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+The Project Gutenberg eBook, Norwegische Volksmährchen I., by P.
+Asbjörnsen and Jörgen Moe, et al, Translated by Friederich Bresemann
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Norwegische Volksmährchen I.
+ gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe
+
+
+Author: P. Asbjörnsen and Jörgen Moe
+
+
+
+Release Date: August 25, 2009 [eBook #29796]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NORWEGISCHE VOLKSMäHRCHEN I.***
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau and the Project Gutenberg Online
+Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Norwegische Volksmährchen.
+
+1.
+
+
+Norwegische
+Volksmährchen,
+gesammelt
+von
+P. Asbjörnsen und Jörgen Moe.
+
+Deutsch von Friederich Bresemann.
+
+Mit einem Vorworte
+von
+Ludwig Tieck.
+
+
+Erster Band.
+
+
+
+
+
+
+
+Verlegt
+von
+M. Simion in Berlin.
+
+1847.
+
+Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.
+
+
+
+
+_Vorwort._
+
+
+Vor funfzig Jahren etwa waren bei vielen ernsthaften, selbst gebildeten
+Leuten die Mährchen, Erzählungen von Feen und seltsamen Erscheinungen
+von Gespenstern und Geistern in üblem Ruf. Die Geschichten der Tausend
+und Einen Nacht genossen bei poetischen Gemüthern einige Achtung, sie
+waren wenigstens von den Leihbibliotheken nicht ausgeschlossen. Die
+Erzählungen meiner Mutter Gans waren über ganz Europa verbreitet, doch
+nur in den Händen der Kinder. Einige Jahre früher hatte unser deutscher
+Musäus seine humoristischen Volksmährchen fast als stärkendes Mittel in
+die damals überfluthende weichliche Sentimentalität hineingeworfen, und
+sie fanden allgemeinen Beifall, den sie auch bis jetzt sich erhalten
+haben, obgleich das poetische Element dieser alten Volks-Sagen und
+Dichtungen nicht selten durch Anspielungen auf ganz moderne Dinge und zu
+prosaische Zustände verfinstert ist. Man rechnete aber diese exotischen
+Pflanzen und Blumen nicht zur eigentlichen Literatur, und als ich um
+1796 meine Versuche in dieser Art herausgab und uralte Geschichten in
+ein andres Gewand kleidete, wurde ich von vielen meiner Freunde und
+Wohlwollenden sehr ernsthaft getadelt.
+
+Wie hat sich seitdem diese Gegend der Bücherwelt verwandelt! Eine ganze
+reiche Literatur dieser Mährchen ist entstanden und aus allen Ländern
+der Erde zusammengetragen.
+
+Viele von diesen Volks- und Kindermährchen sind durch Tradition
+und viele Jahre verwandelte und verderbte epische Gedichte, und es
+ist interessant und rührend überraschend, wenn von Zeit zu Zeit im
+verschütteten Grunde der alte Baum noch grünend wiedergefunden wird, den
+gedächtnißlose Jahre in ein unkenntliches Sträußchen zusammengetrocknet
+haben. Ergeht man sich in diesen Forschungen, so wird unser Sinn endlich
+verwirrt und schwindelnd, weil bei zu genauer Untersuchung Indien
+und Frankreich, Deutschland und Italien mit Island und dem Nordpol
+zusammenfließen. Alle Völker, alle Kinder haben sich von je an größeren
+und kleineren Mährchen ergötzt, Kinder selbst haben manche erfunden,
+oder die sie hörten auf ihre Art nachgeahmt, andre, alte und junge
+Frauen haben diese auf ihre Art wieder umgebildet, und so findet der
+Suchende jetzt in allen Ländern zum Theil dieselben Sagen wieder, mehr
+oder minder vom Clima, dem Süden oder Norden gefärbt.
+
+Und so nehme man auch diese Sammlung freundlich auf, diesen nordischen
+Strauß von Spätblumen und einigen seltsamen Pflanzen. Die interessantesten
+möchten wohl die Erzählungen sein, die von einem leichten, gutmüthigen
+Humor angefärbt sind. Wenn Aschenbrödel, Blaubart, und manche ganz
+allgemein verbreitete Legenden oft und unter mancherlei Gestalten
+vorkommen, so lasse man sich auch die oft nicht bedeutende Variation
+gefallen, und bei einfachen, natürlichen Kindern müßten die meisten
+dieser Geschichten Eingang und eine freundliche Aufnahme finden.
+
+Immer in ähnlicher Gestalt mit zwei bis neun Köpfen erscheint der
+ungeschlachte, boshafte Riesengeist _Troll_. Um 1790, als W. v. Schlegel
+noch in Göttingen lebte, und sehr befreundet war mit unserm deutschen
+Dichter Bürger, ergingen sich Lehrer und Schüler auch oft in den Wäldern
+nordischer Poesie. Damals war selbst unter Gelehrten in Dänemark und
+Schweden nicht viel Kunde von dieser Region, und so bildete sich der
+poetische Bürger ein, unser deutsches Wort _drollig_ sei von diesem
+schadenfrohen Nordgeiste abgeleitet, und in diesem Glauben bildete
+Schlegel nachher in seinem Sommernachtstraum den Kobold _Droll_, statt
+des englischen alt-nationalen _Puck_, welcher freilich ein ganz anderer
+und mehr komischer Gesell ist, als diese Trollgeister sich zeigen.
+Schon vor vielen Jahren stritt ich mit Schlegel über diesen (vielleicht
+unbedeutenden) Punkt, bis denn zu Maria Weber's Oberon ein Engländer
+selbst seinem Puck ungetreu geworden ist, und diesen neu beförderten
+Geist _Droll_ singen und sprechen läßt.
+
+Meinen Dank dem kundigen Übersetzer, der mich diese Sagen hat kennen
+lernen, und dessen Wunsch ich gern genügt habe, ein kleines einleitendes
+Wort dieser Sammlung vorzusehen.
+
+L. TIECK.
+
+POTSDAM in den letzten Tagen des
+October 1846, unmittelbar nach einer
+schweren Krankheit.
+
+
+
+
+Inhalt:
+
+ Seite
+
+ 1. Von Aschenbrödel, welcher die silbernen Enten, die
+ Bettdecke und die goldne Harfe des Trollen stahl 1
+ 2. Der Gertrudsvogel 8
+ 3. Der Vogel Dam 10
+ 4. Die wortschlaue Prinzessinn 27
+ 5. Der reiche Peter Krämer 29
+ 6. Aschenbrödel, der mit dem Trollen um die Wette aß 45
+ 7. Von dem Burschen, der zu dem Nordwind ging und
+ das Mehl zurückforderte 49
+ 8. Die Jungfrau Maria als Gevatterinn 54
+ 9. Die drei Prinzessinnen aus Witenland 61
+ 10. Es giebt noch mehr solche Weiber 70
+ 11. Einem Jeden gefallen seine Kinder am besten 78
+ 12. Eine Freiergeschichte 79
+ 13. Die drei Muhmen 80
+ 14. Der Sohn der Wittwe 86
+ 15. Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau 100
+ 16. Hähnchen und Hühnchen im Nußwald 113
+ 17. Der Bär und der Fuchs 118
+ #a#) Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat 118
+ #b#) Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen
+ prellt 119
+ 18. Gudbrand vom Berge 122
+ 19. Kari Trästak 128
+ 20. Der Fuchs als Hirte 146
+ 21. Vom Schmied, den der Teufel nicht in die Hölle lassen
+ durfte 148
+ 22. Der Hahn und die Henne 157
+ 23. Der Hahn, der Kukuk und der Auerhahn 158
+ 24. Lillekort 159
+ 25. Die Puppe im Grase 179
+ 26. Das Kätzchen auf Dovre 183
+ 27. Soria-Moria-Schloß 185
+ 28. Der Herr Peter 200
+ 29. Aase, das kleine Gänsemädchen 208
+ 30. Der Bursch und der Teufel 213
+
+
+
+
+1.
+
+Von Aschenbrödel,
+welcher die silbernen Enten, die Bettdecke und die goldne Harfe des
+Trollen stahl.
+
+
+Es war einmal ein armer Mann, der hatte drei Söhne. Als er starb, wollten
+die beiden ältesten in die Welt reisen, um ihr Glück zu versuchen;
+aber den jüngsten wollten sie gar nicht mit haben. »Du da,« sagten sie:
+»taugst zu nichts Anderm, als in der Asche zu wühlen. Du!« -- »So muß
+ich denn allein gehen,« sagte _Aschenbrödel_. Die beiden gingen und
+kamen zu einem Königsschloß; da erhielten sie Dienste, der eine beim
+Stallmeister, und der andre beim Gärtner. Aschenbrödel ging auch fort
+und nahm einen großen Backtrog mit, das war das Einzige, was die Ältern
+hinterlassen hatten, wonach aber die andern beiden nichts fragten; der
+Trog war zwar schwer zu tragen, aber Aschenbrödel wollte ihn doch nicht
+stehen lassen. Als er eine Zeitlang gewandert war, kam er ebenfalls zu
+dem Königsschloß, und dort bat er um einen Dienst. Sie antworteten ihm
+aber, daß sie ihn nicht brauchen könnten; da er indeß so flehentlich
+bat, sollte er zuletzt die Erlaubniß haben, in der Küche zu sein und
+der Köchinn Holz und Wasser zuzutragen. Er war fleißig und flink, und
+es dauerte nicht lange, so hielten Alle viel von ihm; aber die beiden
+Andern waren faul, und darum bekamen sie oft Schläge und wenig Lohn und
+wurden nun neidisch auf Aschenbrödel, da sie sahen, daß es ihm besser
+ging.
+
+Dem Königsschloß grade gegenüber, an der andern Seite eines Wassers,
+wohnte ein Troll, der hatte sieben silberne Enten, die auf dem Wasser
+schwammen, so daß man sie von dem Schloß aus sehen konnte; die hatte
+sich der König oft gewünscht, und deßhalb sagten die zwei Brüder zu dem
+Stallmeister: »Wenn unser Bruder wollte, so hat er sich gerühmt, dem
+König die sieben silbernen Enten verschaffen zu können.« Man kann sich
+wohl denken, es dauerte nicht lange, so sagte der Stallmeister es dem
+König. Dieser sagte darauf zu Aschenbrödel: »Deine Brüder sagen, Du
+könntest mir die silbernen Enten verschaffen, und nun verlange ich es
+von Dir.« -- »Das habe ich weder gedacht, noch gesagt,« antwortete der
+Bursch. »Du hast es gesagt,« sprach der König: »und darum sollst Du sie
+mir schaffen.« -- »Je nun,« sagte der Bursch: »wenn's denn nicht anders
+sein kann, so gieb mir nur eine Metze Rocken und eine Metze Weizen; dann
+will ich's versuchen.« Das bekam er denn auch und schüttete es in den
+Backtrog, den er von Hause mitgenommen hatte, und damit ruderte er über
+das Wasser. Als er auf die andre Seite gekommen war, ging er am Ufer auf
+und ab und streu'te und streu'te, und endlich gelang es ihm, die Enten
+in den Trog zu locken und nun ruderte er, all was er nur konnte, wieder
+zurück.
+
+Als er auf die Mitte des Wassers gekommen war, kam der Troll an und ward
+ihn gewahr. »Bist Du mit meinen sieben silbernen Enten davongereis't,
+Du?« fragte er. »Ja--a!« sagte der Bursch. »Kommst Du noch öfter, Du?«
+fragte der Troll. »Kann wohl sein,« sagte der Bursch. -- Als nun
+Aschenbrödel mit den sieben silbernen Enten zurück zu dem König kam,
+wurde er noch beliebter im Schloß, und der König selbst sagte, es wäre
+gut gemacht. Aber darüber wurden seine Brüder noch aufgebrachter und
+noch neidischer auf ihn und verfielen nun darauf, zum Stallmeister zu
+sagen, jetzt hätte ihr Bruder sich auch gerühmt, dem König die Bettdecke
+des Trollen mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können,
+wenn er bloß wolle; und der Stallmeister war auch diesmal nicht faul, es
+dem König zu berichten. Der König sagte darauf zu dem Burschen, daß seine
+Brüder gesagt hätten, er habe sich gerühmt, ihm die Bettdecke des Trollen
+mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können, und nun
+solle er es auch, oder sonst solle er das Leben verlieren. Aschenbrödel
+antwortete, das hätte er weder gedacht, noch gesagt; da es aber nichts
+half, bat er um drei Tage Bedenkzeit. Als die nun um waren, ruderte
+Aschenbrödel wieder hinüber in dem Backtrog und ging am Ufer auf und ab
+und lauerte. Endlich sah er, daß sie im Berge die Bettdecke heraushängten,
+um sie auszulüften; und als sie wieder in den Berg zurückgegangen waren,
+erschnappte Aschenbrödel die Decke und ruderte damit zurück, so schnell
+er nur konnte. Als er auf die Mitte gekommen war, kam der Troll an und
+ward ihn gewahr. »Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten
+genommen hat?« rief der Troll. »Ja--a!« sagte der Bursch. »Hast Du nun
+auch meine silberne Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten
+genommen?« -- »Ja--a!« sagte der Bursch. »Kommst Du noch öfter, Du?« --
+»Kann wohl sein,« sagte der Bursch. Als er nun zurückkam mit der goldnen
+und silbernen Decke, hielten Alle noch mehr von ihm, denn zuvor, und er
+ward Bedienter beim König selbst. Darüber wurden die andern Beiden noch
+mehr erbittert, und um sich zu rächen, sagten sie zum Stallmeister: »Nun
+hat unser Bruder sich auch gerühmt, dem König die goldne Harfe verschaffen
+zu können, die der Troll hat, und die von der Beschaffenheit ist, daß
+Jeder, wenn er auch noch so traurig ist, froh wird, wenn er darauf
+spielen hört.« Ja, der Stallmeister, der erzählte es gleich wieder dem
+König, und dieser sagte zu dem Burschen: »Hast Du es gesagt, so sollst
+Du es auch. Kannst Du es, so sollst Du die Prinzessinn und das halbe
+Reich haben; kannst Du es aber nicht, so sollst Du das Leben verlieren.«
+-- »Ich habe es weder gedacht, noch gesagt,« antwortete der Bursch:
+»aber es ist wohl kein andrer Rath, ich muß es nur versuchen; doch sechs
+Tage will ich Bedenkzeit haben.« Ja, die sollte er haben; aber als sie
+um waren, mußte er sich aufmachen. Er nahm nun einen Lattenspiker, einen
+Birkenpflock und einen Lichtstumpf in der Tasche mit, ruderte wieder
+über das Wasser und ging dort am Ufer auf und ab und lauerte. Als der
+Troll herauskam, und ihn gewahr ward, fragte er: »Bist Du es, der mir
+meine sieben silbernen Enten genommen hat?« -- »Ja--a!« antwortete
+der Bursch. »Du bist es, der mir auch meine Decke mit den goldnen und
+silbernen Rauten genommen hat?« fragte der Troll. »Ja--a!« sagte der
+Bursch. Da ergriff ihn der Troll und nahm ihn mit sich in den Berg.
+»Nun, meine Tochter,« sagte er: »nun hab' ich ihn, der mir meine
+silbernen Enten und meine Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten
+gestohlen hat; setz' ihn jetzt in den Maststall, dann wollen wir ihn
+schlachten und unsre Freunde bitten.« Dazu war die Tochter sogleich
+bereit, und sie setzte ihn in den Maststall, und da blieb er nun acht
+Tage lang und bekam das beste Essen und Trinken, das er sich wünschen
+konnte, und so viel er nur wollte. »Geh nun hin,« sagte der Troll zu
+seiner Tochter, als die acht Tage um waren: »und schneide ihn in den
+kleinen Finger, dann werden wir sehen, ob er schon fett ist.« Die
+Tochter ging sogleich hin. »Halt mal Deinen kleinen Finger her!«
+sagte sie; aber Aschenbrödel steckte den Lattenspiker heraus, und
+in den schnitt sie. »Ach nein, er ist noch hart wie Eisen,« sagte die
+Trolltochter, als sie wieder zu ihrem Vater kam: »noch können wir ihn
+nicht schlachten.« Nach acht Tagen ging es wieder eben so, nur daß
+Aschenbrödel jetzt den Birkenpflock heraussteckte. »Ein wenig besser ist
+er,« sagte die Tochter, als sie wieder zu dem Trollen kam: »aber noch
+war er hart zu kauen, wie Holz.« Acht Tage darnach sagte der Troll
+wieder, die Tochter solle hingehen und zusehen, ob er jetzt nicht
+fett genug wäre. »Halt mal Deinen kleinen Finger her!« sagte die
+Tochter, als sie zum Maststall gekommen war. Nun hielt Aschenbrödel den
+Lichtstumpf hin. »Jetzt geht's an,« sagte sie. »Haha!« sagte der Troll:
+»so reise ich fort, um Gäste zu bitten; inmittlerweile sollst Du ihn
+schlachten und die eine Hälfte braten und die andre Hälfte kochen.« Als
+der Troll nun gereis't war, fing die Tochter an, ein großes langes
+Messer zu schleifen. »Sollst Du mich damit schlachten?« fragte der
+Bursch. »Ja, Du,« sagte die Trolltochter. »Aber es ist nicht scharf,«
+sagte der Bursch: »ich muß es Dir nur schleifen, damit Du mich desto
+leichter ums Leben bringen kannst.« Sie gab ihm nun das Messer, und
+er fing an zu schleifen und zu wetzen. »Laß es mich jetzt an Deiner
+Haarflechte probiren,« sagte der Bursch: »ich glaube, es wird nun gut
+sein.« Das erlaubte sie ihm denn auch; aber sowie Aschenbrödel die
+Haarflechte ergriff, bog er ihr den Kopf zurück und schnitt ihr den Hals
+ab -- und kochte dann die eine Hälfte und bratete die andere und trug es
+auf den Tisch. Darauf zog er die Kleider der Trolldirne an und setzte
+sich in die Ecke hin. Als der Troll mit den Gästen nach Hause kam, bat
+er die Tochter -- denn er glaubte, daß sie es wäre -- sie möchte doch
+auch kommen und mitessen. »Nein,« antwortete der Bursch: »ich will kein
+Essen haben, ich bin so betrübt.« -- »Du weißt ja Rath dafür,« sagte der
+Troll: »nimm die goldne Harfe und spiele darauf.« -- »Ja, wo ist die
+nun?« sagte der Bursch wieder. »Du weißt es ja wohl, Du hast sie ja
+zuletzt gebraucht; dort hangt sie ja über der Thür,« sagte der Troll.
+Der Bursch ließ sich das nicht zweimal sagen; er nahm die Harfe und ging
+damit aus und ein und spielte; aber wie er so im besten Spielen war,
+schob er plötzlich den Backtrog hinaus ins Wasser und ruderte damit
+fort, daß es nur so saus'te. Nach einer Weile däuchte es dem Trollen,
+die Tochter bliebe gar zu lange draußen, und er ging hin, sich nach ihr
+umzusehen; da sah er aber den Burschen in dem Trog weit weg auf dem
+Wasser. »Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten genommen hat?«
+rief der Troll. »Ja!« sagte der Bursch. »Du bist es, der mir auch meine
+Decke mit den silbernen und goldnen Rauten genommen hat?« -- »Ja!« sagte
+der Bursch. »Hast Du mir nun auch meine goldne Harfe genommen, Du?«
+schrie der Troll. »Ja, das hab' ich,« sagte der Bursch. »Hab' ich Dich
+denn nicht gleichwohl verzehrt?« -- »Nein, das war Deine Tochter, die Du
+verzehrtest,« antwortete der Bursch. Als der Troll das hörte, ward er so
+arg, daß er barst. Da ruderte Aschenbrödel zurück und nahm einen ganzen
+Haufen Gold und Silber mit, so viel der Trog nur tragen konnte, und
+als er nun damit zurückkehrte, und auch die goldne Harfe mitbrachte,
+bekam er die Prinzessinn und das halbe Reich, so wie der König es ihm
+versprochen hatte. Seinen Brüdern aber that er immer wohl; denn er
+glaubte, sie hätten nur sein Bestes gewollt mit Dem, was sie gesagt
+hatten.
+
+
+
+
+2.
+
+Der Gertrudsvogel.
+
+
+Als unser Herr Christus und St. Petrus noch auf Erden einherwandelten,
+kamen sie einmal zu einer Frau, die bei ihrem Backtrog stand und den
+Teig knetete. Sie hieß _Gertrud_ und hatte eine rothe Mütze auf. Da
+beide den Tag über schon weit gegangen und daher sehr hungrig waren, bat
+der Herr Christus die Frau um ein Stückchen Brod. Ja, das sollte er
+haben, sagte sie und nahm ein Stückchen Teig und knetete es aus; aber
+da ward es so groß, daß es den ganzen Backtrog anfüllte. Nein, das war
+allzu groß, das konnte er nicht bekommen. Sie nahm nun ein kleineres
+Stück; aber als sie es ausgeknetet hatte, war es ebenfalls zu groß
+geworden; das konnte er auch nicht bekommen. Das dritte Mal nahm sie ein
+ganz ganz kleines Stück; aber auch das Mal ward es wieder zu groß. »Ja,
+so kann ich Euch Nichts geben,« sagte Gertrud: »Ihr müsst daher ohne
+Mundschmack wieder fortgehen; denn das Brod wird ja immer zu groß.« Da
+ereiferte sich der Herr Christus und sprach: »Weil Du ein so schlechtes
+Herz hast und mir nicht einmal ein Stückchen Brod gönnst, so sollst Du
+zur Strafe dafür in einen Vogel verwandelt werden und Deine Nahrung
+zwischen Holz und Rinde suchen, und nicht öfter zu trinken sollst Du
+haben, als wenn es regnet.« Und kaum hatte er die Worte gesprochen,
+so war sie zum Gertrudsvogel verwandelt und flog oben zum Schornstein
+hinaus; und noch den heutigen Tag sieht man sie herumfliegen mit einer
+rothen Mütze auf dem Kopf und schwarz über dem ganzen Leib; denn der Ruß
+im Schornstin hatte sie geschwärzt. Sie hackt und bickt beständig in den
+Bäumen nach Essen und piept immer, wenn es regnen will; denn sie ist
+beständig durstig.
+
+
+
+
+3.
+
+Der Vogel Dam.
+
+
+Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, und von denen hielt
+er so viel, daß er sie nie aus den Augen ließ; aber jeden Mittag, wenn
+der König schlief, gingen die Prinzessinnen spazieren. Einstmals, da
+der König wieder seinen Mittagsschlummer hielt, und die Prinzessinnen,
+wie gewöhnlich, spazieren gegangen waren, geschah es, daß sie nicht
+zurückkehrten, sondern ausblieben. Da entstand große Sorge und Betrübniß
+im ganzen Land; aber am betrübtesten von Allen war der König. Er sandte
+Boten aus durch sein ganzes Reich und in viele fremde Länder und ließ
+sie nachsuchen und ihnen nachläuten mit allen Glocken über das ganze
+Land; aber die Prinzessinnen waren fort und blieben fort, so daß Niemand
+wußte, wo sie gestoben oder geflogen waren. Da konnte man denn wohl
+begreifen, daß sie von irgend einem Trollen entführt sein mußten. Das
+Gerücht hievon verbreitete sich bald von Stadt zu Stadt, von Land zu
+Land, und endlich gelangte es auch zu einem König, der in einem Lande
+weit weit weg wohnte und zwölf Söhne hatte. Als die Söhne von den zwölf
+Königstöchtern erzählen hörten, baten sie ihren Vater um Erlaubniß,
+reisen zu dürfen, um die Prinzessinnen aufzusuchen. Der alte König aber
+wollte anfangs Nichts davon wissen; denn er fürchtete, daß er dann die
+Söhne niemals wiedersehen möchte; aber die Prinzen fielen ihm zu Füßen
+und baten ihn so lange, bis er endlich nachgab und sie reisen ließ.
+Er rüstete nun ein Schiff für sie aus und setzte zum Steuermann über
+dasselbe den Ritter _Röd_, der zu Wasser wohl erfahren war. Lange Zeit
+segelten sie nun umher und forschten in allen Ländern, wohin sie kamen,
+nach den Prinzessinnen; aber sie entdeckten keine Spur von ihnen. Es
+fehlten jetzt nur noch wenig Tage, so hatten sie schon sieben Jahre
+gesegelt. Da entstand eines Tages ein heftiger Sturm und ein solches
+Unwetter, daß sie glaubten, sie würden nimmer wieder an's Land kommen,
+und Alle mußten in einem fort arbeiten, so daß kein Schlaf in ihre Augen
+kam, so lange das böse Wetter anhielt. Aber am dritten Tage legte sich
+der Sturm, und es ward auf einmal ganz still. Alle waren nun von der
+Arbeit und dem schlimmen Wetter so müde geworden, daß sie sogleich
+einschliefen; nur der jüngste Prinz hatte keine Ruhe und konnte nicht
+schlafen. Während er nun auf dem Verdeck hin- und herging, trieb das
+Schiff an eine Insel, und auf der Insel lief ein Hündchen am Ufer und
+bellte und winselte gegen das Schiff an, als ob es hinauf wolle. Der
+Königssohn pfiff und lockte das Hündchen an sich; aber es konnte nicht
+zu ihm kommen und bellte und winselte nur um so mehr. Dem Prinzen
+däuchte, es wäre Sünde, das Hündchen dort umkommen zu lassen, das, wie
+er glaubte, von einem Schiff sei, welches in dem Sturm untergegangen
+wäre; aber er wußte nicht, wie er ihm helfen sollte, da er sich nicht
+im Stande glaubte, das Boot allein auszusetzen; denn alle die Andern
+schliefen, und er wollte sie nicht gern wegen des Hundes aufwecken. Aber
+das Wetter war so klar und so still; da dachte er denn, du musst es doch
+versuchen, ob du das Thierchen nicht retten kannst, und er machte sich
+daran, das Boot auszusetzen, und es ging damit leichter, als er geglaubt
+hatte. Er ruderte nun ans Land und ging auf das Hündchen zu; aber so
+oft er es greifen wollte, sprang es zur Seite und lockte so den Prinzen
+immer weiter fort, bis dieser, eh' er es gewahr ward, sich in einem
+großen prächtigen Schlosse befand. Da verwandelte sich das Hündchen
+plötzlich in eine schöne Prinzessinn. Auf der Bank aber saß ein Mann, so
+groß und so häßlich, daß der Prinz darüber erschrak. »Du brauchst nicht
+bange zu sein,« sagte der Mann; -- aber der Prinz erschrak noch mehr,
+als er seine Stimme hörte -- »ich weiß wohl, Was Du willst: Es sind
+Eurer zwölf Prinzen, die suchen die zwölf verloren gegangenen
+Prinzessinnen. Ich weiß aber wohl, wo sie sind: sie sind bei meinem
+Herrn; da sitzen sie jede auf ihrem Stuhl und läusen ihn, denn er hat
+zwölf Köpfe. Nun seid Ihr sieben Jahre lang umhergesegelt, aber Ihr
+werdet noch sieben Jahre dazu segeln müssen, eh' Ihr sie findet. Was
+Dich betrifft, so könntest Du gern hier bleiben, und meine Tochter
+bekommen; aber Du musst erst meinen Herrn tödten, denn er ist sehr
+strenge gegen uns, so daß wir seiner längst überdrüssig sind; und wenn
+er todt ist, werde ich König an seiner Stelle. Versuche aber nun, ob Du
+dieses Schwert zu schwingen vermagst,« sagte der Troll. Der Königssohn
+wollte ein rostiges Schwert ergreifen, das an der Wand hing, aber er
+konnte es nicht vom Fleck rühren. »So musst Du Dir einen Schluck aus
+dieser Flasche nehmen,« sagte der Troll. Als der Prinz das gethan hatte,
+konnte er das Schwert von der Wand nehmen, und als er noch einen Schluck
+genommen hatte, konnte er es aufheben; und als er endlich noch einen
+Schluck genommen hatte, konnte er es mit solcher Leichtigkeit schwingen,
+als wär' es sein eignes gewesen. »Wenn Du nun wieder an Bord kommst,«
+sagte der Trollprinz: »so musst Du das Schwert in Deine Koje verstecken,
+damit der Ritter _Röd_ es nicht zu sehen bekommt. Er ist zwar nicht im
+Stande, es zu schwingen, aber er wird Dich dann hassen und Dir nach dem
+Leben trachten. Wenn sieben Jahre um sind, bis auf drei Tage,« sagte er
+weiter: »dann wird es wieder eben so gehen, wie jetzt; es kommt dann
+wieder ein gewaltiges Unwetter mit Sturm und Hagel über Euch, und wenn
+das vorüber ist, werden Alle müde sein und sich in ihre Kojen legen; Du
+aber musst dann das Schwert nehmen und ans Land rudern; alsdann gelangst
+Du zu einem Schloß, wo lauter Wölfe, Bären und Löwen als Schildwachen
+stehen; aber Du brauchst Dich nicht vor ihnen zu fürchten, denn sie
+werden Dir alle zu Füßen kriechen. Sobald Du darauf in das Schloß
+gekommen bist, siehst Du den Räuber in einem prächtig geschmückten
+Zimmer sitzen; aber zwölf Köpfe hat er, und die Prinzessinnen sitzen
+jede auf ihrem Stuhl und läusen ihn, und da kannst Du Dir wohl vorstellen,
+daß ihnen solche Arbeit nicht gefällt. Darnach musst Du Dich beeilen
+und ihm den einen Kopf nach dem andern abhauen, eh' er aufwacht; denn
+geschieht das, so frisst er Dich lebendig auf.« Der Königssohn ging
+nun mit dem Schwert wieder an Bord und vergaß nicht, Was ihm der Troll
+gesagt hatte. Die Andern lagen noch alle und schliefen; er aber versteckte
+das Schwert in seine Koje, so daß weder der Ritter _Röd_, noch sonst
+Jemand von ihnen es bemerkte. Nun fing es wieder an zu wehen; da weckte
+der Prinz die Andern auf und sagte, es könne nicht angehen, daß sie noch
+länger da lägen und schliefen, da sie jetzt einen so guten Wind bekommen
+hätten. Niemand von ihnen hatte bemerkt, daß er weg gewesen war. -- Die
+Zeit verstrich allmählich, und der Prinz dachte immer an das Abenteuer,
+das er bestehen sollte, zweifelte aber an dem glücklichen Ausgang. Als
+nun die sieben Jahre bis auf drei Tage um waren, geschah es ganz, wie
+der Trollprinz ihm gesagt hatte. Es entstand ein heftiges Unwetter, das
+hielt drei Tage lang an, und als das vorüber war, wurden Alle von der
+anstrengenden Arbeit müde und legten sich in ihren Kojen schlafen. Der
+jüngste Königssohn aber ruderte ans Land, und die Wachen krochen ihm
+zu Füßen, und so gelangte er ins Schloß. In einem der Zimmer saß der
+König und schlief, wie ihm der Trollprinz gesagt hatte, und die zwölf
+Prinzessinnen saßen jede auf ihrem Stuhl und läus'ten jede ihren Kopf.
+Der Königssohn winkte den Prinzessinnen, daß sie sich entfernen sollten;
+sie zeigten aber auf den Trollen und winkten ihm wieder, er solle
+schnell fortgehen; der Königssohn aber gab ihnen durch Mienen und
+Geberden zu verstehen, daß er sie befreien wolle; endlich merkten sie
+denn seine Absicht und entfernten sich leise eine nach der andern. Nun
+sprang der Prinz schnell hinzu und hieb dem Trollkönig die zwölf Köpfe
+ab, so daß das Blut wie ein großer Bach strömte. Als der Troll getödtet
+war, ruderte der Prinz wieder nach dem Schiff zurück und verbarg das
+Schwert. Es däuchte ihm, daß er jetzt Genug gethan hätte, und da er den
+Leichnam nicht allein aus dem Schloß schaffen konnte, so wollte er daß
+die Andern ihm helfen sollten. Er weckte sie daher auf und sagte, es
+wäre eine Schande, daß sie da liegen sollten und schlafen, während er
+die Prinzessinnen gefunden und sie von dem Trollen befrei't hätte. Da
+lachten die Andern über ihn und sagten, er hätte wohl eben so gut
+geschlafen, als sie alle, und es hätte ihm bloß geträumt, daß er ein
+solcher Held wäre; denn wenn irgend Jemand die Prinzessinnen sollte
+befrei't haben, so wäre es doch weit wahrscheinlicher, daß einer von
+ihnen es gethan hätte, als er. Aber der Königssohn erzählte ihnen, wie
+sich Alles zugetragen hatte, und als sie ans Land fuhren und zuerst den
+Blutbach erblickten und darnach das Schloß und den Trollen und die zwölf
+Köpfe und die Prinzessinnen, da sahen sie wohl, daß er die Wahrheit
+geredet, und halfen ihm nun die Köpfe und den ganzen Rumpf in die See
+werfen. Alle waren nun fröhlich und guter Dinge; aber Keiner war froher,
+als die Prinzessinnen, die nun nicht mehr nöthig hatten, den ganzen Tag
+über da zu sitzen und den Trollen zu läusen. Von all dem Gold und Silber
+und dem kostbaren Geräth, das sich im Schlosse vorfand, nahmen sie so
+viel mit, als das Schiff nur tragen konnte. Darauf gingen Alle an Bord,
+die Prinzen mit sammt den Prinzessinnen. Als sie aber eine Strecke weit
+in die See hinausgekommen waren, sagten die Prinzessinnen, daß sie in
+der Freude ihre goldnen Kronen vergessen hätten, die in einem Schrank
+auf dem Schlosse lägen, und die wollten sie doch gern mithaben. Da nun
+Keiner von den Übrigen sie holen wollte, sagte der jüngste Königssohn:
+»Hab' ich schon so Viel gewagt, so kann ich auch wohl die goldnen Kronen
+holen, wenn Ihr nur die Segel herablassen und so lange warten wollt, bis
+ich wiederkomme.« Ja, das wollten sie, sie wollten die Segel herablassen
+und so lange warten, bis er wiederkäme. Als aber der Prinz so weit von
+dem Schiff ab war, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten, sagte der Ritter
+_Röd_, der gern selber der Vornehmste sein und die jüngste Prinzessinn
+haben wollte, es könne nichts nützen, daß sie da still lägen und auf ihn
+warteten; denn das könnten sie sich wohl denken, daß er doch nicht
+zurückkehren würde; sie wüßten überdies, sagte er, daß der König ihm
+(dem Ritter _Röd_) die Vollmacht gegeben hätte, zu segeln wann und wohin
+er wolle, und nun sollten sie sagen, er sei es, der die Prinzessinnen
+befrei't hätte, und wenn Jemand anders sagte, dann solle er das Leben
+verlieren. Die Prinzen wagten nicht, anders zu thun, als der Ritter
+_Röd_ ihnen befohlen hatte, und sie segelten nun weiter. Inmittlerweile
+ruderte der jüngste Königssohn ans Land und ging auf das Schloß, wo er
+auch sogleich den Schrank mit den goldnen Kronen fand; und er müh'te
+sich so lange ab, bis es ihm gelang, denselben ins Boot zu schaffen. Als
+er nun aber in die See hinausgekommen war, konnte er nirgends das Schiff
+erblicken. Er sah sich um nach allen Seiten; aber von dem Schiff war
+keine Spur zu sehen; da merkte er denn wohl, wie es zugegangen war.
+Ihnen nachzurudern konnte nichts helfen, und er mußte daher umkehren
+und ans Land zurückrudern. Er fürchtete sich zwar, die Nacht allein im
+Schlosse zuzubringen, aber es war nun einmal kein andrer Rath. Er faßte
+daher Muth, verschloß alle Thüren und Pforten und legte sich in einem
+Zimmer, wo ein aufgemachtes Bett stand, schlafen. Aber angst und bange
+war er, und er ward es noch mehr, als es nach einer Weile anfing, oben
+im Dach und in den Wänden zu knacken und zu krachen, als ob das ganze
+Schloß bersten wollte. Auf einmal raschelte es neben sein Bett nieder
+wie ein ganzes Fuder Heu. Bald darauf aber hörte er eine Stimme, die
+rief ihm zu, er solle sich nicht fürchten.
+
+ »Der Vogel Dam ist hier,
+ Wo Du nicht kannst, da hilft er Dir,«
+
+sprach die Stimme, und dann sagte sie: »Wenn Du morgen aufwachst, musst
+Du sogleich aufs Stabur[1] gehen und vier Tonnen Rocken für mich zum
+Frühstück holen; die muß ich erst zu Leibe haben, denn sonst kann ich
+Nichts für Dich thun.« -- Als der Prinz am andern Morgen aufwachte,
+erblickte er neben seinem Bett einen entsetzlich großen Vogel, der hatte
+eine Feder im Nacken, die war so groß wie eine halb ausgewachsene Tanne.
+Der Königssohn ging nun aufs Stabur und holte vier Tonnen Rocken für den
+Vogel Dam. Als dieser sein Frühstück zu Leibe hatte, sagte er zu dem
+Königssohn, er solle ihm nun den Schrank mit den goldnen Kronen an der
+einen Seite um den Hals hängen und so viel Gold und Silber nehmen, daß
+es den Schrank aufwöge, und es ihm an der andern Seite um den Hals
+hängen, und dann solle er sich ihm auf den Rücken setzen und sich nur
+gut an der Nackenfeder fest halten. Als der Prinz das gethan hatte, ging
+es in einem Sausen fort durch die Luft, und es dauerte nicht lange, so
+waren sie über dem Schiff. Der Königssohn wollte gern an Bord, um das
+Schwert zu holen, das, wie der Troll ihm gesagt hatte, die Andern nicht
+sehen dürften; aber der Vogel Dam sagte zu ihm, das könne nicht angehen;
+»der Ritter _Röd_ wird es nicht zu sehen bekommen,« sagte er: »kommst Du
+aber an Bord, so trachtet er Dir nach dem Leben, denn er will gern die
+jüngste Prinzessinn haben; aber für die kannst Du ganz ruhig sein, denn
+sie legt jede Nacht ein bloßes Schwert vor sich ins Bett.« -- Endlich
+und zuletzt kamen sie bei dem Trollprinzen an, und da wurde nun der
+Königssohn so wohl aufgenommen, daß es gar nicht zu sagen ist. Der
+Trollprinz wußte nicht, Was er ihm all für Gutes erzeigen sollte, weil
+er seinen Herrn getödtet und ihn zum König gemacht hatte. Er hätte dem
+Königssohn gern seine Tochter und das halbe Reich dazu gegeben; aber der
+war nun einmal so in die jüngste von den Prinzessinnen verliebt, daß er
+nur an sie dachte und durchaus wieder fort wollte. Aber der Troll bat
+ihn, sich noch eine Zeitlang zu gedulden und sagte, daß die Andern
+beinahe noch sieben Jahre zu segeln hätten, ehe sie wieder nach Hause
+kämen. Von der Prinzessinn sagte der Troll Dasselbe, was der Vogel Dam
+gesagt hatte: »Für die,« sagte er: »kannst Du ganz ruhig sein; denn sie
+legt immer ein bloßes Schwert vor sich ins Bett. Und wenn Du mir nicht
+glauben willst, so kannst Du an Bord gehen, wenn sie hier vorüber
+segeln, und Dich selbst davon überzeugen und mir dann zugleich das
+Schwert wiederbringen; denn wiederhaben muß ich es durchaus.« -- Als nun
+nach sieben Jahren die Andern dort vorübersegelten, war es vorher wieder
+ein heftiges Unwetter gewesen; und wie der Königssohn an Bord kam,
+schliefen sie alle insgesammt, und jede der Prinzessinnen schlief bei
+ihrem Prinzen, nur die jüngste Prinzessinn schlief allein mit einem
+bloßen Schwert vor sich im Bette, und auf dem Boden vor dem Bette
+schlief der Ritter _Röd_. Der Königssohn nahm nun das Schwert und
+ruderte wieder ans Land, ohne daß Jemand es bemerkt hatte, daß er an
+Bord gewesen war. -- Der Prinz war indeß beständig unruhig und wollte
+immer wieder fort; und als endlich die sieben Jahre zu Ende gingen und
+nur noch drei Wochen fehlten, sagte der Trollkönig zu ihm: »Nun kannst
+Du Dich zur Reise fertig machen, da Du doch einmal nicht bei uns
+bleiben willst. Ich will Dir ein eisernes Boot leihen, das geht von
+selbst auf dem Wasser, wenn Du bloß sagst: »Boot, geh vorwärts!« Im
+Boote liegt ein eiserner Kloben, und den Kloben sollst Du ein wenig in
+die Höhe heben, wenn Du das Schiff grade vor Dir siehst; dann bekommen
+sie einen solchen Fahrwind, daß sie vergessen, sich nach Dir umzusehen.
+Wenn Du dann neben das Schiff kommst, sollst Du den Kloben noch einmal
+aufheben; alsdann wird es ein solcher Sturm, daß sie wohl etwas Anders
+zu thun bekommen, als nach Dir auszugucken. Und wenn Du an ihnen nun
+vorbei gekommen bist, sollst Du den Kloben zum dritten Mal in die Höhe
+heben; aber Du musst ihn immer wieder vorsichtig niederlegen, denn
+sonst wird es ein solches Wetter, daß sowohl Du, als die Andern darin
+umkommen. Sobald Du nachher ans Land gekommen bist brauchst Du Dich
+nicht weiter um das Boot zu bekümmern, sondern schieb' es dann nur
+umgewendet in die See und sprich: »Boot, geh wieder nach Hause!« -- Als
+der Prinz nun abreis'te, bekam er so viel Gold und Silber und andre
+Kostbarkeiten und Kleider und Leinenzeug mit, das die Prinzessinn
+während der langen Zeit, die er auf der Insel zugebracht, für ihn
+genäh't hatte, so daß er viel reicher war, als irgend einer von seinen
+Brüdern. Kaum hatte er sich nun ins Boot gesetzt und gesagt: »Boot, geh
+vorwärts!« so ging das Boot fort. Und als er das Schiff grade vor sich
+erblickte, hob er den Kloben ein wenig in die Höhe; da bekamen sie einen
+solchen Fahrwind, daß sie vergaßen, sich nach ihm umzusehen. Als er
+darauf neben das Schiff kam, hob er den Kloben noch einmal in die Höhe,
+und da ward es ein solcher Sturm und ein solches Wetter, daß der weiße
+Schaum rund um das Schiff stand, und die Wellen über das Verdeck
+hinschlugen, so daß sie etwas Anders zu thun bekamen, als nach ihm
+auszugucken. Und als er ihnen nun vorbeigekommen war, hob er den Kloben
+zum dritten Mal auf, und da bekamen sie so reichlich zu thun, daß sie
+gar keine Zeit hatten, sich nach ihm umzusehen. Er kam weit, weit früher
+ans Land, als das Schiff; und als er all seine Sachen aus dem Boot
+geschafft hatte, kehrte er es um, schob es hinaus in die See und sprach:
+»Boot, geh wieder nach Hause!« und da ging das Boot wieder fort.
+
+Der Königssohn kleidete sich nun als ein Seemann aus -- ob der
+Trollkönig ihm das gerathen hatte, oder ob es seine eigne Erfindung war,
+das muß ich ungesagt lassen -- und begab sich nach einer armseligen
+Hütte zu einer alten Frau, zu der sagte er, er wäre ein armer Matrose,
+der auf einem Schiff gewesen, das untergegangen sei, und er wäre der
+Einzige von der ganzen Mannschaft, der sich gerettet hätte, und dann bat
+er sie, ihn nebst den Sachen, die er geborgen, bei sich beherbergen zu
+wollen. »Ach, Gott helf mir!« sagte die Frau: »ich kann Niemandem
+Herberge geben. Ihr seht wohl, wie es hier beschaffen ist; ich habe
+nicht einmal Betten, worauf ich selbst liegen kann, viel weniger noch
+für Andre.« Ja, das wäre einerlei, sagte der Seemann, wenn er bloß ein
+Dach über dem Kopf hätte, dann wär's ihm ganz gleich, wie er läge. Ein
+Obdach konnte sie ihm denn nicht versagen, wenn er so damit fürlieb
+nehmen wolle, wie sie's hätte. -- Am Abend brachte der Seemann seine
+Sachen in die Hütte, und sogleich begann die Alte, die gern etwas Neues
+zu erzählen haben wollte, zu fragen, was für Einer er wäre, wo er wohl
+her sei, wo er gewesen, und wo er hin wolle, was das für Sachen wären,
+die er bei sich hätte, in welchem Geschäft er reis'te, und ob er Nichts
+von den zwölf Prinzessinnen gehört hätte, die vor vielen lieben Jahren
+verschwunden wären, und dergleichen mehr, so daß es zu weitläufig sein
+würde, es alles zu erzählen. Der Seemann sagte aber, er befände sich so
+schlecht und hätte solche Kopfschmerzen von dem entsetzlichen Wetter,
+das da regiert hätte, daß er sich auf keine Sache recht besinnen könne;
+sie möchte ihm nur noch einige Tage Ruhe lassen, bis er sich von der
+schweren Arbeit, die er während des schlimmen Wetters gehabt, etwas erholt
+hätte, dann solle sie nachher schon Alles erfahren. Den andern Tag begann
+die Frau aufs neue zu fragen und ihn auszuforschen; aber der Seemann hatte
+noch solche Kopfschmerzen von dem bösen Wetter, daß er sich auf keine
+Sache recht besinnen konnte; doch ließ er so von ungefähr ein Wort fallen,
+als wüßte er wohl Etwas von den Prinzessinnen. Sogleich lief die Alte
+mit dieser Neuigkeit fort zu all den Klatschweibern rund umher, und nun
+kam die eine nach der andern gerannt und fragte nach den Prinzessinnen,
+ob der Seemann sie gesehen hätte, ob sie bald kämen, ob sie schon auf
+der Reise wären u. s. w. Der Seemann aber hatte immer noch Kopfschmerzen
+von dem bösen Wetter, so daß er nicht auf Alles Bescheid geben konnte;
+aber so Viel sagte er doch, daß wenn die Prinzessinnen nicht Schiffbruch
+gelitten hätten in dem heftigen Sturm, sie dann wohl um vierzehn Tage,
+oder vielleicht noch etwas früher, ankommen würden; er könne aber, fügte
+er hinzu: nicht mit Gewißheit sagen, ob sie noch am Leben wären; er
+hätte sie zwar gesehen, sie könnten aber wohl nachher in dem bösen
+Wetter umgekommen sein. Sogleich lief eins von den Klatschweibern zu dem
+Königsschloß und erzählte dort, es wäre in der Hütte bei der und der
+Frau ein Seemann, der hätte die Prinzessinnen gesehen und hätte gesagt,
+sie würden wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher,
+ankommen. Als der König das hörte, schickte er sogleich zu dem Seemann
+und ließ ihm sagen, daß er zu ihm kommen und ihm die Sache selbst
+berichten solle. Der Matrose sagte: »Ich habe nicht solche Kleider und
+sehe nicht so aus, daß ich zu dem König gehen kann.« Der Bote aber
+sagte, er solle nur kommen, der König wolle und müsse ihn sprechen,
+einerlei, er möge nun so, oder so aussehen; denn es wäre noch Niemand da
+gewesen, der Nachrichten von den Prinzessinnen hätte bringen können. Da
+ging denn der Seemann endlich zu dem Schloß und trat zu dem König ein;
+der fragte ihn, ob es wahr wäre, daß er die Prinzessinnen gesehen. »Ja,
+das ist wahr,« sagte der Seemann: »aber ich weiß nicht, ob sie noch am
+Leben sind; denn als ich sie sah, war es ein solches Unwetter, daß wir
+Schiffbruch litten. Wenn sie aber damals nicht untergegangen sind, so
+mögen sie wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher,
+kommen.«
+
+Als der König das hörte, war er beinahe außer sich vor Freuden; und als
+es nun um die Zeit war, daß die Prinzessinnen, wie der Seemann gesagt
+hatte, kommen sollten, zog der König ihnen in vollem Staat entgegen an
+den Strand -- und groß war die Freude über das ganze Land, als endlich
+das Schiff mit den Prinzessinnen und den Prinzen und dem Ritter _Röd_
+ankam. Die elf ältesten Prinzessinnen waren fröhlich und guter Dinge;
+aber die jüngste, die den Ritter _Röd_ haben sollte, welcher sagte, daß
+er es sei, der die Prinzessinnen befrei't und den Trollen getödtet
+hätte, war immer traurig und weinte unaufhörlich. Dem König wollte das
+gar nicht behagen, und er fragte sie daher, warum sie nicht auch so
+munter und vergnügt wäre, wie die andern Prinzessinnen; sie hätte doch,
+meinte er, keine Ursache, betrübt zu sein, da sie nun von dem Trollen
+befrei't wäre und einen Mann zum Gemahl haben solle, wie der Ritter
+_Röd_ sei. Sie durfte aber Nichts sagen; denn der Ritter _Röd_ hatte ja
+gedroh't, wenn Einer erzählen würde, wie sich Alles wirklich zugetragen,
+dann wolle er ihn ums Leben bringen.
+
+Als nun die Prinzessinnen eines Tages an ihrem Brautputz näh'ten, trat
+plötzlich Jemand in einer großen Matrosenjacke und mit einem
+Tabuletkasten auf dem Rücken zu ihnen ein und fragte, ob sie ihm keine
+Schmucksachen zu ihrer Hochzeit abkaufen wollten, er hätte, sagte er,
+außerordentlich seltne und kostbare Dinge von Gold und auch von Silber.
+-- Ja, das könnte wohl möglich sein. Sie sahen die Waaren an, und sie
+sahen ihn an; denn es wollte sie bedünken, sie sollten ihn und auch
+manche von den Sachen kennen, die er hatte. »Der so viel prächtige
+Schmucksachen hat,« sagte endlich die jüngste Prinzessinn: »könnte auch
+wohl Etwas haben, das noch prächtiger und für uns noch passender wäre.«
+-- »Das wäre wohl möglich,« sagte der Krämer. Aber die andern tuschten
+sie und sagten, sie möchte doch bedenken, womit der Ritter _Röd_ ihnen
+gedroht hätte. -- Einige Zeit darnach, als die Prinzessinnen eines Tages
+vor dem Fenster saßen, kam der Königssohn wieder in seiner großen
+Matrosenjacke und trug auf dem Rücken den Schrank mit den goldnen Kronen.
+Als er in den Schloßsaal eingetreten war, machte er den Schrank auf, und
+da nun die Prinzessinnen jede ihre goldne Krone wieder erkannten, sagte
+die jüngste: »Mir däucht, es ist billig und recht, daß Der, welcher uns
+befrei't hat, den Lohn erhalte, der ihm zukommt, und das ist nicht der
+Ritter _Röd_, sondern Der, welcher unsre goldnen Kronen brachte -- der
+hat uns befrei't.« Da warf der Königssohn die Matrosenjacke ab und stand
+nun da weit stattlicher, als alle die Andern; und darauf ließ der König
+den Ritter _Röd_ sogleich ums Leben bringen. Nun war die Freude erst
+recht groß im Königsschloß; und jeder Prinz nahm seine Prinzessinn und
+hielt mit ihr Hochzeit, so daß man sich in zwölf Königreichen davon zu
+erzählen hatte.
+
+
+
+
+4.
+
+Die wortschlaue Prinzessinn.
+
+
+Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die war so schlau und
+spitzfindig in Worten, daß Keiner sie zum Schweigen bringen konnte.
+Da setzte der König einen Preis aus und ließ bekannt machen, daß Der,
+welcher es könnte, die Prinzessinn und das halbe Reich haben sollte.
+Drei Brüder, welche dies hörten, beschlossen, ihr Glück zu versuchen.
+Zuerst machten sich die beiden ältesten auf, die sich am klügsten
+dünkten; aber sie konnten Nichts bei der Prinzessinn ausrichten und
+mußten noch dazu mit blauer Haut wieder abziehen. Darnach machte sich
+Aschenbrödel auch auf. Als er eine Strecke weit gegangen war, fand er
+am Wege ein Weidenreis, das nahm er auf. Eine Strecke weiter fand er
+eine Scherbe von einer alten Schüssel, die nahm er auch auf. Als er noch
+etwas weiter gegangen war, fand er einen todten Staar, und etwas darnach
+ein krummes Bockshorn; ein wenig später fand er noch ein krummes
+Bockshorn, und als er über das Feld zum Königshof gehen wollte, wo
+Dünger ausgestreu't lag, fand er darunter eine ausgegangene Schuhsohle.
+Alle diese Dinge nahm er mit sich zum Königsschloß, und damit trat er zu
+der Prinzessinn ein. »Guten Tag!« sagte er. »Guten Tag!« sagte sie und
+verzog das Gesicht. »Kann ich nicht meinen Staar gebraten kriegen?«
+fragte er. »Ich bin bange, er birstet,« antwortete die Prinzessinn. »O,
+das hat keine Noth, ich binde dieses Weidenreis um,« sagte der Bursch
+und nahm das Reis hervor. »Aber das Fett läuft heraus,« sagte die
+Prinzessinn. »Ich halte dies unter,« sagte der Bursch und zeigte ihr die
+Scherbe von der Schüssel. »Du machst es mir so krumm, Du!« sagte die
+Prinzessinn. »Ich mach es nicht krumm, sondern es ist schon krumm,«
+sagte der Bursch und nahm das eine Horn hervor. »Nein, etwas Ähnliches
+hab' ich noch mein Lebtag nicht gesehn!« rief die Prinzessinn. »Hier
+siehst Du was Ähnliches,« sagte der Bursch und nahm das andre Bockshorn
+hervor. »Ich glaube, Du bist ausgegangen, um mich zum Schweigen zu
+bringen,« sagte die Prinzessinn. »Nein, ich bin nicht ausgegangen,
+aber diese hier ist ausgegangen,« sagte der Bursch und zeigte ihr die
+Schuhsohle. Hierauf wußte die Prinzessinn Nichts mehr zu antworten. »Nun
+bist Du mein!« sagte der Bursch, und darauf erhielt er die Prinzessinn
+und das halbe Königreich.
+
+
+
+
+5.
+
+Der reiche Peter Krämer.
+
+
+Es war einmal ein Mann, den nannten die Leute _den reichen Peter
+Krämer_, weil er ehedem mit Kram im Lande umhergefahren und viel Geld
+verdient hatte, so daß er nun ein reicher Mann geworden war. Dieser
+reiche Peter Krämer hatte eine Tochter, die hielt er so kostbar, daß er
+alle Freier, die sich um sie bewarben, abwies; denn es schien ihm kein
+Einziger gut genug für sie. Weil es nun so mit allen ging, kamen endlich
+gar keine mehr, und da nun die Jahre herankamen, befürchtete Peter, das
+Mädchen möchte zuletzt sitzen bleiben. »Es wundert mich,« sprach er zu
+seiner Frau: »daß gar keine Freier mehr zu unsrer Tochter kommen, die
+doch so reich ist. Das müßte sonderbar zugehen, wenn sich nicht Einer
+finden sollte, der sie haben wollte; denn Geld hat sie, und noch mehr
+bekommt sie. Ich glaube, ich muß mal zu den Sternguckern reisen und die
+fragen, Wen sie haben soll; denn es kommt hier ja Niemand.« -- »Wie
+können die Sterngucker Dir das sagen?« fragte die Frau. »O, das lesen
+sie alles in den Sternen,« sagte der reiche Peter. Er steckte nun viel
+Geld zu sich und reis'te damit zu den Sternguckern und bat sie, ihm doch
+den Gefallen zu thun und nach den Sternen zu gucken, und ihm dann zu
+sagen, was seine Tochter für einen Mann haben solle. Die Sterngucker
+sahen nach den Sternen, aber sie sagten, daß sie Nichts sehen könnten.
+Peter bat sie, noch besser zuzusehen und es ihm ja zu sagen; er wolle
+ihnen auch viel Geld geben, sagte er. Die Sterngucker sahen nun besser
+zu, und darauf sagten sie, seine Tochter solle das Müllerkind heirathen,
+das eben jetzt in der Mühle, die gleich unten bei des reichen Peters
+Gehöft läge, zur Welt gekommen sei. Peter meinte, es wäre gar zu
+ungereimt, daß seine Tochter Einen zum Mann haben solle, der eben erst
+zur Welt gekommen sei, und noch dazu einen so geringen Mann. Das sagte
+er auch zu seiner Frau und fügte hinzu: »Es müßte sonderbar zugehen,
+wenn sie mir den Buben nicht verkaufen wollten; alsdann aber wollen wir
+ihn schon quitt werden.« -- »Ja, das mein' ich auch,« sagte die Frau:
+»es sind ja nur arme Leute.« Peter Krämer ging nun zur Mühle und fragte
+die Müllerfrau, ob sie ihm nicht ihren Sohn verkaufen wolle, sie sollte
+viel Geld dafür haben. Nein, das wollte sie durchaus nicht. »Ich weiß
+nicht, warum Du das nicht willst,« sagte Peter Krämer: »es ist ja nur
+die liebe Armuth bei Euch zu Hause, und der Bube, denk' ich, wird sie
+Euch nicht leichter machen.« Aber sie hielt so viel von dem Jungen, daß
+sie ihn nicht missen wollte. Als darauf der Müller eintrat, sagte Peter
+zu ihm dasselbe und versprach ihm sechshundert Thaler für den Buben;
+dafür könnten sie sich ein Gehöft kaufen, sagte er, und hätten dann
+nicht mehr nöthig, für die Leute zu mahlen und zu hungern, wenn sie kein
+Mahlwasser hätten. Das däuchte dem Müller nicht übel, und er sprach mit
+seiner Frau darüber, und endlich bekam denn der reiche Peter den Buben.
+Die Mutter weinte zwar und geberdete sich übel; aber Peter tröstete sie
+und sagte, daß er gut für den Burschen sorgen würde; nur mußten sie ihm
+versprechen, daß sie niemals nach ihm fragen wollten; denn er wollte ihn
+weit weg in andre Länder schicken, damit er fremde Sprachen lerne, sagte
+er. -- Als Peter mit dem Buben nach Hause kam, ließ er einen Kasten
+verfertigen, den verklebte er inwendig mit Pech, legte den Müllerbuben
+hinein, dreh'te den Schlüssel einmal herum und schob dann den Kasten
+hinaus in den Fluß, so daß er mit dem Strom davon trieb. Nun bin ich
+ihn quitt, dachte Peter Krämer. Als aber der Kasten auf dem Fluß weit
+weggetrieben war, kam er zuletzt zu dem Wasser einer andern Mühle und
+gerieth ins Mühlrad, so daß die Mühle davon stehen blieb. Der Müller
+ging hin und wollte zusehen, Was die Ursache davon war, und da fand er
+denn den Kasten und trug ihn ins Haus. »Ich bin doch neugierig, Was wohl
+in diesem Kasten sein mag,« sagte er zu seiner Frau: »der ist ins
+Mühlrad gerathen und hat mir die Mühle gestopft.« -- »Nun, das können
+wir bald erfahren,« sagte die Frau: »der Schlüssel steckt ja drin; mach
+nur das Schloß auf.« Als sie nun den Kasten öffneten, lag darin das
+schönste Kind, das man nur sehen kann, und sie waren beide so erfreu't
+darüber und wollten den Buben als ihr eigenes Kind behalten; denn
+selbst hatten sie keine Kinder und waren auch schon in den Jahren, daß
+sie keine mehr bekommen konnten. -- Als nun eine Zeit vergangen war,
+wunderte Peter Krämer sich wieder, daß sich gar keine Freier zu seiner
+Tochter einfinden wollten, die doch so reich wäre und so viel Geld
+hätte. Aber es zeigte sich keiner; und Peter reis'te darum wieder zu
+den Sternguckern und bot ihnen Geld über Geld, wenn sie ihm bloß sagen
+wollten, Wen seine Tochter zum Mann haben solle. »Wir haben es Dir ja
+gesagt, daß sie den Müllerbuben haben soll,« antworteten die Sterngucker.
+»Ja, das ist recht gut,« sagte Peter Krämer: »aber der ist nun gestorben,
+und wenn Ihr mir darum sagen wolltet, Wen meine Tochter jetzt zum Mann
+haben soll, dann wollt' ich Euch gern zweihundert Thaler geben.« Die
+Sterngucker sahen nun wieder nach den Sternen; aber da wurden sie ganz
+zornig und sprachen: »Sie soll gleichwohl den Müllerbuben haben, den
+Du in den Fluß ausgesetzt hast, um ihn zu tödten; denn er lebt noch
+und ist in der Mühle da und da.« Peter Krämer gab ihnen die zweihundert
+Thaler und dachte jetzt nur darauf, wie er es anfangen solle, um den
+Müllerbuben los zu werden. Das Erste, was er that, als er nach Hause
+kam, war, daß er zur Mühle ging. Da war der Bube schon so groß, daß er
+eingesegnet war und in der Mühle mithalf, und ein schmucker Bursch war
+er geworden. »Könntest Du mir nicht den Burschen überlassen, Du?« sagte
+Peter Krämer zu dem Müller. »Nein,« antwortete der Müller: »ich habe ihn
+als mein eignes Kind erzogen, und er ist so gut in die Art geschlagen,
+daß ich nun Hülfe und Nutzen von ihm in der Mühle haben kann; denn
+selbst werd' ich nach gerade schon alt und hinfällig.« -- »Ja, so geht's
+mir auch,« sagte Peter Krämer: »und darum wollt' ich gern Einen haben,
+den ich zum Handel anlehren könnte. Wenn Du ihn mir daher überlassen
+willst, so will ich Dir gern sechshundert Thaler geben; dann kannst Du
+Dir ein Gehöft kaufen und in Deinen alten Tagen ruhig und in Frieden
+leben.« Ja, als der Müller das hörte, gab er dem Peter Krämer gleich den
+Burschen. Nun reis'ten beide weit umher mit Kram und handelten, bis sie
+einst zu einem Gehöft kamen, das dicht an einem Walde lag. Von hier aus
+schickte Peter den Burschen nach Hause mit einem Brief an seine Frau --
+denn wenn man den Richtweg durch den Wald ging, war es nicht so gar weit
+-- und sagte zu ihm, er solle seine Frau von ihm grüßen und ihr sagen,
+sie solle so bald als möglich thun, Was in dem Brief stände. In dem
+Brief aber stand, sie solle augenblicklich einen Holzstoß errichten und
+den Müllerburschen darauf verbrennen, und wenn sie das nicht thäte, so
+solle sie selbst lebendig verbrannt werden. Mit diesem Brief ging der
+Bursch fort durch den Wald. Gegen Abend kam er zu einem Hause tief im
+Dickicht, und da ging er hinein; doch in dem Hause war kein Mensch zu
+sehen noch zu hören. In einem der Zimmer aber fand der Bursch ein
+aufgemachtes Bett, und auf das legte er sich quer hin. Den Brief hatte
+er an seinen Hut befestigt, und der Hut lag auf seinem Gesicht. Als die
+Räuber nach Hause kamen -- denn das Haus gehörte zwölf Räubern -- und
+den Burschen auf dem Bett liegen sahen, waren sie neugierig, was das für
+Einer wäre, und einer von ihnen nahm den Brief, brach ihn auf und las
+ihn. »Ha! ha!« sagte er: »der ist von dem Peter Krämer; aber nun wollen
+wir ihm einen Streich spielen; denn es wäre doch Jammer und Schade, wenn
+das alte Weibsstück einen so jungen wackern Burschen ums Leben bringen
+sollte.« Sie schrieben nun einen andern Brief an Peter Krämers Frau und
+befestigten ihn an den Hut, während der Bursch schlief, und in dem
+Brief hatten sie geschrieben, die Frau solle den Müllerburschen mit der
+Tochter verheirathen, und es solle augenblicklich die Hochzeit gehalten
+werden, und dann solle sie ihnen Pferde und Vieh und Hausgeräth geben
+und sie völlig auf dem Gehöft einrichten, das unten am Berg läge, und
+sofern das nicht alles geschehen sei, wenn Peter Krämer nach Hause käme,
+sollt's ihr schlecht gehen. Den andern Tag reis'te der Bursch weiter,
+und als er auf Peters Gehöft ankam, übergab er der Frau den Brief und
+sagte, er solle grüßen von Peter Krämer, ihrem Mann, und sagen, sie
+möchte doch so bald als möglich thun, Was in dem Brief stände. Als die
+Frau den Brief gelesen hatte, sagte sie zu dem Burschen: »Du musst Dich
+gut aufgeführt haben, daß Peter mir einen solchen Brief schreibt; denn
+als er abreis'te, war er so böse auf Dich, daß er nicht wußte, wie er
+Dich ums Leben bringen wollte.« Sie machte nun sogleich Anstalten
+zur Hochzeit und gab den jungen Leuten Pferde und Vieh und allerlei
+Hausgeräth und richtete sie vollständig ein auf dem Gehöft unten am
+Berge.
+
+Nicht lange darnach kam Peter Krämer zu Hause, und das Erste, wonach er
+sich bei seiner Frau erkundigte, war, ob sie gethan hätte, wie er in
+dem Brief geschrieben. »Ja, das, däucht mir, war auch nett!« sagte sie:
+»aber ich durfte ja nicht anders.« Nun fragte Peter, wo denn die Tochter
+sei. »Ih nun, das kannst Du Dir ja wohl denken,« sagte die Frau: »sie
+ist bei ihm auf dem Gehöft unten am Berg, so wie in dem Brief stand.«
+Als Peter nun die ganze Geschichte erfuhr und den Brief sah, ward er so
+zornig, daß er aus der Haut fahren wollte, und lief sogleich auf das
+Gehöft zu den jungen Leuten. »Meine Tochter hast Du zwar bekommen,«
+sagte er zu dem Müllerburschen: »aber wenn Du denkst, sie zu behalten,
+so musst Du erst zu dem Drachen von Dübenfahrt und mir drei Federn aus
+seinem Schwanz holen;« -- denn Wer die hatte, konnte Alles bekommen,
+was er sich wünschte. -- »Wo soll ich aber den Drachen von Dübenfahrt
+finden?« fragte der Schwiegersohn. »Das weiß ich nicht,« sagte Peter
+Krämer: »das mag Deine Sorge sein.«
+
+Der Bursch begab sich nun getrost auf den Weg, und als er eine Zeitlang
+gewandert hatte, kam er zu einem Königsschloß. »Hier will ich einkehren
+und vorfragen,« dachte er: »denn solche Leute wissen besser in der Welt
+Bescheid, als Unsereiner, vielleicht daß ich hier den Weg erfahre.«
+Gedacht, gethan. Der König fragte ihn, wo er her sei, und in welchem
+Geschäft er reise. »O, ich soll zu dem Drachen von Dübenfahrt und drei
+Federn aus seinem Schwanz holen,« sagte der Bursch: »wenn ich ihn bloß
+finden könnte.« -- »Dazu will viel Glück,« sagte der König: »denn ich
+habe noch nie gehört, daß Einer von solcher Reise zurückgekehrt ist.
+Wenn Du ihn aber antriffst, so kannst Du ihn von mir grüßen und ihn
+fragen, woher es kommt, daß ich niemals reines Wasser in meinem Brunnen
+habe; ich hab' ihn schon so oft säubern und ausmuddern lassen, aber nie
+kann ich reines Wasser bekommen.« -- »Ja, ich will ihn wohl fragen,«
+sagte der Bursch. Auf dem Schloß ließ er's sich wohl sein und bekam noch
+dazu Lebensmittel und Geld auf den Weg.
+
+Gegen Abend kam der Bursch zu einem andern Königsschloß. Als er in die
+Küche eintrat, kam der König heraus und fragte ihn, wo er her sei, und
+in welchem Geschäft er reise. »O, ich soll zu dem Drachen von Dübenfahrt
+und drei Federn aus seinem Schwanz holen,« sagte der Bursch. »Dazu will
+viel Glück,« sagte der König: »denn ich habe noch nie gehört, daß Einer
+von daher zurückgekehrt ist. Wenn Du aber zu ihm kommst, so kannst Du
+ihn von mir grüßen und ihn fragen, wo wohl meine Tochter wäre, die vor
+vielen Jahren verschwunden ist; ich habe nach ihr suchen und forschen
+lassen überall, aber ich habe nie das Geringste von ihr erfahren können.«
+-- »Ich will ihn wohl fragen,« sagte der Bursch. Auf dem Königsschloß
+lebte er gut und wohl, und als er den andern Tag fortging, bekam er
+sowohl Essen, als Geld mit auf den Weg. Gegen Abend kam er wieder zu
+einem Königsschloß.
+
+Hier kam die Königinn heraus in die Küche und fragte ihn, wo er her
+sei, und in welchem Geschäft er reise. »Ich soll zu dem Drachen von
+Dübenfahrt und drei Federn aus seinem Schwanz holen,« sagte der Bursch.
+»Dazu will viel Glück,« sagte die Königinn: »denn ich habe noch nie
+gehört, daß Einer des Weges zurückgekehrt ist. Aber solltest Du ihn
+antreffen, so kannst Du ihn von mir grüßen und ihn fragen, wo ich wohl
+meine goldnen Schlüssel wiederfinden soll, die ich verloren habe.«
+-- »Ich will ihn wohl fragen,« sagte der Bursch. Am andern Morgen
+wanderte er weiter, und als er ein Ende gegangen war, kam er zu einem
+großen breiten Fluß. Während er nun da stand und nicht wußte, wie er
+hinüber kommen sollte, kam ein alter krummgebückter Mann auf ihn zu und
+fragte ihn, wo er hin wolle. »Ich soll zu dem Drachen von Dübenfahrt,«
+sagte der Bursch: »wenn ich bloß wüßte, wo er zu finden ist.« -- »Das
+kann ich Dir sagen,« sprach der Mann: »denn ich setze hier Alle über,
+die zu ihm wollen. Er wohnt hier grade gegenüber; wenn Du dort oben auf
+dem Hügel bist, kannst Du schon sein Schloß sehen; -- und wenn Du ihn
+dann zu sprechen bekommst, so kannst Du ihn von meinetwegen fragen, wie
+lange ich hier noch übersetzen soll.« -- »Ich will ihn wohl fragen,«
+sagte der Bursch. Der Mann nahm ihn nun auf den Rücken und trug ihn
+über den Fluß; und als der Bursch auf den Hügel gekommen war, sah er
+das Schloß grade vor sich und ging hinein. Als die Prinzessinn, die nur
+allein zu Hause war, ihn erblickte, rief sie: »Ist es möglich! darf
+denn eine Christenseele hieherkommen? Das ist noch nicht geschehen, so
+lange ich hier bin. Für Dich ist es aber am besten,« sagte sie: »Du
+siehst zu, daß Du wieder fortkommst so schnell wie möglich; denn kommt
+der Drache zu Hause, so riecht er Dich und frisst Dich sogleich auf, und
+mich machst Du dann dazu unglücklich.« -- »Nein,« sagte der Bursch: »ich
+kann nicht eher fort, als bis ich drei Federn aus seinem Schwanz habe.«
+-- »Die bekommst Du nun und nimmermehr,« sagte die Prinzessinn.
+
+Aber der Bursch wollte nicht fort; er wollte warten, bis der Drache nach
+Hause käme und wollte die Federn aus seinem Schwanz und Antwort auf seine
+Fragen haben. »Ja, wenn Du denn durchaus darauf bestehst, so will ich
+zusehen, ob ich Dir helfen kann,« sagte die Prinzessinn: »Versuche aber,
+ob Du das Schwert aufheben kannst, das dort an der Wand hangt.« Nein,
+der Bursch konnt's nicht vom Fleck rühren. »So musst Du einen Trunk aus
+dieser Flasche thun,« sagte die Prinzessinn. Als nun der Bursch einen
+Trunk aus der Flasche gethan hatte, konnte er das Schwert ein wenig
+bewegen. »Du musst noch einen Trunk thun,« sagte die Prinzessinn: »und
+dann erzähle mir ausführlich Deinen Auftrag.« Der Bursch that nun noch
+einen Trunk, und darauf erzählte er der Prinzessinn: ein König hätte ihn
+gebeten, den Drachen zu fragen, woher es käme, daß er kein reines Wasser
+in seinen Brunnen bekommen könne; für einen andern solle er fragen, wo
+seine Tochter geblieben sei, die vor vielen Jahren verschwunden wäre;
+und für eine Königinn solle er den Drachen fragen, wo ihre goldnen
+Schlüssel geblieben wären; und endlich solle er für den Fährmann fragen,
+wie lange der noch die Leute über den Fluß setzen müsse. -- Als der
+Bursch nun das Schwert anfaßte, konnte er es aufheben; und als er endlich
+noch einen Trunk gethan hatte, konnte er es schwingen. Gegen Abend sagte
+die Prinzessinn: »Nun kommt der Drache bald nach Hause, und damit er
+Dich nicht sogleich umbringt, musst Du unter das Bett kriechen, und da
+musst Du ganz still liegen, daß er Dich nicht bemerkt. Wenn wir uns dann
+niedergelegt haben, werde ich ihn ausfragen. Du musst aber gut zuhören
+und genau darauf Acht geben, Was er antwortet; und unter dem Bett musst
+Du liegen bleiben, bis Alles still ist, und der Drache eingeschlafen;
+alsdann aber kriech leise hervor und nimm das Schwert zu Dir. Und wenn
+er darnach aufsteht, musst Du mit _einem_ Hieb ihm den Kopf abschlagen
+und im selben Augenblick die drei Federn aus seinem Schwanz rupfen; denn
+sonst reißt er sie sich selbst aus, damit sie keinem Andern zu gute
+kommen sollen.«
+
+Als nun der Bursch unters Bett gekrochen war, kam auch schon der Drache
+an. »_Es riecht hier so nach Menschenfleisch!_« rief er, als er eintrat
+»O, es kam ein Rabe geflogen mit einem Menschenknochen im Schnabel und
+setzte sich auf das Dach,« sagte die Prinzessinn: »das muß es sein, was
+Du riechst.« -- »_Na so!_« sagte der Drache. Nun trug die Prinzessinn
+das Essen auf, und als sie gegessen hatten, legten sie sich zu Bett.
+Aber als sie eine Weile gelegen hatten, schlief die Prinzessinn so
+unruhig, und plötzlich wachte sie auf. »Au! au!« schrie sie. »_Was
+fehlt Dir?_« fragte der Drache. »O, ich schlafe so unruhig,« sagte die
+Prinzessinn: »und dann hatte ich einen so wunderlichen Traum.« -- »_Was
+träumte Dir denn?_« fragte der Drache. »O, mir träumte, es käme ein
+König hieher und fragte Dich, wie er es anfangen solle, um reines Wasser
+in seinen Brunnen zu bekommen,« sagte die Prinzessinn. »_Ach, das könnte
+er wohl von selbst wissen_,« sagte der Drache: »_wenn er bloß den
+Brunnen umgräbt und den alten verfaulten Stock herausnimmt, der auf dem
+Boden liegt, dann wird er schon reines Wasser bekommen. Aber liege jetzt
+ruhig und träume nicht wieder!_«
+
+Als die Prinzessinn eine Weile still gelegen hatte, ward sie wieder
+unruhig, warf sich im Bette hin und her und wachte endlich wieder auf.
+»_Au! au!_« -- »_Was ist denn nun wieder los?_« rief der Drache. »O,
+ich schlafe so unruhig, und dann hatte ich einen so wunderlichen
+Traum,« sagte die Prinzessinn. »_Das ist doch auch gewaltig mit Deiner
+Träumerei!_« sagte der Drache: »_Was hat Dir denn jetzt geträumt?_«
+-- »O, mir träumte, es käme ein König hieher und fragte Dich, wo seine
+Tochter geblieben wäre, die vor vielen Jahren verschwunden sei,« sagte
+die Prinzessinn. »_Das bist Du_,« sagte der Drache: »_aber Dich bekommt
+er in seinem Leben nicht mehr zu sehen. Laß mich aber jetzt in Ruhe,
+bitt' ich Dich, und träume nicht wieder, sonst brech ich Dir die Rippen
+entzwei._«
+
+Die Prinzessinn hatte nicht lange geschlafen, als sie wieder anfing,
+unruhig zu werden, und dann aufwachte. »_Au! au!_« rief sie. »_Nun,
+schon wieder? Was ist denn jetzt wieder los?_« rief der Drache und war
+so wild, daß er beinahe aus der Haut fahren wollte. »O, Du musst nicht
+böse werden,« sagte die Prinzessinn: »aber ich hatte einen so
+wunderlichen Traum.« -- »_Das ist doch auch zum Kukuk mit Deiner
+Träumerei! Was träumte Dir denn jetzt?_« -- »O, mir träumte, es käme
+eine Königinn hieher, die fragte Dich, ob Du ihr nicht sagen könntest,
+wo sie ihre goldnen Schlüssel wiederfinden solle, die sie verloren
+hätte.« -- »_O, sie kann nur zusehen zwischen den Büschen, wo sie lag,
+damals, wie sie wohl weiß, dann wird sie sie wohl finden_,« sagte der
+Drache: »_Aber laß mich nun endlich in Ruhe mit Deinen Träumen!_«
+
+Beide schliefen nun eine Weile; aber darnach begann die Prinzessinn
+wieder unruhig zu werden, und plötzlich wachte sie auf. _»Au! au!_«
+-- »_Ich merke wohl, Du wirst nicht eher ruhig, als bis ich Dir das
+Genick zerbreche_,« sagte der Drache und war so wüthend, daß ihm die
+Funken aus den Augen sprüh'ten: »_Was hast Du denn nun wieder?_« -- »O,
+Du musst nicht böse auf mich sein,« sagte die Prinzessinn: »ich kann
+ja nicht dafür; aber ich hatte einen so wunderlichen Traum.« -- »_Eine
+solche Träumerei ist mir doch noch nicht vorgekommen_,« sagte der Drache:
+»_aber Was träumte Dir denn jetzt?_« -- »Mir träumte, der Fährmann hier
+unten am Sund sei gekommen und fragte Dich, wie lange er noch die Leute
+über den Fluß setzen müsse.« -- »_Das dumme Vieh! davon könnte er bald
+befrei't werden_,« sagte der Drache: »_Wenn Jemand kommt, der hinüber
+will, so braucht er ihn nur mitten in den Fluß zu werfen und zu sagen:
+»Setz' nun Du über, bis Du abgelös't wirst!« dann wird er frei. Aber laß
+mich jetzt in Ruhe mit Deinen Träumen, sonst wird es ein andrer Tanz!_«
+
+Die Prinzessinn ließ ihn nun in Frieden schlafen. Aber sobald es still
+ward, und der Müllerbursch hörte, daß der Drache schnarchte, kroch er
+hervor und nahm das Schwert von der Wand. Ehe es noch Tag geworden war,
+stand der Drache auf; aber kaum war er mit beiden Füßen aus dem Bett
+gekommen, als der Bursch ihm den Kopf abhieb und die drei Federn aus
+seinem Schwanz riß. Das war eine große Freude. Und der Bursch und
+die Prinzessinn nahmen so viel Gold und Silber und Geld und andre
+Kostbarkeiten mit, als sie nur fortschaffen konnten, und als sie zu
+dem Sund kamen, setzten sie den Fährmann durch Alles, was er für sie
+hinübertragen mußte, so in Erstaunen und Verwirrung, daß er ganz und gar
+vergaß, zu fragen, Was der Drache gesagt hätte, bis alles Gepäck und der
+Bursch und die Prinzessinn dazu hinüber waren. »Es ist wahr,« sagte er,
+als sie eben fortgehen wollten: »fragtest Du den Drachen, wie ich Dir
+sagte?« -- »Ja,« antwortete der Bursch: »er sagte, wenn Jemand käme
+und hinüber wolle, so solltest Du ihn nur mitten in den Fluß werfen und
+sagen: »Setz' nun Du über, bis Du abgelös't wirst!« so würdest Du frei.«
+-- »O, twi!« sagte der Sundmann: »hättest Du mir das früher gesagt, dann
+hättest =Du= mich ablösen sollen.«
+
+Als sie zu dem ersten Königsschloß kamen, fragte ihn die Königinn, ob er
+den Drachen nach ihren goldnen Schlüsseln gefragt hätte. »Ja,« sagte der
+Bursch und flüsterte ihr ins Ohr: »Er sagte, Du solltest nur zusehen
+zwischen den Büschen, wo Du lagst, damals, wie Du wohl weißt.« -- »Still!
+still! sag' ja Nichts!« sagte die Königinn und gab dem Burschen hundert
+Thaler. -- Als er zu dem zweiten Königsschloß kam, fragte der König ihn,
+ob er sich bei dem Drachen nach seiner Tochter erkundigt hätte. »Ja,«
+sagte der Bursch: »das hab' ich, und hier ist Deine Tochter!« Darüber
+ward der König so froh, daß er dem Müllerburschen gern die Prinzessinn
+und das halbe Reich gegeben hätte. Aber da dieser schon eine Frau hatte,
+gab er ihm zweihundert Thaler und Pferde und Wagen und so viel Gold und
+Silber, als er nur fortschaffen konnte. -- Wie er nun zu dem dritten
+Königsschloß kam, fragte ihn der König, ob er seinen Auftrag bei dem
+Drachen ausgerichtet hätte. »Ja,« versetzte der Bursch: »er sagte,
+Du solltest nur den Brunnen umgraben und den alten verfaulten Stock
+herausnehmen, der auf dem Boden liegt, dann würdest Du schon reines
+Wasser bekommen.« Da gab der König ihm dreihundert Thaler. Von hier
+reis'te der Bursch gradesweges nach Hause, und er war so ausstaffirt mit
+Gold und mit Silber und so prächtig gekleidet, daß es nur so glitzerte.
+Als nun der reiche Peter die Federn aus dem Drachenschwanz erhielt,
+hatte er Nichts weiter gegen die Heirath einzuwenden. Da er aber all den
+Reichthum sah, den sein Schwiegersohn mitgebracht hatte, fragte er ihn,
+ob noch mehr da wäre. »Ja,« sagte der: »es sind noch ganze Wagen voll
+da, und wenn Du nur hinreisen willst, so wirst Du wohl so Viel finden,
+als Du gebrauchst.« Ja, Peter Krämer wollte gleich hinreisen. Nun sagte
+ihm sein Schwiegersohn den Weg so genau, daß er nicht nöthig hatte,
+weiter darnach zu fragen; »aber die Pferde,« sagte er: »lässt Du am
+besten an dieser Seite des Flusses; denn der Sundmann hilft Dir schon
+wieder herüber.« Peter reis'te nun fort und nahm einen guten Schnappsack
+voll Eßwaaren mit und viele Pferde, die ließ er aber an dieser Seite
+zurück, wie der Bursch ihm gesagt hatte. Als er nun zu dem Fluß kam,
+nahm ihn der Sundmann auf den Rücken und trug ihn fort bis in die Mitte,
+da warf er ihn ins Wasser und sprach: »Nun kannst Du hier übersetzen,
+bis Du abgelös't wirst!« Und wenn Keiner ihn abgelös't hat, so geht der
+reiche Peter Krämer noch den heutigen Tag da und setzt die Leute über.
+
+
+
+
+6.
+
+Aschenbrödel, der mit dem Trollen um die Wette aß.
+
+
+Es war einmal ein Bauer, der hatte drei Söhne; es ging ihm aber nur
+dürftig, und er war schon alt und schwach, und die Söhne wollten nicht
+recht an die Arbeit. Zu dem Gehöft gehörte ein großer schöner Wald, und
+in dem, wollte der Vater, sollten die Burschen Holz hauen, damit sie
+Etwas von der Schuld abbezahlten.
+
+Endlich brachte er sie denn auch auf den Trab, und der älteste Sohn
+sollte zuerst ins Holz. Als er nun in den Wald gekommen war und anfing,
+eine alte borkige Tanne umzuhauen, trat plötzlich ein ungeheurer Troll
+auf ihn zu. »_Wenn Du in meinem Wald hauest, so tödte ich Dich_,« sagte
+der Troll. Als der Bursch das hörte, warf er die Axt weg und lief, was
+er nur konnte, wieder nach Hause. Er kam ganz athemlos an und erzählte,
+Was ihm begegnet war. Aber der Vater sagte, er wäre ein Hasenherz; die
+Trollen hätten ihn niemals am Hauen gehindert, als ER noch jung gewesen,
+meinte er.
+
+Den andern Tag sollte der zweite Sohn in den Wald; aber dem gings
+justement eben so. Als er ein paar Hiebe gethan hatte, trat der Troll
+auf ihn zu und sprach; »_Wenn Du in meinem Wald hauest, so tödte ich
+Dich._« Der Bursch wagte kaum, ihn anzusehen, warf die Axt weg und
+machte sich auf die Beine, eben so, wie der Bruder. Als er nach Hause
+kam, meinte der Vater wieder, da ER noch jung gewesen, hätten die
+Trollen ihn niemals gehindert.
+
+Den dritten Tag wollte Aschenbrödel sich aufmachen. »Ja, Du,« sagten die
+beiden ältesten; »Du sollst wohl Was ausrichten, der Du nie hinter dem
+Ofen hervorgekommen bist.« Aschenbrödel antwortete Nichts, sondern bat
+nur um einen guten Sack voll Lebensmittel. Die Mutter hatte kein Fleisch
+und hängte daher den Kessel über's Feuer, um einiges Gemüse für ihn zu
+kochen; das that er in seinen Schnappsack, und damit machte er sich auf.
+Als er in den Wald gekommen war und eine Zeitlang gehauen hatte, kam
+ebenfalls der Troll auf ihn zu und sprach: »_Wenn Du in meinem Wald
+hauest, so tödte ich Dich._« Der Bursch aber, nicht faul, nahm sogleich
+einen Käse aus seinem Schnappsack und drückte ihn, daß der Saft
+herausspritzte. »Hältst Du nicht gleich Dein großes Maul,« sagte er zu
+dem Trollen: »so werd' ich Dich drücken, wie ich das Wasser aus diesem
+Stein drücke.« -- »Nein, Freund, verschone mich!« sagte der Troll: »ich
+will Dir auch hauen helfen.« Ja, wenn's so gemeint sei, wollte ihm denn
+der Bursch auch Nichts thun; und der Troll hau'te darauf brav zu, so
+daß sie an dem Tage viele Klafter umhau'ten. Gegen Abend sagte der
+Troll: »Nun kannst Du mit mir nach meiner Wohnung kommen, denn das ist
+näher, als nach Deinem Hause.« Ja, dem Burschen war das recht. Als sie
+nun in dem Hause des Trollen ankamen, wollte dieser Feuer auf dem Herd
+anmachen, und der Bursch sollte Wasser zum Grützkessel holen. Aber da
+standen zwei eiserne Zuber, so groß und so schwer, daß der Bursch sie
+nicht einmal von der Stelle bewegen konnte; er sagte aber: »Es ist nicht
+werth, mit diesen kleinen Bütten zu plirren; ich will lieber hingehen
+und den ganzen Brunnen holen.« -- »Nein, Freund,« sagte der Troll: »ich
+kann meinen Brunnen nicht entbehren. Mach Du lieber Feuer an, dann will
+ich hingehen und Wasser holen.«
+
+Als der Troll mit dem Wasser zurückkam, kochten sie einen tüchtigen
+Kessel voll Grütze. »Willst Du, wie ich,« sagte der Bursch: »so wollen
+wir um die Wette essen.« -- »Ja, laß uns das!« sagte der Troll; denn er
+dachte, hierin würde er es wohl mit dem Burschen aufnehmen können. Als
+sie sich aber zu Tische setzten, nahm der Bursch seinen Schnappsack und
+band ihn sich, ohne daß der Troll es bemerkte, vorn um den Leib, und nun
+schüttete er mehr in den Schnappsack, als er aufaß. Als der Sack voll
+war, zog er sein Taschenmesser hervor und machte einen Schlitz in seinen
+Bauch, es war aber der Schnappsack, in den er schnitt. Der Troll sah ihn
+an, aber sagte Nichts. Als sie eine gute Zeit gegessen hatten, legte der
+Troll den Löffel nieder. »Nein, nun kann ich nicht mehr!« sagte er. »Du
+musst essen,« sagte der Bursch: »ich bin noch nicht einmal halb satt.
+Mach es, wie ich, und schneide ein Loch in Deinen Bauch, dann kannst Du
+so Viel essen, als Du willst.« -- »Ja, aber das thut wohl gewaltig weh,«
+sagte der Troll. »O, es ist nicht der Rede werth,« versetzte der Bursch.
+Da nahm der Troll sein Messer und schnitt sich ein großes Loch in den
+Bauch, und als er das gethan hatte, fiel er todt zur Erde nieder. Der
+Bursch aber nahm nun all das Gold und Silber, das er im Berge vorfand,
+und damit ging er nach Hause; und nun konnte er wohl Etwas von der
+Schuld abbezahlen.
+
+
+
+
+7.
+
+Von dem Burschen,
+der zu dem Nordwind ging und das Mehl zurückforderte.
+
+
+Es war einmal eine alte Frau, die hatte einen Sohn, und da sie schon
+sehr elend und gebrechlich war und nicht mehr recht fortkonnte, sollte
+der Bursch für sie aufs Stabur[2] gehen und Mehl holen. Der Bursch ging
+auch hin; als er aber wieder die Treppe hinunterstieg, kam der Nordwind
+gestoben, nahm ihm das Mehl weg und fuhr damit durch die Luft. Der
+Bursch ging noch einmal aufs Stabur; als er aber die Treppe hinunterstieg,
+kam der Nordwind abermals gestoben und nahm ihm das Mehl weg, und eben
+so geschah es auch das dritte Mal. Das verdroß den Burschen, und er
+meinte, es wäre Unrecht, daß der Nordwind ihm so mitspielen sollte, und
+er gedachte daher, ihn aufzusuchen und sein Mehl zurückzufordern.
+
+Er machte sich nun auf; aber der Weg war lang, und er ging und ging. Und
+endlich kam er zum Nordwind. »Guten Tag!« sagte der Bursch. »Guten Tag!«
+sagte der Nordwind, und seine Stimme war so grob: »Was willst Du?«
+-- »O,« sagte der Bursch: »ich wollte Dich bitten, mir das Mehl
+wiederzugeben, das Du mir auf der Staburstreppe nahmst; denn Wenig haben
+wir nur, und wenn Du uns das Bischen, das wir haben, noch dazu nimmst,
+so wird's nichts Anders, als Hungerpfotensaugen.« -- »Ich habe kein
+Mehl,« sagte der Nordwind: »aber weil es Dir so dürftig geht, will ich
+Dir ein Tuch geben, das schafft Dir Alles, was Du Dir nur zu essen
+wünschest, wenn Du bloß sagst: 'Tuch, deck dich mit allerlei köstlichen
+Speisen!'«
+
+Damit war der Bursch sehr wohl zufrieden. Weil aber der Weg so lang war,
+daß er nicht in einem Tage nach Hause kommen konnte, kehrte er bei einem
+Gastwirth an der Landstraße ein. Als nun die Gäste, die schon vor ihm
+gekommen waren, zu Abend essen wollten, breitete der Bursch sein Tuch
+auf einem Tisch aus, der in der Ecke stand, und sprach dann: 'Tuch, deck
+dich mit allerlei köstlichen Speisen!' Kaum hatte er das gesagt, so that
+das Tuch seine Schuldigkeit. Da meinten Alle, besonders die Wirthsfrau,
+das wäre ein gar herrliches Tuch. Wie es nun Nacht geworden war, und
+Alle lagen und schliefen, schlich sich die Wirthsfrau herbei und
+stipitzte das Tuch und legte dann ein andres an die Stelle, das eben so
+aussah, wie jenes, aber das konnte nicht einmal mit trocknem Brod
+aufdecken.
+
+Als der Bursch am Morgen erwachte, nahm er sein Tuch und ging damit
+fort, und an diesem Tage kam er nach Hause zu seiner Mutter. »Nun,«
+sagte er: »bin ich beim Nordwind gewesen; das ist ein recht schicklicher
+Mann, denn er hat mir dieses Tuch gegeben, und wenn ich bloß sage: 'Tuch,
+deck dich mit allerlei köstlichen Speisen!' so bekomme ich Alles, was
+ich mir nur an Essen wünsche.« -- »Ja, das mag wahr sein,« sagte die
+Mutter: »aber ich glaub' es nicht, eh' ich es sehe.« Sogleich stellte
+der Bursch einen Tisch hin, legte das Tuch darauf und sprach: »Tuch,
+deck' dich mit allerlei köstlichen Speisen!« Aber das Tuch deckte sich
+nicht einmal mit einem Stück Brod.
+
+»Es ist kein andrer Rath, ich muß wieder zum Nordwind,« sagte der Bursch
+und machte sich auf den Weg. »Guten Tag!« sagte er, als er beim Nordwind
+ankam. »Guten Tag!« sagte der Nordwind: »Was willst Du?« -- »Ich wollte
+gern Ersatz für's Mehl haben, das Du mir nahmst,« sagte der Bursch:
+»denn das Tuch, das Du mir gegeben hast, taugt nichts.« -- »Ich habe
+kein Mehl,« sagte der Nordwind: »aber da hast Du einen Bock, der macht
+lauter Goldducaten, wenn Du bloß sagst: 'Bock, mach Gold!'« Damit war
+der Bursch wohl zufrieden; weil er aber so weit nach Hause hatte, daß er
+an einem Tage nicht hinkommen konnte, nahm er wieder Nachtherberge bei
+dem Gastwirth. Eh' er aber Etwas zu essen verlangte, probirte er seinen
+Bock, um zu sehen, ob es auch wahr sei, was der Nordwind ihm gesagt
+hatte; die Sache verhielt sich aber wirklich so. Als der Gastwirth das
+Experiment sah, meinte er, das wäre ein prächtiges Thier; und wie der
+Bursch eingeschlafen war, holte er sich den Bock und setzte einen andern
+an die Stelle, der machte aber keine Goldducaten.
+
+Am andern Morgen ging der Bursch weiter, und als er nach Hause zu seiner
+Mutter kam, sagte er: »Der Nordwind ist dennoch ein guter Mann; er hat
+mir jetzt einen Bock gegeben, der macht lauter Goldducaten, wenn ich
+bloß sage: 'Bock, mach Gold!'« -- »Das könnte wahr sein,« sagte die
+Mutter: »aber es ist wohl nur wieder Schnickschnack, und ich glaub' es
+nicht, eh' ich es sehe.« -- »Bock, mach Gold!« sagte der Bursch; aber es
+war kein Gold, was der Bock machte.
+
+Da ging der Bursch wieder zum Nordwind und sagte, der Bock tauge nichts,
+und er wolle Ersatz für's Mehl haben. »Ja, nun hab' ich Dir nichts Anders
+zu geben,« sagte der Nordwind: »als den alten Stock, der da in der Ecke
+steht, der hat aber die Eigenschaft, daß, wenn Du sagst: 'Stock, schlag'
+zu!' er so lange zuschlägt, bis Du wieder sagst: 'Stock, steh' still!'«
+-- Weil nun der Weg nach Hause wieder nicht kurz war, so kehrte der
+Bursch auch an dem Abend wieder bei dem Gastwirth ein. Da er aber
+wohl so halbweges begreifen konnte, wie es mit dem Tuch und dem Bock
+zugegangen war, streckte er sich sogleich auf die Bank hin und fing an
+zu schnarchen. Der Wirth, der sich wohl denken mochte, daß der Stock zu
+Etwas tauge, suchte einen andern hervor, der diesem ganz ähnlich war und
+wollte ihn an die Stelle setzen, denn er glaubte nicht anders, als daß
+der Bursch schliefe. Wie aber der Gastwirth den Stock wegnehmen wollte,
+rief der Bursch: »Stock, schlag' zu!« Der Stock auf den Gastwirth los,
+daß dieser über Tisch und Bänke fuhr und rief und bat: »Ach Herrgott!
+Herrgott! laß bloß den Stock wieder aufhören, sonst schlägt er mich noch
+todt! Ich will Dir auch gern Dein Tuch und Deinen Bock wiedergeben.« Als
+es dem Burschen schien, daß der Gastwirth wohl Genug hätte, rief er:
+»Stock, steh' still!« Er nahm nun sein Tuch und steckte es in die
+Tasche, band dem Bock eine Schnur um die Hörner und nahm den Stock in
+die Hand, und fort ging er mit Allem, bis er nach Hause zu seiner Mutter
+kam; und nun hatte er guten Ersatz für's Mehl bekommen.
+
+
+
+
+8.
+
+Die Jungfrau Maria als Gevatterinn.
+
+
+Weit, weit von hier in einem großen Wald wohnten ein Paar arme Leute.
+Die Frau kam ins Kindbett und gebar ein allerliebstes Töchterchen; aber
+da die Leute so arm waren, wußten sie nicht, wie sie das Kind getauft
+bekommen sollten. Da mußte der Mann sich aufmachen und zusehen, ob er
+nicht Gevattern bekommen könne, die für ihn das Taufgeld bezahlten. Er
+ging den ganzen Tag von Einem zum Andern, aber Gevatter wollte Niemand
+sein. Gegen Abend, als er nach Hause ging, begegnete ihm eine sehr
+schöne Frau, die hatte so prächtige Kleider an und sah so gutmüthig und
+freundlich aus und erbot sich, das Kind zur Taufe zu schaffen, wenn sie
+es nachher behalten solle. Der Mann antwortete, er müßte erst seine Frau
+fragen. Aber als er nach Hause kam und ihr die Sache vorstellte, sagte
+sie platt aus nein. Am andern Tage ging der Mann wieder aus; aber
+Gevattern wollten sie Alle nicht sein, wenn sie selbst das Taufgeld
+bezahlen sollten, und wie viel der Mann sie auch bitten mochte, so
+half doch Alles nichts. Als er am Abend nach Hause ging, begegnete ihm
+wieder die schöne Frau, die so sanft aussah, und sie machte ihm wieder
+dasselbe Anerbieten. Der Mann erzählte nun seiner Frau, Was ihm abermals
+begegnet war, und die sagte darauf, wenn er auch den nächsten Tag keine
+Gevattern zu dem Kind bekommen könne, so müßten sie es wohl der Frau
+überlassen, da sie doch so gut und freundlich aussähe. Der Mann ging nun
+zum dritten Mal aus, bekam aber auch an diesem Tage keine Gevattern; und
+als ihm daher am Abend wieder die freundliche Frau begegnete, versprach
+er ihr das Kind, wenn sie es wollte taufen lassen. Am andern Morgen kam
+die Frau in die Hütte des Mannes und hatte noch zwei Männer bei sich.
+Sie nahm nun das Kind und ging damit in die Kirche, und da wurde es
+getauft; darauf nahm sie es mit sich, und das kleine Mädchen blieb bei
+ihr mehre Jahre lang, und die Pflegemutter war immer gut und freundlich
+gegen sie.
+
+Als nun das Mädchen so groß geworden war, daß es schon unterscheiden
+konnte, und Verstand bekam, wollte die Pflegemutter einmal eine Reise
+machen. »Du darfst in alle Zimmer gehen, in welche Du willst,« sagte sie
+zu dem Mädchen: »nur in diese drei Zimmer darfst Du nicht gehen,« und
+darauf reis'te sie fort. Das Mädchen konnte es aber nicht unterlassen,
+die Thür zu dem einen Zimmer ein wenig zu öffnen -- und wutsch! so flog
+ein Stern heraus. Als die Pflegemutter nach Hause kam, betrübte es sie
+sehr, daß der Stern herausgeflogen war, und so unwillig war sie auf
+ihre Pflegetochter, daß sie ihr droh'te, sie fortjagen zu wollen. Aber
+das Mädchen bat und weinte so lange, bis sie endlich doch bleiben
+durfte. -- Nach einiger Zeit wollte die Pflegemutter abermals verreisen
+und verbot nun dem Mädchen, beileibe nicht in die zwei Zimmer zu gehen,
+in welchen sie noch nicht gewesen sei. Das Mädchen versprach ihr nun
+auch, sie wolle diesmal gehorsam sein. Als sie aber eine Zeitlang allein
+gewesen war und sich allerlei Gedanken gemacht hatte, Was doch wohl in
+dem zweiten Zimmer sein möchte, konnte sie sich nicht enthalten, auch
+die zweite Thür ein wenig zu öffnen -- und wutsch! flog der Mond heraus.
+Als die Pflegemutter zurückkehrte und sah, daß der Mond herausgeschlüpft
+war, ward sie wieder sehr betrübt und sagte zu dem Mädchen, nun könne
+sie sie durchaus nicht länger behalten, sie müsse jetzt fort. Aber da
+das Mädchen wieder so bitterlich weinte und gar zu artig bat, so durfte
+sie denn auch noch diesmal bleiben. -- Nach einiger Zeit wollte die
+Pflegemutter abermals verreisen, und da legte sie es dem Mädchen, das
+nun schon halb erwachsen war, recht ernstlich ans Herz, es ja nicht
+versuchen zu wollen, in das dritte Zimmer zu gehen, oder auch nur
+hineinzugucken. Als aber die Pflegemutter eine Zeitlang verreis't war,
+und das Mädchen so allein ging und sich langweilte, konnte sie es
+zuletzt nicht mehr aushalten. »Ach,« dachte sie: »wie artig es sein
+müßte, ein wenig in das dritte Zimmer zu gucken!« Sie dachte zwar erst,
+sie wollte es doch nicht thun, der Pflegemutter wegen; aber als sie
+wieder auf den Gedanken zurückkam, konnte sie sich doch nicht länger
+halten; sie meinte, sie solle und müsse durchaus hineingucken, und da
+machte sie die Thür ein ganz klein wenig auf -- und wutsch! flog die
+Sonne heraus. Als die Pflegemutter nun zurückkehrte und sah, daß die
+Sonne hinausgeflogen war, ward sie so herzlich betrübt und sagte zu dem
+Mädchen, nun könne sie durchaus nicht länger bei ihr bleiben. Die
+Pflegetochter weinte und bat noch artiger, als zuvor; aber es half Alles
+nichts. »Nein, ich muß Dich jetzt strafen,« sagte die Pflegemutter:
+»aber Du sollst die Wahl haben, entweder das allerschönste Frauenzimmer
+zu werden und nicht sprechen zu können, oder das allerhäßlichste und
+sprechen zu können; aber weg von hier musst Du.« Das Mädchen sagte: »So
+will ich denn lieber das allerschönste Frauenzimmer werden und nicht
+sprechen können,« -- und das ward sie denn auch; aber von der Zeit an
+war sie stumm.
+
+Als nun das Mädchen ihre Pflegemutter verlassen hatte und eine Zeitlang
+fortgewandert war, kam sie in einen großen, großen Wald; aber so weit
+sie auch ging, so konnte sie doch nie das Ende erreichen. Als es Abend
+wurde, kletterte sie auf einen hohen Baum, der oberhalb einer Quelle
+stand, und setzte sich darin zum Schlafen nieder. Nicht weit davon aber
+lag ein Königsschloß, und aus diesem kam früh am andern Morgen eine
+Dirne und wollte Wasser zum Thee für den Prinzen aus der Quelle holen.
+Als nun die Dirne das schöne Gesicht in der Quelle sah, glaubte sie,
+es wäre ihr eignes; sie warf sogleich den Eimer hin, lief nach Hause,
+hielt den Nacken steif und sagte: »Bin ich so schön, so bin ich auch
+wohl zu gut, um Wasser im Eimer zu holen.« Nun sollte eine Andre hin und
+Wasser holen; aber mit der ging es eben so: sie kam auch zurück und
+sagte, sie wäre viel zu schön und zu gut, um nach der Quelle zu gehen
+und Wasser für den Prinzen zu holen. Da ging der Prinz selbst hin; denn
+er wollte sehen, wie das zusammenhing. Als er nun zu der Quelle kam,
+erblickte er ebenfalls das Bild, und sogleich sah er nach dem Baum
+hinauf. Da ward er denn das schöne Mädchen gewahr, das dort in den
+Zweigen saß. Er schmeichelte sie herunter und nahm sie mit nach Hause
+und wollte sie durchaus zur Gemahlinn haben, weil sie so schön war.
+Aber seine Mutter, die noch lebte, machte Einwendungen: »Sie kann nicht
+sprechen,« sagte sie: »es mag daher wohl ein Trollmensch sein.« Aber der
+Prinz gab sich nicht eher zufrieden, bis er sie bekam. Als er nun eine
+Zeitlang mit ihr zusammengelebt hatte, ward sie schwanger, und wie sie
+gebären sollte, stellte der Prinz eine starke Wache um sie her. Aber in
+der Geburtsstunde schliefen alle ein; und als sie geboren hatte, kam
+ihre Pflegemutter, schnitt das Kind in den kleinen Finger und bestrich
+der Königinn mit dem Blute den Mund und die Hände und sagte: »Nun sollst
+Du eben so betrübt werden, als ich damals war, wie Du den Stern hattest
+hinausschlüpfen lassen,« und darauf verschwand sie mit dem Kinde. Als
+Die, welche der Prinz zur Bewachung hingestellt hatte, die Augen wieder
+aufschlugen, glaubten sie, die Königinn hätte ihr Kind aufgefressen, und
+die alte Königinn wollte daher, daß man sie verbrennen solle; aber der
+Prinz hatte sie so herzlich lieb, und nach vielem Bitten gelang es ihm,
+sie von der Strafe zu befreien, aber es war nur mit genauer Noth. Als
+die Königinn zum zweiten Mal ins Wochenbett sollte, wurde eine Wache
+um sie gestellt, die war doppelt so stark, als die erste. Aber es ging
+wieder eben so, wie das vorige Mal, nur daß jetzt die Pflegemutter zu
+ihr sagte: »Nun sollst Du eben so betrübt werden, als ich damals war,
+wie Du den Mond hattest hinausschlüpfen lassen.« Die Königinn weinte und
+bat, -- denn wenn die Pflegemutter da war, konnte sie sprechen -- aber
+es half Alles nichts. Nun wollte die alte Königinn durchaus, daß sie
+verbrannt werden sollte; aber der Prinz bat sie auch noch dieses Mal
+frei. Als die Königinn zum dritten Mal ins Kindbett sollte, ward eine
+dreidoppelte Wache um sie gestellt; aber es ging wieder ganz so, wie
+zuvor: die Pflegemutter kam, während die Wache schlief, nahm das Kind,
+schnitt es in den kleinen Finger und strich der Königinn das Blut um den
+Mund; nun, sagte sie, solle sie eben so betrübt werden, als sie selbst
+damals gewesen sei, wie sie die Sonne hatte hinausschlüpfen lassen.
+Jetzt konnte der Prinz sie auf keine Weise mehr retten, sie mußte und
+sollte verbrannt werden. Aber grade in dem Augenblick, da man sie auf
+den Scheiterhaufen brachte, erschien die Pflegemutter mit allen drei
+Kindern; die beiden ältesten führte sie an der Hand, und das jüngste
+trug sie auf dem Arm. Sie trat auf die junge Königinn zu und sprach:
+»Hier sind Deine Kinder, ich gebe sie Dir jetzt zurück. Ich bin die
+Jungfrau Maria, und so betrübt, als Du nun gewesen bist, so betrübt
+war ich damals, als Du den Stern, den Mond und die Sonne hattest
+hinausschlüpfen lassen. Jetzt hast Du für Das, was Du gethan, Deine
+Strafe erlitten, und von nun an sollst Du wieder sprechen können.« Wie
+froh da der Prinz und die Prinzessinn waren, das lässt sich wohl denken,
+aber nicht beschreiben; sie lebten nachher immer glücklich zusammen, und
+auch des Prinzen Mutter hatte von der Zeit an die junge Königinn recht
+lieb.
+
+
+
+
+9.
+
+Die drei Prinzessinnen aus Witenland.
+
+
+Es war einmal ein Fischer, der wohnte nicht weit vom Schloß und
+fischte für des Königs Tisch. Eines Tages, als er wieder auf den Fang
+ausgegangen war, konnte er nicht _einen_ Fisch bekommen; er mochte es
+anfangen, wie er wollte, und noch so viel fischen und angeln, so hing
+doch nie eine Gräte am Haken. Als es aber schon spät am Tage war,
+tauchte ein Kopf aus dem Wasser hervor und sprach: »Willst Du mir Das
+geben, was Deine Frau unter dem Gürtel trägt, so sollst Du Fische genug
+haben.« Der Mann sagte gleich Ja; denn er wußte nicht, daß seine Frau
+schwanger war. Darnach bekam er aber auch Fische den Tag, so viel er nur
+wollte. Als er am Abend nach Hause kam und erzählte, wie er all die
+Fische bekommen, fing die Frau an zu jammern und zu weinen, und sagte,
+Gott möge ihr gnädig sein wegen des Versprechens, das der Mann gethan
+hätte, denn sie trüge ein Kind unter dem Gürtel. Man sprach bald auf dem
+Schloß davon, daß die Frau des Fischers immer so betrübt wäre; und als
+der König das hörte und die Ursache erfuhr, versprach er dem Fischer, er
+wolle das Kind zu sich nehmen und es zu retten suchen. Die Zeit verstrich,
+und als die Frau gebären sollte, brachte sie einen Knaben zur Welt, den
+nahm der König zu sich und erzog ihn wie seinen eignen Sohn. Als der
+Knabe nun herangewachsen war, bat er den König eines Tages, seinen
+Vater auf den Fischfang begleiten zu dürfen, er hätte so große Lust zu
+fischen, sagte er. Der König wollte anfangs nicht, aber weil der Bursch
+so anhaltend bat, erlaubte er es ihm endlich. Der Sohn begleitete nun
+seinen Vater auf den Fischfang, und Alles ging den Tag über gut, bis am
+Abend, da sie wieder ans Land kamen. Da ward der Bursch gewahr, daß er
+sein Taschentuch im Boot vergessen hatte, und er wollte hingehen und es
+sich holen. Kaum aber war er ins Boot gekommen, so saus'te dieses mit
+ihm fort, daß nur das Wasser so schäumte, und wie sehr der Bursch auch
+rudern und arbeiten mochte, so half ihm doch Alles nichts; das Boot
+saus'te fort, bis es weit weg an ein weißes Sandufer trieb. Da ging der
+Bursch ans Land, und wie er eine Strecke gegangen war, begegnete ihm
+ein alter Mann mit einem weißen Bart; den fragte der Bursch: »Wie heißt
+dieses Land?« -- »_Witenland_,« antwortete der Mann; darauf fragte er
+den Burschen, wo er her wäre, und wo er hin wolle. Als dieser es ihm
+gesagt hatte, sprach der Mann: »Wenn Du diesen Strand entlang gehst,
+so kommst Du zu drei Prinzessinnen, welche in die Erde gesenkt stehen,
+so daß nur der Kopf hervorragt. Sobald sie Dich erblicken, wird die
+erste, welche die älteste ist, wohl rufen und Dich bitten, ihr zu
+Hülfe zu kommen, und eben so wird es mit der zweiten geschehen; aber
+zu keiner von diesen beiden sollst Du hingehen; beeile Dich nur, ihnen
+vorüberzukommen und thue, als ob Du sie gar nicht bemerktest, aber zu
+der dritten sollst Du hingehen und thun, um Was sie Dich bittet; denn es
+wird Dein Glück sein.«
+
+Als der Bursch nun zu der ersten von den Prinzessinnen kam, rief diese
+und bat ihn so flehentlich, er möchte doch zu ihr kommen; aber er ging
+ihr vorüber, als ob er sie ganz und gar nicht bemerkte, eben so auch der
+zweiten, aber zu der dritten ging er hin. »Willst Du thun, Was ich Dir
+sage, so sollst Du haben, Welche von uns Dreien Du willst,« sagte die
+Prinzessinn. Ja, das wollte der Bursch gern, und nun erzählte sie ihm,
+daß sie hier von drei Trollen wären versenkt worden; früher aber hätten
+sie auf dem Schloß gewohnt, das er dort drüben im Walde sehen könne.
+»Nun musst Du,« sagte sie: »in das Schloß gehen und Dich von den Trollen
+eine Nacht für Jede von uns peitschen lassen; kannst Du das aushalten,
+so errettest Du uns.« -- Ja, antwortete der Bursch: er wollt's
+versuchen. -- »Wenn Du in das Schloß gehst,« sagte die Prinzessinn
+weiter: »so stehen da zwei Löwen in der Pforte, aber gehe nur mitten
+zwischen ihnen hindurch, so thun sie Dir Nichts. Gehe dann grade aus in
+ein kleines Zimmer, und da lege Dich nieder. Dann kommt der Troll an und
+schlägt Dich; aber wenn er Dich genug geschlagen hat, so wasche Dich nur
+mit dem Wasser aus der Flasche, die dort an der Wand hangt, dann wirst
+Du sogleich wieder gesund, und darnach nimm das Schwert, das neben der
+Flasche hangt, und tödte damit den Trollen.« Ja, der Bursch that, wie
+die Prinzessinn ihm gesagt hatte: er ging mitten zwischen den Löwen
+hindurch, als ob er sie gar nicht beachte, schritt dann grade aus in
+die kleine Kammer, und da legte er sich nieder. Die erste Nacht kam
+ein Troll mit drei Köpfen und drei Ruthen und peitschte den Burschen
+gottsjämmerlich; aber dieser hielt Alles ruhig aus, bis der Troll fertig
+war; da nahm der Bursch die Flasche und wusch sich damit die Wunden,
+ergriff dann das Schwert und hau'te dem Trollen den Kopf ab. Als er nun
+am andern Morgen zu den Prinzessinnen kam, standen diese bis an den
+Gürtel über der Erde. Die zweite Nacht ging es eben so; aber der Troll,
+welcher jetzt kam, hatte sechs Köpfe und sechs Ruthen und peitschte ihn
+noch weit ärger, als der vorige. Als aber der Bursch am Morgen zu den
+Prinzessinnen kam, standen diese nur noch bis ans Schienbein in der
+Erde. In der dritten Nacht kam ein Troll, der hatte neun Köpfe und
+neun Ruthen und schlug und peitschte den Burschen so lange, bis dieser
+zuletzt ohne Bewusstsein umfiel. Da nahm ihn der Troll und warf ihn
+gegen die Wand, aber bei der Gelegenheit fiel die Flasche herunter und
+bespritzte den Burschen über und über, so daß er augenblicklich wieder
+gesund ward. Er nun nicht faul ergriff das Schwert und hieb damit dem
+Trollen den Kopf ab; und als er darauf am Morgen zu den Prinzessinnen
+kam, standen diese mit dem ganzen Leibe über der Erde. Nun heirathete er
+die jüngste von ihnen und wurde darauf König, und lebte glücklich und
+zufrieden mit ihr eine lange Zeit.
+
+Da bekam er einmal so große Lust, wieder nach Hause zu reisen und seine
+Ältern zu besuchen. Das gefiel aber der Königinn, seiner Gemahlinn, gar
+nicht; weil er aber nun durchaus fort wollte und mußte, sagte sie zu
+ihm; »Eins musst Du mir jedoch versprechen, daß Du nämlich bloß Das thun
+willst, um was Dein Vater Dich bittet, aber nicht Das, um was Deine
+Mutter Dich bittet,« und das versprach er ihr denn auch. Darauf gab
+sie ihm einen Ring, der hatte die Eigenschaft, daß Der, welcher ihn am
+Finger trug, zwei Wünsche thun konnte. Er wünschte sich nun nach Hause,
+und als die Ältern ihn sahen, konnten sie sich nicht genug darüber
+verwundern, wie stattlich und prächtig er aussah.
+
+Als er nun einige Tage zu Hause gewesen war, wollte seine Mutter, er
+sollte aufs Schloß gehen und dem König zeigen, was für ein Mann aus
+ihm geworden sei. Der Vater aber sagte: »Nein, das soll er nicht; denn
+alsdann können wir nicht länger die Freude haben, ihn bei uns zu sehen.«
+Aber es half nichts; die Mutter bat und quälte ihn so lange, bis er
+endlich ging. Als er nun auf's Schloß kam, war er weit stattlicher an
+Kleidern und in Allem, als der andre König; das war diesem nun gar nicht
+recht, und er sagte daher: »Ja, aber nun sollst Du meine Gemahlinn
+sehen; ich glaube nicht, daß Deine so schön ist, wie meine.« -- »Gott
+gäbe, sie stände hier, so solltest Du es sehen!« sagte der junge König,
+und sogleich stand sie da; aber sie war sehr betrübt und sagte: »Warum
+hast Du mir nicht gehorcht und nur auf Das gehört, was Dein Vater Dir
+sagte? Nun muß ich wieder fort, und Du hast keine Wünsche mehr.« Darauf
+knüpfte sie ihm einen Ring ins Haar, worauf ihr Name stand, und wünschte
+sich wieder nach Hause.
+
+Da ward der junge König sehr betrübt und dachte an nichts Anders, als
+wie er nur wieder zu seiner Gemahlinn kommen sollte. »Ich muß sehen, ob
+ich nicht irgendwo erfahren kann, wo Witenland liegt,« dachte er und
+begab sich auf den Weg. Als er ein Ende gegangen war, begegnete ihm
+Einer, der war Herr über alle Thiere im Walde, und sie kamen zu ihm,
+wenn er nur in sein Horn blies; den fragte der König nach Witenland.
+»Ich weiß nicht, wo es liegt,« sagte der Mann: »aber ich will meine
+Thiere fragen.« Darauf blies er sie herbei und fragte, ob nicht Einer
+von ihnen wüßte, wo Witenland läge; aber das wußte Keiner.
+
+Da gab der Mann ihm ein Paar Schneeschuhe. »Wenn Du die anhast,« sagte
+er: »kommst Du zu meinem Bruder, der über hundert Meilen weit von hier
+wohnt; der ist Herr über alle Vögel in der Luft, Du kannst den fragen.
+Wenn Du aber dort angekommen bist, so kehre die Schuhe nur um, so daß
+die Spitze nach hier wendet, dann gehn sie von selbst wieder nach
+Hause.« Als der König nun an Ort und Stelle gekommen war, kehrte er
+die Schneeschuhe um, wie der Herr über die Thiere ihm gesagt hatte,
+und darauf gingen sie von selbst wieder nach Hause.
+
+Er fragte nun wieder nach Witenland, und der Mann blies alle Vögel
+herbei und fragte sie, ob nicht Einer von ihnen wüßte, wo Witenland
+läge. Nein, das wußte wieder Keiner. Lange nach den andern Vögeln kam
+auch noch ein alter Adler, der zehn Jahre lang in der Fremde gewesen
+war, aber der wußte es auch nicht. »Nun,« sagte der Mann: »dann will
+ich Dir ein Paar Schneeschuhe leihen; wenn Du die anhast, kommst Du zu
+meinem Bruder, der hundert Meilen weit von hier wohnt; er ist Herr über
+alle Fische im Meer, Du musst den fragen; vergiß aber nicht, die Schuhe
+wieder umzukehren, wenn Du dort angekommen bist.« Der König dankte dem
+Mann und legte die Schuhe an. Als er nun zu Dem gekommen war, der Herr
+über alle Fische im Meer war, kehrte er die Schuhe wieder um, worauf
+diese, eben so, wie die andern, wieder nach Hause gingen.
+
+Der König fragte nun wieder nach Witenland. Da blies der Mann alle
+Fische herbei; aber auch von ihnen wußte Keiner Bescheid. Endlich kam
+ein alter, alter Hecht; der Mann hatte viele Mühe, ihn herbeizublasen,
+und als er ihn nach Witenland fragte, antwortete der Hecht: »Ja, da bin
+ich gut bekannt; denn ich bin da zehn Jahre lang Koch gewesen. Morgen
+soll ich wieder dahin; denn die Königinn, die ihren Gemahl verloren hat,
+macht morgen wieder Hochzeit.« -- »Wenn es sich so verhält, so will ich
+Dir einen guten Rath geben,« sagte der Mann: »Hier draußen auf einem
+Erlenmoor stehn drei Brüder, die haben da schon hundert Jahre gestanden
+und sich um einen Hut, einen Mantel und ein Paar Stiefeln gebalgt. Wenn
+Einer die drei Dinge hat, so kann er sich unsichtbar machen und sich so
+weit weg wünschen, als er will. Du kannst sagen, Du wolltest die Sachen
+probiren und nachher zwischen ihnen das Urtheil sprechen.« Der König
+dankte dem Mann und that, wie er ihm gesagt hatte. »Was steht Ihr hier
+beständig und balgt Euch?« sagte er, als er zu den drei Brüdern gekommen
+war: »lasst mich die Dinge probiren, dann will ich das Urtheil zwischen
+Euch sprechen.« Ja, das wollten sie gern. Als er aber den Hut, den
+Mantel und die Stiefeln bekommen hatte, sagte er: »Wenn wir uns das
+nächste Mal wiedersehen, sollt Ihr das Urtheil erfahren,« und damit
+wünschte er sich fort. Als er durch die Luft fuhr, traf er mit dem
+Nordwind zusammen. »Wo willst Du hin?« fragte ihn der Nordwind. »Nach
+Witenland,« sagte der König und erzählte ihm, Was ihm begegnet war. »Ja,
+Du fährst wohl etwas schneller, als ich,« sagte der Nordwind; »ich muß
+nun in jeden Winkel und wehen und pusten. Wenn Du aber an Ort und Stelle
+kommst, so stelle Dich nur auf die Treppe neben der Thür hin; dann werde
+ich gesaus't kommen, als wollte ich das ganze Schloß umwehen. Wenn dann
+der Prinz, der Deine Gemahlinn haben soll, herauskommt und sehen will,
+Was es giebt, so faß ihn nur beim Kragen und wirf ihn hinaus; dann will
+ich schon zusehen, wie ich ihn fortschaffe.« Ja, der König that, wie
+ihm der Nordwind gesagt hatte: er stellte sich auf die Treppe hin,
+und als der Nordwind gesaus't und gebraus't kam und einen Griff ins
+Schloßdach that, so daß es bebte und krachte, ging der Prinz hinaus und
+wollte sehen, Was es gab. Aber in demselben Augenblick ergriff der König
+ihn beim Kragen und warf ihn hinaus. Da nahm ihn der Nordwind und fuhr
+mit ihm davon. Als der König so mit guter Manier den Prinzen quitt
+geworden war, ging er ins Schloß. Anfangs erkannte die Königinn ihn
+nicht, weil er durch das lange Wandern und seinen heftigen Kummer so
+bleich und mager geworden war. Als er ihr aber den Ring zeigte, ward sie
+herzlich froh; und nun wurde mit großem Jubel erst die rechte Hochzeit
+gefeiert.
+
+
+
+
+10.
+
+Es giebt noch mehr solche Weiber.
+
+
+Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wollten säen, aber sie hatten
+kein Saatkorn und auch kein Geld, sich etwas zu kaufen. Eine einzige
+Kuh hatten sie, und mit der sollte der Mann in die Stadt gehen und sie
+verkaufen, damit sie Geld zu Saatkorn bekämen. Als es aber zum Stücke
+kam, wagte die Frau es nicht, den Mann allein reisen zu lassen, denn sie
+fürchtete, er möchte das Geld vertrinken. Sie machte sich daher selbst
+mit der Kuh auf den Weg und nahm auch noch ein Huhn mit.
+
+Dicht bei der Stadt begegnete ihr ein Schlachter. »Willst Du die Kuh
+verkaufen, Mutter?« fragte er sie. »Ja,« sagte die Frau. »Was willst Du
+denn dafür haben?« -- »Für die Kuh verlange ich drei Groschen,« sagte
+sie: »aber das Huhn sollst Du für acht Thaler haben.« -- »Das Huhn kann
+ich nicht gebrauchen,« sagte der Schlachter: »und das wirst Du schon
+los, wenn Du zur Stadt kommst; aber für die Kuh will ich Dir drei
+Groschen geben.« Sie verkaufte ihm nun die Kuh und erhielt ihre drei
+Groschen; aber in der Stadt war Niemand, der acht Thaler für ein magres
+schäbiges Huhn geben wollte. Die Frau ging deßhalb wieder zurück zum
+Schlachter und sagte: »Gevatter, ich kann mein Huhn nicht los werden;
+Du musst es mir auch nur abkaufen, da Du doch einmal die Kuh bekommen
+hast.« -- »Nun, wir werden schon Handels eins werden,« sagte der
+Schlachter. Darauf tractirte er sie mit Essen und gab ihr so viel
+Branntwein, daß sie trunken ward und Sinn und Verstand verlor.
+
+Während sie nun da lag und schlief, tauchte der Schlachter sie in ein
+Theerfaß und legte sie dann in einen Federhaufen.
+
+Als sie darauf erwachte, war sie über und über gefiedert und wunderte
+sich und sprach: »Bin ich's, oder bin ich's nicht? Nein, ich kann's
+nicht sein, das muß ein großer sonderbarer Vogel sein. Wie soll ich's
+doch nur erfahren, ob ich's bin, oder nicht? Ja, nun weiß ich's: wenn
+mich die Kälber lecken, und der Hund mich nicht anbellt, wenn ich nach
+Hause komme, so bin ich's.«
+
+Der Hund aber sah kaum das Unthier, so fing er an zu bellen, als ob
+Schelme und Diebe auf den Hof gekommen wären. »Nein, das kann ich
+unmöglich sein,« sagte sie. Als sie in den Stall kam, wollten die Kälber
+sie nicht lecken wegen des strengen Theergeruchs. »Nein, das kann ich
+nicht sein,« sagte sie, stieg auf das Staburdach und fing an, mit den
+Armen zu schlagen, als ob es Flügel wären, und sie in die Höhe wollte.
+Als der Mann das gewahr ward, kam er mit der Büchse heraus und zielte
+nach ihr. »Ach, schieß nicht! schieß nicht!« rief sie: »das bin ich.«
+-- »Bist Du es?« sagte der Mann: »was stehst Du denn da, wie eine Ziege?
+Komm herunter und thu mir Rechenschaft von Deinem Verkauf!« Sie kroch
+nun herunter, aber sie hatte nicht einen Heller; denn die drei Groschen,
+die sie vom Schlachter bekommen hatte, die hatte sie in ihrer Besoffenheit
+weggeworfen; und als der Mann nun hörte, wie Alles zugegangen war, ward
+er so zornig, daß er sagte, er wolle von Haus und Hof gehen, und nicht
+eher zurückkehren, als bis er drei andre Weiber fände, die eben so
+unklug wären.
+
+Er machte sich nun auf den Weg, und als er eine Strecke gegangen war,
+erblickte er eine neu aufgezimmerte Hütte, und ein Weib lief mit einem
+leeren Sieb aus und ein; aber so oft sie hineinlief, warf sie die
+Schürze über das Sieb, als ob sie Etwas drin hätte. »Warum thut Ihr
+das, Mutter?« fragte er die Frau. »O, ich will nur ein wenig Sonne
+hineintragen,« sagte sie: »aber ich weiß nicht, wie es recht zugeht:
+wenn ich draußen bin, habe ich die Sonne im Sieb, aber sobald ich
+hineinkomme, ist sie weg. Da ich noch in meiner alten Hütte wohnte,
+hatte ich Sonne genug, obgleich ich nie das Geringste hineintrug. Wenn
+mir nur Einer Sonne schaffen könnte, so wollt' ich ihm gern dreihundert
+Thaler geben.« -- »Habt Ihr eine Axt,« sagte der Mann: »so will ich Euch
+schon Sonne verschaffen.« Er bekam nun eine Axt und damit hau'te er die
+Fensterlöcher hinein, denn die hatte der Zimmermann vergessen. Sogleich
+schien nun die Sonne hindurch, und er bekam seine dreihundert Thaler.
+»Das war Eine!« dachte der Mann und ging weiter.
+
+Nach einer Weile kam er zu einem Hause, in welchem er ein entsetzliches
+Geschrei hörte. Er ging hinein, und da sah er nun eine Frau, die damit
+beschäftigt war, ihrem Mann den Kopf mit einem Waschbläuel zu bearbeiten;
+über den Kopf hatte sie ein Hemd ohne Halsloch gezogen. »Wollt Ihr Euern
+Mann todtschlagen, Mutter?« fragte er. »Nein,« sagte sie: »ich will nur
+ein Halsloch in dieses Hemd haben.« Der Mann schrie und geberdete sich
+übel und sprach: »Gott tröste Den, der ein neues Hemd anhaben soll! Wenn
+Jemand meiner Frau lehren könnte, ein Halsloch auf eine andre Manier
+ins Hemd zu kriegen, so wollt' ich ihm gern dreihundert Thaler geben.«
+-- »Das soll bald gethan sein; gebt mir nur eine Schere,« sagte der
+Andre. Er bekam nun eine Schere, schnitt ein Loch ins Hemd und ging mit
+seinen Dreihundert davon. »Das war die Zweite!« sagte er bei sich selbst.
+
+Endlich kam er zu einem Bauerhof, wo er sich eine Weile auszuruhen
+gedachte. Als er in die Stube trat, fragte die Frau ihn: »Wo seid Ihr
+her, Gevatter?« -- »Ich bin aus Ringelreich,« antwortete er. »Nein, was
+Ihr sagt! seid Ihr aus dem Himmelreich?[3] Dann kennt Ihr auch wohl
+den zweiten Peter, meinen seligen Mann.« -- Die Frau war nämlich zum
+dritten Mal verheirathet; ihr erster und ihr letzter Mann waren schlimm;
+darum glaubte sie, daß nur der zweite, der gut gewesen war, selig
+geworden sei. -- »Ja, den kenn' ich sehr gut,« sagte er. »Wie geht's
+ihm denn?« fragte die Frau. »O, es geht ihm nur dürftig,« erwiederte
+der Ringelreicher: »er schlendert von einem Hof zum andern und hat weder
+Essen in der Schüssel, noch Kleider auf dem Leibe -- an Geld ist nun gar
+nicht zu denken.« -- »Ach, Gott helf mir!« rief die Frau: »er brauchte
+eben nicht so elend einherzugehen, er, der so Viel hinterlassen hat;
+hier hangt ein ganzer Boden voll Kleider, die ihm gehörten, und eine
+große Kiste mit Geld steht hier auch; wenn Ihr's mitnehmen wollt,
+Gevatter, so will ich Euch gern ein Pferd und einen Karren geben, damit
+Ihr's fortschaffen könnt; das Pferd kann er da behalten, und auf dem
+Karren kann er sitzen und von einem Hof zum andern fahren, denn er hat
+es eben nicht nöthig, zu Fuß zu gehen.« Der Ringelreicher erhielt nun
+eine ganze Karrenfuhre voll Kleider und eine Kiste voll blankes
+Silbergeld und so viel Essen und Trinken, als er nur wollte, und damit
+setzte er sich auf und fuhr davon. »Das war die Dritte!« sagte er bei
+sich selbst.
+
+Aber draußen auf dem Felde ging der dritte Mann der Frau und pflügte,
+und da er Jemanden, den er nicht kannte, mit seinem Pferd und seinem
+Karren abreisen sah, ging er nach Hause zu seiner Frau und fragte sie,
+was Das für Einer wäre, der mit seinem blauen Pferd davon reis'te. »Ach
+Der,« sagte die Frau: »das war ein Mann aus dem Himmelreich; er sagte,
+daß es dem zweiten Peter, meinem seligen Mann, so schlecht gehe, daß
+er von Hof zu Hof schlendern müsse und weder Kleider, noch Geld hätte;
+darum schickte ich ihm alle seine alten Kleider, die hier hangen, und
+auch die alte Geldkiste mit dem Silbergeld.« Als der Mann das hörte,
+merkte er sogleich, Was die Uhr geschlagen hatte, sattelte sein Pferd
+und ritt in vollem Galopp davon. Es dauerte nicht lange, so war er dicht
+hinter dem Ringelreicher. Wie dieser ihn aber gewahr ward, fuhr er den
+Karren ins Unterholz, riß dem Pferd eine Handvoll Haare aus und lief auf
+einen Hügel, wo er die Pferdehaare an eine Birke band; darnach legte er
+sich darunter auf die Erde hin und glotzte und stierte in die Wolken.
+»Nein! nein!« sagte er so bei sich selbst, als der dritte Peter geritten
+kam: »nein, so Was hab' ich noch in meinem Leben nicht gesehen!« Peter
+sah ihm verwundert eine Weile zu, endlich fragte er ihn: »Was liegst Du
+da und glotzäugst?« -- »Nein, so Was hab' ich noch mein Lebtag nicht
+gesehen!« sagte der Andre: »Hier fuhr so eben Einer mit einem blauen
+Pferd grade zum Himmel hinauf; da siehst Du noch die Haare, die an der
+Birke hangen, und da oben in den Wolken siehst Du das blaue Pferd.«
+Peter sah bald zu den Wolken hinauf, bald nach Dem, welcher da lag und
+stierte; endlich sagte er: »Ich sehe Nichts, als nur die Pferdehaare an
+der Birke.« -- »Nein, Du kannst es da auch nicht sehen,« sagte der
+Andre: »aber komm hieher und lege Dich auf diese Stelle hin, und dann
+musst Du grade in die Wolken sehen, und die Augen nicht wegkehren.« Als
+nun der dritte Peter da lag und in die Wolken starrte, daß ihm die Augen
+voll Wasser liefen, schwang der Ringelreicher sich auf das Pferd und
+machte sich sowohl mit diesem, als mit dem Karren davon. Wie Peter es
+auf dem Wege rasseln hörte, sprang er auf; aber er war so verstört, als
+er den Andern mit seinen beiden Pferden und seinem Karren davon jagen
+sah, daß er sich nicht eher besann, ihm nachzueilen, als bis es zu spät
+war.
+
+Er ließ die Ohren ziemlich lang hängen, wie er nach Hause kam; als ihn
+aber seine Frau fragte, wo er das Pferd gelassen hätte, sagte er: »O,
+ich hab' es ihm für den zweiten Peter mitgegeben; denn ich dachte, es
+wäre nicht werth, daß er im Himmel auf einem elenden Rumpelkasten sitzen
+und von Hof zu Hof karren solle; nun kann er die Karre verkaufen und sich
+einen Wagen anschaffen.« -- »Dafür sollst Du Dank haben,« sagte die
+Frau: »ich hätte nie geglaubt, daß Du ein so guter Mann wärst.«
+
+Als nun der Andre mit den sechshundert Thalern und der Karrenfuhre
+voll Kleider und der Geldkiste nach Hause kam, sah er, daß aller Acker
+gepflügt und besä't war. Darum war die erste Frage, die er an seine Frau
+that, woher sie das Saatkorn bekommen hätte. »O,« sagte sie: »ich habe
+immer gehört: »Wer da säet, wird auch ernten;« darum hab' ich denn das
+Salz gesä't, das Die vom Dovrefjeld hier abgesetzt haben, und wenn
+wir bloß Regen bekommen, wird's wohl aufgehen, sollt' ich meinen.«
+-- »Verrückt bist Du, und verrückt bleibst Du, so lange Du lebst;«
+sagte der Mann: »aber es mag drum sein! denn die Andern sind auch nicht
+klüger, als Du.«
+
+
+
+
+11.
+
+Einem Jeden gefallen seine Kinder am besten.
+
+
+Ein Schütz ging einmal in einem Wald; da begegnete ihm die Bruchschnepfe.
+»Lieber Freund, schieß nicht meine Kinder!« sagte die Schnepfe. »Was
+sind denn das für welche, Deine Kinder?« fragte der Schütz. »Die
+schönsten Kinder, die im Wald gehen, sind meine,« antwortete die
+Schnepfe. »Ich will sie denn nicht schießen,« sagte der Schütz. Als er
+aber zurückkehrte, hatte er ein ganzes Bündel junge Bruchschnepfen, die
+er alle geschossen hatte, in der Hand. »Au! au! warum hast Du dennoch
+meine Kinder geschossen?« sagte die Schnepfe. »Waren diese denn Deine?«
+fragte der Schütz: »ich schoß die häßlichsten, die ich fand.« -- »Ach
+ja,« antwortete die Schnepfe: »weißt Du denn nicht, daß einem Jeden
+seine Kinder am besten gefallen?«
+
+
+
+
+12.
+
+Eine Freiergeschichte.
+
+
+Es war einmal ein Bursch, der ging aufs Freien aus. Da kam er unter
+anderm auch zu einem Kathen, wo die Leute in purer Armuth und Dürftigkeit
+lebten. Als aber der Freier kam, wollten sie gern wohlhabend scheinen,
+kannst Du glauben. Der Mann hatte einen neuen Ärmel in seine Jacke
+bekommen. »Setz Dich nieder!« sagte er zu dem Freier: »aber 's sieht
+hier überall so stäubig aus!« und damit ging er umher und wischte und
+stäubte mit seinem neuen Jackenärmel überall auf den Bänken und Tischen
+herum; den andern Arm aber hielt er auf den Rücken. Die Frau hatte einen
+neuen Schuh bekommen, und mit dem stieß sie an alle Bänke und Stühle.
+»Es liegt hier so Viel herum,« sagte sie: »es sieht hier so unordentlich
+aus.« Darauf riefen sie die Tochter, sie sollte hereinkommen und
+aufräumen. Die hatte eine neue Mütze bekommen und steckte den Kopf zur
+Thür herein und nickte: »Ich kann denn doch auch nicht überall sein,«
+sagte sie. Ja, das waren rechte Wohlstandsleute, zu denen der Freier
+gekommen war.
+
+
+
+
+13.
+
+Die drei Muhmen.
+
+
+Es war einmal ein armer Mann, der wohnte in einer Hütte, weit weit weg
+in einem Walde, und ernährte sich mit der Jägerei. Er hatte eine einzige
+Tochter, die war außerordentlich schön. Da aber die Mutter schon früh
+gestorben, und das Mädchen nun schon halb erwachsen war, sagte sie eines
+Tages zu ihrem Vater, sie wolle sich bei andern Leuten in Dienst geben,
+damit sie lernen könne, sich hiernach selbst ihr Brod zu verdienen. »Ja,
+meine Tochter,« sagte der Vater: »Du hast bei mir freilich nichts Anders
+gelernt, als Vögel rupfen, aber Du magst es immerhin versuchen, Dir Dein
+Brod selbst zu verdienen.« Das Mädchen ging nun fort, um sich einen
+Dienst zu suchen, und als sie eine Weile gegangen war, kam sie zu einem
+Königsschloß; da blieb sie, und die Königinn mochte sie so wohl leiden,
+daß die andern Dirnen ganz neidisch auf sie wurden. Darum sagten sie
+eines Tages zu der Königinn, das Mädchen hätte sich gerühmt, ein Pfund
+Flachs in vier und zwanzig Stunden spinnen zu können; denn sie wussten,
+die Königinn hielt so viel auf Handarbeiten. »Ja, hast Du das gesagt,
+so sollst Du es auch,« sagte die Königinn zu ihr: »indessen macht es
+nichts, wenn Du auch etwas mehr Zeit dazu gebrauchst.« Das arme Mädchen
+wagte nicht, zu sagen, daß sie niemals gesponnen hätte, sondern bat nur
+um eine Kammer für sich allein; die bekam sie denn auch, und man brachte
+ihr einen Spinnrocken und Flachs. Da saß sie nun und war betrübt und
+weinte und konnte sich gar nicht rathen. Sie stellte den Rocken vor sich
+hin und kehrte und dreh'te ihn, aber sie wusste ganz und gar nicht, wie
+sie's anfangen sollte; denn sie hatte nie zuvor in ihrem Leben nur
+einmal einen Spinnrocken gesehen.
+
+Als sie nun so betrübt da saß, trat eine alte Frau zu ihr ein. »Was
+fehlt Dir, mein Kind?« fragte sie. »Ach,« antwortete das Mädchen: »was
+kann es nützen, daß ich es Dir sage, denn Du kannst mir ja doch nicht
+helfen.« -- »Man kann nicht wissen,« sagte die Frau: »es wäre doch
+möglich, daß ich Rath für Dich wüsste.« Ja, ich kann es ihr ja wohl
+sagen, dachte das Mädchen und erzählte ihr nun, wie ihre Mitdienerinnen
+ausgesagt hätten, sie habe sich gerühmt, ein Pfund Flachs in vier und
+zwanzig Stunden spinnen zu können; »aber ich Arme!« sagte sie: »ich habe
+nie in meinem Leben einen Spinnrocken gesehen, geschweige denn, daß ich
+so Viel sollte in vier und zwanzig Stunden spinnen können.« -- »Es mag
+nun drum sein, mein Kind!« sagte die Frau: »willst Du mich an Deinem
+Ehrentag Muhme nennen, so will ich den Flachs für Dich spinnen, und Du
+kannst Dich hinlegen und schlafen.« Ja, das wollte das Mädchen gern und
+ging hin und legte sich schlafen.
+
+Am andern Morgen, als sie erwachte, lag aller Flachs gesponnen auf dem
+Tisch, und das so sauber und fein, daß man nie so schönes ebnes Garn
+noch gesehen hatte. Die Königinn freu'te sich sehr über das schöne Garn
+und hielt nun noch mehr von dem Mädchen, als vorher. Darüber wurden die
+andern noch neidischer auf sie und sagten nun zu der Königinn, jetzt
+hätte sie sich auch gerühmt, das Garn, das sie gesponnen, in vier und
+zwanzig Stunden weben zu können. Die Königinn sagte wieder, wenn sie das
+gesagt hätte, so solle sie es auch, aber es machte nichts, wenn sie auch
+nicht eben in vier und zwanzig Stunden damit fertig würde. Das Mädchen
+wagte auch diesmal nicht, ihre Ungeschicklichkeit zu bekennen, sondern
+bat nur um eine Kammer für sich allein, dann wollte sie es versuchen. Da
+saß sie nun wieder und war betrübt und weinte und wußte nicht, Was sie
+anfangen sollte. Es dauerte aber nicht lange, so trat wieder eine alte
+Frau herein und fragte: »Was fehlt Dir, mein Kind?« Das Mädchen wollte
+es ihr erst nicht sagen, aber zuletzt erzählte sie ihr denn, Was die
+Königinn von ihr verlangte. »Ei nun,« sagte die Frau: »es mag drum sein!
+willst Du mich an Deinem Ehrentag Muhme nennen, so will ich das Garn für
+Dich weben, und Du kannst Dich hinlegen und schlafen.« Ja, das wollte
+das Mädchen gern, und damit ging sie hin und legte sich schlafen. Als
+sie aufwachte, lag alles Garn so sauber und dicht gewebt auf dem Tisch,
+wie nur möglich. Sie brachte es nun der Königinn, und diese freu'te
+sich außerordentlich über die schöne Leinwand und hielt jetzt noch weit
+mehr von dem Mädchen, als zuvor. Aber darüber wurden die andern noch
+neidischer und erbitterter auf sie und dachten an nichts Anders, als Was
+sie jetzt angeben sollten, um ihr zu schaden.
+
+Endlich verfielen sie darauf, zu der Königinn zu sagen, jetzt hätte sie
+sich auch gerühmt, all die Leinwand, die sie gesponnen, in vier und
+zwanzig Stunden zu Hemden aufnähen zu können. Es ging nun eben so, wie
+früher: das Mädchen wagte nicht, zu sagen, daß sie nicht nähen könne;
+sie erhielt wieder ihre Kammer für sich allein und saß da und war betrübt
+und weinte. Nun trat aber wieder eine alte Frau zu ihr ein und versprach
+ihr, die Leinwand für sie zu nähen, wenn sie sie an ihrem Ehrentag Muhme
+nennen wolle. Ja, das wollte das Mädchen gern und that wieder, wie die
+Frau ihr sagte, ging hin und legte sich schlafen. Am andern Morgen, als
+sie erwachte, war alle Leinwand zu Hemden aufgenäh't, die auf dem Tisch
+lagen; eine so schöne Naht hatte man aber noch nie gesehen, und die
+Hemden waren alle hübsch gezeichnet und völlig fertig. Als die Königinn
+die Arbeit sah, freu'te und verwunderte sie sich so sehr über die schöne
+Naht, daß sie die Hände über dem Kopf zusammenschlug. »Nein, eine so
+schöne Naht habe ich noch nie gesehen,« sagte sie, und von nun an hatte
+sie das Mädchen so lieb, wie ihr eignes Kind. »Wenn Du jetzt den Prinzen
+haben willst, so sollst Du ihn bekommen,« sagte sie zu dem Mädchen:
+»denn Du hast niemals nöthig, Etwas aus dem Hause zu geben, da Du Alles
+selbst spinnen und weben und auch nähen kannst.« Weil das Mädchen nun so
+schön war, und der Prinz sie gern leiden mochte, wurde auch sogleich die
+Hochzeit gehalten. Als sich aber der Prinz mit ihr zur Tafel gesetzt
+hatte, trat plötzlich ein altes häßliches Weib herein mit einer langen
+langen Nase -- die war gewiß drei Ellen lang.
+
+Da stand die Braut auf, ging auf die Alte zu und sagte: »Guten Tag,
+Muhme!« -- »Ist das die Muhme meiner Braut?« fragte der Prinz. Ja, das
+wäre sie. »Ja, so müssen wir sie denn wohl mit bei Tafel sitzen lassen,«
+sagte der Prinz; aber er sowohl, als die Andern meinten doch, sie wäre
+gar zu garstig, um mit ihnen bei Tafel zu sitzen.
+
+Nicht lange darnach trat wieder ein altes häßliches Weib ein, die hatte
+einen Allerwerthesten, so dick und so breit, daß sie nur mit genauer
+Noth zur Thür herein konnte. Sogleich stand die Braut auf und grüßte sie
+und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz fragte wieder, ob das auch
+eine Muhme seiner Braut wäre. »Ja,« antworteten beide, und sie mußte
+sich nun ebenfalls an die Tafel setzen.
+
+Kaum aber hatte sie sich niedergesetzt, so trat wiederum ein altes
+häßliches Weib ein, mit Augen, so groß, wie ein Paar Teller, und so roth
+und fließend, daß es ganz abscheulich aussah. Die Braut stand wieder auf
+und grüßte sie und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz bat auch
+sie, sich an die Tafel zu setzen, aber er dachte bei sich selbst: »Gott
+steh mir bei wegen all der Muhmen, die meine Braut hat!« Als sie ein
+wenig gesessen hatten, konnte der Prinz sich nicht enthalten, zu sagen:
+»Wie in aller Welt kann doch meine Braut, die so schön ist, so hässliche
+und missgestaltne Muhmen haben!« -- »Das will ich Dir sagen,« versetzte
+die eine: »ich war eben so schön, wie Deine Braut, da ich in ihrem Alter
+war; aber daß ich eine so lange Nase habe, kommt daher, weil ich so
+viel gesessen und gesponnen und dabei den Kopf beständig gerüttelt und
+geschüttelt habe; davon hat sich die Nase ausgedehnt und ist so lang
+geworden, wie Du sie jetzt siehst!« -- »Und ich,« sagte die zweite: »ich
+habe von meiner Jugend an auf dem Webstuhl gesessen und immer hin und
+her gehuppelt; davon ist mein Allerwerthester so groß geworden und so
+angeschwollen, wie Du ihn jetzt siehst.« Darauf sagte die dritte: »Ich
+habe, seit ich ganz klein war, immer da gesessen und auf das Nähzeug
+gestiert; davon sind meine Augen so häßlich und roth geworden.« -- »Na,
+so!« sagte der Prinz: »das war gut, daß ich das zu wissen bekam, wie die
+Leute von Dergleichen so häßlich werden können; so soll denn nun meine
+Braut auch in ihrem Leben nicht wieder spinnen, noch nähen, noch weben!«
+
+
+
+
+14.
+
+Der Sohn der Wittwe.
+
+
+Es war einmal eine arme arme Wittwe, die hatte einen einzigen Sohn, für
+den quälte sie sich so lange ab, bis der Prediger ihn gefirmelt hatte.
+Da sagte sie, jetzt könne sie ihn nicht länger ernähren, er müsse nun
+fort und sich sein Brod selbst verdienen. Der Bursch wanderte darauf
+fort in die Welt, und als er eine gute Strecke Weges zurückgelegt hatte,
+begegnete ihm ein Mann, der fragte ihn, wo er hin wolle. »Ich will fort
+in die Welt und zusehen, ob ich nicht einen Dienst bekommen kann,« sagte
+der Bursch. »Willst Du bei mir dienen?« -- »O ja, eben so gut bei Dir,
+als bei jedem Andern,« versetzte der Bursch. »Ja, Du sollst es gut bei
+mir haben,« sagte der Mann: »Du sollst mir bloß zur Gesellschaft sein,
+weiter verlange ich von Dir Nichts.« Der Bursch trat nun seinen Dienst
+bei dem Manne an; er führte ein herrliches Leben, hatte Essen und Trinken
+vollauf und nur Wenig oder gar Nichts zu thun; aber er sah sonst auch
+niemals eine Menschenseele.
+
+Eines Tages sagte der Mann zu ihm: »Ich werde jetzt auf acht Tage
+verreisen; während der Zeit musst Du hier allein bleiben, aber Du darfst
+ja nicht in eins von diesen vier Zimmern gehen; thust Du das, so kostet
+es Dir das Leben, wenn ich zurückkomme.« -- Nein, sagte der Bursch, er
+wollt's gewiß nicht thun. Als aber der Mann drei oder vier Tage fort
+gewesen war, konnte der Bursch sich nicht länger halten, sondern ging in
+das eine der Zimmer. Er sah sich hier überall um, aber bemerkte Nichts,
+als nur eine Borte über der Thür, und darauf lag eine Dornruthe. »Das
+ist auch was Rechtes, um es mir so strenge zu verbieten, in dies Zimmer
+zu gehen, wenn hier weiter Nichts zu sehen ist!« dachte der Bursch. Als
+die acht Tage um waren, kam der Mann wieder nach Hause. »Du bist doch
+auch wohl in keins von den Zimmern gegangen,« sagte er. »Nein, ganz und
+gar nicht,« sagte der Bursch. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sagte
+der Mann, und darauf ging er grade in das Zimmer, in welchem der Bursch
+gewesen war. »Ja, Du bist doch drin gewesen,« sagte er, als er zurückkam:
+»und nun muß ich Dich tödten.« Aber der Bursch weinte und bat so lange,
+bis er doch zuletzt mit dem Leben davon kam; aber tüchtige Schläge
+erhielt er. Als er die ausgestanden hatte, waren sie wieder eben so gute
+Freunde, als zuvor.
+
+Einige Zeit darnach verreis'te der Mann abermals; er sagte, daß er jetzt
+vierzehn Tage ausbleiben würde, und verbot dem Burschen wieder strenge,
+in irgend eins der Zimmer zu gehen, in welchen er noch nicht gewesen
+sei; aber in das, worin er schon gewesen, könne er immer wieder gehen,
+wenn er wolle. Es ging nun eben so, wie das vorige Mal, nur daß der
+Bursch sich jetzt acht Tage hielt, eh' er wieder in eines der verbotenen
+Zimmer ging. Er sah auch hier Nichts, als über der Thür eine Borte und
+darauf einen Feldstein und einen Wasserkrug. »Nun, das ist auch was
+Rechtes, um davor so bange zu sein!« dachte der Bursch. Als der Mann
+nach Hause kam, fragte er den Burschen wieder, ob er auch in irgend
+einem der Zimmer gewesen sei. Nein, sagte der Bursch, er wäre nicht drin
+gewesen. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sprach der Mann, und da er
+nun sah, daß der Bursch dennoch drin gewesen war, sagte er: »Nun kann
+ich Dich nicht länger schonen, jetzt musst Du das Leben verlieren.« Aber
+der Bursch weinte und bat so lange, bis er denn zuletzt wieder mit einer
+Tracht Schläge davon kam, aber die war denn auch nicht schlecht. Als er
+sich davon erholt hatte, führte er wieder ein herrliches Leben; und er
+und der Mann waren wieder eben so gute Freunde, wie zuvor.
+
+Einige Zeit darnach wollte der Mann abermals verreisen; er sagte, daß er
+jetzt drei Wochen abwesend sein würde, und schärfte dem Burschen ein,
+beileibe nicht in das dritte Zimmer zu gehen; wenn er es dennoch thäte,
+sagte er, könne er sich nur sogleich darauf gefasst machen, das Leben zu
+verlieren. Nach vierzehn Tagen konnte der Bursch sich nicht länger
+halten, sondern ging auch in das dritte Zimmer; er sah aber darin
+Nichts, als nur eine Fallthür am Fußboden. Als er die aufhob und
+hinuntersah, erblickte er einen großen kupfernen Kessel und drinnen
+pruttelte und kochte es, ohne daß Feuer darunter war. Ich möchte doch
+wissen, ob's wohl warm ist, dachte der Bursch und steckte den Finger
+hinein; als er ihn aber wieder herauszog, war er über und über vergoldet;
+er schabte und wusch ihn, aber die Vergoldung wollte nicht wieder ab; da
+band er einen Lappen darum. Als darauf der Mann nach Hause kam und ihn
+fragte, Was seinem Finger fehle, sagte der Bursch, er habe sich so
+arg geschnitten; aber da riß der Mann ihm den Lappen ab und sah nun
+sogleich, Was dem Finger fehlte. Erst wollte er den Burschen durchaus
+tödten; aber da dieser wieder so heftig weinte und so flehentlich bat,
+klopfte er ihn bloß so, daß er drei Tage lang zu Bette liegen mußte.
+Darauf nahm er einen Krug von der Wand, worin eine Salbe war, und
+bestrich damit den Burschen, worauf dieser sogleich wieder frisch und
+gesund aufstand.
+
+Als einige Zeit vergangen war, wollte der Mann abermals verreisen und
+wollte nun einen ganzen Monat ausbleiben. Zu dem Burschen aber sagte er,
+wenn er es sich einfallen ließe, auch in das vierte Zimmer zu gehen, so
+könne er durchaus nicht hoffen, das Leben zu behalten; dieses Mal würde
+er ihn gewiß nicht schonen. Der Bursch hielt sich etwa drei ganze
+Wochen, aber länger konnt' er's nicht aushalten, sondern ging nun
+auch in das vierte Zimmer. Hierin stand ein großes Pferd mit einem
+Schmutztrog beim Kopf und einem Heutrog beim Schwanz. Dem Burschen
+däuchte das ungleich, und daher tauschte er um und setzte den Heutrog
+beim Kopf hin und den Schmutztrog beim Schwanz. Da sagte das Pferd:
+»Weil Du ein so gutes Herz hast und mir Etwas zu essen gönnst, will ich
+Dich erretten; denn kommt der Troll jetzt nach Hause und findet Dich
+hier noch vor, so tödtet er Dich ganz gewiß. Gehe aber nun in das Zimmer
+hier grade gegenüber und nimm eine von den Rüstungen; aber du darfst
+ja keine von den blanken nehmen, sondern Du sollst die allerrostigste
+nehmen, die Du da siehst, und auf gleiche Weise sollst Du auch Schwert
+und Sattel wählen.« Das that der Bursch; aber es war alles das sehr
+schwer für ihn zu tragen.
+
+Als er mit den Sachen zurückkam, sagte das Pferd, nun solle er sich
+nackt auskleiden und in das Zimmer gehen, wo der Kessel stände und
+kochte, und in dem solle er sich gut baden. »Da werde ich wohl schön
+aussehen!« dachte der Bursch, aber er ging doch hin. Als er sich nun
+gebadet hatte, war er so schön und groß geworden und so roth und weiß,
+wie Milch und Blut, dazu weit stärker, als vorher. »Spürst Du eine
+Veränderung?« fragte ihn das Pferd. »Ja,« sagte der Bursch. »Dann
+versuch' einmal, ob Du mich aufheben kannst,« sagte das Pferd. Ja, das
+konnte der Bursch, und das Schwert konnte er schwingen, wie gar Nichts.
+Als das Pferd das sah, sprach es: »Lege mir jetzt den Sattel auf und Dir
+selbst die Rüstung an, und dann nimm die Dornruthe und den Stein und die
+Wasserflasche und den Salbenkrug; dann wollen wir fortreisen.«
+
+Wie der Bursch das gethan hatte und auf das Pferd gestiegen war, ging es
+-- hast Du mich nicht gesehen! auf und davon. Als der Bursch nun ein
+gutes Ende geritten war, sagte das Pferd: »Mir däucht, ich höre ein
+Geräusch; sieh Dich mal um, ob Du Etwas gewahr wirst.« -- »Ich sehe
+Männer hinter uns,« sagte der Bursch: »wohl gegen zwanzig Stück.« --
+»Das ist der Troll,« sagte das Pferd: »er kommt mit seinen Leuten.«
+
+Das Pferd trabte aber weiter, so lange bis Die, welche hinter ihnen
+waren, ganz nahe kamen. Da sagte das Pferd: »Wirf jetzt die Dornruthe
+hinter Dich, aber so weit Du nur kannst!« Das that der Bursch, und im
+selben Augenblick wuchs da ein großer dicker Dornwald auf. Nun ritt der
+Bursch wieder eine weite Strecke fort, während der Troll sich nach Hause
+begab, um Axt und Beil zu holen, damit er sich durch den Wald hauen
+könne. Endlich sagte das Pferd wieder: »Sieh Dich mal um, ob Du Etwas
+gewahr wirst.« -- »Ja, eine große Menge,« sagte der Bursch: »wie eine
+ganze Kirchengemeine.« -- »Ja, das ist wieder der Troll,« sagte das
+Pferd: »nun hat er noch mehr Leute mitgebracht. Wirf aber jetzt den
+Feldstein hinter Dich, aber so weit Du nur kannst.«
+
+Als der Bursch das that, entstand plötzlich ein großer hoher Berg von
+Feldsteinen hinter ihnen. Nun mußte der Troll wieder nach Hause, um
+sich Geräthschaften zu holen, womit er sich durch den Berg minire, und
+während er das that, ritt der Bursch wieder eine gute Strecke weiter.
+Zuletzt sagte das Pferd wieder, er solle sich mal umsehen, ob er etwas
+gewahr würde; und als der Bursch sich nun umsah, bemerkte er ein ganzes
+Kriegsheer, und Alle trugen so blanke Rüstungen und Waffen, daß es nur
+so glitzerte. »Ja,« sagte das Pferd: »es ist wieder der Troll; nun hat
+er alle seine Leute mitgebracht. Gieß aber jetzt die Flasche mit Wasser
+hinter Dir aus; aber hüte Dich wohl, daß Du Etwas auf meinen Leib
+spritzest!« Das that der Bursch; aber wie sehr er sich auch in Acht
+nahm, so spritzte er doch einen Tropfen an den Schenkel des Pferdes.
+Augenblicklich entstand ein großes wogendes Wasser, und durch den
+Tropfen, den er auf das Pferd gespritzt hatte, kam dieses weit hinaus
+in dem Wasser zu stehen; aber es schwamm doch glücklich ans Land. Als
+der Troll nun zu dem Wasser kam, legte er sich mit allen seinen Leuten
+nieder, um es aufzutrinken, und da tranken sie so lange, bis sie
+barsten. »Nun sind wir sie quitt!« sagte das Pferd.
+
+Als sie nun eine lange lange Zeit gereis't hatten, kamen sie zu einer
+grünen Ebene mitten in einem Walde. »Lege jetzt Deine Rüstung ab und
+zieh wieder Deine Lumpen an,« sagte das Pferd: »nimm mir dann den Sattel
+ab und laß mich frei und hänge Alles hier in die große hohle Linde hin;
+darnach musst Du Dir eine Perrücke von Tannenmoos machen, und geh dann
+hinauf zu des Königs Schloß, das hier in der Nähe liegt, und bitte dort
+um einen Dienst. Wenn Du mich dann nöthig hast, so komm bloß her und
+rüttle an dem Gebiß, dann werde ich zu Dir kommen.«
+
+Ja, der Bursch that, wie das Pferd ihm gesagt hatte, und als er sich
+die Moosperrücke aufsetzte, war er so bleich und jämmerlich und elend
+anzusehen, daß Keiner ihn mehr erkennen konnte. Er ging nun zu dem
+Königsschloß, und da bat er zuerst um einen Dienst in der Küche; er
+wolle dem Koch Wasser und Holz zutragen, sagte er. Aber die Köchinn
+fragte ihn: »Warum hast Du die häßliche Perrücke auf? Nimm die ab,«
+sagte sie: »ich will sonst Nichts von Dir wissen, so häßlich Du
+aussiehst.« -- »Das kann ich nicht,« sagte der Bursch: »denn mein Kopf
+ist nicht so recht rein.« -- »Denkst Du, ich will Dich dann hier beim
+Essen haben, wenn es so mit Dir beschaffen ist?« sagte der Koch: »Geh
+hinunter zum Stallmeister! Du schickst Dich besser dazu, den Stall
+auszumisten.« Als aber der Stallmeister ihm sagte, er solle die Perrücke
+abnehmen, bekam dieser dieselbe Antwort, und nun wollte auch der ihn
+nicht behalten. »Du kannst zum Gärtner gehen,« sagte er: »Du schickst
+Dich besser dazu, in der Erde zu wühlen, Du.« Beim Gärtner durfte er
+denn endlich bleiben; aber Keiner von den andern Bedienten wollte mit
+ihm zusammenschlafen; darum mußte er denn allein schlafen unter der
+Treppe im Lusthause, das stand auf Stollen und hatte eine sehr große
+Treppe; darunter bekam er einiges Moos, und da lag er nun und schlief,
+so gut er konnte.
+
+Als er nun eine Zeitlang im Königsschloß gewesen war, geschah es eines
+Morgens, als die Sonne aufging, daß er seine Moosperrücke abnahm und da
+stand und sich wusch, und da war er so schön, daß es eine Lust war, ihn
+anzusehen.
+
+Die Prinzessinn sah durch ihr Fenster den wackern Gärtnerburschen, und
+es däuchte ihr, einen so schönen Menschen habe sie noch nie gesehen. Sie
+fragte den Gärtner, warum er dort draußen unter der Treppe liege. »O, es
+will Keiner von den andern Bedienten mit ihm zusammenschlafen,« sagte
+der. »Laß ihn heute Abend heraufkommen und bei der Thür drinnen in
+meiner Kammer liegen,« sagte die Prinzessinn: »so werden sie sich nachher
+wohl nicht weigern, mit ihm zusammenzuschlafen.« Der Gärtner sagte das
+dem Burschen. »Meinst Du aber, ich werde das thun?« sagte der: »man
+möchte nachher sagen, es wäre Etwas zwischen mir und der Prinzessinn.«
+-- »Ja, Du hast auch wohl Ursache, Dich vor solchem Verdacht zu fürchten,«
+sagte der Gärtner: »so wacker wie Du bist.« -- »Nun, wenn Ihr's denn so
+wollt, dann will ich es wohl thun,« sagte der Bursch. Als er nun am
+Abend die Treppe hinauf sollte, schlarfte er so mit seinen Schuhen, daß
+sie ihn bitten mußten, leise zu gehen, damit der König ihn nicht gewahr
+werde. Als er in die Kammer der Prinzessinn gekommen war, legte er sich
+sogleich bei der Thür nieder und fing an zu schnarchen. Da sagte die
+Prinzessinn zu ihrem Kammermädchen: »Schleich Dich zu ihm und nimm ihm
+die Moosperrücke ab.« Aber als sie sie ihm abnehmen wollte, erwachte der
+Bursch, hielt mit beiden Händen die Perrücke fest und sagte, die könne
+sie nicht bekommen. Darauf legte er sich wieder hin und schnarchte. Die
+Prinzessinn gab dem Mädchen wieder einen Wink, und diesmal gelang es
+ihr, ihm die Perrücke abzunehmen. Da lag nun der Bursch so schön und so
+roth und weiß, wie die Prinzessinn ihn in der Morgensonne gesehen hatte.
+Nachher schlief der Bursch jede Nacht in der Prinzessinn ihrer Kammer.
+
+Es dauerte aber nicht lange, so erfuhr der König, daß der Bursch jede
+Nacht in der Prinzessinn ihrer Kammer schlief, und darüber ward er so
+erbittert, daß er ihn beinahe ums Leben gebracht hätte. Er warf ihn in
+einen finstern Thurm, und seine Tochter sperrte er auf ihr Zimmer ein,
+und sie durfte nicht heraus, weder Tag, noch Nacht; so viel sie auch
+weinte und für sich und den Burschen bitten mochte, es half Alles
+nichts, der König ward darüber nur noch mehr erbittert.
+
+Einige Zeit darnach entstand Krieg und Unfriede im Lande, und der König
+mußte sich gegen einen andern König rüsten, der ihm sein Land wegnehmen
+wollte. Als der Bursch das hörte, bat er den Kerkermeister, zum König zu
+gehen und ihm die Erlaubniß auszuwirken, Harnisch und Schwert tragen zu
+dürfen und mit in den Krieg zu ziehen. Alle lachten laut auf, als der
+Kerkermeister seinen Auftrag anbrachte und den König um einiges altes
+Gerümpel zu einer Rüstung für den Burschen bat, damit sie doch die Lust
+haben könnten, zu sehen, wie der arme Wicht in den Krieg zöge. Na, das
+bekam er denn auch und dazu eine alte Kracke, die hinkte auf drei
+Beinen.
+
+Sie zogen nun gegen den Feind aus; aber sie waren noch nicht weit von
+dem Königshof gekommen, als der Bursch mit seiner Kracke in einem Moor
+stecken blieb und hups'te und jups'te: »Hei, willst du auf! Hei, willst
+du auf!« Daran hatten die Andern recht ihre Lust und lachten und hatten
+den Burschen zum besten, als sie an ihm vorbeiritten. Aber kaum waren
+sie vorüber, so lief der Bursch zu der Linde, legte seine Rüstung an und
+rüttelte an dem Gebiß, und sogleich kam das Pferd an und sagte: »Thue Du
+nun Dein Bestes, dann werde ich das meinige thun.« Als der Bursch sie
+einholte, hatte die Schlacht schon begonnen, und der König war in einer
+schlimmen Klemme. Aber ehe man sich's versah, hatte der Bursch den Feind
+in die Flucht geschlagen. Der König und seine Leute wunderten sich und
+konnten nicht begreifen, Wer es nur sein mochte, der ihnen so gute Hülfe
+geleistet; denn Keiner war ihm so nahe gekommen, um mit ihm sprechen zu
+können, und als die Schlacht vorüber war, da war er verschwunden. -- Wie
+sie nun zurückzogen, saß der Bursch noch in dem Moor und hups'te und
+jups'te auf seiner dreibeinigen Kracke. Da lachten Alle wieder. »Nein,
+seh nur Einer! da sitzt der Narr noch und hups't und jups't!« sagten
+sie.
+
+Als sie am andern Tage auszogen, saß der Bursch noch da. Sie lachten
+ihn wieder aus und machten sich über ihn lustig. Aber kaum waren sie
+vorüber, so lief der Bursch wieder zu der Linde, und Alles ging wieder
+grade so, wie den vorigen Tag. Alle wunderten sich und konnten nicht
+begreifen, was es für ein fremder Held sei, der ihnen Hülfe geleistet;
+denn Keiner war ihm wieder so nahe gekommen, um mit ihm sprechen zu
+können. Daß aber Niemand auf den Burschen rieth, versteht sich von
+selbst.
+
+Als sie am Abend nach Hause zogen und sahen, daß der Bursch noch immer
+auf der Kracke saß, lachten sie ihn wieder aus, und Einer von ihnen
+schoß einen Pfeil auf ihn ab und traf ihn ins Bein. Da fing der Bursch
+gottsjämmerlich an zu schreien und zu lamentiren; aber der König warf
+ihm sein Taschentuch zu, und das band er sich um das Bein.
+
+Als sie am dritten Morgen auszogen, saß der Bursch wieder im Moor.
+»Hei, willst du auf! Hei, willst du auf!« rief er zu der Kracke. »Nein,
+wahrhaftig! er wird da sitzen müssen, bis er todthungert!« sagten die
+Andern, als sie vorüberzogen, und machten sich wieder über ihn lustig.
+-- Der Bursch lief aber wieder zu der Linde und kam eben in der Schlacht
+an, als Noth an den Mann ging. An diesem Tage tödtete er den feindlichen
+König, und damit war der Krieg auf einmal vorbei.
+
+Nun aber erkannte der König den fremden Ritter sogleich an dem
+Taschentuch, das dieser sich um das Bein gebunden hatte; die vornehmsten
+Cavaliere nahmen ihn darauf in ihre Mitte und ritten mit ihm nach dem
+Königsschloß, und als die Prinzessinn ihn von ihrem Fenster aus sah,
+ward sie so froh, daß es gar nicht zu sagen ist. »Da kommt mein
+Bräutigam auch,« sagte sie. Er aber nahm den Salbenkrug und strich sich
+von der Salbe aufs Bein und bestrich auch alle Verwundeten damit, und
+da wurden sie augenblicklich alle wieder frisch und gesund. Hierauf
+bekam er die Prinzessinn zur Gemahlinn. Aber als er am Hochzeitstage in
+den Stall zu dem Pferd kam, stand dieses ganz betrübt da und wollte gar
+nicht fressen. Der junge König -- denn er war jetzt König geworden und
+hatte das halbe Reich bekommen -- fragte, Was ihm fehle. Da sagte das
+Pferd: »Jetzt hab' ich Dir durchgeholfen; aber nun will ich nicht länger
+leben. Nimm jetzt Dein Schwert und haue mir den Kopf ab!« -- »Nein,
+das thu' ich nicht!« sagte der junge König: »Du sollst das beste Futter
+haben, das Du Dir wünschen magst, und sollst von nun an beständig in
+Ruhe leben.« -- »Wenn Du nicht thun willst, Was ich Dir sage,« versetzte
+das Pferd: »dann muß ich Dich ums Leben bringen.« Da konnte der König
+nicht anders, sondern mußte thun, wie das Pferd wollte. Als er aber das
+Schwert aufhob, um zuzuhauen, da war er so betrübt, daß er das Gesicht
+wegkehren mußte, um den Hieb nicht zu sehen. Kaum aber hatte er ihm den
+Kopf abgeschlagen, so stand ein schöner Prinz da, wo vorher das Pferd
+gestanden hatte. »Wo in aller Welt kommst Du her?« fragte der König.
+»Ich war das Pferd,« antwortete der Prinz: »Ehedem war ich König in dem
+Lande, wo nachher der König regierte, den Du gestern in der Schlacht
+getödtet hast; er war es, der einen Zauberham auf mich geworfen und mich
+an den Trollen verkauft hatte. Weil er aber nun getödtet ist, bekomm'
+ich mein Reich zurück, und Du und ich werden Nachbarkönige; aber wir
+wollen nie mit einander Krieg führen.« Und das thaten sie denn auch
+nicht; sie blieben Freunde, so lange sie lebten, und kamen oft, einander
+zu besuchen.
+
+
+
+
+15.
+
+Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau.
+
+
+Es war einmal ein Mann und eine Frau, die heiratheten einander, und
+jeder von ihnen hatte eine Tochter. Die Tochter der Frau war faul und
+träge und mochte nicht das Geringste thun; aber die Tochter des Mannes
+war fleißig und flink, und doch konnte sie der Stiefmutter nie Etwas zu
+Dank machen. Einmal sollten die beiden Mädchen am Brunnen sitzen und
+spinnen. Die Tochter der Frau aber bekam Flachs zu spinnen, und die
+Tochter des Mannes nichts Anders, als Schweinsborsten. »Du bist nun
+immer so flink und ferm, Du,« sagte die Tochter der Frau: »aber dennoch
+fürchte ich mich nicht, mit Dir um die Wette zu spinnen.« Sie wurden
+nun darüber einig, daß Der, dem zuerst der Faden auslief, in den Brunnen
+sollte. Wie sie nun anfingen zu spinnen, so lief der Tochter des Mannes
+zuerst der Faden aus, und die mußte nun in den Brunnen. Sie fiel
+unverletzt bis auf den Grund; dort unten aber sah sie weit um sich her
+eine schöne grüne Wiese.
+
+Sie ging nun fort und kam zu einem Reiserzaun, da wollte sie hinüber.
+»O, tritt nicht so hart auf mich!« sagte der Zaun: »ich will Dir auch
+ein andermal wieder gefällig sein.« Sie machte sich nun so leicht, als
+sie konnte, und stieg so vorsichtig hinüber, daß sie den Zaun nicht
+einmal berührte.
+
+Nun ging sie eine Strecke weiter und kam zu einer scheckigen Kuh, die
+einen Milcheimer an den Hörnern trug; es war eine große schöne Kuh, und
+ihr Euter war so voll und rund. »O, sei doch so gut und melke mich!«
+sagte die Kuh: »denn mir ist das Euter so straff von der Milch; trinke
+so Viel Du willst und gieße den Rest auf meinen Huf; ich will Dir auch
+ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen that, wie die Kuh sie
+gebeten hatte; sowie sie nur die Zitzen anfaßte, spritzte die Milch in
+den Eimer; sie trank darauf, bis sie ihren Durst gelöscht hatte, goß
+dann der Kuh den Rest auf den Huf, und den Eimer hängte sie ihr wieder
+an die Hörner.
+
+Als sie ein Ende weiter gegangen war, begegnete ihr ein großer Schafbock,
+der war so dick und hatte so lange Wolle, daß er sie auf der Erde
+nachschleppen mußte, und an dem einen Horn hing eine große Schere. »O,
+sei doch so gut und scher' mich!« sagte der Bock: »denn ich erliege
+unter der Last meiner Wolle, und mir ist so heiß, daß ich beinahe
+ersticken möchte; nimm so Viel Du willst und wirre mir den Rest um den
+Hals; ich will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen
+zeigte sich sogleich bereit, zu thun, wie der Bock sie gebeten hatte,
+und dieser legte sich von selbst auf ihren Schoß, und da lag er ganz
+still; und sie schor ihn so behutsam, daß sie ihn auch nicht ein
+einziges Mal ins Fell schnitt. Darauf nahm sie von der Wolle so Viel
+sie wollte, und den Rest wirrte sie dem Bock um den Hals.
+
+Etwas weiter hin kam sie zu einem Apfelbaum, der war so voll von Äpfeln,
+daß die Zweige sich zur Erde niederbogen, und an dem Stamm stand eine
+kleine Stange. »O, sei doch so gut und pflücke meine Äpfel ab!« sagte
+der Baum: »damit meine Zweige sich in die Höhe richten können; es ist
+so beschwerlich, immer so krumm zu stehen; die Du nicht mit der Hand
+erreichen kannst, schlage mit der Stange ab, aber schlage ja vorsichtig,
+damit Du mich nicht zu Schanden schlägst; iß dann so Viel Du willst und
+lege den Rest hübsch ordentlich unten an meinen Stamm hin; ich will Dir
+auch ein andermal wieder gefällig sein.« Das Mädchen pflückte nun so
+viel Äpfel ab, als sie mit der Hand erreichen konnte, und die übrigen
+schlug sie vorsichtig mit der Stange herunter; darauf aß sie sich satt
+und legte den Rest noch so sauber und nett unten an den Stamm hin.
+
+Sie ging nun eine gute Strecke weiter, und endlich kam sie zu einem
+großen Hause, wo ein Trollweib mit ihrer Tochter wohnte. Da ging sie
+hinein und fragte, ob sie nicht einen Dienst bekommen könnte. »O, es
+kann nichts nützen,« sagte das Trollweib: »denn wir haben schon Viele
+gehabt, aber Keine von ihnen hat was getaugt.« Das Mädchen aber bat so
+artig und so flehentlich, sie doch in Dienst zu nehmen, bis sie sie denn
+endlich nahmen; und nun gab das Trollweib ihr ein Sieb und befahl ihr,
+Wasser darin zu holen. Es däuchte dem Mädchen zwar etwas ungereimt,
+Wasser in einem Sieb zu holen, aber sie sagte doch Nichts, sondern
+ging willig hin, und als sie zu dem Brunnen kam, sangen die Vöglein:
+
+ »Kleb' mit Lehm,
+ Stopf mit Stroh!
+ Kleb' mit Lehm,
+ Stopf mit Stroh!«
+
+Ja, das that sie, und nun konnte sie das Wasser in dem Sieb tragen. Aber
+als sie damit nach Hause kam, sagte das Trollweib: »Das hast Du nicht
+aus Dir selber.«
+
+Darauf sollte sie in den Stall gehen und ihn ausmisten und die Kühe
+melken. Als sie aber hineinkam, stand da eine Schaufel, die war so groß
+und so schwer, daß sie sie auf keine Weise handthieren, ja nicht einmal
+aufheben konnte. Sie wußte nun gar nicht, wie sie's anfangen sollte. Aber
+die Vögel sangen, sie solle nur Etwas mit dem Besenstiel hinauswerfen,
+dann würde all das Übrige nachfliegen. Kaum hatte sie das gethan, so war
+der Stall auf einmal so rein, als wäre er noch so sauber gemistet und
+gefegt. Jetzt wollte sie die Kühe melken; aber die waren so unruhig und
+schlugen und stießen, so daß sie gar nicht dazu gelangen konnte, sie zu
+melken. Aber da sangen die Vöglein draußen wieder:
+
+ »Kleinen Trunk,
+ Kleinen Strahl
+ Stripp zu den Vöglein
+ Allzumal!«
+
+Ja, das that sie, sie strippte einen kleinen Strahl hinaus zu den
+Vöglein. Da standen alle Kühe still und ließen sich von ihr melken,
+ohne zu schlagen, oder zu stoßen, sie hoben nicht einmal das Bein
+auf.
+
+Als das Trollweib sie mit der Milch ankommen sah sagte sie wieder: »Das
+hast Du nicht aus Dir selber. Aber nun kannst Du die schwarze Wolle
+nehmen, die da liegt, und sie weiß waschen.« Das Mädchen wußte wieder
+gar nicht, wie sie das anfangen sollte; denn sie hatte nie gesehen, daß
+Jemand schwarze Wolle weiß waschen konnte; aber sie sagte Nichts,
+sondern nahm die Wolle und ging damit zu dem Brunnen. Da sangen die
+Vöglein, sie solle die Wolle in den großen Zuber werfen, der da stände,
+dann würde sie wohl weiß werden.
+
+»Nein, nein,« sagte das Trollweib, als das Mädchen mit der Wolle ankam:
+»mit Dir hilft es nichts; denn Du kannst ja Alles ausrichten, was man
+Dir sagt, und ärgerst mich zuletzt noch zu Tode. Es ist am besten, Du
+erhältst Deinen Reisepaß.«
+
+Nun setzte das Trollweib drei Schreine hin, einen rothen, einen grünen
+und einen blauen, und von diesen sollte es dem Mädchen erlaubt sein, als
+Lohn für ihren Dienst, sich einen zu wählen, welchen sie wollte. Das
+Mädchen wußte nun gar nicht, welchen sie wählen sollte; aber da sangen
+die Vöglein:
+
+ »Nimm nicht den grünen,
+ Nimm nicht den rothen,
+ Den blauen nimm jetzt,
+ Auf welchen wir haben
+ Drei Kreuze gesetzt.«
+
+Da nahm sie den blauen, so wie die Vöglein gesungen hatten. »Twi Dich
+an!« sagte das Trollweib: »das sollst Du mir entgelten!« Als das Mädchen
+nun fortgehen wollte, warf das Trollmensch eine glühende Eisenstange
+hinter sie drein; aber das Mädchen sprang schnell hinter die Thür,
+so daß sie nicht getroffen ward, denn so hatten die Vöglein es ihr
+gesungen. Sie ging nun fort, so schnell sie konnte; aber als sie zu
+dem Apfelbaum kam, hörte sie ein entsetzliches Geräusch hinter sich
+auf dem Wege; es war nämlich das Trollweib mit ihrer Tochter, welche
+ihr nachkamen. Dem Mädchen ward so angst und bange, daß sie sich gar
+nicht zu lassen wußte: »Komm,« sagte der Apfelbaum: »ich will Dir helfen;
+verbirg Dich schnell unter meine Zweige; denn wenn sie Dich erwischen,
+nehmen sie Dir den Schrein weg und zerreißen Dich.« Das that sie denn
+auch. Kaum aber hatte sie sich versteckt, so kam schon das Trollweib mit
+ihrer Tochter an: »Hast Du nicht eine Dirne hier gehen sehen?« fragte
+das Trollweib. »Ja wohl,« sagte der Apfelbaum: »es lief hier eine vor
+einer Weile vorüber; aber die ist nun schon weit weg, die könnt Ihr
+nicht mehr einholen.« Da kehrte das Trollweib wieder um und ging nach
+Hause.
+
+Das Mädchen setzte nun ihren Weg fort; aber als sie zu dem Bock kam,
+hörte sie wieder ein so entsetzliches Geräusch, daß sie sich gar nicht
+zu lassen wußte, so angst ward ihr; denn sie konnte sich wohl denken,
+daß es das Trollweib war, das sich bedacht hatte. »Komm, ich will Dir
+helfen,« sagte der Bock: »verbirg Dich schnell unter meiner Wolle, dann
+sieht sie Dich nicht; sonst nimmt sie Dir den Schrein weg und zerreißt
+Dich.«
+
+Kaum hatte sie sich verborgen, so kam auch schon das Trollweib angestoben.
+»Hast Du nicht eine Dirne hier gehen sehen?« fragte sie den Bock. »Ja
+wohl,« sagte der Bock: »ich sah eine vor einer Weile; aber sie lief so
+schnell, daß Du sie nicht wieder einholst.« Da kehrte das Trollweib
+wieder um und ging nach Hause.
+
+Als das Mädchen nun weiter bis zu der Kuh gekommen war, hörte sie wieder
+ein entsetzliches Geräusch auf dem Wege. »Komm,« sagte die Kuh: »ich
+will Dir helfen; verbirg Dich schnell unter mein Euter; sonst kommt das
+Trollweib und nimmt Dir den Schrein weg und zerreißt Dich.« Es dauerte
+nicht lange, so kam das Weib an. »Hast Du nicht eine Dirne hier gehen
+sehen?« fragte sie. »Ja, ich sah eine vor einer Weile,« sagte die Kuh:
+»aber die ist nun schon weit weg, denn sie lief so schnell; die holst Du
+nicht mehr ein.« Das Trollweib kehrte nun wieder um und ging nach Hause.
+
+Als das Mädchen nun ein gutes Ende weiter gegangen und nicht mehr weit
+von dem Reiserzaun war, hörte sie wieder ein so entsetzliches Geräusch
+auf dem Wege, daß ihr angst und bange ward; denn sie wußte nun wohl,
+daß es wieder das Trollweib war, das sich bedacht hatte. »Komm, ich will
+Dir helfen,« sagte der Zaun: »kriech schnell unter meine Reiser, daß
+sie Dich nicht sieht; sonst nimmt sie Dir den Schrein weg und zerreißt
+Dich.« Sie kroch nun schnell unter die Reiser des Zauns. »Hast Du nicht
+eine Dirne hier gehen sehen?« fragte das Trollweib, als sie zu dem Zaun
+kam. »Nein, ich habe keine Dirne gesehen,« antwortete der Zaun und war
+so erbittert, daß er knisterte, und dann machte er sich so groß, daß gar
+nicht daran zu denken war, hinüber zu kommen. Es war nun kein andrer
+Rath für das Trollweib, sie mußte wieder umkehren und nach Hause gehen.
+
+Als nun aber das Mädchen wieder zu Hause ankam, waren die Stiefmutter
+und ihre Tochter nur noch neidischer auf sie; denn jetzt war das Mädchen
+noch weit stattlicher und so schön, daß es eine Lust war, sie anzusehen.
+Sie durfte aber nicht drinnen bei ihnen in der Stube bleiben, sondern
+sie jagten sie hinaus in den Schweinstall, da sollte sie wohnen. Hier
+wusch das Mädchen nun Alles sauber und rein, und darnach machte sie den
+Schrein auf, um zu sehen, Was sie zum Lohn bekommen hatte, und als sie
+den Schrein aufgemacht hatte, fand sie darin so viel Gold und Silber und
+so viel andre kostbare Sachen, daß sie sowohl die Wände, als den Boden
+damit behängen konnte; und es sah nun weit herrlicher in dem Schweinstall
+aus, als in dem prächtigsten Königsschloß. Als die Stiefmutter und ihre
+Tochter das sahen, waren sie ganz außer sich und fragten das Mädchen,
+wie denn ihr Dienst ausgefallen sei. »O, das könnt Ihr Euch wohl
+vorstellen,« sagte sie: »da ich einen so guten Lohn bekommen habe; es
+waren solche Leute und eine solche Frau, daß man Ihresgleichen nicht
+mehr findet.«
+
+Da wollte nun die Tochter der Stiefmutter auch fort und dienen, damit
+sie auch einen solchen Goldschrein bekäme. Beide Mädchen setzten sich
+nun wieder hin, um zu spinnen; aber da sollte die Tochter der Frau
+Schweinsborsten spinnen, und die Tochter des Mannes Flachs, und Wem
+zuerst der Faden auslief, der sollte in den Brunnen. Es dauerte nicht
+lange, so lief der Frau ihrer Tochter der Faden aus, wie man sich wohl
+denken kann, und da warfen sie sie in den Brunnen.
+
+Nun geschah es eben so, wie vorhin mit der Tochter des Mannes: sie fiel
+hinab bis auf den Grund, ohne Schaden zu nehmen, und befand sich nun auf
+einer schönen grünen Wiese. Als sie eine Strecke weit gegangen war, kam
+sie zu dem Reiserzaun. »Tritt nicht so hart auf mich! ich will Dir auch
+ein andermal wieder gefällig sein,« sagte der Zaun. »Ei, was scher' ich
+mich um einen alten Reiserhaufen!« sagte sie und trat auf den Zaun, daß
+es nur so knackte.
+
+Etwas später kam sie zu der Kuh, deren Euter so straff von der Milch
+war. »O, sei doch so gut und melke mich!« sagte die Kuh: »ich will Dir
+auch ein andermal wieder gefällig sein; trinke so Viel Du willst, und
+gieße dann den Rest auf meinen Huf.« Ja, das that sie, sie melkte die
+Kuh und trank so Viel sie vermochte; dann aber war Nichts mehr übrig,
+das sie auf den Huf gießen konnte; den Eimer schleuderte sie über den
+Hügel und ging fort.
+
+Als sie nun eine Strecke weiter gegangen war, kam sie zu dem Bock, welcher
+die Wolle nach sich schleppte. »O, sei doch so gut und scher' mich! ich
+will Dir auch ein andermal wieder gefällig sein,« sagte der Bock: »nimm
+so Viel von der Wolle, als Du willst, und wirre mir dann den Rest um den
+Hals.« Das that sie; aber sie benahm sich dabei so ungeschickt, daß sie
+dem Bock große Stücke aus dem Fell schnitt, und all die Wolle nahm sie
+mit.
+
+Ein wenig darnach kam sie zu dem Apfelbaum, der wieder ganz krumm unter
+der Last seiner Frucht stand. »O, sei doch so gut und pflücke meine
+Äpfel ab,« sagte der Apfelbaum: »damit meine Zweige sich wieder aufrichten
+können! denn es ist so beschwerlich, hier so krumm zu stehen; aber nimm
+Dich in Acht, daß Du mir keinen Schaden thust; iß so Viel Du willst,
+und lege dann den Rest hübsch ordentlich unten an meinen Stamm hin.«
+Sie pflückte nun die nächsten Äpfel ab, und die sie nicht mit der Hand
+erreichen konnte, schlug sie mit der Stange herunter; aber sie kümmerte
+sich weiter um Nichts, riß und schlug große Zweige mit ab und aß so
+lange, bis sie zuletzt nicht mehr konnte, und dann warf sie den Rest
+hulterpulter unter den Baum hin.
+
+Als sie nun noch ein kleines Ende weiter gegangen war, kam sie zu
+dem Hause, wo das Trollweib wohnte; da bat sie um einen Dienst. Das
+Trollweib sagte, sie wolle kein Dienstmädchen haben; denn entweder
+taugten sie nichts, oder sie wären auch allzu flink und betrögen sie um
+ihr Eigenthum. Aber das Mädchen ließ sich damit nicht abweisen, sondern
+sagte, sie wolle und müsse bei ihr dienen. Da sagte denn das Trollweib
+zuletzt, ja, sie wolle sie in Dienst nehmen, wenn sie zu Etwas tauge.
+
+Das Erste, was sie zu thun bekam, war, Wasser im Sieb zu holen. Ja, sie
+ging auch zu dem Brunnen und schöpfte Wasser ins Sieb; aber sowie sie es
+oben hineinschöpfte, lief es unten immer wieder heraus. Da sangen die
+Vöglein:
+
+ »Kleb' mit Lehm,
+ Stopf mit Stroh!
+ Kleb' mit Lehm,
+ Stopf mit Stroh!«
+
+Aber sie bekümmerte sich nicht um Das, was die Vögel sangen, sondern
+warf mit dem Lehm nach ihnen, so daß sie davon flogen; und sie mußte mit
+dem leeren Sieb wieder nach Hause gehen und bekam Gnickpümpe von dem
+Trollweib obendrein. Darauf sollte sie den Stall ausmisten und die Kühe
+melken. Dazu däuchte sie sich nun zwar viel zu gut, aber sie ging doch
+hin. Als sie in den Stall kam, konnte sie jedoch auf keine Weise die
+Schaufel handthieren, denn die war viel zu schwer und zu groß für sie.
+Die Vögel sagten ihr nun eben Das, was sie der Tochter des Mannes gesagt
+hatten, sie solle ein Wenig mit dem Besenstiel hinauswerfen, dann würde
+all das Übrige nachfliegen; aber sie nahm den Besen und warf damit nach
+den Vögeln. Als sie darauf die Kühe melken wollte, waren diese so unruhig
+und schlugen und stießen, und so oft sie ein Wenig in den Eimer bekommen
+hatte, schlugen sie ihn immer wieder um. Da sangen die Vögel:
+
+ »Kleinen Trunk,
+ Kleinen Strahl
+ Stripp zu den Vöglein
+ Allzumal!«
+
+Aber sie bumps'te und schlug die Kühe, warf nach den Vögeln mit Allem,
+was ihr in die Hände kam, und hielt eine Wirthschaft, daß es ganz
+entsetzlich war. Damit hatte sie aber, als sie zurückkam, weder den
+Stall ausgemistet, noch die Kühe gemelkt, und bekam nun tüchtige Hiebe
+und Schelte von dem Trollweib. Darnach sollte sie die schwarze Wolle
+weiß waschen; aber damit ging es um Nichts besser. Das war endlich dem
+Trollweib allzu arg. Nein, ein solches Dienstmädchen konnte sie nicht
+gebrauchen, denn sie taugte ja zu Nichts. Sie setzte aber drei Schreine
+hin, einen rothen, einen grünen und einen blauen; denn ihren Lohn sollte
+sie gleichwohl haben und sich einen von den drei Schreinen auswählen,
+den sie selbst wollte. Da sangen die Vögel:
+
+ »Nimm nicht den grünen,
+ Nimm nicht den rothen,
+ Den blauen nimm jetzt,
+ Auf welchen wir haben
+ Drei Kreuze gesetzt.«
+
+Aber sie bekümmerte sich nicht um Das, was die Vögel sangen, sondern
+nahm den rothen, der am meisten schimmerte. Darnach begab sie sich auf
+den Weg und ging nach Hause. Sie durfte aber in guter Ruhe gehen; denn
+es war Niemand, der sie verfolgte. Als sie zu Hause ankam, war die
+Mutter sehr erfreu't, und sie gingen beide sogleich in die große Stube
+und setzten da den Schrein hin; denn sie glaubten, es wäre nichts
+Anders, als lauter Gold und Silber drin, und meinten, sie wollten Wände
+und Boden damit vergolden; als sie ihn aber aufmachten, wimmelte lauter
+Gewürm und Ungeziefer hervor, und so oft das Mädchen den Mund aufthat,
+fielen Würmer und Kröten und all das Ungeziefer heraus, das man sich
+nur denken kann, so daß es zuletzt nicht mehr möglich war, mit ihr in
+_einem_ Hause auszudauern. Das war der Lohn, den sie für ihren Dienst
+bei dem Trollweib bekommen hatte.
+
+
+
+
+16.
+
+Hähnchen und Hühnchen im Nußwald.
+
+
+Hähnchen und Hühnchen gingen einmal in den Nußwald, um sich Nüsse zu
+pflücken; da bekam Hühnchen eine Nußschale in den Hals und lag nun da
+und zappelte und schlug mit den Flügeln. Nun sollte Hähnchen hinlaufen
+und dem Hühnchen Wasser aus der Quelle holen. Hähnchen lief auch hin,
+und als er zur Quelle kam, sagte er: »Quelle, gieb mir Wasser, das
+Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
+Nußwald.« Die Quelle aber antwortete: »Ich geb' Dir kein Wasser eh' Du
+mir nicht Laub giebst.« Da lief Hähnchen zur Linde: »Linde, gieb mir
+Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das
+Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
+Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Laub, eh' Du mir nicht rothes Goldband
+giebst,« antwortete die Linde. Da lief Hähnchen zur Jungfrau Maria:
+»Jungfrau Maria, gieb mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb'
+ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle,
+die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem
+Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein rothes
+Goldband, eh' Du mir nicht Schuhe giebst,« antwortete die Jungfrau
+Maria. Da lief Hähnchen zum Schuster: »Schuster, gieb mir Schuh', die
+Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes
+Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir
+Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das
+Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
+Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine Schuh', eh' Du mir nicht Borsten giebst,«
+antwortete der Schuster. Da lief Hähnchen zum Eber: »Eber, gieb mir
+Borsten, die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir
+Schuh', die Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt
+mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde
+giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir
+Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den
+Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine Borsten, eh' Du mir nicht Korn
+giebst,« antwortete der Eber. Da lief Hähnchen zum Drescher: »Drescher,
+gieb' mir Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten,
+die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die
+Schuh geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes
+Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir
+Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das
+Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im
+Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Korn, eh' Du mir nicht Brod giebst,«
+antwortete der Drescher. Da lief Hähnchen zur Backfrau: »Backfrau, gieb
+mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir Korn,
+das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten geb'
+ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb' ich der
+Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das rothe
+Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich
+der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen,
+meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein
+Brod, eh' Du mir nicht Holz giebst,« antwortete die Backfrau. Da lief
+Hähnchen zum Holzhauer: »Holzhauer, gieb mir Holz, das Holz geb' ich der
+Backfrau, die Backfrau giebt mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher,
+der Drescher giebt mir Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt
+mir Borsten, die Borsten geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir
+Schuh', die Schuh' geb' ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt
+mir rothes Goldband, das rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde
+giebt mir Laub, das Laub geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir
+Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den
+Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir kein Holz, eh' Du mir nicht eine Axt
+giebst,« antwortete der Holzhauer. Da lief Hähnchen zum Schmied: »Schmied,
+gieb mir 'ne Axt, die Axt geb' ich dem Holzhauer, der Holzhauer giebt
+mir Holz, das Holz geb' ich der Backfrau, die Backfrau giebt mir Brod,
+das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir Korn, das Korn
+geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten geb' ich
+dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb' ich der
+Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das rothe
+Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub geb' ich
+der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich Hühnchen,
+meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« -- »Ich geb' Dir keine
+Axt, eh' Du mir nicht Kohlen giebst,« antwortete der Schmied. Da lief
+Hähnchen zum Köhler: »Köhler, gieb mir Kohlen, die Kohlen geb' ich dem
+Schmied, der Schmied giebt mir 'ne Axt, die Axt geb' ich dem Holzhauer,
+der Holzhauer giebt mir Holz, das Holz geb' ich der Backfrau, die Backfrau
+giebt mir Brod, das Brod geb' ich dem Drescher, der Drescher giebt mir
+Korn, das Korn geb' ich dem Eber, der Eber giebt mir Borsten, die Borsten
+geb' ich dem Schuster, der Schuster giebt mir Schuh', die Schuh' geb ich
+der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria giebt mir rothes Goldband, das
+rothe Goldband geb' ich der Linde, die Linde giebt mir Laub, das Laub
+geb' ich der Quelle, die Quelle giebt mir Wasser, das Wasser geb' ich
+Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nußwald.« Da jammerte
+den Köhler das Hähnchen, und er gab ihm Kohlen. Nun bekam der Schmied
+Kohlen, und der Holzhauer eine Axt, und die Backfrau Holz, und der
+Drescher Brod, und der Eber Korn, und der Schuster Borsten, und die
+Jungfrau Maria Schuh', und die Linde rothes Goldband, und die Quelle
+Laub, und Hähnchen Wasser, und das gab er Hühnchen, seinem Schatz, das
+auf den Tod im Nußwald lag; da ward Hühnchen wieder gesund.
+
+
+
+
+17.
+
+Der Bär und der Fuchs.
+
+#a#) _Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat._
+
+
+Dem Bären begegnete einmal der Fuchs, der mit einem Bündel Fische
+angeschlichen kam, die er gestohlen hatte. »Wo hast Du die her?« fragte
+der Bär. »Die hab' ich mir geangelt, Herr Bär,« versetzte der Fuchs. Da
+bekam der Bär auch Lust, das Angeln zu lernen, und bat den Fuchs, ihm
+doch zu sagen, wie er es machen müßte. »Das ist eine leichte Kunst und
+sehr bald gelernt,« erwiederte der Fuchs: »Du musst nur aufs Eis gehen,
+Dir ein Loch hauen und den Schwanz hineinstecken, und dann musst Du ihn
+recht lange drein halten und Dich nicht darum bekümmern, wenn's ein
+bischen weh thut; denn das ist ein Zeichen, daß Fische dran beißen; und
+je länger Du's aushalten kannst, desto mehr Fische bekommst Du; aber
+wenn's zuletzt recht tüchtig kneift, dann musst Du aufziehen.« Ja, der
+Bär that, wie der Fuchs ihm gesagt hatte, und hielt den Schwanz so
+lange ins Loch, bis er darin festgefroren war. Da zog er auf -- den
+Schwanz ab, und nun geht er noch da den heutigen Tag mit einem
+Stumpfschwanz.
+
+
+#b#) _Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen prellt._
+
+Der Bär und der Fuchs hatten sich einmal zusammen ein Viertel Butter
+gekauft, das wollten sie zum Weihnachten haben und verwahrten es daher
+unter einen dicken Tannenbusch. Darauf gingen sie fort und legten sich
+auf einem Hügel in der Sonne schlafen. Als sie eine Weile gelegen hatten,
+sprang der Fuchs auf und rief: »Ja!« und damit lief er gradesweges zu
+dem Butterviertel, wovon er gut den dritten Theil auffraß. Als er aber
+zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, daß er so fett ums
+Maul wäre, sagte er: »Meinst Du denn nicht, ich sei zu Gevatter gebeten,
+Du?« -- »Na so!« sagte der Bär: »wie hieß denn das Kind?«
+-- »_Angefangen_,« sagte der Fuchs.
+
+Damit legten sie sich wieder schlafen. Nach einer Weile sprang der Fuchs
+abermals auf und rief: »Ja!« und lief wieder zu dem Butterviertel. Als
+er zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete er:
+»Ach, wurde ich denn nicht wieder zu Gevatter gebeten, Du!« -- »Wie hieß
+jetzt das Kind?« fragte der Bär. »_Halbverzehrt_,« antwortete der Fuchs.
+
+Der Bär meinte, das wär' ein hübscher Name; aber es dauerte nicht lange,
+so fing er wieder an zu gähnen und schlief ein. Als er nun ein Weilchen
+gelegen hatte, ging es wieder eben so, wie die beiden vorigen Male: Der
+Fuchs sprang wieder auf und rief: »Ja!« lief zu dem Butterviertel und
+fraß nun auch den letzten Rest auf. Wie er zurückkam, war er wieder
+zu Kindtauf gewesen, und als der Bär wissen wollte, wie das Kind hieß,
+antwortete er: »_Den-Boden-geleckt._« Damit legten sie sich wieder zur
+Ruhe und schliefen beide eine gute Weile. Darnach wollten sie hingehen
+und sich nach ihrer Butter umsehen. Als es sich nun aber fand, daß sie
+rein aufgezehrt war, beschuldigte der Bär dafür den Fuchs, und der Fuchs
+beschuldigte wieder den Bären, und der Eine behauptete immer, der Andre
+sei bei der Butter gewesen, während er da gelegen habe und geschlafen.
+»Nun,« sagte Reineke: »wir wollen's bald erfahren, Wer von uns die
+Butter gestohlen hat: wir wollen uns jetzt wieder auf dem Hügel schlafen
+legen, und Wer dann am fettsten unten beim Schwanz ist, wenn wir
+aufwachen, der hat sie gestohlen.« Ja, der Bär wollte gleich auf die
+Probe eingehen, und weil er bei sich selbst wußte, daß er die Butter
+nicht einmal gekostet hatte, legte er sich ganz ruhig auf dem Hügel
+schlafen. Da schlich Reineke sich aber fort nach dem Viertel und erwischte
+noch ein Klümpchen Butter, das in einer Ritze sitzen geblieben war; damit
+schlich er sich zurück zu dem Bären, bestrich ihn mit der Butter unten
+beim Schwanz und legte sich dann wieder schlafen, als wüßte er von
+Nichts. Als nun beide aufwachten, hatte die Sonne die Butter geschmelzt,
+und da war's denn gleichwohl der Bär, der die Butter gefressen hatte.
+
+
+
+
+18.
+
+Gudbrand vom Berge.
+
+
+Es war einmal ein Mann, der hieß _Gudbrand_; der hatte ein Gehöft, das
+lag weit weg am Abhang eines Berges, und darum nannten die Leute ihn
+_Gudbrand vom Berge_. Er lebte aber mit seiner Frau so zufrieden und
+verträglich zusammen, daß Alles, was der Mann that, der Frau so wohl
+gethan däuchte, daß es nimmermehr besser gemacht werden könne; wie er's
+auch anfangen mochte, sie mußte sich immer darüber freuen. Sie besaßen
+ihr Stück Ackerland, hatten hundert Thaler in der Kiste liegen, und im
+Stall hatten sie zwei Kühe im Joch stehen. Da sagte die Frau eines Tages
+zu Gudbrand: »Mir däucht, wir sollten die eine Kuh zur Stadt bringen
+und sie verkaufen, damit wir doch ein paar Ausgebeschillinge bekämen;
+wir sind so brave Leute und sollten doch ein paar Schillinge unter den
+Händen haben, so wie andre Leute es haben; die hundert Thaler in der
+Kiste dürfen wir nicht angreifen, und ich weiß nicht, Was wir mit mehr,
+als mit _einer_ Kuh, wollen; und dann ist auch noch immer ein kleiner
+Gewinn dabei, daß ich alsdann nur auf die eine Kuh zu passen brauch,
+statt daß ich jetzt mich mit zweien placken muß.« Ja, das däuchte dem
+Gudbrand ganz recht und vernünftig gesprochen, und er nahm sogleich die
+Kuh und ging damit zur Stadt, um sie zu verkaufen. In der Stadt aber
+fand sich Niemand, der ihm die Kuh abkaufen wollte. »Ei nun!« dachte
+Gudbrand: »so geh' ich mit meiner Kuh wieder nach Hause; ich weiß, ich
+habe sowohl Stall, als Joch, für sie, und es ist eben so weit hin, als
+her,« und damit stiefelte er getrost wieder mit seiner Kuh heimwärts.
+
+Als er ein Endchen gegangen war, begegnete ihm Einer, der hatte ein
+Pferd, das er verkaufen wollte. Nun däuchte unserm Gudbrand, es sei
+besser, ein Pferd zu haben, als eine Kuh, und darum tauschte er mit dem
+Manne. Als er noch etwas weiter gegangen war, begegnete ihm Einer, der
+trieb ein fettes Schwein vor sich her, und da meinte Gudbrand wieder,
+es sei doch besser, ein fettes Schwein zu haben, als ein Pferd, und
+tauschte mit dem Manne. Darauf ging er weiter, und nach einer Weile
+begegnete ihm ein Mann mit einer Ziege. »Es ist freilich immer besser,
+eine Ziege zu haben, als ein Schwein,« dachte Gudbrand und tauschte mit
+dem Mann, der die Ziege hatte. Nun ging er eine weite Strecke fort,
+bis ihm endlich ein Mann begegnete, der ein Schaf hatte, und mit dem
+tauschte er ebenfalls, denn er dachte: »Besser ist's immer, ein Schaf zu
+haben, als eine Ziege.« Als er nun noch weiter gegangen war, begegnete
+ihm ein Mann mit einer Gans, und nun vertauschte Gudbrand das Schaf
+gegen die Gans. Als er darauf ein weites, weites Ende gegangen war,
+begegnete ihm ein Mann mit einem Hahn; mit dem tauschte er nochmals,
+denn er dachte: »Im Grunde ist's doch besser, einen Hahn zu haben, als
+eine Gans.« Er schritt nun so lange fort, bis es schon spät am Tage war,
+und da nun der Hunger sich bei ihm einstellte, verkaufte er den Hahn für
+drei Groschen und kaufte sich dafür Etwas zu essen, »denn es ist doch
+besser, das Leben heimzubringen, als einen Hahn,« dachte Gudbrand vom
+Berge. Darauf setzte er seinen Weg nach Hause fort, bis er zu dem Gehöft
+seines nächsten Nachbars kam; da kehrte er ein, »Nun, wie ist es Dir
+in der Stadt gegangen?« fragten die Leute ihn. »O, das ist nun so so
+gegangen,« sagte Gudbrand: »ich kann mein Glück eben nicht loben und
+auch nicht verachten,« und damit erzählte er ihnen, wie sich Alles
+zugetragen hatte, vom Anfang an bis zu Ende. »Na, da wirst Du aber auch
+schön empfangen werden von Deiner Frau, wenn Du nach Hause kommst,«
+sagte der Mann von dem Gehöft: »Gott steh' Dir bei! ich möchte nicht
+in Deiner Haut stecken.« -- »Mir däucht, es könnte weit schlimmer
+gegangen sein,« sagte Gudbrand vom Berge: »sei es aber nun übel, oder
+wohl gegangen, so habe ich doch eine so gute Frau, die mir nie Vorwürfe
+macht, wie ich's auch immer anfange.« -- »Ja, das mag wahr sein,« sagte
+der Mann: »aber ich glaub's darum doch nicht.« -- »Wollen wir wetten?«
+versetzte Gudbrand vom Berge: »Ich habe hundert Thaler in der Kiste
+liegen, hältst Du eben so Viel dagegen?« -- »Topp!« rief der Nachbar;
+und als es anfing zu dämmern, begaben beide sich zu Gudbrand's Gehöft.
+Hier blieb der Nachbar draußen vor der Thür stehen, um zu horchen,
+während Gudbrand hineinging zu seiner Frau und mit ihr sprach. »Guten
+Abend!« sagte Gudbrand vom Berge, als er eintrat. »Guten Abend!« sagte
+die Frau: »Na, Gott sei Lob! bist Du wieder da?« -- Ja, das war er denn.
+Nun fragte die Frau, wie's ihm denn gegangen wär' in der Stadt. »Ach, so
+so!« antwortete Gudbrand: »ich kann mein Glück eben nicht sonderlich
+rühmen. Als ich zur Stadt kam, war da Niemand, der mir die Kuh abkaufen
+wollte; darum vertauschte ich sie gegen ein Pferd.« -- »Ei! das muß ich
+Dir ja Dank wissen,« sagte sie: »wir sind so brave Leute, daß wir auch
+wohl zur Kirche _fahren_ können, eben so gut, wie Andre, und wenn wir
+Rath haben, uns ein Pferd anzuschaffen, warum sollten wir es nicht?
+-- Geht hin, Jungens, und zieht das Pferd ein!« -- »Je,« sagte Gudbrand:
+»ich hab' das Pferd doch nicht; denn als ich ein Stück Weges gegangen
+war, vertauschte ich es gegen ein Schwein.« -- »Nein!« rief die Frau:
+»das ist doch recht, als wenn ich's selbst gethan hätte! danke schön,
+lieber Mann! nun hab' ich doch Speck im Hause, um den Leuten Etwas
+anzubieten, die zu uns kommen. Was sollten wir auch wohl mit dem Pferd?
+Die Leute würden nur sagen, wir wären so vornehm geworden, daß wir nicht
+mehr zur Kirche gehen könnten, wie wir sonst gethan -- Geht hin,
+Jungens, und bringt's Schwein herein!« -- »Aber ich habe das Schwein
+doch auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich ein Ende weiter
+gegangen war, vertauschte ich es gegen eine Milchziege.« -- »Jerum! wie
+Du Alles vortrefflich machst!« rief die Frau: »Was sollte ich auch mit
+dem Schwein, wenn ich's recht bedenke? Die Leute würden nur sagen: »Die
+da fressen Alles auf, was sie haben.« Nein, hab' ich eine Ziege, so
+bekomm' ich Milch und Käse, und die Ziege bleibt mir dennoch -- Jungens,
+lasst die Ziege ein!« -- »Nein, ich hab' die Ziege doch auch nicht,«
+sagte Gudbrand: »denn als ich etwas weiter auf dem Weg gekommen war,
+vertauschte ich die Ziege und bekam dafür ein herrliches Schaf.«
+-- »Nein!« rief die Frau: »Du hast Alles gemacht, wie ich's mir nur
+wünschen kann, grade, als wär' ich selbst dabei gewesen. Was sollten wir
+auch mit der Ziege? Ich müßte dann immer dahinterher laufen und bergan
+und bergab klettern. Hab' ich aber ein Schaf, so hab' ich Wolle und
+Kleider im Hause und Essen obendrein -- Geht hin, Jungens, und bringt das
+Schaf 'rein!« -- »Aber ich hab' das Schaf auch nicht mehr,« sagte
+Gudbrand: »denn als ich etwas weiter gegangen war, vertauschte ich es
+gegen eine Gans.« -- »Ei, tausendmal schönen Dank!« sagte die Frau: »Was
+sollte ich auch wohl mit dem Schaf? Ich habe ja weder Rocken, noch
+Spindel, und frage auch nicht darnach, mich zu placken und zu quälen und
+Kleider zu weben; wir können ja unsre Kleider kaufen, wie wir sonst
+gethan haben. Nun bekomm' ich doch mal Gänsefleisch zu schmecken, wonach
+ich schon so lange gejankt habe, und kann mir Dunen in meinen Pfülk
+stopfen -- Geht hin, Jungens, und holt die Gans 'rein!« -- »Je, ich
+hab' die Gans aber auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich noch
+ein Stück Weges gegangen war, vertauschte ich sie gegen einen Hahn.«
+-- »Gott weiß, wie Du auf Das verfallen bist!« rief die Frau: »es ist
+grade Alles, als ob ich's selbst gemacht hätte. Ein Hahn, das ist eben
+Dasselbe, als ob Du eine Weck-Uhr gekauft hättest; denn jeden Morgen
+kräh't der Hahn um Vier, und dann können wir zu rechter Zeit auf die
+Beine kommen. Was sollten wir wohl mit der Gans? Ich versteh' mich nicht
+darauf, Gänsefleisch zu pökeln, und meinen Pfülk kann ich mir ja mit
+Seegras stopfen -- Geht hin, Jungens, und holt den Hahn 'rein!« -- »Aber
+ich habe doch den Hahn auch nicht,« sagte Gudbrand: »denn als ich noch
+etwas weiter gegangen war, bekam ich einen entsetzlichen Hunger und
+mußte den Hahn für drei Groschen verkaufen, daß ich nur das Leben
+heimbrachte.« -- »Na, das war recht, daß Du das thatst!« rief die Frau:
+»Wie Du's auch anfängst, so machst Du Alles, wie ich's nur wünschen
+kann. Was sollten wir auch mit dem Hahn? Wir sind ja unsre eignen
+Herren, und können des Morgens liegen bleiben, so lange wir wollen. Na,
+Gott sei Lob! wenn ich nur Dich wieder habe, der Du Alles so gut machst,
+brauch ich weder Hahn, noch Gans, noch Schwein, noch Kuh.« Nun machte
+Gudbrand die Thür auf. »Hab' ich jetzt die hundert Thaler gewonnen?«
+rief er; und da mußte denn der Nachbar gestehen, daß er es hätte.
+
+
+
+
+19.
+
+Kari Trästak.
+
+
+Es war einmal ein König, der war Wittwer geworden. Mit seiner Gemahlinn
+hatte er eine Tochter, die war so gut von Herzen und so schön, daß
+Niemand gutmüthiger und schöner sein konnte. Der König trauerte lange um
+seine Gemahlinn, weil er so viel von ihr gehalten hatte; zuletzt ward er
+aber des ledigen Standes überdrüssig und verheirathete sich mit einer
+Königinn-Wittwe, die hatte auch eine Tochter, aber die war eben so
+häßlich und böse, als die andre gut und schön war. Die Stiefmutter und
+ihre Tochter waren nun neidisch auf die Königstochter wegen ihrer
+Schönheit; aber so lange der König zu Hause blieb, wagten sie nicht, ihr
+Etwas zu Leide zu thun, weil er so viel von ihr hielt.
+
+Als aber eine Zeit vergangen war, bekam der König Krieg mit einem andern
+König und zog in die Schlacht. Nun, meinte die Königinn, könnte sie
+thun, Was sie wollte, schlug die Königstochter, ließ sie hungern und
+stieß sie in alle Ecken herum. Zuletzt war Alles zu gut für die
+Königstochter, und sie mußte endlich die Kühe hüten. So trieb sie nun
+mit den Kühen hinaus und weidete sie in dem Wald und auf dem Berg. Essen
+bekam sie nur wenig, oder gar nicht; sie ward bleich und hager und war
+fast immer betrübt und weinte. Unter der Heerde, die sie weidete, war
+auch ein großer blauer Stier, der sich immer so sauber und blank hielt,
+der kam oft zu der Königstochter und ließ sich von ihr den Kopf krauen.
+Einmal, als sie da saß und so betrübt war und weinte, kam er auch zu ihr
+und fragte sie, warum sie immer so traurig wäre. Sie antwortete ihm aber
+nicht, sondern fuhr fort zu weinen. »Ja, ich weiß wohl, Was Dir fehlt,«
+sagte der Stier: »wenn Du es mir auch nicht sagen willst; Du weinst,
+weil die Königinn immer so schlimm gegen Dich ist und Dich beinahe
+todthungern lässt. Aber für Essen und Trinken sollst Du nicht sorgen:
+In meinem linken Ohr liegt ein Tuch, wenn Du das herausnimmst, und es
+ausbreitest, bekommst Du sowohl zu essen, als zu trinken, Was Du nur
+verlangst.« Das that sie, sie nahm das Tuch heraus und breitete es auf
+den Rasen hin, und da deckte es sich mit den schönsten Gerichten, die
+man sich nur wünschen kann, und Wein und Meth und Honigkuchen war auch
+da. Sie kam nun bald wieder zu Kräften und ward so voll und roth und
+weiß, daß die Königinn und ihre holzdürre Tochter grün und gelb vor
+lauter Ärger wurden. Die Königinn konnte gar nicht begreifen, wie ihre
+Stieftochter bei so schlechter Kost ein so gutes Aussehen bekommen
+konnte; darum sagte sie zu einer von ihren Dirnen, sie sollte ihr im
+Walde nachgehen und zusehen, wie das zusammenhinge; denn sie glaubte,
+daß irgend einer von den Dienstleuten ihr Etwas zu essen gäbe. Die Dirne
+ging ihr nun im Walde nach und beobachtete sie, und da sah sie denn, daß
+die Stieftochter das Tuch aus dem Ohr des blauen Stiers nahm und es auf
+dem Rasen ausbreitete, worauf es sich mit den schönsten Gerichten
+deckte, wovon dann die Tochter aß und sich gütlich that. Das erzählte
+die Dirne zu Hause der Königinn. -- Jetzt kehrte der König heim und
+hatte den Sieg über den andern König davon getragen, gegen den er zu
+Felde gezogen war. Da war nun große Freude im ganzen Schloß, doch
+Niemand freu'te sich mehr, als des Königs Tochter. Die Königinn aber
+stellte sich krank an und gab dem Doctor viel Geld, damit er sagen solle,
+sie könne nicht wieder gesund werden, wenn sie nicht das Fleisch von dem
+blauen Stier zu essen bekäme. Sowohl die Königstochter, als die Leute im
+Schloß fragten den Doctor, ob nicht etwas Andres helfen könne, und baten
+für den Stier, denn sie hielten alle so viel von ihm und sagten, einen
+solchen Stier gäb's nicht mehr im ganzen Königreich; aber nein, er
+sollte und mußte geschlachtet werden, es war kein andrer Rath. Als die
+Königstochter das hörte, ward sie sehr betrübt und ging hinunter in den
+Stall zu dem Stier. Der stand auch da und ließ den Kopf hangen und sah
+so betrübt aus, daß sie anfing, darüber zu weinen. »Warum weinst Du?«
+fragte der Stier. Da erzählte sie ihm, der König wäre zu Hause gekommen,
+und die Königinn hätte sich krank angestellt und den Doctor dahin
+vermocht, zu sagen, sie könne nicht wieder gesund werden, wenn sie nicht
+das Fleisch von dem blauen Stier zu essen bekäme, und nun sollte er
+geschlachtet werden. Der Stier aber sagte: »Wenn sie erst mich getödtet
+haben, dann werden sie Dich auch bald tödten; wenn Du aber so willst,
+wie ich, so machen wir uns beide noch diese Nacht davon.« Die
+Königstochter meinte zwar, es wäre schlimm, ihren Vater zu verlassen,
+aber schlimmer doch wär' es noch, im Hause bei der Königinn zu bleiben,
+und versprach darum dem Stier, mit ihm zu reisen.
+
+Als es Abend geworden war, und alle die Andern sich zur Ruhe begeben
+hatten, schlich die Königstochter sich hinunter in den Stall; da nahm
+der Stier sie auf den Rücken und machte sich mit ihr davon, so schnell
+er nur konnte. Als darnach am Morgen die Leute aufstanden und den Stier
+schlachten wollten, war dieser fort; und als der König aufgestanden war
+und nach seiner Tochter fragte, da war die auch fort. Der König schickte
+Boten aus nach allen Enden der Welt, sie aufzusuchen, und ließ ihr
+nachläuten mit allen Glocken; aber es konnte Niemand eine Spur von ihr
+entdecken. -- Inzwischen trabte der Stier mit der Königstochter fort
+durch viele fremde Länder, und endlich kamen sie zu einem großen
+kupfernen Wald, wo sowohl die Bäume, als die Zweige und Blätter und
+Blüthen von lauter Kupfer waren.
+
+Ehe sie aber weiter reis'ten, sagte der Stier zu der Königstochter: »Wenn
+wir nun in den Wald kommen, musst Du Dich wohl in Acht nehmen, daß Du
+auch nicht ein Blättchen anrührst, sonst ist's aus mit Dir und mit mir;
+denn es wohnt hier ein Troll mit drei Köpfen, welchem dieser Wald gehört.«
+Nein, den Kukuk! sie wollte sich wohl in Acht nehmen und ja Nichts
+anrühren. Darauf gingen sie sehr vorsichtig in den Wald; die Prinzessinn
+schmiegte und biegte sich und hielt die Zweige mit den Händen zurück;
+aber der Wald war so dicht, daß es fast nicht möglich war, hindurch zu
+kommen, und wie sehr sie sich auch in Acht nahm, versah sie's doch, daß
+sie ein Blatt abriß und es in der Hand behielt.
+
+»O weh! Was machst Du da?« sagte der Stier: »jetzt muß ich mich schlagen
+auf Leben und Tod; aber verwahre nur gut das Blatt.« Sie hatten
+bald darauf das Ende des Waldes erreicht. Da kam ein großer Troll
+dahergeschnoben, der hatte drei Köpfe. »_Wer hat meinen Wald angerührt?_«
+rief er. »Das ist eben so gut mein Wald, als Deiner,« sagte der Stier.
+»_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie der Troll. »Laß uns das!«
+sagte der Stier. Beide rannten nun an einander, und der Stier stieß und
+schlug aus allen Kräften; aber der Troll schlug nicht schlechter, und es
+dauerte einen ganzen Tag, eh' der Stier ihn bezwingen konnte. Da war er
+aber auch so mit Wunden bedeckt und so erschöpft, daß er nicht mehr
+von der Stelle zu gehen vermochte. Sie mußten sich nun den ganzen Tag
+ausruhen; darauf sagte der Stier zu der Königstochter, sie solle das
+Salbenhorn nehmen, das an dem Gürtel des Trollen hing, und ihn mit der
+Salbe überall bestreichen. Als sie das gethan hatte, ward der Stier
+sogleich wieder frisch und gesund, und am folgenden Tage setzten sie
+ihre Reise fort. Sie reis'ten nun manchen lieben Tag, und endlich kamen
+sie zu einem silbernen Wald; hier waren sowohl die Bäume, als die Zweige
+und die Blätter und Blüthen von lauter Silber.
+
+Ehe sie aber ihre Reise weiter fortsetzten, sagte der Stier zu der
+Königstochter: »Wenn wir nun in den Wald kommen, musst Du Dich ja sehr
+in Acht nehmen; Du darfst durchaus Nichts anrühren, und auch nicht so
+Viel, als nur ein Blättchen, abreißen; sonst ist es aus mit Dir und mit
+mir; denn hier wohnt ein Troll mit sechs Köpfen, welchem dieser Wald
+gehört, und mit dem, glaub' ich, werd' ich's nicht aufnehmen können.«
+
+Nein, sagte die Königstochter, sie wollte sich sehr in Acht nehmen und
+auch nicht das Geringste anrühren. Als sie aber in den Wald kamen, war
+er wieder so dicht und so eng, daß sie beinahe nicht vorwärts kommen
+konnten. Die Königstochter war so vorsichtig, wie nur möglich, und bog
+die Zweige, die ihr im Wege saßen, mit den Händen zur Seite; aber jeden
+Augenblick schlugen ihr die Zweige in die Augen, und wie sie's auch
+anfangen mochte, so riß sie doch wieder ein Blatt ab.
+
+»O weh! Was hast Du gemacht!« rief der Stier: »Nun muß ich mich wieder
+schlagen auf Leben und Tod; denn der Troll, welcher hier wohnt, hat
+sechs Köpfe und ist noch einmal so groß, als der vorige; verwahre aber
+nur vorsichtig das Blatt.«
+
+Es dauerte nicht lange, so kam der Troll an. »_Wer hat meinen Wald
+angerührt?_« rief er. »Das ist eben so gut mein Wald, als Deiner,« sagte
+der Stier. »_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie der Troll. »Laß uns
+das!« sagte der Stier, fuhr auf den Trollen zu, bohrte ihm die Augen
+aus und rannte ihm die Hörner mitten durch den Leib, so daß die Gedärme
+dabei hingen; aber der Troll wehrte sich dessen ungeachtet tapfer, und
+es dauerte drei ganze Tage, eh' der Stier ihm den Garaus machte. Da
+war er aber auch so elend und hinfällig, daß er sich kaum noch rühren
+konnte, und über und über war er mit Wunden bedeckt, aus welchen das
+Blut herausfloß. Da sagte er zu der Königstochter, sie solle das
+Salbenhorn nehmen, das an dem Gürtel des Trollen hing, und ihn überall
+mit der Salbe bestreichen. Das that sie denn auch, und darauf heilten
+die Wunden sogleich wieder zu. Aber so matt war der Stier, daß sie eine
+ganze Woche lang sich ausruhen mußten, eh' er im Stande war, weiter zu
+gehen.
+
+Endlich machten sie sich wieder auf den Weg; aber der Stier war immer
+noch sehr schwach, und es ging daher im Anfang nur langsam. Um ihn zu
+schonen, sagte die Königstochter, sie wäre jung und leicht zu Fuß, sie
+könnte ja gern gehen; aber das litt der Stier durchaus nicht, sie mußte
+sich wieder auf ihn setzen. Nun reis'ten sie eine lange lange Zeit und
+kamen durch viele Länder, und die Königstochter wußte gar nicht mehr,
+wo sie in der Welt waren. Aber endlich und zuletzt kamen sie zu einem
+goldnen Wald, der war so schön, daß das Gold davon heruntertröpfelte;
+denn sowohl die Bäume, als die Zweige und die Blätter und Blüthen waren
+von purem Golde. Hier ging es nun wieder eben so, wie in dem kupfernen
+und dem silbernen Wald. Der Stier sagte zu der Königstochter, daß sie
+durchaus kein Blatt anrühren dürfe; denn hier wohne ein Troll mit neun
+Köpfen, dem der Wald gehöre, der wäre noch weit größer und stärker, als
+die beiden andern zusammen, und den glaubte er nun ganz und gar nicht
+bezwingen zu können. -- Nein, sie wollte sich wohl in Acht nehmen und
+durchaus Nichts anrühren, darauf könne er sich verlassen. Als sie aber
+in den Wald kamen, war dieser noch weit dichter und enger, als der
+silberne, und je weiter sie hineinkamen, desto schlimmer ward es: der
+Wald wurde immer dichter und enger, und zuletzt schien ganz und gar kein
+Durchkommen mehr. Die Königstochter schmiegte und biegte sich und bog
+die Zweige mit den Händen zurück; aber jeden Augenblick schlugen sie ihr
+in die Augen, so daß sie zuletzt nicht mehr vor sich sehen konnte, und
+eh' sie sich recht besann, hatte sie einen goldnen Apfel in der Hand.
+Nun wurde sie entsetzlich bange und fing an zu weinen und wollte den
+Apfel wieder wegwerfen; aber der Stier sagte, sie solle ihn nur behalten
+und ihn wohl verwahren, und tröstete sie, so gut er konnte, meinte aber
+doch, es würde ein harter Kampf werden, und wußte nicht, ob's diesmal
+so gut ablaufen würde.
+
+Es dauerte nicht lange, so kam der Troll mit den neun Köpfen an. »_Wer
+hat meinen Wald angerührt?_« rief er. »Das ist eben so gut mein Wald,
+als Deiner,« sagte der Stier. »_Das wollen wir erst ausmachen!_« schrie
+der Troll. »Laß uns das!« sagte der Stier, und damit rannten sie an
+einander, daß es ganz entsetzlich war, und die Königstochter fiel
+beinahe in Ohnmacht. Der Stier bohrte dem Trollen die Augen aus dem
+Kopf und rannte ihm die Hörner durch den Leib, so daß die Eingeweide
+herausfielen; aber der Troll kämpfte dessen ungeachtet gleich tapfer;
+denn sobald der Stier einen Kopf getödtet hatte, bliesen die andern
+sogleich wieder Leben hinein, und es dauerte wohl eine ganze Woche lang,
+eh' es dem Stier gelang, den Trollen gänzlich zu tödten. Aber da war er
+auch so elend und hinfällig, daß er sich nicht rühren konnte, und
+nicht einmal war er im Stande, zu sagen, die Königstochter solle das
+Salbenhorn von dem Gürtel des Trollen nehmen und ihn mit der Salbe
+bestreichen; aber sie that es schon von selbst, und da ward es wieder
+besser mit dem Stier; aber wohl über drei Wochen mußten sie hier
+verweilen, eh' er wieder so viel Kräfte gesammelt hatte, um die Reise
+fortsetzen zu können.
+
+Endlich ging es wieder so allmählich vorwärts; denn der Stier sagte, sie
+müßten noch etwas weiter. Als sie nun eine Zeit gereis't und über viele
+mit dichten Wäldern bewachsene Berge gekommen waren, gelangten sie
+endlich zu einem Felsen. »Siehst Du Etwas?« fragte der Stier. »Nein,
+ich sehe Nichts, als den Himmel und die wilde Felsgegend,« versetzte die
+Königstochter. Als sie aber tiefer ins Gebirge kamen, wurde die Gegend
+ebener, so daß sie eine weitere Aussicht hatten. »Siehst Du jetzt
+Etwas?« fragte der Stier. »Ja, ich sehe ein kleines Schloß weit in
+der Ferne,« sagte die Prinzessinn. »Nun, das Schloß ist eben nicht so
+klein,« sagte der Stier. Endlich kamen sie zu einem großen Gehäge mit
+einer schroffen Felswand. »Siehst Du jetzt Etwas?« fragte der Stier
+wieder. »Ja, nun sehe ich ganz nahebei das Schloß; jetzt ist es weit
+größer, als vorher,« sagte die Königstochter. »Da sollst Du hin!«
+sagte der Stier: »Gleich unten beim Schloß ist ein Schweinstall, wenn
+Du da hineinkommst, so findest Du dort einen hölzernen Rock, den
+musst Du anziehen und damit ins Schloß gehen und sagen, Du heißest _Kari
+Trästak_[4], und um einen Dienst bitten. Jetzt aber sollst Du Dein
+Messer nehmen und mir damit den Kopf abschneiden; alsdann streife mir
+das Fell ab und lege darein das kupferne Blatt, das silberne Blatt und
+den goldnen Apfel, und verwahre Alles unten bei der Felswand. Am Berge
+steht ein Stock, und wenn Du dann von mir nachher Etwas willst, so
+klopfe bloß mit dem Stock an die Felswand.«
+
+Anfangs konnte die Prinzessinn sich durchaus nicht dazu entschließen,
+dem Stier den Kopf abzuschneiden. Wie dieser ihr aber sagte, das sei
+der einzige Dank, den er für Das, was er für sie gethan, von ihr fordre,
+da konnte sie denn nicht anders: sie nahm das Messer und schnitt ihm, so
+weh es ihr auch that, damit den Kopf vom Rumpf, streifte ihm das Fell
+ab, legte darein das kupferne Blatt, das silberne Blatt und den goldnen
+Apfel, und verwahrte dann Alles unten bei der Felswand.
+
+Als das geschehen war, ging sie weinend und voll großer Betrübniß in den
+Schweinstall; da zog sie den hölzernen Rock an und begab sich damit zum
+Königsschloß. Sie trat zuerst in die Küche ein, und bat um einen Dienst
+und sagte, sie heiße Kari Trästak. Ja, sagte der Koch, einen Dienst könne
+sie bekommen, wenn sie im Schloß aufwaschen und rein machen wolle, denn
+Die, welche das früher gethan hätte, sei davon gelaufen; »aber wenn Du
+eine Zeitlang hier gewesen bist, wirst Du's auch wohl überdrüssig und
+läufst auch davon,« sagte er. Nein, das wollte sie gewiß nicht.
+
+Sie blieb nun auf dem Schloß und verrichtete ihr Geschäft ordentlich
+und pünktlich. Eines Sonntags, als man Fremde erwartete, bat Kari um
+Erlaubniß, dem Prinzen das Waschwasser hinaufbringen zu dürfen; aber die
+Andern lachten über sie und sagten: »Was willst Du bei dem Prinzen?
+Glaubst Du, der Prinz will Etwas von Dir wissen, so wie Du aussiehst?«
+Aber sie gab sich nicht zufrieden, sondern bat so lange, bis man es ihr
+erlaubte. Als sie nun die Treppe hinaufstieg, machte sie ein solches
+Geräusch mit ihrem hölzernen Rock, daß der Prinz herauskam und fragte:
+»Was bist Du für Eine?« -- »O, ich wollte nur das Waschwasser zum
+Prinzen hinauftragen,« sagte sie. »Glaubst Du, ich will das Wasser
+haben, das _Du_ mir bringst?« sagte der Prinz und goß es ihr über den
+Kopf. Sie mußte nun unverrichteter Sache wieder abziehen, bat aber um
+Erlaubniß, in die Kirche zu gehen, und das konnte man ihr denn nicht
+abschlagen. Erst aber ging sie zu dem Berg und klopfte mit dem Stock an
+die Felswand, so wie der Stier ihr gesagt hatte. Sogleich öffnete sich
+diese, und es trat ein Mann heraus, der fragte sie, Was sie wolle. Die
+Königstochter sagte, sie hätte Erlaubniß bekommen, in die Kirche zu
+gehen und den Prediger zu hören, aber sie hätte keine Kleider anzuziehen.
+Da gab der Mann ihr ein Kleid, das war so blank, wie der kupferne Wald;
+und Pferd und Sattel erhielt sie auch. Als sie nun in die Kirche kam,
+war sie so schön und stattlich, daß Alle sich darüber verwunderten und
+gar nicht begreifen konnten, Wer sie sei. Fast Keiner hörte auf Das, was
+der Prediger sagte, weil Alle nur sie betrachteten. Der Prinz selbst war
+so in sie verliebt, daß er kein Auge von ihr abwandte.
+
+Als sie nun aus der Kirche gehen wollte, kam der Prinz ihr nach und
+machte die Kirchenthür hinter ihr zu, und da geschah es, daß er den
+einen von ihren Handschuhen in der Hand behielt. Als sie darnach ihr
+Pferd bestieg, trat der Prinz auf sie zu und fragte sie, wo sie her
+wäre. »Ich bin aus dem Waschland,« sagte Kari, und indem der Prinz den
+Handschuh hervorzog, um ihr denselben zu überreichen, sprach sie:
+
+ »Hinter mir dunkel, und vor mir hell!
+ Auf daß der junge Prinz nicht sieht,
+ Wohin mich trägt mein Roß so schnell!«
+
+Der Prinz hatte noch nie einen so schönen Handschuh gesehen, und er
+reis'te weit umher und fragte nach dem Lande, aus welchem die vornehme
+Dame sei, die ihren Handschuh im Stich gelassen hatte; aber Niemand
+konnte ihm sagen, wo es lag.
+
+Am nächsten Sonntag sollte Einer hinaufgehen zum Prinzen und ihm ein
+Handtuch bringen. »Ach, darf ich nicht hinaufgehen?« sagte Kari.
+»Warum nicht gar!« sagten die Andern, die in der Küche waren: »Du weißt
+wohl noch, wie es Dir das letzte Mal ging.« Kari gab sich aber nicht
+zufrieden, sondern bat so lange, bis man es ihr erlaubte, und darnach
+lief sie die Treppe hinauf in ihrem hölzernen Rock, daß es nur so
+rasselte. Der Prinz kam auf den Lärm heraus, und als er Kari erblickte,
+riß er ihr das Tuch aus der Hand und warf es ihr an den Kopf. »Pack
+Dich, Du abscheuliches Trollmensch!« sagte er: »Glaubst Du, ich will
+mich in einem Handtuch abtrocknen, das Du mit Deinen schmutzigen Fingern
+angefasst hast?«
+
+Darnach begab der Prinz sich in die Kirche, und Kari bat um Erlaubniß,
+auch dahin zu gehen. Die Andern sagten aber, Was sie in der Kirche
+wolle, da sie nichts Anders anzuziehen habe, als ihren hölzernen Rock,
+der so schmutzig wäre und so abscheulich aussähe. Aber Kari sagte, der
+Prediger däuchte ihr ein so wackerer Mann in seiner Rede, und sie hätte
+davon so großen Nutzen. Da ließ man sie denn hingehen. Erst aber ging
+sie zu dem Berg und klopfte mit dem Stock daran. Sogleich trat wieder
+der Mann heraus und gab ihr ein Kleid, das war noch weit schöner und
+prächtiger, als das erste; es war überall mit Silber besetzt, so
+daß es glänzte, wie der silberne Wald; und ein schönes Pferd mit
+silbergestickter Decke und silbernem Gebiß erhielt sie auch.
+
+Als sie zur Kirche kam, und die Kirchleute, die vor der Thür standen,
+sie sahen, waren alle höchlich verwundert und konnten gar nicht begreifen,
+Wer sie sei, und der Prinz trat sogleich hinzu, um ihr das Pferd zu
+halten, während sie abstieg. Aber sie sprang schnell herunter und sagte,
+es wäre nicht nöthig; denn ihr Pferd wäre so wohl abgerichtet, daß es
+still stände, wenn sie es beföhle, und auf ihren Wink ginge und käme.
+Darauf gingen Alle in die Kirche; aber fast Keiner hörte auf Das, was
+der Prediger sagte, weil Alle nur sie betrachteten. Der Prinz aber
+entbrannte diesmal noch weit mehr von Liebe, als das vorige Mal. -- Als
+nun der Gottesdienst vorbei war, und sie aus der Thür ging und ihr Pferd
+besteigen wollte, da trat der Prinz wieder auf sie zu und fragte sie, wo
+sie her wäre. »Ich bin aus dem Handtuchlande,« sagte die Königstochter,
+und im selben Augenblick ließ sie ihre Reitgerte fallen. Als nun der
+Prinz sich bückte, um sie aufzunehmen, sprach sie:
+
+ »Hinter mir dunkel, und vor mir hell!
+ Auf daß der junge Prinz nicht sieht,
+ Wohin mich trägt mein Roß so schnell!«
+
+Fort war sie, und Niemand wußte, wo sie gestoben oder geflogen war. Der
+Prinz reis'te nun wieder weit umher und fragte nach dem Handtuchlande;
+aber es konnte ihm Keiner sagen, wo es lag, und er mußte unverrichteter
+Sache wieder heimkehren.
+
+Am nächsten Sonntag sollte Einer einen Kamm zu dem Prinzen hinaufbringen.
+Kari bat wieder um Erlaubniß, damit hinaufzugehen; aber die Andern
+erinnerten sie daran, wie es ihr das letzte Mal gegangen war, und
+schalten sie, daß sie sich vor dem Prinzen wollte sehen lassen, so
+schwarz und häßlich, wie sie aussähe in ihrem hölzernen Rock. Aber sie
+hörte nicht auf, zu bitten, bis man sie endlich gehen ließ. Als sie die
+Treppe hinaufrasselte, kam schnell der Prinz heraus, riß ihr den Kamm
+aus der Hand und warf ihn ihr an den Kopf, indem er sagte, sie solle
+sich sogleich packen. Darnach begab der Prinz sich in die Kirche, und
+Kari bat um Erlaubniß, auch dahin zu gehen. Sie fragten sie wieder, Was
+sie da wolle, da sie ja so schwarz und häßlich wäre, und nicht einmal
+Kleider hätte, sich vor den Leuten sehen zu lassen. »Wenn der Prinz,
+oder sonst Jemand Dich bemerkt,« sagten sie: »dann wird es sowohl Dir,
+als uns schlecht gehen.« Aber Kari meinte, sie hätten wohl nach etwas
+ganz Anderm zu sehen, als nach ihr, und hörte nicht auf, zu bitten, bis
+man sie zuletzt gehen ließ.
+
+Nun ging es wieder eben so, wie die beiden vorigen Male; Kari ging zu
+dem Berg und klopfte daran mit dem Stock. Da kam wieder der Mann heraus
+und gab ihr ein Kleid, das war noch weit prächtiger, als das vorige;
+denn es war von purem Golde und mit vielen Diamanten besetzt; und ein
+Pferd mit golddurchwirkter Decke und goldenem Gebiß erhielt sie auch.
+
+Als die Königstochter zur Kirche kam, standen der Prediger und die
+Kirchleute noch vor der Thür und warteten auf sie. Der Prinz wollte ihr
+das Pferd halten; aber sie sprang schnell herunter und sagte: »Es ist
+nicht nöthig; denn mein Pferd ist so gut abgerichtet, daß es von selber
+still steht, wenn ich es befehle.« Hierauf gingen Alle in die Kirche,
+und der Prediger stieg auf die Kanzel. Aber Keiner hörte auf Das, was
+er sagte, weil Alle nur sie betrachteten und sich den Kopf darum
+zerbrachen, wo sie doch wohl her sein möchte. Der Prinz aber entbrannte
+jetzt noch mehr von Liebe, als das vorige Mal; er hörte und sah nichts
+Anders, als nur sie.
+
+Wie der Gottesdienst beendigt war, und die Königstochter aus der Kirche
+gehen wollte, hatte der Prinz eine Bütte voll Theer in der Vorhalle
+hingegossen, damit er ihr behülflich sein könne, wenn sie hinüber
+wollte; aber sie bekümmerte sich nicht darum, sondern setzte den Fuß
+mitten in den Theer und sprang hinüber; aber da blieb der eine von ihren
+goldnen Schuhen am Boden sitzen. Als sie ihr Pferd bestiegen hatte, trat
+der Prinz wieder auf sie zu und fragte sie, wo sie her wäre. »Ich bin
+aus dem Kammlande,« sagte Kari. Als ihr aber der Prinz den goldnen
+Schuh reichen wollte, sprach sie:
+
+ »Hinter mir dunkel, und vor mir hell!
+ Auf daß der junge Prinz nicht sieht,
+ Wohin mich trägt mein Roß so schnell!«
+
+Der Prinz wußte nun wieder nicht, wo sie geblieben war, und reis'te eine
+lange Zeit in der Welt herum und fragte nach dem Kammlande; da ihm aber
+Niemand sagen konnte, wo es lag, ließ er bekannt machen, daß Diejenige,
+welcher der goldne Schuh passe, seine Gemahlinn werden solle. Es fanden
+sich nun Schöne und Häßliche ein von allen Enden der Welt; aber Keine
+hatte einen so kleinen Fuß, daß ihr der goldne Schuh paßte. Endlich kam
+auch die böse Stiefmutter der Kari Trästak mit ihrer Tochter an, und
+der letztern paßte der Schuh. Aber sie war so häßlich und sah so recht
+vergrätzt aus, daß der Prinz nur ungern sein Wort hielt. Es wurde jedoch
+zur Hochzeit angerichtet, und die Tochter ward aufgeputzt wie eine
+Braut. Als aber der Prinz mit ihr zur Kirche ritt, saß da ein kleiner
+Vogel in einem Baum, der sang:
+
+ »Ein Stück von der Ferse,
+ Ein Stück von der Zeh!
+ Kari's Schuh ist voll Blut,
+ Das thut der Braut so weh.«
+
+Und als sie zusahen, da hatte der Vogel recht gesungen; denn das Blut
+sickerte aus dem Schuh heraus. Nun mußten alle Dienstdirnen und alle
+Frauensleute, die auf dem Schloß waren, den Schuh anprobiren; aber es
+war keine einzige darunter, die ihn anbekommen konnte. »Wo ist denn
+aber Kari Trästak?« fragte endlich der Prinz, da alle Andern den Schuh
+anprobirt hatten; denn er verstand sich gut auf Vogelgesang, und wußte
+wohl, wie's geklungen hatte. »Ach, die!« sagten die Andern: »mit ihr
+kann's nichts nützen; denn sie hat Beine, so groß wie Pferdefüße.« --
+»Kann sein!« sagte der Prinz: »aber da alle Andern den Schuh anprobirt
+haben, so soll sie ihn auch anprobiren. Kari!« rief er zur Thür hinaus,
+und Kari die Treppe herauf in ihrem hölzernen Rock, daß es nur so
+rasselte. »Nun sollst Du auch den Schuh anprobiren und Prinzessinn
+werden!« sagten die andern Dirnen und lachten und hatten sie zum besten.
+Kari aber nahm den Schuh, steckte den Fuß hinein wie gar Nichts, warf
+ihren Holzrock ab und stand nun da in ihrem goldnen Kleid, daß es nur so
+glitzerte; und an dem andern Fuß trug sie den andern goldnen Schuh. Als
+der Prinz sie nun wieder erkannte, war er über alle Maßen froh, lief
+auf sie zu, umarmte und küßte sie. Und als er nun erfuhr, daß sie eine
+Königstochter war, da freu'te er sich noch mehr, und darauf wurde die
+Hochzeit gehalten.
+
+ Un ßnipp, ßnapp, ßnuut!
+ So is dat Leuschen uut.
+
+
+
+
+20.
+
+Der Fuchs als Hirte.
+
+
+Es war einmal eine Frau, die ging aus und wollte sich einen Hirten
+miethen. Da begegnete ihr der Bär. »Wo willst Du hin?« fragte der Bär
+sie. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen,« antwortete die Frau.
+»Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Bär. »Ja, wenn Du bloß
+hübsch locken kannst,« sagte die Frau. »_Hö_--i!« sagte der Bär. »Nein,
+Dich will ich nicht haben,« sagte die Frau, als sie das hörte, und ging
+weiter.
+
+Da begegnete ihr der Wolf. »Wo willst Du hin?« fragte der Wolf. »O, ich
+wollte mir nur einen Hirten miethen,« antwortete die Frau. »Willst Du
+mich zum Hirten haben?« fragte der Wolf. »Ja, kannst Du auch hübsch
+locken?« sagte die Frau. »_Uh_--_uh!_« sagte der Wolf. »Nein, Dich will
+ich nicht haben,« sagte die Frau.
+
+Ein Ende weiter hin begegnete ihr der Fuchs. »Wo willst Du hin?« fragte
+der Fuchs. »O, ich wollte mir nur einen Hirten miethen,« antwortete die
+Frau. »Willst Du mich zum Hirten haben?« fragte der Fuchs. »Ja, wenn Du
+bloß hübsch locken kannst,« sagte die Frau. »_Dil_ -- _dal_ -- _holom!_«
+sagte der Fuchs noch so hübsch und artig. »Ja, Dich will ich haben,«
+sagte die Frau und nahm den Fuchs zum Hirten bei ihrem Vieh an.
+
+Am ersten Tage, wie der Fuchs das Vieh auf die Weide trieb, fraß er alle
+Ziegen auf, den zweiten Tag ließ er sich die Schafe schmecken, und den
+dritten Tag mußten die Kühe daran. Als er darauf am Abend nach Hause
+kam, fragte die Frau ihn, wo er das Vieh gelassen hätte. »Der Kopf ist
+im Bach, und der Rumpf im Busch,« sagte der Fuchs. Die Frau stand eben
+bei ihrem Butterfaß und butterte; aber sie wollte doch selbst zusehen;
+während sie nun zusah, steckte der Fuchs den Kopf ins Butterfaß und fraß
+allen Rahm auf. Als die Frau zurückkam und das gewahr ward, da wurde sie
+so erbittert, daß sie einen Rahmklumpen nahm, der noch im Butterfaß saß,
+und damit nach dem Fuchs warf, so daß er einen Klatsch am Schwanz bekam.
+Davon kommt es, daß der Fuchs einen weißen Schwanzzipfel hat.
+
+
+
+
+21.
+
+Vom Schmied, den der Teufel nicht in die Hölle lassen durfte.
+
+
+In jenen Tagen, da unser Herr Christus und St. Petrus noch auf Erden
+einherwandelten, kamen beide einmal zu einem Schmied; dieser hatte
+mit dem Teufel den Contract gemacht, daß er nach sieben Jahren ihm
+gehören solle, wogegen er in der Zeit ein Meister aller Meister in der
+Schmiedekunst sein sollte, und den Contract hatte sowohl der Schmied,
+als der Teufel, jeder mit seinem Namen, unterschrieben. Darum hatte der
+Schmied auch mit großen Buchstaben über die Thür seiner Schmiede die
+Worte setzen lassen: »Hier wohnt der Meister aller Meister.« Als nun der
+Herr Christus kam und die Schrift sah, ging er hinein. »Wer bist Du?«
+fragte er den Schmied. »Lies, Was über der Thür steht,« antwortete
+dieser: »kannst Du aber nicht Geschriebenes lesen, so musst Du warten,
+bis Einer kommt, der es Dir lies't.« Ehe der Herr ihm noch darauf
+geantwortet hatte, kam ein Mann mit einem Pferd in die Schmiede und bat
+den Schmied, es ihm zu beschlagen. »Willst Du mir erlauben, daß ich es
+beschlage?« sagte der Herr Christus. »Du magst es versuchen,« sagte der
+Schmied: »schlimmer kannst Du's nicht machen, als daß ich's nicht wieder
+sollte gut machen können.« Der Herr ging nun zu und nahm dem Pferd das
+eine Vorderbein ab, legte es in die Esse und machte das Hufeisen glühend;
+darauf nahm er Nägel und einen Hammer und beschlug es, und setzte es
+dann wieder unbeschädigt dem Pferd an. Als das geschehen war, nahm er
+das andre Vorderbein ab und machte es damit eben so. Und als er auch
+das wieder angesetzt hatte, nahm er die beiden Hinterbeine, erst den
+rechten, und nachher den linken, legte sie in die Esse, machte das
+Hufeisen glühend, nahm Nägel und den Hammer und beschlug sie, und setzte
+sie dann dem Pferd wieder an. Der Schmied stand inzwischen da und sah
+das mit an. »Du bist aber kein so schlechter Schmied!« sagte er. »Meinst
+Du?« sagte der Herr Christus.
+
+Ein wenig darnach kam die Mutter des Meisters in die Schmiede und bat
+den Schmied, er möchte zu Hause kommen und sein Mittag essen; sie war
+schon sehr alt, hatte einen krummen Rücken und Runzeln im Gesicht und
+konnte nur mit genauer Noth noch gehen. »Gieb jetzt Acht, Was Du
+siehst!« sagte der Herr, nahm die Frau, legte sie in die Esse und
+schmiedete eine junge schöne Jungfrau aus ihr. »Ich sage, wie ich gesagt
+habe. Du bist gar kein so schlechter Schmied,« sagte der Schmied: »Es
+steht zwar über meiner Thür: »Hier wohnt der Meister aller Meister,«
+aber gleichwohl sag' ich, man lernt so lange man lebt,« und damit ging
+er in's Haus und aß sein Mittag.
+
+Als er wieder zurück in die Schmiede gekommen war, kam ein Mann
+geritten, der wollte sein Pferd beschlagen lassen. »Das soll bald
+gemacht sein!« sagte der Schmied: »ich habe jetzt eben eine neue Methode
+zu beschlagen gelernt, die ist gut, wenn die Tage kurz sind,« und damit
+fing er an, dem Pferd die Beine abzubrechen und schnitt und brach so
+lange, bis er sie alle ab hatte; »denn,« sagte er: »ich weiß nicht, wozu
+es soll, immer mit einem und einem zu bruddeln.« Die Beine legte er in
+die Esse, so wie er gesehen hatte, daß der Andre es gemacht, legte dann
+brav Kohlen zu und ließ die Schmiedejungen frisch den Blasebalg ziehen.
+Aber es ging, wie man sich's wohl denken kann: die Beine verbrannten,
+und der Schmied mußte das Pferd bezahlen. Das wollte ihm nun gar nicht
+gefallen. Als aber ein altes armes Weib vorüberging, dachte er: »Gelingt
+nicht das Eine, so gelingt wohl das Andre,« nahm das Weib und legte es
+in die Esse, und wie sehr sie auch weinen und um ihr Leben bitten
+mochte, es half ihr nichts. »Du siehst gar nicht Deinen eignen Vortheil
+ein,« sagte der Schmied: »nun sollst Du im Augenblick wieder eine schöne
+Jungfrau werden, und will doch für meine Mühe keinen Schilling von Dir
+nehmen.« Es ging aber mit dem armen Weibe nicht besser, als mit dem
+Pferd. »Das war nicht gut gemacht!« sagte der Herr Christus. »O, es
+wird wohl nicht viel von ihr die Rede sein,« sagte der Schmied: »aber
+schändlich ist es von dem Teufel, daß er nicht besser sein Wort hält,
+wie's über der Thür steht!« -- »Wenn ich Dir nun drei Wünsche gewährte,«
+sagte der Herr: »Was wolltest Du Dir dann wohl wünschen?« -- »Versuch
+es,« sagte der Schmied: »dann wirst Du's erfahren.« Da gab der Herr
+Christus ihm drei Wünsche; und nun sagte der Schmied: »Zu allererst
+wünsche ich, daß Der, welchen ich auf jenen Birnbaum klettern heiße,
+so lange drauf sitzen bleibe, bis es mir gefällt, ihn wieder herunter
+zu lassen; für's zweite wünsche ich, daß Der, welchen ich in meinen
+Lehnstuhl sich niedersetzen heiße, so lange drin sitzen bleibe, bis
+ich ihm wieder aufzustehen erlaube; und endlich wünsche ich, daß Der,
+welcher in den stählernen Geldbeutel kriecht, den ich in meiner
+Tasche habe, so lange drin bleibe, bis ich ihm Erlaubniß gebe, wieder
+herauszukriechen.« -- »Du hast gewünscht wie ein thörichter Mann,« sagte
+St. Petrus: »zuerst und vornehmlich hättest Du Dir Gottes Gnade und
+Freundschaft wünschen sollen.« -- »Ich durfte nicht so hoch hinaus,«
+sagte der Schmied. Hierauf nahmen unser Herr Christus und St. Petrus
+Abschied von ihm und gingen weiter.
+
+Die Zeit verstrich allmählich, und endlich war die Frist um, und der
+Teufel kam und wollte den Schmied holen, so wie im Contracte stand.
+»Bist Du fertig?« fragte der Teufel und steckte den Kopf zur Thür
+hinein. »Ach,« sagte der Schmied: »ich muß nothwendig noch erst einen
+Kopf an diesem Nagel schlagen; steige Du indessen auf den Birnbaum und
+pflücke Dir eine Birne; denn Du bist wohl hungrig und durstig von der
+Reise.« Der Teufel dankte für gutes Anerbieten und kletterte auf den
+Birnbaum. »Ja, wenn ich's recht bedenke,« sagte der Schmied: »so krieg
+ich in den ersten vier Jahren den Kopf noch gar nicht an dem Nagel
+zurecht geschlagen; denn das Eisen ist so verteufelt hart. Herunter
+darfst Du aber in dieser Zeit nicht, sondern kannst so lange da sitzen
+bleiben und Dich ausruhen.« Der Teufel bat und bettelte, »so dünn wie
+ein Blechpfennig,« der Schmied möchte ihn doch wieder herunterlassen;
+aber all sein Bitten und Betteln half ihm nichts. Zuletzt mußte er dem
+Schmied versprechen, er wolle nicht eher wiederkommen, als bis die vier
+Jahre um wären; und da durfte er denn wieder herunter.
+
+Als nun die Zeit verstrichen war, kam der Teufel abermals, um den
+Schmied zu holen. »Nun hast Du wohl endlich den Kopf an dem Nagel
+fertig,« sagte er. »Ja, den Kopf hab' ich fertig,« versetzte der
+Schmied: »aber dennoch kommst Du mir ein ganz klein wenig zu früh, denn
+ich habe noch die Spitze nicht geschärft; so verdammt hartes Eisen hab'
+ich noch nie zuvor geschmiedet. Während ich nun die Spitze an dem Nagel
+schärfe, kannst Du Dich ein wenig in meinen Lehnstuhl niederlassen und
+Dich ausruhen; denn Du bist wohl müde von der Reise, kann ich mir
+denken.« -- »Ich danke für gutes Anerbieten,« sagte der Teufel und
+setzte sich in den Lehnstuhl. Kaum aber hatte er sich niedergesetzt,
+so sagte der Schmied: »Wenn ich's nun recht bedenke, so krieg' ich die
+Spitze in den ersten vier Jahren noch gar nicht geschärft.« Der Teufel
+bat anfangs sehr höflich, der Schmied möchte ihn doch wieder frei lassen,
+und da alles Bitten nichts half, fing er an zu drohen. Aber der Schmied
+entschuldigte sich und sagte, das Eisen wäre an Allem schuld, denn es
+wäre so verdammt hart. Übrigens tröstete er den Teufel und sagte, er
+säße in seinem Stuhl ja bequem und gemächlich, er solle sich die Zeit
+nicht lang werden lassen, denn um vier Jahre solle er auf die Minute
+wieder frei werden. Es war nun kein andrer Rath: der Teufel mußte ihm
+versprechen, ihn nicht eher holen zu wollen, als bis die vier Jahre um
+wären. Als er ihm das versprochen hatte, sagte der Schmied: »So magst Du
+denn wieder aufstehen.« Der Teufel -- hast Du mich nicht gesehen! auf
+und davon.
+
+Nach vier Jahren kam der Teufel abermals, um den Schmied zu holen. »Nun
+bist Du wohl endlich fertig,« sagte er, indem er den Kopf zur Thür
+hereinsteckte. »Fix und fertig!« antwortete der Schmied: »und jetzt kann's
+losgehen, wann Du willst.« »Aber,« sagte er: »da ist Eins, worüber ich
+mir oft den Kopf zerbrochen habe; sage mir doch, ist es wahr, Was die
+Leute sagen, daß der Teufel sich so klein machen kann, als er will?«
+-- »Freilich ist es wahr!« versetzte der Teufel. »O, dann könntest Du mir
+wohl den Gefallen thun und in diesen stählernen Beutel hineinkriechen
+und zusehen, ob im Boden kein Loch ist,« sagte der Schmied: »ich bin so
+bange, daß ich mein Reisegeld daraus verliere.« -- »Recht gern,« sagte
+der Teufel, machte sich ganz klein und kroch in den Beutel. Kaum aber
+war er hinein, so machte der Schmied den Beutel zu. »Er ist überall
+ganz und dicht,« sagte der Teufel drinnen. »Na, das ist nur gut,« sagte
+der Schmied: »aber besser ist's, vorbedacht, als klug nachher; darum
+will ich Sicherheits halber den Beutel lieber ein wenig schweißen,« und
+damit legte er den Beutel in die Esse und machte ihn glühend. »Au! au!
+bist Du denn toll?« rief der Teufel: »weißt Du nicht, daß ich drinnen
+bin?« -- »Ich kann Dir nicht helfen,« sagte der Schmied: »ein altes
+Sprichwort sagt: »Man muß das Eisen schmieden, während es warm ist,«
+und damit nahm er seinen großen Hammer, legte den Beutel auf den Amboß
+und schlug zu all was er konnte. »Au! au!« schrie der Teufel im Beutel:
+»laß mich bloß hinaus, ich will auch nun und nimmermehr wiederkommen.«
+-- »Ja, ich glaube, jetzt ist er gut geschweißt,« sagte der Schmied: »so
+magst Du denn wieder herauskriechen.« Damit machte er den Beutel auf,
+und der Teufel heraus und auf und davon in solcher Hast, daß er sich
+auch nicht einmal umsah.
+
+Als aber eine Zeit vergangen war, dachte der Schmied, er hätte doch wohl
+unrecht gethan, sich den Teufel zum Unfreund zu machen; »denn,« dachte
+er: »sollte ich nicht in den Himmel kommen, so könnte ich riskiren,
+keine Herberge zu finden, weil ich mich mit Dem, der das Regiment in der
+Hölle hat, überworfen habe; darum ist's besser, ich versuche, je eher,
+je lieber, entweder in die Hölle, oder in den Himmel zu kommen, damit
+ich doch weiß, woran ich bin,« und damit nahm er seinen Hammer auf den
+Nacken und machte sich auf den Weg. Als er ein gutes Ende gegangen war,
+kam er zu einem Kreuzweg, wo die Straße zum Himmel und die Straße zur
+Hölle sich theilen. Da traf er mit einem Schneidergesellen zusammen, der
+mit seinem Bügeleisen in der Hand dahin trippelte. »Guten Tag!« sagte
+der Schmied: »wo geht die Reise hin?« -- »Nach dem Himmel,« sagte der
+Schneider: »wenn ich bloß hineinschlüpfen könnte -- und Du?« -- »Wir
+gehen dann wohl nicht zusammen,« sagte der Schmied: »ich habe gedacht,
+es erst in der Hölle zu versuchen; denn ich habe ein wenig Bekanntschaft
+mit dem Teufel von früherher.« Darauf nahmen sie von einander Abschied,
+und jeder zog seine Straße. Aber der Schmied war ein starker, kräftiger
+Mann und ging weit schneller, als der Schneider, und da dauerte es nicht
+lange, so stand er vor der Höllenpforte. Er ließ sich von der Wache
+anmelden und sagen, es stände Jemand draußen vor der Hölle, der wolle
+gern ein Wort mit dem Teufel sprechen. »Geh hinaus und frage, Wer es
+ist,« sagte der Teufel zu der Wache, und die Wache ging hinaus. »Grüße
+nur den Teufel von mir,« war die Antwort: »und sage ihm, es sei der
+Schmied, der den Beutel hätte -- er wüßte wohl, und dann bitt' ihn, daß
+er mich nur gleich hineinlasse; denn erstlich hab' ich heut den ganzen
+Vormittag geschmiedet, und dann hab' ich einen langen Weg gemacht.« Als
+der Teufel diesen Bescheid erhielt, befahl er der Wache, alle neun
+Schlösser an der Höllenpforte zuzumachen und noch ein großes Hängeschloß
+vorzulegen; »denn,« sagte er: »kommt er herein, so richtet er lauter
+Unfug in der Hölle an.« -- »Hier ist also kein Quartier für dich!«
+sagte der Schmied bei sich selbst, als er hörte, wie man drinnen die
+Pforte verrammte: »ich muß es darum wohl im Himmel versuchen,« und damit
+machte er Kehrum, ging zurück nach dem Kreuzweg und schlug die Straße
+ein, die der Schneider gegangen war. Weil es ihn nun verdroß, daß er den
+langen Weg hin und zurück hatte gehen müssen ohne Nutzen, holte er aus,
+was er nur konnte, und kam eben bei der Himmelspforte an, als St. Petrus
+sie ein wenig öffnete, um den Schneider hineinzulassen. Der Schmied war
+wohl noch sechs bis sieben Schritte davon. »Jetzt ist es am besten, daß
+ich mich spute,« dachte er, griff nach seinem Hammer und warf ihn in die
+Thürritze, als eben der Schneider hineinschlüpfte. Kam der Schmied aber
+nicht durch die Öffnung hinein, so weiß ich nicht, wo er geblieben ist.
+
+
+
+
+22.
+
+Der Hahn und die Henne[5].
+
+
+_Die Henne._ Du versprichst mir Schuh Jahr aus, Jahr ein, und ich krieg'
+nimmer keine Schuh nicht.
+
+_Der Hahn._ Kannst Du warten, so kriegst Du wohl Schuh.
+
+_Die Henne._ Ich lege Eier und thu', Was ich kann, und doch geh' ich
+barfuß allezeit.
+
+_Der Hahn._ So nimm Deine Eier und reise nach der Stadt und kauf Dir
+Schuh und geh nicht länger barfuß!
+
+
+
+
+23.
+
+Der Hahn, der Kukuk und der Auerhahn.
+
+
+Der Hahn, der Kukuk und der Auerhahn hatten einmal eine Kuh zusammen
+gekauft. Da es nun nicht anging, sie zu theilen, und sie sich auch nicht
+um die Ausbezahlung vergleichen konnten, kamen sie dahin überein, daß
+Der, welcher am Morgen zuerst erwachte, die Kuh haben solle. Darauf
+erwachte der Hahn zuerst:
+
+ »Mein ist die Kuh!
+ Mein ist die Kuh!«
+
+rief der Hahn. Während der Hahn noch kräh'te, erwachte der Kukuk:
+
+ »Halb Kuh!
+ Halb Kuh!«
+
+rief der Kukuk. Während der Kukuk noch rief, erwachte der Auerhahn:
+
+ »Theilt, meine Brüder,
+ Wie recht und billig --
+ Recht und billig!
+ Tschio! tschi!«
+
+rief der Auerhahn. Kannst Du mir nun sagen, Wer jetzt die Kuh haben
+sollte?
+
+
+
+
+24.
+
+Lillekort.[6]
+
+
+Es waren einmal ein Paar Eheleute, die wohnten in einer elenden Hütte,
+worin Nichts war, als die liebe Armuth; denn sie hatten weder zu beißen,
+noch zu brocken. Hatten sie aber sonst Nichts, so hatten sie doch einen
+Gottessegen an Kindern, und jedes Jahr bekamen sie noch mehr. Nun war es
+eben um die Zeit, daß sie wieder eins erwarteten. Darüber war der Mann
+sehr verdrießlich und murrte und brummte den ganzen Tag und sagte,
+nachgerade könne es doch wohl einmal Genug sein von diesen Gaben Gottes.
+Und als die Zeit kam, da die Frau gebären sollte, ging er fort ins Holz,
+weil er, wie er sagte, den neuen Schreihals nicht hören wollte; denn er
+bekäme ihn doch noch früh genug zu hören, sagte er: wenn er nachher nach
+Essen grölte.
+
+Als der Mann gegangen war, gebar die Frau einen allerliebsten Knaben,
+der sah sich in der Stube rings um, that den Mund auf und sprach: »Liebe
+Mutter, gieb mir nur ein paar alte Kleider von meinen Brüdern und einen
+Schnappsack mit Essen auf ein paar Tage; dann will ich hinauswandern in
+die Welt und mein Glück versuchen; denn Du hast, wie ich wohl sehe, doch
+noch Kinder genug zu ernähren.« -- »Ach, Gott helfe mir, mein Sohn!«
+sagte die Mutter: »Du bist ja noch viel zu klein, um schon in die Welt
+auszuwandern; das kann ich nimmermehr zugeben.« Aber der Knabe bat so
+lange, bis die Mutter ihm zuletzt einige alte Lappen zusammensuchte
+und ihm etwas Essen in ein Tuch knüpfte, und damit schritt er froh und
+fröhlich hinaus in die Welt. Kaum aber war er gegangen, so gebar die
+Frau noch einen Knaben, der sah auch um sich her und sagte darauf: »Ach,
+liebe Mutter, gieb mir nur ein paar alte Kleider von meinen Brüdern und
+auf ein paar Tage zu essen, dann will ich hinauswandern in die Welt und
+meinen Zwillingsbruder aufsuchen; denn Du hast, wie ich wohl sehe, doch
+noch Kinder genug zu ernähren.« -- »Ach, Gott helf mir! Du bist ja noch
+viel zu klein, Du armer Wicht!« sagte die Frau: »das kann ich nimmermehr
+zugeben.« Aber der Knabe bat so lange, bis sie ihm denn einige alte
+Lappen zusammensuchte und ihm etwas Essen in ein Tuch knüpfte, und damit
+wanderte er noch so mannhaft in die Welt hinaus, um seinen Zwillingsbruder
+aufzusuchen. Als er nun eine Zeitlang fortgewandert war, wurde er seinen
+Bruder ansichtig. »Holla, heda!« rief er ihm zu: »Du legst ja los, als
+ob's für Geld ginge. Du hättest doch erst ein wenig warten und Dich
+nach Deinem jüngern Bruder umsehen sollen, eh' Du so patzig in die Welt
+hinausmarschirtest.« Der älteste Bruder stand still und sah sich nach
+ihm um, und als nun der jüngste zu ihm gekommen war und ihm erzählt
+hatte, wie die Sache zusammenhing, und daß er sein Bruder sei, sagte er:
+»Aber jetzt wollen wir uns hier niedersetzen und mal zusehen, Was unsre
+Mutter uns zum Mundschmack mitgegeben hat,« und darauf setzten sie sich
+nieder und erfrischten sich.
+
+Wie sie nun etwas weiter gegangen waren, kamen sie zu einem Bach, der
+durch ein grünes Feld floß. Da sagte der jüngste: »Hier wollen wir
+einander einen Namen geben, da man uns zu Hause doch nicht getauft hat,
+weil wir so schnell ausgewandert sind.« -- »Wie willst Du denn heißen?«
+fragte der älteste. »Ich will _Lillekort_ heißen,« erwiederte der andre:
+»und Du?« -- »Ich will _König Lavring_ heißen,« sagte der älteste. Nun
+tauften sie einander und gingen dann weiter. Endlich kamen sie zu einem
+Kreuzweg, und nun wurden sie darüber einig, daß jeder seine eigne Straße
+ziehen sollte. Sie trennten sich daher; aber sie waren noch nicht sehr
+weit gegangen, so trafen sie wieder zusammen. Sie trennten sich darauf
+abermals, und jeder zog seine Straße; aber ehe sie sich's versahen,
+waren sie wieder beisammen, und so geschah es auch zum dritten Mal. Da
+verabredeten sie, daß jeder nach einer besondern Richtung, nämlich der
+eine nach Osten, und der andre nach Westen, gehen solle. »Kommst Du aber
+einmal in Noth und große Gefahr,« sagte der älteste: »dann rufe mich nur
+dreimal laut bei Namen, alsdann werde ich Dir zu Hülfe kommen; aber Du
+musst mich ja nicht rufen, eh' Du nicht in der äußersten Noth bist.« --
+»Dann wird's wohl lange dauern, eh' wir uns wiedersehen,« versetzte
+Lillekort. Darauf sagten sie einander Lebewohl, und jeder zog seines
+Weges, Lillekort nach Osten, und König Lavring nach Westen.
+
+Als nun Lillekort eine gute Weile gewandert hatte, begegnete ihm
+ein altes, krummpuckliges Weib, das nur _ein_ Auge hatte; das stahl
+Lillekort ihr. »Au! au!« rief das Weib: »wo ist mein Auge geblieben?«
+-- »Was giebst Du mir, wenn ich's Dir wiedergebe?« sagte Lillekort.
+»Ich gebe Dir ein Schwert, womit Du eine ganze Kriegsmacht niedermetzeln
+kannst, und wenn sie auch noch so groß wäre,« antwortete das Weib. »Ja,
+gieb her!« sagte Lillekort. Das Weib gab ihm darauf das Schwert und
+erhielt dafür ihr Auge zurück. Nun ging Lillekort weiter, und nach einer
+Weile begegnete ihm wieder ein altes krummpuckliges Weib mit _einem_
+Auge, das stahl Lillekort ihr, eh' sie wußte, wie ihr geschah. »Au! au!
+wo ist mein Auge geblieben?« rief sie. »Was giebst Du mir, wenn ich's
+Dir wiedergebe?« sagte Lillekort. »Ein Schiff, das über Süß- und
+Salzwasser, über Berg' und tiefe Thäler geht,« antwortete das Weib. »Ja,
+gieb her!« sagte Lillekort. Das Weib gab ihm darauf ein ganz kleines
+Schiff, so klein, daß man's in die Tasche stecken konnte, und dafür
+erhielt sie ihr Auge zurück, und jeder ging seines Weges. Als Lillekort
+nun wieder eine gute Strecke gewandert war, begegnete ihm zum dritten
+Mal ein altes krummpuckliges Weib mit _einem_ Auge; das stahl Lillekort
+ebenfalls, und als das Weib schrie und sich geberdete und fragte, wo ihr
+Auge geblieben sei, sagte Lillekort: »Was giebst Du mir, wenn ich's Dir
+wiedergebe?« -- »Ich lehre Dir die Kunst, hundert Lasten Malz auf einmal
+zu verbrauen,« sagte sie. Für diese Kunst erhielt nun das Weib ihr Auge
+zurück, und jeder zog seines Weges.
+
+Als nun Lillekort ein kleines Ende gegangen war, wollte er einmal das
+Schiff probiren. Er nahm es daher aus der Tasche und steckte den einen
+Fuß hinein; da ward das Schiff weit größer; und als er nun auch den
+andern Fuß nachzog, ward es so groß, wie die Schiffe, die in der See
+gehen. Da sprach Lillekort: »Fahr hin über Salzwasser und Süßwasser,
+über Berg' und tiefe Thäler, bis daß du kommst zu des Königs Schloß!«
+-- und fort saus'te das Schiff, wie ein Vogel durch die Luft, bis daß es
+zum Königsschloß kam; da stand es still. Drinnen im Schloß aber hatten
+die Leute von den Fenstern aus gesehen, wie Lillekort dahergesegelt kam.
+Darüber waren nun Alle sehr verwundert und liefen hinunter, um zu sehen,
+was Das für Einer wäre, der so auf einem Schiff durch die Luft gefahren
+kam. Während sie aber hinunterliefen, war Lillekort schon aus seinem
+Schiff herausgestiegen und hatte es wieder in die Tasche gesteckt; denn
+sowie er nur mit den Füßen hinaustrat, ward es wieder so klein, als es
+war, da er es von der Alten bekommen hatte. Die Leute vom Königsschloß
+sahen nun nichts Anders, als einen kleinen in Lumpen gehüllten Knaben,
+der da am Ufer stand. Der König fragte ihn, wo er her wäre. Der Knabe
+aber sagte, das wüßte er nicht, und eben so wenig wußte er zu sagen, auf
+welche Weise er hergekommen sei, bat aber inständig um einen Dienst auf
+dem Schloß und sagte, wenn sie nichts Anders für ihn zu thun hätten, so
+könne er ja der Köchinn Holz und Wasser zutragen. Diese Bitte ward ihm
+denn auch gewährt. Als Lillekort aber auf das Schloß kam, sah er, daß
+Alles, sowohl inwendig, als auswendig, selbst die Wände und das Dach,
+mit Schwarz bezogen war. Er fragte deßhalb die Köchinn, Was das zu
+bedeuten hätte. »Das will ich Dir sagen,« antwortete die Köchinn: »Die
+Königstochter ist schon vor langer Zeit an drei Trollen versprochen
+worden, und am nächsten Donnerstag-Abend wird der eine kommen und sie
+abholen. Der Ritter _Röd_ hat sich zwar verbürgt, sie zu befreien; aber
+Gott mag wissen, ob er's kann, und darum ist hier Alles so voll Sorge
+und Betrübniß, wie Du wohl denken kannst.«
+
+Als es nun am Donnerstag-Abend um die Zeit war, führte der Ritter _Röd_
+die Prinzessinn hinaus ans Meerufer -- denn da war es, wo der Troll sie
+abholen wollte -- und da sollte nun der Ritter _Röd_ sie in Schutz
+nehmen; aber er that dem Trollen eben keinen großen Schaden, will ich
+glauben; denn kaum hatte die Prinzessinn sich am Ufer niedergesetzt, so
+kroch der Ritter auf einen großen Baum, welcher da stand, und verbarg
+sich zwischen die Zweige, so gut er konnte. Die Prinzessinn weinte und
+bat ihn so flehentlich, er möchte sie doch nicht verlassen; aber der
+Ritter _Röd_ achtete nicht auf ihr Bitten, sondern sagte: »Es ist besser,
+daß Einer das Leben verliert, als daß Zwei umkommen.«
+
+Inzwischen bat Lillekort die Köchinn um Erlaubniß, ein wenig an den
+Strand zu gehen. »O, Was willst Du da?« sagte die Köchinn: »Du hast da
+Nichts zu thun.« -- »Ach ja, liebe Köchinn, laß mich nur hingehen,«
+sagte Lillekort: »ich wollte so gern mit den andern Kindern ein wenig
+spielen.« -- »Na, geh denn!« sagte die Köchinn: »aber daß Du nur nicht
+länger ausbleibst, als bis der Kessel zum Abendessen über's Feuer
+gehängt, und der Braten an den Spieß gesteckt wird! und bring' dann
+einen tüchtigen Armvoll Holz mit in die Küche!« Ja, das wollte Lillekort
+nicht vergessen, und damit lief er fort ans Ufer.
+
+Als er eben dort ankam, wo die Königstochter saß, kam auch schon der
+Troll dahergesaus't, er war so groß und so dick, daß es ganz abscheulich
+aussah, und fünf Köpfe hatte er. »_Feuer!_« schrie der Troll. »Feuer
+gleichfalls!« sagte Lillekort. »_Kannst Du fechten?_« rief der Troll.
+»Kann ich's nicht, so kann ich's lernen,« sagte Lillekort. Darauf schlug
+der Troll mit einer dicken eisernen Stange, die er in der Faust hielt,
+nach ihm, so daß die Erde ihm fünf Ellen hoch über den Kopf flog.
+
+»Twi!« sagte Lillekort: »Das war auch was Rechtes! Nun sollst Du aber
+einen Schlag von mir sehen!« und damit ergriff er sein Schwert, das er
+von dem alten krummpuckligen Weib bekommen hatte, und hieb damit nach
+dem Trollen, so daß alle fünf Köpfe über den Sand hinflogen. Als die
+Prinzessinn sich nun befrei't sah, war sie so froh, daß sie sich vor
+Freude gar nicht zu lassen wußte. »Schlaf nun ein Stündchen auf meinem
+Schoß!« sagte sie zu Lillekort, und während er nun auf ihrem Schoß lag
+und schlief, zog sie ihm ein goldnes Kleid an.
+
+Nun dauerte es nicht lange, so kroch der Ritter _Röd_ wieder vom Baum
+herunter, weil er sah, daß jetzt keine Gefahr mehr für ihn vorhanden war.
+Er brachte die Prinzessinn durch Drohungen dahin, daß sie sagen mußte,
+_er_ sei es, der sie befrei't habe, und wenn sie das nicht sagte, wollte
+er ihr das Leben nehmen. Darauf schnitt er dem Trollen die Lungen aus
+dem Leib und die Zungen aus den Köpfen, und führte dann die Prinzessinn
+wieder zurück nach dem Königsschloß. Und hatte man dem Ritter zuvor
+keine Ehre angethan, so that man es jetzt; der König wußte gar nicht,
+Was er alles ersinnen sollte, um ihn zu ehren, und immer mußte der
+Ritter _Röd_ bei Tafel ihm zur Seite sitzen. Lillekort aber begab sich
+auf das Trollschiff, nahm eine ganze Menge goldne und silberne Faßreifen,
+und damit kehrte er zurück nach dem Schloß. Als die Köchinn all das Gold
+und Silber sah, das er brachte, war sie ganz erstaunt darüber und sagte:
+»Mein lieber kleiner Lillekort, wo hast Du denn all die schönen Sachen
+herbekommen?« denn sie befürchtete, er möchte nicht auf eine ehrliche
+Weise dazu gekommen sein. »O,« antwortete Lillekort: »ich bin zu Hause
+gewesen, und da waren diese Reifen von einem Eimer abgefallen, und da
+hab' ich sie für Dich mitgenommen.« Als die Köchinn hörte, daß sie die
+Reifen haben solle, fragte sie nicht weiter, sondern bedankte sich bei
+Lillekort, und damit war Alles gut.
+
+Den andern Donnerstag-Abend ging es wieder eben so: Alle waren voll Sorge
+und Betrübniß; allein der Ritter _Röd_ sagte, hätte er die Königstochter
+von dem einen Trollen befrei't, so würde er sie jetzt auch wohl von dem
+zweiten befreien, und damit geleitete er sie noch so kecklich wieder
+hinaus ans Meerufer. Aber er that auch diesmal dem Trollen eben keinen
+großen Schaden; denn als es um die Zeit war, daß man den Trollen
+erwartete, sagte er wieder, wie das vorige Mal: »Es ist besser, daß
+Einer das Leben verliert, als daß Zwei umkommen,« und damit kroch er
+wieder auf den Baum.
+
+Lillekort aber bat die Köchinn wieder um Erlaubniß, ein wenig an den
+Strand zu gehen. »O, Was willst Du da?« sagte die Köchinn. »Ja, liebe
+Köchinn, laß mich nur gehen,« sagte Lillekort: »ich wollte gern mit den
+andern Kindern ein wenig spielen.« Da gab sie ihm denn auch diesmal
+Erlaubniß; aber das mußte er ihr versprechen, daß er zurück sein wollte,
+wenn der Braten gewendet werden sollte, und dann müßte er einen guten
+Armvoll Holz mitbringen.
+
+Kaum war Lillekort am Ufer angelangt, so kam auch schon der Troll daher,
+daß es nur so saus'te; er war noch einmal so groß, als der vorige, und
+hatte zehn Köpfe. »_Feuer!_« schrie der Troll. »Feuer gleichfalls!«
+sagte Lillekort. »_Kannst Du fechten?_« rief der Troll. »Kann ich's
+nicht, so kann ich's lernen,« sagte Lillekort. Darauf schlug der Troll
+mit seiner eisernen Stange nach ihm -- die war noch einmal so groß, als
+die des ersten Trollen -- so daß die Erde ihm zehn Ellen hoch über den
+Kopf flog. »Twi!« sagte Lillekort: »das war auch was Rechtes! Nun sollst
+Du einen Schlag von mir sehen!« und damit ergriff er sein Schwert und
+hieb nach dem Trollen, so daß alle zehn Köpfe über den Sand hintanzten.
+
+Darauf sagte die Königstochter wieder zu ihm: »Schlaf jetzt ein
+Stündchen auf meinem Schoß!« und während Lillekort nun auf ihrem Schoß
+lag und schlief, zog sie ihm ein silbernes Kleid an. Sobald der Ritter
+_Röd_ merkte, daß keine Gefahr mehr vorhanden war, kroch er wieder vom
+Baum herunter und zwang die Prinzessinn abermals durch Drohungen, zu
+sagen, daß er es sei, der sie befrei't habe. Darauf nahm er die Zungen
+und die Lungen des Trollen, knüpfte sie in sein Taschentuch und
+geleitete die Königstochter wieder zurück nach dem Schloß. Hier war nun
+lauter Freude und Jubel, wie man sich wohl denken kann, und der König
+wußte gar nicht, Was er alles angeben sollte, um dem Ritter _Röd_
+genugsam Ehre und Achtung zu erweisen.
+
+Lillekort aber ging auf das Trollschiff und nahm einen ganzen Armvoll
+Gold- und Silberreifen mit sich. Als er zurück auf das Schloß kam,
+schlug die Köchinn die Hände über dem Kopf zusammen und konnte sich
+nicht genug wundern über all das Gold und Silber, das er mitbrachte.
+Aber Lillekort sagte, er wäre zu Hause bei seiner Mutter gewesen, und da
+hätte er die Reifen gesammelt, die von den Eimern abgefallen wären, um
+sie der Köchinn zu bringen.
+
+Als nun der dritte Donnerstag-Abend kam, ging es wieder eben so, wie die
+beiden vorigen Male: Das ganze Schloß war aus- und inwendig mit Schwarz
+behängt, und Alle waren voll Sorge und Betrübniß. Aber der Ritter _Röd_
+sagte, sie hätten eben nicht nöthig, in Furcht zu sein; denn hätte er
+die Prinzessinn von zwei Trollen befrei't, so könnte er sie auch wohl
+von dem dritten befreien. Darauf führte er die Prinzessinn hinaus ans
+Ufer. Als es aber um die Zeit war, daß der Troll kommen sollte, kroch
+der Ritter _Röd_ wieder auf den Baum und verbarg sich. Die Prinzessinn
+weinte und bat; aber es half Alles nichts; er blieb bei dem Alten: es
+sei besser, daß Einer das Leben verlöre, als daß Zwei umkämen.
+
+Lillekort bat wieder um Erlaubniß, an den Strand hinauszugehen. »Ach,
+was willst Du da?« sagte die Köchinn; aber er bat so lange, bis sie es
+ihm denn zuletzt erlaubte; doch mußte er versprechen, daß er wieder zu
+Hause sein wollte, wenn der Braten gewendet werden sollte. Kaum aber war
+er darauf ans Ufer gekommen, so kam auch schon der Troll angesaus't;
+er war noch weit größer, als der vorige, und hatte funfzehn Köpfe.
+»_Feuer!_« schrie der Troll. »Feuer gleichfalls!« sagte Lillekort.
+»_Kannst Du fechten?_« rief der Troll. »Kann ich's nicht, so kann ich's
+lernen,« sagte Lillekort. »_Ich will Dich belernen!_« rief der Troll und
+holte mit seiner eisernen Stange aus, daß die Erde funfzehn Ellen hoch
+in die Luft fuhr. »Twi!« sagte Lillekort: »das war auch was Rechtes!
+Nun sollst Du aber einen Schlag von mir sehen!« und damit ergriff er
+sein Schwert und hieb nach dem Trollen, daß alle funfzehn Köpfe über den
+Sand hintanzten.
+
+Da war nun die Prinzessinn erlös't; sie dankte Lillekort für ihre
+Rettung und sagte dann wieder: »Schlaf jetzt ein Stündchen auf meinem
+Schoß!« und während Lillekort nun da lag und schlief, zog ihm die
+Prinzessinn ein Kleid von Messing an. Als er aufwachte, fragte sie ihn:
+»Wie soll es aber jetzt an den Tag kommen, daß Du es bist, der mich
+erlös't hat?« -- »Das will ich Dir sagen,« versetzte Lillekort: »Wenn
+nun der Ritter _Röd_ Dich wieder nach Hause geleitet und sich für Den
+ausgiebt, der Dich erlös't hat, dann weißt Du wohl, soll er Dich und das
+halbe Reich haben. Wenn man Dich aber dann am Hochzeitstage fragt, Wen
+Du zum Mundschenken haben willst, dann sollst Du sagen: »Ich will den
+kleinen Buben haben, der in der Küche ist und der Köchinn Holz und Wasser
+zuträgt.« Wenn ich Dir dann den Wein einschenke, werde ich einen Tropfen
+auf dem Ritter seinen Teller verschütten, aber nicht auf Deinen; dann
+wird er wohl böse werden und mich schlagen, und das wiederholt sich
+dreimal. Das dritte Mal aber sollst Du sagen: »Schande über Dich, daß Du
+meinen Herzgeliebten schlägst! denn _er_ hat mich befrei't und _ihn_
+will ich haben.«« Nachdem Lillekort mit der Prinzessinn diese Verabredung
+getroffen, begab er sich wieder aufs Schloß; zuvor aber nahm er
+aus dem Trollschiff noch eine ganze Menge Gold und Silber und andre
+Kostbarkeiten mit, und der Köchinn brachte er wieder einen ganzen
+Armvoll Gold- und Silberreifen.
+
+Kaum sah der Ritter _Röd_, daß alle Gefahr vorbei war, als er von dem
+Baum herunterkroch und die Königstochter wieder durch Drohungen dahin
+vermochte, zu sagen, _er_ sei es, der sie befrei't habe. Darauf geleitete
+er sie zurück nach dem Schloß; und hatte man ihm zuvor noch nicht Ehre
+genug angethan, so that man es jetzt. Der König sann und dachte auf
+nichts Anders, als wie er ihn gebührend dafür belohnen sollte, daß er
+seine Tochter von den drei Trollen befrei't hatte, und es däuchte ihm
+jetzt das Allergeringste, wenn er ihm die Prinzessinn und das halbe
+Reich gäbe. Am Hochzeitstage aber bat die Prinzessinn, daß man ihr den
+kleinen Buben, der in der Küche sei und der Köchinn Holz und Wasser
+zutrüge, zum Mundschenken bei der Hochzeitstafel geben möchte. »Ach,
+was willst Du mit dem schmutzigen Lumpenjungen?« sagte der Ritter _Röd_.
+Aber die Prinzessinn sagte, daß sie _ihn_ zum Mundschenken haben wolle,
+und keinen Andern; und da mußte man ihr denn nachgeben.
+
+Hierauf ging Alles so, wie es zwischen Lillekort und der Königstochter
+verabredet war. Lillekort verschüttete dreimal einen Tropfen Wein auf den
+Teller des Ritters _Röd_, und jedesmal ward der Ritter zornig und schlug
+ihn. Beim ersten Schlag fiel dem Knaben das Lumpenkleid ab, das er in
+der Küche trug; beim zweiten Schlag fiel ihm das Kleid von Messing ab,
+und beim dritten Schlag das silberne Kleid, so daß er nun da stand in
+seinem goldnen Kleide, so blank und prächtig, daß es nur so glitzerte. Da
+sagte die Königstochter: »Schande über Dich, daß Du meinen Herzgeliebten
+schlägst; denn _er_ hat mich befrei't, und _ihn_ will ich haben!« Der
+Ritter _Röd_ schwur und fluchte, daß _er_ es sei, der sie befrei't
+hätte, und kein Andrer. Da sprach der König: »Wer meine Tochter befrei't
+hat, der kann auch wohl die Wahrzeichen aufweisen.« Da lief der Ritter
+_Röd_ hin und holte sein Tuch mit den Lungen und Zungen; Lillekort aber
+holte das Gold und Silber und alle die Kostbarkeiten, die er aus dem
+Trollschiff mitgenommen hatte, und jeder legte das seinige vor den König
+hin. Da sprach der König: »Wer solche kostbare Sachen von Gold und
+Silber und Diamanten aufzuweisen hat, der muß auch wohl die Trollen
+getödtet haben; denn Dergleichen findet man nicht bei Andern.« Und
+darauf wurde der Ritter _Röd_ in die Schlangengrube geworfen, und
+Lillekort sollte jetzt die Prinzessinn und das halbe Reich haben.
+
+Als nun der König eines Tages mit Lillekort spazieren ging, fragte
+dieser ihn, ob er nicht noch mehr Kinder hätte. »Ja,« sagte der König:
+»ich habe noch eine Tochter gehabt; aber die hat mir ein Troll genommen,
+weil hier Niemand war, der sie befreien konnte. Kannst Du sie aber
+befreien, so sollst Du auch sie und das andre halbe Reich dazu haben.«
+-- »Ich will's versuchen,« sagte Lillekort: »dann muß ich aber eine
+eiserne Kette haben, fünfhundert Ellen lang, und fünfhundert Mann muß
+ich mit haben und Proviant für sie auf funfzehn Wochen; denn ich muß
+weit zur See fort.« Ja, das sollte er alles bekommen; nur befürchtete
+der König, er möchte kein Schiff haben, welches groß genug wäre, alles
+das zu tragen. »Ich habe selbst ein Schiff,« sagte Lillekort und nahm
+aus seiner Tasche das Schiff hervor, welches das alte Weib ihm gegeben
+hatte. Der König lachte und meinte, es wäre bloß sein Scherz; aber
+Lillekort sagte, man solle ihm nur Alles geben, was er verlangt hätte,
+dann solle der König nachher schon sehen. Man brachte hierauf alle die
+Sachen zusammen, und nun wollte Lillekort, daß man zuerst die eiserne
+Kette ins Schiff legen sollte; aber da war kein Einziger, der sie
+aufzuheben vermochte, und Viele konnten nicht auf einmal Platz um das
+kleine Schiff bekommen. Da nahm Lillekort selbst die Kette an dem einen
+Ende und legte einige Ringe davon ins Schiff, und wie er sie nach und
+nach weiter hineinbrachte, ward das Schiff immer größer, und zuletzt
+ward es so groß, daß sowohl die Kette, als die fünfhundert Mann nebst
+dem Proviant, und Lillekort sehr gut Platz darin hatten. Da sprach
+Lillekort: »Fahr hin über Süßwasser und Salzwasser, über Berg' und tiefe
+Thäler, bis daß du kommst, wo des Königs Tochter ist!« und sogleich
+fuhr das Schiff davon, daß es zischte und braus'te, über Land und über
+Wasser. -- Als sie nun eine lange, lange Zeit gesegelt hatten, stand
+das Schiff eines Tages plötzlich auf der See still. »Ja, nun sind wir
+glücklich an Ort und Stelle gekommen,« sagte Lillekort: »wie wir aber
+wieder fortkommen werden, das steht noch dahin.« Darauf nahm er die
+eiserne Kette und band sich das eine Ende um den Leib. »Jetzt muß ich zu
+Boden,« sagte er: »Wenn ich aber nachher wieder herauf will und einen
+starken Ruck an die Kette thu', dann müsst Ihr alle auf einmal anziehen
+für _einen_ Mann, sonst kostet es mir und Euch das Leben,« und damit
+sprang er ins Wasser, daß die Wellen über ihn zusammenschlugen. Er sank
+tiefer und immer tiefer, und endlich kam er auf den Grund. Dort sah er
+einen Berg, worin eine Thür war, und da ging er hinein. In dem Berge nun
+fand er die Prinzessinn, welche eben mit ihrem Nähzeug beschäftigt war.
+»Ach, Gott sei Lob!« rief sie, als sie Lillekort erblickte, und klatschte
+in die Hände: »noch habe ich keine Menschenseele gesehen, so lange ich
+hier bin.« Lillekort sagte ihr, daß er gekommen sei, um sie wieder zu
+ihrem Vater zurückzubringen. »Ach, mich bekommst Du nicht mit,« sagte
+sie: »das wird Dir nicht gelingen; denn bekommt der Troll Dich zu sehen,
+kostet es Dir das Leben.« -- »Gut, daß Du von ihm sprichst!« sagte
+Lillekort: »Wo ist er? Es könnte spaßhaft sein, ihn zu sehen.« Die
+Königstochter erzählte ihm darauf, daß der Troll ausgegangen wäre und
+Jemanden suchte, der hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen
+könne; denn der Troll wollte ein Gastmahl geben, und dabei verschlug
+keine geringere Quantität. »Das kann =ich=,« sagte Lillekort. »Wenn nur
+der Troll nicht so jachzornig wäre, daß ich es ihm sagen könnte, eh' er
+Dich erblickt,« versetzte die Prinzessinn: »aber er ist so wüthend, daß
+er Dich den Augenblick in Stücke zerreißt, wenn er Dich gewahr wird.
+Indessen verbirg Dich nur hier so lange in den Bettverschlag, dann will
+ich sehen, Was zu thun ist.« Das that denn Lillekort, und kaum war er in
+seinem Versteck, so kam auch schon der Troll an. »_Houf! es riecht hier
+so nach Menschenfleisch!_« rief er. »Ja, es flog hier ein Vogel über's
+Dach mit einem Menschenknochen im Schnabel, den ließ er durch den
+Schornstein fallen,« versetzte die Königstochter: »ich habe mich zwar
+beeilt, ihn hinwegzuschaffen, aber es muß wohl noch der Geruch davon
+zurückgeblieben sein.« -- »_Ja, das ist's wohl!_« sagte der Troll.
+Darauf fragte die Prinzessinn ihn, ob er Jemanden gefunden habe, der
+hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen könne. »_Nein, da ist
+Keiner, der das kann_,« sagte der Troll. »Vor einer Weile war Einer
+hier, der sagte, er könnte es,« versetzte die Königstochter. »_Du bist
+nun immer so klug_,« sagte der Troll: »_warum ließest Du ihn denn gehen?
+Du wußtest doch, daß ich eben einen Solchen suche._« -- »Ich hab' ihn
+auch nicht gehen lassen,« versetzte die Königstochter: »aber Du bist
+nun gleich immer so jachmüthig; darum verbarg ich ihn derweil in den
+Bettverschlag. Wenn Du also noch keinen tüchtigen Brauer gefunden hast,
+so kannst Du's ja mit ihm versuchen.« -- »_Ja, laß ihn kommen!_« sagte
+der Troll. Als Lillekort nun hervorkam, fragte der Troll ihn, ob es
+wahr sei, daß er hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen könne.
+»Ja, das ist wahr,« antwortete Lillekort. »_So ist's gut, daß ich Dich
+bekam_,« sagte der Troll: »_mach Dich nur gleich an die Arbeit! Aber
+Gnade Dir Gott, wenn Du das Bier nicht stark genug brau'st._« -- »Es
+soll schon Geschmack kriegen,« sagte Lillekort und stellte sogleich das
+Geschirr zurecht. »Ich muß aber mehr Männer zum Zutragen haben,« sagte
+er: »denn die paar, die ich bekommen habe, können nicht Viel ausrichten.«
+Er erhielt nun noch mehr Leute, so viele, daß es von ihnen wimmelte, und
+darauf ging das Brauen los. Als nun die Würze fertig war, wollten Alle
+sie kosten, zuerst der Troll selbst, und nachher die Andern. Aber
+Lillekort hatte die Würze so stark gebrau't, daß sie todt umfielen, wie
+die Fliegen, sowie sie davon tranken. Zuletzt war Niemand mehr übrig,
+als ein altes kümmerliches Weib, das hinter dem Ofen lag. »Ach, Du
+Arme!« sagte Lillekort: »Du musst doch auch meine Würze kosten,« und
+damit ging er hin und füllte mit der Bütte auf, Was noch am Boden übrig
+geblieben, und gab es ihr. Da war er sie alle insgesammt quitt.
+
+Als er nun da stand und sich umsah, ward er eine große Kiste gewahr, die
+nahm Lillekort und packte sie voll Gold und Silber, umschlang dann sich
+und die Prinzessinn und die Kiste mit der eisernen Kette und that einen
+Ruck daran aus allen Kräften. Da zogen die Leute auf dem Schiff alle auf
+einmal an und brachten sie gesund und behalten wieder herauf. Nun sprach
+Lillekort: »Fahr hin über Süßwasser und Salzwasser, über Berg' und tiefe
+Thäler, bis daß du kommst zu des Königs Schloß!« -- und sogleich fuhr
+das Schiff davon, daß der Schaum zu beiden Seiten stand. Als Die, welche
+auf dem Schloß waren, das Schiff ankommen sahen, zogen sie alsbald
+hinaus mit Gesang und Spiel und empfingen Lillekort mit großer Freude.
+Am frohesten von Allen aber war der König, der jetzt seine Tochter
+wieder bekommen hatte.
+
+Nun war aber Lillekort in Verlegenheit wegen der Prinzessinnen; denn
+beide wollten ihn haben, und er wollte nur die haben, welche er zuerst
+befrei't hatte, und das war die jüngste. Er sann und dachte lange
+darüber nach, wie er sich aus der Verlegenheit ziehen sollte; denn die
+jüngste wollte er nicht fahren lassen, und der andern wollte er auch
+nicht gern zuwider sein. Da fiel es ihm ein, wenn jetzt sein Bruder,
+König Lavring, da wäre, der ihm so ähnlich sah, daß Keiner sie von
+einander zu unterscheiden vermochte, so könnte der die andre Prinzessinn
+und das halbe Reich bekommen; denn er selbst wollte sich gern mit der
+einen Hälfte begnügen. Wie gedacht, so gethan: er ging vor's Schloß und
+rief laut den König Lavring bei Namen; aber es kam Niemand. Da rief er
+noch lauter; aber es fand sich auch diesmal Keiner ein. Zuletzt rief er
+aus allen Kräften -- und da stand plötzlich sein Bruder vor ihm. »Ich
+sagte Dir ja, Du solltest mich nicht eher rufen, als bis Du in der
+äußersten Noth wärst,« sprach er: »und hier ist ja keine Mücke, die
+Dir Was zu Leide thun kann,« und damit schlug er auf ihn zu, daß
+Lillekort über die Wiese hinpurzelte. »Schande über Dich, daß Du mich so
+schlägst!« sagte Lillekort: »Erst hab' ich die eine Königstochter und
+das halbe Reich gewonnen, und nachher die andre Königstochter und das
+andre halbe Reich dazu, und nun wollte ich mit Dir theilen und Dir die
+eine Prinzessinn und die Hälfte des Königreichs abgeben. Däucht es Dir
+denn recht, mich also zu schlagen?« Als König Lavring das hörte, bat er
+seinen Bruder um Verzeihung, und da vertrugen sie sich alsbald und waren
+wieder gute Freunde. Darauf sprach Lillekort: »Du weißt, daß wir einander
+so ähnlich sehen, daß Niemand uns zu unterscheiden vermag; darum tausche
+Du jetzt Deine Kleider mit mir und geh hinauf auf das Schloß; dann
+werden die Prinzessinnen glauben, daß ich es bin, und die, welche Dich
+dann zuerst küsst, die nimmst Du, und die andre behalt ich.« Also sprach
+Lillekort; denn er wußte wohl, daß die älteste Königstochter auch die
+stärkste war, und konnte sich daher wohl denken, wie's kommen würde.
+König Lavring war sogleich bereit, zu thun, wie sein Bruder ihm gesagt
+hatte: er tauschte mit ihm seine Kleider und ging aufs Schloß. Als er
+nun zu den Prinzessinnen eintrat, glaubten sie, es sei Lillekort, und
+liefen beide sogleich auf ihn zu. Aber die älteste, welche die größte
+und stärkste war, schob die jüngere Schwester bei Seite, faßte König
+Lavring um den Hals und küßte ihn. Und so bekam denn König Lavring die
+älteste, und Lillekort die jüngste Prinzessinn. Da kann sich's denn wohl
+ereignet haben, daß eine Hochzeit ward, wovon man sich in sieben
+Königreichen zu erzählen wußte.
+
+
+
+
+25.
+
+Die Puppe im Grase.
+
+
+Es war einmal ein König, der hatte zwölf Söhne. Als diese groß waren,
+sagte er zu ihnen, sie sollten fortreisen in die Welt und sich jeder
+eine Frau suchen, aber die sollte spinnen und weben und ein Hemd
+in einem Tag fertig nähen können, sonst wollte er sie nicht zur
+Schwiegertochter haben. Jedem von ihnen gab er ein Pferd und eine ganz
+neue Rüstung; und darauf reis'ten die Söhne fort in die Welt, um sich
+eine Frau zu suchen. Als sie aber eine Strecke Weges gereis't waren,
+sagten sie, Aschenbrödel wollten sie nicht mit haben; denn der tauge
+doch zu Nichts. Aschenbrödel mußte nun zurückbleiben und wußte gar
+nicht, wie er's anfangen sollte. Da ward er sehr niedergeschlagen, stieg
+von seinem Pferd herunter und setzte sich ins Gras hin und weinte. Als
+er aber eine Weile gesessen hatte, bewegte sich der eine Grasbülten, und
+es kam daraus eine kleine weiße Gestalt hervor; und als sie näher kam,
+sah Aschenbrödel, daß es ein niedliches kleines Mädchen war, aber ganz
+ganz klein. Diese trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht die Puppe
+im Grase besuchen wolle. Ja, das wollte Aschenbrödel gern und ging mit
+ihr.
+
+Als er hinunterkam, saß die Puppe im Grase auf einem Stuhl und war so
+schön und so geputzt; sie fragte Aschenbrödel, wo er hin wolle, und in
+welchem Geschäft er reise.
+
+Er erzählte ihr nun, daß sie ihrer zwölf Brüder wären, und daß der
+König, ihr Vater, jedem von ihnen ein Pferd und eine Rüstung gegeben und
+zu ihnen gesagt hätte, sie sollten in die Welt reisen und sich eine Frau
+suchen, die solle spinnen und weben und ein Hemd in einem Tag fertig
+nähen können. »Wenn Du nun das kannst und meine Frau werden willst,«
+sagte Aschenbrödel: »dann will ich nicht weiter reisen.« Ja, das wollte
+sie gern und machte sich sogleich an die Arbeit, fing an zu spinnen und
+zu weben und näh'te das Hemd in einem Tag fertig; aber es ward so klein,
+so klein, nicht länger, als -- so lang.
+
+Damit reis'te Aschenbrödel nach Hause. Als er aber das Hemd hervornahm,
+um es seinem Vater zu zeigen, war er ganz beschämt, weil es so klein
+war. Der König aber sagte, es machte nichts, er solle das kleine Mädchen
+heirathen; und darauf reis'te Aschenbrödel froh und vergnügt zurück, um
+seine kleine Braut abzuholen. Wie er nun bei der Puppe im Grase ankam,
+wollte er sie zu sich auf sein Pferd nehmen; aber das wollte sie nicht,
+sondern sagte, sie wolle in einem silbernen Löffel fahren mit zwei
+kleinen Schimmeln davor. So reis'ten sie nun fort, er auf seinem Pferd,
+und sie in dem silbernen Löffel; die beiden Schimmel aber, die sie
+zogen, waren zwei kleine weiße Mäuse. Aschenbrödel hielt sich immer
+auf der andern Seite des Weges, damit sein Pferd nicht auf seine Braut
+treten sollte, denn sie war so klein. Als sie eine Strecke Weges
+gereis't waren, kamen sie zu einem großen Wasser; da ward Aschenbrödels
+Pferd scheu, sprang hinüber auf die andre Seite des Weges und schlug den
+Löffel um, so daß die Puppe im Grase ins Wasser fiel. Da ward Aschenbrödel
+sehr betrübt, und wußte gar nicht, wie er sie erretten sollte. Es
+dauerte aber nicht lange, so tauchte ein Meermann mit ihr auf, und nun
+war sie so groß geworden, wie ein andres erwachsenes Frauenzimmer, und
+noch weit schöner, als zuvor. Da nahm Aschenbrödel sie vor sich auf sein
+Pferd und ritt mit ihr nach Hause.
+
+Als er dort ankam, waren auch schon seine andern Brüder, jeder mit
+seiner Braut, eingetroffen; aber die waren so häßlich und so böse, daß
+sie sich schon unterweges mit ihren Brautmännern gezaus't hatten. Auf
+dem Kopf trugen sie Hüte, die waren mit Theer und Ruß bestrichen, das
+war ihnen ins Gesicht herabgetröpfelt, so daß sie davon noch weit
+häßlicher und abscheulicher waren aussehen worden. Als nun die Brüder
+dagegen Aschenbrödels Braut erblickten, wurden sie alle neidisch auf
+ihn. Der König aber freu'te sich so sehr über die beiden, daß er alle
+die Andern davon jagte. Darauf hielt Aschenbrödel mit der Puppe im Grase
+Hochzeit und lebte mit ihr vergnügt und zufrieden eine lange lange Zeit;
+und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch.
+
+
+
+
+26.
+
+Das Kätzchen auf Dovre.
+
+
+Es war einmal ein Mann oben in Finmarken, der hatte einen großen weißen
+Bären gefangen, den wollte er dem König von Dänemark bringen. Nun traf
+es sich so, daß er grade am Weihnachts-Abend zum Dovrefjeld kam, und da
+ging er in ein Haus, wo ein Mann wohnte, der _Halvor_ hieß; den bat er
+um Nachtquartier für sich und seinen Bären.
+
+»Ach, Gott helf mir!« sagte der Mann: »wie sollt' ich wohl Jemandem
+Nachtquartier geben können! Jeden Weihnachts-Abend kommen hier so viel
+Trollen, daß ich mit den Meinigen ausziehen muß und selber nicht einmal
+ein Dach über dem Kopf habe.« --
+
+»O, Ihr könnt mich deßwegen immer beherbergen,« sagte der Mann; »denn
+mein Bär kann hier hinter dem Ofen liegen, und ich lege mich in den
+Bettverschlag.«
+
+Halvor hatte Nichts dagegen, zog aber selbst mit seinen Leuten aus,
+nachdem er zuvor gehörig für die Trollen hatte zurichten lassen: die
+Tische waren besetzt mit Reißbrei, Stockfischen, Wurst und Was sonst zu
+einem herrlichen Gastschmaus gehört.
+
+Bald darauf kamen die Trollen an; einige waren groß, andre klein; einige
+langgeschwänzt, andre ohne Schwanz; und einige hatten ungeheuer lange
+Nasen, und alle aßen und tranken und waren guter Dinge. Da erblickte
+einer von den jungen Trollen den Bären, der unter dem Ofen lag, steckte
+ein Stückchen Wurst an die Gabel und hielt es dem Bären vor die Nase.
+»Kätzchen, magst auch Wurst?« sagte er. Da fuhr der Bär auf, fing
+fürchterlich an zu brummen und jagte sie alle Groß und Klein aus dem
+Hause.
+
+Das Jahr darauf war Halvor eines Nachmittags so gegen Weihnachten hin
+im Wald und hau'te Holz für den Heiligen; denn er erwartete wieder die
+Trollen. Da hörte er es plötzlich im Wald rufen: »_Halvor! Halvor!_«
+-- »Ja!« sagte Halvor. »_Hast Du noch die große Katz?_« rief's. »Ja,«
+sagte Halvor: »jetzt hat sie sieben Jungen bekommen, die sind noch weit
+größer und böser, als sie.« -- »_So kommen wir niemals wieder zu Dir!_«
+rief der Troll im Walde. Und von der Zeit an haben die Trollen nie
+wieder den Weihnachtsbrei bei Halvor auf Dovre gegessen.
+
+
+
+
+27.
+
+Soria-Moria-Schloß.
+
+
+Es waren einmal ein Paar Eheleute, die hatten einen Sohn, der hieß
+_Halvor_. Von seiner Kindheit an aber wollte der Knabe durchaus Nichts
+thun, sondern saß immer da und wühlte in der Asche. Die Ältern thaten
+ihn in die Lehre bei verschiedenen Meistern; aber Halvor hielt es
+nirgends aus, sondern wenn er ein paar Tage bei einem Meister gewesen
+war, lief er wieder aus der Lehre, kehrte heim und setzte sich auf den
+Feuerherd hin und wühlte in der Asche. Da geschah es einmal, daß ein
+Schiffer zu seinen Ältern kam, der sah Halvor und fragte ihn, ob er
+nicht Lust hätte, zur See zu fahren und fremde Länder zu sehen. Ja, dazu
+hatte Halvor große Lust und ging sogleich mit dem Schiffer zur See.
+
+Nun weiß ich nicht recht, wie lange sie schon gesegelt hatten, aber
+zuletzt erhob sich ein heftiger Sturm, und als der vorüber war, und es
+wieder ruhig ward, da wußten die Schiffsleute nicht mehr, wo sie sich
+befanden; sie waren an eine fremde Küste getrieben, die Keiner von
+ihnen kannte.
+
+Weil nun gar kein Wind weh'te, und sie still liegen bleiben mußten, bat
+Halvor den Schiffer um Erlaubniß, ans Land zu gehen, um sich dort
+umzusehen; denn er konnte es nicht aushalten, immer still zu liegen und
+zu schlafen. »Denkst Du, daß Du Dich vor den Leuten kannst sehen
+lassen?« sagte der Schiffer: »Du hast ja keine andre Kleider, als die
+Lumpen, worin Du gehst und stehst.« Halvor aber bat so lange, bis der
+Schiffer ihm endlich die Erlaubniß gab; nur mußte er ihm versprechen,
+daß er wieder zurückkehren wollte, wenn es anfing zu wehen. Darauf ging
+er ans Land. Hier waren überall große schöne Ebenen und Wiesen, aber
+nirgends war eine Spur von Menschen. Bald darauf fing es an zu wehen;
+aber Halvor wollte noch gern Mehr von dem Lande sehen und schritt daher
+weiter fort, in der Hoffnung, daß er auch Menschen dort antreffen würde.
+Nach einer Weile gelangte er auf einen großen breiten Weg, der war so
+flach und so eben, daß man ein Ei darauf fortrollen konnte. Halvor
+verfolgte beständig diesen Weg, bis er endlich gegen Abend ein großes
+schimmerndes Schloß in der Ferne erblickte. Weil er aber den ganzen Tag
+gegangen war und keinen Mundvorrath mitgenommen hatte, war er entsetzlich
+hungrig, und je näher er dem Schloß kam, desto unheimlicher ward ihm zu
+Muthe.
+
+Als er endlich das Schloß erreicht hatte, trat er hinein und kam zuerst
+in die Küche, wo ein helles Feuer auf dem Herd brannte. In der Küche
+war Alles so schön und prachtvoll, wie er es nie zuvor in einer Küche
+gesehen hatte; da standen Gefäße von Gold und von Silber, aber Leute
+waren nicht da. Als nun Halvor eine Zeitlang gewartet hatte, und Niemand
+kam, öffnete er eine Thür und trat in ein großes Zimmer. Dort saß eine
+Prinzessinn, die spann an einem Rocken. »Wie!« rief sie: »darf denn eine
+Christenseele hieher kommen? Aber am besten ist es, Du machst nur, daß
+Du gleich wieder fortkommst, wenn Dich der Troll nicht verschlingen
+soll; denn hier wohnt ein abscheulicher Troll mit drei Köpfen.« --
+
+»Mir sollt's recht sein, wenn er vier hätte,« sagte der Bursch: »ich
+habe große Lust, den Kerl zu sehen; aber ich gehe nicht; denn ich habe
+nichts Böses gethan. Erst aber musst Du mir Etwas zu essen geben; denn
+ich bin verdammt hungrig.« Als nun Halvor sich satt gegessen hatte,
+sagte die Prinzessinn zu ihm, er sollte versuchen, ob er das Schwert
+zu schwingen vermöchte, das an der Wand hing. Aber er konnt' es nicht
+schwingen, ja er konnt' es nicht einmal aufheben. »So musst Du einen
+Trunk aus der Flasche thun, die daneben hangt,« sagte die Prinzessinn:
+»denn das thut der Troll immer, wenn er es gebrauchen will.« Halvor that
+darauf einen guten Trunk aus der Flasche, und da konnte er das Schwert
+in der Hand schwingen wie gar Nichts. Nun, meinte er, sollt's für den
+Trollen früh genug sein, wenn er käme. Es dauerte auch nicht lange,
+so kam dieser dahergesaus't. Halvor hinter die Thür. »_Hutetu! hier
+riecht's so nach Menschenfleisch!_« sagte der Troll, indem er den Kopf
+zur Thür hereinsteckte. -- »Ja, das sollst Du gewahr werden!« sagte
+Halvor und hieb ihm alle Köpfe auf einmal herunter. Da ward die
+Prinzessinn so froh, daß sie sang und sprang; aber wie sie nun an ihre
+Schwestern dachte, sagte sie: »Ach, wären doch meine Schwestern auch
+erlös't!« -- »Wo sind die?« fragte Halvor. Da erzählte sie ihm, daß die
+eine von einem Trollen auf einem Schloß festgehalten würde, das sechs
+Meilen von da entfernt wäre, und die andre auf einem Schloß, das noch
+neun Meilen weiter davon läge.
+
+»Aber jetzt,« sagte sie: »musst Du mir erst helfen, diesen Rumpf
+hinauszuschaffen.«
+
+Dazu war Halvor sogleich bereit; er warf den Rumpf hinaus und machte
+Alles rein und sauber drinnen, und darauf lebten sie lustig und
+vergnügt. Den nächsten Morgen aber machte Halvor sich auf, sobald es
+dämmerte; er gönnte sich keinen Augenblick Ruhe, sondern ging und lief
+den ganzen Tag. Als er aber endlich das Schloß vor sich sah, ward ihm
+doch wieder etwas unheimlich zu Muthe; es war noch weit schöner und
+prächtiger, als das vorige; aber auch hier war keine Menschenseele zu
+sehen. Halvor trat zuerst in die Küche und ging von da grade aus ins
+Zimmer. »Wie? darf denn eine Christenseele hieher kommen?« rief die
+Prinzessinn: »Ich weiß nicht, wie lange ich nun schon hier bin,« sagte
+sie: »aber in all der Zeit habe ich noch nie einen Menschen hier
+gesehen. Es ist aber wohl am besten für Dich, Du siehst zu, daß Du
+wieder fortkommst; denn es wohnt hier ein Troll, der hat sechs Köpfe.«
+-- »Nein, ich gehe nicht,« sagte Halvor: »und wenn er noch sechs
+dazu hätte.« -- »Er nimmt Dich und frisst Dich lebendig,« sagte die
+Prinzessinn. Aber es half nichts; Halvor wollte nicht wieder fortgehen,
+denn er war nicht bange vor dem Trollen; aber zu essen und zu trinken
+wollte er haben, weil er so entsetzlich hungrig war von der Reise. Ja,
+das bekam er, so Viel er nur mochte. Darnach aber wollte die Prinzessinn
+wieder, daß er gehen sollte. »Nein,« sagte Halvor: »ich gehe nicht; denn
+ich habe nichts Böses gethan und brauche mich nicht zu fürchten.« Als
+nun Halvor durchaus nicht gehen wollte, sagte die Prinzessinn zu ihm:
+»Versuche denn, ob Du das Schwert zu schwingen vermagst, das dort an der
+Wand hangt, und das der Troll immer im Kriege gebraucht.« Halvor konnte
+aber das Schwert nicht schwingen. Da sagte sie zu ihm, er solle einen
+Trunk aus der Flasche thun, die daneben hange; und als Halvor das gethan
+hatte, konnte er das Schwert ohne Mühe schwingen.
+
+Nun dauerte es nicht lange, so kam der Troll an; er war so groß
+und breit, daß er seitwärts durch die Thür gehen mußte. Als er den
+ersten Kopf hereinsteckte, rief er: »_Hutetu! es riecht hier so nach
+Menschenfleisch!_« In demselben Augenblick aber hieb Halvor ihm den Kopf
+ab, und darnach alle die andern dazu. Da ward die Prinzessinn über alle
+Maßen froh. Als sie aber an ihre Schwestern dachte, äußerte sie den
+Wunsch, daß auch die erlös't sein möchten. Halvor meinte, dazu könne
+schon Rath werden und wollte sogleich wieder fort; aber erst mußte er
+der Prinzessinn den Rumpf des Trollen hinausschaffen helfen, und darnach
+begab er sich früh am andern Morgen auf den Weg. Er hatte aber eine
+weite Reise zu machen, und er ging und lief abwechselnd, damit er noch
+zu guter Zeit ankäme. Gegen Abend erblickte er endlich das Schloß, das
+noch weit schöner und prachtvoller war, als die beiden ersten. Nun
+fürchtete er sich nicht im geringsten mehr, sondern schritt grade durch
+die Küche fort ins Zimmer. Hier saß eine Prinzessinn, die war so schön,
+daß es gar nicht zu beschreiben ist; die sagte nun eben so, wie die
+andern, daß sie noch keine Menschenseele gesehen hätte, so lange sie bei
+dem Trollen sei, und bat ihn, nur sogleich wieder zu gehen, denn sonst
+fräße der Troll, der neun Köpfe hätte, ihn lebendig auf, sagte sie. »Und
+wenn er noch neun dazu hätte, so gehe ich doch nicht,« sagte Halvor und
+stellte sich an den Ofen hin. Die Prinzessinn bat ihn so flehentlich, er
+möchte doch wieder fortgehen, damit der Troll ihn nicht auffresse; aber
+Halvor sagte: »Mag er nur kommen, wenn es ihm gefällt.« Da gab die
+Prinzessinn ihm das Trollschwert und ließ ihn einen Trunk aus der
+Flasche thun, so daß er's schwingen konnte.
+
+Nun dauerte es nicht gar lange, so kam der Troll dahergesaus't, der war
+aber noch weit größer und breiter, als die beiden andern und mußte
+ebenfalls seitwärts durch die Thür gehen. Als er den ersten Kopf
+hereinsteckte, sagte er eben so, wie die andern: »_Hutetu! hier riecht's
+so nach Menschenfleisch!_« Im selben Augenblick aber hieb Halvor ihm
+den Kopf herunter, und nachher auch alle die andern, aber der letzte war
+der allerzäheste; den abzuhauen war die schwerste Arbeit, die Halvor je
+verrichtet hatte, obgleich er doch meinte, daß er Kräfte habe.
+
+Als Halvor nun auch den dritten Trollen getödtet hatte, kamen alle
+Prinzessinnen auf dem Schloß zusammen und waren so heiter und vergnügt,
+wie sie es noch nie in ihrem Leben gewesen; alle aber waren sie in
+Halvor verliebt, und er durfte nur Diejenige von ihnen wählen, die er
+am liebsten mochte; die jüngste Prinzessinn hielt jedoch am meisten von
+ihm. Halvor aber stand da ganz still und betrübt. Da fragte die jüngste
+Prinzessinn ihn, warum er so traurig wäre, und ob es ihm nicht bei ihnen
+gefiele. Ja, sagte Halvor, es gefiele ihm sehr wohl bei ihnen, denn sie
+hätten ja Genug zu leben, und er hätte gute Tage; aber er trüge ein so
+großes Verlangen nach Hause, denn er hätte noch Ältern am Leben, und
+die möchte er so gern einmal wiedersehen. Die Prinzessinnen meinten,
+das ließe sich wohl machen und sagten zu ihm: »Du sollst unbeschädigt
+hin- und zurückkommen, wenn Du nur genau unsern Rath befolgen willst.«
+Ja, Halvor wollte ihn genau befolgen. Da thaten sie ihm herrliche
+Kleider an, daß er aussah, wie ein Königssohn, und steckten an seinen
+Finger einen Ring, der hatte die Eigenschaft, daß er sich damit hin und
+wieder zurück wünschen konnte. Die Prinzessinnen warnten ihn aber, ja
+den Ring nicht zu verlieren und nicht ihren Namen zu nennen, denn
+alsdann wäre es aus mit der ganzen Herrlichkeit, sagten sie, und er
+würde sie dann nie wiedersehen.
+
+»Wäre ich jetzt zu Hause, wollte ich froh sein!« sagte Halvor; und wie
+er das gewünscht hatte, ging es sogleich in Erfüllung -- Halvor stand
+plötzlich vor dem Hause seiner Ältern. Es war eben um die Schubstunde,
+und da seine Ältern einen so vornehmen, stattlichen Herrn eintreten
+sahen, waren sie ganz erschrocken und bückten und verneigten sich.
+Halvor fragte, ob er nicht Nachtherberge bei ihnen bekommen könne. Nein,
+das könne er ganz und gar nicht. »Wir sind nicht so eingerichtet,«
+sagten sie: »denn wir haben weder das Eine, noch das Andre, womit einem
+solchen Herrn gedient sein kann,« und riethen ihm, auf's Schloß zu
+gehen, wovon er da den Schornstein sähe, da hätten sie Alles vollauf,
+sagten sie. Halvor aber gefiel das gar nicht, er wollte durchaus bei
+ihnen Herberge haben; aber die Leute blieben dabei, er solle auf's
+Schloß gehen, da könne er sowohl zu essen, als zu trinken bekommen,
+während sie nicht einmal einen Stuhl ihm anzubieten hätten. »Nein,«
+sagte Halvor: »auf's Schloß will ich nicht eher, als morgen früh; lasst
+mich nur die Nacht bei Euch bleiben, ich kann mich ja auf den Herd
+hinsetzen.« Dagegen konnten sie denn Nichts einwenden, und Halvor setzte
+sich nun auf den Herd und fing an, in der Asche zu wühlen, wie er
+ehemals zu thun pflegte, da er noch zu Hause faulenzte.
+
+Sie sprachen nun von Mancherlei, und Halvor erzählte von Diesem und
+Jenem, und endlich fragte er sie, ob sie niemals Kinder gehabt hätten.
+Ja, sagten sie, sie hätten einen Burschen gehabt, der Halvor geheißen,
+der sei aber fortgewandert, und sie wüßten nicht, ob er noch am Leben
+sei, oder schon todt wäre. »Könnt' ich es wohl nicht sein?« sagte
+Halvor. -- »Nein, das weiß ich gewiß,« sagte die Frau: »der Halvor war
+immer so faul und träge, daß er nie das Geringste thun mochte, und dann
+ging er so lumpig in seinen Kleidern, daß ein Lappen immer auf den
+andern schlug; aus ihm hätte nie ein solcher Herr werden können, wie Ihr
+seid.«
+
+Als aber die Frau die Gluth auf dem Herd anschürte, und der helle Schein
+davon auf Halvor fiel, da erkannte sie ihn wieder.
+
+»Ja, wahrhaftig bist Du es, Halvor!« rief sie, und es kam eine solche
+Freude über die alten Ältern, daß es gar nicht zu sagen ist; und Halvor
+mußte ihnen nun erzählen, wie es ihm ergangen war, und seine Mutter
+wollte durchaus, er solle sogleich auf's Schloß gehen und sich den
+Dienstdirnen zeigen, die immer so stolz gethan hatten; sie lief selber
+voraus und erzählte ihnen, daß Halvor zu Hause gekommen sei, und jetzt
+sollten sie nur sehen, wie stattlich er wäre; er sähe aus wie ein Prinz,
+sagte sie.
+
+»Das muß wahr sein!« sagten die Dirnen und warfen den Nacken: »er ist
+wohl derselbe Lump, der er immer gewesen ist.« Im selben Augenblick aber
+trat Halvor ein, und da erschraken die Dirnen so gewaltig, daß sie ihr
+Hemd auf dem Herd im Stich ließen, wo sie saßen und sich flöh'ten, und
+im bloßen Unterrock davon liefen. Als sie zurückkamen, waren sie so
+beschämt, daß sie es gar nicht wagten, Halvor anzusehen, gegen den sie
+früher immer so stolz und übermüthig gewesen waren. »Ihr habt Euch nun
+immer für so fein und so hübsch gehalten,« sagte Halvor: »und glaubt,
+es gäbe gar nicht mehr Euresgleichen; Ihr solltet aber nur die älteste
+Prinzessinn sehen, die ich befrei't habe! gegen die seht Ihr aus wie
+wahre Viehmägde, und die zweite ist noch schöner; aber die jüngste, die
+meine Braut ist, die ist schöner, als Sonne und Mond. Ich wollte nur,
+sie wären hier, so solltet Ihr sehen!« sagte Halvor.
+
+Kaum aber hatte er das gesagt, so standen die Prinzessinnen vor ihm; das
+betrübte ihn sehr; denn er gedachte nun an die Worte, die sie
+gesprochen. -- Auf dem Schloß wurde ein herrliches Gastmahl für die
+Prinzessinnen angerichtet und großer Aufwand gemacht. Aber sie blieben
+da nicht lange. »Wir wollen zu Deinen Ältern gehen,« sagten sie: »und
+uns ein wenig die Umgegend besehen.« Sie gingen darauf fort und kamen
+nicht weit vom Schloß zu einem großen Wasser, worin so viele Fische
+waren, daß es davon wimmelte, die aber niemals gefangen wurden. Dicht
+beim Wasser war ein schöner grüner Hügel. Da wollten die Prinzessinnen
+sich niedersetzen und sich ein Weilchen ausruhen; denn die Aussicht über
+das Wasser gefiel ihnen so schön, sagten sie.
+
+Als sie nun eine Weile da gesessen hatten, sagte die jüngste Prinzessinn:
+»Komm, Halvor! ich will Dir den Kopf krauen!« Halvor legte seinen Kopf
+auf ihren Schoß, und es dauerte nicht lange, so schlief er ein. Da zog
+die Prinzessinn ihm den Ring vom Finger und steckte ihm einen andern
+daran. Darnach sprach sie: »Haltet Euch nun alle fest an mir!« -- und:
+»Wären wir jetzt auf Soria-Moria-Schloß!«
+
+Als Halvor erwachte und sah, daß die Prinzessinnen verschwunden waren,
+fing er bitterlich an zu weinen und war so betrübt, daß sie ihn gar
+nicht wieder beruhigen konnten. Wie sehr auch die Ältern ihn trösteten
+und ihn baten, bei ihnen zu bleiben, so konnte doch Nichts ihn
+zurückhalten, sondern er nahm Abschied von ihnen und sagte, er würde
+sie wohl nie wiedersehen; denn fände er die Prinzessinnen nicht wieder,
+schiene es ihm nicht werth, länger zu leben, sagte er.
+
+Dreihundert Thaler hatte er noch übrig, die steckte er in die Tasche und
+begab sich damit auf den Weg. Als er ein Ende gegangen war, begegnete
+ihm ein Mann mit einem Pferd, das wollte Halvor ihm gern abkaufen und
+accordirte mit dem Manne. »Es war freilich nicht meine Absicht, es zu
+verkaufen,« sagte der Mann: »aber wenn wir des Handels einig werden
+können, mag es drum sein.« Halvor fragte ihn, Was er denn für das Pferd
+haben wolle. »Viel habe ich nicht dafür gegeben, und Viel ist es auch
+nicht werth,« sagte der Mann: »es ist aber ein braves Pferd zum Reiten,
+obwohl es zum Ziehen eigentlich nicht taugt; doch so Viel vermag es
+immer, daß es Euern Eßranzen trägt und Euch dazu, wenn Ihr mitunter
+mal wieder ein Ende geht.« Sie wurden nun um den Preis einig, und als
+Halvor das Pferd bekommen hatte, legte er seinen Ranzen darauf und ging
+und ritt abwechselnd. Gegen Abend kam er zu einem grünen Hügel, worauf
+ein großer Baum stand. Da nahm er seinen Eßranzen vom Pferde, ließ diesem
+die Zügel und legte sich unter dem Baum schlafen. Sobald es Tag wurde,
+machte er sich wieder auf den Weg; denn er hatte durchaus keine Ruhe. Er
+ging und ritt den ganzen Tag durch einen großen Wald, worin viele grüne
+Plätze waren, die herrlich zwischen die Bäume hindurchschimmerten. Halvor
+wußte nicht mehr, wo er war, und wohin der Weg führte; aber er ließ sich
+keine Zeit, auszuruhen, außer wenn er dem Pferd Etwas zu essen gab und
+er selber auf einem der grünen Plätze seinen Ranzen aufschnürte. Er ging
+und ritt immerfort, und der Wald schien niemals ein Ende nehmen zu
+wollen.
+
+Aber am andern Morgen, als es dämmerte, sah er, daß es zwischen den
+Bäumen lichter ward. »Ich wollte, ich käme jetzt zu Leuten, wo ich mich
+ein wenig wärmen und Etwas zu essen bekommen könnte!« dachte Halvor; und
+als er noch einige Schritte gegangen war, kam er zu einer armseligen
+Hütte und sah drinnen durch die Fensterscheiben ein Paar alte Leute; sie
+waren schon sehr alt und hatten einen ganz grauen Kopf, so grau, wie
+Tauben, und die Frau hatte eine Nase, die war so lang, daß sie sie statt
+Feuergabel auf dem Herd gebrauchte. »Guten Abend!« sagte Halvor, als er
+eintrat. »Guten Abend!« sagte die Frau: »Was führt Euch denn hieher?
+Über hundert Jahre sind es jetzt, daß keine Menschenseele hier gewesen
+ist.« Halvor erzählte ihnen, daß er nach Soria-Moria-Schloß wolle, und
+fragte, ob sie nicht den Weg dahin wüßten. »Nein,« sagte die Frau: »den
+weiß ich nicht; aber nun kommt gleich der Mond, den will ich fragen;
+denn der scheint auf Alles und sieht Alles, der mag es wohl wissen.«
+Als nun der Mond hell und klar über den Bäumen stand, ging die Frau
+hinaus und rief: »Du Mond, Du Mond! kannst Du mir nicht den Weg nach
+Soria-Moria-Schloß sagen?« -- »Nein,« sagte der Mond: »das kann ich
+nicht; denn als ich in der Gegend schien, stand eine Wolke davor.«
+-- »Warte nur ein wenig,« sagte die Frau zu Halvor: »nun kommt bald der
+Westwind, der weiß es gewiß; denn der weh't und bläs't in jeden Winkel.«
+»Ei! hast Du auch ein Pferd?« rief sie darauf, als sie Halvors Pferd
+erblickte: »laß doch das arme Thier ein wenig in die Koppel hinaus, und
+hier nicht bei der Thür stehen und hungern!« »Aber willst Du es mir
+nicht vertauschen?« sagte sie: »Ich habe hier ein Paar alte Stiefeln
+stehen, womit Du sieben Meilen in _einem_ Schritt machen kannst; die
+will ich Dir für Dein Pferd geben; dann kannst Du um so viel eher nach
+Soria-Moria-Schloß kommen.« Das war Halvor schon recht, und die Alte
+freu'te sich so sehr über das Pferd, daß sie tanzte und sprang. »Nun
+kann ich doch, wenn ich will, zur Kirche _reiten!_« sagte sie. Halvor,
+der keine Ruhe hatte, wollte sogleich mit den Stiefeln fort; aber die
+Alte sagte: »Es hat nicht so große Eile; lege Dich nur erst ein wenig
+auf die Bank hin und schlafe, denn ein Bett habe ich Dir nicht
+anzubieten; indeß will ich aufpassen, wenn der Westwind kommt.«
+
+Als nun Halvor ein wenig geschlafen hatte, kam der Westwind dahergesaus't,
+daß die alte Hütte krachte. Die Alte hinaus: »Du Westwind! Du Westwind!«
+rief sie: »weißt Du nicht den Weg nach Soria-Moria-Schloß? Hier ist
+Einer, der will gern hin.« -- »Ja, den weiß ich sehr gut,« sagte der
+Westwind: »ich soll eben jetzt dahin und die Kleider zur Hochzeit
+trocknen. Ist er rasch zu Fuß, so kann er mit mir reisen.« Halvor
+hinaus. »Du musst schnell sein, wenn Du mit willst,« sagte der Westwind,
+und fort ging's über Rusch und Busch, über Hügel und Thal, so daß Halvor
+Genug zu thun hatte, um Schritt zu halten. Endlich sagte der Westwind:
+»Jetzt kann ich nicht weiter mit Dir reisen; denn ich muß dort noch erst
+ein Stück Tannenwald umreißen, eh' ich zur Bleiche komme und die Kleider
+trockne; wenn Du aber längs der Bergseite fortgehst, so kommst Du zu
+einigen Dirnen, die dort stehen und Zeug waschen, und von da ist es
+nicht mehr weit nach Soria-Moria-Schloß.«
+
+Um eine Weile kam Halvor zu den Dirnen, die da stunden und wuschen; sie
+fragten ihn, ob er nicht den Westwind gesehen hätte, der sollte kommen
+und das Zeug zur Hochzeit trocknen. »Ja,« sagte Halvor: »er ist nur hin
+und reißt ein Stück Tannenwald um; es wird aber nicht lange dauern, so
+ist er da,« und nun befragte er sie um den Weg nach Soria-Moria-Schloß.
+Sie zeigten ihn darauf zurecht, und als er ans Schloß kam, war es da so
+voll von Menschen und Pferden, daß es wimmelte. Halvor aber war so
+zerlumpt und zerrissen, weil er dem Westwind über Rusch und Busch und
+Stock und Stein gefolgt war, daß er sich gar nicht sehen lassen mochte,
+sondern sich abseits hielt; erst den letzten Tag trat er hervor, da eben
+die Gäste sich zur Tafel setzten. Als sie nun, wie es Sitte und Gebrauch
+ist, die Gesundheit des Bräutigams und der Braut tranken und ihnen Glück
+wünschten, und der Mundschenk Allen, sowohl Rittern, als Knappen, zutrank,
+da kam der Becher auch zu Halvor. Er brachte nun ebenfalls die Gesundheit
+des Brautpaars aus, darnach ließ er den Ring, den die Prinzessinn ihm an
+den Finger gesteckt hatte, als er an dem Wasser eingeschlafen war, in
+den Becher fallen und sagte zu dem Mundschenken, er solle die Braut von
+ihm grüßen und ihr den Becher reichen. Wie nun die Prinzessinn ihren
+Ring erblickte, stand sie sogleich vom Tische auf und sprach: »Wer hat
+es wohl am ersten verdient, Eine von uns zur Gemahlinn zu haben. Der,
+welcher uns befrei't hat, oder Der, welcher hier als Bräutigam sitzt?«
+Natürlich der Erste, sagten Alle, darüber könnten durchaus nicht zwei
+Meinungen sein. Und als Halvor das hörte, säumte er nicht, seine Lumpen
+abzuwerfen und sich als Bräutigam zu schmücken. »Ja, Das ist der
+Rechte!« rief die Prinzessinn, als sie ihn erblickte, ließ den Andern
+mit einer langen Nase abziehen und hielt Hochzeit mit Halvor.
+
+
+
+
+28.
+
+Der Herr Peter.
+
+
+Es waren einmal ein Paar arme Eheleute, die hatten drei Söhne. Wie die
+beiden ältesten hießen, weiß ich nicht; aber der jüngste hieß _Peter_.
+Als die Ältern gestorben waren, und die Kinder sich in die Erbschaft
+theilen wollten, war Nichts da, als ein Grapen, eine Brodplatte und eine
+Katze. Der älteste, welcher das Beste haben sollte, nahm den Grapen.
+»Wenn ich den ausleihe, bleibt doch immer Etwas für mich auszuschrapen
+drin,« sagte er. Der zweite nahm die Brodplatte: »Wenn ich die ausleihe,
+bleibt doch immer Etwas für mich abzukratzen dran,« sagte er. Für
+den jüngsten blieb nichts Anders übrig, als die Katze. »Wenn ich die
+ausleihe, bekomm' ich Nichts dafür,« sagte er: »giebt man ihr auch ein
+wenig Milch, so schleckt sie sie selbst.« Gleichwohl nahm er doch die
+Katze; denn es jammerte ihn, sie umkommen zu lassen.
+
+Hierauf wanderten die Brüder fort in die Welt, um ihr Glück zu versuchen,
+und jeder zog seine Straße. Als der jüngste eine Weile fortgegangen war,
+sagte die Katze: »Es soll Dir nicht leid sein, daß Du mich nicht in der
+alten Hütte hast umkommen lassen, sondern mich mit Dir genommen. Ich
+werde in den Wald gehen und allerlei Gethier greifen, das sollst Du zu dem
+König auf das Schloß tragen, das Du dort siehst, und sagen, Du brächtest
+ihm ein kleines Geschenk. Wenn er Dich dann fragt, von Wem das ist,
+sollst Du sagen: 'Das ist von dem _Herrn Peter_.'« Hierauf lief die
+Katze in den Wald, und kam bald mit einem lebendigen Rennthier zurück;
+dem war sie auf den Kopf gesprungen, hatte sich zwischen die Hörner
+gesetzt und gesagt: »Gehst Du nicht gradesweges zu des Königs Schloß,
+so kratze ich Dir die Augen aus,« darum wagte das Rennthier auch nicht,
+anders zu thun, als die Katze ihm gesagt hatte. Wie Halvor nun zum
+Schloß kam, ging er mit seinem Thier in die Küche und sagte: »Ich komme,
+um dem König ein kleines Geschenk zu überbringen, wenn er es nicht
+verschmähen wollte.« Als man dem König das anmeldete, kam er sogleich
+in die Küche, und wie er das große schöne Rennthier erblickte, war er
+darüber außerordentlich erfreu't. »Mein lieber Freund,« sagte er zu
+Halvor: »Wer ist es, der mir ein so schönes Geschenk sendet?« -- »O, das
+ist der Herr Peter,« sagte der Bursch. »Der Herr Peter?« sagte der
+König: »wo wohnt er doch noch, dieser Herr Peter?« denn es däuchte ihm
+eine Schande, daß er einen solchen Mann nicht kennen sollte. Aber der
+Bursch wollt' es ihm nicht sagen; er dürfe es nicht wegen seines Herrn,
+sagte er. Darauf gab der König ihm ein gutes Trinkgeld und bat ihn,
+seinen Herrn von ihm zu grüßen, und er ließe sich auch vielmal bedanken.
+
+Den andern Tag lief die Katze wieder in den Wald, sprang einem Hirsch
+auf den Kopf, setzte sich ihm zwischen die Augen und nöthigte ihn
+ebenfalls durch Drohungen, nach des Königs Schloß zu gehen. Als Peter in
+die Küche eintrat, sagte er wieder, er käme, um dem König ein kleines
+Geschenk zu überbringen, wenn er es nicht verschmähen wolle. Der König
+freu'te sich über den Hirsch noch mehr, als über das Rennthier, und
+fragte, Wer es denn wäre, der ihm ein so schönes Geschenk sende. »Das
+ist der Herr Peter,« sagte der Bursch. Als aber der König wissen wollte,
+wo der Herr Peter wohne, bekam er wieder dieselbe Antwort, wie den
+vorigen Tag, und diesmal gab er Petern ein noch größeres Trinkgeld.
+
+Den dritten Tag kam die Katze mit einem Elenthier an. Als Peter in die
+Küche auf dem Schloß trat und sagte, er brächte dem König ein kleines
+Geschenk, ward es dem König sogleich angesagt. Wie dieser nun herauskam
+und das große schöne Elenthier erblickte, war er darüber so voller
+Freude, daß er nicht wußte, »auf welchem Bein er stehen wollte,« und das
+Mal gab er Petern ein noch weit größeres Trinkgeld, es waren gewiß
+hundert Thaler. Nun wollte aber der König durchaus wissen, wo der Herr
+Peter wohnte, und forschte und fragte auf alle mögliche Weise; aber
+Peter sagte, er dürfe es nicht sagen von wegen seines Herrn, denn der
+hätte es ihm so strenge verboten. »So sage denn dem Herrn Peter, ich
+ließe ihn bitten, mich zu besuchen,« sagte der König. Ja, sagte der
+Bursch, er wollt's wohl bestellen. Als Peter darauf zu der Katze kam,
+sagte er: »Na, Du hast mich in eine schöne Patsche gebracht! Nun will
+der König, ich soll ihn besuchen, und ich habe ja nichts Anders auf
+den Leib zu ziehen, als die Lumpen, worin ich gehe und stehe.« -- »O,
+sei deßwegen nicht bekümmert!« sagte die Katze: »um drei Tage sollst
+Du Pferde und Wagen und so schöne Kleider bekommen, daß das Gold
+heruntertröpfelt; dann kannst Du den König besuchen. Aber Was Du auch
+beim König siehst, so musst Du immer sagen, Du hättest es noch weit
+schöner und prächtiger zu Hause; das musst Du nicht vergessen.« Nein,
+Peter wollt's nicht vergessen. -- Als nun die drei Tage um waren, kam
+die Katze mit Wagen und Pferden und Kleidern und Allem, was Peter
+gebrauchte. Das Alles aber war so prächtig, wie Niemand Dergleichen
+noch gesehen hatte. Nun fuhr Peter nach dem Schloß, und die Katze lief
+hinterher. Der König empfing den Burschen sehr freundlich; aber Was er
+ihm auch zeigen und anbieten mochte, so sagte Peter immer, ja, das wäre
+Alles recht gut, aber er hätt's doch noch weit schöner und prächtiger zu
+Hause. Das wollte nun dem König gar nicht anstehen, aber Peter blieb
+immer beim Alten. Zuletzt ward der König so verdrießlich, daß er sich
+nicht länger halten konnte. »Nun will ich mit Dir reisen,« sagte er:
+»und sehen, ob es wahr ist, daß Du Alles so viel besser und schöner
+hast, als ich. Aber Gnade Dir Gott, wenn Du lügst! Ich sage nicht mehr.«
+-- »Ja, nun hast Du mich schön in die Tinte gebracht!« sagte Peter zu
+der Katze: »nun will der König mit mir reisen nach meinem Hause, aber
+das ist wohl nicht gut zu finden.« -- »Laß Dich das nicht kümmern!«
+sagte die Katze: »ich werde voranlaufen, und folge Du mir dann nur immer
+nach.« Darauf reis'ten sie fort: die Katze voran, darnach Peter, welcher
+hinter ihr her fuhr, und dann der König mit seinem ganzen Hofstaat.
+
+Als sie nun ein gutes Ende gefahren waren, kamen sie zu einer großen
+Heerde Schafe, die hatte Wolle, so lang, daß sie an der Erde schleppte.
+»Willst Du sagen, daß diese Schafheerde dem Herrn Peter gehört, so gebe
+ich Dir diesen silbernen Löffel,« sagte die Katze zum Hirten -- den
+Löffel aber hatte sie mit aus dem Königsschloß genommen --. Ja, das
+wollte der Hirte wohl sagen. Als nun der König gefahren kam, rief er:
+»Ei! ei! hab' ich doch nie eine so große schöne Schafheerde gesehen! Wem
+gehört die, mein kleiner Bursch?« -- »Die gehört dem Herrn Peter,« sagte
+der Bursch.
+
+Nach einer Weile kamen sie zu einer schönen großen Heerde scheckiger
+Kühe, die waren so fett, daß sie glänzten. »Willst Du sagen, daß diese
+Heerde dem Herrn Peter gehört, wenn der König Dich fragt, so gebe ich Dir
+diesen silbernen Handzuber,« sagte die Katze zu der Dirn, die das Vieh
+trieb -- den Zuber aber hatte sie auch aus dem Schloß mitgenommen --. »Ja,
+recht gern!« sagte die Dirn. Als nun der König gefahren kam, wunderte
+er sich sehr über die große schöne Heerde; eine so schöne Viehheerde,
+meinte er, hätte er noch nie gesehen; und als er die Dirn fragte, Wem
+das Vieh gehöre, sagte sie: »O, das gehört alles dem Herrn Peter.«
+
+Ein Ende weiter hin trafen sie eine große schöne Koppel Pferde an, es
+waren die schönsten Pferde, die man sehen konnte; alle waren sie groß und
+fett, und von jeder Farbe waren sechs: rothe, fahle und blaue. »Willst
+Du sagen, daß diese Pferdetrift dem Herrn Peter gehört, wenn der König
+Dich fragt, so geb' ich Dir diesen silbernen Abguß,« sagte die Katze zum
+Hirten -- den Abguß hatte sie auch aus dem Schloß mitgenommen --. Ja,
+der Bursch wollt's wohl sagen. Als nun der König ankam, war er ganz
+verwundert über die große schöne Pferdetrift; denn solche Pferde hätte
+er noch nie gesehen, sagte er, und als er den Burschen fragte, Wem alle
+die rothen und fahlen und blauen Pferde gehörten, sagte der: »Die
+gehören alle dem Herrn Peter.«
+
+Als sie nun ein gutes Ende weiter gereis't waren, kamen sie zu einem
+Schloß. Die erste Pforte war von Messing, die zweite von Silber, und die
+dritte von Gold. Das Schloß selbst war von Silber und so blank, daß es
+Einem in den Augen weh that, wenn man es ansah; denn es schien grade die
+Sonne darauf, wie sie ankamen. Die Katze hatte die Gelegenheit ersehen,
+dem Burschen unbemerkt ins Ohr zu flüstern, er solle sagen, das wäre
+_sein_ Schloß. Drinnen im Schloß aber war's noch viel prächtiger, als
+außen: Alles war hier von Gold, sowohl die Stühle, als die Tische und
+die Bänke. Als nun der König rings umhergegangen war und Alles genau
+betrachtet hatte, von unten und von oben, da ward er ganz beschämt.
+»Ja, der Herr Peter hat Alles weit prächtiger, als ich,« sagte er: »es
+hilft nicht, daß man es leugnet,« und damit wollte er wieder fortreisen.
+Aber Peter bat ihn, er möchte doch bleiben und bei ihm zu Abend essen.
+Na, das that denn der König auch; aber sauer sah er die ganze Zeit.
+-- Während sie nun bei Tische saßen, kam der Troll gegangen, dem das
+Schloß gehörte, und klopfte an die Pforte. »_Wer ist es, der mein Essen
+verzehrt und meinen Meth trinkt, als wären Schweine drinnen?_« rief er.
+Als die Katze das hörte, lief sie sogleich hinaus, trat an die Pforte
+und sprach: »Wart einmal! ich will Dir erzählen, wie der Bauer es mit
+dem Winterkorn macht,« und darauf erzählte sie dem Trollen sehr weitläufig
+vom Winterkorn: wie zuerst der Bauer seinen Acker pflüge, darnach ihn
+dünge, und dann wieder pflüge u. s. w., bis plötzlich die Sonne
+aufging[7]. »Sieh Dich mal um, dann wirst Du hinter Dir die schöne
+herrliche Jungfrau erblicken!« sagte die Katze zum Trollen. Da sah
+dieser sich um, erblickte die Sonne und barst mitten von einander[8].
+
+»Nun gehört Alles Dir,« sagte darauf die Katze zu Petern: »Jetzt aber
+sollst Du mir den Kopf abschlagen, das ist der einzige Lohn, den ich
+für die Dienste verlange, die ich Dir gethan habe.« Das wollte aber
+Peter durchaus nicht. »Wenn Du es nicht thust,« sagte die Katze: »so
+kratze ich Dir die Augen aus.« Da konnte Peter nicht anders, sondern
+mußte thun, wie die Katze wollte, so sauer es ihm auch ankam: mit
+_einem_ Streich hatte er ihr den Kopf vom Rumpf abgehau't. Da stand
+aber plötzlich vor ihm die schönste Prinzessinn, die man je gesehen
+hat, und Peter wurde augenblicklich ganz in sie verliebt. »Alle diese
+Herrlichkeit gehörte früher mir,« sagte die Prinzessinn: »aber der Troll
+hatte mich verzaubert, so daß ich als Katze in dem Hause Deiner Ältern
+sein mußte. Nun kannst Du thun, Was Du willst, mich zu Deiner Gemahlinn
+nehmen, oder nicht; denn nun bist Du König über das ganze Reich.« -- Der
+nicht nein sagte, das war Peter, und es ward eine Hochzeit gehalten und
+ein Gastmahl, das dauerte ganze acht Tage lang. Nun war ich aber nicht
+länger bei dem Herrn Peter und der jungen Königinn.
+
+
+
+
+29.
+
+Aase[9], das kleine Gänsemädchen.
+
+
+Es war einmal ein König, der hatte so viele Gänse, daß er eigens eine
+Dirn halten mußte, sie zu hüten; diese Dirn hieß Aase, und darum nannten
+die Leute sie _Aase, das Gänsemädchen_. Nun traf es sich, daß der
+Königssohn von England aufs Freien ausreis'te, dem setzte Aase sich in
+den Weg. »Was sitzest Du da, Du kleine Aase?« sagte der Königssohn. »Ich
+sitze hier und flicke das Zeug und setze Lappen auf Lappen,« sagte Aase:
+»denn ich warte auf den Königssohn von England.« -- »Den kannst Du nicht
+bekommen,« sagte der Prinz. »Wenn ich ihn haben soll, dann werd' ich ihn
+wohl kriegen,« sagte die kleine Aase. -- Es wurden nun Maler ausgesandt
+nach allen Ländern und Reichen, die sollten die schönsten Prinzessinnen
+abmalen, und dann wollte der Königssohn sich eine zur Gemahlinn aussuchen.
+Eine von ihnen gefiel ihm auch so gut, daß er sogleich zu ihr reis'te
+und um sie frei'te; sie sagte auch Ja und ward seine Braut, und darüber
+war der Prinz außerordentlich vergnügt. Nun hatte aber der Prinz einen
+Stein, und wenn er den vor sein Bett hinlegte, sagte der ihm Alles,
+worüber er ihn befragte. Als daher die Prinzessinn angereis't kam, sagte
+Aase, das Gänsemädchen, zu ihr, wenn sie schon früher einen Liebsten
+gehabt hätte, oder sich wegen einer gewissen Sache, wovon der Prinz
+Nichts wissen solle, etwa nicht frei fühle, so müsse sie sich in Acht
+nehmen, daß sie nicht über den Stein trete, den der Prinz vor sein Bett
+hingelegt hätte, denn der sage ihm Alles. Als die Prinzessinn das hörte,
+ward sie sehr angst und bat die kleine Aase, daß sie sich am Abend an
+ihrer Stelle zu dem Prinzen ins Bett legen möchte, und wenn er dann
+eingeschlafen sei, wollten sie wieder umtauschen, so daß er am Morgen,
+wenn es hell würde, die Rechte bei sich hätte. Das thaten sie denn auch.
+Als Aase, das Gänsemädchen, über den Stein trat, fragte der Prinz: »Wer
+ist es, der in mein Bett steigt?« -- »Reine und keusche Jungfrau,« sagte
+der Stein, und darauf legten sie sich schlafen. In der Nacht aber kam
+die Prinzessinn und legte sich an Aase's Stelle. Als sie aber am andern
+Morgen aufstanden, fragte der Prinz den Stein wieder: »Wer ist es, der
+aus meinem Bett steigt?« -- »Eine, die schon drei Kinder gehabt hat,«
+sagte der Stein. Wie der Prinz das hörte, wollte er sie nicht haben,
+sondern schickte sie wieder nach Hause und nahm sich eine andre Braut.
+
+Als er nun die neue Braut besuchen wollte, hatte Aase, das kleine
+Gänsemädchen, sich wieder vor ihm in den Weg hingesetzt. »Was sitzest
+Du hier, Du kleine Aase?« sagte der Prinz. »Ich sitze hier und flicke
+das Zeug und setze Lappen auf Lappen, denn ich warte auf den Königssohn
+von England,« sagte Aase. »Den kannst Du nicht bekommen,« sagte der
+Königssohn. »Wenn ich ihn haben soll, dann werd' ich ihn wohl kriegen,«
+sagte Aase.
+
+Mit dieser Prinzessinn ging es nun eben so, wie mit der vorigen, nur mit
+dem Unterschied, daß der Stein, als sie am Morgen aufstand, sagte, sie
+hätte schon sechs Kinder gehabt. Nun wollte der Prinz auch sie nicht
+haben, sondern jagte sie wieder aus dem Hause; aber einmal, meinte er,
+wollt' er's noch versuchen, ob er nicht Eine finden könne, die noch eine
+reine und keusche Jungfrau sei. Er reis'te nun weit umher durch viele
+Länder, bis er endlich Eine fand, die er leiden mochte. Als er sie darauf
+einmal besuchte, hatte Aase, das Gänsemädchen, sich wieder in den Weg
+hingesetzt. »Was sitzest Du hier, Du kleine Aase?« fragte der Prinz.
+»Ich sitze hier und flicke das Zeug und setze Lappen auf Lappen, denn
+ich warte auf den Königssohn von England,« sagte Aase. »Den kannst Du
+nicht bekommen,« sagte der Prinz. »Wenn ich ihn haben soll, dann werd'
+ich ihn wohl kriegen,« versetzte die kleine Aase.
+
+Als die Prinzessinn ankam, sagte Aase, das Gänsemädchen, zu ihr eben so,
+wie zu den beiden ersten, wenn sie schon einen Liebsten gehabt hätte,
+oder sonst Etwas im Wege wäre, das der Prinz nicht wissen solle, so
+müsse sie nicht über den Stein treten, den der Prinz vor sein Bett
+hingelegt hätte, denn der sage ihm Alles. Wie die Prinzessinn das hörte,
+ward sie sehr ängstlich; aber sie war eben so verschlagen, wie die
+beiden andern, und bat Aase, daß sie sich am Abend an ihrer Stelle zu
+dem Prinzen ins Bett legen möchte, und wenn er eingeschlafen sei,
+wollten sie wieder umtauschen, so daß er am Morgen, wenn's hell würde,
+die Rechte bei sich hätte. Das thaten sie denn auch. Als Aase, das
+Gänsemädchen, über den Stein trat, fragte der Prinz wieder: »Wer ist es,
+der in mein Bett steigt?« -- »Reine und keusche Jungfrau,» sagte der
+Stein, und darauf legten sie sich schlafen. In der Nacht aber steckte
+der Prinz einen Ring an Aase's Finger, der war aber so drange, daß sie
+ihn nicht wieder abkriegen konnte; denn der Prinz hatte nachgerade wohl
+gemerkt, daß es nicht ganz richtig zuging, und darum wollt' er ein
+Zeichen haben, woran er die Rechte wieder erkennen könnte. Als der Prinz
+eingeschlafen war, kam die Prinzessinn und jagte Aase in den Gänsestall
+und legte sich selbst an ihre Stelle ins Bett. Wie sie nun am Morgen
+aufstanden, und der Prinz fragte: »Wer ist es, der aus meinem Bett
+steigt?« sagte der Stein wieder: »Eine, die schon drei Kinder gehabt
+hat;« und als der Prinz das hörte, ward er so böse, daß er sie
+augenblicklich aus dem Hause jagte. Darauf fragte er den Stein, wie es
+denn mit diesen drei Prinzessinnen zusammenhinge, die über ihn gestiegen
+wären. Da erzählte ihm der Stein, wie die Sache sich verhielt, und daß
+die Prinzessinnen ihn betrogen und Aase, das kleine Gänsemädchen, an
+ihre Stelle gelegt hätten. Das wollte der Prinz erst nicht glauben und
+ging daher aufs Feld, wo Aase saß und die Gänse hütete; denn er wollte
+sehen, ob sie wohl den Ring hätte. »Hat sie den, so ist es wohl am
+besten, daß ich _sie_ zur Gemahlinn nehme,« dachte er. Als er nun zu ihr
+auf's Feld kam, sah er, daß sie einen Lappen um ihren Finger gebunden
+hatte. Er fragte sie, warum sie das gethan hätte. »Ach,« sagte sie: »ich
+habe mich so arg geschnitten.« Der Prinz wollte nun durchaus den Finger
+sehen; aber Aase wollte den Lappen nicht abnehmen. Da ergriff er ihren
+Finger und hielt ihn fest, und wie Aase ihn zurückziehen wollte, ging
+der Lappen ab, und nun erkannte der Prinz sogleich seinen Ring. Da nahm
+er sie mit sich auf's Schloß und gab ihr viele schöne Kleider und
+herrlichen Schmuck; und darauf hielten sie Hochzeit. So bekam nun Aase,
+das kleine Gänsemädchen, den Königssohn von England, bloß weil es so
+bestimmt war, daß sie ihn haben sollte.
+
+
+
+
+30.
+
+Der Bursch und der Teufel.
+
+
+Es war einmal ein Bursch, der ging auf einem Wege und knackte Nüsse; da
+fand er eine, die war wurmstichig, und im selben Augenblick begegnete
+ihm der Teufel. »Ist es wahr,« sagte der Bursch: »was man sagt, daß
+der Teufel sich so klein machen kann, als er will, und sich durch ein
+Nadelöhr zwängen?« -- »Ja,« antwortete der Teufel. »Oh! laß mich einmal
+sehen und kriech in diese Nuß!« sagte der Bursch wieder; und das that
+der Teufel. Als er durch das Loch gekrochen war, schlug der Bursch einen
+Pflock hinein. »Nun hab' ich Dich!« sagte er und steckte die Nuß in die
+Tasche. Wie er nun ein Ende gegangen war, kam er zu einer Schmiede, da
+ging er hinein und bat den Schmied, er möchte ihm doch die Nuß entzwei
+schlagen. »Ja, das soll leicht gethan sein,« antwortete der Schmied und
+nahm seinen kleinsten Hammer, legte die Nuß auf den Amboß und schlug zu;
+aber sie wollte nicht entzwei. Da nahm er einen etwas größeren Hammer,
+aber der war auch noch nicht schwer genug; er nahm nun einen noch
+größeren, aber der that's auch noch nicht. Da wurde der Schmied
+verdrießlich und nahm den großen Hammer: »Ich werde dich gleichwohl
+entzwei kriegen,« sagte er und schlug zu, all was er konnte. Da zerplatzte
+die Nuß, daß das ganze Schmiededach abflog, und es krachte, als ob die
+Hütte umstürzen wollte. »Ich glaube, der Teufel war in der Nuß!« sagte
+der Schmied. »Ja, er war drin,« sagte der Bursch.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Die von _P. Asbjörnsen_ und _Jörgen Moe_ gesammelten norwegischen
+Volksmährchen, welche hier dem Publicum in zwei Bänden vorliegen,
+erschienen in der Originalsprache in einzeln Heften, wovon das 4te (das
+letzte bis jetzt erschienene Heft) als »des zweiten Bandes erstes Heft«
+bezeichnet ist; die Sammlung ist also noch nicht als abgeschlossen
+anzusehen, ungeachtet seit dem Erscheinen des letzten Heftes bereits
+drei Jahre verflossen sind, wogegen die drei ersten Hefte im Verlauf
+eines einzigen Jahrs erschienen. Möge es den geehrten Herausgebern
+dieser Mährchen nicht an Aufmunterung fehlen, ihre schätzenswerthe
+Sammlung fortzusetzen, in der das nordische Element so frisch und
+kräftig bewahrt, und der Volkston so gut gehalten ist, so daß diese
+Sammlung sich, nach dem Urtheile gründlicher Kritiker, als eine der
+würdigsten an die der Brüder _Grimm_ anschließt.
+
+Daß alle diese Mährchen aus dem Munde des norwegischen Volkes selbst
+gesammelt, und nicht etwa neuere Dichtungen sind, bemerkt ausdrücklich
+einer der Herausgeber, der Herr _P. Asbjörnsen_, in der Einleitung zu
+seinen »_Huldre-Eventyr_,« eine Sammlung norwegischer Volksmährchen,
+worin die neckischen Huldregeister, wie in den vorliegenden die
+ungeschlachten Trollen, die wichtigste Rolle spielen, welche Mährchen
+jedoch im Ganzen mehr den Charakter örtlicher Sagen an sich tragen.
+Sobald diese Sammlung zu einem Bändchen herangewachsen ist, werden wir
+nicht unterlassen, auch diese dem deutschen Publicum mitzutheilen.
+
+Was die Übersetzung der vorliegenden Mährchen betrifft, so habe ich mich,
+so weit es der Genius der Sprache nur erlaubte, genau an den Originaltext
+gehalten. Einzelne unbedeutende Abänderungen wurden jedoch nothwendig,
+wenn ich nicht zu schleppenden und allzu ermüdenden Umschreibungen meine
+Zuflucht nehmen wollte. So ist z. B. in dem Mährchen: »Der Gertrudsvogel«
+der Ausdruck _Levse_ auf deutsch bloß durch _Brod_ wiedergegeben,
+obgleich das nordische _Levse_ sonst eine Art weiches mit einem runden
+Holze flach gerolltes Gebäck bezeichnet. -- Die sehr oft vorkommende
+Redensart bei den Trollen: »_Her lugter saa christen Mands Been_« habe
+ich durch die in deutschen Mährchen sehr übliche Redensart im Munde
+der Riesen: »_Es riecht hier so nach Menschenfleisch_« wiedergegeben;
+vielleicht wäre es jedoch in diesem Falle richtiger gewesen, dem
+nordischen Charakter getreu, zu sagen: »_Es riecht hier so nach
+Christenfleisch_,« weil eben dadurch der unversöhnliche Haß der Trollen
+gegen das Christenthum sich ausspricht, obwohl sie überdies auch oft als
+Menschenfresser erscheinen. Diese Bemerkung drängte sich mir jedoch erst
+auf, nachdem meine Übersetzung schon gedruckt war, und es bleibt mir
+daher nur übrig, falls ich hiedurch einen wirklichen Fehler begangen
+haben sollte, um gütige Nachsicht zu bitten. -- Einzelne nordische
+Ausdrücke, die sich durchaus nicht übersetzen ließen, wenn nicht das
+nordische Element gänzlich verwischt werden sollte, habe ich unverändert
+beibehalten und in einer unten beigefügten Note die Erklärung davon
+gegeben.
+
+Schließlich noch meinen innigsten Dank den in _Kopenhagen_ lebenden
+Normännern, welche mir über die so häufig in dem Originaltexte
+vorkommenden norwegischen Provinzialismen die nöthige Aufklärung gegeben
+haben. Den größten Theil dieser Provinzialismen habe ich durch deutsche
+Provinzialismen wiederzugeben gesucht, weil eben dadurch das Naive in
+der Volkserzählung so charakteristisch hervortritt.
+
+F. BRESEMANN.
+BERLIN im October. 1846.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN -- FOOTNOTES
+
+
+ 1. Ein auf Stollen oder Pfosten über der Erde aufgeführtes Gebäude, das
+ als Speisegewölbe oder Vorrathskammer dient. Anm. d. Übers.
+
+ 2. Siehe die Note Seite 18.
+
+ 3. Im Norwegischen ist das Wortspiel: _Ringerige_ und _Himmerige_.
+ _Ringerige_ heißt übrigens eine alte Provinz in Norwegen.
+
+ 4. d. i. Holzrock.
+
+ 5. Bei diesem Mährchen kommt Alles auf die Betonung an, indem man
+ nämlich die Stimme des Hahns und der Henne nachzuahmen sucht.
+ _Anm. d. Verf._
+
+ 6. _Lille_ bedeutet: klein; _kort_: kurz.
+
+ 7. Bekanntlich sind in Norwegen die Nächte um die Mitte des Sommers nur
+ sehr kurz, so daß die Sonne fast beständig am Himmel steht.
+ Anm. d. Übers.
+
+ 8. In der nordischen Mythologie heißt es sonst von den _Schwarzelfen_,
+ daß sie in Stein verwandelt werden, sobald die Sonne sie bescheint.
+ Anm. d. Übers.
+
+ 9. Sprich: Oße.
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME
+
+Contemporary spellings have generally been retained even when
+inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been
+silently added.
+
+Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
+gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
+Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
+Zeichensetzung wurde ergänzt.
+
+The following additional changes have been made:
+
+Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:
+
+
+ ein kleineres Stuck ein kleineres _Stück_
+
+ einenen Schluck _einen_ Schluck
+
+ Tollprinz Trollprinz
+
+ aber er er dachte aber _er_ dachte
+
+ an dem Taschentuch, den an dem Taschentuch, _das_
+
+ das Eimer _den_ Eimer
+
+ zum Zutragen hagen zum Zutragen _haben_
+
+ bis ich ihn wieder bis ich _ihm_ wieder
+ aufzustehen erlaube aufzustehen erlaube
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NORWEGISCHE VOLKSMäHRCHEN I.***
+
+
+******* This file should be named 29796-8.txt or 29796-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/9/7/9/29796
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
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+
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+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
+
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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