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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:53:18 -0700 |
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Bianchi + +Translator: Friedrich Ramhorst + +Other: Silvio Venturi + +Release Date: September 16, 2007 [EBook #22630] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [Anmerkungen zur Transkription: + + Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in + Hinblick auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und + Rechtschreibung dem Original getreu übertragen. Lediglich einige + offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + Im Original in Antiqua gesetzter Text wurde mit _ gekennzeichnet. + Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = gekennzeichnet. + Im Original fett gesetzter Text wurde mit + gekennzeichnet.] + + + [Illustration: Portrait des Antonino M... + + Strafgefangener. + + Verurteilt: 5 Jahre Gefängnis wegen Mord. -- 3 Jahre Gefängnis wegen + versuchten Mord. -- 1 Jahr Gefängnis wegen Bedrohung. -- 4 Jahre + Strafcompagnie. -- 2 Monate Eisen wegen Fälschung. -- 16 Jahre und 6 + Monate wegen versuchten Brudermord.] + + + Der Roman + eines + geborenen Verbrechers. + + + Selbstbiographie + des + Strafgefangenen Antonino M... + + von + A. G. Bianchi. + (Mitglied des _Corriere della Serra_ in Mailand) + + + Zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben + mit einem psychiatrischen Gutachten + von Professor + Silvio Venturi + Direktor der Provinzial-Irrenanstalt in Catanzaro. + + + Autorisierte deutsche Übersetzung von Dr. Friedrich Ramhorst. + + + Berlin und Leipzig + Alfred H. Fried & Cie. + 1894. + + + + +Vorrede. + + +I. + +Dieses Buch kann und soll nicht nach gewöhnlichen Gesichtspunkten +beurteilt werden: Der Titel Roman ist subjektiv gerechtfertigt, insofern +die Empfindung, welche den Helden dieser Blätter veranlaßte, sie zu +schreiben, sicher nicht von der verschieden ist, welche viele +zeitgenössische Autoren veranlaßte, ihre Gedanken und Gefühle in einer +oft selbstbiographischen Form herauszugeben. Dostojewski's »Schuld und +Sühne«, Zola's »_Bête humaine_« und Gabriele d'Annunzio's »_Giovanni +Episcopo_« und »_l'Innocente_« sind die letzten Proben dieser +pathologischen Litteratur, wo die Genialität der Verfasser zu einer +tiefen Intuition krankhafter Bewußtseinsphasen sich erhebt und die Kunst +das Ansehen der Wahrheit erreicht. + +In diesem Fall ist die Kunst arm, aber die Aufrichtigkeit ist vielleicht +größer, und die Unerfahrenheit des Verfassers dient dazu, ihr Relief zu +geben; denn wenn das Wahre sich hervorhebt und einen unverkennbaren +stilistischen Ausdruck annimmt, so kann das Unwahre nicht, wie bei den +berufsmäßigen Schriftstellern, den Firnis stilistischen Schmuckes oder +der angenehmen Täuschung erlangen. + +So kommt es, daß das, was nach der Absicht des Verfassers ein Kunstwerk +sein sollte, in der That ein wissenschaftliches Dokument geworden ist. + +Der Verbrecher, diese antisoziale Individualität kann sich mit Recht als +die _great attraction_ der zeitgenössischen Litteratur bezeichnen: +Feuilletonromane und Gerichtsberichterstattung, um nicht vom wirklichen +Kunstwerk zu reden -- alles dreht sich um den Verbrecher und die +verschiedenartigsten Gefühle werden wachgerufen; das gewöhnliche +Interesse, das sich am Unwahrscheinlichen entzündet, das Mitleid mit dem +Unglück, die Hoffnung auf die Rehabilitation, der Fatalismus. + +Auch die Wissenschaft ist der Frage näher getreten, und wenn die Kunst +das Interesse des Abenteuers dem des psychologischen Einzelfalls +hintanstellt, so tritt für die Wissenschaft das Studium des Verbrechens +hinter dem Studium des Individuums zurück. Zwischen der Darstellung des +Verbrechers, wie sie von den alten und wie sie von den neuen +Schriftstellern geübt werden, ist genau derselbe Unterschied wie +zwischen dem althergebrachten Studium des Verbrechens, das durch die +Macht der Tradition noch in den Gesetzen herrscht, und der neuen +Wissenschaft, welche das Studium des Verbrechers fordert. + +Aber die Wissenschaft hat notwendiger Weise vorerst in der Allgemeinheit +stehen bleiben müssen, sie mußte Hunderte und aber Hunderte von +Verbrechern beobachten, um das mehr oder weniger häufige Wiederkehren +eines physischen oder psychischen Charakters zu erkennen, und aus diesen +Beobachtungen sind Theorien hergeleitet, welche nicht immer auf jeden +einzelnen Fall passen. Ebenso wie die Bewohner eines Landes nicht völlig +dem Nationaltypus entsprechen, ebenso wenig entsprechen die Insassen der +Gefängnisse dem Verbrechertypus. + +Diese Mannigfaltigkeit der kriminellen Elemente, die nur eine Folge der +Mannigfaltigkeit der Ursachen ist, von denen die Menschengeschicke +abhängen, ließ den Typus in der Vorstellung der Gelehrten unbestimmt und +unsicher erscheinen. + +Lombroso, der eine graphische Reproduktion des typischen +Verbrecherschädels erlangen wollte, nahm seine Zuflucht zur +zusammengesetzten Photographie, indem er die zu einer Aufnahme nötige +Zeit in sechs Abschnitte teilte, und in jedem dieser Abschnitte einen +anderen Schädel vor das Objekt brachte. Auf diese Weise wiederholten +sich die jedem Schädel gemeinsamen Züge und kamen schärfer zum Ausdruck, +und während die Photographie nicht als die Reproduktion eines einzelnen +bezeichnet werden konnte, ähnelte sie allen in ihren typischen +Elementen. + +»Der Typus ist eine synthetische Impression«, hat Gratiolet gesagt. Und +Goethe definierte ihn als ein »abstraktes und allgemeines Bild«. + +Geoffroy St.-Hilaire schrieb: »Der Typus einer Art zeigt sich niemals +unseren Augen, er erscheint nur unserm Geist. Er ist eine Art festen und +gemeinsamen Mittelpunktes, um den sich die verschiedenen +Differenzierungen als Abweichungen und Schwankungen gruppieren.« + +Anderseits schien das Studium des Typus notwendiger als das des +Einzelfalls, da ja die synthetische Impression immer dem analytischen +Studium voraufgeht. + +Heutzutage glaubt man diese synthetische Impression erreicht zu haben, +und der Verbrecher wird physisch und psychisch als ein Typus +beschrieben, der zwischen dem Wilden, dem Epileptiker und dem moralisch +Irrsinnigen rangiert. + +Gegen diesen Glauben lehnt sich das analytische Studium auf. Nachdem die +typischen Verbrechercharaktere abstrakt beschrieben sind, läßt sich +feststellen, wer als Verbrecher angesehen werden kann, und man kann zum +Studium des Individuums fortschreiten. + +Das hat zuerst =Lombroso= erkannt, der in seinem »Archiv« zahlreiche +Einzelfälle beschreibt und in seinem »_Palimsesti del carcere_« +verschiedene Selbstbiographien von Verbrechern veröffentlicht hat. Aber +vielleicht ist das Studium immer ein hastiges gewesen, da es mehr dem +Zweck dienen mußte, dem allgemeingiltigen Gesetz die Grundlage zu +liefern, als die Untersuchung der Einzelfälle zu vertiefen und zu +beleben. Und daraus kann man keinen Vorwurf herleiten, die Wissenschaft +war dazu noch nicht reif und hatte anderes und dringlicheres zu thun. + +Diese Veröffentlichung soll einen Beitrag bilden zu dem Studium der +Verbrecherpersönlichkeit, einerseits durch den Bericht der Erlebnisse, +die der Verbrecher mit eigener Hand niedergeschrieben hat, andererseits +durch das Gutachten des berühmten Gelehrten Silvio Venturi, Professors +an der Universität Neapel und Direktors des Irrenhauses zu Girifalco, +der Gelegenheit hatte, den Verbrecher zu beobachten und zu studieren. + + +II. + +Der Held dieses Buches lebt und befindet sich zur Zeit in einem der +zahlreichen Gefängnisse des Königreichs Italiens. Mit Rücksicht auf +seine Familie und seine Kinder habe ich seinen Namen nicht vollständig +gegeben und die Namen vieler Persönlichkeiten verschwiegen. Wenn er von +dieser Veröffentlichung wüßte, würde er wahrscheinlich gegen diese +Unterdrückung protestieren, die doch nichts weiter ist als ein Akt der +Rücksicht gegen sein Unglück. Es ist unzweifelhaft, daß er von der +Publikation seines Buches seine Rehabilitation erwarten würde, denn er +nennt sich stets einen Unglücklichen, nie einen Schuldigen, und widmet +seine Denkwürdigkeiten, die so voll Schmutzigkeiten sind, dem Liebling +unter seinen Söhnen. + +Indessen sein Name existiert heute nicht mehr, statt dessen trägt er +eine Nummer, denn das Gesetz hat ihn jeder Persönlichkeit entkleidet, +und sein Name gehört nur seinen armen Kindern. Die elementarste +Menschlichkeit mußte mich veranlassen, den Namen eines Mannes zu +verschweigen, den das Gesetz der bürgerlichen Rechte beraubt und die +Wissenschaft der moralischen Verantwortlichkeit bar erklärt hat. + +Besser als sein Name wird seine Erzählung und die im vorigen Jahre +aufgenommene Photographie wirken,[1] und das Zeugnis des Prof. Venturi +dürfte jeden Zweifel über die Authentizität zerstreuen. + + [1] Dem Original ist das Bild des M... beigefügt. + +Ich habe M... nicht gesehen und kann mir ein Urteil über ihn nur aus dem +Kontrast bilden, welcher zwischen seiner Selbstbiographie und seinem +wirklichen Lebenslauf besteht. + +Venturi, der berühmte Verfasser der _Degenerazioni psicosessuali_, der +bei dem letzten Prozeß gegen M... als Sachverständiger hinzugezogen +wurde, hat sich lebhaft zum Studium des Helden hingezogen gefühlt; ihm +übergab M... das Manuskript seiner Denkwürdigkeiten, und auf diesem Wege +ist es an mich gelangt. Ich würde es nicht veröffentlicht haben, wenn +mir der wissenschaftliche Beistand des Psychiaters gefehlt hätte, und +wenn dieser mich nicht in den Stand gesetzt hätte, die objektive +Wahrheit gegenüber der subjektiven Darstellung des M... festzustellen. + +Nach den Ermittelungen Venturi's gebe ich im Folgenden eine Biographie +des M..., welche in vielen Fällen den Schlüssel zum Verständnis der +Selbstbiographie abgeben, deren Lücken ausfüllen und die Fälschungen +aufdecken wird, die entweder von einer ihm oft selbst unbewußten +irrtümlichen Auslegung der Dinge oder von der Verbrechereitelkeit +diktiert sind. + + +III. + +Antonino M... wurde in Parghelia, Provinz Catanzaro, im Jahre 1850 +geboren. Er ist heute 42 Jahre alt. Er war einer jener kleinen +Grundbesitzer, die für die südlichen Provinzen charakteristisch sind. +Seine Eltern sind tot; sein Vater starb im Alter von 45 Jahren an +Bauchfelltuberkulose (_tabes mesenterica_), die Mutter mit 37 Jahren in +der Entbindung. Der Vatersbruder starb als Verrückter, er hatte eine +bescheidene Bildung, aber glaubte, daß er an Gelehrsamkeit und Weisheit +unerreicht dastehe, er litt an gelegentlichem Verfolgungswahn, so daß er +mehrere Male in große Erregung geriet, weil er meinte, daß unter seinem +Bette Soldaten verborgen seien, die ihm nach dem Leben trachteten, und +daß er sich von den Leuten, die nur in seiner Phantasie lebten, dadurch +befreien wollte, daß er sein Haus ansteckte. + +Eine Vaterschwester, die noch lebt, wird in der ganzen Stadt die +»Verrückte« genannt, sie führt ein einsiedlerisches Leben, flucht +unaufhörlich und läuft aus dem Hause. + +M... hat einen Bruder und eine Schwester, die gesund sind. + +Im Alter von 10 Jahren wurde M... mehrere Monate krank, man hielt ihn +für schwindsüchtig, aber er genas vollständig. Er genoß keinen anderen +Unterricht, als in der Elementarschule seiner Vaterstadt, einer Schule, +die vor dreißig Jahren als ein legalisierter Analphabetismus bezeichnet +werden kann. Das ist bemerkenswert, denn es macht die Proben von Genie, +die sich in der Selbstbiographie fanden, noch auffälliger. + +Mit siebzehn Jahren begannen die Verhängnisse seines -- wie er es nennt +-- bejammernswerten Lebens. Eines Tages schoß er auf öffentlichem Platz, +ohne ersichtlichen Grund, nur um eine seinem Bruder zugefügte Kränkung +zu rächen -- auf einen Landsmann, der sofort eine Leiche war. Der +Gerichtshof in Monteleone verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis. + +Hier schloß er Freundschaft mit den berühmtesten Camorristen jener Zeit; +die berüchtigsten kalabrischen Briganten, die in den Gefängnissen +Catanzaros saßen, waren, wie er sagt, seine treuesten Freunde. + +Er nahm an einem Aufstand im Gefängnis teil, der durch das Eingreifen +der Zivilbehörden von Catanzaro beigelegt wurde. Von hier aus kam er +nach Pizzo, dann nach Lucera di Puglia. + +In Pizzo blieb er nur einen Monat, aber das genügte schon für ihn, die +Strafgefangenen zu einem Fluchtversuch zu verleiten, der nur durch +Zufall mißlang. + +Von Pizzo kam er nach Neapel in das Gefängnis del Carmine, wo er von dem +Haupt der Camorristen herzlich aufgenommen wurde. Fortan hatte er seinen +Genossen Liebe und Achtung und dem Masto blinden Gehorsam geschworen; er +war Mitglied der Camorra. Mit lebhaftem Verstand begabt, begriff er +rasch die Regeln der Gesellschaft, sein Name war bekannt und gefürchtet +wie der eines alten Genossen. Von Neapel kam er nach Foggia und dann +nach Lucera mit einigen Gefährten, die ihn als Haupt der Camorra +anerkannten. + +So fand er, ein Jüngling noch, ehe er noch den Einfluß der ersten Strafe +richtig gefühlt hatte, welche Verbrecher von nicht verdorbenen Anlagen +demütigt, im Gefängnis einen Ort, welcher der Entwickelung einer +verbrecherischen Persönlichkeit Vorschub leistet, die nur schlechter und +raffinierter aus dem Gefängnis heraus kommt: der impulsive und +blutdürstige Charakter hat dort oft Gelegenheit, hervorzubrechen und +nicht immer in richtiger Beziehung zu den Thatsachen, die entweder +falsch interpretiert werden oder sich als kleine Funken erweisen, welche +einen ganzen Brand entfachen, der von dem immer brennenden Herd ausgeht. +Wenig fehlte und er hätte eines Tages den Krankenwärter erschlagen, der +nach seiner Darstellung in das Chinin Kalkstaub mischte. + +Von Lucera, wo ihn das Sumpffieber heimsuchte, kam er nach der +Strafanstalt zu Neapel. Hier setzte er sich sofort mit den Camorristen +in Beziehung und nahm Teil an einem heftigen Kampf zwischen kalabrischen +und neapolitanischen Camorristen, einer wahren Schlacht, bei der +sechzehn tötlich verwundet, einem Wächter die Eingeweide ausgerissen, +zwei getötet und einer leicht verwundet wurde. Von Natur blutdürstig, +fand er im Kampf seine eigentliche Atmosphäre. Als Camorrist tätowierte +er sich, indem er sich auf die Brust ein Losungswort der Camorra +schrieb: Tod der Schmach! + + +IV. + +Nach verbüßter Strafzeit kehrte er nach Parghelia zurück, blieb hier +einen Monat und wurde dann Soldat. Auch als solcher setzte er sein +schlimmes Leben fort. Er duldete keine Vorwürfe, keine Tadel, verachtete +die Vorgesetzten, verlor ihre Achtung und zettelte Intriguen gegen sie +an. Seine gewaltthätige, blutdürstige, bösartige Natur wurde durch ein +übertriebenes Selbstgefühl angestachelt: überall witterte er +Nachstellung, Mangel an Respekt, Verrat; überall sah er Kränkungen und +Aufreizungen. + +Zeitweilig war er ruhig und friedlich; während solcher immer kurzen +Periode war er freundlich gegen die Kameraden, die Vorgesetzten und +seine fern weilende Familie. Aber plötzlich war das vorbei, die Luft +nahm in seinen Augen eine andere Farbe an, und Zorn- und Wutausbrüche, +Flüche, Blut- und Rachedurst waren die Folgen, ohne einen anderen Grund, +als daß ein Wort oder eine Handlung mißgedeutet wurde, die für jeden +anderen ohne Belang gewesen wären. + +Eines Tages gebot ein Vorgesetzter ihm Ruhe -- er ohrfeigte ihn und +versuchte ihn zu töten. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt; +nachdem diese verbüßt waren, kam er wieder zum Regiment. Er änderte sich +nicht. Die Perversität seiner Empfindungen machte ihn zum Päderasten, +er knüpfte mit einem Kameraden ein Verhältnis an. Er schrieb einen +anonymen Brief gegen seinen Sergeanten und verwundete seinen Kameraden +im Gesicht, und wurde zu einem weiteren Jahre verurteilt. Im Kerker +versuchte er mit einer halben Scheere, aus der er sich einen Dolch +gemacht hatte, einen Kameraden umzubringen, um sich wegen einer alten +Kränkung zu rächen, obschon der Gegenstand seines Hasses schon an sich +in einem Zustand war, der Mitleid hätte einflößen können. Von da kam er +zur zweiten und dann zur ersten Strafkompagnie in Venedig, wo er sich +durch sein tückisches und unverbesserliches Benehmen auszeichnete. +Strenger Arrest, langes Fasten nützten nichts; für ihn waren die Strafen +immer ungerecht; jeder mißhandelte, mißachtete ihn. + +Schon um diese Zeit (1879) brach sein heftiger und wilder Haß gegen +seinen Bruder Michele los, der, wie er meinte, ihn vernachlässigte und +seinen Tod wünschte, um sich die väterliche Erbschaft anzueignen, die +schon zum größten Teil sich angeeignet zu haben er ihn beschuldigte. Die +ersten Zeichen dieses Hasses traten hervor, als er im Lazarett zu Cava +dei Tirreni war, wo er einen Brief seines Bruders, der Nachricht von ihm +verlangte, mit häßlichen Worten und Hohngelächter empfing. Der einzige +Grund für diese Zwietracht konnte in dem Temperament des M... gefunden +werden. + +Bei der Strafkompagnie versuchte er eines Tages einen Lieutenant zu +ermorden, weil dieser ihn bestraft hatte. Er wartete, bis der +unglückliche Lieutenant Nachts die Ronde machte, und mit dem Dolch in +der Hand, den er sowohl als Gefangener wie als Soldat immer bei sich zu +tragen oder im Strohsack oder im Futter der Kleidung zu verbergen +pflegte, lauerte er Stunden lang; und nur dem Umstand, daß der +Lieutenant von einem Kameraden gewarnt wurde, ist es zu danken, daß der +Anschlag mißglückte. + +Der Mangel an moralischem Gefühl zeigt sich auch darin, daß er eines +Tages einen Kameraden, einen Schreiber im Militärbureau, dazu verführte, +ihm eine Änderung in dem Register zu gestatten, indem er das Datum +seiner Aushebung um ein Jahr zurückschrieb, um auf diese Weise ein Jahr +früher vom Militär loszukommen. + +Durch diese Fälschung gelang es ihm, ein Jahr früher verabschiedet zu +werden; auf der Heimreise bekam er Händel mit den Eisenbahnbeamten und +um ein Haar wäre es zur Schlägerei gekommen. + +Die Fälschung wurde entdeckt, und er wurde von der Militärverwaltung +reklamiert, darüber entrüstete er sich heftig, bewaffnete sich wie ein +richtiger Brigant und begab sich in die Wälder. Aber er sah ein, daß er +auf diese Weise doch nicht durchkommen würde und stellte sich der +Militärbehörde in Catanzaro, die ihn wieder nach Venedig zur +Strafkompagnie schickte. Durch eine günstige Beurteilung des +Thatbestandes wurde er von der Anklage der Desertion freigesprochen. + +Kaum wieder bei der Kompagnie, wurde er zu zwei Monaten Wasser und Brot +und zur Kettenstrafe verurteilt. Er hatte den Skorbut; nachdem er +geheilt war, kam er wieder in strengen Arrest bei Wasser und Brot und so +verbrachte er das ganze Jahr fast immer in Arrest und in Ketten. + + +V. + +Im September 1882 kehrte er zu seiner Familie zurück, nachdem er +vierzehn Jahre lang im Gefängnisse und in der Strafkompagnie gewesen +war. + +Zuerst empfindet M... selbst, daß ihm Bruder und Schwägerin freundlich +entgegenkamen. Und in der That nahmen sie ihn liebevoll auf, ließen ihn +an ihrem Tische essen und gewährten ihm, was ihre finanzielle Lage +gestattete. Nichts in der Selbstbiographie deutet an, woraus der Haß +gegen den Bruder entsprungen sein kann, er häuft nur Schmähungen und +wüste Schimpfreden gegen ihn. Aber wenn man die Antecedentien und den +Charakter des Antonino M... in Erwägung zieht, so begreift man, daß +zwischen den Brüdern keine Eintracht herrschen konnte. Antonino lebte im +Hause seines Bruders in unhaltbarem Zustande, er konnte nicht zeitlebens +wie ein Sohn von seiner Schwägerin zwei Soldi täglich für Tabak entgegen +nehmen. Da er von sich eine übertriebene Meinung hatte und den Bruder +mißachtete und ihn als Haupt der Familie haßte, so mußte Antonino +notwendiger Weise eines Tages das Bedürfnis fühlen, fortzuziehen und für +sich allein zu leben und mit der Familie des Bruders vollständig zu +brechen. Er that es, und um die Position zu befestigen, nahm er sich +eine Frau in der Person eines Mädchens aus Tropea, eines sanften, +zärtlichen Wesens, einer kleinen Madonna, die sich ihm zum Weibe gab, +besiegt von seiner Ueberredungskunst und von Mitleid mit seinem Unglück. + +Neues Unheil hatte diese Verbindung im Gefolge. + +Das knappe ererbte Vermögen konnte nicht ausreichen, außerdem hatte er +keinen Hang zur Arbeit, war liederlich, rauchte, trank und gefiel sich +darin, sich vor den andern beim Kaufen hervorzuthun. Sein Bruder stand +ihm immer als derjenige vor Augen, der den größeren Teil des väterlichen +Vermögens geerbt hatte, daher sein Haß, sein unbändiger Neid, seine +Rachgier gegen ihn. Er erzählt selbst einen weiteren Grund und dieser +bestand darin, daß seine beiden Tanten zu Gunsten des Sohnes des Michele +testiert und so Antonino des zu erwartenden Erbteiles beraubt hatten. + +So waren genug psychologische und thatsächliche Motive vorhanden, um zu +begreifen, in welcher Gemütsverfassung Antonino gegen seinen Bruder war, +und früher oder später mußte der angesammelte Haß zum Ausbruch kommen. +Es war eine Lawine, die sich losgelöst hatte, und immer wachsend, dem +Abgrund zurollte, die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, +zerstörend. Antonino, der sich mehr und mehr in seinen Zorn verbiß, +machte kein Hehl aus seinem Haß, er sprach öffentlich davon und von +seinen Rachegedanken, und schürte dadurch noch mehr den Brand in seinem +Innern; vielleicht dienten auch die Ermahnungen der Vorsichtigen und die +Vorhaltungen der Ruhigen dazu, seine Lust am Schrecklichen und seine +Neigung zur Rache noch zu verstärken. + +Sein argwöhnisches Temperament war eine natürliche Folge seiner +Eitelkeit. Der übermäßigen Anmaßung entsprach immer der Argwohn, daß ihm +von seiten der andern nicht mit der nötigen Achtung begegnet werde und +daher die fortwährende Tendenz, sich verfolgt zu glauben. Daher auch die +übertriebene falsche Auslegung der Worte, der Absichten, der Thaten +anderer, besonders der Personen, denen er stärkere Aufmerksamkeit +schenkte und von denen er für seinen Haß und seine Drohungen Kränkungen, +Beleidigungen, Verachtung und Unbill zu empfangen glaubte. Zuerst mußte +die Schwägerin den Ausbruch des Sturmes spüren. Eines Tages begab er +sich in das Haus seines Bruders, und man weiß nicht aus welchem Grunde, +genug, er bedrohte sie mit einem Revolver, der Bruder kam dazu, und es +gelang ihm das Blutvergießen zu verhindern, aber Antonino brachte ihm +eine Bißwunde in die Hand bei, mit welcher er ihm den Revolver entriß. +Es erfolgte die Klage und trotz der heuchlerischen Verteidigung, der +demütigen Erklärungen und der wortreichen Beredsamkeit wurde Antonino zu +einem Monat Gefängnis verurteilt. Es würde dieses Vorkommnisses nicht +bedurft haben, um Antonino zu allen Frevelthaten gegen seinen Bruder +fähig zu machen, aber es diente ihm in der Öffentlichkeit als +Rechtfertigung für seine schon offen ausgesprochenen Blut- und +Rachegedanken. + +Von diesem Augenblick ab war das Leben des armen Michele eine +fortwährende Angst und Aufregung; er traute sich nicht die Nase aus dem +Fenster zu stecken oder die Füße vor die Thür zu setzen, ohne die +Überzeugung zu haben, daß er von seinem Bruder getötet würde, der ihm +_coram publico_ unaufhörlich nachstellte und den Augenblick nicht +erwarten konnte, wo er seinem Bruder den Rest geben würde. + +Antonino erklärte öffentlich: Was mache ich mir aus dem Gefängnis!? Ein +halber Tag oder zwanzig Jahre sind mir einerlei; ich werde Mann und Frau +umbringen und dann bin ich zufrieden. + +Er wußte, daß die Freunde seines Bruders ihn durch einen Pfiff +herauszurufen pflegten, und so versuchte er eines Abends, ihn auf +dieselbe Weise an das Fenster zu locken. Aber der Bruder merkte, woher +der Pfiff kam, und antwortete nicht. Ein anderes Mal lauerte er ihm auf +und trat endlich mit einer Flinte bewaffnet in das Haus seines Bruders. + +Öfter sah man ihn mit der Flinte am Fenster der Küche stehen und warten, +daß der Bruder sich am Fenster seiner gegenüber liegenden Küche zeige. +So fest stand bei ihm der Plan, daß er Frau und Kinder fortschickte und +allein blieb, um sich ganz der Überwachung seines Bruders und der +Ausführung des Mordes zu widmen. Und so trat denn endlich am 29. +September 1889 das ein, was =notwendig= eintreten mußte. + +Es war ein Sonntag, und Antonino M... pflegte alle Sonntag seine +Familie, die er leidenschaftlich liebte, in Tropea zu besuchen. Diesen +Sonntag blieb er in Parghelia; er wollte ein Ende machen. Er nahm eine +Doppelflinte, lud sie mit Schrot und mit einer Kugel und stellte sich +auf die Lauer. Aber der Bruder kam nicht, er war drüben in der Küche mit +seiner Frau und einer Tante und zerkleinerte Holz. Antonino lief hinzu, +um in die Küche zu eilen, aber das Fenster war sehr hoch. Er nahm eine +Leiter, stellte sie ans Fenster, stieg hinauf, sah den Bruder bei der +Arbeit, nahm die Flinte und schoß zweimal auf seinen Bruder, den er am +Kopfe verwundete. + +Kaum war das Verbrechen verübt, so lud er von neuem und entfloh. Um +freien Durchgang zu haben, rief er: »Platz da, Platz da!« Niemand hielt +ihn an, denn alle kannten seinen blutdürstigen Charakter sowie seine +Geneigtheit zu Gewaltthätigkeiten, und wer ihn sah, floh entsetzt +beiseite. + +Einen Monat lang hielt er sich verborgen, endlich am 27. Oktober 1889 +wurde er in Monteleone auf offener Straße verhaftet, nicht ohne daß er +vorher einen Verteidigungsversuch gemacht hatte, indem er an den +Staatsanwalt ein Schreiben gerichtet hatte, in welchem er die That als +das Werk eines Zufalls darstellte, in der Hoffnung, daß diese plumpe +Verdrehung der Thatsache ihm irgendwie dienlich sein könnte. + +Nachdem er dem Gefängnis zu Monteleone übergeben war, zweifelte man, ob +M... im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei, und er wurde daher der +Irrenanstalt zu Girifalco zur Beobachtung überwiesen. Bei dieser +Gelegenheit hatte Venturi ihn zu studieren, und das Resultat dieser +seiner Studien wird weiter unten abgedruckt. + +Vor dem Gerichtshof zu Monteleone im April 1891 definierte Venturi ihn +als einen =geborenen Verbrecher=, einen Menschen, der sich der +Strafbarkeit seiner Handlungen nicht so voll bewußt ist, wie es das +Gesetz erfordert, um eine Verurteilung aussprechen zu können. Er schloß +sein Gutachten folgendermaßen: + +»M... würde also nach dem geschriebenen Gesetz für das begangene +Verbrechen nicht verantwortlich oder nur halbverantwortlich sein, da er +es nicht bei vollem Bewußtsein und in voller Freiheit seines Willens +ausgeführt hat. + +»_Quid faciendum!_ + +»Wenn er als unverantwortlich erkannt wird, wird man ihn dann in +Freiheit lassen? + +»Er würde versuchen, seinen Bruder wiederum zu ermorden, und ohne +Zweifel mit größerer Ruhe, da er seine Straflosigkeit kennt und sich +daher für berechtigt hält, mit der ganzen menschlichen Gesellschaft +aufzuräumen. Soll man ihn in die Irrenstrafanstalt bringen, wie es das +Gesetz für diejenigen vorschreibt, welche in einem krankhaften Hang zum +Verbrechen leben, und denen die Gelegenheit genommen werden soll, ein +Verbrechen zu wiederholen? Er würde zeitlebens darin verbleiben müssen, +denn es ist nicht vorauszusehen, daß M... mit der Zeit seine Natur +ändert, noch giebt es Heilmittel, die das bewirken können. Wie soll das +Ziel erreicht werden, welches das Gesetz im Auge hat, um einen sicheren +Schutz gegen das Verbrechen zu schaffen, ohne daß deshalb die +Gesellschaft sich zu dem erlittenen Schaden noch mit der Sorge für den +lebenslänglichen Unterhalt des Verbrechers belasten müßte? + +»Die Antwort liegt mir auf den Lippen, aber ich will sie nicht +aussprechen, weil unsere Mondscheinromantik vorschreibt, auch die zu +lieben, die uns Böses thun, also gerade das Gegenteil von dem, was die +Natur thut, welche durch ihre ewigen Kämpfe eine reinigende Zuchtwahl +vornimmt. + +»Meine Herren Geschworenen, die Strafirrenanstalt in Italien ist ein +Unding. Thatsache ist, daß die gefährlichen Narren, die nicht für +strafbar erkannt werden, wieder frei herumlaufen, oder wenn sie ins +Irrenhaus gebracht werden, mit Hilfe ihrer Advokaten bald wieder +herauskommen. Und das Gesetz begünstigt ihre Entlassung. Wenn M... zu +zehn Jahren verurteilt wird, so ist es so gut wie sicher, daß er während +dieser Zeit die Gesellschaft nicht belästigen kann. + +»Bedenken Sie: der Bruder hofft, daß er weder begnadigt wird, noch vor +der Zeit wegen guter Führung entlassen wird. Alles kann daraus folgen!« + +Ehe die Verhandlung geschlossen wurde, hielt M... eine +Verteidigungsrede, die zwei Stunden dauerte. Er sprach mit unerhörter +Emphase, er ließ sich in seinem Gedankengang und in der Erregung so sehr +hinreißen, daß er in einen förmlichen Zustand der Raserei geriet, so daß +man ihn beruhigen und die Sitzung unterbrechen mußte. Das Publikum war +der Ueberzeugung, daß er für unzurechnungsfähig erklärt werden würde; +der Bruder, der ihn von draußen hörte, flehte Gott, die +Sachverständigen, die Geschworenen an, daß er verurteilt werden möchte. +Wehe ihm, wenn er freigesprochen wurde. Er traute dem Panacee der +Strafirrenanstalt nicht. + +Während der ganzen Verhandlung gegen M... war seine Familie, ein Engel +von Weib, und seine hübschen Kinder zugegen, und erschütterten durch ihr +unaufhörliches Weinen das Publikum. Er wurde unter der üblichen Annahme +mildernder Umstände zu sechzehneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. + + +VI. + +Das ist der Mann, dessen Biographie ich veröffentliche; das ist sein +Leben inmitten der Hilfsmittelchen, mit denen die Gesellschaft sich +einbildet, sich selbst verteidigen und verbrecherische Neigungen +unterdrücken und sogar bessern zu können. + +Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich eine andere Seite +seiner Individualität aufschlagen, ich meine die physische und +psychische Darstellung seiner Person. Und dazu gebe ich einem Manne das +Wort, der dazu besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi, +welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen +Charakteristika des M... darlegen wird. + + +Physische Untersuchung. + +Wenige Tage nach der Einlieferung des M... in die Irrenanstalt zu +Girifalco schritt ich zu einer eingehenden Untersuchung, die folgendes +Resultat ergab. + +=Allgemeiner Befund=: Kräftiger Knochenbau, starkes Fettpolster, +Dolicocephale, Haar etwas spärlich, dunkelbraun, ab und zu mit weißen +Fäden durchzogen; ziemlich hohe Stirn mit Längs- und Querfurchen. Die +Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelförmig, Gegenleisten kaum +vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen Höckers. Die Augen in gleicher +Höhe, im linken Auge eine Nickhaut, Conjunktiva normal. Augenbrauen +normal, rechts stärker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt +wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck ist +schlaff und welk. Die Zähne sind unterbrochen. Am Daumen der linken Hand +eine Narbe, die von einem schneidenden Werkzeug herrührt, ebenso eine in +der Leistendrüsengegend. Mehrfache Tätowierungen, auf dem rechten Arm: +_ors fuduli_, auf der Brust: _a morte l'infame_ (Tod der Schmach), auf +dem linken Arm _V_ und _K_, auf dem Rücken der rechten Hand _O_ und _F_. + +=Craniometrie=: + +_Diameter ant. post. maximus_ mm 191 +_Diameter transversalis_ " 153 +Kopfindex " 80 +Horizontaler Umfang " 550 +Vorderer (halber) Umfang " 275 +Hinterer (halber) Umfang " 275 +_Curva longitudinalis_ " 300 +_Curva transversalis_ " 220 +_Diameter bifrontalis minimus_ " 95 +Stirnhöhe " 60 + +=Prosopometrie=: + +Gesichtshöhe mm 127 +_Diameter bizigomaticus_ " 115 +Gesichtsindex " 30 + +=Anthropometrie=: + +Größe m 1,56 +Weite der ausgestreckten Arme " 1,58 +Brustumfang cm 85 +_Linea jugulo-xifoidea_ " 16 +_Linea xifo-umbilicalis_ " 25 +_Linea umbilico-pubica_ " 15,05 +_Linea biiliaca_ " 29 +Länge des Oberschenkels " 68,05 +Länge des Unterschenkels " 30 +Körpergewicht kg 75,00 + +Kurzer dicker Hals -- die _fossae_ ober- und unterhalb des +Schlüsselbeins mit Fettpolster bedeckt -- breite Brust, die +interkostalen Zwischenräume wenig sichtbar. -- Ausatmung auf beiden +Seiten der Brust gleichmäßig -- Anzahl der Atmungen siebzehn in der +Minute. Bei Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor noch +nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken. + +=Blutumlauf=: Herzdämpfung von normaler Größe -- Herztöne rein -- +regelmäßiger und kräftiger Pulsschlag -- normale Funktion der Arterien. + +=Verdauungsapparat=: Zunge rein und feucht. -- Ab und zu leidet er an +Schmerzen in den Eingeweiden. -- Stuhlgang regelmäßig. -- Bauch weich +und unempfindlich gegen Druck. + +=Geschlechtsapparat=: Geschlechtsorgane normal -- große Hoden. Die +Untersuchung des Urins ergiebt folgendes Resultat: strohgelbe Farbe +-- saure Reaktion -- Eiweiß und Zucker nicht vorhanden -- kohlensaure +Salze in geringer Menge -- alkalische und erdige Phosphate in normaler +Menge -- Chloride ziemlich selten. -- Bei mikroskopischer Untersuchung +erscheinen keine organischen Gebilde. + +=Leberdämpfung= von normalem Umfang, indolent. + +=Milzdämpfung= normal. + +=Vasomotorische Erscheinungen=: Die hyperhämischen Linien des +Trousseau'schen Phänomens zeigen sich rasch und dauernd auf der Brust +wie auf dem Unterleib. + +=Wärmeerzeugung= normal. + +=Sensibilität=: + +=Tastgefühl=: Er fühlte die beiden Punkte des Aethesiometers als zwei + +auf der Stirn rechts in der Entfernung von 42 mm + " " " links " " " " 37 " + " " Schulter rechts " " " " 86 " + " " " links " " " " 72 " + " " Brust rechts " " " " 89 " + " " " links " " " " 82 " + " dem Unterleib rechts " " " " 77 " + " " " links " " " " 63 " + " " Schenkel rechts " " " " 73 " + " " " links " " " " 69 " + " der Zunge rechts " " " " 39 " + " " " links " " " " 50 " + +=Ortssinn=: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten des Kopfes und der +Brust berührt, so vermag er den Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist +eine Differenz von 4-5 cm vorhanden. + +=Schmerzempfindung=: Einen einfachen Stich empfindet er in verschiedenen +Körpergegenden gleich gut. + +=Wärmeempfindung=: Er faßt rasch und sicher die Wärmeunterschiede +verschiedener Gegenstände. + +=Sehvermögen=: Auf dem rechten Auge normal, auf dem linken vermindert. +-- Farbensinn normal. + +=Gehör=: Auf dem rechten Ohr hört er das Ticken der Uhr nicht, selbst +wenn sie ihm direkt an das Ohr gelegt wird, auf dem linken nur in einer +Entfernung von 15-20 cm. + +=Geruch=: Scheint nicht beeinträchtigt. + +=Geschmack=: Bei Experimenten mit Chinin und Chlornatron konnte er den +Geschmack nicht angeben. -- Bei Chinin sagte er nach verschiedenen +Versuchen: Diese Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben. + +Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen. + +=Abnormale subjektive Sensationen=: Er klagt oft über Schwindel und +heftigen Kopfschmerz -- in der linken Schläfe empfindet er auf einem +Raum von der Größe einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, als +ob die Haare sich daselbst sträuben. + + +Bewegungen. + +Der Gang ist im Ganzen regelmäßig. Jede willkürliche Bewegung geschieht +leicht und vollständig. + +Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, aber nicht +gleichmäßig auf Licht- und Schmerzreiz; die linke rascher als die +rechte. Zunge und Lippen ruhig, starkes Zittern der Hände. + +=Reflexivbewegungen=: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex rechts +stärker als links, Kniescheibenreflex lebhaft. + +=Dynamometer=: r. H. 35; l. H. 35; beide Hände 45. + + +Psychische Funktionen. + +=Psychosensorielle Erscheinungen=: Die Wahrnehmung ist in der Periode +der Ruhe normal. Im Augenblick der Erregung scheint er Sinnesstörungen +unterworfen, er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen. + +=Gedankengang=: Wenn er ruhig ist, regelmäßig; in der Erregung zeigt er +fieberhafte und verworrene Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein +gegen die vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und +flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Gedächtnis. Er erinnert sich an +alle Einzelheiten seines Lebens, nur wenn man ihn nach seinen Verbrechen +fragt, will er sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen +haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit rasch und lebhaft. + +=Stimmung=: Gewöhnlich trübe, nachdenklich; fragt man ihn nach seinen +Verbrechen, so wird er zerknirscht, stützt den Kopf und weint. Er denkt +liebevoll seiner Familie und sagt, daß um seinetwillen Weib und Kinder +werden betteln gehen müssen. + +=Willen und Instinkt=: Er ist gelehrig, höflich, fleißig. Er verkehrt +mit den ruhigeren seiner Gefährten und verträgt sich mit den andern. +Wenn ihn die gewöhnlichen Anfälle überkommen, ist er heftig, sonst +ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein starker Onanist. + +=Bewußtsein=: Er weiß, daß er im Irrenhaus ist, und auch, daß er +beobachtet wird, um zu ermitteln, ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich +der Gnade seiner Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu +überzeugen, daß er sein Verbrechen in einem Augenblick des Wahnsinns +vollbrachte. + +=Sprache und Schrift=: Er spricht rasch, gut und ziemlich formvoll, +ebenso wie er leicht und eindringlich schreibt, abgesehen von den +Fehlern, die von seinem geringen Bildungsgrad herrühren. Er macht +Gedichte von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgfältiger Form. +Die Stimme hat tiefe und kräftige Färbung. + +=Gesichtsausdruck=: Rundes volles Gesicht wie ein Fettkrämer. Die Augen +hält er immer niedergeschlagen; wenn er erregt wird, bewegt er alle +Gesichtsmuskeln und begleitet seine Worte durch Gesten. + +=Schlaf und Traum=: Er schläft gut und spricht nie im Traum. + + +M... wurde von Venturi einer mehrmonatigen Beobachtung unterworfen; ich +reproduziere seine Beobachtungen während dieses Zeitraums. + +=Februar 1890.= Die ersten vier Tage nach seiner Einlieferung war er +erregt. Er sprach mit sich selbst, hauptsächlich nachts, und fluchte auf +ein Frauenzimmer, das er die Ursache seines Unglücks nannte. Gefragt, +weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: =wegen einer verfluchten +Sau, die mich verfolgt. Daß ich verrückt bin, sagten in Parghelia alle, +aber diese Hure, meine Schwägerin, hat die Schuld=. Er behauptet, sich +an sein Verbrechen nicht zu erinnern. Wenn er spricht, so schüttelt er +den Kopf und alle Gesichtsmuskeln geraten in Bewegung. Nach einem Tage +wurde er ruhig, bat, daß man die Zwangsjacke ihm abnehmen möchte und +versprach, sich gut zu führen. Er möchte in der Schneiderstube +beschäftigt werden. Wurde bewilligt. Er scheint das Handwerk im +Gefängnis etwas gelernt zu haben. + +=März 1890.= Der Angeklagte giebt keine Ursache zu Tadeln, er ist +höflich und fleißig. Am 11. März erwachte er schlechter Laune, sprach +mit sich selbst, behauptete Stimmen zu hören und jene Frau zu sehen, die +er als sein Unglück bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, knirschte +mit den Zähnen und bedrohte sie. Er hatte es auch mit einem Hauptmann zu +thun, den er nicht nennt, und der ihm zu drei Jahren Gefängnis verholfen +hätte. Nach fünf Stunden der Erregung mit anscheinenden Hallucinationen +beruhigte er sich. Später erklärte er auf Befragen, daß er starkes +Kopfweh habe, und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat er +um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt haben sollte. Am +12. ging er wieder in die Werkstatt. + +=April 1890.= Immer ruhig, höflich, antwortet verständig auf alle +Fragen; hatte keinen Anfall mehr. Heimlich schrieb er einen Brief, den +er durch einen anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten +besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie kennt, +zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine Frau war dabei, in dem +er ihr empfahl, guten Mut zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen +Vorgesetzten. Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Dann +fügte er hinzu: »Sei unbesorgt und denke, daß ich bald komme. Du weißt, +was ich Dir mitteilen will. Ich küsse Papa und Mama die Hand, und lasse +die Verwandten grüßen. Ich küsse und segne meine Kinder, grüße Vetter +S... Ich umarme Dich.« + +Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er sprach mit sich +selbst wie gewöhnlich, so daß man ihn nachts allein unterbringen mußte; +er fluchte gegen die bekannte Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er +niedergeschlagen, promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, daß sein +Nervensystem in Aufregung sei und daß er Ruhe brauche. Er schien +innerliches Fieber zu haben. Das Schreien und Lärmen der Gefährten +verletzte seine Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte +nach Arbeit. + +Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten des versuchten +Brudermordes niederzuschreiben; anfangs wollte er nicht, dann, nachdem +man ihm gesagt hatte, daß es ihm von Nutzen sein könnte, ließ er sich +dazu bereit finden.[2] -- Mitten im Schreiben warf er die Feder weg, und +fing an zu schreien und zu fluchen, und Bruder, Schwägerin und Verwandte +zu bedrohen und zu verwünschen. Man mußte ihn unschädlich machen. Auf +mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich kam er herein und sagte, +daß er es mit den Spilingoten zu thun hätte, mit denen er sich schlagen +wollte. + + [2] Der Bericht entspricht fast vollständig der Darstellung im vierten + Teil der Selbstbiographie, und wird hier daher nicht wiederholt. + +Später wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das Essen zurück. Er sagte, +daß er von den Schlägen, die er bekommen hatte, vollständig gebrochen +sei und große Schmerzen leide. + +Dem Arzt gegenüber beklagte er sich über die Behandlung. Sie, sagte er, +lassen mich prügeln, daß es eine Art hat, während ich mich um meine +Angelegenheiten kümmere; aber Sie werden es bereuen. Später wurde er +ruhig wie gewöhnlich und behauptete auf Befragen, sich an nichts zu +erinnern, bat auch um Entschuldigung, wenn er jemand beleidigt haben +sollte. + +=7. Mai.= Er wurde von neuem genau untersucht, aber keinerlei +Veränderungen wahrgenommen. + +Man sagte ihm, daß er den Kopf eines Poeten habe; er antwortete rasch: +Was nützt die Poesie? Dante starb in der Verbannung, Tasso im Hospital. +Er erinnerte sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur sagte er, daß +ihm die Umstände nicht gegenwärtig seien, welche zu dem Mord, den er in +seinem 17. Lebensjahr begangen hatte, führten. + +=17. Mai.= Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn ein Leidensgefährte, er +prügelte ihn durch. Er wurde bestraft, aber war nicht empört darüber. +Seit einigen Tagen sucht er einen Gefährten zur Flucht zu überreden. Auf +Fragen antwortet er zusammenhängend, spricht gut von seinen +Vorgesetzten, von denen er, wie er sagt, gut behandelt wird, erinnert +sich genau an die Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von ihm +gehaßte Person nennt, stößt er Flüche und Verwünschungen aus. Er +arbeitet in der Schneiderstube und führt sich gut. + +=Juni 1890.= Betragen wie gewöhnlich; höflich, dienstfertig, gehorsam; +er ist es zufrieden, im Irrenhaus zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es +wollen. Er verlangt Lektüre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, daß +ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er versucht, die +Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie zu rühren, indem er sagt, +daß seine Familie ohne ihn betteln gehen müsse. Er schrieb einen langen +Brief an seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. Eines +Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb einen Vers aus Dante: +und einen halb rhetorischen, halb wahnsinnigen Entwurf: »Der Gedanke«. + +=Juli 1890.= Er arbeitet fleißig in der Schneiderstube, und sein +Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. In Worten und Briefen lobt +er die Vorgesetzten, daß sie Mitleid mit einem armen Unglücklichen +haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und zu hoffen. »Sorge +für das Wohl unserer Kinder und achte darauf, daß ihnen kein Schaden +zustößt.« »Ich empfehle Dir,« sagt er ein anderes Mal, »immer heiter zu +sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen,« und er prophezeit ihr +eine glückliche Zukunft. Er ist mit Allem und mit Allen zufrieden und +verlangt und wünscht nichts. -- + +Damit schließt die Beobachtungsperiode des M... + + +Diagnostische Erwägungen. + +Nachdem so die Persönlichkeit des Antonino M... dargestellt ist, nachdem +auch seine physische Beschaffenheit mit Rücksicht auf die körperliche +Entwickelung und die Funktionen des vegetativen Lebens genau untersucht +ist, nachdem alles in Erwägung gezogen ist, was während der Zeit, wo er +in Observation war, in die Erscheinung getreten ist, wobei keine +Gelegenheit und kein Mittel unbenutzt gelassen sind, um normale +Veranlagung und krankhafte Neigungen zu entdecken, werden wir jetzt +alles darlegen, was zu einem diagnostischen Urteil über den +Geisteszustand des M... führen kann. + +Wir fanden bei Antonino M...: + +1. =Erbliche krankhafte Veranlagung.= Wir wollen auf die Mitteilungen +über diesen Punkt kein Gewicht legen, da sie von der Ehefrau des M... +herstammen, die an der Verteidigung interessiert ist. Dennoch ist eine +Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie wir später sehen werden, läßt sich der +krankhafte Charakter des M... als ein Komplex von Anomalien der +Entwickelung darstellen, der nicht individuellen Ursprung haben kann, +sondern ihm von seiner Familie überkommen sein muß, insofern er nämlich, +abgesehen davon, daß er sie schon in sehr jugendlichem Alter zeigt, +einen angestammten Mangel an dem Halt zeigt, vermittelst dessen Leute +aus gesunden Familien gewöhnlich zum Gleichgewicht der geistigen Kräfte +und der Nervenfunktionen gelangen. + +2. =Gewohnheitsmäßigen Hang zum Verbrechen.= M... hat von seinem 18. +Jahr bis heute in einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen gelebt, +die ohne Ausnahme alle nicht durch genügende, der Gesamtwirkung +entsprechende Motive erklärt sind. + +Deshalb ist kein Zweifel, daß man in M... eine Disposition zum +Verbrechen annehmen muß, die an seine Konstitution gebunden ist. Es +giebt keinen Fall, an dem man besser zeigen kann, daß es Verbrecher +giebt, die es erst durch natürlichen Hang zum Verbrechen geworden sind. +Das zeigt auch die Erwägung, daß er eine gewisse Art von Verbrechen und +keine anderen begeht; in seiner Persönlichkeit ist immer das Movens zu +einem Verbrechen gegeben, er findet in jeder gegebenen Bedingung der +Umgebung oder der Gesellschaft einen Anlaß, mit Gewaltthätigkeiten, +Aufruhr und Blutthaten zu antworten, und er kann deshalb aus den +verschiedensten Gesichtspunkten als der prägnanteste Typus des +antisozialen Menschen bezeichnet werden. Strafen, Leiden, Vorwürfe, +Entfernung vom Vaterland und den Angehörigen hatten keinen Einfluß auf +die Ausbrüche seiner Natur. Er war und ist eine Gestalt des +=instinktiven Verbrechers=, aus der Klasse der unmoralischen +blutdürstigen Verbrecher. Ich hebe die bemerkenswerte Thatsache hervor, +daß M... keinen Hang zum Diebstahl gehabt zu haben scheint. Unter den +geborenen Verbrechern, den krankhaften Produkten individueller +Entwickelung oder konstitutioneller Krankheit muß man mehrere Typen +unterscheiden, welche gemeinsame und verschiedene Charakterzüge haben, +die die Grenze zwischen den einzelnen bezeichnen, ohne deshalb die +Thatsache auszuschließen, daß in demselben Individuum ein gemischter +Typus auftreten kann. Nach den Ermittelungen hervorragender +Kriminalisten sondern sich die Diebe von den Mördern und den Verbrechern +gegen die guten Sitten, welche letztere auch Mörder und Diebe sein +können, aber die Unterscheidung zwischen den beiden ersteren ist +häufiger. Das entspricht mit großer Deutlichkeit dem klinischen Typus, +den M... als Verbrecher der zweiten Klasse darstellt. Wir sagen das, +weil seine päderastischen Anwandlungen von besonderen Umständen +hervorgerufen und vorübergehend waren, und nicht zu anderen sexuellen +Scheußlichkeiten sich entwickelten, die sonst den Sexualperversen eigen +sind. Auch die Fälschung, die er einmal beging, kann man nicht als dem +Diebestypus zuzuzählen bezeichnen, denn die Absicht, in der er sie +beging, war vielmehr der Ausdruck eines Mangels an moralischem Gefühl, +als eine Tendenz zu den Verbrechen, zu welchen Verstellung, +Vorbereitung, Zähigkeit und gemeiner Charakter gehören. Der Umstand, daß +M... sich auch in seiner Straf- und Dienstzeit wiederholt über +Geldmangel beklagt, ohne daß er, wenigstens soviel wir wissen, sich zum +Stehlen hat hinreißen lassen, zeigt, wie sehr der besondere und +unbezwingliche Hang zum Verbrechen der natürliche Effekt seiner +Konstitution und nicht außerhalb seines Organismus wirkender Bedingungen +war. M... zeigt, abgesehen von einer besonderen Hartnäckigkeit und einer +raschen Auffassungsgabe, die ihn unter seinen Gefährten hervorragen läßt +und ihm leicht die Mittel zum Verbrechen und zur Verteidigung in die +Hand giebt, eine der gewöhnlichen Intelligenz der Verbrecher überlegene +Intelligenz, welche seinen Geist zu Urteilen allgemeinerer Art führt, so +daß er den Rohstoff zu einem Schriftsteller und Philosophen in sich +trägt. + +M... war und ist auch besonderer Affekte des Hasses und der Liebe fähig, +die an Intensität, Art und Färbung sich sehr von denen unterscheiden, +welche bisweilen einen weniger unedlen Zug des gewöhnlichen Verbrechers +bilden, bei dem es schon viel ist, wenn er inmitten der vielen Beweise +für einen weitgehenden Mangel an moralischem Gefühl irgend eine +zärtliche Neigung oder eine anscheinende Edelmütigkeit entwickelt, wenn +er Personen oder Umständen sich gegenüber befindet, die sein Gelüst oder +sein Interesse nicht reizen. + +Man weiß, in welche Übertreibung eine gewisse Bewunderung für die +Affekte und den Großmut der Verbrecher, besonders der Briganten, +ausgeartet ist. M... ist ein geborener Verbrecher, bei dem die Perioden, +wo er wild, grausam, heftig, falsch, verworfen, zornig, hochmütig, +argwöhnisch &c. &c. ist, mit anderen abwechseln, wo er weniger wild +gewesen und sogar teilweise edelmütig und liebevoll ist. Deshalb muß man +festhalten, daß M... als Verbrecher nicht von der Geburt allein den +ganzen Umfang seiner krankhaften moralischen Disposition habe. Der +geborene Verbrecher hat als krankhafte Individualität seine Analogien +mit stark nervenkranken und seelenkranken Personen, bei denen die +Krankheit eine Folge von Entwickelungsanomalien infolge ererbter +Ursachen oder eine Folge von Einflüssen degenerierender Art ist, die +sich im Verlauf des Lebens geltend machen. Insbesondere hat der geborene +Verbrecher Analogie mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren. Wir +wollen sehen, worin bei M... diese Analogien bestehen. + +3. =Anzeichen epileptischer Natur.= Diese finden sich überall in M...'s +Leben, und es genügt ganz allgemein, auf die exzessiven Zustände +hinzuweisen, die immer die Handlungen und Gedanken des M... begleiteten. + +M... hat alle moralischen Eigenschaften der Epileptiker -- er ist +cholerisch, aufbrausend, ausschweifend, grausam, verleumderisch, +argwöhnisch, neidisch, eitel und übertrieben im Haß und in der Liebe. +Man kann sagen, daß jede gute That und jedes Verbrechen aus der einen +oder der anderen krankhaften Eigenschaft seines Temperaments hergeleitet +werden kann. Und wenn M... ein geborener Verbrecher ist, weil bei ihm +das Verbrechen nicht nur gewohnheitsmäßig und unwiderstehlich und durch +unverhältnismäßige Anlässe hervorgerufen erscheint, sondern auch, weil +die Neigung zum Verbrechen mit der Entwickelung seiner physischen und +psychischen Persönlichkeit wuchs, und er sie erblich überkommen hatte +als Ausdruck einer unstäten und krankhaften Naturanlage, so kann man +sagen, daß sein Verbrechertum sich in seinen einzelnen Zügen immer durch +den Mechanismus epileptischer Momente manifestierte: M... ist ein +geborener Verbrecher, der regelmäßig unter der Wirkung epileptischer +Anfälle Verbrechen begeht. Er stellt mit einem Wort die Form des +gewohnheitsmäßigen epileptischen Verbrechertums dar. + +Ein Beweis für die epileptische Natur des M... ist die Periodizität, in +welcher sich sein krankhaftes Temperament äußert, indem die Zeiten, wo +er ganz Zorn, Haß und Rachsucht ist, mit solchen abwechseln, wo er +sanft, freundlich, milde, verliebt &c. ist. + +Aber nicht nur auf Ausdrücke des Temperaments beschränkte sich die +psychische Epilepsie des M..., um diese psychische Epilepsie zu +bestätigen, hatte er auch zuweilen wirkliche heftige Anfälle einer +epileptischen Verrücktheit. Einmal, zur Zeit der Cholera, hatte M... +einen Augenblick des Deliriums, das man als eine vorübergehende +Verrücktheit epileptischer Natur bezeichnen kann. Ein ander Mal wurde er +zu Hause in seinem Zimmer aufgefunden als Opfer einer geistigen Störung, +die bald nachher sich entfernte. + +In meiner Anstalt litt er dreimal an Anfällen weitergehender +Verrücktheit, die heftig auftraten und sich als Störungen des +Gedankenganges, Wutausbrüche, schreckhafte Hallucinationen des Gefühls +und des Gehörs, Mordgelüste charakterisierten, denen Schlafsucht, +Abgespanntheit, Niedergeschlagenheit und Kopfschmerz folgten. + +Diese Anfälle waren unzweifelhaft epileptischer Natur, weil sie sich +mehrere Male wiederholten und auf der Basis eines epileptischen +Temperaments und ererbter krankhafter Anlagen sich entwickelten. +Abgesehen davon, daß sie im wesentlichen in schreckhaften Fiebern und +Gefühlshallucinationen bestanden. + +4. =Veränderungen des moralischen Gefühls.= Das Leben des M... ist +übervoll von Verstößen gegen die Gefühle der Menschlichkeit, der +Verwandtschaftlichkeit und der Gerechtigkeit. Alle seine Verbrechen +stehen in keinem Verhältnis zu der Schuld des Opfers, in jedem Fall +zeigte er einen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl und Mitleid. Er haßte +seinen Bruder und seine Schwägerin, ohne daß er in seinen Schriften auch +nur einen einzigen Grund dafür angeben kann und nur, weil er neidisch +auf sie ist, die frei und ruhig leben können; während der Bruder nie +seine verwandtschaftlichen Pflichten versäumt zu haben scheint. Sein +Benehmen gegen seine Genossen im Gefängnis und im Heer, seine +Zugehörigkeit zur Camorra zeigen seine Perversität zur Genüge. Aber auch +hier greift dieselbe Ausnahme statt wie bei der verbrecherischen Natur +des M...; nicht in allen Fällen und nicht allen Dingen gegenüber zeigte +er den Mangel an moralischem Gefühl. Unter gewissen Umständen war er +menschlich, anständig, edelmütig, und gewissen Personen zeigte er +lebhafte und andauernde Zärtlichkeit. In Foggia, wo er in enger +Freundschaft mit den Camorristen lebte, rettete er einen Gefährten vor +der Rache der Camorra, er liebte und bewunderte den Hauptmann der +Strafkompagnie, war im allgemeinen ein guter Kamerad und liebte sein +Weib und seine Kinder mit seltener Kraft. Dies zeigt einerseits, daß +M... nicht an einem vollständigen Mangel moralischer Gefühlt litt, der +Blödsinn gewesen wäre, und andererseits beweist es zur Evidenz, daß die +Veränderungen des moralischen Gefühls an die Bedingungen geknüpft waren, +die ich als epileptische bezeichnet habe und die bisweilen die ganze +Persönlichkeit des M... nach der einen oder anderen Richtung hin +verändern. Deshalb stützen auch die Änderungen des moralischen Gefühls +die Ansicht, daß der gewohnheitsmäßige Hang zum Verbrechen, der stets in +ihm lebendig war, das Produkt bestimmter krankhafter Konditionen gewesen +sei, die sich auf die Manifestation der epileptischen Art beziehen, +welche intensive periodische Änderungen der Persönlichkeit bewirken und +besondere Arten zu empfinden, zu wollen und zu handeln hervorbringen. +M... ist demnach nicht der geborene Verbrecher, der Verwandtschaft mit +dem Epileptiker und dem moralisch Irren hat, er ist vielmehr im +wesentlichen ein Epileptiker, welcher gewohnheitsmäßig kraft der +Anreizungen und der krankhaften Empfindungsart seiner epileptischen +Natur Verbrechen begeht. + +Mit anderen Worten, in seinem Fall sind es nicht die Epilepsie oder der +moralische Irrsinn, welche das angeborene Verbrechertum +vervollständigen, sondern umgekehrt, das Verbrechertum und der +moralische Irrsinn sind Ausdrucksweisen seiner Epilepsie. + +5. =Geniale Momente.= Die Lektüre der umfangreichen Schrift M...'s läßt +erkennen, daß er eine lebhafte Intelligenz besitzt, die über das +Mittelmaß hinausgeht und von Zeit zu Zeit zu Geistesprodukten gelangt, +die genial genannt werden können. Das zeigt sich in seiner +wirkungsvollen, präzisen, energischen Schreibweise, in der glücklichen +Wiedergabe einer Situation durch ein einziges Wort, in einzelnen +Dichtungen, in denen die kräftige und glühende Auffassung geradezu +wunderbar ist. Auch darin zeigt sich wieder sein Temperament, welches in +jedem Fall excessiv, gigantisch ist, und welches sich gelegentlich zu +dem erhebt, was man gewöhnlich Augenblicke der Inspiration nennt. + +6. =Verfolgungs- und Größenwahnideen.= M... war ein Individuum, das die +Dinge von hervorragend subjektivem Standpunkt ansah. Er hatte seltene +Augenblicke der Ruhe, wo er bis zu einem gewissen Grad von seiner +eigenen Individualität zu abstrahieren und die Dinge gerecht und billig +zu beurteilen vermochte. + +Alle Personen, so uninteressant und unwichtig sie für sein Leben auch +gewesen sein mögen, er beurteilte sie immer als Freunde oder Feinde +seines Ichs. Die Vorgesetzten, Gefährten, Beamten, Wächter waren +entweder sehr schlechte oder sehr gute Leute. Entweder thaten sie ihm +Unbill an, oder sie erwiesen ihm Höflichkeiten. Eine solche Art zu +denken und zu urteilen ist den Personen eigen, die wir erblich belastet +nennen, und die nicht genügend Mäßigung und Halt besitzen, sodaß sie +automatischen Handlungen und Reflexen leicht unterworfen sind. Es sind +Individuen, bei denen, wenn man so sagen darf, der Wille durch eine +besondere Art zu empfinden beherrscht wird, wodurch alle ihre Handlungen +eine gewisse Widerstandslosigkeit bekommen. Das klare Bewußtsein läßt +sie oft im Stich, wenn auch sonst Intelligenz und Urteilskraft vorhanden +ist, und sie urteilen über eine Fülle von Eindrücken, die durch ihre +vorschnelle, übertriebene und irrige Art zu empfinden gefälscht werden. +In diesen Fällen hat das den Dingen gegenübergestellte »Ich« das +ausschließliche Übergewicht, und die Dinge sind oder sind nicht, je +nachdem wie dieser oder jener Empfindungsmodus in dem Individuum es +bestimmt. Je nachdem, ob sie entschlossen sind, die Dinge schmerzlich +oder angenehm zu erfassen, schaffen sie sich eine systematische +Disposition von größerer oder geringerer Intensität, um von schwierigem +oder leichtem Temperament zu sein und sich verfolgt oder befriedigt zu +fühlen. Im allgemeinen wird jedoch aus der eben beschriebenen +Hyperästhesie eine Gemütslage geschaffen, welche je nach den +Augenblicken oder den Dingen wechselt, und so folgen sich abwechselnd +angenehme und unangenehme Dispositionen. Der Exzessive, der von Natur +argwöhnisch ist, ist gewöhnlich auch hochmütig, der Verfolgte ist auch +stolz. Abgesehen von der Abnormität des Geistes wäre die Logik +vollkommen. M... hatte, gleichzeitig mit dem Glauben, überall verfolgt +oder geachtet, verraten oder geliebt zu werden, immer eine hohe Meinung +von seinem Wert und seinen Verdiensten, und eine Art selbstherrlicher +Gerechtigkeit, welches ihm oft das Verbrechen, welches er begeht, als +eine gerechte That erscheinen läßt. Zuweilen erreicht seine Disposition +zum Argwohn und zum Hochmut den Grad eines wirklichen Deliriums. Der Haß +gegen den Bruder und die Schwägerin ist nicht mehr und nicht weniger als +ein Verfolgungswahn, denn er wuchs ohne einen Schatten genügenden Grunds +und nährte sich von rein imaginären Ansichten. Der Zorn gegen den +zweiten Hauptmann der Strafkompagnie steigerte sich zur wahnsinnigen +Heftigkeit. Seine Beredsamkeit in der Verteidigungsrede vor dem +Militärgericht und dem Gerichtshof zu Monteleone zeigte krankhafte +Selbstüberhebung. Welche Beziehungen hat nun diese Disposition zur +Verfolgungs- und Selbstüberhebungswahnidee mit der epileptischen Natur, +dem gewohnheitsmäßigen Verbrechertum und dem moralischen Irrsinn des +M...? Wir haben gezeigt, daß die Epilepsie nicht jene gewöhnliche +unverhüllte war, die sich in konvulsivischer Manifestation äußert, +sondern daß sie sich vielmehr darauf beschränkt, eine sogenannte +psychische Epilepsie zu sein, die sich in gelegentlichen psychischen +Störungen äußert. + +Anstatt der Konvulsionen ist sie vorwiegend eine auf den Ausdruck des +epileptischen Temperaments beschränkte Epilepsie. Sie ist eine, wie ich +es nenne, =diffuse= Epilepsie, will sagen, die Wirkung eines Moments +unvollständiger Entwicklung der Epilepsie selbst, welche durch eine +Serie epileptischer Individualitäten hindurch sich ausgestaltet, bis sie +den Gipfel der selbstthätigen Impulsion erreicht hat, die auf einen +beschränkten Zeitraum (epileptischer Anfall) und einen bestimmten Sitz +im Gehirn beschränkt ist; anderenteils ist sie bei M... auf der Staffel +der Ausgestaltung nicht mehr soweit zurück, daß sie nicht in gewissen +epileptischen Anfällen zum Ausdruck gelangt, die als Zeichen ihrer +Unreife die Möglichkeit zeitlicher Beschränkung und die rasche und +leichte Veränderlichkeit des Temperaments aufweisen. Daher die seltsame +Wandelbarkeit des M..., unmoralisch, grausam, sanft und poetisch. Der +argwöhnische und selbstgefällige Habitus des M... ist nichts anderes als +der rudimentäre Ausdruck jener psychischen Manifestationen, die während +des epileptischen Anfalls hyperbolische Wahnsinnsformen annehmen und +neue und akute Bewußtseinszustände und Handlungen schaffen. + +Auch die Thatsache, daß M...'s Dispositionen zum Delirieren nicht in +einem gewöhnlichen Anfall ihren Ursprung hatten, sondern im Laufe der +Entwickelung seiner Person wuchsen und hierbei Gestalt und Intensität +aus den Konditionen der anderen krankhaften Anzeichen gewannen, zusammen +mit der Erwägung, daß die beiden Formen des Deliriums nicht wie bei der +gewöhnlichen Entwickelung der Paranoia auf einander folgten, sondern +ohne logische Beziehung neben einander aufwuchsen als Äußerungen der +besonderen Disposition zur Reaktion, beweist, daß sie nur Äußerungen der +degenerierten erblich überkommenen konstitutionellen Natur des M... +sind. + +Dieser M... leidet demnach, um unser Urteil zusammen zu fassen, soweit +die historischen und psychologischen Beweise ergeben, an +nervös-psychischer Degeneration, welche sich durch dunkle, rudimentäre +und vielfältige Manifestationen äußert. Wenn die Epilepsie des M... sich +in der einen oder der anderen Weise mit großer Intensität geäußert +hätte, so würde sie eine geringere Mannigfaltigkeit der Äußerungen und +sich als isolierte Form gezeigt haben. So ist zu schließen, daß M..., +der im Grunde und hauptsächlich Epileptiker ist, auch ein Verbrecher, +ein moralisch Irrsinniger, ein Genie und ein an Verfolgungs- und +Größenwahn Leidender ist. + +Vielleicht würden, wenn die degenerierte Natur des M... weniger +ausgesprochen wäre, als sie es wirklich ist, die einzelnen krankhaften +Erscheinungen von der Epilepsie weniger in Abhängigkeit gestanden haben, +und würden anstatt die Schwestern, vielmehr die Töchter einer +krankhaften Gesamterscheinung sein, die wegen der Differenzierung und +Entwicklung der einzelnen Symptome sich aufgelöst hätte, ohne uns zur +Erkenntnis zu gelangen. In dem Grade, wie die Epilepsie bei M... +herrschte, konnte sie, wenn nicht als die Wurzel, so doch als der Stamm +erscheinen, um den die krankhaften Erscheinungen hervortreten. Daher die +wichtige Erwägung, daß die Disposition zum Verfolgungs- und Größenwahn +mächtig dazu beitrug, den epileptischen Mechanismus in Bewegung zu +setzen, durch den das Verbrechen ihm entsprang, insofern als diese +Disposition in ihm den Boden schuf für die falsche Abschätzung, der die +Reaktion entsprach, die ihrerseits mit der Größe der Beleidigung in +keinem Verhältnis stand. + +Wir wollen sehen, ob unser Urteil durch die physische Untersuchung +gestützt wird, die wir wiederholt an M... angestellt haben. + +7. =Anomalien im Körperbau.= Unsere sorgfältigen Untersuchungen haben +zunächst einige Anomalien im Körperbau entdeckt, welche zwar keinen +hohen Grad erreichen, die dennoch nicht übersehen werden dürfen. Es +liegen vor: + + a) Leicht henkelförmige Ohren. + + b) Spuren von Darwin'schem Höcker. + + c) Kurzschädel. + + d) Unterbrochene Zähne. + +Diese Anomalien sind hervorragend atavistischer Natur, sie enthüllen ein +Zurückbleiben in der körperlichen Entwicklung und erinnern an +anatomische Gebilde, die bei den Tieren ersichtlich sind, mit denen der +Mensch möglicherweise gleichen Ursprung hat. Der Kurzschädel würde an +und für sich wenig Bedeutung haben, aber sie gewinnt, weil M... +Kalabreser ist, wo der Langschädel die Regel ist, so daß das Gegenteil +eine gewisse Rassendegeneration andeutet. + +8. =Anomalien in der Sinnesempfindung.= Hier finden wir die größten +Anomalien. M... hat: + + a) Subanästhesie des Tastgefühls am ganzen Körper, aber mehr auf + der rechten Seite, mit Ausnahme der Zunge, wo sie auf der linken + Seite größer ist. + + b) Verringerte Sehkraft auf dem rechten Auge. + + c) Fehlen des Gehörs auf der rechten und sehr schwaches Gehör auf + der linken Seite. + + d) Sehr schwaches Geschmacksvermögen. + +Diese Anomalien der Sinnesempfindungen haben Wert als funktionelle +Anomalien, die oft mit der Epilepsie verbunden sind. + +9. =Tätowierungen.= Die Tätowierung ist bei M... ein klinisches +Phänomen, und hat einen hervorragenden psychologischen, soziologischen +und pathologischen Wert. Die Tätowierung erscheint bei den +Gefängnisinsassen, selten bei den Soldaten, welche Rachepläne und +Erkennungszeichen unter der verbrecherischen Gesellschaft verabreden. +Für den Schmerz, den die Tätowierung mit sich bringt und der gesunde +Personen davon zurückhält, zeigen die Verbrecher eine gewisse +Unempfindlichkeit und setzen sich demselben freiwillig aus. Die +Tätowierung zeigt deutlich die Leichtfertigkeit und die Eitelkeit, die +dem gewohnheitsmäßigen Verbrecher eigen sind, und die in ihm +Gewissensbisse nicht aufkommen lassen und ihm eine Empfindung des eitlen +Ruhms und der Überlegenheit verleihen. + +10. =Subjektive Empfindungsstörungen.= Er leidet an Schwindel, heftigen +Kopfschmerzen, glaubt, daß das Haar sich ihm sträubt, und empfindet +nervöse Abspannung in mehr oder minder naher Beziehung mit epileptischen +Vorkommnissen. + +11. =Anomalien der Bewegung.= Unter dieser Rubrik verzeichnen wir: + + a) Schwachen Reflex der Pupillen; + + b) Zittern der Hände; + + c) geringe dynamometrische Kraft. + +Alle diese Eigentümlichkeiten sind den Familien der erblich +Degenerierten mit ungenügender Entwickelung gemeinsam, von denen die +Blödsinnigen, die Nervösen, die Verbrecher, die moralisch Irrsinnigen +und die, welche leicht in frühzeitige Paranoia verfallen, herstammen. + +Alle diese Anomalien vervollständigen das Bild, welches die +historisch-psychische Betrachtung des M... ergab. Sie beweisen, daß der +Körper des M... eine Verzögerung und Ungleichheit der Entwickelung +erfahren hat, aber diese Anomalien sind im einzelnen nicht genügend +entwickelt, um eine derselben besonders hervortreten zu lassen. Auch +hier hat sich die reversive Degeneration des M... auf einen +rudimentären Grad beschränkt; daher das gleichzeitige Auftreten so +vieler funktioneller Manifestationen verschiedener oder unentwickelter +Natur. + +Das pathologische Fundament der nervös-psychischen Anomalien des M... +haben wir hauptsächlich in der Epilepsie gefunden, um welche sich als +symptomatische oder coordinierte Erscheinungen alle anderen reihen: +Verbrechertum, moralischer Irrsinn, Genialität, Verfolgungs-und +Größenwahn. Das pathologisch-anatomische Fundament der Anomalie des +Körperbaues, der Sinnesempfindungen und der Bewegungen tritt nicht so +evident hervor, aber es ist ohne Zweifel die gehemmte Entwickelung der +morphologischen Konstitution der Nervenzentren. Wie die psychische +Epilepsie nicht bis zu den konvulsivischen Störungen vorschritt, so sind +auch die Störungen des anatomischen Baues rudimentär, auch mit Beziehung +zur Epilepsie, da sie nicht so weit gehen, dem Schädel die sonst bei den +anderen Formen der Epilepsie gewöhnliche Form des Plattkopfes zu geben. +Das Benehmen des M... in dem Irrenhause war ein solches, wie man es nach +Kenntnis und Schätzung seiner Antecedentien erwarten konnte. M... war +intelligent, vielleicht glaubte er, daß das Irrenhaus und das Urteil der +Irrenärzte allein ihn der Justiz entziehen könnte. Zuversichtlich und +selbstvertrauend hatte er den festen Vorsatz, zum Ziel zu gelangen. Auch +er hatte seine Periode gewöhnlichen Simulantentums, worin sich die Eile, +das gewünschte Urteil zu erlangen, äußerte. Aber sein scharfer Verstand +mag ihm gesagt haben, daß er seine Position verdarb, und daß in den +Augen der Psychiater die Simulation lächerlich und unwirksam ist. +Deshalb wechselte er seine Taktik und suchte durch sein Benehmen das +Wohlwollen und das Mitleid derer, die direkt oder indirekt einen Einfluß +auf sein Urteil üben könnten, für sich zu gewinnen. + +Aber sein Leiden enthüllte sich uns ohnehin, weil wir in den +unnachahmlichen und physischen Anomalien die volle Übereinstimmung mit +den psychischen Anomalien fanden. Jeder begreift, wie sehr seine +Manuskripte Zeugnisse sind, die unser volles Vertrauen verdienen. In +ihnen zeigt sich, ohne daß der Schreiber es gewollt hatte, die ganze +krankhafte Anlage seines Temperaments, und sie sind eine treue +Wiedergabe seines Charakters und eine genaue Formel der ganzen Dynamik, +die ihn immer wieder zum Verbrechen hintrieb. + + +Gesamturteil. + +Wir halten es für voll erwiesen, daß M... ein durch erbliche Veranlagung +degenerierter Mensch ist, welcher Zeichen einer leichten anatomischen +und funktionellen Entwickelungshemmung und atavistische und +pathologische Zeichen aufweist, welche auf das Gebiet der nicht zur +vollen Reife gelangten Entwickelung gehören. + +Genau gesprochen halten wir ihn befallen von Formen des instinktiven +Verbrechertums, des moralischen Irrsinns, des Verfolgungs- und +Größenwahns, welche alle, obgleich ursprünglich die Erzeugnisse der +reversiven Degeneration, von der Epilepsie beherrscht werden, an der +M... auch leidet, und auch diese ist, wie die anderen krankhaften +Erscheinungen, im rudimentären Zustande vorhanden. + +Wir haben vorher gesagt, wie aus der Gesamtheit der krankhaften Natur +des M... die Beweggründe zu seinen verbrecherischen Thaten entspringen +mußten, denn er empfand und urteilte exzessiv, wie er auch subjektiv im +Handeln und Reagieren war. Er tötete, verwundete und beleidigte, weil er +sich beleidigt und verfolgt glaubte. Er tötete, verwundete und +beleidigte ohne Erregung und ohne Mitleid, weil er keine normale +Empfindung für Moral und Mitleid hatte. Er tötete, verwundete und +beleidigte, wo kein genügender Grund dazu vorlag, denn in seinem +heftigen impulsiven Charakter kamen die hemmenden und mäßigenden +Faktoren nicht genügend zur Geltung. Der Fall des versuchten +Brudermordes wird durch unsere Definierung des M... vollständig erklärt. +Er haßte seinen Bruder infolge seiner Verfolgungswahnidee und der +mangelhaften Art, verwandtschaftliche Liebe, Dankbarkeit und +Verträglichkeit zu empfinden. Er bereitete das Verbrechen zähe und +umsichtig vor, infolge seines exzessiv reizbaren und rachsüchtigen +Temperaments. Er schoß den unschuldigen Bruder mitten in die Brust, weil +in ihm Zorn und Haß blind, die Empfindungen verworren waren und jedes +Maß fehlte. Er bereitete seine Verteidigung mit Zähigkeit und +Verlogenheit vor, weil in ihm das ursprüngliche Gefühl der +Selbsterhaltung riesenhaft überwog, jenes riesenhafte Gefühl, welches +alle anderen sozialen Gefühle in ihm verdrängt, soweit sie nicht seiner, +dem bürgerlichen Leben widerstrebenden Natur sich anpassen. Er handelte +stets zum augenfälligen Nachteil für sich und die andern, oft auch unter +der Illusion des unmittelbaren eigenen Nutzens. Er war kein Verbrecher +aus Dummheit, denn er war intelligent; er war ein Verbrecher aus +Instinkt, in ihm war ein Charakter der Unordnung, des Schadens, des +sozialen Umsturzes personifiziert. + +Er ist der Typus des Verbrechers, den die Gesellschaft =bösartig= nennt, +jener Typus, den die Lombrososche Doktrin zu leugnen drohte, und welcher +der gewöhnlichen Ansicht von der Geißel entspricht, die Gott entsendet, +um die sündige Gesellschaft zu strafen. + +In meinen Augen ist das in Wirklichkeit der Fall, denn wissenschaftlich +gesprochen ist er einer der Faktoren des sozialen Gleichgewichts, und er +blüht und gedeiht in der Gesellschaft, wo sich die biologische +Notwendigkeit der Beschränkung der Bevölkerung geltend macht. Die +flüchtigen und seltenen Anzeichen des Genies in ihm deuten darauf hin, +daß die Natur von demselben Stoff wie für die abnormale Entwickelung die +Elemente jedes für die Erhaltung des Gleichgewichts in der menschlichen +Gesellschaft bestimmten Instruments nimmt. M..., in dem die +Charakteristik des Verbrechers vorherrscht, wurde ein vorwiegend +negatives Element. + +War M..., als er den Brudermord versuchte, in einem Zustand, daß er +nicht das vom Gesetz erforderliche Bewußtsein seiner strafbaren Handlung +hatte? Das würde außer Zweifel sein, wenn er die That während einer den +epileptischen Anfällen vorausgehenden Verrücktheit begangen hätte. Aber +er gebrauchte lange Vorbereitungen dazu, und in dieser Zeit wußte er, +was er thun wollte und was er auch gethan hat, er wußte es bis auf den +Tag und die Minute. + +Aber war es wirkliches Bewußtsein von seiner That, das M... hatte? + +Wir unterscheiden zwei Bewußtseinsformen, eine intellektuelle und eine +moralische. Daß er die erstere hatte, ist klar -- aber die zweite? Hier +muß man das sogenannte moralische Bewußtsein in der =Erkenntnis= der +Immoralität einer Handlung und in der =Empfindung= dieser Immoralität +unterscheiden. + +Bei der ersten weiß ein Individuum, daß eine gewisse Handlung nicht nur +andern schädlich ist, sondern auch, daß sie in der Gesellschaft, in der +er lebt, für tadelnswert und verdammungswürdig gehalten wird; bei der +zweiten empfindet er einen instinktiven Schauder, die That zu begehen, +welche die Gesellschaft tadelt und verdammt. In der Regel existieren bei +der bürgerlichen Erziehung beide Formen gleichzeitig neben einander. +Aber es ist möglich, daß die Erkenntnis der Immoralität vorhanden und +die =Empfindung= derselben nicht zur Ausbildung gelangt ist. Dies ist +der Fall bei dem Zustande der Anomalie in der Formation der geistigen +Persönlichkeit; bei den entgegengesetzten Zuständen der Dekadenz kann +das moralische Empfinden vorhanden sein, während die Erkenntnis +verschwunden oder verändert oder verdunkelt ist -- oder umgekehrt; diese +kann bleiben, während die Empfindung der Moralität verloren, +abgeschwächt oder verändert sein kann. Auch können beide nicht gebildet, +oder schlecht gebildet, oder verfallen oder verändert sein.[3] + + [3] Vergl. mein Buch: _Degenerazioni psicosessuali_, das Kapitel + »Immoralität«. + +Von grundlegender Bedeutung für die strafgesetzliche Verantwortlichkeit +ist die Erkenntnis der Handlung; demgemäß muß diese Verantwortlichkeit +die Erkenntnis der Immoralität voraussetzen und der Empfindung der +Immoralität allmählich näher kommen. + +Hatte nun M... in dem Augenblick, wo er den Brudermord versuchte, die +Erkenntnis der Immoralität seiner Handlung? Gewiß, aber nicht +entsprechend der Erkenntnis, welche in der Gesellschaft, in der er +lebte, gewöhnlich ist. Er wußte, daß die Gesellschaft seine Handlung +tadeln würde, aber er wußte bei sich selbst, daß die anderen und nicht +er Unrecht hatten, und daß er natürlicher Weise das Recht habe, das zu +thun, was er that. Ein Mensch von seinem Charakter hatte sich eine +eigene Welt gestaltet, die seinen eigenen Gedanken entspricht, und er +handelte in der Ueberzeugung, etwas zu thun, was von den andern getadelt +werden würde, aber nicht von den Gesetzen der Gerechtigkeit, wie er sie +auffaßte. Er hatte, um es so auszudrücken, das intellektuelle Bewußtsein +der juristischen Immoralität seines Verbrechens, aber nicht die +eigentliche Überzeugung der Immoralität der That selbst. Es ist genau +die Sache wie mit einem Menschenfresser, der hier zu Lande einen +Menschen verzehren würde: Er weiß, daß dies für schändlich gehalten +wird, aber er selbst findet es in der Ordnung. Und da dieser Wilde nicht +von der Immoralität überzeugt ist, als welche die andern seine Handlung +erklären, so kann sich in ihm, so lange diese seine Meinung andauert, +nicht eine Empfindung festsetzen, welche ihn spontan von seiner Handlung +zurückschrecken lassen würde. + +Das moralische Empfinden des M... wurde sicherlich nach dem Muster des +speziellen Begriffs der Moralität, die er in sich trug, gebildet. + +Heutzutage will das Gesetz, daß nur die im intellektuellen Bewußtsein +begangenen Handlungen bestraft werden, oder meint es mit dem allgemeinen +Wort »Bewußtsein« auch das moralische Bewußtsein? Wenn es auch dieses +fordert, so ist klar, daß es dasselbe nach dem Muster desjenigen +verlangt, wie es das Erbteil der gesunden und normalen Gesellschaft ist, +und nicht wie es als Produkt irgend welcher krankhaften Geisteszustände +erscheinen kann, und ohne Zweifel soll das Gesetz auch die Existenz des +moralischen Bewußtseins fordern; denn das natürliche Fundament eines +jeden Gesetzes ist bei einem freien Volke die allgemeine Überzeugung von +seiner moralischen Nützlichkeit. + +Hatte nun M..., als er die That beging, die volle Freiheit des Handelns? + +Man kann sagen, er hatte sie weder ganz, noch fehlte sie ihm +vollständig. Die freiwillige Handlung ist nicht ein freies Produkt des +Geistes. Sie ist das Resultat vorhergehender psychologischer Motive, +deren Intensität einen analogen freiwilligen Akt als Resultat giebt, und +die Intensität der psychologischen Motive und der darauf folgenden +Handlung steht in Beziehung mit der gewöhnlichen Art zu empfinden und zu +urteilen und entspricht der Persönlichkeit. + +Wir haben gesagt, daß M... durch seine epileptische Anlage exzessiv, +heftig und impulsiv war. Daraus geht hervor, daß die Freiheit, über +welche M... anscheinend verfügte, keine eigentliche, sondern durch sein +Temperament beeinflußt war. Es ist bekannt, daß die Epileptiker leicht +zu übertriebener Reaktion hingerissen werden. + +Der Wille ist der Ausdruck einer kordialen Funktion, er ist das Produkt +einer langsamen Evolutionsarbeit, welche als entfernte Antecedentien die +automatischen Bewegungen und als Vermittler die Reflexhandlungen hat. +Das, was automatisch und reflexiv ist, ist eine Nervenkraft, die noch +nicht so weit ausgestaltet ist, daß sie ein Ausdruck bewußter Funktion +ist. Das, was in den Willensakten exzessiv ist, ist eine Nervenkraft, +die unter dem Impuls automatischer oder reflexiver Aktionen handelt. +Zwischen dem Willensakt und dem Urteil, das ihm vorhergeht, besteht bei +normalen Bedingungen ein Äquivalent der Intensität; der Exzeß des +Willens stellt ein Gewicht dar, welches von außen dem Gleichgewicht +hinzugefügt ist, ebenso wie das Gegenteil bei der Willenlosigkeit der +Fall ist. + +Die Epilepsie ist an sich selbst eine krankhafte Thatsache, welche einen +Zustand der ungenügenden Willensentwickelung darstellt; sie ist der +Ausdruck der Permanenz automatischer oder halbreflexiver Einflüsse. Um +so eher mischt sie sich in diejenigen Willensakte, die von dem Urteil +oder der Empfindung hervorgerufen sind, je weniger sie voll entwickelt, +d. h. je mehr sie diffus ist. + +M... leidet an dem, was ich =diffuse Epilepsie= nenne, und was +gewöhnlich epileptisches Temperament genannt wird, und deshalb können +seine Willensakte niemals richtig an der Intensität der logischen +Motive, die sie hervorrufen, gemessen werden. Wenn er gegen seinen +Bruder gerechten Grund zum Haß zu haben glaubte, und wenn seine Vernunft +ihm das Urteil eingegeben hatte, sich zu rächen, so ging sein Wille +außerordentlich über die Vorschriften der Vernunft hinaus, bis zum Mord. + +Und deshalb war M... am Tage des Verbrechens nicht freier Herr seiner +Handlungen. + +Demnach würde M... im Sinne des Gesetzes nicht für das begangene +Verbrechen verantwortlich gewesen sein, sondern entweder +unverantwortlich oder halb verantwortlich. + +Ist er unverantwortlich oder halb verantwortlich? + +Das sind Fragen, die gewöhnlich dem Richter vorgelegt werden, der sie +löst, indem er die Umstände, Thatsachen und Folgerungen sich in seiner +Weise zurechtlegt. + +Der Irrenarzt hat nicht die subtilen und endlosen Unterscheidungen des +Rhetorikers oder Metaphysikers zur Verfügung, die ihm gestatten, die +Schuld oder das Verdienst an einer gegebenen Handlung zum Teil auf die +Seele und zum Teil auf den Körper zu verteilen. + +Als ich mich dem dunklen Abgrund näherte, wo die Seelenthätigkeit sich +vollzieht, da hat mir die schwache Leuchte der Wissenschaft flüchtig +einige der Faktoren enthüllt, welche die gröbsten Äußerungen des Geistes +bestimmen. Und dieses geringe Ergebnis genügte, um mich zu überzeugen, +daß auch in der Thätigkeit des Geistes ein unabänderlicher Determinismus +herrscht, daß unter gegebenen Umständen besondere Aktionen bestimmte +notwendige Wirkungen hervorrufen. Aber in der langen Kette von Reizen, +welche jede Bewegung des Geistes bestimmt, vermag man nicht zu sagen, +wie weit eine Aktion durch eine andere aufgehoben oder beeinflußt werden +kann. + +Wenn in M... beim Begehen seines Verbrechens der Einfluß realer äußerer +Motive die Reaktion bestimmt, so wissen wir nicht, einerseits inwieweit +diese Motive Unterstützung oder Widerstand in seinem habituellen +Charakter fanden (d. h. in seiner gewöhnlichen Art zu denken und zu +reagieren, die durch erbliche und erworbene Neigungen, welche allmählich +aus der Erfahrung hergenommen werden, bewirkt ist), und inwieweit +andererseits die realen Motive einen Antrieb oder eine mehr oder minder +starke Färbung durch jenes Mittelmaß empfangen haben, welches +gewöhnlichen Menschen zukommen würde, die ungefähr in seiner Lage und +seinen Verhältnissen sich befinden. Wenn man also sagen wollte, daß M... +bis zu dem oder jenem Grade die moralische Verantwortung für sein +Verbrechen trage, so hieße das glauben machen, daß man den Vorgang, der +sich in der Seele bis zum Zustandekommen eines bestimmten Willensaktes +abspielt, genau übersieht. + +Der Wissenschaft soll man solche Fragen nicht vorlegen, sie gehören den +Metaphysikern und den Theologen, welche den Fuß auf den festen Boden +setzen, der ihnen durch ein Axiom oder ein Dogma gegeben wird, und von +wo aus sie durch Syllogismen weiter schließen. Uns fehlen beide +Prämissen. + +Was heißt verantwortlich oder unverantwortlich für den Gelehrten? + +Wir können bezüglich des M... nur die Erklärung abgeben: das Verbrechen +erfolgte als Reaktion auf Motive, die zum großen Teil delirienartiger +Natur waren, und die in dem krankhaften Temperament des M... günstige +Konditionen gefunden haben, um exzessive und unmoralische Wirkungen +hervorzubringen. + +Ist M... strafbar oder nicht? + +Auch auf diese Frage hat der Irrenarzt nicht zu antworten. + +Der Begriff der Strafe, wie er vom Gesetzbuch verstanden wird, ist eine +soziale Konvention, welche, um angenommen zu werden, als notwendige +Voraussetzung die allgemeinen und besonderen Bedingungen hat, unter +welchen im allgemeinen Verträge als giltig anerkannt werden. Dazu gehört +in erster Linie die geistige Gesundheit des Kontrahenten. + +In unserm Fall ist M... nicht gesund; folglich hat man mit Bezug auf ihn +nicht von einer »Strafe« zu sprechen. Vielmehr hat der Irrenarzt sich zu +fragen: Ist es möglich und wahrscheinlich, daß er unter denselben oder +ähnlichen Umständen die That wiederholt, und glaubt die Behörde +eventuell ein Mittel zu finden, ihn für die Gesellschaft unschädlich zu +machen? + +Auf diese Frage antworten wir: M... wird nie von seiner Krankheit +gesunden und wird deshalb immer geneigt sein, die Verbrechen zu +wiederholen, von denen seine Existenz bis heute voll ist. Und deshalb +hat die Behörde, in der Ueberzeugung, daß in dem vorliegenden Fall den +M... keine Schuld trifft und ihn darum keine Strafe treffen kann, dafür +zu sorgen, daß er unschädlich gemacht werde. + +Soll sie ihn in die Verbrecherirrenanstalt schicken? + +Er müßte an einen sicheren Ort gebracht werden, den er nicht eher +verlassen dürfte, bis er unschädlich ist. + +Wird das nie eintreten? + +Man wird im Ernst nicht glauben, daß das vermittelst der Heilkunst +geschehen kann, aber vielleicht könnte in dem Laufe der organischen +Entwicklung des M... ein Moment kommen, wo M... für die Gesellschaft +unschädlich ist. Vielleicht könnte das Alter das herbeiführen. + +Der erfahrene Mann, der mit der Überwachung des M... vertraut ist, +könnte seiner Zeit beurteilen, ob der Fall eingetreten ist. + +Und ohne den Makel der Schuld und ohne irgend eine Form der Strafe müßte +M... der Öffentlichkeit die Sicherheit bieten, daß von ihm jetzt keine +den Mitmenschen nachteilige Handlung mehr ausgehen wird. + +Wenn übrigens der Gerichtshof die Sache anders auffaßt und M... zu einer +langen Kerkerstrafe verurteilt, so würde der Irrenarzt sich dabei +beruhigen, daß dem gefährlichen Menschen, wenn auch vermittelst des +Gefängnisses, die Gelegenheit, weitere Verbrechen zu begehen, entzogen +wird. + +Wenn über der Kerkerthür nicht das Wort »Strafe« geschrieben stände, +oder wenn, besser noch, diesem Wort eine vernünftigere Bedeutung +beigelegt würde, wie etwa =Besserung= oder =Abwehr=, wieviel besser +würde dann dieser Kerker sein als die Verbrecherirrenanstalt, aus der +ein gefälliger Richter nach einem unqualifizierbaren Artikel des +gegenwärtigen Gesetzbuchs die gefährlichen Menschen entlassen kann, +welche Mittel haben, sich ihm zu empfehlen. + +Girifalco, Juli 1891. + + Prof. Silvio Venturi, + Direktor des Provinzial-Irrenhauses. + + +VII. + +Das Gutachten Venturis beantwortet in so erschöpfender Weise alle +Fragen, welche sich über die pathologische Persönlichkeit des Antonino +M... erheben könnten, daß ich kein Wort hinzufügen werde.[4] + + [4] Die Thatsache hat ihm Recht gegeben. Augenblicklich hat Venturi + eine Tochter des Bruders des Antonino M... in Behandlung, die an + sensoriellem Irrsinn leidet. + +Venturi hatte gleichzeitig mit Lombroso darauf hingewiesen, daß in dem +geborenem Verbrecher ein atavistisches Produkt, eine Fusion der +Epilepsie und des moralischen Irrsinns vorliegt. Später, in seinem Buch +über die _Degenerazioni psicosessuali_ stellte er als biologisches +Merkmal des instinktiven Verbrechertums (des geborenen Verbrechers +Lombrosos) nicht mehr die erbliche Perversität, sondern die Tendenz der +Rasse und der Art zur Selbstvernichtung auf, vermittelst Individuen, +welche dazu gehören, und welche, indem sie sich selbst oder anderen +schaden, entgegengesetzt wie das Genie handeln. + +Jetzt hat Venturi Gelegenheit, in M..., dessen Biographie ich +veröffentliche, die wahrhafte Verkörperung des Typus des geborenen +Verbrechers vorzustellen, in welchem die Krankhaftigkeit und die +bösartige Tendenz zum Schlechten, die von selbst ohne erkennbaren Nutzen +für den Handelnden, in Thätigkeit tritt, vereinigt sind, wodurch M... +als ein antibiologisches, antisoziales Wesen erscheint. + +Dies vorausgeschickt gelange ich dazu, einige Worte über die +Selbstbiographie des M... zu sagen. + +Es ist nichts Gewöhnliches, daß die Verbrecher ihre Memoiren schreiben, +und ich will dreist behaupten, daß der Fall einer so genauen und +detaillierten Schilderung, die mehrere Male unterbrochen und wieder +aufgenommen wird, äußerst selten ist. + +Professor Lombroso hat in seinen _Palimsesti del Carcere_ einige dieser +Schriften gesammelt, die alle sehr verworren sind und oft den Eindruck +der Verrücktheit machen. Zum großen Teil stammen sie von Verbrechern, +welche pathologisch dem M... ähnlich, d. h. moralisch irre und +epileptisch sind. + +M... ist kein Schriftsteller, um so wunderbarer ist seine mechanische +Art zu erzählen und sein Versuch, den Ereignissen und den begleitenden +Umständen eine gewisse objektive Darstellung zu verleihen. Er hat +Phantasie im Übermaß, oft entdeckt man in der verschwommenen Form die +Tendenz, zu abstrakten Begriffen zu gelangen, aber, wie er sagt, seine +Feder vermag dem Faden seines Gedankens nicht zu folgen. + +Wenn man ihn genauer definieren will, so ist er ein Graphomane; die +regelmäßige, gedrängte Schreibart, die in langen und geraden Linien +seine großen Blätter bedeckt, die Vorliebe für gewisse Konstruktionen, +die Wiederkehr der Widmungen und die Wiederholung gewisser Phrasen in +einer gegebenen Form lassen es vermuten. Aber was mich in dieser Ansicht +noch mehr bekräftigt, sind folgende zwei Thatsachen. + +1. Die vollständige Nutzlosigkeit der Memoiren, die anstatt ihn zu +rechtfertigen bezüglich der Verbrechen, wegen deren er bestraft wurde, +noch andere nicht minder schwere ans Licht bringen, wie z. B. das +schamlose Verhältnis mit dem Korporal Alfonso S... und den Mordversuch +auf den Lieutenant. + +2. Die zweite Thatsache ist etwas verwickelter. Die Thätigkeit des +Schriftstellers richtet sich nach gewissen Graden der Kulturhöhe und des +sozialen Nutzens. Ein Volk fängt an, Bücher zu besitzen, wenn es zu +einem gewissen Grade der Entwicklung gediehen ist, wo diese Form einer +präziseren geistigen Manifestation sich ihm als ein Fortschritt +darstellt. Die wilden Völkerschaften schreiben keine Bücher, so lange +ihr Dach bedroht, ihr Lebensunterhalt dürftig und ihr Leben stets +gefahrumgeben ist. Die Abessinier, welche doch das erste Volk Afrikas +sind, haben als ganze Litteratur einige Gebetbücher, welche nur von den +Priestern verstanden werden. Und die Buschmänner hatten einige Fabeln +und Sprichwörter in den Zeiten ihres Glücks, aber nach ihrem Verfall +verloren sie auch diese primitive Litteratur. So geht es auch mit den +Menschen. Wenn ein Individuum ohne Bildung, ohne höheres Wissen, dessen +Existenz stets eine Kette von Elend war, litterarisch thätig ist, so ist +das entschieden eine anormale Erscheinung. + +Er mag ein Genie sein, aber da die Genies sich leider nicht an jeder +Straßenecke finden, so wird er in 999 Fällen unter 1000 ein Narr sein. + +Antonino M... konnte kein regelrechter Schriftsteller sein, da er es +auch nicht als Mensch war, höchstens konnte der Mangel an moralischem +Bewußtsein ihm den Vorzug einer auffälligen innerlichen Aufrichtigkeit +geben ... + +Unter diesem Gesichtspunkt sind seine Memoiren ein wichtiges Dokument +für das Studium gewisser »Aufrichtigkeiten« alter und neuer +Schriftsteller. Von den Bekenntnissen J. J. Rousseau's bis zu den +Memoiren Casanovas, bis zu gewissen Hymnen Paul Verlaine's auf sein +_péché radieux_, um von anderen übel berufenen Zeitgenossen zu +schweigen, und bis zu dieser Selbstbiographie herab -- das +psychologische Phänomen ist immer dasselbe und läßt sich in zwei Formeln +zusammenfassen: =Mangel an moralischem Bewußtsein und Eitelkeit=. + +Ich glaube, daß die Intelligenz sehr wenig mit dem moralischen +Bewußtsein zu thun hat: Pritchard, Pinel, Nicholson, Maudsley, Tamassia +-- alle stimmen darin überein, daß sie bei den moralisch Irren den +Intellekt vollständig in Ordnung fanden. Höchstens könnte nach Zelle, +Mac Ferland, Gray eine gewisse Schwäche oder Unregelmäßigkeit vorliegen +oder nach Campagne eine Absonderlichkeit[5], die sich aber, wie Morel +bemerkt, in einem besonderen intellektuellen Habitus, in einer +Gewandtheit im Sprechen, Schreiben oder einer Kunstfertigkeit mit +Vorherrschung der Tendenz zum Paradoxen äußern kann. Und Venturi glaubt, +daß, während bei Verbrechern die gewöhnliche Intelligenz mangelhaft ist, +die höhere Intelligenz nicht selten vorkommt. + + [5] Vgl. Lombroso: _L'uomo delinquente I_, S. 600. + +Das Wort Aufrichtigkeit ist eines von denen, deren Bedeutung oft +mißbraucht werden: es kann nicht absolut verstanden werden, weil die +Aufrichtigkeit meist eine subjektive ist, sie ist, sozusagen dem Lügen +entgegengesetzt. Aufrichtigkeit besteht trotz gewisser konventioneller +Formen, wie z. B. die Scham, der Anstand &c., welche die Wahrheit +verbergen und dennoch nicht Lüge genannt werden können; wie übrigens +auch der Wilde und das Kind immer lügenhafter sind, als der zivilisierte +Mensch, trotzdem sie durch Scham oder Anstand nicht befangen sind. + +Venturi macht gegenwärtig in einer Abhandlung, welche in der von Tonnini +in Palermo veröffentlichten Revue erscheint, die Lüge zum Gegenstand des +Studiums und faßt sie als ein Phänomen der Degeneration auf, das seinen +Ursprung in den Familien hat, aus denen die Lügner hervorgehen. Ebenso +möchte ich sagen, weshalb könnte nicht auch die Aufrichtigkeit, wenn sie +sich mit unwiderstehlicher Tendenz und ohne Nutzen für das Individuum +selbst äußert, eine Thatsache degenerierter Anlage sein, eine jener +Äußerungen des Verbrecher-Charakters, der sich oft mit der Eitelkeit +vermengt, einer jener Defekte, deren die Verbrecher so voll sind? + +Ich will hier keine Psychophysiologie der Aufrichtigkeit schreiben, um +so weniger, als es für das, was ich sagen will, mir genügt, eine +anerkannte Wahrheit anzuführen: nämlich daß wir mit Vernunft aufrichtig +sind, insofern wir unnütze Vorurteile bekämpfen, aber daß das keine +normale und gesunde Aufrichtigkeit mehr ist, die nicht die Bedeutung +fühlt, welche gewisse Gewohnheiten mit dem Gange der Entwicklung +genommen haben. Wer nicht den Druck der Scham empfindet, wenn er seine +sexuellen Schändlichkeiten aufdeckt und sich ohne Schaudern einer +Blutthat rühmt, der thut nicht mehr und nicht weniger als der Wilde, in +dem das Gefühl der Scham noch nicht erweckt ist und der barbarische +Krieger, der sich den Skalp der getöteten Feinde als Trophäe an den +Gürtel hängt. + +Diese Dinge mit liebevoller Genauigkeit zu erzählen und mit Wohlgefallen +zu anatomisieren, das ist etwas, was der normale Mensch vergebens +versuchen wird. Jeder wird in seinem Leben seinen abnormalen Impuls +gehabt haben, aber er wird sich bemühen, ihn zu vergessen; und nicht +einmal einer besonderen Anstrengung wird es dazu bedürfen, denn bei den +nicht degenerierten Menschen unterdrückt die Vernunft, der kritische +Sinn gewissermaßen automatisch die Abnormalität des Aktes. + +Den moralisch Irren fehlt dieser kritische Sinn, die Intelligenz +gehorcht den Impulsen und hemmt sie nicht, sie dient ihnen gern und +sucht sie zu rechtfertigen. Sie töten -- und sie werden beweisen, daß +das Leben eines Menschen das eines andern wert ist. Sie verführen ein +unerfahrenes Mädchen und verlassen es -- und sie werden das Recht der +freien Liebe predigen. Sie sind Päderasten -- und sie werden sagen, es +ist erlaubt, weil es möglich ist. + +Im Leben stellt sich das deutlicher dar, als geschrieben. Denn beim +Schreiben schärft sich die Intelligenz, ein Schimmer von Verständnis für +das, was schändlich und unehrenhaft ist, bricht sich Bahn, es giebt +keinen Menschen, er sei denn Idiot, der so niedrig ist, daß er nicht ein +Streben nach etwas besserem oder weniger Unvollkommenem fühlt. Aber ein +anderes ist die Moralität, ein anderes die Erkenntnis des Moralischen. + +Zuweilen giebt sich wohl ein solch kleiner Fonds von kritischem Sinn zu +erkennen, und daraus resultieren dann die lyrischen Stellen, die +anscheinenden Gewissensbisse. Aber die Erzählung geht weiter, ohne +Rückhalt, und der Verfasser zeigt sich in der Aufdeckung der Thatsache, +so wie er wirklich ist, mit einer Selbstgefälligkeit, wie sie nur ein +Exhibitionist haben kann, der seine Geschlechtsorgane zeigt. + +Die Eitelkeit ist das erste Agens; ihre autobiographischen Erzählungen +entspringen der Vermutung, daß sie hervorragend interessante Individuen +sind, und daß ihre Erlebnisse große Bedeutung haben. Und da sie einen +großen Teil ihres Seelenlebens ausmachten, so empfinden sie das +Bedürfnis, sie sich wieder vor ihr geistiges Auge zu führen. + +Es ist dasselbe Bedürfnis, welches viele ungebildete Menschen empfinden, +sich den Namen ihrer Geliebten oder ihre Verbrechen in die Haut zu +tätowieren. Es wird genügen, das schöne Beispiel eines Verbrechers zu +zitieren, den Prof. Santangelo[6] beschreibt und der 106 Tätowierungen +auf dem Leib trug, aus denen man seinen ganzen Lebenslauf rekonstruieren +konnte. + + [6] Vgl. Lombroso: _Le più recenti scoperte ed applicazioni dell' + antropologia criminale_, Turin 1893. + +M... ist ein vollendeter Typus des moralisch irren und epileptischen +Schriftstellers; der Mangel an kritischem Sinn und Gerechtigkeit tritt +klar hervor, und die Eitelkeit zeigt sich auf jeder Seite des Buches. +Wenn er studiert hätte, würde er als Schriftsteller manchem Zeitgenossen +ebenbürtig zur Seite treten. Die Kenntnis der Moral würde tiefer gewesen +sein und festeren Halt gewonnen haben. Statt dessen mußte er nun +notwendiger Weise auf dieser Stufe litterarischer Entwickelung stehen +bleiben, wo der Intellekt die Dinge in der Gestalt sieht, wie sie den +andern erscheinen; die unbewußte Nachahmung hat noch nicht der +unmittelbaren selbständigen Anschauung Platz gemacht, welche die +Originalität ausmacht. + +So ist für ihn der große Meister des Stils Francesco Mastriani, jener +populäre Zola, der den Naturalismus zur Trivialität und die Romantik zur +weichlichen Sentimentalität herabgezogen hat. + +Und diese Empfänglichkeit, diese unbewußte Zugänglichkeit für fremde +Einflüsse zeigt sich besonders in seinen Dichtungen. Neue Wörter, die er +liest, bleiben ihm haften, wenn er ihnen auch nur schwer einen ihm +verständlichen Sinn beizulegen vermag, den er durch eine +volksetymologische Deutung zu ermitteln und durch entsprechende +orthographische Abänderungen festzuhalten sucht. + +Deshalb scheint mir, könnten diese Memoiren auch für das Studium des +Phänomens eines in der Bildung begriffenen Schriftstellers von Interesse +sein. + + +VIII. + +Und hiermit will ich schließen. + +Die Schule Lombrosos schreitet ihren Siegespfad weiter und schlägt die +neidische Polemik durch Thatsachen. + +Und während auf dem Kriminalisten-Kongreß in Brüssel das Ende des +Verbrechertypus Lombrosos verkündet wurde, erschienen die _Degenerazioni +psicosessuali_ Venturis und lieferten den Beweis, daß die italienischen +Gelehrten nicht auf eine Formel eingeschworen waren; und bei Schluß des +Kongresses zeigte die französische Übersetzung der _Sociologia +criminale_ Ferris in ihrem neuen erweiterten Gewande, daß nicht allein +der biologische, sondern auch der soziologische Faktor von den +Mitarbeitern Lombrosos studiert wurde, und dieser hat mit seinen _Nuove +Scoperte_ geantwortet, welche in ihrem Aufbau und in der Masse der +Thatsachen den Gang der italienischen Wissenschaft kennzeichnen. Und +während dieser Band erscheint, wird _la donna delinquente_ die Gegner +ermahnen, wofern sie nicht blind sind, im Negieren vorsichtig zu sein, +und dieses Werk wird den Beweis liefern, daß hinter dem Meister eine +Reihe hoffnungsvoller Jünger stehe, unter denen mein Freund Guglielmo +Ferrero als der Ersten einer hervorragt. + +Als ich nach Schluß des Kongresses meine Bemerkungen Gabriele Tarde +dargelegt hatte, und lange Erwiderungen von ihm empfing,[7] da brannte +ich vor Begier, wieder in die Arena hinabzusteigen, -- aber Lombroso +sagte mir: Nein, man muß mit Thaten, nicht mit Worten kämpfen! + + [7] Vgl. _Archives d'Antropologie_ und _Revue Scientifique_. + +Diese Ermahnungen haben mich ganz besonders zu dieser Veröffentlichung +veranlaßt, in der Hoffnung, daß auch ich dazu beitragen könnte, der +Wahrheit eine Gasse zu öffnen, um die Zweifel und Spottreden zu +entkräften, welche verurteilen, ehe sie noch geprüft haben; daß auch ich +helfen könnte, unsere Strafgesetzbücher und Strafanstalten in einer den +Bedürfnissen des wirklichen Lebens angepaßten Weise umzugestalten. + +Besser als ich es vermag, wird die Selbstbiographie des M... den Leser +überzeugen, wie schlecht diese Institute funktionieren, die den +Verbrecher nicht blos bestraft, sondern auch gebessert der menschlichen +Gesellschaft zurückgeben sollten. + +Antonino M... ist nicht durchweg der geborene Verbrecher Lombrosos, +denn, wie ich schon sagte, dieser ist ein Typus und jener ein +Individuum. Er beweist aber, wie Epilepsie und moralischer Irrsinn sich +im Verbrecher zusammenfinden. Und die direkten sozialen Ursachen seines +Verbrechertums wird man schwer finden können. + +Als Gabriele Tarde[8] zusammen mit dem Dr. Lacassagne die Leitung der +neunten Serie des französischen Archives übernahm, da eröffnete er sie +mit einer Verteidigung der soziologischen Kriterien, die den Stolz der +französischen Schule ausmachen, und er schloß mit der Weissagung einer +Versöhnung in der objektiven Forschung nach der Wahrheit, die nur auf +Thatsachen sich gründen kann. + + [8] _Biologie et sociologie. Réponse à M. A. G. Bianchi._ S. 3-19 der + _Archives d'Antropologie criminelle_, Januar 1893. + +Gabriele Tarde wird nicht leugnen können, daß die Italiener sich +bemühen, ein gutes Beispiel der positiven Methode zu geben, vom +grundlegenden Werk des Meisters bis herab zu dem bescheidenen +popularisierenden Beitrag des letzten unter seinen Schülern. + +25. April 1893. + + =A. G. Bianchi.= + + Es konnte nicht die Aufgabe der Übersetzung sein, die Mängel, + welche die ungenügende allgemeine und litterarische Bildung des + M... seiner Darstellung anhaften ließ, zu beschönigen. Wenn der + Herausgeber die Selbstbiographie mit Recht ein wissenschaftliches + Dokument nennt, so durfte der Übersetzer sich Kürzungen und + Milderungen des Ausdrucks nur in mäßigem Umfange gestatten. Von + einer Übersetzung der Dichtungen des M... ist Abstand genommen, + weil die pathologische Persönlichkeit des Verfassers aus dem + Gebotenen hinlänglich erhellt, und das eingehende litterarische + Studium, dessen das Werk des M... nach dem Hinweise Bianchi's wert + ist, derselben entbehren kann. + + Dr. F. R. + + + + +Antonino M... + +Selbstbiographie. + + + + +Erster Teil. + +Mein erstes Unglück. + + +Vorbemerkungen. + +Wer rund geboren wird, kann nicht viereckig sterben. + +Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen. + +Wer blind geboren wird, der wird nie den Himmel schauen. + +Wenn Du Dir heute den Arm brichst, wirst Du morgen zum Galgen geschickt. + +Der erste Fehler führt zu einem Abgrund von Unheil. + +Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins +Gefängnis. + + +Meinem lieben Söhnchen Fernando Antonio. + + Mein geliebter Junge! + +Ich bin sehr unglücklich geworden und das rauhe Schicksal hatte niemals +Mitleid mit mir, nie wurde es müde, mich zu verfolgen, und von der Wiege +bis zum Grabe ist mir dieses elende und traurige Leben eine ständige +Marter. + +Dir erzähle ich die Verhängnisse meines bejammernswerten Lebens, und +wenn Betrug und die Schmach dieser bösen Welt Dir die Schritte zu dem +rauhen Pfad in der menschlichen Gesellschaft erschließen werden, dann +weine keine Thräne um das Andenken Deines unglücklichen Erzeugers, nein, +denn Weinen kommt den schwachen, feigen Herzen zu. -- Deines muß stark +und ruhig sein bei dem Anblick meines Unglücks; stark, stolz und +weltverachtend; aber lerne, o Sohn, auf dem geraden Weg der Tugend und +der Ehre wandeln, =lerne, mein süßes Söhnchen=[9] geduldig, ruhig und +kalt sein, im Einverständnis und im Gegensatz mit der menschlichen +Gesellschaft, lerne, vorausschauend für die Zukunft sein, ein Verächter +der Feigen, ein Spötter der Heuchler, eifere den großen und edlen Thaten +nach, sei ein liebreicher Bruder der Bekümmerten, ein Freund der +Gerechten und Ehrenhaften, gesittet und ehrfurchtsvoll gegen alle, +besonders gegen alte und rechtschaffene Leute, ein Freund der Armen, und +Deine Hand strecke sich gerne aus zum Trost der Elenden. Sei ehrlich und +anständig im Sprechen und bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur. + +Liebe und achte Gott den Höchsten, bete zu ihm von Herzen in nächtlicher +Stille und mit der Stirn im Staube, bete zu ihm an den heiligen Stätten; +denn er, unser Gott, der Herrgott unserer Väter, wird Dir ein Führer und +ein Tröster sein in den Widerwärtigkeiten des Lebens. Wende Dich an ihn +in Deinen Nöten, in Deiner Bedrängnis, und Du wirst Trost, Kraft und +Ergebung finden. + +Liebe, achte und habe Mitleid mit Deinem Nächsten, er ist von Deinem +Fleisch und Blut, er ist unglücklich und betrübt wie Du. + +Wolle Deinen Schwestern wohl, ich lege es Dir an's Herz, und ich +beschwöre Dich bei der Liebe, die ich zu Dir habe, bei den Thränen, die +ich um Dich vergossen habe, bei den Küssen voll unaussprechlicher +Zärtlichkeit, die ich Dir gegeben, liebe sie von Herzen, hilf ihnen in +ihren Nöten und sei ihnen ein zärtlicher Vater. Ja, nicht wahr, mein +lieber Junge, Du wirst Deine armen Schwestern lieben! Liebe sie, denn +ich liebe sie, so wie ich Dich nur lieben kann, und um sie vor Schande +zu bewahren, sollst Du Dein Leben auf's Spiel setzen, und tausend und +abertausend Mal wagen; wenn nicht, +verfluche+[10] ich Dich!! +Lerne aus meinem Leben ein Mensch sein, lerne geduldig leiden und Deine +Schritte zum Schönen, Guten, Besten lenken. + +Führe Deine Seele zur Ehre, zur Tugend, zur Weisheit. + +Lies oft meine Briefe und klage mich der Übertreibung, der +Überspanntheit, der Unverschämtheit, der Tollheit an, wie es die thaten, +die mich kannten, und ich will Dir alles verzeihen; alles will ich Dir +vergeben, Dir, der Du der köstliche Edelstein meiner Seele warst, Dir, +dem Atem meines Lebens, dem Traum meiner Träume. + +Parghelia, im Januar 1889. + + Dein Vater + Antonino M... + + [9] Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen. + + [10] Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript größer und + auffälliger geschrieben, als ob M... durch dieses Mittel den Worten + mehr Nachdruck verleihen wollte. + + +Der Mord. + +Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 habe ich auf einem +öffentlichen Platze einen armen Menschen ermordet. Ich war damals +achtzehn Jahre alt, von erregbarem Temperament, von heißem Sinn, und ob +aus Antrieb des Zornes oder nicht[11], das schlechte Betragen jenes +Dummkopfes, meines Bruders, ist die Ursache gewesen, daß ich einen +Menschen ermordete und mich kopfüber in ein Meer von Schmach stürzte. + + [11] Bemerkenswert ist der Zweifel über die psychologische + Beschaffenheit, in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist + lehrreich für die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung. + +Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem Gesicht und klopfendem +Herzen schlich ich in das Haus des Herrn Francesco Antonio Calzona, der +mich mit dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. Er gab mir +einen Strohhut, denn meiner war an dem Ort des blutigen Ereignisses +abgefallen, während ich mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm +einen derben Knotenstock in die Hand, kletterte über eine +Einfassungsmauer des Gartens und fing an, wie Kain über das Feld zu +laufen, verfolgt von dem Gebell der Hunde, während ein entsetzliches +Röcheln mir zu folgen schien, das mir sagte: + +»Was hast Du gethan, Du +Mörder+?!« + +Am Abend jenes verhängnisvollen Tages begab ich mich nach Tropea zu +meinem Onkel, dem Doktor V..., der mich aufnahm und mich in einem +kleinen Schlupfwinkel hinter der Treppe versteckte; dort +zusammengekauert beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und Staub; man +schloß mich in meinem Versteck ein, so daß ich in völliger Dunkelheit +blieb; bald hörte ich eilige Schritte auf der Treppe, es waren die +Karabinieri, die, nachdem sie eine gründliche Haussuchung angestellt +hatten, davongingen, die Handschellen mit sich tragend. + +Spät am Abend ließ man mich aus dem engen Loch heraus, zog mir die +Uniform eines Fußjägers an und mit meinen beiden Vettern zog ich in der +Richtung nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast von lauter +Verwandten von mir mütterlicherseits bewohnt wird, wurde ich mit Liebe +aufgenommen und man brachte mir alle erdenkliche Rücksicht entgegen. + +Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenbäumen, öfter machte +ich nächtliche Ausflüge nach den benachbarten Dörfern und nach +Parghelia, Nachts schlief ich auf Strohbündeln oder am Fuße eines +Feigenbaumes. + +Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei Worten ist es rasch +geschildert. Dreißig schlecht gebaute und gedeckte Hütten, alt und von +elendester Bauart, die Straßen ein Haufen tierischen Unrats, so daß man +sich den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man den Fuß +hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze der Schloßturm des Barons +Fabiani, des Herrn und Beschützers der ländlichen Hütten und ihrer +Bewohner. + +Nichts anderes sieht man als einen Hain von Feigenbäumen, deren +schmackhafte Früchte sehr beliebt sind; nicht weit von diesem +erbärmlichen Wohnort sieht man Coccorinello, an Leib und Seele jenem +verwandt. Die Einwohner beider Dörfer sind elende Ackerarbeiter, zwei +oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines Stück Land besitzen, mit +Feigenbäumen von allen Arten, blutfarben, naturfarben und weiß, +bepflanzt. + +Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er betrügt die armen +Kerle, schindet hier ein altes Huhn, da ein Paar Eier und dort einen +Korb mit Früchten. + +Die Einwohner sind gutherzig, ehrerbietig und liebenswürdig gegen +Fremde, aber unwissend und abergläubisch. + +Während ich in Coccorino im Hause meines Onkels Domenico weilte, eines +guten Alten, der dem Bacchus sehr ergeben war, waren mir diese +Verwandten sehr gewogen und wetteiferten darin, mir mein Versteck +weniger unerträglich zu machen; meine Base Caterinuzzo, das Faktotum der +Lagerräume und des Hauses des Barons Fabiani, regalierte mich oft mit +schmackhaftem Kuchen oder Käse oder anderen Sachen; sie hatte mich sehr +gerne und ich konnte aus dem Wohlwollen entnehmen, daß ein wenig +=irdische= Liebe darin steckte. Sie war jung und nicht häßlich, aber in +meiner kritischen Lage konnte ich mich um ihre bangen Seufzer wenig +kümmern. + +Eines Tages kam meine Tante Domenica an, eine Schwester meiner Mutter, +mit ihrer Tochter Vincenzina, einer achtzehnjährigen Jungfrau, schön wie +die Sonne, schön und verführerisch in der That, und wer sie kennt, wird +mich nicht Lügen strafen; sie kamen Geschäfte halber aus Parghelia +hierher; mir kommt es nicht zu, die Nase in die Angelegenheiten der +Mutter und der Tochter zu stecken, die mir etwas launisch, aber durchaus +ehrbar schienen. + +Vincenzina verliebte sich, so viel ich sehen konnte, in einen Vetter von +mir, Antonino del V... aus Coccorino; als ich sie sah, so frisch und +rosig, kam mir die Laune, ihr den Hof zu machen; wir sahen uns, wir +lächelten uns an, und unsere Herzen krampften sich zusammen; eines +Tages, als wir gerade allein waren, sagte ich ihr zitternd: + +»Vincenzina, ich liebe Dich!« + +»Ich liebe Dich auch,« antwortete sie errötend. + +»So wollen wir uns immer lieben?« fragte ich. + +»Immer, immer,« antwortete sie mit Thränen in den Augen; »aber Du wirst +nicht fortgehen, nicht wahr, Antonino?« + +Eine dichte Wolke flog über meine Seele, mein Herz wurde kalt, ich war +vernichtet und stotterte: + +»Die Zeit ... die Wechselfälle des Lebens ... es wäre möglich ...« + +Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino blieb, und ihre Mutter +war mit unserer Liebe zufrieden. Und wollt ihr es glauben? Niemand +dachte daran, daß ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt, +eine Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, niemand +dachte daran, nicht einmal ich. + +Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre Tochter wieder ab, ich +will nicht von der bitteren Trennung sprechen; wir reichten uns die +Hände; Vincenzina und ich küßten uns und unsere Wangen bedeckten sich +mit heißen Thränen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel fort. Heiß +und zärtlich waren die Briefe Vincenzinas, und heißer und verliebter +waren die meinen, die ich ihr täglich zukommen ließ. Es entstand eine +mächtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter Antonino, dem ersten +Liebhaber Vincenzinas, den sie plötzlich verließ, indem sie mich an die +Stelle ihres ersten Liebhabers treten ließ. Wenn nicht die Verhältnisse +gewesen wären, wer weiß, was zwischen den leidenschaftlichen Liebhabern +vorgekommen wäre. + +Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia in das Haus +Vincenzinas, dort in einem Winkel der Kammer neben einander sitzend, +schworen wir uns ewige Liebe, ewige Treue. + +Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage an mich, den mir Herr +Bruno Chimirri, mein Anwalt in Catanzaro schickte. Von einigen meiner +Vettern begleitet, begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia. + +Ich vergaß mitzuteilen, daß während meiner Verborgenheit meine beiden +Schwestern sich mit zwei Spilingoten verheirateten, Antonio M... und +Giuseppe M..., beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, ohne +daß ich etwas davon wußte. Mein Onkel, der Priester Girolami M..., +Bruder meines verstorbenen Vaters, ein sehr gelehrter und +wissenschaftlicher Mann, aber unkundig der Ränke dieser Welt und +einfältig wie ein Kind, möchte ich sagen, willigte in die Ehe ein; man +lockte ihn dadurch, daß man ihm zu verstehen gab, jene gewaltthätigen +Männer seien Mordkerle und von allen gefürchtet, und daß dadurch, daß er +mit ihnen verwandt würde, er und die Familie geachtet und gefürchtet +sein würde. Armer blinder Herr!!... + +Doch zu mir zurück und man verzeihe die Abschweifung. + +Zu Hause fand ich Domenico M..., den Vater des eben erwähnten Antonio, +der trotzdem die Mütze eines Kapitäns der Nationalgarde trug. An jenem +Tage aßen und tranken wir vergnügt, aber am Abend gingen meine Vettern +von Coccorino weg. Am folgenden Tage nach dem ersten Aufenthalt in +meinem Hause begab ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an jenem +Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante von mir, eine Nonne, dumm +und boshaft wie Proserpina, brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes +Mahl mit Vincenzina zu feiern. + +Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe für mich gewesen; die +hübsche, rosige Hand meiner Geliebten reichte mir einen Flügel des +Huhnes dar, dann einen Becher voll schäumenden Weins, indem sie mit der +größten Anmut von der Welt sagte: + +»Trink, Antonino, trink auf mein Wohl.« Und ich trank begeistert, +berückt, indem ich ihr in die schwarzen leuchtenden Augen schaute. + +Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, ihre Mutter und ich zu +einer geheimen Ratssitzung zusammen und begannen zu erwägen, wie +Vincenzina und ich uns durch unlösbare Banden knüpfen sollten. Nach +verschiedenen Meinungsäußerungen wurde beschlossen, den Pfarrer zu rufen +und uns in Gegenwart zweier Zeugen heimlich zu verbinden. So geschah es. +Nachdem der ehrwürdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen war, ein +alter und hinfälliger Mann, und zwei Zeugen, wurde er veranlaßt, sich zu +setzen. Kaum saß er, so pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit +fester, deutlicher und lauter Stimme zu ihm: + +»Hochwürden, diese« -- indem ich Vincenzina zeigte, »ist meine +rechtmäßige Gattin.« + +Vincenzina erhebt sich und sagt mit gleicher Stimme: + +»Dies, Hochwürden,« -- indem sie auf mich zeigte, »Antonino M... ist +mein rechtmäßiger Gatte.« + +Wütend erhebt sich der Hochwürdige und fluchend und gestikulierend geht +er seiner Wege. + +Ich verehrte Vincenzina einen Ring mit Diamanten und sie gab mir einen +Ring mit ihrem goldenen Haar. + +Es nahte sich der Tag, wo ich nach Catanzaro abreisen und mich dem +Präfekten vorstellen mußte. + +Es wurde beschlossen, daß Domenico M... _alias_ Stadtvorsteher und +Vincenzo M... _alias_ Beigeordneter mich nach Catanzaro begleiten +sollten. Es giebt in jenem Parghelia einige Bürschchen, die sich als +Helden, als Mordkerle ersten Ranges aufspielen, die sich für Wunder was +halten und nachher der Polizei Hülfe leisten, sie verteidigen und +beschützen: gemeine, dumme, falsche Seelen! Sage ich unrecht, meine +teuren Landsleute? + +Folgen wir dem Faden unserer Erzählung und beschäftigen wir uns nicht +mit jenen Dummköpfen, jenen Kanaillen von Spionen. + +Von den Karabinieri begleitet, mußte ich mitten durchs Dorf gehen, um zu +Vincenzina zu kommen und ihr das letzte Lebewohl zu sagen: wir küßten +uns und unsere Thränen flossen zusammen, sie fiel ohnmächtig in meine +Arme ... + +Ich durchwanderte die ganze Gegend, von den Bewaffneten begleitet. In +Tropea empfing ein vierspänniger Wagen Domenico M..., Vincenzo M... und +mich, im Galopp fuhren wir durch Monteleone, ohne daß jemand den Mund +aufthat. + +In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anwälten, den Herren Bruno +Chimirri und Giacinto Oliverio. + +Ich wurde dem Herrn Präfekten vorgeführt, und nachdem dieser den +Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde ich durch einen Wächter der +öffentlichen Sicherheit in das Gerichtsgefängnis S. Giovanni geleitet. + +Der Wachtmeister, Luigi S..., früher ein berüchtigtes Mitglied der +Camorra, jetzt ein wütender Verfolger derselben, zeichnet mein +Signalement, Namen und Vornamen in ein großes Register ein, ein +Gefangenenwärter befiehlt mir, mich auszuziehen und eine sorgfältige und +gründliche Untersuchung ergeht über meine Kleider und über meine Person; +dann kleide ich mich wieder an und werde in das sogenannte Neue +Gefängnis geführt, wo man mich im Kassenzimmer läßt. Es waren drei +Zimmer, von ungefähr zehn Gefangenen bewohnt, darunter ein alter Mönch +und zwei Priester, die wegen Beihülfe zum Raub angeschuldigt waren und +mehrere andere Bürger wegen anderer Anschuldigungen. Unter dem Fenster, +wo ich weilte, und das durch ein vergittertes Mauerwerk gesichert war, +war ein kleiner Hofraum, wo ungefähr zwanzig berüchtigte Briganten Luft +schöpften, da waren die berüchtigten Pietro Bianchi, Bulfalaro, Pietro +Lo Monaco, Perelli und andere, alle von den Assisen in Catanzaro zum +Tode verurteilt, die sich hier während der Berufung befanden, um nach +Bestätigung des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio Calabria +überführt zu werden, wo sie die sanfte Schneide des Henkerbeils zu +kosten bekommen, als Strafe für ihre Räuberei[12]. + + [12] Beachtenswert ist der Abscheu, den M... vor denjenigen zeigt, die + nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert ist + auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob es gar nicht + geschehen wäre. + +Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des Jammers und erinnere mich, +daß ich in eines der Fenster die Worte eingeschnitten hatte: + +»Antonino M..., zum Tode verurteilt.« + +Aus dem Neuen Gefängnis kam ich ins Alte Gefängnis, das demselben +benachbart ist; dort fand ich eine zweite Hölle, eine neue Brut elender +Gefangener. + +Ich mühe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber es würde die Feder +eines Eugène Sue oder eines Francesco Mastriani nötig sein, um hundert +dicke Bände zu schreiben, um die Leidenschaften, die Charaktere und die +Herzen der Menschen zu schildern. + +Ein großer und geräumiger Hofraum, der sechshundert Gefangene aufnehmen +konnte, und ringsum elf Zimmer wie feuchte dunkle Höhlen. Ein einziges +enges und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert ein +fahles, trübes Licht, und wenn man mit dem Blick sucht, sieht man +draußen nichts als eine hohe massive Mauer; Läuse und andere ekelhafte +Insekten kriechen scharenweise an den feuchten Wänden herum, ein +widriger Fäulnisgeruch entströmt dem Pflaster. Am Eingang der Höhle +waren zwei große Gitter, eins von Eisen, das andere von Holz, und wenn +im rauhen Winter der Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein +höllischer Tanz aufgeführt. Die Bewohner der traurigen Gruft waren +hagere, dürre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, das Auge, der +Spiegel der Seele, war erloschen und lag tief in der Höhle. + +Schlecht gekleidet, schlecht ernährt, unsauber -- trotzdem waren diese +elenden Geschöpfe des lieben Gottes lustig, die Feinde Gottes und seiner +gütigen Vorsehung. + +Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, zehn-, fünfjähriger, zu +lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten, +zu einer Woche, zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren, +Angeschuldigte, die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten, +alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, eingeschlossen +in einen eisernen Ring, unter der unerbittlichen Hand des Unglücks und +unter der schweren Geißel der Gefängniswächter. Das war der Raum zu +ebener Erde. + +Der obere Raum setzte sich aus fünf großen Zimmern zusammen, die an +dreihundert Gefangene enthalten konnten. Ein großer Säulengang mit +langen Eisengittern in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der +oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde frische Luft schöpften, +und diente als Durchgang für die Wärter und die Gefangenen; zur linken +des Eingangs war das Krankenzimmer, in zwei höher gelegenen Zimmern +wohnten die Wärter. Um die oberen Räume kennen zu lernen, braucht man +nur die unteren zu vergleichen, die ihnen gleich waren, was Schmutz und +Lebensführung betrifft; jedoch mit dem Unterschied, daß man zu ebener +Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, oben dagegen auf Pritschen +lag; je zwei der fauligen und stinkigen Strohsäcke nahmen drei Gefangene +auf. + +Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein ranziger, bitterer, +ekelhafter Brei, das Brot trocken, schwarz, widerlich; aber man achtete +diese Nahrung wenig oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags +brachte jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefüllten +Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen Schenke ausgegeben +wurde.[13] + + [13] Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen. + +Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, zur Zeit der Freistunde, +befand ich mich im Säulengang, denn ich war in eines der oberen Zimmer +geschickt; es ertönt die Glocke als Zeichen, daß die zum Luftschöpfen +gewährte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in sein Gemach zurück +mußte. Beim gewohnten Geräusch rührt sich keiner, als ob man das +Klingeln der Glocke nicht gehört hätte; es läutet zum zweiten Mal; +dieselbe Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die +Wächter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend und drohend. Ein +Schrei, ein drohendes Gebrüll erscholl aus tausend Kehlen. + +»Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, schlagt den +Wachtmeister tot, schlagt die Wächter tot!« Und zweitausend Augen +funkelten im Dunkeln und tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in +die Luft. Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst, +vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem +Bajonnett bewachte den Ausgang, zwei Kanonen wurden aufgefahren, die +Mündung nach dem Schloß S. Giovanni gerichtet. + +Der Präfekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen begleitet, kommt +hinzu, und alle gehen zusammen mit dem Wachtmeister auf den Säulengang, +dem wütenden Haufen gebietend, daß jeder sich in seine Zelle begeben +solle. + +»Herunter!« so ertönte es, »hinaus mit dem Schurken!« und tausend Eisen +leuchteten drohend zu dem Präfekten empor. Nun ersuchte der Beamte die +Menge einen Augenblick um Ruhe; er ließ den Gefangenen Diogene Pierre +rufen und sprach mit ihm, während ein triumphierendes Lachen seine +trockenen Lippen umspielte. + +»Brüder und Freunde«, rief Pierre der schweigenden Menge zu, »geht alle +hinein!« + +Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog sich zurück, wie eine +Viehherde in den Stall geht. Tags darauf wurde Diogene Pierre, der zum +Tode verurteilt war, ein berüchtigter Räuber und Mitglied der Camorra, +seiner Anstalt übergeben, um die heimatliche Luft zu genießen; wenige +Tage später durchbrach er ein Gitter des Gefängnisses und entfloh auf +das Land, in der Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber +er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die ihm ins +Rückgrat gejagt wurde, sodaß er alsbald vor seinem Teufel stand, eine +Rechnung über seine Heldenthat abzulegen. Nachdem Pierre aus dem +Gefängnis fort war, verlor die Verschwörung ihre Kraft und Kühnheit; die +Camorristen, ungefähr vierzig an der Zahl, wurden in schrecklichen +düsteren Zellen in Eisen gelegt und ihrem Schicksal überliefert, wenn +sie verurteilt waren; unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in +Untersuchung waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem die +Knochen tüchtig mit der Zwangsjacke geschnürt wurden, zu leiden. + +Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich zu sehen; sie gaben mir +wenig Hoffnung über den Ausgang meiner Sache; umsoweniger, da die +Anklage auf Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete. + +Ich blieb acht Monate in der Misthöhle zu Catanzaro, bis eine Abteilung +der Karabinieri in schleunigem und besonderem Auftrag mich fesselte, um +mich nach Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung der +Assisen eröffnet und wurden alle, welche an der Ueberführung teilnahmen, +in öffentlicher Verhandlung abgeurteilt und ich mit ihnen. + +Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt ging ich zwischen zwei +Karabinieri nach Tiriolo ab, zu Fuß. In diesen Hundstagen mußte ich +sechs Stunden marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam ich +in Tiriolo an, müde und matt, ohne Geld und halb tot vor Hunger und +Durst; ich hatte nur Schwarzbrötchen, die man mir gegeben hatte, als ich +den Kerker zu Catanzaro verließ, aber was nützten sie mir? + +Mir war die Kehle zugeschnürt, ausgetrocknet, daß ich mit Mühe und Not +etwas salziges Wasser schlucken konnte; die Nacht habe ich auf einer +groben Pritsche geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten in +der Richtung nach Maida geführt und machte wieder fünf oder sechs +Stunden angestrengten Marsches; dort warfen sie mich in eine Höhle, +welche die Höhle von Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit +zwei ungeheueren Gittern versehen, öffnet sich nach einer Terrasse hin, +gegenüber lag eine =Spinnerei=; dieses Fenster war brusthoch, sowohl von +innen wie von außen. Da lag ich in der finsteren Höhle, gewiß würde ich +sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen war mein armer +Magen völlig leer, die Kehle geschlossen und so ausgetrocknet, daß ich +kaum sprechen konnte. Von unserm Herrgott und den Heiligen verlassen, +wie konnte ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fünf oder sechs +Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich über Gott und seine +Vorsehung. + +Ich Dummkopf! + +Die Vorsehung Gottes verläßt die Geschöpfe nie, nein, sie verläßt sie +nicht, der irregelenkte Mensch wird von dem Blick des göttlichen +Schöpfers verfolgt.[14] + + [14] Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem + abergläubischen Fatalismus, von dem M... eine Probe in den + Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z. B.: »Der Stern, der Dir + im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.« + + Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf die + Möglichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit und + Anstrengung des Verstandes, in welche M..., man möchte sagen durch + unbewußte Intuition, verfällt. In denselben Vorbemerkungen sagt er: + Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins + Gefängnis, und in dem Brief an seinen Sohn fügt er hinzu: Bilde Dir + aus der Erziehung eine zweite Natur. + +Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, sie sah mich und +lächelte mich an, indem sie sagte: »Du hier! Dein Papa und Deine Mama +wissen nichts! O, ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen!« Und +hinkend lief sie davon. Ich hielt sie für verrückt oder albern, und gab +nichts auf das, was sie mir gesagt hatte. + +Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler Greis mit langem weißen +Bart sich vor mein Fenster stellte und mich lächelnd ansah. Ich fragte +ihn: + +»Herr! wünschen Sie etwas von mir?« + +»Nichts«, antwortete er freundlich, »aber bitte, könnten Sie mir sagen, +woher Sie sind und wie Sie heißen?« Nachdem ich ihn befriedigt hatte, +fragte ich ihn: + +»Würden Sie mir den Grund Ihrer Fragen nennen?« + +»Wissen Sie, braver Jüngling«, sagte er, »Sie ähneln vollständig meinem +Sohne Peppino, wenn Sie in mein Haus kämen, würden meine Frau und meine +Söhne Sie für ihn halten; ich wundere mich, wie die Natur Sie meinem +Sohne so ähnlich hat machen können; wissen Sie«, fügte er hinzu, nachdem +er mich aufmerksam angesehen hatte, »ich beglückwünsche mich dazu, ich +bin darüber froh; was ich für Sie thun kann, werde ich thun, wie meinem +Sohn; nachher werde ich ihn hierher führen, ich will, daß er Sie +umarme.« + +Er ging dann, nachdem er mir die Hand gereicht hatte, indem er kaum die +Thränen zurückhielt, die ihm in seine himmlisch schönen Augen traten. + +Nicht lange darauf ließ der Wärter mich in sein Zimmer treten, ein +Jüngling und jener edle Greis waren da, sie sahen mich zwei Minuten lang +an, dann wandte sich der Vater an den Sohn und sagte: + +»Wohlan, Peppino, umarme ihn!« + +Der liebe junge Mann warf sich in meine Arme, wir küßten uns wiederholt +innig, der Greis, dem die Thränen über die blassen Wangen rannen, küßte +mich mehrere Male, indem er sagte: + +»Mein Sohn, ich segne Dich!« + +Sie wollten von meinem Unglück hören, und als sie erfuhren, daß ich seit +drei Tagen nichts gegessen hatte, waren sie sehr betrübt. Ich sagte zu +ihm: + +»Herr, könnte ich Ihren Namen wissen, damit er sich meiner Seele +einpräge, weil ich Ihnen heißen Dank schulde?« + +»Ja, mein Sohn, ich heiße Francesco R..., dies«, auf seinen Sohn +zeigend, »ist mein geliebter Sohn Peppino, wir stehen ganz zu Ihrer +Verfügung.« + +»Dank, Herr, Dank für Ihr edles Herz; mir genügt die väterliche +Zärtlichkeit, die Sie mir erwiesen haben und zu wissen, daß die +Vorsehung ihre elenden Geschöpfe nicht verläßt.« + +Sie gingen, indem sie sagten, daß sie bald zurückkehren würden. + +Am Mittag kamen sie mit einem Diener zurück, der einen großen Korb auf +dem Kopf trug. + +Herr Francesco sagte zu mir: + +»Mein Sohn, ich gehe zu meiner Familie zurück, ich habe heute viel zu +thun, wir werden uns heute Abend wiedersehen; mein Sohn bleibt hier, um +mit Dir zu speisen und zu plaudern.« Er drückte mir die Hand und ging. + +Der Gefangenenwärter machte eine schöne Tafel zurecht, wir setzten uns +zu Dreien nieder und fingen heiter an zu essen und von dem +ausgezeichneten Wein zu trinken. Eine schöne Geflügelsuppe, zwei +gesottene Hühner, ein Kalbsbraten, gebratene Eier, Käse und viel Obst +machten unser Mahl aus. Wir sprachen von vielerlei Dingen und Peppino +sagte oft zu dem Wärter: + +»Geben Sie mir diesen teuren Gefangenen, damit er heute Abend bei mir +schläft und daß ich ihn meiner lieben Mama zeigen kann.« + +Der Wärter wollte es nicht zugeben. + +Peppino schenkte mir ein Paket toskanischer Cigarren. + +Abends kam der edle Herr wieder und sagte zu mir: + +»Ich habe mit dem Offizier der Karabinieri, einem guten Freunde von mir, +gesprochen, und habe ihn gebeten, alles daran zu setzen, daß Sie morgen +nicht abreisen müssen und ein paar Tage hier bleiben können. Wir begaben +uns zu der Station der Karabinieri, wo er, nachdem man meine Papiere +untersucht, mich zu seinem Leidwesen wissen ließ, daß er mir nicht +dienlich sein könne, da es unmöglich sei; Sie müssen übermorgen auf dem +Gericht zu Monteleone sein, da Ihre Sache verhandelt wird. Das schmerzte +mich nicht wenig, denn ich hatte den Vorschlag gemacht, morgen meine +Frau mitzubringen; da ich ihr von Ihnen erzählt hatte, äußerte sie den +lebhaftesten Wunsch, Sie zu sehen.« + +Er erkundigte sich, ob ich gegessen und getrunken habe; wenn ich etwas +benötigte, solle ich es ihn wissen lassen. + +»Herr«, sagte ich, »ich mißbrauche Ihre Menschenfreundlichkeit, aber die +absolute Notwendigkeit, in der ich bin, läßt mich anspruchsvoll sein ...« + +»Nein, nein«, antwortete er erregt, »sprechen Sie, sprechen Sie, wir +stehen ganz zu Ihrer Verfügung.« + +»Ich brauche fünf Lire, um den dringendsten Bedürfnissen zu begegnen, +wenn ich in Pizzo und in Monteleone sein werde.« + +»Peppino«, sagte der Vater zu dem Sohn, »geh' nach Hause und versorge +den braven Jüngling mit Geld.« Peppino steckt die Hand in die Tasche, +leert seine Geldtasche, nimmt zwei Fünflirenoten und giebt sie mir. + +»Nein, nein«, ruft der Vater, »mein Sohn, das ist zu wenig, geh' nach +Hause und versorge Deinen Bruder mit Geld.« + +»Ich danke, Herr«, sage ich, »ich danke, das ist zu viel, fünf Lire +genügen mir.« + +»Und ich sage, daß es zu wenig ist«, sagte Herr Francesco erregt, »geh' +nach Hause, sonst ...« + +»Herr, ich nehme nicht einen Centesimo mehr an; wenn Sie auf Ihren +Vorschlag bestehen, bin ich gezwungen, die zehn Lire zurückzugeben.« + +»Nun wohl, dann nehmen Sie dies kleine Geschenk an, als Pfand meiner +Liebe für Sie«, und indem er einen goldenen Ring vom Finger nahm, +steckte er ihn an meine Hand -- »und ich bitte Sie, ihn oft anzusehen +und sich meiner zu erinnern. Wenn Sie etwas bedürfen sollten, so +erinnern Sie sich an Francesco R..., und wenn ich die wenigen Tage, die +mir noch verbleiben, vollendet habe, dann werde ich es meinen Söhnen als +Vermächtnis lassen, Ihrer zu gedenken, um Ihnen bei jeder Not +beizustehen. Morgen werden Sie nach Pizzo abreisen, mein Sohn wird Sie +vor dem Gefängnis mit einem Wagen und einem Kutscher erwarten, ich habe +Sie den Karabinieri warm empfohlen und hoffe, Sie werden keine +unangenehme Reise haben.« Er umarmte mich und küßte mich mehrere Male, +mich mit väterlicher Zärtlichkeit an die Brust drückend. + +Tags darauf in der Frühe reiste ich, nachdem ich Peppino umarmt hatte, +von dannen. + +In Monteleone kam ich am Abend des vierten August an, am folgenden Tage +sollte ich den Assisen vorgeführt werden. + +Der Anwalt Herr Chimirri kam zu mir und sagte mir, daß er in Geschäften +in Monteleone sei und daß er aus reinem Zufall erfahren habe, daß meine +Sache verhandelt werden solle. Meine Verwandten waren nicht gekommen, +Entlastungszeugen waren nicht vorhanden; so erwarteten mich denn zwanzig +Jahre Zwangsarbeit. + +Herr Chimirri kam nicht in Verlegenheit, die Schlauheit der Advokaten +geht weit. + +»Geben Sie mir rasch vier Personen aus Ihrer Heimat an, die entweder tot +oder im Ausland sind.« + +»Pasquale Colace fu Francesco, Leonardo Calzona di Francesco Antonio, +Marco Colace fu Francesco Antonio, Antonino Mazzitelli di Vincenzo.« + +Er schrieb die armen Verstorbenen in sein Notizbuch und ging. + +Ich werde in den Gerichtssaal geführt, nehme auf der Anklagebank Platz, +die Geschworenen werden ausgelost, als alles in Ordnung ist und ich +verhört worden bin, werden die Belastungszeugen gerufen, deren acht +waren, die Rache gegen mich schnoben und mich als einen wahren Mörder +hinstellten. Es werden die Entlastungszeugen gerufen, der Gerichtsdiener +öffnet die Thür des Zeugenzimmers und ruft: + +»Pasquale Colace fu Francesco.« + +»Nicht erschienen.« + +»Marco Colace fu Francesco Antonio.« + +»Nicht erschienen.« + +»Leonardo Calzona di Francesco Antonio.« + +»Nicht erschienen.« + +»Antonino Mazzitelli di Vincenzo.« + +»Nicht erschienen.« + +»Beim Aufruf fehlen alle, Herr Vorsitzender.« + +Wer weiß, ob diese armen Toten wissen, daß sie vor dem Gericht zu +Monteleone eine lächerliche unsinnige Macht darstellen. + +Mein Verteidiger erhebt sich und protestiert. + +»Die Entlastungszeugen fehlen, ich kann die Verhandlung nicht +fortsetzen.« + +»Herr Präsident!« ruft einer der gegnerischen Partei, »diese Zeugen sind +lange vorher gestorben, ehe der Angeklagte das Verbrechen beging.« + +»Sie sind tot?« sagte mein Verteidiger, »so werden wir sehen, ob sie auf +Kosten des Angeklagten aus dem Höllenrachen gezogen werden sollen, um +ihre Aussage abzugeben, oder ob ein anderer Entlastungsbeweis angetreten +werden soll.« + +Alle lachten bei dieser Rede des Herrn Chimirri, der Vorsitzende läutet +und sagt: + +»Die Verhandlung ist geschlossen.« + +Alle blieben mit langer Nase sitzen und ich wurde ins Gefängnis geführt. + +Ich erinnere mich nicht, welcher Streit sich zwischen mir und einem +Gefangenenwärter entspann, -- ich geriet in Zorn und gab ihm eine +Ohrfeige, wodurch ich mir vierzehn Tage Wasser und Brot zuzog, während +der Oberwächter De Cola, der halb blind war, mir sagte: + +»Das haben Sie gut gemacht, der Wärter war eine Kanaille.« + + +Fünf Jahre. + +Am Mittag des 17. November 1869, vierzehn Monate nach dem blutigen +Ereignis, verurteilte der Hof der Assisen zu Monteleone mich zu der +Strafe von fünf Jahren Gefängnis und zu den Kosten des Urteils, wegen +Totschlags, begangen im Zorn und infolge schwerer Aufreizung. + +Ich schrieb an Herrn Francesco R... in Tiriolo, teilte ihm die gegen +mich erkannte Strafe mit und schickte ihm eine Anweisung über zehn Lire, +das Geld, welches er mir geliehen hatte, als ich das dortige Gefängnis +verließ. + +Ich bewahre noch seinen Brief auf, als heiliges Pfand meiner Dankbarkeit +gegen ihn. + +Folgendermaßen lautet der Brief des Herrn R...: + + Mein gottgesegneter Sohn! + + »Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrübt, und betrübt sind + auch meine Frau und meine Söhne. + + Ich danke Ihnen für die Empfindungen edlen Wohlwollens, die Sie in + Ihrem Schreiben bekunden und bitte Sie zu glauben, daß unsere Liebe + zu Ihnen immer dieselbe ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst + das Glück hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung + über zehn Lire zurück, und mir mißfällt Ihre Handlungsweise; ich + hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, aber ich möchte Ihr + Ehrgefühl nicht verletzen, da ich Sie als sehr zartfühlend erkannt + habe; doch bitte ich Sie, sich in jedem Augenblick an mich zu + wenden, wo Sie etwas nötig haben, mit Vergnügen und ohne jeden + Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein zärtlicher Vater + es vermag. + + Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch wir Sie immer lieben + werden. Ihr zärtlicher Brief ist wiederholt von mir gelesen worden + und unsere Herzen sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen. + Fassen Sie Mut, fünf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich auf + die göttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, ihre Geschöpfe + nie verläßt. + + Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten in Maida, kommen + Sie und überraschen Sie uns, ja? Und werde ich unter der Zahl der + Lebenden sein, um Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte, + werden meine Söhne Sie statt meiner umarmen. + + Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem Aufenthalt, fordern Sie + immer etwas von mir. Meine Frau ist betrübt, Sie nicht gesehen zu + haben, sie weint bei Ihrem Brief. + + Empfangen Sie die Grüße meiner Familie, Peppino umarmt Sie und + sagt, daß er Sie dort besuchen will. + + Ich küsse Sie von Herzen und segne Sie. + + Maida, den 2. Dezember 1869. + + Ihr zärtlicher Vater + Francesco R...« + +In der Zwischenzeit, während ich mich im Gefängnis zu Catanzaro befand, +heirateten meine Schwestern, und mein Bruder verheiratete sich mit +Micheline M..., einer Spilingotin, der Schwester eines von denen, die +meine Schwestern geheiratet hatten. Während diese Brut und der Dummkopf, +mein Bruder, sich auf den Festen Hymens ergötzten, Wein tranken und das +halbe Erbteil verpraßten, das mein unglücklicher Vater ihnen +hinterlassen hatte, seufzte ich Ärmster in den finsteren Höhlen zu San +Giovanni in Catanzaro. + +Ich weiß nicht, wie lange ich im Gefängnis zu Monteleone blieb. Jener +gute Alte, mein Onkel, der Priester Girolamo M... kam oft, mich +besuchen, wobei er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel +schilderte, und er pflegte sie einen »himmlischen Engel« zu nennen, und +sagte, daß sie schön und kräftig sei. Ich konnte daraus entnehmen, daß +er an der famosen Micheline etwas fand, das ihn erregte und ihm einen +heimlichen Kitzel verursachte, so alt er war, oder daß er etwas +elastisches gesehen habe, worüber er den Kopf verlor. Der arme Thor! + +Micheline M..., die Tochter des Schurken Betta, die verbissene Schülerin +der Grundsätze des berüchtigten +Ruina+, ein Engel an Leib und Seele!! + +Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen und dann werden die +Spilingoten und meine Landsleute mir Gerechtigkeit widerfahren lassen. + +Es kam Befehl vom Ministerium, daß achtzig Gefangene aus dem Gefängnis +Calabriens nach Lucera do Puglia geführt werden sollten, um dort ihre +Strafe zu verbüßen, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen. + +In meiner Abteilung waren wir neun in einem Zuge. Wir reisten über Pizzo +und in jenem Gefängnis sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam, +der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte meine Familie +meinen Verwandten, Michela M..., damit, alles mögliche zu thun +vermittelst ärztlicher Zeugnisse, daß ich an jenem Tage nicht mit +abreiste. Ich blieb einen Monat im Gefängnis zu Pizzo, alle andern +Gefangenen waren in Lucera angekommen, ich allein fehlte. Im Gefängnis +zu Pizzo waren in dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fünfzehn oder zwanzig +Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach dem Bagno +geführt werden sollten, die andern waren Angeklagte und standen unter +schwerem Verdacht. + +Man kam überein, einen Fluchtversuch zu machen, und im Fall des +Gelingens auf das Land zu fliehen. Man fing an, an dem Abtritt zu +arbeiten, es war nur nötig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, daß +ein Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die zu dieser Arbeit +geeigneten Eisen und begannen in aller Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends +der Wärter kam, um die Gefangenen zu zählen, dann leuchtete er auch mit +einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu inspizieren; aber wir +waren schlauer als er, und wenn wir einen Teil des Tages gearbeitet +hatten, brachten wir alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, daß es +aussah, als sei nichts zerstört; nachher, nach der abendlichen +Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen ins Werk. Wir arbeiteten +fünf oder sechs Tage, so daß an der Außenseite nur noch der Kalk an der +Mauer blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben hätte. + +Wir hielten Rat: diese Nacht mußten wir fliehen, aber ein starkes +Hindernis stellte sich uns entgegen, denn nahe dem Ort, wo die Flucht +statthaben sollte, stand die Schildwache. + +Was war zu thun? + +Wir beschlossen, das Los zu werfen, und wer herauskam, sollte die Mauer +sprengen, sich rasch auf die Schildwache stürzen und sie niederschlagen, +ohne daß sie Alarm machen konnte. Nachdem wir gelost hatten, wollte das +Schicksal, daß ein gewisser Luigi Martelli aus Catanzaro bestimmt wurde, +der zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit verurteilt war; der zweite sollte +ich sein, dann die andern der Reihe nach. + +Den ganzen Tag beratschlagten wir, jeder von uns war mit einem langen +dreieckigen Dolch bewaffnet. + +Abends kam der Wärter zu dem gewöhnlichen Besuch, zählte die Gefangenen, +und als er vor dem Gefangenen Farabella vorbeikommt, öffnet dieser die +Tabaksdose, die er in der Hand hatte und sagt zu dem Wärter: + +»Herr Ciccio, nehmen Sie eine Prise?« + +Ciccio nahm die Prise und sagte: + +»Ich danke, Farabella.« + +Er ging auf den Abtritt, untersuchte die Mauern und entfernte sich. + +Es konnte ungefähr sechs Uhr sein, als eine Abteilung Soldaten mit +aufgepflanztem Gewehr und Karabinieri das Haus umstellten. Die Thür +unseres Zimmers öffnet sich, es tritt der Chef mit zehn Karabinieri mit +aufgepflanztem Bajonett herein, wir müssen uns paarweise in Reihen +aufstellen, wir werden untersucht und es wird entdeckt, daß wir mit +langen Dolchen bewaffnet sind. + +Der Anführer stößt von außen mit einem Gewehrkolben gegen die Mauer des +Abtritts und die schwache Kalkkruste geht in Stücke. + +Der Abtritt wird untersucht, unsere Arbeit entdeckt, man findet die +Meißel, die Stangen und Hämmer, die im Kot begraben lagen. Wir werden +mit Eisen und Handschellen und starken Ketten gebunden und der Chef der +Wache frägt: + +»Wer heißt hier Antonino M...?« + +»Ich, Herr«, antwortete ich. + +»Wächter«, befiehlt der Anführer, »lassen Sie den Gefangenen M... in das +obere Zimmer gehen, aber bewachen Sie ihn gut!« + +Dank meinem Verwandten Michele Accorinti ging ich frei aus, denn nachher +habe ich erfahren, daß die armen Teufel tüchtig geprügelt wurden und als +am folgenden Tage der Dampfer auf der Rhede vorbei kam, mußten sie unter +strenger Aufsicht nach ihrem Bestimmungsort abreisen; die +Angeschuldigten nach Monteleone mit warmen Empfehlungen von dem Direktor +und dem Chef. + +Ich vergaß dem Leser mitzuteilen, daß ich während der Zeit, da ich in +dem Gefängnis zu Catanzaro war, eine lebhafte Korrespondenz mit +Vincenzina unterhielt und daß, als ich in Monteleone ankam, mein Onkel, +der Priester und meine Verwandten mir drohten, daß sie mich meinem +Schicksal überlassen würden, wenn ich Vincenzina nicht verließe -- alles +nur Verschwörung der Schurken aus Spilinga, die hofften, daß ich mit der +Zeit eine ihrer Töchter heiraten würde, um mich in Schimpf und Schande +zu bringen, wie sie es mit dem Laffen, meinem Bruder, gemacht hatten. + +Ich war gezwungen, mich zu fügen, und dann dachte ich: Ich komme vor +Gericht unter einer nicht leichten Anschuldigung, wer weiß, was für +Folgen mir in der Hinsicht begegnen können. Die arme Vincenzina mußte +inzwischen warten, wer weiß wie lange. Wer kann die Wechselfälle des +Lebens erforschen? + +Wenn ich die Strafe verbüßt hatte, mußte ich Soldat werden und zwar +erster Klasse des Jahrgangs 1850. Was konnte mir beim Militär begegnen? +Unter einem so strengen Regiment war es bei meinem erregbaren +Temperament leicht möglich, daß ich neuer Schande entgegenging. + +Ich schrieb Vincenzina einen Brief, in welchem ich ihr mein trauriges +Mißgeschick und die harte Folgezeit, die mir bevorstand, mitteilte; ich +bat sie, mir meine Schwäche zu verzeihen, und sagte, daß wenn die +Vorsehung mir geholfen hätte, bald in meine Heimat zurückzukehren, ich +nicht verfehlt haben würde, ihr die Hand zu reichen, und daß ich sie +noch immer liebte. + +Ich sandte ihr ihren Ring zurück, indem ich sie bat, den meinen meiner +Familie zuzustellen, um meine Verwandten zu befriedigen, die so empört +gegen uns seien. + +Die arme Vincenzina antwortete mir, daß sie alles so gemacht, wie ihr +befohlen, daß sie meine traurige Lage beklage, daß sie mich als ihren +Vetter immer lieben werde und daß für mich, als ihren Verlobten, ihre +Liebe ewig, unerschütterlich sei, daß sie über mein trauriges +Mißgeschick weine und daß sie für meine Befreiung bete. + +Jetzt wollen wir den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen. Am Sonntag +nach dem, an welchem meine Gefährten abgereist waren, reiste ich nach +Neapel ab, begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der zu +fünfzehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er war nach dem Bagno in +Favignana bestimmt und hieß Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und +war aus wohlhabender Familie; als Angehöriger der Camorra war er wegen +gewisser Vergehen, die er im Gefängnis zu Cosenza verübt hatte, von +dieser Sekte dazu verurteilt, daß ihm das Gesicht zerschnitten werde, +aber bis zu diesem Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt, +das fertig zu bekommen. + +Er gestand mir, daß er in Neapel im Gefängnis del Carmina nicht mit mir +in das Durchgangszimmer kommen wollte, aus Furcht, daß ich ihn +verunstaltete, weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt +waren und daß er dem Oberwächter davon Mitteilung machen wolle. + +Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafür einstehen würde, daß ihm +nichts begegnen soll, es sei nicht schicklich für einen anständigen +Picciotto, sich mit dem Oberwärter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch +schlimmere Sache könne für ihn eintreten, wenn er im Bagno sein würde; +daß es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft in Favignana zu +empfehlen, wo ich verschiedene Mitglieder kannte, und ich nannte ihm +einige gute Camorristen von Ruf, die meine engsten Freunde waren.[15] + + [15] Hieraus geht hervor, daß der Mord, wegen dessen M... unter + Berücksichtigung aller mildernden Umstände verurteilt war, nicht seine + einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen zur Camorra + übergeht. + +Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, im Gefängnis del +Carmina, traten wir in das Durchgangszimmer ein: ein großes Gemach mit +gewölbten Bogen und Säulen, ich glaube, in alten Zeiten ist es eine +Klosterkirche gewesen; hier waren ungefähr zweihundert Passagiere, die +Tag für Tag, ja Augenblick für Augenblick nach ihrem Bestimmungsort +abreisten, während andere Züge von dreißig oder fünfzig Gefangenen, ihre +Stelle einnahmen -- es war ein höllisches Kommen und Gehen. + +Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti da Serra S. Bruno, einen +berüchtigten Camorristen und ein Haupt der Gesellschaft, der zu +lebenslänglichem Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines +anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu Piombino begangenen +Mordes. Er war wie ein zum Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und +Mütze und grüne Hosen; an den Füßen schleppte er mühsam zwei lange +Ketten und große eiserne Ringe, die ein höllisches Geräusch machten. +Sansosti war ein alter Bekannter von mir, der, nachdem er mich kaum +gesehen hatte, herbeieilte, um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu +flüstern: + +»Das Stichwort?« + +»Liebe und Achtung den Gefährten, blinder Gehorsam dem Masto.« + +»Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam wirst Du mir gegenüber +beobachten.« Wir küßten uns, er gab mir zwei Cigarren und wir setzten +uns auf die Pritsche. + +»Nun, teurer Genosse«, sagte er, »erzähle mir, wie es den Gefährten in +Catanzaro und Monteleone geht, ich möchte über gar vieles unterrichtet +sein.« + +»Lieber Sansosti, die Gefährten sind zerstreut, jener Verräter Diogene +Perri hat sie verraten.« + +Dann erzählte ich ihm das ganze Abenteuer mit Perri, seinen Tod und wie +es den Camorristen in Catanzaro gegangen war, indem ich ihn genau über +viele andere Angelegenheiten der Camorra unterrichtete. Dann sagte er: + +»Und jener elende Perrone, hat man ihn nicht vorbeikommen sehen?« + +Es muß erwähnt werden, daß Sansosti den Perrone nur dem Namen nach +kannte; denn als Perrone sich im Gefängnis zu Catanzaro befand, war er +allein in einer Zelle eingeschlossen, aus Furcht, daß die Camorristen +ihn ermordeten, und Sansosti hatte ihn niemals gesehen. + +»Mir scheint, er ist abgereist«, antwortete ich Sansosti. + +»Das glaube ich nicht, bei Gott nicht. Seit sechs Monaten erwarte ich +ihn schon, jeden Gefangenenzug, der ankommt, beobachte ich und erkundige +mich nach jedem, der ankommt und abgeht; man sagte mir, daß er noch +nicht fort sei und Du M..., hol's der Teufel, hast ihn in keinem +Gefängniß getroffen? Weißt Du, was unsere Brüder im Gefängnis zu Cosenza +beschlossen haben? »Wer den Picciotto Luigi Perrone verstümmelt, wird, +wenn er =nicht Camorrist= ist, sofort =Picciotto di mala vita=; gehört +er zur Camorra, so avanziert er zwei Grade; ist er Picciotto, so wird +er =Camorrist=, ist er Camorrist, so wird er eigentlicher Camorrist; ist +es der =Masto= oder auch ein Haupt der Gesellschaft, so soll er von +allen und für alles unantastbar sein und überall in seinem Kreise als +Haupt der Gesellschaft anerkannt werden.« Noch hat keiner von uns das +Glück gehabt, aber beim Blute der Madonna, er muß hier vorbei, noch ist +er nicht zurück ..., und jener Jüngling, der mit Dir kam, wer ist er?« + +»Ein Freund von mir, ein braver Junge, Nicht-Mitglied der Camorra; zu +zehn Jahren Gefängnis verurteilt und nach der Anstalt in Aversa +bestimmt.« + +»Aber sage mir, M..., glaubst Du, daß dieser ehrlose Perrone noch lange +hat, ehe er hier durchkommt?« + +»Ich glaube, daß er mit einer anderen Abteilung kommen wird, denn in +Pizzo habe ich erfahren, daß er in Catanzaro krank lag.« + +»Sehr wohl; jetzt, wenn Du etwas brauchst, verfüge auch über uns; wir +sind hier elf Genossen, mit Dir sind wir zwölf.« + +»Lieber Sansosti, würdest Du mir einen Gefallen thun, wenn ich Dich +darum bitte?« + +»Sicher, bei Gott, mein Bruder!« + +»Wohlan, höre mich an, und dann mach' mit mir, was Du willst. Ich, +lieber Sansosti, bin nicht mehr der, als welchen Du mich einst gekannt +hast; ich bin zu fünf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in +Frieden in mein Haus zurückzukehren. Jetzt bin ich es müde, von der +Camorra sprechen zu hören, von Picciotti, von Rechten und Pflichten. Der +wahre Camorrist, der wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine +Strafe verbüßt und dann zurückkehrt, um seine Freiheit zu genießen, +anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen Höhlen alt zu werden.« + +»Mir recht, mein lieber M..., ich habe Mitleid mit Dir, thu' was Du +willst; ich will Dir Deinen schönen Entschluß nicht von der Seele +reißen; aber heute Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der +Gesellschaft vorstellen kann.« + +»Mach' was Du willst, Sansosti, aber es würde besser sein, mich von +dieser Vorstellung zu entbinden.« + +»Nein, nein; ich will es.« + +Wir erhoben uns und schritten durch das von Schmutz und Ungeziefer +starrende Zimmer. Perrone, der Ärmste, saß in einem Winkel, in seinem +Mantel eingehüllt und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, doch +nicht vor Kälte, sondern vor Furcht. + +Kaum hatte ich dem berüchtigten Camorristen entfliehen können, dem +Verächter der Menschen und der Natur, als ich mich Perrone näherte; ich +fand ihn bleich, entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, daß +er von niemand gekannt sei und daß die Dinge eine gute Wendung nähmen. +Der Ärmste küßte mir die Hände und umklammerte meine Knie, während zwei +heiße Thränen auf meine Finger niederfielen. + +Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel auf einer Pritsche +errichtet; wir acht Gefangenen setzten uns, denn ein Picciotto konnte +nicht die Ehre haben, mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren +Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. Während die Zähne und die +Magen arbeiteten, sagte Sansosti: + +»Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, M..., vor, meinen +Landsmann, den ich genau kenne; er ist hier auf der Durchreise.« Die +Camorristen drückten mir die Hände und küßten mir die Wange, dasselbe +that ich. Wir aßen vergnügt und tranken viel, das Mahl war reichlich, +der Wein vorzüglich; dann zündeten wir die Cigarren an, gingen im Zimmer +umher und sprachen von Schandthaten der Camorra. + +Und wer trug die Kosten dieser ungeheuerlichen Komödie? Es waren die +armen Unglücklichen, die nicht der berüchtigten Sekte der Camorra +angehörten. + +Ich könnte viele Episoden mitteilen, welche die verhärtetsten Gemüter +erschauern machen würden, aber meine Absicht, meine Pflicht, und weil +ich nicht meineidig werden will, erlauben es mir nicht, und ich übergehe +sie, um nicht den Menschen und seinen Schöpfer zu verfluchen.[16] + + [16] Was für moralische Widersprüche in diesem Manne! Erst sagte er, + daß er sich anständig halten wolle, um ruhig nach seinem Hause + zurückzukehren, dann ißt und trinkt er vergnügt und spricht von den + Schandthaten der Camorra. Er enthüllt unter Namensnennung + camorristische Beschlüsse und verschanzt sich dann hinter seiner + Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um nicht von + weiterem zu erzählen. + + Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte + Camorra war in der That sehr abergläubisch und religiös; ihre + Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkränze und eine der + camorristischen Zeremonien, nämlich die, um sich unsichtbar zu machen, + vollzog sich in der Weise, daß man sich eine Wunde am Arm beibrachte + und die geweihte Hostie darüber legte. + +Nachts berieten Perrone und ich, was am folgenden Tage geschehen sollte, +wenn er mit lauter Stimme von dem Gefangenenwärter zum Aufbruch +aufgerufen werden würde. + +Am Morgen näherte ich mich dem Ausgangsgitter und sprach mit dem Wärter, +den ich fragte, ob er heute beim Aufruf der Gefangenen, die fort müssen, +zugegen sein werde. Er antwortete bejahend; darauf teilte ich ihm mit, +daß ein Gefährte von mir, der heute abreisen müßte, sich großer Gefahr +aussetzte, wenn er entdeckt würde, und ich bat ihn, mir den Gefallen zu +thun, wenn der Name Perrone an die Reihe käme, statt dessen den meinigen +zu rufen, worauf Perrone, der von dem Plan unterrichtet sei, das Zimmer +verlassen würde; auf diese Weise würde er für heute gerettet sein. Der +Wärter gab meiner Bitte gern nach, er vermerkte mit Bleistift die Namen +auf der Karte und sagte: + +»Es ist in Ordnung, fürchten Sie nichts, Sie sind ein heller Kopf.« + +Mittag kam heran, das Gitter wird geöffnet, der Wärter tritt mit einer +Abteilung von zwanzig Gefangenen herein, er hält ein Blatt Papier in den +Händen und ruft drohend: + +»Ruhe, Ruhe!« + +Als die Ruhe hergestellt ist, hält er sich das Blatt vor Augen und liest +laut das Verzeichnis der Gefangenen vor, die abreisen mußten. Perrone +stand an dem Ausgangsgitter, der Wärter rief ungefähr zehn Namen auf, +dann rief er: + +»M...« + +Perrone stürzte hinaus und stieg eilig die Treppe hinauf, während ein +anderer Wärter unten rief: + +»Hierbleiben! Wohin? Hierbleiben, zum Teufel!« + +Die aufgerufenen Gefangenen gingen hinaus, das Gitter wird geschlossen, +ich ging mit Sansosti auf und ab, der zu mir sagte: + +»Jetzt glaube ich's; er ist noch nicht durchgekommen, soviel ist sicher. +Der elende Perrone, hier muß er durch; hier werden wir unsere Rechnung +glatt machen, da es in Calabrien nicht möglich war, was sagst Du, M...?« + +»Ich glaube es, ich glaube es gern; wenn er noch nicht durch ist, muß er +noch kommen, -- wenn er nicht mit der Eisenbahn transportiert wird.« + +»Mit der Eisenbahn? Du meinst, daß ihn die Regierung zum Vergnügen in +Italien herumreisen lassen wird?« + +»Wenn er noch nicht durch ist«, erwiderte ich, »muß er sicher hier +vorbei -- aber, lieber Sansosti, was geht es Dich an, daß Perrone dem +Haupt der Gesellschaft, dem Guardavalle, das Gesicht mit einem Messer +aufschnitt? Was für ein Interesse hast Du daran, Dich in diese Dinge zu +mischen! Genügen Dir nicht die traurigen Strafen und die Leiden, die er +jetzt duldet?« + +»Welche Strafen, welche Leiden? Und bist Du M..., der so spricht? Hast +Du Dich seit den zwei Jahren so verändert? Haben wir nicht geschworen, +die Schmach zu bekämpfen? Habe ich Dir nicht die Worte auf die Brust +eingeschnitten: Tod der Schmach! Hast Du nicht mit Deinen Genossen +geschworen, die Schmach auszurotten!?« + +»O, damals waren andere Zeiten, ein anderes Herz schlug mir damals in +der Brust, und glaube mir, Sansosti, nachdem ich die Strafe erhalten +habe, habe ich Mitleid mit allen Unglücklichen und Entehrten, ich liebe +sie alle wie meine Brüder, die Guten und die Bösen, die Armen und die +Reichen, ob sie Genossen der Camorra sind oder nicht.« + +»Nein, M..., nein; die Schmachvollen sind immer schmachvoll, sie +verdienen keine Rücksicht und kein Mitleid. Erinnerst Du Dich, als ich +Dir im Gefängnis zu Catanzaro einen Stoß gab? Damals kannte ich Dich +nicht; und Du, der Du die Beleidigung empfandest, verschafftest Dir ein +scharfes Eisen, um mich zu ermorden, während ich auf dem Abtritt meine +Bedürfnisse verrichtete. Und warum? Weil ich Dich beleidigt hatte, und +heute willst Du nicht, daß ein Elender, der die ganze Camorra beleidigt, +verstümmelt wird.« + +Das waren die Gespräche, die ich mit diesem Galeerenhunde führte in den +drei Tagen, die ich im Gefängnis del Carmine war. + +Ich allein, gefesselt und von zwei Karabinieri begleitet, fuhr mit der +Eisenbahn in einem Wagen dritter Klasse nach Foggia, machte in Benevento +Rast und setzte Tags darauf meine Reise fort. Im Gefängnis zu Foggia +wurde ich in ein Zimmer zu ebener Erde gebracht; hier traf ich einige +dreißig Gefangene. + +Man muß wissen, daß ich ein großes dickes Buch bei mir trug, in dessen +Einband eine lange Messerschneide verborgen war, ähnlich der, mit +welcher die Lämmer geschlachtet werden; dieses Buch und das Messer hatte +mir ein Camorrist im Gefängnis zu Pizzo geschenkt. Ich trug es bei mir, +um unter Umständen Gebrauch davon zu machen ... Kaum war ich in dem +Zimmer, als ich mir einen halben Liter Wein bringen ließ, den ich mit +zwei Soldi bezahlte, denn der Liter kostete vier Soldi, ein +ausgezeichneter Barlettawein, denn damals war die Traubenkrankheit noch +nicht in Apulien aufgetreten. + +Ich habe mich auf eines der Fenster gesetzt, das von außen mit +Holzfachwerk verkleidet ist, damit man nicht sehen soll, was draußen +vorgeht; ruhig und friedlich trinke ich meinen halben Liter Wein, um den +Magen zu wärmen, der seit zwölf Stunden trocken war. Während ich den +Göttertrank schlürfte, freute ich mich, daß ich müde war und mich an +einem mir unbekannten Ort befand. Ein hübscher bartloser Jüngling von +sechszehn bis siebzehn Jahren, anständig gekleidet und aufgeputzt wie +ein Dämchen, mit einer schief auf den Kopf gestülpten roten Kappe, wie +sie im Gefängnis zu Catanzaro angefertigt werden, mit Flittern von +verschiedener Farbe geschmückt, nähert sich mir und sagt: + +»Freund, könnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte sagen zu dürfen?« + +»Auch hundert,« antwortete ich mit verdrießlicher Stimme. + +»Hier ist die Societa del Diritto, sie möchte etwas von Ihnen +beanspruchen.« + +»Haben Sie ein wenig Geduld, mein lieber Picciotto, nachher werden Sie +bedient, aber sagen Sie mir, wer sind Sie?« + +»Ich bin ein Picciotto di sgarro.« + +»Schön. Haben die das Amt des Picciotto _du jour_?« + +»Zu dienen.« + +»Dann thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie dem Camorristen _du jour_, +daß ich um eine Unterredung mit ihm bitten lasse.« + +»Wir haben hier keinen Camorristen _du jour_, das Haupt der Gesellschaft +macht hier alles.« + +»Wie?« rief ich verwundert aus, »eine Societa del Diritto, die aus mehr +als zwei Genossen besteht, hat keinen Camorristen _du jour_? Das ist mir +neu, sehr neu, trotzdem ich nicht gerade wenig weiß.« + +»Wir machen hier alles selbst, wir beraten alles zusammen, und je mehr +einer weiß, desto besser ist es für ihn.« + +»Bravo, mein Picciotto, bravo, tausendmal bravo! Wir machen alles selbst +-- also alles macht ihr selbst! Ihr braucht niemand Rechenschaft zu +geben von dem, was ihr thut. Was für eine Bande seid ihr denn? Nicht +übel: »wir machen alles selbst«. Dann werden also auch die Picciotti bei +Euch zur Versammlung zugelassen?« + +»Natürlich; der Picciotto wird zuerst zugelassen.« + +»Nun sagen Sie mir, lieber Picciotto, welches sind die Pflichten eines +Picciotto di sgarro, seine Funktionen und die Beziehungen, die er zur +Gesellschaft haben soll?« + +»Das weiß ich nicht, denn ich kann weder lesen noch schreiben, ich +gehorche den Befehlen, die mir meine Genossen geben.« + +»Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Die Pflichten eines Picciotto di +sgarro sind, entweder zu betrügen oder betrogen zu werden; haben Sie +verstanden?... Aber nun marsch! Nachher werden wir uns wiedersehen!« + +Er ging verdrießlich ab. Fünfzehn Gefangene nahmen ihn in die Mitte und +umringten ihn. Es waren die Camorristen, welche die Gesellschaft +ausmachten und ich glaube, daß der elende Picciotto erzählte, was ihm +bei mir begegnet war. + +Ich maß den Kreis mit den Blicken und schätzte die Hallunken ab. Ich bin +allein, dachte ich, aber ich habe ein Messer, ich bin bewaffnet, kann +ich es darauf ankommen lassen, ich allein, es mit jenen fünfzehn +Hallunken aufzunehmen? Und wenn jene auch bewaffnet seien, und bessere +Waffen haben als ich? Sie sind fünfzehn, ich allein; wenn ich einen +Genossen hätte, der mir den Rücken decken würde -- ja, dann würde sich +das Schauspiel ändern. Dann könnte man es wagen; aber allein, allein +geht es nicht; ich muß die Klugheit siegen lassen und abwarten. + +Der Picciotto erscheint wieder und sagt: + +»Die Gesellschaft möchte sich von Ihnen etwas spendieren lassen.« + +»Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt?« + +»Noch nicht.« + +»Sind Sie angeschuldigt?« + +»Zu dienen.« + +»Wo wird Ihre Sache verhandelt?« + +»In Lucera.« + +»Schön, könnte ich die Ehre haben, Ihren Namen zu erfahren?« + +»Paolo Pescari, zu dienen.« + +»Sehr schön.« + +Ich knöpfte meine Weste auf, öffnete das Hemd und zog ein Amulet der +Madonna del Carmine hervor, das ich um den Hals trug. Ich öffnete es und +nahm eine Fünflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den Worten +reichte: + +»Bitte, das genügt für Ihre Gesellschaft; aber Sie, erinnern Sie sich, +daß sie Ihnen ein Calabreser Namens M... gegeben hat.« + +»Ich danke, ich werde es nicht vergessen.« + +Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging und was ich auf den +Lippen hatte, die Nacht ergriff mich ein heftiges Fieber mit +Delirien.[17] + + [17] Diese Thatsache ist von großem diagnostischen Wert und läßt in + M... einen Epileptiker vermuten. Man muß beachten, daß er nicht empört + ist, weil er sich der Camorra beugen muß, sondern weil es sich um eine + falsche Camorra handelt. + +Ich blieb fünf Tage in jenem Flecken und dachte: Was werden meine +Gefährten sagen und die, welche mich gekannt haben, wenn sie erfahren, +daß ich im Gefängnis zu Foggia für die Camorra habe bezahlen müssen? + +Wo sollte ich mich verbergen?[18] + + [18] Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei M... + war, trotz seiner Beteuerungen gegenüber dem Camorristen Sansosti. + +Sie werden sagen: »Jeder Vogel liebt sein Nest.« + +Und je mehr ich daran dachte, um so mehr stieg mir das Blut zum Kopfe. + +In Lucera angekommen, schloß man mich in das Gefängnis San Domenico, in +ein Zimmer, wo zwanzig Calabreser waren, lauter Bekannte von mir. Man +muß beachten, daß in Lucera drei Gefängnisse waren: das +Gerichtsgefängnis, das Gefängnis San Francesco und San Domenico, die +alle dicht bei einander liegen. + +Folgendermaßen war das Gefängnis San Domenico beschaffen: Zwei lange +Zimmer mit je einem Fenster, die auf den Bürgersteig an der schönen +breiten Straße inmitten der Stadt hinaus gingen. Die Fenster waren +mannshoch, mit zwei großen Gittern und einem Netz aus Gußeisen versehen; +zwei andere Fenster gingen auf einen kleinen Hof hinaus; zwischen den +beiden Zimmern lag der Wachtraum, etwas weiter oben das Zimmer der +Wärter mit dem Amtszimmer des Oberwärters, des Peppino Crigna. + +Wir waren einundzwanzig Mann, liebten uns als gute Unglücksgefährten und +halfen uns gegenseitig. + +Von dem, was mir damals im Gefängnis zu Foggia begegnete, sagte ich +meinen Genossen nichts, denn ich konnte einem camorristischen Gericht +unterworfen und bestraft werden. + +Zwar spricht Francesco Mastriani in seinen Romanen ausführlich von der +Camorra, aber die Camorra der alten Zeiten ist etwas ganz anderes als +die von heute, alles ist verändert, die Gesetze, Einrichtungen, +Kleidung, Arbeiten, Jargon, Rechte und vieles andere; nur der alte Name +ist von früherher geblieben und sonst nichts. Jedes mal, wenn eine +Abteilung von Gefangenen ankam, stellte ich mich an's Fenster des +Hofraumes, um zu sehen, ob der Picciotto aus Foggia ankäme, aber zwei +Monate lang erwartete ich ihn vergebens. Eines Tages, als ein Zug von +nur wenigen Gefangenen ankommt, höre ich einen Wärter rufen: + +»Transport aus Foggia!« + +Ich trete an's Fenster, blicke und suche mit dem Auge und sehe den +Picciotto aus Foggia, mit seiner schief aufgestülpten roten Kappe. + +Ich rufe den Wärter Peppino, der mein Freund ist, da ich ihm täglich +zwei Brote liefere, die er mir mit fünfzehn Centesimi bezahlt. + +»Peppino«, sprach ich, »jener Bursche mit der schiefen roten Mütze ist +Paolo Pescari, mein lieber Freund; haben Sie die Güte, ihn nach der +Untersuchung in mein Zimmer zu schicken.« + +»Wärter Cicciotto«, sagt der Oberwärter zu einem in der Nähe stehenden +Wärter, »wenn Sie den Paolo Pescari durchsucht haben, lassen Sie ihn +hier hereinkommen.« + +»Sehr wohl«, antwortet der Wärter. + +Ich begab mich wieder zu meinen Gefährten und erzählte ihnen mein +Abenteuer im Gefängnis zu Foggia, wobei ich nicht die fünf Lire vergaß, +die ich dem falschen Picciotto gegeben hatte. + +Die wackeren Genossen gerieten in große Wut, der eine wollte ihn töten, +der andere die Nase abschneiden, der dritte das Gesicht verstümmeln +-- alle fluchten und drohten durcheinander, die Fäuste streckten sich in +die Höhe und die Messer wurden hervorgezogen. + +Ich mußte sie bitten, sich zu beruhigen und das zu thun, was ich dachte. + +»Liebe Genossen«, sagte ich, »wir wollen ihn weder töten, noch +verstümmeln; das thut man nicht mit einem armen Burschen, der so elend +ist wie wir; ich will Euch ein Mittel angeben, eine famose Posse +aufzuführen, wobei keiner zu leiden braucht. -- Bildet eine +camorristische Gesellschaft, ernennt ein Haupt, wählt die Camorristen, +die Picciotti, die Novizen, stellt eine richtige Societa di diritto dar; +wenn der Picciotto Pescari eintritt, dann fragt ihn erst nach den +Aufnahmerechten, dann nach den Wohnungsrechten; das Übrige werde ich +machen: wenn Ihr in Zukunft Rechenschaft über Euer Benehmen ablegen +müßt, so stehe ich für alles ein; ich bürge für alles, was daraus folgen +kann; aber ich bitte Euch, die Hand in der Tasche zu lassen und nicht +das Messer gegen den gemeinen falschen Picciotto zu gebrauchen; ich +werde mich beiseite halten und keinen Anteil an der Komödie nehmen und +ihr müßt mich gleichgiltig behandeln.« + +Sie traten zusammen und thaten, was ich angeordnet hatte. + +Der Picciotto Paolo Pescari tritt ein und sagt: + +»Heil den Genossen!« + +Er verhunzte das Losungswort oder kannte es nicht, es lautete statt +dessen: + +»Heil und Frieden den Genossen, Achtung Allen!« + +Statt sich das Haar zu glätten oder das Kinn zu berühren, rückte er die +Mütze auf dem Kopf zurecht. Im Zimmer wurde er von den hungrigen Kerlen +umzingelt, in der Hand trug er einen großen Sack, der von einem +ergriffen wurde, der das Amt des Zimmerkehrers hatte und der den Sack +auf das Bett warf. + +Die Kerle erkundigten sich, woher er käme, wessen er angeklagt sei, wer +sein Verteidiger wäre, ob er diesen oder jenen Camorristen oder +Picciotto kannte. Zitternd und nachdenklich antwortete er auf die +Fragen. + +Ich lag auf meinem Bette, mit dem Rücken auf dem Strohsack und rauchte +eine Pfeife. Als mir der Bursche reif und durch das Hin- und Herfragen +genügend verwirrt schien, erhob ich mich, trat an das Fenster und rief: + +»Frau M..., Frau M...!« + +Es war die Wärterin, die auf Kosten der Gefangenen gehalten wurde, und +die mir wegen verschiedener kleiner Gefälligkeiten zugethan war. + +Die M... kommt, tritt an das Gitter und sagt: + +»Was giebt es, mein lieber M...?« + +»Nichts, aber ich möchte wissen, wieviel Geld der Gefangene Paolo +Pescari im Bureau deponiert hat.« + +»Sofort«, sagte sie und ging. Bald kam sie wieder und sagte: + +»Der Gefangene Paolo Pescari hat im Bureau dreißig Lire deponiert.« + +»Ich weiß, liebe M..., ich kann mich auf Dich verlassen, wie Du auf mich +und meine Genossen. Wenn Du nachher kommst, um die Rechnungen zu +schreiben, so beachte, daß Paolo Pescari Dir eine Nota von dreißig Lire +überreichen wird, fünfzehn sind für Dich, die andern fünfzehn werde ich +für Essen, Trinken und Rauchen ausgeben, hast Du begriffen?« + +»M..., Du wirst mich um meine Stellung bringen.« + +»Du wirst nichts verlieren, verlaß' Dich auf mich.« + +»Ich rechne darauf, M...« + +»Schön, sind wir einig?« + +»Ja, wir sind einig.« + +Ich setzte mich auf mein Bett, nahm ein Blatt Papier und schrieb mit +großer deutlicher Schrift: + +=Kostenrechnung für den Gefangenen Paolo Pescari.= + + Kalbfleisch, 20 Portionen L. 5,-- + Kuchen, 20 " " 5,-- + 20 Liter Wein à 5 Soldi " 10,-- + Gemüse " 2,-- + Rauch- und Schnupftabak, Cigarren " 8,-- + ---------- + L. 30,-- + +Nachdem ich diese Nota geschrieben hatte, rief ich einen Genossen und +sagte: + +»Achte auf das, was ich Dir sage und mache folgendes: Dies ist eine Nota +über 30 L., die der neue Picciotto der M... geben sollte, wenn sie nach +den Rechnungen kommt; ich habe alles mit ihr abgemacht.« + +»Schön, M..., ich habe verstanden, heute wird gegessen und getrunken.« + +Ich übergab die Nota einem Genossen, der die andern von meinem Werk +unterrichtete. + +Als die Speisestunde kam, sagte ein Picciotto der neuen Gesellschaft zu +Pescari: + +»Freund, ist es mir gestattet, mit Erlaubnis dieser Herren eine Bitte +auszusprechen?« + +»Auch zwei«, erwiderte Pescari kühn. Sie traten in einen Winkel des +Zimmers; der neue Picciotto, mit der Mütze auf dem rechten Ohr, die +rechte Hand in das Hemd gesteckt, sagt zu Pescari: + +»Freund, die Gesellschaft möchte von Ihnen etwas spendiert haben, läßt +sich das machen?« + +»Ich bin ebenfalls Picciotto.« + +»Nein, Du bist ein Hallunke! Und wenn Du noch einmal das Wort +wiederholst, das Du eben gesagt hast, so schlage ich Dir die Zähne aus +dem Maul!« + +»Aber erlauben Sie! Ich ...« + +»Du bist ein Hallunke! Sei still und muckse nicht, sonst ...« + +Die Wärterin kommt und unterbricht das lächerliche Duett, das ich gern +zu Ende führen sähe. + +»Nun, was Sie auch seien; fassen Sie Mut, heute trinken wir eine Flasche +zusammen, aber sei still, sonst schlage ich Dir den Schädel ein.« + +Und vom »Du« ging es zum »Sie« über und wieder zum »Du.« + +Er giebt ihm einen derben Stoß, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach dem +inneren Gitter, wo gewöhnlich die Rechnungen geschrieben wurden; alle +einundzwanzig standen dort zusammen. + +Ein Calabreser überreicht der Wärterin die Nota und sagt: + +»Unser Freund Pescari, der berühmte Picciotto aus Foggia, will uns heute +ein Festessen geben, hier ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari?« + +»Ja, Herr!« + +Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten. + +Die Wärterin überträgt den Zettel in ein großes Register, giebt ihn +zurück und geht fort. + +Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen Zettel. + +Alle reihten sich um Pescari und bestürmten ihn mit camorristischen +Fragen und Redensarten. + +»M..., M..., heute giebt's ein Fest; alle Teufel! Der volle Korb, die +gute Waare, Wein aus Barletta! M..., M..., hier ist Ihr Fenchel und Ihr +halber Liter!« + +Es war der Wirt, der aus vollem Halse brüllte, daß es in der Wölbung +widerhallte. + +Ich eile an das Gitter und nehme den halben Liter Wein, meinen Becher +und den Fenchel entgegen. Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir +täglich von dem Wirt verehrt. + +Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der Wirt mir den halben +Liter und den Fenchel verehrte, nicht wahr? + +Eure Neugier soll befriedigt werden. + +Als ich zuerst in das Gefängnis gebracht wurde, hatte ich einen Streit +mit dem Wirt gehabt wegen zwei Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht +war; ein Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher über den Kopf +schlug, daß er fast in Stücke ging; von da ab konnten meine Genossen ihn +nicht mehr sehen; jedes mal, wenn er kam, erscholl es aus allen drei +Zimmern: + +»Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!« + +Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt zu verzeihen und dafür zu +sorgen, daß meine Gefährten ruhig seien, sonst müßte er den Wirt +wechseln. + +Der Oberwärter rief mich in Gegenwart der Wärter, wir blinzelten uns zu, +und er sagte mir: + +»M..., so lange Sie in diesem Gefängnis sind, gebe ich Ihnen täglich +einen halben Liter vom besten Wein und einen Fenchel oder irgend ein +anderes Gemüse, sind Sie zufrieden?« + +»Schön, aber hüte Dich, Dein Versprechen zu brechen.« + +»Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht Ihnen.« Dies ist der +Grund, weshalb der brave Wirt mir den halben Liter und den Fenchel gab; +jetzt kann es weiter gehen. + +Meine Genossen machten eine Rechnung von fünfzehn Lire, während die +anderen fünfzehn Lire der Wärterin M... zu gute kamen. + +Sie warfen die Strohsäcke zur Erde und stellten aus den Pritschen und +den Ständern eine große Tafel her und deckten das Betttuch darüber; die +zusammengerollten Strohsäcke dienten als Sitze, vor sich stellten sie +die Näpfe und eine große Flasche mit Wein; so aßen sie und tranken sie, +die Becher voll schäumenden Weines, und oft küßten sich die +Tischgenossen auf die Lippen. Ich saß auf meinem Bett, aß meinen Fenchel +und schlürfte meinen halben Liter Wein; der arme Pescari saß auf dem +Fenster und sah mich heimlich an, während er oft und schmerzlich +seufzte. + +»M..., beehren Sie uns doch und speisen Sie mit,« riefen die +Tischgenossen. + +»Ich danke sehr, meine lieben Freunde.« + +Sie aßen und tranken mit vollem Munde, sprachen laut und verworren +durcheinander, brachten Trinksprüche aus in ihrer kalabresischen +Mundart, daß man vor Lachen platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal; +einer sang, der andere lachte wie verrückt, der dritte erzählte Späße +und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse spielte sich ab +auf Kosten des halbverhungerten, betrübten Pescari. + +Die Suppe kam, ich nahm meine und aß sie[19], Pescari nahm die seinige +und stellte sie unter sein Bett, die andern wiesen sie zurück, indem sie +sagten: + +»Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den Armen; uns geht es +vorzüglich.« + + [19] Es ist merkwürdig, wie M... sich hier als Rächer der verletzten + Moral aufspielt, man möchte sagen, daß er die Rolle des + Uninteressierten hervorkehren will, während er vielleicht nur seinem + Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser + Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, daß + der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, daß er die Camorra + herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen ausgegeben + hatte, ohne es zu sein. Man möchte glauben, daß M..., obgleich er es + nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine + Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (_Archivio di Psichiatria_, + V. Jahrgang 1884) und Alongi (_La camorra Studio di Sociologia + criminale, Torino, Bocca 1890_) bei den Häuptern der Camorra + beschreiben. + +Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. Sie erhoben sich von +der Tafel mit vollem Magen und weinerhitzten Köpfen; jeder hatte eine +gute Zigarre zwischen den Zähnen und blies mächtige Rauchwolken von +sich. Sie umringten den unglücklichen Pescari und fingen die alten +Fragen über seinen Prozeß, seinen Anwalt, über Camorristen und Picciotti +wieder an. Ich trat ans Fenster und sagte einem Wärter, der vorbeiging: + +»Haben Sie die Güte, mir den Wärter di A... zu rufen, ich möchte ihn +sprechen.« + +Alsbald erschien di A... + +Dieser Wärter war ein armer, alter Mann, Vater von neun Töchtern, arm +wie Hiob, so daß er die Gefangenen um ein Stück Schwarzbrot anbettelte. +Er war mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben hatte, +auch einige Näpfe voll Brei oder Reis[20]. + + [20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für die + Gefängniswache widerspricht. Es existiert militärische Disziplin, aber + der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem + traurigen Geschäft soviel wie möglich herauszuschlagen. + +»Was giebt's, M..., wünschen Sie etwas?« + +»Sagen Sie, di A..., kann ich mich auf Sie verlassen?« + +»Gewiß, wie ich mich auf Sie verlassen habe.« + +»Nun, so hören Sie mich an und thun Sie, was ich Ihnen sage: Hier ist +ein Sack mit Kleidern, ich weiß nicht, was für welche; sie sind uns hier +unbequem, und ich möchte, daß sie wegkommen; wollen Sie das +übernehmen?« + +»Aber wem gehört der Sack?« + +»Dem Teufel, der Dich holen soll!« + +»Schön, schön, ich habe verstanden; später, M..., beim Dunkelwerden.« + +»Sehen Sie zu, daß Sie sich entfernen, sobald Sie glauben, daß es +gelingt, ohne daß der Oberwärter Sie bemerkt; klopfen Sie mit dem +Schlüssel an das Gitter und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.« + +»Machen Sie, daß uns keiner sieht, sonst M..., bin ich ruiniert.« + +Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den zwanzig Kerlen, sein +Bett, unter dem er den umfangreichen Sack niedergelegt hatte, war nahe +der Ausgangsthür. + +Der Schlüssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe ans Fenster und di +A... sagte mir: + +»Bringen Sie die »Leiche« an die Thür, ich öffne rasch und Sie geben sie +mir.« + +Die Thür war wie gesagt nahe dem Bett, wo der Sack war, ich ergreife ihn +unbeobachtet und gehe zur Thür, die halb geschlossen ist, eine Spalte +öffnet sich und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich +aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schließt sich die Thür ohne +das geringste Geräusch. + +Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich gemacht hatte. + +Die Nacht bricht herein, die Thür öffnet sich geräuschvoll, man hört das +Klirren des Schlüsselbundes, der Oberwärter mit fünf Wärtern treten ein, +zwei tragen brennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange +tritt an's Gitter und klopft eine prächtige Polka. Wir waren alle auf +den Beinen, jeder am Fußende seines Bettes, die Mütze in der Hand. Der +Oberwärter ruft die Namen auf und wendet sich an den Stubenältesten: + +»Wie viel sind es?« + +»Zweiundzwanzig,« antwortet er. + +»Zweiundzwanzig,« wiederholte der Vorgesetzte. + +Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose Picciotto der Camorristen +in Foggia, derselbe, welcher den Mut gehabt hatte, mir gegenüber zu +treten, um mich nach den Regeln der Camorra zu fragen[21], der, welcher +sich als »Guappo« aufspielte mit der schief aufgesetzten Mütze, aus der +Thür floh und zwischen den Soldaten hindurch in das Wachtzimmer lief, +indem er rief: + +»Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!« + + [21] Das ist das große Verbrechen. M..., der dem Sansosti erklärte, + daß er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von der Camorra + nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer weiß wie oft zu seinen + Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus bloßem Wunsch nach Rache + zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem + folgenden, war, sich als »Guappo« aufgespielt zu haben, ohne es + wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische + Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der + antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen, + die ihrem Temperament mehr entsprechen. + +Die Wärter und der Oberwärter eilen hinzu, fassen ihn und fragen ihn, +was er habe, welches Gespenst er gesehen habe. + +»Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die Kalabresen wollen mich +ermorden.« + +»Dann laßt sein Bett in das andere Zimmer schaffen,« befahl der +Oberwärter, »und er möge zu seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der +kalabresische Dialekt nicht gefällt; aber eigentümlich ist es, heute +Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das Gegenteil vor; +oder er ist betrunken: er hat dreißig Lire ausgegeben, um sich mit +seinen Freunden lustig zu machen und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu +trinken, und jetzt läuft er in das Zimmer und schreit, daß sie ihn +ermorden wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist er +verrückt oder betrunken -- oder M... ist ein vollendeter Schurke.« + +Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere Zimmer gebracht, und +wir schrieen: + +»Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, der Lumpenbande. Hinaus +mit dem Schuft; Dir haben wohl die fünf Lire gefallen, Du Kanaille; aber +jetzt hast Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns +wiedersehen!« und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten ihn +triumphierend in das andere Zimmer. + +Es war ein Teufelslärm, der Wärter konnte nicht mehr lachen und rief: + +»Seid still! Was für eine Höllenzucht ist das hier!« + +Eine Menge Einwohner von Lucera drängte sich unter den Fenstern der +beiden Zimmer und auf der Straße. Fragen und Antworten gehen hin und +her, man will den Grund des Lärms wissen, die Wachtsoldaten laden ihre +Flinten. + +Auf die Stöße, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder in kalabresischer +Mundart: man sang die halbe Nacht hindurch; dann legten sie sich müde, +betrunken auf die Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich, +glaubt es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch und +bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer Überraschung oder einem +Streich, den man ihnen spielen könnte, und ich freute mich, sie so +liegen zu sehen, einer über dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie +schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom Direktor gerufen, +der zu mir sagte: + +»Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, daß Ihre +Landsleute den Gefangenen Pescari um seine Kleider und sein Geld +brachten; sagen Sie mir gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.« + +»Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als der Gefangene Pescari +in mein Zimmer eintrat, umarmte und küßte er sich mit allen meinen +Gefährten, als ob sie seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte +ihn nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine Pfeife. Sie +haben angefangen zu reden, zu fragen und zu antworten und was weiß ich +sonst noch. Um die Speisestunde sagte Pescari, daß er auf seine Kosten +ein leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er verlangte +alles, was zum Schreiben nötig ist, um eine Aufstellung zu machen, was +er kaufen wolle. Dann kam die Wärterin und er gab ihr seine Aufstellung, +die Wärterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er sagte ihr, alles, +das ist das Menu; dann ging ich und kümmerte mich um meine Sachen.« + +»Nachdem das Essen gekommen war, machten sie aus ihren Bettstellen eine +große Tafel, dann setzten sie sich nieder und ließen die Zähne arbeiten +und tranken fröhlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berühmten +Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprüchen nannten. Ich +bin eingeladen worden, aber habe nicht annehmen wollen; nach dem Essen, +das lange dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich gesehen +und kann ich bestätigen.« + +»Aber Pescari sagt, daß er einen Sack mit Kleidern in das Zimmer +gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.« + +»Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, und dann vermag ich auch +nicht zu glauben, daß meine Landsleute fähig sind zu stehlen. Wenn sie +ihn gestohlen haben, muß er sich in dem Zimmer finden, das beste ist, +wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, wird er sich +finden und Sie werden den Dieb bestrafen; wenn er nicht da ist, so muß +der Gefangene Paolo Pescari ein Verleumder sein und schwer bestraft +werden[22]. Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor?« + + [22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man möchte sagen, + daß M... die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem + Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt. + +»Sehr logisch und verständig.« + +Der Direktor, der Oberwärter und die Wärter begaben sich in mein Zimmer +und jeder Gefangene stellte sich mit der Mütze in der Hand am Fuße +seines Bettes auf. + +»Kalabreser,« sprach der Direktor, »Ihr seid alle brave junge Leute, ich +habe viel Nachsicht mit Euch gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat +seid, und glaubt mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen +Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet hätte[23]. Gestern +ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. Er sagt, daß Ihr ihn mit +Gewalt veranlaßt habt, dreißig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er +hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit Kleidern bei +sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. Ist das wahr, was +Pescari behauptet?« + + [23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine + Übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen + Gefängnissen, dank dieser Höflichkeit der Gefängnisdirektoren. Diese + armen Büreaukraten wissen, daß in einer Epoche politischer Wandlungen + das beste, was sie thun können, ist, ihren Vorgesetzten keinen Ärger + zu machen. + + Wenn sie durch die Energie ihrer Maßregeln üble Laune erregt und sich + der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt hätten, so hätten sie den + Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen + gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen. + Es ist übrigens nicht lange her, daß infolge eines Aufstandes in einem + Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte + sich um eine durch das Essen veranlaßte Unzufriedenheit. Wenn es sich + um einen Bauernaufstand gehandelt hätte, hätte man die Leute + eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden wäre, + wäre die durch die Gerichtsbehörde gewesen, welche ihr Urteil + ausgesprochen hätte, ohne daß das Essen besser geworden wäre. + +Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal: + +»+Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke!+ Er ist ein Dieb, ein Lügner!« +Und alle schrieen sie durcheinander, daß die Schildwache, welche +vorbeiging, die Wache zu den Waffen rief. + +Ein Haufe von Luceranern rief von außen: + +»Die Kalabreser töten die ganze Wache, sie empören sich, sie wollen +fliehen.« + +Der Direktor und die Wärter gehen eilig fort, die Thür heftig +zuschließend, und wir lachen, heulen und singen. + +So schloß die Posse, und Paolo Pescari, der Picciotto mit der schiefen +Mütze, bezahlte die Zeche der Camorra mit dreißig Lire und einem Sack +neuer Kleider, die etwa fünfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er +teuer die fünf Lire, die ich ihm im Gefängnis zu Foggia gegeben hatte. + ++Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.+ + +Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser wenig, sie kamen ganz +dem armen Wärter zu Gute. + +In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische Camorristen, meine +Bekannte, sie erkundigten sich nach dem Geschehenen, und als sie +erfuhren, daß er sich den Namen und die Eigenschaften eines Picciotto +beigelegt habe, während er durch ein bekanntes Zeichen und etwas +anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten sie ihn +verstümmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, ihn nicht zu +berühren, da seine Strafe genügend sei; aber er bekam eine ordentliche +Tracht Prügel und Fußtritte. + +So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im Gefängnis wie ein Fürst +und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit +vollständig vergessen, als ob ich sie nie genossen hätte, und Spielen, +Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es +anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen +vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wüten, die armen +Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gefängnis San +Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt. Dieser +Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner Wäsche und +wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenwärter, +ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war +wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gefängnis +verurteilt worden, und als unwürdig für den Heerdienst mit den +Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterwärter +waren reine Kalabresen. + + [24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafür, was + die positive Schule immer behauptet hat, daß das Gefängnis so, wie es + in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalität + war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M... mit den andern + zusammen, die Lombroso gesammelt hat (_Palimsesti del Carcere_): »Ich + bin glücklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient. + Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande.« -- »Triumph! + Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt + wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen, + flieht nicht aus diesem Gefängnis, hier ißt, trinkt und schläft man + und braucht nicht zu arbeiten« -- und man wird folgenden Ausruf eines + Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: »Hier behandelt man uns + zu gut und übt zu viel Rücksicht.« Und den Schluß aus diesen Prämissen + hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewußt, der dem + Polizeipräfekten Gisquet sagen mußte: + + »Wenn ich nicht Dieb aus Beruf wäre, würde ich es aus Neigung sein. + Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen Berufszweige gegen + einander abgewogen und gefunden, daß das Stehlen immer noch das beste + ist ... Ich weiß wohl, daß wir im Gefängnis enden können, aber von + 18000 Dieben, die in Paris sind, ist nicht ein Zehntel im Gefängnis, + folglich genießen wir neun Jahre in Freiheit gegen eines im Gefängnis. + Und wo ist der Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?... + Und wenn wir schließlich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten + der andern, man kleidet, speist und wärmt uns, und alles zu Lasten + derer, die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: Während + unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gefängnis vervollkommnen + wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbürgen, vor.« + +Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen Direktors Herrn B... +zu rühmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu +überweisen. Die Unterwärter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich, +einen halben Liter Wein täglich und die Krankenkost, ausgenommen das +Brot, welches sie =gemeinschaftlich hatten=[25]. + + [25] Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren und in + gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der Absicht, + sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer Korrectur + bedürftig zu kennzeichnen. Vielleicht rührt das Unterstreichen auch + von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen gegeben wurde. + +Die Zimmerältesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei +Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer. + +Die Köche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit +einem Wärter in die Stadt, um Einkäufe zu machen und den Kessel, aus dem +die Suppe gereicht wurde, aus einem Gefängnis ins andere zu tragen; sie +bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die +kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet, +wie auch von den Wärtern und den apulischen Gefangenen -- sie waren +gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich +den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen. + +Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Geschöpfe! + +Der Krankensaal war voll von Kranken, so daß alle fünfunddreißig Betten +belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden +mußten. Mehr als zwanzig ließen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein +schläfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin +oder Verpflegung; Thatsache ist, daß die Ärmsten erbarmungslos sterben +mußten. + +Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war +so hinfällig, daß ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder +ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien +überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügende Kraft mehr, um das +traurige Übel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und +brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte +ich, wie der Oberwärter mit seinem Messer den Kalk von der Wand +abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und empörte mich +nicht wenig, so daß ich eine Eisenstange aus dem Bett losriß und ihm +zwei gute Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so daß er wie ein +Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer +Kranker den Arm gehalten hätte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit +eisernen Klammern umschlossen hätte, dann hätte ich ihn sicher kalt +gemacht. + +Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem +Krankensaal entfernen ließ, während einige Tage darauf ein Kalabreser +ihn mit der Klinge eines Rasiermessers gehörig auf beide Wangen +zeichnete, so daß er ein Auge verlor -- zum Andenken an seine +Schändlichkeit. + +Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gefängnis +verurteilt war, übernahm den Posten als Oberwärter. + +Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und +beschlossen, daß die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der +Strafanstalt geschickt werden sollten. + +Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, nach wenigen Tagen +begannen sie, nach ihrem Bestimmungsort abzureisen. + +Ich blieb allein zurück, aber die zwanzig Betten der Kalabreser in +meinem Zimmer wurden mit apulischen Gefangenen belegt. + +Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den Direktor, mich nicht +abreisen zu lassen, denn eine bessere Pflege und so gute Vorgesetzte +fand ich nicht wieder. + +Die zwanzig Apulier waren sämtlich Angeschuldigte, Landleute, unwissend +und dumm; keiner konnte lesen und schreiben; ich besorgte täglich ihre +Briefe, wurde ihr Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren +blöden Verstand einigermaßen zu schärfen, besorgte die Briefe an ihre +Familien, ihre Anwälte, die Bittschriften an den Staatsanwalt, um die +Entscheidung ihrer Sachen zu beschleunigen; dafür beschenkte mich der +eine mit Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst und +Eßwaaren; sie liebten und achteten mich wie einen Gott. Wenn ihre +Familien nach Lucera kamen, um ihre Anverwandten zu sehen, so brachten +sie in ihren Ranzen Käse und andere schöne Sachen mit. Sie nahmen alles, +legten es auf mein Bett und sagten: + +»Meister, alles dies gehört Ihnen, machen Sie damit, was Ihnen am besten +dünkt.«[26] + + [26] Dies bestätigt die Vermutung, daß M... ein Haupt der Camorra war. + Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine derartige, daß sie sie + gegenüber dem Analphabetismus der Menge stark und mächtig machte. Es + genügt, über diesen Gegenstand das Kapitel bei Alongi zu lesen: + _Camorristi letterati e causidici_ (a. a. O.). Der Titel »Meister«, + der M... gegeben wurde, ist gerade der, den man den Häuptern der + Camorra gab. + +Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar und zufrieden. + +Die vollständigste Harmonie und Liebe herrschte unter uns, ich fühlte +mich glücklich, mich unter so vielen guten Jünglingen zu sehen. + +Der Direktor ruft mich und sagt: + +»M..., Sie sind von nun an Zimmerältester in Ihrer Stube.« + +»Ich danke«, antwortete ich, »aus persönlichen Gründen kann ich dieses +Amt nicht annehmen, was brauchen wir einen Zimmerältesten, wenn wir eine +Familie sind und uns alle wie die Brüder lieben?« + +»Es ist der Regel wegen, ein Zimmerältester muß sein, und Sie müssen es +werden.« + +»Wie Sie meinen, Herr Direktor.« + +Den anderen Zimmerältesten gab er monatlich drei Lire; mir wies er auf +mein Konto alle Monate fünf Lire an, zwölf Lire hatte ich von Hause +monatlich, fünf gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging +es mir vorzüglich.[27] + + [27] Und dann sagt man, daß die Gefängnisse Strafanstalten sind, bei + diesen übermäßigen Lobsprüchen! + +Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; das Fieber verließ +mich nicht, ich sah aus wie Haut und Knochen, meine Augen lagen tief in +den Höhlen und waren halb erloschen, die Wangen dürr und eingefallen, +ohne physische und geistige Kraft. + +Der Arzt ordnete an, daß ich in das Gerichtsgefängnis überführt würde, +der Luftveränderung wegen; ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener +Erde feucht und dunkel waren, wurde ich noch kränker. + +Während ich in diesem Gefängnis war, ereignete sich ein Vorfall, den ich +erzählen möchte. + +Ein alter Mann und sein Sohn wurden in öffentlicher Verhandlung +abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte den Vater zu fünfzehn, den Sohn +zu zehn Jahren Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden: + +»Diese fünfzehn Jahre werden Sie für mich abmachen!« + +Als sie ins Gefängnis gebracht waren, war der Alte heiter und lächelnd, +als ob er in Freiheit gesetzt wäre und sagte, daß er mit der Strafe +zufrieden sei. Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu schöpfen; der +Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; aus dem Strick, +an dem die Lampe hing, machte er eine Schleife, befestigte sie an einem +großen Nagel, an dem die Lampe in die Höhe gezogen wurde, steckte den +Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.[28] Nachdem die +Freistunde beendet ist, treten wir ins Zimmer und sehen den Alten +baumeln, mit der Zunge aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und +leichenblassem Gesicht. Er war tot! + + [28] Die moralische Unempfindlichkeit des M... wird durch seine + Ausdrucksweise bestätigt. Für ihn ist nur das schändlich, was zu + seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als »gut« die + Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer + Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenwärters niedersausen + ließ. + +Der Richter und die anderen Beamten kamen, er wurde abgeschnitten und +weggetragen. + +Der anwesende Staatsanwalt nähert sich dem Nagel an der Wand, um ihn zu +untersuchen und findet folgende mit Bleistift in großen Lettern +geschriebene Worte: + +»Der Schurke von Staatsanwalt wird die fünfzehn Jahre Zwangsarbeit für +mich abmachen; er sei verflucht!« + +Ich wurde zum Gefängnis San Domenico zurückgebracht, aber das verfluchte +Fieber hatte sich bei mir festgebissen. + +Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe mich in ein Wirtshaus +und esse, und gehe dann auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur, +die Schlechtigkeit der Menschen, die Güte und Barmherzigkeit Gottes; +aber die Gunst, die mir der brave Signor B... erweist, ist vergebens, +denn ich werde immer kränker und immer stärker werden die brennenden +Schmerzen in der Brust. + +Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine Eingabe an das +Ministerium zu machen, um nach Kalabrien überführt zu werden; der +Direktor versprach mir, mein Gesuch zu unterstützen und alles zu thun, +daß meine Bitte erhört werde. Ich reichte das Gesuch ein; nach einigen +Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport abreisen. + +Der Direktor gab mir bekannt, daß ich den Rest meiner Strafe in Trogen +verbüßen sollte. + +Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, kräftig und lebensfroh +kam ich hin, elend, schwach und sterbenskrank ging ich von dannen. + +Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fünfundvierzig Lire, die auf +meinem Konto standen, steckte mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und +nachdem ich mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste +ich mit Thränen auf den hageren Wangen im Wagen nach Foggia ab, von zwei +Karabinieri begleitet. + +In diesem Gefängnis, wo der Gefangene Paolo Pescari, der Picciotto aus +Foggia, mir die fünf Lire abgenommen hatte, nahm ich nachts die zwanzig +Chininpillen ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen. + +Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach Neapel, so dieselbe Reise +zurückmachend, die ich vor einundzwanzig Monaten hin gemacht hatte. + +Man sperrte mich in das Gefängnis del Carmine in Neapel, wo ich den +unglücklichen Perrone vor dem Messer des berühmten Camorristen Sansosti +gerettet hatte. + + +In der Strafanstalt. + +Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer des Gefängnisses del +Carmine in Neapel und fand dort eine camorristische Gesellschaft von +Neapolitanern und Sizilianern; sie wußten von meinem Kommen und kannten +die Erkennungsrechte.[29] Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer des +Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri fand, die mich +transportieren sollten; man gab mir mein Geld, das ich bei meinem +Eintritt abgegeben hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf +einem Wagen Platz, während ein Karabiniere sagte: + +»Der Weg ist recht lang.« + + [29] Die »Erkennungsrechte« sind die Handlungen, durch welche der + neuangekommene Camorrist zeigt, daß er die Autorität des Vorgesetzten + und die camorristische Hierarchie anerkennt. + +Der Kutscher fragte: + +»Wohin geht es?« + +»Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente«, erwiderte ein +Karabiniere. + +»Wie?« sagte ich verwundert, »Santa Maria Apparente? Sie irren, ich soll +nach Kalabrien.« + +»Nach Kalabrien?« + +Er öffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, nimmt eine +Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt: + +»Wie heißen Sie?« + +»M..., Antonino mit Vornamen.« + +»Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt?« + +»Fünf Jahre.« + +»Von den Assisen zu Monteleone?« + +»Zu Monteleone.« + +»Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie nach Kalabrien sollten?« + +»Der Direktor des Gefängnisses in Lucera, wo ich war.« + +»Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.« + +»Zum besten gehabt!« Wie mir in jenem Augenblicke war, kann ich nicht +beschreiben, ich ergab mich in mein grausames Schicksal. + +Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberwärter und andere Wärter +bemächtigen sich meiner, führen mich in ein leeres Zimmer und lassen +mich eine gute halbe Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des +Chefs der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, Signalement +u. s. w. in ein dickes, staubiges Register einträgt, dann fragt er: + +»Haben Sie Geld?« + +»Etwas.« + +»Schön, geben Sie es hier ab.« + +Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch. + +»Sie heißen M..., nicht wahr? Von jetzt ab verlieren Sie diesen Namen +und heißen Nummer =fünfhundertneunundneunzig=. Begriffen?« + +»Ja.« + +»Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den Namen Ihres Vaters wieder.« + +Er läutet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort erscheint ein +Wärter. + +»Sie befehlen?« + +»Führen Sie den Gefangenen ins Bad.« + +»Vorwärts, 599, kommen Sie mit!« sagt der Wärter. + +Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein eisernes Gitter +öffnet und schließt. + +Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen von niemandem +bewohnt zu sein. + +Der Wärter führt mich in mein Zimmer, wo ein Untergebener, zwei +Gefangene und eine mit frischem und krystallklarem Wasser gefüllte Wanne +sich befanden. + +»Schnell, 599«, sagt der Wärter, »kleiden Sie sich aus und steigen Sie +ins Bad!« + +Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; das Wasser ging mir bis +an die Schultern, glücklicherweise waren wir in der heißen Jahreszeit. +Nachdem ich fünf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas zu +verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei Gefangenen, die +jeder eine rauhe Bürste in der Hand hatten, an, mich zu =striegeln= und +=striegelten= mich ungefähr eine halbe Stunde lang, dann sagte der +Beamte: + +»Genug; 599, kommen Sie heraus.« + +Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und triefend da. Nicht +zufrieden damit, daß sie mir die Schultern und den Rücken =gestriegelt= +hatten, wollten sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen +übrigen Körper striegeln. Ich trockne mich mit einem Tuch ab und denke: +Was zum Teufel ist das für ein Ort, wo die Christenmenschen wie die +Pferde gestriegelt werden; das mußte ich erst noch erleben, ehe ich +sterbe: mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu +striegeln! Schön, reizend, wahrhaftig!!! + +Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd dar, ich bin +neugierig, was sie von mir wollen. + +»Kleiden Sie sich an«, sagt der Beamte, »dort sind Ihre Kleider.« + +Es war ein vollständiger Anzug mit einem Paar neuer Schuhe, einem Hemd, +einer kaffeebraunen Cravatte, einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mütze, +alles dunkelbraun. + +Ich kleide mich an und frage dann: + +»Und meine Kleider?« + +»Sind im Lagerraum«, sagt der Beamte. »Wenn Ihre Strafzeit zu Ende ist, +bekommen Sie sie zurück.« + +Sie führten mich durch dieselben Korridore, wir stiegen verschiedene +Treppen hinauf und man schloß mich in eine Zelle ein, indem man mir +sagte: + +»Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, auch der Barbier +wird kommen, um Sie zu scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart +steht Ihnen nicht!« -- + +Bald nachher öffnete sich die Thür, zwei Gefangene brachten mir das Bett +und Decken, dann erscheint der Barbier, der ein Gefangener war. Ich +setze mich auf das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; mitten +in der Arbeit sagt er: + +»Ich weiß, wer Sie sind -- das Losungswort?« + +»Recht und Brüderlichkeit«, antworte ich. + +»Recht und Brüderlichkeit werden Sie finden. Das Haupt der Gesellschaft, +D. Gennarino, mit der Registernummer 188, läßt Sie grüßen.« + +»Bestellen Sie ihm meinen Gruß.« + +»Wenn Sie etwas brauchen -- nachher wird ein Wärter kommen, dem teilen +Sie es mit.« + +»Sehr wohl, grüßen Sie die Genossen.« + +»Wir erwarteten Sie, wir wußten von Ihrem Kommen, aus Lucera hatte man +es uns geschrieben.«[30] + + [30] Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von + einem Gefängnis zum andern, die Camorra unterhält noch ihre + Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar + der Versetzung von Wärtern bedient. + + »Das Haupt der Camorra«, schreibt Pucci (_Archivio di Psichiatria_; + a. a. O.), »muß von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen + Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch + Billets ermittelt, und wenn das nicht möglich ist, wird eine Krankheit + fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich + befindet.« Die Weise, in der M... von diesen Dingen spricht, als ob + sie die natürlichsten von der Welt wären, ist der beste Beweis, wie + sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengefängnis ist es nicht möglich + gewesen, das Übel zu beseitigen. »Ich habe in dieser Hinsicht + Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt«, + schreibt Alongi (_La Camorra, Turin, Bocca 1890_), »und alle + versicherten mich übereinstimmend, daß die Camorra in den + süditalienischen und sizilianischen Gefängnissen noch existiert und + mächtig ist.« Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die _Mano + fraterna_ beweisen es. + + Die Erzählung des M... ist ferner ein neuer Beweis für das, was + Lombroso in seinen _Palimsesti del Carcere_ (_Turin, Bocca 1891_) zu + beweisen versucht hat, daß gerade die Ziele der Zellengefängnisse + diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollständige + Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was für Mittel + man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit + der Verbrecher ankämpfen müssen, gegen den Scharfsinn, den die + Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und nötigste Element, + die Geduld, verleiht. _Le génie c'est de la patience_, hat Buffon + geschrieben, und obgleich diese Maxime bekämpft worden ist, so ist + doch unleugbar, daß die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und + Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten + Anordnungen, der strengsten Überwachung nur raffiniertere Mittel + entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi + zu citieren, über den heutigen Stand der Mittel, durch welche von + einer Zelle zur andern korrespondiert wird. »Der Post- und + Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gefängnis nach + außerhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die + bewunderungswürdig wäre, wenn sie nicht entsetzlich wäre. Lange + Gespräche und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern; + es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die + Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen, + daß dies System nur bei zwei aneinanderstoßenden Sälen bequem ist. + Aber man vergißt, daß jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so daß + ein von einem Saal zum andern befördertes Telegramm bequem bis zum + entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die + vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Muße besser + anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf + diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz + in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt. + Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort + herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit + entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche + die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der + vieläugigsten und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verständigen, sind + ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefängnisse. Die + Säume und Nähte der Wäsche sind wahre Postkisten, die lange + Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der + Gefangenen mit einer Präzision und Heimlichkeit hin und hergeht, die + man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden + habt, so könnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch + Citronensäure ersetzt, die blos an der Wärme erscheint, und wenn Ihr + auch das wißt, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben eine + näher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der + Schlüssel fehlt.« + + Und dies ist keine Übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche + Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengefängnis zu + Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsröhren der Heizung + und die Latrinen waren. + + Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schließen, will ich hier + eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den + Gefängnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schläge an. + + 1--1=a; 1--2=b; 1--3=c; 2--1=g; 2--3=h; 3--1=m; 3--2=n; 4--1=r; + 4--2=s; 4--3=t u. s. w. + +Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, um mir auf den linken +Ärmel der Jacke die Nummer 599 in großen roten Ziffern zu nähen, die auf +ein viereckiges Stück Tuch gestempelt waren. + +»Ihr Losungswort?« sagte er. + +»Recht und Brüderlichkeit.« + +»Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer 56, grüßt Sie und freut +sich, Sie zu umarmen, er ist Haupt der Gesellschaft und freut sich, +einen neuen Adepten aufzunehmen; später wird sich ein Wärter zu Ihrer +Verfügung stellen.« + +»Ich danke meinem Landsmann von Herzen und unterwerfe mich seinen +Befehlen, aber bitte sagen Sie mir, warum hat man mich hierher +geschickt?« + +»Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder Neuling muß in einer +Zelle abgesondert werden und wird behandelt wie alle anderen +Gefangenen: jeden Morgen spricht der Arzt vor, um den Ankömmling genau +zu untersuchen, aus Besorgnis, daß irgend eine ansteckende Krankheit +sich entwickeln könnte. Wenn der Monat der Einzelhaft um ist, macht der +Arzt dem Direktor Mitteilung; ist der Neuankömmling krank, so wird er im +Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt er mit den anderen +Gefangenen zusammen.« + +»So muß ich einen Monat hier bleiben?« + +»Gewiß.« + +Wenn ich daran dachte, daß ich einen Monat hier allein in der engen +Zelle eingeschlossen verbringen sollte, dann empörte sich mein Gemüt und +ich verfluchte wiederholt den Direktor des Gefängnisses zu Lucera, Herrn +B...[31], der mich zum besten gehabt hatte, wie jener Karabiniere sagte. + + [31] Charakteristisch für den geborenen Verbrecher ist seine geringe + Zuneigung. M..., der erst nur begeisterte Worte und Segenswünsche für + den Direktor des Gefängnisses in Lucera hatte, verflucht ihn jetzt + wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den M... glauben, daß er nach + Kalabrien gebracht werden solle, um ihn gutwillig zur Abreise zu + bestimmen, da M... in seiner Eigenschaft als einflußreicher und + gefürchteter Camorrist irgend welchen Aufstand hätte hervorrufen + können. + +Man muß wissen, daß ich, nachdem ich in Foggia fortging und die zwanzig +Chininpillen genommen hatte, kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist +die Luftveränderung gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein +Neapolitaner, ein schöner Mann mit langem schwarzen Bart und einer +blitzenden Brille auf der Adlernase; ich muß mich nackt ausziehen, und +er untersucht mich langsam von Kopf bis zu Fuß, bald meine Haut, bald +meine Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann legt er das Ohr +an meine Brust und meinen Rücken und sagt: + +»Sagen Sie drei!« + +»Drei, drei, drei«, sage ich. + +Und ich denke, warum drei und nicht vier oder zwanzig oder hundert. Will +sich der elende Schüler Aeskulaps über mich lustig machen? Und ich war +im Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.[32] + + [32] Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts + rechtfertigen läßt. + +»Was für eine Krankheit haben Sie gehabt?« + +»Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.« + +»Wo waren Sie?« + +»In Lucera della Puglia.« + +»Sie sind sehr zurückgekommen, wir werden Sie aber gesund machen, hier, +da Sie nach dem Reglement nicht in das Krankenhaus dürfen; fassen Sie +Mut, bald sind Sie geheilt.« + +Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. Ich bekam +Krankenkost und der Wächter sagte: + +»D. Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, ob Sie irgend etwas +brauchen.« + +»Ich möchte rauchen.« + +»Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng verboten; in den Anstalten +darf nicht einmal der Direktor rauchen, wir nicht, keiner, auch nicht +Viktor Emanuel II. Wenn Sie Schnupftabak wünschen, können Sie ihn haben +und welche Sorte Sie wollen.« + +»Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.« + +»Und was wollen Sie essen und trinken?« + +»Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und meinen Gruß.« + +»Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen wachen über Ihr +Wohlergehen.« + +»Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftshäupter sind hier?« + +»Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die Kalabreser und die +Neapolitaner.« + +Damit ging er. + +Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! Hier heißt es +neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. Also sei vernünftig, lieber +M...! Also es sind zwei Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner! + +Der Wärter kam und brachte mir etwas Schnupftabak und bestellte Grüße +von den neapolitanischen und sizilianischen Camorristen. + +Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier gab es täglich zwei +Suppen und zwei Brote. Der Wärter sagte: + +»Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann und seine Gefährten +lassen Sie grüßen; falls Sie etwas wünschen, möchten Sie es mir sagen.« + +»Ich danke Ihnen und brauche nichts.« + +Doch ich will die Sache kurz machen. + +Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der +Wundarzt, um mich wie gewöhnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit +zu Zeit ein Fläschchen Medizin verschrieb. Der =Reporter= der beiden +=camorristischen= Parteien erschien regelmäßig, ich aber war klug und +sagte, daß ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war, +wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten +Gesundheitszustand zu bessern. + +Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen auf, erzählte mir +Wunder was für Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und +versuchte mir einzureden, daß ich zu ihnen gehören müsse. + +Ich gab ihnen zu verstehen, daß es meine feste Absicht sei, neutral zu +bleiben, und daß ich es nicht für anständig und eines ehrenhaften Mannes +für würdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und daß es +auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht +schicke, gegen die Anhänger seiner Gesellschaft aufzutreten, daß ich sie +alle gleichmäßig liebte und achtete als meine Genossen und +Leidensgefährten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts, +welcher besagt: + + »Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den + Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne + irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151. Gezeichnet: Cirillo + Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.« + + »Gestempelt.«[33] + +[Illustration] + + [33] Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript des + M... fand. Es ist unverständlich. Man erblickt zwei Degen, ein Auge + und andere Zeichen, die ich vergebens mit den camorristischen + Tätowierungen und den Verbrecherhieroglyphen in Einklang zu bringen + versucht habe. + +»Sie haben Recht, lieber Freund«, sagte mir das Gesellschaftshaupt, +»aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.« + +»Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.« + +»Ihre Hand!« + +»Hier ist sie!« + +Wir schüttelten uns die Hände und sahen uns in die Augen. Abends kam +Borghese, der berühmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er +wegen eines in Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen +Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; er war +der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von +monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute sich +nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34] + + [34] Ein neuer Beweis für das, was ich von der Schwäche der Beamten + der Camorra gegenüber gesagt habe. + +»Landsmann und Genosse«, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, »ich +freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft +eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es +schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so +gesund und blühend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem +Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die +Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden +wir über die Klinge springen lassen!!!« + +»Mein teurer Landsmann, ich nehme für niemand Partei; ich liebe und +achte Sie wie einen anderen Menschen, und das ist meine Pflicht; alle +meine Genossen muß ich gleichmäßig lieben und achten.« + +Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner zu +überzeugen, daß ich auf alle Fälle neutral bleiben wolle. + +Endlich sagte er: + +»Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie für gut halten, ich habe kein +Recht, Sie zu zwingen; aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie +sich auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! Sind wir +einig?« + +»Ja, wir sind einig«, erwiderte ich. + +Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben von den +Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und der Kalabreser. Dann wurde ich an +den Direktor, Herrn Luigi M... di Aversa, gewiesen, einem Manne von +gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. So treffen sich böse +und gute Menschen auf dem Pfade des Unglücks. Luigi M... war der Typus +eines Edelmannes; eine zärtliche Mutter ist nicht so liebevoll, geduldig +und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener Luigi M... gegen uns Söhne +des Unglücks, uns traurige, bloßgestellte Geschöpfe war. + +»Wie geht es, 599?« fragte er, als er meiner ansichtig wurde. + +»Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.« + +»Und ich sage mir Glück dazu, wie Ihnen selbst; ich hörte, es ging Ihnen +schlecht, als Sie hierherkamen?« + +»O, Herr Direktor, sehr schlecht.« + +»Armer Unglücklicher!« Zwei Thränen traten ihm in die Augen. »Sie haben +gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhören. +Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verläßt uns nicht. Ich +will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie, +nehmen Sie sie nicht übel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für +einen anständigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, daß +man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet +hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlüpfrige Weg, der direkt +zum Übel führt. Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse +gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in zwei Parteien +gespalten ist, die sich täglich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie +wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie +wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein +zärtlicher Vater seine Söhne bitten kann, diese Streitigkeiten zu +lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefährten zukommt; aber +ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich +zur Strafe: fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefängnis +überführt worden, um sich wegen Mord und Körperverletzung zu +verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner +Leitung vorkommen, betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die +Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.« + +Der brave Mann war untröstlich. + +»Sie, 599, werden mir keinen Anlaß zum Mißfallen geben, nicht wahr?« + +»Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung, +Ergebenheit und Dankbarkeit.« + +»Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden +Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang +werden Sie in der Schneiderstube beschäftigt werden; später werden Sie +dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird +es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den bösen Genossen geschützt +sein.« + +»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier +einen so edelmütigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde für +Ihr Wohlergehen zu Gott beten.« + +»Thun Sie das, ich habe es nötig.« + +Ein Wärter führte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf, +einen hölzernen Löffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergefäß aus +Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine +Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng +verboten war und sie die natürliche Lederfarbe tragen mußten. Ich habe +nicht begreifen können, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, wenn ich +von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir +ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599, +die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mußte. Der Wärter führte +mich in ein großes Zimmer, ich blicke über die Thür und lese in großen +Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das +Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach führte der Wärter mich +zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben +will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der äußeren Treppe +herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber liegende Bureaux, das +zur rechten gehört dem Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor. +Fünf Meter weiter trifft man ein großes hohes eisernes Gitter, durch +welches man auf einen finsteren, etwa fünfundzwanzig Meter langen +Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die +Gefangenenwärter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und +einige Lagerräume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem +ersteren ähnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa +zwölf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde +gefüllte Becken, in denen Bäumchen und Blumen wachsen. Wenn die +Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu schöpfen, eine Stunde +abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe +um diese Becken herum; für die, welche müde sind und nicht mitgehen +wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier +bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe Mauer trennt diesen +Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer +bewegen. + +Früher waren beide Höfe ein einziger gewesen, da aber die beiden +Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es für +gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht täglich +umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und +Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die +Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und +geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti +predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor, +zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die +Zimmer der Zimmerkehrer und Köche, zur linken die Arbeitszimmer der +Weber und eine Treppe, eine große Bibliothek, die Bücher über Reisen in +Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente, +an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr. + +Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen +Korridor gegenüber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen +hatte, deren jede sechs Gefangene faßte, wo die Neapolitaner und die +Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, begeben uns in den Korridor +der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und +befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange +Reihen-Zellen für sechs Personen: hier schliefen Kalabreser, +Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer. + +An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pförtchen, von wo aus der Wärter +sie Tag und Nacht übersehen konnte, und in jeder Zelle war ein großes +langes Fenster mit einem Gitter aus Gußeisen, vier dicke eiserne +Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer gerader +Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in +der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. säumte, ich +verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi täglich, +hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser +Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberwächter zu +kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng +verboten, und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas +Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knäuel in den Mund +steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in +zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde +rissig, so daß ich diese neue Art zu kauen aufgab. + +Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven +Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder +lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes +Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weißbrod, Abends Mehl- oder +Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, Käse, Brod und einen Becher Wein; es +ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen. + +Soll ich eine Episode erzählen, die Euch erschauern lassen wird? So +hört: + +Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein, +aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und +frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt +geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische +Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht +bemächtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends löschten sie die +Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich +ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett, +steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes +Messer heraus, das gut geschärft und gespitzt war, und auf dem Bettrand +sitzend, hielt ich Wacht. + +Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete +Camorristen fingen an, in größtem Stillschweigen zu fechten, das Blut +floß in Strömen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die +Kämpfenden waren entblößt, die übrigen Gefangenen saßen auf ihren +Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich +beugend, jetzt einen Stoß parierend, auf einmal fällt einer der +Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der +andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, hält mit +der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und stößt mit der Linken +wiederholt seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. Mit Blut +bespritzt erhebt er sich, öffnet das Fenster und ruft die dienstthuende +Wache. + +»Was giebt's?« antwortet ein Mann von draußen. + +»Rufen Sie einen zweiten Wächter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu +bringen.« + +Die Wächter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche +Schauspiel und erbleichen, der blutgetränkte Leichnam wurde +fortgeschleppt, der Mörder in eine Zelle geschafft, -- wir schlossen in +jener Nacht kein Auge. + +Tags darauf wurde der vierzehnjährige Jüngling, die unfreiwillige +Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer +verstümmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er +war bewußtlos und starb am Abend, unaufhörlich nach seiner Mutter +rufend. Wenn ich alles erzählen wollte, würden Euch vor Grausen die +Haare sich sträuben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute +Sitte, die Rücksicht auf den Leser verbietet es.[35] + + [35] Man beachte, daß er selbst ein Sodomit ist, wie sich in der Folge + zeigen wird. + +Meint Ihr, daß Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde? +Niemals, als ob nichts passiert wäre; wenn man jemand fragte, so +antwortete man ganz trocken: + +»Ich weiß nichts, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen.« + +Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen armen Wächter in der +Schneiderwerkstatt mittelst einer Scheere, weil er ihm untersagt hatte, +laut zu sprechen. + +In der Werkstatt sollte die größte Ruhe herrschen, alle Gebote wurden +übertreten; man sprach, lachte und scherzte, in dem Schlafzimmer durfte +nur halblaut gesprochen werden, statt dessen herrschte dort ein +Höllenlärm, weil der Direktor nie Strafen verhängte. Es war strenge +Vorschrift, daß alle arbeiten sollten: aber niemand kümmerte sich darum, +der eine blieb in seinem Zimmer, der andere ging zwar in die Werkstatt, +aber arbeitete nicht. + +Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und ein Neapolitaner, krank; +nachdem der Arzt gekommen war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt, +dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer und stechen auf +einander los; der Wärter, der sie trennen sollte, erhielt einen +tüchtigen Messerstich in den Unterleib, der eine der Kämpfenden eine +tötliche Wunde, der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen +Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stücke, das +Schreibpult des Arztes fällt um, und die in einander verbissenen Gegner +waren noch nicht vom Blut gesättigt. + +Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft zu schöpfen, als ein Mann von +der andern Seite der Mauer ruft: + +»+Ihr elenden Kalabreser!+« + +Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. Dreißig Kalabreser klettern +auf die Mauer, die Waffen in der Hand, ein wütender Angriff erfolgt, man +kämpft Mann gegen Mann; das Blut fließt in Strömen; der Wächter, der +Direktor, eine Abteilung Soldaten eilen herbei; sie drohen Feuer zu +geben, wenn die Gefangenen nicht auseinander gehen -- vergebens. Mit +aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdürstigen Tiger los. +Sechszehn blieben zum Tod verwundet liegen, ein Gefangenenwächter mit +den Eingeweiden in den Händen, zwei Neapolitaner tot, einer leicht +verwundet, und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft der Neapolitaner, +mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten Händen, kämpft wie ein +Rasender mit Borghese, dem Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden +im Gesicht und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte. + +Das sind die Wirkungen der Camorra und die schweren Folgen der Spaltung +in zwei feindliche Parteien. Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in +das Gefängnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer +Körperverletzung verurteilt zu werden. +Arme Thoren!!+ + +Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle die Anstalt verlassen, +da seine Liebe und sein Interesse für die Gefangenen so schlecht belohnt +würden. Nach diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fünf Monate +lang war alles ruhig; und es ist recht so, daß nach dem Sturm die +Windstille folgt, und die gequälten Herzen sich beruhigen können. +Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, daß die Gefangenen, die sich gut +geführt hätten, nach der Insel Caprera gebracht würden, um dort +Erdarbeiten auszuführen. + +Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und neapolitanischen +Camorristen abzuschicken, teils, um sich die Sache vom Halse zu +schaffen, teils um ihnen Gelegenheit zu geben, sich in aller Ruhe nach +Belieben umzubringen. + +Zweiunddreißig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurück, +da sie sich nicht gut geführt hatten; andere kamen hin und blieben dort. +Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein +Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese +einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage D. Gennarinos, der +von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der +Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem +Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da +nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so +daß ich keinen heilen Knochen behielt; ich ließ den Direktor rufen und +bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern +ein und lobte mein Betragen. + +Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, zwei brave +neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in +Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber +half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute +Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen. + +Es besteht die Vorschrift, daß ein Gefangener, der während der Zeit, wo +auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen muß, einen +Zettel heraushängt, auf dem das Wort »Besetzt« steht; und auf dessen +Rückseite das Wort »Frei« sich befindet, welches sichtbar zu machen ist, +wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort +»Besetzt« vorfindet, muß er warten und darf die Thür des Abtritts unter +keinen Umständen öffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht. +Nun geschah es, daß ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort +»Besetzt« herausgehängt hatte; nachher vergaß er, den Zettel umzudrehen. +Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort »Besetzt« und wartet, +aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so daß ihm der Gedanke kommt, +die Nr. 448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, während der +Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich kann mich nicht mehr +lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen +scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in +seinen Nöten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es +passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot +ist, öffnet er die Thür und bleibt wie gebannt stehen -- der Abtritt ist +leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen, +sucht und findet Nr. 448, nähert sich ihm und giebt ihm eine riesige +Ohrfeige mit den Worten: + +»+Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht?+« + +Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute der 448 hinzu und +verabfolgten dem Missethäter einige Ohrfeigen: das zündet, man ergreift +die Waffen, und wenig fehlte, so wäre eine zweite Schlacht gefolgt; so +endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen. + +Mein Verwandter Cosmo M..., der in Neapel wohnte, suchte mich auf und +war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich +mir zur Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine +Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenwächter +übermittelte er mir ein Päckchen Rauchtaback, eine Pfeife und +Zündhölzchen; der Wächter brachte sie mir heimlich, so daß ich mir +Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei Hälften, +die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im +Kopfende, die andere im Fußende meines Strohsackes, die Pfeife und die +Zündhölzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen +wurde eine Untersuchung veranstaltet, während die Gefangenen in den +Werkstätten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den +Strohsack und findet eine Hälfte mit Tabak. + +Der Direktor kommt und sagt mir: + +»Woher haben Sie diesen Tabak?« + +»Das kann ich auf keinen Fall sagen.« + +»Wissen Sie, daß der Rauchtabak hier streng verboten ist?« + +»Nur zu gut.« + +»Ich müßte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber +diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hüten Sie sich in Zukunft.« + +Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, daß derselbe Wächter, der mir den +Tabak gebracht hatte, den Verräter gespielt hatte. Der Tabak war unter +den Wächtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, daß Tags darauf +eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere Hälfte des +Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks +und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen; +dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen +Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gewöhnlich in die Werkstatt. Die +Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in +meine Zelle und derselbe Wächter, der mir den Tabak brachte und ihn +nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungriger hinein auf meinen +Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch +hervor, zeigt es seinen Genossen, drückt es mit väterlicher Liebe an die +Brust und sagt: + +»Hier ist die Leiche!« + +Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, über die Brust und die Hände, entsetzt +starrt er die »Leiche« an, während die andern durcheinander riefen: + +»Prächtig, wahrhaftig reizend; was für eine kostbare Bartwichse! Und der +schöne Geruch; Dich hat man schön herausgeputzt!« Und sie bersten vor +Lachen. + +Der arme Wächter mit dem beschmierten Gesicht warf das Tuch empört auf +den Korridor und wischte sich das Gesicht, die Hände und die Brust ab. +In der Werkstatt wurde viel über das Abenteuer gelacht, ich weiß nicht, +ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls ließ er mich nicht rufen. +Inzwischen lief die Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich +nahm seine Stelle ein mit zwölf Lire monatlich, eben so viel bekam ich +von Hause, so daß ich im Ganzen vierundzwanzig Lire hatte, die mir +gutgeschrieben wurden. Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern +zuweilen uns nur einen Käse, ein Ei oder einen grünen Salat leisten, was +uns dann verrechnet wurde. Aber endlich gab der Direktor unserm +Verlangen nach, da wir mehrere Male die Kost verweigerten, und wir +konnten uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als einen +fünftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. Als der gute Direktor +sah, daß Ruhe in der Anstalt herrschte, ließ er uns eine Musikkapelle +bilden, wozu er selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn +Musiklehrlinge, ein tüchtiger neapolitanischer Meister kam zwei mal +täglich, drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends, um uns zu +unterrichten, wofür er vom Direktor monatlich hundertfünfzig Lire +erhielt. Wir lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend +spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart der Wache, des +Direktors und des Rechnungsführers, die sich über unsere schönen +Leistungen freuten. + +Der Präfekt, der Syndikus und andere behördliche und angesehene Personen +wollten uns eines Tages spielen hören und lobten das Werk des Direktors. +Die Aufführung ging nach Wunsch, wir freuten uns an unserem friedlichen +Dasein und liebten einander, während die Rasenden, die in das +Gerichtsgefängnis gebracht waren, zu fünf bis zehn Jahren Zuchthaus +verurteilt wurden. Die armen Thoren!!... + +Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, des Schicksals oder der +Hand Gottes ist -- es ist ein Verhängniß, daß der ins Unglück geratene +Mensch nicht lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem Lächeln +erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, dem Willen +der Gottheit nachzuforschen und ist uns Verruchten und Verachteten nicht +erlaubt, in dem geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden Grunde, +dem Unerforschlichen nachzuspüren und zu ergründen, woher das Elend und +die Schande in dem sinnlosen Leben so vieler Millionen böser Menschen, +die sich mit sardonischem Lächeln über alles hinwegsetzen. Geschick, +Fügung, Glück, Schande, Unglück -- dunkle, sinn- und verstandlose Worte, +Abstraktionen unseres Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Träume... +Traum und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, des +Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und Christen, des +Materialisten und des Rechtgläubigen, des Gelehrten und des Unwissenden, +des Reichen wie des Armen; alles, alles, das All im All, ein +unerbittlicher Traum unserer Träume ist das menschliche Leben, sein +tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden Abenteuer; und wenn ich +glaubte am Ziel zu sein und den unsinnigen Traum deiner Träume erfaßte, +den düsteren Traum der Todesangst, den röchelnden Traum des Sterbenden, +dann empfing ich den Urquell deiner Träume und aller Träume deines +körperlichen und geistigen Schlafwandelns, die du schließlich in die +Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das ist das Leben, das ist +das eherne Geschick, das grausame Verhängnis, das herzlose Schicksal, +das traurige Unglück. Das ist der Traum der Weisen und der des +Urmenschen; der gräßliche Traum des Reichen und der hungrigen Armen. Das +ist der unabänderliche Lauf des menschlichen Lebens. Und setzt sich der +irdische Traum in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das +träumende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, daß dort in der +Welt, in die man geht und aus der man nicht zurückkehrt, fortgeträumt +wird; aber es ist kein Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachende +Träume, Träume aus dem vergangenen Leben, Träume von deinen +Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, von dem Schmutz und der +Schändlichkeit, mit der du dich beflecktest, als du einstmals träumtest; +ein Traum ist deine kleinmüthige Schwäche, hartnäckige Unwissenheit, +Träume sind die häßlichen Schauspiele deiner verderbten Liebe, deiner +ungeheuerlichen Neigungen!! + +Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem des Lebens und des +Todes, das ist die Lösung unseres Dramas. Gefällt's Euch? Scheint's Euch +paradox? Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? Aber nehmt +keinen Anstoß daran. + +Nehmt den scheußlichsten, den ungeheuerlichsten, den düstersten Traum +heraus aus den Träumen Eures Traums. + +Der Gedanke ist der Dichter, der das hat wahr machen müssen, was ich +behaupte. + +Ein Traum war mein Lebenslauf hienieden und wer kann die Geheimnisse +desselben ergründen? Wer kann die Zukunft erforschen und voraussehen? +Ein höchstes Wesen. + +Welche Komödie bieten unsere unglücklichen Väter hier auf dieser +Erdkugel dar? Die Komödie des Bösen, den Traum des Unglücks, der +Krankheit. Welche Komödie stellen wir dar? Die Komödie des Scheußlichen, +den widerlichen Traum unserer Schande, unserer Verderbtheit. + +Welche Komödie werden unsere Nachkommen darstellen? + +Die Komödie des Betruges, der Sophisterei, den gräßlichen Traum der +Ungeheuerlichkeit. + +Was ist die Geschichte? Eine verderbliche Komödie, die von den Träumen +der Sterblichen erzählt, den Träumen, die sie auf dem großen Theater der +Erdkugel dargestellt haben.[36] + + [36] Der Abschnitt, mit dem dieses Kapitel schließt, trägt + unzweifelhaft den Stempel der Verrücktheit an sich; aber man sieht + ein, daß der erste Entwurf alles andere als vulgär ist -- es ist + derselbe, den Shakespeare durch den Mund einer seiner Persönlichkeiten + ausgesprochen hat, welche an die Unendlichkeit der Welt denkt und sie + mit der unendlichen Kleinheit des Menschen, mit der Relativität aller + seiner Abstraktionen in Gegensatz stellt. Auch die Shakespeare'sche + Persönlichkeit versinnbildlicht die menschliche Thätigkeit in einer + Reihe von Träumen. + + Aus einer Sammlung von poetischen Manuskripten des M... nimmt der + Herausgeber hier zwei heraus, welche rein philosophische Themen + behandeln und welche von der seltsamen Verbrecherphantasie eine + Vorstellung geben. + + +Ha!!!... + +Wir stehen im Jahre 1873 und ich befand mich in der Strafanstalt zu +Neapel, als ein tausendköpfiges Ungeheuer tausende von Opfern in einem +Augenblick dahinraffte, die Cholera, die furchtbare Cholera. Ja, die +Cholera, dieser unheimliche Wanderer, das entsetzliche, tausendköpfige +Ungeheuer rafft tausende von Opfern in einem Augenblick dahin. + +Neapel, das schöne, lachende Neapel, die Parthenope von einstmals, ist +von der Cholera überfallen, und in welcher Weise! Der Tod der herrlichen +Gegend, der grausame Tod mit der unerbittlichen Sichel, mähte seine +Opfer rasch dahin, keine Spur hinterlassend. Es war Sonntag, wir +arbeiteten nicht, wir hatten die heilige Messe und eine lange Predigt +des Hanswursts von Pfarrer Herrn Borz...[37] gehört. Wir hatten die +Kapelle verlassen, da stürzt ein armer Gefängniswächter, Vater von neun +Kindern, gegen die Thür der Kapelle, stößt einen verzweifelten Schrei +»Ha!« aus und fällt wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle nieder, als +ob er ohnmächtig geworden wäre; aus dem Munde quoll ihm ein grünlicher +Schleim, sein Gesicht und seine Hände wurden rotblau; er wird ins +Krankenhaus gebracht, der Arzt kommt und findet ihn als Leiche, +zusammengekrümmt und mit weit geöffneten gläsernen Augen. + + [37] Derselbe, den er vorher als einen »gelehrten und geistreichen + Mann« bezeichnete. + +»Die Cholera,« sagt der Arzt. + +Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsmaßregeln getroffen; die +Werkstätten wurden in Schlafräume umgewandelt, und in den Zimmern, wo +bisher zehn Gefangene waren, blieben nur fünf, wo sechs waren, nur +drei, und die Betten wurden auseinandergerückt. + +In einem großen Raum wurden die leicht Erkrankten untergebracht, in der +Schneiderstube, die höher lag als die anderen Werkstätten und Zimmer, +die schwer Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, die +fünf Lire täglich bekamen und essen und trinken konnten, was sie +wollten. Eine außerordentliche Reinlichkeit herrschte in der ganzen +Anstalt; wir =rauchten= den ganzen Tag, die Zimmerthüren waren Tag und +Nacht geöffnet; die Kapelle spielte häufig; am Tage und in der Nacht +wachten je zwei Ärzte, und der menschenfreundliche Direktor nahm seine +Frau und einen Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war ein +förmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit Kanonen, Mitrailleusen, +Flinten, Revolvern, Pistolen, geraden und krummen Säbeln, Bajonetten und +Dolchen -- kurz, wir waffnen uns und rüsten uns, daß wir unbesiegbar +sind und nehmen mächtig Lebensmittel und Munition ein; alles, um Mann +gegen Mann das entsetzliche vielköpfige Ungeheuer, die Cholera, zu +bekämpfen. In dem tödlichen Kampf mit der Stadt war dieses gräßliche +Ungeheuer kühn und dreist geworden, es kämpfte gelassen und schritt +durch die Paläste der Reichen, die bescheidenen Häuser der Arbeiter und +die Hütten der Elenden dahin; es ließ sich gierig in der herrlichen +Straße Corso Vittorio Emanuele nieder und griff mit mächtigem Ansturm +unsere Burg an, die wir unerschrocken verteidigten gegen das Ungeheuer, +das mit schwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul aus +tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang sich aus der Brust von +sechshundert Gefangenen; der furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in +unsere Mauern und mit blutrünstigen Augen schwang er seine unerbittliche +von Blut befleckte Sichel -- nur Sieger, nie besiegt, nur triumphierend, +nie niedergeschmettert -- und doch boten wir dem Feinde noch Trotz. + +Am Tage nach dem Tode des Wächters aßen zwei Genossen gemeinschaftlich +aus einer Schüssel etwas Reis, da erhebt sich der eine zitternd, tastet +an der Mauer entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden +Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme stößt er ein »Ha« aus und fällt +wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er wurde aufgehoben und in das Zimmer +der Erkrankten getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und +schwarz am ganzen Körper. + +»Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei Nr. 119 verzeichnen?« + +»Cholera!« + +Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken gelähmt, denn Tag und +Nacht mußte ich die Ärzte begleiten und die Mittel niederschreiben, die +sie verordneten. + +Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens trockenen Mehlteig mit +geschabtem Käse und ein schönes Stück gebratenes Fleisch, sowie einen +mächtigen Becher Wein; Abends Kalbsbraten, Weißbrot und einen Becher +Wein; beim Schluß des Tages jeder ein Glas mit Chinin versetzten +Rosenliqueur. + +Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren an Heftigkeit, +die Feindseligkeiten und die Ränke hörten auf, man dachte daran, sich +gegenseitig zu lieben und das Ungeheuer zu bekämpfen, das uns zu +verzehren drohte. + +Inzwischen war der Saal der Erkrankten überfüllt; viele starben ohne +Erbarmen, nachdem sie aus ihrem ausgetrockneten Halse das letzte »Ha« +ausgestoßen hatten. + +Da empörten sich die Gefangenen. + +»+Gift!!+« riefen sie. + +Sie verschworen sich gegen die Ärzte, den Direktor, die Wache, wollten +die Bureaux überfallen und die Beamten morden. + +Die Frau des Direktors, eine ausgezeichnete Dame aus feiner +neapolitanischer Familie, begab sich mit ihrem geliebten Söhnchen auf +den Hof, in die Zellen und ermahnte mit thränenden Augen die Rasenden +zur Geduld, zum Mut und zur Ergebung. + +Der Direktor bat weinend und mit vor Entsetzen gesträubten Haaren um +Frieden; nicht ein Gift sei es, wie sie meinten, sondern eine tötliche +Krankheit, welche die Stadt bedrohe und Tausende von Opfern fordere. + +Der Rechnungsführer begab sich nach Castellamare, wo er eine Ladung +Citronen kaufte, die unter den Gefangenen verteilt wurden. + +Lob, ewiges Lob gebührt dem edlen und christlichen Herzen des Direktors +Cav. Luigi M... di Aversa, Lob, unvergängliches Lob seiner edlen +Gemahlin, der Zierde christlicher Tugend. Tag und Nacht begaben sich +beide in die Zellen der Erkrankten, und salbten die schwarzen Körper der +Leidenden mit wohlriechenden Düften, reinigten sie vom Schmutz, und die +edle Herrin umfing die unglücklichen Sterbenden und murmelte ein Gebet, +während ein Strom eklen Erbrechens ihr über Brust und Hände ging. O Du +Deines Heilandes würdiges Weib! Edles Mutter- und Frauenherz; meine +Feder ist zu schwach, um Deine heiligen Tugenden zu schildern, Deinen +unerschrockenen Mut, Deine Selbstverleugnung, eine Ruhmespalme ist Dir +im Himmel gewiß, und sicher hat der Schöpfer, wenn er Dein heiliges und +frommes Wirken sah, sich gefreut, daß er Dich in die Welt gesandt hat. + +Den ganzen Tag ging sie mit einem Korb voll Obst, Biskuit, einer +Rumflasche umher; wandelte durch die Zellen, gab dem eine Frucht, jenem +ein Stück Citrone, dem dritten ein Glas Rum und sprach: + +»Mut, meine lieben Söhne, Gott will unsere Geduld auf die Probe +stellen.« + +Brot und Braten warfen wir auf den Hof und auf die Korridore, der Hunger +war verloren, jeder war satt, die Cholera hatte uns gesättigt. Es war +ein Leben, das ich nicht fortsetzen konnte; am Tage immer mit den Ärzten +unterwegs, Nachts vier oder fünf Mal in den Zimmern umher; ich fühlte +mich wie vernichtet. + +Im Bureau des Krankenhauses war das Depot des Weines und der Liqueure, +die ich morgens und Abends an sechshundert Gefangene austeilen mußte. + +Ich mache dem Direktor Mitteilung, daß ich mich in mein Zimmer +zurückziehen möchte, da ich dieses Leben nicht mehr aushalten könne. + +»Nein«, antwortete er, »als der Wind still war, da wollten Sie fahren; +nun müssen Sie auch im Sturme ausharren -- ich werde Ihnen zwei Genossen +als Helfer beigeben.« + +Die Apotheke befand sich in der Anstalt selbst, im Krankenhause; der +Oberwärter, ein braver Mann aus Piombini, der zu zwanzig Jahren +verurteilt war, wußte mit Arznei gut Bescheid und that als Apotheker +Dienste. + +Zwei oder drei starben jede Nacht, nichts als ein schmerzliches »Ha« +ausstoßend. Sie wurden sofort in einen gemeinschaftlichen Kasten +=eingesargt= und hinausgebracht, um mit den andern, die in der Stadt +starben, zusammen begraben zu werden. Die Gefangenen wußten nicht, wer +oder wieviel starben oder erkrankt waren. + +Einige Tage war Waffenstillstand, die heimtückische Krankheit schien des +entsetzlichen Mordens müde zu sein, und wir Verschonten dankten Gott. + +Und dann? Das unerbittliche tausendköpfige Ungeheuer war nicht müde, es +schöpfte nur Atem, um sich gieriger als zuvor zu erheben. In Neapel, in +der Anstalt neue Opfer; da verdoppelte sich die Sorgfalt und +verdoppelten sich die Mittel, um den Drachen zu bekämpfen. + +Verzweiflung und Entsetzen herrschten in den Herzen, die einer +Dolchspitze und einer Messerschneide furchtlos entgegenblickten. + +Eines Morgens fragte ich den Doktor Biondi: + +»Herr Doktor, was muß man thun, um sich vor der entsetzlichen Krankheit +zu bewahren?« + +»Immer Wein und Liqueur trinken, nie Wasser, und im Essen und Trinken +sehr mäßig sein.« + +Wein und Liqueur hatte ich zu meiner Verfügung, mäßig zu sein, hing von +mir selbst ab. Ich fing an, nicht wenig zu trinken, Tag und Nacht trank +ich im Übermaß. Bisweilen hatte ich starkes Fieber mit heftigen +Schmerzen im Unterleib und im Magen, mein Kopf schien sich umzudrehen, +als ob ich im Strudel des Meeres wäre, kraftlos hielt ich mich mit Mühe +auf den geschwollenen Beinen. Ich begab mich zu dem Chirurgen Herrn C... +und ließ mich untersuchen. + +»Sie haben ein pferdemäßiges Fieber«, rief er aus. + +»Ja, ich fühle mich sehr krank und leide heftige Schmerzen im +Unterleib.« + +»Wie ist die Verdauung?« + +»Seit vier oder fünf Tagen schlecht.« + +»Und Sie haben nichts gesagt?« + +»Was sollte ich ... die Furcht vor der Cholera.« + +»Ich kann Ihnen jetzt keine Purgiermittel geben. Gehen Sie in's +Krankenhaus, wir werden sehen.« + +Ich ging in's Krankenhaus, ein anderer übernahm nun meinen Posten. + +Diese abgefeimte Bestie von einem Chirurgen verschrieb mir Chinin, kaum +hatte ich es genommen, als sich das Fieber zum Delirium steigerte; den +Abend und die Nacht erbrach ich mich unaufhörlich und litt an +fortwährenden Durchfällen, so daß ich Bett, Betttuch und alles, was in +meiner Nähe war, beschmutzte; vor meinem geistigen Auge erschienen +Gespenster, Schatten, Gräber und Grüfte. + +Am Morgen kam Dr. Biondi, der Arzt, um mich zu untersuchen. + +»Cholerasymptome,« sagte er, »er muß in das Zimmer der Cholerakranken +gelegt werden.« + +»Ich gehe nicht,« rief ich, »ich will nicht! Genossen, ich verlasse mich +auf Euch!«[38] + + [38] Ein weiterer Beweis, daß M... ein einflußreiches Haupt der + Camorra war. + +Borghese und einige Kalabreser und Neapolitaner waren zur Stelle. + +»Zu den Cholerakranken darf er nicht kommen,« beschwor Borghese den +Arzt, »sonst steht heute Abend die Anstalt in Flammen.« + +»Er soll nicht!« riefen die andern. + +»Wir morden die Ärzte, den Direktor und die Wache,« drohte der Genarius. + +»599 soll hier bleiben und von uns bedient werden,« sagten einige +Neapolitaner, »wehe dem, der ihn anrührt.« + +Der Direktor kommt, und es wird entschieden, daß ich im Krankenhaus +bleibe, während zwei Kalabreser mich am Tage und zwei Neapolitaner des +Nachts bedienen sollen. + +Der Arzt Biondi beklagte sich über den Chirurgen, weil dieser mir Chinin +verschrieben hatte; er sagte, daß er mich getötet habe und befahl dem +Chef der Wache, daß keiner mit mir sich abgeben solle, da ich unter +seiner eigenen Behandlung stände. + +Nachts wurde es schlimmer mit mir; gräßliche Gespenster, furchtbare +Grüfte mit Gespenstern und Ungeheuern standen vor mir und quälten mich; +ich hörte nichts mehr; ein eiserner Ring schloß meine Eingeweide ein; in +Zwischenräumen litt ich an Erbrechen und Durchfällen, ich konnte mich +nicht bewegen und mit vieler Anstrengung und Vorsicht mußte ein Genosse +mich hin und her wenden; ich lag im Sterben. + +Nach der Arznei wurde mir übel -- aber was bedeutete das! Zwei Tage und +zwei Nächte wußte ich nichts von mir -- ich war tot! + +Nach achtundvierzig Stunden heftigen Fiebers gewann ich soweit die +Herrschaft über meine Sinne wieder, daß ich mir meine kritische Lage +klar machen konnte. + +Der Arzt kommt, er sperrt den Mund auf, sieht den Krankenwärter an und +spricht mit ihm und den Gefährten, die mich bedienten; ich hörte nichts, +denn ich war gänzlich taub, aber ich sah, wie der Wärter kopfnickend +sein Einverständnis mit dem ausdrückte, was der Arzt sagte. Als der Arzt +ging, fragte ich, was er gesagt habe. Man wollte es mir anfangs nicht +sagen, bis auf mein wiederholtes Bitten einer meiner Genossen mir +Folgendes aufschrieb: + +»Der Doktor sagte, daß es sehr schlecht mit Ihnen steht, und daß Sie +vielleicht heute Nacht sterben werden, daß der Priester gerufen werden +solle, um Ihnen die letzte Tröstung der Religion zu spenden.« + +Ein elektrischer Schlag hätte mich nicht so erschüttern können, wie die +Worte, die ich las und die mein Todesurteil enthielten; mit +übermenschlicher Kraft erhebe ich mich im Bett, die Augen weit geöffnet, +die Arme mit drohend geballten Fäusten gegen ein großes Kruzifix +ausgestreckt und rufe: + +»Und Du, Christus, Du Gott, willst es zugeben, daß ich am Ende meiner +Strafzeit sterbe, daß ich sterbe, fern von meiner Heimat, in diesen +Mauern, im Kerker! daß ich an der Cholera sterbe, niedergebeugt vom +Unglück, im Fieber meiner Leiden! Und Du lebst? O Gott, Gott, ist es +wahr, daß Du lebst? Sagen es nicht Millionen von Schlafwandelnden? Ist +nicht das Firmament das Werk Deines Willens, entzündet sich nicht der +leuchtende Glanz des Tagesgestirns an Deinem Blick? Rauschen es nicht +die tosenden Meere, daß Du lebst? Der thörichte Zweifler leugnet Dich +mit dem Wort, aber in seiner Brust klingt es träumend: +Ein Gott lebt!+« + +»Und Du, der Du lebst, läßt mich sterben, den letzten Schrei aus +trockener Kehle ausstoßen! Nein, das wirst Du nicht, das kannst Du nicht +thun! Ist es denn nicht wahr? Bist Du denn nicht der zärtliche Vater +aller Deiner Geschöpfe; ist Deine Geduld nicht lang, wie die +Jahrhunderte lang sind? Und Du lässest zu, daß ich sterbe? Nein, das +kannst Du nicht!« + +Am Abend kam der Pfarrer und fragte mich ich weiß nicht was, denn ich +war taub, ich antwortete nur ja, ohne zu verstehen, was er wollte. Der +Krankenwärter sagte ihm, daß ich taub sei von dem Chinin, das der +Chirurg mir verordnet hatte, und daß er mir seinen Wunsch aufschreiben +möge. Darauf schrieb er: + +»Der Pfarrer fragt Sie, ob Sie beichten wollen in Anbetracht der großen +Gefahr, in der Sie schweben.« + +»Jetzt habe ich keine Lust zu beichten,« sagte ich empört; »wenn ich +wieder gesund bin, dann will ich beichten.« + +Ehrwürden machte ein langes Gesicht, ließ den Kopf sinken und ging ab. + +Diese Nacht, diese entsetzliche Nacht, in der mein Todesurteil vollzogen +werden sollte, fluchte ich unaufhörlich jenem Christus am Kreuze. Meine +Genossen suchten mich zu beruhigen, aber vergebens; ich verwünschte mit +lauter Stimme die Natur, die Welt und den Himmel; ich fürchtete mich zu +schlafen, um vielleicht in den ewigen Schlaf hinüber zu schlummern. Im +Fieber verging mir die verhängnisvolle Nacht. Am Morgen sagte der Arzt, +nachdem er mich untersucht hatte: + +»St. Petrus scheint Ihr Freund zu sein, er hat die Himmelsthür nicht +öffnen wollen -- oder vielmehr die Pforten der Hölle waren eingerostet, +so daß Cerberus sie nicht öffnen konnte. Jetzt werden Sie leben, das +schwöre ich bei meinem Seelenheil.« + +Die Gefahr war vorüber; Christus, dem ich so glühend geflucht hatte, +hatte sich meiner erbarmt und gesprochen: + +»Lebe und leide!« + +Ich erhielt ein Telegramm von meiner Familie, die Nachricht über mich +wünschte. Der Direktor brachte es und er telegraphierte, daß ich genesen +sei und demnächst selbst schreiben würde. + +Infolge der sorgfältigen Pflege, die mir der treffliche Professor Biondi +angedeihen ließ und der warmen Hilfe von seiten meiner Genossen, +besserte sich mein Zustand bald, aber ich war taub; ich applizierte mir +zwei spanische Fliegen hinter die Ohren, aber sie halfen nichts. + +Ich nahm mir vor, wenn ich taub bliebe, die Bestie, den Chirurgen, zu +ermorden. + +Dann ließ ich mir eine Blase im Nacken ziehen, was viel Wirkung hatte, +indem ich allmählich das Gehör wieder erlangte. Eine spanische Fliege +legte ich auf die Schläfe, eine zweite hinter die Ohren und auf diese +und andere Weise erlangte ich endlich das Gehör wieder. Ich zählte die +an der Cholera Gestorbenen, es waren neunundsechszig, mit dem Söhnchen +des Direktors siebenzig; der Erkrankten waren zweihundert +zweiundzwanzig. Als ich ganz geheilt war, ließ ich den Direktor rufen +und bat ihn, mich meiner Pflicht als Schreiber zu entbinden, und mir zu +gestatten, mich in meine Zelle zurückzuziehen, da ich dringend Ruhe +brauche. Ich wollte dort die Bücher aus der Bibliothek lesen und die +sieben Monate, die ich noch abzumachen hatte, in Frieden verbringen. Er +willigte ein und ich zog mich in eine der unteren Zellen zurück. + +Die Cholera hörte auf; das tausendköpfige Ungeheuer zog weiter, und +hinter sich ließ es Jammer, Trauer und Entsetzen. + +In meiner Zelle waren sechs brave Genossen, fünf davon erkrankten, ich +allein las und schrieb und dachte über die trüben Traumbilder des +menschlichen Lebens nach. + +Mir geschah etwas, das ich mitteilen möchte. + +Eines Tages, gegen Abend, als meine Gefährten bereits von der Arbeit +zurückgekommen waren und ich ruhig in meiner Zelle in einem Winkel lag +und meine Pfeife rauche, öffnete sich die Thür mit Geräusch und ich +mußte die brennende Pfeife in die Tasche verstecken. + +»599,« sagt der Wächter, »geben Sie mir die Cigarre.« + +»Ich habe keine Cigarre.« + +»Rasch, geben Sie mir die Cigarre, Sie haben geraucht.« + +»Ich habe nicht geraucht und habe keine Cigarre.« + +»Sie haben geraucht, ich habe es gesehen und den Tabaksgeruch gerochen.« + +»Sie irren sich.« + +»Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.« + +Und er kam näher um die Hand in meine Tasche zu stecken, da erhebe ich +rasch die Hand und versetze ihm eine mächtige Ohrfeige. + +Nach diesem niederträchtigen Streich nimmt der Wächter das Schlüsselbund +und will sich auf mich stürzen, ich trete einen Schritt zurück, nehme +eine Fechterstellung an und reiße die Pfeife aus der Tasche; der arme +Wächter hält sie für einen Dolch, schließt die Thür, rennt den Korridor +entlang und ruft um Hülfe. + +Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt herbei und ich werde in eine +Strafzelle geführt. + +Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, fand ein förmliches Verhör +statt, bei dem der Direktor als Vorsitzender, der Rechnungsführer als +Ankläger und der Pfarrer als Verteidiger fungierte. + +Ich werde in das Bureau des Direktors geführt, die Zeugen werden +aufgerufen und leugnen, daß ich dem Wächter eine Ohrfeige gegeben und +ihn mit bewaffneter Hand angegriffen habe, vielmehr habe der Wächter +mich beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich werde zu +vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt und in Ketten gelegt, der +Wächter erhält zwei Monate Wachtdienst und sein Lohn wird für diese Zeit +gespart. + +Nachdem die Strafe verbüßt ist, kehre ich in meine Zelle zurück, der +Wächter wird nach einer andern Strafanstalt versetzt. + +Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, da werde ich vom +Direktor gerufen, der sagt: »599, Sie müssen noch drei Monate verbüßen, +wo wollen Sie Ihr Domizil aufschlagen?« + +»In Parghelia, meinem Geburtsort.« + +Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte: + +»599, Sie müssen noch zwei Monate verbüßen; wenn Sie wollen, lassen Sie +sich den Bart und die Haare wachsen.« Als der Tag der Freiheit sich +näherte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlösser. +Meine Gefährten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu +veranstalten und so meine Freiheit zu feiern. + +Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, daß wir uns alle in einem +großen Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner +Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung. +Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und +aßen und tranken heiter, die Trinksprüche galten alle mir, die einen +wünschen mir Glück, die andern langes Leben, und alle diese Wünsche +kamen aus aufrichtigen aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen, +Süßigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren. +Am Abend umarmten und küßten wir uns, Thränen feuchteten mir die Wangen, +während einer sagte: + +»599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.« + +Ein anderer: + +»Werden Sie mir schreiben, um mich zu trösten?« + +Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr: + +»Werden wir uns wiedersehen, Genosse?« + +Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des +Rechnungsführers gebracht, man gab mir mein Geld und einen Brief an den +Delegierten in Neapel. Ich vergaß zu erwähnen, daß ein Landsmann, der +Spediteur Cosmo C... in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich +nunmehr statt der Gefängnistracht anlegte. + +Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und +hielt mir dann eine schöne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen +solle. + +Ein Schutzmann erscheint, ich küsse dem braven Direktor die Hand und +gehe mit dem Schutzmann eine lange Treppe hinauf, ein großes massiv +eisernes Gitter öffnet sich und ich befinde mich auf der Straße. Will +man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine Augen schmerzten von +dem Licht, das Blut jagte in den Adern und am ganzen Körper hatte ich +ein Jucken, als ob ich die Krätze hätte. Wenn man lange die Freiheit +verloren hat, weiß man, wie süß sie ist. + +Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register eintrug und dann +sagte: + +»Wann wollen Sie reisen?« + +»Ich möchte einige Tage hier bleiben.« + +»Schön, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren Paß und das Reisegeld +ab.« + +Ich suchte Leonardo und Cosmo C... auf, besuchte einige Freunde und +nachdem ich mich fünf Tage vergnügt hatte, ging ich zum Delegato, der +mir meinen Paß und das Reisegeld gab. + +Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab und nach vierundzwanzig +Stunden angestrengter Reise kam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen +nach Monteleone fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, um mich +nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war augenblicklich nicht zu +haben. + +Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschloß und die ich +fragte: + +»Wohin gehen Sie?« + +»Nach Tropea«, antwortete einer. + +»Und haben Sie einen Wagen?« fragte ich. + +»Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem ich zusammen fahre; meine +drei Gefährten hier fahren mit dem Lastwagen, der unser Gepäck zum +Seminar bringt.« + +»Dann gestatten Sie, daß ich mitfahre.« + +Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit und Ort, wo wir uns +treffen wollten. + +»Ich möchte dem freundlichen Bischof die Hand küssen.« + +»Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.« + +Sie führten mich in das Haus des Apothekers Ortona, wir treten in eines +der Zimmer und ich sehe den Bischof wie eine Wurst gekrümmt im Bett +liegen; er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des Apothekers: + +»Ich bin müde, ich habe von der Reise gelitten.« + +Ich trat ans Bett und küßte ihm die Hand. + +»Wo sind Sie her, braver junger Mann?« fragte er. + +»Aus Tropea.« + +»Und woher kommen Sie?« + +»Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.« + +Der Apotheker unterbrach unser Gespräch, das wer weiß was für ein Ende +hätte nehmen können. + +»Nun kommt mit mir zum Essen«, sagte Ortona. Die vier Seminaristen +erheben sich und folgen dem Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe +dem Bischof einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein großes +Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen uns zu Tisch, jeder erhält +eine halbe Literflasche Wein, es kommt eine Schüssel mit Käse, eine +andere mit Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, trinke noch +eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in einen Gasthof, um zu ruhen, +denn schlafen kann ich nicht -- wer aus dem Gefängnis kommt, gewöhnt +sich nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit. + +Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich auf dem Lastwagen ab, +der mit Decken und Matratzen belegt war; als wir nach einem Ort namens +Piozzi kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; ich lasse +den Wagen anhalten und wir sehen, daß es Silvestro C... ist, der nach +Monteleone gegangen war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun +sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen -- ein nettes Vergnügen! + +In Tropea verließ ich die Seminaristen und ihren Wagen und ging mit +Silvestro C... in einen Gasthof. Dort fanden wir einen schurkischen +Mönch, der sich uns anschloß; wir ließen uns Würstchen braten und Wein +und Brot bringen und aßen und tranken zu drei. + +Nachher wollte der schurkische Mönch nicht bezahlen; Silvestro C..., vom +Wein umnebelt, fängt an zu lallen, der Mönch antwortet ihm ebenfalls +lallend. + +Silvestro C... glaubt, daß der Mönch ihn verhöhnt und fängt an zu +schimpfen, auf den Mönch, die Priester, den Papst und die ganze +Klerisei. + +Der Mönch wird nun auch zornig und benennt C... mit häßlichen Worten, +sie fassen sich an, ziehen sich hin und her und lallen. + +»Za--ah--le Du!« + +»Nein, za--ah--le Du!« + +»Ich za--a--ah--le nicht!« + +»Ich za--a--ah--le die Hä--ä--älfte!« + +»Nein, Du za--a--ahlst all--les!« + +»Nein, u--nd ich za--a--ahle ni--ichts!« + +»Wa--arum willst Du nicht za--a--ahlen?« + +»Nein -- nein, es geht mich nichts a--an!« + +»Dann za--ahlen wir zusa--ammen!« + +»Ja, za--a--ahlen wir zusammen!« + + + + +Zweiter Teil. + +Meine Dienstzeit. + + Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung + wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen + verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben + ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen + Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach + ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen. + + +Vorbemerkungen. + +Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den Samen der Gelehrsamkeit. + +Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die Kaserne betritt. + +Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mißbräuche, Quälereien und Tyrannei +sind der Teil des Soldaten. + +Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die Galeere. + +Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister. + +Der Heeresdienst ist ein Übel, das innen und außen schadet. + +Willst Du verdammt sein? Werde Soldat! + + +An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio. + + Mein heißgeliebter Junge! + +Für Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen Abenteuer meines +Lebens, das durch vierzehn lange Jahre eines furchtbaren Geschickes und +durch heftige Schmerzen und Unglücksfälle zerrissen ist. In diesen +Zeilen, die von meiner heißen Liebe zu Dir diktiert sind, findest Du die +traurigen Wechselfälle des menschlichen Lebens und die raschen +Wandlungen dieser schmutzigen, unsauberen, bösen Welt. + +Mögen Dir diese Denkwürdigkeiten als Schule auf dem schlüpfrigen Pfade +in der Welt dienen, als Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als +Führer in den Banden der Freundschaft, als Zügel in den maßlosen +Leidenschaften, als Beruhigung im Unglück, als Ermutigung und +Unterwerfung in die Schicksalsschläge des Lebens. + +Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, mein geliebter Sohn, +das Ergebnis meiner Leiden betrachten und mit einem Herzen voll +kindlicher Liebe wirst Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich +Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel Küsse gab, wie +Sterne am Himmel stehen, und der mit überströmender Liebe Deine ersten +Schritte lenkte, denn Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im +Unglück verbitterten Seele. + +Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht durchwacht und hier, +in diesen väterlichen Armen, habe ich Dich ganze Nächte lang gewiegt; +ich spürte keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer müde, +nimmer überdrüssig, habe ich Dich gewiegt. Ja, mein geliebter Sohn, ich +war glücklich, Dich an meine Brust zu drücken, in der Stille der Nacht, +wenn draußen der kalte, eisige Wind raste und an unserem Fenster +rüttelte, dann war ich glücklich und zufrieden und sang Dich in den +Schlaf.[39] + +Parghelia, den 20. Juni 1888. + + Dein zärtlicher Vater + + Antonino M... + + [39] Hier folgt ein italienisches Wiegenlied. + + +Die Abreise. + +Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie ich im ersten Teil +dieser Erzählung berichtet habe, erblickte ich am 16. November 1874 die +Freiheit wieder. + +Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglück, Soldat[40] werden zu müssen, +denn aus der Klasse 1850 wurde ich der Klasse 1855 überwiesen und auf +zwölfjährige Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment +eingestellt. + + [40] Dieser Teil der Selbstbiographie des M... ist ein Beweis zu + Gunsten derer, welche behaupten, daß Verbrecher nicht in die Armee + aufgenommen werden sollten. + + Die Frage ist als Gefühls- und als Nützlichkeitsfrage behandelt + worden. Ich übergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich darüber nicht + verhandeln läßt: ein Heer braucht namentlich in Friedenszeiten einen + hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, um in Ermangelung + eines unmittelbaren Nutzens eine Existenzberechtigung zu haben. + + In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralität weniger an und niemand + würde sich darum kümmern; Sergi hat in seinem _Eroismo e criminalità_ + gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu heroischen Thaten sich + erheben kann. Der Mangel an Voraussehung schwächt bei ihm das Gefühl + der Gefahr ab. + + Ich will mich auf den zweiten Punkt beschränken: daß es nutzlos und + unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, und zwar auf der + Basis elementarer Gründe des Positivismus. + + Wenn man zugiebt, daß der Verbrecher ein pathologischer und anormaler + Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormität nicht ebenso in + Betracht gezogen, wie so viele andere, die physischer Natur sind? + Individuen, die eine Mißbildung der Füße zeigen, werden + ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurückweisen, welche eine + tiefgehende Abnormität der Seele zeigen? + + Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormität festzustellen. Und ich + antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, in der großen + Mehrzahl der Fälle ist ein unfehlbares Kennzeichen gegeben -- die + Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden Leute erlitten + haben -- oder wenn sie schon Soldaten sind, die Vergehen, welche sie + sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher wird als ein + antisoziales Element definiert, d. h., er wendet sich gegen die + Ordnungsgrundsätze, die zur Existenz einer gegebenen Gesellschaft + notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen und findet + sie für sein eigenes Temperament und seine eigenen Neigungen zu eng. + Ist es nun nicht widersinnig, einen solchen Widerstrebenden in die + Schranken eines Organismus wie die Armee einzustellen, die durch eine + noch viel straffere Disziplin als die, welche in der gewöhnlichen + Gesellschaft herrscht, regiert wird? Heißt das nicht, aus einem Narren + einen Philosophen machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher + sind individualistische Übertreibungen, Wesen, deren Verstand oder + moralisches Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den + Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht + anpassen können. + + Man wirft ein: Auch das Gefängnis und das Irrenhaus sind Institute, + die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder sieht ein, daß + die Zusammenstellung mit dem Heer nicht möglich ist. Dieses hat im + Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen utilitarische + Funktion. Die Armee wird verschwinden können und müssen; die + Gefängnisse werden ihr Aussehen ändern, wenn der Begriff der Strafe + durch den der Abwehr abgelöst worden ist; die Irrenhäuser werden in + Stätten der Pflege und der Hut umgewandelt werden, da die Gesellschaft + nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten Formen, den Begriff der + Selbstverteidigung aufrecht halten und erweitern muß, weil dies zur + Entwickelung der gesunderen und normaleren Kräfte beiträgt. Die + soziale Disziplin ist ein absolutes Bedürfnis, die militärische + Disziplin ein relatives Bedürfnis. + + Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer gewissen + Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich lege nicht + viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der wir uns in diesen + letzten Jahren überzeugt haben. Misdea, Serghetti, Scaranari, Marino, + Missivoli und endlich Pasquala Torres haben dem Heer noch mehr + geschadet als zwanzig Friedensjahre. Andererseits ist bekannt, daß das + Kriegsministerium das Aushebungsgesetz in dem Sinne reformieren will, + daß diejenigen ausgeschlossen bleiben und dem königlichen Heer nicht + angehören können, welche zu Kerkerstrafe und zu Gefängnis nicht unter + fünf Jahren verurteilt sind, während das zur Zeit in Kraft befindliche + Gesetz nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit + Verurteilten und die zu Zuchthaus und Gefängnis wegen Verbrechen + schwerer Art Verurteilten ausschließt. + + Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders + behandelt werden, indem sie während des Dienstes mit der Waffe einer + besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es in Frankreich und + Deutschland üblich ist. + + Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig die + Überweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung verfügt, + die sich =während der Dienstzeit= schwerer Vergehen schuldig machten. + Dasselbe Ministerium anerkennt in dem der Kammer schon vorgelegten + Bericht die Nützlichkeit solcher Verfügungen, indem es hervorhebt, daß + man nicht erst jetzt darauf verfallen sei, sondern schon in einem dem + Senat am 10. Juni 1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General + Ferrero, in dem von einem Spezialkorps die Rede war. + + Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, aber nicht + gelöst. Es schließt zwar die schlimmsten Verbrecher aus, aber zu viele + umfaßt es gar nicht, oder umfaßt sie mit einer Verschärfung der + Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe verbüßt hat, wird er + veranlaßt sein, die besondere Behandlung, die er erfährt, als eine + Ungerechtigkeit zu betrachten und den Fatalismus der Schuld zu + verstärken, von dem die Seiten M...'s voll sind. Er wird als Soldat + eine strengere Disziplin und daher mit größter Wahrscheinlichkeit die + Bestrafung finden. Ist das gerecht und logisch? + + Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferiorität + einer Person nicht eine Entschuldigung für uns? Von einem Bauern + verlangen wir gewisse Äußerungen des Zartgefühls nicht, die wir bei + einer gebildeten Person fordern; von jenem dulden wir, was bei dieser + eine Beleidigung wäre. + + Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, daß diese Individuen + Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als Soldaten betrachtet, + weil sie sich dem Recht, welches das Land über sie hat, nicht + entziehen können, so müßte man sie wenigstens dem gewöhnlichen + Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den militärischen + Codex zu bringen. + + Der Grundsatz der Ausschließung, nach der vorher erlittenen Strafe + beurteilt, hat für mich keinen Wert. Der Soldat kommt immer im + jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher war, so war + es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das Strafgesetzbuch und + andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm alle möglichen + mildernden Umstände zubilligen. + + Das sieht man aus der ersten Strafe des M... wegen Mordes, wo die + Überlegung und die Nachstellung nicht hinderten, daß die Strafe auf + fünf Jahre beschränkt wurde, und man sieht es aus den Antecedentien + aller Soldaten, die in diesen letzten Jahren erschossen oder dem + Kerker übergeben wurden. Alle hatten Strafen erlitten und keiner hatte + vom Dienst befreit werden können. Die angeblichen fünf Jahre würden in + der That zwanzig bis dreißig Jahren Gefängnis gleichkommen. Vier + Körperverletzungen und drei Widersetzlichkeiten gegen die + Polizeiorgane würden weniger gelten als ein versuchter Mord, und zwar + für einen Soldaten, für den das Spezialgesetzbuch des Heeres die + Erschießung von hinten sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand + seinen Vorgesetzten bedroht. + + Die Blätter des M... können dazu ermahnen, eine offene und wirkliche + Lösung zu finden, die einerseits dem Heere nützt und andererseits den + Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus entspricht. + + In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche Lösung + nur andeuten können. + +Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment zu kommen. + +In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, Signor Pietropaolo A..., +Lieutnant; diesem würdigen und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen; +und er wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglück schien mir +anzuhängen; diese Kompagnie war die meist gequälte vom ganzen Regiment +und bestand aus Leuten, die sich nicht durch gute Führung hervorthaten. + +Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft hörte, kam er in mein Quartier +und hielt mir eine Vorlesung über die Art und Weise, wie ich mich zu +benehmen hätte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann und +den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte. + +Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den Säbel, die Patronentaschen und +was sonst noch dazu gehört; dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf +den Exerzierplatz geführt, wo ein Korporal und ein Sergeant uns +unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando schlecht +ausführte, wurde er geschimpft und mißhandelt, und oft hörte man solche +Worte: + +»Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind ein Schweinehund!« und +ähnliche Schmähungen. Mir stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein +unwissender Vorgesetzter uns so behandeln konnte. + +(Hier fehlen im Manuskript einige Blätter.) + +Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und Gürtel abgelegt und suchte +meine Mütze, die ich am Morgen an die Wand gehängt hatte. Inzwischen +stellte sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich weiter +suche, kommt der Korporal C... auf mich zu und fragt mich wütend, +weshalb ich mich nicht auf meinen Platz begebe. + +»Ich suche meine Mütze, die ich heute Morgen hier aufgehängt habe.« + +»Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren immer etwas.« + +»Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine Mütze finde ich nicht.« + +»Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie Schweinehund! Was meinen Sie +denn, wer Sie sind, Sie Galgenschwengel?« + +Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine Kaltblütigkeit, wütend wie +eine Hyäne sprang ich ihm an den Hals, gab ihm eine mächtige Ohrfeige +und schüttelte ihn hin und her wie ein Rohr. + +Der Korporal verliert das Gleichgewicht und fällt hin, ich werfe mich +mit voller Kraft auf ihn, halte ihn an der Gurgel fest und ziehe einen +Dolch aus der Tasche, um ihn zu ermorden -- in diesem Augenblick stürzt +sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf mich, reißen uns +auseinander und ich werde in die Wachtstube geführt, wo man mich mit +Schimpfreden überschüttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht +Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gefängnis zu führen. + +Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; Thränen standen ihm in +den Augen, er beklagte den Vorfall und sagte, daß er alles thun werde, +um die Gefahr abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei Cigarren +gegeben und einen zärtlichen Blick auf mich geworfen hatte. + +Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch niemand; +unvertraut mit den militärischen Gesetzen wußte ich nicht, was aus mir +werden sollte und machte mich auf alles gefaßt. Signor Pietropaolo kam +wieder und sagte lächelnd: + +»Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit gesetzt werden, +aber versprich mir, daß Du Dich gut führen willst.« + +»Je nach den Umständen«, antworte ich. + +In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird die Thür meines +Gefängnisses geöffnet; ich fürchtete, daß man mir etwas böses thun werde +und schickte mich an, mich zu verteidigen. + +Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich folgte, er führte mich +auf den Hof, eintöniges Schweigen herrschte ringsum, nur unterbrochen +durch die Schritte der Schildwache; der silberne Mond stand am +Himmelsbogen. + +»Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen werden Sie in Freiheit +gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, sich gut zu führen, dann werden Sie in +drei Monaten die Korporaltressen bekommen.« + +»Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, dem Herrn Oberst +ebenfalls meinen Dank zu sagen; wenn ich nicht gereizt worden wäre, +würde ich einen solchen Schritt nicht gethan haben, aber --« + +»Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. -- Korporal, führen Sie den +Mann ins Gefängnis.« + +Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken durchzogen mein Gehirn +und ungeduldig erwartete ich die Stunde meiner Befreiung. + +Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Geräusch gab mir einen Stich +ins Herz; aber niemand kam, auch der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es +wurde Abend, endlich höre ich den Schlüssel klirren, die Thür öffnet +sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt: + +»Auf, M..., schnell, es geht los; alles ist bereit.« + +Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener Wagen, von drei +schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig scharren und wiehern; auf dem +Bock sitzt ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten, +zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit aufgepflanztem Bajonett, +standen um den Wagen herum. + +»Rasch, M..., steigen Sie ein und machen Sie sich's bequem,« sagte ein +Sergeant in befehlerischem Ton. + +Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward ich bestürzt und wußte +nicht, was geschah; ein Sergeant ließ mich in den Wagen hinein und nahm +an meiner Seite Platz, die beiden anderen Plätze nahmen zwei Korporale +ein; ich sehe mich verständnislos um und frage mich, ob ich träume, ob +man eine Komödie mit mir aufführen will?... Der Wagen setzt sich in +Bewegung, hält an, fährt weiter, hält wieder an und rast dann im Galopp +davon; neben mir und vor mir sehe ich die unbeweglichen, kalten +Gesichter der Soldaten, deren Augen auf mich gerichtet sind und die +schweigend die Gewehre zwischen den Knieen halten. Draußen sehe ich eine +Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte. + +Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, wohin man mich +führt. + +»Das werden Sie später sehen; wir sind jetzt am Ziel.« + +»Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich würde heute früh in +Freiheit gesetzt werden; wozu denn jetzt dieser Unsinn?« + +»Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt,« antwortet lachend der +Sergeant. + +»Zum Besten gehabt!« rufe ich aus. + +»Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.« + +Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort schon einmal gehört habe, +und ich erinnere mich, daß es der Karabiniere mir sagte, als ich in die +Strafanstalt zu Neapel abgeführt wurde. + +»Dies ist das zweite Mal,« denke ich, »daß man mich zum Besten hat, zum +dritten Mal soll es bei Gott nicht geschehen!« + +Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme fragte: + +»Wer ist da?« + +»Ein Gefangener wird eingeliefert,« entgegnete eine andere Stimme. + +Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das ich nicht unterscheiden +konnte; der Wagen setzt sich langsam in Bewegung, hält an; der Schlag +wird geöffnet und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen +aufgefordert. + +Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gefängnis geführt, ein +Sergeant trägt meinen Namen und mein Signalement in ein Register ein. + +»Sie sind der thätlichen Insubordination angeklagt, begriffen?« + +»Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe ich es nicht begriffen!« + +»Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht,« sagte der Sergeant wütend. + +Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, ohne mich eines Blickes zu +würdigen. + +Man führte mich in meine Zelle, ein großes Zimmer zu ebener Erde in der +Festung Abasso, hier war auch das Militärgericht. In diesem Zimmer +befanden sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen +Waffengattungen. + +Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrückt und unter +Leidensgefährten war,[41] fühlte ich mich von einer schweren Last +befreit, ich überblickte meine kritische Position und zermarterte mir +das Gehirn, weshalb Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem +nächtlichen Besuch mir gesagt haben könnten, daß ich befreit werden +würde, während ich jetzt im Gegenteil geheimnisvoll ins Gefängnis +gebracht wurde. Wozu diese elende Komödie. Schuftige, lügnerische +Menschen, die dafür bezahlt werden, daß sie heucheln!... Wann wird man +ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom Gesicht reißen können? + + [41] Ein Beweis für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das + Familiengefühl, das unter den Verbrechern existiert. + +O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die Vergangenheit, erinnere +Dich an die Seufzer und die Leiden, damit ich dereinst mit den Farben +der Wahrheit das Bild meines Unglücks entwerfen und die Unwissenheit der +engherzigen, selbstsüchtigen Despoten schildern kann. -- + +Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen Tyrannen! +Verkünde, wenn Du es vermagst, die Handlungen des Autokraten, der, +väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend, auf dem +Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als +Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen +Heerd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das +erhabene Andenken der Freiheit zu schänden, und dem Bajonett, dem +Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken der +Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten. + +Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen des Unglücks die Klagen +deuten, welche in diesem Kreise ertönen, wo Leiden, Kummer, Qualen und +der Wille eines gesetzlich sanktionierten Vatermörders die jugendlichen +Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten reißen, um die fern +weilenden Familien in Verzweiflung zu stürzen. + +Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo auf, er war +trostlos über mein Schicksal und sagte, daß der Oberst anfänglich die +Absicht gehabt habe, mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen +aber vorgezogen hätte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; er flößte +mir Mut ein und sagte, daß er meine Verteidigung vor Gericht übernehmen +wolle. + +Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter ab; am 13. Juli 1875 +sollte die Verhandlung stattfinden. + +Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte mir unter Thränen mit, +daß seine arme Mutter krank sei, daß er infolge dessen Urlaub genommen +habe und daß statt seiner der Advokat C..., der erste in Florenz, meine +Verteidigung führen werde. + +Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett unter +Führung eines Sergeanten brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich +den Advokaten C..., einen schönen Mann mit langem schwarzem Bart. Er +trat auf mich zu und sagte: + +»Mut, M..., heute werden Sie frei sein; der Vorsitzende und die Richter +sind gute Freunde von mir, der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir +-- was brauchen Sie zu fürchten?« + +»Ich, Herr Advokat, fürchte nichts, und wenn es auch sicher wäre, daß +mir schweres Unglück bevorsteht, ich bin gewöhnt zu leiden, lange habe +ich an den Brüsten des Unglücks gelegen; Mut glaube ich zu haben, meine +Seele zittert nicht in den Zeiten des Mißgeschicks.« + +»Brav, M..., heute werden wir bei mir eine Flasche trinken.« + +»Wenn wir nur nicht Fiasko machen!« antwortete ich. + +Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten Mal in meinem Leben; +meine Personalien und Antecedentien werden verlesen; der Staatsanwalt +vergleicht mich mit den Räubern Kalabriens, der Verteidiger empfiehlt +mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter. + +Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der sich zur Beratung +zurückgezogen hat, wieder, und ich werde wegen Insubordination und +thätlichen Widerstandes gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren +Militärgefängnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. + +Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gefängnis zurückgeführt; +unterwegs treffe ich den Advokaten C... + +»Nun, M..., wir müssen Berufung einlegen; das Urteil ist ungerecht, ich +werde es aufheben lassen, ich werde --« + +»Sachte, Herr Advokat,« unterbreche ich ihn, »kennen Sie nicht die Fabel +von der Katze und der Maus?« + +»Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht gethan, wir müssen +appellieren.« + +»Hören Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, und dann appellieren +Sie, so viel Sie wollen.« + +»Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen Verwandten eine arme +kleine Maus hatte; diese rief: Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater +hörte die sanfte Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern Mäuse das +jämmerliche Rufen hörten, sagten sie: Ihr eigener Onkel läßt sie so +verzweifelt schreien; wenn, was Gott verhüte, wir mit den Grausamen +zusammen kämen, die wir fremd sind, würden wir sicher umgebracht +werden.« + +»Sie, Herr C..., haben gesagt, daß der Vorsitzende und die Richter Ihre +besten Freunde, daß der Staatsanwalt ein alter Bekannter von Ihnen wäre, +daß also mit Rücksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen +Beamten mich freisprechen würden -- nicht wahr?« + +»Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt --« + +»Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, also --« + +»Werden wir appellieren!« + +»Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; warten Sie die +Moral meiner Fabel ab und dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie +wollen.« + +»Wenn die Richter mit Rücksicht auf Sie mir die gelinde Strafe von drei +Jahren auferlegten; wenn, was Gott verhüte, der brave Herr Lieutenant +Pietropaolo mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen hätte, der +keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gnädigen Beamten +unterhalten, was für eine Strafe würde ich dann bekommen haben? Lassen +wir die Possen, Herr Advokat, mit dem Militärgericht ist nicht zu +spaßen, ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden +abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist groß, aber die Schlauheit der +Beamten ist größer.« + +»Nein, bei allen Teufeln, wir müssen appellieren!« + +»Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie wollen -- ich +nicht!« + +Nach einigen Tagen wurde ich in das Militärgefängniß zu Savona gebracht, +wo jeder Gefangene zehn Stunden täglich angestrengt arbeiten mußte. Es +war dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, Schuhmacher-, +Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, eine Falz- und +Gummiranstalt und mehrere andere kleinere Betriebe. + +Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb ich acht Monate, +nähte Hosen, Jacken, Hemden, Bettwäsche und Taschentücher und verdiente +täglich zwölf Centesimi. + +Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate blieb und täglich +fünfzehn Centesimi verdiente. + +Von da kam ich in die Druckerei, einen großen langen Raum mit fünfzehn +großen und zwanzig kleinen Pressen, ich mußte das große Rad einer +Maschine drehen und bekam täglich zwanzig Centesimi; sechs Monate blieb +ich dabei und im Schweiß meines Angesichts, arbeitend wie ein Ochse am +Pflug, verdiente ich mein Brot und meinen Käse; nach diesen schweren +sechs Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem braven jungen +Toskaner zusammen arbeitete. + +Meine schwache Feder sträubt sich, all' die Leiden und Qualen und +Kümmernisse aufzuzählen, die ich in diesen harten zweieinhalb Jahren +erduldet habe, ein Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco +Mastriani könnte hunderte von Bänden damit füllen. + +Italien hatte das Unglück, seinen Herrscher Viktor Emanuel II.[42] zu +verlieren, und die armen Gefangenen erlebten die Freude, daß ihnen bei +der Thronbesteigung König Humbert I. sechs Monate =der Strafe= durch +eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am 19. Januar wurde durch +das Kriegsgericht meine Strafe um sechs Monate gekürzt. + + [42] Kurz vorher hat er ihn einen »Autokraten«, einen »gesetzlich + sanktionirten Vatermörder« genannt. + +Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbüßt war, verließ ich das +Militärgefängniß in Savona und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt, +wo sich mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um mich zwei +Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren die lang entbehrte Freiheit zu +genießen. Ich erreichte mein Regiment; an der Kasernenthür fragte mich +der wachthabende Lieutenant: + +»Kommen Sie vom Urlaub?« + +»Nein«, antwortete ich, »ich komme aus dem Gefängnis zu Savona.« + +»Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer Kompagnie -- die wievielte ist +es?« + +»Die achte.« + +»Korporal, führen Sie diesen Soldaten zur achten Kompagnie!« + + +Ein Schurke. -- Unschuldig verurteilt. + +Als der Feldwebel V... von meiner Kompagnie mich in meiner schlechten +Kleidung und in dem durch die langen Leiden verursachten +heruntergekommenen Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang +und sagte dann, sich erhebend: + +»Wie, M..., so sind Sie heruntergekommen?« + +»Das Brot der Unglücklichen schmeckt bitter.« + +»Wissen Sie, M...«, sagte er in mißachtendem Tone, »daß Sie sich zwei +Tage versäumt haben; alle Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir +erwarteten mit Ungeduld Ihre Rückkehr. Der Kommandant ist von der +Verspätung unterrichtet, ich kann nichts thun, um Ihnen eine Bestrafung +zu ersparen.« + +»Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr Kommandeur meint, daß +ich gefehlt habe, so wird er mich bestrafen und ich werde meine Strafe +geduldig tragen.« + +Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem Obersten vorgeführt. + +»Endlich!« rief dieser, als er mich sah, »endlich! Sie kommen etwas +spät, zwei Tage zu spät!« + +»Herr Oberst«, erwiderte ich mit unterwürfiger Stimme, »ich habe in +Neapel Rast gemacht, ich war zu müde, um die Reise fortsetzen zu +können.« + +»So reden sich faule Zahler aus«, sagte der Schuft von Hauptmann. + +»Nun«, sagte der gütige Oberst in väterlichem Tone, ohne auf die +höhnische Bemerkung des Hauptmanns einzugehen, »ich verzeihe Ihnen, aber +ich empfehle Ihnen, sich von heute ab gut zu führen; ich weiß es nur zu +gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber wenn Sie brav sind, sollen +Sie in drei Monaten die Korporaltressen haben -- versprechen Sie es +mir.« + +»Herr Oberst, ich bin nicht gewöhnt, leicht zu versprechen, aber Ihnen +verspreche ich, brav zu sein und meine Pflicht zu thun unter der +Bedingung aber, daß ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und daß +ich nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt werde, wie es +die Korporale zu thun lieben.« + +»Sehen Sie, Herr Hauptmann«, wandte sich der Oberst an meinen +Vorgesetzten; »das heißt nicht kommandieren; die ganze Schuld liegt an +den Unteroffizieren, das weiß ich; Sie müssen sie im Auge haben, +überwachen und ermahnen. Über diesen Soldat wünsche ich täglich +unterrichtet zu werden.« + +Dann wendete er sich an mich. + +»Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle mögliche Rücksicht finden, +aber für Ihre Verspätung müssen Sie eine leichte Strafe bekommen +-- einstweilen haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.« + +Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den Wunsch des Obersten mit, +ich wollte mich gerade niedersetzen, um meiner Familie meinen neuen +Aufenthaltsort zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde. +Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der mir sagt: + +»Der Herr Oberst hat befohlen, daß Sie in Arrest müssen.« + +»Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der Herr Oberst hat mir +die Verspätung verziehen.« + +Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenhändigen Unterschrift +des Obersten, ich lese sie und sage: + +»Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.« + +Der diensthabende Sergeant führte mich in strengen Arrest ab; das +Arrestlokal lag neben dem für einfachen Arrest bestimmten Raum. + +Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, mit Namen Alfonso +S... Wir sahen uns an und verstanden uns, und unsere Augen schworen sich +tötlichen Haß. + +»Wie heißen Sie?« fragte der Korporal mich, während ich in dem Zimmer +auf und ab ging. »Woher kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest?« + +»Was wollen Sie?« antwortete ich gereizt, »sind Sie +Untersuchungsrichter?« + +Der Korporal S... setzte sich nachlässig auf seine Pritsche. + +Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, S... erhielt auch Käse +und Cigarren; er lud mich ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt +ab -- schließlich, um nicht unhöflich zu erscheinen, nahm ich +widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem gemeinen Zwitter. + +Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit diesem schweinischen +Ungeheuer, zehn Nächte voll schändlichsten Schmutzes, den zu beschreiben +die Feder sich sträubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot bedeckt, +daß ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhüllen mochte. O Mensch, Du +Ebenbild Gottes, Herrscher der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des +Schönen, warum bist Du so verderbt? + +Diese zehn Tage und diese zehn höllischen Nächte kann nur das rohe und +schmutzige Gemüt des ausschweifendsten geilsten Lüstlings unter allen +höllischen Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn es +das vermöchte, so würde es erschaudern ob solcher Unflätigkeit. + +..... + +Der Korporal S... wurde in Freiheit gesetzt, seine Strafe war +abgelaufen, ich mußte noch fünf Tage im Arrest bleiben. + +Endlich war auch meine Strafe verbüßt, ich wurde befreit und der achten +Kompagnie wieder zugeführt; dort setzte ich die bisherige geile +Freundschaft, die schändliche Buhlerei mit dem S... fort. + +Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, er suchte mich auf +und machte mir lebhafte Vorstellungen. + +Einst als ich mich ihm gegenüber über das Soldatenleben beklagte, sagte +er: + + »+Töte Dich!!+« + +Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal S... fort. Abends +gingen wir zusammen spazieren, und da ich in Nocera unbekannt war, so +führte S... mich; später gingen wir in eine abgelegene Schänke, tranken +einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S... immer bezahlte;[43] +............................. +............................. +............................. +............................. +............................. +............................. +............................. + + [43] Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier genötigt, + eine auf den päderastischen Umgang bezügliche Stelle zu streichen. + +.......................... +............................. +................... Wir traten in die Grotte mit dem dicht belaubten +Gesträuch, und dort, im Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im +Schweigen der Natur, sündigten, sündigten wir entsetzlich![44] + + [44] Vielleicht ist eine Gegenüberstellung dieses ungebildeten M... + mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der Decadence, + Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen Freunde + verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M... wird poetisch, wie + Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit erzählt. + + Daß sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu fröhnen, ist + auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt: + Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die Päderasten, ihre Laster + mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu vereinen. Sie + empfinden es als ein Bedürfnis, ihrem widernatürlichen Instinkt die + Empfindung der Gefahr hinzuzufügen, und wenn sie nicht soweit gehen, + daß sie für ihr Leben fürchten möchten, so suchen sie wenigstens für + ihre Ehre etwas zu riskieren. + +Eines Tages teilte der schändliche Zwitter mir mit, daß er den Feldwebel +unserer Kompagnie tötlich haßte, weil dieser, der einst sein glühender +Liebhaber gewesen, ihn verlassen habe und ihn täglich tadelte und +Strafen aussetzte[45] und weil er, als er befördert werden sollte, durch +eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zu vierzehn Tage strengen +Arrestes verurteilt worden war; infolgedessen war seine Beförderung +ausgeschlossen und sein fester Entschluß war, sich zu rächen. + + [45] Ein weiterer Beweis für die Mischung von Liebe und Haß. Die + natürliche Liebe stillt im Besitz der Stürme die Leidenschaften und + gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatürliche Liebe kann + naturgemäß keinen normalen Abschluß und kein Gleichgewicht haben. + +»Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte,« sagte er, »nachdem er mich +acht Monate lang betrogen hatte, verließ er mich, er konnte mich nicht +mehr sehen! Der Undankbare! Einst sagte er, daß er mich liebte, er +nannte mich seine süße Alfonsine; .......... +............................. +............................. +.........[46] Er ist es gewesen, der mich durch Vorspiegelungen und +Versprechungen verführt hat, ach! und wie habe ich ausgehalten; mir war +als ob ich mit einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere Monate +habe ich an Blutungen gelitten; der Schändliche! als er genug hatte, hat +er mich verlassen!« + + [46] Man erkennt die weibische Natur der passiven Päderasten an ihrer + Sprechweise. + +»Was willst Du, mein lieber S...«, sagte ich, »Du bist schön und +verführerisch wie ein Weib; der Feldwebel V... hat es verstanden; +nachher ist er Deiner überdrüssig geworden und hat Dich sitzen lassen.« + +»Ich will mich rächen. Ich beabsichtige ihm einen anonymen Brief von +Beleidigungen und Drohungen zu schreiben.« + +»Nein, mein reizender S..., das geht nicht; der Feldwebel V... würde +über Deine Thorheit lachen, und wenn es entdeckt wird, würdest Du +streng bestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren und +natürlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.« + +»Und der wäre?« + +»Ich meine, lieber S..., es wäre das Beste, wenn Du den Feldwebel +irgendwo einmal Abends auflauertest, und ihm ein paar ordentliche +Säbelhiebe über den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt +würdest, was ich übrigens für sehr schwer halte, so hättest Du +wenigstens die Genugthuung, daß Du ihm den Schädel oder die Knochen +eingeschlagen hättest, und hättest Ersatz für Deinen ruinierten +Körperteil.« + +»O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder Mut noch Kraft.« + +»Und Du willst Soldat sein!« + +»Warum willst Du mich nicht rächen? Du weißt, wie sehr ich Dich liebe; +und ich meine, es ist die Pflicht des zweiten Liebhabers, die +Beleidigungen des ersten zu rächen.«[47] + + [47] Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum + der passiven Päderasten und Tribaden. -- Sie bedienen sich der neuen + Eroberung fast stets, um sich für den Verrat der vorhergehenden zu + rächen. + +»Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der Mut dazu.« + +»Weißt Du, S..., Du paßtest besser ins Bordell als in die Kaserne; man +sollte Dir einen Unterrock anziehen, aber nicht eine Uniform; was meinst +Du dazu?« + +»Du willst immer scherzen, M...; da ich mich Dir hingab, weil ich Dich +liebe, meinst Du, ich könnte mich auch einem andern hingeben?« + +»Und wenn Dir ein anderer besser gefällt, als ich, würdest Du ihn da +nicht an meine Stelle rücken lassen?« + +»Sicher!« + +»Du bist wie die Königin Karoline von Neapel, die nie müde wurde, ihre +Liebhaber zu wechseln.« + +»Ich weiß von keiner Königin und von keiner Karoline; ich weiß nur, daß +ich dem Feldwebel einen Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen +will.« + +»Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was ich sage und nicht was Du +denkst.« + +»Es ist mir unmöglich, ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihn mir +abzuschütteln, als er damals bei mir war, -- im Gegenteil!« + +Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief zu, daß ich seinem Drängen +nicht widerstehen konnte; eines Abends sagte ich zu ihm: + +»Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den Brief vorschreiben, +nachher kannst Du ihn abschreiben.« Er gab mir sein Notizbuch und ich +schrieb: + +»Denke an den 23ten!!!« + +Am 23ten war S... in Folge der falschen Anzeige des V... mit strengem +Arrest bestraft worden. + +Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner Hand geschriebenen Zeilen +und sagte: + +»Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!« + +»Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich verdient!« + +»M..., ich lasse mich nicht beleidigen!« + +»Na, nachher werde ich es wieder gut machen.«[48] + + [48] Aus der cynischen Ausdrucksweise des M... geht hervor, wie wenig + echt sein Abscheu gegen seinen Gefährten war. + +»Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand machen ...« + +»Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, wie der Feldwebel.« + +»Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. Nein, ich liebe Dich, +ich liebe Dich..., rasch M..., einen Kuß!« + + »Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...« + +»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...« + +»Weißt Du, mein liebes Milchgesicht,« und mit der Hand streichelte ich +ihm das Kinn und die purpurnen Lippen, »die eine Zeile sagt soviel wie +zwei ganze Seiten.« + +Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte und besiegelten den Brief +an den Feldwebel V... auf unsere Weise. + +Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen Leiden ergriffen, ich +stellte mich dem Stabsarzt vor, der mich auf die Krankenstation brachte, +die sich in derselben Kaserne befand. Nach fünf Tagen fühlte ich heftige +Schmerzen und das Übel griff weiter um sich. + +Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant mit zwei bewaffneten +Soldaten zu mir, auf Befehl des Obersten wurde ich ins Gefängnis +gebracht, in denselben Raum, wo der schändliche S... mich zur Sünde +verleitete. + +Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, der möge meinen +Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, ich raufte mir die Haare, biß +mir in die Hände, rannte mit dem Kopf gegen die Wände; wenn mich jemand +gesehen hätte, er hätte mich für verrückt gehalten -- so verbrachte ich +den Tag und sah niemand als den Sergeant, der mir meine Suppe und Wasser +brachte. + +Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten Pritsche zubrachte; +meine Schmerzen nahmen zu, und mir war, als ob der kranke Körperteil von +tausend Nadeln durchbohrt würde. + +In meiner Kompagnie war ein Landsmann von mir, Namens Antonio P..., +genannt Catanzaro, der noch am Leben ist und die Wahrheit meiner +Erzählung bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu sprechen +und zu erfahren, weshalb man mich ins Gefängnis gebracht hatte, aber es +war vergebens. + +So vergingen drei Tage und drei Nächte in grausamen Qualen, endlich am +vierten Tage öffnet sich die Thür, S... tritt lächelnd und heiter ein, +die Thür schließt sich und S... bleibt als Gefangener bei mir. Ich +fragte ihn: + +»Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin?« + +»Der Soldat Gir... hat Dich verraten, er hat dem Oberst unser Verhältnis +mitgeteilt und wir kommen zur Strafkompagnie; aber Gir... ist nicht +hier, er hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie +kommen, das thut nichts.« + +Wer mich liest, möge ermessen, von welchen Gedanken blutiger Rache gegen +den Gir... ich erfüllt war.[49] Bald darauf wird S... abgerufen, ich bin +wieder allein, in der finsteren Ungewißheit über meine Lage. Ich lasse +mir den Arzt kommen, er untersucht mich kaum und verspottet mich; mit +Wut im Herzen lege ich mich auf meine Pritsche. + + [49] Die blutige Rache erscheint bei M... als die natürlichste Sache + in der Welt. + +Am Abend läßt man mich heraus, um Luft zu schöpfen; ich komme mit den +andern Soldaten zusammen, die im einfachen Arrest sind; ich suche mit +dem Blick, um Gir... zu finden, mit blutrünstigen Augen sah ich ihn an, +wie ein hungriger Löwe seine Beute, ehe er sie im Rachen hat. + +Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter einem Schutzdach, nahe dem +Gefängnis, ich spähe in das Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann +Antonio P..., genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, und +flüstere ihm zu: + +»Kannst Du mir ein scharfes Messer geben?« + +Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes Messer heraus und +sagt: + +»Da, mach' es nicht stumpf!« + +Mit diesem alten Messer, ohne Schärfe und Spitze gehe ich in meine Zelle +zurück, um es zu prüfen, ich finde es für meine Zwecke unbrauchbar, aber +ich denke: du wirst es versuchen, und wenn es glückt, bist du gerächt +und die verwünschte Dienstzeit hat ein für alle Mal ein Ende. + +Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte den Gir..., ich +näherte mich ihm, er suchte mir zu entfliehen und behielt mich im Auge; +mehr und mehr überzeugte ich mich, daß er die Ursache meiner Leiden sei, +mit einem Sprunge war ich bei ihm, faßte ihn an der Brust und rief: + +»Elender, so rächt sich Deine Schändlichkeit!« + +Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell mehrere Male durchs +Gesicht und stieß es ihm in die Kehle, dann klappt das Messer zu und +schneidet mir zwei Finger entzwei; ich muß meine Beute loslassen, aber +verfolge sie wütend in den Hof, jedoch vergebens: die Schildwache ruft +»Heraus!«, die wachthabenden Soldaten eilen herbei, das Gewehr in der +Hand, der Lieutenant mit gezogenem Säbel ruft: + +»Halt, M..., halt, oder ich lasse schießen!« + +Wütend wie eine Hyäne, der man ihr Opfer entrissen, entblöße ich meine +Brust, wende mich um und brülle, während der Schaum mir vorm Munde +steht: + +»Hier ist meine Brust, lassen Sie schießen, aber rasch, ich sterbe gern, +wenn ich unter der Knechtschaft der Tyrannen leben muß.«[50] + + [50] Das ist Wahnsinn; man beachte auch, daß die Tyrannei in diesem + Fall darin besteht, ihn an der Ausübung der Päderastie zu behindern. + Es ist sehr wohl möglich, daß M... diese Worte wirklich gesprochen + hat; die Thatsache ist bekannt genug, daß der mörderische Impuls sich + in einen selbstmörderischen verwandelt, besonders bei den + Epileptikern. + +Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten: + +»M..., kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre Zelle, niemand soll Ihnen +ein Haar krümmen, ich schwöre es bei meinen Tressen.« + +Durch diese Worte beruhigt ging ich zurück, die Thür meiner Zelle schloß +sich hinter mir und ich blieb allein mit meinen trüben Gedanken. Mein +erster Gedanke war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, um den, der +es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich sehe mich um und suche, +aber finde keinen geeigneten Ort; es aus dem Fenster werfen, hieße es +den Vorgesetzten direkt in die Hände liefern, denn das Fenster ging auf +den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles Gesetz des Zufalls, +Gottes oder des höllischen Teufels: die Heißblütigen und Kopflosen +werden gewöhnlich vom Zufall in ihren Gefahren, ihrem Mißgeschick +begünstigt. So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter meiner +Thür, die eine Art Doppelthür war, zu bringen und so das _corpus +delicti_ zu entfernen. + +Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, ich wurde an Händen +und Füßen gefesselt und mit Schmähreden überhäuft, von denen mir nur +eine zu Gemüt ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide auf den +Arm und sagte: + +»Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich Dich durchbohrt.« + +»Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen Säbel noch nicht durchbohrt und +werden auch schwerlich dazu kommen«, erwiderte ich rasch. + +»Mörder, Lump!« rief er zornig und gab mir eine Ohrfeige. + +»Pfui, Elender«, zischte ich, »Elender, einen gefesselten Menschen zu +ohrfeigen!« Und ich fuhr in die Höhe, um ihn zu beißen. + +Die ganze Nacht saß ich gefesselt auf meiner Pritsche, meine Schmerzen +waren furchtbar, unerhört; aber sie drückten mich nicht nieder -- ich +dachte an die Ohrfeige und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir +wieder zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubeißen. + +Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach dem Hof gebracht, das ganze +Regiment war aufgestellt, ein Dienstwagen mit einem kräftigen Maultier +bespannt, stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten +und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen setzt sich in Bewegung, er +hält an; die vier Sergeanten nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt +sich von neuem in Bewegung und führt einen Halbkreis im Hof; ich wende +mich den schweigenden Truppen zu und grüße kalt und lächelnd mit der +Hand und ein Ausruf erscholl aus allen Kehlen, ein Ausruf der +Bewunderung.[51] + + [51] Klassische Verbrechereitelkeit. + +Der Wagen verließ die Kaserne in Begleitung der bewaffneten Soldaten. +Nach zwei Stunden kamen wir in Cava dei Tirreni an, wo das +Militärlazarett war; hier wurde ich in die Kleiderkammer geführt, ein +Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, mich auszuziehen. + +Während ich das that, näherte sich einer der Sergeanten, die mich +eskortiert hatten, und flüsterte seinen Kameraden einige Worte ins Ohr. + +»Herr Sergeant«, sagte ich, »es ist überflüssig, daß mein Sergeant mich +Ihnen empfiehlt. Ich bin ein schlechter Soldat, ich komme vors +Kriegsgericht, und wenn es mir glücken sollte, auszureißen, so würde ich +nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich im Auge.« + +Alle lachten und ich lachte mit. + +Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher Leinwand, ein Paar +wollene Hosen an, die mit Flicken aller Art, in allen Farben, bedeckt +waren, außerdem waren sie zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich +krempelte sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog ich +ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepaßt hätten, sowie ein Rock, der +mir bis auf die Fersen hing und mit Blut und Eiter befleckt war, so daß +mir übel wurde; auf den Kopf stülpe ich mir eine Mütze, die bis über +die Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den beiden Sergeanten +vor: + +»Nun, was meinen Sie, könnte ich nicht auf der Bühne auftreten? Das wäre +zu nett! Wenn Sie erlauben, würde ich als wandernder Mime gleich +losziehen.« + +Und ich trällerte ein Liedchen; beide lachten aus vollem Halse. + +Ein Sanitätskorporal führte mich in meine neue Wohnung. Es war eine +Zelle, die etwas länger war als mein Bett, ein kleines Fenster mit +Gitter und einem Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein +anderes großes breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, eine +hölzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein ebensolcher Becher und ein +Holzsessel machten das bescheidene Mobiliar aus. + +Am folgenden Morgen höre ich einen neapolitanischen Gruß sagen, die Thür +meiner Zelle öffnet sich und herein tritt ein Stabsarzt mit einem +Sergeanten, man reißt mir die Bettdecke weg, der Arzt befühlt und +besieht mich und sagt dann: + +»Hier müssen wir schneiden, ein Stück abschneiden!« + +»Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie?« rief ich aus, »schneiden Sie +mir lieber den Kopf ab.« + +»Haben Sie den Dreck so lieb?« + +»Er ist mein Abgott, und das Entzücken meiner armen Nerven.« + +Lachend und trällernd ging er ab, die Thür wird geschlossen und ich +bleibe allein. Der Stabsarzt war ein Dreißiger, heiter und sorglos, er +scherzte gern mit mir und oft sagte er: + +»Sie haben eine gute Natur, ein fröhliches und starkes Gemüt; wenn ich +in Ihrer Haut steckte, würde ich keine vierundzwanzig Stunden leben.« + +Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen und brachte +mir etwas Salbe auf Papier, etwas gelbes Wasser in einem Becher, meine +Suppe und mein Brot. + +»Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn etwas passiert, rufen Sie +nur aus dem Fenster.« + +Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen konnte, mußte ich +mich selbst besorgen. Ich kletterte aus dem Bett und kroch auf der Erde +zu dem Kübel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu kurieren! +Wenn mir dann oft die Kräfte zu erlahmen schienen, dann sagte ich mir +oft: + +Mut, M..., Mut! Auch dieses Drama wird sein Ende haben; und ich lachte, +ich lachte wie ein Wahnsinniger. + +Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unnützes Zeug zu +erzählen, komme ich zum Nötigsten. + +Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt hatte und im +Begriff war, einzuschlafen, höre ich, wie an mein Fenster geklopft wird, +ich öffne die Augen und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich +erhebe mich von meiner Pritsche und klettere, mir die Schmerzen +verbeißend, auf die Bank, die unter dem Fenster steht, und was erblicke +ich? Ein reizendes junges Mädchen, siebenzehn Jahre alt, schön wie eine +Madonna, mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar in Zöpfen +gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes Tuch bedeckt, die Stirn +marmorweiß und keusch. + +»Was wünschen Sie, mein liebes Fräulein?« fragte ich. + +Und sie sagte: + +»Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, ich habe Mitleid mit den +Soldaten; ich habe einen Bruder bei der Kapelle des 90. Regiments. Wenn +Sie wüßten, wie ich Sie beklage ... haben Sie eine Mutter, einen +Vater?... woher sind Sie?« + +»Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot ... ich bin aus Kalabrien +und sehr unglücklich.« + +»O Sie Armer!« beklagte mich das reizende Geschöpf. »Verwaist! Fern von +der Heimat im Gefängnis eingeschlossen, ohne Hülfe, von allen verlassen« +-- sie weinte heiße Thränen -- »aber wissen Sie, verlieren Sie das +Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt für uns Unglücklichen und er +verläßt uns nicht, wenn wir auf ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen +Sie, Bruder, und erlauben Sie, daß ich Sie von jetzt ab mit diesem süßen +Namen nenne; was haben Sie begangen und wie lange müssen Sie hier +bleiben?« + +»Ich weiß nicht, weswegen ich hier bin, aber ich glaube, ich werde hier +zwei Monate lang bleiben müssen.« + +»Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber ich werde Sie zu +trösten versuchen, und Ihnen Gesellschaft leisten, ich werde meinen Papa +und meine Mama mitbringen; ich werde Gott für Sie bitten so lange, bis +ich das Glück habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen jetzt etwas fehlt, +so öffnen Sie Ihr zerrissenes Herz Ihrer armen Schwester.« + +»Ich möchte ein Licht und Streichhölzer haben, weil man mich Abends im +Dunkeln läßt, sowie etwas Papier, eine Feder und Halter, um meiner +Familie zu schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.« + +»Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.« + +Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen +Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, Käse, Pasteten, Wein, zwei +Cigarren und ich weiß nicht was sonst noch. + +Ich öffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach +und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie +als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie +sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich, +geduldig und mutig im Unglück zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort, +schmerzerfüllt über mein Mißgeschick. + +Ich schrieb mehrere Male an den =Ehrenmann=, meinen Bruder, und bat ihn, +mir für meine dringendsten Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf +alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen ließ, +empfing ich keine Antwort. + +Traurig und träge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu, +immer war ich allein, immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges +Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und +meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust. + +Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, daß sie mir eine +Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten möchten -- sie antworteten: + +»+Wir können es nicht!+« + +Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, täglich mehrere Male +Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles +was ich wünschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich +noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch +ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt: + + »Mein lieber Bruder! + + Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit + Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen + sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke + ich durch meinen Bruder. + + Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut + dazu, das persönlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und + bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen. + + Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer + haben werde, daher rührt, daß ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für + alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von + allen verlassen sind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen + und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden meines Vaters, + daß mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders + ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die + Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner, + schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als + Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen + Absichten hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein. + + Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe + antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein + Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch? + Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so + lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich + auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen. + + Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen lindern möge, und + mein armes Herz sagt mir, daß Sie bald in Freiheit sein werden. Und + beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und + Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm + Heiland; beten Sie auch für mich. + + Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergänglich, alles + ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum. + + Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken Sie oft an Ihre + arme Schwester + + Teresina M...« + + Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878. + +Meine Antwort: + + Aus dem Militärlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878. + + »Meine zärtliche Schwester! + + Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll; + der Dank allein kann mich nicht entlasten für die innere Zuneigung, + die Sie mir so edelmütig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist + heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und + verehren können. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe + und reine Gefühle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu + töten, Sie, die Sie die Schönheit der Engel tragen, haben mir mein + armes Herz wieder geöffnet für die Schönheit des Schöpfers; Ihre + silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts + zurückgerufen und mich ermahnt, mein Mißgeschick zu tragen und zu + überwinden. + + Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute + vergelten? + + Ich werde unaufhörlich zu Gott beten, im Unglück und im Wohlleben, + daß er Sie beschützt und Sie erhält zum Wohle der Unglücklichen und + Leidenden. + + Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich + Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem + Trübsinn entreißt. + + Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und + erwarte Sie, bei jedem Geräusch erbebt mein Herz, das Sie so + zärtlich liebt. + + Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, die mir ewig + unvergeßlich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu trösten, + empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nicht + + Ihren Sie liebenden + Antonino M...« + +Eines Morgens sagte der Arzt zu mir: + +»Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will Sie sprechen.« + +Ich sollte mich »fein machen!« Seit zwei Monaten hatte ich weder die +Bett- noch andere Wäsche gewechselt, zwei Monate lang hatte ich mir +nicht Gesicht und Hände gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp +zugemessen, daß es kaum genügte, den Durst zu löschen. Ich war voll von ++Läusen+, von Läusen jeder Art und Größe; das Bett, die Zelle, meine +Kleider, meine Person wimmelten davon; mein Haar war lang und struppig, +der Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus wie ein Wilder. + +Zwei Karabinieri führten mich zum Auditeur; als wir allein waren, mußte +ich mich setzen, und er fragte mich: + +»Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind?« + +»Weil ich den Soldaten Gir... verwundet habe.« + +»Nein, hier handelt es sich nicht um Körperverletzung, sondern um einen +anonymen Brief.« + +»Davon weiß ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen Brief +geschrieben.« + +Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische lag und +holte einen Brief heraus, den er mir überreichte. + +Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las: + + »=Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.=« + +Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift: + + »An den Herrn Feldwebel V... von der 8. Kompagnie + 20. Infanterie-Regiments + Nocera.« + +Der Leser möge ermessen, was in diesem Augenblick in meinem Herzen +vorging und welchen Entschluß ich faßte. + +»Nun?« fragte ich. + +»Nun, können Sie mir sagen, was diese Worte bedeuten, worauf die Zahl 23 +anspielt? Der Korporal S... hat den Brief Ihrem Obersten überreicht und +erklärt, daß Sie ihm denselben gegeben hätten, damit er ihn zur Post +besorgen solle.« + +»Herr Auditeur, ich erkläre, daß das eine Unwahrheit ist; das ist nicht +meine Handschrift, und wenn ich den Brief doch geschrieben hätte, wozu +hätte ich ihn dann dem Korporal S... zur Besorgung übergeben? Konnte ich +nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten Blick muß doch klar +werden, daß hier ein Geheimnis, eine Schändlichkeit zu Grunde liegt!« + +Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll und ließ mich zum Vergleich +mit der Handschrift des Briefes einige Zeilen schreiben; ich +unterschrieb das Protokoll und wurde in meine Zelle zurückgeführt. Was +ich in diesen Tagen dachte, weiß nur Gott allein, ich war in eine +Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht befreien konnte, ich +zermarterte mein Hirn, um den Schlüssel des Geheimnisses zu finden, aber +vergebens, und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses +rätselhaften Dramas ab. + +Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, daß die Läuse mich beinahe +lebendig auffräßen und entsetzt ordnete dieser verweichlichte Feigling +an, daß ich gewaschen und umgekleidet würde. Ich bekam ein reines Bett, +man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man wusch und striegelte mich, wie +in der Strafanstalt zu Neapel und gab mir saubere Kleidung. + +Meine Teresina verließ mich nicht, lange Stunden saß sie unter meinem +Fensterchen und tröstete mich mit ihren Ermahnungen und sanften +Ratschlägen. Gott segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der +edelmütigen Seele. + +Eines Morgens sagte der Arzt zu mir: + +»M..., nachher werden Sie den Besuch des Herrn Generals bekommen, ich +empfehle Ihnen, sich anständig zu betragen und nicht soviel zu +sprechen.« + +»Gut«, sagte ich, »schon lange wollte ich eins von diesen großen Tieren +sehen, endlich ist die Stunde gekommen, und besser spät als nie, sagt +ein altes Sprichwort.« Am Mittag hörte ich Geräusch und Stimmengewirr +auf dem Korridor, die Thür öffnet sich und ein großer Mensch in +Generalsuniform mit dem Obersten und verschiedenen Ärzten des Lazaretts +tritt herein, während andere draußen warten. + +»Wie heißen Sie?« fragte der General mit grober rauher Stimme, indem er +mich vom Kopf bis zum Fuß musterte. + +»M..., Antonino M... vom 70. Infanterieregiment, zur Zeit hier im +Lazarett in Behandlung.« + +»Weswegen sind Sie angeklagt?« + +»Ich weiß es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, und ungerechter +Weise büße ich in dieser schmutzigen Zelle, von Guten und Bösen +verlassen, von Gelehrten und Unwissenden verworfen, von Mächtigen und +Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven gequält, von ...«[52] + + [52] Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen gefunden + haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene + Ausdrucksweise sein Unglück zu adeln suchte. Diese Großsprecherei ist + für die Wahnsinnigen charakteristisch. + +»Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, was Sie gefragt +werden.« + +»Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, es sei meine Pflicht, +mit klaren Worten zu antworten.« + +»Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, was ich sage, und sonst +nichts. -- Wie geht es Ihnen hier?« + +»Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in diesem Jammerloch, von +Gott und allen Heiligen verlassen; zwei Monate lang atme ich diese +üblen Dünste, die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den +Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige Stunde +frische Luft zu gestatten -- er hat es nicht gewährt. Tage lang wurde +mein armer Körper von Ungeziefer gereizt, ich war voll, übervoll von +Läusen.« + +»Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem Vorgesetzten; ich werde +Sie in Eisen legen lassen!« + +»O, Herr, hören Sie mich an, erfüllen Sie meine einzige Bitte; ich flehe +Sie an, gewähren Sie mir eine einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf +dem Hof!« + +»Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich kann es nicht erlauben.« + +»O dann, Herr«, rief ich wütend, »dann lassen Sie mich lieber +niederschießen, anstatt mich langsam hinzumorden; machen Sie ein Ende +mit dieser verfluchten Dienstzeit!« + +Fluchend gingen sie fort, die Thür fiel krachend in's Schloß. + +Als ich allein war, erfaßten mich die Furien der Hölle, ich war +entschlossen mich zu töten und hätte mich nicht die Stimme meiner +Teresina an's Fenster gerufen, wer weiß, welche Schandthat ich befangen +hätte! + +Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht und die Thür wurde +aufgelassen; ich aß die Suppe und überlegte, endlich stand ich auf und +ging hinaus und setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof. + +Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt mich an. + +So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die Absicht gefaßt, einen +Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer war von innen nur mannshoch -- +wie sie von außen war, das wußte ich nicht, aber wenn ich auch fürchten +mußte, mir Hals und Beine zu brechen, ich war entschlossen, einen +Versuch zu machen. + +Am Morgen, nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, kam mein Arzt und +teilte mir mit, daß ich in das Krankenhaus des Zivilgefängnisses zu +Salerno überführt werden würde. + +Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank sei, aber er sagte, daß +mir ein Wagen gestellt werden würde. + +Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich an, zwei Karabinieri +begleiteten mich zur Polizeistation; dort stand ein offener Wagen +bereit, und daneben zwei andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den +Dreißigern, das ich für eine =Prostituierte= hielt, worin ich mich nicht +täuschte. + +Die Karabinieri ließen das Frauenzimmer einsteigen und wollten mich auf +den Bock schieben. + +Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, daß der Wagen für mich und +nicht für sie und ihre Dirne sei und nach langem Hin- und Herstreiten, +wobei der Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnürte, +daß mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, wurde mir endlich der +Platz neben dem Weibe eingeräumt. + +Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno an. Als wir in die +Stadt einfahren, laufen die Einwohner aus den Schenken heraus und treten +an die Fenster und schreien: + +»Seht den Soldaten, mit dem schönen Fräulein ist er ausgerückt, aber sie +haben ihn gefaßt!« Und Lachen, Spotten und Pfeifen tönt hinter mir her. + +Ich werde zum Kriegsgericht abgeführt, ein Karabiniere meldet mich dem +Staatsanwalt, ich werde hereingerufen und wen erblicke ich! Den +Staatsanwalt Herrn T..., denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft +vertrat, wo ich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. + +Er sieht mich an und lacht, dann sagt er: + +»Das ist das zweite Mal, daß Sie vor mir erscheinen, Sie scheinen Pech +zu haben.« + +»Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das Geschick des Menschen ist +unbegreiflich, das Unglück verfolgt mich -- und sehen Sie, Herr +Staatsanwalt, wie eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnürt +haben, meine Hände sind ganz geschwollen, ist das nicht unrecht?« + +»Lassen Sie sehen«, und er nahm meine Hand, »nein, sie sind gar nicht +eng, im Gegenteil, sie scheinen zu weit zu sein.« + +»Ich danke Ihnen für Ihre Versicherung; das Lamm, das sich mit dem Wolf +einläßt, geht seinem Tode entgegen. Es scheint mein Verhängnis, daß mir +alles in die Quere geht.« + +Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri lachen mit, und, um ihnen +einen Gefallen zu thun, lache auch ich, aber es war ein böses giftiges +Lachen. + +Er stellt mir den Schein für das Gefängnis aus, dann sagt er: + +»Seien Sie vernünftig, M..., Sie scheinen unter keinem guten Stern +geboren zu sein.« + +Ich wurde in das Zivilgefängnis eingeliefert, weil es in Salerno kein +Militärgefängnis giebt und ich fühlte mich glücklich, weil es mich an +die alten Zeiten erinnerte, wo ich noch nicht Soldat war. + +Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger vorgestellt, einem +jungen zwanzigjährigen Mann, der die Advokatenkarrière macht, er empfing +mich freundlich und ich erzählte ihm alle Einzelheiten meines +Verhältnisses zu dem elenden Korporal S... und alles, was ich von dem +anonymen Brief wußte. Er machte mir gute Hoffnungen und ging. + +Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene Teresina M... mir +entgegengebracht hatte, und es zerriß mir das Herz, wenn ich dachte, daß +ich das Lazarett hatte verlassen müssen, ohne sie noch einmal sehen und +ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu können; ich hatte ihr noch +einmal danken wollen und daher schrieb ich ihr folgenden Brief: + + »Meine liebe Schwester! + + Meine Seele ist von Qualen zerrissen, während ich Ihnen schreibe, + um Ihnen mitzuteilen, daß ich ohne jedes Vorwissen in dieses + Gefängnis gebracht worden bin, so daß ich keine Zeit mehr hatte, + Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben + verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil + meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen + habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jünglings, muß ich hier + dulden, aber ich vertraue auf die göttliche Gerechtigkeit, wie Sie + es mir geraten haben und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott + beten. + + Sobald ich weiß, was aus meinem Prozeß geworden ist, werde ich Sie + benachrichtigen. + + Empfangen Sie meinen Gruß und vergessen Sie nicht + + Ihren unglücklichen Sie liebenden Bruder + Antonino M...« + + Aus dem Gerichtsgefängnis zu Salerno, 20. Juni 78. + +Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten mir die zwanzig +Centesimi, um ihn zu frankieren, ich wandte mich an einen Kranken, um +sie mir zu leihen, und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der +Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief zur Post und wartete +angstvoll auf Antwort, aber meine Hoffnungen wurden getäuscht. + +Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und ihn um Unterstützung zu +bitten; ich schilderte ihm meine kritische Lage und meinen traurigen +Zustand; nach einigen Tagen empfing ich folgenden liebenswürdigen Brief, +der seiner Dummheit ganz würdig war. + + »Lieber Bruder! + + Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist + Du selbst schuld und wer an seinem Übel schuld ist, der muß sich + selbst beklagen. + + Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie + entehrt, so daß ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu + gehen. Der Lieutenant P... war hier auf Urlaub und erzählte + schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, daß wir alle uns nicht auf der + Straße zeigen mögen -- und das alles um Deinetwillen. + + Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunächst, wenn ich etwas + hätte, würde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht + und wir haben Dir früher viel Geld nach dem Gefängnis geschickt; + zweitens aber sind wir hier im größten Elend, meine Kinder gehen + nackt und bloß und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich + keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben -- was + soll ich Dir da schicken? Freue Dich, daß Du täglich Deine Suppe + und Dein Brot umsonst hast. + + Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit + Dir zu thun; wir klagen über unser Unglück wie Du über Deines. + + Dein Bruder + Michele M...« + + Parghelia, den 3. Juli 1878. + +Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser Dummkopf, der Gatte der +Donna Michela, genannt die ...-Sau, entworfen und geschrieben hatte. + +Wer ihn kennt, der möge sagen, wie ich ihn schildern soll, diesen dummen +Schweinehund. Meine Landsleute kennen ihn und bezeichnen ihn als +dreckig, falsch, engherzig, bösartig, als einen Schwindler, einen +Dummkopf, einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert Grad unter dem +säuischsten und schmutzigsten Vieh auf Erden steht. + +Er sagt, daß er mir ins Gefängnis so viel Geld geschickt hat, und ich +behaupte und stelle unter Beweis, daß ich während meiner langen +dreizehnjährigen Leidenszeit, die ich zum größten Teil wegen seiner +Dummheit erdulden mußte, wie ich es in meinem »=Ersten Unglück=« gezeigt +habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als zwölf Lire monatlich +bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, das letzte meiner Pein, schickte +er mir dreißig Lire, weil der Elende wußte, daß ich bald zurückkehren +würde. + +Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir monatlich die +gottgesegneten zwölf Lire schickte, hat er das von seinem Vermögen? Hat +mein unglücklicher Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine Söhne +Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine ganzen Hosen auf dem +Leibe hat, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann, ist das auch meine +Schuld? + +Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, Euch rufe ich als +unparteiische Richter an. + +Der dreckige Brief ärgerte mich nicht wenig und ich nahm mir vor, nicht +mehr zu schreiben. + +Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, welche mich +als den Verfasser des anonymen Briefes erklärte. + +Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, zwei Karabinieri führten +mich zum Gerichtssaal, ich nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger +Verteidiger war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt Herr di Leo, der +erste von Salerno. + +Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz ein, die Akten wurden +gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, der Staatsanwalt T... war zur +Stelle, mit seiner großen schwarzen Toga angethan, und ließ mich nicht +aus den Augen. + +Nach den gewöhnlichen Formalitäten fragte mich der Präsident: + +»Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? Ist es wahr, daß Sie dem +Korporal S... einen Brief zur Besorgung übergeben haben?« + +»Großmütiger Herr Richter«, antwortete ich, »von dem Verbrechen, dessen +man mich anklagt, weiß ich nichts. Es ist unwahr, daß ich dem S... einen +Brief zur Besorgung übergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung und +eine Sünde und Schande; ich schwöre es vor Gott und vor den Menschen. +Ich könnte mich leicht vor diesem S... schützen, aber ich will von +Dingen nicht reden, die eine so gebildete Zuhörerschaft entsetzen würde; +ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.« + +»Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie als hervorragende +Militärs und gelehrte Juristen werden einen Unschuldigen nicht wegen der +niederträchtigen Verdächtigung eines Schurken verurteilen wollen, der +nicht wert ist, daß er zur menschlichen Gesellschaft zählt.« + +»Mein Herz sagt mir, daß Sie mich verurteilen werden; aber mein Herz +sagt mir auch, daß bald Licht in dieses grausige Geheimnis kommen wird, +und dann -- o dann ist es zu spät und Sie werden es bereuen, daß Sie +einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen hingemordet haben.« + +»Und wer sagt Ihnen, daß ich schuldig bin?« + +»Der Korporal S..., S..., dieses verworfene Geschöpf, S..., dieser +passive Päderast, der schändliche Sodomit, der Abschaum der Menschheit, +der Auswurf der Natur! S..., ein ehrloses, sinnloses Wesen ... Soll ich +das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde aussprechen lassen?« + +»Und Sie könnten wollen, daß ich den Schlingen der Bosheit und +Schändlichkeit zum Opfer falle? Muß ich erst diesen Zwitter S... zeugen +lassen?« + +»O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine schwarze eiserne Larve +müßte unsere und der ganzen Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen +sollte.« + +»Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um Gnade flehe ich, ich, +der arme, unschuldige Mann, ich fordere von dem unerbittlichen Schwerte +des Gesetzes, von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch +Argwöhnungen und betrügerische Verdächtigungen nicht beeinflußt ist +-- der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, Erbarmen!« + +»Machen Sie, in deren Hände das Gesetz gelegt ist, daß diese mit dem +Banner Italiens geweihte Halle, die das Entsetzen der Bösen und ein Hort +der Gerechten ist, nicht dem Betrug, der Fälschung eines verworfenen +Schurken dienstbar werde.«[53] + + [53] Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, die + der Soldat Francesco Torres vor dem Militärgericht zu Mailand hielt. + Zwischen beiden ist eine große Familienähnlichkeit. Und das beweist, + was Lombroso aufgezeichnet hat, daß nämlich der Begriff der sozialen + Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M... erklärt sich als einen + »reinen, unschuldigen Mann«, als ob er nicht an dem päderastischen + Verhältnisse beteiligt wäre, das M... dem S... in so glühenden Worten + vorwirft, als ob er ihm nicht den anonymen Brief diktiert und noch + schlimmeres angeraten hätte. + + Es ist derselbe Fall wie bei dem Straßenräuber, den Lombroso + (_Palimsesti del carcere_) beschrieben hat, der, um seine Unschuld zu + erweisen, den Schauplatz der Straßenräuber zeichnete, wobei er den + unmittelbaren Empfänger einer Uhrkette darstellte, die ein anderer + gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus der Tasche gerissen + hatte. Und darüber war geschrieben: =Ich bin unschuldig.= -- Das + Kriterium der Unschuld bestand darin, daß er als Räuber beider + Gegenstände angeklagt war, während er nur die Kette genommen hatte. + +»Genug M..., genug,« unterbrach mich der Präsident, »das Gesetz ist für +alle gleich.« + +Der Feldwebel V... wird gerufen und sagt aus: + +»Ich hatte mit dem Gemeinen M... nichts zu thun gehabt, er war ein guter +Untergebener, ich habe ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir +später zurückgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den Brief +hätte schreiben sollen.« + +Der Korporal S... wird gerufen und sagt aus: + +»Ich war mit M... sehr befreundet, er vertraute mir manches an, und +dabei schimpfte er auf den Feldwebel V...« + +»Weshalb that er das?« fragte der Präsident. + +»Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen; +aber ich weiß, daß er ihn haßte. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir +einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen? +Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und +vermutete, daß Schmähungen und Drohungen darin enthalten sein konnten; +darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt +ich den Brief bei mir, M... fragte mich mehrere Male, ob ich ihn +abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M... krank und +kam ins Lazarett, und da entschloß ich mich, die Sache dem Herrn Oberst +zu melden.« + +Ich lasse den S... fragen, wo ich ihm den Brief übergeben haben soll, er +antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. »Herr Präsident,« sage +ich, »es scheint mir ein Unding, daß ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei +Freistunden vor mir hatte, einen so gefährlichen Brief einem Andern zur +Besorgung übergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst +zur Post? Wer hinderte mich daran?« + +Die Richter nickten verständnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt +erhebt sich, hält seine Anklage aufrecht und beantragt schließlich vier +Jahre Gefängnis. + +Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der +Reihe nach die Ausführungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den +S... einer Beurteilung, in der er ihn in den schwärzesten Farben +schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt; +er stellt den Richtern ernste und sorgfältige Erwägung des Falles +anheim. + +Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit +den Händen bedeckt: + +»Man müßte sich das Gesicht verhüllen, um, ohne zu erröten, die +Schandthaten des S... aufzuzählen; und er trägt noch die Tressen! Soll +ich Ihnen das schmutzige Verhältnis dieses Ungeheuers mit dem armen M... +vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren schließen, denn was ich +mitzuteilen habe, paßt nicht für das Ohr der Öffentlichkeit.« + +»Herr Präsident, stellen Sie beide gegenüber und lassen Sie den +unglücklichen M... ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert, +an die laubverhüllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des +S... über den Feldwebel V..., der ihm einen Blutfluß verursacht hatte, +=über das Verhältnis Beider, um ihn dann zu verfolgen=; ob er sich +erinnert, wie er sagte: =Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht +Monate lang genossen hat, verließ er mich, um mich zwei Jahre lang zu +mißhandeln, er nannte mich seine süße Alfonsine u. s. w.=« + +»Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter wühlen in diesem Abgrund von +Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den +Korporal S..., wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er +weint! Meinen Sie, daß er Reue über seine Schandthat fühlt! Nein, meine +Herren, solche verworfenen Geschöpfe empfinden keine Reue, weil sie kein +Herz haben.« + +Und er schließt mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil. + +Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach drei Stunden +wieder. Ich muß mich erheben, der Präsident liest das Urteil vor: wegen +Insubordination werde ich zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt. +Meine Verteidiger waren außer sich, das Publikum ging zischend hinaus, +und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Komödie +stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von +diesen Dingen sprechen zu hören; dann wurde ich in das Gefängnis +zurückgeführt. + +In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein: +Antonino M... vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom +Militärgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefängnis +verurteilt, wegen der Schändlichkeit des Korporals Alfonso S... + +Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt und wen sehe ich? +Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und küssen +uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte heiße Thränen, er brachte +mir einen Brief von Teresina, den zunächst der Chef der Wache las und +abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erzählte mir, daß +seit meiner plötzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr +gehabt habe und täglich von mir spreche und mein Unglück beklagte. + +Als ich ihm mitteilte, daß ich zu einem Jahr verurteilt wäre, drückte +der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer vermöchte zu sagen, wie +viel Liebe und Schmerz in diesem Händedruck lagen. + +Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um +keinen Preis nehmen, aber da er sagte, daß es Teresina Schmerz bereiten +würde, wenn ich sie zurückwiese, so mußte ich sie wohl oder übel +behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thränen +verbergen zu können. Teresina schrieb mir: + + »Mein heißgeliebter Bruder! + + Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint. + + Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es + nicht erlauben wollen. + + Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder gesund und frei + sehe, denn erst dann kann ich wieder fröhlich werden. + + Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute + zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, später, wenn + Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel + mitbringen. + + Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren. + Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tröstet. Wir sind + allzumal Sünder und müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem + Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten. + + Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und vergessen Sie nicht + + Ihre arme Schwester + Teresina M...« + + Cava dei Tirreni 22. Juni 1878. + +Auf diesen Brief antwortete ich: + + »Innig geliebte Schwester! + + Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rührung geweint, + wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat + mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert. + + Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller + Kraft, denn es thut mir not. + + Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für Ihre + Freundlichkeit. + + Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, daß Sie sie mir + schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem + Wunsche, sie eines Tages zurückgeben zu können. Das Gericht hat + mich verurteilt, aber ich schwöre Ihnen, liebe Schwester, ich bin + unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und + Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich für + unschuldig hält. + + Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die höchst ungerechte + Strafe zu verbüßen, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich + komme weiß ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben + können, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben + darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen gehört mein + gekränktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit, + grüßen Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglücklichen + Gefangenen im Militärlazarett zu Cava dei Tirreni. + + Ihr ergebenster Bruder + Antonino M...« + + Geschrieben im Gerichtsgefängnis zu Salerno + + 25. Juni 1878. + +Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefängnismauern in nicht geringem +Schmerz; möge der, welcher mich würdigt, diese schmucklosen Blätter zu +lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik +niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was für +traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen. + +Das Auge des Allmächtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den +Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit. + +Der Mensch, der seinem Bruder Böses thut, wird unglücklich, elend, +verworfen, und grausam quält ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst +zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des +eigenen Gewissens und früher oder später leuchtet ein silberner Glanz in +dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglücks. + +Eines Morgens im Monat Juni 1878 saß ich auf meinem Bett, den Kopf +zwischen den Händen und dachte an die Vergangenheit, klagte über Gott +und seine Vorsehung, dachte an die Schändlichkeit des Korporals S..., an +die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte an den Brief, den der +Hallunke von meinem Bruder mir geschrieben hatte, dachte an die heiße +Liebe Teresina's, an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das +Militärgericht zu Salerno, an den Präsidenten, an den Staatsanwalt Herrn +T..., an meinen Verteidiger, an die kalten Richter, dachte an meine +Unschuld, an meine ungerechte Strafe, dachte an S... + +Da rief eine Stimme an dem Gitter: + +»M..., M..., Sie werden verlangt!« + +Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter. + +Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der mit einem nach Salerno +detachierten Bataillon hergekommen war; er sagte: + +»M..., hol's der Teufel, ich habe das Individuum entdeckt, das mit +eigener Hand den Brief an den Feldwebel V... geschrieben hat, S... soll +den Brief diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habe den +Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen sagen werde, können Sie +leicht das Nötige ermitteln, nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn +beim Militär kann alles schief gehen.« + +»Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen Sie zur Strada Porteri, +bis Sie einen großen Palast mit großem Thorweg sehen, daselbst befindet +sich ein Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein junger +Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, blond, blauäugig und anständig +gekleidet, dieser hat den Brief nach S...'s Diktat geschrieben. Sie sind +unschuldig, weiß der Teufel, und es ist nicht hübsch, einen Unschuldigen +wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.« + +Er empfahl mir die größte Verschwiegenheit und ging. + +Ich überlegte lange: Sollte das alles wahr sein? Und wenn auch, würde +ich es beweisen können? Denn beweisen mußte ich es, wenn ich Anzeige +erstattete, sonst lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung +mindestens zu fünf Jahren verurteilt zu werden. Was war zu thun? + +Endlich entschloß ich mich, alles zu gewinnen oder alles zu verlieren, +und ich erstattete die Anzeige gegen S... wegen Meineides, indem ich +mitteilte, daß ich die Person des Briefschreibers, die auf S...'s Befehl +gehandelt habe, bezeichnen könnte, wenn ich nach Nocera geführt werde. + +Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich auf und sagte: ob ich +meiner Sache so sicher sei, da ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen +konnte. Ich bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri, +die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier angekommen, nahmen sie +mir die Fesseln ab und ließen mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer +Entfernung folgten. + +Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die Straße, welche der +Sergeant mir bezeichnet hatte, aber ich verließ mich auf den Zufall. + +Ich gehe die Hauptstraße hinunter und dann erinnere ich mich, hier war +ich an dem Abend mit S..., wo wir erst Wein tranken und dann so +furchtbar sündigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, endlich komme +ich an ein kleines Haus, hier rede ich eine Frau an, die vor der Thür +sitzt: + +»Liebe Frau, haben Sie Kinder?« + +»Ja, zwei Söhne.« + +»Wie alt sind Ihre Söhne?« + +»Einer dreißig, der andere siebenundzwanzig.« + +»Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, er ist blond und +blauäugig, aus guter Familie!« + +»Nein, den kenne ich nicht,« antwortete sie trocken. + +Nach langem Suchen endlich fand ich einen großen Palast mit weitem +Eingang, der auch im übrigen nach der Beschreibung paßte, die jener +Sergeant mir gegeben hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen +Burschen, der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird heiß und kalt, +meine Hände zittern, in den Ohren summt es mir. + +Ich nähere mich ihm -- er ist blond, mit blauen Augen, gut gekleidet. + +»Bitte,« sagte ich, »können Sie mir nicht sagen, ob vor fünf oder sechs +Monaten ein Korporal hier war, der Sie einen Brief abschreiben ließ?« + +»Ja, ich erinnere mich, daß ein Korporal hier war, der mich eine Zeile +auf ein Blatt Papier schreiben ließ; dann mußte ich die Adresse auf ein +Couvert schreiben, den Namen weiß ich nicht mehr, aber es war ein +Feldwebel; ich sagte, daß ich mich nicht kompromittieren wollte; er +erwiderte, daß es sich um einen einfachen Scherz handelte, den er mit +dem Feldwebel, seinem Freunde, machen wollte.« + +»Nun sagen Sie, war ich dabei?« + +»Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen.« + +»Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben wurde?« + +»Drei Jungen, die hier in der Nähe wohnen.« + +Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden hatte. + +»Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und fand keine; ich mit +meinem Brotbeutel an der Seite habe gefunden, was ich suchte. Hier ist +der brave junge Mann, der die Schandthat des S... entlarven wird.« + +Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und wir alle begaben uns zur +Polizei; die Zeugen wurden in ein besonderes Zimmer geführt; der +Polizeibeamte nimmt meine Aussage zu Protokoll. + +Auf dem Korridor macht sich ein Geräusch bemerkbar, die Thüre öffnet +sich, ein Feldwebel tritt herein und meldet, daß der Korporal S... zur +Stelle ist. + +»Er soll hereinkommen,« befiehlt der Beamte. + +Und S... trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, mit erloschenem Auge +und thränendem Blick, niedergebeugt und abgefallen. + +Ist es zu glauben? Er that mir leid! + +Ich sah ihn mitleidig an und sagte: + +»Bist Du nun zufrieden, Elender?« + +»Ruhe,« rief der Beamte. + +Ich wurde hinausgeführt und nach einer halben Stunde wieder eingelassen; +S... weinte bitterlich und sagte schluchzend zu mir: + +»M..., verzeihe mir, nur aus übergroßer Liebe zu Dir habe ich gefehlt; +ich wäre glücklich, wenn ich mit Dir zusammen meine Strafe verbüßen +könnte, um Dich noch mehr lieben zu können.« + +»Ruhe!« rief der Beamte wieder. + +Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, alsdann trat +Francesco Crudele di Antonio, der blonde Jüngling, ein. + +»Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor fünf Monaten einen +anonymen Brief an den Feldwebel V... vom 20. Infanterie-Regiment +diktiert hat?« + +Crudele sah uns an, dann sagte er: + +»Ja, ich kenne ihn.« + +»Nun, so zeigen Sie ihn.« + +Er ging auf den Korporal S... zu, zeigte mit der Hand auf ihn und sagte: + +»Dieser ist es gewesen.« + +»Und kennen Sie den andern Soldaten?« + +»Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.« + +Die anderen Knaben bestätigten seine Aussage. + +»Sie haben einen armen Soldaten ins Unglück gestürzt,« sagte der Beamte +zu S..., »aber es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.« + +»Herr,« sagte ich zu dem Beamten, »ich verzeihe ihm, er thut mir leid, +ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.« + +»Haben Sie verstanden, S...? Er verzeiht Ihnen, aber die unerbittliche +Schärfe des Gesetzes wird Ihr falsches, grausames, schändliches Herz zu +treffen wissen.« + +S... weinte, er bereute, gern hätte er das Wort im Busen bewahrt, es war +zu spät. + + +Die Hand Gottes. -- Ungerechtigkeit. + +Eine Abteilung Soldaten führte den schluchzenden Alfonso S... fort; ich +wurde in die Kaserne geleitet. + +»Man hat Sie unschuldig verurteilt,« sagte ein Karabiniere, »wegen der +Schändlichkeit dieses Korporals hat man Ihnen ein Jahr Gefängnis +auferlegt; was für eine Bande ist denn der Gerichtshof; was für +Murmeltiere von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, wie man +beim Militär Hals über Kopf verurteilt wird.« + +»Ich habe es den Richtern gesagt, daß ich unschuldig sei, und ihnen +prophezeit, daß meine Unschuld bald ans Tageslicht kommen würde.« + +»Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil muß rückgängig gemacht +werden.« + +Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich werde in mein Gefängnis +zurückgeführt, der Staatsanwalt sucht mich auf und sagt wütend: + +»Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damals wollten Sie +verurteilt sein, jetzt beteuern Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer +Hartnäckigkeit haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof +haben Sie in eine schöne Verlegenheit gebracht, jetzt müssen Sie an das +Ministerium schreiben und um Erlaß der Strafe einkommen.« + +»Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die Rollen nicht verwechseln. +Ich habe es den Richtern geweissagt, daß ich verurteilt werden würde, +aber daß bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten müsse. Die +Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, ich bin +unschuldig.« + +»Sie glaubten nur dem elenden Korporal S...« + +»Jetzt kommen Sie und erzählen mir Geschichten, die kein Esel glaubt; +anstatt mich zu bedauern, beklagen Sie sich über mich, daß Sie mich +verurteilt haben -- wissen Sie, daß unser Herrgott die Geduld dabei +verlieren könnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch nicht +wußte! Erst nach meiner Verurteilung habe ich das erfahren.« + +»Und wer hat Ihnen das alles enthüllt?« + +»Die Hand Gottes.« + +»Oder des Teufels,« antwortete er grinsend. + +Wenige Tage später wurde der Korporal S... in das Gefängnis eingeliefert +und zwar in den oberen Raum, wo die andern militärischen Angeschuldigten +waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren. + +Als ich wußte, daß S... mir nahe war, im selben Hause, als ich +überlegte, daß ich um seinetwillen unschuldig ein Jahr lang leiden +mußte, da kochte mir das Blut in den Adern, mein rachebrütender Kopf +glich einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach persönlicher +Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn ich ihm in Nocera verziehen +hatte, so hatte ich ihm damit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen, +aber nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich plante, nun +wo er mir so nahe in die Hand gegeben war.[54] Ich war mit dem Wärter +befreundet: ich bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er +verschaffte mir eine große scharfe und spitze Scheere, von der ich den +Zapfen herausnahm, so daß ich im Besitz zweier prächtiger Dolche war; +die eine Hälfte verbarg ich auf dem Abtritt, die andere in der +Innentasche meiner Jacke. + + [54] Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht wird, um + einen verbrecherischen Impuls zu beschönigen. + +Ich muß bemerken, daß eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem +Hof führte, die dem Raum benachbart war, wo S... sich befand; auf diesem +Hof gingen die Gefangenen spazieren. + +Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht, +bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf +seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde +leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf, +eile in den Garten, stürze mich auf den elenden S... und mache ihn mit +einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit +ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55] + + [55] Das ist das Mitleid, das er für S... empfindet. + +Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche +Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchströmte mein Blut, mein Kopf +glühte wie eine Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die +Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56] +Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trüben Gedanken der +Nacht folgten die trüben Gedanken des Tages ... + + [56] Ein Beweis für die epileptische Natur des Verbrechers. + +Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich +unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon +war sie halb passiert, als ein Wächter mir begegnete und sagte: + +»Wohin, M...?« + +»In die Küche«, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen. + +»Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche gehen, kehren Sie um, Sie +kommen nicht vorbei.« + +»Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.« + +»Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!« + +Wir umfaßten uns, er drängte mich zurück, ich stieß ihn vorwärts. Als +ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand +mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den +Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt +zurückriß, so daß ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene +Hyäne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm, +die Scheere entfiel meiner Hand. + +Ich wurde festgenommen und zurückgebracht, ich bewaffnete mich mit der +anderen Hälfte der Scheere, entschlossen, den Ersten, der mir den +geringsten Anlaß geben würde, niederzustechen. Am selben Tage kam der +Staatsanwalt zu mir und sagte: + +»Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand darf selbst Vergeltung +üben, das ist Sache des Gesetzes. Sie haben unrecht gehandelt; wenn der +Gerichtshof Sie verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil +aufzuheben wissen, ein Versehen kann immer wieder gut gemacht werden, +aber nicht so, wie Sie es anfangen.« + +»Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Küche, der Wächter hat mich +schlecht behandelt und ich ...« + +»Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich hatte Ihre Abreise bisher +hinausgeschoben, weil ich Ihnen die Genugthuung verschaffen wollte, daß +Sie persönlich der Verhandlung gegen S... beiwohnen könnten, aber jetzt +sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn gegen S... verhandelt +wird, werden Sie hergebracht werden. Also halten Sie sich morgen +bereit.« + +»Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe gefehlt, verblendet von +meinen Rachegedanken; ich wollte S... ermorden; aber jetzt verspreche +ich Ihnen ruhig zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir hätte, würde ich ihm +kein Haar krümmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie mich hier.« + +»Sie werden morgen reisen; hier würde es ein Unglück geben, wir kennen +Sie lange genug.« + +Ich mußte mich fügen, Tags darauf brachten mich zwei Karabinieri nach +Taranto. + +Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, das Essen elend, +das Wasser einer alten stickigen Cisterne entnommen, die von ekelhaftem +Getier wimmelte. + +Flöhe gab es wie Sand am Meer, Milliarden großer Flöhe, deren Biß +furchtbar war. + +Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren unsere Schlafräume, in +denen wir eine Nacht verweilten. + +Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere Arbeit, schwere Lasten +mußten wir tragen; in einem Winkel des Hofes war ein Berg großer +schwerer Steine, und während die eine Hälfte der Strafgefangenen +exerzierte, mußte die andere Hälfte die Steine in die andere Ecke des +Hofes tragen; dann mußten wir tiefe Gruben auswerfen und sie wieder +zuschütten; kleine Steine luden wir auf Karren und fuhren sie nach einer +Ecke des Hofes, dann schafften wir sie wieder zurück. Es war ein Leben +wie die Verrückten, die Narren, und verrückter und närrischer waren die, +welche es uns befahlen.[57] + + [57] Denselben Gedanken drückt Dostojewski in seinen »Erinnerungen aus + dem Hause der Toten« aus. Er sagt, daß, wenn man jemand nötigen würde, + dieselbe Arbeit immer zu verrichten und wieder zu zerstören, er + wahnsinnig werden würde, weil die Nützlichkeit, sei sie auch im + Verhältnis zur Arbeit nur gering, dasjenige sei, was die Arbeit + rechtfertigt. + +Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, die uns das Gehirn +versengte, da es streng verboten war, im Schatten der Einfassungsmauer +zu arbeiten; im Winter unter der entsetzlichen Kälte, dem klatschenden +Regen, dem Sturm ausgesetzt, daß uns Hände und Gesicht anschwollen, da +es streng verboten war, sich an der Dezember-, Januar- und Februarsonne +zu wärmen -- so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene +teuflischen Menschenfreunde für unser Wohlergehen; verflucht seien +sie!!! + +Fortwährend gequält, schlecht gekleidet, ungenügend ernährt, unsauber, +zehn Stunden täglich mit schwerer Arbeit geplagt -- es war ein Leben, um +sich umzubringen. Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle in Ketten +gelegt und an die Wand gebunden, weil ich während des zehnstündigen +Exerzierens einige Male gesprochen hatte. Es würde ein Mann von Genie, +von Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen müssen, um die Gräuel +dieser elenden Gruft zu schildern, um die schändlichen tyrannischen +Herzen jener Tyrannen und die Selbstverleugnung, den Mut, die +Ergebenheit der armen Kinder des Unglücks zu kennzeichnen. + ++Italien!+ Du großer Name, Du große, freie und unabhängige Nation! Aber +die meisten, die Du so als freigebige Mutter ernährst, sind Tyrannen, +Despoten, Schinder, und dadurch, daß Du sie duldest, erniedrigst Du Dich +zur ehrlosen, hündischen, gemeinen Dirne. + +Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, ich stellte mich dem +Kommandanten vor und sagte ihm, daß ich unschuldig verurteilt wäre, er +antwortete: + +»Faule Ausrede!« + +Ich bat ihn, mir zu gestatten, daß ich eine Eingabe an das +Militärgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte es. + +Nach drei langen Monaten wurde mir von der Staatsanwaltschaft die +Mitteilung, daß der Korporal Alfonso S... am 2. Januar 1879 zu sieben +Jahren Gefängnis und zur Degradation verurteilt worden sei und zwar +wegen Insubordination, begangen durch Absendung eines anonymen Briefes +an den Feldwebel V... und wegen falscher und verleumderischer Aussagen +gegen mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen worden. + +Und wer entschädigte mich für das Jahr Gefängnis, das nun bald verbüßt +war? Wer tröstete mich für die Leiden, die ich erduldet? + + +Die Hand Gottes.+ + +Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und unerschütterlich vertrauen, +dann schützen wir uns davor, uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund +des Nichts zu stürzen. + +Es ist nicht wahr, daß die Hand Gottes schwer auf uns Menschen lastet +und wenn wir das glauben, so beleidigen wir die Majestät des Ewigen. + +Es ist ein Geheimnis, ein unlösbares Rätsel wie Belsazars +Menetekel+. + +Ich bat den Kommandanten, daß er mir erlauben möchte, an Teresina M... +zu schreiben, da sie eine nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht +zu. + +Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das Gewissen und das Ehrgefühl +jener Richter hatte nicht gesprochen, ich hatte wegen der Schändlichkeit +des S... leiden müssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines tauben, +stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!... + +Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen und von einigen +Karabinieri der ersten Strafkompagnie auf dem Lido zu Venedig +überliefert. + +Gemäß Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde ich der Klasse 1879 +zugeschrieben. + +Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten verschiedener +Waffengattungen, und von verschiedenen Armeekorps; es wurden solche +Soldaten einrangiert, welche unwürdig waren, dem Heere anzugehören und +welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen und +umstürzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland entehrt hatten. + +Hier fand ich zu meinem Unglück einen Soldaten Gir..., einen Vetter des +Gir..., den ich beim Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch +seinen Vetter über mich unterrichtet, so daß man in der Strafkompagnie +meine Antecedentien kannte. + +Als ich auf dem Lido angekommen und in den »Serail« genannten Teil der +Kaserne untergebracht war, geriet die ganze Strafkompagnie in Bewegung, +einzelne Soldaten kamen heran, sahen mich an und liefen davon. + +Gir... trat mit seinen piemontesischen Landsleuten zusammen und sie +verabredeten sich, mir einen Streich zu spielen. + +Einige Soldaten, die aus der Gefängniszeit her eng mit mir befreundet +waren, brachten mir zu essen sowie Wein und Cigarren. + +Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ... verriet mir den Anschlag +der Piemontesen, die sich rächen wollten, weil ich ihren Landsmann, den +Vetter Gir...'s beim Regiment mißhandelt hatte. + +Mir mißfiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, alles +geduldig zu ertragen und dann meinen Abschied zu nehmen, aber mein böser +Stern folgte mir bis an die lachenden Ufer der Lagune. + ++Was thun?+ + +Wenn ich still bin, so glauben sie, daß ich Furcht habe und reizen mich +erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, so können die schlimmsten +Folgen daraus entstehen: ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute und +böse Gedanken kämpften in mir mit einander; nach langem Nachdenken +beschloß ich den Kampf aufzunehmen und dem Schicksal die Frage zu +stellen: Welchen Schluß hat dieses + + +düstere Drama?+ + + + + +Dritter Teil. + +In der Strafkompagnie. + + Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung + wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen + verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben + ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen + Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach + ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen. + + +Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich östlich von der +Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer bespült wird und +den Namen Lido trägt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker +Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu +hindern. Aber außer seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche +Angriffe und außer seiner Eigenschaft als Vergnügungsort in den Tagen +des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu +Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in +stetem Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blühende +Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen und was es sonst +Herrliches in der Natur giebt, schmückt diese Gegend im Sommer, wo sie +Scharen von Besuchern empfängt. Verborgen blüht die Rose zwischen den +Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde küßt und die Vögel +ihre sehnsüchtigen Melodien ertönen lassen -- und in den düsteren Zellen +der Kaserne seufzt der Verworfene. + +Die träge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in +wollüstigen Umarmungen die schönen venezianischen Sylphiden und erglüht +unter ihrem verliebten Blick -- und sie führt die Klagen und Thränen der +Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem +Willen eines Tyrannen mich beugen müssen und weinen müssen, fern von +meinen Lieben, und kämpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft +wieder aufzurichten. + +Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie +in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu +trösten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und +von neuem ihr schimmerndes Blütengewand anlegte -- es vermehrte nur die +Empfindung meines Leidens. + +O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit +ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der +Unwissenheit der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann. + +Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es +vermagst, die Thaten jenes Despoten, der väterliche Gefühle und +kindliche Liebe mißachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die +jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen +darbender Familien vom häuslichen Herd hinwegriß, der Industrie die +Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu +schänden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu +geben, den letzten Gedanken des Unglücklichen zu Todesseufzern zu +gestalten. + +Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glückes die Klagen +deuten, welche in dieser Sphäre ertönten, wo Kummer, Qualen, Ketten und +der Wille eines gesetzmäßigen Mörders den Herzen der jungen Soldaten +alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglück +stürzten. + +Wie gesagt mißfiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat +meinen Freund Civ... mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich +nötigenfalls verteidigen zu können; er brachte mir einen langen +dreieckig geschliffenen Dolch. + +Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch +an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmähreden, +aber ich sagte: + +»Herr Kommandant, ich bin nicht gewöhnt, Vorwürfe zu hören; wenn Sie +meinen, daß ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur +Verfügung.« + +»Wissen Sie, M..., ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie +meine Söhne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb +nehmen Sie es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters und +glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und +Brot. Ich wünschte von Herzen, daß Ihr alle in Bälde Eure Familien, +Freunde und Bekannten wiedersehen könntet. Sie sind ein verständiger +junger Mann, und es wäre eine Sünde, Sie im Unglück umkommen zu lassen. +Deshalb seien Sie vernünftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden +gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie +sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten +Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie +sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es +hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rücksicht +auf mich.« + +Guar... Signor Battista aus der Markgrafschaft Ligurien war ein +vorzüglicher, edler Vorgesetzter, aus vornehmer Familie, von Haus aus +reich, wegen einer unglücklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und +war zur Zeit Hauptmann. + +Er war ein zärtlicher Vater den Soldaten gegenüber, menschenfreundlich, +wohlwollend, human; er hatte eine Frau und zwei Söhne. -- Die +Strafkompagnie war eine Lust für uns: eine Stunde am Tage wurde +exerziert und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gelärmt -- kurz, wir +machten, was wir wollten. + +Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir: + +»M..., nimm Dich in Acht, Dir wird es schlimm gehen.« + +Es war für mich ein ewiges Hin- und Herschwanken -- wie konnte ich das +Leben fassen mit dem Gedanken, jeden Tag überfallen zu werden. + +Endlich entschloß ich mich, der Sache ein Ende zu machen. + +Am Abend saßen die Soldaten im Hof und plauderten in Gruppen oder +spielten Ball, Dame und Domino oder promenierten hin und her -- kurz, +jeder war auf seine Weise beschäftigt. + +Ich rief meinen Freund C... und ließ mir den Gir... zeigen, der +hauptsächlich den Anschlag gegen mich angezettelt hatte. + +Er führte mich unter einen Säulengang und zeigte mir einen langen +hageren Soldaten, der in einer Zelle arbeitete. Ein kurzer schrecklicher +Entschluß fuhr mir durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle +und rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; die Rechte +hielt hinter dem Rücken den Dolch bereit. + +»Also Sie sind die Seele der Verschwörung gegen mich, Sie wollen mir ans +Leben? Sie sind ein Schurke, wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute, +damit ich denen dasselbe sagen kann!« + +Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, ihm den Leib +aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen Arm umklammerte, während +Gir... angstvoll rief: + +»M..., was machen Sie?! ich bin unschuldig! Ich habe nie von Ihnen +gesprochen.« + +»Sie sind ein Schurke, wir müssen ein Ende machen.« + +Auf unser lautes Gespräch kamen viele Soldaten hinzu, die sich um uns +aufstellten und gespannt das Ende des Dramas erwarteten. + +»M..., was machen Sie?« rief der, welcher mich festgehalten hatte. »Ich +bin Esp..., Ihr Freund und Landsmann, beruhigen Sie sich, M..., Sie +machen sich unglücklich.« + +Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, ich erzählte ihm +freimütig alles, was vorgekommen war. + +Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, daß ich ihn nicht von +Anfang an unterrichtet hätte. Er versammelte die Piemontesen und meine +Landsleute auf dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie nur ein +zärtlicher Vater zu seinen geliebten Söhnen unter so traurigen Umständen +sprechen kann. + +»Und jetzt,« schloß der würdige Offizier, »jetzt gebt Euch das Pfand des +Friedens, der Eintracht, der Brüderlichkeit. Gir..., umarmen Sie Ihren +Kameraden M...« + +Wir küßten und umarmten uns, Gir... hielt seine Thränen mit Mühe zurück. + +»Morgen ist Sonntag,« sagte der Hauptmann, »ein Festtag für Euch. Ihr +werdet Euch zusammenthun, jeder giebt einen Lire, Herr Lieutenant G... +hat Befehl, für Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen +Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet Ihr eine Tafel +zusammenstellen, die Bänke können als Sitze dienen, für Tischwäsche, +Gläser u. s. w. werde ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens, +der Einigkeit, der Brüderlichkeit essen und trinken. Sie, M..., sammeln +das Geld und liefern es an Herrn Lieutenant G..., wer kein Geld hat, mag +sich an mich wenden. Sie, Gir..., nehmen M... unter den Arm und gehen +spazieren. Rührt Euch!« + +Ein Beifallsturm, Händeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten. + +Am folgenden Tage wurde eine große Tafel im Hof hergerichtet, wie der +edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs +Sergeanten und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen +Mahl teil, die Becher füllten sich mit schäumendem Toskanerwein; die +Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin -- +die Gläser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der +Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie füllten +unsere Becher immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, wir +tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die +Brüderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere +Gesundheit, Hochrufe, Händeklatschen und Lachen ertönte aus der +freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in +Versen aus. + +Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche +Störung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich +hatte mich über meine vergangenen Leiden getröstet und genoß ein +friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen +Genossen. + +Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, daß meine +Familie sich beschwert habe, daß ich so lange nicht geschrieben habe und +trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach +Hause zu geben. + +Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen Brief meines Bruders +bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe +zwei Jahre her, daß die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun +der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so heißes Verlangen nach mir +zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als daß er hoffte, ich sei +tot, und er könne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein +unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des +elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem +Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die +verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der +thörichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken. + +Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zögern, wie konnte ich auch, +da er mich täglich mit Beweisen seines Wohlwollens überhäufte. So +schrieb ich denn folgenden Brief: + + »Geliebter Schwachkopf! + + Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir nach Salerno + schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit, + deiner Hartherzigkeit? -- Nun, ich danke, es geht mir sehr gut, + trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles: + Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu + fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige schmackhafte Suppe und + ein großes Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist; + Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche + Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und + was will man mehr? + + Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin der Meere, einer + großen, schönen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf + unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir + lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir + schäkern mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken + unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast + und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, -- + was will man mehr! + + Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um uns vergnügen zu + können und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den + Hunger! + + Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der + Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, was kann man mehr + verlangen? + + Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge Dir genügen. Und + wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer + des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den + verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf + Erden herumkriecht. + + Lido, Venedig 10. April 1879. + + Dein (!) + Antonino M...« + +Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt +nichts, es war alles wahr. + +Wir hatten eine prächtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft +wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit +unseren Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen großen +viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostüme fertigten +wir selbst an, fünfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir +hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., das +nötige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten +gesammelt; einmal hatten wir fünfhundertzwölf Lire und achtundachtzig +Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!! + +Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten +Gasparone spielte, ich war als kalabresischer Räuber gekleidet, mit +hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit großen vergoldeten Knöpfen +geschmückt, zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppelläufige Flinte +über dem Rücken, einen großen Revolver und einen langen Dolch an der +Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten, +Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und +Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in Überfluß: Rum, Wermut, +Bier, Wein und Cigarren, so daß es für die ganze Woche reichte; alles +wurde von den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig +und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich +dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er: + +»+Haben Sie Geld?+« + +»Ich habe einen Lire, und das genügt für einen Tag.« + +»Nein, in Venedig ist das nichts,« und er nahm einen Fünflireschein +heraus und gab ihn mir. + +Seine Börse war stets für alle geöffnet, und wenn man ihm das Geld +wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in +Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mußte er von +der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um +Luft zu schöpfen.[58] + + [58] Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich bei M... + die Übertreibung des Hasses mit der Übertreibung der Zuneigung, und so + wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erzählung des M... in nicht + wenigen Punkten widersprechen. + +Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, daß er achtzigtausend Lire +jährliche Rente habe, aber er machte kein Aufheben von seinem Reichtum, +den er zum Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen seiner +großen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und +wäre ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erzählte +mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von denen +ich einige mitteilen will. + +Als Hauptmann Guar... noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich +in ein Mädchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem +Vermögen von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte +glücklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens +liebte; die Frucht dieser Liebe war ein Söhnchen, das Ebenbild des +Glückes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, daß seine Gattin ihn betrog. + +»Unmöglich«, antwortete er, »Virginie, meine geliebte Virginie kann mich +nicht verraten.« Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der +ihm mitgeteilt hatte, daß seine Virginie ein unerlaubtes Verhältnis mit +einem Lastträger hatte -- der arme Lieutenant wurde von Guar... +erstochen. + +Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, daß er verreisen müsse; er +kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so daß er +hören konnte, was dort vorging. + +Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren häuslichen +Angelegenheiten beschäftigt. + +Endlich gegen Abend hörte er Küsse, er lauschte und vernahm folgende +Worte: + +»Ettore, süßer Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich möchte dich immer +in meinen Armen halten, der schweigsame Offizier langweilt mich, ich +liebe ihn nicht. Laß uns fliehen, Ettore, nach Verona; da können wir in +Freiheit unser Glück genießen.« + +»Nein süße Virginia, noch ist nicht die Zeit dazu ... Wie schön Du bist, +gieb mir einen Kuß!« + +Er hörte ihre Küsse, und das Blut erstarrte ihm in den Adern. + +Es wurde still, Seufzer und Küsse wechselten mit einander; G... blickt +durch eine Spalte und sieht seine Virginia in wollüstiger Umarmung mit +ihrem Geliebten. + +Er eilt hinaus, klopft an die Thür seines Schlaf-Gemaches, niemand +antwortet. Endlich ruft er: + +»Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.« + +Die Thür wird geöffnet, Virginia erscheint und sagt: + +»Wie, Du bist nicht fort?« + +»Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!« + +»Hier bin ich,« antwortete Ettore, eine Waffe in der Hand haltend. »Sie +befehlen?« + +»Nichts, lieber Ettore,« antwortete der Lieutenant, »nur Ihre Hand.« + +Sie reichten sich die Hände, Virginia lag auf den Knieen und zerfloß in +Thränen. Herr G... öffnete sein Portefeuille, nahm zehn +Tausendlirescheine heraus, reichte sie Virginia und sagte: + +»Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem Ettore; mein Sohn bleibt bei +mir.« + +Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand und gingen, G... wurde +ohnmächtig aufgefunden, wie er seinen Sohn in den Armen hielt. + +Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment in Bologna war, traf +er eines Abends einen Zahlmeister, der ihm klagte, daß er sich das Leben +nehmen müsse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse fehlten, Guar... +nahm die Kassenschlüssel, öffnete sein Portefeuille, gab dem Zahlmeister +sechs Tausendlirescheine und sagte nur: + +»Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie vernünftig!« + +Nach Gottes Fügung starb Virginia wenige Jahre später arm und elend in +einem Irrenhaus; G... heiratete ein anderes Mädchen aus dem Volke von +schlechten Gewohnheiten und unregelmäßigem Lebenswandel. Ehe er sie +heiratete, sagte er: + +»Clelia« -- so hieß sie, »ich lege meinen Reichtum, mein Herz, meine +Ehre, meinen guten Ruf in Deine Hände; willst Du mir treu sein, willst +Du ein neues Leben beginnen?« + +Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin seines Lebens; sie gebar +ihm ein süßes Töchterchen; der blonde Ludovico, der Sohn der Virginia, +der jetzt zehn Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so sagte man, +umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend. + +Folgen wir dem Faden unserer Erzählung. + +Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas viel getrunken, es war im +Sommer, ich litt unter der Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein, +ich wurde sehr müde, setzte mich nieder und schlief mit dem Gewehr im +Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, jemand klopft mich auf die +Schulter; ich springe auf und sehe den Hauptmann. + +»Das ist unrecht, Sie dürfen sich nicht vom Schlaf übermannen lassen +-- es ist ein schweres Verbrechen, auf Wache zu schlafen. -- Ist Ihnen +nicht wohl?« + +»Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.« + +»So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und geben Sie mir so lange Ihr +Gewehr.« + +Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging damit hin und her, ich ging +zur Wachtstube und kam mit dem Sergeant zurück. Der Hauptmann sagte ihm, +daß ich krank sei und befahl, mich ablösen zu lassen. + +So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten ein, ich ging in's Bett. + +Derartiges kam öfter vor, der Hauptmann bestrafte nie; die Soldaten, die +im süßesten Schlummer ihr Bett verlassen mußten, klagten nicht, sondern +erwiesen sich als gute Kameraden. + +Man muß wissen, daß ein Soldat, der auf Wache einschläft, mit sechs +Monaten Kerker bestraft wird. + +Es würde die Feder eines Francesco Mastriani erfordern, und die anderer +Männer von Genie, um diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu +beschreiben, und um meine klassischen Abenteuer während der vier langen +Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke wundersame Bände ließen +sich darüber schreiben. Ich beschränke mich darauf, die +bemerkenswerteren und unterhaltenden Vorfälle kunstlos +niederzuschreiben, und bitte Euch, Nachsicht zu üben, denn ich habe +wenig oder nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte ich den +wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht. + +Unser acht Soldaten schlossen uns in enger Freundschaft zusammen: meine +Gefährten waren intelligente und gebildete junge Leute; einige Stunden +des Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche Fragen +mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche Darstellungen und +Zeitungen, und organisierten eine regelrechte Polemik untereinander: wir +machten Verse, Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen, +kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur Poesielehre hatte +ich einen gewissen Neapolitaner Carlo Frol... Pag..., in der Litteratur +unterrichtete mich Luigi Mastr..., ebenfalls ein Neapolitaner, in der +Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens Alt... + +Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, in welchem er mich wegen +meiner Gefängnisstrafe zu Salerno bedauerte und seine Freude darüber +aussprach, daß es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schickte mir +zwölf Lire und seitdem schrieben wir uns alle Monat und ich bekam +regelmäßig meine zwölf Lire. + +Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen dem Wirt und einem +Kameraden von mir, einem gewissen Angelo M..., erhob sich ein Streit, in +dessen Verlauf der Wirt auf einmal sagte: + +»Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchthäusler, eine verkommene Bande!« + +Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung mußte gerächt +werden, ich nahm das Glas und schlug dem Unverschämten mit aller Gewalt +auf den Kopf. Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, Flüche und +Drohungen schallten durch die Luft, und wenn nicht einige Sergeanten +hinzugekommen wären und der Wirt sich eingeschlossen hätte, wer weiß was +für Unheil entstanden wäre. + +Dem armen Wirt war der Schädel zerschlagen, ich wurde acht Tage bei +Wasser und Brot eingesperrt. + +Über meiner Zelle saß ein gewisser Liur... in Arrest, der mir durch eine +Spalte in der Wand von seinem Essen etwas zusteckte. Er war in +Untersuchung, weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann +geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; ein gewisser +Scar... aus Bologna und ein Cec... aus Benevento. Der Lieutenannt Gui... +war in die Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein +Kriegsgericht abgesetzt; zürnend zog er ab, er war in Zivilkleidung und +als er vor der Kaserne stand, zog er seinen Säbel aus der Hose heraus +und zerbrach ihn über das Knie. Ein neapolitanischer Soldat Namens +Per..., der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht und sagte: + +»Du bist ein elender Hund!« + +Während ich im Gefängnis saß, hörte ich eines Morgens ein Geräusch, als +ob zwei Personen mit einander kämpften und vernahm die Stimme eines +Kameraden, der sagte: + +»Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen.« + +Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine Mitteilung erhalten; +während er sie las, war der aufsichtsführende Sergeant gekommen und +hatte ihm das Blatt wegreißen wollen; Liur... aber hatte das Papier in +den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant ihn an den Hals gefaßt. + +Die Sache wurde gemeldet und Liur... wegen Insubordination vor Gericht +gestellt; er bat mich, als Entlastungszeuge zu dienen. + +Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit gesetzt; ich erkundigte +mich nach dem Schicksal des Liur..., niemand wußte, daß er das anonyme +Schreiben verfaßt hatte, nur Cec... und Scar... traten gegen ihn auf, +und beide waren von früherher mit ihm verfeindet. + +Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht verurteilt +worden? Hatte denn jenes schändlichste Ungeheuer, der Korporal S..., +Recht mit seiner Aussage? Ist es nicht denkbar, daß auch Liur... +unschuldig verdächtigt und verleumdet war? Genügt die Überzeugung von +der Schuld eines Menschen, um ihn zu verurteilen und ist ein solches +Urteil wissenschaftlich und unanfechtbar?[59] + + [59] Der gewöhnliche Refrain, der immer zum Vorteil des Übelthäters + ausschlägt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls + angeklagt, antwortete: Die Verhältnisse sprechen freilich gegen mich, + aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die Sache + zeigt, die ich gestohlen haben soll. -- Und als er später eines Mordes + angeklagt war, wollte er, daß man ihm die Person zeige, die ihn hatte + morden sehen. + +Ich beschloß der Sache auf den Grund zu gehen, und da ich sah, daß +Cec... und Scar... ein Herz und eine Seele waren, so nahm ich mir vor, +den einen durch den andern entlarven zu lassen. + +Ich rief den Soldaten Cec... und sagte: + +»Cec..., wir sind gute Freunde, ich weiß, daß Du aus guter Familie bist; +hier in der Kompagnie sind lauter ungebildete Burschen, lauter +entlassene Sträflinge (als ob ich aus dem Colleg herkäme); wie wäre es, +wenn wir ein treues Freundschaftsbündnis schlössen und zusammen lebten?« + +»Mit Vergnügen, lieber M..., aber ich muß Scar... sprechen, mit dem ich, +wie du weißt, seit langem zusammen lebe.« + +»Sehr wohl, sprich mit Scar...« + +Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen und trinken, die +Freundschaft war besiegelt. So vergingen mehrere Tage, Liur... war nach +dem Militärgefängnis zu Venedig geschafft und hatte mich als +Entlastungszeugen angegeben; der Tag der Verhandlung kam immer näher. + +Ich sagte beim Promenieren zu Cec...: + +»Cec..., Du giebst viel Geld für den Scar... aus, der ein Schwindler +ist; mir, der ich Dein Bestes will, mißfällt das; es ist eine Schande, +daß Du Dich von dem Heuchler ausbeuten läßt.« + +»Weißt Du, M..., Du hast Recht; Scar... ist ein scheinheiliger Hund, er +ist mir zwanzig Lire schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein +schneiden kann.« + +»Was, ihm, der ärmer ist wie Hiob, hast Du zwanzig Lire geborgt, nun, +heute Abend muß er sie Dir wieder geben.« + +Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen in einer Schenke: nachdem +wir unser kärgliches Mahl verzehrt hatten, verlangte Cec... sein Geld; +Scar... legte sich auf's Beteuern, daß er nichts habe, Cec... wurde +wütend und das Ende vom Liede war eine große Schlägerei zwischen beiden, +von der der Wirt den größten Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr, +Flaschen und Gläser gingen in die Brüche. Als bittere Feinde schieden +sie. + +Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar... heran und sagte: + +»Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir sehr nützlich sein kann, +aber verrate mich nicht.« + +»Nein, M..., auf keinen Fall, Du bist ein guter Freund, der Cec... ist +ein ungebildeter Hansnarr.« + +»Cec... sagte mir, daß Du ihn angestachelt hättest zu sagen, daß Du +gesehen hättest, wie Liur... die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann +geschrieben hatte; daß er ...« + +»Der Schändliche!« unterbrach er mich, »der Mörder, der Verräter; er hat +mich verleitet, das zu sagen; ich wußte von nichts, ich habe nichts +gesehen.« + +»Nun schön, Scar..., höre mich an und unterbrich mich nicht: Cec... +sagte, daß Du die direkte Ursache von Liur...'s Ruin bist, wenn das die +Richter wüßten, würde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir mit, +daß er vor Gericht aussagen will, daß Du ihn zu der falschen +Beschuldigung verführt hättest.« + +»Ganz im Gegenteil, der Verräter hat mich verführt, er hat den armen +Liur... ruiniert.« + +Während ich mit Scar... sprach, beobachtete Cec... uns von weitem und +verzehrte sich vor Neugier, und als wir uns endlich trennten, eilte er +zu mir heran und fragte, was wir miteinander gehabt hätten. + +»Scar... hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen«, sagte ich, »den er +dem Verteidiger Liur...'s schicken will, in dem er seine erste Aussage +widerruft und zu Deinen Ungunsten aussagen will.« + +Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec... geriet in furchtbare +Erregung und wollte von Scar... Genugthuung verlangen, aber ich hielt +ihn zurück und sagte: + +»Cec..., höre zu; wir wollen vor dem Militärgericht eine schöne Posse +aufführen: Du darfst nicht sagen, daß Du die Absicht des Scar... kennst; +ich werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage Scar...'s +einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat, und wenn das der Fall +ist, mußt Du in Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar... erzählen und +mich und den Wirt als Zeugen anrufen; auf diese Weise wird er entlarvt +sein und als Verleumder erkannt werden.« + +»Vorzüglich, M..., vorzüglich ausgedacht.« + +»So bleibt es dabei.« + +Der Verhandlungstag war herangekommen, wir waren zehn Zeugen, darunter +der Wirt; wir warteten im Zeugenzimmer. Ich rief Cec... zu mir heran und +sagte: + +»Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, daß er vor einigen Tagen +in Scar...'s Auftrag einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat. +Vergiß nicht, Cec..., alles vor Gericht zu erzählen und rufe mich und +den Wirt zu Zeugen an.« + +Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. Ich sagte aus: + +»Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern Zelle war Liur..., +der sich fast täglich beklagte, daß er von den Chargierten so viel +auszuhalten hätte. Eines Morgens hörte ich ein Geräusch, als ob zwei +Menschen miteinander ringen und hörte, wie Liur... sagte: Er hat mich +an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen. -- Das ist alles, was +ich aussagen kann.« + +»Sagen Sie, M...,« fragte der Präsident, »ist es wahr, daß Sie dem +Soldaten Cec... gesagt haben, daß der Soldat Scar... Ihnen einen Brief +gezeigt habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur... gerichtet war, +und in dem er den Verteidiger bat, dem Liur... mitzuteilen, daß er seine +erste Aussage verwerfen wolle. Ist das wahr, daß Sie das alles gesagt +haben?« + +»Wie, Herr Präsident,« antwortete ich, indem ich den Dummen spielte, +»ich verstehe nicht, was Sie fragen.« + +Der Präsident wiederholte das ganze Gewäsch. + +»Ich!« antwortete ich entrüstet, »ich soll das dem Cec... gesagt haben? +Das ist eine Verleumdung, eine freche Lüge! Ich habe nie mit Cec... über +die ganze Angelegenheit gesprochen, er muß geträumt haben oder reif für +die Zwangsjacke sein!« + +Cec... wird aufgerufen und erzählt die ganze Geschichte. + +»Was?« rufe ich empört, »Du bist ein Betrüger, ein elender Verleumder, +Du hast den armen Liur... auf die Anklagebank gebracht!«[60] + + [60] Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er den Liur... + retten will, und weil dieser unter ähnlicher Anklage steht, wie M... + selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet er eine Reihe von + Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder hin. Eine merkwürdige + Auffassung vom Guten! + +Der Präsident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt erklärt selbst, +die Anklage nicht aufrecht erhalten zu können, der Verteidiger spricht +lange und eindringlich und bittet um Gerechtigkeit für seine Klienten. + +Der Gerichtshof zieht sich zurück und nach langer Beratung wird Liur... +freigesprochen. + +Ich teilte meinem edelmütigen Hauptmann mit, daß ich von dem Gericht zu +Salerno unschuldig verurteilt worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu +unterstützen, daß mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet +würde. + +Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, ließ sich Abschriften +der Urteile geben und schickte sie an das Kriegsministerium. Wir +warteten lange vergeblich, er schrieb noch einmal und erhielt die +Antwort, daß ein Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung +aufgehoben werden könne, daß meinem Ersuchen demnach nicht stattgegeben +werden könne. + +So waren meine Hoffnungen zerstört und ich mußte mich in das Geschick +fügen. Ich wurde nach Rom geschickt, um in der Druckerei des Kommandos +der Strafabteilung zu arbeiten. Es war ein großer Arbeitsraum in dem +Kommandogebäude, drei Maschinen und acht Pressen machte die Druckerei +aus, ich mußte mit einem Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten +und bekam außer der Soldatenkost fünfzig Centesimi täglich. Hier blieb +ich zwei Monate, während dieser Zeit schloß ich enge Freundschaft mit +dem Bureauschreiber. Eines Tages sagte ich zu ihm: + +»Rom...,« so hieß er, »wäre es nicht möglich, im Bureau eine hübsche +kleine Fälschung zu machen, die mir sehr nützlich sein könnte?« + +»Was für eine Fälschung?« rief er, die Augen aufreißend und mich +anstarrend. + +»Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, könnten wir +daraus nicht 1868 machen?« + +»Was für einen Unsinn verlangst Du, willst Du mich auf die Galeere +bringen?« + +»Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, daß Du noch ein Neuling in diesen +Dingen bist.« + +An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber ich ließ nicht nach, bis +ich ihn verführt. + +Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, ich veranlaßte ihn mehr zu +trinken als gewöhnlich und als es mir schien, daß der Weinrausch ihn +umnebelt hatte, fing ich von neuem von der Fälschung an. + +Wir gingen hinaus, er sagte: + +»M..., warte ein wenig, ich will sehen, ob jemand im Bureau ist.« + +Er kam taumelnd wieder heraus, die Sache ging gut. + +»Komm,« sagte er, »im Bureau ist niemand.« + +Wir gingen die Treppe hinauf, ich gab ihm eine Cigarre, wir traten in +das Bureau; er schlug das Register auf, ich suchte meinen Namen, bei dem +die Jahreszahl 1869 eingetragen war, mit einem Federmesser kratzte ich +die unverschämte 9 aus und setzte eine liebliche 8 an die Stelle. + +Wir brachten alles wieder in Ordnung, darauf gingen wir in ein Café und +dachten über unsere That nach. + +Nach zwei Monaten wurde ich wieder von Rom fortgeschickt und kam zum +Lido zurück. + +Kaum wieder bei der Kompagnie wurde ich sofort einem der Forts +zugeteilt, welche Venedig umgeben. + +Die Aufgabe der zum Dienste in den Forts detachierten Soldaten war: +niemand ohne Erlaubnis des Chefs der Wache einzulassen, die Bollwerke +täglich und einige Male Nachts zu überwachen, zu verhindern, daß irgend +wer topographische Aufnahmen der Gegend machte, niemand an den +Festungsgraben kommen zu lassen und das Fischen darin zu verhindern; das +Fort sauber zu halten und auf das Losungswort zu antworten. + +Ich wurde nach dem Fort San Andrea, unweit dem Lido geschickt; dieses +Fort war ganz von Wasser umgeben; ein Boot, das von einigen Schiffern, +Soldaten aus meiner Kompagnie, bedient wurde, lag in der Nähe vor Anker; +der Chef der Wache war ein alter Veteran. + +Hier führten wir ein patriarchalisches Leben, in der fortwährenden +Einsamkeit betrachtete man täglich die Schlechtigkeit der Menschen, die +Schönheit der silbernen Lagunen, die Ungeheuerlichkeit dieser bösen +Welt, die Schönheit des klaren venetianischen Himmels; hier sah man +Venedig in seiner ganzen Größe, die flinken Gondeln huschten zu +hunderten über die klare, krystallhelle Flut, man sah den Lido mit +seinen hohen Bollwerken und großen Kanonen, man sah die anderen Forts, +die wie kleine Erdhügel hier und da verstreut lagen. + +Ein großes Genie würde dazu gehören, um diese entzückenden Wunder der +Natur und der Menschenhand zu beschreiben. + +Ich blieb mehrere Monate in diesem Fort, las Romane und schrieb einige +Sachen, die ich meinem Freunde in der Kompagnie zur Korrektur schickte. + +Dann kam Befehl von der Strafabteilung, daß die Detachements in den +Forts abwechseln sollten, indem jeder Soldat acht Tage lang dableiben +sollte; infolge dessen mußte ich, sehr gegen meinen Wunsch, wieder zur +Kompagnie zurück und ein anderer nahm meinen Posten ein. + +Wie es kam, mag Gott wissen, genug, unser edler Hauptmann Guar... wurde +als Direktor des Militärgefängnisses nach Savona versetzt. + +Wir waren darüber sehr ungehalten und beklagten den schmerzlichen +Verlust lebhaft. + +An seine Stelle kam der Hauptmann Alessandro Ter..., ein bestialischer, +bösartiger Mensch. Dieser Henker hatte Weib und Kinder; er war ein +schrecklicher unerbittlicher Schinder, ein bestialischer Mensch, eine +Bestie von Natur und Charakter, launisch, hämisch, bockbeinig wie ein +Esel; immer bereit, Böses zu thun, wurde er eine wahre Geißel für uns +arme Soldaten. Nach soviel Freuden solche Leiden: so wechselt das +menschliche Leben, so ändern sich die Dinge in einem Augenblick. + +Zehn Stunden täglich ward exerziert mit dem Gewehr im Arm und dem +Tornister auf dem Rücken. + +Unsere Soldaten hatten Zündnadelgewehre, ein altes Modell, welches nicht +schoß, krumme, unbrauchbare Flinten ohne Bajonett; wenn wir ausgingen, +durften wir nur den Gürtel umschnallen, keinen Säbel, statt des Helmes +trugen wir die Mütze. + +Wie gesagt: zehn Stunden täglich exerzieren, im Sommer unter der +sengenden Sonnenglut, im Winter im Schnee, im Regen, im Schmutz -- und +wie auch das Wetter war, immer mußten wir zehn Stunden exerzieren. + +Eine eiserne Disziplin spannte uns wie mit einem Ring zusammen, +unaufhörlich regnete es Strafen, die Arrestzellen waren überfüllt, +rostige und schimmelige Ketten wurden den Ärmsten angelegt, sechzig Tage +mußten sie bei Wasser und Brod schmachten, viele wurden vor ein +Kriegsgericht gestellt und zu langjährigen Strafen verurteilt. + +Theater, Musik, Spiel, Gesang, Lachen und Scherzen -- alles war vorbei; +wehe dem, der noch daran dachte und sich nicht dem eisernen Willen des +herzlosen Tyrannen, des unerbittlichen Schinders beugte. + + +Er sei verflucht!+ + +Die Offiziere, seine Untergebenen, waren eine Aasbande, die für +kärglichen Sold gekauft war; die Chargierten folgten dem Beispiel der +schändlichen Bestie, sie hoben frech ihr Haupt, das Hauptmann Guar... in +den Staub gebeugt hatte. Sie erstatteten falsche Anzeigen, +ungeheuerliche erlogene Meldungen und er, der legitime Schinder +verurteilte stets, ohne Erbarmen, er hörte auf keinen Einwand, sondern +sagte: »Der Soldat legt seinen Verstand vor dem Kasernenthor ab!« + + +Er sei verflucht!+ + +Weil ich während des Exerzierens mit meinem Nachbar ein einziges Wort +gesprochen hatte, verurteilte er mich zu dreißig Tagen strengem Arrest +bei Wasser und Brot. + + +Er sei verflucht!+ + +Ein so trauriges Leben führten wir unter dem Kommando des Hauptmanns +Alessandro Ter... verfluchten Angedenkens, nach soviel Glück, Frieden +und Fröhlichkeit gerieten wir in Trübsal, Kummer und Unglück. + +Das Essen war schlecht, ungenießbar, der Mehlbrei war trocken und +schwarz, das Fleisch stinkig, das Brot trocken, schwarz und ungar, alles +war schlecht, nach soviel Glück gerieten wir in soviel Übel.[61] + + [61] Diese Übertreibung _in pejus_ bildet den logischen Gegensatz zu + der vorherigen optimistischen Übertreibung. Jeder begreift, daß die + Lebensbedingungen sich nicht so sehr ändern konnten. Dieser + leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch für die + Epileptiker. + +Ich wiederhole es, es würde die Feder der größten Männer erfordern, um +die Schändlichkeiten, die Grausamkeiten, die Schindereien zu schildern, +deren der Hauptmann Alessandro Ter... uns aussetzte. + + +Er sei verflucht!+ + +Meine Freunde Frol..., Mastr..., Perlil..., Ata... und andere junge +Leute von Bildung und Wissen wurden ein Opfer dieser Bestie in Uniform, +dessen Gattin, Frau Matilde, kein anderes Bestreben hatte, als ihm +täglich ein neues Horn auf den Kopf zu pflanzen; sie hielt es mit dem +Feldwebel, und er, der uniformierte Hahnrei wußte alles und war stolz +auf die prächtigen Hörner, die auf seiner Mörderstirne prangten. + +Drei lange Jahre verbrachte ich in diesem Labyrinth des Jammers, Gott +weiß wie; ich war pünktlich und aufmerksam im Dienst, aber mehrere Male +wurde ich von dem Hauptmann Alessandro Ter... wegen nichtiger Vorwände +in strengen Arrest geschickt, und verbrachte zwanzig, ja dreißig Tage +bei Wasser und Brot. + + +Er sei verflucht!+ + +Ein niederträchtiger Lieutenant, mit einem Gesicht wie ein Affe, ein +Lilliputaner, Antonio Car..., eine Bestie noch unter dem Vieh, der nicht +einmal italienisch sprechen konnte, sondern nur seinen breiten +piemontesischen Dialekt kauderwälschte, hatte es auf mich abgesehen und +tadelte und meldete mich, wo er konnte. + +Eines Tages meldete er mich, weil ich ihn angesehen hatte, ohne ihn zu +grüßen und dieser Schinder, Alessandro Ter..., verurteilte mich zu +fünfundzwanzig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot. + + +Er sei verflucht!+ + +Aus dem Arrest entlassen, nahm ich mir vor, der verfluchten Dienstzeit +einen großen, tragischen Abschluß zu geben, so sehr hatte mich die +Strafe erbittert. Ich ging in eine Schenke und goß mir einen Liter Wein +in den Magen, und als ich merkte, daß die Weindünste mich umnebelten, +ging ich nach Hause, holte meinen Dolch und legte mich angekleidet zu +Bett. Der Lieutenant mit dem Affengesicht hatte die Ronde; er mußte +gegen Mitternacht in mein Zimmer kommen, um zu sehen, ob alles still war +und ob die Lampen ordentlich brannten. + +Kurz vor Mitternacht erhob ich mich und stellte mich auf der Treppe auf, +wo der Offizier vorbei mußte, entschlossen, ihm, sobald ich ihn sah, in +den Rücken zu springen und ihn zu durchbohren. + +Ich hörte Schritte und glaubte, die Zeit sei gekommen, aber es war mein +Kamerad Mastr..., der sich, weil er auf Wache war und es grimmig kalt +war, seine Decke geholt hatte -- würde er entdeckt, so wären ihm +vierzehn Tage Wasser und Brot gewiß, auf Anordnung des hochedlen +Hahnreis Alessandro Ter... + + +Er sei verflucht!+ + +Ohne ein Wort zu sagen ging Mastr... vorbei, kam mit seiner Decke zurück +und ging wieder heraus. Es war Winter, es schneite in großen Flocken, im +Hof lag der Schnee zwei Handbreit hoch und unaufhörlich senkten sich die +Flocken herunter. + +Alles war still, einförmig drangen die Schritte des Nachtpostens an mein +Ohr. + +Der Lieutenant kam nicht, schon war es ein Uhr, die Grabesstille, das +Schneien, das Dunkel und die jetzt lauten, jetzt verhallenden Schritte +der Schildwache machten mir Furcht, vor meinem furchtbaren Entschluß +wurden Herz und Seele matt. + +Jetzt schlug es zwei, ein verteufelter Lärm entstand in der Wachtstube, +ein Kommen und Gehen von Soldaten, Waffengeklirr, ich trat an die +Fensterbrüstung und sah zur Wachtstube herein, da erblickte ich +bewaffnete Soldaten, zwei Korporale und einen Sergeanten; sie kamen +herein unter Anführung des Lieutenants mit dem Affengesicht, sie stiegen +die Treppe hinauf. + +Die Sache ist nicht richtig, dachte ich, ziehe die Stiefel aus und renne +barfuß in meine Kammer. + +Den Dolch versteckte ich in dem Strohsack, entkleidete mich rasch und +zog die Bettdecke über, dann that ich, als ob ich friedlich schlief. Der +Lieutenant trat ein mit seiner Begleitung, die Betten wurden gezählt, an +mein Bett trat er heran, lüftete die Bettdecke und sah mich an. + +Am andern Morgen, als uns in der Instruktionsstunde das neue Gewehr, +Modell 1870 Wetterli, erklärt wurde, rief der Lieutenant mich heraus. + +»M...«, sagte er, als wir allein waren, »Sie haben gestern Nacht +versucht, mich zu ermorden.« + +»Ich, Herr Lieutenant! ich hätte versucht, Sie, einen Vorgesetzten zu +ermorden?« + +»Genug, M..., ich weiß alles, bedenken Sie, daß ich eine zahlreiche +Familie zu ernähren habe, die ohne mich, da ich kein Vermögen habe, ihr +Brot auf der Straße erbetteln müßte. Ich meinerseits habe gefehlt, indem +ich Sie öfter getadelt und gemeldet habe, Sie, indem Sie das große +Verbrechen auf sich luden, mich ermorden zu wollen. Jetzt ist alles aus, +ich werde die Sache begraben sein lassen, thun Sie dasselbe, wir wollen +gute Freunde bleiben, einverstanden, M...?« + +»Ja, Herr Lieutenant«, antwortete ich. + +Von diesem Augenblick ab war der Lieutenant zuckersüß zu mir und übte +alle möglichen Rücksichten gegen mich. + +Und wie hatte er es erfahren, daß ich ihn töten wollte? + +Mein Kamerad Mastr... hatte mich gesehen, als er seine Decke holte und +aus dem Umstande hatte er meine Absicht erraten; er begab sich zu dem +Lieutenant und benachrichtigte ihn, bat ihn aber, unter keinen Umständen +seinen Namen zu sagen; denn wenn er ihn jetzt warnte, so geschähe es, um +ihn vor Schaden zu bewahren; morgen könne man ihn auf die Folter spannen +und er würde kein Wort sagen. + +Drei Jahre verbrachte ich so im Elend, oft und aus nichtigen Gründen +wurde ich bestraft, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und +gingen jahrelangen Kerkerstrafen entgegen. + +Nachts, anstatt zu schlafen, lag ich wach und quälte mein Hirn, um nicht +in irgend eine Schlinge zu geraten. + +Nie werde ich die Kaltblütigkeit meines Freundes Frol... vergessen. + +Eines Abends saßen wir in der Schenke, mehrere Soldaten und ein Sergeant +von unserer Kompagnie, und sprachen bei einem Becher Wein und einem +Stück Brot über Politik, dabei war Frol... anderen Sinnes als der +Sergeant, sie gerieten in Wortwechsel und schließlich gab der schuftige +Sergeant dem Frol... eine mächtige Ohrfeige auf die rosige Wange. +Frol... blieb ruhig und kalt, lächelnd bat er den Wirt um eine Schüssel +mit Wasser, stellte sie vor dem Sergeanten auf, wusch sich das Gesicht, +füllte sein Glas und stieß mit dem Sergeanten an, indem er sagte: + +»Trinken wir auf das Wohl der Armee und auf uns armen Sünder!« + +Der Sergeant wollte nicht Bescheid thun, mit schamrotem Gesicht ging er +von dannen. + +Der Vorfall kam dem Hauptmann zu Ohren, er rief Frol..., faßte ihn am +Arm und sagte: + +»Sie sind ein schlechter Soldat, ein neapolitanischer Trotzkopf, aber +wir werden Ihnen Ihren Starrsinn austreiben: Sie haben dreißig Tage +strengen Arrest bei Wasser und Brot, damit Sie Ihren Hauptmann +Alessandro Ter... nicht vergessen.« + + +Er sei verflucht!+ + + +Die Entdeckung. + +Ein ministerieller Erlaß ordnete an, daß die Soldaten der +Strafkompagnie, die mit mehr als sechs Monaten Gefängnis bestraft waren +und der Aushebungsklasse 1868 angehörten, auf dauernden Urlaub entlassen +werden sollten. Die hiervon betroffenen Soldaten freuten sich und sahen +ungeduldig der Stunde entgegen, wo sie dieser Hölle entrinnen konnten; +auch ich freute mich, aber nicht ganz aufrichtig, denn ich wußte, daß +etwas dabei nicht ganz in Ordnung war. Infolge meiner Sparsamkeit hatte +ich mir eine ganze Ausstattung angeschafft, die ich, nachdem ich +dreizehn Jahre lang von Hause entfernt war, gut gebrauchen konnte. Denn +zu Hause war ich sicher, nichts vorzufinden, wie wäre das möglich, da +mein Bruder vor =Hunger starb= und =im tiefsten Elend= saß. +Der +Ärmste!!...+ + +Endlich kam das Verzeichnis der Soldaten, welche auf dauernden Urlaub +gingen, sie wurden zusammengerufen und ich mit; mein Herz schlug heftig, +die Beine trugen mich kaum, mein Geist war trübe und verwirrt. Warum? +Ich wußte es selber kaum. + +Unsere Uniform wurde uns ausgezogen, nur den Drillichanzug behielten +wir, auch die Waffen wurden uns abgenommen und jedem von seinem Guthaben +acht Lire und fünfzig Centesimi abgezogen. Den ganzen Tag herrschte ein +Kommen und Gehen, wir waren sechsundachtzig Mann. + +Am Abend wurde uns der Paß ausgestellt, unser Guthaben ausgezahlt und +das Fahrgeld für die Eisenbahn übergeben. Als der Hauptmann mich sah, +sagte er: + +»Es thut mir leid, daß Sie schon fortgehen, ich hätte Sie gerne noch +etwas länger hier gehabt, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... +nicht vergessen.« + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + +Am nächsten Sonntag reiste ich, nachdem ich meine Kameraden umarmt +hatte, von Venedig dritter Klasse nach Bologna ab; die meisten fuhren +nach Florenz, ich allein mit einem Gefährten nach Ancona. + +Ich hatte noch eine Anzahl Zehnlirenoten; in Bologna gingen wir in eine +Schenke, dort ließ ich mir einen Bettler kommen und schenkte ihm meinen +Drillichanzug, während ich mich in meinen schönen Zivilanzug kleidete. +Dem Bettler schenkte ich alles, Hose, Jacke, Binde, Mütze, ja sogar das +Taschentuch, um durch nichts mehr an den Hauptmann Alessandro Ter... +erinnert zu werden. + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + +Dann gab ich ihm eine Zweilirenote und sagte: + +»Da, iß und trink, und wenn jemand Dich fragt, wer Du bist, dann sage, +Du bist aus der ersten Strafkompagnie entlassen.« + +Als der Bettelsoldat fort war, sagte mein Kamerad: + +»Dem hast Du was schönes eingebrockt!« + +»Wieso?« + +»Weil er, ehe noch eine Stunde verstrichen ist, verhaftet sein wird.« + +»Unmöglich!« + +Tags darauf reiste mein Gefährte nach Ancona ab; ich fuhr nicht mit, +nicht eigentlich um mir Bologna anzusehen, sondern weil es mir Vergnügen +machte, allein und von niemandem gekannt, zu reisen. + +Nach vier Tagen fuhr ich nach Ancona, und depeschierte an meinen Bruder +um Geld, worauf ich eine telegraphische Anweisung über zwanzig Lire +empfing; dann reiste ich weiter. + +In Taranto blieb ich zwei Tage, hier schrieb ich in mein Taschenbuch, +daß ich auf Ministerialerlaß vom 7. Juni 1881 am 14. Juni 1881 auf +dauernden Urlaub entlassen sei; in Bari hielt ich mich zwei Tage auf, +von Foggia aus telegraphierte ich wieder an meinen Bruder um Geld; hier +blieb ich sechs Tage, da ich einen Unglücksgefährten traf, mit dem ich +in Lucera zusammen im Gefängnis gewesen war. Am siebenten Tage ging ich +zum Bahnhof; gerade wollte ich nach Polenza abfahren, als der Schaffner, +welcher die Fahrkarten zu durchlochen hat, mich nach meinem Billett +fragte, und nachdem ich es ihm gezeigt hatte, sagte: + +»Sie sind Soldat?« + +»Ja.« + +»Und haben Sie die Erlaubnis, in Zivil zu reisen?« + +»Nein.« + +»Nun, dann ziehen Sie Uniform an, oder bezahlen wie jeder andere +Zivilist, so kann ich Sie nicht mitfahren lassen.« + +Ich widersprach, der Kontrolleur kam herzu und gab mir unrecht. Ich +mußte aussteigen und überlegte was zu thun sei. Ich hätte mich ja bei +der Militärbehörde melden können, aber in meinem Paß war angegeben, daß +ich wegen schlechter Führung unter Aufsicht stand. + +Als Zivilist zu bezahlen kostete viel Geld und das hatte ich nicht, in +Foggia konnte ich nicht bleiben -- was war da zu thun? + +Endlich faßte ich mir ein Herz und begab mich zur Militärbehörde, wo der +Oberst mir den Vermerk in den Paß schrieb, daß ich Zivilkleider tragen +dürfe. Erleichtert ging ich von dannen, tags darauf reiste ich nach +Polenza, von da nach Catanzaro und dann nach Pizzo. Von hier ließ ich +mich in einem Boot nach meinem Heimatort rudern; mein Neffe Francesco +Antonio, der älteste Sohn meines Bruders erwartete mich. Ich betrete das +Haus meines verstorbenen Vaters, es war Abend und die Nacht brach heran, +mein Bruder umarmte mich und weinte vor Ärger, da er gewünscht hatte, +daß ich das väterliche Dach nie wieder gesehen hätte; aber ihm lachte ja +noch der süße Trost, daß ich von Mörderhand fiel oder an der +Schwindsucht in irgend einem Krankenhause verendete. + +»Wie Du elend aussiehst,« sagte er, tiefen Schmerz heuchelnd. + +»Das macht nichts lieber Bruder; so sieht das Unglück aus, es ist das +Werk des Hauptmanns Alessandro Ter..., +der tausendmal verflucht sei+; +aber bald werde ich mich erholt haben; ich war schon elender als jetzt, +und unter Eurer Pflege werde ich bald wieder frisch und rund sein, eine +Zigeunerin hat mir in Genua prophezeit, daß ich ein Baum sei, der in +jedem Sturm zerzaust würde, aber daß ich mich bald wieder mit Blüten und +hellem Grün bekleiden würde.« + +Ich fand sechs kleine dreckige Kinderchen vor, zerlumpt, barfuß, halbtot +vor Hunger und Durst -- es waren die Kinder meines Bruders. + +Ich sah seine würdige Gemahlin, Donna Michela, ein Weib wie ein +Kürassier, wenn sie ging, zitterte der Boden unter ihrem großen, +schweren Fuß, sie war kurzsichtig und kniff die Augen zusammen, wenn sie +mich ansah; stets hingen ihr die fetten Brüste aus dem geöffneten +schmutzigen und zerrissenen Kleid heraus. + +Ich fand zwei alte kindisch gewordene boshafte Nonnen vor, es waren die +Schwestern meines armen verstorbenen Vaters. + +Mehrere Tage hindurch quälte eine schreckliche Krankheit ein Glied +meines Körpers, ich legte mich zu Bett und rief den Doktor Antonino di +Vita, doch die Schmerzen wurden stärker und zerrissen mir das Herz. Als +ich endlich auf dem Wege der Besserung war, erhielt der Bürgermeister +unserer Stadt die niederschmetternde Nachricht, daß ich auf Anordnung +der Militärbehörde sofort zurück geschickt werden solle, da ich +irrtümlich auf dauernden Urlaub gegangen sei. + +Dieser Befehl wurde mir mitgeteilt, meine Verzweiflung kannte keine +Grenzen, mehrere Male setzte ich den kalten Lauf meines Revolvers an die +Schläfe und war im Begriff mir den Kopf zu zerschmettern, aber ein +anderer Gedanke kam dazwischen und sagte: Lebe und leide! + +Ich schickte ein ärztliches Attest, daß ich nicht reisen könne und bekam +vierzehn Tage Aufschub. + +Nach diesen vierzehn Tagen mußte ich abreisen, um unter die Knechtschaft +des Tyrannen zurückzukehren, um noch einmal in jenem Labyrinth in Jammer +und Pein zu leben, wo Arrest und Kettenhaft, Wasser und Brot herrschen +und jener schändliche Hauptmann Alessandro Ter... + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + +Ich bewaffne mich wie ein Brigant, eine Doppelbüchse über die Schulter, +einen Revolver an der Seite, zwei Pistolen in der Tasche, einen langen +Dolch und Säbel, Patronen, Pulver und Schrot trug ich in einer alten +Patronentasche, so begab ich mich in die bergigen Gefilde von Daffina, +entschlossen, die Karabinieri über den Haufen zu schießen, wenn sie mich +verfolgen sollten. + +Die Zeit war um, wo ich mich in Catanzaro hätte melden müssen, jetzt war +ich Deserteur. + +Nach sieben Tagen entschloß ich mich, das Schicksal walten zu lassen, +ich ging nach Catanzaro und stellte mich der Militärbehörde. Hier gab +man mir mein Reisegeld und ich machte denselben Weg zurück, den ich vor +zwanzig Tagen gefahren war. + +Ich trug den Tod im Herzen, die Abteilungen dritter Klasse waren voll +von Soldaten, die fröhlich sangen; auf den Stationen war ein Drängen, +ein Gehen und Kommen, Ein- und Aussteigen, Umarmen, Begrüßen; fröhlich, +jauchzend trennten sich die Kameraden, es war die Klasse 1868, die +entlassen war; nur ich, der ich derselben Klasse zugehörte, mußte zum +Regiment zurück! Welch trübes Verhängnis konnte mich erwarten unter der +Herrschaft des ausgemachten Hahnreis, des Hauptmanns Alessandro Ter...? + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + +Was in mir vorging, das vermag keine Feder zu beschreiben; denn gewisse +Schmerzen fühlt man zwar, aber man kann sie nicht äußern; die Furien der +Hölle bemächtigten sich meiner, ich fluchte wie ein Verdammter, ich +zerbiß mir die Hände, die Arme, ich riß mir das Haar aus und rannte mit +dem Kopf gegen die Wand, ich schlug mir mit den Fäusten vor die Stirn +und stopfte mir die Finger in die Ohren, um nicht den Gesang, das +Stimmengewirr zu hören; ich war neidisch auf deren Glück, ich wünschte +taub und blind zu sein. + +Nach einer langen und anstrengenden Reise kam ich auf dem Lido an, es +war ein Uhr Nachts, ich ging zu meiner Kaserne und klopfte an die +eisenbeschlagene Thür, ein Fenster öffnet sich und der wachthabende +Sergeant sagt: + +»Wer ist da?« + +»Ich -- ist hier Wohnung für mich?« + +»Nicht übel, meinen Sie, hier sei ein Gasthaus?« + +»Ja, aber ein unfreiwilliges.« + +»Wer sind Sie denn?« + +»Wer soll ich sein!« + +»Wie heißen Sie?« + +»Antonino!« + +»Sind Sie verrückt?« + +»Man möchte es meinen.« + +»Woher kommen Sie?« + +»Von Hause.« + +»Und zum Teufel, was wollen Sie denn?« + +»Was ich gesagt habe.« + +»Und das ist?« + +»Hier wohnen.« + +»Hier wohnen nur Soldaten.« + +»Ich bin Soldat.« + +»Bei welchem Regiment?« + +»Ich gehörte nicht zum Regiment.« + +»Also zur Kompagnie?« + +»Ja.« + +»Zu welcher?« + +»Zur ersten.« + +»Zur Strafkompagnie?« + +»Ja, zur Strafkompagnie!« + +»So warten Sie!« + +Er öffnete die Thür, fuhr mir mit der Nase in's Gesicht und sagte dann: + +»Ah, Sie sind es, geliebter M..., seien Sie mir willkommen!« + +Ich trete ein, der Hauptmann wird gerufen und erscheint mit dem +Lieutenant _du jour_. + +»Nun, paßte es Ihnen nicht zu kommen«, sagte der Hauptmann, »Sie +scheinen zu glauben, daß wir hier dazu da sind, um auf Sie zu warten; +Sie miserabler Kerl! Das werden wir Ihnen anstreichen. Führen Sie ihn +sofort in Arrest und schließen Sie ihn krumm!« + +Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, daß ich vor ein Kriegsgericht +gestellt werden würde und nach einigen Tagen, die mit Schmähungen +seitens des gottverfluchten Hauptmanns Alessandro Ter... ausgefüllt +waren, brachte man mich in das Militärgefängnis zu Venedig. Der +Untersuchungsrichter vernahm mich, ich sagte aus, daß ich krank gewesen +sei und deshalb meine Zeit überschritten habe. Nach einiger Zeit kam der +Untersuchungsrichter wieder und überhäufte mich mit Schimpfreden; er +hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor Antonino di V... und dem +Bürgermeister meiner Heimatstadt mitteilen lassen, daß ich meinen Urlaub +überschritten habe. + +Nun war ich verloren und erklärte mich der Desertion für schuldig. + +Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor Lodovico L... und +sagte: + +»Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt haben, ich +sehe wenig Aussicht für Sie.« + +»Herr Lieutenant«, sagte ich, »ich weiß, daß ich verloren bin, aber man +muß vorsichtig operieren und versuchen, die harten Herzen der Richter zu +erweichen«, und ich erzähle ihm in lebhaften Farben meine langen und +schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei große helle +Thränen fielen aus seinem schönen Auge.[62] + + [62] Wiederum die gewöhnliche Übertreibung der Zuneigung, die der + Übertreibung des Hasses entspricht. + +»Sie Ärmster«, beklagte er mich, »soviel haben Sie gelitten und Sie +leben noch! Ja, braver junger Mann, erzählen Sie den Richtern diese +rührende Geschichte, und sicher, sie werden Mitleid fühlen. Ich wußte +nicht, daß das menschliche Leben soviel Unglück und Schande birgt, daß +das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. Sie Ärmster!« + +Er drückte mir zärtlich die Hand und ging erschüttert von dannen. + +Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte mir mit, daß der +Staatsanwalt beabsichtigte, den Bürgermeister meiner Vaterstadt, den +Doktor Antonino di V... und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea +zur Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht wenig, denn was +für einen Zweck hatte es, da ich mein Verbrechen selbst zugab. Es konnte +mir nur Schaden bringen, denn sie würden auf der Eisenbahn zweiter +Klasse fahren und das mußte ich bezahlen -- wozu nun diese Kosten +verursachen? + +Mehrere Tage verbrachte ich deshalb in Sorgen.[63] + + [63] Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, daß die + Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten? + +Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich mit den anderen Soldaten +auf dem Hof, als der Wachtmeister aus Tropea erschien. Er sah mich und +die Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt und sah uns +wieder an. + +Man führte mich in das Gerichtsgebäude, das neben dem Gefängnis lag; ich +nahm auf der Anklagebank Platz, der Staatsanwalt, in seine große +schwarze Toga gekleidet, sah mich an und ein spöttisches Lächeln +umspielte seine krummen Lippen. + +Die Richter nahmen ihre Plätze ein; der Vorsitzende war der Oberst vom +8. Infanterie-Regiment; mein Verteidiger sah mich mit thränenfeuchtem +Blick an. + +Der Präsident sagte: + +»Stehen Sie auf, M... und sagen Sie uns, weshalb Sie der Aufforderung, +zum Regiment zurückzukehren, nicht Folge geleistet haben.« + +»Erlauchter Herr Präsident, mein gnädiger Herr Richter! Sie haben einen +unglücklichen Menschen vor sich, der vierzehn lange Jahre hindurch vom +Geschick grausam verfolgt worden ist, vierzehn entsetzliche Jahre lang +hat meine Seele keine Ruhe gefunden; beim Zivil bin ich zu sechs Jahren +Gefängnis verurteilt, die ich in düsteren Kerkermauern unter schwersten +Entbehrungen verbracht habe -- als Soldat bin ich in Florenz aus +nichtigen Gründen zu drei Jahren Arrest verurteilt, und in dem +Pandämonium zu Savona habe ich sie abgebüßt und mein Leben dadurch um +zwanzig Jahre verkürzt. + +In Salerno wurde ich unschuldig verurteilt, unschuldig in Gott, wegen +der Schändlichkeit eines Korporals und der Blindheit der Richter, und +unschuldig, ja unschuldig, meine Herren, sperrt man mich ein langes Jahr +in eine entsetzliche Festung. + +Der ehrenwerte Herr Staatsanwalt weiß, daß ich die Wahrheit sage, er +kann es bezeugen, daß ich unschuldig war, er hat selbst die Verurteilung +des Korporals Alfonso S... beantragt, wegen Verleumdung und falscher +Aussage wider mich. Der Herr Staatsanwalt kennt meine schmerzensreichen +Abenteuer; er war bei allen meinen Verurteilungen zugegen, und ich habe +wie ein wrackes Schiff, das den schäumenden Wogen überlassen ist, +titanenhaft kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. Was wollen Sie jetzt +noch, weshalb verfolgt mich die unerbittliche Schärfe des Gesetzes? + +Wollen Sie mein erbärmliches Leben? + +Nehmen Sie es, meine Herren, nehmen Sie es hin; ich gebe es Ihnen, +nehmen Sie mich ganz, diesen Haufen von Knochen, an dem das Unglück sein +Werk gethan, die Seele, die ...« + +»Genug, M..., genug! Beruhigen Sie sich, wir sind nicht von Stein«, +unterbrach mich der Präsident gerührt. + +Meine glühenden Worte hatten Bresche gelegt in den Herzen der Richter, +das zahlreich anwesende Publikum weinte, mein Spiel war gewonnen. + +Meine Vorstrafen wurden verlesen, aber mehr als alles schmerzte mich das +Führungszeugnis, das mir der Hauptmann, Alessandro Ter... ausstellte. + + +Er sei verflucht!+ + +Der Wachtmeister der Karabinieri wurde aufgerufen und gefragt: + +»Kennen Sie den Soldaten M...?« + +»Ja, Herr Präsident.« + +»Wissen Sie, weshalb er desertierte?« + +»Meines Erachtens, Herr Präsident, ist M... kein Deserteur.« + +»Wieso?« + +»Weil er von seiner Vaterstadt bis nach Catanzaro sechs Tage gebraucht +hat.« + +»Wie? Sechs Tage?« rief der Präsident aus, »und er sagt selbst, daß er +drei Tage gebraucht hat.« + +»Wenn er die Eisenbahn benutzt hätte, aber diese Linie soll erst gebaut +werden.« + +Er steckte die Hand in die Tasche seines Rockes und holte ein Blatt +heraus, das er dem Präsidenten mit den Worten reichte: + +»Hier ist meine Reiseroute, ich habe sechs Etappen von Tropea nach +Catanzaro markiert.« + +Der Präsident sah die Karte an, dann wandte er sich an mich und sagte: + +»M..., erinnern Sie sich, wieviel Tage Sie gebraucht haben?« + +»Genau nicht.« + +»Dann sagen Sie das, und sagen Sie nicht, daß Sie drei Tage gebraucht +haben.« + +Damit wurde die Anklage wegen Desertion hinfällig. Der Präsident sagte +noch, wie meine soziale Stellung in meiner Heimat sei, was für eine +Meinung er von mir habe und der Ehrenmann sagte: + +»Seine Landsleute beklagen ihn und nennen ihn einen Unglücklichen, vom +Schicksal nur zu sehr Heimgesuchten!« + + +Gott segne ihn!+ + +Der Staatsanwalt sprach bewegliche Worte zu meinen Gunsten, weil er die +Ungerechtigkeit, die er mir vor dem Kriegsgericht zu Palermo angethan +hatte, wieder gutmachen wollte, und er schloß damit, daß er seine +Anklage nicht aufrecht erhalten könne. + +Mein Anwalt sagte bewegt: + +»Es ist unnötig, daß ich spreche; mein Client hat unsere Herzen gerührt +und ich empfehle ihn Ihrer Güte und Gnade.« + +Der Gerichtshof zog sich zurück, der Staatsanwalt näherte sich der +Schranke der Anklagebank und sagte: + +»Heute verdienen Sie das Jahr von Palermo.« + +»Das Jahr ist verloren.« + +»Sie werden freigesprochen werden.« + +»Ich habe nichts verbrochen.« + +»Nehmen Sie sich in Zukunft in Acht.« + +»Wohl möglich!« + +Der Gerichtshof trat wieder ein, ringsum herrschte das größte Schweigen; +meine Freisprechung wurde durch den Mund des Präsidenten verkündet. + +Laute Hoch- und Bravorufe ertönten aus dem Publikum, ich sprang über die +Schranken, eilte auf meinen Verteidiger zu und gab ihm einen lauten +glühenden Kuß auf die Hand, und hätten die Umstände es erlaubt, so hätte +ich dasselbe dem edlen Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea, dem Herrn ++Luigi Scr...+ gethan; die Hochrufe und das Beifallklatschen ertönten +von neuem, und so schloß das rührende Schauspiel. + + +Ein Jahr. + +Ich kam zur Kompagnie zurück, meine Unglücksgefährten umarmten mich, +aber der Kommandant schmähte mich heftig und sagte: + +»Haben Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... vergessen?« + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + +Ein Befehl der Strafabteilung im Kriegsministerium verurteilte mich zu +der harten Strafe von sechzig Tagen Wasser und Brot in Ketten. + +Ich mußte mich fügen, man schloß mich in eine dunkle Zelle und legte mir +schwere Ketten um die Hand-und Fußgelenke, ich glaube keine Feder und +keine Phantasie vermag meinen Zustand zu schildern und ich überlasse es +dem gütigen Leser, je nach seiner Einbildungskraft sich eine Vorstellung +davon zu machen. Wiederholt wurde ich krank, und der Stabsarzt, ein +Landsmann von mir, sagte: + +»Es ist nichts, trinken Sie ein Glas Meerwasser, der Sergeant wird +aufpassen, daß es geschieht, und es wird Ihnen gut bekommen« -- aber +Gott, der allgerechte Richter vergalt ihm diese Schändlichkeit nach +seinem eigenen Rezept. + +Es war im Monat Juli des Jahres 1881, der schändliche Stabsarzt begab +sich an die Seeküste, um seine verfluchte Seele zu erfrischen; zwei +Fährleute, die mit ihrem Boot in der Nähe waren, fragten, ob sie ihn +begleiten sollten, wenn er hinausschwimmen wolle, er lehnte es ab, die +Schiffer zogen sich in eine Strohhütte zurück und schliefen ein. + +Es war gegen Mittag, der Lieutenant zog sich aus, setzte sich einen +großen Strohhut auf und glitt über das Wasser; die Schiffer wachten auf +und sahen den Strohhut auf dem Wasser, sie dachten, der Lieutenant muß +viel Hitze haben, denn es dauerte eine Stunde und er kam nicht heraus; +endlich fahren sie mit ihrem Boot an den Strohhut heran, der aber +hinwegtrieb; einer streckt nun die Hand aus und ergreift den Hut -- der +Lieutenant war verschwunden. Die Schiffer begaben sich nach dem Kasino +und erzählten den Vorfall. + +Alle Soldaten, Offiziere, Chargierten begaben sich nach der Küste und +stellten sich am Ufer auf, und warteten, ob der Lieutenant den Wogen +entsteigen wird, wie einst Venus dem Meeresschaum. Fünf Tage und fünf +Nächte dauerte das, der Kommandant fuhr nach Venedig und hielt Vortrag, +darauf wurde die ganze Bucht mit Schiffen aller Art nach dem elenden +kleinen Lieutenant abgesucht und endlich am siebenten Tage wurde er zehn +Kilometer von der Küste aufgefischt -- unförmig, ein ekler Haufen, ohne +Augen. + +Er wurde auf dem Lido begraben; als die Soldaten an seinem Grab +vorbeigingen, spuckte jeder aus und sandte ihm einen Fluch in die +geweihte Erde nach, dem Stabsarzt Ger..., der Seewasser zu verschreiben +liebte. + + +Er sei verflucht!+ + +Mein Arrest ging zu Ende, meine Kameraden nahmen mich unter die Arme und +schafften mich nach dem Lazarett in Venedig, ich litt am Skorbut -- zwei +Monate lang blieb ich dort. + +Kaum war ich wieder in der Kompagnie, als der Oberst mich zu zwanzig +Tagen Arrest bei Wasser und Brot verurteilte, aber der Hauptmann Ter... +behielt mich dreißig Tage in Arrest, damit ich mich stets an ihn +erinnere, den charmanten Hahnrei Alessandro Ter... + + +Er sei verflucht!+ + +Ich fügte mich und ging in Arrest, sogleich kam der Hauptmann, schimpfte +und schmähte mich und sagte hohnlachend: + +»Sie leben hier wie ein Fürst, Sie werden dick und fett wie ein Schwein, +ich werde darüber nachdenken, wie ich Sie hier immer behalten kann.« + +Soll ich die Quälereien erzählen, die er mich erdulden ließ? So hört! + +Als ich eines Nachts auf Wache stand, nähert sich eine Gestalt, die +Laternen verlöschen, ein heftiger Sturm schien die Kaserne in ihren +Grundfesten erschüttern zu wollen. + +»Wer da?« rufe ich. + +»Ronde!« antwortet die Gestalt. + +»Sie dürfen nicht näher kommen, ich muß Sie erst dem dienstthuenden +Offizier melden.« + +»Schweigen Sie, ich bin es, ich kann passieren.« + +»Ich kenne Sie nicht, zurück!« + +Er ging, am andern Morgen wurde ich zu dreißig Tagen Wasser und Brot +verurteilt. + +Warum? + +Weil ich meine Pflicht gethan hatte. + +Wer war die Gestalt? + +Der Hauptmann Alessandro Ter... + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + ++Weiter!+ + +Eines Tages war ich in der Kaserne konsigniert, ich wußte es nicht, ich +ging aus und als ich zurückkam, sagt mir ein Sergeant: + +»Sie kommen in Arrest.« + +Ich war zu zwanzig Tagen bei Wasser und Brot verurteilt, auf Befehl des +Hauptmanns Alessandro Ter... + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + ++Weiter!+ + +Eines Sonntags war Inspektion, wir standen paarweise auf dem Hof, auf +Kommando mußten die Tornister heruntergenommen werden, und der Hauptmann +durchsuchte alles auf das genaueste. + +Als der Schinder mir gegenüber stand, nahm er mir die Mütze ab, um zu +sehen, ob das Futter sauber war, dann ließ er mich die Ärmel +zurückschlagen und der Teufel wollte, daß die Naht des Futters ein wenig +aufgetrennt war. + +»Weshalb ist das nicht genäht?« sagte er. + +»Ich habe es nicht gesehen, Herr Hauptmann.« + +»Faule Ausreden; ich werde dafür sorgen, daß Sie es sehen, und Sie +werden mir dankbar sein. Sergeant,« sagte er, sich an einen Chargierten +wendend, »führen Sie ihn in Arrest, dort werden seine Augen schärfer.« + +Er verurteilte mich zu vierzehn Tagen bei Wasser und Brod, und täglich +kam er in meine Zelle und sagte: + +»Wie es scheint, Sie sehen schon besser, bin ich nicht ein guter +Augenarzt! Wenn Sie einmal wieder nicht sehen können, dann wenden Sie +sich an Ihren Hauptmann Alessandro Ter...« + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + ++Weiter!+ + +Eines Morgens werde ich krank, ich hatte Fieber und der Arzt verschrieb +mir etwas und ordnete zwei Tage Ruhe an. + +Der Hauptmann hob diese Anordnung auf und schickte mich fünfundzwanzig +Tage in Arrest bei Wasser und Brot, indem er sagte, ich hätte das Fieber +selbst herbeigeführt, um vom Dienst dispensiert zu werden. + +Er besuchte mich im Arrest und sagte: + +»Statt der zwei Tage Ruhe, habe ich Ihnen fünfundzwanzig bewilligt, ich +hoffe Sie werden mir dankbar sein.« + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ + +Ich würde nie fertig werden, wenn ich alle die ungerechten, grausamen +Sachen aufzählen wollte, die mir der verfluchte Schinder, der +große +Hahnrei Hauptmann Alessandro Ter...+ und seine schändlichen Trabanten +auferlegt haben. + + +Sie seien tausend Mal verflucht!+ + + +Schluß. + +Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem ich so lange titanisch +gekämpft hatte, wurde ich verabschiedet, und an dem Tage, wo ich für +immer die elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen hielt, da +weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich die eiserne Disziplin +abstreifte und das elende Leben ein Ende hatte, wo ich in stiller +Ergebung die Bedrückung der Vorgesetzten hatte ertragen müssen -- in +jener Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die Unglücklichen, +die Kranken und Schmachtenden verlassen mußte, da wieder schnürte sich +meine Brust zusammen, ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich +umarmte meine Leidensgefährten zum letzten Mal und ging von dannen, ohne +den heißen Strom meiner Thränen zurückhalten zu können. + +Zwei Empfindungen kämpften in mir; der Schmerz, die Unglücklichen +verlassen zu müssen und die Sehnsucht, meine Angehörigen wieder zu +umarmen. + +Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als Kind mit meinen +Altersgenossen gespielt hatte, und ein leuchtender Stern ging mir auf, +die Erfüllung lang gehegter Hoffnungen verkündend. +Lebe wohl, Lido! +Lebewohl, du fruchtbare Küste der Königin der Meere.+ Du allein kennst +all die Unthaten, die uns heimgesucht, dir allein, dem Pandämonium der +Schande und Schmach sende ich meinen letzten Gruß, der deinen Opfern +Trost bringen möge! + +O +Serraglio+ (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), wo ich meinen +Namen in Blut niedergeschrieben habe, ich grüße Dich! Möge in deine +düstern Höhlen, wo das Eisen des Despotismus die Fäden des Lebens im +Frühling der Jahre und in der Blüte jugendlicher Hoffnungen +zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der Freiheit denen ertönen, die +unter der Schändlichkeit dulden! + +Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrünt habt und verwelkt seid +wie meine Schmerzen, lebt wohl ihr Felder, die ich mit meinen Thränen +betaute. + +Leb' wohl, du trübe Woge der Adria; wie oft hast du im schäumenden +Strudel deiner ewigen Fluten meine Thränen, das Echo meiner Leiden, +hinabgezogen! Ich grüße dich, unseliges Gestade!... Und wenn mir eine +Erinnerung in die Seele geprägt ist, so wird es die von der Qual sein, +welche ich erlitt unter der drückenden Herrschaft der Tyrannen und der +blutdürstigen Hyäne, des Hauptmanns Alessandro Ter... -- + + +Er sei tausend Mal verflucht!+ -- + +Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens Volk knechtet, daß die +blumige Erde rot von Blut und feuchten Thränen wird, jene Erde, welche +die Wiege der Künste und Wissenschaften sein sollte, die immer wieder +unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und dem Gelüst nach feilem Ruhme +geopfert wurde. + + + + +Vierter Teil.[64] + +Getäuschte Hoffnungen. + + [64] In diesem letzten Teil der Schrift des M... wird der Leser einen + wahren Verfolgungswahn, eine wahnsinnige Erregung und einen Verfall + des Intellekts beobachten. Ich veröffentliche ihn, weil er die + Psychologie des Typus mit großer Treue zeigt, den leidenschaftlichen + Gigantismus, welcher das Erbteil der Epileptiker ist, wiedergiebt, und + gleichzeitig die Geschichte des M... abschließt, indem er sein letztes + Verbrechen in gewisser Weise erklären hilft. + + Dieser Teil entbehrt auch der sinngemäßen Anordnung; er besteht aus + leidenschaftlichen Impressionen, die nicht von realen und + augenfälligen Thatsachen, sondern von Hallucinationen hervorgerufen + sind, wie sich aus dem Prozeß ergab und wie M... in einem Augenblick + der Ruhe selbst zu erkennen scheint, wofür der Brief an den Bruder, + der am Schlusse veröffentlicht ist, Beweis ablegt. + + +Vorbemerkungen. + +Der Mensch denkt, Gott lenkt. + +Besser, den Teufel zur Seite haben, als ein schlechtes Weib. + +Unselig der Gatte, der sich des Friedens willen dem Unterrock beugt. + +Wer Pech angreift besudelt sich. + + +An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio. + + Mein einzig geliebter Junge![65] + +Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, den ich Dir +hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der letzte Teil meiner +Erzählung, mit dem ich die traurigen und seltsamen Abenteuer meines +Lebens abschließe. + +Meine Angehörigen quälten mich furchtbar, fortwährend lebte ich in +Aufregung, sie beleidigten mich durch rauhe Worte und reizten mich auf +tausenderlei Weisen, würdig einer Vettel, würdig der Tochter Spilingas, +die von dem berüchtigten Ruina und den Schweinehändlern von Monte Poro +großgezogen ist. + +Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen mir und dem elenden +Scheusal, der mein Bruder heißt, dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen, +verräterischen Wicht; die Gesellschaft wird, wenn meine Erzählung das +Licht erblicken wird, urteilen über meine Handlungen und die des +niederträchtigen Michele M..., über das unsaubere Betragen seines +würdigen Weibes, der Schülerin des berüchtigten Ruina, der berühmten +Tochter des berühmten Schweinehändlers von Poro, des Weibes, das +sittenlos, geschwätzig, schmutzig, unwürdig ist, den geheiligten Namen +Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser Erzählung sehen werden. + +Alles wirst Du hören, mein lieber Francesco, und Deine Landsleute werden +es bestätigen. + +Tötlichen Haß sollst Du hegen gegen diese gemeine Brut, ich befehle es +Dir; bekämpfe sie, wenn Du kannst, bis ins zehnte Glied und Deinen +Söhnen, Deinen Enkeln übermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg +muß zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, bis von +Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Sproß mehr übrig ist -- dann werde +ich vom Höllenrand aus Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder +segnen und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben lassen. + + Dein Vater +Mai, 1888. Antonino M... + + [65] Daß er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem Brief an + den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des Graphomanen. + + +Wieder daheim. + +So bin ich denn erlöst von den schweren Ketten meines traurigen +Unglücks, erlöst von dem grausamen Druck der Militärzeit, unter dem ich +vierzehn lange Jahre geschmachtet habe. + +Ich bin im Schoße meiner Familie, in meiner lieben Heimatstadt +Parghelia, in der Umgebung meiner Wohlthäter, meiner lieben Landsleute, +die alle freundlich, liebevoll und edelmütig gegen mich sind. + +Wir stehen im Monat September 1882. + +Ich umarmte meinen Bruder, seine Sprößlinge; ich sah seine würdige +Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor mir, ein Leben voll +zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der +brüderlichen Liebe. + ++Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!+ + +Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, daß ich Liebe, +Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, da ich vierzehn Jahre alles +hatte entbehren müssen, daß ich physischer und moralischer Hilfe +bedürftig sei, und daß Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue +Leben gewöhnt hatte; ich erklärte ihm rund heraus, daß er allein die +Zügel der Familie halten solle, daß er das einzige Oberhaupt sein solle, +um mit Sinn und Verstand alles zum Guten zu lenken; daß ich alles dazu +beitragen wolle, für das Wohl seiner Kinder zu wirken, daß Harmonie und +Friede zwischen uns herrschen, und eine weise Sparsamkeit im Haushalt +walten müsse; nur um zwei Soldi für Tabak bat ich ihn, da dies das +einzige Laster ist, dem ich ergeben bin. + +Ich bin mäßig im Essen, und der Mensch, der lange im Unglück gelebt hat, +muß es sein. Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stück schwarzes Brot +genügten mir, wenn ich das hatte, da dünkte ich mich ein Papst oder ein +Prinz -- mit einem Salat, oder einigen Tomaten war ich glücklich. + +Nie bin ich ein =Fresser= gewesen, die Sparsamkeit hat meine Kehle und +meinen Magen stets regiert, nie bin ich lecker gewesen -- ob die Suppe +zu viel oder zu wenig gesalzen war -- stets habe ich sie mit gleichem +Appetit verzehrt. + +Ich muß immer noch daran denken, wie ich in Neapel im Gefängnis saß, und +der Reis schlecht gekocht und schlecht gewürzt war; damals schüttete ich +meine Portion in einen großen Napf, aus dem wir uns sonst zu waschen +pflegten, belegte mir ein großes Stück Schwarzbrot damit und verzehrte +es mit dem größten Appetit der Welt. + +Meine schwache Feder möge ein Bild geben von den Familienmitgliedern, +ihren Charakterzügen und inneren und äußeren Eigenschaften, damit man +sich eine klare Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser +schmutzigen Komödie auftreten. + +Michele M..., Familienoberhaupt, Hauptperson meines Dramas. + +Ein Mann in den Vierzigern, mit argwöhnischem, vorsichtigem, unruhigem +Auge. Auf den ersten Blick sagt man: das ist ein Verräter, ein +kleinlicher Sophist, eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein +Skeptiker, ein Haufen von Scheußlichkeit. Michela M..., aus Spilinga, +die Gattin des erwähnten Michele, die Schülerin des berüchtigten Ruina, +die Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro, eine abgetakelte +Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelmäßig gebaut, dick +und fett; die Haare braun und struppig, die Stirn breit und flach, die +Augen glanzlos; sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit, +sie blickt mit halbgeöffneten Augen und kneift sie zusammen, als ob sie +den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren will; sie sieht über ihre +ungeheure Nase nicht heraus, die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu +einer Fettmasse. Die Ohren sind lang und breit, die Wangen fettig und +rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der Mund ist groß und krumm, +die Oberlippe schmal, trocken, blutlos, die Zähne schwarz und schief, +der Hals dick und stark und zwei starke Brüste hangen aus dem Schlitz +des schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen stehen, denn +sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz und schmierig. + +Was meint Ihr dazu? Und ich erzähle die Wahrheit, die reine Wahrheit, +die mehr als einmal durch Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewiß, ganz +gewiß, daß wenn meine Erzählung nur einer der Bestien in die Hände +fällt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle spielen, sie trotz +aller ihrer Bestialität nur sagen kann: Er erzählt nur die reine +Wahrheit. + +Fünf Kinder, zwei Knaben und drei Mädchen. + +Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter Lümmel, der, wenn +er geht, mit dem Kopf wackelt, als ob er einen Schlaganfall gehabt hat; +er wiegt sich hin und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine +würdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so der Sohn. + +Das älteste Mädchen, jetzt siebenzehnjährig, mit denselben Grundsätzen +wie ihre Mutter, die brave, würdige Donna Michela, geschwätzig und +liederlich. + +Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere. + +Hierauf können wir den Faden unserer ekelhaften Geschichte wieder +aufnehmen. + +Zunächst begegnete mir mein Bruder und seine würdige Gattin, wie seine +Söhne mit Liebe. Wir aßen zusammen, und ich schlief in einem mir +gehörigen Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war. + +Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen Bruder und seine +schmutzigen Kinder; täglich empfing ich zwei Soldi für Tabak. + +Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag mit den bloßen Brüsten +herum, und es gefiel ihr, sie profanen Blicken zu zeigen, während sie +mit den Hinterbacken schaukelte. + +Mein Bruder sagte zu ihr: + +»Michela, steck' die Klötze weg!« + +»Das halte ich nicht aus,« sagte sie schamhaft, indem sie ihren Hintern +liebkoste. Dann zog sie sich die Strümpfe aus, so daß der große, lange +und breite Fuß in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich +nieder, hob den Rock auf und fing an Flöhe zu fangen: der Sohn und die +Tochter standen dabei und lachten und freuten sich über ihre Mama. Welch +schönes Beispiel, welche Schamhaftigkeit! + +Ich ärgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art von Laster und Schmutz +gewöhnt war, nahm Anstoß an der ekelhaften Scene. + +Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne und ich nach Mandaradoni, +einem kleinen Dorf, wo wir gemeinschaftlich einen Acker hatten; +unterwegs fragte ich sie: + +»Habt Ihr Euer Testament gemacht?« + +»Ja«, sagte sie mit erloschener Stimme, »das haben wir gemacht.« + +»In welcher Weise, wenn man fragen darf?« + +»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.« + +»Aber in welcher Weise?« + +»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.« + +Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir heim gingen, fragte +ich sie noch einmal und drohte ihr, wenn sie es mir nicht sagte, sie auf +der Straße zu lassen und allein nach Hause zu gehen. + +Da erfuhr ich, daß sie alles meinem Neffen Francesco Antonio, dem Sohn +des Michele M... vermacht hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord..., +ihres Beichtvaters, den Michele M... dazu gebraucht hatte, war das erste +Testament umgestoßen worden. + +Eines Tages saßen wir bei Tisch, die eine Tante nahm das Essen wie +gewöhnlich mit den Fingern aus der Schüssel. + +»Scher' Dich vom Tisch, geh und friß' mit den Schweinen!« rief Donna +Michela. + +Diese Unverschämtheit empörte mich nicht wenig, und der elende +Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; das durfte die dreckige widerliche +Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne +so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino M..., genannt der +Baronetto! Ich war still aus Klugheit, aber ich stand im Begriff, ihr +einen Faustschlag auf ihre dicke Nase zu versetzen. + +Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen Donna Michela und +dem alten Schwachkopf, sie schimpfte ihren Mann mit unflätigen Worten, +und er schluckte das alles in stillem Ärger hinunter. Diese häßlichen +Szenen mißfielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte und ihn zur +Rede stellte, antwortete er: + +»Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in dem Schmutz des +Schweinehändlers von Spilinga aufgewachsen, und vollgepfropft und +vollgestopft mit den Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so +ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren Brüdern umbringen +zu lassen.« + +»Was, und das glaubst Du? Du fürchtest, daß die halbblinden Spilingoten +Dich umbringen? Aber Mensch, Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du +fürchtest Dich, daß Deine Michela Dich könnte ermorden lassen! Und von +wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, daß Donna Michela Dich selbst +umbringt, mit ihren dicken, fetten Hinterbacken!« + +»Ich fürchte mich vor ihren Brüdern.« + +»Elender Wicht, feiger Bruder! Was nützt Dir das Leben, wenn Du nicht +einmal soviel Mut hast!« + +Die elende Bestie erzählte mir, in welcher Weise er von den Brüdern der +Michela gequält, geärgert und geschunden wurde. + +Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach Spilinga, um meine +Schwestern zu besuchen; die eine hatte den Antonio M... zum Mann, über +diese kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an +Gelegenheit, aber er kümmerte sich nie um meine Angelegenheiten. + +Ich mußte vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, den großen, dicken +Giuseppe sah, den Mann meiner anderen Schwester. Nach seinem +riesenhaften, kolossalen Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein +großes Tier beim Gericht, ein Koloß von Knochen, Fleisch und Nerven, +eine lebende Maschine; eine große Nase hatte er, mit mächtiger Brille, +die er sich mit wichtiger Miene aufklemmte, als ob er Wunder was wäre, +aber es war nur Albernheit, denn =ein dicker Mann, ein dummer Mann=, wie +das Volk sagt; selbst in meinen langen Unglückszeiten sah ich nicht ein +so dummes Vieh, wie meinen stumpfsinnigen Schwager, den großen Giuseppe. + +Für gewöhnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender Ritter; das arme +Tier! alle Halbjahr wurde es gepfändet und von den Karabinieri nach +Tropea gebracht, gepfändet wegen rückständiger Steuern, das unglückliche +nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm und unwissend ist als sein +Herr, dies Erzvieh! + +Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie ein hungriger Wolf, +einen nußfarbenen Bart, dicke Lippen, einen großen, krummen Mund, +häßliche Zähne, einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein +verunglückter Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit +geschildert, was die moralische betrifft, so war er ein ausgemachter +Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner Verräter, ein schmutziger +Filz, auf dem Mist geboren und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu +verenden. + +Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, sie sprechen nur von +Schweinereien, Keilereien, Prügeln, Faustschlägen, Ohrfeigen, Fußtritten +u. s. w.: »Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du +bist.« + +Nach zwei Tagen war ich müde, ihre Renommistereien, Donquixoterien +anzuhören, ich kehrte zurück, und lachte über ihre Albernheiten und +beklagte den armen Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte. + +Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren bloßen Brüsten, die +aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, und lag im Fenster, um sich zu +zeigen, immer hatte sie die Hände im Schoß oder streichelte ihre +wackelnden Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand und sie +that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden nicht einfädeln. Auch +kochen konnte sie nicht, wo hätte sie in Spilinga kochen lernen sollen; +ich muß noch lachen, wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war +ein Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die Ausstellung +gehört hätte; nie sah man sie spinnen oder stricken oder ein Möbel +abwischen, wie es einer guten, fleißigen Hausfrau zukommt; sie wusch +weder sich noch ihre Kinder, die voll Dreck und Läusen und Schmutz +herumliefen. + +Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, Fußtritten und +Schimpfworten zu behandeln, sie beherrschte alle im Hause, die Einnahmen +und Ausgaben gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachköpfige Affe +sich für zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mußte er sein liebes Weibchen +erst bitten, ehe sie es ihm unter einer Flut von Schimpfworten gewährte. + +Ich, der ich sie kannte und richtig schätzte, hütete mich vor ihr und +war entschlossen, wenn sie mir zu nahe käme, ihr einen Schlag ins +Gesicht oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ich bat den armen +Schwachkopf wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen +Unterrock, den er sich hatte über den Kopf stülpen lassen, abzuwerfen. +Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er konnte nicht los, er saß fest drin +und ließ sich Leib und Seele fesseln, der Ärmste! + +Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte sie; einmal, als +gerade die kräftige Faust der Donna Michela dem armen Schwachkopf auf +die Nase sauste, warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne +dazwischen: ein mächtiger Fußtritt schleuderte sie auf das Pflaster, daß +sie die Beine in die Luft streckte; aber schnellfüßig erhob sie sich +wieder und sprang wieder zwischen die kämpfenden Gatten, ein neuer +Fußtritt, ein Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schußlinie; +ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende dieser liebevollen +Eheszene, und lachte, lachte aus vollem Halse. + + +Ein edles Weib!+ + +Nie habe ich in Stadt und Land ein so niederträchtiges Weibsstück +gesehen, wie Donna Michela, einen solchen Haufen von Gemeinheit und +Schmutz. + +O Mastriani, Du hättest die Scheußlichkeit dieses verkommenen Geschöpfes +schildern müssen, und Du hättest ein Meisterwerk geschaffen, das Deine +»Bettlerin«, Deine »Geheimnisse«, tausendfach übertroffen hätte; ich +weiß nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken nicht zu +folgen; aber andererseits, eine einfache Schilderung wird auch vom +einfachen Menschen verstanden, der die Schriften eines Dante, eines di +Vico, eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen würde. + +Und noch eines! Ich glaube, daß der Schriftsteller sich dem Thema +anpassen muß, das er darzustellen hat; wenn man über Philosophie +schreibt, braucht man Verstand, über Geschäfte, Gedächtnis, und über +Litteratur, Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und +Kenntnisse -- aber ich schreibe die Abenteuer der säuischen Donna +Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, deshalb muß ich säuisch und +schmutzig schreiben. + +Habe ich recht, Francesco Mastriani? + +Täglich sagte ich dem Schwachkopf, daß es so nicht weiter gehe, daß ich +Ruhe und Frieden brauchte und nicht Zank und Streit sehen möchte, er +war betrübt, trostlos und sagte: + +»Was soll ich machen, ich habe das Unglück, einen Satan zum Weib zu +haben.« + +Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mußte ich meine Schmerzen +dulden. + +Der Doktor di V... kam, niemand war da, ihm einen Stuhl anzubieten; er +sagte: + +»Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, die kräftige Donna Michela +kümmert sich nicht um Dich?« + +»Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie Sie sehen.« + +Er untersuchte mich, verordnete mir Umschläge von Lattich und ging +betrübt von dannen. + +Ich mußte aufstehen, mich in die Küche schleppen, und selbst die +Lattichblätter kochen, ein Tuch zurecht machen und die Umschläge +anlegen. + +Und während dieser drei Tage, die ich krank war, wollten sie mich +verhungern lassen, ja verhungern! + +Ich wurde wieder gesund und ging meinem gewöhnlichen Leben und +häuslichen Gewohnheiten nach, ich kam zum Essen; oben am Tisch saß die +brave Donna Michela, die Brüste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis +auf die Nase, die Hände waren dreckig und schwarz, das Kleid schmierig +und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der Nase; ihre halbverhungerten +Kinder waren auch da, mit ihren Köpfen voller Patz und Läuse, ihren +Rotznasen und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den elenden +Fraß hinunter. + +Täglich beklagte sich der Schwachkopf bei dem üppigen Mahl, daß er etwas +im Essen fand, lange Haare, Stücke Stroh oder Holz, Fliegen oder +Mistkäfer; dann wieder schimpfte er, daß das Essen nicht gar oder +versalzen war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie ich bezeugen +kann, aber Donna Michela sagte: + +»Wenn Dir das Essen schmeckt, so iß; wenn nicht, geh in's Wirtshaus.« + +Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, schmierig und +schmutzig zum Übermaß trug das Essen auf, das sie und die säuische Donna +Michela gekocht hatte. + +Ich konnte nicht über meine zwei Soldi für Tabak verfügen, ich durfte +kein Stück Brot annehmen; alles ging durch die Hände der Donna Michela, +ich war immer zurückhaltend gegen das bösartige Weibstück und ließ mich +nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele fand ich die ganze +Erbärmlichkeit des Mannes, in der Donna Michela die ganze Schlechtigkeit +des Weibes. + +Ich überlegte, was mir von einem Tag zum andern bei diesen beiden +Dummköpfen begegnen konnte, hauptsächlich von der Verworfenheit und +Bosheit der Spilingotin, und ich beschloß, mich von ihnen zu trennen. + +Als rücksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder mit, daß ich mich +von ihnen trennen und für mich allein leben wollte. Mein Bruder willigte +ein, und so gingen wir auseinander. + +Ich dachte ernstlich über meine Lage nach und fand sie höchst traurig; +in allem mußte ich mich allein bedienen, -- that ich das nicht, so war +ich in vierzehn Tagen voller Läuse. + +Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, sondern seinen Vorteil, er +wäre froh gewesen, wenn ich mir den Hals gebrochen hätte, damit er noch +das Wenige nehmen könnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen +hatte; um seines Vorteils willen hätte der hinterlistige Mensch, mit +seinem Herzen so schwarz wie die Nacht, seine Söhne verraten oder +umgebracht, um seines Vorteils willen hätte er sein Weib zur Hure +gemacht, um seines Vorteils willen hätte er seine Ehre dahingegeben, +wenn er eine besessen hätte, ja sein Leben. + +Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch? + +Du unersättliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, Du würdest Deine Ehre +um Deines Vorteils willen verraten, Deine Kinder verschachern, Dein +schmutziges Weib verkaufen, Du Erbärmlicher, Du boshafte Bestie unter +den Bestien, Du würdest Gott, Vaterland und Familie verraten um Deines +Vorteils willen, feile Bestie! + +Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und stiehlst der Gemeinde und +den armen Familienvätern das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du +denn, Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, was weißt +Du, was kannst Du? Deiner Frau den Unterrock tragen, das kannst Du! + +Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen Landsleute! + +Ich wollte das Gemüt meines Bruders auf die Probe stellen und stellte +mich verrückt, ich fing an mit den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu +verzerren und mit stieren, gläsernen Augen in eine Ecke zu blicken; ich +aß wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht oder unsinnig. + +Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, ich ging hin und her, +gestikulierte und zog Grimassen; mein Bruder und sein niedriges Weib +guckten durch die Thürspalte, sahen was ich machte und lachten vergnügt; +mein Bruder sagte zu seiner Ehehälfte: »Er ist verrückt, total +verrückt;« und Donna Michela antwortete lachend. + +Nun war ich entschlossen, für immer mit diesen schändlichen Bestien zu +brechen und nur an mich und meine Zukunft zu denken. + +Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z... und bat ihn, meinem Bruder +mitzuteilen, daß ich die Absicht hätte, mich von ihm zu trennen. + +Mein Bruder war traurig über die Trennung, denn er sah seine Hoffnungen +getäuscht, aber ich blieb fest und wir gingen auseinander. Nun ich +allein war, dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich nicht +wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, Gesellschaft; ich +entschloß mich, ein Weib zu nehmen und auf des Himmels Fügung droben zu +bauen. -- Der arme Diego P... teilte meinem Bruder mit, daß ich sein +liebes Töchterchen zur Frau verlangt hätte und daß er nach sorgfältiger +Erkundigung über mich eingewilligt habe. + +Mein Bruder war anfänglich vernichtet; als er wieder zu sich kam, +versuchte er, den P... umzustimmen, indem er ihm sagte, daß ich +verrückt, ein Sträfling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold +und ich weiß nicht was sonst noch, sei. + +Aber trotz meines lieben Bruders und seines Weibes, trotz der +Spilingoten heiratete ich meine liebe Vincenzina und machte sie zur +Herrin meines Herzens und meiner Hoffnungen. + +Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P... und nannte seine Tochter +eine Dirne; die Spilingoten, mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten +fielen über mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen +dieser verfluchten Brut gequält. + +Da ich mich nicht mehr halten und in meinem niedergeschlagenen Geist +keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so ging ich alle Abend nach +der Droguerie Cal..., wo sich die Honoratioren von Parghelia zusammen +fanden; ihnen stellte ich mein Unglück vor und bat sie: + +»Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurück, geben Sie mir einen +Rat; meine Verwandten beleidigen mich schwer,« und ich erzähle ihnen, +was ich zu erdulden hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur +Klugheit und ich folgte ihren vorzüglichen Ratschlägen wörtlich. + +Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V... und auch hier bat ich +die Herren um Rat. + +Die Donna Michela kam mir öfter mit den Fäusten ins Gesicht, ich litt es +geduldig und noch viel, viel mehr, so daß ich tagelang erzählen könnte. +-- Mein unglücklicher Onkel starb und hinterließ mir zwei Zimmer, die +mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang hatten. Und wollt +Ihr es glauben? Eines Abends, als ich nach Hause kam, verschlossen sie +mir die Thür, ich klopfte mehrere Male; aber von innen hörte ich mehrere +Stimmen rufen: »Fort, Du Mörder! Dies ist nicht Dein Haus!« Und sie +brüllten, so laut sie konnten. Und meint Ihr, daß ich mich erregte? +Nein, ruhig zog ich zur Droguerie Cal... und erzählte dort den Vorfall +und bat die Herren um Rat, und sie rieten mir, zum Bürgermeister zu +gehen und im Namen des Gesetzes Einlaß zu fordern; das that ich, und so +konnte ich unter meinem Dach schlafen. + +Als ich im Gefängnis war und zu fünf Jahren verurteilt war, heiratete +meine Schwester, mein Bruder heiratete auch, und das väterliche Erbteil +gelangte zur Verteilung.[66] + + [66] Hier bricht die Erzählung ab. + + +An eine Seele. + +Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glücklichen oder im tiefen +Abgrund der Sünde; glaube es, meine Seele, mein Gedanke, meine +Erinnerungen an ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch +an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo unsere Sünden sich +vereinten, um gegen die Natur zu kämpfen, trotz der schwachen, irdischen +Materie; -- sprich, o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht? +Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? Kannten sich +unsere Seelen in der unermeßlichen Leere des Äthers? Und du weissagtest, +daß unsere Seelen mit einander kämpfen werden? Und wer weiß es? Du +sicherlich nicht, und wenn ein Funke des Bewußtseins im Spiegel deiner +Seele erschienen ist, so ist er nicht von mir ausgegangen -- nein, schön +und häßlich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das Wachen, der +Geist der Hölle und des Lichtes; die Finsternis kann nicht das Gestirn +des Tages erzeugen. + +Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst du mich von dort, +schauen deine Augen das geheimnisvolle Drama des nichtigen Daseins? +Siehst du es, das Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren +Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen und meiner Seele dich +nahen? + +Wer weiß? Es ist ein Geheimnis. + +In dem Traum meiner Träume hast du mir die Arbeit meines Lebens gezeigt: +du hast befohlen und ich habe gehorcht. + +Das sind diese Blätter, die ich ohne deinen Hauch nicht hätte verfassen +können. Du forderst sie, du hast sie verlangt, und ich glaube mich einer +alten Schuld entledigen zu müssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind +dein, dir gehören sie nach Recht und deinem Wunsch. + +Weißt du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? In vier Teile. + +Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und ich widme sie dir +unter dem Namen: =Mein erstes Unglück=. + +Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden als Soldat darstellt, +betitelte ich: =Meine Dienstzeit=. + +Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, betitelte ich: +=Getäuschte Hoffnungen=. + +Du meine Seele hast mich begeistert im Unglück und in der Trübsal, du +hast mir große und edle Gefühle eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm +diese ärmlichen Blätter an als Pfand meiner Dankbarkeit und deines +gütigen Verzeihens, und sei nachsichtig und mild, wenn du mich liebst, +wie du es immer warst. + +Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so stände es mir nicht zu, es +zu beurteilen, aber glaube mir, ich habe nur danach gestrebt, ein gutes +Werk zu vollbringen. + +Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und verzeihe in deinem +Edelmut dem Unglücklichen, der dir so viel Leid zugefügt hat. + +Parghelia, 20. Februar 1889. + + Stets der Deine + Antonino M... + + + Erlauchte und gnädige Richter![67] + + [67] Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M..., als er + wegen Mordversuches auf seine Schwägerin vor Gericht stand. + +Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz nehmen müssen, um mich +gegen eine Anklage zu verteidigen, welche in schwarzen und tragischen +Farben mein geliebter Bruder, Michele M..., gegen mich vorgebracht hat. +Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um die Schändlichkeit und +Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, und die Feigherzigkeit, +Unwissenheit und den schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an +das Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe auf mich, +die häufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen klarzulegen, die ich +acht lange Jahre von diesem elenden Spilingoten habe erdulden müssen. + +Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, mir das Wort zu +gestatten, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe, da ich diese Aufgabe +keinem Anwalt anvertrauen wollte und zwar aus den folgenden Gründen. + +1) um mir keine Kosten zu machen; da ich ein armer Familienvater bin, +habe ich es für besser gehalten, meinen armen Kindern ein Stück Brot zu +geben, als es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen. + +2) niemand vermag besser als ich die Kraft und die Wärme der +Verteidigung zu empfinden, und niemand kennt besser als mein gequältes +Herz die Leiden und die Schmähungen, die Drohungen und die Kränkungen, +die mein lieber Bruder und seine würdige Gattin Donna Michela mir +zugefügt haben. + +Am Mittag des 17. September 1868 gab mir mein Bruder eine große Pistole +in die Hand und sagte: + +»Geh', töte ihn!« + +Ich war damals ein Jüngling, von erregbarem Temperament, ich ergriff die +tötliche Waffe und habe auf öffentlichem Platze einen armen Menschen +getötet. + +Die gnädigen Richter zu Monteleone verurteilten mich zu fünf Jahren +Gefängnis, während der Anstifter nur meinetwillen frei ausging, da ich +leugnete, daß er mich zu der unseligen That angeregt hatte. + +Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder war die Ursache, daß +ich einen armen Menschen ermordet habe und einer langen Zeit zwischen +düsteren Kerkermauern entgegenging. + +Aber die Hand Gottes wacht über unseren Geschicken. Die fünf Jahre +verstrichen, ich wurde Soldat im königlichen Heer; dort habe ich mich +nicht so geführt, wie ich sollte (ich möchte nicht, daß die ehrenwerten +Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr Urteil darüber +abgeben; das hieße mich feige zeigen; nein, meine mündliche Erklärung +möge Ihnen genügen). Wie gesagt, beim Militär habe ich mich nicht brav +geführt, zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei der +Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten Ihnen vorstellen +wollen, in dem Glauben, daß sie auf diese Weise Ihre leuchtende +Urteilskraft blenden, wie sie es mit so viel anderen gethan haben. + +Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein fester Entschluß, bei +meinem Bruder zu bleiben. + +Es war im September des Jahres 1882, ich umarmte meinen Bruder, seine +Zöglinge, ich sah seine Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor +mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des +Friedens, der brüderlichen Liebe. + + +Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!...+[68] + + [68] Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang dieses + Kapitels sich befinden. + +Und nun, meine gnädigen Herren Richter, bitte ich um Gerechtigkeit, ich +erkläre mich für nichtschuldig, ich fürchte die Anklage meines Bruders +und den Einfluß seiner Verwandten nicht. + +Er behauptet, daß ich ihn in die Hand gebissen habe, das ist falsch, +eine schwarze Verleumdung, fragen Sie, meine Herren, ob er nicht gern +lügt, fragen Sie seine Landsleute. + +Einen Menschen für schuldig halten, ist das wirklich ein Urteil? + +Mir erübrigt nur, dem Michele M... eine letzte Antwort zu geben, und ich +will mich eines Dichterworts bedienen -- + +Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen ... + + + + +Anhang. + + +No. 307. Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M...[69] + + [69] Dieser Brief des Antonino M... bildet ein merkwürdiges und + wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine + ziemlich einfache Deutung, daß er nämlich dazu dienen soll, sein + Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fünfzehn Lire monatlich + zu erreichen, aber es ist unleugbar, daß im Stil eine gewisse + Überzeugung sich bemerkbar macht. M... hat immer einen Hang zur + Religiosität, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen + Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die + vollständige Einsamkeit und etwaige religiöse Lektüre müssen auf + seinen -- was Form und Abstraktion anbelangt -- leicht + suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches + Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen + Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzüglich + hervorgehoben hat, und welche Übergänge und halbe Maßregeln nicht + zuläßt, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exzeß + geführt zu haben. + + Vielleicht war der mächtigste Faktor die Unmöglichkeit, sich zu + bewegen. Wenn der Teufel =alt= wird, so wird er Eremit, sagt das + Sprichwort, und es ist bekannt, daß die Dirnen, wenn sie altern, unter + die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M... der Fall zu sein. + Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es würde + vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch + Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen behängt, im + Namen der Religion den König schmäht. + + Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich + beschäftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang + auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker Sankt Paulus + und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blüte ihrer Jahre + einen verworfenen Lebenswandel führten, und im Alter heilig gesprochen + wurden, um zu begreifen, daß das Phänomen nicht ungewöhnlich ist und + in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt. + + Den 18. September 1892. + + Teurer, edelmütiger Bruder! + + Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, wenn es erlaubt + gewesen wäre. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine große + edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu + schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen + Nervenschwäche; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was + ich für Schmerzen habe, weiß nur Gott im Himmel, aber größer und + schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin + ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott + den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine großen Verbrechen, für + meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit. + Wenn Du mich sehen könntest, würde Dein gerechter Zorn dahin + schwinden, und Du würdest weinen, daß Du mir nicht verziehen hast + -- denn Du würdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in + einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem + Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten + Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine + Rache. Mein Leib ist krank und hinfällig unter seiner Geißel + geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine + schwere Sündenschuld denke. Zu groß ist meine Verworfenheit, und + alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu versöhnen; Tag und + Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf meiner Seele. + + Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst + geschaffen, deshalb leide ich gerecht. + + Ich weiß, daß Gott mir diese schwere Züchtigung zufügt, und daß Du + lieber Bruder, und alle meine Angehörigen, die ihr so gut und so + edelmütig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen + seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu + strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze + Welt wegen eines meinem ähnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und + ich erkenne, daß in allen seinen Werken die furchtbare + Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und + Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um + Mitleid, um Verzeihung. + + Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen -- und deshalb + fühle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demütig um + Verzeihung zu bitten, für alles Übel und alle Undankbarkeit, die + ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine + Söhne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich + um Verzeihung, und bereue alles Üble, das ich gethan, allen Kummer, + den ich verursacht habe. Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir + die Hand küssen könnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch + nur Gutes erwiesen hat. Ich erkläre, daß bei allen unsern + Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethäter gewesen bin. + Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit + vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich + leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die + falsch geschworen haben. + + Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!! + Ich umarme und küsse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von + Herzen. + + Dein unglücklicher Bruder + Antonino M... + + Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca. + + [70] Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch Kain rächte. + + + + +Druck von A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Roman eines geborenen Verbrechers, by +Antonino M. + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN *** + +***** This file should be named 22630-8.txt or 22630-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/2/6/3/22630/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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