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+The Project Gutenberg EBook of Jakob von Gunten, by Robert Walser
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Jakob von Gunten
+ Ein Tagebuch
+
+Author: Robert Walser
+
+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24176]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN ***
+
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+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Jakob von Gunten
+
+
+ Ein Tagebuch
+
+ von
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+ Robert Walser
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+ Bruno Cassirer Berlin
+
+ 1909
+
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+Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom
+Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, d. h., wir werden alle
+etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein. Der
+Unterricht, den wir genießen, besteht hauptsächlich darin, uns Geduld
+und Gehorsam einzuprägen, zwei Eigenschaften, die wenig oder gar keinen
+Erfolg versprechen. Innere Erfolge, ja. Doch was hat man von solchen?
+Geben einem innere Errungenschaften zu essen? Ich möchte gern reich
+sein, in Droschken fahren und Gelder verschwenden. Ich habe mit Kraus,
+meinem Schulkameraden, darüber gesprochen, doch er hat nur verächtlich
+die Achsel gezuckt und mich nicht eines einzigen Wortes gewürdigt. Kraus
+besitzt Grundsätze, er sitzt fest im Sattel, er reitet auf der
+Zufriedenheit, und das ist ein Gaul, den Personen, die galoppieren
+wollen, nicht besteigen mögen. Seit ich hier im Institut Benjamenta bin,
+habe ich es bereits fertiggebracht, mir zum Rätsel zu werden. Auch mich
+hat eine ganz merkwürdige, vorher nie gekannte Zufriedenheit
+angesteckt. Ich gehorche leidlich gut, nicht so gut wie Kraus, der es
+meisterlich versteht, den Befehlen Hals über Kopf dienstfertig
+entgegenzustürzen. In einem Punkt gleichen wir Schüler, Kraus, Schacht,
+Schilinski, Fuchs, der lange Peter, ich usw., uns alle, nämlich in der
+vollkommenen Armut und Abhängigkeit. Klein sind wir, klein bis hinunter
+zur Nichtswürdigkeit. Wer eine Mark Taschengeld hat, wird als ein
+bevorzugter Prinz angesehen. Wer, wie ich, Zigaretten raucht, der erregt
+ob der Verschwendung, die er treibt, Besorgnis. Wir tragen Uniformen.
+Nun, dieses Uniformtragen erniedrigt und erhebt uns gleichzeitig. Wir
+sehen wie unfreie Leute aus, und das ist möglicherweise eine Schmach,
+aber wir sehen auch hübsch darin aus, und das entfernt uns von der
+tiefen Schande derjenigen Menschen, die in höchsteigenen aber
+zerrissenen und schmutzigen Kleidern dahergehen. Mir z. B. ist das
+Tragen der Uniform sehr angenehm, weil ich nie recht wußte, was ich
+anziehen sollte. Aber auch in dieser Beziehung bin ich mir vorläufig
+noch ein Rätsel. Vielleicht steckt ein ganz, ganz gemeiner Mensch in
+mir. Vielleicht aber besitze ich aristokratische Adern. Ich weiß es
+nicht. Aber das Eine weiß ich bestimmt: Ich werde eine reizende,
+kugelrunde Null im späteren Leben sein. Ich werde als alter Mann junge,
+selbstbewußte, schlecht erzogene Grobiane bedienen müssen, oder ich
+werde betteln, oder ich werde zugrunde gehen.
+
+Wir Eleven oder Zöglinge haben eigentlich sehr wenig zu tun, man gibt
+uns fast gar keine Aufgaben. Wir lernen die Vorschriften, die hier
+herrschen, auswendig. Oder wir lesen in dem Buch »Was bezweckt
+Benjamenta's Knabenschule?« Kraus studiert außerdem noch Französisch,
+ganz für sich, denn fremde Sprachen oder irgend etwas derartiges gibt es
+gar nicht auf unserem Stundenplan. Es gibt nur eine einzige Stunde, und
+die wiederholt sich immer. »Wie hat sich der Knabe zu benehmen?« Um
+diese Frage herum dreht sich im Grunde genommen der ganze Unterricht.
+Kenntnisse werden uns keine beigebracht. Es fehlt eben, wie ich schon
+sagte, an Lehrkräften, d. h. die Herren Erzieher und Lehrer schlafen,
+oder sie sind tot, oder nur scheintot, oder sie sind versteinert,
+gleichviel, jedenfalls hat man gar nichts von ihnen. An Stelle der
+Lehrer, die aus irgendwelchen sonderbaren Gründen totähnlich daliegen
+und schlummern, unterrichtet und beherrscht uns eine junge Dame, die
+Schwester des Herrn Institutvorstehers, Fräulein Lisa Benjamenta. Sie
+kommt mit einem kleinen weißen Stab in der Hand in die Schulstube und
+Schulstunde. Wir stehen alle von den Plätzen auf, wenn sie erscheint.
+Hat die Lehrerin Platz genommen, so dürfen auch wir uns setzen. Sie
+klopft mit dem Stab dreimal kurz und gebieterisch hintereinander auf die
+Tischkante, und der Unterricht beginnt. Welch ein Unterricht! Doch ich
+würde lügen, wenn ich ihn kurios fände. Nein, ich finde das, was
+Fräulein Benjamenta uns lehrt, beherzigenswert. Es ist wenig, und wir
+wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein Geheimnis hinter all
+diesen Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten. Lächerlich? Uns Knaben vom
+Institut Benjamenta ist niemals lächerlich zumut. Unsere Gesichter und
+unsere Manieren sind sehr ernsthaft. Sogar Schilinski, der doch noch ein
+vollkommenes Kind ist, lacht sehr selten. Kraus lacht nie, oder wenn es
+ihn hinreißt, dann nur ganz kurz, und dann ist er zornig, daß er sich zu
+einem so vorschriftswidrigen Ton hat hinreißen lassen. Im allgemeinen
+mögen wir Schüler nicht lachen, d. h. wir können eben kaum noch. Die
+dazu erforderliche Lustigkeit und Lässigkeit fehlt uns. Irre ich mich?
+Weiß Gott, manchmal will mir mein ganzer hiesiger Aufenthalt wie ein
+unverständlicher Traum vorkommen.
+
+Der jüngste und kleinste unter uns Zöglingen ist Heinrich. Man ist
+diesem jungen Menschen gegenüber unwillkürlich zärtlich gesinnt, ohne
+dabei etwas zu denken. Er steht vor den Schaufenstern der Kaufleute
+still, innig in den Anblick der Waren und Leckerbissen versunken. Dann
+tritt er gewöhnlich ein und kauft sich etwas Süßes für einen Sechser.
+Heinrich ist noch ganz Kind, aber er spricht und benimmt sich schon wie
+ein erwachsener Mensch von guter Führung. Sein Haar ist immer ganz
+tadellos gekämmt und gescheitelt, was gerade mich zur Anerkennung
+hinreißen muß, da ich in diesem wichtigen Punkt sehr liederlich bin.
+Seine Stimme ist so dünn wie ein zartes Vogelgezwitscher. Man muß
+unbewußt den Arm um seine Schulter legen, wenn man mit ihm spazieren
+geht oder mit ihm spricht. Er hat die Haltung eines Obersten und ist so
+klein. Er besitzt keinen Charakter, denn er weiß noch gar nicht, was das
+ist. Gewiß hat er noch nie über das Leben nachgedacht, und wozu? Er ist
+sehr artig, dienstfertig und höflich, aber ohne Bewußtsein. Ja, er ist
+wie ein Vogel. Das Trauliche gelangt an ihm überall zum Vorschein. Ein
+Vogel gibt einem die Hand, wenn er sie gibt, ein Vogel geht so und steht
+so. Alles ist unschuldig, friedfertig und glücklich an Heinrich. Er will
+Page werden, sagt er. Doch er sagt es ganz ohne unfeines Schmachten, und
+in der Tat, der Pagenberuf ist für ihn das durchaus Richtige und
+Angemessene. Die Zierlichkeit des Benehmens und Empfindens strebt irgend
+wohin, und siehe, sie trifft das Rechte. Was wird er für Erfahrungen
+machen? Werden sich an diesen Knaben überhaupt Erfahrungen und
+Erkenntnisse heranwagen? Werden die rohen Enttäuschungen sich nicht
+genieren, ihn zu beunruhigen, ihn, den Überzarten? Übrigens merke ich,
+daß er ein wenig kalt ist, es ist nichts Stürmisches und
+Herausforderndes an ihm. Vielleicht wird er vieles, vieles, das ihn
+niederschlagen könnte, gar nicht bemerken, und vieles, das ihm seine
+Sorglosigkeit nehmen könnte, gar nicht fühlen. Wer weiß, ob ich recht
+habe. Aber ich stelle jedenfalls sehr, sehr gern solche Beobachtungen
+an. Heinrich ist bis zu einer gewissen Grenze verständnislos. Das ist
+sein Glück, und man muß es ihm gönnen. Wenn er ein Prinz wäre, ich würde
+der erste sein, der das Knie vor ihm beugte und ihm huldigte. Schade.
+
+Wie dumm ich mich doch benommen habe, als ich hier ankam. Ich entrüstete
+mich in erster Linie über die Ärmlichkeit des Treppenhauses. Nun ja, es
+ist eben der Treppenaufgang eines gewöhnlichen großstädtischen
+Hinterhauses. Dann klingelte ich, und ein affenähnliches Wesen öffnete
+mir die Türe. Es war Kraus. Aber damals hielt ich ihn einfach für einen
+Affen, während ich ihn heute, um des rein persönlichen Wesens willen,
+das ihn ziert, hoch schätze. Ich fragte, ob Herr Benjamenta zu sprechen
+sei. Kraus sagte: »Jawohl, mein Herr,« und machte eine tiefe, dumme
+Verbeugung vor mir. Diese Verbeugung jagte mir einen unheimlichen
+Schrecken ein, denn ich sagte mir sogleich, daß da irgend etwas nicht
+mit rechten Dingen zugehen müsse. Und von da an hielt ich die Schule
+Benjamenta für Schwindel. Ich trat zum Vorsteher herein. Wie muß ich
+lachen, wenn ich an die nun folgende Szene denke. Herr Benjamenta fragte
+mich, was ich wolle. Ich erklärte ihm schüchtern, daß ich wünsche, sein
+Schüler zu werden. Darauf schwieg er und las Zeitungen. Das Bureau, der
+Herr Vorsteher, der vorausgegangene Affe, die Türe, die Art, zu
+schweigen und Zeitungen zu studieren, alles, alles kam mir im höchsten
+Grad verdächtig, verderbenversprechend vor. Plötzlich wurde ich nach
+meinem Namen gefragt und nach meiner Herkunft. Jetzt hielt ich mich für
+verloren, denn ich fühlte mit einemmal, daß ich da nicht mehr loskäme.
+Stotternd gab ich Auskunft, ich wagte sogar zu betonen, daß ich aus
+einem sehr guten Hause stamme. Ich sagte unter anderem, mein Vater sei
+Großrat, und ich sei ihm davongelaufen, weil ich gefürchtet hätte, von
+seiner Vortrefflichkeit erstickt zu werden. Wieder schwieg der
+Vorsteher eine Weile. Meine Furcht, betrogen zu werden, stieg aufs
+höchste. Ich dachte sogar an geheime Ermordung, stückweises Erdrosseln.
+Da fragte mich der Vorsteher mit seiner Gebieterstimme, ob ich Geld bei
+mir hätte, und ich bejahte. »So gib es her. Rasch!« befahl er, und
+merkwürdig, ich gehorchte augenblicklich, obschon mich der Jammer
+schüttelte. Ich zweifelte nicht mehr daran, einem Räuber und Schwindler
+in die Hände gefallen zu sein, und trotzdem legte ich das Schulgeld
+gehorsam hin. Wie lächerlich mir meine damaligen Empfindungen jetzt doch
+vorkommen. Man strich das Geld ein und schwieg wieder. Da fand ich den
+Heldenmut, schüchtern um eine Quittung zu ersuchen, doch man gab mir
+folgendes zur Antwort: »Schlingel wie du erhalten keine Quittungen.« Ich
+war einer Ohnmacht nahe, der Vorsteher klingelte. Sofort stürzte der
+dumme Affe Kraus herein. Der dumme Affe? O gar nicht. Kraus ist ein
+lieber, lieber Mensch. Ich verstand es nur damals noch nicht besser.
+»Dies hier ist Jakob, der neue Schüler. Führe ihn ins Schulzimmer.« --
+Der Vorsteher hatte kaum gesprochen, so packte mich Kraus und schleppte
+mich vor das Antlitz der Lehrerin. Wie kindisch ist man, wenn man sich
+fürchtet. Es gibt kein so schlechtes Benehmen wie das, welches aus dem
+Mißtrauen und aus der Unkenntnis stammt. So wurde ich Zögling.
+
+Mein Schulkamerad Schacht ist ein seltsames Wesen. Er träumt davon,
+Musiker zu werden. Er sagt mir, er spiele vermittels seiner
+Einbildungskraft wundervoll Geige, und wenn ich seine Hand anschaue,
+glaube ich ihm das. Er lacht gern, aber dann versinkt er plötzlich in
+schmachtende Melancholie, die ihm unglaublich gut zu Gesicht und
+Körperhaltung steht. Schacht hat ein ganz weißes Gesicht und lange
+schmale Hände, die ein Seelenleiden ohne Namen ausdrücken. Schmächtig,
+wie er von Körperbau ist, zappelt er leicht, es ist ihm schwer,
+unbeweglich zu stehen oder zu sitzen. Er gleicht einem kränklichen,
+eigensinnigen Mädchen, er schmollt auch gern, was ihn einem jungen,
+etwas verzogenen weiblichen Wesen noch ähnlicher macht. Wir, ich und er,
+liegen oft zusammen in meiner Schlafkammer, auf dem Bett, in den
+Kleidern, ohne die Schuhe auszuziehen, und rauchen Zigaretten, was gegen
+die Vorschriften ist. Schacht tut gern das Vorschriften-Kränkende, und
+ich, offen gesagt, leider nicht minder. Wir erzählen uns ganze
+Geschichten, wenn wir so liegen, Geschichten aus dem Leben, d. h.
+Erlebtes, aber noch viel mehr erfundene Geschichten, deren Tatsachen aus
+der Luft gegriffen sind. Dann scheint es um uns her, Wände hinauf und
+hinunter, leise zu tönen. Die enge, dunkle Kammer erweitert sich, es
+erscheinen Straßen, Säle, Städte, Schlösser, unbekannte Menschen und
+Landschaften, es donnert und lispelt, redet und weint usw. Es ist
+hübsch, sich mit dem träumerisch angehauchten Schacht zu unterhalten. Er
+scheint alles zu verstehen, was man ihm sagt, und er selber sagt von
+Zeit zu Zeit etwas Bedeutsames. Und dann klagt er öfters, und das liebe
+ich an der Unterhaltung. Ich höre gern klagen. Man kann dann den
+Sprecher so ansehen und tiefes, inniges Mitleid mit ihm haben, und
+Schacht hat etwas Mitleiderweckendes an sich, auch ohne, daß er
+Betrübliches spricht. Wenn feinsinnige Unzufriedenheit, d. h. die
+Sehnsucht nach etwas Schönem und Hohem, in irgend einem Menschen wohnt,
+dann hat sie es sich in Schacht bequem gemacht. Schacht hat Seele. Wer
+weiß, vielleicht ist er eine Künstlernatur. Er hat mir anvertraut, daß
+er krank ist, und da es sich um ein nicht ganz anständiges Leiden
+handelt, hat er mich dringend gebeten, Schweigen zu beobachten, was ich
+ihm natürlich auf Ehrenwort versprochen habe, um ihn zu beruhigen. Ich
+habe ihn dann gebeten, mir den Gegenstand der Erkrankung zu zeigen, doch
+da wurde er ein wenig böse und kehrte sich gegen die Wand. »Du bist
+schamlos,« sagte er mir. Oft liegen wir beide so, ohne ein Wort zu
+reden. Einmal wagte ich, seine Hand leise zu mir zu nehmen, doch er
+entzog sie mir wieder und sagte: »Was machst du für Dummheiten? Laß
+das.« -- Schacht bevorzugt den Umgang mit mir, das merke ich nicht
+gerade deutlich, aber in solchen Dingen ist Deutlichkeit gar nicht
+nötig. Ich habe ihn eigentlich riesig gern und sehe ihn als eine
+Bereicherung meines Daseins an. Natürlich sage ich ihm so etwas nie. Wir
+reden Dummheiten miteinander, oft auch Ernstes, aber unter Vermeidung
+großer Worte. Schöne Worte sind viel zu langweilig. Ah, an den
+Zusammenkünften mit Schacht in der Kammer merke ich es: wir Zöglinge des
+Instituts Benjamenta sind zu einem oft halbtagelangen seltsamen
+Müßiggang verurteilt. Wir kauern, sitzen, stehen oder liegen immer
+irgendwo. Ich und Schacht zünden in der Kammer zu unserem Vergnügen oft
+Kerzen an, das ist streng verboten. Aber gerade deshalb macht es uns
+Spaß, es zu tun. Vorschriften hin, Vorschriften her: Kerzen brennen so
+schön, so geheimnisvoll. Und wie sieht doch das Gesicht meines Kameraden
+aus, wenn die rötliche kleine Flamme es zart beleuchtet. Wenn ich Kerzen
+brennen sehe, komme ich mir vermögend vor: Im nächsten Augenblick kommt
+immer der Diener und reicht mir den Pelz. Das ist Unsinn, aber dieser
+Unsinn hat einen hübschen Mund und lächelt. Schacht hat eigentlich grobe
+Gesichtszüge, aber die Blässe, die über das Gesicht gezogen ist,
+verfeinert sie. Die Nase ist zu groß, auch die Ohren. Der Mund ist
+zugekniffen. Manchmal, wenn ich Schacht so ansehe, ist mir, als müsse es
+diesem Menschen einmal bitter schlecht gehen. Wie liebe ich solche
+Menschen, die diesen wehmütigen Eindruck hervorrufen. Ist das
+Bruderliebe? Ja, kann sein.
+
+Am ersten Tag habe ich mich ungeheuer zimperlich und muttersöhnchenhaft
+benommen. Wurde mir da das Zimmer gezeigt, in dem ich mit den andern,
+d. h. mit Kraus, Schacht und Schilinski, gemeinsam schlafen sollte. Als
+vierter im Bund gleichsam. Alles war zugegen, die Kameraden, der Herr
+Vorsteher, der mich grimmig anschaute, das Fräulein. Nun, und da fiel
+ich dem Mädchen einfach zu Füßen und rief aus: »Nein, in dem Zimmer zu
+schlafen ist mir unmöglich. Ich kann da nicht atmen. Lieber will ich auf
+der Straße übernachten.« -- Ich hielt, während ich so sprach, die Beine
+der jungen Dame fest umschlungen. Sie schien ärgerlich zu sein und
+befahl mir aufzustehen. Ich sagte: »Ich stehe nicht vorher auf, bis Sie
+mir versprochen haben, daß Sie mir einen menschenwürdigen Raum zum
+Schlafen anweisen wollen. Ich bitte Sie, Fräulein, ich flehe Sie an,
+tun Sie mich an einen andern Ort, meinetwegen in ein Loch, nur nicht
+hier hinein. Hier kann ich nicht sein. Ich will meine Mitschüler gewiß
+nicht beleidigen, und habe ich es schon getan, so tut es mir leid, aber
+bei drei Menschen schlafen, als vierter, und dazu noch in solch einem
+engen Raum? Das geht nicht. Ach, Fräulein.« -- Schon lächelte sie, ich
+merkte es, ich fügte daher rasch, mich noch fester an sie schmiegend,
+hinzu: »Ich will brav sein, ich verspreche es Ihnen. Ich will allen
+Ihren Befehlen zuvorkommen. Sie sollen sich nie, nie über mein Benehmen
+zu beklagen haben.« -- Fräulein Benjamenta fragte: »Ist das sicher?
+Werde ich mich nie zu beklagen haben?« -- »Nein, gewiß nicht, gnädiges
+Fräulein,« erwiderte ich. Sie wechselte einen bedeutenden Blick mit dem
+Bruder, dem Herrn Vorsteher, und sagte zu mir: »Steh' vor allen Dingen
+erst vom Boden auf. Pfui. Welch ein Flehen und Flattieren. Und dann
+komm. Meinetwegen kannst du auch anderswo schlafen.« Sie führte mich zu
+der Kammer, die ich jetzt bewohne, zeigte sie mir und fragte: »Gefällt
+dir die Kammer?« -- Ich war so keck, zu sagen: »Sie ist eng. Zu Hause
+gab's Vorhänge an den Fenstern. Und Sonne schien dort in die Gemächer.
+Hier ist nur eine schmale Bettstelle und ein Waschgestell. Zu Hause gab
+es vollständig möblierte Zimmer. Aber werden Sie nicht böse, Fräulein
+Benjamenta. Es gefällt mir, und ich danke Ihnen. Zu Hause war es viel
+feiner, freundlicher und eleganter, aber hier ist es auch ganz nett.
+Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen mit Vergleichen von zu Hause und mit
+weiß der Kuckuck was noch alles komme. Ich finde die Kammer aber sehr,
+sehr reizend. Zwar, das Fenster da oben in der Mauer ist kaum ein
+Fenster zu nennen. Und das Ganze hat entschieden etwas Ratten- oder
+Hundelochartiges. Aber es gefällt mir. Und ich bin unverschämt und
+undankbar, so zu sprechen, nicht wahr? Vielleicht wäre es das Beste, mir
+die Kammer, die ich wirklich hoch schätze, wieder zu nehmen und mir den
+strikten Befehl zu erteilen, bei den andern zu schlafen. Meine Kameraden
+fühlen sich sicher beleidigt. Und Sie, Fräulein, sind böse. Ich sehe es.
+Ich bin sehr traurig darüber.« -- Sie sagte mir: »Du bist ein dummer
+Junge, und du schweigst jetzt.« Und doch lächelte sie. Wie dumm das
+alles war, damals am ersten Tag. Ich schämte mich, und ich schäme mich
+noch heute, daran denken zu müssen, wie unziemlich ich mich benommen
+habe. Ich schlief in der ersten Nacht sehr unruhig. Ich träumte von der
+Lehrerin. Und was die eigene Kammer betrifft, so wäre ich es heute ganz
+zufrieden, wenn ich sie mit ein oder zwei andern Personen teilen müßte.
+Man ist immer halb irrsinnig, wenn man menschenscheu ist.
+
+Herr Benjamenta ist ein Riese, und wir Zöglinge sind Zwerge gegen diesen
+Riesen, der stets etwas mürrisch ist. Als Lenker und Gebieter einer
+Schar von so winzigen, unbedeutenden Geschöpfen, wie wir Knaben sind,
+ist er eigentlich auf ganz natürliche Weise zur Verdrießlichkeit
+verpflichtet, denn das ist doch nie und nimmer eine seinen Kräften
+entsprechende Aufgabe: über uns herrschen. Nein, Herr Benjamenta könnte
+ganz anderes leisten. Solch ein Herkules kann ja einer so kleinlichen
+Übung gegenüber, wie die ist, uns zu erziehen, gar nicht anders als
+einschlafen, d. h. brummend und grübelnd seine Zeitungen lesen. An was
+hat eigentlich der Mann gedacht, als er sich entschloß, das Institut zu
+gründen? Er tut mir in einem gewissen Sinne weh, und dieses Gefühl
+erhöht noch den Respekt, den ich vor ihm habe. Es gab übrigens zwischen
+ihm und mir im Anfang meines Hierseins, ich glaube, am Morgen des
+zweiten Tages, eine kleine, aber sehr heftige Szene. Ich trat zu ihm ins
+Kontor, aber ich kam nicht dazu, meinen Mund zu öffnen. »Geh' wieder
+hinaus. Versuche, ob es dir möglich ist, wie ein anständiger Mensch ins
+Zimmer einzutreten,« sagte er streng. Ich ging hinaus, und dann klopfte
+ich an, was ich ganz vergessen hatte. »Herein,« rief es, und da trat ich
+ein und blieb stehen. »Wo ist die Verbeugung? Und wie sagt man, wenn man
+zu mir eintritt?« -- Ich verbeugte mich und sagte in kümmerlicher
+Tonart: »Guten Tag, Herr Vorsteher.« -- Heute bin ich schon so gut
+dressiert, daß ich dieses »Guten Tag, Herr Vorsteher« nur so
+hinausschmettere. Damals haßte ich diese Art, sich untertänig und
+höflich zu benehmen, ich wußte es eben nicht besser. Was mir damals
+lächerlich und stumpfsinnig vorkam, erscheint mir heute schicklich und
+schön. »Lauter reden, Bösewicht,« rief Herr Benjamenta. Ich mußte den
+Gruß »Guten Tag, Herr Vorsteher« fünfmal wiederholen. Erst dann fragte
+er mich, was ich wolle. Ich war wütend geworden und sagte: »Man lernt
+hier gar nichts, und ich will nicht hier bleiben. Bitte geben Sie mir
+das Geld zurück, und dann will ich mich zum Teufel scheren. Wo sind hier
+die Lehrer? Ist überhaupt irgend ein Plan, ein Gedanke da? Nichts ist
+da. Und ich will fort. Niemand, wer es auch sei, wird mich hindern,
+diesen Ort der Finsternis und der Umnebelung zu verlassen. Dazu, um mich
+hier von Ihren mehr als albernen Vorschriften plagen und verdummen zu
+lassen, komme ich denn doch aus viel zu gutem Hause. Zwar, ich will
+durchaus nicht zu Vater und Mutter zurücklaufen, niemals, aber ich will
+auf die Straße gehen und mich als Sklave verkaufen. Es schadet durchaus
+nichts.« -- Nun hatte ich geredet. Heute muß ich mich beinahe krümmen
+vor Lachen, wenn ich mir dieses dumme Betragen wieder ins Gedächtnis
+zurückrufe. Mir war es damals aber durchaus heilig ernst zumut. Doch der
+Herr Vorsteher schwieg. Ich war im Begriff, ihm irgend eine grobe
+Beleidigung ins Gesicht zu sagen. Da sprach er ruhig: »Einmal
+einbezahlte Geldbeträge werden nicht mehr zurückerstattet. Was deine
+törichte Meinung betrifft, du könntest hier nichts lernen, so irrst du
+dich, denn du kannst lernen. Lerne vor allen Dingen erst deine Umgebung
+kennen. Deine Kameraden sind es wert, daß man wenigstens den Versuch
+macht, sich mit ihnen bekannt zu machen. Sprich mit ihnen. Ich rate dir,
+sei ruhig. Hübsch ruhig.« -- Dieses »hübsch ruhig« sprach er wie in
+tiefen, mich gar nicht betreffenden Gedanken versunken. Er hielt die
+Augen niedergeschlagen, wie um mir zu verstehen zu geben, wie gut, wie
+sanft er es meine. Er gab mir deutliche Beweise seiner Gedankenabwesenheit
+und schwieg wieder. Was konnte ich machen? Schon befaßte sich Herr
+Benjamenta wieder mit Zeitunglesen. Es war mir, als ob ein furchtbares
+unverständliches Gewitter mir von ferne drohe. Ich verbeugte mich tief,
+fast bis herab zur Erde, vor demjenigen, der mir gar keine Beachtung
+mehr schenkte, sagte, wie die Vorschriften es geboten, »Adieu, Herr
+Vorsteher«, klappte die Schuhabsätze zusammen, stund stramm da, machte
+kehrt, d. h. nein, suchte mit den Händen den Türriegel, schaute immer
+auf das Gesicht des Herrn Vorstehers und schob mich, ohne mich
+umzudrehen, wieder zur Türe hinaus. So endete ein Versuch, Revolution zu
+machen. Seither sind keine störrischen Auftritte mehr vorgekommen. Mein
+Gott, und geschlagen bin ich schon worden. Er hat mich geschlagen, er,
+dem ich ein wahrhaft großes Herz zumute, und nicht gemuckst habe ich,
+nicht gezwinkert habe ich, und es hat mich nicht einmal beleidigt. Nur
+weh hat es mir getan, und nicht um mich selber, sondern um ihn, den
+Herrn Vorsteher. Ich denke eigentlich immer an ihn, an beide, an ihn und
+Fräulein, wie sie so dahinleben mit uns Knaben. Was tun sie da drinnen
+in der Wohnung immer? Womit sind sie beschäftigt? Sind sie arm? Sind
+Benjamentas arm? Es gibt hier »innere Gemächer«. Ich bin bis heute noch
+nie dort gewesen. Kraus wohl, den man bevorzugt, weil er so treu ist.
+Aber Kraus will keine Auskunft über die Beschaffenheit der
+Vorsteherswohnung geben. Er glotzt mich nur an, wenn ich ihn über diesen
+Punkt ausfrage, und schweigt. O, Kraus kann wahrhaft schweigen. Wenn
+ich ein Herr wäre, ich nähme Kraus sogleich in meine Dienste. Aber
+vielleicht dringe ich doch noch einmal in diese innern Gemächer. Und was
+werden dann meine Augen erblicken? Vielleicht gar nichts Besonderes? O
+doch, doch. Ich weiß es, es gibt hier irgendwo wunderbare Dinge.
+
+Eins ist wahr, die Natur fehlt hier. Nun, das, was hier ist, ist eben
+einmal Großstadt. Zu Hause gab es überall nahe und weite Aussichten. Ich
+glaube, ich hörte immer die Singvögel in den Straßen auf und ab
+zwitschern. Die Quellen murmelten immer. Der waldige Berg schaute
+majestätisch auf die saubere Stadt nieder. Auf dem nahegelegenen See
+fuhr man abends in einer Gondel. Felsen und Wälder, Hügel und Felder
+waren mit ein paar Schritten zu erreichen. Stimmen und Düfte waren immer
+da. Und die Straßen der Stadt glichen Gartenwegen, so weich und reinlich
+sahen sie aus. Weiße nette Häuser guckten schelmisch aus grünen Gärten
+hervor. Man sah bekannte Damen, z. B. Frau Haag, innerhalb des
+Gartengitters im Park spazieren. Dumm ist das eigentlich, nun, die
+Natur, der Berg, der See, der Fluß, der schäumende Wasserfall, das Grün
+und allerlei Gesänge und Klänge waren einem eben nahe. Ging man, so
+spazierte man wie im Himmel, denn man sah überall blauen Himmel. Stand
+man still, so konnte man sich gleich niederlegen und still in die Luft
+hinaufträumen, denn es war Gras- oder Moosboden. Und die Tannen, die so
+wundervoll nach würziger Kraft duften. Werde ich nie wieder eine
+Bergtanne sehen? Das wäre übrigens kein Unglück. Etwas entbehren: das
+hat auch Duft und Kraft. Unser großrätliches Haus hatte keinen Garten,
+aber das Ganze, was einen umgab, war ein hübscher, sauberer, süßer
+Garten. Ich will nicht hoffen, daß ich mich sehne. Unsinn. Hier ist es
+auch schön.
+
+Obschon es eigentlich an mir noch gar nichts Nennenswertes zu schaben
+gibt, renne ich doch von Zeit zu Zeit zum Friseur, nur so des damit
+verbundenen Straßenausfluges halber, und lasse mich rasieren. Ob ich
+Schwede sei, fragt mich der Friseurgehilfe. Amerikaner? Auch nicht.
+Russe? Nun was denn? Ich liebe es, derartige nationalistisch angefärbte
+Fragen mit eisernem Schweigen zu beantworten und die Leute, die mich
+nach meinen Vaterlandsgefühlen fragen, im Unklaren zu lassen. Oder ich
+lüge und sage, ich sei Däne. Gewisse Aufrichtigkeiten verletzen und
+langweilen einen nur. Manchmal blitzt die Sonne wie verrückt hier in
+diesen lebhaften Straßen. Oder es ist alles verregnet, verschleiert, was
+ich auch sehr, sehr liebe. Die Leute sind freundlich, obgleich ich
+zuweilen namenlos frech bin. Oft sitze ich in der Mittagsstunde müßig
+auf einer Bank. Die Bäume der Anlage sind ganz farblos. Die Blätter
+hängen unnatürlich bleiern herunter. Es ist, als wenn hier manchmal
+alles aus Blech und dünnem Eisen sei. Dann stürzt wieder Regen und netzt
+das alles. Schirme werden aufgespannt, Droschken rollen auf dem Asphalt,
+Menschen eilen, die Mädchen heben die Röcke. Beine aus einem Rock
+hervorstechen zu sehen, hat etwas eigentümlich Anheimelndes. So ein
+weibliches Bein, straff bestrumpft, man sieht es nie, und nun sieht man
+es plötzlich. Die Schuhe kleben so schön an der Form der schönen weichen
+Füße. Dann ist wieder Sonne. Wind weht ein wenig, und da denkt man an zu
+Hause. Ja, ich denke an Mama. Sie wird weinen. Warum schreibe ich ihr
+nie? Ich kann's nicht fassen, gar nicht begreifen, und doch kann ich
+mich nicht entschließen, zu schreiben. Das ist es: ich mag nicht
+Auskunft geben. Es ist mir zu dumm. Schade, ich sollte nicht Eltern
+haben, die mich lieben. Ich mag überhaupt nicht geliebt und begehrt
+sein. Sie sollen sich daran gewöhnen, keinen Sohn mehr zu haben.
+
+Jemandem, den man nicht kennt und der einen gar nichts angeht, einen
+Dienst erweisen, das ist reizend, das läßt in göttlich nebelhafte
+Paradiese blicken. Und dann: im Grunde genommen gehen einen alle oder
+wenigstens fast alle Menschen etwas an. Die da an mir vorübergehen, die
+gehen mich irgend etwas an, das steht fest. Übrigens ist das schließlich
+Privatsache. Ich gehe da so, die Sonne scheint, da sehe ich plötzlich
+ein Hündchen zu meinen Füßen winseln. Sogleich bemerke ich, daß sich das
+Luxustierchen mit den kleinen Beinen im Maulkorb verwickelt hat. Es kann
+nicht mehr laufen. Da bücke ich mich, und dem großen, großen Unglück ist
+abgeholfen. Nun kommt die Herrin des Hundes heranmarschiert. Sie sieht,
+was los ist und dankt mir. Flüchtig ziehe ich meinen Hut vor der Dame
+und gehe meiner Wege. Ach, die da hinten denkt jetzt, daß es noch artige
+junge Menschen in der Welt gibt. Gut, dann habe ich den jungen Menschen
+im allgemeinen einen Dienst erwiesen. Und wie diese übrigens ganz
+unhübsche Frau gelächelt hat. »Danke, mein Herr.« Ah, zum Herrn hat sie
+mich gemacht. Ja, wenn man sich zu benehmen weiß, ist man ein Herr. Und
+wem man dankt, vor dem hat man Achtung. Wer lächelt, ist hübsch. Alle
+Frauen verdienen Artigkeiten. Jede Frau hat etwas Feines. Ich habe schon
+Wäscherinnen wie Königinnen sich bewegen sehen. Das alles ist komisch, o
+so komisch. Aber wie die Sonne geblitzt hat, und wie ich dann so
+davongelaufen bin! -- Nämlich ins Warenhaus. Ich lasse mich dort
+photographieren, Herr Benjamenta will eine Photographie von mir haben.
+Und dann muß ich einen kurz abzufassenden, wahrheitsgetreuen Lebenslauf
+schreiben. Dazu gehört Papier. Nun, dann habe ich noch das Vergnügen,
+extra in einen Papierladen zu treten.
+
+Kamerad Schilinski ist von polnischer Herkunft. Er spricht ein hübsches,
+gebrochenes Deutsch. Alles Fremdartige klingt nobel, ich weiß nicht,
+warum. Schilinskis größter Stolz besteht in einer elektrisch
+entzündbaren Krawattennadel, die er sich zu verschaffen gewußt hat. Auch
+zündet er gern, d. h. mit der größten Vorliebe, Wachsstreichhölzchen an.
+Seine Schuhe sind immer glänzend geputzt. Merkwürdig oft sieht man ihn
+seinen Anzug reinigen, seine Stiefel wichsen und seine Mütze bürsten. Er
+schaut sich gern in einem billigen Taschenspiegel an. Taschenspiegel
+besitzen wir Schüler übrigens alle, obschon wir eigentlich gar nicht
+wissen, was Eitelkeit alles bedeutet. Schilinski ist schlank von Figur
+und hat ein sehr hübsches Gesicht und Lockenhaar, das er nicht oft genug
+während des Tages kämmen und pflegen kann. Er sagt, er will zu einem
+Pferdchen. Ein Pferd zu striegeln und zu putzen und dann auszufahren,
+das ist sein Lieblingstraum. Recht karg steht es mit seinen
+Geistesgaben. Er besitzt absolut keinen Scharfsinn, und von Feinsinn
+oder dergleichen darf man bei ihm nicht reden. Und doch ist er durchaus
+nicht dumm, beschränkt vielleicht, aber ich nehme dieses Wort nicht gern
+in den Mund, wenn ich an meine Schulkameraden denke. Daß ich der
+Gescheiteste unter ihnen bin, das ist vielleicht gar nicht einmal so
+sehr erfreulich. Was nützen einem Menschen Gedanken und Einfälle, wenn
+er, wie ich, das Gefühl hat, er wisse nichts damit anzustellen? Nun
+also. Nein, nein, ich will hell zu sehen versuchen, aber ich mag nicht
+hochmüteln, mich nie und nimmer über meine Umgebung erhaben fühlen.
+Schilinski wird Glück im Leben haben. Die Frauen werden ihn bevorzugen,
+so sieht er aus, ganz wie der zukünftige Liebling der Frauen. Er hat
+einen an etwas Edles erinnernden bräunlichen, übrigens hellen Teint an
+Gesicht und Händen, und die Augen sind rehhaft schüchtern. Es sind
+reizende Augen. Er könnte mit seinem ganzen Wesen ein junger
+Landedelmann sein. Sein Benehmen mahnt an ein Landgut, wo städtisches
+und bäurisches, feines und grobes Wesen in anmutige kräftige menschliche
+Bildung zusammenfließen. Er geht besonders gern müßig und schlendert
+gern in den belebtesten Straßen herum, wobei ich ihm manchmal
+Gesellschaft leiste, zum Entsetzen von Kraus, der den Müßiggang haßt,
+verfolgt und verachtet. »Seid ihr beide schon wieder auf dem Vergnügen
+gewesen? He?«, so empfängt uns Kraus, wenn wir heimkommen. Von Kraus
+werde ich sehr viel reden müssen. Er ist der Redlichste und Tüchtigste
+unter uns Zöglingen, und Tüchtigkeit und Ehrlichkeit sind ja so
+unerschöpfliche und unermeßliche Gebiete. Nichts kann mich so tief
+aufregen wie der Anblick und der Geruch des Guten und Rechtschaffenen.
+Etwas Gemeines und Böses ist bald ausempfunden, aber aus etwas Bravem
+und Edlem klug zu werden, das ist so schwer und doch zugleich so
+reizvoll. Nein, die Laster interessieren mich viel, viel weniger wie die
+Tugenden. Nun werde ich Kraus schildern müssen, und davor ist mir direkt
+bange. Zimperlichkeiten? Seit wann? Ich will's nicht hoffen.
+
+Ich gehe jetzt jeden Tag ins Warenhaus, fragen, ob meine Photographien
+noch nicht bald fertig seien. Ich kann jedesmal mit dem Aufzug ins
+oberste Stockwerk hinauffahren. Ich finde das leider nett, und das paßt
+zu meinen vielen übrigen Gedankenlosigkeiten. Wenn ich Lift fahre, komme
+ich mir so recht wie das Kind meiner Zeit vor. Ob das andern Menschen
+auch so geht? Den Lebenslauf habe ich immer noch nicht geschrieben. Es
+geniert mich ein wenig, über meine Vergangenheit die schlichte Wahrheit
+zu sagen. Kraus schaut mich von Tag zu Tag vorwurfsvoller an. Das paßt
+mir sehr. Liebe Menschen sehe ich gern ein wenig wütend. Nichts ist mir
+angenehmer, als Menschen, die ich in mein Herz geschlossen habe, ein
+ganz falsches Bild von mir zu geben. Das ist vielleicht ungerecht, aber
+es ist kühn, also ziemt es sich. Übrigens geht das bei mir ein wenig ins
+Krankhafte. So z. B. stelle ich es mir als unsagbar schön vor, zu
+sterben, im furchtbaren Bewußtsein, das Liebste, was ich auf der Welt
+habe, gekränkt und mit schlechten Meinungen über mich erfüllt zu haben.
+Das wird niemand verstehen, oder nur der, der im Trotz Schönheitsschauer
+empfinden kann. Elendiglich umkommen, um einer Flegelei, einer Dummheit
+willen. Ist das erstrebenswert? Nein, gewiß nicht. Aber das alles sind
+ja Dummheiten gröbster Sorte. Es fällt mir hier etwas ein, und ich sehe
+mich, aus, ich weiß nicht welchen, Ursachen, genötigt, es zu sagen. Ich
+besaß vor einer Woche oder mehr Tagen an Geld noch zehn Mark. Nun, jetzt
+sind diese zehn Mark verflogen. Eines Tages trat ich in ein Restaurant
+mit Damenbedienung. Ganz unwiderstehlich zog es mich hinein. Ein Mädchen
+sprang mir entgegen und nötigte mich, auf einem Ruhebett Platz zu
+nehmen. Halb wußte ich Bescheid, wie das ungefähr endigen konnte. Ich
+wehrte mich, aber ganz und gar ohne Nachdruck. Es war mir alles
+gleichgültig, und doch wieder nicht. Es bereitete mir ein Vergnügen
+ohnegleichen, dem Mädchen gegenüber den feinen, obenherabschauenden
+Herrn zu spielen. Wir befanden uns ganz allein, und nun trieben wir die
+nettesten Dummheiten. Wir tranken. Immer lief sie ans Büffet, um neue
+Getränke zu holen. Sie zeigte mir ihr reizendes Strumpfband, und ich
+liebkoste es mit den Lippen. Ah, ist man dumm. Immer stand sie wieder
+auf und holte Neues zum trinken. Und so rasch. Sie wollte eben sehr
+schnell bei dem dummen Jungen ein hübsches Sümmchen Geld verdienen. Ich
+sah das vollkommen ein, aber gerade das gefiel mir, daß sie mich für
+dumm ansah. Solch eine sonderbare Verdorbenheit: sich heimlich zu
+freuen, bemerken zu dürfen, daß man ein wenig bestohlen wird. Aber wie
+bezaubernd kam mir alles vor. Rings um mich starb alles in flötender,
+kosender Musik. Das Mädchen war Polin, schlank und geschmeidig und so
+entzückend sündhaft. Ich dachte: »Weg sind meine zehn Mark.« Nun küßte
+ich sie. Sie sagte: »Sag', was bist du? Du benimmst dich wie ein
+Edelmann.« Ich konnte gar nicht genug den Duft, der von ihr ausströmte,
+einatmen. Sie bemerkte das und fand das fein. Und in der Tat: Was ist
+man für ein Halunke, wenn man, ohne Liebe und Schönheit zu empfinden, an
+Orte hingeht, wo nur das Entzücken entschuldigt, was die Liederlichkeit
+unternommen hat? Ich log ihr vor, daß ich Stallbursche sei. Sie sagte:
+»O nein, dafür benimmst du dich viel zu schön. Sag' mir guten Tag.« Und
+da tat ich ihr das, was man an solchen Orten guten Tag sagen nennt,
+d. h. sie setzte es mir lachend und scherzend und mich küssend
+auseinander, und da tat ich es. Eine Minute später befand ich mich auf
+der abendlichen Straße, ausgebrannt bis auf den letzten Pfennig. Wie
+kommt mir das jetzt vor? Ich weiß es nicht. Aber das eine weiß ich: ich
+muß wieder zu einigem wenigen Geld kommen. Aber wie mache ich das?
+
+Beinahe jeden frühen Morgen setzt es zwischen mir und Kraus ein
+geflüstertes Redegefecht ab. Kraus glaubt immer, mich zur Arbeit
+antreiben zu sollen. Vielleicht irrt er sich auch gar nicht, wenn er
+annimmt, daß ich nicht gern früh aufstehe. Ja doch, ich stehe schon ganz
+gern vom Bett auf, aber wiederum finde ich es geradezu köstlich, ein
+wenig länger liegen zu bleiben, als ich soll. Etwas nicht tun sollen,
+das ist manchmal so reizend, daß man nicht anders kann, als es doch
+tun. Deshalb liebe ich ja so von Grund aus jede Art Zwang, weil er einem
+erlaubt, sich auf Gesetzeswidrigkeiten zu freuen. Wenn kein Gebot, kein
+Soll herrschte in der Welt, ich würde sterben, verhungern, verkrüppeln
+vor Langerweile. Mich soll man nur antreiben, zwingen, bevormunden. Ist
+mir durchaus lieb. Zuletzt entscheide doch ich, ich allein. Ich reize
+das stirnrunzelnde Gesetz immer ein wenig zum Zorn, nachher bin ich
+bemüht, es zu besänftigen. Kraus ist der Vertreter aller hier im
+Institut Benjamenta bestehenden Vorschriften, folglich fordere ich den
+besten aller Mitschüler beständig ein bißchen zum Kampf auf. Ich zanke
+so furchtbar gern. Ich würde krank werden, wenn ich nicht zanken könnte,
+und zum Zanken und Reizen eignet sich Kraus wundervoll. Er hat immer
+recht: »Willst du jetzt endlich aufstehen, du faules Tuch!« -- Und ich
+habe immer unrecht: »Ja, ja, gedulde dich. Ich komme.« -- Wer im Unrecht
+ist, der ist frech genug, den, der im Recht ist, stets zur Geduld
+aufzufordern. Das Rechthaben ist hitzig, das Unrechthaben trägt stets
+eine stolze, frivole Gelassenheit zur Schau. Derjenige, der es
+leidenschaftlich gut meint (Kraus), unterliegt stets dem (also mir), dem
+das Gute und Förderliche nicht gar so ausgesprochen am Herzen liegt.
+Ich triumphiere, weil ich noch im Bett liege, und Kraus zittert vor
+Zorn, weil er immer vergeblich an die Türe klopfen, poltern und sagen
+muß: »Steh' doch auf, Jakob. Mach' endlich. Herrgott, was ist das für
+ein Faulpelz.« -- Wer zürnen kann, ach, ist mir solch ein Mensch
+sympathisch. Kraus zürnt bei jeder Gelegenheit. Das ist so schön, so
+humorvoll, so edel. Und wir beide passen so gut zueinander. Dem Empörten
+muß doch immer der Sünder gegenüberstehen, sonst fehlte ja etwas. Bin
+ich dann endlich aufgestanden, so tue ich, als stünde ich müßig da.
+»Jetzt steht er noch da und gafft, der Tropf, statt Hand anzulegen,«
+sagt er dann. Wie prächtig ist so etwas. Das Gemurmel eines Mürrischen
+finde ich schöner als das Murmeln eines Waldbaches, beglitzert von der
+allerschönsten Sonntagvormittagsonne. Menschen, Menschen, nur Menschen!
+Ja, ich empfinde es lebhaft: ich liebe die Menschen. Ihre Torheiten und
+raschen Gereiztheiten sind mir lieber und wertvoller als die feinsten
+Naturwunder. -- Wir Zöglinge müssen morgens früh, bevor die Herrschaften
+erwachen, Schulstube und Kontor aufräumen. Je zwei Leute besorgen das
+abwechslungsweise. »Steh' doch auf. Wird's bald?« -- Oder: »Jetzt hört
+aber bald die Genügsamkeit auf.« Oder: »Steh' auf, steh' auf. Es ist
+Zeit. Solltest schon längst den Besen in der Hand haben.« -- Wie ist
+das amüsant. Und Kraus, der ewig böse Kraus, wie lieb ist er mir.
+
+Ich muß noch einmal ganz zum Anfang zurückkehren, zum ersten Tag. In der
+Unterrichtspause sprangen Schacht und Schilinski, die ich damals ja noch
+gar nicht kannte, in die Küche und brachten, auf Teller gelegt,
+Frühstück in die Schulstube. Auch mir wurde etwas zum essen vorgelegt,
+aber ich hatte gar keinen Appetit, ich mochte nichts anrühren. »Du mußt
+essen,« sagte mir Schacht, und Kraus fügte hinzu: »Es muß alles, was da
+auf dem Teller liegt, sauber aufgegessen werden. Hast du verstanden?« --
+Ich erinnere mich noch, wie widrig mich diese Redensarten berührten. Ich
+versuchte zu essen, aber voll Abscheu ließ ich das meiste liegen. Kraus
+drängte sich an mich heran, klopfte mir würdevoll auf die Schulter und
+sagte: »Neuling, der du hier bist, wisse, daß die Vorschriften gebieten,
+zu essen, wenn etwas zu essen da ist. Du bist hochmütig, doch sei nur
+ruhig, der Hochmut wird dir schon vergehen. Kann man etwa die
+butterbestrichenen und wurstbelegten Stücke Brot auf der Straße
+auflesen? Wie? Sei du nur ruhig und warte hübsch, vielleicht wirst du
+noch Appetit bekommen. Jedenfalls mußt du das da aufessen, was hier noch
+herumliegt, wohlverstanden. Es werden im Institut Benjamenta keine
+Eßreste auf den Tellern geduldet. Vorwärts, iß. Mach' rasch. Ist das
+eine sorgenvolle und feinseinwollende Bedenklichkeit. Die Feinheiten
+werden dir bald vergehen, glaube es mir. Du hast keinen Appetit, willst
+du mir sagen? Ich aber rate dir, Appetit zu haben. Du hast nur aus
+Hochmut keinen, das ist es. Gib her. Für diesmal will ich dir helfen
+aufessen, obschon es total gegen alle Vorschriften ist. So. Siehst du,
+wie man das essen kann? Und das? Und das? Das war ein Kunststück, kann
+ich dir sagen.« -- Wie war mir das alles peinlich. Ich empfand eine
+heftige Abneigung gegen die essenden Knaben, und heute? Heute esse ich
+so gut sauber auf wie nur irgend einer der Zöglinge. Ich freue mich
+sogar jedesmal auf das hübsch zubereitete, bescheidene Essen, und nie im
+Leben würde es mir einfallen, es zu verschmähen. Ja, ich war eitel und
+hochmütig im Anfang, gekränkt von ich weiß nicht was, erniedrigt auf ich
+weiß gar nicht mehr welche Weise. Es war mir eben alles, alles noch neu
+und infolgedessen feindlich, und im übrigen war ich ein ganz
+hervorragender Dummkopf. Ich bin auch heute noch dumm, aber auf feinere,
+freundlichere Art und Weise. Und auf die Art und Weise kommt alles an.
+Es kann einer noch so töricht und unwissend sein: wenn er sich ein
+wenig zu schicken, zu schmiegen und zu bewegen weiß, ist er noch nicht
+verloren, sondern findet seinen Weg durch das Leben vielleicht besser
+als der Kluge und Mit-Wissen-Vollgepackte. Die Art und Weise: ja, ja. --
+
+Kraus hat es schon sehr schwer im Leben gehabt, bevor er hierher
+gekommen ist. Er und sein Vater, der Schiffer ist, sind die Elbe hinauf
+und hinunter gefahren, auf schweren Kohlenkähnen. Er hat schwer, schwer
+arbeiten müssen, bis er dann krank geworden ist. Jetzt will er der
+Diener, der richtige Diener eines Herrn werden, und dazu ist er mit all
+seinen gutherzigen Eigenschaften auch wie geboren. Er wird ein ganz
+wundervoller Diener sein, denn nicht nur sein Äußeres paßt zu diesem
+Beruf der Demut und des Entgegenkommens, nein, auch die Seele, die ganze
+Natur, das ganze menschliche Wesen meines Kameraden hat etwas im
+allerbesten Sinn Dienerhaftes. Dienen! Wenn nur Kraus einen anständigen
+Herrn bekommt, das wünsche ich ihm. Gibt es doch Herren oder
+Herrschaften, kurz, Vorgesetzte, die es gar nicht lieben und wünschen,
+vollkommen bedient zu werden, die es gar nicht verstehen, wirkliche
+Dienstleistungen in Empfang zu nehmen. Kraus hat Stil und gehört
+unbedingt zu einem Grafen, d. h. ganz, ganz vornehmen Herrn. Man muß
+einen Kraus nicht arbeiten lassen wie einen gewöhnlichen Knecht oder
+Arbeiter. Er kann vertreten. Sein Gesicht ist dazu geschaffen, irgend
+einen Ton, eine Manier anzugeben, und auf seine Haltung und auf sein
+Betragen kann derjenige stolz sein, der ihn mieten wird. Mieten? Ja, so
+sagt man. Und Kraus wird eines Tages an jemanden vermietet, oder von
+irgend jemandem gemietet werden. Und darauf freut er sich, und darum
+lernt er so eifrig Französisch in seinen etwas schwerfälligen Kopf
+hinein. Etwas ist da, das ihm Kummer macht. Er hat sich nämlich beim
+Friseur, wie er sagt, eine etwas garstige Auszeichnung geholt, einen
+Kranz von rötlichen kleinen Pflanzen, kurz gesagt Punkten, noch kürzer,
+und ganz unbarmherzig gesagt, Pickeln. Nun ja, das ist allerdings übel,
+besonders, da er zu einem feinen und wirklich anständigen Herrn gehen
+will. Was ist zu machen? Armer Kraus! Mich z. B. würden die Punkte, die
+ihn verunzieren, nicht im mindesten hindern, ihn zu küssen, wenn es
+darauf ankäme. Im Ernst: wirklich nicht, denn ich sehe so etwas gar
+nicht mehr, ich sehe es gar nicht, daß er unschön aussieht. Ich sehe
+seine schöne Seele auf seinem Gesicht, und die Seele, das ist das
+Liebkosenswerte. Aber der zukünftige Herr und Gebieter wird da
+allerdings ganz anders denken, und darum legt auch Kraus Salben auf die
+unfeinen Wunden, die ihn verunstalten. Er gebraucht auch öfters den
+Spiegel, um die Fortschritte der Heilung zu beobachten, nicht aus leerer
+Eitelkeit. Er würde, wenn er nicht diesen Makel trüge, nie in den
+Spiegel schauen, denn die Erde kann nichts Uneitleres, Unaufgeblaseneres
+hervorbringen als ihn. Herr Benjamenta, der sich für Kraus lebhaft
+interessiert, läßt oft nach dem Übel und seinem zu erhoffenden
+Verschwinden fragen. Kraus soll ja bald einmal ins Leben hinaus- und in
+Stellung treten. Ich fürchte mich vor dem Augenblick seines Austrittes
+aus der Schule. Aber es wird nicht so rasch gehen. An seinem Gesicht
+kann er, glaube ich, noch ziemlich lange doktoren, was ich ja eigentlich
+durchaus nicht wünsche, und doch wünsche. Es würde mir so viel fehlen,
+wenn er abginge. Er kann noch früh genug zu einem Herrn kommen, der
+seine Qualitäten nicht zu schätzen wissen wird, und ich werde früh genug
+einen Menschen, den ich liebe, ohne daß er es weiß, entbehren müssen.
+
+An all diesen Zeilen schreibe ich meist abends, bei der Lampe, an dem
+großen Schultisch, an welchem wir Zöglinge so oft stumpfsinnig oder
+nicht stumpfsinnig sitzen müssen. Kraus ist manchmal sehr neugierig und
+guckt mir über die Achsel. Einmal habe ich ihn zurechtgewiesen: »Aber
+Kraus, bitte sage mir, seit wann bekümmerst du dich um Sachen, die dich
+nichts angehen?« -- Er war sehr ärgerlich, wie alle sind, die sich auf
+den heimlichen Pfaden der schleichenden Neugierde ertappen lassen.
+Manchmal sitze ich ganz allein bis in die spätere Nacht müßig auf einer
+Bank im öffentlichen Park. Die Laternen sind angezündet, das grelle
+elektrische Licht stürzt zwischen den Blättern der Bäume flüssig und
+brennend nieder. Alles ist heiß und verspricht fremdartige
+Heimlichkeiten. Leute spazieren hin und her. Es flüstert zu den
+versteckten Parkwegen heraus. Dann gehe ich heim und finde die Türe
+verschlossen. »Schacht,« rufe ich leise, und der Kamerad wirft mir
+verabredetermaßen den Schlüssel auf den Hof hinunter. Ich schleiche auf
+Fußspitzen, da das lange Ausbleiben verboten ist, in die Kammer und lege
+mich ins Bett. Und dann träume ich. Ich träume oft furchtbare Dinge. So
+träumte mir eines Nachts, ich hätte Mama, die Liebe und Ferne, ins
+Gesicht geschlagen. Wie schrie ich da auf und wie jäh erwachte ich. Der
+Schmerz über die Scheußlichkeit meines eingebildeten Benehmens jagte
+mich zum Bett heraus. Bei den Ehrfurcht einflößenden Haaren hatte ich
+die Heilige gerissen und sie zu Boden geworfen. O, nicht an so etwas
+denken. Die Tränen schossen wie schneidende Strahlen zu den mütterlichen
+Augen heraus. Ich erinnere mich noch deutlich, wie der Jammer ihr den
+Mund zerschnitt und zerriß, und wie sie sich im Weh badete, und wie dann
+der Nacken nach hinten zurücksank. Aber wozu mir diese Bilder von neuem
+vormalen? Morgen werde ich endlich den Lebenslauf schreiben müssen, oder
+ich laufe Gefahr, einen bösen Vorwurf zu ernten. Abends, gegen neun Uhr,
+singen wir Knaben immer ein kurzes Gutenachtlied. Wir stehen im
+Halbkreis nahe bei der Türe, die in die innern Gemächer führt, und dann
+geht die Türe auf, Fräulein Benjamenta erscheint auf der Schwelle, ganz
+in weiße, wohlig herabfallende Gewänder gekleidet, sagt uns »gute Nacht,
+Knaben«, befiehlt uns, uns schlafen zu legen, und ermahnt uns, ruhig zu
+sein. Dann löscht Kraus jedesmal die Schulzimmerlampe, und von diesem
+Augenblick an darf kein leisestes Geräusch mehr gemacht werden. Auf den
+Zehen muß jeder gehen und sein Bett suchen. Ganz merkwürdig ist das
+alles. Und wo schlafen Benjamentas? Wie ein Engel sieht das Fräulein
+aus, wenn sie uns gute Nacht sagt. Wie verehre ich sie. Abends läßt sich
+der Herr Vorsteher überhaupt nie blicken. Ob das nun merkwürdig ist
+oder nicht, jedenfalls ist es auffallend.
+
+Es scheint, daß das Institut Benjamenta früher mehr Ruf und Zuspruch
+genossen hat. An einer der vier Wände unseres Schulzimmers hängt eine
+große Photographie, auf der man die Abbildungen einer ganzen Anzahl
+Knaben eines früheren Schuljahrganges sehen kann. Unser Schulzimmer ist
+im übrigen sehr trocken ausstaffiert. Außer dem länglichen Tisch,
+einigen zehn bis zwölf Stühlen, einem großen Wandschrank, einem
+kleineren Nebentisch, einem kleineren zweiten Schrank, einem alten
+Reisekoffer und ein paar anderen geringfügigen Gegenständen enthält es
+kein Möbel. Über der Türe, die in die geheimnisvolle unbekannte Welt der
+innern Gemächer führt, hängt als Wandschmuck ein ziemlich langweilig
+aussehender Schutzmannssäbel mit dito quer darüber gelegtem Futteral.
+Darüber thront der Helm. Diese Dekoration mutet wie eine Zeichnung oder
+wie ein zierlicher Beweis der Vorschriften an, die hier gelten. Was mich
+betrifft, ich möchte diese wahrscheinlich bei einem alten Trödler
+erhandelten Schmuckstücke nicht geschenkt erhalten. Alle vierzehn Tage
+werden Säbel und Helm heruntergenommen, um geputzt zu werden, was eine
+sehr nette, obwohl sicher ganz stupide Arbeit genannt werden muß. Außer
+diesen Verzierungen hängen im Schulzimmer noch die Bilder des
+verstorbenen Kaiserpaares. Der alte Kaiser sieht unglaublich friedlich
+aus, und die Kaiserin hat etwas Schlicht-Mütterliches. Oft putzen und
+waschen wir Zöglinge das Schulzimmer mit Seife und Warmwasser aus, daß
+nachher alles von Sauberkeit duftet und glänzt. Alles müssen wir selber
+machen, und jeder von uns hat zu dieser Zimmermädchenarbeit eine Schürze
+umgebunden, in welchem an die Weiblichkeit gemahnenden Kleidungsstück
+wir alle ohne Ausnahme komisch aussehen. Aber es geht lustig zu an
+solchen Aufräumetagen. Der Fußboden wird fröhlich poliert, die
+Gegenstände, auch die der Küche, werden blank gerieben, wozu es Lappen
+und Putzpuder in Menge gibt, Tisch und Stühle werden mit Wasser
+überschüttet, Türklinken werden glänzend gemacht, Fensterscheiben
+angehaucht und abgeputzt, jeder hat seine kleine Aufgabe, jeder erledigt
+etwas. Wir erinnern an solchen Putz-, Reib- und Waschtagen an die
+märchenhaften Heinzelmännchen, die, wie es bekannt ist, alles Grobe und
+Mühselige aus reiner übernatürlicher Herzensgüte getan haben. Was wir
+Zöglinge tun, tun wir, weil wir müssen, aber warum wir müssen, das weiß
+keiner von uns recht. Wir gehorchen, ohne zu überlegen, was aus all dem
+gedankenlosen Gehorsam noch eines Tages wird, und wir schaffen, ohne zu
+denken, ob es recht und billig ist, daß wir Arbeiten verrichten müssen.
+An solch einem Putztag hat sich mir einmal Tremala, einer der Kameraden,
+der älteste unter uns allen, mit einem häßlichen Unfug genähert. Er
+stellte sich leise hinter mich und griff mir mit der abscheulichen Hand
+(Hände, die das tun, sind roh und abscheulich) nach dem intimen Glied,
+in der Absicht, mir eine widerliche, an den Kitzel eines Tieres
+grenzende Wohltat zu erweisen. Ich drehe mich jäh um und schlage den
+Verruchten zu Boden. Ich bin sonst gar nicht so stark. Tremala ist viel
+stärker. Aber der Zorn verlieh mir unwiderstehliche Kräfte. Tremala hebt
+sich empor und wirft sich auf mich, da geht die Türe auf, und Herr
+Benjamenta steht auf der Schwelle derselben. »Jakob, Schlingel!« ruft
+er, »Komm einmal her!« Ich trete zu meinem Vorsteher hin, und er frägt
+gar nicht, wer den Streit angefangen habe, sondern gibt mir einen Schlag
+an den Kopf und geht weg. Ich will ihm nachlaufen, um es ihm
+entgegenzubrüllen, wie ungerecht er ist, doch ich beherrsche mich,
+besinne mich, werfe einen Blick über die gesamte Knabenschar und gehe
+wieder an meine Arbeit. Mit Tremala rede ich seither kein Wort mehr, und
+auch er weicht mir stets aus, und er weiß warum. Aber ob es ihm leid tut
+oder dergleichen, das ist mir vollkommen gleichgültig. Die unzarte
+Angelegenheit ist schon längst, wie soll man sagen, vergessen. Tremala
+ist früher schon auf den Meerschiffen gewesen. Er ist ein verdorbener
+Mensch, und es scheint, er freut sich seiner schändlichen Anlagen.
+Übrigens ist er rasend ungebildet, daher interessiert er mich nicht.
+Verschmitzt und zugleich unglaublich dumm: wie uninteressant. Aber das
+Eine hat mir dieser Tremala zu erfahren gegeben: man muß auf alle
+möglichen Angriffe und Kränkungen stets ein wenig gefaßt sein.
+
+Oft gehe ich aus, auf die Straße, und da meine ich, in einem ganz wild
+anmutenden Märchen zu leben. Welch ein Geschiebe und Gedränge, welch ein
+Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei, Gestampf, Gesurr und Gesumme.
+Und alles so eng zusammengepfercht. Dicht neben den Rädern der Wagen
+gehen die Menschen, die Kinder, Mädchen, Männer und eleganten Frauen;
+Greise und Krüppel, und solche, die den Kopf verbunden haben, sieht man
+in der Menge. Und immer neue Züge von Menschen und Fuhrwerken. Die Wagen
+der elektrischen Trambahn sehen wie figurenvollgepfropfte Schachteln
+aus. Die Omnibusse humpeln wie große, ungeschlachte Käfer vorüber. Dann
+sind Wagen da, die wie fahrende Aussichtstürme aussehen. Menschen
+sitzen auf den hocherhobenen Sitzplätzen und fahren allem, was unten
+geht, springt und läuft über den Kopf weg. In die vorhandenen Mengen
+schieben sich neue, und es geht, kommt, erscheint und verläuft sich in
+einem fort. Pferde trampeln. Wundervolle Hüte mit Zierfedern nicken aus
+offenen, schnell vorbeifahrenden Herrschaftsdroschken. Ganz Europa
+sendet hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht dicht neben
+Niedrigem und Schlechtem, die Leute gehen, man weiß nicht wohin, und da
+kommen sie wieder, und es sind ganz andere Menschen, und man weiß nicht,
+woher sie kommen. Man meint, es ein wenig erraten zu können und freut
+sich über die Mühe, die man sich gibt, es zu enträtseln. Und die Sonne
+blitzt noch auf dem allem. Dem einen beglänzt sie die Nase, dem andern
+die Fußspitze. Spitzen treten an Röcken zum glitzernden und
+sinnverwirrenden Vorschein. Hündchen fahren in Wagen, auf dem Schoß
+alter, vornehmer Frauen, spazieren. Brüste prallen einem entgegen, in
+Kleidern und Fassonen eingepreßte, weibliche Brüste. Und dann sind
+wieder die dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen von männlichen
+Mundteilen. Und ungeahnte Straßen denkt man sich, unsichtbare neue und
+ebenso sehr menschenwimmelnde Gegenden. Abends zwischen sechs und acht
+wimmelt es am graziösesten und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die
+beste Gesellschaft. Was ist man eigentlich in dieser Flut, in diesem
+bunten, nicht endenwollenden Strom von Menschen? Manchmal sind alle
+diese beweglichen Gesichter rötlich angezärtelt und gemalt von
+untergehenden Abendsonnengluten. Und wenn es grau ist und regnet? Dann
+gehen alle diese Figuren, und ich selber mit, wie Traumfiguren rasch
+unter dem trüben Flor dahin, etwas suchend, und wie es scheint, fast nie
+etwas Schönes und Rechtes findend. Es sucht hier alles, alles sehnt sich
+nach Reichtümern und fabelhaften Glücksgütern. Hastig geht man. Nein,
+sie beherrschen sich alle, aber die Hast, das Sehnen, die Qual und die
+Unruhe glänzen schimmernd zu den begehrlichen Augen heraus. Dann ist
+wieder alles ein Baden in der heißen, mittäglichen Sonne. Alles scheint
+zu schlafen, auch die Wagen, die Pferde, die Räder, die Geräusche. Und
+die Menschen blicken so verständnislos. Die hohen, scheinbar
+umstürzenden Häuser scheinen zu träumen. Mädchen eilen dahin, Pakete
+werden getragen. Man möchte sich jemandem an den Hals werfen. Komme ich
+heim, so sitzt Kraus da und spottet mich aus. Ich sage ihm, man müsse
+doch ein wenig die Welt kennen lernen. »Welt kennen lernen?« sagt er,
+wie in tiefe Gedanken versunken. Und er lächelt verächtlich.
+
+Ungefähr vierzehn Tage nach meinem Eintritt in die Schule ist Hans in
+unsern Räumen erschienen. Hans ist der rechte Bauernjunge, wie er in
+Grimms Märchenbuch steht. Er kommt tief aus Mecklenburg, und er duftet
+nach blumigen üppigen Wiesen, nach Kuhstall und Bauernhof. Schlank, grob
+und knochig ist er, und er spricht eine wunderliche, gutmütig-bäuerische
+Sprache, die mir eigentlich gefällt, wenn ich mir Mühe gebe, die
+Nasenlöcher zuzuhalten. Nicht als ob Hans etwa übel dünste und dufte.
+Und doch tut man irgend welche empfindlichen Nasen zu, meinetwegen
+geistige, kulturelle, seelische Nasen, und ganz unwillkürlich, womit man
+den guten Hans auch gar nicht kränken will. Und er merkt so etwas ja gar
+nicht, dazu sieht, horcht und empfindet dieser Land-Mensch viel zu
+gesund und zu schlicht. Etwas wie die Erde selber und Erdrinnen- und
+Krümmungen tritt einem entgegen, wenn man sich in den Anblick dieses
+Burschen vertieft, aber zu vertiefen braucht man sich gar nicht. Hans
+fordert keinen gedankenvollen Tiefsinn heraus. Er ist mir nicht
+gleichgültig, durchaus nicht, aber, wie soll ich sagen, ein wenig fern
+und leicht. Man nimmt ihn ganz leicht, weil er nichts hat, das schwer
+zu ertragen wäre, weil es Empfindungen wachriefe. Der Grimmsche
+Märchenbauernjunge. Etwas Uralt-Deutsches und Angenehmes, verständlich
+und wesentlich auf den ersten, flüchtigen Blick. Sehr wert, dem Ding ein
+guter Kamerad zu sein. Hans wird im späteren Leben schwer arbeiten, ohne
+zu seufzen. Er wird Mühen und Sorgen und Mißgeschicke kaum recht
+wahrnehmen. Er strotzt ja von Kraft und Gesundheit. Und dazu ist er
+nicht unhübsch. Überhaupt: ich muß bald lachen über mich selber: ich
+finde an allem und in allem irgend etwas Geringfügig-Hübsches. Ich mag
+sie alle so gern leiden, meine Zöglinge da, die Schulkameraden.
+
+Bin ich der geborne Großstädter? Sehr leicht möglich. Ich lasse mich
+fast nie betäuben oder überraschen. Etwas unsagbar Kühles ist trotz der
+Aufregungen, die mich überfallen können, an mir. Ich habe die Provinz in
+sechs Tagen abgestreift. Übrigens bin ich in einer allerdings ganz, ganz
+kleinen Weltstadt aufgewachsen. Ich habe Stadtwesen und -empfinden mit
+der mütterlichen Milch eingesogen. Ich sah als Kind johlende, betrunkene
+Arbeiter hin und her taumeln. Die Natur ist mir schon als ganz klein als
+etwas Himmlisch-Entferntes vorgekommen. So kann ich die Natur entbehren.
+Muß man denn nicht auch Gott entbehren? Das Gute, Reine und Hohe
+irgend, irgendwo versteckt in Nebeln zu wissen und es leise, ganz, ganz
+still zu verehren und anzubeten, mit gleichsam total kühler und
+schattenhafter Inbrunst: daran bin ich gewöhnt. Ich sah als Kind eines
+Tages einen im Blut schwimmenden, von zahlreichen Messerstichen
+durchbohrten wälschen Fabrikarbeiter an einer Mauer tot daliegen. Und
+ein anderes Mal, es war zu Ravachols Zeiten, hieß es unter der Jugend,
+es werden auch bei uns bald Bomben geschleudert werden usw. Alte Zeiten.
+Ich wollte von etwas ganz anderem sprechen, nämlich von Kamerad Peter,
+dem langen Peter. Dieser hochaufgeschossene Knabe ist zu drollig, er
+stammt aus Teplitz in Böhmen und kann slawisch und deutsch sprechen.
+Sein Vater ist Schutzmann, und Peter ist in einem Seilergeschäft
+kaufmännisch erzogen worden, er scheint aber den Unwissenden,
+Unbrauchbaren und Ungeratenen gespielt zu haben, was ich, ganz für mich,
+sehr niedlich finde. Er sagt, er rede auch ungarisch und polnisch, wenn
+es von ihm verlangt werde. Aber hier verlangt kein Mensch so etwas von
+ihm. Was für ausgedehnte Sprachenkenntnisse! Peter ist ganz entschieden
+der Dümmste und Unbeholfenste unter uns Eleven, und das belegt und
+bekränzt ihn in meinen unmaßgeblichen Augen mit Auszeichnungen, denn
+unglaublich lieb sind mir die Dummen. Ich hasse das alles
+verstehenwollende, mit Wissen und Witz glänzende, und sich breitmachende
+Wesen. Verschmitzte und gewitzigte Menschen sind mir ein unnennbarer
+Greuel. Wie nett ist doch gerade in diesem Punkt Peter. Schon, daß er so
+lang ist, zum Mittenentzweibrechen lang, ist schön, aber noch viel
+schöner ist die Gutherzigkeit, die ihm beständig einflüstert, er sei
+Kavalier und habe das Aussehen eines edlen und eleganten Verbummelten.
+Zum Kugeln ist das. Er redet immer von erlebten, aber sehr
+wahrscheinlich nicht erlebten Abenteuern. Nun, das ist wahr, Peter
+besitzt den feinsten und zierlichsten Spazierstock der Welt. Und nun
+zieht er stets los und geht in den belebtesten Straßen mit seinem
+Spazierstock spazieren. Ich traf ihn einmal in der F...straße. Die
+F...straße ist der entzückende Brennpunkt des hiesigen Großstadtweltlebens.
+Schon aus weiter Ferne winkte er mir mit Hand, Kopfnicken und
+Spazierstockschwenken. Dann, wie ich in seiner Nähe war, schaute er mich
+väterlich-sorgenvoll an, als hätte er sagen wollen: »Was, du auch hier?
+Jakob, Jakob, das ist noch nichts für dich.« -- Und dann verabschiedete
+er sich wie einer der Großen dieses Erdenlebens, wie ein
+Weltblattredakteur, der die hochkostbare Zeit nicht zu verlieren hat.
+Und dann sah ich sein rundes dummes nettes Hütchen in der Menge anderer
+Köpfe und Hüte verschwinden. Er tauchte, wie man so sagt, in der Masse
+unter. Peter lernt absolut nichts, obgleich er es in so humorvoller
+Weise nötig hätte, und in das Institut Benjamenta ist er scheinbar nur
+deshalb eingetreten, um hier mit köstlichen Dummheiten zu glänzen.
+Vielleicht wird er hier sogar noch um wesentliche Portionen dümmer, als
+er war, und warum sollte sich seine Dummheit denn eigentlich nicht
+entfalten dürfen? Ich z. B. bin überzeugt, daß Peter im Leben
+unverschämt viel Erfolg davontragen wird, und seltsam: ich gönne es ihm.
+Ja, ich gehe noch weiter. Ich habe das Gefühl, und es ist ein sehr
+trostreiches, prickelndes und angenehmes, daß ich später einmal solch
+einen Herrn, Gebieter und Vorgesetzten bekommen werde, wie Peter einer
+sein wird, denn solche Dummen, wie er einer ist, sind zum Avancieren,
+Hochkommen, Wohlleben und Befehlen geschaffen, und solche in gewissem
+Sinn Gescheite, wie ich, sollen den guten Drang, den sie besitzen, im
+Dienst anderer blühen und entkräften lassen. Ich, ich werde etwas sehr
+Niedriges und Kleines sein. Die Empfindung, die mir das sagt, gleicht
+einer vollendeten, unantastbaren Tatsache. Mein Gott, und ich habe
+trotzdem so viel, so viel Mut, zu leben? Was ist mit mir? Oft habe ich
+ein wenig Angst vor mir, aber nicht lange. Nein, nein, ich vertraue
+mir. Aber ist das nicht geradezu komisch?
+
+Für meinen Mitschüler Fuchs habe ich nur einen einzigen sprachlichen
+Ausdruck: Fuchs ist schräg, Fuchs ist schief. Er spricht wie ein
+mißlungener Purzelbaum und benimmt sich wie eine große, zu Menschenform
+zusammengeknetete Unwahrscheinlichkeit. Alles an ihm ist unsympathisch,
+daher unbeherzigenswert. Über Fuchs etwas zu wissen, das ist Mißbrauch,
+unfeiner, störender Überfluß. Man kennt solche Schlingel nur, um sie zu
+verachten; da man aber überhaupt nicht gern irgend etwas verächtlich
+finden will, vergißt oder übersieht man das Ding. Ein Ding, ja, das ist
+er. O Gott, muß ich heute böse reden? Fast möchte ich mich dafür hassen.
+Fort, zu irgend etwas Schönerem. -- Herrn Benjamenta sehe ich sehr
+selten. Zuweilen trete ich in das Bureau ein, verbeuge mich bis zur
+Erde, sage »guten Tag, Herr Vorsteher« und frage den Herrscherähnlichen,
+ob ich ausgehen darf. »Hast du den Lebenslauf geschrieben? Wie?« werde
+ich gefragt. Ich antworte: »Noch nicht. Aber ich werde es tun.« Herr
+Benjamenta tritt auf mich zu, d. h. bis zum Schalter, an welchem ich
+stehe, und drückt mir die riesige Faust vor die Nase. »Du wirst
+pünktlich sein, Bursch, oder -- -- -- du weißt, was es absetzt.« -- Ich
+verstehe ihn, ich verbeuge mich wieder und verschwinde. Seltsam, wie
+viel Lust es mir bereitet, Gewaltausübende zu Zornesausbrüchen zu
+reizen. Sehne ich mich denn eigentlich danach, von diesem Herrn
+Benjamenta gezüchtigt zu werden? Leben in mir frivole Instinkte? Alles,
+alles, selbst das Niederträchtigste und Unwürdigste, ist möglich. Nun
+gut, bald werde ich den Lebenslauf ja schreiben. Ich finde Herrn
+Benjamenta geradezu schön. Ein herrlicher brauner Bart -- was?
+Herrlicher brauner Bart? Ich bin ein Dummkopf. Nein, am Herrn Vorsteher
+ist nichts schön, nichts herrlich, aber man ahnt hinter diesem Menschen
+schwere Schicksalswege und -schläge, und dieses Menschliche ist es,
+dieses beinahe Göttliche ist es, was ihn schön macht. Wahre Menschen und
+Männer sind nie sichtbar schön. Ein Mann, der einen wirklich schönen
+Bart trägt, ist ein Opernsänger oder der gutbezahlte Abteilungschef
+eines Warenhauses. Scheinmänner sind in der Regel schön. Immerhin kann
+es auch Ausnahmen und männliche Schönheiten, erfüllt von Tüchtigkeit,
+geben. Herrn Benjamentas Gesicht und Hand (die ich schon zu spüren
+bekommen habe) haben Ähnlichkeit mit knorrigen Wurzeln, mit Wurzeln, die
+zu irgend einer traurigen Stunde schon irgendwelchen unbarmherzigen
+Beilhieben haben widerstehen müssen. Wäre ich eine Dame von Noblesse
+und Geist, ich wüßte Männer, wie diesen scheinbar so armseligen
+Institutsvorsteher, unbedingt auszuzeichnen, aber wie ich vermute,
+verkehrt Herr Benjamenta gar nicht in der Gesellschaft, die die Welt
+bedeutet. Er sitzt eigentlich immer zu Hause, er hält sich ohne Zweifel
+so auf eine Art im Verborgenen auf, er verkriecht sich »in der
+Einsamkeit«, und in der Tat, schauderhaft einsam muß dieser sicher edle
+und kluge Mann dahinleben. Irgend welche Ereignisse müssen auf diesen
+Charakter einen tiefen, vielleicht sogar vernichtenden Eindruck gemacht
+haben, aber was weiß man? Ein Eleve des Institutes Benjamenta, was, was
+kann ein solcher wissen? Aber ich forsche wenigstens immer. Um zu
+forschen, sonst um nichts anderen willen trete ich öfters in das Kontor
+und richte so läppische Fragen, wie die: »Darf ich ausgehen, Herr
+Vorsteher?« an den Mann. Ja, dieser Mensch hat es mir angetan, er
+interessiert mich. Auch die Lehrerin erweckt mein höchstes Interesse.
+Ja, und deshalb, um etwas herauszukriegen aus all diesem
+Geheimnisvollen, reize ich ihn, damit ihm etwas wie eine unvorsichtige
+Bemerkung entfahre. Was schadet es mir, wenn er mich schlägt? Mein
+Wunsch, Erfahrungen zu machen, wächst zu einer herrischen Leidenschaft
+heran, und der Schmerz, den mir der Unwille dieses seltsamen Mannes
+verursacht, ist nur klein gegen die bebende Begierde, ihn zu verleiten,
+sich ein wenig mir gegenüber auszusprechen. O ich träume davon, --
+herrlich, herrlich, -- dieses Menschen hervorbrechendes Vertrauen zu
+besitzen. Nun, es wird noch lange dauern, aber ich glaube, ich glaube,
+ich bringe es fertig, in das Geheimnis der Benjamentas endlich noch
+einzudringen. Geheimnisse lassen einen unerträglichen Zauber
+vorausahnen, sie duften nach etwas ganz, ganz unsäglich Schönem. Wer
+weiß, wer weiß. Ah -- -- --.
+
+Ich liebe den Lärm und die fortlaufende Bewegung der Großstadt. Was
+unaufhörlich fortläuft, zwingt zur Sitte. Dem Dieb z. B., wenn er all
+die regsamen Menschen sieht, muß unwillkürlich einfallen, was für ein
+Spitzbube er ist, nun, und der fröhlich-bewegliche Anblick kann
+Besserung in sein verfallenes, ruinenartiges Wesen schütten. Der
+Prahlhans wird vielleicht etwas bescheidener und nachdenklicher, wenn er
+all die Kräfte, die sich schaffend zeigen, erblickt, und der
+Unschickliche sagt sich möglicherweise, wenn ihm die Schmiegsamkeit der
+Vielen ins Auge fällt, er sei doch ein entsetzlicher Wicht, derart auf
+der Breitspurigkeit und Anmaßung dumm und eitel zu thronen. Die
+Großstadt erzieht, sie bildet, und zwar durch Beispiele, nicht durch
+trockene, den Büchern entnommene Lehrsätze. Es ist nichts Professorales
+da, und das schmeichelt, denn die aufgetürmte Wissenswürde entmutigt.
+Und dann ist hier noch so vieles, was fördert, hält und hilft. Man kann
+es kaum sagen. Wie schwer ist es, Feinem und Gutem lebendigen Ausdruck
+zu geben. Man ist hier dem bescheidenen Leben schon dankbar, man dankt
+immer ein wenig, indem es einen treibt, indem man es eilig hat. Wer Zeit
+zu verschwenden hat, weiß nicht, was sie bedeutet, und er ist der
+natürliche, blöde Undankbare. In der Großstadt fühlt jeder Laufbursche,
+daß Zeit etwas wert ist, und jeder Zeitungsverkäufer will seine Zeit
+nicht vertrödeln. Und dann das Traumhafte, das Malerische und
+Dichterische! Menschen eilen und wirken immer an einem vorbei. Nun, das
+hat etwas zu bedeuten, das regt an, das setzt den Geist in einen
+lebhafteren Schwung. Während man zaudernd steht, sind schon Hunderte,
+ist bereits hunderterlei einem am Kopf und Blick vorübergegangen, das
+beweist einem so recht deutlich, welch ein Versäumer und träger
+Verschieber man ist. Man hat es hier allgemein eilig, weil man jeden
+Augenblick der Meinung ist, es sei hübsch, etwas erkämpfen und erhaschen
+zu gehen. Das Leben erhält einen reizenderen Atem. Die Wunden und
+Schmerzen werden tiefer, die Freude frohlockt fröhlicher und länger als
+anderswo, denn wer sich hier freut, der scheint es stets sauer und
+rechtschaffen durch Arbeit und Mühe verdient zu haben. Dann sind wieder
+die Gärten, die so still und verloren hinter den zierlichen Gittern
+liegen wie heimliche Winkel in englischen Parklandschaften. Dicht
+daneben rauscht und poltert der geschäftliche Verkehr, als wenn es nie
+Landschaften oder Träumereien im Leben gegeben hätte. Die Eisenbahnzüge
+donnern über die zitternden Brücken. Abends glitzern die märchenhaft
+reichen und eleganten Schaufenster, und Ströme, Schlangen und Wellen von
+Menschen wälzen sich am ausgestellten, lockenden Industrie-Reichtum
+vorbei. Ja, das alles erscheint mir gut und groß. Man gewinnt, indem man
+mitten im Gestrudel und Gesprudel ist. Man empfindet etwas Gutes an den
+Beinen, an den Armen und in der Brust, indem man sich Mühe gibt, sich
+schicklich und ohne viel Federlesens durch all den lebendigen Kram
+hindurchzuwinden. Am Morgen scheint alles neu zu leben, und am Abend
+sinkt alles einer neuen, nie empfundenen Träumerei in die
+wildumschlingenden Arme. Das ist sehr dichterisch. Fräulein Benjamenta
+würde mich ganz gehörig zurechtweisen, wenn sie lesen würde, was ich
+hier schreibe. Von Kraus nicht zu reden, der macht zwischen Dorf und
+Stadt keinen so leidenschaftlichen Unterschied. Kraus erblickt erstens
+Menschen, zweitens Pflichten und drittens höchstens noch Ersparnisse,
+die er zurücklegen wird, wie er denkt, um sie seiner Mutter zu schicken.
+Kraus schreibt immer nach Hause. Er besitzt eine ebenso einfache wie
+rein menschliche Bildung. Das Großstadtgetriebe mit all seinen vielen
+törichten glitzernden Versprechungen läßt ihn vollständig kalt. Welch
+eine rechtschaffene, zarte, feste Menschenseele.
+
+Endlich sind meine Photographien fertig geworden. Ich blicke sehr, sehr
+energisch in die Welt hinein auf dem wirklich gut gelungenen Bild. Kraus
+will mich ärgern und sagt, ich sehe wie ein Jude aus. Endlich, endlich
+lacht er ein wenig. »Kraus,« sage ich, »bitte, bedenke, auch die Juden
+sind Menschen.« Wir zanken über den Wert und über den Unwert der Juden
+und unterhalten uns damit prachtvoll. Ich wundere mich, welche guten
+Meinungen er hat. »Die Juden haben alles Geld,« meint er. Ich nicke
+dazu, ich bin einverstanden, und ich sage: »Das Geld macht die Menschen
+erst zu Juden. Ein armer Jude ist kein Jude, und reiche Christen, ich
+pfeife, das sind noch die ärgsten Juden.« -- Er nickt. Endlich, endlich
+einmal habe ich dieses Menschen Beifall gefunden. Aber er ärgert sich
+schon wieder und sagt sehr ernsthaft: »Schwatz' nicht immer. Was soll
+das mit den Juden und mit den Christen. Das gibt es gar nicht. Es gibt
+liederliche und brave Menschen. Das ist es. Und was glaubst du, Jakob?
+Zu welcher Sorte gehörst du?« -- Und nun unterhalten wir uns erst recht
+noch lange. O, Kraus redet sehr gern mit mir, ich weiß es. Die gute,
+feine Seele. Er mag es nur nicht zugeben. Wie liebe ich Menschen, die
+sich nicht gern Geständnisse machen. Kraus hat Charakter: Wie deutlich
+man das fühlt. -- Den Lebenslauf habe ich allerdings geschrieben, aber
+ich habe ihn wieder zerrissen. Fräulein Benjamenta ermahnte mich
+gestern, aufmerksamer und folgsamer zu sein. Ich habe die schönsten
+Vorstellungen von Gehorsamkeit und Aufmerksamkeit, und sonderbar: es
+entwischt mir. Ich bin tugendhaft in der Einbildung, aber wenn es darauf
+ankommt, Tugenden auszuüben? Wie dann? Nicht wahr, ja, dann ist es eben
+etwas ganz anderes, dann versagt man, dann ist man unwillig. Übrigens
+bin ich unhöflich. Ich schwärme sehr für die Ritterlichkeit und
+Höflichkeit, wenn es aber gilt, der Lehrerin vorauszueilen und ihr die
+Türe ehrfürchtig zu öffnen, wer ist dann der Flegel, der am Tisch sitzen
+bleibt? Und wer springt wie der Sturmwind, um sich artig zu erweisen?
+Ei, Kraus. Kraus ist Ritter von Kopf bis zu Fuß. Er gehört eigentlich
+ins Mittelalter, und es ist sehr schade, daß ihm kein zwölftes
+Jahrhundert zur Verfügung steht. Er ist die Treue, der Diensteifer und
+das unauffällige, selbstlose Entgegenkommen selber. Über Frauen hat er
+kein Urteil, er verehrt sie bloß. Wer hebt das Fallengelassene vom Boden
+auf und reicht es eichhornhaft schnell dem Fräulein? Wer springt zum
+Haus hinaus auf Kommissionen? Wer trägt der Lehrerin die Markttasche
+nach? Wer scheuert die Treppe und Küche, ohne daß man es ihm hat
+befehlen müssen? Wer tut das alles und frägt nicht nach Dank? Wer ist so
+herrlich, so gewaltig in sich selbst froh? Wie heißt er? Ah, ich weiß es
+schon. Manchmal möchte ich von diesem Kraus gehauen sein. Aber Menschen
+wie er, wie könnten sie hauen. Kraus will nur Rechtes und Gutes. Das ist
+durchaus nicht übertrieben gesprochen. Er hat nie schlechte Absichten.
+Seine Augen sind erschreckend gut. Dieser Mensch, was will er eigentlich
+in solch einer auf die Phrase, Lüge und Eitelkeit gestellten und
+abgerichteten Welt? Sieht man Kraus an, dann fühlt man unwillkürlich,
+wie unrettbar verloren die Bescheidenheit in der Welt ist.
+
+Ich habe meine Uhr verkauft, um Zigarettentabak kaufen zu können. Ich
+kann ohne Uhr, aber nicht ohne Tabak leben, das ist schändlich, aber es
+ist zwingend. Ich muß irgendwie zu ein wenig Geld gelangen, sonst wird
+es mir bald an reiner Wäsche fehlen. Saubere Hemdkragen sind mir ein
+Bedürfnis. Das Glück eines Menschen hängt nicht und hängt doch von
+solchen Dingen ab. Glück? Nein. Aber man soll anständig sein.
+Reinlichkeit allein ist ein Glück. Ich schwatze. Wie hasse ich all die
+treffenden Worte. Heute hat Fräulein geweint. Warum? Mitten in der
+Schulstunde stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen. Das berührt
+mich seltsam. Jedenfalls werde ich die Augen offen behalten. Es macht
+mir Spaß, auf irgend etwas, was keinen Ton geben will, zu horchen. Ich
+passe auf, und das verschönert das Leben, denn ohne aufpassen zu müssen,
+gibt es eigentlich gar kein Leben. Es ist klar, Fräulein Benjamenta hat
+einen Kummer, und es muß ein heftiger Kummer sein, da sich unsere
+Lehrerin sonst sehr gut zu beherrschen weiß. Ich muß Geld haben.
+Übrigens habe ich den Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet
+folgendermaßen:
+
+ Lebenslauf.
+
+ Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn rechtschaffener Eltern, den
+ und den Tag geboren, da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das
+ Institut Benjamenta eingetreten, um sich die paar Kenntnisse
+ anzueignen, die nötig sind, in irgend jemandes Dienste zu treten.
+ Ebenderselbe macht sich durchaus vom Leben keine Hoffnungen. Er
+ wünscht, streng behandelt zu werden, um zu erfahren, was es heißt,
+ sich zusammenraffen müssen. Jakob von Gunten verspricht nicht viel,
+ aber er nimmt sich vor, sich brav und redlich zu verhalten. Die von
+ Gunten sind ein altes Geschlecht. In früheren Zeiten waren sie
+ Krieger, aber die Rauflust hat nachgelassen, und heute sind sie
+ Großräte und Handelsleute, und der Jüngste des Hauses, Gegenstand
+ dieses Berichtes, hat sich entschlossen, gänzlich von aller
+ hochmütigen Tradition abzufallen. Er will, daß das Leben ihn
+ erziehe, nicht erbliche oder irgend adlige Grundsätze. Allerdings
+ ist er stolz, denn es ist ihm unmöglich, die angeborne Natur zu
+ verleugnen, aber er versteht unter Stolz etwas ganz Neues,
+ gewissermaßen der Zeit, in der er lebt, Entsprechendes. Er hofft,
+ daß er modern, einigermaßen geschickt zu Dienstleistungen und nicht
+ ganz dumm und unbrauchbar ist, aber er lügt, er hofft das nicht nur,
+ sondern er behauptet und weiß es. Er hat einen Trotzkopf, in ihm
+ leben eben noch ein wenig die ungebändigten Geister seiner
+ Vorfahren, doch er bittet, ihn zu ermahnen, wenn er trotzt, und wenn
+ das nichts nützt, zu züchtigen, denn dann glaubt er, nützt es. Im
+ übrigen wird man ihn zu behandeln wissen müssen. Der Unterzeichnete
+ glaubt, sich in jede Lage schicken zu können, es ist ihm daher
+ gleichgültig, was man ihm zu tun befehlen wird, er ist der festen
+ Überzeugung, daß jede sorgsam ausgeführte Arbeit für ihn eine
+ größere Ehre sein wird als das müßig und ängstlich zu Hause
+ Hinter-dem-Ofen-Sitzen. Ein von Gunten sitzt nicht hinter dem Ofen.
+ Wenn die Ahnen des gehorsam Unterzeichneten das ritterliche Schwert
+ geführt haben, so handelt der Nachkomme traditionell, wenn er
+ glühend heiß begehrt, sich irgendwie nützlich zu erweisen. Seine
+ Bescheidenheit kennt keine Grenzen, wenn man seinem Mut schmeichelt,
+ und sein Eifer, zu dienen, gleicht seinem Ehrgeiz, der ihm befiehlt,
+ hinderliche und schädliche Ehrgefühle zu verachten. Zu Hause hat
+ Immerderselbe seinen Geschichtslehrer, den ehrenwerten Herrn Doktor
+ Merz, durchgeprügelt, eine Schandtat, die er bedauert. Heute sehnt
+ er sich danach, den Hochmut und die Überhebung, die ihn vielleicht
+ zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen Felsen harter Arbeit
+ zerschmettern zu dürfen. Er ist wortkarg und wird Vertraulichkeiten
+ niemals ausplaudern. Er glaubt weder an ein Himmelreich noch an eine
+ Hölle. Die Zufriedenheit desjenigen, der ihn engagiert, wird sein
+ Himmel, und das traurige Gegenteil seine vernichtende Hölle sein,
+ aber er ist überzeugt, daß man mit ihm und dem, was er leistet,
+ zufrieden sein wird. Dieser feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu
+ sein, der er ist.
+
+ Jakob von Gunten.
+
+Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher überreicht. Er hat ihn
+durchgelesen, ich glaube, sogar zweimal, und das Schreiben scheint ihm
+gefallen zu haben, denn es trat etwas wie ein schimmerndes Lächeln auf
+seine Lippen. O gewiß, ich habe meinen Mann scharf beobachtet. Ein wenig
+gelächelt hat er, das ist und bleibt Tatsache. Also endlich ein Zeichen
+von etwas Menschlichem. Was muß man doch für Sprünge machen, Menschen,
+denen man die Hände küssen möchte, zu einer nur ganz flüchtigen
+freundlichen Regung zu bewegen. Absichtlich, absichtlich habe ich den
+Lauf meines Lebens so stolz und frech geschrieben: »Da lies es. Wie?
+Reizt es dich nicht, mir das Ding ins Gesicht zu schmeißen?« -- Das sind
+meine Gedanken gewesen. Und da hat er ganz schlau und fein gelächelt,
+dieser schlaue und feine Herr Vorsteher, den ich leider, leider Gottes
+über alles verehre. Und ich hab' es bemerkt. Es ist ein Vorpostengefecht
+gewonnen. Heute muß ich unbedingt noch irgend einen Streich verüben. Ich
+muß mich sonst kaputtfreuen, kaputtlachen. Aber Fräulein Vorsteher
+weint? Was ist das? Warum bin ich so seltsam glücklich? Bin ich
+verrückt?
+
+Ich muß jetzt etwas berichten, was vielleicht einigen Zweifel erregt.
+Und doch ist es durchaus Wahrheit, was ich sage. Es lebt ein Bruder von
+mir in dieser gewaltigen Stadt, mein einziger Bruder, ein meiner Ansicht
+nach außerordentlicher Mensch, Johann heißt er, und er ist so etwas wie
+ein namhaft bekannter Künstler. Ich weiß um seine jetzige Stellung in
+der Welt nichts Bestimmtes, da ich es vermieden habe, ihn zu besuchen.
+Ich werde nicht zu ihm gehen. Begegnen wir uns zufällig auf der Straße
+und erkennt er mich und tritt auf mich zu: schön, dann ist es mir lieb,
+seine brüderliche Hand kräftig zu schütteln. Aber herausfordern werde
+ich solch ein Begegnen nie, nie im Leben. Was bin ich, und was ist er?
+Was ein Zögling des Institutes Benjamenta ist, das weiß ich, es liegt
+auf der Hand. Solch ein Zögling ist eine gute runde Null, weiter nichts.
+Aber was mein Bruder zur Stunde ist, das kann ich nicht wissen. Er ist
+vielleicht umgeben von lauter feinen, gebildeten Menschen und von weiß
+Gott was für Formalitäten, und ich respektiere Formalitäten, deshalb
+suche ich nicht einen Bruder auf, wo mir möglicherweise ein soignierter
+Herr unter gezwungenem Lächeln entgegentritt. Ich kenne ja Johann von
+Gunten von früher her. Er ist ein durchaus ebenso kühl abwägender und
+berechnender Mensch wie ich und wie alle Gunten, aber er ist viel älter,
+und im Altersunterschied zweier Menschen und Brüder können
+unübersteigliche Grenzen liegen. Jedenfalls ließe ich mir von ihm keine
+guten Lehren erteilen, und das ist es gerade, was ich befürchte, das er
+tun wird, wenn er mich zu Gesicht bekommt, denn wenn er mich so arm und
+unbedeutend vor sich sieht, wird es ihn, den Gutsituierten, doch ganz
+sicher reizen, mich meine niedrige Position von oben herab leicht fühlen
+zu lassen, und das würde ich nicht ertragen können, ich würde den von
+Guntenschen Stolz hervorkehren und entschieden grob werden, was mir
+hinterher dann doch nur weh täte. Nein, tausendmal nein. Was? Von meinem
+Bruder, vom selben Blut Gnade annehmen? Tut mir sehr leid. Das ist
+unmöglich. Ich stelle mir ihn sehr fein vor, die beste Zigarette der
+Welt rauchend, und liegend auf den Kissen und Teppichen der bürgerlichen
+Behaglichkeit. Und wie? Ja, es ist jetzt in mir so etwas Unbürgerliches,
+so etwas durchaus Entgegengesetzt-Wohlanständiges, und vielleicht ruht
+mein Herr Bruder mitten drinnen im schönsten, prächtigsten Welt-Anstand.
+Es ist beschlossen: wir beide sehen uns nicht, vielleicht nie! Und das
+ist auch gar nicht nötig. Nicht nötig? Gut, lassen wir das. Ich
+Schafskopf, da rede ich wie eine ganze würdevolle Lehrerschaft per wir.
+-- Um meinen Bruder herum gibt es sicher das beste, gewählteste
+Salon-Benehmen. Merci. O, ich danke. Da werden Frauen sein, die den Kopf
+zur Türe herausstrecken und schnippisch fragen: »Wer ist denn jetzt
+wieder da? Wie? Ist es vielleicht ein Bettler?« -- Verbindlichsten Dank
+für solch einen Empfang. Ich bin zu gut, um bemitleidet zu werden.
+Duftende Blumen im Zimmer! O ich mag gar keine Blumen. Und gelassenes
+Weltwesen? -- Scheußlich. Ja, gern, sehr gern sähe ich ihn. Aber wenn
+ich ihn so sähe, so sähe im Glanz und im Behagen: futsch wäre die
+Empfindung, hier stehe ein Bruder, und ich würde nur Freude lügen
+dürfen, und er auch. Also nicht.
+
+In der Unterrichtsstunde sitzen wir Schüler, starr vor uns herblickend,
+da, unbeweglich. Ich glaube, man darf sich nicht einmal die persönliche
+Nase putzen. Die Hände ruhen auf den Kniescheiben und sind während des
+Unterrichtes unsichtbar. Hände sind die fünffingrigen Beweise der
+menschlichen Eitelkeit und Begehrlichkeit, daher bleiben sie unter dem
+Tisch hübsch verborgen. Unsere Schülernasen haben die größte geistige
+Ähnlichkeit miteinander, sie scheinen alle mehr oder weniger nach der
+Höhe zu streben, wo die Einsicht in die Wirrnisse des Lebens leuchtend
+schwebt. Nasen von Zöglingen sollen stumpf und gestülpt erscheinen, so
+verlangen es die Vorschriften, die an alles denken, und in der Tat,
+unsere sämtlichen Riechwerkzeuge sind demütig und schamhaft gebogen. Sie
+sind wie von scharfen Messern kurzgehauen. Unsere Augen blicken stets
+ins gedankenvolle Leere, auch das will die Vorschrift. Eigentlich sollte
+man gar keine Augen haben, denn Augen sind frech und neugierig, und
+Frechheit und Neugierde sind von fast jedem gesunden Standpunkt aus
+verdammenswert. Ziemlich ergötzlich sind die Ohren von uns Zöglingen.
+Sie wagen alle kaum zu horchen vor lauter gespannten Horchens. Sie
+zucken immer ein wenig, als fürchteten sie, von hinten plötzlich mahnend
+gezogen und in die Weite und Breite gerissen zu werden. Arme Ohren das,
+die derart Angst ausstehen müssen. Schlägt der Ton eines Rufes oder
+Befehls an diese Ohren, so vibrieren und zittern sie wie Harfen, die
+berührt und gestört worden sind. Nun, es kommt ja auch vor, daß
+Zöglingsohren gern ein wenig schlafen, und wie werden sie dann geweckt!
+Es ist eine Freude. Das Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er
+ist stets gehorsam und devot zugekniffen. Es ist ja auch nur zu wahr:
+ein offener Mund ist die gähnende Tatsache, daß der Besitzer desselben
+mit seinen paar Gedanken meist anderswo sich aufhält als im Bereich und
+Lustgarten der Aufmerksamkeit. Ein festgeschlossener Mund deutet auf
+offene, gespannte Ohren, daher müssen die Türen da unten, unter den
+Nasenflügelfenstern, stets sorgsam verriegelt bleiben. Ein offener Mund
+ist ein Maul ohne weiteres, und das weiß jeder von uns genau. Lippen
+dürfen nicht prangen und lüstern blühen in der bequemen natürlichen
+Lage, sondern sie sollen gefalzt und gepreßt sein zum Zeichen
+energischer Entsagung und Erwartung. Das tun wir Schüler alle, wir gehen
+mit unsern Lippen laut bestehender Vorschrift sehr hart und grausam um,
+und daher sehen wir alle so grimmig wie kommandierende Wachtmeister aus.
+Ein Unteroffizier will die Mienen seiner Soldaten bekanntlich genau so
+schnauzig und grimmig haben wie seine, das paßt ihm, denn er hat Humor
+in der Regel. Im Ernst: Gehorchende sehen meist genau aus wie
+Befehlende. Ein Diener kann gar nicht anders als die Masken und Allüren
+seines Herrn annehmen, um sie gleichsam treuherzig fortzupflanzen. Unser
+verehrtes Fräulein ist ja nun gar kein solcher Feldwebel, im Gegenteil,
+sie lächelt sehr oft, ja, sie gestattet sich manchmal, uns Murmeltiere
+von vorschriftenbefolgenden Menschenkindern einfach auszulachen, aber
+sie gewärtigt eben, daß wir sie ruhig, und ohne unsere Mienen zu
+verändern, lachen lassen, und das tun wir auch, wir tun so, als hörten
+wir den süßen Silberton ihres Gelächters überhaupt gar nicht. Was sind
+wir für aparte Käuze. Unser Haar ist stets sauber und glatt gekämmt und
+gebürstet, und jeder hat sich einen geraden Scheitel in die Welt da oben
+auf dem Kopf einzuschneiden, einen Kanal in die tiefschwarze oder blonde
+Haar-Erde. So gehört sich's. Scheitel sind nun einmal auch
+vorschriftsmäßig. Und daher, weil wir so reizend frisiert und
+gescheitelt sind, sehen wir uns alle eigentlich ähnlich, was für einen
+Schriftsteller z. B. zum Totlachen wäre, wenn er uns besuchte, um uns in
+unserer Herrlichkeit und Wenigkeit zu studieren. Mag dieser Herr
+Schriftsteller zu Hause bleiben. Windbeutel sind das, die nur studieren,
+malen und Beobachtungen anstellen wollen. Man lebe, dann beobachtet
+sich's ganz von selber. Unser Fräulein Benjamenta würde übrigens solch
+einen hergewanderten, -geregneten und -geschneiten Artikelschreiber
+derart anherrschen, daß er vor Schreck über die Unfreundlichkeit des
+Empfangs zu Boden fiele. Nun, dann würde die Lehrerin, die es liebt,
+selbstherrlich zu verfahren, vielleicht zu uns sagen: »Geht, helft dem
+Herrn von der Erde aufstehen.« Und dann würden wir Zöglinge des
+Institutes Benjamenta dem ungebetenen Gast zeigen, wo die Türe ist. Und
+das Stück neugierigen Schriftstellertums würde wieder verschwinden.
+Nein, das sind Phantasien. Zu uns kommen Herrschaften, die uns Knaben
+engagieren wollen, und nicht Leute mit Schreibfedern hinter den Ohren.
+
+Entweder sind die Lehrer unseres Institutes gar nicht vorhanden, oder
+sie schlafen noch immer, oder sie scheinen ihren Beruf vergessen zu
+haben. Oder streiken sie vielleicht, weil man ihnen die Monatslöhne
+nicht ausbezahlt? Wunderliche Gefühle ergreifen mich, wenn ich an die
+armen Eingeschlummerten und Geistesabwesenden denke. Da sitzen sie nun,
+oder kauern an den Wänden eines extra für die Ruhebedürftigen
+eingerichteten Zimmers. Da ist Herr Wächli, der vermeintliche
+Naturgeschichtslehrer. Sogar im Schlaf hält er noch immer seine
+Tabakspfeife im Mund eingeklemmt. Schade, er hätte vielleicht besser
+getan, Bienenzüchter zu werden. Wie rot sein Kopf doch ist und wie fett
+seine ältliche, weichliche Hand. Und hier nebenan, ist das nicht Herr
+Blösch, der sehr geehrte Französischlehrer? Ei ja doch, das ist er
+wahrhaftig, und er lügt, wenn er zu schlafen vorgibt, er ist ein ganz
+schrecklicher Lügner. Auch seine Schulstunden sind immer nur eine Lüge
+und papierne Maske gewesen. Wie blaß er aussieht, und wie böse! Er hat
+ein schlechtes Gesicht, dicke harte Lippen, grobe unbarmherzige Züge:
+»Schläfst du, Blösch?« -- Er hört nicht. Er ist eigentlich widerwärtig.
+Und das, wer ist denn das da? Herr Pfarrer Strecker? Der lange, dürre
+Herr Pfarrer Strecker, der den Religionsunterricht erteilt? Zum Teufel,
+ja er selber ist es. »Schlafen Sie, Herr Pfarrer? Nun, dann schlafen
+Sie. Es schadet nichts, daß Sie schlafen. Sie versäumen nur Zeit mit
+Religionsunterrichterteilen. Religion, sehen Sie, taugt heute nichts
+mehr. Der Schlaf ist religiöser als all Ihre Religion. Wenn man schläft,
+ist man Gott vielleicht noch am nächsten. Was meinen Sie?« -- Er hört
+nicht. Ich will anderswo anklopfen. He, wer ist denn das hier, der so
+bequeme Stellungen wählt? Ist es Merz, Doktor Merz, der die Geschichte
+Roms lehrt? Ja, er ist es, ich erkenne ihn am Spitzbart. »Sie scheinen
+mir böse zu sein, Herr Doktor Merz. Nun, schlafen Sie und vergessen Sie
+die unpassenden Auftritte, die zwischen Ihnen und mir vorgefallen sind,
+zürnen Sie nicht in Ihren Spitzbart hinein. Übrigens tun Sie gut, zu
+schlafen. Die Welt dreht sich seit einiger Zeit um Geld und nicht mehr
+um Geschichte. All die uralten Heldentugenden, die Sie auspacken,
+spielen ja, wie Sie selbst wissen werden, längst keine Rolle mehr. Ich
+verdanke Ihnen einige wundervolle Eindrücke. Schlafen Sie wohl.« --
+Hier aber, wie ich sehe, scheint sich Herr von Bergen, der Knabenquäler
+von Bergen, angesiedelt zu haben. Tut, als wenn er träume, und erteilt
+doch so gern, mit so kitzlich-himmlischer Vorliebe, »Tatzen«. Oder er
+kommandiert »Rumpfbeuge vorwärts«, und dann ist es ihm solch ein Genuß,
+aufs Hinterstück des armen Jungen ein Meerrohrgeschenk anzuflicken. Sehr
+elegante Pariser-Erscheinung, aber grausam. -- Und wer ist dieser hier?
+Progymnasialdirektor Wyß? Sehr nett. Bei rechtlichen Leuten braucht man
+sich nicht lange aufzuhalten. Und wer ist hier? Bur? Lehrer Bur? »Ich
+bin entzückt, Sie zu sehen.« Bur ist der genialste gewesene Rechenlehrer
+des Kontinents. Fürs Institut Benjamenta ist er nur zu freisinnig und zu
+geistvoll. Kraus und die andern sind keine Schüler für ihn. Er ist zu
+hervorragend und stellt zu hohe Ansprüche. Hier im Institut existieren
+keine solchen überspannten Voraussetzungen. Aber ich träume wohl von
+meinen heimatlichen Lehrern? Dort im Progymnasium gab's Kenntnisse die
+Menge, hier gibt es etwas ganz anderes. Uns Zöglinge hier wird etwas
+ganz anderes gelehrt.
+
+Werde ich bald Stellung erhalten? Ich hoffe es. Meine Photographien und
+mein Bewerbeschreiben machen zusammen, wie ich mir einbilde, einen
+günstigen Eindruck. Neulich bin ich mit Schilinski in einen ersten
+Café-Konzert-Raum getreten. Wie hat da Schilinski am ganzen Leib gebebt
+vor Schüchternheit. Ich benahm mich ungefähr wie sein liebevoller Vater.
+Der Kellner wagte es, indem er uns von unten bis oben fixierte, uns
+sitzen zu lassen; da ich ihn aber mit enorm strenger Miene ersuchte, uns
+gefälligst zu bedienen, wurde er sogleich höflich und brachte uns in
+hohen, zierlich-geschliffenen Kelchen helles Bier. Ah, man muß
+auftreten. Wer sich mit gemessenem Anstand in die Brust zu werfen weiß,
+der wird als Herr behandelt. Man muß Situationen beherrschen lernen. Ich
+verstehe es ausgezeichnet, meinen Kopf, so, als wenn ich über etwas
+empört, nein, nur erstaunt wäre, zurückzuwerfen. Ich blicke um mich her,
+als wollte ich sagen: »Was ist das? Wie? Ist man denn hier toll?« -- Das
+wirkt. Auch habe ich mir ja im Institut Benjamenta gottlob Haltung
+angeeignet. O mir ist manchmal, als hätte ich es in der Gewalt, mit der
+Erde und all den Dingen darauf beliebig spielen zu können. Ich verstehe
+mit einemmal das liebliche Wesen der Frauen. Ihre Koketterien amüsieren
+mich, und ich erblicke Tiefsinn in ihren trivialen Bewegungen und
+Redensarten. Wenn man sie nicht versteht, wenn sie eine Tasse zum Mund
+führen oder den Rock raffen, so versteht man sie nie. Ihre Seelen
+trippeln mit den hochaufgeschweiften Absätzen ihrer süßen Stiefelchen,
+und ihr Lächeln ist beiderlei: eine alberne Angewohnheit und ein Stück
+Weltgeschichte. Ihr Hochmut und ihr geringer Verstand sind reizend,
+reizender als die Werke der Klassiker. Oft sind ihre Untugenden das
+Tugendhafteste unter der Sonne, und wenn sie erst wütend werden, und
+zürnen? Nur Frauen verstehen zu zürnen. Doch still. Ich denke an Mama.
+Wie heilig ist mir das Andenken an die Augenblicke, wo sie zürnte. Doch
+ruhig, doch still. Was kann ein Schüler des Institutes Benjamenta über
+alles das wissen?
+
+Ich habe mich nicht bezwingen können, ich bin ins Bureau gegangen, habe
+mich gewohnheitsgemäß tief verbeugt und habe zu Herrn Benjamenta
+folgendes gesprochen: »Ich habe Arme, Beine und Hände, Herr Benjamenta,
+und ich möchte arbeiten, und daher erlaube ich mir, Sie zu bitten, mir
+recht bald Arbeit und Geldverdienst zu verschaffen. Sie haben allerlei
+Beziehungen, ich weiß es. Zu Ihnen kommen die allerfeinsten
+Herrschaften, Leute, die Kronen auf den Aufschlägen ihrer Mäntel tragen,
+Offiziere, die mit den schneidigen Säbeln rasseln, Damen, deren
+Schleppen wie kichernde Wellen daherrauschen, ältere Frauen mit enorm
+viel Vermögen, Greise, die ein halbes Lächeln mit einer Million
+bezahlen, Menschen von Stand, aber ohne Geist, Menschen, die im
+Automobil vorfahren, mit einem Wort, Herr Vorsteher, die Welt kommt zu
+Ihnen.« -- »Hüte dich, frech zu werden,« warnte er mich, doch ich weiß
+nicht, ich empfand gar keine Furcht mehr vor seinen Fäusten, und ich
+sprach weiter, die Worte flogen mir nur so heraus: »Verschaffen Sie mir
+unbedingt irgend eine anregende Tätigkeit. Übrigens ist meine Meinung
+die: eine jede Tätigkeit ist anregend. Ich habe schon so viel gelernt
+bei Ihnen, Herr Vorsteher.« -- Er sagte ruhig: »Du hast noch gar nichts
+gelernt.« -- Da nahm ich wieder den Faden auf und sagte: »Gott selbst
+gebietet mir, ins Leben hinaus zu treten. Doch was ist Gott? Sie sind
+mein Gott, Herr Vorsteher, wenn Sie mir erlauben, Geld und Achtung
+verdienen zu gehen.« -- Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Du machst
+jetzt, daß du zum Kontor hinauskommst. Augenblicklich.« -- Das ärgerte
+mich furchtbar. Ich rief laut aus: »Ich erblicke in Ihnen einen
+hervorragenden Menschen, aber ich irre mich, Sie sind gewöhnlich wie das
+Zeitalter, in dem Sie leben. Ich werde auf die Straße gehen und dort
+irgend einen Menschen anhalten. Man zwingt mich, zum Verbrecher zu
+werden.« -- Ich erkannte die Gefahr, in der ich schwebte. Zugleich mit
+den Worten, die ich aussprach, war ich zur Türe gesprungen, und jetzt
+schrie ich wütend: »Adieu, Herr Vorsteher,« und drückte mich mit
+wunderbarer Geschmeidigkeit zur Türe hinaus. Im Korridor blieb ich
+stehen und lauschte am Schlüsselloch. Es blieb alles ganz mäuschenstill
+drinnen im Bureau. Ich ging ins Schulzimmer und vertiefte mich in die
+Lektüre des Buches: »Was bezweckt die Knabenschule?«
+
+Unser Unterricht besteht aus zwei Teilen, einem theoretischen und einem
+praktischen Teil. Aber beide Abteilungen muten mich auch noch heute wie
+ein Traum, wie ein sinnloses und zugleich sehr sinnreiches Märchen an.
+Auswendiglernen, das ist eine unserer Hauptaufgaben. Ich lerne sehr
+leicht auswendig, Kraus sehr schwer, daher ist er immer am Lernen. Die
+Schwierigkeiten, die er zu überwinden hat, sind das Geheimnis seines
+Fleißes und dessen Lösung. Er hat ein schwerfälliges Gedächtnis, und
+doch prägt er sich, wenn auch mit vieler Mühe, alles fest ein. Das, was
+er weiß, ist dann in seinem Kopf sozusagen in Metall graviert, und er
+kann es nicht wieder vergessen. Von Verschwitzen oder dergleichen ist
+bei ihm keine Rede. Wo wenig gelehrt wird, da paßt ein Kraus hin,
+demnach paßt er ins Institut Benjamenta vorzüglich. Einer der
+Grundsätze unserer Schule lautet: »Wenig aber gründlich«. Nun, in
+diesem Prinzip steckt Kraus fest, der einen etwas harten Schädel mit auf
+die Welt bekommen hat. Wenig lernen! Immer wieder dasselbe! Nach und
+nach fange auch ich an, zu begreifen, was für eine große Welt hinter
+diesen Worten verborgen ist. Etwas sich in der Tat fest, fest einprägen,
+für immer! Ich sehe ein, wie wichtig, vor allen Dingen, wie gut und wie
+würdig das ist. Der praktische oder körperliche Teil unseres
+Unterrichtes ist eine Art fortwährend wiederholtes Turnen oder Tanzen,
+ganz gleich, wie man das nennen will. Der Gruß, das Eintreten in eine
+Stube, das Benehmen gegenüber Frauen oder ähnliches wird geübt, und zwar
+sehr langfädig, oft langweilig, aber auch hier, wie ich jetzt merke und
+empfinde, steckt ein tiefverborgener Sinn. Uns Zöglinge will man bilden
+und formen, wie ich merke, nicht mit Wissenschaften vollpfropfen. Man
+erzieht uns, indem man uns zwingt, die Beschaffenheit unserer eigenen
+Seele und unseres eigenen Körpers genau kennen zu lernen. Man gibt uns
+deutlich zu verstehen, daß allein schon der Zwang und die Entbehrungen
+bilden, und daß in einer ganz einfachen, gleichsam dummen Übung mehr
+Segen und mehr wahrhaftige Kenntnisse enthalten sind, als im Erlernen
+von vielerlei Begriffen und Bedeutungen. Wir erfassen eines ums andere,
+und haben wir etwas erfaßt, so besitzt es uns quasi. Nicht wir besitzen
+es, sondern im Gegenteil, was wir scheinbar zu unserem Besitz gemacht
+haben, herrscht dann über uns. Uns prägt man ein, daß es von wohltuender
+Wirkung ist, sich an ein festes, sicheres Weniges anzupassen, d. h. sich
+an Gesetze und Gebote, die ein strenges Äußeres vorschreibt, zu gewöhnen
+und zu schmiegen. Man will uns vielleicht verdummen, jedenfalls will man
+uns klein machen. Aber man schüchtert uns durchaus nicht etwa ein. Wir
+Zöglinge wissen alle, der eine so gut wie der andere, daß Schüchternheit
+strafbar ist. Wer stottert und Furcht zeigt, setzt sich der Verachtung
+unseres Fräuleins aus, aber klein sollen wir sein und wissen sollen wir
+es, genau wissen, daß wir nichts Großes sind. Das Gesetz, das befiehlt,
+der Zwang, der nötigt, und die vielen unerbittlichen Vorschriften, die
+uns die Richtung und den Geschmack angeben: das ist das Große, und nicht
+wir, wir Eleven. Nun, das empfindet jeder, sogar ich, daß wir nur
+kleine, arme, abhängige, zu einem fortwährenden Gehorsam verpflichtete
+Zwerge sind. So benehmen wir uns auch: demütig, aber äußerst
+zuversichtlich. Wir sind alle ohne Ausnahme ein wenig energisch, denn
+die Kleinheit und Not, in der wir uns befinden, veranlassen uns, fest an
+die paar Errungenschaften, die wir gemacht haben, zu glauben. Unser
+Glaube an uns ist unsere Bescheidenheit. Wenn wir an nichts glauben
+würden, wüßten wir nicht, wie wenig wir sind. Immerhin, wir kleinen
+jungen Menschen sind irgend etwas. Wir dürfen nicht ausschweifen, nicht
+phantasieren, es ist uns verboten, weit zu blicken, und das stimmt uns
+zufrieden und macht uns für jede rasche Arbeit brauchbar. Die Welt
+kennen wir sehr schlecht, aber wir werden sie kennen lernen, denn wir
+werden dem Leben und seinen Stürmen ausgesetzt sein. Die Schule
+Benjamenta ist das Vorzimmer zu den Wohnräumen und Prunksälen des
+ausgedehnten Lebens. Hier lernen wir Respekt empfinden und so tun, wie
+diejenigen tun müssen, die an irgend etwas emporzublicken haben. Ich
+z. B. bin ein wenig erhaben über alles das, gut, um so besser tun mir
+auch alle diese Eindrücke. Gerade ich habe nötig, Hochachtung und
+zutraulichen Respekt vor den Gegenständen der Welt fühlen zu lernen,
+denn wohin würde ich gelangen, wenn ich das Alter mißachten, Gott
+leugnen, Gesetze bespotten und meine jugendliche Nase schon in alles
+Erhabene, Wichtige und Große stecken dürfte? Meiner Ansicht nach krankt
+gerade hieran die gegenwärtige junge Generation, die Zeter und Mordio
+schreit und nach Papa und Mama miaut, wenn sie sich Pflichten und
+Geboten und Beschränkungen ein wenig beugen soll. Nein, nein, hier sind
+Benjamentas meine lieben leuchtenden Leitsterne, der Herr Bruder sowohl
+wie das Fräulein, seine Schwester. Ich werde mein Lebenlang an sie
+denken.
+
+Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, und zwar im dichtesten
+Menschengewimmel. Unser Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet.
+Es war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich sehr nett benommen, und
+ich wahrscheinlich mich auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes
+Restaurant getreten und haben dort geplaudert. »Bleib' nur der, der du
+bist, Bruder,« sprach Johann zu mir, »fange von tief unten an, das ist
+ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen -- --« Ich machte eine
+leichte, verneinende Handbewegung. Er fuhr fort: »Denn sieh', oben, da
+lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen nämlich. Versteh' mich
+recht, lieber Bruder.« -- Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir schon
+zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat ihn, weiterzureden, und
+er sprach: »Oben, da herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben
+eine Atmosphäre des Genuggetanhabens, und das hemmt und engt ein. Ich
+hoffe, du verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich verstündest,
+Bruder, dann wärest du ja eigentlich gräßlich.« -- Wir lachten. O, mit
+einem Bruder zusammen lachen zu können, das ist sehr hübsch. Er sagte:
+»Du bist jetzt sozusagen eine Null, bester Bruder. Aber wenn man jung
+ist, soll man auch eine Null sein, denn nichts ist so verderblich wie
+das frühe, das allzufrühe Irgendetwasbedeuten. Gewiß: dir bedeutest du
+etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber der Welt bist du noch nichts, und das
+ist fast ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst mich nicht
+ganz, denn wenn du mich vollkommen verstündest -- --« »Wäre ich ja
+gräßlich,« fiel ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es war sehr
+lustig. Ein merkwürdiges Feuer fing an, mich zu beseelen. Meine Augen
+brannten. Das liebe ich übrigens sehr, wenn's mir so verbrannt zumut
+ist. Mein Kopf ist dann ganz rot. Und Gedanken voll Reinheit und Hoheit
+pflegen mich dann zu bestürmen. Johann fuhr fort, er sagte folgendes:
+»Bruder, bitte, unterbrich mich nicht immer. Dein dummes junges
+Gelächter hat etwas Ideenerstickendes. Höre. Paß gut auf. Was ich dir
+sage, kann dir vielleicht eines Tages von Nutzen sein. Vor allen Dingen:
+komme dir nie verstoßen vor. Verstoßen, Bruder, das gibt es gar nicht,
+denn es gibt vielleicht auf dieser Welt gar, gar nichts redlich
+Erstrebenswertes. Und doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar.
+Aber damit du nie allzu sehnsüchtig bist: präge dir ein: nichts, nichts
+Erstrebenswertes gibt es. Es ist alles faul. Verstehst du das? Sieh',
+ich hoffe immer, du könntest das alles nicht so recht verstehen. Ich
+mache mir Sorgen.« -- Ich sagte: »Leider bin ich zu intelligent, um
+dich, wie du hoffst, mißverstehen zu können. Aber sei ohne Sorgen. Du
+erschreckst mich durchaus nicht mit deinen Enthüllungen.« -- Wir
+lächelten uns an. Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und Johann,
+der übrigens sehr elegant aussah, fuhr fort zu sprechen: »Es gibt ja
+allerdings einen sogenannten Fortschritt auf Erden, aber das ist nur
+eine der vielen Lügen, die die Geschäftemacher ausstreuen, damit sie um
+so frecher und schonungsloser Geld aus der Menge herauspressen können.
+Die Masse, das ist der Sklave von heute, und der Einzelne ist der Sklave
+des großartigen Massengedankens. Es gibt nichts Schönes und
+Vortreffliches mehr. Du mußt dir das Schöne und Gute und Rechtschaffene
+träumen. Sage mir, verstehst du zu träumen?« -- Ich begnügte mich, mit
+dem Kopf zweimal zu nicken und ließ Johann, indem ich gespannt
+aufhorchte, fortreden: »Versuche es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld
+zu erwerben. Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst an allem. Alles,
+alles ist verdorben, halbiert, der Zier und der Pracht beraubt. Unsere
+Städte verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Klötze nehmen den Raum
+ein, den Wohnhäuser und Fürstenpaläste eingenommen haben. Das Klavier,
+lieber Bruder, und das damit verbundene Klimpern! Konzert und Theater
+fallen von Stufe zu Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es gibt
+ja allerdings noch so etwas wie eine tonangebende Gesellschaft, aber sie
+hat nicht mehr die Fähigkeit, Töne der Würde und des Feinsinnes
+anzuschlagen. Es gibt Bücher -- -- mit einem Wort, sei niemals verzagt.
+Bleib arm und verachtet, lieber Freund. Auch den Geld-Gedanken schlage
+dir weg. Es ist das Schönste und Triumphierendste, man ist ein ganz
+armer Teufel. Die Reichen, Jakob, sind sehr unzufrieden und unglücklich.
+Die reichen Leute von heutzutage: sie haben nichts mehr. Das sind die
+wahren Verhungerten.« -- Ich nickte wieder. Es ist wahr, ich sage sehr
+leicht ja zu allem. Übrigens gefiel mir und paßte mir, was Johann sagte.
+Es war Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun, und dies beides,
+Stolz und Trauer, ergibt immer einen guten Klang. Wieder bestellten wir
+Bier, und mein Gegenüber sagte: »Du mußt hoffen und doch nichts hoffen.
+Schau empor an etwas, ja gewiß, denn das ziemt dir, du bist jung,
+unverschämt jung, Jakob, aber, gesteh' dir immer, daß du's verachtest,
+das, an dem du respektvoll emporschaust. Du nickst schon wieder? Teufel,
+was bist du für ein verständnisvoller Zuhörer. Du bist geradezu ein
+Baum, der voll Verständnis behangen ist. Sei zufrieden, lieber Bruder,
+strebe, lerne, tu womöglich irgend jemandem etwas Liebes und Gutes.
+Komm', ich muß gehen. Sag', wann treffen wir uns wieder? Du
+interessierst mich, offen gesagt.« -- Wir gingen, und draußen auf der
+Straße nahmen wir Abschied voneinander. Lange schaute ich meinem lieben
+Bruder nach. Ja, er ist mein Bruder. Wie freut mich das.
+
+Mein Vater hat Wagen und Pferde und einen Diener, den alten Fehlmann.
+Mama hat ihre eigene Theaterloge. Wie beneiden sie die Frauen der Stadt
+mit den achtundzwanzigtausend Einwohnern darum. Mutter ist eine noch in
+den vorgeschrittenen Jahren hübsche, ja schöne Frau. Ich erinnere mich
+an ein hellblaues, enganschließendes Kleid, das sie einmal trug. Sie
+hielt den zartweißen Sonnenschirm offen. Die Sonne schien. Es war
+prächtiges Frühlingswetter. In den Straßen duftete es nach Veilchen. Die
+Menschen promenierten, und unter dem Grün der Anlage-Bäume spielte die
+Stadtmusik Promenadenkonzert. Wie süß und hell war alles. Ein Brunnen
+plätscherte, und Kinder, hell angezogene, lachten und spielten. Und ein
+feiner liebkosender Wind strich mit Düften, Sehnsucht nach Unsagbarem
+erweckend, umher. Aus den Fenstern der Neuquartierplatzhäuser schauten
+Leute. Mutter hatte lange hellgelbe Handschuhe an den schmalen Händen und
+lieben Armen. Johann war damals schon in der Fremde. Aber Vater war dabei.
+Nein, nie nehme ich je Hilfe (Geld) von den zärtlich verehrten Eltern an.
+Mein verletzter Stolz würde mich aufs Krankenlager werfen, und futsch
+wären die Träume von einer selbsterrungenen Lebenslaufbahn, vernichtet
+für immer diese mir in der Brust brennenden Selbsterziehungspläne. Das
+ist es ja: um mich quasi selbst zu erziehen, oder mich auf eine künftige
+Selbsterziehung vorzubereiten, deshalb bin ich Zögling dieses Institutes
+Benjamenta geworden, denn hier macht man sich auf irgend etwas Schweres
+und Düster-Daherkommendes gefaßt. Und deshalb schreibe ich ja auch nicht
+nach Hause, denn schon das Berichterstatten allein würde mich an mir
+irre machen, würde mir den Plan, ganz von unten anzufangen, vollkommen
+verleiden. Etwas Großes und Kühnes muß in aller Verschwiegenheit und
+Stille geschehen, sonst verdirbt und verflaut es, und das Feuer, das
+schon lebendig erwachte, stirbt wieder. Ich kenne meinen Geschmack, das
+genügt. -- Ach so, ja. Ganz recht. Von unserem alten Diener Fehlmann,
+der noch lebt und dient, habe ich eine lustige Geschichte auf Lager. Die
+Sache ist die: Fehlmann ließ sich eines Tages ein grobes Verfehlen
+zuschulden kommen und sollte entlassen werden. »Fehlmann,« sagte Mama,
+»Sie können gehen. Wir brauchen Sie nicht mehr.« -- Da stürzte der arme
+Alte, der einen am Krebs gestorbenen Jungen noch vor kurzer Zeit
+begraben hatte (lustig ist das nicht), meiner Mutter zu Füßen und bat um
+Gnade, direkt um Gnade. Der arme Teufel, er hatte Tränen in den alten
+Augen. Mama verzeiht ihm, ich erzähle den Auftritt andern Tags meinen
+Kameraden, den Brüdern Weibel, und die lachen mich fürchterlich aus und
+verachten mich. Sie entziehen mir ihre Freundschaft, weil es, wie sie
+meinen, in unserem Haus zu royalistisch zugeht. Das Zu-Füßen-fallen
+finden sie verdächtig, und sie gehen hin und verleumden mich und Mama in
+der abgeschmacktesten Weise. Wie echte Buben, ja, aber auch wie echte
+kleine Republikaner, denen das Waltenlassen persönlicher und
+herrschaftlicher Gnade oder Ungnade ein Greuel und ein Gegenstand des
+Abscheus ist. Wie kommt mir das jetzt komisch vor. Und doch, wie
+bezeichnend ist dieser kleine Vorfall für den Lauf der Zeiten. So wie
+die Buben Weibel, so urteilt heute eine ganze Welt. Ja, so ist es: man
+duldet nichts Herren- oder Damenhaftes mehr. Es gibt keine Herren mehr,
+die machen können, was sie wollen, und es gibt längst keine Herrinnen
+mehr. Soll ich darüber traurig sein? Fällt mir nicht ein. Bin ich
+verantwortlich für den Geist des Zeitalters? Ich nehme die Zeit, wie sie
+ist, und behalte mir nur vor, im stillen meine Beobachtungen zu machen.
+Der gute Fehlmann: ihm, ihm ist noch auf altväterliche Art verziehen
+worden. Tränen der Treue und Anhänglichkeit, wie schön ist das. --
+
+Von drei Uhr nachmittags an sind wir Eleven fast ganz uns selbst
+überlassen. Niemand kümmert sich mehr um uns. Vorstehers sind in den
+innern Räumen verborgen, und im Schulzimmer herrscht Öde, eine Öde, die
+einen beinahe krank macht. Lärm soll nicht vorkommen. Es darf nur
+gehuscht und geschlichen und nur im Flüstertone gesprochen werden.
+Schilinski schaut sich im Spiegel, Schacht schaut zum Fenster hinaus,
+oder er gestikuliert mit dem Küchenmädchen von gegenüber, und Kraus
+lernt auswendig, indem er Lektionen vor sich hinmurmelt. Eine
+Grabesstille herrscht überall. Der Hof liegt verlassen da wie eine
+viereckige Ewigkeit, und ich stehe meist aufrecht und übe mich, auf
+einem Bein zu stehen. Oft halte ich zur Abwechslung den Atem lang an.
+Auch eine Übung, und es soll sogar, wie mir einmal ein Arzt sagte, eine
+gesundheitfördernde sein. Oder ich schreibe. Oder ich schließe die
+unmüden Augen, um nichts mehr zu sehen. Die Augen vermitteln Gedanken,
+und daher schließe ich sie von Zeit zu Zeit, um nichts denken zu müssen.
+Wenn man so da ist und nichts tut, spürt man plötzlich, wie penibel das
+Dasein sein kann. Nichtstun und dennoch Haltung beobachten, das fordert
+Energie, der Schaffende hat es leicht dagegen. Wir Zöglinge sind Meister
+in dieser Art Anstand. Sonst fangen die Nichtstuer aus Langeweile etwa
+an, ein wenig zu flegeln, zu strampeln, hochaufzugähnen oder zu seufzen.
+Das tun wir Eleven nicht. Wir pressen die Lippen fest und sind
+unbeweglich. Über unsern Köpfen schweben immer die mürrischen
+Vorschriften. Manchmal, wenn wir so dasitzen oder dastehen, geht die
+Türe auf, und das Fräulein geht langsam, uns sonderbar anschauend,
+durchs Schulzimmer. Wie ein Geist mutet sie mich dann an. Es ist, als
+wenn da jemand von weit, weit her käme. »Was macht ihr, Knaben?« fragt
+sie dann etwa, wartet aber gar keine Antwort ab, sondern geht weiter.
+Wie schön sie ist. Welch eine üppige Fülle von tiefschwarzen Haaren.
+Meist sieht man sie gesenkten Auges. Sie hat Augen, die sich zum
+Niederschlagen herrlich eignen. Ihre Augendeckel (o, ich beobachte das
+alles scharf) sind üppig gewölbt und der raschen Bewegung wundersam
+fähig. Diese Augen! Sieht man sie einmal, so blickt man in etwas
+Abgrund-Banges und Tiefes hinein. Diese Augen scheinen in ihrer
+glänzenden Schwärze nichts und zugleich alles Unsagbare zu sagen, so
+bekannt und so unbekannt zugleich muten sie an. Die Augenbrauen sind bis
+zum Zerreißen dünn und rund darüber gezeichnet und gezogen. Wer sie
+betrachtet, fühlt Stiche. Sie sind wie Mondsicheln an einem krankhaft
+blassen Abendhimmel, wie feine, aber um so stechendere Wunden, innerlich
+schneidende. Und ihre Wangen! Das stille Sehnen und Zagen scheint Feste
+darauf zu feiern. Unverstandene Zartheit und Zärtlichkeit weint darauf
+auf und nieder. Zuweilen erscheint auf dem schimmernden Schnee dieser
+Wangen ein leises bittendes Rot, ein rötliches, schüchternes Leben, eine
+Sonne, doch nein, nur der schwache Abglanz einer solchen. Dann ist es,
+als lächelten plötzlich die Wangen, oder als fieberten sie ein wenig.
+Wenn man Fräulein Benjamentas Wangen ansieht, vergeht einem die Lust,
+weiterzuleben, denn dann hat man das Gefühl, als müsse das Leben ein
+Höllengewimmel voller schnöder Roheiten sein. Etwas so Zartes läßt in
+etwas so Schweres und Bedrohliches fast gebieterisch blicken. Und ihre
+Zähne, die man hervorschimmern sieht, wenn der üppig-gütige Mund
+lächelt. Und wenn sie weint. Die Erde, meint man, müsse aus den Punkten
+ihres Halts herabstürzen, aus Scham und aus Weh, sie weinen zu sehen.
+Und wenn man sie erst weinen -- -- hört? O, dann vergeht man. Neulich
+hörten wir es, mitten in der Schulstunde. Wir alle haben gezittert wie
+Espenlaub. Ja, wir alle, wir lieben sie. Sie ist unsere Lehrerin, unser
+höheres Wesen. Und sie leidet an etwas, das ist klar. Ist sie krank?
+
+Fräulein Benjamenta hat mit mir ein paar Worte gesprochen, in der Küche.
+Ich wollte gerade in die Kammer hineingehen, da fragte sie mich, ohne
+mich im übrigen eines Blicks zu würdigen: »Wie geht es dir, Jakob? Geht
+es dir gut?« Ich nahm sogleich Achtungstellung an, wie es sich schickt,
+und sagte im Ton der Unterwürfigkeit: »O ganz gewiß, gnädiges Fräulein.
+Mir kann es nicht anders als gut gehen.« -- Sie lächelte schwach und
+fragte: »Wie meinst du das?« -- So über die Schulter fragte sie das. Ich
+antwortete: »Es fehlt mir an nichts.« -- Sie blickte mich kurz an und
+schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Du kannst gehen, Jakob. Du bist
+frei. Du brauchst nicht dazustehen.« -- Ich erwies ihr die
+vorgeschriebene Ehre, indem ich mich verneigte, und drückte mich in die
+Kammer. Es vergingen keine fünf Minuten, so wurde geklopft. Ich stürzte
+an die Türe. Ich kannte das Klopfen. Sie stand vor mir. »Du, Jakob,«
+fragte sie, »sage einmal, wie verträgst du dich mit den Kameraden?
+Nicht wahr, es sind nette Menschen?« -- Ich gab zur Antwort, daß sie
+mir alle, ohne Ausnahme, liebens- und achtenswert vorkämen. Die Lehrerin
+blinzelte mich mit den schönen Augen listig an und machte: »Na, na. Und
+mit Kraus zankst du dich doch. Ist Zanken bei dir das Zeichen der Liebe
+und Achtung?« -- Ich erwiderte ohne Zaudern: »In gewissem Sinne ja,
+Fräulein. Übrigens ist dieses Zanken nicht gar so ernst gemeint. Wenn
+Kraus Scharfsinn besäße, würde er merken, daß ich ihn sogar allen andern
+vorziehe. Ich achte Kraus sehr, sehr. Es würde mich schmerzen, wenn Sie
+mir das nicht glaubten.« -- Sie erfaßte meine Hand und drückte sie
+leicht und sagte: »Beruhige dich nur. Sieh' einmal, wie du in Hitze
+kommst. Du Hitzkopf. Wenn es so ist, wie du sagst, so muß ich ja wohl
+zufrieden mit dir sein. Ich bin es auch, wenn du fortfährst, artig zu
+sein. Ja, das merke dir: Kraus ist ein prachtvoller Junge, und du
+kränkst mich, wenn du Kraus unartig begegnest. Sei nett zu ihm. Ganz
+ausdrücklich wünsche ich das. Aber sei nicht traurig. Sieh' doch, ich
+mache dir ja keine Vorwürfe. Welch ein verzogener, verwöhnter
+Aristokratensohn! Kraus ist ein so guter Mensch. Nicht wahr, Kraus ist
+ein guter Mensch, Jakob?« -- Ich sagte: »Ja.« Nichts weiter als ja, und
+dann mußte ich plötzlich ziemlich dumm lachen, ich wußte gar nicht
+warum. Sie schüttelte den Kopf und ging. Warum ich nur habe lachen
+müssen? Noch jetzt weiß ich es nicht. Aber die Sache ist ja auch viel zu
+unbedeutend. Wann werde ich zu Geld gelangen? Diese Frage scheint mir
+bedeutsam. Das Geld besitzt in meinen Augen gegenwärtig einen vollkommen
+idealen Wert. Wenn ich mir den Klang eines Goldstückes vorstelle, werde
+ich beinahe rasend. Ich habe zu essen: Pfui. Ich möchte reich sein und
+den Kopf zerschmettert haben. Ich mag bald überhaupt nichts mehr essen.
+
+Wenn ich reich wäre, würde ich keineswegs um die Erde reisen. Zwar, das
+wäre ja gar nicht so übel. Aber ich sehe nichts Berauschendes dahinter,
+das Fremde flüchtig kennen zu lernen. Im allgemeinen würde ich es
+verschmähen, mich, wie man so sagt, weiter auszubilden. Mich würde eher
+die Tiefe, die Seele, als die Ferne und Weite locken. Das Naheliegende
+zu untersuchen würde mich reizen. Ich kaufte mir auch gar nichts. Ich
+würde mir keinen Besitz anschaffen. Elegante Kleider, feine Wäsche,
+einen Zylinder, bescheidene goldene Manschettenknöpfe, lange Lackschuhe,
+das wäre ungefähr alles, damit würde ich losziehen. Kein Haus, keinen
+Garten, keinen Diener, doch, ja, einen Diener, einen würdevollen braven
+Kraus würde ich mir engagieren. Und nun könnte es losgehen. Da würde
+ich im dampfenden Nebel auf die Straße gehen. Der Winter mit seiner
+melancholischen Kälte würde vorzüglich zu meinen Goldstücken passen. Die
+Banknoten trüge ich in der einfachen Brieftasche. Zu Fuß ginge ich
+einher, ganz wie gewöhnlich, in der unbewußt-geheimen Absicht, es mich
+nicht so sehr merken zu lassen, wie fürstlich reich ich wäre. Vielleicht
+würde es auch schneien. Mir egal, im Gegenteil, mir sehr recht. Weicher
+Schneefall zwischen den abendlich leuchtenden Laternen. Das würde
+glitzern, reizend. Nie im Leben würde es mir einfallen, in eine Droschke
+zu steigen. Das tun Leute, die es entweder eilig haben oder nobel tun
+wollen. Ich aber würde weiter gar nicht nobel tun wollen, und eilig
+hätte ich es schon ganz und gar nicht. Gedanken würden mir kommen, indem
+ich so ginge. Plötzlich würde ich irgend jemanden grüßen, sehr höflich,
+und siehe, es wäre ein Mann. Ganz artig würde ich nun den Mann
+anschauen, und da würde ich sehen, daß es ihm schlecht geht. Merken
+würde ich das, nicht sehen, so etwas merkt man, man sähe es kaum, aber
+an irgend etwas sähe man es. Nun, und dieser Mann würde mich fragen, was
+ich will, und es läge Bildung in der Frage. Diese Frage wäre ganz sanft
+und einfach gestellt worden, und das würde mich erschüttern. Denn ich
+wäre ja auf etwas Barsches durchaus gefaßt gewesen. »Etwas Tief-Wundes
+muß der Mann haben,« würde ich mir sogleich sagen, »sonst wäre er
+ärgerlich geworden.« -- Und dann würde ich gar nichts, absolut nichts
+sagen, sondern ich begnügte mich, ihn mehr und mehr anzuschauen. Nicht
+scharf, o nein, ganz einfach, vielleicht sogar ein wenig fröhlich. Und
+nun wüßte ich, wer er wäre. Ich öffnete meine Brieftasche, entnähme ihr
+glatt zehntausend Mark in zehn einzelnen Noten und gäbe diese Summe dem
+Mann. Darauf würde ich den Hut ebenso artig wie vorhin lüften, gute
+Nacht sagen und gehen. Und es würde fortfahren zu schneien. Im Gehen
+würde ich gar nichts mehr denken, ich könnte nicht, es wäre mir viel zu
+wohl zu so etwas. Einem eklig darbenden Künstler, das wüßte ich ganz
+bestimmt, hätte ich's gegeben, das Geld. Ja, das wüßte ich, denn ich
+würde mich nicht haben täuschen können. O, eine große, eine heiße, eine
+aufrichtige Sorge würde es weniger in der Welt geben. Nun, und in der
+folgenden Nacht würde ich vielleicht auf ganz andere Einfälle kommen.
+Jedenfalls reiste ich nicht um die Erde, sondern ich beginge lieber
+irgend welche Tollheiten und Torheiten. So z. B. könnte ich ja auch ein
+wahnsinnig reiches und lustbeladenes Gastmahl geben und Orgien
+niegesehener Art veranstalten. Ich wollte es mich Hunderttausend kosten
+lassen. Ganz bestimmt müßte das Geld auf sinnverwirrende Art und Weise
+verbraucht werden, denn nur das echt vertane Geld wäre ein schönes Geld
+-- -- gewesen. Und eines Tages würde ich betteln, und da schiene die
+Sonne, und ich wäre so froh, über was, das würde ich gar nicht zu wissen
+begehren. Und da käme Mama und fiele mir um den Hals -- --. Nette
+Träumereien sind das!
+
+Kraus hat etwas Altes in Gesicht und Wesen, und dieses Alte, das er
+ausstrahlt, führt den, der ihn anschaut, nach Palästina. Abrahams Zeiten
+werden auf dem Antlitz meines Mitschülers wieder lebendig. Das alte
+patriarchalische Zeitalter mit seinen mysteriösen Sitten und
+Landschaftsgegenden taucht hervor und schaut einen väterlich an. Es ist
+mir, als wenn es damals lauter Väter mit steinalten Gesichtern und
+langen braunen, verwickelten Bärten gegeben hätte, was ja natürlich nur
+Unsinn ist, und doch ist vielleicht etwas, das Tatsachen entspricht, an
+dieser sonst ganz einfältigen Empfindung. Ja, damals! Schon dieses Wort:
+damals: wie elterlich und häuslich mutet es an. Zu den alt-israelitischen
+Zeiten durfte es ruhig noch hin und wieder einen Papa Isaak oder Abraham
+geben, er genoß eben Achtung und lebte seine alten Tage in einem
+natürlichen Reichtum, der in Länderbesitz bestand, dahin. Damals wob um
+das graue Alter etwas wie Majestät. Greise waren damals wie Könige, und
+die gelebten Jahre bedeuteten dasselbe wie ebensoviele erworbene
+Hoheitsrechte. Und wie jung diese Alten blieben. Sie schufen noch mit
+hundert Jahren Söhne und Töchter. Damals gab es noch keine Zahnärzte,
+und darum muß man annehmen, daß es damals überhaupt keine verdorbenen
+Zähne gab. Und wie schön ist z. B. Joseph in Ägypten. Kraus hat etwas
+von Joseph in Potiphars Haus. Da ist er als jugendlicher Sklave verkauft
+worden, und siehe, man bringt ihn zu einem schwerreichen, redlichen und
+feinen Mann. Da ist er nun Haussklave, aber er hat es ganz schön. Die
+Gesetze waren damals vielleicht unhuman, gewiß, aber die Sitten und
+Gebräuche und Anschauungen waren dafür um so zarter und feiner. Heute
+hätte es ein Sklave viel schlechter, Gott behüte! Übrigens gibt es sehr,
+sehr viele Sklaven mitten unter uns modernen, hochmütig-fix und fertigen
+Menschen. Vielleicht sind wir heutigen Menschen alle so etwas wie
+Sklaven, beherrscht von einem ärgerlichen, peitscheschwingenden,
+unfeinen Weltgedanken. -- Gut, und da verlangt nun eines Tages die Herrin
+des Hauses von Joseph, er solle ihr willig sein. Wie merkwürdig, daß man
+solche uralten Treppen-und Türensachen heute genau noch weiß, daß es in
+alle Zeiten, von Mund zu Mund, fortlebt. In allen Primarschulen wird die
+Geschichte gelehrt, und da will man an den Pedanten etwas aussetzen? Ich
+verachte die Leute, die die schöne Pedanterie unterschätzen, das sind
+durchaus geistlose, urteilsschwächliche Menschen. Schön, und da weigert
+sich Kraus, wollte sagen Joseph. Aber es könnte ganz gut Kraus sein,
+denn er hat so etwas Joseph-in-Ägypten-haftes. »Nein, gnädige Frau, so
+etwas tu' ich nicht. Ich bin meinem Herrn Treue schuldig.« -- Da geht
+nun die übrigens reizende Frau und verklagt den jungen Diener, er habe
+eine Schnödigkeit begangen und habe seine Gebieterin zu einem Fehltritt
+verführen wollen. Aber weiter weiß ich nichts. Merkwürdig, ich weiß
+nicht, was jetzt Potiphar sagte und machte. Den Nil sehe ich aber immer
+ganz deutlich. Ja, Kraus könnte so gut Joseph sein wie nur irgend etwas.
+Haltung, Gestalt, Gesicht, Frisur und Gebärde passen unvergleichlich.
+Sogar seine leider Gottes immer noch nicht geheilte Hautauszeichnung.
+Pickel sind etwas Biblisches, Orientalisches. Und die Moral, der
+Charakter, der feste Besitz keuscher Jünglingstugenden? Wundervoll paßt
+das. Joseph in Ägypten muß auch ein kleiner, sattelfester Pedant gewesen
+sein, sonst würde er der lüsternen Frau gehorcht und seinem Herrn die
+Treue gebrochen haben. Kraus würde genau wie sein altägyptisches
+Ebenbild handeln. Die Hände würde er beschwörend hochheben und mit halb
+flehender, halb strafender Miene sagen: »Nein, nein, das tue ich nicht«
+usw.
+
+Der liebe Kraus. Immer zieht es mich in Gedanken wieder nach ihm hin. An
+ihm sieht man so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet. Kraus
+wird später im Leben, wohin er auch kommen wird, immer als brauchbarer,
+aber als ungebildeter Mensch angesehen werden, für mich aber ist gerade
+er durchaus gebildet, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er ein
+festes, gutes Ganzes darstellt. Man kann gerade ihn eine menschliche
+Bildung nennen. Das flattert um Kraus herum nicht von geflügelten und
+lispelnden Kenntnissen, dafür ruht etwas in ihm, und er, er ruht und
+beruht auf etwas. Man kann sich mit der Seele selber auf ihn verlassen.
+Er wird nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun, das vor allen
+Dingen, dieses Nicht-Schwatzhafte, nenne ich Bildung. Wer schwatzt, ist
+ein Betrüger, er kann ein ganz netter Mensch sein, aber seine Schwäche,
+alles, was er gerade denkt, so herauszuschwatzen, macht ihn zum gemeinen
+und schlechten Gesellen. Kraus bewahrt sich, er behält immer etwas für
+sich, er glaubt, es nicht nötig zu haben, so drauf los zu reden, und
+das wirkt wie Güte und lebhaftes Schonen. Das nenne ich Bildung. Kraus
+ist unliebenswürdig und oft ziemlich grob gegen Menschen seines Alters
+und seines Geschlechtes, und gerade deshalb mag ich ihn so gern, denn
+das beweist mir, daß er sich auf den brutalen und gedankenlosen Verrat
+nicht versteht. Er ist treu und anständig gegen alle. Denn das ist es
+ja: aus gemeiner Liebenswürdigkeit pflegt man meist hinzugehen und Ruf
+und Leben seines Nachbarn, seines Kameraden, ja seines Bruders auf die
+entsetzlichste Weise zu schänden. Kraus kennt wenig, aber er ist nie,
+nie gedankenlos, er unterwirft sich immer gewissen selbstgestellten
+Geboten, und das nenne ich Bildung. Was an einem Menschen liebevoll und
+gedankenvoll ist, das ist Bildung. Und dann ist ja noch so vieles. So
+von aller und jeder, auch der kleinsten Selbstsucht entfernt, dagegen
+aber der Selbstzucht so nah zu sein, wie Kraus, das ist es, wie ich
+denke, was Fräulein Benjamenta veranlaßt hat zu sagen: »Nicht wahr,
+Jakob, Kraus ist gut?« -- Ja, er ist gut. Wenn ich diesen Kameraden
+verliere, gehen mir Himmelreiche verloren, ich weiß es. Und ich fürchte
+mich jetzt fast, ferner mit Kraus in ausgelassener Weise zu zanken. Ich
+möchte ihn nur noch anschauen, immer, immer anschauen, denn ich werde
+mich ja später mit seinem Bild begnügen müssen, da uns beide ja doch
+das gewaltsame Leben trennen wird.
+
+Ich verstehe jetzt auch, warum Kraus keine äußern Vorzüge, keine
+körperlichen Zierlichkeiten besitzt, warum ihn die Natur so zwerghaft
+zerdrückt und verunstaltet hat. Sie will irgend etwas mit ihm, sie hat
+etwas mit ihm vor, oder sie hat von Anfang an etwas mit ihm vorgehabt.
+Dieser Mensch ist der Natur vielleicht zu rein gewesen, und deshalb hat
+sie ihn in einen unansehnlichen, geringen, unschönen Körper geworfen, um
+ihn vor den verderblichen äußern Erfolgen zu bewahren. Vielleicht ist es
+auch anders gewesen, und die Natur ist ärgerlich und boshaft gewesen,
+als sie Kraus schuf. Aber wie leid muß es ihr jetzt tun, ihn
+stiefmütterlich behandelt zu haben. Und wer weiß. Vielleicht freut sie
+sich des anmutlosen Meisterwerkes, das sie hervorgebracht hat, und
+wirklich, sie hätte Ursache, sich zu freuen, denn dieser ungraziöse
+Kraus ist schöner als die graziösesten und schönsten Menschen. Er glänzt
+nicht mit Gaben, aber mit dem Schimmer eines guten und unverdorbenen
+Herzens, und seine schlechten, schlichten Manieren sind vielleicht trotz
+alles Hölzernen, das ihnen anhaftet, das Schönste, was es an Bewegung
+und Manier in der menschlichen Gesellschaft geben kann. Nein, Erfolg
+wird Kraus nie haben, weder bei den Frauen, die ihn trocken und häßlich
+finden werden, noch sonst im Weltleben, das an ihm achtlos vorübergehen
+wird. Achtlos? Ja, man wird Kraus nie achten, und gerade das, daß er,
+ohne Achtung zu genießen, dahinleben wird, das ist ja das Wundervolle
+und Planvolle, das An-den-Schöpfer-Mahnende. Gott gibt der Welt einen
+Kraus, um ihr gleichsam ein tiefes unauflösbares Rätsel aufzugeben. Nun,
+und das Rätsel wird nie begriffen werden, denn siehe: man gibt sich ja
+gar nicht einmal Mühe, es zu lösen, und gerade deshalb ist dieses
+Kraus-Rätsel ein so Herrliches und Tiefes: weil niemand begehrt, es zu
+lösen, weil überhaupt gar kein lebendiger Mensch hinter diesem namenlos
+unscheinbaren Kraus irgend eine Aufgabe, irgend ein Rätsel oder eine
+zartere Bedeutung vermuten wird. Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein
+Nichts, ein Diener. Ungebildet, gut genug gerade, die sauerste Arbeit zu
+verrichten, wird er jedermann vorkommen, und sonderbar: darin, nämlich
+in diesem Urteil, wird man sich auch nicht irren, sondern man wird
+durchaus recht haben, denn es ist ja wahr: Kraus, die Bescheidenheit
+selber, die Krone, der Palast der Demut, er will ja geringe Arbeiten
+verrichten, er kann's und er will's. Er hat nichts anderes im Sinn, als
+zu helfen, zu gehorchen und zu dienen, und das wird man gleich merken
+und wird ihn ausnutzen, und darin, daß man ihn ausnutzt, liegt eine so
+strahlende, von Güte und Helligkeit schimmernde, goldene, göttliche
+Gerechtigkeit. Ja, Kraus ist ein Bild rechtlichen, ganz, ganz
+eintönigen, einsilbigen und eindeutigen Wesens. Niemand wird die
+Schlichtheit dieses Menschen verkennen, und deshalb wird ihn auch
+niemand achten, und er wird durchaus erfolglos bleiben. Reizend,
+reizend, dreimal reizend finde ich das. O, was Gott schafft, ist so
+gnädig, so reizvoll, mit Reizen und Gedanken über und über behangen. Man
+wird denken, das sei sehr überspannt gesprochen. Nun, das ist, ich muß
+es gestehen, noch lange nicht das Überspannteste. Nein, kein Erfolg,
+kein Ruhm, keine Liebe werden Kraus je blühen, das ist sehr gut, denn
+die Erfolge haben nur die Zerfahrenheit und einige billige
+Weltanschauungen zur unabstreifbaren Begleitschaft. Man spürt es sofort,
+wenn Menschen Erfolge und Anerkennung aufzuweisen haben, sie werden
+quasi dick von sättigender Selbstzufriedenheit, und ballonhaft bläst sie
+die Kraft der Eitelkeit auf, zum Niewiedererkennen. Gott behüte einen
+braven Menschen vor der Anerkennung der Menge. Macht es ihn nicht
+schlecht, so verwirrt und entkräftet es ihn bloß. Dank, ja. Dank ist
+etwas ganz Anderes. Doch einem Kraus wird man nicht einmal danken, und
+auch das ist durchaus nicht nötig. Alle zehn Jahre wird jemand
+vielleicht einmal zu Kraus sagen: »Danke, Kraus«, und dann wird er ganz
+dumm, gräßlich dumm lächeln. Verliederlichen wird mein Kraus nie, denn
+es werden sich ihm immer große, lieblose Schwierigkeiten
+entgegenstellen. Ich glaube, ich, ich bin einer der ganz wenigen,
+vielleicht der einzige, oder vielleicht sind es zwei oder drei Menschen,
+die wissen werden, was sie an Kraus besitzen oder besessen haben. Das
+Fräulein, ja, die weiß es. Auch Herr Vorsteher vielleicht. Ja ganz
+gewiß. Herr Benjamenta ist gewiß tiefblickend genug, um wissen zu
+können, was Kraus wert ist. Ich muß aufhören, heute, mit Schreiben. Es
+reißt mich zu sehr hin. Ich verwildere. Und die Buchstaben flimmern und
+tanzen mir vor den Augen.
+
+Hinter unserm Haus liegt ein alter, verwahrloster Garten. Wenn ich ihn
+morgens früh vom Bureaufenster aus sehe (ich muß mit Kraus zusammen
+jeden zweiten Morgen aufräumen), tut er mir leid, daß er so unbesorgt
+daliegen muß, und ich hätte jedesmal Lust, hinunterzugehen und ihn zu
+pflegen. Das sind übrigens Sentimentalitäten. Mag der Teufel die
+irreführenden Weichseligkeiten holen. Es gibt bei uns im Institut
+Benjamenta noch ganz andere Gärten. In den wirklichen Garten zu gehen,
+ist verboten. Kein Zögling darf ihn betreten, warum eigentlich, weiß
+ich nicht. Aber wie gesagt, wir haben einen andern, vielleicht schöneren
+Garten als der tatsächliche ist. In unserem Lehrbuch: »Was bezweckt die
+Knabenschule« heißt es auf Seite acht: »Das gute Betragen ist ein
+blühender Garten.« -- Also in solchen, in geistigen und empfindlichen
+Gärten, dürfen wir Schüler herumspringen. Nicht übel. Führt sich einer
+von uns schlecht auf, so wandelt er wie von selber in einer garstigen,
+finstern Hölle. Hält er sich aber brav, so geht er unwillkürlich zum
+Lohn zwischen schattigem, sonnenbetupftem Grün spazieren. Wie
+verführerisch! Und es liegt meiner armseligen Knabenmeinung nach etwas
+Wahres in dem netten Lehrsatz. Benimmt sich einer dumm, so muß er sich
+schämen und ärgern, und das ist die peinliche Hölle, in welcher er
+schwitzt. Ist er dagegen aufmerksam gewesen und hat er sich geschmeidig
+benommen, so nimmt ihn jemand Unsichtbares an der Hand, etwas
+Trauliches, Genienhaftes, und das ist der Garten, die gute Fügung, und
+er lustwandelt nun unwillkürlich in traulichen, grünlichen Gefilden.
+Darf ein Schüler des Institutes Benjamenta zufrieden mit sich sein, was
+selten vorkommt, da es bei uns von Vorschriften hagelt, blitzt, schneit
+und regnet, so duftet es um ihn herum, und das ist der süße Duft des
+bescheidenen, aber wacker erkämpften Lobes. Lobt Fräulein Benjamenta,
+dann duftet es, und rügt sie, dann wird es im Schulzimmer finster. Welch
+eine sonderbare Welt: unsere Schule. Ist ein Zögling artig und
+schicklich gewesen, so wölbt sich plötzlich über seinem Kopf irgend
+etwas, und das ist der blaue, unersetzliche Himmel über dem
+eingebildeten Garten. Sind wir Eleven recht geduldig gewesen, und haben
+wir uns in der Anstrengung recht brav aufrecht gehalten, haben wir, was
+man warten und ausharren nennt, können, dann goldet es mit einem Mal vor
+unsern etwas ermüdeten Augen, und dann wissen wir, daß es die himmlische
+Sonne ist. Dem, der sich aufrichtig und berechtigt müde fühlt, scheint
+die Sonne. Und haben wir uns auf keinen unlauteren Wünschen zu ertappen
+brauchen, was immer so unglücklich macht, so horchen wir: ei, was ist
+das? Da singen ja Vögel! Nun, dann sind es eben die glücklichen,
+schönbefiederten kleinen Sänger unseres Gartens gewesen, die da gesungen
+und anmutig gelärmt haben. Jetzt sage man selber: Brauchen wir Zöglinge
+des Institutes Benjamenta noch sonstige Gärten, als die, die wir uns
+selbst schaffen? Wir sind reiche Herren, wenn wir uns zierlich und
+anständig aufführen. Wenn z. B. ich wünsche, Geld zu besitzen, was
+leider nur allzu oft vorkommt, dann sinke ich in die tiefen Schlünde des
+hoffnungslosen, wütenden Begehrens, o, dann leide und schmachte ich,
+und ich muß am Erretten zweifeln. Und blicke ich dann Kraus an, dann
+erfaßt mich ein tiefes, murmelndes, quellenhaftes, wundervolles Behagen.
+Das ist der friedliche Bescheidenheitsquell, der in unserem Garten auf
+und nieder plätschert, und ich bin dann so glücklich, so gut aufgelegt,
+so gestimmt auf das Gute. Ah, und ich sollte Kraus nicht lieben? Ist
+einer von uns, d. h. wäre einer von uns ein Held gewesen, hätte er etwas
+Mutiges mit Gefahr seines Lebens vollbracht (so heißt es im Lehrbuch),
+so würde er in das marmorne, mit Wandmalereien geschmückte Säulenhaus
+treten dürfen, das im Grün unseres Gartens heimlich verborgen liegt, und
+dort würde ihn ein Mund küssen. Was für ein Mund, das steht nicht im
+Lehrbuch. Und wir sind ja doch keine Helden. Wozu auch! Erstens fehlt
+uns die Gelegenheit, uns heroisch zu benehmen, und zweitens, ich weiß
+nicht recht, ob z. B. Schilinski oder der lange Peter für Aufopferungen
+zu haben wären. Unser Garten ist auch ohne Küsse, Helden und
+Säulenpavillons eine hübsche Einrichtung, glaube ich. Mich friert es,
+wenn ich von Helden rede. Da schweige ich lieber.
+
+Ich fragte Kraus neulich, ob er nicht auch von Zeit zu Zeit etwas wie
+Langeweile empfinde. Er schaute mich vorwurfsvoll mit zurechtweisenden
+Augen an, überlegte ein wenig und sagte: »Langeweile? Du bist wohl nicht
+ganz gescheit, Jakob. Und erlaube mir, dir zu sagen, daß du ebenso naive
+wie sündhafte Fragen stellst. Wer wird sich in der Welt langweilen?
+Vielleicht du. Ich nicht, das sage ich dir. Ich lerne hier aus dem Buch
+auswendig. Nun? Habe ich da Zeit, mich zu langweilen? Welch törichte
+Fragen. Noble Leute langweilen sich vielleicht, nicht Kraus, und du
+langweilst dich, sonst würdest du gar nicht auf den Gedanken kommen, und
+würdest gar nicht hierher zu mir kommen, so etwas zu fragen. Man kann
+immer, wenn nicht nach außen, so doch wenigstens nach innen, ein wenig
+tätig sein, man kann murmeln, Jakob. Gewiß wolltest du mich schon oft
+auslachen wegen meines Murmelns, aber, höre und sage mir, weißt du denn,
+was ich murmle? Worte, lieber Jakob. Ich murmle und wiederhole immer
+Worte. Das ist gesund, kann ich dir sagen. Verschwinde mit deiner
+Langeweile. Langeweile gibt es bei Menschen, die da immer gewärtigen, es
+solle von außen her etwas Aufmunterndes auf sie zutreten. Wo üble Laune,
+wo Sehnsucht ist, da ist Langeweile. Geh' nur, belästige mich nicht, laß
+mich lernen, geh' du an irgend ein Stück Aufgabe. Plag' dich an etwas,
+dann langweilst du dich gewiß nicht mehr. Und bitte, vermeide in
+Zukunft solcherlei einen fast aus aller Fassung bringende, über und über
+dumme Fragen.« -- Ich fragte: »Hast du jetzt ausgeredet, Kraus?« und
+lachte. Doch er blickte mich nur ganz mitleidig an. Nein, Kraus kann
+sich nie, nie langweilen. Ich wußte das ja zur Genüge, ich habe ihn nur
+wieder einmal reizen wollen. Wie unschön ist das von mir, und wie leer.
+Ich muß mich entschieden bessern. Wie schlecht das ist, Kraus immer
+äffen und ärgern zu wollen. Und doch: wie reizend. Seine Vorwürfe
+klingen so lustig. Es ist etwas so Vater-Abraham-mäßiges in seinen
+Ermahnungen.
+
+Was hat mir doch vor ein paar Tagen Furchtbares geträumt. Ich war im
+Traum ein ganz schlechter, schlechter Mensch geworden, wodurch, das
+wollte sich mir nicht offenbaren. Roh war ich vom Wirbel bis zur Sohle,
+ein aufgedonnertes, unbeholfenes, grausames Stück Menschenfleisch. Ich
+war dick, es ging mir scheinbar ganz glänzend. Ringe blitzten an den
+Fingern meiner unförmigen Hände, und ich besaß einen Bauch, an dem
+zentnerschwere, fleischige Würde nachlässig herabhing. Ich fühlte so
+recht, daß ich befehlen und Launen losschießen durfte. Neben mir, auf
+einem reichbesetzten Tisch, prangten die Gegenstände einer nicht zu
+befriedigenden Eß- und Trinkbegierde, Wein- und Likörflaschen, und die
+auserlesensten kalten Gerichte. Ich konnte nur zulangen, und das tat ich
+von Zeit zu Zeit. An den Messern und Gabeln klebten die Tränen zugrunde
+gerichteter Gegner, und mit den Gläsern klangen die Seufzer vieler armer
+Leute, aber die Tränenspuren reizten mich nur zum Lachen, während mir
+die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ertönten. Ich brauchte Tafelmusik
+und ich hatte sie. Anscheinend hatte ich sehr, sehr gute Geschäfte auf
+Kosten des Wohlergehens anderer gemacht, und das freute mich in alle
+Gedärme hinein. O, o, wie mich doch das Bewußtsein, einigen Mitmenschen
+den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben, erlabte! Und ich griff
+zur Klingel und schellte. Ein alter Mann trat herein, pardon, kroch
+herein, es war die Lebensweisheit, und sie kroch an meine Stiefel heran,
+um sie zu küssen. Und ich erlaubte dem entwürdigten Wesen das. Man
+denke: die Erfahrung, der gute edle Grundsatz: er leckte mir die Füße.
+Das nenne ich Reichtum. Weil es mir grad so einfiel, klingelte ich
+wieder, denn es juckte mich, ich weiß nicht mehr, wo, nach sinnreicher
+Abwechslung, und es erschien ein halbwüchsiges Mädchen, ein wahrer
+Leckerbissen für mich Wüstling. Kindliche Unschuld, so nannte sie sich,
+und begann, die Peitsche, die neben mir lag, flüchtig mit dem Auge
+streifend, mich zu küssen, was mich unglaublich auffrischte. Die Angst
+und die frühzeitige Verdorbenheit flatterten in den schönen rehgleichen
+Augen des Kindes. Als ich genug hatte, klingelte ich wieder, und es trat
+auf: der Lebensernst, ein schöner, schlanker, junger, aber armer Mensch.
+Es war einer meiner Lakaien, und ich befahl ihm stirnrunzelnd, mir das
+Ding da, wie hieß es schon, nun ja, hab' ich's endlich, mir die Lust zur
+Arbeit hereinzuführen. Bald darauf trat der Eifer herein, und ich machte
+mir das Vergnügen, ihm, dem Voll-Menschen, dem prachtvoll gebauten
+Arbeitsmann, eins mit der Peitsche überzuknallen, mitten ins ruhig
+wartende Gesicht, zum rein Kaputtlachen. Und das Streben, das urwüchsige
+Schaffen, es ließ sich's gefallen. Nun allerdings lud ich es mit einer
+trägen, gönnerhaften Handbewegung zum Glas Wein ein, und das dumme Luder
+schlürfte den Schandwein. »Geh', sei für mich tätig,« sagte ich, und es
+ging. Nun kam die Tugend, eine weibliche Gestalt von für jeden
+Nicht-ganz-Hartgefrorenen überwältigender Schönheit, weinend herein. Ich
+nahm sie auf meinen Schoß und trieb Unsinn mit ihr. Als ich ihr den
+unaussprechlichen Schatz geraubt hatte, das Ideal, jagte ich sie
+höhnisch hinaus, und, nun pfiff ich, und es erschien Gott selber. Ich
+schrie: »Was? Auch du?« Und erwachte schweißtriefend, -- wie froh war
+ich doch, daß es nur ein böser Traum war. Mein Gott, ich darf noch
+hoffen, es werde noch eines Tages etwas aus mir. Wie im Traum doch alles
+an die Grenze des Wahnsinns streift. Kraus würde mich schön anglotzen,
+wenn ich ihm das erzählte.
+
+Die Art, wie wir Fräulein verehren, ist doch eigentlich komisch. Aber
+ich z. B. bin sehr fürs Komische, es enthält unbedingt Zauber. Um acht
+beginnt immer der Unterricht. Nun, da sitzen wir Zöglinge schon zehn
+Minuten vorher voll Spannung und Erwartung an unsern Plätzen und schauen
+unbeweglich nach der Türe, in welcher die Vorgesetzte erscheinen soll.
+Auch für diese Art von vorauseilender Respektsbezeugung haben wir exakte
+Vorschriften. Es gilt als Gesetz, nach derjenigen hinzuhorchen, ob sie
+bald komme, die dann und dann bestimmt eintreten wird. Wir Schüler
+sollen uns echt dummejungenhaft zehn Minuten lang auf das Aufstehen von
+unsern Plätzen vorbereiten. Eine kleine Entehrung liegt in all diesen
+kleinlichen Forderungen, die eigentlich lächerlich sind, aber uns soll
+nichts an unserer persönlichen, sondern uns soll alles an der Ehre des
+Institutes Benjamenta gelegen sein, und das ist wahrscheinlich auch das
+Richtigste, denn hat ein Schüler Ehre? Keine Rede. Recht bevormundet
+und gezwiebelt zu werden, das höchstens kann eine Ehre für uns sein.
+Gedrillt werden ist für Zöglinge ehrenhaft, sonnenklar ist das. Aber wir
+rebellieren auch gar nicht. Würde uns nie einfallen. Wir haben,
+zusammengerechnet, ja so wenig Gedanken. Ich habe vielleicht noch die
+meisten Gedanken, leicht möglich ist das, aber ich verachte im Grunde
+genommen mein ganzes Denkvermögen. Ich schätze nur Erfahrungen, und die
+sind in der Regel von allem Denken und Vergleichen vollkommen
+unabhängig. So schätze ich an mir, wie ich eine Türe öffne. Im Türöffnen
+liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage. Nun ja, es regt eben
+alles zum Fragen und Vergleichen und Erinnern an. Gewiß muß man auch
+denken, sehr sogar. Aber sich fügen, das ist viel, viel feiner als
+denken. Denkt man, so sträubt man sich, und das ist immer so häßlich und
+Sachen-verderbend. Die Denker, wenn sie nur wüßten, wieviel sie
+verderben. Einer, der geflissentlich nicht denkt, tut irgend etwas, nun,
+und das ist nötiger. Zehntausende von Köpfen arbeiten in der Welt
+überflüssig. Sonnen-sonnenklar ist das. Der Lebensmut geht den
+Menschengeschlechtern verloren mit all dem Abhandeln und Erfassen und
+Wissen. Wenn z. B. ein Zögling des Institutes Benjamenta nicht weiß, daß
+er artig ist, dann ist er es. Weiß er es, dann ist seine ganze
+unbewußte Zier und Artigkeit weg, und er begeht irgend einen Fehler. Ich
+laufe gern Treppen hinunter. Welch ein Geschwätz.
+
+Es ist hübsch, bis zu einem gewissen Grad wohlhabend zu sein und seine
+weltlichen Verhältnisse ein wenig geordnet zu haben. Ich bin in der
+Wohnung meines Bruders Johann gewesen, und ich muß sagen, sie hat mich
+angenehm überrascht, sie ist geradezu Alt-Von Guntensch eingerichtet.
+Schon daß der Fußboden ganz mit einem weichen, mattblauen Teppich belegt
+und bedeckt ist, hat mir außerordentlich imponiert. Überall in den
+Zimmern herrscht Geschmack, doch nicht auffälliger Geschmack, sondern
+nur bestimmte, feine Wahl. Die Möbel sind anmutig verteilt, das mutet
+gleich beim Eintritt in die Wohnung wie ein höflicher, zarter Gruß an.
+Spiegel sind an den Wänden. Es ist sogar ein ganz großer Spiegel da, der
+vom Boden bis an die Decke hinaufreicht. Die einzelnen Gegenstände sind
+alt und doch nicht, elegant und doch nicht, reich und doch nicht. Es ist
+Wärme und Sorgfalt in den Räumen, das fühlt man, und das ist angenehm.
+Ein freier sorglicher Wille hat die Spiegel aufgehängt und dem zierlich
+geschweiften Ruhebett seinen Platz angewiesen. Ich müßte kein von
+Gunten sein, wenn ich das nicht merkte. Sauber und staubfrei ist alles,
+und doch glänzt das alles eigentlich nicht, sondern es blickt einen
+alles ruhig und heiter an. Nichts will scharf in die Augen stechen. Nur
+das zusammenhängende Ganze hat einen vielbedeutenden, liebevollen
+Ausdruck. Eine schöne schwarze Katze lag auf einem dunkelroten
+Plüschsessel, wie die schwärzliche weiche Behaglichkeit, eingebettet in
+Rot. Sehr hübsch. Wäre ich Maler, so würde ich die Traulichkeit solch
+eines Tierbildes malen. Der Bruder kam mir sehr freundlich entgegen, und
+wir stunden einander gegenüber wie wohlabgemessene Weltleute, die
+wissen, was in der Schicklichkeit für ein Vergnügen liegen kann. Wir
+plauderten. Da kam ein großer, schlanker, schneeweißer Hund auf uns
+zugesprungen, in anmutigen, Freude ausdrückenden Sätzen. Nun, ich
+streichelte das Tier natürlich. Alles ist schön an der Wohnung Johanns.
+Er hat alle einzelnen Gegenstände und Stücke mit Liebe und Mühe in
+Althändlerläden aufgestöbert, bis er das Wohnlichste und Anmutigste
+zusammenhatte. Mit dem Einfachen hat er verstanden, etwas in
+bescheidenen Grenzen Vollkommenes zu schaffen, derart, daß in seiner
+Wohnung das Taugliche und Nützliche sich mit dem Schönen und Graziösen
+wie zu einem Stuben-Gemälde verbindet. Bald darauf, indem wir so
+dasaßen, erschien eine junge Frau, welcher Johann mich vorstellte. Wir
+tranken später Tee und waren sehr heiter. Die Katze miaute nach Milch,
+und der große schöne Hund wollte von dem Gebäck zu essen haben, das auf
+dem Teetisch lag. Beider Tiere Wünsche wurden dann auch befriedigt. Es
+wurde Abend, und ich mußte nach Hause gehen.
+
+Man lernt hier im Institut Benjamenta Verluste empfinden und ertragen,
+und das ist meiner Meinung nach ein Können, eine Übung, ohne die der
+Mensch, mag er noch so bedeutend sein, stets ein großes Kind, eine Art
+weinerlicher Schreihals bleiben wird. Wir Zöglinge hoffen nichts, ja, es
+ist uns streng untersagt, Lebenshoffnungen in der Brust zu hegen, und
+doch sind wir vollkommen ruhig und heiter. Wie mag das kommen? Fühlen
+wir über unsern glattgekämmten Köpfen etwas wie Schutzengel hin und her
+schweben? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht sind wir heiter und
+sorgenlos aus Beschränktheit. Auch möglich. Aber ist deshalb die
+Heiterkeit und Frische unserer Herzen weniger wert? Sind wir überhaupt
+dumm? Wir vibrieren. Unbewußt oder bewußt nehmen wir auf vieles ein
+wenig Bedacht, sind da und dort mit den Geistern, und die Empfindungen
+schicken wir nach allen möglichen Windrichtungen aus, Erfahrungen und
+Beobachtungen einsammelnd. Uns tröstet so vieles, weil wir im
+allgemeinen sehr eifrige, sucherische Leute sind, und weil wir uns
+selber wenig schätzen. Wer sich selbst sehr schätzt, ist vor
+Entmutigungen und Herabwürdigungen nie sicher, denn stets begegnet dem
+selbstbewußten Menschen etwas Bewußtseinfeindliches. Und doch sind wir
+Schüler durchaus nicht ohne Würde, aber es ist eine sehr, sehr
+bewegungsfähige, kleine, bieg- und schmiegsame Würde. Übrigens legen wir
+sie an und ab je nach Erfordernissen. Sind wir Produkte einer höheren
+Kultur, oder sind wir Naturkinder? Auch das kann ich nicht sagen. Das
+eine weiß ich bestimmt: wir warten! Das ist unser Wert. Ja, wir warten,
+und wir horchen gleichsam ins Leben hinaus, in diese Ebene hinaus, die
+man Welt nennt, aufs Meer mit seinen Stürmen hinaus. Fuchs ist übrigens
+ausgetreten. Mir ist das sehr lieb. Ich wußte mit diesem Menschen nichts
+anzufangen.
+
+Ich habe mit Herrn Benjamenta gesprochen, d. h. er hat mit mir
+gesprochen. »Jakob,« sagte er zu mir, »sage mir, findest du nicht, daß
+das Leben, das du hier führst, karg ist, karg? Was? Ich möchte gern
+deine Meinung wissen. Sprich offen.« -- Ich zog es vor, zu schweigen,
+doch nicht aus Trotz. Der Trotz ist mir längst vergangen. Aber ich
+schwieg, und zwar ungefähr so, als wenn ich hätte sagen wollen: »Mein
+Herr, gestatten Sie mir, zu schweigen. Auf eine solche Frage könnte ich
+höchstenfalles etwas Unziemliches sagen.« -- Herr Benjamenta schaute
+mich aufmerksam an, und ich glaubte, er verstehe mein Schweigen. Es war
+auch tatsächlich so, denn er lächelte plötzlich und sagte: »Nicht wahr,
+Jakob, du wunderst dich ein wenig, wie wir hier im Institut so träge, so
+gleichsam geistesabwesend dahinleben? Ist es so? Ist dir das
+aufgefallen? Doch ich will dich durchaus nicht zu unverschämten
+Antworten verleiten. Ich muß dir ein Geständnis machen, Jakob. Höre, ich
+halte dich für einen klugen, anständigen jungen Menschen. Jetzt, bitte,
+werde frech. Und ich fühle mich veranlaßt, dir noch etwas anderes zu
+gestehen: ich, dein Vorsteher, ich meine es gut mit dir. Und noch ein
+drittes Geständnis: Ich habe eine seltsame, eine ganz eigentümliche,
+jetzt nicht mehr zu beherrschende Vorliebe für dich gewonnen. Du wirst
+jetzt mir gegenüber recht frech sein, nicht wahr, Jakob? Nicht wahr,
+junger Mensch, jetzt, nachdem ich mir vor dir eine Blöße gegeben habe,
+wirst du's wagen, mich mit Wegwerfung zu behandeln? Und du wirst jetzt
+trotzen? Ist es so, sage, ist es so?« -- Wir beide, der bärtige Mann und
+ich, der Junge, schauten einander in die Augen. Es glich einem
+innerlichen Wettkampf. Schon wollte ich den Mund öffnen und irgend
+etwas Unterwürfiges sagen, doch ich vermochte mich zu beherrschen und
+schwieg. Und nun bemerkte ich, daß der riesenhaft gebaute Herr Vorsteher
+leise, leise zitterte. Von diesem Augenblick an war etwas Bindendes
+zwischen uns getreten, das fühlte ich, ja, ich fühlte es nicht nur, ich
+wußte es sogar. »Herr Benjamenta achtet mich,« sagte ich mir, und
+infolge dieser wie ein Blitz auf mich niederstrahlenden Erkenntnis fand
+ich es für schicklich, ja sogar für geboten, zu schweigen. Wehe mir,
+wenn ich ein einziges Wort gesagt hätte. Ein einziges Wort würde mich
+zum unbedeutsamen kleinen Eleven erniedrigt haben, und soeben hatte ich
+doch eine ganz unzöglinghafte, menschliche Höhe erklommen. Das alles
+empfand ich tief, und wie ich jetzt weiß, habe ich mich in jenem Moment
+ganz richtig benommen. Der Vorsteher, der dicht zu mir getreten war,
+sagte dann folgendes: »Es ist etwas Bedeutendes an dir, Jakob.« -- Er
+hielt inne, und ich fühlte sogleich, warum. Er wollte ohne Zweifel
+sehen, wie ich mich jetzt benähme. Ich merkte das, und daher verzog ich
+auch nicht eine einzige Muskel meines Gesichtes, sondern schaute starr,
+wie gedankenlos, vor mich hin. Dann schauten wir uns wieder an. Ich
+blickte meinen Herrn Vorsteher streng und hart an. Ich heuchelte irgend
+welche Kälte, irgend welche Oberflächlichkeit, während ich doch am
+liebsten hätte in sein Gesicht lachen mögen, vor Freude. Aber ich sah es
+zu gleicher Zeit: er war zufrieden mit meiner Haltung, und er sagte
+endlich: »Mein Junge, geh' wieder an deine Arbeit. Beschäftige dich mit
+etwas. Oder geh' dich mit Kraus unterhalten. Geh'.« -- Ich verbeugte
+mich tief, ganz gewohnheitsgemäß, und entfernte mich. Draußen im
+Korridor blieb ich wieder, wie schon einmal früher, eigentlich auch ganz
+gewohnheitsgemäß, stehen und horchte durchs Schlüsselloch, ob sich da
+drinnen etwas rege. Aber es war alles still. Ich mußte leise und
+glücklich lachen, ganz dumm lachen, und dann ging ich ins Schulzimmer,
+wo ich Kraus im Halbdunkel, scheinbar von einem bräunlichen Lichtstrahl
+umflossen, sitzen sah. Ich blieb lange stehen. Tatsächlich, lange stund
+ich so, denn ich konnte etwas, irgend etwas, nicht ganz begreifen. Es
+war mir, als sei ich zu Hause. Nein, es war mir, als sei ich noch nicht
+geboren, als schwämme ich in etwas Vor-Gebürtigem. Es wurde mir heiß und
+meerhaft-undeutlich vor den Augen. Ich ging zu Kraus und sagte ihm: »Du,
+Kraus, ich habe dich lieb.« -- Er knurrte, was das für Redensarten
+seien. Rasch zog ich mich in meine Kammer zurück. -- Und jetzt? Sind wir
+Freunde? Sind Herr Benjamenta und ich Freunde? Jedenfalls besteht
+zwischen uns beiden ein Verhältnis, aber was für eins? Ich verbiete
+mir, mir das erklären zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter
+bleiben. Fort mit den Gedanken.
+
+Noch immer habe ich keine Stelle. Herr Benjamenta sagt mir, er bemühe
+sich. In ganz schroffem Gebieterton sagt er das und fügt hinzu: »Wie?
+Ungeduldig? Kommt alles. Warte!« -- Von Kraus heißt es unter den
+Zöglingen, daß er vielleicht bald abgehe. Abgehen, das ist ein so
+berufshaft-komischer Ausdruck. Kraus geht bald fort? Hoffentlich sind
+das nur leere Gerüchte, Institut-Sensationen. Es gibt auch unter uns
+Zöglingen etwas wie einen aus Luft und Nichts herausgegriffenen
+Zeitungenklatsch. Die Welten, merke ich, sind überall dieselben. Ich bin
+übrigens wieder bei meinem Bruder Johann von Gunten gewesen, und dieser
+Mensch hat den Mut gehabt, mich unter Leute zu führen. Ich habe am Tisch
+reicher Leute gegessen, und ich werde die Art und Weise, wie ich mich
+benommen habe, nie vergessen. Einen alten, aber immerhin feierlichen
+Gehrock habe ich angehabt. Gehröcke machen alt und gewichtig. Nun, und
+da habe ich getan wie ein Mann von jährlich zwanzigtausend Mark
+Einkommen, mindestens. Ich habe mit Leuten geredet, die mir den Rücken
+gedreht hätten, wenn sie hätten ahnen können, wer ich bin. Frauen, die
+mich total verachten würden, wenn ich ihnen sagte, ich sei nur Zögling,
+haben mir zugelächelt und mir gleichsam Kurage zugewunken. Und ich bin
+verblüfft gewesen über meinen Appetit. Wie gelassen man doch an fremden
+reichen Tischen zugreift. Ich sah, wie es alle machten, und ich machte
+es talentvoll nach. Wie gemein ist das. Ich empfinde etwas wie Scham
+darüber, dort, nämlich in jenen Kreisen, ein fröhliches Eß- und
+Trinkgesicht gezeigt zu haben. Von feiner Sitte habe ich wenig bemerkt.
+Dagegen merkte ich, daß man mich als schüchternen Jungen empfunden hat,
+während ich doch (in meinen Augen) platzte vor Frechheit. Johann benimmt
+sich gut in Gesellschaft. Er besitzt die leichte angenehme Fasson eines
+Menschen, der etwas gilt, und der das auch weiß. Sein Betragen ist für
+die Augen, die es betrachten, ein Labsal. Rede ich zu gut von Johann? O
+nein. Ich bin durchaus nicht verliebt in meinen Bruder, aber ich bemühe
+mich, ihn zu sehen, ganz, nicht nur halb. Vielleicht ist das allerdings
+Liebe. Meinetwegen. Sehr schön war es auch im Theater, doch ich will
+mich darüber nicht weiter verbreiten. Den feinen Rock habe ich dann
+wieder abgestreift. O, es ist hübsch, in eines geschätzten Menschen
+Kleidern zu gehen und herumzuschwirren. Ja, schwirren! Das ist es. Man
+zirpt und schwirrt so herum, dort, in den Kreisen der Gebildeten. Dann
+bin ich wieder ins Institut gekrochen und in meinen Zöglingsanzug. Ich
+bin gern hier, ich fühle es, und ich werde mich dummerweise später
+wahrscheinlich nach Benjamentas zurücksehnen, später, wenn ich etwas
+Großes geworden bin, doch ich werde ja nie, nie irgend etwas Großes, und
+ich zittere vor eigentümlicher Genugtuung, daß ich das zum voraus
+bestimmt weiß. Ein Schlag wird mich eines Tages treffen, so ein recht
+vernichtender Schlag, und dann wird alles, werden alle diese Wirrnisse,
+diese Sehnsucht, diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und
+Undankbarkeit, diese Lügen und Selbstbetruge, dies Wissen-Meinen und
+dies Doch-nie-etwas-Wissen zu Ende sein. Doch ich wünsche zu leben,
+gleichviel wie.
+
+Etwas mir Unverständliches ist vorgefallen. Vielleicht hat es auch gar
+nichts zu bedeuten. Ich bin sehr wenig geneigt, mich von Mysterien
+bewältigen zu lassen. Ich saß, es war schon halb Nacht, ganz allein in
+der Schulstube. Plötzlich stand Fräulein Benjamenta hinter mir. Ich
+hatte sie nicht eintreten gehört, sie mußte also ganz leise die Türe
+geöffnet haben. Sie fragte mich, was ich da mache, doch in einem Ton,
+daß ich gar nicht zu antworten brauchte. Sie sagte sozusagen, indem sie
+fragte, sie wisse es schon. Da gibt man natürlich keine Antwort mehr.
+Sie legte, wie wenn sie müde gewesen wäre und der Stütze bedurft hätte,
+die Hand auf meine Achsel. Da fühlte ich so recht, daß ich ihr gehörte,
+d. h. ihr gehörte? -- Ja, einfach so ihr angehörte. Ich bin immer
+mißtrauisch gegenüber Empfindungen. Aber daß ich da ihr, dem Fräulein,
+quasi gehörte, das war wahr empfunden. Wir gehörten zusammen. Natürlich
+mit Unterschied. Doch wir stunden uns mit einmal sehr nahe. Immer, immer
+aber mit Unterschied. Ich hasse es geradezu, so gar wenig oder keine
+Unterschiede zu empfinden. Darin, daß Fräulein Benjamenta und ich zwei
+sehr verschieden geartete und gestellte Wesen waren, das zu spüren,
+darin lag für mich ein Glück. Ich verachte es im übrigen, mich zu
+belügen. Die Auszeichnungen und Vorteile, die nicht ganz, ganz echt
+sind, betrachte ich als meine Feinde. Es war da also ein großer
+Unterschied. Ja, was ist denn das? Komme ich über gewisse Unterschiede
+nicht hinaus? Doch da sagte das Fräulein plötzlich: »Komm' mit. Steh'
+auf und komm'. Ich will dir etwas zeigen.« -- Wir gingen zusammen. Vor
+unseren Augen, wenigstens vor den meinigen (vor ihren vielleicht nicht),
+lag alles in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. »Das sind die innern
+Gemächer,« dachte ich, und ich täuschte mich auch nicht. Es verhielt
+sich so, und meine liebe Lehrerin schien entschlossen zu sein, mir eine
+bisher verborgen gewesene Welt zu zeigen. Doch ich muß Atem schöpfen.
+
+Es war, wie gesagt, zuerst ganz dunkel. Das Fräulein nahm mich bei der
+Hand und sagte in freundlicher Tonart: »Siehe, Jakob, so wird es dunkel
+um dich sein. Und da wird dich jemand dann an der Hand führen. Und du
+wirst froh darüber sein und zum erstenmal tiefe Dankbarkeit empfinden.
+Sei nicht mißgestimmt. Es kommen auch Helligkeiten.« -- Kaum hatte sie
+das gesagt, so brannte uns ein weißes, blendendes Licht entgegen. Ein
+Tor zeigte sich, und wir gingen, sie voran, ich dicht hinter ihr, durch
+die Öffnung hindurch, ins herrliche Licht-Feuer hinein. Ich hatte noch
+nie etwas so Glanzvolles und Vielsagendes gesehen, daher war ich auch
+wie betäubt. Das Fräulein sprach lächelnd, noch freundlicher wie vorher:
+»Blendet dich das Licht? Dann strenge dich an, es zu ertragen. Es
+bedeutet Freude, und man muß sie zu empfinden und zu ertragen wissen. Du
+kannst meinetwegen auch denken, es bedeute dein zukünftiges Glück, doch
+sieh', was geschieht da? Es schwindet. Das Licht zerfällt. Also, Jakob,
+sollst du kein langes, kein anhaltendes Glück haben. Schmerzt dich meine
+Aufrichtigkeit? Nicht doch. Komm' weiter. Wir müssen uns ein wenig
+beeilen, denn noch manche Erscheinung soll durchwandert und durchzittert
+werden. Sag', Jakob, verstehst du auch meine Worte? Doch schweig'. Du
+darfst hier nicht reden. Glaubst du, daß ich etwa eine Zauberin sei?
+Nein, ich bin keine Zauberin. Gewiß, ein ganz klein wenig zu zaubern, zu
+verführen, das verstehe ich schon. Jedes Mädchen versteht das. Doch
+komm' jetzt.« -- Mit diesen Worten öffnete das verehrte Mädchen eine
+Bodenlucke, wobei ich ihr helfen mußte, und wir stiegen zusammen, sie
+immer voran, in einen tiefgelegenen Keller hinunter. Zuletzt, als die
+steinernen Stufen aufhörten, traten wir auf feuchte weiche Erde. Es war
+mir, als befänden wir uns in der Mitte der Erdkugel, so tief und einsam
+kam es mir vor. Wir schritten einen langen, finstern Gang entlang,
+Fräulein Benjamenta sagte: »Wir sind jetzt in den Gewölben und Gängen
+der Armut und Entbehrung, und da du, lieber Jakob, wahrscheinlich dein
+Lebenlang arm bleibst, so versuche bitte schon jetzt, dich an die
+Finsternis und an den kalten, schneidenden Geruch, die hier herrschen,
+ein wenig zu gewöhnen. Erschrick nicht und sei ja nicht böse. Gott ist
+auch hier, er ist überall. Man muß die Notwendigkeit lieben und pflegen
+lernen. Küsse die nasse Kellererde, ich bitte dich, ja, tu' es. Damit
+lieferst du den sinnlichen Beweis deiner willigen Unterwerfung in die
+Schwere und in die Trübnis, die dein Leben, wie es scheint, zum größten
+Teil ausmachen werden.« -- Ich gehorchte ihr, warf mich zur kalten Erde
+nieder und küßte sie voller Inbrunst, wobei mich ein unnennbarer kalter
+und zugleich heißer Schauer durchrann. Wir gingen weiter. Ah, diese
+Gänge des Not-Leidens und der furchtbaren Entsagung schienen mir endlos,
+und sie waren es vielleicht auch. Die Sekunden waren wie ganze
+Lebensläufe, und die Minuten nahmen die Größe von leidvollen
+Jahrhunderten an. Genug, endlich langten wir an einer trübseligen Mauer
+an, Fräulein sagte: »Geh' und liebkose die Mauer. Es ist die Sorgenwand.
+Sie wird stets vor deinen Blicken aufgerichtet sein, und du bist unklug,
+wenn du sie hassest. Ei, man muß das Starre, das Unversöhnliche eben zu
+erweichen versuchen. Geh' und probier' es.« -- Ich trat rasch, wie in
+leidenschaftlicher Eile, zur Mauer heran und warf mich ihr an die Brust.
+Ja, an die steinerne Brust, und sagte ihr einige gute, beinahe
+scherzende Worte. Und sie blieb, wie zu erwarten war, unbeweglich. Ich
+spielte Komödie, schon meiner Lehrerin zulieb, gewiß, und doch war es
+wiederum nichts weniger als Komödie, was ich tat. Und doch lächelten wir
+beide, sie, die Meisterin sowohl, wie ich, ihr unreifer Schüler.
+»Komm',« sagte sie, »wir wollen uns jetzt ein wenig Freiheit, ein wenig
+Bewegung gönnen.« -- Und damit berührte sie mit dem kleinen weißen
+bekannten Herrin-Stab die Mauer, und weg war der ganze garstige Keller,
+und wir befanden uns auf einer glatten, offenen, schlanken Eis- oder
+Glasbahn. Wir schwebten dahin wie auf wunderbaren Schlittschuhen, und
+zugleich tanzten wir, denn die Bahn hob und senkte sich unter uns wie
+eine Welle. Es war entzückend. Ich hatte nie so etwas gesehen, und ich
+rief vor lauter Freude: »Wie herrlich.« -- Und über uns schimmerten die
+Sterne in einem sonderbarerweise ganz blaßblauen und doch dunklen
+Himmel, und der Mond starrte, überirdisch leuchtend, auf uns Eisläufer
+herab. »Das ist die Freiheit,« sagte die Lehrerin, »sie ist etwas
+Winterliches, Nicht-lange-zu-Ertragendes. Man muß sich immer, so wie wir
+es hier tun, bewegen, man muß tanzen in der Freiheit. Sie ist kalt und
+schön. Verliebe dich nur nicht in sie. Das würde dich nachher nur
+traurig machen, denn nur momentelang, nicht länger, hält man sich in den
+Gegenden der Freiheit auf. Bereits sind wir etwas zu lang hier. Sieh',
+wie die wundervolle Bahn, auf der wir schweben, langsam sich wieder
+auflöst. Jetzt kannst du die Freiheit sterben sehen, wenn du die Augen
+aufmachst. Im späteren Leben wird dir dieser herzbeklemmende Anblick
+noch oft zuteil werden.« -- Kaum hatte sie ausgesprochen, so sanken wir
+von der erklommenen Höhe und Lustigkeit in etwas Müdes und Trauliches
+hinunter, es war ein kleines, mit raffiniertem Wohlbehagen ganz
+gefüttertes und erfülltes, köstlich nach Träumereien duftendes, reich
+mit allerhand lüsternen Szenen und Bildern tapeziertes Ruhe-Gemach. Es
+war ein geradezu gemächliches Gemach. Oft schon hatte ich von richtigen
+Gemächern geträumt. Hier befand ich mich nun in einem solchen. Musik
+rieselte an den bunten Wänden wie Anmutsschnee herunter, man sah es
+direkt musizieren, die Töne glichen einem bezaubernden Schneegestöber.
+»Hier,« sagte das Fräulein, »kannst du ruhen. Sage dir selber, wie
+lange.« -- Wir lächelten beide über diese rätselhaften Worte, und
+obgleich mich ein unsagbar zartes Bangen beschlich, zögerte ich nicht,
+es mir in dem Lustgemach auf einem der Teppiche, die da vor mir lagen,
+bequem zu machen. Eine Zigarette von selten gutem Geschmack flog mir von
+oben herab in den unwillkürlich geöffneten Mund, und ich rauchte. Ein
+Roman schwirrte herbei, mir gerade in die Hände, und ich konnte
+ungestört darin lesen. »Das ist nichts für dich. Lies nicht in solchen
+Büchern. Steh' auf. Komm' lieber. Die Weichlichkeit verführt zur
+Gedankenlosigkeit und Grausamkeit. Hörst du, wie es zornig einherdonnert
+und -rollt? Das ist das Ungemach. Du hast jetzt in einem Gemach Ruhe
+genossen. Nun wird das Ungemach über dich herabregnen und Zweifel und
+Unruhe werden dich durchnässen. Komm'. Man muß tapfer ins Unvermeidliche
+hineingehen.« -- So sprach die Lehrerin, und kaum hatte sie zu Ende
+gesprochen, da schwamm ich in einem dickflüssigen, höchst unangenehmen
+Strom von Zweifel. Durch und durch entmutigt, wagte ich gar nicht, mich
+umzuschauen, ob sie noch neben mir sei. Nein, die Lehrerin, die
+Hervorzauberin all dieser Erscheinungen und Zustände, war verschwunden.
+Ich schwamm ganz allein. Ich wollte schreien, aber das Wasser drohte mir
+in den Mund zu laufen. O dieses Ungemach. Ich weinte, und ich bereute
+bitter, mich der lüsternen Bequemlichkeit hingegeben zu haben. Da
+plötzlich saß ich wieder im Institut Benjamenta, in der dunkelnden
+Schulstube, und Fräulein Benjamenta stand noch hinter mir, und sie
+streichelte mir die Wangen, aber nicht so, als wenn sie mich, sondern,
+als wenn sie sich selber trösten müsse. »Sie ist unglücklich,« dachte
+ich. Da kamen Kraus, Schacht und Schilinski von einem gemeinsamen
+Ausgang zurück. Rasch zog das Mädchen die Hand von mir weg und ging in
+die Küche, um das Abendbrot zuzubereiten. Träumte ich? Aber wozu mich
+fragen, wenn es jetzt doch ans Abendessen geht? Es gibt Zeiten, wo ich
+entsetzlich gern esse. Ich kann dann in die dümmsten Speisen
+hineinbeißen wie ein hungriger Handwerksbursche, ich lebe dann wie in
+einem Märchen und nicht mehr als Kulturmensch in einem Kulturzeitalter.
+
+Sehr amüsant sind manchmal unsere Turn-und Tanzstunden. Geschick zeigen
+zu müssen, das ist nicht ohne Gefahr. Wie kann man sich doch blamieren.
+Zwar, wir Zöglinge lachen uns nicht aus. Nicht? O doch. Man lacht mit
+den Ohren, wenn man mit dem Mund nicht lachen darf. Und mit den Augen.
+Die Augen lachen so gern. Und den Augen Vorschriften zu machen, das ist
+zwar ganz gut möglich, aber doch ziemlich schwer. So z. B. darf hier
+nicht geblinzelt werden, blinzeln ist spöttisch und daher zu vermeiden,
+aber man blinzelt halt doch manchmal. So ganz die Natur zu unterdrücken,
+das geht eben doch nicht. Und doch geht's. Aber hat man sich auch die
+Natur total abgewöhnt, es bleibt immer ein Hauch, ein Rest übrig, das
+zeigt sich immer. Der lange Peter z. B. kann sich die höchsteigene,
+persönliche Natur sehr schlecht abgewöhnen. Manchmal, wenn er tanzen,
+sich graziös bewegen und erweisen soll, besteht er gänzlich aus Holz,
+und das Holz ist bei Peter eben Naturanlage, gleichsam Gottesgeschenk. O
+wie muß man doch über ein Klafter Holz, wenn es in Form eines langen
+Menschen erscheint, lachen, so prächtig in die Brust hineinlachen. Ein
+Gelächter ist das reine Gegenteil von einem Stück Holz, es ist etwas
+Entzündendes, etwas, was da in einem drinnen Streichhölzer anzündet.
+Streichhölzer kichern, genau wie ein unterdrücktes Gelächter. Ich mag
+mich sehr, sehr gern am Herausschallen des Lachens verhindern lassen.
+Das kitzelt so wunderbar: es nicht loslassen zu dürfen, was doch so gern
+herausschießen möchte. Was nicht sein darf, was in mich hinab muß, ist
+mir lieb. Es wird dadurch peinlicher, aber zugleich wertvoller, dieses
+Unterdrückte. Ja ja, ich gestehe, ich bin gern unterdrückt. Zwar. Nein,
+nicht immer zwar. Herr Zwar soll mir abmarschieren. Was ich sagen
+wollte: etwas nicht tun dürfen, heißt, es irgendwo anders doppelt tun.
+Nichts ist fader als eine gleichgültige, rasche, billige Erlaubnis. Ich
+verdiene, erfahre gern alles, und z. B. ein Lachen bedarf auch der
+Durch-Erfahrung. Wenn ich innerlich zerspringe vor Lachen, wenn ich kaum
+noch weiß, wo ich all das zischende Pulver hintun soll, dann weiß ich,
+was Lachen ist, dann habe ich am lächerigsten gelacht, dann habe ich
+eine vollkommene Vorstellung dessen gehabt, was mich erschütterte. Ich
+muß demnach unbedingt annehmen und es als feste Überzeugung aufbewahren,
+daß Vorschriften das Dasein versilbern, vielleicht sogar vergolden, mit
+einem Wort reizvoll machen. Denn wie mit dem verbotenen reizenden
+Lachen ist es doch sicher mit fast allen andern Dingen und Gelüsten
+ebenfalls. Nicht weinen dürfen z. B., nun, das vergrößert das Weinen.
+Liebe entbehren, ja, das heißt lieben. Wenn ich nicht lieben soll, liebe
+ich zehnfach. Alles Verbotene lebt auf hundertfache Art und Weise; also
+lebt nur lebendiger, was tot sein sollte. Wie im Kleinen, so ist es im
+Großen. Recht hübsch, recht alltäglich gesagt, aber im Alltäglichen
+ruhen die wahren Wahrheiten. Ich schwatze wieder ein wenig, nicht wahr?
+Geb' es gern zu, daß ich schwatze, denn mit etwas müssen doch Zeilen
+ausgefüllt werden. Wie entzückend, wie entzückend sind verbotene
+Früchte.
+
+Vielleicht schwebt jetzt zwischen Herrn Benjamenta und mir etwas wie
+eine beiden Teilen sichtbare, verbotene Frucht. Doch wir beide drücken
+uns nicht deutlich aus. Wir scheuen vor der offenen Sprache zurück, und
+das ist gewiß nur zu billigen. Mir z. B. ist eigentlich die
+Freundlichkeit der Behandlung unsympathisch. Ich rede im allgemeinen.
+Gewisse Leute, die mir zugetan sind, sind mir zuwider, ich kann das hier
+nicht nachdrücklich genug betonen. Natürlich finde auch ich an der
+Milde, am Herzlichen Geschmack. Wer könnte so roh sein, alle
+Vertraulichkeit, alles wärmere Wesen gänzlich zu verabscheuen. Aber ich
+hüte mich stets, nahezutreten, und ich weiß nicht, ich muß darin Talent
+besitzen, jemanden von der Unklugheit gewisser Annäherungen stumm zu
+überzeugen, wenigstens halte ich es für schwierig, sich in mein
+Vertrauen zu stehlen. Und meine Wärme ist mir kostbar, sehr kostbar, und
+derjenige, der sie besitzen will, muß äußerst vorsichtig vorgehen, und
+das will nun Herr Vorsteher. Dieser Herr Benjamenta will, wie es
+scheint, mein Herz besitzen und Freundschaft mit mir schließen.
+Vorläufig behandle ich ihn aber eisig kalt, und wer weiß: ich will
+vielleicht gar nichts von ihm wissen.
+
+»Du bist jung,« sagt Herr Vorsteher zu mir, »du strotzest von
+Lebensaussichten. Wart' mal, habe ich da etwas sagen wollen und es jetzt
+vergessen? Du mußt wissen, Jakob, ich habe dir eine Menge Dinge zu
+sagen, und da kann man das Schönste und Tiefste, eh' man bis drei
+gezählt hat, vergessen. Und du schaust drein, siehst du, wie das gute,
+frische Gedächtnis selber, während meines schon altet. Mein Kopf, Jakob,
+ist am Sterben. Entschuldige, wenn ich etwas zu weich, zu vertraulich
+rede. Ich muß einfach lachen. Da bitte ich dich, mich zu entschuldigen,
+während ich dich durchprügeln könnte, wenn ich es für nötig fände. Wie
+hart mich deine jungen Augen anblicken. Ei, ei, und ich könnte dich da
+an die Wand werfen, daß dir Hören und Sehen für immer vergingen. Ich
+weiß es gar nicht, wie es hat kommen können, daß ich mich dir gegenüber
+so aller Vorgesetztengewalt entkleidet habe. Du lachst mich wohl
+heimlich aus. Leise gesagt: Hüte dich da. Du mußt wissen, mich packen
+Wildheiten an, und ehe ich mich verhindern kann, sind alle meine
+Besinnungen geschwunden. O mein kleiner Bursch, nein, fürchte dich
+nicht. Es ist ja so gänzlich, so gänzlich unmöglich, dir etwas zuleide
+zu tun, aber sage, was wollte ich dich doch fragen. Sage, du fürchtest
+dich wohl gar nicht ein bißchen? Und jung bist du und hast Hoffnungen,
+und jetzt wirst du ja wohl bald in eine dir ziemende Stellung kommen?
+Nicht? Ja eben, das ist es. Ja, das ist es, was mir leid tut, denn denke
+dir, manchmal ist mir, als seiest du mein junger Bruder oder sonst etwas
+Natürlich-Nahes, so verwandt kommst du mir, kommen mir deine Gebärden,
+die Sprache, der Mund, alles, nun, mit einem Wort, du, mir vor. Ich bin
+ein abgesetzter König. Du lächelst? Ich finde es einfach köstlich, weißt
+du, daß dir jetzt gerade, wo ich von abgesetzten, ihrer Throne
+enthobenen Königen spreche, ein Lächeln, solch ein spitzbübisches
+Lächeln entflieht. Du hast Verstand, Jakob. O, man kann sich mit dir so
+hübsch unterhalten. Es ist prickelnd reizvoll, sich dir gegenüber ein
+wenig schwach und weicher, als gewöhnlich, zu benehmen. Ja, du forderst
+geradezu heraus zu Fahrlässigkeiten, zur Lockerung, zur Preisgabe der
+Würde. Man mutet dir, glaubst du das, Edelsinn zu, und da reizt es einen
+ganz mächtig, sich vor dir in schönen, wohltuenden Erklärungen und
+Geständnissen zu verlieren, so z. B. ich, dein Herr, vor dir, meinem
+jungen armen Wurm, den ich, wenn's mich gelüstete, zermalmen könnte. Gib
+mir die Hand. So. Laß mich dir sagen, daß du es verstanden hast, mir
+Respekt vor dir abzunötigen. Ich achte dich hoch, und -- ich -- darf --
+es dir sagen. Und nun habe ich eine Bitte an dich: willst du mein
+Freund, mein kleiner Vertrauter sein? Ich bitte dich, sei es. Doch ich
+will dir Zeit lassen, das alles zu bedenken, du darfst gehen. Bitte,
+geh', laß mich allein.« -- So spricht zu mir mein Herr Vorsteher, der
+Mann, der, wie er selber sagt, mich zermalmen kann, sobald er nur will.
+Ich verbeuge mich jetzt nicht mehr vor ihm, es würde ihm weh tun. Was er
+da nur von abgesetzten Königen gesprochen hat? Ich werde über diese
+ganze Sache keine Gedanken verlieren, wie er mir anempfiehlt, sondern
+ich werde einfach fortfahren, Form zu bewahren. Jedenfalls heißt es
+aufpassen. Er spricht von Wildheit? Nun, ich muß sagen, das ist sehr
+ungemütlich. Zum an der Wand zerquetscht zu werden, dazu bin ich mir
+denn doch zu gut. Ob ich es dem Fräulein sage? O pfui, nicht doch. Ich
+habe Mut genug, über etwas Seltsames Schweigen zu bewahren, und Verstand
+genug, mit etwas Zweifelhaftem allein fertig zu werden. Vielleicht ist
+Herr Benjamenta verrückt. Jedenfalls gleicht er dem Löwen, ich aber der
+Maus. Nette Zustände sind das, die sich da jetzt im Institut
+eingeschlichen haben. Nur niemandem etwas sagen. Eine verschwiegene
+Angelegenheit ist manchmal schon eine gewonnene. Das alles sind
+Dummheiten. Basta.
+
+Was ich manchmal für Einbildungen habe! Es grenzt beinahe an das
+Absurde. Mit einem Mal, ohne daß ich es habe verhindern können, war ich
+Kriegsoberst geworden, so ums Jahr 1400 herum, nein, etwas später, zur
+Zeit der mailändischen Feldzüge. Ich und meine Herren Offiziere, wir
+tafelten. Es war nach einer gewonnenen Schlacht, und unser Ruhm mußte
+sich in den nächsten Tagen durch ganz Europa verbreiten. Wir tranken und
+waren lustig. Nicht etwa in einem Zimmer hielten wir Tafel, nein, auf
+freiem Feld. Die Sonne war eben am Untergehen, da wurde vor meine Augen,
+deren Strahl Schlachtenangriff und -sieg bedeutete, eine Kreatur
+geführt, ein ganz armer Teufel, ein ertappter Verräter. Der unglückliche
+Mensch schaute zitternd zu Boden, wohl wissend, daß er nicht das Recht
+hatte, den Feldherrn anzuschauen. Ich sah ihn an, ganz leicht, dann
+schaute ich diejenigen ebenso leicht und schnell an, die ihn hergeführt
+hatten, dann widmete ich mich dem volleingeschenkten Glas Wein, das vor
+mir stand, und diese drei Bewegungen bedeuteten: »Geht. Und henkt ihn.«
+Sogleich ergriffen ihn die Leute, doch da schrie der Verruchte wie
+verzweifelt, noch mehr, wie zerrissen, zum voraus zerrissen von tausend
+entsetzlichen Martertoden. Meine Ohren hatten in den Gefechten und
+Kämpfen, die mein Leben erfüllten, schon allerlei Töne gehört, und meine
+Augen waren an den Anblick des Furchtbaren und Jammervollen mehr wie
+gewöhnt, doch merkwürdig, das konnte ich nicht ertragen. Wieder drehte
+ich mich nach dem Verdammten um, außerdem winkte ich meinen Soldaten.
+»Laßt ihn laufen,« sagte ich, das Glas an der Lippe, um es kurz zu
+machen. Da geschah etwas ebenso Ergreifendes wie Widerwärtiges. Der
+Mann, dem ich das Leben geschenkt hatte, das Verbrecher- und
+Verräterleben, stürzte wie unsinnig zu meinen Füßen und küßte den Staub
+meiner Schuhe. Ich stieß ihn weg. Ich war von Ekel und Grauen erfaßt
+worden. Mich berührte die Gewalt, die ich ausübte, die Macht, mit der
+ich frei spielen konnte, wie der Sturmwind mit Blättern, peinlich, ich
+lachte daher und befahl dem Menschen, sich zu entfernen. Er hatte
+beinahe den Verstand verloren. Eine tierische Freude brach sich ihm
+durch Augen und Mund Bahn, er lallte Dank, Dank und kroch weg. Wir
+andern ergaben uns bis in die Nacht hinein einem ausgelassenen Gesöffe
+und Gelage, und am frühen Morgen, noch immer saßen wir bei der Tafel,
+empfing ich mit einer Würde, einer Hoheit, die selbst mir beinahe ein
+Lächeln abnötigte, den Gesandten des Papstes. Ich war der Held, der Herr
+des Tages. Von meiner Laune, meiner Zufriedenheit hing der Frieden von
+halb Europa ab. Doch ich spielte den diplomatischen Herren gegenüber den
+Dummen, den Guten, es paßte mir so, ich war etwas ermüdet, mich
+begehrte, in die Heimat zurückzukehren. Ich ließ mir die Vorteile, die
+mir der Krieg zuerteilte, wieder abnehmen. Natürlich bin ich später in
+den Grafenstand erhoben worden, dann habe ich geheiratet, und jetzt bin
+ich so tief gesunken, daß es mich gar nicht geniert, ein niedriger,
+kleiner Eleve des Institutes Benjamenta zu sein und Kameraden zu haben
+wie Kraus, Schacht, Hans und Schilinski. Man muß mich nackt auf die
+kalte Straße werfen, dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der
+allesumfassende Herrgott. Es ist Zeit, daß ich die Feder aus der Hand
+lege.
+
+Für so Kleine und Niedrige, wie wir Zöglinge sind, gibt es nichts
+Komisches. Der Entwürdigte nimmt alles ernst, aber auch alles leicht,
+beinahe frivol. Mir kommt unsere Tanz-, Anstands- und Turnstunde wie das
+öffentliche, wichtige, große Leben selber vor, und dann verwandelt sich
+vor meinen Augen die Schulstube in ein herrschaftliches Zimmer, in eine
+Straße voller Menschenverkehr, in ein Schloß mit alten, langen
+Korridoren, in eine Amtsstube, in ein Gelehrtenkabinett, in einen
+Damen-Empfangsraum, je nachdem, in alles Mögliche. Wir müssen eintreten,
+grüßen, uns verneigen, sprechen, eingebildete Geschäfte oder Aufträge
+erledigen, Bestellungen ausrichten, dann plötzlich sitzen wir bei Tisch
+und essen auf hauptstädtische Manier, und Diener bedienen uns. Schacht,
+oder vielleicht gar Kraus, stellt eine hocharistokratische Dame vor, und
+ich übernehme es, sie zu unterhalten. Wir sind dann alle Kavaliere, der
+lange Peter nicht ausgenommen, der sich ja sowieso stets als Kavalier
+fühlt. Dann tanzen wir. Wir hüpfen umher, verfolgt von den lächelnden
+Blicken der Lehrerin, und plötzlich rennen wir einem Verwundeten zu
+Hilfe. Er ist auf der Straße überfahren worden. Wir schenken
+scheinbaren Bettlern irgend eine Kleinigkeit, schreiben Briefe, brüllen
+unsern Burschen an, gehen in die Versammlung, suchen Orte auf, wo man
+französisch spricht, üben uns im Hutabnehmen, sprechen von Jagd,
+Finanzen und Kunst, küssen Damen, die wir uns gewogen wissen wollen,
+untertänig die gnädig ausgestreckten fünf hübschen Finger, bummeln als
+Bummler, schlürfen Kaffee, essen Schinken in Burgunder, schlafen in
+eingebildeten Betten, stehen ebenso scheinbar wieder des Morgens in
+aller Frühe auf, sagen: »Guten Tag, Herr Amtsrichter,« prügeln uns, denn
+das kommt ja im Leben oft auch vor, und tun eben alles, was im Leben
+vorkommt. Sind wir müde von all den Dummheiten, so klopft Fräulein mit
+dem Stab gegen eine Kante und sagt: »Allons, vorwärts, Jungens.
+Arbeiten!« -- Dann wird wieder gearbeitet. Wir treiben uns im Zimmer
+umher wie Wespen. Man kann das gar nicht recht schildern, und sind wir
+wieder ermattet, so ruft die Lehrerin: »Wie? Ist euch das öffentliche
+Leben so rasch verleidet? Macht, macht. Zeigt, wie das Leben ist. Es ist
+leicht, aber man muß munter sein, sonst wird man vom Leben zertreten.«
+-- Und frisch geht es wieder los. Wir reisen, wobei unsere Bedienten
+Dummheiten machen. Wir sitzen in Bibliotheken und studieren. Wir sind
+Soldaten, echte Rekruten, und müssen liegen und schießen. Wir treten in
+Kaufläden, um zu kaufen, in Badeanstalten, um zu baden, in Kirchen, um
+zu beten: »Gott, führe uns nicht in Versuchung.« Und im nächsten
+Augenblick sitzen wir mitten in der gröbsten Verfehlung und sündigen.
+»Hört auf. Genug für heute,« sagt dann, wenn es Zeit ist, das Fräulein.
+Dann ist das Leben erloschen, und der Traum, den man menschliches Leben
+nennt, nimmt eine andere Richtung. Meist gehe ich dann auf eine halbe
+Stunde spazieren. Ein Mädchen begegnet mir immer in der Anlage, wo ich
+auf einer Bank sitze. Sie scheint Verkäuferin zu sein. Sie biegt
+jedesmal den Kopf nach mir um und sieht mich lang an. Sie schmachtet zu
+sehr. Übrigens hält sie mich für einen Herrn mit monatlichem Salär. Ich
+sehe so gut, nach etwas so Rechtem aus. Sie irrt sich, und ich ignoriere
+sie daher.
+
+Dann und wann spielen wir auch Theater, und zwar Lustspiel, das ins
+Possenhafte ausartet, bis uns die Lehrerin einen Wink erteilt,
+aufzuhören: Die Mutter: »Ich kann Ihnen meine Tochter nicht zur Frau
+geben. Sie sind zu arm.« Der Held: »Armut ist keine Schande.« -- Die
+Mutter: »Papperlappa, Redensarten. Was haben Sie denn für Aussichten?«
+-- Die Liebhaberin: »Mama, ich muß Sie bei aller Verehrung, die ich für
+Sie empfinde, bitten, höflicher mit dem Mann, den ich liebe, zu reden.«
+-- Mutter: »Schweig! Eines Tages wirst du mir danken, daß ich ihn mit
+unnachsichtlicher Strenge behandelt habe. -- Mein Herr, sagen Sie, wo
+haben Sie denn eigentlich studiert?« -- Der Held (er ist Pole und wird
+von Schilinski dargestellt): »Gnädige Frau, ich bin aus dem Institut
+Benjamenta hervorgegangen. Verzeihen Sie den Stolz, mit dem ich das
+sage.« -- Die Tochter: »Ach, Mama, sehen Sie doch, wie er sich benimmt.
+Welche feinen Manieren.« -- Mutter (streng): »Schweig von Manieren. Auf
+aristokratisches Benehmen kommt es doch längst nicht mehr an. Sie, mein
+Herr, bitte, sagen Sie mir gefälligst: Was haben Sie denn dort im
+Institut Bagnamenta gelernt?« -- Der Held: »Verzeihen Sie: Benjamenta,
+nicht Bagnamenta, heißt die Lehranstalt. Was ich gelernt habe? Nun
+allerdings, ich muß sagen, ich habe dort sehr wenig gelernt. Aber es
+kommt doch heutzutage gar nicht mehr aufs viele Wissen an. Das müssen
+Sie selbst zugeben.« -- Die Tochter: »Hören Sie, liebe Mama?« -- Die
+Mutter: »Schweig' mir, du Mißratene, vom Anhören oder gar Ernstnehmen
+solch eines Geschwätzes. Mein hübsch aussehender junger Herr, Sie würden
+mir einen Gefallen erweisen, wenn Sie sich auf Nimmerwiedersehen
+entfernen wollten.« -- Der Held: »Was wagt man mir da zu bieten? --
+Nun, sei es. Adieu, ich gehe.« -- Er tritt ab usw. usw. Der Inhalt
+unserer kleinen Dramen nimmt stets Bezug auf die Schule und auf die
+Zöglinge. Ein Zögling erlebt allerhand bunt durcheinandergeworfene
+Schicksale, gute und schlechte. Er hat Erfolg in der Welt oder äußersten
+Mißerfolg. Das Ende des Stückes ist immer die Verherrlichung und
+Versinnbildlichung bescheidenen Dienens. Das Glück dient: das ist die
+Moral unserer dramatischen Literatur. Unser Fräulein pflegt während der
+Darstellungen die Zuschauerwelt zu spielen. Sie sitzt gleichsam in einer
+Loge und blickt durch das Augenglas auf die Bühne, d. h. auf uns
+Spielende. Kraus ist der schlechteste Schauspieler. So etwas liegt ihm
+gar nicht. Am besten spielt entschieden der lange Peter. Auch Heinrich
+ist reizend auf der Bühne.
+
+Ich habe die etwas beleidigende Empfindung, als wenn ich in der Welt
+immer zu essen haben werde. Ich bin gesund, und ich werde es bleiben,
+und man wird mich stets zu irgend etwas brauchen können. Ich werde
+meinem Staat, meiner Gemeinde nie zur Last fallen. Das zu denken, d. h.
+zu denken, daß man als ein niedriger Mensch sein tägliches Brot zu essen
+haben wird, würde mich tief verwunden, wenn ich noch der frühere Jakob
+von Gunten wäre, wenn ich noch der Abkömmling, der Sproß meines Hauses
+wäre, aber ich bin ja ein ganz, ganz anderer geworden, ein gewöhnlicher
+Mensch bin ich geworden, und daß ich gewöhnlich geworden bin, das
+verdanke ich Benjamentas, und das erfüllt mich mit einer unnennbaren,
+vom Tau der Zufriedenheit glänzenden und tropfenden Zuversicht. Ich habe
+den Stolz, die Ehren-Arten gewechselt. Wie komme ich dazu, so jung schon
+so zu entarten? Aber ist das Entartung? In gewisser Hinsicht ja,
+andernteils ist es Erhaltung der Art. Ich bleibe vielleicht als irgendwo
+im Leben verlorner und verschollener Mensch ein echterer, stolzerer
+Gunten, als wenn ich, auf den Stammbaum pochend, zu Hause verdürbe,
+entherzte und verknöcherte. Nun, mag das sein, wie es sein will. Ich
+habe Wahl getroffen, und dabei bleibt es. In mir lebt eine sonderbare
+Energie, das Leben von Grund auf kennen zu lernen, und eine
+unbezwingliche Lust, Menschen und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir
+offenbaren. Hier fällt mir Herr Benjamenta ein. Aber ich will an etwas
+anderes denken, d. h. ich mag an nichts mehr denken.
+
+Ich habe eine Anzahl Menschen kennen gelernt, durch Johanns
+Freundlichkeit. Es sind Künstler darunter, und es scheinen nette
+Menschen zu sein. Nun, was kann man sagen bei so flüchtiger Berührung.
+Eigentlich gleichen sich die Leute, die sich bemühen, Erfolg in der Welt
+zu haben, furchtbar. Es haben Alle dieselben Gesichter. Eigentlich
+nicht, und doch. Alle sind einander ähnlich in einer gewissen, rasch
+dahinsausenden Liebenswürdigkeit, und ich glaube, das ist das Bangen,
+das diese Leute empfinden. Sie behandeln Menschen und Gegenstände rasch
+herunter, nur damit sie gleich wieder das Neue, das ebenfalls
+Aufmerksamkeit zu fordern scheint, erledigen können. Sie verachten
+niemanden, diese guten Leute, und doch, vielleicht verachten sie alles,
+aber das dürfen sie nicht zeigen, und zwar deshalb nicht, weil sie
+fürchten, plötzlich etwa eine Unvorsichtigkeit zu begehen. Sie sind
+liebenswürdig aus Weltschmerz und nett aus Bangen. Und dann will ja
+jeder Achtung vor sich selber haben. Diese Leute sind Kavaliere. Und sie
+scheinen sich nie ganz wohl zu befinden. Wer kann sich wohl befinden,
+wer auf die Achtungsbezeugungen und Auszeichnungen der Welt Wert legt?
+Und dann, glaube ich, fühlen diese Menschen, da sie doch einmal
+Gesellschafts- und durchaus keine Naturmenschen mehr sind, stets den
+Nachfolger hinter sich. Jeder spürt den unheimlichen Überrumpler, den
+heimlichen Dieb, der mit irgend einer neuen Begabung dahergeschlichen
+kommt, um Schädigungen und Herabsetzungen aller Art um sich herum zu
+verbreiten, und deshalb ist in diesen Menschenkreisen der ganz
+Neu-Auftretende immer der Gesuchteste und Bevorzugteste, und wehe den
+Älteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent oder Naturgenie
+irgendwie auszeichnet. Ich drücke mich übrigens etwas zu einfach aus. Es
+ist da noch etwas ganz anderes. Es herrscht unter diesen Kreisen der
+fortschrittlichen Bildung eine kaum zu übersehende und mißzuverstehende
+Müdigkeit. Nicht die formelle Blasiertheit etwa des Adels von
+Abstammung, nein, eine wahrhafte, eine ganz wahre, auf höherer und
+lebhafterer Empfindung beruhende Müdigkeit, die Müdigkeit des
+gesunden-ungesunden Menschen. Sie sind alle gebildet, aber achten sie
+einander? Sie sind, wenn sie ehrlich nachdenken, zufrieden mit ihren
+Weltstellungen, aber sind sie auch zufrieden? Übrigens gibt es reiche
+Menschen unter ihnen. Von denen rede ich hier nicht, denn das Geld, das
+ein Mann besitzt, zwingt zu ganz andern, ganz neuen Voraussetzungen zu
+der Beurteilung solch eines Mannes. Doch es sind alles höfliche und in
+ihrer Art bedeutende Menschen, und meinem Bruder muß ich sehr, sehr
+dankbar sein, daß er mich ein Stück Welt hat kennen lernen lassen. Man
+liebt es jetzt schon, mich dort, nämlich in jenen Kreisen, den kleinen
+von Gunten zu nennen, zum Unterschied von Johann, den sie den großen
+von Gunten getauft haben. Das sind Späße, die Welt liebt eben Späße. Ich
+nicht, aber das alles ist ja so unbedeutend. Ich fühle, wie wenig mich
+das angeht, was man Welt nennt, und wie mir groß und hinreißend
+vorkommt, das, was ich Welt nenne, ganz im stillen. Mein Bruder hat sich
+indes Mühe gegeben, mich unter Menschen zu führen, und es ist Pflicht
+für mich, mir viel daraus zu machen. Und es ist ja auch viel. Mir ist
+alles, sogar das Kleinste, viel. Ein paar Menschen vollkommen kennen zu
+lernen, dazu bedürfte es eines Menschenlebens. Das sind nun wieder
+Benjamentasche Grundsätze, und wie unähnlich sind Benjamentas dem, was
+Welt bedeutet. Ich will schlafen gehen.
+
+Ich vergesse nie, daß ich ein Abkömmling bin, der nun von unten, von
+ganz unten anfängt, ohne doch die Eigenschaften, die nötig sind,
+emporzugelangen, zu besitzen. Vielleicht, ja. Es ist alles möglich, aber
+ich glaube nicht an die eitlen Stunden, in denen ich mir Glück,
+verbunden mit Glanz, vorspiegle. Ich habe gar keine Emporkömmlingstugenden.
+Ich bin manchmal frech, aber nur aus Laune. Der Emporkömmling aber ist
+von einer permanenten bescheiden-tuenden Frechheit, oder von einer
+frechen, fortwährend frechen Unbedeutendheitsgebärde. Und es gibt viele
+Emporkömmlinge, und was sie errungen haben, das halten sie stupide fest,
+und das ist ausgezeichnet. Sie können auch nervös sein, ungehalten,
+verdrießlich und »all der Dinge« müde, aber der Überdruß dringt nicht
+tief beim wahrhaften Emporkömmling. Emporkömmlinge sind Herren, und
+solch einem Herrn, einem vielleicht etwas protzigen Herrn, werde ich
+Abkömmling, oder was ich sonst bin, dienen, und ehrenhaft dienen, treu,
+verläßlich, fest, ganz gedankenlos, ganz unerpicht auf persönliche
+Vorteile, denn nur so, nämlich ganz anständig, werde ich überhaupt
+jemandem dienen können, und jetzt merke ich, daß ich Verwandtes mit
+Kraus habe, und ich schäme mich beinahe ein wenig. Nie und nimmer
+erreicht man mit Empfindungen, wie die sind, mit denen ich der Welt
+gegenüberstehe, je Großes, es sei denn, man pfeife aufs glitzernde Große
+und nenne das groß, was ganz grau, still, hart und niedrig ist. Ja,
+dienen werde ich, und Verpflichtungen, deren Erfüllung nichts weniger
+als schimmert, werde ich immer und immer übernehmen, immer wieder, und
+ich werde kreuzdumm vor Seligkeit erröten, wenn man mir leichthin Dank
+sagt. Dumm ist das, aber durchaus wahr, und ich bin nicht fähig, über
+diese Wahrnehmung traurig zu sein. Ich muß es bekennen: ich bin nie
+traurig, ich fühle mich nie, nie vereinsamt, und auch das ist dumm,
+denn mit der Sentimentalität, mit dem, was man den Schrei nennt, macht
+man die besten, die emporkömmlichsten und bekömmlichsten Geschäfte. Aber
+ich bedanke mich für die Mühseligkeiten, für die unfeinen Anstrengungen,
+auf solche Art zu Ehre und Ansehen zu gelangen. Zu Hause, bei Vater und
+Mutter, duftete es alle Wände entlang nach Takt. Nun gut, das meine ich
+nur so. Es war vornehm bei uns zu Hause. Und so hell. Der ganze Haushalt
+glich einem graziösen, gütigen Lächeln. Mama ist ja so fein. Schon gut.
+Also Abkömmling und verurteilt, zu dienen und die Person sechsten Ranges
+im Weltleben zu spielen. Meiner Ansicht nach paßt das, denn, o wie sagte
+doch Johann: »Die Mächtigen, das sind die Verhungerten.« -- Ich glaube
+so etwas nicht gern. Und hab' ich es überhaupt nötig, mich trösten zu
+lassen? Kann man einen Jakob von Gunten trösten? So lange ich gesunde
+Glieder habe, ist das ausgeschlossen.
+
+Wenn ich will, wenn ich es mir befehle, kann ich alles verehren, sogar
+das schlechte Benehmen, aber es muß von Gold strotzen. Die üblen
+Manieren müssen Zwanzigmarkstücke hinter sich fallen lassen, dann
+verneige ich mich vor, sogar noch hinter ihnen. Herr Benjamenta ist
+übrigens auch dieser Meinung. Er sagt, es sei unrichtig, das Geld und
+den Vorteil, die aus unschönen Händen kommen, zu verachten. Ein Eleve
+des Institutes Benjamenta soll das Meiste eben achten, nicht verachten.
+-- Zu was anderem. Turnen, das ist schön. Ich liebe es leidenschaftlich,
+und ich bin selbstverständlich ein guter Turner. Mit einem edlen
+Menschen Freundschaft schließen und Turnen, das sind wohl zwei der
+schönsten Sachen, die es auf der Welt gibt. Tanzen, und einen Menschen
+finden, der mir Achtung entlockt, ist mir ein und dasselbe. Ich bewege
+so gern die Geister und Glieder. Nur allein Beinschwingen, ist das doch
+hübsch! Turnen ist auch dumm, es führt auch zu nichts. Muß denn
+eigentlich alles, was ich liebe und bevorzuge, zu nichts führen? Aber
+horch! Was ist das? Man ruft mich. Ich muß abbrechen.
+
+»Strebst du auch noch aufrichtig, Jakob?« fragte mich die Lehrerin. Es
+war gegen Abend. Es war irgendwo etwas Rötliches, wie ein Abglanz von
+einem gewaltig-schönen Sonnenuntergang. Wir stunden an meiner
+Kammertüre. Ich hatte eben eintreten und mich meinen Ahnungen so ein
+wenig überlassen wollen. »Fräulein Benjamenta,« sagte ich, »zweifeln Sie
+am Ernst und an der Ehrlichkeit meines Strebens? Bin ich ein Schwindler,
+ein Gaukler in Ihren hochverehrten Augen?« -- Ich glaube, ich blickte
+geradezu tragisch, als ich das sagte. Sie wandte mir ihr schönes Gesicht
+zu und sagte: »Bewahre, aber bewahre. Du bist ein netter Junge. Heftig
+bist du, aber du bist mir lieb, recht, anständig und angenehm. Bist du
+zufrieden? He? Was? Du bringst auch dein Bett immer noch hübsch jeden
+Morgen in Ordnung? Nicht? Und den Vorschriften allen gehorchst du wohl
+auch schon längst nicht mehr? Auch nicht? Oder doch? O du bist ein ganz
+braver Mensch, ich glaube es. Und man kann dich nicht genug mit
+Lobeserhebungen überschütten. Nicht genug. Ganze Eimer voll
+schmeichelnder Lobsprüche, denke, ganze Kübel und Kannen voll. Mit dem
+Besen muß man sie zusammenwischen, die vielen anerkennenden schönen
+Worte, die dein Betragen betreffen. Nein, Jakob, jetzt ganz im Ernst,
+höre. Ich muß dir etwas ins Ohr sagen. Magst du's hören, oder willst du
+jetzt lieber da hinein in deine Kammer schlüpfen?« -- »Sprechen Sie,
+gnädiges Fräulein. Ich höre,« sagte ich voll angstvoller Erwartung. Die
+Lehrerin schauderte plötzlich jählings zusammen. Sie faßte sich aber
+rasch und sagte: »Ich gehe, Jakob, ich gehe. Es geht mit mir. Doch ich
+kann es dir nicht sagen. Vielleicht ein anderes Mal. Ja? Ja, nicht wahr,
+vielleicht morgen, oder in acht Tagen erst. Es ist dann noch immer Zeit
+genug, es dir zu sagen. Sage mir, Jakob, hast du mich ein wenig lieb?
+Bedeute ich deiner Brust, deinem jungen Herzen irgend etwas?« -- Sie
+stand mit wütend zusammengekniffenen Lippen vor mir da. Ich beugte mich
+schnell auf ihre Hand, die unsagbar wehmütig an ihrem Gewand herabhing,
+hinunter und küßte sie. Ich war so glücklich, es ihr so sagen zu dürfen,
+was ich für sie immer empfunden hatte. »Schätzest du mich?« fragte sie
+mit ganz hoher, nach der Höhe zu schon fast erstickter, gestorbener
+Stimme. Ich sagte: »Wie können Sie zweifeln? Ich bin unglücklich.« --
+Aber mich empörte es, daß ich fast weinen mußte. Ich ließ ihre Hand
+schroff fahren und nahm respektvolle Haltung an. Und sie ging, indem sie
+mich beinahe bittend anschaute. -- Wie hat sich hier im einst so
+herrischen Institut Benjamenta alles verändert! Es schrumpft alles
+zusammen, die Übungen, der Schneid, die Vorschriften. Lebe ich in einem
+Toten- oder in einem überirdischen Freuden- und Wonnenhause? Etwas ist
+los, aber ich fasse es noch nicht.
+
+Ich wagte es, Kraus gegenüber eine Bemerkung über Benjamentas fallen zu
+lassen. Es mute mich, sagte ich, wie eine Trübung des Glanzes an, den
+das Institut immer besessen habe. Was das sei? Ob Kraus vielleicht
+etwas wisse? -- Er wurde ärgerlich und sprach: »Mensch, du bist wohl
+schwanger mit albernen Einbildungen. Was für Ideen. Schaff du. Mach du,
+dann fällt dir nichts Auffallendes auf. Dieser Schnüffler. Will sich in
+Meinungen und Ansichten hineinschnüffeln. Geh' mir aus den Augen. Ich
+kann dich bald überhaupt nicht mehr ansehen.« -- »Seit wann bist du
+grob?« sagte ich, doch ich zog es vor, ihn in Ruhe zu lassen. -- Im
+Laufe des Tages hatte ich Gelegenheit, mich mit Fräulein Benjamenta über
+Kraus zu unterhalten. Sie sagte mir: »Ja, Kraus ist gar nicht wie andere
+Menschen. Er sitzt da, bis man seiner bedarf, ruft man ihn, dann kommt
+er in Bewegung und kommt herbeigesprungen. Von solchen Menschen, wie er
+einer ist, macht man kein Rühmens und Aufhebens. Man rühmt Kraus
+eigentlich nie, und kaum ist man ihm dankbar. Man verlangt nur von ihm:
+Tu' das, und dann wieder: Tu' dies. Und man spürt kaum, daß man, und wie
+vollkommen, bedient worden ist, so vollkommen ist man bedient worden.
+Die Person Kraus ist gar nichts, nur der Schaffer, der Ausüber Kraus ist
+etwas, aber der macht sich gar nicht bemerkbar. Z. B. dich, Jakob, lobt
+man, es macht einem Freude, dir wohl zu tun. Für Kraus hat man kein
+Wort, keine Neigung übrig. Du bist ganz liederlich, Jakob, gegenüber
+Kraus. Doch du bist der Nettere. Anders sage ich es dir nicht, denn das
+würdest du nicht verstehen. Und Kraus verläßt uns jetzt bald. Das ist
+ein Verlust, Jakob, o das ist ein Verlust. Wenn kein Kraus mehr da ist,
+wer ist dann noch da? Du, ja. Das ist ja eigentlich wahr, und du bist
+mir jetzt böse, nicht wahr. Ja, du bist mir böse, weil ich betrübt bin,
+daß Kraus weggeht. Bist du eifersüchtig?« -- »Nicht doch. Auch ich
+bedaure lebhaft, daß Kraus uns verläßt,« sagte ich. Ich sprach mit
+Absicht sehr förmlich. Auch mir war es weh zumut geworden, doch ich fand
+es passend, ein wenig Kälte zu zeigen. Später versuchte ich, mit Kraus
+ins Gespräch zu kommen, aber er verhielt sich unglaublich ablehnend.
+Finster saß er am Tisch und sprach zu niemandem ein Wort. Auch er
+empfindet, daß irgend etwas hier nicht gut geht, er sagt nur nichts, nur
+sich sagt er es.
+
+Oft habe ich die Empfindung von einer großen innern Niederlage. Dann
+stelle ich mich mitten in der Stube auf und treibe Unfug, übrigens ganz
+kindischen Unfug. Ich setze Kraus' Mütze auf meinen Kopf, oder ein
+volles Glas Wasser usw. Oder Hans ist da. Mit Hans kann man
+gemeinschaftlich Hüte auf Köpfe hinauflancieren, daß sie oben sitzen und
+kleben bleiben. Wie verachtet uns Kraus jedesmal dafür. Schacht ist in
+Stellung gewesen, drei Tage, aber er ist wieder zurückgekehrt, voll
+Mißmut und allerhand zornigen, schmerzlichen Ausflüchten. Habe ich es
+nicht früh schon gesagt, daß es Schacht draußen in der Welt übel ergehen
+wird? Er wird immer in Ämter, Aufgaben und Stellungen hineinzappeln, und
+es wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er habe zu schwer arbeiten
+müssen, und er erzählt von listigen, boshaften, faulen Halb-Vorgesetzten,
+die es gleich bei seinem Antritt unternommen hätten, ihn mit
+ungebührlichen Pflichten schalkhaft zu überhäufen und ihn zu Boden zu
+quälen und zu übervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht. Nur zu willig,
+d. h. ich halte für absolut wahr, was er sagt, denn kränklichen,
+empfindsamen Leuten gegenüber ist die Welt ja so unbegreiflich roh,
+gebieterisch, launisch und grausam. Nun, Schacht wird vorläufig wieder
+hier bleiben. Ein wenig ausgelacht haben wir ihn, als er ankam, das muß
+auch sein, Schacht ist ein junger Mensch, und er darf schließlich auch
+nicht der Meinung sein, für ihn gäbe es besondere Stufen, Vorteile,
+Handhaben und Rücksichten. Er hat jetzt eine erste Enttäuschung erlebt,
+und ich bin überzeugt, daß er zwanzig Enttäuschungen hintereinander
+erleben wird. Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für
+gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden
+bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden,
+leidenden Abneigung geboren. Er möchte anerkennen und willkommen heißen,
+aber er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose tritt ihm
+zehnfach hart und unmitleidvoll entgegen, er empfindet es eben schärfer.
+Armer Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien schwelgen und
+sich in gütige, weiche, sorgenlose Dinge betten können. Für ihn sollte
+es heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn sollten blasse
+zarte Abendhimmelwolken tragen in das Reich: »Ach, wie ist mir?« --
+Seine Hände taugen zu leichten Gebärden, nicht zur Arbeit. Vor ihm
+sollten Winde wehen, und hinter ihm sollten süße freundliche Stimmen
+flüstern. Seine Augen sollten selig geschlossen bleiben dürfen, und
+Schacht sollte wieder ruhig einschlummern dürfen, wenn er des Morgens in
+den warmen, lüsternen Kissen erwachte. Für ihn gibt es im Grunde
+genommen keine ziemliche Tätigkeit, denn jede Beschäftigung ist für ihn,
+der so aussieht, unziemlich, widernatürlich und unpassend. Ich bin der
+reine grobknochige Knecht gegen Schacht. Ah, zerschmettert wird er
+werden, und eines Tages wird er im Krankenhaus verenden, oder er wird,
+verdorben an Leib und Seele, in einem von unsern modernen Gefängnissen
+schmachten. Jetzt drückt er sich so in den Ecken der Schulstube herum,
+schämt sich und zittert vor dem ihm widerwärtigen, unbekannten
+Zukünftigen. Das Fräulein sieht ihn besorgt an, doch ist sie jetzt vom
+eigentümlichen Eigenen viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie
+sich sehr um Schacht bekümmern könnte. Übrigens könnte sie ihm nicht
+helfen. Ein Gott müßte und könnte das vielleicht tun, doch es gibt keine
+Götter, nur einen Einzigen, und der ist zu erhaben zur Hilfe. Zu helfen
+und zu erleichtern, das würde dem Allmächtigen gar nicht ziemen, so
+fühle ich wenigstens.
+
+Fräulein Benjamenta spricht nun jeden Tag ein paar Worte mit mir, sei es
+in der Küche, sei's in der manchmal ganz stillen und vereinsamten
+Schulstube. Kraus tut, als wenn er noch ein Jahrzehnt gewärtigte, hier
+im Institut zu verbleiben. Er lernt seine Lektionen trocken und
+unverdrossen, ja doch, eigentlich verdrossen, aber verdrossen hat er ja
+immer ausgesehen, das will nichts zu bedeuten haben. Dieser Mensch ist
+keiner Voreiligkeit, keiner Ungeduld fähig. »Abwarten,« so steht es ihm
+auf der ruhigen Stirn beinahe hoheitsvoll geschrieben. Ja, Fräulein sagte
+das auch schon einmal, sie sagte, Kraus besitze Hoheit, und das ist wahr,
+die Unscheinbarkeit seines Wesens hat etwas Unsichtbar-Herrscherartiges.
+Zu meinem Fräulein wagte ich gestern zu sagen: »Wenn ich Ihnen nur ein
+einziges, nur ein verschwindend kleines einziges Mal selbstbewußter
+gegenübergetreten bin, als ganz befangen von Gefühlen und Fesseln der
+lautersten Ehrfurcht, so will ich mich hassen, verfolgen, an Stricken
+aufhängen, mit Giften tötendster Art vergiften, mit Messern, gleichviel
+was für welchen, mir den Hals abschneiden. Nein, es ist ganz unmöglich,
+Fräulein. Ich konnte Sie nie verletzen. Schon Ihre Augen. Wie sind sie
+mir immer der Befehl und das unantastbare schöne Gebot gewesen. Nein,
+nein, ich lüge nicht. Ihr Erscheinen an der Türe! Ich habe hier nie
+einen Himmel nötig gehabt, nie Mond, Sonne und Sterne. Sie, ja Sie sind
+mir die höhere Erscheinung gewesen. Ich rede wahr, Fräulein, und ich muß
+annehmen, daß Sie empfinden, wie fern von aller, aller Schmeichelei
+diese Worte sind. Ich hasse alles zukünftige Wohlergehen, ich
+verabscheue das Leben. Ja, ja. Und doch muß ich bald auch, wie Kraus,
+austreten, ins hassenswerte Leben hinaus. Sie sind mir die körperliche
+Gesundheit gewesen. Habe ich in einem Buch gelesen, so waren Sie es,
+nicht das Buch, Sie waren das Buch. Doch, doch. Oft habe ich mich
+unartig benommen. Ein paarmal mußten Sie mich vor dem Hochmut, der mich
+fressen und unter Trümmer unschicklicher Einbildungen begraben wollte,
+warnen. Wie sank er da, wie blitzschnell. Wie habe ich dem gelauscht,
+was das Fräulein Benjamenta sprach. Sie lächeln? Ja, das Lächeln, es ist
+mir immer ein Antrieb zum Guten, Tapfern und Wahren gewesen. Wie sind
+Sie stets gut zu mir gewesen. Viel, viel zu gut zu mir Trotzkopf. Und an
+Ihrem Anblick herunter stürzten meine vielen Fehler, um Verzeihung
+flehend, herunter, zu Ihren Füßen. Nein, ich mag nicht in das Leben,
+nicht in die Welt hinaustreten. Ich verachte alles Zukünftige. Wenn Sie
+in die Stube eintraten, war ich froh, dann schalt ich mich stets einen
+Dummkopf. Oft habe ich Sie, denken Sie sich, ja, ich muß es gestehen, im
+geheimen der Würde und der Größe berauben wollen, aber ich fand in all
+meinem zusammengepeitschten Geist kein Wort, nicht ein einziges kleines
+Wort der Schmähung und Schmälerung dessen, was ich ein wenig verletzen
+wollte. Und die Strafe war jedesmal meine Reue und Unruhe. Ja, immer,
+Fräulein, immer habe ich Sie verehren müssen. Sind Sie ungehalten, daß
+ich so spreche? Ich, ich bin froh, daß ich so spreche.« -- Sie schaute
+mich blinzelnd an und lächelte. Sie spottete ein wenig, war aber doch
+ganz zufrieden. Außerdem, das merkte ich, war sie in Gedanken mit etwas
+Fernabliegendem beschäftigt. Sie war wie geistesabwesend, und daher,
+einzig daher habe ich ja auch nur so zu sprechen gewagt. Ich werde mich
+hüten, es wieder zu tun.
+
+Es geht mich ja gar nichts an, gewiß, aber es fällt mir auf, daß keine
+neuen Schüler ins Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr
+Benjamenta in der Umwelt als Erzieher genießt oder genossen hat, im
+Abnehmen oder gar im Verschwinden sein? Das wäre traurig. Doch
+vielleicht ist das alles nur meine überreizte Empfindung. Ich bin hier
+ein wenig nervös geworden, wenn man eine gewisse Spannung und zugleich
+Mattigkeit der Beobachtungskräfte so nennen darf. Es ist hier alles so
+zart, und man steht wie in der bloßen Luft, nicht wie auf festem Boden.
+Und dann dieses immerwährende Gefaßt- und Bewußtsein, auch das macht es
+vielleicht aus. Leicht möglich. Man wartet hier immer auf etwas, nun,
+das schwächt doch schließlich. Und wieder verbietet man sich streng das
+Horchen und Warten, weil das unzulässig ist. Nun, auch das nimmt Kräfte
+in Anspruch. Oft steht das Fräulein am Fenster und sieht lange hinaus,
+als lebe sie schon anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde und
+Natürliche, was hier webt: wir alle, Herrschaft sowohl wie Elevenschaft,
+wir leben beinahe schon anderswo. Es ist, als wenn wir nur noch
+vorübergehend hier atmeten, äßen, schliefen und wach stünden und
+Unterricht erteilten und genössen. Etwas wie treibende, schonungslose
+Energie schlägt hier rauschend die Flügel zusammen. Horchen wir alle
+hier auf das Spätere? auf irgend welches Nachherige? Auch möglich. Und
+was dann, wenn wir jetzigen Zöglinge alle ausgetreten sind und doch
+keine neuen mehr kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas arm und
+verlassen? Wenn ich mir das ausmale, werde ich krank, einfach krank.
+Nein, niemals, niemals. Das, das wird nicht sein dürfen. Und doch wird
+es sein müssen. Sein müssen?
+
+Rüstig sein heißt, sich nicht lange besinnen, sondern rasch und ruhig
+hineingehen in das, was erfüllt werden soll. Naß werden von den
+Regengüssen des Bemühens, hart und stark werden an den Stößen und
+Reibungen dessen, was die Notwendigkeit fordert. Ich hasse solche klugen
+Redensarten. Ich wollte an etwas ganz anderes denken. Aha, ich habe es,
+es betrifft Herrn Benjamenta. Ich war wieder bei ihm im Bureau. Ich
+necke ihn immer wegen der zu erlangenden, baldigen Anstellung. So frug
+ich ihn auch diesmal wieder, wie's denn jetzt sei, ob ich gewärtigen
+dürfe usw. Er wollte wütend werden. O, er will auch jetzt immer noch
+wütend werden, und ich bin stets sehr kühn, wenn ich ihn reize. Ganz
+laut, barsch und unverschämt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz
+verlegen, er fing sogar an, sich hinter den großen Ohren zu reiben. Er
+hat natürlich nicht das, was man große Ohren zu nennen pflegt, seine
+Ohren sind verhältnismäßig durchaus nicht zu groß, nur ist eben alles
+groß an dem Mann, folglich auch seine Ohren. Schließlich trat er auf
+mich zu, lachte mich merkwürdig gutmütig an und sprach: »In die Arbeit
+hinaus willst du treten, Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber
+noch. Hier ist es doch für dich und deinesgleichen ganz schön. Oder
+nicht? Zögere du noch ein wenig. Ich möchte dir sogar anraten, ein wenig
+schlendrianisch, vergeßlich und gedankenträge zu werden. Denn siehst du,
+das, was man Untugenden nennt, das spielt im Dasein des Menschen eine so
+große Rolle, das ist so wichtig, fast möchte ich sagen, notwendig. Wenn
+Untugenden und Fehler nicht wären, es würde der Welt an Wärme, Reiz und
+Reichtum fehlen. Die Hälfte der Welt, und vielleicht die im Grunde
+schönere, würde mit den Lässigkeiten und Schwächen dahinsterben. Nein,
+sei du träge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht, sei so, wie du bist
+und hier wurdest, aber spiele, bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst
+du? Sagst du ja? Mich würde es freuen, dich ein wenig den Träumereien
+verfallen zu sehen. Hänge den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betrübt,
+nicht wahr? Denn du bist mir fast ein wenig zu voll von Willen, zu voll
+von Charakter. Und stolz bist du, Jakob! Was denkst du dir eigentlich?
+Meinst du, in der offenen Welt Großes erreichen, erringen zu können? Zu
+müssen? Hast du ernstliche Absichten auf etwas Bedeutungsvolles? Fast
+machst du mir -- leider -- diesen etwas gewaltsamen Eindruck. Oder dann
+willst du vielleicht, vielleicht wie zum Trotz, ganz klein bleiben? Auch
+das mute ich dir zu. Du bist ein bißchen zu festlich, zu heftig, zu
+triumphatorisch aufgelegt. Doch das alles ist ja so gleichgültig, du
+bleibst noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe ich noch
+lange nichts derartiges. Weißt du, mich verlangt, dich noch zu haben.
+Kaum besitze ich dich Burschen, so willst du fortrennen? Das gibt es
+nicht. Langweile dich hier im Institut so gut als du eben kannst. O,
+kleiner Welteroberer, in der Welt, draußen in der Welt erst, im Beruf,
+im Streben, im Erringen, da, da werden dir Meere von Langeweile, Öde und
+Vereinsamung entgegengähnen. Bleib' du hier. Sehne du dich noch ein
+Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch eine Seligkeit, welch eine
+Größe im Sehnen, also im Warten, liegt. Also warte. Laß es dich immerhin
+innerlich drängen. Aber nicht zu sehr. Höre, mich würde dein Weggehen
+schmerzen, es würde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare, beibringen,
+es würde mich fast töten. Töten? Ich muß dich bitten, mich auszulachen,
+aber fest. Lach' mich ganz unverschämt aus, Jakob. Ich erlaube es dir.
+Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich ich dir zukünftig noch zu
+gestatten und zu verbieten? Ich, der ich dich soeben davon überzeugt
+habe, daß ich fast, fast abhängig von dir bin? Mich schaudert's, mich
+empört und beglückt es zu gleicher Zeit, Jakob, was ich da angestellt
+habe. Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen. Doch das fassest du
+nicht. Geh'. Marsch. Mach' daß du hinauskommst. Ungezogener, wisse, daß
+ich noch strafen kann. Fürchte dich.« -- Nun, da hatte ich es, er war
+eben mit einmal wieder wütend geworden. Rasch verschwand ich aus seinen
+finster mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen, das! Die des Herrn
+Vorstehers. Ich muß hier bemerken, daß ich im Verduften aus einem Lokal
+eine unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin förmlich zum Kontor
+hinausgeflogen, nein, hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr mir
+sagte: »Fürchte dich.« O ja, man muß sich schon zuweilen vor ihm
+fürchten. Ich würde es unanständig finden, wenn ich keine Furcht kennte,
+denn dann hätte ich ja auch gar keinen Mut, der doch nichts anderes ist
+als das Furchtüberwindende. Wieder horchte ich draußen im Korridor am
+Schlüsselloch, und wieder blieb es ganz still. Ich streckte sogar ganz
+läppisch und echt zöglinghaft die Zunge heraus, und dann mußte ich
+lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht. Natürlich ganz leise.
+Es war das denkbar echteste unterdrückte Gelächter. Wenn ich so lache,
+nun, dann steht nichts mehr über mir. Dann bin ich etwas an Umfassen und
+Beherrschen nicht zu Überbietendes. Ich bin in solchen Momenten einfach
+groß.
+
+Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta, noch habe ich die
+hier geltenden Satzungen zu fürchten, noch wird Unterricht erteilt,
+Fragen werden gestellt und beantwortet, noch fliegen wir alle auf
+Kommando, noch immer klopft morgens früh Kraus mit seinem ärgerlichen
+»Steh' auf, Jakob« und mit seinem zornig gebogenen Finger an meine
+Kammertüre, noch sagen wir Zöglinge: »Guten Tag, Fräulein,« wenn sie
+erscheint, und: »Gute Nacht«, wenn sie abends sich zurückzieht. Wir
+stecken noch immer in den eisernen Klauen der zahlreichen Vorschriften
+und ergehen uns immer noch in lehrhaften, eintönigen Wiederholungen. Ich
+bin übrigens jetzt endlich in den wirklichen innern Gemächern gewesen,
+und ich muß sagen, es existieren gar keine. Zwei Zimmer sind da, aber
+diese beiden Räume sehen nach nichts Gemachartigem aus. Sie sind
+möbliert wie die Sparsamkeit und Gewöhnlichkeit selber, und sie
+enthalten durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie bin ich nur auf
+die wahnsinnige Idee gekommen, daß Benjamentas in Gemächern wohnen? Oder
+träumte ich, und habe ich jetzt ausgeträumt? Es sind allerdings
+Goldfische da, und Kraus und ich müssen das Bassin, in welchem diese
+Tiere schwimmen und leben, regelmäßig entleeren, säubern und mit
+frischem Wasser auffüllen. Ist das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes?
+Goldfische können in jeder preußischen mittleren Beamtenfamilie
+vorkommen, und an Beamtenfamilien klebt nichts Unverständliches und
+Absonderliches. Wunderbar! Und ich habe so felsenfest an die innern
+Gemächer geglaubt. Ich dachte, es müsse da hinter der Türe, durch welche
+das Fräulein stets aus- und eingeht, von schloßartigen Zimmern und
+Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene Wendeltreppen und breite steinerne,
+teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist hinter der einfachen
+Türe. Auch eine uralte Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange
+heitere, mattenbedeckte Korridore zogen sich in meiner Phantasie von
+einem Ende des »Gebäudes« zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und
+Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung von schönen,
+aber unzuverlässigen Einbildungen gründen. Kapital, scheint mir, ist
+genug da, an Fonds wird es nicht fehlen, und Abnehmer solcher Papiere
+kommen überall vor, wo der Gedanke und Glaube ans Schöne noch nicht ganz
+ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht alles vor. Einen Park
+natürlich. Ohne Park kann ich doch gar nicht existieren. Ebenso eine
+Kapelle, aber merkwürdigerweise keine romantisch-ruinenhafte, sondern
+eine sauber renovierte, ein kleines protestantisches Gotteshaus. Der
+Pfarrer saß am Frühstückstisch. Und was noch alles. Man dinierte, man
+veranstaltete Jagden. Man tanzte abends im Rittersaal, an dessen hohen
+dunkelhölzernen Wänden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes hingen. Was
+für eines Geschlechtes? Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es
+nicht sagen. Nun, ich bereue tief, derart geträumt und gedichtet zu
+haben. Schnee fliegen sah ich auch, nämlich in den Schloßhof. Es waren
+nasse, große Schneeflocken, und es war morgens früh, immer war es
+dunkle, winterliche Frühe. Ach, und etwas ganz Schönes, eine Halle, ja,
+eine Halle sah ich. Reizend! Drei edle vornehme Greisinnen saßen beim
+kichernden, knisternden Kaminfeuer. Sie häkelten. Welch eine Phantasie,
+nicht weiter zu sehen als bis dort, wo gestrickt und gehäkelt wird. Aber
+mich berauschte eben gerade das. Wenn ich Feinde hätte, würden sie
+sagen, das sei krankhaft, und sie würden Grund zu haben glauben, mich zu
+verabscheuen samt der lieben traulichen Häkelei. Dann gab es wieder ein
+wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von silbernen Leuchtern
+herabstrahlten. Die Tafelfreude glitzerte, blendete und plauderte. Ich
+stellte mir das wahrhaft schön vor. Und Frauen, was für Frauen. Die eine
+sah einer veritablen Prinzessin ähnlich, und sie war es auch. Ein
+Engländer war auch da. Wie die weiblichen Kleider rauschten, wie die
+Brüste, die nackten, auf und nieder wogten! Das Eßzimmer war von Parfüms
+wie von schlangenhaften Linien durchzogen. Die Pracht vereinigte sich
+mit der Sittsamkeit, der gute Ton mit dem Genuß, die Freude mit der
+Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der Geburt. Dann schwamm das
+wieder, und es kam anderes, Neues. Ja, die inneren Gemächer, sie lebten,
+und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden. Die karge Wirklichkeit:
+was ist sie doch manchmal für ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit denen
+sie nachher nichts anzufangen weiß. Es macht ihr eben einmal, wie es
+scheint, Spaß, Wehmut zu verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder
+sehr lieb, schätzens-, sehr schätzenswert. Sie bildet.
+
+Heinrich und Schilinski sind ausgetreten. Hand geschüttelt und adieu
+gesagt. Und fort. Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz die
+Abschiede sind. Man will etwas sagen, hat aber gerade das Passende
+vergessen, und so sagt man nichts oder irgend eine Dummheit.
+Abschiednehmen und -geben ist greulich. In solchen Momenten rüttelt es
+am Menschenleben, und man fühlt lebhaft, wie nichts man ist. Rasche
+Abschiede sind unliebevoll, und lange sind unerträglich. Was tut man?
+Nun, man sagt dann eben etwas Einfältiges. -- Fräulein Benjamenta sagte
+mir etwas sehr Sonderbares. »Jakob,« sagte sie, »ich sterbe. Erschrick
+nicht. Laß mich zu dir ganz ruhig reden. Sag', warum bist du nur so mein
+Vertrauter geworden? Ich habe dich gleich von Anfang an, als du hier
+eintratest, für nett gehalten, für zart. Bitte, mach' keine
+falsch-aufrichtigen Einwendungen. Du bist eitel. Bist du eitel? Höre,
+ja, es geht zu Ende mit mir. Kannst du schweigen? Du mußt nämlich
+schweigen über das, was du jetzt erfährst. Vor allen Dingen darf dein
+Herr Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen, präge dir das fest ein. Doch
+ich bin vollkommen ruhig, und du bist es auch, ich sehe es, und du wirst
+Wort halten und deinen Mund halten können, ich weiß es. Es nagt an mir,
+und ich sinke in etwas hinein, und ich weiß, was das ist. Das ist so
+traurig, mein lieber junger Freund, so traurig. Ich mute dir Stärke zu,
+nicht wahr, Jakob? Aber ich weiß es ja grad, daß du stark bist. Du hast
+Herz. Kraus würde mich nicht zu Ende anhören können. Ich finde es so
+hübsch, daß du nicht weinst. O es würde mich widerlich berühren, wenn
+jetzt schon, jetzt schon deine Augen feucht würden. Das alles hat noch
+Zeit. Und du horchst so schön. Du hörst meine elende Geschichte an wie
+etwas Kleines, Feines und Gewöhnliches, wie etwas, das einfach nur
+Aufmerksamkeit heischt, weiter nichts, und so horchst du. Du kannst dich
+ganz riesig gut benehmen, wenn du dir recht Mühe gibst. Freilich,
+hochmütig bist du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen Ton
+jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was für ein Wort) steht dicht hinter mir.
+Sieh', so, wie ich jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen
+kalten scheußlichen Atem an, und ich sinke, sinke vor diesem Atem. Die
+Brust preßt es mir ab. Habe ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das
+traurig für dich? Ein wenig, nicht wahr. Doch du mußt das alles jetzt
+noch vergessen, hast du gehört? Vergessen! Ich komme wieder zu dir, so
+wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir geht. Nicht wahr, du wirst
+es zu vergessen suchen. Doch komm' her. Laß mich dir die Stirne
+berühren. Du bist brav.« -- Sie zog mich ganz leicht an sich und drückte
+mir so etwas wie Hauch auf die Stirne. Von Berühren, wie sie sagte, war
+gar keine Rede. Dann entfernte sie sich still und überließ mich meinen
+Gedanken. Gedanken? I wo. Ich dachte wieder einmal daran, daß mir Geld
+mangle. Das war mein Gedanke. So bin ich, so roh und so gedankenlos. Und
+dann ist die Sache ja die: herzliche Erschütterungen senken etwas wie
+Eiseskälte in meine Seele hinein. Unmittelbar zur Trauer veranlaßt,
+entschlüpft mir die Trauer-Empfindung vollständig. Ich lüge nicht gern.
+Überhaupt mir gegenüber lügen: was hätte das für einen Sinn? Ich lüge wo
+anders, aber nicht hier, vor mir selber. Nein, weiß der Kuckuck, da lebe
+ich, und Fräulein Benjamenta sagt so etwas Entsetzliches, und ich, der
+ich sie anbete, weiß nichts von Tränen? Ich bin gemein, das ist es. Doch
+halt. Zu sehr heruntermachen will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig,
+und deshalb -- --. Lügen sind das, lauter Lügen. Ich habe das ja alles
+eigentlich gewußt. Gewußt? Das ist wieder eine Lüge. Es ist mir nicht
+möglich, mir die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche ich Fräulein und
+schweige über diese Geschichte. Ihr gehorchen dürfen! So lange ich ihr
+gehorche, ist sie am Leben. --
+
+Angenommen, ich wäre Soldat (und ich bin meiner Natur nach ein
+ausgezeichneter Soldat), gemeiner Fußsoldat, und ich diente unter
+Napoleons Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab nach Rußland. Mit
+meinen Kameraden stünde ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und
+die vielen gemeinsam begangenen rohen Taten verbänden uns wie zu etwas
+zusammenhängend Eisernem. Grimmig würden wir vor uns herstarren. Ja, der
+Grimm, der unbewußte, stumpfe Zorn, der verbände uns. Und wir
+marschierten, immer das Gewehr umgehängt. In den Städten, durch die wir
+zögen, würde uns eine müßige, schlaffe, durch den Tritt unserer Füße
+entmoralisierte Menschenmenge begaffen. Aber dann würde es keine Städte
+mehr geben, oder nur noch ganz selten, sondern unabsehbare
+Länderstrecken würden sich vor unsern Augen und Beinen nach dem dünnen
+Horizont hinschleichen. Das Land kröche und schliche förmlich. Und nun
+würde der Schnee kommen und uns einschneien, aber immer würden wir
+weitermarschieren. Die Beine, das wäre jetzt alles. Stundenlang würde
+mein Blick zur nassen Erde gesenkt sein. Ich würde Muße haben zur Reue,
+zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer würde ich Schritt halten, Beine
+hin und her werfen und vorwärtsmarschieren. Übrigens gliche unser
+Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin und wieder erschien in weiter,
+weiter Ferne ein äffender Höhenzug, dünn wie die Kante eines
+Taschenmessers, eine Art Wald. Und da würden wir wissen, daß jenseits
+dieses Waldes, an dessen Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich
+weitere endlose Ebenen ausdehnten. Von Zeit zu Zeit fielen Schüsse. Bei
+diesen vereinzelten Tönen würden wir uns an das erinnern, was käme, an
+die Schlacht, die da eines Tages geschlagen werden würde. Und wir
+marschierten. Die Offiziere würden mit traurigen Mienen umherreiten,
+Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie gejagt von ahnungsvollem
+Entsetzen, am Zug vorüber. Man würde an den Kaiser, an den Feldherrn
+denken, nur ganz dunkel, aber immerhin, man würde ihn sich vorstellen,
+und das gewährte Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose
+kleine, aber furchtbare Unterbrechungen hemmten für kurze Zeiten den
+Marsch. Doch das würde man kaum merken, sondern marschierte weiter. Dann
+kämen mir die Erinnerungen, nicht deutliche, und doch überdeutliche. Sie
+würden mir am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen Beute,
+sie würden mich ins Heimatlich-Trauliche versetzen, an den goldenen, von
+zarten Nebeln bekränzten, rundlichen Rebhügel. Ich würde Kuhglocken
+schallen und ans Gemüt schlagen hören. Ein liebkosender Himmel böge sich
+wasserfarbig und tonreich über mir. Der Schmerz würde mich beinahe
+verrückt machen, doch ich marschierte weiter. Meine Kameraden zur linken
+und zur rechten Hand, der Vorder- und der Hintermann, das bedeutete
+alles. Das Bein würde arbeiten wie eine alte, aber immer noch gefügige
+Maschine. Brennende Dörfer würden den Augen ein täglich wiederholter,
+schon ganz uninteressanter Anblick sein, und über Grausamkeiten
+unmenschlicher Art würde man sich nicht wundern. Da fiele eines Abends,
+in der immer bitterer werdenden Kälte, mein Kamerad, er könnte ja
+Tscharner heißen, zu Boden. Ich würde ihm aufhelfen wollen, aber:
+»Liegen lassen!« würde der Offizier befehlen. Und man marschierte
+weiter. Dann, eines Mittags, sähen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch
+er würde lächeln, er würde uns bezaubern. Ja, diesem Menschen fiele es
+nicht ein, seine Soldaten durch eine düstere Miene zu entnerven und zu
+entmutigen. Siegesgewiß, zum voraus schon zukünftige Schlachten
+gewonnen, marschierten wir in dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen
+Märschen, würde es endlich zum Schlagen kommen, und es ist möglich, daß
+ich am Leben bliebe und wieder weitermarschierte. »Jetzt geht es nach
+Moskau, du!« würde einer in unserer Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich
+weiß nicht was für Gründen darauf, ihm zu antworten. Ich wäre nur noch
+der kleine Bestandteil an der Maschine einer großen Unternehmung, kein
+Mensch mehr. Ich wüßte nichts mehr von Eltern, nichts von Verwandten,
+Liedern, persönlichen Qualen oder Hoffnungen, nichts vom heimatlichen
+Sinn und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und Geduld würde mich zu
+einem festen, undurchdringlichen, fast ganz inhaltlosen Körper-Klumpen
+gemacht haben. Und so ginge es weiter, nach Moskau zu. Ich würde das
+Leben nicht verfluchen, dazu wäre es längst zu fluchwürdig geworden,
+kein Weh mehr empfinden, das Weh mit all seinen jähen Zuckungen würde
+ich längst ausempfunden und fertigempfunden haben. Das ungefähr, glaube
+ich, hieße Soldat unter Napoleon sein.
+
+»Du bist mir ein Rechter, du!« sagte Kraus zu mir, eigentlich ganz
+ungerechtfertigt, »du gehörst zu denen, die sich, so wertlos sie sein
+mögen, über gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich weiß es schon,
+schweig' nur. Du willst in mir einen sauren Pädagogen und Rechthaber
+erblickt haben. Geh' mir. Und was fühlst du denn, du und deinesgleichen,
+Prahlhanse, was ihr seid, was ernst-sein und achtsam-sein eigentlich
+sagen will. Du bildest dir auf deine springerische und tänzerische
+Leichtfertigkeit ganz gewiß, und mit ohne Zweifel ebenso viel Recht,
+nicht wahr, Königreiche ein? Du Tänzer, o ich durchschaue dich. Immer
+lachen über das Richtige und Ziemliche, das kannst du, das verstehst du
+vortrefflich, ja, ja, darin seid ihr, du und deine Stammesbrüder,
+Meister. Aber gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter,
+Blitz und Donner und Schicksalsschläge, gewiß noch nicht abgeschafft
+worden. Wegen eurer Grazie, ihr Künstler, was ihr doch seid, bieten sich
+dem Schaffenden, überhaupt Lebendigen, gewiß nicht plötzlich weniger
+Schwierigkeiten. Lerne du auswendig, das, was dir als Lektion
+vorschweben sollte, statt mir zeigen zu wollen, daß du auf mich
+herablachen kannst. Ist das ein Herrchen! Es will mir dartun, daß es
+sich brüsten kann, wenn es ihm paßt. Laß dir sagen, daß Kraus solche
+armseligen Schauspielereien einfach verachtet. Mach' etwas! Man kann dir
+das nicht dutzendmal genug auf die hochmütige Nase binden. Weißt du was,
+Jakob, Herr des Daseins: laß mich in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich
+bin überzeugt, es fallen dir welche vor die Füße, und du wirst sie nur
+aufzulesen brauchen. Alles schmeichelt euch ja, alles kommt euch
+entgegen, euch Besenbinder. Was? Du hast die Hände noch in der Tasche?
+Zwar, ich begreife es. Wem gebratene Tauben in den Mund fliegen, warum
+sollte der sich noch je überhaupt Mühe geben, so auszusehen wie einer,
+auf den eine Tat, eine Arbeit, eine händefordernde Anstrengung
+hinzutreten könnte? Bitte, gähne noch ein wenig. Es macht sich dann
+besser. So siehst du zu gefaßt, zu beherrscht, zu bescheiden aus. Oder
+willst du mir ein paar Vorschriften erteilen? Tu's nur. Ich bin sehr
+gespannt. Ach, mach' daß du wegkommst. An deiner albernen Gegenwart
+werde ich sonst noch ganz und gar an mir selbst irre, du altes
+-- -- -- ich hätte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet einen zu
+sündhaften Ausdrücken, der Ärgerniserreger, was er ist. Mach' dich
+unsichtbar oder beschäftige dich mit etwas. Und allen Anstand verlierst
+du auch, ja du, vor Vorstehers. Ich hab's schon gesehen. Aber wozu rede
+ich mit einem Lachbenzen? Gestehe, daß du ganz nett wärest, wenn du kein
+Narr wärst. Wenn du mir das gestehst, will ich dir um den Hals fallen.«
+-- »O Kraus, liebster aller Menschen,« sagte ich, »du höhnst, du
+spottest? Kann das Kraus? Ist das möglich?« -- Ich lachte hell auf und
+schlenderte in meine Kammer. Bald ist hier im Institut Benjamenta alles
+überhaupt nur noch ein Schlendern. Es sieht hier aus, als wenn so etwas
+wie »die Tage gezählt« wären. Aber man irrt sich. Vielleicht irrt sich
+auch Fräulein Benjamenta. Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns
+vielleicht alle.
+
+Ich bin jetzt ein Krösus. Zwar, was das schätzenswerte Geld anbetrifft
+-- -- still, nicht von Geldern reden. Ich führe ein sonderbares
+Doppelleben, ein geregeltes und ein ungeregeltes, ein kontrolliertes und
+ein unkontrollierbares, ein einfaches und ein höchst kompliziertes. Was
+will Herr Benjamenta sagen, wenn er bekennt, noch nie einen Menschen
+geliebt zu haben? Was hat es zu bedeuten, daß er mir, seinem Eleven und
+Sklaven, das sagt? Nun ja, Eleven sind Sklaven, junge, den Zweigen und
+Stämmen entrissene, dem unbarmherzigen Sturmwind überlieferte, übrigens
+schon ein wenig gelbliche Blätter. Ist Herr Benjamenta ein Sturmwind?
+Sehr wohl denkbar, denn ich habe ja schon oft Gelegenheit gehabt, das
+Brausen und Zürnen und dunkle Sichentladen dieses Sturmwindes zu spüren.
+Und dann ist er ja so allmächtig, und ich Zögling, wie winzig bin ich.
+Still, nicht von Allmacht reden. Man irrt sich stets, wenn man große
+Worte in den Mund nimmt. Herr Benjamenta ist der Erschütterung und
+Schwäche so fähig, so sehr fähig, daß es beinahe zum Lachen, vielleicht
+sogar zum Grinsen ist. Ich glaube, alles, alles ist schwach, alles muß
+wie Würmer zittern. Nun ja, und diese Erleuchtung, diese Gewißheit macht
+mich zum Krösus, d. h. zum Kraus. Kraus liebt und haßt nichts, daher ist
+er ein Krösus, es grenzt etwas in ihm ans Unanfechtbare. Wie ein Felsen
+ist er, und das Leben, die stürmische Welle, zerspritzt sich an seinen
+Tugenden. Seine Natur, sein Wesen ist ganz voll behangen von Tugenden.
+Man kann ihn kaum lieben, von hassen schon gar keine Rede. Das Hübsche,
+Anziehende mag man gern, und daher ist auch das Schöne und Hübsche der
+Gefahr des Gefressenwerdens oder Mißbrauchtwerdens in so hohem Maße
+ausgesetzt. An Kraus heran wagen sich keine verzehrenden, fressenden
+Lebens-Zärtlichkeiten. Wie verloren eigentlich, aber doch, wie fest, wie
+unnahbar steht er da. Wie ein Halbgott. Doch das versteht niemand, und
+auch ich -- -- -- manchmal rede und denke ich geradezu über den eigenen
+Verstand. Ich hätte daher vielleicht Pfarrer, Anführer einer religiösen
+Sekte oder Strömung werden sollen. Nun, das kann ich ja noch. Ich kann
+noch alles Mögliche aus mir machen. Aber Benjamenta? -- Ich weiß es
+genau, er wird mir jetzt bald einmal seine Lebensgeschichte erzählen. Es
+wird ihn drängen zu Offenheiten, zu Erzählungen. Sehr wahrscheinlich.
+Und merkwürdig: manchmal ist mir, als wenn ich mich von diesem Mann,
+diesem Riesen, nie trennen sollte, nie mehr, als ob wir beide in Eines
+verschmolzen wären. Aber man irrt sich ja immer. Gefaßt, einigermaßen
+gefaßt sein, das will ich. Auch nicht zu sehr, nein. Zu sehr gefaßt sein
+hieße zu frech sein. Wozu Bedeutsames im Leben gewärtigen? Muß das sein?
+Ich bin ja etwas so Kleines. Daran, daran halte ich ungebunden fest,
+daran, daß ich klein, klein und nichtswürdig bin. Und Fräulein
+Benjamenta? Wird sie wirklich sterben? An das wage ich nicht zu denken,
+und ich darf auch nicht. Ein höheres Empfinden verbietet es mir. Nein,
+ich bin kein Krösus. Und was das Doppelleben betrifft, so führt
+jedermann eigentlich ein solches. Wozu sich da brüsten? Ach, all diese
+Gedanken, all dieses sonderbare Sehnen, dieses Suchen, dieses
+Hände-Ausstrecken nach einer Bedeutung. Mag es träumen, mag es schlafen.
+Ich lasse es einfach nun kommen. Mag es kommen.
+
+Ich schreibe in fliegender Hast. Ich bebe am ganzen Körper. Es flackert
+vor meinen Augen wie auf und ab tanzende Irrlichter. Etwas Furchtbares
+ist geschehen, scheint geschehen, kaum bin ich meiner selber und dessen
+bewußt, was vorfiel. Herr Benjamenta hat einen Anfall gehabt und hat
+mich -- erwürgen wollen. Ist das wahr? O weh, alle meine Gedankenkräfte
+schwinden, und ich kann mir nicht sagen, ob alles das wahr ist, was da
+vorging. Aber ich merke an der Zerrüttung, die mich beherrscht, daß es
+wahr ist. Der Vorsteher kam in eine unbeschreibliche Wut hinein. Er
+glich einem Simson, jenem Mann aus der Geschichte Palästinas, der an den
+Säulen eines hohen, menschenerfüllten Hauses rüttelte, bis der
+festliche, lüsterne Palast, bis der steinerne Triumph, bis die Bosheit
+zusammenstürzte. Zwar hier, d. h. vor kaum einer Stunde, war ja durchaus
+keine Bosheit, keine Niedertracht umzuwerfen, und Säulen und Pfeiler gab
+es ebenfalls keine, aber es sah doch so aus, genau so, und ich geriet in
+eine nie vorher gekannte, hasenartige, schreckliche Angst hinein. Ja,
+ein Hase war ich, und in der Tat, ich hatte auch Ursache zur
+hasenartigen Flucht, sonst wäre es mir sicher elend ergangen. Ich
+entschlüpfte mit, ich kann es nicht anders sagen, wunderbarer
+Behendigkeit seinen zusammenschnürenden Fäusten, und ich glaube, ich
+habe ihn, den großen Herrn Benjamenta, den Riesen Goliath, sogar in den
+Finger gebissen. Vielleicht rettete der rasche, energische Biß mir das
+Leben, denn es ist leicht möglich, daß der Schmerz, den die Wunde ihm
+beibrachte, ihn plötzlich wieder an Art und Weise, an Vernunft und
+Menschlichkeit erinnerte, derart, daß ich einer groben Verletzung des
+zöglinghaften Anstandes möglicherweise das Leben zu verdanken habe.
+Gewiß, die Gefahr, erdrückt zu werden, lag nahe, aber, wie ist das alles
+gekommen, wie war das alles möglich? Gleich einem Rasenden hat er sich
+auf mich gestürzt. Geworfen hat er sich mit seinem mächtigen Körper auf
+mich wie ein dunkles Stück verrückt gewordenen Jähzornes; wie eine
+Meerwelle kam es auf mich zu, um mich zu zerschmettern an den harten
+Wasserwänden. Ich fable da von Wasser. Das ist Unsinn, gewiß, aber ich
+bin eben noch ganz benommen, ganz verwirrt und erschüttert. »Was machen
+Sie da, verehrter, lieber Herr Vorsteher? He?« schrie ich aus und rannte
+wie besessen zur Bureautüre hinaus. Und da horchte ich wieder. So wie
+ich mit heiler Haut im Korridor stand, schob ich, allerdings zitternd
+mit all meinen Gliedern, mein Ohr ans Schlüsselloch und horchte. Da
+hörte ich's leise lachen. Ich stürzte hierher an den Schultisch, und
+hier bin ich, und ich weiß nicht, ob ich das geträumt, oder ob ich das
+tatsächlich erlebt habe. Nein, nein, es ist, es ist Tatsache. Wenn doch
+nur Kraus käme. Mir ist doch ein wenig bange. Wie nett wäre es, wenn der
+gute Kraus käme und mir wieder ein wenig, wie schon so oft, die Leviten
+läse. Ich möchte ein wenig ausgeschimpft, abgekanzelt, verknurrt und
+verdonnert werden, das würde mir unsagbar wohltun. Bin ich ein Kind? --
+
+Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich,
+wird an mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so
+gewachsen, älter geworden, aber das Wesen blieb. Ich finde an dummen
+Streichen noch ebenso viel Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es
+ja, ich habe eigentlich nie dumme Streiche gemacht. Meinem Bruder habe
+ich ganz früh einmal ein Loch in den Kopf geschlagen. Das war ein
+Geschehnis, kein dummer Streich. Gewiß, Dummheiten und Jungenhaftigkeiten
+gab es die Menge, aber der Gedanke interessierte mich immer mehr als die
+Sache selber. Ich habe früh begonnen, überall, selbst in den dummen
+Streichen, Tiefes herauszuempfinden. Ich entwickle mich nicht. Das ist
+ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde ich nie Äste und Zweige
+ausbreiten. Eines Tages wird von meinem Wesen und Beginnen irgend ein
+Duft ausgehen, ich werde Blüte sein und ein wenig, wie zu meinem eigenen
+Vergnügen, duften, und dann werde ich den Kopf, den Kraus einen dummen,
+hochmütigen Trotzkopf nennt, neigen. Die Arme und Beine werden mir
+seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles
+wird brechen und welken, und ich werde tot sein, nicht wirklich tot, nur
+so auf eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre
+so dahinleben und -sterben. Ich werde alt werden. Doch ich habe kein
+Bangen vor mir. Ich flöße mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere
+ja mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, und es läßt mich ganz kalt. O
+in Wärme kommen! Wie herrlich! Ich werde immer wieder in Wärme kommen
+können, denn mich wird niemals etwas Persönliches, Selbstisches am
+Warmwerden, am Entflammen und am Teilnehmen verhindern. Wie glücklich
+bin ich, daß ich in mir nichts Achtens-und Sehenswertes zu erblicken
+vermag. Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein
+Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluß gebieten, ich würde
+die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber
+würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur
+in den untern Regionen atmen.
+
+Ich gehe durchaus mit den Vorschriften, die hier -- immer noch --
+gelten, einig, wenn sie befehlen, daß die Augen des Zöglings und
+Lebenslehrlings glänzen müssen vor Munterkeit und gutem Willen. Ja,
+Augen müssen Festigkeit der Seele ausstrahlen. Ich verachte Tränen, und
+doch habe ich geweint. Allerdings mehr innerlich, aber das ist
+vielleicht gerade das Schauderhafteste. Fräulein Benjamenta sagte zu
+mir: »Jakob, ich sterbe, weil ich keine Liebe gefunden habe. Das Herz,
+das kein Würdiger zu besitzen, zu verwunden begehrt hat, es stirbt
+jetzt. Ich sage dir adieu, Jakob, schon jetzt. Ihr Knaben, Kraus, du und
+die andern, ihr werdet dann ein Lied singen am Bett, in dem ich liegen
+werde. Klagen werdet ihr, leise klagen. Und jeder von euch, ich weiß
+es, wird eine frische, vielleicht gar vom Naturtau noch feuchte Blume
+auf das Laken legen. Laß mich dich, junges Menschenherz, ganz ins
+geschwisterliche, ins lächelnde Vertrauen ziehen. Ja, dir, Jakob, etwas
+anzuvertrauen, das ist so natürlich, denn man meint, du, der du so
+aussiehst wie jetzt, du müßtest für alles und jedes, selbst für das
+Unsagbare und Unhörbare, ein Ohr, eine horchende Brust, ein Auge, eine
+Seele und ein mitleidendes, mitempfindendes Verständnis haben. Ich gehe
+am Unverständnis derjenigen, die mich hätten sehen und fassen sollen, am
+Wahn der Vorsichtigen und Klugen, und an der Lieblosigkeit des Zauderns
+und des Nicht-recht-mögens zugrunde. Man glaubte mich eines Tages zu
+lieben, und mich zu haben zu wünschen, doch man zauderte, man ließ mich
+stehen, und auch ich zauderte, aber ich bin ja ein Mädchen, ich mußte
+zaudern, ich durfte und sollte es. Ah, wie hat mich die Untreue
+betrogen, wie haben mich Leerheit und Fühllosigkeit eines Herzens
+gepeinigt, an das ich glaubte, weil ich glaubte, es sei voll von echten,
+drängenden Gefühlen. Etwas, das überlegen und unterscheiden kann, ist
+kein Gefühl. Ich spreche zu dir von dem Mann, an den anmutige süße
+Träume mich glauben, unbedenklich glauben hießen. Ich kann dir nicht
+alles sagen. Laß mich lieber schweigen. O das Vernichtende, das mich
+tötet, Jakob. Die Trostlosigkeiten alle, die mich brechen! -- Doch
+genug. Sage, hast du mich lieb, wie junge Brüder Schwestern lieb haben?
+Schon gut. Jakob, nicht wahr, es ist alles ganz gut, so wie es ist?
+Nein, nicht wahr, wir beide, wir wollen nicht grollen, nicht zweifeln?
+Und nicht wahr, nie wieder irgend etwas zu begehren haben, ist schön?
+Oder nicht? Ja, ja doch. Das ist schön. Komm' und laß mich dich küssen,
+ein einziges unschuldiges Mal. Sei weich. Ich weiß, du weinst nicht
+gern, aber jetzt laß uns ein wenig zusammen weinen. Und ganz still
+jetzt, ganz still.« Sie fügte nichts mehr hinzu. Es war, als wenn sie
+vieles noch hätte sagen wollen, doch als wenn sie für ihre Empfindungen
+keine Worte mehr fände. Draußen im Hof schneite es in nassen großen
+Flocken. Das erinnerte mich an den Schloßhof, an die innern Gemächer, wo
+es ebenfalls in nassen großen Flocken geschneit hatte. Die innern
+Gemächer! Und ich dachte mir immer, Fräulein Benjamenta sei die Herrin
+dieser innern Gemächer. Ich habe sie mir immer als zarte Prinzessin
+gedacht. Und jetzt? Fräulein Benjamenta ist ein leidender feiner
+weiblicher Mensch. Keine Prinzessin. Sie wird also eines Tages da
+drinnen im Bett liegen. Der Mund wird starr sein, und um die leblose
+Stirne werden sich die Haare trügerisch kräuseln. Doch wozu sich das
+ausmalen? Jetzt gehe ich zum Vorsteher. Er hat mir sagen lassen, ich
+solle zu ihm kommen. Auf der einen Seite eine Mädchenklage und -leiche,
+auf der andern Seite ihr Bruder, der noch gar nicht gelebt zu haben
+scheint. Ja, Benjamenta kommt mir wie ein ausgehungerter, eingesperrter
+Tiger vor. Und wie? Ich, ich begebe mich in den gähnenden Rachen hinein?
+Nur hinein! Mag er seinen Mut kühlen an einem wehrlosen Zögling. Ich
+stehe ihm zur Verfügung. Ich fürchte ihn, und zugleich ist etwas in mir,
+das ihn auslacht. Außerdem ist er mir ja noch die Erzählung seiner
+Lebensgeschichte schuldig. Er hat mir das fest versprochen, und ich
+werde ihn daran zu erinnern wissen. Ja, so kommt er mir vor: noch gar
+nicht gelebt hat er. Will er sich jetzt etwa an mir ausleben? Nennt er
+etwa gar Verbrechenausüben Ausleben? Das wäre dumm, sehr dumm, und
+gefährlich. Aber es zwingt mich! Ich muß zu diesem Menschen hineingehen.
+Eine Seelengewalt, die ich nicht verstehe, nötigt mich, ihn immer wieder
+von neuem aushorchen, ausforschen zu gehen. Mag mich der Vorsteher
+fressen, mit andern Worten, mir Leid und Schmach antun. Jedenfalls bin
+ich dann an etwas Großherzigem zugrunde gegangen. Hinein jetzt ins
+Kontor. Die arme Lehrerin! --
+
+Ein wenig verächtlich, muß ich sagen, sonst aber ganz zutraulich (ja,
+eben deshalb so zutraulich, weil verächtlich), klopfte mir der Vorsteher
+mit der Hand auf die Schulter und lachte mich mit seinem breiten aber
+wohlgeformten Mund an. Die Zähne kamen dabei zum Vorschein. »Herr
+Vorsteher,« sagte ich unglaublich zornig, »ich muß bitten, mich mit
+etwas weniger kränkender Freundlichkeit zu behandeln. Noch bin ich Ihr
+Zögling. Im übrigen verzichte ich, und das nicht ausdrücklich genug, auf
+Gnaden. Seien Sie einem Lumpen gegenüber herablassend und gütig. Mein
+Name ist Jakob von Gunten, und das ist ein zwar junger, aber trotzdem
+seiner Würde bewußter Mensch. Ich bin nicht zu entschuldigen, das sehe
+ich, aber auch nicht zu beleidigen, das verhindere ich.« -- Und mit
+diesen geradezu lächerlich anmaßenden Worten, mit diesen so wenig ins
+gegenwärtige Zeitalter passenden Worten stieß ich die Hand des Herrn
+Vorstehers zurück. Darauf lachte Herr Benjamenta noch fröhlicher und
+sagte: »Ich muß mich einfach halten, ich muß dich anlachen, Jakob, und
+ich muß mich halten, daß ich dich nicht küsse, du prachtvoller Bursche.«
+-- Ich rief aus: »Mich küssen? Sind Sie verrückt geworden, Herr
+Vorsteher? Ich will nicht hoffen.« -- Ich staunte selber über die
+Ungeniertheit, mit der ich das sagte, und ich trat, wie um einem Hieb
+auszuweichen, unwillkürlich einen Schritt zurück. Herr Benjamenta aber,
+die Güte und Schonung selber, sagte mit vor seltsamer Genugtuung
+bebenden Lippen: »Junge, Knabe, du bist köstlich. Mit dir zusammen in
+Wüsten oder auf Eisbergen im nördlichen Meere zu leben, das würde mich
+locken. Komm' her. Ei, der Teufel, fürchte dich doch, bitte, nicht vor
+mir. Nichts tu' ich dir. Was könnte, was vermöchte ich dir denn anzutun?
+Dich wertvoll und selten empfinden, sieh, das muß ich, das tu' ich, aber
+davor brauchst du doch keine Angst zu haben. Im übrigen, Jakob, und
+jetzt ganz ernsthaft gesagt, höre: Willst du ganz, ganz bei mir bleiben?
+Du verstehst das nicht recht, also laß dir das ruhig auseinandersetzen.
+Hier geht es zu Ende, verstehst du das?« -- Ich platzte dumm heraus mit
+den Worten: »Ah, Herr Vorsteher, meine Ahnungen!« -- Er lachte von neuem
+und sprach: »Sieh da, geahnt hast du es schon, daß das Institut
+Benjamenta gleichsam heute noch lebt und morgen nicht mehr. Ja, so kann
+man sagen. Du bist der letzte Schüler gewesen. Ich nehme keine Zöglinge
+mehr an. Blick' mich an. Mich freut es so mächtig, verstehst du, daß ich
+dich, den jungen Jakob, noch habe kennen lernen dürfen, einen so
+rechtgearteten Menschen, bevor ich hier zuschließe für immer. Und nun
+frage ich dich, Schelm, der du mich mit so eigenartigen fröhlichen
+Ketten fesselst, willst du mit mir gehen, wollen wir zusammenbleiben,
+zusammen irgend etwas anfangen, etwas unternehmen, wagen, schaffen,
+wollen wir beide, du der Kleine, ich der Große, zusammen versuchen, wie
+wir das Leben bestehen? Bitte, antworte sogleich.« -- Ich erwiderte:
+»Meiner Ansicht nach hat die Beantwortung dieser Frage noch Zeit, Herr
+Vorsteher. Aber was Sie sagen, interessiert mich, und ich werde mir die
+Sache, etwa bis morgen, überlegen. Doch glaube ich, daß ich mit ja
+antworten werde.« -- Herr Benjamenta konnte sich, wie es schien, nicht
+enthalten, zu sagen: »Du bist entzückend.« -- Nach einer Pause nahm er
+das Wort wieder und sagte: »Denn schau', mit dir ließe sich so etwas wie
+eine Gefahr, wie ein kühnes, abenteuerliches, entdeckerisches
+Unternehmen bestehen. Aber es kann ruhig auch irgend etwas Feines und
+Sittsames sein, das wir machen können. Du bist von beiderlei Blut, von
+zartem und unerschrockenem. Mit dir vereint wagt man entweder etwas
+Mutiges oder etwas sehr Delikates.« -- »Herr Vorsteher,« sagte ich,
+»schmeicheln Sie mir nicht, das ist garstig und erregt Verdacht. Und
+dann halt! Wo ist die Geschichte Ihrer Vergangenheit, die Sie mir zu
+erzählen versprochen haben, wie Sie sich wohl noch erinnern werden?« --
+In diesem Augenblick riß jemand die Türe auf. Kraus, er war es, stürzte
+atemlos, ganz blaß im Gesicht, und unfähig, die Meldung, die er offenbar
+auf den Lippen hatte, vorzutragen, ins Zimmer herein. Er machte nur eine
+hastige Geste, wir sollten kommen. Wir alle drei traten in die dunkelnde
+Schulstube. Was wir hier sahen, machte uns erstarren.
+
+Am Boden lag das entseelte Fräulein. Der Vorsteher ergriff ihre Hand,
+ließ sie aber, wie von Schlangen gebissen, fahren und schauderte, von
+Entsetzen gepackt, zurück. Dann kam er wieder in die Nähe der Toten,
+schaute sie an, entfernte sich wieder, um gleich wieder heranzutreten.
+Kraus kniete zu ihren Füßen. Ich hielt den Kopf der Lehrerin in beiden
+Händen, damit er den harten Boden nicht zu berühren brauchte. Die Augen
+standen noch offen, nicht sehr weit, sondern gleichsam blinzelnd. Herr
+Benjamenta schloß sie. Auch er kniete am Boden. Wir alle drei sprachen
+kein Wort, aber wir waren nicht in »tiefe Gedanken versunken«.
+Wenigstens ich konnte an nichts Ausgeprägtes denken. Aber ich war ganz
+ruhig. Ich kam mir sogar, so eitel das auch klingt, gut und schön vor.
+Ich hörte von irgend woher ein ganz dünnes Geriesel von Melodien.
+Linien und Strahlen bogen sich vor meinen Augen hin und her. »Ergreift
+sie,« sagte leise Herr Vorsteher, »kommt. Tragt sie ins Wohnzimmer.
+Sachte, sachte, o sachte anfassen. Sorgsam, Kraus. Um Gotteswillen,
+nicht so rauh. Jakob, gib acht, ja? Nicht irgendwo anstoßen. Ich will
+euch helfen. Ganz langsam vorwärts. So. Und einer strecke die Hand aus
+und öffne die Türe. So, so. Es geht. Nur sorgfältig.« -- Er sprach
+meiner Ansicht nach überflüssige Worte. Wir trugen Fräulein Lisa
+Benjamenta aufs Bett, dessen Decke der Vorsteher rasch wegriß, und nun
+lag sie da, wie sie es mir zum voraus gleichsam angekündigt hatte. Und
+dann kamen die Schulkameraden, und alle sahen es, und dann standen wir
+alle so da, am Bett. Herr Vorsteher gab uns einen verständlichen Wink,
+und wir Eleven und Knaben fingen an, im Chor gedämpft zu singen. Das war
+die Klage, die das Mädchen gewünscht hatte zu vernehmen, wenn sie auf
+dem Lager läge. Und jetzt, so bildete ich es mir ein, vernahm sie den
+leisen Gesang. Es war uns, glaube ich, allen, als wäre es
+Unterrichtsstunde, und wir sängen auf Befehl der Lehrerin, der wir immer
+so rasch gehorchten. Als das Lied zu Ende gesungen war, trat Kraus aus
+dem Halbkreis, den wir gebildet hatten, vor und sprach, ein wenig
+langsam, aber um so eindringlicher, folgendes: »Schlafe, ruhe süß,
+verehrtes Fräulein. (Er sprach sie, die Tote, mit du an. Mir gefiel
+das.) Entwunden bist du den Schwierigkeiten, entfesselt vom Bangen,
+befreit von den Sorgen und Schicksalen der Erde. Wir haben dir am Bett
+gesungen, Verehrte, wie du es befahlst. Sind wir, deine Zöglinge, nun
+verlassen? So scheint es, so ist es. Doch du, Frühgestorbene, wirst
+unsern Gedächtnissen nie, nie entschwinden. Du wirst am Leben bleiben in
+unsern Herzen. Wir, deine Knaben, die du gemeistert und beherrscht hast,
+wir werden uns im flatterhaften und mühevollen Leben, Gewinn und
+Unterkommen suchend, zerstreuen, so, daß vielleicht alle alle nie wieder
+finden und sehen. Aber wir alle werden an dich denken, Erzieherin, denn
+die Gedanken, die du uns eingeprägt, die Lehren und Kenntnisse, die du
+in uns befestigt hast, werden uns immer an dich, die Schöpferin des
+Guten, was in uns ist, erinnern. Ganz von selber. Essen wir, so wird uns
+die Gabel sagen, wie du wünschtest, daß wir sie führen und handhaben
+sollen, und wir werden anständig zu Tisch sitzen, und das Bewußtsein,
+daß wir das tun, wird uns an dich zurückdenken machen. In uns
+herrschest, gebietest, lebst, erziehst und fragst und tönst du weiter.
+Irgend einer von uns Zöglingen, der es etwas weiter als der andere im
+Leben bringt, wird vielleicht seinen zurückgebliebenen ärmeren
+Kameraden, wenn er ihn antrifft, nicht mehr kennen wollen. Gewiß. Doch
+dann denkt er unwillkürlich ans Institut Benjamenta zurück und an die
+Herrin, und er wird sich schämen, deine Grundsätze so rasch und so
+hochmütig verleugnet und vergessen zu haben. Und er wird dem Kameraden,
+dem Bruder, dem Menschen ohne alle Überlegung die Hand zum Gruß reichen.
+Was lehrtest du uns, Verblichene? Du sagtest uns stets, wir sollten
+bescheiden und willig bleiben. Ah, das werden wir nie vergessen, so
+wenig wie wir die liebe Person, die es ausgesprochen hat, werden
+überwinden und vergessen können. Schlaf' wohl, du Verehrte. Träume!
+Schöne Einbildungen mögen dich flüsternd umschweben. Die Treue, die
+glücklich ist, dir nahe zu sein, beuge ihr Knie vor dir, und die
+dankbare Anhänglichkeit und das erinnerungslüsterne, zärtliche
+Nie-Vergessen-Können streuen Blüten, Zweige, Blumen und Worte der Liebe
+dir um Stirne und Hände. Wir, deine Zöglinge, wir wollen jetzt noch
+eines singen, und dann haben wir die Gewißheit, daß wir an deinem
+Totenlager, das uns das Lustlager frohen und hingebungsvollen Gedenkens
+sein wird, gebetet haben. So lehrtest ja du uns beten. Du sagtest:
+Singen sei Beten. Und du wirst uns hören, und wir werden uns einbilden,
+du lächeltest. Uns will es die Herzen zerschneiden, dich hier liegen zu
+sehen, dich, deren Bewegungen uns vorgekommen sind wie dem Durstigen
+frisches, belebendes Quellwasser. Ja, schmerzvoll ist das. Doch wir
+beherrschen uns, und gewiß wünschtest auch du das. So sind wir gefaßt.
+So gehorchen wir dir und singen.« -- Kraus trat vom Lager zu uns zurück
+und wir sangen noch ein Lied, das ebenso leise dahin- und daherklang wie
+das erste. Dann traten wir, einer hinter dem andern, ans Bett, und jeder
+drückte einen Kuß auf die Hand des toten Mädchens. Und jeder von den
+Eleven sprach etwas. Hans sagte: »Ich will es Schilinski erzählen. Und
+Heinrich muß es auch wissen.« -- Schacht meinte: »Lebe wohl, du warst
+immer so gut.« Peter: »Ich will deine Gebote befolgen.« Dann traten wir
+in die Schulstube zurück, indem wir den Bruder bei der Schwester, den
+Vorsteher bei der Vorsteherin, den Lebendigen bei der Toten, den
+Einsamen bei der Einsamen, den Schmerzgebeugten bei der Vollendeten,
+Herrn Benjamenta bei Fräulein Benjamenta allein ließen.
+
+Ich habe von Kraus Abschied nehmen müssen. Kraus ist gegangen. Ein
+Licht, eine Sonne ist geschwunden. Mir ist es, als wenn es von jetzt ab
+in der Welt und Umwelt nur noch Abend sein könnte. Bevor eine Sonne
+untertaucht, wirft sie noch rötliche Strahlen über die dunkelnde
+Gegenwart, ähnlich Kraus. Er hat mich, bevor er ging, rasch noch einmal
+ausgescholten, und der ganze veritable Kraus ist dabei noch ein letztes
+Mal zum leuchtenden Vorschein gekommen. »Adieu, Jakob, bessere dich,
+ändere dich,« sagte er zu mir, indem er mir, beinahe ärgerlich darüber,
+daß er es tun mußte, die Hand reichte. »Ich gehe jetzt fort, in die
+Welt, in den Dienst. Das wirst auch du hoffentlich bald tun müssen.
+Schaden wird es dir sicher nicht. Ich wünsche dir Hiebe auf deinen
+Unverstand hinauf. Man soll dich tüchtig bei den ungezogenen Ohren
+nehmen. Lache nur nicht noch beim Abschied. Übrigens ziemte dir das. Und
+wer weiß, vielleicht sind die Verhältnisse dieser Welt so töricht, daß
+sie dich in die Höhe heben. Dann kannst du in der Unverschämtheit, im
+Trotz, in der Überhebung und in der lächelnden Trägheit, in Spott und
+allen möglichen Sorten Unarten ruhig und frech fortfahren und sorgenlos
+bleiben, was du bist. Dann kannst du dich brüsten bis zum Zersprengen,
+mit all dem, was du dir hier im Institut Benjamenta nicht hast
+abgewöhnen wollen. Aber ich hoffe, daß Sorgen und Mühen dich in ihre
+harte, untugendenzerschmetternde Schule nehmen. Sieh', Kraus spricht
+hart. Und doch meine ich es vielleicht besser mit dir Bruder Lustig, als
+die, die dir Glück in den Schoß und ins offene Maul wünschen würden.
+Arbeite mehr, wünsche weniger, und noch etwas: bitte vergiß mich ganz.
+Ich würde mich nur ärgern, wenn ich dächte, du habest für mich irgend
+einen abgelegten alten, schäbigen, solch einen tänzelnden Komm' ich
+heute nicht-komm' ich morgen-Gedanken übrig. Nein, Bürschchen, merke
+dir's, Kraus braucht keinen von deinen von Guntenschen Späßen.« --
+»Liebloser, lieber Mensch,« rief ich voller banger Abschiedsahnungen und
+-empfindungen aus. Und ich wollte ihn umarmen. Doch er verhinderte das
+auf die einfachste Art der Welt, indem er sich rasch, und für immer,
+entfernte. »Heute noch ein Institut Benjamenta und morgen keines mehr,«
+sprach ich laut zu mir selber. Ich trat zu Herrn Vorsteher herein. Es
+war mir, als wenn die Welt einen glühend-zündend-klaffenden Riß von
+einer räumlichen Möglichkeit bis zur entgegengesetzten andern bekommen
+hätte. Mit Kraus war die Hälfte des Lebens gegangen. »Von jetzt ab ein
+anderes Leben!« murmelte ich. Es ist übrigens ganz einfach: ich war
+betrübt und ein wenig bestürzt. Wozu sich in großen Worten ergehen? Vor
+dem Vorsteher verneigte ich mich förmlicher als je, und es erschien mir
+schicklich, »guten Tag, Herr Vorsteher« zu sagen. »Bist du toll, alter
+Junge?« rief er. Er kam mir entgegen und würde mich umarmt haben, aber
+ich verhinderte das, indem ich ihm einen Schlag auf den ausgestreckten
+Arm versetzte. »Kraus ist gegangen,« sagte ich tiefernst. Wir schwiegen
+und begnügten uns, uns ziemlich lange anzuschauen.
+
+»Ich habe,« sagte dann Herr Benjamenta in ruhigem, männlichem Ton, »den
+andern allen, deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft. Nur noch
+wir drei, du, ich und sie, die da drinnen auf dem Bett liegt, bleiben
+noch hier. Die Tote (warum nicht ruhig über die Toten reden? Sie leben
+ja. Nicht wahr?), sie wird morgen abgeholt werden. Das ist ein
+häßlicher, aber notwendiger Gedanke. Heute sind wir drei noch zusammen.
+Und wir werden die Nacht über wach bleiben. Wir beide werden reden an
+ihrem Lager. Und wenn ich nun so denke, wie du da eines Tages mit der
+Bitte, Forderung und Frage anlangtest, in die Schule aufgenommen zu
+werden, packt mich eine unerhörte Lebens- und Lachlust. Ich bin über
+Vierzig. Ist das alt? Es war alt, doch jetzt, wie du so da bist, Jakob,
+bedeutet es grünende und kräftig knospende Jugend, dieses
+Vierziger-Alter. Mit dir, du Gemüt von einem Jungen, ist frisches, ist
+überhaupt erst Leben über mich und in mich hineingekommen. Ich habe
+hier, siehst du, hier im Bureau, schon verzweifelt, bin hier schon ganz
+eingetrocknet, habe mich hier geradezu begraben. Ich haßte, haßte, haßte
+die Welt. Unsagbar ist von mir alles dies Wesen, Bewegen und Leben
+gehaßt und gemieden worden. Da tratest du ein, frisch, dumm, unartig,
+frech und blühend, duftend von unverdorbenen Empfindungen, und ganz
+natürlich schnauzte ich dich mächtig an, aber ich wußte es, so wie ich
+dich nur sah, daß du ein Prachtbursche seiest, mir, wie es mir vorkam,
+vom Himmel heruntergeflogen, von einem alleswissenden Gott mir gesandt
+und geschenkt. Ja, dich brauchte ich gerade, und ich lächelte immer
+heimlich, wenn du von Zeit zu Zeit zu mir eintratest, um mich mit deinen
+reizenden Frechheiten und Grobheiten, die mir wie gutgelungene Gemälde
+erschienen, zu belästigen. O nein, zu betören. Ruhig, Benjamenta, ruhig.
+-- Hast du es, sage mir das, nie bemerkt, daß wir Zwei Freunde waren?
+Doch still. Und wenn ich dann so meine Würde vor dir bewahrte, o dann
+hätte ich sie zerreißen mögen, zerreißen in Fetzen. Wie rasend förmlich
+du dich sogar heute noch vor mir verbeugt hast! Doch höre, wie ist es
+eigentlich nur mit dem Wutanfall von neulich? Habe ich dir wehtun
+wollen? Wollte ich mir selber einen tödlichen Streich versetzen?
+Vielleicht weißt du es, Jakob? Ja? Dann, bitte, kläre mich sofort auf.
+Sofort, hast du verstanden! Wie ist mir? Wie? Was sagst du?« -- »Ich
+weiß es nicht. Ich hielt Sie für wahnsinnig, Herr Vorsteher,« sagte
+ich. Es überlief mich kalt angesichts der überströmenden Zärtlichkeit
+und Lebenslust, die aus den Augen des Mannes hervorbrachen. Wir
+schwiegen eine Weile. Plötzlich kam mir der Einfall, Herrn Benjamenta an
+die Geschichte seines Lebens zu erinnern. Das war sehr gut. Das konnte
+ihn unter Umständen zerstreuen, ihn von mörderischen neuen Anfällen
+abhalten. Ich war in diesem Moment fest überzeugt, daß ich mich in den
+Krallen eines halb-Verstandlosen befände, und ich sagte daher rasch,
+indem mir der Schweiß über die Stirne herabrann: »Ja, Ihre Geschichte,
+Herr Vorsteher? Wie ist es damit? Wissen Sie, daß ich Andeutungen
+verabscheue? Sie haben mir dunkel angedeutet, daß Sie ein entthronter
+Herrscher seien. Nun wohlan. Bitte, drücken Sie sich deutlich aus. Ich
+bin sehr gespannt.« -- Er kraute sich ganz verlegen hinter dem Ohr. Dann
+wurde er plötzlich geradezu böse, kleinlich böse, und er herrschte mich
+im Feldwebelston an: »Abtreten. Mich allein lassen!« -- Nun, ich ließ
+mir das nicht zweimal sagen, sondern verschwand augenblicklich. Schämte
+er sich, grämte er sich um irgend etwas, dieser König Benjamenta, dieser
+Löwe im Käfig? Jedenfalls war ich wieder einmal recht froh, draußen im
+Korridor stehen und lauschen zu können. Es herrschte Totenstille. Ich
+ging in die Kammer, zündete einen Kerzenstumpf an und vertiefte mich in
+den Anblick des Bildes von Mama, das ich stets sorgsam aufbewahrt hatte.
+Später klopfte es an die Türe. Es war der Vorsteher, er war ganz schwarz
+angezogen. »Komm,« befahl er mit eiserner Strenge. Wir gingen ins
+Wohnzimmer, um bei der Entschlafenen zu wachen. Herr Benjamenta wies mir
+mit einer leichten Handbewegung meinen Platz an. Wir setzten uns.
+Gottlob, ich spürte wenigstens gar keine körperliche Müdigkeit. Das war
+mir sehr lieb. Das Gesicht der Toten war schön geblieben, ja, es schien
+sogar noch anmutiger geworden zu sein, und noch etwas: von Moment zu
+Moment schien immer mehr Schönheit, Rührung und Anmut darauf
+niederzufallen. Etwas wie lächelnde Vergebung jeder Art Fehltrittes
+schien im Wohnzimmer zu schweben und leise zu tönen. Es zirpte so. Und
+es war auf so helle, lichte Art ernst in der Stube. Nichts, nichts
+Unheimliches. Mir wurde es schön zumut, denn schon das allein, daß ich
+hier wachte, ließ mich die Ruhe, die in einer stillen Pflichterfüllung
+liegt, angenehm empfinden.
+
+»Später, Jakob,« ergriff der Vorsteher das Wort, indem wir so saßen,
+»später erzähle ich dir alles. Wir werden ja doch zusammenbleiben. Ich
+glaube ganz fest, sogar felsenfest an deine Zustimmung. Du wirst morgen,
+wenn ich dich nach deinen Entscheidungen frage, nicht nein sagen, das
+weiß ich. Für heute muß ich dir sagen, daß ich kein wirklicher
+abgesetzter König bin, ich meinte, ich sagte dir das nur so, des Bildes
+halber. Wohl aber gab es Zeiten, wo dieser Benjamenta, der hier neben
+dir sitzt, sich als Herr, als Eroberer und als König fühlte, wo das
+Leben vor mir zum Erfassen dalag, wo alle meine Sinne an Zukunft und an
+Größe glaubten, wo meine Schritte mich elastisch dahin wie über
+teppichähnliche Wiesen und Begünstigungen trugen, wo ich besaß, was ich
+anschaute, genoß, an was ich nur flüchtig dachte, wo alles bereit war,
+mich mit Befriedigung zu krönen, mit Erfolgen und Errungenschaften mich
+zu salben, wo ich König war, ohne es kaum zu ahnen, groß, ohne daß ich
+nötig hatte, mir eine bewußte Rechenschaft davon abzulegen. In diesem
+Sinne, Jakob, bin ich hoch gewesen, d. h. einfach jung und
+vielversprechend, und in diesem Sinne geschah die Entfürstung und
+Entthronung. Ich stürzte. Und ich zweifelte an mir und an allem. Wenn
+man verzweifelt und trauert, lieber Jakob, ist man so jammervoll klein,
+und immer mehr Kleinheiten werfen sich über einen, gefräßigem, raschem
+Ungeziefer gleich, das uns frißt, ganz langsam, das uns ganz langsam zu
+ersticken, zu entmenschen versteht. Also das mit dem König war eine
+Phrase. Ich bitte dich, kleiner Zuhörer, um Entschuldigung, wenn ich
+dich an Szepter und Purpurmantel habe glauben machen. Doch glaube ich,
+daß du es eigentlich wußtest, wie es mit diesen gestammelten und
+geseufzten Königreichen im Grunde gemeint war. Nicht wahr, ein wenig
+gemütlicher komme ich dir jetzt vor? Jetzt, da ich kein König mehr bin?
+Denn das gibst du doch selbst zu, daß solche Herrscher, wenn sie
+genötigt sind, Unterricht usw. zu erteilen und Institute zu eröffnen,
+gewiß unheimliche Patrone wären. Nein, nein, ich war nur zukunftsstolz
+und -froh: das sind meine Ländereien und königlichen Einkünfte gewesen.
+Dann war ich lange, lange Jahre entmutigt und entwürdigt. Und nun bin
+ich wieder, d. h. fange an, wieder ich selber zu sein, und es ist mir,
+als hätte ich eine Million geerbt, ach was, Million geerbt, nein, es ist
+mir, als wäre ich -- -- zum Herrscher erhoben und gekrönt worden.
+Allerdings kommen mir immer wieder die dunklen, grauenhaft dunklen
+Stunden, wo mir alles schwarz vor den Augen und hassenswert vor dem
+gleichsam, versteh' mich, verbrannten und verkohlten Gemüt wird, und in
+solchen Stunden zwingt es mich, zu zerreißen, zu töten. O meine Seele,
+du, würdest du, trotzdem du das nun weißt, bei mir bleiben? Könntest du
+dich, vielleicht aus einfacher menschlicher Neigung zu mir, oder aus
+irgend einer andern dir zusagenden Empfindung, dazu entschließen, der
+Gefahr, die dir mit dem Zusammensein mit mir Unmenschen droht, zu
+trotzen? Kannst du hohen Herzens trotzen? Bist du solch ein Trotzkopf?
+Und nimmst du das alles nicht übel? Übel? Ach was, Dummheiten. Übrigens
+weiß ich es ja, Jakob, daß wir zusammen leben werden. Es ist
+entschieden. Wozu dich noch fragen? Siehe, ich kenne doch ja meinen
+früheren Zögling. Jetzt, Jakob, bist du nicht mehr mein Zögling. Ich
+will nicht mehr bilden und lehren, sondern ich will leben und lebend
+etwas wälzen, etwas tragen, etwas schaffen. O, es läßt sich so herrlich,
+so herrlich leiden mit solch einem Herzen von Kameraden. Ich besitze,
+was ich besitzen wollte, und drum ist mir, könnte ich alles, ertrüge und
+litte ich fröhlich alles. Kein Gedanke, kein Wort mehr. Bitte, schweige.
+Du sagst mir morgen, nachdem man mir dieses Leben da, das da auf dem
+Bett liegt, weggetragen hat, nachdem ich die rein äußerliche
+Feierlichkeit habe abstreifen dürfen und in eine innerliche habe
+umwandeln dürfen, deine Meinung. Du sagst ja, oder du sagst nein. Wisse,
+du bist ja jetzt vollkommen frei. Du kannst sagen und tun, was dir
+beliebt.« -- Ich sagte ganz leise, zitternd vor Verlangen, diesen mir
+etwas allzu zuversichtlichen Menschen ein wenig zu erschrecken: »Aber
+der Brotkorb, Herr Vorsteher? Den andern verschaffen Sie Unterkommen,
+und gerade mir nicht? Das finde ich seltsam. Das ist nicht recht. Und
+ich bestehe darauf. Es ist Ihre Pflicht, mir einen ordentlichen
+Arbeitsposten zu vermitteln. Ich will unbedingt in Stellung und Amt
+gehen.« -- Ah, er zuckte zusammen. Er erschrak. Wie mußte ich innerlich
+kichern. Teufeleien sind doch das Netteste am Leben. Herr Benjamenta
+sagte traurig: »Du hast recht. Es ziemt sich, dir auf Grund deines
+Abgangszeugnisses eine Stelle zu verschaffen. Gewiß, du hast vollkommen
+recht. Nur dachte ich, nur -- dachte ich -- --, du machtest eine
+Ausnahme.« -- Ich rief wie in zündender Entrüstung: »Ausnahme? Ich mache
+keine Ausnahmen. Niemals. Das schickt sich nicht für den Sohn eines
+Großrates. Meine Bescheidenheit, meine Geburt, alles, was ich empfinde,
+verbietet mir, mehr zu wollen, als was meine Schulgenossen bekommen
+haben.« -- Von da an sprach ich kein Wort mehr. Mir gefiel es, Herrn
+Benjamenta einer sichtbaren, für mich schmeichelhaften Unruhe zu
+überlassen. Den Rest der Nacht verbrachten wir schweigend.
+
+Aber während ich so saß und wachte, überfiel mich doch der Schlaf. Zwar
+nicht lang, eine halbe Stunde, oder vielleicht noch etwas länger, war
+ich der Wirklichkeit entrückt. Mir träumte (der Traum schoß von der
+Höhe, ich erinnere mich, gewaltsam, mich mit Strahlen überwerfend, auf
+mich nieder), ich befände mich auf einer Bergmatte. Sie war ganz
+dunkelsamtgrün. Und sie war mit Blumen wie mit blumenhaft gebildeten und
+geformten Küssen bestickt und besetzt. Bald erschienen mir die Küsse wie
+Sterne, bald wieder wie Blumen. Es war Natur und doch keine, Bildnis und
+Körper zugleich. Ein wunderbar schönes Mädchen lag auf der Matte. Ich
+wollte mir einreden, es sei die Lehrerin, doch sagte ich mir rasch:
+»Nein, das kann es nicht. Wir haben keine Lehrerin mehr.« Nun, dann war
+es halt jemand anderes, und ich sah förmlich, wie ich mich tröstete, und
+ich hörte den Trost. Es sagte deutlich: »Ah bah, laß das Deuten.« -- Das
+Mädchen war schwellend und glänzend nackt. An dem einen der schönen
+Beine hing ein Band, das im Wind, der das Ganze liebkoste, leise
+flatterte. Mir schien, als wehe, als flattere der ganze spiegelblanke
+süße Traum. Wie war ich glücklich. Ganz flüchtig dachte ich an »diesen
+Menschen«. Natürlich war es Herr Vorsteher, an den ich so dachte.
+Plötzlich sah ich ihn, er war hoch zu Roß und war bekleidet mit einer
+schimmernd schwarzen, edlen, ernsten Rüstung. Das lange Schwert hing an
+seiner Seite herunter, und das Pferd wieherte kampflustig. »Ei, sieh da!
+Der Vorsteher zu Pferd',« dachte ich, und ich schrie, so laut ich
+konnte, daß es in den Schluchten und Klüften ringsum widerhallte: »Ich
+bin zu einem Entschluß gekommen.« -- Doch er hörte mich nicht. Qualvoll
+schrie ich: »Heda, Herr Vorsteher, hören Sie.« Nein, er wandte mir den
+Rücken. Sein Blick war in die Ferne, ins Leben hinab- und
+hinausgerichtet. Und nicht einmal den Kopf bog er nach mir. Mir
+scheinbar zuliebe rollte jetzt der Traum, als wenn er ein Wagen gewesen
+wäre, Stück um Stück weiter, und da befanden wir uns, ich und »dieser
+Mensch«, natürlich niemand anders als Herr Benjamenta, mitten in der
+Wüste. Wir wanderten und trieben mit den Wüstenbewohnern Handel, und wir
+waren ganz eigentümlich belebt von einer kühlen, ich möchte sagen,
+großartigen Zufriedenheit. Es sah so aus, als wenn wir beide dem, was
+man europäische Kultur nennt, für immer, oder wenigstens für sehr, sehr
+lange Zeit entschwunden gewesen seien. »Aha,« dachte ich unwillkürlich,
+und wie mir schien, ziemlich dumm: »Das war es also, das!« -- Aber was
+es war, was ich da dachte, konnte ich nicht enträtseln. Wir wanderten
+weiter. Da erschien ein Haufe von uns feindlich gesinnten Menschen, wir
+aber zerstreuten ihn, ohne daß ich eigentlich sah, wie das zuging. Die
+Erdgegenden schossen mit den Wandertagen blitzartig vorüber. Ich empfand
+die Erfahrung von ganzen vorüberwinkenden, langen, schwer zu ertragen
+gewesenen Jahrzehnten. Wie war doch das eigentümlich. Die einzelnen
+Wochen sahen sich an wie kleine, glitzernde Steinchen. Es war lächerlich
+und herrlich zugleich. »Der Kultur entrücken, Jakob. Weißt du, das ist
+famos,« sagte von Zeit zu Zeit der Vorsteher, der wie ein Araber aussah.
+Wir ritten auf Kamelen. Und die Sitten, die wir sahen, entzückten uns.
+Es war etwas Unverständlich-Mildes und Zartes in den Bewegungen der
+Länder. Ja, mir war es, als marschierten, nein eher, als flögen die
+Länder. Das Meer zog sich majestätisch dahin wie eine große blaue nasse
+Welt von Gedanken. Bald hörte ich Vögel schwirren, bald Tiere brüllen,
+bald Bäume über mir rauschen. »Also bist du nun doch mitgekommen. Ich
+wußte es ja,« sagte Herr Benjamenta, den die Indier zum Fürsten erhoben
+hatten. Wie toll! So grauenhaft überspannt es ist: Tatsache war, daß wir
+in Indien Revolution machten. Und scheinbar glückte uns der Streich. Es
+war so köstlich zu leben, das fühlte ich in allen Gliedern. Das Leben
+prangte vor unsern weitausschauenden Blicken wie ein Baum mit Zweigen
+und Ästen. Und wie stunden wir fest. Und durch Gefahren und Erkenntnisse
+wateten wir wie in eiskaltem, aber unserer Hitze wohltuendem Flußwasser.
+Ich war immer der Knappe, und der Vorsteher war der Ritter. »Schon
+gut,« dachte ich mit einmal. Und wie ich das dachte, erwachte ich und
+schaute mich im Wohnzimmer um. Herr Benjamenta war ebenfalls
+eingeschlafen. Ich weckte ihn, indem ich ihm sagte: »Wie können Sie
+einschlafen, Herr Vorsteher. Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß
+ich mich entschlossen habe, mit Ihnen zu gehen, wohin Sie wollen.« --
+Wir gaben einander die Hand, und das bedeutete viel.
+
+Ich packe. Ja, wir beide, der Vorsteher und ich, wir sind mit Packen,
+mit richtigem Zusammenpacken, Abbrechen, Aufräumen, Auseinanderzerren,
+Schieben und Rücken beschäftigt. Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt
+dieser Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das
+Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen. Meinem Bruder werde ich
+heute Adieu sagen. Ich werde hier nichts hinterlassen. Mich bindet
+nichts, verpflichtet nichts, zu sagen: »Wie wär's, wenn ich -- --« Nein,
+es gibt nichts mehr zu wären und zu wennen. Fräulein Benjamenta liegt
+unter der Erde. Die Eleven, meine Kameraden, sind zerstoben in allerlei
+Ämtern. Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt
+dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin nur eine Null. Aber weg jetzt
+mit der Feder. Weg jetzt mit dem Gedankenleben. Ich gehe mit Herrn
+Benjamenta in die Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis
+nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes wollen und tun und
+nachts schlafen und träumen läßt. Ach was. Jetzt will ich an gar nichts
+mehr denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird mit mir sein. Was
+brauche ich da an ihn zu denken? Gott geht mit den Gedankenlosen. Nun
+denn adieu, Institut Benjamenta.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Jakob von Gunten, by Robert Walser
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN ***
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+works. See paragraph 1.E below.
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+
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+
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+Literary Archive Foundation
+
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+
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+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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