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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:34:15 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Himmelsvolk + Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott + +Author: Waldemar Bonsels + +Illustrator: Margarete Schreiber + +Release Date: November 9, 2008 [EBook #27220] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIMMELSVOLK *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Waldemar Bonsels + + _Himmelsvolk_ + + Ein Buch von Blumen, + Tieren und Gott + + + Illustrierte Ausgabe mit + sechzehn Bildern nach Scherenschnitten + von Margarete Schreiber + + + 1920 + + Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig + + + + 91.-110. Auflage der deutschen + Gesamtausgaben. Die Illustrationen + sind nach Scherenschnitten + von Margarete Schreiber. Die + Buchausgabe ohne Illustrationen + ist im gleichen Verlag zum Preise + von 5 Mark gebunden erschienen + + + + _Die schwedische Ausgabe_ + bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund + + _Die finnische Ausgabe_ + bei Werner Söderström Osakeyhtiö Powvoo, Suomi + + _Die holländische Ausgabe_ + im Verlag »Patria«, Amersfoort + + _Die dänische Ausgabe_ + bei E. Jespersen, Verlag, Kopenhagen + + + Copyright 1919 by Schuster & Loeffler, Berlin + + Spamersche Buchdruckerei in Leipzig + + + + + Kapitelfolge + + Seite + I. Kapitel: Die Waldwiese 9 + + II. Kapitel: Die Ankunft des Elfen 19 + + III. Kapitel: Die Frühlingsnacht 34 + + IV. Kapitel: Wiesenleute 46 + + V. Kapitel: Der Tod der Eiche 56 + + VI. Kapitel: Von den Engeln 61 + + VII. Kapitel: Hassans Kampf mit Ala 72 + + VIII. Kapitel: Die Winde 86 + + IX. Kapitel: Die Lerche 95 + + X. Kapitel: Assap und Jen 102 + + XI. Kapitel: Ukus Nacht mit dem Elfen 122 + + XII. Kapitel: Traule 133 + + XIII. Kapitel: Der Maikäfer 153 + + XIV. Kapitel: Das sterbende Kind 167 + + XV. Kapitel: Der Fuchs 176 + + XVI. Kapitel: Die Elfennacht 202 + + XVII. Kapitel: Das Reich 223 + + XVIII. Kapitel: Der Abschied 252 + + + + + Erstes Kapitel + + Die Waldwiese + + [Illustration] + + +Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt +hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im +Frühlicht. Seine Brust glänzte schwarz und golden, er war ein prächtiger +Vogel. + +Unten am Traulenbach, der unter der Linde dahinfloß, lief Onna, die +Bachstelze, im Sand am Wasser dahin zwischen den jungen Trieben des +Schilfs. + +»Hallo!« rief Kuno, »hören Sie auf zu wippen, Madame, ich bin +angekommen, verstehen Sie? Es wird Frühling!« + +Die Bachstelze machte halt und sah hinauf. + +»Ach so, ein Star,« sagte sie, »Stare gibt's genug.« + +»Aber wenige, wie ich einer bin! Übrigens bin ich erst kürzlich +angekommen, eigentlich zu früh, verstehen Sie?« + +»Ich versteh schon«, gab Onna zurück. »Sie wollen doch nicht etwa hier +nisten?« + +»Hier? Wo denn? In der Linde? Zwischen Krähen, Eulen und Eichhörnchen, +oder gar in Ihrer Nähe? Sie haben eine Ahnung, Madame. Aber ich habe mir +gleich gedacht, daß Sie nichts verstehen. So sitzen Sie doch wenigstens +still. Mein Gott, ist das ein Tag!« + +»Sie sind einfach unverschämt«, sagte Onna ärgerlich. + +»Ach, denken Sie sich,« rief Kuno erstaunt, »das haben verschiedene +Leute schon oft behauptet, ich kann mir gar nicht recht ausmalen, wie +solch ein Gerücht hat aufkommen können. Die Leute sind heutzutage +geradezu auf böse Nachrichten aus. Merkwürdig. Aber ein Tag ist das +heute, nicht wahr?« + +»Meinetwegen«, meinte Onna und wollte weiter. + +»Warten Sie,« rief der Star, »und reden Sie nicht immer; dabei kommt ja +kein Wesen zu vernünftigen Worten. Was haben Sie da eben gegen den +Frühling gesagt? Es ist sonderbar, wie geschwätzig ihr Waldvögel werdet, +wenn kaum einmal etwas Frühlingssonne durch die Wolken gesehen hat. Da +traf ich eben im Schlehdorn einen Mistfinken, und der Kerl sagte zu mir, +er sei ein Goldspatz. Wissen Sie, ich könnte mich totlachen über solche +Leute. Er meinte, seine ganze Familie sollte ihren Namen ändern, und +dann flog er auf den Misthaufen zurück, der Goldspatz, verstehen Sie?« + +»Soll er Sie etwa um Erlaubnis fragen?« + +»Der Schlehdorn blüht schon,« sagte der Star nachdenklich, »haben Sie +einmal mitten in diesem reinen Blütenlicht gesessen, so recht mitten +darin, womöglich bei Sonnenschein? Ich sage Ihnen, Madame... aber Sie da +unten in Ihrem Morast sind ja eigentlich nur dem Namen nach ein Vogel. +Doch jetzt halten Sie mich nicht länger auf, ich muß fort.« + +Und er machte einen kleinen Sprung und segelte schnurgerade über die +Saatfelder dahin, auf die Wohnungen der Menschen zu. Ein kleiner dürrer +Ast brach ab und fiel nieder ins Moos, mitten zwischen die Anemonen, die +noch nicht erwacht waren. + +Die Bachstelze wollte sich zuerst noch längere Zeit ärgern, aber dann +dachte sie: Es hat nicht den geringsten Wert. Erstens ist dieser Narr +doch jetzt fort, und zweitens beginnt ein geradezu fabelhafter +Frühlingstag. Sie atmete die kühle Luft ein, die von den Bäumen her über +die Waldwiese zog. »Erdgeruch, Veilchen und Tau,« sagte sie, »und dabei +eine Frische, die man nicht glauben würde, wenn man sie nicht durch den +ganzen Körper bis in die Flügelspitzen spürte.« + +Und sie wippte wiederholt auf ihre ungemein zierliche Art und eilte +bachaufwärts davon, durch die jungen Sprossen des Schilfs und der +Primeln. + + * * * * * + +Bald darauf stieg die Morgensonne am Frühlingshimmel empor, und die +Anemonen wiegten sich sanft im Wind, der kühl und unsichtbar, nach +Windesart, aus den Zweigen der großen Linde niederzusinken schien. Die +Gräser wurden wach, fröstelten ein wenig unter den winzigen Tauperlen, +die zu vielen Tausenden an ihnen hingen, und rasch verbreitete sich die +Nachricht unter den Erwachenden, daß es ein heller Sonnentag werden +sollte. + +Man muß nun wohl bedenken, daß ein Tag den Pflanzen viel mehr bedeutet +als den Menschen, denn das Leben der meisten ist kürzer bemessen, als +das der großen lebendigen Geschöpfe, es gibt unter ihnen sogar viele, +die nur einen Tag lang blühen, sie erwachen in der Frühe, entfalten ihr +Blumenangesicht im heraufsteigenden Licht der Sonne, der Mittag des +Tages ist der Mittag ihres Daseins, und die hereinbrechende Nacht ist +das Ende ihres Frühlings. So erscheint den kleinen Pflanzen, auch denen, +welche länger leben, die Dauer eines Tages um vieles wichtiger und +bedeutungsvoller, als den Tieren oder uns Menschen. Ihre allerschönste +Zeit sind die Tage, in welchen sie blühen. + +[Illustration] + +Man merkte gleich, wie wichtig so ein warmer Frühlingstag ist, an der +Art, wie glücklich eine ältere Gänseblume sich langsam gegen das Licht +aufrichtete und zurückgelehnt den roten Schein aufnahm. Sie hatte +überwintert und war sehr erfahren. Es sah aus, als tränke ein durstiges +Wesen in vollen Zügen Wasser an einer Quelle. Dann rief sie den +erwachenden kleineren Blumen, die rund um sie her standen und alle von +ihrer Art waren, den Morgengruß der Blumen zu: + + Alle, die wir Blumen sind, + bitten Gottes Segen, + daß uns Sonne, Tau und Wind + heute finden mögen. + + Goldne Sonne, mach uns weit + deinen Strahlen offen, + wie auf deine Herrlichkeit + alle Wesen hoffen + + Himmelswunder, kühler Wind, + Tau aus deinen Schwingen, + wiege unser Leben lind, + laß den Tag gelingen. + +Es will hier gesagt sein, daß unter vielen Menschen die Meinung +verbreitet ist, daß die Pflanzen und Tiere keine Sprache hätten. Das ist +nun freilich insofern wahr, als die Sprechweise dieser Geschöpfe der +unsrigen nur schwer zu vergleichen ist, sie reden gewiß nicht auf +dieselbe Art miteinander, wie Menschen es tun. Aber daraus darf niemand +zu Recht den Schluß ableiten, daß alle diese Geschöpfe sich nicht auf +ihre Weise miteinander verständigten, ihre Sinne sind wohl anders +beschaffen, als die unsrigen, aber deshalb sind sie nicht weniger fein +und fügsam, nicht weniger klar oder eindringlich. So bedürfen die +Pflanzen, um miteinander zu verkehren, des Windes oder ihres Duftes und +vor allem der Insekten, die einen großen und weitverzweigten +Nachrichtendienst zwischen allen Blumen versehen, die alle Ansprüche, +Wünsche und Gedanken, ja sogar die feinsten und lieblichsten +Empfindungen, derer die Pflanzen fähig sind, auf wundervolle Art +vermitteln. + +Es hat in der Vergangenheit Zeiten gegeben, in welchen der Glaube der +Menschen an die Sprache und die Stimmen der Geschöpfe der Natur +verbreiteter war, als es heute der Fall ist. Es muß daher gekommen sein, +daß vor Tausenden von Jahren die Menschen enger am Herzen der Natur +lebten, daß sie den Pflanzen dankbarer waren für ihre Früchte, den +Tieren für ihre Dienste und den Wäldern für das Obdach, das sie ihnen +gewährten. So hörten sie in frommer Andacht auf die Stimmen ihrer +Wohltäter und lauschten auf das Rauschen der alten Linden. Sie vernahmen +in der Stimme des Baums, die Stimme der Vergangenheit und der Zukunft. +Wir müssen uns wohl hüten, diese alte Weisheit rasch als ein Zeichen des +Aberglaubens zu verwerfen; alle, welche die Natur draußen kennen, werden +gerne gestehen, daß der Sonnenschein über weiten Wiesen oder das +Rauschen der Bäume im Wind das menschliche Herz ruhiger machen, besonnen +und frei. Wer sähe aber die Vergangenheit oder die Zukunft, oder auch +die Sorgen der Gegenwart nicht mutiger und gerechter an, wenn sein Herz +einer solchen Freiheit teilhaftig geworden ist? Auf diese Art war zu +manchen Zeiten ein Band tiefen Einvernehmens zwischen der Welt der +Menschen und der übrigen Geschöpfe der Natur geschlungen, und es ist nur +unser Verschulden, wenn wir verlernt haben, es zu erkennen. + +Wenn ich euch nun so mancherlei aus dieser Welt erzähle, so übersetze +ich alles, was ich gesehen und gehört habe, in die Sprache der Menschen, +bis ihr einmal selbst hinausgeht, um die Sprechweise der Tiere und +Pflanzen zu lernen, und wahrscheinlich werdet ihr dann mehr und Besseres +erfahren, als ich euch erzählen kann, denn es ist nun einmal so in der +Welt bestellt, daß man von allem Schönen, das man erlebt, das Beste +nicht sagen, sondern nur empfinden kann. + +Die meisten der wichtigen Ereignisse, die in diesem Buch erzählt werden, +haben sich auf der Waldwiese am Traulenbach abgespielt, dort wo die +tausendjährige Linde an der Grenze der Felder und des Laub- und +Föhrenwaldes steht. Es ist ein von den Menschen fast ganz vergessener +Ort, nur im Frühling oder im Herbst kommt ein Landmann in die Nähe +dieser Waldwiese, wenn er seine Äcker besät oder pflügt, und alle Jahre +vielleicht einmal ein Jäger mit seinen Hunden, aber nicht einmal das ist +ganz sicher. + +So hatten die Tiere des Waldes, die Bäume, Pflanzen und Blumen auf der +Waldwiese ein ruhiges Leben auf ihre Art, das nicht von Menschen gestört +wurde. Die meisten von ihnen kannten nur den Wind, den Sonnenschein und +den Regen, außer dem dunklen Erdboden, dem sie vertrauten. Sie hörten +wohl durch die Bäume oder Vögel von den Menschen, auch kam es vor, daß +an schönen Abenden die Linde aus ihrer an Erlebnissen reichen +Vergangenheit erzählte, aber die wenigsten von ihnen hatten den Menschen +überhaupt jemals gesehen. + + + + + Zweites Kapitel + + Die Ankunft des Elfen + + +Es mochte nach der Zeitrechnung der Menschen zwischen Pfingsten und +Ostern sein, als im Frühling dieses gesegneten Jahres ein niegesehenes +Ereignis die Bewohner der Waldwiese in Erregung und Entzücken versetzte. +Es war an einem unbeschreiblich hellen Sonnenmorgen, das Land duftete +vom Regen der Nacht, und die Frische war so beseligend im Licht, daß die +Freude aller Lebendigen wie ein einziger Jubel durch den Wald hallte. +Über den Primeln in der Lichtung und über den blauen Sternen der +Leberblumen sang eine Grasmücke, sie war ganz in ihr Lied versunken, ihr +Kopf war voll Hingabe in das blaue Glänzen des Himmels erhoben, und es +sah aus, als wäre sie ganz verzückt von Daseinslust. Ihr Lied klang +unter den hellen Schleiern des jungen Buchengrüns dahin, das von der +Sonne wie Gold leuchtete, und zwischen den Stämmen der Tannen ließ die +Ruhe der Waldeinsamkeit die Töne in ihre dunklen Tore einziehen. Nah und +fern, überall, wo es grün und hell war, zwitscherte und jubilierte es, +kein Wesen war in der Lage, traurigen Gedanken nachzuhängen. Und über +dem Frühlingsglück der Ihren zog die strahlende Sonne hoch im Blauen +ihre Gnadenbahn. + +Es war ein Tag, ach, wer vermag so viel Überschwang zu fassen?! Überall +blühte es, tief unten im Tau trieb das Moos am Boden seine +smaragdgrünen, dichten Wäldchen, und in den Baumwipfeln öffnete sich +Blüte neben Blüte in der Sonnenfreiheit. + +Als die Grasmücke, nachdem sie ihre Lieder beendet hatte, sich in den +Waldgrund niederließ, um nach einem Morgentrunk Umschau zu halten, traf +sie den Maulwurf an einer Baumwurzel im Eingang zu seinem unterirdischen +Höhlenbau. + +»So ein Tag lockt sogar Sie heraus, wie?« fragte sie freundlich, trat +aber doch etwas zur Seite, man weiß nie recht, bei so einem Maulwurf ... + +Der Alte schüttelte den Kopf und blinzelte: + +»Die Wärme,« sagte er, »die Wärme ist mir bisweilen ganz recht, aber +dieses Übermaß an Licht kann mir gestohlen werden. Kommen Sie einmal mit +herunter, meine Liebe, treten Sie ein! Sie werden Wunder an +Behaglichkeit erleben. Alles ist dämmrig, kühl und still, und dabei von +einer Gleichmäßigkeit der Temperatur, daß man gedeiht wie ein Kürbis. +Dabei brauche ich nicht hinter jeder Fliege oder Mücke herzujagen wie +Sie, Würmer und Engerlinge dringen sozusagen von selbst in meine Gänge +ein, morgens liegen sie da und warten, daß sie gefressen werden. Das +nenne ich so recht ein Leben nach dem Herzen Gottes.« + +»O pfui Teufel«, sagte die Grasmücke und lachte. »Aber so sind Sie, +genau wie ein Maulwurf. Wenn ich Sie nicht schon länger kennte, würde +ich überhaupt nicht mit Ihnen reden, an Sie muß man sich erst gewöhnen, +verstehen Sie? Ach, wenn Sie Einsehen hätten, aber Sie sind verbohrt, +das kommt von Ihrer langweiligen Beschäftigung, sonst würde ich Ihnen +erklären, wie man lebt, um glücklich zu sein. Vor allen Dingen muß ein +Haus gegen den Himmel geöffnet sein, das ist die erste Vorbedingung für +ein heiteres Herz. Glauben Sie, wir Vögel würden so viel singen, wenn +wir nicht Wohnungen hätten, die weit gegen den Himmel offen sind?« + +Der Maulwurf blinzelte, und sein breiter Grabfuß, der innen rosa gefärbt +war, scharrte die Erde ein wenig beiseite. + +»Bilden Sie sich etwas auf Ihre Nester ein?« fragte er, ehrlich +erstaunt. »Wer hätte das für möglich gehalten! Wenn Sie das meine nur +einmal erblickt hätten, würden Sie vor Neid und Mißmut Ihre Eier künftig +ins Gras legen. Was tun Sie denn viel? Sie tragen ein paar dürre Äste +zusammen, Heu, bestenfalls ein Pferdehaar, Gerümpel sozusagen, werfen +alles durcheinander und hocken sich mitten hinein. Hinterher zu sagen, +der Himmel schiene hinein, ist nicht schwer, denn was bleibt dem Himmel +anderes übrig? Er ist jeden Tag da, regnet oder leuchtet, und es ist ihm +wahrscheinlich höchst gleichgültig, ob er Ihren Hausrat an einer Stelle +oder an verschiedenen Orten am Boden zerstreut bescheint. Und deshalb +meinen Sie nun, Sie müßten singen? So sind also Vögel! Gut, daß ich es +endlich weiß.« + +»O du lieber Gott, Sie Maulwurf«, sagte die Grasmücke, ganz betroffen +von so viel Einseitigkeit der Betrachtung. »Aber wer wird sich die Mühe +machen, einen solchen halbblinden Popanz zu überzeugen, der überall nach +Schmutz und Schlamm sucht, nur um seine Nase hineinbohren zu können. Was +tun Sie denn eigentlich sonst? Sie suchen nach schwarzem Unrat, und dann +immer hinein, immer hinein! Wenn Sie möglichst fest drin sitzen, so +sagen Sie, Sie lebten nach dem Herzen Gottes!« + +»Sie wissen nicht, was Erde ist«, antwortete der Maulwurf freundlich und +langsam, lächelte und strich sich über den Bauch. »Sie wissen es nicht, +Sie windiges Federvieh. Wer sich in der Luft herumtreibt, muß +notwendigerweise leichtsinnig und haltlos werden. Nicht einen einzigen +Gang haben Sie, der Ihnen gehört, den Sie kennen. Hierhin, dorthin, wie +es Ihnen in den Sinn kommt, und abends sitzen Sie da und wissen selbst +nicht, wozu dieses ungeregelte Geflatter eigentlich stattgefunden hat.« + +Es zog ein Duft herüber vom Abhang, irgendwo mußte ein Waldstrauch +aufgeblüht sein. + +Ein paar Tiere hatten sich um die Streitenden versammelt, Li, das +Eichhorn, Josa, die Ringelnatter, und von der Dolde einer eben erblühten +Schafgarbe schauten ein paar Käfer hinüber und amüsierten sich über den +Streit, der andauerte und ebenso erregt wie heiter wurde, aber plötzlich +verstummten die lachenden und eifrigen Stimmen eine nach der anderen, +obgleich zu Anfang noch niemand recht wußte, was eigentlich geschehen +war. + +Hinter einem großen alten Baumstumpf hervor fiel aus dem Waldschatten +ein Lichtschein, der nicht von der Sonne kam, aber trotz ihres Lichtes +hell schimmerte. Dieser Glanz war es, der die plötzliche Stille mit sich +brachte, dies Schweigen eines tiefen Erstaunens, in das alle +versammelten Tiere fielen. Sie wandten ihre Augen in großer Verwunderung +eins nach dem andern diesem Leuchten zu, und ihnen ward so seltsam +zumut, daß manchem das Herz laut und hörbar in der Brust klopfte. + +Da erkannten sie einen kleinen, kleinen Menschen, der blaß und still +mitten in diesem Leuchten stand und seine Arme emporhob, als ob er ihnen +mit Angst und einer Bitte nahte. Er war kaum so groß wie die Feldblumen +am Wiesenrand. Sie erkannten, daß zwei helle Flügel seine Schultern +überragten, so weiß wie Schnee und von großer Zartheit, so daß sie in +dem sanften Windzug erzitterten, der über die winzigen braunen Wäldchen +der Moosblumen zog. Der ganze Körper dieses wunderbaren Wesens war +durchschimmert von Licht und schien viel eher zu schweben, als zu +schreiten, aber es war kein Zweifel, ein lebendiges Wesen kam auf sie +zu, mit großen Augen, wie zwei Sterne. + +Das Erstaunen und das Entzücken der Waldwiesenleute läßt sich nicht +schildern und, o Wunder, nicht nur die großen und kleinen Tiere, nein +auch die Sträucher und Blumen, ja die kleinsten Pflanzen erschauerten +bis tief in ihre Seelen vor dieser reinen Lichtgestalt, die wie ein +kleiner Engel unter sie trat. + +Nun wußten wohl manche der erfahrenen Geschöpfe, daß dies nur ein +Blumenelf sein konnte, aber ihre Verwunderung wurde darüber nicht +geringer, denn die Blumenelfen leben nur des Nachts, für wenig Stunden, +in denen der Mond sie weckt, und wer wüßte nicht, daß sie mit der +heraufsteigenden Sonne sterben müssen und im Morgentau zerfließen, damit +die Blumen sie wieder in ihre Kelche nehmen können? Es war nie gehört +worden, soweit die ältesten Tiere zurückdenken konnten, daß am Tage, im +Sonnenlicht, ein Blumenelf erblickt worden wäre, und selbst die Linde, +die schon viele hundert Jahre lang die Erde kannte, rauschte +geheimnisvoll auf, und es erklang über alle die betroffenen Seelchen hin +aus ihrer Höhe: + +»Ein Wunder geschieht, ihr Lieben, ein Wunder!« + +Die Geschöpfe des Waldes standen ratlos da, ohne daß eines von ihnen +gewagt hätte ein Wort zu sagen. Andere kamen aus ihren Schlupfwinkeln +hervor und starrten fassungslos hinüber, alle Furcht voreinander +vergessend, es dachte aber auch wirklich jetzt niemand daran, einem +anderen ein Leid zuzufügen. + +Da sagte das kleine Menschenwesen zu den Tieren: + +»Erschreckt euch nicht, ich bin nur ein Blumenelf. Ich habe mich +verflogen und kann nicht mehr in meine Heimat zurück. Erlaubt mir, daß +ich bei euch bleibe.« + +Die Bewegung unter den Waldwiesenleuten war unbeschreiblich. Sie hatten +alles eher erwartet, als diese einfache und bescheidene Bitte, und waren +ratlos vor lauter Verlangen, dem Elfen ihr Entgegenkommen und ihr +Wohlwollen zu zeigen. Da ließ sich aus einem Lindenast, dicht am Stamm +im Schatten, die Stimme der alten Eule Uku vernehmen, die durch dieses +Ereignis trotz der Tageshelle aus ihrer Baumhöhle getreten war. + +»Preist euch glücklich,« rief sie laut, »ein Elf will bei euch wohnen! +Glaubt mir, daß mit ihm nur Freude bei uns einkehren wird, und seid +liebreich zu ihm.« Hierauf wandte sie sich an den Elfen selbst und fuhr +fort. »Sei uns willkommen und wohne bei uns auf der Waldwiese, wo du +willst und solange du magst. Es wird keiner unter uns sein, der dir +nicht gerne gefällig ist, wir sind sehr erfreut, daß du Wohnung bei uns +nehmen willst, und es ist auch recht schön hier, das kann man ohne +Übertreibung wohl sagen.« + +Die alte Uku galt als sehr weise und genoß hohes Ansehen auf der +Waldwiese. Aber es hätte ihrer Fürsprache kaum bedurft, denn alle Tiere +waren sich darüber einig, daß dem lieblichen Lichtwesen, das unter sie +getreten war, ein herzlicher Empfang bereitet werden müßte. Nach Ukus +Worten war die Befangenheit der Überraschten ein wenig gewichen, sie +drängten sich herzu, jeder mit einem Vorschlag oder mit einem Angebot, +und die Wiesenblumen begannen ihr feines Läuten im Windhauch, kurz, es +war niemand da, der nicht in freudiger Erregung in Ukus Meinung +einstimmte. + +Der Elf nahm diese Freundlichkeiten mit einem Dankeslächeln auf, das +alle aufs tiefste rührte, denn sie wußten, daß ein Elf nicht zu bitten +braucht, wer kannte nicht die Macht der Blumenelfen?! Wohl erschien es +ihnen, als habe er das Reich seiner Macht, die ungewisse Nacht, +aufgegeben, aber wer konnte wissen, welches Vorhaben ihn bewogen hatte, +den hellen Tag und das Bereich der Sonne aufzusuchen? Jedoch ihre +Neugierde und ihre Zweifel sollten bald gestillt werden, und sie +erhielten Gewißheit über die Fragen, die sie beschäftigten, denn der Elf +erzählte ihnen seine Geschichte, nachdem er ihnen von Herzen Dank gesagt +hatte. + +»Ich muß auf der Erde verharren,« begann er mit heller, trauriger +Stimme, »ich kann nicht in das freie Reich der Elfen zurückkehren wie +meine Gefährten, denn ich habe das Licht der Sonne erblickt, die kein +Elf sehen darf. Als ich in einer klaren Nacht der Lilie entstieg, die +mich geboren hat, wuchsen mir meine Flügel, die wir Elfen erhalten, +sobald wir den Willen haben, unsere Blume zu verlassen, um einem +anderen Wesen Glück zu bringen. Aber wir können dann nicht in die Blume +zurückkehren, sondern im Morgengrauen verwandelt das erste Licht uns in +Tau, und die Pflanzen nehmen uns auf, und unsere Seele kehrt ins +Elfenreich zurück. Aber das werdet ihr wissen, ihr Lieben. + +In jener Nacht nun, in welcher ich erwachte, kam ein kleines geflügeltes +Tier zu mir, es war eine Biene, die Maja hieß, und die ihren +heimatlichen Stock verlassen hatte, um die Welt kennenzulernen. Sie +hatte den Wunsch, die Menschen zu sehen, wie sie am schönsten und +glücklichsten sind, und ihr wißt, daß wir Elfen Macht haben, den +liebsten Wunsch des ersten Wesens zu erfüllen, das uns in unserer +Lebensnacht begegnet. So flogen wir miteinander durch die helle Nacht +bis an einen Ort am Waldrand, wo in einer Laube, unter blühenden +Zweigen, zwei Menschen weilten. Es waren ein Mädchen und ein Jüngling. +Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie +umschlungen, als ob er sie schützen wollte. Sie saßen still da und +schauten mit ihren großen Augen in die Nacht. + +Dort nun, ihr Lieben, geschah meinem Herzen das Wunder, um dessentwillen +ich heute unter euch erscheine, denn ich konnte meine Augen nicht mehr +von den Angesichtern der beiden Menschen abwenden. Im Himmelsschein der +stillen Nacht strahlte es von ihren Stirnen und aus ihren Augen, kein +irdischer Mund vermag das selige Heil zu nennen, in dem sie zu glühen +schienen. Ich erzitterte heiß, bis tief in die Gründe meiner Seele +hinab, ich versuchte diesen Glanz zu fassen, diese Wohltat und die +Freude dieser Gemeinschaft zu verstehen, aber mein Herz vermochte es +nicht. Ich fühlte, wie es sich dieser hellen Kraft des Irdischen zu +öffnen trachtete, aber zugleich empfand ich in unbeschreiblicher +Traurigkeit, daß dieses Erdenwunder des Glücks nicht mein Teil werden +konnte. + +Und mehr und mehr erschien es mir, als ginge von der Seligkeit der +beiden Menschen eine immer größere Helligkeit und Wärme aus, ein Glanz, +der mich taumeln machte, und mich in eine schmerzhafte Verzückung +brachte, in der ich fast meine Sinne schwinden fühlte, und die doch wie +ein barmherziges Wunder in meine Seele einzog. Was geschieht mir nur, +dachte ich, was soll ich erleben?! Was gibt es noch auf dieser fremden +Erde, was ich nicht gewußt habe? + +Da traf es plötzlich meine Stirn wie ein lautloser Donner, ich werde es +euch niemals schildern können, ihr Lieben, aber mir war, als ob eine +unerhörte Lebensgewalt mich in ihre Wirbel risse und ins Unendliche +dahinschleuderte, meine Augen waren geblendet, ich schrie laut auf und +taumelte in die Blüten, die naß vom Tau waren. + +[Illustration] + +Da erkannte ich ein gewaltiges rotes Feuer am Horizont, das überall +tausendfältig widerstrahlte, die ganze Natur umher brach in einen +befreiten Jubel aus, ich hörte fremde Stimmen, die mich erschreckten und +doch zugleich in die Seligkeit ihres Freudenrausches fortrissen, und da +wußte ich, daß die Sonne aufgegangen war, daß ich die Sonne gesehen +hatte und nicht mehr in meine Elfenheimat zurückkonnte!« + +Der Elf schwieg und verbarg sein Angesicht. Es herrschte tiefe Stille +umher, denn alle Geschöpfe, die ihn angehört hatten, sahen in großer +Ergriffenheit und wortlos auf seine helle Gestalt und auf seinen +goldhaarigen Scheitel nieder, der milde erglänzte, und von dem eine +unbeschreibliche Wehmut ausging. + +Da fuhr der Elf fort zu erzählen, und seine feine Stimme zitterte vor +Ergriffenheit. + +»Ihr wißt nicht, ihr Lieben, was Augen, die niemals die Sonne gesehen +haben, ihr strahlender Aufgang am Himmel bedeutet! Ihr feuriger Glanz, +ihre himmlische Allmacht betäubten mich und ich verlor die Besinnung, +bis ich nach einer Weile, deren Dauer ich nicht zu sagen vermag, von +einem neuen, unfaßbaren Leben erwachte, das wie in warmen Goldbächen +meinen ganzen Körper durchrieselte. Als ich die Augen aufzuschlagen +wagte, fand ich mich unter Blumen auf dem Erdgrund liegen, und der +Sonnenschein überflutete mich über und über, lange lag ich so still und +konnte die Wohltat nicht fassen, die mein trauriges Gemüt zu einem ganz +neuen Glück überredete, mein Herz schwankte in großer Angst und +unnennbarem Entzücken und mir war, als wollte es tief aus dem Grund +meiner Seele hell und brennend in die Augen brechen.« + +Als der Elf bei diesen Worten eine Pause machte, konnte ein Waldvogel, +der ihm von einem Lindenzweig aus in atemloser Spannung gelauscht hatte, +nicht länger an sich halten, und nun rief er laut: + +»Vertrau' der Sonne, lieber Elf! Es ist unsagbar schön in der +himmlischen Sonne!« + +Und wie eine Antwort auf diesen Ruf, erklang es tausendstimmig von allen +Geschöpfen umher. »Es ist herrlich in der himmlischen Sonne!« Als ein +einziges, jauchzendes Rauschen ging es durch den Blätterwald, durch die +Gräser und Blumen hin, und es war auch nicht ein Tier, das nicht in +überzeugtem Glauben in dieses Lob der Sonne einstimmte. + +Aber das Lächeln, mit dem der Elf den Geschöpfen dankte, war bei allem +Glück seiner Erwartungen doch von so großer schmerzvoller Traurigkeit, +daß die alte Uku nachdenklich ihren Kopf schüttelte. Sie war in der Tat +ein weiser Vogel, und sie verstand das Elfenkind. + +»Hast du Heimweh nach deinem verlorenen Reich?« fragte sie herzlich. + +Da sah der Elf zu ihr auf und nickte. + +»Die Liebe hat dich an die Erde gebunden,« sagte Uku, »sie wird dich +wieder lösen, Elfenkind.« + +Erstaunt sah das kleine, helle Menschenwesen zu dem großen Vogel auf. + +»Es ist wahr, was du sagst,« antwortete er, »aber die Liebe, die mich +erlösen kann, muß weit größer sein als die, durch deren Schönheit ich +meine alte Heimat verloren habe, das ist ein uraltes Gesetz des +Elfenreichs, ach, traurig ist es, die Heimat zu verlieren! Wie soll ich +jene Liebe finden, wann wird sie mir begegnen?« + +Da schwieg Uku und sah sinnend in die helle Weltweite. Aber allen Tieren +umher war, als müßten sie etwas tun, um dem Elfen seinen Aufenthalt auf +der Waldwiese so angenehm wie möglich zu machen. Mit großem Eifer und in +schöner Gemeinschaft machten sie sich ans Werk, ihm unter einer +mächtigen Wurzel des Lindenbaums aus Moos und Federn eine kleine +Wohnstätte herzurichten, sorgsam vor dem Regen geschützt und gegen die +Morgensonne zu geöffnet. + +Und der Elf nahm zu ihrer Freude ihre Gabe an und versprach, bei ihnen +zu bleiben. + + + + + Drittes Kapitel + + Die Frühlingsnacht + + +So war nun ein Blumenelf, ein Wunderwesen der Sommernacht, durch das +Begebnis, das ich erzählt habe, verbannt worden, auf der Erde der +Menschen, Tiere und Pflanzen zu leben. Auf dieser Erde, auf der auch wir +für kurze Zeit zu unserer Bewußtheit erwacht sind, dieser Erde der +grünenden Fluren, der Wasserläufe, der Berge und Täler, der Tage und +Nächte. + +Da es sonst den Elfen bestimmt ist, nur für ein paar Nachtstunden im +Mondschein aus ihrem Blumenbett zu erwachen, so erfahren sie von der +Erde selbst und von allem Irdischen nur wenig; in blauen Nachtbildern, +die vom Himmelssilber glänzen, prägt sich diese Welt des Wirkens und der +Leiden nur flüchtig in ihre Seele ein, und mit einem fragenden Lächeln +versinken sie beim hereinbrechenden Morgen aufs neue in ihren +Weltenschlaf. Im Tau, im Frühlicht, trinken die Pflanzen ihre zarten +Seelen, und der Wandel der Natur nimmt ihre durchschimmernden Körperchen +auf, wie Nebel sich in der Sonne verflüchtigt. + +Die Menschen sehen die Elfen nur selten, zuweilen begegnen sie Kindern, +aber zumeist nur im Traum, oder ungesehen, wie auch die Engel, die nur +von denen erkannt werden, die sie lieben und an sie glauben. + +Die Elfen haben große Ähnlichkeit mit den Engeln, aber sie sind wie +Kinder und haben von Haus aus keine Beziehungen zum Reich der Liebe, und +nicht die Allmacht der himmlischen Engel. Aber darüber soll in diesem +Buch noch vielerlei gesagt werden, es ist in der Tat ein großes Ereignis +gewesen, daß ein Elf die Erde im Sonnenschein kennenlernte, wunderbar +hat ihr Lebensglanz auf sein Herz und Wesen eingewirkt, es hat ihn +langsam den Irdischen gleichgemacht und ihn in ihr Bereich der Freude +und der Schmerzen gezogen. + +Mitten im Frühling waren die Sinne des Blumenelfen zu seiner irdischen +Reise erwacht, zugleich mit den Seelchen unzähliger Blumen und Blüten +und in Gemeinschaft mit der erneuten Daseinslust aller Tiere und +Menschen. Täglich kamen nun neue Vögel und vierfüßige Tiere auf der +Wiese an, es war sehr schwer, ihre Gestalt und Eigenart rasch zu +begreifen, täglich brachen neue Blumen auf, und die Farben und Düfte im +Sonnenschein oder im Regen überwältigten zu immer neuem Glück. Wäre den +Seelen der Elfen nicht eine tiefe Ahnung vom Wesen alles Lebendigen +eigentümlich, so hätte sicherlich sein Herz der Fülle der Eindrücke +nicht ohne Verwirrung standgehalten. + +Ein heimliches Brennen in den Tiefen seiner Brust führte ihn langsam +allem näher, was er erkannte. Er wußte noch nicht, daß es Liebe war, die +wie ein stilles Licht in den Kammern des Herzens emporglühte, aber er +empfand, daß diese brennende Süßigkeit der Hoffnung und des Heimwehs +nach Gemeinschaft seine Führer und seine Freude wurden. Ihm war, als +leitete dies hilflose Weh in der Tiefe ihn dem Licht immer näher, dieser +unfaßbaren Fülle, die die ganze Erdoberfläche erstrahlen ließ. Dies +Glühen des Verlangens war es, das ihn sehen und lauschen lehrte, so daß +er alle Stimmen um sich her verstehen lernte, und er erkannte, noch wie +in einem Traum, daß dies heiße Begehren seiner Brust nach Zugehörigkeit +das eine, große, treibende Element des Lebendigen um ihn her war. + +In träumerischem Staunen schritt er dahin, lernte den Tag und die Nacht +begreifen und erbebte vor Glück über ihre Treue. Er sah die Sternbilder, +die er wie aus ferner tiefer Erinnerung einer anderen Jugend +wiederzuerkennen glaubte, strahlen, wandern und singen und doch immer +gleichbleiben, er begriff den hohen Himmelsweg des Wassers, das die +Sonne aufsaugte und das die Wolken den Irdischen zurückgaben, und liebte +über alles den Himmelswiderschein im Tau. Am meisten aber beseligte ihn +die gewaltige Sonne, ihre Gnadenbahn im Blauen, ihre Milde und Fülle, +ihre unaussprechliche Freigebigkeit. Ihren Glanz und ihre Wärme liebte +er in betörend hingebender Demut, sein Vertrauen zu ihr war so groß, daß +schon der kleinste Lichtblick ihrer Herrlichkeit ihn wie in einen Rausch +von Zuversicht versetzte. + +Oft konnte er stundenlang dasitzen und in den Tannenwald schauen, durch +dessen hohe, gerade Stämme das Sonnenlicht auf das Moos sank und überall +helle Inseln von strahlendem Goldgrün zurückließ. Die Lichtflecke +rührten sich nicht, der Waldboden sah wie ein stiller Teppich mit +strahlenden Ornamenten aus. Aber hoch oben in den Kronen rauschte es in +einer gewaltigen Lebensmelodie im Frühlingswind, als zögen himmlische +Heerscharen im Goldrauschen ihrer Gewänder darüber hin. Dieses Rauschen +der Baumkronen verwandelte sein Herz in einen einzigen schimmernden +Traum, ihm war, als erklängen darin die ewige Heiterkeit der freien +Bewegung und zugleich die Schwermut der irdischen Fesseln. + +Als er eines Nachts, nachdem er schon manchen Tag auf der Wiese wohnte, +erwachte, lockte der Mondschein ihn aus seiner grünen Höhle im Moosgrund +in die Stille der strahlenden Nacht empor. Am Bach waren die Lilien +aufgeblüht, sie leuchteten wie Schnee über dem dahinziehenden Wasser, es +war still und kühl und schon nahe dem Morgen, die Stimmen der Nachttiere +waren verstummt. + +Es war Halbmond, aber sein Licht schien so klar, daß die Sterne in +seiner Nähe nur blaß schimmerten, die Erde umher duftete von Nässe, denn +es hatte am Tag vorher geregnet. Als der Elf sich auf einen niedrigen +Zweig der Linde setzte, fielen ein paar große Tropfen ins Gras nieder, +auf ihrem kurzen Weg zur Erde blinkten sie auf, kleine durchschienene +Kugeln, sie trugen Mondlicht durch die Luft und Glanz und Frische. + +Der Elf sah dem fallenden Wasser nach und dachte an die Pflanzen, die es +im Schlaf trinken würden. Wenn die Erde die hellen Tropfen aufnimmt, +sann er, so kehrt das Licht zum Himmel zurück. Der Gedanke beschäftigte +sein Gemüt, er rührte die Blätter in seiner Nähe an und sah zu, wie die +fallenden Tropfen, erfüllt von Licht, die Pflanzen tränkten. Die +Waldtiefe schimmerte schwarz wie Teer, nur die ersten Stämme waren vom +Mond beschienen, und zwischen ihnen zogen sich Lichtstreifen in die +stille Finsternis hin. Gibt es auf der Erde ein Fleckchen, so groß wie +meine Hand, dachte er, auf dem nicht Leben schlummerte? Überall, wo +Leben pocht, da glüht ein kleiner Lichtherd, eine Stätte, wo das Licht +einmal in Verlangen erwartet und empfangen wird, wo es beglückt und +zurückstrahlt. Nichts hat so viele Heimatrechte auf der Erde, wie das +Licht. + +[Illustration] + +Die Luft wurde von einem Surren erfüllt, das kaum vernehmlich zwischen +den schwarzen Stämmen begann, langsam anschwoll und nun beinahe drohend +und feierlich über ihm dahinzog. Es war ein großer Wasserkäfer, der sich +ein neues Gewässer suchte, um dort den Tag zu verbringen. Wie mag es ihm +in der silbernen Dunkelheit und in der Ruhe der Luft behagen, dachte der +Elf und sah ihm nach. Es wurde wieder still, dicht neben ihm glitzerte +ein Tropfen so hell wie ein Diamant, fast wurden seine Augen geblendet, +der Mond spiegelte darin, wie in geschliffenem Glas, aber es wurde +darüber umher nicht heller, hinter ihm war die Nacht so schwarz wie +Kohle. Der Tropfen behielt das Licht, es kreiste in seinem kühlen Rund, +in freier Klarheit entstand eine unbeschreiblich erstrahlende kleine +Welt für sich. + +Vielleicht leben auch in ihr Geschöpfe, dachte der Elf, halten die +Sekunden ihrer Zeit für ein langes Dasein und empfangen unser +Himmelslicht in eigenen Lichtherden, aus denen es als Freude +widerstrahlt. + +Der Tropfen sank und erlosch in der Finsternis am Boden. + +Dem Elfen kamen die Schwalben in den Sinn, die er bis in die Stunde des +sinkenden Abendlichts in schwindelnder Himmelshöhe hatte fliegen sehen. +Eine von ihnen war am Tage mit ihm bekannt geworden, sie hatten sich auf +dem Felde getroffen, wo der Vogel am Erdboden Lehm für sein Nest suchte, +und die Erzählung der Schwalbe war wie ein strahlendes Bild der fernen +Welt in sein Herz gesunken. + +Wie mag euch Schwalben die Erde erscheinen, die ihr bewohnt, dachte er +nun in der Erinnerung ihrer Worte, wie anders werdet ihr sie kennen und +empfinden als ein kleines Bodentier des ebenen Feldes, oder als der +Mensch. Eure Reise nach dem Süden führt euch Jahr für Jahr über das +schimmernde Meer, über welchem, wie über einer unabsehbaren, runden +Silberfläche, die Sonne rot aufwacht, ihren hohen Strahlenweg geht, +einsam über dem tausendfältigen Glitzern, und am Abend langsam, feuerrot +in ihr helles Bett sinkt. Dann fliegt ihr allein über der großen Ebene, +das Wasser sieht wie flüssiges Eisen aus, der Himmel im Westen wie +durchscheinendes Glas und im Osten kalt und blau, im Wehn der +herannahenden Nacht. -- Wie schön die Schwalbe erzählt hatte. + +Seid ihr nicht viel mehr als alle, seid ihr nicht am glücklichsten, ihr +Menschen, fuhr er in seinem Sinnen fort. Ich lebe unter Tieren und +Pflanzen und kann euch nicht erscheinen, aber es zieht mich zu euch, +stärker und freier als in jener ersten Nacht, in welcher ich euch +erblickte und euer Glück verstand. Ihr Sonnenmenschen, ihr Gesegneten, +die ihr geschickt seid, alles, alles zu empfangen! Was macht euch so +reich an Frohsinn und Betrübnis, ich möchte den Grund der Quellen in +euch kennen, aus denen die jauchzenden Lichtgarben eures Lachens +entspringen und das schwermütige Geheimnis der Tränen. Wieviel Sagen von +eurer Herrlichkeit und eurem Elend kennt die alte Welt! + +Wie aus tiefer Kindererinnerung stieg über solchen Gedanken in der Seele +des Elfen eine Ahnung empor, als habe er schon zu einer anderen Zeit +alles gewußt und alles erfahren. Die Seele ist so alt wie die Welt, +dachte er, sie wird zur Erde geboren, um wieder jung zu sein. Aber kaum +glaubte er sich einer Gewißheit zu erfreuen, da zog es aus blauen Tiefen +heran wie Wolken, und ihn befiel eine Traurigkeit, so daß er sich aus +dem Bereich der Ahnungen und Gedanken in die Welt der Erscheinungen +zurückflüchtete. + +Leben, o schönes Leben auf der Erde, dachte er. Ihm war zumut, als sei +er ein Geschöpf aus fremden Regionen der Welt, das nur träumte, es lebte +auf der Erde unter ihren Wesen. Es lag am geheimnisvollen Weben der +Nacht, daß alles ihm unaussprechlich wunderbar vorkam, und er sprach +leise vor sich hin, wie Leute, die viel allein sind, es bisweilen tun, +und sagte: + +»Es muß an meiner Herkunft liegen, und weil ich ein Fremdling bin, daß +ich alle Erscheinungen, die mir begegnen, so groß, so schön und +sonderbar empfinde. Wer in seiner Kindheit als ein Geschöpf seiner +irdischen Eltern unter seinesgleichen erwacht, der wächst in seiner +Umgebung empor, ohne daß ihn dies selige Erstaunen befällt, das immer +und immer wieder mein Gemüt erschüttert. Anderen werden alle Dinge +langsam vertraut, sie gewöhnen sich auch an das Schönste und nehmen es +wie ihr selbstverständliches Recht hin. Sie haben sichere Augen und +gleichmütige Gedanken, die Erde ist ihre Heimat, und sie wundern sich +nur über den Tod, obgleich er das einzige ist, was sie bestimmt wissen. +Alle Geschöpfe, die ich kennengelernt habe, haben mehr Zuversicht und +ein größeres Vertrauen der Zugehörigkeit als ich, aber weniger +Entzücken. Es muß daran liegen, daß sie die Erde längst gewohnt sind, +aber ich kann mich nicht in ihre Wunder finden, denn ich bin niemals mit +unbewußten Sinnen durch ihr blühendes Tal geschritten. Als ich die +Sterne zum erstenmal sah, wußte ich, daß es die Sterne waren, ich +erkannte das erste Lachen, das ich vernahm, aber es war meinen Lippen +fremd, und der erste Sonnenschein überwältigte mich zu unnennbarem +Glück. Auf die Anderen aber haben die Sterne schon niedergesehen, ehe +ihre Augen sie erkennen konnten, Tränen sind wie Tau auf sie +niedergetropft, Tränen der Freude oder des Schmerzes, und sie haben +nicht gewußt, was sie bedeuten, ihnen ist alles vertraut geworden, bevor +sie es erkannten, vielleicht sind sie viel glücklicher unter den +Wohltaten ihrer Heimat, die sie blind, ohne Gedanken, hingenommen haben. +Es ist gut so, die Pracht der Erde ist so groß, daß ein Mensch sterben +müßte, wenn ihre Gewalt eines Tages plötzlich über ihn hereinbräche.« + +Während in dieser stillen Frühlingsnacht sein Herz auf solch seltsame +Wanderschaft ging, überkam ihn plötzlich im Wandel von Andacht und Sorge +ein geheimnisvolles Erzittern, und er mußte seine Arme ausbreiten, als +gälte es, eine liebreiche Fülle zu umschlingen, und er verstand nicht, +wie ihm geschah. Er mußte an die beiden Menschen denken, die sich in der +Sommernacht seines Erwachens umarmt hatten, an alle Blüten, an alle, an +die Sonne über den Wiesen und an den Jubel der Vögel im Grünen. Und +plötzlich, wie in einer seligen Offenbarung, ahnte er das Wesen der +Kraft, die ihn mit allem Leben in der Natur verband, und er mußte +singen. Er wandte sich in die Weite, die im Mondlicht blühte, an die +große, atmende Natur, die mit ihm ihrer Erlösung harrte, und sang: + + Du bist mein Eigentum, weil ich dich liebe, + kein Sinn ermißt die Fülle meines Glücks. + Wie bitte ich die Güte des Geschicks, + daß mein Gemüt dem deinen nahe bliebe. + + Was dir geschieht, das soll auch mir geschehn, + o Hort der Liebe, so in dir zu weilen. + Nun lernt mein Herz in seiner Zeit verstehn, + in deiner Anmut seinen Gram zu heilen. + +Im Osten tauchte ein schmaler Glutstrich auf, und der Elf faltete seine +Hände, denn der Morgen kam. Ich werde euch alle, alle sehen und kennen +und lieben, wie ihr seid, ihr Irdischen mit mir, dachte er, das soll +mein Glück sein. + + + + + Viertes Kapitel + + Wiesenleute + + +Der Elf saß unter den Blumen. Eigentlich war es sein liebster +Aufenthalt, und er kannte keine schöneren Stunden, als in ihrer +Gemeinschaft zu weilen, sein Glück erschien ihm vollkommen, wenn die +Seligkeit der Blühenden ihm seine Einsamkeit in ein Fest glücklichen +Bescheidens verwandelte. Er saß auf einem halbentrollten Farnblatt, um +ihn her erhoben sich schlanke Grashalme, die unaufhörlich schaukelten +und deren feine Stimmen die sanft bewegte Luft mit leisem Rauschen +füllten. Aus der Höhe mischte sich das Summen der Insekten in dies +gleichmäßige Lied, wie wir Menschen es von den Bäumen im Wind kennen. + +Es war ein reger Verkehr im Graswald, und zwischen den vielerlei +Kräutern zogen die Tiere ihre Straße, alle beschäftigt und eifrig, aber +fröhlich um des heiteren Tags willen. Man glaubt es kaum, was alles lebt +auf einem so kleinen Fleckchen Erde, wie der Elf es von seinem Platz aus +übersah. Käfer in den prächtigsten, schillernden Farben, Ameisen, +Waldschnecken, geflügelte Würmchen und die zahllosen kleinen Tiere, die +auf den Pflanzen leben, von ihren Blättern oder ihrem Blütenstaub. So +winzige Erdbewohner waren tief im grünen Schattengrund beschäftigt, daß +man sie für gewöhnlich nur erblickt, wenn man lange Zeit aufmerksam +hinschaut. Sie unterscheiden sich in ihrer Art und Lebensgewohnheit +ebensosehr voneinander, wie es größere Tiere tun, in ihren Interessen, +ihrer Gestalt und Farbe. + +[Illustration] + +Es war leicht zu spüren, daß die Tiere des Graswalds viel kecker und +beweglicher waren als die Blumen, die voll Schüchternheit und geduldig +auf ihr Geschick harrten. Der Elf beugte sich tief über ihre Kelche, +deren Licht und Farbe sich in seinem zarten Gesicht widerspiegelten, er +sog ihre Frische ein, ihren Duft, und als er vernahm, was ihre +heimlichen Wünsche waren, rief er die Bienen zu ihnen. + +Zwei kleine Käfer stiegen miteinander in den goldstrahlenden Kelch +einer Blume hinab, beinahe betäubt von dem warmen Duft und ganz in das +Blütenlicht eingehüllt. Die Blume zitterte leise und atmete schwer und +tief. + +»Elf, lieber Elf,« flüsterte sie, »was geschieht mir? Ich bin so +glücklich.« + +Der Elf nickte ihr mit glänzenden Augen zu. + +»Der Frühling,« antwortete er, »der Frühling! Er durchdringt dein Wesen +durch und durch. Halt still, Liebe.« + +Die Düfte, die der Waldwind heranschaukelte, wechselten ohne Aufhören, +und dem Elfen war, als trüge ihn die eine Sehnsucht unvermerkt in das +Wunderreich der anderen. Eine selige Welt vertauscht sich gegen die +andere, dachte er, ich schließe meine Augen und bevölkere sie aus meinem +Herzen. + +Dieser Wechsel verzauberte sein Gemüt immer wieder aufs neue, und er +träumte fort in Farben, Licht und Düften, unter den Liedern der Vögel. +Wenn der Wind den Geruch der wilden Rosen aus dem Gesträuch zu mir +trägt, und ich lausche dem Gesang des Rotkehlchens, dachte er, so ist +das Herz auf ganz andere Art im Lieblichen geborgen, als wenn ich den +kühlen Hauch des Flieders spüre und höre die Amsel flöten. »Trag mich +von Freude zu Freude, du warmer Frühling,« sagte er, »aber behüte mein +Herz, damit es nicht vor Glück zerspringt.« + +Das Summen der Insekten über den Blumen klang hinter den lichtroten +Vorhängen seiner geschlossenen Augenlider wie fernes Orgelbrausen, in +das aus noch größerer Ferne das Meer zu rauschen schien. Es vermischte +sich mit dem Flüstern der Blätter, den kaum vernehmbaren Stimmen der +Gräser und dem Läuten der Blumen, das so fein erklingt, daß ein +menschliches Ohr es nur nach langem, tiefem Warten erlauschen lernt. + +Die Güte und der Reichtum der Natur überwältigten das Elfenkind. »Seid +gesegnet, meine Sinne,« rief es, »meine Augen, mein Gehör und du mein +Herz, du Quelle und Pfand meines irdischen Wohls. In den Augen wohnt der +rasche Blick, der zu entflammen und froh zu ruhen vermag, der das Licht +bis tief in die Kammern des Herzens führt. Ich fühle die Berührung des +Lebens mit allen Gliedern, wie das Wasser den Windhauch spürt, der seine +Oberfläche bewegt, jeder Sinn hat sein seliges Amt, aber du hast das +herrlichste, mein Herz, in dir wohnt das Heimweh.« + + * * * * * + +Die Fülle nahm nun von Tag zu Tag zu, das Blühen wollte kein Ende +finden, immer wieder kamen neue Tiere auf der Waldwiese an, verweilten +für kurz oder lange oder blieben auch für immer. Eines Morgens fand sich +ein Wildtaubenpaar ein, man hatte sie schon von weitem lachen und +plaudern hören, die zwei, sie machten einen sehr glücklichen Eindruck. +Die Linde, überhaupt der ganze Platz schien ihnen ausnehmend zu +gefallen, sie flogen innen im Baum von Ast zu Ast, untersuchten die +alten, dürren Stümpfe der abgebrochenen Zweige und prüften jedes +Baumloch im Stamm. Als sie aber merkten, daß eine Eule im Baum wohnte, +wurden sie nachdenklich. + +»Schon wegen des Bachs, wegen der Nähe des Wassers hätte ich hier gern +gewohnt,« meinte die junge Frau betrübt, »man hat es so bequem morgens +mit dem Bad, und dann auch an der einen Seite die Weite der Felder, an +der anderen den dichten Wald; der Ort hat viel für sich. Sieh unten das +Moos im Sonnenlicht!« + +»Ich lebe nicht mit einer Eule zusammen,« antwortete ihr Mann, »aus +solcher Nachbarschaft entsteht nichts Gutes. Ich habe nichts gegen die +Eulen, ich verfolge sie nicht, aber sie sind mir unheimlich.« + +Und sie flogen mit lautem Flügelschlagen, das man noch lange in der +Waldstille hörte, über die Bäume hin, davon. + +In der Frühe sah man bisweilen den Bussard zwischen den Stämmen jagen. +Er flog lautlos und geheimnisvoll, seine scharfen, farbigen Augen +suchten am Boden, und seine graubraunen Schwingen bewegten sich groß, +feierlich und kraftvoll. Es war ein herrlicher Anblick, den mächtigen +Vogel zu beobachten, der allein lebte, vom Raub, in seiner Waldfreiheit. + +Eines Tages kam eine Katze, o Gott! Sie setzte sich mitten auf die Wiese +in die Blumen, blinzelte und putzte sich sorgfältig und so arglos, als +gäbe es in der Welt für sie keine Gefahr, und als habe sie niemals einen +bösen Gedanken gehabt. Es wurde eine Weile auffallend still auf der +Waldwiese, nur der Bach kümmerte sich nicht um das Tier, er rauschte +fort, die kleineren Geschöpfe aber bekamen zum größten Teil Herzklopfen. +Wer ein sicheres Versteck hatte, beobachtete die Katze mit Spannung. Es +läßt sich auch in der Tat kaum etwas Schöneres denken, das zugleich mit +so viel Schrecknis verbunden ist, als eine Katze. Natürlich, wer sich +gegen sie wehren kann, wer stärker oder geschwinder als sie ist, der +sieht und nimmt nur ihre anmutigen Seiten, deren sie viele hat, und +begreift nicht so rasch das Entsetzen, das sie kleineren Geschöpfen +einflößt. Aber wenn man in Betracht zieht, daß manche Tiere, denen sie +nachstellt, kaum größer sind als eine ihrer Pfoten, so begreift man +eher, welchen Schrecken die Katze verbreiten kann. + +Ganz besonders über diese Katze wäre vieles zu erzählen; es ist schade, +daß es hier nicht angeht. Sie war ursprünglich unter Menschen gewesen +und ist auch in ihrer Gemeinschaft geboren und aufgezogen worden. Aber +dann wechselte der Besitzer des Hofes, auf dem sie lebte, und da Katzen +meistens eher an dem Ort hängen, an welchen sie gewöhnt sind, als an +Menschen, so war auch diese Katze geblieben; aber sie traf es schlecht +mit den Nachfolgern der ausgewanderten Bauersleute und entschloß sich +deshalb eines Tages kurzerhand, ihr Heil in der Freiheit zu suchen. Sie +hatte einen sehr schweren Winter hinter sich und war oft drauf und dran +gewesen, zurückzukehren, aber nun, mit dem eingekehrten Frühling, schien +ihr Los ihr beneidenswert. + +Uku, die alte Eule, sah von ihrer sicheren Baumhöhle aus auf die Katze +nieder. Die grünlichen Augen waren wie zwei harte, glänzende +Metallplättchen, alles an der Katze, auch das prächtig gestreifte Fell, +war auf das sauberste gehalten und so wohlbestellt, gesund und anmutig, +daß es ein Entzücken war. Uku sah, wie die Pfote am Gesicht entlang +glitt und wie die kleine rosa Zunge die weichen Härchen des Fells +glättete. Nachdenklich sah der weise Vogel auf die Katze nieder. Wer +würde vermuten, dachte er, daß dies zärtliche Tier vom Wipfel eines +Baumes oder vom Giebel eines Daches niederspringen kann, ohne Schaden zu +nehmen, wer ahnt hinter dieser kindlichen Gebärde die Wildheit, die sie +verbirgt, die geschmeidige Kraft und die unbeugsame zähe Eigenart der +Katze? Ist es so bestellt, daß sich mit der größten Kraft und Wildheit +solch arglose Gebärde des Spiels und der Harmlosigkeit vereinen kann, +mit diesem Lächeln die furchtbarste Blutgier und mit soviel Anmut die +Falschheit? + +Uku konnte nicht aufhören, die Katze zu betrachten, und sie dachte lange +und sehr scharf über sie nach, wie es so Art der Eulen ist. Sie weiß die +größten und bissigsten Hunde in Respekt zu halten, dachte sie, ja in +manchen Fällen selbst den Menschen, und sieht doch aus wie ein +schüchternes Kind. Wie sie den Schein der Sonne genießt! Es ist wirklich +sehr schwer zu sagen, was gut oder was böse ist in der Natur, ich +glaube, man kann es nur für sich selbst und sein eigenes Handeln wissen. + +Wie ungebrochen sind diese harten Augen, wild und rein, fuhr sie fort zu +sinnen, sie werden eines Tages brechen, wie ein edler Stein unter einem +Hammer, aber sie werden sich nicht trüben. Man muß sagen, Uku kam +geradezu in Begeisterung, und da eine Katze alles andere eher ist als +die Freundin der Eulen, so war diese Anerkennung des Vogels um so +erstaunlicher. Aber Uku hatte Grund, über die Katzen nachzudenken, sie +hatte vor Jahren einmal zur Nachtzeit eine Katze sterben sehen, die, von +der Kugel eines Bauernsohns getroffen, auf dem Hof ihr Leben lassen +mußte, auf dem damals auch Uku viel verkehrte. Es war Mondschein +gewesen, der junge Mensch stellte den Katzen nach, weil sie seinem +kleineren Federvieh Schaden taten. Seine Kugel ging der Katze durch die +Brust, schlug durch und öffnete sie an zwei Stellen. Das Tier war auf +einen Baum geflüchtet, und anfänglich hätte man glauben können, sie sei +nicht verwundet, aber dann löste sich langsam, man möchte sagen Kralle +für Kralle, ihr schöner gefleckter Leib von dem Ast, den sie umklammert +hielt. Es kam kein Laut über ihre Lippen, erst am Fallen sah man, daß +sie keine Gewalt mehr über ihren zähen, wohlgeübten Körper hatte. Am +Boden, im schrägen Mondlicht kreiste sie im Gras, und nun, wie mit ihrem +letzten Atem, kam ein Geschrei aus ihrem Mund, das Ukus Herz erstarren +ließ, und der junge Mensch, der herzugeeilt war, sprang betroffen +zurück, als dieser Todeston sein Ohr traf. Es war ihre erste und +zugleich ihre letzte Klage, es war, als habe sie zu Lebzeiten das Klagen +nicht gelernt. Dreimal hintereinander stieß sie diesen langgezogenen +Schrei aus, der keine leiblichen Schmerzen zu verraten schien, sondern +den wilden Wehelaut um ihr schönes, starkes Leben. + +Die Natur umher lauschte wie in einer jähen Ahnung ihres Geschicks auf. +Es ist furchtbar, die Mächtigen im Tode schreien zu hören. Und doch +hatten diese Töne nichts Jämmerliches, es lag kein Hilferuf darin, kein +Flehen um Erbarmen, sondern viel eher war es das metallische Verklingen +der gebrochenen Kraft; unbeschreiblich einsam durchdrang es die +Mondnacht. + +Voll Grauen war Uku damals auf und davon geflogen, tief bewegt von +diesem Erlebnis und doch nicht einzig entsetzt, sondern zugleich +wunderbar erhoben. Sie hatte wieder und wieder denken müssen: Wie +gewaltig ist das Leben, das sich auch in mir offenbart, wie gewaltig ist +der unvermeidliche Tod. + +Man wird nun viel besser verstehen, weshalb sie so lange und +nachdenklich auf die Katze schauen mußte, die auf die Waldwiese gekommen +war. Sie blieb übrigens nur für kurze Zeit und, soviel ich weiß, ist sie +nicht wiedergekommen. + + + + + Fünftes Kapitel + + Der Tod der Eiche + + +Ein wenig von der Waldwiese entfernt stand am Rand des Tals die Eiche, +sie war der älteste Baum im Land; in diesem Frühling ist sie gestorben. + +Man wußte es überall, weit im Umkreis. Ihre letzten Worte aus dem +vergangenen Herbst rauschten in den Büschen und Bäumen des Landes als +Erinnerung wieder, und nun im Frühling nahm sie Abschied. + +Um ihre mächtige Gestalt umher sproßte und blühte es, ihre großen +dunklen Glieder reckten sich gewaltig über den wirren, grünen +Lebenstrubel der neuen Jugend dahin, in den Himmel empor, ihre Klage +erfüllte das Land, alle Herzen. Viele hundert und wieder hundert Jahre +des Lebens beschlossen sich nach einem unbegreiflichen Ratschluß, der +alle in heiliger Scheu erbeben ließ. Die langen Nächte hindurch, in der +Frühe und am verständlichen Tag wehte es aus der kahlen Höhe ihrer Krone +klagend im Wind über das Land, durch den Vogelgesang dahin, durch das +selige Seufzen der vom Frühling begnadeten Geschöpfe und durch das +strahlende Tageslicht, das seine Macht über die Lebensgeister des alten +Baums verloren hatte. + +[Illustration] + +Eines Tages vernahm der Elf die Klage der sterbenden Eiche im Wind und +konnte sie nicht vergessen. Nun ward er gewahr, daß alle sie wußten, und +seit jener Stunde zwang es ihn plötzlich, im Schreiten innezuhalten, +wenn er durch den Wald ging, um zu lauschen, ob durch die Lebensmelodien +der lebendigen Bäume wieder diese Klage dränge, die den ganzen Wald +erfüllt hatte. Und er vernahm die Töne und erschauerte. Sie erklangen so +heimlich, daß sein Gemüt in der Erkenntnis erzitterte, daß diese +bescheidenen Wehelaute eine so stille Wildheit zu bergen vermochten, und +daß Geduld so schmerzhaft sein könne. + +Da ging er der Stimme nach, um den sterbenden Baum zu finden. Wie es zum +Herzen griff! Er sah eine Blume, die zu blühen anfing, den Tau trinken; +in der Erwartung ihrer Sonne sangen alle Vögel, da warf er sich ins Moos +und lauschte. Seit jener Stunde trieb es ihn wieder und wieder herzu, am +Tag, in der Nacht, immer wieder zog es ihn an diesen Waldort ohne +Schatten, wo die große Eiche stand. Rings der Himmel über ihm war wie +mit Sterben angefüllt, und die Seele des Elfen füllte sich mit dieser +Schwermut des Scheidens vom Leben, wie ein Becher mit Wein. + +Er verstand den Baum. »Es ist kalt,« rief er einmal des Nachts, »der +große Wald ist leer! Ich sehe hin und zurück, zurück und hin, schaue, +forsche und suche, und bin doch allein. Ich erinnere mich, ich träume +und bin doch allein. + +Der Mond leuchtet hell, wenn seine Strahlen die Erde erreichen, scheint +mir die Welt ohne Elend, ohne Schmerz, alles und alle erscheinen mir +sanft. Er bringt helle Tücher, als wollte er mich vor dem schützen, was +kommen soll, als wollte er mich erwärmen, und ich fühle wieder wie +durstige Pflanzen, die sich öffnen und zu blühen anfangen. + +Enttäusche ich euch jetzt, weil ich dürr und kahl dastehe? Ihr habt mich +grün gesehen! Ich gab der Erde Schatten, den Vögeln Ruhe und den Tieren +Früchte. Ich habe die Blicke entzückt, und nun liebt ihr mich weniger, +weil ich es nicht vermag? Müßt ihr nicht stets an jene Zeit denken, wo +ihr mich anders saht? + +Ihr denkt nicht mehr daran! Meine Klage erniedrigt mich. Nun fühle ich +zum erstenmal, daß mein irdisches Gefühl mich von der Welt trennt. Einst +erzählte ich, ich teilte das Neue, das Leben den Blumen, den Bäumen mit. +Dort oben liebkoste mich der Wind, als wollte er zu mir sagen: Du hast +nicht unrecht. Da wußte ich, daß mein irdisches Gefühl mich mit der Welt +verband. Ich rief: Nehmt mich nur auf, laßt mich euer Teil sein, ein +Glied eurer reichen Familie. Ich fühlte die Welt und vereinte mich mit +ihr und wurde zum erstenmal mündig. Alles tönte in mir und mein Herz +strömte über. O, wie ich der Erde verschuldet bin, wie kein Wesen vor +mir!« + +Der Blumenelf lag im Moosgrund und lauschte der Klage, er begriff die +Wirklichkeit des Todes und erbebte. Aber er vermochte seine Sinne nicht +vom Sterben des Baumes abzuwenden. + +Da hörte er wieder die alte Stimme über sich im Wind: + +»Es forscht ohne Aufhör in mir und will doch von nichts wissen. Meine +Wurzeln werden vom Wasser berieselt, das alle Pflanzen zu neuem Sprossen +ernährt. Ich fürchte mich vor dem Tage, die Sonne, die mein Blut +beeinflußt hat emporzudrängen, blendet mich nun. Wie lockt mich die +Weite, die ich lange ohne Begehren im Bild erblickt habe! Wo sind die +Tiere? Ich höre nur die Vögel. Und doch ist alles Weite so nah, so +möglich geworden. + +Mein Herz war einst in der Sonne so weit offen, daß es nicht nur sich +selber trug und ahnte, sondern die ganze Welt. Da wußte ich die Wahrheit +über mich. Nun umgibt es mich rings wie eine Wand, so kalt wie Eis, so +durchsichtig wie Glas, so nah, daß mir ist, als spiegelte ich mich +wider. Sie macht die Seele zum Verbrennen durstig, und ich fühle Angst. +Lebt wohl!« + +Da drückte der Elf erzitternd sein Herz fest, fest an die Erde, die +Auferstehung und Vermoderungen in sich barg und einen herben Geruch von +Harz ausströmte. Ihm war, als durchdränge dieser Geruch seinen +vergänglichen Leib, er schloß seine Augen und schwieg, denn es redete +mit vielen Stimmen zu ihm, die wie eine Stimme waren. + + + + + Sechstes Kapitel + + Von den Engeln + + +Eines Morgens in der Dämmerung, als von der Sonne noch wenig zu spüren +war, kam Hassan, der Igel, durch den Tau. Er sah sich auf der Waldwiese +um, etwas mürrisch, wie es nun einmal seine Art war, aber im Grunde +recht gut gelaunt, obgleich er sich sehr verspätet hatte. Er hielt nach +einem Ort Ausschau, an dem er schlafen könnte, denn er wäre um alles +gern in einem Schlupfwinkel gewesen, bevor die Sonne emporstieg. Die +Igel haben nicht viel für den Sonnenschein übrig. + +Da die Vögel und Blumen und alle kleinen Tiere der Waldwiese noch +schliefen, entdeckte niemand den Igel, es wäre zweifellos ein großer +Jammer unter ihnen ausgebrochen, denn Hassan war nicht beliebt, weil er +von kleineren Tieren so viel fraß, als er irgend finden konnte. Wo immer +es draußen im Wald in der Gemeinschaft einer Tiergesellschaft sein mag, +überall fürchtet man den Igel, nirgends sieht man ihn gern. Es kommt +sicher hierbei noch hinzu, daß er für gewöhnlich in der Abenddämmerung +aufbricht. Das hat schon an sich etwas Unheimliches, auch ist er schwer +von einem rundlichen dunklen Erdhaufen zu unterscheiden, wenn er still +im Gras sitzt und auf Mäuse wartet. Was aber am peinlichsten ist, ist +die Tatsache, daß er viel rascher laufen kann, als man denkt. Viele +Tiere bekommen allein schon darüber einen solchen Schreck, daß sie sich +in ihrer Verwirrung von ihm greifen lassen. + +Hassan kam etwas träge heran, ging das Bachufer nieder, trank ein wenig +und sah nach dem Himmel. Es würde ein warmer Tag werden. Unter der +großen Linde gefiel es ihm, er dachte sich, zwischen diesen dicken +Wurzeln finde ich irgendeine Höhle, die mir den gewünschten +Schlupfwinkel für den sonnigen Tag bietet, vielleicht, daß ich dort auch +ein Mäusenest entdecke und für den Abend auf eine gesunde Mahlzeit +rechnen kann. + +Nun muß man wissen, daß Hassan in Zwistigkeiten mit seiner Familie +geraten war, um zu verstehen, daß er kein eigenes Heim hatte. Sein Vater +hatte ihm eines Abends ohne viel Umstände erklärt, er solle sich ein +eigenes Jagdgebiet suchen, denn die Umgebung ihrer gemeinsamen Behausung +ernähre nicht mehr Vater, Mutter und die kleineren Geschwister, am +allermeisten deshalb, weil es fast unglaublich sei, wieviel er, Hassan, +an einem Tage verschlänge. Das läge an den Jahren; aber nun sollte er +gehen. + +So rasch findet nun aber ein Igel kein neues Heim, auch dachte Hassan +daran, sich zu verheiraten, und so war er genötigt, sich in der Fremde +umzusehen. Und wie es oft ist, wenn man keinen anregenden Umgang mit +seinesgleichen hat, so kommt man leicht ans Herumtreiben, und so war es +geschehen, daß sich Hassan einmal wieder gründlich verspätet hatte. + +Als er nun langsam durch Blumen und Gräser auf die Linde zuschritt, +dachte er: Hier sieht es nach guter Beute aus. Er gähnte und kroch unter +die Wurzeln. Da sah er im Moos einen hellen Schimmer und erschrak, denn +es war schwer zu begreifen, wie hier in die Schattendämmerung des +Moosgrundes ein Lichtschein kommen sollte. Glühkäferchen kamen im +Morgengrauen nicht vor, so konnte es nur noch ein Stückchen faulendes +Holz sein, das oft einen weißlichen Glanz ausstrahlte, wie er im Sumpf +erfahren hatte. Er bog um die letzte Wurzel, die wie ein dicker +Schlangenleib aus den Farnkräutern kroch, und spähte vorsichtig in den +Grund der kleinen Höhle, aus welcher das Licht kam. + +Da sah er einen unendlich kleinen Menschen mit hellgoldenem Haar im Moos +liegen, auf einem weißen Kissen von Blumenblättern und in einem +schimmernden Kleid, erglänzend und feiner gewoben als Spinnweben im +Sonnenschein der Waldtiefe, und so leicht wie kühler Wind, der kaum das +Zittergras bewegt. Es war durchaus nicht zu erkennen, woher das Licht +kam, bis Hassan zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung gewahr wurde, +daß die Stirn, das Angesicht und die Hände des kleinen Menschenwesens +aus eigenen Lichtgründen leuchteten. Was aber sein Gemüt am meisten +bewegte, war der Ausdruck von Traurigkeit in dem schlafenden Angesicht +des fremden Wunderkindes. Hassan mußte, er wußte selbst nicht wie es +kam, an die ungetrübten Glücksstunden seiner Kindheit im Moorland +denken, unter den Birken und im Ginster. + +Lieber Gott, dachte er, was geschieht mir nur, daß ich etwas so +Liebliches finden soll? Und dann kam ihm in den Sinn: Ich muß irgend +etwas für dieses Geschöpf tun. Vielleicht findet sich eine Beere oder +ein ganz zarter Regenwurm, wenn es nur irgend etwas ist, wodurch ich es +erfreuen kann, oder was es etwa beim Erwachen essen möchte. Über das +Essen hinaus gibt es höchstens noch das Schlafen, und das tut dieses +helle Himmelskind ohnehin. Wenn mir nur etwas Rechtes einfiele. + +Als er noch darüber nachdachte und dabei die Stirn runzelte, wie es +seine Art war, und den dunklen Kopf mit der spitzen Schnauze und den +wirklich sehr schönen und klugen Augen hin und her bewegte, erwachte der +Elf und sah den großen Hassan dicht vor sich stehen, so daß die kleine +Höhle geradezu verdunkelt worden wäre, wenn das Elfenkleid nicht +geglänzt hätte. + +»Wo kommst denn du her?« fragte der Elf und lächelte. + +»Da, so, von hinten her, irgendwoher,« stotterte Hassan in großer +Verlegenheit, »nehmen Sie es nicht übel. Wenn Sie wollen, geh ich sofort +wieder.« + +»Nein, bleib nur,« sagte der Elf und erhob sich, »soviel ich weiß, bist +du ein Igel, und wie mir scheint, sogar ein ganz prächtiger.« + +»Nein, nein,« sagte Hassan rasch, »nur so einer wie alle, aber wenn Sie +wollen, gehe ich gleich.« + +»Hast du Eile? Siehst du nicht, wie schön es hier ist und wie strahlend +der Tag werden will? Komm, wir gehen miteinander an den Bach. Übrigens +kannst du ruhig du zu mir sagen, ich bin ein Blumenelf.« + +»So, so, ein Blumenelf,« sagte Hassan, »das ist aber sehr angenehm für +Sie. Wollen Sie wirklich mit mir zusammen gehen? Ich bin nicht beliebt, +wissen Sie, und auch sonst, ich bin eben ein Igel ...« Hassan hatte +eigentlich etwas anderes sagen wollen, aber er war zu verwirrt durch den +Anblick dieses hellen Wesens mit seinen Flügeln, die sein Haupt +überragten und schimmerten wie Schnee. + +Sie gingen nebeneinander ans Wasser, und der Elf flog auf einen +niedrigen Zweig des Berberitzenstrauchs, der ihn sanft schaukelte. + +»Sehen Sie,« sagte Hassan, »Sie sind doch ein Engel.« + +»O nein,« antwortete der Elf, »wenn du glaubst, ich sei ein Engel, so +hast du niemals einen gesehen. Die Engel sind groß und leuchten wie die +Sonne am Mittag, niemand kann in ihr Angesicht schauen, der nicht das +seine vom Irdischen abgewandt hat.« + +»Nun, ich dachte, Sie wären vielleicht einer von den kleineren Sorten«, +meinte Hassan schüchtern und bewegte seine schwarze Nase an der Spitze. +Darüber mußte der Elf lachen. + +»Das sieht ungemein lustig aus, wenn du mit der Nase wackelst,« sagte +er, »das kann nicht jeder.« + +»Mit der Nase erfahre ich, was ich nicht sehen kann«, sagte Hassan, sehr +stolz darüber, daß der Elf so viel Anteil an seiner Eigenart nahm. + +»Flügel hätte ich wohl auch gern,« seufzte er nach einer Weile, »aber wo +sollte man sie anbringen?« Er schaute bewundernd und glücklich zum Elfen +empor, der mit dem Finger an die Tauperlen stieß und zusah, wie sie +funkelnd ins Gras niederbrachen. + +»Große Tropfen, nicht wahr?« sagte er nachdenklich. Endlich meinte er +und sah auf: + +»Ich bin nun schon lange Zeit auf der Erde und habe vielerlei erfahren, +auch unter Menschen bin ich gewesen und habe ihre Worte gehört und ihre +Hoffnungen, ihren Kummer. Es ist seltsam, wie sie und auch du und die +meisten Wesen über die Engel denken. Sie glauben kaum noch daran, daß es +welche gibt, und sehen sie selten. Vielleicht im Traum oder im +Todesschmerz, auch wohl in ihrer höchsten Beseligtheit, aber es ist, als +ob sie vergessen hätten, daß die Engel immer unter ihnen einhergehen. +Wie oft hat ein himmlischer Engel ein Geschöpf angesehen, und es ist es +nicht gewahr geworden. Woran mag es liegen?« + +[Illustration] + +»Ich weiß nicht«, sagte Hassan, der mit großer Spannung zuhörte. +»Vielleicht liegt es an den Verhältnissen.« + +»Du kannst es auch nicht wissen,« meinte der Elf, »ich glaube, um die +Engel sehen zu können, muß man ein Mensch sein und ein großes und gutes +Herz haben. Oder vielleicht eine Blume; manche Blumen kennen die Engel.« + +»Kannst du etwa auch mit den Blumen reden, wie du mit mir reden kannst?« +fragte Hassan erstaunt. + +Der Elf nickte. »Wo ich Liebe finde, da kann ich mich verständigen«, +sagte er. »Wäre mehr Liebe in der Welt, so würden sich alle verstehen.« + +»Ach so,« meinte Hassan, »ja, das ist gut möglich.« + +Der Elf sann nach, und nach einer Weile sagte er langsam, mit einem +traurigen Ausdruck: + +»Warum haben die Menschen die Engel vergessen? Sie kommen in vielerlei +Gestalt zu ihnen und offenbaren ihre Gegenwart allen, deren Augen für +die Gaben der Liebe offen geblieben sind und deren Herzen sich Andacht +bewahrt haben und den freien Gleichtakt der Unschuld. Bald geht ein +Engel dahin in der Gestalt eines Kinderlächelns oder im Lied eines +Vogels, auch kommt er als ein jäher Sonnenblick in einen dunklen, öden +Raum, oder als Erinnerung an genossenes Glück. In solchen Augenblicken +sind die Engel willens, die Menschen zu führen, ihnen die Augen für das +Rechte und Schöne zu eröffnen und ihnen den Weg ihres Heils zu zeigen. +Kinder nehmen sie oft geradezu bei der Hand, so daß man es deutlich +sehen könnte, wenn die Augen nur ein wenig dafür noch tauglich wären. +Die Menschen nennen es einen glücklichen Zufall, wenn solch ein +geliebtes kleines Wesen wie durch ein Wunder bewahrt bleibt, aber es +sind immer die Engel in unsichtbarer Gestalt. Auch zu den Großen kommen +sie in Stunden schwerer Entscheidungen, tiefer Erniedrigung oder hoher +Beseligung. Sie können so deutlich reden, daß das Herz erschrickt, so +liebreich trösten, wie nur himmlische Sendboten es vermögen; oft +eröffnen sie Bedrückten durch einen Wink ihrer Hand einen Blick in eine +schöne Zukunft oder sie weisen ein Herz auf sein angestammtes Recht +zurück und erhellen seine Irrtümer, so daß ihm plötzlich der Gang der +Welt um vieles gerechter erscheint, als noch eben zuvor, denn wer an +Gerechtigkeit zu glauben vermag, wird nicht durch Mißgeschick in +dauernde Finsternis gestoßen. Die Erinnerung und die Hoffnung sind ihre +schimmernden Boten, im Gleichtakt zwischen ihren Mächten pocht jedes +irdische Herz. Wessen Hoffnung aber zu erlöschen droht, dem gestalten +sie, wie in einer stillen Abkehr der Seele, die Erinnerung um so +strahlender. Immer stiften sie Helligkeit, Zufriedenheit, und endlich +führen sie die Seelen in das Reich. Ach, arm ist eine Zeit, die den +Glauben an die Engel verloren hat.« + +»Ich glaube jetzt schon wieder daran,« sagte Hassan rasch, »was du +sagst, ist schön, und weshalb sollte das Schöne nicht eher wahr sein als +das Arge?« + +Der Elf sah Hassan liebevoll an: + +»Ich wünsche dir, daß dir alles gut ausgeht, was du heute beginnst«, +sagte er herzlich. »Ich fliege nun zu den Menschen, leb wohl.« + +»Du fliegst in der Tat zu den Menschen, Elf? Da sähe ich mich doch +lieber vor.« + +»Es zieht mich zu ihnen,« antwortete der Elf und breitete seine Flügel +aus, »ich kann nicht anders, aber ich werde am Abend wieder auf die +Wiese kommen.« Damit flog er davon. Hassan sah ihm nach, bis er wie ein +winziger Lichtschein zwischen den Baumstämmen verschwand. Er ist doch +ein Engel, ein kleinerer, dachte er und versuchte zu begreifen, was ihm +geschehen war und was er gehört hatte. + + + + + Siebentes Kapitel + + Hassans Kampf mit Ala + + +Am folgenden Tag sang dicht über dem fließenden Wasser des Bachs das +Rotkehlchen in einem Lindenzweig. Es saß in einem wundervollen +Blätterraum, so licht geborgen, wie Leute es kaum ahnen, die nicht schon +einmal in einem Baum gesessen haben. Alle Blätter, aus welche das +Rotkehlchen niederschauen konnte, waren vom schönsten saftigen Grün, +hatten kleine goldene Sonnenteller und zeichneten sich prächtig gegen +das blaue Wasser ab. Viel schöner aber waren die Blätter anzuschauen, +die über dem Kopf des kleinen Vogels wuchsen, denn die Sonne +durchleuchtete sie, so daß sie wie von hellem grünen Glas erschienen, +mit einem seligen Glanz aus Gold. + +Man kann sich auch für den Widerhall des Gesangs nichts Besseres denken, +als so ein offenes Blätterhaus, das Licht, Blumenduft und den warmen +Odem des Frühlingswindes einläßt, gedeckt ist und doch offen, allem +Hellen zugängig und doch versteckt, und gerade das, worüber so viele +Sänger klagen, war für das Rotkehlchen so prächtig erfüllt, daß sich +verstehen läßt, daß es fast den ganzen Morgen hindurch sang. + +Lieblich und klar, wie fallendes Wasser auf bunten Steinen, hallte es +durch den strahlenden Wald. Es schien, als leuchtete die Sonne heller +als zuvor, feierlich standen die großen Bäume auf ihrem dunklen +Erdengrund, und die Blumen neigten sich, in ihrem Glück so würdevoll, in +ihrer Schönheit so reich, daß die Welt vollkommen erschien. Und +unermüdlich sang der kleine Vogel: + + Die Weite des Bachs liegt blau in grün, + mein Herz möchte weiter, ach weiter! + Aber es weiß mein Herz nicht wohin, + immer bleibt alles fern blau in grün, + wo ich verweil', ist es heiter. + + Aber ich möchte der Traurigkeit, + tief, meines Herzens folgen. + Schön ist das Nah', aber herrlich das Weit'; + sagt mir, ihr Wellen, wann kommt die Zeit + über den himmlischen Wolken? + +Hassan, der Igel, saß unten im Farnkraut und hörte zu; er konnte sich +nicht entschließen, einen Ort zu verlassen, an dem ein Blumenelf weilte. +Dies war erstens etwas ungemein Seltenes, dann kam aber auch noch hinzu, +daß es hier ohnehin sehr schön war. Wenn man schließlich durch seinen +Appetit störte und dadurch unliebsames Aufsehen erregte, daß man zu +viele der Wiesenbewohner herunterschlang, so konnte man seine Nahrung +auch anderswo suchen, der Wald war groß und Hassan gut zu Fuß. Ich +könnte wahrhaftig diesem Elfen zulieb Pflanzenkost genießen, dachte er, +und den Versuch machen, mich von Gras zu ernähren, aber ich weiß im +voraus, daß ich es nicht aushalte. Nun, es wird sich schon finden, ich +jage anderswo und lebe hier. + +Über ihm in den Zweigen raschelte es, und als Hassan durch die grünen +Fächer des Farnkrautes sah, erblickte er ein Eichhörnchen, das sich von +Ast zu Ast bis auf den Boden, dicht bei seinem Versteck, niederschwang. +Hassan entschloß sich, hier um Rat zu fragen, obgleich er im allgemeinen +nicht viel für diese Tiere übrig hatte, sie waren ihm zu beweglich. Er +trat hervor, und das Eichhörnchen machte einen Satz, so lang, wie der +Bach breit war. + +»Himmel und Wolkenbruch, Sie dicker Popanz, wie können Sie einen so +erschrecken!« rief das Eichhörnchen atemlos. »Kommen Sie her und fühlen +Sie, wie mein Herz klopft, oder bleiben Sie lieber, wo Sie sind, Sie +Stachelschwein!« + +»Aber ich muß doch bitten,« sagte Hassan gekränkt, »ich bin weder das +eine noch das andere. Was das erste ist, weiß ich überhaupt nicht, aber +ein Stachelschwein bin ich erst recht nicht. Ich bin Hassan, der Igel.« + +»Das ist mir vollkommen gleichgültig«, lautete die ärgerliche Antwort. +Sonst war das Eichhörnchen in der Regel viel höflicher, aber es hatte +sich in der Tat auf das heftigste erschrocken, und dadurch verliert man +leicht den Sinn für liebenswürdiges Entgegenkommen. + +[Illustration] + +Hassan entschuldigte sich; aber nun meinte das Eichhorn erst recht, ihm +sei Unrecht geschehen. + +Es saß da, im Gras, daß es ein Entzücken war, Hassan fühlte sich +wirklich neben diesem zierlichen Tier wie ein schwerfälliger +Eindringling, er hätte es am liebsten in die Arme geschlossen, so +lieblich war der Anblick, das feine Köpfchen mit den spitzen Ohren, die +dunklen klugen Augen und der breite buschige Schwanz, der den eleganten +Körper in einem Bogen überragte und von einer leuchtenden rotbraunen +Farbe war, wie das Buchenlaub im Herbst. + +»Nehmen Sie es nicht übel,« sagte er noch einmal, »ich habe Sie nicht +erschrecken wollen -- aber wie Sie meinen.« + +Das Eichhorn merkte, daß es dem Igel gefiel, und wurde deshalb etwas +freundlicher. Nun darf man aber nach diesem Vorfall nicht etwa annehmen, +daß ein Igel ein dummes oder ungeschicktes Tier sei. Ganz im Gegenteil +ist er ein ungewöhnlich kluges Tier und in keiner Weise so tölpelhaft, +wie er auf den ersten Blick erscheinen kann. Natürlich, wenn man ein +Eichhörnchen ist, versteht man unter Geschicklichkeit etwas ganz anderes +als ein Igel. + +»Ich habe mich heute morgen ohnehin verschlafen«, sagte das Eichhorn und +musterte den Fremden. »Was wollen Sie denn hier?« + +»Ich möchte fragen, ob man gut tut, sich hier anzusiedeln.« + +Das Eichhorn schaute interessiert auf. »So, darauf will man hinaus! Nun, +ich heiße Li und habe darüber zu entscheiden.« + +Hassan schaute aus seinen Stacheln hervor und dachte nach. Er sagte sich +plötzlich, daß er eigentlich niemand zu fragen brauchte, wenn er bleiben +wollte, denn wenn Li das mächtigste Tier der Wiese war, so gab es +niemand, der ihn wegschaffen konnte, wenn er nicht geneigt war. Er +blinzelte listig und lachte vor sich hin. + +»Nun, ich denke, Sie erlauben es«, meinte er, rollte sich plötzlich +zusammen, so daß er wie eine große dunkelbraune Kugel aussah, und seine +Stacheln sträubten sich und klirrten leise. + +»O, pfui Teufel«, rief das Eichhorn und machte einen kleinen Satz. »Nun +sieh einer dies Stachelschwein!« + +Hassan schielte nur über die Spitze seiner schwarzen Nase aus seinem +gewölbten Stachelberg hervor, es sah ungemein originell aus, weil +niemand, der noch keinen Igel erblickt hatte, dort unten eine Nase +vermutet hätte. Aber so war ihm nicht beizukommen. Li ärgerte sich. + +»Können Sie etwa senkrecht an einem Baumstamm in die Höhe laufen?« +fragte es. + +»Nein«, sagte Hassan betroffen und wurde wieder etwas länglicher. + +Li lachte. »Das hab' ich mir gleich gedacht, Sie ...« + +»Dann versuchen Sie gefälligst einmal jemanden zu stechen, der Ihnen mit +der Hand über den Rücken fährt«, gab Hassan verdrießlich zurück, denn er +merkte nun, daß das Eichhorn ihn verspotten wollte. + +»Warum denn,« fragte Li, »weshalb soll ich denn jemanden ohne allen +Grund stechen? Wer tut denn das? Stachelschweine tun das!« + +»Ich bitte mir jetzt endlich Respekt aus!« rief Hassan. + +»Was sollte mich denn dazu veranlassen, Sie zu respektieren? Sie können +nicht klettern, stechen jeden, der Sie anfaßt und haben nicht einmal +einen Schwanz. Sehen Sie den meinen an!« + +Li drehte sich ein wenig im Gras und sah sich nach Hassan um, der nicht +ohne Erstaunen und Neid auf den prächtigen buschigen Schwanz des +Eichhörnchens schaute. Es war in der Tat eine Pracht. + +»Jeder hat eben etwas anderes«, sagte er verstimmt. + +»Ganz recht, mein Lieber, und ich habe etwas Besseres.« + +Mit diesem Tier war nicht auszukommen, Hassan sah es ein. Wenn das die +Folge seiner Ansiedlung sein sollte, daß er sich täglich über dies +eingebildete Geschöpf zu ärgern hätte, so stand für ihn fest, daß er +nicht blieb. Es fiel ihm auch gar nichts mehr ein, was er zu seinem +Vorteil hätte sagen können. Als er nachdachte, erklang hinter ihm ein +kaum hörbares Rascheln und gleich darauf ein scharfes Zischen. Das +Eichhorn flog herum, als ob es sich zu einem wilden Tanz anschickte, +versuchte einen Satz zu machen, um davonzukommen, blieb aber zitternd +und völlig willenlos an seinem Platz hocken, und ein schmerzliches und +unbeschreiblich angstvolles Wimmern brach aus seinem Mund. + +»Ala, die Kreuzotter«, stammelte das arme Tier. Seine Augen verdrehten +sich, es begann einen sonderbaren schaukelnden Verzweiflungstanz mit +dem Oberkörper, kam aber nicht vom Fleck, und jedes Tröpfchen Blut war +aus seinem frechen Gesichtchen gewichen. + +Es war in der Tat Ala, die Kreuzotter, die sich im Gras aufrichtete. Sie +hatte sich etwa um die Hälfte ihrer Länge emporgehoben, ihre hellen +Augen funkelten wie zwei Diamanten, und ihre langsamen, beinahe trägen +Bewegungen in der Sonne hatten etwas ungemein Grauenerregendes. Das +Furchtbarste aber war dies scharfe, eindringliche Zischen, das über die +gespaltene feine Zunge her aus dem bösen Rachen des platten Köpfchens +kam, und das das Blut aller Geschöpfe erstarren machte, wie die Stimme +des Todes. Wer weiß auch nicht, daß Alas Biß tötet, noch ehe ein +Hilfsmittel beschafft werden kann, ja, ehe man recht darüber zur +Besinnung kommt, was geschehen ist. + +Li, das Eichhorn, war in der Tat zu bedauern. Es war herzzerreißend +anzuschauen, wie es versuchte, davonzukommen, wie aber die Bewegungen +der Giftschlange und ihr Zischen es am Platz bannten und ihm alle +Vernunft und jeden Willen raubten. Es ist eine alte Wahrheit, daß die +Bewegungen der Schlange alle kleineren Tiere zu verzaubern scheinen. + +»O, hab' Erbarmen«, wimmerte es. Es dachte an die hohen, schaukelnden +Zweige seines Baums; wie wollte es seine freie Kunst im Klettern und +Springen gebrauchen, wenn es nur davonkönnte. + +Aber die Kreuzotter kennt kein Erbarmen. Es sah aus, als ob das +merkwürdig süße Maul des bösen Tiers heimlich lächelte, und die schöne +Zickzacklinie auf seinem Rücken, in ihrer schaurigen Todespracht, +glitzerte im Sonnenlicht und verdunkelte sich wieder im Schatten der +kleinen Kräuter und im Moos. Nichts war beängstigender, als daß man +nicht in der Lage war, diesen schleichenden, ziehenden Bewegungen im +Gras mit den Blicken zu folgen. + +»Töte mich doch, ach, töte mich gleich«, flehte das Eichhörnchen. + +Da fiel in seiner heißen Angst Lis Blick auf Hassan, den Igel, und ein +unbeschreibliches Erstaunen durchfuhr das Eichhorn in seiner Todesnot. +Es wußte wirklich nicht, ob es seinen Augen trauen sollte, aber es war +kein Zweifel, Hassan saß ganz still und vergnügt im Gras und lächelte zu +Ala hinüber. Aber das war ja unmöglich, kannte er denn die Kreuzotter +nicht? + +Li hatte sich vor Schreck und Entsetzen noch nicht gefaßt, als plötzlich +Hassan ein Stückchen vorlief, gerade vor die Schlange hin und so rasch, +wie es in seinem Leben nicht gedacht hätte, daß ein Igel laufen könnte. +»Hassan,« schrie es, »Sie sind verloren!« Der Igel war gerade auf die +Schlange zugelaufen und stand nun unmittelbar vor ihr. + +Zu Lis unbeschreiblichem Erstaunen ringelte sich die Schlange jählings +zusammen, so daß ihr Kopf nur noch oben aus dem bunten Ornament +hervorragte, das ihr gewundener Körper am Boden bildete. Sie öffnete +den Rachen weit, ihre Zunge schoß wie ein kleiner Blitzstrahl aus und +ein, und ihre Augen funkelten in unerhörtem Zorn. Dabei zischte sie so +laut und wild, daß man es weit über die Waldwiese hin vernahm, und alle +Kreaturen umher erschauerten, es wäre sicher selbst ein Löwe +davongesprungen, aber Hassan, der kleine Igel, hielt diesen giftigen +Drohungen so gelassen stand, als zirpte nur eine Grille im Gras. + +Sein Lächeln war verschwunden. Seine dunklen Augen blickten ernst und +kühn drein, seine Haltung hatte etwas ungemein Bewußtes, dazu war sie +kampfbereit und fast geschmeidig, ganz verändert sah Hassan aus, der +eben noch nachlässig und scheinbar schwerfällig im Gras gehockt hatte. + +»Hab' ich Sie endlich, Ala«, sagte er langsam und mit sonderbar tiefer +Stimme. »Hier haben Sie mich nicht vermutet, nicht wahr? Aber nun hilft +Ihnen Ihre List nichts mehr, die mich so oft getäuscht hat. Sie müssen +nun den Kampf aufnehmen, denn die erste Wendung zur Flucht, die Sie +machten, würde Ihr sicherer Tod sein!« + +Das helle wilde Zischen wiederholte sich, Ala dachte nicht an Flucht. +Sie machte plötzlich eine weiche, angstvolle Bewegung, als habe sie +allen Mut verloren, gegen Hassan zu kämpfen. Doch der Igel ließ sich +nicht täuschen, er kannte Alas Art. Und richtig, kaum daß sie den +Anschein erweckt hatte, als sei ihr nicht um Streit zu tun, fuhr sie +auch schon mit einer blitzschnellen Bewegung hoch durch die Luft zu, und +ihr weit geöffneter Rachen mit den furchtbaren Giftzähnen schnellte +jählings zwischen Hassans Augen auf die ungeschützte Stirn. + +Aber so rasch die Bewegung der Schlange gewesen war, Hassans +blitzschnelle Neigung des Kopfes war schneller, und das Maul der +Schlange fuhr mitten in die gesträubten Nackenstacheln ihres Gegners. + +Bei dem furchtbaren Anprall durchbohrten die Stacheln des Igels Lippen +und Kiefer der Schlange; mit einem hellen Zischen der Wut und des +Schmerzes fuhr sie zurück, rüstete sich aber sogleich zu einem neuen +Angriff, obschon ihr große, dunkle Blutstropfen am Mund niederrannen. +Hassan saß unbeweglich da. Er wußte, daß der Schlange keine Wahl blieb, +als den Kampf auf Tod und Leben fortzusetzen, und er wußte auch, wie +dieser Kampf ausgehen würde. Hätte Ala sich zur Flucht gewandt, so hätte +er sie leicht ereilt und ihr Genick mit den Zähnen erwischt, denn ein +Igel kann rascher laufen als eine Schlange. Die Kreuzotter wußte dies +alles nur zu gut, kochend vor Grimm spähte sie nach einer verletzbaren +Stelle am Körper des Gegners. + +Li hatte die erste Niederlage der Schlange benutzt, um mit einem +gewaltigen Satz den Stamm der Linde zu erreichen, und nun saß es auf +einem niedrigen Ast, trocknete sich den Angstschweiß von der Stirn und +suchte zu begreifen, was sich unter ihm zutrug. War denn das möglich, +daß Hassan, der plumpe Gesell, den Kampf mit der allmächtigen Ala +aufnahm, die den ganzen Wald mit Schrecken füllte? Bei all seiner +Beschämung klopfte das Herz des Eichhorns vor Begeisterung. »Ich werde +es gutmachen, daß ich ihn verspottet habe«, flüsterte es mit bleichen +Lippen. Es zitterte immer noch am ganzen Körper. + +Da sah es, wie Hassan vorsichtig das spitze Köpfchen ein wenig vorschob, +um seiner Gegnerin Gelegenheit zu einem neuen Angriff zu geben. Und +richtig machte die Schlange den gleichen Versuch wie das erstemal, und +wieder fuhr ihr geöffneter Rachen mitten in die Stacheln des Igels. +Diesmal war ihre Bewegung um vieles matter, als sie sich zurückzog; ihr +Blut rann in Strömen, und nun erschien es, als ob Schmerz und Grimm sie +in einen Taumel von Mordgier und Kampfeswut trieben. Unter Zischen und +Fauchen fuhr ihr verwundeter Kopf wieder und wieder zu, wie ein kleiner +wilder Hammer, blindlings und sinnlos. Hassan traf kein einziger Biß, +seine Stacheln färbten sich rot, seine Bewegungen und Wendungen waren +sicher, geschickt und rasch. + +Da plötzlich warf Ala, die Kreuzotter, den bösen schönen Kopf, der ganz +von Blut überströmt war, in einer müden ergebenen Senkung zurück auf den +geringelten Leib, sie rollte sich zu einem bunten, gezackten Knäuel +zusammen, als wollte sie sich in die Erde einwühlen, und man sah, daß +sie vor Schmerz und Todesangst nicht mehr wußte, was sie tat. + +Hassan fuhr zu, mit einem jähen Ruck, als habe er von unsichtbarer Hand +einen Stoß bekommen, und durchbiß das Genick seiner Gegnerin dicht +hinter dem Kopf. Da hörten die Windungen des zackigen Knäuels langsam +auf. Ala war tot. + +Es ging wie ein bebendes Aufatmen durch den Wald. Das boshafte Zischen +der Schlange hatte das ganze Volk der Wiese und alle Tiere weit umher +aufgescheucht, und was nicht entflohen war, hatte mit Zittern und Bangen +dem heißen Kampf zugeschaut. Nun verbreitete sich die Kunde rasch im +Revier. Aus dem Wipfel der Linde erhob sich mit Rauschen und schwerem +Flügelschlag ein Rabe und rief laut über die grüne Wildnis hin, die sich +unter seinen Flügeln wie ein wogendes Blättermeer ausbreitete: + +»Ala, die Kreuzotter, ist überwunden, Hassan hat sie getötet!« + +Was schreit er denn so, dachte der Igel und trabte gemächlich zum Bach +hinab. Weiß er denn nicht, daß das sein muß? Er tauchte das spitze, +schwarze Maul ins Wasser und trank in gierigen Zügen. Hinter ihm, auf +dem Kampfplatz, richteten die Blumen und Gräser sich langsam wieder auf, +und Li, das Eichhörnchen oben im Baum, schämte sich, obgleich es +unbeschreiblich erleichtert war. + +Da steckte Josa, die Ringelnatter, ihren mondfleckigen Schlangenkopf +aus den braunen dürren Schilfmassen, auf denen die Sonne brannte, und +sagte zu Hassan: + +»Haben Sie Dank, das war eine große Tat!« + +Hassan wandte sich nach ihr um. »Machen Sie, daß Sie weiterkommen,« +sagte er, »sonst geht es Ihnen ebenso.« + +Josas Kopf war so still und rasch wieder fort, als wäre er nie +dagewesen. Er ist eben ein Igel, dachte sie, ein grober Igel! Aber er +soll sich vorsehen, wenn erst ich einmal den Kampf aufnehme. + +Hassan aber sah sich weder nach ihr, noch nach den anderen Tieren der +Waldwiese um. Ein anständiger Kerl, der nicht mehr als seine Pflicht +getan hat, will nichts von Dank hören, am wenigsten, wenn die Leute erst +dann freundlich werden, wenn sie einen Vorteil durch ihn gehabt haben. +Dies ist so Art der Igel, da ist nichts zu ändern. Ich bin ein rechter +Tor, dachte er, daß ich vergessen habe, wer ich bin und was ich kann, +nur weil ein Eichhorn senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann und +ich nicht. Ich werde nicht mehr um Unterkunft bei Fremden bitten. Ich +bin ein Igel, nicht mehr und nicht weniger, das will ich sein. + + + + + Achtes Kapitel + + Die Winde + + +Wo am Waldrand am Stamm einer Föhre das dunkle Moos zwischen knorrigen +Wurzeln wuchs, rankte die Winde sich empor. Ihre jungen Ranken tasteten +sich an der braunen Borke hoch und waren von zartestem Hellgrün und so +empfindlich, wie die Glieder eines neugebornen Kindes, das seine Hände +liebebedürftig gegen das Angesicht der Mutter emporhebt. Ihre +durchscheinenden Blätter sahen gegen den braunen Föhrenstamm licht und +leicht aus, als wäre ein helles Ornament von der Hand eines Malers auf +dunklen Grund gezeichnet worden, aber ihre Sinne waren wach und +wohlbestellt, so daß sie ihren Weg zum Licht empor vertrauensvoll und +glücklich suchte. + +Ein großes Farnblatt und ein Trieb der wilden Rose, die dicht neben ihr +emporgewachsen waren, hatten ihr hilfreich zur Seite gestanden, als ihre +ersten Ranken, noch blind von der Erinnerung an die dunkle Erde, sich +Halt suchten. Tastend, bewegt vom Frühlingswind, und von der Sonne +geführt, war sie langsam höher geklommen, den Waldgefährten dankbar und +die erwachende Seele voll Hoffnung. Nun war ihre Stunde gekommen, und am +Abend vor ihrem Erblühen flüsterte sie im Wind der Dämmerung den +Pflanzen zu: + +»Morgen werde ich meine Augen öffnen, morgen zieht der Himmel in meine +Seele ein.« + +Ihre hellblaue Knospe, die kaum noch vom grünen Kelch geborgen war, +zitterte im Lufthauch und empfand die kühle Nacht, die auf den Wald, +ihre Heimat, niedersank, aber das Licht und die Wärme des vergangenen +Tages fluteten durch ihren Traum, und noch als sie schon schlief unter +dem Tau, war ihr, als wachte ihr Herz. + +Sie träumte vom unsichtbaren Wind, von den Stimmen der Bäume und dem +Summen der Insekten, dessen ferne Lebensmelodie sie mit +unbeschreiblichen Ahnungen von künftiger Seligkeit durchschauert hatten. +Sie vernahm in der tiefen Erinnerung ihres Schlafs wieder die frohen +Rufe um sich her, die sie auf ihrer Lebenswanderschaft von den schon +Erwachten im Licht vernommen hatte. Wie wird mir sein, wenn ich erblühe, +dachte sie, wenn meine Blume den Himmel empfängt. »Den Himmel!« +flüsterte sie im Traum. Was hatten ihre Sinne nicht von den Beglückten +um sich her vernommen und erlauscht, wie ein einziger goldener Jubel +empfing sie die Ahnung dessen, das ihr am Morgen geschehen sollte. »Dies +sind die Vögel in den Zweigen«, hatten die wilden Rosen ihr gesagt, »ihr +Lied fällt aus den Strahlen der Morgensonne, so kühl wie Tau, liebreich +wie der Wind und holdselig wie der Sinn der Freude. Sie werden am +strahlenden Tag deines Erwachens singen, ihre Lieder, die Farben der +Welt, die lebendige Glut der himmlischen Sonne, und die Seligkeit aller +Atmenden werden wie ein einziger Rausch unfaßbaren Entzückens auf dich +einsinken, wenn du erblühst. Du selbst wirst schön sein unter den +Schönen, du wirst beseligen wie du beseligt bist, und alle, die dich +erblicken, werden dich segnen, wie du ihnen dankst. Keine Sorgen sollen +deinen Wohlstand stören, alles, dessen du bedarfst, wird zur Stunde zu +dir kommen, deine Freude soll vollkommen sein. Wenn dein Kelch sich am +Abend nach vollbrachtem Tag neigt, wirst du in gnädigem Dunkel mit den +Schlafenden ruhen, müde vor Glück, und ein neuer Tag wird dir kommen.« + +Die Knospe erwachte schon früh vor Tag aus ihrem Traum, und erzitternd +im Morgengrau fürchtete sie sich vor der Allmacht dessen, was ihr +geschehen sollte. Es war unfaßlich still in der kaum vom Licht berührten +Welt, nichts regte sich, alle Vögel schliefen noch, und der Tau war noch +nicht gefallen. Sie empfand, daß der Himmel langsam, langsam heller +wurde. Die Zweige des Baums über ihr zeichneten sich dunkel gegen die +totenstille Höhe ab, und man erkannte noch keine Farben, nicht grün, +nicht braun, alles war wie in silbergraue Schleier gehüllt. + +»Heute, heute werde ich aufbrechen,« dachte die kleine Knospe, »goldener +Tag, komm bald!« + +[Illustration] + +Da erscholl über ihr ein zaghaftes, klares Trillern und verstummte. Aus +der Waldferne antwortete ein silberner Schlag. Sie erzitterte unter +einem Tropfen, der sich auf ihrem geneigten Blumenkelch bildete, der +noch geschlossen war, und nun nahm ein kaum spürbarer Wind sich ihrer +an, lindernd, tröstend und von erlösender Lebensliebe. + +»Ich will tun, was ich muß,« flüsterte sie erbebend, »laß mich geduldig +für mein Glück sein, du unbekannte Liebe, die mein Geschick leitet.« +Aber sie erzitterte fort und fort, ihre Ruhe versank in einem heimlichen +Glühen und Pochen, das aus dem Pulsschlag der gärenden Erde, aus allen +Trieben ihres zarten Leibes und aus dem Wesen des waltenden Windes +drang. + +Es wurde nun bald heller und immer heller, die frohe Regsamkeit der +Morgenerwartung bewegte die erwachende Welt, und in das Raunen der +Blätter klangen die Stimmen der Tiere, die den heraufziehenden Tag +begrüßten. Bis um die Windenknospe her plötzlich der gewaltige Jubel der +Natur ausbrach. »Die Sonne! Die Sonne!« + +»Ich werde heute meine Seele öffnen und die Sonne sehen«, flüsterte die +Winde, und geheimnisvoll regte sich in den farbigen Blättern ihrer Blüte +das Wesen der Sonnenstrahlen. Es war eine Liebkosung, ein Locken, ein +lautloses Rufen, und ihr war zumute, wie wohl einem Schlafenden sein +mag, auf dessen Angesicht erwartungsvoll die Augen eines geliebten +Menschen ruhen, der in heißer Sehnsucht auf den Augenblick seines +Erwachens harrt, um ihn mit seiner ganzen Liebe zu überschütten. + +Da entfaltete sich die blaue zarte Blüte, ganz langsam, im Sonnenschein, +wie in einer taumelnden Ohnmacht der entzückten Sinne, und der +schimmernde Kelch öffnete sich mehr und mehr, ein bebender Blumenbecher +von unbeschreiblicher Reinheit, der sich auftat, um das fließende +Himmelsgold der Sonne zu trinken. + +»Ist das die Sonne?« schluchzte die Blume, haltlos vor Glück, »ich kann +nicht hineinschauen, aber ich muß! O Schwestern im Licht bei mir, ergeht +es allen Irdischen so wie uns?« + +Aus ihrem schimmernden Farbenlicht, aus ihrem Duft und ihrem Neigen im +Wind brach ihre Stimme, allen vernehmbar, die ihrer Art waren und die +die Geborenen der dunklen Erde im Sonnenschein lieben müssen. Über ihr +sang ein Waldvogel sein Morgenlied im Glitzern des Taus auf den +Blättern, die erwachte Blume verstand seinen Ruf und sein Locken: + +»Sprich mit mir, sprich dein Herz, sprich deine Freude.« + +Der Frische des funkelnden Morgens folgte der warme, farbige Tag mit +seinem Treiben um sie her, aber die Blume sah nur die Sonne an. Bis bald +auch in ihrer Nähe die geheimnisvollen Stimmen der Käfer und Bienen +laut wurden. Die Sonnenwärme nahm immer mehr zu, ein Schwingen wie von +himmlischem Erbrausen hüllte sie mehr und mehr ein, sie tat ihren Kelch +weiter auf und immer weiter, ihr war, als verginge sie in diesem +glühenden Glänzen, und ihre Hingabe war so inbrünstig, als verblutete +sie vor Verlangen. + +Nun zog mit lautlosem Schaukeln, fröhlich von seinem reinen Flügelkleid +getragen, ein Schmetterling an ihr vorüber, mitten zwischen ihrem +aufgetanen Kelch und der goldenen Sonne hindurch. Da rief die Blume, ihr +Farbenglanz trug ihre Stimme, und ihr Duft begleitete ihn: + +»Tu mir Liebe an und komm!« + +Der Schmetterling ließ sich mitten in dem blauen Rund ihrer Blüte +nieder, o Wunder, daß er sie verstand. Tausend Bächlein von Sonnenwärme +und zitternder Himmelsluft rieselten mit seiner Berührung an ihr nieder, +sie neigte sich tief unter der hellen, lebendigen Last und hob sie +wieder mit sich empor. + +»Bleib noch,« bat sie, »du himmlischer Sendbote, du Freund meines +Lebens.« Aber der Falter mußte weiter, und nun vernahm die Blume +plötzlich das Bitten, Rufen und Locken um sich her, von dem die ganze +Wiese in Farben und Düften erklang. Je mehr Insekten nun zu ihr kamen, +um so besser verstand sie ihre Schwestern umher und in der Ferne, sie +begriff, daß sie ihr Lebensgrüße sandten und gab sie freien Sinnes +zurück, immer die strahlende Blüte gegen die Sonne geöffnet, als sei +keine Schuld und kein Fehl möglich, wenn sie sich ganz dem Licht +anvertraute. + +So ging ihr erster Tag im Blühen dahin, sie durchlebte ihn wie alle +Glücklichen, ohne Bedenken und Rückhalt, ohne den Gedanken an sein Ende, +in ihrer schönen Pracht. Als die Sonne, mit der ihr Angesicht gewandert +war, hinter den Baumkronen im Grünen niedersank, begann sie sich langsam +zu schließen, aber solange noch ein Strahlenabglanz des Lichts auf der +Erde widerschimmerte, wachte sie und ließ ihn zu sich ein. Als aber der +Abendwind von den Saaten zu ihr kam, fand er sie stumm und verschlossen +im Dunkeln, als habe ihre Seele sich nie geöffnet. Aber sie konnte auch +im Schlaf die Sonne nicht vergessen, die ihr ganzes Wesen durch und +durch erhellt hatte. Keine Finsternis kann mich mehr vom Licht trennen, +träumte sie, ich habe es mit meinem ganzen Wesen eingesogen, ich habe +das Glück der anderen und ihre Seligkeit erfahren an mir, nichts wird +meine Seele mehr vom ewig schönen Leben scheiden. + + + + + Neuntes Kapitel + + Die Lerche + + +Eine Lerche verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr früh, aber +Onna, die Bachstelze, war schon auf und sah die Lerche fallen. + +»Wie ist es?« sagte sie zu ihr, »wollen Sie hier bleiben, ich meine, +wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer Wiese +niederlassen, oder wie ist es?« + +»Guten Morgen«, sagte die Lerche. + +Onna erwiderte den Gruß und nickte auf ihre wirklich entzückende Art, +wie nur Bachstelzen es können. Ihre Bewegungen waren viel anmutiger als +ihre Worte. Dann meinte sie, um nichts freundlicher: + +»Es ist hier wenig Aussicht zu gedeihlicher Ansiedelung, man findet wohl +was man braucht, aber nicht viel mehr. Im trockenen Schilf wohnt Josa, +die Ringelnatter, von der Eule in der Linde schweige ich, Sonne kommt +auch nicht eben viel her; also nun sagen Sie, was Sie wollen.« + +»Ich will wieder fort«, sagte die Lerche. »Entschuldigen Sie, daß ich +gestört habe, aber ich war sehr hoch am Himmel, und das Licht der Sonne +hat meine Augen geblendet. Ich war so entzückt vom Glanz und der Kühle, +daß ich nicht mehr recht wußte, wo ich mich niederließ, es war wie ein +heller, seliger Taumel, wissen Sie.« + +»Taumel ...?« wiederholte die Bachstelze und wippte, »und was reden Sie +da nur sonst noch, die Sonne ist ja noch gar nicht aufgegangen?« + +»Doch,« sagte die Lerche, »hoch oben schien sie schon.« + +»Aber Liebe! Wozu diese Übertreibung? Wir sind hier unten einfache und +ehrliche Leute und haben nicht viel für Fremde übrig, die aufschneiden. +Schauen Sie doch hinauf in den Wipfel unserer Linde, Sie werden sich +rasch davon überzeugt haben, daß die Sonne noch nicht aufgegangen ist. +Schön sind Sie übrigens auch nicht gerade.« + +»Nein,« sagte die Lerche, »ich bin nicht schön.« + +»Nun, wenigstens darin sind Sie ehrlich, aber das mit der Sonne hat mir +nicht gefallen. Ich habe einmal ein Falkenpaar belauscht, das in der +Linde Rast hielt, und da hörte ich, daß die Falken höher fliegen, als +die Kugel des Jägers reicht, ja, daß sie sich so hoch emporschwingen +können, daß sie, die doch große Vögel sind, wie kleine Punkte am Himmel +erscheinen.« + +Die Lerche nickte. »O ja,« sagte sie nachdenklich, »die Falken fliegen +sehr hoch.« + +»Ja, nun, und -- --? Wollen Sie etwa sagen, daß Sie höher fliegen können +als die Falken?« + +Die Lerche schwieg, aber die Bachstelze gab sich nicht zufrieden, denn +man mußte nach ihrer Meinung sehen, daß man überall Recht behielt, wo es +sich irgend einrichten ließ. + +»Wie ist es denn mit dem Singen, meine Gute?« sagte sie, »haben Sie es +jemals zu einer rechten Melodie gebracht?« + +Die Lerche schüttelte den Kopf. »Ich muß immer jubeln«, sagte sie. + +»Jubeln? Nun ja ... Haben Sie mal unser Rotkehlchen singen hören?« + +»Doch,« antwortete die Lerche, »es hat mich sehr glücklich gemacht.« + +»Nicht wahr? Sehen Sie, so was finden Sie bei uns auf der Waldwiese. Und +nun wollen Sie sich also hier ansiedeln?« + +»Nein, ich fliege in die Saat zurück, aber vielleicht erlauben Sie, daß +ich etwas Tau nehme?« + +»Gut,« sagte Onna, »nehmen Sie also.« Und sie schaute zu, wie die Lerche +trank, und es bereitete ihr Freude, sich so gut und gastfreundlich gegen +einen fremden Vogel zu benehmen, der weder ehrlich zu sein schien, noch +schön war, noch etwas Rechtes im Singen zuwege brachte. + +Als die Lerche sich anschickte, davonzufliegen, kam durch die Blumen der +Elf. Sein lichter Schein begleitete ihn; wo er dahinschritt, blinkte der +Tau der Gräser in der Morgenkühle auf, und die erwachenden Blumen +grüßten ihn mit feinem Läuten und frischem Duft. + +»Ach,« rief die Lerche entzückt und voll höchsten Erstaunens, »haben +Sie hier einen Blumenelfen?« + +»Das will ich meinen«, sagte die Bachstelze und trat etwas zurück, damit +die Fremde den Elfen besser sehen konnte. + +Aber da gewahrte auch der Elf die Lerche im Gras, und plötzlich breitete +er seine Arme aus, und mit erhobenen Flügeln eilte er auf sie zu: + +»O du! o du!« rief er, und sein Gesicht leuchtete vor Glück. »Ist es +denn wahr, eine Lerche ist zu uns gekommen? O sei gesegnet, du +Himmlische im Blauen, du liebliche Verkünderin der Morgenfreude, o du, +die Sorgen und alle Traurigkeit der Nacht aus der strahlenden Höhe her +verscheucht, wie glücklich bin ich, daß ich dich sehe.« + +Und er legte seine schimmernden Arme um den Hals des Vogels und barg +sein goldhaariges Haupt an der Brust der Lerche. Dabei brach er in ein +so leidenschaftliches Schluchzen der Freude aus, als sei ihm das größte +Glück widerfahren, das nur immer einem Elfen auf der Erde begegnen kann. + +»Ja, Herrgott,« sagte die Bachstelze leise und kraute sich betroffen im +Nacken, »das muß mir passieren, also gerade mir ...« Aber sie sollte +noch ganz andere Dinge erfahren. + +»Ich liebe dich, du schöner Vogel«, sagte der Elf zur Lerche, und sein +Lächeln, das durch die Tränen brach, war voll heißen Danks. »Du bist es +gewesen, die mich getröstet hat, als ich im Morgenrot den Weg in meine +Heimat nicht fand, durch dein Lied ist der Glaube in mein Herz +zurückgekehrt, daß ich ihn einst wiederfinden würde. Ich sah den +Menschen, der sein Tagewerk auf dem Acker begann, wie er seine Augen +gläubig zu dir emporhob, dein Jubel segnete seine Arbeit und begleitete +sein Gebet in die Regionen der Herrlichkeit Gottes empor. So fällt dein +Gesang mit dem Tau durch die Frische zu uns Irdischen nieder, von deiner +Freude klingt die Morgenluft, die das Gemüt von den Schatten der Nacht +erlöst. Ich segne dich, du Verkündigerin des Lichts, ich danke dir aus +Herzensgrund.« + +»Aber bitte,« sagte die Lerche, beschämt vom Glück des Elfen, »Sie sind +wirklich sehr freundlich zu mir. Ich tue ja nur, was ich muß, ich kann +nicht anders.« + +»Ich weiß es,« antwortete der Elf, »aber mein Herz muß lieben, alles was +berufen ist, die Schönheit der Welt in ihrem Sinn zu offenbaren, ich +lobe den Schöpfer, wenn ich dich lobe, du kleiner Vogel.« + +Jetzt war Onna, die Bachstelze, doch gerührt; sie trat ein wenig vor und +meinte: + +»Man hätte das gar nicht gedacht, daß die Lerche so viel bedeutet, +wenigstens ich nicht. Wie sie da so saß, im Gras ... unerfahrene Leute +hätten sie für einen Spatzen gehalten. Aber, es ist ja wahr, sie jubelt +morgens.« + +Der Elf lächelte auf so holdselige Art, wie nur er lächeln konnte, und +Onna sagte sich darauf innerlich: Mein Irrtum kann so schlimm nicht +gewesen sein, sonst würde der Elf nicht lächeln. Da sagte er zu ihr: + +»Eine Lerche kann sich im Gras nicht bewähren, so wenig wie ein Falke im +Käfig, oder wie eine Blume im Schatten. Wenn du die Wesen der Schöpfung, +wie auch den Menschen, erkennen willst, so mußt du sie in ihrer Freiheit +aufsuchen. Die Lerche fliegt höher als alle anderen Vögel, nur die Adler +schwingen sich soweit empor wie sie, und nur im Fliegen vermag sie zu +singen. So ist sie uns von Gott zur frohen Botschaft der Hoffnung +gesetzt, die, früher als die Sonne, die Seligkeit am neuen Tag +verkündet.« + +»Alle Achtung,« meinte Onna, »ich brächte das nicht fertig, aber ich +habe es nicht schlimm gemeint vorhin. Wer glaubt aber auch ohne +weiteres, daß ein so kleiner Vogel höher fliegen kann als die Falken? +Sie soll sich denn also ruhig hier ansiedeln, die Lerche.« + +»Das tut sie nicht, sie wohnt im Korn«, meinte der Elf, und die Lerche +nickte und breitete ihre Flügel aus. Aber sie konnte sich noch nicht vom +Elfen trennen, immer mußte sie ihn ansehen, als würde alles in der Welt +reich und gut durch seine Nähe. + +»Wenn du einst heimfliegst, will ich singen«, sagte sie endlich, und sie +nahmen voneinander Abschied; auch Onna wippte höflich und winkte der +Lerche nach, die mit einem hellen Triller der aufgegangenen Sonne +entgegenflog. + +Da der Elf den Bach hinaufschritt, um Assap, den Frosch zu besuchen, der +schwer mit dem Leben zu kämpfen hatte, blieb Onna zurück, um +nachzudenken. So rasch wird man innerlich nicht mit einem Ereignis +fertig, das das Herz bewegt hat, man beschäftigt sich am besten noch +eine Weile damit, dann wird das Gemüt ruhiger. + +Aber als die Bachstelze gefrühstückt und ihr Bad im Bach genommen hatte, +vergaß sie darüber nachzudenken, auch trug sie kein Verlangen mehr nach +anderen Dingen, als im Glanz der warmen Sonne am Wasser zu sitzen und +überall umher zuzuschauen, wie schön das Leben war. + + + + + Zehntes Kapitel + + Assap und Jen + + +Da nun von Assap, dem Frosch, die Rede gewesen ist, den der Elf +besuchte, will ich seine und die Geschichte seines Bruders erzählen, es +ist immer gut, man weiß etwas Näheres über die Leute, mit denen man in +Berührung kommt. + +Assap war durchaus nicht etwa auf der Waldwiese geboren, sondern viel +weiter abwärts im Bach, dicht vor seiner Einmündung in den Eulensee, der +ganz zwischen uralten Weiden lag und seinen Namen von den Eulen bekommen +hatte, die ringsumher in den hohlen Weidenstämmen hausten. So hatte er +und sein Bruder Jen schon in frühesten Tagen zur Nacht den Eulenruf +gehört, und da sich nach Meinung der Frösche nun einmal Unheil damit +verbindet, so hatte er nie so recht an eine aussichtsreiche Zukunft +geglaubt. Sie waren damals noch sehr jung, hatten gerade ihre Beinchen +bekommen, besaßen aber noch ihre Schwimmschwänze, mit denen die jungen +Frösche sich anfänglich im Wasser fortbewegen. Das war ein Zustand, der +ihnen nicht besonders behagte, sie wußten nicht recht, ob sie sich noch +zu den Kaulquappen rechnen mußten, oder ob sie schon zu den Fröschen +gehörten. Immerhin, der Morgen war strahlend schön, und sie hockten +vergnügt am Rand eines Huflattichblatts im sanft fließenden Wasser und +betrachteten den Morgenhimmel, der langsam blau wurde. Jen summte leise +seinen Frühgesang vor sich hin, leider dachte er sich nicht viel dabei, +was er eigentlich hätte tun müssen. + + Gott, der du im Himmel bist, + über allem Leben, + sorge, daß hier Wasser ist + und auch Land daneben. + + Segne unsrer Schenkel Schwung, + sende große Fliegen, + nämlich ohne einen Sprung + kann man sie nicht kriegen. + +Assap nickte behaglich vor sich hin und dachte an die Zeit, in der der +Fliegenfang für sie beginnen sollte. O, es mußte eine große Zeit sein! +Da schrie plötzlich sein Bruder Jen entsetzt auf und starrte, halb +umgewandt, mit einem Ausdruck von großer Bestürzung ins Wasser. + +»Mein Schwanz!« rief er, »er ist ab und schwimmt fort!« + +Assap sah ins Wasser. In der Tat, es ließ sich nicht in Abrede stellen, +dort trieb der Schwanz seines Bruders in den Strudeln, drehte sich um +sich selbst und entfernte sich langsam immer weiter. + +»Das geht auf keinen Fall«, rief Jen außer sich. »Ich muß ihn +wiederhaben, er gehört mir!« Und er machte Miene, sich ins Wasser zu +stürzen, um seinem Besitztum nachzuschwimmen; aber Assap, der überhaupt +der Besonnenere von den beiden war, hielt ihn zurück und sagte rasch: + +»Denk an die Hechte im Eulensee! Wenn der Bach dich in den See treibt, +kannst du sehen, wie du das Ufer ungefressen wieder erreichst. Was +willst du denn mit deinem Schwanz tun, wenn du ihn zurückhast?« + +Dem kleinen Jen kamen Tränen in die Augen, es war, als würde er sich +dessen für einen Augenblick bewußt, daß dort draußen im Bach seine +Kindheit schwamm, die nie mehr zurückkehren sollte. Aber er fühlte sich +doch recht getröstet, als sein Bruder mit einem bewundernden Blick +sagte: + +»Du siehst aus wie ein richtiger Frosch.« + +Der kleine Jen sah durch seine Tränen in die Flut nieder und versuchte +sich im Wasserspiegel an der Stelle zu erkennen, wo sein Schwanz nicht +mehr war. In der Tat, er sah ungemein erwachsen aus, abgerundet und +fertig. + +»Herrlich«, sagte er, ganz still vor Entzücken. »Hättest du das +geglaubt, Assap?« + +»Nun ja,« meinte der Bruder, deutlich ein wenig von Neid geplagt, »etwas +Ähnliches mußte wohl eines Tages geschehen, der alte Burr sagte etwas +derart, als er einmal von den Mondkonzerten zurückkam. Alle Kaulquappen +verlieren ihren Schwanz eines Tages, um Frösche zu werden.« Er sah vor +sich nieder und dachte nach. + +Ach, es ist schade, daß ich hier nicht vom alten Burr erzählen kann, es +würde zu weit führen, aber er ist einer der erfahrensten Frösche des +ganzen Bachs, ja man kann sogar ruhig auch des Sees sagen; leider ist er +in seinen Gewohnheiten etwas heruntergekommen, aber ungemein witzig und +gescheit. Vielleicht, daß ich in einem anderen Buch sein Leben erzählen +kann, es ist außerordentlich abwechslungsreich, und er gehört zu den +ganz seltenen Fröschen, die einmal in der Gewalt des Storches gewesen +und wieder entronnen sind. Es kam, weil der Storch lachen mußte, man +weiß nicht worüber -- jedenfalls glaubt Burr noch heute, daß jener es +nicht gewagt hätte, einen Mann von seiner Erfahrung als Nahrungsmittel +zu verwenden. Von ihm stammt auch das Volkslied, das noch viel im +Traulenbach und im Eulenteich von den Fröschen gesungen wird: + + Ach, wie mir das Herz zergeht + unter großem Weh, + wenn der Mond am Himmel steht + und zugleich im See. + + Meine Seele ahnt es dann, + tiefbewegt und still, + daß der Frosch nicht fliegen kann, + auch nicht, wenn er will. + +Auch Assap und Jen kannten dieses Lied bereits, wenn sie auch bisher +noch keine Erlaubnis gehabt hatten, es öffentlich mitsingen zu dürfen. +Aber in diesem Augenblick dachten sie an alles andere eher, besonders +Assap wurde immer nachdenklicher, je mehr er sich mit seinem Bruder +verglich, der nun ein fertiger Frosch geworden war. Und so plötzlich! +Niemand hatte vorher irgend etwas Bestimmtes vermutet. + +»Faß an, Jen, Bruder!« rief er plötzlich, »wir reißen ihn aus!« + +»Wen denn?« fragte Jen etwas erschrocken. + +»Meinen Schwanz, Bruder. Es ist unmöglich, daß er noch besonders fest +sitzt, wenn der deine sich ohne besondere Mühe, ja geradezu von selbst +entfernt hat, bedenke, wir sind am selben Tag geboren!« + +Jen sah es ein. »Wir wollen es versuchen«, sagte er etwas unsicher. +Eigentlich wünschte er sich heimlich, es möchte nicht gelingen, denn er +wäre gar zu gern eine Weile allein schon ein fertiger Frosch gewesen und +hätte seinem Bruder davon erzählt, wie es ist, schon erwachsen zu sein. + +Sie mußten einen Augenblick warten, denn es kam eine große Latte den +Bach heruntergeschwommen, auf der zwei kleine Waldschnecken saßen, grau +und klebrig, wie solche Tiere von Haus aus nun einmal sind, eine blaue +Fliege und ein Ohrwurm. Der Ohrwurm war sehr aufgeregt, er lief hin und +her und rief irgend etwas, indem er den Arm schwenkte. Die Frösche +verstanden nicht alles, es scholl etwa herüber zu ihnen von »verlassener +Heimat«, »Wanderfahrt« und »großem Strom«. Endlich hörten sie noch: +»Mein selbstgewolltes Erdenschicksal!« + +So fuhr er auf dem großen Holzfloß dahin in der Sonne, und das +Uferschilf warf rasche Schatten, als ob man an einem Gitter +vorüberführe. + +Assap schüttelte den Kopf und sah dem Fremden nach: + +»Was will er denn?« meinte er, »er scheint ganz von Gott verlassen.« + +»Vielleicht treibt das Holz eines Tages ans Ufer, er steigt aus und +gründet eine neue Heimat«, meinte Jen nachdenklich; »so was soll +vorkommen.« + +Assap nickte. »Jetzt zieh, was du kannst«, sagte er gefaßt, und Jen tat +es mit brüderlicher Hingabe, bis der Schwanz glücklich riß und jeder von +ihnen nach einer anderen Seite ins Wasser stürzte. Assap tauchte als +erster und nun auch als fertiger Frosch aus den Fluten empor, und die +Brüder umarmten einander und beschlossen, ihr Leben lang in Treue +zusammenzuhalten. Es ist gewöhnlich so, daß man in einer glücklichen +Stunde des Erfolgs gern gute Vorsätze für die Zukunft faßt, und das ist +auch durchaus so am Platz. + +Leider wurde den beiden jungen Fröschen keine Gelegenheit zur Ausführung +ihrer gemeinsamen Lebensfahrt gegeben, denn der kleine Jen geriet +unvermutet in die Gefangenschaft eines Knaben. Er tat alles, was ein +vernünftiger Frosch zu tun pflegt, wenn sich ein Storch, ein Mensch oder +sonst ein gefährliches Wesen dem Bach nähert: er sprang ins Wasser, +tauchte unter und wühlte nach Möglichkeit den Boden des Bachs auf, damit +er in der getrübten Flut nicht mehr gefunden werden konnte. Aber diesmal +nützte es ihm nichts, denn der Knabe hatte ein Netz bei sich, das an +einer Stange befestigt war und vermutlich in der Regel dem Fang von +Schmetterlingen diente. Jen wurde emporgezogen, und als das Wasser im +Netz sich verlaufen hatte, zappelte er zwischen einigen Schilfhalmen auf +dem Grund und war fassungslos, weil er in keiner Weise an die +Möglichkeit einer solchen Einrichtung gedacht hatte. + +Der Knabe sah erwartungsvoll in das Netz, und Jen entsetzte sich über +die Maßen über die großen blauen Augen des Menschen, die unter gelben +Haaren, die im Sonnenschein funkelten, auf ihn niedersahen. Er hörte +eine fürchterlich laute Stimme dicht über sich und sah durch die Maschen +des Netzes einen zweiten Menschen über die Wiese kommen, der sich nun +auch über das Netz beugte, ebensolche Augen hatte, aber bei weitem +längeres Haar und eine feinere Stimme. + +[Illustration] + +Es wurde mancherlei über ihn gesprochen, die Laute kamen aus den roten +Mündern hervor, und man sah weiße Zähne dahinter blitzen. Jen dachte, +während er verzweifelt an der Wand des Netzes emporzukommen suchte, es +müßte doch hundertmal besser sein, in die Gewalt des Storches zu +geraten, als dem Menschen in die Hände zu fallen. Was er rief und bat, +wurde nicht verstanden, soviel ließ sich bald erkennen. Auch er verstand +die Laute nicht, in denen die beiden Menschen sich unterhielten. + +»Ach Gott,« sagte der Knabe zu dem kleinen Mädchen, das mit ihm auf die +Sommerwiesen gelaufen war, »es ist wieder nur ein ganz gewöhnlicher +brauner, ich hätte so gern einmal einen echten grünen Laubfrosch +gefangen.« + +»Ja,« antwortete das kleine, blonde Mädchen, »es ist nur ein brauner, +aber er ist hübsch klein und nicht so garstig wie die großen.« + +Der Knabe schien zu überlegen. »Ich will ihn jedenfalls mitnehmen,« +entschloß er sich, fuhr mit der Hand in das Netz und ergriff Jen, +»vielleicht versteht er doch etwas vom Wetter, oder ich kann es ihm +beibringen.« + +Er hatte Jens Bein erwischt, zog ihn daran empor und hielt ihn gegen den +Himmel. Das Mädchen öffnete eine ovale, grüne Büchse, die ihr Bruder, +über die Schulter gehängt, bei sich trug. Jen verschwand in der Öffnung +wie im Rachen eines grünen Ungeheuers und hörte noch einen +ohrenbetäubenden Knall, der wie ein Donnerschlag dröhnte, denn die +Büchse mußte rasch wieder zugeschlagen werden, weil noch eine ganze +Reihe andere Gefangene darin untergebracht worden war. Dann wurde es +dunkel. + +Bald merkte er, daß er sich in einem Gefängnis befand, aber zu seinem +Entsetzen wurde er gleich darauf gewahr, daß er nicht allein war. Es +brummte, surrte und krabbelte rings um ihn her, in einem ganz +unbeschreiblichen Durcheinander von Beinen, Flügeln und feuchten und +trockenen Leibern. Dabei herrschte ein unerträglich scharfer Geruch von +allerhand Kräutern und Blumen, mit denen die Büchse fast bis an den Rand +gefüllt war. Das Entsetzen des kleinen Jen war um so nachhaltiger, als +beim besten Willen nicht das geringste deutlich zu erkennen war, und +wenn man schon einmal von Angst gequält wird, so wird sie durch die +Ungewißheit, die die Dunkelheit herbeiführt, meist noch um vieles +größer. + +Er hörte Klagerufe und tiefes Seufzen und so inniges Bitten um +Befreiung, oder wenigstens um etwas Licht, daß ihm Tränen in die Augen +kamen, und er empfand, daß um ihn her ein großes Sterben war, wie auf +einem Schlachtfeld. Er kannte die Stimmen der Blumen und Pflanzen nicht, +aber so viel ließ sich ihrem Seufzen leicht entnehmen, daß sie in großem +Elend waren. Dabei stieß und schaukelte die Büchse erbarmungslos, und +man war beim besten Willen nicht in der Lage, eine bestimmte Stellung +einzunehmen, immer wieder befand man sich plötzlich anderswo. + +Einmal kam Jen neben eine Blindschleiche zu liegen in der äußersten Ecke +des Gefängnisses. Der Knabe hatte die Büchse abgehängt und ins Gras +gelegt, so daß es einen Augenblick still geworden war. + +»Mein Gott,« sagte die Schlange zu Jen, »ist Ihnen so etwas schon einmal +passiert?« + +»Wie kommen Sie darauf?« fragte Jen, »dies ist ja einfach unfaßlich. Wo +sind wir denn, und was soll das alles?« + +»Der liebe Himmel weiß es«, seufzte die Schlange und wickelte sich auf. +»Aber ich werde schon sehen, daß ich entwische. Über eine solche +Behandlung läßt sich überhaupt nicht reden. Wenn man noch giftig wäre, +aber so ...« + +Über ihnen flüsterte es aus den Blättern hervor. + +»Ach, es war hell über den gelben Blumen.« + +Es war ein Schmetterling, der mit gebrochenen Flügeln in die +Pflanzenstiele eingeklemmt war. Er lag im Sterben und sagte deshalb von +nun ab nichts mehr. Eine große Weinbergschnecke, der sehr übel geworden +war, weil sie das Schaukeln der Büchse nicht vertragen konnte, sagte +schluchzend: »Wenn ich nur mein Haus nicht bei mir hätte, ich würde +eine Geschwindigkeit an den Tag legen, die man so leicht nicht wieder +bei einem Tier fände.« + +Nach einer Weile begann das unangenehme Rütteln von neuem, diesmal in +gleichmäßigen, derben Stößen, denn der Knabe hatte sich verspätet und +mußte nun laufen, um womöglich noch rechtzeitig zu Hause anzukommen. +Dort flog endlich das Gefängnis mit einem donnerartigen Krachen auf den +Tisch, und dann wurde es für lange still und blieb unheimlich dunkel, +und jedes der gefangenen Tiere versuchte sich darüber klar zu werden, +wieviel von seinem Leben noch übrig war. + +Jen machte noch eine Reihe angenehmer Bekanntschaften, aber es hatte +viel gegen sich, einander im Finstern vorgestellt zu werden, es kamen +die peinlichsten Verwechslungen vor, und die Stimmung war allgemein +gedrückt. Der einzige, der die Laune nicht verlor, war ein Grashüpfer, +immer wieder glaubte er, sich durch einen Sprung aus seiner +Gefangenschaft retten zu können, aber jedesmal stieß er aufs neue an und +fiel zurück, und man hörte ununterbrochen in kleinen Abständen das +Ticken, das entstand, wenn er mit dem Kopf an die Wand stieß. Als er +einmal auf eine Eidechse fiel, erregte er Ärgernis bei diesem gutmütigen +Tier: + +»Geben Sie endlich Ruhe«, sagte sie mürrisch. + +»Ich kenne Sie überhaupt nicht«, sagte der Grashüpfer, »reden Sie nicht +mit mir, wenn Sie nicht vorgestellt sind.« + +»Dann springen Sie mir auch nicht auf dem Rücken herum, ohne +vorgestellt zu sein«, gab die Eidechse ärgerlich zurück. + +»Wenn Sie mich Ihren Buckel herunterrutschen lassen«, rief der +Grashüpfer, »so deuten Sie doch damit bereits an, daß Ihnen nichts an +meiner Bekanntschaft liegt. Übrigens, wenn Sie springen könnten, täten +Sie es auch. Jeder springt, wenn er kann.« + +Die Eidechse seufzte. Es war besser, nicht auch noch Streit anzufangen, +sie meinte deshalb nachsichtig: + +»Sie sollten sich die unglückliche Lage, in der wir uns alle befinden, +so weit zu Herzen nehmen, daß Sie wenigstens nur bescheidene Äußerungen +tun.« + +»Was nützt mir Bescheidenheit, meine Liebe!« rief der Grashüpfer, »ich +verlasse mich lieber auf meine Beine, mit ihnen komme ich weiter. Passen +Sie auf, sobald die Büchse geöffnet wird, werden Sie sehen, wozu Beine +gut sind, wie ich sie habe.« + +Jen hörte aufmerksam zu. »Wie interessant,« dachte er, »einmal vom +Charakter der Leute etwas zu erfahren, die man bisher nur gefressen hat. +Übrigens werde ich mir die Pläne des Grashüpfers zunutze machen und +springen, sobald das Gefängnis geöffnet wird.« + +Dies geschah kurz darauf. Der Knabe hatte die ganze Familie um den Tisch +versammelt, auf den er seine Botanisiertrommel gelegt hatte, und war +willens, alle seine Lieben an der Freude teilnehmen zu lassen, die seine +Beute ihm bereitete. + +Jen war durch den grellen Lichtschein geblendet, der plötzlich in die +Nacht des Kerkers drang, er sah anfänglich so gut wie nichts, nur einige +Menschenköpfe glaubte er zu unterscheiden, die dicht über den Ausgang +gebeugt waren. Er dachte an die Pläne des Grashüpfers und sprang +blindlings drauflos, so hoch und weit er konnte. Er landete auf einer +harten blanken Platte, und in seiner Verwirrung achtete er nicht darauf, +daß sich plötzlich die Hand des Knaben über ihn legte und ihn fest +umschloß. + +Die Hand war warm, bebte ein wenig und drückte heftig, aber gleich +darauf öffnete sie sich wieder, und Jen fiel zu seiner unaussprechlichen +Freude in klares Wasser, auf dessen Grund es von allerlei Pflanzen grün +schimmerte. So rasch er konnte, tauchte er unter und verkroch sich, so +gut es ging, unter Schilfblättern, etwas erstaunt darüber, daß sich der +Boden nicht aufwirbeln und das Wasser nicht trüben ließ. + +Er ahnte nicht, wo er sich befand, noch wußte er, daß er ohne seinen +Willen durch seinen voreiligen Sprung zum Erretter eines großen Teils +seiner Leidensgefährten geworden war, denn sowohl der Grashüpfer wie ein +Teil der übrigen Tiere hatten die allgemeine Aufregung benutzt, um sich +davonzumachen. Dies gelang ihnen in der Hauptsache deshalb, weil sich +die Erschließung ihres Kerkers gottlob auf der Hausveranda zugetragen +hatte, die unmittelbar in den Garten führte. + +Die Zeit verging langsam, und es wurde dämmerig, der Abend sank nieder. +Der kleine Jen hatte bald herausgebracht, daß er sich nicht in der +Freiheit, sondern in einem engen, runden Käfig befand, dessen Wände +durchsichtig wie Wasser waren, aber so hart wie Stein. Er hatte seine +Bemühungen aufgegeben, dieser Gefangenschaft zu entrinnen, saß still und +traurig an der glatten Wand und sah in die Abenddämmerung, in den Garten +hinaus. Einmal war der Deckel seines Käfigs geöffnet worden, und jemand +hatte einen Grashüpfer zu ihm ins Wasser geworfen, der nun ruhig, alle +Beine weit vom Körper abgespreizt, auf der Oberfläche schwamm. Er war +tot. Jen glaubte in ihm seinen Gefährten aus dem ersten Gefängnis +wiederzuerkennen, aber er war dessen nicht sicher. + +Glaubt man etwa, ich fräße den? dachte er. Hungrig genug war er, aber +kein gesitteter Frosch frißt einen toten Grashüpfer. Ein Grashüpfer, der +verschlungen werden soll, muß springlebendig sein, munter und jung. Man +muß ihn noch eine ganze Weile im Magen rumoren fühlen, ganz von dem +angenehmen Kribbeln zu schweigen, das er verursacht, wenn er den Hals +hinuntergleitet. + +Jen war unbeschreiblich traurig. Was sollte werden? Draußen über dem +Garten ging der Mond auf und schien in den gläsernen Käfig. Der tote +Grashüpfer drehte sich langsam an der Oberfläche des Wassers, und sein +Schatten bewegte sich, schaurig anzusehen, grau und groß auf dem +Fensterbrett, auf dem der Glaskäfig stand. Dort sah Jen auch seinen +eigenen Schatten, rund und plump, wie einen feuchten Fleck zwischen den +silbrigen Streifen vom Wasser, vom Glas und vom Mondlicht. Alles war +fremdartig und unheimlich, und an Schlaf war unter diesen Umständen kaum +zu denken. Einmal kam, gegen Mitternacht, eine Maus auf dem Fensterbrett +daher, sie sah durch das Glas, schien aber niemand zu erkennen und +entfernte sich dann rasch wieder, weil sie unten, in der Dunkelheit, +gerufen wurde. + +Kurze Zeit darauf mußte der kleine Jen doch aus Erschöpfung eingenickt +sein und lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es heller +Tag, und draußen funkelte der Sonnenschein im Grünen. Der Knabe, der ihn +gefangen hatte, kam nach einer Weile und schaute neugierig durch das +Glas, wobei er seine Nase so dicht an die Wand des Kerkers drückte, daß +sie an der Spitze glatt und rund wurde. Er öffnete den Deckel und nahm +Jen heraus, legte ihn auf ein weißes Tuch, das er über ihm +zusammenschlug, und dann rieb er ihn von allen Seiten, um ihn +abzutrocknen. Jen ging der Atem aus, er glaubte jeden Augenblick zu +ersticken. Hierauf wurde das Tuch wieder geöffnet, und der Knabe rührte +mit der einen Hand Farbe in einem kleinen Topf an, mit der anderen hielt +er Jen fest und begann dann ihn grün anzustreichen, denn er wollte einen +Laubfrosch aus ihm machen, der das Wetter ansagen sollte. + +Jen kamen Tränen in die Augen, es war ihm unbegreiflich, weshalb dies +geschah, und zu seinem Schrecken sah er zuerst seinen schönen hellen +Bauch und dann auch den braunen Rücken und sein Gesicht über und über +grün werden. Man kann sich nichts Peinlicheres denken. Alle Anzeichen, +die Jen gab, um kundzutun, daß er dagegen war, wurden mißverstanden, der +Knabe pinselte eifrig weiter und lachte vor Vergnügen, als Jen bald +darauf als ein grüner Frosch auf dem Tisch umhersprang und überall +Flecken zurückließ, wo er gesessen hatte. + +Jen selbst war so verwirrt, daß ihm kein vernünftiger Gedanke mehr kam. +Er wurde wieder in seinen Käfig gesetzt, der nur noch wenig Wasser +enthielt, oben auf die Spitze einer kleinen Holzleiter, dort sollte er +trocknen, auch gehörte es sich sowieso, daß er oben saß, denn das Wetter +war schön, und dann muß ein Laubfrosch oben sitzen und nicht unten im +Wasser. Jen galt nun als Laubfrosch und sollte die Verpflichtung +übernehmen, die man von solchem Tier erwartet. + +Trauriger kann das Leben nicht mehr werden, dachte er und wünschte +sich, sterben zu dürfen. In diesem Aufzug konnte er sich ohnehin nicht +mehr bei seinen Verwandten sehen lassen, und was würde Assap sagen? + +Als er sich nach einer Weile allein sah, stieg er gedankenvoll und +betrübt die Leiter nieder, um sich im Wasser etwas abzukühlen, denn die +Sonnenstrahlen fielen heiß in seinen Kerker, und die Farbe brannte auf +der Haut. Aber kaum war er untergetaucht, als er gewahr wurde, daß das +Wasser sich langsam grün zu färben begann, während sein Körper wieder +die alten Farben annahm. Jen glaubte, alles umher sei verzaubert, und +von Angst getrieben, kroch er rasch wieder die Leiter empor und sah +erstaunt auf das grüne Wasser nieder. Der alte Burr aus dem heimatlichen +Bach mußte doch im Recht gewesen sein, wenn er früher oft gesagt hatte: +»Hütet euch vor dem Menschen, er ist ein großer Zauberer.« + +Das Schicksal des kleinen Jen geht nun unendlich traurig zu Ende, denn +er ist von den Menschen vergessen worden und hat vor Hunger sterben +müssen. Es kam daher, daß der Knabe, der ihn gefangen hatte, mit seinem +Schwesterchen in die Ferien reiste, und da gab es so vielerlei zu sehen +und zu erleben, daß beide nicht mehr an Jen dachten, der in seinem +Glaskäfig auf der Fensterbank der Veranda stand. Sie hatten nicht einmal +gewußt, wie er hieß. + +Jen starb, nachdem er drei Tage und drei Nächte vergeblich auf Hilfe +gewartet hatte. Es war eine sehr schwere Zeit für Assaps kleinen Bruder, +und es ist nur gut, daß man im Traulenbach nichts von seinem Geschick +erfahren hat. Nun ist ein Jahr darüber vergangen. In seinen letzten +Lebensstunden mußte Jen oft an das klare Wasser des Bachs seiner Heimat +denken und an die wilden Rosen, die über der Flut hingen. Mit solchen +Gedanken schlief er eines Abends vor Schwäche ein und erwachte nicht +mehr. Es war am vierzehnten August. + + + + + Elftes Kapitel + + Ukus Nacht mit dem Elfen + + +In der Nacht, die den letzten Ereignissen auf der Waldwiese folgte, fand +der Blumenelf auf seinem Mooslager keinen Schlaf; er sah hinaus in den +Mondschein, der dicht vor dem Ausgang seiner kleinen Höhle glitzerte, +und ihn verlangte danach, in die Freiheit hinauszukommen und in das Land +zu schauen. So flog er empor bis auf einen Ast der Linde, und sein +Leuchten begleitete ihn. + +Die Welt war verklärt vom Licht des Mondes, der voll und rund hoch am +Himmel über dem schlafenden Erdreich stand, inmitten unzähliger Sterne. +Da der dürre Ast des Baumes vorragte, saß der Elf in der kühlen, hellen +Luft zwischen Himmel und Erde, allein, wie er war, unter den vielen +schlafenden Geschöpfen, unter denen er verweilen mußte, bis eine große +Liebe ihn zu seiner himmlischen Freiheit erlöste. + +Sein Goldhaar blinkte im Mond, wie einst, als er die Lilie verließ, um +das Glück eines irdischen Wesens zu werden. Er dachte an die kleine +Biene Maja, mit der er zu den Menschen geflogen war, und die nun in +hohem Ansehen bei den Ihren daheim in der Bienenstadt des Schloßparks +weilte. Und die himmlische Ungeduld, der irdische Teil aller Wesen, die +das Gute von ganzem Herzen wollen, strahlte aus seinen Augen in ihrer +Traurigkeit. + +Gibt es auf der Erde diese große Liebe, die mich erlösen soll? dachte +er. Ich will nicht in Bangen leben, die Nacht ist wundervoll. Mir wird +geschehen, wie es im ewigen Rat bestimmt ist. + +Er erschrak ein wenig, als ihn plötzlich jemand sanft, aber recht +vernehmbar, von der Seite anstieß. Es war Uku, die Nachteule, die groß +und dunkel dicht neben ihm auf dem Lindenast saß und ihn mit ihrem +Flügel angestoßen hatte. + +»Gute Mondfahrt«, sagte sie bedächtig, aber herzlich, auf ihre Art, und +der Elf grüßte sie auf seine. + +»Du schläfst nicht?« fragte Uku, »dir ist wohl in der Kühle und im +sanften Licht; ist es nicht so? Ich werde die Leute nie recht begreifen +lernen, die das grelle Sonnenlicht diesem milden Himmelssegen +vorziehen.« + +»Lebst du hier immer in der Linde?« fragte der Elf, der Uku +wiedererkannte. + +Uku nickte. Ihr großes Gesicht mit den schwarzen runden Augen sah +merkwürdig genug aus, der kleine gebogene Schnabel hockte darin wie eine +Nase, und sie hatte eine seltsam melancholische Art, ihre Augenlider +ganz langsam zu öffnen und zu schließen. Man unterschied in ihrem +weichen Gefieder kaum eine Färbung, es schimmerte grau und leblos, wie +die Schatten der Blätter am Stamm. Wäre die vertrauensvolle Art des +Elfen nicht frei von Furcht gewesen, so hätte ihn sicher ein heimliches +Grauen vor seiner lautlosen Nachbarin befallen. + +Uku schwieg lange und sah über die Felder auf das beschienene Land. Es +lag ein feiner Nebelschleier über dem Korn, und von weit, weit her hörte +man das Bellen eines Hundes. + +»Ein stilles Land«, sagte sie endlich und seufzte aus tiefster Brust +auf. + +Der Elf wandte sich ihr zu und sah sie an. + +»Quält dich etwas?« fragte er. + +»Ich kenne dich schon lange,« entgegnete die Eule, ohne gleich auf seine +Frage zu antworten, »ich habe dich unter Pflanzen und Tieren gesehen, +mit Faltern, Rehen und dem kleinsten Gewürm, und habe mir viele Gedanken +über dich gemacht. Ich bin ein alter Vogel, und du, der so vielerlei +weiß, wirst auch wissen, daß ich es ernst nehme mit meinen Gedanken. +Manche fragen mich um Rat, und ich gelte als weise. Ich kann, was ich +sehe und erfahre, in meine Betrachtung der Welt einreihen, ich verstehe +es auf meine Weise, aber dich verstehe ich nicht. Es ist meine Art +nicht, viel zu sprechen, und auch du sprichst wenig. Dich liebt man, +obgleich du schweigst, und ich schweige, obgleich ich weiß, daß ich +deshalb nicht eben geliebt werde. Wenn ich es recht betrachte, so bin +ich den Tieren des Waldes, den Geschöpfen des Tages verhaßt, du aber +bist geliebt, wohin du kommst, und tust nichts, um es zu erreichen. +Willst du nicht mit mir sprechen? Ich möchte verstehen lernen, was dich +so lieblich macht, du mußt aus einer hellen Welt unvergänglicher Freude +stammen.« + +[Illustration] + +Uku schwieg und sah nun mit weitgeöffneten Augen in die Weite. Es war +so totenstill im Baum und umher im Umkreis, als seien die Zweige und +Blätter nicht aus zartem, beweglichem Lebensstoff, sondern erstarrt. +Nicht die Spitze eines Blättleins rührte sich. Und über der leblosen +dunklen Welt mit ihren schlafenden Geschöpfen lag das weiße, tote +Himmelslicht und die feuchte Kühle der Sommernacht. + +Der Elf hatte den Kopf geneigt. Nun warf er in holder Ruhlosigkeit sein +schimmerndes Haar zurück und sah groß und gerade hinauf in den Mond. + +»Uku, wie redest du denn?« sagte er leise. »Wäre ich ein Wesen wie ihr, +so würde ich leiden und mich freuen wie ihr, aber ich bin nur ein +verflogener Elf. Hast du nie von den Elfen gehört, daß du nicht weißt, +woher sie stammen und wohin sie gehen?« + +»Du liebst und leidest doch wie wir,« sagte Uku, »wenn du auch sagst, +daß du es nicht tust. Ist nicht schon vieles in deinem Herzen anders +geworden?« + +Der Elf sah erstaunt auf, wandte sich der Eule zu, und seine Augen +leuchteten, als habe er ein Wort des Danks auf den Lippen, aber er sagte +es nicht, sondern barg plötzlich sein helles Angesicht in den Händen und +schluchzte. + +»Siehst du«, sagte die Eule, aber es klang unbeschreiblich liebevoll. +Sie war in der Tat ein weiser und erfahrener Vogel. Und sie schwieg, +denn sie wußte, daß Schweigen oft mehr Linderung bringt als die besten +Worte. + +Nach einer Weile hob der Elf sein Haupt ruhig empor, man sah keine +Spuren von Tränen mehr in seinen Augen, und der Klang seiner feinen +Stimme war so klar, als würde eine hohe Saite mit einem silbernen Hammer +angeschlagen. Doch hatte diese Stimme nichts Fremdes oder Besonderes, +sie war den vertrauten Lauten der Natur verwandt, dem Lied des Windes, +dem Gesang der Vögel oder dem Fall des Wassers. Uku war ganz betört von +dieser Stimme, und ihr schien, als träumte sie, als der Elf sagte: + +»Wenn ich eure Freude und euer Leid teilen muß, so liegt es daran, daß +ich mich verflogen habe. Meine Bestimmung war, ein irdisches Wesen zu +seinem höchsten Glück zu führen und in die Helligkeit meiner Heimat +zurückzukehren, nicht aber unter euch zu verweilen. Nun ich aber an die +Erde gebunden bin, verwandelt ihr Wesen das meine langsam. So ist meine +Seele nun geteilt, Uku; sie war berufen, eure Freude und eure Betrübnis +zu verstehen, euer Verlangen und eure Schuld, sowie auch eure Schönheit +und eure Armut. Nur für euch erwachte sie für kurze Zeit. Die Aufgabe +meiner Seele war, alles zum Besten zu kehren, nach ihrer Kraft, und sie +selber bedurfte der Erlösung nicht, denn sie selber war damals noch +nicht an Vergängliches gebunden. So zog ich im silbernen Nachtfrieden +durch das Tal der Welt, selig, da ich beseligen durfte, wunschlos und +unaussprechlich frei. Aber nun ich durch meine Schuld an Vergängliches +gebunden bin, Uku, bedarf auch ich der Erlösung, denn ich habe die +irdische Sonne gesehen in ihrer Herrlichkeit, und wenn ein Elf sie +gesehen hat, so ist er an ihr irdisches Reich gebunden. + +Verstehst du nun, warum mein Herz zerteilt sein muß? Bei meinem Wunsch, +nichts zu tun, als andere zu beseligen, empfinde ich nun auch das +Verlangen nach eigener Seligkeit, ich wollte Leiden lindern und sehe +mich nun in eigenes Leid verstrickt, ich wollte durch Freude Erlösung +bringen, und nun harre ich selbst der Erlösung vom irdischen Bann. +Daraus entsteht meine Traurigkeit.« + +Uku hatte sich in die Dunkelheit abgewandt und schwieg. Es bewegte ihr +Herz, was der Elf sagte. Nach einer Weile fragte sie: + +»So bist du nicht mehr glücklich, Elf?« + +»Doch,« antwortete der Elf, »ich bin es.« + +»Was macht dich glücklich?« + +»Daß ich lieben kann und Hoffnung im Herzen trage. Alles hat sich +verändert, seit ich die irdische Sonne an jenem Morgen gesehen habe.« + +»Ja, ja,« meinte Uku, »es ist eine ganz neue Liebe in dir entstanden.« + +»Sie kann nicht beginnen oder aufhören«, sagte der Elf zuversichtlich. +»Sie schlief in mir.« + +Wieder war es eine Weile still in der feierlichen Nacht zwischen diesen +beiden Geschöpfen, der großen dunklen Eule, die wie eine unförmige Figur +auf dem Ast hockte, und dem Elfen, der licht und zart wie ein kleiner +Engel neben ihr saß. + +Bald darauf sagte Uku bedächtig und schloß für einen Augenblick ihre +großen runden Augen, die, gerade wie beim Menschen, beide vorne +nebeneinander unter der Stirn saßen: + +»Auf unser Volk ist im Lauf der Jahrhunderte viel Wissen überkommen und +hat sich getreulich vererbt, und so habe ich wohl immer erfahren, Elf, +daß diejenigen Wesen, die Liebe im Herzen tragen, auch am +zuversichtlichsten auf eine Erlösung hoffen, aber glaube es mir, Uku, +der alten Eule: Nur wer wahrhaft weise ist, kann glücklich sein!« + +»Nein,« sagte der Elf mit seiner kindlichen Stimme, »es ist umgekehrt, +nur wer wahrhaft glücklich ist, kann weise sein.« + +Uku war wirklich außerordentlich erstaunt über diese Antwort des Elfen +und mußte sich sehr lange besinnen, bis sie eine Entgegnung darauf +machen konnte. + +»Daran muß ich nun Nacht für Nacht denken,« sagte sie endlich langsam, +»ich bin eine alte Eule geworden und kann meine Ansichten nicht mehr +ändern, aber soviel sehe ich aus allem, was du sagst und tust, du bist +ein himmlisches Kind. Die Frage, die zwischen uns aufgekommen ist, ist +so alt wie die Welt, um sie hat sich viel Streit der Gedanken auf Erden +erhoben, und manche Stirn voll Hoheit und Kraft ist darüber ermüdet in +die Nacht zurückgesunken. Denn die Wunden, welche die Gedanken schlagen, +sind brennender und bitterer als die Verwundungen jedes anderen +irdischen Kampfes. Aber davon sollst du nichts wissen, du Gesegneter in +deiner Einfalt. Was unser letztes Ziel ist, ist dir von Anfang +zugefallen. Dir und deinesgleichen, euch ist von den Heiligen der Welt +das Reich versprochen.« + +Der Elf saß ruhig mit gefalteten Händen da und schaute ins Land, er +wehrte der Eule nicht, noch gab er ihr recht, man hätte wirklich nicht +mit Sicherheit sagen können, ob er ihr zugehört hatte. Er erhob +plötzlich seine helle Stimme und sang in die Nacht hinaus: + + Meine Heimat ist das Licht, + heller Himmel meine Freude! + Tod und Leben wechseln beide, + aber meine Seele nicht. + + Trauer du, mein irdisch Los, + über deinen bittren Gaben + will ich meine Seele groß, + will sie stark und glänzend haben. + +Ein Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Blätter und mit feuchter +Wiesenkühle und trug das Lied über das schlafende Land dem Morgen +entgegen. Die Eule aber warf sich plötzlich in ihre weichen, lautlosen +Flügel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon, über die +Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rötlich färbte. Eine +seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich eine tiefe +Beseligung. Sie sah das Land, das sie überflog, die Äcker, die Wälder +und Wiesen mit ihren Weiden und die Häuser der Menschen, die dunkel und +lichtlos zwischen Bäumen lagen, in der verschleierten Ebene. Alles +erschien feierlich und zu Großem bestimmt, wie auch uns Menschen +bisweilen die Dinge erscheinen können, wenn Musik erklingt. + + + + + Zwölftes Kapitel + + Traule + + +Ein warmer Frühlingsabend zog über die Waldwiese und ihre Leute, es war +einer von jenen unbeschreiblich klaren Abenden, die die Herzen aller +Wesen in einen Frieden versenken, wie niemand ihn nennen kann. Die Sonne +ging langsam hinter einer schmalen Wolkenbank unter und umzog ihre +Ränder mit einem strahlenden Feuerband, als flösse glühendes Gold in +unversiegbaren Strömen um sie her, und in weiter Ferne funkelte ein +leuchtendes Wolkengebirge, schneeweiß und blutigrot. Es ging eine solche +Klarheit und Ruhe von diesem gewaltigen Bild am Himmel aus, daß niemand +an nahe oder kleine Dinge zu denken vermochte, alle Gedanken wurden weit +emporgehoben in diese Freiheit der Himmelsform, so daß sie über die +ganze Erde Ruhe und Glück verbreitete. + +Ein Abglanz dieser Schönheit sank auch bis tief hinab in die +heimlichsten Gründe der Waldwiese, er rieselte durch das Laub der alten +Linde nieder, als würde das Abendgold von ihren höchsten Wipfeln vom +Windhauch niedergeschüttet. Die Blumen konnten nicht schlafen vor Glück, +immer noch kamen Käfer und Schmetterlinge zu ihnen, ruhlos vor +Seligkeit, doch leise und beinahe geheimnisvoll, weil sie nicht stören +wollten in dieser Andacht, in der mit dem kühlen Wind die Träume +herangaukelten, um in die Seelen der lebendigen Wesen einzuziehen. + +Da breitete sich ein kaum vernehmbares Rauschen über die Wiese und ihre +Bewohner aus, es kam von der Linde, durch die der Abendwind zog, und nun +wußten alle, daß der alte Baum, noch vor der Ruhe der Nacht, seinen +Schützlingen eine seiner Geschichten von den Menschen erzählen wollte, +und die leise Bewegung aus den Zweigen der Linde teilte sich den Gräsern +und Blumen und allen Tieren mit in einer fröhlichen Erwartung. Was +konnte es Schöneres geben, als am Frühlingsabend seine Augen zu +schließen und einer so liebevollen Stimme zu lauschen, die noch nicht +schlafen wollte und doch die kühle Ruhe der Nacht nicht störte, die +verstand, daß das Glück eines genossenen Tages sowohl den Schlaf +fernhalten kann, wie auch ein großer Schmerz es vermag. Aber beide, +Freude und Schmerz, haben in der Klarheit eines scheidenden Tages ein +milderes Wesen, als ahnten sie, daß, wie nun Licht und Finsternis in der +Natur, so auch Freude und Schmerz in den Herzen der irdischen Geschöpfe +wechseln müssen. + +Aber als eben die Linde beginnen wollte, erhob sich im Busch über dem +Bach noch einmal die Stimme des Rotkehlchens. Es erklang im goldenen +Licht ein so lieblicher Jubel, daß man für einen Augenblick seine Augen +schließen mußte, als gelte es, die Lichtquellen zu bewahren, die im +Gemüt bei diesen Tönen aufbrachen. In der Dämmerung, unter den +geschlossenen Lidern, war es, als hätten das Windesrauschen, der Klang +des Bachs und das Lied des Vogels sich zu einer einzigen Harmonie +vereint, die das Glück aller Wesen wie einen frohen Dank dem himmlischen +Vater emportrug. + +Als das Rotkehlchen sein Lied beendet hatte, flog es empor in die Krone +der Linde, die es in ihrem goldgrünen Glänzen empfing, und lauschte nun +dem Rauschen des mächtigen Baumes, wie alle anderen Geschöpfe es taten. +Nun werde ich erzählen, was sie vernommen haben. + +»Heute sollt ihr erfahren,« begann die Linde ihre Geschichte, »woher der +Traulenbach, an dem wir alle wohnen, seinen Namen erhalten hat. Es sind +nun wohl nach der Zeitrechnung der Menschen etwa dreihundert Jahre her, +da trug sie sich zu. In diesem Zeitraum sind ungezählte Menschen geboren +worden und gestorben, aber wenn sie sich auch oft recht verschiedenartig +gebärdeten, anders sprachen oder dachten und ihre Gewohnheiten änderten, +so sind sie doch immer dieselben geblieben, und dies ist wahr für die +ganze Zeit meines langen Lebens. Im tiefsten Grund bewegen ihr Gemüt +doch nur zwei große Fragen, um sie dreht sich ihr irdisches Geschick, +wie auch das unsere, es sind die Fragen danach, was das Herz froh macht, +oder was es betrübt. Alle anderen Fragen verlieren bald an Wert, alles +andere vergeht rasch auf der Erde. + +Und so sind sich durch alle Zeiten auch zwei Dinge an den Menschen +immer gleich geblieben, das sind die Zeichen für die Freude und für den +Schmerz, ihr Lachen und ihr Weinen. Nicht viele von euch sind alt genug +geworden, und längst nicht alle werden alt genug werden, um jemals eines +von den beiden zu erleben, aber glaubt mir, es gibt nichts, was tiefer +erschüttert und inbrünstiger bewegt, als das Lachen oder das Weinen der +Menschen. Beide müssen so unvermittelt aus den Gründen ihres Herzens +brechen, wie das Licht aus den Feuerschlünden der Sonne, oder wie ein +Quell aus den Tiefen eines Felsens. Niemals, solange ich Menschen +gesehen habe, sind ihr Weinen oder ihr Lachen anders geworden, und so +kann auch ihr Herz sich nicht verändert haben. Immer noch bricht es +ihnen aus den Augen, wenn sie Schmerzen erleiden, in den gleichen klaren +Tropfen wie am Anfang, sie sind nicht kleiner und nicht größer geworden, +sie rinnen über ihre Wangen zur Erde nieder, wie helles Blut, eine nach +der andern, unbeschreiblich geheimnisvoll, als ob der Glanz der Augen +und das Licht darin nicht mehr zum Himmel emporstrebten, sondern zur +dunklen geduldigen Erde heimverlangten. Wer einen Menschen weinen sieht, +wird andächtig, alle guten Seiten seines Wesens regen sich und trachten +danach, etwas zu tun, damit die Tränen des anderen aufhören zu rinnen. + +Aber glaubt nicht, daß das Lachen der Menschen von geringerer Macht +sei. Ein heiteres Lachen, das aus tiefster Brust emporquillt, ist dem +Sonnenschein über grünendem Land oder einem Springquell zu vergleichen, +der aufleuchtend und wie berauscht von seiner Frische, ins strahlende +Himmelsblau emporbraust, um beseligt von der reinen Höhe, die seine +Kraft erreicht hat, wieder niederzubrechen. Glockenklingen, hell wie ein +Meer von Blüten, und das farbige Blitzen der zerbrechenden +Sonnenstrahlen läuten und funkeln darin, aber zu tiefst im Lachen der +Menschen erschallt es fein und verborgen von einem heimatlichen +Bewußtsein des Glücks, als wären sie in solchen Augenblicken am Herzen +der Erde geborgen. + +Sagte ich euch nicht schon, weil beides sich in aller irdischen Zeit +nicht verändert hat, daß auch das menschliche Herz im Grunde keinem +Wandel unterstellt sein kann? So treffen alle wahren Geschichten über +die Schicksale der längst dahingesunkenen Menschen auch auf die heutigen +noch zu und um so eher, je schöner sie sind. Denn alles Schöne ist so +eng mit dem Wahren verbunden, wie das Unwahre mit dem Häßlichen, daran +kann niemand etwas ändern, denn es ist so in Gottes Rat bestimmt. + +Traule war die Tochter eines Jägers, der sein Haus nicht weit von +unserer Wiese entfernt stehen hatte, dort wo jetzt das Erlendickicht und +die alten Fichten wachsen. Ihr könnt nicht bis dort hinüberschauen, die +ihr Blumen oder Sträucher seid, aber ihr wißt durch die Bienen und +Schmetterlinge von dem Ort, oder durch die Vögel. Das Haus ist längst +verfallen, und seine Mauerreste sind überwachsen, der Ort ist euch und +euren Völkern zurückgegeben, ich glaube auch nicht, daß es noch Menschen +im Lande gibt, die von dem Hause wissen. Die Tannen hat der Jäger um die +Zeit gepflanzt, in welcher Traule geboren wurde; auch sie kennen die +Geschichte des Mädchens, aber nicht so gut wie ich, denn wenn Traule +besonders froh oder traurig war, kam sie auf einem Waldpfad, den nur sie +kannte, zu mir, um auf dem Moos unter meinen Zweigen am Bach zu weilen. +Wir kannten uns gut und liebten uns sehr. Einmal, in der Zeit, nachdem +ihre Mutter gestorben war, kam sie zu mir, legte ihre Arme um meinen +Stamm und sagte zu mir: 'Bei dir ist mir ums Herz, wie mir bei meiner +Mutter war, du nimmst mich an, wie ich bin, du spendest deine Wohltaten, +ohne nach meinem Wert zu fragen, und die Ruhe, die dein Wesen atmet, +ist, ohne meine Bitte, immer vorhanden.' + +Die Menschen fühlen, daß wir geduldiger als sie sind, und darum tröstet +unser Wesen sie, das nicht, wie das ihre, leicht in Hoffnung oder Angst +in die Irre geht. Traule war wunderschön zu schauen, wie überhaupt die +Menschen das Schönste und Erhabenste sind, was die Natur hervorgebracht +hat. Ihr Gang ist aufrecht, und ihre Stirn taucht in das himmlische +Licht empor, das ihre tiefen Augen widerstrahlen können, als lebte der +Glanz der Höhen in ihrer Brust. Ihnen ist Macht über alle Wesen der Erde +gegeben, ihr Bild ist in Gestalt und Anmut dem Schöpfer alles Lebendigen +ähnlich, und ihre Seele ist unsterblich wie das Licht der Welt. Nichts +gibt es, was den Menschen gleichkommt! In den Zügen ihrer Angesichter +spiegeln die Lust und der Gram alles Irdischen wider, wie meine Blätter +es im Wasser tun, so beweglich und geheimnisvoll, ihnen ist der Hort der +unvergänglichen Liebe anvertraut, und Gottes Sohn ist um ihretwillen +gestorben. Wohl haben viele Menschen vergessen, wieviel sie wert sind, +aber Gott vergißt es nicht. + +Kurze Zeit, nachdem Traules Mutter gestorben war, kam eines Tages zu +Pferd der junge Herr vom Schloß durch den Wald geritten in einem +Reiterkleid aus Samt, einer weißen Feder auf dem breitkrempigen Hut und +einem Degen an der Seite. Es war ein herrlicher Anblick, ihn so auf +seinem weißen Pferd durch den Frühlingswald reiten zu sehen, im Grünen, +unter dem Jubel der Vögel dahin, unter dem schimmernden Himmelsblau. +Traule hatte am Bach in meinem Schatten geschlafen, nachdem sie zuvor im +klaren Wasser gebadet hatte, und sie erwachte vom Klirren der Zügel, die +mit Silber verziert waren, und vom Schnauben des Pferdes. + +Aber nicht weniger erstaunt als sie war der Grafensohn, denn er sah +Traule vor sich im Moos, das Angesicht mit dem goldenen Haar in heißem +Schreck erhoben und eine Flut von Morgenlicht und Vogeltrillern um die +Schläfen. Es strahlte ihm aus den blauen Augen des Mädchens entgegen, +als hätten aller Frohsinn des Frühlings und alle Schwermut der +Waldeinsamkeit sich darin in einem blauen Glühen vereint. Sein Entzücken +über Traules Anblick war so groß, daß er die Hände emporhob, als wollte +er ihr aus seinen Armen den Jubel seines Herzens darreichen. + +Beide waren eine Weile still, und man hörte das Wasser des Bachs, so +leise es floß, und die Blumen neigten sich an ihren Stielen im Wind, als +ahnten sie, daß ein Menschengeschick auf den Lichtwegen der entzückten +Augen seinen Einzug in die warme Brust, tief in die Kammern des Herzens +hielt. + +Und so ist es gewesen. Ich habe niemals etwas Lieblicheres gesehen, nie +etwas Schöneres als Traules Freundschaft mit dem jungen Herrn, der +vornehm und mächtig war, und dem alles Land umher einmal gehören sollte. +Er kam nun täglich zu Pferd durch den Wald, bald im Morgenwind, bald im +Dämmerlicht der blauen Abendstunden, mit Lachen und Rosen und so viel +Zärtlichkeit, wie selbst der Sonnenschein oder die Mailuft sie nicht +gewähren. Glaubt mir, ihr alle, das ist das lieblichste Wunder der Welt, +wenn ein von Glück überwältigtes Menschenkind, von seiner Liebe glühend, +nicht weiß, wie es seine Seligkeit bergen oder zeigen soll. In solchen +Stunden sehen die Augen der Menschen den Himmel geöffnet bis an den +Thron der Herrlichkeit. Wer nur eine solche Stunde in seinem Dasein +durchlebt hat, den kann keine Gewalt im Himmel und auf Erden mehr von +seiner zukünftigen Heimat trennen. + +[Illustration] + +Der Jüngling lag in Traules Arm und lachte oder schlief, oder sie sahen +miteinander dem Spiel des Lichts auf dem dahinziehenden Wasser zu, oder +der Wanderschaft der Wolken im Blau. Das Mädchen flocht Kränze aus +Anemonen und legte sie bald um sein Haar, bald um das ihre; aber der +Ausdruck ihres Gesichts war am geheimnisvollsten, wenn sie die Züge des +Mannes, den sie liebte, betrachtete, wenn er schlief. Dann habe ich +wahrgenommen, daß das Übermaß der Freude den Angesichtern der Menschen +einen Zug von Schmerz aufprägen kann, als bestände ihr ganzes Wesen aus +Heimweh. + +Die Schwermut und der Frohsinn wechselten einander ab in den freien +Stunden der beiden jungen Menschen im Wald. Sie hielten einander oft +umschlungen wie Kinder und spiegelten sich lachend im Bach, und ihre mit +Blumen geschmückten Stirnen blinkten aus dem Wasser zurück. Aber ihr +Glück verwandelte sich oft jählings, und ohne daß ein Anlaß erkenntlich +war, in Schwermut. Dann lag Traules Kopf weit zurückgelehnt an der +Schulter ihres Freundes, sie faltete die Hände in ihrem Schoß, und die +Augen suchten eindringlich und heiß in der Ferne. Es war seltsam genug, +ihre Blicke blieben im strahlenden Grün der Waldbüsche hängen, ganz nah, +und doch tauchten sie in unabsehbarer Ferne unter. Diese Ferne muß in +den Augen der Menschen beschlossen liegen. Menschliche Augen sind ein +Wunder der Schöpfung, in einem kleinen, kleinen Kreis leuchtet die Weite +der Welt. + +Wir alle, die wir Pflanzen sind, ihr Blumen in meinem Schatten, Kräuter +und Gras, wir wissen es, und es ist das Gesetz und der Glaube unseres +Lebens, daß die Geduld unsere teuerste Pflicht ist. Ihr danken wir +Gedeihen und Erblühen, Wachstum und Samen. Wir können den Ort unserer +Entstehung unser Leben lang nicht wechseln, uns kommt aller Segen aus +unserer Geduld, in welcher wir Sonnenschein und Regen erwarten und auf +uns niedersinken lassen, in der wir dem feuchten Erdboden vertrauen und +dem unsichtbaren Wind. Auch den Menschen gilt Geduld als Tugend. Aber es +gibt etwas in der Welt, das höher als Geduld ist, das ist die himmlische +Ungeduld. Uns ist sie fremd, wir ahnen sie in unseren Träumen, aber sie +erhebt oder quält uns nicht, wie sie es den Menschen tut. Mit allem +Großen, was ihnen widerfährt, kommt diese himmlische Ungeduld über sie, +am stärksten mit der Liebe. Alles Große, was in der Welt an Taten +vollbracht worden ist, hat seinen Ursprung in jener himmlischen +Ungeduld. Der Tag wird kommen, an dem ich euch von ihr noch viel +erzählen werde. In solchen Augenblicken, wie ich sie euch von Traules +Schwermut genannt habe, brach auch aus ihren Augen die himmlische +Ungeduld hervor, und sie weinte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin, und +ihr Freund verstand ihre Tränen und wehrte ihnen nicht. + +'Höre, Traule,' sagte er liebreich zu ihr und sah das Mädchen nicht an, +sondern hinaus in die schimmernde Waldweite, 'die Freude und der Schmerz +entspringen in unserer Brust der gleichen Quelle, und wenn die Gründe +der Tiefen erschlossen worden sind, so strömen die Bäche des Leids wie +die der Freude ohne unseren Willen oft gleicherweise hervor. Aber wie +tausendmal schöner ist es so, als wenn das Leben an den Türen des +Herzens vorübergeht, ohne sie erschlossen zu haben. Ach, Traule, ich +liebe mein Leben sehr, seit ich dich liebhabe, ich habe alles Vergangene +vergessen, und mit dir ist jede Zukunft leicht zu ertragen.' + +'Ich bleibe immer bei dir,' antwortete Traule, 'bis an mein Todesende.' + +Da geschah eines Abends das Schreckliche, das den ganzen Wald mit +Entsetzen und Trauer füllte, es trug sich auf unserer Wiese zu, dort wo +ihr nun blüht, nah am Ufer. Der junge Herr war früher als gewöhnlich +gekommen, sein Pferd graste weiter unten am Bach, hinter Büschen; es +wollte ein Ungewitter heraufziehen, am Himmel stand eine Wolkenwand und +schob sich langsam über das Land empor, von der Abendsonne beschienen. +Die Vögel sangen noch, aber der Sommer war schon nah. + +Da Traule noch nicht kam, warf der Grafensohn sich ins Gras nieder, +trank aus der hohlen Hand Wasser und blieb endlich still auf dem Boden +liegen, die großen Augen weit und glücklich gegen das Himmelslicht +geöffnet. Sein helles Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbächen +ins Rasengrün, und in einem seligen Traum seiner Erwartung, fern allem +Bösen der Welt, lauschte er auf Traules Tritt im Laub. + +Aber plötzlich schreckte ein anderes Geräusch ihn empor, ein Rascheln +und Zweigeknacken im Gebüsch erscholl und ein zorniges Brummen mischte +sich hinein. Es war, als wäre plötzlich ein Sturm des Bösen im +friedlichen Gehölz ausgebrochen, und es nahte rasch heran, mit schwerem +Tappen. Als der Jüngling erschrocken emporsprang und nach seinem Degen +griff, den er neben sich ins Gras geworfen hatte, teilten sich schon vor +ihm die Zweige über dem Boden und spien den dunklen Koloß eines +gewaltigen Bären aus, der sich auf seine Hinterbeine aufrichtete und mit +lautem Gebrüll auf den zu Tode erschrockenen Menschen zustürmte. + +Aus dem weitgeöffneten Rachen des Raubtiers blitzten die Zähne, und sein +dampfender Odem quoll mit dem Brüllen hervor, wie Rauch eine heulende +Flamme begleitet. Er hielt seine Vorderbeine mit den mächtigen Pranken +zu einer schrecklichen Umarmung weit geöffnet, es war ein altes, +verbittertes Tier, das durch irgendein Ereignis in Zorn geraten sein +mußte und nun den unschuldigen Menschen zum Ziel seines Grimms machte. + +Was half dem Bedrohten sein zierlicher Degen und sein mutiges Herz. Er +war aufgesprungen, hatte seine Waffe ergriffen und erwartete nun, +totenbleich, aber gefaßt und standhaft, den Ansturm des wilden Tiers. Er +zielte mit der Spitze des Degens mitten in den blutigroten, +weitgeöffneten Rachen und stieß, als das Ungeheuer ihn nahezu erreicht +hatte, mit edlem Geschick und der ganzen Kraft seines Armes zu, aber ein +unvermuteter, rascher und wilder Tatzenhieb traf die Waffe, bevor die +feine Spitze einzudringen vermochte, und warf sie so mühelos zur Seite, +als wäre sie ein ungefährliches Spielzeug. + +Ich will euch den kurzen furchtbaren Kampf nicht schildern, der nun +folgte, und in welchem der junge Mann der Kraft des Raubtiers erlag. +Wohl eine Stunde später kam Traule singend den gewohnten Waldpfad +entlang, ahnungslos; die Vögel sangen auch in der Abendsonne, die ihr +rotes Licht so friedlich auf die Stämme der Waldbäume legte, als gäbe es +kein Ungemach, kein Todesringen in der Welt. + +Traule fand den Freund ihres Lebens tot am Bach. Sein Lockenhaar +ringelte sich wie in kleinen Goldbächen in das zerstampfte Rasengrün, er +lag mit weit ausgebreiteten Armen, die Augen geöffnet, als lauschte er +immer noch, wie zuvor, auf Traules Tritt im Laub. Denn der Bär hatte von +ihm abgelassen, nachdem er ihn in seiner mächtigen Umarmung erdrückt +hatte, sein Grimm schien verrauscht, als sein Opfer sich nicht mehr zur +Wehr setzte und ins Gras sank. Er war brummend und fast wie beschämt ins +Dickicht getrottet, vielleicht ahnte er in seinem Sinn die wilde +Treibjagd, die bald darauf vom Schlosse aus beginnen sollte, um den Tod +des jungen Herrn an ihm zu rächen. + +Jedoch in der Brust des Jünglings, nahe dem Herzen, hatte ein Tatzenhieb +des Bären das Blut zum Fließen gebracht, und es rann immer noch in +einem feinen roten Bächlein aus der zerstörten Brust in die Blumen, als +Traule kam. Die Abendsonne war nun im Haiderot versunken, hinter den +Kornfeldern, und der Wald wurde dunkel. Traules schwere Nacht begann. +Ich habe alle Stunden hindurch gewacht, ich sah den Mond kommen und +sinken, und der Gang der Sterne segnete uns, aber ich habe nicht einen +Klagelaut unter meinen Zweigen vernommen, kein Geschrei und kein +Seufzen. Es war so still über den großen Schmerzen am Grund, daß mich +Ehrfurcht befiel vor ihrer Allmacht. Einmal war mir, als sähe ich ein +Leuchten, ich weiß es nicht, ich klagte im Nachtwind um Traule, denn +ihrem Geliebten war wohl, er schlief den Schlaf der Erlösten, aber sie +mußte leben. Die Pflanzen und Tiere klagten um das verlorene Liebesglück +der Menschen, und es ging eine Angst durch diese bange Nacht über die +dunkle Erde, die ihren Mund aufgetan hatte, um das Blut des Menschen zu +trinken. + +Traule lag über dem Toten, so erstarrt vom Gram ihrer Seele, als sei +auch sie gestorben, sie bedeckte den Körper, den sie liebte, mit dem +ihren, und ihre kleinen braunen Waldhände hielten zur Rechten und Linken +sein Gesicht. + +Mit dem Morgenwind hallte der stürmische Ruf einer Trompete durch die +Dämmerung. Eine zweite fiel aus anderer Ferne ein, und ihr wildes, +angstvolles Mahnen weckte den Wald. Sie suchten den Grafensohn. Sein +Pferd war nachts ohne den Reiter in den Schloßhof getrabt, da erkannten +sie, daß ein Unglück geschehen sein mußte. Bald mischte sich das Bellen +von Hunden in den Hörnerklang, und da wußte ich, daß sie den Toten +finden würden, denn ein Hund ruht nicht, bis er die Spur seines Herrn +aufgenommen hat, und findet ihn immer. + +Ich rauschte im Frühwind und warf meinen Tau auf Traule, denn mir war, +als dürften die rauhen Männer sie nicht in ihrem Schmerz finden. Und das +Mädchen, das mich liebhatte, verstand die Warnung meiner Stimme und +erhob sich langsam und lauschte in die feuchte Dämmerung hinaus. Wie +erschrak ich da über ihr Angesicht! Es war blaß wie das des Toten, und +der Geist einer Trauer ohne Ende brannte wie ein heiliges Feuer in ihren +großen Augen, die noch keine Tränen gekühlt hatten. Aber sie war eigen +gefaßt, beinahe still, drückte die Augen des Toten zu und küßte ihn zum +Abschied auf den Mund. Dann lauschte sie noch einmal hinaus, ob die +Menschen kamen, und wandte sich ab, um vor ihnen in den Wald zu +flüchten. Es war ein seltsames Mädchen, Traule, nach der unser Bach +genannt worden ist, sie war anders als alle Mädchen, die ich +kennengelernt habe, aber an sie muß ich am meisten denken. + +Bald darauf kamen die Reiter und Fußleute mit Hunden und Waffen durch +das Dickicht und fanden ihren toten Herrn am Bach. Zuerst vernahm ich +die klagende Stimme eines heulenden Hundes, dann mischte sich ein +gellender Notschrei des Schreckens hinein, und bald war der morgendlich +stille Wald von Jammer- und Zornrufen der Menschen erfüllt. + +Als es still geworden war, und die Vögel wieder ihre Lieder anstimmten, +machten die Männer aus Ästen, die sie aus meiner Krone brachen, eine +Tragbahre, legten den Leichnam auf die Blätter und trugen ihn davon, in +einem dunklen Trauerzug, in dem sie gebeugt und weinend dahinschritten. +Aus der Ferne hörte ich noch einmal die Stimme der Trompete über die +Felder hin durch das Tal erklingen. Ihr Goldklang wiegte sich dahin in +unbeschreiblicher Traurigkeit, ich dachte an den Sturm im Herbst und +erzitterte. Nun hatten sie auf dem Schloß die Kunde vernommen, daß der +junge Herr hatte sterben müssen. + +Ich dachte an Traule, das Kind, und wußte, daß sie wieder an die Stätte +zurückkehren würde, an welcher ihr Freund den Tod erlitten hatte. Tag +für Tag kam sie um die Stunde der Dämmerung zu mir, lehnte sich an +meinen Stamm und weinte. Sie sagte mir alles, was ihr Herz wund machte, +denn sie verstand meine Antworten nicht, sondern nur meinen Willen, +alles zu heilen, den die Natur an uns bewährt, und unter dem ich von +Jugend an gewachsen war und geblüht hatte. Meine Blüten waren nun +aufgebrochen, und die Völker der Bienen brausten in der warmen Sonne um +meine Krone. + +Traule lag nachts unter meinen Zweigen auf der kleinen Wiese, am Boden, +allein. Was hätte ich nicht getan, um ihr Leid zu lindern, aber ich +konnte es nicht, obgleich ich fühlte, daß das Mädchen nur bei mir sein +wollte. Ihr Angesicht war schmal geworden, und ihre großen Augen +leuchteten zu viel, in unirdischem Schein, mir war angst und weh um +Traule. Einmal hörte ich sie leise des Nachts singen, Sterne schienen, +und der Bach zog im weißlichen Dämmerlicht dahin, kühl in seiner +gelinden Eile. Traule aber sang: + + Nimm mir nicht den Schmerz, + den laß mich haben. + Gib meinem Herzen mehr + deiner himmlischen Gaben. + +Immer wieder hält es mich davon ab, in der Erzählung von Traules +Geschick fortzufahren, weil ich euch vom Menschen selbst so vielerlei +sagen möchte, denn ihr kennt ihn noch nicht, ihr Lieben, meine Blumen. +Ich fragte mich oft, kann so das Herz des Menschen beschaffen sein, daß +es seine Schmerzen haben will und nichts sonst, daß sie ein Eigentum +werden können, dem kein Besitz auf Erden an Wert zu vergleichen ist, und +daß das Gebet eines Menschen zu Gott so lauten kann wie Traules Lied? +Ich weiß es nicht, aber ich habe es erfahren und sage es euch, mögt ihr +es lieben und glauben, nach eurem Wert. + +Wer lange gelebt hat, lernt auch den Tod besser erkennen als die, +welche ihn früh erleiden, und so ahnte ich sein Nahen, wenn ich Traules +Züge sah. Ich kann sie euch nicht beschreiben, es lag um ihre Wangen und +Stirn der Glanz der himmlischen Ungeduld, von der ich euch erzählt habe, +ihr blasses Leuchten ist schöner als alle Tugend, es sinkt aus der Höhe +und lockt den Gang nieder in das Tal der Welt. + +So kam es, daß eines Nachts, zur Zeit, als schon die letzten +Sommerblumen verwelkt waren, ein Engel vom Himmel niederstieg und vor +Traule hintrat. Das Mädchen erschrak nicht, sondern lächelte ihm auf +ihre Art entgegen, die ich innig liebte und nie vergesse. Der Engel +sagte zu ihr: + +'Ich bin vom Himmel gekommen, um dir deine Schmerzen zu nehmen, du +sollst von ihnen erlöst sein, denn du hast sie ohne Bitterkeit, wie ein +heiliges Gut, getragen.' + +Da sah Traule den hellen Engel an, schüttelte den blassen Kopf mit den +feuchten Haaren, die der Tau der Nacht benetzt hatte, und indem ein +Beben durch ihr gebrechliches Körperchen ging, sagte sie zu ihm: + + Nimm mir nicht den Schmerz, + den laß mich haben. + Gib meinem Herzen mehr + deiner himmlischen Gaben. + +Da erschien es mir, als ob der Engel erschrak, aber seine Verwunderung +war von Freude verklärt, als sei ihm ein großes Wunder widerfahren, da +er in Traules Herz Gottes unvergängliche Liebe wiederfand, als hätten +niemals die Finsternis des Bösen, oder die Armut sie geschmälert, und er +verwandelte die Schmerzen Traules in zwei große Flügel, die bis auf den +Erdboden niedersanken und ihr Haupt überragten. Von ihrem Glänzen wurde +der Wald umher hell, es brach bis hoch empor in die Blätter meiner +Krone. Der Engel und Traule flogen miteinander empor in den Morgenwind +und verschwanden im Hellen unter den letzten Sternen. + +Schlaft ihr schon, ihr Blumen, meine Lieben? Dies ist Traules +Geschichte, bewahrt sie eurem Gemüt, und Traules Herzensgut sei auch +euer Frieden.« + + + + + Dreizehntes Kapitel + + Der Maikäfer + + +Der Elf flog auf den grünen Wipfel der Linde, der sich im warmen Wind +des schönen Tages sanft schaukelte, und seine Augen durchschweiften das +weite Land bis an die Hügel hinüber, die den Horizont säumten. Unter ihm +sangen die Vögel, und die Krone der Linde erbrauste von den Völkern der +Bienen, ein erklingender grüner Lebensdom, in warmer Freiheit. + +Er schloß seine Augen, von Sommerseligkeit überwunden, und breitete im +Wiegen seine Arme aus, als ließe die schimmernde Welt sich umarmen. »Was +soll ich tun,« flüsterte er, »was soll ich tun? Ach, ich bin sicher des +Glücks nicht wert, das mir geschieht, in meiner Seele ist nicht Raum für +die Fülle der Wohltaten, die mir zufallen.« + +Ach, das Lächeln des Elfen möchte ich schildern können! Es war kaum zu +sehen, ihr Lieben, wie sollen die freie Kinderherrlichkeit der Freude +und die heimatlose Wehmut irdischen Geschicks in ein armes Wort gebracht +werden? Wenn man sein helles Angesicht in diesem Leuchten sah, so mußte +man unbedingt glauben, daß Gott es mit seinen Geschöpfen unendlich gut +meint; es ging nicht anders. + +Als das himmlische Kind nach einer Weile seine Augen aufs neue +aufschlug, da war ihm, als sei die Erde mit ihren fernen Hügeln in der +Runde ein grüner Kelch und der strahlende Himmel eine große, blaue +Blume. Dieses Bild voll Glanz und Stille verwandelte sein Herz auf +wunderbare Art, und ihm war zumut, als wäre er einst in seiner tiefsten +Jugend so hell gebettet und so wohl geborgen gewesen wie nun. Es ist das +Glück, das Glück, dachte er erzitternd, überall schafft es die Heimat. +Und er erhob seine Stimme, in der strahlenden Erdenblume seines Traums, +wandte sich an die himmlische Sonne und sang: + + Schließ mich wieder ein in deine Freude, + deine Anmut, deinen hellen Sinn, + daß ich mich in deinem Glück bescheide + und empfinde, daß ich glücklich bin; + + Daß ich selig deine Kräfte schaue + und des Herzens Trauer, wie ein Lied, + deiner Stille, deinem Licht vertraue, + deinen Glanz im fröhlichen Gemüt. + + Keine Liebe hat mich überwunden, + so wie deine es am Morgen tut. + Sieh mich offen und zu dir gefunden, + und mach' meine Seele hell und gut. + +Kaum war das Lied im grünen Glänzen verklungen, da rief jemand dicht +neben dem Elfen. »Ausgezeichnet, famos! Sie haben eine Stimme, die sich +hören lassen kann, mein Lieber! Sind Sie ein Engel?« + +Der Elf mußte lachen, er konnte nicht anders. Dicht neben ihm saß auf +einem Blatt ein Maikäfer und sah ihn mit großen Augen vergnügt an. Aber +als er nun den Elfen lachen hörte, klappte er die Fächer seiner braunen +Fühler zusammen und runzelte die Stirn. + +»Warum lachen Sie?« fragte er ernst. + +Der Elf grüßte ihn freundlich. »Ich war sehr überrascht,« sagte er, +»deine Frage klang so ganz anders als mein Lied. Entschuldige nur, ich +meinte es nicht böse.« + +»Erwarten Sie, daß ich meine Frage singe, statt sie zu sprechen?« fragte +der Käfer. »Aber wahrscheinlich haben Sie gelacht, weil ich immer noch +da bin.« + +»Du bist ja eben erst gekommen.« + +»Nein, ich meine überhaupt. Blühen nicht schon die Linden? Um diese Zeit +ist ein anständiger Maikäfer längst in der Erde, legt Eier oder ruht +sich aus, je nachdem. Aber ich habe meinen guten Grund, noch zu zögern. +Wollen Sie wissen, warum ich trotz der Hitze noch da bin?« + +»O doch,« sagte der Elf, »das ist sicher interessant zu erfahren.« + +»Gewiß, also hören Sie: Man hat mir dort unten auf der Waldwiese +gesagt, es hielte sich hier in der Gegend ein Blumenelf auf, und ich +möchte ihn kennenlernen. Erstens kommt unsereins nur alle vier Jahre auf +die Erdoberfläche, und wie lange ein Elf braucht, ehe er wiederkommt, +ist unbekannt. Eine solche Gelegenheit läßt man sich nicht entgehen, +verstehen Sie?« + +»Doch, doch«, sagte der Elf und lächelte. »Was versprichst du dir denn +von dieser Bekanntschaft?« + +»Das fragt sich noch,« meinte der Maikäfer, »ich muß erst sehen. Von den +Elfen wird so viel erzählt, daß man kaum recht weiß, wo einem der Kopf +steht. Ich bin für gesicherte Anschauungen und möchte Klarheit haben. +Das wunderbarste an diesen Geschöpfen ist, daß sie sich mit aller +Kreatur unterhalten können, mit Blumen, Insekten, vierfüßigen Tieren und +sogar mit dem Menschen. Sie wissen doch, daß wir Maikäfer mit dem +Menschen viel verkehren?« + +»Ich kann es mir denken«, meinte der Elf. + +»Nun, Sie als Engel müssen es sich ja denken können.« + +»Ich bin kein Engel«, sagte der Elf. + +»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Ich war übrigens anfangs sehr +erstaunt, als ich Sie sah, und habe mich lange gewundert; Sie sind ja +geradezu lieblich! Aber Sie machen sich keine Vorstellung davon, an was +alles ein Maikäfer sich gewöhnt. Haben Sie eine Ahnung. Man muß den +Menschen kennen, um zu wissen, was möglich ist. Himmel und Wolkenbruch, +unsereins hat unter Umständen etwas auszustehen! Es ist in der +Hauptsache eine Folge unserer Beliebtheit.« + +Der Elf mußte wieder lachen. Was gibt es für Gesellen, dachte er, und +sein Herz war froh. Er war freundlich gegen den Käfer und hörte ihn an. +Vielleicht kann ich etwas für ihn tun, dachte er, das wäre mir heute +morgen besonders recht, wo doch alles umher in fröhlicher Fülle steht. + +»Ja, der Mensch«, seufzte der Maikäfer, »fängt einen aus der Luft, mit +der Hand, glauben Sie das?« + +Der Elf nickte und verbarg sein Lachen. + +»Man kann nachher sehen, wie man seine Flügel wieder in Ordnung bekommt, +die vier. Ich habe nämlich vier Flügel, Sie wissen doch, nicht wahr? Sie +haben, scheint mir, nur zwei, dafür sind sie aber weiß. Schöne Flügel +übrigens, und sehr apart im Format. Nun, ich sprach vom Menschen. Er ist +im Grunde gutmütig, ich werde nicht dulden, daß falsche Gerüchte über +ihn verbreitet werden, es fehlt ihm nur an jeglichem Zartgefühl; +merkwürdig ist bei ihm seine Vorliebe für unser Volk. Kommt der Mai, so +verläßt er seine Behausungen, um uns zu finden, er schüttelt die Bäume +und schaut nachher am Boden nach, ob wir heruntergefallen sind. Rührend +ist sein Bemühen, später etwas mit uns anzufangen, es ist ihm aber noch +nie gelungen. Er läßt uns in seiner Behausung fliegen und fängt uns +wieder ein. Wozu wohl, glauben Sie, fängt er uns wieder ein? Bei Gott, +nur um uns wieder auffliegen zu lassen! Er hört zu, wie wir summen, +lacht und fängt uns wieder. Zuweilen läßt er uns auf einen anderen +Menschen los, seltsam. Dieser andere Mensch weiß es nicht, er steht und +spricht arglos von irgendeiner Sache, weiß Gott wovon, die Menschen +haben ja ungemein viele Interessen. Wir laufen an dem Menschen in die +Höhe, was bleibt uns übrig? Es wird Ihnen bekannt sein, daß man von +erhöhten Punkten am besten abfliegen kann, und das will man doch, wozu +sollte man auf einem fremden Menschen sitzenbleiben? Nun kommt eine +Stelle am Menschen, weiß der Kuckuck, was mit dieser Stelle los ist, +aber kaum hat man sie im Klettern berührt, da brüllt der Mensch auch +schon auf und schlägt um sich. Einige springen sogar. Wenn unsereins +diese Stelle wüßte, mein Lieber, er würde sie natürlich vermeiden, aber +woher soll man wissen, wo diese Stelle ist?« + +Der Elf lachte hell auf, es ging ein solcher Frohsinn von seinem Lachen +aus, solch freie Heiterkeit, daß der Maikäfer mit einstimmen mußte. + +»Nun ja,« sagte er endlich, »jetzt lacht man darüber, aber in solchen +Lagen, wie ich sie eben geschildert habe, ist einem anders zumute. Man +kann erschlagen werden, mein Lieber.« + +»Was du da vom Menschen erzählst,« sagte der Elf nach einer Weile, +»bezeichnet ihn nicht. Ich glaube, wenn die Menschen fröhlich und +sorglos sind, so brechen heimlich die Glücksquellen ihrer Jugend in +ihrer Brust auf, und sie werden wie Kinder. Die Erfahrungen, die du oder +deine Gefährten gemacht haben, sind nur ein argloses Spiel der +Menschen.« + +»Ich danke,« sagte der Maikäfer, »ein argloses Spiel, bei dem ich unter +Umständen einen Flügel einbüßen kann, bei dem es möglich ist, daß ich +platt geschlagen werde wie eine Wanze, oder das mich im schlimmsten Fall +mein Leben kostet, sehe ich anders an als Sie.« + +»Wenn du sonst am Menschen nichts siehst, sonst nichts von ihm weißt, so +wirst du ihm dies freilich schwer verzeihen«, meinte der Elf. + +»Der Mensch soll aus der Luft greifen, was er will,« entgegnete der +Maikäfer, »aber nicht mich.« + +Der Elf lachte. »Du mußt nicht glauben, mein Lieber, daß ich den +Menschen ohne Grund in Schutz nehme, ich kenne ihn gut und liebe ihn +sehr.« + +»Nun ja, Sie als Engel ...« + +»Ich bin kein Engel, mein Lieber.« + +»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Fragen Sie übrigens, wohin Sie +kommen und wen Sie wollen, überall werden Sie Klagen über den Menschen +hören. Gehen Sie zu den Vögeln, den Fischen, den Waldtieren oder den +Ameisen, nirgends werden Sie das Lob der Menschen vernehmen. Oft ist +mir, als ginge es wie ein Seufzen durch die ganze Kreatur, aber das +werden Sie wahrscheinlich nicht verstehen. Ich bin viel nachdenklicher, +als Sie glauben.« + +»Doch,« sagte der Elf, »ich verstehe dich, und du hast ganz recht, aber +nicht der Mensch ist schuld daran. In jenes Seufzen, das du zu hören +glaubst, in die Angst und in den Schmerz aller Kreaturen dringt auch +seine Klage, denn er ist, wie ihr alle, den irdischen Geschicken +unterstellt und hat gegen Bedrängnisse, Elend und Tod nicht mehr Mittel +als ihr. Er erwacht zum zeitlichen Leben, freut sich der himmlischen +Sonne, Lachen und Weinen wiegen seine Seele, wie Tag und Nacht seinen +Leib, und einst kehrt er zurück ins Dunkel der Erde, der Mutter, wie ihr +alle.« + +»Aber etwas muß den Menschen doch von allen anderen Geschöpfen +unterscheiden, mein Lieber, wenn denn schon einmal wahr sein soll, daß +er nicht schuld an unserem Unglück ist. Ich will es Ihnen glauben. Daß +er sterben muß, weiß man ja, das ist bekannt, und wenn die Hauptsache +stimmt, dann wird wohl auch das andere richtig sein. Sehen Sie, deshalb +hätte ich so gern den Elfen getroffen, der vieles wissen soll, ich würde +ihn gefragt haben: Was unterscheidet den Menschen von allen anderen +Geschöpfen?« + +»Ich will es dir sagen«, antwortete der Elf. Er sah bewegt in die Weite, +denn er hörte ein leises Rauschen in der Linde und dachte an Traule. + +»Sie? Nein, nein, mein Lieber«, entgegnete der Käfer. »Sie als Engel +sind parteiisch. Es ist doch bekannt, daß sich die Engel der Menschen +annehmen, daß sie gut von ihnen denken und das Beste mit ihnen im Sinn +haben.« + +»Glaubst du nicht, daß solche Leute, die das Beste im Sinn haben, die +Wahrheit eher wissen als andere?« + +»Also sind Sie doch ein Engel!« rief der Maikäfer triumphierend, und der +Elf lachte. + +»Ich bin es nicht,« sagte er, »aber ich will dir nun verraten, wer ich +bin; ich hätte es schon getan, wenn du mir Gelegenheit dazu gelassen +hättest. Ich bin der Elf, den du suchst.« + +»Nein, so was!« rief der Käfer. Er schaute den Elfen an, und seine Augen +glänzten. »Ach nein,« sagte er ganz still, »so ist es mir doch passiert, +was ich wollte, wie schön ist das.« Er besann sich und atmete auf: +»Hoffentlich nehmen Sie mir die Verwechslung nicht übel«, sagte er +schüchtern. Und nach einer Weile des Schauens fuhr er fort: »Nun liegt +es ja auch anders mit meiner Frage. Wenn Sie also so freundlich sein +wollen und mir antworten?« + +»Ich will es tun, so gut ich kann,« sagte der Elf, »aber du kannst ruhig +du zu mir sagen.« + +»Ich werde es versuchen«, antwortete der Käfer. + +Ein paar Bienen kamen in ihre Nähe und grüßten. + +»Ein Elf, ein Blumenelf!« riefen sie. Unten schaukelten sich +Schmetterlinge über dem Korn, und hoch im Blauen zog ein großer +Raubvogel seine stillen Kreise. Nirgends war ein Wölkchen zu sehen, es +war ein unbeschreiblich schöner Tag. Klingen und Jubeln füllte die Luft, +die von goldener Wärme flimmerte. »Schöner wird es nicht mehr im Jahr«, +sagte der Elf. Es war, als schmiegte er sein helles Angesicht in das +Glänzen, das ihn einhüllte, und er faltete die Hände, derweil der Wipfel +des alten Baums, sein zartestes Reis im Blauen, ihn wiegte. + +»Sicher weißt du alles Schöne,« meinte der Maikäfer, der ganz entzückt +war, je länger er den Elfen betrachtete, »so sprich mit mir vom +Menschen. Es ist wahr, ich habe nicht eben Gutes von ihm gesagt, aber du +wirst zugeben, er hat auch seine schlimmen Seiten, dieser Große mit den +aufrechten Schultern und dem weißen Angesicht. Wir fürchten ihn, +verstehst du das nicht? Nicht alle nehmen ihr Geschick mit so viel +Humor wie ich.« + +Der Elf schien nicht recht zugehört zu haben; mitten aus seinem Sinnen +heraus unterbrach er seinen braunen Nachbarn: + +»Was den Menschen unterscheidet von allen anderen Wesen der Erde, hast +du mich gefragt; darüber, Lieber, ist viel nachgesonnen worden, manche +haben es bestritten und geglaubt, er sei im Grunde wie jedes lebendige +Geschöpf, nur vollkommener. Aber das ist nicht wahr, es kann nicht wahr +sein, in alle Ewigkeit nicht! Was ihn hoch über alle Kreaturen stellt, +ist seine Vernunft.« + +»Was ist das?« fragte der Käfer. + +»Es ist sein freier Wille, groß und gut zu sein nach seinem Maß.« + +»Aber glaubst du denn wirklich, Elf, daß alle Menschen ihn haben?« + +»Ich weiß es nicht,« antwortete nach einer Weile der Elf sinnend, »so +genau kenne ich sie noch nicht, aber ich glaube, daß, wenn nur einmal +ein Mensch es von ganzem Herzen und in Wahrheit gewesen ist, daß das +ganze Geschlecht der Menschen damit entschuldigt wäre.« + +»Ach, da sieh einer, wie du denkst!« rief der Maikäfer, »so könnte ja +nach deiner Meinung ein Mensch dadurch, daß er aus freiem Willen groß +und gut handelt, wie du sagst, gleich eine ganze Reihe anderer Menschen +von ihren Schandtaten freisprechen.« + +»Ja,« sagte der Elf einfach, »so ist es. Du kannst ja nicht ahnen, du +kleines Tier, welch eine unfaßbare Fülle von Glanz und Lebenswärme schon +aus einem guten Herzen erstrahlen kann. Seine Wirkung ist nicht immer +erkennbar, wie die Erscheinungen, welche unsere Augen treffen, oder wie +die Gegenstände, die unsere Hände berühren, aber sie ist wahr. Sieh, +Lieber, das macht die Hoheit des Menschen aus, seine Würde, und das +unterscheidet ihn von allen Lebendigen der großen Schöpfung, daß er den +freien Willen hat, das Gute zu tun. Das macht ihn Gott ähnlich.« + +»Ach,« sagte der Maikäfer, »nun sprichst du von Gott, ich weiß nichts +von Gott.« + +»Das ist auch nicht nötig,« antwortete der Elf und lächelte, »wenn Gott +nur etwas von dir weiß.« + +»Tut er das?« fragte das kleine Tier erstaunt. + +Der Elf sah ihn ernst und liebreich an: »Bist du nicht einst glücklich +und wohlbestellt zum Leben erwacht?« fragte er, »fandest du nicht Tag +für Tag alles, was du zu deiner Erhaltung brauchtest; schien nicht die +warme Sonne in deine frohen Stunden, und heilte die kühle Nacht im +Schlaf nicht auch deine Sorgen? Schau' den Schimmer deiner schönen, +starken Flügel an, das Geschick deiner Glieder und den gesunden +Wohlstand deiner Sinne. Ist nicht für alles liebevoll gesorgt, dessen du +bedarfst, und du fragst mich, ob Gott deiner gedacht hat?« + +Es war eine Weile still; der Käfer schaute sinnend in die Weite der +hellen Welt, dann sagte er: + +»Du machst mein Herz so froh.« + +Aus den Büschen unten am Bach klang der Gesang eines Waldvogels, von den +Föhren wehte im linden Windhauch ein harziger Duft herüber, es war den +Bäumen wohl in der warmen Sonne. Unermüdlich summten die Bienen in den +Lindenblüten. + +»Sieh nun,« sagte der Elf, »so gedenkt Gott all seiner Geschöpfe, auch +der verborgensten und kleinsten, es ist keines, dem er sich nicht +zuneigt, aber dadurch unterscheidet sich der Mensch von ihnen allen: er +kann sein Haupt auch zu Gott emporheben.« + +»Ich bin doch wirklich ein glücklicher Kerl,« antwortete der Maikäfer, +»habe ich mir nicht gleich gesagt: du mußt mit dem Elfen sprechen, davon +werdet ihr beide etwas haben! Es ist auch ungemein angenehm für mich, +daß ich in der Lage bin, dir Glauben schenken zu können. Ich glaube +nämlich alles sofort, was mir gefällt.« + +Die Augen des Elfen verirrten sich in heimatloser Seligkeit im +Himmelsblau, und mit einem Lächeln, das ihn weit mit sich fortzutragen +schien, sagte er: + +»Du seltsamer Geselle. Aber du und alle, die deiner Art sind, seid ohne +Sorge ...« + +Es war, als habe er niemanden angeredet, seine Worte klangen voll +Hoffnung, und es lag eine Verheißung in ihnen, als gäbe es in hellen +Fernen ein Reich, freier und herrlicher als selbst die Vernunft. + + + + + Vierzehntes Kapitel + + Das sterbende Kind + + +Zwischen hohen Ahornbäumen, nicht allzu weit von der Waldwiese entfernt, +lag ein altes Bauernhaus mit niedrigem großen Dach und kleinen Fenstern. +Dort schimmerte um Mitternacht ein roter Lampenschein aus einem der +Fenster, und Uku, die Eule, die das winzige rote Lichtlein in der Ferne +sah, machte sich auf und flog über die Felder dorthin. + +Das Licht zog sie an und erfüllte sie zugleich mit Ingrimm. Es war nun +einmal ihre Meinung, daß es in der Nacht dunkel zu sein hätte, nur der +Schein des Mondes oder der Sterne war ihr lieb. Daß aber in den +Behausungen der Menschen bisweilen diese stillen roten Feuer aufglommen, +die ihr Licht auf die Blätter der Bäume warfen oder weit in das Land +hinein, wie rötliche Wege, die durch die Luft führten, machte Ukus Blut +vor Erbitterung pochen. Aber doch vermochte sie sich nicht abzuwenden, +und besonders, wenn die Nacht weiter und weiter dahinzog, und solch ein +Lichtschein wollte nicht erlöschen, nahm ihre Unruhe und Begierde +überhand, und sie mußte herzufliegen, fast gegen ihren Willen, um das +Licht zu sehen. + +So langte sie auch in dieser Nacht in den Ahornbäumen dicht vor dem +erleuchteten Fenster an und schrie laut und klagend auf, und noch +einmal und wieder, so daß alle Tiere, die des Nachts leben, erschrocken +aufhorchten und mit dunklen Augen in die Nacht lauschten. Denn der +Schrei der Eule in der Finsternis der schlafenden Bäume hat etwas +unbeschreiblich Trauriges und zugleich klingt er grimmig und erbost. Er +scheucht die Gedanken der Wesen auf und jagt sie durch die Nacht, die +traurigen zuerst, und läßt ein verzagtes Sinnen in den Gemütern zurück. + +Aber Uku wußte hiervon nichts, sie erzürnte sich im Grunde nur über das +Licht und versuchte wieder und wieder durch ihre kurzen klagenden Rufe +kundzutun, daß der Frieden der Nacht und ihre eigene Ruhe durch den +roten Schimmer gestört wurden; sie sah auch nicht in die Stube des +Hauses hinein und wußte nicht, was drinnen vor sich ging, und weshalb +immer noch die Kerze brannte, obgleich Mitternacht schon vorüber war. + +Im Zimmer lag auf seinem Bett ein Kind und starb. Es war ein kleiner +Knabe mit dunklem Haar und einem nicht eben schönen Gesicht, seine Haare +waren rauh und vom Fieber feucht, und die Züge seines Gesichtes bleich, +wie auch seine Hände, die merkwürdig ruhlos über die Decke tasteten, als +ob sie mit einem unsichtbaren Spielzeug umgingen. Der Knabe erfreute +sich bei seinen Spielkameraden keiner Beliebtheit, weil er sich ihnen +nicht anpassen konnte und verschlossen und schweigsam war. + +[Illustration] + +Seine Mutter saß am Bett und schaute ihn unverwandt an. Eine Mutter +will nicht wissen, ob ihr Kind schön oder unschön ist, sie liebt es so, +wie es ihr gegeben worden ist, und fragt nur danach, ob es froh oder +traurig ist, ob es ihm wohl ergeht oder ob es leidet, nicht aber nach +seinem Wert; denn alles, was eine Mutter liebt, ist in ihren Augen so +viel wert wie ihre Liebe, und es gibt nichts in der Welt, was wertvoller +wäre als die Liebe einer Mutter. Und so bewegte das Gemüt der Frau, die +am Bett ihres Sohnes saß, in dieser Nacht allein die Sorge, ob ihr Kind +genesen würde oder ob es sterben müßte. + +Da hörte sie die Eule in den Bäumen vor ihrem Fenster rufen, und ein +furchtbarer Schreck durchfuhr sie, so daß sie, am ganzen Körper +zitternd, aufsprang und ihre Hände auf ihr gequältes Herz preßte, das +ohnehin vor Angst nicht mehr ein noch aus wußte. Die arme Frau ahnte +nicht, daß draußen Uku nur das Kerzenlicht anschrie, sondern sie +glaubte, was die Leute ihr erzählt hatten, daß ein kranker Mensch +sterben müßte, wenn die Eule nachts vor seinem Fenster riefe. Das ist +eine alte Sage, an die viele Menschen glauben. Sie ist dadurch +entstanden, daß bei Kranken des Nachts Licht zu brennen pflegt, das die +Nachtvögel anlockt. Aber die Eulen haben nichts mit der Verkündigung des +Todes zu tun. Wenn die bedrängte Mutter in ihrer Not gewußt hätte, +weshalb Uku in den Ahornbäumen schrie, so würde ihre Angst geringer +gewesen sein; nun aber zitterte sie vor Schmerz und Entsetzen, denn sie +glaubte, die Eule kündete ihr den Tod ihres Kindes an. + +Nach einer Weile hatte sich Uku mehr und mehr an den Lichtschein +gewöhnt, er blendete sie nicht mehr, und sie beruhigte sich etwas. Da +die Fenster geöffnet waren, erkannte sie nun die Mutter am Bett ihres +sterbenden Kindes, allein in der Nacht und in dem großen, dunklen Haus. +Uku wurde deutlich, daß der Tod dort Einzug hielt, sie schwieg betroffen +und schaute angstvoll hinab. Sie sah, daß das Kind sich im Fieber hin +und her warf, und als es ärger und ärger wurde, klagte die hilflose +Mutter laut auf und schrie zu Gott empor um Barmherzigkeit; denn sie +hatte nur diesen einen Sohn und sonst auf der Welt nichts. + +Da warf sich Uku in ihre lautlosen Flügel und flog auf die Waldwiese und +weckte den Elfen. + +»Elf,« sagte sie, »es stirbt ein kleiner Mensch, kannst du nicht der +Mutter helfen?« + +Der Elf sah betrübt auf und schüttelte den Kopf. + +»Ich habe keine Macht über den Tod und darf nicht zu den Menschen +sprechen«, sagte er. »Wenn das Kind sterben soll, so ist es in Gottes +Rat beschlossen.« + +Uku schwieg. Es war ihr wirklich nahegegangen, die Mutter vor Schmerzen +in laute Klagen ausbrechen zu sehen. Sie dachte an die Zeit, in der sie +selber noch um ihre Jungen in Angst und Liebesnot gewesen war, und +verstand das Herzeleid der Mutter. Deshalb fragte sie jetzt noch einmal: + +»Kannst du keine Hilfe bringen, Elf? Du hast schon so viel getan, daß es +uns oft erschienen ist, als vollbrächtest du Wunder der Liebe. Hilf dem +kleinen Menschen! Er wirft sich auf seinem Lager hin und her, und der +Tod wird ihm schwer, aber mir war so, als stürbe seine Mutter den Tod +hundertmal für ihn.« + +»Wenn ich dem Kinde mein Leben geben könnte, so würde ich es tun, aber +ich kann es nicht«, beteuerte der Elf. + +»So tröste die Mutter!« rief Uku, »du bist gütig, und deine Worte sinken +oft ins Herz wie ein Lied.« + +Der Elf sah lange stumm vor sich hin, und seine Trauer nahm zu. Endlich +sagte er ernst: + +»Eine Mutter kann niemand über den Verlust ihres Sohnes trösten, Uku. +Eher ist es möglich, eine Welt aus ihren Sünden zu erlösen als eine +Mutter aus dem Schmerz um ihren Sohn. Ein Jüngling kann ein Mädchen +vergessen, das er liebgehabt hat, eine Schwester kann die Liebe zu ihrem +Bruder verraten, und selbst ein Freund soll den Verlust seines Freundes +verwinden können, aber den Schmerz einer Mutter um ihren Sohn heilt +niemand. So ist es bei den Menschen bestellt.« + +»So fliege mir zulieb hinüber, Elf, und versuche es, ich bitte dich. +Gehst du nicht in der Gestalt eines Engels einher, begleitet von Licht? +Warum sollte es das Herz einer Mutter nicht erleichtern, dich zu sehen, +da du doch uns alle gesegnet hast? Erlöse sie von ihrem Gram, bedenke, +auch dich verlangt danach, einmal erlöst zu werden.« + +Da breitete der Elf seine Flügel aus und flog davon, und Uku atmete tief +auf und dachte: Nun wird alles besser werden. + +Als der Elf auf dem verlassenen Hof im nächtlichen Land ankam, war das +Kind gestorben. Er flog ins Zimmer hinein und ließ sich zu Häupten des +Bettes nieder, über das die Mutter sich in ihrem Schmerz geworfen hatte. +Sie bedeckte den erkaltenden Körper ihres Kindes mit dem ihren und +preßte ihr Angesicht auf das erloschene Augenpaar des toten Knaben. Die +stille Nacht nahm ihre Klage auf; in dem kleinen armen Raum, in dem sie +wohnte, flackerte das Licht der erlöschenden Kerze an den weißen Wänden. +Zuweilen hob sie ihr verhärmtes Gesicht, das von Leid entstellt war, und +sah mit leeren Augen, die von keinen Tränen gekühlt wurden, in die Nacht +hinaus. Nie hatte der Elf so viel Hoffnungslosigkeit und Anklage in den +Augen eines irdischen Wesens gesehen, ihn kam ein Zittern an, und er +brach in Schluchzen aus. + +Da war es, als sein Schluchzen erklang, als lauschte die Mutter auf. Ein +krampfhaftes Beben durchschüttelte ihren ganzen Körper, und während sie +mit starren Augen auf dies leise Schluchzen lauschte, das von weit her +zu kommen schien, brach es wie mit einer alten Erinnerung aus ihren +heißen Augen hervor, glitzerte auf wie Nachttau und tropfte nieder, und +eine unfaßbar wohltuende Erleichterung löste den brennenden Druck in +ihrer Brust. Ihre Klage und ihr Geschrei verstummten, sie sank still in +sich zusammen und weinte. Es war, als hätte eine alte Erdengnade Einzug +in ihr Gemüt gehalten. + +Der Elf wunderte sich und sann und sann. So hatte Uku recht behalten, +aber er ahnte nicht, welche Wohltat er gebracht hatte; ihm war nur, als +sei durch ein Wunder den Schmerzen der Mutter ein Ausweg geschaffen +worden, die Bahn zum Himmel zu finden. + +»Ich kann nicht helfen«, dachte er traurig, denn weil er ein Blumenelf +war und kein sterblicher Mensch, so wußte er nicht, daß er den einzigen +Trost gebracht hatte, den die Menschen in ihren größten Schmerzen +annehmen können. + + + + + Fünfzehntes Kapitel + + Der Fuchs + + +Eines Tages kamen zwei Wildenten den Bach heruntergeschwommen, ein +vergnügtes Paar. Sie ließen sich treiben und machten sich hier und da am +Schilf zu schaffen, wobei sie solange gegen den Strom rudern mußten, um +nicht fortgetrieben zu werden. Ihr Schnattern füllte die warme Luft, zu +allem, was sie erlebten oder fanden, mußte eine Bemerkung gemacht +werden. Das Schilf stand damals schon ziemlich hoch, es war recht +heimlich an den Ufern, das treibende Wasser schimmerte grün, und vom +Sonnenschein zitterten überall goldene Tellerchen und Lichtstreifen. Im +Lindenschatten der Waldwiese war es über dem Wasser am schönsten, das +Licht war dort geheimnisvoll gedämpft, und die Blätter des Baums +spiegelten sich in der Flut, sie zitterten und flatterten im Wasser, als +ob der Wind sie bewegte. + +Die Ente machte halt, suchte Grund für ihre breiten Schwimmfüße und +blieb dicht am Ufer stehen. + +»Ich werde hier einen Augenblick verweilen«, sagte sie zu ihrem Gatten +und schüttelte sich. Ihr Mann sah hinüber, nickte ihr zu, kam dann auch +und stellte sich neben sie. + +»Darüber fällt es einem mal wieder ein,« sagte er in bester Laune, »was +wir Enten alles können. Es gibt kein Tier, das so viel kann, man darf +sie alle nacheinander durchdenken, es findet sich keines, das zugleich +schwimmen und fliegen, auf dem Trocknen gehen und im Wasser sitzen kann. +Denke an die Fische, meine Liebe,« fuhr er fort, »sie können schwimmen, +das ist wahr, aber nur unten. Hast du einmal einen Fisch gesehen, der +schwamm, während er den Kopf aus dem Wasser streckte?« + +»Wenn du von Fischen sprichst,« antwortete die Ente, »so muß ich immer +an die kleinen denken, die man essen kann, wenn es einem gelingt, sie zu +fangen.« + +Aber ihr Mann ließ sich nicht stören. + +»Du bist so sprunghaft in deinen Gedanken,« sagte er, »niemals kannst du +bei einer Sache bleiben. Höre jetzt genau zu.« + +»Du sprichst ja auch von verschiedenen Sachen,« antwortete seine Frau, +»hast du nicht vom Schwimmen, Fliegen und vom Gehen zugleich +gesprochen?« + +»Ich habe von den Eigenschaften der Enten gesprochen, meine Liebe, und +nicht vom Essen. Für dich haben, scheint es mir, nur Dinge Bedeutung, +die man hinunterschlingen kann.« + +»Ißt denn etwa du selber nichts?« fragte seine Frau und schüttelte ihren +Schnabel, als wenn sie den ganzen Kopf fortschleudern wollte. »Du hast +einen Appetit, von dem man überall spricht, wo du bekannt geworden +bist.« + +»Aber natürlich, Liebe ...« + +»Nun, siehst du? Was ist also?« + +»Ach Gott ...« sagte der Enterich. + +Sie waren schon lange zusammen, die beiden, und lebten eigentlich recht +glücklich miteinander, das hätte niemand anders sagen können, aber ohne +Zweifel war der Enterich eine Natur, die die Dinge gern beschaulich +betrachtete. Er machte sich seine Gedanken über dies und das und sprach +sie nachher auch aus, damit sie nicht umsonst gedacht worden waren. So +kam es, daß er sich oft mit allerlei beschäftigte, was nicht unbedingt +zu den praktischen Lebensfragen gehörte. Seine Frau dagegen hielt sich +mehr an das, was man wirklich unter die Flügel oder in den Schnabel +nehmen konnte. Das war ihm oft schmerzlich, gewiß, aber er hatte doch +ein verständiges Einsehen dafür, daß man mit Gedanken allein keine +Würmer aus dem Ufersumpf ziehen konnte, und daß einem kein junger Frosch +in den Schnabel schwamm, weil über diesem Schnabel ein gediegener +Gedanke über das Leben entstanden war. Aber kleine Reibereien gab es +natürlich doch; denn Leute, die oft und gern über das Leben nachdenken, +halten meistens viel von ihren Gedanken und haben gern, wenn man sie +anhört und auch etwas davon hält. + +[Illustration] + +»Also, Liebe,« fuhr er nun fort, »nun höre mir einmal zu. Ich habe nicht +die Absicht gehabt, mit dir über das Essen zu streiten, sondern ich +wollte dir einmal wieder so recht deutlich ins Bewußtsein bringen, was +für ein gesegnetes Geschlecht im Grunde wir Enten sind. Das erhöht die +Lebensfreude, meine Gute.« + +»Ja, aber meinst du denn,« entgegnete die Ente, »daß wir Lebensfreude +empfänden, wenn wir nichts zu essen hätten?« + +»Himmel und Wolkenbruch,« rief der Enterich, »jetzt hältst du aber den +Mund!« + +»Ach, du lieber Gott,« schluchzte die Ente, »nun wirst du grob und +beschimpfst mich, während ich nur das Beste gewollt habe. Sag' +wenigstens nicht Mund, sondern Schnabel, wie es sich für eine anständige +Ente gehört.« + +»Wenn du ihn hältst, so will ich ihn nennen, wie er heißt, aber begreife +endlich, was mir im Sinn liegt! Schon als ganz kleines Tier war ich so, +daß ich längere Zeit über alles nachdenken mußte, was ich sah oder +erlebte; wenn ich dir schildern könnte, wie tief mir alle Eindrücke +gegangen sind! Das Schilf in der Sonne, die Flußfahrt durch den +Kiefernwald oder der erste Flug über Land. Vom Tauchen schweige ich, ich +dachte damals im durchsichtigen Wasser, kein Tier ist so glücklich wie +eine junge Ente. Den Schnabel im Morast und die Beine gegen die Sonne, +ach, Liebe ...« + +Die Ente betrachtete ihren Gatten, wie er da stolz und fest im +Uferwasser saß, und wie die kleinen Bachwellen die herrlichen blauen +Streifen seines Flügels bespülten; die Beine schimmerten rötlich durch +die Flut, und der ungemein wohlwollende Ausdruck seines klugen Gesichts +söhnte sie aus. + +»Sprich nur weiter,« sagte sie freundlich, »es schadet ja nichts.« + +»Es schadet nichts ...« wiederholte der Enterich langsam und dann +schwieg er. Aber mitten in seinem Groll kam ihm in den Sinn, daß seine +Frau in diesem Frühjahr ihre Jungen gegen einen Habicht verteidigt +hatte; sie, das kleine schwache Tier, ohne Krallen und mit einem +stumpfen Schnabel, der nur zum Wühlen im Schlamm und bestenfalls zum +Festhalten eines kleinen Fisches oder eines Wurms geeignet war. Sie war +dem Raubvogel mit einem wilden Geschrei entgegengeflogen, das er noch +niemals von ihr gehört hatte, und ihre Flügel peitschten die Luft, daß +es sauste. Das Herz des Enterichs schlug, als er an diesen Augenblick +dachte; die Jungen hatten Zeit gehabt, ins Schilf zu flüchten, und dann +plötzlich, als alle in Sicherheit waren, war seine Frau so rasch im +Wasser verschwunden, als hätte ein großer Hecht sie hinabgerissen. +Später hatte sie rasch ihre Kleinen wiedergefunden, und sie waren ihnen +erhalten geblieben, die acht. + +»Nun gut,« sagte er, »ich werde also weitersprechen.« Aber er kam nicht +dazu, denn es geschah etwas sehr Merkwürdiges: über ihnen wurde ein +feines Klatschen hörbar, und eine helle Stimme rief: + +»Fliegt auf! Fliegt auf!« + +Nun, das taten die beiden Enten sogleich mit lautem Geschrei und +Flügelschlagen, so daß das Wasser aufspritzte und das Schilf rauschte. +In der Natur warnen alle befreundeten Tiere einander durch Zurufe, und +da die Enten die Stimme verstanden hatten, folgten sie sofort der +Warnung. Sie wußten nicht, daß es der Elf gewesen war, der in die Hände +geklatscht hatte, und noch weniger ahnten sie, weshalb er es getan, und +in welch entsetzlicher Gefahr sie geschwebt hatten. Denn kaum machten +ihre Flügel den ersten wuchtigen Schlag, der sie emporriß, als durch das +Schilf mit einem langen Satz der Fuchs aufsprang und ihnen enttäuscht +und zornig nachschaute. Er hatte sie bis auf knapp drei Entenlängen +bereits erreicht, niemand kann leiser durch das Schilf schleichen als +ein Fuchs, aber mit dem Elfen hatte er in keiner Weise gerechnet. + +»Was fällt Ihnen ein!?« rief er grimmig empor zu dem Ast, auf dem der +Elf sich schaukelte und lachend zu ihm niedersah. »Glauben Sie, ich jage +hier zu meinem Vergnügen? Wie kommen Sie dazu, sich in meine +Angelegenheiten zu mischen?« + +Wie böse er dreinschaute! Sein kluger Kopf mit der schmalen, langen +Schnauze und den lebhaften, dunklen Augen sprühte geradezu von Kraft und +Haß, die herrliche Farbe zeichnete sich klar vom grünen Untergrund des +Schilfs ab, und die prächtigen hohen Ohren waren weit zurückgelegt, was +ihm oft passierte, wenn er ärgerlich war. »Kommen Sie nur herunter, Sie +weißes Federvieh, ich reiße Sie in Stücke, daß Sie auffliegen wie +Pusteballen vom Löwenzahn. So was!« + +Da schwang sich der Elf ins Schilf nieder und setzte sich gerade vor +die Nase des Fuchses auf einen Halm, dicht vor die blitzenden weißen +Zähne, die gefährlich aus den schmalen schwarzen Lippen hervorblitzten. + +Der Fuchs prallte zurück. »Sie sind mir zu hell,« sagte er bestürzt, +»sonst ... nun, Sie würden etwas erleben!« + +Der Elf strich sein Haar zurück. Er hätte nie geglaubt, daß der Fuchs +ein so schönes Tier sei. »Sei nicht mehr böse,« sagte er, »ich weiß +selbst nicht, wie es über mich gekommen ist, ich habe im Augenblick nur +an die Enten gedacht, sie taten mir leid. Natürlich bist du im Recht, +auch du willst leben.« + +»Allerdings«, sagte der Fuchs befangen. Er starrte den Elfen an, als +sähe er Wunder. + +»Wer sind Sie?« fragte er, und seine runden Augen unter der gerunzelten +Stirn drückten in gleichem Maße Erstaunen wie Bewunderung aus. »Hell wie +der Himmel, ein kleiner Mensch und zugleich ein geflügeltes Wesen sind +Sie.« Er schüttelte den mächtigen Raubtierkopf, in dessen Rachen der Elf +in einem Augenblick hätte verschwinden können. Aber seine Unbefangenheit +und seine Schönheit beschwichtigten den Zorn des Fuchses völlig, wie +Schönheit und Unbefangenheit in der Welt nun einmal die stärksten Waffen +gegen das Böse sind. + +»Ich bin ein Elf. Denke dir, ich saß dort im Busch, als die Enten +kamen, und hörte ihnen zu. Kannst du verstehen, daß ich Teilnahme für +die Tiere fühlte, da ich ihnen doch längere Zeit gelauscht hatte? Es +geht einem zuweilen so, und ich hätte sie nun nicht unter meinen Augen +sterben sehen können.« + +Der Fuchs hörte kaum zu, die Enten waren ihm völlig gleichgültig +geworden. Als ob er nicht Enten fangen konnte, sooft er wollte, aber ein +Elf saß vor ihm, ein Blumenelf! Er hatte bisher auf das bestimmteste +geglaubt, Elfen kämen nur in alten Geschichten vor, in Märchen oder +bestenfalls nachts im Mond über den Blumen, dann weiß man nie recht, was +Wirklichkeit oder Traum ist, denn in seinem geisterhaften Licht werden +alle Dinge geheimnisvoll. Aber nun saß dort in der hellen Sonne, im +Grünen, leibhaftig ein Elf vor ihm; es war sicher einer, so viel wußte +er auch, was sollte denn dieses zarte Lichtwesen sonst sein, die +Geschöpfe des Waldes kannte man doch. Was ihn aber am meisten in +Erstaunen setzte, war die Tatsache, daß der Elf nicht im geringsten ihm +mißtraute oder ihn fürchtete. Kannte er denn seinen Ruf nicht, alle die +bösen Geschichten, die die Waldleute sich über ihn erzählten, über seine +Tücke, seine Schlauheit und seine Raubgier? Kein Tier der Wälder war +gefürchteter und gehaßter als er, und nun saß dieser kleine Himmelsbote +vor ihm, als sei er seinesgleichen. So dachte sich der Fuchs: Es ist +schon besser, ich zeige mich gleich so böse, wie ich bin, als ein +schlauer Räuber und mächtiger Waldherr, später erfährt der Elf es ja +doch, und ich erlebe, was ich so oft erlebt habe, daß er mir weder traut +noch glaubt und sich enttäuscht von mir abwendet. Es ging ihm, wie es +oft gescholtenen Leuten bisweilen ergehen kann, er hatte die Lust daran +verloren, anders als böse zu erscheinen. Und so sagte er denn und +knurrte mürrisch: + +»Ich bin der Fuchs, Reiner heiße ich, der Wald kennt mich.« + +Der Elf ahnte die Gedanken seines neuen Bekannten nicht. Ganz +hingerissen von Entzücken, trat er dicht an ihn heran und strich mit der +Hand über das warme, weiche Fell, das in der Sonne glänzte und so +sorgsam gepflegt war, daß auch nicht ein Härchen hervorstand. + +»Herrlich,« sagte er, »ganz herrlich!« Er konnte sich nicht satt sehen +an diesem wohlbestellten Körper, der schmal und zugleich kräftig war, +geschmeidig und anmutig. Die hochstehenden spitzen Ohren waren außen von +tiefstem Schwarz und innen weiß, ebenso war seine Brust von reinstem +Weiß, und die schlanken Pfoten an den feinen Gelenken verrieten ihr +Geschick sowohl zu leisem Tritt wie auch zu wuchtigem Sprung. Der +breite, buschige Schwanz war sicher seine schönste Zierde, er lag rund +im Gras, an den Körper angeschmiegt und leuchtete geradezu in seiner +roten Waldfarbe. + +»Du bist der Mächtigste im Wald,« sagte er leise, fast als spräche er zu +sich selbst, »niemand vermag dir zu widerstehen.« + +Der Fuchs war sehr überrascht, daß ihm diese Tatsache nicht wie +gewöhnlich zum Vorwurf gemacht wurde. + +»Es ist wahr«, sagte er und lächelte ein wenig überlegen, aber durchaus +nicht böse. »Ich tue, was ich will, aber dadurch habe ich noch bei +niemandem Gefallen erregt.« + +»Jeder lebt auf seine Weise«, sagte der Elf nachdenklich. »Hast du keine +Feinde, die du fürchtest?« + +»Den Menschen,« antwortete der Fuchs, »sonst möchte ich wissen, wer es +wagt, mir in den Weg zu treten.« + +»Gestern sah ich einen Bussard,« erzählte der Elf, »der große Raubvogel +flog zwischen den Baumstämmen dahin, lautlos und gewichtig, und suchte +den Boden ab. Wenn er nun dich fände, was würde geschehen?« + +Der Fuchs lächelte. »Er würde sich besinnen, ehe er mir zu nahe käme,« +sagte er, und in seinen Augen blitzte ein böses Licht auf, »aber im +allgemeinen lassen wir einander unsere Wege, der Wald ist reich. +Außerdem gibt es Taubenschläge, Enten- und Hühnerhöfe, Kaninchenställe +und Gänse auf den Wiesen.« Er blinzelte dem Elfen zu, aus seinen +Augenspalten kam ein schräger, verschlagener Blick. + +Aber obgleich der Elf wußte, daß diese Tiere den Menschen gehörten und +ihn der Blick des Fuchses bis ins Herz erschreckte, wuchs seine +Bewunderung für das mächtige Waldtier, und ihn erfaßte ein heimlicher +Schauer vor der Klarheit dieser kalten, schönen Augen. Gerade wie jetzt +eben der Fuchs vor ihm stand, ein wenig zurückhaltend in der Neigung des +Kopfes und das Licht auf dem geschmeidigen Nacken, während der eine +zierliche Vorderfuß mit unbeschreiblicher Anmut in einen Winkel +emporgezogen war, bot er ein Bild, das Wunder von Lebensfülle, Kraft und +Schönheit ausstrahlte. Und der Elf mußte denken: O du herrlicher Wald! +In deinem feuchten Schatten über dem sanften Moos, oder im goldenen +Licht unter deinen Zweigen, in deinem Dickicht und hoch über deinen +grünen Kronen schwebt und wandelt und schweift es umher in ungezählten +Formen der reichen Natur. Und er mußte an die Sonne denken, die alle +diese lebendigen Wunder der Erde wärmte und entzückte, die sanften und +die rauhen, die arglosen wie die blutgierigen, und sein Herz erzitterte +aufs neue in überquellender Seligkeit, daß er mitten unter allen +Geschöpfen weilen durfte, atmend und schauend, ihre Art erkennend, ihr +Wesen begreifend und vom Dasein entzückt wie sie. Es erfaßte ihn +jählings ein fremdartiges Heimweh, auch einst sterben zu dürfen wie sie, +nur um ihnen in ihrem Geschick nah zu bleiben. + +Der Fuchs betrachtete den Elfen aufmerksam und erstaunt. Nun ist es so +bestellt, daß, wenn ein Herz von einer Freude erfüllt ist und ganz +selbstvergessen in ihr erglüht, so strahlt sie aus den Kammern des +Herzens hervor, bis in die Züge des Gesichts, wie durch Glas, und füllt +die Augen mit Licht. Es ist viel schwerer, eine Freude für sich zu +behalten als einen Schmerz. + +Was hat er nur, dachte der Fuchs, ich zeige ihm, wie gefährlich ich bin, +und er wird immer beglückter. Das wunderte ihn, und er beschloß, den +Elfen geradeheraus zu fragen, wie er über ihn dächte. + +»Mein Lieber,« sagte er zögernd, »weißt du eigentlich nicht, wie man im +Wald über mich denkt?« + +»Warum tötest du Tiere?« + +Der Fuchs erschrak. Er wußte nicht, worauf der Elf hinauswollte, aber er +merkte nun, daß er wohl über ihn und seine Eigenart unterrichtet war. + +»Um zu leben«, antwortete er. + +»Tötest du niemals ohne Grund?« + +»Nein,« sagte der Fuchs, »das wäre nicht klug. Ich nehme, was ich für +mich und die Meinen zum Leben brauche.« + +»Es gibt kein Geschöpf in der Welt, das es anders macht,« entgegnete der +Elf, »deshalb laß es dir keine Sorge sein, wie andere über dich denken.« + +Der Fuchs schaute seinen kleinen Nachbar groß und ruhig an: »Ich habe +niemals anders empfunden,« sagte er ernst, und der Ausdruck von +Verschlagenheit war völlig aus seinem Gesicht verschwunden, »ich +wünschte mir nur, alle dächten so wie du.« + +Sie schritten miteinander den Bach entlang aufwärts. Die +Nachmittagssonne schien durch die Kiefern durch einen feinen grauen +Schleier, den sie golden färbte, so daß die Stämme wie in einem +Traumland standen. Es war so kühl und still, daß die Augen sich nicht +bewegen mochten, als müßte das friedliche Bild des Waldes sich so bunt +in ihnen spiegeln, wie es in der Luft entstand. Die ersten Krähen zogen +heim, man hörte ihre Stimme über sich in der Höhe. + +»Einmal kommt eine Zeit,« sagte der Elf, »da werden alle Geschöpfe so +übereinander denken. Sie wird wiederkommen. Es gibt eine uralte Sage der +Menschen, nach welcher es einmal so gewesen ist.« + +»Davon habe ich gehört«, sagte der Fuchs spöttisch. »Da spielte die +Ziege mit dem Löwen Verstecken, und die Wölfe fraßen Brombeeren. Ich +danke.« + +Der Elf lachte. + +»Es wird dich niemand überreden, Brombeeren zu essen,« antwortete er, +»gerade darin wird die Eintracht bestehen, daß jeder die Eigenart des +anderen versteht.« + +»Ich verstehe die Eigenart der Hasen sehr gut,« sagte der Fuchs und +schielte zu seinem Begleiter hinüber, »wenn nur die Hasen auch meine +verstehen wollten und sich fressen ließen, wäre alles gut.« + +Wieder mußte der Elf lachen, aber die Freude, die aus seinem Lachen +klang, hatte etwas seltsam Zuversichtliches, es schien nicht so, als ob +die Antworten des Fuchses ihn in seinem Glauben irre machten. + +»Du bist schlau,« sagte er und schaute dem großen Gefährten in die +wachen Augen, »mit dir ist nicht leicht zu streiten, du siehst alle +Dinge so, wie sie dir recht sind, und was dir nicht gefällt, das nennst +du die Fehler der anderen. Aber ich habe doch recht, das letzte Ziel des +Lebendigen ist eine große Harmonie, eine Freude ohne Ende.« + +»Willst du darauf warten?« fragte der Fuchs. Aber er achtete nicht auf +die Antwort, er wandte den Kopf blitzschnell zur Seite, denn es +raschelte im Gebüsch. »Eine Maus«, sagte er leise und hob den Vorderfuß. + +»Woher weißt du das?« fragte der Elf. + +»Ich höre es«, antwortete der Fuchs einfach. Es schien, als wäre er auf +seine scharfen Sinne nicht einmal besonders stolz. »Lassen wir sie,« +meinte er und ging weiter, »das muß eine schlechte Zeit sein, in der der +Fuchs Mäuse frißt.« + +»Siehst du«, sagte sein Gefährte leise. + +»Was soll ich denn sehen?« + +Der Elf antwortete: »Und viel später wird es eine Zeit geben, welche +schlecht nennt, wenn nur ein Wesen noch das andere bedrängt. Immer +höher und höher entwickelt die Natur ihre Geschöpfe, ist ihr nicht +schon der Mensch gelungen?« + +Der Fuchs blieb stehen. »Du hältst etwas vom Menschen, Elf?« + +»Viel, sehr viel, am meisten.« + +»Und glaubst du, der Mensch bedrängte die lebendigen Wesen der Natur +nicht?« + +»Doch,« antwortete der Elf, »er tut es, aber es gibt Menschen, die +leiden darunter, daß sie es tun, das ist schon viel näher dem großen +Ziel. Du wirst mich nicht verstehen, aber glaube mir, die Erde ist noch +sehr, sehr jung, wir können nur ahnen, wie herrlich ihr letztes Kleid +sein wird. Wenn nicht einst alles vollkommen würde, so würden wir nicht +dies Verlangen danach im Herzen haben, das alle Kreatur bewegt. Die +einen wissen es, die anderen ahnen es nur, viele tun nicht einmal das, +aber alle richten ihre Augen hinauf, zum Licht.« + +»Wenn du recht haben solltest,« entgegnete der Fuchs, »so kann ich mir +aber kaum denken, daß es später noch Füchse und Enten gibt, Raubtiere +und arglose Geschöpfe, die ihre Beute werden. Oder es kommt auf die +Brombeeren heraus, und da tue ich, wie gesagt, nicht mit. Ich danke für +ein Friedensreich, in dem ich den ganzen Tag darüber froh sein soll, daß +ich keine jungen Hasen fresse.« + +Der Elf lachte wieder sein seltsames Lachen, und der Fuchs dachte: Ein +merkwürdiger Elf, er lacht über mich, und ich fühle mich doch nicht +verletzt, er weiß es besser als ich und achtet mich doch hoch, er ist +überlegen und doch wie ein Kind, ein merkwürdiger Elf. Aber er war +neugierig geworden, und da ein Fuchs zu den klügsten Tieren gehört, die +es gibt, wird es sich begreifen lassen, daß ihm viel daran lag, den +Elfen zu verstehen. Es ist wahr, oft verletzt die Wahrheit, aber man +kann die Wahrheit auch sagen, ohne zu kränken, denn die großen +Wahrheiten verletzen nicht, sondern nur die kleinen. + +»Es gibt viele Menschen,« fuhr der Elf fort, »die stellen sich den +Himmel ebenso vor wie du. Sie denken sich, sie müßten in weißen Kleidern +einhergehen und allerlei Gutes tun, das ihnen langweilig ist, und mit +feierlichen Gesängen den lieben Gott loben, der auf einem Thron sitzt +und sich an ihren schönen Stimmen freut. So ist das Friedensreich nicht, +nach dem wir alle uns sehnen, wenn das Ungemach des irdischen Lebens uns +bedrückt. Es ist immer mitten unter uns, denn wir sind alle auf dem +gleichen Wege, die Menschen, du und die kleinen Gewächse, die du im +Schreiten mit den Füßen berührst. Ich habe vorhin deine Gestalt +bewundert, deine wohlbestellten Sinne, deinen klaren Blick und eben noch +dein Geschick, nur aus einem Geräusch ein Tier zu erkennen. Sieh, dies +herrliche Leben in dir wird sich einst zum Vollkommenen vollenden; was +heute so klug Geringes erkennt, wird einst alles erkennen, was heute +als Frohsinn in deinem warmen Blute pocht, wird einst als unvergängliche +Freude emporblühen, und indem du lebst in deiner Freiheit, lebt in dir +die treibende Kraft zur ewigen Harmonie. Dein Wert ist dein Himmel, er +ist unvergänglich, und so gehörst auch du dem Reich an, von welchem mein +Herz träumt.« + +»Das läßt sich hören,« sagte der Fuchs, »woher weißt du das?« + +Der Elf sah verwirrt auf. »Ich weiß so wenig,« sagte er schüchtern, +»ach, denke doch nicht, ich wüßte etwas Rechtes, ich muß so denken, weil +ich alles Lebendige lieben muß, immer und immer spricht in mir meine +Liebe ihre eine Wahrheit, und sie lautet: Alles wird einst gut sein, was +heute schön ist.« + +»Daß du das alles gerade mir sagst, finde ich besonders freundlich«, +meinte der Fuchs. Er sah auf und lauschte. »Entschuldige mich einen +Augenblick,« bat er, »siehst du dort drüben den bemoosten alten +Baumstumpf? Der Ort ist mir schon lange verdächtig, aber ich komme nicht +hinter sein Geheimnis. Gestatte, daß ich eben hinüberschaue, es liegt +ein Geruch in der Luft, der mich erregt.« + +Er trabte über das Moos unter die Stämme, man vernahm keinen Laut; +selbst ein Schmetterling, der sich auf einer Brombeerblüte +niedergelassen hatte, erhob sich nicht. Der Elf begleitete den Fuchs, +wie eine wehende weiße Blüte glitt er durch den rötlichen +Abendsonnenschein. + +Er sah, wie der Fuchs vorsichtig den Baumstumpf umschritt, der Ausdruck +seines Gesichts war gespannt und besorgt, und plötzlich legte er beide +Ohren zurück, und sein Körper nahm eine drohende Haltung an. Es schien +nun nicht mehr so, als spürte er einer Beute nach, sondern als erwartete +er einen Feind. Er wandte sich nach dem Elfen um, schien etwas sagen zu +wollen, zögerte aber und schwieg. Seine schwarze Nase arbeitete ohne +Unterbrechung, als sei sie ein kleines Wesen für sich, seine Augen +funkelten klein und böse, und er schlich so tief am Boden dahin, daß er +fast um die Hälfte kleiner erschien. + +Unter zwei gewaltigen Wurzelansätzen war der Eingang zu einer Höhle +sichtbar, die durch den ausgehöhlten Stumpf tief in die Erde zu führen +schien. Der Fuchs prüfte die beiden Ausgänge, die auf diese Art seitlich +und nach oben hin entstanden, und schnupperte den Boden ab. Es war eine +deutliche Fährte im Moos erkennbar, die ins Dickicht lief. Nun horchte +der Fuchs, er hielt den Kopf schräg und hob den Vorderfuß. Und dann +schien es, als nähme eine heiße innere Erregtheit ihm plötzlich alle +Vorsicht, er schien den Elfen und jedes Ding um sich her vergessen zu +haben, und aus dem halbgeöffneten Rachen, dessen Zähne hinter den +hochgezogenen Lippen blitzten, kam ein wütendes Knurren, das einen +solchen Haß, so viel Kampfesgier und Zorn verriet, daß der Elf bis ins +Herz erzitterte. Es wird einen großen Kampf geben, dachte er bebend, +welch ein Tier mag dort hausen? Noch als er in Zweifel und Sorge +bedachte, ob er den Fuchs nicht bitten sollte, von seinem Vorhaben +abzustehen, erklang aus dem Innern der Höhle eine feine eindringliche +Stimme von großer Schärfe, man hätte fast glauben können, daß eine +wütende Katze fauchte, und der Elf verstand: + +»Geh weiter! Ich warne dich, oder du hast deinen letzten Gang gemacht!« + +»Reiner,« rief der Elf laut, »komm, ich bitte dich!« + +Aber der Fuchs hörte nicht, seine Augen funkelten, als hätte er Feuer +unter der Stirn, und sein ganzer Körper war in so hoher Anspannung, als +zöge eine mächtige Hand einen Bogen bis zum Zerbrechen an. Trotzdem +klang seine Stimme ruhig, als er antwortete: + +»Mit solchen Worten scheucht man Kaninchen, du Tor, du hast vor Angst +den Verstand verloren; komm heraus, wenn ich dich nicht in deinem Loch +erwürgen soll wie eine Maus.« + +Es blieb still. Der Fuchs stand so, daß er beide Ausgänge übersehen +konnte. Diesen Augen und Ohren entging nichts. Der Elf empfand, daß kein +Einspruch mehr nützen würde; hier war ein Haß entfesselt, der so alt +war, wie das Leben selbst, und solchen Gewalten der Natur gegenüber gibt +es kein Hindernis, sie toben sich aus wie die Gewitter, oder wie der +Frühlingssturm, und wer nicht die Kraft hat, sein Leben im Kampf zu +wahren, der muß es verlieren. + +Gebannt von Entsetzen und Bewunderung sah er hinüber, und ohne daß er +noch die Kraft besessen hätte, auch nur ein Wort über seine Lippen zu +bringen, wurde er Zeuge des furchtbarsten Kampfes, den er jemals in +seinem Leben gesehen hatte. Wohl war er nach allem Vorangegangenen auf +einen Angriff gefaßt, auch ahnte er, daß er unversehens und plötzlich +kommen würde, aber einen Überfall von solcher Wildheit, wie er nun +jählings erfolgte, hatte er nicht für möglich gehalten. + +Es schoß blitzschnell aus dem Dunkel der Höhle hervor wie ein niedriger +Schatten, und nur an dem furchtbaren Anprall der beiden Körper erkannte +er, daß dies heranstürmende Etwas ein Wesen von Fleisch und Blut war. +Lange Zeit unterschied er nicht mehr als ein wildwogendes Knäuel, das +sich ohne einen Laut, aber in unbeschreiblicher Erbitterung im Bodenlaub +wälzte. Erst als die beiden Tiere sich für eine Weile losließen, wie um +Atem für ein erneutes Ringen zu schöpfen, sah er, daß es ein Marder war, +den der Fuchs aufgestört, und der ihn nun angefallen hatte. + +Er sah kleiner und schmächtiger als der Fuchs aus, aber wie er jetzt +dort im Laub hockte, an den Boden gedrückt, sprungbereit und den +kleinen, bösen Kopf, in dem die Reihen der entblößten Zähne wie kleine +weiße Sägen blitzten, bot er das Bild eines unheimlichen und +einschüchternden Gegners, dessen Gewandtheit und Kraft unberechenbar +erschienen, und dessen Raubsinn und Blutgier denen des Fuchses um +nichts nachstanden, ja von noch größerer Tücke und Bosheit beherrscht +sein mochten. + +Wohl war der Fuchs größer und sein Gebiß war mächtiger, wie auch seine +Körperkraft größer war, aber er bekam neben diesem geduckten Grimm +seines Gegners beinahe etwas Harmloses. Der Elf konnte kein Auge von dem +Marder wenden, er verstand den brennenden Haß, der diese beiden Tiere in +eine ewige Feindschaft trieb, und jeder Versuch zu einer Versöhnung wäre +einem kindlichen Vorhaben gleichgekommen. + +»Einer von euch wird sterben«, stammelte er zitternd. + +Der Fuchs stand unbeweglich, als wäre er aus Holz geschnitzt, nur seine +Rückenhaare hatten sich gesträubt, und in seinen Augen funkelte ein +Feuer, so inbrünstig von Wut entfacht, daß es unmöglich schien, +hineinschauen zu können. Aber die Raubtierblicke des Marders hielten +diesen Augen stand; den seinen, die wie zwei stille, gelbe Edelsteine +unter der harten Stirn lagen, entging keine noch so kleine Regung des +Gegners, ja es erschien, als errieten sie, wie zwei geisterhafte +Spiegel, jeden Gedanken des anderen. + +Dieser Augenblick der scheinbaren Ruhe war von höchster Spannung, es tat +einem fast weh, in diesem Zustand der Erwartung verharren zu müssen, und +man fühlte sein Blut in tausend kleinen Hämmern überall arbeiten. + +Da, wie ein Pfeil, der aus dem Hinterhalt abgeschnellt wird, fuhr +plötzlich von unten her der Marder aufs neue zu, und diesem tückischen +Angriff gegenüber erkannte der Elf zum erstenmal die Erfahrenheit und +Klugheit des Fuchses in ihrem ganzen Umfang. Statt auf die jähe +angreifende Bewegung des Marders einzugehen, verharrte er bewegungslos, +sich dessen bewußt, daß er seinen Gegner Rachen an Rachen nicht zu +fürchten hatte, und daß der Marder nur auf eine ungeschickte Wendung +gehofft hatte, um die Kehle seines Feindes durchbeißen zu können. + +Aber ehe der Elf einem neuen Vorgang mit den Augen folgen konnte, sah er +die beiden Raubtiere sich in einem wildbewegten Knäuel am Boden wälzen. +Es war nichts mehr deutlich zu unterscheiden, bald leuchtete das Rot des +Fuchsfelles auf, bald sah er den hellen Brustflecken am dunklen Fell des +Marders aufblinken, und schon glaubte er, der Fuchs habe die Oberhand +gewonnen, als ein gräßliches, wildes Geschrei die Waldstille weithin +zerriß. Schrie der Marder? Schrien beide Tiere? Diese Laute waren +furchtbar anzuhören, Schmerzen, Wut und Todesangst gellten heraus und +eine Lebensgier, die alles um sich her vergaß, den Wald, die Tiere, den +Himmel und die Erde. + +Da nahm der Elf zu seinem Schrecken wahr, daß es der Fuchs war, der +schrie, und zugleich erkannte er, daß im Laub und im Moos rote und +dunkle Flecken dort zurückblieben, wo das Knäuel der ringenden Körper +sich vorübergewälzt hatte. War es möglich, daß der um so vieles kleinere +Marder als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen sollte? Nun erkannte er +auch, daß sich der Marder im Hinterfuß des Fuchses verbissen hatte, und +daß kein Zerren, kein Schütteln und Schleifen ihn zu lösen vermochten. +Keine noch so rasche Wendung half dem schwer behinderten Fuchs, immer +war der Marder rascher im Entweichen, und sein Gebiß war wie eine Zange +in das Fleisch des Fuchses geschlagen. + +Und nun ließ der Fuchs langsam in seinem Bemühen nach, er ermattete mehr +und mehr, sein zorniges Schreien verstummte, und nach einer kleinen +Weile sank er halb zu Boden. Der Elf hätte ihn verloren gegeben, wenn er +nicht einen Blick aus den Augen des scheinbar durch seine Blutverluste +so arg geschwächten Tiers aufgefangen hätte, einen raschen Blick, der +aber auch nicht eine Spur von Ermattung oder Sterbensnot verriet, +sondern eine Wachheit und Klarheit aller Sinne, als sei ihm nicht das +kleinste Unheil widerfahren. + +Aber der Marder ließ sich täuschen. Ihm schien der Augenblick gekommen, +seinem verwundeten Feind die Kehle zu durchbeißen, er ließ das Bein des +Fuchses fahren und fuhr zu, der weit vorgestreckte Kopf mit dem offenen +Rachen sah wie das Gifthaupt einer großen Schlange aus, so schlank und +geschmeidig erschien es in dieser bösen, gierigen Hast. Aber da, es sah +aus wie ein roter Blitz, schnellte der Fuchs herum, nun erkannte auch +sein Gegner, daß er getäuscht worden war, und daß der Fuchs alle Kräfte +beisammen hatte; doch ehe er zu neuer Besinnung kam, hatten die +furchtbaren Zähne des Fuchses sich tief in seinen Hals gegraben. Man +vernahm nur einen kurzen schrecklichen Laut von röchelnder Todeswut, +dann wurde es still, und langsam hörten die Zuckungen des Körpers auf, +den der Fuchs unter sich am Boden festhielt. + +Erst als sich keine Regung des entfliehenden Lebens mehr wahrnehmen +ließ, löste er seine Zähne aus dem Hals des Feindes und sprang in einem +weiten Satz von ihm zurück, immer noch wie in Sorge, dies zähe, +eigensinnige Räuberleben möchte sich trotz seiner Todeswunde zu einem +letzten Biß aufraffen. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Wald war +wieder ruhig geworden, und kein Laut erinnerte mehr an das +Kampfgeschrei, das ihn noch eben weithin durchklungen hatte. Nur ein +paar Krähen kreisten hoch über den Wipfeln der alten Bäume, unter denen +der Marder starb. + +Ein kleines rotes Bächlein rieselte aus seinem durchbissenen Hals ins +Moos. Der Fuchs sah ruhig mit seinen klaren Augen hinüber und leckte +sich die Lippen, sein breiter roter Schweif peitschte das Laub, er sah +zufrieden und stolz aus, auch nicht ein Schatten von Reue oder Mitleid +trübte ihm den bösen Genuß seiner Kraft und seines Sieges. Seine Wunde +beachtete er in diesen Augenblicken nicht. + +Du mächtiger Herr im Wald, dachte der Elf, und sein Herz zitterte. Du +kannst hassen und töten, genießen und sterben, alles ist dein +unvermindertes Recht. + +Da erinnerte sich auch der Fuchs des Elfen, er sah hinüber und lachte. + +»Nun,« rief er, »was sagst du dazu? Ich habe gewußt, daß hier etwas +nicht geheuer war, und ich suchte den Marder schon seit langem. Du +hältst mich wohl für sehr böse?« + +Der Elf strich sein Haar zurück und atmete tief auf. + +»Ich halte dich für stark und klug«, sagte er und preßte die bebenden +Hände zusammen. »Denk an mich und vergiß mich in deiner Freiheit nicht.« +Und er flog nach diesem Gruß auf und davon, das Herz von Erhobenheit und +Bangen zerteilt. + +Der Fuchs sah ihm so lange nach, als er ihn zwischen den Stämmen im +Licht der Abendsonne erkennen konnte, und dachte: Er läßt mir, was ich +bin und was ich habe, so möge auch er einmal empfangen, was sein Teil +ist zu seiner Freiheit, das wünsche ich ihm. + + + + + Sechzehntes Kapitel + + Die Elfennacht + + +Eines Tages, als die große Sonne schon rot und feierlich am Abendhimmel +stand und die Schleier der Heide mit ihrem goldenen Glanz entzündete, +kam aus dem Walddunkel ein seltsames Tier dahergeflogen, machte halt auf +der Wiese und fragte nach dem Elfen. + +Das war zum mindesten ein Ereignis, denn die Tiere der Waldwiese mußten +sich nach dieser Frage sagen, daß es ferne und fremde Gegenden gab, in +welchen man vom Elfen etwas wußte, wahrscheinlich, ohne daß er sie +jemals aufgesucht hatte. Es kam hinzu, daß der geflügelte Bote +Bewunderung erregte, es war niemals zuvor ein ähnliches Tier auf der +Wiese gesehen worden. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, es +sei eine Libelle, denn die Fremde hatte wie diese schönen glitzernden +Tiere durchsichtige Flügel und einen langen schmalen Leib, auch waren es +vier Flügel an der Zahl und ähnlich geformt, wie die der Libellen, aber +auf jedem von ihnen befand sich ein großer dunkler Fleck von tiefem +Blau. Vom gleichen schimmernden Blau war der schmale Körper, und die +klugen großen Augen schauten ernst, beinahe schwermütig aus dem Gesicht. +Es war, als käme dieses seltsame Geschöpf nicht aus Bereichen der +Tagesklarheit, sondern als sei es ein wunderbarer Nachtvogel der kühlen +Stunden, in denen am Himmel der Mond herrscht. + +Zwei Schmetterlinge, ein Pfauenauge und ein Schwalbenschwanz, +entdeckten den fremden Boten zuerst, und rasch verbreitete sich die +Nachricht unter den Tieren der Waldwiese, daß die Botschaft des +Ankömmlings den Elfen anging. Die Bienen machten sich auf den Weg, ihn +zu suchen, denn in der Nähe war er nirgends zu sehen. + +»Wie ist es denn?« fragte das Pfauenauge, »können Sie uns nicht +erzählen, was Sie dem Elfen zu sagen haben? Wir werden es schon +ausrichten.« + +Die Fremde schüttelte den Kopf. »Das geht nicht,« sagte sie, »ich muß +ihn selber sprechen, ich komme von der Elfenkönigin.« + +Das Pfauenauge erschrak. Es hatte sich inzwischen eine ganze Reihe der +Waldwiesenleute angesammelt, und nun wichen sie alle scheu ein wenig +zurück, man sah deutlich, wie diese Nachricht alle überraschte, denn wer +kannte die Macht der Elfenkönigin nicht. Es war eine Weile totenstill, +man hörte den Bach plätschern, und das Lindenrauschen füllte die +abendlich durchleuchtete Luft unter den großen dunklen Zweigen. Die +Blumen in der Nähe, die schon an ihren Schlummer dachten, horchten auf +und hoben ihre Köpfchen in die Abendstille. Wer hatte nicht von der +Elfenkönigin gehört! Wollte sie nun den Elfen, der ihnen allen lieb +geworden war, fortrufen und aufs neue in ihr Reich bannen, daß er ihrer +Gemeinschaft entzogen werden sollte? + +»Sagen Sie uns, was geschehen wird«, bat ein Grashüpfer, aber die +Fremde schüttelte den Kopf, besorgt sah sie sich um. »Werden die Bienen +den Elfen finden?« fragte sie. + +Der Schmetterling nickte. »Die Bienen finden alles, was sie wollen; +wissen Sie nicht, daß die Bienen darin groß sind?« + +»Doch, doch,« lautete die Antwort, »aber es eilt, der Abend wird bald +hereinbrechen, und es ist weit bis zu den Moorseen.« + +»Es ist mitten im Juli,« sagte eine Ameise geheimnisvoll, »von den +Glühwürmchen weiß ich, daß einmal im Jahr zur Sommerzeit bei Vollmond +die Elfenkönigin in der Waldtiefe Hof hält. Es wird schon etwas Wahres +an dieser Botschaft sein.« + +Eine Grasmücke kam herzugeflattert, und die geflügelten Tiere stoben +auseinander, aber die Fremde blieb ruhig sitzen. »Ich reise im +Elfenfrieden«, sagte sie ruhig, und die Grasmücke ließ sich neben ihr +nieder, ohne ihr ein Leid zu tun, ja ohne ihr zu nahe zu kommen. Die +Waldelfen sind ein mächtiges Volk, selbst die größten Tiere gehorchen +ihrem Willen, denn es gibt vielerlei geheimnisvolle Künste und manchen +Zauberbann, den die Elfenkönigin verhängen kann. Ach, viele Wunder +walten im tiefen Wald, aber eines der größten werde ich nun erzählen. + +Als nach einer Weile der Elf kam, von zwei Bienen geführt, die ihm +voranflogen, grüßte die Fremde ihn tief und ehrfürchtig, und sie +sprachen eine ganze Weile allein miteinander, während die anderen Tiere +neugierig und erwartungsvoll im Umkreis verharrten. + +Der Ausdruck des Elfengesichts wurde nachdenklich und immer trauriger, +er sah vor sich nieder und sann, es schien als ob die Botschaft des +blaugeflügelten Waldboten ihm tief ins Herz sank. Zum Schluß nickte er +langsam, grüßte die Fremde freundlich zum Abschied und sah ihr nach, als +sie schnurgerade und windesschnell mit leisem Schwirren davonflog, um +bald zwischen den Stämmen der Kiefern in der Dämmerung zu verschwinden. + +Li, das Eichhorn, das seine Erwartung nicht mehr zurückhalten konnte, +trat nun zuerst an den Elfen heran. + +»Willst du uns verlassen, Lieber?« fragte es rasch und ängstlich. + +Da kam auch Uku auf einen niedrigen Ast herabgeflogen, und der Elf +wandte sich an sie: + +»Uku, ich muß in dieser Nacht zur Elfenkönigin.« + +Die Eule machte ein betroffenes Gesicht und sah schräg vor sich nieder, +man erkannte deutlich, daß diese Nachricht sie nicht erfreute, und es +schien, als wüßte sie, was sich mit dieser nächtlichen Begegnung +verbinden könnte. Endlich sah sie auf und dem Elfen gerade ins Gesicht, +der sich neben sie auf den Lindenast gesetzt hatte: + +»Die Elfenkönigin ist großmächtig, eine Herrscherin im Wald und über +die Heide,« sagte sie, »sie wird dir die Freiheit zurückgeben, nach der +du Verlangen trägst.« + +»Ja, sie wird mir helfen wollen«, antwortete der Elf. Seine Gedanken +schienen nicht bei seinen Worten zu sein, er legte seine Hand auf die +Brust und sah mit großen Augen in die Sonne, die jetzt dicht am Rand der +Erde stand und wie eine feurige Kugel glühte. + +»Willst du uns verlassen?« fragte nun auch Uku. Ihr war wie allen Tieren +umher plötzlich bang ums Herz, alle erinnerten sich dessen, daß der Elf +aus fernen Regionen einer geheimnisvollen Welt zu ihnen gekommen, und +daß er im Grunde nicht ihresgleichen war. Sie hatten es längst +vergessen, so lieb war er ihnen geworden, und hatte er nicht immer alles +mit ihnen geteilt, was sie beschäftigte, freute oder bekümmerte? Nun +erschreckte sie der Gedanke, daß er fortfliegen möchte, zurück in sein +Elfenreich und sie zurücklassen. + +Da sagte Uku plötzlich: + +»So sollen wir denn allein den Herbst erwarten, die Trauer des Welkens +und einst unseren Tod; ach Elfenkind, vergiß uns nicht in deiner hellen +Heimat.« + +Da kam eine seltsame Ruhlosigkeit über den Elfen, seine Augen +schimmerten in einem kühlen, fremden Licht, er verließ seinen Platz +neben Uku und flog zum Bach nieder. Dort nahm er das glitzernde Wasser +in seine Hand, hob es auf und sagte: + + »Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein, + Silber im Wasser, werde mein!« + +Und während das Wasser aus seinen zarten Fingern niederrann, geschah das +Wunder, daß ein klarer Silberschimmer in seiner Hand zurückblieb, und er +legte ihn über seine hellen Flügel. In diesem Glänzen trat er nun zu den +winzigen Wasserperlen, die von einer Bachwelle an einem Schilfhalm +zurückgeblieben waren, hob seine Hand und sagte zu ihnen: + + »Ein Elf befiehlt euch gehorsam zu sein, + reiht euch zur glitzernden Kette ein!« + +Und wieder geschah, was er befahl, und als er diesen reinen Schmuck um +seinen Hals legte, war seine Pracht überirdisch zu schauen, die +Verwunderung der Waldwiesenleute nahm kein Ende, aber sie fürchteten +sich, denn er wurde ihnen immer fremder. Sie erlebten, daß er Wunder +über Wunder tat und sich für den Gang zu seiner Königin immer herrlicher +schmückte, aber zugleich sahen sie, daß sein Angesicht immer trauriger +wurde. + +Als er sich umwandte, um ihnen einen letzten Gruß zuzuwinken, war die +Sonne herabgesunken, nur ein schmales goldenes Halbrund ihrer Scheibe +war noch zu sehen. Da hob der Elf zum letztenmal seine Hand, wie gebannt +durch das feurige Himmelsgold, wandte sich an die Sonne im Abend und +rief: + + »Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein, + gib mir Gold aus deinem Schein!« + +Aber es blieb nach seinen Worten totenstill umher, und nichts geschah. +Lautlos sank fern die Sonne völlig unter den Horizont, und nun vernahm +man umher das leise Seufzen, in welchem alle Geschöpfe sich der +hereinbrechenden Nacht ergaben. Ein sanftes Rauschen erhob sich und +pflanzte sich fort, und in diesem Wehen stand bestürzt das Elfenkind in +seinem Silberglanz, und eine Träne nach der anderen rann über sein +blasses Gesicht und tropfte ins Moos. »O, die Sonne,« schluchzte es, +»sie ist meinem Ruf nicht gefolgt, ihr Gold ist nicht für mich!« + +Keines der Tiere umher wagte sich zu rühren. Nach den Beweisen seiner +Macht, nach allen Wundern, die eben noch der Elf getan hatte, +erschütterte alle seine Ohnmacht und sein Schmerz darüber, daß die Sonne +ihn nicht hörte, aber wie erschraken sie, als er nun plötzlich den +herrlichen Perlenschmuck von seinem Halse nahm und rasch und mit Eifer +das schimmernde Bachsilber von den Flügeln streifte. Allen Schmuck, den +durch wunderbaren Zauber die Natur ihm gehorsam verliehen, und den er +sich angetan hatte, streifte er ab; und nun, als er ihnen wie einst, +nur in seinem schlichten Kleid, mit den hellen Flügeln und dem Goldhaar +erschien, sahen sie, daß er sich auf seine Knie sinken ließ, und indem +er flehentlich seine Hände zum Abendhimmel hob, rief er: + + »Goldene Sonne, ein Elfenkind + möchte nicht mehr sein, als alle sind. + Sieh, ich gab meine irdische Zier, + gib mir dein himmlisches Gold dafür.« + +Kaum waren die Worte im Abendwind verklungen, als hoch aus dem Gipfel +der Linde ein feines Klingen erscholl, das von einem Glänzen begleitet +wurde, und von Zweig zu Zweig rieselte es golden durch die Blätter +nieder und legte sich dem knienden Elfenkind um Stirn und Schläfen und +über sein helles Haar. Alle erkannten, daß es das letzte Gold der +Abendsonne aus dem Wipfel der Linde war, und das Glück und das Entzücken +der Waldwiesenleute kannte keine Grenzen. Es brach ein Jubel aus, der +nicht enden wollte, alle Angst und Sorge wich aus den Herzen, und aus +den Zügen des Elfen war alle Traurigkeit verschwunden. Nie war er den +Tieren der Waldwiese schöner erschienen, das Fremdartige und Seltsame, +das noch eben alle an dem Elfenkind in heimliche Scheu versetzt hatte, +hielt sie nun nicht mehr gebannt, und alle glaubten es, als Uku rief: + +»Leb' wohl auf deinem Weg ins Nachtland der Elfenkönigin, du wirst nun +sicher zu uns zurückkehren!« + + * * * * * + +Als der Elf dahinflog, leuchtete eine Weile noch der festliche +Abendhimmel durch die Stämme, erst in den Tannen wurde es dunkel, und +bald darauf, wenn eine Lichtung kam, schimmerten die ersten Sterne im +kühlen Blau der Höhe. Es dauerte nicht lange, und der Mond ging auf, man +sah es am blassen Schimmer hoch in den Kronen der Bäume. Die Fledermäuse +jagten in den Waldlichtungen, und hin und wieder erscholl der Ruf der +Eulen. + +Es war ein weiter Weg für den Elfen, feierlich rauschte der Wald durch +sein Herz, das bang und zuversichtlich zugleich pochte, von Furcht und +Hoffnung gewiegt. Es war in der Natur umher ganz mondhell geworden, als +er am Ort seiner Bestimmung angelangt war. Am Stamm einer uralten Eiche, +dicht über dem Boden im Buschwerk kreisten eine Schar von Glühkäfern in +seltsamen Ornamenten durch die Luft, als zögen sie geheimnisvolle Linien +oder Kreise, die ganze Umgebung wurde auf diese Art in eine schimmernde +Dämmerung getaucht, in welcher die Blätter seltsam glommen, als brennte +irgendwo ein verborgenes grünliches Licht. Der Elf erkannte diese +Wahrzeichen, er ließ sich bis dicht vor die großen Wurzeln der Eiche ins +Moos nieder und rief die Glühkäfer an. Sofort löschten alle bis auf +einen ihr Licht, nun sah man die Silberstreifen vom Mond durch die +Zweige fallen, erwartungsvoll schien alles auf ein Ereignis zu harren. +Der Glühkäfer kam nahe an den Elfen heran, aber als er sich vor ihm auf +der Baumwurzel niederließ, erschrak er heftig. + +[Illustration] + +»Was hast du für Licht auf den Haaren und auf deiner Stirn,« rief er, +»du erschrickst mich. Lösch dein Licht!« + +»Ich kann es nicht,« sagte der Elf, »zeig' mir den Weg zur Königin.« + +»Du bist der Waldwiesenelf, der von der Herrscherin erwartet wird?« + +Der Elf nickte. Auf ein Zeichen des Käfers flammten die Lichter aller +anderen wieder auf, und es wurde unter der Wurzel der Eingang zu einer +Höhle sichtbar. Die kleinen Wesen dienten scheu und gehorsam jedem Wink +der Elfen. + +»Der Mondtanz auf der Wiese ist schon beendet,« sagte ein Käfer zum +Elfen, als er neben ihm dahinflog, »alle erwarten dich im silbernen +Saal. Es darf kein Elf mit dir sprechen, bevor es nicht die Königin +getan hat.« + +Den Elfen ergriff mit heimlicher Macht der alte Zauber seines +Heimatreichs, alles, was er seit der Nacht durchlebt hatte, in der er +seiner Blume entstiegen war, erschien ihm plötzlich wie ein glühender +Sonnentraum, in Gold und Grün und Wärme verwoben. Seine Hände zitterten, +und er rief das Losungswort der Elfen vor dem Tor am Ende des Gangs mit +bebender Stimme. + +Die nächtlichen Tore taten sich auf, ein Himmel von Licht und Glanz +umfing den Elfen, als ob er in ein wogendes Meer von fließendem Silber +untertauchte. Geblendet hielt er inne, während sich lautlos das Tor +hinter ihm schloß, das die dunkle irdische Nacht vom Elfenreich trennte. +Er sah über weite Gärten hin, die von Silber und durchschimmerndem Grün +flammten und so hell waren, wie den Augen die Scheibe des Vollmonds +erscheint, wenn sie weit aufgeschlagen mitten hineinsehen. Es ergriff +ihn eine tiefe Rührung, die er nicht zu überwinden vermochte, es war die +Gewalt der Heimat, die Einzug in sein Gemüt hielt. Sie ist die +mächtigste aller Erinnerungen, schon viele Wesen sind ihr immer aufs +neue erlegen und haben ihr das Opfer dessen gebracht, was die weite Welt +sie gelehrt hat. + +Ein hoher Gesang schreckte den Elfen aus seiner Traumbefangenheit empor, +er hob seine Augen und sah vor sich den Thron der Elfenkönigin. Über +ihrem blonden Scheitel, auf dem ein Kronenreif aus Diamanten erglänzte, +so rein und durchscheinend wie das Quellwasser der Waldtiefe, wölbte +sich ein strahlender Baldachin, und zur Rechten und Linken ihres Throns, +der aus Silber war, standen in weißen Reihen ungezählte Scharen von +Blumenelfen, und alle hatten ihre Augen auf den Ankömmling gerichtet. +Von ihren Lippen erscholl der Gesang, der die grüne Silberluft umher +erfüllte, wie buntes Licht eine kristallene Kugel. Unwillkürlich ergriff +die selige Schönheit des Gesangs den Elfen, und indem er sich tief +verneigte, sang er mit den anderen das alte Elfenlied, den Gruß der +Königin: + + »Du Lob des Lichts in mir, + du Leuchten, das ich bin! + In tiefer Demut deine Zier, + ewige Königin.« + +Als das Lied verklungen war, wurde es umher so still, als wäre der +strahlende Lichtraum ein Bild, nur ein ganz leises, kaum vernehmbares +Rauschen ging von den vielen Flügeln aus, als zöge ein heimlicher +Windzug über eine Winterlandschaft, deren Bäume im Rauhreif glitzern. Da +erklang die Stimme der Elfenkönigin, und ihre Lichtaugen ruhten auf den +Zügen des Elfen wie zwei Sterne: + +»So bist du meinem Rufe gefolgt und zu mir gekommen, du verlorenes Kind? +Ich will dich nicht fragen, ob es ein Unglück oder eine Schuld gewesen +ist, die dich aus unserem Reich verbannt hat, aber du sollst heute +wissen, daß meine Macht groß genug ist, dir deine alte Freiheit wieder +zu erwirken, und du darfst in unsere Gemeinschaft und in deine alten +Elfenrechte zurückkehren, wenn du allem absagen willst, was dich in der +vergänglichen Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen gefesselt hat, und +wenn du deine Schuld von Herzen bereuen kannst.« + +Es ging eine frohe Bewegung durch die Reihen der Elfen, alle schienen +beglückt zu sein, daß einer der Ihren, den der Tag der Erde ihnen +geraubt hatte, wieder in ihr Zauberreich zurückkehren sollte. Aber die +feine Stirn der Königin umwölkte sich plötzlich unter dem Licht ihrer +Krone, und sie sagte: + +»Kommst du ungeschmückt zu deiner Königin?« + +Da merkte der Elf, daß der Schein auf seiner Stirn erloschen war, seit +er das Elfenlied gesungen hatte, und die seltsame Trauer, die sein Gemüt +bewegte, nahm zu. Ihn ergriff jählings ein Heimweh nach dem warmen +grünen Erdenreich der Sonne, und er begriff zum erstenmal die Bedeutung +des alten Gesetzes des Elfenvolks, daß kein Elf die Sonne sehen durfte. + +Es schien, als ob die Königin seine Gedanken erriete, sie sagte ernst +und mit feierlicher Stimme: + +»Dein Geschick hat dich in das Bereich der Sonne verschlagen, und du +hast erfahren, wie gefährlich ihre Macht ist. Es ist nur einem Wunder zu +danken, daß du nicht gestorben bist, aber fast so schlimm wie der Tod +ist die böse Wirkung der Sonne, die die Elfen ihr ewiges Lichtreich +vergessen macht und sie zum vergänglichen Geschick der sterblichen Wesen +verzaubert. Aber meine Macht ist größer; hast du gehört, daß ich dich +erlösen will? Bevor du aber nun aufs neue in unsere Gemeinschaft +aufgenommen wirst, sollst du uns erzählen, wie es gekommen ist, daß du +in deiner ersten Erdennacht am Morgen den Aufgang der Sonne nicht +rechtzeitig gewahr geworden bist.« + +Da hob der Elf seinen Kopf, den er in unverstandener Traurigkeit gesenkt +gehalten hatte, solange die Königin sprach, und begann seine Geschichte +von der Biene zu erzählen, die er in der Sommernacht zu den Menschen +geführt hatte. Es war unbeschreiblich still umher, während er sprach, +denn die Elfen wissen nur wenig von den Menschen, es kommt nur alle +hundert Jahre vor, daß ein Elf mit den Menschen in nähere Berührung +tritt, deshalb sind sie sehr begierig, etwas zu erfahren. Vor der Sonne +und den Menschen haben alle Elfen eine große Scheu. + +Der Elf erzählte zu Beginn nur langsam und schüchtern, aber je länger er +sprach, um so fester und klarer wurde seine Stimme, und als er zum +Schluß kam, erhob sie sich zu einem Jubeln, so daß alle mit pochenden +Herzen lauschten und nicht begriffen, woher die Freude stammte, die aus +den Worten des Elfen strahlte. + +Es war lange still, nachdem er seine Geschichte beendet hatte, endlich +fragte die Königin erstaunt und besorgt: + +»Du sagst uns, die beiden Menschen seien glücklich gewesen, ich will es +dir gerne glauben, aber wie kommt es, daß du darüber die aufgehende +Sonne am Himmel nicht gewahr geworden bist? Das blendende Feuer der +gewaltigen Sonne muß doch deine Sinne schon mit Angst erfüllt haben, als +es sich am Horizont ankündigte, und da wäre es für dich noch Zeit +gewesen.« + +Der Elf erhob seine Arme, und seine Augen glänzten: + +»Wie soll ich es dir beschreiben, mächtige Königin,« sagte er mit +zitternder Stimme, »seit ich die Augen der beiden Menschen gesehen +hatte, die sich im Glück ihrer Liebe umschlungen hielten, war mir ums +Herz, als sei die ganze Erde hell. Ich habe geglaubt, das Licht käme +aus ihren Herzen geströmt, wirklich ... und als ich dann aufschaute und +die Morgensonne erblickte, war mir in meiner Verwirrung zumut, als käme +alles Glück von ihrem Licht, und ich konnte nicht wie früher glauben, +daß sie gefährlich und schrecklich sei. Ich vernahm um mich her die +Stimmen der erwachenden Blumen und Tiere, und aus aller Mund klang der +gleiche frohe Glaube.« + +Da sprang die Königin auf und schlug vor ihrer Stirn die Hände zusammen +vor Zorn und Trauer. + +»Armes, verführtes Kind!« rief sie, »was hast du gegen das +unvergängliche Dasein der Elfen eingetauscht! Weißt du denn nicht, daß +alle Wesen, die der Sonne vertrauen, sterben müssen?« + +Erschrocken über den Zorn der Königin trat der Elf ein wenig zurück. + +»Das macht ja nichts ...« antwortete er schüchtern. + +Es war wirklich so, als sollte in dieser Nacht im Reich der Elfen ein +Wunder nach dem anderen geschehen. Die Königin stand plötzlich +merkwürdig still, sie schien ihre ganze Sorge vergessen zu haben, und +indem sie sich langsam mit großen Augen vorbeugte, sagte sie in höchstem +Erstaunen: + +»Wie, ist es wahr, du weinst? Seit wann kann ein Elf weinen?« + +»Ich weiß nicht,« antwortete der Elf leise, »ich kann es ...« + +Da raffte die Königin sich erschrocken auf, und indem sie ihre ganze +Kraft zusammennahm, sagte sie: + +»Wie frei und herrlich war dein Leben vor deiner unseligen Schuld! Dir +war Schönheit und Macht verliehen, und du hast im hellen Flügelkleid die +Irdischen beglücken können, nach deiner Wahl. Schmerzen und alles +Ungemach der sterblichen Wesen sind dir fremd und fern geblieben, und +dein Tod war nur ein liebreicher Traum des Vergessens, durch den du in +unser Reich zurückkehrtest, um einst aufs neue als Blumenelf aus einem +reinen Kelch zu steigen, so hell und einsam wie das Licht aus den +Sternen bricht, oder wie ein Quell aus den Felswänden. Dein Wort tat +Wunder, alle Wesen der Schöpfung dienten dir und segneten dich. Die Erde +nahm dich auf, um dich aufs neue zu erlösen; weißt du das alles nicht +mehr?« + +Da rief der Elf laut: + +»Die Erde kann nicht erlösen, nie die Erde!« + +»Was soll dich denn erlösen, du Törichter«, entgegnete bestürzt die +Königin. »So alt das Geschlecht der Menschen ist, solange sind Herzeleid +und Klage von ihnen aufgestiegen, solange haben Erniedrigung und Schmach +ihre Liebe begleitet, solange sind sie den bitteren Tod gestorben, der +ins ewige Dunkel führt. In der Sonne vergessen sie ihr Geschick, in +derselben Sonne, die nun auch dein Gemüt und deine Sinne verführt hat. +Und ergeht es den übrigen Geschöpfen im Licht anders? Ihr Seufzen steigt +wie Nebel vom Erdgrund, sobald die Sonne am Horizont gesunken ist, ach, +und wieviel Tränen hat auch die Sonne selbst gesehen, die sie nicht hat +stillen können! Dies alles weißt du, und was du erfahren hast, wird dir +nur die Wahrheit meiner Worte bestätigen, und so frage ich dich nun, +willst du zu uns zurückkehren und in deine alte Freiheit?« + +Da antwortete ihr der Elf: + +»Ich kann es nicht mehr.« Und als die Königin sich erhob und sagte: »So +werde ich dir helfen,« legte der Elf die Hand auf seine Brust und sagte +deutlich: »Ich will es nicht mehr.« Und als hätte sein Entschluß ihm +Kraft verliehen, fuhr er mit leiser Stimme, aber ruhig und gefaßt fort: + +»Was du über die Erde, die Sonne und ihre Geschöpfe gesagt hast, +Königin, das ist wahr, aber du und alle aus deinem Reich, ihr kennt nur +das Ungemach der Irdischen, aber ihr kennt ihr Glück nicht. Ich kann es +dir mit Worten nicht sagen, dies Glück, das jetzt auch mein Teil +geworden ist, und von dem ich mich nicht mehr trennen will. Wohl ist der +Tod das dunkle Geschick der Irdischen, aber im Licht der Sonne, die +alles blühen macht, blüht auch aus den Herzen der Sterblichen eine helle +Blume der Freude. Ihr Name ist Liebe, der Grund, auf dem sie allein +gedeihen kann, ist das Herz in seiner Freiheit.« + +»Das Herz?« sagte die Königin mit blassen Lippen. Es war so still +umher, daß ihre Frage wie ein Traumruf in ruhiger Nacht erklang, es war, +als wagte niemand zu atmen. Da fuhr der Elf mit leiser Stimme fort, die +vor Ergriffenheit zitterte: + +»Ich kann das Herz nicht schildern, aber sein Reich ist unendlich, weit +und klar. Seine Allmacht ist stärker als die Gedanken, seine Wärme +gnädiger als das Sonnenlicht, und tausend und tausend Jahre haben seine +Fülle nicht ändern noch trüben können. Alle Schwachheit des +vergänglichen Geschlechts der Irdischen ist nur eine arme, zeitliche +Befangenheit gegen seine helle und unzerstörbare Freiheit, und immer und +immer wieder blüht aus seinem Grund die Liebe empor. Nur das Herz kann +erlösen, Königin. Draußen, in der goldenen Gemeinschaft der Sonne, blüht +es auf, was gilt den Gesegneten, die es in ihrer Brust bergen, noch das +zeitliche Elend oder der Tod? Wie immer wieder die Sonne mächtig wird +und die Erneuerungen des Frühlings erschafft, so wird in den Herzen +immer wieder die Liebe aufbrechen, das macht die Fremdesten zu Brüdern, +die Einsamen zu fröhlichen Gefährten und schließt die Verlassenen in +eine unaussprechliche Gemeinschaft der Hoffnung ein. Das ist es, was ich +erfahren habe, seit ich die Sonne und ihr Bereich kenne, aber ich weiß +wohl, daß ich es nicht erklären und benennen kann. Es ist eine +himmlische Ungeduld in mir voll Seligkeit, das Herz pocht und pocht, +erst seit ich weinen kann, höre ich seinen Schlag. Es klingt warm, voll +Angst, bald ist mir, als versänke es in Dunkelheit, dann wieder vermag +ich sein Strahlen nicht zu fassen, und ich weiß, es wird blühen! Ich +weiß es, wenn ich die Knospen auf den Wiesen sehe, oder den Vogelgesang +höre, das Lachen der Menschen oder ihre Klage. 'Es wird alles, alles +gut,' pocht das Herz, 'du sollst noch viel Größeres erfahren!'« + +Der Elf schwieg, und wie beschämt von seiner eigenen Kühnheit senkte er +sein Haupt, und ein schüchternes Lächeln kam in seinen Zügen auf, ein +wehmütiges Lächeln der Zuversicht. Ach dies Lächeln! Könnte ich es mit +meinem Geist erfassen und über eure Herzen ausschütten, wie Gott seinen +Sonnenschein über die blühende Frühlingserde strömen läßt, für den Preis +meines Lebens, ich täte es! + +Kaum hatte der Elf seine Worte beendet, noch ging wie eine Woge das +Erstaunen aller durch den Saal, da geschah das Wunder, daß sich in +seinem Haar und um seine Stirn ein sanftes Glühen erhob, das, obgleich +es milde und freundlich war, doch stärker erstrahlte als alles Licht des +funkelnden Saals. + +»Die Sonne!« schrie die Königin laut und sprang in hellem Entsetzen +empor, »die Sonne!« Sie erhob ihre Hände und rief ein gewaltiges +Zauberwort, unter dessen Klang der Saal erbebte, und das magische Licht +ihrer alten Welt und mit ihr der unterirdische Raum und das Heer der +erschrockenen Elfen versanken in grausige Erdtiefe, abgelegener und +ferner, als die Sinne ermessen können. Es wehte kühl und traurig aus der +Finsternis über den Elfen hin, und er vernahm aus der Nacht, die ihn +umgab, eine dumpfe Klage, wie sie zuweilen vor dem hereinbrechenden Föhn +schaurig über die Eisdecke der Gebirgsseen hinhallt. -- + +Am hereinbrechenden Morgen weckte das Tageslicht der Erde den Elfen. Er +fand sich unter Farren im Moos liegen, zwischen den großen Wurzeln des +Baums, der den Eingang zum Elfenreich hütete. Er richtete sich mit +Taumeln auf und sah voll tiefen Erstaunens in das Morgenrot, das +zwischen den Stämmen leuchtete. So war er nun dem alten Heimatreich für +immer entrückt, sein Zauber hatte die Gewalt über ihn verloren, und es +war ihm nach seinem Willen geschehen, nun unter den Sterblichen der +Erdoberfläche ein Vergänglicher zu sein, wie die anderen alle. + +Als die Sonne ihr funkelndes Strahlengold über die heitere Landschaft +ergoß, als die fernen Seen aufblitzten wie silberne Himmelreiche, im +Morgenrauschen der Wälder verloren, als die ersten Stimmen der +erwachenden Tiere ihn begrüßten und der Tau seine Stirn kühlte, zog ein +froher Mut in sein Herz ein. Mit Singen erhob er seine Flügel und flog +durch den Morgenglanz der erfrischten Welt auf die Waldwiese zurück, zu +den Pflanzen und Tieren, den Freunden seines Lebens. + + + + + Siebzehntes Kapitel + + Das Reich + + +Langsam wurden nun die Tage kürzer, und die ersten Silberfäden der +Wanderspinnen hingen in den Büschen oder sie zogen so lautlos durch die +klare Luft, als ruhten sie auf unsichtbaren Schwingen, wie überall umher +das sommerliche Waldglück in freier Gestilltheit träumte. Aber seit +diese glitzernden Fäden zu sehen waren, kam mit ihnen eine heimliche +Wehmut auf, als sänge eine Frauenstimme in einem verlassenen Haus, oder +als wendete ein Scheidender sich nach einer liebgewonnenen Stätte um, +die er nicht wiedersehen sollte. + +Die Berberitzensträucher am Rand der Waldwiese sahen unter der roten +Last ihrer kleinen Früchte aus, als wären sie über und über mit Korallen +behängt, die vereinzelten Vogelrufe zogen durch das Wunder ihrer zarten +Gestalt, wie auch die Luft und die kühlere Sonne. Die Nächte waren von +niegesehener Klarheit, die Gestirne funkelten so deutlich und nah, als +wünschten sie ihr strahlendes Bild in alle Seelen einzuprägen, und die +Gedanken der lebendigen Wesen, die über dem scheidenden Sommer in +Schwermut sanken, mußten zu ihnen emporziehen, ob sie wollten oder +nicht. + +Zu dieser Zeit begann die Linde an einem hellen Abend eine andere +Geschichte von den Menschen und erzählte: + +»Im Laufe meines langen Lebens, dessen Dauer ihr Lieben, meine Blumen, +Pflanzen und Tiere in eurem Sinn nicht ermessen könnt, habe ich viele +Menschen unter meinem Schatten beherbergt, ich habe sie von sich und +anderen sprechen hören, ich kenne viel von ihrem Verlangen, ihren +Schmerzen, ihrer Freude. Frühling für Frühling, im beständigen Wechsel +der Jahreszeiten, hat sich meine Erfahrung auf seltsame Art erneut. Ich +habe das Große des Irdischen um so besser behalten, und das Geringe hat +sich verloren, als sei es kein Teil meiner Erinnerung. So ist es mir +ähnlich ergangen, wie es einem alten Geschlecht unter den Menschen +ergehen kann, zuletzt erben die jüngsten Sprossen zuweilen die +Herzenserfahrung ihrer Väter als ihr Gut, sie werden mit weisen Augen +geboren, zugleich mit unvergänglicher Jugend und bergen den +Seelenreichtum ihrer Ahnen im großen Gemüt. + +So habe ich in meinen tausend Jahren oft von der Geschichte eines Mannes +vernommen, immer wieder erklang sein Name, und was ich durch den Wandel +der Jahrhunderte von seinem Wesen behalten habe, was Frühlinge und +Herbste, der Schlaf des Winters und das Ungestüm der Stürme in mir nicht +haben auslöschen können, das will ich euch heute erzählen, da nun der +Sommer zur Neige geht, und mit ihm manches Leben unter mir entschläft, +um in dunkler Ruhe seiner Vollendung zu warten.« + +Es waren an jenem Abend, an dem die Linde ihre Geschichte begann, fast +alle Geschöpfe der Waldwiese versammelt, die euch bekannt geworden sind, +und noch viele mehr. Auch der Elf saß mit gestütztem Kinn auf einem +Moospolster unter einem hohen Farrenblatt und lauschte. Seine Augen +waren groß und still und suchten die schimmernde Weite des späten +Sommertages. Wer ihn näher kannte und liebte, hatte in der letzten Zeit +eine zunehmende Traurigkeit bei ihm wahrgenommen und stärker als jemals +jene himmlische Ungeduld seines Wesens, die sich wie ein Licht auf alle +übertragen hatte, mit denen er in Berührung gekommen war. Er mußte nun +oft an seine Begegnung mit der Lerche denken, und an ihre Worte, als sie +ihm gesagt hatte: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.« Sie sang +nun schon lange nicht mehr, und einen Sommer hindurch harrte der Elf auf +seine Erlösung. Wann sollte ihm jene Liebe endlich begegnen, die größer +als alle Liebe war, die er empfunden oder gegeben hatte, und die ihn zu +seiner Heimkehr erlöste, nach der er sich sehnte? Wohl hatte er seine +Hoffnung nicht verloren, aber sie war traurig geworden, und oft, wenn +nun in kühleren Nächten die Sterne auf sein Lager schienen, hatte er +leise gesungen, im Dunkeln: + + Trauer du, mein irdisch Los, + über deinen bittern Gaben, + will ich meine Seele groß, + will sie stark und glänzend haben. + +Ihm war, als brächte ihm sein Lied aufs neue die Gewißheit seiner +Bestimmung, als riefe er sie singend herbei, aber doch mußte er zuweilen +daran denken, daß vielleicht seine Erlösung noch in weiter Ferne lag, +und daß die strahlende Erde, auf die er gebannt war, doch in all ihrer +Schönheit keine Liebe kannte, so groß, wie er ihrer zu seiner Heimfahrt +bedurfte. + +Dies kam ihm auch heute in den Sinn, als die Linde ihre Geschichte +begann, denn sie begann feierlich und sehr ernst, aber er konnte seinen +Gedanken nicht nachhängen, denn es erhob sich ein sanfter Wind, und der +alte Baum fuhr fort zu erzählen: + +»Es ist länger her, als auch die ältesten Bäume ermessen können, da war +einst in einer prächtigen Königsstadt des fernen Ostens ein großes Fest, +zu welchem die Menschen aus allen Gegenden des Landes herbeigeströmt +waren, um daran teilnehmen zu können. Durch das Gewühl der fröhlichen +Menschen ging ein Knabe, der niemandem auffiel, der ihn nicht näher +betrachtete, denn er war einfach bekleidet und schmal von Wuchs; was ihn +vor anderen auszeichnete, war der Glanz seiner Augen, deren Blick, +eigenartig und schüchtern in sich versunken, doch zugleich in weite +Ferne zu schweifen schien, wie ein ruhiges Wasser in seiner eigenen +Tiefe ruht und doch zugleich den Himmel spiegelt. + +Er schritt langsam dahin, durch die heiße Sonne des schönen Tags, +nachdenklich und froh, nach Knabenart, und es mag gegen seinen Willen +geschehen sein, daß er sich nach einer Weile vor dem Eingang des +mächtigen Tempels befand, der ruhig dalag, da kein Gottesdienst +abgehalten wurde. Der Knabe schritt die breite Treppe empor und öffnete +mit Mühe die schweren Vorhänge, die in das dämmerige Licht der +feierlichen Halle führten. Gelassen betrat er das Heiligtum, heimlich +beglückt und ohne Neugier, aber mit dem zitternden Herzen seiner +Erwartung. + +Es war fast leer unter den zwei erzenen Säulen der Vorhalle und kühler +als draußen in der Sonne. Aus den Nischen blinkte goldener Schmuck aus +Wandgemälden und gewirkten Teppichen. Der innere Raum war unermeßlich +hoch und groß, zwischen den Knäufen der Säulen hing ein funkelndes +Gitterwerk, sieben geflochtene Reife, wie Ketten. Die Wipfel der Säulen +öffneten sich wie Lilien. Aus einer der Nischen im Hintergrund erklang +eifriges Reden, der Knabe vernahm dunkle gewichtige Männerstimmen und +erregte Einwürfe, die seltsam widerhallten und durch den Schall im Raum +eine geheimnisvolle Wichtigkeit bekamen. + +Als er hinzutrat, erkannte er am ehernen Gestühl dicht neben dem +vergoldeten Altar mit den heiligen Broten eine Gruppe von Priestern und +Gelehrten, die über wichtige Fragen, welche Gott und sein Reich +angingen, in heftigen Streit geraten waren. Da schritt er hinzu und +lauschte, bis eine der Aussagen der Streitenden ihm ins Herz sank, und +er trat in ihren Kreis und fragte nach dem Sinn der vernommenen Worte. +Die Angeredeten waren sehr erstaunt, als unerwartet ein fremder Knabe in +ihre Mitte trat und sich in ihre Anliegen mischte. Ein alter Mann unter +ihnen, an den der Knabe mit klarer Stimme und ernstem Angesicht seine +Frage gerichtet hatte, erhob zornig sein ehrwürdiges weißes Haupt und +wies den Eindringling mit ausgereckter Hand aus ihrer Mitte, aber noch +ehe ein mißbilligendes Wort über seine Lippen kam, begegneten seine +Augen denen des Kindes, und er schwieg betroffen, denn ihm war, als ob +ein Leuchten von der Stirn dieses Knaben sank, und der Glanz seiner +Augen erschien ihm so liebevoll in seiner Klarheit, daß er sich besann +und gütig antwortete. Aber wie groß war sein Erstaunen, als der Knabe +seine Hand ein wenig hob, und indem er sinnend in die Dämmerung des +Tempels schaute, sein kindliches Haupt schüttelte. + +'Glaubst du mir nicht?' fragte der Alte betroffen. + +Die Anderen hatten sich schweigend und neugierig um die beiden +versammelt, und es ist ein seltsames Bild gewesen, als das Kind in der +Gruppe der weißhaarigen Alten stand, die einander über die Schultern +sahen, mit erstaunten, spöttischen und mitleidigen Angesichtern. 'Laß +ihn doch gehen', erhob sich eine Stimme, und ein anderer meinte, es sei +nicht Sitte, daß Kinder im Tempel das Wort ergriffen. Aber da wandte +sich der Knabe ihm zu, sah ihn an und sagte mit freiem Lächeln: + +'Dies ist das Haus meines Vaters.' + +Seinen Worten folgte ein befangenes Schweigen, denn sie waren mit großer +Zuversicht und so einfach gesagt, als handelte es sich um den irdischen +Vater, von welchem der Knabe sprach und nicht um den himmlischen; aber +der ehrwürdige Greis, der sich des Kindes zuerst angenommen hatte, hob +die Hand gegen die anderen, die sich zu Fragen und zum Widerspruch +anschickten, winkte ihnen begütigend zu und sagte: + +'Hat er nicht recht mit seinem Glauben? Gott ist unser aller Vater, so +ist er auch der seine. Aber nun sage mir, Kind, weshalb hast du den Kopf +geschüttelt, als ich deine Frage beantwortete, mit welcher du zwischen +uns getreten bist?' + +Und da geschah das Wunder, von welchem lange die Priesterschaft des +Landes bewegt wurde und das bis weit in alle Schichten des Volkes drang. +Der Knabe legte seine Hand auf die Blätter des heiligen Buchs, das den +Altar schmückte, und seine Fragen über den Sinn der ältesten Hoffnung +des Volks und der seligen Verkündigungen der Väter entzündeten die +Herzen der gelehrten Männer zu unbeschreiblicher Wehmut. Es war, als +sänke unter der Begierde und unter dem Anspruch dieses Kindes ein +jahrtausend alter Staub von den vergilbten Blättern, und der Sinn ihres +Inhalts schien zu leuchten, wie die Augen des Knaben, der sprach. Da +wich alle Besorgnis und jeder Hochmut der Priester ihrem Verlangen, den +Glanz dieses Geheimnisses zu ergründen, das unter ihnen waltete. Sie +fragten dieses und jenes, was sie in Zweifeln und in Not bedrängt hatte, +aber nicht wie Lehrer und Gelehrte fragen, sondern mit bebendem Herzen +und tief betroffen über die Antworten des fremden Knaben. + +Aber noch ehe sie recht ermessen hatten, was ihnen begegnete, hörten sie +die Stimme einer Frau, die herzueilte und laut und glücklich einen Namen +durch das Gotteshaus rief. Sie stürzte auf den Knaben zu, schloß ihn in +ihre Arme und weinte vor Sorge und Glück. + +'Wir haben dich drei Tage in der ganzen Stadt gesucht, mein Kind', rief +sie mit zitternder Stimme. Aber ihre Freude war viel größer als ihr +Zorn, und auch der Vater, der herzueilte, ergriff die Hand seines +Sohnes, schweigend vor Erstaunen und Ehrfurcht, ihn vor dem Heiligsten +des Tempels im Kreise der mächtigen Gelehrten zu finden. + +Das Kind folgte seinen Eltern ohne Widerspruch und begleitete sie, ihrem +Willen gehorsam. Die Priester sahen einander betroffen an, diese +lächelten befangen, ohne ihrer Verwunderung über das Geschehene Herr +werden zu können, jene sahen dem Knaben nach, und andere senkten ihre +Stirnen in Nachdenklichkeit, aber allen war, als wäre ein Schein unter +ihnen zurückgeblieben, wie kein Wissen und keine Priesterwürde ihn +auszubreiten vermögen, sondern nur das Herz, das unendliche, weite, +klare. + +Da sagte einer von ihnen und hob sein Haupt: + +'Welch eine Zeit bricht an, daß uns Weise ein unmündiges Kind durch sein +Verlangen beschämt?'« + + * * * * * + +»Ich habe kein Wissen und bin nicht gelehrt,« fuhr die Linde nach einer +Weile fort, »ich habe nur die Einwirkungen der Natur erkennen gelernt, +ich sah in mir und um mich her Erblühen und Vergehen, Lust und Schmerz +und eine stete Wiederkehr der Freude. Dies ist meine ganze Weisheit bis +auf den heutigen Tag geblieben, und ich will keine andere, denn in ihr +war ich glücklich. In ihr sehe ich das Bild des Mannes, von welchem ich +euch erzähle, und allein in ihr vermag ich es euch darzustellen, Gott +gebe meinen Sinnen Unschuld. Wir sind alle aus der Freude geboren und +kehren zu ihr zurück. + +Aus jenem Knaben, der im Hause Gottes die Priester in Erstaunen setzte, +wurde der Mann, dessen Geschick ich euch erzählen will. Erst nach vielen +Jahren tauchte er wieder unter den Menschen auf, und ich hörte, daß +niemand in Erfahrung gebracht hat, wo er bis an die Grenze seines +Mannesalters geweilt habe. Er soll einfach gekleidet gewesen sein und +nicht nach Sitte der Gelehrten seiner Zeit, er trug einen Mantel wie ein +Kleid, sein rauhes Haar fiel auf seine Schultern nieder, und als er +damals unter das Volk trat, hatte er weder ein Haus, noch irgendwelches +Eigentum, noch auch nur einen Ort, wo er hätte ruhen können. Er +arbeitete nicht und ließ keine Sorge um sein irdisches Ergehen in sein +Herz finden, denn sein Glaube war, daß der Vater im Himmel sich aller +annähme, die ihn von Herzen suchen. Obgleich er allein war und niemanden +um Liebe bat, auch um keines Menschen Freundschaft warb, fanden sich +Männer, die sich ihm anschlossen und die keine Macht der Welt mehr aus +seiner Nähe und aus seiner Gefolgschaft verbannen konnte. Man erzählt, +daß sie ihn erblickt und die Worte vernommen hätten, die er zu den +Leuten auf der Gasse sprach, und daß sie ihn darauf liebgewannen und +sein armes Dasein mit ihm teilten. Sie ließen ihre Arbeit, ihr Haus und +ihre Angehörigen ohne Bedenken zurück, um immer bei ihm zu sein. + +Man sprach bald im Land von diesem seltsamen Mann, aber man verstand ihn +nur selten, denn was er den Menschen über die Liebe sagte, war so neu, +so sonderbar und zugleich so strahlend in seiner Einfalt, daß die +meisten erstaunt, erzürnt oder geblendet aus seiner Nähe wichen und ihn +zu hassen begannen, denn er störte sie in der falschen Ruhe ihrer +Herzensarmut. Er sprach nicht über alle jene Dinge, die sie Tag für Tag +beschäftigten, nicht über ihre kleinen oder großen Sorgen, nicht über +die Landesverwaltung, noch über die Sitten und Gebräuche, sondern er +sprach über das Reich der Seele und über das Wesen der Liebe. + +Eines Tages erstieg er einen Berg, nahe bei einer großen Stadt und +begann, den Vielen, die ihn begleitet hatten, zu sagen, was sein Herz +bewegte. + +Er stand hoch und allein im Sonnenschein, in seinem schlichten Kleid, +achtete nicht darauf, wie viele es waren, die ihm zuhörten, noch ob sie +ihn wohlgesinnt oder feindlich betrachteten, er vergaß das Ungemach, das +ihm von Menschen geschehen war, und sprach, als durchschiene ihn das +Licht, in dem er stand, und seine Worte erklangen und leuchteten von +Gedanken, als ob auch sie aus diesem Licht geboren wären. + +Unter seinen Worten sanken alle vergänglichen Werte der Erde dahin, als +seien sie nichts, Reichtum, Macht, Ansehen vor den Menschen und alle +zeitlichen Güter, und an ihre Stelle setzte er zum Wert der Welt die +Liebe. Ihren Glanz nannte er das Reich, und er verhieß es nicht den +Mächtigen und Starken, sondern denen, die reinen Herzens sind, denen, +die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ersehnen; sie nannte er das Licht +der Welt. + +Als bei seinen Worten in den Herzen der Menschen, die ihm mit Zittern +und Andacht lauschten, die Angst um den Bestand ihres irdischen Daseins +sank, lenkte er ihre Blicke aus dem Wirrsal ihrer täglichen Lebenssorgen +hinüber in die Ruhe der Felder, in den Frieden der Natur, und sprach von +den Blumen und Vögeln, die nicht säen und nicht ernten, und die doch +empfangen, was sie brauchen. 'Sorgt nicht für euer Leben,' rief er laut, +'ihr seid viel mehr als sie! Trachtet zuerst nach dem Reich, so wird +euch alles andere zufallen.' + +Das Bild und der Glanz des Reiches wurde unter seinen glühenden Worten +zu einer neuen Heimat im Gemüt. Sorge, Haß, Feindschaft und selbst der +Tod erloschen in diesem blühenden Lichte, wie vor der aufgehenden Sonne +im Tal die Nebel der Nacht versinken. 'Ich bin zu euch gekommen, um +alles zu erfüllen, was die Sehnsucht unserer Väter erfleht hat, ihr +sollt mit mir vollkommen sein, wie Gott im Himmel vollkommen ist.' + +Das Reich, von dem er sprach, wohnte und regierte im Tempel der Seele. +Der Name Gottes und der Name der Liebe verwoben sich unter seinen Worten +zu einer Einheit in unvergänglicher Freiheit. In seinem Herzen glühte +der Wunsch, daß die Menschen sich von den vergänglichen Gütern der Erde +abkehren möchten und sich unvergänglichen zuwenden. Mit heiligem Zorn +und brennender Hoheit der Verachtung wandte er sich an die Schar der +Landespriester, die unter dem Volke standen und ihm zuhörten, und er +strafte sie um ihrer toten Gesetze und um ihrer Halbheit willen. + +Die Ergriffenheit und das Entsetzen der Menge nahmen überhand, er +erschien den Menschen bald als ein himmlischer Gesandter eines ganz +neuen Friedens, bald war ihnen, als müßte ein Gericht des Himmels diesen +glühenden Geist der Verheißung und der Prophezeiung davonreißen. Aber +nun wandte er sein Angesicht zum Himmel empor und sprach mit Gott, als +sähe er ihn von Angesicht. Die erschütterten Menschen warfen sich zu +Boden, ihnen war, als beschwöre die Inbrunst dieser Stimme Gott von +seinem Thron nieder, mitten unter sie. Sie glaubten, er würde Gott zum +Zeugen seines Rechts anrufen und Macht und Gewalt über die Erde für sich +erflehen, aber er bat nur um Brot, darum, daß ihre Schuld vergeben sein +möchte, und daß sie vor Unrecht bewahrt blieben. Wie in einem +unendlichen Jubel des Glücks rief er mit zitternden Lippen zu Gott +empor. 'Dein ist das Reich!' + +Der Abhang des Berges erschien wie ein Saatfeld nach dem Werk des +Schnitters. Der Sonnenschein flimmerte in warmen Lichtschwingungen, und +fern über den Gärten sangen die Lerchen im Himmelsblau. + +Niemand könnte die Wirkung seiner Rede schildern. In Glück, Andacht und +Entsetzen verließen die Menschen ihn, als er sie schloß, und der Ruhm +seines Namens verbreitete sich im Land und weit über die Grenzen hinaus. + + * * * * * + +Dieser unbekannte Gesandte einer neuen Botschaft, die die Liebe zum Wert +der Welt erhob, zog weiter durch das Land und sprach auf den Märkten und +Straßen zu den Menschen. Er fragte nicht danach, ob ein Mensch gute oder +schlechte Eigenschaften hatte, sondern nach dem Verlangen seines +Herzens. Das Heimweh der Menschen war ihm wertvoller als ihre Tugenden, +denn er hatte kein Gefallen an Opfern, sondern nur an Barmherzigkeit. So +nahm er eine Verworfene an sein Herz, als er die Trauer ihrer Demut sah, +aber er verwarf die Opfer eines reichen Mannes, dessen Herz sich nicht +von allem trennen konnte, was er hatte. Aber wo er Glauben an sein Reich +der Liebe fand, entschuldigte er alles, und wenn er jemandem half, so +bekümmerte es ihn nicht, welchem Land oder welcher Kirche er angehörte. +Das Leid der Menschen zog ihn an, er folgte ihren Schmerzen, als wäre er +um ihretwillen gekommen, er konnte sich keinem Elend verschließen. +Einmal kam ein fremder Kriegsherr zu ihm, der ihn kaum kannte, und nur +von ihm gehört hatte, und bat ihn, er möchte seinen kranken Knecht +gesund machen. Da antwortete er ihm: + +'Ich werde kommen und es tun.' + +Aber der Fremde lächelte abwehrend und rief: + +'Ich bin nicht wert, daß du in mein Haus kommst, sag' nur ein Wort, und +mein Knecht wird gesund werden!' + +Mit einem heißen Erschrecken der Freude über das Vertrauen, das in +diesen Worten lag, wandte der Angeredete sich seinen Freunden zu. Er +verbarg die Tränen, die sich in seine Augen drängten und sagte: + +'Unter euch habe ich solchen Glauben nicht gefunden.' + +Dann wandte er sich dem fremden Kriegsherrn aufs neue zu und sagte ihm, +als wäre nichts geschehen, das eines Dankes wert sei, daß er daheim +seinen Knecht gesund finden würde. Und wirklich fand der Herr seinen +Knecht gesund. + +Solche Macht war ihm gegeben. Niemand begriff, woher sie ihm kam, aber +er lächelte und sagte: 'Ihr alle könntet Berge versetzen, wenn ihr nur +so viel Glauben an die Liebe hättet wie ein Senfkorn.' + +Seine Freunde, die ihn begleiteten, verstanden ihn nur selten. Oft +fürchteten sie ihn, häufiger waren sie um ihn besorgt. Besonders seit er +einmal allein, mit einer Geißel in der Hand, in das Gotteshaus gegangen +war und die Händler vertrieben hatte, die dort ihre Tische aufzustellen +pflegten, empfanden manche ein heimliches Grauen vor seiner Kühnheit. +Denn er hatte den Leuten ihre Geldschalen mitsamt ihren Waren zu Boden +geworfen, so daß ihre Habe durcheinander rollte. Ihre Wut beachtete er +so wenig, als ob eine mächtige Schar ungezählter Engel ihn unsichtbar +begleitete und ihm Macht über alle Macht der Erde verlieh. So fürchteten +seine Freunde sich oft vor seiner Strenge und der Unerbittlichkeit +seiner Forderungen und seines Willens zum Guten, aber als sie ihn einmal +in ihrer Besorgnis fragten, antwortete er ihnen: + +'Wer meine Worte hört und glaubt nicht, den werde ich nicht richten, +denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Menschen richte, sondern daß +ich sie glücklich mache.' + +Obgleich er viel und zu allen Leuten sprach, sagte er doch, daß +niemandem ein Gut der Seele gegeben werden könnte, der nicht schon reich +an Kraft des Gemüts war; so redete er auch von solchen, die für das +Reich erwählt seien und von solchen, die es nicht finden sollten. Denn +er kannte den alten Irrtum der Welt, daß jemand Liebe empfangen kann, +der keine zu geben hat. Er wußte, daß nur diejenigen Liebe empfangen, +die Liebe haben. Er wollte nicht, daß die Menschen dem Bösen +widerstrebten, und sagte, daß niemand seiner wert sei, der nicht alles +aufgäbe, was er hätte. + +Aber die hohe Freude seines Gottbewußtseins wechselte oft mit tiefer +Niedergeschlagenheit, denn er war ein Mensch, und wie alle Menschen, von +denen ich euch erzählt habe, den irdischen Geschicken unterworfen. +Sagte ich euch nicht, als ich euch von Traule erzählte, daß Leid und +Freude aus der gleichen Quelle entspringen, und daß sie gleicherweise +hervorströmen, wenn die geheimnisvollen Gründe der Brust erschlossen +sind? So ging dieser einsame Verkünder des Reichs oft allein vor die +Stadt auf einen Hügel, der mit Olivenbäumen bestanden war, und wenn er +auf die Wohnungen der Menschen niedersah, überwältigte ihn sein Gram +über ihre Armut, und er weinte. Er ahnte, daß nur wenige im Lauf aller +Zeiten ihn verstehen, und daß sie ihn töten würden. Und er wußte, daß er +sterben mußte, um den Menschen zu zeigen, daß er selbst sein Leben +gering achtete, gegenüber der unverbrüchlichen Beständigkeit des Reichs. + +Als er einmal seine Zweifel, die Angst seiner Seele und das Übermaß +seines Liebesverlangens nicht mehr ertragen konnte, trat er vor einen +seiner Freunde hin, und mit einem tiefen Seufzer entrang sich seiner +Brust die Frage: + +'Hast du mich lieb?' + +Sein Freund sagte zu ihm: 'Du weißt so viele Dinge, du weißt auch, daß +ich dich lieb habe.' + +Aber er fragte noch einmal und ein drittes Mal. Es kamen ihm in heißer +Sorge die Menschen in den Sinn, die wie er um ihrer Liebe willen auf der +Erde Schande, Erniedrigung und Not erleiden mußten, und die Angst +zerdrückte sein Herz. Er bat seinen Freund, er möge ihn nicht vergessen +und nicht die Hoffnung, nicht das Licht, die sein Herz bewegt hatten. Es +war, als ahnte er, wie arg die Menschen einst seine Worte entstellen, +und daß sie aufs neue die Freiheit zum Gesetz erniedrigen würden. Ein +anderer seiner Freunde hat nie aufgehört, seinen Herrn zu lieben, er ist +an seiner Liebe gestorben, wie eine Blume, im Glanz der strahlenden +Sonne, an ihrer Seligkeit. Sein Geist sank in Nacht, weil seine Seele +sich so schrankenlos dem Licht zukehrte, daß ihr das Irdische fremd +wurde, wie die Dunkelheit. Aber bis in seinen letzten glühenden Traum +sah er die Schönheit seines Herrn. + +Wie sollte ein irdischer Mund diese Schönheit schildern? Um das Licht +seiner Worte sind seither auf der Erde mehr Kämpfe gefochten worden, als +um jeden anderen Namen, Kriege sind um ihn geführt, wie niemals vorher. +Nie hat die Erde mehr Blut als um seinetwillen getrunken. Die Schar der +Märtyrer ist ohne Zahl, ja es ist, als habe seit jenen Tagen die Welt +ihr Angesicht verändert und sich der Hoffnung auf ein ganz neues Ziel +zugekehrt, denn glaubt mir, dem Reich, das dieser Mensch im Geist sah +und im großen Herzen trug, dem Reich der Liebe, ist jede Lauheit und +jede Halbheit fremd, seine Welten glühen wie von heiligen Feuern, und +sein Friede ist Kraft. In ihm ist der Schrecken der Welt, das Böse, +überwunden und mit ihm der Tod, den der große Prophet dieses Reichs +gering achtete, wie ein Kind die Nacht, der der Morgen folgt. Und da +sollte der Tod nicht furchtbarer als je sein vergängliches irdisches +Recht geübt haben? + +Der Verkünder des Lebens aber ging in seiner Zeit einher wie ein Kind im +Gemüt, wenn auch an Geist ein Mann und von mächtigem Willen. Immer ist +mir zumut, als sähe ich ein einziges Glühen von Freude und Trauer und +unaussprechlicher Hoheit eines edlen Menschentums, wenn ich seiner +gedenke. Nie werde ich vergessen, was eines Tages geschah, als ihm der +Tod begegnete. + +Einer seiner Freunde, den er geliebt und in dessen Haus er oft geweilt +hatte, war gestorben, und als er kam, um ihn zu sehen, ruhte der Tote +schon seit Tagen in seinem Grabe. + +Seine Freunde sahen, wie er sein Gesicht vor Schmerz verbarg, aber wie +erschraken sie, als er plötzlich sein Haupt erhob, und sie einen so +gewaltigen Zorn in seinen Zügen erblickten, daß sie entsetzt vor ihm +zurückwichen. Er stand totenbleich vor dem Grabe seines Freundes, seine +Fäuste waren geballt, und unter seiner bleichen Stirn brannten seine +Augen, zum Himmel emporgerichtet, als sähe er Gott von Angesicht. Es +brach eine furchtbare Drohung aus seinem Mund, er schüttelte die Fäuste +gegen die finstere Erde, die der Gewalt des Todes gehorchend, seinen +Freund verschlungen hatte. Es war, als beschwöre er die Allmacht der +Liebe, und sein Liebeswille wuchs an in ihm, wie ein strahlendes +Ungewitter. Es herrschte Totenstille um ihn her, nie hat der Glaube an +die Ewigkeit des Lebens irdisch ein gewaltigeres Feuer in der Seele +eines Menschen entfacht. Mit zitternden Händen und von Furcht wie +geblendet, gehorchten seine Freunde, als er ihnen befahl, die +Steinplatte zu heben, unter der der Tote lag, und das Grab zu öffnen. + +Da trat er dicht vor die Gruft, erhob seine Stimme und rief laut den +Namen des Toten. + +Die Menschen schrien auf vor Entsetzen und warfen sich zur Erde, unten +aber, im Schattengrund der Gruft, begannen die weißen Tücher sich zu +regen, in die der Verstorbene eingehüllt war. Er befreite sich langsam, +der Stimme gehorchend, die ihn rief, und stieg aus seinem Grabe hervor, +die geblendeten Augen, die das irdische Licht wiedersahen, mit der +bleichen Hand schützend und mit einem stillen erstaunten Lächeln in +seinen elenden Zügen, von denen die Schatten des Todes langsam wichen, +als er die Augen seines Befreiers sah und ihn erkannte. + +Dies wird das größte Wunder genannt, das die Erde gesehen hat, und wenn +der Mann, der es vollbrachte, es vor den Menschen tat, so geschah es aus +Zorn gegen den Tod, den sie fürchteten, und in der glühenden Allmacht +seiner Gewißheit, daß die Liebe mächtiger als er ist. In ihrem Reich ist +diese Tat kein Wunder, unsere Augen sehen es täglich, und glaubt mir, +ihr Lieben, meine Blumen, die Stunde, in der eure Kelche sich der Sonne +geöffnet haben, ist an wunderbarem Reichtum nicht geringer als die, in +welcher einst jener Tote aus seinem Grabe stieg. Noch heute erweckt die +Kraft des Reichs Tote auf, und sie wird es immer tun. + +Niemals hat ein Mensch in heißerer Zuversicht an die Kraft des Reichs +geglaubt. Es ist dasselbe Reich, in dessen Abglanz wir Bäume unsere +Blätterkronen entfalten, ein Tier die Luft zu seinem Leben einatmet, die +Sternbilder im All erstrahlen, und in dem ein Jüngling das Mädchen in +seine Arme schließt, das er liebgewonnen hat. Das Reich ist nicht fern +in fremden Himmeln, sondern mitten unter uns, daß es zu uns kommen +möchte, ist nun unser aller Gebet geworden, und mit dieser Bitte +erflehen wir den warmen blühenden Frühling herbei, den Frieden unserer +Stätte, den Weg unserer Seele zum Licht und die stete Wiederkehr der +Freude. Wir sind alle auf dem gleichen Weg. Immer ist es reine Freude, +in welcher das Reich zu uns kommt. + +Einst fand ein Kind in meinem Schatten am Ufer des Bachs einen bunten +Stein, es hob ihn auf und lachte; ich fing einen Schein aus seinen Augen +auf, da verstand ich das Reich. Da verstand ich, daß jener Mann, von dem +ich euch erzähle, einst gesagt hat: Ihr könnt das Reich nicht finden, +wenn ihr nicht wie Kinder werdet. + +Mir ist, als habe für die Menschen nichts anderes Wert auf der Erde, +als daß sie das Reich in ihren Herzen finden. Ihr Leib wird älter, aber +ihre Seele jünger, wenn sie den Weg der Liebe gefunden hat. Für den +Körper naht langsam der unvermeidliche Tod, aber für die Seele der +Frühling. Für den Leib wird einst das Leben, aber für die Seele der Tod +aufhören, es ist ein seltsames Wunder um das Geschick und die Bestimmung +der Menschen auf unserer Erde. + + * * * * * + +Aber den Freunden dieses großen und guten Menschen erschien es nun mehr +und mehr, als habe er nicht getan und nicht erreicht, was er versprochen +hatte und wozu er bestimmt war. Sie hofften, er würde nun endlich das +Reich aufrichten, von welchem er so oft sprach, und bisweilen sahen sie +ihn in ihrer Vorstellung als König über die Welt herrschen in +niegesehenem irdischen Glanz. Dann wieder wuchs ihre Furcht vor seiner +Wirkung, und sie begriffen nicht, daß er keinen Nutzen aus ihr zog. Es +befiel sie Angst um ihr Leben, als sie sahen, wie der Haß der +Landespriester gegen ihn mehr und mehr anwuchs. Sie verstanden nicht, +daß er keinen Wunsch hatte, als den, daß die Menschen sich von den +vergänglichen Gütern den unvergänglichen zuwenden möchten, und daß es +keinen anderen Weg dazu gibt, als den der Liebe, und daß allein der +Wille zum Guten das Herz frei macht. + +Er begriff, traurigen Herzens, ihre Hoffnungen und ihre Zweifel, und +einmal sagte er zu ihnen, und seine Augen leuchteten vor Zorn: + +'Das Reich ist in seiner Wirkung einem Stein vergleichbar, den die +Bauleute fortgeworfen haben, und der am Wege liegengeblieben ist. Hütet +euch! Er wird alle zerschmettern, auf die er stürzt, und wer über ihn +fällt, wird zerschellt werden!' + +Da nahm ihre Verwirrung überhand. Er aber, um dessentwillen sie sich +sorgten, ging nun oft allein vor die Stadt in einen Garten, der an einem +Bach lag. Er sah blaß und elend aus, und von seiner Stirn leuchtete der +Abglanz einer Einsamkeit, wie sie noch keines Menschen Seele geschmeckt +hat. Er sah kein Ende in dem Kleinmut und in der Torheit, die ihn +umgaben, aber sein Herz drängte ihn unaufhörlich zu immer höheren Opfern +und zur Vollendung seines zeitlichen Lebens, das er nicht liebte. Die +Finsternis seiner Seele nahm überhand, ihn verlangte inbrünstig nach der +Gemeinschaft derer, die ihn liebten, und so bat er seine Freunde einst, +sie möchten ihn nicht allein lassen und ihn in den Garten begleiten. So +gingen sie mit ihm, aber die himmlische Ungeduld seiner Seele nahm +überhand, er fühlte, daß der Tod seines Leibes das letzte Pfand war, das +er geben mußte, aber er fürchtete sich vor der Finsternis des Sterbens, +wie alle Lebendigen. 'Ach, seid mir nicht gram,' bat er seine Freunde, +'in dieser Nacht werde ich euch alle bitter enttäuschen. Bleibt hier, +wacht, schlaft nun nicht ein.' + +Er ging ein paar Schritte fort von ihnen, in die Dunkelheit hinein, nur +die Sterne sahen durch das Laub der Oliven, und der kühle Nachtwind +flüsterte in den Zweigen; es war, als könnten sie nicht schlafen über +seinem Leid. Kaum war er von den Freunden getrennt, da fiel er auf sein +Angesicht nieder und flehte zu Gott empor, er möge ihm dies Letzte, +Schwerste ersparen, den Tod in Verachtung und Schmach und unter dem +Spott der Menschen. 'Muß es sein, mein Vater, daß ich sterbe, damit die +Kraft des Reichs offenbar werde?' rief er laut zu Gott empor. Er rang +seine Hände, und auf seine Stirn traten Blutstropfen. O, es ist oft so, +als wollte Gott wissen, wie weit ein Mensch ihm gleicht, er sendet den +besten Menschen die schwersten Prüfungen. Glaubt mir, ihr Blumen, meine +Lieben, Pflanzen und Tiere, daß niemals ein Wesen der Erde einen +schwereren Kampf gekämpft hat. O bedenkt, welche Macht ihm gegeben war +und den Wert seines großen Herzens, das bis zuletzt verkannt sein mußte, +um einst zu der Klarheit erhoben zu werden, in der wir es heute als +unsere strahlende Gewißheit der Freude loben. + +Er fand seine Freunde schlafend, als er seinen schwersten Kampf +durchlitt, der Schmerz seiner Einsamkeit überwältigte ihn aufs neue, und +er lag lange im Dunkeln, unter den Bäumen auf der Erde, allein. + +Da wurde die irdische Finsternis plötzlich vom Himmel her erhellt. War +es ein Sternbild, das langsam, funkelnd gegen ihn niederbrach? Der ganze +Hain erstrahlte, ein Engel stieg aus der Höhe nieder! Der himmlische +Gesandte hob das Haupt des verzweifelten Menschen barmherzig empor, +strich die feuchten Haare aus der Stirn und setzte einen Kelch mit Wein +an seine Lippen. Da lösten sich die Tränen in den Augen, die niemals ein +böser Wille getrübt hatte, und eine jubelnde Gewißheit erhob seine Seele +zu ihrem letzten, großen Entschluß. Dies ist die Stunde gewesen, in der +das Reich in seiner freiesten Herrlichkeit in der Brust eines Menschen +erstrahlte, es gibt nun kein Herz mehr, zu dem sich nicht auch heute +dieser Engel findet, wenn sein Ringen um Licht in Zweifeln überhand +nimmt. + +Kurze Zeit darauf kamen Krieger und Knechte durch die Nacht, die von den +Landespriestern geschickt worden waren, um ihn zu ergreifen und in +Gefangenschaft zu setzen. Als seine Freunde sein Angesicht im Schein der +Fackeln sahen, leuchtete ihnen ein unnennbarer Frieden entgegen, und sie +erkannten, daß es sein Wille war, dies Schicksal zu erleiden. Sie flohen +alle, und derjenige unter ihnen, der ihm noch in dieser Nacht +versprochen hatte, ihn niemals zu verlassen, antwortete, als man ihn am +Morgen fragte: + +'Ich kenne diesen Menschen nicht.' + +Der Gefangene soll später seinen Richtern wenig geantwortet haben. Er +wußte, daß sie ihn nicht verstehen würden, und er verteidigte sich +nicht. Er gab zu, gesagt zu haben, was man ihm vorwarf, als aber seine +Richter wollten, daß er ihnen seine Wahrheit erklären sollte, antwortete +er ihnen, daß ihre Welt nichts mit seinem Reich zu schaffen habe, und +daß niemand die Wahrheit verstünde, der nicht aus ihr geboren sei. + +So verurteilten sie ihn zu einem qualvollen Tod, denn sie haßten ihn, +weil seine Lehre das Licht der Liebe für das dunkle Wort und für den +Zwang ihrer Kirche eingesetzt hatte. Sie sagten, er habe Gott gelästert, +weil er Gott nicht in toten Gesetzen und Formeln suchte, sondern allein +in der unvergänglichen Freiheit eines reichen Gemüts. + +Man erzählt, daß er den Tod erlitten hat, wie alle Lebendigen ihn +erleiden, und mit Angst vor seiner Finsternis und mit Qualen seines +Leibes. Er schrie laut zu Gott empor, er möge ihn nicht verlassen, und +bat seine Peiniger um Wasser. So ist er allen Dahinsinkenden nah +geblieben bis an ihre letzte Stunde. + +Vor seinem Tode sah er einen anderen Menschen neben sich sterben, der +auch gerichtet wurde, und in den verlöschenden Geist dieses Armen sank +ein Lichtstrahl von der Stirn des Leidenden, den er auf dem Markt und +vor dem Volke hatte sprechen hören, und auf dessen Befehl Tote sich aus +ihrem Grabe erhoben hatten, und der nun unter den Augen seiner Feinde +die Bitterkeit des Todes schmeckte. Da traf ein Schein der Wahrheit sein +brechendes Herz, daß dieser Mann freiwillig litt und starb und nicht aus +Schuld gegen die Menschen, wie er selbst, und er bat ihn: 'Gedenke +meiner in deinem Reich.' Der Angeredete wandte sich ihm zu, als sei +diese Bitte des Verdammten Gottes Antwort auf die Qualen seines eigenen +Leibes und seiner Seele, und er antwortete ihm: 'Du sollst noch heute +mit mir die Herrlichkeit des Reichs sehen.' Und über dieser letzten +Verheißung seiner Liebe wurde ihre Kraft aufs neue zu einer lichten +Gewißheit seiner Brust, und sein Herz, das unendliche, weite, klare, +brach mit dem Seufzer: 'Es ist vollbracht.'« + + * * * * * + +Als die Linde ihre Geschichte beendet hatte, dämmerte schon in der +Himmelsweite des Ostens der Morgen herauf. Es war still auf der +Waldwiese, man glaubte die Atemzüge der Lauschenden zu vernehmen, viele +von ihnen waren in der kühlen Mondnacht eingeschlafen, aber es war, als +wachten alle Herzen. Der Inhalt der Geschichte breitete sich über den +Lebendigen wie eine schimmernde Segnung aus, die der vollen Erkenntnis +nicht zu bedürfen schien, sondern die wie das Bewußtsein einer +geschehenen Wohltat ein Gefühl des Glücks zurückließ. + +Die Stille machte alle Dinge merkwürdiger. Der grauen Uku am Stamm in +ihrer Höhlung war zumute, als müßte ein Wunder geschehen, sie dachte an +ihr Alter, und das Baumrauschen war ihr nie so heimatlich zu Herzen +gedrungen, nie so beständig in seinem milden Wohllaut, und das Leben +erschien ihr gut und freundlich. Welch ein Wunder ist es um die +Menschen, dachte sie. Sie sah hinab auf den Pflanzenteppich am Boden, +auf die reglosen Formen der Zweige in der Dämmerung. »Ich lebe nun wohl +nicht mehr lange,« sagte sie, »aber wie schön und groß ist es mir im +irdischen Licht erschienen, die Zeit wird weitergehen, auch ohne mich, +das Reich wird kommen, und sein Ende wird unvergängliche Freude sein.« + +Da klang es jählings jubelnd draußen über den Feldern auf, ein silbernes +Läuten und zugleich ein jauchzendes Schlagen, lieblich trillernd und so +zart und voll klaren Wohllauts, daß man seine Augen schließen mußte, um +die Seligkeit an diesem Lied im Herzen zu bewältigen. + +Unten rief eine Stimme in höchstem Erstaunen: + +»Die Lerche singt!« + +Wie, dachte Uku, es ist spät im Sommer und die Lerche singt? Betört von +der Freude an dem hellen Gesang in der Morgendämmerung, aber tief +erstaunt, sah sie sich verwirrt um. Es begann sich rings zu regen, die +Bewegung war groß umher, und in ratlosem Glück sahen die Geschöpfe +einander an. Aber da plötzlich überwältigte die alte Uku eine +Erinnerung, sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor, +sondern lehnte sich wie in einem Taumel von Liebesangst und Freude an +den Stamm, und aus ihren Augen brachen Tränen, eine nach der anderen, +und tropften nieder. Endlich rief sie mit einem Schluchzen in der +Stimme: + +»Elf! Elfenkind!« + +Keine Antwort scholl, es war nach ihrem Ruf so still, daß das +Lerchenlied die Welt klar und einsam füllte, wie über ihm der +Morgenstern am Firmament, der in verklärtem Blau schwebte. Da stieg in +alle Herzen eine holde, erschrockene Ahnung, kaum sah sich einer von +allen nach dem Platz des Elfen um, sie wußten, er war fort und frei, und +sie lauschten mit zitterndem Gemüt dem lichten Wunder des späten Liedes, +in dem die Lerche dem Elfen das Versprechen ihres Danks und ihrer Liebe +hielt: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.« + + + + + Achtzehntes Kapitel + + Der Abschied + + +Eine Schwalbe hielt auf ihrer Reise zum Süden noch einmal kurze Rast auf +der Linde, und ihre helle Stimme voll Wanderlust erweckte in den Herzen +der Waldwiesenleute zitternde Ahnungen von fernem Glück und nahem +Abschied. + +»Viele von euch Vögeln bleiben zurück und ihr übrigen Geschöpfe alle, +lebt wohl!« rief die Schwalbe. »Ich eile nun mit dem unsichtbaren Wind +zugleich über tiefe Abgründe dahin, über glühende Berge und über das +schimmernde Meer. Ich liebe den Wind, der mich trägt, von ihm weiß ich, +daß die Freiheit den höchsten Wipfel der Erde zuerst berührt, wie er. +Komme mit, wer kann und will! Wer bleiben muß, leide nicht, oder schlafe +wohl in der kühlen Ruhe, ich will euch mein Heimweh nach der Ferne in +euren Träumen zurücklassen. + +Ich komme auf meiner Reise zu einer Insel im Süden, im Meer, wo wilde +Blumen auf den Felshöhen im Wind miteinander spielen. Der Harzgeruch der +alten Bäume in den Meertälern füllt die Landschaft wie mit der Mahnung +der Unsterblichkeit, und in der Einsamkeit mildert die Weite alles Nahe. +Die Sternbilder leuchten in den südlichen Nächten, rufend, glänzend. An +den standhaften Felsen braust das Meer Tag und Nacht, oft erscheint mir +die Erde dort, als sei sie der Menschen müde, ihr Angesicht ist +abgehärmt, ihr Kleid karg. Aber unter der Sonne erheitern sich die +Lebensfalten der alten Berge zu einem klugen Lachen. + +Sie halten goldene Trauben gegen das blaue Meer, das Baumlaub vergeht zu +keiner Jahreszeit, die Bäume grünen, bis sie sterben. Die Fröhlichkeit +der Menschen in diesen Ländern ist unbedacht, die Sonne verwandelt ihren +Ernst in den Schlaf, ihre Trauer in Wehmut, und der unvermerkt +herannahende Tod scheint allen ohne Bitterkeit. Ja, das Sterben ist +leichter dort, denn die kleinen Gedanken und unnützen Hoffnungen halten +der Sonne, dem Meer nicht stand. Es zieht mich mit tausend Mächten in +die milde, blaue Ruhe des Südens; lebt wohl, ich komme wieder.« + +Die Schwalbe flog mit einem hellen Triller auf, warf sich in den Wind, +den sie zu umfangen schien und der sie trug, zugleich hingegeben und +kraftvoll, seinem Wesen verwandt, geborgen und hoch. + +»Ach, wer so fliegen könnte«, meinte ein Rotschwänzchen, und es war +sicher nicht der einzige Vogel der Wiese, der das gleiche Verlangen im +Sinn trug wie die Schwalbe. Ihre Worte ließen eine erwartungsvolle +Unruhe in den Sinnen der Waldvögel zurück. Lichteten die Bäume sich +schon? + +»Wir werden auf den Storch warten, meine Liebe, er wird uns tragen und +mitnehmen«, sagte die Grasmücke und schüttelte ihre Federn ein wenig +auf, so daß sie viel dicker und ganz zerzaust aussah. Es wurde auch +wirklich schon recht kühl, besonders an diesen sonnenlosen Tagen, wie +sie nun oft in unfaßbarer Stille, mit einem leichten Nebelkleid in der +Frühe, dahinzogen. Dann wieder wurde in der Sonne die Luft so klar, daß +man die Stimmen der Landleute auf den Feldern weithin vernahm, als höbe +die Reinheit die Entfernung auf, und nachts kamen die Sterne der Erde +näher. + +Die zarten Kelche der Herbstzeitlose erschienen im Gras und am +Buschrain, als habe ein verspäteter Frühlingsengel sie über Nacht +verstreut, ihre blassen Farben waren voller Wehmut und sie blühten nicht +lange. Um die wärmeren Mittagsstunden kamen wohl zuweilen noch Käfer und +Bienen geflogen, ihr vereinzeltes Summen klang deutlich und sorgenvoll, +aber es rief sie niemand mehr. + +Von Tag zu Tag wurde es stiller, die Mäuse schlossen ihre Wohnungen +bereits, Uku hatte alles für ihren Winterschlaf vorbereitet, und auch +Li, das Eichhorn, sammelte eifrig für den Winter, denn wenn spät noch +ein schöner Sonnentag kam, so konnte es auch in der kalten Zeit einen +Spaziergang durch die Föhrenkronen nicht entbehren, und es wußte, daß +solch eine Ausfahrt in die Frische ganz ungewöhnlichen Appetit mit sich +brachte. Alle kleineren Tiere suchten, eines nach dem andern, die warme +Erde in Schlupfwinkeln und Höhlen auf, Verstecke in Baumlöchern oder +tief unter welkem Laub, und es wurde langsam leer und immer stiller. + +[Illustration] + +Die Sträucher empfingen am Waldrand den Wind am Abend, und sie +begrüßten ihn mit ihrem Lied: + + Du gehst wie das Licht, wie der Blick + über schwindelnde Abgründe hin, + du, unser lebendiges Glück, + unserer Stimmen seliger Sinn. + + Unsere Tränen sind unsere Speise, + wenn du, auf den Schwingen die Nacht, + unsichtbar, himmlisch, leise + die Dunkelheit zu uns gebracht. + +Aus der klaren Freiheit des Herbstes tauchte farbig umkränzt die +Wirklichkeit des Sterbens auf, und den Sinnen der Scheidenden wurde weh +und wohl. Mit ihrem Lebensschmuck sank ihre Erinnerung an das Kleine, +Vergängliche ihres Daseins an ihnen nieder, sie gaben der Erde zurück, +was sie von ihr empfangen hatten, und der himmlische Wind drang +ungehindert in ihre Seelen. + +Als die Vögel fort und die letzten Blumen welk waren, kamen die Nebel. +Die gelben Blätter der Linde lösten sich und sanken mit den Tropfen +durch die kühle, graue Luft nieder auf die Ruhestätten der Pflanzen, +Beeren und Gräser. Nach Tagen sahen Sonne und Wind ein buntes, freies +Bild. + +»War es einst anders?« fragten sich mit unbeschreiblichem Lächeln die +Pflanzen. »Ist nicht nun alles gut? Wir blühten und trugen Frucht, so +sind unsere Tage vergangen.« Es klang wie Wahrsagungen durch den Sinn +ihrer letzten Worte: »Wir taten, was die Natur wollte, nun nimmt sie +sich unserer an, in ihr kehren wir heim, und wieder zugleich.« Und eine +nach der anderen sank zur Erde nieder, der Mutter. Sie spürten unter dem +feuchten Teppich des Lindenlaubs den kalten Nebel nicht mehr. Die +Geschöpfe dienten einander im Sterben mit ihrem Vergänglichen, wie sie +zu Lebzeiten einander dienstbar und hilfreich gewesen waren. Sie ahnten +noch die kalte, weiße Decke, die der Himmel eines Nachts über ihnen +ausbreitete, es war wie ein schlummernder Glaube, daß eine reine Einfalt +der beste Teil aller Wesen sein sollte und ihre Einigung. + + * * * * * + +Und nun lebt wohl von Herzen, ihr, die ihr mir gelauscht habt, und +gedenkt meiner. Habe ich euch kleine Dinge groß gezeigt und große +einfach, so glaubt mir, daß alles, was wir erleben, uns nicht größer +erscheinen kann, als unser Herz groß ist, und alle Dinge, die uns +begegnen, sind uns so viel wert, als unsere Liebe zu ihnen uns Glück +bedeutet. Glaubt mir, denn ich weiß es zuversichtlich! + +Wir müssen alle das Lächeln wieder lernen, das unseren kurzen +Lebenstagen und ihrem vergänglichen Werk und Schmerz gilt, denn wir +erfahren in unserer Lebenszeit von der Erde und ihrem und unserem Wesen +so wenig, daß wir nicht glauben dürfen, unser irdischer Aufenthalt sei +der Sinn unseres Daseins. Wir sind alle aus der Freude geboren und +kehren zu ihr zurück. + + + _Ende_ + + + + +_Die Bücher von Waldemar Bonsels_ aus dem Verlage von Schuster & +Loeffler in Berlin W + + +=Die Biene Maja= und ihre Abenteuer. 150. _Auflage_. M. 3.- brosch., +M. 4.50 geb., Luxus-Ausgabe M. 25.- + +=Himmelsvolk.= Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott. 90. _Auflage_. +M. 3.50 brosch., M. 5.- geb. + +=Das Anjekind.= Eine Erzählung. 25. _Auflage_. M. 3.- brosch., M. 4.50 +geb. + +=Der tiefste Traum.= Eine Erzählung. 17. _Auflage_. M. 3.- brosch., +M. 4.50 geb. + +=Blut.= Eine Erzählung. 15. _Auflage_. M. 3.50 brosch., M. 5.- geb. + +=Wartalun.= Eine Schloßgeschichte. 37. _Auflage_. M. 5.- brosch., +M. 7.50 geb., Luxus-Ausgabe M. 28.- + +=Don Juan.= Eine epische Dichtung. 3. _Tausend_. M. 7.- geb., +Luxus-Ausgabe M. 20.- + +=Norby.= Eine dramatische Dichtung. 3. _Tausend_. M. 7.- geb., +Luxus-Ausgabe M. 20.- + + + +_Bei Rütten & Loening in Frankfurt_ + + +=Indienfahrt.= 68. _Tausend_. M. 5.- brosch., M. 7.50 geb. + +=Menschenwege.= Notizen eines Vagabunden. 35. _Tausend_. M. 5.- +brosch., M. 7.50 geb. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine +Auflistung aller im elektronischen Buch gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +S. 004: ist in gleichem Verlag -> im gleichen +S. 059: Da wußte ich, daß mein irdischer Gefühl -> irdisches +S. 065: [Anführungszeichen ergänzt] vom Irdischen abgewandt hat.« +S. 086: das Angesicht der Muttter -> Mutter +S. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf -> Bachstelze +S. 114: sagte der Graeshüpfer -> Grashüpfer +S. 117: auf der Oberfläsche schwamm -> Oberfläche +S. 118: [Punkt ergänzt] um ihn abzutrocknen. +S. 131: bis sie eine Entgeguung darauf -> Entgegnung +S. 151: die letzen Sommerblumen -> letzten +S. 178: [Punkt ergänzt] Kopf fortschleudern wollte. +S. 209: [Anführungszeichen ergänzt] »Goldene Sonne, ein Elfenkind +S. 209: gib mir dein himmliches Gold dafür -> himmlisches +S. 221: [Anführungszeichen korrigiert] 'Es wird alles, alles gut,' etc. +S. 242: die Schatten des Totes -> Todes ] + + + +[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p. 004: ist in gleichem Verlag -> im gleichen +p. 059: Da wußte ich, daß mein irdischer Gefühl -> irdisches +p. 065: [added closing quotes] vom Irdischen abgewandt hat.« +p. 086: das Angesicht der Muttter -> Mutter +p. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf -> Bachstelze +p. 114: sagte der Graeshüpfer -> Grashüpfer +p. 117: auf der Oberfläsche schwamm -> Oberfläche +p. 118: [missing period] um ihn abzutrocknen. +p. 131: bis sie eine Entgeguung darauf -> Entgegnung +p. 151: die letzen Sommerblumen -> letzten +p. 178: [missing period] Kopf fortschleudern wollte. +p. 209: [added opening quotes] »Goldene Sonne, ein Elfenkind +p. 209: gib mir dein himmliches Gold dafür -> himmlisches +p. 221: [use of single quotes] 'Es wird alles, alles gut,' etc. +p. 242: die Schatten des Totes -> Todes ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Himmelsvolk, by Waldemar Bonsels + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIMMELSVOLK *** + +***** This file should be named 27220-8.txt or 27220-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/7/2/2/27220/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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