenster,
+und der bleiche Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher
+heraus. &bdquo;Den siebenunddreißigsten Preis hab ich!&ldquo;
+Die Fremden lächelten.
+</p>
+
+<p>
+Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron,
+und wurden ganz still, als ihnen die schöne Freundin
+Oldshatterhands die Hand reichte.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht:
+die Liebste des Schreibers, und Käthchen Schlauch, die
+Braut des bleichen Kapitäns. Ihr Hut war flach wie
+ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen geschmückt.
+Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen
+Zöpfe dreimal um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen
+standen etwas vor.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
+&bdquo;Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.&ldquo; Falkenauge
+sah empor zur Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten
+empor.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen
+einander zu, und jede zog einen zerknüllten Schleier hervor.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und wenn&rsquo;s jemand in Würzburg erfährt, daß ihr
+diese Fetzen getragen habt, dann ist der Teufel los, und
+die ganze Stadt sieht euch über die Nase an&ldquo;, schimpfte
+der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da geh mal her, Käthl&ldquo;, rief der Schreiber und band
+dem grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier
+fest am Tannenzapfenhut. &bdquo;So, Käthl, jetzt bist du eine
+feine Dame.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die wollen ins Hofbräuhaus&ldquo;, schmollte des Schreibers
+Liebste, &bdquo;ich will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte
+will ich sehen, alle Hutgeschäfte.&ldquo; Und mit
+einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt schloß
+sie: &bdquo;Ich bin doch Modistin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie standen noch immer auf dem Platz. &bdquo;Wo ist denn
+die große Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte
+ich ansehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das is jetzt Nebensache&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän
+zu seiner Braut. &bdquo;Aber daß hier die Leute genau so
+herumlaufen wie in Würzburg, das wundert mich. Ich
+hab gemeint, hier in München hätten sie alle Volkstrachten
+an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die
+hat einen alten Kartoffelsack an.&ldquo; Die Malerin in Sandalen
+und Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit
+Männerschritten weiter. Ihr langer, giftgrüner Schleier
+flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. Alle sahen
+ihr nach.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
+&bdquo;Hoppla!&ldquo; Im letzten Augenblick hatte der strahlende
+Oldshatterhand die Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die
+Kammer Oldshatterhands.
+</p>
+
+<p>
+An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein
+Männer- und ein Frauenakt. Die Mädchen sahen zum
+Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten herauf
+auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau
+schielten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Liesl, bist du auch so schön wie die&ldquo;, sagte der Schreiber
+in die Stille. Die Modistin wandte sich zornig um
+und kroch aufheulend zur Tür hinaus. Sofie Meinhalt
+ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte sich auch
+Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt
+doch, wie Mädli sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho!&ldquo; Der Schreiber war verlegen.
+</p>
+
+<p>
+Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich
+nach innen. &bdquo;Aber das hätt ich in meinem ganzen
+Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen malen kannst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit Kohle gezeichnet, was?&ldquo; fragte die Rote Wolke.
+&bdquo;Hast du&rsquo;s fixiert?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das hab ich mir gedacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber standen still um den Frauenakt herum.
+Sofie Meinhalt trat ein. &bdquo;Ihr müßt jetzt hinausgehen.
+Die Mädchen wollen sich waschen.&ldquo; Die Modistin wischte
+sich lächelnd die Tränen von den Augen.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und
+<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
+saßen auf den Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?&ldquo;
+fragte Oldshatterhand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem
+kannst nimmer verkehr. Was glaubst denn! Der steht
+am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . ein Vierröhrenbrunnensteher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ooooh!&ldquo; sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete
+den ganzen Tag fast nichts mehr.
+</p>
+
+<p>
+Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür
+auf und prallte zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien.
+&bdquo;Also und hoppla! . . . Also so eine Dummheit!&ldquo;
+Der König der Luft ging nach vorne und begrüßte
+die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war
+da. &bdquo;Also wie lang brauchen denn die Schneegäns noch.
+Bis zwölf Uhr hab ich nur Ausgang. Also da verreckst
+. . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr dazu?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm
+in Arm mit den Mädchen. Nach dem Essen wollten die
+Räuber Kaffee trinken.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé.
+Fräulein Schlauch hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
+</p>
+
+<p>
+Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst
+abwinkenden Infanterieleutnant zusammen und marschierte
+stramm an ihm vorbei, die genagelten Kanonenstiefel
+auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren erschrocken
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp
+<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
+in das Café, saßen still zusammengedrängt beim Fenster
+und blickten eine Weile betroffen auf die sonderbaren
+Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt lächeln, worauf
+alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß
+die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während
+der König der Luft die Räuber drohend anfunkelte
+und, das Kinn zur Tischplatte geduckt, zum Offizier hinwies,
+der jedoch ruhig in seiner Zeitung weiterlas.
+</p>
+
+<p>
+Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang
+und schmal am Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge
+Malerin, die nebenan auf der Polsterbank halb lag und
+durch die Nase rauchte.
+</p>
+
+<p>
+Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener
+Semmel dem bleichen Kapitän, der staunend den
+Kopf schüttelte und sie verächtlich wieder zurücklegte ins
+Körbchen. &bdquo;Davon verzehr ich dreißig Stück und weiß
+dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der
+seine Freunde vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden.
+Der Fremde setzte sich an den Tisch dazu.
+</p>
+
+<p>
+Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes
+Mädchen in einem Kamelhaarsweater, barfüßig
+in Sandalen, das auf die Malerin zukam, gefolgt von
+einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in
+einem Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel
+fiel ihm bis zu den Füßen und war vorne mit einer Sicherheitsnadel
+zugesteckt. Der Lange hielt die schmalen Schultern
+so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar verschwanden,
+und trug eine große Rundgläserbrille mit
+<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
+Kautschuk gefaßt. Neben dem König der Luft fiel er
+apathisch auf die Polsterbank.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben,
+wem ich will&ldquo;, rief erregt das weißblonde Mädchen.
+&bdquo;Mein Vater ist ein Trottel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht
+lief blaurot an. Seine Augen glotzten vor Anstrengung.
+Er hielt die Faust auf den Mund gepreßt, pfutzte. Und
+lachte endlich krachend los.
+</p>
+
+<p>
+Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den
+Schreiber, sah erst interessiert dem Totlaufen der Billardkugel
+zu, und richtete sich streng auf. &bdquo;Bitte sehr! Sie
+sind hier nicht in einer Menagerie!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, wart bis der Leutnant fort is.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken&ldquo;, wandte
+sich der bleiche Kapitän an den Fremden, &bdquo;aber wenn das
+Knochengerüst dort schreit: Menagerie! &mdash; da sagen Sie
+einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das Kreuz einschlagen
+soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt:
+&sbquo;mein Vater ist ein Trottel&lsquo;, kriegt sie eine Maulschelle.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den
+Leib und wandte sich seinen Freunden zu: &bdquo;Wissen Sie,
+daß es in Süddeutschland gärt? Im Westen. Der Osten
+rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime Verbindung.
+Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber
+fluidisch kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen
+Fäden in der Hand! Ich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe;
+ihre Augen öffneten sich starr. &bdquo;Ich denke in
+<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
+Oktaven &mdash; ganz schnell! ganz schnell! bis zurück, da ich
+ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine Mutter durch den
+Sommergarten gehen&ldquo;, flüsterte sie, &bdquo;und mein weißes
+Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich
+drei Jahre alt.&ldquo; Sie wachte auf. Der Lange strich ihr
+beruhigend-zärtlich über die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Der Leutnant verließ das Café.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre
+an. &bdquo;Sind Sie schon oft mit hinaufgeflogen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.&ldquo; Er
+stand auf, streckte das Bein wagerecht aus und begann
+den Kanonenstiefel zu kreisen. &bdquo;Also seit fünf Wochen
+Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was
+man kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann
+steht man und gafft die Kasernenhofmauern an . . . Oder
+Kopfrollen.&ldquo; Der König der Luft rollte den Kopf. Die
+Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein
+Trumm Fleisch. Und Kartoffeln, soviel man will . . .
+Alles was recht ist . . . Aber also und, was machen wir
+denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?&ldquo; Alle
+blickten auf den Billardspieler.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen
+wollen, müssen wir aber sofort gehen&ldquo;, sagte der Fremde
+und stand auf.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch
+und die Liebste des Schreibers in ein Hotel gebracht.
+Die Räuber verabschiedeten sich vor der Tür: sie schliefen
+in einem anderen Hotel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
+Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz
+bevor der Zug nach Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand.
+Er war verlegen. &bdquo;Weißt du denn eigentlich,
+daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken
+bin?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie meinst du das? Siebzehnter?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von
+Unterfranken und Aschaffenburg.&ldquo; Er entkleidete sich.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän.
+Die Beine waren ein wenig zu lang, ein wenig
+zu dünn, und ein wenig O-geformt, und schienen den kolossalen
+Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum
+tragen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht
+mehr Oldshatterhand &mdash; sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand
+bestimmt und mit einem neuartigen Lächeln
+im Gesicht: &bdquo;Du mußt der erststärkste Mann von Unterfranken
+werden&ldquo;, und empfand erschauernd die Distanz
+zwischen dem nackten Jüngling und sich.
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus
+Würzburg. Der bleiche Kapitän war der fünfzehnte
+Meisterschaftsathlet von Unterfranken und Aschaffenburg
+geworden.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt
+zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand
+in der Kammer und rezitierte den Faustmonolog.
+Denn noch am selbigen Tage wollte er zu Konrad Drauer
+gehen und ihm vorsprechen.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen
+Garten. Seine Lippen bewegten sich. Er blieb stehen,
+<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
+rezitierte laut und agierte mit den Armen. Freude und
+Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine Jugendjahre so
+gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur,
+Theobald Kletterer ist da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler
+vor dem Hause stehen sehen. Er kann jetzt
+keinen Besuch empfangen. Hat keine Zeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . .
+Ich bin extra von Würzburg mit hierhergefahren. Es
+ist eine Entscheidung fürs ganze Leben.&ldquo; Er hob die Arme.
+</p>
+
+<p>
+Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ
+die Rote Wolke eintreten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer.
+Theobald Kletterer aus Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, und?&ldquo; Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt,
+hob die Augenbrauen und sah auf die Uhr.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie
+gottbegnadeter Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten
+Muse . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie sind Gärtner? Nicht wahr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen,
+Herr Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es
+besser machen kann als ich.&ldquo; Hingegeben stieß er die
+Arme nach rückwärts und begann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch
+einmal . . . vor fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen
+genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. &bdquo;Ich bin aus
+Würzburg.&ldquo; Und begann von neuem.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
+Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen
+Zigarre ab und faßte die Rote Wolke am Rockknopf. &bdquo;Sie
+sind zu klein für die Bühne. Viel zu klein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Mund stand offen, rund und schwarz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn
+als Gärtner?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen,
+das ich einmal erben soll.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie
+mir, das ist ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben
+Sie Gärtner. Sie haben Ihr Auskommen. Hunderte
+Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist ein
+Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner
+eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine
+Zeit mehr. Grüß Gott.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog
+die Uhr. Und begann zu rennen. In zwanzig Minuten
+ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete stärker, mit
+Frühjahrshagel vermischt.
+</p>
+
+<p>
+Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß
+der Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé
+steigen, worauf der Zug sich in Bewegung setzte. Und die
+Rote Wolke wußte nicht, ob der salzige Geschmack auf der
+Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen kam.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-9">
+<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
+Neuntes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">O</span>ldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe
+auf dem Kirchplatz von Basel und sahen hinunter
+auf die Stadt und den Rhein.
+</p>
+
+<p>
+Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß
+sehr schnell, vom schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben,
+über den reißenden Strom.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und
+Maler den Deutschen dargestellt haben&ldquo;, sagte der Fremde
+in Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf
+dem Würzburger &sbquo;Käppele&lsquo;. Nur ist dort alles kleiner.
+Der Rhein sieht gefährlich aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Main ist lieblich,&ldquo; sagte der Fremde. Er hatte
+Oldshatterhand zu einer Italienreise eingeladen.
+</p>
+
+<p>
+Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem
+Kirchplatz hatten schon braune, harzglänzende Knospen.
+Zusammengesunkener Altschnee lag noch in den Ecken.
+Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
+</p>
+
+<p>
+Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt
+hinein.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Gott ist überall!&ldquo; rief der Pastor und schlug auf die
+Kanzel. &bdquo;Gehet hinaus in die Natur, und ihr werdet
+Gott schauen. Im Wald, in den Wiesen, im Bach, in
+den Blümlein, im Gestein.&ldquo; Seine Stimme war leiser
+<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
+und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: &bdquo;Aber
+auch zu mir müßt ihr kommen! Denn ich kann euch mit
+Gottes Hilfe den Bach und Wiesen zeigen und Blumen,
+auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . Kommet!
+In der Natur ist Gott!&ldquo; Der Pastor schlug die
+Bibel auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,&ldquo;
+sagte Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf
+dem Kirchplatz standen. &bdquo;Ganz, ganz anders . . . Der
+Pastor hat schöne Dinge gesagt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der
+Morgendunst. Den beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen
+und schwarzen Häuserflächen entgegen.
+Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Meer!&ldquo; rief Oldshatterhand und schnellte mit
+einem Satz zum Fenster.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, das ist nur ein See.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nicht das Meer?&ldquo; So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand
+noch nicht gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler
+wurden enger. Vom Wagenfenster weg stieg die nasse
+Felswand senkrecht empor.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in
+die Nacht. Die Luft im Tunnel war muffig vom alten
+Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand unwahrscheinlich
+lang vor, viel länger als die vorherigen. Da
+wurde es heller &mdash; und hell, und der Zug sauste mitten in
+den Frühling hinein. Kein Schnee mehr. Blumen standen
+im Geleisegraben, und an den dunkelfelsigen Abhängen
+blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts
+<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
+stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher,
+und verschwand im weißen Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften
+Frühlings wegen froh war und seine Freude
+nicht verbergen konnte, und sah auf die fremden, italienischen
+Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und zerfallend.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter
+der Durchgangstür und sang den Gästen der zweiten
+und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in Schweiß und
+sammelte dann.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter
+Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen
+sehen. Der sah genau so aus wie dieser
+Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und sammelte.
+Sprach aber selten ein Wort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren.
+Kleine Italiener, Knaben und Mädchen, rannten barfuß
+auf dem mit Schuttsteinen bedeckten Bahndamm neben
+dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die
+Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu
+erhaschen.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller,
+achteten die von den spitzen Steinen verursachten Schmerzen
+nicht, und schleuderten ihre Blumensträußchen, schon
+ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. Da
+flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und
+bildeten einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste
+und Füße, als der Zug schon verschwunden war.
+</p>
+
+<p>
+Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was ist das?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
+&bdquo;Das Meer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Meer?&ldquo; Betroffen blickte Oldshatterhand auf
+den drohenden, grünen Wasserstreifen, der so schmal war,
+daß er manchmal von den flatternden Hemden und Windeln,
+die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
+schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens
+machte Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt
+und gespreizt in die Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand
+zum Meer.
+</p>
+
+<p>
+Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg
+hinunter, bis zum schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne
+die mächtige, weiße Stadt Genua.
+</p>
+
+<p>
+Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen
+unterm Arm schritt auf dem Perron am staubigen
+Zug entlang und sang: &bdquo;Co . . . rri . . . ere Della Sera.
+Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das klingt wie ein schönes Lied&ldquo;, sagte Oldshatterhand
+und lächelte, weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich
+vorgebeugt standen und mit dem Zeigefinger auf ihre
+Brust deuteten: &bdquo;Si Signore? Si Signore? . . .&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von
+einem rot und weiß gestreiften Riesensonnenschirm, durch
+die vom Korso belebte Hauptstraße, bis zu einem der alten
+Paläste.
+</p>
+
+<p>
+Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der
+Decke hängende große Ampel schon brannte, obwohl es
+noch hell war, reichte der Portier dem Fremden ein Telegramm.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
+&bdquo;Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach
+Spanien. Zu meinem Freund.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem
+Koch und dem Portier war Oldshatterhand allein im
+stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen Salon, und
+an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
+Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal
+hörte er den Schlüsselbund klingen und verklingen.
+</p>
+
+<p>
+Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume.
+Und die Sirenen erklangen unaufhörlich
+im nahen Hafen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er
+Lust habe. Den ganzen Sommer über, auch wenn der
+Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
+</p>
+
+<p>
+Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der
+Taurolle im sonnigen Hafen. Neben ihm saß wieder
+reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren an
+der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer
+hinaus, in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab
+ihm eine Zigarette.
+</p>
+
+<p>
+Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen
+den Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich
+und schnell wie Wasserinsekten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und
+Bettstücken. Die Männer warteten und rauchten. Einer
+zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine Orangenschale,
+die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine
+junge Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige
+Großvater döste vor sich hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern
+mit schönen gelben Koffern gefolgt, hasteten
+zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen
+<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
+und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm
+aus der Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke,
+welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen
+wurde. Die Auswanderer, in einen bunten Saum von
+Not und Hoffnung zusammengedrängt, blickten vom untersten
+Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
+Zurückbleibenden.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit
+dem Schiffskoloß, der schwerfällig zu schaukeln begann
+und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau sich straffte.
+Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte
+und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar
+vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen
+durch, während die Auswanderer reglos standen
+und auf das allmählich entgleitende Hafenbild zurückblickten,
+bis sie nichts mehr unterscheiden konnten.
+</p>
+
+<p>
+Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand
+seine Augen endlich von den fernen Rauchfladen
+des ausgefahrenen Dampfers losriß und neben
+sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte.
+Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles
+Loch zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen,
+Obstabfälle, ein Weidenkorb schaukelten auf der
+schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger
+saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm.
+Wie in seiner Kinderzeit hatte ihn unvermittelt schwere
+Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht kannte. Etwas
+Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die
+Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer
+<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
+über die alte Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine
+Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er empfand
+den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser
+sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper
+vom Wasser weg und schwankte zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den
+Salon, lächelte und gab Oldshatterhand einen Brief.
+&bdquo;Una lettera, Signore.&ldquo; Sie zündete die drei Kerzen
+im Standleuchter an, lächelte und ging.
+</p>
+
+<p>
+Franziskus Grünwiesler schrieb &mdash; er habe sich nach
+Oldshatterhands Rat vor seine Tante hingestellt, mit dem
+Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du mich anzeigst,
+erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen,
+ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn
+je in Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung
+lebe, plötzlich verhaftet zu werden. Oldshatterhand
+solle um der treuen Freundschaft willen, die sie miteinander
+verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit
+er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und
+beraten könne, was zu tun sei. Er möchte am liebsten von
+den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen, irgendwo
+in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand
+zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er
+nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden
+zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek
+kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. &bdquo;Ich bitte
+Dich, verbrenne diesen Brief sofort.&ldquo; Dieser Satz war
+unterstrichen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erschieße ich mich . . . <em class="em">vor deinen Augen</em>, habe
+ich geschrieben&ldquo;, sagte Oldshatterhand langsam. Und zu
+dem Druck, der während des Lesens immer beklemmender
+<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
+sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber
+den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse
+noch einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein,
+wurde ruhiger und sagte im stillen zu sich und Grünwiesler:
+&bdquo;Schließlich darf eben doch kein Mensch, wer er auch
+sei, einem andern etwas wegnehmen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber schon während er packte, entschwand ihm das
+klare Bewußtsein wieder &mdash; weshalb ein Mensch dem anderen
+nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein
+Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar
+Fetzen ohne jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
+</p>
+
+<p>
+Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er
+den ganzen Sommer lang hatte bleiben wollen.
+</p>
+
+<p>
+Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit
+dem Klopfen seines Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz
+auf die andere Seite des Lebens hinüber, und er schloß
+seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben
+auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet.
+Napoleon schritt über hunderttausend Leichen weg auf
+sein Ziel los. &bdquo;Und ich bin vielleicht noch größer als
+Napoleon!&ldquo; rief er in steigender Begeisterung und legte
+beide Hände in die Hüften.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Niente Napoleone&ldquo;, erwiderte ein alter Italiener
+und deutete auf ein graues Schloß, &bdquo;una castello Genova.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän
+gesagt hatte: Kraft ist die Hauptsache auf der Welt! und
+lächelte bei dem Gedanken &mdash; daß des bleichen Kapitäns
+Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
+</p>
+
+<p>
+Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand
+sich als Klinikdiener erspart hatte, um, wie er glaubte,
+<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
+damit ein berühmter Maler werden zu können, hatte gerade
+noch für die Rückfahrkarte gereicht.
+</p>
+
+<p>
+Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag
+in München an. Da lag Neuschnee. Und auf der Fahrstraße
+spritzte das schmutzige Schneewasser hoch, als Oldshatterhand
+sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen
+Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der
+Taurolle neben dem alten Neger sitzen, roch er die
+Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens von
+Genua.
+</p>
+
+<p>
+Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus
+und ging sofort in die Alte Pinakothek.
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der
+Susanna von van Dyck und äugte angestrengt auf seine
+Kopie und zurück aufs Original, sah auf und stierte erschrocken
+Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal
+Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie
+sein Freund Immermann, was Oldshatterhand erstaunt
+beobachtete. Dann erst stieg Grünwiesler von der Leiter
+herunter und hieb, in sich hineinkichernd, Oldshatterhand
+die Hand auf die Schulter: &bdquo;Da bist du ja. Das war
+lieb von dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem
+Lippenverziehen Grünwieslers nach und fühlte einen
+Knoten in seiner Brust. &bdquo;Die Stirn ist zu hoch&ldquo;, sagte er
+und deutete auf die Kopie.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meinst du?&ldquo; Er verglich. &bdquo;Du hast recht.&ldquo; Und stieg
+wieder auf die Leiter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler
+entdeckt hatte. &bdquo;Wollen wir nicht fortgehen? Hier können
+wir ja nicht sprechen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
+&bdquo;Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er
+kopiert hinten im Murillosaal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den können wir doch jetzt nicht brauchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah
+Oldshatterhand mit seinem Kanarienvogelblick an. &bdquo;Ich
+hab&rsquo;s ihm versprochen. Er ist ein guter Kerl. Ich hole
+ihn gleich. Warte ein bißchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah
+auf die Susanna von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der
+Druck war wieder da.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte
+aufgeworfene Lippen, eine Stülpnase, und seine hohe
+Stirne war trotz der vielen Falten ausdruckslos, wie die
+eines unheilbar Verblödeten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt gehen wir essen&ldquo;, sagte Grünwiesler und lachte
+fröhlich. Und auf der Straße sagte er: &bdquo;Jetzt, was meinst
+du eigentlich zu der ganzen Sache? . . . Wo soll das Häuschen
+stehen? Im Spessart?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in
+der Mitte ging, die Augenbrauen in die Höhe zog und
+beiden die Hand auf die Schulter legte. So gingen sie
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde lustig. &bdquo;Wir lassen das alte
+Häuschen ganz umbauen, machen eine Lambrie aus
+braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer herum, und
+darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und Zinngeschirr
+. . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei
+sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn
+Geld zu einem Haus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich
+<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
+ein Häuschen kaufen will . . . Es kommt nur darauf an,
+ob man das Recht dazu hat.&ldquo; Oldshatterhand lachte
+siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein und
+drückte Oldshatterhand die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben.
+Das können Sie nicht verstehen.&ldquo; Oldshatterhand reckte
+sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. &bdquo;Jetzt essen
+wir, und dann wollen wir weiter sehen . . . Ich habe aber
+gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen kaufen
+zu können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. &bdquo;Du
+bist eingeladen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende
+Studenten saßen, und setzten sich an einen runden Tisch
+mitten ins Lokal.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig;
+Oldshatterhand hatte keinen Appetit, suchte immer
+noch auf der Speisekarte und bestellte eine Hummermayonnaise.
+Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. Grünwiesler
+sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal
+arbeiten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du und ich, wir halten zusammen&ldquo;, erwiderte Grünwiesler
+und hieb Oldshatterhand die Hand auf die
+Schulter.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle
+Ausstellungen schicken. Kopieren darfst du nicht mehr so
+viel. Das ist doch nicht das Richtige. Kopieren kann
+jeder.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
+Er schob die Hummermayonnaise zurück. &bdquo;Ich hab
+keinen Appetit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie
+plötzlich: &bdquo;Jetzt halt ich&rsquo;s nicht mehr aus! . . . Meinst du
+denn wirklich, ich hätte meiner Tante ihre sechstausend
+Mark gestohlen!&ldquo; Er starrte Oldshatterhand an.
+</p>
+
+<p>
+Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler
+Luft ausgefüllt zu sein bis zum Gaumen. &bdquo;Du hast die
+sechstausend Mark nicht? . . . Warum hast du mir denn
+dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts
+wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch
+auf der Gabel und starrte Oldshatterhand
+immer noch an. &bdquo;Ich wollte eben erfahren, was du mir
+darauf antwortest. Verstehst du?&ldquo; Er lachte und sah
+Bratmund an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen
+lassen, damit ich dir helfe? Das hättest du doch
+dann nicht zu tun brauchen . . . Ich wohnte in einem
+Palast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir
+einmal sagen, was <em class="em">du</em> nicht hättest tun dürfen . . . Du
+hattest neunzig Mark, und hast mir den ganzen Sommer
+über im Spessart nichts davon gesagt und dich von mir
+erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich
+Esel glaubte, du wärst mein Freund.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich bin kein ganz gemeiner Kerl&ldquo;, flüsterte Oldshatterhand.
+&bdquo;Ich wollte doch mit den neunzig Mark Maler
+werden. Wer hat&rsquo;s dir denn gesagt, daß ich neunzig
+Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein
+Bild verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
+&bdquo;Ich will dir einmal etwas sagen.&ldquo; Grünwiesler schob
+den Goulaschbrocken in den Mund. &bdquo;Wenn nicht einmal
+deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, dann . . . na
+weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark
+eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz
+verheult zu Immermann gelaufen und erzählte ihm, was
+du für ein gemeines Bürschchen bist, weil du einen Haufen
+Geld hast, während sie und dein Vater sich vor Sorgen
+nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin
+endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du&rsquo;s.
+Und jetzt verschwinde.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden
+mit den neunzig Mark . . . Ich verdiene doch später
+viel Geld und gebe dir alles zurück. Warum hast du mir
+denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das
+Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast,
+und daß ich dir raten und helfen soll. Und warum hast du
+mich von Italien zurückgerufen. Sag mir doch. Bist du
+denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn jetzt sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das wirst du schon sehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; Du hast mich angezeigt&ldquo;, flüsterten Oldshatterhands
+weiße Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an,
+der lächelnd auf seinen Teller blickte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien
+verhaftet werden? Nein. Aber hier in München. Deinen
+feinen Brief und deine Photographie hat der Staatsanwalt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit
+ich verhaftet werden kann? . . . Das alles hat Immermann
+sich ausgedacht. So gemein ist außer ihm kein
+Mensch&ldquo;, sagte Oldshatterhand langsam.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
+&bdquo;Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger
+Freund. Aber du hast geglaubt, ich sei ein Tölpel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und
+ging langsam durch das Lokal und hinaus. Der Dienstmann
+davor hob die Hand zur Mütze.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder
+Grünwiesler noch Immermann hassen, denn es fehlte ihm
+dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft war ihm entzweigeschnitten
+worden. Er atmete mühsam durch den weit
+offenen Mund. &bdquo;He?&ldquo; fragten seine schlaffen Lippen bei
+seinem vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam
+den Kopf &mdash; er wisse nichts.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in
+der Brust, litt nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war
+niedergeschlagen. Mit den Fingernägeln versuchte er, sich
+in die Wange zu zwicken, und hatte nicht so viel Kraft,
+Schmerz zu erzeugen. &bdquo;Frieren wäre wunderbar&ldquo;, dachte
+er und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den
+Anlagen. Es war sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und
+Weste, schloß die Augen und blieb reglos hocken.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand,
+daß er seine Fußzehen und später die Beine bis über
+die Knie herauf vor Kälte nicht mehr fühlte. Er genoß,
+wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich nicht
+und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände
+hinunter. Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß.
+Und er glaubte, da jetzt sein ganzer Körper vor Kälte leblos
+war, daß die heiße Stelle in ihm seine Seele sei. Während
+sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, beobachtete
+er seine immer heißer werdende Seele &mdash; beobachtete
+er das Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das
+<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
+Fieber einen Hitzeschauer abstieß, der ihm durch den ganzen
+Körper flog.
+</p>
+
+<p>
+Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand
+er auf und stampfte rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste
+in die Luft. Immer wilder werdend, tanzte er stampfend
+im Kreise herum.
+</p>
+
+<p>
+Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte
+lautlos in sich hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte
+seine Kleider zu und ging in der Richtung nach seiner
+Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter seinem
+Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen
+seinen Sitz hat. Er sah die Gassen und Kirchtürme von
+Würzburg. &sbquo;Es wird in den Würzburger Zeitungen
+stehen&lsquo;. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit zurück.
+&bdquo;Ruhig!&ldquo; brüllte der Vater und stieß die Zeitung
+vom Tisch. Die Räuber lächelten verlegen und drückten
+sich an ihm vorbei. &mdash; Der kann jetzt mit der Kriechenden
+Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er den
+Schreiber sagen. &bdquo;Ich? Vierröhrenbrunnensteher?&ldquo;
+schrie Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt
+bei seinem Vater, durch den abendlichen Wald
+marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. Der
+ganze Verein pfiff: &bdquo;Wenn die Schwalben wiederkommen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand
+weiter und pfiff gedankenlos &bdquo;Wenn die
+Schwalben wiederkommen&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die wer&rsquo;n schau&rsquo;n!&ldquo; schrie ein Bäckerjunge mit einem
+Henkelkorb. Oldshatterhand schrak zusammen, zog
+die Schultern in die Höhe und eilte, mit seinen Gedanken
+<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
+in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch
+unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.
+</p>
+
+<p>
+Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett
+und dachte. Wollte an seine plötzliche Einsamkeit nicht
+glauben und führte Gespräche mit Grünwiesler.
+</p>
+
+<p>
+Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte
+und er den Satz las: In Sachen Franziskus Grünwiesler
+erhebt die Staatsanwaltschaft von München Klage
+gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung
+zu räuberischer Erpressung.
+</p>
+
+<p>
+Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück
+vor dem Tageslicht. Ganz langsam ging er weiter, sah an
+den Häusern hinauf. Eine Frau schrie aus dem vierten
+Stock herunter: &bdquo;Hansl! Ha &mdash; &mdash; nsl!&ldquo; Er beobachtete
+den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu
+seiner Mutter in die Höhe blickte und ins Haus trippelte.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Marroni! Heiße Marroni!&ldquo; lud ein italienischer
+Straßenverkäufer ein und hob den Zeigefinger. &bdquo;Feine
+Marroni! Fünf Pfennig!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete
+den Schutzmann. &bdquo;Si si, Signore.&ldquo; Der Schutzmann
+ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand weiter, versuchte
+die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich vorsichtig
+um und ließ sie in den Schnee fallen.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen
+schnurrbärtigen Mann in schwarzem Überzieher, der auf
+seinen Spazierstock mit Stahlspitze hüftlings gestützt stand,
+auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand hinüberblickte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter&ldquo;, flüsterte
+<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
+Oldshatterhand, und sein Herz stand still. &bdquo;Gerade weil
+er so unauffällig aussieht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster,
+in dessen Spiegelglas er den Mann sehen konnte,
+der schräg über die Straße schritt, in der Richtung auf
+Oldshatterhand zu.
+</p>
+
+<p>
+Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig
+weiter, nicht zu schnell, bis an die Ecke, und begann
+zu rennen.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann stieg in die Elektrische.
+</p>
+
+<p>
+Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer
+vom Würzburger Sanderrasen ein; da zwang er
+sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust hochgenommenen
+Armen.
+</p>
+
+<p>
+Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag
+ein zweiter Brief. Eine Vorladung ins Justizgebäude,
+Zimmer Nr. 86.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem
+Türschild.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich heiße Michael Vierkant.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand
+auf, wies auf einen Stuhl am Schreibtisch, setzte sich
+dazu, legte einen Maßstab auf die Aktenmappe, nahm ihn
+wieder weg, blätterte. &bdquo;Sie haben da einen Brief geschrieben.
+Einen recht leichtsinnigen Brief.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden,
+und nur die Überlegung &mdash; er würde vielleicht
+sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln und wieder den
+Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?&ldquo; Der
+<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
+Arzt beobachtete Oldshatterhand unmerklich und scharf,
+und es schien, wie wenn er etwas ganz anderes in Erfahrung
+bringen wolle, als das, wonach er fragte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Maler Immermann steckt dahinter&ldquo;, begann Oldshatterhand
+und machte eine Handbewegung um den Arzt
+herum in die Zimmerecke. &bdquo;Sehen Sie, Herr Doktor,
+Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes
+Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte
+es dem Bürgermeister, einem alten Bauern. Der nahm
+das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging
+damit in die schattige Zimmerecke &mdash; aber die Sonne auf
+dem Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und
+so, bis ihm Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen
+ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht
+begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das
+Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte,
+solle die sechstausend Mark bekommen.&ldquo; Oldshatterhand
+schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah,
+daß des Arztes linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen
+zuckte. Er hätte nicht sagen können, weshalb ihm dieses
+Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das Zucken.
+&bdquo;Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen
+. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf
+zur Seite . . . So, dachte ich mir, stellt er sich vor seine
+Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich
+mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann
+diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich
+unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von
+Anfang an wahr gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich
+erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an . . .
+<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
+Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann
+und sagt: so und so &mdash; und Grünwiesler ist auf einmal
+ein schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht.
+Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger
+Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann
+nicht so und so gesagt hätte . . . Das denke ich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend
+sagte er: &bdquo;Ich glaubte, ich würde etwas von dem
+Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark.&ldquo; Und er hatte
+dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über
+einen Abgrund zu laufen.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus
+der Aktenmappe hervor. &bdquo;Warum haben Sie denn dem
+Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. &bdquo;. . . Hat
+er also wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler
+bat mich in dem Brief, ich solle ihm mein Bild senden;
+er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes sehen
+. . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben.
+Jetzt sagen Sie einmal selbst&ldquo;, schloß er langsam.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;<em class="em">Sie</em> haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten,
+er solle seiner Tante die sechstausend Mark wegnehmen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand sprang auf. &bdquo;Ich? . . . Ah!&ldquo; rief er
+langgezogen und wühlte in seinen Taschen nach dem Brief
+Grünwieslers. &bdquo;Hier! Sehen Sie! Hier können Sie&rsquo;s
+lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst:
+Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und
+lebe in schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß
+an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein lebenslänglicher
+Freund . . . Und dann hat <em class="em">er mich</em> angezeigt.
+<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
+Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift
+geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich
+solle ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann
+hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen, den
+Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern,
+wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel.
+Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar unordentlich.
+Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.&ldquo; Oldshatterhand
+glühte. &bdquo;Und den zweiten Brief, hat er geschrieben,
+soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das
+gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich verbrannt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt
+haben, ist sehr unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren
+Brief auch so lesen: Wenn Du mich anzeigst, erschieße
+ich <em class="em">Dich</em>.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mich! Mich! heißt es natürlich&ldquo;, rief Oldshatterhand
+und lachte sein irrsinniges Lachen &bdquo;. . . Erschieße ich
+<em class="em">dich</em>? . . . <em class="em">Vor deinen Augen</em>? . . . Das geht ja
+gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen Augen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auch so, auch so ist&rsquo;s schlimm&ldquo;, meinte der Arzt, und
+es klang, wie wenn er gesagt hätte &mdash; Grünwiesler ist ein
+Lump, aber Sie werden bestraft. Der Arzt spielte mit
+dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte Drei- und
+Vierecke &mdash; einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt
+auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur
+Tür. Ganz plötzlich saß die Last wieder über seinem Herzen.
+&bdquo;Und dann &mdash; es war ja auch so furchtbar, daß ich die
+Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu&ldquo;, sagte
+er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den
+Blick suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren.
+<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
+Eine Tür wurde aufgerissen, ein Diener trat heraus,
+schnell, riß die Tür zu und schloß sie ganz leise. Oldshatterhand
+schlug Goulaschgeruch in die Nase. &bdquo;Letzter
+Hieb&ldquo;, sagte er.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie?&ldquo; fragte der Diener.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Granat!&ldquo; rief eine Männerstimme. Der Diener
+schnellte herum und ging wieder ins Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem
+Fahrrad mit neunziger Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren
+ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.
+</p>
+
+<p>
+Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck,
+zu einem Galgen . . . Man müßte einen Zirkel konstruieren,
+mit dem man Ovale ziehen kann. Einen Ovalzirkel.
+Das wäre eine Erfindung&ldquo;, dachte Oldshatterhand;
+er stand noch immer an der selben Stelle.
+</p>
+
+<p>
+Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer
+und schloß die Tür leise.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da wurden früher die Verbrecher gehängt &mdash; an den
+Galgen. Auf dem Letzten Hieb . . . Erschieße ich <em class="em">dich</em>?
+Was! Nein! Erschieße ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben&ldquo;,
+schrie er und stürzte mit ein paar Sprüngen
+zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall
+ins Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. &bdquo;Erschieße
+ich <em class="em">mich</em>! Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße
+<em class="em">mich</em>!&ldquo; rief er drohend und schloß, sich dabei aufrichtend,
+die Tür.
+</p>
+
+<p>
+Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn
+ein Gerichtsdiener ein und führte ihn zum Arzt zurück.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
+Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie
+Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines
+Kindes ansieht. &bdquo;Würden Sie noch einmal so einen
+Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein bißchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend
+zur Zimmerdecke in die Höhe und dann auf den Arzt.
+&bdquo;Das weiß ich nicht&ldquo;, sagte er gedehnt. &bdquo;Man tut mir
+unrecht. Aber daß man mir unrecht tut&ldquo;, schloß er mit
+zuckenden Lippen und lächelnd, &bdquo;das halte ich aus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still
+und aufmerksam an und spielte mit der Photographie,
+stellte sie auf, betrachtete sie, ließ sie umfallen. Während
+dieser Stille dachte Oldshatterhand daran zurück, daß er
+als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und
+davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und
+sich den Schlag ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte
+zum Arzt: &bdquo;Die Polizei weiß, wo ich wohne. Sie muß
+kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich halte
+lieber alles aus.&ldquo; Er sah den Arzt an. &bdquo;Jetzt gehe ich.
+Adieu.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich
+haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen?
+. . . Sie gehört doch eigentlich mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den
+Akten bleiben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bei den Akten?&ldquo; fragte Oldshatterhand, und seine
+Mundhöhle wurde trocken. Die Angst sprang ihn an.
+Der Arzt beobachtete die Veränderung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab nur geschrieben &mdash; erschieße ich mich vor deinen
+Augen. Vor deinen Augen! . . . Wirklich.&ldquo; Der
+<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
+Arzt nickte einige Male leise und sah dabei Oldshatterhand
+an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wirklich&ldquo;, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen
+noch einmal. Da breitete er die Arme aus und stand wie
+ein Gekreuzigter. &bdquo;Manchmal weiß ich, daß ich der Unfähigste
+und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste.
+Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der
+Größte von der Welt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die
+Arme schnell sinken und ging flammend aus dem Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem
+Märchenbilde zu malen, das für die Preisaufgabe der
+Akademie bestimmt war.
+</p>
+
+<p>
+In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am
+dritten Tage war das Bild fertig. Eine feuchte, dunkle
+Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen Mädchen,
+die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten
+Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser
+warteten. Es war die Hurengasse von Frankfurt am
+Main. An den Eingang der Gasse hatte Oldshatterhand
+sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen,
+gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb
+abwehrend, halb zugreifend.
+</p>
+
+<p>
+Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen.
+In den Zeitungen wurde das Bild später mit
+einem Werke Daumiers verglichen.
+</p>
+
+<p>
+Er versah es mit einem Motto und sandte es an die
+Akademie.
+</p>
+
+<p>
+Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte
+während des Malens mit ihr gekämpft. So hatte er die
+<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
+Angst ertragen. So war das Grauen und die Süßigkeit
+in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war,
+legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz.
+Er sah keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte
+er nicht beschleunigen.
+</p>
+
+<p>
+Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler,
+kannte und grüßte, erwiderten seinen Gruß nicht, weil
+sie von Grünwiesler unter Verschweigen der Lockbriefe
+den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung
+griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr
+auf die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander
+verschränkten Hände zwischen seine Knie hängen und sah
+stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen,
+unrettbarer als im Gefängnis.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge
+nach Würzburg, aus dem vagen Gefühl heraus &mdash; die
+zwanzig dort verlebten Jahre, seine Kindheit, seine Mutter,
+irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit zur
+Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.
+</p>
+
+<p>
+Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall.
+Seit Tagen hatte er nichts genossen. Eine hagere Dame
+gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort betrunken. Aber
+es wurde ihm sehr gut. &bdquo;Sie!&ldquo; rief er plötzlich, &bdquo;wenn der
+Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte &mdash;
+nur um mich zu erschrecken!&ldquo; Und beugte sich zu der
+Dame. &bdquo;Deshalb habe ich ja auch an den Letzten Hieb
+gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt worden
+sind, an den Galgen. An den Galgen!&ldquo; flüsterte er.
+</p>
+
+<p>
+Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé.
+Reisende drängten sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig
+<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
+zu Oldshatterhand hinein, der auf der anderen
+Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden
+Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen
+waren kaum zu unterscheiden von der hellen Luft.
+Oldshatterhand hörte ein Glöckchen dünn Sturm bimmeln
+und sah auf der Landstraße zwei Männer mit Feuerwehrhelmen
+aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf
+den Brand zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer,
+der auch einen Feuerwehrhelm aufhatte und die
+Männer überholte, die ihm etwas zuschrien. &bdquo;Das wird
+wohl niederbrennen&ldquo;, sagte Oldshatterhand bedauernd
+und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über
+einen schwarzen Acker auf den Brand zustolperte.
+</p>
+
+<p>
+In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die
+Straßen, sah den Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise
+herumwirbelte, des Weges kommen, floh vor ihm im letzten
+Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich stundenlang
+um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater
+gehetzt von der Arbeit nach Hause kommen und wieder
+zur Arbeit gehen, und fürchtete die alten Augen seiner
+Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde
+Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer
+seiner Eltern verlöscht wurde, horchte auf das Weinen
+eines kleinen Kindes. Ein Pferd stampfte im Stall neben
+ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum Kopf des
+Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd
+würde ihn mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt
+anschauen. Er zog den Kopf ein, da er die Güte
+des Pferdes fühlte im Gegensatz zur verächtlichen Stille
+<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
+seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen hinaufzusteigen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen
+Schloßberg.
+</p>
+
+<p>
+Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand
+sah den Militärposten vor dem Schilderhaus
+stehen, beide Arme übers Gewehr und den Bauch zusammengeschlagen.
+Der Posten sah in den Himmel, auf seine
+Stiefel und begann auf und ab zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die
+Linden rochen. Er hörte ein Lachen und unterdrücktes
+Mädchengekicher; vielfüßige Schritte näherten sich. &bdquo;Ja,
+mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. Hohaho!&ldquo;
+hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde
+zu einem Eisklumpen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter
+und sechzig weit gesprungen bin, dann wer ich doch auch
+noch über diesen dreckigen Graben springen können&ldquo;, antwortete
+der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne
+stehen. Eine Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand
+konnte alle Räuber erkennen und hörte den Wachtposten
+dunkel sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein
+blondes, schmales Mädchen trennten sich von der Gruppe,
+sprangen plötzlich, Hand in Hand, auf Oldshatterhands
+Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den Rasen.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine
+komische Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Sie ging
+erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig nach unten.
+Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der
+<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
+bleiche Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand
+entfernt. Die andern hatten sich zu den Mädchen gesetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben
+spring? Gleich beim erstenmal.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho! Eine Maß.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf Ehr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Allemal!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, ihr seid Zeugen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige
+Pfeife, dachte an den Meterstab des Gerichtspsychiaters
+und schluchzte nach innen. Den Mund gehetzt offen,
+glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen sein
+Herz trafen.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch
+den Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere
+Pfeife wieder richtig zwischen die Zähne zu bekommen,
+damit er sie halten konnte.
+</p>
+
+<p>
+Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän
+zurück. Und Oldshatterhand mußte schnell niederknien,
+um von ihm nicht gesehen zu werden, denn der Lindenstamm
+verjüngte sich nach oben. Vor Angst, gesehen zu
+werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur
+das kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen
+Kapitäns. Fräulein Schlauch schrie. &bdquo;Angstorschel!&ldquo;
+sagte der bleiche Kapitän, stülpte die Lippen nach außen
+und setzte sich neben seine Braut. &bdquo;Na, Schreiberlein?
+Deine Maß ist futsch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und
+trinken sie . . . Liesl, gehst du mit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber nein&ldquo;, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf
+den Rücken nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum
+<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
+Mond. Der Schreiber schob seine Hand unter ihre Hände.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden
+schmalen Mädchens gelegt, das sich leise wehrte und
+ihn dann anlächelte. Da nahm er seine Pfeife aus dem
+Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber paß auf darauf&ldquo;, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen,
+und näherte sein Auge dem blonden Mädchen,
+die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn dann doch an
+Falkenauges Wange lehnte.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm,
+sah auf den Hauptmann und dessen Braut, die beide bleich
+und friedlich nebeneinander saßen, und hatte den stürmischen
+Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein Knabe
+zu lächeln. &bdquo;Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie
+sie&ldquo;, flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde
+Trennung so stark, wie wenn er die Räuber nie
+gekannt hätte. &bdquo;Ich bin nicht so wie die Kriechende
+Schlange . . . ihr tut mir unrecht&ldquo;, flüsterte er. &bdquo;O
+Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange
+auch nicht . . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell
+gestürzt hätte . . . oder ins Wasser.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der
+Bluse seiner Braut zu. &bdquo;Ich hab mir einen Photographenapparat
+kommen lassen. Auf Abschlagszahlung!
+Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. Er
+ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Meine Pfeife &mdash; brennt sie noch? &mdash; ist aus derselben
+Fabrik. Ich hab mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt.
+Mit Silberbeschlag.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit Futteral?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück
+<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
+Kalbleder geb laß in mein G&rsquo;schäft, und der Sattler
+Grumbe näht mir&rsquo;s zusammen. Kost zwanzig Pfennig,
+das ganze Futteral.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und der Vogelstutzen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Siebenundsiebzig Mark fünfzig.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er hat doch Silberbeschlag.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vielleicht erschießt du mich dann damit&ldquo;, sagte das
+schmale Mädchen gedehnt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, was glaubst du denn.&ldquo; Falkenauge lachte. &bdquo;Hast
+du Angst? . . . Ich schieße nur auf Ratten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl&ldquo;,
+sagte der Schreiber, legte sich auch auf den Rücken, neben
+seine Liebste, und blies ihr ins Haar. Sie drehte ihm
+das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als er die
+Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.
+</p>
+
+<p>
+Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in
+die Stille. Der kniende Oldshatterhand klammerte sich am
+Baumstamm an. Seine Schläfen zuckten. &bdquo;Ich kann mit
+keinem von ihnen darüber reden&ldquo;, flüsterte er unzählige
+Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten
+wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom
+Baum.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schläfst du?&ldquo; fragte der bleiche Kapitän seine Braut.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen
+angstvoll auf den ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch
+er, sich rückwärts bewegend, auf Händen und Füßen wie
+ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich glaub, ich hab geschlafen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter&ldquo;, hörte
+Oldshatterhand den bleichen Kapitän sprechen und horchte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
+&bdquo;Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen
+sein? Man hat nie mehr was gehört von ihm.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Duckmäuser?&ldquo; rief der Schreiber lachend, &bdquo;wo
+wird der sein &mdash; ich sag, der ist irgendwo Kirchendiener.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb
+sofort wieder stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen
+war. Da hörte er einen der Räuber leise die Mundharmonika
+spielen und lauschte eine Weile in seltsamer
+Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem
+&bdquo;Käppele&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte
+augenblicklich die Empfindung, den Geruch vom Zimmer
+seiner Eltern zu riechen, noch bevor er seinen Vater erkannt
+hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in
+Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister
+stand. Die beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen
+in Augsburg gedient.
+</p>
+
+<p>
+Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht.
+Er bog ab von seinem Wege, in eine Nebengasse,
+rannte weiter und blieb, außer Atem, endlich auf dem Leidenswege
+Christi stehen, der zum &bdquo;Käppele&ldquo; in die Höhe
+führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit
+den Augenlidern, um Tränen zu bekommen.
+</p>
+
+<p>
+Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste
+ein rotes, ewiges Licht.
+</p>
+
+<p>
+Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er
+hatte nur das bestimmte Gefühl, Winnetou könne ihn
+retten.
+</p>
+
+<p>
+Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe,
+an dem Jesus hängt.
+</p>
+
+<p>
+Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur
+<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
+Pförtnerzelle ging. Er sah den Klingelzug an und zog
+die Hand wieder zurück. Dann klingelte die Glocke als
+einziges Geräusch auf der Welt.
+</p>
+
+<p>
+Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou
+sagen: &bdquo;So spät in der Nacht darf ich kein Brot
+geben&ldquo;, und sah zugleich das helle Stück Brot, das Winnetou
+reichte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?&ldquo; fragte
+Oldshatterhand und nahm das Brot.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Michael, du bist&rsquo;s? &mdash; &mdash; &mdash; Ich habe gedacht, ein Armer
+sei noch so spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze
+dich auf die Bank bei der Mauer.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis:
+sofort war er sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen
+Tage, und er sah sich, zusammen mit Winnetou,
+an einem heißen Sommertage zum &bdquo;Käppele&ldquo; hinaufsteigen
+und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich
+mußte er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou
+raffinierte Methoden angewandt hatte, um dem
+Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander
+ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen
+Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen,
+von Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung
+an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über
+einen knienden Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen
+fuhr er zusammen und rief erschrocken: &bdquo;Nein, nein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart
+verdrängt worden.
+</p>
+
+<p>
+Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf.
+Als Knoten in seiner Brust empfand er die Unmöglichkeit,
+Winnetou zu beichten, und machte ein paar hastige Fluchtsprünge.
+<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
+Da hörte er rufen: &bdquo;Michael! . . . Wo bist du?&ldquo;
+und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm
+den einäugigen großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands
+Beinen hin und her strich, zu ihm aufsah,
+nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Der Hund lebt noch immer?&ldquo; fragte Oldshatterhand
+mit veränderter Stimme und hatte sagen wollen &mdash; Winnetou,
+höre doch, was man mir angetan hat. Hilf mir.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du
+weggehen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen.
+Nur so.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob
+sich sofort und tappte nach.
+</p>
+
+<p>
+Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands
+Schulter und lächelte zum roten, ewigen Licht hin unter
+der Mutter Gottes. &bdquo;Michael, jetzt sind wir auf einmal
+keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem
+Traum erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der
+gar nie mehr enden wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum sagst du Weichpfotenmönchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht
+weich . . . und dann Italien.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior
+liebt mich. Alle lieben mich und sagen, ich solle nur noch
+ein paar Jahre so bei ihnen bleiben und erst dann Mönch
+werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei . . . Erinnerst
+du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen
+wollten . . . Ich denke oft daran zurück&ldquo;, sagte
+Winnetou und lächelte heiter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
+&bdquo;Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst
+du auch eine Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine
+rechtwinklige Pfeife. So stelle doch die Mutter Gottes
+dort weg . . . und den verstellbaren Maßstab.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O Gott!&ldquo; Winnetou war aufgestanden. &bdquo;Du bist
+krank!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .&ldquo;
+Er schüttelte heftig den Kopf. &bdquo;Nein, nein! Ich meinte,
+ich würde an Stelle der Mutter Gottes dort ein Muttergottesbild
+hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist das!&ldquo;
+schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm,
+komm&ldquo;, bat Winnetou ängstlich und zärtlich, &bdquo;ich will dich
+zum guten Prior führen. Der gibt dir etwas und hilft dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich war draußen in der Welt! In der Welt!&ldquo; schrie
+Oldshatterhand lachend. &bdquo;In Italien! In Genua zum
+Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte da in
+einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte
+ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das
+goldene Bett sehen sollen&ldquo;, schloß er mit einer verächtlichen
+Handbewegung, und seine Lippen zuckten vor
+Scham . . . &bdquo;Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . .
+Irgend etwas Grauenhaftes.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche
+Angst um dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts!
+Glaubst du&rsquo;s nicht? Ich bin ganz einfach einmal nach
+Würzburg gefahren. Sonst nichts.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.
+</p>
+
+<p>
+Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein
+über die Stadt. Die Kirchtürme standen wie gespenstige
+<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
+Auswüchse von Riesendrachen in den schmutzigen Wolkenhimmel
+hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund
+stand auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte,
+komme. Um dieselbe Zeit. Komme wieder, bitte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Morgen um diese Zeit&ldquo;, sagte Oldshatterhand und
+raste den Leidensweg Christi hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.
+</p>
+
+<p>
+Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch
+aufs Bett in seiner Kammer, sah gequält und mit kraftlosem
+Haß auf die bekannten Studienköpfe an den Wänden
+und fiel sofort in Halbschlaf. &mdash; Das Schwere, jüngst
+Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten
+ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben
+ihm einen letzten Schlag und zogen dann singend in
+eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich
+um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und
+frei und kühl atmen konnte.
+</p>
+
+<p>
+So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg
+aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand
+geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte der
+zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine
+zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt,
+schritt er im Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke,
+an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes
+Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am
+Horizont &mdash; bis zum Fremden, der traumhaft verschwand,
+und an dessen Stelle Oldshatterhand &mdash; zum Fremden wurde,
+und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse
+des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken
+in der Kammer auf dem Bett saß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
+Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand:
+&bdquo;Warum bist du denn verzweifelt und gebrochen,
+da du doch weißt, daß du recht gehandelt hast?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner
+Mensch!&ldquo; schrie der Oldshatterhand auf dem Bett und
+deutete flüsternd: &bdquo;Aber sieh doch die kalten, verachtenden
+Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie
+haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen
+verächtlich zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter
+nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand
+sagte: &bdquo;Du bist feige. Du weißt zwar, daß du recht gehandelt
+hast; aber da die Menschen dich dafür verachten &mdash;
+weil sie Lügner sind &mdash;, wimmerst du, denn ohne die Achtung
+der Lügner kannst du nicht leben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben.
+Die Gassen, in denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster
+schämen sich meiner, flüstern mir ihre Verachtung zu. Die
+Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück
+vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich.
+Wo soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann,
+bei dem ich mir wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen
+Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur
+Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig
+werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen,
+wenn sie fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu
+. . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und wenn
+sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie
+dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher
+Kirchturm. In Würzburg gibt&rsquo;s so grauenhaft
+viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
+&bdquo;Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle,
+die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie
+werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie
+sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land
+und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet
+und stinkt da unten. Ich wende mich um, da ist die Luft
+dünn und blau. Und ich bin allein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er
+hat zehn Augen und redet kein Wort, so sehr verachtet
+er uns.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie kannst du <em class="em">uns</em> sagen. Ich habe mit dir nichts
+mehr gemein. Denn ich verachte die Verachtung der
+Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange ein
+Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden,
+stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und
+höhnen und verachten ihn. Und der Vater schämt sich
+seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich den
+Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet
+stehst, schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna
+zu und sagen zueinander &mdash; den haben wir niemals
+verachtet. Und der Vater ruft &mdash; das ist mein Sohn. Jesus
+Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und
+verhöhnt bis zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner
+ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, der du dein
+Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz,
+an dem ich hänge, und das schwarze Menschengewimmel
+zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich. Meine
+Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz
+. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will
+kein Lügner werden wie sie, sondern <em class="em">Etwas</em> werden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
+&bdquo;Es gibt nur zweierlei &mdash; lügen wie die anderen: sein
+wie sie; oder ihre Verachtung verachten: einsam sein.
+Blicke auf das Lächeln der Verheißung auf meinem Gesicht
+und töte das Schwache und Feige an dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja!&ldquo; stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt,
+schwankend, und seine Hand hielt den Fenstergriff gepackt.
+Seine verglasten Augen stierten nach dem alten
+Revolver aus dem &bdquo;Zimmer&ldquo;, der auf dem Tische lag.
+&bdquo;Meine Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter,
+meine arme Mutter&ldquo;, flüsterte er und dachte in einem
+Winkel seiner Seele &mdash; er wird versagen &mdash;, brüllte langgezogen
+und mit vollster Kraft &bdquo;I . . . . . i!&ldquo; und hatte
+sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen.
+Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver
+hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur
+Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte,
+krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im
+Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand,
+schon tot, noch ein Fenster öffnete.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in
+der kleinen Kammer. Aus den Fenstern der Hofwohnungen
+fuhren erschrockene und empörte Gesichter.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirtin kam gesprungen &mdash; &mdash; &mdash; sah einen Fremden
+klar und ruhig die Treppe hinuntersteigen, öffnete die
+Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah niemanden in der
+Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte
+sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich
+um ein Hindernis herum auf sie zuschoß.
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke
+beim Fenster, schief und haltlos wie ein ausgestopfter
+Hampelmann, der umzufallen droht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
+Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt,
+auf Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.
+</p>
+
+<p>
+In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft,
+stand, daß das Strafverfahren gegen den
+Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie,
+den der berühmte Anatom Molière allwöchentlich
+den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der Fremde
+sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er
+nie mehr älter werden, so stark und klar war sein
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe
+steigenden Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern,
+unter denen auch die Maler Immermann und Franziskus
+Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an
+den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen,
+um die Frühlingssonne abzuhalten.
+</p>
+
+<p>
+Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem
+Gehrock mit Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen
+der Hörer in den kleinen Halbkreis unten. Der Fremde
+saß neben ihm.
+</p>
+
+<p>
+Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die
+Leiche herein. Der Anatom zog das weiße Tuch weg.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper
+eines bartlosen jungen Mannes mit Gladiatorenprofil
+und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und Bauch, bis
+zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem
+weißen Tuch zugebunden, über das hinaus die starken
+Hände der halben Leiche reichten.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen
+<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
+Rumpf, tippte mit der Fingerspitze auf beide Augenlider.
+&bdquo;Wir nehmen heute Arm- und Gesichtsmuskeln durch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am
+Unterarm frei, erklärte mit ein paar Worten ihre Lage,
+hob den Arm der Leiche und zog an einer Sehne, worauf
+die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen
+Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die
+Wandtafel. Ein paar schnelle Striche.
+</p>
+
+<p>
+Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher;
+andere sahen aufmerksam zu.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran,
+da öffnete die Leiche den Mund. Es war sehr still. &mdash;
+Warum ist dieser junge Athlet gestorben, dachte der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom zog an einer anderen Sehne &mdash; und die
+Leiche streckte die Zunge heraus. &bdquo;Kemmerich!&ldquo; wandte
+sich der Anatom an das lebende Modell, einen fünfundsiebzigjährigen
+Mann mit spärlichem, weißem Bart, der
+nackt neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen
+und Muskeln des Modells waren sichtbar und vor
+Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung
+des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete,
+ließ ihn lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit
+den Armen, und demonstrierte an der Leiche die Lage der
+Muskeln.
+</p>
+
+<p>
+Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz
+und die Füße der Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium,
+zu den Füßen des Alten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist eine Freude zu leben&ldquo;, sagte ein Maler zu laut
+in die Stille hinein, und staunte mit den anderen erschrocken
+über die Tatsache, daß er den Satz gesprochen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die
+<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
+halbe Leiche hinaus- und eine verdeckte hereingefahren.
+&bdquo;Hier haben wir einen jugendlichen Akt von schönen Proportionen.
+Den wollte ich den Herren noch zeigen&ldquo;, sagte
+der Anatom und zog das Tuch weg.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde stand langsam auf. &bdquo;Das ist meine Leiche&ldquo;,
+flüsterte er. &bdquo;Geben Sie mir meine Leiche.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet&ldquo;,
+schloß der Anatom seinen Vortrag und hob die
+weiße, gepflegte Hand. &bdquo;Und es ist erfreulich, daß bei der
+jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher der
+Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal
+verlassen beim Erblicken Oldshatterhands.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du
+geworden&ldquo;, sagte Grünwiesler auf der Straße und stützte
+Immermann. &bdquo;Mnja, da kann man jetzt nichts mehr
+machen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weißt du&ldquo;, sagte Immermann, mit schiefgezerrten
+Lippen, &bdquo;erschießen hätte er sich nicht brauchen; aber das,
+was wir getan haben &mdash; war nur gerecht . . . Gerecht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge,
+talentvolle Maler Michael Vierkant um zehn Uhr früh
+zum ersten Preisträger der Akademie bestimmt worden sei.
+</p>
+
+<p>
+An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das
+preisgekrönte Bild. Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1-10">
+<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
+Zehntes Kapitel
+</h2>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>Z</span>um schwarzen Walfisch von Askalon&ldquo; hatte der
+bleiche Kapitän die Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen
+benannt, sofort nach der Übernahme, als
+Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens
+Frau geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte
+trotz der sich bis zum letzten Tage zäh wehrenden Mutter
+nach einem letzten großen Krach seine schöne Kellnerin geheiratet.
+Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier
+Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick
+voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen
+nach außen gestülpten Benommenschen Lippen.
+Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am Knöchel mit
+rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen
+Tag glückselig herum.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken
+und unheilvollen Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft
+eine nach der Bürger Meinung in gewissen Dingen
+allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche
+Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin
+von der &bdquo;Schönen Mainaussicht&ldquo; war eines Tages mit
+dem zarten Sachsen aus Würzburg verschwunden gewesen,
+nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf
+Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden
+waren.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
+Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung,
+als die frühere Kellnerin und jetzige junge
+Frau des roten Fischers halbe Tage lang in Winterkälte
+im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann gefangen
+hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr
+Mann allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin
+immer noch nicht nach Hause gekommen, dann ging sie
+ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn fand, trank stillschweigend
+und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den
+Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er
+mit dem Daumen über die Schulter zurückwies und seiner
+Frau deutlich erklärte, was das für Hammel und Rindviecher
+seien.
+</p>
+
+<p>
+Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt
+Karfunkelstein geworden, unterstützte seine Eltern
+und war mit seiner Liebsten verlobt. Er hatte eine
+schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen Sterbesakramente
+empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben
+und gemeint, es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe,
+er würde im Kopfe nicht mehr richtig sein. Der allzu
+viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die Knochen
+geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber
+war wieder gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas
+steifes Bein hatte er zurückbehalten. Jetzt war er
+wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen Kapitän, dem
+jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.
+</p>
+
+<p>
+Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei
+ihrem Hauptmann zu Gast zu sein, denn da waren der
+Kegelklub &bdquo;Kanonenrohr&ldquo;, der Radfahrerklub &bdquo;Um die
+Welt&ldquo;, die Rauchgesellschaft &bdquo;Vesuv&ldquo;, die streng auf das
+regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
+Der König der Luft hatte dem &bdquo;Turnerbund Jahn&ldquo;
+eine Akrobatenabteilung angegliedert, von welchem Zeitpunkte
+an die Varietévorstellungen des &bdquo;Turnerbundes&ldquo;
+einen bedeutenden Ruf genossen.
+</p>
+
+<p>
+Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch
+dem Angelklub &bdquo;Walfisch&ldquo; an, war Mitglied des Gesangvereins
+&bdquo;Zwischen grünen Bäumen&ldquo; geworden,
+dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands
+war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte
+Mitglied des Vogelstutzenklubs &bdquo;Löwenjagd&ldquo;
+und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn er errang alle
+ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken
+Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache,
+die von keinem Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde,
+schmale Mädchen seinem Freund Falkenauge weggeheiratet.
+Den eine um zehn Jahre ältere Witwe geheiratet
+hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige
+Geschäftsfrau war und sehr resolut.
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm
+ihr Häuschen und die Gärtnerei vermacht hatte, gehörte
+allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, weil er für alle
+Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,
+sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen
+weit überragender Charakterschauspieler und jugendlicher
+Held, für die Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich
+geschätzt und anerkannt war. Er hatte das
+schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie war eine junge,
+frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten
+Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze
+band, die schönsten Stellen aus den klassischen
+<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
+Dramen vor. Und manchmal, wenn ein Freund bei ihnen
+saß, sagte sie zärtlich: &bdquo;Mein Mann spricht genau so wie
+der Bürgermeister von Bamberg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber
+in der Weinwirtschaft ihres Hauptmanns zusammen.
+Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann schnell entschlossen,
+für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:
+den Skatklub &bdquo;Bargeld lacht&ldquo;, der fünfundzwanzig
+Jahre später, als der Fremde zum letzten Male Würzburg
+besuchte und die Räuber schon fünfzig Jahre alte,
+graubärtige Männer waren, immer noch bestand.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.
+</p>
+
+<p>
+Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen
+sahen sich um nach ihm. &bdquo;Ah, Herr Baron&ldquo;, neckte
+ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und blickte ihm mit
+großen Augen nach.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend
+in der Luft umher, und über der Festung hing eine große
+Wolke mit glühendem Saum. Am Brückenheiligen Kilian
+lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die Ziehharmonika.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel.
+Bürger saßen vor den Haustüren, blickten prüfend
+in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten und
+unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster
+hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an,
+welcher aus der &bdquo;Altrenommierten Weinstube zu den drei
+Kronen&ldquo; trat.
+</p>
+
+<p>
+Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das
+<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
+erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens.
+Seine Apfelbäckchen glühten. Denn er trank
+jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst.
+Sonst hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert;
+seine Haare waren noch dunkel, sein Körper zäh und dürr
+und aufgereckt wie immer.
+</p>
+
+<p>
+Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend,
+seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen
+hing, aufs Pflaster stoßend, schritt er aufrecht weiter.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem &bdquo;Spitäle&ldquo; blieb er stehen, zog seine Taschenuhr
+und verglich sie befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß Gott, Herr Lehrer&ldquo;, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister
+und legte die Hand an die Mütze. Sein
+Bart war blauweiß geworden. Er redete heftig gestikulierend
+weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, horchte
+Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe
+zusammen &mdash; es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas
+angestellt. Man wußte nur noch nicht recht, wer die
+Gauner waren.
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf &bdquo;Zum schwarzen
+Walfisch von Askalon&ldquo;.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Mit &rsquo;n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei
+Herzaß heimgebracht&ldquo;, sagte still der Schreiber und mischte
+die Karten flink. Die Räuber waren versammelt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Er is halt ein Rindvieh&ldquo;, sagte wütend Falkenauge,
+der durch das verkehrte Spielen des Königs der Luft
+sieben Pfennig verloren hatte. &bdquo;Das sag ich ihm schon
+seit Jahr und Tag, aber er will&rsquo;s nit glaub.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite
+des langen Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage,
+<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
+mit Brotlaiben, übriggebliebenen Semmeln und
+vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen belagert.
+Außer ihm saß niemand am Tisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch
+die junge Wirtin erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein
+brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott! Else! <em class="em">wieder</em> ein Glas!&ldquo; rief der
+bleiche Kapitän der blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas
+aus der Hand gefallen war. Sie lächelte immer und
+hatte verklebte Augen. &bdquo;No, jetzt bin ich aber doch
+g&rsquo;spannt . . . Solo!&ldquo; schloß er, stülpte die Lippen nach
+außen und fingerte den Kartenfächer in seiner Hand
+zurecht.
+</p>
+
+<p>
+Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte
+sich und sprang auf den Stuhl neben dem Fremden.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das wird mir aber auch noch ein Solo sein&ldquo;, sagte
+der Schreiber, zog die Brauen in die Höhe, holte den ersten
+Stich. &bdquo;Und Trumpf!&ldquo; rief er und lächelte sicher.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die
+Karten auf den Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ
+seine Stiche in der Mitte liegen; die Karten flogen immer
+schneller. &bdquo;Das hamm wir jetzt g&rsquo;sehn, was das für ein
+Solo war&ldquo;, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene
+Geld in sein Tellerchen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;No, Else, wo hast denn dei Auge!&ldquo; rief er und wies
+auf den Fremden. Die Kellnerin füllte das Glas.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Else, wir trinken auch noch eins&ldquo;, sagte der Schreiber
+und legte den Arm um die Taille der Kellnerin. &bdquo;Ein
+saubers Mädle bist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf
+dem Arm.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
+&bdquo;Pssss, wssss&ldquo;, machte der Fremde leise zur Katze.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Schläft der ganz Kleine denn?&ldquo; fragte der bleiche
+Kapitän und gab die Karten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was wird er denn sonst tun&ldquo;, erwiderte die Witwe
+Benommen und gab dem Kind auf ihrem Arm ein Stück
+Zwetschgenkuchen in die Hand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche
+nit die Abweiche.&ldquo; Er stülpte die Lippen nach außen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sei still. Da, hast dein Sohn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Witwe Benommen strahlte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein
+Schelloberlein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Da! hast&rsquo;n!&ldquo; rief wütend der König der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein
+blonder, großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief
+gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und Händen voran,
+bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und
+ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen
+roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. &bdquo;Ooooskar!&ldquo;
+brüllte der Matrose. &bdquo;Seid ihr alle da!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Haargott!&ldquo; riefen die Räuber, und ihre Münder blieben
+offen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!&ldquo; stotterte der
+Duckmäuser und blieb auf dem Tische liegen. Er war total
+betrunken. &bdquo;Pf . . . Pf . . . Pf . . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Also, also aber und! Du bist am Geben&ldquo;, sagte grimmig
+der König der Luft. Er war im Verlust.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
+&bdquo;Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is.
+Schluß!&ldquo; riefen alle durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Setzt euch da rüber an lange Tisch&ldquo;, sagte der bleiche
+Kapitän, und zum Fremden gewandt: &bdquo;Sie erlauben doch.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose
+saß in der Mitte auf der Bank. Der Fremde, als habe er
+das Präsidium, saß an der Stirnseite. Die Witwe Benommen
+stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet,
+und schüttelte lächelnd den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bring a paar Maß Wein!&ldquo; rief der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich zs zs zs zs zahl alles!&ldquo; brüllte der Matrose.
+&bdquo;Sssssauft!&ldquo; Und schüttete ein Glas Wein in sich hinein.
+&bdquo;Sch . . . Sch . . . Schreiber, alter Ga . . . Ga . . .
+Ga . . . Gauner!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Herrgott, wer hätt das gedacht&ldquo;, sagten die Räuber
+und sahen still und betroffen auf den Matrosen, wie auf
+ein fernes Land. Ihre Münder standen offen, die Mundwinkel
+waren in wehmütigem Staunen in die Wangen
+zurückgezogen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warst du weit?&ldquo; fragte einer.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!&ldquo; Er breitete
+weit die Arme aus.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So einer, immer war er so still&ldquo;, sagte die Witwe Benommen.
+&bdquo;Man hat gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?&ldquo; Er
+leerte sein Glas und konnte dann fließender sprechen.
+&bdquo;Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma . . . Mager geträumt.
+Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi . . .
+Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber
+es www . . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen
+&mdash; www . . . er me . . . meldet sich? &mdash; und ich hab um mich
+<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
+. . . um mich g&rsquo;haut, und bin tropf . . . tropfnaß aufgewacht
+. . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? . . . Ssssauft
+doch! . . . Ssssauf du auch!&ldquo; brüllte er und reckte, mit
+dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte
+liegend, sein Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Kommt ihm nur nit mit&rsquo;n Zündhölzle zu nah, er explodiert
+sonst&ldquo;, sagte die Witwe Benommen. &bdquo;Er trinkt
+e bißle zu viel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte
+die Fußspitzen nach rückwärts. &bdquo;Ein deutscher Seemann
+ist trinkfest.&ldquo; Der bleiche Kapitän stimmte die Gitarre.
+</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="line">&bdquo;Auf, Matrosen, ohe!</p>
+ <p class="line">Auf die wogende See.</p>
+ <p class="line">Schwarze Gedanken,</p>
+ <p class="line">Sie wanken und fliehn</p>
+ <p class="line">Geschwind, wie der Sturm und Wind&ldquo;,</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er
+trank. &bdquo;Wa . . . Wa . . . Wa . . . Wein her!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch,
+wie wir damals Traube g&rsquo;stohle ham, im königliche Weinberg?
+Das war Anno . . . 1899. Ich hab no a paar
+Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg
+in mein Keller.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Den mußt aber spendier&ldquo;, sagte der Schreiber. &bdquo;No,
+allemal!&ldquo; riefen alle Räuber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, paßt auf&ldquo;, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend,
+&bdquo;der is teuer. Wo käm ich denn da hin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!&ldquo;
+brüllte der Matrose dem Fremden zu.
+<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
+&bdquo;Haargott, is der besoffen!&ldquo; riefen die lachenden Räuber.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon
+im Keller haben&ldquo;, sagte plötzlich der Fremde und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche
+Kapitän vorsichtig den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln
+in die Kelche. Alle standen auf. Auch der Matrose
+lehnte schief an der Wand.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber also und, Donnerschlag!&ldquo; Die tiefe Falte verschwand.
+Der König der Luft hatte gelächelt. &bdquo;Das is
+e Weinle!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das will ich meinen&ldquo;, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . .
+Kee . . . Kee . . . Kette gelegt.&ldquo; Er trank und sprach
+fließender. &bdquo;Da war unser Schiff an einer unbewohnten
+Insel vorbeig&rsquo;fahre, in der Näh von Indien . . . Ich
+hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . .
+du . . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . .
+nix zu fr . . . fresse g&rsquo;funde. Da hab ich a Sch . . .
+a Schlange gebrate. Die war dir aber bi . . . bi . . .
+bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich wieder erwischt
+und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir die
+Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung
+des Festungsgrabens und sahen hinunter auf die
+Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;U . . . u!&ldquo; klang es langgezogen und klagend von
+unten herauf. &bdquo;Die Meekuh brüllt&ldquo;, sagte der Schreiber
+und deutete hinunter zum Main, wo der Schleppdampfer
+eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog.
+Ein Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke.
+<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
+Die Räuber sahen, wie über den Flößer am Steuer der
+weiße Gischt stürzte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Aber also und, wie aus dem Boden gewachse&ldquo;, sagte
+der König der Luft und deutete neben sich auf die Aussichtsbank
+aus krummen, weißschaligen Birkenästen, die
+der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer
+aufgestellt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben.
+Eine Geiß weidete im Graben. Das hohe, dürre Gras
+zirpte, vom Winde bewegt.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle
+gewachse&ldquo;, sagte der bleiche Kapitän.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Is des nit e Birnbäumle?&ldquo; fragte der König der Luft,
+und ein anderer griff in die Zweige. Ein paar Hummeln
+flogen auf und umsummten den Baum.
+</p>
+
+<p>
+Der Matrose sah sich um: &bdquo;A a also, jetzt sagt mir
+aber amal, wo . . . o is denn eigentlich euer &sbquo;Zs . . . Zs
+. . . Zs . . . Zimmer&lsquo;?&ldquo; Und blickte gespannt und pfiffig
+die Räuber an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, des is ja scho lang zugemauert.&ldquo; Sie suchten.
+&bdquo;Da muß gewese sei.&ldquo; Und zogen einen üppigen Brombeerbusch
+zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . .
+Gang zs . . . zum &sbquo;Zs . . . Zs . . . Zimmer&lsquo;?&ldquo; fragte der
+Matrose staunend und deutete auf eine Stelle, die noch
+etwas heller war als die übrige Mauer. &bdquo;Haaar . . . gott.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis.
+Ein rothaariger Junge schnellte in die Höhe, hob die
+Hand und rief: &bdquo;Heimatscha!&ldquo; Seine Bande stürmte zur
+Mauer und krabbelte daran hinauf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
+&bdquo;Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war
+das &sbquo;Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer&lsquo;?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre
+Gedanken eilten die Jahre zurück.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wir warn halt Kinder damals&ldquo;, sagte der Schreiber.
+</p>
+
+<p>
+Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und
+hing am Baumstamm. &bdquo;Dort! Schaut hin!&ldquo; zeigte die
+Rote Wolke, und sein Mund stand offen, rund und schwarz
+wie ein Mauseloch.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.
+</p>
+
+<p>
+Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser,
+hoher Mönch geschritten, in brauner Kutte. Er
+beugte das Knie vor dem Marienbild am Wege und schlug
+das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten
+sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou.
+Der Wind wehte dem Kinde das Haar ins Gesicht; es
+sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen
+vor der Sonne. &bdquo;Gelobt sei Jesus Christus.&ldquo; &bdquo;In Ewigkeit,
+Amen, mein Kind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wie weit ist&rsquo;s bis zum nächsten Gutshof?&ldquo; fragte
+der Fremde.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Eine Stunde über den Berg&ldquo;, sagte Winnetou. Er
+hatte ein stilles, klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RÄUBERBANDE ***
+
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+
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+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
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+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
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+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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