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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Jakob von Gunten + Ein Tagebuch + +Author: Robert Walser + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24176] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + Jakob von Gunten + + + Ein Tagebuch + + von + + Robert Walser + + + + + Bruno Cassirer Berlin + + 1909 + + + + +Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom +Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, d. h., wir werden alle +etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein. Der +Unterricht, den wir genießen, besteht hauptsächlich darin, uns Geduld +und Gehorsam einzuprägen, zwei Eigenschaften, die wenig oder gar keinen +Erfolg versprechen. Innere Erfolge, ja. Doch was hat man von solchen? +Geben einem innere Errungenschaften zu essen? Ich möchte gern reich +sein, in Droschken fahren und Gelder verschwenden. Ich habe mit Kraus, +meinem Schulkameraden, darüber gesprochen, doch er hat nur verächtlich +die Achsel gezuckt und mich nicht eines einzigen Wortes gewürdigt. Kraus +besitzt Grundsätze, er sitzt fest im Sattel, er reitet auf der +Zufriedenheit, und das ist ein Gaul, den Personen, die galoppieren +wollen, nicht besteigen mögen. Seit ich hier im Institut Benjamenta bin, +habe ich es bereits fertiggebracht, mir zum Rätsel zu werden. Auch mich +hat eine ganz merkwürdige, vorher nie gekannte Zufriedenheit +angesteckt. Ich gehorche leidlich gut, nicht so gut wie Kraus, der es +meisterlich versteht, den Befehlen Hals über Kopf dienstfertig +entgegenzustürzen. In einem Punkt gleichen wir Schüler, Kraus, Schacht, +Schilinski, Fuchs, der lange Peter, ich usw., uns alle, nämlich in der +vollkommenen Armut und Abhängigkeit. Klein sind wir, klein bis hinunter +zur Nichtswürdigkeit. Wer eine Mark Taschengeld hat, wird als ein +bevorzugter Prinz angesehen. Wer, wie ich, Zigaretten raucht, der erregt +ob der Verschwendung, die er treibt, Besorgnis. Wir tragen Uniformen. +Nun, dieses Uniformtragen erniedrigt und erhebt uns gleichzeitig. Wir +sehen wie unfreie Leute aus, und das ist möglicherweise eine Schmach, +aber wir sehen auch hübsch darin aus, und das entfernt uns von der +tiefen Schande derjenigen Menschen, die in höchsteigenen aber +zerrissenen und schmutzigen Kleidern dahergehen. Mir z. B. ist das +Tragen der Uniform sehr angenehm, weil ich nie recht wußte, was ich +anziehen sollte. Aber auch in dieser Beziehung bin ich mir vorläufig +noch ein Rätsel. Vielleicht steckt ein ganz, ganz gemeiner Mensch in +mir. Vielleicht aber besitze ich aristokratische Adern. Ich weiß es +nicht. Aber das Eine weiß ich bestimmt: Ich werde eine reizende, +kugelrunde Null im späteren Leben sein. Ich werde als alter Mann junge, +selbstbewußte, schlecht erzogene Grobiane bedienen müssen, oder ich +werde betteln, oder ich werde zugrunde gehen. + +Wir Eleven oder Zöglinge haben eigentlich sehr wenig zu tun, man gibt +uns fast gar keine Aufgaben. Wir lernen die Vorschriften, die hier +herrschen, auswendig. Oder wir lesen in dem Buch »Was bezweckt +Benjamenta's Knabenschule?« Kraus studiert außerdem noch Französisch, +ganz für sich, denn fremde Sprachen oder irgend etwas derartiges gibt es +gar nicht auf unserem Stundenplan. Es gibt nur eine einzige Stunde, und +die wiederholt sich immer. »Wie hat sich der Knabe zu benehmen?« Um +diese Frage herum dreht sich im Grunde genommen der ganze Unterricht. +Kenntnisse werden uns keine beigebracht. Es fehlt eben, wie ich schon +sagte, an Lehrkräften, d. h. die Herren Erzieher und Lehrer schlafen, +oder sie sind tot, oder nur scheintot, oder sie sind versteinert, +gleichviel, jedenfalls hat man gar nichts von ihnen. An Stelle der +Lehrer, die aus irgendwelchen sonderbaren Gründen totähnlich daliegen +und schlummern, unterrichtet und beherrscht uns eine junge Dame, die +Schwester des Herrn Institutvorstehers, Fräulein Lisa Benjamenta. Sie +kommt mit einem kleinen weißen Stab in der Hand in die Schulstube und +Schulstunde. Wir stehen alle von den Plätzen auf, wenn sie erscheint. +Hat die Lehrerin Platz genommen, so dürfen auch wir uns setzen. Sie +klopft mit dem Stab dreimal kurz und gebieterisch hintereinander auf die +Tischkante, und der Unterricht beginnt. Welch ein Unterricht! Doch ich +würde lügen, wenn ich ihn kurios fände. Nein, ich finde das, was +Fräulein Benjamenta uns lehrt, beherzigenswert. Es ist wenig, und wir +wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein Geheimnis hinter all +diesen Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten. Lächerlich? Uns Knaben vom +Institut Benjamenta ist niemals lächerlich zumut. Unsere Gesichter und +unsere Manieren sind sehr ernsthaft. Sogar Schilinski, der doch noch ein +vollkommenes Kind ist, lacht sehr selten. Kraus lacht nie, oder wenn es +ihn hinreißt, dann nur ganz kurz, und dann ist er zornig, daß er sich zu +einem so vorschriftswidrigen Ton hat hinreißen lassen. Im allgemeinen +mögen wir Schüler nicht lachen, d. h. wir können eben kaum noch. Die +dazu erforderliche Lustigkeit und Lässigkeit fehlt uns. Irre ich mich? +Weiß Gott, manchmal will mir mein ganzer hiesiger Aufenthalt wie ein +unverständlicher Traum vorkommen. + +Der jüngste und kleinste unter uns Zöglingen ist Heinrich. Man ist +diesem jungen Menschen gegenüber unwillkürlich zärtlich gesinnt, ohne +dabei etwas zu denken. Er steht vor den Schaufenstern der Kaufleute +still, innig in den Anblick der Waren und Leckerbissen versunken. Dann +tritt er gewöhnlich ein und kauft sich etwas Süßes für einen Sechser. +Heinrich ist noch ganz Kind, aber er spricht und benimmt sich schon wie +ein erwachsener Mensch von guter Führung. Sein Haar ist immer ganz +tadellos gekämmt und gescheitelt, was gerade mich zur Anerkennung +hinreißen muß, da ich in diesem wichtigen Punkt sehr liederlich bin. +Seine Stimme ist so dünn wie ein zartes Vogelgezwitscher. Man muß +unbewußt den Arm um seine Schulter legen, wenn man mit ihm spazieren +geht oder mit ihm spricht. Er hat die Haltung eines Obersten und ist so +klein. Er besitzt keinen Charakter, denn er weiß noch gar nicht, was das +ist. Gewiß hat er noch nie über das Leben nachgedacht, und wozu? Er ist +sehr artig, dienstfertig und höflich, aber ohne Bewußtsein. Ja, er ist +wie ein Vogel. Das Trauliche gelangt an ihm überall zum Vorschein. Ein +Vogel gibt einem die Hand, wenn er sie gibt, ein Vogel geht so und steht +so. Alles ist unschuldig, friedfertig und glücklich an Heinrich. Er will +Page werden, sagt er. Doch er sagt es ganz ohne unfeines Schmachten, und +in der Tat, der Pagenberuf ist für ihn das durchaus Richtige und +Angemessene. Die Zierlichkeit des Benehmens und Empfindens strebt irgend +wohin, und siehe, sie trifft das Rechte. Was wird er für Erfahrungen +machen? Werden sich an diesen Knaben überhaupt Erfahrungen und +Erkenntnisse heranwagen? Werden die rohen Enttäuschungen sich nicht +genieren, ihn zu beunruhigen, ihn, den Überzarten? Übrigens merke ich, +daß er ein wenig kalt ist, es ist nichts Stürmisches und +Herausforderndes an ihm. Vielleicht wird er vieles, vieles, das ihn +niederschlagen könnte, gar nicht bemerken, und vieles, das ihm seine +Sorglosigkeit nehmen könnte, gar nicht fühlen. Wer weiß, ob ich recht +habe. Aber ich stelle jedenfalls sehr, sehr gern solche Beobachtungen +an. Heinrich ist bis zu einer gewissen Grenze verständnislos. Das ist +sein Glück, und man muß es ihm gönnen. Wenn er ein Prinz wäre, ich würde +der erste sein, der das Knie vor ihm beugte und ihm huldigte. Schade. + +Wie dumm ich mich doch benommen habe, als ich hier ankam. Ich entrüstete +mich in erster Linie über die Ärmlichkeit des Treppenhauses. Nun ja, es +ist eben der Treppenaufgang eines gewöhnlichen großstädtischen +Hinterhauses. Dann klingelte ich, und ein affenähnliches Wesen öffnete +mir die Türe. Es war Kraus. Aber damals hielt ich ihn einfach für einen +Affen, während ich ihn heute, um des rein persönlichen Wesens willen, +das ihn ziert, hoch schätze. Ich fragte, ob Herr Benjamenta zu sprechen +sei. Kraus sagte: »Jawohl, mein Herr,« und machte eine tiefe, dumme +Verbeugung vor mir. Diese Verbeugung jagte mir einen unheimlichen +Schrecken ein, denn ich sagte mir sogleich, daß da irgend etwas nicht +mit rechten Dingen zugehen müsse. Und von da an hielt ich die Schule +Benjamenta für Schwindel. Ich trat zum Vorsteher herein. Wie muß ich +lachen, wenn ich an die nun folgende Szene denke. Herr Benjamenta fragte +mich, was ich wolle. Ich erklärte ihm schüchtern, daß ich wünsche, sein +Schüler zu werden. Darauf schwieg er und las Zeitungen. Das Bureau, der +Herr Vorsteher, der vorausgegangene Affe, die Türe, die Art, zu +schweigen und Zeitungen zu studieren, alles, alles kam mir im höchsten +Grad verdächtig, verderbenversprechend vor. Plötzlich wurde ich nach +meinem Namen gefragt und nach meiner Herkunft. Jetzt hielt ich mich für +verloren, denn ich fühlte mit einemmal, daß ich da nicht mehr loskäme. +Stotternd gab ich Auskunft, ich wagte sogar zu betonen, daß ich aus +einem sehr guten Hause stamme. Ich sagte unter anderem, mein Vater sei +Großrat, und ich sei ihm davongelaufen, weil ich gefürchtet hätte, von +seiner Vortrefflichkeit erstickt zu werden. Wieder schwieg der +Vorsteher eine Weile. Meine Furcht, betrogen zu werden, stieg aufs +höchste. Ich dachte sogar an geheime Ermordung, stückweises Erdrosseln. +Da fragte mich der Vorsteher mit seiner Gebieterstimme, ob ich Geld bei +mir hätte, und ich bejahte. »So gib es her. Rasch!« befahl er, und +merkwürdig, ich gehorchte augenblicklich, obschon mich der Jammer +schüttelte. Ich zweifelte nicht mehr daran, einem Räuber und Schwindler +in die Hände gefallen zu sein, und trotzdem legte ich das Schulgeld +gehorsam hin. Wie lächerlich mir meine damaligen Empfindungen jetzt doch +vorkommen. Man strich das Geld ein und schwieg wieder. Da fand ich den +Heldenmut, schüchtern um eine Quittung zu ersuchen, doch man gab mir +folgendes zur Antwort: »Schlingel wie du erhalten keine Quittungen.« Ich +war einer Ohnmacht nahe, der Vorsteher klingelte. Sofort stürzte der +dumme Affe Kraus herein. Der dumme Affe? O gar nicht. Kraus ist ein +lieber, lieber Mensch. Ich verstand es nur damals noch nicht besser. +»Dies hier ist Jakob, der neue Schüler. Führe ihn ins Schulzimmer.« -- +Der Vorsteher hatte kaum gesprochen, so packte mich Kraus und schleppte +mich vor das Antlitz der Lehrerin. Wie kindisch ist man, wenn man sich +fürchtet. Es gibt kein so schlechtes Benehmen wie das, welches aus dem +Mißtrauen und aus der Unkenntnis stammt. So wurde ich Zögling. + +Mein Schulkamerad Schacht ist ein seltsames Wesen. Er träumt davon, +Musiker zu werden. Er sagt mir, er spiele vermittels seiner +Einbildungskraft wundervoll Geige, und wenn ich seine Hand anschaue, +glaube ich ihm das. Er lacht gern, aber dann versinkt er plötzlich in +schmachtende Melancholie, die ihm unglaublich gut zu Gesicht und +Körperhaltung steht. Schacht hat ein ganz weißes Gesicht und lange +schmale Hände, die ein Seelenleiden ohne Namen ausdrücken. Schmächtig, +wie er von Körperbau ist, zappelt er leicht, es ist ihm schwer, +unbeweglich zu stehen oder zu sitzen. Er gleicht einem kränklichen, +eigensinnigen Mädchen, er schmollt auch gern, was ihn einem jungen, +etwas verzogenen weiblichen Wesen noch ähnlicher macht. Wir, ich und er, +liegen oft zusammen in meiner Schlafkammer, auf dem Bett, in den +Kleidern, ohne die Schuhe auszuziehen, und rauchen Zigaretten, was gegen +die Vorschriften ist. Schacht tut gern das Vorschriften-Kränkende, und +ich, offen gesagt, leider nicht minder. Wir erzählen uns ganze +Geschichten, wenn wir so liegen, Geschichten aus dem Leben, d. h. +Erlebtes, aber noch viel mehr erfundene Geschichten, deren Tatsachen aus +der Luft gegriffen sind. Dann scheint es um uns her, Wände hinauf und +hinunter, leise zu tönen. Die enge, dunkle Kammer erweitert sich, es +erscheinen Straßen, Säle, Städte, Schlösser, unbekannte Menschen und +Landschaften, es donnert und lispelt, redet und weint usw. Es ist +hübsch, sich mit dem träumerisch angehauchten Schacht zu unterhalten. Er +scheint alles zu verstehen, was man ihm sagt, und er selber sagt von +Zeit zu Zeit etwas Bedeutsames. Und dann klagt er öfters, und das liebe +ich an der Unterhaltung. Ich höre gern klagen. Man kann dann den +Sprecher so ansehen und tiefes, inniges Mitleid mit ihm haben, und +Schacht hat etwas Mitleiderweckendes an sich, auch ohne, daß er +Betrübliches spricht. Wenn feinsinnige Unzufriedenheit, d. h. die +Sehnsucht nach etwas Schönem und Hohem, in irgend einem Menschen wohnt, +dann hat sie es sich in Schacht bequem gemacht. Schacht hat Seele. Wer +weiß, vielleicht ist er eine Künstlernatur. Er hat mir anvertraut, daß +er krank ist, und da es sich um ein nicht ganz anständiges Leiden +handelt, hat er mich dringend gebeten, Schweigen zu beobachten, was ich +ihm natürlich auf Ehrenwort versprochen habe, um ihn zu beruhigen. Ich +habe ihn dann gebeten, mir den Gegenstand der Erkrankung zu zeigen, doch +da wurde er ein wenig böse und kehrte sich gegen die Wand. »Du bist +schamlos,« sagte er mir. Oft liegen wir beide so, ohne ein Wort zu +reden. Einmal wagte ich, seine Hand leise zu mir zu nehmen, doch er +entzog sie mir wieder und sagte: »Was machst du für Dummheiten? Laß +das.« -- Schacht bevorzugt den Umgang mit mir, das merke ich nicht +gerade deutlich, aber in solchen Dingen ist Deutlichkeit gar nicht +nötig. Ich habe ihn eigentlich riesig gern und sehe ihn als eine +Bereicherung meines Daseins an. Natürlich sage ich ihm so etwas nie. Wir +reden Dummheiten miteinander, oft auch Ernstes, aber unter Vermeidung +großer Worte. Schöne Worte sind viel zu langweilig. Ah, an den +Zusammenkünften mit Schacht in der Kammer merke ich es: wir Zöglinge des +Instituts Benjamenta sind zu einem oft halbtagelangen seltsamen +Müßiggang verurteilt. Wir kauern, sitzen, stehen oder liegen immer +irgendwo. Ich und Schacht zünden in der Kammer zu unserem Vergnügen oft +Kerzen an, das ist streng verboten. Aber gerade deshalb macht es uns +Spaß, es zu tun. Vorschriften hin, Vorschriften her: Kerzen brennen so +schön, so geheimnisvoll. Und wie sieht doch das Gesicht meines Kameraden +aus, wenn die rötliche kleine Flamme es zart beleuchtet. Wenn ich Kerzen +brennen sehe, komme ich mir vermögend vor: Im nächsten Augenblick kommt +immer der Diener und reicht mir den Pelz. Das ist Unsinn, aber dieser +Unsinn hat einen hübschen Mund und lächelt. Schacht hat eigentlich grobe +Gesichtszüge, aber die Blässe, die über das Gesicht gezogen ist, +verfeinert sie. Die Nase ist zu groß, auch die Ohren. Der Mund ist +zugekniffen. Manchmal, wenn ich Schacht so ansehe, ist mir, als müsse es +diesem Menschen einmal bitter schlecht gehen. Wie liebe ich solche +Menschen, die diesen wehmütigen Eindruck hervorrufen. Ist das +Bruderliebe? Ja, kann sein. + +Am ersten Tag habe ich mich ungeheuer zimperlich und muttersöhnchenhaft +benommen. Wurde mir da das Zimmer gezeigt, in dem ich mit den andern, +d. h. mit Kraus, Schacht und Schilinski, gemeinsam schlafen sollte. Als +vierter im Bund gleichsam. Alles war zugegen, die Kameraden, der Herr +Vorsteher, der mich grimmig anschaute, das Fräulein. Nun, und da fiel +ich dem Mädchen einfach zu Füßen und rief aus: »Nein, in dem Zimmer zu +schlafen ist mir unmöglich. Ich kann da nicht atmen. Lieber will ich auf +der Straße übernachten.« -- Ich hielt, während ich so sprach, die Beine +der jungen Dame fest umschlungen. Sie schien ärgerlich zu sein und +befahl mir aufzustehen. Ich sagte: »Ich stehe nicht vorher auf, bis Sie +mir versprochen haben, daß Sie mir einen menschenwürdigen Raum zum +Schlafen anweisen wollen. Ich bitte Sie, Fräulein, ich flehe Sie an, +tun Sie mich an einen andern Ort, meinetwegen in ein Loch, nur nicht +hier hinein. Hier kann ich nicht sein. Ich will meine Mitschüler gewiß +nicht beleidigen, und habe ich es schon getan, so tut es mir leid, aber +bei drei Menschen schlafen, als vierter, und dazu noch in solch einem +engen Raum? Das geht nicht. Ach, Fräulein.« -- Schon lächelte sie, ich +merkte es, ich fügte daher rasch, mich noch fester an sie schmiegend, +hinzu: »Ich will brav sein, ich verspreche es Ihnen. Ich will allen +Ihren Befehlen zuvorkommen. Sie sollen sich nie, nie über mein Benehmen +zu beklagen haben.« -- Fräulein Benjamenta fragte: »Ist das sicher? +Werde ich mich nie zu beklagen haben?« -- »Nein, gewiß nicht, gnädiges +Fräulein,« erwiderte ich. Sie wechselte einen bedeutenden Blick mit dem +Bruder, dem Herrn Vorsteher, und sagte zu mir: »Steh' vor allen Dingen +erst vom Boden auf. Pfui. Welch ein Flehen und Flattieren. Und dann +komm. Meinetwegen kannst du auch anderswo schlafen.« Sie führte mich zu +der Kammer, die ich jetzt bewohne, zeigte sie mir und fragte: »Gefällt +dir die Kammer?« -- Ich war so keck, zu sagen: »Sie ist eng. Zu Hause +gab's Vorhänge an den Fenstern. Und Sonne schien dort in die Gemächer. +Hier ist nur eine schmale Bettstelle und ein Waschgestell. Zu Hause gab +es vollständig möblierte Zimmer. Aber werden Sie nicht böse, Fräulein +Benjamenta. Es gefällt mir, und ich danke Ihnen. Zu Hause war es viel +feiner, freundlicher und eleganter, aber hier ist es auch ganz nett. +Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen mit Vergleichen von zu Hause und mit +weiß der Kuckuck was noch alles komme. Ich finde die Kammer aber sehr, +sehr reizend. Zwar, das Fenster da oben in der Mauer ist kaum ein +Fenster zu nennen. Und das Ganze hat entschieden etwas Ratten- oder +Hundelochartiges. Aber es gefällt mir. Und ich bin unverschämt und +undankbar, so zu sprechen, nicht wahr? Vielleicht wäre es das Beste, mir +die Kammer, die ich wirklich hoch schätze, wieder zu nehmen und mir den +strikten Befehl zu erteilen, bei den andern zu schlafen. Meine Kameraden +fühlen sich sicher beleidigt. Und Sie, Fräulein, sind böse. Ich sehe es. +Ich bin sehr traurig darüber.« -- Sie sagte mir: »Du bist ein dummer +Junge, und du schweigst jetzt.« Und doch lächelte sie. Wie dumm das +alles war, damals am ersten Tag. Ich schämte mich, und ich schäme mich +noch heute, daran denken zu müssen, wie unziemlich ich mich benommen +habe. Ich schlief in der ersten Nacht sehr unruhig. Ich träumte von der +Lehrerin. Und was die eigene Kammer betrifft, so wäre ich es heute ganz +zufrieden, wenn ich sie mit ein oder zwei andern Personen teilen müßte. +Man ist immer halb irrsinnig, wenn man menschenscheu ist. + +Herr Benjamenta ist ein Riese, und wir Zöglinge sind Zwerge gegen diesen +Riesen, der stets etwas mürrisch ist. Als Lenker und Gebieter einer +Schar von so winzigen, unbedeutenden Geschöpfen, wie wir Knaben sind, +ist er eigentlich auf ganz natürliche Weise zur Verdrießlichkeit +verpflichtet, denn das ist doch nie und nimmer eine seinen Kräften +entsprechende Aufgabe: über uns herrschen. Nein, Herr Benjamenta könnte +ganz anderes leisten. Solch ein Herkules kann ja einer so kleinlichen +Übung gegenüber, wie die ist, uns zu erziehen, gar nicht anders als +einschlafen, d. h. brummend und grübelnd seine Zeitungen lesen. An was +hat eigentlich der Mann gedacht, als er sich entschloß, das Institut zu +gründen? Er tut mir in einem gewissen Sinne weh, und dieses Gefühl +erhöht noch den Respekt, den ich vor ihm habe. Es gab übrigens zwischen +ihm und mir im Anfang meines Hierseins, ich glaube, am Morgen des +zweiten Tages, eine kleine, aber sehr heftige Szene. Ich trat zu ihm ins +Kontor, aber ich kam nicht dazu, meinen Mund zu öffnen. »Geh' wieder +hinaus. Versuche, ob es dir möglich ist, wie ein anständiger Mensch ins +Zimmer einzutreten,« sagte er streng. Ich ging hinaus, und dann klopfte +ich an, was ich ganz vergessen hatte. »Herein,« rief es, und da trat ich +ein und blieb stehen. »Wo ist die Verbeugung? Und wie sagt man, wenn man +zu mir eintritt?« -- Ich verbeugte mich und sagte in kümmerlicher +Tonart: »Guten Tag, Herr Vorsteher.« -- Heute bin ich schon so gut +dressiert, daß ich dieses »Guten Tag, Herr Vorsteher« nur so +hinausschmettere. Damals haßte ich diese Art, sich untertänig und +höflich zu benehmen, ich wußte es eben nicht besser. Was mir damals +lächerlich und stumpfsinnig vorkam, erscheint mir heute schicklich und +schön. »Lauter reden, Bösewicht,« rief Herr Benjamenta. Ich mußte den +Gruß »Guten Tag, Herr Vorsteher« fünfmal wiederholen. Erst dann fragte +er mich, was ich wolle. Ich war wütend geworden und sagte: »Man lernt +hier gar nichts, und ich will nicht hier bleiben. Bitte geben Sie mir +das Geld zurück, und dann will ich mich zum Teufel scheren. Wo sind hier +die Lehrer? Ist überhaupt irgend ein Plan, ein Gedanke da? Nichts ist +da. Und ich will fort. Niemand, wer es auch sei, wird mich hindern, +diesen Ort der Finsternis und der Umnebelung zu verlassen. Dazu, um mich +hier von Ihren mehr als albernen Vorschriften plagen und verdummen zu +lassen, komme ich denn doch aus viel zu gutem Hause. Zwar, ich will +durchaus nicht zu Vater und Mutter zurücklaufen, niemals, aber ich will +auf die Straße gehen und mich als Sklave verkaufen. Es schadet durchaus +nichts.« -- Nun hatte ich geredet. Heute muß ich mich beinahe krümmen +vor Lachen, wenn ich mir dieses dumme Betragen wieder ins Gedächtnis +zurückrufe. Mir war es damals aber durchaus heilig ernst zumut. Doch der +Herr Vorsteher schwieg. Ich war im Begriff, ihm irgend eine grobe +Beleidigung ins Gesicht zu sagen. Da sprach er ruhig: »Einmal +einbezahlte Geldbeträge werden nicht mehr zurückerstattet. Was deine +törichte Meinung betrifft, du könntest hier nichts lernen, so irrst du +dich, denn du kannst lernen. Lerne vor allen Dingen erst deine Umgebung +kennen. Deine Kameraden sind es wert, daß man wenigstens den Versuch +macht, sich mit ihnen bekannt zu machen. Sprich mit ihnen. Ich rate dir, +sei ruhig. Hübsch ruhig.« -- Dieses »hübsch ruhig« sprach er wie in +tiefen, mich gar nicht betreffenden Gedanken versunken. Er hielt die +Augen niedergeschlagen, wie um mir zu verstehen zu geben, wie gut, wie +sanft er es meine. Er gab mir deutliche Beweise seiner Gedankenabwesenheit +und schwieg wieder. Was konnte ich machen? Schon befaßte sich Herr +Benjamenta wieder mit Zeitunglesen. Es war mir, als ob ein furchtbares +unverständliches Gewitter mir von ferne drohe. Ich verbeugte mich tief, +fast bis herab zur Erde, vor demjenigen, der mir gar keine Beachtung +mehr schenkte, sagte, wie die Vorschriften es geboten, »Adieu, Herr +Vorsteher«, klappte die Schuhabsätze zusammen, stund stramm da, machte +kehrt, d. h. nein, suchte mit den Händen den Türriegel, schaute immer +auf das Gesicht des Herrn Vorstehers und schob mich, ohne mich +umzudrehen, wieder zur Türe hinaus. So endete ein Versuch, Revolution zu +machen. Seither sind keine störrischen Auftritte mehr vorgekommen. Mein +Gott, und geschlagen bin ich schon worden. Er hat mich geschlagen, er, +dem ich ein wahrhaft großes Herz zumute, und nicht gemuckst habe ich, +nicht gezwinkert habe ich, und es hat mich nicht einmal beleidigt. Nur +weh hat es mir getan, und nicht um mich selber, sondern um ihn, den +Herrn Vorsteher. Ich denke eigentlich immer an ihn, an beide, an ihn und +Fräulein, wie sie so dahinleben mit uns Knaben. Was tun sie da drinnen +in der Wohnung immer? Womit sind sie beschäftigt? Sind sie arm? Sind +Benjamentas arm? Es gibt hier »innere Gemächer«. Ich bin bis heute noch +nie dort gewesen. Kraus wohl, den man bevorzugt, weil er so treu ist. +Aber Kraus will keine Auskunft über die Beschaffenheit der +Vorsteherswohnung geben. Er glotzt mich nur an, wenn ich ihn über diesen +Punkt ausfrage, und schweigt. O, Kraus kann wahrhaft schweigen. Wenn +ich ein Herr wäre, ich nähme Kraus sogleich in meine Dienste. Aber +vielleicht dringe ich doch noch einmal in diese innern Gemächer. Und was +werden dann meine Augen erblicken? Vielleicht gar nichts Besonderes? O +doch, doch. Ich weiß es, es gibt hier irgendwo wunderbare Dinge. + +Eins ist wahr, die Natur fehlt hier. Nun, das, was hier ist, ist eben +einmal Großstadt. Zu Hause gab es überall nahe und weite Aussichten. Ich +glaube, ich hörte immer die Singvögel in den Straßen auf und ab +zwitschern. Die Quellen murmelten immer. Der waldige Berg schaute +majestätisch auf die saubere Stadt nieder. Auf dem nahegelegenen See +fuhr man abends in einer Gondel. Felsen und Wälder, Hügel und Felder +waren mit ein paar Schritten zu erreichen. Stimmen und Düfte waren immer +da. Und die Straßen der Stadt glichen Gartenwegen, so weich und reinlich +sahen sie aus. Weiße nette Häuser guckten schelmisch aus grünen Gärten +hervor. Man sah bekannte Damen, z. B. Frau Haag, innerhalb des +Gartengitters im Park spazieren. Dumm ist das eigentlich, nun, die +Natur, der Berg, der See, der Fluß, der schäumende Wasserfall, das Grün +und allerlei Gesänge und Klänge waren einem eben nahe. Ging man, so +spazierte man wie im Himmel, denn man sah überall blauen Himmel. Stand +man still, so konnte man sich gleich niederlegen und still in die Luft +hinaufträumen, denn es war Gras- oder Moosboden. Und die Tannen, die so +wundervoll nach würziger Kraft duften. Werde ich nie wieder eine +Bergtanne sehen? Das wäre übrigens kein Unglück. Etwas entbehren: das +hat auch Duft und Kraft. Unser großrätliches Haus hatte keinen Garten, +aber das Ganze, was einen umgab, war ein hübscher, sauberer, süßer +Garten. Ich will nicht hoffen, daß ich mich sehne. Unsinn. Hier ist es +auch schön. + +Obschon es eigentlich an mir noch gar nichts Nennenswertes zu schaben +gibt, renne ich doch von Zeit zu Zeit zum Friseur, nur so des damit +verbundenen Straßenausfluges halber, und lasse mich rasieren. Ob ich +Schwede sei, fragt mich der Friseurgehilfe. Amerikaner? Auch nicht. +Russe? Nun was denn? Ich liebe es, derartige nationalistisch angefärbte +Fragen mit eisernem Schweigen zu beantworten und die Leute, die mich +nach meinen Vaterlandsgefühlen fragen, im Unklaren zu lassen. Oder ich +lüge und sage, ich sei Däne. Gewisse Aufrichtigkeiten verletzen und +langweilen einen nur. Manchmal blitzt die Sonne wie verrückt hier in +diesen lebhaften Straßen. Oder es ist alles verregnet, verschleiert, was +ich auch sehr, sehr liebe. Die Leute sind freundlich, obgleich ich +zuweilen namenlos frech bin. Oft sitze ich in der Mittagsstunde müßig +auf einer Bank. Die Bäume der Anlage sind ganz farblos. Die Blätter +hängen unnatürlich bleiern herunter. Es ist, als wenn hier manchmal +alles aus Blech und dünnem Eisen sei. Dann stürzt wieder Regen und netzt +das alles. Schirme werden aufgespannt, Droschken rollen auf dem Asphalt, +Menschen eilen, die Mädchen heben die Röcke. Beine aus einem Rock +hervorstechen zu sehen, hat etwas eigentümlich Anheimelndes. So ein +weibliches Bein, straff bestrumpft, man sieht es nie, und nun sieht man +es plötzlich. Die Schuhe kleben so schön an der Form der schönen weichen +Füße. Dann ist wieder Sonne. Wind weht ein wenig, und da denkt man an zu +Hause. Ja, ich denke an Mama. Sie wird weinen. Warum schreibe ich ihr +nie? Ich kann's nicht fassen, gar nicht begreifen, und doch kann ich +mich nicht entschließen, zu schreiben. Das ist es: ich mag nicht +Auskunft geben. Es ist mir zu dumm. Schade, ich sollte nicht Eltern +haben, die mich lieben. Ich mag überhaupt nicht geliebt und begehrt +sein. Sie sollen sich daran gewöhnen, keinen Sohn mehr zu haben. + +Jemandem, den man nicht kennt und der einen gar nichts angeht, einen +Dienst erweisen, das ist reizend, das läßt in göttlich nebelhafte +Paradiese blicken. Und dann: im Grunde genommen gehen einen alle oder +wenigstens fast alle Menschen etwas an. Die da an mir vorübergehen, die +gehen mich irgend etwas an, das steht fest. Übrigens ist das schließlich +Privatsache. Ich gehe da so, die Sonne scheint, da sehe ich plötzlich +ein Hündchen zu meinen Füßen winseln. Sogleich bemerke ich, daß sich das +Luxustierchen mit den kleinen Beinen im Maulkorb verwickelt hat. Es kann +nicht mehr laufen. Da bücke ich mich, und dem großen, großen Unglück ist +abgeholfen. Nun kommt die Herrin des Hundes heranmarschiert. Sie sieht, +was los ist und dankt mir. Flüchtig ziehe ich meinen Hut vor der Dame +und gehe meiner Wege. Ach, die da hinten denkt jetzt, daß es noch artige +junge Menschen in der Welt gibt. Gut, dann habe ich den jungen Menschen +im allgemeinen einen Dienst erwiesen. Und wie diese übrigens ganz +unhübsche Frau gelächelt hat. »Danke, mein Herr.« Ah, zum Herrn hat sie +mich gemacht. Ja, wenn man sich zu benehmen weiß, ist man ein Herr. Und +wem man dankt, vor dem hat man Achtung. Wer lächelt, ist hübsch. Alle +Frauen verdienen Artigkeiten. Jede Frau hat etwas Feines. Ich habe schon +Wäscherinnen wie Königinnen sich bewegen sehen. Das alles ist komisch, o +so komisch. Aber wie die Sonne geblitzt hat, und wie ich dann so +davongelaufen bin! -- Nämlich ins Warenhaus. Ich lasse mich dort +photographieren, Herr Benjamenta will eine Photographie von mir haben. +Und dann muß ich einen kurz abzufassenden, wahrheitsgetreuen Lebenslauf +schreiben. Dazu gehört Papier. Nun, dann habe ich noch das Vergnügen, +extra in einen Papierladen zu treten. + +Kamerad Schilinski ist von polnischer Herkunft. Er spricht ein hübsches, +gebrochenes Deutsch. Alles Fremdartige klingt nobel, ich weiß nicht, +warum. Schilinskis größter Stolz besteht in einer elektrisch +entzündbaren Krawattennadel, die er sich zu verschaffen gewußt hat. Auch +zündet er gern, d. h. mit der größten Vorliebe, Wachsstreichhölzchen an. +Seine Schuhe sind immer glänzend geputzt. Merkwürdig oft sieht man ihn +seinen Anzug reinigen, seine Stiefel wichsen und seine Mütze bürsten. Er +schaut sich gern in einem billigen Taschenspiegel an. Taschenspiegel +besitzen wir Schüler übrigens alle, obschon wir eigentlich gar nicht +wissen, was Eitelkeit alles bedeutet. Schilinski ist schlank von Figur +und hat ein sehr hübsches Gesicht und Lockenhaar, das er nicht oft genug +während des Tages kämmen und pflegen kann. Er sagt, er will zu einem +Pferdchen. Ein Pferd zu striegeln und zu putzen und dann auszufahren, +das ist sein Lieblingstraum. Recht karg steht es mit seinen +Geistesgaben. Er besitzt absolut keinen Scharfsinn, und von Feinsinn +oder dergleichen darf man bei ihm nicht reden. Und doch ist er durchaus +nicht dumm, beschränkt vielleicht, aber ich nehme dieses Wort nicht gern +in den Mund, wenn ich an meine Schulkameraden denke. Daß ich der +Gescheiteste unter ihnen bin, das ist vielleicht gar nicht einmal so +sehr erfreulich. Was nützen einem Menschen Gedanken und Einfälle, wenn +er, wie ich, das Gefühl hat, er wisse nichts damit anzustellen? Nun +also. Nein, nein, ich will hell zu sehen versuchen, aber ich mag nicht +hochmüteln, mich nie und nimmer über meine Umgebung erhaben fühlen. +Schilinski wird Glück im Leben haben. Die Frauen werden ihn bevorzugen, +so sieht er aus, ganz wie der zukünftige Liebling der Frauen. Er hat +einen an etwas Edles erinnernden bräunlichen, übrigens hellen Teint an +Gesicht und Händen, und die Augen sind rehhaft schüchtern. Es sind +reizende Augen. Er könnte mit seinem ganzen Wesen ein junger +Landedelmann sein. Sein Benehmen mahnt an ein Landgut, wo städtisches +und bäurisches, feines und grobes Wesen in anmutige kräftige menschliche +Bildung zusammenfließen. Er geht besonders gern müßig und schlendert +gern in den belebtesten Straßen herum, wobei ich ihm manchmal +Gesellschaft leiste, zum Entsetzen von Kraus, der den Müßiggang haßt, +verfolgt und verachtet. »Seid ihr beide schon wieder auf dem Vergnügen +gewesen? He?«, so empfängt uns Kraus, wenn wir heimkommen. Von Kraus +werde ich sehr viel reden müssen. Er ist der Redlichste und Tüchtigste +unter uns Zöglingen, und Tüchtigkeit und Ehrlichkeit sind ja so +unerschöpfliche und unermeßliche Gebiete. Nichts kann mich so tief +aufregen wie der Anblick und der Geruch des Guten und Rechtschaffenen. +Etwas Gemeines und Böses ist bald ausempfunden, aber aus etwas Bravem +und Edlem klug zu werden, das ist so schwer und doch zugleich so +reizvoll. Nein, die Laster interessieren mich viel, viel weniger wie die +Tugenden. Nun werde ich Kraus schildern müssen, und davor ist mir direkt +bange. Zimperlichkeiten? Seit wann? Ich will's nicht hoffen. + +Ich gehe jetzt jeden Tag ins Warenhaus, fragen, ob meine Photographien +noch nicht bald fertig seien. Ich kann jedesmal mit dem Aufzug ins +oberste Stockwerk hinauffahren. Ich finde das leider nett, und das paßt +zu meinen vielen übrigen Gedankenlosigkeiten. Wenn ich Lift fahre, komme +ich mir so recht wie das Kind meiner Zeit vor. Ob das andern Menschen +auch so geht? Den Lebenslauf habe ich immer noch nicht geschrieben. Es +geniert mich ein wenig, über meine Vergangenheit die schlichte Wahrheit +zu sagen. Kraus schaut mich von Tag zu Tag vorwurfsvoller an. Das paßt +mir sehr. Liebe Menschen sehe ich gern ein wenig wütend. Nichts ist mir +angenehmer, als Menschen, die ich in mein Herz geschlossen habe, ein +ganz falsches Bild von mir zu geben. Das ist vielleicht ungerecht, aber +es ist kühn, also ziemt es sich. Übrigens geht das bei mir ein wenig ins +Krankhafte. So z. B. stelle ich es mir als unsagbar schön vor, zu +sterben, im furchtbaren Bewußtsein, das Liebste, was ich auf der Welt +habe, gekränkt und mit schlechten Meinungen über mich erfüllt zu haben. +Das wird niemand verstehen, oder nur der, der im Trotz Schönheitsschauer +empfinden kann. Elendiglich umkommen, um einer Flegelei, einer Dummheit +willen. Ist das erstrebenswert? Nein, gewiß nicht. Aber das alles sind +ja Dummheiten gröbster Sorte. Es fällt mir hier etwas ein, und ich sehe +mich, aus, ich weiß nicht welchen, Ursachen, genötigt, es zu sagen. Ich +besaß vor einer Woche oder mehr Tagen an Geld noch zehn Mark. Nun, jetzt +sind diese zehn Mark verflogen. Eines Tages trat ich in ein Restaurant +mit Damenbedienung. Ganz unwiderstehlich zog es mich hinein. Ein Mädchen +sprang mir entgegen und nötigte mich, auf einem Ruhebett Platz zu +nehmen. Halb wußte ich Bescheid, wie das ungefähr endigen konnte. Ich +wehrte mich, aber ganz und gar ohne Nachdruck. Es war mir alles +gleichgültig, und doch wieder nicht. Es bereitete mir ein Vergnügen +ohnegleichen, dem Mädchen gegenüber den feinen, obenherabschauenden +Herrn zu spielen. Wir befanden uns ganz allein, und nun trieben wir die +nettesten Dummheiten. Wir tranken. Immer lief sie ans Büffet, um neue +Getränke zu holen. Sie zeigte mir ihr reizendes Strumpfband, und ich +liebkoste es mit den Lippen. Ah, ist man dumm. Immer stand sie wieder +auf und holte Neues zum trinken. Und so rasch. Sie wollte eben sehr +schnell bei dem dummen Jungen ein hübsches Sümmchen Geld verdienen. Ich +sah das vollkommen ein, aber gerade das gefiel mir, daß sie mich für +dumm ansah. Solch eine sonderbare Verdorbenheit: sich heimlich zu +freuen, bemerken zu dürfen, daß man ein wenig bestohlen wird. Aber wie +bezaubernd kam mir alles vor. Rings um mich starb alles in flötender, +kosender Musik. Das Mädchen war Polin, schlank und geschmeidig und so +entzückend sündhaft. Ich dachte: »Weg sind meine zehn Mark.« Nun küßte +ich sie. Sie sagte: »Sag', was bist du? Du benimmst dich wie ein +Edelmann.« Ich konnte gar nicht genug den Duft, der von ihr ausströmte, +einatmen. Sie bemerkte das und fand das fein. Und in der Tat: Was ist +man für ein Halunke, wenn man, ohne Liebe und Schönheit zu empfinden, an +Orte hingeht, wo nur das Entzücken entschuldigt, was die Liederlichkeit +unternommen hat? Ich log ihr vor, daß ich Stallbursche sei. Sie sagte: +»O nein, dafür benimmst du dich viel zu schön. Sag' mir guten Tag.« Und +da tat ich ihr das, was man an solchen Orten guten Tag sagen nennt, +d. h. sie setzte es mir lachend und scherzend und mich küssend +auseinander, und da tat ich es. Eine Minute später befand ich mich auf +der abendlichen Straße, ausgebrannt bis auf den letzten Pfennig. Wie +kommt mir das jetzt vor? Ich weiß es nicht. Aber das eine weiß ich: ich +muß wieder zu einigem wenigen Geld kommen. Aber wie mache ich das? + +Beinahe jeden frühen Morgen setzt es zwischen mir und Kraus ein +geflüstertes Redegefecht ab. Kraus glaubt immer, mich zur Arbeit +antreiben zu sollen. Vielleicht irrt er sich auch gar nicht, wenn er +annimmt, daß ich nicht gern früh aufstehe. Ja doch, ich stehe schon ganz +gern vom Bett auf, aber wiederum finde ich es geradezu köstlich, ein +wenig länger liegen zu bleiben, als ich soll. Etwas nicht tun sollen, +das ist manchmal so reizend, daß man nicht anders kann, als es doch +tun. Deshalb liebe ich ja so von Grund aus jede Art Zwang, weil er einem +erlaubt, sich auf Gesetzeswidrigkeiten zu freuen. Wenn kein Gebot, kein +Soll herrschte in der Welt, ich würde sterben, verhungern, verkrüppeln +vor Langerweile. Mich soll man nur antreiben, zwingen, bevormunden. Ist +mir durchaus lieb. Zuletzt entscheide doch ich, ich allein. Ich reize +das stirnrunzelnde Gesetz immer ein wenig zum Zorn, nachher bin ich +bemüht, es zu besänftigen. Kraus ist der Vertreter aller hier im +Institut Benjamenta bestehenden Vorschriften, folglich fordere ich den +besten aller Mitschüler beständig ein bißchen zum Kampf auf. Ich zanke +so furchtbar gern. Ich würde krank werden, wenn ich nicht zanken könnte, +und zum Zanken und Reizen eignet sich Kraus wundervoll. Er hat immer +recht: »Willst du jetzt endlich aufstehen, du faules Tuch!« -- Und ich +habe immer unrecht: »Ja, ja, gedulde dich. Ich komme.« -- Wer im Unrecht +ist, der ist frech genug, den, der im Recht ist, stets zur Geduld +aufzufordern. Das Rechthaben ist hitzig, das Unrechthaben trägt stets +eine stolze, frivole Gelassenheit zur Schau. Derjenige, der es +leidenschaftlich gut meint (Kraus), unterliegt stets dem (also mir), dem +das Gute und Förderliche nicht gar so ausgesprochen am Herzen liegt. +Ich triumphiere, weil ich noch im Bett liege, und Kraus zittert vor +Zorn, weil er immer vergeblich an die Türe klopfen, poltern und sagen +muß: »Steh' doch auf, Jakob. Mach' endlich. Herrgott, was ist das für +ein Faulpelz.« -- Wer zürnen kann, ach, ist mir solch ein Mensch +sympathisch. Kraus zürnt bei jeder Gelegenheit. Das ist so schön, so +humorvoll, so edel. Und wir beide passen so gut zueinander. Dem Empörten +muß doch immer der Sünder gegenüberstehen, sonst fehlte ja etwas. Bin +ich dann endlich aufgestanden, so tue ich, als stünde ich müßig da. +»Jetzt steht er noch da und gafft, der Tropf, statt Hand anzulegen,« +sagt er dann. Wie prächtig ist so etwas. Das Gemurmel eines Mürrischen +finde ich schöner als das Murmeln eines Waldbaches, beglitzert von der +allerschönsten Sonntagvormittagsonne. Menschen, Menschen, nur Menschen! +Ja, ich empfinde es lebhaft: ich liebe die Menschen. Ihre Torheiten und +raschen Gereiztheiten sind mir lieber und wertvoller als die feinsten +Naturwunder. -- Wir Zöglinge müssen morgens früh, bevor die Herrschaften +erwachen, Schulstube und Kontor aufräumen. Je zwei Leute besorgen das +abwechslungsweise. »Steh' doch auf. Wird's bald?« -- Oder: »Jetzt hört +aber bald die Genügsamkeit auf.« Oder: »Steh' auf, steh' auf. Es ist +Zeit. Solltest schon längst den Besen in der Hand haben.« -- Wie ist +das amüsant. Und Kraus, der ewig böse Kraus, wie lieb ist er mir. + +Ich muß noch einmal ganz zum Anfang zurückkehren, zum ersten Tag. In der +Unterrichtspause sprangen Schacht und Schilinski, die ich damals ja noch +gar nicht kannte, in die Küche und brachten, auf Teller gelegt, +Frühstück in die Schulstube. Auch mir wurde etwas zum essen vorgelegt, +aber ich hatte gar keinen Appetit, ich mochte nichts anrühren. »Du mußt +essen,« sagte mir Schacht, und Kraus fügte hinzu: »Es muß alles, was da +auf dem Teller liegt, sauber aufgegessen werden. Hast du verstanden?« -- +Ich erinnere mich noch, wie widrig mich diese Redensarten berührten. Ich +versuchte zu essen, aber voll Abscheu ließ ich das meiste liegen. Kraus +drängte sich an mich heran, klopfte mir würdevoll auf die Schulter und +sagte: »Neuling, der du hier bist, wisse, daß die Vorschriften gebieten, +zu essen, wenn etwas zu essen da ist. Du bist hochmütig, doch sei nur +ruhig, der Hochmut wird dir schon vergehen. Kann man etwa die +butterbestrichenen und wurstbelegten Stücke Brot auf der Straße +auflesen? Wie? Sei du nur ruhig und warte hübsch, vielleicht wirst du +noch Appetit bekommen. Jedenfalls mußt du das da aufessen, was hier noch +herumliegt, wohlverstanden. Es werden im Institut Benjamenta keine +Eßreste auf den Tellern geduldet. Vorwärts, iß. Mach' rasch. Ist das +eine sorgenvolle und feinseinwollende Bedenklichkeit. Die Feinheiten +werden dir bald vergehen, glaube es mir. Du hast keinen Appetit, willst +du mir sagen? Ich aber rate dir, Appetit zu haben. Du hast nur aus +Hochmut keinen, das ist es. Gib her. Für diesmal will ich dir helfen +aufessen, obschon es total gegen alle Vorschriften ist. So. Siehst du, +wie man das essen kann? Und das? Und das? Das war ein Kunststück, kann +ich dir sagen.« -- Wie war mir das alles peinlich. Ich empfand eine +heftige Abneigung gegen die essenden Knaben, und heute? Heute esse ich +so gut sauber auf wie nur irgend einer der Zöglinge. Ich freue mich +sogar jedesmal auf das hübsch zubereitete, bescheidene Essen, und nie im +Leben würde es mir einfallen, es zu verschmähen. Ja, ich war eitel und +hochmütig im Anfang, gekränkt von ich weiß nicht was, erniedrigt auf ich +weiß gar nicht mehr welche Weise. Es war mir eben alles, alles noch neu +und infolgedessen feindlich, und im übrigen war ich ein ganz +hervorragender Dummkopf. Ich bin auch heute noch dumm, aber auf feinere, +freundlichere Art und Weise. Und auf die Art und Weise kommt alles an. +Es kann einer noch so töricht und unwissend sein: wenn er sich ein +wenig zu schicken, zu schmiegen und zu bewegen weiß, ist er noch nicht +verloren, sondern findet seinen Weg durch das Leben vielleicht besser +als der Kluge und Mit-Wissen-Vollgepackte. Die Art und Weise: ja, ja. -- + +Kraus hat es schon sehr schwer im Leben gehabt, bevor er hierher +gekommen ist. Er und sein Vater, der Schiffer ist, sind die Elbe hinauf +und hinunter gefahren, auf schweren Kohlenkähnen. Er hat schwer, schwer +arbeiten müssen, bis er dann krank geworden ist. Jetzt will er der +Diener, der richtige Diener eines Herrn werden, und dazu ist er mit all +seinen gutherzigen Eigenschaften auch wie geboren. Er wird ein ganz +wundervoller Diener sein, denn nicht nur sein Äußeres paßt zu diesem +Beruf der Demut und des Entgegenkommens, nein, auch die Seele, die ganze +Natur, das ganze menschliche Wesen meines Kameraden hat etwas im +allerbesten Sinn Dienerhaftes. Dienen! Wenn nur Kraus einen anständigen +Herrn bekommt, das wünsche ich ihm. Gibt es doch Herren oder +Herrschaften, kurz, Vorgesetzte, die es gar nicht lieben und wünschen, +vollkommen bedient zu werden, die es gar nicht verstehen, wirkliche +Dienstleistungen in Empfang zu nehmen. Kraus hat Stil und gehört +unbedingt zu einem Grafen, d. h. ganz, ganz vornehmen Herrn. Man muß +einen Kraus nicht arbeiten lassen wie einen gewöhnlichen Knecht oder +Arbeiter. Er kann vertreten. Sein Gesicht ist dazu geschaffen, irgend +einen Ton, eine Manier anzugeben, und auf seine Haltung und auf sein +Betragen kann derjenige stolz sein, der ihn mieten wird. Mieten? Ja, so +sagt man. Und Kraus wird eines Tages an jemanden vermietet, oder von +irgend jemandem gemietet werden. Und darauf freut er sich, und darum +lernt er so eifrig Französisch in seinen etwas schwerfälligen Kopf +hinein. Etwas ist da, das ihm Kummer macht. Er hat sich nämlich beim +Friseur, wie er sagt, eine etwas garstige Auszeichnung geholt, einen +Kranz von rötlichen kleinen Pflanzen, kurz gesagt Punkten, noch kürzer, +und ganz unbarmherzig gesagt, Pickeln. Nun ja, das ist allerdings übel, +besonders, da er zu einem feinen und wirklich anständigen Herrn gehen +will. Was ist zu machen? Armer Kraus! Mich z. B. würden die Punkte, die +ihn verunzieren, nicht im mindesten hindern, ihn zu küssen, wenn es +darauf ankäme. Im Ernst: wirklich nicht, denn ich sehe so etwas gar +nicht mehr, ich sehe es gar nicht, daß er unschön aussieht. Ich sehe +seine schöne Seele auf seinem Gesicht, und die Seele, das ist das +Liebkosenswerte. Aber der zukünftige Herr und Gebieter wird da +allerdings ganz anders denken, und darum legt auch Kraus Salben auf die +unfeinen Wunden, die ihn verunstalten. Er gebraucht auch öfters den +Spiegel, um die Fortschritte der Heilung zu beobachten, nicht aus leerer +Eitelkeit. Er würde, wenn er nicht diesen Makel trüge, nie in den +Spiegel schauen, denn die Erde kann nichts Uneitleres, Unaufgeblaseneres +hervorbringen als ihn. Herr Benjamenta, der sich für Kraus lebhaft +interessiert, läßt oft nach dem Übel und seinem zu erhoffenden +Verschwinden fragen. Kraus soll ja bald einmal ins Leben hinaus- und in +Stellung treten. Ich fürchte mich vor dem Augenblick seines Austrittes +aus der Schule. Aber es wird nicht so rasch gehen. An seinem Gesicht +kann er, glaube ich, noch ziemlich lange doktoren, was ich ja eigentlich +durchaus nicht wünsche, und doch wünsche. Es würde mir so viel fehlen, +wenn er abginge. Er kann noch früh genug zu einem Herrn kommen, der +seine Qualitäten nicht zu schätzen wissen wird, und ich werde früh genug +einen Menschen, den ich liebe, ohne daß er es weiß, entbehren müssen. + +An all diesen Zeilen schreibe ich meist abends, bei der Lampe, an dem +großen Schultisch, an welchem wir Zöglinge so oft stumpfsinnig oder +nicht stumpfsinnig sitzen müssen. Kraus ist manchmal sehr neugierig und +guckt mir über die Achsel. Einmal habe ich ihn zurechtgewiesen: »Aber +Kraus, bitte sage mir, seit wann bekümmerst du dich um Sachen, die dich +nichts angehen?« -- Er war sehr ärgerlich, wie alle sind, die sich auf +den heimlichen Pfaden der schleichenden Neugierde ertappen lassen. +Manchmal sitze ich ganz allein bis in die spätere Nacht müßig auf einer +Bank im öffentlichen Park. Die Laternen sind angezündet, das grelle +elektrische Licht stürzt zwischen den Blättern der Bäume flüssig und +brennend nieder. Alles ist heiß und verspricht fremdartige +Heimlichkeiten. Leute spazieren hin und her. Es flüstert zu den +versteckten Parkwegen heraus. Dann gehe ich heim und finde die Türe +verschlossen. »Schacht,« rufe ich leise, und der Kamerad wirft mir +verabredetermaßen den Schlüssel auf den Hof hinunter. Ich schleiche auf +Fußspitzen, da das lange Ausbleiben verboten ist, in die Kammer und lege +mich ins Bett. Und dann träume ich. Ich träume oft furchtbare Dinge. So +träumte mir eines Nachts, ich hätte Mama, die Liebe und Ferne, ins +Gesicht geschlagen. Wie schrie ich da auf und wie jäh erwachte ich. Der +Schmerz über die Scheußlichkeit meines eingebildeten Benehmens jagte +mich zum Bett heraus. Bei den Ehrfurcht einflößenden Haaren hatte ich +die Heilige gerissen und sie zu Boden geworfen. O, nicht an so etwas +denken. Die Tränen schossen wie schneidende Strahlen zu den mütterlichen +Augen heraus. Ich erinnere mich noch deutlich, wie der Jammer ihr den +Mund zerschnitt und zerriß, und wie sie sich im Weh badete, und wie dann +der Nacken nach hinten zurücksank. Aber wozu mir diese Bilder von neuem +vormalen? Morgen werde ich endlich den Lebenslauf schreiben müssen, oder +ich laufe Gefahr, einen bösen Vorwurf zu ernten. Abends, gegen neun Uhr, +singen wir Knaben immer ein kurzes Gutenachtlied. Wir stehen im +Halbkreis nahe bei der Türe, die in die innern Gemächer führt, und dann +geht die Türe auf, Fräulein Benjamenta erscheint auf der Schwelle, ganz +in weiße, wohlig herabfallende Gewänder gekleidet, sagt uns »gute Nacht, +Knaben«, befiehlt uns, uns schlafen zu legen, und ermahnt uns, ruhig zu +sein. Dann löscht Kraus jedesmal die Schulzimmerlampe, und von diesem +Augenblick an darf kein leisestes Geräusch mehr gemacht werden. Auf den +Zehen muß jeder gehen und sein Bett suchen. Ganz merkwürdig ist das +alles. Und wo schlafen Benjamentas? Wie ein Engel sieht das Fräulein +aus, wenn sie uns gute Nacht sagt. Wie verehre ich sie. Abends läßt sich +der Herr Vorsteher überhaupt nie blicken. Ob das nun merkwürdig ist +oder nicht, jedenfalls ist es auffallend. + +Es scheint, daß das Institut Benjamenta früher mehr Ruf und Zuspruch +genossen hat. An einer der vier Wände unseres Schulzimmers hängt eine +große Photographie, auf der man die Abbildungen einer ganzen Anzahl +Knaben eines früheren Schuljahrganges sehen kann. Unser Schulzimmer ist +im übrigen sehr trocken ausstaffiert. Außer dem länglichen Tisch, +einigen zehn bis zwölf Stühlen, einem großen Wandschrank, einem +kleineren Nebentisch, einem kleineren zweiten Schrank, einem alten +Reisekoffer und ein paar anderen geringfügigen Gegenständen enthält es +kein Möbel. Über der Türe, die in die geheimnisvolle unbekannte Welt der +innern Gemächer führt, hängt als Wandschmuck ein ziemlich langweilig +aussehender Schutzmannssäbel mit dito quer darüber gelegtem Futteral. +Darüber thront der Helm. Diese Dekoration mutet wie eine Zeichnung oder +wie ein zierlicher Beweis der Vorschriften an, die hier gelten. Was mich +betrifft, ich möchte diese wahrscheinlich bei einem alten Trödler +erhandelten Schmuckstücke nicht geschenkt erhalten. Alle vierzehn Tage +werden Säbel und Helm heruntergenommen, um geputzt zu werden, was eine +sehr nette, obwohl sicher ganz stupide Arbeit genannt werden muß. Außer +diesen Verzierungen hängen im Schulzimmer noch die Bilder des +verstorbenen Kaiserpaares. Der alte Kaiser sieht unglaublich friedlich +aus, und die Kaiserin hat etwas Schlicht-Mütterliches. Oft putzen und +waschen wir Zöglinge das Schulzimmer mit Seife und Warmwasser aus, daß +nachher alles von Sauberkeit duftet und glänzt. Alles müssen wir selber +machen, und jeder von uns hat zu dieser Zimmermädchenarbeit eine Schürze +umgebunden, in welchem an die Weiblichkeit gemahnenden Kleidungsstück +wir alle ohne Ausnahme komisch aussehen. Aber es geht lustig zu an +solchen Aufräumetagen. Der Fußboden wird fröhlich poliert, die +Gegenstände, auch die der Küche, werden blank gerieben, wozu es Lappen +und Putzpuder in Menge gibt, Tisch und Stühle werden mit Wasser +überschüttet, Türklinken werden glänzend gemacht, Fensterscheiben +angehaucht und abgeputzt, jeder hat seine kleine Aufgabe, jeder erledigt +etwas. Wir erinnern an solchen Putz-, Reib- und Waschtagen an die +märchenhaften Heinzelmännchen, die, wie es bekannt ist, alles Grobe und +Mühselige aus reiner übernatürlicher Herzensgüte getan haben. Was wir +Zöglinge tun, tun wir, weil wir müssen, aber warum wir müssen, das weiß +keiner von uns recht. Wir gehorchen, ohne zu überlegen, was aus all dem +gedankenlosen Gehorsam noch eines Tages wird, und wir schaffen, ohne zu +denken, ob es recht und billig ist, daß wir Arbeiten verrichten müssen. +An solch einem Putztag hat sich mir einmal Tremala, einer der Kameraden, +der älteste unter uns allen, mit einem häßlichen Unfug genähert. Er +stellte sich leise hinter mich und griff mir mit der abscheulichen Hand +(Hände, die das tun, sind roh und abscheulich) nach dem intimen Glied, +in der Absicht, mir eine widerliche, an den Kitzel eines Tieres +grenzende Wohltat zu erweisen. Ich drehe mich jäh um und schlage den +Verruchten zu Boden. Ich bin sonst gar nicht so stark. Tremala ist viel +stärker. Aber der Zorn verlieh mir unwiderstehliche Kräfte. Tremala hebt +sich empor und wirft sich auf mich, da geht die Türe auf, und Herr +Benjamenta steht auf der Schwelle derselben. »Jakob, Schlingel!« ruft +er, »Komm einmal her!« Ich trete zu meinem Vorsteher hin, und er frägt +gar nicht, wer den Streit angefangen habe, sondern gibt mir einen Schlag +an den Kopf und geht weg. Ich will ihm nachlaufen, um es ihm +entgegenzubrüllen, wie ungerecht er ist, doch ich beherrsche mich, +besinne mich, werfe einen Blick über die gesamte Knabenschar und gehe +wieder an meine Arbeit. Mit Tremala rede ich seither kein Wort mehr, und +auch er weicht mir stets aus, und er weiß warum. Aber ob es ihm leid tut +oder dergleichen, das ist mir vollkommen gleichgültig. Die unzarte +Angelegenheit ist schon längst, wie soll man sagen, vergessen. Tremala +ist früher schon auf den Meerschiffen gewesen. Er ist ein verdorbener +Mensch, und es scheint, er freut sich seiner schändlichen Anlagen. +Übrigens ist er rasend ungebildet, daher interessiert er mich nicht. +Verschmitzt und zugleich unglaublich dumm: wie uninteressant. Aber das +Eine hat mir dieser Tremala zu erfahren gegeben: man muß auf alle +möglichen Angriffe und Kränkungen stets ein wenig gefaßt sein. + +Oft gehe ich aus, auf die Straße, und da meine ich, in einem ganz wild +anmutenden Märchen zu leben. Welch ein Geschiebe und Gedränge, welch ein +Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei, Gestampf, Gesurr und Gesumme. +Und alles so eng zusammengepfercht. Dicht neben den Rädern der Wagen +gehen die Menschen, die Kinder, Mädchen, Männer und eleganten Frauen; +Greise und Krüppel, und solche, die den Kopf verbunden haben, sieht man +in der Menge. Und immer neue Züge von Menschen und Fuhrwerken. Die Wagen +der elektrischen Trambahn sehen wie figurenvollgepfropfte Schachteln +aus. Die Omnibusse humpeln wie große, ungeschlachte Käfer vorüber. Dann +sind Wagen da, die wie fahrende Aussichtstürme aussehen. Menschen +sitzen auf den hocherhobenen Sitzplätzen und fahren allem, was unten +geht, springt und läuft über den Kopf weg. In die vorhandenen Mengen +schieben sich neue, und es geht, kommt, erscheint und verläuft sich in +einem fort. Pferde trampeln. Wundervolle Hüte mit Zierfedern nicken aus +offenen, schnell vorbeifahrenden Herrschaftsdroschken. Ganz Europa +sendet hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht dicht neben +Niedrigem und Schlechtem, die Leute gehen, man weiß nicht wohin, und da +kommen sie wieder, und es sind ganz andere Menschen, und man weiß nicht, +woher sie kommen. Man meint, es ein wenig erraten zu können und freut +sich über die Mühe, die man sich gibt, es zu enträtseln. Und die Sonne +blitzt noch auf dem allem. Dem einen beglänzt sie die Nase, dem andern +die Fußspitze. Spitzen treten an Röcken zum glitzernden und +sinnverwirrenden Vorschein. Hündchen fahren in Wagen, auf dem Schoß +alter, vornehmer Frauen, spazieren. Brüste prallen einem entgegen, in +Kleidern und Fassonen eingepreßte, weibliche Brüste. Und dann sind +wieder die dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen von männlichen +Mundteilen. Und ungeahnte Straßen denkt man sich, unsichtbare neue und +ebenso sehr menschenwimmelnde Gegenden. Abends zwischen sechs und acht +wimmelt es am graziösesten und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die +beste Gesellschaft. Was ist man eigentlich in dieser Flut, in diesem +bunten, nicht endenwollenden Strom von Menschen? Manchmal sind alle +diese beweglichen Gesichter rötlich angezärtelt und gemalt von +untergehenden Abendsonnengluten. Und wenn es grau ist und regnet? Dann +gehen alle diese Figuren, und ich selber mit, wie Traumfiguren rasch +unter dem trüben Flor dahin, etwas suchend, und wie es scheint, fast nie +etwas Schönes und Rechtes findend. Es sucht hier alles, alles sehnt sich +nach Reichtümern und fabelhaften Glücksgütern. Hastig geht man. Nein, +sie beherrschen sich alle, aber die Hast, das Sehnen, die Qual und die +Unruhe glänzen schimmernd zu den begehrlichen Augen heraus. Dann ist +wieder alles ein Baden in der heißen, mittäglichen Sonne. Alles scheint +zu schlafen, auch die Wagen, die Pferde, die Räder, die Geräusche. Und +die Menschen blicken so verständnislos. Die hohen, scheinbar +umstürzenden Häuser scheinen zu träumen. Mädchen eilen dahin, Pakete +werden getragen. Man möchte sich jemandem an den Hals werfen. Komme ich +heim, so sitzt Kraus da und spottet mich aus. Ich sage ihm, man müsse +doch ein wenig die Welt kennen lernen. »Welt kennen lernen?« sagt er, +wie in tiefe Gedanken versunken. Und er lächelt verächtlich. + +Ungefähr vierzehn Tage nach meinem Eintritt in die Schule ist Hans in +unsern Räumen erschienen. Hans ist der rechte Bauernjunge, wie er in +Grimms Märchenbuch steht. Er kommt tief aus Mecklenburg, und er duftet +nach blumigen üppigen Wiesen, nach Kuhstall und Bauernhof. Schlank, grob +und knochig ist er, und er spricht eine wunderliche, gutmütig-bäuerische +Sprache, die mir eigentlich gefällt, wenn ich mir Mühe gebe, die +Nasenlöcher zuzuhalten. Nicht als ob Hans etwa übel dünste und dufte. +Und doch tut man irgend welche empfindlichen Nasen zu, meinetwegen +geistige, kulturelle, seelische Nasen, und ganz unwillkürlich, womit man +den guten Hans auch gar nicht kränken will. Und er merkt so etwas ja gar +nicht, dazu sieht, horcht und empfindet dieser Land-Mensch viel zu +gesund und zu schlicht. Etwas wie die Erde selber und Erdrinnen- und +Krümmungen tritt einem entgegen, wenn man sich in den Anblick dieses +Burschen vertieft, aber zu vertiefen braucht man sich gar nicht. Hans +fordert keinen gedankenvollen Tiefsinn heraus. Er ist mir nicht +gleichgültig, durchaus nicht, aber, wie soll ich sagen, ein wenig fern +und leicht. Man nimmt ihn ganz leicht, weil er nichts hat, das schwer +zu ertragen wäre, weil es Empfindungen wachriefe. Der Grimmsche +Märchenbauernjunge. Etwas Uralt-Deutsches und Angenehmes, verständlich +und wesentlich auf den ersten, flüchtigen Blick. Sehr wert, dem Ding ein +guter Kamerad zu sein. Hans wird im späteren Leben schwer arbeiten, ohne +zu seufzen. Er wird Mühen und Sorgen und Mißgeschicke kaum recht +wahrnehmen. Er strotzt ja von Kraft und Gesundheit. Und dazu ist er +nicht unhübsch. Überhaupt: ich muß bald lachen über mich selber: ich +finde an allem und in allem irgend etwas Geringfügig-Hübsches. Ich mag +sie alle so gern leiden, meine Zöglinge da, die Schulkameraden. + +Bin ich der geborne Großstädter? Sehr leicht möglich. Ich lasse mich +fast nie betäuben oder überraschen. Etwas unsagbar Kühles ist trotz der +Aufregungen, die mich überfallen können, an mir. Ich habe die Provinz in +sechs Tagen abgestreift. Übrigens bin ich in einer allerdings ganz, ganz +kleinen Weltstadt aufgewachsen. Ich habe Stadtwesen und -empfinden mit +der mütterlichen Milch eingesogen. Ich sah als Kind johlende, betrunkene +Arbeiter hin und her taumeln. Die Natur ist mir schon als ganz klein als +etwas Himmlisch-Entferntes vorgekommen. So kann ich die Natur entbehren. +Muß man denn nicht auch Gott entbehren? Das Gute, Reine und Hohe +irgend, irgendwo versteckt in Nebeln zu wissen und es leise, ganz, ganz +still zu verehren und anzubeten, mit gleichsam total kühler und +schattenhafter Inbrunst: daran bin ich gewöhnt. Ich sah als Kind eines +Tages einen im Blut schwimmenden, von zahlreichen Messerstichen +durchbohrten wälschen Fabrikarbeiter an einer Mauer tot daliegen. Und +ein anderes Mal, es war zu Ravachols Zeiten, hieß es unter der Jugend, +es werden auch bei uns bald Bomben geschleudert werden usw. Alte Zeiten. +Ich wollte von etwas ganz anderem sprechen, nämlich von Kamerad Peter, +dem langen Peter. Dieser hochaufgeschossene Knabe ist zu drollig, er +stammt aus Teplitz in Böhmen und kann slawisch und deutsch sprechen. +Sein Vater ist Schutzmann, und Peter ist in einem Seilergeschäft +kaufmännisch erzogen worden, er scheint aber den Unwissenden, +Unbrauchbaren und Ungeratenen gespielt zu haben, was ich, ganz für mich, +sehr niedlich finde. Er sagt, er rede auch ungarisch und polnisch, wenn +es von ihm verlangt werde. Aber hier verlangt kein Mensch so etwas von +ihm. Was für ausgedehnte Sprachenkenntnisse! Peter ist ganz entschieden +der Dümmste und Unbeholfenste unter uns Eleven, und das belegt und +bekränzt ihn in meinen unmaßgeblichen Augen mit Auszeichnungen, denn +unglaublich lieb sind mir die Dummen. Ich hasse das alles +verstehenwollende, mit Wissen und Witz glänzende, und sich breitmachende +Wesen. Verschmitzte und gewitzigte Menschen sind mir ein unnennbarer +Greuel. Wie nett ist doch gerade in diesem Punkt Peter. Schon, daß er so +lang ist, zum Mittenentzweibrechen lang, ist schön, aber noch viel +schöner ist die Gutherzigkeit, die ihm beständig einflüstert, er sei +Kavalier und habe das Aussehen eines edlen und eleganten Verbummelten. +Zum Kugeln ist das. Er redet immer von erlebten, aber sehr +wahrscheinlich nicht erlebten Abenteuern. Nun, das ist wahr, Peter +besitzt den feinsten und zierlichsten Spazierstock der Welt. Und nun +zieht er stets los und geht in den belebtesten Straßen mit seinem +Spazierstock spazieren. Ich traf ihn einmal in der F...straße. Die +F...straße ist der entzückende Brennpunkt des hiesigen Großstadtweltlebens. +Schon aus weiter Ferne winkte er mir mit Hand, Kopfnicken und +Spazierstockschwenken. Dann, wie ich in seiner Nähe war, schaute er mich +väterlich-sorgenvoll an, als hätte er sagen wollen: »Was, du auch hier? +Jakob, Jakob, das ist noch nichts für dich.« -- Und dann verabschiedete +er sich wie einer der Großen dieses Erdenlebens, wie ein +Weltblattredakteur, der die hochkostbare Zeit nicht zu verlieren hat. +Und dann sah ich sein rundes dummes nettes Hütchen in der Menge anderer +Köpfe und Hüte verschwinden. Er tauchte, wie man so sagt, in der Masse +unter. Peter lernt absolut nichts, obgleich er es in so humorvoller +Weise nötig hätte, und in das Institut Benjamenta ist er scheinbar nur +deshalb eingetreten, um hier mit köstlichen Dummheiten zu glänzen. +Vielleicht wird er hier sogar noch um wesentliche Portionen dümmer, als +er war, und warum sollte sich seine Dummheit denn eigentlich nicht +entfalten dürfen? Ich z. B. bin überzeugt, daß Peter im Leben +unverschämt viel Erfolg davontragen wird, und seltsam: ich gönne es ihm. +Ja, ich gehe noch weiter. Ich habe das Gefühl, und es ist ein sehr +trostreiches, prickelndes und angenehmes, daß ich später einmal solch +einen Herrn, Gebieter und Vorgesetzten bekommen werde, wie Peter einer +sein wird, denn solche Dummen, wie er einer ist, sind zum Avancieren, +Hochkommen, Wohlleben und Befehlen geschaffen, und solche in gewissem +Sinn Gescheite, wie ich, sollen den guten Drang, den sie besitzen, im +Dienst anderer blühen und entkräften lassen. Ich, ich werde etwas sehr +Niedriges und Kleines sein. Die Empfindung, die mir das sagt, gleicht +einer vollendeten, unantastbaren Tatsache. Mein Gott, und ich habe +trotzdem so viel, so viel Mut, zu leben? Was ist mit mir? Oft habe ich +ein wenig Angst vor mir, aber nicht lange. Nein, nein, ich vertraue +mir. Aber ist das nicht geradezu komisch? + +Für meinen Mitschüler Fuchs habe ich nur einen einzigen sprachlichen +Ausdruck: Fuchs ist schräg, Fuchs ist schief. Er spricht wie ein +mißlungener Purzelbaum und benimmt sich wie eine große, zu Menschenform +zusammengeknetete Unwahrscheinlichkeit. Alles an ihm ist unsympathisch, +daher unbeherzigenswert. Über Fuchs etwas zu wissen, das ist Mißbrauch, +unfeiner, störender Überfluß. Man kennt solche Schlingel nur, um sie zu +verachten; da man aber überhaupt nicht gern irgend etwas verächtlich +finden will, vergißt oder übersieht man das Ding. Ein Ding, ja, das ist +er. O Gott, muß ich heute böse reden? Fast möchte ich mich dafür hassen. +Fort, zu irgend etwas Schönerem. -- Herrn Benjamenta sehe ich sehr +selten. Zuweilen trete ich in das Bureau ein, verbeuge mich bis zur +Erde, sage »guten Tag, Herr Vorsteher« und frage den Herrscherähnlichen, +ob ich ausgehen darf. »Hast du den Lebenslauf geschrieben? Wie?« werde +ich gefragt. Ich antworte: »Noch nicht. Aber ich werde es tun.« Herr +Benjamenta tritt auf mich zu, d. h. bis zum Schalter, an welchem ich +stehe, und drückt mir die riesige Faust vor die Nase. »Du wirst +pünktlich sein, Bursch, oder -- -- -- du weißt, was es absetzt.« -- Ich +verstehe ihn, ich verbeuge mich wieder und verschwinde. Seltsam, wie +viel Lust es mir bereitet, Gewaltausübende zu Zornesausbrüchen zu +reizen. Sehne ich mich denn eigentlich danach, von diesem Herrn +Benjamenta gezüchtigt zu werden? Leben in mir frivole Instinkte? Alles, +alles, selbst das Niederträchtigste und Unwürdigste, ist möglich. Nun +gut, bald werde ich den Lebenslauf ja schreiben. Ich finde Herrn +Benjamenta geradezu schön. Ein herrlicher brauner Bart -- was? +Herrlicher brauner Bart? Ich bin ein Dummkopf. Nein, am Herrn Vorsteher +ist nichts schön, nichts herrlich, aber man ahnt hinter diesem Menschen +schwere Schicksalswege und -schläge, und dieses Menschliche ist es, +dieses beinahe Göttliche ist es, was ihn schön macht. Wahre Menschen und +Männer sind nie sichtbar schön. Ein Mann, der einen wirklich schönen +Bart trägt, ist ein Opernsänger oder der gutbezahlte Abteilungschef +eines Warenhauses. Scheinmänner sind in der Regel schön. Immerhin kann +es auch Ausnahmen und männliche Schönheiten, erfüllt von Tüchtigkeit, +geben. Herrn Benjamentas Gesicht und Hand (die ich schon zu spüren +bekommen habe) haben Ähnlichkeit mit knorrigen Wurzeln, mit Wurzeln, die +zu irgend einer traurigen Stunde schon irgendwelchen unbarmherzigen +Beilhieben haben widerstehen müssen. Wäre ich eine Dame von Noblesse +und Geist, ich wüßte Männer, wie diesen scheinbar so armseligen +Institutsvorsteher, unbedingt auszuzeichnen, aber wie ich vermute, +verkehrt Herr Benjamenta gar nicht in der Gesellschaft, die die Welt +bedeutet. Er sitzt eigentlich immer zu Hause, er hält sich ohne Zweifel +so auf eine Art im Verborgenen auf, er verkriecht sich »in der +Einsamkeit«, und in der Tat, schauderhaft einsam muß dieser sicher edle +und kluge Mann dahinleben. Irgend welche Ereignisse müssen auf diesen +Charakter einen tiefen, vielleicht sogar vernichtenden Eindruck gemacht +haben, aber was weiß man? Ein Eleve des Institutes Benjamenta, was, was +kann ein solcher wissen? Aber ich forsche wenigstens immer. Um zu +forschen, sonst um nichts anderen willen trete ich öfters in das Kontor +und richte so läppische Fragen, wie die: »Darf ich ausgehen, Herr +Vorsteher?« an den Mann. Ja, dieser Mensch hat es mir angetan, er +interessiert mich. Auch die Lehrerin erweckt mein höchstes Interesse. +Ja, und deshalb, um etwas herauszukriegen aus all diesem +Geheimnisvollen, reize ich ihn, damit ihm etwas wie eine unvorsichtige +Bemerkung entfahre. Was schadet es mir, wenn er mich schlägt? Mein +Wunsch, Erfahrungen zu machen, wächst zu einer herrischen Leidenschaft +heran, und der Schmerz, den mir der Unwille dieses seltsamen Mannes +verursacht, ist nur klein gegen die bebende Begierde, ihn zu verleiten, +sich ein wenig mir gegenüber auszusprechen. O ich träume davon, -- +herrlich, herrlich, -- dieses Menschen hervorbrechendes Vertrauen zu +besitzen. Nun, es wird noch lange dauern, aber ich glaube, ich glaube, +ich bringe es fertig, in das Geheimnis der Benjamentas endlich noch +einzudringen. Geheimnisse lassen einen unerträglichen Zauber +vorausahnen, sie duften nach etwas ganz, ganz unsäglich Schönem. Wer +weiß, wer weiß. Ah -- -- --. + +Ich liebe den Lärm und die fortlaufende Bewegung der Großstadt. Was +unaufhörlich fortläuft, zwingt zur Sitte. Dem Dieb z. B., wenn er all +die regsamen Menschen sieht, muß unwillkürlich einfallen, was für ein +Spitzbube er ist, nun, und der fröhlich-bewegliche Anblick kann +Besserung in sein verfallenes, ruinenartiges Wesen schütten. Der +Prahlhans wird vielleicht etwas bescheidener und nachdenklicher, wenn er +all die Kräfte, die sich schaffend zeigen, erblickt, und der +Unschickliche sagt sich möglicherweise, wenn ihm die Schmiegsamkeit der +Vielen ins Auge fällt, er sei doch ein entsetzlicher Wicht, derart auf +der Breitspurigkeit und Anmaßung dumm und eitel zu thronen. Die +Großstadt erzieht, sie bildet, und zwar durch Beispiele, nicht durch +trockene, den Büchern entnommene Lehrsätze. Es ist nichts Professorales +da, und das schmeichelt, denn die aufgetürmte Wissenswürde entmutigt. +Und dann ist hier noch so vieles, was fördert, hält und hilft. Man kann +es kaum sagen. Wie schwer ist es, Feinem und Gutem lebendigen Ausdruck +zu geben. Man ist hier dem bescheidenen Leben schon dankbar, man dankt +immer ein wenig, indem es einen treibt, indem man es eilig hat. Wer Zeit +zu verschwenden hat, weiß nicht, was sie bedeutet, und er ist der +natürliche, blöde Undankbare. In der Großstadt fühlt jeder Laufbursche, +daß Zeit etwas wert ist, und jeder Zeitungsverkäufer will seine Zeit +nicht vertrödeln. Und dann das Traumhafte, das Malerische und +Dichterische! Menschen eilen und wirken immer an einem vorbei. Nun, das +hat etwas zu bedeuten, das regt an, das setzt den Geist in einen +lebhafteren Schwung. Während man zaudernd steht, sind schon Hunderte, +ist bereits hunderterlei einem am Kopf und Blick vorübergegangen, das +beweist einem so recht deutlich, welch ein Versäumer und träger +Verschieber man ist. Man hat es hier allgemein eilig, weil man jeden +Augenblick der Meinung ist, es sei hübsch, etwas erkämpfen und erhaschen +zu gehen. Das Leben erhält einen reizenderen Atem. Die Wunden und +Schmerzen werden tiefer, die Freude frohlockt fröhlicher und länger als +anderswo, denn wer sich hier freut, der scheint es stets sauer und +rechtschaffen durch Arbeit und Mühe verdient zu haben. Dann sind wieder +die Gärten, die so still und verloren hinter den zierlichen Gittern +liegen wie heimliche Winkel in englischen Parklandschaften. Dicht +daneben rauscht und poltert der geschäftliche Verkehr, als wenn es nie +Landschaften oder Träumereien im Leben gegeben hätte. Die Eisenbahnzüge +donnern über die zitternden Brücken. Abends glitzern die märchenhaft +reichen und eleganten Schaufenster, und Ströme, Schlangen und Wellen von +Menschen wälzen sich am ausgestellten, lockenden Industrie-Reichtum +vorbei. Ja, das alles erscheint mir gut und groß. Man gewinnt, indem man +mitten im Gestrudel und Gesprudel ist. Man empfindet etwas Gutes an den +Beinen, an den Armen und in der Brust, indem man sich Mühe gibt, sich +schicklich und ohne viel Federlesens durch all den lebendigen Kram +hindurchzuwinden. Am Morgen scheint alles neu zu leben, und am Abend +sinkt alles einer neuen, nie empfundenen Träumerei in die +wildumschlingenden Arme. Das ist sehr dichterisch. Fräulein Benjamenta +würde mich ganz gehörig zurechtweisen, wenn sie lesen würde, was ich +hier schreibe. Von Kraus nicht zu reden, der macht zwischen Dorf und +Stadt keinen so leidenschaftlichen Unterschied. Kraus erblickt erstens +Menschen, zweitens Pflichten und drittens höchstens noch Ersparnisse, +die er zurücklegen wird, wie er denkt, um sie seiner Mutter zu schicken. +Kraus schreibt immer nach Hause. Er besitzt eine ebenso einfache wie +rein menschliche Bildung. Das Großstadtgetriebe mit all seinen vielen +törichten glitzernden Versprechungen läßt ihn vollständig kalt. Welch +eine rechtschaffene, zarte, feste Menschenseele. + +Endlich sind meine Photographien fertig geworden. Ich blicke sehr, sehr +energisch in die Welt hinein auf dem wirklich gut gelungenen Bild. Kraus +will mich ärgern und sagt, ich sehe wie ein Jude aus. Endlich, endlich +lacht er ein wenig. »Kraus,« sage ich, »bitte, bedenke, auch die Juden +sind Menschen.« Wir zanken über den Wert und über den Unwert der Juden +und unterhalten uns damit prachtvoll. Ich wundere mich, welche guten +Meinungen er hat. »Die Juden haben alles Geld,« meint er. Ich nicke +dazu, ich bin einverstanden, und ich sage: »Das Geld macht die Menschen +erst zu Juden. Ein armer Jude ist kein Jude, und reiche Christen, ich +pfeife, das sind noch die ärgsten Juden.« -- Er nickt. Endlich, endlich +einmal habe ich dieses Menschen Beifall gefunden. Aber er ärgert sich +schon wieder und sagt sehr ernsthaft: »Schwatz' nicht immer. Was soll +das mit den Juden und mit den Christen. Das gibt es gar nicht. Es gibt +liederliche und brave Menschen. Das ist es. Und was glaubst du, Jakob? +Zu welcher Sorte gehörst du?« -- Und nun unterhalten wir uns erst recht +noch lange. O, Kraus redet sehr gern mit mir, ich weiß es. Die gute, +feine Seele. Er mag es nur nicht zugeben. Wie liebe ich Menschen, die +sich nicht gern Geständnisse machen. Kraus hat Charakter: Wie deutlich +man das fühlt. -- Den Lebenslauf habe ich allerdings geschrieben, aber +ich habe ihn wieder zerrissen. Fräulein Benjamenta ermahnte mich +gestern, aufmerksamer und folgsamer zu sein. Ich habe die schönsten +Vorstellungen von Gehorsamkeit und Aufmerksamkeit, und sonderbar: es +entwischt mir. Ich bin tugendhaft in der Einbildung, aber wenn es darauf +ankommt, Tugenden auszuüben? Wie dann? Nicht wahr, ja, dann ist es eben +etwas ganz anderes, dann versagt man, dann ist man unwillig. Übrigens +bin ich unhöflich. Ich schwärme sehr für die Ritterlichkeit und +Höflichkeit, wenn es aber gilt, der Lehrerin vorauszueilen und ihr die +Türe ehrfürchtig zu öffnen, wer ist dann der Flegel, der am Tisch sitzen +bleibt? Und wer springt wie der Sturmwind, um sich artig zu erweisen? +Ei, Kraus. Kraus ist Ritter von Kopf bis zu Fuß. Er gehört eigentlich +ins Mittelalter, und es ist sehr schade, daß ihm kein zwölftes +Jahrhundert zur Verfügung steht. Er ist die Treue, der Diensteifer und +das unauffällige, selbstlose Entgegenkommen selber. Über Frauen hat er +kein Urteil, er verehrt sie bloß. Wer hebt das Fallengelassene vom Boden +auf und reicht es eichhornhaft schnell dem Fräulein? Wer springt zum +Haus hinaus auf Kommissionen? Wer trägt der Lehrerin die Markttasche +nach? Wer scheuert die Treppe und Küche, ohne daß man es ihm hat +befehlen müssen? Wer tut das alles und frägt nicht nach Dank? Wer ist so +herrlich, so gewaltig in sich selbst froh? Wie heißt er? Ah, ich weiß es +schon. Manchmal möchte ich von diesem Kraus gehauen sein. Aber Menschen +wie er, wie könnten sie hauen. Kraus will nur Rechtes und Gutes. Das ist +durchaus nicht übertrieben gesprochen. Er hat nie schlechte Absichten. +Seine Augen sind erschreckend gut. Dieser Mensch, was will er eigentlich +in solch einer auf die Phrase, Lüge und Eitelkeit gestellten und +abgerichteten Welt? Sieht man Kraus an, dann fühlt man unwillkürlich, +wie unrettbar verloren die Bescheidenheit in der Welt ist. + +Ich habe meine Uhr verkauft, um Zigarettentabak kaufen zu können. Ich +kann ohne Uhr, aber nicht ohne Tabak leben, das ist schändlich, aber es +ist zwingend. Ich muß irgendwie zu ein wenig Geld gelangen, sonst wird +es mir bald an reiner Wäsche fehlen. Saubere Hemdkragen sind mir ein +Bedürfnis. Das Glück eines Menschen hängt nicht und hängt doch von +solchen Dingen ab. Glück? Nein. Aber man soll anständig sein. +Reinlichkeit allein ist ein Glück. Ich schwatze. Wie hasse ich all die +treffenden Worte. Heute hat Fräulein geweint. Warum? Mitten in der +Schulstunde stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen. Das berührt +mich seltsam. Jedenfalls werde ich die Augen offen behalten. Es macht +mir Spaß, auf irgend etwas, was keinen Ton geben will, zu horchen. Ich +passe auf, und das verschönert das Leben, denn ohne aufpassen zu müssen, +gibt es eigentlich gar kein Leben. Es ist klar, Fräulein Benjamenta hat +einen Kummer, und es muß ein heftiger Kummer sein, da sich unsere +Lehrerin sonst sehr gut zu beherrschen weiß. Ich muß Geld haben. +Übrigens habe ich den Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet +folgendermaßen: + + Lebenslauf. + + Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn rechtschaffener Eltern, den + und den Tag geboren, da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das + Institut Benjamenta eingetreten, um sich die paar Kenntnisse + anzueignen, die nötig sind, in irgend jemandes Dienste zu treten. + Ebenderselbe macht sich durchaus vom Leben keine Hoffnungen. Er + wünscht, streng behandelt zu werden, um zu erfahren, was es heißt, + sich zusammenraffen müssen. Jakob von Gunten verspricht nicht viel, + aber er nimmt sich vor, sich brav und redlich zu verhalten. Die von + Gunten sind ein altes Geschlecht. In früheren Zeiten waren sie + Krieger, aber die Rauflust hat nachgelassen, und heute sind sie + Großräte und Handelsleute, und der Jüngste des Hauses, Gegenstand + dieses Berichtes, hat sich entschlossen, gänzlich von aller + hochmütigen Tradition abzufallen. Er will, daß das Leben ihn + erziehe, nicht erbliche oder irgend adlige Grundsätze. Allerdings + ist er stolz, denn es ist ihm unmöglich, die angeborne Natur zu + verleugnen, aber er versteht unter Stolz etwas ganz Neues, + gewissermaßen der Zeit, in der er lebt, Entsprechendes. Er hofft, + daß er modern, einigermaßen geschickt zu Dienstleistungen und nicht + ganz dumm und unbrauchbar ist, aber er lügt, er hofft das nicht nur, + sondern er behauptet und weiß es. Er hat einen Trotzkopf, in ihm + leben eben noch ein wenig die ungebändigten Geister seiner + Vorfahren, doch er bittet, ihn zu ermahnen, wenn er trotzt, und wenn + das nichts nützt, zu züchtigen, denn dann glaubt er, nützt es. Im + übrigen wird man ihn zu behandeln wissen müssen. Der Unterzeichnete + glaubt, sich in jede Lage schicken zu können, es ist ihm daher + gleichgültig, was man ihm zu tun befehlen wird, er ist der festen + Überzeugung, daß jede sorgsam ausgeführte Arbeit für ihn eine + größere Ehre sein wird als das müßig und ängstlich zu Hause + Hinter-dem-Ofen-Sitzen. Ein von Gunten sitzt nicht hinter dem Ofen. + Wenn die Ahnen des gehorsam Unterzeichneten das ritterliche Schwert + geführt haben, so handelt der Nachkomme traditionell, wenn er + glühend heiß begehrt, sich irgendwie nützlich zu erweisen. Seine + Bescheidenheit kennt keine Grenzen, wenn man seinem Mut schmeichelt, + und sein Eifer, zu dienen, gleicht seinem Ehrgeiz, der ihm befiehlt, + hinderliche und schädliche Ehrgefühle zu verachten. Zu Hause hat + Immerderselbe seinen Geschichtslehrer, den ehrenwerten Herrn Doktor + Merz, durchgeprügelt, eine Schandtat, die er bedauert. Heute sehnt + er sich danach, den Hochmut und die Überhebung, die ihn vielleicht + zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen Felsen harter Arbeit + zerschmettern zu dürfen. Er ist wortkarg und wird Vertraulichkeiten + niemals ausplaudern. Er glaubt weder an ein Himmelreich noch an eine + Hölle. Die Zufriedenheit desjenigen, der ihn engagiert, wird sein + Himmel, und das traurige Gegenteil seine vernichtende Hölle sein, + aber er ist überzeugt, daß man mit ihm und dem, was er leistet, + zufrieden sein wird. Dieser feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu + sein, der er ist. + + Jakob von Gunten. + +Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher überreicht. Er hat ihn +durchgelesen, ich glaube, sogar zweimal, und das Schreiben scheint ihm +gefallen zu haben, denn es trat etwas wie ein schimmerndes Lächeln auf +seine Lippen. O gewiß, ich habe meinen Mann scharf beobachtet. Ein wenig +gelächelt hat er, das ist und bleibt Tatsache. Also endlich ein Zeichen +von etwas Menschlichem. Was muß man doch für Sprünge machen, Menschen, +denen man die Hände küssen möchte, zu einer nur ganz flüchtigen +freundlichen Regung zu bewegen. Absichtlich, absichtlich habe ich den +Lauf meines Lebens so stolz und frech geschrieben: »Da lies es. Wie? +Reizt es dich nicht, mir das Ding ins Gesicht zu schmeißen?« -- Das sind +meine Gedanken gewesen. Und da hat er ganz schlau und fein gelächelt, +dieser schlaue und feine Herr Vorsteher, den ich leider, leider Gottes +über alles verehre. Und ich hab' es bemerkt. Es ist ein Vorpostengefecht +gewonnen. Heute muß ich unbedingt noch irgend einen Streich verüben. Ich +muß mich sonst kaputtfreuen, kaputtlachen. Aber Fräulein Vorsteher +weint? Was ist das? Warum bin ich so seltsam glücklich? Bin ich +verrückt? + +Ich muß jetzt etwas berichten, was vielleicht einigen Zweifel erregt. +Und doch ist es durchaus Wahrheit, was ich sage. Es lebt ein Bruder von +mir in dieser gewaltigen Stadt, mein einziger Bruder, ein meiner Ansicht +nach außerordentlicher Mensch, Johann heißt er, und er ist so etwas wie +ein namhaft bekannter Künstler. Ich weiß um seine jetzige Stellung in +der Welt nichts Bestimmtes, da ich es vermieden habe, ihn zu besuchen. +Ich werde nicht zu ihm gehen. Begegnen wir uns zufällig auf der Straße +und erkennt er mich und tritt auf mich zu: schön, dann ist es mir lieb, +seine brüderliche Hand kräftig zu schütteln. Aber herausfordern werde +ich solch ein Begegnen nie, nie im Leben. Was bin ich, und was ist er? +Was ein Zögling des Institutes Benjamenta ist, das weiß ich, es liegt +auf der Hand. Solch ein Zögling ist eine gute runde Null, weiter nichts. +Aber was mein Bruder zur Stunde ist, das kann ich nicht wissen. Er ist +vielleicht umgeben von lauter feinen, gebildeten Menschen und von weiß +Gott was für Formalitäten, und ich respektiere Formalitäten, deshalb +suche ich nicht einen Bruder auf, wo mir möglicherweise ein soignierter +Herr unter gezwungenem Lächeln entgegentritt. Ich kenne ja Johann von +Gunten von früher her. Er ist ein durchaus ebenso kühl abwägender und +berechnender Mensch wie ich und wie alle Gunten, aber er ist viel älter, +und im Altersunterschied zweier Menschen und Brüder können +unübersteigliche Grenzen liegen. Jedenfalls ließe ich mir von ihm keine +guten Lehren erteilen, und das ist es gerade, was ich befürchte, das er +tun wird, wenn er mich zu Gesicht bekommt, denn wenn er mich so arm und +unbedeutend vor sich sieht, wird es ihn, den Gutsituierten, doch ganz +sicher reizen, mich meine niedrige Position von oben herab leicht fühlen +zu lassen, und das würde ich nicht ertragen können, ich würde den von +Guntenschen Stolz hervorkehren und entschieden grob werden, was mir +hinterher dann doch nur weh täte. Nein, tausendmal nein. Was? Von meinem +Bruder, vom selben Blut Gnade annehmen? Tut mir sehr leid. Das ist +unmöglich. Ich stelle mir ihn sehr fein vor, die beste Zigarette der +Welt rauchend, und liegend auf den Kissen und Teppichen der bürgerlichen +Behaglichkeit. Und wie? Ja, es ist jetzt in mir so etwas Unbürgerliches, +so etwas durchaus Entgegengesetzt-Wohlanständiges, und vielleicht ruht +mein Herr Bruder mitten drinnen im schönsten, prächtigsten Welt-Anstand. +Es ist beschlossen: wir beide sehen uns nicht, vielleicht nie! Und das +ist auch gar nicht nötig. Nicht nötig? Gut, lassen wir das. Ich +Schafskopf, da rede ich wie eine ganze würdevolle Lehrerschaft per wir. +-- Um meinen Bruder herum gibt es sicher das beste, gewählteste +Salon-Benehmen. Merci. O, ich danke. Da werden Frauen sein, die den Kopf +zur Türe herausstrecken und schnippisch fragen: »Wer ist denn jetzt +wieder da? Wie? Ist es vielleicht ein Bettler?« -- Verbindlichsten Dank +für solch einen Empfang. Ich bin zu gut, um bemitleidet zu werden. +Duftende Blumen im Zimmer! O ich mag gar keine Blumen. Und gelassenes +Weltwesen? -- Scheußlich. Ja, gern, sehr gern sähe ich ihn. Aber wenn +ich ihn so sähe, so sähe im Glanz und im Behagen: futsch wäre die +Empfindung, hier stehe ein Bruder, und ich würde nur Freude lügen +dürfen, und er auch. Also nicht. + +In der Unterrichtsstunde sitzen wir Schüler, starr vor uns herblickend, +da, unbeweglich. Ich glaube, man darf sich nicht einmal die persönliche +Nase putzen. Die Hände ruhen auf den Kniescheiben und sind während des +Unterrichtes unsichtbar. Hände sind die fünffingrigen Beweise der +menschlichen Eitelkeit und Begehrlichkeit, daher bleiben sie unter dem +Tisch hübsch verborgen. Unsere Schülernasen haben die größte geistige +Ähnlichkeit miteinander, sie scheinen alle mehr oder weniger nach der +Höhe zu streben, wo die Einsicht in die Wirrnisse des Lebens leuchtend +schwebt. Nasen von Zöglingen sollen stumpf und gestülpt erscheinen, so +verlangen es die Vorschriften, die an alles denken, und in der Tat, +unsere sämtlichen Riechwerkzeuge sind demütig und schamhaft gebogen. Sie +sind wie von scharfen Messern kurzgehauen. Unsere Augen blicken stets +ins gedankenvolle Leere, auch das will die Vorschrift. Eigentlich sollte +man gar keine Augen haben, denn Augen sind frech und neugierig, und +Frechheit und Neugierde sind von fast jedem gesunden Standpunkt aus +verdammenswert. Ziemlich ergötzlich sind die Ohren von uns Zöglingen. +Sie wagen alle kaum zu horchen vor lauter gespannten Horchens. Sie +zucken immer ein wenig, als fürchteten sie, von hinten plötzlich mahnend +gezogen und in die Weite und Breite gerissen zu werden. Arme Ohren das, +die derart Angst ausstehen müssen. Schlägt der Ton eines Rufes oder +Befehls an diese Ohren, so vibrieren und zittern sie wie Harfen, die +berührt und gestört worden sind. Nun, es kommt ja auch vor, daß +Zöglingsohren gern ein wenig schlafen, und wie werden sie dann geweckt! +Es ist eine Freude. Das Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er +ist stets gehorsam und devot zugekniffen. Es ist ja auch nur zu wahr: +ein offener Mund ist die gähnende Tatsache, daß der Besitzer desselben +mit seinen paar Gedanken meist anderswo sich aufhält als im Bereich und +Lustgarten der Aufmerksamkeit. Ein festgeschlossener Mund deutet auf +offene, gespannte Ohren, daher müssen die Türen da unten, unter den +Nasenflügelfenstern, stets sorgsam verriegelt bleiben. Ein offener Mund +ist ein Maul ohne weiteres, und das weiß jeder von uns genau. Lippen +dürfen nicht prangen und lüstern blühen in der bequemen natürlichen +Lage, sondern sie sollen gefalzt und gepreßt sein zum Zeichen +energischer Entsagung und Erwartung. Das tun wir Schüler alle, wir gehen +mit unsern Lippen laut bestehender Vorschrift sehr hart und grausam um, +und daher sehen wir alle so grimmig wie kommandierende Wachtmeister aus. +Ein Unteroffizier will die Mienen seiner Soldaten bekanntlich genau so +schnauzig und grimmig haben wie seine, das paßt ihm, denn er hat Humor +in der Regel. Im Ernst: Gehorchende sehen meist genau aus wie +Befehlende. Ein Diener kann gar nicht anders als die Masken und Allüren +seines Herrn annehmen, um sie gleichsam treuherzig fortzupflanzen. Unser +verehrtes Fräulein ist ja nun gar kein solcher Feldwebel, im Gegenteil, +sie lächelt sehr oft, ja, sie gestattet sich manchmal, uns Murmeltiere +von vorschriftenbefolgenden Menschenkindern einfach auszulachen, aber +sie gewärtigt eben, daß wir sie ruhig, und ohne unsere Mienen zu +verändern, lachen lassen, und das tun wir auch, wir tun so, als hörten +wir den süßen Silberton ihres Gelächters überhaupt gar nicht. Was sind +wir für aparte Käuze. Unser Haar ist stets sauber und glatt gekämmt und +gebürstet, und jeder hat sich einen geraden Scheitel in die Welt da oben +auf dem Kopf einzuschneiden, einen Kanal in die tiefschwarze oder blonde +Haar-Erde. So gehört sich's. Scheitel sind nun einmal auch +vorschriftsmäßig. Und daher, weil wir so reizend frisiert und +gescheitelt sind, sehen wir uns alle eigentlich ähnlich, was für einen +Schriftsteller z. B. zum Totlachen wäre, wenn er uns besuchte, um uns in +unserer Herrlichkeit und Wenigkeit zu studieren. Mag dieser Herr +Schriftsteller zu Hause bleiben. Windbeutel sind das, die nur studieren, +malen und Beobachtungen anstellen wollen. Man lebe, dann beobachtet +sich's ganz von selber. Unser Fräulein Benjamenta würde übrigens solch +einen hergewanderten, -geregneten und -geschneiten Artikelschreiber +derart anherrschen, daß er vor Schreck über die Unfreundlichkeit des +Empfangs zu Boden fiele. Nun, dann würde die Lehrerin, die es liebt, +selbstherrlich zu verfahren, vielleicht zu uns sagen: »Geht, helft dem +Herrn von der Erde aufstehen.« Und dann würden wir Zöglinge des +Institutes Benjamenta dem ungebetenen Gast zeigen, wo die Türe ist. Und +das Stück neugierigen Schriftstellertums würde wieder verschwinden. +Nein, das sind Phantasien. Zu uns kommen Herrschaften, die uns Knaben +engagieren wollen, und nicht Leute mit Schreibfedern hinter den Ohren. + +Entweder sind die Lehrer unseres Institutes gar nicht vorhanden, oder +sie schlafen noch immer, oder sie scheinen ihren Beruf vergessen zu +haben. Oder streiken sie vielleicht, weil man ihnen die Monatslöhne +nicht ausbezahlt? Wunderliche Gefühle ergreifen mich, wenn ich an die +armen Eingeschlummerten und Geistesabwesenden denke. Da sitzen sie nun, +oder kauern an den Wänden eines extra für die Ruhebedürftigen +eingerichteten Zimmers. Da ist Herr Wächli, der vermeintliche +Naturgeschichtslehrer. Sogar im Schlaf hält er noch immer seine +Tabakspfeife im Mund eingeklemmt. Schade, er hätte vielleicht besser +getan, Bienenzüchter zu werden. Wie rot sein Kopf doch ist und wie fett +seine ältliche, weichliche Hand. Und hier nebenan, ist das nicht Herr +Blösch, der sehr geehrte Französischlehrer? Ei ja doch, das ist er +wahrhaftig, und er lügt, wenn er zu schlafen vorgibt, er ist ein ganz +schrecklicher Lügner. Auch seine Schulstunden sind immer nur eine Lüge +und papierne Maske gewesen. Wie blaß er aussieht, und wie böse! Er hat +ein schlechtes Gesicht, dicke harte Lippen, grobe unbarmherzige Züge: +»Schläfst du, Blösch?« -- Er hört nicht. Er ist eigentlich widerwärtig. +Und das, wer ist denn das da? Herr Pfarrer Strecker? Der lange, dürre +Herr Pfarrer Strecker, der den Religionsunterricht erteilt? Zum Teufel, +ja er selber ist es. »Schlafen Sie, Herr Pfarrer? Nun, dann schlafen +Sie. Es schadet nichts, daß Sie schlafen. Sie versäumen nur Zeit mit +Religionsunterrichterteilen. Religion, sehen Sie, taugt heute nichts +mehr. Der Schlaf ist religiöser als all Ihre Religion. Wenn man schläft, +ist man Gott vielleicht noch am nächsten. Was meinen Sie?« -- Er hört +nicht. Ich will anderswo anklopfen. He, wer ist denn das hier, der so +bequeme Stellungen wählt? Ist es Merz, Doktor Merz, der die Geschichte +Roms lehrt? Ja, er ist es, ich erkenne ihn am Spitzbart. »Sie scheinen +mir böse zu sein, Herr Doktor Merz. Nun, schlafen Sie und vergessen Sie +die unpassenden Auftritte, die zwischen Ihnen und mir vorgefallen sind, +zürnen Sie nicht in Ihren Spitzbart hinein. Übrigens tun Sie gut, zu +schlafen. Die Welt dreht sich seit einiger Zeit um Geld und nicht mehr +um Geschichte. All die uralten Heldentugenden, die Sie auspacken, +spielen ja, wie Sie selbst wissen werden, längst keine Rolle mehr. Ich +verdanke Ihnen einige wundervolle Eindrücke. Schlafen Sie wohl.« -- +Hier aber, wie ich sehe, scheint sich Herr von Bergen, der Knabenquäler +von Bergen, angesiedelt zu haben. Tut, als wenn er träume, und erteilt +doch so gern, mit so kitzlich-himmlischer Vorliebe, »Tatzen«. Oder er +kommandiert »Rumpfbeuge vorwärts«, und dann ist es ihm solch ein Genuß, +aufs Hinterstück des armen Jungen ein Meerrohrgeschenk anzuflicken. Sehr +elegante Pariser-Erscheinung, aber grausam. -- Und wer ist dieser hier? +Progymnasialdirektor Wyß? Sehr nett. Bei rechtlichen Leuten braucht man +sich nicht lange aufzuhalten. Und wer ist hier? Bur? Lehrer Bur? »Ich +bin entzückt, Sie zu sehen.« Bur ist der genialste gewesene Rechenlehrer +des Kontinents. Fürs Institut Benjamenta ist er nur zu freisinnig und zu +geistvoll. Kraus und die andern sind keine Schüler für ihn. Er ist zu +hervorragend und stellt zu hohe Ansprüche. Hier im Institut existieren +keine solchen überspannten Voraussetzungen. Aber ich träume wohl von +meinen heimatlichen Lehrern? Dort im Progymnasium gab's Kenntnisse die +Menge, hier gibt es etwas ganz anderes. Uns Zöglinge hier wird etwas +ganz anderes gelehrt. + +Werde ich bald Stellung erhalten? Ich hoffe es. Meine Photographien und +mein Bewerbeschreiben machen zusammen, wie ich mir einbilde, einen +günstigen Eindruck. Neulich bin ich mit Schilinski in einen ersten +Café-Konzert-Raum getreten. Wie hat da Schilinski am ganzen Leib gebebt +vor Schüchternheit. Ich benahm mich ungefähr wie sein liebevoller Vater. +Der Kellner wagte es, indem er uns von unten bis oben fixierte, uns +sitzen zu lassen; da ich ihn aber mit enorm strenger Miene ersuchte, uns +gefälligst zu bedienen, wurde er sogleich höflich und brachte uns in +hohen, zierlich-geschliffenen Kelchen helles Bier. Ah, man muß +auftreten. Wer sich mit gemessenem Anstand in die Brust zu werfen weiß, +der wird als Herr behandelt. Man muß Situationen beherrschen lernen. Ich +verstehe es ausgezeichnet, meinen Kopf, so, als wenn ich über etwas +empört, nein, nur erstaunt wäre, zurückzuwerfen. Ich blicke um mich her, +als wollte ich sagen: »Was ist das? Wie? Ist man denn hier toll?« -- Das +wirkt. Auch habe ich mir ja im Institut Benjamenta gottlob Haltung +angeeignet. O mir ist manchmal, als hätte ich es in der Gewalt, mit der +Erde und all den Dingen darauf beliebig spielen zu können. Ich verstehe +mit einemmal das liebliche Wesen der Frauen. Ihre Koketterien amüsieren +mich, und ich erblicke Tiefsinn in ihren trivialen Bewegungen und +Redensarten. Wenn man sie nicht versteht, wenn sie eine Tasse zum Mund +führen oder den Rock raffen, so versteht man sie nie. Ihre Seelen +trippeln mit den hochaufgeschweiften Absätzen ihrer süßen Stiefelchen, +und ihr Lächeln ist beiderlei: eine alberne Angewohnheit und ein Stück +Weltgeschichte. Ihr Hochmut und ihr geringer Verstand sind reizend, +reizender als die Werke der Klassiker. Oft sind ihre Untugenden das +Tugendhafteste unter der Sonne, und wenn sie erst wütend werden, und +zürnen? Nur Frauen verstehen zu zürnen. Doch still. Ich denke an Mama. +Wie heilig ist mir das Andenken an die Augenblicke, wo sie zürnte. Doch +ruhig, doch still. Was kann ein Schüler des Institutes Benjamenta über +alles das wissen? + +Ich habe mich nicht bezwingen können, ich bin ins Bureau gegangen, habe +mich gewohnheitsgemäß tief verbeugt und habe zu Herrn Benjamenta +folgendes gesprochen: »Ich habe Arme, Beine und Hände, Herr Benjamenta, +und ich möchte arbeiten, und daher erlaube ich mir, Sie zu bitten, mir +recht bald Arbeit und Geldverdienst zu verschaffen. Sie haben allerlei +Beziehungen, ich weiß es. Zu Ihnen kommen die allerfeinsten +Herrschaften, Leute, die Kronen auf den Aufschlägen ihrer Mäntel tragen, +Offiziere, die mit den schneidigen Säbeln rasseln, Damen, deren +Schleppen wie kichernde Wellen daherrauschen, ältere Frauen mit enorm +viel Vermögen, Greise, die ein halbes Lächeln mit einer Million +bezahlen, Menschen von Stand, aber ohne Geist, Menschen, die im +Automobil vorfahren, mit einem Wort, Herr Vorsteher, die Welt kommt zu +Ihnen.« -- »Hüte dich, frech zu werden,« warnte er mich, doch ich weiß +nicht, ich empfand gar keine Furcht mehr vor seinen Fäusten, und ich +sprach weiter, die Worte flogen mir nur so heraus: »Verschaffen Sie mir +unbedingt irgend eine anregende Tätigkeit. Übrigens ist meine Meinung +die: eine jede Tätigkeit ist anregend. Ich habe schon so viel gelernt +bei Ihnen, Herr Vorsteher.« -- Er sagte ruhig: »Du hast noch gar nichts +gelernt.« -- Da nahm ich wieder den Faden auf und sagte: »Gott selbst +gebietet mir, ins Leben hinaus zu treten. Doch was ist Gott? Sie sind +mein Gott, Herr Vorsteher, wenn Sie mir erlauben, Geld und Achtung +verdienen zu gehen.« -- Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Du machst +jetzt, daß du zum Kontor hinauskommst. Augenblicklich.« -- Das ärgerte +mich furchtbar. Ich rief laut aus: »Ich erblicke in Ihnen einen +hervorragenden Menschen, aber ich irre mich, Sie sind gewöhnlich wie das +Zeitalter, in dem Sie leben. Ich werde auf die Straße gehen und dort +irgend einen Menschen anhalten. Man zwingt mich, zum Verbrecher zu +werden.« -- Ich erkannte die Gefahr, in der ich schwebte. Zugleich mit +den Worten, die ich aussprach, war ich zur Türe gesprungen, und jetzt +schrie ich wütend: »Adieu, Herr Vorsteher,« und drückte mich mit +wunderbarer Geschmeidigkeit zur Türe hinaus. Im Korridor blieb ich +stehen und lauschte am Schlüsselloch. Es blieb alles ganz mäuschenstill +drinnen im Bureau. Ich ging ins Schulzimmer und vertiefte mich in die +Lektüre des Buches: »Was bezweckt die Knabenschule?« + +Unser Unterricht besteht aus zwei Teilen, einem theoretischen und einem +praktischen Teil. Aber beide Abteilungen muten mich auch noch heute wie +ein Traum, wie ein sinnloses und zugleich sehr sinnreiches Märchen an. +Auswendiglernen, das ist eine unserer Hauptaufgaben. Ich lerne sehr +leicht auswendig, Kraus sehr schwer, daher ist er immer am Lernen. Die +Schwierigkeiten, die er zu überwinden hat, sind das Geheimnis seines +Fleißes und dessen Lösung. Er hat ein schwerfälliges Gedächtnis, und +doch prägt er sich, wenn auch mit vieler Mühe, alles fest ein. Das, was +er weiß, ist dann in seinem Kopf sozusagen in Metall graviert, und er +kann es nicht wieder vergessen. Von Verschwitzen oder dergleichen ist +bei ihm keine Rede. Wo wenig gelehrt wird, da paßt ein Kraus hin, +demnach paßt er ins Institut Benjamenta vorzüglich. Einer der +Grundsätze unserer Schule lautet: »Wenig aber gründlich«. Nun, in +diesem Prinzip steckt Kraus fest, der einen etwas harten Schädel mit auf +die Welt bekommen hat. Wenig lernen! Immer wieder dasselbe! Nach und +nach fange auch ich an, zu begreifen, was für eine große Welt hinter +diesen Worten verborgen ist. Etwas sich in der Tat fest, fest einprägen, +für immer! Ich sehe ein, wie wichtig, vor allen Dingen, wie gut und wie +würdig das ist. Der praktische oder körperliche Teil unseres +Unterrichtes ist eine Art fortwährend wiederholtes Turnen oder Tanzen, +ganz gleich, wie man das nennen will. Der Gruß, das Eintreten in eine +Stube, das Benehmen gegenüber Frauen oder ähnliches wird geübt, und zwar +sehr langfädig, oft langweilig, aber auch hier, wie ich jetzt merke und +empfinde, steckt ein tiefverborgener Sinn. Uns Zöglinge will man bilden +und formen, wie ich merke, nicht mit Wissenschaften vollpfropfen. Man +erzieht uns, indem man uns zwingt, die Beschaffenheit unserer eigenen +Seele und unseres eigenen Körpers genau kennen zu lernen. Man gibt uns +deutlich zu verstehen, daß allein schon der Zwang und die Entbehrungen +bilden, und daß in einer ganz einfachen, gleichsam dummen Übung mehr +Segen und mehr wahrhaftige Kenntnisse enthalten sind, als im Erlernen +von vielerlei Begriffen und Bedeutungen. Wir erfassen eines ums andere, +und haben wir etwas erfaßt, so besitzt es uns quasi. Nicht wir besitzen +es, sondern im Gegenteil, was wir scheinbar zu unserem Besitz gemacht +haben, herrscht dann über uns. Uns prägt man ein, daß es von wohltuender +Wirkung ist, sich an ein festes, sicheres Weniges anzupassen, d. h. sich +an Gesetze und Gebote, die ein strenges Äußeres vorschreibt, zu gewöhnen +und zu schmiegen. Man will uns vielleicht verdummen, jedenfalls will man +uns klein machen. Aber man schüchtert uns durchaus nicht etwa ein. Wir +Zöglinge wissen alle, der eine so gut wie der andere, daß Schüchternheit +strafbar ist. Wer stottert und Furcht zeigt, setzt sich der Verachtung +unseres Fräuleins aus, aber klein sollen wir sein und wissen sollen wir +es, genau wissen, daß wir nichts Großes sind. Das Gesetz, das befiehlt, +der Zwang, der nötigt, und die vielen unerbittlichen Vorschriften, die +uns die Richtung und den Geschmack angeben: das ist das Große, und nicht +wir, wir Eleven. Nun, das empfindet jeder, sogar ich, daß wir nur +kleine, arme, abhängige, zu einem fortwährenden Gehorsam verpflichtete +Zwerge sind. So benehmen wir uns auch: demütig, aber äußerst +zuversichtlich. Wir sind alle ohne Ausnahme ein wenig energisch, denn +die Kleinheit und Not, in der wir uns befinden, veranlassen uns, fest an +die paar Errungenschaften, die wir gemacht haben, zu glauben. Unser +Glaube an uns ist unsere Bescheidenheit. Wenn wir an nichts glauben +würden, wüßten wir nicht, wie wenig wir sind. Immerhin, wir kleinen +jungen Menschen sind irgend etwas. Wir dürfen nicht ausschweifen, nicht +phantasieren, es ist uns verboten, weit zu blicken, und das stimmt uns +zufrieden und macht uns für jede rasche Arbeit brauchbar. Die Welt +kennen wir sehr schlecht, aber wir werden sie kennen lernen, denn wir +werden dem Leben und seinen Stürmen ausgesetzt sein. Die Schule +Benjamenta ist das Vorzimmer zu den Wohnräumen und Prunksälen des +ausgedehnten Lebens. Hier lernen wir Respekt empfinden und so tun, wie +diejenigen tun müssen, die an irgend etwas emporzublicken haben. Ich +z. B. bin ein wenig erhaben über alles das, gut, um so besser tun mir +auch alle diese Eindrücke. Gerade ich habe nötig, Hochachtung und +zutraulichen Respekt vor den Gegenständen der Welt fühlen zu lernen, +denn wohin würde ich gelangen, wenn ich das Alter mißachten, Gott +leugnen, Gesetze bespotten und meine jugendliche Nase schon in alles +Erhabene, Wichtige und Große stecken dürfte? Meiner Ansicht nach krankt +gerade hieran die gegenwärtige junge Generation, die Zeter und Mordio +schreit und nach Papa und Mama miaut, wenn sie sich Pflichten und +Geboten und Beschränkungen ein wenig beugen soll. Nein, nein, hier sind +Benjamentas meine lieben leuchtenden Leitsterne, der Herr Bruder sowohl +wie das Fräulein, seine Schwester. Ich werde mein Lebenlang an sie +denken. + +Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, und zwar im dichtesten +Menschengewimmel. Unser Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet. +Es war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich sehr nett benommen, und +ich wahrscheinlich mich auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes +Restaurant getreten und haben dort geplaudert. »Bleib' nur der, der du +bist, Bruder,« sprach Johann zu mir, »fange von tief unten an, das ist +ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen -- --« Ich machte eine +leichte, verneinende Handbewegung. Er fuhr fort: »Denn sieh', oben, da +lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen nämlich. Versteh' mich +recht, lieber Bruder.« -- Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir schon +zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat ihn, weiterzureden, und +er sprach: »Oben, da herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben +eine Atmosphäre des Genuggetanhabens, und das hemmt und engt ein. Ich +hoffe, du verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich verstündest, +Bruder, dann wärest du ja eigentlich gräßlich.« -- Wir lachten. O, mit +einem Bruder zusammen lachen zu können, das ist sehr hübsch. Er sagte: +»Du bist jetzt sozusagen eine Null, bester Bruder. Aber wenn man jung +ist, soll man auch eine Null sein, denn nichts ist so verderblich wie +das frühe, das allzufrühe Irgendetwasbedeuten. Gewiß: dir bedeutest du +etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber der Welt bist du noch nichts, und das +ist fast ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst mich nicht +ganz, denn wenn du mich vollkommen verstündest -- --« »Wäre ich ja +gräßlich,« fiel ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es war sehr +lustig. Ein merkwürdiges Feuer fing an, mich zu beseelen. Meine Augen +brannten. Das liebe ich übrigens sehr, wenn's mir so verbrannt zumut +ist. Mein Kopf ist dann ganz rot. Und Gedanken voll Reinheit und Hoheit +pflegen mich dann zu bestürmen. Johann fuhr fort, er sagte folgendes: +»Bruder, bitte, unterbrich mich nicht immer. Dein dummes junges +Gelächter hat etwas Ideenerstickendes. Höre. Paß gut auf. Was ich dir +sage, kann dir vielleicht eines Tages von Nutzen sein. Vor allen Dingen: +komme dir nie verstoßen vor. Verstoßen, Bruder, das gibt es gar nicht, +denn es gibt vielleicht auf dieser Welt gar, gar nichts redlich +Erstrebenswertes. Und doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar. +Aber damit du nie allzu sehnsüchtig bist: präge dir ein: nichts, nichts +Erstrebenswertes gibt es. Es ist alles faul. Verstehst du das? Sieh', +ich hoffe immer, du könntest das alles nicht so recht verstehen. Ich +mache mir Sorgen.« -- Ich sagte: »Leider bin ich zu intelligent, um +dich, wie du hoffst, mißverstehen zu können. Aber sei ohne Sorgen. Du +erschreckst mich durchaus nicht mit deinen Enthüllungen.« -- Wir +lächelten uns an. Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und Johann, +der übrigens sehr elegant aussah, fuhr fort zu sprechen: »Es gibt ja +allerdings einen sogenannten Fortschritt auf Erden, aber das ist nur +eine der vielen Lügen, die die Geschäftemacher ausstreuen, damit sie um +so frecher und schonungsloser Geld aus der Menge herauspressen können. +Die Masse, das ist der Sklave von heute, und der Einzelne ist der Sklave +des großartigen Massengedankens. Es gibt nichts Schönes und +Vortreffliches mehr. Du mußt dir das Schöne und Gute und Rechtschaffene +träumen. Sage mir, verstehst du zu träumen?« -- Ich begnügte mich, mit +dem Kopf zweimal zu nicken und ließ Johann, indem ich gespannt +aufhorchte, fortreden: »Versuche es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld +zu erwerben. Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst an allem. Alles, +alles ist verdorben, halbiert, der Zier und der Pracht beraubt. Unsere +Städte verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Klötze nehmen den Raum +ein, den Wohnhäuser und Fürstenpaläste eingenommen haben. Das Klavier, +lieber Bruder, und das damit verbundene Klimpern! Konzert und Theater +fallen von Stufe zu Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es gibt +ja allerdings noch so etwas wie eine tonangebende Gesellschaft, aber sie +hat nicht mehr die Fähigkeit, Töne der Würde und des Feinsinnes +anzuschlagen. Es gibt Bücher -- -- mit einem Wort, sei niemals verzagt. +Bleib arm und verachtet, lieber Freund. Auch den Geld-Gedanken schlage +dir weg. Es ist das Schönste und Triumphierendste, man ist ein ganz +armer Teufel. Die Reichen, Jakob, sind sehr unzufrieden und unglücklich. +Die reichen Leute von heutzutage: sie haben nichts mehr. Das sind die +wahren Verhungerten.« -- Ich nickte wieder. Es ist wahr, ich sage sehr +leicht ja zu allem. Übrigens gefiel mir und paßte mir, was Johann sagte. +Es war Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun, und dies beides, +Stolz und Trauer, ergibt immer einen guten Klang. Wieder bestellten wir +Bier, und mein Gegenüber sagte: »Du mußt hoffen und doch nichts hoffen. +Schau empor an etwas, ja gewiß, denn das ziemt dir, du bist jung, +unverschämt jung, Jakob, aber, gesteh' dir immer, daß du's verachtest, +das, an dem du respektvoll emporschaust. Du nickst schon wieder? Teufel, +was bist du für ein verständnisvoller Zuhörer. Du bist geradezu ein +Baum, der voll Verständnis behangen ist. Sei zufrieden, lieber Bruder, +strebe, lerne, tu womöglich irgend jemandem etwas Liebes und Gutes. +Komm', ich muß gehen. Sag', wann treffen wir uns wieder? Du +interessierst mich, offen gesagt.« -- Wir gingen, und draußen auf der +Straße nahmen wir Abschied voneinander. Lange schaute ich meinem lieben +Bruder nach. Ja, er ist mein Bruder. Wie freut mich das. + +Mein Vater hat Wagen und Pferde und einen Diener, den alten Fehlmann. +Mama hat ihre eigene Theaterloge. Wie beneiden sie die Frauen der Stadt +mit den achtundzwanzigtausend Einwohnern darum. Mutter ist eine noch in +den vorgeschrittenen Jahren hübsche, ja schöne Frau. Ich erinnere mich +an ein hellblaues, enganschließendes Kleid, das sie einmal trug. Sie +hielt den zartweißen Sonnenschirm offen. Die Sonne schien. Es war +prächtiges Frühlingswetter. In den Straßen duftete es nach Veilchen. Die +Menschen promenierten, und unter dem Grün der Anlage-Bäume spielte die +Stadtmusik Promenadenkonzert. Wie süß und hell war alles. Ein Brunnen +plätscherte, und Kinder, hell angezogene, lachten und spielten. Und ein +feiner liebkosender Wind strich mit Düften, Sehnsucht nach Unsagbarem +erweckend, umher. Aus den Fenstern der Neuquartierplatzhäuser schauten +Leute. Mutter hatte lange hellgelbe Handschuhe an den schmalen Händen und +lieben Armen. Johann war damals schon in der Fremde. Aber Vater war dabei. +Nein, nie nehme ich je Hilfe (Geld) von den zärtlich verehrten Eltern an. +Mein verletzter Stolz würde mich aufs Krankenlager werfen, und futsch +wären die Träume von einer selbsterrungenen Lebenslaufbahn, vernichtet +für immer diese mir in der Brust brennenden Selbsterziehungspläne. Das +ist es ja: um mich quasi selbst zu erziehen, oder mich auf eine künftige +Selbsterziehung vorzubereiten, deshalb bin ich Zögling dieses Institutes +Benjamenta geworden, denn hier macht man sich auf irgend etwas Schweres +und Düster-Daherkommendes gefaßt. Und deshalb schreibe ich ja auch nicht +nach Hause, denn schon das Berichterstatten allein würde mich an mir +irre machen, würde mir den Plan, ganz von unten anzufangen, vollkommen +verleiden. Etwas Großes und Kühnes muß in aller Verschwiegenheit und +Stille geschehen, sonst verdirbt und verflaut es, und das Feuer, das +schon lebendig erwachte, stirbt wieder. Ich kenne meinen Geschmack, das +genügt. -- Ach so, ja. Ganz recht. Von unserem alten Diener Fehlmann, +der noch lebt und dient, habe ich eine lustige Geschichte auf Lager. Die +Sache ist die: Fehlmann ließ sich eines Tages ein grobes Verfehlen +zuschulden kommen und sollte entlassen werden. »Fehlmann,« sagte Mama, +»Sie können gehen. Wir brauchen Sie nicht mehr.« -- Da stürzte der arme +Alte, der einen am Krebs gestorbenen Jungen noch vor kurzer Zeit +begraben hatte (lustig ist das nicht), meiner Mutter zu Füßen und bat um +Gnade, direkt um Gnade. Der arme Teufel, er hatte Tränen in den alten +Augen. Mama verzeiht ihm, ich erzähle den Auftritt andern Tags meinen +Kameraden, den Brüdern Weibel, und die lachen mich fürchterlich aus und +verachten mich. Sie entziehen mir ihre Freundschaft, weil es, wie sie +meinen, in unserem Haus zu royalistisch zugeht. Das Zu-Füßen-fallen +finden sie verdächtig, und sie gehen hin und verleumden mich und Mama in +der abgeschmacktesten Weise. Wie echte Buben, ja, aber auch wie echte +kleine Republikaner, denen das Waltenlassen persönlicher und +herrschaftlicher Gnade oder Ungnade ein Greuel und ein Gegenstand des +Abscheus ist. Wie kommt mir das jetzt komisch vor. Und doch, wie +bezeichnend ist dieser kleine Vorfall für den Lauf der Zeiten. So wie +die Buben Weibel, so urteilt heute eine ganze Welt. Ja, so ist es: man +duldet nichts Herren- oder Damenhaftes mehr. Es gibt keine Herren mehr, +die machen können, was sie wollen, und es gibt längst keine Herrinnen +mehr. Soll ich darüber traurig sein? Fällt mir nicht ein. Bin ich +verantwortlich für den Geist des Zeitalters? Ich nehme die Zeit, wie sie +ist, und behalte mir nur vor, im stillen meine Beobachtungen zu machen. +Der gute Fehlmann: ihm, ihm ist noch auf altväterliche Art verziehen +worden. Tränen der Treue und Anhänglichkeit, wie schön ist das. -- + +Von drei Uhr nachmittags an sind wir Eleven fast ganz uns selbst +überlassen. Niemand kümmert sich mehr um uns. Vorstehers sind in den +innern Räumen verborgen, und im Schulzimmer herrscht Öde, eine Öde, die +einen beinahe krank macht. Lärm soll nicht vorkommen. Es darf nur +gehuscht und geschlichen und nur im Flüstertone gesprochen werden. +Schilinski schaut sich im Spiegel, Schacht schaut zum Fenster hinaus, +oder er gestikuliert mit dem Küchenmädchen von gegenüber, und Kraus +lernt auswendig, indem er Lektionen vor sich hinmurmelt. Eine +Grabesstille herrscht überall. Der Hof liegt verlassen da wie eine +viereckige Ewigkeit, und ich stehe meist aufrecht und übe mich, auf +einem Bein zu stehen. Oft halte ich zur Abwechslung den Atem lang an. +Auch eine Übung, und es soll sogar, wie mir einmal ein Arzt sagte, eine +gesundheitfördernde sein. Oder ich schreibe. Oder ich schließe die +unmüden Augen, um nichts mehr zu sehen. Die Augen vermitteln Gedanken, +und daher schließe ich sie von Zeit zu Zeit, um nichts denken zu müssen. +Wenn man so da ist und nichts tut, spürt man plötzlich, wie penibel das +Dasein sein kann. Nichtstun und dennoch Haltung beobachten, das fordert +Energie, der Schaffende hat es leicht dagegen. Wir Zöglinge sind Meister +in dieser Art Anstand. Sonst fangen die Nichtstuer aus Langeweile etwa +an, ein wenig zu flegeln, zu strampeln, hochaufzugähnen oder zu seufzen. +Das tun wir Eleven nicht. Wir pressen die Lippen fest und sind +unbeweglich. Über unsern Köpfen schweben immer die mürrischen +Vorschriften. Manchmal, wenn wir so dasitzen oder dastehen, geht die +Türe auf, und das Fräulein geht langsam, uns sonderbar anschauend, +durchs Schulzimmer. Wie ein Geist mutet sie mich dann an. Es ist, als +wenn da jemand von weit, weit her käme. »Was macht ihr, Knaben?« fragt +sie dann etwa, wartet aber gar keine Antwort ab, sondern geht weiter. +Wie schön sie ist. Welch eine üppige Fülle von tiefschwarzen Haaren. +Meist sieht man sie gesenkten Auges. Sie hat Augen, die sich zum +Niederschlagen herrlich eignen. Ihre Augendeckel (o, ich beobachte das +alles scharf) sind üppig gewölbt und der raschen Bewegung wundersam +fähig. Diese Augen! Sieht man sie einmal, so blickt man in etwas +Abgrund-Banges und Tiefes hinein. Diese Augen scheinen in ihrer +glänzenden Schwärze nichts und zugleich alles Unsagbare zu sagen, so +bekannt und so unbekannt zugleich muten sie an. Die Augenbrauen sind bis +zum Zerreißen dünn und rund darüber gezeichnet und gezogen. Wer sie +betrachtet, fühlt Stiche. Sie sind wie Mondsicheln an einem krankhaft +blassen Abendhimmel, wie feine, aber um so stechendere Wunden, innerlich +schneidende. Und ihre Wangen! Das stille Sehnen und Zagen scheint Feste +darauf zu feiern. Unverstandene Zartheit und Zärtlichkeit weint darauf +auf und nieder. Zuweilen erscheint auf dem schimmernden Schnee dieser +Wangen ein leises bittendes Rot, ein rötliches, schüchternes Leben, eine +Sonne, doch nein, nur der schwache Abglanz einer solchen. Dann ist es, +als lächelten plötzlich die Wangen, oder als fieberten sie ein wenig. +Wenn man Fräulein Benjamentas Wangen ansieht, vergeht einem die Lust, +weiterzuleben, denn dann hat man das Gefühl, als müsse das Leben ein +Höllengewimmel voller schnöder Roheiten sein. Etwas so Zartes läßt in +etwas so Schweres und Bedrohliches fast gebieterisch blicken. Und ihre +Zähne, die man hervorschimmern sieht, wenn der üppig-gütige Mund +lächelt. Und wenn sie weint. Die Erde, meint man, müsse aus den Punkten +ihres Halts herabstürzen, aus Scham und aus Weh, sie weinen zu sehen. +Und wenn man sie erst weinen -- -- hört? O, dann vergeht man. Neulich +hörten wir es, mitten in der Schulstunde. Wir alle haben gezittert wie +Espenlaub. Ja, wir alle, wir lieben sie. Sie ist unsere Lehrerin, unser +höheres Wesen. Und sie leidet an etwas, das ist klar. Ist sie krank? + +Fräulein Benjamenta hat mit mir ein paar Worte gesprochen, in der Küche. +Ich wollte gerade in die Kammer hineingehen, da fragte sie mich, ohne +mich im übrigen eines Blicks zu würdigen: »Wie geht es dir, Jakob? Geht +es dir gut?« Ich nahm sogleich Achtungstellung an, wie es sich schickt, +und sagte im Ton der Unterwürfigkeit: »O ganz gewiß, gnädiges Fräulein. +Mir kann es nicht anders als gut gehen.« -- Sie lächelte schwach und +fragte: »Wie meinst du das?« -- So über die Schulter fragte sie das. Ich +antwortete: »Es fehlt mir an nichts.« -- Sie blickte mich kurz an und +schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Du kannst gehen, Jakob. Du bist +frei. Du brauchst nicht dazustehen.« -- Ich erwies ihr die +vorgeschriebene Ehre, indem ich mich verneigte, und drückte mich in die +Kammer. Es vergingen keine fünf Minuten, so wurde geklopft. Ich stürzte +an die Türe. Ich kannte das Klopfen. Sie stand vor mir. »Du, Jakob,« +fragte sie, »sage einmal, wie verträgst du dich mit den Kameraden? +Nicht wahr, es sind nette Menschen?« -- Ich gab zur Antwort, daß sie +mir alle, ohne Ausnahme, liebens- und achtenswert vorkämen. Die Lehrerin +blinzelte mich mit den schönen Augen listig an und machte: »Na, na. Und +mit Kraus zankst du dich doch. Ist Zanken bei dir das Zeichen der Liebe +und Achtung?« -- Ich erwiderte ohne Zaudern: »In gewissem Sinne ja, +Fräulein. Übrigens ist dieses Zanken nicht gar so ernst gemeint. Wenn +Kraus Scharfsinn besäße, würde er merken, daß ich ihn sogar allen andern +vorziehe. Ich achte Kraus sehr, sehr. Es würde mich schmerzen, wenn Sie +mir das nicht glaubten.« -- Sie erfaßte meine Hand und drückte sie +leicht und sagte: »Beruhige dich nur. Sieh' einmal, wie du in Hitze +kommst. Du Hitzkopf. Wenn es so ist, wie du sagst, so muß ich ja wohl +zufrieden mit dir sein. Ich bin es auch, wenn du fortfährst, artig zu +sein. Ja, das merke dir: Kraus ist ein prachtvoller Junge, und du +kränkst mich, wenn du Kraus unartig begegnest. Sei nett zu ihm. Ganz +ausdrücklich wünsche ich das. Aber sei nicht traurig. Sieh' doch, ich +mache dir ja keine Vorwürfe. Welch ein verzogener, verwöhnter +Aristokratensohn! Kraus ist ein so guter Mensch. Nicht wahr, Kraus ist +ein guter Mensch, Jakob?« -- Ich sagte: »Ja.« Nichts weiter als ja, und +dann mußte ich plötzlich ziemlich dumm lachen, ich wußte gar nicht +warum. Sie schüttelte den Kopf und ging. Warum ich nur habe lachen +müssen? Noch jetzt weiß ich es nicht. Aber die Sache ist ja auch viel zu +unbedeutend. Wann werde ich zu Geld gelangen? Diese Frage scheint mir +bedeutsam. Das Geld besitzt in meinen Augen gegenwärtig einen vollkommen +idealen Wert. Wenn ich mir den Klang eines Goldstückes vorstelle, werde +ich beinahe rasend. Ich habe zu essen: Pfui. Ich möchte reich sein und +den Kopf zerschmettert haben. Ich mag bald überhaupt nichts mehr essen. + +Wenn ich reich wäre, würde ich keineswegs um die Erde reisen. Zwar, das +wäre ja gar nicht so übel. Aber ich sehe nichts Berauschendes dahinter, +das Fremde flüchtig kennen zu lernen. Im allgemeinen würde ich es +verschmähen, mich, wie man so sagt, weiter auszubilden. Mich würde eher +die Tiefe, die Seele, als die Ferne und Weite locken. Das Naheliegende +zu untersuchen würde mich reizen. Ich kaufte mir auch gar nichts. Ich +würde mir keinen Besitz anschaffen. Elegante Kleider, feine Wäsche, +einen Zylinder, bescheidene goldene Manschettenknöpfe, lange Lackschuhe, +das wäre ungefähr alles, damit würde ich losziehen. Kein Haus, keinen +Garten, keinen Diener, doch, ja, einen Diener, einen würdevollen braven +Kraus würde ich mir engagieren. Und nun könnte es losgehen. Da würde +ich im dampfenden Nebel auf die Straße gehen. Der Winter mit seiner +melancholischen Kälte würde vorzüglich zu meinen Goldstücken passen. Die +Banknoten trüge ich in der einfachen Brieftasche. Zu Fuß ginge ich +einher, ganz wie gewöhnlich, in der unbewußt-geheimen Absicht, es mich +nicht so sehr merken zu lassen, wie fürstlich reich ich wäre. Vielleicht +würde es auch schneien. Mir egal, im Gegenteil, mir sehr recht. Weicher +Schneefall zwischen den abendlich leuchtenden Laternen. Das würde +glitzern, reizend. Nie im Leben würde es mir einfallen, in eine Droschke +zu steigen. Das tun Leute, die es entweder eilig haben oder nobel tun +wollen. Ich aber würde weiter gar nicht nobel tun wollen, und eilig +hätte ich es schon ganz und gar nicht. Gedanken würden mir kommen, indem +ich so ginge. Plötzlich würde ich irgend jemanden grüßen, sehr höflich, +und siehe, es wäre ein Mann. Ganz artig würde ich nun den Mann +anschauen, und da würde ich sehen, daß es ihm schlecht geht. Merken +würde ich das, nicht sehen, so etwas merkt man, man sähe es kaum, aber +an irgend etwas sähe man es. Nun, und dieser Mann würde mich fragen, was +ich will, und es läge Bildung in der Frage. Diese Frage wäre ganz sanft +und einfach gestellt worden, und das würde mich erschüttern. Denn ich +wäre ja auf etwas Barsches durchaus gefaßt gewesen. »Etwas Tief-Wundes +muß der Mann haben,« würde ich mir sogleich sagen, »sonst wäre er +ärgerlich geworden.« -- Und dann würde ich gar nichts, absolut nichts +sagen, sondern ich begnügte mich, ihn mehr und mehr anzuschauen. Nicht +scharf, o nein, ganz einfach, vielleicht sogar ein wenig fröhlich. Und +nun wüßte ich, wer er wäre. Ich öffnete meine Brieftasche, entnähme ihr +glatt zehntausend Mark in zehn einzelnen Noten und gäbe diese Summe dem +Mann. Darauf würde ich den Hut ebenso artig wie vorhin lüften, gute +Nacht sagen und gehen. Und es würde fortfahren zu schneien. Im Gehen +würde ich gar nichts mehr denken, ich könnte nicht, es wäre mir viel zu +wohl zu so etwas. Einem eklig darbenden Künstler, das wüßte ich ganz +bestimmt, hätte ich's gegeben, das Geld. Ja, das wüßte ich, denn ich +würde mich nicht haben täuschen können. O, eine große, eine heiße, eine +aufrichtige Sorge würde es weniger in der Welt geben. Nun, und in der +folgenden Nacht würde ich vielleicht auf ganz andere Einfälle kommen. +Jedenfalls reiste ich nicht um die Erde, sondern ich beginge lieber +irgend welche Tollheiten und Torheiten. So z. B. könnte ich ja auch ein +wahnsinnig reiches und lustbeladenes Gastmahl geben und Orgien +niegesehener Art veranstalten. Ich wollte es mich Hunderttausend kosten +lassen. Ganz bestimmt müßte das Geld auf sinnverwirrende Art und Weise +verbraucht werden, denn nur das echt vertane Geld wäre ein schönes Geld +-- -- gewesen. Und eines Tages würde ich betteln, und da schiene die +Sonne, und ich wäre so froh, über was, das würde ich gar nicht zu wissen +begehren. Und da käme Mama und fiele mir um den Hals -- --. Nette +Träumereien sind das! + +Kraus hat etwas Altes in Gesicht und Wesen, und dieses Alte, das er +ausstrahlt, führt den, der ihn anschaut, nach Palästina. Abrahams Zeiten +werden auf dem Antlitz meines Mitschülers wieder lebendig. Das alte +patriarchalische Zeitalter mit seinen mysteriösen Sitten und +Landschaftsgegenden taucht hervor und schaut einen väterlich an. Es ist +mir, als wenn es damals lauter Väter mit steinalten Gesichtern und +langen braunen, verwickelten Bärten gegeben hätte, was ja natürlich nur +Unsinn ist, und doch ist vielleicht etwas, das Tatsachen entspricht, an +dieser sonst ganz einfältigen Empfindung. Ja, damals! Schon dieses Wort: +damals: wie elterlich und häuslich mutet es an. Zu den alt-israelitischen +Zeiten durfte es ruhig noch hin und wieder einen Papa Isaak oder Abraham +geben, er genoß eben Achtung und lebte seine alten Tage in einem +natürlichen Reichtum, der in Länderbesitz bestand, dahin. Damals wob um +das graue Alter etwas wie Majestät. Greise waren damals wie Könige, und +die gelebten Jahre bedeuteten dasselbe wie ebensoviele erworbene +Hoheitsrechte. Und wie jung diese Alten blieben. Sie schufen noch mit +hundert Jahren Söhne und Töchter. Damals gab es noch keine Zahnärzte, +und darum muß man annehmen, daß es damals überhaupt keine verdorbenen +Zähne gab. Und wie schön ist z. B. Joseph in Ägypten. Kraus hat etwas +von Joseph in Potiphars Haus. Da ist er als jugendlicher Sklave verkauft +worden, und siehe, man bringt ihn zu einem schwerreichen, redlichen und +feinen Mann. Da ist er nun Haussklave, aber er hat es ganz schön. Die +Gesetze waren damals vielleicht unhuman, gewiß, aber die Sitten und +Gebräuche und Anschauungen waren dafür um so zarter und feiner. Heute +hätte es ein Sklave viel schlechter, Gott behüte! Übrigens gibt es sehr, +sehr viele Sklaven mitten unter uns modernen, hochmütig-fix und fertigen +Menschen. Vielleicht sind wir heutigen Menschen alle so etwas wie +Sklaven, beherrscht von einem ärgerlichen, peitscheschwingenden, +unfeinen Weltgedanken. -- Gut, und da verlangt nun eines Tages die Herrin +des Hauses von Joseph, er solle ihr willig sein. Wie merkwürdig, daß man +solche uralten Treppen-und Türensachen heute genau noch weiß, daß es in +alle Zeiten, von Mund zu Mund, fortlebt. In allen Primarschulen wird die +Geschichte gelehrt, und da will man an den Pedanten etwas aussetzen? Ich +verachte die Leute, die die schöne Pedanterie unterschätzen, das sind +durchaus geistlose, urteilsschwächliche Menschen. Schön, und da weigert +sich Kraus, wollte sagen Joseph. Aber es könnte ganz gut Kraus sein, +denn er hat so etwas Joseph-in-Ägypten-haftes. »Nein, gnädige Frau, so +etwas tu' ich nicht. Ich bin meinem Herrn Treue schuldig.« -- Da geht +nun die übrigens reizende Frau und verklagt den jungen Diener, er habe +eine Schnödigkeit begangen und habe seine Gebieterin zu einem Fehltritt +verführen wollen. Aber weiter weiß ich nichts. Merkwürdig, ich weiß +nicht, was jetzt Potiphar sagte und machte. Den Nil sehe ich aber immer +ganz deutlich. Ja, Kraus könnte so gut Joseph sein wie nur irgend etwas. +Haltung, Gestalt, Gesicht, Frisur und Gebärde passen unvergleichlich. +Sogar seine leider Gottes immer noch nicht geheilte Hautauszeichnung. +Pickel sind etwas Biblisches, Orientalisches. Und die Moral, der +Charakter, der feste Besitz keuscher Jünglingstugenden? Wundervoll paßt +das. Joseph in Ägypten muß auch ein kleiner, sattelfester Pedant gewesen +sein, sonst würde er der lüsternen Frau gehorcht und seinem Herrn die +Treue gebrochen haben. Kraus würde genau wie sein altägyptisches +Ebenbild handeln. Die Hände würde er beschwörend hochheben und mit halb +flehender, halb strafender Miene sagen: »Nein, nein, das tue ich nicht« +usw. + +Der liebe Kraus. Immer zieht es mich in Gedanken wieder nach ihm hin. An +ihm sieht man so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet. Kraus +wird später im Leben, wohin er auch kommen wird, immer als brauchbarer, +aber als ungebildeter Mensch angesehen werden, für mich aber ist gerade +er durchaus gebildet, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er ein +festes, gutes Ganzes darstellt. Man kann gerade ihn eine menschliche +Bildung nennen. Das flattert um Kraus herum nicht von geflügelten und +lispelnden Kenntnissen, dafür ruht etwas in ihm, und er, er ruht und +beruht auf etwas. Man kann sich mit der Seele selber auf ihn verlassen. +Er wird nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun, das vor allen +Dingen, dieses Nicht-Schwatzhafte, nenne ich Bildung. Wer schwatzt, ist +ein Betrüger, er kann ein ganz netter Mensch sein, aber seine Schwäche, +alles, was er gerade denkt, so herauszuschwatzen, macht ihn zum gemeinen +und schlechten Gesellen. Kraus bewahrt sich, er behält immer etwas für +sich, er glaubt, es nicht nötig zu haben, so drauf los zu reden, und +das wirkt wie Güte und lebhaftes Schonen. Das nenne ich Bildung. Kraus +ist unliebenswürdig und oft ziemlich grob gegen Menschen seines Alters +und seines Geschlechtes, und gerade deshalb mag ich ihn so gern, denn +das beweist mir, daß er sich auf den brutalen und gedankenlosen Verrat +nicht versteht. Er ist treu und anständig gegen alle. Denn das ist es +ja: aus gemeiner Liebenswürdigkeit pflegt man meist hinzugehen und Ruf +und Leben seines Nachbarn, seines Kameraden, ja seines Bruders auf die +entsetzlichste Weise zu schänden. Kraus kennt wenig, aber er ist nie, +nie gedankenlos, er unterwirft sich immer gewissen selbstgestellten +Geboten, und das nenne ich Bildung. Was an einem Menschen liebevoll und +gedankenvoll ist, das ist Bildung. Und dann ist ja noch so vieles. So +von aller und jeder, auch der kleinsten Selbstsucht entfernt, dagegen +aber der Selbstzucht so nah zu sein, wie Kraus, das ist es, wie ich +denke, was Fräulein Benjamenta veranlaßt hat zu sagen: »Nicht wahr, +Jakob, Kraus ist gut?« -- Ja, er ist gut. Wenn ich diesen Kameraden +verliere, gehen mir Himmelreiche verloren, ich weiß es. Und ich fürchte +mich jetzt fast, ferner mit Kraus in ausgelassener Weise zu zanken. Ich +möchte ihn nur noch anschauen, immer, immer anschauen, denn ich werde +mich ja später mit seinem Bild begnügen müssen, da uns beide ja doch +das gewaltsame Leben trennen wird. + +Ich verstehe jetzt auch, warum Kraus keine äußern Vorzüge, keine +körperlichen Zierlichkeiten besitzt, warum ihn die Natur so zwerghaft +zerdrückt und verunstaltet hat. Sie will irgend etwas mit ihm, sie hat +etwas mit ihm vor, oder sie hat von Anfang an etwas mit ihm vorgehabt. +Dieser Mensch ist der Natur vielleicht zu rein gewesen, und deshalb hat +sie ihn in einen unansehnlichen, geringen, unschönen Körper geworfen, um +ihn vor den verderblichen äußern Erfolgen zu bewahren. Vielleicht ist es +auch anders gewesen, und die Natur ist ärgerlich und boshaft gewesen, +als sie Kraus schuf. Aber wie leid muß es ihr jetzt tun, ihn +stiefmütterlich behandelt zu haben. Und wer weiß. Vielleicht freut sie +sich des anmutlosen Meisterwerkes, das sie hervorgebracht hat, und +wirklich, sie hätte Ursache, sich zu freuen, denn dieser ungraziöse +Kraus ist schöner als die graziösesten und schönsten Menschen. Er glänzt +nicht mit Gaben, aber mit dem Schimmer eines guten und unverdorbenen +Herzens, und seine schlechten, schlichten Manieren sind vielleicht trotz +alles Hölzernen, das ihnen anhaftet, das Schönste, was es an Bewegung +und Manier in der menschlichen Gesellschaft geben kann. Nein, Erfolg +wird Kraus nie haben, weder bei den Frauen, die ihn trocken und häßlich +finden werden, noch sonst im Weltleben, das an ihm achtlos vorübergehen +wird. Achtlos? Ja, man wird Kraus nie achten, und gerade das, daß er, +ohne Achtung zu genießen, dahinleben wird, das ist ja das Wundervolle +und Planvolle, das An-den-Schöpfer-Mahnende. Gott gibt der Welt einen +Kraus, um ihr gleichsam ein tiefes unauflösbares Rätsel aufzugeben. Nun, +und das Rätsel wird nie begriffen werden, denn siehe: man gibt sich ja +gar nicht einmal Mühe, es zu lösen, und gerade deshalb ist dieses +Kraus-Rätsel ein so Herrliches und Tiefes: weil niemand begehrt, es zu +lösen, weil überhaupt gar kein lebendiger Mensch hinter diesem namenlos +unscheinbaren Kraus irgend eine Aufgabe, irgend ein Rätsel oder eine +zartere Bedeutung vermuten wird. Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein +Nichts, ein Diener. Ungebildet, gut genug gerade, die sauerste Arbeit zu +verrichten, wird er jedermann vorkommen, und sonderbar: darin, nämlich +in diesem Urteil, wird man sich auch nicht irren, sondern man wird +durchaus recht haben, denn es ist ja wahr: Kraus, die Bescheidenheit +selber, die Krone, der Palast der Demut, er will ja geringe Arbeiten +verrichten, er kann's und er will's. Er hat nichts anderes im Sinn, als +zu helfen, zu gehorchen und zu dienen, und das wird man gleich merken +und wird ihn ausnutzen, und darin, daß man ihn ausnutzt, liegt eine so +strahlende, von Güte und Helligkeit schimmernde, goldene, göttliche +Gerechtigkeit. Ja, Kraus ist ein Bild rechtlichen, ganz, ganz +eintönigen, einsilbigen und eindeutigen Wesens. Niemand wird die +Schlichtheit dieses Menschen verkennen, und deshalb wird ihn auch +niemand achten, und er wird durchaus erfolglos bleiben. Reizend, +reizend, dreimal reizend finde ich das. O, was Gott schafft, ist so +gnädig, so reizvoll, mit Reizen und Gedanken über und über behangen. Man +wird denken, das sei sehr überspannt gesprochen. Nun, das ist, ich muß +es gestehen, noch lange nicht das Überspannteste. Nein, kein Erfolg, +kein Ruhm, keine Liebe werden Kraus je blühen, das ist sehr gut, denn +die Erfolge haben nur die Zerfahrenheit und einige billige +Weltanschauungen zur unabstreifbaren Begleitschaft. Man spürt es sofort, +wenn Menschen Erfolge und Anerkennung aufzuweisen haben, sie werden +quasi dick von sättigender Selbstzufriedenheit, und ballonhaft bläst sie +die Kraft der Eitelkeit auf, zum Niewiedererkennen. Gott behüte einen +braven Menschen vor der Anerkennung der Menge. Macht es ihn nicht +schlecht, so verwirrt und entkräftet es ihn bloß. Dank, ja. Dank ist +etwas ganz Anderes. Doch einem Kraus wird man nicht einmal danken, und +auch das ist durchaus nicht nötig. Alle zehn Jahre wird jemand +vielleicht einmal zu Kraus sagen: »Danke, Kraus«, und dann wird er ganz +dumm, gräßlich dumm lächeln. Verliederlichen wird mein Kraus nie, denn +es werden sich ihm immer große, lieblose Schwierigkeiten +entgegenstellen. Ich glaube, ich, ich bin einer der ganz wenigen, +vielleicht der einzige, oder vielleicht sind es zwei oder drei Menschen, +die wissen werden, was sie an Kraus besitzen oder besessen haben. Das +Fräulein, ja, die weiß es. Auch Herr Vorsteher vielleicht. Ja ganz +gewiß. Herr Benjamenta ist gewiß tiefblickend genug, um wissen zu +können, was Kraus wert ist. Ich muß aufhören, heute, mit Schreiben. Es +reißt mich zu sehr hin. Ich verwildere. Und die Buchstaben flimmern und +tanzen mir vor den Augen. + +Hinter unserm Haus liegt ein alter, verwahrloster Garten. Wenn ich ihn +morgens früh vom Bureaufenster aus sehe (ich muß mit Kraus zusammen +jeden zweiten Morgen aufräumen), tut er mir leid, daß er so unbesorgt +daliegen muß, und ich hätte jedesmal Lust, hinunterzugehen und ihn zu +pflegen. Das sind übrigens Sentimentalitäten. Mag der Teufel die +irreführenden Weichseligkeiten holen. Es gibt bei uns im Institut +Benjamenta noch ganz andere Gärten. In den wirklichen Garten zu gehen, +ist verboten. Kein Zögling darf ihn betreten, warum eigentlich, weiß +ich nicht. Aber wie gesagt, wir haben einen andern, vielleicht schöneren +Garten als der tatsächliche ist. In unserem Lehrbuch: »Was bezweckt die +Knabenschule« heißt es auf Seite acht: »Das gute Betragen ist ein +blühender Garten.« -- Also in solchen, in geistigen und empfindlichen +Gärten, dürfen wir Schüler herumspringen. Nicht übel. Führt sich einer +von uns schlecht auf, so wandelt er wie von selber in einer garstigen, +finstern Hölle. Hält er sich aber brav, so geht er unwillkürlich zum +Lohn zwischen schattigem, sonnenbetupftem Grün spazieren. Wie +verführerisch! Und es liegt meiner armseligen Knabenmeinung nach etwas +Wahres in dem netten Lehrsatz. Benimmt sich einer dumm, so muß er sich +schämen und ärgern, und das ist die peinliche Hölle, in welcher er +schwitzt. Ist er dagegen aufmerksam gewesen und hat er sich geschmeidig +benommen, so nimmt ihn jemand Unsichtbares an der Hand, etwas +Trauliches, Genienhaftes, und das ist der Garten, die gute Fügung, und +er lustwandelt nun unwillkürlich in traulichen, grünlichen Gefilden. +Darf ein Schüler des Institutes Benjamenta zufrieden mit sich sein, was +selten vorkommt, da es bei uns von Vorschriften hagelt, blitzt, schneit +und regnet, so duftet es um ihn herum, und das ist der süße Duft des +bescheidenen, aber wacker erkämpften Lobes. Lobt Fräulein Benjamenta, +dann duftet es, und rügt sie, dann wird es im Schulzimmer finster. Welch +eine sonderbare Welt: unsere Schule. Ist ein Zögling artig und +schicklich gewesen, so wölbt sich plötzlich über seinem Kopf irgend +etwas, und das ist der blaue, unersetzliche Himmel über dem +eingebildeten Garten. Sind wir Eleven recht geduldig gewesen, und haben +wir uns in der Anstrengung recht brav aufrecht gehalten, haben wir, was +man warten und ausharren nennt, können, dann goldet es mit einem Mal vor +unsern etwas ermüdeten Augen, und dann wissen wir, daß es die himmlische +Sonne ist. Dem, der sich aufrichtig und berechtigt müde fühlt, scheint +die Sonne. Und haben wir uns auf keinen unlauteren Wünschen zu ertappen +brauchen, was immer so unglücklich macht, so horchen wir: ei, was ist +das? Da singen ja Vögel! Nun, dann sind es eben die glücklichen, +schönbefiederten kleinen Sänger unseres Gartens gewesen, die da gesungen +und anmutig gelärmt haben. Jetzt sage man selber: Brauchen wir Zöglinge +des Institutes Benjamenta noch sonstige Gärten, als die, die wir uns +selbst schaffen? Wir sind reiche Herren, wenn wir uns zierlich und +anständig aufführen. Wenn z. B. ich wünsche, Geld zu besitzen, was +leider nur allzu oft vorkommt, dann sinke ich in die tiefen Schlünde des +hoffnungslosen, wütenden Begehrens, o, dann leide und schmachte ich, +und ich muß am Erretten zweifeln. Und blicke ich dann Kraus an, dann +erfaßt mich ein tiefes, murmelndes, quellenhaftes, wundervolles Behagen. +Das ist der friedliche Bescheidenheitsquell, der in unserem Garten auf +und nieder plätschert, und ich bin dann so glücklich, so gut aufgelegt, +so gestimmt auf das Gute. Ah, und ich sollte Kraus nicht lieben? Ist +einer von uns, d. h. wäre einer von uns ein Held gewesen, hätte er etwas +Mutiges mit Gefahr seines Lebens vollbracht (so heißt es im Lehrbuch), +so würde er in das marmorne, mit Wandmalereien geschmückte Säulenhaus +treten dürfen, das im Grün unseres Gartens heimlich verborgen liegt, und +dort würde ihn ein Mund küssen. Was für ein Mund, das steht nicht im +Lehrbuch. Und wir sind ja doch keine Helden. Wozu auch! Erstens fehlt +uns die Gelegenheit, uns heroisch zu benehmen, und zweitens, ich weiß +nicht recht, ob z. B. Schilinski oder der lange Peter für Aufopferungen +zu haben wären. Unser Garten ist auch ohne Küsse, Helden und +Säulenpavillons eine hübsche Einrichtung, glaube ich. Mich friert es, +wenn ich von Helden rede. Da schweige ich lieber. + +Ich fragte Kraus neulich, ob er nicht auch von Zeit zu Zeit etwas wie +Langeweile empfinde. Er schaute mich vorwurfsvoll mit zurechtweisenden +Augen an, überlegte ein wenig und sagte: »Langeweile? Du bist wohl nicht +ganz gescheit, Jakob. Und erlaube mir, dir zu sagen, daß du ebenso naive +wie sündhafte Fragen stellst. Wer wird sich in der Welt langweilen? +Vielleicht du. Ich nicht, das sage ich dir. Ich lerne hier aus dem Buch +auswendig. Nun? Habe ich da Zeit, mich zu langweilen? Welch törichte +Fragen. Noble Leute langweilen sich vielleicht, nicht Kraus, und du +langweilst dich, sonst würdest du gar nicht auf den Gedanken kommen, und +würdest gar nicht hierher zu mir kommen, so etwas zu fragen. Man kann +immer, wenn nicht nach außen, so doch wenigstens nach innen, ein wenig +tätig sein, man kann murmeln, Jakob. Gewiß wolltest du mich schon oft +auslachen wegen meines Murmelns, aber, höre und sage mir, weißt du denn, +was ich murmle? Worte, lieber Jakob. Ich murmle und wiederhole immer +Worte. Das ist gesund, kann ich dir sagen. Verschwinde mit deiner +Langeweile. Langeweile gibt es bei Menschen, die da immer gewärtigen, es +solle von außen her etwas Aufmunterndes auf sie zutreten. Wo üble Laune, +wo Sehnsucht ist, da ist Langeweile. Geh' nur, belästige mich nicht, laß +mich lernen, geh' du an irgend ein Stück Aufgabe. Plag' dich an etwas, +dann langweilst du dich gewiß nicht mehr. Und bitte, vermeide in +Zukunft solcherlei einen fast aus aller Fassung bringende, über und über +dumme Fragen.« -- Ich fragte: »Hast du jetzt ausgeredet, Kraus?« und +lachte. Doch er blickte mich nur ganz mitleidig an. Nein, Kraus kann +sich nie, nie langweilen. Ich wußte das ja zur Genüge, ich habe ihn nur +wieder einmal reizen wollen. Wie unschön ist das von mir, und wie leer. +Ich muß mich entschieden bessern. Wie schlecht das ist, Kraus immer +äffen und ärgern zu wollen. Und doch: wie reizend. Seine Vorwürfe +klingen so lustig. Es ist etwas so Vater-Abraham-mäßiges in seinen +Ermahnungen. + +Was hat mir doch vor ein paar Tagen Furchtbares geträumt. Ich war im +Traum ein ganz schlechter, schlechter Mensch geworden, wodurch, das +wollte sich mir nicht offenbaren. Roh war ich vom Wirbel bis zur Sohle, +ein aufgedonnertes, unbeholfenes, grausames Stück Menschenfleisch. Ich +war dick, es ging mir scheinbar ganz glänzend. Ringe blitzten an den +Fingern meiner unförmigen Hände, und ich besaß einen Bauch, an dem +zentnerschwere, fleischige Würde nachlässig herabhing. Ich fühlte so +recht, daß ich befehlen und Launen losschießen durfte. Neben mir, auf +einem reichbesetzten Tisch, prangten die Gegenstände einer nicht zu +befriedigenden Eß- und Trinkbegierde, Wein- und Likörflaschen, und die +auserlesensten kalten Gerichte. Ich konnte nur zulangen, und das tat ich +von Zeit zu Zeit. An den Messern und Gabeln klebten die Tränen zugrunde +gerichteter Gegner, und mit den Gläsern klangen die Seufzer vieler armer +Leute, aber die Tränenspuren reizten mich nur zum Lachen, während mir +die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ertönten. Ich brauchte Tafelmusik +und ich hatte sie. Anscheinend hatte ich sehr, sehr gute Geschäfte auf +Kosten des Wohlergehens anderer gemacht, und das freute mich in alle +Gedärme hinein. O, o, wie mich doch das Bewußtsein, einigen Mitmenschen +den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben, erlabte! Und ich griff +zur Klingel und schellte. Ein alter Mann trat herein, pardon, kroch +herein, es war die Lebensweisheit, und sie kroch an meine Stiefel heran, +um sie zu küssen. Und ich erlaubte dem entwürdigten Wesen das. Man +denke: die Erfahrung, der gute edle Grundsatz: er leckte mir die Füße. +Das nenne ich Reichtum. Weil es mir grad so einfiel, klingelte ich +wieder, denn es juckte mich, ich weiß nicht mehr, wo, nach sinnreicher +Abwechslung, und es erschien ein halbwüchsiges Mädchen, ein wahrer +Leckerbissen für mich Wüstling. Kindliche Unschuld, so nannte sie sich, +und begann, die Peitsche, die neben mir lag, flüchtig mit dem Auge +streifend, mich zu küssen, was mich unglaublich auffrischte. Die Angst +und die frühzeitige Verdorbenheit flatterten in den schönen rehgleichen +Augen des Kindes. Als ich genug hatte, klingelte ich wieder, und es trat +auf: der Lebensernst, ein schöner, schlanker, junger, aber armer Mensch. +Es war einer meiner Lakaien, und ich befahl ihm stirnrunzelnd, mir das +Ding da, wie hieß es schon, nun ja, hab' ich's endlich, mir die Lust zur +Arbeit hereinzuführen. Bald darauf trat der Eifer herein, und ich machte +mir das Vergnügen, ihm, dem Voll-Menschen, dem prachtvoll gebauten +Arbeitsmann, eins mit der Peitsche überzuknallen, mitten ins ruhig +wartende Gesicht, zum rein Kaputtlachen. Und das Streben, das urwüchsige +Schaffen, es ließ sich's gefallen. Nun allerdings lud ich es mit einer +trägen, gönnerhaften Handbewegung zum Glas Wein ein, und das dumme Luder +schlürfte den Schandwein. »Geh', sei für mich tätig,« sagte ich, und es +ging. Nun kam die Tugend, eine weibliche Gestalt von für jeden +Nicht-ganz-Hartgefrorenen überwältigender Schönheit, weinend herein. Ich +nahm sie auf meinen Schoß und trieb Unsinn mit ihr. Als ich ihr den +unaussprechlichen Schatz geraubt hatte, das Ideal, jagte ich sie +höhnisch hinaus, und, nun pfiff ich, und es erschien Gott selber. Ich +schrie: »Was? Auch du?« Und erwachte schweißtriefend, -- wie froh war +ich doch, daß es nur ein böser Traum war. Mein Gott, ich darf noch +hoffen, es werde noch eines Tages etwas aus mir. Wie im Traum doch alles +an die Grenze des Wahnsinns streift. Kraus würde mich schön anglotzen, +wenn ich ihm das erzählte. + +Die Art, wie wir Fräulein verehren, ist doch eigentlich komisch. Aber +ich z. B. bin sehr fürs Komische, es enthält unbedingt Zauber. Um acht +beginnt immer der Unterricht. Nun, da sitzen wir Zöglinge schon zehn +Minuten vorher voll Spannung und Erwartung an unsern Plätzen und schauen +unbeweglich nach der Türe, in welcher die Vorgesetzte erscheinen soll. +Auch für diese Art von vorauseilender Respektsbezeugung haben wir exakte +Vorschriften. Es gilt als Gesetz, nach derjenigen hinzuhorchen, ob sie +bald komme, die dann und dann bestimmt eintreten wird. Wir Schüler +sollen uns echt dummejungenhaft zehn Minuten lang auf das Aufstehen von +unsern Plätzen vorbereiten. Eine kleine Entehrung liegt in all diesen +kleinlichen Forderungen, die eigentlich lächerlich sind, aber uns soll +nichts an unserer persönlichen, sondern uns soll alles an der Ehre des +Institutes Benjamenta gelegen sein, und das ist wahrscheinlich auch das +Richtigste, denn hat ein Schüler Ehre? Keine Rede. Recht bevormundet +und gezwiebelt zu werden, das höchstens kann eine Ehre für uns sein. +Gedrillt werden ist für Zöglinge ehrenhaft, sonnenklar ist das. Aber wir +rebellieren auch gar nicht. Würde uns nie einfallen. Wir haben, +zusammengerechnet, ja so wenig Gedanken. Ich habe vielleicht noch die +meisten Gedanken, leicht möglich ist das, aber ich verachte im Grunde +genommen mein ganzes Denkvermögen. Ich schätze nur Erfahrungen, und die +sind in der Regel von allem Denken und Vergleichen vollkommen +unabhängig. So schätze ich an mir, wie ich eine Türe öffne. Im Türöffnen +liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage. Nun ja, es regt eben +alles zum Fragen und Vergleichen und Erinnern an. Gewiß muß man auch +denken, sehr sogar. Aber sich fügen, das ist viel, viel feiner als +denken. Denkt man, so sträubt man sich, und das ist immer so häßlich und +Sachen-verderbend. Die Denker, wenn sie nur wüßten, wieviel sie +verderben. Einer, der geflissentlich nicht denkt, tut irgend etwas, nun, +und das ist nötiger. Zehntausende von Köpfen arbeiten in der Welt +überflüssig. Sonnen-sonnenklar ist das. Der Lebensmut geht den +Menschengeschlechtern verloren mit all dem Abhandeln und Erfassen und +Wissen. Wenn z. B. ein Zögling des Institutes Benjamenta nicht weiß, daß +er artig ist, dann ist er es. Weiß er es, dann ist seine ganze +unbewußte Zier und Artigkeit weg, und er begeht irgend einen Fehler. Ich +laufe gern Treppen hinunter. Welch ein Geschwätz. + +Es ist hübsch, bis zu einem gewissen Grad wohlhabend zu sein und seine +weltlichen Verhältnisse ein wenig geordnet zu haben. Ich bin in der +Wohnung meines Bruders Johann gewesen, und ich muß sagen, sie hat mich +angenehm überrascht, sie ist geradezu Alt-Von Guntensch eingerichtet. +Schon daß der Fußboden ganz mit einem weichen, mattblauen Teppich belegt +und bedeckt ist, hat mir außerordentlich imponiert. Überall in den +Zimmern herrscht Geschmack, doch nicht auffälliger Geschmack, sondern +nur bestimmte, feine Wahl. Die Möbel sind anmutig verteilt, das mutet +gleich beim Eintritt in die Wohnung wie ein höflicher, zarter Gruß an. +Spiegel sind an den Wänden. Es ist sogar ein ganz großer Spiegel da, der +vom Boden bis an die Decke hinaufreicht. Die einzelnen Gegenstände sind +alt und doch nicht, elegant und doch nicht, reich und doch nicht. Es ist +Wärme und Sorgfalt in den Räumen, das fühlt man, und das ist angenehm. +Ein freier sorglicher Wille hat die Spiegel aufgehängt und dem zierlich +geschweiften Ruhebett seinen Platz angewiesen. Ich müßte kein von +Gunten sein, wenn ich das nicht merkte. Sauber und staubfrei ist alles, +und doch glänzt das alles eigentlich nicht, sondern es blickt einen +alles ruhig und heiter an. Nichts will scharf in die Augen stechen. Nur +das zusammenhängende Ganze hat einen vielbedeutenden, liebevollen +Ausdruck. Eine schöne schwarze Katze lag auf einem dunkelroten +Plüschsessel, wie die schwärzliche weiche Behaglichkeit, eingebettet in +Rot. Sehr hübsch. Wäre ich Maler, so würde ich die Traulichkeit solch +eines Tierbildes malen. Der Bruder kam mir sehr freundlich entgegen, und +wir stunden einander gegenüber wie wohlabgemessene Weltleute, die +wissen, was in der Schicklichkeit für ein Vergnügen liegen kann. Wir +plauderten. Da kam ein großer, schlanker, schneeweißer Hund auf uns +zugesprungen, in anmutigen, Freude ausdrückenden Sätzen. Nun, ich +streichelte das Tier natürlich. Alles ist schön an der Wohnung Johanns. +Er hat alle einzelnen Gegenstände und Stücke mit Liebe und Mühe in +Althändlerläden aufgestöbert, bis er das Wohnlichste und Anmutigste +zusammenhatte. Mit dem Einfachen hat er verstanden, etwas in +bescheidenen Grenzen Vollkommenes zu schaffen, derart, daß in seiner +Wohnung das Taugliche und Nützliche sich mit dem Schönen und Graziösen +wie zu einem Stuben-Gemälde verbindet. Bald darauf, indem wir so +dasaßen, erschien eine junge Frau, welcher Johann mich vorstellte. Wir +tranken später Tee und waren sehr heiter. Die Katze miaute nach Milch, +und der große schöne Hund wollte von dem Gebäck zu essen haben, das auf +dem Teetisch lag. Beider Tiere Wünsche wurden dann auch befriedigt. Es +wurde Abend, und ich mußte nach Hause gehen. + +Man lernt hier im Institut Benjamenta Verluste empfinden und ertragen, +und das ist meiner Meinung nach ein Können, eine Übung, ohne die der +Mensch, mag er noch so bedeutend sein, stets ein großes Kind, eine Art +weinerlicher Schreihals bleiben wird. Wir Zöglinge hoffen nichts, ja, es +ist uns streng untersagt, Lebenshoffnungen in der Brust zu hegen, und +doch sind wir vollkommen ruhig und heiter. Wie mag das kommen? Fühlen +wir über unsern glattgekämmten Köpfen etwas wie Schutzengel hin und her +schweben? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht sind wir heiter und +sorgenlos aus Beschränktheit. Auch möglich. Aber ist deshalb die +Heiterkeit und Frische unserer Herzen weniger wert? Sind wir überhaupt +dumm? Wir vibrieren. Unbewußt oder bewußt nehmen wir auf vieles ein +wenig Bedacht, sind da und dort mit den Geistern, und die Empfindungen +schicken wir nach allen möglichen Windrichtungen aus, Erfahrungen und +Beobachtungen einsammelnd. Uns tröstet so vieles, weil wir im +allgemeinen sehr eifrige, sucherische Leute sind, und weil wir uns +selber wenig schätzen. Wer sich selbst sehr schätzt, ist vor +Entmutigungen und Herabwürdigungen nie sicher, denn stets begegnet dem +selbstbewußten Menschen etwas Bewußtseinfeindliches. Und doch sind wir +Schüler durchaus nicht ohne Würde, aber es ist eine sehr, sehr +bewegungsfähige, kleine, bieg- und schmiegsame Würde. Übrigens legen wir +sie an und ab je nach Erfordernissen. Sind wir Produkte einer höheren +Kultur, oder sind wir Naturkinder? Auch das kann ich nicht sagen. Das +eine weiß ich bestimmt: wir warten! Das ist unser Wert. Ja, wir warten, +und wir horchen gleichsam ins Leben hinaus, in diese Ebene hinaus, die +man Welt nennt, aufs Meer mit seinen Stürmen hinaus. Fuchs ist übrigens +ausgetreten. Mir ist das sehr lieb. Ich wußte mit diesem Menschen nichts +anzufangen. + +Ich habe mit Herrn Benjamenta gesprochen, d. h. er hat mit mir +gesprochen. »Jakob,« sagte er zu mir, »sage mir, findest du nicht, daß +das Leben, das du hier führst, karg ist, karg? Was? Ich möchte gern +deine Meinung wissen. Sprich offen.« -- Ich zog es vor, zu schweigen, +doch nicht aus Trotz. Der Trotz ist mir längst vergangen. Aber ich +schwieg, und zwar ungefähr so, als wenn ich hätte sagen wollen: »Mein +Herr, gestatten Sie mir, zu schweigen. Auf eine solche Frage könnte ich +höchstenfalles etwas Unziemliches sagen.« -- Herr Benjamenta schaute +mich aufmerksam an, und ich glaubte, er verstehe mein Schweigen. Es war +auch tatsächlich so, denn er lächelte plötzlich und sagte: »Nicht wahr, +Jakob, du wunderst dich ein wenig, wie wir hier im Institut so träge, so +gleichsam geistesabwesend dahinleben? Ist es so? Ist dir das +aufgefallen? Doch ich will dich durchaus nicht zu unverschämten +Antworten verleiten. Ich muß dir ein Geständnis machen, Jakob. Höre, ich +halte dich für einen klugen, anständigen jungen Menschen. Jetzt, bitte, +werde frech. Und ich fühle mich veranlaßt, dir noch etwas anderes zu +gestehen: ich, dein Vorsteher, ich meine es gut mit dir. Und noch ein +drittes Geständnis: Ich habe eine seltsame, eine ganz eigentümliche, +jetzt nicht mehr zu beherrschende Vorliebe für dich gewonnen. Du wirst +jetzt mir gegenüber recht frech sein, nicht wahr, Jakob? Nicht wahr, +junger Mensch, jetzt, nachdem ich mir vor dir eine Blöße gegeben habe, +wirst du's wagen, mich mit Wegwerfung zu behandeln? Und du wirst jetzt +trotzen? Ist es so, sage, ist es so?« -- Wir beide, der bärtige Mann und +ich, der Junge, schauten einander in die Augen. Es glich einem +innerlichen Wettkampf. Schon wollte ich den Mund öffnen und irgend +etwas Unterwürfiges sagen, doch ich vermochte mich zu beherrschen und +schwieg. Und nun bemerkte ich, daß der riesenhaft gebaute Herr Vorsteher +leise, leise zitterte. Von diesem Augenblick an war etwas Bindendes +zwischen uns getreten, das fühlte ich, ja, ich fühlte es nicht nur, ich +wußte es sogar. »Herr Benjamenta achtet mich,« sagte ich mir, und +infolge dieser wie ein Blitz auf mich niederstrahlenden Erkenntnis fand +ich es für schicklich, ja sogar für geboten, zu schweigen. Wehe mir, +wenn ich ein einziges Wort gesagt hätte. Ein einziges Wort würde mich +zum unbedeutsamen kleinen Eleven erniedrigt haben, und soeben hatte ich +doch eine ganz unzöglinghafte, menschliche Höhe erklommen. Das alles +empfand ich tief, und wie ich jetzt weiß, habe ich mich in jenem Moment +ganz richtig benommen. Der Vorsteher, der dicht zu mir getreten war, +sagte dann folgendes: »Es ist etwas Bedeutendes an dir, Jakob.« -- Er +hielt inne, und ich fühlte sogleich, warum. Er wollte ohne Zweifel +sehen, wie ich mich jetzt benähme. Ich merkte das, und daher verzog ich +auch nicht eine einzige Muskel meines Gesichtes, sondern schaute starr, +wie gedankenlos, vor mich hin. Dann schauten wir uns wieder an. Ich +blickte meinen Herrn Vorsteher streng und hart an. Ich heuchelte irgend +welche Kälte, irgend welche Oberflächlichkeit, während ich doch am +liebsten hätte in sein Gesicht lachen mögen, vor Freude. Aber ich sah es +zu gleicher Zeit: er war zufrieden mit meiner Haltung, und er sagte +endlich: »Mein Junge, geh' wieder an deine Arbeit. Beschäftige dich mit +etwas. Oder geh' dich mit Kraus unterhalten. Geh'.« -- Ich verbeugte +mich tief, ganz gewohnheitsgemäß, und entfernte mich. Draußen im +Korridor blieb ich wieder, wie schon einmal früher, eigentlich auch ganz +gewohnheitsgemäß, stehen und horchte durchs Schlüsselloch, ob sich da +drinnen etwas rege. Aber es war alles still. Ich mußte leise und +glücklich lachen, ganz dumm lachen, und dann ging ich ins Schulzimmer, +wo ich Kraus im Halbdunkel, scheinbar von einem bräunlichen Lichtstrahl +umflossen, sitzen sah. Ich blieb lange stehen. Tatsächlich, lange stund +ich so, denn ich konnte etwas, irgend etwas, nicht ganz begreifen. Es +war mir, als sei ich zu Hause. Nein, es war mir, als sei ich noch nicht +geboren, als schwämme ich in etwas Vor-Gebürtigem. Es wurde mir heiß und +meerhaft-undeutlich vor den Augen. Ich ging zu Kraus und sagte ihm: »Du, +Kraus, ich habe dich lieb.« -- Er knurrte, was das für Redensarten +seien. Rasch zog ich mich in meine Kammer zurück. -- Und jetzt? Sind wir +Freunde? Sind Herr Benjamenta und ich Freunde? Jedenfalls besteht +zwischen uns beiden ein Verhältnis, aber was für eins? Ich verbiete +mir, mir das erklären zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter +bleiben. Fort mit den Gedanken. + +Noch immer habe ich keine Stelle. Herr Benjamenta sagt mir, er bemühe +sich. In ganz schroffem Gebieterton sagt er das und fügt hinzu: »Wie? +Ungeduldig? Kommt alles. Warte!« -- Von Kraus heißt es unter den +Zöglingen, daß er vielleicht bald abgehe. Abgehen, das ist ein so +berufshaft-komischer Ausdruck. Kraus geht bald fort? Hoffentlich sind +das nur leere Gerüchte, Institut-Sensationen. Es gibt auch unter uns +Zöglingen etwas wie einen aus Luft und Nichts herausgegriffenen +Zeitungenklatsch. Die Welten, merke ich, sind überall dieselben. Ich bin +übrigens wieder bei meinem Bruder Johann von Gunten gewesen, und dieser +Mensch hat den Mut gehabt, mich unter Leute zu führen. Ich habe am Tisch +reicher Leute gegessen, und ich werde die Art und Weise, wie ich mich +benommen habe, nie vergessen. Einen alten, aber immerhin feierlichen +Gehrock habe ich angehabt. Gehröcke machen alt und gewichtig. Nun, und +da habe ich getan wie ein Mann von jährlich zwanzigtausend Mark +Einkommen, mindestens. Ich habe mit Leuten geredet, die mir den Rücken +gedreht hätten, wenn sie hätten ahnen können, wer ich bin. Frauen, die +mich total verachten würden, wenn ich ihnen sagte, ich sei nur Zögling, +haben mir zugelächelt und mir gleichsam Kurage zugewunken. Und ich bin +verblüfft gewesen über meinen Appetit. Wie gelassen man doch an fremden +reichen Tischen zugreift. Ich sah, wie es alle machten, und ich machte +es talentvoll nach. Wie gemein ist das. Ich empfinde etwas wie Scham +darüber, dort, nämlich in jenen Kreisen, ein fröhliches Eß- und +Trinkgesicht gezeigt zu haben. Von feiner Sitte habe ich wenig bemerkt. +Dagegen merkte ich, daß man mich als schüchternen Jungen empfunden hat, +während ich doch (in meinen Augen) platzte vor Frechheit. Johann benimmt +sich gut in Gesellschaft. Er besitzt die leichte angenehme Fasson eines +Menschen, der etwas gilt, und der das auch weiß. Sein Betragen ist für +die Augen, die es betrachten, ein Labsal. Rede ich zu gut von Johann? O +nein. Ich bin durchaus nicht verliebt in meinen Bruder, aber ich bemühe +mich, ihn zu sehen, ganz, nicht nur halb. Vielleicht ist das allerdings +Liebe. Meinetwegen. Sehr schön war es auch im Theater, doch ich will +mich darüber nicht weiter verbreiten. Den feinen Rock habe ich dann +wieder abgestreift. O, es ist hübsch, in eines geschätzten Menschen +Kleidern zu gehen und herumzuschwirren. Ja, schwirren! Das ist es. Man +zirpt und schwirrt so herum, dort, in den Kreisen der Gebildeten. Dann +bin ich wieder ins Institut gekrochen und in meinen Zöglingsanzug. Ich +bin gern hier, ich fühle es, und ich werde mich dummerweise später +wahrscheinlich nach Benjamentas zurücksehnen, später, wenn ich etwas +Großes geworden bin, doch ich werde ja nie, nie irgend etwas Großes, und +ich zittere vor eigentümlicher Genugtuung, daß ich das zum voraus +bestimmt weiß. Ein Schlag wird mich eines Tages treffen, so ein recht +vernichtender Schlag, und dann wird alles, werden alle diese Wirrnisse, +diese Sehnsucht, diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und +Undankbarkeit, diese Lügen und Selbstbetruge, dies Wissen-Meinen und +dies Doch-nie-etwas-Wissen zu Ende sein. Doch ich wünsche zu leben, +gleichviel wie. + +Etwas mir Unverständliches ist vorgefallen. Vielleicht hat es auch gar +nichts zu bedeuten. Ich bin sehr wenig geneigt, mich von Mysterien +bewältigen zu lassen. Ich saß, es war schon halb Nacht, ganz allein in +der Schulstube. Plötzlich stand Fräulein Benjamenta hinter mir. Ich +hatte sie nicht eintreten gehört, sie mußte also ganz leise die Türe +geöffnet haben. Sie fragte mich, was ich da mache, doch in einem Ton, +daß ich gar nicht zu antworten brauchte. Sie sagte sozusagen, indem sie +fragte, sie wisse es schon. Da gibt man natürlich keine Antwort mehr. +Sie legte, wie wenn sie müde gewesen wäre und der Stütze bedurft hätte, +die Hand auf meine Achsel. Da fühlte ich so recht, daß ich ihr gehörte, +d. h. ihr gehörte? -- Ja, einfach so ihr angehörte. Ich bin immer +mißtrauisch gegenüber Empfindungen. Aber daß ich da ihr, dem Fräulein, +quasi gehörte, das war wahr empfunden. Wir gehörten zusammen. Natürlich +mit Unterschied. Doch wir stunden uns mit einmal sehr nahe. Immer, immer +aber mit Unterschied. Ich hasse es geradezu, so gar wenig oder keine +Unterschiede zu empfinden. Darin, daß Fräulein Benjamenta und ich zwei +sehr verschieden geartete und gestellte Wesen waren, das zu spüren, +darin lag für mich ein Glück. Ich verachte es im übrigen, mich zu +belügen. Die Auszeichnungen und Vorteile, die nicht ganz, ganz echt +sind, betrachte ich als meine Feinde. Es war da also ein großer +Unterschied. Ja, was ist denn das? Komme ich über gewisse Unterschiede +nicht hinaus? Doch da sagte das Fräulein plötzlich: »Komm' mit. Steh' +auf und komm'. Ich will dir etwas zeigen.« -- Wir gingen zusammen. Vor +unseren Augen, wenigstens vor den meinigen (vor ihren vielleicht nicht), +lag alles in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. »Das sind die innern +Gemächer,« dachte ich, und ich täuschte mich auch nicht. Es verhielt +sich so, und meine liebe Lehrerin schien entschlossen zu sein, mir eine +bisher verborgen gewesene Welt zu zeigen. Doch ich muß Atem schöpfen. + +Es war, wie gesagt, zuerst ganz dunkel. Das Fräulein nahm mich bei der +Hand und sagte in freundlicher Tonart: »Siehe, Jakob, so wird es dunkel +um dich sein. Und da wird dich jemand dann an der Hand führen. Und du +wirst froh darüber sein und zum erstenmal tiefe Dankbarkeit empfinden. +Sei nicht mißgestimmt. Es kommen auch Helligkeiten.« -- Kaum hatte sie +das gesagt, so brannte uns ein weißes, blendendes Licht entgegen. Ein +Tor zeigte sich, und wir gingen, sie voran, ich dicht hinter ihr, durch +die Öffnung hindurch, ins herrliche Licht-Feuer hinein. Ich hatte noch +nie etwas so Glanzvolles und Vielsagendes gesehen, daher war ich auch +wie betäubt. Das Fräulein sprach lächelnd, noch freundlicher wie vorher: +»Blendet dich das Licht? Dann strenge dich an, es zu ertragen. Es +bedeutet Freude, und man muß sie zu empfinden und zu ertragen wissen. Du +kannst meinetwegen auch denken, es bedeute dein zukünftiges Glück, doch +sieh', was geschieht da? Es schwindet. Das Licht zerfällt. Also, Jakob, +sollst du kein langes, kein anhaltendes Glück haben. Schmerzt dich meine +Aufrichtigkeit? Nicht doch. Komm' weiter. Wir müssen uns ein wenig +beeilen, denn noch manche Erscheinung soll durchwandert und durchzittert +werden. Sag', Jakob, verstehst du auch meine Worte? Doch schweig'. Du +darfst hier nicht reden. Glaubst du, daß ich etwa eine Zauberin sei? +Nein, ich bin keine Zauberin. Gewiß, ein ganz klein wenig zu zaubern, zu +verführen, das verstehe ich schon. Jedes Mädchen versteht das. Doch +komm' jetzt.« -- Mit diesen Worten öffnete das verehrte Mädchen eine +Bodenlucke, wobei ich ihr helfen mußte, und wir stiegen zusammen, sie +immer voran, in einen tiefgelegenen Keller hinunter. Zuletzt, als die +steinernen Stufen aufhörten, traten wir auf feuchte weiche Erde. Es war +mir, als befänden wir uns in der Mitte der Erdkugel, so tief und einsam +kam es mir vor. Wir schritten einen langen, finstern Gang entlang, +Fräulein Benjamenta sagte: »Wir sind jetzt in den Gewölben und Gängen +der Armut und Entbehrung, und da du, lieber Jakob, wahrscheinlich dein +Lebenlang arm bleibst, so versuche bitte schon jetzt, dich an die +Finsternis und an den kalten, schneidenden Geruch, die hier herrschen, +ein wenig zu gewöhnen. Erschrick nicht und sei ja nicht böse. Gott ist +auch hier, er ist überall. Man muß die Notwendigkeit lieben und pflegen +lernen. Küsse die nasse Kellererde, ich bitte dich, ja, tu' es. Damit +lieferst du den sinnlichen Beweis deiner willigen Unterwerfung in die +Schwere und in die Trübnis, die dein Leben, wie es scheint, zum größten +Teil ausmachen werden.« -- Ich gehorchte ihr, warf mich zur kalten Erde +nieder und küßte sie voller Inbrunst, wobei mich ein unnennbarer kalter +und zugleich heißer Schauer durchrann. Wir gingen weiter. Ah, diese +Gänge des Not-Leidens und der furchtbaren Entsagung schienen mir endlos, +und sie waren es vielleicht auch. Die Sekunden waren wie ganze +Lebensläufe, und die Minuten nahmen die Größe von leidvollen +Jahrhunderten an. Genug, endlich langten wir an einer trübseligen Mauer +an, Fräulein sagte: »Geh' und liebkose die Mauer. Es ist die Sorgenwand. +Sie wird stets vor deinen Blicken aufgerichtet sein, und du bist unklug, +wenn du sie hassest. Ei, man muß das Starre, das Unversöhnliche eben zu +erweichen versuchen. Geh' und probier' es.« -- Ich trat rasch, wie in +leidenschaftlicher Eile, zur Mauer heran und warf mich ihr an die Brust. +Ja, an die steinerne Brust, und sagte ihr einige gute, beinahe +scherzende Worte. Und sie blieb, wie zu erwarten war, unbeweglich. Ich +spielte Komödie, schon meiner Lehrerin zulieb, gewiß, und doch war es +wiederum nichts weniger als Komödie, was ich tat. Und doch lächelten wir +beide, sie, die Meisterin sowohl, wie ich, ihr unreifer Schüler. +»Komm',« sagte sie, »wir wollen uns jetzt ein wenig Freiheit, ein wenig +Bewegung gönnen.« -- Und damit berührte sie mit dem kleinen weißen +bekannten Herrin-Stab die Mauer, und weg war der ganze garstige Keller, +und wir befanden uns auf einer glatten, offenen, schlanken Eis- oder +Glasbahn. Wir schwebten dahin wie auf wunderbaren Schlittschuhen, und +zugleich tanzten wir, denn die Bahn hob und senkte sich unter uns wie +eine Welle. Es war entzückend. Ich hatte nie so etwas gesehen, und ich +rief vor lauter Freude: »Wie herrlich.« -- Und über uns schimmerten die +Sterne in einem sonderbarerweise ganz blaßblauen und doch dunklen +Himmel, und der Mond starrte, überirdisch leuchtend, auf uns Eisläufer +herab. »Das ist die Freiheit,« sagte die Lehrerin, »sie ist etwas +Winterliches, Nicht-lange-zu-Ertragendes. Man muß sich immer, so wie wir +es hier tun, bewegen, man muß tanzen in der Freiheit. Sie ist kalt und +schön. Verliebe dich nur nicht in sie. Das würde dich nachher nur +traurig machen, denn nur momentelang, nicht länger, hält man sich in den +Gegenden der Freiheit auf. Bereits sind wir etwas zu lang hier. Sieh', +wie die wundervolle Bahn, auf der wir schweben, langsam sich wieder +auflöst. Jetzt kannst du die Freiheit sterben sehen, wenn du die Augen +aufmachst. Im späteren Leben wird dir dieser herzbeklemmende Anblick +noch oft zuteil werden.« -- Kaum hatte sie ausgesprochen, so sanken wir +von der erklommenen Höhe und Lustigkeit in etwas Müdes und Trauliches +hinunter, es war ein kleines, mit raffiniertem Wohlbehagen ganz +gefüttertes und erfülltes, köstlich nach Träumereien duftendes, reich +mit allerhand lüsternen Szenen und Bildern tapeziertes Ruhe-Gemach. Es +war ein geradezu gemächliches Gemach. Oft schon hatte ich von richtigen +Gemächern geträumt. Hier befand ich mich nun in einem solchen. Musik +rieselte an den bunten Wänden wie Anmutsschnee herunter, man sah es +direkt musizieren, die Töne glichen einem bezaubernden Schneegestöber. +»Hier,« sagte das Fräulein, »kannst du ruhen. Sage dir selber, wie +lange.« -- Wir lächelten beide über diese rätselhaften Worte, und +obgleich mich ein unsagbar zartes Bangen beschlich, zögerte ich nicht, +es mir in dem Lustgemach auf einem der Teppiche, die da vor mir lagen, +bequem zu machen. Eine Zigarette von selten gutem Geschmack flog mir von +oben herab in den unwillkürlich geöffneten Mund, und ich rauchte. Ein +Roman schwirrte herbei, mir gerade in die Hände, und ich konnte +ungestört darin lesen. »Das ist nichts für dich. Lies nicht in solchen +Büchern. Steh' auf. Komm' lieber. Die Weichlichkeit verführt zur +Gedankenlosigkeit und Grausamkeit. Hörst du, wie es zornig einherdonnert +und -rollt? Das ist das Ungemach. Du hast jetzt in einem Gemach Ruhe +genossen. Nun wird das Ungemach über dich herabregnen und Zweifel und +Unruhe werden dich durchnässen. Komm'. Man muß tapfer ins Unvermeidliche +hineingehen.« -- So sprach die Lehrerin, und kaum hatte sie zu Ende +gesprochen, da schwamm ich in einem dickflüssigen, höchst unangenehmen +Strom von Zweifel. Durch und durch entmutigt, wagte ich gar nicht, mich +umzuschauen, ob sie noch neben mir sei. Nein, die Lehrerin, die +Hervorzauberin all dieser Erscheinungen und Zustände, war verschwunden. +Ich schwamm ganz allein. Ich wollte schreien, aber das Wasser drohte mir +in den Mund zu laufen. O dieses Ungemach. Ich weinte, und ich bereute +bitter, mich der lüsternen Bequemlichkeit hingegeben zu haben. Da +plötzlich saß ich wieder im Institut Benjamenta, in der dunkelnden +Schulstube, und Fräulein Benjamenta stand noch hinter mir, und sie +streichelte mir die Wangen, aber nicht so, als wenn sie mich, sondern, +als wenn sie sich selber trösten müsse. »Sie ist unglücklich,« dachte +ich. Da kamen Kraus, Schacht und Schilinski von einem gemeinsamen +Ausgang zurück. Rasch zog das Mädchen die Hand von mir weg und ging in +die Küche, um das Abendbrot zuzubereiten. Träumte ich? Aber wozu mich +fragen, wenn es jetzt doch ans Abendessen geht? Es gibt Zeiten, wo ich +entsetzlich gern esse. Ich kann dann in die dümmsten Speisen +hineinbeißen wie ein hungriger Handwerksbursche, ich lebe dann wie in +einem Märchen und nicht mehr als Kulturmensch in einem Kulturzeitalter. + +Sehr amüsant sind manchmal unsere Turn-und Tanzstunden. Geschick zeigen +zu müssen, das ist nicht ohne Gefahr. Wie kann man sich doch blamieren. +Zwar, wir Zöglinge lachen uns nicht aus. Nicht? O doch. Man lacht mit +den Ohren, wenn man mit dem Mund nicht lachen darf. Und mit den Augen. +Die Augen lachen so gern. Und den Augen Vorschriften zu machen, das ist +zwar ganz gut möglich, aber doch ziemlich schwer. So z. B. darf hier +nicht geblinzelt werden, blinzeln ist spöttisch und daher zu vermeiden, +aber man blinzelt halt doch manchmal. So ganz die Natur zu unterdrücken, +das geht eben doch nicht. Und doch geht's. Aber hat man sich auch die +Natur total abgewöhnt, es bleibt immer ein Hauch, ein Rest übrig, das +zeigt sich immer. Der lange Peter z. B. kann sich die höchsteigene, +persönliche Natur sehr schlecht abgewöhnen. Manchmal, wenn er tanzen, +sich graziös bewegen und erweisen soll, besteht er gänzlich aus Holz, +und das Holz ist bei Peter eben Naturanlage, gleichsam Gottesgeschenk. O +wie muß man doch über ein Klafter Holz, wenn es in Form eines langen +Menschen erscheint, lachen, so prächtig in die Brust hineinlachen. Ein +Gelächter ist das reine Gegenteil von einem Stück Holz, es ist etwas +Entzündendes, etwas, was da in einem drinnen Streichhölzer anzündet. +Streichhölzer kichern, genau wie ein unterdrücktes Gelächter. Ich mag +mich sehr, sehr gern am Herausschallen des Lachens verhindern lassen. +Das kitzelt so wunderbar: es nicht loslassen zu dürfen, was doch so gern +herausschießen möchte. Was nicht sein darf, was in mich hinab muß, ist +mir lieb. Es wird dadurch peinlicher, aber zugleich wertvoller, dieses +Unterdrückte. Ja ja, ich gestehe, ich bin gern unterdrückt. Zwar. Nein, +nicht immer zwar. Herr Zwar soll mir abmarschieren. Was ich sagen +wollte: etwas nicht tun dürfen, heißt, es irgendwo anders doppelt tun. +Nichts ist fader als eine gleichgültige, rasche, billige Erlaubnis. Ich +verdiene, erfahre gern alles, und z. B. ein Lachen bedarf auch der +Durch-Erfahrung. Wenn ich innerlich zerspringe vor Lachen, wenn ich kaum +noch weiß, wo ich all das zischende Pulver hintun soll, dann weiß ich, +was Lachen ist, dann habe ich am lächerigsten gelacht, dann habe ich +eine vollkommene Vorstellung dessen gehabt, was mich erschütterte. Ich +muß demnach unbedingt annehmen und es als feste Überzeugung aufbewahren, +daß Vorschriften das Dasein versilbern, vielleicht sogar vergolden, mit +einem Wort reizvoll machen. Denn wie mit dem verbotenen reizenden +Lachen ist es doch sicher mit fast allen andern Dingen und Gelüsten +ebenfalls. Nicht weinen dürfen z. B., nun, das vergrößert das Weinen. +Liebe entbehren, ja, das heißt lieben. Wenn ich nicht lieben soll, liebe +ich zehnfach. Alles Verbotene lebt auf hundertfache Art und Weise; also +lebt nur lebendiger, was tot sein sollte. Wie im Kleinen, so ist es im +Großen. Recht hübsch, recht alltäglich gesagt, aber im Alltäglichen +ruhen die wahren Wahrheiten. Ich schwatze wieder ein wenig, nicht wahr? +Geb' es gern zu, daß ich schwatze, denn mit etwas müssen doch Zeilen +ausgefüllt werden. Wie entzückend, wie entzückend sind verbotene +Früchte. + +Vielleicht schwebt jetzt zwischen Herrn Benjamenta und mir etwas wie +eine beiden Teilen sichtbare, verbotene Frucht. Doch wir beide drücken +uns nicht deutlich aus. Wir scheuen vor der offenen Sprache zurück, und +das ist gewiß nur zu billigen. Mir z. B. ist eigentlich die +Freundlichkeit der Behandlung unsympathisch. Ich rede im allgemeinen. +Gewisse Leute, die mir zugetan sind, sind mir zuwider, ich kann das hier +nicht nachdrücklich genug betonen. Natürlich finde auch ich an der +Milde, am Herzlichen Geschmack. Wer könnte so roh sein, alle +Vertraulichkeit, alles wärmere Wesen gänzlich zu verabscheuen. Aber ich +hüte mich stets, nahezutreten, und ich weiß nicht, ich muß darin Talent +besitzen, jemanden von der Unklugheit gewisser Annäherungen stumm zu +überzeugen, wenigstens halte ich es für schwierig, sich in mein +Vertrauen zu stehlen. Und meine Wärme ist mir kostbar, sehr kostbar, und +derjenige, der sie besitzen will, muß äußerst vorsichtig vorgehen, und +das will nun Herr Vorsteher. Dieser Herr Benjamenta will, wie es +scheint, mein Herz besitzen und Freundschaft mit mir schließen. +Vorläufig behandle ich ihn aber eisig kalt, und wer weiß: ich will +vielleicht gar nichts von ihm wissen. + +»Du bist jung,« sagt Herr Vorsteher zu mir, »du strotzest von +Lebensaussichten. Wart' mal, habe ich da etwas sagen wollen und es jetzt +vergessen? Du mußt wissen, Jakob, ich habe dir eine Menge Dinge zu +sagen, und da kann man das Schönste und Tiefste, eh' man bis drei +gezählt hat, vergessen. Und du schaust drein, siehst du, wie das gute, +frische Gedächtnis selber, während meines schon altet. Mein Kopf, Jakob, +ist am Sterben. Entschuldige, wenn ich etwas zu weich, zu vertraulich +rede. Ich muß einfach lachen. Da bitte ich dich, mich zu entschuldigen, +während ich dich durchprügeln könnte, wenn ich es für nötig fände. Wie +hart mich deine jungen Augen anblicken. Ei, ei, und ich könnte dich da +an die Wand werfen, daß dir Hören und Sehen für immer vergingen. Ich +weiß es gar nicht, wie es hat kommen können, daß ich mich dir gegenüber +so aller Vorgesetztengewalt entkleidet habe. Du lachst mich wohl +heimlich aus. Leise gesagt: Hüte dich da. Du mußt wissen, mich packen +Wildheiten an, und ehe ich mich verhindern kann, sind alle meine +Besinnungen geschwunden. O mein kleiner Bursch, nein, fürchte dich +nicht. Es ist ja so gänzlich, so gänzlich unmöglich, dir etwas zuleide +zu tun, aber sage, was wollte ich dich doch fragen. Sage, du fürchtest +dich wohl gar nicht ein bißchen? Und jung bist du und hast Hoffnungen, +und jetzt wirst du ja wohl bald in eine dir ziemende Stellung kommen? +Nicht? Ja eben, das ist es. Ja, das ist es, was mir leid tut, denn denke +dir, manchmal ist mir, als seiest du mein junger Bruder oder sonst etwas +Natürlich-Nahes, so verwandt kommst du mir, kommen mir deine Gebärden, +die Sprache, der Mund, alles, nun, mit einem Wort, du, mir vor. Ich bin +ein abgesetzter König. Du lächelst? Ich finde es einfach köstlich, weißt +du, daß dir jetzt gerade, wo ich von abgesetzten, ihrer Throne +enthobenen Königen spreche, ein Lächeln, solch ein spitzbübisches +Lächeln entflieht. Du hast Verstand, Jakob. O, man kann sich mit dir so +hübsch unterhalten. Es ist prickelnd reizvoll, sich dir gegenüber ein +wenig schwach und weicher, als gewöhnlich, zu benehmen. Ja, du forderst +geradezu heraus zu Fahrlässigkeiten, zur Lockerung, zur Preisgabe der +Würde. Man mutet dir, glaubst du das, Edelsinn zu, und da reizt es einen +ganz mächtig, sich vor dir in schönen, wohltuenden Erklärungen und +Geständnissen zu verlieren, so z. B. ich, dein Herr, vor dir, meinem +jungen armen Wurm, den ich, wenn's mich gelüstete, zermalmen könnte. Gib +mir die Hand. So. Laß mich dir sagen, daß du es verstanden hast, mir +Respekt vor dir abzunötigen. Ich achte dich hoch, und -- ich -- darf -- +es dir sagen. Und nun habe ich eine Bitte an dich: willst du mein +Freund, mein kleiner Vertrauter sein? Ich bitte dich, sei es. Doch ich +will dir Zeit lassen, das alles zu bedenken, du darfst gehen. Bitte, +geh', laß mich allein.« -- So spricht zu mir mein Herr Vorsteher, der +Mann, der, wie er selber sagt, mich zermalmen kann, sobald er nur will. +Ich verbeuge mich jetzt nicht mehr vor ihm, es würde ihm weh tun. Was er +da nur von abgesetzten Königen gesprochen hat? Ich werde über diese +ganze Sache keine Gedanken verlieren, wie er mir anempfiehlt, sondern +ich werde einfach fortfahren, Form zu bewahren. Jedenfalls heißt es +aufpassen. Er spricht von Wildheit? Nun, ich muß sagen, das ist sehr +ungemütlich. Zum an der Wand zerquetscht zu werden, dazu bin ich mir +denn doch zu gut. Ob ich es dem Fräulein sage? O pfui, nicht doch. Ich +habe Mut genug, über etwas Seltsames Schweigen zu bewahren, und Verstand +genug, mit etwas Zweifelhaftem allein fertig zu werden. Vielleicht ist +Herr Benjamenta verrückt. Jedenfalls gleicht er dem Löwen, ich aber der +Maus. Nette Zustände sind das, die sich da jetzt im Institut +eingeschlichen haben. Nur niemandem etwas sagen. Eine verschwiegene +Angelegenheit ist manchmal schon eine gewonnene. Das alles sind +Dummheiten. Basta. + +Was ich manchmal für Einbildungen habe! Es grenzt beinahe an das +Absurde. Mit einem Mal, ohne daß ich es habe verhindern können, war ich +Kriegsoberst geworden, so ums Jahr 1400 herum, nein, etwas später, zur +Zeit der mailändischen Feldzüge. Ich und meine Herren Offiziere, wir +tafelten. Es war nach einer gewonnenen Schlacht, und unser Ruhm mußte +sich in den nächsten Tagen durch ganz Europa verbreiten. Wir tranken und +waren lustig. Nicht etwa in einem Zimmer hielten wir Tafel, nein, auf +freiem Feld. Die Sonne war eben am Untergehen, da wurde vor meine Augen, +deren Strahl Schlachtenangriff und -sieg bedeutete, eine Kreatur +geführt, ein ganz armer Teufel, ein ertappter Verräter. Der unglückliche +Mensch schaute zitternd zu Boden, wohl wissend, daß er nicht das Recht +hatte, den Feldherrn anzuschauen. Ich sah ihn an, ganz leicht, dann +schaute ich diejenigen ebenso leicht und schnell an, die ihn hergeführt +hatten, dann widmete ich mich dem volleingeschenkten Glas Wein, das vor +mir stand, und diese drei Bewegungen bedeuteten: »Geht. Und henkt ihn.« +Sogleich ergriffen ihn die Leute, doch da schrie der Verruchte wie +verzweifelt, noch mehr, wie zerrissen, zum voraus zerrissen von tausend +entsetzlichen Martertoden. Meine Ohren hatten in den Gefechten und +Kämpfen, die mein Leben erfüllten, schon allerlei Töne gehört, und meine +Augen waren an den Anblick des Furchtbaren und Jammervollen mehr wie +gewöhnt, doch merkwürdig, das konnte ich nicht ertragen. Wieder drehte +ich mich nach dem Verdammten um, außerdem winkte ich meinen Soldaten. +»Laßt ihn laufen,« sagte ich, das Glas an der Lippe, um es kurz zu +machen. Da geschah etwas ebenso Ergreifendes wie Widerwärtiges. Der +Mann, dem ich das Leben geschenkt hatte, das Verbrecher- und +Verräterleben, stürzte wie unsinnig zu meinen Füßen und küßte den Staub +meiner Schuhe. Ich stieß ihn weg. Ich war von Ekel und Grauen erfaßt +worden. Mich berührte die Gewalt, die ich ausübte, die Macht, mit der +ich frei spielen konnte, wie der Sturmwind mit Blättern, peinlich, ich +lachte daher und befahl dem Menschen, sich zu entfernen. Er hatte +beinahe den Verstand verloren. Eine tierische Freude brach sich ihm +durch Augen und Mund Bahn, er lallte Dank, Dank und kroch weg. Wir +andern ergaben uns bis in die Nacht hinein einem ausgelassenen Gesöffe +und Gelage, und am frühen Morgen, noch immer saßen wir bei der Tafel, +empfing ich mit einer Würde, einer Hoheit, die selbst mir beinahe ein +Lächeln abnötigte, den Gesandten des Papstes. Ich war der Held, der Herr +des Tages. Von meiner Laune, meiner Zufriedenheit hing der Frieden von +halb Europa ab. Doch ich spielte den diplomatischen Herren gegenüber den +Dummen, den Guten, es paßte mir so, ich war etwas ermüdet, mich +begehrte, in die Heimat zurückzukehren. Ich ließ mir die Vorteile, die +mir der Krieg zuerteilte, wieder abnehmen. Natürlich bin ich später in +den Grafenstand erhoben worden, dann habe ich geheiratet, und jetzt bin +ich so tief gesunken, daß es mich gar nicht geniert, ein niedriger, +kleiner Eleve des Institutes Benjamenta zu sein und Kameraden zu haben +wie Kraus, Schacht, Hans und Schilinski. Man muß mich nackt auf die +kalte Straße werfen, dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der +allesumfassende Herrgott. Es ist Zeit, daß ich die Feder aus der Hand +lege. + +Für so Kleine und Niedrige, wie wir Zöglinge sind, gibt es nichts +Komisches. Der Entwürdigte nimmt alles ernst, aber auch alles leicht, +beinahe frivol. Mir kommt unsere Tanz-, Anstands- und Turnstunde wie das +öffentliche, wichtige, große Leben selber vor, und dann verwandelt sich +vor meinen Augen die Schulstube in ein herrschaftliches Zimmer, in eine +Straße voller Menschenverkehr, in ein Schloß mit alten, langen +Korridoren, in eine Amtsstube, in ein Gelehrtenkabinett, in einen +Damen-Empfangsraum, je nachdem, in alles Mögliche. Wir müssen eintreten, +grüßen, uns verneigen, sprechen, eingebildete Geschäfte oder Aufträge +erledigen, Bestellungen ausrichten, dann plötzlich sitzen wir bei Tisch +und essen auf hauptstädtische Manier, und Diener bedienen uns. Schacht, +oder vielleicht gar Kraus, stellt eine hocharistokratische Dame vor, und +ich übernehme es, sie zu unterhalten. Wir sind dann alle Kavaliere, der +lange Peter nicht ausgenommen, der sich ja sowieso stets als Kavalier +fühlt. Dann tanzen wir. Wir hüpfen umher, verfolgt von den lächelnden +Blicken der Lehrerin, und plötzlich rennen wir einem Verwundeten zu +Hilfe. Er ist auf der Straße überfahren worden. Wir schenken +scheinbaren Bettlern irgend eine Kleinigkeit, schreiben Briefe, brüllen +unsern Burschen an, gehen in die Versammlung, suchen Orte auf, wo man +französisch spricht, üben uns im Hutabnehmen, sprechen von Jagd, +Finanzen und Kunst, küssen Damen, die wir uns gewogen wissen wollen, +untertänig die gnädig ausgestreckten fünf hübschen Finger, bummeln als +Bummler, schlürfen Kaffee, essen Schinken in Burgunder, schlafen in +eingebildeten Betten, stehen ebenso scheinbar wieder des Morgens in +aller Frühe auf, sagen: »Guten Tag, Herr Amtsrichter,« prügeln uns, denn +das kommt ja im Leben oft auch vor, und tun eben alles, was im Leben +vorkommt. Sind wir müde von all den Dummheiten, so klopft Fräulein mit +dem Stab gegen eine Kante und sagt: »Allons, vorwärts, Jungens. +Arbeiten!« -- Dann wird wieder gearbeitet. Wir treiben uns im Zimmer +umher wie Wespen. Man kann das gar nicht recht schildern, und sind wir +wieder ermattet, so ruft die Lehrerin: »Wie? Ist euch das öffentliche +Leben so rasch verleidet? Macht, macht. Zeigt, wie das Leben ist. Es ist +leicht, aber man muß munter sein, sonst wird man vom Leben zertreten.« +-- Und frisch geht es wieder los. Wir reisen, wobei unsere Bedienten +Dummheiten machen. Wir sitzen in Bibliotheken und studieren. Wir sind +Soldaten, echte Rekruten, und müssen liegen und schießen. Wir treten in +Kaufläden, um zu kaufen, in Badeanstalten, um zu baden, in Kirchen, um +zu beten: »Gott, führe uns nicht in Versuchung.« Und im nächsten +Augenblick sitzen wir mitten in der gröbsten Verfehlung und sündigen. +»Hört auf. Genug für heute,« sagt dann, wenn es Zeit ist, das Fräulein. +Dann ist das Leben erloschen, und der Traum, den man menschliches Leben +nennt, nimmt eine andere Richtung. Meist gehe ich dann auf eine halbe +Stunde spazieren. Ein Mädchen begegnet mir immer in der Anlage, wo ich +auf einer Bank sitze. Sie scheint Verkäuferin zu sein. Sie biegt +jedesmal den Kopf nach mir um und sieht mich lang an. Sie schmachtet zu +sehr. Übrigens hält sie mich für einen Herrn mit monatlichem Salär. Ich +sehe so gut, nach etwas so Rechtem aus. Sie irrt sich, und ich ignoriere +sie daher. + +Dann und wann spielen wir auch Theater, und zwar Lustspiel, das ins +Possenhafte ausartet, bis uns die Lehrerin einen Wink erteilt, +aufzuhören: Die Mutter: »Ich kann Ihnen meine Tochter nicht zur Frau +geben. Sie sind zu arm.« Der Held: »Armut ist keine Schande.« -- Die +Mutter: »Papperlappa, Redensarten. Was haben Sie denn für Aussichten?« +-- Die Liebhaberin: »Mama, ich muß Sie bei aller Verehrung, die ich für +Sie empfinde, bitten, höflicher mit dem Mann, den ich liebe, zu reden.« +-- Mutter: »Schweig! Eines Tages wirst du mir danken, daß ich ihn mit +unnachsichtlicher Strenge behandelt habe. -- Mein Herr, sagen Sie, wo +haben Sie denn eigentlich studiert?« -- Der Held (er ist Pole und wird +von Schilinski dargestellt): »Gnädige Frau, ich bin aus dem Institut +Benjamenta hervorgegangen. Verzeihen Sie den Stolz, mit dem ich das +sage.« -- Die Tochter: »Ach, Mama, sehen Sie doch, wie er sich benimmt. +Welche feinen Manieren.« -- Mutter (streng): »Schweig von Manieren. Auf +aristokratisches Benehmen kommt es doch längst nicht mehr an. Sie, mein +Herr, bitte, sagen Sie mir gefälligst: Was haben Sie denn dort im +Institut Bagnamenta gelernt?« -- Der Held: »Verzeihen Sie: Benjamenta, +nicht Bagnamenta, heißt die Lehranstalt. Was ich gelernt habe? Nun +allerdings, ich muß sagen, ich habe dort sehr wenig gelernt. Aber es +kommt doch heutzutage gar nicht mehr aufs viele Wissen an. Das müssen +Sie selbst zugeben.« -- Die Tochter: »Hören Sie, liebe Mama?« -- Die +Mutter: »Schweig' mir, du Mißratene, vom Anhören oder gar Ernstnehmen +solch eines Geschwätzes. Mein hübsch aussehender junger Herr, Sie würden +mir einen Gefallen erweisen, wenn Sie sich auf Nimmerwiedersehen +entfernen wollten.« -- Der Held: »Was wagt man mir da zu bieten? -- +Nun, sei es. Adieu, ich gehe.« -- Er tritt ab usw. usw. Der Inhalt +unserer kleinen Dramen nimmt stets Bezug auf die Schule und auf die +Zöglinge. Ein Zögling erlebt allerhand bunt durcheinandergeworfene +Schicksale, gute und schlechte. Er hat Erfolg in der Welt oder äußersten +Mißerfolg. Das Ende des Stückes ist immer die Verherrlichung und +Versinnbildlichung bescheidenen Dienens. Das Glück dient: das ist die +Moral unserer dramatischen Literatur. Unser Fräulein pflegt während der +Darstellungen die Zuschauerwelt zu spielen. Sie sitzt gleichsam in einer +Loge und blickt durch das Augenglas auf die Bühne, d. h. auf uns +Spielende. Kraus ist der schlechteste Schauspieler. So etwas liegt ihm +gar nicht. Am besten spielt entschieden der lange Peter. Auch Heinrich +ist reizend auf der Bühne. + +Ich habe die etwas beleidigende Empfindung, als wenn ich in der Welt +immer zu essen haben werde. Ich bin gesund, und ich werde es bleiben, +und man wird mich stets zu irgend etwas brauchen können. Ich werde +meinem Staat, meiner Gemeinde nie zur Last fallen. Das zu denken, d. h. +zu denken, daß man als ein niedriger Mensch sein tägliches Brot zu essen +haben wird, würde mich tief verwunden, wenn ich noch der frühere Jakob +von Gunten wäre, wenn ich noch der Abkömmling, der Sproß meines Hauses +wäre, aber ich bin ja ein ganz, ganz anderer geworden, ein gewöhnlicher +Mensch bin ich geworden, und daß ich gewöhnlich geworden bin, das +verdanke ich Benjamentas, und das erfüllt mich mit einer unnennbaren, +vom Tau der Zufriedenheit glänzenden und tropfenden Zuversicht. Ich habe +den Stolz, die Ehren-Arten gewechselt. Wie komme ich dazu, so jung schon +so zu entarten? Aber ist das Entartung? In gewisser Hinsicht ja, +andernteils ist es Erhaltung der Art. Ich bleibe vielleicht als irgendwo +im Leben verlorner und verschollener Mensch ein echterer, stolzerer +Gunten, als wenn ich, auf den Stammbaum pochend, zu Hause verdürbe, +entherzte und verknöcherte. Nun, mag das sein, wie es sein will. Ich +habe Wahl getroffen, und dabei bleibt es. In mir lebt eine sonderbare +Energie, das Leben von Grund auf kennen zu lernen, und eine +unbezwingliche Lust, Menschen und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir +offenbaren. Hier fällt mir Herr Benjamenta ein. Aber ich will an etwas +anderes denken, d. h. ich mag an nichts mehr denken. + +Ich habe eine Anzahl Menschen kennen gelernt, durch Johanns +Freundlichkeit. Es sind Künstler darunter, und es scheinen nette +Menschen zu sein. Nun, was kann man sagen bei so flüchtiger Berührung. +Eigentlich gleichen sich die Leute, die sich bemühen, Erfolg in der Welt +zu haben, furchtbar. Es haben Alle dieselben Gesichter. Eigentlich +nicht, und doch. Alle sind einander ähnlich in einer gewissen, rasch +dahinsausenden Liebenswürdigkeit, und ich glaube, das ist das Bangen, +das diese Leute empfinden. Sie behandeln Menschen und Gegenstände rasch +herunter, nur damit sie gleich wieder das Neue, das ebenfalls +Aufmerksamkeit zu fordern scheint, erledigen können. Sie verachten +niemanden, diese guten Leute, und doch, vielleicht verachten sie alles, +aber das dürfen sie nicht zeigen, und zwar deshalb nicht, weil sie +fürchten, plötzlich etwa eine Unvorsichtigkeit zu begehen. Sie sind +liebenswürdig aus Weltschmerz und nett aus Bangen. Und dann will ja +jeder Achtung vor sich selber haben. Diese Leute sind Kavaliere. Und sie +scheinen sich nie ganz wohl zu befinden. Wer kann sich wohl befinden, +wer auf die Achtungsbezeugungen und Auszeichnungen der Welt Wert legt? +Und dann, glaube ich, fühlen diese Menschen, da sie doch einmal +Gesellschafts- und durchaus keine Naturmenschen mehr sind, stets den +Nachfolger hinter sich. Jeder spürt den unheimlichen Überrumpler, den +heimlichen Dieb, der mit irgend einer neuen Begabung dahergeschlichen +kommt, um Schädigungen und Herabsetzungen aller Art um sich herum zu +verbreiten, und deshalb ist in diesen Menschenkreisen der ganz +Neu-Auftretende immer der Gesuchteste und Bevorzugteste, und wehe den +Älteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent oder Naturgenie +irgendwie auszeichnet. Ich drücke mich übrigens etwas zu einfach aus. Es +ist da noch etwas ganz anderes. Es herrscht unter diesen Kreisen der +fortschrittlichen Bildung eine kaum zu übersehende und mißzuverstehende +Müdigkeit. Nicht die formelle Blasiertheit etwa des Adels von +Abstammung, nein, eine wahrhafte, eine ganz wahre, auf höherer und +lebhafterer Empfindung beruhende Müdigkeit, die Müdigkeit des +gesunden-ungesunden Menschen. Sie sind alle gebildet, aber achten sie +einander? Sie sind, wenn sie ehrlich nachdenken, zufrieden mit ihren +Weltstellungen, aber sind sie auch zufrieden? Übrigens gibt es reiche +Menschen unter ihnen. Von denen rede ich hier nicht, denn das Geld, das +ein Mann besitzt, zwingt zu ganz andern, ganz neuen Voraussetzungen zu +der Beurteilung solch eines Mannes. Doch es sind alles höfliche und in +ihrer Art bedeutende Menschen, und meinem Bruder muß ich sehr, sehr +dankbar sein, daß er mich ein Stück Welt hat kennen lernen lassen. Man +liebt es jetzt schon, mich dort, nämlich in jenen Kreisen, den kleinen +von Gunten zu nennen, zum Unterschied von Johann, den sie den großen +von Gunten getauft haben. Das sind Späße, die Welt liebt eben Späße. Ich +nicht, aber das alles ist ja so unbedeutend. Ich fühle, wie wenig mich +das angeht, was man Welt nennt, und wie mir groß und hinreißend +vorkommt, das, was ich Welt nenne, ganz im stillen. Mein Bruder hat sich +indes Mühe gegeben, mich unter Menschen zu führen, und es ist Pflicht +für mich, mir viel daraus zu machen. Und es ist ja auch viel. Mir ist +alles, sogar das Kleinste, viel. Ein paar Menschen vollkommen kennen zu +lernen, dazu bedürfte es eines Menschenlebens. Das sind nun wieder +Benjamentasche Grundsätze, und wie unähnlich sind Benjamentas dem, was +Welt bedeutet. Ich will schlafen gehen. + +Ich vergesse nie, daß ich ein Abkömmling bin, der nun von unten, von +ganz unten anfängt, ohne doch die Eigenschaften, die nötig sind, +emporzugelangen, zu besitzen. Vielleicht, ja. Es ist alles möglich, aber +ich glaube nicht an die eitlen Stunden, in denen ich mir Glück, +verbunden mit Glanz, vorspiegle. Ich habe gar keine Emporkömmlingstugenden. +Ich bin manchmal frech, aber nur aus Laune. Der Emporkömmling aber ist +von einer permanenten bescheiden-tuenden Frechheit, oder von einer +frechen, fortwährend frechen Unbedeutendheitsgebärde. Und es gibt viele +Emporkömmlinge, und was sie errungen haben, das halten sie stupide fest, +und das ist ausgezeichnet. Sie können auch nervös sein, ungehalten, +verdrießlich und »all der Dinge« müde, aber der Überdruß dringt nicht +tief beim wahrhaften Emporkömmling. Emporkömmlinge sind Herren, und +solch einem Herrn, einem vielleicht etwas protzigen Herrn, werde ich +Abkömmling, oder was ich sonst bin, dienen, und ehrenhaft dienen, treu, +verläßlich, fest, ganz gedankenlos, ganz unerpicht auf persönliche +Vorteile, denn nur so, nämlich ganz anständig, werde ich überhaupt +jemandem dienen können, und jetzt merke ich, daß ich Verwandtes mit +Kraus habe, und ich schäme mich beinahe ein wenig. Nie und nimmer +erreicht man mit Empfindungen, wie die sind, mit denen ich der Welt +gegenüberstehe, je Großes, es sei denn, man pfeife aufs glitzernde Große +und nenne das groß, was ganz grau, still, hart und niedrig ist. Ja, +dienen werde ich, und Verpflichtungen, deren Erfüllung nichts weniger +als schimmert, werde ich immer und immer übernehmen, immer wieder, und +ich werde kreuzdumm vor Seligkeit erröten, wenn man mir leichthin Dank +sagt. Dumm ist das, aber durchaus wahr, und ich bin nicht fähig, über +diese Wahrnehmung traurig zu sein. Ich muß es bekennen: ich bin nie +traurig, ich fühle mich nie, nie vereinsamt, und auch das ist dumm, +denn mit der Sentimentalität, mit dem, was man den Schrei nennt, macht +man die besten, die emporkömmlichsten und bekömmlichsten Geschäfte. Aber +ich bedanke mich für die Mühseligkeiten, für die unfeinen Anstrengungen, +auf solche Art zu Ehre und Ansehen zu gelangen. Zu Hause, bei Vater und +Mutter, duftete es alle Wände entlang nach Takt. Nun gut, das meine ich +nur so. Es war vornehm bei uns zu Hause. Und so hell. Der ganze Haushalt +glich einem graziösen, gütigen Lächeln. Mama ist ja so fein. Schon gut. +Also Abkömmling und verurteilt, zu dienen und die Person sechsten Ranges +im Weltleben zu spielen. Meiner Ansicht nach paßt das, denn, o wie sagte +doch Johann: »Die Mächtigen, das sind die Verhungerten.« -- Ich glaube +so etwas nicht gern. Und hab' ich es überhaupt nötig, mich trösten zu +lassen? Kann man einen Jakob von Gunten trösten? So lange ich gesunde +Glieder habe, ist das ausgeschlossen. + +Wenn ich will, wenn ich es mir befehle, kann ich alles verehren, sogar +das schlechte Benehmen, aber es muß von Gold strotzen. Die üblen +Manieren müssen Zwanzigmarkstücke hinter sich fallen lassen, dann +verneige ich mich vor, sogar noch hinter ihnen. Herr Benjamenta ist +übrigens auch dieser Meinung. Er sagt, es sei unrichtig, das Geld und +den Vorteil, die aus unschönen Händen kommen, zu verachten. Ein Eleve +des Institutes Benjamenta soll das Meiste eben achten, nicht verachten. +-- Zu was anderem. Turnen, das ist schön. Ich liebe es leidenschaftlich, +und ich bin selbstverständlich ein guter Turner. Mit einem edlen +Menschen Freundschaft schließen und Turnen, das sind wohl zwei der +schönsten Sachen, die es auf der Welt gibt. Tanzen, und einen Menschen +finden, der mir Achtung entlockt, ist mir ein und dasselbe. Ich bewege +so gern die Geister und Glieder. Nur allein Beinschwingen, ist das doch +hübsch! Turnen ist auch dumm, es führt auch zu nichts. Muß denn +eigentlich alles, was ich liebe und bevorzuge, zu nichts führen? Aber +horch! Was ist das? Man ruft mich. Ich muß abbrechen. + +»Strebst du auch noch aufrichtig, Jakob?« fragte mich die Lehrerin. Es +war gegen Abend. Es war irgendwo etwas Rötliches, wie ein Abglanz von +einem gewaltig-schönen Sonnenuntergang. Wir stunden an meiner +Kammertüre. Ich hatte eben eintreten und mich meinen Ahnungen so ein +wenig überlassen wollen. »Fräulein Benjamenta,« sagte ich, »zweifeln Sie +am Ernst und an der Ehrlichkeit meines Strebens? Bin ich ein Schwindler, +ein Gaukler in Ihren hochverehrten Augen?« -- Ich glaube, ich blickte +geradezu tragisch, als ich das sagte. Sie wandte mir ihr schönes Gesicht +zu und sagte: »Bewahre, aber bewahre. Du bist ein netter Junge. Heftig +bist du, aber du bist mir lieb, recht, anständig und angenehm. Bist du +zufrieden? He? Was? Du bringst auch dein Bett immer noch hübsch jeden +Morgen in Ordnung? Nicht? Und den Vorschriften allen gehorchst du wohl +auch schon längst nicht mehr? Auch nicht? Oder doch? O du bist ein ganz +braver Mensch, ich glaube es. Und man kann dich nicht genug mit +Lobeserhebungen überschütten. Nicht genug. Ganze Eimer voll +schmeichelnder Lobsprüche, denke, ganze Kübel und Kannen voll. Mit dem +Besen muß man sie zusammenwischen, die vielen anerkennenden schönen +Worte, die dein Betragen betreffen. Nein, Jakob, jetzt ganz im Ernst, +höre. Ich muß dir etwas ins Ohr sagen. Magst du's hören, oder willst du +jetzt lieber da hinein in deine Kammer schlüpfen?« -- »Sprechen Sie, +gnädiges Fräulein. Ich höre,« sagte ich voll angstvoller Erwartung. Die +Lehrerin schauderte plötzlich jählings zusammen. Sie faßte sich aber +rasch und sagte: »Ich gehe, Jakob, ich gehe. Es geht mit mir. Doch ich +kann es dir nicht sagen. Vielleicht ein anderes Mal. Ja? Ja, nicht wahr, +vielleicht morgen, oder in acht Tagen erst. Es ist dann noch immer Zeit +genug, es dir zu sagen. Sage mir, Jakob, hast du mich ein wenig lieb? +Bedeute ich deiner Brust, deinem jungen Herzen irgend etwas?« -- Sie +stand mit wütend zusammengekniffenen Lippen vor mir da. Ich beugte mich +schnell auf ihre Hand, die unsagbar wehmütig an ihrem Gewand herabhing, +hinunter und küßte sie. Ich war so glücklich, es ihr so sagen zu dürfen, +was ich für sie immer empfunden hatte. »Schätzest du mich?« fragte sie +mit ganz hoher, nach der Höhe zu schon fast erstickter, gestorbener +Stimme. Ich sagte: »Wie können Sie zweifeln? Ich bin unglücklich.« -- +Aber mich empörte es, daß ich fast weinen mußte. Ich ließ ihre Hand +schroff fahren und nahm respektvolle Haltung an. Und sie ging, indem sie +mich beinahe bittend anschaute. -- Wie hat sich hier im einst so +herrischen Institut Benjamenta alles verändert! Es schrumpft alles +zusammen, die Übungen, der Schneid, die Vorschriften. Lebe ich in einem +Toten- oder in einem überirdischen Freuden- und Wonnenhause? Etwas ist +los, aber ich fasse es noch nicht. + +Ich wagte es, Kraus gegenüber eine Bemerkung über Benjamentas fallen zu +lassen. Es mute mich, sagte ich, wie eine Trübung des Glanzes an, den +das Institut immer besessen habe. Was das sei? Ob Kraus vielleicht +etwas wisse? -- Er wurde ärgerlich und sprach: »Mensch, du bist wohl +schwanger mit albernen Einbildungen. Was für Ideen. Schaff du. Mach du, +dann fällt dir nichts Auffallendes auf. Dieser Schnüffler. Will sich in +Meinungen und Ansichten hineinschnüffeln. Geh' mir aus den Augen. Ich +kann dich bald überhaupt nicht mehr ansehen.« -- »Seit wann bist du +grob?« sagte ich, doch ich zog es vor, ihn in Ruhe zu lassen. -- Im +Laufe des Tages hatte ich Gelegenheit, mich mit Fräulein Benjamenta über +Kraus zu unterhalten. Sie sagte mir: »Ja, Kraus ist gar nicht wie andere +Menschen. Er sitzt da, bis man seiner bedarf, ruft man ihn, dann kommt +er in Bewegung und kommt herbeigesprungen. Von solchen Menschen, wie er +einer ist, macht man kein Rühmens und Aufhebens. Man rühmt Kraus +eigentlich nie, und kaum ist man ihm dankbar. Man verlangt nur von ihm: +Tu' das, und dann wieder: Tu' dies. Und man spürt kaum, daß man, und wie +vollkommen, bedient worden ist, so vollkommen ist man bedient worden. +Die Person Kraus ist gar nichts, nur der Schaffer, der Ausüber Kraus ist +etwas, aber der macht sich gar nicht bemerkbar. Z. B. dich, Jakob, lobt +man, es macht einem Freude, dir wohl zu tun. Für Kraus hat man kein +Wort, keine Neigung übrig. Du bist ganz liederlich, Jakob, gegenüber +Kraus. Doch du bist der Nettere. Anders sage ich es dir nicht, denn das +würdest du nicht verstehen. Und Kraus verläßt uns jetzt bald. Das ist +ein Verlust, Jakob, o das ist ein Verlust. Wenn kein Kraus mehr da ist, +wer ist dann noch da? Du, ja. Das ist ja eigentlich wahr, und du bist +mir jetzt böse, nicht wahr. Ja, du bist mir böse, weil ich betrübt bin, +daß Kraus weggeht. Bist du eifersüchtig?« -- »Nicht doch. Auch ich +bedaure lebhaft, daß Kraus uns verläßt,« sagte ich. Ich sprach mit +Absicht sehr förmlich. Auch mir war es weh zumut geworden, doch ich fand +es passend, ein wenig Kälte zu zeigen. Später versuchte ich, mit Kraus +ins Gespräch zu kommen, aber er verhielt sich unglaublich ablehnend. +Finster saß er am Tisch und sprach zu niemandem ein Wort. Auch er +empfindet, daß irgend etwas hier nicht gut geht, er sagt nur nichts, nur +sich sagt er es. + +Oft habe ich die Empfindung von einer großen innern Niederlage. Dann +stelle ich mich mitten in der Stube auf und treibe Unfug, übrigens ganz +kindischen Unfug. Ich setze Kraus' Mütze auf meinen Kopf, oder ein +volles Glas Wasser usw. Oder Hans ist da. Mit Hans kann man +gemeinschaftlich Hüte auf Köpfe hinauflancieren, daß sie oben sitzen und +kleben bleiben. Wie verachtet uns Kraus jedesmal dafür. Schacht ist in +Stellung gewesen, drei Tage, aber er ist wieder zurückgekehrt, voll +Mißmut und allerhand zornigen, schmerzlichen Ausflüchten. Habe ich es +nicht früh schon gesagt, daß es Schacht draußen in der Welt übel ergehen +wird? Er wird immer in Ämter, Aufgaben und Stellungen hineinzappeln, und +es wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er habe zu schwer arbeiten +müssen, und er erzählt von listigen, boshaften, faulen Halb-Vorgesetzten, +die es gleich bei seinem Antritt unternommen hätten, ihn mit +ungebührlichen Pflichten schalkhaft zu überhäufen und ihn zu Boden zu +quälen und zu übervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht. Nur zu willig, +d. h. ich halte für absolut wahr, was er sagt, denn kränklichen, +empfindsamen Leuten gegenüber ist die Welt ja so unbegreiflich roh, +gebieterisch, launisch und grausam. Nun, Schacht wird vorläufig wieder +hier bleiben. Ein wenig ausgelacht haben wir ihn, als er ankam, das muß +auch sein, Schacht ist ein junger Mensch, und er darf schließlich auch +nicht der Meinung sein, für ihn gäbe es besondere Stufen, Vorteile, +Handhaben und Rücksichten. Er hat jetzt eine erste Enttäuschung erlebt, +und ich bin überzeugt, daß er zwanzig Enttäuschungen hintereinander +erleben wird. Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für +gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden +bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden, +leidenden Abneigung geboren. Er möchte anerkennen und willkommen heißen, +aber er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose tritt ihm +zehnfach hart und unmitleidvoll entgegen, er empfindet es eben schärfer. +Armer Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien schwelgen und +sich in gütige, weiche, sorgenlose Dinge betten können. Für ihn sollte +es heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn sollten blasse +zarte Abendhimmelwolken tragen in das Reich: »Ach, wie ist mir?« -- +Seine Hände taugen zu leichten Gebärden, nicht zur Arbeit. Vor ihm +sollten Winde wehen, und hinter ihm sollten süße freundliche Stimmen +flüstern. Seine Augen sollten selig geschlossen bleiben dürfen, und +Schacht sollte wieder ruhig einschlummern dürfen, wenn er des Morgens in +den warmen, lüsternen Kissen erwachte. Für ihn gibt es im Grunde +genommen keine ziemliche Tätigkeit, denn jede Beschäftigung ist für ihn, +der so aussieht, unziemlich, widernatürlich und unpassend. Ich bin der +reine grobknochige Knecht gegen Schacht. Ah, zerschmettert wird er +werden, und eines Tages wird er im Krankenhaus verenden, oder er wird, +verdorben an Leib und Seele, in einem von unsern modernen Gefängnissen +schmachten. Jetzt drückt er sich so in den Ecken der Schulstube herum, +schämt sich und zittert vor dem ihm widerwärtigen, unbekannten +Zukünftigen. Das Fräulein sieht ihn besorgt an, doch ist sie jetzt vom +eigentümlichen Eigenen viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie +sich sehr um Schacht bekümmern könnte. Übrigens könnte sie ihm nicht +helfen. Ein Gott müßte und könnte das vielleicht tun, doch es gibt keine +Götter, nur einen Einzigen, und der ist zu erhaben zur Hilfe. Zu helfen +und zu erleichtern, das würde dem Allmächtigen gar nicht ziemen, so +fühle ich wenigstens. + +Fräulein Benjamenta spricht nun jeden Tag ein paar Worte mit mir, sei es +in der Küche, sei's in der manchmal ganz stillen und vereinsamten +Schulstube. Kraus tut, als wenn er noch ein Jahrzehnt gewärtigte, hier +im Institut zu verbleiben. Er lernt seine Lektionen trocken und +unverdrossen, ja doch, eigentlich verdrossen, aber verdrossen hat er ja +immer ausgesehen, das will nichts zu bedeuten haben. Dieser Mensch ist +keiner Voreiligkeit, keiner Ungeduld fähig. »Abwarten,« so steht es ihm +auf der ruhigen Stirn beinahe hoheitsvoll geschrieben. Ja, Fräulein sagte +das auch schon einmal, sie sagte, Kraus besitze Hoheit, und das ist wahr, +die Unscheinbarkeit seines Wesens hat etwas Unsichtbar-Herrscherartiges. +Zu meinem Fräulein wagte ich gestern zu sagen: »Wenn ich Ihnen nur ein +einziges, nur ein verschwindend kleines einziges Mal selbstbewußter +gegenübergetreten bin, als ganz befangen von Gefühlen und Fesseln der +lautersten Ehrfurcht, so will ich mich hassen, verfolgen, an Stricken +aufhängen, mit Giften tötendster Art vergiften, mit Messern, gleichviel +was für welchen, mir den Hals abschneiden. Nein, es ist ganz unmöglich, +Fräulein. Ich konnte Sie nie verletzen. Schon Ihre Augen. Wie sind sie +mir immer der Befehl und das unantastbare schöne Gebot gewesen. Nein, +nein, ich lüge nicht. Ihr Erscheinen an der Türe! Ich habe hier nie +einen Himmel nötig gehabt, nie Mond, Sonne und Sterne. Sie, ja Sie sind +mir die höhere Erscheinung gewesen. Ich rede wahr, Fräulein, und ich muß +annehmen, daß Sie empfinden, wie fern von aller, aller Schmeichelei +diese Worte sind. Ich hasse alles zukünftige Wohlergehen, ich +verabscheue das Leben. Ja, ja. Und doch muß ich bald auch, wie Kraus, +austreten, ins hassenswerte Leben hinaus. Sie sind mir die körperliche +Gesundheit gewesen. Habe ich in einem Buch gelesen, so waren Sie es, +nicht das Buch, Sie waren das Buch. Doch, doch. Oft habe ich mich +unartig benommen. Ein paarmal mußten Sie mich vor dem Hochmut, der mich +fressen und unter Trümmer unschicklicher Einbildungen begraben wollte, +warnen. Wie sank er da, wie blitzschnell. Wie habe ich dem gelauscht, +was das Fräulein Benjamenta sprach. Sie lächeln? Ja, das Lächeln, es ist +mir immer ein Antrieb zum Guten, Tapfern und Wahren gewesen. Wie sind +Sie stets gut zu mir gewesen. Viel, viel zu gut zu mir Trotzkopf. Und an +Ihrem Anblick herunter stürzten meine vielen Fehler, um Verzeihung +flehend, herunter, zu Ihren Füßen. Nein, ich mag nicht in das Leben, +nicht in die Welt hinaustreten. Ich verachte alles Zukünftige. Wenn Sie +in die Stube eintraten, war ich froh, dann schalt ich mich stets einen +Dummkopf. Oft habe ich Sie, denken Sie sich, ja, ich muß es gestehen, im +geheimen der Würde und der Größe berauben wollen, aber ich fand in all +meinem zusammengepeitschten Geist kein Wort, nicht ein einziges kleines +Wort der Schmähung und Schmälerung dessen, was ich ein wenig verletzen +wollte. Und die Strafe war jedesmal meine Reue und Unruhe. Ja, immer, +Fräulein, immer habe ich Sie verehren müssen. Sind Sie ungehalten, daß +ich so spreche? Ich, ich bin froh, daß ich so spreche.« -- Sie schaute +mich blinzelnd an und lächelte. Sie spottete ein wenig, war aber doch +ganz zufrieden. Außerdem, das merkte ich, war sie in Gedanken mit etwas +Fernabliegendem beschäftigt. Sie war wie geistesabwesend, und daher, +einzig daher habe ich ja auch nur so zu sprechen gewagt. Ich werde mich +hüten, es wieder zu tun. + +Es geht mich ja gar nichts an, gewiß, aber es fällt mir auf, daß keine +neuen Schüler ins Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr +Benjamenta in der Umwelt als Erzieher genießt oder genossen hat, im +Abnehmen oder gar im Verschwinden sein? Das wäre traurig. Doch +vielleicht ist das alles nur meine überreizte Empfindung. Ich bin hier +ein wenig nervös geworden, wenn man eine gewisse Spannung und zugleich +Mattigkeit der Beobachtungskräfte so nennen darf. Es ist hier alles so +zart, und man steht wie in der bloßen Luft, nicht wie auf festem Boden. +Und dann dieses immerwährende Gefaßt- und Bewußtsein, auch das macht es +vielleicht aus. Leicht möglich. Man wartet hier immer auf etwas, nun, +das schwächt doch schließlich. Und wieder verbietet man sich streng das +Horchen und Warten, weil das unzulässig ist. Nun, auch das nimmt Kräfte +in Anspruch. Oft steht das Fräulein am Fenster und sieht lange hinaus, +als lebe sie schon anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde und +Natürliche, was hier webt: wir alle, Herrschaft sowohl wie Elevenschaft, +wir leben beinahe schon anderswo. Es ist, als wenn wir nur noch +vorübergehend hier atmeten, äßen, schliefen und wach stünden und +Unterricht erteilten und genössen. Etwas wie treibende, schonungslose +Energie schlägt hier rauschend die Flügel zusammen. Horchen wir alle +hier auf das Spätere? auf irgend welches Nachherige? Auch möglich. Und +was dann, wenn wir jetzigen Zöglinge alle ausgetreten sind und doch +keine neuen mehr kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas arm und +verlassen? Wenn ich mir das ausmale, werde ich krank, einfach krank. +Nein, niemals, niemals. Das, das wird nicht sein dürfen. Und doch wird +es sein müssen. Sein müssen? + +Rüstig sein heißt, sich nicht lange besinnen, sondern rasch und ruhig +hineingehen in das, was erfüllt werden soll. Naß werden von den +Regengüssen des Bemühens, hart und stark werden an den Stößen und +Reibungen dessen, was die Notwendigkeit fordert. Ich hasse solche klugen +Redensarten. Ich wollte an etwas ganz anderes denken. Aha, ich habe es, +es betrifft Herrn Benjamenta. Ich war wieder bei ihm im Bureau. Ich +necke ihn immer wegen der zu erlangenden, baldigen Anstellung. So frug +ich ihn auch diesmal wieder, wie's denn jetzt sei, ob ich gewärtigen +dürfe usw. Er wollte wütend werden. O, er will auch jetzt immer noch +wütend werden, und ich bin stets sehr kühn, wenn ich ihn reize. Ganz +laut, barsch und unverschämt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz +verlegen, er fing sogar an, sich hinter den großen Ohren zu reiben. Er +hat natürlich nicht das, was man große Ohren zu nennen pflegt, seine +Ohren sind verhältnismäßig durchaus nicht zu groß, nur ist eben alles +groß an dem Mann, folglich auch seine Ohren. Schließlich trat er auf +mich zu, lachte mich merkwürdig gutmütig an und sprach: »In die Arbeit +hinaus willst du treten, Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber +noch. Hier ist es doch für dich und deinesgleichen ganz schön. Oder +nicht? Zögere du noch ein wenig. Ich möchte dir sogar anraten, ein wenig +schlendrianisch, vergeßlich und gedankenträge zu werden. Denn siehst du, +das, was man Untugenden nennt, das spielt im Dasein des Menschen eine so +große Rolle, das ist so wichtig, fast möchte ich sagen, notwendig. Wenn +Untugenden und Fehler nicht wären, es würde der Welt an Wärme, Reiz und +Reichtum fehlen. Die Hälfte der Welt, und vielleicht die im Grunde +schönere, würde mit den Lässigkeiten und Schwächen dahinsterben. Nein, +sei du träge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht, sei so, wie du bist +und hier wurdest, aber spiele, bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst +du? Sagst du ja? Mich würde es freuen, dich ein wenig den Träumereien +verfallen zu sehen. Hänge den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betrübt, +nicht wahr? Denn du bist mir fast ein wenig zu voll von Willen, zu voll +von Charakter. Und stolz bist du, Jakob! Was denkst du dir eigentlich? +Meinst du, in der offenen Welt Großes erreichen, erringen zu können? Zu +müssen? Hast du ernstliche Absichten auf etwas Bedeutungsvolles? Fast +machst du mir -- leider -- diesen etwas gewaltsamen Eindruck. Oder dann +willst du vielleicht, vielleicht wie zum Trotz, ganz klein bleiben? Auch +das mute ich dir zu. Du bist ein bißchen zu festlich, zu heftig, zu +triumphatorisch aufgelegt. Doch das alles ist ja so gleichgültig, du +bleibst noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe ich noch +lange nichts derartiges. Weißt du, mich verlangt, dich noch zu haben. +Kaum besitze ich dich Burschen, so willst du fortrennen? Das gibt es +nicht. Langweile dich hier im Institut so gut als du eben kannst. O, +kleiner Welteroberer, in der Welt, draußen in der Welt erst, im Beruf, +im Streben, im Erringen, da, da werden dir Meere von Langeweile, Öde und +Vereinsamung entgegengähnen. Bleib' du hier. Sehne du dich noch ein +Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch eine Seligkeit, welch eine +Größe im Sehnen, also im Warten, liegt. Also warte. Laß es dich immerhin +innerlich drängen. Aber nicht zu sehr. Höre, mich würde dein Weggehen +schmerzen, es würde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare, beibringen, +es würde mich fast töten. Töten? Ich muß dich bitten, mich auszulachen, +aber fest. Lach' mich ganz unverschämt aus, Jakob. Ich erlaube es dir. +Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich ich dir zukünftig noch zu +gestatten und zu verbieten? Ich, der ich dich soeben davon überzeugt +habe, daß ich fast, fast abhängig von dir bin? Mich schaudert's, mich +empört und beglückt es zu gleicher Zeit, Jakob, was ich da angestellt +habe. Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen. Doch das fassest du +nicht. Geh'. Marsch. Mach' daß du hinauskommst. Ungezogener, wisse, daß +ich noch strafen kann. Fürchte dich.« -- Nun, da hatte ich es, er war +eben mit einmal wieder wütend geworden. Rasch verschwand ich aus seinen +finster mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen, das! Die des Herrn +Vorstehers. Ich muß hier bemerken, daß ich im Verduften aus einem Lokal +eine unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin förmlich zum Kontor +hinausgeflogen, nein, hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr mir +sagte: »Fürchte dich.« O ja, man muß sich schon zuweilen vor ihm +fürchten. Ich würde es unanständig finden, wenn ich keine Furcht kennte, +denn dann hätte ich ja auch gar keinen Mut, der doch nichts anderes ist +als das Furchtüberwindende. Wieder horchte ich draußen im Korridor am +Schlüsselloch, und wieder blieb es ganz still. Ich streckte sogar ganz +läppisch und echt zöglinghaft die Zunge heraus, und dann mußte ich +lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht. Natürlich ganz leise. +Es war das denkbar echteste unterdrückte Gelächter. Wenn ich so lache, +nun, dann steht nichts mehr über mir. Dann bin ich etwas an Umfassen und +Beherrschen nicht zu Überbietendes. Ich bin in solchen Momenten einfach +groß. + +Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta, noch habe ich die +hier geltenden Satzungen zu fürchten, noch wird Unterricht erteilt, +Fragen werden gestellt und beantwortet, noch fliegen wir alle auf +Kommando, noch immer klopft morgens früh Kraus mit seinem ärgerlichen +»Steh' auf, Jakob« und mit seinem zornig gebogenen Finger an meine +Kammertüre, noch sagen wir Zöglinge: »Guten Tag, Fräulein,« wenn sie +erscheint, und: »Gute Nacht«, wenn sie abends sich zurückzieht. Wir +stecken noch immer in den eisernen Klauen der zahlreichen Vorschriften +und ergehen uns immer noch in lehrhaften, eintönigen Wiederholungen. Ich +bin übrigens jetzt endlich in den wirklichen innern Gemächern gewesen, +und ich muß sagen, es existieren gar keine. Zwei Zimmer sind da, aber +diese beiden Räume sehen nach nichts Gemachartigem aus. Sie sind +möbliert wie die Sparsamkeit und Gewöhnlichkeit selber, und sie +enthalten durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie bin ich nur auf +die wahnsinnige Idee gekommen, daß Benjamentas in Gemächern wohnen? Oder +träumte ich, und habe ich jetzt ausgeträumt? Es sind allerdings +Goldfische da, und Kraus und ich müssen das Bassin, in welchem diese +Tiere schwimmen und leben, regelmäßig entleeren, säubern und mit +frischem Wasser auffüllen. Ist das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes? +Goldfische können in jeder preußischen mittleren Beamtenfamilie +vorkommen, und an Beamtenfamilien klebt nichts Unverständliches und +Absonderliches. Wunderbar! Und ich habe so felsenfest an die innern +Gemächer geglaubt. Ich dachte, es müsse da hinter der Türe, durch welche +das Fräulein stets aus- und eingeht, von schloßartigen Zimmern und +Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene Wendeltreppen und breite steinerne, +teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist hinter der einfachen +Türe. Auch eine uralte Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange +heitere, mattenbedeckte Korridore zogen sich in meiner Phantasie von +einem Ende des »Gebäudes« zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und +Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung von schönen, +aber unzuverlässigen Einbildungen gründen. Kapital, scheint mir, ist +genug da, an Fonds wird es nicht fehlen, und Abnehmer solcher Papiere +kommen überall vor, wo der Gedanke und Glaube ans Schöne noch nicht ganz +ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht alles vor. Einen Park +natürlich. Ohne Park kann ich doch gar nicht existieren. Ebenso eine +Kapelle, aber merkwürdigerweise keine romantisch-ruinenhafte, sondern +eine sauber renovierte, ein kleines protestantisches Gotteshaus. Der +Pfarrer saß am Frühstückstisch. Und was noch alles. Man dinierte, man +veranstaltete Jagden. Man tanzte abends im Rittersaal, an dessen hohen +dunkelhölzernen Wänden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes hingen. Was +für eines Geschlechtes? Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es +nicht sagen. Nun, ich bereue tief, derart geträumt und gedichtet zu +haben. Schnee fliegen sah ich auch, nämlich in den Schloßhof. Es waren +nasse, große Schneeflocken, und es war morgens früh, immer war es +dunkle, winterliche Frühe. Ach, und etwas ganz Schönes, eine Halle, ja, +eine Halle sah ich. Reizend! Drei edle vornehme Greisinnen saßen beim +kichernden, knisternden Kaminfeuer. Sie häkelten. Welch eine Phantasie, +nicht weiter zu sehen als bis dort, wo gestrickt und gehäkelt wird. Aber +mich berauschte eben gerade das. Wenn ich Feinde hätte, würden sie +sagen, das sei krankhaft, und sie würden Grund zu haben glauben, mich zu +verabscheuen samt der lieben traulichen Häkelei. Dann gab es wieder ein +wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von silbernen Leuchtern +herabstrahlten. Die Tafelfreude glitzerte, blendete und plauderte. Ich +stellte mir das wahrhaft schön vor. Und Frauen, was für Frauen. Die eine +sah einer veritablen Prinzessin ähnlich, und sie war es auch. Ein +Engländer war auch da. Wie die weiblichen Kleider rauschten, wie die +Brüste, die nackten, auf und nieder wogten! Das Eßzimmer war von Parfüms +wie von schlangenhaften Linien durchzogen. Die Pracht vereinigte sich +mit der Sittsamkeit, der gute Ton mit dem Genuß, die Freude mit der +Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der Geburt. Dann schwamm das +wieder, und es kam anderes, Neues. Ja, die inneren Gemächer, sie lebten, +und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden. Die karge Wirklichkeit: +was ist sie doch manchmal für ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit denen +sie nachher nichts anzufangen weiß. Es macht ihr eben einmal, wie es +scheint, Spaß, Wehmut zu verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder +sehr lieb, schätzens-, sehr schätzenswert. Sie bildet. + +Heinrich und Schilinski sind ausgetreten. Hand geschüttelt und adieu +gesagt. Und fort. Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz die +Abschiede sind. Man will etwas sagen, hat aber gerade das Passende +vergessen, und so sagt man nichts oder irgend eine Dummheit. +Abschiednehmen und -geben ist greulich. In solchen Momenten rüttelt es +am Menschenleben, und man fühlt lebhaft, wie nichts man ist. Rasche +Abschiede sind unliebevoll, und lange sind unerträglich. Was tut man? +Nun, man sagt dann eben etwas Einfältiges. -- Fräulein Benjamenta sagte +mir etwas sehr Sonderbares. »Jakob,« sagte sie, »ich sterbe. Erschrick +nicht. Laß mich zu dir ganz ruhig reden. Sag', warum bist du nur so mein +Vertrauter geworden? Ich habe dich gleich von Anfang an, als du hier +eintratest, für nett gehalten, für zart. Bitte, mach' keine +falsch-aufrichtigen Einwendungen. Du bist eitel. Bist du eitel? Höre, +ja, es geht zu Ende mit mir. Kannst du schweigen? Du mußt nämlich +schweigen über das, was du jetzt erfährst. Vor allen Dingen darf dein +Herr Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen, präge dir das fest ein. Doch +ich bin vollkommen ruhig, und du bist es auch, ich sehe es, und du wirst +Wort halten und deinen Mund halten können, ich weiß es. Es nagt an mir, +und ich sinke in etwas hinein, und ich weiß, was das ist. Das ist so +traurig, mein lieber junger Freund, so traurig. Ich mute dir Stärke zu, +nicht wahr, Jakob? Aber ich weiß es ja grad, daß du stark bist. Du hast +Herz. Kraus würde mich nicht zu Ende anhören können. Ich finde es so +hübsch, daß du nicht weinst. O es würde mich widerlich berühren, wenn +jetzt schon, jetzt schon deine Augen feucht würden. Das alles hat noch +Zeit. Und du horchst so schön. Du hörst meine elende Geschichte an wie +etwas Kleines, Feines und Gewöhnliches, wie etwas, das einfach nur +Aufmerksamkeit heischt, weiter nichts, und so horchst du. Du kannst dich +ganz riesig gut benehmen, wenn du dir recht Mühe gibst. Freilich, +hochmütig bist du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen Ton +jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was für ein Wort) steht dicht hinter mir. +Sieh', so, wie ich jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen +kalten scheußlichen Atem an, und ich sinke, sinke vor diesem Atem. Die +Brust preßt es mir ab. Habe ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das +traurig für dich? Ein wenig, nicht wahr. Doch du mußt das alles jetzt +noch vergessen, hast du gehört? Vergessen! Ich komme wieder zu dir, so +wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir geht. Nicht wahr, du wirst +es zu vergessen suchen. Doch komm' her. Laß mich dir die Stirne +berühren. Du bist brav.« -- Sie zog mich ganz leicht an sich und drückte +mir so etwas wie Hauch auf die Stirne. Von Berühren, wie sie sagte, war +gar keine Rede. Dann entfernte sie sich still und überließ mich meinen +Gedanken. Gedanken? I wo. Ich dachte wieder einmal daran, daß mir Geld +mangle. Das war mein Gedanke. So bin ich, so roh und so gedankenlos. Und +dann ist die Sache ja die: herzliche Erschütterungen senken etwas wie +Eiseskälte in meine Seele hinein. Unmittelbar zur Trauer veranlaßt, +entschlüpft mir die Trauer-Empfindung vollständig. Ich lüge nicht gern. +Überhaupt mir gegenüber lügen: was hätte das für einen Sinn? Ich lüge wo +anders, aber nicht hier, vor mir selber. Nein, weiß der Kuckuck, da lebe +ich, und Fräulein Benjamenta sagt so etwas Entsetzliches, und ich, der +ich sie anbete, weiß nichts von Tränen? Ich bin gemein, das ist es. Doch +halt. Zu sehr heruntermachen will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig, +und deshalb -- --. Lügen sind das, lauter Lügen. Ich habe das ja alles +eigentlich gewußt. Gewußt? Das ist wieder eine Lüge. Es ist mir nicht +möglich, mir die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche ich Fräulein und +schweige über diese Geschichte. Ihr gehorchen dürfen! So lange ich ihr +gehorche, ist sie am Leben. -- + +Angenommen, ich wäre Soldat (und ich bin meiner Natur nach ein +ausgezeichneter Soldat), gemeiner Fußsoldat, und ich diente unter +Napoleons Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab nach Rußland. Mit +meinen Kameraden stünde ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und +die vielen gemeinsam begangenen rohen Taten verbänden uns wie zu etwas +zusammenhängend Eisernem. Grimmig würden wir vor uns herstarren. Ja, der +Grimm, der unbewußte, stumpfe Zorn, der verbände uns. Und wir +marschierten, immer das Gewehr umgehängt. In den Städten, durch die wir +zögen, würde uns eine müßige, schlaffe, durch den Tritt unserer Füße +entmoralisierte Menschenmenge begaffen. Aber dann würde es keine Städte +mehr geben, oder nur noch ganz selten, sondern unabsehbare +Länderstrecken würden sich vor unsern Augen und Beinen nach dem dünnen +Horizont hinschleichen. Das Land kröche und schliche förmlich. Und nun +würde der Schnee kommen und uns einschneien, aber immer würden wir +weitermarschieren. Die Beine, das wäre jetzt alles. Stundenlang würde +mein Blick zur nassen Erde gesenkt sein. Ich würde Muße haben zur Reue, +zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer würde ich Schritt halten, Beine +hin und her werfen und vorwärtsmarschieren. Übrigens gliche unser +Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin und wieder erschien in weiter, +weiter Ferne ein äffender Höhenzug, dünn wie die Kante eines +Taschenmessers, eine Art Wald. Und da würden wir wissen, daß jenseits +dieses Waldes, an dessen Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich +weitere endlose Ebenen ausdehnten. Von Zeit zu Zeit fielen Schüsse. Bei +diesen vereinzelten Tönen würden wir uns an das erinnern, was käme, an +die Schlacht, die da eines Tages geschlagen werden würde. Und wir +marschierten. Die Offiziere würden mit traurigen Mienen umherreiten, +Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie gejagt von ahnungsvollem +Entsetzen, am Zug vorüber. Man würde an den Kaiser, an den Feldherrn +denken, nur ganz dunkel, aber immerhin, man würde ihn sich vorstellen, +und das gewährte Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose +kleine, aber furchtbare Unterbrechungen hemmten für kurze Zeiten den +Marsch. Doch das würde man kaum merken, sondern marschierte weiter. Dann +kämen mir die Erinnerungen, nicht deutliche, und doch überdeutliche. Sie +würden mir am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen Beute, +sie würden mich ins Heimatlich-Trauliche versetzen, an den goldenen, von +zarten Nebeln bekränzten, rundlichen Rebhügel. Ich würde Kuhglocken +schallen und ans Gemüt schlagen hören. Ein liebkosender Himmel böge sich +wasserfarbig und tonreich über mir. Der Schmerz würde mich beinahe +verrückt machen, doch ich marschierte weiter. Meine Kameraden zur linken +und zur rechten Hand, der Vorder- und der Hintermann, das bedeutete +alles. Das Bein würde arbeiten wie eine alte, aber immer noch gefügige +Maschine. Brennende Dörfer würden den Augen ein täglich wiederholter, +schon ganz uninteressanter Anblick sein, und über Grausamkeiten +unmenschlicher Art würde man sich nicht wundern. Da fiele eines Abends, +in der immer bitterer werdenden Kälte, mein Kamerad, er könnte ja +Tscharner heißen, zu Boden. Ich würde ihm aufhelfen wollen, aber: +»Liegen lassen!« würde der Offizier befehlen. Und man marschierte +weiter. Dann, eines Mittags, sähen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch +er würde lächeln, er würde uns bezaubern. Ja, diesem Menschen fiele es +nicht ein, seine Soldaten durch eine düstere Miene zu entnerven und zu +entmutigen. Siegesgewiß, zum voraus schon zukünftige Schlachten +gewonnen, marschierten wir in dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen +Märschen, würde es endlich zum Schlagen kommen, und es ist möglich, daß +ich am Leben bliebe und wieder weitermarschierte. »Jetzt geht es nach +Moskau, du!« würde einer in unserer Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich +weiß nicht was für Gründen darauf, ihm zu antworten. Ich wäre nur noch +der kleine Bestandteil an der Maschine einer großen Unternehmung, kein +Mensch mehr. Ich wüßte nichts mehr von Eltern, nichts von Verwandten, +Liedern, persönlichen Qualen oder Hoffnungen, nichts vom heimatlichen +Sinn und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und Geduld würde mich zu +einem festen, undurchdringlichen, fast ganz inhaltlosen Körper-Klumpen +gemacht haben. Und so ginge es weiter, nach Moskau zu. Ich würde das +Leben nicht verfluchen, dazu wäre es längst zu fluchwürdig geworden, +kein Weh mehr empfinden, das Weh mit all seinen jähen Zuckungen würde +ich längst ausempfunden und fertigempfunden haben. Das ungefähr, glaube +ich, hieße Soldat unter Napoleon sein. + +»Du bist mir ein Rechter, du!« sagte Kraus zu mir, eigentlich ganz +ungerechtfertigt, »du gehörst zu denen, die sich, so wertlos sie sein +mögen, über gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich weiß es schon, +schweig' nur. Du willst in mir einen sauren Pädagogen und Rechthaber +erblickt haben. Geh' mir. Und was fühlst du denn, du und deinesgleichen, +Prahlhanse, was ihr seid, was ernst-sein und achtsam-sein eigentlich +sagen will. Du bildest dir auf deine springerische und tänzerische +Leichtfertigkeit ganz gewiß, und mit ohne Zweifel ebenso viel Recht, +nicht wahr, Königreiche ein? Du Tänzer, o ich durchschaue dich. Immer +lachen über das Richtige und Ziemliche, das kannst du, das verstehst du +vortrefflich, ja, ja, darin seid ihr, du und deine Stammesbrüder, +Meister. Aber gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter, +Blitz und Donner und Schicksalsschläge, gewiß noch nicht abgeschafft +worden. Wegen eurer Grazie, ihr Künstler, was ihr doch seid, bieten sich +dem Schaffenden, überhaupt Lebendigen, gewiß nicht plötzlich weniger +Schwierigkeiten. Lerne du auswendig, das, was dir als Lektion +vorschweben sollte, statt mir zeigen zu wollen, daß du auf mich +herablachen kannst. Ist das ein Herrchen! Es will mir dartun, daß es +sich brüsten kann, wenn es ihm paßt. Laß dir sagen, daß Kraus solche +armseligen Schauspielereien einfach verachtet. Mach' etwas! Man kann dir +das nicht dutzendmal genug auf die hochmütige Nase binden. Weißt du was, +Jakob, Herr des Daseins: laß mich in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich +bin überzeugt, es fallen dir welche vor die Füße, und du wirst sie nur +aufzulesen brauchen. Alles schmeichelt euch ja, alles kommt euch +entgegen, euch Besenbinder. Was? Du hast die Hände noch in der Tasche? +Zwar, ich begreife es. Wem gebratene Tauben in den Mund fliegen, warum +sollte der sich noch je überhaupt Mühe geben, so auszusehen wie einer, +auf den eine Tat, eine Arbeit, eine händefordernde Anstrengung +hinzutreten könnte? Bitte, gähne noch ein wenig. Es macht sich dann +besser. So siehst du zu gefaßt, zu beherrscht, zu bescheiden aus. Oder +willst du mir ein paar Vorschriften erteilen? Tu's nur. Ich bin sehr +gespannt. Ach, mach' daß du wegkommst. An deiner albernen Gegenwart +werde ich sonst noch ganz und gar an mir selbst irre, du altes +-- -- -- ich hätte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet einen zu +sündhaften Ausdrücken, der Ärgerniserreger, was er ist. Mach' dich +unsichtbar oder beschäftige dich mit etwas. Und allen Anstand verlierst +du auch, ja du, vor Vorstehers. Ich hab's schon gesehen. Aber wozu rede +ich mit einem Lachbenzen? Gestehe, daß du ganz nett wärest, wenn du kein +Narr wärst. Wenn du mir das gestehst, will ich dir um den Hals fallen.« +-- »O Kraus, liebster aller Menschen,« sagte ich, »du höhnst, du +spottest? Kann das Kraus? Ist das möglich?« -- Ich lachte hell auf und +schlenderte in meine Kammer. Bald ist hier im Institut Benjamenta alles +überhaupt nur noch ein Schlendern. Es sieht hier aus, als wenn so etwas +wie »die Tage gezählt« wären. Aber man irrt sich. Vielleicht irrt sich +auch Fräulein Benjamenta. Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns +vielleicht alle. + +Ich bin jetzt ein Krösus. Zwar, was das schätzenswerte Geld anbetrifft +-- -- still, nicht von Geldern reden. Ich führe ein sonderbares +Doppelleben, ein geregeltes und ein ungeregeltes, ein kontrolliertes und +ein unkontrollierbares, ein einfaches und ein höchst kompliziertes. Was +will Herr Benjamenta sagen, wenn er bekennt, noch nie einen Menschen +geliebt zu haben? Was hat es zu bedeuten, daß er mir, seinem Eleven und +Sklaven, das sagt? Nun ja, Eleven sind Sklaven, junge, den Zweigen und +Stämmen entrissene, dem unbarmherzigen Sturmwind überlieferte, übrigens +schon ein wenig gelbliche Blätter. Ist Herr Benjamenta ein Sturmwind? +Sehr wohl denkbar, denn ich habe ja schon oft Gelegenheit gehabt, das +Brausen und Zürnen und dunkle Sichentladen dieses Sturmwindes zu spüren. +Und dann ist er ja so allmächtig, und ich Zögling, wie winzig bin ich. +Still, nicht von Allmacht reden. Man irrt sich stets, wenn man große +Worte in den Mund nimmt. Herr Benjamenta ist der Erschütterung und +Schwäche so fähig, so sehr fähig, daß es beinahe zum Lachen, vielleicht +sogar zum Grinsen ist. Ich glaube, alles, alles ist schwach, alles muß +wie Würmer zittern. Nun ja, und diese Erleuchtung, diese Gewißheit macht +mich zum Krösus, d. h. zum Kraus. Kraus liebt und haßt nichts, daher ist +er ein Krösus, es grenzt etwas in ihm ans Unanfechtbare. Wie ein Felsen +ist er, und das Leben, die stürmische Welle, zerspritzt sich an seinen +Tugenden. Seine Natur, sein Wesen ist ganz voll behangen von Tugenden. +Man kann ihn kaum lieben, von hassen schon gar keine Rede. Das Hübsche, +Anziehende mag man gern, und daher ist auch das Schöne und Hübsche der +Gefahr des Gefressenwerdens oder Mißbrauchtwerdens in so hohem Maße +ausgesetzt. An Kraus heran wagen sich keine verzehrenden, fressenden +Lebens-Zärtlichkeiten. Wie verloren eigentlich, aber doch, wie fest, wie +unnahbar steht er da. Wie ein Halbgott. Doch das versteht niemand, und +auch ich -- -- -- manchmal rede und denke ich geradezu über den eigenen +Verstand. Ich hätte daher vielleicht Pfarrer, Anführer einer religiösen +Sekte oder Strömung werden sollen. Nun, das kann ich ja noch. Ich kann +noch alles Mögliche aus mir machen. Aber Benjamenta? -- Ich weiß es +genau, er wird mir jetzt bald einmal seine Lebensgeschichte erzählen. Es +wird ihn drängen zu Offenheiten, zu Erzählungen. Sehr wahrscheinlich. +Und merkwürdig: manchmal ist mir, als wenn ich mich von diesem Mann, +diesem Riesen, nie trennen sollte, nie mehr, als ob wir beide in Eines +verschmolzen wären. Aber man irrt sich ja immer. Gefaßt, einigermaßen +gefaßt sein, das will ich. Auch nicht zu sehr, nein. Zu sehr gefaßt sein +hieße zu frech sein. Wozu Bedeutsames im Leben gewärtigen? Muß das sein? +Ich bin ja etwas so Kleines. Daran, daran halte ich ungebunden fest, +daran, daß ich klein, klein und nichtswürdig bin. Und Fräulein +Benjamenta? Wird sie wirklich sterben? An das wage ich nicht zu denken, +und ich darf auch nicht. Ein höheres Empfinden verbietet es mir. Nein, +ich bin kein Krösus. Und was das Doppelleben betrifft, so führt +jedermann eigentlich ein solches. Wozu sich da brüsten? Ach, all diese +Gedanken, all dieses sonderbare Sehnen, dieses Suchen, dieses +Hände-Ausstrecken nach einer Bedeutung. Mag es träumen, mag es schlafen. +Ich lasse es einfach nun kommen. Mag es kommen. + +Ich schreibe in fliegender Hast. Ich bebe am ganzen Körper. Es flackert +vor meinen Augen wie auf und ab tanzende Irrlichter. Etwas Furchtbares +ist geschehen, scheint geschehen, kaum bin ich meiner selber und dessen +bewußt, was vorfiel. Herr Benjamenta hat einen Anfall gehabt und hat +mich -- erwürgen wollen. Ist das wahr? O weh, alle meine Gedankenkräfte +schwinden, und ich kann mir nicht sagen, ob alles das wahr ist, was da +vorging. Aber ich merke an der Zerrüttung, die mich beherrscht, daß es +wahr ist. Der Vorsteher kam in eine unbeschreibliche Wut hinein. Er +glich einem Simson, jenem Mann aus der Geschichte Palästinas, der an den +Säulen eines hohen, menschenerfüllten Hauses rüttelte, bis der +festliche, lüsterne Palast, bis der steinerne Triumph, bis die Bosheit +zusammenstürzte. Zwar hier, d. h. vor kaum einer Stunde, war ja durchaus +keine Bosheit, keine Niedertracht umzuwerfen, und Säulen und Pfeiler gab +es ebenfalls keine, aber es sah doch so aus, genau so, und ich geriet in +eine nie vorher gekannte, hasenartige, schreckliche Angst hinein. Ja, +ein Hase war ich, und in der Tat, ich hatte auch Ursache zur +hasenartigen Flucht, sonst wäre es mir sicher elend ergangen. Ich +entschlüpfte mit, ich kann es nicht anders sagen, wunderbarer +Behendigkeit seinen zusammenschnürenden Fäusten, und ich glaube, ich +habe ihn, den großen Herrn Benjamenta, den Riesen Goliath, sogar in den +Finger gebissen. Vielleicht rettete der rasche, energische Biß mir das +Leben, denn es ist leicht möglich, daß der Schmerz, den die Wunde ihm +beibrachte, ihn plötzlich wieder an Art und Weise, an Vernunft und +Menschlichkeit erinnerte, derart, daß ich einer groben Verletzung des +zöglinghaften Anstandes möglicherweise das Leben zu verdanken habe. +Gewiß, die Gefahr, erdrückt zu werden, lag nahe, aber, wie ist das alles +gekommen, wie war das alles möglich? Gleich einem Rasenden hat er sich +auf mich gestürzt. Geworfen hat er sich mit seinem mächtigen Körper auf +mich wie ein dunkles Stück verrückt gewordenen Jähzornes; wie eine +Meerwelle kam es auf mich zu, um mich zu zerschmettern an den harten +Wasserwänden. Ich fable da von Wasser. Das ist Unsinn, gewiß, aber ich +bin eben noch ganz benommen, ganz verwirrt und erschüttert. »Was machen +Sie da, verehrter, lieber Herr Vorsteher? He?« schrie ich aus und rannte +wie besessen zur Bureautüre hinaus. Und da horchte ich wieder. So wie +ich mit heiler Haut im Korridor stand, schob ich, allerdings zitternd +mit all meinen Gliedern, mein Ohr ans Schlüsselloch und horchte. Da +hörte ich's leise lachen. Ich stürzte hierher an den Schultisch, und +hier bin ich, und ich weiß nicht, ob ich das geträumt, oder ob ich das +tatsächlich erlebt habe. Nein, nein, es ist, es ist Tatsache. Wenn doch +nur Kraus käme. Mir ist doch ein wenig bange. Wie nett wäre es, wenn der +gute Kraus käme und mir wieder ein wenig, wie schon so oft, die Leviten +läse. Ich möchte ein wenig ausgeschimpft, abgekanzelt, verknurrt und +verdonnert werden, das würde mir unsagbar wohltun. Bin ich ein Kind? -- + +Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich, +wird an mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so +gewachsen, älter geworden, aber das Wesen blieb. Ich finde an dummen +Streichen noch ebenso viel Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es +ja, ich habe eigentlich nie dumme Streiche gemacht. Meinem Bruder habe +ich ganz früh einmal ein Loch in den Kopf geschlagen. Das war ein +Geschehnis, kein dummer Streich. Gewiß, Dummheiten und Jungenhaftigkeiten +gab es die Menge, aber der Gedanke interessierte mich immer mehr als die +Sache selber. Ich habe früh begonnen, überall, selbst in den dummen +Streichen, Tiefes herauszuempfinden. Ich entwickle mich nicht. Das ist +ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde ich nie Äste und Zweige +ausbreiten. Eines Tages wird von meinem Wesen und Beginnen irgend ein +Duft ausgehen, ich werde Blüte sein und ein wenig, wie zu meinem eigenen +Vergnügen, duften, und dann werde ich den Kopf, den Kraus einen dummen, +hochmütigen Trotzkopf nennt, neigen. Die Arme und Beine werden mir +seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles +wird brechen und welken, und ich werde tot sein, nicht wirklich tot, nur +so auf eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre +so dahinleben und -sterben. Ich werde alt werden. Doch ich habe kein +Bangen vor mir. Ich flöße mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere +ja mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, und es läßt mich ganz kalt. O +in Wärme kommen! Wie herrlich! Ich werde immer wieder in Wärme kommen +können, denn mich wird niemals etwas Persönliches, Selbstisches am +Warmwerden, am Entflammen und am Teilnehmen verhindern. Wie glücklich +bin ich, daß ich in mir nichts Achtens-und Sehenswertes zu erblicken +vermag. Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein +Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluß gebieten, ich würde +die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber +würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur +in den untern Regionen atmen. + +Ich gehe durchaus mit den Vorschriften, die hier -- immer noch -- +gelten, einig, wenn sie befehlen, daß die Augen des Zöglings und +Lebenslehrlings glänzen müssen vor Munterkeit und gutem Willen. Ja, +Augen müssen Festigkeit der Seele ausstrahlen. Ich verachte Tränen, und +doch habe ich geweint. Allerdings mehr innerlich, aber das ist +vielleicht gerade das Schauderhafteste. Fräulein Benjamenta sagte zu +mir: »Jakob, ich sterbe, weil ich keine Liebe gefunden habe. Das Herz, +das kein Würdiger zu besitzen, zu verwunden begehrt hat, es stirbt +jetzt. Ich sage dir adieu, Jakob, schon jetzt. Ihr Knaben, Kraus, du und +die andern, ihr werdet dann ein Lied singen am Bett, in dem ich liegen +werde. Klagen werdet ihr, leise klagen. Und jeder von euch, ich weiß +es, wird eine frische, vielleicht gar vom Naturtau noch feuchte Blume +auf das Laken legen. Laß mich dich, junges Menschenherz, ganz ins +geschwisterliche, ins lächelnde Vertrauen ziehen. Ja, dir, Jakob, etwas +anzuvertrauen, das ist so natürlich, denn man meint, du, der du so +aussiehst wie jetzt, du müßtest für alles und jedes, selbst für das +Unsagbare und Unhörbare, ein Ohr, eine horchende Brust, ein Auge, eine +Seele und ein mitleidendes, mitempfindendes Verständnis haben. Ich gehe +am Unverständnis derjenigen, die mich hätten sehen und fassen sollen, am +Wahn der Vorsichtigen und Klugen, und an der Lieblosigkeit des Zauderns +und des Nicht-recht-mögens zugrunde. Man glaubte mich eines Tages zu +lieben, und mich zu haben zu wünschen, doch man zauderte, man ließ mich +stehen, und auch ich zauderte, aber ich bin ja ein Mädchen, ich mußte +zaudern, ich durfte und sollte es. Ah, wie hat mich die Untreue +betrogen, wie haben mich Leerheit und Fühllosigkeit eines Herzens +gepeinigt, an das ich glaubte, weil ich glaubte, es sei voll von echten, +drängenden Gefühlen. Etwas, das überlegen und unterscheiden kann, ist +kein Gefühl. Ich spreche zu dir von dem Mann, an den anmutige süße +Träume mich glauben, unbedenklich glauben hießen. Ich kann dir nicht +alles sagen. Laß mich lieber schweigen. O das Vernichtende, das mich +tötet, Jakob. Die Trostlosigkeiten alle, die mich brechen! -- Doch +genug. Sage, hast du mich lieb, wie junge Brüder Schwestern lieb haben? +Schon gut. Jakob, nicht wahr, es ist alles ganz gut, so wie es ist? +Nein, nicht wahr, wir beide, wir wollen nicht grollen, nicht zweifeln? +Und nicht wahr, nie wieder irgend etwas zu begehren haben, ist schön? +Oder nicht? Ja, ja doch. Das ist schön. Komm' und laß mich dich küssen, +ein einziges unschuldiges Mal. Sei weich. Ich weiß, du weinst nicht +gern, aber jetzt laß uns ein wenig zusammen weinen. Und ganz still +jetzt, ganz still.« Sie fügte nichts mehr hinzu. Es war, als wenn sie +vieles noch hätte sagen wollen, doch als wenn sie für ihre Empfindungen +keine Worte mehr fände. Draußen im Hof schneite es in nassen großen +Flocken. Das erinnerte mich an den Schloßhof, an die innern Gemächer, wo +es ebenfalls in nassen großen Flocken geschneit hatte. Die innern +Gemächer! Und ich dachte mir immer, Fräulein Benjamenta sei die Herrin +dieser innern Gemächer. Ich habe sie mir immer als zarte Prinzessin +gedacht. Und jetzt? Fräulein Benjamenta ist ein leidender feiner +weiblicher Mensch. Keine Prinzessin. Sie wird also eines Tages da +drinnen im Bett liegen. Der Mund wird starr sein, und um die leblose +Stirne werden sich die Haare trügerisch kräuseln. Doch wozu sich das +ausmalen? Jetzt gehe ich zum Vorsteher. Er hat mir sagen lassen, ich +solle zu ihm kommen. Auf der einen Seite eine Mädchenklage und -leiche, +auf der andern Seite ihr Bruder, der noch gar nicht gelebt zu haben +scheint. Ja, Benjamenta kommt mir wie ein ausgehungerter, eingesperrter +Tiger vor. Und wie? Ich, ich begebe mich in den gähnenden Rachen hinein? +Nur hinein! Mag er seinen Mut kühlen an einem wehrlosen Zögling. Ich +stehe ihm zur Verfügung. Ich fürchte ihn, und zugleich ist etwas in mir, +das ihn auslacht. Außerdem ist er mir ja noch die Erzählung seiner +Lebensgeschichte schuldig. Er hat mir das fest versprochen, und ich +werde ihn daran zu erinnern wissen. Ja, so kommt er mir vor: noch gar +nicht gelebt hat er. Will er sich jetzt etwa an mir ausleben? Nennt er +etwa gar Verbrechenausüben Ausleben? Das wäre dumm, sehr dumm, und +gefährlich. Aber es zwingt mich! Ich muß zu diesem Menschen hineingehen. +Eine Seelengewalt, die ich nicht verstehe, nötigt mich, ihn immer wieder +von neuem aushorchen, ausforschen zu gehen. Mag mich der Vorsteher +fressen, mit andern Worten, mir Leid und Schmach antun. Jedenfalls bin +ich dann an etwas Großherzigem zugrunde gegangen. Hinein jetzt ins +Kontor. Die arme Lehrerin! -- + +Ein wenig verächtlich, muß ich sagen, sonst aber ganz zutraulich (ja, +eben deshalb so zutraulich, weil verächtlich), klopfte mir der Vorsteher +mit der Hand auf die Schulter und lachte mich mit seinem breiten aber +wohlgeformten Mund an. Die Zähne kamen dabei zum Vorschein. »Herr +Vorsteher,« sagte ich unglaublich zornig, »ich muß bitten, mich mit +etwas weniger kränkender Freundlichkeit zu behandeln. Noch bin ich Ihr +Zögling. Im übrigen verzichte ich, und das nicht ausdrücklich genug, auf +Gnaden. Seien Sie einem Lumpen gegenüber herablassend und gütig. Mein +Name ist Jakob von Gunten, und das ist ein zwar junger, aber trotzdem +seiner Würde bewußter Mensch. Ich bin nicht zu entschuldigen, das sehe +ich, aber auch nicht zu beleidigen, das verhindere ich.« -- Und mit +diesen geradezu lächerlich anmaßenden Worten, mit diesen so wenig ins +gegenwärtige Zeitalter passenden Worten stieß ich die Hand des Herrn +Vorstehers zurück. Darauf lachte Herr Benjamenta noch fröhlicher und +sagte: »Ich muß mich einfach halten, ich muß dich anlachen, Jakob, und +ich muß mich halten, daß ich dich nicht küsse, du prachtvoller Bursche.« +-- Ich rief aus: »Mich küssen? Sind Sie verrückt geworden, Herr +Vorsteher? Ich will nicht hoffen.« -- Ich staunte selber über die +Ungeniertheit, mit der ich das sagte, und ich trat, wie um einem Hieb +auszuweichen, unwillkürlich einen Schritt zurück. Herr Benjamenta aber, +die Güte und Schonung selber, sagte mit vor seltsamer Genugtuung +bebenden Lippen: »Junge, Knabe, du bist köstlich. Mit dir zusammen in +Wüsten oder auf Eisbergen im nördlichen Meere zu leben, das würde mich +locken. Komm' her. Ei, der Teufel, fürchte dich doch, bitte, nicht vor +mir. Nichts tu' ich dir. Was könnte, was vermöchte ich dir denn anzutun? +Dich wertvoll und selten empfinden, sieh, das muß ich, das tu' ich, aber +davor brauchst du doch keine Angst zu haben. Im übrigen, Jakob, und +jetzt ganz ernsthaft gesagt, höre: Willst du ganz, ganz bei mir bleiben? +Du verstehst das nicht recht, also laß dir das ruhig auseinandersetzen. +Hier geht es zu Ende, verstehst du das?« -- Ich platzte dumm heraus mit +den Worten: »Ah, Herr Vorsteher, meine Ahnungen!« -- Er lachte von neuem +und sprach: »Sieh da, geahnt hast du es schon, daß das Institut +Benjamenta gleichsam heute noch lebt und morgen nicht mehr. Ja, so kann +man sagen. Du bist der letzte Schüler gewesen. Ich nehme keine Zöglinge +mehr an. Blick' mich an. Mich freut es so mächtig, verstehst du, daß ich +dich, den jungen Jakob, noch habe kennen lernen dürfen, einen so +rechtgearteten Menschen, bevor ich hier zuschließe für immer. Und nun +frage ich dich, Schelm, der du mich mit so eigenartigen fröhlichen +Ketten fesselst, willst du mit mir gehen, wollen wir zusammenbleiben, +zusammen irgend etwas anfangen, etwas unternehmen, wagen, schaffen, +wollen wir beide, du der Kleine, ich der Große, zusammen versuchen, wie +wir das Leben bestehen? Bitte, antworte sogleich.« -- Ich erwiderte: +»Meiner Ansicht nach hat die Beantwortung dieser Frage noch Zeit, Herr +Vorsteher. Aber was Sie sagen, interessiert mich, und ich werde mir die +Sache, etwa bis morgen, überlegen. Doch glaube ich, daß ich mit ja +antworten werde.« -- Herr Benjamenta konnte sich, wie es schien, nicht +enthalten, zu sagen: »Du bist entzückend.« -- Nach einer Pause nahm er +das Wort wieder und sagte: »Denn schau', mit dir ließe sich so etwas wie +eine Gefahr, wie ein kühnes, abenteuerliches, entdeckerisches +Unternehmen bestehen. Aber es kann ruhig auch irgend etwas Feines und +Sittsames sein, das wir machen können. Du bist von beiderlei Blut, von +zartem und unerschrockenem. Mit dir vereint wagt man entweder etwas +Mutiges oder etwas sehr Delikates.« -- »Herr Vorsteher,« sagte ich, +»schmeicheln Sie mir nicht, das ist garstig und erregt Verdacht. Und +dann halt! Wo ist die Geschichte Ihrer Vergangenheit, die Sie mir zu +erzählen versprochen haben, wie Sie sich wohl noch erinnern werden?« -- +In diesem Augenblick riß jemand die Türe auf. Kraus, er war es, stürzte +atemlos, ganz blaß im Gesicht, und unfähig, die Meldung, die er offenbar +auf den Lippen hatte, vorzutragen, ins Zimmer herein. Er machte nur eine +hastige Geste, wir sollten kommen. Wir alle drei traten in die dunkelnde +Schulstube. Was wir hier sahen, machte uns erstarren. + +Am Boden lag das entseelte Fräulein. Der Vorsteher ergriff ihre Hand, +ließ sie aber, wie von Schlangen gebissen, fahren und schauderte, von +Entsetzen gepackt, zurück. Dann kam er wieder in die Nähe der Toten, +schaute sie an, entfernte sich wieder, um gleich wieder heranzutreten. +Kraus kniete zu ihren Füßen. Ich hielt den Kopf der Lehrerin in beiden +Händen, damit er den harten Boden nicht zu berühren brauchte. Die Augen +standen noch offen, nicht sehr weit, sondern gleichsam blinzelnd. Herr +Benjamenta schloß sie. Auch er kniete am Boden. Wir alle drei sprachen +kein Wort, aber wir waren nicht in »tiefe Gedanken versunken«. +Wenigstens ich konnte an nichts Ausgeprägtes denken. Aber ich war ganz +ruhig. Ich kam mir sogar, so eitel das auch klingt, gut und schön vor. +Ich hörte von irgend woher ein ganz dünnes Geriesel von Melodien. +Linien und Strahlen bogen sich vor meinen Augen hin und her. »Ergreift +sie,« sagte leise Herr Vorsteher, »kommt. Tragt sie ins Wohnzimmer. +Sachte, sachte, o sachte anfassen. Sorgsam, Kraus. Um Gotteswillen, +nicht so rauh. Jakob, gib acht, ja? Nicht irgendwo anstoßen. Ich will +euch helfen. Ganz langsam vorwärts. So. Und einer strecke die Hand aus +und öffne die Türe. So, so. Es geht. Nur sorgfältig.« -- Er sprach +meiner Ansicht nach überflüssige Worte. Wir trugen Fräulein Lisa +Benjamenta aufs Bett, dessen Decke der Vorsteher rasch wegriß, und nun +lag sie da, wie sie es mir zum voraus gleichsam angekündigt hatte. Und +dann kamen die Schulkameraden, und alle sahen es, und dann standen wir +alle so da, am Bett. Herr Vorsteher gab uns einen verständlichen Wink, +und wir Eleven und Knaben fingen an, im Chor gedämpft zu singen. Das war +die Klage, die das Mädchen gewünscht hatte zu vernehmen, wenn sie auf +dem Lager läge. Und jetzt, so bildete ich es mir ein, vernahm sie den +leisen Gesang. Es war uns, glaube ich, allen, als wäre es +Unterrichtsstunde, und wir sängen auf Befehl der Lehrerin, der wir immer +so rasch gehorchten. Als das Lied zu Ende gesungen war, trat Kraus aus +dem Halbkreis, den wir gebildet hatten, vor und sprach, ein wenig +langsam, aber um so eindringlicher, folgendes: »Schlafe, ruhe süß, +verehrtes Fräulein. (Er sprach sie, die Tote, mit du an. Mir gefiel +das.) Entwunden bist du den Schwierigkeiten, entfesselt vom Bangen, +befreit von den Sorgen und Schicksalen der Erde. Wir haben dir am Bett +gesungen, Verehrte, wie du es befahlst. Sind wir, deine Zöglinge, nun +verlassen? So scheint es, so ist es. Doch du, Frühgestorbene, wirst +unsern Gedächtnissen nie, nie entschwinden. Du wirst am Leben bleiben in +unsern Herzen. Wir, deine Knaben, die du gemeistert und beherrscht hast, +wir werden uns im flatterhaften und mühevollen Leben, Gewinn und +Unterkommen suchend, zerstreuen, so, daß vielleicht alle alle nie wieder +finden und sehen. Aber wir alle werden an dich denken, Erzieherin, denn +die Gedanken, die du uns eingeprägt, die Lehren und Kenntnisse, die du +in uns befestigt hast, werden uns immer an dich, die Schöpferin des +Guten, was in uns ist, erinnern. Ganz von selber. Essen wir, so wird uns +die Gabel sagen, wie du wünschtest, daß wir sie führen und handhaben +sollen, und wir werden anständig zu Tisch sitzen, und das Bewußtsein, +daß wir das tun, wird uns an dich zurückdenken machen. In uns +herrschest, gebietest, lebst, erziehst und fragst und tönst du weiter. +Irgend einer von uns Zöglingen, der es etwas weiter als der andere im +Leben bringt, wird vielleicht seinen zurückgebliebenen ärmeren +Kameraden, wenn er ihn antrifft, nicht mehr kennen wollen. Gewiß. Doch +dann denkt er unwillkürlich ans Institut Benjamenta zurück und an die +Herrin, und er wird sich schämen, deine Grundsätze so rasch und so +hochmütig verleugnet und vergessen zu haben. Und er wird dem Kameraden, +dem Bruder, dem Menschen ohne alle Überlegung die Hand zum Gruß reichen. +Was lehrtest du uns, Verblichene? Du sagtest uns stets, wir sollten +bescheiden und willig bleiben. Ah, das werden wir nie vergessen, so +wenig wie wir die liebe Person, die es ausgesprochen hat, werden +überwinden und vergessen können. Schlaf' wohl, du Verehrte. Träume! +Schöne Einbildungen mögen dich flüsternd umschweben. Die Treue, die +glücklich ist, dir nahe zu sein, beuge ihr Knie vor dir, und die +dankbare Anhänglichkeit und das erinnerungslüsterne, zärtliche +Nie-Vergessen-Können streuen Blüten, Zweige, Blumen und Worte der Liebe +dir um Stirne und Hände. Wir, deine Zöglinge, wir wollen jetzt noch +eines singen, und dann haben wir die Gewißheit, daß wir an deinem +Totenlager, das uns das Lustlager frohen und hingebungsvollen Gedenkens +sein wird, gebetet haben. So lehrtest ja du uns beten. Du sagtest: +Singen sei Beten. Und du wirst uns hören, und wir werden uns einbilden, +du lächeltest. Uns will es die Herzen zerschneiden, dich hier liegen zu +sehen, dich, deren Bewegungen uns vorgekommen sind wie dem Durstigen +frisches, belebendes Quellwasser. Ja, schmerzvoll ist das. Doch wir +beherrschen uns, und gewiß wünschtest auch du das. So sind wir gefaßt. +So gehorchen wir dir und singen.« -- Kraus trat vom Lager zu uns zurück +und wir sangen noch ein Lied, das ebenso leise dahin- und daherklang wie +das erste. Dann traten wir, einer hinter dem andern, ans Bett, und jeder +drückte einen Kuß auf die Hand des toten Mädchens. Und jeder von den +Eleven sprach etwas. Hans sagte: »Ich will es Schilinski erzählen. Und +Heinrich muß es auch wissen.« -- Schacht meinte: »Lebe wohl, du warst +immer so gut.« Peter: »Ich will deine Gebote befolgen.« Dann traten wir +in die Schulstube zurück, indem wir den Bruder bei der Schwester, den +Vorsteher bei der Vorsteherin, den Lebendigen bei der Toten, den +Einsamen bei der Einsamen, den Schmerzgebeugten bei der Vollendeten, +Herrn Benjamenta bei Fräulein Benjamenta allein ließen. + +Ich habe von Kraus Abschied nehmen müssen. Kraus ist gegangen. Ein +Licht, eine Sonne ist geschwunden. Mir ist es, als wenn es von jetzt ab +in der Welt und Umwelt nur noch Abend sein könnte. Bevor eine Sonne +untertaucht, wirft sie noch rötliche Strahlen über die dunkelnde +Gegenwart, ähnlich Kraus. Er hat mich, bevor er ging, rasch noch einmal +ausgescholten, und der ganze veritable Kraus ist dabei noch ein letztes +Mal zum leuchtenden Vorschein gekommen. »Adieu, Jakob, bessere dich, +ändere dich,« sagte er zu mir, indem er mir, beinahe ärgerlich darüber, +daß er es tun mußte, die Hand reichte. »Ich gehe jetzt fort, in die +Welt, in den Dienst. Das wirst auch du hoffentlich bald tun müssen. +Schaden wird es dir sicher nicht. Ich wünsche dir Hiebe auf deinen +Unverstand hinauf. Man soll dich tüchtig bei den ungezogenen Ohren +nehmen. Lache nur nicht noch beim Abschied. Übrigens ziemte dir das. Und +wer weiß, vielleicht sind die Verhältnisse dieser Welt so töricht, daß +sie dich in die Höhe heben. Dann kannst du in der Unverschämtheit, im +Trotz, in der Überhebung und in der lächelnden Trägheit, in Spott und +allen möglichen Sorten Unarten ruhig und frech fortfahren und sorgenlos +bleiben, was du bist. Dann kannst du dich brüsten bis zum Zersprengen, +mit all dem, was du dir hier im Institut Benjamenta nicht hast +abgewöhnen wollen. Aber ich hoffe, daß Sorgen und Mühen dich in ihre +harte, untugendenzerschmetternde Schule nehmen. Sieh', Kraus spricht +hart. Und doch meine ich es vielleicht besser mit dir Bruder Lustig, als +die, die dir Glück in den Schoß und ins offene Maul wünschen würden. +Arbeite mehr, wünsche weniger, und noch etwas: bitte vergiß mich ganz. +Ich würde mich nur ärgern, wenn ich dächte, du habest für mich irgend +einen abgelegten alten, schäbigen, solch einen tänzelnden Komm' ich +heute nicht-komm' ich morgen-Gedanken übrig. Nein, Bürschchen, merke +dir's, Kraus braucht keinen von deinen von Guntenschen Späßen.« -- +»Liebloser, lieber Mensch,« rief ich voller banger Abschiedsahnungen und +-empfindungen aus. Und ich wollte ihn umarmen. Doch er verhinderte das +auf die einfachste Art der Welt, indem er sich rasch, und für immer, +entfernte. »Heute noch ein Institut Benjamenta und morgen keines mehr,« +sprach ich laut zu mir selber. Ich trat zu Herrn Vorsteher herein. Es +war mir, als wenn die Welt einen glühend-zündend-klaffenden Riß von +einer räumlichen Möglichkeit bis zur entgegengesetzten andern bekommen +hätte. Mit Kraus war die Hälfte des Lebens gegangen. »Von jetzt ab ein +anderes Leben!« murmelte ich. Es ist übrigens ganz einfach: ich war +betrübt und ein wenig bestürzt. Wozu sich in großen Worten ergehen? Vor +dem Vorsteher verneigte ich mich förmlicher als je, und es erschien mir +schicklich, »guten Tag, Herr Vorsteher« zu sagen. »Bist du toll, alter +Junge?« rief er. Er kam mir entgegen und würde mich umarmt haben, aber +ich verhinderte das, indem ich ihm einen Schlag auf den ausgestreckten +Arm versetzte. »Kraus ist gegangen,« sagte ich tiefernst. Wir schwiegen +und begnügten uns, uns ziemlich lange anzuschauen. + +»Ich habe,« sagte dann Herr Benjamenta in ruhigem, männlichem Ton, »den +andern allen, deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft. Nur noch +wir drei, du, ich und sie, die da drinnen auf dem Bett liegt, bleiben +noch hier. Die Tote (warum nicht ruhig über die Toten reden? Sie leben +ja. Nicht wahr?), sie wird morgen abgeholt werden. Das ist ein +häßlicher, aber notwendiger Gedanke. Heute sind wir drei noch zusammen. +Und wir werden die Nacht über wach bleiben. Wir beide werden reden an +ihrem Lager. Und wenn ich nun so denke, wie du da eines Tages mit der +Bitte, Forderung und Frage anlangtest, in die Schule aufgenommen zu +werden, packt mich eine unerhörte Lebens- und Lachlust. Ich bin über +Vierzig. Ist das alt? Es war alt, doch jetzt, wie du so da bist, Jakob, +bedeutet es grünende und kräftig knospende Jugend, dieses +Vierziger-Alter. Mit dir, du Gemüt von einem Jungen, ist frisches, ist +überhaupt erst Leben über mich und in mich hineingekommen. Ich habe +hier, siehst du, hier im Bureau, schon verzweifelt, bin hier schon ganz +eingetrocknet, habe mich hier geradezu begraben. Ich haßte, haßte, haßte +die Welt. Unsagbar ist von mir alles dies Wesen, Bewegen und Leben +gehaßt und gemieden worden. Da tratest du ein, frisch, dumm, unartig, +frech und blühend, duftend von unverdorbenen Empfindungen, und ganz +natürlich schnauzte ich dich mächtig an, aber ich wußte es, so wie ich +dich nur sah, daß du ein Prachtbursche seiest, mir, wie es mir vorkam, +vom Himmel heruntergeflogen, von einem alleswissenden Gott mir gesandt +und geschenkt. Ja, dich brauchte ich gerade, und ich lächelte immer +heimlich, wenn du von Zeit zu Zeit zu mir eintratest, um mich mit deinen +reizenden Frechheiten und Grobheiten, die mir wie gutgelungene Gemälde +erschienen, zu belästigen. O nein, zu betören. Ruhig, Benjamenta, ruhig. +-- Hast du es, sage mir das, nie bemerkt, daß wir Zwei Freunde waren? +Doch still. Und wenn ich dann so meine Würde vor dir bewahrte, o dann +hätte ich sie zerreißen mögen, zerreißen in Fetzen. Wie rasend förmlich +du dich sogar heute noch vor mir verbeugt hast! Doch höre, wie ist es +eigentlich nur mit dem Wutanfall von neulich? Habe ich dir wehtun +wollen? Wollte ich mir selber einen tödlichen Streich versetzen? +Vielleicht weißt du es, Jakob? Ja? Dann, bitte, kläre mich sofort auf. +Sofort, hast du verstanden! Wie ist mir? Wie? Was sagst du?« -- »Ich +weiß es nicht. Ich hielt Sie für wahnsinnig, Herr Vorsteher,« sagte +ich. Es überlief mich kalt angesichts der überströmenden Zärtlichkeit +und Lebenslust, die aus den Augen des Mannes hervorbrachen. Wir +schwiegen eine Weile. Plötzlich kam mir der Einfall, Herrn Benjamenta an +die Geschichte seines Lebens zu erinnern. Das war sehr gut. Das konnte +ihn unter Umständen zerstreuen, ihn von mörderischen neuen Anfällen +abhalten. Ich war in diesem Moment fest überzeugt, daß ich mich in den +Krallen eines halb-Verstandlosen befände, und ich sagte daher rasch, +indem mir der Schweiß über die Stirne herabrann: »Ja, Ihre Geschichte, +Herr Vorsteher? Wie ist es damit? Wissen Sie, daß ich Andeutungen +verabscheue? Sie haben mir dunkel angedeutet, daß Sie ein entthronter +Herrscher seien. Nun wohlan. Bitte, drücken Sie sich deutlich aus. Ich +bin sehr gespannt.« -- Er kraute sich ganz verlegen hinter dem Ohr. Dann +wurde er plötzlich geradezu böse, kleinlich böse, und er herrschte mich +im Feldwebelston an: »Abtreten. Mich allein lassen!« -- Nun, ich ließ +mir das nicht zweimal sagen, sondern verschwand augenblicklich. Schämte +er sich, grämte er sich um irgend etwas, dieser König Benjamenta, dieser +Löwe im Käfig? Jedenfalls war ich wieder einmal recht froh, draußen im +Korridor stehen und lauschen zu können. Es herrschte Totenstille. Ich +ging in die Kammer, zündete einen Kerzenstumpf an und vertiefte mich in +den Anblick des Bildes von Mama, das ich stets sorgsam aufbewahrt hatte. +Später klopfte es an die Türe. Es war der Vorsteher, er war ganz schwarz +angezogen. »Komm,« befahl er mit eiserner Strenge. Wir gingen ins +Wohnzimmer, um bei der Entschlafenen zu wachen. Herr Benjamenta wies mir +mit einer leichten Handbewegung meinen Platz an. Wir setzten uns. +Gottlob, ich spürte wenigstens gar keine körperliche Müdigkeit. Das war +mir sehr lieb. Das Gesicht der Toten war schön geblieben, ja, es schien +sogar noch anmutiger geworden zu sein, und noch etwas: von Moment zu +Moment schien immer mehr Schönheit, Rührung und Anmut darauf +niederzufallen. Etwas wie lächelnde Vergebung jeder Art Fehltrittes +schien im Wohnzimmer zu schweben und leise zu tönen. Es zirpte so. Und +es war auf so helle, lichte Art ernst in der Stube. Nichts, nichts +Unheimliches. Mir wurde es schön zumut, denn schon das allein, daß ich +hier wachte, ließ mich die Ruhe, die in einer stillen Pflichterfüllung +liegt, angenehm empfinden. + +»Später, Jakob,« ergriff der Vorsteher das Wort, indem wir so saßen, +»später erzähle ich dir alles. Wir werden ja doch zusammenbleiben. Ich +glaube ganz fest, sogar felsenfest an deine Zustimmung. Du wirst morgen, +wenn ich dich nach deinen Entscheidungen frage, nicht nein sagen, das +weiß ich. Für heute muß ich dir sagen, daß ich kein wirklicher +abgesetzter König bin, ich meinte, ich sagte dir das nur so, des Bildes +halber. Wohl aber gab es Zeiten, wo dieser Benjamenta, der hier neben +dir sitzt, sich als Herr, als Eroberer und als König fühlte, wo das +Leben vor mir zum Erfassen dalag, wo alle meine Sinne an Zukunft und an +Größe glaubten, wo meine Schritte mich elastisch dahin wie über +teppichähnliche Wiesen und Begünstigungen trugen, wo ich besaß, was ich +anschaute, genoß, an was ich nur flüchtig dachte, wo alles bereit war, +mich mit Befriedigung zu krönen, mit Erfolgen und Errungenschaften mich +zu salben, wo ich König war, ohne es kaum zu ahnen, groß, ohne daß ich +nötig hatte, mir eine bewußte Rechenschaft davon abzulegen. In diesem +Sinne, Jakob, bin ich hoch gewesen, d. h. einfach jung und +vielversprechend, und in diesem Sinne geschah die Entfürstung und +Entthronung. Ich stürzte. Und ich zweifelte an mir und an allem. Wenn +man verzweifelt und trauert, lieber Jakob, ist man so jammervoll klein, +und immer mehr Kleinheiten werfen sich über einen, gefräßigem, raschem +Ungeziefer gleich, das uns frißt, ganz langsam, das uns ganz langsam zu +ersticken, zu entmenschen versteht. Also das mit dem König war eine +Phrase. Ich bitte dich, kleiner Zuhörer, um Entschuldigung, wenn ich +dich an Szepter und Purpurmantel habe glauben machen. Doch glaube ich, +daß du es eigentlich wußtest, wie es mit diesen gestammelten und +geseufzten Königreichen im Grunde gemeint war. Nicht wahr, ein wenig +gemütlicher komme ich dir jetzt vor? Jetzt, da ich kein König mehr bin? +Denn das gibst du doch selbst zu, daß solche Herrscher, wenn sie +genötigt sind, Unterricht usw. zu erteilen und Institute zu eröffnen, +gewiß unheimliche Patrone wären. Nein, nein, ich war nur zukunftsstolz +und -froh: das sind meine Ländereien und königlichen Einkünfte gewesen. +Dann war ich lange, lange Jahre entmutigt und entwürdigt. Und nun bin +ich wieder, d. h. fange an, wieder ich selber zu sein, und es ist mir, +als hätte ich eine Million geerbt, ach was, Million geerbt, nein, es ist +mir, als wäre ich -- -- zum Herrscher erhoben und gekrönt worden. +Allerdings kommen mir immer wieder die dunklen, grauenhaft dunklen +Stunden, wo mir alles schwarz vor den Augen und hassenswert vor dem +gleichsam, versteh' mich, verbrannten und verkohlten Gemüt wird, und in +solchen Stunden zwingt es mich, zu zerreißen, zu töten. O meine Seele, +du, würdest du, trotzdem du das nun weißt, bei mir bleiben? Könntest du +dich, vielleicht aus einfacher menschlicher Neigung zu mir, oder aus +irgend einer andern dir zusagenden Empfindung, dazu entschließen, der +Gefahr, die dir mit dem Zusammensein mit mir Unmenschen droht, zu +trotzen? Kannst du hohen Herzens trotzen? Bist du solch ein Trotzkopf? +Und nimmst du das alles nicht übel? Übel? Ach was, Dummheiten. Übrigens +weiß ich es ja, Jakob, daß wir zusammen leben werden. Es ist +entschieden. Wozu dich noch fragen? Siehe, ich kenne doch ja meinen +früheren Zögling. Jetzt, Jakob, bist du nicht mehr mein Zögling. Ich +will nicht mehr bilden und lehren, sondern ich will leben und lebend +etwas wälzen, etwas tragen, etwas schaffen. O, es läßt sich so herrlich, +so herrlich leiden mit solch einem Herzen von Kameraden. Ich besitze, +was ich besitzen wollte, und drum ist mir, könnte ich alles, ertrüge und +litte ich fröhlich alles. Kein Gedanke, kein Wort mehr. Bitte, schweige. +Du sagst mir morgen, nachdem man mir dieses Leben da, das da auf dem +Bett liegt, weggetragen hat, nachdem ich die rein äußerliche +Feierlichkeit habe abstreifen dürfen und in eine innerliche habe +umwandeln dürfen, deine Meinung. Du sagst ja, oder du sagst nein. Wisse, +du bist ja jetzt vollkommen frei. Du kannst sagen und tun, was dir +beliebt.« -- Ich sagte ganz leise, zitternd vor Verlangen, diesen mir +etwas allzu zuversichtlichen Menschen ein wenig zu erschrecken: »Aber +der Brotkorb, Herr Vorsteher? Den andern verschaffen Sie Unterkommen, +und gerade mir nicht? Das finde ich seltsam. Das ist nicht recht. Und +ich bestehe darauf. Es ist Ihre Pflicht, mir einen ordentlichen +Arbeitsposten zu vermitteln. Ich will unbedingt in Stellung und Amt +gehen.« -- Ah, er zuckte zusammen. Er erschrak. Wie mußte ich innerlich +kichern. Teufeleien sind doch das Netteste am Leben. Herr Benjamenta +sagte traurig: »Du hast recht. Es ziemt sich, dir auf Grund deines +Abgangszeugnisses eine Stelle zu verschaffen. Gewiß, du hast vollkommen +recht. Nur dachte ich, nur -- dachte ich -- --, du machtest eine +Ausnahme.« -- Ich rief wie in zündender Entrüstung: »Ausnahme? Ich mache +keine Ausnahmen. Niemals. Das schickt sich nicht für den Sohn eines +Großrates. Meine Bescheidenheit, meine Geburt, alles, was ich empfinde, +verbietet mir, mehr zu wollen, als was meine Schulgenossen bekommen +haben.« -- Von da an sprach ich kein Wort mehr. Mir gefiel es, Herrn +Benjamenta einer sichtbaren, für mich schmeichelhaften Unruhe zu +überlassen. Den Rest der Nacht verbrachten wir schweigend. + +Aber während ich so saß und wachte, überfiel mich doch der Schlaf. Zwar +nicht lang, eine halbe Stunde, oder vielleicht noch etwas länger, war +ich der Wirklichkeit entrückt. Mir träumte (der Traum schoß von der +Höhe, ich erinnere mich, gewaltsam, mich mit Strahlen überwerfend, auf +mich nieder), ich befände mich auf einer Bergmatte. Sie war ganz +dunkelsamtgrün. Und sie war mit Blumen wie mit blumenhaft gebildeten und +geformten Küssen bestickt und besetzt. Bald erschienen mir die Küsse wie +Sterne, bald wieder wie Blumen. Es war Natur und doch keine, Bildnis und +Körper zugleich. Ein wunderbar schönes Mädchen lag auf der Matte. Ich +wollte mir einreden, es sei die Lehrerin, doch sagte ich mir rasch: +»Nein, das kann es nicht. Wir haben keine Lehrerin mehr.« Nun, dann war +es halt jemand anderes, und ich sah förmlich, wie ich mich tröstete, und +ich hörte den Trost. Es sagte deutlich: »Ah bah, laß das Deuten.« -- Das +Mädchen war schwellend und glänzend nackt. An dem einen der schönen +Beine hing ein Band, das im Wind, der das Ganze liebkoste, leise +flatterte. Mir schien, als wehe, als flattere der ganze spiegelblanke +süße Traum. Wie war ich glücklich. Ganz flüchtig dachte ich an »diesen +Menschen«. Natürlich war es Herr Vorsteher, an den ich so dachte. +Plötzlich sah ich ihn, er war hoch zu Roß und war bekleidet mit einer +schimmernd schwarzen, edlen, ernsten Rüstung. Das lange Schwert hing an +seiner Seite herunter, und das Pferd wieherte kampflustig. »Ei, sieh da! +Der Vorsteher zu Pferd',« dachte ich, und ich schrie, so laut ich +konnte, daß es in den Schluchten und Klüften ringsum widerhallte: »Ich +bin zu einem Entschluß gekommen.« -- Doch er hörte mich nicht. Qualvoll +schrie ich: »Heda, Herr Vorsteher, hören Sie.« Nein, er wandte mir den +Rücken. Sein Blick war in die Ferne, ins Leben hinab- und +hinausgerichtet. Und nicht einmal den Kopf bog er nach mir. Mir +scheinbar zuliebe rollte jetzt der Traum, als wenn er ein Wagen gewesen +wäre, Stück um Stück weiter, und da befanden wir uns, ich und »dieser +Mensch«, natürlich niemand anders als Herr Benjamenta, mitten in der +Wüste. Wir wanderten und trieben mit den Wüstenbewohnern Handel, und wir +waren ganz eigentümlich belebt von einer kühlen, ich möchte sagen, +großartigen Zufriedenheit. Es sah so aus, als wenn wir beide dem, was +man europäische Kultur nennt, für immer, oder wenigstens für sehr, sehr +lange Zeit entschwunden gewesen seien. »Aha,« dachte ich unwillkürlich, +und wie mir schien, ziemlich dumm: »Das war es also, das!« -- Aber was +es war, was ich da dachte, konnte ich nicht enträtseln. Wir wanderten +weiter. Da erschien ein Haufe von uns feindlich gesinnten Menschen, wir +aber zerstreuten ihn, ohne daß ich eigentlich sah, wie das zuging. Die +Erdgegenden schossen mit den Wandertagen blitzartig vorüber. Ich empfand +die Erfahrung von ganzen vorüberwinkenden, langen, schwer zu ertragen +gewesenen Jahrzehnten. Wie war doch das eigentümlich. Die einzelnen +Wochen sahen sich an wie kleine, glitzernde Steinchen. Es war lächerlich +und herrlich zugleich. »Der Kultur entrücken, Jakob. Weißt du, das ist +famos,« sagte von Zeit zu Zeit der Vorsteher, der wie ein Araber aussah. +Wir ritten auf Kamelen. Und die Sitten, die wir sahen, entzückten uns. +Es war etwas Unverständlich-Mildes und Zartes in den Bewegungen der +Länder. Ja, mir war es, als marschierten, nein eher, als flögen die +Länder. Das Meer zog sich majestätisch dahin wie eine große blaue nasse +Welt von Gedanken. Bald hörte ich Vögel schwirren, bald Tiere brüllen, +bald Bäume über mir rauschen. »Also bist du nun doch mitgekommen. Ich +wußte es ja,« sagte Herr Benjamenta, den die Indier zum Fürsten erhoben +hatten. Wie toll! So grauenhaft überspannt es ist: Tatsache war, daß wir +in Indien Revolution machten. Und scheinbar glückte uns der Streich. Es +war so köstlich zu leben, das fühlte ich in allen Gliedern. Das Leben +prangte vor unsern weitausschauenden Blicken wie ein Baum mit Zweigen +und Ästen. Und wie stunden wir fest. Und durch Gefahren und Erkenntnisse +wateten wir wie in eiskaltem, aber unserer Hitze wohltuendem Flußwasser. +Ich war immer der Knappe, und der Vorsteher war der Ritter. »Schon +gut,« dachte ich mit einmal. Und wie ich das dachte, erwachte ich und +schaute mich im Wohnzimmer um. Herr Benjamenta war ebenfalls +eingeschlafen. Ich weckte ihn, indem ich ihm sagte: »Wie können Sie +einschlafen, Herr Vorsteher. Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß +ich mich entschlossen habe, mit Ihnen zu gehen, wohin Sie wollen.« -- +Wir gaben einander die Hand, und das bedeutete viel. + +Ich packe. Ja, wir beide, der Vorsteher und ich, wir sind mit Packen, +mit richtigem Zusammenpacken, Abbrechen, Aufräumen, Auseinanderzerren, +Schieben und Rücken beschäftigt. Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt +dieser Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das +Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen. Meinem Bruder werde ich +heute Adieu sagen. Ich werde hier nichts hinterlassen. Mich bindet +nichts, verpflichtet nichts, zu sagen: »Wie wär's, wenn ich -- --« Nein, +es gibt nichts mehr zu wären und zu wennen. Fräulein Benjamenta liegt +unter der Erde. Die Eleven, meine Kameraden, sind zerstoben in allerlei +Ämtern. Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt +dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin nur eine Null. Aber weg jetzt +mit der Feder. Weg jetzt mit dem Gedankenleben. Ich gehe mit Herrn +Benjamenta in die Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis +nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes wollen und tun und +nachts schlafen und träumen läßt. Ach was. Jetzt will ich an gar nichts +mehr denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird mit mir sein. Was +brauche ich da an ihn zu denken? Gott geht mit den Gedankenlosen. Nun +denn adieu, Institut Benjamenta. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Jakob von Gunten, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN *** + +***** This file should be named 24176-8.txt or 24176-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24176/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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