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Asbjörnsen and Jörgen Moe + + + +Release Date: August 25, 2009 [eBook #29796] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NORWEGISCHE VOLKSMäHRCHEN I.*** + + +E-text prepared by Delphine Lettau and the Project Gutenberg Online +Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Norwegische Volksmährchen. + +1. + + +Norwegische +Volksmährchen, +gesammelt +von +P. Asbjörnsen und Jörgen Moe. + +Deutsch von Friederich Bresemann. + +Mit einem Vorworte +von +Ludwig Tieck. + + +Erster Band. + + + + + + + +Verlegt +von +M. Simion in Berlin. + +1847. + +Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin. + + + + +_Vorwort._ + + +Vor funfzig Jahren etwa waren bei vielen ernsthaften, selbst gebildeten +Leuten die Mährchen, Erzählungen von Feen und seltsamen Erscheinungen +von Gespenstern und Geistern in üblem Ruf. Die Geschichten der Tausend +und Einen Nacht genossen bei poetischen Gemüthern einige Achtung, sie +waren wenigstens von den Leihbibliotheken nicht ausgeschlossen. Die +Erzählungen meiner Mutter Gans waren über ganz Europa verbreitet, doch +nur in den Händen der Kinder. Einige Jahre früher hatte unser deutscher +Musäus seine humoristischen Volksmährchen fast als stärkendes Mittel in +die damals überfluthende weichliche Sentimentalität hineingeworfen, und +sie fanden allgemeinen Beifall, den sie auch bis jetzt sich erhalten +haben, obgleich das poetische Element dieser alten Volks-Sagen und +Dichtungen nicht selten durch Anspielungen auf ganz moderne Dinge und zu +prosaische Zustände verfinstert ist. Man rechnete aber diese exotischen +Pflanzen und Blumen nicht zur eigentlichen Literatur, und als ich um +1796 meine Versuche in dieser Art herausgab und uralte Geschichten in +ein andres Gewand kleidete, wurde ich von vielen meiner Freunde und +Wohlwollenden sehr ernsthaft getadelt. + +Wie hat sich seitdem diese Gegend der Bücherwelt verwandelt! Eine ganze +reiche Literatur dieser Mährchen ist entstanden und aus allen Ländern +der Erde zusammengetragen. + +Viele von diesen Volks- und Kindermährchen sind durch Tradition +und viele Jahre verwandelte und verderbte epische Gedichte, und es +ist interessant und rührend überraschend, wenn von Zeit zu Zeit im +verschütteten Grunde der alte Baum noch grünend wiedergefunden wird, den +gedächtnißlose Jahre in ein unkenntliches Sträußchen zusammengetrocknet +haben. Ergeht man sich in diesen Forschungen, so wird unser Sinn endlich +verwirrt und schwindelnd, weil bei zu genauer Untersuchung Indien +und Frankreich, Deutschland und Italien mit Island und dem Nordpol +zusammenfließen. Alle Völker, alle Kinder haben sich von je an größeren +und kleineren Mährchen ergötzt, Kinder selbst haben manche erfunden, +oder die sie hörten auf ihre Art nachgeahmt, andre, alte und junge +Frauen haben diese auf ihre Art wieder umgebildet, und so findet der +Suchende jetzt in allen Ländern zum Theil dieselben Sagen wieder, mehr +oder minder vom Clima, dem Süden oder Norden gefärbt. + +Und so nehme man auch diese Sammlung freundlich auf, diesen nordischen +Strauß von Spätblumen und einigen seltsamen Pflanzen. Die interessantesten +möchten wohl die Erzählungen sein, die von einem leichten, gutmüthigen +Humor angefärbt sind. Wenn Aschenbrödel, Blaubart, und manche ganz +allgemein verbreitete Legenden oft und unter mancherlei Gestalten +vorkommen, so lasse man sich auch die oft nicht bedeutende Variation +gefallen, und bei einfachen, natürlichen Kindern müßten die meisten +dieser Geschichten Eingang und eine freundliche Aufnahme finden. + +Immer in ähnlicher Gestalt mit zwei bis neun Köpfen erscheint der +ungeschlachte, boshafte Riesengeist _Troll_. Um 1790, als W. v. Schlegel +noch in Göttingen lebte, und sehr befreundet war mit unserm deutschen +Dichter Bürger, ergingen sich Lehrer und Schüler auch oft in den Wäldern +nordischer Poesie. Damals war selbst unter Gelehrten in Dänemark und +Schweden nicht viel Kunde von dieser Region, und so bildete sich der +poetische Bürger ein, unser deutsches Wort _drollig_ sei von diesem +schadenfrohen Nordgeiste abgeleitet, und in diesem Glauben bildete +Schlegel nachher in seinem Sommernachtstraum den Kobold _Droll_, statt +des englischen alt-nationalen _Puck_, welcher freilich ein ganz anderer +und mehr komischer Gesell ist, als diese Trollgeister sich zeigen. +Schon vor vielen Jahren stritt ich mit Schlegel über diesen (vielleicht +unbedeutenden) Punkt, bis denn zu Maria Weber's Oberon ein Engländer +selbst seinem Puck ungetreu geworden ist, und diesen neu beförderten +Geist _Droll_ singen und sprechen läßt. + +Meinen Dank dem kundigen Übersetzer, der mich diese Sagen hat kennen +lernen, und dessen Wunsch ich gern genügt habe, ein kleines einleitendes +Wort dieser Sammlung vorzusehen. + +L. TIECK. + +POTSDAM in den letzten Tagen des +October 1846, unmittelbar nach einer +schweren Krankheit. + + + + +Inhalt: + + Seite + + 1. Von Aschenbrödel, welcher die silbernen Enten, die + Bettdecke und die goldne Harfe des Trollen stahl 1 + 2. Der Gertrudsvogel 8 + 3. Der Vogel Dam 10 + 4. Die wortschlaue Prinzessinn 27 + 5. Der reiche Peter Krämer 29 + 6. Aschenbrödel, der mit dem Trollen um die Wette aß 45 + 7. Von dem Burschen, der zu dem Nordwind ging und + das Mehl zurückforderte 49 + 8. Die Jungfrau Maria als Gevatterinn 54 + 9. Die drei Prinzessinnen aus Witenland 61 + 10. Es giebt noch mehr solche Weiber 70 + 11. Einem Jeden gefallen seine Kinder am besten 78 + 12. Eine Freiergeschichte 79 + 13. Die drei Muhmen 80 + 14. Der Sohn der Wittwe 86 + 15. Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau 100 + 16. Hähnchen und Hühnchen im Nußwald 113 + 17. Der Bär und der Fuchs 118 + #a#) Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat 118 + #b#) Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen + prellt 119 + 18. Gudbrand vom Berge 122 + 19. Kari Trästak 128 + 20. Der Fuchs als Hirte 146 + 21. Vom Schmied, den der Teufel nicht in die Hölle lassen + durfte 148 + 22. Der Hahn und die Henne 157 + 23. Der Hahn, der Kukuk und der Auerhahn 158 + 24. Lillekort 159 + 25. Die Puppe im Grase 179 + 26. Das Kätzchen auf Dovre 183 + 27. Soria-Moria-Schloß 185 + 28. Der Herr Peter 200 + 29. Aase, das kleine Gänsemädchen 208 + 30. Der Bursch und der Teufel 213 + + + + +1. + +Von Aschenbrödel, +welcher die silbernen Enten, die Bettdecke und die goldne Harfe des +Trollen stahl. + + +Es war einmal ein armer Mann, der hatte drei Söhne. Als er starb, wollten +die beiden ältesten in die Welt reisen, um ihr Glück zu versuchen; +aber den jüngsten wollten sie gar nicht mit haben. »Du da,« sagten sie: +»taugst zu nichts Anderm, als in der Asche zu wühlen. Du!« -- »So muß +ich denn allein gehen,« sagte _Aschenbrödel_. Die beiden gingen und +kamen zu einem Königsschloß; da erhielten sie Dienste, der eine beim +Stallmeister, und der andre beim Gärtner. Aschenbrödel ging auch fort +und nahm einen großen Backtrog mit, das war das Einzige, was die Ältern +hinterlassen hatten, wonach aber die andern beiden nichts fragten; der +Trog war zwar schwer zu tragen, aber Aschenbrödel wollte ihn doch nicht +stehen lassen. Als er eine Zeitlang gewandert war, kam er ebenfalls zu +dem Königsschloß, und dort bat er um einen Dienst. Sie antworteten ihm +aber, daß sie ihn nicht brauchen könnten; da er indeß so flehentlich +bat, sollte er zuletzt die Erlaubniß haben, in der Küche zu sein und +der Köchinn Holz und Wasser zuzutragen. Er war fleißig und flink, und +es dauerte nicht lange, so hielten Alle viel von ihm; aber die beiden +Andern waren faul, und darum bekamen sie oft Schläge und wenig Lohn und +wurden nun neidisch auf Aschenbrödel, da sie sahen, daß es ihm besser +ging. + +Dem Königsschloß grade gegenüber, an der andern Seite eines Wassers, +wohnte ein Troll, der hatte sieben silberne Enten, die auf dem Wasser +schwammen, so daß man sie von dem Schloß aus sehen konnte; die hatte +sich der König oft gewünscht, und deßhalb sagten die zwei Brüder zu dem +Stallmeister: »Wenn unser Bruder wollte, so hat er sich gerühmt, dem +König die sieben silbernen Enten verschaffen zu können.« Man kann sich +wohl denken, es dauerte nicht lange, so sagte der Stallmeister es dem +König. Dieser sagte darauf zu Aschenbrödel: »Deine Brüder sagen, Du +könntest mir die silbernen Enten verschaffen, und nun verlange ich es +von Dir.« -- »Das habe ich weder gedacht, noch gesagt,« antwortete der +Bursch. »Du hast es gesagt,« sprach der König: »und darum sollst Du sie +mir schaffen.« -- »Je nun,« sagte der Bursch: »wenn's denn nicht anders +sein kann, so gieb mir nur eine Metze Rocken und eine Metze Weizen; dann +will ich's versuchen.« Das bekam er denn auch und schüttete es in den +Backtrog, den er von Hause mitgenommen hatte, und damit ruderte er über +das Wasser. Als er auf die andre Seite gekommen war, ging er am Ufer auf +und ab und streu'te und streu'te, und endlich gelang es ihm, die Enten +in den Trog zu locken und nun ruderte er, all was er nur konnte, wieder +zurück. + +Als er auf die Mitte des Wassers gekommen war, kam der Troll an und ward +ihn gewahr. »Bist Du mit meinen sieben silbernen Enten davongereis't, +Du?« fragte er. »Ja--a!« sagte der Bursch. »Kommst Du noch öfter, Du?« +fragte der Troll. »Kann wohl sein,« sagte der Bursch. -- Als nun +Aschenbrödel mit den sieben silbernen Enten zurück zu dem König kam, +wurde er noch beliebter im Schloß, und der König selbst sagte, es wäre +gut gemacht. Aber darüber wurden seine Brüder noch aufgebrachter und +noch neidischer auf ihn und verfielen nun darauf, zum Stallmeister zu +sagen, jetzt hätte ihr Bruder sich auch gerühmt, dem König die Bettdecke +des Trollen mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können, +wenn er bloß wolle; und der Stallmeister war auch diesmal nicht faul, es +dem König zu berichten. Der König sagte darauf zu dem Burschen, daß seine +Brüder gesagt hätten, er habe sich gerühmt, ihm die Bettdecke des Trollen +mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können, und nun +solle er es auch, oder sonst solle er das Leben verlieren. Aschenbrödel +antwortete, das hätte er weder gedacht, noch gesagt; da es aber nichts +half, bat er um drei Tage Bedenkzeit. Als die nun um waren, ruderte +Aschenbrödel wieder hinüber in dem Backtrog und ging am Ufer auf und ab +und lauerte. Endlich sah er, daß sie im Berge die Bettdecke heraushängten, +um sie auszulüften; und als sie wieder in den Berg zurückgegangen waren, +erschnappte Aschenbrödel die Decke und ruderte damit zurück, so schnell +er nur konnte. Als er auf die Mitte gekommen war, kam der Troll an und +ward ihn gewahr. »Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten +genommen hat?« rief der Troll. »Ja--a!« sagte der Bursch. »Hast Du nun +auch meine silberne Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten +genommen?« -- »Ja--a!« sagte der Bursch. »Kommst Du noch öfter, Du?« -- +»Kann wohl sein,« sagte der Bursch. Als er nun zurückkam mit der goldnen +und silbernen Decke, hielten Alle noch mehr von ihm, denn zuvor, und er +ward Bedienter beim König selbst. Darüber wurden die andern Beiden noch +mehr erbittert, und um sich zu rächen, sagten sie zum Stallmeister: »Nun +hat unser Bruder sich auch gerühmt, dem König die goldne Harfe verschaffen +zu können, die der Troll hat, und die von der Beschaffenheit ist, daß +Jeder, wenn er auch noch so traurig ist, froh wird, wenn er darauf +spielen hört.« Ja, der Stallmeister, der erzählte es gleich wieder dem +König, und dieser sagte zu dem Burschen: »Hast Du es gesagt, so sollst +Du es auch. Kannst Du es, so sollst Du die Prinzessinn und das halbe +Reich haben; kannst Du es aber nicht, so sollst Du das Leben verlieren.« +-- »Ich habe es weder gedacht, noch gesagt,« antwortete der Bursch: +»aber es ist wohl kein andrer Rath, ich muß es nur versuchen; doch sechs +Tage will ich Bedenkzeit haben.« Ja, die sollte er haben; aber als sie +um waren, mußte er sich aufmachen. Er nahm nun einen Lattenspiker, einen +Birkenpflock und einen Lichtstumpf in der Tasche mit, ruderte wieder +über das Wasser und ging dort am Ufer auf und ab und lauerte. Als der +Troll herauskam, und ihn gewahr ward, fragte er: »Bist Du es, der mir +meine sieben silbernen Enten genommen hat?« -- »Ja--a!« antwortete +der Bursch. »Du bist es, der mir auch meine Decke mit den goldnen und +silbernen Rauten genommen hat?« fragte der Troll. »Ja--a!« sagte der +Bursch. Da ergriff ihn der Troll und nahm ihn mit sich in den Berg. +»Nun, meine Tochter,« sagte er: »nun hab' ich ihn, der mir meine +silbernen Enten und meine Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten +gestohlen hat; setz' ihn jetzt in den Maststall, dann wollen wir ihn +schlachten und unsre Freunde bitten.« Dazu war die Tochter sogleich +bereit, und sie setzte ihn in den Maststall, und da blieb er nun acht +Tage lang und bekam das beste Essen und Trinken, das er sich wünschen +konnte, und so viel er nur wollte. »Geh nun hin,« sagte der Troll zu +seiner Tochter, als die acht Tage um waren: »und schneide ihn in den +kleinen Finger, dann werden wir sehen, ob er schon fett ist.« Die +Tochter ging sogleich hin. »Halt mal Deinen kleinen Finger her!« +sagte sie; aber Aschenbrödel steckte den Lattenspiker heraus, und +in den schnitt sie. »Ach nein, er ist noch hart wie Eisen,« sagte die +Trolltochter, als sie wieder zu ihrem Vater kam: »noch können wir ihn +nicht schlachten.« Nach acht Tagen ging es wieder eben so, nur daß +Aschenbrödel jetzt den Birkenpflock heraussteckte. »Ein wenig besser ist +er,« sagte die Tochter, als sie wieder zu dem Trollen kam: »aber noch +war er hart zu kauen, wie Holz.« Acht Tage darnach sagte der Troll +wieder, die Tochter solle hingehen und zusehen, ob er jetzt nicht +fett genug wäre. »Halt mal Deinen kleinen Finger her!« sagte die +Tochter, als sie zum Maststall gekommen war. Nun hielt Aschenbrödel den +Lichtstumpf hin. »Jetzt geht's an,« sagte sie. »Haha!« sagte der Troll: +»so reise ich fort, um Gäste zu bitten; inmittlerweile sollst Du ihn +schlachten und die eine Hälfte braten und die andre Hälfte kochen.« Als +der Troll nun gereis't war, fing die Tochter an, ein großes langes +Messer zu schleifen. »Sollst Du mich damit schlachten?« fragte der +Bursch. »Ja, Du,« sagte die Trolltochter. »Aber es ist nicht scharf,« +sagte der Bursch: »ich muß es Dir nur schleifen, damit Du mich desto +leichter ums Leben bringen kannst.« Sie gab ihm nun das Messer, und +er fing an zu schleifen und zu wetzen. »Laß es mich jetzt an Deiner +Haarflechte probiren,« sagte der Bursch: »ich glaube, es wird nun gut +sein.« Das erlaubte sie ihm denn auch; aber sowie Aschenbrödel die +Haarflechte ergriff, bog er ihr den Kopf zurück und schnitt ihr den Hals +ab -- und kochte dann die eine Hälfte und bratete die andere und trug es +auf den Tisch. Darauf zog er die Kleider der Trolldirne an und setzte +sich in die Ecke hin. Als der Troll mit den Gästen nach Hause kam, bat +er die Tochter -- denn er glaubte, daß sie es wäre -- sie möchte doch +auch kommen und mitessen. »Nein,« antwortete der Bursch: »ich will kein +Essen haben, ich bin so betrübt.« -- »Du weißt ja Rath dafür,« sagte der +Troll: »nimm die goldne Harfe und spiele darauf.« -- »Ja, wo ist die +nun?« sagte der Bursch wieder. »Du weißt es ja wohl, Du hast sie ja +zuletzt gebraucht; dort hangt sie ja über der Thür,« sagte der Troll. +Der Bursch ließ sich das nicht zweimal sagen; er nahm die Harfe und ging +damit aus und ein und spielte; aber wie er so im besten Spielen war, +schob er plötzlich den Backtrog hinaus ins Wasser und ruderte damit +fort, daß es nur so saus'te. Nach einer Weile däuchte es dem Trollen, +die Tochter bliebe gar zu lange draußen, und er ging hin, sich nach ihr +umzusehen; da sah er aber den Burschen in dem Trog weit weg auf dem +Wasser. »Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten genommen hat?« +rief der Troll. »Ja!« sagte der Bursch. »Du bist es, der mir auch meine +Decke mit den silbernen und goldnen Rauten genommen hat?« -- »Ja!« sagte +der Bursch. »Hast Du mir nun auch meine goldne Harfe genommen, Du?« +schrie der Troll. »Ja, das hab' ich,« sagte der Bursch. »Hab' ich Dich +denn nicht gleichwohl verzehrt?« -- »Nein, das war Deine Tochter, die Du +verzehrtest,« antwortete der Bursch. Als der Troll das hörte, ward er so +arg, daß er barst. Da ruderte Aschenbrödel zurück und nahm einen ganzen +Haufen Gold und Silber mit, so viel der Trog nur tragen konnte, und +als er nun damit zurückkehrte, und auch die goldne Harfe mitbrachte, +bekam er die Prinzessinn und das halbe Reich, so wie der König es ihm +versprochen hatte. Seinen Brüdern aber that er immer wohl; denn er +glaubte, sie hätten nur sein Bestes gewollt mit Dem, was sie gesagt +hatten. + + + + +2. + +Der Gertrudsvogel. + + +Als unser Herr Christus und St. Petrus noch auf Erden einherwandelten, +kamen sie einmal zu einer Frau, die bei ihrem Backtrog stand und den +Teig knetete. Sie hieß _Gertrud_ und hatte eine rothe Mütze auf. Da +beide den Tag über schon weit gegangen und daher sehr hungrig waren, bat +der Herr Christus die Frau um ein Stückchen Brod. Ja, das sollte er +haben, sagte sie und nahm ein Stückchen Teig und knetete es aus; aber +da ward es so groß, daß es den ganzen Backtrog anfüllte. Nein, das war +allzu groß, das konnte er nicht bekommen. Sie nahm nun ein kleineres +Stück; aber als sie es ausgeknetet hatte, war es ebenfalls zu groß +geworden; das konnte er auch nicht bekommen. Das dritte Mal nahm sie ein +ganz ganz kleines Stück; aber auch das Mal ward es wieder zu groß. »Ja, +so kann ich Euch Nichts geben,« sagte Gertrud: »Ihr müsst daher ohne +Mundschmack wieder fortgehen; denn das Brod wird ja immer zu groß.« Da +ereiferte sich der Herr Christus und sprach: »Weil Du ein so schlechtes +Herz hast und mir nicht einmal ein Stückchen Brod gönnst, so sollst Du +zur Strafe dafür in einen Vogel verwandelt werden und Deine Nahrung +zwischen Holz und Rinde suchen, und nicht öfter zu trinken sollst Du +haben, als wenn es regnet.« Und kaum hatte er die Worte gesprochen, +so war sie zum Gertrudsvogel verwandelt und flog oben zum Schornstein +hinaus; und noch den heutigen Tag sieht man sie herumfliegen mit einer +rothen Mütze auf dem Kopf und schwarz über dem ganzen Leib; denn der Ruß +im Schornstin hatte sie geschwärzt. Sie hackt und bickt beständig in den +Bäumen nach Essen und piept immer, wenn es regnen will; denn sie ist +beständig durstig. + + + + +3. + +Der Vogel Dam. + + +Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, und von denen hielt +er so viel, daß er sie nie aus den Augen ließ; aber jeden Mittag, wenn +der König schlief, gingen die Prinzessinnen spazieren. Einstmals, da +der König wieder seinen Mittagsschlummer hielt, und die Prinzessinnen, +wie gewöhnlich, spazieren gegangen waren, geschah es, daß sie nicht +zurückkehrten, sondern ausblieben. Da entstand große Sorge und Betrübniß +im ganzen Land; aber am betrübtesten von Allen war der König. Er sandte +Boten aus durch sein ganzes Reich und in viele fremde Länder und ließ +sie nachsuchen und ihnen nachläuten mit allen Glocken über das ganze +Land; aber die Prinzessinnen waren fort und blieben fort, so daß Niemand +wußte, wo sie gestoben oder geflogen waren. Da konnte man denn wohl +begreifen, daß sie von irgend einem Trollen entführt sein mußten. Das +Gerücht hievon verbreitete sich bald von Stadt zu Stadt, von Land zu +Land, und endlich gelangte es auch zu einem König, der in einem Lande +weit weit weg wohnte und zwölf Söhne hatte. Als die Söhne von den zwölf +Königstöchtern erzählen hörten, baten sie ihren Vater um Erlaubniß, +reisen zu dürfen, um die Prinzessinnen aufzusuchen. Der alte König aber +wollte anfangs Nichts davon wissen; denn er fürchtete, daß er dann die +Söhne niemals wiedersehen möchte; aber die Prinzen fielen ihm zu Füßen +und baten ihn so lange, bis er endlich nachgab und sie reisen ließ. +Er rüstete nun ein Schiff für sie aus und setzte zum Steuermann über +dasselbe den Ritter _Röd_, der zu Wasser wohl erfahren war. Lange Zeit +segelten sie nun umher und forschten in allen Ländern, wohin sie kamen, +nach den Prinzessinnen; aber sie entdeckten keine Spur von ihnen. Es +fehlten jetzt nur noch wenig Tage, so hatten sie schon sieben Jahre +gesegelt. Da entstand eines Tages ein heftiger Sturm und ein solches +Unwetter, daß sie glaubten, sie würden nimmer wieder an's Land kommen, +und Alle mußten in einem fort arbeiten, so daß kein Schlaf in ihre Augen +kam, so lange das böse Wetter anhielt. Aber am dritten Tage legte sich +der Sturm, und es ward auf einmal ganz still. Alle waren nun von der +Arbeit und dem schlimmen Wetter so müde geworden, daß sie sogleich +einschliefen; nur der jüngste Prinz hatte keine Ruhe und konnte nicht +schlafen. Während er nun auf dem Verdeck hin- und herging, trieb das +Schiff an eine Insel, und auf der Insel lief ein Hündchen am Ufer und +bellte und winselte gegen das Schiff an, als ob es hinauf wolle. Der +Königssohn pfiff und lockte das Hündchen an sich; aber es konnte nicht +zu ihm kommen und bellte und winselte nur um so mehr. Dem Prinzen +däuchte, es wäre Sünde, das Hündchen dort umkommen zu lassen, das, wie +er glaubte, von einem Schiff sei, welches in dem Sturm untergegangen +wäre; aber er wußte nicht, wie er ihm helfen sollte, da er sich nicht +im Stande glaubte, das Boot allein auszusetzen; denn alle die Andern +schliefen, und er wollte sie nicht gern wegen des Hundes aufwecken. Aber +das Wetter war so klar und so still; da dachte er denn, du musst es doch +versuchen, ob du das Thierchen nicht retten kannst, und er machte sich +daran, das Boot auszusetzen, und es ging damit leichter, als er geglaubt +hatte. Er ruderte nun ans Land und ging auf das Hündchen zu; aber so +oft er es greifen wollte, sprang es zur Seite und lockte so den Prinzen +immer weiter fort, bis dieser, eh' er es gewahr ward, sich in einem +großen prächtigen Schlosse befand. Da verwandelte sich das Hündchen +plötzlich in eine schöne Prinzessinn. Auf der Bank aber saß ein Mann, so +groß und so häßlich, daß der Prinz darüber erschrak. »Du brauchst nicht +bange zu sein,« sagte der Mann; -- aber der Prinz erschrak noch mehr, +als er seine Stimme hörte -- »ich weiß wohl, Was Du willst: Es sind +Eurer zwölf Prinzen, die suchen die zwölf verloren gegangenen +Prinzessinnen. Ich weiß aber wohl, wo sie sind: sie sind bei meinem +Herrn; da sitzen sie jede auf ihrem Stuhl und läusen ihn, denn er hat +zwölf Köpfe. Nun seid Ihr sieben Jahre lang umhergesegelt, aber Ihr +werdet noch sieben Jahre dazu segeln müssen, eh' Ihr sie findet. Was +Dich betrifft, so könntest Du gern hier bleiben, und meine Tochter +bekommen; aber Du musst erst meinen Herrn tödten, denn er ist sehr +strenge gegen uns, so daß wir seiner längst überdrüssig sind; und wenn +er todt ist, werde ich König an seiner Stelle. Versuche aber nun, ob Du +dieses Schwert zu schwingen vermagst,« sagte der Troll. Der Königssohn +wollte ein rostiges Schwert ergreifen, das an der Wand hing, aber er +konnte es nicht vom Fleck rühren. »So musst Du Dir einen Schluck aus +dieser Flasche nehmen,« sagte der Troll. Als der Prinz das gethan hatte, +konnte er das Schwert von der Wand nehmen, und als er noch einen Schluck +genommen hatte, konnte er es aufheben; und als er endlich noch einen +Schluck genommen hatte, konnte er es mit solcher Leichtigkeit schwingen, +als wär' es sein eignes gewesen. »Wenn Du nun wieder an Bord kommst,« +sagte der Trollprinz: »so musst Du das Schwert in Deine Koje verstecken, +damit der Ritter _Röd_ es nicht zu sehen bekommt. Er ist zwar nicht im +Stande, es zu schwingen, aber er wird Dich dann hassen und Dir nach dem +Leben trachten. Wenn sieben Jahre um sind, bis auf drei Tage,« sagte er +weiter: »dann wird es wieder eben so gehen, wie jetzt; es kommt dann +wieder ein gewaltiges Unwetter mit Sturm und Hagel über Euch, und wenn +das vorüber ist, werden Alle müde sein und sich in ihre Kojen legen; Du +aber musst dann das Schwert nehmen und ans Land rudern; alsdann gelangst +Du zu einem Schloß, wo lauter Wölfe, Bären und Löwen als Schildwachen +stehen; aber Du brauchst Dich nicht vor ihnen zu fürchten, denn sie +werden Dir alle zu Füßen kriechen. Sobald Du darauf in das Schloß +gekommen bist, siehst Du den Räuber in einem prächtig geschmückten +Zimmer sitzen; aber zwölf Köpfe hat er, und die Prinzessinnen sitzen +jede auf ihrem Stuhl und läusen ihn, und da kannst Du Dir wohl vorstellen, +daß ihnen solche Arbeit nicht gefällt. Darnach musst Du Dich beeilen +und ihm den einen Kopf nach dem andern abhauen, eh' er aufwacht; denn +geschieht das, so frisst er Dich lebendig auf.« Der Königssohn ging +nun mit dem Schwert wieder an Bord und vergaß nicht, Was ihm der Troll +gesagt hatte. Die Andern lagen noch alle und schliefen; er aber versteckte +das Schwert in seine Koje, so daß weder der Ritter _Röd_, noch sonst +Jemand von ihnen es bemerkte. Nun fing es wieder an zu wehen; da weckte +der Prinz die Andern auf und sagte, es könne nicht angehen, daß sie noch +länger da lägen und schliefen, da sie jetzt einen so guten Wind bekommen +hätten. Niemand von ihnen hatte bemerkt, daß er weg gewesen war. -- Die +Zeit verstrich allmählich, und der Prinz dachte immer an das Abenteuer, +das er bestehen sollte, zweifelte aber an dem glücklichen Ausgang. Als +nun die sieben Jahre bis auf drei Tage um waren, geschah es ganz, wie +der Trollprinz ihm gesagt hatte. Es entstand ein heftiges Unwetter, das +hielt drei Tage lang an, und als das vorüber war, wurden Alle von der +anstrengenden Arbeit müde und legten sich in ihren Kojen schlafen. Der +jüngste Königssohn aber ruderte ans Land, und die Wachen krochen ihm +zu Füßen, und so gelangte er ins Schloß. In einem der Zimmer saß der +König und schlief, wie ihm der Trollprinz gesagt hatte, und die zwölf +Prinzessinnen saßen jede auf ihrem Stuhl und läus'ten jede ihren Kopf. +Der Königssohn winkte den Prinzessinnen, daß sie sich entfernen sollten; +sie zeigten aber auf den Trollen und winkten ihm wieder, er solle +schnell fortgehen; der Königssohn aber gab ihnen durch Mienen und +Geberden zu verstehen, daß er sie befreien wolle; endlich merkten sie +denn seine Absicht und entfernten sich leise eine nach der andern. Nun +sprang der Prinz schnell hinzu und hieb dem Trollkönig die zwölf Köpfe +ab, so daß das Blut wie ein großer Bach strömte. Als der Troll getödtet +war, ruderte der Prinz wieder nach dem Schiff zurück und verbarg das +Schwert. Es däuchte ihm, daß er jetzt Genug gethan hätte, und da er den +Leichnam nicht allein aus dem Schloß schaffen konnte, so wollte er daß +die Andern ihm helfen sollten. Er weckte sie daher auf und sagte, es +wäre eine Schande, daß sie da liegen sollten und schlafen, während er +die Prinzessinnen gefunden und sie von dem Trollen befrei't hätte. Da +lachten die Andern über ihn und sagten, er hätte wohl eben so gut +geschlafen, als sie alle, und es hätte ihm bloß geträumt, daß er ein +solcher Held wäre; denn wenn irgend Jemand die Prinzessinnen sollte +befrei't haben, so wäre es doch weit wahrscheinlicher, daß einer von +ihnen es gethan hätte, als er. Aber der Königssohn erzählte ihnen, wie +sich Alles zugetragen hatte, und als sie ans Land fuhren und zuerst den +Blutbach erblickten und darnach das Schloß und den Trollen und die zwölf +Köpfe und die Prinzessinnen, da sahen sie wohl, daß er die Wahrheit +geredet, und halfen ihm nun die Köpfe und den ganzen Rumpf in die See +werfen. Alle waren nun fröhlich und guter Dinge; aber Keiner war froher, +als die Prinzessinnen, die nun nicht mehr nöthig hatten, den ganzen Tag +über da zu sitzen und den Trollen zu läusen. Von all dem Gold und Silber +und dem kostbaren Geräth, das sich im Schlosse vorfand, nahmen sie so +viel mit, als das Schiff nur tragen konnte. Darauf gingen Alle an Bord, +die Prinzen mit sammt den Prinzessinnen. Als sie aber eine Strecke weit +in die See hinausgekommen waren, sagten die Prinzessinnen, daß sie in +der Freude ihre goldnen Kronen vergessen hätten, die in einem Schrank +auf dem Schlosse lägen, und die wollten sie doch gern mithaben. Da nun +Keiner von den Übrigen sie holen wollte, sagte der jüngste Königssohn: +»Hab' ich schon so Viel gewagt, so kann ich auch wohl die goldnen Kronen +holen, wenn Ihr nur die Segel herablassen und so lange warten wollt, bis +ich wiederkomme.« Ja, das wollten sie, sie wollten die Segel herablassen +und so lange warten, bis er wiederkäme. Als aber der Prinz so weit von +dem Schiff ab war, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten, sagte der Ritter +_Röd_, der gern selber der Vornehmste sein und die jüngste Prinzessinn +haben wollte, es könne nichts nützen, daß sie da still lägen und auf ihn +warteten; denn das könnten sie sich wohl denken, daß er doch nicht +zurückkehren würde; sie wüßten überdies, sagte er, daß der König ihm +(dem Ritter _Röd_) die Vollmacht gegeben hätte, zu segeln wann und wohin +er wolle, und nun sollten sie sagen, er sei es, der die Prinzessinnen +befrei't hätte, und wenn Jemand anders sagte, dann solle er das Leben +verlieren. Die Prinzen wagten nicht, anders zu thun, als der Ritter +_Röd_ ihnen befohlen hatte, und sie segelten nun weiter. Inmittlerweile +ruderte der jüngste Königssohn ans Land und ging auf das Schloß, wo er +auch sogleich den Schrank mit den goldnen Kronen fand; und er müh'te +sich so lange ab, bis es ihm gelang, denselben ins Boot zu schaffen. Als +er nun aber in die See hinausgekommen war, konnte er nirgends das Schiff +erblicken. Er sah sich um nach allen Seiten; aber von dem Schiff war +keine Spur zu sehen; da merkte er denn wohl, wie es zugegangen war. +Ihnen nachzurudern konnte nichts helfen, und er mußte daher umkehren +und ans Land zurückrudern. Er fürchtete sich zwar, die Nacht allein im +Schlosse zuzubringen, aber es war nun einmal kein andrer Rath. Er faßte +daher Muth, verschloß alle Thüren und Pforten und legte sich in einem +Zimmer, wo ein aufgemachtes Bett stand, schlafen. Aber angst und bange +war er, und er ward es noch mehr, als es nach einer Weile anfing, oben +im Dach und in den Wänden zu knacken und zu krachen, als ob das ganze +Schloß bersten wollte. Auf einmal raschelte es neben sein Bett nieder +wie ein ganzes Fuder Heu. Bald darauf aber hörte er eine Stimme, die +rief ihm zu, er solle sich nicht fürchten. + + »Der Vogel Dam ist hier, + Wo Du nicht kannst, da hilft er Dir,« + +sprach die Stimme, und dann sagte sie: »Wenn Du morgen aufwachst, musst +Du sogleich aufs Stabur[1] gehen und vier Tonnen Rocken für mich zum +Frühstück holen; die muß ich erst zu Leibe haben, denn sonst kann ich +Nichts für Dich thun.« -- Als der Prinz am andern Morgen aufwachte, +erblickte er neben seinem Bett einen entsetzlich großen Vogel, der hatte +eine Feder im Nacken, die war so groß wie eine halb ausgewachsene Tanne. +Der Königssohn ging nun aufs Stabur und holte vier Tonnen Rocken für den +Vogel Dam. Als dieser sein Frühstück zu Leibe hatte, sagte er zu dem +Königssohn, er solle ihm nun den Schrank mit den goldnen Kronen an der +einen Seite um den Hals hängen und so viel Gold und Silber nehmen, daß +es den Schrank aufwöge, und es ihm an der andern Seite um den Hals +hängen, und dann solle er sich ihm auf den Rücken setzen und sich nur +gut an der Nackenfeder fest halten. Als der Prinz das gethan hatte, ging +es in einem Sausen fort durch die Luft, und es dauerte nicht lange, so +waren sie über dem Schiff. Der Königssohn wollte gern an Bord, um das +Schwert zu holen, das, wie der Troll ihm gesagt hatte, die Andern nicht +sehen dürften; aber der Vogel Dam sagte zu ihm, das könne nicht angehen; +»der Ritter _Röd_ wird es nicht zu sehen bekommen,« sagte er: »kommst Du +aber an Bord, so trachtet er Dir nach dem Leben, denn er will gern die +jüngste Prinzessinn haben; aber für die kannst Du ganz ruhig sein, denn +sie legt jede Nacht ein bloßes Schwert vor sich ins Bett.« -- Endlich +und zuletzt kamen sie bei dem Trollprinzen an, und da wurde nun der +Königssohn so wohl aufgenommen, daß es gar nicht zu sagen ist. Der +Trollprinz wußte nicht, Was er ihm all für Gutes erzeigen sollte, weil +er seinen Herrn getödtet und ihn zum König gemacht hatte. Er hätte dem +Königssohn gern seine Tochter und das halbe Reich dazu gegeben; aber der +war nun einmal so in die jüngste von den Prinzessinnen verliebt, daß er +nur an sie dachte und durchaus wieder fort wollte. Aber der Troll bat +ihn, sich noch eine Zeitlang zu gedulden und sagte, daß die Andern +beinahe noch sieben Jahre zu segeln hätten, ehe sie wieder nach Hause +kämen. Von der Prinzessinn sagte der Troll Dasselbe, was der Vogel Dam +gesagt hatte: »Für die,« sagte er: »kannst Du ganz ruhig sein; denn sie +legt immer ein bloßes Schwert vor sich ins Bett. Und wenn Du mir nicht +glauben willst, so kannst Du an Bord gehen, wenn sie hier vorüber +segeln, und Dich selbst davon überzeugen und mir dann zugleich das +Schwert wiederbringen; denn wiederhaben muß ich es durchaus.« -- Als nun +nach sieben Jahren die Andern dort vorübersegelten, war es vorher wieder +ein heftiges Unwetter gewesen; und wie der Königssohn an Bord kam, +schliefen sie alle insgesammt, und jede der Prinzessinnen schlief bei +ihrem Prinzen, nur die jüngste Prinzessinn schlief allein mit einem +bloßen Schwert vor sich im Bette, und auf dem Boden vor dem Bette +schlief der Ritter _Röd_. Der Königssohn nahm nun das Schwert und +ruderte wieder ans Land, ohne daß Jemand es bemerkt hatte, daß er an +Bord gewesen war. -- Der Prinz war indeß beständig unruhig und wollte +immer wieder fort; und als endlich die sieben Jahre zu Ende gingen und +nur noch drei Wochen fehlten, sagte der Trollkönig zu ihm: »Nun kannst +Du Dich zur Reise fertig machen, da Du doch einmal nicht bei uns +bleiben willst. Ich will Dir ein eisernes Boot leihen, das geht von +selbst auf dem Wasser, wenn Du bloß sagst: »Boot, geh vorwärts!« Im +Boote liegt ein eiserner Kloben, und den Kloben sollst Du ein wenig in +die Höhe heben, wenn Du das Schiff grade vor Dir siehst; dann bekommen +sie einen solchen Fahrwind, daß sie vergessen, sich nach Dir umzusehen. +Wenn Du dann neben das Schiff kommst, sollst Du den Kloben noch einmal +aufheben; alsdann wird es ein solcher Sturm, daß sie wohl etwas Anders +zu thun bekommen, als nach Dir auszugucken. Und wenn Du an ihnen nun +vorbei gekommen bist, sollst Du den Kloben zum dritten Mal in die Höhe +heben; aber Du musst ihn immer wieder vorsichtig niederlegen, denn +sonst wird es ein solches Wetter, daß sowohl Du, als die Andern darin +umkommen. Sobald Du nachher ans Land gekommen bist brauchst Du Dich +nicht weiter um das Boot zu bekümmern, sondern schieb' es dann nur +umgewendet in die See und sprich: »Boot, geh wieder nach Hause!« -- Als +der Prinz nun abreis'te, bekam er so viel Gold und Silber und andre +Kostbarkeiten und Kleider und Leinenzeug mit, das die Prinzessinn +während der langen Zeit, die er auf der Insel zugebracht, für ihn +genäh't hatte, so daß er viel reicher war, als irgend einer von seinen +Brüdern. Kaum hatte er sich nun ins Boot gesetzt und gesagt: »Boot, geh +vorwärts!« so ging das Boot fort. Und als er das Schiff grade vor sich +erblickte, hob er den Kloben ein wenig in die Höhe; da bekamen sie einen +solchen Fahrwind, daß sie vergaßen, sich nach ihm umzusehen. Als er +darauf neben das Schiff kam, hob er den Kloben noch einmal in die Höhe, +und da ward es ein solcher Sturm und ein solches Wetter, daß der weiße +Schaum rund um das Schiff stand, und die Wellen über das Verdeck +hinschlugen, so daß sie etwas Anders zu thun bekamen, als nach ihm +auszugucken. Und als er ihnen nun vorbeigekommen war, hob er den Kloben +zum dritten Mal auf, und da bekamen sie so reichlich zu thun, daß sie +gar keine Zeit hatten, sich nach ihm umzusehen. Er kam weit, weit früher +ans Land, als das Schiff; und als er all seine Sachen aus dem Boot +geschafft hatte, kehrte er es um, schob es hinaus in die See und sprach: +»Boot, geh wieder nach Hause!« und da ging das Boot wieder fort. + +Der Königssohn kleidete sich nun als ein Seemann aus -- ob der +Trollkönig ihm das gerathen hatte, oder ob es seine eigne Erfindung war, +das muß ich ungesagt lassen -- und begab sich nach einer armseligen +Hütte zu einer alten Frau, zu der sagte er, er wäre ein armer Matrose, +der auf einem Schiff gewesen, das untergegangen sei, und er wäre der +Einzige von der ganzen Mannschaft, der sich gerettet hätte, und dann bat +er sie, ihn nebst den Sachen, die er geborgen, bei sich beherbergen zu +wollen. »Ach, Gott helf mir!« sagte die Frau: »ich kann Niemandem +Herberge geben. Ihr seht wohl, wie es hier beschaffen ist; ich habe +nicht einmal Betten, worauf ich selbst liegen kann, viel weniger noch +für Andre.« Ja, das wäre einerlei, sagte der Seemann, wenn er bloß ein +Dach über dem Kopf hätte, dann wär's ihm ganz gleich, wie er läge. Ein +Obdach konnte sie ihm denn nicht versagen, wenn er so damit fürlieb +nehmen wolle, wie sie's hätte. -- Am Abend brachte der Seemann seine +Sachen in die Hütte, und sogleich begann die Alte, die gern etwas Neues +zu erzählen haben wollte, zu fragen, was für Einer er wäre, wo er wohl +her sei, wo er gewesen, und wo er hin wolle, was das für Sachen wären, +die er bei sich hätte, in welchem Geschäft er reis'te, und ob er Nichts +von den zwölf Prinzessinnen gehört hätte, die vor vielen lieben Jahren +verschwunden wären, und dergleichen mehr, so daß es zu weitläufig sein +würde, es alles zu erzählen. Der Seemann sagte aber, er befände sich so +schlecht und hätte solche Kopfschmerzen von dem entsetzlichen Wetter, +das da regiert hätte, daß er sich auf keine Sache recht besinnen könne; +sie möchte ihm nur noch einige Tage Ruhe lassen, bis er sich von der +schweren Arbeit, die er während des schlimmen Wetters gehabt, etwas erholt +hätte, dann solle sie nachher schon Alles erfahren. Den andern Tag begann +die Frau aufs neue zu fragen und ihn auszuforschen; aber der Seemann hatte +noch solche Kopfschmerzen von dem bösen Wetter, daß er sich auf keine +Sache recht besinnen konnte; doch ließ er so von ungefähr ein Wort fallen, +als wüßte er wohl Etwas von den Prinzessinnen. Sogleich lief die Alte +mit dieser Neuigkeit fort zu all den Klatschweibern rund umher, und nun +kam die eine nach der andern gerannt und fragte nach den Prinzessinnen, +ob der Seemann sie gesehen hätte, ob sie bald kämen, ob sie schon auf +der Reise wären u. s. w. Der Seemann aber hatte immer noch Kopfschmerzen +von dem bösen Wetter, so daß er nicht auf Alles Bescheid geben konnte; +aber so Viel sagte er doch, daß wenn die Prinzessinnen nicht Schiffbruch +gelitten hätten in dem heftigen Sturm, sie dann wohl um vierzehn Tage, +oder vielleicht noch etwas früher, ankommen würden; er könne aber, fügte +er hinzu: nicht mit Gewißheit sagen, ob sie noch am Leben wären; er +hätte sie zwar gesehen, sie könnten aber wohl nachher in dem bösen +Wetter umgekommen sein. Sogleich lief eins von den Klatschweibern zu dem +Königsschloß und erzählte dort, es wäre in der Hütte bei der und der +Frau ein Seemann, der hätte die Prinzessinnen gesehen und hätte gesagt, +sie würden wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher, +ankommen. Als der König das hörte, schickte er sogleich zu dem Seemann +und ließ ihm sagen, daß er zu ihm kommen und ihm die Sache selbst +berichten solle. Der Matrose sagte: »Ich habe nicht solche Kleider und +sehe nicht so aus, daß ich zu dem König gehen kann.« Der Bote aber +sagte, er solle nur kommen, der König wolle und müsse ihn sprechen, +einerlei, er möge nun so, oder so aussehen; denn es wäre noch Niemand da +gewesen, der Nachrichten von den Prinzessinnen hätte bringen können. Da +ging denn der Seemann endlich zu dem Schloß und trat zu dem König ein; +der fragte ihn, ob es wahr wäre, daß er die Prinzessinnen gesehen. »Ja, +das ist wahr,« sagte der Seemann: »aber ich weiß nicht, ob sie noch am +Leben sind; denn als ich sie sah, war es ein solches Unwetter, daß wir +Schiffbruch litten. Wenn sie aber damals nicht untergegangen sind, so +mögen sie wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher, +kommen.« + +Als der König das hörte, war er beinahe außer sich vor Freuden; und als +es nun um die Zeit war, daß die Prinzessinnen, wie der Seemann gesagt +hatte, kommen sollten, zog der König ihnen in vollem Staat entgegen an +den Strand -- und groß war die Freude über das ganze Land, als endlich +das Schiff mit den Prinzessinnen und den Prinzen und dem Ritter _Röd_ +ankam. Die elf ältesten Prinzessinnen waren fröhlich und guter Dinge; +aber die jüngste, die den Ritter _Röd_ haben sollte, welcher sagte, daß +er es sei, der die Prinzessinnen befrei't und den Trollen getödtet +hätte, war immer traurig und weinte unaufhörlich. Dem König wollte das +gar nicht behagen, und er fragte sie daher, warum sie nicht auch so +munter und vergnügt wäre, wie die andern Prinzessinnen; sie hätte doch, +meinte er, keine Ursache, betrübt zu sein, da sie nun von dem Trollen +befrei't wäre und einen Mann zum Gemahl haben solle, wie der Ritter +_Röd_ sei. Sie durfte aber Nichts sagen; denn der Ritter _Röd_ hatte ja +gedroh't, wenn Einer erzählen würde, wie sich Alles wirklich zugetragen, +dann wolle er ihn ums Leben bringen. + +Als nun die Prinzessinnen eines Tages an ihrem Brautputz näh'ten, trat +plötzlich Jemand in einer großen Matrosenjacke und mit einem +Tabuletkasten auf dem Rücken zu ihnen ein und fragte, ob sie ihm keine +Schmucksachen zu ihrer Hochzeit abkaufen wollten, er hätte, sagte er, +außerordentlich seltne und kostbare Dinge von Gold und auch von Silber. +-- Ja, das könnte wohl möglich sein. Sie sahen die Waaren an, und sie +sahen ihn an; denn es wollte sie bedünken, sie sollten ihn und auch +manche von den Sachen kennen, die er hatte. »Der so viel prächtige +Schmucksachen hat,« sagte endlich die jüngste Prinzessinn: »könnte auch +wohl Etwas haben, das noch prächtiger und für uns noch passender wäre.« +-- »Das wäre wohl möglich,« sagte der Krämer. Aber die andern tuschten +sie und sagten, sie möchte doch bedenken, womit der Ritter _Röd_ ihnen +gedroht hätte. -- Einige Zeit darnach, als die Prinzessinnen eines Tages +vor dem Fenster saßen, kam der Königssohn wieder in seiner großen +Matrosenjacke und trug auf dem Rücken den Schrank mit den goldnen Kronen. +Als er in den Schloßsaal eingetreten war, machte er den Schrank auf, und +da nun die Prinzessinnen jede ihre goldne Krone wieder erkannten, sagte +die jüngste: »Mir däucht, es ist billig und recht, daß Der, welcher uns +befrei't hat, den Lohn erhalte, der ihm zukommt, und das ist nicht der +Ritter _Röd_, sondern Der, welcher unsre goldnen Kronen brachte -- der +hat uns befrei't.« Da warf der Königssohn die Matrosenjacke ab und stand +nun da weit stattlicher, als alle die Andern; und darauf ließ der König +den Ritter _Röd_ sogleich ums Leben bringen. Nun war die Freude erst +recht groß im Königsschloß; und jeder Prinz nahm seine Prinzessinn und +hielt mit ihr Hochzeit, so daß man sich in zwölf Königreichen davon zu +erzählen hatte. + + + + +4. + +Die wortschlaue Prinzessinn. + + +Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die war so schlau und +spitzfindig in Worten, daß Keiner sie zum Schweigen bringen konnte. +Da setzte der König einen Preis aus und ließ bekannt machen, daß Der, +welcher es könnte, die Prinzessinn und das halbe Reich haben sollte. +Drei Brüder, welche dies hörten, beschlossen, ihr Glück zu versuchen. +Zuerst machten sich die beiden ältesten auf, die sich am klügsten +dünkten; aber sie konnten Nichts bei der Prinzessinn ausrichten und +mußten noch dazu mit blauer Haut wieder abziehen. Darnach machte sich +Aschenbrödel auch auf. Als er eine Strecke weit gegangen war, fand er +am Wege ein Weidenreis, das nahm er auf. Eine Strecke weiter fand er +eine Scherbe von einer alten Schüssel, die nahm er auch auf. Als er noch +etwas weiter gegangen war, fand er einen todten Staar, und etwas darnach +ein krummes Bockshorn; ein wenig später fand er noch ein krummes +Bockshorn, und als er über das Feld zum Königshof gehen wollte, wo +Dünger ausgestreu't lag, fand er darunter eine ausgegangene Schuhsohle. +Alle diese Dinge nahm er mit sich zum Königsschloß, und damit trat er zu +der Prinzessinn ein. »Guten Tag!« sagte er. »Guten Tag!« sagte sie und +verzog das Gesicht. »Kann ich nicht meinen Staar gebraten kriegen?« +fragte er. »Ich bin bange, er birstet,« antwortete die Prinzessinn. »O, +das hat keine Noth, ich binde dieses Weidenreis um,« sagte der Bursch +und nahm das Reis hervor. »Aber das Fett läuft heraus,« sagte die +Prinzessinn. »Ich halte dies unter,« sagte der Bursch und zeigte ihr die +Scherbe von der Schüssel. »Du machst es mir so krumm, Du!« sagte die +Prinzessinn. »Ich mach es nicht krumm, sondern es ist schon krumm,« +sagte der Bursch und nahm das eine Horn hervor. »Nein, etwas Ähnliches +hab' ich noch mein Lebtag nicht gesehn!« rief die Prinzessinn. »Hier +siehst Du was Ähnliches,« sagte der Bursch und nahm das andre Bockshorn +hervor. »Ich glaube, Du bist ausgegangen, um mich zum Schweigen zu +bringen,« sagte die Prinzessinn. »Nein, ich bin nicht ausgegangen, +aber diese hier ist ausgegangen,« sagte der Bursch und zeigte ihr die +Schuhsohle. Hierauf wußte die Prinzessinn Nichts mehr zu antworten. »Nun +bist Du mein!« sagte der Bursch, und darauf erhielt er die Prinzessinn +und das halbe Königreich. + + + + +5. + +Der reiche Peter Krämer. + + +Es war einmal ein Mann, den nannten die Leute _den reichen Peter +Krämer_, weil er ehedem mit Kram im Lande umhergefahren und viel Geld +verdient hatte, so daß er nun ein reicher Mann geworden war. Dieser +reiche Peter Krämer hatte eine Tochter, die hielt er so kostbar, daß er +alle Freier, die sich um sie bewarben, abwies; denn es schien ihm kein +Einziger gut genug für sie. Weil es nun so mit allen ging, kamen endlich +gar keine mehr, und da nun die Jahre herankamen, befürchtete Peter, das +Mädchen möchte zuletzt sitzen bleiben. »Es wundert mich,« sprach er zu +seiner Frau: »daß gar keine Freier mehr zu unsrer Tochter kommen, die +doch so reich ist. Das müßte sonderbar zugehen, wenn sich nicht Einer +finden sollte, der sie haben wollte; denn Geld hat sie, und noch mehr +bekommt sie. Ich glaube, ich muß mal zu den Sternguckern reisen und die +fragen, Wen sie haben soll; denn es kommt hier ja Niemand.« -- »Wie +können die Sterngucker Dir das sagen?« fragte die Frau. »O, das lesen +sie alles in den Sternen,« sagte der reiche Peter. Er steckte nun viel +Geld zu sich und reis'te damit zu den Sternguckern und bat sie, ihm doch +den Gefallen zu thun und nach den Sternen zu gucken, und ihm dann zu +sagen, was seine Tochter für einen Mann haben solle. Die Sterngucker +sahen nach den Sternen, aber sie sagten, daß sie Nichts sehen könnten. +Peter bat sie, noch besser zuzusehen und es ihm ja zu sagen; er wolle +ihnen auch viel Geld geben, sagte er. Die Sterngucker sahen nun besser +zu, und darauf sagten sie, seine Tochter solle das Müllerkind heirathen, +das eben jetzt in der Mühle, die gleich unten bei des reichen Peters +Gehöft läge, zur Welt gekommen sei. Peter meinte, es wäre gar zu +ungereimt, daß seine Tochter Einen zum Mann haben solle, der eben erst +zur Welt gekommen sei, und noch dazu einen so geringen Mann. Das sagte +er auch zu seiner Frau und fügte hinzu: »Es müßte sonderbar zugehen, +wenn sie mir den Buben nicht verkaufen wollten; alsdann aber wollen wir +ihn schon quitt werden.« -- »Ja, das mein' ich auch,« sagte die Frau: +»es sind ja nur arme Leute.« Peter Krämer ging nun zur Mühle und fragte +die Müllerfrau, ob sie ihm nicht ihren Sohn verkaufen wolle, sie sollte +viel Geld dafür haben. Nein, das wollte sie durchaus nicht. »Ich weiß +nicht, warum Du das nicht willst,« sagte Peter Krämer: »es ist ja nur +die liebe Armuth bei Euch zu Hause, und der Bube, denk' ich, wird sie +Euch nicht leichter machen.« Aber sie hielt so viel von dem Jungen, daß +sie ihn nicht missen wollte. Als darauf der Müller eintrat, sagte Peter +zu ihm dasselbe und versprach ihm sechshundert Thaler für den Buben; +dafür könnten sie sich ein Gehöft kaufen, sagte er, und hätten dann +nicht mehr nöthig, für die Leute zu mahlen und zu hungern, wenn sie kein +Mahlwasser hätten. Das däuchte dem Müller nicht übel, und er sprach mit +seiner Frau darüber, und endlich bekam denn der reiche Peter den Buben. +Die Mutter weinte zwar und geberdete sich übel; aber Peter tröstete sie +und sagte, daß er gut für den Burschen sorgen würde; nur mußten sie ihm +versprechen, daß sie niemals nach ihm fragen wollten; denn er wollte ihn +weit weg in andre Länder schicken, damit er fremde Sprachen lerne, sagte +er. -- Als Peter mit dem Buben nach Hause kam, ließ er einen Kasten +verfertigen, den verklebte er inwendig mit Pech, legte den Müllerbuben +hinein, dreh'te den Schlüssel einmal herum und schob dann den Kasten +hinaus in den Fluß, so daß er mit dem Strom davon trieb. Nun bin ich +ihn quitt, dachte Peter Krämer. Als aber der Kasten auf dem Fluß weit +weggetrieben war, kam er zuletzt zu dem Wasser einer andern Mühle und +gerieth ins Mühlrad, so daß die Mühle davon stehen blieb. Der Müller +ging hin und wollte zusehen, Was die Ursache davon war, und da fand er +denn den Kasten und trug ihn ins Haus. »Ich bin doch neugierig, Was wohl +in diesem Kasten sein mag,« sagte er zu seiner Frau: »der ist ins +Mühlrad gerathen und hat mir die Mühle gestopft.« -- »Nun, das können +wir bald erfahren,« sagte die Frau: »der Schlüssel steckt ja drin; mach +nur das Schloß auf.« Als sie nun den Kasten öffneten, lag darin das +schönste Kind, das man nur sehen kann, und sie waren beide so erfreu't +darüber und wollten den Buben als ihr eigenes Kind behalten; denn +selbst hatten sie keine Kinder und waren auch schon in den Jahren, daß +sie keine mehr bekommen konnten. -- Als nun eine Zeit vergangen war, +wunderte Peter Krämer sich wieder, daß sich gar keine Freier zu seiner +Tochter einfinden wollten, die doch so reich wäre und so viel Geld +hätte. Aber es zeigte sich keiner; und Peter reis'te darum wieder zu +den Sternguckern und bot ihnen Geld über Geld, wenn sie ihm bloß sagen +wollten, Wen seine Tochter zum Mann haben solle. »Wir haben es Dir ja +gesagt, daß sie den Müllerbuben haben soll,« antworteten die Sterngucker. +»Ja, das ist recht gut,« sagte Peter Krämer: »aber der ist nun gestorben, +und wenn Ihr mir darum sagen wolltet, Wen meine Tochter jetzt zum Mann +haben soll, dann wollt' ich Euch gern zweihundert Thaler geben.« Die +Sterngucker sahen nun wieder nach den Sternen; aber da wurden sie ganz +zornig und sprachen: »Sie soll gleichwohl den Müllerbuben haben, den +Du in den Fluß ausgesetzt hast, um ihn zu tödten; denn er lebt noch +und ist in der Mühle da und da.« Peter Krämer gab ihnen die zweihundert +Thaler und dachte jetzt nur darauf, wie er es anfangen solle, um den +Müllerbuben los zu werden. Das Erste, was er that, als er nach Hause +kam, war, daß er zur Mühle ging. Da war der Bube schon so groß, daß er +eingesegnet war und in der Mühle mithalf, und ein schmucker Bursch war +er geworden. »Könntest Du mir nicht den Burschen überlassen, Du?« sagte +Peter Krämer zu dem Müller. »Nein,« antwortete der Müller: »ich habe ihn +als mein eignes Kind erzogen, und er ist so gut in die Art geschlagen, +daß ich nun Hülfe und Nutzen von ihm in der Mühle haben kann; denn +selbst werd' ich nach gerade schon alt und hinfällig.« -- »Ja, so geht's +mir auch,« sagte Peter Krämer: »und darum wollt' ich gern Einen haben, +den ich zum Handel anlehren könnte. Wenn Du ihn mir daher überlassen +willst, so will ich Dir gern sechshundert Thaler geben; dann kannst Du +Dir ein Gehöft kaufen und in Deinen alten Tagen ruhig und in Frieden +leben.« Ja, als der Müller das hörte, gab er dem Peter Krämer gleich den +Burschen. Nun reis'ten beide weit umher mit Kram und handelten, bis sie +einst zu einem Gehöft kamen, das dicht an einem Walde lag. Von hier aus +schickte Peter den Burschen nach Hause mit einem Brief an seine Frau -- +denn wenn man den Richtweg durch den Wald ging, war es nicht so gar weit +-- und sagte zu ihm, er solle seine Frau von ihm grüßen und ihr sagen, +sie solle so bald als möglich thun, Was in dem Brief stände. In dem +Brief aber stand, sie solle augenblicklich einen Holzstoß errichten und +den Müllerburschen darauf verbrennen, und wenn sie das nicht thäte, so +solle sie selbst lebendig verbrannt werden. Mit diesem Brief ging der +Bursch fort durch den Wald. Gegen Abend kam er zu einem Hause tief im +Dickicht, und da ging er hinein; doch in dem Hause war kein Mensch zu +sehen noch zu hören. In einem der Zimmer aber fand der Bursch ein +aufgemachtes Bett, und auf das legte er sich quer hin. Den Brief hatte +er an seinen Hut befestigt, und der Hut lag auf seinem Gesicht. Als die +Räuber nach Hause kamen -- denn das Haus gehörte zwölf Räubern -- und +den Burschen auf dem Bett liegen sahen, waren sie neugierig, was das für +Einer wäre, und einer von ihnen nahm den Brief, brach ihn auf und las +ihn. »Ha! ha!« sagte er: »der ist von dem Peter Krämer; aber nun wollen +wir ihm einen Streich spielen; denn es wäre doch Jammer und Schade, wenn +das alte Weibsstück einen so jungen wackern Burschen ums Leben bringen +sollte.« Sie schrieben nun einen andern Brief an Peter Krämers Frau und +befestigten ihn an den Hut, während der Bursch schlief, und in dem +Brief hatten sie geschrieben, die Frau solle den Müllerburschen mit der +Tochter verheirathen, und es solle augenblicklich die Hochzeit gehalten +werden, und dann solle sie ihnen Pferde und Vieh und Hausgeräth geben +und sie völlig auf dem Gehöft einrichten, das unten am Berg läge, und +sofern das nicht alles geschehen sei, wenn Peter Krämer nach Hause käme, +sollt's ihr schlecht gehen. Den andern Tag reis'te der Bursch weiter, +und als er auf Peters Gehöft ankam, übergab er der Frau den Brief und +sagte, er solle grüßen von Peter Krämer, ihrem Mann, und sagen, sie +möchte doch so bald als möglich thun, Was in dem Brief stände. Als die +Frau den Brief gelesen hatte, sagte sie zu dem Burschen: »Du musst Dich +gut aufgeführt haben, daß Peter mir einen solchen Brief schreibt; denn +als er abreis'te, war er so böse auf Dich, daß er nicht wußte, wie er +Dich ums Leben bringen wollte.« Sie machte nun sogleich Anstalten +zur Hochzeit und gab den jungen Leuten Pferde und Vieh und allerlei +Hausgeräth und richtete sie vollständig ein auf dem Gehöft unten am +Berge. + +Nicht lange darnach kam Peter Krämer zu Hause, und das Erste, wonach er +sich bei seiner Frau erkundigte, war, ob sie gethan hätte, wie er in +dem Brief geschrieben. »Ja, das, däucht mir, war auch nett!« sagte sie: +»aber ich durfte ja nicht anders.« Nun fragte Peter, wo denn die Tochter +sei. »Ih nun, das kannst Du Dir ja wohl denken,« sagte die Frau: »sie +ist bei ihm auf dem Gehöft unten am Berg, so wie in dem Brief stand.« +Als Peter nun die ganze Geschichte erfuhr und den Brief sah, ward er so +zornig, daß er aus der Haut fahren wollte, und lief sogleich auf das +Gehöft zu den jungen Leuten. »Meine Tochter hast Du zwar bekommen,« +sagte er zu dem Müllerburschen: »aber wenn Du denkst, sie zu behalten, +so musst Du erst zu dem Drachen von Dübenfahrt und mir drei Federn aus +seinem Schwanz holen;« -- denn Wer die hatte, konnte Alles bekommen, +was er sich wünschte. -- »Wo soll ich aber den Drachen von Dübenfahrt +finden?« fragte der Schwiegersohn. »Das weiß ich nicht,« sagte Peter +Krämer: »das mag Deine Sorge sein.« + +Der Bursch begab sich nun getrost auf den Weg, und als er eine Zeitlang +gewandert hatte, kam er zu einem Königsschloß. »Hier will ich einkehren +und vorfragen,« dachte er: »denn solche Leute wissen besser in der Welt +Bescheid, als Unsereiner, vielleicht daß ich hier den Weg erfahre.« +Gedacht, gethan. Der König fragte ihn, wo er her sei, und in welchem +Geschäft er reise. »O, ich soll zu dem Drachen von Dübenfahrt und drei +Federn aus seinem Schwanz holen,« sagte der Bursch: »wenn ich ihn bloß +finden könnte.« -- »Dazu will viel Glück,« sagte der König: »denn ich +habe noch nie gehört, daß Einer von solcher Reise zurückgekehrt ist. +Wenn Du ihn aber antriffst, so kannst Du ihn von mir grüßen und ihn +fragen, woher es kommt, daß ich niemals reines Wasser in meinem Brunnen +habe; ich hab' ihn schon so oft säubern und ausmuddern lassen, aber nie +kann ich reines Wasser bekommen.« -- »Ja, ich will ihn wohl fragen,« +sagte der Bursch. Auf dem Schloß ließ er's sich wohl sein und bekam noch +dazu Lebensmittel und Geld auf den Weg. + +Gegen Abend kam der Bursch zu einem andern Königsschloß. Als er in die +Küche eintrat, kam der König heraus und fragte ihn, wo er her sei, und +in welchem Geschäft er reise. »O, ich soll zu dem Drachen von Dübenfahrt +und drei Federn aus seinem Schwanz holen,« sagte der Bursch. »Dazu will +viel Glück,« sagte der König: »denn ich habe noch nie gehört, daß Einer +von daher zurückgekehrt ist. Wenn Du aber zu ihm kommst, so kannst Du +ihn von mir grüßen und ihn fragen, wo wohl meine Tochter wäre, die vor +vielen Jahren verschwunden ist; ich habe nach ihr suchen und forschen +lassen überall, aber ich habe nie das Geringste von ihr erfahren können.« +-- »Ich will ihn wohl fragen,« sagte der Bursch. Auf dem Königsschloß +lebte er gut und wohl, und als er den andern Tag fortging, bekam er +sowohl Essen, als Geld mit auf den Weg. Gegen Abend kam er wieder zu +einem Königsschloß. + +Hier kam die Königinn heraus in die Küche und fragte ihn, wo er her +sei, und in welchem Geschäft er reise. »Ich soll zu dem Drachen von +Dübenfahrt und drei Federn aus seinem Schwanz holen,« sagte der Bursch. +»Dazu will viel Glück,« sagte die Königinn: »denn ich habe noch nie +gehört, daß Einer des Weges zurückgekehrt ist. Aber solltest Du ihn +antreffen, so kannst Du ihn von mir grüßen und ihn fragen, wo ich wohl +meine goldnen Schlüssel wiederfinden soll, die ich verloren habe.« +-- »Ich will ihn wohl fragen,« sagte der Bursch. Am andern Morgen +wanderte er weiter, und als er ein Ende gegangen war, kam er zu einem +großen breiten Fluß. Während er nun da stand und nicht wußte, wie er +hinüber kommen sollte, kam ein alter krummgebückter Mann auf ihn zu und +fragte ihn, wo er hin wolle. »Ich soll zu dem Drachen von Dübenfahrt,« +sagte der Bursch: »wenn ich bloß wüßte, wo er zu finden ist.« -- »Das +kann ich Dir sagen,« sprach der Mann: »denn ich setze hier Alle über, +die zu ihm wollen. Er wohnt hier grade gegenüber; wenn Du dort oben auf +dem Hügel bist, kannst Du schon sein Schloß sehen; -- und wenn Du ihn +dann zu sprechen bekommst, so kannst Du ihn von meinetwegen fragen, wie +lange ich hier noch übersetzen soll.« -- »Ich will ihn wohl fragen,« +sagte der Bursch. Der Mann nahm ihn nun auf den Rücken und trug ihn +über den Fluß; und als der Bursch auf den Hügel gekommen war, sah er +das Schloß grade vor sich und ging hinein. Als die Prinzessinn, die nur +allein zu Hause war, ihn erblickte, rief sie: »Ist es möglich! darf +denn eine Christenseele hieherkommen? Das ist noch nicht geschehen, so +lange ich hier bin. Für Dich ist es aber am besten,« sagte sie: »Du +siehst zu, daß Du wieder fortkommst so schnell wie möglich; denn kommt +der Drache zu Hause, so riecht er Dich und frisst Dich sogleich auf, und +mich machst Du dann dazu unglücklich.« -- »Nein,« sagte der Bursch: »ich +kann nicht eher fort, als bis ich drei Federn aus seinem Schwanz habe.« +-- »Die bekommst Du nun und nimmermehr,« sagte die Prinzessinn. + +Aber der Bursch wollte nicht fort; er wollte warten, bis der Drache nach +Hause käme und wollte die Federn aus seinem Schwanz und Antwort auf seine +Fragen haben. »Ja, wenn Du denn durchaus darauf bestehst, so will ich +zusehen, ob ich Dir helfen kann,« sagte die Prinzessinn: »Versuche aber, +ob Du das Schwert aufheben kannst, das dort an der Wand hangt.« Nein, +der Bursch konnt's nicht vom Fleck rühren. »So musst Du einen Trunk aus +dieser Flasche thun,« sagte die Prinzessinn. Als nun der Bursch einen +Trunk aus der Flasche gethan hatte, konnte er das Schwert ein wenig +bewegen. »Du musst noch einen Trunk thun,« sagte die Prinzessinn: »und +dann erzähle mir ausführlich Deinen Auftrag.« Der Bursch that nun noch +einen Trunk, und darauf erzählte er der Prinzessinn: ein König hätte ihn +gebeten, den Drachen zu fragen, woher es käme, daß er kein reines Wasser +in seinen Brunnen bekommen könne; für einen andern solle er fragen, wo +seine Tochter geblieben sei, die vor vielen Jahren verschwunden wäre; +und für eine Königinn solle er den Drachen fragen, wo ihre goldnen +Schlüssel geblieben wären; und endlich solle er für den Fährmann fragen, +wie lange der noch die Leute über den Fluß setzen müsse. -- Als der +Bursch nun das Schwert anfaßte, konnte er es aufheben; und als er endlich +noch einen Trunk gethan hatte, konnte er es schwingen. Gegen Abend sagte +die Prinzessinn: »Nun kommt der Drache bald nach Hause, und damit er +Dich nicht sogleich umbringt, musst Du unter das Bett kriechen, und da +musst Du ganz still liegen, daß er Dich nicht bemerkt. Wenn wir uns dann +niedergelegt haben, werde ich ihn ausfragen. Du musst aber gut zuhören +und genau darauf Acht geben, Was er antwortet; und unter dem Bett musst +Du liegen bleiben, bis Alles still ist, und der Drache eingeschlafen; +alsdann aber kriech leise hervor und nimm das Schwert zu Dir. Und wenn +er darnach aufsteht, musst Du mit _einem_ Hieb ihm den Kopf abschlagen +und im selben Augenblick die drei Federn aus seinem Schwanz rupfen; denn +sonst reißt er sie sich selbst aus, damit sie keinem Andern zu gute +kommen sollen.« + +Als nun der Bursch unters Bett gekrochen war, kam auch schon der Drache +an. »_Es riecht hier so nach Menschenfleisch!_« rief er, als er eintrat +»O, es kam ein Rabe geflogen mit einem Menschenknochen im Schnabel und +setzte sich auf das Dach,« sagte die Prinzessinn: »das muß es sein, was +Du riechst.« -- »_Na so!_« sagte der Drache. Nun trug die Prinzessinn +das Essen auf, und als sie gegessen hatten, legten sie sich zu Bett. +Aber als sie eine Weile gelegen hatten, schlief die Prinzessinn so +unruhig, und plötzlich wachte sie auf. »Au! au!« schrie sie. »_Was +fehlt Dir?_« fragte der Drache. »O, ich schlafe so unruhig,« sagte die +Prinzessinn: »und dann hatte ich einen so wunderlichen Traum.« -- »_Was +träumte Dir denn?_« fragte der Drache. »O, mir träumte, es käme ein +König hieher und fragte Dich, wie er es anfangen solle, um reines Wasser +in seinen Brunnen zu bekommen,« sagte die Prinzessinn. »_Ach, das könnte +er wohl von selbst wissen_,« sagte der Drache: »_wenn er bloß den +Brunnen umgräbt und den alten verfaulten Stock herausnimmt, der auf dem +Boden liegt, dann wird er schon reines Wasser bekommen. Aber liege jetzt +ruhig und träume nicht wieder!_« + +Als die Prinzessinn eine Weile still gelegen hatte, ward sie wieder +unruhig, warf sich im Bette hin und her und wachte endlich wieder auf. +»_Au! au!_« -- »_Was ist denn nun wieder los?_« rief der Drache. »O, +ich schlafe so unruhig, und dann hatte ich einen so wunderlichen +Traum,« sagte die Prinzessinn. »_Das ist doch auch gewaltig mit Deiner +Träumerei!_« sagte der Drache: »_Was hat Dir denn jetzt geträumt?_« +-- »O, mir träumte, es käme ein König hieher und fragte Dich, wo seine +Tochter geblieben wäre, die vor vielen Jahren verschwunden sei,« sagte +die Prinzessinn. »_Das bist Du_,« sagte der Drache: »_aber Dich bekommt +er in seinem Leben nicht mehr zu sehen. Laß mich aber jetzt in Ruhe, +bitt' ich Dich, und träume nicht wieder, sonst brech ich Dir die Rippen +entzwei._« + +Die Prinzessinn hatte nicht lange geschlafen, als sie wieder anfing, +unruhig zu werden, und dann aufwachte. »_Au! au!_« rief sie. »_Nun, +schon wieder? Was ist denn jetzt wieder los?_« rief der Drache und war +so wild, daß er beinahe aus der Haut fahren wollte. »O, Du musst nicht +böse werden,« sagte die Prinzessinn: »aber ich hatte einen so +wunderlichen Traum.« -- »_Das ist doch auch zum Kukuk mit Deiner +Träumerei! Was träumte Dir denn jetzt?_« -- »O, mir träumte, es käme +eine Königinn hieher, die fragte Dich, ob Du ihr nicht sagen könntest, +wo sie ihre goldnen Schlüssel wiederfinden solle, die sie verloren +hätte.« -- »_O, sie kann nur zusehen zwischen den Büschen, wo sie lag, +damals, wie sie wohl weiß, dann wird sie sie wohl finden_,« sagte der +Drache: »_Aber laß mich nun endlich in Ruhe mit Deinen Träumen!_« + +Beide schliefen nun eine Weile; aber darnach begann die Prinzessinn +wieder unruhig zu werden, und plötzlich wachte sie auf. _»Au! au!_« +-- »_Ich merke wohl, Du wirst nicht eher ruhig, als bis ich Dir das +Genick zerbreche_,« sagte der Drache und war so wüthend, daß ihm die +Funken aus den Augen sprüh'ten: »_Was hast Du denn nun wieder?_« -- »O, +Du musst nicht böse auf mich sein,« sagte die Prinzessinn: »ich kann +ja nicht dafür; aber ich hatte einen so wunderlichen Traum.« -- »_Eine +solche Träumerei ist mir doch noch nicht vorgekommen_,« sagte der Drache: +»_aber Was träumte Dir denn jetzt?_« -- »Mir träumte, der Fährmann hier +unten am Sund sei gekommen und fragte Dich, wie lange er noch die Leute +über den Fluß setzen müsse.« -- »_Das dumme Vieh! davon könnte er bald +befrei't werden_,« sagte der Drache: »_Wenn Jemand kommt, der hinüber +will, so braucht er ihn nur mitten in den Fluß zu werfen und zu sagen: +»Setz' nun Du über, bis Du abgelös't wirst!« dann wird er frei. Aber laß +mich jetzt in Ruhe mit Deinen Träumen, sonst wird es ein andrer Tanz!_« + +Die Prinzessinn ließ ihn nun in Frieden schlafen. Aber sobald es still +ward, und der Müllerbursch hörte, daß der Drache schnarchte, kroch er +hervor und nahm das Schwert von der Wand. Ehe es noch Tag geworden war, +stand der Drache auf; aber kaum war er mit beiden Füßen aus dem Bett +gekommen, als der Bursch ihm den Kopf abhieb und die drei Federn aus +seinem Schwanz riß. Das war eine große Freude. Und der Bursch und +die Prinzessinn nahmen so viel Gold und Silber und Geld und andre +Kostbarkeiten mit, als sie nur fortschaffen konnten, und als sie zu +dem Sund kamen, setzten sie den Fährmann durch Alles, was er für sie +hinübertragen mußte, so in Erstaunen und Verwirrung, daß er ganz und gar +vergaß, zu fragen, Was der Drache gesagt hätte, bis alles Gepäck und der +Bursch und die Prinzessinn dazu hinüber waren. »Es ist wahr,« sagte er, +als sie eben fortgehen wollten: »fragtest Du den Drachen, wie ich Dir +sagte?« -- »Ja,« antwortete der Bursch: »er sagte, wenn Jemand käme +und hinüber wolle, so solltest Du ihn nur mitten in den Fluß werfen und +sagen: »Setz' nun Du über, bis Du abgelös't wirst!« so würdest Du frei.« +-- »O, twi!« sagte der Sundmann: »hättest Du mir das früher gesagt, dann +hättest =Du= mich ablösen sollen.« + +Als sie zu dem ersten Königsschloß kamen, fragte ihn die Königinn, ob er +den Drachen nach ihren goldnen Schlüsseln gefragt hätte. »Ja,« sagte der +Bursch und flüsterte ihr ins Ohr: »Er sagte, Du solltest nur zusehen +zwischen den Büschen, wo Du lagst, damals, wie Du wohl weißt.« -- »Still! +still! sag' ja Nichts!« sagte die Königinn und gab dem Burschen hundert +Thaler. -- Als er zu dem zweiten Königsschloß kam, fragte der König ihn, +ob er sich bei dem Drachen nach seiner Tochter erkundigt hätte. »Ja,« +sagte der Bursch: »das hab' ich, und hier ist Deine Tochter!« Darüber +ward der König so froh, daß er dem Müllerburschen gern die Prinzessinn +und das halbe Reich gegeben hätte. Aber da dieser schon eine Frau hatte, +gab er ihm zweihundert Thaler und Pferde und Wagen und so viel Gold und +Silber, als er nur fortschaffen konnte. -- Wie er nun zu dem dritten +Königsschloß kam, fragte ihn der König, ob er seinen Auftrag bei dem +Drachen ausgerichtet hätte. »Ja,« versetzte der Bursch: »er sagte, +Du solltest nur den Brunnen umgraben und den alten verfaulten Stock +herausnehmen, der auf dem Boden liegt, dann würdest Du schon reines +Wasser bekommen.« Da gab der König ihm dreihundert Thaler. Von hier +reis'te der Bursch gradesweges nach Hause, und er war so ausstaffirt mit +Gold und mit Silber und so prächtig gekleidet, daß es nur so glitzerte. +Als nun der reiche Peter die Federn aus dem Drachenschwanz erhielt, +hatte er Nichts weiter gegen die Heirath einzuwenden. Da er aber all den +Reichthum sah, den sein Schwiegersohn mitgebracht hatte, fragte er ihn, +ob noch mehr da wäre. »Ja,« sagte der: »es sind noch ganze Wagen voll +da, und wenn Du nur hinreisen willst, so wirst Du wohl so Viel finden, +als Du gebrauchst.« Ja, Peter Krämer wollte gleich hinreisen. Nun sagte +ihm sein Schwiegersohn den Weg so genau, daß er nicht nöthig hatte, +weiter darnach zu fragen; »aber die Pferde,« sagte er: »lässt Du am +besten an dieser Seite des Flusses; denn der Sundmann hilft Dir schon +wieder herüber.« Peter reis'te nun fort und nahm einen guten Schnappsack +voll Eßwaaren mit und viele Pferde, die ließ er aber an dieser Seite +zurück, wie der Bursch ihm gesagt hatte. Als er nun zu dem Fluß kam, +nahm ihn der Sundmann auf den Rücken und trug ihn fort bis in die Mitte, +da warf er ihn ins Wasser und sprach: »Nun kannst Du hier übersetzen, +bis Du abgelös't wirst!« Und wenn Keiner ihn abgelös't hat, so geht der +reiche Peter Krämer noch den heutigen Tag da und setzt die Leute über. + + + + +6. + +Aschenbrödel, der mit dem Trollen um die Wette aß. + + +Es war einmal ein Bauer, der hatte drei Söhne; es ging ihm aber nur +dürftig, und er war schon alt und schwach, und die Söhne wollten nicht +recht an die Arbeit. Zu dem Gehöft gehörte ein großer schöner Wald, und +in dem, wollte der Vater, sollten die Burschen Holz hauen, damit sie +Etwas von der Schuld abbezahlten. + +Endlich brachte er sie denn auch auf den Trab, und der älteste Sohn +sollte zuerst ins Holz. Als er nun in den Wald gekommen war und anfing, +eine alte borkige Tanne umzuhauen, trat plötzlich ein ungeheurer Troll +auf ihn zu. »_Wenn Du in meinem Wald hauest, so tödte ich Dich_,« sagte +der Troll. Als der Bursch das hörte, warf er die Axt weg und lief, was +er nur konnte, wieder nach Hause. Er kam ganz athemlos an und erzählte, +Was ihm begegnet war. Aber der Vater sagte, er wäre ein Hasenherz; die +Trollen hätten ihn niemals am Hauen gehindert, als ER noch jung gewesen, +meinte er. + +Den andern Tag sollte der zweite Sohn in den Wald; aber dem gings +justement eben so. Als er ein paar Hiebe gethan hatte, trat der Troll +auf ihn zu und sprach; »_Wenn Du in meinem Wald hauest, so tödte ich +Dich._« Der Bursch wagte kaum, ihn anzusehen, warf die Axt weg und +machte sich auf die Beine, eben so, wie der Bruder. Als er nach Hause +kam, meinte der Vater wieder, da ER noch jung gewesen, hätten die +Trollen ihn niemals gehindert. + +Den dritten Tag wollte Aschenbrödel sich aufmachen. »Ja, Du,« sagten die +beiden ältesten; »Du sollst wohl Was ausrichten, der Du nie hinter dem +Ofen hervorgekommen bist.« Aschenbrödel antwortete Nichts, sondern bat +nur um einen guten Sack voll Lebensmittel. Die Mutter hatte kein Fleisch +und hängte daher den Kessel über's Feuer, um einiges Gemüse für ihn zu +kochen; das that er in seinen Schnappsack, und damit machte er sich auf. +Als er in den Wald gekommen war und eine Zeitlang gehauen hatte, kam +ebenfalls der Troll auf ihn zu und sprach: »_Wenn Du in meinem Wald +hauest, so tödte ich Dich._« Der Bursch aber, nicht faul, nahm sogleich +einen Käse aus seinem Schnappsack und drückte ihn, daß der Saft +herausspritzte. »Hältst Du nicht gleich Dein großes Maul,« sagte er zu +dem Trollen: »so werd' ich Dich drücken, wie ich das Wasser aus diesem +Stein drücke.« -- »Nein, Freund, verschone mich!« sagte der Troll: »ich +will Dir auch hauen helfen.« Ja, wenn's so gemeint sei, wollte ihm denn +der Bursch auch Nichts thun; und der Troll hau'te darauf brav zu, so +daß sie an dem Tage viele Klafter umhau'ten. Gegen Abend sagte der +Troll: »Nun kannst Du mit mir nach meiner Wohnung kommen, denn das ist +näher, als nach Deinem Hause.« Ja, dem Burschen war das recht. Als sie +nun in dem Hause des Trollen ankamen, wollte dieser Feuer auf dem Herd +anmachen, und der Bursch sollte Wasser zum Grützkessel holen. Aber da +standen zwei eiserne Zuber, so groß und so schwer, daß der Bursch sie +nicht einmal von der Stelle bewegen konnte; er sagte aber: »Es ist nicht +werth, mit diesen kleinen Bütten zu plirren; ich will lieber hingehen +und den ganzen Brunnen holen.« -- »Nein, Freund,« sagte der Troll: »ich +kann meinen Brunnen nicht entbehren. Mach Du lieber Feuer an, dann will +ich hingehen und Wasser holen.« + +Als der Troll mit dem Wasser zurückkam, kochten sie einen tüchtigen +Kessel voll Grütze. »Willst Du, wie ich,« sagte der Bursch: »so wollen +wir um die Wette essen.« -- »Ja, laß uns das!« sagte der Troll; denn er +dachte, hierin würde er es wohl mit dem Burschen aufnehmen können. Als +sie sich aber zu Tische setzten, nahm der Bursch seinen Schnappsack und +band ihn sich, ohne daß der Troll es bemerkte, vorn um den Leib, und nun +schüttete er mehr in den Schnappsack, als er aufaß. Als der Sack voll +war, zog er sein Taschenmesser hervor und machte einen Schlitz in seinen +Bauch, es war aber der Schnappsack, in den er schnitt. Der Troll sah ihn +an, aber sagte Nichts. Als sie eine gute Zeit gegessen hatten, legte der +Troll den Löffel nieder. »Nein, nun kann ich nicht mehr!« sagte er. »Du +musst essen,« sagte der Bursch: »ich bin noch nicht einmal halb satt. +Mach es, wie ich, und schneide ein Loch in Deinen Bauch, dann kannst Du +so Viel essen, als Du willst.« -- »Ja, aber das thut wohl gewaltig weh,« +sagte der Troll. »O, es ist nicht der Rede werth,« versetzte der Bursch. +Da nahm der Troll sein Messer und schnitt sich ein großes Loch in den +Bauch, und als er das gethan hatte, fiel er todt zur Erde nieder. Der +Bursch aber nahm nun all das Gold und Silber, das er im Berge vorfand, +und damit ging er nach Hause; und nun konnte er wohl Etwas von der +Schuld abbezahlen. + + + + +7. + +Von dem Burschen, +der zu dem Nordwind ging und das Mehl zurückforderte. + + +Es war einmal eine alte Frau, die hatte einen Sohn, und da sie schon +sehr elend und gebrechlich war und nicht mehr recht fortkonnte, sollte +der Bursch für sie aufs Stabur[2] gehen und Mehl holen. Der Bursch ging +auch hin; als er aber wieder die Treppe hinunterstieg, kam der Nordwind +gestoben, nahm ihm das Mehl weg und fuhr damit durch die Luft. Der +Bursch ging noch einmal aufs Stabur; als er aber die Treppe hinunterstieg, +kam der Nordwind abermals gestoben und nahm ihm das Mehl weg, und eben +so geschah es auch das dritte Mal. Das verdroß den Burschen, und er +meinte, es wäre Unrecht, daß der Nordwind ihm so mitspielen sollte, und +er gedachte daher, ihn aufzusuchen und sein Mehl zurückzufordern. + +Er machte sich nun auf; aber der Weg war lang, und er ging und ging. Und +endlich kam er zum Nordwind. »Guten Tag!« sagte der Bursch. »Guten Tag!« +sagte der Nordwind, und seine Stimme war so grob: »Was willst Du?« +-- »O,« sagte der Bursch: »ich wollte Dich bitten, mir das Mehl +wiederzugeben, das Du mir auf der Staburstreppe nahmst; denn Wenig haben +wir nur, und wenn Du uns das Bischen, das wir haben, noch dazu nimmst, +so wird's nichts Anders, als Hungerpfotensaugen.« -- »Ich habe kein +Mehl,« sagte der Nordwind: »aber weil es Dir so dürftig geht, will ich +Dir ein Tuch geben, das schafft Dir Alles, was Du Dir nur zu essen +wünschest, wenn Du bloß sagst: 'Tuch, deck dich mit allerlei köstlichen +Speisen!'« + +Damit war der Bursch sehr wohl zufrieden. Weil aber der Weg so lang war, +daß er nicht in einem Tage nach Hause kommen konnte, kehrte er bei einem +Gastwirth an der Landstraße ein. Als nun die Gäste, die schon vor ihm +gekommen waren, zu Abend essen wollten, breitete der Bursch sein Tuch +auf einem Tisch aus, der in der Ecke stand, und sprach dann: 'Tuch, deck +dich mit allerlei köstlichen Speisen!' Kaum hatte er das gesagt, so that +das Tuch seine Schuldigkeit. Da meinten Alle, besonders die Wirthsfrau, +das wäre ein gar herrliches Tuch. Wie es nun Nacht geworden war, und +Alle lagen und schliefen, schlich sich die Wirthsfrau herbei und +stipitzte das Tuch und legte dann ein andres an die Stelle, das eben so +aussah, wie jenes, aber das konnte nicht einmal mit trocknem Brod +aufdecken. + +Als der Bursch am Morgen erwachte, nahm er sein Tuch und ging damit +fort, und an diesem Tage kam er nach Hause zu seiner Mutter. »Nun,« +sagte er: »bin ich beim Nordwind gewesen; das ist ein recht schicklicher +Mann, denn er hat mir dieses Tuch gegeben, und wenn ich bloß sage: 'Tuch, +deck dich mit allerlei köstlichen Speisen!' so bekomme ich Alles, was +ich mir nur an Essen wünsche.« -- »Ja, das mag wahr sein,« sagte die +Mutter: »aber ich glaub' es nicht, eh' ich es sehe.« Sogleich stellte +der Bursch einen Tisch hin, legte das Tuch darauf und sprach: »Tuch, +deck' dich mit allerlei köstlichen Speisen!« Aber das Tuch deckte sich +nicht einmal mit einem Stück Brod. + +»Es ist kein andrer Rath, ich muß wieder zum Nordwind,« sagte der Bursch +und machte sich auf den Weg. »Guten Tag!« sagte er, als er beim Nordwind +ankam. »Guten Tag!« sagte der Nordwind: »Was willst Du?« -- »Ich wollte +gern Ersatz für's Mehl haben, das Du mir nahmst,« sagte der Bursch: +»denn das Tuch, das Du mir gegeben hast, taugt nichts.« -- »Ich habe +kein Mehl,« sagte der Nordwind: »aber da hast Du einen Bock, der macht +lauter Goldducaten, wenn Du bloß sagst: 'Bock, mach Gold!'« Damit war +der Bursch wohl zufrieden; weil er aber so weit nach Hause hatte, daß er +an einem Tage nicht hinkommen konnte, nahm er wieder Nachtherberge bei +dem Gastwirth. Eh' er aber Etwas zu essen verlangte, probirte er seinen +Bock, um zu sehen, ob es auch wahr sei, was der Nordwind ihm gesagt +hatte; die Sache verhielt sich aber wirklich so. Als der Gastwirth das +Experiment sah, meinte er, das wäre ein prächtiges Thier; und wie der +Bursch eingeschlafen war, holte er sich den Bock und setzte einen andern +an die Stelle, der machte aber keine Goldducaten. + +Am andern Morgen ging der Bursch weiter, und als er nach Hause zu seiner +Mutter kam, sagte er: »Der Nordwind ist dennoch ein guter Mann; er hat +mir jetzt einen Bock gegeben, der macht lauter Goldducaten, wenn ich +bloß sage: 'Bock, mach Gold!'« -- »Das könnte wahr sein,« sagte die +Mutter: »aber es ist wohl nur wieder Schnickschnack, und ich glaub' es +nicht, eh' ich es sehe.« -- »Bock, mach Gold!« sagte der Bursch; aber es +war kein Gold, was der Bock machte. + +Da ging der Bursch wieder zum Nordwind und sagte, der Bock tauge nichts, +und er wolle Ersatz für's Mehl haben. »Ja, nun hab' ich Dir nichts Anders +zu geben,« sagte der Nordwind: »als den alten Stock, der da in der Ecke +steht, der hat aber die Eigenschaft, daß, wenn Du sagst: 'Stock, schlag' +zu!' er so lange zuschlägt, bis Du wieder sagst: 'Stock, steh' still!'« +-- Weil nun der Weg nach Hause wieder nicht kurz war, so kehrte der +Bursch auch an dem Abend wieder bei dem Gastwirth ein. Da er aber +wohl so halbweges begreifen konnte, wie es mit dem Tuch und dem Bock +zugegangen war, streckte er sich sogleich auf die Bank hin und fing an +zu schnarchen. Der Wirth, der sich wohl denken mochte, daß der Stock zu +Etwas tauge, suchte einen andern hervor, der diesem ganz ähnlich war und +wollte ihn an die Stelle setzen, denn er glaubte nicht anders, als daß +der Bursch schliefe. Wie aber der Gastwirth den Stock wegnehmen wollte, +rief der Bursch: »Stock, schlag' zu!« Der Stock auf den Gastwirth los, +daß dieser über Tisch und Bänke fuhr und rief und bat: »Ach Herrgott! +Herrgott! laß bloß den Stock wieder aufhören, sonst schlägt er mich noch +todt! Ich will Dir auch gern Dein Tuch und Deinen Bock wiedergeben.« Als +es dem Burschen schien, daß der Gastwirth wohl Genug hätte, rief er: +»Stock, steh' still!« Er nahm nun sein Tuch und steckte es in die +Tasche, band dem Bock eine Schnur um die Hörner und nahm den Stock in +die Hand, und fort ging er mit Allem, bis er nach Hause zu seiner Mutter +kam; und nun hatte er guten Ersatz für's Mehl bekommen. + + + + +8. + +Die Jungfrau Maria als Gevatterinn. + + +Weit, weit von hier in einem großen Wald wohnten ein Paar arme Leute. +Die Frau kam ins Kindbett und gebar ein allerliebstes Töchterchen; aber +da die Leute so arm waren, wußten sie nicht, wie sie das Kind getauft +bekommen sollten. Da mußte der Mann sich aufmachen und zusehen, ob er +nicht Gevattern bekommen könne, die für ihn das Taufgeld bezahlten. Er +ging den ganzen Tag von Einem zum Andern, aber Gevatter wollte Niemand +sein. Gegen Abend, als er nach Hause ging, begegnete ihm eine sehr +schöne Frau, die hatte so prächtige Kleider an und sah so gutmüthig und +freundlich aus und erbot sich, das Kind zur Taufe zu schaffen, wenn sie +es nachher behalten solle. Der Mann antwortete, er müßte erst seine Frau +fragen. Aber als er nach Hause kam und ihr die Sache vorstellte, sagte +sie platt aus nein. Am andern Tage ging der Mann wieder aus; aber +Gevattern wollten sie Alle nicht sein, wenn sie selbst das Taufgeld +bezahlen sollten, und wie viel der Mann sie auch bitten mochte, so +half doch Alles nichts. Als er am Abend nach Hause ging, begegnete ihm +wieder die schöne Frau, die so sanft aussah, und sie machte ihm wieder +dasselbe Anerbieten. Der Mann erzählte nun seiner Frau, Was ihm abermals +begegnet war, und die sagte darauf, wenn er auch den nächsten Tag keine +Gevattern zu dem Kind bekommen könne, so müßten sie es wohl der Frau +überlassen, da sie doch so gut und freundlich aussähe. Der Mann ging nun +zum dritten Mal aus, bekam aber auch an diesem Tage keine Gevattern; und +als ihm daher am Abend wieder die freundliche Frau begegnete, versprach +er ihr das Kind, wenn sie es wollte taufen lassen. Am andern Morgen kam +die Frau in die Hütte des Mannes und hatte noch zwei Männer bei sich. +Sie nahm nun das Kind und ging damit in die Kirche, und da wurde es +getauft; darauf nahm sie es mit sich, und das kleine Mädchen blieb bei +ihr mehre Jahre lang, und die Pflegemutter war immer gut und freundlich +gegen sie. + +Als nun das Mädchen so groß geworden war, daß es schon unterscheiden +konnte, und Verstand bekam, wollte die Pflegemutter einmal eine Reise +machen. »Du darfst in alle Zimmer gehen, in welche Du willst,« sagte sie +zu dem Mädchen: »nur in diese drei Zimmer darfst Du nicht gehen,« und +darauf reis'te sie fort. Das Mädchen konnte es aber nicht unterlassen, +die Thür zu dem einen Zimmer ein wenig zu öffnen -- und wutsch! so flog +ein Stern heraus. Als die Pflegemutter nach Hause kam, betrübte es sie +sehr, daß der Stern herausgeflogen war, und so unwillig war sie auf +ihre Pflegetochter, daß sie ihr droh'te, sie fortjagen zu wollen. Aber +das Mädchen bat und weinte so lange, bis sie endlich doch bleiben +durfte. -- Nach einiger Zeit wollte die Pflegemutter abermals verreisen +und verbot nun dem Mädchen, beileibe nicht in die zwei Zimmer zu gehen, +in welchen sie noch nicht gewesen sei. Das Mädchen versprach ihr nun +auch, sie wolle diesmal gehorsam sein. Als sie aber eine Zeitlang allein +gewesen war und sich allerlei Gedanken gemacht hatte, Was doch wohl in +dem zweiten Zimmer sein möchte, konnte sie sich nicht enthalten, auch +die zweite Thür ein wenig zu öffnen -- und wutsch! flog der Mond heraus. +Als die Pflegemutter zurückkehrte und sah, daß der Mond herausgeschlüpft +war, ward sie wieder sehr betrübt und sagte zu dem Mädchen, nun könne +sie sie durchaus nicht länger behalten, sie müsse jetzt fort. Aber da +das Mädchen wieder so bitterlich weinte und gar zu artig bat, so durfte +sie denn auch noch diesmal bleiben. -- Nach einiger Zeit wollte die +Pflegemutter abermals verreisen, und da legte sie es dem Mädchen, das +nun schon halb erwachsen war, recht ernstlich ans Herz, es ja nicht +versuchen zu wollen, in das dritte Zimmer zu gehen, oder auch nur +hineinzugucken. Als aber die Pflegemutter eine Zeitlang verreis't war, +und das Mädchen so allein ging und sich langweilte, konnte sie es +zuletzt nicht mehr aushalten. »Ach,« dachte sie: »wie artig es sein +müßte, ein wenig in das dritte Zimmer zu gucken!« Sie dachte zwar erst, +sie wollte es doch nicht thun, der Pflegemutter wegen; aber als sie +wieder auf den Gedanken zurückkam, konnte sie sich doch nicht länger +halten; sie meinte, sie solle und müsse durchaus hineingucken, und da +machte sie die Thür ein ganz klein wenig auf -- und wutsch! flog die +Sonne heraus. Als die Pflegemutter nun zurückkehrte und sah, daß die +Sonne hinausgeflogen war, ward sie so herzlich betrübt und sagte zu dem +Mädchen, nun könne sie durchaus nicht länger bei ihr bleiben. Die +Pflegetochter weinte und bat noch artiger, als zuvor; aber es half Alles +nichts. »Nein, ich muß Dich jetzt strafen,« sagte die Pflegemutter: +»aber Du sollst die Wahl haben, entweder das allerschönste Frauenzimmer +zu werden und nicht sprechen zu können, oder das allerhäßlichste und +sprechen zu können; aber weg von hier musst Du.« Das Mädchen sagte: »So +will ich denn lieber das allerschönste Frauenzimmer werden und nicht +sprechen können,« -- und das ward sie denn auch; aber von der Zeit an +war sie stumm. + +Als nun das Mädchen ihre Pflegemutter verlassen hatte und eine Zeitlang +fortgewandert war, kam sie in einen großen, großen Wald; aber so weit +sie auch ging, so konnte sie doch nie das Ende erreichen. Als es Abend +wurde, kletterte sie auf einen hohen Baum, der oberhalb einer Quelle +stand, und setzte sich darin zum Schlafen nieder. Nicht weit davon aber +lag ein Königsschloß, und aus diesem kam früh am andern Morgen eine +Dirne und wollte Wasser zum Thee für den Prinzen aus der Quelle holen. +Als nun die Dirne das schöne Gesicht in der Quelle sah, glaubte sie, +es wäre ihr eignes; sie warf sogleich den Eimer hin, lief nach Hause, +hielt den Nacken steif und sagte: »Bin ich so schön, so bin ich auch +wohl zu gut, um Wasser im Eimer zu holen.« Nun sollte eine Andre hin und +Wasser holen; aber mit der ging es eben so: sie kam auch zurück und +sagte, sie wäre viel zu schön und zu gut, um nach der Quelle zu gehen +und Wasser für den Prinzen zu holen. Da ging der Prinz selbst hin; denn +er wollte sehen, wie das zusammenhing. Als er nun zu der Quelle kam, +erblickte er ebenfalls das Bild, und sogleich sah er nach dem Baum +hinauf. Da ward er denn das schöne Mädchen gewahr, das dort in den +Zweigen saß. Er schmeichelte sie herunter und nahm sie mit nach Hause +und wollte sie durchaus zur Gemahlinn haben, weil sie so schön war. +Aber seine Mutter, die noch lebte, machte Einwendungen: »Sie kann nicht +sprechen,« sagte sie: »es mag daher wohl ein Trollmensch sein.« Aber der +Prinz gab sich nicht eher zufrieden, bis er sie bekam. Als er nun eine +Zeitlang mit ihr zusammengelebt hatte, ward sie schwanger, und wie sie +gebären sollte, stellte der Prinz eine starke Wache um sie her. Aber in +der Geburtsstunde schliefen alle ein; und als sie geboren hatte, kam +ihre Pflegemutter, schnitt das Kind in den kleinen Finger und bestrich +der Königinn mit dem Blute den Mund und die Hände und sagte: »Nun sollst +Du eben so betrübt werden, als ich damals war, wie Du den Stern hattest +hinausschlüpfen lassen,« und darauf verschwand sie mit dem Kinde. Als +Die, welche der Prinz zur Bewachung hingestellt hatte, die Augen wieder +aufschlugen, glaubten sie, die Königinn hätte ihr Kind aufgefressen, und +die alte Königinn wollte daher, daß man sie verbrennen solle; aber der +Prinz hatte sie so herzlich lieb, und nach vielem Bitten gelang es ihm, +sie von der Strafe zu befreien, aber es war nur mit genauer Noth. Als +die Königinn zum zweiten Mal ins Wochenbett sollte, wurde eine Wache +um sie gestellt, die war doppelt so stark, als die erste. Aber es ging +wieder eben so, wie das vorige Mal, nur daß jetzt die Pflegemutter zu +ihr sagte: »Nun sollst Du eben so betrübt werden, als ich damals war, +wie Du den Mond hattest hinausschlüpfen lassen.« Die Königinn weinte und +bat, -- denn wenn die Pflegemutter da war, konnte sie sprechen -- aber +es half Alles nichts. Nun wollte die alte Königinn durchaus, daß sie +verbrannt werden sollte; aber der Prinz bat sie auch noch dieses Mal +frei. Als die Königinn zum dritten Mal ins Kindbett sollte, ward eine +dreidoppelte Wache um sie gestellt; aber es ging wieder ganz so, wie +zuvor: die Pflegemutter kam, während die Wache schlief, nahm das Kind, +schnitt es in den kleinen Finger und strich der Königinn das Blut um den +Mund; nun, sagte sie, solle sie eben so betrübt werden, als sie selbst +damals gewesen sei, wie sie die Sonne hatte hinausschlüpfen lassen. +Jetzt konnte der Prinz sie auf keine Weise mehr retten, sie mußte und +sollte verbrannt werden. Aber grade in dem Augenblick, da man sie auf +den Scheiterhaufen brachte, erschien die Pflegemutter mit allen drei +Kindern; die beiden ältesten führte sie an der Hand, und das jüngste +trug sie auf dem Arm. Sie trat auf die junge Königinn zu und sprach: +»Hier sind Deine Kinder, ich gebe sie Dir jetzt zurück. Ich bin die +Jungfrau Maria, und so betrübt, als Du nun gewesen bist, so betrübt +war ich damals, als Du den Stern, den Mond und die Sonne hattest +hinausschlüpfen lassen. Jetzt hast Du für Das, was Du gethan, Deine +Strafe erlitten, und von nun an sollst Du wieder sprechen können.« Wie +froh da der Prinz und die Prinzessinn waren, das lässt sich wohl denken, +aber nicht beschreiben; sie lebten nachher immer glücklich zusammen, und +auch des Prinzen Mutter hatte von der Zeit an die junge Königinn recht +lieb. + + + + +9. + +Die drei Prinzessinnen aus Witenland. + + +Es war einmal ein Fischer, der wohnte nicht weit vom Schloß und +fischte für des Königs Tisch. Eines Tages, als er wieder auf den Fang +ausgegangen war, konnte er nicht _einen_ Fisch bekommen; er mochte es +anfangen, wie er wollte, und noch so viel fischen und angeln, so hing +doch nie eine Gräte am Haken. Als es aber schon spät am Tage war, +tauchte ein Kopf aus dem Wasser hervor und sprach: »Willst Du mir Das +geben, was Deine Frau unter dem Gürtel trägt, so sollst Du Fische genug +haben.« Der Mann sagte gleich Ja; denn er wußte nicht, daß seine Frau +schwanger war. Darnach bekam er aber auch Fische den Tag, so viel er nur +wollte. Als er am Abend nach Hause kam und erzählte, wie er all die +Fische bekommen, fing die Frau an zu jammern und zu weinen, und sagte, +Gott möge ihr gnädig sein wegen des Versprechens, das der Mann gethan +hätte, denn sie trüge ein Kind unter dem Gürtel. Man sprach bald auf dem +Schloß davon, daß die Frau des Fischers immer so betrübt wäre; und als +der König das hörte und die Ursache erfuhr, versprach er dem Fischer, er +wolle das Kind zu sich nehmen und es zu retten suchen. Die Zeit verstrich, +und als die Frau gebären sollte, brachte sie einen Knaben zur Welt, den +nahm der König zu sich und erzog ihn wie seinen eignen Sohn. Als der +Knabe nun herangewachsen war, bat er den König eines Tages, seinen +Vater auf den Fischfang begleiten zu dürfen, er hätte so große Lust zu +fischen, sagte er. Der König wollte anfangs nicht, aber weil der Bursch +so anhaltend bat, erlaubte er es ihm endlich. Der Sohn begleitete nun +seinen Vater auf den Fischfang, und Alles ging den Tag über gut, bis am +Abend, da sie wieder ans Land kamen. Da ward der Bursch gewahr, daß er +sein Taschentuch im Boot vergessen hatte, und er wollte hingehen und es +sich holen. Kaum aber war er ins Boot gekommen, so saus'te dieses mit +ihm fort, daß nur das Wasser so schäumte, und wie sehr der Bursch auch +rudern und arbeiten mochte, so half ihm doch Alles nichts; das Boot +saus'te fort, bis es weit weg an ein weißes Sandufer trieb. Da ging der +Bursch ans Land, und wie er eine Strecke gegangen war, begegnete ihm +ein alter Mann mit einem weißen Bart; den fragte der Bursch: »Wie heißt +dieses Land?« -- »_Witenland_,« antwortete der Mann; darauf fragte er +den Burschen, wo er her wäre, und wo er hin wolle. Als dieser es ihm +gesagt hatte, sprach der Mann: »Wenn Du diesen Strand entlang gehst, +so kommst Du zu drei Prinzessinnen, welche in die Erde gesenkt stehen, +so daß nur der Kopf hervorragt. Sobald sie Dich erblicken, wird die +erste, welche die älteste ist, wohl rufen und Dich bitten, ihr zu +Hülfe zu kommen, und eben so wird es mit der zweiten geschehen; aber +zu keiner von diesen beiden sollst Du hingehen; beeile Dich nur, ihnen +vorüberzukommen und thue, als ob Du sie gar nicht bemerktest, aber zu +der dritten sollst Du hingehen und thun, um Was sie Dich bittet; denn es +wird Dein Glück sein.« + +Als der Bursch nun zu der ersten von den Prinzessinnen kam, rief diese +und bat ihn so flehentlich, er möchte doch zu ihr kommen; aber er ging +ihr vorüber, als ob er sie ganz und gar nicht bemerkte, eben so auch der +zweiten, aber zu der dritten ging er hin. »Willst Du thun, Was ich Dir +sage, so sollst Du haben, Welche von uns Dreien Du willst,« sagte die +Prinzessinn. Ja, das wollte der Bursch gern, und nun erzählte sie ihm, +daß sie hier von drei Trollen wären versenkt worden; früher aber hätten +sie auf dem Schloß gewohnt, das er dort drüben im Walde sehen könne. +»Nun musst Du,« sagte sie: »in das Schloß gehen und Dich von den Trollen +eine Nacht für Jede von uns peitschen lassen; kannst Du das aushalten, +so errettest Du uns.« -- Ja, antwortete der Bursch: er wollt's +versuchen. -- »Wenn Du in das Schloß gehst,« sagte die Prinzessinn +weiter: »so stehen da zwei Löwen in der Pforte, aber gehe nur mitten +zwischen ihnen hindurch, so thun sie Dir Nichts. Gehe dann grade aus in +ein kleines Zimmer, und da lege Dich nieder. Dann kommt der Troll an und +schlägt Dich; aber wenn er Dich genug geschlagen hat, so wasche Dich nur +mit dem Wasser aus der Flasche, die dort an der Wand hangt, dann wirst +Du sogleich wieder gesund, und darnach nimm das Schwert, das neben der +Flasche hangt, und tödte damit den Trollen.« Ja, der Bursch that, wie +die Prinzessinn ihm gesagt hatte: er ging mitten zwischen den Löwen +hindurch, als ob er sie gar nicht beachte, schritt dann grade aus in +die kleine Kammer, und da legte er sich nieder. Die erste Nacht kam +ein Troll mit drei Köpfen und drei Ruthen und peitschte den Burschen +gottsjämmerlich; aber dieser hielt Alles ruhig aus, bis der Troll fertig +war; da nahm der Bursch die Flasche und wusch sich damit die Wunden, +ergriff dann das Schwert und hau'te dem Trollen den Kopf ab. Als er nun +am andern Morgen zu den Prinzessinnen kam, standen diese bis an den +Gürtel über der Erde. Die zweite Nacht ging es eben so; aber der Troll, +welcher jetzt kam, hatte sechs Köpfe und sechs Ruthen und peitschte ihn +noch weit ärger, als der vorige. Als aber der Bursch am Morgen zu den +Prinzessinnen kam, standen diese nur noch bis ans Schienbein in der +Erde. In der dritten Nacht kam ein Troll, der hatte neun Köpfe und +neun Ruthen und schlug und peitschte den Burschen so lange, bis dieser +zuletzt ohne Bewusstsein umfiel. Da nahm ihn der Troll und warf ihn +gegen die Wand, aber bei der Gelegenheit fiel die Flasche herunter und +bespritzte den Burschen über und über, so daß er augenblicklich wieder +gesund ward. Er nun nicht faul ergriff das Schwert und hieb damit dem +Trollen den Kopf ab; und als er darauf am Morgen zu den Prinzessinnen +kam, standen diese mit dem ganzen Leibe über der Erde. Nun heirathete er +die jüngste von ihnen und wurde darauf König, und lebte glücklich und +zufrieden mit ihr eine lange Zeit. + +Da bekam er einmal so große Lust, wieder nach Hause zu reisen und seine +Ältern zu besuchen. Das gefiel aber der Königinn, seiner Gemahlinn, gar +nicht; weil er aber nun durchaus fort wollte und mußte, sagte sie zu +ihm; »Eins musst Du mir jedoch versprechen, daß Du nämlich bloß Das thun +willst, um was Dein Vater Dich bittet, aber nicht Das, um was Deine +Mutter Dich bittet,« und das versprach er ihr denn auch. Darauf gab +sie ihm einen Ring, der hatte die Eigenschaft, daß Der, welcher ihn am +Finger trug, zwei Wünsche thun konnte. Er wünschte sich nun nach Hause, +und als die Ältern ihn sahen, konnten sie sich nicht genug darüber +verwundern, wie stattlich und prächtig er aussah. + +Als er nun einige Tage zu Hause gewesen war, wollte seine Mutter, er +sollte aufs Schloß gehen und dem König zeigen, was für ein Mann aus +ihm geworden sei. Der Vater aber sagte: »Nein, das soll er nicht; denn +alsdann können wir nicht länger die Freude haben, ihn bei uns zu sehen.« +Aber es half nichts; die Mutter bat und quälte ihn so lange, bis er +endlich ging. Als er nun auf's Schloß kam, war er weit stattlicher an +Kleidern und in Allem, als der andre König; das war diesem nun gar nicht +recht, und er sagte daher: »Ja, aber nun sollst Du meine Gemahlinn +sehen; ich glaube nicht, daß Deine so schön ist, wie meine.« -- »Gott +gäbe, sie stände hier, so solltest Du es sehen!« sagte der junge König, +und sogleich stand sie da; aber sie war sehr betrübt und sagte: »Warum +hast Du mir nicht gehorcht und nur auf Das gehört, was Dein Vater Dir +sagte? Nun muß ich wieder fort, und Du hast keine Wünsche mehr.« Darauf +knüpfte sie ihm einen Ring ins Haar, worauf ihr Name stand, und wünschte +sich wieder nach Hause. + +Da ward der junge König sehr betrübt und dachte an nichts Anders, als +wie er nur wieder zu seiner Gemahlinn kommen sollte. »Ich muß sehen, ob +ich nicht irgendwo erfahren kann, wo Witenland liegt,« dachte er und +begab sich auf den Weg. Als er ein Ende gegangen war, begegnete ihm +Einer, der war Herr über alle Thiere im Walde, und sie kamen zu ihm, +wenn er nur in sein Horn blies; den fragte der König nach Witenland. +»Ich weiß nicht, wo es liegt,« sagte der Mann: »aber ich will meine +Thiere fragen.« Darauf blies er sie herbei und fragte, ob nicht Einer +von ihnen wüßte, wo Witenland läge; aber das wußte Keiner. + +Da gab der Mann ihm ein Paar Schneeschuhe. »Wenn Du die anhast,« sagte +er: »kommst Du zu meinem Bruder, der über hundert Meilen weit von hier +wohnt; der ist Herr über alle Vögel in der Luft, Du kannst den fragen. +Wenn Du aber dort angekommen bist, so kehre die Schuhe nur um, so daß +die Spitze nach hier wendet, dann gehn sie von selbst wieder nach +Hause.« Als der König nun an Ort und Stelle gekommen war, kehrte er +die Schneeschuhe um, wie der Herr über die Thiere ihm gesagt hatte, +und darauf gingen sie von selbst wieder nach Hause. + +Er fragte nun wieder nach Witenland, und der Mann blies alle Vögel +herbei und fragte sie, ob nicht Einer von ihnen wüßte, wo Witenland +läge. Nein, das wußte wieder Keiner. Lange nach den andern Vögeln kam +auch noch ein alter Adler, der zehn Jahre lang in der Fremde gewesen +war, aber der wußte es auch nicht. »Nun,« sagte der Mann: »dann will +ich Dir ein Paar Schneeschuhe leihen; wenn Du die anhast, kommst Du zu +meinem Bruder, der hundert Meilen weit von hier wohnt; er ist Herr über +alle Fische im Meer, Du musst den fragen; vergiß aber nicht, die Schuhe +wieder umzukehren, wenn Du dort angekommen bist.« Der König dankte dem +Mann und legte die Schuhe an. Als er nun zu Dem gekommen war, der Herr +über alle Fische im Meer war, kehrte er die Schuhe wieder um, worauf +diese, eben so, wie die andern, wieder nach Hause gingen. + +Der König fragte nun wieder nach Witenland. Da blies der Mann alle +Fische herbei; aber auch von ihnen wußte Keiner Bescheid. Endlich kam +ein alter, alter Hecht; der Mann hatte viele Mühe, ihn herbeizublasen, +und als er ihn nach Witenland fragte, antwortete der Hecht: »Ja, da bin +ich gut bekannt; denn ich bin da zehn Jahre lang Koch gewesen. Morgen +soll ich wieder dahin; denn die Königinn, die ihren Gemahl verloren hat, +macht morgen wieder Hochzeit.« -- »Wenn es sich so verhält, so will ich +Dir einen guten Rath geben,« sagte der Mann: »Hier draußen auf einem +Erlenmoor stehn drei Brüder, die haben da schon hundert Jahre gestanden +und sich um einen Hut, einen Mantel und ein Paar Stiefeln gebalgt. Wenn +Einer die drei Dinge hat, so kann er sich unsichtbar machen und sich so +weit weg wünschen, als er will. Du kannst sagen, Du wolltest die Sachen +probiren und nachher zwischen ihnen das Urtheil sprechen.« Der König +dankte dem Mann und that, wie er ihm gesagt hatte. »Was steht Ihr hier +beständig und balgt Euch?« sagte er, als er zu den drei Brüdern gekommen +war: »lasst mich die Dinge probiren, dann will ich das Urtheil zwischen +Euch sprechen.« Ja, das wollten sie gern. Als er aber den Hut, den +Mantel und die Stiefeln bekommen hatte, sagte er: »Wenn wir uns das +nächste Mal wiedersehen, sollt Ihr das Urtheil erfahren,« und damit +wünschte er sich fort. Als er durch die Luft fuhr, traf er mit dem +Nordwind zusammen. »Wo willst Du hin?« fragte ihn der Nordwind. »Nach +Witenland,« sagte der König und erzählte ihm, Was ihm begegnet war. »Ja, +Du fährst wohl etwas schneller, als ich,« sagte der Nordwind; »ich muß +nun in jeden Winkel und wehen und pusten. Wenn Du aber an Ort und Stelle +kommst, so stelle Dich nur auf die Treppe neben der Thür hin; dann werde +ich gesaus't kommen, als wollte ich das ganze Schloß umwehen. Wenn dann +der Prinz, der Deine Gemahlinn haben soll, herauskommt und sehen will, +Was es giebt, so faß ihn nur beim Kragen und wirf ihn hinaus; dann will +ich schon zusehen, wie ich ihn fortschaffe.« Ja, der König that, wie +ihm der Nordwind gesagt hatte: er stellte sich auf die Treppe hin, +und als der Nordwind gesaus't und gebraus't kam und einen Griff ins +Schloßdach that, so daß es bebte und krachte, ging der Prinz hinaus und +wollte sehen, Was es gab. Aber in demselben Augenblick ergriff der König +ihn beim Kragen und warf ihn hinaus. Da nahm ihn der Nordwind und fuhr +mit ihm davon. Als der König so mit guter Manier den Prinzen quitt +geworden war, ging er ins Schloß. Anfangs erkannte die Königinn ihn +nicht, weil er durch das lange Wandern und seinen heftigen Kummer so +bleich und mager geworden war. Als er ihr aber den Ring zeigte, ward sie +herzlich froh; und nun wurde mit großem Jubel erst die rechte Hochzeit +gefeiert. + + + + +10. + +Es giebt noch mehr solche Weiber. + + +Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wollten säen, aber sie hatten +kein Saatkorn und auch kein Geld, sich etwas zu kaufen. Eine einzige +Kuh hatten sie, und mit der sollte der Mann in die Stadt gehen und sie +verkaufen, damit sie Geld zu Saatkorn bekämen. Als es aber zum Stücke +kam, wagte die Frau es nicht, den Mann allein reisen zu lassen, denn sie +fürchtete, er möchte das Geld vertrinken. Sie machte sich daher selbst +mit der Kuh auf den Weg und nahm auch noch ein Huhn mit. + +Dicht bei der Stadt begegnete ihr ein Schlachter. »Willst Du die Kuh +verkaufen, Mutter?« fragte er sie. »Ja,« sagte die Frau. »Was willst Du +denn dafür haben?« -- »Für die Kuh verlange ich drei Groschen,« sagte +sie: »aber das Huhn sollst Du für acht Thaler haben.« -- »Das Huhn kann +ich nicht gebrauchen,« sagte der Schlachter: »und das wirst Du schon +los, wenn Du zur Stadt kommst; aber für die Kuh will ich Dir drei +Groschen geben.« Sie verkaufte ihm nun die Kuh und erhielt ihre drei +Groschen; aber in der Stadt war Niemand, der acht Thaler für ein magres +schäbiges Huhn geben wollte. Die Frau ging deßhalb wieder zurück zum +Schlachter und sagte: »Gevatter, ich kann mein Huhn nicht los werden; +Du musst es mir auch nur abkaufen, da Du doch einmal die Kuh bekommen +hast.« -- »Nun, wir werden schon Handels eins werden,« sagte der +Schlachter. Darauf tractirte er sie mit Essen und gab ihr so viel +Branntwein, daß sie trunken ward und Sinn und Verstand verlor. + +Während sie nun da lag und schlief, tauchte der Schlachter sie in ein +Theerfaß und legte sie dann in einen Federhaufen. + +Als sie darauf erwachte, war sie über und über gefiedert und wunderte +sich und sprach: »Bin ich's, oder bin ich's nicht? Nein, ich kann's +nicht sein, das muß ein großer sonderbarer Vogel sein. Wie soll ich's +doch nur erfahren, ob ich's bin, oder nicht? Ja, nun weiß ich's: wenn +mich die Kälber lecken, und der Hund mich nicht anbellt, wenn ich nach +Hause komme, so bin ich's.« + +Der Hund aber sah kaum das Unthier, so fing er an zu bellen, als ob +Schelme und Diebe auf den Hof gekommen wären. »Nein, das kann ich +unmöglich sein,« sagte sie. Als sie in den Stall kam, wollten die Kälber +sie nicht lecken wegen des strengen Theergeruchs. »Nein, das kann ich +nicht sein,« sagte sie, stieg auf das Staburdach und fing an, mit den +Armen zu schlagen, als ob es Flügel wären, und sie in die Höhe wollte. +Als der Mann das gewahr ward, kam er mit der Büchse heraus und zielte +nach ihr. »Ach, schieß nicht! schieß nicht!« rief sie: »das bin ich.« +-- »Bist Du es?« sagte der Mann: »was stehst Du denn da, wie eine Ziege? +Komm herunter und thu mir Rechenschaft von Deinem Verkauf!« Sie kroch +nun herunter, aber sie hatte nicht einen Heller; denn die drei Groschen, +die sie vom Schlachter bekommen hatte, die hatte sie in ihrer Besoffenheit +weggeworfen; und als der Mann nun hörte, wie Alles zugegangen war, ward +er so zornig, daß er sagte, er wolle von Haus und Hof gehen, und nicht +eher zurückkehren, als bis er drei andre Weiber fände, die eben so +unklug wären. + +Er machte sich nun auf den Weg, und als er eine Strecke gegangen war, +erblickte er eine neu aufgezimmerte Hütte, und ein Weib lief mit einem +leeren Sieb aus und ein; aber so oft sie hineinlief, warf sie die +Schürze über das Sieb, als ob sie Etwas drin hätte. »Warum thut Ihr +das, Mutter?« fragte er die Frau. »O, ich will nur ein wenig Sonne +hineintragen,« sagte sie: »aber ich weiß nicht, wie es recht zugeht: +wenn ich draußen bin, habe ich die Sonne im Sieb, aber sobald ich +hineinkomme, ist sie weg. Da ich noch in meiner alten Hütte wohnte, +hatte ich Sonne genug, obgleich ich nie das Geringste hineintrug. Wenn +mir nur Einer Sonne schaffen könnte, so wollt' ich ihm gern dreihundert +Thaler geben.« -- »Habt Ihr eine Axt,« sagte der Mann: »so will ich Euch +schon Sonne verschaffen.« Er bekam nun eine Axt und damit hau'te er die +Fensterlöcher hinein, denn die hatte der Zimmermann vergessen. Sogleich +schien nun die Sonne hindurch, und er bekam seine dreihundert Thaler. +»Das war Eine!« dachte der Mann und ging weiter. + +Nach einer Weile kam er zu einem Hause, in welchem er ein entsetzliches +Geschrei hörte. Er ging hinein, und da sah er nun eine Frau, die damit +beschäftigt war, ihrem Mann den Kopf mit einem Waschbläuel zu bearbeiten; +über den Kopf hatte sie ein Hemd ohne Halsloch gezogen. »Wollt Ihr Euern +Mann todtschlagen, Mutter?« fragte er. »Nein,« sagte sie: »ich will nur +ein Halsloch in dieses Hemd haben.« Der Mann schrie und geberdete sich +übel und sprach: »Gott tröste Den, der ein neues Hemd anhaben soll! Wenn +Jemand meiner Frau lehren könnte, ein Halsloch auf eine andre Manier +ins Hemd zu kriegen, so wollt' ich ihm gern dreihundert Thaler geben.« +-- »Das soll bald gethan sein; gebt mir nur eine Schere,« sagte der +Andre. Er bekam nun eine Schere, schnitt ein Loch ins Hemd und ging mit +seinen Dreihundert davon. »Das war die Zweite!« sagte er bei sich selbst. + +Endlich kam er zu einem Bauerhof, wo er sich eine Weile auszuruhen +gedachte. Als er in die Stube trat, fragte die Frau ihn: »Wo seid Ihr +her, Gevatter?« -- »Ich bin aus Ringelreich,« antwortete er. »Nein, was +Ihr sagt! seid Ihr aus dem Himmelreich?[3] Dann kennt Ihr auch wohl +den zweiten Peter, meinen seligen Mann.« -- Die Frau war nämlich zum +dritten Mal verheirathet; ihr erster und ihr letzter Mann waren schlimm; +darum glaubte sie, daß nur der zweite, der gut gewesen war, selig +geworden sei. -- »Ja, den kenn' ich sehr gut,« sagte er. »Wie geht's +ihm denn?« fragte die Frau. »O, es geht ihm nur dürftig,« erwiederte +der Ringelreicher: »er schlendert von einem Hof zum andern und hat weder +Essen in der Schüssel, noch Kleider auf dem Leibe -- an Geld ist nun gar +nicht zu denken.« -- »Ach, Gott helf mir!« rief die Frau: »er brauchte +eben nicht so elend einherzugehen, er, der so Viel hinterlassen hat; +hier hangt ein ganzer Boden voll Kleider, die ihm gehörten, und eine +große Kiste mit Geld steht hier auch; wenn Ihr's mitnehmen wollt, +Gevatter, so will ich Euch gern ein Pferd und einen Karren geben, damit +Ihr's fortschaffen könnt; das Pferd kann er da behalten, und auf dem +Karren kann er sitzen und von einem Hof zum andern fahren, denn er hat +es eben nicht nöthig, zu Fuß zu gehen.« Der Ringelreicher erhielt nun +eine ganze Karrenfuhre voll Kleider und eine Kiste voll blankes +Silbergeld und so viel Essen und Trinken, als er nur wollte, und damit +setzte er sich auf und fuhr davon. »Das war die Dritte!« sagte er bei +sich selbst. + +Aber draußen auf dem Felde ging der dritte Mann der Frau und pflügte, +und da er Jemanden, den er nicht kannte, mit seinem Pferd und seinem +Karren abreisen sah, ging er nach Hause zu seiner Frau und fragte sie, +was Das für Einer wäre, der mit seinem blauen Pferd davon reis'te. »Ach +Der,« sagte die Frau: »das war ein Mann aus dem Himmelreich; er sagte, +daß es dem zweiten Peter, meinem seligen Mann, so schlecht gehe, daß +er von Hof zu Hof schlendern müsse und weder Kleider, noch Geld hätte; +darum schickte ich ihm alle seine alten Kleider, die hier hangen, und +auch die alte Geldkiste mit dem Silbergeld.« Als der Mann das hörte, +merkte er sogleich, Was die Uhr geschlagen hatte, sattelte sein Pferd +und ritt in vollem Galopp davon. Es dauerte nicht lange, so war er dicht +hinter dem Ringelreicher. Wie dieser ihn aber gewahr ward, fuhr er den +Karren ins Unterholz, riß dem Pferd eine Handvoll Haare aus und lief auf +einen Hügel, wo er die Pferdehaare an eine Birke band; darnach legte er +sich darunter auf die Erde hin und glotzte und stierte in die Wolken. +»Nein! nein!« sagte er so bei sich selbst, als der dritte Peter geritten +kam: »nein, so Was hab' ich noch in meinem Leben nicht gesehen!« Peter +sah ihm verwundert eine Weile zu, endlich fragte er ihn: »Was liegst Du +da und glotzäugst?« -- »Nein, so Was hab' ich noch mein Lebtag nicht +gesehen!« sagte der Andre: »Hier fuhr so eben Einer mit einem blauen +Pferd grade zum Himmel hinauf; da siehst Du noch die Haare, die an der +Birke hangen, und da oben in den Wolken siehst Du das blaue Pferd.« +Peter sah bald zu den Wolken hinauf, bald nach Dem, welcher da lag und +stierte; endlich sagte er: »Ich sehe Nichts, als nur die Pferdehaare an +der Birke.« -- »Nein, Du kannst es da auch nicht sehen,« sagte der +Andre: »aber komm hieher und lege Dich auf diese Stelle hin, und dann +musst Du grade in die Wolken sehen, und die Augen nicht wegkehren.« Als +nun der dritte Peter da lag und in die Wolken starrte, daß ihm die Augen +voll Wasser liefen, schwang der Ringelreicher sich auf das Pferd und +machte sich sowohl mit diesem, als mit dem Karren davon. Wie Peter es +auf dem Wege rasseln hörte, sprang er auf; aber er war so verstört, als +er den Andern mit seinen beiden Pferden und seinem Karren davon jagen +sah, daß er sich nicht eher besann, ihm nachzueilen, als bis es zu spät +war. + +Er ließ die Ohren ziemlich lang hängen, wie er nach Hause kam; als ihn +aber seine Frau fragte, wo er das Pferd gelassen hätte, sagte er: »O, +ich hab' es ihm für den zweiten Peter mitgegeben; denn ich dachte, es +wäre nicht werth, daß er im Himmel auf einem elenden Rumpelkasten sitzen +und von Hof zu Hof karren solle; nun kann er die Karre verkaufen und sich +einen Wagen anschaffen.« -- »Dafür sollst Du Dank haben,« sagte die +Frau: »ich hätte nie geglaubt, daß Du ein so guter Mann wärst.« + +Als nun der Andre mit den sechshundert Thalern und der Karrenfuhre +voll Kleider und der Geldkiste nach Hause kam, sah er, daß aller Acker +gepflügt und besä't war. Darum war die erste Frage, die er an seine Frau +that, woher sie das Saatkorn bekommen hätte. »O,« sagte sie: »ich habe +immer gehört: »Wer da säet, wird auch ernten;« darum hab' ich denn das +Salz gesä't, das Die vom Dovrefjeld hier abgesetzt haben, und wenn +wir bloß Regen bekommen, wird's wohl aufgehen, sollt' ich meinen.« +-- »Verrückt bist Du, und verrückt bleibst Du, so lange Du lebst;« +sagte der Mann: »aber es mag drum sein! denn die Andern sind auch nicht +klüger, als Du.« + + + + +11. + +Einem Jeden gefallen seine Kinder am besten. + + +Ein Schütz ging einmal in einem Wald; da begegnete ihm die Bruchschnepfe. +»Lieber Freund, schieß nicht meine Kinder!« sagte die Schnepfe. »Was +sind denn das für welche, Deine Kinder?« fragte der Schütz. »Die +schönsten Kinder, die im Wald gehen, sind meine,« antwortete die +Schnepfe. »Ich will sie denn nicht schießen,« sagte der Schütz. Als er +aber zurückkehrte, hatte er ein ganzes Bündel junge Bruchschnepfen, die +er alle geschossen hatte, in der Hand. »Au! au! warum hast Du dennoch +meine Kinder geschossen?« sagte die Schnepfe. »Waren diese denn Deine?« +fragte der Schütz: »ich schoß die häßlichsten, die ich fand.« -- »Ach +ja,« antwortete die Schnepfe: »weißt Du denn nicht, daß einem Jeden +seine Kinder am besten gefallen?« + + + + +12. + +Eine Freiergeschichte. + + +Es war einmal ein Bursch, der ging aufs Freien aus. Da kam er unter +anderm auch zu einem Kathen, wo die Leute in purer Armuth und Dürftigkeit +lebten. Als aber der Freier kam, wollten sie gern wohlhabend scheinen, +kannst Du glauben. Der Mann hatte einen neuen Ärmel in seine Jacke +bekommen. »Setz Dich nieder!« sagte er zu dem Freier: »aber 's sieht +hier überall so stäubig aus!« und damit ging er umher und wischte und +stäubte mit seinem neuen Jackenärmel überall auf den Bänken und Tischen +herum; den andern Arm aber hielt er auf den Rücken. Die Frau hatte einen +neuen Schuh bekommen, und mit dem stieß sie an alle Bänke und Stühle. +»Es liegt hier so Viel herum,« sagte sie: »es sieht hier so unordentlich +aus.« Darauf riefen sie die Tochter, sie sollte hereinkommen und +aufräumen. Die hatte eine neue Mütze bekommen und steckte den Kopf zur +Thür herein und nickte: »Ich kann denn doch auch nicht überall sein,« +sagte sie. Ja, das waren rechte Wohlstandsleute, zu denen der Freier +gekommen war. + + + + +13. + +Die drei Muhmen. + + +Es war einmal ein armer Mann, der wohnte in einer Hütte, weit weit weg +in einem Walde, und ernährte sich mit der Jägerei. Er hatte eine einzige +Tochter, die war außerordentlich schön. Da aber die Mutter schon früh +gestorben, und das Mädchen nun schon halb erwachsen war, sagte sie eines +Tages zu ihrem Vater, sie wolle sich bei andern Leuten in Dienst geben, +damit sie lernen könne, sich hiernach selbst ihr Brod zu verdienen. »Ja, +meine Tochter,« sagte der Vater: »Du hast bei mir freilich nichts Anders +gelernt, als Vögel rupfen, aber Du magst es immerhin versuchen, Dir Dein +Brod selbst zu verdienen.« Das Mädchen ging nun fort, um sich einen +Dienst zu suchen, und als sie eine Weile gegangen war, kam sie zu einem +Königsschloß; da blieb sie, und die Königinn mochte sie so wohl leiden, +daß die andern Dirnen ganz neidisch auf sie wurden. Darum sagten sie +eines Tages zu der Königinn, das Mädchen hätte sich gerühmt, ein Pfund +Flachs in vier und zwanzig Stunden spinnen zu können; denn sie wussten, +die Königinn hielt so viel auf Handarbeiten. »Ja, hast Du das gesagt, +so sollst Du es auch,« sagte die Königinn zu ihr: »indessen macht es +nichts, wenn Du auch etwas mehr Zeit dazu gebrauchst.« Das arme Mädchen +wagte nicht, zu sagen, daß sie niemals gesponnen hätte, sondern bat nur +um eine Kammer für sich allein; die bekam sie denn auch, und man brachte +ihr einen Spinnrocken und Flachs. Da saß sie nun und war betrübt und +weinte und konnte sich gar nicht rathen. Sie stellte den Rocken vor sich +hin und kehrte und dreh'te ihn, aber sie wusste ganz und gar nicht, wie +sie's anfangen sollte; denn sie hatte nie zuvor in ihrem Leben nur +einmal einen Spinnrocken gesehen. + +Als sie nun so betrübt da saß, trat eine alte Frau zu ihr ein. »Was +fehlt Dir, mein Kind?« fragte sie. »Ach,« antwortete das Mädchen: »was +kann es nützen, daß ich es Dir sage, denn Du kannst mir ja doch nicht +helfen.« -- »Man kann nicht wissen,« sagte die Frau: »es wäre doch +möglich, daß ich Rath für Dich wüsste.« Ja, ich kann es ihr ja wohl +sagen, dachte das Mädchen und erzählte ihr nun, wie ihre Mitdienerinnen +ausgesagt hätten, sie habe sich gerühmt, ein Pfund Flachs in vier und +zwanzig Stunden spinnen zu können; »aber ich Arme!« sagte sie: »ich habe +nie in meinem Leben einen Spinnrocken gesehen, geschweige denn, daß ich +so Viel sollte in vier und zwanzig Stunden spinnen können.« -- »Es mag +nun drum sein, mein Kind!« sagte die Frau: »willst Du mich an Deinem +Ehrentag Muhme nennen, so will ich den Flachs für Dich spinnen, und Du +kannst Dich hinlegen und schlafen.« Ja, das wollte das Mädchen gern und +ging hin und legte sich schlafen. + +Am andern Morgen, als sie erwachte, lag aller Flachs gesponnen auf dem +Tisch, und das so sauber und fein, daß man nie so schönes ebnes Garn +noch gesehen hatte. Die Königinn freu'te sich sehr über das schöne Garn +und hielt nun noch mehr von dem Mädchen, als vorher. Darüber wurden die +andern noch neidischer auf sie und sagten nun zu der Königinn, jetzt +hätte sie sich auch gerühmt, das Garn, das sie gesponnen, in vier und +zwanzig Stunden weben zu können. Die Königinn sagte wieder, wenn sie das +gesagt hätte, so solle sie es auch, aber es machte nichts, wenn sie auch +nicht eben in vier und zwanzig Stunden damit fertig würde. Das Mädchen +wagte auch diesmal nicht, ihre Ungeschicklichkeit zu bekennen, sondern +bat nur um eine Kammer für sich allein, dann wollte sie es versuchen. Da +saß sie nun wieder und war betrübt und weinte und wußte nicht, Was sie +anfangen sollte. Es dauerte aber nicht lange, so trat wieder eine alte +Frau herein und fragte: »Was fehlt Dir, mein Kind?« Das Mädchen wollte +es ihr erst nicht sagen, aber zuletzt erzählte sie ihr denn, Was die +Königinn von ihr verlangte. »Ei nun,« sagte die Frau: »es mag drum sein! +willst Du mich an Deinem Ehrentag Muhme nennen, so will ich das Garn für +Dich weben, und Du kannst Dich hinlegen und schlafen.« Ja, das wollte +das Mädchen gern, und damit ging sie hin und legte sich schlafen. Als +sie aufwachte, lag alles Garn so sauber und dicht gewebt auf dem Tisch, +wie nur möglich. Sie brachte es nun der Königinn, und diese freu'te +sich außerordentlich über die schöne Leinwand und hielt jetzt noch weit +mehr von dem Mädchen, als zuvor. Aber darüber wurden die andern noch +neidischer und erbitterter auf sie und dachten an nichts Anders, als Was +sie jetzt angeben sollten, um ihr zu schaden. + +Endlich verfielen sie darauf, zu der Königinn zu sagen, jetzt hätte sie +sich auch gerühmt, all die Leinwand, die sie gesponnen, in vier und +zwanzig Stunden zu Hemden aufnähen zu können. Es ging nun eben so, wie +früher: das Mädchen wagte nicht, zu sagen, daß sie nicht nähen könne; +sie erhielt wieder ihre Kammer für sich allein und saß da und war betrübt +und weinte. Nun trat aber wieder eine alte Frau zu ihr ein und versprach +ihr, die Leinwand für sie zu nähen, wenn sie sie an ihrem Ehrentag Muhme +nennen wolle. Ja, das wollte das Mädchen gern und that wieder, wie die +Frau ihr sagte, ging hin und legte sich schlafen. Am andern Morgen, als +sie erwachte, war alle Leinwand zu Hemden aufgenäh't, die auf dem Tisch +lagen; eine so schöne Naht hatte man aber noch nie gesehen, und die +Hemden waren alle hübsch gezeichnet und völlig fertig. Als die Königinn +die Arbeit sah, freu'te und verwunderte sie sich so sehr über die schöne +Naht, daß sie die Hände über dem Kopf zusammenschlug. »Nein, eine so +schöne Naht habe ich noch nie gesehen,« sagte sie, und von nun an hatte +sie das Mädchen so lieb, wie ihr eignes Kind. »Wenn Du jetzt den Prinzen +haben willst, so sollst Du ihn bekommen,« sagte sie zu dem Mädchen: +»denn Du hast niemals nöthig, Etwas aus dem Hause zu geben, da Du Alles +selbst spinnen und weben und auch nähen kannst.« Weil das Mädchen nun so +schön war, und der Prinz sie gern leiden mochte, wurde auch sogleich die +Hochzeit gehalten. Als sich aber der Prinz mit ihr zur Tafel gesetzt +hatte, trat plötzlich ein altes häßliches Weib herein mit einer langen +langen Nase -- die war gewiß drei Ellen lang. + +Da stand die Braut auf, ging auf die Alte zu und sagte: »Guten Tag, +Muhme!« -- »Ist das die Muhme meiner Braut?« fragte der Prinz. Ja, das +wäre sie. »Ja, so müssen wir sie denn wohl mit bei Tafel sitzen lassen,« +sagte der Prinz; aber er sowohl, als die Andern meinten doch, sie wäre +gar zu garstig, um mit ihnen bei Tafel zu sitzen. + +Nicht lange darnach trat wieder ein altes häßliches Weib ein, die hatte +einen Allerwerthesten, so dick und so breit, daß sie nur mit genauer +Noth zur Thür herein konnte. Sogleich stand die Braut auf und grüßte sie +und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz fragte wieder, ob das auch +eine Muhme seiner Braut wäre. »Ja,« antworteten beide, und sie mußte +sich nun ebenfalls an die Tafel setzen. + +Kaum aber hatte sie sich niedergesetzt, so trat wiederum ein altes +häßliches Weib ein, mit Augen, so groß, wie ein Paar Teller, und so roth +und fließend, daß es ganz abscheulich aussah. Die Braut stand wieder auf +und grüßte sie und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz bat auch +sie, sich an die Tafel zu setzen, aber er dachte bei sich selbst: »Gott +steh mir bei wegen all der Muhmen, die meine Braut hat!« Als sie ein +wenig gesessen hatten, konnte der Prinz sich nicht enthalten, zu sagen: +»Wie in aller Welt kann doch meine Braut, die so schön ist, so hässliche +und missgestaltne Muhmen haben!« -- »Das will ich Dir sagen,« versetzte +die eine: »ich war eben so schön, wie Deine Braut, da ich in ihrem Alter +war; aber daß ich eine so lange Nase habe, kommt daher, weil ich so +viel gesessen und gesponnen und dabei den Kopf beständig gerüttelt und +geschüttelt habe; davon hat sich die Nase ausgedehnt und ist so lang +geworden, wie Du sie jetzt siehst!« -- »Und ich,« sagte die zweite: »ich +habe von meiner Jugend an auf dem Webstuhl gesessen und immer hin und +her gehuppelt; davon ist mein Allerwerthester so groß geworden und so +angeschwollen, wie Du ihn jetzt siehst.« Darauf sagte die dritte: »Ich +habe, seit ich ganz klein war, immer da gesessen und auf das Nähzeug +gestiert; davon sind meine Augen so häßlich und roth geworden.« -- »Na, +so!« sagte der Prinz: »das war gut, daß ich das zu wissen bekam, wie die +Leute von Dergleichen so häßlich werden können; so soll denn nun meine +Braut auch in ihrem Leben nicht wieder spinnen, noch nähen, noch weben!« + + + + +14. + +Der Sohn der Wittwe. + + +Es war einmal eine arme arme Wittwe, die hatte einen einzigen Sohn, für +den quälte sie sich so lange ab, bis der Prediger ihn gefirmelt hatte. +Da sagte sie, jetzt könne sie ihn nicht länger ernähren, er müsse nun +fort und sich sein Brod selbst verdienen. Der Bursch wanderte darauf +fort in die Welt, und als er eine gute Strecke Weges zurückgelegt hatte, +begegnete ihm ein Mann, der fragte ihn, wo er hin wolle. »Ich will fort +in die Welt und zusehen, ob ich nicht einen Dienst bekommen kann,« sagte +der Bursch. »Willst Du bei mir dienen?« -- »O ja, eben so gut bei Dir, +als bei jedem Andern,« versetzte der Bursch. »Ja, Du sollst es gut bei +mir haben,« sagte der Mann: »Du sollst mir bloß zur Gesellschaft sein, +weiter verlange ich von Dir Nichts.« Der Bursch trat nun seinen Dienst +bei dem Manne an; er führte ein herrliches Leben, hatte Essen und Trinken +vollauf und nur Wenig oder gar Nichts zu thun; aber er sah sonst auch +niemals eine Menschenseele. + +Eines Tages sagte der Mann zu ihm: »Ich werde jetzt auf acht Tage +verreisen; während der Zeit musst Du hier allein bleiben, aber Du darfst +ja nicht in eins von diesen vier Zimmern gehen; thust Du das, so kostet +es Dir das Leben, wenn ich zurückkomme.« -- Nein, sagte der Bursch, er +wollt's gewiß nicht thun. Als aber der Mann drei oder vier Tage fort +gewesen war, konnte der Bursch sich nicht länger halten, sondern ging in +das eine der Zimmer. Er sah sich hier überall um, aber bemerkte Nichts, +als nur eine Borte über der Thür, und darauf lag eine Dornruthe. »Das +ist auch was Rechtes, um es mir so strenge zu verbieten, in dies Zimmer +zu gehen, wenn hier weiter Nichts zu sehen ist!« dachte der Bursch. Als +die acht Tage um waren, kam der Mann wieder nach Hause. »Du bist doch +auch wohl in keins von den Zimmern gegangen,« sagte er. »Nein, ganz und +gar nicht,« sagte der Bursch. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sagte +der Mann, und darauf ging er grade in das Zimmer, in welchem der Bursch +gewesen war. »Ja, Du bist doch drin gewesen,« sagte er, als er zurückkam: +»und nun muß ich Dich tödten.« Aber der Bursch weinte und bat so lange, +bis er doch zuletzt mit dem Leben davon kam; aber tüchtige Schläge +erhielt er. Als er die ausgestanden hatte, waren sie wieder eben so gute +Freunde, als zuvor. + +Einige Zeit darnach verreis'te der Mann abermals; er sagte, daß er jetzt +vierzehn Tage ausbleiben würde, und verbot dem Burschen wieder strenge, +in irgend eins der Zimmer zu gehen, in welchen er noch nicht gewesen +sei; aber in das, worin er schon gewesen, könne er immer wieder gehen, +wenn er wolle. Es ging nun eben so, wie das vorige Mal, nur daß der +Bursch sich jetzt acht Tage hielt, eh' er wieder in eines der verbotenen +Zimmer ging. Er sah auch hier Nichts, als über der Thür eine Borte und +darauf einen Feldstein und einen Wasserkrug. »Nun, das ist auch was +Rechtes, um davor so bange zu sein!« dachte der Bursch. Als der Mann +nach Hause kam, fragte er den Burschen wieder, ob er auch in irgend +einem der Zimmer gewesen sei. Nein, sagte der Bursch, er wäre nicht drin +gewesen. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sprach der Mann, und da er +nun sah, daß der Bursch dennoch drin gewesen war, sagte er: »Nun kann +ich Dich nicht länger schonen, jetzt musst Du das Leben verlieren.« Aber +der Bursch weinte und bat so lange, bis er denn zuletzt wieder mit einer +Tracht Schläge davon kam, aber die war denn auch nicht schlecht. Als er +sich davon erholt hatte, führte er wieder ein herrliches Leben; und er +und der Mann waren wieder eben so gute Freunde, wie zuvor. + +Einige Zeit darnach wollte der Mann abermals verreisen; er sagte, daß er +jetzt drei Wochen abwesend sein würde, und schärfte dem Burschen ein, +beileibe nicht in das dritte Zimmer zu gehen; wenn er es dennoch thäte, +sagte er, könne er sich nur sogleich darauf gefasst machen, das Leben zu +verlieren. Nach vierzehn Tagen konnte der Bursch sich nicht länger +halten, sondern ging auch in das dritte Zimmer; er sah aber darin +Nichts, als nur eine Fallthür am Fußboden. Als er die aufhob und +hinuntersah, erblickte er einen großen kupfernen Kessel und drinnen +pruttelte und kochte es, ohne daß Feuer darunter war. Ich möchte doch +wissen, ob's wohl warm ist, dachte der Bursch und steckte den Finger +hinein; als er ihn aber wieder herauszog, war er über und über vergoldet; +er schabte und wusch ihn, aber die Vergoldung wollte nicht wieder ab; da +band er einen Lappen darum. Als darauf der Mann nach Hause kam und ihn +fragte, Was seinem Finger fehle, sagte der Bursch, er habe sich so +arg geschnitten; aber da riß der Mann ihm den Lappen ab und sah nun +sogleich, Was dem Finger fehlte. Erst wollte er den Burschen durchaus +tödten; aber da dieser wieder so heftig weinte und so flehentlich bat, +klopfte er ihn bloß so, daß er drei Tage lang zu Bette liegen mußte. +Darauf nahm er einen Krug von der Wand, worin eine Salbe war, und +bestrich damit den Burschen, worauf dieser sogleich wieder frisch und +gesund aufstand. + +Als einige Zeit vergangen war, wollte der Mann abermals verreisen und +wollte nun einen ganzen Monat ausbleiben. Zu dem Burschen aber sagte er, +wenn er es sich einfallen ließe, auch in das vierte Zimmer zu gehen, so +könne er durchaus nicht hoffen, das Leben zu behalten; dieses Mal würde +er ihn gewiß nicht schonen. Der Bursch hielt sich etwa drei ganze +Wochen, aber länger konnt' er's nicht aushalten, sondern ging nun +auch in das vierte Zimmer. Hierin stand ein großes Pferd mit einem +Schmutztrog beim Kopf und einem Heutrog beim Schwanz. Dem Burschen +däuchte das ungleich, und daher tauschte er um und setzte den Heutrog +beim Kopf hin und den Schmutztrog beim Schwanz. Da sagte das Pferd: +»Weil Du ein so gutes Herz hast und mir Etwas zu essen gönnst, will ich +Dich erretten; denn kommt der Troll jetzt nach Hause und findet Dich +hier noch vor, so tödtet er Dich ganz gewiß. Gehe aber nun in das Zimmer +hier grade gegenüber und nimm eine von den Rüstungen; aber du darfst +ja keine von den blanken nehmen, sondern Du sollst die allerrostigste +nehmen, die Du da siehst, und auf gleiche Weise sollst Du auch Schwert +und Sattel wählen.« Das that der Bursch; aber es war alles das sehr +schwer für ihn zu tragen. + +Als er mit den Sachen zurückkam, sagte das Pferd, nun solle er sich +nackt auskleiden und in das Zimmer gehen, wo der Kessel stände und +kochte, und in dem solle er sich gut baden. »Da werde ich wohl schön +aussehen!« dachte der Bursch, aber er ging doch hin. Als er sich nun +gebadet hatte, war er so schön und groß geworden und so roth und weiß, +wie Milch und Blut, dazu weit stärker, als vorher. »Spürst Du eine +Veränderung?« fragte ihn das Pferd. »Ja,« sagte der Bursch. »Dann +versuch' einmal, ob Du mich aufheben kannst,« sagte das Pferd. Ja, das +konnte der Bursch, und das Schwert konnte er schwingen, wie gar Nichts. +Als das Pferd das sah, sprach es: »Lege mir jetzt den Sattel auf und Dir +selbst die Rüstung an, und dann nimm die Dornruthe und den Stein und die +Wasserflasche und den Salbenkrug; dann wollen wir fortreisen.« + +Wie der Bursch das gethan hatte und auf das Pferd gestiegen war, ging es +-- hast Du mich nicht gesehen! auf und davon. Als der Bursch nun ein +gutes Ende geritten war, sagte das Pferd: »Mir däucht, ich höre ein +Geräusch; sieh Dich mal um, ob Du Etwas gewahr wirst.« -- »Ich sehe +Männer hinter uns,« sagte der Bursch: »wohl gegen zwanzig Stück.« -- +»Das ist der Troll,« sagte das Pferd: »er kommt mit seinen Leuten.« + +Das Pferd trabte aber weiter, so lange bis Die, welche hinter ihnen +waren, ganz nahe kamen. Da sagte das Pferd: »Wirf jetzt die Dornruthe +hinter Dich, aber so weit Du nur kannst!« Das that der Bursch, und im +selben Augenblick wuchs da ein großer dicker Dornwald auf. Nun ritt der +Bursch wieder eine weite Strecke fort, während der Troll sich nach Hause +begab, um Axt und Beil zu holen, damit er sich durch den Wald hauen +könne. Endlich sagte das Pferd wieder: »Sieh Dich mal um, ob Du Etwas +gewahr wirst.« -- »Ja, eine große Menge,« sagte der Bursch: »wie eine +ganze Kirchengemeine.« -- »Ja, das ist wieder der Troll,« sagte das +Pferd: »nun hat er noch mehr Leute mitgebracht. Wirf aber jetzt den +Feldstein hinter Dich, aber so weit Du nur kannst.« + +Als der Bursch das that, entstand plötzlich ein großer hoher Berg von +Feldsteinen hinter ihnen. Nun mußte der Troll wieder nach Hause, um +sich Geräthschaften zu holen, womit er sich durch den Berg minire, und +während er das that, ritt der Bursch wieder eine gute Strecke weiter. +Zuletzt sagte das Pferd wieder, er solle sich mal umsehen, ob er etwas +gewahr würde; und als der Bursch sich nun umsah, bemerkte er ein ganzes +Kriegsheer, und Alle trugen so blanke Rüstungen und Waffen, daß es nur +so glitzerte. »Ja,« sagte das Pferd: »es ist wieder der Troll; nun hat +er alle seine Leute mitgebracht. Gieß aber jetzt die Flasche mit Wasser +hinter Dir aus; aber hüte Dich wohl, daß Du Etwas auf meinen Leib +spritzest!« Das that der Bursch; aber wie sehr er sich auch in Acht +nahm, so spritzte er doch einen Tropfen an den Schenkel des Pferdes. +Augenblicklich entstand ein großes wogendes Wasser, und durch den +Tropfen, den er auf das Pferd gespritzt hatte, kam dieses weit hinaus +in dem Wasser zu stehen; aber es schwamm doch glücklich ans Land. Als +der Troll nun zu dem Wasser kam, legte er sich mit allen seinen Leuten +nieder, um es aufzutrinken, und da tranken sie so lange, bis sie +barsten. »Nun sind wir sie quitt!« sagte das Pferd. + +Als sie nun eine lange lange Zeit gereis't hatten, kamen sie zu einer +grünen Ebene mitten in einem Walde. »Lege jetzt Deine Rüstung ab und +zieh wieder Deine Lumpen an,« sagte das Pferd: »nimm mir dann den Sattel +ab und laß mich frei und hänge Alles hier in die große hohle Linde hin; +darnach musst Du Dir eine Perrücke von Tannenmoos machen, und geh dann +hinauf zu des Königs Schloß, das hier in der Nähe liegt, und bitte dort +um einen Dienst. Wenn Du mich dann nöthig hast, so komm bloß her und +rüttle an dem Gebiß, dann werde ich zu Dir kommen.« + +Ja, der Bursch that, wie das Pferd ihm gesagt hatte, und als er sich +die Moosperrücke aufsetzte, war er so bleich und jämmerlich und elend +anzusehen, daß Keiner ihn mehr erkennen konnte. Er ging nun zu dem +Königsschloß, und da bat er zuerst um einen Dienst in der Küche; er +wolle dem Koch Wasser und Holz zutragen, sagte er. Aber die Köchinn +fragte ihn: »Warum hast Du die häßliche Perrücke auf? Nimm die ab,« +sagte sie: »ich will sonst Nichts von Dir wissen, so häßlich Du +aussiehst.« -- »Das kann ich nicht,« sagte der Bursch: »denn mein Kopf +ist nicht so recht rein.« -- »Denkst Du, ich will Dich dann hier beim +Essen haben, wenn es so mit Dir beschaffen ist?« sagte der Koch: »Geh +hinunter zum Stallmeister! Du schickst Dich besser dazu, den Stall +auszumisten.« Als aber der Stallmeister ihm sagte, er solle die Perrücke +abnehmen, bekam dieser dieselbe Antwort, und nun wollte auch der ihn +nicht behalten. »Du kannst zum Gärtner gehen,« sagte er: »Du schickst +Dich besser dazu, in der Erde zu wühlen, Du.« Beim Gärtner durfte er +denn endlich bleiben; aber Keiner von den andern Bedienten wollte mit +ihm zusammenschlafen; darum mußte er denn allein schlafen unter der +Treppe im Lusthause, das stand auf Stollen und hatte eine sehr große +Treppe; darunter bekam er einiges Moos, und da lag er nun und schlief, +so gut er konnte. + +Als er nun eine Zeitlang im Königsschloß gewesen war, geschah es eines +Morgens, als die Sonne aufging, daß er seine Moosperrücke abnahm und da +stand und sich wusch, und da war er so schön, daß es eine Lust war, ihn +anzusehen. + +Die Prinzessinn sah durch ihr Fenster den wackern Gärtnerburschen, und +es däuchte ihr, einen so schönen Menschen habe sie noch nie gesehen. Sie +fragte den Gärtner, warum er dort draußen unter der Treppe liege. »O, es +will Keiner von den andern Bedienten mit ihm zusammenschlafen,« sagte +der. »Laß ihn heute Abend heraufkommen und bei der Thür drinnen in +meiner Kammer liegen,« sagte die Prinzessinn: »so werden sie sich nachher +wohl nicht weigern, mit ihm zusammenzuschlafen.« Der Gärtner sagte das +dem Burschen. »Meinst Du aber, ich werde das thun?« sagte der: »man +möchte nachher sagen, es wäre Etwas zwischen mir und der Prinzessinn.« +-- »Ja, Du hast auch wohl Ursache, Dich vor solchem Verdacht zu fürchten,« +sagte der Gärtner: »so wacker wie Du bist.« -- »Nun, wenn Ihr's denn so +wollt, dann will ich es wohl thun,« sagte der Bursch. Als er nun am +Abend die Treppe hinauf sollte, schlarfte er so mit seinen Schuhen, daß +sie ihn bitten mußten, leise zu gehen, damit der König ihn nicht gewahr +werde. Als er in die Kammer der Prinzessinn gekommen war, legte er sich +sogleich bei der Thür nieder und fing an zu schnarchen. Da sagte die +Prinzessinn zu ihrem Kammermädchen: »Schleich Dich zu ihm und nimm ihm +die Moosperrücke ab.« Aber als sie sie ihm abnehmen wollte, erwachte der +Bursch, hielt mit beiden Händen die Perrücke fest und sagte, die könne +sie nicht bekommen. Darauf legte er sich wieder hin und schnarchte. Die +Prinzessinn gab dem Mädchen wieder einen Wink, und diesmal gelang es +ihr, ihm die Perrücke abzunehmen. Da lag nun der Bursch so schön und so +roth und weiß, wie die Prinzessinn ihn in der Morgensonne gesehen hatte. +Nachher schlief der Bursch jede Nacht in der Prinzessinn ihrer Kammer. + +Es dauerte aber nicht lange, so erfuhr der König, daß der Bursch jede +Nacht in der Prinzessinn ihrer Kammer schlief, und darüber ward er so +erbittert, daß er ihn beinahe ums Leben gebracht hätte. Er warf ihn in +einen finstern Thurm, und seine Tochter sperrte er auf ihr Zimmer ein, +und sie durfte nicht heraus, weder Tag, noch Nacht; so viel sie auch +weinte und für sich und den Burschen bitten mochte, es half Alles +nichts, der König ward darüber nur noch mehr erbittert. + +Einige Zeit darnach entstand Krieg und Unfriede im Lande, und der König +mußte sich gegen einen andern König rüsten, der ihm sein Land wegnehmen +wollte. Als der Bursch das hörte, bat er den Kerkermeister, zum König zu +gehen und ihm die Erlaubniß auszuwirken, Harnisch und Schwert tragen zu +dürfen und mit in den Krieg zu ziehen. Alle lachten laut auf, als der +Kerkermeister seinen Auftrag anbrachte und den König um einiges altes +Gerümpel zu einer Rüstung für den Burschen bat, damit sie doch die Lust +haben könnten, zu sehen, wie der arme Wicht in den Krieg zöge. Na, das +bekam er denn auch und dazu eine alte Kracke, die hinkte auf drei +Beinen. + +Sie zogen nun gegen den Feind aus; aber sie waren noch nicht weit von +dem Königshof gekommen, als der Bursch mit seiner Kracke in einem Moor +stecken blieb und hups'te und jups'te: »Hei, willst du auf! Hei, willst +du auf!« Daran hatten die Andern recht ihre Lust und lachten und hatten +den Burschen zum besten, als sie an ihm vorbeiritten. Aber kaum waren +sie vorüber, so lief der Bursch zu der Linde, legte seine Rüstung an und +rüttelte an dem Gebiß, und sogleich kam das Pferd an und sagte: »Thue Du +nun Dein Bestes, dann werde ich das meinige thun.« Als der Bursch sie +einholte, hatte die Schlacht schon begonnen, und der König war in einer +schlimmen Klemme. Aber ehe man sich's versah, hatte der Bursch den Feind +in die Flucht geschlagen. Der König und seine Leute wunderten sich und +konnten nicht begreifen, Wer es nur sein mochte, der ihnen so gute Hülfe +geleistet; denn Keiner war ihm so nahe gekommen, um mit ihm sprechen zu +können, und als die Schlacht vorüber war, da war er verschwunden. -- Wie +sie nun zurückzogen, saß der Bursch noch in dem Moor und hups'te und +jups'te auf seiner dreibeinigen Kracke. Da lachten Alle wieder. »Nein, +seh nur Einer! da sitzt der Narr noch und hups't und jups't!« sagten +sie. + +Als sie am andern Tage auszogen, saß der Bursch noch da. Sie lachten +ihn wieder aus und machten sich über ihn lustig. Aber kaum waren sie +vorüber, so lief der Bursch wieder zu der Linde, und Alles ging wieder +grade so, wie den vorigen Tag. Alle wunderten sich und konnten nicht +begreifen, was es für ein fremder Held sei, der ihnen Hülfe geleistet; +denn Keiner war ihm wieder so nahe gekommen, um mit ihm sprechen zu +können. Daß aber Niemand auf den Burschen rieth, versteht sich von +selbst. + +Als sie am Abend nach Hause zogen und sahen, daß der Bursch noch immer +auf der Kracke saß, lachten sie ihn wieder aus, und Einer von ihnen +schoß einen Pfeil auf ihn ab und traf ihn ins Bein. Da fing der Bursch +gottsjämmerlich an zu schreien und zu lamentiren; aber der König warf +ihm sein Taschentuch zu, und das band er sich um das Bein. + +Als sie am dritten Morgen auszogen, saß der Bursch wieder im Moor. +»Hei, willst du auf! Hei, willst du auf!« rief er zu der Kracke. »Nein, +wahrhaftig! er wird da sitzen müssen, bis er todthungert!« sagten die +Andern, als sie vorüberzogen, und machten sich wieder über ihn lustig. +-- Der Bursch lief aber wieder zu der Linde und kam eben in der Schlacht +an, als Noth an den Mann ging. An diesem Tage tödtete er den feindlichen +König, und damit war der Krieg auf einmal vorbei. + +Nun aber erkannte der König den fremden Ritter sogleich an dem +Taschentuch, das dieser sich um das Bein gebunden hatte; die vornehmsten +Cavaliere nahmen ihn darauf in ihre Mitte und ritten mit ihm nach dem +Königsschloß, und als die Prinzessinn ihn von ihrem Fenster aus sah, +ward sie so froh, daß es gar nicht zu sagen ist. »Da kommt mein +Bräutigam auch,« sagte sie. Er aber nahm den Salbenkrug und strich sich +von der Salbe aufs Bein und bestrich auch alle Verwundeten damit, und +da wurden sie augenblicklich alle wieder frisch und gesund. Hierauf +bekam er die Prinzessinn zur Gemahlinn. Aber als er am Hochzeitstage in +den Stall zu dem Pferd kam, stand dieses ganz betrübt da und wollte gar +nicht fressen. Der junge König -- denn er war jetzt König geworden und +hatte das halbe Reich bekommen -- fragte, Was ihm fehle. Da sagte das +Pferd: »Jetzt hab' ich Dir durchgeholfen; aber nun will ich nicht länger +leben. Nimm jetzt Dein Schwert und haue mir den Kopf ab!« -- »Nein, +das thu' ich nicht!« sagte der junge König: »Du sollst das beste Futter +haben, das Du Dir wünschen magst, und sollst von nun an beständig in +Ruhe leben.« -- »Wenn Du nicht thun willst, Was ich Dir sage,« versetzte +das Pferd: »dann muß ich Dich ums Leben bringen.« Da konnte der König +nicht anders, sondern mußte thun, wie das Pferd wollte. Als er aber das +Schwert aufhob, um zuzuhauen, da war er so betrübt, daß er das Gesicht +wegkehren mußte, um den Hieb nicht zu sehen. Kaum aber hatte er ihm den +Kopf abgeschlagen, so stand ein schöner Prinz da, wo vorher das Pferd +gestanden hatte. »Wo in aller Welt kommst Du her?« fragte der König. +»Ich war das Pferd,« antwortete der Prinz: »Ehedem war ich König in dem +Lande, wo nachher der König regierte, den Du gestern in der Schlacht +getödtet hast; er war es, der einen Zauberham auf mich geworfen und mich +an den Trollen verkauft hatte. Weil er aber nun getödtet ist, bekomm' +ich mein Reich zurück, und Du und ich werden Nachbarkönige; aber wir +wollen nie mit einander Krieg führen.« Und das thaten sie denn auch +nicht; sie blieben Freunde, so lange sie lebten, und kamen oft, einander +zu besuchen. + + + + +15. + +Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau. + + +Es war einmal ein Mann und eine Frau, die heiratheten einander, und +jeder von ihnen hatte eine Tochter. Die Tochter der Frau war faul und +träge und mochte nicht das Geringste thun; aber die Tochter des Mannes +war fleißig und flink, und doch konnte sie der Stiefmutter nie Etwas zu +Dank machen. Einmal sollten die beiden Mädchen am Brunnen sitzen und +spinnen. Die Tochter der Frau aber bekam Flachs zu spinnen, und die +Tochter des Mannes nichts Anders, als Schweinsborsten. »Du bist nun +immer so flink und ferm, Du,« sagte die Tochter der Frau: »aber dennoch +fürchte ich mich nicht, mit Dir um die Wette zu spinnen.« Sie wurden +nun darüber einig, daß Der, dem zuerst der Faden auslief, in den Brunnen +sollte. Wie sie nun anfingen zu spinnen, so lief der Tochter des Mannes +zuerst der Faden aus, und die mußte nun in den Brunnen. Sie fiel +unverletzt bis auf den Grund; dort unten aber sah sie weit um sich her +eine schöne grüne Wiese. + +Sie ging nun fort und kam zu einem Reiserzaun, da wollte sie hinüber. +»O, tritt nicht so hart auf mich!« sagte der Zaun: »ich will Dir auch +ein andermal wieder gefällig sein.« Sie machte sich nun so leicht, als +sie konnte, und stieg so vorsichtig hinüber, daß sie den Zaun nicht +einmal berührte. + +Nun ging sie eine Strecke weiter und kam zu einer scheckigen Kuh, die +einen Milcheimer an den Hörnern trug; es war eine große schöne Kuh, und +ihr Euter war so voll und rund. »O, sei doch so gut und melke mich!« +sagte die Kuh: »denn mir ist das Euter so straff von der Milch; trinke +so Viel Du willst und gieße den Rest auf meinen Huf; ich will Dir auch +ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen that, wie die Kuh sie +gebeten hatte; sowie sie nur die Zitzen anfaßte, spritzte die Milch in +den Eimer; sie trank darauf, bis sie ihren Durst gelöscht hatte, goß +dann der Kuh den Rest auf den Huf, und den Eimer hängte sie ihr wieder +an die Hörner. + +Als sie ein Ende weiter gegangen war, begegnete ihr ein großer Schafbock, +der war so dick und hatte so lange Wolle, daß er sie auf der Erde +nachschleppen mußte, und an dem einen Horn hing eine große Schere. »O, +sei doch so gut und scher' mich!« sagte der Bock: »denn ich erliege +unter der Last meiner Wolle, und mir ist so heiß, daß ich beinahe +ersticken möchte; nimm so Viel Du willst und wirre mir den Rest um den +Hals; ich will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen +zeigte sich sogleich bereit, zu thun, wie der Bock sie gebeten hatte, +und dieser legte sich von selbst auf ihren Schoß, und da lag er ganz +still; und sie schor ihn so behutsam, daß sie ihn auch nicht ein +einziges Mal ins Fell schnitt. Darauf nahm sie von der Wolle so Viel +sie wollte, und den Rest wirrte sie dem Bock um den Hals. + +Etwas weiter hin kam sie zu einem Apfelbaum, der war so voll von Äpfeln, +daß die Zweige sich zur Erde niederbogen, und an dem Stamm stand eine +kleine Stange. »O, sei doch so gut und pflücke meine Äpfel ab!« sagte +der Baum: »damit meine Zweige sich in die Höhe richten können; es ist +so beschwerlich, immer so krumm zu stehen; die Du nicht mit der Hand +erreichen kannst, schlage mit der Stange ab, aber schlage ja vorsichtig, +damit Du mich nicht zu Schanden schlägst; iß dann so Viel Du willst und +lege den Rest hübsch ordentlich unten an meinen Stamm hin; ich will Dir +auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen pflückte nun so +viel Äpfel ab, als sie mit der Hand erreichen konnte, und die übrigen +schlug sie vorsichtig mit der Stange herunter; darauf aß sie sich satt +und legte den Rest noch so sauber und nett unten an den Stamm hin. + +Sie ging nun eine gute Strecke weiter, und endlich kam sie zu einem +großen Hause, wo ein Trollweib mit ihrer Tochter wohnte. Da ging sie +hinein und fragte, ob sie nicht einen Dienst bekommen könnte. »O, es +kann nichts nützen,« sagte das Trollweib: »denn wir haben schon Viele +gehabt, aber Keine von ihnen hat was getaugt.« Das Mädchen aber bat so +artig und so flehentlich, sie doch in Dienst zu nehmen, bis sie sie denn +endlich nahmen; und nun gab das Trollweib ihr ein Sieb und befahl ihr, +Wasser darin zu holen. Es däuchte dem Mädchen zwar etwas ungereimt, +Wasser in einem Sieb zu holen, aber sie sagte doch Nichts, sondern +ging willig hin, und als sie zu dem Brunnen kam, sangen die Vöglein: + + »Kleb' mit Lehm, + Stopf mit Stroh! + Kleb' mit Lehm, + Stopf mit Stroh!« + +Ja, das that sie, und nun konnte sie das Wasser in dem Sieb tragen. Aber +als sie damit nach Hause kam, sagte das Trollweib: »Das hast Du nicht +aus Dir selber.« + +Darauf sollte sie in den Stall gehen und ihn ausmisten und die Kühe +melken. Als sie aber hineinkam, stand da eine Schaufel, die war so groß +und so schwer, daß sie sie auf keine Weise handthieren, ja nicht einmal +aufheben konnte. Sie wußte nun gar nicht, wie sie's anfangen sollte. Aber +die Vögel sangen, sie solle nur Etwas mit dem Besenstiel hinauswerfen, +dann würde all das Übrige nachfliegen. Kaum hatte sie das gethan, so war +der Stall auf einmal so rein, als wäre er noch so sauber gemistet und +gefegt. Jetzt wollte sie die Kühe melken; aber die waren so unruhig und +schlugen und stießen, so daß sie gar nicht dazu gelangen konnte, sie zu +melken. Aber da sangen die Vöglein draußen wieder: + + »Kleinen Trunk, + Kleinen Strahl + Stripp zu den Vöglein + Allzumal!« + +Ja, das that sie, sie strippte einen kleinen Strahl hinaus zu den +Vöglein. Da standen alle Kühe still und ließen sich von ihr melken, +ohne zu schlagen, oder zu stoßen, sie hoben nicht einmal das Bein +auf. + +Als das Trollweib sie mit der Milch ankommen sah sagte sie wieder: »Das +hast Du nicht aus Dir selber. Aber nun kannst Du die schwarze Wolle +nehmen, die da liegt, und sie weiß waschen.« Das Mädchen wußte wieder +gar nicht, wie sie das anfangen sollte; denn sie hatte nie gesehen, daß +Jemand schwarze Wolle weiß waschen konnte; aber sie sagte Nichts, +sondern nahm die Wolle und ging damit zu dem Brunnen. Da sangen die +Vöglein, sie solle die Wolle in den großen Zuber werfen, der da stände, +dann würde sie wohl weiß werden. + +»Nein, nein,« sagte das Trollweib, als das Mädchen mit der Wolle ankam: +»mit Dir hilft es nichts; denn Du kannst ja Alles ausrichten, was man +Dir sagt, und ärgerst mich zuletzt noch zu Tode. Es ist am besten, Du +erhältst Deinen Reisepaß.« + +Nun setzte das Trollweib drei Schreine hin, einen rothen, einen grünen +und einen blauen, und von diesen sollte es dem Mädchen erlaubt sein, als +Lohn für ihren Dienst, sich einen zu wählen, welchen sie wollte. Das +Mädchen wußte nun gar nicht, welchen sie wählen sollte; aber da sangen +die Vöglein: + + »Nimm nicht den grünen, + Nimm nicht den rothen, + Den blauen nimm jetzt, + Auf welchen wir haben + Drei Kreuze gesetzt.« + +Da nahm sie den blauen, so wie die Vöglein gesungen hatten. »Twi Dich +an!« sagte das Trollweib: »das sollst Du mir entgelten!« Als das Mädchen +nun fortgehen wollte, warf das Trollmensch eine glühende Eisenstange +hinter sie drein; aber das Mädchen sprang schnell hinter die Thür, +so daß sie nicht getroffen ward, denn so hatten die Vöglein es ihr +gesungen. Sie ging nun fort, so schnell sie konnte; aber als sie zu +dem Apfelbaum kam, hörte sie ein entsetzliches Geräusch hinter sich +auf dem Wege; es war nämlich das Trollweib mit ihrer Tochter, welche +ihr nachkamen. Dem Mädchen ward so angst und bange, daß sie sich gar +nicht zu lassen wußte: »Komm,« sagte der Apfelbaum: »ich will Dir helfen; +verbirg Dich schnell unter meine Zweige; denn wenn sie Dich erwischen, +nehmen sie Dir den Schrein weg und zerreißen Dich.« Das that sie denn +auch. Kaum aber hatte sie sich versteckt, so kam schon das Trollweib mit +ihrer Tochter an: »Hast Du nicht eine Dirne hier gehen sehen?« fragte +das Trollweib. »Ja wohl,« sagte der Apfelbaum: »es lief hier eine vor +einer Weile vorüber; aber die ist nun schon weit weg, die könnt Ihr +nicht mehr einholen.« Da kehrte das Trollweib wieder um und ging nach +Hause. + +Das Mädchen setzte nun ihren Weg fort; aber als sie zu dem Bock kam, +hörte sie wieder ein so entsetzliches Geräusch, daß sie sich gar nicht +zu lassen wußte, so angst ward ihr; denn sie konnte sich wohl denken, +daß es das Trollweib war, das sich bedacht hatte. »Komm, ich will Dir +helfen,« sagte der Bock: »verbirg Dich schnell unter meiner Wolle, dann +sieht sie Dich nicht; sonst nimmt sie Dir den Schrein weg und zerreißt +Dich.« + +Kaum hatte sie sich verborgen, so kam auch schon das Trollweib angestoben. +»Hast Du nicht eine Dirne hier gehen sehen?« fragte sie den Bock. »Ja +wohl,« sagte der Bock: »ich sah eine vor einer Weile; aber sie lief so +schnell, daß Du sie nicht wieder einholst.« Da kehrte das Trollweib +wieder um und ging nach Hause. + +Als das Mädchen nun weiter bis zu der Kuh gekommen war, hörte sie wieder +ein entsetzliches Geräusch auf dem Wege. »Komm,« sagte die Kuh: »ich +will Dir helfen; verbirg Dich schnell unter mein Euter; sonst kommt das +Trollweib und nimmt Dir den Schrein weg und zerreißt Dich.« Es dauerte +nicht lange, so kam das Weib an. »Hast Du nicht eine Dirne hier gehen +sehen?« fragte sie. »Ja, ich sah eine vor einer Weile,« sagte die Kuh: +»aber die ist nun schon weit weg, denn sie lief so schnell; die holst Du +nicht mehr ein.« Das Trollweib kehrte nun wieder um und ging nach Hause. + +Als das Mädchen nun ein gutes Ende weiter gegangen und nicht mehr weit +von dem Reiserzaun war, hörte sie wieder ein so entsetzliches Geräusch +auf dem Wege, daß ihr angst und bange ward; denn sie wußte nun wohl, +daß es wieder das Trollweib war, das sich bedacht hatte. »Komm, ich will +Dir helfen,« sagte der Zaun: »kriech schnell unter meine Reiser, daß +sie Dich nicht sieht; sonst nimmt sie Dir den Schrein weg und zerreißt +Dich.« Sie kroch nun schnell unter die Reiser des Zauns. »Hast Du nicht +eine Dirne hier gehen sehen?« fragte das Trollweib, als sie zu dem Zaun +kam. »Nein, ich habe keine Dirne gesehen,« antwortete der Zaun und war +so erbittert, daß er knisterte, und dann machte er sich so groß, daß gar +nicht daran zu denken war, hinüber zu kommen. Es war nun kein andrer +Rath für das Trollweib, sie mußte wieder umkehren und nach Hause gehen. + +Als nun aber das Mädchen wieder zu Hause ankam, waren die Stiefmutter +und ihre Tochter nur noch neidischer auf sie; denn jetzt war das Mädchen +noch weit stattlicher und so schön, daß es eine Lust war, sie anzusehen. +Sie durfte aber nicht drinnen bei ihnen in der Stube bleiben, sondern +sie jagten sie hinaus in den Schweinstall, da sollte sie wohnen. Hier +wusch das Mädchen nun Alles sauber und rein, und darnach machte sie den +Schrein auf, um zu sehen, Was sie zum Lohn bekommen hatte, und als sie +den Schrein aufgemacht hatte, fand sie darin so viel Gold und Silber und +so viel andre kostbare Sachen, daß sie sowohl die Wände, als den Boden +damit behängen konnte; und es sah nun weit herrlicher in dem Schweinstall +aus, als in dem prächtigsten Königsschloß. Als die Stiefmutter und ihre +Tochter das sahen, waren sie ganz außer sich und fragten das Mädchen, +wie denn ihr Dienst ausgefallen sei. »O, das könnt Ihr Euch wohl +vorstellen,« sagte sie: »da ich einen so guten Lohn bekommen habe; es +waren solche Leute und eine solche Frau, daß man Ihresgleichen nicht +mehr findet.« + +Da wollte nun die Tochter der Stiefmutter auch fort und dienen, damit +sie auch einen solchen Goldschrein bekäme. Beide Mädchen setzten sich +nun wieder hin, um zu spinnen; aber da sollte die Tochter der Frau +Schweinsborsten spinnen, und die Tochter des Mannes Flachs, und Wem +zuerst der Faden auslief, der sollte in den Brunnen. Es dauerte nicht +lange, so lief der Frau ihrer Tochter der Faden aus, wie man sich wohl +denken kann, und da warfen sie sie in den Brunnen. + +Nun geschah es eben so, wie vorhin mit der Tochter des Mannes: sie fiel +hinab bis auf den Grund, ohne Schaden zu nehmen, und befand sich nun auf +einer schönen grünen Wiese. Als sie eine Strecke weit gegangen war, kam +sie zu dem Reiserzaun. »Tritt nicht so hart auf mich! ich will Dir auch +ein andermal wieder gefällig sein,« sagte der Zaun. »Ei, was scher' ich +mich um einen alten Reiserhaufen!« sagte sie und trat auf den Zaun, daß +es nur so knackte. + +Etwas später kam sie zu der Kuh, deren Euter so straff von der Milch +war. »O, sei doch so gut und melke mich!« sagte die Kuh: »ich will Dir +auch ein andermal wieder gefällig sein; trinke so Viel Du willst, und +gieße dann den Rest auf meinen Huf.« Ja, das that sie, sie melkte die +Kuh und trank so Viel sie vermochte; dann aber war Nichts mehr übrig, +das sie auf den Huf gießen konnte; den Eimer schleuderte sie über den +Hügel und ging fort. + +Als sie nun eine Strecke weiter gegangen war, kam sie zu dem Bock, welcher +die Wolle nach sich schleppte. »O, sei doch so gut und scher' mich! ich +will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein,« sagte der Bock: »nimm +so Viel von der Wolle, als Du willst, und wirre mir dann den Rest um den +Hals.« Das that sie; aber sie benahm sich dabei so ungeschickt, daß sie +dem Bock große Stücke aus dem Fell schnitt, und all die Wolle nahm sie +mit. + +Ein wenig darnach kam sie zu dem Apfelbaum, der wieder ganz krumm unter +der Last seiner Frucht stand. »O, sei doch so gut und pflücke meine +Äpfel ab,« sagte der Apfelbaum: »damit meine Zweige sich wieder aufrichten +können! denn es ist so beschwerlich, hier so krumm zu stehen; aber nimm +Dich in Acht, daß Du mir keinen Schaden thust; iß so Viel Du willst, +und lege dann den Rest hübsch ordentlich unten an meinen Stamm hin.« +Sie pflückte nun die nächsten Äpfel ab, und die sie nicht mit der Hand +erreichen konnte, schlug sie mit der Stange herunter; aber sie kümmerte +sich weiter um Nichts, riß und schlug große Zweige mit ab und aß so +lange, bis sie zuletzt nicht mehr konnte, und dann warf sie den Rest +hulterpulter unter den Baum hin. + +Als sie nun noch ein kleines Ende weiter gegangen war, kam sie zu +dem Hause, wo das Trollweib wohnte; da bat sie um einen Dienst. Das +Trollweib sagte, sie wolle kein Dienstmädchen haben; denn entweder +taugten sie nichts, oder sie wären auch allzu flink und betrögen sie um +ihr Eigenthum. Aber das Mädchen ließ sich damit nicht abweisen, sondern +sagte, sie wolle und müsse bei ihr dienen. Da sagte denn das Trollweib +zuletzt, ja, sie wolle sie in Dienst nehmen, wenn sie zu Etwas tauge. + +Das Erste, was sie zu thun bekam, war, Wasser im Sieb zu holen. Ja, sie +ging auch zu dem Brunnen und schöpfte Wasser ins Sieb; aber sowie sie es +oben hineinschöpfte, lief es unten immer wieder heraus. Da sangen die +Vöglein: + + »Kleb' mit Lehm, + Stopf mit Stroh! + Kleb' mit Lehm, + Stopf mit Stroh!« + +Aber sie bekümmerte sich nicht um Das, was die Vögel sangen, sondern +warf mit dem Lehm nach ihnen, so daß sie davon flogen; und sie mußte mit +dem leeren Sieb wieder nach Hause gehen und bekam Gnickpümpe von dem +Trollweib obendrein. Darauf sollte sie den Stall ausmisten und die Kühe +melken. Dazu däuchte sie sich nun zwar viel zu gut, aber sie ging doch +hin. Als sie in den Stall kam, konnte sie jedoch auf keine Weise die +Schaufel handthieren, denn die war viel zu schwer und zu groß für sie. +Die Vögel sagten ihr nun eben Das, was sie der Tochter des Mannes gesagt +hatten, sie solle ein Wenig mit dem Besenstiel hinauswerfen, dann würde +all das Übrige nachfliegen; aber sie nahm den Besen und warf damit nach +den Vögeln. Als sie darauf die Kühe melken wollte, waren diese so unruhig +und schlugen und stießen, und so oft sie ein Wenig in den Eimer bekommen +hatte, schlugen sie ihn immer wieder um. Da sangen die Vögel: + + »Kleinen Trunk, + Kleinen Strahl + Stripp zu den Vöglein + Allzumal!« + +Aber sie bumps'te und schlug die Kühe, warf nach den Vögeln mit Allem, +was ihr in die Hände kam, und hielt eine Wirthschaft, daß es ganz +entsetzlich war. Damit hatte sie aber, als sie zurückkam, weder den +Stall ausgemistet, noch die Kühe gemelkt, und bekam nun tüchtige Hiebe +und Schelte von dem Trollweib. Darnach sollte sie die schwarze Wolle +weiß waschen; aber damit ging es um Nichts besser. Das war endlich dem +Trollweib allzu arg. Nein, ein solches Dienstmädchen konnte sie nicht +gebrauchen, denn sie taugte ja zu Nichts. Sie setzte aber drei Schreine +hin, einen rothen, einen grünen und einen blauen; denn ihren Lohn sollte +sie gleichwohl haben und sich einen von den drei Schreinen auswählen, +den sie selbst wollte. Da sangen die Vögel: + + »Nimm nicht den grünen, + Nimm nicht den rothen, + Den blauen nimm jetzt, + Auf welchen wir haben + Drei Kreuze gesetzt.« + +Aber sie bekümmerte sich nicht um Das, was die Vögel sangen, sondern +nahm den rothen, der am meisten schimmerte. Darnach begab sie sich auf +den Weg und ging nach Hause. Sie durfte aber in guter Ruhe gehen; denn +es war Niemand, der sie verfolgte. Als sie zu Hause ankam, war die +Mutter sehr erfreu't, und sie gingen beide sogleich in die große Stube +und setzten da den Schrein hin; denn sie glaubten, es wäre nichts +Anders, als lauter Gold und Silber drin, und meinten, sie wollten Wände +und Boden damit vergolden; als sie ihn aber aufmachten, wimmelte lauter +Gewürm und Ungeziefer hervor, und so oft das Mädchen den Mund aufthat, +fielen Würmer und Kröten und all das Ungeziefer heraus, das man sich +nur denken kann, so daß es zuletzt nicht mehr möglich war, mit ihr in +_einem_ Hause auszudauern. Das war der Lohn, den sie für ihren Dienst +bei dem Trollweib bekommen hatte. + + + + +16. + +Hähnchen und Hühnchen im Nußwald. + + +Hähnchen und Hühnchen gingen einmal in den Nußwald, um sich Nüsse zu +pflücken; da bekam Hühnchen eine Nußschale in den Hals und lag nun da +und zappelte und schlug mit den Flügeln. Nun sollte Hähnchen hinlaufen +und dem Hühnchen Wasser aus der Quelle holen. Hähnchen lief auch hin, +und als er zur Quelle kam, sagte er: »Quelle, gieb mir Wasser, das +Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im +Nußwald.« Die Quelle aber antwortete: »Ich geb' Dir kein Wasser eh' Du +mir nicht Laub giebst.« Da lief Hähnchen zur Linde: »Linde, gieb mir +Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das +Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im +Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Laub, eh' Du mir nicht rothes Goldband +giebst,« antwortete die Linde. Da lief Hähnchen zur Jungfrau Maria: +»Jungfrau Maria, gieb mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb' +ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle, +die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem +Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein rothes +Goldband, eh' Du mir nicht Schuhe giebst,« antwortete die Jungfrau +Maria. Da lief Hähnchen zum Schuster: »Schuster, gieb mir Schuh', die +Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes +Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir +Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das +Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im +Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine Schuh', eh' Du mir nicht Borsten giebst,« +antwortete der Schuster. Da lief Hähnchen zum Eber: »Eber, gieb mir +Borsten, die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir +Schuh', die Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt +mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde +giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir +Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den +Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine Borsten, eh' Du mir nicht Korn +giebst,« antwortete der Eber. Da lief Hähnchen zum Drescher: »Drescher, +gieb' mir Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, +die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die +Schuh geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes +Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir +Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das +Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im +Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Korn, eh' Du mir nicht Brod giebst,« +antwortete der Drescher. Da lief Hähnchen zur Backfrau: »Backfrau, gieb +mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir Korn, +das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten geb' +ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb' ich der +Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das rothe +Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich +der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, +meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein +Brod, eh' Du mir nicht Holz giebst,« antwortete die Backfrau. Da lief +Hähnchen zum Holzhauer: »Holzhauer, gieb mir Holz, das Holz geb' ich der +Backfrau, die Backfrau giebt mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher, +der Drescher giebt mir Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt +mir Borsten, die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir +Schuh', die Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt +mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde +giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir +Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den +Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Holz, eh' Du mir nicht eine Axt +giebst,« antwortete der Holzhauer. Da lief Hähnchen zum Schmied: »Schmied, +gieb mir 'ne Axt, die Axt geb' ich dem Holzhauer, der Holzhauer giebt +mir Holz, das Holz geb' ich der Backfrau, die Backfrau giebt mir Brod, +das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir Korn, das Korn +geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten geb' ich +dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb' ich der +Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das rothe +Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich +der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, +meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine +Axt, eh' Du mir nicht Kohlen giebst,« antwortete der Schmied. Da lief +Hähnchen zum Köhler: »Köhler, gieb mir Kohlen, die Kohlen geb' ich dem +Schmied, der Schmied giebt mir 'ne Axt, die Axt geb' ich dem Holzhauer, +der Holzhauer giebt mir Holz, das Holz geb' ich der Backfrau, die Backfrau +giebt mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir +Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten +geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb ich +der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das +rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub +geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich +Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« Da jammerte +den Köhler das Hähnchen, und er gab ihm Kohlen. Nun bekam der Schmied +Kohlen, und der Holzhauer eine Axt, und die Backfrau Holz, und der +Drescher Brod, und der Eber Korn, und der Schuster Borsten, und die +Jungfrau Maria Schuh', und die Linde rothes Goldband, und die Quelle +Laub, und Hähnchen Wasser, und das gab er Hühnchen, seinem Schatz, das +auf den Tod im Nußwald lag; da ward Hühnchen wieder gesund. + + + + +17. + +Der Bär und der Fuchs. + +#a#) _Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat._ + + +Dem Bären begegnete einmal der Fuchs, der mit einem Bündel Fische +angeschlichen kam, die er gestohlen hatte. »Wo hast Du die her?« fragte +der Bär. »Die hab' ich mir geangelt, Herr Bär,« versetzte der Fuchs. Da +bekam der Bär auch Lust, das Angeln zu lernen, und bat den Fuchs, ihm +doch zu sagen, wie er es machen müßte. »Das ist eine leichte Kunst und +sehr bald gelernt,« erwiederte der Fuchs: »Du musst nur aufs Eis gehen, +Dir ein Loch hauen und den Schwanz hineinstecken, und dann musst Du ihn +recht lange drein halten und Dich nicht darum bekümmern, wenn's ein +bischen weh thut; denn das ist ein Zeichen, daß Fische dran beißen; und +je länger Du's aushalten kannst, desto mehr Fische bekommst Du; aber +wenn's zuletzt recht tüchtig kneift, dann musst Du aufziehen.« Ja, der +Bär that, wie der Fuchs ihm gesagt hatte, und hielt den Schwanz so +lange ins Loch, bis er darin festgefroren war. Da zog er auf -- den +Schwanz ab, und nun geht er noch da den heutigen Tag mit einem +Stumpfschwanz. + + +#b#) _Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen prellt._ + +Der Bär und der Fuchs hatten sich einmal zusammen ein Viertel Butter +gekauft, das wollten sie zum Weihnachten haben und verwahrten es daher +unter einen dicken Tannenbusch. Darauf gingen sie fort und legten sich +auf einem Hügel in der Sonne schlafen. Als sie eine Weile gelegen hatten, +sprang der Fuchs auf und rief: »Ja!« und damit lief er gradesweges zu +dem Butterviertel, wovon er gut den dritten Theil auffraß. Als er aber +zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, daß er so fett ums +Maul wäre, sagte er: »Meinst Du denn nicht, ich sei zu Gevatter gebeten, +Du?« -- »Na so!« sagte der Bär: »wie hieß denn das Kind?« +-- »_Angefangen_,« sagte der Fuchs. + +Damit legten sie sich wieder schlafen. Nach einer Weile sprang der Fuchs +abermals auf und rief: »Ja!« und lief wieder zu dem Butterviertel. Als +er zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete er: +»Ach, wurde ich denn nicht wieder zu Gevatter gebeten, Du!« -- »Wie hieß +jetzt das Kind?« fragte der Bär. »_Halbverzehrt_,« antwortete der Fuchs. + +Der Bär meinte, das wär' ein hübscher Name; aber es dauerte nicht lange, +so fing er wieder an zu gähnen und schlief ein. Als er nun ein Weilchen +gelegen hatte, ging es wieder eben so, wie die beiden vorigen Male: Der +Fuchs sprang wieder auf und rief: »Ja!« lief zu dem Butterviertel und +fraß nun auch den letzten Rest auf. Wie er zurückkam, war er wieder +zu Kindtauf gewesen, und als der Bär wissen wollte, wie das Kind hieß, +antwortete er: »_Den-Boden-geleckt._« Damit legten sie sich wieder zur +Ruhe und schliefen beide eine gute Weile. Darnach wollten sie hingehen +und sich nach ihrer Butter umsehen. Als es sich nun aber fand, daß sie +rein aufgezehrt war, beschuldigte der Bär dafür den Fuchs, und der Fuchs +beschuldigte wieder den Bären, und der Eine behauptete immer, der Andre +sei bei der Butter gewesen, während er da gelegen habe und geschlafen. +»Nun,« sagte Reineke: »wir wollen's bald erfahren, Wer von uns die +Butter gestohlen hat: wir wollen uns jetzt wieder auf dem Hügel schlafen +legen, und Wer dann am fettsten unten beim Schwanz ist, wenn wir +aufwachen, der hat sie gestohlen.« Ja, der Bär wollte gleich auf die +Probe eingehen, und weil er bei sich selbst wußte, daß er die Butter +nicht einmal gekostet hatte, legte er sich ganz ruhig auf dem Hügel +schlafen. Da schlich Reineke sich aber fort nach dem Viertel und erwischte +noch ein Klümpchen Butter, das in einer Ritze sitzen geblieben war; damit +schlich er sich zurück zu dem Bären, bestrich ihn mit der Butter unten +beim Schwanz und legte sich dann wieder schlafen, als wüßte er von +Nichts. Als nun beide aufwachten, hatte die Sonne die Butter geschmelzt, +und da war's denn gleichwohl der Bär, der die Butter gefressen hatte. + + + + +18. + +Gudbrand vom Berge. + + +Es war einmal ein Mann, der hieß _Gudbrand_; der hatte ein Gehöft, das +lag weit weg am Abhang eines Berges, und darum nannten die Leute ihn +_Gudbrand vom Berge_. Er lebte aber mit seiner Frau so zufrieden und +verträglich zusammen, daß Alles, was der Mann that, der Frau so wohl +gethan däuchte, daß es nimmermehr besser gemacht werden könne; wie er's +auch anfangen mochte, sie mußte sich immer darüber freuen. Sie besaßen +ihr Stück Ackerland, hatten hundert Thaler in der Kiste liegen, und im +Stall hatten sie zwei Kühe im Joch stehen. Da sagte die Frau eines Tages +zu Gudbrand: »Mir däucht, wir sollten die eine Kuh zur Stadt bringen +und sie verkaufen, damit wir doch ein paar Ausgebeschillinge bekämen; +wir sind so brave Leute und sollten doch ein paar Schillinge unter den +Händen haben, so wie andre Leute es haben; die hundert Thaler in der +Kiste dürfen wir nicht angreifen, und ich weiß nicht, Was wir mit mehr, +als mit _einer_ Kuh, wollen; und dann ist auch noch immer ein kleiner +Gewinn dabei, daß ich alsdann nur auf die eine Kuh zu passen brauch, +statt daß ich jetzt mich mit zweien placken muß.« Ja, das däuchte dem +Gudbrand ganz recht und vernünftig gesprochen, und er nahm sogleich die +Kuh und ging damit zur Stadt, um sie zu verkaufen. In der Stadt aber +fand sich Niemand, der ihm die Kuh abkaufen wollte. »Ei nun!« dachte +Gudbrand: »so geh' ich mit meiner Kuh wieder nach Hause; ich weiß, ich +habe sowohl Stall, als Joch, für sie, und es ist eben so weit hin, als +her,« und damit stiefelte er getrost wieder mit seiner Kuh heimwärts. + +Als er ein Endchen gegangen war, begegnete ihm Einer, der hatte ein +Pferd, das er verkaufen wollte. Nun däuchte unserm Gudbrand, es sei +besser, ein Pferd zu haben, als eine Kuh, und darum tauschte er mit dem +Manne. Als er noch etwas weiter gegangen war, begegnete ihm Einer, der +trieb ein fettes Schwein vor sich her, und da meinte Gudbrand wieder, +es sei doch besser, ein fettes Schwein zu haben, als ein Pferd, und +tauschte mit dem Manne. Darauf ging er weiter, und nach einer Weile +begegnete ihm ein Mann mit einer Ziege. »Es ist freilich immer besser, +eine Ziege zu haben, als ein Schwein,« dachte Gudbrand und tauschte mit +dem Mann, der die Ziege hatte. Nun ging er eine weite Strecke fort, +bis ihm endlich ein Mann begegnete, der ein Schaf hatte, und mit dem +tauschte er ebenfalls, denn er dachte: »Besser ist's immer, ein Schaf zu +haben, als eine Ziege.« Als er nun noch weiter gegangen war, begegnete +ihm ein Mann mit einer Gans, und nun vertauschte Gudbrand das Schaf +gegen die Gans. Als er darauf ein weites, weites Ende gegangen war, +begegnete ihm ein Mann mit einem Hahn; mit dem tauschte er nochmals, +denn er dachte: »Im Grunde ist's doch besser, einen Hahn zu haben, als +eine Gans.« Er schritt nun so lange fort, bis es schon spät am Tage war, +und da nun der Hunger sich bei ihm einstellte, verkaufte er den Hahn für +drei Groschen und kaufte sich dafür Etwas zu essen, »denn es ist doch +besser, das Leben heimzubringen, als einen Hahn,« dachte Gudbrand vom +Berge. Darauf setzte er seinen Weg nach Hause fort, bis er zu dem Gehöft +seines nächsten Nachbars kam; da kehrte er ein, »Nun, wie ist es Dir +in der Stadt gegangen?« fragten die Leute ihn. »O, das ist nun so so +gegangen,« sagte Gudbrand: »ich kann mein Glück eben nicht loben und +auch nicht verachten,« und damit erzählte er ihnen, wie sich Alles +zugetragen hatte, vom Anfang an bis zu Ende. »Na, da wirst Du aber auch +schön empfangen werden von Deiner Frau, wenn Du nach Hause kommst,« +sagte der Mann von dem Gehöft: »Gott steh' Dir bei! ich möchte nicht +in Deiner Haut stecken.« -- »Mir däucht, es könnte weit schlimmer +gegangen sein,« sagte Gudbrand vom Berge: »sei es aber nun übel, oder +wohl gegangen, so habe ich doch eine so gute Frau, die mir nie Vorwürfe +macht, wie ich's auch immer anfange.« -- »Ja, das mag wahr sein,« sagte +der Mann: »aber ich glaub's darum doch nicht.« -- »Wollen wir wetten?« +versetzte Gudbrand vom Berge: »Ich habe hundert Thaler in der Kiste +liegen, hältst Du eben so Viel dagegen?« -- »Topp!« rief der Nachbar; +und als es anfing zu dämmern, begaben beide sich zu Gudbrand's Gehöft. +Hier blieb der Nachbar draußen vor der Thür stehen, um zu horchen, +während Gudbrand hineinging zu seiner Frau und mit ihr sprach. »Guten +Abend!« sagte Gudbrand vom Berge, als er eintrat. »Guten Abend!« sagte +die Frau: »Na, Gott sei Lob! bist Du wieder da?« -- Ja, das war er denn. +Nun fragte die Frau, wie's ihm denn gegangen wär' in der Stadt. »Ach, so +so!« antwortete Gudbrand: »ich kann mein Glück eben nicht sonderlich +rühmen. Als ich zur Stadt kam, war da Niemand, der mir die Kuh abkaufen +wollte; darum vertauschte ich sie gegen ein Pferd.« -- »Ei! das muß ich +Dir ja Dank wissen,« sagte sie: »wir sind so brave Leute, daß wir auch +wohl zur Kirche _fahren_ können, eben so gut, wie Andre, und wenn wir +Rath haben, uns ein Pferd anzuschaffen, warum sollten wir es nicht? +-- Geht hin, Jungens, und zieht das Pferd ein!« -- »Je,« sagte Gudbrand: +»ich hab' das Pferd doch nicht; denn als ich ein Stück Weges gegangen +war, vertauschte ich es gegen ein Schwein.« -- »Nein!« rief die Frau: +»das ist doch recht, als wenn ich's selbst gethan hätte! danke schön, +lieber Mann! nun hab' ich doch Speck im Hause, um den Leuten Etwas +anzubieten, die zu uns kommen. Was sollten wir auch wohl mit dem Pferd? +Die Leute würden nur sagen, wir wären so vornehm geworden, daß wir nicht +mehr zur Kirche gehen könnten, wie wir sonst gethan -- Geht hin, +Jungens, und bringt's Schwein herein!« -- »Aber ich habe das Schwein +doch auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich ein Ende weiter +gegangen war, vertauschte ich es gegen eine Milchziege.« -- »Jerum! wie +Du Alles vortrefflich machst!« rief die Frau: »Was sollte ich auch mit +dem Schwein, wenn ich's recht bedenke? Die Leute würden nur sagen: »Die +da fressen Alles auf, was sie haben.« Nein, hab' ich eine Ziege, so +bekomm' ich Milch und Käse, und die Ziege bleibt mir dennoch -- Jungens, +lasst die Ziege ein!« -- »Nein, ich hab' die Ziege doch auch nicht,« +sagte Gudbrand: »denn als ich etwas weiter auf dem Weg gekommen war, +vertauschte ich die Ziege und bekam dafür ein herrliches Schaf.« +-- »Nein!« rief die Frau: »Du hast Alles gemacht, wie ich's mir nur +wünschen kann, grade, als wär' ich selbst dabei gewesen. Was sollten wir +auch mit der Ziege? Ich müßte dann immer dahinterher laufen und bergan +und bergab klettern. Hab' ich aber ein Schaf, so hab' ich Wolle und +Kleider im Hause und Essen obendrein -- Geht hin, Jungens, und bringt das +Schaf 'rein!« -- »Aber ich hab' das Schaf auch nicht mehr,« sagte +Gudbrand: »denn als ich etwas weiter gegangen war, vertauschte ich es +gegen eine Gans.« -- »Ei, tausendmal schönen Dank!« sagte die Frau: »Was +sollte ich auch wohl mit dem Schaf? Ich habe ja weder Rocken, noch +Spindel, und frage auch nicht darnach, mich zu placken und zu quälen und +Kleider zu weben; wir können ja unsre Kleider kaufen, wie wir sonst +gethan haben. Nun bekomm' ich doch mal Gänsefleisch zu schmecken, wonach +ich schon so lange gejankt habe, und kann mir Dunen in meinen Pfülk +stopfen -- Geht hin, Jungens, und holt die Gans 'rein!« -- »Je, ich +hab' die Gans aber auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich noch +ein Stück Weges gegangen war, vertauschte ich sie gegen einen Hahn.« +-- »Gott weiß, wie Du auf Das verfallen bist!« rief die Frau: »es ist +grade Alles, als ob ich's selbst gemacht hätte. Ein Hahn, das ist eben +Dasselbe, als ob Du eine Weck-Uhr gekauft hättest; denn jeden Morgen +kräh't der Hahn um Vier, und dann können wir zu rechter Zeit auf die +Beine kommen. Was sollten wir wohl mit der Gans? Ich versteh' mich nicht +darauf, Gänsefleisch zu pökeln, und meinen Pfülk kann ich mir ja mit +Seegras stopfen -- Geht hin, Jungens, und holt den Hahn 'rein!« -- »Aber +ich habe doch den Hahn auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich noch +etwas weiter gegangen war, bekam ich einen entsetzlichen Hunger und +mußte den Hahn für drei Groschen verkaufen, daß ich nur das Leben +heimbrachte.« -- »Na, das war recht, daß Du das thatst!« rief die Frau: +»Wie Du's auch anfängst, so machst Du Alles, wie ich's nur wünschen +kann. Was sollten wir auch mit dem Hahn? Wir sind ja unsre eignen +Herren, und können des Morgens liegen bleiben, so lange wir wollen. Na, +Gott sei Lob! wenn ich nur Dich wieder habe, der Du Alles so gut machst, +brauch ich weder Hahn, noch Gans, noch Schwein, noch Kuh.« Nun machte +Gudbrand die Thür auf. »Hab' ich jetzt die hundert Thaler gewonnen?« +rief er; und da mußte denn der Nachbar gestehen, daß er es hätte. + + + + +19. + +Kari Trästak. + + +Es war einmal ein König, der war Wittwer geworden. Mit seiner Gemahlinn +hatte er eine Tochter, die war so gut von Herzen und so schön, daß +Niemand gutmüthiger und schöner sein konnte. Der König trauerte lange um +seine Gemahlinn, weil er so viel von ihr gehalten hatte; zuletzt ward er +aber des ledigen Standes überdrüssig und verheirathete sich mit einer +Königinn-Wittwe, die hatte auch eine Tochter, aber die war eben so +häßlich und böse, als die andre gut und schön war. Die Stiefmutter und +ihre Tochter waren nun neidisch auf die Königstochter wegen ihrer +Schönheit; aber so lange der König zu Hause blieb, wagten sie nicht, ihr +Etwas zu Leide zu thun, weil er so viel von ihr hielt. + +Als aber eine Zeit vergangen war, bekam der König Krieg mit einem andern +König und zog in die Schlacht. Nun, meinte die Königinn, könnte sie +thun, Was sie wollte, schlug die Königstochter, ließ sie hungern und +stieß sie in alle Ecken herum. Zuletzt war Alles zu gut für die +Königstochter, und sie mußte endlich die Kühe hüten. So trieb sie nun +mit den Kühen hinaus und weidete sie in dem Wald und auf dem Berg. Essen +bekam sie nur wenig, oder gar nicht; sie ward bleich und hager und war +fast immer betrübt und weinte. Unter der Heerde, die sie weidete, war +auch ein großer blauer Stier, der sich immer so sauber und blank hielt, +der kam oft zu der Königstochter und ließ sich von ihr den Kopf krauen. +Einmal, als sie da saß und so betrübt war und weinte, kam er auch zu ihr +und fragte sie, warum sie immer so traurig wäre. Sie antwortete ihm aber +nicht, sondern fuhr fort zu weinen. »Ja, ich weiß wohl, Was Dir fehlt,« +sagte der Stier: »wenn Du es mir auch nicht sagen willst; Du weinst, +weil die Königinn immer so schlimm gegen Dich ist und Dich beinahe +todthungern lässt. Aber für Essen und Trinken sollst Du nicht sorgen: +In meinem linken Ohr liegt ein Tuch, wenn Du das herausnimmst, und es +ausbreitest, bekommst Du sowohl zu essen, als zu trinken, Was Du nur +verlangst.« Das that sie, sie nahm das Tuch heraus und breitete es auf +den Rasen hin, und da deckte es sich mit den schönsten Gerichten, die +man sich nur wünschen kann, und Wein und Meth und Honigkuchen war auch +da. Sie kam nun bald wieder zu Kräften und ward so voll und roth und +weiß, daß die Königinn und ihre holzdürre Tochter grün und gelb vor +lauter Ärger wurden. Die Königinn konnte gar nicht begreifen, wie ihre +Stieftochter bei so schlechter Kost ein so gutes Aussehen bekommen +konnte; darum sagte sie zu einer von ihren Dirnen, sie sollte ihr im +Walde nachgehen und zusehen, wie das zusammenhinge; denn sie glaubte, +daß irgend einer von den Dienstleuten ihr Etwas zu essen gäbe. Die Dirne +ging ihr nun im Walde nach und beobachtete sie, und da sah sie denn, daß +die Stieftochter das Tuch aus dem Ohr des blauen Stiers nahm und es auf +dem Rasen ausbreitete, worauf es sich mit den schönsten Gerichten +deckte, wovon dann die Tochter aß und sich gütlich that. Das erzählte +die Dirne zu Hause der Königinn. -- Jetzt kehrte der König heim und +hatte den Sieg über den andern König davon getragen, gegen den er zu +Felde gezogen war. Da war nun große Freude im ganzen Schloß, doch +Niemand freu'te sich mehr, als des Königs Tochter. Die Königinn aber +stellte sich krank an und gab dem Doctor viel Geld, damit er sagen solle, +sie könne nicht wieder gesund werden, wenn sie nicht das Fleisch von dem +blauen Stier zu essen bekäme. Sowohl die Königstochter, als die Leute im +Schloß fragten den Doctor, ob nicht etwas Andres helfen könne, und baten +für den Stier, denn sie hielten alle so viel von ihm und sagten, einen +solchen Stier gäb's nicht mehr im ganzen Königreich; aber nein, er +sollte und mußte geschlachtet werden, es war kein andrer Rath. Als die +Königstochter das hörte, ward sie sehr betrübt und ging hinunter in den +Stall zu dem Stier. Der stand auch da und ließ den Kopf hangen und sah +so betrübt aus, daß sie anfing, darüber zu weinen. »Warum weinst Du?« +fragte der Stier. Da erzählte sie ihm, der König wäre zu Hause gekommen, +und die Königinn hätte sich krank angestellt und den Doctor dahin +vermocht, zu sagen, sie könne nicht wieder gesund werden, wenn sie nicht +das Fleisch von dem blauen Stier zu essen bekäme, und nun sollte er +geschlachtet werden. Der Stier aber sagte: »Wenn sie erst mich getödtet +haben, dann werden sie Dich auch bald tödten; wenn Du aber so willst, +wie ich, so machen wir uns beide noch diese Nacht davon.« Die +Königstochter meinte zwar, es wäre schlimm, ihren Vater zu verlassen, +aber schlimmer doch wär' es noch, im Hause bei der Königinn zu bleiben, +und versprach darum dem Stier, mit ihm zu reisen. + +Als es Abend geworden war, und alle die Andern sich zur Ruhe begeben +hatten, schlich die Königstochter sich hinunter in den Stall; da nahm +der Stier sie auf den Rücken und machte sich mit ihr davon, so schnell +er nur konnte. Als darnach am Morgen die Leute aufstanden und den Stier +schlachten wollten, war dieser fort; und als der König aufgestanden war +und nach seiner Tochter fragte, da war die auch fort. Der König schickte +Boten aus nach allen Enden der Welt, sie aufzusuchen, und ließ ihr +nachläuten mit allen Glocken; aber es konnte Niemand eine Spur von ihr +entdecken. -- Inzwischen trabte der Stier mit der Königstochter fort +durch viele fremde Länder, und endlich kamen sie zu einem großen +kupfernen Wald, wo sowohl die Bäume, als die Zweige und Blätter und +Blüthen von lauter Kupfer waren. + +Ehe sie aber weiter reis'ten, sagte der Stier zu der Königstochter: »Wenn +wir nun in den Wald kommen, musst Du Dich wohl in Acht nehmen, daß Du +auch nicht ein Blättchen anrührst, sonst ist's aus mit Dir und mit mir; +denn es wohnt hier ein Troll mit drei Köpfen, welchem dieser Wald gehört.« +Nein, den Kukuk! sie wollte sich wohl in Acht nehmen und ja Nichts +anrühren. Darauf gingen sie sehr vorsichtig in den Wald; die Prinzessinn +schmiegte und biegte sich und hielt die Zweige mit den Händen zurück; +aber der Wald war so dicht, daß es fast nicht möglich war, hindurch zu +kommen, und wie sehr sie sich auch in Acht nahm, versah sie's doch, daß +sie ein Blatt abriß und es in der Hand behielt. + +»O weh! Was machst Du da?« sagte der Stier: »jetzt muß ich mich schlagen +auf Leben und Tod; aber verwahre nur gut das Blatt.« Sie hatten +bald darauf das Ende des Waldes erreicht. Da kam ein großer Troll +dahergeschnoben, der hatte drei Köpfe. »_Wer hat meinen Wald angerührt?_« +rief er. »Das ist eben so gut mein Wald, als Deiner,« sagte der Stier. +»_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie der Troll. »Laß uns das!« +sagte der Stier. Beide rannten nun an einander, und der Stier stieß und +schlug aus allen Kräften; aber der Troll schlug nicht schlechter, und es +dauerte einen ganzen Tag, eh' der Stier ihn bezwingen konnte. Da war er +aber auch so mit Wunden bedeckt und so erschöpft, daß er nicht mehr +von der Stelle zu gehen vermochte. Sie mußten sich nun den ganzen Tag +ausruhen; darauf sagte der Stier zu der Königstochter, sie solle das +Salbenhorn nehmen, das an dem Gürtel des Trollen hing, und ihn mit der +Salbe überall bestreichen. Als sie das gethan hatte, ward der Stier +sogleich wieder frisch und gesund, und am folgenden Tage setzten sie +ihre Reise fort. Sie reis'ten nun manchen lieben Tag, und endlich kamen +sie zu einem silbernen Wald; hier waren sowohl die Bäume, als die Zweige +und die Blätter und Blüthen von lauter Silber. + +Ehe sie aber ihre Reise weiter fortsetzten, sagte der Stier zu der +Königstochter: »Wenn wir nun in den Wald kommen, musst Du Dich ja sehr +in Acht nehmen; Du darfst durchaus Nichts anrühren, und auch nicht so +Viel, als nur ein Blättchen, abreißen; sonst ist es aus mit Dir und mit +mir; denn hier wohnt ein Troll mit sechs Köpfen, welchem dieser Wald +gehört, und mit dem, glaub' ich, werd' ich's nicht aufnehmen können.« + +Nein, sagte die Königstochter, sie wollte sich sehr in Acht nehmen und +auch nicht das Geringste anrühren. Als sie aber in den Wald kamen, war +er wieder so dicht und so eng, daß sie beinahe nicht vorwärts kommen +konnten. Die Königstochter war so vorsichtig, wie nur möglich, und bog +die Zweige, die ihr im Wege saßen, mit den Händen zur Seite; aber jeden +Augenblick schlugen ihr die Zweige in die Augen, und wie sie's auch +anfangen mochte, so riß sie doch wieder ein Blatt ab. + +»O weh! Was hast Du gemacht!« rief der Stier: »Nun muß ich mich wieder +schlagen auf Leben und Tod; denn der Troll, welcher hier wohnt, hat +sechs Köpfe und ist noch einmal so groß, als der vorige; verwahre aber +nur vorsichtig das Blatt.« + +Es dauerte nicht lange, so kam der Troll an. »_Wer hat meinen Wald +angerührt?_« rief er. »Das ist eben so gut mein Wald, als Deiner,« sagte +der Stier. »_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie der Troll. »Laß uns +das!« sagte der Stier, fuhr auf den Trollen zu, bohrte ihm die Augen +aus und rannte ihm die Hörner mitten durch den Leib, so daß die Gedärme +dabei hingen; aber der Troll wehrte sich dessen ungeachtet tapfer, und +es dauerte drei ganze Tage, eh' der Stier ihm den Garaus machte. Da +war er aber auch so elend und hinfällig, daß er sich kaum noch rühren +konnte, und über und über war er mit Wunden bedeckt, aus welchen das +Blut herausfloß. Da sagte er zu der Königstochter, sie solle das +Salbenhorn nehmen, das an dem Gürtel des Trollen hing, und ihn überall +mit der Salbe bestreichen. Das that sie denn auch, und darauf heilten +die Wunden sogleich wieder zu. Aber so matt war der Stier, daß sie eine +ganze Woche lang sich ausruhen mußten, eh' er im Stande war, weiter zu +gehen. + +Endlich machten sie sich wieder auf den Weg; aber der Stier war immer +noch sehr schwach, und es ging daher im Anfang nur langsam. Um ihn zu +schonen, sagte die Königstochter, sie wäre jung und leicht zu Fuß, sie +könnte ja gern gehen; aber das litt der Stier durchaus nicht, sie mußte +sich wieder auf ihn setzen. Nun reis'ten sie eine lange lange Zeit und +kamen durch viele Länder, und die Königstochter wußte gar nicht mehr, +wo sie in der Welt waren. Aber endlich und zuletzt kamen sie zu einem +goldnen Wald, der war so schön, daß das Gold davon heruntertröpfelte; +denn sowohl die Bäume, als die Zweige und die Blätter und Blüthen waren +von purem Golde. Hier ging es nun wieder eben so, wie in dem kupfernen +und dem silbernen Wald. Der Stier sagte zu der Königstochter, daß sie +durchaus kein Blatt anrühren dürfe; denn hier wohne ein Troll mit neun +Köpfen, dem der Wald gehöre, der wäre noch weit größer und stärker, als +die beiden andern zusammen, und den glaubte er nun ganz und gar nicht +bezwingen zu können. -- Nein, sie wollte sich wohl in Acht nehmen und +durchaus Nichts anrühren, darauf könne er sich verlassen. Als sie aber +in den Wald kamen, war dieser noch weit dichter und enger, als der +silberne, und je weiter sie hineinkamen, desto schlimmer ward es: der +Wald wurde immer dichter und enger, und zuletzt schien ganz und gar kein +Durchkommen mehr. Die Königstochter schmiegte und biegte sich und bog +die Zweige mit den Händen zurück; aber jeden Augenblick schlugen sie ihr +in die Augen, so daß sie zuletzt nicht mehr vor sich sehen konnte, und +eh' sie sich recht besann, hatte sie einen goldnen Apfel in der Hand. +Nun wurde sie entsetzlich bange und fing an zu weinen und wollte den +Apfel wieder wegwerfen; aber der Stier sagte, sie solle ihn nur behalten +und ihn wohl verwahren, und tröstete sie, so gut er konnte, meinte aber +doch, es würde ein harter Kampf werden, und wußte nicht, ob's diesmal +so gut ablaufen würde. + +Es dauerte nicht lange, so kam der Troll mit den neun Köpfen an. »_Wer +hat meinen Wald angerührt?_« rief er. »Das ist eben so gut mein Wald, +als Deiner,« sagte der Stier. »_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie +der Troll. »Laß uns das!« sagte der Stier, und damit rannten sie an +einander, daß es ganz entsetzlich war, und die Königstochter fiel +beinahe in Ohnmacht. Der Stier bohrte dem Trollen die Augen aus dem +Kopf und rannte ihm die Hörner durch den Leib, so daß die Eingeweide +herausfielen; aber der Troll kämpfte dessen ungeachtet gleich tapfer; +denn sobald der Stier einen Kopf getödtet hatte, bliesen die andern +sogleich wieder Leben hinein, und es dauerte wohl eine ganze Woche lang, +eh' es dem Stier gelang, den Trollen gänzlich zu tödten. Aber da war er +auch so elend und hinfällig, daß er sich nicht rühren konnte, und +nicht einmal war er im Stande, zu sagen, die Königstochter solle das +Salbenhorn von dem Gürtel des Trollen nehmen und ihn mit der Salbe +bestreichen; aber sie that es schon von selbst, und da ward es wieder +besser mit dem Stier; aber wohl über drei Wochen mußten sie hier +verweilen, eh' er wieder so viel Kräfte gesammelt hatte, um die Reise +fortsetzen zu können. + +Endlich ging es wieder so allmählich vorwärts; denn der Stier sagte, sie +müßten noch etwas weiter. Als sie nun eine Zeit gereis't und über viele +mit dichten Wäldern bewachsene Berge gekommen waren, gelangten sie +endlich zu einem Felsen. »Siehst Du Etwas?« fragte der Stier. »Nein, +ich sehe Nichts, als den Himmel und die wilde Felsgegend,« versetzte die +Königstochter. Als sie aber tiefer ins Gebirge kamen, wurde die Gegend +ebener, so daß sie eine weitere Aussicht hatten. »Siehst Du jetzt +Etwas?« fragte der Stier. »Ja, ich sehe ein kleines Schloß weit in +der Ferne,« sagte die Prinzessinn. »Nun, das Schloß ist eben nicht so +klein,« sagte der Stier. Endlich kamen sie zu einem großen Gehäge mit +einer schroffen Felswand. »Siehst Du jetzt Etwas?« fragte der Stier +wieder. »Ja, nun sehe ich ganz nahebei das Schloß; jetzt ist es weit +größer, als vorher,« sagte die Königstochter. »Da sollst Du hin!« +sagte der Stier: »Gleich unten beim Schloß ist ein Schweinstall, wenn +Du da hineinkommst, so findest Du dort einen hölzernen Rock, den +musst Du anziehen und damit ins Schloß gehen und sagen, Du heißest _Kari +Trästak_[4], und um einen Dienst bitten. Jetzt aber sollst Du Dein +Messer nehmen und mir damit den Kopf abschneiden; alsdann streife mir +das Fell ab und lege darein das kupferne Blatt, das silberne Blatt und +den goldnen Apfel, und verwahre Alles unten bei der Felswand. Am Berge +steht ein Stock, und wenn Du dann von mir nachher Etwas willst, so +klopfe bloß mit dem Stock an die Felswand.« + +Anfangs konnte die Prinzessinn sich durchaus nicht dazu entschließen, +dem Stier den Kopf abzuschneiden. Wie dieser ihr aber sagte, das sei +der einzige Dank, den er für Das, was er für sie gethan, von ihr fordre, +da konnte sie denn nicht anders: sie nahm das Messer und schnitt ihm, so +weh es ihr auch that, damit den Kopf vom Rumpf, streifte ihm das Fell +ab, legte darein das kupferne Blatt, das silberne Blatt und den goldnen +Apfel, und verwahrte dann Alles unten bei der Felswand. + +Als das geschehen war, ging sie weinend und voll großer Betrübniß in den +Schweinstall; da zog sie den hölzernen Rock an und begab sich damit zum +Königsschloß. Sie trat zuerst in die Küche ein, und bat um einen Dienst +und sagte, sie heiße Kari Trästak. Ja, sagte der Koch, einen Dienst könne +sie bekommen, wenn sie im Schloß aufwaschen und rein machen wolle, denn +Die, welche das früher gethan hätte, sei davon gelaufen; »aber wenn Du +eine Zeitlang hier gewesen bist, wirst Du's auch wohl überdrüssig und +läufst auch davon,« sagte er. Nein, das wollte sie gewiß nicht. + +Sie blieb nun auf dem Schloß und verrichtete ihr Geschäft ordentlich +und pünktlich. Eines Sonntags, als man Fremde erwartete, bat Kari um +Erlaubniß, dem Prinzen das Waschwasser hinaufbringen zu dürfen; aber die +Andern lachten über sie und sagten: »Was willst Du bei dem Prinzen? +Glaubst Du, der Prinz will Etwas von Dir wissen, so wie Du aussiehst?« +Aber sie gab sich nicht zufrieden, sondern bat so lange, bis man es ihr +erlaubte. Als sie nun die Treppe hinaufstieg, machte sie ein solches +Geräusch mit ihrem hölzernen Rock, daß der Prinz herauskam und fragte: +»Was bist Du für Eine?« -- »O, ich wollte nur das Waschwasser zum +Prinzen hinauftragen,« sagte sie. »Glaubst Du, ich will das Wasser +haben, das _Du_ mir bringst?« sagte der Prinz und goß es ihr über den +Kopf. Sie mußte nun unverrichteter Sache wieder abziehen, bat aber um +Erlaubniß, in die Kirche zu gehen, und das konnte man ihr denn nicht +abschlagen. Erst aber ging sie zu dem Berg und klopfte mit dem Stock an +die Felswand, so wie der Stier ihr gesagt hatte. Sogleich öffnete sich +diese, und es trat ein Mann heraus, der fragte sie, Was sie wolle. Die +Königstochter sagte, sie hätte Erlaubniß bekommen, in die Kirche zu +gehen und den Prediger zu hören, aber sie hätte keine Kleider anzuziehen. +Da gab der Mann ihr ein Kleid, das war so blank, wie der kupferne Wald; +und Pferd und Sattel erhielt sie auch. Als sie nun in die Kirche kam, +war sie so schön und stattlich, daß Alle sich darüber verwunderten und +gar nicht begreifen konnten, Wer sie sei. Fast Keiner hörte auf Das, was +der Prediger sagte, weil Alle nur sie betrachteten. Der Prinz selbst war +so in sie verliebt, daß er kein Auge von ihr abwandte. + +Als sie nun aus der Kirche gehen wollte, kam der Prinz ihr nach und +machte die Kirchenthür hinter ihr zu, und da geschah es, daß er den +einen von ihren Handschuhen in der Hand behielt. Als sie darnach ihr +Pferd bestieg, trat der Prinz auf sie zu und fragte sie, wo sie her +wäre. »Ich bin aus dem Waschland,« sagte Kari, und indem der Prinz den +Handschuh hervorzog, um ihr denselben zu überreichen, sprach sie: + + »Hinter mir dunkel, und vor mir hell! + Auf daß der junge Prinz nicht sieht, + Wohin mich trägt mein Roß so schnell!« + +Der Prinz hatte noch nie einen so schönen Handschuh gesehen, und er +reis'te weit umher und fragte nach dem Lande, aus welchem die vornehme +Dame sei, die ihren Handschuh im Stich gelassen hatte; aber Niemand +konnte ihm sagen, wo es lag. + +Am nächsten Sonntag sollte Einer hinaufgehen zum Prinzen und ihm ein +Handtuch bringen. »Ach, darf ich nicht hinaufgehen?« sagte Kari. +»Warum nicht gar!« sagten die Andern, die in der Küche waren: »Du weißt +wohl noch, wie es Dir das letzte Mal ging.« Kari gab sich aber nicht +zufrieden, sondern bat so lange, bis man es ihr erlaubte, und darnach +lief sie die Treppe hinauf in ihrem hölzernen Rock, daß es nur so +rasselte. Der Prinz kam auf den Lärm heraus, und als er Kari erblickte, +riß er ihr das Tuch aus der Hand und warf es ihr an den Kopf. »Pack +Dich, Du abscheuliches Trollmensch!« sagte er: »Glaubst Du, ich will +mich in einem Handtuch abtrocknen, das Du mit Deinen schmutzigen Fingern +angefasst hast?« + +Darnach begab der Prinz sich in die Kirche, und Kari bat um Erlaubniß, +auch dahin zu gehen. Die Andern sagten aber, Was sie in der Kirche +wolle, da sie nichts Anders anzuziehen habe, als ihren hölzernen Rock, +der so schmutzig wäre und so abscheulich aussähe. Aber Kari sagte, der +Prediger däuchte ihr ein so wackerer Mann in seiner Rede, und sie hätte +davon so großen Nutzen. Da ließ man sie denn hingehen. Erst aber ging +sie zu dem Berg und klopfte mit dem Stock daran. Sogleich trat wieder +der Mann heraus und gab ihr ein Kleid, das war noch weit schöner und +prächtiger, als das erste; es war überall mit Silber besetzt, so +daß es glänzte, wie der silberne Wald; und ein schönes Pferd mit +silbergestickter Decke und silbernem Gebiß erhielt sie auch. + +Als sie zur Kirche kam, und die Kirchleute, die vor der Thür standen, +sie sahen, waren alle höchlich verwundert und konnten gar nicht begreifen, +Wer sie sei, und der Prinz trat sogleich hinzu, um ihr das Pferd zu +halten, während sie abstieg. Aber sie sprang schnell herunter und sagte, +es wäre nicht nöthig; denn ihr Pferd wäre so wohl abgerichtet, daß es +still stände, wenn sie es beföhle, und auf ihren Wink ginge und käme. +Darauf gingen Alle in die Kirche; aber fast Keiner hörte auf Das, was +der Prediger sagte, weil Alle nur sie betrachteten. Der Prinz aber +entbrannte diesmal noch weit mehr von Liebe, als das vorige Mal. -- Als +nun der Gottesdienst vorbei war, und sie aus der Thür ging und ihr Pferd +besteigen wollte, da trat der Prinz wieder auf sie zu und fragte sie, wo +sie her wäre. »Ich bin aus dem Handtuchlande,« sagte die Königstochter, +und im selben Augenblick ließ sie ihre Reitgerte fallen. Als nun der +Prinz sich bückte, um sie aufzunehmen, sprach sie: + + »Hinter mir dunkel, und vor mir hell! + Auf daß der junge Prinz nicht sieht, + Wohin mich trägt mein Roß so schnell!« + +Fort war sie, und Niemand wußte, wo sie gestoben oder geflogen war. Der +Prinz reis'te nun wieder weit umher und fragte nach dem Handtuchlande; +aber es konnte ihm Keiner sagen, wo es lag, und er mußte unverrichteter +Sache wieder heimkehren. + +Am nächsten Sonntag sollte Einer einen Kamm zu dem Prinzen hinaufbringen. +Kari bat wieder um Erlaubniß, damit hinaufzugehen; aber die Andern +erinnerten sie daran, wie es ihr das letzte Mal gegangen war, und +schalten sie, daß sie sich vor dem Prinzen wollte sehen lassen, so +schwarz und häßlich, wie sie aussähe in ihrem hölzernen Rock. Aber sie +hörte nicht auf, zu bitten, bis man sie endlich gehen ließ. Als sie die +Treppe hinaufrasselte, kam schnell der Prinz heraus, riß ihr den Kamm +aus der Hand und warf ihn ihr an den Kopf, indem er sagte, sie solle +sich sogleich packen. Darnach begab der Prinz sich in die Kirche, und +Kari bat um Erlaubniß, auch dahin zu gehen. Sie fragten sie wieder, Was +sie da wolle, da sie ja so schwarz und häßlich wäre, und nicht einmal +Kleider hätte, sich vor den Leuten sehen zu lassen. »Wenn der Prinz, +oder sonst Jemand Dich bemerkt,« sagten sie: »dann wird es sowohl Dir, +als uns schlecht gehen.« Aber Kari meinte, sie hätten wohl nach etwas +ganz Anderm zu sehen, als nach ihr, und hörte nicht auf, zu bitten, bis +man sie zuletzt gehen ließ. + +Nun ging es wieder eben so, wie die beiden vorigen Male; Kari ging zu +dem Berg und klopfte daran mit dem Stock. Da kam wieder der Mann heraus +und gab ihr ein Kleid, das war noch weit prächtiger, als das vorige; +denn es war von purem Golde und mit vielen Diamanten besetzt; und ein +Pferd mit golddurchwirkter Decke und goldenem Gebiß erhielt sie auch. + +Als die Königstochter zur Kirche kam, standen der Prediger und die +Kirchleute noch vor der Thür und warteten auf sie. Der Prinz wollte ihr +das Pferd halten; aber sie sprang schnell herunter und sagte: »Es ist +nicht nöthig; denn mein Pferd ist so gut abgerichtet, daß es von selber +still steht, wenn ich es befehle.« Hierauf gingen Alle in die Kirche, +und der Prediger stieg auf die Kanzel. Aber Keiner hörte auf Das, was +er sagte, weil Alle nur sie betrachteten und sich den Kopf darum +zerbrachen, wo sie doch wohl her sein möchte. Der Prinz aber entbrannte +jetzt noch mehr von Liebe, als das vorige Mal; er hörte und sah nichts +Anders, als nur sie. + +Wie der Gottesdienst beendigt war, und die Königstochter aus der Kirche +gehen wollte, hatte der Prinz eine Bütte voll Theer in der Vorhalle +hingegossen, damit er ihr behülflich sein könne, wenn sie hinüber +wollte; aber sie bekümmerte sich nicht darum, sondern setzte den Fuß +mitten in den Theer und sprang hinüber; aber da blieb der eine von ihren +goldnen Schuhen am Boden sitzen. Als sie ihr Pferd bestiegen hatte, trat +der Prinz wieder auf sie zu und fragte sie, wo sie her wäre. »Ich bin +aus dem Kammlande,« sagte Kari. Als ihr aber der Prinz den goldnen +Schuh reichen wollte, sprach sie: + + »Hinter mir dunkel, und vor mir hell! + Auf daß der junge Prinz nicht sieht, + Wohin mich trägt mein Roß so schnell!« + +Der Prinz wußte nun wieder nicht, wo sie geblieben war, und reis'te eine +lange Zeit in der Welt herum und fragte nach dem Kammlande; da ihm aber +Niemand sagen konnte, wo es lag, ließ er bekannt machen, daß Diejenige, +welcher der goldne Schuh passe, seine Gemahlinn werden solle. Es fanden +sich nun Schöne und Häßliche ein von allen Enden der Welt; aber Keine +hatte einen so kleinen Fuß, daß ihr der goldne Schuh paßte. Endlich kam +auch die böse Stiefmutter der Kari Trästak mit ihrer Tochter an, und +der letztern paßte der Schuh. Aber sie war so häßlich und sah so recht +vergrätzt aus, daß der Prinz nur ungern sein Wort hielt. Es wurde jedoch +zur Hochzeit angerichtet, und die Tochter ward aufgeputzt wie eine +Braut. Als aber der Prinz mit ihr zur Kirche ritt, saß da ein kleiner +Vogel in einem Baum, der sang: + + »Ein Stück von der Ferse, + Ein Stück von der Zeh! + Kari's Schuh ist voll Blut, + Das thut der Braut so weh.« + +Und als sie zusahen, da hatte der Vogel recht gesungen; denn das Blut +sickerte aus dem Schuh heraus. Nun mußten alle Dienstdirnen und alle +Frauensleute, die auf dem Schloß waren, den Schuh anprobiren; aber es +war keine einzige darunter, die ihn anbekommen konnte. »Wo ist denn +aber Kari Trästak?« fragte endlich der Prinz, da alle Andern den Schuh +anprobirt hatten; denn er verstand sich gut auf Vogelgesang, und wußte +wohl, wie's geklungen hatte. »Ach, die!« sagten die Andern: »mit ihr +kann's nichts nützen; denn sie hat Beine, so groß wie Pferdefüße.« -- +»Kann sein!« sagte der Prinz: »aber da alle Andern den Schuh anprobirt +haben, so soll sie ihn auch anprobiren. Kari!« rief er zur Thür hinaus, +und Kari die Treppe herauf in ihrem hölzernen Rock, daß es nur so +rasselte. »Nun sollst Du auch den Schuh anprobiren und Prinzessinn +werden!« sagten die andern Dirnen und lachten und hatten sie zum besten. +Kari aber nahm den Schuh, steckte den Fuß hinein wie gar Nichts, warf +ihren Holzrock ab und stand nun da in ihrem goldnen Kleid, daß es nur so +glitzerte; und an dem andern Fuß trug sie den andern goldnen Schuh. Als +der Prinz sie nun wieder erkannte, war er über alle Maßen froh, lief +auf sie zu, umarmte und küßte sie. Und als er nun erfuhr, daß sie eine +Königstochter war, da freu'te er sich noch mehr, und darauf wurde die +Hochzeit gehalten. + + Un ßnipp, ßnapp, ßnuut! + So is dat Leuschen uut. + + + + +20. + +Der Fuchs als Hirte. + + +Es war einmal eine Frau, die ging aus und wollte sich einen Hirten +miethen. Da begegnete ihr der Bär. »Wo willst Du hin?« fragte der Bär +sie. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen,« antwortete die Frau. +»Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Bär. »Ja, wenn Du bloß +hübsch locken kannst,« sagte die Frau. »_Hö_--i!« sagte der Bär. »Nein, +Dich will ich nicht haben,« sagte die Frau, als sie das hörte, und ging +weiter. + +Da begegnete ihr der Wolf. »Wo willst Du hin?« fragte der Wolf. »O, ich +wollte mir nur einen Hirten miethen,« antwortete die Frau. »Willst Du +mich zum Hirten haben?« fragte der Wolf. »Ja, kannst Du auch hübsch +locken?« sagte die Frau. »_Uh_--_uh!_« sagte der Wolf. »Nein, Dich will +ich nicht haben,« sagte die Frau. + +Ein Ende weiter hin begegnete ihr der Fuchs. »Wo willst Du hin?« fragte +der Fuchs. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen,« antwortete die +Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Fuchs. »Ja, wenn Du +bloß hübsch locken kannst,« sagte die Frau. »_Dil_ -- _dal_ -- _holom!_« +sagte der Fuchs noch so hübsch und artig. »Ja, Dich will ich haben,« +sagte die Frau und nahm den Fuchs zum Hirten bei ihrem Vieh an. + +Am ersten Tage, wie der Fuchs das Vieh auf die Weide trieb, fraß er alle +Ziegen auf, den zweiten Tag ließ er sich die Schafe schmecken, und den +dritten Tag mußten die Kühe daran. Als er darauf am Abend nach Hause +kam, fragte die Frau ihn, wo er das Vieh gelassen hätte. »Der Kopf ist +im Bach, und der Rumpf im Busch,« sagte der Fuchs. Die Frau stand eben +bei ihrem Butterfaß und butterte; aber sie wollte doch selbst zusehen; +während sie nun zusah, steckte der Fuchs den Kopf ins Butterfaß und fraß +allen Rahm auf. Als die Frau zurückkam und das gewahr ward, da wurde sie +so erbittert, daß sie einen Rahmklumpen nahm, der noch im Butterfaß saß, +und damit nach dem Fuchs warf, so daß er einen Klatsch am Schwanz bekam. +Davon kommt es, daß der Fuchs einen weißen Schwanzzipfel hat. + + + + +21. + +Vom Schmied, den der Teufel nicht in die Hölle lassen durfte. + + +In jenen Tagen, da unser Herr Christus und St. Petrus noch auf Erden +einherwandelten, kamen beide einmal zu einem Schmied; dieser hatte +mit dem Teufel den Contract gemacht, daß er nach sieben Jahren ihm +gehören solle, wogegen er in der Zeit ein Meister aller Meister in der +Schmiedekunst sein sollte, und den Contract hatte sowohl der Schmied, +als der Teufel, jeder mit seinem Namen, unterschrieben. Darum hatte der +Schmied auch mit großen Buchstaben über die Thür seiner Schmiede die +Worte setzen lassen: »Hier wohnt der Meister aller Meister.« Als nun der +Herr Christus kam und die Schrift sah, ging er hinein. »Wer bist Du?« +fragte er den Schmied. »Lies, Was über der Thür steht,« antwortete +dieser: »kannst Du aber nicht Geschriebenes lesen, so musst Du warten, +bis Einer kommt, der es Dir lies't.« Ehe der Herr ihm noch darauf +geantwortet hatte, kam ein Mann mit einem Pferd in die Schmiede und bat +den Schmied, es ihm zu beschlagen. »Willst Du mir erlauben, daß ich es +beschlage?« sagte der Herr Christus. »Du magst es versuchen,« sagte der +Schmied: »schlimmer kannst Du's nicht machen, als daß ich's nicht wieder +sollte gut machen können.« Der Herr ging nun zu und nahm dem Pferd das +eine Vorderbein ab, legte es in die Esse und machte das Hufeisen glühend; +darauf nahm er Nägel und einen Hammer und beschlug es, und setzte es +dann wieder unbeschädigt dem Pferd an. Als das geschehen war, nahm er +das andre Vorderbein ab und machte es damit eben so. Und als er auch +das wieder angesetzt hatte, nahm er die beiden Hinterbeine, erst den +rechten, und nachher den linken, legte sie in die Esse, machte das +Hufeisen glühend, nahm Nägel und den Hammer und beschlug sie, und setzte +sie dann dem Pferd wieder an. Der Schmied stand inzwischen da und sah +das mit an. »Du bist aber kein so schlechter Schmied!« sagte er. »Meinst +Du?« sagte der Herr Christus. + +Ein wenig darnach kam die Mutter des Meisters in die Schmiede und bat +den Schmied, er möchte zu Hause kommen und sein Mittag essen; sie war +schon sehr alt, hatte einen krummen Rücken und Runzeln im Gesicht und +konnte nur mit genauer Noth noch gehen. »Gieb jetzt Acht, Was Du +siehst!« sagte der Herr, nahm die Frau, legte sie in die Esse und +schmiedete eine junge schöne Jungfrau aus ihr. »Ich sage, wie ich gesagt +habe. Du bist gar kein so schlechter Schmied,« sagte der Schmied: »Es +steht zwar über meiner Thür: »Hier wohnt der Meister aller Meister,« +aber gleichwohl sag' ich, man lernt so lange man lebt,« und damit ging +er in's Haus und aß sein Mittag. + +Als er wieder zurück in die Schmiede gekommen war, kam ein Mann +geritten, der wollte sein Pferd beschlagen lassen. »Das soll bald +gemacht sein!« sagte der Schmied: »ich habe jetzt eben eine neue Methode +zu beschlagen gelernt, die ist gut, wenn die Tage kurz sind,« und damit +fing er an, dem Pferd die Beine abzubrechen und schnitt und brach so +lange, bis er sie alle ab hatte; »denn,« sagte er: »ich weiß nicht, wozu +es soll, immer mit einem und einem zu bruddeln.« Die Beine legte er in +die Esse, so wie er gesehen hatte, daß der Andre es gemacht, legte dann +brav Kohlen zu und ließ die Schmiedejungen frisch den Blasebalg ziehen. +Aber es ging, wie man sich's wohl denken kann: die Beine verbrannten, +und der Schmied mußte das Pferd bezahlen. Das wollte ihm nun gar nicht +gefallen. Als aber ein altes armes Weib vorüberging, dachte er: »Gelingt +nicht das Eine, so gelingt wohl das Andre,« nahm das Weib und legte es +in die Esse, und wie sehr sie auch weinen und um ihr Leben bitten +mochte, es half ihr nichts. »Du siehst gar nicht Deinen eignen Vortheil +ein,« sagte der Schmied: »nun sollst Du im Augenblick wieder eine schöne +Jungfrau werden, und will doch für meine Mühe keinen Schilling von Dir +nehmen.« Es ging aber mit dem armen Weibe nicht besser, als mit dem +Pferd. »Das war nicht gut gemacht!« sagte der Herr Christus. »O, es +wird wohl nicht viel von ihr die Rede sein,« sagte der Schmied: »aber +schändlich ist es von dem Teufel, daß er nicht besser sein Wort hält, +wie's über der Thür steht!« -- »Wenn ich Dir nun drei Wünsche gewährte,« +sagte der Herr: »Was wolltest Du Dir dann wohl wünschen?« -- »Versuch +es,« sagte der Schmied: »dann wirst Du's erfahren.« Da gab der Herr +Christus ihm drei Wünsche; und nun sagte der Schmied: »Zu allererst +wünsche ich, daß Der, welchen ich auf jenen Birnbaum klettern heiße, +so lange drauf sitzen bleibe, bis es mir gefällt, ihn wieder herunter +zu lassen; für's zweite wünsche ich, daß Der, welchen ich in meinen +Lehnstuhl sich niedersetzen heiße, so lange drin sitzen bleibe, bis +ich ihm wieder aufzustehen erlaube; und endlich wünsche ich, daß Der, +welcher in den stählernen Geldbeutel kriecht, den ich in meiner +Tasche habe, so lange drin bleibe, bis ich ihm Erlaubniß gebe, wieder +herauszukriechen.« -- »Du hast gewünscht wie ein thörichter Mann,« sagte +St. Petrus: »zuerst und vornehmlich hättest Du Dir Gottes Gnade und +Freundschaft wünschen sollen.« -- »Ich durfte nicht so hoch hinaus,« +sagte der Schmied. Hierauf nahmen unser Herr Christus und St. Petrus +Abschied von ihm und gingen weiter. + +Die Zeit verstrich allmählich, und endlich war die Frist um, und der +Teufel kam und wollte den Schmied holen, so wie im Contracte stand. +»Bist Du fertig?« fragte der Teufel und steckte den Kopf zur Thür +hinein. »Ach,« sagte der Schmied: »ich muß nothwendig noch erst einen +Kopf an diesem Nagel schlagen; steige Du indessen auf den Birnbaum und +pflücke Dir eine Birne; denn Du bist wohl hungrig und durstig von der +Reise.« Der Teufel dankte für gutes Anerbieten und kletterte auf den +Birnbaum. »Ja, wenn ich's recht bedenke,« sagte der Schmied: »so krieg +ich in den ersten vier Jahren den Kopf noch gar nicht an dem Nagel +zurecht geschlagen; denn das Eisen ist so verteufelt hart. Herunter +darfst Du aber in dieser Zeit nicht, sondern kannst so lange da sitzen +bleiben und Dich ausruhen.« Der Teufel bat und bettelte, »so dünn wie +ein Blechpfennig,« der Schmied möchte ihn doch wieder herunterlassen; +aber all sein Bitten und Betteln half ihm nichts. Zuletzt mußte er dem +Schmied versprechen, er wolle nicht eher wiederkommen, als bis die vier +Jahre um wären; und da durfte er denn wieder herunter. + +Als nun die Zeit verstrichen war, kam der Teufel abermals, um den +Schmied zu holen. »Nun hast Du wohl endlich den Kopf an dem Nagel +fertig,« sagte er. »Ja, den Kopf hab' ich fertig,« versetzte der +Schmied: »aber dennoch kommst Du mir ein ganz klein wenig zu früh, denn +ich habe noch die Spitze nicht geschärft; so verdammt hartes Eisen hab' +ich noch nie zuvor geschmiedet. Während ich nun die Spitze an dem Nagel +schärfe, kannst Du Dich ein wenig in meinen Lehnstuhl niederlassen und +Dich ausruhen; denn Du bist wohl müde von der Reise, kann ich mir +denken.« -- »Ich danke für gutes Anerbieten,« sagte der Teufel und +setzte sich in den Lehnstuhl. Kaum aber hatte er sich niedergesetzt, +so sagte der Schmied: »Wenn ich's nun recht bedenke, so krieg' ich die +Spitze in den ersten vier Jahren noch gar nicht geschärft.« Der Teufel +bat anfangs sehr höflich, der Schmied möchte ihn doch wieder frei lassen, +und da alles Bitten nichts half, fing er an zu drohen. Aber der Schmied +entschuldigte sich und sagte, das Eisen wäre an Allem schuld, denn es +wäre so verdammt hart. Übrigens tröstete er den Teufel und sagte, er +säße in seinem Stuhl ja bequem und gemächlich, er solle sich die Zeit +nicht lang werden lassen, denn um vier Jahre solle er auf die Minute +wieder frei werden. Es war nun kein andrer Rath: der Teufel mußte ihm +versprechen, ihn nicht eher holen zu wollen, als bis die vier Jahre um +wären. Als er ihm das versprochen hatte, sagte der Schmied: »So magst Du +denn wieder aufstehen.« Der Teufel -- hast Du mich nicht gesehen! auf +und davon. + +Nach vier Jahren kam der Teufel abermals, um den Schmied zu holen. »Nun +bist Du wohl endlich fertig,« sagte er, indem er den Kopf zur Thür +hereinsteckte. »Fix und fertig!« antwortete der Schmied: »und jetzt kann's +losgehen, wann Du willst.« »Aber,« sagte er: »da ist Eins, worüber ich +mir oft den Kopf zerbrochen habe; sage mir doch, ist es wahr, Was die +Leute sagen, daß der Teufel sich so klein machen kann, als er will?« +-- »Freilich ist es wahr!« versetzte der Teufel. »O, dann könntest Du mir +wohl den Gefallen thun und in diesen stählernen Beutel hineinkriechen +und zusehen, ob im Boden kein Loch ist,« sagte der Schmied: »ich bin so +bange, daß ich mein Reisegeld daraus verliere.« -- »Recht gern,« sagte +der Teufel, machte sich ganz klein und kroch in den Beutel. Kaum aber +war er hinein, so machte der Schmied den Beutel zu. »Er ist überall +ganz und dicht,« sagte der Teufel drinnen. »Na, das ist nur gut,« sagte +der Schmied: »aber besser ist's, vorbedacht, als klug nachher; darum +will ich Sicherheits halber den Beutel lieber ein wenig schweißen,« und +damit legte er den Beutel in die Esse und machte ihn glühend. »Au! au! +bist Du denn toll?« rief der Teufel: »weißt Du nicht, daß ich drinnen +bin?« -- »Ich kann Dir nicht helfen,« sagte der Schmied: »ein altes +Sprichwort sagt: »Man muß das Eisen schmieden, während es warm ist,« +und damit nahm er seinen großen Hammer, legte den Beutel auf den Amboß +und schlug zu all was er konnte. »Au! au!« schrie der Teufel im Beutel: +»laß mich bloß hinaus, ich will auch nun und nimmermehr wiederkommen.« +-- »Ja, ich glaube, jetzt ist er gut geschweißt,« sagte der Schmied: »so +magst Du denn wieder herauskriechen.« Damit machte er den Beutel auf, +und der Teufel heraus und auf und davon in solcher Hast, daß er sich +auch nicht einmal umsah. + +Als aber eine Zeit vergangen war, dachte der Schmied, er hätte doch wohl +unrecht gethan, sich den Teufel zum Unfreund zu machen; »denn,« dachte +er: »sollte ich nicht in den Himmel kommen, so könnte ich riskiren, +keine Herberge zu finden, weil ich mich mit Dem, der das Regiment in der +Hölle hat, überworfen habe; darum ist's besser, ich versuche, je eher, +je lieber, entweder in die Hölle, oder in den Himmel zu kommen, damit +ich doch weiß, woran ich bin,« und damit nahm er seinen Hammer auf den +Nacken und machte sich auf den Weg. Als er ein gutes Ende gegangen war, +kam er zu einem Kreuzweg, wo die Straße zum Himmel und die Straße zur +Hölle sich theilen. Da traf er mit einem Schneidergesellen zusammen, der +mit seinem Bügeleisen in der Hand dahin trippelte. »Guten Tag!« sagte +der Schmied: »wo geht die Reise hin?« -- »Nach dem Himmel,« sagte der +Schneider: »wenn ich bloß hineinschlüpfen könnte -- und Du?« -- »Wir +gehen dann wohl nicht zusammen,« sagte der Schmied: »ich habe gedacht, +es erst in der Hölle zu versuchen; denn ich habe ein wenig Bekanntschaft +mit dem Teufel von früherher.« Darauf nahmen sie von einander Abschied, +und jeder zog seine Straße. Aber der Schmied war ein starker, kräftiger +Mann und ging weit schneller, als der Schneider, und da dauerte es nicht +lange, so stand er vor der Höllenpforte. Er ließ sich von der Wache +anmelden und sagen, es stände Jemand draußen vor der Hölle, der wolle +gern ein Wort mit dem Teufel sprechen. »Geh hinaus und frage, Wer es +ist,« sagte der Teufel zu der Wache, und die Wache ging hinaus. »Grüße +nur den Teufel von mir,« war die Antwort: »und sage ihm, es sei der +Schmied, der den Beutel hätte -- er wüßte wohl, und dann bitt' ihn, daß +er mich nur gleich hineinlasse; denn erstlich hab' ich heut den ganzen +Vormittag geschmiedet, und dann hab' ich einen langen Weg gemacht.« Als +der Teufel diesen Bescheid erhielt, befahl er der Wache, alle neun +Schlösser an der Höllenpforte zuzumachen und noch ein großes Hängeschloß +vorzulegen; »denn,« sagte er: »kommt er herein, so richtet er lauter +Unfug in der Hölle an.« -- »Hier ist also kein Quartier für dich!« +sagte der Schmied bei sich selbst, als er hörte, wie man drinnen die +Pforte verrammte: »ich muß es darum wohl im Himmel versuchen,« und damit +machte er Kehrum, ging zurück nach dem Kreuzweg und schlug die Straße +ein, die der Schneider gegangen war. Weil es ihn nun verdroß, daß er den +langen Weg hin und zurück hatte gehen müssen ohne Nutzen, holte er aus, +was er nur konnte, und kam eben bei der Himmelspforte an, als St. Petrus +sie ein wenig öffnete, um den Schneider hineinzulassen. Der Schmied war +wohl noch sechs bis sieben Schritte davon. »Jetzt ist es am besten, daß +ich mich spute,« dachte er, griff nach seinem Hammer und warf ihn in die +Thürritze, als eben der Schneider hineinschlüpfte. Kam der Schmied aber +nicht durch die Öffnung hinein, so weiß ich nicht, wo er geblieben ist. + + + + +22. + +Der Hahn und die Henne[5]. + + +_Die Henne._ Du versprichst mir Schuh Jahr aus, Jahr ein, und ich krieg' +nimmer keine Schuh nicht. + +_Der Hahn._ Kannst Du warten, so kriegst Du wohl Schuh. + +_Die Henne._ Ich lege Eier und thu', Was ich kann, und doch geh' ich +barfuß allezeit. + +_Der Hahn._ So nimm Deine Eier und reise nach der Stadt und kauf Dir +Schuh und geh nicht länger barfuß! + + + + +23. + +Der Hahn, der Kukuk und der Auerhahn. + + +Der Hahn, der Kukuk und der Auerhahn hatten einmal eine Kuh zusammen +gekauft. Da es nun nicht anging, sie zu theilen, und sie sich auch nicht +um die Ausbezahlung vergleichen konnten, kamen sie dahin überein, daß +Der, welcher am Morgen zuerst erwachte, die Kuh haben solle. Darauf +erwachte der Hahn zuerst: + + »Mein ist die Kuh! + Mein ist die Kuh!« + +rief der Hahn. Während der Hahn noch kräh'te, erwachte der Kukuk: + + »Halb Kuh! + Halb Kuh!« + +rief der Kukuk. Während der Kukuk noch rief, erwachte der Auerhahn: + + »Theilt, meine Brüder, + Wie recht und billig -- + Recht und billig! + Tschio! tschi!« + +rief der Auerhahn. Kannst Du mir nun sagen, Wer jetzt die Kuh haben +sollte? + + + + +24. + +Lillekort.[6] + + +Es waren einmal ein Paar Eheleute, die wohnten in einer elenden Hütte, +worin Nichts war, als die liebe Armuth; denn sie hatten weder zu beißen, +noch zu brocken. Hatten sie aber sonst Nichts, so hatten sie doch einen +Gottessegen an Kindern, und jedes Jahr bekamen sie noch mehr. Nun war es +eben um die Zeit, daß sie wieder eins erwarteten. Darüber war der Mann +sehr verdrießlich und murrte und brummte den ganzen Tag und sagte, +nachgerade könne es doch wohl einmal Genug sein von diesen Gaben Gottes. +Und als die Zeit kam, da die Frau gebären sollte, ging er fort ins Holz, +weil er, wie er sagte, den neuen Schreihals nicht hören wollte; denn er +bekäme ihn doch noch früh genug zu hören, sagte er: wenn er nachher nach +Essen grölte. + +Als der Mann gegangen war, gebar die Frau einen allerliebsten Knaben, +der sah sich in der Stube rings um, that den Mund auf und sprach: »Liebe +Mutter, gieb mir nur ein paar alte Kleider von meinen Brüdern und einen +Schnappsack mit Essen auf ein paar Tage; dann will ich hinauswandern in +die Welt und mein Glück versuchen; denn Du hast, wie ich wohl sehe, doch +noch Kinder genug zu ernähren.« -- »Ach, Gott helfe mir, mein Sohn!« +sagte die Mutter: »Du bist ja noch viel zu klein, um schon in die Welt +auszuwandern; das kann ich nimmermehr zugeben.« Aber der Knabe bat so +lange, bis die Mutter ihm zuletzt einige alte Lappen zusammensuchte +und ihm etwas Essen in ein Tuch knüpfte, und damit schritt er froh und +fröhlich hinaus in die Welt. Kaum aber war er gegangen, so gebar die +Frau noch einen Knaben, der sah auch um sich her und sagte darauf: »Ach, +liebe Mutter, gieb mir nur ein paar alte Kleider von meinen Brüdern und +auf ein paar Tage zu essen, dann will ich hinauswandern in die Welt und +meinen Zwillingsbruder aufsuchen; denn Du hast, wie ich wohl sehe, doch +noch Kinder genug zu ernähren.« -- »Ach, Gott helf mir! Du bist ja noch +viel zu klein, Du armer Wicht!« sagte die Frau: »das kann ich nimmermehr +zugeben.« Aber der Knabe bat so lange, bis sie ihm denn einige alte +Lappen zusammensuchte und ihm etwas Essen in ein Tuch knüpfte, und damit +wanderte er noch so mannhaft in die Welt hinaus, um seinen Zwillingsbruder +aufzusuchen. Als er nun eine Zeitlang fortgewandert war, wurde er seinen +Bruder ansichtig. »Holla, heda!« rief er ihm zu: »Du legst ja los, als +ob's für Geld ginge. Du hättest doch erst ein wenig warten und Dich +nach Deinem jüngern Bruder umsehen sollen, eh' Du so patzig in die Welt +hinausmarschirtest.« Der älteste Bruder stand still und sah sich nach +ihm um, und als nun der jüngste zu ihm gekommen war und ihm erzählt +hatte, wie die Sache zusammenhing, und daß er sein Bruder sei, sagte er: +»Aber jetzt wollen wir uns hier niedersetzen und mal zusehen, Was unsre +Mutter uns zum Mundschmack mitgegeben hat,« und darauf setzten sie sich +nieder und erfrischten sich. + +Wie sie nun etwas weiter gegangen waren, kamen sie zu einem Bach, der +durch ein grünes Feld floß. Da sagte der jüngste: »Hier wollen wir +einander einen Namen geben, da man uns zu Hause doch nicht getauft hat, +weil wir so schnell ausgewandert sind.« -- »Wie willst Du denn heißen?« +fragte der älteste. »Ich will _Lillekort_ heißen,« erwiederte der andre: +»und Du?« -- »Ich will _König Lavring_ heißen,« sagte der älteste. Nun +tauften sie einander und gingen dann weiter. Endlich kamen sie zu einem +Kreuzweg, und nun wurden sie darüber einig, daß jeder seine eigne Straße +ziehen sollte. Sie trennten sich daher; aber sie waren noch nicht sehr +weit gegangen, so trafen sie wieder zusammen. Sie trennten sich darauf +abermals, und jeder zog seine Straße; aber ehe sie sich's versahen, +waren sie wieder beisammen, und so geschah es auch zum dritten Mal. Da +verabredeten sie, daß jeder nach einer besondern Richtung, nämlich der +eine nach Osten, und der andre nach Westen, gehen solle. »Kommst Du aber +einmal in Noth und große Gefahr,« sagte der älteste: »dann rufe mich nur +dreimal laut bei Namen, alsdann werde ich Dir zu Hülfe kommen; aber Du +musst mich ja nicht rufen, eh' Du nicht in der äußersten Noth bist.« -- +»Dann wird's wohl lange dauern, eh' wir uns wiedersehen,« versetzte +Lillekort. Darauf sagten sie einander Lebewohl, und jeder zog seines +Weges, Lillekort nach Osten, und König Lavring nach Westen. + +Als nun Lillekort eine gute Weile gewandert hatte, begegnete ihm +ein altes, krummpuckliges Weib, das nur _ein_ Auge hatte; das stahl +Lillekort ihr. »Au! au!« rief das Weib: »wo ist mein Auge geblieben?« +-- »Was giebst Du mir, wenn ich's Dir wiedergebe?« sagte Lillekort. +»Ich gebe Dir ein Schwert, womit Du eine ganze Kriegsmacht niedermetzeln +kannst, und wenn sie auch noch so groß wäre,« antwortete das Weib. »Ja, +gieb her!« sagte Lillekort. Das Weib gab ihm darauf das Schwert und +erhielt dafür ihr Auge zurück. Nun ging Lillekort weiter, und nach einer +Weile begegnete ihm wieder ein altes krummpuckliges Weib mit _einem_ +Auge, das stahl Lillekort ihr, eh' sie wußte, wie ihr geschah. »Au! au! +wo ist mein Auge geblieben?« rief sie. »Was giebst Du mir, wenn ich's +Dir wiedergebe?« sagte Lillekort. »Ein Schiff, das über Süß- und +Salzwasser, über Berg' und tiefe Thäler geht,« antwortete das Weib. »Ja, +gieb her!« sagte Lillekort. Das Weib gab ihm darauf ein ganz kleines +Schiff, so klein, daß man's in die Tasche stecken konnte, und dafür +erhielt sie ihr Auge zurück, und jeder ging seines Weges. Als Lillekort +nun wieder eine gute Strecke gewandert war, begegnete ihm zum dritten +Mal ein altes krummpuckliges Weib mit _einem_ Auge; das stahl Lillekort +ebenfalls, und als das Weib schrie und sich geberdete und fragte, wo ihr +Auge geblieben sei, sagte Lillekort: »Was giebst Du mir, wenn ich's Dir +wiedergebe?« -- »Ich lehre Dir die Kunst, hundert Lasten Malz auf einmal +zu verbrauen,« sagte sie. Für diese Kunst erhielt nun das Weib ihr Auge +zurück, und jeder zog seines Weges. + +Als nun Lillekort ein kleines Ende gegangen war, wollte er einmal das +Schiff probiren. Er nahm es daher aus der Tasche und steckte den einen +Fuß hinein; da ward das Schiff weit größer; und als er nun auch den +andern Fuß nachzog, ward es so groß, wie die Schiffe, die in der See +gehen. Da sprach Lillekort: »Fahr hin über Salzwasser und Süßwasser, +über Berg' und tiefe Thäler, bis daß du kommst zu des Königs Schloß!« +-- und fort saus'te das Schiff, wie ein Vogel durch die Luft, bis daß es +zum Königsschloß kam; da stand es still. Drinnen im Schloß aber hatten +die Leute von den Fenstern aus gesehen, wie Lillekort dahergesegelt kam. +Darüber waren nun Alle sehr verwundert und liefen hinunter, um zu sehen, +was Das für Einer wäre, der so auf einem Schiff durch die Luft gefahren +kam. Während sie aber hinunterliefen, war Lillekort schon aus seinem +Schiff herausgestiegen und hatte es wieder in die Tasche gesteckt; denn +sowie er nur mit den Füßen hinaustrat, ward es wieder so klein, als es +war, da er es von der Alten bekommen hatte. Die Leute vom Königsschloß +sahen nun nichts Anders, als einen kleinen in Lumpen gehüllten Knaben, +der da am Ufer stand. Der König fragte ihn, wo er her wäre. Der Knabe +aber sagte, das wüßte er nicht, und eben so wenig wußte er zu sagen, auf +welche Weise er hergekommen sei, bat aber inständig um einen Dienst auf +dem Schloß und sagte, wenn sie nichts Anders für ihn zu thun hätten, so +könne er ja der Köchinn Holz und Wasser zutragen. Diese Bitte ward ihm +denn auch gewährt. Als Lillekort aber auf das Schloß kam, sah er, daß +Alles, sowohl inwendig, als auswendig, selbst die Wände und das Dach, +mit Schwarz bezogen war. Er fragte deßhalb die Köchinn, Was das zu +bedeuten hätte. »Das will ich Dir sagen,« antwortete die Köchinn: »Die +Königstochter ist schon vor langer Zeit an drei Trollen versprochen +worden, und am nächsten Donnerstag-Abend wird der eine kommen und sie +abholen. Der Ritter _Röd_ hat sich zwar verbürgt, sie zu befreien; aber +Gott mag wissen, ob er's kann, und darum ist hier Alles so voll Sorge +und Betrübniß, wie Du wohl denken kannst.« + +Als es nun am Donnerstag-Abend um die Zeit war, führte der Ritter _Röd_ +die Prinzessinn hinaus ans Meerufer -- denn da war es, wo der Troll sie +abholen wollte -- und da sollte nun der Ritter _Röd_ sie in Schutz +nehmen; aber er that dem Trollen eben keinen großen Schaden, will ich +glauben; denn kaum hatte die Prinzessinn sich am Ufer niedergesetzt, so +kroch der Ritter auf einen großen Baum, welcher da stand, und verbarg +sich zwischen die Zweige, so gut er konnte. Die Prinzessinn weinte und +bat ihn so flehentlich, er möchte sie doch nicht verlassen; aber der +Ritter _Röd_ achtete nicht auf ihr Bitten, sondern sagte: »Es ist besser, +daß Einer das Leben verliert, als daß Zwei umkommen.« + +Inzwischen bat Lillekort die Köchinn um Erlaubniß, ein wenig an den +Strand zu gehen. »O, Was willst Du da?« sagte die Köchinn: »Du hast da +Nichts zu thun.« -- »Ach ja, liebe Köchinn, laß mich nur hingehen,« +sagte Lillekort: »ich wollte so gern mit den andern Kindern ein wenig +spielen.« -- »Na, geh denn!« sagte die Köchinn: »aber daß Du nur nicht +länger ausbleibst, als bis der Kessel zum Abendessen über's Feuer +gehängt, und der Braten an den Spieß gesteckt wird! und bring' dann +einen tüchtigen Armvoll Holz mit in die Küche!« Ja, das wollte Lillekort +nicht vergessen, und damit lief er fort ans Ufer. + +Als er eben dort ankam, wo die Königstochter saß, kam auch schon der +Troll dahergesaus't, er war so groß und so dick, daß es ganz abscheulich +aussah, und fünf Köpfe hatte er. »_Feuer!_« schrie der Troll. »Feuer +gleichfalls!« sagte Lillekort. »_Kannst Du fechten?_« rief der Troll. +»Kann ich's nicht, so kann ich's lernen,« sagte Lillekort. Darauf schlug +der Troll mit einer dicken eisernen Stange, die er in der Faust hielt, +nach ihm, so daß die Erde ihm fünf Ellen hoch über den Kopf flog. + +»Twi!« sagte Lillekort: »Das war auch was Rechtes! Nun sollst Du aber +einen Schlag von mir sehen!« und damit ergriff er sein Schwert, das er +von dem alten krummpuckligen Weib bekommen hatte, und hieb damit nach +dem Trollen, so daß alle fünf Köpfe über den Sand hinflogen. Als die +Prinzessinn sich nun befrei't sah, war sie so froh, daß sie sich vor +Freude gar nicht zu lassen wußte. »Schlaf nun ein Stündchen auf meinem +Schoß!« sagte sie zu Lillekort, und während er nun auf ihrem Schoß lag +und schlief, zog sie ihm ein goldnes Kleid an. + +Nun dauerte es nicht lange, so kroch der Ritter _Röd_ wieder vom Baum +herunter, weil er sah, daß jetzt keine Gefahr mehr für ihn vorhanden war. +Er brachte die Prinzessinn durch Drohungen dahin, daß sie sagen mußte, +_er_ sei es, der sie befrei't habe, und wenn sie das nicht sagte, wollte +er ihr das Leben nehmen. Darauf schnitt er dem Trollen die Lungen aus +dem Leib und die Zungen aus den Köpfen, und führte dann die Prinzessinn +wieder zurück nach dem Königsschloß. Und hatte man dem Ritter zuvor +keine Ehre angethan, so that man es jetzt; der König wußte gar nicht, +Was er alles ersinnen sollte, um ihn zu ehren, und immer mußte der +Ritter _Röd_ bei Tafel ihm zur Seite sitzen. Lillekort aber begab sich +auf das Trollschiff, nahm eine ganze Menge goldne und silberne Faßreifen, +und damit kehrte er zurück nach dem Schloß. Als die Köchinn all das Gold +und Silber sah, das er brachte, war sie ganz erstaunt darüber und sagte: +»Mein lieber kleiner Lillekort, wo hast Du denn all die schönen Sachen +herbekommen?« denn sie befürchtete, er möchte nicht auf eine ehrliche +Weise dazu gekommen sein. »O,« antwortete Lillekort: »ich bin zu Hause +gewesen, und da waren diese Reifen von einem Eimer abgefallen, und da +hab' ich sie für Dich mitgenommen.« Als die Köchinn hörte, daß sie die +Reifen haben solle, fragte sie nicht weiter, sondern bedankte sich bei +Lillekort, und damit war Alles gut. + +Den andern Donnerstag-Abend ging es wieder eben so: Alle waren voll Sorge +und Betrübniß; allein der Ritter _Röd_ sagte, hätte er die Königstochter +von dem einen Trollen befrei't, so würde er sie jetzt auch wohl von dem +zweiten befreien, und damit geleitete er sie noch so kecklich wieder +hinaus ans Meerufer. Aber er that auch diesmal dem Trollen eben keinen +großen Schaden; denn als es um die Zeit war, daß man den Trollen +erwartete, sagte er wieder, wie das vorige Mal: »Es ist besser, daß +Einer das Leben verliert, als daß Zwei umkommen,« und damit kroch er +wieder auf den Baum. + +Lillekort aber bat die Köchinn wieder um Erlaubniß, ein wenig an den +Strand zu gehen. »O, Was willst Du da?« sagte die Köchinn. »Ja, liebe +Köchinn, laß mich nur gehen,« sagte Lillekort: »ich wollte gern mit den +andern Kindern ein wenig spielen.« Da gab sie ihm denn auch diesmal +Erlaubniß; aber das mußte er ihr versprechen, daß er zurück sein wollte, +wenn der Braten gewendet werden sollte, und dann müßte er einen guten +Armvoll Holz mitbringen. + +Kaum war Lillekort am Ufer angelangt, so kam auch schon der Troll daher, +daß es nur so saus'te; er war noch einmal so groß, als der vorige, und +hatte zehn Köpfe. »_Feuer!_« schrie der Troll. »Feuer gleichfalls!« +sagte Lillekort. »_Kannst Du fechten?_« rief der Troll. »Kann ich's +nicht, so kann ich's lernen,« sagte Lillekort. Darauf schlug der Troll +mit seiner eisernen Stange nach ihm -- die war noch einmal so groß, als +die des ersten Trollen -- so daß die Erde ihm zehn Ellen hoch über den +Kopf flog. »Twi!« sagte Lillekort: »das war auch was Rechtes! Nun sollst +Du einen Schlag von mir sehen!« und damit ergriff er sein Schwert und +hieb nach dem Trollen, so daß alle zehn Köpfe über den Sand hintanzten. + +Darauf sagte die Königstochter wieder zu ihm: »Schlaf jetzt ein +Stündchen auf meinem Schoß!« und während Lillekort nun auf ihrem Schoß +lag und schlief, zog sie ihm ein silbernes Kleid an. Sobald der Ritter +_Röd_ merkte, daß keine Gefahr mehr vorhanden war, kroch er wieder vom +Baum herunter und zwang die Prinzessinn abermals durch Drohungen, zu +sagen, daß er es sei, der sie befrei't habe. Darauf nahm er die Zungen +und die Lungen des Trollen, knüpfte sie in sein Taschentuch und +geleitete die Königstochter wieder zurück nach dem Schloß. Hier war nun +lauter Freude und Jubel, wie man sich wohl denken kann, und der König +wußte gar nicht, Was er alles angeben sollte, um dem Ritter _Röd_ +genugsam Ehre und Achtung zu erweisen. + +Lillekort aber ging auf das Trollschiff und nahm einen ganzen Armvoll +Gold- und Silberreifen mit sich. Als er zurück auf das Schloß kam, +schlug die Köchinn die Hände über dem Kopf zusammen und konnte sich +nicht genug wundern über all das Gold und Silber, das er mitbrachte. +Aber Lillekort sagte, er wäre zu Hause bei seiner Mutter gewesen, und da +hätte er die Reifen gesammelt, die von den Eimern abgefallen wären, um +sie der Köchinn zu bringen. + +Als nun der dritte Donnerstag-Abend kam, ging es wieder eben so, wie die +beiden vorigen Male: Das ganze Schloß war aus- und inwendig mit Schwarz +behängt, und Alle waren voll Sorge und Betrübniß. Aber der Ritter _Röd_ +sagte, sie hätten eben nicht nöthig, in Furcht zu sein; denn hätte er +die Prinzessinn von zwei Trollen befrei't, so könnte er sie auch wohl +von dem dritten befreien. Darauf führte er die Prinzessinn hinaus ans +Ufer. Als es aber um die Zeit war, daß der Troll kommen sollte, kroch +der Ritter _Röd_ wieder auf den Baum und verbarg sich. Die Prinzessinn +weinte und bat; aber es half Alles nichts; er blieb bei dem Alten: es +sei besser, daß Einer das Leben verlöre, als daß Zwei umkämen. + +Lillekort bat wieder um Erlaubniß, an den Strand hinauszugehen. »Ach, +was willst Du da?« sagte die Köchinn; aber er bat so lange, bis sie es +ihm denn zuletzt erlaubte; doch mußte er versprechen, daß er wieder zu +Hause sein wollte, wenn der Braten gewendet werden sollte. Kaum aber war +er darauf ans Ufer gekommen, so kam auch schon der Troll angesaus't; +er war noch weit größer, als der vorige, und hatte funfzehn Köpfe. +»_Feuer!_« schrie der Troll. »Feuer gleichfalls!« sagte Lillekort. +»_Kannst Du fechten?_« rief der Troll. »Kann ich's nicht, so kann ich's +lernen,« sagte Lillekort. »_Ich will Dich belernen!_« rief der Troll und +holte mit seiner eisernen Stange aus, daß die Erde funfzehn Ellen hoch +in die Luft fuhr. »Twi!« sagte Lillekort: »das war auch was Rechtes! +Nun sollst Du aber einen Schlag von mir sehen!« und damit ergriff er +sein Schwert und hieb nach dem Trollen, daß alle funfzehn Köpfe über den +Sand hintanzten. + +Da war nun die Prinzessinn erlös't; sie dankte Lillekort für ihre +Rettung und sagte dann wieder: »Schlaf jetzt ein Stündchen auf meinem +Schoß!« und während Lillekort nun da lag und schlief, zog ihm die +Prinzessinn ein Kleid von Messing an. Als er aufwachte, fragte sie ihn: +»Wie soll es aber jetzt an den Tag kommen, daß Du es bist, der mich +erlös't hat?« -- »Das will ich Dir sagen,« versetzte Lillekort: »Wenn +nun der Ritter _Röd_ Dich wieder nach Hause geleitet und sich für Den +ausgiebt, der Dich erlös't hat, dann weißt Du wohl, soll er Dich und das +halbe Reich haben. Wenn man Dich aber dann am Hochzeitstage fragt, Wen +Du zum Mundschenken haben willst, dann sollst Du sagen: »Ich will den +kleinen Buben haben, der in der Küche ist und der Köchinn Holz und Wasser +zuträgt.« Wenn ich Dir dann den Wein einschenke, werde ich einen Tropfen +auf dem Ritter seinen Teller verschütten, aber nicht auf Deinen; dann +wird er wohl böse werden und mich schlagen, und das wiederholt sich +dreimal. Das dritte Mal aber sollst Du sagen: »Schande über Dich, daß Du +meinen Herzgeliebten schlägst! denn _er_ hat mich befrei't und _ihn_ +will ich haben.«« Nachdem Lillekort mit der Prinzessinn diese Verabredung +getroffen, begab er sich wieder aufs Schloß; zuvor aber nahm er +aus dem Trollschiff noch eine ganze Menge Gold und Silber und andre +Kostbarkeiten mit, und der Köchinn brachte er wieder einen ganzen +Armvoll Gold- und Silberreifen. + +Kaum sah der Ritter _Röd_, daß alle Gefahr vorbei war, als er von dem +Baum herunterkroch und die Königstochter wieder durch Drohungen dahin +vermochte, zu sagen, _er_ sei es, der sie befrei't habe. Darauf geleitete +er sie zurück nach dem Schloß; und hatte man ihm zuvor noch nicht Ehre +genug angethan, so that man es jetzt. Der König sann und dachte auf +nichts Anders, als wie er ihn gebührend dafür belohnen sollte, daß er +seine Tochter von den drei Trollen befrei't hatte, und es däuchte ihm +jetzt das Allergeringste, wenn er ihm die Prinzessinn und das halbe +Reich gäbe. Am Hochzeitstage aber bat die Prinzessinn, daß man ihr den +kleinen Buben, der in der Küche sei und der Köchinn Holz und Wasser +zutrüge, zum Mundschenken bei der Hochzeitstafel geben möchte. »Ach, +was willst Du mit dem schmutzigen Lumpenjungen?« sagte der Ritter _Röd_. +Aber die Prinzessinn sagte, daß sie _ihn_ zum Mundschenken haben wolle, +und keinen Andern; und da mußte man ihr denn nachgeben. + +Hierauf ging Alles so, wie es zwischen Lillekort und der Königstochter +verabredet war. Lillekort verschüttete dreimal einen Tropfen Wein auf den +Teller des Ritters _Röd_, und jedesmal ward der Ritter zornig und schlug +ihn. Beim ersten Schlag fiel dem Knaben das Lumpenkleid ab, das er in +der Küche trug; beim zweiten Schlag fiel ihm das Kleid von Messing ab, +und beim dritten Schlag das silberne Kleid, so daß er nun da stand in +seinem goldnen Kleide, so blank und prächtig, daß es nur so glitzerte. Da +sagte die Königstochter: »Schande über Dich, daß Du meinen Herzgeliebten +schlägst; denn _er_ hat mich befrei't, und _ihn_ will ich haben!« Der +Ritter _Röd_ schwur und fluchte, daß _er_ es sei, der sie befrei't +hätte, und kein Andrer. Da sprach der König: »Wer meine Tochter befrei't +hat, der kann auch wohl die Wahrzeichen aufweisen.« Da lief der Ritter +_Röd_ hin und holte sein Tuch mit den Lungen und Zungen; Lillekort aber +holte das Gold und Silber und alle die Kostbarkeiten, die er aus dem +Trollschiff mitgenommen hatte, und jeder legte das seinige vor den König +hin. Da sprach der König: »Wer solche kostbare Sachen von Gold und +Silber und Diamanten aufzuweisen hat, der muß auch wohl die Trollen +getödtet haben; denn Dergleichen findet man nicht bei Andern.« Und +darauf wurde der Ritter _Röd_ in die Schlangengrube geworfen, und +Lillekort sollte jetzt die Prinzessinn und das halbe Reich haben. + +Als nun der König eines Tages mit Lillekort spazieren ging, fragte +dieser ihn, ob er nicht noch mehr Kinder hätte. »Ja,« sagte der König: +»ich habe noch eine Tochter gehabt; aber die hat mir ein Troll genommen, +weil hier Niemand war, der sie befreien konnte. Kannst Du sie aber +befreien, so sollst Du auch sie und das andre halbe Reich dazu haben.« +-- »Ich will's versuchen,« sagte Lillekort: »dann muß ich aber eine +eiserne Kette haben, fünfhundert Ellen lang, und fünfhundert Mann muß +ich mit haben und Proviant für sie auf funfzehn Wochen; denn ich muß +weit zur See fort.« Ja, das sollte er alles bekommen; nur befürchtete +der König, er möchte kein Schiff haben, welches groß genug wäre, alles +das zu tragen. »Ich habe selbst ein Schiff,« sagte Lillekort und nahm +aus seiner Tasche das Schiff hervor, welches das alte Weib ihm gegeben +hatte. Der König lachte und meinte, es wäre bloß sein Scherz; aber +Lillekort sagte, man solle ihm nur Alles geben, was er verlangt hätte, +dann solle der König nachher schon sehen. Man brachte hierauf alle die +Sachen zusammen, und nun wollte Lillekort, daß man zuerst die eiserne +Kette ins Schiff legen sollte; aber da war kein Einziger, der sie +aufzuheben vermochte, und Viele konnten nicht auf einmal Platz um das +kleine Schiff bekommen. Da nahm Lillekort selbst die Kette an dem einen +Ende und legte einige Ringe davon ins Schiff, und wie er sie nach und +nach weiter hineinbrachte, ward das Schiff immer größer, und zuletzt +ward es so groß, daß sowohl die Kette, als die fünfhundert Mann nebst +dem Proviant, und Lillekort sehr gut Platz darin hatten. Da sprach +Lillekort: »Fahr hin über Süßwasser und Salzwasser, über Berg' und tiefe +Thäler, bis daß du kommst, wo des Königs Tochter ist!« und sogleich +fuhr das Schiff davon, daß es zischte und braus'te, über Land und über +Wasser. -- Als sie nun eine lange, lange Zeit gesegelt hatten, stand +das Schiff eines Tages plötzlich auf der See still. »Ja, nun sind wir +glücklich an Ort und Stelle gekommen,« sagte Lillekort: »wie wir aber +wieder fortkommen werden, das steht noch dahin.« Darauf nahm er die +eiserne Kette und band sich das eine Ende um den Leib. »Jetzt muß ich zu +Boden,« sagte er: »Wenn ich aber nachher wieder herauf will und einen +starken Ruck an die Kette thu', dann müsst Ihr alle auf einmal anziehen +für _einen_ Mann, sonst kostet es mir und Euch das Leben,« und damit +sprang er ins Wasser, daß die Wellen über ihn zusammenschlugen. Er sank +tiefer und immer tiefer, und endlich kam er auf den Grund. Dort sah er +einen Berg, worin eine Thür war, und da ging er hinein. In dem Berge nun +fand er die Prinzessinn, welche eben mit ihrem Nähzeug beschäftigt war. +»Ach, Gott sei Lob!« rief sie, als sie Lillekort erblickte, und klatschte +in die Hände: »noch habe ich keine Menschenseele gesehen, so lange ich +hier bin.« Lillekort sagte ihr, daß er gekommen sei, um sie wieder zu +ihrem Vater zurückzubringen. »Ach, mich bekommst Du nicht mit,« sagte +sie: »das wird Dir nicht gelingen; denn bekommt der Troll Dich zu sehen, +kostet es Dir das Leben.« -- »Gut, daß Du von ihm sprichst!« sagte +Lillekort: »Wo ist er? Es könnte spaßhaft sein, ihn zu sehen.« Die +Königstochter erzählte ihm darauf, daß der Troll ausgegangen wäre und +Jemanden suchte, der hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen +könne; denn der Troll wollte ein Gastmahl geben, und dabei verschlug +keine geringere Quantität. »Das kann =ich=,« sagte Lillekort. »Wenn nur +der Troll nicht so jachzornig wäre, daß ich es ihm sagen könnte, eh' er +Dich erblickt,« versetzte die Prinzessinn: »aber er ist so wüthend, daß +er Dich den Augenblick in Stücke zerreißt, wenn er Dich gewahr wird. +Indessen verbirg Dich nur hier so lange in den Bettverschlag, dann will +ich sehen, Was zu thun ist.« Das that denn Lillekort, und kaum war er in +seinem Versteck, so kam auch schon der Troll an. »_Houf! es riecht hier +so nach Menschenfleisch!_« rief er. »Ja, es flog hier ein Vogel über's +Dach mit einem Menschenknochen im Schnabel, den ließ er durch den +Schornstein fallen,« versetzte die Königstochter: »ich habe mich zwar +beeilt, ihn hinwegzuschaffen, aber es muß wohl noch der Geruch davon +zurückgeblieben sein.« -- »_Ja, das ist's wohl!_« sagte der Troll. +Darauf fragte die Prinzessinn ihn, ob er Jemanden gefunden habe, der +hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen könne. »_Nein, da ist +Keiner, der das kann_,« sagte der Troll. »Vor einer Weile war Einer +hier, der sagte, er könnte es,« versetzte die Königstochter. »_Du bist +nun immer so klug_,« sagte der Troll: »_warum ließest Du ihn denn gehen? +Du wußtest doch, daß ich eben einen Solchen suche._« -- »Ich hab' ihn +auch nicht gehen lassen,« versetzte die Königstochter: »aber Du bist +nun gleich immer so jachmüthig; darum verbarg ich ihn derweil in den +Bettverschlag. Wenn Du also noch keinen tüchtigen Brauer gefunden hast, +so kannst Du's ja mit ihm versuchen.« -- »_Ja, laß ihn kommen!_« sagte +der Troll. Als Lillekort nun hervorkam, fragte der Troll ihn, ob es +wahr sei, daß er hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen könne. +»Ja, das ist wahr,« antwortete Lillekort. »_So ist's gut, daß ich Dich +bekam_,« sagte der Troll: »_mach Dich nur gleich an die Arbeit! Aber +Gnade Dir Gott, wenn Du das Bier nicht stark genug brau'st._« -- »Es +soll schon Geschmack kriegen,« sagte Lillekort und stellte sogleich das +Geschirr zurecht. »Ich muß aber mehr Männer zum Zutragen haben,« sagte +er: »denn die paar, die ich bekommen habe, können nicht Viel ausrichten.« +Er erhielt nun noch mehr Leute, so viele, daß es von ihnen wimmelte, und +darauf ging das Brauen los. Als nun die Würze fertig war, wollten Alle +sie kosten, zuerst der Troll selbst, und nachher die Andern. Aber +Lillekort hatte die Würze so stark gebrau't, daß sie todt umfielen, wie +die Fliegen, sowie sie davon tranken. Zuletzt war Niemand mehr übrig, +als ein altes kümmerliches Weib, das hinter dem Ofen lag. »Ach, Du +Arme!« sagte Lillekort: »Du musst doch auch meine Würze kosten,« und +damit ging er hin und füllte mit der Bütte auf, Was noch am Boden übrig +geblieben, und gab es ihr. Da war er sie alle insgesammt quitt. + +Als er nun da stand und sich umsah, ward er eine große Kiste gewahr, die +nahm Lillekort und packte sie voll Gold und Silber, umschlang dann sich +und die Prinzessinn und die Kiste mit der eisernen Kette und that einen +Ruck daran aus allen Kräften. Da zogen die Leute auf dem Schiff alle auf +einmal an und brachten sie gesund und behalten wieder herauf. Nun sprach +Lillekort: »Fahr hin über Süßwasser und Salzwasser, über Berg' und tiefe +Thäler, bis daß du kommst zu des Königs Schloß!« -- und sogleich fuhr +das Schiff davon, daß der Schaum zu beiden Seiten stand. Als Die, welche +auf dem Schloß waren, das Schiff ankommen sahen, zogen sie alsbald +hinaus mit Gesang und Spiel und empfingen Lillekort mit großer Freude. +Am frohesten von Allen aber war der König, der jetzt seine Tochter +wieder bekommen hatte. + +Nun war aber Lillekort in Verlegenheit wegen der Prinzessinnen; denn +beide wollten ihn haben, und er wollte nur die haben, welche er zuerst +befrei't hatte, und das war die jüngste. Er sann und dachte lange +darüber nach, wie er sich aus der Verlegenheit ziehen sollte; denn die +jüngste wollte er nicht fahren lassen, und der andern wollte er auch +nicht gern zuwider sein. Da fiel es ihm ein, wenn jetzt sein Bruder, +König Lavring, da wäre, der ihm so ähnlich sah, daß Keiner sie von +einander zu unterscheiden vermochte, so könnte der die andre Prinzessinn +und das halbe Reich bekommen; denn er selbst wollte sich gern mit der +einen Hälfte begnügen. Wie gedacht, so gethan: er ging vor's Schloß und +rief laut den König Lavring bei Namen; aber es kam Niemand. Da rief er +noch lauter; aber es fand sich auch diesmal Keiner ein. Zuletzt rief er +aus allen Kräften -- und da stand plötzlich sein Bruder vor ihm. »Ich +sagte Dir ja, Du solltest mich nicht eher rufen, als bis Du in der +äußersten Noth wärst,« sprach er: »und hier ist ja keine Mücke, die +Dir Was zu Leide thun kann,« und damit schlug er auf ihn zu, daß +Lillekort über die Wiese hinpurzelte. »Schande über Dich, daß Du mich so +schlägst!« sagte Lillekort: »Erst hab' ich die eine Königstochter und +das halbe Reich gewonnen, und nachher die andre Königstochter und das +andre halbe Reich dazu, und nun wollte ich mit Dir theilen und Dir die +eine Prinzessinn und die Hälfte des Königreichs abgeben. Däucht es Dir +denn recht, mich also zu schlagen?« Als König Lavring das hörte, bat er +seinen Bruder um Verzeihung, und da vertrugen sie sich alsbald und waren +wieder gute Freunde. Darauf sprach Lillekort: »Du weißt, daß wir einander +so ähnlich sehen, daß Niemand uns zu unterscheiden vermag; darum tausche +Du jetzt Deine Kleider mit mir und geh hinauf auf das Schloß; dann +werden die Prinzessinnen glauben, daß ich es bin, und die, welche Dich +dann zuerst küsst, die nimmst Du, und die andre behalt ich.« Also sprach +Lillekort; denn er wußte wohl, daß die älteste Königstochter auch die +stärkste war, und konnte sich daher wohl denken, wie's kommen würde. +König Lavring war sogleich bereit, zu thun, wie sein Bruder ihm gesagt +hatte: er tauschte mit ihm seine Kleider und ging aufs Schloß. Als er +nun zu den Prinzessinnen eintrat, glaubten sie, es sei Lillekort, und +liefen beide sogleich auf ihn zu. Aber die älteste, welche die größte +und stärkste war, schob die jüngere Schwester bei Seite, faßte König +Lavring um den Hals und küßte ihn. Und so bekam denn König Lavring die +älteste, und Lillekort die jüngste Prinzessinn. Da kann sich's denn wohl +ereignet haben, daß eine Hochzeit ward, wovon man sich in sieben +Königreichen zu erzählen wußte. + + + + +25. + +Die Puppe im Grase. + + +Es war einmal ein König, der hatte zwölf Söhne. Als diese groß waren, +sagte er zu ihnen, sie sollten fortreisen in die Welt und sich jeder +eine Frau suchen, aber die sollte spinnen und weben und ein Hemd +in einem Tag fertig nähen können, sonst wollte er sie nicht zur +Schwiegertochter haben. Jedem von ihnen gab er ein Pferd und eine ganz +neue Rüstung; und darauf reis'ten die Söhne fort in die Welt, um sich +eine Frau zu suchen. Als sie aber eine Strecke Weges gereis't waren, +sagten sie, Aschenbrödel wollten sie nicht mit haben; denn der tauge +doch zu Nichts. Aschenbrödel mußte nun zurückbleiben und wußte gar +nicht, wie er's anfangen sollte. Da ward er sehr niedergeschlagen, stieg +von seinem Pferd herunter und setzte sich ins Gras hin und weinte. Als +er aber eine Weile gesessen hatte, bewegte sich der eine Grasbülten, und +es kam daraus eine kleine weiße Gestalt hervor; und als sie näher kam, +sah Aschenbrödel, daß es ein niedliches kleines Mädchen war, aber ganz +ganz klein. Diese trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht die Puppe +im Grase besuchen wolle. Ja, das wollte Aschenbrödel gern und ging mit +ihr. + +Als er hinunterkam, saß die Puppe im Grase auf einem Stuhl und war so +schön und so geputzt; sie fragte Aschenbrödel, wo er hin wolle, und in +welchem Geschäft er reise. + +Er erzählte ihr nun, daß sie ihrer zwölf Brüder wären, und daß der +König, ihr Vater, jedem von ihnen ein Pferd und eine Rüstung gegeben und +zu ihnen gesagt hätte, sie sollten in die Welt reisen und sich eine Frau +suchen, die solle spinnen und weben und ein Hemd in einem Tag fertig +nähen können. »Wenn Du nun das kannst und meine Frau werden willst,« +sagte Aschenbrödel: »dann will ich nicht weiter reisen.« Ja, das wollte +sie gern und machte sich sogleich an die Arbeit, fing an zu spinnen und +zu weben und näh'te das Hemd in einem Tag fertig; aber es ward so klein, +so klein, nicht länger, als -- so lang. + +Damit reis'te Aschenbrödel nach Hause. Als er aber das Hemd hervornahm, +um es seinem Vater zu zeigen, war er ganz beschämt, weil es so klein +war. Der König aber sagte, es machte nichts, er solle das kleine Mädchen +heirathen; und darauf reis'te Aschenbrödel froh und vergnügt zurück, um +seine kleine Braut abzuholen. Wie er nun bei der Puppe im Grase ankam, +wollte er sie zu sich auf sein Pferd nehmen; aber das wollte sie nicht, +sondern sagte, sie wolle in einem silbernen Löffel fahren mit zwei +kleinen Schimmeln davor. So reis'ten sie nun fort, er auf seinem Pferd, +und sie in dem silbernen Löffel; die beiden Schimmel aber, die sie +zogen, waren zwei kleine weiße Mäuse. Aschenbrödel hielt sich immer +auf der andern Seite des Weges, damit sein Pferd nicht auf seine Braut +treten sollte, denn sie war so klein. Als sie eine Strecke Weges +gereis't waren, kamen sie zu einem großen Wasser; da ward Aschenbrödels +Pferd scheu, sprang hinüber auf die andre Seite des Weges und schlug den +Löffel um, so daß die Puppe im Grase ins Wasser fiel. Da ward Aschenbrödel +sehr betrübt, und wußte gar nicht, wie er sie erretten sollte. Es +dauerte aber nicht lange, so tauchte ein Meermann mit ihr auf, und nun +war sie so groß geworden, wie ein andres erwachsenes Frauenzimmer, und +noch weit schöner, als zuvor. Da nahm Aschenbrödel sie vor sich auf sein +Pferd und ritt mit ihr nach Hause. + +Als er dort ankam, waren auch schon seine andern Brüder, jeder mit +seiner Braut, eingetroffen; aber die waren so häßlich und so böse, daß +sie sich schon unterweges mit ihren Brautmännern gezaus't hatten. Auf +dem Kopf trugen sie Hüte, die waren mit Theer und Ruß bestrichen, das +war ihnen ins Gesicht herabgetröpfelt, so daß sie davon noch weit +häßlicher und abscheulicher waren aussehen worden. Als nun die Brüder +dagegen Aschenbrödels Braut erblickten, wurden sie alle neidisch auf +ihn. Der König aber freu'te sich so sehr über die beiden, daß er alle +die Andern davon jagte. Darauf hielt Aschenbrödel mit der Puppe im Grase +Hochzeit und lebte mit ihr vergnügt und zufrieden eine lange lange Zeit; +und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch. + + + + +26. + +Das Kätzchen auf Dovre. + + +Es war einmal ein Mann oben in Finmarken, der hatte einen großen weißen +Bären gefangen, den wollte er dem König von Dänemark bringen. Nun traf +es sich so, daß er grade am Weihnachts-Abend zum Dovrefjeld kam, und da +ging er in ein Haus, wo ein Mann wohnte, der _Halvor_ hieß; den bat er +um Nachtquartier für sich und seinen Bären. + +»Ach, Gott helf mir!« sagte der Mann: »wie sollt' ich wohl Jemandem +Nachtquartier geben können! Jeden Weihnachts-Abend kommen hier so viel +Trollen, daß ich mit den Meinigen ausziehen muß und selber nicht einmal +ein Dach über dem Kopf habe.« -- + +»O, Ihr könnt mich deßwegen immer beherbergen,« sagte der Mann; »denn +mein Bär kann hier hinter dem Ofen liegen, und ich lege mich in den +Bettverschlag.« + +Halvor hatte Nichts dagegen, zog aber selbst mit seinen Leuten aus, +nachdem er zuvor gehörig für die Trollen hatte zurichten lassen: die +Tische waren besetzt mit Reißbrei, Stockfischen, Wurst und Was sonst zu +einem herrlichen Gastschmaus gehört. + +Bald darauf kamen die Trollen an; einige waren groß, andre klein; einige +langgeschwänzt, andre ohne Schwanz; und einige hatten ungeheuer lange +Nasen, und alle aßen und tranken und waren guter Dinge. Da erblickte +einer von den jungen Trollen den Bären, der unter dem Ofen lag, steckte +ein Stückchen Wurst an die Gabel und hielt es dem Bären vor die Nase. +»Kätzchen, magst auch Wurst?« sagte er. Da fuhr der Bär auf, fing +fürchterlich an zu brummen und jagte sie alle Groß und Klein aus dem +Hause. + +Das Jahr darauf war Halvor eines Nachmittags so gegen Weihnachten hin +im Wald und hau'te Holz für den Heiligen; denn er erwartete wieder die +Trollen. Da hörte er es plötzlich im Wald rufen: »_Halvor! Halvor!_« +-- »Ja!« sagte Halvor. »_Hast Du noch die große Katz?_« rief's. »Ja,« +sagte Halvor: »jetzt hat sie sieben Jungen bekommen, die sind noch weit +größer und böser, als sie.« -- »_So kommen wir niemals wieder zu Dir!_« +rief der Troll im Walde. Und von der Zeit an haben die Trollen nie +wieder den Weihnachtsbrei bei Halvor auf Dovre gegessen. + + + + +27. + +Soria-Moria-Schloß. + + +Es waren einmal ein Paar Eheleute, die hatten einen Sohn, der hieß +_Halvor_. Von seiner Kindheit an aber wollte der Knabe durchaus Nichts +thun, sondern saß immer da und wühlte in der Asche. Die Ältern thaten +ihn in die Lehre bei verschiedenen Meistern; aber Halvor hielt es +nirgends aus, sondern wenn er ein paar Tage bei einem Meister gewesen +war, lief er wieder aus der Lehre, kehrte heim und setzte sich auf den +Feuerherd hin und wühlte in der Asche. Da geschah es einmal, daß ein +Schiffer zu seinen Ältern kam, der sah Halvor und fragte ihn, ob er +nicht Lust hätte, zur See zu fahren und fremde Länder zu sehen. Ja, dazu +hatte Halvor große Lust und ging sogleich mit dem Schiffer zur See. + +Nun weiß ich nicht recht, wie lange sie schon gesegelt hatten, aber +zuletzt erhob sich ein heftiger Sturm, und als der vorüber war, und es +wieder ruhig ward, da wußten die Schiffsleute nicht mehr, wo sie sich +befanden; sie waren an eine fremde Küste getrieben, die Keiner von +ihnen kannte. + +Weil nun gar kein Wind weh'te, und sie still liegen bleiben mußten, bat +Halvor den Schiffer um Erlaubniß, ans Land zu gehen, um sich dort +umzusehen; denn er konnte es nicht aushalten, immer still zu liegen und +zu schlafen. »Denkst Du, daß Du Dich vor den Leuten kannst sehen +lassen?« sagte der Schiffer: »Du hast ja keine andre Kleider, als die +Lumpen, worin Du gehst und stehst.« Halvor aber bat so lange, bis der +Schiffer ihm endlich die Erlaubniß gab; nur mußte er ihm versprechen, +daß er wieder zurückkehren wollte, wenn es anfing zu wehen. Darauf ging +er ans Land. Hier waren überall große schöne Ebenen und Wiesen, aber +nirgends war eine Spur von Menschen. Bald darauf fing es an zu wehen; +aber Halvor wollte noch gern Mehr von dem Lande sehen und schritt daher +weiter fort, in der Hoffnung, daß er auch Menschen dort antreffen würde. +Nach einer Weile gelangte er auf einen großen breiten Weg, der war so +flach und so eben, daß man ein Ei darauf fortrollen konnte. Halvor +verfolgte beständig diesen Weg, bis er endlich gegen Abend ein großes +schimmerndes Schloß in der Ferne erblickte. Weil er aber den ganzen Tag +gegangen war und keinen Mundvorrath mitgenommen hatte, war er entsetzlich +hungrig, und je näher er dem Schloß kam, desto unheimlicher ward ihm zu +Muthe. + +Als er endlich das Schloß erreicht hatte, trat er hinein und kam zuerst +in die Küche, wo ein helles Feuer auf dem Herd brannte. In der Küche +war Alles so schön und prachtvoll, wie er es nie zuvor in einer Küche +gesehen hatte; da standen Gefäße von Gold und von Silber, aber Leute +waren nicht da. Als nun Halvor eine Zeitlang gewartet hatte, und Niemand +kam, öffnete er eine Thür und trat in ein großes Zimmer. Dort saß eine +Prinzessinn, die spann an einem Rocken. »Wie!« rief sie: »darf denn eine +Christenseele hieher kommen? Aber am besten ist es, Du machst nur, daß +Du gleich wieder fortkommst, wenn Dich der Troll nicht verschlingen +soll; denn hier wohnt ein abscheulicher Troll mit drei Köpfen.« -- + +»Mir sollt's recht sein, wenn er vier hätte,« sagte der Bursch: »ich +habe große Lust, den Kerl zu sehen; aber ich gehe nicht; denn ich habe +nichts Böses gethan. Erst aber musst Du mir Etwas zu essen geben; denn +ich bin verdammt hungrig.« Als nun Halvor sich satt gegessen hatte, +sagte die Prinzessinn zu ihm, er sollte versuchen, ob er das Schwert +zu schwingen vermöchte, das an der Wand hing. Aber er konnt' es nicht +schwingen, ja er konnt' es nicht einmal aufheben. »So musst Du einen +Trunk aus der Flasche thun, die daneben hangt,« sagte die Prinzessinn: +»denn das thut der Troll immer, wenn er es gebrauchen will.« Halvor that +darauf einen guten Trunk aus der Flasche, und da konnte er das Schwert +in der Hand schwingen wie gar Nichts. Nun, meinte er, sollt's für den +Trollen früh genug sein, wenn er käme. Es dauerte auch nicht lange, +so kam dieser dahergesaus't. Halvor hinter die Thür. »_Hutetu! hier +riecht's so nach Menschenfleisch!_« sagte der Troll, indem er den Kopf +zur Thür hereinsteckte. -- »Ja, das sollst Du gewahr werden!« sagte +Halvor und hieb ihm alle Köpfe auf einmal herunter. Da ward die +Prinzessinn so froh, daß sie sang und sprang; aber wie sie nun an ihre +Schwestern dachte, sagte sie: »Ach, wären doch meine Schwestern auch +erlös't!« -- »Wo sind die?« fragte Halvor. Da erzählte sie ihm, daß die +eine von einem Trollen auf einem Schloß festgehalten würde, das sechs +Meilen von da entfernt wäre, und die andre auf einem Schloß, das noch +neun Meilen weiter davon läge. + +»Aber jetzt,« sagte sie: »musst Du mir erst helfen, diesen Rumpf +hinauszuschaffen.« + +Dazu war Halvor sogleich bereit; er warf den Rumpf hinaus und machte +Alles rein und sauber drinnen, und darauf lebten sie lustig und +vergnügt. Den nächsten Morgen aber machte Halvor sich auf, sobald es +dämmerte; er gönnte sich keinen Augenblick Ruhe, sondern ging und lief +den ganzen Tag. Als er aber endlich das Schloß vor sich sah, ward ihm +doch wieder etwas unheimlich zu Muthe; es war noch weit schöner und +prächtiger, als das vorige; aber auch hier war keine Menschenseele zu +sehen. Halvor trat zuerst in die Küche und ging von da grade aus ins +Zimmer. »Wie? darf denn eine Christenseele hieher kommen?« rief die +Prinzessinn: »Ich weiß nicht, wie lange ich nun schon hier bin,« sagte +sie: »aber in all der Zeit habe ich noch nie einen Menschen hier +gesehen. Es ist aber wohl am besten für Dich, Du siehst zu, daß Du +wieder fortkommst; denn es wohnt hier ein Troll, der hat sechs Köpfe.« +-- »Nein, ich gehe nicht,« sagte Halvor: »und wenn er noch sechs +dazu hätte.« -- »Er nimmt Dich und frisst Dich lebendig,« sagte die +Prinzessinn. Aber es half nichts; Halvor wollte nicht wieder fortgehen, +denn er war nicht bange vor dem Trollen; aber zu essen und zu trinken +wollte er haben, weil er so entsetzlich hungrig war von der Reise. Ja, +das bekam er, so Viel er nur mochte. Darnach aber wollte die Prinzessinn +wieder, daß er gehen sollte. »Nein,« sagte Halvor: »ich gehe nicht; denn +ich habe nichts Böses gethan und brauche mich nicht zu fürchten.« Als +nun Halvor durchaus nicht gehen wollte, sagte die Prinzessinn zu ihm: +»Versuche denn, ob Du das Schwert zu schwingen vermagst, das dort an der +Wand hangt, und das der Troll immer im Kriege gebraucht.« Halvor konnte +aber das Schwert nicht schwingen. Da sagte sie zu ihm, er solle einen +Trunk aus der Flasche thun, die daneben hange; und als Halvor das gethan +hatte, konnte er das Schwert ohne Mühe schwingen. + +Nun dauerte es nicht lange, so kam der Troll an; er war so groß +und breit, daß er seitwärts durch die Thür gehen mußte. Als er den +ersten Kopf hereinsteckte, rief er: »_Hutetu! es riecht hier so nach +Menschenfleisch!_« In demselben Augenblick aber hieb Halvor ihm den Kopf +ab, und darnach alle die andern dazu. Da ward die Prinzessinn über alle +Maßen froh. Als sie aber an ihre Schwestern dachte, äußerte sie den +Wunsch, daß auch die erlös't sein möchten. Halvor meinte, dazu könne +schon Rath werden und wollte sogleich wieder fort; aber erst mußte er +der Prinzessinn den Rumpf des Trollen hinausschaffen helfen, und darnach +begab er sich früh am andern Morgen auf den Weg. Er hatte aber eine +weite Reise zu machen, und er ging und lief abwechselnd, damit er noch +zu guter Zeit ankäme. Gegen Abend erblickte er endlich das Schloß, das +noch weit schöner und prachtvoller war, als die beiden ersten. Nun +fürchtete er sich nicht im geringsten mehr, sondern schritt grade durch +die Küche fort ins Zimmer. Hier saß eine Prinzessinn, die war so schön, +daß es gar nicht zu beschreiben ist; die sagte nun eben so, wie die +andern, daß sie noch keine Menschenseele gesehen hätte, so lange sie bei +dem Trollen sei, und bat ihn, nur sogleich wieder zu gehen, denn sonst +fräße der Troll, der neun Köpfe hätte, ihn lebendig auf, sagte sie. »Und +wenn er noch neun dazu hätte, so gehe ich doch nicht,« sagte Halvor und +stellte sich an den Ofen hin. Die Prinzessinn bat ihn so flehentlich, er +möchte doch wieder fortgehen, damit der Troll ihn nicht auffresse; aber +Halvor sagte: »Mag er nur kommen, wenn es ihm gefällt.« Da gab die +Prinzessinn ihm das Trollschwert und ließ ihn einen Trunk aus der +Flasche thun, so daß er's schwingen konnte. + +Nun dauerte es nicht gar lange, so kam der Troll dahergesaus't, der war +aber noch weit größer und breiter, als die beiden andern und mußte +ebenfalls seitwärts durch die Thür gehen. Als er den ersten Kopf +hereinsteckte, sagte er eben so, wie die andern: »_Hutetu! hier riecht's +so nach Menschenfleisch!_« Im selben Augenblick aber hieb Halvor ihm +den Kopf herunter, und nachher auch alle die andern, aber der letzte war +der allerzäheste; den abzuhauen war die schwerste Arbeit, die Halvor je +verrichtet hatte, obgleich er doch meinte, daß er Kräfte habe. + +Als Halvor nun auch den dritten Trollen getödtet hatte, kamen alle +Prinzessinnen auf dem Schloß zusammen und waren so heiter und vergnügt, +wie sie es noch nie in ihrem Leben gewesen; alle aber waren sie in +Halvor verliebt, und er durfte nur Diejenige von ihnen wählen, die er +am liebsten mochte; die jüngste Prinzessinn hielt jedoch am meisten von +ihm. Halvor aber stand da ganz still und betrübt. Da fragte die jüngste +Prinzessinn ihn, warum er so traurig wäre, und ob es ihm nicht bei ihnen +gefiele. Ja, sagte Halvor, es gefiele ihm sehr wohl bei ihnen, denn sie +hätten ja Genug zu leben, und er hätte gute Tage; aber er trüge ein so +großes Verlangen nach Hause, denn er hätte noch Ältern am Leben, und +die möchte er so gern einmal wiedersehen. Die Prinzessinnen meinten, +das ließe sich wohl machen und sagten zu ihm: »Du sollst unbeschädigt +hin- und zurückkommen, wenn Du nur genau unsern Rath befolgen willst.« +Ja, Halvor wollte ihn genau befolgen. Da thaten sie ihm herrliche +Kleider an, daß er aussah, wie ein Königssohn, und steckten an seinen +Finger einen Ring, der hatte die Eigenschaft, daß er sich damit hin und +wieder zurück wünschen konnte. Die Prinzessinnen warnten ihn aber, ja +den Ring nicht zu verlieren und nicht ihren Namen zu nennen, denn +alsdann wäre es aus mit der ganzen Herrlichkeit, sagten sie, und er +würde sie dann nie wiedersehen. + +»Wäre ich jetzt zu Hause, wollte ich froh sein!« sagte Halvor; und wie +er das gewünscht hatte, ging es sogleich in Erfüllung -- Halvor stand +plötzlich vor dem Hause seiner Ältern. Es war eben um die Schubstunde, +und da seine Ältern einen so vornehmen, stattlichen Herrn eintreten +sahen, waren sie ganz erschrocken und bückten und verneigten sich. +Halvor fragte, ob er nicht Nachtherberge bei ihnen bekommen könne. Nein, +das könne er ganz und gar nicht. »Wir sind nicht so eingerichtet,« +sagten sie: »denn wir haben weder das Eine, noch das Andre, womit einem +solchen Herrn gedient sein kann,« und riethen ihm, auf's Schloß zu +gehen, wovon er da den Schornstein sähe, da hätten sie Alles vollauf, +sagten sie. Halvor aber gefiel das gar nicht, er wollte durchaus bei +ihnen Herberge haben; aber die Leute blieben dabei, er solle auf's +Schloß gehen, da könne er sowohl zu essen, als zu trinken bekommen, +während sie nicht einmal einen Stuhl ihm anzubieten hätten. »Nein,« +sagte Halvor: »auf's Schloß will ich nicht eher, als morgen früh; lasst +mich nur die Nacht bei Euch bleiben, ich kann mich ja auf den Herd +hinsetzen.« Dagegen konnten sie denn Nichts einwenden, und Halvor setzte +sich nun auf den Herd und fing an, in der Asche zu wühlen, wie er +ehemals zu thun pflegte, da er noch zu Hause faulenzte. + +Sie sprachen nun von Mancherlei, und Halvor erzählte von Diesem und +Jenem, und endlich fragte er sie, ob sie niemals Kinder gehabt hätten. +Ja, sagten sie, sie hätten einen Burschen gehabt, der Halvor geheißen, +der sei aber fortgewandert, und sie wüßten nicht, ob er noch am Leben +sei, oder schon todt wäre. »Könnt' ich es wohl nicht sein?« sagte +Halvor. -- »Nein, das weiß ich gewiß,« sagte die Frau: »der Halvor war +immer so faul und träge, daß er nie das Geringste thun mochte, und dann +ging er so lumpig in seinen Kleidern, daß ein Lappen immer auf den +andern schlug; aus ihm hätte nie ein solcher Herr werden können, wie Ihr +seid.« + +Als aber die Frau die Gluth auf dem Herd anschürte, und der helle Schein +davon auf Halvor fiel, da erkannte sie ihn wieder. + +»Ja, wahrhaftig bist Du es, Halvor!« rief sie, und es kam eine solche +Freude über die alten Ältern, daß es gar nicht zu sagen ist; und Halvor +mußte ihnen nun erzählen, wie es ihm ergangen war, und seine Mutter +wollte durchaus, er solle sogleich auf's Schloß gehen und sich den +Dienstdirnen zeigen, die immer so stolz gethan hatten; sie lief selber +voraus und erzählte ihnen, daß Halvor zu Hause gekommen sei, und jetzt +sollten sie nur sehen, wie stattlich er wäre; er sähe aus wie ein Prinz, +sagte sie. + +»Das muß wahr sein!« sagten die Dirnen und warfen den Nacken: »er ist +wohl derselbe Lump, der er immer gewesen ist.« Im selben Augenblick aber +trat Halvor ein, und da erschraken die Dirnen so gewaltig, daß sie ihr +Hemd auf dem Herd im Stich ließen, wo sie saßen und sich flöh'ten, und +im bloßen Unterrock davon liefen. Als sie zurückkamen, waren sie so +beschämt, daß sie es gar nicht wagten, Halvor anzusehen, gegen den sie +früher immer so stolz und übermüthig gewesen waren. »Ihr habt Euch nun +immer für so fein und so hübsch gehalten,« sagte Halvor: »und glaubt, +es gäbe gar nicht mehr Euresgleichen; Ihr solltet aber nur die älteste +Prinzessinn sehen, die ich befrei't habe! gegen die seht Ihr aus wie +wahre Viehmägde, und die zweite ist noch schöner; aber die jüngste, die +meine Braut ist, die ist schöner, als Sonne und Mond. Ich wollte nur, +sie wären hier, so solltet Ihr sehen!« sagte Halvor. + +Kaum aber hatte er das gesagt, so standen die Prinzessinnen vor ihm; das +betrübte ihn sehr; denn er gedachte nun an die Worte, die sie +gesprochen. -- Auf dem Schloß wurde ein herrliches Gastmahl für die +Prinzessinnen angerichtet und großer Aufwand gemacht. Aber sie blieben +da nicht lange. »Wir wollen zu Deinen Ältern gehen,« sagten sie: »und +uns ein wenig die Umgegend besehen.« Sie gingen darauf fort und kamen +nicht weit vom Schloß zu einem großen Wasser, worin so viele Fische +waren, daß es davon wimmelte, die aber niemals gefangen wurden. Dicht +beim Wasser war ein schöner grüner Hügel. Da wollten die Prinzessinnen +sich niedersetzen und sich ein Weilchen ausruhen; denn die Aussicht über +das Wasser gefiel ihnen so schön, sagten sie. + +Als sie nun eine Weile da gesessen hatten, sagte die jüngste Prinzessinn: +»Komm, Halvor! ich will Dir den Kopf krauen!« Halvor legte seinen Kopf +auf ihren Schoß, und es dauerte nicht lange, so schlief er ein. Da zog +die Prinzessinn ihm den Ring vom Finger und steckte ihm einen andern +daran. Darnach sprach sie: »Haltet Euch nun alle fest an mir!« -- und: +»Wären wir jetzt auf Soria-Moria-Schloß!« + +Als Halvor erwachte und sah, daß die Prinzessinnen verschwunden waren, +fing er bitterlich an zu weinen und war so betrübt, daß sie ihn gar +nicht wieder beruhigen konnten. Wie sehr auch die Ältern ihn trösteten +und ihn baten, bei ihnen zu bleiben, so konnte doch Nichts ihn +zurückhalten, sondern er nahm Abschied von ihnen und sagte, er würde +sie wohl nie wiedersehen; denn fände er die Prinzessinnen nicht wieder, +schiene es ihm nicht werth, länger zu leben, sagte er. + +Dreihundert Thaler hatte er noch übrig, die steckte er in die Tasche und +begab sich damit auf den Weg. Als er ein Ende gegangen war, begegnete +ihm ein Mann mit einem Pferd, das wollte Halvor ihm gern abkaufen und +accordirte mit dem Manne. »Es war freilich nicht meine Absicht, es zu +verkaufen,« sagte der Mann: »aber wenn wir des Handels einig werden +können, mag es drum sein.« Halvor fragte ihn, Was er denn für das Pferd +haben wolle. »Viel habe ich nicht dafür gegeben, und Viel ist es auch +nicht werth,« sagte der Mann: »es ist aber ein braves Pferd zum Reiten, +obwohl es zum Ziehen eigentlich nicht taugt; doch so Viel vermag es +immer, daß es Euern Eßranzen trägt und Euch dazu, wenn Ihr mitunter +mal wieder ein Ende geht.« Sie wurden nun um den Preis einig, und als +Halvor das Pferd bekommen hatte, legte er seinen Ranzen darauf und ging +und ritt abwechselnd. Gegen Abend kam er zu einem grünen Hügel, worauf +ein großer Baum stand. Da nahm er seinen Eßranzen vom Pferde, ließ diesem +die Zügel und legte sich unter dem Baum schlafen. Sobald es Tag wurde, +machte er sich wieder auf den Weg; denn er hatte durchaus keine Ruhe. Er +ging und ritt den ganzen Tag durch einen großen Wald, worin viele grüne +Plätze waren, die herrlich zwischen die Bäume hindurchschimmerten. Halvor +wußte nicht mehr, wo er war, und wohin der Weg führte; aber er ließ sich +keine Zeit, auszuruhen, außer wenn er dem Pferd Etwas zu essen gab und +er selber auf einem der grünen Plätze seinen Ranzen aufschnürte. Er ging +und ritt immerfort, und der Wald schien niemals ein Ende nehmen zu +wollen. + +Aber am andern Morgen, als es dämmerte, sah er, daß es zwischen den +Bäumen lichter ward. »Ich wollte, ich käme jetzt zu Leuten, wo ich mich +ein wenig wärmen und Etwas zu essen bekommen könnte!« dachte Halvor; und +als er noch einige Schritte gegangen war, kam er zu einer armseligen +Hütte und sah drinnen durch die Fensterscheiben ein Paar alte Leute; sie +waren schon sehr alt und hatten einen ganz grauen Kopf, so grau, wie +Tauben, und die Frau hatte eine Nase, die war so lang, daß sie sie statt +Feuergabel auf dem Herd gebrauchte. »Guten Abend!« sagte Halvor, als er +eintrat. »Guten Abend!« sagte die Frau: »Was führt Euch denn hieher? +Über hundert Jahre sind es jetzt, daß keine Menschenseele hier gewesen +ist.« Halvor erzählte ihnen, daß er nach Soria-Moria-Schloß wolle, und +fragte, ob sie nicht den Weg dahin wüßten. »Nein,« sagte die Frau: »den +weiß ich nicht; aber nun kommt gleich der Mond, den will ich fragen; +denn der scheint auf Alles und sieht Alles, der mag es wohl wissen.« +Als nun der Mond hell und klar über den Bäumen stand, ging die Frau +hinaus und rief: »Du Mond, Du Mond! kannst Du mir nicht den Weg nach +Soria-Moria-Schloß sagen?« -- »Nein,« sagte der Mond: »das kann ich +nicht; denn als ich in der Gegend schien, stand eine Wolke davor.« +-- »Warte nur ein wenig,« sagte die Frau zu Halvor: »nun kommt bald der +Westwind, der weiß es gewiß; denn der weh't und bläs't in jeden Winkel.« +»Ei! hast Du auch ein Pferd?« rief sie darauf, als sie Halvors Pferd +erblickte: »laß doch das arme Thier ein wenig in die Koppel hinaus, und +hier nicht bei der Thür stehen und hungern!« »Aber willst Du es mir +nicht vertauschen?« sagte sie: »Ich habe hier ein Paar alte Stiefeln +stehen, womit Du sieben Meilen in _einem_ Schritt machen kannst; die +will ich Dir für Dein Pferd geben; dann kannst Du um so viel eher nach +Soria-Moria-Schloß kommen.« Das war Halvor schon recht, und die Alte +freu'te sich so sehr über das Pferd, daß sie tanzte und sprang. »Nun +kann ich doch, wenn ich will, zur Kirche _reiten!_« sagte sie. Halvor, +der keine Ruhe hatte, wollte sogleich mit den Stiefeln fort; aber die +Alte sagte: »Es hat nicht so große Eile; lege Dich nur erst ein wenig +auf die Bank hin und schlafe, denn ein Bett habe ich Dir nicht +anzubieten; indeß will ich aufpassen, wenn der Westwind kommt.« + +Als nun Halvor ein wenig geschlafen hatte, kam der Westwind dahergesaus't, +daß die alte Hütte krachte. Die Alte hinaus: »Du Westwind! Du Westwind!« +rief sie: »weißt Du nicht den Weg nach Soria-Moria-Schloß? Hier ist +Einer, der will gern hin.« -- »Ja, den weiß ich sehr gut,« sagte der +Westwind: »ich soll eben jetzt dahin und die Kleider zur Hochzeit +trocknen. Ist er rasch zu Fuß, so kann er mit mir reisen.« Halvor +hinaus. »Du musst schnell sein, wenn Du mit willst,« sagte der Westwind, +und fort ging's über Rusch und Busch, über Hügel und Thal, so daß Halvor +Genug zu thun hatte, um Schritt zu halten. Endlich sagte der Westwind: +»Jetzt kann ich nicht weiter mit Dir reisen; denn ich muß dort noch erst +ein Stück Tannenwald umreißen, eh' ich zur Bleiche komme und die Kleider +trockne; wenn Du aber längs der Bergseite fortgehst, so kommst Du zu +einigen Dirnen, die dort stehen und Zeug waschen, und von da ist es +nicht mehr weit nach Soria-Moria-Schloß.« + +Um eine Weile kam Halvor zu den Dirnen, die da stunden und wuschen; sie +fragten ihn, ob er nicht den Westwind gesehen hätte, der sollte kommen +und das Zeug zur Hochzeit trocknen. »Ja,« sagte Halvor: »er ist nur hin +und reißt ein Stück Tannenwald um; es wird aber nicht lange dauern, so +ist er da,« und nun befragte er sie um den Weg nach Soria-Moria-Schloß. +Sie zeigten ihn darauf zurecht, und als er ans Schloß kam, war es da so +voll von Menschen und Pferden, daß es wimmelte. Halvor aber war so +zerlumpt und zerrissen, weil er dem Westwind über Rusch und Busch und +Stock und Stein gefolgt war, daß er sich gar nicht sehen lassen mochte, +sondern sich abseits hielt; erst den letzten Tag trat er hervor, da eben +die Gäste sich zur Tafel setzten. Als sie nun, wie es Sitte und Gebrauch +ist, die Gesundheit des Bräutigams und der Braut tranken und ihnen Glück +wünschten, und der Mundschenk Allen, sowohl Rittern, als Knappen, zutrank, +da kam der Becher auch zu Halvor. Er brachte nun ebenfalls die Gesundheit +des Brautpaars aus, darnach ließ er den Ring, den die Prinzessinn ihm an +den Finger gesteckt hatte, als er an dem Wasser eingeschlafen war, in +den Becher fallen und sagte zu dem Mundschenken, er solle die Braut von +ihm grüßen und ihr den Becher reichen. Wie nun die Prinzessinn ihren +Ring erblickte, stand sie sogleich vom Tische auf und sprach: »Wer hat +es wohl am ersten verdient, Eine von uns zur Gemahlinn zu haben. Der, +welcher uns befrei't hat, oder Der, welcher hier als Bräutigam sitzt?« +Natürlich der Erste, sagten Alle, darüber könnten durchaus nicht zwei +Meinungen sein. Und als Halvor das hörte, säumte er nicht, seine Lumpen +abzuwerfen und sich als Bräutigam zu schmücken. »Ja, Das ist der +Rechte!« rief die Prinzessinn, als sie ihn erblickte, ließ den Andern +mit einer langen Nase abziehen und hielt Hochzeit mit Halvor. + + + + +28. + +Der Herr Peter. + + +Es waren einmal ein Paar arme Eheleute, die hatten drei Söhne. Wie die +beiden ältesten hießen, weiß ich nicht; aber der jüngste hieß _Peter_. +Als die Ältern gestorben waren, und die Kinder sich in die Erbschaft +theilen wollten, war Nichts da, als ein Grapen, eine Brodplatte und eine +Katze. Der älteste, welcher das Beste haben sollte, nahm den Grapen. +»Wenn ich den ausleihe, bleibt doch immer Etwas für mich auszuschrapen +drin,« sagte er. Der zweite nahm die Brodplatte: »Wenn ich die ausleihe, +bleibt doch immer Etwas für mich abzukratzen dran,« sagte er. Für +den jüngsten blieb nichts Anders übrig, als die Katze. »Wenn ich die +ausleihe, bekomm' ich Nichts dafür,« sagte er: »giebt man ihr auch ein +wenig Milch, so schleckt sie sie selbst.« Gleichwohl nahm er doch die +Katze; denn es jammerte ihn, sie umkommen zu lassen. + +Hierauf wanderten die Brüder fort in die Welt, um ihr Glück zu versuchen, +und jeder zog seine Straße. Als der jüngste eine Weile fortgegangen war, +sagte die Katze: »Es soll Dir nicht leid sein, daß Du mich nicht in der +alten Hütte hast umkommen lassen, sondern mich mit Dir genommen. Ich +werde in den Wald gehen und allerlei Gethier greifen, das sollst Du zu dem +König auf das Schloß tragen, das Du dort siehst, und sagen, Du brächtest +ihm ein kleines Geschenk. Wenn er Dich dann fragt, von Wem das ist, +sollst Du sagen: 'Das ist von dem _Herrn Peter_.'« Hierauf lief die +Katze in den Wald, und kam bald mit einem lebendigen Rennthier zurück; +dem war sie auf den Kopf gesprungen, hatte sich zwischen die Hörner +gesetzt und gesagt: »Gehst Du nicht gradesweges zu des Königs Schloß, +so kratze ich Dir die Augen aus,« darum wagte das Rennthier auch nicht, +anders zu thun, als die Katze ihm gesagt hatte. Wie Halvor nun zum +Schloß kam, ging er mit seinem Thier in die Küche und sagte: »Ich komme, +um dem König ein kleines Geschenk zu überbringen, wenn er es nicht +verschmähen wollte.« Als man dem König das anmeldete, kam er sogleich +in die Küche, und wie er das große schöne Rennthier erblickte, war er +darüber außerordentlich erfreu't. »Mein lieber Freund,« sagte er zu +Halvor: »Wer ist es, der mir ein so schönes Geschenk sendet?« -- »O, das +ist der Herr Peter,« sagte der Bursch. »Der Herr Peter?« sagte der +König: »wo wohnt er doch noch, dieser Herr Peter?« denn es däuchte ihm +eine Schande, daß er einen solchen Mann nicht kennen sollte. Aber der +Bursch wollt' es ihm nicht sagen; er dürfe es nicht wegen seines Herrn, +sagte er. Darauf gab der König ihm ein gutes Trinkgeld und bat ihn, +seinen Herrn von ihm zu grüßen, und er ließe sich auch vielmal bedanken. + +Den andern Tag lief die Katze wieder in den Wald, sprang einem Hirsch +auf den Kopf, setzte sich ihm zwischen die Augen und nöthigte ihn +ebenfalls durch Drohungen, nach des Königs Schloß zu gehen. Als Peter in +die Küche eintrat, sagte er wieder, er käme, um dem König ein kleines +Geschenk zu überbringen, wenn er es nicht verschmähen wolle. Der König +freu'te sich über den Hirsch noch mehr, als über das Rennthier, und +fragte, Wer es denn wäre, der ihm ein so schönes Geschenk sende. »Das +ist der Herr Peter,« sagte der Bursch. Als aber der König wissen wollte, +wo der Herr Peter wohne, bekam er wieder dieselbe Antwort, wie den +vorigen Tag, und diesmal gab er Petern ein noch größeres Trinkgeld. + +Den dritten Tag kam die Katze mit einem Elenthier an. Als Peter in die +Küche auf dem Schloß trat und sagte, er brächte dem König ein kleines +Geschenk, ward es dem König sogleich angesagt. Wie dieser nun herauskam +und das große schöne Elenthier erblickte, war er darüber so voller +Freude, daß er nicht wußte, »auf welchem Bein er stehen wollte,« und das +Mal gab er Petern ein noch weit größeres Trinkgeld, es waren gewiß +hundert Thaler. Nun wollte aber der König durchaus wissen, wo der Herr +Peter wohnte, und forschte und fragte auf alle mögliche Weise; aber +Peter sagte, er dürfe es nicht sagen von wegen seines Herrn, denn der +hätte es ihm so strenge verboten. »So sage denn dem Herrn Peter, ich +ließe ihn bitten, mich zu besuchen,« sagte der König. Ja, sagte der +Bursch, er wollt's wohl bestellen. Als Peter darauf zu der Katze kam, +sagte er: »Na, Du hast mich in eine schöne Patsche gebracht! Nun will +der König, ich soll ihn besuchen, und ich habe ja nichts Anders auf +den Leib zu ziehen, als die Lumpen, worin ich gehe und stehe.« -- »O, +sei deßwegen nicht bekümmert!« sagte die Katze: »um drei Tage sollst +Du Pferde und Wagen und so schöne Kleider bekommen, daß das Gold +heruntertröpfelt; dann kannst Du den König besuchen. Aber Was Du auch +beim König siehst, so musst Du immer sagen, Du hättest es noch weit +schöner und prächtiger zu Hause; das musst Du nicht vergessen.« Nein, +Peter wollt's nicht vergessen. -- Als nun die drei Tage um waren, kam +die Katze mit Wagen und Pferden und Kleidern und Allem, was Peter +gebrauchte. Das Alles aber war so prächtig, wie Niemand Dergleichen +noch gesehen hatte. Nun fuhr Peter nach dem Schloß, und die Katze lief +hinterher. Der König empfing den Burschen sehr freundlich; aber Was er +ihm auch zeigen und anbieten mochte, so sagte Peter immer, ja, das wäre +Alles recht gut, aber er hätt's doch noch weit schöner und prächtiger zu +Hause. Das wollte nun dem König gar nicht anstehen, aber Peter blieb +immer beim Alten. Zuletzt ward der König so verdrießlich, daß er sich +nicht länger halten konnte. »Nun will ich mit Dir reisen,« sagte er: +»und sehen, ob es wahr ist, daß Du Alles so viel besser und schöner +hast, als ich. Aber Gnade Dir Gott, wenn Du lügst! Ich sage nicht mehr.« +-- »Ja, nun hast Du mich schön in die Tinte gebracht!« sagte Peter zu +der Katze: »nun will der König mit mir reisen nach meinem Hause, aber +das ist wohl nicht gut zu finden.« -- »Laß Dich das nicht kümmern!« +sagte die Katze: »ich werde voranlaufen, und folge Du mir dann nur immer +nach.« Darauf reis'ten sie fort: die Katze voran, darnach Peter, welcher +hinter ihr her fuhr, und dann der König mit seinem ganzen Hofstaat. + +Als sie nun ein gutes Ende gefahren waren, kamen sie zu einer großen +Heerde Schafe, die hatte Wolle, so lang, daß sie an der Erde schleppte. +»Willst Du sagen, daß diese Schafheerde dem Herrn Peter gehört, so gebe +ich Dir diesen silbernen Löffel,« sagte die Katze zum Hirten -- den +Löffel aber hatte sie mit aus dem Königsschloß genommen --. Ja, das +wollte der Hirte wohl sagen. Als nun der König gefahren kam, rief er: +»Ei! ei! hab' ich doch nie eine so große schöne Schafheerde gesehen! Wem +gehört die, mein kleiner Bursch?« -- »Die gehört dem Herrn Peter,« sagte +der Bursch. + +Nach einer Weile kamen sie zu einer schönen großen Heerde scheckiger +Kühe, die waren so fett, daß sie glänzten. »Willst Du sagen, daß diese +Heerde dem Herrn Peter gehört, wenn der König Dich fragt, so gebe ich Dir +diesen silbernen Handzuber,« sagte die Katze zu der Dirn, die das Vieh +trieb -- den Zuber aber hatte sie auch aus dem Schloß mitgenommen --. »Ja, +recht gern!« sagte die Dirn. Als nun der König gefahren kam, wunderte +er sich sehr über die große schöne Heerde; eine so schöne Viehheerde, +meinte er, hätte er noch nie gesehen; und als er die Dirn fragte, Wem +das Vieh gehöre, sagte sie: »O, das gehört alles dem Herrn Peter.« + +Ein Ende weiter hin trafen sie eine große schöne Koppel Pferde an, es +waren die schönsten Pferde, die man sehen konnte; alle waren sie groß und +fett, und von jeder Farbe waren sechs: rothe, fahle und blaue. »Willst +Du sagen, daß diese Pferdetrift dem Herrn Peter gehört, wenn der König +Dich fragt, so geb' ich Dir diesen silbernen Abguß,« sagte die Katze zum +Hirten -- den Abguß hatte sie auch aus dem Schloß mitgenommen --. Ja, +der Bursch wollt's wohl sagen. Als nun der König ankam, war er ganz +verwundert über die große schöne Pferdetrift; denn solche Pferde hätte +er noch nie gesehen, sagte er, und als er den Burschen fragte, Wem alle +die rothen und fahlen und blauen Pferde gehörten, sagte der: »Die +gehören alle dem Herrn Peter.« + +Als sie nun ein gutes Ende weiter gereis't waren, kamen sie zu einem +Schloß. Die erste Pforte war von Messing, die zweite von Silber, und die +dritte von Gold. Das Schloß selbst war von Silber und so blank, daß es +Einem in den Augen weh that, wenn man es ansah; denn es schien grade die +Sonne darauf, wie sie ankamen. Die Katze hatte die Gelegenheit ersehen, +dem Burschen unbemerkt ins Ohr zu flüstern, er solle sagen, das wäre +_sein_ Schloß. Drinnen im Schloß aber war's noch viel prächtiger, als +außen: Alles war hier von Gold, sowohl die Stühle, als die Tische und +die Bänke. Als nun der König rings umhergegangen war und Alles genau +betrachtet hatte, von unten und von oben, da ward er ganz beschämt. +»Ja, der Herr Peter hat Alles weit prächtiger, als ich,« sagte er: »es +hilft nicht, daß man es leugnet,« und damit wollte er wieder fortreisen. +Aber Peter bat ihn, er möchte doch bleiben und bei ihm zu Abend essen. +Na, das that denn der König auch; aber sauer sah er die ganze Zeit. +-- Während sie nun bei Tische saßen, kam der Troll gegangen, dem das +Schloß gehörte, und klopfte an die Pforte. »_Wer ist es, der mein Essen +verzehrt und meinen Meth trinkt, als wären Schweine drinnen?_« rief er. +Als die Katze das hörte, lief sie sogleich hinaus, trat an die Pforte +und sprach: »Wart einmal! ich will Dir erzählen, wie der Bauer es mit +dem Winterkorn macht,« und darauf erzählte sie dem Trollen sehr weitläufig +vom Winterkorn: wie zuerst der Bauer seinen Acker pflüge, darnach ihn +dünge, und dann wieder pflüge u. s. w., bis plötzlich die Sonne +aufging[7]. »Sieh Dich mal um, dann wirst Du hinter Dir die schöne +herrliche Jungfrau erblicken!« sagte die Katze zum Trollen. Da sah +dieser sich um, erblickte die Sonne und barst mitten von einander[8]. + +»Nun gehört Alles Dir,« sagte darauf die Katze zu Petern: »Jetzt aber +sollst Du mir den Kopf abschlagen, das ist der einzige Lohn, den ich +für die Dienste verlange, die ich Dir gethan habe.« Das wollte aber +Peter durchaus nicht. »Wenn Du es nicht thust,« sagte die Katze: »so +kratze ich Dir die Augen aus.« Da konnte Peter nicht anders, sondern +mußte thun, wie die Katze wollte, so sauer es ihm auch ankam: mit +_einem_ Streich hatte er ihr den Kopf vom Rumpf abgehau't. Da stand +aber plötzlich vor ihm die schönste Prinzessinn, die man je gesehen +hat, und Peter wurde augenblicklich ganz in sie verliebt. »Alle diese +Herrlichkeit gehörte früher mir,« sagte die Prinzessinn: »aber der Troll +hatte mich verzaubert, so daß ich als Katze in dem Hause Deiner Ältern +sein mußte. Nun kannst Du thun, Was Du willst, mich zu Deiner Gemahlinn +nehmen, oder nicht; denn nun bist Du König über das ganze Reich.« -- Der +nicht nein sagte, das war Peter, und es ward eine Hochzeit gehalten und +ein Gastmahl, das dauerte ganze acht Tage lang. Nun war ich aber nicht +länger bei dem Herrn Peter und der jungen Königinn. + + + + +29. + +Aase[9], das kleine Gänsemädchen. + + +Es war einmal ein König, der hatte so viele Gänse, daß er eigens eine +Dirn halten mußte, sie zu hüten; diese Dirn hieß Aase, und darum nannten +die Leute sie _Aase, das Gänsemädchen_. Nun traf es sich, daß der +Königssohn von England aufs Freien ausreis'te, dem setzte Aase sich in +den Weg. »Was sitzest Du da, Du kleine Aase?« sagte der Königssohn. »Ich +sitze hier und flicke das Zeug und setze Lappen auf Lappen,« sagte Aase: +»denn ich warte auf den Königssohn von England.« -- »Den kannst Du nicht +bekommen,« sagte der Prinz. »Wenn ich ihn haben soll, dann werd' ich ihn +wohl kriegen,« sagte die kleine Aase. -- Es wurden nun Maler ausgesandt +nach allen Ländern und Reichen, die sollten die schönsten Prinzessinnen +abmalen, und dann wollte der Königssohn sich eine zur Gemahlinn aussuchen. +Eine von ihnen gefiel ihm auch so gut, daß er sogleich zu ihr reis'te +und um sie frei'te; sie sagte auch Ja und ward seine Braut, und darüber +war der Prinz außerordentlich vergnügt. Nun hatte aber der Prinz einen +Stein, und wenn er den vor sein Bett hinlegte, sagte der ihm Alles, +worüber er ihn befragte. Als daher die Prinzessinn angereis't kam, sagte +Aase, das Gänsemädchen, zu ihr, wenn sie schon früher einen Liebsten +gehabt hätte, oder sich wegen einer gewissen Sache, wovon der Prinz +Nichts wissen solle, etwa nicht frei fühle, so müsse sie sich in Acht +nehmen, daß sie nicht über den Stein trete, den der Prinz vor sein Bett +hingelegt hätte, denn der sage ihm Alles. Als die Prinzessinn das hörte, +ward sie sehr angst und bat die kleine Aase, daß sie sich am Abend an +ihrer Stelle zu dem Prinzen ins Bett legen möchte, und wenn er dann +eingeschlafen sei, wollten sie wieder umtauschen, so daß er am Morgen, +wenn es hell würde, die Rechte bei sich hätte. Das thaten sie denn auch. +Als Aase, das Gänsemädchen, über den Stein trat, fragte der Prinz: »Wer +ist es, der in mein Bett steigt?« -- »Reine und keusche Jungfrau,« sagte +der Stein, und darauf legten sie sich schlafen. In der Nacht aber kam +die Prinzessinn und legte sich an Aase's Stelle. Als sie aber am andern +Morgen aufstanden, fragte der Prinz den Stein wieder: »Wer ist es, der +aus meinem Bett steigt?« -- »Eine, die schon drei Kinder gehabt hat,« +sagte der Stein. Wie der Prinz das hörte, wollte er sie nicht haben, +sondern schickte sie wieder nach Hause und nahm sich eine andre Braut. + +Als er nun die neue Braut besuchen wollte, hatte Aase, das kleine +Gänsemädchen, sich wieder vor ihm in den Weg hingesetzt. »Was sitzest +Du hier, Du kleine Aase?« sagte der Prinz. »Ich sitze hier und flicke +das Zeug und setze Lappen auf Lappen, denn ich warte auf den Königssohn +von England,« sagte Aase. »Den kannst Du nicht bekommen,« sagte der +Königssohn. »Wenn ich ihn haben soll, dann werd' ich ihn wohl kriegen,« +sagte Aase. + +Mit dieser Prinzessinn ging es nun eben so, wie mit der vorigen, nur mit +dem Unterschied, daß der Stein, als sie am Morgen aufstand, sagte, sie +hätte schon sechs Kinder gehabt. Nun wollte der Prinz auch sie nicht +haben, sondern jagte sie wieder aus dem Hause; aber einmal, meinte er, +wollt' er's noch versuchen, ob er nicht Eine finden könne, die noch eine +reine und keusche Jungfrau sei. Er reis'te nun weit umher durch viele +Länder, bis er endlich Eine fand, die er leiden mochte. Als er sie darauf +einmal besuchte, hatte Aase, das Gänsemädchen, sich wieder in den Weg +hingesetzt. »Was sitzest Du hier, Du kleine Aase?« fragte der Prinz. +»Ich sitze hier und flicke das Zeug und setze Lappen auf Lappen, denn +ich warte auf den Königssohn von England,« sagte Aase. »Den kannst Du +nicht bekommen,« sagte der Prinz. »Wenn ich ihn haben soll, dann werd' +ich ihn wohl kriegen,« versetzte die kleine Aase. + +Als die Prinzessinn ankam, sagte Aase, das Gänsemädchen, zu ihr eben so, +wie zu den beiden ersten, wenn sie schon einen Liebsten gehabt hätte, +oder sonst Etwas im Wege wäre, das der Prinz nicht wissen solle, so +müsse sie nicht über den Stein treten, den der Prinz vor sein Bett +hingelegt hätte, denn der sage ihm Alles. Wie die Prinzessinn das hörte, +ward sie sehr ängstlich; aber sie war eben so verschlagen, wie die +beiden andern, und bat Aase, daß sie sich am Abend an ihrer Stelle zu +dem Prinzen ins Bett legen möchte, und wenn er eingeschlafen sei, +wollten sie wieder umtauschen, so daß er am Morgen, wenn's hell würde, +die Rechte bei sich hätte. Das thaten sie denn auch. Als Aase, das +Gänsemädchen, über den Stein trat, fragte der Prinz wieder: »Wer ist es, +der in mein Bett steigt?« -- »Reine und keusche Jungfrau,» sagte der +Stein, und darauf legten sie sich schlafen. In der Nacht aber steckte +der Prinz einen Ring an Aase's Finger, der war aber so drange, daß sie +ihn nicht wieder abkriegen konnte; denn der Prinz hatte nachgerade wohl +gemerkt, daß es nicht ganz richtig zuging, und darum wollt' er ein +Zeichen haben, woran er die Rechte wieder erkennen könnte. Als der Prinz +eingeschlafen war, kam die Prinzessinn und jagte Aase in den Gänsestall +und legte sich selbst an ihre Stelle ins Bett. Wie sie nun am Morgen +aufstanden, und der Prinz fragte: »Wer ist es, der aus meinem Bett +steigt?« sagte der Stein wieder: »Eine, die schon drei Kinder gehabt +hat;« und als der Prinz das hörte, ward er so böse, daß er sie +augenblicklich aus dem Hause jagte. Darauf fragte er den Stein, wie es +denn mit diesen drei Prinzessinnen zusammenhinge, die über ihn gestiegen +wären. Da erzählte ihm der Stein, wie die Sache sich verhielt, und daß +die Prinzessinnen ihn betrogen und Aase, das kleine Gänsemädchen, an +ihre Stelle gelegt hätten. Das wollte der Prinz erst nicht glauben und +ging daher aufs Feld, wo Aase saß und die Gänse hütete; denn er wollte +sehen, ob sie wohl den Ring hätte. »Hat sie den, so ist es wohl am +besten, daß ich _sie_ zur Gemahlinn nehme,« dachte er. Als er nun zu ihr +auf's Feld kam, sah er, daß sie einen Lappen um ihren Finger gebunden +hatte. Er fragte sie, warum sie das gethan hätte. »Ach,« sagte sie: »ich +habe mich so arg geschnitten.« Der Prinz wollte nun durchaus den Finger +sehen; aber Aase wollte den Lappen nicht abnehmen. Da ergriff er ihren +Finger und hielt ihn fest, und wie Aase ihn zurückziehen wollte, ging +der Lappen ab, und nun erkannte der Prinz sogleich seinen Ring. Da nahm +er sie mit sich auf's Schloß und gab ihr viele schöne Kleider und +herrlichen Schmuck; und darauf hielten sie Hochzeit. So bekam nun Aase, +das kleine Gänsemädchen, den Königssohn von England, bloß weil es so +bestimmt war, daß sie ihn haben sollte. + + + + +30. + +Der Bursch und der Teufel. + + +Es war einmal ein Bursch, der ging auf einem Wege und knackte Nüsse; da +fand er eine, die war wurmstichig, und im selben Augenblick begegnete +ihm der Teufel. »Ist es wahr,« sagte der Bursch: »was man sagt, daß +der Teufel sich so klein machen kann, als er will, und sich durch ein +Nadelöhr zwängen?« -- »Ja,« antwortete der Teufel. »Oh! laß mich einmal +sehen und kriech in diese Nuß!« sagte der Bursch wieder; und das that +der Teufel. Als er durch das Loch gekrochen war, schlug der Bursch einen +Pflock hinein. »Nun hab' ich Dich!« sagte er und steckte die Nuß in die +Tasche. Wie er nun ein Ende gegangen war, kam er zu einer Schmiede, da +ging er hinein und bat den Schmied, er möchte ihm doch die Nuß entzwei +schlagen. »Ja, das soll leicht gethan sein,« antwortete der Schmied und +nahm seinen kleinsten Hammer, legte die Nuß auf den Amboß und schlug zu; +aber sie wollte nicht entzwei. Da nahm er einen etwas größeren Hammer, +aber der war auch noch nicht schwer genug; er nahm nun einen noch +größeren, aber der that's auch noch nicht. Da wurde der Schmied +verdrießlich und nahm den großen Hammer: »Ich werde dich gleichwohl +entzwei kriegen,« sagte er und schlug zu, all was er konnte. Da zerplatzte +die Nuß, daß das ganze Schmiededach abflog, und es krachte, als ob die +Hütte umstürzen wollte. »Ich glaube, der Teufel war in der Nuß!« sagte +der Schmied. »Ja, er war drin,« sagte der Bursch. + + * * * * * + + + + +Die von _P. Asbjörnsen_ und _Jörgen Moe_ gesammelten norwegischen +Volksmährchen, welche hier dem Publicum in zwei Bänden vorliegen, +erschienen in der Originalsprache in einzeln Heften, wovon das 4te (das +letzte bis jetzt erschienene Heft) als »des zweiten Bandes erstes Heft« +bezeichnet ist; die Sammlung ist also noch nicht als abgeschlossen +anzusehen, ungeachtet seit dem Erscheinen des letzten Heftes bereits +drei Jahre verflossen sind, wogegen die drei ersten Hefte im Verlauf +eines einzigen Jahrs erschienen. Möge es den geehrten Herausgebern +dieser Mährchen nicht an Aufmunterung fehlen, ihre schätzenswerthe +Sammlung fortzusetzen, in der das nordische Element so frisch und +kräftig bewahrt, und der Volkston so gut gehalten ist, so daß diese +Sammlung sich, nach dem Urtheile gründlicher Kritiker, als eine der +würdigsten an die der Brüder _Grimm_ anschließt. + +Daß alle diese Mährchen aus dem Munde des norwegischen Volkes selbst +gesammelt, und nicht etwa neuere Dichtungen sind, bemerkt ausdrücklich +einer der Herausgeber, der Herr _P. Asbjörnsen_, in der Einleitung zu +seinen »_Huldre-Eventyr_,« eine Sammlung norwegischer Volksmährchen, +worin die neckischen Huldregeister, wie in den vorliegenden die +ungeschlachten Trollen, die wichtigste Rolle spielen, welche Mährchen +jedoch im Ganzen mehr den Charakter örtlicher Sagen an sich tragen. +Sobald diese Sammlung zu einem Bändchen herangewachsen ist, werden wir +nicht unterlassen, auch diese dem deutschen Publicum mitzutheilen. + +Was die Übersetzung der vorliegenden Mährchen betrifft, so habe ich mich, +so weit es der Genius der Sprache nur erlaubte, genau an den Originaltext +gehalten. Einzelne unbedeutende Abänderungen wurden jedoch nothwendig, +wenn ich nicht zu schleppenden und allzu ermüdenden Umschreibungen meine +Zuflucht nehmen wollte. So ist z. B. in dem Mährchen: »Der Gertrudsvogel« +der Ausdruck _Levse_ auf deutsch bloß durch _Brod_ wiedergegeben, +obgleich das nordische _Levse_ sonst eine Art weiches mit einem runden +Holze flach gerolltes Gebäck bezeichnet. -- Die sehr oft vorkommende +Redensart bei den Trollen: »_Her lugter saa christen Mands Been_« habe +ich durch die in deutschen Mährchen sehr übliche Redensart im Munde +der Riesen: »_Es riecht hier so nach Menschenfleisch_« wiedergegeben; +vielleicht wäre es jedoch in diesem Falle richtiger gewesen, dem +nordischen Charakter getreu, zu sagen: »_Es riecht hier so nach +Christenfleisch_,« weil eben dadurch der unversöhnliche Haß der Trollen +gegen das Christenthum sich ausspricht, obwohl sie überdies auch oft als +Menschenfresser erscheinen. Diese Bemerkung drängte sich mir jedoch erst +auf, nachdem meine Übersetzung schon gedruckt war, und es bleibt mir +daher nur übrig, falls ich hiedurch einen wirklichen Fehler begangen +haben sollte, um gütige Nachsicht zu bitten. -- Einzelne nordische +Ausdrücke, die sich durchaus nicht übersetzen ließen, wenn nicht das +nordische Element gänzlich verwischt werden sollte, habe ich unverändert +beibehalten und in einer unten beigefügten Note die Erklärung davon +gegeben. + +Schließlich noch meinen innigsten Dank den in _Kopenhagen_ lebenden +Normännern, welche mir über die so häufig in dem Originaltexte +vorkommenden norwegischen Provinzialismen die nöthige Aufklärung gegeben +haben. Den größten Theil dieser Provinzialismen habe ich durch deutsche +Provinzialismen wiederzugeben gesucht, weil eben dadurch das Naive in +der Volkserzählung so charakteristisch hervortritt. + +F. BRESEMANN. +BERLIN im October. 1846. + + + + +FUSSNOTEN -- FOOTNOTES + + + 1. Ein auf Stollen oder Pfosten über der Erde aufgeführtes Gebäude, das + als Speisegewölbe oder Vorrathskammer dient. Anm. d. Übers. + + 2. Siehe die Note Seite 18. + + 3. Im Norwegischen ist das Wortspiel: _Ringerige_ und _Himmerige_. + _Ringerige_ heißt übrigens eine alte Provinz in Norwegen. + + 4. d. i. Holzrock. + + 5. Bei diesem Mährchen kommt Alles auf die Betonung an, indem man + nämlich die Stimme des Hahns und der Henne nachzuahmen sucht. + _Anm. d. Verf._ + + 6. _Lille_ bedeutet: klein; _kort_: kurz. + + 7. Bekanntlich sind in Norwegen die Nächte um die Mitte des Sommers nur + sehr kurz, so daß die Sonne fast beständig am Himmel steht. + Anm. d. Übers. + + 8. In der nordischen Mythologie heißt es sonst von den _Schwarzelfen_, + daß sie in Stein verwandelt werden, sobald die Sonne sie bescheint. + Anm. d. Übers. + + 9. Sprich: Oße. + + + + + * * * * * + + + + +TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME + +Contemporary spellings have generally been retained even when +inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been +corrected and some names regularised; missing punctuation has been +silently added. + +Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn +gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische +Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende +Zeichensetzung wurde ergänzt. + +The following additional changes have been made: + +Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen: + + + ein kleineres Stuck ein kleineres _Stück_ + + einenen Schluck _einen_ Schluck + + Tollprinz Trollprinz + + aber er er dachte aber _er_ dachte + + an dem Taschentuch, den an dem Taschentuch, _das_ + + das Eimer _den_ Eimer + + zum Zutragen hagen zum Zutragen _haben_ + + bis ich ihn wieder bis ich _ihm_ wieder + aufzustehen erlaube aufzustehen erlaube + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NORWEGISCHE VOLKSMäHRCHEN I.*** + + +******* This file should be named 29796-8.txt or 29796-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/9/7/9/29796 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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