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+The Project Gutenberg EBook of Himmelsvolk, by Waldemar Bonsels
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Himmelsvolk
+ Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
+
+Author: Waldemar Bonsels
+
+Illustrator: Margarete Schreiber
+
+Release Date: November 9, 2008 [EBook #27220]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIMMELSVOLK ***
+
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ Waldemar Bonsels
+
+ _Himmelsvolk_
+
+ Ein Buch von Blumen,
+ Tieren und Gott
+
+
+ Illustrierte Ausgabe mit
+ sechzehn Bildern nach Scherenschnitten
+ von Margarete Schreiber
+
+
+ 1920
+
+ Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig
+
+
+
+ 91.-110. Auflage der deutschen
+ Gesamtausgaben. Die Illustrationen
+ sind nach Scherenschnitten
+ von Margarete Schreiber. Die
+ Buchausgabe ohne Illustrationen
+ ist im gleichen Verlag zum Preise
+ von 5 Mark gebunden erschienen
+
+
+
+ _Die schwedische Ausgabe_
+ bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund
+
+ _Die finnische Ausgabe_
+ bei Werner Söderström Osakeyhtiö Powvoo, Suomi
+
+ _Die holländische Ausgabe_
+ im Verlag »Patria«, Amersfoort
+
+ _Die dänische Ausgabe_
+ bei E. Jespersen, Verlag, Kopenhagen
+
+
+ Copyright 1919 by Schuster & Loeffler, Berlin
+
+ Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+ Kapitelfolge
+
+ Seite
+ I. Kapitel: Die Waldwiese 9
+
+ II. Kapitel: Die Ankunft des Elfen 19
+
+ III. Kapitel: Die Frühlingsnacht 34
+
+ IV. Kapitel: Wiesenleute 46
+
+ V. Kapitel: Der Tod der Eiche 56
+
+ VI. Kapitel: Von den Engeln 61
+
+ VII. Kapitel: Hassans Kampf mit Ala 72
+
+ VIII. Kapitel: Die Winde 86
+
+ IX. Kapitel: Die Lerche 95
+
+ X. Kapitel: Assap und Jen 102
+
+ XI. Kapitel: Ukus Nacht mit dem Elfen 122
+
+ XII. Kapitel: Traule 133
+
+ XIII. Kapitel: Der Maikäfer 153
+
+ XIV. Kapitel: Das sterbende Kind 167
+
+ XV. Kapitel: Der Fuchs 176
+
+ XVI. Kapitel: Die Elfennacht 202
+
+ XVII. Kapitel: Das Reich 223
+
+ XVIII. Kapitel: Der Abschied 252
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Die Waldwiese
+
+ [Illustration]
+
+
+Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt
+hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im
+Frühlicht. Seine Brust glänzte schwarz und golden, er war ein prächtiger
+Vogel.
+
+Unten am Traulenbach, der unter der Linde dahinfloß, lief Onna, die
+Bachstelze, im Sand am Wasser dahin zwischen den jungen Trieben des
+Schilfs.
+
+»Hallo!« rief Kuno, »hören Sie auf zu wippen, Madame, ich bin
+angekommen, verstehen Sie? Es wird Frühling!«
+
+Die Bachstelze machte halt und sah hinauf.
+
+»Ach so, ein Star,« sagte sie, »Stare gibt's genug.«
+
+»Aber wenige, wie ich einer bin! Übrigens bin ich erst kürzlich
+angekommen, eigentlich zu früh, verstehen Sie?«
+
+»Ich versteh schon«, gab Onna zurück. »Sie wollen doch nicht etwa hier
+nisten?«
+
+»Hier? Wo denn? In der Linde? Zwischen Krähen, Eulen und Eichhörnchen,
+oder gar in Ihrer Nähe? Sie haben eine Ahnung, Madame. Aber ich habe mir
+gleich gedacht, daß Sie nichts verstehen. So sitzen Sie doch wenigstens
+still. Mein Gott, ist das ein Tag!«
+
+»Sie sind einfach unverschämt«, sagte Onna ärgerlich.
+
+»Ach, denken Sie sich,« rief Kuno erstaunt, »das haben verschiedene
+Leute schon oft behauptet, ich kann mir gar nicht recht ausmalen, wie
+solch ein Gerücht hat aufkommen können. Die Leute sind heutzutage
+geradezu auf böse Nachrichten aus. Merkwürdig. Aber ein Tag ist das
+heute, nicht wahr?«
+
+»Meinetwegen«, meinte Onna und wollte weiter.
+
+»Warten Sie,« rief der Star, »und reden Sie nicht immer; dabei kommt ja
+kein Wesen zu vernünftigen Worten. Was haben Sie da eben gegen den
+Frühling gesagt? Es ist sonderbar, wie geschwätzig ihr Waldvögel werdet,
+wenn kaum einmal etwas Frühlingssonne durch die Wolken gesehen hat. Da
+traf ich eben im Schlehdorn einen Mistfinken, und der Kerl sagte zu mir,
+er sei ein Goldspatz. Wissen Sie, ich könnte mich totlachen über solche
+Leute. Er meinte, seine ganze Familie sollte ihren Namen ändern, und
+dann flog er auf den Misthaufen zurück, der Goldspatz, verstehen Sie?«
+
+»Soll er Sie etwa um Erlaubnis fragen?«
+
+»Der Schlehdorn blüht schon,« sagte der Star nachdenklich, »haben Sie
+einmal mitten in diesem reinen Blütenlicht gesessen, so recht mitten
+darin, womöglich bei Sonnenschein? Ich sage Ihnen, Madame... aber Sie da
+unten in Ihrem Morast sind ja eigentlich nur dem Namen nach ein Vogel.
+Doch jetzt halten Sie mich nicht länger auf, ich muß fort.«
+
+Und er machte einen kleinen Sprung und segelte schnurgerade über die
+Saatfelder dahin, auf die Wohnungen der Menschen zu. Ein kleiner dürrer
+Ast brach ab und fiel nieder ins Moos, mitten zwischen die Anemonen, die
+noch nicht erwacht waren.
+
+Die Bachstelze wollte sich zuerst noch längere Zeit ärgern, aber dann
+dachte sie: Es hat nicht den geringsten Wert. Erstens ist dieser Narr
+doch jetzt fort, und zweitens beginnt ein geradezu fabelhafter
+Frühlingstag. Sie atmete die kühle Luft ein, die von den Bäumen her über
+die Waldwiese zog. »Erdgeruch, Veilchen und Tau,« sagte sie, »und dabei
+eine Frische, die man nicht glauben würde, wenn man sie nicht durch den
+ganzen Körper bis in die Flügelspitzen spürte.«
+
+Und sie wippte wiederholt auf ihre ungemein zierliche Art und eilte
+bachaufwärts davon, durch die jungen Sprossen des Schilfs und der
+Primeln.
+
+ * * * * *
+
+Bald darauf stieg die Morgensonne am Frühlingshimmel empor, und die
+Anemonen wiegten sich sanft im Wind, der kühl und unsichtbar, nach
+Windesart, aus den Zweigen der großen Linde niederzusinken schien. Die
+Gräser wurden wach, fröstelten ein wenig unter den winzigen Tauperlen,
+die zu vielen Tausenden an ihnen hingen, und rasch verbreitete sich die
+Nachricht unter den Erwachenden, daß es ein heller Sonnentag werden
+sollte.
+
+Man muß nun wohl bedenken, daß ein Tag den Pflanzen viel mehr bedeutet
+als den Menschen, denn das Leben der meisten ist kürzer bemessen, als
+das der großen lebendigen Geschöpfe, es gibt unter ihnen sogar viele,
+die nur einen Tag lang blühen, sie erwachen in der Frühe, entfalten ihr
+Blumenangesicht im heraufsteigenden Licht der Sonne, der Mittag des
+Tages ist der Mittag ihres Daseins, und die hereinbrechende Nacht ist
+das Ende ihres Frühlings. So erscheint den kleinen Pflanzen, auch denen,
+welche länger leben, die Dauer eines Tages um vieles wichtiger und
+bedeutungsvoller, als den Tieren oder uns Menschen. Ihre allerschönste
+Zeit sind die Tage, in welchen sie blühen.
+
+[Illustration]
+
+Man merkte gleich, wie wichtig so ein warmer Frühlingstag ist, an der
+Art, wie glücklich eine ältere Gänseblume sich langsam gegen das Licht
+aufrichtete und zurückgelehnt den roten Schein aufnahm. Sie hatte
+überwintert und war sehr erfahren. Es sah aus, als tränke ein durstiges
+Wesen in vollen Zügen Wasser an einer Quelle. Dann rief sie den
+erwachenden kleineren Blumen, die rund um sie her standen und alle von
+ihrer Art waren, den Morgengruß der Blumen zu:
+
+ Alle, die wir Blumen sind,
+ bitten Gottes Segen,
+ daß uns Sonne, Tau und Wind
+ heute finden mögen.
+
+ Goldne Sonne, mach uns weit
+ deinen Strahlen offen,
+ wie auf deine Herrlichkeit
+ alle Wesen hoffen
+
+ Himmelswunder, kühler Wind,
+ Tau aus deinen Schwingen,
+ wiege unser Leben lind,
+ laß den Tag gelingen.
+
+Es will hier gesagt sein, daß unter vielen Menschen die Meinung
+verbreitet ist, daß die Pflanzen und Tiere keine Sprache hätten. Das ist
+nun freilich insofern wahr, als die Sprechweise dieser Geschöpfe der
+unsrigen nur schwer zu vergleichen ist, sie reden gewiß nicht auf
+dieselbe Art miteinander, wie Menschen es tun. Aber daraus darf niemand
+zu Recht den Schluß ableiten, daß alle diese Geschöpfe sich nicht auf
+ihre Weise miteinander verständigten, ihre Sinne sind wohl anders
+beschaffen, als die unsrigen, aber deshalb sind sie nicht weniger fein
+und fügsam, nicht weniger klar oder eindringlich. So bedürfen die
+Pflanzen, um miteinander zu verkehren, des Windes oder ihres Duftes und
+vor allem der Insekten, die einen großen und weitverzweigten
+Nachrichtendienst zwischen allen Blumen versehen, die alle Ansprüche,
+Wünsche und Gedanken, ja sogar die feinsten und lieblichsten
+Empfindungen, derer die Pflanzen fähig sind, auf wundervolle Art
+vermitteln.
+
+Es hat in der Vergangenheit Zeiten gegeben, in welchen der Glaube der
+Menschen an die Sprache und die Stimmen der Geschöpfe der Natur
+verbreiteter war, als es heute der Fall ist. Es muß daher gekommen sein,
+daß vor Tausenden von Jahren die Menschen enger am Herzen der Natur
+lebten, daß sie den Pflanzen dankbarer waren für ihre Früchte, den
+Tieren für ihre Dienste und den Wäldern für das Obdach, das sie ihnen
+gewährten. So hörten sie in frommer Andacht auf die Stimmen ihrer
+Wohltäter und lauschten auf das Rauschen der alten Linden. Sie vernahmen
+in der Stimme des Baums, die Stimme der Vergangenheit und der Zukunft.
+Wir müssen uns wohl hüten, diese alte Weisheit rasch als ein Zeichen des
+Aberglaubens zu verwerfen; alle, welche die Natur draußen kennen, werden
+gerne gestehen, daß der Sonnenschein über weiten Wiesen oder das
+Rauschen der Bäume im Wind das menschliche Herz ruhiger machen, besonnen
+und frei. Wer sähe aber die Vergangenheit oder die Zukunft, oder auch
+die Sorgen der Gegenwart nicht mutiger und gerechter an, wenn sein Herz
+einer solchen Freiheit teilhaftig geworden ist? Auf diese Art war zu
+manchen Zeiten ein Band tiefen Einvernehmens zwischen der Welt der
+Menschen und der übrigen Geschöpfe der Natur geschlungen, und es ist nur
+unser Verschulden, wenn wir verlernt haben, es zu erkennen.
+
+Wenn ich euch nun so mancherlei aus dieser Welt erzähle, so übersetze
+ich alles, was ich gesehen und gehört habe, in die Sprache der Menschen,
+bis ihr einmal selbst hinausgeht, um die Sprechweise der Tiere und
+Pflanzen zu lernen, und wahrscheinlich werdet ihr dann mehr und Besseres
+erfahren, als ich euch erzählen kann, denn es ist nun einmal so in der
+Welt bestellt, daß man von allem Schönen, das man erlebt, das Beste
+nicht sagen, sondern nur empfinden kann.
+
+Die meisten der wichtigen Ereignisse, die in diesem Buch erzählt werden,
+haben sich auf der Waldwiese am Traulenbach abgespielt, dort wo die
+tausendjährige Linde an der Grenze der Felder und des Laub- und
+Föhrenwaldes steht. Es ist ein von den Menschen fast ganz vergessener
+Ort, nur im Frühling oder im Herbst kommt ein Landmann in die Nähe
+dieser Waldwiese, wenn er seine Äcker besät oder pflügt, und alle Jahre
+vielleicht einmal ein Jäger mit seinen Hunden, aber nicht einmal das ist
+ganz sicher.
+
+So hatten die Tiere des Waldes, die Bäume, Pflanzen und Blumen auf der
+Waldwiese ein ruhiges Leben auf ihre Art, das nicht von Menschen gestört
+wurde. Die meisten von ihnen kannten nur den Wind, den Sonnenschein und
+den Regen, außer dem dunklen Erdboden, dem sie vertrauten. Sie hörten
+wohl durch die Bäume oder Vögel von den Menschen, auch kam es vor, daß
+an schönen Abenden die Linde aus ihrer an Erlebnissen reichen
+Vergangenheit erzählte, aber die wenigsten von ihnen hatten den Menschen
+überhaupt jemals gesehen.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Die Ankunft des Elfen
+
+
+Es mochte nach der Zeitrechnung der Menschen zwischen Pfingsten und
+Ostern sein, als im Frühling dieses gesegneten Jahres ein niegesehenes
+Ereignis die Bewohner der Waldwiese in Erregung und Entzücken versetzte.
+Es war an einem unbeschreiblich hellen Sonnenmorgen, das Land duftete
+vom Regen der Nacht, und die Frische war so beseligend im Licht, daß die
+Freude aller Lebendigen wie ein einziger Jubel durch den Wald hallte.
+Über den Primeln in der Lichtung und über den blauen Sternen der
+Leberblumen sang eine Grasmücke, sie war ganz in ihr Lied versunken, ihr
+Kopf war voll Hingabe in das blaue Glänzen des Himmels erhoben, und es
+sah aus, als wäre sie ganz verzückt von Daseinslust. Ihr Lied klang
+unter den hellen Schleiern des jungen Buchengrüns dahin, das von der
+Sonne wie Gold leuchtete, und zwischen den Stämmen der Tannen ließ die
+Ruhe der Waldeinsamkeit die Töne in ihre dunklen Tore einziehen. Nah und
+fern, überall, wo es grün und hell war, zwitscherte und jubilierte es,
+kein Wesen war in der Lage, traurigen Gedanken nachzuhängen. Und über
+dem Frühlingsglück der Ihren zog die strahlende Sonne hoch im Blauen
+ihre Gnadenbahn.
+
+Es war ein Tag, ach, wer vermag so viel Überschwang zu fassen?! Überall
+blühte es, tief unten im Tau trieb das Moos am Boden seine
+smaragdgrünen, dichten Wäldchen, und in den Baumwipfeln öffnete sich
+Blüte neben Blüte in der Sonnenfreiheit.
+
+Als die Grasmücke, nachdem sie ihre Lieder beendet hatte, sich in den
+Waldgrund niederließ, um nach einem Morgentrunk Umschau zu halten, traf
+sie den Maulwurf an einer Baumwurzel im Eingang zu seinem unterirdischen
+Höhlenbau.
+
+»So ein Tag lockt sogar Sie heraus, wie?« fragte sie freundlich, trat
+aber doch etwas zur Seite, man weiß nie recht, bei so einem Maulwurf ...
+
+Der Alte schüttelte den Kopf und blinzelte:
+
+»Die Wärme,« sagte er, »die Wärme ist mir bisweilen ganz recht, aber
+dieses Übermaß an Licht kann mir gestohlen werden. Kommen Sie einmal mit
+herunter, meine Liebe, treten Sie ein! Sie werden Wunder an
+Behaglichkeit erleben. Alles ist dämmrig, kühl und still, und dabei von
+einer Gleichmäßigkeit der Temperatur, daß man gedeiht wie ein Kürbis.
+Dabei brauche ich nicht hinter jeder Fliege oder Mücke herzujagen wie
+Sie, Würmer und Engerlinge dringen sozusagen von selbst in meine Gänge
+ein, morgens liegen sie da und warten, daß sie gefressen werden. Das
+nenne ich so recht ein Leben nach dem Herzen Gottes.«
+
+»O pfui Teufel«, sagte die Grasmücke und lachte. »Aber so sind Sie,
+genau wie ein Maulwurf. Wenn ich Sie nicht schon länger kennte, würde
+ich überhaupt nicht mit Ihnen reden, an Sie muß man sich erst gewöhnen,
+verstehen Sie? Ach, wenn Sie Einsehen hätten, aber Sie sind verbohrt,
+das kommt von Ihrer langweiligen Beschäftigung, sonst würde ich Ihnen
+erklären, wie man lebt, um glücklich zu sein. Vor allen Dingen muß ein
+Haus gegen den Himmel geöffnet sein, das ist die erste Vorbedingung für
+ein heiteres Herz. Glauben Sie, wir Vögel würden so viel singen, wenn
+wir nicht Wohnungen hätten, die weit gegen den Himmel offen sind?«
+
+Der Maulwurf blinzelte, und sein breiter Grabfuß, der innen rosa gefärbt
+war, scharrte die Erde ein wenig beiseite.
+
+»Bilden Sie sich etwas auf Ihre Nester ein?« fragte er, ehrlich
+erstaunt. »Wer hätte das für möglich gehalten! Wenn Sie das meine nur
+einmal erblickt hätten, würden Sie vor Neid und Mißmut Ihre Eier künftig
+ins Gras legen. Was tun Sie denn viel? Sie tragen ein paar dürre Äste
+zusammen, Heu, bestenfalls ein Pferdehaar, Gerümpel sozusagen, werfen
+alles durcheinander und hocken sich mitten hinein. Hinterher zu sagen,
+der Himmel schiene hinein, ist nicht schwer, denn was bleibt dem Himmel
+anderes übrig? Er ist jeden Tag da, regnet oder leuchtet, und es ist ihm
+wahrscheinlich höchst gleichgültig, ob er Ihren Hausrat an einer Stelle
+oder an verschiedenen Orten am Boden zerstreut bescheint. Und deshalb
+meinen Sie nun, Sie müßten singen? So sind also Vögel! Gut, daß ich es
+endlich weiß.«
+
+»O du lieber Gott, Sie Maulwurf«, sagte die Grasmücke, ganz betroffen
+von so viel Einseitigkeit der Betrachtung. »Aber wer wird sich die Mühe
+machen, einen solchen halbblinden Popanz zu überzeugen, der überall nach
+Schmutz und Schlamm sucht, nur um seine Nase hineinbohren zu können. Was
+tun Sie denn eigentlich sonst? Sie suchen nach schwarzem Unrat, und dann
+immer hinein, immer hinein! Wenn Sie möglichst fest drin sitzen, so
+sagen Sie, Sie lebten nach dem Herzen Gottes!«
+
+»Sie wissen nicht, was Erde ist«, antwortete der Maulwurf freundlich und
+langsam, lächelte und strich sich über den Bauch. »Sie wissen es nicht,
+Sie windiges Federvieh. Wer sich in der Luft herumtreibt, muß
+notwendigerweise leichtsinnig und haltlos werden. Nicht einen einzigen
+Gang haben Sie, der Ihnen gehört, den Sie kennen. Hierhin, dorthin, wie
+es Ihnen in den Sinn kommt, und abends sitzen Sie da und wissen selbst
+nicht, wozu dieses ungeregelte Geflatter eigentlich stattgefunden hat.«
+
+Es zog ein Duft herüber vom Abhang, irgendwo mußte ein Waldstrauch
+aufgeblüht sein.
+
+Ein paar Tiere hatten sich um die Streitenden versammelt, Li, das
+Eichhorn, Josa, die Ringelnatter, und von der Dolde einer eben erblühten
+Schafgarbe schauten ein paar Käfer hinüber und amüsierten sich über den
+Streit, der andauerte und ebenso erregt wie heiter wurde, aber plötzlich
+verstummten die lachenden und eifrigen Stimmen eine nach der anderen,
+obgleich zu Anfang noch niemand recht wußte, was eigentlich geschehen
+war.
+
+Hinter einem großen alten Baumstumpf hervor fiel aus dem Waldschatten
+ein Lichtschein, der nicht von der Sonne kam, aber trotz ihres Lichtes
+hell schimmerte. Dieser Glanz war es, der die plötzliche Stille mit sich
+brachte, dies Schweigen eines tiefen Erstaunens, in das alle
+versammelten Tiere fielen. Sie wandten ihre Augen in großer Verwunderung
+eins nach dem andern diesem Leuchten zu, und ihnen ward so seltsam
+zumut, daß manchem das Herz laut und hörbar in der Brust klopfte.
+
+Da erkannten sie einen kleinen, kleinen Menschen, der blaß und still
+mitten in diesem Leuchten stand und seine Arme emporhob, als ob er ihnen
+mit Angst und einer Bitte nahte. Er war kaum so groß wie die Feldblumen
+am Wiesenrand. Sie erkannten, daß zwei helle Flügel seine Schultern
+überragten, so weiß wie Schnee und von großer Zartheit, so daß sie in
+dem sanften Windzug erzitterten, der über die winzigen braunen Wäldchen
+der Moosblumen zog. Der ganze Körper dieses wunderbaren Wesens war
+durchschimmert von Licht und schien viel eher zu schweben, als zu
+schreiten, aber es war kein Zweifel, ein lebendiges Wesen kam auf sie
+zu, mit großen Augen, wie zwei Sterne.
+
+Das Erstaunen und das Entzücken der Waldwiesenleute läßt sich nicht
+schildern und, o Wunder, nicht nur die großen und kleinen Tiere, nein
+auch die Sträucher und Blumen, ja die kleinsten Pflanzen erschauerten
+bis tief in ihre Seelen vor dieser reinen Lichtgestalt, die wie ein
+kleiner Engel unter sie trat.
+
+Nun wußten wohl manche der erfahrenen Geschöpfe, daß dies nur ein
+Blumenelf sein konnte, aber ihre Verwunderung wurde darüber nicht
+geringer, denn die Blumenelfen leben nur des Nachts, für wenig Stunden,
+in denen der Mond sie weckt, und wer wüßte nicht, daß sie mit der
+heraufsteigenden Sonne sterben müssen und im Morgentau zerfließen, damit
+die Blumen sie wieder in ihre Kelche nehmen können? Es war nie gehört
+worden, soweit die ältesten Tiere zurückdenken konnten, daß am Tage, im
+Sonnenlicht, ein Blumenelf erblickt worden wäre, und selbst die Linde,
+die schon viele hundert Jahre lang die Erde kannte, rauschte
+geheimnisvoll auf, und es erklang über alle die betroffenen Seelchen hin
+aus ihrer Höhe:
+
+»Ein Wunder geschieht, ihr Lieben, ein Wunder!«
+
+Die Geschöpfe des Waldes standen ratlos da, ohne daß eines von ihnen
+gewagt hätte ein Wort zu sagen. Andere kamen aus ihren Schlupfwinkeln
+hervor und starrten fassungslos hinüber, alle Furcht voreinander
+vergessend, es dachte aber auch wirklich jetzt niemand daran, einem
+anderen ein Leid zuzufügen.
+
+Da sagte das kleine Menschenwesen zu den Tieren:
+
+»Erschreckt euch nicht, ich bin nur ein Blumenelf. Ich habe mich
+verflogen und kann nicht mehr in meine Heimat zurück. Erlaubt mir, daß
+ich bei euch bleibe.«
+
+Die Bewegung unter den Waldwiesenleuten war unbeschreiblich. Sie hatten
+alles eher erwartet, als diese einfache und bescheidene Bitte, und waren
+ratlos vor lauter Verlangen, dem Elfen ihr Entgegenkommen und ihr
+Wohlwollen zu zeigen. Da ließ sich aus einem Lindenast, dicht am Stamm
+im Schatten, die Stimme der alten Eule Uku vernehmen, die durch dieses
+Ereignis trotz der Tageshelle aus ihrer Baumhöhle getreten war.
+
+»Preist euch glücklich,« rief sie laut, »ein Elf will bei euch wohnen!
+Glaubt mir, daß mit ihm nur Freude bei uns einkehren wird, und seid
+liebreich zu ihm.« Hierauf wandte sie sich an den Elfen selbst und fuhr
+fort. »Sei uns willkommen und wohne bei uns auf der Waldwiese, wo du
+willst und solange du magst. Es wird keiner unter uns sein, der dir
+nicht gerne gefällig ist, wir sind sehr erfreut, daß du Wohnung bei uns
+nehmen willst, und es ist auch recht schön hier, das kann man ohne
+Übertreibung wohl sagen.«
+
+Die alte Uku galt als sehr weise und genoß hohes Ansehen auf der
+Waldwiese. Aber es hätte ihrer Fürsprache kaum bedurft, denn alle Tiere
+waren sich darüber einig, daß dem lieblichen Lichtwesen, das unter sie
+getreten war, ein herzlicher Empfang bereitet werden müßte. Nach Ukus
+Worten war die Befangenheit der Überraschten ein wenig gewichen, sie
+drängten sich herzu, jeder mit einem Vorschlag oder mit einem Angebot,
+und die Wiesenblumen begannen ihr feines Läuten im Windhauch, kurz, es
+war niemand da, der nicht in freudiger Erregung in Ukus Meinung
+einstimmte.
+
+Der Elf nahm diese Freundlichkeiten mit einem Dankeslächeln auf, das
+alle aufs tiefste rührte, denn sie wußten, daß ein Elf nicht zu bitten
+braucht, wer kannte nicht die Macht der Blumenelfen?! Wohl erschien es
+ihnen, als habe er das Reich seiner Macht, die ungewisse Nacht,
+aufgegeben, aber wer konnte wissen, welches Vorhaben ihn bewogen hatte,
+den hellen Tag und das Bereich der Sonne aufzusuchen? Jedoch ihre
+Neugierde und ihre Zweifel sollten bald gestillt werden, und sie
+erhielten Gewißheit über die Fragen, die sie beschäftigten, denn der Elf
+erzählte ihnen seine Geschichte, nachdem er ihnen von Herzen Dank gesagt
+hatte.
+
+»Ich muß auf der Erde verharren,« begann er mit heller, trauriger
+Stimme, »ich kann nicht in das freie Reich der Elfen zurückkehren wie
+meine Gefährten, denn ich habe das Licht der Sonne erblickt, die kein
+Elf sehen darf. Als ich in einer klaren Nacht der Lilie entstieg, die
+mich geboren hat, wuchsen mir meine Flügel, die wir Elfen erhalten,
+sobald wir den Willen haben, unsere Blume zu verlassen, um einem
+anderen Wesen Glück zu bringen. Aber wir können dann nicht in die Blume
+zurückkehren, sondern im Morgengrauen verwandelt das erste Licht uns in
+Tau, und die Pflanzen nehmen uns auf, und unsere Seele kehrt ins
+Elfenreich zurück. Aber das werdet ihr wissen, ihr Lieben.
+
+In jener Nacht nun, in welcher ich erwachte, kam ein kleines geflügeltes
+Tier zu mir, es war eine Biene, die Maja hieß, und die ihren
+heimatlichen Stock verlassen hatte, um die Welt kennenzulernen. Sie
+hatte den Wunsch, die Menschen zu sehen, wie sie am schönsten und
+glücklichsten sind, und ihr wißt, daß wir Elfen Macht haben, den
+liebsten Wunsch des ersten Wesens zu erfüllen, das uns in unserer
+Lebensnacht begegnet. So flogen wir miteinander durch die helle Nacht
+bis an einen Ort am Waldrand, wo in einer Laube, unter blühenden
+Zweigen, zwei Menschen weilten. Es waren ein Mädchen und ein Jüngling.
+Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie
+umschlungen, als ob er sie schützen wollte. Sie saßen still da und
+schauten mit ihren großen Augen in die Nacht.
+
+Dort nun, ihr Lieben, geschah meinem Herzen das Wunder, um dessentwillen
+ich heute unter euch erscheine, denn ich konnte meine Augen nicht mehr
+von den Angesichtern der beiden Menschen abwenden. Im Himmelsschein der
+stillen Nacht strahlte es von ihren Stirnen und aus ihren Augen, kein
+irdischer Mund vermag das selige Heil zu nennen, in dem sie zu glühen
+schienen. Ich erzitterte heiß, bis tief in die Gründe meiner Seele
+hinab, ich versuchte diesen Glanz zu fassen, diese Wohltat und die
+Freude dieser Gemeinschaft zu verstehen, aber mein Herz vermochte es
+nicht. Ich fühlte, wie es sich dieser hellen Kraft des Irdischen zu
+öffnen trachtete, aber zugleich empfand ich in unbeschreiblicher
+Traurigkeit, daß dieses Erdenwunder des Glücks nicht mein Teil werden
+konnte.
+
+Und mehr und mehr erschien es mir, als ginge von der Seligkeit der
+beiden Menschen eine immer größere Helligkeit und Wärme aus, ein Glanz,
+der mich taumeln machte, und mich in eine schmerzhafte Verzückung
+brachte, in der ich fast meine Sinne schwinden fühlte, und die doch wie
+ein barmherziges Wunder in meine Seele einzog. Was geschieht mir nur,
+dachte ich, was soll ich erleben?! Was gibt es noch auf dieser fremden
+Erde, was ich nicht gewußt habe?
+
+Da traf es plötzlich meine Stirn wie ein lautloser Donner, ich werde es
+euch niemals schildern können, ihr Lieben, aber mir war, als ob eine
+unerhörte Lebensgewalt mich in ihre Wirbel risse und ins Unendliche
+dahinschleuderte, meine Augen waren geblendet, ich schrie laut auf und
+taumelte in die Blüten, die naß vom Tau waren.
+
+[Illustration]
+
+Da erkannte ich ein gewaltiges rotes Feuer am Horizont, das überall
+tausendfältig widerstrahlte, die ganze Natur umher brach in einen
+befreiten Jubel aus, ich hörte fremde Stimmen, die mich erschreckten und
+doch zugleich in die Seligkeit ihres Freudenrausches fortrissen, und da
+wußte ich, daß die Sonne aufgegangen war, daß ich die Sonne gesehen
+hatte und nicht mehr in meine Elfenheimat zurückkonnte!«
+
+Der Elf schwieg und verbarg sein Angesicht. Es herrschte tiefe Stille
+umher, denn alle Geschöpfe, die ihn angehört hatten, sahen in großer
+Ergriffenheit und wortlos auf seine helle Gestalt und auf seinen
+goldhaarigen Scheitel nieder, der milde erglänzte, und von dem eine
+unbeschreibliche Wehmut ausging.
+
+Da fuhr der Elf fort zu erzählen, und seine feine Stimme zitterte vor
+Ergriffenheit.
+
+»Ihr wißt nicht, ihr Lieben, was Augen, die niemals die Sonne gesehen
+haben, ihr strahlender Aufgang am Himmel bedeutet! Ihr feuriger Glanz,
+ihre himmlische Allmacht betäubten mich und ich verlor die Besinnung,
+bis ich nach einer Weile, deren Dauer ich nicht zu sagen vermag, von
+einem neuen, unfaßbaren Leben erwachte, das wie in warmen Goldbächen
+meinen ganzen Körper durchrieselte. Als ich die Augen aufzuschlagen
+wagte, fand ich mich unter Blumen auf dem Erdgrund liegen, und der
+Sonnenschein überflutete mich über und über, lange lag ich so still und
+konnte die Wohltat nicht fassen, die mein trauriges Gemüt zu einem ganz
+neuen Glück überredete, mein Herz schwankte in großer Angst und
+unnennbarem Entzücken und mir war, als wollte es tief aus dem Grund
+meiner Seele hell und brennend in die Augen brechen.«
+
+Als der Elf bei diesen Worten eine Pause machte, konnte ein Waldvogel,
+der ihm von einem Lindenzweig aus in atemloser Spannung gelauscht hatte,
+nicht länger an sich halten, und nun rief er laut:
+
+»Vertrau' der Sonne, lieber Elf! Es ist unsagbar schön in der
+himmlischen Sonne!«
+
+Und wie eine Antwort auf diesen Ruf, erklang es tausendstimmig von allen
+Geschöpfen umher. »Es ist herrlich in der himmlischen Sonne!« Als ein
+einziges, jauchzendes Rauschen ging es durch den Blätterwald, durch die
+Gräser und Blumen hin, und es war auch nicht ein Tier, das nicht in
+überzeugtem Glauben in dieses Lob der Sonne einstimmte.
+
+Aber das Lächeln, mit dem der Elf den Geschöpfen dankte, war bei allem
+Glück seiner Erwartungen doch von so großer schmerzvoller Traurigkeit,
+daß die alte Uku nachdenklich ihren Kopf schüttelte. Sie war in der Tat
+ein weiser Vogel, und sie verstand das Elfenkind.
+
+»Hast du Heimweh nach deinem verlorenen Reich?« fragte sie herzlich.
+
+Da sah der Elf zu ihr auf und nickte.
+
+»Die Liebe hat dich an die Erde gebunden,« sagte Uku, »sie wird dich
+wieder lösen, Elfenkind.«
+
+Erstaunt sah das kleine, helle Menschenwesen zu dem großen Vogel auf.
+
+»Es ist wahr, was du sagst,« antwortete er, »aber die Liebe, die mich
+erlösen kann, muß weit größer sein als die, durch deren Schönheit ich
+meine alte Heimat verloren habe, das ist ein uraltes Gesetz des
+Elfenreichs, ach, traurig ist es, die Heimat zu verlieren! Wie soll ich
+jene Liebe finden, wann wird sie mir begegnen?«
+
+Da schwieg Uku und sah sinnend in die helle Weltweite. Aber allen Tieren
+umher war, als müßten sie etwas tun, um dem Elfen seinen Aufenthalt auf
+der Waldwiese so angenehm wie möglich zu machen. Mit großem Eifer und in
+schöner Gemeinschaft machten sie sich ans Werk, ihm unter einer
+mächtigen Wurzel des Lindenbaums aus Moos und Federn eine kleine
+Wohnstätte herzurichten, sorgsam vor dem Regen geschützt und gegen die
+Morgensonne zu geöffnet.
+
+Und der Elf nahm zu ihrer Freude ihre Gabe an und versprach, bei ihnen
+zu bleiben.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Die Frühlingsnacht
+
+
+So war nun ein Blumenelf, ein Wunderwesen der Sommernacht, durch das
+Begebnis, das ich erzählt habe, verbannt worden, auf der Erde der
+Menschen, Tiere und Pflanzen zu leben. Auf dieser Erde, auf der auch wir
+für kurze Zeit zu unserer Bewußtheit erwacht sind, dieser Erde der
+grünenden Fluren, der Wasserläufe, der Berge und Täler, der Tage und
+Nächte.
+
+Da es sonst den Elfen bestimmt ist, nur für ein paar Nachtstunden im
+Mondschein aus ihrem Blumenbett zu erwachen, so erfahren sie von der
+Erde selbst und von allem Irdischen nur wenig; in blauen Nachtbildern,
+die vom Himmelssilber glänzen, prägt sich diese Welt des Wirkens und der
+Leiden nur flüchtig in ihre Seele ein, und mit einem fragenden Lächeln
+versinken sie beim hereinbrechenden Morgen aufs neue in ihren
+Weltenschlaf. Im Tau, im Frühlicht, trinken die Pflanzen ihre zarten
+Seelen, und der Wandel der Natur nimmt ihre durchschimmernden Körperchen
+auf, wie Nebel sich in der Sonne verflüchtigt.
+
+Die Menschen sehen die Elfen nur selten, zuweilen begegnen sie Kindern,
+aber zumeist nur im Traum, oder ungesehen, wie auch die Engel, die nur
+von denen erkannt werden, die sie lieben und an sie glauben.
+
+Die Elfen haben große Ähnlichkeit mit den Engeln, aber sie sind wie
+Kinder und haben von Haus aus keine Beziehungen zum Reich der Liebe, und
+nicht die Allmacht der himmlischen Engel. Aber darüber soll in diesem
+Buch noch vielerlei gesagt werden, es ist in der Tat ein großes Ereignis
+gewesen, daß ein Elf die Erde im Sonnenschein kennenlernte, wunderbar
+hat ihr Lebensglanz auf sein Herz und Wesen eingewirkt, es hat ihn
+langsam den Irdischen gleichgemacht und ihn in ihr Bereich der Freude
+und der Schmerzen gezogen.
+
+Mitten im Frühling waren die Sinne des Blumenelfen zu seiner irdischen
+Reise erwacht, zugleich mit den Seelchen unzähliger Blumen und Blüten
+und in Gemeinschaft mit der erneuten Daseinslust aller Tiere und
+Menschen. Täglich kamen nun neue Vögel und vierfüßige Tiere auf der
+Wiese an, es war sehr schwer, ihre Gestalt und Eigenart rasch zu
+begreifen, täglich brachen neue Blumen auf, und die Farben und Düfte im
+Sonnenschein oder im Regen überwältigten zu immer neuem Glück. Wäre den
+Seelen der Elfen nicht eine tiefe Ahnung vom Wesen alles Lebendigen
+eigentümlich, so hätte sicherlich sein Herz der Fülle der Eindrücke
+nicht ohne Verwirrung standgehalten.
+
+Ein heimliches Brennen in den Tiefen seiner Brust führte ihn langsam
+allem näher, was er erkannte. Er wußte noch nicht, daß es Liebe war, die
+wie ein stilles Licht in den Kammern des Herzens emporglühte, aber er
+empfand, daß diese brennende Süßigkeit der Hoffnung und des Heimwehs
+nach Gemeinschaft seine Führer und seine Freude wurden. Ihm war, als
+leitete dies hilflose Weh in der Tiefe ihn dem Licht immer näher, dieser
+unfaßbaren Fülle, die die ganze Erdoberfläche erstrahlen ließ. Dies
+Glühen des Verlangens war es, das ihn sehen und lauschen lehrte, so daß
+er alle Stimmen um sich her verstehen lernte, und er erkannte, noch wie
+in einem Traum, daß dies heiße Begehren seiner Brust nach Zugehörigkeit
+das eine, große, treibende Element des Lebendigen um ihn her war.
+
+In träumerischem Staunen schritt er dahin, lernte den Tag und die Nacht
+begreifen und erbebte vor Glück über ihre Treue. Er sah die Sternbilder,
+die er wie aus ferner tiefer Erinnerung einer anderen Jugend
+wiederzuerkennen glaubte, strahlen, wandern und singen und doch immer
+gleichbleiben, er begriff den hohen Himmelsweg des Wassers, das die
+Sonne aufsaugte und das die Wolken den Irdischen zurückgaben, und liebte
+über alles den Himmelswiderschein im Tau. Am meisten aber beseligte ihn
+die gewaltige Sonne, ihre Gnadenbahn im Blauen, ihre Milde und Fülle,
+ihre unaussprechliche Freigebigkeit. Ihren Glanz und ihre Wärme liebte
+er in betörend hingebender Demut, sein Vertrauen zu ihr war so groß, daß
+schon der kleinste Lichtblick ihrer Herrlichkeit ihn wie in einen Rausch
+von Zuversicht versetzte.
+
+Oft konnte er stundenlang dasitzen und in den Tannenwald schauen, durch
+dessen hohe, gerade Stämme das Sonnenlicht auf das Moos sank und überall
+helle Inseln von strahlendem Goldgrün zurückließ. Die Lichtflecke
+rührten sich nicht, der Waldboden sah wie ein stiller Teppich mit
+strahlenden Ornamenten aus. Aber hoch oben in den Kronen rauschte es in
+einer gewaltigen Lebensmelodie im Frühlingswind, als zögen himmlische
+Heerscharen im Goldrauschen ihrer Gewänder darüber hin. Dieses Rauschen
+der Baumkronen verwandelte sein Herz in einen einzigen schimmernden
+Traum, ihm war, als erklängen darin die ewige Heiterkeit der freien
+Bewegung und zugleich die Schwermut der irdischen Fesseln.
+
+Als er eines Nachts, nachdem er schon manchen Tag auf der Wiese wohnte,
+erwachte, lockte der Mondschein ihn aus seiner grünen Höhle im Moosgrund
+in die Stille der strahlenden Nacht empor. Am Bach waren die Lilien
+aufgeblüht, sie leuchteten wie Schnee über dem dahinziehenden Wasser, es
+war still und kühl und schon nahe dem Morgen, die Stimmen der Nachttiere
+waren verstummt.
+
+Es war Halbmond, aber sein Licht schien so klar, daß die Sterne in
+seiner Nähe nur blaß schimmerten, die Erde umher duftete von Nässe, denn
+es hatte am Tag vorher geregnet. Als der Elf sich auf einen niedrigen
+Zweig der Linde setzte, fielen ein paar große Tropfen ins Gras nieder,
+auf ihrem kurzen Weg zur Erde blinkten sie auf, kleine durchschienene
+Kugeln, sie trugen Mondlicht durch die Luft und Glanz und Frische.
+
+Der Elf sah dem fallenden Wasser nach und dachte an die Pflanzen, die es
+im Schlaf trinken würden. Wenn die Erde die hellen Tropfen aufnimmt,
+sann er, so kehrt das Licht zum Himmel zurück. Der Gedanke beschäftigte
+sein Gemüt, er rührte die Blätter in seiner Nähe an und sah zu, wie die
+fallenden Tropfen, erfüllt von Licht, die Pflanzen tränkten. Die
+Waldtiefe schimmerte schwarz wie Teer, nur die ersten Stämme waren vom
+Mond beschienen, und zwischen ihnen zogen sich Lichtstreifen in die
+stille Finsternis hin. Gibt es auf der Erde ein Fleckchen, so groß wie
+meine Hand, dachte er, auf dem nicht Leben schlummerte? Überall, wo
+Leben pocht, da glüht ein kleiner Lichtherd, eine Stätte, wo das Licht
+einmal in Verlangen erwartet und empfangen wird, wo es beglückt und
+zurückstrahlt. Nichts hat so viele Heimatrechte auf der Erde, wie das
+Licht.
+
+[Illustration]
+
+Die Luft wurde von einem Surren erfüllt, das kaum vernehmlich zwischen
+den schwarzen Stämmen begann, langsam anschwoll und nun beinahe drohend
+und feierlich über ihm dahinzog. Es war ein großer Wasserkäfer, der sich
+ein neues Gewässer suchte, um dort den Tag zu verbringen. Wie mag es ihm
+in der silbernen Dunkelheit und in der Ruhe der Luft behagen, dachte der
+Elf und sah ihm nach. Es wurde wieder still, dicht neben ihm glitzerte
+ein Tropfen so hell wie ein Diamant, fast wurden seine Augen geblendet,
+der Mond spiegelte darin, wie in geschliffenem Glas, aber es wurde
+darüber umher nicht heller, hinter ihm war die Nacht so schwarz wie
+Kohle. Der Tropfen behielt das Licht, es kreiste in seinem kühlen Rund,
+in freier Klarheit entstand eine unbeschreiblich erstrahlende kleine
+Welt für sich.
+
+Vielleicht leben auch in ihr Geschöpfe, dachte der Elf, halten die
+Sekunden ihrer Zeit für ein langes Dasein und empfangen unser
+Himmelslicht in eigenen Lichtherden, aus denen es als Freude
+widerstrahlt.
+
+Der Tropfen sank und erlosch in der Finsternis am Boden.
+
+Dem Elfen kamen die Schwalben in den Sinn, die er bis in die Stunde des
+sinkenden Abendlichts in schwindelnder Himmelshöhe hatte fliegen sehen.
+Eine von ihnen war am Tage mit ihm bekannt geworden, sie hatten sich auf
+dem Felde getroffen, wo der Vogel am Erdboden Lehm für sein Nest suchte,
+und die Erzählung der Schwalbe war wie ein strahlendes Bild der fernen
+Welt in sein Herz gesunken.
+
+Wie mag euch Schwalben die Erde erscheinen, die ihr bewohnt, dachte er
+nun in der Erinnerung ihrer Worte, wie anders werdet ihr sie kennen und
+empfinden als ein kleines Bodentier des ebenen Feldes, oder als der
+Mensch. Eure Reise nach dem Süden führt euch Jahr für Jahr über das
+schimmernde Meer, über welchem, wie über einer unabsehbaren, runden
+Silberfläche, die Sonne rot aufwacht, ihren hohen Strahlenweg geht,
+einsam über dem tausendfältigen Glitzern, und am Abend langsam, feuerrot
+in ihr helles Bett sinkt. Dann fliegt ihr allein über der großen Ebene,
+das Wasser sieht wie flüssiges Eisen aus, der Himmel im Westen wie
+durchscheinendes Glas und im Osten kalt und blau, im Wehn der
+herannahenden Nacht. -- Wie schön die Schwalbe erzählt hatte.
+
+Seid ihr nicht viel mehr als alle, seid ihr nicht am glücklichsten, ihr
+Menschen, fuhr er in seinem Sinnen fort. Ich lebe unter Tieren und
+Pflanzen und kann euch nicht erscheinen, aber es zieht mich zu euch,
+stärker und freier als in jener ersten Nacht, in welcher ich euch
+erblickte und euer Glück verstand. Ihr Sonnenmenschen, ihr Gesegneten,
+die ihr geschickt seid, alles, alles zu empfangen! Was macht euch so
+reich an Frohsinn und Betrübnis, ich möchte den Grund der Quellen in
+euch kennen, aus denen die jauchzenden Lichtgarben eures Lachens
+entspringen und das schwermütige Geheimnis der Tränen. Wieviel Sagen von
+eurer Herrlichkeit und eurem Elend kennt die alte Welt!
+
+Wie aus tiefer Kindererinnerung stieg über solchen Gedanken in der Seele
+des Elfen eine Ahnung empor, als habe er schon zu einer anderen Zeit
+alles gewußt und alles erfahren. Die Seele ist so alt wie die Welt,
+dachte er, sie wird zur Erde geboren, um wieder jung zu sein. Aber kaum
+glaubte er sich einer Gewißheit zu erfreuen, da zog es aus blauen Tiefen
+heran wie Wolken, und ihn befiel eine Traurigkeit, so daß er sich aus
+dem Bereich der Ahnungen und Gedanken in die Welt der Erscheinungen
+zurückflüchtete.
+
+Leben, o schönes Leben auf der Erde, dachte er. Ihm war zumut, als sei
+er ein Geschöpf aus fremden Regionen der Welt, das nur träumte, es lebte
+auf der Erde unter ihren Wesen. Es lag am geheimnisvollen Weben der
+Nacht, daß alles ihm unaussprechlich wunderbar vorkam, und er sprach
+leise vor sich hin, wie Leute, die viel allein sind, es bisweilen tun,
+und sagte:
+
+»Es muß an meiner Herkunft liegen, und weil ich ein Fremdling bin, daß
+ich alle Erscheinungen, die mir begegnen, so groß, so schön und
+sonderbar empfinde. Wer in seiner Kindheit als ein Geschöpf seiner
+irdischen Eltern unter seinesgleichen erwacht, der wächst in seiner
+Umgebung empor, ohne daß ihn dies selige Erstaunen befällt, das immer
+und immer wieder mein Gemüt erschüttert. Anderen werden alle Dinge
+langsam vertraut, sie gewöhnen sich auch an das Schönste und nehmen es
+wie ihr selbstverständliches Recht hin. Sie haben sichere Augen und
+gleichmütige Gedanken, die Erde ist ihre Heimat, und sie wundern sich
+nur über den Tod, obgleich er das einzige ist, was sie bestimmt wissen.
+Alle Geschöpfe, die ich kennengelernt habe, haben mehr Zuversicht und
+ein größeres Vertrauen der Zugehörigkeit als ich, aber weniger
+Entzücken. Es muß daran liegen, daß sie die Erde längst gewohnt sind,
+aber ich kann mich nicht in ihre Wunder finden, denn ich bin niemals mit
+unbewußten Sinnen durch ihr blühendes Tal geschritten. Als ich die
+Sterne zum erstenmal sah, wußte ich, daß es die Sterne waren, ich
+erkannte das erste Lachen, das ich vernahm, aber es war meinen Lippen
+fremd, und der erste Sonnenschein überwältigte mich zu unnennbarem
+Glück. Auf die Anderen aber haben die Sterne schon niedergesehen, ehe
+ihre Augen sie erkennen konnten, Tränen sind wie Tau auf sie
+niedergetropft, Tränen der Freude oder des Schmerzes, und sie haben
+nicht gewußt, was sie bedeuten, ihnen ist alles vertraut geworden, bevor
+sie es erkannten, vielleicht sind sie viel glücklicher unter den
+Wohltaten ihrer Heimat, die sie blind, ohne Gedanken, hingenommen haben.
+Es ist gut so, die Pracht der Erde ist so groß, daß ein Mensch sterben
+müßte, wenn ihre Gewalt eines Tages plötzlich über ihn hereinbräche.«
+
+Während in dieser stillen Frühlingsnacht sein Herz auf solch seltsame
+Wanderschaft ging, überkam ihn plötzlich im Wandel von Andacht und Sorge
+ein geheimnisvolles Erzittern, und er mußte seine Arme ausbreiten, als
+gälte es, eine liebreiche Fülle zu umschlingen, und er verstand nicht,
+wie ihm geschah. Er mußte an die beiden Menschen denken, die sich in der
+Sommernacht seines Erwachens umarmt hatten, an alle Blüten, an alle, an
+die Sonne über den Wiesen und an den Jubel der Vögel im Grünen. Und
+plötzlich, wie in einer seligen Offenbarung, ahnte er das Wesen der
+Kraft, die ihn mit allem Leben in der Natur verband, und er mußte
+singen. Er wandte sich in die Weite, die im Mondlicht blühte, an die
+große, atmende Natur, die mit ihm ihrer Erlösung harrte, und sang:
+
+ Du bist mein Eigentum, weil ich dich liebe,
+ kein Sinn ermißt die Fülle meines Glücks.
+ Wie bitte ich die Güte des Geschicks,
+ daß mein Gemüt dem deinen nahe bliebe.
+
+ Was dir geschieht, das soll auch mir geschehn,
+ o Hort der Liebe, so in dir zu weilen.
+ Nun lernt mein Herz in seiner Zeit verstehn,
+ in deiner Anmut seinen Gram zu heilen.
+
+Im Osten tauchte ein schmaler Glutstrich auf, und der Elf faltete seine
+Hände, denn der Morgen kam. Ich werde euch alle, alle sehen und kennen
+und lieben, wie ihr seid, ihr Irdischen mit mir, dachte er, das soll
+mein Glück sein.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+ Wiesenleute
+
+
+Der Elf saß unter den Blumen. Eigentlich war es sein liebster
+Aufenthalt, und er kannte keine schöneren Stunden, als in ihrer
+Gemeinschaft zu weilen, sein Glück erschien ihm vollkommen, wenn die
+Seligkeit der Blühenden ihm seine Einsamkeit in ein Fest glücklichen
+Bescheidens verwandelte. Er saß auf einem halbentrollten Farnblatt, um
+ihn her erhoben sich schlanke Grashalme, die unaufhörlich schaukelten
+und deren feine Stimmen die sanft bewegte Luft mit leisem Rauschen
+füllten. Aus der Höhe mischte sich das Summen der Insekten in dies
+gleichmäßige Lied, wie wir Menschen es von den Bäumen im Wind kennen.
+
+Es war ein reger Verkehr im Graswald, und zwischen den vielerlei
+Kräutern zogen die Tiere ihre Straße, alle beschäftigt und eifrig, aber
+fröhlich um des heiteren Tags willen. Man glaubt es kaum, was alles lebt
+auf einem so kleinen Fleckchen Erde, wie der Elf es von seinem Platz aus
+übersah. Käfer in den prächtigsten, schillernden Farben, Ameisen,
+Waldschnecken, geflügelte Würmchen und die zahllosen kleinen Tiere, die
+auf den Pflanzen leben, von ihren Blättern oder ihrem Blütenstaub. So
+winzige Erdbewohner waren tief im grünen Schattengrund beschäftigt, daß
+man sie für gewöhnlich nur erblickt, wenn man lange Zeit aufmerksam
+hinschaut. Sie unterscheiden sich in ihrer Art und Lebensgewohnheit
+ebensosehr voneinander, wie es größere Tiere tun, in ihren Interessen,
+ihrer Gestalt und Farbe.
+
+[Illustration]
+
+Es war leicht zu spüren, daß die Tiere des Graswalds viel kecker und
+beweglicher waren als die Blumen, die voll Schüchternheit und geduldig
+auf ihr Geschick harrten. Der Elf beugte sich tief über ihre Kelche,
+deren Licht und Farbe sich in seinem zarten Gesicht widerspiegelten, er
+sog ihre Frische ein, ihren Duft, und als er vernahm, was ihre
+heimlichen Wünsche waren, rief er die Bienen zu ihnen.
+
+Zwei kleine Käfer stiegen miteinander in den goldstrahlenden Kelch
+einer Blume hinab, beinahe betäubt von dem warmen Duft und ganz in das
+Blütenlicht eingehüllt. Die Blume zitterte leise und atmete schwer und
+tief.
+
+»Elf, lieber Elf,« flüsterte sie, »was geschieht mir? Ich bin so
+glücklich.«
+
+Der Elf nickte ihr mit glänzenden Augen zu.
+
+»Der Frühling,« antwortete er, »der Frühling! Er durchdringt dein Wesen
+durch und durch. Halt still, Liebe.«
+
+Die Düfte, die der Waldwind heranschaukelte, wechselten ohne Aufhören,
+und dem Elfen war, als trüge ihn die eine Sehnsucht unvermerkt in das
+Wunderreich der anderen. Eine selige Welt vertauscht sich gegen die
+andere, dachte er, ich schließe meine Augen und bevölkere sie aus meinem
+Herzen.
+
+Dieser Wechsel verzauberte sein Gemüt immer wieder aufs neue, und er
+träumte fort in Farben, Licht und Düften, unter den Liedern der Vögel.
+Wenn der Wind den Geruch der wilden Rosen aus dem Gesträuch zu mir
+trägt, und ich lausche dem Gesang des Rotkehlchens, dachte er, so ist
+das Herz auf ganz andere Art im Lieblichen geborgen, als wenn ich den
+kühlen Hauch des Flieders spüre und höre die Amsel flöten. »Trag mich
+von Freude zu Freude, du warmer Frühling,« sagte er, »aber behüte mein
+Herz, damit es nicht vor Glück zerspringt.«
+
+Das Summen der Insekten über den Blumen klang hinter den lichtroten
+Vorhängen seiner geschlossenen Augenlider wie fernes Orgelbrausen, in
+das aus noch größerer Ferne das Meer zu rauschen schien. Es vermischte
+sich mit dem Flüstern der Blätter, den kaum vernehmbaren Stimmen der
+Gräser und dem Läuten der Blumen, das so fein erklingt, daß ein
+menschliches Ohr es nur nach langem, tiefem Warten erlauschen lernt.
+
+Die Güte und der Reichtum der Natur überwältigten das Elfenkind. »Seid
+gesegnet, meine Sinne,« rief es, »meine Augen, mein Gehör und du mein
+Herz, du Quelle und Pfand meines irdischen Wohls. In den Augen wohnt der
+rasche Blick, der zu entflammen und froh zu ruhen vermag, der das Licht
+bis tief in die Kammern des Herzens führt. Ich fühle die Berührung des
+Lebens mit allen Gliedern, wie das Wasser den Windhauch spürt, der seine
+Oberfläche bewegt, jeder Sinn hat sein seliges Amt, aber du hast das
+herrlichste, mein Herz, in dir wohnt das Heimweh.«
+
+ * * * * *
+
+Die Fülle nahm nun von Tag zu Tag zu, das Blühen wollte kein Ende
+finden, immer wieder kamen neue Tiere auf der Waldwiese an, verweilten
+für kurz oder lange oder blieben auch für immer. Eines Morgens fand sich
+ein Wildtaubenpaar ein, man hatte sie schon von weitem lachen und
+plaudern hören, die zwei, sie machten einen sehr glücklichen Eindruck.
+Die Linde, überhaupt der ganze Platz schien ihnen ausnehmend zu
+gefallen, sie flogen innen im Baum von Ast zu Ast, untersuchten die
+alten, dürren Stümpfe der abgebrochenen Zweige und prüften jedes
+Baumloch im Stamm. Als sie aber merkten, daß eine Eule im Baum wohnte,
+wurden sie nachdenklich.
+
+»Schon wegen des Bachs, wegen der Nähe des Wassers hätte ich hier gern
+gewohnt,« meinte die junge Frau betrübt, »man hat es so bequem morgens
+mit dem Bad, und dann auch an der einen Seite die Weite der Felder, an
+der anderen den dichten Wald; der Ort hat viel für sich. Sieh unten das
+Moos im Sonnenlicht!«
+
+»Ich lebe nicht mit einer Eule zusammen,« antwortete ihr Mann, »aus
+solcher Nachbarschaft entsteht nichts Gutes. Ich habe nichts gegen die
+Eulen, ich verfolge sie nicht, aber sie sind mir unheimlich.«
+
+Und sie flogen mit lautem Flügelschlagen, das man noch lange in der
+Waldstille hörte, über die Bäume hin, davon.
+
+In der Frühe sah man bisweilen den Bussard zwischen den Stämmen jagen.
+Er flog lautlos und geheimnisvoll, seine scharfen, farbigen Augen
+suchten am Boden, und seine graubraunen Schwingen bewegten sich groß,
+feierlich und kraftvoll. Es war ein herrlicher Anblick, den mächtigen
+Vogel zu beobachten, der allein lebte, vom Raub, in seiner Waldfreiheit.
+
+Eines Tages kam eine Katze, o Gott! Sie setzte sich mitten auf die Wiese
+in die Blumen, blinzelte und putzte sich sorgfältig und so arglos, als
+gäbe es in der Welt für sie keine Gefahr, und als habe sie niemals einen
+bösen Gedanken gehabt. Es wurde eine Weile auffallend still auf der
+Waldwiese, nur der Bach kümmerte sich nicht um das Tier, er rauschte
+fort, die kleineren Geschöpfe aber bekamen zum größten Teil Herzklopfen.
+Wer ein sicheres Versteck hatte, beobachtete die Katze mit Spannung. Es
+läßt sich auch in der Tat kaum etwas Schöneres denken, das zugleich mit
+so viel Schrecknis verbunden ist, als eine Katze. Natürlich, wer sich
+gegen sie wehren kann, wer stärker oder geschwinder als sie ist, der
+sieht und nimmt nur ihre anmutigen Seiten, deren sie viele hat, und
+begreift nicht so rasch das Entsetzen, das sie kleineren Geschöpfen
+einflößt. Aber wenn man in Betracht zieht, daß manche Tiere, denen sie
+nachstellt, kaum größer sind als eine ihrer Pfoten, so begreift man
+eher, welchen Schrecken die Katze verbreiten kann.
+
+Ganz besonders über diese Katze wäre vieles zu erzählen; es ist schade,
+daß es hier nicht angeht. Sie war ursprünglich unter Menschen gewesen
+und ist auch in ihrer Gemeinschaft geboren und aufgezogen worden. Aber
+dann wechselte der Besitzer des Hofes, auf dem sie lebte, und da Katzen
+meistens eher an dem Ort hängen, an welchen sie gewöhnt sind, als an
+Menschen, so war auch diese Katze geblieben; aber sie traf es schlecht
+mit den Nachfolgern der ausgewanderten Bauersleute und entschloß sich
+deshalb eines Tages kurzerhand, ihr Heil in der Freiheit zu suchen. Sie
+hatte einen sehr schweren Winter hinter sich und war oft drauf und dran
+gewesen, zurückzukehren, aber nun, mit dem eingekehrten Frühling, schien
+ihr Los ihr beneidenswert.
+
+Uku, die alte Eule, sah von ihrer sicheren Baumhöhle aus auf die Katze
+nieder. Die grünlichen Augen waren wie zwei harte, glänzende
+Metallplättchen, alles an der Katze, auch das prächtig gestreifte Fell,
+war auf das sauberste gehalten und so wohlbestellt, gesund und anmutig,
+daß es ein Entzücken war. Uku sah, wie die Pfote am Gesicht entlang
+glitt und wie die kleine rosa Zunge die weichen Härchen des Fells
+glättete. Nachdenklich sah der weise Vogel auf die Katze nieder. Wer
+würde vermuten, dachte er, daß dies zärtliche Tier vom Wipfel eines
+Baumes oder vom Giebel eines Daches niederspringen kann, ohne Schaden zu
+nehmen, wer ahnt hinter dieser kindlichen Gebärde die Wildheit, die sie
+verbirgt, die geschmeidige Kraft und die unbeugsame zähe Eigenart der
+Katze? Ist es so bestellt, daß sich mit der größten Kraft und Wildheit
+solch arglose Gebärde des Spiels und der Harmlosigkeit vereinen kann,
+mit diesem Lächeln die furchtbarste Blutgier und mit soviel Anmut die
+Falschheit?
+
+Uku konnte nicht aufhören, die Katze zu betrachten, und sie dachte lange
+und sehr scharf über sie nach, wie es so Art der Eulen ist. Sie weiß die
+größten und bissigsten Hunde in Respekt zu halten, dachte sie, ja in
+manchen Fällen selbst den Menschen, und sieht doch aus wie ein
+schüchternes Kind. Wie sie den Schein der Sonne genießt! Es ist wirklich
+sehr schwer zu sagen, was gut oder was böse ist in der Natur, ich
+glaube, man kann es nur für sich selbst und sein eigenes Handeln wissen.
+
+Wie ungebrochen sind diese harten Augen, wild und rein, fuhr sie fort zu
+sinnen, sie werden eines Tages brechen, wie ein edler Stein unter einem
+Hammer, aber sie werden sich nicht trüben. Man muß sagen, Uku kam
+geradezu in Begeisterung, und da eine Katze alles andere eher ist als
+die Freundin der Eulen, so war diese Anerkennung des Vogels um so
+erstaunlicher. Aber Uku hatte Grund, über die Katzen nachzudenken, sie
+hatte vor Jahren einmal zur Nachtzeit eine Katze sterben sehen, die, von
+der Kugel eines Bauernsohns getroffen, auf dem Hof ihr Leben lassen
+mußte, auf dem damals auch Uku viel verkehrte. Es war Mondschein
+gewesen, der junge Mensch stellte den Katzen nach, weil sie seinem
+kleineren Federvieh Schaden taten. Seine Kugel ging der Katze durch die
+Brust, schlug durch und öffnete sie an zwei Stellen. Das Tier war auf
+einen Baum geflüchtet, und anfänglich hätte man glauben können, sie sei
+nicht verwundet, aber dann löste sich langsam, man möchte sagen Kralle
+für Kralle, ihr schöner gefleckter Leib von dem Ast, den sie umklammert
+hielt. Es kam kein Laut über ihre Lippen, erst am Fallen sah man, daß
+sie keine Gewalt mehr über ihren zähen, wohlgeübten Körper hatte. Am
+Boden, im schrägen Mondlicht kreiste sie im Gras, und nun, wie mit ihrem
+letzten Atem, kam ein Geschrei aus ihrem Mund, das Ukus Herz erstarren
+ließ, und der junge Mensch, der herzugeeilt war, sprang betroffen
+zurück, als dieser Todeston sein Ohr traf. Es war ihre erste und
+zugleich ihre letzte Klage, es war, als habe sie zu Lebzeiten das Klagen
+nicht gelernt. Dreimal hintereinander stieß sie diesen langgezogenen
+Schrei aus, der keine leiblichen Schmerzen zu verraten schien, sondern
+den wilden Wehelaut um ihr schönes, starkes Leben.
+
+Die Natur umher lauschte wie in einer jähen Ahnung ihres Geschicks auf.
+Es ist furchtbar, die Mächtigen im Tode schreien zu hören. Und doch
+hatten diese Töne nichts Jämmerliches, es lag kein Hilferuf darin, kein
+Flehen um Erbarmen, sondern viel eher war es das metallische Verklingen
+der gebrochenen Kraft; unbeschreiblich einsam durchdrang es die
+Mondnacht.
+
+Voll Grauen war Uku damals auf und davon geflogen, tief bewegt von
+diesem Erlebnis und doch nicht einzig entsetzt, sondern zugleich
+wunderbar erhoben. Sie hatte wieder und wieder denken müssen: Wie
+gewaltig ist das Leben, das sich auch in mir offenbart, wie gewaltig ist
+der unvermeidliche Tod.
+
+Man wird nun viel besser verstehen, weshalb sie so lange und
+nachdenklich auf die Katze schauen mußte, die auf die Waldwiese gekommen
+war. Sie blieb übrigens nur für kurze Zeit und, soviel ich weiß, ist sie
+nicht wiedergekommen.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+ Der Tod der Eiche
+
+
+Ein wenig von der Waldwiese entfernt stand am Rand des Tals die Eiche,
+sie war der älteste Baum im Land; in diesem Frühling ist sie gestorben.
+
+Man wußte es überall, weit im Umkreis. Ihre letzten Worte aus dem
+vergangenen Herbst rauschten in den Büschen und Bäumen des Landes als
+Erinnerung wieder, und nun im Frühling nahm sie Abschied.
+
+Um ihre mächtige Gestalt umher sproßte und blühte es, ihre großen
+dunklen Glieder reckten sich gewaltig über den wirren, grünen
+Lebenstrubel der neuen Jugend dahin, in den Himmel empor, ihre Klage
+erfüllte das Land, alle Herzen. Viele hundert und wieder hundert Jahre
+des Lebens beschlossen sich nach einem unbegreiflichen Ratschluß, der
+alle in heiliger Scheu erbeben ließ. Die langen Nächte hindurch, in der
+Frühe und am verständlichen Tag wehte es aus der kahlen Höhe ihrer Krone
+klagend im Wind über das Land, durch den Vogelgesang dahin, durch das
+selige Seufzen der vom Frühling begnadeten Geschöpfe und durch das
+strahlende Tageslicht, das seine Macht über die Lebensgeister des alten
+Baums verloren hatte.
+
+[Illustration]
+
+Eines Tages vernahm der Elf die Klage der sterbenden Eiche im Wind und
+konnte sie nicht vergessen. Nun ward er gewahr, daß alle sie wußten, und
+seit jener Stunde zwang es ihn plötzlich, im Schreiten innezuhalten,
+wenn er durch den Wald ging, um zu lauschen, ob durch die Lebensmelodien
+der lebendigen Bäume wieder diese Klage dränge, die den ganzen Wald
+erfüllt hatte. Und er vernahm die Töne und erschauerte. Sie erklangen so
+heimlich, daß sein Gemüt in der Erkenntnis erzitterte, daß diese
+bescheidenen Wehelaute eine so stille Wildheit zu bergen vermochten, und
+daß Geduld so schmerzhaft sein könne.
+
+Da ging er der Stimme nach, um den sterbenden Baum zu finden. Wie es zum
+Herzen griff! Er sah eine Blume, die zu blühen anfing, den Tau trinken;
+in der Erwartung ihrer Sonne sangen alle Vögel, da warf er sich ins Moos
+und lauschte. Seit jener Stunde trieb es ihn wieder und wieder herzu, am
+Tag, in der Nacht, immer wieder zog es ihn an diesen Waldort ohne
+Schatten, wo die große Eiche stand. Rings der Himmel über ihm war wie
+mit Sterben angefüllt, und die Seele des Elfen füllte sich mit dieser
+Schwermut des Scheidens vom Leben, wie ein Becher mit Wein.
+
+Er verstand den Baum. »Es ist kalt,« rief er einmal des Nachts, »der
+große Wald ist leer! Ich sehe hin und zurück, zurück und hin, schaue,
+forsche und suche, und bin doch allein. Ich erinnere mich, ich träume
+und bin doch allein.
+
+Der Mond leuchtet hell, wenn seine Strahlen die Erde erreichen, scheint
+mir die Welt ohne Elend, ohne Schmerz, alles und alle erscheinen mir
+sanft. Er bringt helle Tücher, als wollte er mich vor dem schützen, was
+kommen soll, als wollte er mich erwärmen, und ich fühle wieder wie
+durstige Pflanzen, die sich öffnen und zu blühen anfangen.
+
+Enttäusche ich euch jetzt, weil ich dürr und kahl dastehe? Ihr habt mich
+grün gesehen! Ich gab der Erde Schatten, den Vögeln Ruhe und den Tieren
+Früchte. Ich habe die Blicke entzückt, und nun liebt ihr mich weniger,
+weil ich es nicht vermag? Müßt ihr nicht stets an jene Zeit denken, wo
+ihr mich anders saht?
+
+Ihr denkt nicht mehr daran! Meine Klage erniedrigt mich. Nun fühle ich
+zum erstenmal, daß mein irdisches Gefühl mich von der Welt trennt. Einst
+erzählte ich, ich teilte das Neue, das Leben den Blumen, den Bäumen mit.
+Dort oben liebkoste mich der Wind, als wollte er zu mir sagen: Du hast
+nicht unrecht. Da wußte ich, daß mein irdisches Gefühl mich mit der Welt
+verband. Ich rief: Nehmt mich nur auf, laßt mich euer Teil sein, ein
+Glied eurer reichen Familie. Ich fühlte die Welt und vereinte mich mit
+ihr und wurde zum erstenmal mündig. Alles tönte in mir und mein Herz
+strömte über. O, wie ich der Erde verschuldet bin, wie kein Wesen vor
+mir!«
+
+Der Blumenelf lag im Moosgrund und lauschte der Klage, er begriff die
+Wirklichkeit des Todes und erbebte. Aber er vermochte seine Sinne nicht
+vom Sterben des Baumes abzuwenden.
+
+Da hörte er wieder die alte Stimme über sich im Wind:
+
+»Es forscht ohne Aufhör in mir und will doch von nichts wissen. Meine
+Wurzeln werden vom Wasser berieselt, das alle Pflanzen zu neuem Sprossen
+ernährt. Ich fürchte mich vor dem Tage, die Sonne, die mein Blut
+beeinflußt hat emporzudrängen, blendet mich nun. Wie lockt mich die
+Weite, die ich lange ohne Begehren im Bild erblickt habe! Wo sind die
+Tiere? Ich höre nur die Vögel. Und doch ist alles Weite so nah, so
+möglich geworden.
+
+Mein Herz war einst in der Sonne so weit offen, daß es nicht nur sich
+selber trug und ahnte, sondern die ganze Welt. Da wußte ich die Wahrheit
+über mich. Nun umgibt es mich rings wie eine Wand, so kalt wie Eis, so
+durchsichtig wie Glas, so nah, daß mir ist, als spiegelte ich mich
+wider. Sie macht die Seele zum Verbrennen durstig, und ich fühle Angst.
+Lebt wohl!«
+
+Da drückte der Elf erzitternd sein Herz fest, fest an die Erde, die
+Auferstehung und Vermoderungen in sich barg und einen herben Geruch von
+Harz ausströmte. Ihm war, als durchdränge dieser Geruch seinen
+vergänglichen Leib, er schloß seine Augen und schwieg, denn es redete
+mit vielen Stimmen zu ihm, die wie eine Stimme waren.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+ Von den Engeln
+
+
+Eines Morgens in der Dämmerung, als von der Sonne noch wenig zu spüren
+war, kam Hassan, der Igel, durch den Tau. Er sah sich auf der Waldwiese
+um, etwas mürrisch, wie es nun einmal seine Art war, aber im Grunde
+recht gut gelaunt, obgleich er sich sehr verspätet hatte. Er hielt nach
+einem Ort Ausschau, an dem er schlafen könnte, denn er wäre um alles
+gern in einem Schlupfwinkel gewesen, bevor die Sonne emporstieg. Die
+Igel haben nicht viel für den Sonnenschein übrig.
+
+Da die Vögel und Blumen und alle kleinen Tiere der Waldwiese noch
+schliefen, entdeckte niemand den Igel, es wäre zweifellos ein großer
+Jammer unter ihnen ausgebrochen, denn Hassan war nicht beliebt, weil er
+von kleineren Tieren so viel fraß, als er irgend finden konnte. Wo immer
+es draußen im Wald in der Gemeinschaft einer Tiergesellschaft sein mag,
+überall fürchtet man den Igel, nirgends sieht man ihn gern. Es kommt
+sicher hierbei noch hinzu, daß er für gewöhnlich in der Abenddämmerung
+aufbricht. Das hat schon an sich etwas Unheimliches, auch ist er schwer
+von einem rundlichen dunklen Erdhaufen zu unterscheiden, wenn er still
+im Gras sitzt und auf Mäuse wartet. Was aber am peinlichsten ist, ist
+die Tatsache, daß er viel rascher laufen kann, als man denkt. Viele
+Tiere bekommen allein schon darüber einen solchen Schreck, daß sie sich
+in ihrer Verwirrung von ihm greifen lassen.
+
+Hassan kam etwas träge heran, ging das Bachufer nieder, trank ein wenig
+und sah nach dem Himmel. Es würde ein warmer Tag werden. Unter der
+großen Linde gefiel es ihm, er dachte sich, zwischen diesen dicken
+Wurzeln finde ich irgendeine Höhle, die mir den gewünschten
+Schlupfwinkel für den sonnigen Tag bietet, vielleicht, daß ich dort auch
+ein Mäusenest entdecke und für den Abend auf eine gesunde Mahlzeit
+rechnen kann.
+
+Nun muß man wissen, daß Hassan in Zwistigkeiten mit seiner Familie
+geraten war, um zu verstehen, daß er kein eigenes Heim hatte. Sein Vater
+hatte ihm eines Abends ohne viel Umstände erklärt, er solle sich ein
+eigenes Jagdgebiet suchen, denn die Umgebung ihrer gemeinsamen Behausung
+ernähre nicht mehr Vater, Mutter und die kleineren Geschwister, am
+allermeisten deshalb, weil es fast unglaublich sei, wieviel er, Hassan,
+an einem Tage verschlänge. Das läge an den Jahren; aber nun sollte er
+gehen.
+
+So rasch findet nun aber ein Igel kein neues Heim, auch dachte Hassan
+daran, sich zu verheiraten, und so war er genötigt, sich in der Fremde
+umzusehen. Und wie es oft ist, wenn man keinen anregenden Umgang mit
+seinesgleichen hat, so kommt man leicht ans Herumtreiben, und so war es
+geschehen, daß sich Hassan einmal wieder gründlich verspätet hatte.
+
+Als er nun langsam durch Blumen und Gräser auf die Linde zuschritt,
+dachte er: Hier sieht es nach guter Beute aus. Er gähnte und kroch unter
+die Wurzeln. Da sah er im Moos einen hellen Schimmer und erschrak, denn
+es war schwer zu begreifen, wie hier in die Schattendämmerung des
+Moosgrundes ein Lichtschein kommen sollte. Glühkäferchen kamen im
+Morgengrauen nicht vor, so konnte es nur noch ein Stückchen faulendes
+Holz sein, das oft einen weißlichen Glanz ausstrahlte, wie er im Sumpf
+erfahren hatte. Er bog um die letzte Wurzel, die wie ein dicker
+Schlangenleib aus den Farnkräutern kroch, und spähte vorsichtig in den
+Grund der kleinen Höhle, aus welcher das Licht kam.
+
+Da sah er einen unendlich kleinen Menschen mit hellgoldenem Haar im Moos
+liegen, auf einem weißen Kissen von Blumenblättern und in einem
+schimmernden Kleid, erglänzend und feiner gewoben als Spinnweben im
+Sonnenschein der Waldtiefe, und so leicht wie kühler Wind, der kaum das
+Zittergras bewegt. Es war durchaus nicht zu erkennen, woher das Licht
+kam, bis Hassan zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung gewahr wurde,
+daß die Stirn, das Angesicht und die Hände des kleinen Menschenwesens
+aus eigenen Lichtgründen leuchteten. Was aber sein Gemüt am meisten
+bewegte, war der Ausdruck von Traurigkeit in dem schlafenden Angesicht
+des fremden Wunderkindes. Hassan mußte, er wußte selbst nicht wie es
+kam, an die ungetrübten Glücksstunden seiner Kindheit im Moorland
+denken, unter den Birken und im Ginster.
+
+Lieber Gott, dachte er, was geschieht mir nur, daß ich etwas so
+Liebliches finden soll? Und dann kam ihm in den Sinn: Ich muß irgend
+etwas für dieses Geschöpf tun. Vielleicht findet sich eine Beere oder
+ein ganz zarter Regenwurm, wenn es nur irgend etwas ist, wodurch ich es
+erfreuen kann, oder was es etwa beim Erwachen essen möchte. Über das
+Essen hinaus gibt es höchstens noch das Schlafen, und das tut dieses
+helle Himmelskind ohnehin. Wenn mir nur etwas Rechtes einfiele.
+
+Als er noch darüber nachdachte und dabei die Stirn runzelte, wie es
+seine Art war, und den dunklen Kopf mit der spitzen Schnauze und den
+wirklich sehr schönen und klugen Augen hin und her bewegte, erwachte der
+Elf und sah den großen Hassan dicht vor sich stehen, so daß die kleine
+Höhle geradezu verdunkelt worden wäre, wenn das Elfenkleid nicht
+geglänzt hätte.
+
+»Wo kommst denn du her?« fragte der Elf und lächelte.
+
+»Da, so, von hinten her, irgendwoher,« stotterte Hassan in großer
+Verlegenheit, »nehmen Sie es nicht übel. Wenn Sie wollen, geh ich sofort
+wieder.«
+
+»Nein, bleib nur,« sagte der Elf und erhob sich, »soviel ich weiß, bist
+du ein Igel, und wie mir scheint, sogar ein ganz prächtiger.«
+
+»Nein, nein,« sagte Hassan rasch, »nur so einer wie alle, aber wenn Sie
+wollen, gehe ich gleich.«
+
+»Hast du Eile? Siehst du nicht, wie schön es hier ist und wie strahlend
+der Tag werden will? Komm, wir gehen miteinander an den Bach. Übrigens
+kannst du ruhig du zu mir sagen, ich bin ein Blumenelf.«
+
+»So, so, ein Blumenelf,« sagte Hassan, »das ist aber sehr angenehm für
+Sie. Wollen Sie wirklich mit mir zusammen gehen? Ich bin nicht beliebt,
+wissen Sie, und auch sonst, ich bin eben ein Igel ...« Hassan hatte
+eigentlich etwas anderes sagen wollen, aber er war zu verwirrt durch den
+Anblick dieses hellen Wesens mit seinen Flügeln, die sein Haupt
+überragten und schimmerten wie Schnee.
+
+Sie gingen nebeneinander ans Wasser, und der Elf flog auf einen
+niedrigen Zweig des Berberitzenstrauchs, der ihn sanft schaukelte.
+
+»Sehen Sie,« sagte Hassan, »Sie sind doch ein Engel.«
+
+»O nein,« antwortete der Elf, »wenn du glaubst, ich sei ein Engel, so
+hast du niemals einen gesehen. Die Engel sind groß und leuchten wie die
+Sonne am Mittag, niemand kann in ihr Angesicht schauen, der nicht das
+seine vom Irdischen abgewandt hat.«
+
+»Nun, ich dachte, Sie wären vielleicht einer von den kleineren Sorten«,
+meinte Hassan schüchtern und bewegte seine schwarze Nase an der Spitze.
+Darüber mußte der Elf lachen.
+
+»Das sieht ungemein lustig aus, wenn du mit der Nase wackelst,« sagte
+er, »das kann nicht jeder.«
+
+»Mit der Nase erfahre ich, was ich nicht sehen kann«, sagte Hassan, sehr
+stolz darüber, daß der Elf so viel Anteil an seiner Eigenart nahm.
+
+»Flügel hätte ich wohl auch gern,« seufzte er nach einer Weile, »aber wo
+sollte man sie anbringen?« Er schaute bewundernd und glücklich zum Elfen
+empor, der mit dem Finger an die Tauperlen stieß und zusah, wie sie
+funkelnd ins Gras niederbrachen.
+
+»Große Tropfen, nicht wahr?« sagte er nachdenklich. Endlich meinte er
+und sah auf:
+
+»Ich bin nun schon lange Zeit auf der Erde und habe vielerlei erfahren,
+auch unter Menschen bin ich gewesen und habe ihre Worte gehört und ihre
+Hoffnungen, ihren Kummer. Es ist seltsam, wie sie und auch du und die
+meisten Wesen über die Engel denken. Sie glauben kaum noch daran, daß es
+welche gibt, und sehen sie selten. Vielleicht im Traum oder im
+Todesschmerz, auch wohl in ihrer höchsten Beseligtheit, aber es ist, als
+ob sie vergessen hätten, daß die Engel immer unter ihnen einhergehen.
+Wie oft hat ein himmlischer Engel ein Geschöpf angesehen, und es ist es
+nicht gewahr geworden. Woran mag es liegen?«
+
+[Illustration]
+
+»Ich weiß nicht«, sagte Hassan, der mit großer Spannung zuhörte.
+»Vielleicht liegt es an den Verhältnissen.«
+
+»Du kannst es auch nicht wissen,« meinte der Elf, »ich glaube, um die
+Engel sehen zu können, muß man ein Mensch sein und ein großes und gutes
+Herz haben. Oder vielleicht eine Blume; manche Blumen kennen die Engel.«
+
+»Kannst du etwa auch mit den Blumen reden, wie du mit mir reden kannst?«
+fragte Hassan erstaunt.
+
+Der Elf nickte. »Wo ich Liebe finde, da kann ich mich verständigen«,
+sagte er. »Wäre mehr Liebe in der Welt, so würden sich alle verstehen.«
+
+»Ach so,« meinte Hassan, »ja, das ist gut möglich.«
+
+Der Elf sann nach, und nach einer Weile sagte er langsam, mit einem
+traurigen Ausdruck:
+
+»Warum haben die Menschen die Engel vergessen? Sie kommen in vielerlei
+Gestalt zu ihnen und offenbaren ihre Gegenwart allen, deren Augen für
+die Gaben der Liebe offen geblieben sind und deren Herzen sich Andacht
+bewahrt haben und den freien Gleichtakt der Unschuld. Bald geht ein
+Engel dahin in der Gestalt eines Kinderlächelns oder im Lied eines
+Vogels, auch kommt er als ein jäher Sonnenblick in einen dunklen, öden
+Raum, oder als Erinnerung an genossenes Glück. In solchen Augenblicken
+sind die Engel willens, die Menschen zu führen, ihnen die Augen für das
+Rechte und Schöne zu eröffnen und ihnen den Weg ihres Heils zu zeigen.
+Kinder nehmen sie oft geradezu bei der Hand, so daß man es deutlich
+sehen könnte, wenn die Augen nur ein wenig dafür noch tauglich wären.
+Die Menschen nennen es einen glücklichen Zufall, wenn solch ein
+geliebtes kleines Wesen wie durch ein Wunder bewahrt bleibt, aber es
+sind immer die Engel in unsichtbarer Gestalt. Auch zu den Großen kommen
+sie in Stunden schwerer Entscheidungen, tiefer Erniedrigung oder hoher
+Beseligung. Sie können so deutlich reden, daß das Herz erschrickt, so
+liebreich trösten, wie nur himmlische Sendboten es vermögen; oft
+eröffnen sie Bedrückten durch einen Wink ihrer Hand einen Blick in eine
+schöne Zukunft oder sie weisen ein Herz auf sein angestammtes Recht
+zurück und erhellen seine Irrtümer, so daß ihm plötzlich der Gang der
+Welt um vieles gerechter erscheint, als noch eben zuvor, denn wer an
+Gerechtigkeit zu glauben vermag, wird nicht durch Mißgeschick in
+dauernde Finsternis gestoßen. Die Erinnerung und die Hoffnung sind ihre
+schimmernden Boten, im Gleichtakt zwischen ihren Mächten pocht jedes
+irdische Herz. Wessen Hoffnung aber zu erlöschen droht, dem gestalten
+sie, wie in einer stillen Abkehr der Seele, die Erinnerung um so
+strahlender. Immer stiften sie Helligkeit, Zufriedenheit, und endlich
+führen sie die Seelen in das Reich. Ach, arm ist eine Zeit, die den
+Glauben an die Engel verloren hat.«
+
+»Ich glaube jetzt schon wieder daran,« sagte Hassan rasch, »was du
+sagst, ist schön, und weshalb sollte das Schöne nicht eher wahr sein als
+das Arge?«
+
+Der Elf sah Hassan liebevoll an:
+
+»Ich wünsche dir, daß dir alles gut ausgeht, was du heute beginnst«,
+sagte er herzlich. »Ich fliege nun zu den Menschen, leb wohl.«
+
+»Du fliegst in der Tat zu den Menschen, Elf? Da sähe ich mich doch
+lieber vor.«
+
+»Es zieht mich zu ihnen,« antwortete der Elf und breitete seine Flügel
+aus, »ich kann nicht anders, aber ich werde am Abend wieder auf die
+Wiese kommen.« Damit flog er davon. Hassan sah ihm nach, bis er wie ein
+winziger Lichtschein zwischen den Baumstämmen verschwand. Er ist doch
+ein Engel, ein kleinerer, dachte er und versuchte zu begreifen, was ihm
+geschehen war und was er gehört hatte.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+ Hassans Kampf mit Ala
+
+
+Am folgenden Tag sang dicht über dem fließenden Wasser des Bachs das
+Rotkehlchen in einem Lindenzweig. Es saß in einem wundervollen
+Blätterraum, so licht geborgen, wie Leute es kaum ahnen, die nicht schon
+einmal in einem Baum gesessen haben. Alle Blätter, aus welche das
+Rotkehlchen niederschauen konnte, waren vom schönsten saftigen Grün,
+hatten kleine goldene Sonnenteller und zeichneten sich prächtig gegen
+das blaue Wasser ab. Viel schöner aber waren die Blätter anzuschauen,
+die über dem Kopf des kleinen Vogels wuchsen, denn die Sonne
+durchleuchtete sie, so daß sie wie von hellem grünen Glas erschienen,
+mit einem seligen Glanz aus Gold.
+
+Man kann sich auch für den Widerhall des Gesangs nichts Besseres denken,
+als so ein offenes Blätterhaus, das Licht, Blumenduft und den warmen
+Odem des Frühlingswindes einläßt, gedeckt ist und doch offen, allem
+Hellen zugängig und doch versteckt, und gerade das, worüber so viele
+Sänger klagen, war für das Rotkehlchen so prächtig erfüllt, daß sich
+verstehen läßt, daß es fast den ganzen Morgen hindurch sang.
+
+Lieblich und klar, wie fallendes Wasser auf bunten Steinen, hallte es
+durch den strahlenden Wald. Es schien, als leuchtete die Sonne heller
+als zuvor, feierlich standen die großen Bäume auf ihrem dunklen
+Erdengrund, und die Blumen neigten sich, in ihrem Glück so würdevoll, in
+ihrer Schönheit so reich, daß die Welt vollkommen erschien. Und
+unermüdlich sang der kleine Vogel:
+
+ Die Weite des Bachs liegt blau in grün,
+ mein Herz möchte weiter, ach weiter!
+ Aber es weiß mein Herz nicht wohin,
+ immer bleibt alles fern blau in grün,
+ wo ich verweil', ist es heiter.
+
+ Aber ich möchte der Traurigkeit,
+ tief, meines Herzens folgen.
+ Schön ist das Nah', aber herrlich das Weit';
+ sagt mir, ihr Wellen, wann kommt die Zeit
+ über den himmlischen Wolken?
+
+Hassan, der Igel, saß unten im Farnkraut und hörte zu; er konnte sich
+nicht entschließen, einen Ort zu verlassen, an dem ein Blumenelf weilte.
+Dies war erstens etwas ungemein Seltenes, dann kam aber auch noch hinzu,
+daß es hier ohnehin sehr schön war. Wenn man schließlich durch seinen
+Appetit störte und dadurch unliebsames Aufsehen erregte, daß man zu
+viele der Wiesenbewohner herunterschlang, so konnte man seine Nahrung
+auch anderswo suchen, der Wald war groß und Hassan gut zu Fuß. Ich
+könnte wahrhaftig diesem Elfen zulieb Pflanzenkost genießen, dachte er,
+und den Versuch machen, mich von Gras zu ernähren, aber ich weiß im
+voraus, daß ich es nicht aushalte. Nun, es wird sich schon finden, ich
+jage anderswo und lebe hier.
+
+Über ihm in den Zweigen raschelte es, und als Hassan durch die grünen
+Fächer des Farnkrautes sah, erblickte er ein Eichhörnchen, das sich von
+Ast zu Ast bis auf den Boden, dicht bei seinem Versteck, niederschwang.
+Hassan entschloß sich, hier um Rat zu fragen, obgleich er im allgemeinen
+nicht viel für diese Tiere übrig hatte, sie waren ihm zu beweglich. Er
+trat hervor, und das Eichhörnchen machte einen Satz, so lang, wie der
+Bach breit war.
+
+»Himmel und Wolkenbruch, Sie dicker Popanz, wie können Sie einen so
+erschrecken!« rief das Eichhörnchen atemlos. »Kommen Sie her und fühlen
+Sie, wie mein Herz klopft, oder bleiben Sie lieber, wo Sie sind, Sie
+Stachelschwein!«
+
+»Aber ich muß doch bitten,« sagte Hassan gekränkt, »ich bin weder das
+eine noch das andere. Was das erste ist, weiß ich überhaupt nicht, aber
+ein Stachelschwein bin ich erst recht nicht. Ich bin Hassan, der Igel.«
+
+»Das ist mir vollkommen gleichgültig«, lautete die ärgerliche Antwort.
+Sonst war das Eichhörnchen in der Regel viel höflicher, aber es hatte
+sich in der Tat auf das heftigste erschrocken, und dadurch verliert man
+leicht den Sinn für liebenswürdiges Entgegenkommen.
+
+[Illustration]
+
+Hassan entschuldigte sich; aber nun meinte das Eichhorn erst recht, ihm
+sei Unrecht geschehen.
+
+Es saß da, im Gras, daß es ein Entzücken war, Hassan fühlte sich
+wirklich neben diesem zierlichen Tier wie ein schwerfälliger
+Eindringling, er hätte es am liebsten in die Arme geschlossen, so
+lieblich war der Anblick, das feine Köpfchen mit den spitzen Ohren, die
+dunklen klugen Augen und der breite buschige Schwanz, der den eleganten
+Körper in einem Bogen überragte und von einer leuchtenden rotbraunen
+Farbe war, wie das Buchenlaub im Herbst.
+
+»Nehmen Sie es nicht übel,« sagte er noch einmal, »ich habe Sie nicht
+erschrecken wollen -- aber wie Sie meinen.«
+
+Das Eichhorn merkte, daß es dem Igel gefiel, und wurde deshalb etwas
+freundlicher. Nun darf man aber nach diesem Vorfall nicht etwa annehmen,
+daß ein Igel ein dummes oder ungeschicktes Tier sei. Ganz im Gegenteil
+ist er ein ungewöhnlich kluges Tier und in keiner Weise so tölpelhaft,
+wie er auf den ersten Blick erscheinen kann. Natürlich, wenn man ein
+Eichhörnchen ist, versteht man unter Geschicklichkeit etwas ganz anderes
+als ein Igel.
+
+»Ich habe mich heute morgen ohnehin verschlafen«, sagte das Eichhorn und
+musterte den Fremden. »Was wollen Sie denn hier?«
+
+»Ich möchte fragen, ob man gut tut, sich hier anzusiedeln.«
+
+Das Eichhorn schaute interessiert auf. »So, darauf will man hinaus! Nun,
+ich heiße Li und habe darüber zu entscheiden.«
+
+Hassan schaute aus seinen Stacheln hervor und dachte nach. Er sagte sich
+plötzlich, daß er eigentlich niemand zu fragen brauchte, wenn er bleiben
+wollte, denn wenn Li das mächtigste Tier der Wiese war, so gab es
+niemand, der ihn wegschaffen konnte, wenn er nicht geneigt war. Er
+blinzelte listig und lachte vor sich hin.
+
+»Nun, ich denke, Sie erlauben es«, meinte er, rollte sich plötzlich
+zusammen, so daß er wie eine große dunkelbraune Kugel aussah, und seine
+Stacheln sträubten sich und klirrten leise.
+
+»O, pfui Teufel«, rief das Eichhorn und machte einen kleinen Satz. »Nun
+sieh einer dies Stachelschwein!«
+
+Hassan schielte nur über die Spitze seiner schwarzen Nase aus seinem
+gewölbten Stachelberg hervor, es sah ungemein originell aus, weil
+niemand, der noch keinen Igel erblickt hatte, dort unten eine Nase
+vermutet hätte. Aber so war ihm nicht beizukommen. Li ärgerte sich.
+
+»Können Sie etwa senkrecht an einem Baumstamm in die Höhe laufen?«
+fragte es.
+
+»Nein«, sagte Hassan betroffen und wurde wieder etwas länglicher.
+
+Li lachte. »Das hab' ich mir gleich gedacht, Sie ...«
+
+»Dann versuchen Sie gefälligst einmal jemanden zu stechen, der Ihnen mit
+der Hand über den Rücken fährt«, gab Hassan verdrießlich zurück, denn er
+merkte nun, daß das Eichhorn ihn verspotten wollte.
+
+»Warum denn,« fragte Li, »weshalb soll ich denn jemanden ohne allen
+Grund stechen? Wer tut denn das? Stachelschweine tun das!«
+
+»Ich bitte mir jetzt endlich Respekt aus!« rief Hassan.
+
+»Was sollte mich denn dazu veranlassen, Sie zu respektieren? Sie können
+nicht klettern, stechen jeden, der Sie anfaßt und haben nicht einmal
+einen Schwanz. Sehen Sie den meinen an!«
+
+Li drehte sich ein wenig im Gras und sah sich nach Hassan um, der nicht
+ohne Erstaunen und Neid auf den prächtigen buschigen Schwanz des
+Eichhörnchens schaute. Es war in der Tat eine Pracht.
+
+»Jeder hat eben etwas anderes«, sagte er verstimmt.
+
+»Ganz recht, mein Lieber, und ich habe etwas Besseres.«
+
+Mit diesem Tier war nicht auszukommen, Hassan sah es ein. Wenn das die
+Folge seiner Ansiedlung sein sollte, daß er sich täglich über dies
+eingebildete Geschöpf zu ärgern hätte, so stand für ihn fest, daß er
+nicht blieb. Es fiel ihm auch gar nichts mehr ein, was er zu seinem
+Vorteil hätte sagen können. Als er nachdachte, erklang hinter ihm ein
+kaum hörbares Rascheln und gleich darauf ein scharfes Zischen. Das
+Eichhorn flog herum, als ob es sich zu einem wilden Tanz anschickte,
+versuchte einen Satz zu machen, um davonzukommen, blieb aber zitternd
+und völlig willenlos an seinem Platz hocken, und ein schmerzliches und
+unbeschreiblich angstvolles Wimmern brach aus seinem Mund.
+
+»Ala, die Kreuzotter«, stammelte das arme Tier. Seine Augen verdrehten
+sich, es begann einen sonderbaren schaukelnden Verzweiflungstanz mit
+dem Oberkörper, kam aber nicht vom Fleck, und jedes Tröpfchen Blut war
+aus seinem frechen Gesichtchen gewichen.
+
+Es war in der Tat Ala, die Kreuzotter, die sich im Gras aufrichtete. Sie
+hatte sich etwa um die Hälfte ihrer Länge emporgehoben, ihre hellen
+Augen funkelten wie zwei Diamanten, und ihre langsamen, beinahe trägen
+Bewegungen in der Sonne hatten etwas ungemein Grauenerregendes. Das
+Furchtbarste aber war dies scharfe, eindringliche Zischen, das über die
+gespaltene feine Zunge her aus dem bösen Rachen des platten Köpfchens
+kam, und das das Blut aller Geschöpfe erstarren machte, wie die Stimme
+des Todes. Wer weiß auch nicht, daß Alas Biß tötet, noch ehe ein
+Hilfsmittel beschafft werden kann, ja, ehe man recht darüber zur
+Besinnung kommt, was geschehen ist.
+
+Li, das Eichhorn, war in der Tat zu bedauern. Es war herzzerreißend
+anzuschauen, wie es versuchte, davonzukommen, wie aber die Bewegungen
+der Giftschlange und ihr Zischen es am Platz bannten und ihm alle
+Vernunft und jeden Willen raubten. Es ist eine alte Wahrheit, daß die
+Bewegungen der Schlange alle kleineren Tiere zu verzaubern scheinen.
+
+»O, hab' Erbarmen«, wimmerte es. Es dachte an die hohen, schaukelnden
+Zweige seines Baums; wie wollte es seine freie Kunst im Klettern und
+Springen gebrauchen, wenn es nur davonkönnte.
+
+Aber die Kreuzotter kennt kein Erbarmen. Es sah aus, als ob das
+merkwürdig süße Maul des bösen Tiers heimlich lächelte, und die schöne
+Zickzacklinie auf seinem Rücken, in ihrer schaurigen Todespracht,
+glitzerte im Sonnenlicht und verdunkelte sich wieder im Schatten der
+kleinen Kräuter und im Moos. Nichts war beängstigender, als daß man
+nicht in der Lage war, diesen schleichenden, ziehenden Bewegungen im
+Gras mit den Blicken zu folgen.
+
+»Töte mich doch, ach, töte mich gleich«, flehte das Eichhörnchen.
+
+Da fiel in seiner heißen Angst Lis Blick auf Hassan, den Igel, und ein
+unbeschreibliches Erstaunen durchfuhr das Eichhorn in seiner Todesnot.
+Es wußte wirklich nicht, ob es seinen Augen trauen sollte, aber es war
+kein Zweifel, Hassan saß ganz still und vergnügt im Gras und lächelte zu
+Ala hinüber. Aber das war ja unmöglich, kannte er denn die Kreuzotter
+nicht?
+
+Li hatte sich vor Schreck und Entsetzen noch nicht gefaßt, als plötzlich
+Hassan ein Stückchen vorlief, gerade vor die Schlange hin und so rasch,
+wie es in seinem Leben nicht gedacht hätte, daß ein Igel laufen könnte.
+»Hassan,« schrie es, »Sie sind verloren!« Der Igel war gerade auf die
+Schlange zugelaufen und stand nun unmittelbar vor ihr.
+
+Zu Lis unbeschreiblichem Erstaunen ringelte sich die Schlange jählings
+zusammen, so daß ihr Kopf nur noch oben aus dem bunten Ornament
+hervorragte, das ihr gewundener Körper am Boden bildete. Sie öffnete
+den Rachen weit, ihre Zunge schoß wie ein kleiner Blitzstrahl aus und
+ein, und ihre Augen funkelten in unerhörtem Zorn. Dabei zischte sie so
+laut und wild, daß man es weit über die Waldwiese hin vernahm, und alle
+Kreaturen umher erschauerten, es wäre sicher selbst ein Löwe
+davongesprungen, aber Hassan, der kleine Igel, hielt diesen giftigen
+Drohungen so gelassen stand, als zirpte nur eine Grille im Gras.
+
+Sein Lächeln war verschwunden. Seine dunklen Augen blickten ernst und
+kühn drein, seine Haltung hatte etwas ungemein Bewußtes, dazu war sie
+kampfbereit und fast geschmeidig, ganz verändert sah Hassan aus, der
+eben noch nachlässig und scheinbar schwerfällig im Gras gehockt hatte.
+
+»Hab' ich Sie endlich, Ala«, sagte er langsam und mit sonderbar tiefer
+Stimme. »Hier haben Sie mich nicht vermutet, nicht wahr? Aber nun hilft
+Ihnen Ihre List nichts mehr, die mich so oft getäuscht hat. Sie müssen
+nun den Kampf aufnehmen, denn die erste Wendung zur Flucht, die Sie
+machten, würde Ihr sicherer Tod sein!«
+
+Das helle wilde Zischen wiederholte sich, Ala dachte nicht an Flucht.
+Sie machte plötzlich eine weiche, angstvolle Bewegung, als habe sie
+allen Mut verloren, gegen Hassan zu kämpfen. Doch der Igel ließ sich
+nicht täuschen, er kannte Alas Art. Und richtig, kaum daß sie den
+Anschein erweckt hatte, als sei ihr nicht um Streit zu tun, fuhr sie
+auch schon mit einer blitzschnellen Bewegung hoch durch die Luft zu, und
+ihr weit geöffneter Rachen mit den furchtbaren Giftzähnen schnellte
+jählings zwischen Hassans Augen auf die ungeschützte Stirn.
+
+Aber so rasch die Bewegung der Schlange gewesen war, Hassans
+blitzschnelle Neigung des Kopfes war schneller, und das Maul der
+Schlange fuhr mitten in die gesträubten Nackenstacheln ihres Gegners.
+
+Bei dem furchtbaren Anprall durchbohrten die Stacheln des Igels Lippen
+und Kiefer der Schlange; mit einem hellen Zischen der Wut und des
+Schmerzes fuhr sie zurück, rüstete sich aber sogleich zu einem neuen
+Angriff, obschon ihr große, dunkle Blutstropfen am Mund niederrannen.
+Hassan saß unbeweglich da. Er wußte, daß der Schlange keine Wahl blieb,
+als den Kampf auf Tod und Leben fortzusetzen, und er wußte auch, wie
+dieser Kampf ausgehen würde. Hätte Ala sich zur Flucht gewandt, so hätte
+er sie leicht ereilt und ihr Genick mit den Zähnen erwischt, denn ein
+Igel kann rascher laufen als eine Schlange. Die Kreuzotter wußte dies
+alles nur zu gut, kochend vor Grimm spähte sie nach einer verletzbaren
+Stelle am Körper des Gegners.
+
+Li hatte die erste Niederlage der Schlange benutzt, um mit einem
+gewaltigen Satz den Stamm der Linde zu erreichen, und nun saß es auf
+einem niedrigen Ast, trocknete sich den Angstschweiß von der Stirn und
+suchte zu begreifen, was sich unter ihm zutrug. War denn das möglich,
+daß Hassan, der plumpe Gesell, den Kampf mit der allmächtigen Ala
+aufnahm, die den ganzen Wald mit Schrecken füllte? Bei all seiner
+Beschämung klopfte das Herz des Eichhorns vor Begeisterung. »Ich werde
+es gutmachen, daß ich ihn verspottet habe«, flüsterte es mit bleichen
+Lippen. Es zitterte immer noch am ganzen Körper.
+
+Da sah es, wie Hassan vorsichtig das spitze Köpfchen ein wenig vorschob,
+um seiner Gegnerin Gelegenheit zu einem neuen Angriff zu geben. Und
+richtig machte die Schlange den gleichen Versuch wie das erstemal, und
+wieder fuhr ihr geöffneter Rachen mitten in die Stacheln des Igels.
+Diesmal war ihre Bewegung um vieles matter, als sie sich zurückzog; ihr
+Blut rann in Strömen, und nun erschien es, als ob Schmerz und Grimm sie
+in einen Taumel von Mordgier und Kampfeswut trieben. Unter Zischen und
+Fauchen fuhr ihr verwundeter Kopf wieder und wieder zu, wie ein kleiner
+wilder Hammer, blindlings und sinnlos. Hassan traf kein einziger Biß,
+seine Stacheln färbten sich rot, seine Bewegungen und Wendungen waren
+sicher, geschickt und rasch.
+
+Da plötzlich warf Ala, die Kreuzotter, den bösen schönen Kopf, der ganz
+von Blut überströmt war, in einer müden ergebenen Senkung zurück auf den
+geringelten Leib, sie rollte sich zu einem bunten, gezackten Knäuel
+zusammen, als wollte sie sich in die Erde einwühlen, und man sah, daß
+sie vor Schmerz und Todesangst nicht mehr wußte, was sie tat.
+
+Hassan fuhr zu, mit einem jähen Ruck, als habe er von unsichtbarer Hand
+einen Stoß bekommen, und durchbiß das Genick seiner Gegnerin dicht
+hinter dem Kopf. Da hörten die Windungen des zackigen Knäuels langsam
+auf. Ala war tot.
+
+Es ging wie ein bebendes Aufatmen durch den Wald. Das boshafte Zischen
+der Schlange hatte das ganze Volk der Wiese und alle Tiere weit umher
+aufgescheucht, und was nicht entflohen war, hatte mit Zittern und Bangen
+dem heißen Kampf zugeschaut. Nun verbreitete sich die Kunde rasch im
+Revier. Aus dem Wipfel der Linde erhob sich mit Rauschen und schwerem
+Flügelschlag ein Rabe und rief laut über die grüne Wildnis hin, die sich
+unter seinen Flügeln wie ein wogendes Blättermeer ausbreitete:
+
+»Ala, die Kreuzotter, ist überwunden, Hassan hat sie getötet!«
+
+Was schreit er denn so, dachte der Igel und trabte gemächlich zum Bach
+hinab. Weiß er denn nicht, daß das sein muß? Er tauchte das spitze,
+schwarze Maul ins Wasser und trank in gierigen Zügen. Hinter ihm, auf
+dem Kampfplatz, richteten die Blumen und Gräser sich langsam wieder auf,
+und Li, das Eichhörnchen oben im Baum, schämte sich, obgleich es
+unbeschreiblich erleichtert war.
+
+Da steckte Josa, die Ringelnatter, ihren mondfleckigen Schlangenkopf
+aus den braunen dürren Schilfmassen, auf denen die Sonne brannte, und
+sagte zu Hassan:
+
+»Haben Sie Dank, das war eine große Tat!«
+
+Hassan wandte sich nach ihr um. »Machen Sie, daß Sie weiterkommen,«
+sagte er, »sonst geht es Ihnen ebenso.«
+
+Josas Kopf war so still und rasch wieder fort, als wäre er nie
+dagewesen. Er ist eben ein Igel, dachte sie, ein grober Igel! Aber er
+soll sich vorsehen, wenn erst ich einmal den Kampf aufnehme.
+
+Hassan aber sah sich weder nach ihr, noch nach den anderen Tieren der
+Waldwiese um. Ein anständiger Kerl, der nicht mehr als seine Pflicht
+getan hat, will nichts von Dank hören, am wenigsten, wenn die Leute erst
+dann freundlich werden, wenn sie einen Vorteil durch ihn gehabt haben.
+Dies ist so Art der Igel, da ist nichts zu ändern. Ich bin ein rechter
+Tor, dachte er, daß ich vergessen habe, wer ich bin und was ich kann,
+nur weil ein Eichhorn senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann und
+ich nicht. Ich werde nicht mehr um Unterkunft bei Fremden bitten. Ich
+bin ein Igel, nicht mehr und nicht weniger, das will ich sein.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel
+
+ Die Winde
+
+
+Wo am Waldrand am Stamm einer Föhre das dunkle Moos zwischen knorrigen
+Wurzeln wuchs, rankte die Winde sich empor. Ihre jungen Ranken tasteten
+sich an der braunen Borke hoch und waren von zartestem Hellgrün und so
+empfindlich, wie die Glieder eines neugebornen Kindes, das seine Hände
+liebebedürftig gegen das Angesicht der Mutter emporhebt. Ihre
+durchscheinenden Blätter sahen gegen den braunen Föhrenstamm licht und
+leicht aus, als wäre ein helles Ornament von der Hand eines Malers auf
+dunklen Grund gezeichnet worden, aber ihre Sinne waren wach und
+wohlbestellt, so daß sie ihren Weg zum Licht empor vertrauensvoll und
+glücklich suchte.
+
+Ein großes Farnblatt und ein Trieb der wilden Rose, die dicht neben ihr
+emporgewachsen waren, hatten ihr hilfreich zur Seite gestanden, als ihre
+ersten Ranken, noch blind von der Erinnerung an die dunkle Erde, sich
+Halt suchten. Tastend, bewegt vom Frühlingswind, und von der Sonne
+geführt, war sie langsam höher geklommen, den Waldgefährten dankbar und
+die erwachende Seele voll Hoffnung. Nun war ihre Stunde gekommen, und am
+Abend vor ihrem Erblühen flüsterte sie im Wind der Dämmerung den
+Pflanzen zu:
+
+»Morgen werde ich meine Augen öffnen, morgen zieht der Himmel in meine
+Seele ein.«
+
+Ihre hellblaue Knospe, die kaum noch vom grünen Kelch geborgen war,
+zitterte im Lufthauch und empfand die kühle Nacht, die auf den Wald,
+ihre Heimat, niedersank, aber das Licht und die Wärme des vergangenen
+Tages fluteten durch ihren Traum, und noch als sie schon schlief unter
+dem Tau, war ihr, als wachte ihr Herz.
+
+Sie träumte vom unsichtbaren Wind, von den Stimmen der Bäume und dem
+Summen der Insekten, dessen ferne Lebensmelodie sie mit
+unbeschreiblichen Ahnungen von künftiger Seligkeit durchschauert hatten.
+Sie vernahm in der tiefen Erinnerung ihres Schlafs wieder die frohen
+Rufe um sich her, die sie auf ihrer Lebenswanderschaft von den schon
+Erwachten im Licht vernommen hatte. Wie wird mir sein, wenn ich erblühe,
+dachte sie, wenn meine Blume den Himmel empfängt. »Den Himmel!«
+flüsterte sie im Traum. Was hatten ihre Sinne nicht von den Beglückten
+um sich her vernommen und erlauscht, wie ein einziger goldener Jubel
+empfing sie die Ahnung dessen, das ihr am Morgen geschehen sollte. »Dies
+sind die Vögel in den Zweigen«, hatten die wilden Rosen ihr gesagt, »ihr
+Lied fällt aus den Strahlen der Morgensonne, so kühl wie Tau, liebreich
+wie der Wind und holdselig wie der Sinn der Freude. Sie werden am
+strahlenden Tag deines Erwachens singen, ihre Lieder, die Farben der
+Welt, die lebendige Glut der himmlischen Sonne, und die Seligkeit aller
+Atmenden werden wie ein einziger Rausch unfaßbaren Entzückens auf dich
+einsinken, wenn du erblühst. Du selbst wirst schön sein unter den
+Schönen, du wirst beseligen wie du beseligt bist, und alle, die dich
+erblicken, werden dich segnen, wie du ihnen dankst. Keine Sorgen sollen
+deinen Wohlstand stören, alles, dessen du bedarfst, wird zur Stunde zu
+dir kommen, deine Freude soll vollkommen sein. Wenn dein Kelch sich am
+Abend nach vollbrachtem Tag neigt, wirst du in gnädigem Dunkel mit den
+Schlafenden ruhen, müde vor Glück, und ein neuer Tag wird dir kommen.«
+
+Die Knospe erwachte schon früh vor Tag aus ihrem Traum, und erzitternd
+im Morgengrau fürchtete sie sich vor der Allmacht dessen, was ihr
+geschehen sollte. Es war unfaßlich still in der kaum vom Licht berührten
+Welt, nichts regte sich, alle Vögel schliefen noch, und der Tau war noch
+nicht gefallen. Sie empfand, daß der Himmel langsam, langsam heller
+wurde. Die Zweige des Baums über ihr zeichneten sich dunkel gegen die
+totenstille Höhe ab, und man erkannte noch keine Farben, nicht grün,
+nicht braun, alles war wie in silbergraue Schleier gehüllt.
+
+»Heute, heute werde ich aufbrechen,« dachte die kleine Knospe, »goldener
+Tag, komm bald!«
+
+[Illustration]
+
+Da erscholl über ihr ein zaghaftes, klares Trillern und verstummte. Aus
+der Waldferne antwortete ein silberner Schlag. Sie erzitterte unter
+einem Tropfen, der sich auf ihrem geneigten Blumenkelch bildete, der
+noch geschlossen war, und nun nahm ein kaum spürbarer Wind sich ihrer
+an, lindernd, tröstend und von erlösender Lebensliebe.
+
+»Ich will tun, was ich muß,« flüsterte sie erbebend, »laß mich geduldig
+für mein Glück sein, du unbekannte Liebe, die mein Geschick leitet.«
+Aber sie erzitterte fort und fort, ihre Ruhe versank in einem heimlichen
+Glühen und Pochen, das aus dem Pulsschlag der gärenden Erde, aus allen
+Trieben ihres zarten Leibes und aus dem Wesen des waltenden Windes
+drang.
+
+Es wurde nun bald heller und immer heller, die frohe Regsamkeit der
+Morgenerwartung bewegte die erwachende Welt, und in das Raunen der
+Blätter klangen die Stimmen der Tiere, die den heraufziehenden Tag
+begrüßten. Bis um die Windenknospe her plötzlich der gewaltige Jubel der
+Natur ausbrach. »Die Sonne! Die Sonne!«
+
+»Ich werde heute meine Seele öffnen und die Sonne sehen«, flüsterte die
+Winde, und geheimnisvoll regte sich in den farbigen Blättern ihrer Blüte
+das Wesen der Sonnenstrahlen. Es war eine Liebkosung, ein Locken, ein
+lautloses Rufen, und ihr war zumute, wie wohl einem Schlafenden sein
+mag, auf dessen Angesicht erwartungsvoll die Augen eines geliebten
+Menschen ruhen, der in heißer Sehnsucht auf den Augenblick seines
+Erwachens harrt, um ihn mit seiner ganzen Liebe zu überschütten.
+
+Da entfaltete sich die blaue zarte Blüte, ganz langsam, im Sonnenschein,
+wie in einer taumelnden Ohnmacht der entzückten Sinne, und der
+schimmernde Kelch öffnete sich mehr und mehr, ein bebender Blumenbecher
+von unbeschreiblicher Reinheit, der sich auftat, um das fließende
+Himmelsgold der Sonne zu trinken.
+
+»Ist das die Sonne?« schluchzte die Blume, haltlos vor Glück, »ich kann
+nicht hineinschauen, aber ich muß! O Schwestern im Licht bei mir, ergeht
+es allen Irdischen so wie uns?«
+
+Aus ihrem schimmernden Farbenlicht, aus ihrem Duft und ihrem Neigen im
+Wind brach ihre Stimme, allen vernehmbar, die ihrer Art waren und die
+die Geborenen der dunklen Erde im Sonnenschein lieben müssen. Über ihr
+sang ein Waldvogel sein Morgenlied im Glitzern des Taus auf den
+Blättern, die erwachte Blume verstand seinen Ruf und sein Locken:
+
+»Sprich mit mir, sprich dein Herz, sprich deine Freude.«
+
+Der Frische des funkelnden Morgens folgte der warme, farbige Tag mit
+seinem Treiben um sie her, aber die Blume sah nur die Sonne an. Bis bald
+auch in ihrer Nähe die geheimnisvollen Stimmen der Käfer und Bienen
+laut wurden. Die Sonnenwärme nahm immer mehr zu, ein Schwingen wie von
+himmlischem Erbrausen hüllte sie mehr und mehr ein, sie tat ihren Kelch
+weiter auf und immer weiter, ihr war, als verginge sie in diesem
+glühenden Glänzen, und ihre Hingabe war so inbrünstig, als verblutete
+sie vor Verlangen.
+
+Nun zog mit lautlosem Schaukeln, fröhlich von seinem reinen Flügelkleid
+getragen, ein Schmetterling an ihr vorüber, mitten zwischen ihrem
+aufgetanen Kelch und der goldenen Sonne hindurch. Da rief die Blume, ihr
+Farbenglanz trug ihre Stimme, und ihr Duft begleitete ihn:
+
+»Tu mir Liebe an und komm!«
+
+Der Schmetterling ließ sich mitten in dem blauen Rund ihrer Blüte
+nieder, o Wunder, daß er sie verstand. Tausend Bächlein von Sonnenwärme
+und zitternder Himmelsluft rieselten mit seiner Berührung an ihr nieder,
+sie neigte sich tief unter der hellen, lebendigen Last und hob sie
+wieder mit sich empor.
+
+»Bleib noch,« bat sie, »du himmlischer Sendbote, du Freund meines
+Lebens.« Aber der Falter mußte weiter, und nun vernahm die Blume
+plötzlich das Bitten, Rufen und Locken um sich her, von dem die ganze
+Wiese in Farben und Düften erklang. Je mehr Insekten nun zu ihr kamen,
+um so besser verstand sie ihre Schwestern umher und in der Ferne, sie
+begriff, daß sie ihr Lebensgrüße sandten und gab sie freien Sinnes
+zurück, immer die strahlende Blüte gegen die Sonne geöffnet, als sei
+keine Schuld und kein Fehl möglich, wenn sie sich ganz dem Licht
+anvertraute.
+
+So ging ihr erster Tag im Blühen dahin, sie durchlebte ihn wie alle
+Glücklichen, ohne Bedenken und Rückhalt, ohne den Gedanken an sein Ende,
+in ihrer schönen Pracht. Als die Sonne, mit der ihr Angesicht gewandert
+war, hinter den Baumkronen im Grünen niedersank, begann sie sich langsam
+zu schließen, aber solange noch ein Strahlenabglanz des Lichts auf der
+Erde widerschimmerte, wachte sie und ließ ihn zu sich ein. Als aber der
+Abendwind von den Saaten zu ihr kam, fand er sie stumm und verschlossen
+im Dunkeln, als habe ihre Seele sich nie geöffnet. Aber sie konnte auch
+im Schlaf die Sonne nicht vergessen, die ihr ganzes Wesen durch und
+durch erhellt hatte. Keine Finsternis kann mich mehr vom Licht trennen,
+träumte sie, ich habe es mit meinem ganzen Wesen eingesogen, ich habe
+das Glück der anderen und ihre Seligkeit erfahren an mir, nichts wird
+meine Seele mehr vom ewig schönen Leben scheiden.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel
+
+ Die Lerche
+
+
+Eine Lerche verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr früh, aber
+Onna, die Bachstelze, war schon auf und sah die Lerche fallen.
+
+»Wie ist es?« sagte sie zu ihr, »wollen Sie hier bleiben, ich meine,
+wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer Wiese
+niederlassen, oder wie ist es?«
+
+»Guten Morgen«, sagte die Lerche.
+
+Onna erwiderte den Gruß und nickte auf ihre wirklich entzückende Art,
+wie nur Bachstelzen es können. Ihre Bewegungen waren viel anmutiger als
+ihre Worte. Dann meinte sie, um nichts freundlicher:
+
+»Es ist hier wenig Aussicht zu gedeihlicher Ansiedelung, man findet wohl
+was man braucht, aber nicht viel mehr. Im trockenen Schilf wohnt Josa,
+die Ringelnatter, von der Eule in der Linde schweige ich, Sonne kommt
+auch nicht eben viel her; also nun sagen Sie, was Sie wollen.«
+
+»Ich will wieder fort«, sagte die Lerche. »Entschuldigen Sie, daß ich
+gestört habe, aber ich war sehr hoch am Himmel, und das Licht der Sonne
+hat meine Augen geblendet. Ich war so entzückt vom Glanz und der Kühle,
+daß ich nicht mehr recht wußte, wo ich mich niederließ, es war wie ein
+heller, seliger Taumel, wissen Sie.«
+
+»Taumel ...?« wiederholte die Bachstelze und wippte, »und was reden Sie
+da nur sonst noch, die Sonne ist ja noch gar nicht aufgegangen?«
+
+»Doch,« sagte die Lerche, »hoch oben schien sie schon.«
+
+»Aber Liebe! Wozu diese Übertreibung? Wir sind hier unten einfache und
+ehrliche Leute und haben nicht viel für Fremde übrig, die aufschneiden.
+Schauen Sie doch hinauf in den Wipfel unserer Linde, Sie werden sich
+rasch davon überzeugt haben, daß die Sonne noch nicht aufgegangen ist.
+Schön sind Sie übrigens auch nicht gerade.«
+
+»Nein,« sagte die Lerche, »ich bin nicht schön.«
+
+»Nun, wenigstens darin sind Sie ehrlich, aber das mit der Sonne hat mir
+nicht gefallen. Ich habe einmal ein Falkenpaar belauscht, das in der
+Linde Rast hielt, und da hörte ich, daß die Falken höher fliegen, als
+die Kugel des Jägers reicht, ja, daß sie sich so hoch emporschwingen
+können, daß sie, die doch große Vögel sind, wie kleine Punkte am Himmel
+erscheinen.«
+
+Die Lerche nickte. »O ja,« sagte sie nachdenklich, »die Falken fliegen
+sehr hoch.«
+
+»Ja, nun, und -- --? Wollen Sie etwa sagen, daß Sie höher fliegen können
+als die Falken?«
+
+Die Lerche schwieg, aber die Bachstelze gab sich nicht zufrieden, denn
+man mußte nach ihrer Meinung sehen, daß man überall Recht behielt, wo es
+sich irgend einrichten ließ.
+
+»Wie ist es denn mit dem Singen, meine Gute?« sagte sie, »haben Sie es
+jemals zu einer rechten Melodie gebracht?«
+
+Die Lerche schüttelte den Kopf. »Ich muß immer jubeln«, sagte sie.
+
+»Jubeln? Nun ja ... Haben Sie mal unser Rotkehlchen singen hören?«
+
+»Doch,« antwortete die Lerche, »es hat mich sehr glücklich gemacht.«
+
+»Nicht wahr? Sehen Sie, so was finden Sie bei uns auf der Waldwiese. Und
+nun wollen Sie sich also hier ansiedeln?«
+
+»Nein, ich fliege in die Saat zurück, aber vielleicht erlauben Sie, daß
+ich etwas Tau nehme?«
+
+»Gut,« sagte Onna, »nehmen Sie also.« Und sie schaute zu, wie die Lerche
+trank, und es bereitete ihr Freude, sich so gut und gastfreundlich gegen
+einen fremden Vogel zu benehmen, der weder ehrlich zu sein schien, noch
+schön war, noch etwas Rechtes im Singen zuwege brachte.
+
+Als die Lerche sich anschickte, davonzufliegen, kam durch die Blumen der
+Elf. Sein lichter Schein begleitete ihn; wo er dahinschritt, blinkte der
+Tau der Gräser in der Morgenkühle auf, und die erwachenden Blumen
+grüßten ihn mit feinem Läuten und frischem Duft.
+
+»Ach,« rief die Lerche entzückt und voll höchsten Erstaunens, »haben
+Sie hier einen Blumenelfen?«
+
+»Das will ich meinen«, sagte die Bachstelze und trat etwas zurück, damit
+die Fremde den Elfen besser sehen konnte.
+
+Aber da gewahrte auch der Elf die Lerche im Gras, und plötzlich breitete
+er seine Arme aus, und mit erhobenen Flügeln eilte er auf sie zu:
+
+»O du! o du!« rief er, und sein Gesicht leuchtete vor Glück. »Ist es
+denn wahr, eine Lerche ist zu uns gekommen? O sei gesegnet, du
+Himmlische im Blauen, du liebliche Verkünderin der Morgenfreude, o du,
+die Sorgen und alle Traurigkeit der Nacht aus der strahlenden Höhe her
+verscheucht, wie glücklich bin ich, daß ich dich sehe.«
+
+Und er legte seine schimmernden Arme um den Hals des Vogels und barg
+sein goldhaariges Haupt an der Brust der Lerche. Dabei brach er in ein
+so leidenschaftliches Schluchzen der Freude aus, als sei ihm das größte
+Glück widerfahren, das nur immer einem Elfen auf der Erde begegnen kann.
+
+»Ja, Herrgott,« sagte die Bachstelze leise und kraute sich betroffen im
+Nacken, »das muß mir passieren, also gerade mir ...« Aber sie sollte
+noch ganz andere Dinge erfahren.
+
+»Ich liebe dich, du schöner Vogel«, sagte der Elf zur Lerche, und sein
+Lächeln, das durch die Tränen brach, war voll heißen Danks. »Du bist es
+gewesen, die mich getröstet hat, als ich im Morgenrot den Weg in meine
+Heimat nicht fand, durch dein Lied ist der Glaube in mein Herz
+zurückgekehrt, daß ich ihn einst wiederfinden würde. Ich sah den
+Menschen, der sein Tagewerk auf dem Acker begann, wie er seine Augen
+gläubig zu dir emporhob, dein Jubel segnete seine Arbeit und begleitete
+sein Gebet in die Regionen der Herrlichkeit Gottes empor. So fällt dein
+Gesang mit dem Tau durch die Frische zu uns Irdischen nieder, von deiner
+Freude klingt die Morgenluft, die das Gemüt von den Schatten der Nacht
+erlöst. Ich segne dich, du Verkündigerin des Lichts, ich danke dir aus
+Herzensgrund.«
+
+»Aber bitte,« sagte die Lerche, beschämt vom Glück des Elfen, »Sie sind
+wirklich sehr freundlich zu mir. Ich tue ja nur, was ich muß, ich kann
+nicht anders.«
+
+»Ich weiß es,« antwortete der Elf, »aber mein Herz muß lieben, alles was
+berufen ist, die Schönheit der Welt in ihrem Sinn zu offenbaren, ich
+lobe den Schöpfer, wenn ich dich lobe, du kleiner Vogel.«
+
+Jetzt war Onna, die Bachstelze, doch gerührt; sie trat ein wenig vor und
+meinte:
+
+»Man hätte das gar nicht gedacht, daß die Lerche so viel bedeutet,
+wenigstens ich nicht. Wie sie da so saß, im Gras ... unerfahrene Leute
+hätten sie für einen Spatzen gehalten. Aber, es ist ja wahr, sie jubelt
+morgens.«
+
+Der Elf lächelte auf so holdselige Art, wie nur er lächeln konnte, und
+Onna sagte sich darauf innerlich: Mein Irrtum kann so schlimm nicht
+gewesen sein, sonst würde der Elf nicht lächeln. Da sagte er zu ihr:
+
+»Eine Lerche kann sich im Gras nicht bewähren, so wenig wie ein Falke im
+Käfig, oder wie eine Blume im Schatten. Wenn du die Wesen der Schöpfung,
+wie auch den Menschen, erkennen willst, so mußt du sie in ihrer Freiheit
+aufsuchen. Die Lerche fliegt höher als alle anderen Vögel, nur die Adler
+schwingen sich soweit empor wie sie, und nur im Fliegen vermag sie zu
+singen. So ist sie uns von Gott zur frohen Botschaft der Hoffnung
+gesetzt, die, früher als die Sonne, die Seligkeit am neuen Tag
+verkündet.«
+
+»Alle Achtung,« meinte Onna, »ich brächte das nicht fertig, aber ich
+habe es nicht schlimm gemeint vorhin. Wer glaubt aber auch ohne
+weiteres, daß ein so kleiner Vogel höher fliegen kann als die Falken?
+Sie soll sich denn also ruhig hier ansiedeln, die Lerche.«
+
+»Das tut sie nicht, sie wohnt im Korn«, meinte der Elf, und die Lerche
+nickte und breitete ihre Flügel aus. Aber sie konnte sich noch nicht vom
+Elfen trennen, immer mußte sie ihn ansehen, als würde alles in der Welt
+reich und gut durch seine Nähe.
+
+»Wenn du einst heimfliegst, will ich singen«, sagte sie endlich, und sie
+nahmen voneinander Abschied; auch Onna wippte höflich und winkte der
+Lerche nach, die mit einem hellen Triller der aufgegangenen Sonne
+entgegenflog.
+
+Da der Elf den Bach hinaufschritt, um Assap, den Frosch zu besuchen, der
+schwer mit dem Leben zu kämpfen hatte, blieb Onna zurück, um
+nachzudenken. So rasch wird man innerlich nicht mit einem Ereignis
+fertig, das das Herz bewegt hat, man beschäftigt sich am besten noch
+eine Weile damit, dann wird das Gemüt ruhiger.
+
+Aber als die Bachstelze gefrühstückt und ihr Bad im Bach genommen hatte,
+vergaß sie darüber nachzudenken, auch trug sie kein Verlangen mehr nach
+anderen Dingen, als im Glanz der warmen Sonne am Wasser zu sitzen und
+überall umher zuzuschauen, wie schön das Leben war.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel
+
+ Assap und Jen
+
+
+Da nun von Assap, dem Frosch, die Rede gewesen ist, den der Elf
+besuchte, will ich seine und die Geschichte seines Bruders erzählen, es
+ist immer gut, man weiß etwas Näheres über die Leute, mit denen man in
+Berührung kommt.
+
+Assap war durchaus nicht etwa auf der Waldwiese geboren, sondern viel
+weiter abwärts im Bach, dicht vor seiner Einmündung in den Eulensee, der
+ganz zwischen uralten Weiden lag und seinen Namen von den Eulen bekommen
+hatte, die ringsumher in den hohlen Weidenstämmen hausten. So hatte er
+und sein Bruder Jen schon in frühesten Tagen zur Nacht den Eulenruf
+gehört, und da sich nach Meinung der Frösche nun einmal Unheil damit
+verbindet, so hatte er nie so recht an eine aussichtsreiche Zukunft
+geglaubt. Sie waren damals noch sehr jung, hatten gerade ihre Beinchen
+bekommen, besaßen aber noch ihre Schwimmschwänze, mit denen die jungen
+Frösche sich anfänglich im Wasser fortbewegen. Das war ein Zustand, der
+ihnen nicht besonders behagte, sie wußten nicht recht, ob sie sich noch
+zu den Kaulquappen rechnen mußten, oder ob sie schon zu den Fröschen
+gehörten. Immerhin, der Morgen war strahlend schön, und sie hockten
+vergnügt am Rand eines Huflattichblatts im sanft fließenden Wasser und
+betrachteten den Morgenhimmel, der langsam blau wurde. Jen summte leise
+seinen Frühgesang vor sich hin, leider dachte er sich nicht viel dabei,
+was er eigentlich hätte tun müssen.
+
+ Gott, der du im Himmel bist,
+ über allem Leben,
+ sorge, daß hier Wasser ist
+ und auch Land daneben.
+
+ Segne unsrer Schenkel Schwung,
+ sende große Fliegen,
+ nämlich ohne einen Sprung
+ kann man sie nicht kriegen.
+
+Assap nickte behaglich vor sich hin und dachte an die Zeit, in der der
+Fliegenfang für sie beginnen sollte. O, es mußte eine große Zeit sein!
+Da schrie plötzlich sein Bruder Jen entsetzt auf und starrte, halb
+umgewandt, mit einem Ausdruck von großer Bestürzung ins Wasser.
+
+»Mein Schwanz!« rief er, »er ist ab und schwimmt fort!«
+
+Assap sah ins Wasser. In der Tat, es ließ sich nicht in Abrede stellen,
+dort trieb der Schwanz seines Bruders in den Strudeln, drehte sich um
+sich selbst und entfernte sich langsam immer weiter.
+
+»Das geht auf keinen Fall«, rief Jen außer sich. »Ich muß ihn
+wiederhaben, er gehört mir!« Und er machte Miene, sich ins Wasser zu
+stürzen, um seinem Besitztum nachzuschwimmen; aber Assap, der überhaupt
+der Besonnenere von den beiden war, hielt ihn zurück und sagte rasch:
+
+»Denk an die Hechte im Eulensee! Wenn der Bach dich in den See treibt,
+kannst du sehen, wie du das Ufer ungefressen wieder erreichst. Was
+willst du denn mit deinem Schwanz tun, wenn du ihn zurückhast?«
+
+Dem kleinen Jen kamen Tränen in die Augen, es war, als würde er sich
+dessen für einen Augenblick bewußt, daß dort draußen im Bach seine
+Kindheit schwamm, die nie mehr zurückkehren sollte. Aber er fühlte sich
+doch recht getröstet, als sein Bruder mit einem bewundernden Blick
+sagte:
+
+»Du siehst aus wie ein richtiger Frosch.«
+
+Der kleine Jen sah durch seine Tränen in die Flut nieder und versuchte
+sich im Wasserspiegel an der Stelle zu erkennen, wo sein Schwanz nicht
+mehr war. In der Tat, er sah ungemein erwachsen aus, abgerundet und
+fertig.
+
+»Herrlich«, sagte er, ganz still vor Entzücken. »Hättest du das
+geglaubt, Assap?«
+
+»Nun ja,« meinte der Bruder, deutlich ein wenig von Neid geplagt, »etwas
+Ähnliches mußte wohl eines Tages geschehen, der alte Burr sagte etwas
+derart, als er einmal von den Mondkonzerten zurückkam. Alle Kaulquappen
+verlieren ihren Schwanz eines Tages, um Frösche zu werden.« Er sah vor
+sich nieder und dachte nach.
+
+Ach, es ist schade, daß ich hier nicht vom alten Burr erzählen kann, es
+würde zu weit führen, aber er ist einer der erfahrensten Frösche des
+ganzen Bachs, ja man kann sogar ruhig auch des Sees sagen; leider ist er
+in seinen Gewohnheiten etwas heruntergekommen, aber ungemein witzig und
+gescheit. Vielleicht, daß ich in einem anderen Buch sein Leben erzählen
+kann, es ist außerordentlich abwechslungsreich, und er gehört zu den
+ganz seltenen Fröschen, die einmal in der Gewalt des Storches gewesen
+und wieder entronnen sind. Es kam, weil der Storch lachen mußte, man
+weiß nicht worüber -- jedenfalls glaubt Burr noch heute, daß jener es
+nicht gewagt hätte, einen Mann von seiner Erfahrung als Nahrungsmittel
+zu verwenden. Von ihm stammt auch das Volkslied, das noch viel im
+Traulenbach und im Eulenteich von den Fröschen gesungen wird:
+
+ Ach, wie mir das Herz zergeht
+ unter großem Weh,
+ wenn der Mond am Himmel steht
+ und zugleich im See.
+
+ Meine Seele ahnt es dann,
+ tiefbewegt und still,
+ daß der Frosch nicht fliegen kann,
+ auch nicht, wenn er will.
+
+Auch Assap und Jen kannten dieses Lied bereits, wenn sie auch bisher
+noch keine Erlaubnis gehabt hatten, es öffentlich mitsingen zu dürfen.
+Aber in diesem Augenblick dachten sie an alles andere eher, besonders
+Assap wurde immer nachdenklicher, je mehr er sich mit seinem Bruder
+verglich, der nun ein fertiger Frosch geworden war. Und so plötzlich!
+Niemand hatte vorher irgend etwas Bestimmtes vermutet.
+
+»Faß an, Jen, Bruder!« rief er plötzlich, »wir reißen ihn aus!«
+
+»Wen denn?« fragte Jen etwas erschrocken.
+
+»Meinen Schwanz, Bruder. Es ist unmöglich, daß er noch besonders fest
+sitzt, wenn der deine sich ohne besondere Mühe, ja geradezu von selbst
+entfernt hat, bedenke, wir sind am selben Tag geboren!«
+
+Jen sah es ein. »Wir wollen es versuchen«, sagte er etwas unsicher.
+Eigentlich wünschte er sich heimlich, es möchte nicht gelingen, denn er
+wäre gar zu gern eine Weile allein schon ein fertiger Frosch gewesen und
+hätte seinem Bruder davon erzählt, wie es ist, schon erwachsen zu sein.
+
+Sie mußten einen Augenblick warten, denn es kam eine große Latte den
+Bach heruntergeschwommen, auf der zwei kleine Waldschnecken saßen, grau
+und klebrig, wie solche Tiere von Haus aus nun einmal sind, eine blaue
+Fliege und ein Ohrwurm. Der Ohrwurm war sehr aufgeregt, er lief hin und
+her und rief irgend etwas, indem er den Arm schwenkte. Die Frösche
+verstanden nicht alles, es scholl etwa herüber zu ihnen von »verlassener
+Heimat«, »Wanderfahrt« und »großem Strom«. Endlich hörten sie noch:
+»Mein selbstgewolltes Erdenschicksal!«
+
+So fuhr er auf dem großen Holzfloß dahin in der Sonne, und das
+Uferschilf warf rasche Schatten, als ob man an einem Gitter
+vorüberführe.
+
+Assap schüttelte den Kopf und sah dem Fremden nach:
+
+»Was will er denn?« meinte er, »er scheint ganz von Gott verlassen.«
+
+»Vielleicht treibt das Holz eines Tages ans Ufer, er steigt aus und
+gründet eine neue Heimat«, meinte Jen nachdenklich; »so was soll
+vorkommen.«
+
+Assap nickte. »Jetzt zieh, was du kannst«, sagte er gefaßt, und Jen tat
+es mit brüderlicher Hingabe, bis der Schwanz glücklich riß und jeder von
+ihnen nach einer anderen Seite ins Wasser stürzte. Assap tauchte als
+erster und nun auch als fertiger Frosch aus den Fluten empor, und die
+Brüder umarmten einander und beschlossen, ihr Leben lang in Treue
+zusammenzuhalten. Es ist gewöhnlich so, daß man in einer glücklichen
+Stunde des Erfolgs gern gute Vorsätze für die Zukunft faßt, und das ist
+auch durchaus so am Platz.
+
+Leider wurde den beiden jungen Fröschen keine Gelegenheit zur Ausführung
+ihrer gemeinsamen Lebensfahrt gegeben, denn der kleine Jen geriet
+unvermutet in die Gefangenschaft eines Knaben. Er tat alles, was ein
+vernünftiger Frosch zu tun pflegt, wenn sich ein Storch, ein Mensch oder
+sonst ein gefährliches Wesen dem Bach nähert: er sprang ins Wasser,
+tauchte unter und wühlte nach Möglichkeit den Boden des Bachs auf, damit
+er in der getrübten Flut nicht mehr gefunden werden konnte. Aber diesmal
+nützte es ihm nichts, denn der Knabe hatte ein Netz bei sich, das an
+einer Stange befestigt war und vermutlich in der Regel dem Fang von
+Schmetterlingen diente. Jen wurde emporgezogen, und als das Wasser im
+Netz sich verlaufen hatte, zappelte er zwischen einigen Schilfhalmen auf
+dem Grund und war fassungslos, weil er in keiner Weise an die
+Möglichkeit einer solchen Einrichtung gedacht hatte.
+
+Der Knabe sah erwartungsvoll in das Netz, und Jen entsetzte sich über
+die Maßen über die großen blauen Augen des Menschen, die unter gelben
+Haaren, die im Sonnenschein funkelten, auf ihn niedersahen. Er hörte
+eine fürchterlich laute Stimme dicht über sich und sah durch die Maschen
+des Netzes einen zweiten Menschen über die Wiese kommen, der sich nun
+auch über das Netz beugte, ebensolche Augen hatte, aber bei weitem
+längeres Haar und eine feinere Stimme.
+
+[Illustration]
+
+Es wurde mancherlei über ihn gesprochen, die Laute kamen aus den roten
+Mündern hervor, und man sah weiße Zähne dahinter blitzen. Jen dachte,
+während er verzweifelt an der Wand des Netzes emporzukommen suchte, es
+müßte doch hundertmal besser sein, in die Gewalt des Storches zu
+geraten, als dem Menschen in die Hände zu fallen. Was er rief und bat,
+wurde nicht verstanden, soviel ließ sich bald erkennen. Auch er verstand
+die Laute nicht, in denen die beiden Menschen sich unterhielten.
+
+»Ach Gott,« sagte der Knabe zu dem kleinen Mädchen, das mit ihm auf die
+Sommerwiesen gelaufen war, »es ist wieder nur ein ganz gewöhnlicher
+brauner, ich hätte so gern einmal einen echten grünen Laubfrosch
+gefangen.«
+
+»Ja,« antwortete das kleine, blonde Mädchen, »es ist nur ein brauner,
+aber er ist hübsch klein und nicht so garstig wie die großen.«
+
+Der Knabe schien zu überlegen. »Ich will ihn jedenfalls mitnehmen,«
+entschloß er sich, fuhr mit der Hand in das Netz und ergriff Jen,
+»vielleicht versteht er doch etwas vom Wetter, oder ich kann es ihm
+beibringen.«
+
+Er hatte Jens Bein erwischt, zog ihn daran empor und hielt ihn gegen den
+Himmel. Das Mädchen öffnete eine ovale, grüne Büchse, die ihr Bruder,
+über die Schulter gehängt, bei sich trug. Jen verschwand in der Öffnung
+wie im Rachen eines grünen Ungeheuers und hörte noch einen
+ohrenbetäubenden Knall, der wie ein Donnerschlag dröhnte, denn die
+Büchse mußte rasch wieder zugeschlagen werden, weil noch eine ganze
+Reihe andere Gefangene darin untergebracht worden war. Dann wurde es
+dunkel.
+
+Bald merkte er, daß er sich in einem Gefängnis befand, aber zu seinem
+Entsetzen wurde er gleich darauf gewahr, daß er nicht allein war. Es
+brummte, surrte und krabbelte rings um ihn her, in einem ganz
+unbeschreiblichen Durcheinander von Beinen, Flügeln und feuchten und
+trockenen Leibern. Dabei herrschte ein unerträglich scharfer Geruch von
+allerhand Kräutern und Blumen, mit denen die Büchse fast bis an den Rand
+gefüllt war. Das Entsetzen des kleinen Jen war um so nachhaltiger, als
+beim besten Willen nicht das geringste deutlich zu erkennen war, und
+wenn man schon einmal von Angst gequält wird, so wird sie durch die
+Ungewißheit, die die Dunkelheit herbeiführt, meist noch um vieles
+größer.
+
+Er hörte Klagerufe und tiefes Seufzen und so inniges Bitten um
+Befreiung, oder wenigstens um etwas Licht, daß ihm Tränen in die Augen
+kamen, und er empfand, daß um ihn her ein großes Sterben war, wie auf
+einem Schlachtfeld. Er kannte die Stimmen der Blumen und Pflanzen nicht,
+aber so viel ließ sich ihrem Seufzen leicht entnehmen, daß sie in großem
+Elend waren. Dabei stieß und schaukelte die Büchse erbarmungslos, und
+man war beim besten Willen nicht in der Lage, eine bestimmte Stellung
+einzunehmen, immer wieder befand man sich plötzlich anderswo.
+
+Einmal kam Jen neben eine Blindschleiche zu liegen in der äußersten Ecke
+des Gefängnisses. Der Knabe hatte die Büchse abgehängt und ins Gras
+gelegt, so daß es einen Augenblick still geworden war.
+
+»Mein Gott,« sagte die Schlange zu Jen, »ist Ihnen so etwas schon einmal
+passiert?«
+
+»Wie kommen Sie darauf?« fragte Jen, »dies ist ja einfach unfaßlich. Wo
+sind wir denn, und was soll das alles?«
+
+»Der liebe Himmel weiß es«, seufzte die Schlange und wickelte sich auf.
+»Aber ich werde schon sehen, daß ich entwische. Über eine solche
+Behandlung läßt sich überhaupt nicht reden. Wenn man noch giftig wäre,
+aber so ...«
+
+Über ihnen flüsterte es aus den Blättern hervor.
+
+»Ach, es war hell über den gelben Blumen.«
+
+Es war ein Schmetterling, der mit gebrochenen Flügeln in die
+Pflanzenstiele eingeklemmt war. Er lag im Sterben und sagte deshalb von
+nun ab nichts mehr. Eine große Weinbergschnecke, der sehr übel geworden
+war, weil sie das Schaukeln der Büchse nicht vertragen konnte, sagte
+schluchzend: »Wenn ich nur mein Haus nicht bei mir hätte, ich würde
+eine Geschwindigkeit an den Tag legen, die man so leicht nicht wieder
+bei einem Tier fände.«
+
+Nach einer Weile begann das unangenehme Rütteln von neuem, diesmal in
+gleichmäßigen, derben Stößen, denn der Knabe hatte sich verspätet und
+mußte nun laufen, um womöglich noch rechtzeitig zu Hause anzukommen.
+Dort flog endlich das Gefängnis mit einem donnerartigen Krachen auf den
+Tisch, und dann wurde es für lange still und blieb unheimlich dunkel,
+und jedes der gefangenen Tiere versuchte sich darüber klar zu werden,
+wieviel von seinem Leben noch übrig war.
+
+Jen machte noch eine Reihe angenehmer Bekanntschaften, aber es hatte
+viel gegen sich, einander im Finstern vorgestellt zu werden, es kamen
+die peinlichsten Verwechslungen vor, und die Stimmung war allgemein
+gedrückt. Der einzige, der die Laune nicht verlor, war ein Grashüpfer,
+immer wieder glaubte er, sich durch einen Sprung aus seiner
+Gefangenschaft retten zu können, aber jedesmal stieß er aufs neue an und
+fiel zurück, und man hörte ununterbrochen in kleinen Abständen das
+Ticken, das entstand, wenn er mit dem Kopf an die Wand stieß. Als er
+einmal auf eine Eidechse fiel, erregte er Ärgernis bei diesem gutmütigen
+Tier:
+
+»Geben Sie endlich Ruhe«, sagte sie mürrisch.
+
+»Ich kenne Sie überhaupt nicht«, sagte der Grashüpfer, »reden Sie nicht
+mit mir, wenn Sie nicht vorgestellt sind.«
+
+»Dann springen Sie mir auch nicht auf dem Rücken herum, ohne
+vorgestellt zu sein«, gab die Eidechse ärgerlich zurück.
+
+»Wenn Sie mich Ihren Buckel herunterrutschen lassen«, rief der
+Grashüpfer, »so deuten Sie doch damit bereits an, daß Ihnen nichts an
+meiner Bekanntschaft liegt. Übrigens, wenn Sie springen könnten, täten
+Sie es auch. Jeder springt, wenn er kann.«
+
+Die Eidechse seufzte. Es war besser, nicht auch noch Streit anzufangen,
+sie meinte deshalb nachsichtig:
+
+»Sie sollten sich die unglückliche Lage, in der wir uns alle befinden,
+so weit zu Herzen nehmen, daß Sie wenigstens nur bescheidene Äußerungen
+tun.«
+
+»Was nützt mir Bescheidenheit, meine Liebe!« rief der Grashüpfer, »ich
+verlasse mich lieber auf meine Beine, mit ihnen komme ich weiter. Passen
+Sie auf, sobald die Büchse geöffnet wird, werden Sie sehen, wozu Beine
+gut sind, wie ich sie habe.«
+
+Jen hörte aufmerksam zu. »Wie interessant,« dachte er, »einmal vom
+Charakter der Leute etwas zu erfahren, die man bisher nur gefressen hat.
+Übrigens werde ich mir die Pläne des Grashüpfers zunutze machen und
+springen, sobald das Gefängnis geöffnet wird.«
+
+Dies geschah kurz darauf. Der Knabe hatte die ganze Familie um den Tisch
+versammelt, auf den er seine Botanisiertrommel gelegt hatte, und war
+willens, alle seine Lieben an der Freude teilnehmen zu lassen, die seine
+Beute ihm bereitete.
+
+Jen war durch den grellen Lichtschein geblendet, der plötzlich in die
+Nacht des Kerkers drang, er sah anfänglich so gut wie nichts, nur einige
+Menschenköpfe glaubte er zu unterscheiden, die dicht über den Ausgang
+gebeugt waren. Er dachte an die Pläne des Grashüpfers und sprang
+blindlings drauflos, so hoch und weit er konnte. Er landete auf einer
+harten blanken Platte, und in seiner Verwirrung achtete er nicht darauf,
+daß sich plötzlich die Hand des Knaben über ihn legte und ihn fest
+umschloß.
+
+Die Hand war warm, bebte ein wenig und drückte heftig, aber gleich
+darauf öffnete sie sich wieder, und Jen fiel zu seiner unaussprechlichen
+Freude in klares Wasser, auf dessen Grund es von allerlei Pflanzen grün
+schimmerte. So rasch er konnte, tauchte er unter und verkroch sich, so
+gut es ging, unter Schilfblättern, etwas erstaunt darüber, daß sich der
+Boden nicht aufwirbeln und das Wasser nicht trüben ließ.
+
+Er ahnte nicht, wo er sich befand, noch wußte er, daß er ohne seinen
+Willen durch seinen voreiligen Sprung zum Erretter eines großen Teils
+seiner Leidensgefährten geworden war, denn sowohl der Grashüpfer wie ein
+Teil der übrigen Tiere hatten die allgemeine Aufregung benutzt, um sich
+davonzumachen. Dies gelang ihnen in der Hauptsache deshalb, weil sich
+die Erschließung ihres Kerkers gottlob auf der Hausveranda zugetragen
+hatte, die unmittelbar in den Garten führte.
+
+Die Zeit verging langsam, und es wurde dämmerig, der Abend sank nieder.
+Der kleine Jen hatte bald herausgebracht, daß er sich nicht in der
+Freiheit, sondern in einem engen, runden Käfig befand, dessen Wände
+durchsichtig wie Wasser waren, aber so hart wie Stein. Er hatte seine
+Bemühungen aufgegeben, dieser Gefangenschaft zu entrinnen, saß still und
+traurig an der glatten Wand und sah in die Abenddämmerung, in den Garten
+hinaus. Einmal war der Deckel seines Käfigs geöffnet worden, und jemand
+hatte einen Grashüpfer zu ihm ins Wasser geworfen, der nun ruhig, alle
+Beine weit vom Körper abgespreizt, auf der Oberfläche schwamm. Er war
+tot. Jen glaubte in ihm seinen Gefährten aus dem ersten Gefängnis
+wiederzuerkennen, aber er war dessen nicht sicher.
+
+Glaubt man etwa, ich fräße den? dachte er. Hungrig genug war er, aber
+kein gesitteter Frosch frißt einen toten Grashüpfer. Ein Grashüpfer, der
+verschlungen werden soll, muß springlebendig sein, munter und jung. Man
+muß ihn noch eine ganze Weile im Magen rumoren fühlen, ganz von dem
+angenehmen Kribbeln zu schweigen, das er verursacht, wenn er den Hals
+hinuntergleitet.
+
+Jen war unbeschreiblich traurig. Was sollte werden? Draußen über dem
+Garten ging der Mond auf und schien in den gläsernen Käfig. Der tote
+Grashüpfer drehte sich langsam an der Oberfläche des Wassers, und sein
+Schatten bewegte sich, schaurig anzusehen, grau und groß auf dem
+Fensterbrett, auf dem der Glaskäfig stand. Dort sah Jen auch seinen
+eigenen Schatten, rund und plump, wie einen feuchten Fleck zwischen den
+silbrigen Streifen vom Wasser, vom Glas und vom Mondlicht. Alles war
+fremdartig und unheimlich, und an Schlaf war unter diesen Umständen kaum
+zu denken. Einmal kam, gegen Mitternacht, eine Maus auf dem Fensterbrett
+daher, sie sah durch das Glas, schien aber niemand zu erkennen und
+entfernte sich dann rasch wieder, weil sie unten, in der Dunkelheit,
+gerufen wurde.
+
+Kurze Zeit darauf mußte der kleine Jen doch aus Erschöpfung eingenickt
+sein und lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es heller
+Tag, und draußen funkelte der Sonnenschein im Grünen. Der Knabe, der ihn
+gefangen hatte, kam nach einer Weile und schaute neugierig durch das
+Glas, wobei er seine Nase so dicht an die Wand des Kerkers drückte, daß
+sie an der Spitze glatt und rund wurde. Er öffnete den Deckel und nahm
+Jen heraus, legte ihn auf ein weißes Tuch, das er über ihm
+zusammenschlug, und dann rieb er ihn von allen Seiten, um ihn
+abzutrocknen. Jen ging der Atem aus, er glaubte jeden Augenblick zu
+ersticken. Hierauf wurde das Tuch wieder geöffnet, und der Knabe rührte
+mit der einen Hand Farbe in einem kleinen Topf an, mit der anderen hielt
+er Jen fest und begann dann ihn grün anzustreichen, denn er wollte einen
+Laubfrosch aus ihm machen, der das Wetter ansagen sollte.
+
+Jen kamen Tränen in die Augen, es war ihm unbegreiflich, weshalb dies
+geschah, und zu seinem Schrecken sah er zuerst seinen schönen hellen
+Bauch und dann auch den braunen Rücken und sein Gesicht über und über
+grün werden. Man kann sich nichts Peinlicheres denken. Alle Anzeichen,
+die Jen gab, um kundzutun, daß er dagegen war, wurden mißverstanden, der
+Knabe pinselte eifrig weiter und lachte vor Vergnügen, als Jen bald
+darauf als ein grüner Frosch auf dem Tisch umhersprang und überall
+Flecken zurückließ, wo er gesessen hatte.
+
+Jen selbst war so verwirrt, daß ihm kein vernünftiger Gedanke mehr kam.
+Er wurde wieder in seinen Käfig gesetzt, der nur noch wenig Wasser
+enthielt, oben auf die Spitze einer kleinen Holzleiter, dort sollte er
+trocknen, auch gehörte es sich sowieso, daß er oben saß, denn das Wetter
+war schön, und dann muß ein Laubfrosch oben sitzen und nicht unten im
+Wasser. Jen galt nun als Laubfrosch und sollte die Verpflichtung
+übernehmen, die man von solchem Tier erwartet.
+
+Trauriger kann das Leben nicht mehr werden, dachte er und wünschte
+sich, sterben zu dürfen. In diesem Aufzug konnte er sich ohnehin nicht
+mehr bei seinen Verwandten sehen lassen, und was würde Assap sagen?
+
+Als er sich nach einer Weile allein sah, stieg er gedankenvoll und
+betrübt die Leiter nieder, um sich im Wasser etwas abzukühlen, denn die
+Sonnenstrahlen fielen heiß in seinen Kerker, und die Farbe brannte auf
+der Haut. Aber kaum war er untergetaucht, als er gewahr wurde, daß das
+Wasser sich langsam grün zu färben begann, während sein Körper wieder
+die alten Farben annahm. Jen glaubte, alles umher sei verzaubert, und
+von Angst getrieben, kroch er rasch wieder die Leiter empor und sah
+erstaunt auf das grüne Wasser nieder. Der alte Burr aus dem heimatlichen
+Bach mußte doch im Recht gewesen sein, wenn er früher oft gesagt hatte:
+»Hütet euch vor dem Menschen, er ist ein großer Zauberer.«
+
+Das Schicksal des kleinen Jen geht nun unendlich traurig zu Ende, denn
+er ist von den Menschen vergessen worden und hat vor Hunger sterben
+müssen. Es kam daher, daß der Knabe, der ihn gefangen hatte, mit seinem
+Schwesterchen in die Ferien reiste, und da gab es so vielerlei zu sehen
+und zu erleben, daß beide nicht mehr an Jen dachten, der in seinem
+Glaskäfig auf der Fensterbank der Veranda stand. Sie hatten nicht einmal
+gewußt, wie er hieß.
+
+Jen starb, nachdem er drei Tage und drei Nächte vergeblich auf Hilfe
+gewartet hatte. Es war eine sehr schwere Zeit für Assaps kleinen Bruder,
+und es ist nur gut, daß man im Traulenbach nichts von seinem Geschick
+erfahren hat. Nun ist ein Jahr darüber vergangen. In seinen letzten
+Lebensstunden mußte Jen oft an das klare Wasser des Bachs seiner Heimat
+denken und an die wilden Rosen, die über der Flut hingen. Mit solchen
+Gedanken schlief er eines Abends vor Schwäche ein und erwachte nicht
+mehr. Es war am vierzehnten August.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel
+
+ Ukus Nacht mit dem Elfen
+
+
+In der Nacht, die den letzten Ereignissen auf der Waldwiese folgte, fand
+der Blumenelf auf seinem Mooslager keinen Schlaf; er sah hinaus in den
+Mondschein, der dicht vor dem Ausgang seiner kleinen Höhle glitzerte,
+und ihn verlangte danach, in die Freiheit hinauszukommen und in das Land
+zu schauen. So flog er empor bis auf einen Ast der Linde, und sein
+Leuchten begleitete ihn.
+
+Die Welt war verklärt vom Licht des Mondes, der voll und rund hoch am
+Himmel über dem schlafenden Erdreich stand, inmitten unzähliger Sterne.
+Da der dürre Ast des Baumes vorragte, saß der Elf in der kühlen, hellen
+Luft zwischen Himmel und Erde, allein, wie er war, unter den vielen
+schlafenden Geschöpfen, unter denen er verweilen mußte, bis eine große
+Liebe ihn zu seiner himmlischen Freiheit erlöste.
+
+Sein Goldhaar blinkte im Mond, wie einst, als er die Lilie verließ, um
+das Glück eines irdischen Wesens zu werden. Er dachte an die kleine
+Biene Maja, mit der er zu den Menschen geflogen war, und die nun in
+hohem Ansehen bei den Ihren daheim in der Bienenstadt des Schloßparks
+weilte. Und die himmlische Ungeduld, der irdische Teil aller Wesen, die
+das Gute von ganzem Herzen wollen, strahlte aus seinen Augen in ihrer
+Traurigkeit.
+
+Gibt es auf der Erde diese große Liebe, die mich erlösen soll? dachte
+er. Ich will nicht in Bangen leben, die Nacht ist wundervoll. Mir wird
+geschehen, wie es im ewigen Rat bestimmt ist.
+
+Er erschrak ein wenig, als ihn plötzlich jemand sanft, aber recht
+vernehmbar, von der Seite anstieß. Es war Uku, die Nachteule, die groß
+und dunkel dicht neben ihm auf dem Lindenast saß und ihn mit ihrem
+Flügel angestoßen hatte.
+
+»Gute Mondfahrt«, sagte sie bedächtig, aber herzlich, auf ihre Art, und
+der Elf grüßte sie auf seine.
+
+»Du schläfst nicht?« fragte Uku, »dir ist wohl in der Kühle und im
+sanften Licht; ist es nicht so? Ich werde die Leute nie recht begreifen
+lernen, die das grelle Sonnenlicht diesem milden Himmelssegen
+vorziehen.«
+
+»Lebst du hier immer in der Linde?« fragte der Elf, der Uku
+wiedererkannte.
+
+Uku nickte. Ihr großes Gesicht mit den schwarzen runden Augen sah
+merkwürdig genug aus, der kleine gebogene Schnabel hockte darin wie eine
+Nase, und sie hatte eine seltsam melancholische Art, ihre Augenlider
+ganz langsam zu öffnen und zu schließen. Man unterschied in ihrem
+weichen Gefieder kaum eine Färbung, es schimmerte grau und leblos, wie
+die Schatten der Blätter am Stamm. Wäre die vertrauensvolle Art des
+Elfen nicht frei von Furcht gewesen, so hätte ihn sicher ein heimliches
+Grauen vor seiner lautlosen Nachbarin befallen.
+
+Uku schwieg lange und sah über die Felder auf das beschienene Land. Es
+lag ein feiner Nebelschleier über dem Korn, und von weit, weit her hörte
+man das Bellen eines Hundes.
+
+»Ein stilles Land«, sagte sie endlich und seufzte aus tiefster Brust
+auf.
+
+Der Elf wandte sich ihr zu und sah sie an.
+
+»Quält dich etwas?« fragte er.
+
+»Ich kenne dich schon lange,« entgegnete die Eule, ohne gleich auf seine
+Frage zu antworten, »ich habe dich unter Pflanzen und Tieren gesehen,
+mit Faltern, Rehen und dem kleinsten Gewürm, und habe mir viele Gedanken
+über dich gemacht. Ich bin ein alter Vogel, und du, der so vielerlei
+weiß, wirst auch wissen, daß ich es ernst nehme mit meinen Gedanken.
+Manche fragen mich um Rat, und ich gelte als weise. Ich kann, was ich
+sehe und erfahre, in meine Betrachtung der Welt einreihen, ich verstehe
+es auf meine Weise, aber dich verstehe ich nicht. Es ist meine Art
+nicht, viel zu sprechen, und auch du sprichst wenig. Dich liebt man,
+obgleich du schweigst, und ich schweige, obgleich ich weiß, daß ich
+deshalb nicht eben geliebt werde. Wenn ich es recht betrachte, so bin
+ich den Tieren des Waldes, den Geschöpfen des Tages verhaßt, du aber
+bist geliebt, wohin du kommst, und tust nichts, um es zu erreichen.
+Willst du nicht mit mir sprechen? Ich möchte verstehen lernen, was dich
+so lieblich macht, du mußt aus einer hellen Welt unvergänglicher Freude
+stammen.«
+
+[Illustration]
+
+Uku schwieg und sah nun mit weitgeöffneten Augen in die Weite. Es war
+so totenstill im Baum und umher im Umkreis, als seien die Zweige und
+Blätter nicht aus zartem, beweglichem Lebensstoff, sondern erstarrt.
+Nicht die Spitze eines Blättleins rührte sich. Und über der leblosen
+dunklen Welt mit ihren schlafenden Geschöpfen lag das weiße, tote
+Himmelslicht und die feuchte Kühle der Sommernacht.
+
+Der Elf hatte den Kopf geneigt. Nun warf er in holder Ruhlosigkeit sein
+schimmerndes Haar zurück und sah groß und gerade hinauf in den Mond.
+
+»Uku, wie redest du denn?« sagte er leise. »Wäre ich ein Wesen wie ihr,
+so würde ich leiden und mich freuen wie ihr, aber ich bin nur ein
+verflogener Elf. Hast du nie von den Elfen gehört, daß du nicht weißt,
+woher sie stammen und wohin sie gehen?«
+
+»Du liebst und leidest doch wie wir,« sagte Uku, »wenn du auch sagst,
+daß du es nicht tust. Ist nicht schon vieles in deinem Herzen anders
+geworden?«
+
+Der Elf sah erstaunt auf, wandte sich der Eule zu, und seine Augen
+leuchteten, als habe er ein Wort des Danks auf den Lippen, aber er sagte
+es nicht, sondern barg plötzlich sein helles Angesicht in den Händen und
+schluchzte.
+
+»Siehst du«, sagte die Eule, aber es klang unbeschreiblich liebevoll.
+Sie war in der Tat ein weiser und erfahrener Vogel. Und sie schwieg,
+denn sie wußte, daß Schweigen oft mehr Linderung bringt als die besten
+Worte.
+
+Nach einer Weile hob der Elf sein Haupt ruhig empor, man sah keine
+Spuren von Tränen mehr in seinen Augen, und der Klang seiner feinen
+Stimme war so klar, als würde eine hohe Saite mit einem silbernen Hammer
+angeschlagen. Doch hatte diese Stimme nichts Fremdes oder Besonderes,
+sie war den vertrauten Lauten der Natur verwandt, dem Lied des Windes,
+dem Gesang der Vögel oder dem Fall des Wassers. Uku war ganz betört von
+dieser Stimme, und ihr schien, als träumte sie, als der Elf sagte:
+
+»Wenn ich eure Freude und euer Leid teilen muß, so liegt es daran, daß
+ich mich verflogen habe. Meine Bestimmung war, ein irdisches Wesen zu
+seinem höchsten Glück zu führen und in die Helligkeit meiner Heimat
+zurückzukehren, nicht aber unter euch zu verweilen. Nun ich aber an die
+Erde gebunden bin, verwandelt ihr Wesen das meine langsam. So ist meine
+Seele nun geteilt, Uku; sie war berufen, eure Freude und eure Betrübnis
+zu verstehen, euer Verlangen und eure Schuld, sowie auch eure Schönheit
+und eure Armut. Nur für euch erwachte sie für kurze Zeit. Die Aufgabe
+meiner Seele war, alles zum Besten zu kehren, nach ihrer Kraft, und sie
+selber bedurfte der Erlösung nicht, denn sie selber war damals noch
+nicht an Vergängliches gebunden. So zog ich im silbernen Nachtfrieden
+durch das Tal der Welt, selig, da ich beseligen durfte, wunschlos und
+unaussprechlich frei. Aber nun ich durch meine Schuld an Vergängliches
+gebunden bin, Uku, bedarf auch ich der Erlösung, denn ich habe die
+irdische Sonne gesehen in ihrer Herrlichkeit, und wenn ein Elf sie
+gesehen hat, so ist er an ihr irdisches Reich gebunden.
+
+Verstehst du nun, warum mein Herz zerteilt sein muß? Bei meinem Wunsch,
+nichts zu tun, als andere zu beseligen, empfinde ich nun auch das
+Verlangen nach eigener Seligkeit, ich wollte Leiden lindern und sehe
+mich nun in eigenes Leid verstrickt, ich wollte durch Freude Erlösung
+bringen, und nun harre ich selbst der Erlösung vom irdischen Bann.
+Daraus entsteht meine Traurigkeit.«
+
+Uku hatte sich in die Dunkelheit abgewandt und schwieg. Es bewegte ihr
+Herz, was der Elf sagte. Nach einer Weile fragte sie:
+
+»So bist du nicht mehr glücklich, Elf?«
+
+»Doch,« antwortete der Elf, »ich bin es.«
+
+»Was macht dich glücklich?«
+
+»Daß ich lieben kann und Hoffnung im Herzen trage. Alles hat sich
+verändert, seit ich die irdische Sonne an jenem Morgen gesehen habe.«
+
+»Ja, ja,« meinte Uku, »es ist eine ganz neue Liebe in dir entstanden.«
+
+»Sie kann nicht beginnen oder aufhören«, sagte der Elf zuversichtlich.
+»Sie schlief in mir.«
+
+Wieder war es eine Weile still in der feierlichen Nacht zwischen diesen
+beiden Geschöpfen, der großen dunklen Eule, die wie eine unförmige Figur
+auf dem Ast hockte, und dem Elfen, der licht und zart wie ein kleiner
+Engel neben ihr saß.
+
+Bald darauf sagte Uku bedächtig und schloß für einen Augenblick ihre
+großen runden Augen, die, gerade wie beim Menschen, beide vorne
+nebeneinander unter der Stirn saßen:
+
+»Auf unser Volk ist im Lauf der Jahrhunderte viel Wissen überkommen und
+hat sich getreulich vererbt, und so habe ich wohl immer erfahren, Elf,
+daß diejenigen Wesen, die Liebe im Herzen tragen, auch am
+zuversichtlichsten auf eine Erlösung hoffen, aber glaube es mir, Uku,
+der alten Eule: Nur wer wahrhaft weise ist, kann glücklich sein!«
+
+»Nein,« sagte der Elf mit seiner kindlichen Stimme, »es ist umgekehrt,
+nur wer wahrhaft glücklich ist, kann weise sein.«
+
+Uku war wirklich außerordentlich erstaunt über diese Antwort des Elfen
+und mußte sich sehr lange besinnen, bis sie eine Entgegnung darauf
+machen konnte.
+
+»Daran muß ich nun Nacht für Nacht denken,« sagte sie endlich langsam,
+»ich bin eine alte Eule geworden und kann meine Ansichten nicht mehr
+ändern, aber soviel sehe ich aus allem, was du sagst und tust, du bist
+ein himmlisches Kind. Die Frage, die zwischen uns aufgekommen ist, ist
+so alt wie die Welt, um sie hat sich viel Streit der Gedanken auf Erden
+erhoben, und manche Stirn voll Hoheit und Kraft ist darüber ermüdet in
+die Nacht zurückgesunken. Denn die Wunden, welche die Gedanken schlagen,
+sind brennender und bitterer als die Verwundungen jedes anderen
+irdischen Kampfes. Aber davon sollst du nichts wissen, du Gesegneter in
+deiner Einfalt. Was unser letztes Ziel ist, ist dir von Anfang
+zugefallen. Dir und deinesgleichen, euch ist von den Heiligen der Welt
+das Reich versprochen.«
+
+Der Elf saß ruhig mit gefalteten Händen da und schaute ins Land, er
+wehrte der Eule nicht, noch gab er ihr recht, man hätte wirklich nicht
+mit Sicherheit sagen können, ob er ihr zugehört hatte. Er erhob
+plötzlich seine helle Stimme und sang in die Nacht hinaus:
+
+ Meine Heimat ist das Licht,
+ heller Himmel meine Freude!
+ Tod und Leben wechseln beide,
+ aber meine Seele nicht.
+
+ Trauer du, mein irdisch Los,
+ über deinen bittren Gaben
+ will ich meine Seele groß,
+ will sie stark und glänzend haben.
+
+Ein Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Blätter und mit feuchter
+Wiesenkühle und trug das Lied über das schlafende Land dem Morgen
+entgegen. Die Eule aber warf sich plötzlich in ihre weichen, lautlosen
+Flügel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon, über die
+Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rötlich färbte. Eine
+seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich eine tiefe
+Beseligung. Sie sah das Land, das sie überflog, die Äcker, die Wälder
+und Wiesen mit ihren Weiden und die Häuser der Menschen, die dunkel und
+lichtlos zwischen Bäumen lagen, in der verschleierten Ebene. Alles
+erschien feierlich und zu Großem bestimmt, wie auch uns Menschen
+bisweilen die Dinge erscheinen können, wenn Musik erklingt.
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel
+
+ Traule
+
+
+Ein warmer Frühlingsabend zog über die Waldwiese und ihre Leute, es war
+einer von jenen unbeschreiblich klaren Abenden, die die Herzen aller
+Wesen in einen Frieden versenken, wie niemand ihn nennen kann. Die Sonne
+ging langsam hinter einer schmalen Wolkenbank unter und umzog ihre
+Ränder mit einem strahlenden Feuerband, als flösse glühendes Gold in
+unversiegbaren Strömen um sie her, und in weiter Ferne funkelte ein
+leuchtendes Wolkengebirge, schneeweiß und blutigrot. Es ging eine solche
+Klarheit und Ruhe von diesem gewaltigen Bild am Himmel aus, daß niemand
+an nahe oder kleine Dinge zu denken vermochte, alle Gedanken wurden weit
+emporgehoben in diese Freiheit der Himmelsform, so daß sie über die
+ganze Erde Ruhe und Glück verbreitete.
+
+Ein Abglanz dieser Schönheit sank auch bis tief hinab in die
+heimlichsten Gründe der Waldwiese, er rieselte durch das Laub der alten
+Linde nieder, als würde das Abendgold von ihren höchsten Wipfeln vom
+Windhauch niedergeschüttet. Die Blumen konnten nicht schlafen vor Glück,
+immer noch kamen Käfer und Schmetterlinge zu ihnen, ruhlos vor
+Seligkeit, doch leise und beinahe geheimnisvoll, weil sie nicht stören
+wollten in dieser Andacht, in der mit dem kühlen Wind die Träume
+herangaukelten, um in die Seelen der lebendigen Wesen einzuziehen.
+
+Da breitete sich ein kaum vernehmbares Rauschen über die Wiese und ihre
+Bewohner aus, es kam von der Linde, durch die der Abendwind zog, und nun
+wußten alle, daß der alte Baum, noch vor der Ruhe der Nacht, seinen
+Schützlingen eine seiner Geschichten von den Menschen erzählen wollte,
+und die leise Bewegung aus den Zweigen der Linde teilte sich den Gräsern
+und Blumen und allen Tieren mit in einer fröhlichen Erwartung. Was
+konnte es Schöneres geben, als am Frühlingsabend seine Augen zu
+schließen und einer so liebevollen Stimme zu lauschen, die noch nicht
+schlafen wollte und doch die kühle Ruhe der Nacht nicht störte, die
+verstand, daß das Glück eines genossenen Tages sowohl den Schlaf
+fernhalten kann, wie auch ein großer Schmerz es vermag. Aber beide,
+Freude und Schmerz, haben in der Klarheit eines scheidenden Tages ein
+milderes Wesen, als ahnten sie, daß, wie nun Licht und Finsternis in der
+Natur, so auch Freude und Schmerz in den Herzen der irdischen Geschöpfe
+wechseln müssen.
+
+Aber als eben die Linde beginnen wollte, erhob sich im Busch über dem
+Bach noch einmal die Stimme des Rotkehlchens. Es erklang im goldenen
+Licht ein so lieblicher Jubel, daß man für einen Augenblick seine Augen
+schließen mußte, als gelte es, die Lichtquellen zu bewahren, die im
+Gemüt bei diesen Tönen aufbrachen. In der Dämmerung, unter den
+geschlossenen Lidern, war es, als hätten das Windesrauschen, der Klang
+des Bachs und das Lied des Vogels sich zu einer einzigen Harmonie
+vereint, die das Glück aller Wesen wie einen frohen Dank dem himmlischen
+Vater emportrug.
+
+Als das Rotkehlchen sein Lied beendet hatte, flog es empor in die Krone
+der Linde, die es in ihrem goldgrünen Glänzen empfing, und lauschte nun
+dem Rauschen des mächtigen Baumes, wie alle anderen Geschöpfe es taten.
+Nun werde ich erzählen, was sie vernommen haben.
+
+»Heute sollt ihr erfahren,« begann die Linde ihre Geschichte, »woher der
+Traulenbach, an dem wir alle wohnen, seinen Namen erhalten hat. Es sind
+nun wohl nach der Zeitrechnung der Menschen etwa dreihundert Jahre her,
+da trug sie sich zu. In diesem Zeitraum sind ungezählte Menschen geboren
+worden und gestorben, aber wenn sie sich auch oft recht verschiedenartig
+gebärdeten, anders sprachen oder dachten und ihre Gewohnheiten änderten,
+so sind sie doch immer dieselben geblieben, und dies ist wahr für die
+ganze Zeit meines langen Lebens. Im tiefsten Grund bewegen ihr Gemüt
+doch nur zwei große Fragen, um sie dreht sich ihr irdisches Geschick,
+wie auch das unsere, es sind die Fragen danach, was das Herz froh macht,
+oder was es betrübt. Alle anderen Fragen verlieren bald an Wert, alles
+andere vergeht rasch auf der Erde.
+
+Und so sind sich durch alle Zeiten auch zwei Dinge an den Menschen
+immer gleich geblieben, das sind die Zeichen für die Freude und für den
+Schmerz, ihr Lachen und ihr Weinen. Nicht viele von euch sind alt genug
+geworden, und längst nicht alle werden alt genug werden, um jemals eines
+von den beiden zu erleben, aber glaubt mir, es gibt nichts, was tiefer
+erschüttert und inbrünstiger bewegt, als das Lachen oder das Weinen der
+Menschen. Beide müssen so unvermittelt aus den Gründen ihres Herzens
+brechen, wie das Licht aus den Feuerschlünden der Sonne, oder wie ein
+Quell aus den Tiefen eines Felsens. Niemals, solange ich Menschen
+gesehen habe, sind ihr Weinen oder ihr Lachen anders geworden, und so
+kann auch ihr Herz sich nicht verändert haben. Immer noch bricht es
+ihnen aus den Augen, wenn sie Schmerzen erleiden, in den gleichen klaren
+Tropfen wie am Anfang, sie sind nicht kleiner und nicht größer geworden,
+sie rinnen über ihre Wangen zur Erde nieder, wie helles Blut, eine nach
+der andern, unbeschreiblich geheimnisvoll, als ob der Glanz der Augen
+und das Licht darin nicht mehr zum Himmel emporstrebten, sondern zur
+dunklen geduldigen Erde heimverlangten. Wer einen Menschen weinen sieht,
+wird andächtig, alle guten Seiten seines Wesens regen sich und trachten
+danach, etwas zu tun, damit die Tränen des anderen aufhören zu rinnen.
+
+Aber glaubt nicht, daß das Lachen der Menschen von geringerer Macht
+sei. Ein heiteres Lachen, das aus tiefster Brust emporquillt, ist dem
+Sonnenschein über grünendem Land oder einem Springquell zu vergleichen,
+der aufleuchtend und wie berauscht von seiner Frische, ins strahlende
+Himmelsblau emporbraust, um beseligt von der reinen Höhe, die seine
+Kraft erreicht hat, wieder niederzubrechen. Glockenklingen, hell wie ein
+Meer von Blüten, und das farbige Blitzen der zerbrechenden
+Sonnenstrahlen läuten und funkeln darin, aber zu tiefst im Lachen der
+Menschen erschallt es fein und verborgen von einem heimatlichen
+Bewußtsein des Glücks, als wären sie in solchen Augenblicken am Herzen
+der Erde geborgen.
+
+Sagte ich euch nicht schon, weil beides sich in aller irdischen Zeit
+nicht verändert hat, daß auch das menschliche Herz im Grunde keinem
+Wandel unterstellt sein kann? So treffen alle wahren Geschichten über
+die Schicksale der längst dahingesunkenen Menschen auch auf die heutigen
+noch zu und um so eher, je schöner sie sind. Denn alles Schöne ist so
+eng mit dem Wahren verbunden, wie das Unwahre mit dem Häßlichen, daran
+kann niemand etwas ändern, denn es ist so in Gottes Rat bestimmt.
+
+Traule war die Tochter eines Jägers, der sein Haus nicht weit von
+unserer Wiese entfernt stehen hatte, dort wo jetzt das Erlendickicht und
+die alten Fichten wachsen. Ihr könnt nicht bis dort hinüberschauen, die
+ihr Blumen oder Sträucher seid, aber ihr wißt durch die Bienen und
+Schmetterlinge von dem Ort, oder durch die Vögel. Das Haus ist längst
+verfallen, und seine Mauerreste sind überwachsen, der Ort ist euch und
+euren Völkern zurückgegeben, ich glaube auch nicht, daß es noch Menschen
+im Lande gibt, die von dem Hause wissen. Die Tannen hat der Jäger um die
+Zeit gepflanzt, in welcher Traule geboren wurde; auch sie kennen die
+Geschichte des Mädchens, aber nicht so gut wie ich, denn wenn Traule
+besonders froh oder traurig war, kam sie auf einem Waldpfad, den nur sie
+kannte, zu mir, um auf dem Moos unter meinen Zweigen am Bach zu weilen.
+Wir kannten uns gut und liebten uns sehr. Einmal, in der Zeit, nachdem
+ihre Mutter gestorben war, kam sie zu mir, legte ihre Arme um meinen
+Stamm und sagte zu mir: 'Bei dir ist mir ums Herz, wie mir bei meiner
+Mutter war, du nimmst mich an, wie ich bin, du spendest deine Wohltaten,
+ohne nach meinem Wert zu fragen, und die Ruhe, die dein Wesen atmet,
+ist, ohne meine Bitte, immer vorhanden.'
+
+Die Menschen fühlen, daß wir geduldiger als sie sind, und darum tröstet
+unser Wesen sie, das nicht, wie das ihre, leicht in Hoffnung oder Angst
+in die Irre geht. Traule war wunderschön zu schauen, wie überhaupt die
+Menschen das Schönste und Erhabenste sind, was die Natur hervorgebracht
+hat. Ihr Gang ist aufrecht, und ihre Stirn taucht in das himmlische
+Licht empor, das ihre tiefen Augen widerstrahlen können, als lebte der
+Glanz der Höhen in ihrer Brust. Ihnen ist Macht über alle Wesen der Erde
+gegeben, ihr Bild ist in Gestalt und Anmut dem Schöpfer alles Lebendigen
+ähnlich, und ihre Seele ist unsterblich wie das Licht der Welt. Nichts
+gibt es, was den Menschen gleichkommt! In den Zügen ihrer Angesichter
+spiegeln die Lust und der Gram alles Irdischen wider, wie meine Blätter
+es im Wasser tun, so beweglich und geheimnisvoll, ihnen ist der Hort der
+unvergänglichen Liebe anvertraut, und Gottes Sohn ist um ihretwillen
+gestorben. Wohl haben viele Menschen vergessen, wieviel sie wert sind,
+aber Gott vergißt es nicht.
+
+Kurze Zeit, nachdem Traules Mutter gestorben war, kam eines Tages zu
+Pferd der junge Herr vom Schloß durch den Wald geritten in einem
+Reiterkleid aus Samt, einer weißen Feder auf dem breitkrempigen Hut und
+einem Degen an der Seite. Es war ein herrlicher Anblick, ihn so auf
+seinem weißen Pferd durch den Frühlingswald reiten zu sehen, im Grünen,
+unter dem Jubel der Vögel dahin, unter dem schimmernden Himmelsblau.
+Traule hatte am Bach in meinem Schatten geschlafen, nachdem sie zuvor im
+klaren Wasser gebadet hatte, und sie erwachte vom Klirren der Zügel, die
+mit Silber verziert waren, und vom Schnauben des Pferdes.
+
+Aber nicht weniger erstaunt als sie war der Grafensohn, denn er sah
+Traule vor sich im Moos, das Angesicht mit dem goldenen Haar in heißem
+Schreck erhoben und eine Flut von Morgenlicht und Vogeltrillern um die
+Schläfen. Es strahlte ihm aus den blauen Augen des Mädchens entgegen,
+als hätten aller Frohsinn des Frühlings und alle Schwermut der
+Waldeinsamkeit sich darin in einem blauen Glühen vereint. Sein Entzücken
+über Traules Anblick war so groß, daß er die Hände emporhob, als wollte
+er ihr aus seinen Armen den Jubel seines Herzens darreichen.
+
+Beide waren eine Weile still, und man hörte das Wasser des Bachs, so
+leise es floß, und die Blumen neigten sich an ihren Stielen im Wind, als
+ahnten sie, daß ein Menschengeschick auf den Lichtwegen der entzückten
+Augen seinen Einzug in die warme Brust, tief in die Kammern des Herzens
+hielt.
+
+Und so ist es gewesen. Ich habe niemals etwas Lieblicheres gesehen, nie
+etwas Schöneres als Traules Freundschaft mit dem jungen Herrn, der
+vornehm und mächtig war, und dem alles Land umher einmal gehören sollte.
+Er kam nun täglich zu Pferd durch den Wald, bald im Morgenwind, bald im
+Dämmerlicht der blauen Abendstunden, mit Lachen und Rosen und so viel
+Zärtlichkeit, wie selbst der Sonnenschein oder die Mailuft sie nicht
+gewähren. Glaubt mir, ihr alle, das ist das lieblichste Wunder der Welt,
+wenn ein von Glück überwältigtes Menschenkind, von seiner Liebe glühend,
+nicht weiß, wie es seine Seligkeit bergen oder zeigen soll. In solchen
+Stunden sehen die Augen der Menschen den Himmel geöffnet bis an den
+Thron der Herrlichkeit. Wer nur eine solche Stunde in seinem Dasein
+durchlebt hat, den kann keine Gewalt im Himmel und auf Erden mehr von
+seiner zukünftigen Heimat trennen.
+
+[Illustration]
+
+Der Jüngling lag in Traules Arm und lachte oder schlief, oder sie sahen
+miteinander dem Spiel des Lichts auf dem dahinziehenden Wasser zu, oder
+der Wanderschaft der Wolken im Blau. Das Mädchen flocht Kränze aus
+Anemonen und legte sie bald um sein Haar, bald um das ihre; aber der
+Ausdruck ihres Gesichts war am geheimnisvollsten, wenn sie die Züge des
+Mannes, den sie liebte, betrachtete, wenn er schlief. Dann habe ich
+wahrgenommen, daß das Übermaß der Freude den Angesichtern der Menschen
+einen Zug von Schmerz aufprägen kann, als bestände ihr ganzes Wesen aus
+Heimweh.
+
+Die Schwermut und der Frohsinn wechselten einander ab in den freien
+Stunden der beiden jungen Menschen im Wald. Sie hielten einander oft
+umschlungen wie Kinder und spiegelten sich lachend im Bach, und ihre mit
+Blumen geschmückten Stirnen blinkten aus dem Wasser zurück. Aber ihr
+Glück verwandelte sich oft jählings, und ohne daß ein Anlaß erkenntlich
+war, in Schwermut. Dann lag Traules Kopf weit zurückgelehnt an der
+Schulter ihres Freundes, sie faltete die Hände in ihrem Schoß, und die
+Augen suchten eindringlich und heiß in der Ferne. Es war seltsam genug,
+ihre Blicke blieben im strahlenden Grün der Waldbüsche hängen, ganz nah,
+und doch tauchten sie in unabsehbarer Ferne unter. Diese Ferne muß in
+den Augen der Menschen beschlossen liegen. Menschliche Augen sind ein
+Wunder der Schöpfung, in einem kleinen, kleinen Kreis leuchtet die Weite
+der Welt.
+
+Wir alle, die wir Pflanzen sind, ihr Blumen in meinem Schatten, Kräuter
+und Gras, wir wissen es, und es ist das Gesetz und der Glaube unseres
+Lebens, daß die Geduld unsere teuerste Pflicht ist. Ihr danken wir
+Gedeihen und Erblühen, Wachstum und Samen. Wir können den Ort unserer
+Entstehung unser Leben lang nicht wechseln, uns kommt aller Segen aus
+unserer Geduld, in welcher wir Sonnenschein und Regen erwarten und auf
+uns niedersinken lassen, in der wir dem feuchten Erdboden vertrauen und
+dem unsichtbaren Wind. Auch den Menschen gilt Geduld als Tugend. Aber es
+gibt etwas in der Welt, das höher als Geduld ist, das ist die himmlische
+Ungeduld. Uns ist sie fremd, wir ahnen sie in unseren Träumen, aber sie
+erhebt oder quält uns nicht, wie sie es den Menschen tut. Mit allem
+Großen, was ihnen widerfährt, kommt diese himmlische Ungeduld über sie,
+am stärksten mit der Liebe. Alles Große, was in der Welt an Taten
+vollbracht worden ist, hat seinen Ursprung in jener himmlischen
+Ungeduld. Der Tag wird kommen, an dem ich euch von ihr noch viel
+erzählen werde. In solchen Augenblicken, wie ich sie euch von Traules
+Schwermut genannt habe, brach auch aus ihren Augen die himmlische
+Ungeduld hervor, und sie weinte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin, und
+ihr Freund verstand ihre Tränen und wehrte ihnen nicht.
+
+'Höre, Traule,' sagte er liebreich zu ihr und sah das Mädchen nicht an,
+sondern hinaus in die schimmernde Waldweite, 'die Freude und der Schmerz
+entspringen in unserer Brust der gleichen Quelle, und wenn die Gründe
+der Tiefen erschlossen worden sind, so strömen die Bäche des Leids wie
+die der Freude ohne unseren Willen oft gleicherweise hervor. Aber wie
+tausendmal schöner ist es so, als wenn das Leben an den Türen des
+Herzens vorübergeht, ohne sie erschlossen zu haben. Ach, Traule, ich
+liebe mein Leben sehr, seit ich dich liebhabe, ich habe alles Vergangene
+vergessen, und mit dir ist jede Zukunft leicht zu ertragen.'
+
+'Ich bleibe immer bei dir,' antwortete Traule, 'bis an mein Todesende.'
+
+Da geschah eines Abends das Schreckliche, das den ganzen Wald mit
+Entsetzen und Trauer füllte, es trug sich auf unserer Wiese zu, dort wo
+ihr nun blüht, nah am Ufer. Der junge Herr war früher als gewöhnlich
+gekommen, sein Pferd graste weiter unten am Bach, hinter Büschen; es
+wollte ein Ungewitter heraufziehen, am Himmel stand eine Wolkenwand und
+schob sich langsam über das Land empor, von der Abendsonne beschienen.
+Die Vögel sangen noch, aber der Sommer war schon nah.
+
+Da Traule noch nicht kam, warf der Grafensohn sich ins Gras nieder,
+trank aus der hohlen Hand Wasser und blieb endlich still auf dem Boden
+liegen, die großen Augen weit und glücklich gegen das Himmelslicht
+geöffnet. Sein helles Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbächen
+ins Rasengrün, und in einem seligen Traum seiner Erwartung, fern allem
+Bösen der Welt, lauschte er auf Traules Tritt im Laub.
+
+Aber plötzlich schreckte ein anderes Geräusch ihn empor, ein Rascheln
+und Zweigeknacken im Gebüsch erscholl und ein zorniges Brummen mischte
+sich hinein. Es war, als wäre plötzlich ein Sturm des Bösen im
+friedlichen Gehölz ausgebrochen, und es nahte rasch heran, mit schwerem
+Tappen. Als der Jüngling erschrocken emporsprang und nach seinem Degen
+griff, den er neben sich ins Gras geworfen hatte, teilten sich schon vor
+ihm die Zweige über dem Boden und spien den dunklen Koloß eines
+gewaltigen Bären aus, der sich auf seine Hinterbeine aufrichtete und mit
+lautem Gebrüll auf den zu Tode erschrockenen Menschen zustürmte.
+
+Aus dem weitgeöffneten Rachen des Raubtiers blitzten die Zähne, und sein
+dampfender Odem quoll mit dem Brüllen hervor, wie Rauch eine heulende
+Flamme begleitet. Er hielt seine Vorderbeine mit den mächtigen Pranken
+zu einer schrecklichen Umarmung weit geöffnet, es war ein altes,
+verbittertes Tier, das durch irgendein Ereignis in Zorn geraten sein
+mußte und nun den unschuldigen Menschen zum Ziel seines Grimms machte.
+
+Was half dem Bedrohten sein zierlicher Degen und sein mutiges Herz. Er
+war aufgesprungen, hatte seine Waffe ergriffen und erwartete nun,
+totenbleich, aber gefaßt und standhaft, den Ansturm des wilden Tiers. Er
+zielte mit der Spitze des Degens mitten in den blutigroten,
+weitgeöffneten Rachen und stieß, als das Ungeheuer ihn nahezu erreicht
+hatte, mit edlem Geschick und der ganzen Kraft seines Armes zu, aber ein
+unvermuteter, rascher und wilder Tatzenhieb traf die Waffe, bevor die
+feine Spitze einzudringen vermochte, und warf sie so mühelos zur Seite,
+als wäre sie ein ungefährliches Spielzeug.
+
+Ich will euch den kurzen furchtbaren Kampf nicht schildern, der nun
+folgte, und in welchem der junge Mann der Kraft des Raubtiers erlag.
+Wohl eine Stunde später kam Traule singend den gewohnten Waldpfad
+entlang, ahnungslos; die Vögel sangen auch in der Abendsonne, die ihr
+rotes Licht so friedlich auf die Stämme der Waldbäume legte, als gäbe es
+kein Ungemach, kein Todesringen in der Welt.
+
+Traule fand den Freund ihres Lebens tot am Bach. Sein Lockenhaar
+ringelte sich wie in kleinen Goldbächen in das zerstampfte Rasengrün, er
+lag mit weit ausgebreiteten Armen, die Augen geöffnet, als lauschte er
+immer noch, wie zuvor, auf Traules Tritt im Laub. Denn der Bär hatte von
+ihm abgelassen, nachdem er ihn in seiner mächtigen Umarmung erdrückt
+hatte, sein Grimm schien verrauscht, als sein Opfer sich nicht mehr zur
+Wehr setzte und ins Gras sank. Er war brummend und fast wie beschämt ins
+Dickicht getrottet, vielleicht ahnte er in seinem Sinn die wilde
+Treibjagd, die bald darauf vom Schlosse aus beginnen sollte, um den Tod
+des jungen Herrn an ihm zu rächen.
+
+Jedoch in der Brust des Jünglings, nahe dem Herzen, hatte ein Tatzenhieb
+des Bären das Blut zum Fließen gebracht, und es rann immer noch in
+einem feinen roten Bächlein aus der zerstörten Brust in die Blumen, als
+Traule kam. Die Abendsonne war nun im Haiderot versunken, hinter den
+Kornfeldern, und der Wald wurde dunkel. Traules schwere Nacht begann.
+Ich habe alle Stunden hindurch gewacht, ich sah den Mond kommen und
+sinken, und der Gang der Sterne segnete uns, aber ich habe nicht einen
+Klagelaut unter meinen Zweigen vernommen, kein Geschrei und kein
+Seufzen. Es war so still über den großen Schmerzen am Grund, daß mich
+Ehrfurcht befiel vor ihrer Allmacht. Einmal war mir, als sähe ich ein
+Leuchten, ich weiß es nicht, ich klagte im Nachtwind um Traule, denn
+ihrem Geliebten war wohl, er schlief den Schlaf der Erlösten, aber sie
+mußte leben. Die Pflanzen und Tiere klagten um das verlorene Liebesglück
+der Menschen, und es ging eine Angst durch diese bange Nacht über die
+dunkle Erde, die ihren Mund aufgetan hatte, um das Blut des Menschen zu
+trinken.
+
+Traule lag über dem Toten, so erstarrt vom Gram ihrer Seele, als sei
+auch sie gestorben, sie bedeckte den Körper, den sie liebte, mit dem
+ihren, und ihre kleinen braunen Waldhände hielten zur Rechten und Linken
+sein Gesicht.
+
+Mit dem Morgenwind hallte der stürmische Ruf einer Trompete durch die
+Dämmerung. Eine zweite fiel aus anderer Ferne ein, und ihr wildes,
+angstvolles Mahnen weckte den Wald. Sie suchten den Grafensohn. Sein
+Pferd war nachts ohne den Reiter in den Schloßhof getrabt, da erkannten
+sie, daß ein Unglück geschehen sein mußte. Bald mischte sich das Bellen
+von Hunden in den Hörnerklang, und da wußte ich, daß sie den Toten
+finden würden, denn ein Hund ruht nicht, bis er die Spur seines Herrn
+aufgenommen hat, und findet ihn immer.
+
+Ich rauschte im Frühwind und warf meinen Tau auf Traule, denn mir war,
+als dürften die rauhen Männer sie nicht in ihrem Schmerz finden. Und das
+Mädchen, das mich liebhatte, verstand die Warnung meiner Stimme und
+erhob sich langsam und lauschte in die feuchte Dämmerung hinaus. Wie
+erschrak ich da über ihr Angesicht! Es war blaß wie das des Toten, und
+der Geist einer Trauer ohne Ende brannte wie ein heiliges Feuer in ihren
+großen Augen, die noch keine Tränen gekühlt hatten. Aber sie war eigen
+gefaßt, beinahe still, drückte die Augen des Toten zu und küßte ihn zum
+Abschied auf den Mund. Dann lauschte sie noch einmal hinaus, ob die
+Menschen kamen, und wandte sich ab, um vor ihnen in den Wald zu
+flüchten. Es war ein seltsames Mädchen, Traule, nach der unser Bach
+genannt worden ist, sie war anders als alle Mädchen, die ich
+kennengelernt habe, aber an sie muß ich am meisten denken.
+
+Bald darauf kamen die Reiter und Fußleute mit Hunden und Waffen durch
+das Dickicht und fanden ihren toten Herrn am Bach. Zuerst vernahm ich
+die klagende Stimme eines heulenden Hundes, dann mischte sich ein
+gellender Notschrei des Schreckens hinein, und bald war der morgendlich
+stille Wald von Jammer- und Zornrufen der Menschen erfüllt.
+
+Als es still geworden war, und die Vögel wieder ihre Lieder anstimmten,
+machten die Männer aus Ästen, die sie aus meiner Krone brachen, eine
+Tragbahre, legten den Leichnam auf die Blätter und trugen ihn davon, in
+einem dunklen Trauerzug, in dem sie gebeugt und weinend dahinschritten.
+Aus der Ferne hörte ich noch einmal die Stimme der Trompete über die
+Felder hin durch das Tal erklingen. Ihr Goldklang wiegte sich dahin in
+unbeschreiblicher Traurigkeit, ich dachte an den Sturm im Herbst und
+erzitterte. Nun hatten sie auf dem Schloß die Kunde vernommen, daß der
+junge Herr hatte sterben müssen.
+
+Ich dachte an Traule, das Kind, und wußte, daß sie wieder an die Stätte
+zurückkehren würde, an welcher ihr Freund den Tod erlitten hatte. Tag
+für Tag kam sie um die Stunde der Dämmerung zu mir, lehnte sich an
+meinen Stamm und weinte. Sie sagte mir alles, was ihr Herz wund machte,
+denn sie verstand meine Antworten nicht, sondern nur meinen Willen,
+alles zu heilen, den die Natur an uns bewährt, und unter dem ich von
+Jugend an gewachsen war und geblüht hatte. Meine Blüten waren nun
+aufgebrochen, und die Völker der Bienen brausten in der warmen Sonne um
+meine Krone.
+
+Traule lag nachts unter meinen Zweigen auf der kleinen Wiese, am Boden,
+allein. Was hätte ich nicht getan, um ihr Leid zu lindern, aber ich
+konnte es nicht, obgleich ich fühlte, daß das Mädchen nur bei mir sein
+wollte. Ihr Angesicht war schmal geworden, und ihre großen Augen
+leuchteten zu viel, in unirdischem Schein, mir war angst und weh um
+Traule. Einmal hörte ich sie leise des Nachts singen, Sterne schienen,
+und der Bach zog im weißlichen Dämmerlicht dahin, kühl in seiner
+gelinden Eile. Traule aber sang:
+
+ Nimm mir nicht den Schmerz,
+ den laß mich haben.
+ Gib meinem Herzen mehr
+ deiner himmlischen Gaben.
+
+Immer wieder hält es mich davon ab, in der Erzählung von Traules
+Geschick fortzufahren, weil ich euch vom Menschen selbst so vielerlei
+sagen möchte, denn ihr kennt ihn noch nicht, ihr Lieben, meine Blumen.
+Ich fragte mich oft, kann so das Herz des Menschen beschaffen sein, daß
+es seine Schmerzen haben will und nichts sonst, daß sie ein Eigentum
+werden können, dem kein Besitz auf Erden an Wert zu vergleichen ist, und
+daß das Gebet eines Menschen zu Gott so lauten kann wie Traules Lied?
+Ich weiß es nicht, aber ich habe es erfahren und sage es euch, mögt ihr
+es lieben und glauben, nach eurem Wert.
+
+Wer lange gelebt hat, lernt auch den Tod besser erkennen als die,
+welche ihn früh erleiden, und so ahnte ich sein Nahen, wenn ich Traules
+Züge sah. Ich kann sie euch nicht beschreiben, es lag um ihre Wangen und
+Stirn der Glanz der himmlischen Ungeduld, von der ich euch erzählt habe,
+ihr blasses Leuchten ist schöner als alle Tugend, es sinkt aus der Höhe
+und lockt den Gang nieder in das Tal der Welt.
+
+So kam es, daß eines Nachts, zur Zeit, als schon die letzten
+Sommerblumen verwelkt waren, ein Engel vom Himmel niederstieg und vor
+Traule hintrat. Das Mädchen erschrak nicht, sondern lächelte ihm auf
+ihre Art entgegen, die ich innig liebte und nie vergesse. Der Engel
+sagte zu ihr:
+
+'Ich bin vom Himmel gekommen, um dir deine Schmerzen zu nehmen, du
+sollst von ihnen erlöst sein, denn du hast sie ohne Bitterkeit, wie ein
+heiliges Gut, getragen.'
+
+Da sah Traule den hellen Engel an, schüttelte den blassen Kopf mit den
+feuchten Haaren, die der Tau der Nacht benetzt hatte, und indem ein
+Beben durch ihr gebrechliches Körperchen ging, sagte sie zu ihm:
+
+ Nimm mir nicht den Schmerz,
+ den laß mich haben.
+ Gib meinem Herzen mehr
+ deiner himmlischen Gaben.
+
+Da erschien es mir, als ob der Engel erschrak, aber seine Verwunderung
+war von Freude verklärt, als sei ihm ein großes Wunder widerfahren, da
+er in Traules Herz Gottes unvergängliche Liebe wiederfand, als hätten
+niemals die Finsternis des Bösen, oder die Armut sie geschmälert, und er
+verwandelte die Schmerzen Traules in zwei große Flügel, die bis auf den
+Erdboden niedersanken und ihr Haupt überragten. Von ihrem Glänzen wurde
+der Wald umher hell, es brach bis hoch empor in die Blätter meiner
+Krone. Der Engel und Traule flogen miteinander empor in den Morgenwind
+und verschwanden im Hellen unter den letzten Sternen.
+
+Schlaft ihr schon, ihr Blumen, meine Lieben? Dies ist Traules
+Geschichte, bewahrt sie eurem Gemüt, und Traules Herzensgut sei auch
+euer Frieden.«
+
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+ Dreizehntes Kapitel
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+ Der Maikäfer
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+Der Elf flog auf den grünen Wipfel der Linde, der sich im warmen Wind
+des schönen Tages sanft schaukelte, und seine Augen durchschweiften das
+weite Land bis an die Hügel hinüber, die den Horizont säumten. Unter ihm
+sangen die Vögel, und die Krone der Linde erbrauste von den Völkern der
+Bienen, ein erklingender grüner Lebensdom, in warmer Freiheit.
+
+Er schloß seine Augen, von Sommerseligkeit überwunden, und breitete im
+Wiegen seine Arme aus, als ließe die schimmernde Welt sich umarmen. »Was
+soll ich tun,« flüsterte er, »was soll ich tun? Ach, ich bin sicher des
+Glücks nicht wert, das mir geschieht, in meiner Seele ist nicht Raum für
+die Fülle der Wohltaten, die mir zufallen.«
+
+Ach, das Lächeln des Elfen möchte ich schildern können! Es war kaum zu
+sehen, ihr Lieben, wie sollen die freie Kinderherrlichkeit der Freude
+und die heimatlose Wehmut irdischen Geschicks in ein armes Wort gebracht
+werden? Wenn man sein helles Angesicht in diesem Leuchten sah, so mußte
+man unbedingt glauben, daß Gott es mit seinen Geschöpfen unendlich gut
+meint; es ging nicht anders.
+
+Als das himmlische Kind nach einer Weile seine Augen aufs neue
+aufschlug, da war ihm, als sei die Erde mit ihren fernen Hügeln in der
+Runde ein grüner Kelch und der strahlende Himmel eine große, blaue
+Blume. Dieses Bild voll Glanz und Stille verwandelte sein Herz auf
+wunderbare Art, und ihm war zumut, als wäre er einst in seiner tiefsten
+Jugend so hell gebettet und so wohl geborgen gewesen wie nun. Es ist das
+Glück, das Glück, dachte er erzitternd, überall schafft es die Heimat.
+Und er erhob seine Stimme, in der strahlenden Erdenblume seines Traums,
+wandte sich an die himmlische Sonne und sang:
+
+ Schließ mich wieder ein in deine Freude,
+ deine Anmut, deinen hellen Sinn,
+ daß ich mich in deinem Glück bescheide
+ und empfinde, daß ich glücklich bin;
+
+ Daß ich selig deine Kräfte schaue
+ und des Herzens Trauer, wie ein Lied,
+ deiner Stille, deinem Licht vertraue,
+ deinen Glanz im fröhlichen Gemüt.
+
+ Keine Liebe hat mich überwunden,
+ so wie deine es am Morgen tut.
+ Sieh mich offen und zu dir gefunden,
+ und mach' meine Seele hell und gut.
+
+Kaum war das Lied im grünen Glänzen verklungen, da rief jemand dicht
+neben dem Elfen. »Ausgezeichnet, famos! Sie haben eine Stimme, die sich
+hören lassen kann, mein Lieber! Sind Sie ein Engel?«
+
+Der Elf mußte lachen, er konnte nicht anders. Dicht neben ihm saß auf
+einem Blatt ein Maikäfer und sah ihn mit großen Augen vergnügt an. Aber
+als er nun den Elfen lachen hörte, klappte er die Fächer seiner braunen
+Fühler zusammen und runzelte die Stirn.
+
+»Warum lachen Sie?« fragte er ernst.
+
+Der Elf grüßte ihn freundlich. »Ich war sehr überrascht,« sagte er,
+»deine Frage klang so ganz anders als mein Lied. Entschuldige nur, ich
+meinte es nicht böse.«
+
+»Erwarten Sie, daß ich meine Frage singe, statt sie zu sprechen?« fragte
+der Käfer. »Aber wahrscheinlich haben Sie gelacht, weil ich immer noch
+da bin.«
+
+»Du bist ja eben erst gekommen.«
+
+»Nein, ich meine überhaupt. Blühen nicht schon die Linden? Um diese Zeit
+ist ein anständiger Maikäfer längst in der Erde, legt Eier oder ruht
+sich aus, je nachdem. Aber ich habe meinen guten Grund, noch zu zögern.
+Wollen Sie wissen, warum ich trotz der Hitze noch da bin?«
+
+»O doch,« sagte der Elf, »das ist sicher interessant zu erfahren.«
+
+»Gewiß, also hören Sie: Man hat mir dort unten auf der Waldwiese
+gesagt, es hielte sich hier in der Gegend ein Blumenelf auf, und ich
+möchte ihn kennenlernen. Erstens kommt unsereins nur alle vier Jahre auf
+die Erdoberfläche, und wie lange ein Elf braucht, ehe er wiederkommt,
+ist unbekannt. Eine solche Gelegenheit läßt man sich nicht entgehen,
+verstehen Sie?«
+
+»Doch, doch«, sagte der Elf und lächelte. »Was versprichst du dir denn
+von dieser Bekanntschaft?«
+
+»Das fragt sich noch,« meinte der Maikäfer, »ich muß erst sehen. Von den
+Elfen wird so viel erzählt, daß man kaum recht weiß, wo einem der Kopf
+steht. Ich bin für gesicherte Anschauungen und möchte Klarheit haben.
+Das wunderbarste an diesen Geschöpfen ist, daß sie sich mit aller
+Kreatur unterhalten können, mit Blumen, Insekten, vierfüßigen Tieren und
+sogar mit dem Menschen. Sie wissen doch, daß wir Maikäfer mit dem
+Menschen viel verkehren?«
+
+»Ich kann es mir denken«, meinte der Elf.
+
+»Nun, Sie als Engel müssen es sich ja denken können.«
+
+»Ich bin kein Engel«, sagte der Elf.
+
+»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Ich war übrigens anfangs sehr
+erstaunt, als ich Sie sah, und habe mich lange gewundert; Sie sind ja
+geradezu lieblich! Aber Sie machen sich keine Vorstellung davon, an was
+alles ein Maikäfer sich gewöhnt. Haben Sie eine Ahnung. Man muß den
+Menschen kennen, um zu wissen, was möglich ist. Himmel und Wolkenbruch,
+unsereins hat unter Umständen etwas auszustehen! Es ist in der
+Hauptsache eine Folge unserer Beliebtheit.«
+
+Der Elf mußte wieder lachen. Was gibt es für Gesellen, dachte er, und
+sein Herz war froh. Er war freundlich gegen den Käfer und hörte ihn an.
+Vielleicht kann ich etwas für ihn tun, dachte er, das wäre mir heute
+morgen besonders recht, wo doch alles umher in fröhlicher Fülle steht.
+
+»Ja, der Mensch«, seufzte der Maikäfer, »fängt einen aus der Luft, mit
+der Hand, glauben Sie das?«
+
+Der Elf nickte und verbarg sein Lachen.
+
+»Man kann nachher sehen, wie man seine Flügel wieder in Ordnung bekommt,
+die vier. Ich habe nämlich vier Flügel, Sie wissen doch, nicht wahr? Sie
+haben, scheint mir, nur zwei, dafür sind sie aber weiß. Schöne Flügel
+übrigens, und sehr apart im Format. Nun, ich sprach vom Menschen. Er ist
+im Grunde gutmütig, ich werde nicht dulden, daß falsche Gerüchte über
+ihn verbreitet werden, es fehlt ihm nur an jeglichem Zartgefühl;
+merkwürdig ist bei ihm seine Vorliebe für unser Volk. Kommt der Mai, so
+verläßt er seine Behausungen, um uns zu finden, er schüttelt die Bäume
+und schaut nachher am Boden nach, ob wir heruntergefallen sind. Rührend
+ist sein Bemühen, später etwas mit uns anzufangen, es ist ihm aber noch
+nie gelungen. Er läßt uns in seiner Behausung fliegen und fängt uns
+wieder ein. Wozu wohl, glauben Sie, fängt er uns wieder ein? Bei Gott,
+nur um uns wieder auffliegen zu lassen! Er hört zu, wie wir summen,
+lacht und fängt uns wieder. Zuweilen läßt er uns auf einen anderen
+Menschen los, seltsam. Dieser andere Mensch weiß es nicht, er steht und
+spricht arglos von irgendeiner Sache, weiß Gott wovon, die Menschen
+haben ja ungemein viele Interessen. Wir laufen an dem Menschen in die
+Höhe, was bleibt uns übrig? Es wird Ihnen bekannt sein, daß man von
+erhöhten Punkten am besten abfliegen kann, und das will man doch, wozu
+sollte man auf einem fremden Menschen sitzenbleiben? Nun kommt eine
+Stelle am Menschen, weiß der Kuckuck, was mit dieser Stelle los ist,
+aber kaum hat man sie im Klettern berührt, da brüllt der Mensch auch
+schon auf und schlägt um sich. Einige springen sogar. Wenn unsereins
+diese Stelle wüßte, mein Lieber, er würde sie natürlich vermeiden, aber
+woher soll man wissen, wo diese Stelle ist?«
+
+Der Elf lachte hell auf, es ging ein solcher Frohsinn von seinem Lachen
+aus, solch freie Heiterkeit, daß der Maikäfer mit einstimmen mußte.
+
+»Nun ja,« sagte er endlich, »jetzt lacht man darüber, aber in solchen
+Lagen, wie ich sie eben geschildert habe, ist einem anders zumute. Man
+kann erschlagen werden, mein Lieber.«
+
+»Was du da vom Menschen erzählst,« sagte der Elf nach einer Weile,
+»bezeichnet ihn nicht. Ich glaube, wenn die Menschen fröhlich und
+sorglos sind, so brechen heimlich die Glücksquellen ihrer Jugend in
+ihrer Brust auf, und sie werden wie Kinder. Die Erfahrungen, die du oder
+deine Gefährten gemacht haben, sind nur ein argloses Spiel der
+Menschen.«
+
+»Ich danke,« sagte der Maikäfer, »ein argloses Spiel, bei dem ich unter
+Umständen einen Flügel einbüßen kann, bei dem es möglich ist, daß ich
+platt geschlagen werde wie eine Wanze, oder das mich im schlimmsten Fall
+mein Leben kostet, sehe ich anders an als Sie.«
+
+»Wenn du sonst am Menschen nichts siehst, sonst nichts von ihm weißt, so
+wirst du ihm dies freilich schwer verzeihen«, meinte der Elf.
+
+»Der Mensch soll aus der Luft greifen, was er will,« entgegnete der
+Maikäfer, »aber nicht mich.«
+
+Der Elf lachte. »Du mußt nicht glauben, mein Lieber, daß ich den
+Menschen ohne Grund in Schutz nehme, ich kenne ihn gut und liebe ihn
+sehr.«
+
+»Nun ja, Sie als Engel ...«
+
+»Ich bin kein Engel, mein Lieber.«
+
+»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Fragen Sie übrigens, wohin Sie
+kommen und wen Sie wollen, überall werden Sie Klagen über den Menschen
+hören. Gehen Sie zu den Vögeln, den Fischen, den Waldtieren oder den
+Ameisen, nirgends werden Sie das Lob der Menschen vernehmen. Oft ist
+mir, als ginge es wie ein Seufzen durch die ganze Kreatur, aber das
+werden Sie wahrscheinlich nicht verstehen. Ich bin viel nachdenklicher,
+als Sie glauben.«
+
+»Doch,« sagte der Elf, »ich verstehe dich, und du hast ganz recht, aber
+nicht der Mensch ist schuld daran. In jenes Seufzen, das du zu hören
+glaubst, in die Angst und in den Schmerz aller Kreaturen dringt auch
+seine Klage, denn er ist, wie ihr alle, den irdischen Geschicken
+unterstellt und hat gegen Bedrängnisse, Elend und Tod nicht mehr Mittel
+als ihr. Er erwacht zum zeitlichen Leben, freut sich der himmlischen
+Sonne, Lachen und Weinen wiegen seine Seele, wie Tag und Nacht seinen
+Leib, und einst kehrt er zurück ins Dunkel der Erde, der Mutter, wie ihr
+alle.«
+
+»Aber etwas muß den Menschen doch von allen anderen Geschöpfen
+unterscheiden, mein Lieber, wenn denn schon einmal wahr sein soll, daß
+er nicht schuld an unserem Unglück ist. Ich will es Ihnen glauben. Daß
+er sterben muß, weiß man ja, das ist bekannt, und wenn die Hauptsache
+stimmt, dann wird wohl auch das andere richtig sein. Sehen Sie, deshalb
+hätte ich so gern den Elfen getroffen, der vieles wissen soll, ich würde
+ihn gefragt haben: Was unterscheidet den Menschen von allen anderen
+Geschöpfen?«
+
+»Ich will es dir sagen«, antwortete der Elf. Er sah bewegt in die Weite,
+denn er hörte ein leises Rauschen in der Linde und dachte an Traule.
+
+»Sie? Nein, nein, mein Lieber«, entgegnete der Käfer. »Sie als Engel
+sind parteiisch. Es ist doch bekannt, daß sich die Engel der Menschen
+annehmen, daß sie gut von ihnen denken und das Beste mit ihnen im Sinn
+haben.«
+
+»Glaubst du nicht, daß solche Leute, die das Beste im Sinn haben, die
+Wahrheit eher wissen als andere?«
+
+»Also sind Sie doch ein Engel!« rief der Maikäfer triumphierend, und der
+Elf lachte.
+
+»Ich bin es nicht,« sagte er, »aber ich will dir nun verraten, wer ich
+bin; ich hätte es schon getan, wenn du mir Gelegenheit dazu gelassen
+hättest. Ich bin der Elf, den du suchst.«
+
+»Nein, so was!« rief der Käfer. Er schaute den Elfen an, und seine Augen
+glänzten. »Ach nein,« sagte er ganz still, »so ist es mir doch passiert,
+was ich wollte, wie schön ist das.« Er besann sich und atmete auf:
+»Hoffentlich nehmen Sie mir die Verwechslung nicht übel«, sagte er
+schüchtern. Und nach einer Weile des Schauens fuhr er fort: »Nun liegt
+es ja auch anders mit meiner Frage. Wenn Sie also so freundlich sein
+wollen und mir antworten?«
+
+»Ich will es tun, so gut ich kann,« sagte der Elf, »aber du kannst ruhig
+du zu mir sagen.«
+
+»Ich werde es versuchen«, antwortete der Käfer.
+
+Ein paar Bienen kamen in ihre Nähe und grüßten.
+
+»Ein Elf, ein Blumenelf!« riefen sie. Unten schaukelten sich
+Schmetterlinge über dem Korn, und hoch im Blauen zog ein großer
+Raubvogel seine stillen Kreise. Nirgends war ein Wölkchen zu sehen, es
+war ein unbeschreiblich schöner Tag. Klingen und Jubeln füllte die Luft,
+die von goldener Wärme flimmerte. »Schöner wird es nicht mehr im Jahr«,
+sagte der Elf. Es war, als schmiegte er sein helles Angesicht in das
+Glänzen, das ihn einhüllte, und er faltete die Hände, derweil der Wipfel
+des alten Baums, sein zartestes Reis im Blauen, ihn wiegte.
+
+»Sicher weißt du alles Schöne,« meinte der Maikäfer, der ganz entzückt
+war, je länger er den Elfen betrachtete, »so sprich mit mir vom
+Menschen. Es ist wahr, ich habe nicht eben Gutes von ihm gesagt, aber du
+wirst zugeben, er hat auch seine schlimmen Seiten, dieser Große mit den
+aufrechten Schultern und dem weißen Angesicht. Wir fürchten ihn,
+verstehst du das nicht? Nicht alle nehmen ihr Geschick mit so viel
+Humor wie ich.«
+
+Der Elf schien nicht recht zugehört zu haben; mitten aus seinem Sinnen
+heraus unterbrach er seinen braunen Nachbarn:
+
+»Was den Menschen unterscheidet von allen anderen Wesen der Erde, hast
+du mich gefragt; darüber, Lieber, ist viel nachgesonnen worden, manche
+haben es bestritten und geglaubt, er sei im Grunde wie jedes lebendige
+Geschöpf, nur vollkommener. Aber das ist nicht wahr, es kann nicht wahr
+sein, in alle Ewigkeit nicht! Was ihn hoch über alle Kreaturen stellt,
+ist seine Vernunft.«
+
+»Was ist das?« fragte der Käfer.
+
+»Es ist sein freier Wille, groß und gut zu sein nach seinem Maß.«
+
+»Aber glaubst du denn wirklich, Elf, daß alle Menschen ihn haben?«
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete nach einer Weile der Elf sinnend, »so
+genau kenne ich sie noch nicht, aber ich glaube, daß, wenn nur einmal
+ein Mensch es von ganzem Herzen und in Wahrheit gewesen ist, daß das
+ganze Geschlecht der Menschen damit entschuldigt wäre.«
+
+»Ach, da sieh einer, wie du denkst!« rief der Maikäfer, »so könnte ja
+nach deiner Meinung ein Mensch dadurch, daß er aus freiem Willen groß
+und gut handelt, wie du sagst, gleich eine ganze Reihe anderer Menschen
+von ihren Schandtaten freisprechen.«
+
+»Ja,« sagte der Elf einfach, »so ist es. Du kannst ja nicht ahnen, du
+kleines Tier, welch eine unfaßbare Fülle von Glanz und Lebenswärme schon
+aus einem guten Herzen erstrahlen kann. Seine Wirkung ist nicht immer
+erkennbar, wie die Erscheinungen, welche unsere Augen treffen, oder wie
+die Gegenstände, die unsere Hände berühren, aber sie ist wahr. Sieh,
+Lieber, das macht die Hoheit des Menschen aus, seine Würde, und das
+unterscheidet ihn von allen Lebendigen der großen Schöpfung, daß er den
+freien Willen hat, das Gute zu tun. Das macht ihn Gott ähnlich.«
+
+»Ach,« sagte der Maikäfer, »nun sprichst du von Gott, ich weiß nichts
+von Gott.«
+
+»Das ist auch nicht nötig,« antwortete der Elf und lächelte, »wenn Gott
+nur etwas von dir weiß.«
+
+»Tut er das?« fragte das kleine Tier erstaunt.
+
+Der Elf sah ihn ernst und liebreich an: »Bist du nicht einst glücklich
+und wohlbestellt zum Leben erwacht?« fragte er, »fandest du nicht Tag
+für Tag alles, was du zu deiner Erhaltung brauchtest; schien nicht die
+warme Sonne in deine frohen Stunden, und heilte die kühle Nacht im
+Schlaf nicht auch deine Sorgen? Schau' den Schimmer deiner schönen,
+starken Flügel an, das Geschick deiner Glieder und den gesunden
+Wohlstand deiner Sinne. Ist nicht für alles liebevoll gesorgt, dessen du
+bedarfst, und du fragst mich, ob Gott deiner gedacht hat?«
+
+Es war eine Weile still; der Käfer schaute sinnend in die Weite der
+hellen Welt, dann sagte er:
+
+»Du machst mein Herz so froh.«
+
+Aus den Büschen unten am Bach klang der Gesang eines Waldvogels, von den
+Föhren wehte im linden Windhauch ein harziger Duft herüber, es war den
+Bäumen wohl in der warmen Sonne. Unermüdlich summten die Bienen in den
+Lindenblüten.
+
+»Sieh nun,« sagte der Elf, »so gedenkt Gott all seiner Geschöpfe, auch
+der verborgensten und kleinsten, es ist keines, dem er sich nicht
+zuneigt, aber dadurch unterscheidet sich der Mensch von ihnen allen: er
+kann sein Haupt auch zu Gott emporheben.«
+
+»Ich bin doch wirklich ein glücklicher Kerl,« antwortete der Maikäfer,
+»habe ich mir nicht gleich gesagt: du mußt mit dem Elfen sprechen, davon
+werdet ihr beide etwas haben! Es ist auch ungemein angenehm für mich,
+daß ich in der Lage bin, dir Glauben schenken zu können. Ich glaube
+nämlich alles sofort, was mir gefällt.«
+
+Die Augen des Elfen verirrten sich in heimatloser Seligkeit im
+Himmelsblau, und mit einem Lächeln, das ihn weit mit sich fortzutragen
+schien, sagte er:
+
+»Du seltsamer Geselle. Aber du und alle, die deiner Art sind, seid ohne
+Sorge ...«
+
+Es war, als habe er niemanden angeredet, seine Worte klangen voll
+Hoffnung, und es lag eine Verheißung in ihnen, als gäbe es in hellen
+Fernen ein Reich, freier und herrlicher als selbst die Vernunft.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel
+
+ Das sterbende Kind
+
+
+Zwischen hohen Ahornbäumen, nicht allzu weit von der Waldwiese entfernt,
+lag ein altes Bauernhaus mit niedrigem großen Dach und kleinen Fenstern.
+Dort schimmerte um Mitternacht ein roter Lampenschein aus einem der
+Fenster, und Uku, die Eule, die das winzige rote Lichtlein in der Ferne
+sah, machte sich auf und flog über die Felder dorthin.
+
+Das Licht zog sie an und erfüllte sie zugleich mit Ingrimm. Es war nun
+einmal ihre Meinung, daß es in der Nacht dunkel zu sein hätte, nur der
+Schein des Mondes oder der Sterne war ihr lieb. Daß aber in den
+Behausungen der Menschen bisweilen diese stillen roten Feuer aufglommen,
+die ihr Licht auf die Blätter der Bäume warfen oder weit in das Land
+hinein, wie rötliche Wege, die durch die Luft führten, machte Ukus Blut
+vor Erbitterung pochen. Aber doch vermochte sie sich nicht abzuwenden,
+und besonders, wenn die Nacht weiter und weiter dahinzog, und solch ein
+Lichtschein wollte nicht erlöschen, nahm ihre Unruhe und Begierde
+überhand, und sie mußte herzufliegen, fast gegen ihren Willen, um das
+Licht zu sehen.
+
+So langte sie auch in dieser Nacht in den Ahornbäumen dicht vor dem
+erleuchteten Fenster an und schrie laut und klagend auf, und noch
+einmal und wieder, so daß alle Tiere, die des Nachts leben, erschrocken
+aufhorchten und mit dunklen Augen in die Nacht lauschten. Denn der
+Schrei der Eule in der Finsternis der schlafenden Bäume hat etwas
+unbeschreiblich Trauriges und zugleich klingt er grimmig und erbost. Er
+scheucht die Gedanken der Wesen auf und jagt sie durch die Nacht, die
+traurigen zuerst, und läßt ein verzagtes Sinnen in den Gemütern zurück.
+
+Aber Uku wußte hiervon nichts, sie erzürnte sich im Grunde nur über das
+Licht und versuchte wieder und wieder durch ihre kurzen klagenden Rufe
+kundzutun, daß der Frieden der Nacht und ihre eigene Ruhe durch den
+roten Schimmer gestört wurden; sie sah auch nicht in die Stube des
+Hauses hinein und wußte nicht, was drinnen vor sich ging, und weshalb
+immer noch die Kerze brannte, obgleich Mitternacht schon vorüber war.
+
+Im Zimmer lag auf seinem Bett ein Kind und starb. Es war ein kleiner
+Knabe mit dunklem Haar und einem nicht eben schönen Gesicht, seine Haare
+waren rauh und vom Fieber feucht, und die Züge seines Gesichtes bleich,
+wie auch seine Hände, die merkwürdig ruhlos über die Decke tasteten, als
+ob sie mit einem unsichtbaren Spielzeug umgingen. Der Knabe erfreute
+sich bei seinen Spielkameraden keiner Beliebtheit, weil er sich ihnen
+nicht anpassen konnte und verschlossen und schweigsam war.
+
+[Illustration]
+
+Seine Mutter saß am Bett und schaute ihn unverwandt an. Eine Mutter
+will nicht wissen, ob ihr Kind schön oder unschön ist, sie liebt es so,
+wie es ihr gegeben worden ist, und fragt nur danach, ob es froh oder
+traurig ist, ob es ihm wohl ergeht oder ob es leidet, nicht aber nach
+seinem Wert; denn alles, was eine Mutter liebt, ist in ihren Augen so
+viel wert wie ihre Liebe, und es gibt nichts in der Welt, was wertvoller
+wäre als die Liebe einer Mutter. Und so bewegte das Gemüt der Frau, die
+am Bett ihres Sohnes saß, in dieser Nacht allein die Sorge, ob ihr Kind
+genesen würde oder ob es sterben müßte.
+
+Da hörte sie die Eule in den Bäumen vor ihrem Fenster rufen, und ein
+furchtbarer Schreck durchfuhr sie, so daß sie, am ganzen Körper
+zitternd, aufsprang und ihre Hände auf ihr gequältes Herz preßte, das
+ohnehin vor Angst nicht mehr ein noch aus wußte. Die arme Frau ahnte
+nicht, daß draußen Uku nur das Kerzenlicht anschrie, sondern sie
+glaubte, was die Leute ihr erzählt hatten, daß ein kranker Mensch
+sterben müßte, wenn die Eule nachts vor seinem Fenster riefe. Das ist
+eine alte Sage, an die viele Menschen glauben. Sie ist dadurch
+entstanden, daß bei Kranken des Nachts Licht zu brennen pflegt, das die
+Nachtvögel anlockt. Aber die Eulen haben nichts mit der Verkündigung des
+Todes zu tun. Wenn die bedrängte Mutter in ihrer Not gewußt hätte,
+weshalb Uku in den Ahornbäumen schrie, so würde ihre Angst geringer
+gewesen sein; nun aber zitterte sie vor Schmerz und Entsetzen, denn sie
+glaubte, die Eule kündete ihr den Tod ihres Kindes an.
+
+Nach einer Weile hatte sich Uku mehr und mehr an den Lichtschein
+gewöhnt, er blendete sie nicht mehr, und sie beruhigte sich etwas. Da
+die Fenster geöffnet waren, erkannte sie nun die Mutter am Bett ihres
+sterbenden Kindes, allein in der Nacht und in dem großen, dunklen Haus.
+Uku wurde deutlich, daß der Tod dort Einzug hielt, sie schwieg betroffen
+und schaute angstvoll hinab. Sie sah, daß das Kind sich im Fieber hin
+und her warf, und als es ärger und ärger wurde, klagte die hilflose
+Mutter laut auf und schrie zu Gott empor um Barmherzigkeit; denn sie
+hatte nur diesen einen Sohn und sonst auf der Welt nichts.
+
+Da warf sich Uku in ihre lautlosen Flügel und flog auf die Waldwiese und
+weckte den Elfen.
+
+»Elf,« sagte sie, »es stirbt ein kleiner Mensch, kannst du nicht der
+Mutter helfen?«
+
+Der Elf sah betrübt auf und schüttelte den Kopf.
+
+»Ich habe keine Macht über den Tod und darf nicht zu den Menschen
+sprechen«, sagte er. »Wenn das Kind sterben soll, so ist es in Gottes
+Rat beschlossen.«
+
+Uku schwieg. Es war ihr wirklich nahegegangen, die Mutter vor Schmerzen
+in laute Klagen ausbrechen zu sehen. Sie dachte an die Zeit, in der sie
+selber noch um ihre Jungen in Angst und Liebesnot gewesen war, und
+verstand das Herzeleid der Mutter. Deshalb fragte sie jetzt noch einmal:
+
+»Kannst du keine Hilfe bringen, Elf? Du hast schon so viel getan, daß es
+uns oft erschienen ist, als vollbrächtest du Wunder der Liebe. Hilf dem
+kleinen Menschen! Er wirft sich auf seinem Lager hin und her, und der
+Tod wird ihm schwer, aber mir war so, als stürbe seine Mutter den Tod
+hundertmal für ihn.«
+
+»Wenn ich dem Kinde mein Leben geben könnte, so würde ich es tun, aber
+ich kann es nicht«, beteuerte der Elf.
+
+»So tröste die Mutter!« rief Uku, »du bist gütig, und deine Worte sinken
+oft ins Herz wie ein Lied.«
+
+Der Elf sah lange stumm vor sich hin, und seine Trauer nahm zu. Endlich
+sagte er ernst:
+
+»Eine Mutter kann niemand über den Verlust ihres Sohnes trösten, Uku.
+Eher ist es möglich, eine Welt aus ihren Sünden zu erlösen als eine
+Mutter aus dem Schmerz um ihren Sohn. Ein Jüngling kann ein Mädchen
+vergessen, das er liebgehabt hat, eine Schwester kann die Liebe zu ihrem
+Bruder verraten, und selbst ein Freund soll den Verlust seines Freundes
+verwinden können, aber den Schmerz einer Mutter um ihren Sohn heilt
+niemand. So ist es bei den Menschen bestellt.«
+
+»So fliege mir zulieb hinüber, Elf, und versuche es, ich bitte dich.
+Gehst du nicht in der Gestalt eines Engels einher, begleitet von Licht?
+Warum sollte es das Herz einer Mutter nicht erleichtern, dich zu sehen,
+da du doch uns alle gesegnet hast? Erlöse sie von ihrem Gram, bedenke,
+auch dich verlangt danach, einmal erlöst zu werden.«
+
+Da breitete der Elf seine Flügel aus und flog davon, und Uku atmete tief
+auf und dachte: Nun wird alles besser werden.
+
+Als der Elf auf dem verlassenen Hof im nächtlichen Land ankam, war das
+Kind gestorben. Er flog ins Zimmer hinein und ließ sich zu Häupten des
+Bettes nieder, über das die Mutter sich in ihrem Schmerz geworfen hatte.
+Sie bedeckte den erkaltenden Körper ihres Kindes mit dem ihren und
+preßte ihr Angesicht auf das erloschene Augenpaar des toten Knaben. Die
+stille Nacht nahm ihre Klage auf; in dem kleinen armen Raum, in dem sie
+wohnte, flackerte das Licht der erlöschenden Kerze an den weißen Wänden.
+Zuweilen hob sie ihr verhärmtes Gesicht, das von Leid entstellt war, und
+sah mit leeren Augen, die von keinen Tränen gekühlt wurden, in die Nacht
+hinaus. Nie hatte der Elf so viel Hoffnungslosigkeit und Anklage in den
+Augen eines irdischen Wesens gesehen, ihn kam ein Zittern an, und er
+brach in Schluchzen aus.
+
+Da war es, als sein Schluchzen erklang, als lauschte die Mutter auf. Ein
+krampfhaftes Beben durchschüttelte ihren ganzen Körper, und während sie
+mit starren Augen auf dies leise Schluchzen lauschte, das von weit her
+zu kommen schien, brach es wie mit einer alten Erinnerung aus ihren
+heißen Augen hervor, glitzerte auf wie Nachttau und tropfte nieder, und
+eine unfaßbar wohltuende Erleichterung löste den brennenden Druck in
+ihrer Brust. Ihre Klage und ihr Geschrei verstummten, sie sank still in
+sich zusammen und weinte. Es war, als hätte eine alte Erdengnade Einzug
+in ihr Gemüt gehalten.
+
+Der Elf wunderte sich und sann und sann. So hatte Uku recht behalten,
+aber er ahnte nicht, welche Wohltat er gebracht hatte; ihm war nur, als
+sei durch ein Wunder den Schmerzen der Mutter ein Ausweg geschaffen
+worden, die Bahn zum Himmel zu finden.
+
+»Ich kann nicht helfen«, dachte er traurig, denn weil er ein Blumenelf
+war und kein sterblicher Mensch, so wußte er nicht, daß er den einzigen
+Trost gebracht hatte, den die Menschen in ihren größten Schmerzen
+annehmen können.
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel
+
+ Der Fuchs
+
+
+Eines Tages kamen zwei Wildenten den Bach heruntergeschwommen, ein
+vergnügtes Paar. Sie ließen sich treiben und machten sich hier und da am
+Schilf zu schaffen, wobei sie solange gegen den Strom rudern mußten, um
+nicht fortgetrieben zu werden. Ihr Schnattern füllte die warme Luft, zu
+allem, was sie erlebten oder fanden, mußte eine Bemerkung gemacht
+werden. Das Schilf stand damals schon ziemlich hoch, es war recht
+heimlich an den Ufern, das treibende Wasser schimmerte grün, und vom
+Sonnenschein zitterten überall goldene Tellerchen und Lichtstreifen. Im
+Lindenschatten der Waldwiese war es über dem Wasser am schönsten, das
+Licht war dort geheimnisvoll gedämpft, und die Blätter des Baums
+spiegelten sich in der Flut, sie zitterten und flatterten im Wasser, als
+ob der Wind sie bewegte.
+
+Die Ente machte halt, suchte Grund für ihre breiten Schwimmfüße und
+blieb dicht am Ufer stehen.
+
+»Ich werde hier einen Augenblick verweilen«, sagte sie zu ihrem Gatten
+und schüttelte sich. Ihr Mann sah hinüber, nickte ihr zu, kam dann auch
+und stellte sich neben sie.
+
+»Darüber fällt es einem mal wieder ein,« sagte er in bester Laune, »was
+wir Enten alles können. Es gibt kein Tier, das so viel kann, man darf
+sie alle nacheinander durchdenken, es findet sich keines, das zugleich
+schwimmen und fliegen, auf dem Trocknen gehen und im Wasser sitzen kann.
+Denke an die Fische, meine Liebe,« fuhr er fort, »sie können schwimmen,
+das ist wahr, aber nur unten. Hast du einmal einen Fisch gesehen, der
+schwamm, während er den Kopf aus dem Wasser streckte?«
+
+»Wenn du von Fischen sprichst,« antwortete die Ente, »so muß ich immer
+an die kleinen denken, die man essen kann, wenn es einem gelingt, sie zu
+fangen.«
+
+Aber ihr Mann ließ sich nicht stören.
+
+»Du bist so sprunghaft in deinen Gedanken,« sagte er, »niemals kannst du
+bei einer Sache bleiben. Höre jetzt genau zu.«
+
+»Du sprichst ja auch von verschiedenen Sachen,« antwortete seine Frau,
+»hast du nicht vom Schwimmen, Fliegen und vom Gehen zugleich
+gesprochen?«
+
+»Ich habe von den Eigenschaften der Enten gesprochen, meine Liebe, und
+nicht vom Essen. Für dich haben, scheint es mir, nur Dinge Bedeutung,
+die man hinunterschlingen kann.«
+
+»Ißt denn etwa du selber nichts?« fragte seine Frau und schüttelte ihren
+Schnabel, als wenn sie den ganzen Kopf fortschleudern wollte. »Du hast
+einen Appetit, von dem man überall spricht, wo du bekannt geworden
+bist.«
+
+»Aber natürlich, Liebe ...«
+
+»Nun, siehst du? Was ist also?«
+
+»Ach Gott ...« sagte der Enterich.
+
+Sie waren schon lange zusammen, die beiden, und lebten eigentlich recht
+glücklich miteinander, das hätte niemand anders sagen können, aber ohne
+Zweifel war der Enterich eine Natur, die die Dinge gern beschaulich
+betrachtete. Er machte sich seine Gedanken über dies und das und sprach
+sie nachher auch aus, damit sie nicht umsonst gedacht worden waren. So
+kam es, daß er sich oft mit allerlei beschäftigte, was nicht unbedingt
+zu den praktischen Lebensfragen gehörte. Seine Frau dagegen hielt sich
+mehr an das, was man wirklich unter die Flügel oder in den Schnabel
+nehmen konnte. Das war ihm oft schmerzlich, gewiß, aber er hatte doch
+ein verständiges Einsehen dafür, daß man mit Gedanken allein keine
+Würmer aus dem Ufersumpf ziehen konnte, und daß einem kein junger Frosch
+in den Schnabel schwamm, weil über diesem Schnabel ein gediegener
+Gedanke über das Leben entstanden war. Aber kleine Reibereien gab es
+natürlich doch; denn Leute, die oft und gern über das Leben nachdenken,
+halten meistens viel von ihren Gedanken und haben gern, wenn man sie
+anhört und auch etwas davon hält.
+
+[Illustration]
+
+»Also, Liebe,« fuhr er nun fort, »nun höre mir einmal zu. Ich habe nicht
+die Absicht gehabt, mit dir über das Essen zu streiten, sondern ich
+wollte dir einmal wieder so recht deutlich ins Bewußtsein bringen, was
+für ein gesegnetes Geschlecht im Grunde wir Enten sind. Das erhöht die
+Lebensfreude, meine Gute.«
+
+»Ja, aber meinst du denn,« entgegnete die Ente, »daß wir Lebensfreude
+empfänden, wenn wir nichts zu essen hätten?«
+
+»Himmel und Wolkenbruch,« rief der Enterich, »jetzt hältst du aber den
+Mund!«
+
+»Ach, du lieber Gott,« schluchzte die Ente, »nun wirst du grob und
+beschimpfst mich, während ich nur das Beste gewollt habe. Sag'
+wenigstens nicht Mund, sondern Schnabel, wie es sich für eine anständige
+Ente gehört.«
+
+»Wenn du ihn hältst, so will ich ihn nennen, wie er heißt, aber begreife
+endlich, was mir im Sinn liegt! Schon als ganz kleines Tier war ich so,
+daß ich längere Zeit über alles nachdenken mußte, was ich sah oder
+erlebte; wenn ich dir schildern könnte, wie tief mir alle Eindrücke
+gegangen sind! Das Schilf in der Sonne, die Flußfahrt durch den
+Kiefernwald oder der erste Flug über Land. Vom Tauchen schweige ich, ich
+dachte damals im durchsichtigen Wasser, kein Tier ist so glücklich wie
+eine junge Ente. Den Schnabel im Morast und die Beine gegen die Sonne,
+ach, Liebe ...«
+
+Die Ente betrachtete ihren Gatten, wie er da stolz und fest im
+Uferwasser saß, und wie die kleinen Bachwellen die herrlichen blauen
+Streifen seines Flügels bespülten; die Beine schimmerten rötlich durch
+die Flut, und der ungemein wohlwollende Ausdruck seines klugen Gesichts
+söhnte sie aus.
+
+»Sprich nur weiter,« sagte sie freundlich, »es schadet ja nichts.«
+
+»Es schadet nichts ...« wiederholte der Enterich langsam und dann
+schwieg er. Aber mitten in seinem Groll kam ihm in den Sinn, daß seine
+Frau in diesem Frühjahr ihre Jungen gegen einen Habicht verteidigt
+hatte; sie, das kleine schwache Tier, ohne Krallen und mit einem
+stumpfen Schnabel, der nur zum Wühlen im Schlamm und bestenfalls zum
+Festhalten eines kleinen Fisches oder eines Wurms geeignet war. Sie war
+dem Raubvogel mit einem wilden Geschrei entgegengeflogen, das er noch
+niemals von ihr gehört hatte, und ihre Flügel peitschten die Luft, daß
+es sauste. Das Herz des Enterichs schlug, als er an diesen Augenblick
+dachte; die Jungen hatten Zeit gehabt, ins Schilf zu flüchten, und dann
+plötzlich, als alle in Sicherheit waren, war seine Frau so rasch im
+Wasser verschwunden, als hätte ein großer Hecht sie hinabgerissen.
+Später hatte sie rasch ihre Kleinen wiedergefunden, und sie waren ihnen
+erhalten geblieben, die acht.
+
+»Nun gut,« sagte er, »ich werde also weitersprechen.« Aber er kam nicht
+dazu, denn es geschah etwas sehr Merkwürdiges: über ihnen wurde ein
+feines Klatschen hörbar, und eine helle Stimme rief:
+
+»Fliegt auf! Fliegt auf!«
+
+Nun, das taten die beiden Enten sogleich mit lautem Geschrei und
+Flügelschlagen, so daß das Wasser aufspritzte und das Schilf rauschte.
+In der Natur warnen alle befreundeten Tiere einander durch Zurufe, und
+da die Enten die Stimme verstanden hatten, folgten sie sofort der
+Warnung. Sie wußten nicht, daß es der Elf gewesen war, der in die Hände
+geklatscht hatte, und noch weniger ahnten sie, weshalb er es getan, und
+in welch entsetzlicher Gefahr sie geschwebt hatten. Denn kaum machten
+ihre Flügel den ersten wuchtigen Schlag, der sie emporriß, als durch das
+Schilf mit einem langen Satz der Fuchs aufsprang und ihnen enttäuscht
+und zornig nachschaute. Er hatte sie bis auf knapp drei Entenlängen
+bereits erreicht, niemand kann leiser durch das Schilf schleichen als
+ein Fuchs, aber mit dem Elfen hatte er in keiner Weise gerechnet.
+
+»Was fällt Ihnen ein!?« rief er grimmig empor zu dem Ast, auf dem der
+Elf sich schaukelte und lachend zu ihm niedersah. »Glauben Sie, ich jage
+hier zu meinem Vergnügen? Wie kommen Sie dazu, sich in meine
+Angelegenheiten zu mischen?«
+
+Wie böse er dreinschaute! Sein kluger Kopf mit der schmalen, langen
+Schnauze und den lebhaften, dunklen Augen sprühte geradezu von Kraft und
+Haß, die herrliche Farbe zeichnete sich klar vom grünen Untergrund des
+Schilfs ab, und die prächtigen hohen Ohren waren weit zurückgelegt, was
+ihm oft passierte, wenn er ärgerlich war. »Kommen Sie nur herunter, Sie
+weißes Federvieh, ich reiße Sie in Stücke, daß Sie auffliegen wie
+Pusteballen vom Löwenzahn. So was!«
+
+Da schwang sich der Elf ins Schilf nieder und setzte sich gerade vor
+die Nase des Fuchses auf einen Halm, dicht vor die blitzenden weißen
+Zähne, die gefährlich aus den schmalen schwarzen Lippen hervorblitzten.
+
+Der Fuchs prallte zurück. »Sie sind mir zu hell,« sagte er bestürzt,
+»sonst ... nun, Sie würden etwas erleben!«
+
+Der Elf strich sein Haar zurück. Er hätte nie geglaubt, daß der Fuchs
+ein so schönes Tier sei. »Sei nicht mehr böse,« sagte er, »ich weiß
+selbst nicht, wie es über mich gekommen ist, ich habe im Augenblick nur
+an die Enten gedacht, sie taten mir leid. Natürlich bist du im Recht,
+auch du willst leben.«
+
+»Allerdings«, sagte der Fuchs befangen. Er starrte den Elfen an, als
+sähe er Wunder.
+
+»Wer sind Sie?« fragte er, und seine runden Augen unter der gerunzelten
+Stirn drückten in gleichem Maße Erstaunen wie Bewunderung aus. »Hell wie
+der Himmel, ein kleiner Mensch und zugleich ein geflügeltes Wesen sind
+Sie.« Er schüttelte den mächtigen Raubtierkopf, in dessen Rachen der Elf
+in einem Augenblick hätte verschwinden können. Aber seine Unbefangenheit
+und seine Schönheit beschwichtigten den Zorn des Fuchses völlig, wie
+Schönheit und Unbefangenheit in der Welt nun einmal die stärksten Waffen
+gegen das Böse sind.
+
+»Ich bin ein Elf. Denke dir, ich saß dort im Busch, als die Enten
+kamen, und hörte ihnen zu. Kannst du verstehen, daß ich Teilnahme für
+die Tiere fühlte, da ich ihnen doch längere Zeit gelauscht hatte? Es
+geht einem zuweilen so, und ich hätte sie nun nicht unter meinen Augen
+sterben sehen können.«
+
+Der Fuchs hörte kaum zu, die Enten waren ihm völlig gleichgültig
+geworden. Als ob er nicht Enten fangen konnte, sooft er wollte, aber ein
+Elf saß vor ihm, ein Blumenelf! Er hatte bisher auf das bestimmteste
+geglaubt, Elfen kämen nur in alten Geschichten vor, in Märchen oder
+bestenfalls nachts im Mond über den Blumen, dann weiß man nie recht, was
+Wirklichkeit oder Traum ist, denn in seinem geisterhaften Licht werden
+alle Dinge geheimnisvoll. Aber nun saß dort in der hellen Sonne, im
+Grünen, leibhaftig ein Elf vor ihm; es war sicher einer, so viel wußte
+er auch, was sollte denn dieses zarte Lichtwesen sonst sein, die
+Geschöpfe des Waldes kannte man doch. Was ihn aber am meisten in
+Erstaunen setzte, war die Tatsache, daß der Elf nicht im geringsten ihm
+mißtraute oder ihn fürchtete. Kannte er denn seinen Ruf nicht, alle die
+bösen Geschichten, die die Waldleute sich über ihn erzählten, über seine
+Tücke, seine Schlauheit und seine Raubgier? Kein Tier der Wälder war
+gefürchteter und gehaßter als er, und nun saß dieser kleine Himmelsbote
+vor ihm, als sei er seinesgleichen. So dachte sich der Fuchs: Es ist
+schon besser, ich zeige mich gleich so böse, wie ich bin, als ein
+schlauer Räuber und mächtiger Waldherr, später erfährt der Elf es ja
+doch, und ich erlebe, was ich so oft erlebt habe, daß er mir weder traut
+noch glaubt und sich enttäuscht von mir abwendet. Es ging ihm, wie es
+oft gescholtenen Leuten bisweilen ergehen kann, er hatte die Lust daran
+verloren, anders als böse zu erscheinen. Und so sagte er denn und
+knurrte mürrisch:
+
+»Ich bin der Fuchs, Reiner heiße ich, der Wald kennt mich.«
+
+Der Elf ahnte die Gedanken seines neuen Bekannten nicht. Ganz
+hingerissen von Entzücken, trat er dicht an ihn heran und strich mit der
+Hand über das warme, weiche Fell, das in der Sonne glänzte und so
+sorgsam gepflegt war, daß auch nicht ein Härchen hervorstand.
+
+»Herrlich,« sagte er, »ganz herrlich!« Er konnte sich nicht satt sehen
+an diesem wohlbestellten Körper, der schmal und zugleich kräftig war,
+geschmeidig und anmutig. Die hochstehenden spitzen Ohren waren außen von
+tiefstem Schwarz und innen weiß, ebenso war seine Brust von reinstem
+Weiß, und die schlanken Pfoten an den feinen Gelenken verrieten ihr
+Geschick sowohl zu leisem Tritt wie auch zu wuchtigem Sprung. Der
+breite, buschige Schwanz war sicher seine schönste Zierde, er lag rund
+im Gras, an den Körper angeschmiegt und leuchtete geradezu in seiner
+roten Waldfarbe.
+
+»Du bist der Mächtigste im Wald,« sagte er leise, fast als spräche er zu
+sich selbst, »niemand vermag dir zu widerstehen.«
+
+Der Fuchs war sehr überrascht, daß ihm diese Tatsache nicht wie
+gewöhnlich zum Vorwurf gemacht wurde.
+
+»Es ist wahr«, sagte er und lächelte ein wenig überlegen, aber durchaus
+nicht böse. »Ich tue, was ich will, aber dadurch habe ich noch bei
+niemandem Gefallen erregt.«
+
+»Jeder lebt auf seine Weise«, sagte der Elf nachdenklich. »Hast du keine
+Feinde, die du fürchtest?«
+
+»Den Menschen,« antwortete der Fuchs, »sonst möchte ich wissen, wer es
+wagt, mir in den Weg zu treten.«
+
+»Gestern sah ich einen Bussard,« erzählte der Elf, »der große Raubvogel
+flog zwischen den Baumstämmen dahin, lautlos und gewichtig, und suchte
+den Boden ab. Wenn er nun dich fände, was würde geschehen?«
+
+Der Fuchs lächelte. »Er würde sich besinnen, ehe er mir zu nahe käme,«
+sagte er, und in seinen Augen blitzte ein böses Licht auf, »aber im
+allgemeinen lassen wir einander unsere Wege, der Wald ist reich.
+Außerdem gibt es Taubenschläge, Enten- und Hühnerhöfe, Kaninchenställe
+und Gänse auf den Wiesen.« Er blinzelte dem Elfen zu, aus seinen
+Augenspalten kam ein schräger, verschlagener Blick.
+
+Aber obgleich der Elf wußte, daß diese Tiere den Menschen gehörten und
+ihn der Blick des Fuchses bis ins Herz erschreckte, wuchs seine
+Bewunderung für das mächtige Waldtier, und ihn erfaßte ein heimlicher
+Schauer vor der Klarheit dieser kalten, schönen Augen. Gerade wie jetzt
+eben der Fuchs vor ihm stand, ein wenig zurückhaltend in der Neigung des
+Kopfes und das Licht auf dem geschmeidigen Nacken, während der eine
+zierliche Vorderfuß mit unbeschreiblicher Anmut in einen Winkel
+emporgezogen war, bot er ein Bild, das Wunder von Lebensfülle, Kraft und
+Schönheit ausstrahlte. Und der Elf mußte denken: O du herrlicher Wald!
+In deinem feuchten Schatten über dem sanften Moos, oder im goldenen
+Licht unter deinen Zweigen, in deinem Dickicht und hoch über deinen
+grünen Kronen schwebt und wandelt und schweift es umher in ungezählten
+Formen der reichen Natur. Und er mußte an die Sonne denken, die alle
+diese lebendigen Wunder der Erde wärmte und entzückte, die sanften und
+die rauhen, die arglosen wie die blutgierigen, und sein Herz erzitterte
+aufs neue in überquellender Seligkeit, daß er mitten unter allen
+Geschöpfen weilen durfte, atmend und schauend, ihre Art erkennend, ihr
+Wesen begreifend und vom Dasein entzückt wie sie. Es erfaßte ihn
+jählings ein fremdartiges Heimweh, auch einst sterben zu dürfen wie sie,
+nur um ihnen in ihrem Geschick nah zu bleiben.
+
+Der Fuchs betrachtete den Elfen aufmerksam und erstaunt. Nun ist es so
+bestellt, daß, wenn ein Herz von einer Freude erfüllt ist und ganz
+selbstvergessen in ihr erglüht, so strahlt sie aus den Kammern des
+Herzens hervor, bis in die Züge des Gesichts, wie durch Glas, und füllt
+die Augen mit Licht. Es ist viel schwerer, eine Freude für sich zu
+behalten als einen Schmerz.
+
+Was hat er nur, dachte der Fuchs, ich zeige ihm, wie gefährlich ich bin,
+und er wird immer beglückter. Das wunderte ihn, und er beschloß, den
+Elfen geradeheraus zu fragen, wie er über ihn dächte.
+
+»Mein Lieber,« sagte er zögernd, »weißt du eigentlich nicht, wie man im
+Wald über mich denkt?«
+
+»Warum tötest du Tiere?«
+
+Der Fuchs erschrak. Er wußte nicht, worauf der Elf hinauswollte, aber er
+merkte nun, daß er wohl über ihn und seine Eigenart unterrichtet war.
+
+»Um zu leben«, antwortete er.
+
+»Tötest du niemals ohne Grund?«
+
+»Nein,« sagte der Fuchs, »das wäre nicht klug. Ich nehme, was ich für
+mich und die Meinen zum Leben brauche.«
+
+»Es gibt kein Geschöpf in der Welt, das es anders macht,« entgegnete der
+Elf, »deshalb laß es dir keine Sorge sein, wie andere über dich denken.«
+
+Der Fuchs schaute seinen kleinen Nachbar groß und ruhig an: »Ich habe
+niemals anders empfunden,« sagte er ernst, und der Ausdruck von
+Verschlagenheit war völlig aus seinem Gesicht verschwunden, »ich
+wünschte mir nur, alle dächten so wie du.«
+
+Sie schritten miteinander den Bach entlang aufwärts. Die
+Nachmittagssonne schien durch die Kiefern durch einen feinen grauen
+Schleier, den sie golden färbte, so daß die Stämme wie in einem
+Traumland standen. Es war so kühl und still, daß die Augen sich nicht
+bewegen mochten, als müßte das friedliche Bild des Waldes sich so bunt
+in ihnen spiegeln, wie es in der Luft entstand. Die ersten Krähen zogen
+heim, man hörte ihre Stimme über sich in der Höhe.
+
+»Einmal kommt eine Zeit,« sagte der Elf, »da werden alle Geschöpfe so
+übereinander denken. Sie wird wiederkommen. Es gibt eine uralte Sage der
+Menschen, nach welcher es einmal so gewesen ist.«
+
+»Davon habe ich gehört«, sagte der Fuchs spöttisch. »Da spielte die
+Ziege mit dem Löwen Verstecken, und die Wölfe fraßen Brombeeren. Ich
+danke.«
+
+Der Elf lachte.
+
+»Es wird dich niemand überreden, Brombeeren zu essen,« antwortete er,
+»gerade darin wird die Eintracht bestehen, daß jeder die Eigenart des
+anderen versteht.«
+
+»Ich verstehe die Eigenart der Hasen sehr gut,« sagte der Fuchs und
+schielte zu seinem Begleiter hinüber, »wenn nur die Hasen auch meine
+verstehen wollten und sich fressen ließen, wäre alles gut.«
+
+Wieder mußte der Elf lachen, aber die Freude, die aus seinem Lachen
+klang, hatte etwas seltsam Zuversichtliches, es schien nicht so, als ob
+die Antworten des Fuchses ihn in seinem Glauben irre machten.
+
+»Du bist schlau,« sagte er und schaute dem großen Gefährten in die
+wachen Augen, »mit dir ist nicht leicht zu streiten, du siehst alle
+Dinge so, wie sie dir recht sind, und was dir nicht gefällt, das nennst
+du die Fehler der anderen. Aber ich habe doch recht, das letzte Ziel des
+Lebendigen ist eine große Harmonie, eine Freude ohne Ende.«
+
+»Willst du darauf warten?« fragte der Fuchs. Aber er achtete nicht auf
+die Antwort, er wandte den Kopf blitzschnell zur Seite, denn es
+raschelte im Gebüsch. »Eine Maus«, sagte er leise und hob den Vorderfuß.
+
+»Woher weißt du das?« fragte der Elf.
+
+»Ich höre es«, antwortete der Fuchs einfach. Es schien, als wäre er auf
+seine scharfen Sinne nicht einmal besonders stolz. »Lassen wir sie,«
+meinte er und ging weiter, »das muß eine schlechte Zeit sein, in der der
+Fuchs Mäuse frißt.«
+
+»Siehst du«, sagte sein Gefährte leise.
+
+»Was soll ich denn sehen?«
+
+Der Elf antwortete: »Und viel später wird es eine Zeit geben, welche
+schlecht nennt, wenn nur ein Wesen noch das andere bedrängt. Immer
+höher und höher entwickelt die Natur ihre Geschöpfe, ist ihr nicht
+schon der Mensch gelungen?«
+
+Der Fuchs blieb stehen. »Du hältst etwas vom Menschen, Elf?«
+
+»Viel, sehr viel, am meisten.«
+
+»Und glaubst du, der Mensch bedrängte die lebendigen Wesen der Natur
+nicht?«
+
+»Doch,« antwortete der Elf, »er tut es, aber es gibt Menschen, die
+leiden darunter, daß sie es tun, das ist schon viel näher dem großen
+Ziel. Du wirst mich nicht verstehen, aber glaube mir, die Erde ist noch
+sehr, sehr jung, wir können nur ahnen, wie herrlich ihr letztes Kleid
+sein wird. Wenn nicht einst alles vollkommen würde, so würden wir nicht
+dies Verlangen danach im Herzen haben, das alle Kreatur bewegt. Die
+einen wissen es, die anderen ahnen es nur, viele tun nicht einmal das,
+aber alle richten ihre Augen hinauf, zum Licht.«
+
+»Wenn du recht haben solltest,« entgegnete der Fuchs, »so kann ich mir
+aber kaum denken, daß es später noch Füchse und Enten gibt, Raubtiere
+und arglose Geschöpfe, die ihre Beute werden. Oder es kommt auf die
+Brombeeren heraus, und da tue ich, wie gesagt, nicht mit. Ich danke für
+ein Friedensreich, in dem ich den ganzen Tag darüber froh sein soll, daß
+ich keine jungen Hasen fresse.«
+
+Der Elf lachte wieder sein seltsames Lachen, und der Fuchs dachte: Ein
+merkwürdiger Elf, er lacht über mich, und ich fühle mich doch nicht
+verletzt, er weiß es besser als ich und achtet mich doch hoch, er ist
+überlegen und doch wie ein Kind, ein merkwürdiger Elf. Aber er war
+neugierig geworden, und da ein Fuchs zu den klügsten Tieren gehört, die
+es gibt, wird es sich begreifen lassen, daß ihm viel daran lag, den
+Elfen zu verstehen. Es ist wahr, oft verletzt die Wahrheit, aber man
+kann die Wahrheit auch sagen, ohne zu kränken, denn die großen
+Wahrheiten verletzen nicht, sondern nur die kleinen.
+
+»Es gibt viele Menschen,« fuhr der Elf fort, »die stellen sich den
+Himmel ebenso vor wie du. Sie denken sich, sie müßten in weißen Kleidern
+einhergehen und allerlei Gutes tun, das ihnen langweilig ist, und mit
+feierlichen Gesängen den lieben Gott loben, der auf einem Thron sitzt
+und sich an ihren schönen Stimmen freut. So ist das Friedensreich nicht,
+nach dem wir alle uns sehnen, wenn das Ungemach des irdischen Lebens uns
+bedrückt. Es ist immer mitten unter uns, denn wir sind alle auf dem
+gleichen Wege, die Menschen, du und die kleinen Gewächse, die du im
+Schreiten mit den Füßen berührst. Ich habe vorhin deine Gestalt
+bewundert, deine wohlbestellten Sinne, deinen klaren Blick und eben noch
+dein Geschick, nur aus einem Geräusch ein Tier zu erkennen. Sieh, dies
+herrliche Leben in dir wird sich einst zum Vollkommenen vollenden; was
+heute so klug Geringes erkennt, wird einst alles erkennen, was heute
+als Frohsinn in deinem warmen Blute pocht, wird einst als unvergängliche
+Freude emporblühen, und indem du lebst in deiner Freiheit, lebt in dir
+die treibende Kraft zur ewigen Harmonie. Dein Wert ist dein Himmel, er
+ist unvergänglich, und so gehörst auch du dem Reich an, von welchem mein
+Herz träumt.«
+
+»Das läßt sich hören,« sagte der Fuchs, »woher weißt du das?«
+
+Der Elf sah verwirrt auf. »Ich weiß so wenig,« sagte er schüchtern,
+»ach, denke doch nicht, ich wüßte etwas Rechtes, ich muß so denken, weil
+ich alles Lebendige lieben muß, immer und immer spricht in mir meine
+Liebe ihre eine Wahrheit, und sie lautet: Alles wird einst gut sein, was
+heute schön ist.«
+
+»Daß du das alles gerade mir sagst, finde ich besonders freundlich«,
+meinte der Fuchs. Er sah auf und lauschte. »Entschuldige mich einen
+Augenblick,« bat er, »siehst du dort drüben den bemoosten alten
+Baumstumpf? Der Ort ist mir schon lange verdächtig, aber ich komme nicht
+hinter sein Geheimnis. Gestatte, daß ich eben hinüberschaue, es liegt
+ein Geruch in der Luft, der mich erregt.«
+
+Er trabte über das Moos unter die Stämme, man vernahm keinen Laut;
+selbst ein Schmetterling, der sich auf einer Brombeerblüte
+niedergelassen hatte, erhob sich nicht. Der Elf begleitete den Fuchs,
+wie eine wehende weiße Blüte glitt er durch den rötlichen
+Abendsonnenschein.
+
+Er sah, wie der Fuchs vorsichtig den Baumstumpf umschritt, der Ausdruck
+seines Gesichts war gespannt und besorgt, und plötzlich legte er beide
+Ohren zurück, und sein Körper nahm eine drohende Haltung an. Es schien
+nun nicht mehr so, als spürte er einer Beute nach, sondern als erwartete
+er einen Feind. Er wandte sich nach dem Elfen um, schien etwas sagen zu
+wollen, zögerte aber und schwieg. Seine schwarze Nase arbeitete ohne
+Unterbrechung, als sei sie ein kleines Wesen für sich, seine Augen
+funkelten klein und böse, und er schlich so tief am Boden dahin, daß er
+fast um die Hälfte kleiner erschien.
+
+Unter zwei gewaltigen Wurzelansätzen war der Eingang zu einer Höhle
+sichtbar, die durch den ausgehöhlten Stumpf tief in die Erde zu führen
+schien. Der Fuchs prüfte die beiden Ausgänge, die auf diese Art seitlich
+und nach oben hin entstanden, und schnupperte den Boden ab. Es war eine
+deutliche Fährte im Moos erkennbar, die ins Dickicht lief. Nun horchte
+der Fuchs, er hielt den Kopf schräg und hob den Vorderfuß. Und dann
+schien es, als nähme eine heiße innere Erregtheit ihm plötzlich alle
+Vorsicht, er schien den Elfen und jedes Ding um sich her vergessen zu
+haben, und aus dem halbgeöffneten Rachen, dessen Zähne hinter den
+hochgezogenen Lippen blitzten, kam ein wütendes Knurren, das einen
+solchen Haß, so viel Kampfesgier und Zorn verriet, daß der Elf bis ins
+Herz erzitterte. Es wird einen großen Kampf geben, dachte er bebend,
+welch ein Tier mag dort hausen? Noch als er in Zweifel und Sorge
+bedachte, ob er den Fuchs nicht bitten sollte, von seinem Vorhaben
+abzustehen, erklang aus dem Innern der Höhle eine feine eindringliche
+Stimme von großer Schärfe, man hätte fast glauben können, daß eine
+wütende Katze fauchte, und der Elf verstand:
+
+»Geh weiter! Ich warne dich, oder du hast deinen letzten Gang gemacht!«
+
+»Reiner,« rief der Elf laut, »komm, ich bitte dich!«
+
+Aber der Fuchs hörte nicht, seine Augen funkelten, als hätte er Feuer
+unter der Stirn, und sein ganzer Körper war in so hoher Anspannung, als
+zöge eine mächtige Hand einen Bogen bis zum Zerbrechen an. Trotzdem
+klang seine Stimme ruhig, als er antwortete:
+
+»Mit solchen Worten scheucht man Kaninchen, du Tor, du hast vor Angst
+den Verstand verloren; komm heraus, wenn ich dich nicht in deinem Loch
+erwürgen soll wie eine Maus.«
+
+Es blieb still. Der Fuchs stand so, daß er beide Ausgänge übersehen
+konnte. Diesen Augen und Ohren entging nichts. Der Elf empfand, daß kein
+Einspruch mehr nützen würde; hier war ein Haß entfesselt, der so alt
+war, wie das Leben selbst, und solchen Gewalten der Natur gegenüber gibt
+es kein Hindernis, sie toben sich aus wie die Gewitter, oder wie der
+Frühlingssturm, und wer nicht die Kraft hat, sein Leben im Kampf zu
+wahren, der muß es verlieren.
+
+Gebannt von Entsetzen und Bewunderung sah er hinüber, und ohne daß er
+noch die Kraft besessen hätte, auch nur ein Wort über seine Lippen zu
+bringen, wurde er Zeuge des furchtbarsten Kampfes, den er jemals in
+seinem Leben gesehen hatte. Wohl war er nach allem Vorangegangenen auf
+einen Angriff gefaßt, auch ahnte er, daß er unversehens und plötzlich
+kommen würde, aber einen Überfall von solcher Wildheit, wie er nun
+jählings erfolgte, hatte er nicht für möglich gehalten.
+
+Es schoß blitzschnell aus dem Dunkel der Höhle hervor wie ein niedriger
+Schatten, und nur an dem furchtbaren Anprall der beiden Körper erkannte
+er, daß dies heranstürmende Etwas ein Wesen von Fleisch und Blut war.
+Lange Zeit unterschied er nicht mehr als ein wildwogendes Knäuel, das
+sich ohne einen Laut, aber in unbeschreiblicher Erbitterung im Bodenlaub
+wälzte. Erst als die beiden Tiere sich für eine Weile losließen, wie um
+Atem für ein erneutes Ringen zu schöpfen, sah er, daß es ein Marder war,
+den der Fuchs aufgestört, und der ihn nun angefallen hatte.
+
+Er sah kleiner und schmächtiger als der Fuchs aus, aber wie er jetzt
+dort im Laub hockte, an den Boden gedrückt, sprungbereit und den
+kleinen, bösen Kopf, in dem die Reihen der entblößten Zähne wie kleine
+weiße Sägen blitzten, bot er das Bild eines unheimlichen und
+einschüchternden Gegners, dessen Gewandtheit und Kraft unberechenbar
+erschienen, und dessen Raubsinn und Blutgier denen des Fuchses um
+nichts nachstanden, ja von noch größerer Tücke und Bosheit beherrscht
+sein mochten.
+
+Wohl war der Fuchs größer und sein Gebiß war mächtiger, wie auch seine
+Körperkraft größer war, aber er bekam neben diesem geduckten Grimm
+seines Gegners beinahe etwas Harmloses. Der Elf konnte kein Auge von dem
+Marder wenden, er verstand den brennenden Haß, der diese beiden Tiere in
+eine ewige Feindschaft trieb, und jeder Versuch zu einer Versöhnung wäre
+einem kindlichen Vorhaben gleichgekommen.
+
+»Einer von euch wird sterben«, stammelte er zitternd.
+
+Der Fuchs stand unbeweglich, als wäre er aus Holz geschnitzt, nur seine
+Rückenhaare hatten sich gesträubt, und in seinen Augen funkelte ein
+Feuer, so inbrünstig von Wut entfacht, daß es unmöglich schien,
+hineinschauen zu können. Aber die Raubtierblicke des Marders hielten
+diesen Augen stand; den seinen, die wie zwei stille, gelbe Edelsteine
+unter der harten Stirn lagen, entging keine noch so kleine Regung des
+Gegners, ja es erschien, als errieten sie, wie zwei geisterhafte
+Spiegel, jeden Gedanken des anderen.
+
+Dieser Augenblick der scheinbaren Ruhe war von höchster Spannung, es tat
+einem fast weh, in diesem Zustand der Erwartung verharren zu müssen, und
+man fühlte sein Blut in tausend kleinen Hämmern überall arbeiten.
+
+Da, wie ein Pfeil, der aus dem Hinterhalt abgeschnellt wird, fuhr
+plötzlich von unten her der Marder aufs neue zu, und diesem tückischen
+Angriff gegenüber erkannte der Elf zum erstenmal die Erfahrenheit und
+Klugheit des Fuchses in ihrem ganzen Umfang. Statt auf die jähe
+angreifende Bewegung des Marders einzugehen, verharrte er bewegungslos,
+sich dessen bewußt, daß er seinen Gegner Rachen an Rachen nicht zu
+fürchten hatte, und daß der Marder nur auf eine ungeschickte Wendung
+gehofft hatte, um die Kehle seines Feindes durchbeißen zu können.
+
+Aber ehe der Elf einem neuen Vorgang mit den Augen folgen konnte, sah er
+die beiden Raubtiere sich in einem wildbewegten Knäuel am Boden wälzen.
+Es war nichts mehr deutlich zu unterscheiden, bald leuchtete das Rot des
+Fuchsfelles auf, bald sah er den hellen Brustflecken am dunklen Fell des
+Marders aufblinken, und schon glaubte er, der Fuchs habe die Oberhand
+gewonnen, als ein gräßliches, wildes Geschrei die Waldstille weithin
+zerriß. Schrie der Marder? Schrien beide Tiere? Diese Laute waren
+furchtbar anzuhören, Schmerzen, Wut und Todesangst gellten heraus und
+eine Lebensgier, die alles um sich her vergaß, den Wald, die Tiere, den
+Himmel und die Erde.
+
+Da nahm der Elf zu seinem Schrecken wahr, daß es der Fuchs war, der
+schrie, und zugleich erkannte er, daß im Laub und im Moos rote und
+dunkle Flecken dort zurückblieben, wo das Knäuel der ringenden Körper
+sich vorübergewälzt hatte. War es möglich, daß der um so vieles kleinere
+Marder als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen sollte? Nun erkannte er
+auch, daß sich der Marder im Hinterfuß des Fuchses verbissen hatte, und
+daß kein Zerren, kein Schütteln und Schleifen ihn zu lösen vermochten.
+Keine noch so rasche Wendung half dem schwer behinderten Fuchs, immer
+war der Marder rascher im Entweichen, und sein Gebiß war wie eine Zange
+in das Fleisch des Fuchses geschlagen.
+
+Und nun ließ der Fuchs langsam in seinem Bemühen nach, er ermattete mehr
+und mehr, sein zorniges Schreien verstummte, und nach einer kleinen
+Weile sank er halb zu Boden. Der Elf hätte ihn verloren gegeben, wenn er
+nicht einen Blick aus den Augen des scheinbar durch seine Blutverluste
+so arg geschwächten Tiers aufgefangen hätte, einen raschen Blick, der
+aber auch nicht eine Spur von Ermattung oder Sterbensnot verriet,
+sondern eine Wachheit und Klarheit aller Sinne, als sei ihm nicht das
+kleinste Unheil widerfahren.
+
+Aber der Marder ließ sich täuschen. Ihm schien der Augenblick gekommen,
+seinem verwundeten Feind die Kehle zu durchbeißen, er ließ das Bein des
+Fuchses fahren und fuhr zu, der weit vorgestreckte Kopf mit dem offenen
+Rachen sah wie das Gifthaupt einer großen Schlange aus, so schlank und
+geschmeidig erschien es in dieser bösen, gierigen Hast. Aber da, es sah
+aus wie ein roter Blitz, schnellte der Fuchs herum, nun erkannte auch
+sein Gegner, daß er getäuscht worden war, und daß der Fuchs alle Kräfte
+beisammen hatte; doch ehe er zu neuer Besinnung kam, hatten die
+furchtbaren Zähne des Fuchses sich tief in seinen Hals gegraben. Man
+vernahm nur einen kurzen schrecklichen Laut von röchelnder Todeswut,
+dann wurde es still, und langsam hörten die Zuckungen des Körpers auf,
+den der Fuchs unter sich am Boden festhielt.
+
+Erst als sich keine Regung des entfliehenden Lebens mehr wahrnehmen
+ließ, löste er seine Zähne aus dem Hals des Feindes und sprang in einem
+weiten Satz von ihm zurück, immer noch wie in Sorge, dies zähe,
+eigensinnige Räuberleben möchte sich trotz seiner Todeswunde zu einem
+letzten Biß aufraffen. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Wald war
+wieder ruhig geworden, und kein Laut erinnerte mehr an das
+Kampfgeschrei, das ihn noch eben weithin durchklungen hatte. Nur ein
+paar Krähen kreisten hoch über den Wipfeln der alten Bäume, unter denen
+der Marder starb.
+
+Ein kleines rotes Bächlein rieselte aus seinem durchbissenen Hals ins
+Moos. Der Fuchs sah ruhig mit seinen klaren Augen hinüber und leckte
+sich die Lippen, sein breiter roter Schweif peitschte das Laub, er sah
+zufrieden und stolz aus, auch nicht ein Schatten von Reue oder Mitleid
+trübte ihm den bösen Genuß seiner Kraft und seines Sieges. Seine Wunde
+beachtete er in diesen Augenblicken nicht.
+
+Du mächtiger Herr im Wald, dachte der Elf, und sein Herz zitterte. Du
+kannst hassen und töten, genießen und sterben, alles ist dein
+unvermindertes Recht.
+
+Da erinnerte sich auch der Fuchs des Elfen, er sah hinüber und lachte.
+
+»Nun,« rief er, »was sagst du dazu? Ich habe gewußt, daß hier etwas
+nicht geheuer war, und ich suchte den Marder schon seit langem. Du
+hältst mich wohl für sehr böse?«
+
+Der Elf strich sein Haar zurück und atmete tief auf.
+
+»Ich halte dich für stark und klug«, sagte er und preßte die bebenden
+Hände zusammen. »Denk an mich und vergiß mich in deiner Freiheit nicht.«
+Und er flog nach diesem Gruß auf und davon, das Herz von Erhobenheit und
+Bangen zerteilt.
+
+Der Fuchs sah ihm so lange nach, als er ihn zwischen den Stämmen im
+Licht der Abendsonne erkennen konnte, und dachte: Er läßt mir, was ich
+bin und was ich habe, so möge auch er einmal empfangen, was sein Teil
+ist zu seiner Freiheit, das wünsche ich ihm.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel
+
+ Die Elfennacht
+
+
+Eines Tages, als die große Sonne schon rot und feierlich am Abendhimmel
+stand und die Schleier der Heide mit ihrem goldenen Glanz entzündete,
+kam aus dem Walddunkel ein seltsames Tier dahergeflogen, machte halt auf
+der Wiese und fragte nach dem Elfen.
+
+Das war zum mindesten ein Ereignis, denn die Tiere der Waldwiese mußten
+sich nach dieser Frage sagen, daß es ferne und fremde Gegenden gab, in
+welchen man vom Elfen etwas wußte, wahrscheinlich, ohne daß er sie
+jemals aufgesucht hatte. Es kam hinzu, daß der geflügelte Bote
+Bewunderung erregte, es war niemals zuvor ein ähnliches Tier auf der
+Wiese gesehen worden. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, es
+sei eine Libelle, denn die Fremde hatte wie diese schönen glitzernden
+Tiere durchsichtige Flügel und einen langen schmalen Leib, auch waren es
+vier Flügel an der Zahl und ähnlich geformt, wie die der Libellen, aber
+auf jedem von ihnen befand sich ein großer dunkler Fleck von tiefem
+Blau. Vom gleichen schimmernden Blau war der schmale Körper, und die
+klugen großen Augen schauten ernst, beinahe schwermütig aus dem Gesicht.
+Es war, als käme dieses seltsame Geschöpf nicht aus Bereichen der
+Tagesklarheit, sondern als sei es ein wunderbarer Nachtvogel der kühlen
+Stunden, in denen am Himmel der Mond herrscht.
+
+Zwei Schmetterlinge, ein Pfauenauge und ein Schwalbenschwanz,
+entdeckten den fremden Boten zuerst, und rasch verbreitete sich die
+Nachricht unter den Tieren der Waldwiese, daß die Botschaft des
+Ankömmlings den Elfen anging. Die Bienen machten sich auf den Weg, ihn
+zu suchen, denn in der Nähe war er nirgends zu sehen.
+
+»Wie ist es denn?« fragte das Pfauenauge, »können Sie uns nicht
+erzählen, was Sie dem Elfen zu sagen haben? Wir werden es schon
+ausrichten.«
+
+Die Fremde schüttelte den Kopf. »Das geht nicht,« sagte sie, »ich muß
+ihn selber sprechen, ich komme von der Elfenkönigin.«
+
+Das Pfauenauge erschrak. Es hatte sich inzwischen eine ganze Reihe der
+Waldwiesenleute angesammelt, und nun wichen sie alle scheu ein wenig
+zurück, man sah deutlich, wie diese Nachricht alle überraschte, denn wer
+kannte die Macht der Elfenkönigin nicht. Es war eine Weile totenstill,
+man hörte den Bach plätschern, und das Lindenrauschen füllte die
+abendlich durchleuchtete Luft unter den großen dunklen Zweigen. Die
+Blumen in der Nähe, die schon an ihren Schlummer dachten, horchten auf
+und hoben ihre Köpfchen in die Abendstille. Wer hatte nicht von der
+Elfenkönigin gehört! Wollte sie nun den Elfen, der ihnen allen lieb
+geworden war, fortrufen und aufs neue in ihr Reich bannen, daß er ihrer
+Gemeinschaft entzogen werden sollte?
+
+»Sagen Sie uns, was geschehen wird«, bat ein Grashüpfer, aber die
+Fremde schüttelte den Kopf, besorgt sah sie sich um. »Werden die Bienen
+den Elfen finden?« fragte sie.
+
+Der Schmetterling nickte. »Die Bienen finden alles, was sie wollen;
+wissen Sie nicht, daß die Bienen darin groß sind?«
+
+»Doch, doch,« lautete die Antwort, »aber es eilt, der Abend wird bald
+hereinbrechen, und es ist weit bis zu den Moorseen.«
+
+»Es ist mitten im Juli,« sagte eine Ameise geheimnisvoll, »von den
+Glühwürmchen weiß ich, daß einmal im Jahr zur Sommerzeit bei Vollmond
+die Elfenkönigin in der Waldtiefe Hof hält. Es wird schon etwas Wahres
+an dieser Botschaft sein.«
+
+Eine Grasmücke kam herzugeflattert, und die geflügelten Tiere stoben
+auseinander, aber die Fremde blieb ruhig sitzen. »Ich reise im
+Elfenfrieden«, sagte sie ruhig, und die Grasmücke ließ sich neben ihr
+nieder, ohne ihr ein Leid zu tun, ja ohne ihr zu nahe zu kommen. Die
+Waldelfen sind ein mächtiges Volk, selbst die größten Tiere gehorchen
+ihrem Willen, denn es gibt vielerlei geheimnisvolle Künste und manchen
+Zauberbann, den die Elfenkönigin verhängen kann. Ach, viele Wunder
+walten im tiefen Wald, aber eines der größten werde ich nun erzählen.
+
+Als nach einer Weile der Elf kam, von zwei Bienen geführt, die ihm
+voranflogen, grüßte die Fremde ihn tief und ehrfürchtig, und sie
+sprachen eine ganze Weile allein miteinander, während die anderen Tiere
+neugierig und erwartungsvoll im Umkreis verharrten.
+
+Der Ausdruck des Elfengesichts wurde nachdenklich und immer trauriger,
+er sah vor sich nieder und sann, es schien als ob die Botschaft des
+blaugeflügelten Waldboten ihm tief ins Herz sank. Zum Schluß nickte er
+langsam, grüßte die Fremde freundlich zum Abschied und sah ihr nach, als
+sie schnurgerade und windesschnell mit leisem Schwirren davonflog, um
+bald zwischen den Stämmen der Kiefern in der Dämmerung zu verschwinden.
+
+Li, das Eichhorn, das seine Erwartung nicht mehr zurückhalten konnte,
+trat nun zuerst an den Elfen heran.
+
+»Willst du uns verlassen, Lieber?« fragte es rasch und ängstlich.
+
+Da kam auch Uku auf einen niedrigen Ast herabgeflogen, und der Elf
+wandte sich an sie:
+
+»Uku, ich muß in dieser Nacht zur Elfenkönigin.«
+
+Die Eule machte ein betroffenes Gesicht und sah schräg vor sich nieder,
+man erkannte deutlich, daß diese Nachricht sie nicht erfreute, und es
+schien, als wüßte sie, was sich mit dieser nächtlichen Begegnung
+verbinden könnte. Endlich sah sie auf und dem Elfen gerade ins Gesicht,
+der sich neben sie auf den Lindenast gesetzt hatte:
+
+»Die Elfenkönigin ist großmächtig, eine Herrscherin im Wald und über
+die Heide,« sagte sie, »sie wird dir die Freiheit zurückgeben, nach der
+du Verlangen trägst.«
+
+»Ja, sie wird mir helfen wollen«, antwortete der Elf. Seine Gedanken
+schienen nicht bei seinen Worten zu sein, er legte seine Hand auf die
+Brust und sah mit großen Augen in die Sonne, die jetzt dicht am Rand der
+Erde stand und wie eine feurige Kugel glühte.
+
+»Willst du uns verlassen?« fragte nun auch Uku. Ihr war wie allen Tieren
+umher plötzlich bang ums Herz, alle erinnerten sich dessen, daß der Elf
+aus fernen Regionen einer geheimnisvollen Welt zu ihnen gekommen, und
+daß er im Grunde nicht ihresgleichen war. Sie hatten es längst
+vergessen, so lieb war er ihnen geworden, und hatte er nicht immer alles
+mit ihnen geteilt, was sie beschäftigte, freute oder bekümmerte? Nun
+erschreckte sie der Gedanke, daß er fortfliegen möchte, zurück in sein
+Elfenreich und sie zurücklassen.
+
+Da sagte Uku plötzlich:
+
+»So sollen wir denn allein den Herbst erwarten, die Trauer des Welkens
+und einst unseren Tod; ach Elfenkind, vergiß uns nicht in deiner hellen
+Heimat.«
+
+Da kam eine seltsame Ruhlosigkeit über den Elfen, seine Augen
+schimmerten in einem kühlen, fremden Licht, er verließ seinen Platz
+neben Uku und flog zum Bach nieder. Dort nahm er das glitzernde Wasser
+in seine Hand, hob es auf und sagte:
+
+ »Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,
+ Silber im Wasser, werde mein!«
+
+Und während das Wasser aus seinen zarten Fingern niederrann, geschah das
+Wunder, daß ein klarer Silberschimmer in seiner Hand zurückblieb, und er
+legte ihn über seine hellen Flügel. In diesem Glänzen trat er nun zu den
+winzigen Wasserperlen, die von einer Bachwelle an einem Schilfhalm
+zurückgeblieben waren, hob seine Hand und sagte zu ihnen:
+
+ »Ein Elf befiehlt euch gehorsam zu sein,
+ reiht euch zur glitzernden Kette ein!«
+
+Und wieder geschah, was er befahl, und als er diesen reinen Schmuck um
+seinen Hals legte, war seine Pracht überirdisch zu schauen, die
+Verwunderung der Waldwiesenleute nahm kein Ende, aber sie fürchteten
+sich, denn er wurde ihnen immer fremder. Sie erlebten, daß er Wunder
+über Wunder tat und sich für den Gang zu seiner Königin immer herrlicher
+schmückte, aber zugleich sahen sie, daß sein Angesicht immer trauriger
+wurde.
+
+Als er sich umwandte, um ihnen einen letzten Gruß zuzuwinken, war die
+Sonne herabgesunken, nur ein schmales goldenes Halbrund ihrer Scheibe
+war noch zu sehen. Da hob der Elf zum letztenmal seine Hand, wie gebannt
+durch das feurige Himmelsgold, wandte sich an die Sonne im Abend und
+rief:
+
+ »Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,
+ gib mir Gold aus deinem Schein!«
+
+Aber es blieb nach seinen Worten totenstill umher, und nichts geschah.
+Lautlos sank fern die Sonne völlig unter den Horizont, und nun vernahm
+man umher das leise Seufzen, in welchem alle Geschöpfe sich der
+hereinbrechenden Nacht ergaben. Ein sanftes Rauschen erhob sich und
+pflanzte sich fort, und in diesem Wehen stand bestürzt das Elfenkind in
+seinem Silberglanz, und eine Träne nach der anderen rann über sein
+blasses Gesicht und tropfte ins Moos. »O, die Sonne,« schluchzte es,
+»sie ist meinem Ruf nicht gefolgt, ihr Gold ist nicht für mich!«
+
+Keines der Tiere umher wagte sich zu rühren. Nach den Beweisen seiner
+Macht, nach allen Wundern, die eben noch der Elf getan hatte,
+erschütterte alle seine Ohnmacht und sein Schmerz darüber, daß die Sonne
+ihn nicht hörte, aber wie erschraken sie, als er nun plötzlich den
+herrlichen Perlenschmuck von seinem Halse nahm und rasch und mit Eifer
+das schimmernde Bachsilber von den Flügeln streifte. Allen Schmuck, den
+durch wunderbaren Zauber die Natur ihm gehorsam verliehen, und den er
+sich angetan hatte, streifte er ab; und nun, als er ihnen wie einst,
+nur in seinem schlichten Kleid, mit den hellen Flügeln und dem Goldhaar
+erschien, sahen sie, daß er sich auf seine Knie sinken ließ, und indem
+er flehentlich seine Hände zum Abendhimmel hob, rief er:
+
+ »Goldene Sonne, ein Elfenkind
+ möchte nicht mehr sein, als alle sind.
+ Sieh, ich gab meine irdische Zier,
+ gib mir dein himmlisches Gold dafür.«
+
+Kaum waren die Worte im Abendwind verklungen, als hoch aus dem Gipfel
+der Linde ein feines Klingen erscholl, das von einem Glänzen begleitet
+wurde, und von Zweig zu Zweig rieselte es golden durch die Blätter
+nieder und legte sich dem knienden Elfenkind um Stirn und Schläfen und
+über sein helles Haar. Alle erkannten, daß es das letzte Gold der
+Abendsonne aus dem Wipfel der Linde war, und das Glück und das Entzücken
+der Waldwiesenleute kannte keine Grenzen. Es brach ein Jubel aus, der
+nicht enden wollte, alle Angst und Sorge wich aus den Herzen, und aus
+den Zügen des Elfen war alle Traurigkeit verschwunden. Nie war er den
+Tieren der Waldwiese schöner erschienen, das Fremdartige und Seltsame,
+das noch eben alle an dem Elfenkind in heimliche Scheu versetzt hatte,
+hielt sie nun nicht mehr gebannt, und alle glaubten es, als Uku rief:
+
+»Leb' wohl auf deinem Weg ins Nachtland der Elfenkönigin, du wirst nun
+sicher zu uns zurückkehren!«
+
+ * * * * *
+
+Als der Elf dahinflog, leuchtete eine Weile noch der festliche
+Abendhimmel durch die Stämme, erst in den Tannen wurde es dunkel, und
+bald darauf, wenn eine Lichtung kam, schimmerten die ersten Sterne im
+kühlen Blau der Höhe. Es dauerte nicht lange, und der Mond ging auf, man
+sah es am blassen Schimmer hoch in den Kronen der Bäume. Die Fledermäuse
+jagten in den Waldlichtungen, und hin und wieder erscholl der Ruf der
+Eulen.
+
+Es war ein weiter Weg für den Elfen, feierlich rauschte der Wald durch
+sein Herz, das bang und zuversichtlich zugleich pochte, von Furcht und
+Hoffnung gewiegt. Es war in der Natur umher ganz mondhell geworden, als
+er am Ort seiner Bestimmung angelangt war. Am Stamm einer uralten Eiche,
+dicht über dem Boden im Buschwerk kreisten eine Schar von Glühkäfern in
+seltsamen Ornamenten durch die Luft, als zögen sie geheimnisvolle Linien
+oder Kreise, die ganze Umgebung wurde auf diese Art in eine schimmernde
+Dämmerung getaucht, in welcher die Blätter seltsam glommen, als brennte
+irgendwo ein verborgenes grünliches Licht. Der Elf erkannte diese
+Wahrzeichen, er ließ sich bis dicht vor die großen Wurzeln der Eiche ins
+Moos nieder und rief die Glühkäfer an. Sofort löschten alle bis auf
+einen ihr Licht, nun sah man die Silberstreifen vom Mond durch die
+Zweige fallen, erwartungsvoll schien alles auf ein Ereignis zu harren.
+Der Glühkäfer kam nahe an den Elfen heran, aber als er sich vor ihm auf
+der Baumwurzel niederließ, erschrak er heftig.
+
+[Illustration]
+
+»Was hast du für Licht auf den Haaren und auf deiner Stirn,« rief er,
+»du erschrickst mich. Lösch dein Licht!«
+
+»Ich kann es nicht,« sagte der Elf, »zeig' mir den Weg zur Königin.«
+
+»Du bist der Waldwiesenelf, der von der Herrscherin erwartet wird?«
+
+Der Elf nickte. Auf ein Zeichen des Käfers flammten die Lichter aller
+anderen wieder auf, und es wurde unter der Wurzel der Eingang zu einer
+Höhle sichtbar. Die kleinen Wesen dienten scheu und gehorsam jedem Wink
+der Elfen.
+
+»Der Mondtanz auf der Wiese ist schon beendet,« sagte ein Käfer zum
+Elfen, als er neben ihm dahinflog, »alle erwarten dich im silbernen
+Saal. Es darf kein Elf mit dir sprechen, bevor es nicht die Königin
+getan hat.«
+
+Den Elfen ergriff mit heimlicher Macht der alte Zauber seines
+Heimatreichs, alles, was er seit der Nacht durchlebt hatte, in der er
+seiner Blume entstiegen war, erschien ihm plötzlich wie ein glühender
+Sonnentraum, in Gold und Grün und Wärme verwoben. Seine Hände zitterten,
+und er rief das Losungswort der Elfen vor dem Tor am Ende des Gangs mit
+bebender Stimme.
+
+Die nächtlichen Tore taten sich auf, ein Himmel von Licht und Glanz
+umfing den Elfen, als ob er in ein wogendes Meer von fließendem Silber
+untertauchte. Geblendet hielt er inne, während sich lautlos das Tor
+hinter ihm schloß, das die dunkle irdische Nacht vom Elfenreich trennte.
+Er sah über weite Gärten hin, die von Silber und durchschimmerndem Grün
+flammten und so hell waren, wie den Augen die Scheibe des Vollmonds
+erscheint, wenn sie weit aufgeschlagen mitten hineinsehen. Es ergriff
+ihn eine tiefe Rührung, die er nicht zu überwinden vermochte, es war die
+Gewalt der Heimat, die Einzug in sein Gemüt hielt. Sie ist die
+mächtigste aller Erinnerungen, schon viele Wesen sind ihr immer aufs
+neue erlegen und haben ihr das Opfer dessen gebracht, was die weite Welt
+sie gelehrt hat.
+
+Ein hoher Gesang schreckte den Elfen aus seiner Traumbefangenheit empor,
+er hob seine Augen und sah vor sich den Thron der Elfenkönigin. Über
+ihrem blonden Scheitel, auf dem ein Kronenreif aus Diamanten erglänzte,
+so rein und durchscheinend wie das Quellwasser der Waldtiefe, wölbte
+sich ein strahlender Baldachin, und zur Rechten und Linken ihres Throns,
+der aus Silber war, standen in weißen Reihen ungezählte Scharen von
+Blumenelfen, und alle hatten ihre Augen auf den Ankömmling gerichtet.
+Von ihren Lippen erscholl der Gesang, der die grüne Silberluft umher
+erfüllte, wie buntes Licht eine kristallene Kugel. Unwillkürlich ergriff
+die selige Schönheit des Gesangs den Elfen, und indem er sich tief
+verneigte, sang er mit den anderen das alte Elfenlied, den Gruß der
+Königin:
+
+ »Du Lob des Lichts in mir,
+ du Leuchten, das ich bin!
+ In tiefer Demut deine Zier,
+ ewige Königin.«
+
+Als das Lied verklungen war, wurde es umher so still, als wäre der
+strahlende Lichtraum ein Bild, nur ein ganz leises, kaum vernehmbares
+Rauschen ging von den vielen Flügeln aus, als zöge ein heimlicher
+Windzug über eine Winterlandschaft, deren Bäume im Rauhreif glitzern. Da
+erklang die Stimme der Elfenkönigin, und ihre Lichtaugen ruhten auf den
+Zügen des Elfen wie zwei Sterne:
+
+»So bist du meinem Rufe gefolgt und zu mir gekommen, du verlorenes Kind?
+Ich will dich nicht fragen, ob es ein Unglück oder eine Schuld gewesen
+ist, die dich aus unserem Reich verbannt hat, aber du sollst heute
+wissen, daß meine Macht groß genug ist, dir deine alte Freiheit wieder
+zu erwirken, und du darfst in unsere Gemeinschaft und in deine alten
+Elfenrechte zurückkehren, wenn du allem absagen willst, was dich in der
+vergänglichen Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen gefesselt hat, und
+wenn du deine Schuld von Herzen bereuen kannst.«
+
+Es ging eine frohe Bewegung durch die Reihen der Elfen, alle schienen
+beglückt zu sein, daß einer der Ihren, den der Tag der Erde ihnen
+geraubt hatte, wieder in ihr Zauberreich zurückkehren sollte. Aber die
+feine Stirn der Königin umwölkte sich plötzlich unter dem Licht ihrer
+Krone, und sie sagte:
+
+»Kommst du ungeschmückt zu deiner Königin?«
+
+Da merkte der Elf, daß der Schein auf seiner Stirn erloschen war, seit
+er das Elfenlied gesungen hatte, und die seltsame Trauer, die sein Gemüt
+bewegte, nahm zu. Ihn ergriff jählings ein Heimweh nach dem warmen
+grünen Erdenreich der Sonne, und er begriff zum erstenmal die Bedeutung
+des alten Gesetzes des Elfenvolks, daß kein Elf die Sonne sehen durfte.
+
+Es schien, als ob die Königin seine Gedanken erriete, sie sagte ernst
+und mit feierlicher Stimme:
+
+»Dein Geschick hat dich in das Bereich der Sonne verschlagen, und du
+hast erfahren, wie gefährlich ihre Macht ist. Es ist nur einem Wunder zu
+danken, daß du nicht gestorben bist, aber fast so schlimm wie der Tod
+ist die böse Wirkung der Sonne, die die Elfen ihr ewiges Lichtreich
+vergessen macht und sie zum vergänglichen Geschick der sterblichen Wesen
+verzaubert. Aber meine Macht ist größer; hast du gehört, daß ich dich
+erlösen will? Bevor du aber nun aufs neue in unsere Gemeinschaft
+aufgenommen wirst, sollst du uns erzählen, wie es gekommen ist, daß du
+in deiner ersten Erdennacht am Morgen den Aufgang der Sonne nicht
+rechtzeitig gewahr geworden bist.«
+
+Da hob der Elf seinen Kopf, den er in unverstandener Traurigkeit gesenkt
+gehalten hatte, solange die Königin sprach, und begann seine Geschichte
+von der Biene zu erzählen, die er in der Sommernacht zu den Menschen
+geführt hatte. Es war unbeschreiblich still umher, während er sprach,
+denn die Elfen wissen nur wenig von den Menschen, es kommt nur alle
+hundert Jahre vor, daß ein Elf mit den Menschen in nähere Berührung
+tritt, deshalb sind sie sehr begierig, etwas zu erfahren. Vor der Sonne
+und den Menschen haben alle Elfen eine große Scheu.
+
+Der Elf erzählte zu Beginn nur langsam und schüchtern, aber je länger er
+sprach, um so fester und klarer wurde seine Stimme, und als er zum
+Schluß kam, erhob sie sich zu einem Jubeln, so daß alle mit pochenden
+Herzen lauschten und nicht begriffen, woher die Freude stammte, die aus
+den Worten des Elfen strahlte.
+
+Es war lange still, nachdem er seine Geschichte beendet hatte, endlich
+fragte die Königin erstaunt und besorgt:
+
+»Du sagst uns, die beiden Menschen seien glücklich gewesen, ich will es
+dir gerne glauben, aber wie kommt es, daß du darüber die aufgehende
+Sonne am Himmel nicht gewahr geworden bist? Das blendende Feuer der
+gewaltigen Sonne muß doch deine Sinne schon mit Angst erfüllt haben, als
+es sich am Horizont ankündigte, und da wäre es für dich noch Zeit
+gewesen.«
+
+Der Elf erhob seine Arme, und seine Augen glänzten:
+
+»Wie soll ich es dir beschreiben, mächtige Königin,« sagte er mit
+zitternder Stimme, »seit ich die Augen der beiden Menschen gesehen
+hatte, die sich im Glück ihrer Liebe umschlungen hielten, war mir ums
+Herz, als sei die ganze Erde hell. Ich habe geglaubt, das Licht käme
+aus ihren Herzen geströmt, wirklich ... und als ich dann aufschaute und
+die Morgensonne erblickte, war mir in meiner Verwirrung zumut, als käme
+alles Glück von ihrem Licht, und ich konnte nicht wie früher glauben,
+daß sie gefährlich und schrecklich sei. Ich vernahm um mich her die
+Stimmen der erwachenden Blumen und Tiere, und aus aller Mund klang der
+gleiche frohe Glaube.«
+
+Da sprang die Königin auf und schlug vor ihrer Stirn die Hände zusammen
+vor Zorn und Trauer.
+
+»Armes, verführtes Kind!« rief sie, »was hast du gegen das
+unvergängliche Dasein der Elfen eingetauscht! Weißt du denn nicht, daß
+alle Wesen, die der Sonne vertrauen, sterben müssen?«
+
+Erschrocken über den Zorn der Königin trat der Elf ein wenig zurück.
+
+»Das macht ja nichts ...« antwortete er schüchtern.
+
+Es war wirklich so, als sollte in dieser Nacht im Reich der Elfen ein
+Wunder nach dem anderen geschehen. Die Königin stand plötzlich
+merkwürdig still, sie schien ihre ganze Sorge vergessen zu haben, und
+indem sie sich langsam mit großen Augen vorbeugte, sagte sie in höchstem
+Erstaunen:
+
+»Wie, ist es wahr, du weinst? Seit wann kann ein Elf weinen?«
+
+»Ich weiß nicht,« antwortete der Elf leise, »ich kann es ...«
+
+Da raffte die Königin sich erschrocken auf, und indem sie ihre ganze
+Kraft zusammennahm, sagte sie:
+
+»Wie frei und herrlich war dein Leben vor deiner unseligen Schuld! Dir
+war Schönheit und Macht verliehen, und du hast im hellen Flügelkleid die
+Irdischen beglücken können, nach deiner Wahl. Schmerzen und alles
+Ungemach der sterblichen Wesen sind dir fremd und fern geblieben, und
+dein Tod war nur ein liebreicher Traum des Vergessens, durch den du in
+unser Reich zurückkehrtest, um einst aufs neue als Blumenelf aus einem
+reinen Kelch zu steigen, so hell und einsam wie das Licht aus den
+Sternen bricht, oder wie ein Quell aus den Felswänden. Dein Wort tat
+Wunder, alle Wesen der Schöpfung dienten dir und segneten dich. Die Erde
+nahm dich auf, um dich aufs neue zu erlösen; weißt du das alles nicht
+mehr?«
+
+Da rief der Elf laut:
+
+»Die Erde kann nicht erlösen, nie die Erde!«
+
+»Was soll dich denn erlösen, du Törichter«, entgegnete bestürzt die
+Königin. »So alt das Geschlecht der Menschen ist, solange sind Herzeleid
+und Klage von ihnen aufgestiegen, solange haben Erniedrigung und Schmach
+ihre Liebe begleitet, solange sind sie den bitteren Tod gestorben, der
+ins ewige Dunkel führt. In der Sonne vergessen sie ihr Geschick, in
+derselben Sonne, die nun auch dein Gemüt und deine Sinne verführt hat.
+Und ergeht es den übrigen Geschöpfen im Licht anders? Ihr Seufzen steigt
+wie Nebel vom Erdgrund, sobald die Sonne am Horizont gesunken ist, ach,
+und wieviel Tränen hat auch die Sonne selbst gesehen, die sie nicht hat
+stillen können! Dies alles weißt du, und was du erfahren hast, wird dir
+nur die Wahrheit meiner Worte bestätigen, und so frage ich dich nun,
+willst du zu uns zurückkehren und in deine alte Freiheit?«
+
+Da antwortete ihr der Elf:
+
+»Ich kann es nicht mehr.« Und als die Königin sich erhob und sagte: »So
+werde ich dir helfen,« legte der Elf die Hand auf seine Brust und sagte
+deutlich: »Ich will es nicht mehr.« Und als hätte sein Entschluß ihm
+Kraft verliehen, fuhr er mit leiser Stimme, aber ruhig und gefaßt fort:
+
+»Was du über die Erde, die Sonne und ihre Geschöpfe gesagt hast,
+Königin, das ist wahr, aber du und alle aus deinem Reich, ihr kennt nur
+das Ungemach der Irdischen, aber ihr kennt ihr Glück nicht. Ich kann es
+dir mit Worten nicht sagen, dies Glück, das jetzt auch mein Teil
+geworden ist, und von dem ich mich nicht mehr trennen will. Wohl ist der
+Tod das dunkle Geschick der Irdischen, aber im Licht der Sonne, die
+alles blühen macht, blüht auch aus den Herzen der Sterblichen eine helle
+Blume der Freude. Ihr Name ist Liebe, der Grund, auf dem sie allein
+gedeihen kann, ist das Herz in seiner Freiheit.«
+
+»Das Herz?« sagte die Königin mit blassen Lippen. Es war so still
+umher, daß ihre Frage wie ein Traumruf in ruhiger Nacht erklang, es war,
+als wagte niemand zu atmen. Da fuhr der Elf mit leiser Stimme fort, die
+vor Ergriffenheit zitterte:
+
+»Ich kann das Herz nicht schildern, aber sein Reich ist unendlich, weit
+und klar. Seine Allmacht ist stärker als die Gedanken, seine Wärme
+gnädiger als das Sonnenlicht, und tausend und tausend Jahre haben seine
+Fülle nicht ändern noch trüben können. Alle Schwachheit des
+vergänglichen Geschlechts der Irdischen ist nur eine arme, zeitliche
+Befangenheit gegen seine helle und unzerstörbare Freiheit, und immer und
+immer wieder blüht aus seinem Grund die Liebe empor. Nur das Herz kann
+erlösen, Königin. Draußen, in der goldenen Gemeinschaft der Sonne, blüht
+es auf, was gilt den Gesegneten, die es in ihrer Brust bergen, noch das
+zeitliche Elend oder der Tod? Wie immer wieder die Sonne mächtig wird
+und die Erneuerungen des Frühlings erschafft, so wird in den Herzen
+immer wieder die Liebe aufbrechen, das macht die Fremdesten zu Brüdern,
+die Einsamen zu fröhlichen Gefährten und schließt die Verlassenen in
+eine unaussprechliche Gemeinschaft der Hoffnung ein. Das ist es, was ich
+erfahren habe, seit ich die Sonne und ihr Bereich kenne, aber ich weiß
+wohl, daß ich es nicht erklären und benennen kann. Es ist eine
+himmlische Ungeduld in mir voll Seligkeit, das Herz pocht und pocht,
+erst seit ich weinen kann, höre ich seinen Schlag. Es klingt warm, voll
+Angst, bald ist mir, als versänke es in Dunkelheit, dann wieder vermag
+ich sein Strahlen nicht zu fassen, und ich weiß, es wird blühen! Ich
+weiß es, wenn ich die Knospen auf den Wiesen sehe, oder den Vogelgesang
+höre, das Lachen der Menschen oder ihre Klage. 'Es wird alles, alles
+gut,' pocht das Herz, 'du sollst noch viel Größeres erfahren!'«
+
+Der Elf schwieg, und wie beschämt von seiner eigenen Kühnheit senkte er
+sein Haupt, und ein schüchternes Lächeln kam in seinen Zügen auf, ein
+wehmütiges Lächeln der Zuversicht. Ach dies Lächeln! Könnte ich es mit
+meinem Geist erfassen und über eure Herzen ausschütten, wie Gott seinen
+Sonnenschein über die blühende Frühlingserde strömen läßt, für den Preis
+meines Lebens, ich täte es!
+
+Kaum hatte der Elf seine Worte beendet, noch ging wie eine Woge das
+Erstaunen aller durch den Saal, da geschah das Wunder, daß sich in
+seinem Haar und um seine Stirn ein sanftes Glühen erhob, das, obgleich
+es milde und freundlich war, doch stärker erstrahlte als alles Licht des
+funkelnden Saals.
+
+»Die Sonne!« schrie die Königin laut und sprang in hellem Entsetzen
+empor, »die Sonne!« Sie erhob ihre Hände und rief ein gewaltiges
+Zauberwort, unter dessen Klang der Saal erbebte, und das magische Licht
+ihrer alten Welt und mit ihr der unterirdische Raum und das Heer der
+erschrockenen Elfen versanken in grausige Erdtiefe, abgelegener und
+ferner, als die Sinne ermessen können. Es wehte kühl und traurig aus der
+Finsternis über den Elfen hin, und er vernahm aus der Nacht, die ihn
+umgab, eine dumpfe Klage, wie sie zuweilen vor dem hereinbrechenden Föhn
+schaurig über die Eisdecke der Gebirgsseen hinhallt. --
+
+Am hereinbrechenden Morgen weckte das Tageslicht der Erde den Elfen. Er
+fand sich unter Farren im Moos liegen, zwischen den großen Wurzeln des
+Baums, der den Eingang zum Elfenreich hütete. Er richtete sich mit
+Taumeln auf und sah voll tiefen Erstaunens in das Morgenrot, das
+zwischen den Stämmen leuchtete. So war er nun dem alten Heimatreich für
+immer entrückt, sein Zauber hatte die Gewalt über ihn verloren, und es
+war ihm nach seinem Willen geschehen, nun unter den Sterblichen der
+Erdoberfläche ein Vergänglicher zu sein, wie die anderen alle.
+
+Als die Sonne ihr funkelndes Strahlengold über die heitere Landschaft
+ergoß, als die fernen Seen aufblitzten wie silberne Himmelreiche, im
+Morgenrauschen der Wälder verloren, als die ersten Stimmen der
+erwachenden Tiere ihn begrüßten und der Tau seine Stirn kühlte, zog ein
+froher Mut in sein Herz ein. Mit Singen erhob er seine Flügel und flog
+durch den Morgenglanz der erfrischten Welt auf die Waldwiese zurück, zu
+den Pflanzen und Tieren, den Freunden seines Lebens.
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel
+
+ Das Reich
+
+
+Langsam wurden nun die Tage kürzer, und die ersten Silberfäden der
+Wanderspinnen hingen in den Büschen oder sie zogen so lautlos durch die
+klare Luft, als ruhten sie auf unsichtbaren Schwingen, wie überall umher
+das sommerliche Waldglück in freier Gestilltheit träumte. Aber seit
+diese glitzernden Fäden zu sehen waren, kam mit ihnen eine heimliche
+Wehmut auf, als sänge eine Frauenstimme in einem verlassenen Haus, oder
+als wendete ein Scheidender sich nach einer liebgewonnenen Stätte um,
+die er nicht wiedersehen sollte.
+
+Die Berberitzensträucher am Rand der Waldwiese sahen unter der roten
+Last ihrer kleinen Früchte aus, als wären sie über und über mit Korallen
+behängt, die vereinzelten Vogelrufe zogen durch das Wunder ihrer zarten
+Gestalt, wie auch die Luft und die kühlere Sonne. Die Nächte waren von
+niegesehener Klarheit, die Gestirne funkelten so deutlich und nah, als
+wünschten sie ihr strahlendes Bild in alle Seelen einzuprägen, und die
+Gedanken der lebendigen Wesen, die über dem scheidenden Sommer in
+Schwermut sanken, mußten zu ihnen emporziehen, ob sie wollten oder
+nicht.
+
+Zu dieser Zeit begann die Linde an einem hellen Abend eine andere
+Geschichte von den Menschen und erzählte:
+
+»Im Laufe meines langen Lebens, dessen Dauer ihr Lieben, meine Blumen,
+Pflanzen und Tiere in eurem Sinn nicht ermessen könnt, habe ich viele
+Menschen unter meinem Schatten beherbergt, ich habe sie von sich und
+anderen sprechen hören, ich kenne viel von ihrem Verlangen, ihren
+Schmerzen, ihrer Freude. Frühling für Frühling, im beständigen Wechsel
+der Jahreszeiten, hat sich meine Erfahrung auf seltsame Art erneut. Ich
+habe das Große des Irdischen um so besser behalten, und das Geringe hat
+sich verloren, als sei es kein Teil meiner Erinnerung. So ist es mir
+ähnlich ergangen, wie es einem alten Geschlecht unter den Menschen
+ergehen kann, zuletzt erben die jüngsten Sprossen zuweilen die
+Herzenserfahrung ihrer Väter als ihr Gut, sie werden mit weisen Augen
+geboren, zugleich mit unvergänglicher Jugend und bergen den
+Seelenreichtum ihrer Ahnen im großen Gemüt.
+
+So habe ich in meinen tausend Jahren oft von der Geschichte eines Mannes
+vernommen, immer wieder erklang sein Name, und was ich durch den Wandel
+der Jahrhunderte von seinem Wesen behalten habe, was Frühlinge und
+Herbste, der Schlaf des Winters und das Ungestüm der Stürme in mir nicht
+haben auslöschen können, das will ich euch heute erzählen, da nun der
+Sommer zur Neige geht, und mit ihm manches Leben unter mir entschläft,
+um in dunkler Ruhe seiner Vollendung zu warten.«
+
+Es waren an jenem Abend, an dem die Linde ihre Geschichte begann, fast
+alle Geschöpfe der Waldwiese versammelt, die euch bekannt geworden sind,
+und noch viele mehr. Auch der Elf saß mit gestütztem Kinn auf einem
+Moospolster unter einem hohen Farrenblatt und lauschte. Seine Augen
+waren groß und still und suchten die schimmernde Weite des späten
+Sommertages. Wer ihn näher kannte und liebte, hatte in der letzten Zeit
+eine zunehmende Traurigkeit bei ihm wahrgenommen und stärker als jemals
+jene himmlische Ungeduld seines Wesens, die sich wie ein Licht auf alle
+übertragen hatte, mit denen er in Berührung gekommen war. Er mußte nun
+oft an seine Begegnung mit der Lerche denken, und an ihre Worte, als sie
+ihm gesagt hatte: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.« Sie sang
+nun schon lange nicht mehr, und einen Sommer hindurch harrte der Elf auf
+seine Erlösung. Wann sollte ihm jene Liebe endlich begegnen, die größer
+als alle Liebe war, die er empfunden oder gegeben hatte, und die ihn zu
+seiner Heimkehr erlöste, nach der er sich sehnte? Wohl hatte er seine
+Hoffnung nicht verloren, aber sie war traurig geworden, und oft, wenn
+nun in kühleren Nächten die Sterne auf sein Lager schienen, hatte er
+leise gesungen, im Dunkeln:
+
+ Trauer du, mein irdisch Los,
+ über deinen bittern Gaben,
+ will ich meine Seele groß,
+ will sie stark und glänzend haben.
+
+Ihm war, als brächte ihm sein Lied aufs neue die Gewißheit seiner
+Bestimmung, als riefe er sie singend herbei, aber doch mußte er zuweilen
+daran denken, daß vielleicht seine Erlösung noch in weiter Ferne lag,
+und daß die strahlende Erde, auf die er gebannt war, doch in all ihrer
+Schönheit keine Liebe kannte, so groß, wie er ihrer zu seiner Heimfahrt
+bedurfte.
+
+Dies kam ihm auch heute in den Sinn, als die Linde ihre Geschichte
+begann, denn sie begann feierlich und sehr ernst, aber er konnte seinen
+Gedanken nicht nachhängen, denn es erhob sich ein sanfter Wind, und der
+alte Baum fuhr fort zu erzählen:
+
+»Es ist länger her, als auch die ältesten Bäume ermessen können, da war
+einst in einer prächtigen Königsstadt des fernen Ostens ein großes Fest,
+zu welchem die Menschen aus allen Gegenden des Landes herbeigeströmt
+waren, um daran teilnehmen zu können. Durch das Gewühl der fröhlichen
+Menschen ging ein Knabe, der niemandem auffiel, der ihn nicht näher
+betrachtete, denn er war einfach bekleidet und schmal von Wuchs; was ihn
+vor anderen auszeichnete, war der Glanz seiner Augen, deren Blick,
+eigenartig und schüchtern in sich versunken, doch zugleich in weite
+Ferne zu schweifen schien, wie ein ruhiges Wasser in seiner eigenen
+Tiefe ruht und doch zugleich den Himmel spiegelt.
+
+Er schritt langsam dahin, durch die heiße Sonne des schönen Tags,
+nachdenklich und froh, nach Knabenart, und es mag gegen seinen Willen
+geschehen sein, daß er sich nach einer Weile vor dem Eingang des
+mächtigen Tempels befand, der ruhig dalag, da kein Gottesdienst
+abgehalten wurde. Der Knabe schritt die breite Treppe empor und öffnete
+mit Mühe die schweren Vorhänge, die in das dämmerige Licht der
+feierlichen Halle führten. Gelassen betrat er das Heiligtum, heimlich
+beglückt und ohne Neugier, aber mit dem zitternden Herzen seiner
+Erwartung.
+
+Es war fast leer unter den zwei erzenen Säulen der Vorhalle und kühler
+als draußen in der Sonne. Aus den Nischen blinkte goldener Schmuck aus
+Wandgemälden und gewirkten Teppichen. Der innere Raum war unermeßlich
+hoch und groß, zwischen den Knäufen der Säulen hing ein funkelndes
+Gitterwerk, sieben geflochtene Reife, wie Ketten. Die Wipfel der Säulen
+öffneten sich wie Lilien. Aus einer der Nischen im Hintergrund erklang
+eifriges Reden, der Knabe vernahm dunkle gewichtige Männerstimmen und
+erregte Einwürfe, die seltsam widerhallten und durch den Schall im Raum
+eine geheimnisvolle Wichtigkeit bekamen.
+
+Als er hinzutrat, erkannte er am ehernen Gestühl dicht neben dem
+vergoldeten Altar mit den heiligen Broten eine Gruppe von Priestern und
+Gelehrten, die über wichtige Fragen, welche Gott und sein Reich
+angingen, in heftigen Streit geraten waren. Da schritt er hinzu und
+lauschte, bis eine der Aussagen der Streitenden ihm ins Herz sank, und
+er trat in ihren Kreis und fragte nach dem Sinn der vernommenen Worte.
+Die Angeredeten waren sehr erstaunt, als unerwartet ein fremder Knabe in
+ihre Mitte trat und sich in ihre Anliegen mischte. Ein alter Mann unter
+ihnen, an den der Knabe mit klarer Stimme und ernstem Angesicht seine
+Frage gerichtet hatte, erhob zornig sein ehrwürdiges weißes Haupt und
+wies den Eindringling mit ausgereckter Hand aus ihrer Mitte, aber noch
+ehe ein mißbilligendes Wort über seine Lippen kam, begegneten seine
+Augen denen des Kindes, und er schwieg betroffen, denn ihm war, als ob
+ein Leuchten von der Stirn dieses Knaben sank, und der Glanz seiner
+Augen erschien ihm so liebevoll in seiner Klarheit, daß er sich besann
+und gütig antwortete. Aber wie groß war sein Erstaunen, als der Knabe
+seine Hand ein wenig hob, und indem er sinnend in die Dämmerung des
+Tempels schaute, sein kindliches Haupt schüttelte.
+
+'Glaubst du mir nicht?' fragte der Alte betroffen.
+
+Die Anderen hatten sich schweigend und neugierig um die beiden
+versammelt, und es ist ein seltsames Bild gewesen, als das Kind in der
+Gruppe der weißhaarigen Alten stand, die einander über die Schultern
+sahen, mit erstaunten, spöttischen und mitleidigen Angesichtern. 'Laß
+ihn doch gehen', erhob sich eine Stimme, und ein anderer meinte, es sei
+nicht Sitte, daß Kinder im Tempel das Wort ergriffen. Aber da wandte
+sich der Knabe ihm zu, sah ihn an und sagte mit freiem Lächeln:
+
+'Dies ist das Haus meines Vaters.'
+
+Seinen Worten folgte ein befangenes Schweigen, denn sie waren mit großer
+Zuversicht und so einfach gesagt, als handelte es sich um den irdischen
+Vater, von welchem der Knabe sprach und nicht um den himmlischen; aber
+der ehrwürdige Greis, der sich des Kindes zuerst angenommen hatte, hob
+die Hand gegen die anderen, die sich zu Fragen und zum Widerspruch
+anschickten, winkte ihnen begütigend zu und sagte:
+
+'Hat er nicht recht mit seinem Glauben? Gott ist unser aller Vater, so
+ist er auch der seine. Aber nun sage mir, Kind, weshalb hast du den Kopf
+geschüttelt, als ich deine Frage beantwortete, mit welcher du zwischen
+uns getreten bist?'
+
+Und da geschah das Wunder, von welchem lange die Priesterschaft des
+Landes bewegt wurde und das bis weit in alle Schichten des Volkes drang.
+Der Knabe legte seine Hand auf die Blätter des heiligen Buchs, das den
+Altar schmückte, und seine Fragen über den Sinn der ältesten Hoffnung
+des Volks und der seligen Verkündigungen der Väter entzündeten die
+Herzen der gelehrten Männer zu unbeschreiblicher Wehmut. Es war, als
+sänke unter der Begierde und unter dem Anspruch dieses Kindes ein
+jahrtausend alter Staub von den vergilbten Blättern, und der Sinn ihres
+Inhalts schien zu leuchten, wie die Augen des Knaben, der sprach. Da
+wich alle Besorgnis und jeder Hochmut der Priester ihrem Verlangen, den
+Glanz dieses Geheimnisses zu ergründen, das unter ihnen waltete. Sie
+fragten dieses und jenes, was sie in Zweifeln und in Not bedrängt hatte,
+aber nicht wie Lehrer und Gelehrte fragen, sondern mit bebendem Herzen
+und tief betroffen über die Antworten des fremden Knaben.
+
+Aber noch ehe sie recht ermessen hatten, was ihnen begegnete, hörten sie
+die Stimme einer Frau, die herzueilte und laut und glücklich einen Namen
+durch das Gotteshaus rief. Sie stürzte auf den Knaben zu, schloß ihn in
+ihre Arme und weinte vor Sorge und Glück.
+
+'Wir haben dich drei Tage in der ganzen Stadt gesucht, mein Kind', rief
+sie mit zitternder Stimme. Aber ihre Freude war viel größer als ihr
+Zorn, und auch der Vater, der herzueilte, ergriff die Hand seines
+Sohnes, schweigend vor Erstaunen und Ehrfurcht, ihn vor dem Heiligsten
+des Tempels im Kreise der mächtigen Gelehrten zu finden.
+
+Das Kind folgte seinen Eltern ohne Widerspruch und begleitete sie, ihrem
+Willen gehorsam. Die Priester sahen einander betroffen an, diese
+lächelten befangen, ohne ihrer Verwunderung über das Geschehene Herr
+werden zu können, jene sahen dem Knaben nach, und andere senkten ihre
+Stirnen in Nachdenklichkeit, aber allen war, als wäre ein Schein unter
+ihnen zurückgeblieben, wie kein Wissen und keine Priesterwürde ihn
+auszubreiten vermögen, sondern nur das Herz, das unendliche, weite,
+klare.
+
+Da sagte einer von ihnen und hob sein Haupt:
+
+'Welch eine Zeit bricht an, daß uns Weise ein unmündiges Kind durch sein
+Verlangen beschämt?'«
+
+ * * * * *
+
+»Ich habe kein Wissen und bin nicht gelehrt,« fuhr die Linde nach einer
+Weile fort, »ich habe nur die Einwirkungen der Natur erkennen gelernt,
+ich sah in mir und um mich her Erblühen und Vergehen, Lust und Schmerz
+und eine stete Wiederkehr der Freude. Dies ist meine ganze Weisheit bis
+auf den heutigen Tag geblieben, und ich will keine andere, denn in ihr
+war ich glücklich. In ihr sehe ich das Bild des Mannes, von welchem ich
+euch erzähle, und allein in ihr vermag ich es euch darzustellen, Gott
+gebe meinen Sinnen Unschuld. Wir sind alle aus der Freude geboren und
+kehren zu ihr zurück.
+
+Aus jenem Knaben, der im Hause Gottes die Priester in Erstaunen setzte,
+wurde der Mann, dessen Geschick ich euch erzählen will. Erst nach vielen
+Jahren tauchte er wieder unter den Menschen auf, und ich hörte, daß
+niemand in Erfahrung gebracht hat, wo er bis an die Grenze seines
+Mannesalters geweilt habe. Er soll einfach gekleidet gewesen sein und
+nicht nach Sitte der Gelehrten seiner Zeit, er trug einen Mantel wie ein
+Kleid, sein rauhes Haar fiel auf seine Schultern nieder, und als er
+damals unter das Volk trat, hatte er weder ein Haus, noch irgendwelches
+Eigentum, noch auch nur einen Ort, wo er hätte ruhen können. Er
+arbeitete nicht und ließ keine Sorge um sein irdisches Ergehen in sein
+Herz finden, denn sein Glaube war, daß der Vater im Himmel sich aller
+annähme, die ihn von Herzen suchen. Obgleich er allein war und niemanden
+um Liebe bat, auch um keines Menschen Freundschaft warb, fanden sich
+Männer, die sich ihm anschlossen und die keine Macht der Welt mehr aus
+seiner Nähe und aus seiner Gefolgschaft verbannen konnte. Man erzählt,
+daß sie ihn erblickt und die Worte vernommen hätten, die er zu den
+Leuten auf der Gasse sprach, und daß sie ihn darauf liebgewannen und
+sein armes Dasein mit ihm teilten. Sie ließen ihre Arbeit, ihr Haus und
+ihre Angehörigen ohne Bedenken zurück, um immer bei ihm zu sein.
+
+Man sprach bald im Land von diesem seltsamen Mann, aber man verstand ihn
+nur selten, denn was er den Menschen über die Liebe sagte, war so neu,
+so sonderbar und zugleich so strahlend in seiner Einfalt, daß die
+meisten erstaunt, erzürnt oder geblendet aus seiner Nähe wichen und ihn
+zu hassen begannen, denn er störte sie in der falschen Ruhe ihrer
+Herzensarmut. Er sprach nicht über alle jene Dinge, die sie Tag für Tag
+beschäftigten, nicht über ihre kleinen oder großen Sorgen, nicht über
+die Landesverwaltung, noch über die Sitten und Gebräuche, sondern er
+sprach über das Reich der Seele und über das Wesen der Liebe.
+
+Eines Tages erstieg er einen Berg, nahe bei einer großen Stadt und
+begann, den Vielen, die ihn begleitet hatten, zu sagen, was sein Herz
+bewegte.
+
+Er stand hoch und allein im Sonnenschein, in seinem schlichten Kleid,
+achtete nicht darauf, wie viele es waren, die ihm zuhörten, noch ob sie
+ihn wohlgesinnt oder feindlich betrachteten, er vergaß das Ungemach, das
+ihm von Menschen geschehen war, und sprach, als durchschiene ihn das
+Licht, in dem er stand, und seine Worte erklangen und leuchteten von
+Gedanken, als ob auch sie aus diesem Licht geboren wären.
+
+Unter seinen Worten sanken alle vergänglichen Werte der Erde dahin, als
+seien sie nichts, Reichtum, Macht, Ansehen vor den Menschen und alle
+zeitlichen Güter, und an ihre Stelle setzte er zum Wert der Welt die
+Liebe. Ihren Glanz nannte er das Reich, und er verhieß es nicht den
+Mächtigen und Starken, sondern denen, die reinen Herzens sind, denen,
+die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ersehnen; sie nannte er das Licht
+der Welt.
+
+Als bei seinen Worten in den Herzen der Menschen, die ihm mit Zittern
+und Andacht lauschten, die Angst um den Bestand ihres irdischen Daseins
+sank, lenkte er ihre Blicke aus dem Wirrsal ihrer täglichen Lebenssorgen
+hinüber in die Ruhe der Felder, in den Frieden der Natur, und sprach von
+den Blumen und Vögeln, die nicht säen und nicht ernten, und die doch
+empfangen, was sie brauchen. 'Sorgt nicht für euer Leben,' rief er laut,
+'ihr seid viel mehr als sie! Trachtet zuerst nach dem Reich, so wird
+euch alles andere zufallen.'
+
+Das Bild und der Glanz des Reiches wurde unter seinen glühenden Worten
+zu einer neuen Heimat im Gemüt. Sorge, Haß, Feindschaft und selbst der
+Tod erloschen in diesem blühenden Lichte, wie vor der aufgehenden Sonne
+im Tal die Nebel der Nacht versinken. 'Ich bin zu euch gekommen, um
+alles zu erfüllen, was die Sehnsucht unserer Väter erfleht hat, ihr
+sollt mit mir vollkommen sein, wie Gott im Himmel vollkommen ist.'
+
+Das Reich, von dem er sprach, wohnte und regierte im Tempel der Seele.
+Der Name Gottes und der Name der Liebe verwoben sich unter seinen Worten
+zu einer Einheit in unvergänglicher Freiheit. In seinem Herzen glühte
+der Wunsch, daß die Menschen sich von den vergänglichen Gütern der Erde
+abkehren möchten und sich unvergänglichen zuwenden. Mit heiligem Zorn
+und brennender Hoheit der Verachtung wandte er sich an die Schar der
+Landespriester, die unter dem Volke standen und ihm zuhörten, und er
+strafte sie um ihrer toten Gesetze und um ihrer Halbheit willen.
+
+Die Ergriffenheit und das Entsetzen der Menge nahmen überhand, er
+erschien den Menschen bald als ein himmlischer Gesandter eines ganz
+neuen Friedens, bald war ihnen, als müßte ein Gericht des Himmels diesen
+glühenden Geist der Verheißung und der Prophezeiung davonreißen. Aber
+nun wandte er sein Angesicht zum Himmel empor und sprach mit Gott, als
+sähe er ihn von Angesicht. Die erschütterten Menschen warfen sich zu
+Boden, ihnen war, als beschwöre die Inbrunst dieser Stimme Gott von
+seinem Thron nieder, mitten unter sie. Sie glaubten, er würde Gott zum
+Zeugen seines Rechts anrufen und Macht und Gewalt über die Erde für sich
+erflehen, aber er bat nur um Brot, darum, daß ihre Schuld vergeben sein
+möchte, und daß sie vor Unrecht bewahrt blieben. Wie in einem
+unendlichen Jubel des Glücks rief er mit zitternden Lippen zu Gott
+empor. 'Dein ist das Reich!'
+
+Der Abhang des Berges erschien wie ein Saatfeld nach dem Werk des
+Schnitters. Der Sonnenschein flimmerte in warmen Lichtschwingungen, und
+fern über den Gärten sangen die Lerchen im Himmelsblau.
+
+Niemand könnte die Wirkung seiner Rede schildern. In Glück, Andacht und
+Entsetzen verließen die Menschen ihn, als er sie schloß, und der Ruhm
+seines Namens verbreitete sich im Land und weit über die Grenzen hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Dieser unbekannte Gesandte einer neuen Botschaft, die die Liebe zum Wert
+der Welt erhob, zog weiter durch das Land und sprach auf den Märkten und
+Straßen zu den Menschen. Er fragte nicht danach, ob ein Mensch gute oder
+schlechte Eigenschaften hatte, sondern nach dem Verlangen seines
+Herzens. Das Heimweh der Menschen war ihm wertvoller als ihre Tugenden,
+denn er hatte kein Gefallen an Opfern, sondern nur an Barmherzigkeit. So
+nahm er eine Verworfene an sein Herz, als er die Trauer ihrer Demut sah,
+aber er verwarf die Opfer eines reichen Mannes, dessen Herz sich nicht
+von allem trennen konnte, was er hatte. Aber wo er Glauben an sein Reich
+der Liebe fand, entschuldigte er alles, und wenn er jemandem half, so
+bekümmerte es ihn nicht, welchem Land oder welcher Kirche er angehörte.
+Das Leid der Menschen zog ihn an, er folgte ihren Schmerzen, als wäre er
+um ihretwillen gekommen, er konnte sich keinem Elend verschließen.
+Einmal kam ein fremder Kriegsherr zu ihm, der ihn kaum kannte, und nur
+von ihm gehört hatte, und bat ihn, er möchte seinen kranken Knecht
+gesund machen. Da antwortete er ihm:
+
+'Ich werde kommen und es tun.'
+
+Aber der Fremde lächelte abwehrend und rief:
+
+'Ich bin nicht wert, daß du in mein Haus kommst, sag' nur ein Wort, und
+mein Knecht wird gesund werden!'
+
+Mit einem heißen Erschrecken der Freude über das Vertrauen, das in
+diesen Worten lag, wandte der Angeredete sich seinen Freunden zu. Er
+verbarg die Tränen, die sich in seine Augen drängten und sagte:
+
+'Unter euch habe ich solchen Glauben nicht gefunden.'
+
+Dann wandte er sich dem fremden Kriegsherrn aufs neue zu und sagte ihm,
+als wäre nichts geschehen, das eines Dankes wert sei, daß er daheim
+seinen Knecht gesund finden würde. Und wirklich fand der Herr seinen
+Knecht gesund.
+
+Solche Macht war ihm gegeben. Niemand begriff, woher sie ihm kam, aber
+er lächelte und sagte: 'Ihr alle könntet Berge versetzen, wenn ihr nur
+so viel Glauben an die Liebe hättet wie ein Senfkorn.'
+
+Seine Freunde, die ihn begleiteten, verstanden ihn nur selten. Oft
+fürchteten sie ihn, häufiger waren sie um ihn besorgt. Besonders seit er
+einmal allein, mit einer Geißel in der Hand, in das Gotteshaus gegangen
+war und die Händler vertrieben hatte, die dort ihre Tische aufzustellen
+pflegten, empfanden manche ein heimliches Grauen vor seiner Kühnheit.
+Denn er hatte den Leuten ihre Geldschalen mitsamt ihren Waren zu Boden
+geworfen, so daß ihre Habe durcheinander rollte. Ihre Wut beachtete er
+so wenig, als ob eine mächtige Schar ungezählter Engel ihn unsichtbar
+begleitete und ihm Macht über alle Macht der Erde verlieh. So fürchteten
+seine Freunde sich oft vor seiner Strenge und der Unerbittlichkeit
+seiner Forderungen und seines Willens zum Guten, aber als sie ihn einmal
+in ihrer Besorgnis fragten, antwortete er ihnen:
+
+'Wer meine Worte hört und glaubt nicht, den werde ich nicht richten,
+denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Menschen richte, sondern daß
+ich sie glücklich mache.'
+
+Obgleich er viel und zu allen Leuten sprach, sagte er doch, daß
+niemandem ein Gut der Seele gegeben werden könnte, der nicht schon reich
+an Kraft des Gemüts war; so redete er auch von solchen, die für das
+Reich erwählt seien und von solchen, die es nicht finden sollten. Denn
+er kannte den alten Irrtum der Welt, daß jemand Liebe empfangen kann,
+der keine zu geben hat. Er wußte, daß nur diejenigen Liebe empfangen,
+die Liebe haben. Er wollte nicht, daß die Menschen dem Bösen
+widerstrebten, und sagte, daß niemand seiner wert sei, der nicht alles
+aufgäbe, was er hätte.
+
+Aber die hohe Freude seines Gottbewußtseins wechselte oft mit tiefer
+Niedergeschlagenheit, denn er war ein Mensch, und wie alle Menschen, von
+denen ich euch erzählt habe, den irdischen Geschicken unterworfen.
+Sagte ich euch nicht, als ich euch von Traule erzählte, daß Leid und
+Freude aus der gleichen Quelle entspringen, und daß sie gleicherweise
+hervorströmen, wenn die geheimnisvollen Gründe der Brust erschlossen
+sind? So ging dieser einsame Verkünder des Reichs oft allein vor die
+Stadt auf einen Hügel, der mit Olivenbäumen bestanden war, und wenn er
+auf die Wohnungen der Menschen niedersah, überwältigte ihn sein Gram
+über ihre Armut, und er weinte. Er ahnte, daß nur wenige im Lauf aller
+Zeiten ihn verstehen, und daß sie ihn töten würden. Und er wußte, daß er
+sterben mußte, um den Menschen zu zeigen, daß er selbst sein Leben
+gering achtete, gegenüber der unverbrüchlichen Beständigkeit des Reichs.
+
+Als er einmal seine Zweifel, die Angst seiner Seele und das Übermaß
+seines Liebesverlangens nicht mehr ertragen konnte, trat er vor einen
+seiner Freunde hin, und mit einem tiefen Seufzer entrang sich seiner
+Brust die Frage:
+
+'Hast du mich lieb?'
+
+Sein Freund sagte zu ihm: 'Du weißt so viele Dinge, du weißt auch, daß
+ich dich lieb habe.'
+
+Aber er fragte noch einmal und ein drittes Mal. Es kamen ihm in heißer
+Sorge die Menschen in den Sinn, die wie er um ihrer Liebe willen auf der
+Erde Schande, Erniedrigung und Not erleiden mußten, und die Angst
+zerdrückte sein Herz. Er bat seinen Freund, er möge ihn nicht vergessen
+und nicht die Hoffnung, nicht das Licht, die sein Herz bewegt hatten. Es
+war, als ahnte er, wie arg die Menschen einst seine Worte entstellen,
+und daß sie aufs neue die Freiheit zum Gesetz erniedrigen würden. Ein
+anderer seiner Freunde hat nie aufgehört, seinen Herrn zu lieben, er ist
+an seiner Liebe gestorben, wie eine Blume, im Glanz der strahlenden
+Sonne, an ihrer Seligkeit. Sein Geist sank in Nacht, weil seine Seele
+sich so schrankenlos dem Licht zukehrte, daß ihr das Irdische fremd
+wurde, wie die Dunkelheit. Aber bis in seinen letzten glühenden Traum
+sah er die Schönheit seines Herrn.
+
+Wie sollte ein irdischer Mund diese Schönheit schildern? Um das Licht
+seiner Worte sind seither auf der Erde mehr Kämpfe gefochten worden, als
+um jeden anderen Namen, Kriege sind um ihn geführt, wie niemals vorher.
+Nie hat die Erde mehr Blut als um seinetwillen getrunken. Die Schar der
+Märtyrer ist ohne Zahl, ja es ist, als habe seit jenen Tagen die Welt
+ihr Angesicht verändert und sich der Hoffnung auf ein ganz neues Ziel
+zugekehrt, denn glaubt mir, dem Reich, das dieser Mensch im Geist sah
+und im großen Herzen trug, dem Reich der Liebe, ist jede Lauheit und
+jede Halbheit fremd, seine Welten glühen wie von heiligen Feuern, und
+sein Friede ist Kraft. In ihm ist der Schrecken der Welt, das Böse,
+überwunden und mit ihm der Tod, den der große Prophet dieses Reichs
+gering achtete, wie ein Kind die Nacht, der der Morgen folgt. Und da
+sollte der Tod nicht furchtbarer als je sein vergängliches irdisches
+Recht geübt haben?
+
+Der Verkünder des Lebens aber ging in seiner Zeit einher wie ein Kind im
+Gemüt, wenn auch an Geist ein Mann und von mächtigem Willen. Immer ist
+mir zumut, als sähe ich ein einziges Glühen von Freude und Trauer und
+unaussprechlicher Hoheit eines edlen Menschentums, wenn ich seiner
+gedenke. Nie werde ich vergessen, was eines Tages geschah, als ihm der
+Tod begegnete.
+
+Einer seiner Freunde, den er geliebt und in dessen Haus er oft geweilt
+hatte, war gestorben, und als er kam, um ihn zu sehen, ruhte der Tote
+schon seit Tagen in seinem Grabe.
+
+Seine Freunde sahen, wie er sein Gesicht vor Schmerz verbarg, aber wie
+erschraken sie, als er plötzlich sein Haupt erhob, und sie einen so
+gewaltigen Zorn in seinen Zügen erblickten, daß sie entsetzt vor ihm
+zurückwichen. Er stand totenbleich vor dem Grabe seines Freundes, seine
+Fäuste waren geballt, und unter seiner bleichen Stirn brannten seine
+Augen, zum Himmel emporgerichtet, als sähe er Gott von Angesicht. Es
+brach eine furchtbare Drohung aus seinem Mund, er schüttelte die Fäuste
+gegen die finstere Erde, die der Gewalt des Todes gehorchend, seinen
+Freund verschlungen hatte. Es war, als beschwöre er die Allmacht der
+Liebe, und sein Liebeswille wuchs an in ihm, wie ein strahlendes
+Ungewitter. Es herrschte Totenstille um ihn her, nie hat der Glaube an
+die Ewigkeit des Lebens irdisch ein gewaltigeres Feuer in der Seele
+eines Menschen entfacht. Mit zitternden Händen und von Furcht wie
+geblendet, gehorchten seine Freunde, als er ihnen befahl, die
+Steinplatte zu heben, unter der der Tote lag, und das Grab zu öffnen.
+
+Da trat er dicht vor die Gruft, erhob seine Stimme und rief laut den
+Namen des Toten.
+
+Die Menschen schrien auf vor Entsetzen und warfen sich zur Erde, unten
+aber, im Schattengrund der Gruft, begannen die weißen Tücher sich zu
+regen, in die der Verstorbene eingehüllt war. Er befreite sich langsam,
+der Stimme gehorchend, die ihn rief, und stieg aus seinem Grabe hervor,
+die geblendeten Augen, die das irdische Licht wiedersahen, mit der
+bleichen Hand schützend und mit einem stillen erstaunten Lächeln in
+seinen elenden Zügen, von denen die Schatten des Todes langsam wichen,
+als er die Augen seines Befreiers sah und ihn erkannte.
+
+Dies wird das größte Wunder genannt, das die Erde gesehen hat, und wenn
+der Mann, der es vollbrachte, es vor den Menschen tat, so geschah es aus
+Zorn gegen den Tod, den sie fürchteten, und in der glühenden Allmacht
+seiner Gewißheit, daß die Liebe mächtiger als er ist. In ihrem Reich ist
+diese Tat kein Wunder, unsere Augen sehen es täglich, und glaubt mir,
+ihr Lieben, meine Blumen, die Stunde, in der eure Kelche sich der Sonne
+geöffnet haben, ist an wunderbarem Reichtum nicht geringer als die, in
+welcher einst jener Tote aus seinem Grabe stieg. Noch heute erweckt die
+Kraft des Reichs Tote auf, und sie wird es immer tun.
+
+Niemals hat ein Mensch in heißerer Zuversicht an die Kraft des Reichs
+geglaubt. Es ist dasselbe Reich, in dessen Abglanz wir Bäume unsere
+Blätterkronen entfalten, ein Tier die Luft zu seinem Leben einatmet, die
+Sternbilder im All erstrahlen, und in dem ein Jüngling das Mädchen in
+seine Arme schließt, das er liebgewonnen hat. Das Reich ist nicht fern
+in fremden Himmeln, sondern mitten unter uns, daß es zu uns kommen
+möchte, ist nun unser aller Gebet geworden, und mit dieser Bitte
+erflehen wir den warmen blühenden Frühling herbei, den Frieden unserer
+Stätte, den Weg unserer Seele zum Licht und die stete Wiederkehr der
+Freude. Wir sind alle auf dem gleichen Weg. Immer ist es reine Freude,
+in welcher das Reich zu uns kommt.
+
+Einst fand ein Kind in meinem Schatten am Ufer des Bachs einen bunten
+Stein, es hob ihn auf und lachte; ich fing einen Schein aus seinen Augen
+auf, da verstand ich das Reich. Da verstand ich, daß jener Mann, von dem
+ich euch erzähle, einst gesagt hat: Ihr könnt das Reich nicht finden,
+wenn ihr nicht wie Kinder werdet.
+
+Mir ist, als habe für die Menschen nichts anderes Wert auf der Erde,
+als daß sie das Reich in ihren Herzen finden. Ihr Leib wird älter, aber
+ihre Seele jünger, wenn sie den Weg der Liebe gefunden hat. Für den
+Körper naht langsam der unvermeidliche Tod, aber für die Seele der
+Frühling. Für den Leib wird einst das Leben, aber für die Seele der Tod
+aufhören, es ist ein seltsames Wunder um das Geschick und die Bestimmung
+der Menschen auf unserer Erde.
+
+ * * * * *
+
+Aber den Freunden dieses großen und guten Menschen erschien es nun mehr
+und mehr, als habe er nicht getan und nicht erreicht, was er versprochen
+hatte und wozu er bestimmt war. Sie hofften, er würde nun endlich das
+Reich aufrichten, von welchem er so oft sprach, und bisweilen sahen sie
+ihn in ihrer Vorstellung als König über die Welt herrschen in
+niegesehenem irdischen Glanz. Dann wieder wuchs ihre Furcht vor seiner
+Wirkung, und sie begriffen nicht, daß er keinen Nutzen aus ihr zog. Es
+befiel sie Angst um ihr Leben, als sie sahen, wie der Haß der
+Landespriester gegen ihn mehr und mehr anwuchs. Sie verstanden nicht,
+daß er keinen Wunsch hatte, als den, daß die Menschen sich von den
+vergänglichen Gütern den unvergänglichen zuwenden möchten, und daß es
+keinen anderen Weg dazu gibt, als den der Liebe, und daß allein der
+Wille zum Guten das Herz frei macht.
+
+Er begriff, traurigen Herzens, ihre Hoffnungen und ihre Zweifel, und
+einmal sagte er zu ihnen, und seine Augen leuchteten vor Zorn:
+
+'Das Reich ist in seiner Wirkung einem Stein vergleichbar, den die
+Bauleute fortgeworfen haben, und der am Wege liegengeblieben ist. Hütet
+euch! Er wird alle zerschmettern, auf die er stürzt, und wer über ihn
+fällt, wird zerschellt werden!'
+
+Da nahm ihre Verwirrung überhand. Er aber, um dessentwillen sie sich
+sorgten, ging nun oft allein vor die Stadt in einen Garten, der an einem
+Bach lag. Er sah blaß und elend aus, und von seiner Stirn leuchtete der
+Abglanz einer Einsamkeit, wie sie noch keines Menschen Seele geschmeckt
+hat. Er sah kein Ende in dem Kleinmut und in der Torheit, die ihn
+umgaben, aber sein Herz drängte ihn unaufhörlich zu immer höheren Opfern
+und zur Vollendung seines zeitlichen Lebens, das er nicht liebte. Die
+Finsternis seiner Seele nahm überhand, ihn verlangte inbrünstig nach der
+Gemeinschaft derer, die ihn liebten, und so bat er seine Freunde einst,
+sie möchten ihn nicht allein lassen und ihn in den Garten begleiten. So
+gingen sie mit ihm, aber die himmlische Ungeduld seiner Seele nahm
+überhand, er fühlte, daß der Tod seines Leibes das letzte Pfand war, das
+er geben mußte, aber er fürchtete sich vor der Finsternis des Sterbens,
+wie alle Lebendigen. 'Ach, seid mir nicht gram,' bat er seine Freunde,
+'in dieser Nacht werde ich euch alle bitter enttäuschen. Bleibt hier,
+wacht, schlaft nun nicht ein.'
+
+Er ging ein paar Schritte fort von ihnen, in die Dunkelheit hinein, nur
+die Sterne sahen durch das Laub der Oliven, und der kühle Nachtwind
+flüsterte in den Zweigen; es war, als könnten sie nicht schlafen über
+seinem Leid. Kaum war er von den Freunden getrennt, da fiel er auf sein
+Angesicht nieder und flehte zu Gott empor, er möge ihm dies Letzte,
+Schwerste ersparen, den Tod in Verachtung und Schmach und unter dem
+Spott der Menschen. 'Muß es sein, mein Vater, daß ich sterbe, damit die
+Kraft des Reichs offenbar werde?' rief er laut zu Gott empor. Er rang
+seine Hände, und auf seine Stirn traten Blutstropfen. O, es ist oft so,
+als wollte Gott wissen, wie weit ein Mensch ihm gleicht, er sendet den
+besten Menschen die schwersten Prüfungen. Glaubt mir, ihr Blumen, meine
+Lieben, Pflanzen und Tiere, daß niemals ein Wesen der Erde einen
+schwereren Kampf gekämpft hat. O bedenkt, welche Macht ihm gegeben war
+und den Wert seines großen Herzens, das bis zuletzt verkannt sein mußte,
+um einst zu der Klarheit erhoben zu werden, in der wir es heute als
+unsere strahlende Gewißheit der Freude loben.
+
+Er fand seine Freunde schlafend, als er seinen schwersten Kampf
+durchlitt, der Schmerz seiner Einsamkeit überwältigte ihn aufs neue, und
+er lag lange im Dunkeln, unter den Bäumen auf der Erde, allein.
+
+Da wurde die irdische Finsternis plötzlich vom Himmel her erhellt. War
+es ein Sternbild, das langsam, funkelnd gegen ihn niederbrach? Der ganze
+Hain erstrahlte, ein Engel stieg aus der Höhe nieder! Der himmlische
+Gesandte hob das Haupt des verzweifelten Menschen barmherzig empor,
+strich die feuchten Haare aus der Stirn und setzte einen Kelch mit Wein
+an seine Lippen. Da lösten sich die Tränen in den Augen, die niemals ein
+böser Wille getrübt hatte, und eine jubelnde Gewißheit erhob seine Seele
+zu ihrem letzten, großen Entschluß. Dies ist die Stunde gewesen, in der
+das Reich in seiner freiesten Herrlichkeit in der Brust eines Menschen
+erstrahlte, es gibt nun kein Herz mehr, zu dem sich nicht auch heute
+dieser Engel findet, wenn sein Ringen um Licht in Zweifeln überhand
+nimmt.
+
+Kurze Zeit darauf kamen Krieger und Knechte durch die Nacht, die von den
+Landespriestern geschickt worden waren, um ihn zu ergreifen und in
+Gefangenschaft zu setzen. Als seine Freunde sein Angesicht im Schein der
+Fackeln sahen, leuchtete ihnen ein unnennbarer Frieden entgegen, und sie
+erkannten, daß es sein Wille war, dies Schicksal zu erleiden. Sie flohen
+alle, und derjenige unter ihnen, der ihm noch in dieser Nacht
+versprochen hatte, ihn niemals zu verlassen, antwortete, als man ihn am
+Morgen fragte:
+
+'Ich kenne diesen Menschen nicht.'
+
+Der Gefangene soll später seinen Richtern wenig geantwortet haben. Er
+wußte, daß sie ihn nicht verstehen würden, und er verteidigte sich
+nicht. Er gab zu, gesagt zu haben, was man ihm vorwarf, als aber seine
+Richter wollten, daß er ihnen seine Wahrheit erklären sollte, antwortete
+er ihnen, daß ihre Welt nichts mit seinem Reich zu schaffen habe, und
+daß niemand die Wahrheit verstünde, der nicht aus ihr geboren sei.
+
+So verurteilten sie ihn zu einem qualvollen Tod, denn sie haßten ihn,
+weil seine Lehre das Licht der Liebe für das dunkle Wort und für den
+Zwang ihrer Kirche eingesetzt hatte. Sie sagten, er habe Gott gelästert,
+weil er Gott nicht in toten Gesetzen und Formeln suchte, sondern allein
+in der unvergänglichen Freiheit eines reichen Gemüts.
+
+Man erzählt, daß er den Tod erlitten hat, wie alle Lebendigen ihn
+erleiden, und mit Angst vor seiner Finsternis und mit Qualen seines
+Leibes. Er schrie laut zu Gott empor, er möge ihn nicht verlassen, und
+bat seine Peiniger um Wasser. So ist er allen Dahinsinkenden nah
+geblieben bis an ihre letzte Stunde.
+
+Vor seinem Tode sah er einen anderen Menschen neben sich sterben, der
+auch gerichtet wurde, und in den verlöschenden Geist dieses Armen sank
+ein Lichtstrahl von der Stirn des Leidenden, den er auf dem Markt und
+vor dem Volke hatte sprechen hören, und auf dessen Befehl Tote sich aus
+ihrem Grabe erhoben hatten, und der nun unter den Augen seiner Feinde
+die Bitterkeit des Todes schmeckte. Da traf ein Schein der Wahrheit sein
+brechendes Herz, daß dieser Mann freiwillig litt und starb und nicht aus
+Schuld gegen die Menschen, wie er selbst, und er bat ihn: 'Gedenke
+meiner in deinem Reich.' Der Angeredete wandte sich ihm zu, als sei
+diese Bitte des Verdammten Gottes Antwort auf die Qualen seines eigenen
+Leibes und seiner Seele, und er antwortete ihm: 'Du sollst noch heute
+mit mir die Herrlichkeit des Reichs sehen.' Und über dieser letzten
+Verheißung seiner Liebe wurde ihre Kraft aufs neue zu einer lichten
+Gewißheit seiner Brust, und sein Herz, das unendliche, weite, klare,
+brach mit dem Seufzer: 'Es ist vollbracht.'«
+
+ * * * * *
+
+Als die Linde ihre Geschichte beendet hatte, dämmerte schon in der
+Himmelsweite des Ostens der Morgen herauf. Es war still auf der
+Waldwiese, man glaubte die Atemzüge der Lauschenden zu vernehmen, viele
+von ihnen waren in der kühlen Mondnacht eingeschlafen, aber es war, als
+wachten alle Herzen. Der Inhalt der Geschichte breitete sich über den
+Lebendigen wie eine schimmernde Segnung aus, die der vollen Erkenntnis
+nicht zu bedürfen schien, sondern die wie das Bewußtsein einer
+geschehenen Wohltat ein Gefühl des Glücks zurückließ.
+
+Die Stille machte alle Dinge merkwürdiger. Der grauen Uku am Stamm in
+ihrer Höhlung war zumute, als müßte ein Wunder geschehen, sie dachte an
+ihr Alter, und das Baumrauschen war ihr nie so heimatlich zu Herzen
+gedrungen, nie so beständig in seinem milden Wohllaut, und das Leben
+erschien ihr gut und freundlich. Welch ein Wunder ist es um die
+Menschen, dachte sie. Sie sah hinab auf den Pflanzenteppich am Boden,
+auf die reglosen Formen der Zweige in der Dämmerung. »Ich lebe nun wohl
+nicht mehr lange,« sagte sie, »aber wie schön und groß ist es mir im
+irdischen Licht erschienen, die Zeit wird weitergehen, auch ohne mich,
+das Reich wird kommen, und sein Ende wird unvergängliche Freude sein.«
+
+Da klang es jählings jubelnd draußen über den Feldern auf, ein silbernes
+Läuten und zugleich ein jauchzendes Schlagen, lieblich trillernd und so
+zart und voll klaren Wohllauts, daß man seine Augen schließen mußte, um
+die Seligkeit an diesem Lied im Herzen zu bewältigen.
+
+Unten rief eine Stimme in höchstem Erstaunen:
+
+»Die Lerche singt!«
+
+Wie, dachte Uku, es ist spät im Sommer und die Lerche singt? Betört von
+der Freude an dem hellen Gesang in der Morgendämmerung, aber tief
+erstaunt, sah sie sich verwirrt um. Es begann sich rings zu regen, die
+Bewegung war groß umher, und in ratlosem Glück sahen die Geschöpfe
+einander an. Aber da plötzlich überwältigte die alte Uku eine
+Erinnerung, sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor,
+sondern lehnte sich wie in einem Taumel von Liebesangst und Freude an
+den Stamm, und aus ihren Augen brachen Tränen, eine nach der anderen,
+und tropften nieder. Endlich rief sie mit einem Schluchzen in der
+Stimme:
+
+»Elf! Elfenkind!«
+
+Keine Antwort scholl, es war nach ihrem Ruf so still, daß das
+Lerchenlied die Welt klar und einsam füllte, wie über ihm der
+Morgenstern am Firmament, der in verklärtem Blau schwebte. Da stieg in
+alle Herzen eine holde, erschrockene Ahnung, kaum sah sich einer von
+allen nach dem Platz des Elfen um, sie wußten, er war fort und frei, und
+sie lauschten mit zitterndem Gemüt dem lichten Wunder des späten Liedes,
+in dem die Lerche dem Elfen das Versprechen ihres Danks und ihrer Liebe
+hielt: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.«
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel
+
+ Der Abschied
+
+
+Eine Schwalbe hielt auf ihrer Reise zum Süden noch einmal kurze Rast auf
+der Linde, und ihre helle Stimme voll Wanderlust erweckte in den Herzen
+der Waldwiesenleute zitternde Ahnungen von fernem Glück und nahem
+Abschied.
+
+»Viele von euch Vögeln bleiben zurück und ihr übrigen Geschöpfe alle,
+lebt wohl!« rief die Schwalbe. »Ich eile nun mit dem unsichtbaren Wind
+zugleich über tiefe Abgründe dahin, über glühende Berge und über das
+schimmernde Meer. Ich liebe den Wind, der mich trägt, von ihm weiß ich,
+daß die Freiheit den höchsten Wipfel der Erde zuerst berührt, wie er.
+Komme mit, wer kann und will! Wer bleiben muß, leide nicht, oder schlafe
+wohl in der kühlen Ruhe, ich will euch mein Heimweh nach der Ferne in
+euren Träumen zurücklassen.
+
+Ich komme auf meiner Reise zu einer Insel im Süden, im Meer, wo wilde
+Blumen auf den Felshöhen im Wind miteinander spielen. Der Harzgeruch der
+alten Bäume in den Meertälern füllt die Landschaft wie mit der Mahnung
+der Unsterblichkeit, und in der Einsamkeit mildert die Weite alles Nahe.
+Die Sternbilder leuchten in den südlichen Nächten, rufend, glänzend. An
+den standhaften Felsen braust das Meer Tag und Nacht, oft erscheint mir
+die Erde dort, als sei sie der Menschen müde, ihr Angesicht ist
+abgehärmt, ihr Kleid karg. Aber unter der Sonne erheitern sich die
+Lebensfalten der alten Berge zu einem klugen Lachen.
+
+Sie halten goldene Trauben gegen das blaue Meer, das Baumlaub vergeht zu
+keiner Jahreszeit, die Bäume grünen, bis sie sterben. Die Fröhlichkeit
+der Menschen in diesen Ländern ist unbedacht, die Sonne verwandelt ihren
+Ernst in den Schlaf, ihre Trauer in Wehmut, und der unvermerkt
+herannahende Tod scheint allen ohne Bitterkeit. Ja, das Sterben ist
+leichter dort, denn die kleinen Gedanken und unnützen Hoffnungen halten
+der Sonne, dem Meer nicht stand. Es zieht mich mit tausend Mächten in
+die milde, blaue Ruhe des Südens; lebt wohl, ich komme wieder.«
+
+Die Schwalbe flog mit einem hellen Triller auf, warf sich in den Wind,
+den sie zu umfangen schien und der sie trug, zugleich hingegeben und
+kraftvoll, seinem Wesen verwandt, geborgen und hoch.
+
+»Ach, wer so fliegen könnte«, meinte ein Rotschwänzchen, und es war
+sicher nicht der einzige Vogel der Wiese, der das gleiche Verlangen im
+Sinn trug wie die Schwalbe. Ihre Worte ließen eine erwartungsvolle
+Unruhe in den Sinnen der Waldvögel zurück. Lichteten die Bäume sich
+schon?
+
+»Wir werden auf den Storch warten, meine Liebe, er wird uns tragen und
+mitnehmen«, sagte die Grasmücke und schüttelte ihre Federn ein wenig
+auf, so daß sie viel dicker und ganz zerzaust aussah. Es wurde auch
+wirklich schon recht kühl, besonders an diesen sonnenlosen Tagen, wie
+sie nun oft in unfaßbarer Stille, mit einem leichten Nebelkleid in der
+Frühe, dahinzogen. Dann wieder wurde in der Sonne die Luft so klar, daß
+man die Stimmen der Landleute auf den Feldern weithin vernahm, als höbe
+die Reinheit die Entfernung auf, und nachts kamen die Sterne der Erde
+näher.
+
+Die zarten Kelche der Herbstzeitlose erschienen im Gras und am
+Buschrain, als habe ein verspäteter Frühlingsengel sie über Nacht
+verstreut, ihre blassen Farben waren voller Wehmut und sie blühten nicht
+lange. Um die wärmeren Mittagsstunden kamen wohl zuweilen noch Käfer und
+Bienen geflogen, ihr vereinzeltes Summen klang deutlich und sorgenvoll,
+aber es rief sie niemand mehr.
+
+Von Tag zu Tag wurde es stiller, die Mäuse schlossen ihre Wohnungen
+bereits, Uku hatte alles für ihren Winterschlaf vorbereitet, und auch
+Li, das Eichhorn, sammelte eifrig für den Winter, denn wenn spät noch
+ein schöner Sonnentag kam, so konnte es auch in der kalten Zeit einen
+Spaziergang durch die Föhrenkronen nicht entbehren, und es wußte, daß
+solch eine Ausfahrt in die Frische ganz ungewöhnlichen Appetit mit sich
+brachte. Alle kleineren Tiere suchten, eines nach dem andern, die warme
+Erde in Schlupfwinkeln und Höhlen auf, Verstecke in Baumlöchern oder
+tief unter welkem Laub, und es wurde langsam leer und immer stiller.
+
+[Illustration]
+
+Die Sträucher empfingen am Waldrand den Wind am Abend, und sie
+begrüßten ihn mit ihrem Lied:
+
+ Du gehst wie das Licht, wie der Blick
+ über schwindelnde Abgründe hin,
+ du, unser lebendiges Glück,
+ unserer Stimmen seliger Sinn.
+
+ Unsere Tränen sind unsere Speise,
+ wenn du, auf den Schwingen die Nacht,
+ unsichtbar, himmlisch, leise
+ die Dunkelheit zu uns gebracht.
+
+Aus der klaren Freiheit des Herbstes tauchte farbig umkränzt die
+Wirklichkeit des Sterbens auf, und den Sinnen der Scheidenden wurde weh
+und wohl. Mit ihrem Lebensschmuck sank ihre Erinnerung an das Kleine,
+Vergängliche ihres Daseins an ihnen nieder, sie gaben der Erde zurück,
+was sie von ihr empfangen hatten, und der himmlische Wind drang
+ungehindert in ihre Seelen.
+
+Als die Vögel fort und die letzten Blumen welk waren, kamen die Nebel.
+Die gelben Blätter der Linde lösten sich und sanken mit den Tropfen
+durch die kühle, graue Luft nieder auf die Ruhestätten der Pflanzen,
+Beeren und Gräser. Nach Tagen sahen Sonne und Wind ein buntes, freies
+Bild.
+
+»War es einst anders?« fragten sich mit unbeschreiblichem Lächeln die
+Pflanzen. »Ist nicht nun alles gut? Wir blühten und trugen Frucht, so
+sind unsere Tage vergangen.« Es klang wie Wahrsagungen durch den Sinn
+ihrer letzten Worte: »Wir taten, was die Natur wollte, nun nimmt sie
+sich unserer an, in ihr kehren wir heim, und wieder zugleich.« Und eine
+nach der anderen sank zur Erde nieder, der Mutter. Sie spürten unter dem
+feuchten Teppich des Lindenlaubs den kalten Nebel nicht mehr. Die
+Geschöpfe dienten einander im Sterben mit ihrem Vergänglichen, wie sie
+zu Lebzeiten einander dienstbar und hilfreich gewesen waren. Sie ahnten
+noch die kalte, weiße Decke, die der Himmel eines Nachts über ihnen
+ausbreitete, es war wie ein schlummernder Glaube, daß eine reine Einfalt
+der beste Teil aller Wesen sein sollte und ihre Einigung.
+
+ * * * * *
+
+Und nun lebt wohl von Herzen, ihr, die ihr mir gelauscht habt, und
+gedenkt meiner. Habe ich euch kleine Dinge groß gezeigt und große
+einfach, so glaubt mir, daß alles, was wir erleben, uns nicht größer
+erscheinen kann, als unser Herz groß ist, und alle Dinge, die uns
+begegnen, sind uns so viel wert, als unsere Liebe zu ihnen uns Glück
+bedeutet. Glaubt mir, denn ich weiß es zuversichtlich!
+
+Wir müssen alle das Lächeln wieder lernen, das unseren kurzen
+Lebenstagen und ihrem vergänglichen Werk und Schmerz gilt, denn wir
+erfahren in unserer Lebenszeit von der Erde und ihrem und unserem Wesen
+so wenig, daß wir nicht glauben dürfen, unser irdischer Aufenthalt sei
+der Sinn unseres Daseins. Wir sind alle aus der Freude geboren und
+kehren zu ihr zurück.
+
+
+ _Ende_
+
+
+
+
+_Die Bücher von Waldemar Bonsels_ aus dem Verlage von Schuster &
+Loeffler in Berlin W
+
+
+=Die Biene Maja= und ihre Abenteuer. 150. _Auflage_. M. 3.- brosch.,
+M. 4.50 geb., Luxus-Ausgabe M. 25.-
+
+=Himmelsvolk.= Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott. 90. _Auflage_.
+M. 3.50 brosch., M. 5.- geb.
+
+=Das Anjekind.= Eine Erzählung. 25. _Auflage_. M. 3.- brosch., M. 4.50
+geb.
+
+=Der tiefste Traum.= Eine Erzählung. 17. _Auflage_. M. 3.- brosch.,
+M. 4.50 geb.
+
+=Blut.= Eine Erzählung. 15. _Auflage_. M. 3.50 brosch., M. 5.- geb.
+
+=Wartalun.= Eine Schloßgeschichte. 37. _Auflage_. M. 5.- brosch.,
+M. 7.50 geb., Luxus-Ausgabe M. 28.-
+
+=Don Juan.= Eine epische Dichtung. 3. _Tausend_. M. 7.- geb.,
+Luxus-Ausgabe M. 20.-
+
+=Norby.= Eine dramatische Dichtung. 3. _Tausend_. M. 7.- geb.,
+Luxus-Ausgabe M. 20.-
+
+
+
+_Bei Rütten & Loening in Frankfurt_
+
+
+=Indienfahrt.= 68. _Tausend_. M. 5.- brosch., M. 7.50 geb.
+
+=Menschenwege.= Notizen eines Vagabunden. 35. _Tausend_. M. 5.-
+brosch., M. 7.50 geb.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine
+Auflistung aller im elektronischen Buch gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 004: ist in gleichem Verlag -> im gleichen
+S. 059: Da wußte ich, daß mein irdischer Gefühl -> irdisches
+S. 065: [Anführungszeichen ergänzt] vom Irdischen abgewandt hat.«
+S. 086: das Angesicht der Muttter -> Mutter
+S. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf -> Bachstelze
+S. 114: sagte der Graeshüpfer -> Grashüpfer
+S. 117: auf der Oberfläsche schwamm -> Oberfläche
+S. 118: [Punkt ergänzt] um ihn abzutrocknen.
+S. 131: bis sie eine Entgeguung darauf -> Entgegnung
+S. 151: die letzen Sommerblumen -> letzten
+S. 178: [Punkt ergänzt] Kopf fortschleudern wollte.
+S. 209: [Anführungszeichen ergänzt] »Goldene Sonne, ein Elfenkind
+S. 209: gib mir dein himmliches Gold dafür -> himmlisches
+S. 221: [Anführungszeichen korrigiert] 'Es wird alles, alles gut,' etc.
+S. 242: die Schatten des Totes -> Todes ]
+
+
+
+[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to
+the original text.
+
+p. 004: ist in gleichem Verlag -> im gleichen
+p. 059: Da wußte ich, daß mein irdischer Gefühl -> irdisches
+p. 065: [added closing quotes] vom Irdischen abgewandt hat.«
+p. 086: das Angesicht der Muttter -> Mutter
+p. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf -> Bachstelze
+p. 114: sagte der Graeshüpfer -> Grashüpfer
+p. 117: auf der Oberfläsche schwamm -> Oberfläche
+p. 118: [missing period] um ihn abzutrocknen.
+p. 131: bis sie eine Entgeguung darauf -> Entgegnung
+p. 151: die letzen Sommerblumen -> letzten
+p. 178: [missing period] Kopf fortschleudern wollte.
+p. 209: [added opening quotes] »Goldene Sonne, ein Elfenkind
+p. 209: gib mir dein himmliches Gold dafür -> himmlisches
+p. 221: [use of single quotes] 'Es wird alles, alles gut,' etc.
+p. 242: die Schatten des Totes -> Todes ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Himmelsvolk, by Waldemar Bonsels
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIMMELSVOLK ***
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+will be renamed.
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
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+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
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+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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