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+Project Gutenberg's Der Roman eines geborenen Verbrechers, by Antonino M.
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Der Roman eines geborenen Verbrechers
+ Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...
+
+Author: Antonino M.
+
+Editor: Augusto G. Bianchi
+
+Translator: Friedrich Ramhorst
+
+Other: Silvio Venturi
+
+Release Date: September 16, 2007 [EBook #22630]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
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+ [Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in
+ Hinblick auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und
+ Rechtschreibung dem Original getreu übertragen. Lediglich einige
+ offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+ Im Original in Antiqua gesetzter Text wurde mit _ gekennzeichnet.
+ Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = gekennzeichnet.
+ Im Original fett gesetzter Text wurde mit + gekennzeichnet.]
+
+
+ [Illustration: Portrait des Antonino M...
+
+ Strafgefangener.
+
+ Verurteilt: 5 Jahre Gefängnis wegen Mord. -- 3 Jahre Gefängnis wegen
+ versuchten Mord. -- 1 Jahr Gefängnis wegen Bedrohung. -- 4 Jahre
+ Strafcompagnie. -- 2 Monate Eisen wegen Fälschung. -- 16 Jahre und 6
+ Monate wegen versuchten Brudermord.]
+
+
+ Der Roman
+ eines
+ geborenen Verbrechers.
+
+
+ Selbstbiographie
+ des
+ Strafgefangenen Antonino M...
+
+ von
+ A. G. Bianchi.
+ (Mitglied des _Corriere della Serra_ in Mailand)
+
+
+ Zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben
+ mit einem psychiatrischen Gutachten
+ von Professor
+ Silvio Venturi
+ Direktor der Provinzial-Irrenanstalt in Catanzaro.
+
+
+ Autorisierte deutsche Übersetzung von Dr. Friedrich Ramhorst.
+
+
+ Berlin und Leipzig
+ Alfred H. Fried & Cie.
+ 1894.
+
+
+
+
+Vorrede.
+
+
+I.
+
+Dieses Buch kann und soll nicht nach gewöhnlichen Gesichtspunkten
+beurteilt werden: Der Titel Roman ist subjektiv gerechtfertigt, insofern
+die Empfindung, welche den Helden dieser Blätter veranlaßte, sie zu
+schreiben, sicher nicht von der verschieden ist, welche viele
+zeitgenössische Autoren veranlaßte, ihre Gedanken und Gefühle in einer
+oft selbstbiographischen Form herauszugeben. Dostojewski's »Schuld und
+Sühne«, Zola's »_Bête humaine_« und Gabriele d'Annunzio's »_Giovanni
+Episcopo_« und »_l'Innocente_« sind die letzten Proben dieser
+pathologischen Litteratur, wo die Genialität der Verfasser zu einer
+tiefen Intuition krankhafter Bewußtseinsphasen sich erhebt und die Kunst
+das Ansehen der Wahrheit erreicht.
+
+In diesem Fall ist die Kunst arm, aber die Aufrichtigkeit ist vielleicht
+größer, und die Unerfahrenheit des Verfassers dient dazu, ihr Relief zu
+geben; denn wenn das Wahre sich hervorhebt und einen unverkennbaren
+stilistischen Ausdruck annimmt, so kann das Unwahre nicht, wie bei den
+berufsmäßigen Schriftstellern, den Firnis stilistischen Schmuckes oder
+der angenehmen Täuschung erlangen.
+
+So kommt es, daß das, was nach der Absicht des Verfassers ein Kunstwerk
+sein sollte, in der That ein wissenschaftliches Dokument geworden ist.
+
+Der Verbrecher, diese antisoziale Individualität kann sich mit Recht als
+die _great attraction_ der zeitgenössischen Litteratur bezeichnen:
+Feuilletonromane und Gerichtsberichterstattung, um nicht vom wirklichen
+Kunstwerk zu reden -- alles dreht sich um den Verbrecher und die
+verschiedenartigsten Gefühle werden wachgerufen; das gewöhnliche
+Interesse, das sich am Unwahrscheinlichen entzündet, das Mitleid mit dem
+Unglück, die Hoffnung auf die Rehabilitation, der Fatalismus.
+
+Auch die Wissenschaft ist der Frage näher getreten, und wenn die Kunst
+das Interesse des Abenteuers dem des psychologischen Einzelfalls
+hintanstellt, so tritt für die Wissenschaft das Studium des Verbrechens
+hinter dem Studium des Individuums zurück. Zwischen der Darstellung des
+Verbrechers, wie sie von den alten und wie sie von den neuen
+Schriftstellern geübt werden, ist genau derselbe Unterschied wie
+zwischen dem althergebrachten Studium des Verbrechens, das durch die
+Macht der Tradition noch in den Gesetzen herrscht, und der neuen
+Wissenschaft, welche das Studium des Verbrechers fordert.
+
+Aber die Wissenschaft hat notwendiger Weise vorerst in der Allgemeinheit
+stehen bleiben müssen, sie mußte Hunderte und aber Hunderte von
+Verbrechern beobachten, um das mehr oder weniger häufige Wiederkehren
+eines physischen oder psychischen Charakters zu erkennen, und aus diesen
+Beobachtungen sind Theorien hergeleitet, welche nicht immer auf jeden
+einzelnen Fall passen. Ebenso wie die Bewohner eines Landes nicht völlig
+dem Nationaltypus entsprechen, ebenso wenig entsprechen die Insassen der
+Gefängnisse dem Verbrechertypus.
+
+Diese Mannigfaltigkeit der kriminellen Elemente, die nur eine Folge der
+Mannigfaltigkeit der Ursachen ist, von denen die Menschengeschicke
+abhängen, ließ den Typus in der Vorstellung der Gelehrten unbestimmt und
+unsicher erscheinen.
+
+Lombroso, der eine graphische Reproduktion des typischen
+Verbrecherschädels erlangen wollte, nahm seine Zuflucht zur
+zusammengesetzten Photographie, indem er die zu einer Aufnahme nötige
+Zeit in sechs Abschnitte teilte, und in jedem dieser Abschnitte einen
+anderen Schädel vor das Objekt brachte. Auf diese Weise wiederholten
+sich die jedem Schädel gemeinsamen Züge und kamen schärfer zum Ausdruck,
+und während die Photographie nicht als die Reproduktion eines einzelnen
+bezeichnet werden konnte, ähnelte sie allen in ihren typischen
+Elementen.
+
+»Der Typus ist eine synthetische Impression«, hat Gratiolet gesagt. Und
+Goethe definierte ihn als ein »abstraktes und allgemeines Bild«.
+
+Geoffroy St.-Hilaire schrieb: »Der Typus einer Art zeigt sich niemals
+unseren Augen, er erscheint nur unserm Geist. Er ist eine Art festen und
+gemeinsamen Mittelpunktes, um den sich die verschiedenen
+Differenzierungen als Abweichungen und Schwankungen gruppieren.«
+
+Anderseits schien das Studium des Typus notwendiger als das des
+Einzelfalls, da ja die synthetische Impression immer dem analytischen
+Studium voraufgeht.
+
+Heutzutage glaubt man diese synthetische Impression erreicht zu haben,
+und der Verbrecher wird physisch und psychisch als ein Typus
+beschrieben, der zwischen dem Wilden, dem Epileptiker und dem moralisch
+Irrsinnigen rangiert.
+
+Gegen diesen Glauben lehnt sich das analytische Studium auf. Nachdem die
+typischen Verbrechercharaktere abstrakt beschrieben sind, läßt sich
+feststellen, wer als Verbrecher angesehen werden kann, und man kann zum
+Studium des Individuums fortschreiten.
+
+Das hat zuerst =Lombroso= erkannt, der in seinem »Archiv« zahlreiche
+Einzelfälle beschreibt und in seinem »_Palimsesti del carcere_«
+verschiedene Selbstbiographien von Verbrechern veröffentlicht hat. Aber
+vielleicht ist das Studium immer ein hastiges gewesen, da es mehr dem
+Zweck dienen mußte, dem allgemeingiltigen Gesetz die Grundlage zu
+liefern, als die Untersuchung der Einzelfälle zu vertiefen und zu
+beleben. Und daraus kann man keinen Vorwurf herleiten, die Wissenschaft
+war dazu noch nicht reif und hatte anderes und dringlicheres zu thun.
+
+Diese Veröffentlichung soll einen Beitrag bilden zu dem Studium der
+Verbrecherpersönlichkeit, einerseits durch den Bericht der Erlebnisse,
+die der Verbrecher mit eigener Hand niedergeschrieben hat, andererseits
+durch das Gutachten des berühmten Gelehrten Silvio Venturi, Professors
+an der Universität Neapel und Direktors des Irrenhauses zu Girifalco,
+der Gelegenheit hatte, den Verbrecher zu beobachten und zu studieren.
+
+
+II.
+
+Der Held dieses Buches lebt und befindet sich zur Zeit in einem der
+zahlreichen Gefängnisse des Königreichs Italiens. Mit Rücksicht auf
+seine Familie und seine Kinder habe ich seinen Namen nicht vollständig
+gegeben und die Namen vieler Persönlichkeiten verschwiegen. Wenn er von
+dieser Veröffentlichung wüßte, würde er wahrscheinlich gegen diese
+Unterdrückung protestieren, die doch nichts weiter ist als ein Akt der
+Rücksicht gegen sein Unglück. Es ist unzweifelhaft, daß er von der
+Publikation seines Buches seine Rehabilitation erwarten würde, denn er
+nennt sich stets einen Unglücklichen, nie einen Schuldigen, und widmet
+seine Denkwürdigkeiten, die so voll Schmutzigkeiten sind, dem Liebling
+unter seinen Söhnen.
+
+Indessen sein Name existiert heute nicht mehr, statt dessen trägt er
+eine Nummer, denn das Gesetz hat ihn jeder Persönlichkeit entkleidet,
+und sein Name gehört nur seinen armen Kindern. Die elementarste
+Menschlichkeit mußte mich veranlassen, den Namen eines Mannes zu
+verschweigen, den das Gesetz der bürgerlichen Rechte beraubt und die
+Wissenschaft der moralischen Verantwortlichkeit bar erklärt hat.
+
+Besser als sein Name wird seine Erzählung und die im vorigen Jahre
+aufgenommene Photographie wirken,[1] und das Zeugnis des Prof. Venturi
+dürfte jeden Zweifel über die Authentizität zerstreuen.
+
+ [1] Dem Original ist das Bild des M... beigefügt.
+
+Ich habe M... nicht gesehen und kann mir ein Urteil über ihn nur aus dem
+Kontrast bilden, welcher zwischen seiner Selbstbiographie und seinem
+wirklichen Lebenslauf besteht.
+
+Venturi, der berühmte Verfasser der _Degenerazioni psicosessuali_, der
+bei dem letzten Prozeß gegen M... als Sachverständiger hinzugezogen
+wurde, hat sich lebhaft zum Studium des Helden hingezogen gefühlt; ihm
+übergab M... das Manuskript seiner Denkwürdigkeiten, und auf diesem Wege
+ist es an mich gelangt. Ich würde es nicht veröffentlicht haben, wenn
+mir der wissenschaftliche Beistand des Psychiaters gefehlt hätte, und
+wenn dieser mich nicht in den Stand gesetzt hätte, die objektive
+Wahrheit gegenüber der subjektiven Darstellung des M... festzustellen.
+
+Nach den Ermittelungen Venturi's gebe ich im Folgenden eine Biographie
+des M..., welche in vielen Fällen den Schlüssel zum Verständnis der
+Selbstbiographie abgeben, deren Lücken ausfüllen und die Fälschungen
+aufdecken wird, die entweder von einer ihm oft selbst unbewußten
+irrtümlichen Auslegung der Dinge oder von der Verbrechereitelkeit
+diktiert sind.
+
+
+III.
+
+Antonino M... wurde in Parghelia, Provinz Catanzaro, im Jahre 1850
+geboren. Er ist heute 42 Jahre alt. Er war einer jener kleinen
+Grundbesitzer, die für die südlichen Provinzen charakteristisch sind.
+Seine Eltern sind tot; sein Vater starb im Alter von 45 Jahren an
+Bauchfelltuberkulose (_tabes mesenterica_), die Mutter mit 37 Jahren in
+der Entbindung. Der Vatersbruder starb als Verrückter, er hatte eine
+bescheidene Bildung, aber glaubte, daß er an Gelehrsamkeit und Weisheit
+unerreicht dastehe, er litt an gelegentlichem Verfolgungswahn, so daß er
+mehrere Male in große Erregung geriet, weil er meinte, daß unter seinem
+Bette Soldaten verborgen seien, die ihm nach dem Leben trachteten, und
+daß er sich von den Leuten, die nur in seiner Phantasie lebten, dadurch
+befreien wollte, daß er sein Haus ansteckte.
+
+Eine Vaterschwester, die noch lebt, wird in der ganzen Stadt die
+»Verrückte« genannt, sie führt ein einsiedlerisches Leben, flucht
+unaufhörlich und läuft aus dem Hause.
+
+M... hat einen Bruder und eine Schwester, die gesund sind.
+
+Im Alter von 10 Jahren wurde M... mehrere Monate krank, man hielt ihn
+für schwindsüchtig, aber er genas vollständig. Er genoß keinen anderen
+Unterricht, als in der Elementarschule seiner Vaterstadt, einer Schule,
+die vor dreißig Jahren als ein legalisierter Analphabetismus bezeichnet
+werden kann. Das ist bemerkenswert, denn es macht die Proben von Genie,
+die sich in der Selbstbiographie fanden, noch auffälliger.
+
+Mit siebzehn Jahren begannen die Verhängnisse seines -- wie er es nennt
+-- bejammernswerten Lebens. Eines Tages schoß er auf öffentlichem Platz,
+ohne ersichtlichen Grund, nur um eine seinem Bruder zugefügte Kränkung
+zu rächen -- auf einen Landsmann, der sofort eine Leiche war. Der
+Gerichtshof in Monteleone verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis.
+
+Hier schloß er Freundschaft mit den berühmtesten Camorristen jener Zeit;
+die berüchtigsten kalabrischen Briganten, die in den Gefängnissen
+Catanzaros saßen, waren, wie er sagt, seine treuesten Freunde.
+
+Er nahm an einem Aufstand im Gefängnis teil, der durch das Eingreifen
+der Zivilbehörden von Catanzaro beigelegt wurde. Von hier aus kam er
+nach Pizzo, dann nach Lucera di Puglia.
+
+In Pizzo blieb er nur einen Monat, aber das genügte schon für ihn, die
+Strafgefangenen zu einem Fluchtversuch zu verleiten, der nur durch
+Zufall mißlang.
+
+Von Pizzo kam er nach Neapel in das Gefängnis del Carmine, wo er von dem
+Haupt der Camorristen herzlich aufgenommen wurde. Fortan hatte er seinen
+Genossen Liebe und Achtung und dem Masto blinden Gehorsam geschworen; er
+war Mitglied der Camorra. Mit lebhaftem Verstand begabt, begriff er
+rasch die Regeln der Gesellschaft, sein Name war bekannt und gefürchtet
+wie der eines alten Genossen. Von Neapel kam er nach Foggia und dann
+nach Lucera mit einigen Gefährten, die ihn als Haupt der Camorra
+anerkannten.
+
+So fand er, ein Jüngling noch, ehe er noch den Einfluß der ersten Strafe
+richtig gefühlt hatte, welche Verbrecher von nicht verdorbenen Anlagen
+demütigt, im Gefängnis einen Ort, welcher der Entwickelung einer
+verbrecherischen Persönlichkeit Vorschub leistet, die nur schlechter und
+raffinierter aus dem Gefängnis heraus kommt: der impulsive und
+blutdürstige Charakter hat dort oft Gelegenheit, hervorzubrechen und
+nicht immer in richtiger Beziehung zu den Thatsachen, die entweder
+falsch interpretiert werden oder sich als kleine Funken erweisen, welche
+einen ganzen Brand entfachen, der von dem immer brennenden Herd ausgeht.
+Wenig fehlte und er hätte eines Tages den Krankenwärter erschlagen, der
+nach seiner Darstellung in das Chinin Kalkstaub mischte.
+
+Von Lucera, wo ihn das Sumpffieber heimsuchte, kam er nach der
+Strafanstalt zu Neapel. Hier setzte er sich sofort mit den Camorristen
+in Beziehung und nahm Teil an einem heftigen Kampf zwischen kalabrischen
+und neapolitanischen Camorristen, einer wahren Schlacht, bei der
+sechzehn tötlich verwundet, einem Wächter die Eingeweide ausgerissen,
+zwei getötet und einer leicht verwundet wurde. Von Natur blutdürstig,
+fand er im Kampf seine eigentliche Atmosphäre. Als Camorrist tätowierte
+er sich, indem er sich auf die Brust ein Losungswort der Camorra
+schrieb: Tod der Schmach!
+
+
+IV.
+
+Nach verbüßter Strafzeit kehrte er nach Parghelia zurück, blieb hier
+einen Monat und wurde dann Soldat. Auch als solcher setzte er sein
+schlimmes Leben fort. Er duldete keine Vorwürfe, keine Tadel, verachtete
+die Vorgesetzten, verlor ihre Achtung und zettelte Intriguen gegen sie
+an. Seine gewaltthätige, blutdürstige, bösartige Natur wurde durch ein
+übertriebenes Selbstgefühl angestachelt: überall witterte er
+Nachstellung, Mangel an Respekt, Verrat; überall sah er Kränkungen und
+Aufreizungen.
+
+Zeitweilig war er ruhig und friedlich; während solcher immer kurzen
+Periode war er freundlich gegen die Kameraden, die Vorgesetzten und
+seine fern weilende Familie. Aber plötzlich war das vorbei, die Luft
+nahm in seinen Augen eine andere Farbe an, und Zorn- und Wutausbrüche,
+Flüche, Blut- und Rachedurst waren die Folgen, ohne einen anderen Grund,
+als daß ein Wort oder eine Handlung mißgedeutet wurde, die für jeden
+anderen ohne Belang gewesen wären.
+
+Eines Tages gebot ein Vorgesetzter ihm Ruhe -- er ohrfeigte ihn und
+versuchte ihn zu töten. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt;
+nachdem diese verbüßt waren, kam er wieder zum Regiment. Er änderte sich
+nicht. Die Perversität seiner Empfindungen machte ihn zum Päderasten,
+er knüpfte mit einem Kameraden ein Verhältnis an. Er schrieb einen
+anonymen Brief gegen seinen Sergeanten und verwundete seinen Kameraden
+im Gesicht, und wurde zu einem weiteren Jahre verurteilt. Im Kerker
+versuchte er mit einer halben Scheere, aus der er sich einen Dolch
+gemacht hatte, einen Kameraden umzubringen, um sich wegen einer alten
+Kränkung zu rächen, obschon der Gegenstand seines Hasses schon an sich
+in einem Zustand war, der Mitleid hätte einflößen können. Von da kam er
+zur zweiten und dann zur ersten Strafkompagnie in Venedig, wo er sich
+durch sein tückisches und unverbesserliches Benehmen auszeichnete.
+Strenger Arrest, langes Fasten nützten nichts; für ihn waren die Strafen
+immer ungerecht; jeder mißhandelte, mißachtete ihn.
+
+Schon um diese Zeit (1879) brach sein heftiger und wilder Haß gegen
+seinen Bruder Michele los, der, wie er meinte, ihn vernachlässigte und
+seinen Tod wünschte, um sich die väterliche Erbschaft anzueignen, die
+schon zum größten Teil sich angeeignet zu haben er ihn beschuldigte. Die
+ersten Zeichen dieses Hasses traten hervor, als er im Lazarett zu Cava
+dei Tirreni war, wo er einen Brief seines Bruders, der Nachricht von ihm
+verlangte, mit häßlichen Worten und Hohngelächter empfing. Der einzige
+Grund für diese Zwietracht konnte in dem Temperament des M... gefunden
+werden.
+
+Bei der Strafkompagnie versuchte er eines Tages einen Lieutenant zu
+ermorden, weil dieser ihn bestraft hatte. Er wartete, bis der
+unglückliche Lieutenant Nachts die Ronde machte, und mit dem Dolch in
+der Hand, den er sowohl als Gefangener wie als Soldat immer bei sich zu
+tragen oder im Strohsack oder im Futter der Kleidung zu verbergen
+pflegte, lauerte er Stunden lang; und nur dem Umstand, daß der
+Lieutenant von einem Kameraden gewarnt wurde, ist es zu danken, daß der
+Anschlag mißglückte.
+
+Der Mangel an moralischem Gefühl zeigt sich auch darin, daß er eines
+Tages einen Kameraden, einen Schreiber im Militärbureau, dazu verführte,
+ihm eine Änderung in dem Register zu gestatten, indem er das Datum
+seiner Aushebung um ein Jahr zurückschrieb, um auf diese Weise ein Jahr
+früher vom Militär loszukommen.
+
+Durch diese Fälschung gelang es ihm, ein Jahr früher verabschiedet zu
+werden; auf der Heimreise bekam er Händel mit den Eisenbahnbeamten und
+um ein Haar wäre es zur Schlägerei gekommen.
+
+Die Fälschung wurde entdeckt, und er wurde von der Militärverwaltung
+reklamiert, darüber entrüstete er sich heftig, bewaffnete sich wie ein
+richtiger Brigant und begab sich in die Wälder. Aber er sah ein, daß er
+auf diese Weise doch nicht durchkommen würde und stellte sich der
+Militärbehörde in Catanzaro, die ihn wieder nach Venedig zur
+Strafkompagnie schickte. Durch eine günstige Beurteilung des
+Thatbestandes wurde er von der Anklage der Desertion freigesprochen.
+
+Kaum wieder bei der Kompagnie, wurde er zu zwei Monaten Wasser und Brot
+und zur Kettenstrafe verurteilt. Er hatte den Skorbut; nachdem er
+geheilt war, kam er wieder in strengen Arrest bei Wasser und Brot und so
+verbrachte er das ganze Jahr fast immer in Arrest und in Ketten.
+
+
+V.
+
+Im September 1882 kehrte er zu seiner Familie zurück, nachdem er
+vierzehn Jahre lang im Gefängnisse und in der Strafkompagnie gewesen
+war.
+
+Zuerst empfindet M... selbst, daß ihm Bruder und Schwägerin freundlich
+entgegenkamen. Und in der That nahmen sie ihn liebevoll auf, ließen ihn
+an ihrem Tische essen und gewährten ihm, was ihre finanzielle Lage
+gestattete. Nichts in der Selbstbiographie deutet an, woraus der Haß
+gegen den Bruder entsprungen sein kann, er häuft nur Schmähungen und
+wüste Schimpfreden gegen ihn. Aber wenn man die Antecedentien und den
+Charakter des Antonino M... in Erwägung zieht, so begreift man, daß
+zwischen den Brüdern keine Eintracht herrschen konnte. Antonino lebte im
+Hause seines Bruders in unhaltbarem Zustande, er konnte nicht zeitlebens
+wie ein Sohn von seiner Schwägerin zwei Soldi täglich für Tabak entgegen
+nehmen. Da er von sich eine übertriebene Meinung hatte und den Bruder
+mißachtete und ihn als Haupt der Familie haßte, so mußte Antonino
+notwendiger Weise eines Tages das Bedürfnis fühlen, fortzuziehen und für
+sich allein zu leben und mit der Familie des Bruders vollständig zu
+brechen. Er that es, und um die Position zu befestigen, nahm er sich
+eine Frau in der Person eines Mädchens aus Tropea, eines sanften,
+zärtlichen Wesens, einer kleinen Madonna, die sich ihm zum Weibe gab,
+besiegt von seiner Ueberredungskunst und von Mitleid mit seinem Unglück.
+
+Neues Unheil hatte diese Verbindung im Gefolge.
+
+Das knappe ererbte Vermögen konnte nicht ausreichen, außerdem hatte er
+keinen Hang zur Arbeit, war liederlich, rauchte, trank und gefiel sich
+darin, sich vor den andern beim Kaufen hervorzuthun. Sein Bruder stand
+ihm immer als derjenige vor Augen, der den größeren Teil des väterlichen
+Vermögens geerbt hatte, daher sein Haß, sein unbändiger Neid, seine
+Rachgier gegen ihn. Er erzählt selbst einen weiteren Grund und dieser
+bestand darin, daß seine beiden Tanten zu Gunsten des Sohnes des Michele
+testiert und so Antonino des zu erwartenden Erbteiles beraubt hatten.
+
+So waren genug psychologische und thatsächliche Motive vorhanden, um zu
+begreifen, in welcher Gemütsverfassung Antonino gegen seinen Bruder war,
+und früher oder später mußte der angesammelte Haß zum Ausbruch kommen.
+Es war eine Lawine, die sich losgelöst hatte, und immer wachsend, dem
+Abgrund zurollte, die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten,
+zerstörend. Antonino, der sich mehr und mehr in seinen Zorn verbiß,
+machte kein Hehl aus seinem Haß, er sprach öffentlich davon und von
+seinen Rachegedanken, und schürte dadurch noch mehr den Brand in seinem
+Innern; vielleicht dienten auch die Ermahnungen der Vorsichtigen und die
+Vorhaltungen der Ruhigen dazu, seine Lust am Schrecklichen und seine
+Neigung zur Rache noch zu verstärken.
+
+Sein argwöhnisches Temperament war eine natürliche Folge seiner
+Eitelkeit. Der übermäßigen Anmaßung entsprach immer der Argwohn, daß ihm
+von seiten der andern nicht mit der nötigen Achtung begegnet werde und
+daher die fortwährende Tendenz, sich verfolgt zu glauben. Daher auch die
+übertriebene falsche Auslegung der Worte, der Absichten, der Thaten
+anderer, besonders der Personen, denen er stärkere Aufmerksamkeit
+schenkte und von denen er für seinen Haß und seine Drohungen Kränkungen,
+Beleidigungen, Verachtung und Unbill zu empfangen glaubte. Zuerst mußte
+die Schwägerin den Ausbruch des Sturmes spüren. Eines Tages begab er
+sich in das Haus seines Bruders, und man weiß nicht aus welchem Grunde,
+genug, er bedrohte sie mit einem Revolver, der Bruder kam dazu, und es
+gelang ihm das Blutvergießen zu verhindern, aber Antonino brachte ihm
+eine Bißwunde in die Hand bei, mit welcher er ihm den Revolver entriß.
+Es erfolgte die Klage und trotz der heuchlerischen Verteidigung, der
+demütigen Erklärungen und der wortreichen Beredsamkeit wurde Antonino zu
+einem Monat Gefängnis verurteilt. Es würde dieses Vorkommnisses nicht
+bedurft haben, um Antonino zu allen Frevelthaten gegen seinen Bruder
+fähig zu machen, aber es diente ihm in der Öffentlichkeit als
+Rechtfertigung für seine schon offen ausgesprochenen Blut- und
+Rachegedanken.
+
+Von diesem Augenblick ab war das Leben des armen Michele eine
+fortwährende Angst und Aufregung; er traute sich nicht die Nase aus dem
+Fenster zu stecken oder die Füße vor die Thür zu setzen, ohne die
+Überzeugung zu haben, daß er von seinem Bruder getötet würde, der ihm
+_coram publico_ unaufhörlich nachstellte und den Augenblick nicht
+erwarten konnte, wo er seinem Bruder den Rest geben würde.
+
+Antonino erklärte öffentlich: Was mache ich mir aus dem Gefängnis!? Ein
+halber Tag oder zwanzig Jahre sind mir einerlei; ich werde Mann und Frau
+umbringen und dann bin ich zufrieden.
+
+Er wußte, daß die Freunde seines Bruders ihn durch einen Pfiff
+herauszurufen pflegten, und so versuchte er eines Abends, ihn auf
+dieselbe Weise an das Fenster zu locken. Aber der Bruder merkte, woher
+der Pfiff kam, und antwortete nicht. Ein anderes Mal lauerte er ihm auf
+und trat endlich mit einer Flinte bewaffnet in das Haus seines Bruders.
+
+Öfter sah man ihn mit der Flinte am Fenster der Küche stehen und warten,
+daß der Bruder sich am Fenster seiner gegenüber liegenden Küche zeige.
+So fest stand bei ihm der Plan, daß er Frau und Kinder fortschickte und
+allein blieb, um sich ganz der Überwachung seines Bruders und der
+Ausführung des Mordes zu widmen. Und so trat denn endlich am 29.
+September 1889 das ein, was =notwendig= eintreten mußte.
+
+Es war ein Sonntag, und Antonino M... pflegte alle Sonntag seine
+Familie, die er leidenschaftlich liebte, in Tropea zu besuchen. Diesen
+Sonntag blieb er in Parghelia; er wollte ein Ende machen. Er nahm eine
+Doppelflinte, lud sie mit Schrot und mit einer Kugel und stellte sich
+auf die Lauer. Aber der Bruder kam nicht, er war drüben in der Küche mit
+seiner Frau und einer Tante und zerkleinerte Holz. Antonino lief hinzu,
+um in die Küche zu eilen, aber das Fenster war sehr hoch. Er nahm eine
+Leiter, stellte sie ans Fenster, stieg hinauf, sah den Bruder bei der
+Arbeit, nahm die Flinte und schoß zweimal auf seinen Bruder, den er am
+Kopfe verwundete.
+
+Kaum war das Verbrechen verübt, so lud er von neuem und entfloh. Um
+freien Durchgang zu haben, rief er: »Platz da, Platz da!« Niemand hielt
+ihn an, denn alle kannten seinen blutdürstigen Charakter sowie seine
+Geneigtheit zu Gewaltthätigkeiten, und wer ihn sah, floh entsetzt
+beiseite.
+
+Einen Monat lang hielt er sich verborgen, endlich am 27. Oktober 1889
+wurde er in Monteleone auf offener Straße verhaftet, nicht ohne daß er
+vorher einen Verteidigungsversuch gemacht hatte, indem er an den
+Staatsanwalt ein Schreiben gerichtet hatte, in welchem er die That als
+das Werk eines Zufalls darstellte, in der Hoffnung, daß diese plumpe
+Verdrehung der Thatsache ihm irgendwie dienlich sein könnte.
+
+Nachdem er dem Gefängnis zu Monteleone übergeben war, zweifelte man, ob
+M... im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei, und er wurde daher der
+Irrenanstalt zu Girifalco zur Beobachtung überwiesen. Bei dieser
+Gelegenheit hatte Venturi ihn zu studieren, und das Resultat dieser
+seiner Studien wird weiter unten abgedruckt.
+
+Vor dem Gerichtshof zu Monteleone im April 1891 definierte Venturi ihn
+als einen =geborenen Verbrecher=, einen Menschen, der sich der
+Strafbarkeit seiner Handlungen nicht so voll bewußt ist, wie es das
+Gesetz erfordert, um eine Verurteilung aussprechen zu können. Er schloß
+sein Gutachten folgendermaßen:
+
+»M... würde also nach dem geschriebenen Gesetz für das begangene
+Verbrechen nicht verantwortlich oder nur halbverantwortlich sein, da er
+es nicht bei vollem Bewußtsein und in voller Freiheit seines Willens
+ausgeführt hat.
+
+»_Quid faciendum!_
+
+»Wenn er als unverantwortlich erkannt wird, wird man ihn dann in
+Freiheit lassen?
+
+»Er würde versuchen, seinen Bruder wiederum zu ermorden, und ohne
+Zweifel mit größerer Ruhe, da er seine Straflosigkeit kennt und sich
+daher für berechtigt hält, mit der ganzen menschlichen Gesellschaft
+aufzuräumen. Soll man ihn in die Irrenstrafanstalt bringen, wie es das
+Gesetz für diejenigen vorschreibt, welche in einem krankhaften Hang zum
+Verbrechen leben, und denen die Gelegenheit genommen werden soll, ein
+Verbrechen zu wiederholen? Er würde zeitlebens darin verbleiben müssen,
+denn es ist nicht vorauszusehen, daß M... mit der Zeit seine Natur
+ändert, noch giebt es Heilmittel, die das bewirken können. Wie soll das
+Ziel erreicht werden, welches das Gesetz im Auge hat, um einen sicheren
+Schutz gegen das Verbrechen zu schaffen, ohne daß deshalb die
+Gesellschaft sich zu dem erlittenen Schaden noch mit der Sorge für den
+lebenslänglichen Unterhalt des Verbrechers belasten müßte?
+
+»Die Antwort liegt mir auf den Lippen, aber ich will sie nicht
+aussprechen, weil unsere Mondscheinromantik vorschreibt, auch die zu
+lieben, die uns Böses thun, also gerade das Gegenteil von dem, was die
+Natur thut, welche durch ihre ewigen Kämpfe eine reinigende Zuchtwahl
+vornimmt.
+
+»Meine Herren Geschworenen, die Strafirrenanstalt in Italien ist ein
+Unding. Thatsache ist, daß die gefährlichen Narren, die nicht für
+strafbar erkannt werden, wieder frei herumlaufen, oder wenn sie ins
+Irrenhaus gebracht werden, mit Hilfe ihrer Advokaten bald wieder
+herauskommen. Und das Gesetz begünstigt ihre Entlassung. Wenn M... zu
+zehn Jahren verurteilt wird, so ist es so gut wie sicher, daß er während
+dieser Zeit die Gesellschaft nicht belästigen kann.
+
+»Bedenken Sie: der Bruder hofft, daß er weder begnadigt wird, noch vor
+der Zeit wegen guter Führung entlassen wird. Alles kann daraus folgen!«
+
+Ehe die Verhandlung geschlossen wurde, hielt M... eine
+Verteidigungsrede, die zwei Stunden dauerte. Er sprach mit unerhörter
+Emphase, er ließ sich in seinem Gedankengang und in der Erregung so sehr
+hinreißen, daß er in einen förmlichen Zustand der Raserei geriet, so daß
+man ihn beruhigen und die Sitzung unterbrechen mußte. Das Publikum war
+der Ueberzeugung, daß er für unzurechnungsfähig erklärt werden würde;
+der Bruder, der ihn von draußen hörte, flehte Gott, die
+Sachverständigen, die Geschworenen an, daß er verurteilt werden möchte.
+Wehe ihm, wenn er freigesprochen wurde. Er traute dem Panacee der
+Strafirrenanstalt nicht.
+
+Während der ganzen Verhandlung gegen M... war seine Familie, ein Engel
+von Weib, und seine hübschen Kinder zugegen, und erschütterten durch ihr
+unaufhörliches Weinen das Publikum. Er wurde unter der üblichen Annahme
+mildernder Umstände zu sechzehneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.
+
+
+VI.
+
+Das ist der Mann, dessen Biographie ich veröffentliche; das ist sein
+Leben inmitten der Hilfsmittelchen, mit denen die Gesellschaft sich
+einbildet, sich selbst verteidigen und verbrecherische Neigungen
+unterdrücken und sogar bessern zu können.
+
+Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich eine andere Seite
+seiner Individualität aufschlagen, ich meine die physische und
+psychische Darstellung seiner Person. Und dazu gebe ich einem Manne das
+Wort, der dazu besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi,
+welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen
+Charakteristika des M... darlegen wird.
+
+
+Physische Untersuchung.
+
+Wenige Tage nach der Einlieferung des M... in die Irrenanstalt zu
+Girifalco schritt ich zu einer eingehenden Untersuchung, die folgendes
+Resultat ergab.
+
+=Allgemeiner Befund=: Kräftiger Knochenbau, starkes Fettpolster,
+Dolicocephale, Haar etwas spärlich, dunkelbraun, ab und zu mit weißen
+Fäden durchzogen; ziemlich hohe Stirn mit Längs- und Querfurchen. Die
+Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelförmig, Gegenleisten kaum
+vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen Höckers. Die Augen in gleicher
+Höhe, im linken Auge eine Nickhaut, Conjunktiva normal. Augenbrauen
+normal, rechts stärker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt
+wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck ist
+schlaff und welk. Die Zähne sind unterbrochen. Am Daumen der linken Hand
+eine Narbe, die von einem schneidenden Werkzeug herrührt, ebenso eine in
+der Leistendrüsengegend. Mehrfache Tätowierungen, auf dem rechten Arm:
+_ors fuduli_, auf der Brust: _a morte l'infame_ (Tod der Schmach), auf
+dem linken Arm _V_ und _K_, auf dem Rücken der rechten Hand _O_ und _F_.
+
+=Craniometrie=:
+
+_Diameter ant. post. maximus_ mm 191
+_Diameter transversalis_ " 153
+Kopfindex " 80
+Horizontaler Umfang " 550
+Vorderer (halber) Umfang " 275
+Hinterer (halber) Umfang " 275
+_Curva longitudinalis_ " 300
+_Curva transversalis_ " 220
+_Diameter bifrontalis minimus_ " 95
+Stirnhöhe " 60
+
+=Prosopometrie=:
+
+Gesichtshöhe mm 127
+_Diameter bizigomaticus_ " 115
+Gesichtsindex " 30
+
+=Anthropometrie=:
+
+Größe m 1,56
+Weite der ausgestreckten Arme " 1,58
+Brustumfang cm 85
+_Linea jugulo-xifoidea_ " 16
+_Linea xifo-umbilicalis_ " 25
+_Linea umbilico-pubica_ " 15,05
+_Linea biiliaca_ " 29
+Länge des Oberschenkels " 68,05
+Länge des Unterschenkels " 30
+Körpergewicht kg 75,00
+
+Kurzer dicker Hals -- die _fossae_ ober- und unterhalb des
+Schlüsselbeins mit Fettpolster bedeckt -- breite Brust, die
+interkostalen Zwischenräume wenig sichtbar. -- Ausatmung auf beiden
+Seiten der Brust gleichmäßig -- Anzahl der Atmungen siebzehn in der
+Minute. Bei Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor noch
+nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken.
+
+=Blutumlauf=: Herzdämpfung von normaler Größe -- Herztöne rein --
+regelmäßiger und kräftiger Pulsschlag -- normale Funktion der Arterien.
+
+=Verdauungsapparat=: Zunge rein und feucht. -- Ab und zu leidet er an
+Schmerzen in den Eingeweiden. -- Stuhlgang regelmäßig. -- Bauch weich
+und unempfindlich gegen Druck.
+
+=Geschlechtsapparat=: Geschlechtsorgane normal -- große Hoden. Die
+Untersuchung des Urins ergiebt folgendes Resultat: strohgelbe Farbe
+-- saure Reaktion -- Eiweiß und Zucker nicht vorhanden -- kohlensaure
+Salze in geringer Menge -- alkalische und erdige Phosphate in normaler
+Menge -- Chloride ziemlich selten. -- Bei mikroskopischer Untersuchung
+erscheinen keine organischen Gebilde.
+
+=Leberdämpfung= von normalem Umfang, indolent.
+
+=Milzdämpfung= normal.
+
+=Vasomotorische Erscheinungen=: Die hyperhämischen Linien des
+Trousseau'schen Phänomens zeigen sich rasch und dauernd auf der Brust
+wie auf dem Unterleib.
+
+=Wärmeerzeugung= normal.
+
+=Sensibilität=:
+
+=Tastgefühl=: Er fühlte die beiden Punkte des Aethesiometers als zwei
+
+auf der Stirn rechts in der Entfernung von 42 mm
+ " " " links " " " " 37 "
+ " " Schulter rechts " " " " 86 "
+ " " " links " " " " 72 "
+ " " Brust rechts " " " " 89 "
+ " " " links " " " " 82 "
+ " dem Unterleib rechts " " " " 77 "
+ " " " links " " " " 63 "
+ " " Schenkel rechts " " " " 73 "
+ " " " links " " " " 69 "
+ " der Zunge rechts " " " " 39 "
+ " " " links " " " " 50 "
+
+=Ortssinn=: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten des Kopfes und der
+Brust berührt, so vermag er den Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist
+eine Differenz von 4-5 cm vorhanden.
+
+=Schmerzempfindung=: Einen einfachen Stich empfindet er in verschiedenen
+Körpergegenden gleich gut.
+
+=Wärmeempfindung=: Er faßt rasch und sicher die Wärmeunterschiede
+verschiedener Gegenstände.
+
+=Sehvermögen=: Auf dem rechten Auge normal, auf dem linken vermindert.
+-- Farbensinn normal.
+
+=Gehör=: Auf dem rechten Ohr hört er das Ticken der Uhr nicht, selbst
+wenn sie ihm direkt an das Ohr gelegt wird, auf dem linken nur in einer
+Entfernung von 15-20 cm.
+
+=Geruch=: Scheint nicht beeinträchtigt.
+
+=Geschmack=: Bei Experimenten mit Chinin und Chlornatron konnte er den
+Geschmack nicht angeben. -- Bei Chinin sagte er nach verschiedenen
+Versuchen: Diese Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben.
+
+Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen.
+
+=Abnormale subjektive Sensationen=: Er klagt oft über Schwindel und
+heftigen Kopfschmerz -- in der linken Schläfe empfindet er auf einem
+Raum von der Größe einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, als
+ob die Haare sich daselbst sträuben.
+
+
+Bewegungen.
+
+Der Gang ist im Ganzen regelmäßig. Jede willkürliche Bewegung geschieht
+leicht und vollständig.
+
+Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, aber nicht
+gleichmäßig auf Licht- und Schmerzreiz; die linke rascher als die
+rechte. Zunge und Lippen ruhig, starkes Zittern der Hände.
+
+=Reflexivbewegungen=: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex rechts
+stärker als links, Kniescheibenreflex lebhaft.
+
+=Dynamometer=: r. H. 35; l. H. 35; beide Hände 45.
+
+
+Psychische Funktionen.
+
+=Psychosensorielle Erscheinungen=: Die Wahrnehmung ist in der Periode
+der Ruhe normal. Im Augenblick der Erregung scheint er Sinnesstörungen
+unterworfen, er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen.
+
+=Gedankengang=: Wenn er ruhig ist, regelmäßig; in der Erregung zeigt er
+fieberhafte und verworrene Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein
+gegen die vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und
+flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Gedächtnis. Er erinnert sich an
+alle Einzelheiten seines Lebens, nur wenn man ihn nach seinen Verbrechen
+fragt, will er sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen
+haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit rasch und lebhaft.
+
+=Stimmung=: Gewöhnlich trübe, nachdenklich; fragt man ihn nach seinen
+Verbrechen, so wird er zerknirscht, stützt den Kopf und weint. Er denkt
+liebevoll seiner Familie und sagt, daß um seinetwillen Weib und Kinder
+werden betteln gehen müssen.
+
+=Willen und Instinkt=: Er ist gelehrig, höflich, fleißig. Er verkehrt
+mit den ruhigeren seiner Gefährten und verträgt sich mit den andern.
+Wenn ihn die gewöhnlichen Anfälle überkommen, ist er heftig, sonst
+ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein starker Onanist.
+
+=Bewußtsein=: Er weiß, daß er im Irrenhaus ist, und auch, daß er
+beobachtet wird, um zu ermitteln, ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich
+der Gnade seiner Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu
+überzeugen, daß er sein Verbrechen in einem Augenblick des Wahnsinns
+vollbrachte.
+
+=Sprache und Schrift=: Er spricht rasch, gut und ziemlich formvoll,
+ebenso wie er leicht und eindringlich schreibt, abgesehen von den
+Fehlern, die von seinem geringen Bildungsgrad herrühren. Er macht
+Gedichte von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgfältiger Form.
+Die Stimme hat tiefe und kräftige Färbung.
+
+=Gesichtsausdruck=: Rundes volles Gesicht wie ein Fettkrämer. Die Augen
+hält er immer niedergeschlagen; wenn er erregt wird, bewegt er alle
+Gesichtsmuskeln und begleitet seine Worte durch Gesten.
+
+=Schlaf und Traum=: Er schläft gut und spricht nie im Traum.
+
+
+M... wurde von Venturi einer mehrmonatigen Beobachtung unterworfen; ich
+reproduziere seine Beobachtungen während dieses Zeitraums.
+
+=Februar 1890.= Die ersten vier Tage nach seiner Einlieferung war er
+erregt. Er sprach mit sich selbst, hauptsächlich nachts, und fluchte auf
+ein Frauenzimmer, das er die Ursache seines Unglücks nannte. Gefragt,
+weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: =wegen einer verfluchten
+Sau, die mich verfolgt. Daß ich verrückt bin, sagten in Parghelia alle,
+aber diese Hure, meine Schwägerin, hat die Schuld=. Er behauptet, sich
+an sein Verbrechen nicht zu erinnern. Wenn er spricht, so schüttelt er
+den Kopf und alle Gesichtsmuskeln geraten in Bewegung. Nach einem Tage
+wurde er ruhig, bat, daß man die Zwangsjacke ihm abnehmen möchte und
+versprach, sich gut zu führen. Er möchte in der Schneiderstube
+beschäftigt werden. Wurde bewilligt. Er scheint das Handwerk im
+Gefängnis etwas gelernt zu haben.
+
+=März 1890.= Der Angeklagte giebt keine Ursache zu Tadeln, er ist
+höflich und fleißig. Am 11. März erwachte er schlechter Laune, sprach
+mit sich selbst, behauptete Stimmen zu hören und jene Frau zu sehen, die
+er als sein Unglück bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, knirschte
+mit den Zähnen und bedrohte sie. Er hatte es auch mit einem Hauptmann zu
+thun, den er nicht nennt, und der ihm zu drei Jahren Gefängnis verholfen
+hätte. Nach fünf Stunden der Erregung mit anscheinenden Hallucinationen
+beruhigte er sich. Später erklärte er auf Befragen, daß er starkes
+Kopfweh habe, und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat er
+um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt haben sollte. Am
+12. ging er wieder in die Werkstatt.
+
+=April 1890.= Immer ruhig, höflich, antwortet verständig auf alle
+Fragen; hatte keinen Anfall mehr. Heimlich schrieb er einen Brief, den
+er durch einen anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten
+besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie kennt,
+zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine Frau war dabei, in dem
+er ihr empfahl, guten Mut zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen
+Vorgesetzten. Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Dann
+fügte er hinzu: »Sei unbesorgt und denke, daß ich bald komme. Du weißt,
+was ich Dir mitteilen will. Ich küsse Papa und Mama die Hand, und lasse
+die Verwandten grüßen. Ich küsse und segne meine Kinder, grüße Vetter
+S... Ich umarme Dich.«
+
+Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er sprach mit sich
+selbst wie gewöhnlich, so daß man ihn nachts allein unterbringen mußte;
+er fluchte gegen die bekannte Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er
+niedergeschlagen, promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, daß sein
+Nervensystem in Aufregung sei und daß er Ruhe brauche. Er schien
+innerliches Fieber zu haben. Das Schreien und Lärmen der Gefährten
+verletzte seine Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte
+nach Arbeit.
+
+Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten des versuchten
+Brudermordes niederzuschreiben; anfangs wollte er nicht, dann, nachdem
+man ihm gesagt hatte, daß es ihm von Nutzen sein könnte, ließ er sich
+dazu bereit finden.[2] -- Mitten im Schreiben warf er die Feder weg, und
+fing an zu schreien und zu fluchen, und Bruder, Schwägerin und Verwandte
+zu bedrohen und zu verwünschen. Man mußte ihn unschädlich machen. Auf
+mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich kam er herein und sagte,
+daß er es mit den Spilingoten zu thun hätte, mit denen er sich schlagen
+wollte.
+
+ [2] Der Bericht entspricht fast vollständig der Darstellung im vierten
+ Teil der Selbstbiographie, und wird hier daher nicht wiederholt.
+
+Später wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das Essen zurück. Er sagte,
+daß er von den Schlägen, die er bekommen hatte, vollständig gebrochen
+sei und große Schmerzen leide.
+
+Dem Arzt gegenüber beklagte er sich über die Behandlung. Sie, sagte er,
+lassen mich prügeln, daß es eine Art hat, während ich mich um meine
+Angelegenheiten kümmere; aber Sie werden es bereuen. Später wurde er
+ruhig wie gewöhnlich und behauptete auf Befragen, sich an nichts zu
+erinnern, bat auch um Entschuldigung, wenn er jemand beleidigt haben
+sollte.
+
+=7. Mai.= Er wurde von neuem genau untersucht, aber keinerlei
+Veränderungen wahrgenommen.
+
+Man sagte ihm, daß er den Kopf eines Poeten habe; er antwortete rasch:
+Was nützt die Poesie? Dante starb in der Verbannung, Tasso im Hospital.
+Er erinnerte sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur sagte er, daß
+ihm die Umstände nicht gegenwärtig seien, welche zu dem Mord, den er in
+seinem 17. Lebensjahr begangen hatte, führten.
+
+=17. Mai.= Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn ein Leidensgefährte, er
+prügelte ihn durch. Er wurde bestraft, aber war nicht empört darüber.
+Seit einigen Tagen sucht er einen Gefährten zur Flucht zu überreden. Auf
+Fragen antwortet er zusammenhängend, spricht gut von seinen
+Vorgesetzten, von denen er, wie er sagt, gut behandelt wird, erinnert
+sich genau an die Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von ihm
+gehaßte Person nennt, stößt er Flüche und Verwünschungen aus. Er
+arbeitet in der Schneiderstube und führt sich gut.
+
+=Juni 1890.= Betragen wie gewöhnlich; höflich, dienstfertig, gehorsam;
+er ist es zufrieden, im Irrenhaus zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es
+wollen. Er verlangt Lektüre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, daß
+ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er versucht, die
+Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie zu rühren, indem er sagt,
+daß seine Familie ohne ihn betteln gehen müsse. Er schrieb einen langen
+Brief an seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. Eines
+Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb einen Vers aus Dante:
+und einen halb rhetorischen, halb wahnsinnigen Entwurf: »Der Gedanke«.
+
+=Juli 1890.= Er arbeitet fleißig in der Schneiderstube, und sein
+Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. In Worten und Briefen lobt
+er die Vorgesetzten, daß sie Mitleid mit einem armen Unglücklichen
+haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und zu hoffen. »Sorge
+für das Wohl unserer Kinder und achte darauf, daß ihnen kein Schaden
+zustößt.« »Ich empfehle Dir,« sagt er ein anderes Mal, »immer heiter zu
+sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen,« und er prophezeit ihr
+eine glückliche Zukunft. Er ist mit Allem und mit Allen zufrieden und
+verlangt und wünscht nichts. --
+
+Damit schließt die Beobachtungsperiode des M...
+
+
+Diagnostische Erwägungen.
+
+Nachdem so die Persönlichkeit des Antonino M... dargestellt ist, nachdem
+auch seine physische Beschaffenheit mit Rücksicht auf die körperliche
+Entwickelung und die Funktionen des vegetativen Lebens genau untersucht
+ist, nachdem alles in Erwägung gezogen ist, was während der Zeit, wo er
+in Observation war, in die Erscheinung getreten ist, wobei keine
+Gelegenheit und kein Mittel unbenutzt gelassen sind, um normale
+Veranlagung und krankhafte Neigungen zu entdecken, werden wir jetzt
+alles darlegen, was zu einem diagnostischen Urteil über den
+Geisteszustand des M... führen kann.
+
+Wir fanden bei Antonino M...:
+
+1. =Erbliche krankhafte Veranlagung.= Wir wollen auf die Mitteilungen
+über diesen Punkt kein Gewicht legen, da sie von der Ehefrau des M...
+herstammen, die an der Verteidigung interessiert ist. Dennoch ist eine
+Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie wir später sehen werden, läßt sich der
+krankhafte Charakter des M... als ein Komplex von Anomalien der
+Entwickelung darstellen, der nicht individuellen Ursprung haben kann,
+sondern ihm von seiner Familie überkommen sein muß, insofern er nämlich,
+abgesehen davon, daß er sie schon in sehr jugendlichem Alter zeigt,
+einen angestammten Mangel an dem Halt zeigt, vermittelst dessen Leute
+aus gesunden Familien gewöhnlich zum Gleichgewicht der geistigen Kräfte
+und der Nervenfunktionen gelangen.
+
+2. =Gewohnheitsmäßigen Hang zum Verbrechen.= M... hat von seinem 18.
+Jahr bis heute in einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen gelebt,
+die ohne Ausnahme alle nicht durch genügende, der Gesamtwirkung
+entsprechende Motive erklärt sind.
+
+Deshalb ist kein Zweifel, daß man in M... eine Disposition zum
+Verbrechen annehmen muß, die an seine Konstitution gebunden ist. Es
+giebt keinen Fall, an dem man besser zeigen kann, daß es Verbrecher
+giebt, die es erst durch natürlichen Hang zum Verbrechen geworden sind.
+Das zeigt auch die Erwägung, daß er eine gewisse Art von Verbrechen und
+keine anderen begeht; in seiner Persönlichkeit ist immer das Movens zu
+einem Verbrechen gegeben, er findet in jeder gegebenen Bedingung der
+Umgebung oder der Gesellschaft einen Anlaß, mit Gewaltthätigkeiten,
+Aufruhr und Blutthaten zu antworten, und er kann deshalb aus den
+verschiedensten Gesichtspunkten als der prägnanteste Typus des
+antisozialen Menschen bezeichnet werden. Strafen, Leiden, Vorwürfe,
+Entfernung vom Vaterland und den Angehörigen hatten keinen Einfluß auf
+die Ausbrüche seiner Natur. Er war und ist eine Gestalt des
+=instinktiven Verbrechers=, aus der Klasse der unmoralischen
+blutdürstigen Verbrecher. Ich hebe die bemerkenswerte Thatsache hervor,
+daß M... keinen Hang zum Diebstahl gehabt zu haben scheint. Unter den
+geborenen Verbrechern, den krankhaften Produkten individueller
+Entwickelung oder konstitutioneller Krankheit muß man mehrere Typen
+unterscheiden, welche gemeinsame und verschiedene Charakterzüge haben,
+die die Grenze zwischen den einzelnen bezeichnen, ohne deshalb die
+Thatsache auszuschließen, daß in demselben Individuum ein gemischter
+Typus auftreten kann. Nach den Ermittelungen hervorragender
+Kriminalisten sondern sich die Diebe von den Mördern und den Verbrechern
+gegen die guten Sitten, welche letztere auch Mörder und Diebe sein
+können, aber die Unterscheidung zwischen den beiden ersteren ist
+häufiger. Das entspricht mit großer Deutlichkeit dem klinischen Typus,
+den M... als Verbrecher der zweiten Klasse darstellt. Wir sagen das,
+weil seine päderastischen Anwandlungen von besonderen Umständen
+hervorgerufen und vorübergehend waren, und nicht zu anderen sexuellen
+Scheußlichkeiten sich entwickelten, die sonst den Sexualperversen eigen
+sind. Auch die Fälschung, die er einmal beging, kann man nicht als dem
+Diebestypus zuzuzählen bezeichnen, denn die Absicht, in der er sie
+beging, war vielmehr der Ausdruck eines Mangels an moralischem Gefühl,
+als eine Tendenz zu den Verbrechen, zu welchen Verstellung,
+Vorbereitung, Zähigkeit und gemeiner Charakter gehören. Der Umstand, daß
+M... sich auch in seiner Straf- und Dienstzeit wiederholt über
+Geldmangel beklagt, ohne daß er, wenigstens soviel wir wissen, sich zum
+Stehlen hat hinreißen lassen, zeigt, wie sehr der besondere und
+unbezwingliche Hang zum Verbrechen der natürliche Effekt seiner
+Konstitution und nicht außerhalb seines Organismus wirkender Bedingungen
+war. M... zeigt, abgesehen von einer besonderen Hartnäckigkeit und einer
+raschen Auffassungsgabe, die ihn unter seinen Gefährten hervorragen läßt
+und ihm leicht die Mittel zum Verbrechen und zur Verteidigung in die
+Hand giebt, eine der gewöhnlichen Intelligenz der Verbrecher überlegene
+Intelligenz, welche seinen Geist zu Urteilen allgemeinerer Art führt, so
+daß er den Rohstoff zu einem Schriftsteller und Philosophen in sich
+trägt.
+
+M... war und ist auch besonderer Affekte des Hasses und der Liebe fähig,
+die an Intensität, Art und Färbung sich sehr von denen unterscheiden,
+welche bisweilen einen weniger unedlen Zug des gewöhnlichen Verbrechers
+bilden, bei dem es schon viel ist, wenn er inmitten der vielen Beweise
+für einen weitgehenden Mangel an moralischem Gefühl irgend eine
+zärtliche Neigung oder eine anscheinende Edelmütigkeit entwickelt, wenn
+er Personen oder Umständen sich gegenüber befindet, die sein Gelüst oder
+sein Interesse nicht reizen.
+
+Man weiß, in welche Übertreibung eine gewisse Bewunderung für die
+Affekte und den Großmut der Verbrecher, besonders der Briganten,
+ausgeartet ist. M... ist ein geborener Verbrecher, bei dem die Perioden,
+wo er wild, grausam, heftig, falsch, verworfen, zornig, hochmütig,
+argwöhnisch &c. &c. ist, mit anderen abwechseln, wo er weniger wild
+gewesen und sogar teilweise edelmütig und liebevoll ist. Deshalb muß man
+festhalten, daß M... als Verbrecher nicht von der Geburt allein den
+ganzen Umfang seiner krankhaften moralischen Disposition habe. Der
+geborene Verbrecher hat als krankhafte Individualität seine Analogien
+mit stark nervenkranken und seelenkranken Personen, bei denen die
+Krankheit eine Folge von Entwickelungsanomalien infolge ererbter
+Ursachen oder eine Folge von Einflüssen degenerierender Art ist, die
+sich im Verlauf des Lebens geltend machen. Insbesondere hat der geborene
+Verbrecher Analogie mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren. Wir
+wollen sehen, worin bei M... diese Analogien bestehen.
+
+3. =Anzeichen epileptischer Natur.= Diese finden sich überall in M...'s
+Leben, und es genügt ganz allgemein, auf die exzessiven Zustände
+hinzuweisen, die immer die Handlungen und Gedanken des M... begleiteten.
+
+M... hat alle moralischen Eigenschaften der Epileptiker -- er ist
+cholerisch, aufbrausend, ausschweifend, grausam, verleumderisch,
+argwöhnisch, neidisch, eitel und übertrieben im Haß und in der Liebe.
+Man kann sagen, daß jede gute That und jedes Verbrechen aus der einen
+oder der anderen krankhaften Eigenschaft seines Temperaments hergeleitet
+werden kann. Und wenn M... ein geborener Verbrecher ist, weil bei ihm
+das Verbrechen nicht nur gewohnheitsmäßig und unwiderstehlich und durch
+unverhältnismäßige Anlässe hervorgerufen erscheint, sondern auch, weil
+die Neigung zum Verbrechen mit der Entwickelung seiner physischen und
+psychischen Persönlichkeit wuchs, und er sie erblich überkommen hatte
+als Ausdruck einer unstäten und krankhaften Naturanlage, so kann man
+sagen, daß sein Verbrechertum sich in seinen einzelnen Zügen immer durch
+den Mechanismus epileptischer Momente manifestierte: M... ist ein
+geborener Verbrecher, der regelmäßig unter der Wirkung epileptischer
+Anfälle Verbrechen begeht. Er stellt mit einem Wort die Form des
+gewohnheitsmäßigen epileptischen Verbrechertums dar.
+
+Ein Beweis für die epileptische Natur des M... ist die Periodizität, in
+welcher sich sein krankhaftes Temperament äußert, indem die Zeiten, wo
+er ganz Zorn, Haß und Rachsucht ist, mit solchen abwechseln, wo er
+sanft, freundlich, milde, verliebt &c. ist.
+
+Aber nicht nur auf Ausdrücke des Temperaments beschränkte sich die
+psychische Epilepsie des M..., um diese psychische Epilepsie zu
+bestätigen, hatte er auch zuweilen wirkliche heftige Anfälle einer
+epileptischen Verrücktheit. Einmal, zur Zeit der Cholera, hatte M...
+einen Augenblick des Deliriums, das man als eine vorübergehende
+Verrücktheit epileptischer Natur bezeichnen kann. Ein ander Mal wurde er
+zu Hause in seinem Zimmer aufgefunden als Opfer einer geistigen Störung,
+die bald nachher sich entfernte.
+
+In meiner Anstalt litt er dreimal an Anfällen weitergehender
+Verrücktheit, die heftig auftraten und sich als Störungen des
+Gedankenganges, Wutausbrüche, schreckhafte Hallucinationen des Gefühls
+und des Gehörs, Mordgelüste charakterisierten, denen Schlafsucht,
+Abgespanntheit, Niedergeschlagenheit und Kopfschmerz folgten.
+
+Diese Anfälle waren unzweifelhaft epileptischer Natur, weil sie sich
+mehrere Male wiederholten und auf der Basis eines epileptischen
+Temperaments und ererbter krankhafter Anlagen sich entwickelten.
+Abgesehen davon, daß sie im wesentlichen in schreckhaften Fiebern und
+Gefühlshallucinationen bestanden.
+
+4. =Veränderungen des moralischen Gefühls.= Das Leben des M... ist
+übervoll von Verstößen gegen die Gefühle der Menschlichkeit, der
+Verwandtschaftlichkeit und der Gerechtigkeit. Alle seine Verbrechen
+stehen in keinem Verhältnis zu der Schuld des Opfers, in jedem Fall
+zeigte er einen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl und Mitleid. Er haßte
+seinen Bruder und seine Schwägerin, ohne daß er in seinen Schriften auch
+nur einen einzigen Grund dafür angeben kann und nur, weil er neidisch
+auf sie ist, die frei und ruhig leben können; während der Bruder nie
+seine verwandtschaftlichen Pflichten versäumt zu haben scheint. Sein
+Benehmen gegen seine Genossen im Gefängnis und im Heer, seine
+Zugehörigkeit zur Camorra zeigen seine Perversität zur Genüge. Aber auch
+hier greift dieselbe Ausnahme statt wie bei der verbrecherischen Natur
+des M...; nicht in allen Fällen und nicht allen Dingen gegenüber zeigte
+er den Mangel an moralischem Gefühl. Unter gewissen Umständen war er
+menschlich, anständig, edelmütig, und gewissen Personen zeigte er
+lebhafte und andauernde Zärtlichkeit. In Foggia, wo er in enger
+Freundschaft mit den Camorristen lebte, rettete er einen Gefährten vor
+der Rache der Camorra, er liebte und bewunderte den Hauptmann der
+Strafkompagnie, war im allgemeinen ein guter Kamerad und liebte sein
+Weib und seine Kinder mit seltener Kraft. Dies zeigt einerseits, daß
+M... nicht an einem vollständigen Mangel moralischer Gefühlt litt, der
+Blödsinn gewesen wäre, und andererseits beweist es zur Evidenz, daß die
+Veränderungen des moralischen Gefühls an die Bedingungen geknüpft waren,
+die ich als epileptische bezeichnet habe und die bisweilen die ganze
+Persönlichkeit des M... nach der einen oder anderen Richtung hin
+verändern. Deshalb stützen auch die Änderungen des moralischen Gefühls
+die Ansicht, daß der gewohnheitsmäßige Hang zum Verbrechen, der stets in
+ihm lebendig war, das Produkt bestimmter krankhafter Konditionen gewesen
+sei, die sich auf die Manifestation der epileptischen Art beziehen,
+welche intensive periodische Änderungen der Persönlichkeit bewirken und
+besondere Arten zu empfinden, zu wollen und zu handeln hervorbringen.
+M... ist demnach nicht der geborene Verbrecher, der Verwandtschaft mit
+dem Epileptiker und dem moralisch Irren hat, er ist vielmehr im
+wesentlichen ein Epileptiker, welcher gewohnheitsmäßig kraft der
+Anreizungen und der krankhaften Empfindungsart seiner epileptischen
+Natur Verbrechen begeht.
+
+Mit anderen Worten, in seinem Fall sind es nicht die Epilepsie oder der
+moralische Irrsinn, welche das angeborene Verbrechertum
+vervollständigen, sondern umgekehrt, das Verbrechertum und der
+moralische Irrsinn sind Ausdrucksweisen seiner Epilepsie.
+
+5. =Geniale Momente.= Die Lektüre der umfangreichen Schrift M...'s läßt
+erkennen, daß er eine lebhafte Intelligenz besitzt, die über das
+Mittelmaß hinausgeht und von Zeit zu Zeit zu Geistesprodukten gelangt,
+die genial genannt werden können. Das zeigt sich in seiner
+wirkungsvollen, präzisen, energischen Schreibweise, in der glücklichen
+Wiedergabe einer Situation durch ein einziges Wort, in einzelnen
+Dichtungen, in denen die kräftige und glühende Auffassung geradezu
+wunderbar ist. Auch darin zeigt sich wieder sein Temperament, welches in
+jedem Fall excessiv, gigantisch ist, und welches sich gelegentlich zu
+dem erhebt, was man gewöhnlich Augenblicke der Inspiration nennt.
+
+6. =Verfolgungs- und Größenwahnideen.= M... war ein Individuum, das die
+Dinge von hervorragend subjektivem Standpunkt ansah. Er hatte seltene
+Augenblicke der Ruhe, wo er bis zu einem gewissen Grad von seiner
+eigenen Individualität zu abstrahieren und die Dinge gerecht und billig
+zu beurteilen vermochte.
+
+Alle Personen, so uninteressant und unwichtig sie für sein Leben auch
+gewesen sein mögen, er beurteilte sie immer als Freunde oder Feinde
+seines Ichs. Die Vorgesetzten, Gefährten, Beamten, Wächter waren
+entweder sehr schlechte oder sehr gute Leute. Entweder thaten sie ihm
+Unbill an, oder sie erwiesen ihm Höflichkeiten. Eine solche Art zu
+denken und zu urteilen ist den Personen eigen, die wir erblich belastet
+nennen, und die nicht genügend Mäßigung und Halt besitzen, sodaß sie
+automatischen Handlungen und Reflexen leicht unterworfen sind. Es sind
+Individuen, bei denen, wenn man so sagen darf, der Wille durch eine
+besondere Art zu empfinden beherrscht wird, wodurch alle ihre Handlungen
+eine gewisse Widerstandslosigkeit bekommen. Das klare Bewußtsein läßt
+sie oft im Stich, wenn auch sonst Intelligenz und Urteilskraft vorhanden
+ist, und sie urteilen über eine Fülle von Eindrücken, die durch ihre
+vorschnelle, übertriebene und irrige Art zu empfinden gefälscht werden.
+In diesen Fällen hat das den Dingen gegenübergestellte »Ich« das
+ausschließliche Übergewicht, und die Dinge sind oder sind nicht, je
+nachdem wie dieser oder jener Empfindungsmodus in dem Individuum es
+bestimmt. Je nachdem, ob sie entschlossen sind, die Dinge schmerzlich
+oder angenehm zu erfassen, schaffen sie sich eine systematische
+Disposition von größerer oder geringerer Intensität, um von schwierigem
+oder leichtem Temperament zu sein und sich verfolgt oder befriedigt zu
+fühlen. Im allgemeinen wird jedoch aus der eben beschriebenen
+Hyperästhesie eine Gemütslage geschaffen, welche je nach den
+Augenblicken oder den Dingen wechselt, und so folgen sich abwechselnd
+angenehme und unangenehme Dispositionen. Der Exzessive, der von Natur
+argwöhnisch ist, ist gewöhnlich auch hochmütig, der Verfolgte ist auch
+stolz. Abgesehen von der Abnormität des Geistes wäre die Logik
+vollkommen. M... hatte, gleichzeitig mit dem Glauben, überall verfolgt
+oder geachtet, verraten oder geliebt zu werden, immer eine hohe Meinung
+von seinem Wert und seinen Verdiensten, und eine Art selbstherrlicher
+Gerechtigkeit, welches ihm oft das Verbrechen, welches er begeht, als
+eine gerechte That erscheinen läßt. Zuweilen erreicht seine Disposition
+zum Argwohn und zum Hochmut den Grad eines wirklichen Deliriums. Der Haß
+gegen den Bruder und die Schwägerin ist nicht mehr und nicht weniger als
+ein Verfolgungswahn, denn er wuchs ohne einen Schatten genügenden Grunds
+und nährte sich von rein imaginären Ansichten. Der Zorn gegen den
+zweiten Hauptmann der Strafkompagnie steigerte sich zur wahnsinnigen
+Heftigkeit. Seine Beredsamkeit in der Verteidigungsrede vor dem
+Militärgericht und dem Gerichtshof zu Monteleone zeigte krankhafte
+Selbstüberhebung. Welche Beziehungen hat nun diese Disposition zur
+Verfolgungs- und Selbstüberhebungswahnidee mit der epileptischen Natur,
+dem gewohnheitsmäßigen Verbrechertum und dem moralischen Irrsinn des
+M...? Wir haben gezeigt, daß die Epilepsie nicht jene gewöhnliche
+unverhüllte war, die sich in konvulsivischer Manifestation äußert,
+sondern daß sie sich vielmehr darauf beschränkt, eine sogenannte
+psychische Epilepsie zu sein, die sich in gelegentlichen psychischen
+Störungen äußert.
+
+Anstatt der Konvulsionen ist sie vorwiegend eine auf den Ausdruck des
+epileptischen Temperaments beschränkte Epilepsie. Sie ist eine, wie ich
+es nenne, =diffuse= Epilepsie, will sagen, die Wirkung eines Moments
+unvollständiger Entwicklung der Epilepsie selbst, welche durch eine
+Serie epileptischer Individualitäten hindurch sich ausgestaltet, bis sie
+den Gipfel der selbstthätigen Impulsion erreicht hat, die auf einen
+beschränkten Zeitraum (epileptischer Anfall) und einen bestimmten Sitz
+im Gehirn beschränkt ist; anderenteils ist sie bei M... auf der Staffel
+der Ausgestaltung nicht mehr soweit zurück, daß sie nicht in gewissen
+epileptischen Anfällen zum Ausdruck gelangt, die als Zeichen ihrer
+Unreife die Möglichkeit zeitlicher Beschränkung und die rasche und
+leichte Veränderlichkeit des Temperaments aufweisen. Daher die seltsame
+Wandelbarkeit des M..., unmoralisch, grausam, sanft und poetisch. Der
+argwöhnische und selbstgefällige Habitus des M... ist nichts anderes als
+der rudimentäre Ausdruck jener psychischen Manifestationen, die während
+des epileptischen Anfalls hyperbolische Wahnsinnsformen annehmen und
+neue und akute Bewußtseinszustände und Handlungen schaffen.
+
+Auch die Thatsache, daß M...'s Dispositionen zum Delirieren nicht in
+einem gewöhnlichen Anfall ihren Ursprung hatten, sondern im Laufe der
+Entwickelung seiner Person wuchsen und hierbei Gestalt und Intensität
+aus den Konditionen der anderen krankhaften Anzeichen gewannen, zusammen
+mit der Erwägung, daß die beiden Formen des Deliriums nicht wie bei der
+gewöhnlichen Entwickelung der Paranoia auf einander folgten, sondern
+ohne logische Beziehung neben einander aufwuchsen als Äußerungen der
+besonderen Disposition zur Reaktion, beweist, daß sie nur Äußerungen der
+degenerierten erblich überkommenen konstitutionellen Natur des M...
+sind.
+
+Dieser M... leidet demnach, um unser Urteil zusammen zu fassen, soweit
+die historischen und psychologischen Beweise ergeben, an
+nervös-psychischer Degeneration, welche sich durch dunkle, rudimentäre
+und vielfältige Manifestationen äußert. Wenn die Epilepsie des M... sich
+in der einen oder der anderen Weise mit großer Intensität geäußert
+hätte, so würde sie eine geringere Mannigfaltigkeit der Äußerungen und
+sich als isolierte Form gezeigt haben. So ist zu schließen, daß M...,
+der im Grunde und hauptsächlich Epileptiker ist, auch ein Verbrecher,
+ein moralisch Irrsinniger, ein Genie und ein an Verfolgungs- und
+Größenwahn Leidender ist.
+
+Vielleicht würden, wenn die degenerierte Natur des M... weniger
+ausgesprochen wäre, als sie es wirklich ist, die einzelnen krankhaften
+Erscheinungen von der Epilepsie weniger in Abhängigkeit gestanden haben,
+und würden anstatt die Schwestern, vielmehr die Töchter einer
+krankhaften Gesamterscheinung sein, die wegen der Differenzierung und
+Entwicklung der einzelnen Symptome sich aufgelöst hätte, ohne uns zur
+Erkenntnis zu gelangen. In dem Grade, wie die Epilepsie bei M...
+herrschte, konnte sie, wenn nicht als die Wurzel, so doch als der Stamm
+erscheinen, um den die krankhaften Erscheinungen hervortreten. Daher die
+wichtige Erwägung, daß die Disposition zum Verfolgungs- und Größenwahn
+mächtig dazu beitrug, den epileptischen Mechanismus in Bewegung zu
+setzen, durch den das Verbrechen ihm entsprang, insofern als diese
+Disposition in ihm den Boden schuf für die falsche Abschätzung, der die
+Reaktion entsprach, die ihrerseits mit der Größe der Beleidigung in
+keinem Verhältnis stand.
+
+Wir wollen sehen, ob unser Urteil durch die physische Untersuchung
+gestützt wird, die wir wiederholt an M... angestellt haben.
+
+7. =Anomalien im Körperbau.= Unsere sorgfältigen Untersuchungen haben
+zunächst einige Anomalien im Körperbau entdeckt, welche zwar keinen
+hohen Grad erreichen, die dennoch nicht übersehen werden dürfen. Es
+liegen vor:
+
+ a) Leicht henkelförmige Ohren.
+
+ b) Spuren von Darwin'schem Höcker.
+
+ c) Kurzschädel.
+
+ d) Unterbrochene Zähne.
+
+Diese Anomalien sind hervorragend atavistischer Natur, sie enthüllen ein
+Zurückbleiben in der körperlichen Entwicklung und erinnern an
+anatomische Gebilde, die bei den Tieren ersichtlich sind, mit denen der
+Mensch möglicherweise gleichen Ursprung hat. Der Kurzschädel würde an
+und für sich wenig Bedeutung haben, aber sie gewinnt, weil M...
+Kalabreser ist, wo der Langschädel die Regel ist, so daß das Gegenteil
+eine gewisse Rassendegeneration andeutet.
+
+8. =Anomalien in der Sinnesempfindung.= Hier finden wir die größten
+Anomalien. M... hat:
+
+ a) Subanästhesie des Tastgefühls am ganzen Körper, aber mehr auf
+ der rechten Seite, mit Ausnahme der Zunge, wo sie auf der linken
+ Seite größer ist.
+
+ b) Verringerte Sehkraft auf dem rechten Auge.
+
+ c) Fehlen des Gehörs auf der rechten und sehr schwaches Gehör auf
+ der linken Seite.
+
+ d) Sehr schwaches Geschmacksvermögen.
+
+Diese Anomalien der Sinnesempfindungen haben Wert als funktionelle
+Anomalien, die oft mit der Epilepsie verbunden sind.
+
+9. =Tätowierungen.= Die Tätowierung ist bei M... ein klinisches
+Phänomen, und hat einen hervorragenden psychologischen, soziologischen
+und pathologischen Wert. Die Tätowierung erscheint bei den
+Gefängnisinsassen, selten bei den Soldaten, welche Rachepläne und
+Erkennungszeichen unter der verbrecherischen Gesellschaft verabreden.
+Für den Schmerz, den die Tätowierung mit sich bringt und der gesunde
+Personen davon zurückhält, zeigen die Verbrecher eine gewisse
+Unempfindlichkeit und setzen sich demselben freiwillig aus. Die
+Tätowierung zeigt deutlich die Leichtfertigkeit und die Eitelkeit, die
+dem gewohnheitsmäßigen Verbrecher eigen sind, und die in ihm
+Gewissensbisse nicht aufkommen lassen und ihm eine Empfindung des eitlen
+Ruhms und der Überlegenheit verleihen.
+
+10. =Subjektive Empfindungsstörungen.= Er leidet an Schwindel, heftigen
+Kopfschmerzen, glaubt, daß das Haar sich ihm sträubt, und empfindet
+nervöse Abspannung in mehr oder minder naher Beziehung mit epileptischen
+Vorkommnissen.
+
+11. =Anomalien der Bewegung.= Unter dieser Rubrik verzeichnen wir:
+
+ a) Schwachen Reflex der Pupillen;
+
+ b) Zittern der Hände;
+
+ c) geringe dynamometrische Kraft.
+
+Alle diese Eigentümlichkeiten sind den Familien der erblich
+Degenerierten mit ungenügender Entwickelung gemeinsam, von denen die
+Blödsinnigen, die Nervösen, die Verbrecher, die moralisch Irrsinnigen
+und die, welche leicht in frühzeitige Paranoia verfallen, herstammen.
+
+Alle diese Anomalien vervollständigen das Bild, welches die
+historisch-psychische Betrachtung des M... ergab. Sie beweisen, daß der
+Körper des M... eine Verzögerung und Ungleichheit der Entwickelung
+erfahren hat, aber diese Anomalien sind im einzelnen nicht genügend
+entwickelt, um eine derselben besonders hervortreten zu lassen. Auch
+hier hat sich die reversive Degeneration des M... auf einen
+rudimentären Grad beschränkt; daher das gleichzeitige Auftreten so
+vieler funktioneller Manifestationen verschiedener oder unentwickelter
+Natur.
+
+Das pathologische Fundament der nervös-psychischen Anomalien des M...
+haben wir hauptsächlich in der Epilepsie gefunden, um welche sich als
+symptomatische oder coordinierte Erscheinungen alle anderen reihen:
+Verbrechertum, moralischer Irrsinn, Genialität, Verfolgungs-und
+Größenwahn. Das pathologisch-anatomische Fundament der Anomalie des
+Körperbaues, der Sinnesempfindungen und der Bewegungen tritt nicht so
+evident hervor, aber es ist ohne Zweifel die gehemmte Entwickelung der
+morphologischen Konstitution der Nervenzentren. Wie die psychische
+Epilepsie nicht bis zu den konvulsivischen Störungen vorschritt, so sind
+auch die Störungen des anatomischen Baues rudimentär, auch mit Beziehung
+zur Epilepsie, da sie nicht so weit gehen, dem Schädel die sonst bei den
+anderen Formen der Epilepsie gewöhnliche Form des Plattkopfes zu geben.
+Das Benehmen des M... in dem Irrenhause war ein solches, wie man es nach
+Kenntnis und Schätzung seiner Antecedentien erwarten konnte. M... war
+intelligent, vielleicht glaubte er, daß das Irrenhaus und das Urteil der
+Irrenärzte allein ihn der Justiz entziehen könnte. Zuversichtlich und
+selbstvertrauend hatte er den festen Vorsatz, zum Ziel zu gelangen. Auch
+er hatte seine Periode gewöhnlichen Simulantentums, worin sich die Eile,
+das gewünschte Urteil zu erlangen, äußerte. Aber sein scharfer Verstand
+mag ihm gesagt haben, daß er seine Position verdarb, und daß in den
+Augen der Psychiater die Simulation lächerlich und unwirksam ist.
+Deshalb wechselte er seine Taktik und suchte durch sein Benehmen das
+Wohlwollen und das Mitleid derer, die direkt oder indirekt einen Einfluß
+auf sein Urteil üben könnten, für sich zu gewinnen.
+
+Aber sein Leiden enthüllte sich uns ohnehin, weil wir in den
+unnachahmlichen und physischen Anomalien die volle Übereinstimmung mit
+den psychischen Anomalien fanden. Jeder begreift, wie sehr seine
+Manuskripte Zeugnisse sind, die unser volles Vertrauen verdienen. In
+ihnen zeigt sich, ohne daß der Schreiber es gewollt hatte, die ganze
+krankhafte Anlage seines Temperaments, und sie sind eine treue
+Wiedergabe seines Charakters und eine genaue Formel der ganzen Dynamik,
+die ihn immer wieder zum Verbrechen hintrieb.
+
+
+Gesamturteil.
+
+Wir halten es für voll erwiesen, daß M... ein durch erbliche Veranlagung
+degenerierter Mensch ist, welcher Zeichen einer leichten anatomischen
+und funktionellen Entwickelungshemmung und atavistische und
+pathologische Zeichen aufweist, welche auf das Gebiet der nicht zur
+vollen Reife gelangten Entwickelung gehören.
+
+Genau gesprochen halten wir ihn befallen von Formen des instinktiven
+Verbrechertums, des moralischen Irrsinns, des Verfolgungs- und
+Größenwahns, welche alle, obgleich ursprünglich die Erzeugnisse der
+reversiven Degeneration, von der Epilepsie beherrscht werden, an der
+M... auch leidet, und auch diese ist, wie die anderen krankhaften
+Erscheinungen, im rudimentären Zustande vorhanden.
+
+Wir haben vorher gesagt, wie aus der Gesamtheit der krankhaften Natur
+des M... die Beweggründe zu seinen verbrecherischen Thaten entspringen
+mußten, denn er empfand und urteilte exzessiv, wie er auch subjektiv im
+Handeln und Reagieren war. Er tötete, verwundete und beleidigte, weil er
+sich beleidigt und verfolgt glaubte. Er tötete, verwundete und
+beleidigte ohne Erregung und ohne Mitleid, weil er keine normale
+Empfindung für Moral und Mitleid hatte. Er tötete, verwundete und
+beleidigte, wo kein genügender Grund dazu vorlag, denn in seinem
+heftigen impulsiven Charakter kamen die hemmenden und mäßigenden
+Faktoren nicht genügend zur Geltung. Der Fall des versuchten
+Brudermordes wird durch unsere Definierung des M... vollständig erklärt.
+Er haßte seinen Bruder infolge seiner Verfolgungswahnidee und der
+mangelhaften Art, verwandtschaftliche Liebe, Dankbarkeit und
+Verträglichkeit zu empfinden. Er bereitete das Verbrechen zähe und
+umsichtig vor, infolge seines exzessiv reizbaren und rachsüchtigen
+Temperaments. Er schoß den unschuldigen Bruder mitten in die Brust, weil
+in ihm Zorn und Haß blind, die Empfindungen verworren waren und jedes
+Maß fehlte. Er bereitete seine Verteidigung mit Zähigkeit und
+Verlogenheit vor, weil in ihm das ursprüngliche Gefühl der
+Selbsterhaltung riesenhaft überwog, jenes riesenhafte Gefühl, welches
+alle anderen sozialen Gefühle in ihm verdrängt, soweit sie nicht seiner,
+dem bürgerlichen Leben widerstrebenden Natur sich anpassen. Er handelte
+stets zum augenfälligen Nachteil für sich und die andern, oft auch unter
+der Illusion des unmittelbaren eigenen Nutzens. Er war kein Verbrecher
+aus Dummheit, denn er war intelligent; er war ein Verbrecher aus
+Instinkt, in ihm war ein Charakter der Unordnung, des Schadens, des
+sozialen Umsturzes personifiziert.
+
+Er ist der Typus des Verbrechers, den die Gesellschaft =bösartig= nennt,
+jener Typus, den die Lombrososche Doktrin zu leugnen drohte, und welcher
+der gewöhnlichen Ansicht von der Geißel entspricht, die Gott entsendet,
+um die sündige Gesellschaft zu strafen.
+
+In meinen Augen ist das in Wirklichkeit der Fall, denn wissenschaftlich
+gesprochen ist er einer der Faktoren des sozialen Gleichgewichts, und er
+blüht und gedeiht in der Gesellschaft, wo sich die biologische
+Notwendigkeit der Beschränkung der Bevölkerung geltend macht. Die
+flüchtigen und seltenen Anzeichen des Genies in ihm deuten darauf hin,
+daß die Natur von demselben Stoff wie für die abnormale Entwickelung die
+Elemente jedes für die Erhaltung des Gleichgewichts in der menschlichen
+Gesellschaft bestimmten Instruments nimmt. M..., in dem die
+Charakteristik des Verbrechers vorherrscht, wurde ein vorwiegend
+negatives Element.
+
+War M..., als er den Brudermord versuchte, in einem Zustand, daß er
+nicht das vom Gesetz erforderliche Bewußtsein seiner strafbaren Handlung
+hatte? Das würde außer Zweifel sein, wenn er die That während einer den
+epileptischen Anfällen vorausgehenden Verrücktheit begangen hätte. Aber
+er gebrauchte lange Vorbereitungen dazu, und in dieser Zeit wußte er,
+was er thun wollte und was er auch gethan hat, er wußte es bis auf den
+Tag und die Minute.
+
+Aber war es wirkliches Bewußtsein von seiner That, das M... hatte?
+
+Wir unterscheiden zwei Bewußtseinsformen, eine intellektuelle und eine
+moralische. Daß er die erstere hatte, ist klar -- aber die zweite? Hier
+muß man das sogenannte moralische Bewußtsein in der =Erkenntnis= der
+Immoralität einer Handlung und in der =Empfindung= dieser Immoralität
+unterscheiden.
+
+Bei der ersten weiß ein Individuum, daß eine gewisse Handlung nicht nur
+andern schädlich ist, sondern auch, daß sie in der Gesellschaft, in der
+er lebt, für tadelnswert und verdammungswürdig gehalten wird; bei der
+zweiten empfindet er einen instinktiven Schauder, die That zu begehen,
+welche die Gesellschaft tadelt und verdammt. In der Regel existieren bei
+der bürgerlichen Erziehung beide Formen gleichzeitig neben einander.
+Aber es ist möglich, daß die Erkenntnis der Immoralität vorhanden und
+die =Empfindung= derselben nicht zur Ausbildung gelangt ist. Dies ist
+der Fall bei dem Zustande der Anomalie in der Formation der geistigen
+Persönlichkeit; bei den entgegengesetzten Zuständen der Dekadenz kann
+das moralische Empfinden vorhanden sein, während die Erkenntnis
+verschwunden oder verändert oder verdunkelt ist -- oder umgekehrt; diese
+kann bleiben, während die Empfindung der Moralität verloren,
+abgeschwächt oder verändert sein kann. Auch können beide nicht gebildet,
+oder schlecht gebildet, oder verfallen oder verändert sein.[3]
+
+ [3] Vergl. mein Buch: _Degenerazioni psicosessuali_, das Kapitel
+ »Immoralität«.
+
+Von grundlegender Bedeutung für die strafgesetzliche Verantwortlichkeit
+ist die Erkenntnis der Handlung; demgemäß muß diese Verantwortlichkeit
+die Erkenntnis der Immoralität voraussetzen und der Empfindung der
+Immoralität allmählich näher kommen.
+
+Hatte nun M... in dem Augenblick, wo er den Brudermord versuchte, die
+Erkenntnis der Immoralität seiner Handlung? Gewiß, aber nicht
+entsprechend der Erkenntnis, welche in der Gesellschaft, in der er
+lebte, gewöhnlich ist. Er wußte, daß die Gesellschaft seine Handlung
+tadeln würde, aber er wußte bei sich selbst, daß die anderen und nicht
+er Unrecht hatten, und daß er natürlicher Weise das Recht habe, das zu
+thun, was er that. Ein Mensch von seinem Charakter hatte sich eine
+eigene Welt gestaltet, die seinen eigenen Gedanken entspricht, und er
+handelte in der Ueberzeugung, etwas zu thun, was von den andern getadelt
+werden würde, aber nicht von den Gesetzen der Gerechtigkeit, wie er sie
+auffaßte. Er hatte, um es so auszudrücken, das intellektuelle Bewußtsein
+der juristischen Immoralität seines Verbrechens, aber nicht die
+eigentliche Überzeugung der Immoralität der That selbst. Es ist genau
+die Sache wie mit einem Menschenfresser, der hier zu Lande einen
+Menschen verzehren würde: Er weiß, daß dies für schändlich gehalten
+wird, aber er selbst findet es in der Ordnung. Und da dieser Wilde nicht
+von der Immoralität überzeugt ist, als welche die andern seine Handlung
+erklären, so kann sich in ihm, so lange diese seine Meinung andauert,
+nicht eine Empfindung festsetzen, welche ihn spontan von seiner Handlung
+zurückschrecken lassen würde.
+
+Das moralische Empfinden des M... wurde sicherlich nach dem Muster des
+speziellen Begriffs der Moralität, die er in sich trug, gebildet.
+
+Heutzutage will das Gesetz, daß nur die im intellektuellen Bewußtsein
+begangenen Handlungen bestraft werden, oder meint es mit dem allgemeinen
+Wort »Bewußtsein« auch das moralische Bewußtsein? Wenn es auch dieses
+fordert, so ist klar, daß es dasselbe nach dem Muster desjenigen
+verlangt, wie es das Erbteil der gesunden und normalen Gesellschaft ist,
+und nicht wie es als Produkt irgend welcher krankhaften Geisteszustände
+erscheinen kann, und ohne Zweifel soll das Gesetz auch die Existenz des
+moralischen Bewußtseins fordern; denn das natürliche Fundament eines
+jeden Gesetzes ist bei einem freien Volke die allgemeine Überzeugung von
+seiner moralischen Nützlichkeit.
+
+Hatte nun M..., als er die That beging, die volle Freiheit des Handelns?
+
+Man kann sagen, er hatte sie weder ganz, noch fehlte sie ihm
+vollständig. Die freiwillige Handlung ist nicht ein freies Produkt des
+Geistes. Sie ist das Resultat vorhergehender psychologischer Motive,
+deren Intensität einen analogen freiwilligen Akt als Resultat giebt, und
+die Intensität der psychologischen Motive und der darauf folgenden
+Handlung steht in Beziehung mit der gewöhnlichen Art zu empfinden und zu
+urteilen und entspricht der Persönlichkeit.
+
+Wir haben gesagt, daß M... durch seine epileptische Anlage exzessiv,
+heftig und impulsiv war. Daraus geht hervor, daß die Freiheit, über
+welche M... anscheinend verfügte, keine eigentliche, sondern durch sein
+Temperament beeinflußt war. Es ist bekannt, daß die Epileptiker leicht
+zu übertriebener Reaktion hingerissen werden.
+
+Der Wille ist der Ausdruck einer kordialen Funktion, er ist das Produkt
+einer langsamen Evolutionsarbeit, welche als entfernte Antecedentien die
+automatischen Bewegungen und als Vermittler die Reflexhandlungen hat.
+Das, was automatisch und reflexiv ist, ist eine Nervenkraft, die noch
+nicht so weit ausgestaltet ist, daß sie ein Ausdruck bewußter Funktion
+ist. Das, was in den Willensakten exzessiv ist, ist eine Nervenkraft,
+die unter dem Impuls automatischer oder reflexiver Aktionen handelt.
+Zwischen dem Willensakt und dem Urteil, das ihm vorhergeht, besteht bei
+normalen Bedingungen ein Äquivalent der Intensität; der Exzeß des
+Willens stellt ein Gewicht dar, welches von außen dem Gleichgewicht
+hinzugefügt ist, ebenso wie das Gegenteil bei der Willenlosigkeit der
+Fall ist.
+
+Die Epilepsie ist an sich selbst eine krankhafte Thatsache, welche einen
+Zustand der ungenügenden Willensentwickelung darstellt; sie ist der
+Ausdruck der Permanenz automatischer oder halbreflexiver Einflüsse. Um
+so eher mischt sie sich in diejenigen Willensakte, die von dem Urteil
+oder der Empfindung hervorgerufen sind, je weniger sie voll entwickelt,
+d. h. je mehr sie diffus ist.
+
+M... leidet an dem, was ich =diffuse Epilepsie= nenne, und was
+gewöhnlich epileptisches Temperament genannt wird, und deshalb können
+seine Willensakte niemals richtig an der Intensität der logischen
+Motive, die sie hervorrufen, gemessen werden. Wenn er gegen seinen
+Bruder gerechten Grund zum Haß zu haben glaubte, und wenn seine Vernunft
+ihm das Urteil eingegeben hatte, sich zu rächen, so ging sein Wille
+außerordentlich über die Vorschriften der Vernunft hinaus, bis zum Mord.
+
+Und deshalb war M... am Tage des Verbrechens nicht freier Herr seiner
+Handlungen.
+
+Demnach würde M... im Sinne des Gesetzes nicht für das begangene
+Verbrechen verantwortlich gewesen sein, sondern entweder
+unverantwortlich oder halb verantwortlich.
+
+Ist er unverantwortlich oder halb verantwortlich?
+
+Das sind Fragen, die gewöhnlich dem Richter vorgelegt werden, der sie
+löst, indem er die Umstände, Thatsachen und Folgerungen sich in seiner
+Weise zurechtlegt.
+
+Der Irrenarzt hat nicht die subtilen und endlosen Unterscheidungen des
+Rhetorikers oder Metaphysikers zur Verfügung, die ihm gestatten, die
+Schuld oder das Verdienst an einer gegebenen Handlung zum Teil auf die
+Seele und zum Teil auf den Körper zu verteilen.
+
+Als ich mich dem dunklen Abgrund näherte, wo die Seelenthätigkeit sich
+vollzieht, da hat mir die schwache Leuchte der Wissenschaft flüchtig
+einige der Faktoren enthüllt, welche die gröbsten Äußerungen des Geistes
+bestimmen. Und dieses geringe Ergebnis genügte, um mich zu überzeugen,
+daß auch in der Thätigkeit des Geistes ein unabänderlicher Determinismus
+herrscht, daß unter gegebenen Umständen besondere Aktionen bestimmte
+notwendige Wirkungen hervorrufen. Aber in der langen Kette von Reizen,
+welche jede Bewegung des Geistes bestimmt, vermag man nicht zu sagen,
+wie weit eine Aktion durch eine andere aufgehoben oder beeinflußt werden
+kann.
+
+Wenn in M... beim Begehen seines Verbrechens der Einfluß realer äußerer
+Motive die Reaktion bestimmt, so wissen wir nicht, einerseits inwieweit
+diese Motive Unterstützung oder Widerstand in seinem habituellen
+Charakter fanden (d. h. in seiner gewöhnlichen Art zu denken und zu
+reagieren, die durch erbliche und erworbene Neigungen, welche allmählich
+aus der Erfahrung hergenommen werden, bewirkt ist), und inwieweit
+andererseits die realen Motive einen Antrieb oder eine mehr oder minder
+starke Färbung durch jenes Mittelmaß empfangen haben, welches
+gewöhnlichen Menschen zukommen würde, die ungefähr in seiner Lage und
+seinen Verhältnissen sich befinden. Wenn man also sagen wollte, daß M...
+bis zu dem oder jenem Grade die moralische Verantwortung für sein
+Verbrechen trage, so hieße das glauben machen, daß man den Vorgang, der
+sich in der Seele bis zum Zustandekommen eines bestimmten Willensaktes
+abspielt, genau übersieht.
+
+Der Wissenschaft soll man solche Fragen nicht vorlegen, sie gehören den
+Metaphysikern und den Theologen, welche den Fuß auf den festen Boden
+setzen, der ihnen durch ein Axiom oder ein Dogma gegeben wird, und von
+wo aus sie durch Syllogismen weiter schließen. Uns fehlen beide
+Prämissen.
+
+Was heißt verantwortlich oder unverantwortlich für den Gelehrten?
+
+Wir können bezüglich des M... nur die Erklärung abgeben: das Verbrechen
+erfolgte als Reaktion auf Motive, die zum großen Teil delirienartiger
+Natur waren, und die in dem krankhaften Temperament des M... günstige
+Konditionen gefunden haben, um exzessive und unmoralische Wirkungen
+hervorzubringen.
+
+Ist M... strafbar oder nicht?
+
+Auch auf diese Frage hat der Irrenarzt nicht zu antworten.
+
+Der Begriff der Strafe, wie er vom Gesetzbuch verstanden wird, ist eine
+soziale Konvention, welche, um angenommen zu werden, als notwendige
+Voraussetzung die allgemeinen und besonderen Bedingungen hat, unter
+welchen im allgemeinen Verträge als giltig anerkannt werden. Dazu gehört
+in erster Linie die geistige Gesundheit des Kontrahenten.
+
+In unserm Fall ist M... nicht gesund; folglich hat man mit Bezug auf ihn
+nicht von einer »Strafe« zu sprechen. Vielmehr hat der Irrenarzt sich zu
+fragen: Ist es möglich und wahrscheinlich, daß er unter denselben oder
+ähnlichen Umständen die That wiederholt, und glaubt die Behörde
+eventuell ein Mittel zu finden, ihn für die Gesellschaft unschädlich zu
+machen?
+
+Auf diese Frage antworten wir: M... wird nie von seiner Krankheit
+gesunden und wird deshalb immer geneigt sein, die Verbrechen zu
+wiederholen, von denen seine Existenz bis heute voll ist. Und deshalb
+hat die Behörde, in der Ueberzeugung, daß in dem vorliegenden Fall den
+M... keine Schuld trifft und ihn darum keine Strafe treffen kann, dafür
+zu sorgen, daß er unschädlich gemacht werde.
+
+Soll sie ihn in die Verbrecherirrenanstalt schicken?
+
+Er müßte an einen sicheren Ort gebracht werden, den er nicht eher
+verlassen dürfte, bis er unschädlich ist.
+
+Wird das nie eintreten?
+
+Man wird im Ernst nicht glauben, daß das vermittelst der Heilkunst
+geschehen kann, aber vielleicht könnte in dem Laufe der organischen
+Entwicklung des M... ein Moment kommen, wo M... für die Gesellschaft
+unschädlich ist. Vielleicht könnte das Alter das herbeiführen.
+
+Der erfahrene Mann, der mit der Überwachung des M... vertraut ist,
+könnte seiner Zeit beurteilen, ob der Fall eingetreten ist.
+
+Und ohne den Makel der Schuld und ohne irgend eine Form der Strafe müßte
+M... der Öffentlichkeit die Sicherheit bieten, daß von ihm jetzt keine
+den Mitmenschen nachteilige Handlung mehr ausgehen wird.
+
+Wenn übrigens der Gerichtshof die Sache anders auffaßt und M... zu einer
+langen Kerkerstrafe verurteilt, so würde der Irrenarzt sich dabei
+beruhigen, daß dem gefährlichen Menschen, wenn auch vermittelst des
+Gefängnisses, die Gelegenheit, weitere Verbrechen zu begehen, entzogen
+wird.
+
+Wenn über der Kerkerthür nicht das Wort »Strafe« geschrieben stände,
+oder wenn, besser noch, diesem Wort eine vernünftigere Bedeutung
+beigelegt würde, wie etwa =Besserung= oder =Abwehr=, wieviel besser
+würde dann dieser Kerker sein als die Verbrecherirrenanstalt, aus der
+ein gefälliger Richter nach einem unqualifizierbaren Artikel des
+gegenwärtigen Gesetzbuchs die gefährlichen Menschen entlassen kann,
+welche Mittel haben, sich ihm zu empfehlen.
+
+Girifalco, Juli 1891.
+
+ Prof. Silvio Venturi,
+ Direktor des Provinzial-Irrenhauses.
+
+
+VII.
+
+Das Gutachten Venturis beantwortet in so erschöpfender Weise alle
+Fragen, welche sich über die pathologische Persönlichkeit des Antonino
+M... erheben könnten, daß ich kein Wort hinzufügen werde.[4]
+
+ [4] Die Thatsache hat ihm Recht gegeben. Augenblicklich hat Venturi
+ eine Tochter des Bruders des Antonino M... in Behandlung, die an
+ sensoriellem Irrsinn leidet.
+
+Venturi hatte gleichzeitig mit Lombroso darauf hingewiesen, daß in dem
+geborenem Verbrecher ein atavistisches Produkt, eine Fusion der
+Epilepsie und des moralischen Irrsinns vorliegt. Später, in seinem Buch
+über die _Degenerazioni psicosessuali_ stellte er als biologisches
+Merkmal des instinktiven Verbrechertums (des geborenen Verbrechers
+Lombrosos) nicht mehr die erbliche Perversität, sondern die Tendenz der
+Rasse und der Art zur Selbstvernichtung auf, vermittelst Individuen,
+welche dazu gehören, und welche, indem sie sich selbst oder anderen
+schaden, entgegengesetzt wie das Genie handeln.
+
+Jetzt hat Venturi Gelegenheit, in M..., dessen Biographie ich
+veröffentliche, die wahrhafte Verkörperung des Typus des geborenen
+Verbrechers vorzustellen, in welchem die Krankhaftigkeit und die
+bösartige Tendenz zum Schlechten, die von selbst ohne erkennbaren Nutzen
+für den Handelnden, in Thätigkeit tritt, vereinigt sind, wodurch M...
+als ein antibiologisches, antisoziales Wesen erscheint.
+
+Dies vorausgeschickt gelange ich dazu, einige Worte über die
+Selbstbiographie des M... zu sagen.
+
+Es ist nichts Gewöhnliches, daß die Verbrecher ihre Memoiren schreiben,
+und ich will dreist behaupten, daß der Fall einer so genauen und
+detaillierten Schilderung, die mehrere Male unterbrochen und wieder
+aufgenommen wird, äußerst selten ist.
+
+Professor Lombroso hat in seinen _Palimsesti del Carcere_ einige dieser
+Schriften gesammelt, die alle sehr verworren sind und oft den Eindruck
+der Verrücktheit machen. Zum großen Teil stammen sie von Verbrechern,
+welche pathologisch dem M... ähnlich, d. h. moralisch irre und
+epileptisch sind.
+
+M... ist kein Schriftsteller, um so wunderbarer ist seine mechanische
+Art zu erzählen und sein Versuch, den Ereignissen und den begleitenden
+Umständen eine gewisse objektive Darstellung zu verleihen. Er hat
+Phantasie im Übermaß, oft entdeckt man in der verschwommenen Form die
+Tendenz, zu abstrakten Begriffen zu gelangen, aber, wie er sagt, seine
+Feder vermag dem Faden seines Gedankens nicht zu folgen.
+
+Wenn man ihn genauer definieren will, so ist er ein Graphomane; die
+regelmäßige, gedrängte Schreibart, die in langen und geraden Linien
+seine großen Blätter bedeckt, die Vorliebe für gewisse Konstruktionen,
+die Wiederkehr der Widmungen und die Wiederholung gewisser Phrasen in
+einer gegebenen Form lassen es vermuten. Aber was mich in dieser Ansicht
+noch mehr bekräftigt, sind folgende zwei Thatsachen.
+
+1. Die vollständige Nutzlosigkeit der Memoiren, die anstatt ihn zu
+rechtfertigen bezüglich der Verbrechen, wegen deren er bestraft wurde,
+noch andere nicht minder schwere ans Licht bringen, wie z. B. das
+schamlose Verhältnis mit dem Korporal Alfonso S... und den Mordversuch
+auf den Lieutenant.
+
+2. Die zweite Thatsache ist etwas verwickelter. Die Thätigkeit des
+Schriftstellers richtet sich nach gewissen Graden der Kulturhöhe und des
+sozialen Nutzens. Ein Volk fängt an, Bücher zu besitzen, wenn es zu
+einem gewissen Grade der Entwicklung gediehen ist, wo diese Form einer
+präziseren geistigen Manifestation sich ihm als ein Fortschritt
+darstellt. Die wilden Völkerschaften schreiben keine Bücher, so lange
+ihr Dach bedroht, ihr Lebensunterhalt dürftig und ihr Leben stets
+gefahrumgeben ist. Die Abessinier, welche doch das erste Volk Afrikas
+sind, haben als ganze Litteratur einige Gebetbücher, welche nur von den
+Priestern verstanden werden. Und die Buschmänner hatten einige Fabeln
+und Sprichwörter in den Zeiten ihres Glücks, aber nach ihrem Verfall
+verloren sie auch diese primitive Litteratur. So geht es auch mit den
+Menschen. Wenn ein Individuum ohne Bildung, ohne höheres Wissen, dessen
+Existenz stets eine Kette von Elend war, litterarisch thätig ist, so ist
+das entschieden eine anormale Erscheinung.
+
+Er mag ein Genie sein, aber da die Genies sich leider nicht an jeder
+Straßenecke finden, so wird er in 999 Fällen unter 1000 ein Narr sein.
+
+Antonino M... konnte kein regelrechter Schriftsteller sein, da er es
+auch nicht als Mensch war, höchstens konnte der Mangel an moralischem
+Bewußtsein ihm den Vorzug einer auffälligen innerlichen Aufrichtigkeit
+geben ...
+
+Unter diesem Gesichtspunkt sind seine Memoiren ein wichtiges Dokument
+für das Studium gewisser »Aufrichtigkeiten« alter und neuer
+Schriftsteller. Von den Bekenntnissen J. J. Rousseau's bis zu den
+Memoiren Casanovas, bis zu gewissen Hymnen Paul Verlaine's auf sein
+_péché radieux_, um von anderen übel berufenen Zeitgenossen zu
+schweigen, und bis zu dieser Selbstbiographie herab -- das
+psychologische Phänomen ist immer dasselbe und läßt sich in zwei Formeln
+zusammenfassen: =Mangel an moralischem Bewußtsein und Eitelkeit=.
+
+Ich glaube, daß die Intelligenz sehr wenig mit dem moralischen
+Bewußtsein zu thun hat: Pritchard, Pinel, Nicholson, Maudsley, Tamassia
+-- alle stimmen darin überein, daß sie bei den moralisch Irren den
+Intellekt vollständig in Ordnung fanden. Höchstens könnte nach Zelle,
+Mac Ferland, Gray eine gewisse Schwäche oder Unregelmäßigkeit vorliegen
+oder nach Campagne eine Absonderlichkeit[5], die sich aber, wie Morel
+bemerkt, in einem besonderen intellektuellen Habitus, in einer
+Gewandtheit im Sprechen, Schreiben oder einer Kunstfertigkeit mit
+Vorherrschung der Tendenz zum Paradoxen äußern kann. Und Venturi glaubt,
+daß, während bei Verbrechern die gewöhnliche Intelligenz mangelhaft ist,
+die höhere Intelligenz nicht selten vorkommt.
+
+ [5] Vgl. Lombroso: _L'uomo delinquente I_, S. 600.
+
+Das Wort Aufrichtigkeit ist eines von denen, deren Bedeutung oft
+mißbraucht werden: es kann nicht absolut verstanden werden, weil die
+Aufrichtigkeit meist eine subjektive ist, sie ist, sozusagen dem Lügen
+entgegengesetzt. Aufrichtigkeit besteht trotz gewisser konventioneller
+Formen, wie z. B. die Scham, der Anstand &c., welche die Wahrheit
+verbergen und dennoch nicht Lüge genannt werden können; wie übrigens
+auch der Wilde und das Kind immer lügenhafter sind, als der zivilisierte
+Mensch, trotzdem sie durch Scham oder Anstand nicht befangen sind.
+
+Venturi macht gegenwärtig in einer Abhandlung, welche in der von Tonnini
+in Palermo veröffentlichten Revue erscheint, die Lüge zum Gegenstand des
+Studiums und faßt sie als ein Phänomen der Degeneration auf, das seinen
+Ursprung in den Familien hat, aus denen die Lügner hervorgehen. Ebenso
+möchte ich sagen, weshalb könnte nicht auch die Aufrichtigkeit, wenn sie
+sich mit unwiderstehlicher Tendenz und ohne Nutzen für das Individuum
+selbst äußert, eine Thatsache degenerierter Anlage sein, eine jener
+Äußerungen des Verbrecher-Charakters, der sich oft mit der Eitelkeit
+vermengt, einer jener Defekte, deren die Verbrecher so voll sind?
+
+Ich will hier keine Psychophysiologie der Aufrichtigkeit schreiben, um
+so weniger, als es für das, was ich sagen will, mir genügt, eine
+anerkannte Wahrheit anzuführen: nämlich daß wir mit Vernunft aufrichtig
+sind, insofern wir unnütze Vorurteile bekämpfen, aber daß das keine
+normale und gesunde Aufrichtigkeit mehr ist, die nicht die Bedeutung
+fühlt, welche gewisse Gewohnheiten mit dem Gange der Entwicklung
+genommen haben. Wer nicht den Druck der Scham empfindet, wenn er seine
+sexuellen Schändlichkeiten aufdeckt und sich ohne Schaudern einer
+Blutthat rühmt, der thut nicht mehr und nicht weniger als der Wilde, in
+dem das Gefühl der Scham noch nicht erweckt ist und der barbarische
+Krieger, der sich den Skalp der getöteten Feinde als Trophäe an den
+Gürtel hängt.
+
+Diese Dinge mit liebevoller Genauigkeit zu erzählen und mit Wohlgefallen
+zu anatomisieren, das ist etwas, was der normale Mensch vergebens
+versuchen wird. Jeder wird in seinem Leben seinen abnormalen Impuls
+gehabt haben, aber er wird sich bemühen, ihn zu vergessen; und nicht
+einmal einer besonderen Anstrengung wird es dazu bedürfen, denn bei den
+nicht degenerierten Menschen unterdrückt die Vernunft, der kritische
+Sinn gewissermaßen automatisch die Abnormalität des Aktes.
+
+Den moralisch Irren fehlt dieser kritische Sinn, die Intelligenz
+gehorcht den Impulsen und hemmt sie nicht, sie dient ihnen gern und
+sucht sie zu rechtfertigen. Sie töten -- und sie werden beweisen, daß
+das Leben eines Menschen das eines andern wert ist. Sie verführen ein
+unerfahrenes Mädchen und verlassen es -- und sie werden das Recht der
+freien Liebe predigen. Sie sind Päderasten -- und sie werden sagen, es
+ist erlaubt, weil es möglich ist.
+
+Im Leben stellt sich das deutlicher dar, als geschrieben. Denn beim
+Schreiben schärft sich die Intelligenz, ein Schimmer von Verständnis für
+das, was schändlich und unehrenhaft ist, bricht sich Bahn, es giebt
+keinen Menschen, er sei denn Idiot, der so niedrig ist, daß er nicht ein
+Streben nach etwas besserem oder weniger Unvollkommenem fühlt. Aber ein
+anderes ist die Moralität, ein anderes die Erkenntnis des Moralischen.
+
+Zuweilen giebt sich wohl ein solch kleiner Fonds von kritischem Sinn zu
+erkennen, und daraus resultieren dann die lyrischen Stellen, die
+anscheinenden Gewissensbisse. Aber die Erzählung geht weiter, ohne
+Rückhalt, und der Verfasser zeigt sich in der Aufdeckung der Thatsache,
+so wie er wirklich ist, mit einer Selbstgefälligkeit, wie sie nur ein
+Exhibitionist haben kann, der seine Geschlechtsorgane zeigt.
+
+Die Eitelkeit ist das erste Agens; ihre autobiographischen Erzählungen
+entspringen der Vermutung, daß sie hervorragend interessante Individuen
+sind, und daß ihre Erlebnisse große Bedeutung haben. Und da sie einen
+großen Teil ihres Seelenlebens ausmachten, so empfinden sie das
+Bedürfnis, sie sich wieder vor ihr geistiges Auge zu führen.
+
+Es ist dasselbe Bedürfnis, welches viele ungebildete Menschen empfinden,
+sich den Namen ihrer Geliebten oder ihre Verbrechen in die Haut zu
+tätowieren. Es wird genügen, das schöne Beispiel eines Verbrechers zu
+zitieren, den Prof. Santangelo[6] beschreibt und der 106 Tätowierungen
+auf dem Leib trug, aus denen man seinen ganzen Lebenslauf rekonstruieren
+konnte.
+
+ [6] Vgl. Lombroso: _Le più recenti scoperte ed applicazioni dell'
+ antropologia criminale_, Turin 1893.
+
+M... ist ein vollendeter Typus des moralisch irren und epileptischen
+Schriftstellers; der Mangel an kritischem Sinn und Gerechtigkeit tritt
+klar hervor, und die Eitelkeit zeigt sich auf jeder Seite des Buches.
+Wenn er studiert hätte, würde er als Schriftsteller manchem Zeitgenossen
+ebenbürtig zur Seite treten. Die Kenntnis der Moral würde tiefer gewesen
+sein und festeren Halt gewonnen haben. Statt dessen mußte er nun
+notwendiger Weise auf dieser Stufe litterarischer Entwickelung stehen
+bleiben, wo der Intellekt die Dinge in der Gestalt sieht, wie sie den
+andern erscheinen; die unbewußte Nachahmung hat noch nicht der
+unmittelbaren selbständigen Anschauung Platz gemacht, welche die
+Originalität ausmacht.
+
+So ist für ihn der große Meister des Stils Francesco Mastriani, jener
+populäre Zola, der den Naturalismus zur Trivialität und die Romantik zur
+weichlichen Sentimentalität herabgezogen hat.
+
+Und diese Empfänglichkeit, diese unbewußte Zugänglichkeit für fremde
+Einflüsse zeigt sich besonders in seinen Dichtungen. Neue Wörter, die er
+liest, bleiben ihm haften, wenn er ihnen auch nur schwer einen ihm
+verständlichen Sinn beizulegen vermag, den er durch eine
+volksetymologische Deutung zu ermitteln und durch entsprechende
+orthographische Abänderungen festzuhalten sucht.
+
+Deshalb scheint mir, könnten diese Memoiren auch für das Studium des
+Phänomens eines in der Bildung begriffenen Schriftstellers von Interesse
+sein.
+
+
+VIII.
+
+Und hiermit will ich schließen.
+
+Die Schule Lombrosos schreitet ihren Siegespfad weiter und schlägt die
+neidische Polemik durch Thatsachen.
+
+Und während auf dem Kriminalisten-Kongreß in Brüssel das Ende des
+Verbrechertypus Lombrosos verkündet wurde, erschienen die _Degenerazioni
+psicosessuali_ Venturis und lieferten den Beweis, daß die italienischen
+Gelehrten nicht auf eine Formel eingeschworen waren; und bei Schluß des
+Kongresses zeigte die französische Übersetzung der _Sociologia
+criminale_ Ferris in ihrem neuen erweiterten Gewande, daß nicht allein
+der biologische, sondern auch der soziologische Faktor von den
+Mitarbeitern Lombrosos studiert wurde, und dieser hat mit seinen _Nuove
+Scoperte_ geantwortet, welche in ihrem Aufbau und in der Masse der
+Thatsachen den Gang der italienischen Wissenschaft kennzeichnen. Und
+während dieser Band erscheint, wird _la donna delinquente_ die Gegner
+ermahnen, wofern sie nicht blind sind, im Negieren vorsichtig zu sein,
+und dieses Werk wird den Beweis liefern, daß hinter dem Meister eine
+Reihe hoffnungsvoller Jünger stehe, unter denen mein Freund Guglielmo
+Ferrero als der Ersten einer hervorragt.
+
+Als ich nach Schluß des Kongresses meine Bemerkungen Gabriele Tarde
+dargelegt hatte, und lange Erwiderungen von ihm empfing,[7] da brannte
+ich vor Begier, wieder in die Arena hinabzusteigen, -- aber Lombroso
+sagte mir: Nein, man muß mit Thaten, nicht mit Worten kämpfen!
+
+ [7] Vgl. _Archives d'Antropologie_ und _Revue Scientifique_.
+
+Diese Ermahnungen haben mich ganz besonders zu dieser Veröffentlichung
+veranlaßt, in der Hoffnung, daß auch ich dazu beitragen könnte, der
+Wahrheit eine Gasse zu öffnen, um die Zweifel und Spottreden zu
+entkräften, welche verurteilen, ehe sie noch geprüft haben; daß auch ich
+helfen könnte, unsere Strafgesetzbücher und Strafanstalten in einer den
+Bedürfnissen des wirklichen Lebens angepaßten Weise umzugestalten.
+
+Besser als ich es vermag, wird die Selbstbiographie des M... den Leser
+überzeugen, wie schlecht diese Institute funktionieren, die den
+Verbrecher nicht blos bestraft, sondern auch gebessert der menschlichen
+Gesellschaft zurückgeben sollten.
+
+Antonino M... ist nicht durchweg der geborene Verbrecher Lombrosos,
+denn, wie ich schon sagte, dieser ist ein Typus und jener ein
+Individuum. Er beweist aber, wie Epilepsie und moralischer Irrsinn sich
+im Verbrecher zusammenfinden. Und die direkten sozialen Ursachen seines
+Verbrechertums wird man schwer finden können.
+
+Als Gabriele Tarde[8] zusammen mit dem Dr. Lacassagne die Leitung der
+neunten Serie des französischen Archives übernahm, da eröffnete er sie
+mit einer Verteidigung der soziologischen Kriterien, die den Stolz der
+französischen Schule ausmachen, und er schloß mit der Weissagung einer
+Versöhnung in der objektiven Forschung nach der Wahrheit, die nur auf
+Thatsachen sich gründen kann.
+
+ [8] _Biologie et sociologie. Réponse à M. A. G. Bianchi._ S. 3-19 der
+ _Archives d'Antropologie criminelle_, Januar 1893.
+
+Gabriele Tarde wird nicht leugnen können, daß die Italiener sich
+bemühen, ein gutes Beispiel der positiven Methode zu geben, vom
+grundlegenden Werk des Meisters bis herab zu dem bescheidenen
+popularisierenden Beitrag des letzten unter seinen Schülern.
+
+25. April 1893.
+
+ =A. G. Bianchi.=
+
+ Es konnte nicht die Aufgabe der Übersetzung sein, die Mängel,
+ welche die ungenügende allgemeine und litterarische Bildung des
+ M... seiner Darstellung anhaften ließ, zu beschönigen. Wenn der
+ Herausgeber die Selbstbiographie mit Recht ein wissenschaftliches
+ Dokument nennt, so durfte der Übersetzer sich Kürzungen und
+ Milderungen des Ausdrucks nur in mäßigem Umfange gestatten. Von
+ einer Übersetzung der Dichtungen des M... ist Abstand genommen,
+ weil die pathologische Persönlichkeit des Verfassers aus dem
+ Gebotenen hinlänglich erhellt, und das eingehende litterarische
+ Studium, dessen das Werk des M... nach dem Hinweise Bianchi's wert
+ ist, derselben entbehren kann.
+
+ Dr. F. R.
+
+
+
+
+Antonino M...
+
+Selbstbiographie.
+
+
+
+
+Erster Teil.
+
+Mein erstes Unglück.
+
+
+Vorbemerkungen.
+
+Wer rund geboren wird, kann nicht viereckig sterben.
+
+Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.
+
+Wer blind geboren wird, der wird nie den Himmel schauen.
+
+Wenn Du Dir heute den Arm brichst, wirst Du morgen zum Galgen geschickt.
+
+Der erste Fehler führt zu einem Abgrund von Unheil.
+
+Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins
+Gefängnis.
+
+
+Meinem lieben Söhnchen Fernando Antonio.
+
+ Mein geliebter Junge!
+
+Ich bin sehr unglücklich geworden und das rauhe Schicksal hatte niemals
+Mitleid mit mir, nie wurde es müde, mich zu verfolgen, und von der Wiege
+bis zum Grabe ist mir dieses elende und traurige Leben eine ständige
+Marter.
+
+Dir erzähle ich die Verhängnisse meines bejammernswerten Lebens, und
+wenn Betrug und die Schmach dieser bösen Welt Dir die Schritte zu dem
+rauhen Pfad in der menschlichen Gesellschaft erschließen werden, dann
+weine keine Thräne um das Andenken Deines unglücklichen Erzeugers, nein,
+denn Weinen kommt den schwachen, feigen Herzen zu. -- Deines muß stark
+und ruhig sein bei dem Anblick meines Unglücks; stark, stolz und
+weltverachtend; aber lerne, o Sohn, auf dem geraden Weg der Tugend und
+der Ehre wandeln, =lerne, mein süßes Söhnchen=[9] geduldig, ruhig und
+kalt sein, im Einverständnis und im Gegensatz mit der menschlichen
+Gesellschaft, lerne, vorausschauend für die Zukunft sein, ein Verächter
+der Feigen, ein Spötter der Heuchler, eifere den großen und edlen Thaten
+nach, sei ein liebreicher Bruder der Bekümmerten, ein Freund der
+Gerechten und Ehrenhaften, gesittet und ehrfurchtsvoll gegen alle,
+besonders gegen alte und rechtschaffene Leute, ein Freund der Armen, und
+Deine Hand strecke sich gerne aus zum Trost der Elenden. Sei ehrlich und
+anständig im Sprechen und bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.
+
+Liebe und achte Gott den Höchsten, bete zu ihm von Herzen in nächtlicher
+Stille und mit der Stirn im Staube, bete zu ihm an den heiligen Stätten;
+denn er, unser Gott, der Herrgott unserer Väter, wird Dir ein Führer und
+ein Tröster sein in den Widerwärtigkeiten des Lebens. Wende Dich an ihn
+in Deinen Nöten, in Deiner Bedrängnis, und Du wirst Trost, Kraft und
+Ergebung finden.
+
+Liebe, achte und habe Mitleid mit Deinem Nächsten, er ist von Deinem
+Fleisch und Blut, er ist unglücklich und betrübt wie Du.
+
+Wolle Deinen Schwestern wohl, ich lege es Dir an's Herz, und ich
+beschwöre Dich bei der Liebe, die ich zu Dir habe, bei den Thränen, die
+ich um Dich vergossen habe, bei den Küssen voll unaussprechlicher
+Zärtlichkeit, die ich Dir gegeben, liebe sie von Herzen, hilf ihnen in
+ihren Nöten und sei ihnen ein zärtlicher Vater. Ja, nicht wahr, mein
+lieber Junge, Du wirst Deine armen Schwestern lieben! Liebe sie, denn
+ich liebe sie, so wie ich Dich nur lieben kann, und um sie vor Schande
+zu bewahren, sollst Du Dein Leben auf's Spiel setzen, und tausend und
+abertausend Mal wagen; wenn nicht, +verfluche+[10] ich Dich!!
+Lerne aus meinem Leben ein Mensch sein, lerne geduldig leiden und Deine
+Schritte zum Schönen, Guten, Besten lenken.
+
+Führe Deine Seele zur Ehre, zur Tugend, zur Weisheit.
+
+Lies oft meine Briefe und klage mich der Übertreibung, der
+Überspanntheit, der Unverschämtheit, der Tollheit an, wie es die thaten,
+die mich kannten, und ich will Dir alles verzeihen; alles will ich Dir
+vergeben, Dir, der Du der köstliche Edelstein meiner Seele warst, Dir,
+dem Atem meines Lebens, dem Traum meiner Träume.
+
+Parghelia, im Januar 1889.
+
+ Dein Vater
+ Antonino M...
+
+ [9] Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen.
+
+ [10] Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript größer und
+ auffälliger geschrieben, als ob M... durch dieses Mittel den Worten
+ mehr Nachdruck verleihen wollte.
+
+
+Der Mord.
+
+Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 habe ich auf einem
+öffentlichen Platze einen armen Menschen ermordet. Ich war damals
+achtzehn Jahre alt, von erregbarem Temperament, von heißem Sinn, und ob
+aus Antrieb des Zornes oder nicht[11], das schlechte Betragen jenes
+Dummkopfes, meines Bruders, ist die Ursache gewesen, daß ich einen
+Menschen ermordete und mich kopfüber in ein Meer von Schmach stürzte.
+
+ [11] Bemerkenswert ist der Zweifel über die psychologische
+ Beschaffenheit, in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist
+ lehrreich für die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung.
+
+Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem Gesicht und klopfendem
+Herzen schlich ich in das Haus des Herrn Francesco Antonio Calzona, der
+mich mit dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. Er gab mir
+einen Strohhut, denn meiner war an dem Ort des blutigen Ereignisses
+abgefallen, während ich mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm
+einen derben Knotenstock in die Hand, kletterte über eine
+Einfassungsmauer des Gartens und fing an, wie Kain über das Feld zu
+laufen, verfolgt von dem Gebell der Hunde, während ein entsetzliches
+Röcheln mir zu folgen schien, das mir sagte:
+
+»Was hast Du gethan, Du +Mörder+?!«
+
+Am Abend jenes verhängnisvollen Tages begab ich mich nach Tropea zu
+meinem Onkel, dem Doktor V..., der mich aufnahm und mich in einem
+kleinen Schlupfwinkel hinter der Treppe versteckte; dort
+zusammengekauert beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und Staub; man
+schloß mich in meinem Versteck ein, so daß ich in völliger Dunkelheit
+blieb; bald hörte ich eilige Schritte auf der Treppe, es waren die
+Karabinieri, die, nachdem sie eine gründliche Haussuchung angestellt
+hatten, davongingen, die Handschellen mit sich tragend.
+
+Spät am Abend ließ man mich aus dem engen Loch heraus, zog mir die
+Uniform eines Fußjägers an und mit meinen beiden Vettern zog ich in der
+Richtung nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast von lauter
+Verwandten von mir mütterlicherseits bewohnt wird, wurde ich mit Liebe
+aufgenommen und man brachte mir alle erdenkliche Rücksicht entgegen.
+
+Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenbäumen, öfter machte
+ich nächtliche Ausflüge nach den benachbarten Dörfern und nach
+Parghelia, Nachts schlief ich auf Strohbündeln oder am Fuße eines
+Feigenbaumes.
+
+Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei Worten ist es rasch
+geschildert. Dreißig schlecht gebaute und gedeckte Hütten, alt und von
+elendester Bauart, die Straßen ein Haufen tierischen Unrats, so daß man
+sich den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man den Fuß
+hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze der Schloßturm des Barons
+Fabiani, des Herrn und Beschützers der ländlichen Hütten und ihrer
+Bewohner.
+
+Nichts anderes sieht man als einen Hain von Feigenbäumen, deren
+schmackhafte Früchte sehr beliebt sind; nicht weit von diesem
+erbärmlichen Wohnort sieht man Coccorinello, an Leib und Seele jenem
+verwandt. Die Einwohner beider Dörfer sind elende Ackerarbeiter, zwei
+oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines Stück Land besitzen, mit
+Feigenbäumen von allen Arten, blutfarben, naturfarben und weiß,
+bepflanzt.
+
+Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er betrügt die armen
+Kerle, schindet hier ein altes Huhn, da ein Paar Eier und dort einen
+Korb mit Früchten.
+
+Die Einwohner sind gutherzig, ehrerbietig und liebenswürdig gegen
+Fremde, aber unwissend und abergläubisch.
+
+Während ich in Coccorino im Hause meines Onkels Domenico weilte, eines
+guten Alten, der dem Bacchus sehr ergeben war, waren mir diese
+Verwandten sehr gewogen und wetteiferten darin, mir mein Versteck
+weniger unerträglich zu machen; meine Base Caterinuzzo, das Faktotum der
+Lagerräume und des Hauses des Barons Fabiani, regalierte mich oft mit
+schmackhaftem Kuchen oder Käse oder anderen Sachen; sie hatte mich sehr
+gerne und ich konnte aus dem Wohlwollen entnehmen, daß ein wenig
+=irdische= Liebe darin steckte. Sie war jung und nicht häßlich, aber in
+meiner kritischen Lage konnte ich mich um ihre bangen Seufzer wenig
+kümmern.
+
+Eines Tages kam meine Tante Domenica an, eine Schwester meiner Mutter,
+mit ihrer Tochter Vincenzina, einer achtzehnjährigen Jungfrau, schön wie
+die Sonne, schön und verführerisch in der That, und wer sie kennt, wird
+mich nicht Lügen strafen; sie kamen Geschäfte halber aus Parghelia
+hierher; mir kommt es nicht zu, die Nase in die Angelegenheiten der
+Mutter und der Tochter zu stecken, die mir etwas launisch, aber durchaus
+ehrbar schienen.
+
+Vincenzina verliebte sich, so viel ich sehen konnte, in einen Vetter von
+mir, Antonino del V... aus Coccorino; als ich sie sah, so frisch und
+rosig, kam mir die Laune, ihr den Hof zu machen; wir sahen uns, wir
+lächelten uns an, und unsere Herzen krampften sich zusammen; eines
+Tages, als wir gerade allein waren, sagte ich ihr zitternd:
+
+»Vincenzina, ich liebe Dich!«
+
+»Ich liebe Dich auch,« antwortete sie errötend.
+
+»So wollen wir uns immer lieben?« fragte ich.
+
+»Immer, immer,« antwortete sie mit Thränen in den Augen; »aber Du wirst
+nicht fortgehen, nicht wahr, Antonino?«
+
+Eine dichte Wolke flog über meine Seele, mein Herz wurde kalt, ich war
+vernichtet und stotterte:
+
+»Die Zeit ... die Wechselfälle des Lebens ... es wäre möglich ...«
+
+Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino blieb, und ihre Mutter
+war mit unserer Liebe zufrieden. Und wollt ihr es glauben? Niemand
+dachte daran, daß ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt,
+eine Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, niemand
+dachte daran, nicht einmal ich.
+
+Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre Tochter wieder ab, ich
+will nicht von der bitteren Trennung sprechen; wir reichten uns die
+Hände; Vincenzina und ich küßten uns und unsere Wangen bedeckten sich
+mit heißen Thränen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel fort. Heiß
+und zärtlich waren die Briefe Vincenzinas, und heißer und verliebter
+waren die meinen, die ich ihr täglich zukommen ließ. Es entstand eine
+mächtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter Antonino, dem ersten
+Liebhaber Vincenzinas, den sie plötzlich verließ, indem sie mich an die
+Stelle ihres ersten Liebhabers treten ließ. Wenn nicht die Verhältnisse
+gewesen wären, wer weiß, was zwischen den leidenschaftlichen Liebhabern
+vorgekommen wäre.
+
+Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia in das Haus
+Vincenzinas, dort in einem Winkel der Kammer neben einander sitzend,
+schworen wir uns ewige Liebe, ewige Treue.
+
+Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage an mich, den mir Herr
+Bruno Chimirri, mein Anwalt in Catanzaro schickte. Von einigen meiner
+Vettern begleitet, begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia.
+
+Ich vergaß mitzuteilen, daß während meiner Verborgenheit meine beiden
+Schwestern sich mit zwei Spilingoten verheirateten, Antonio M... und
+Giuseppe M..., beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, ohne
+daß ich etwas davon wußte. Mein Onkel, der Priester Girolami M...,
+Bruder meines verstorbenen Vaters, ein sehr gelehrter und
+wissenschaftlicher Mann, aber unkundig der Ränke dieser Welt und
+einfältig wie ein Kind, möchte ich sagen, willigte in die Ehe ein; man
+lockte ihn dadurch, daß man ihm zu verstehen gab, jene gewaltthätigen
+Männer seien Mordkerle und von allen gefürchtet, und daß dadurch, daß er
+mit ihnen verwandt würde, er und die Familie geachtet und gefürchtet
+sein würde. Armer blinder Herr!!...
+
+Doch zu mir zurück und man verzeihe die Abschweifung.
+
+Zu Hause fand ich Domenico M..., den Vater des eben erwähnten Antonio,
+der trotzdem die Mütze eines Kapitäns der Nationalgarde trug. An jenem
+Tage aßen und tranken wir vergnügt, aber am Abend gingen meine Vettern
+von Coccorino weg. Am folgenden Tage nach dem ersten Aufenthalt in
+meinem Hause begab ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an jenem
+Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante von mir, eine Nonne, dumm
+und boshaft wie Proserpina, brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes
+Mahl mit Vincenzina zu feiern.
+
+Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe für mich gewesen; die
+hübsche, rosige Hand meiner Geliebten reichte mir einen Flügel des
+Huhnes dar, dann einen Becher voll schäumenden Weins, indem sie mit der
+größten Anmut von der Welt sagte:
+
+»Trink, Antonino, trink auf mein Wohl.« Und ich trank begeistert,
+berückt, indem ich ihr in die schwarzen leuchtenden Augen schaute.
+
+Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, ihre Mutter und ich zu
+einer geheimen Ratssitzung zusammen und begannen zu erwägen, wie
+Vincenzina und ich uns durch unlösbare Banden knüpfen sollten. Nach
+verschiedenen Meinungsäußerungen wurde beschlossen, den Pfarrer zu rufen
+und uns in Gegenwart zweier Zeugen heimlich zu verbinden. So geschah es.
+Nachdem der ehrwürdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen war, ein
+alter und hinfälliger Mann, und zwei Zeugen, wurde er veranlaßt, sich zu
+setzen. Kaum saß er, so pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit
+fester, deutlicher und lauter Stimme zu ihm:
+
+»Hochwürden, diese« -- indem ich Vincenzina zeigte, »ist meine
+rechtmäßige Gattin.«
+
+Vincenzina erhebt sich und sagt mit gleicher Stimme:
+
+»Dies, Hochwürden,« -- indem sie auf mich zeigte, »Antonino M... ist
+mein rechtmäßiger Gatte.«
+
+Wütend erhebt sich der Hochwürdige und fluchend und gestikulierend geht
+er seiner Wege.
+
+Ich verehrte Vincenzina einen Ring mit Diamanten und sie gab mir einen
+Ring mit ihrem goldenen Haar.
+
+Es nahte sich der Tag, wo ich nach Catanzaro abreisen und mich dem
+Präfekten vorstellen mußte.
+
+Es wurde beschlossen, daß Domenico M... _alias_ Stadtvorsteher und
+Vincenzo M... _alias_ Beigeordneter mich nach Catanzaro begleiten
+sollten. Es giebt in jenem Parghelia einige Bürschchen, die sich als
+Helden, als Mordkerle ersten Ranges aufspielen, die sich für Wunder was
+halten und nachher der Polizei Hülfe leisten, sie verteidigen und
+beschützen: gemeine, dumme, falsche Seelen! Sage ich unrecht, meine
+teuren Landsleute?
+
+Folgen wir dem Faden unserer Erzählung und beschäftigen wir uns nicht
+mit jenen Dummköpfen, jenen Kanaillen von Spionen.
+
+Von den Karabinieri begleitet, mußte ich mitten durchs Dorf gehen, um zu
+Vincenzina zu kommen und ihr das letzte Lebewohl zu sagen: wir küßten
+uns und unsere Thränen flossen zusammen, sie fiel ohnmächtig in meine
+Arme ...
+
+Ich durchwanderte die ganze Gegend, von den Bewaffneten begleitet. In
+Tropea empfing ein vierspänniger Wagen Domenico M..., Vincenzo M... und
+mich, im Galopp fuhren wir durch Monteleone, ohne daß jemand den Mund
+aufthat.
+
+In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anwälten, den Herren Bruno
+Chimirri und Giacinto Oliverio.
+
+Ich wurde dem Herrn Präfekten vorgeführt, und nachdem dieser den
+Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde ich durch einen Wächter der
+öffentlichen Sicherheit in das Gerichtsgefängnis S. Giovanni geleitet.
+
+Der Wachtmeister, Luigi S..., früher ein berüchtigtes Mitglied der
+Camorra, jetzt ein wütender Verfolger derselben, zeichnet mein
+Signalement, Namen und Vornamen in ein großes Register ein, ein
+Gefangenenwärter befiehlt mir, mich auszuziehen und eine sorgfältige und
+gründliche Untersuchung ergeht über meine Kleider und über meine Person;
+dann kleide ich mich wieder an und werde in das sogenannte Neue
+Gefängnis geführt, wo man mich im Kassenzimmer läßt. Es waren drei
+Zimmer, von ungefähr zehn Gefangenen bewohnt, darunter ein alter Mönch
+und zwei Priester, die wegen Beihülfe zum Raub angeschuldigt waren und
+mehrere andere Bürger wegen anderer Anschuldigungen. Unter dem Fenster,
+wo ich weilte, und das durch ein vergittertes Mauerwerk gesichert war,
+war ein kleiner Hofraum, wo ungefähr zwanzig berüchtigte Briganten Luft
+schöpften, da waren die berüchtigten Pietro Bianchi, Bulfalaro, Pietro
+Lo Monaco, Perelli und andere, alle von den Assisen in Catanzaro zum
+Tode verurteilt, die sich hier während der Berufung befanden, um nach
+Bestätigung des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio Calabria
+überführt zu werden, wo sie die sanfte Schneide des Henkerbeils zu
+kosten bekommen, als Strafe für ihre Räuberei[12].
+
+ [12] Beachtenswert ist der Abscheu, den M... vor denjenigen zeigt, die
+ nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert ist
+ auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob es gar nicht
+ geschehen wäre.
+
+Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des Jammers und erinnere mich,
+daß ich in eines der Fenster die Worte eingeschnitten hatte:
+
+»Antonino M..., zum Tode verurteilt.«
+
+Aus dem Neuen Gefängnis kam ich ins Alte Gefängnis, das demselben
+benachbart ist; dort fand ich eine zweite Hölle, eine neue Brut elender
+Gefangener.
+
+Ich mühe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber es würde die Feder
+eines Eugène Sue oder eines Francesco Mastriani nötig sein, um hundert
+dicke Bände zu schreiben, um die Leidenschaften, die Charaktere und die
+Herzen der Menschen zu schildern.
+
+Ein großer und geräumiger Hofraum, der sechshundert Gefangene aufnehmen
+konnte, und ringsum elf Zimmer wie feuchte dunkle Höhlen. Ein einziges
+enges und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert ein
+fahles, trübes Licht, und wenn man mit dem Blick sucht, sieht man
+draußen nichts als eine hohe massive Mauer; Läuse und andere ekelhafte
+Insekten kriechen scharenweise an den feuchten Wänden herum, ein
+widriger Fäulnisgeruch entströmt dem Pflaster. Am Eingang der Höhle
+waren zwei große Gitter, eins von Eisen, das andere von Holz, und wenn
+im rauhen Winter der Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein
+höllischer Tanz aufgeführt. Die Bewohner der traurigen Gruft waren
+hagere, dürre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, das Auge, der
+Spiegel der Seele, war erloschen und lag tief in der Höhle.
+
+Schlecht gekleidet, schlecht ernährt, unsauber -- trotzdem waren diese
+elenden Geschöpfe des lieben Gottes lustig, die Feinde Gottes und seiner
+gütigen Vorsehung.
+
+Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, zehn-, fünfjähriger, zu
+lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten,
+zu einer Woche, zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren,
+Angeschuldigte, die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten,
+alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, eingeschlossen
+in einen eisernen Ring, unter der unerbittlichen Hand des Unglücks und
+unter der schweren Geißel der Gefängniswächter. Das war der Raum zu
+ebener Erde.
+
+Der obere Raum setzte sich aus fünf großen Zimmern zusammen, die an
+dreihundert Gefangene enthalten konnten. Ein großer Säulengang mit
+langen Eisengittern in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der
+oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde frische Luft schöpften,
+und diente als Durchgang für die Wärter und die Gefangenen; zur linken
+des Eingangs war das Krankenzimmer, in zwei höher gelegenen Zimmern
+wohnten die Wärter. Um die oberen Räume kennen zu lernen, braucht man
+nur die unteren zu vergleichen, die ihnen gleich waren, was Schmutz und
+Lebensführung betrifft; jedoch mit dem Unterschied, daß man zu ebener
+Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, oben dagegen auf Pritschen
+lag; je zwei der fauligen und stinkigen Strohsäcke nahmen drei Gefangene
+auf.
+
+Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein ranziger, bitterer,
+ekelhafter Brei, das Brot trocken, schwarz, widerlich; aber man achtete
+diese Nahrung wenig oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags
+brachte jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefüllten
+Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen Schenke ausgegeben
+wurde.[13]
+
+ [13] Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen.
+
+Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, zur Zeit der Freistunde,
+befand ich mich im Säulengang, denn ich war in eines der oberen Zimmer
+geschickt; es ertönt die Glocke als Zeichen, daß die zum Luftschöpfen
+gewährte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in sein Gemach zurück
+mußte. Beim gewohnten Geräusch rührt sich keiner, als ob man das
+Klingeln der Glocke nicht gehört hätte; es läutet zum zweiten Mal;
+dieselbe Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die
+Wächter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend und drohend. Ein
+Schrei, ein drohendes Gebrüll erscholl aus tausend Kehlen.
+
+»Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, schlagt den
+Wachtmeister tot, schlagt die Wächter tot!« Und zweitausend Augen
+funkelten im Dunkeln und tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in
+die Luft. Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst,
+vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem
+Bajonnett bewachte den Ausgang, zwei Kanonen wurden aufgefahren, die
+Mündung nach dem Schloß S. Giovanni gerichtet.
+
+Der Präfekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen begleitet, kommt
+hinzu, und alle gehen zusammen mit dem Wachtmeister auf den Säulengang,
+dem wütenden Haufen gebietend, daß jeder sich in seine Zelle begeben
+solle.
+
+»Herunter!« so ertönte es, »hinaus mit dem Schurken!« und tausend Eisen
+leuchteten drohend zu dem Präfekten empor. Nun ersuchte der Beamte die
+Menge einen Augenblick um Ruhe; er ließ den Gefangenen Diogene Pierre
+rufen und sprach mit ihm, während ein triumphierendes Lachen seine
+trockenen Lippen umspielte.
+
+»Brüder und Freunde«, rief Pierre der schweigenden Menge zu, »geht alle
+hinein!«
+
+Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog sich zurück, wie eine
+Viehherde in den Stall geht. Tags darauf wurde Diogene Pierre, der zum
+Tode verurteilt war, ein berüchtigter Räuber und Mitglied der Camorra,
+seiner Anstalt übergeben, um die heimatliche Luft zu genießen; wenige
+Tage später durchbrach er ein Gitter des Gefängnisses und entfloh auf
+das Land, in der Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber
+er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die ihm ins
+Rückgrat gejagt wurde, sodaß er alsbald vor seinem Teufel stand, eine
+Rechnung über seine Heldenthat abzulegen. Nachdem Pierre aus dem
+Gefängnis fort war, verlor die Verschwörung ihre Kraft und Kühnheit; die
+Camorristen, ungefähr vierzig an der Zahl, wurden in schrecklichen
+düsteren Zellen in Eisen gelegt und ihrem Schicksal überliefert, wenn
+sie verurteilt waren; unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in
+Untersuchung waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem die
+Knochen tüchtig mit der Zwangsjacke geschnürt wurden, zu leiden.
+
+Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich zu sehen; sie gaben mir
+wenig Hoffnung über den Ausgang meiner Sache; umsoweniger, da die
+Anklage auf Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete.
+
+Ich blieb acht Monate in der Misthöhle zu Catanzaro, bis eine Abteilung
+der Karabinieri in schleunigem und besonderem Auftrag mich fesselte, um
+mich nach Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung der
+Assisen eröffnet und wurden alle, welche an der Ueberführung teilnahmen,
+in öffentlicher Verhandlung abgeurteilt und ich mit ihnen.
+
+Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt ging ich zwischen zwei
+Karabinieri nach Tiriolo ab, zu Fuß. In diesen Hundstagen mußte ich
+sechs Stunden marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam ich
+in Tiriolo an, müde und matt, ohne Geld und halb tot vor Hunger und
+Durst; ich hatte nur Schwarzbrötchen, die man mir gegeben hatte, als ich
+den Kerker zu Catanzaro verließ, aber was nützten sie mir?
+
+Mir war die Kehle zugeschnürt, ausgetrocknet, daß ich mit Mühe und Not
+etwas salziges Wasser schlucken konnte; die Nacht habe ich auf einer
+groben Pritsche geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten in
+der Richtung nach Maida geführt und machte wieder fünf oder sechs
+Stunden angestrengten Marsches; dort warfen sie mich in eine Höhle,
+welche die Höhle von Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit
+zwei ungeheueren Gittern versehen, öffnet sich nach einer Terrasse hin,
+gegenüber lag eine =Spinnerei=; dieses Fenster war brusthoch, sowohl von
+innen wie von außen. Da lag ich in der finsteren Höhle, gewiß würde ich
+sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen war mein armer
+Magen völlig leer, die Kehle geschlossen und so ausgetrocknet, daß ich
+kaum sprechen konnte. Von unserm Herrgott und den Heiligen verlassen,
+wie konnte ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fünf oder sechs
+Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich über Gott und seine
+Vorsehung.
+
+Ich Dummkopf!
+
+Die Vorsehung Gottes verläßt die Geschöpfe nie, nein, sie verläßt sie
+nicht, der irregelenkte Mensch wird von dem Blick des göttlichen
+Schöpfers verfolgt.[14]
+
+ [14] Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem
+ abergläubischen Fatalismus, von dem M... eine Probe in den
+ Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z. B.: »Der Stern, der Dir
+ im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.«
+
+ Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf die
+ Möglichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit und
+ Anstrengung des Verstandes, in welche M..., man möchte sagen durch
+ unbewußte Intuition, verfällt. In denselben Vorbemerkungen sagt er:
+ Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins
+ Gefängnis, und in dem Brief an seinen Sohn fügt er hinzu: Bilde Dir
+ aus der Erziehung eine zweite Natur.
+
+Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, sie sah mich und
+lächelte mich an, indem sie sagte: »Du hier! Dein Papa und Deine Mama
+wissen nichts! O, ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen!« Und
+hinkend lief sie davon. Ich hielt sie für verrückt oder albern, und gab
+nichts auf das, was sie mir gesagt hatte.
+
+Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler Greis mit langem weißen
+Bart sich vor mein Fenster stellte und mich lächelnd ansah. Ich fragte
+ihn:
+
+»Herr! wünschen Sie etwas von mir?«
+
+»Nichts«, antwortete er freundlich, »aber bitte, könnten Sie mir sagen,
+woher Sie sind und wie Sie heißen?« Nachdem ich ihn befriedigt hatte,
+fragte ich ihn:
+
+»Würden Sie mir den Grund Ihrer Fragen nennen?«
+
+»Wissen Sie, braver Jüngling«, sagte er, »Sie ähneln vollständig meinem
+Sohne Peppino, wenn Sie in mein Haus kämen, würden meine Frau und meine
+Söhne Sie für ihn halten; ich wundere mich, wie die Natur Sie meinem
+Sohne so ähnlich hat machen können; wissen Sie«, fügte er hinzu, nachdem
+er mich aufmerksam angesehen hatte, »ich beglückwünsche mich dazu, ich
+bin darüber froh; was ich für Sie thun kann, werde ich thun, wie meinem
+Sohn; nachher werde ich ihn hierher führen, ich will, daß er Sie
+umarme.«
+
+Er ging dann, nachdem er mir die Hand gereicht hatte, indem er kaum die
+Thränen zurückhielt, die ihm in seine himmlisch schönen Augen traten.
+
+Nicht lange darauf ließ der Wärter mich in sein Zimmer treten, ein
+Jüngling und jener edle Greis waren da, sie sahen mich zwei Minuten lang
+an, dann wandte sich der Vater an den Sohn und sagte:
+
+»Wohlan, Peppino, umarme ihn!«
+
+Der liebe junge Mann warf sich in meine Arme, wir küßten uns wiederholt
+innig, der Greis, dem die Thränen über die blassen Wangen rannen, küßte
+mich mehrere Male, indem er sagte:
+
+»Mein Sohn, ich segne Dich!«
+
+Sie wollten von meinem Unglück hören, und als sie erfuhren, daß ich seit
+drei Tagen nichts gegessen hatte, waren sie sehr betrübt. Ich sagte zu
+ihm:
+
+»Herr, könnte ich Ihren Namen wissen, damit er sich meiner Seele
+einpräge, weil ich Ihnen heißen Dank schulde?«
+
+»Ja, mein Sohn, ich heiße Francesco R..., dies«, auf seinen Sohn
+zeigend, »ist mein geliebter Sohn Peppino, wir stehen ganz zu Ihrer
+Verfügung.«
+
+»Dank, Herr, Dank für Ihr edles Herz; mir genügt die väterliche
+Zärtlichkeit, die Sie mir erwiesen haben und zu wissen, daß die
+Vorsehung ihre elenden Geschöpfe nicht verläßt.«
+
+Sie gingen, indem sie sagten, daß sie bald zurückkehren würden.
+
+Am Mittag kamen sie mit einem Diener zurück, der einen großen Korb auf
+dem Kopf trug.
+
+Herr Francesco sagte zu mir:
+
+»Mein Sohn, ich gehe zu meiner Familie zurück, ich habe heute viel zu
+thun, wir werden uns heute Abend wiedersehen; mein Sohn bleibt hier, um
+mit Dir zu speisen und zu plaudern.« Er drückte mir die Hand und ging.
+
+Der Gefangenenwärter machte eine schöne Tafel zurecht, wir setzten uns
+zu Dreien nieder und fingen heiter an zu essen und von dem
+ausgezeichneten Wein zu trinken. Eine schöne Geflügelsuppe, zwei
+gesottene Hühner, ein Kalbsbraten, gebratene Eier, Käse und viel Obst
+machten unser Mahl aus. Wir sprachen von vielerlei Dingen und Peppino
+sagte oft zu dem Wärter:
+
+»Geben Sie mir diesen teuren Gefangenen, damit er heute Abend bei mir
+schläft und daß ich ihn meiner lieben Mama zeigen kann.«
+
+Der Wärter wollte es nicht zugeben.
+
+Peppino schenkte mir ein Paket toskanischer Cigarren.
+
+Abends kam der edle Herr wieder und sagte zu mir:
+
+»Ich habe mit dem Offizier der Karabinieri, einem guten Freunde von mir,
+gesprochen, und habe ihn gebeten, alles daran zu setzen, daß Sie morgen
+nicht abreisen müssen und ein paar Tage hier bleiben können. Wir begaben
+uns zu der Station der Karabinieri, wo er, nachdem man meine Papiere
+untersucht, mich zu seinem Leidwesen wissen ließ, daß er mir nicht
+dienlich sein könne, da es unmöglich sei; Sie müssen übermorgen auf dem
+Gericht zu Monteleone sein, da Ihre Sache verhandelt wird. Das schmerzte
+mich nicht wenig, denn ich hatte den Vorschlag gemacht, morgen meine
+Frau mitzubringen; da ich ihr von Ihnen erzählt hatte, äußerte sie den
+lebhaftesten Wunsch, Sie zu sehen.«
+
+Er erkundigte sich, ob ich gegessen und getrunken habe; wenn ich etwas
+benötigte, solle ich es ihn wissen lassen.
+
+»Herr«, sagte ich, »ich mißbrauche Ihre Menschenfreundlichkeit, aber die
+absolute Notwendigkeit, in der ich bin, läßt mich anspruchsvoll sein ...«
+
+»Nein, nein«, antwortete er erregt, »sprechen Sie, sprechen Sie, wir
+stehen ganz zu Ihrer Verfügung.«
+
+»Ich brauche fünf Lire, um den dringendsten Bedürfnissen zu begegnen,
+wenn ich in Pizzo und in Monteleone sein werde.«
+
+»Peppino«, sagte der Vater zu dem Sohn, »geh' nach Hause und versorge
+den braven Jüngling mit Geld.« Peppino steckt die Hand in die Tasche,
+leert seine Geldtasche, nimmt zwei Fünflirenoten und giebt sie mir.
+
+»Nein, nein«, ruft der Vater, »mein Sohn, das ist zu wenig, geh' nach
+Hause und versorge Deinen Bruder mit Geld.«
+
+»Ich danke, Herr«, sage ich, »ich danke, das ist zu viel, fünf Lire
+genügen mir.«
+
+»Und ich sage, daß es zu wenig ist«, sagte Herr Francesco erregt, »geh'
+nach Hause, sonst ...«
+
+»Herr, ich nehme nicht einen Centesimo mehr an; wenn Sie auf Ihren
+Vorschlag bestehen, bin ich gezwungen, die zehn Lire zurückzugeben.«
+
+»Nun wohl, dann nehmen Sie dies kleine Geschenk an, als Pfand meiner
+Liebe für Sie«, und indem er einen goldenen Ring vom Finger nahm,
+steckte er ihn an meine Hand -- »und ich bitte Sie, ihn oft anzusehen
+und sich meiner zu erinnern. Wenn Sie etwas bedürfen sollten, so
+erinnern Sie sich an Francesco R..., und wenn ich die wenigen Tage, die
+mir noch verbleiben, vollendet habe, dann werde ich es meinen Söhnen als
+Vermächtnis lassen, Ihrer zu gedenken, um Ihnen bei jeder Not
+beizustehen. Morgen werden Sie nach Pizzo abreisen, mein Sohn wird Sie
+vor dem Gefängnis mit einem Wagen und einem Kutscher erwarten, ich habe
+Sie den Karabinieri warm empfohlen und hoffe, Sie werden keine
+unangenehme Reise haben.« Er umarmte mich und küßte mich mehrere Male,
+mich mit väterlicher Zärtlichkeit an die Brust drückend.
+
+Tags darauf in der Frühe reiste ich, nachdem ich Peppino umarmt hatte,
+von dannen.
+
+In Monteleone kam ich am Abend des vierten August an, am folgenden Tage
+sollte ich den Assisen vorgeführt werden.
+
+Der Anwalt Herr Chimirri kam zu mir und sagte mir, daß er in Geschäften
+in Monteleone sei und daß er aus reinem Zufall erfahren habe, daß meine
+Sache verhandelt werden solle. Meine Verwandten waren nicht gekommen,
+Entlastungszeugen waren nicht vorhanden; so erwarteten mich denn zwanzig
+Jahre Zwangsarbeit.
+
+Herr Chimirri kam nicht in Verlegenheit, die Schlauheit der Advokaten
+geht weit.
+
+»Geben Sie mir rasch vier Personen aus Ihrer Heimat an, die entweder tot
+oder im Ausland sind.«
+
+»Pasquale Colace fu Francesco, Leonardo Calzona di Francesco Antonio,
+Marco Colace fu Francesco Antonio, Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«
+
+Er schrieb die armen Verstorbenen in sein Notizbuch und ging.
+
+Ich werde in den Gerichtssaal geführt, nehme auf der Anklagebank Platz,
+die Geschworenen werden ausgelost, als alles in Ordnung ist und ich
+verhört worden bin, werden die Belastungszeugen gerufen, deren acht
+waren, die Rache gegen mich schnoben und mich als einen wahren Mörder
+hinstellten. Es werden die Entlastungszeugen gerufen, der Gerichtsdiener
+öffnet die Thür des Zeugenzimmers und ruft:
+
+»Pasquale Colace fu Francesco.«
+
+»Nicht erschienen.«
+
+»Marco Colace fu Francesco Antonio.«
+
+»Nicht erschienen.«
+
+»Leonardo Calzona di Francesco Antonio.«
+
+»Nicht erschienen.«
+
+»Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«
+
+»Nicht erschienen.«
+
+»Beim Aufruf fehlen alle, Herr Vorsitzender.«
+
+Wer weiß, ob diese armen Toten wissen, daß sie vor dem Gericht zu
+Monteleone eine lächerliche unsinnige Macht darstellen.
+
+Mein Verteidiger erhebt sich und protestiert.
+
+»Die Entlastungszeugen fehlen, ich kann die Verhandlung nicht
+fortsetzen.«
+
+»Herr Präsident!« ruft einer der gegnerischen Partei, »diese Zeugen sind
+lange vorher gestorben, ehe der Angeklagte das Verbrechen beging.«
+
+»Sie sind tot?« sagte mein Verteidiger, »so werden wir sehen, ob sie auf
+Kosten des Angeklagten aus dem Höllenrachen gezogen werden sollen, um
+ihre Aussage abzugeben, oder ob ein anderer Entlastungsbeweis angetreten
+werden soll.«
+
+Alle lachten bei dieser Rede des Herrn Chimirri, der Vorsitzende läutet
+und sagt:
+
+»Die Verhandlung ist geschlossen.«
+
+Alle blieben mit langer Nase sitzen und ich wurde ins Gefängnis geführt.
+
+Ich erinnere mich nicht, welcher Streit sich zwischen mir und einem
+Gefangenenwärter entspann, -- ich geriet in Zorn und gab ihm eine
+Ohrfeige, wodurch ich mir vierzehn Tage Wasser und Brot zuzog, während
+der Oberwächter De Cola, der halb blind war, mir sagte:
+
+»Das haben Sie gut gemacht, der Wärter war eine Kanaille.«
+
+
+Fünf Jahre.
+
+Am Mittag des 17. November 1869, vierzehn Monate nach dem blutigen
+Ereignis, verurteilte der Hof der Assisen zu Monteleone mich zu der
+Strafe von fünf Jahren Gefängnis und zu den Kosten des Urteils, wegen
+Totschlags, begangen im Zorn und infolge schwerer Aufreizung.
+
+Ich schrieb an Herrn Francesco R... in Tiriolo, teilte ihm die gegen
+mich erkannte Strafe mit und schickte ihm eine Anweisung über zehn Lire,
+das Geld, welches er mir geliehen hatte, als ich das dortige Gefängnis
+verließ.
+
+Ich bewahre noch seinen Brief auf, als heiliges Pfand meiner Dankbarkeit
+gegen ihn.
+
+Folgendermaßen lautet der Brief des Herrn R...:
+
+ Mein gottgesegneter Sohn!
+
+ »Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrübt, und betrübt sind
+ auch meine Frau und meine Söhne.
+
+ Ich danke Ihnen für die Empfindungen edlen Wohlwollens, die Sie in
+ Ihrem Schreiben bekunden und bitte Sie zu glauben, daß unsere Liebe
+ zu Ihnen immer dieselbe ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst
+ das Glück hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung
+ über zehn Lire zurück, und mir mißfällt Ihre Handlungsweise; ich
+ hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, aber ich möchte Ihr
+ Ehrgefühl nicht verletzen, da ich Sie als sehr zartfühlend erkannt
+ habe; doch bitte ich Sie, sich in jedem Augenblick an mich zu
+ wenden, wo Sie etwas nötig haben, mit Vergnügen und ohne jeden
+ Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein zärtlicher Vater
+ es vermag.
+
+ Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch wir Sie immer lieben
+ werden. Ihr zärtlicher Brief ist wiederholt von mir gelesen worden
+ und unsere Herzen sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen.
+ Fassen Sie Mut, fünf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich auf
+ die göttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, ihre Geschöpfe
+ nie verläßt.
+
+ Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten in Maida, kommen
+ Sie und überraschen Sie uns, ja? Und werde ich unter der Zahl der
+ Lebenden sein, um Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte,
+ werden meine Söhne Sie statt meiner umarmen.
+
+ Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem Aufenthalt, fordern Sie
+ immer etwas von mir. Meine Frau ist betrübt, Sie nicht gesehen zu
+ haben, sie weint bei Ihrem Brief.
+
+ Empfangen Sie die Grüße meiner Familie, Peppino umarmt Sie und
+ sagt, daß er Sie dort besuchen will.
+
+ Ich küsse Sie von Herzen und segne Sie.
+
+ Maida, den 2. Dezember 1869.
+
+ Ihr zärtlicher Vater
+ Francesco R...«
+
+In der Zwischenzeit, während ich mich im Gefängnis zu Catanzaro befand,
+heirateten meine Schwestern, und mein Bruder verheiratete sich mit
+Micheline M..., einer Spilingotin, der Schwester eines von denen, die
+meine Schwestern geheiratet hatten. Während diese Brut und der Dummkopf,
+mein Bruder, sich auf den Festen Hymens ergötzten, Wein tranken und das
+halbe Erbteil verpraßten, das mein unglücklicher Vater ihnen
+hinterlassen hatte, seufzte ich Ärmster in den finsteren Höhlen zu San
+Giovanni in Catanzaro.
+
+Ich weiß nicht, wie lange ich im Gefängnis zu Monteleone blieb. Jener
+gute Alte, mein Onkel, der Priester Girolamo M... kam oft, mich
+besuchen, wobei er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel
+schilderte, und er pflegte sie einen »himmlischen Engel« zu nennen, und
+sagte, daß sie schön und kräftig sei. Ich konnte daraus entnehmen, daß
+er an der famosen Micheline etwas fand, das ihn erregte und ihm einen
+heimlichen Kitzel verursachte, so alt er war, oder daß er etwas
+elastisches gesehen habe, worüber er den Kopf verlor. Der arme Thor!
+
+Micheline M..., die Tochter des Schurken Betta, die verbissene Schülerin
+der Grundsätze des berüchtigten +Ruina+, ein Engel an Leib und Seele!!
+
+Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen und dann werden die
+Spilingoten und meine Landsleute mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.
+
+Es kam Befehl vom Ministerium, daß achtzig Gefangene aus dem Gefängnis
+Calabriens nach Lucera do Puglia geführt werden sollten, um dort ihre
+Strafe zu verbüßen, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen.
+
+In meiner Abteilung waren wir neun in einem Zuge. Wir reisten über Pizzo
+und in jenem Gefängnis sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam,
+der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte meine Familie
+meinen Verwandten, Michela M..., damit, alles mögliche zu thun
+vermittelst ärztlicher Zeugnisse, daß ich an jenem Tage nicht mit
+abreiste. Ich blieb einen Monat im Gefängnis zu Pizzo, alle andern
+Gefangenen waren in Lucera angekommen, ich allein fehlte. Im Gefängnis
+zu Pizzo waren in dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fünfzehn oder zwanzig
+Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach dem Bagno
+geführt werden sollten, die andern waren Angeklagte und standen unter
+schwerem Verdacht.
+
+Man kam überein, einen Fluchtversuch zu machen, und im Fall des
+Gelingens auf das Land zu fliehen. Man fing an, an dem Abtritt zu
+arbeiten, es war nur nötig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, daß
+ein Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die zu dieser Arbeit
+geeigneten Eisen und begannen in aller Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends
+der Wärter kam, um die Gefangenen zu zählen, dann leuchtete er auch mit
+einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu inspizieren; aber wir
+waren schlauer als er, und wenn wir einen Teil des Tages gearbeitet
+hatten, brachten wir alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, daß es
+aussah, als sei nichts zerstört; nachher, nach der abendlichen
+Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen ins Werk. Wir arbeiteten
+fünf oder sechs Tage, so daß an der Außenseite nur noch der Kalk an der
+Mauer blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben hätte.
+
+Wir hielten Rat: diese Nacht mußten wir fliehen, aber ein starkes
+Hindernis stellte sich uns entgegen, denn nahe dem Ort, wo die Flucht
+statthaben sollte, stand die Schildwache.
+
+Was war zu thun?
+
+Wir beschlossen, das Los zu werfen, und wer herauskam, sollte die Mauer
+sprengen, sich rasch auf die Schildwache stürzen und sie niederschlagen,
+ohne daß sie Alarm machen konnte. Nachdem wir gelost hatten, wollte das
+Schicksal, daß ein gewisser Luigi Martelli aus Catanzaro bestimmt wurde,
+der zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit verurteilt war; der zweite sollte
+ich sein, dann die andern der Reihe nach.
+
+Den ganzen Tag beratschlagten wir, jeder von uns war mit einem langen
+dreieckigen Dolch bewaffnet.
+
+Abends kam der Wärter zu dem gewöhnlichen Besuch, zählte die Gefangenen,
+und als er vor dem Gefangenen Farabella vorbeikommt, öffnet dieser die
+Tabaksdose, die er in der Hand hatte und sagt zu dem Wärter:
+
+»Herr Ciccio, nehmen Sie eine Prise?«
+
+Ciccio nahm die Prise und sagte:
+
+»Ich danke, Farabella.«
+
+Er ging auf den Abtritt, untersuchte die Mauern und entfernte sich.
+
+Es konnte ungefähr sechs Uhr sein, als eine Abteilung Soldaten mit
+aufgepflanztem Gewehr und Karabinieri das Haus umstellten. Die Thür
+unseres Zimmers öffnet sich, es tritt der Chef mit zehn Karabinieri mit
+aufgepflanztem Bajonett herein, wir müssen uns paarweise in Reihen
+aufstellen, wir werden untersucht und es wird entdeckt, daß wir mit
+langen Dolchen bewaffnet sind.
+
+Der Anführer stößt von außen mit einem Gewehrkolben gegen die Mauer des
+Abtritts und die schwache Kalkkruste geht in Stücke.
+
+Der Abtritt wird untersucht, unsere Arbeit entdeckt, man findet die
+Meißel, die Stangen und Hämmer, die im Kot begraben lagen. Wir werden
+mit Eisen und Handschellen und starken Ketten gebunden und der Chef der
+Wache frägt:
+
+»Wer heißt hier Antonino M...?«
+
+»Ich, Herr«, antwortete ich.
+
+»Wächter«, befiehlt der Anführer, »lassen Sie den Gefangenen M... in das
+obere Zimmer gehen, aber bewachen Sie ihn gut!«
+
+Dank meinem Verwandten Michele Accorinti ging ich frei aus, denn nachher
+habe ich erfahren, daß die armen Teufel tüchtig geprügelt wurden und als
+am folgenden Tage der Dampfer auf der Rhede vorbei kam, mußten sie unter
+strenger Aufsicht nach ihrem Bestimmungsort abreisen; die
+Angeschuldigten nach Monteleone mit warmen Empfehlungen von dem Direktor
+und dem Chef.
+
+Ich vergaß dem Leser mitzuteilen, daß ich während der Zeit, da ich in
+dem Gefängnis zu Catanzaro war, eine lebhafte Korrespondenz mit
+Vincenzina unterhielt und daß, als ich in Monteleone ankam, mein Onkel,
+der Priester und meine Verwandten mir drohten, daß sie mich meinem
+Schicksal überlassen würden, wenn ich Vincenzina nicht verließe -- alles
+nur Verschwörung der Schurken aus Spilinga, die hofften, daß ich mit der
+Zeit eine ihrer Töchter heiraten würde, um mich in Schimpf und Schande
+zu bringen, wie sie es mit dem Laffen, meinem Bruder, gemacht hatten.
+
+Ich war gezwungen, mich zu fügen, und dann dachte ich: Ich komme vor
+Gericht unter einer nicht leichten Anschuldigung, wer weiß, was für
+Folgen mir in der Hinsicht begegnen können. Die arme Vincenzina mußte
+inzwischen warten, wer weiß wie lange. Wer kann die Wechselfälle des
+Lebens erforschen?
+
+Wenn ich die Strafe verbüßt hatte, mußte ich Soldat werden und zwar
+erster Klasse des Jahrgangs 1850. Was konnte mir beim Militär begegnen?
+Unter einem so strengen Regiment war es bei meinem erregbaren
+Temperament leicht möglich, daß ich neuer Schande entgegenging.
+
+Ich schrieb Vincenzina einen Brief, in welchem ich ihr mein trauriges
+Mißgeschick und die harte Folgezeit, die mir bevorstand, mitteilte; ich
+bat sie, mir meine Schwäche zu verzeihen, und sagte, daß wenn die
+Vorsehung mir geholfen hätte, bald in meine Heimat zurückzukehren, ich
+nicht verfehlt haben würde, ihr die Hand zu reichen, und daß ich sie
+noch immer liebte.
+
+Ich sandte ihr ihren Ring zurück, indem ich sie bat, den meinen meiner
+Familie zuzustellen, um meine Verwandten zu befriedigen, die so empört
+gegen uns seien.
+
+Die arme Vincenzina antwortete mir, daß sie alles so gemacht, wie ihr
+befohlen, daß sie meine traurige Lage beklage, daß sie mich als ihren
+Vetter immer lieben werde und daß für mich, als ihren Verlobten, ihre
+Liebe ewig, unerschütterlich sei, daß sie über mein trauriges
+Mißgeschick weine und daß sie für meine Befreiung bete.
+
+Jetzt wollen wir den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen. Am Sonntag
+nach dem, an welchem meine Gefährten abgereist waren, reiste ich nach
+Neapel ab, begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der zu
+fünfzehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er war nach dem Bagno in
+Favignana bestimmt und hieß Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und
+war aus wohlhabender Familie; als Angehöriger der Camorra war er wegen
+gewisser Vergehen, die er im Gefängnis zu Cosenza verübt hatte, von
+dieser Sekte dazu verurteilt, daß ihm das Gesicht zerschnitten werde,
+aber bis zu diesem Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt,
+das fertig zu bekommen.
+
+Er gestand mir, daß er in Neapel im Gefängnis del Carmina nicht mit mir
+in das Durchgangszimmer kommen wollte, aus Furcht, daß ich ihn
+verunstaltete, weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt
+waren und daß er dem Oberwächter davon Mitteilung machen wolle.
+
+Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafür einstehen würde, daß ihm
+nichts begegnen soll, es sei nicht schicklich für einen anständigen
+Picciotto, sich mit dem Oberwärter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch
+schlimmere Sache könne für ihn eintreten, wenn er im Bagno sein würde;
+daß es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft in Favignana zu
+empfehlen, wo ich verschiedene Mitglieder kannte, und ich nannte ihm
+einige gute Camorristen von Ruf, die meine engsten Freunde waren.[15]
+
+ [15] Hieraus geht hervor, daß der Mord, wegen dessen M... unter
+ Berücksichtigung aller mildernden Umstände verurteilt war, nicht seine
+ einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen zur Camorra
+ übergeht.
+
+Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, im Gefängnis del
+Carmina, traten wir in das Durchgangszimmer ein: ein großes Gemach mit
+gewölbten Bogen und Säulen, ich glaube, in alten Zeiten ist es eine
+Klosterkirche gewesen; hier waren ungefähr zweihundert Passagiere, die
+Tag für Tag, ja Augenblick für Augenblick nach ihrem Bestimmungsort
+abreisten, während andere Züge von dreißig oder fünfzig Gefangenen, ihre
+Stelle einnahmen -- es war ein höllisches Kommen und Gehen.
+
+Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti da Serra S. Bruno, einen
+berüchtigten Camorristen und ein Haupt der Gesellschaft, der zu
+lebenslänglichem Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines
+anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu Piombino begangenen
+Mordes. Er war wie ein zum Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und
+Mütze und grüne Hosen; an den Füßen schleppte er mühsam zwei lange
+Ketten und große eiserne Ringe, die ein höllisches Geräusch machten.
+Sansosti war ein alter Bekannter von mir, der, nachdem er mich kaum
+gesehen hatte, herbeieilte, um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu
+flüstern:
+
+»Das Stichwort?«
+
+»Liebe und Achtung den Gefährten, blinder Gehorsam dem Masto.«
+
+»Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam wirst Du mir gegenüber
+beobachten.« Wir küßten uns, er gab mir zwei Cigarren und wir setzten
+uns auf die Pritsche.
+
+»Nun, teurer Genosse«, sagte er, »erzähle mir, wie es den Gefährten in
+Catanzaro und Monteleone geht, ich möchte über gar vieles unterrichtet
+sein.«
+
+»Lieber Sansosti, die Gefährten sind zerstreut, jener Verräter Diogene
+Perri hat sie verraten.«
+
+Dann erzählte ich ihm das ganze Abenteuer mit Perri, seinen Tod und wie
+es den Camorristen in Catanzaro gegangen war, indem ich ihn genau über
+viele andere Angelegenheiten der Camorra unterrichtete. Dann sagte er:
+
+»Und jener elende Perrone, hat man ihn nicht vorbeikommen sehen?«
+
+Es muß erwähnt werden, daß Sansosti den Perrone nur dem Namen nach
+kannte; denn als Perrone sich im Gefängnis zu Catanzaro befand, war er
+allein in einer Zelle eingeschlossen, aus Furcht, daß die Camorristen
+ihn ermordeten, und Sansosti hatte ihn niemals gesehen.
+
+»Mir scheint, er ist abgereist«, antwortete ich Sansosti.
+
+»Das glaube ich nicht, bei Gott nicht. Seit sechs Monaten erwarte ich
+ihn schon, jeden Gefangenenzug, der ankommt, beobachte ich und erkundige
+mich nach jedem, der ankommt und abgeht; man sagte mir, daß er noch
+nicht fort sei und Du M..., hol's der Teufel, hast ihn in keinem
+Gefängniß getroffen? Weißt Du, was unsere Brüder im Gefängnis zu Cosenza
+beschlossen haben? »Wer den Picciotto Luigi Perrone verstümmelt, wird,
+wenn er =nicht Camorrist= ist, sofort =Picciotto di mala vita=; gehört
+er zur Camorra, so avanziert er zwei Grade; ist er Picciotto, so wird
+er =Camorrist=, ist er Camorrist, so wird er eigentlicher Camorrist; ist
+es der =Masto= oder auch ein Haupt der Gesellschaft, so soll er von
+allen und für alles unantastbar sein und überall in seinem Kreise als
+Haupt der Gesellschaft anerkannt werden.« Noch hat keiner von uns das
+Glück gehabt, aber beim Blute der Madonna, er muß hier vorbei, noch ist
+er nicht zurück ..., und jener Jüngling, der mit Dir kam, wer ist er?«
+
+»Ein Freund von mir, ein braver Junge, Nicht-Mitglied der Camorra; zu
+zehn Jahren Gefängnis verurteilt und nach der Anstalt in Aversa
+bestimmt.«
+
+»Aber sage mir, M..., glaubst Du, daß dieser ehrlose Perrone noch lange
+hat, ehe er hier durchkommt?«
+
+»Ich glaube, daß er mit einer anderen Abteilung kommen wird, denn in
+Pizzo habe ich erfahren, daß er in Catanzaro krank lag.«
+
+»Sehr wohl; jetzt, wenn Du etwas brauchst, verfüge auch über uns; wir
+sind hier elf Genossen, mit Dir sind wir zwölf.«
+
+»Lieber Sansosti, würdest Du mir einen Gefallen thun, wenn ich Dich
+darum bitte?«
+
+»Sicher, bei Gott, mein Bruder!«
+
+»Wohlan, höre mich an, und dann mach' mit mir, was Du willst. Ich,
+lieber Sansosti, bin nicht mehr der, als welchen Du mich einst gekannt
+hast; ich bin zu fünf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in
+Frieden in mein Haus zurückzukehren. Jetzt bin ich es müde, von der
+Camorra sprechen zu hören, von Picciotti, von Rechten und Pflichten. Der
+wahre Camorrist, der wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine
+Strafe verbüßt und dann zurückkehrt, um seine Freiheit zu genießen,
+anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen Höhlen alt zu werden.«
+
+»Mir recht, mein lieber M..., ich habe Mitleid mit Dir, thu' was Du
+willst; ich will Dir Deinen schönen Entschluß nicht von der Seele
+reißen; aber heute Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der
+Gesellschaft vorstellen kann.«
+
+»Mach' was Du willst, Sansosti, aber es würde besser sein, mich von
+dieser Vorstellung zu entbinden.«
+
+»Nein, nein; ich will es.«
+
+Wir erhoben uns und schritten durch das von Schmutz und Ungeziefer
+starrende Zimmer. Perrone, der Ärmste, saß in einem Winkel, in seinem
+Mantel eingehüllt und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, doch
+nicht vor Kälte, sondern vor Furcht.
+
+Kaum hatte ich dem berüchtigten Camorristen entfliehen können, dem
+Verächter der Menschen und der Natur, als ich mich Perrone näherte; ich
+fand ihn bleich, entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, daß
+er von niemand gekannt sei und daß die Dinge eine gute Wendung nähmen.
+Der Ärmste küßte mir die Hände und umklammerte meine Knie, während zwei
+heiße Thränen auf meine Finger niederfielen.
+
+Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel auf einer Pritsche
+errichtet; wir acht Gefangenen setzten uns, denn ein Picciotto konnte
+nicht die Ehre haben, mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren
+Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. Während die Zähne und die
+Magen arbeiteten, sagte Sansosti:
+
+»Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, M..., vor, meinen
+Landsmann, den ich genau kenne; er ist hier auf der Durchreise.« Die
+Camorristen drückten mir die Hände und küßten mir die Wange, dasselbe
+that ich. Wir aßen vergnügt und tranken viel, das Mahl war reichlich,
+der Wein vorzüglich; dann zündeten wir die Cigarren an, gingen im Zimmer
+umher und sprachen von Schandthaten der Camorra.
+
+Und wer trug die Kosten dieser ungeheuerlichen Komödie? Es waren die
+armen Unglücklichen, die nicht der berüchtigten Sekte der Camorra
+angehörten.
+
+Ich könnte viele Episoden mitteilen, welche die verhärtetsten Gemüter
+erschauern machen würden, aber meine Absicht, meine Pflicht, und weil
+ich nicht meineidig werden will, erlauben es mir nicht, und ich übergehe
+sie, um nicht den Menschen und seinen Schöpfer zu verfluchen.[16]
+
+ [16] Was für moralische Widersprüche in diesem Manne! Erst sagte er,
+ daß er sich anständig halten wolle, um ruhig nach seinem Hause
+ zurückzukehren, dann ißt und trinkt er vergnügt und spricht von den
+ Schandthaten der Camorra. Er enthüllt unter Namensnennung
+ camorristische Beschlüsse und verschanzt sich dann hinter seiner
+ Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um nicht von
+ weiterem zu erzählen.
+
+ Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte
+ Camorra war in der That sehr abergläubisch und religiös; ihre
+ Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkränze und eine der
+ camorristischen Zeremonien, nämlich die, um sich unsichtbar zu machen,
+ vollzog sich in der Weise, daß man sich eine Wunde am Arm beibrachte
+ und die geweihte Hostie darüber legte.
+
+Nachts berieten Perrone und ich, was am folgenden Tage geschehen sollte,
+wenn er mit lauter Stimme von dem Gefangenenwärter zum Aufbruch
+aufgerufen werden würde.
+
+Am Morgen näherte ich mich dem Ausgangsgitter und sprach mit dem Wärter,
+den ich fragte, ob er heute beim Aufruf der Gefangenen, die fort müssen,
+zugegen sein werde. Er antwortete bejahend; darauf teilte ich ihm mit,
+daß ein Gefährte von mir, der heute abreisen müßte, sich großer Gefahr
+aussetzte, wenn er entdeckt würde, und ich bat ihn, mir den Gefallen zu
+thun, wenn der Name Perrone an die Reihe käme, statt dessen den meinigen
+zu rufen, worauf Perrone, der von dem Plan unterrichtet sei, das Zimmer
+verlassen würde; auf diese Weise würde er für heute gerettet sein. Der
+Wärter gab meiner Bitte gern nach, er vermerkte mit Bleistift die Namen
+auf der Karte und sagte:
+
+»Es ist in Ordnung, fürchten Sie nichts, Sie sind ein heller Kopf.«
+
+Mittag kam heran, das Gitter wird geöffnet, der Wärter tritt mit einer
+Abteilung von zwanzig Gefangenen herein, er hält ein Blatt Papier in den
+Händen und ruft drohend:
+
+»Ruhe, Ruhe!«
+
+Als die Ruhe hergestellt ist, hält er sich das Blatt vor Augen und liest
+laut das Verzeichnis der Gefangenen vor, die abreisen mußten. Perrone
+stand an dem Ausgangsgitter, der Wärter rief ungefähr zehn Namen auf,
+dann rief er:
+
+»M...«
+
+Perrone stürzte hinaus und stieg eilig die Treppe hinauf, während ein
+anderer Wärter unten rief:
+
+»Hierbleiben! Wohin? Hierbleiben, zum Teufel!«
+
+Die aufgerufenen Gefangenen gingen hinaus, das Gitter wird geschlossen,
+ich ging mit Sansosti auf und ab, der zu mir sagte:
+
+»Jetzt glaube ich's; er ist noch nicht durchgekommen, soviel ist sicher.
+Der elende Perrone, hier muß er durch; hier werden wir unsere Rechnung
+glatt machen, da es in Calabrien nicht möglich war, was sagst Du, M...?«
+
+»Ich glaube es, ich glaube es gern; wenn er noch nicht durch ist, muß er
+noch kommen, -- wenn er nicht mit der Eisenbahn transportiert wird.«
+
+»Mit der Eisenbahn? Du meinst, daß ihn die Regierung zum Vergnügen in
+Italien herumreisen lassen wird?«
+
+»Wenn er noch nicht durch ist«, erwiderte ich, »muß er sicher hier
+vorbei -- aber, lieber Sansosti, was geht es Dich an, daß Perrone dem
+Haupt der Gesellschaft, dem Guardavalle, das Gesicht mit einem Messer
+aufschnitt? Was für ein Interesse hast Du daran, Dich in diese Dinge zu
+mischen! Genügen Dir nicht die traurigen Strafen und die Leiden, die er
+jetzt duldet?«
+
+»Welche Strafen, welche Leiden? Und bist Du M..., der so spricht? Hast
+Du Dich seit den zwei Jahren so verändert? Haben wir nicht geschworen,
+die Schmach zu bekämpfen? Habe ich Dir nicht die Worte auf die Brust
+eingeschnitten: Tod der Schmach! Hast Du nicht mit Deinen Genossen
+geschworen, die Schmach auszurotten!?«
+
+»O, damals waren andere Zeiten, ein anderes Herz schlug mir damals in
+der Brust, und glaube mir, Sansosti, nachdem ich die Strafe erhalten
+habe, habe ich Mitleid mit allen Unglücklichen und Entehrten, ich liebe
+sie alle wie meine Brüder, die Guten und die Bösen, die Armen und die
+Reichen, ob sie Genossen der Camorra sind oder nicht.«
+
+»Nein, M..., nein; die Schmachvollen sind immer schmachvoll, sie
+verdienen keine Rücksicht und kein Mitleid. Erinnerst Du Dich, als ich
+Dir im Gefängnis zu Catanzaro einen Stoß gab? Damals kannte ich Dich
+nicht; und Du, der Du die Beleidigung empfandest, verschafftest Dir ein
+scharfes Eisen, um mich zu ermorden, während ich auf dem Abtritt meine
+Bedürfnisse verrichtete. Und warum? Weil ich Dich beleidigt hatte, und
+heute willst Du nicht, daß ein Elender, der die ganze Camorra beleidigt,
+verstümmelt wird.«
+
+Das waren die Gespräche, die ich mit diesem Galeerenhunde führte in den
+drei Tagen, die ich im Gefängnis del Carmine war.
+
+Ich allein, gefesselt und von zwei Karabinieri begleitet, fuhr mit der
+Eisenbahn in einem Wagen dritter Klasse nach Foggia, machte in Benevento
+Rast und setzte Tags darauf meine Reise fort. Im Gefängnis zu Foggia
+wurde ich in ein Zimmer zu ebener Erde gebracht; hier traf ich einige
+dreißig Gefangene.
+
+Man muß wissen, daß ich ein großes dickes Buch bei mir trug, in dessen
+Einband eine lange Messerschneide verborgen war, ähnlich der, mit
+welcher die Lämmer geschlachtet werden; dieses Buch und das Messer hatte
+mir ein Camorrist im Gefängnis zu Pizzo geschenkt. Ich trug es bei mir,
+um unter Umständen Gebrauch davon zu machen ... Kaum war ich in dem
+Zimmer, als ich mir einen halben Liter Wein bringen ließ, den ich mit
+zwei Soldi bezahlte, denn der Liter kostete vier Soldi, ein
+ausgezeichneter Barlettawein, denn damals war die Traubenkrankheit noch
+nicht in Apulien aufgetreten.
+
+Ich habe mich auf eines der Fenster gesetzt, das von außen mit
+Holzfachwerk verkleidet ist, damit man nicht sehen soll, was draußen
+vorgeht; ruhig und friedlich trinke ich meinen halben Liter Wein, um den
+Magen zu wärmen, der seit zwölf Stunden trocken war. Während ich den
+Göttertrank schlürfte, freute ich mich, daß ich müde war und mich an
+einem mir unbekannten Ort befand. Ein hübscher bartloser Jüngling von
+sechszehn bis siebzehn Jahren, anständig gekleidet und aufgeputzt wie
+ein Dämchen, mit einer schief auf den Kopf gestülpten roten Kappe, wie
+sie im Gefängnis zu Catanzaro angefertigt werden, mit Flittern von
+verschiedener Farbe geschmückt, nähert sich mir und sagt:
+
+»Freund, könnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte sagen zu dürfen?«
+
+»Auch hundert,« antwortete ich mit verdrießlicher Stimme.
+
+»Hier ist die Societa del Diritto, sie möchte etwas von Ihnen
+beanspruchen.«
+
+»Haben Sie ein wenig Geduld, mein lieber Picciotto, nachher werden Sie
+bedient, aber sagen Sie mir, wer sind Sie?«
+
+»Ich bin ein Picciotto di sgarro.«
+
+»Schön. Haben die das Amt des Picciotto _du jour_?«
+
+»Zu dienen.«
+
+»Dann thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie dem Camorristen _du jour_,
+daß ich um eine Unterredung mit ihm bitten lasse.«
+
+»Wir haben hier keinen Camorristen _du jour_, das Haupt der Gesellschaft
+macht hier alles.«
+
+»Wie?« rief ich verwundert aus, »eine Societa del Diritto, die aus mehr
+als zwei Genossen besteht, hat keinen Camorristen _du jour_? Das ist mir
+neu, sehr neu, trotzdem ich nicht gerade wenig weiß.«
+
+»Wir machen hier alles selbst, wir beraten alles zusammen, und je mehr
+einer weiß, desto besser ist es für ihn.«
+
+»Bravo, mein Picciotto, bravo, tausendmal bravo! Wir machen alles selbst
+-- also alles macht ihr selbst! Ihr braucht niemand Rechenschaft zu
+geben von dem, was ihr thut. Was für eine Bande seid ihr denn? Nicht
+übel: »wir machen alles selbst«. Dann werden also auch die Picciotti bei
+Euch zur Versammlung zugelassen?«
+
+»Natürlich; der Picciotto wird zuerst zugelassen.«
+
+»Nun sagen Sie mir, lieber Picciotto, welches sind die Pflichten eines
+Picciotto di sgarro, seine Funktionen und die Beziehungen, die er zur
+Gesellschaft haben soll?«
+
+»Das weiß ich nicht, denn ich kann weder lesen noch schreiben, ich
+gehorche den Befehlen, die mir meine Genossen geben.«
+
+»Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Die Pflichten eines Picciotto di
+sgarro sind, entweder zu betrügen oder betrogen zu werden; haben Sie
+verstanden?... Aber nun marsch! Nachher werden wir uns wiedersehen!«
+
+Er ging verdrießlich ab. Fünfzehn Gefangene nahmen ihn in die Mitte und
+umringten ihn. Es waren die Camorristen, welche die Gesellschaft
+ausmachten und ich glaube, daß der elende Picciotto erzählte, was ihm
+bei mir begegnet war.
+
+Ich maß den Kreis mit den Blicken und schätzte die Hallunken ab. Ich bin
+allein, dachte ich, aber ich habe ein Messer, ich bin bewaffnet, kann
+ich es darauf ankommen lassen, ich allein, es mit jenen fünfzehn
+Hallunken aufzunehmen? Und wenn jene auch bewaffnet seien, und bessere
+Waffen haben als ich? Sie sind fünfzehn, ich allein; wenn ich einen
+Genossen hätte, der mir den Rücken decken würde -- ja, dann würde sich
+das Schauspiel ändern. Dann könnte man es wagen; aber allein, allein
+geht es nicht; ich muß die Klugheit siegen lassen und abwarten.
+
+Der Picciotto erscheint wieder und sagt:
+
+»Die Gesellschaft möchte sich von Ihnen etwas spendieren lassen.«
+
+»Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt?«
+
+»Noch nicht.«
+
+»Sind Sie angeschuldigt?«
+
+»Zu dienen.«
+
+»Wo wird Ihre Sache verhandelt?«
+
+»In Lucera.«
+
+»Schön, könnte ich die Ehre haben, Ihren Namen zu erfahren?«
+
+»Paolo Pescari, zu dienen.«
+
+»Sehr schön.«
+
+Ich knöpfte meine Weste auf, öffnete das Hemd und zog ein Amulet der
+Madonna del Carmine hervor, das ich um den Hals trug. Ich öffnete es und
+nahm eine Fünflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den Worten
+reichte:
+
+»Bitte, das genügt für Ihre Gesellschaft; aber Sie, erinnern Sie sich,
+daß sie Ihnen ein Calabreser Namens M... gegeben hat.«
+
+»Ich danke, ich werde es nicht vergessen.«
+
+Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging und was ich auf den
+Lippen hatte, die Nacht ergriff mich ein heftiges Fieber mit
+Delirien.[17]
+
+ [17] Diese Thatsache ist von großem diagnostischen Wert und läßt in
+ M... einen Epileptiker vermuten. Man muß beachten, daß er nicht empört
+ ist, weil er sich der Camorra beugen muß, sondern weil es sich um eine
+ falsche Camorra handelt.
+
+Ich blieb fünf Tage in jenem Flecken und dachte: Was werden meine
+Gefährten sagen und die, welche mich gekannt haben, wenn sie erfahren,
+daß ich im Gefängnis zu Foggia für die Camorra habe bezahlen müssen?
+
+Wo sollte ich mich verbergen?[18]
+
+ [18] Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei M...
+ war, trotz seiner Beteuerungen gegenüber dem Camorristen Sansosti.
+
+Sie werden sagen: »Jeder Vogel liebt sein Nest.«
+
+Und je mehr ich daran dachte, um so mehr stieg mir das Blut zum Kopfe.
+
+In Lucera angekommen, schloß man mich in das Gefängnis San Domenico, in
+ein Zimmer, wo zwanzig Calabreser waren, lauter Bekannte von mir. Man
+muß beachten, daß in Lucera drei Gefängnisse waren: das
+Gerichtsgefängnis, das Gefängnis San Francesco und San Domenico, die
+alle dicht bei einander liegen.
+
+Folgendermaßen war das Gefängnis San Domenico beschaffen: Zwei lange
+Zimmer mit je einem Fenster, die auf den Bürgersteig an der schönen
+breiten Straße inmitten der Stadt hinaus gingen. Die Fenster waren
+mannshoch, mit zwei großen Gittern und einem Netz aus Gußeisen versehen;
+zwei andere Fenster gingen auf einen kleinen Hof hinaus; zwischen den
+beiden Zimmern lag der Wachtraum, etwas weiter oben das Zimmer der
+Wärter mit dem Amtszimmer des Oberwärters, des Peppino Crigna.
+
+Wir waren einundzwanzig Mann, liebten uns als gute Unglücksgefährten und
+halfen uns gegenseitig.
+
+Von dem, was mir damals im Gefängnis zu Foggia begegnete, sagte ich
+meinen Genossen nichts, denn ich konnte einem camorristischen Gericht
+unterworfen und bestraft werden.
+
+Zwar spricht Francesco Mastriani in seinen Romanen ausführlich von der
+Camorra, aber die Camorra der alten Zeiten ist etwas ganz anderes als
+die von heute, alles ist verändert, die Gesetze, Einrichtungen,
+Kleidung, Arbeiten, Jargon, Rechte und vieles andere; nur der alte Name
+ist von früherher geblieben und sonst nichts. Jedes mal, wenn eine
+Abteilung von Gefangenen ankam, stellte ich mich an's Fenster des
+Hofraumes, um zu sehen, ob der Picciotto aus Foggia ankäme, aber zwei
+Monate lang erwartete ich ihn vergebens. Eines Tages, als ein Zug von
+nur wenigen Gefangenen ankommt, höre ich einen Wärter rufen:
+
+»Transport aus Foggia!«
+
+Ich trete an's Fenster, blicke und suche mit dem Auge und sehe den
+Picciotto aus Foggia, mit seiner schief aufgestülpten roten Kappe.
+
+Ich rufe den Wärter Peppino, der mein Freund ist, da ich ihm täglich
+zwei Brote liefere, die er mir mit fünfzehn Centesimi bezahlt.
+
+»Peppino«, sprach ich, »jener Bursche mit der schiefen roten Mütze ist
+Paolo Pescari, mein lieber Freund; haben Sie die Güte, ihn nach der
+Untersuchung in mein Zimmer zu schicken.«
+
+»Wärter Cicciotto«, sagt der Oberwärter zu einem in der Nähe stehenden
+Wärter, »wenn Sie den Paolo Pescari durchsucht haben, lassen Sie ihn
+hier hereinkommen.«
+
+»Sehr wohl«, antwortet der Wärter.
+
+Ich begab mich wieder zu meinen Gefährten und erzählte ihnen mein
+Abenteuer im Gefängnis zu Foggia, wobei ich nicht die fünf Lire vergaß,
+die ich dem falschen Picciotto gegeben hatte.
+
+Die wackeren Genossen gerieten in große Wut, der eine wollte ihn töten,
+der andere die Nase abschneiden, der dritte das Gesicht verstümmeln
+-- alle fluchten und drohten durcheinander, die Fäuste streckten sich in
+die Höhe und die Messer wurden hervorgezogen.
+
+Ich mußte sie bitten, sich zu beruhigen und das zu thun, was ich dachte.
+
+»Liebe Genossen«, sagte ich, »wir wollen ihn weder töten, noch
+verstümmeln; das thut man nicht mit einem armen Burschen, der so elend
+ist wie wir; ich will Euch ein Mittel angeben, eine famose Posse
+aufzuführen, wobei keiner zu leiden braucht. -- Bildet eine
+camorristische Gesellschaft, ernennt ein Haupt, wählt die Camorristen,
+die Picciotti, die Novizen, stellt eine richtige Societa di diritto dar;
+wenn der Picciotto Pescari eintritt, dann fragt ihn erst nach den
+Aufnahmerechten, dann nach den Wohnungsrechten; das Übrige werde ich
+machen: wenn Ihr in Zukunft Rechenschaft über Euer Benehmen ablegen
+müßt, so stehe ich für alles ein; ich bürge für alles, was daraus folgen
+kann; aber ich bitte Euch, die Hand in der Tasche zu lassen und nicht
+das Messer gegen den gemeinen falschen Picciotto zu gebrauchen; ich
+werde mich beiseite halten und keinen Anteil an der Komödie nehmen und
+ihr müßt mich gleichgiltig behandeln.«
+
+Sie traten zusammen und thaten, was ich angeordnet hatte.
+
+Der Picciotto Paolo Pescari tritt ein und sagt:
+
+»Heil den Genossen!«
+
+Er verhunzte das Losungswort oder kannte es nicht, es lautete statt
+dessen:
+
+»Heil und Frieden den Genossen, Achtung Allen!«
+
+Statt sich das Haar zu glätten oder das Kinn zu berühren, rückte er die
+Mütze auf dem Kopf zurecht. Im Zimmer wurde er von den hungrigen Kerlen
+umzingelt, in der Hand trug er einen großen Sack, der von einem
+ergriffen wurde, der das Amt des Zimmerkehrers hatte und der den Sack
+auf das Bett warf.
+
+Die Kerle erkundigten sich, woher er käme, wessen er angeklagt sei, wer
+sein Verteidiger wäre, ob er diesen oder jenen Camorristen oder
+Picciotto kannte. Zitternd und nachdenklich antwortete er auf die
+Fragen.
+
+Ich lag auf meinem Bette, mit dem Rücken auf dem Strohsack und rauchte
+eine Pfeife. Als mir der Bursche reif und durch das Hin- und Herfragen
+genügend verwirrt schien, erhob ich mich, trat an das Fenster und rief:
+
+»Frau M..., Frau M...!«
+
+Es war die Wärterin, die auf Kosten der Gefangenen gehalten wurde, und
+die mir wegen verschiedener kleiner Gefälligkeiten zugethan war.
+
+Die M... kommt, tritt an das Gitter und sagt:
+
+»Was giebt es, mein lieber M...?«
+
+»Nichts, aber ich möchte wissen, wieviel Geld der Gefangene Paolo
+Pescari im Bureau deponiert hat.«
+
+»Sofort«, sagte sie und ging. Bald kam sie wieder und sagte:
+
+»Der Gefangene Paolo Pescari hat im Bureau dreißig Lire deponiert.«
+
+»Ich weiß, liebe M..., ich kann mich auf Dich verlassen, wie Du auf mich
+und meine Genossen. Wenn Du nachher kommst, um die Rechnungen zu
+schreiben, so beachte, daß Paolo Pescari Dir eine Nota von dreißig Lire
+überreichen wird, fünfzehn sind für Dich, die andern fünfzehn werde ich
+für Essen, Trinken und Rauchen ausgeben, hast Du begriffen?«
+
+»M..., Du wirst mich um meine Stellung bringen.«
+
+»Du wirst nichts verlieren, verlaß' Dich auf mich.«
+
+»Ich rechne darauf, M...«
+
+»Schön, sind wir einig?«
+
+»Ja, wir sind einig.«
+
+Ich setzte mich auf mein Bett, nahm ein Blatt Papier und schrieb mit
+großer deutlicher Schrift:
+
+=Kostenrechnung für den Gefangenen Paolo Pescari.=
+
+ Kalbfleisch, 20 Portionen L. 5,--
+ Kuchen, 20 " " 5,--
+ 20 Liter Wein à 5 Soldi " 10,--
+ Gemüse " 2,--
+ Rauch- und Schnupftabak, Cigarren " 8,--
+ ----------
+ L. 30,--
+
+Nachdem ich diese Nota geschrieben hatte, rief ich einen Genossen und
+sagte:
+
+»Achte auf das, was ich Dir sage und mache folgendes: Dies ist eine Nota
+über 30 L., die der neue Picciotto der M... geben sollte, wenn sie nach
+den Rechnungen kommt; ich habe alles mit ihr abgemacht.«
+
+»Schön, M..., ich habe verstanden, heute wird gegessen und getrunken.«
+
+Ich übergab die Nota einem Genossen, der die andern von meinem Werk
+unterrichtete.
+
+Als die Speisestunde kam, sagte ein Picciotto der neuen Gesellschaft zu
+Pescari:
+
+»Freund, ist es mir gestattet, mit Erlaubnis dieser Herren eine Bitte
+auszusprechen?«
+
+»Auch zwei«, erwiderte Pescari kühn. Sie traten in einen Winkel des
+Zimmers; der neue Picciotto, mit der Mütze auf dem rechten Ohr, die
+rechte Hand in das Hemd gesteckt, sagt zu Pescari:
+
+»Freund, die Gesellschaft möchte von Ihnen etwas spendiert haben, läßt
+sich das machen?«
+
+»Ich bin ebenfalls Picciotto.«
+
+»Nein, Du bist ein Hallunke! Und wenn Du noch einmal das Wort
+wiederholst, das Du eben gesagt hast, so schlage ich Dir die Zähne aus
+dem Maul!«
+
+»Aber erlauben Sie! Ich ...«
+
+»Du bist ein Hallunke! Sei still und muckse nicht, sonst ...«
+
+Die Wärterin kommt und unterbricht das lächerliche Duett, das ich gern
+zu Ende führen sähe.
+
+»Nun, was Sie auch seien; fassen Sie Mut, heute trinken wir eine Flasche
+zusammen, aber sei still, sonst schlage ich Dir den Schädel ein.«
+
+Und vom »Du« ging es zum »Sie« über und wieder zum »Du.«
+
+Er giebt ihm einen derben Stoß, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach dem
+inneren Gitter, wo gewöhnlich die Rechnungen geschrieben wurden; alle
+einundzwanzig standen dort zusammen.
+
+Ein Calabreser überreicht der Wärterin die Nota und sagt:
+
+»Unser Freund Pescari, der berühmte Picciotto aus Foggia, will uns heute
+ein Festessen geben, hier ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari?«
+
+»Ja, Herr!«
+
+Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten.
+
+Die Wärterin überträgt den Zettel in ein großes Register, giebt ihn
+zurück und geht fort.
+
+Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen Zettel.
+
+Alle reihten sich um Pescari und bestürmten ihn mit camorristischen
+Fragen und Redensarten.
+
+»M..., M..., heute giebt's ein Fest; alle Teufel! Der volle Korb, die
+gute Waare, Wein aus Barletta! M..., M..., hier ist Ihr Fenchel und Ihr
+halber Liter!«
+
+Es war der Wirt, der aus vollem Halse brüllte, daß es in der Wölbung
+widerhallte.
+
+Ich eile an das Gitter und nehme den halben Liter Wein, meinen Becher
+und den Fenchel entgegen. Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir
+täglich von dem Wirt verehrt.
+
+Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der Wirt mir den halben
+Liter und den Fenchel verehrte, nicht wahr?
+
+Eure Neugier soll befriedigt werden.
+
+Als ich zuerst in das Gefängnis gebracht wurde, hatte ich einen Streit
+mit dem Wirt gehabt wegen zwei Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht
+war; ein Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher über den Kopf
+schlug, daß er fast in Stücke ging; von da ab konnten meine Genossen ihn
+nicht mehr sehen; jedes mal, wenn er kam, erscholl es aus allen drei
+Zimmern:
+
+»Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!«
+
+Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt zu verzeihen und dafür zu
+sorgen, daß meine Gefährten ruhig seien, sonst müßte er den Wirt
+wechseln.
+
+Der Oberwärter rief mich in Gegenwart der Wärter, wir blinzelten uns zu,
+und er sagte mir:
+
+»M..., so lange Sie in diesem Gefängnis sind, gebe ich Ihnen täglich
+einen halben Liter vom besten Wein und einen Fenchel oder irgend ein
+anderes Gemüse, sind Sie zufrieden?«
+
+»Schön, aber hüte Dich, Dein Versprechen zu brechen.«
+
+»Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht Ihnen.« Dies ist der
+Grund, weshalb der brave Wirt mir den halben Liter und den Fenchel gab;
+jetzt kann es weiter gehen.
+
+Meine Genossen machten eine Rechnung von fünfzehn Lire, während die
+anderen fünfzehn Lire der Wärterin M... zu gute kamen.
+
+Sie warfen die Strohsäcke zur Erde und stellten aus den Pritschen und
+den Ständern eine große Tafel her und deckten das Betttuch darüber; die
+zusammengerollten Strohsäcke dienten als Sitze, vor sich stellten sie
+die Näpfe und eine große Flasche mit Wein; so aßen sie und tranken sie,
+die Becher voll schäumenden Weines, und oft küßten sich die
+Tischgenossen auf die Lippen. Ich saß auf meinem Bett, aß meinen Fenchel
+und schlürfte meinen halben Liter Wein; der arme Pescari saß auf dem
+Fenster und sah mich heimlich an, während er oft und schmerzlich
+seufzte.
+
+»M..., beehren Sie uns doch und speisen Sie mit,« riefen die
+Tischgenossen.
+
+»Ich danke sehr, meine lieben Freunde.«
+
+Sie aßen und tranken mit vollem Munde, sprachen laut und verworren
+durcheinander, brachten Trinksprüche aus in ihrer kalabresischen
+Mundart, daß man vor Lachen platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal;
+einer sang, der andere lachte wie verrückt, der dritte erzählte Späße
+und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse spielte sich ab
+auf Kosten des halbverhungerten, betrübten Pescari.
+
+Die Suppe kam, ich nahm meine und aß sie[19], Pescari nahm die seinige
+und stellte sie unter sein Bett, die andern wiesen sie zurück, indem sie
+sagten:
+
+»Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den Armen; uns geht es
+vorzüglich.«
+
+ [19] Es ist merkwürdig, wie M... sich hier als Rächer der verletzten
+ Moral aufspielt, man möchte sagen, daß er die Rolle des
+ Uninteressierten hervorkehren will, während er vielleicht nur seinem
+ Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser
+ Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, daß
+ der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, daß er die Camorra
+ herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen ausgegeben
+ hatte, ohne es zu sein. Man möchte glauben, daß M..., obgleich er es
+ nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine
+ Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (_Archivio di Psichiatria_,
+ V. Jahrgang 1884) und Alongi (_La camorra Studio di Sociologia
+ criminale, Torino, Bocca 1890_) bei den Häuptern der Camorra
+ beschreiben.
+
+Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. Sie erhoben sich von
+der Tafel mit vollem Magen und weinerhitzten Köpfen; jeder hatte eine
+gute Zigarre zwischen den Zähnen und blies mächtige Rauchwolken von
+sich. Sie umringten den unglücklichen Pescari und fingen die alten
+Fragen über seinen Prozeß, seinen Anwalt, über Camorristen und Picciotti
+wieder an. Ich trat ans Fenster und sagte einem Wärter, der vorbeiging:
+
+»Haben Sie die Güte, mir den Wärter di A... zu rufen, ich möchte ihn
+sprechen.«
+
+Alsbald erschien di A...
+
+Dieser Wärter war ein armer, alter Mann, Vater von neun Töchtern, arm
+wie Hiob, so daß er die Gefangenen um ein Stück Schwarzbrot anbettelte.
+Er war mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben hatte,
+auch einige Näpfe voll Brei oder Reis[20].
+
+ [20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für die
+ Gefängniswache widerspricht. Es existiert militärische Disziplin, aber
+ der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem
+ traurigen Geschäft soviel wie möglich herauszuschlagen.
+
+»Was giebt's, M..., wünschen Sie etwas?«
+
+»Sagen Sie, di A..., kann ich mich auf Sie verlassen?«
+
+»Gewiß, wie ich mich auf Sie verlassen habe.«
+
+»Nun, so hören Sie mich an und thun Sie, was ich Ihnen sage: Hier ist
+ein Sack mit Kleidern, ich weiß nicht, was für welche; sie sind uns hier
+unbequem, und ich möchte, daß sie wegkommen; wollen Sie das
+übernehmen?«
+
+»Aber wem gehört der Sack?«
+
+»Dem Teufel, der Dich holen soll!«
+
+»Schön, schön, ich habe verstanden; später, M..., beim Dunkelwerden.«
+
+»Sehen Sie zu, daß Sie sich entfernen, sobald Sie glauben, daß es
+gelingt, ohne daß der Oberwärter Sie bemerkt; klopfen Sie mit dem
+Schlüssel an das Gitter und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.«
+
+»Machen Sie, daß uns keiner sieht, sonst M..., bin ich ruiniert.«
+
+Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den zwanzig Kerlen, sein
+Bett, unter dem er den umfangreichen Sack niedergelegt hatte, war nahe
+der Ausgangsthür.
+
+Der Schlüssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe ans Fenster und di
+A... sagte mir:
+
+»Bringen Sie die »Leiche« an die Thür, ich öffne rasch und Sie geben sie
+mir.«
+
+Die Thür war wie gesagt nahe dem Bett, wo der Sack war, ich ergreife ihn
+unbeobachtet und gehe zur Thür, die halb geschlossen ist, eine Spalte
+öffnet sich und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich
+aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schließt sich die Thür ohne
+das geringste Geräusch.
+
+Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich gemacht hatte.
+
+Die Nacht bricht herein, die Thür öffnet sich geräuschvoll, man hört das
+Klirren des Schlüsselbundes, der Oberwärter mit fünf Wärtern treten ein,
+zwei tragen brennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange
+tritt an's Gitter und klopft eine prächtige Polka. Wir waren alle auf
+den Beinen, jeder am Fußende seines Bettes, die Mütze in der Hand. Der
+Oberwärter ruft die Namen auf und wendet sich an den Stubenältesten:
+
+»Wie viel sind es?«
+
+»Zweiundzwanzig,« antwortet er.
+
+»Zweiundzwanzig,« wiederholte der Vorgesetzte.
+
+Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose Picciotto der Camorristen
+in Foggia, derselbe, welcher den Mut gehabt hatte, mir gegenüber zu
+treten, um mich nach den Regeln der Camorra zu fragen[21], der, welcher
+sich als »Guappo« aufspielte mit der schief aufgesetzten Mütze, aus der
+Thür floh und zwischen den Soldaten hindurch in das Wachtzimmer lief,
+indem er rief:
+
+»Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!«
+
+ [21] Das ist das große Verbrechen. M..., der dem Sansosti erklärte,
+ daß er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von der Camorra
+ nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer weiß wie oft zu seinen
+ Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus bloßem Wunsch nach Rache
+ zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem
+ folgenden, war, sich als »Guappo« aufgespielt zu haben, ohne es
+ wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische
+ Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der
+ antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen,
+ die ihrem Temperament mehr entsprechen.
+
+Die Wärter und der Oberwärter eilen hinzu, fassen ihn und fragen ihn,
+was er habe, welches Gespenst er gesehen habe.
+
+»Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die Kalabresen wollen mich
+ermorden.«
+
+»Dann laßt sein Bett in das andere Zimmer schaffen,« befahl der
+Oberwärter, »und er möge zu seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der
+kalabresische Dialekt nicht gefällt; aber eigentümlich ist es, heute
+Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das Gegenteil vor;
+oder er ist betrunken: er hat dreißig Lire ausgegeben, um sich mit
+seinen Freunden lustig zu machen und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu
+trinken, und jetzt läuft er in das Zimmer und schreit, daß sie ihn
+ermorden wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist er
+verrückt oder betrunken -- oder M... ist ein vollendeter Schurke.«
+
+Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere Zimmer gebracht, und
+wir schrieen:
+
+»Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, der Lumpenbande. Hinaus
+mit dem Schuft; Dir haben wohl die fünf Lire gefallen, Du Kanaille; aber
+jetzt hast Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns
+wiedersehen!« und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten ihn
+triumphierend in das andere Zimmer.
+
+Es war ein Teufelslärm, der Wärter konnte nicht mehr lachen und rief:
+
+»Seid still! Was für eine Höllenzucht ist das hier!«
+
+Eine Menge Einwohner von Lucera drängte sich unter den Fenstern der
+beiden Zimmer und auf der Straße. Fragen und Antworten gehen hin und
+her, man will den Grund des Lärms wissen, die Wachtsoldaten laden ihre
+Flinten.
+
+Auf die Stöße, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder in kalabresischer
+Mundart: man sang die halbe Nacht hindurch; dann legten sie sich müde,
+betrunken auf die Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich,
+glaubt es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch und
+bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer Überraschung oder einem
+Streich, den man ihnen spielen könnte, und ich freute mich, sie so
+liegen zu sehen, einer über dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie
+schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom Direktor gerufen,
+der zu mir sagte:
+
+»Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, daß Ihre
+Landsleute den Gefangenen Pescari um seine Kleider und sein Geld
+brachten; sagen Sie mir gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.«
+
+»Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als der Gefangene Pescari
+in mein Zimmer eintrat, umarmte und küßte er sich mit allen meinen
+Gefährten, als ob sie seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte
+ihn nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine Pfeife. Sie
+haben angefangen zu reden, zu fragen und zu antworten und was weiß ich
+sonst noch. Um die Speisestunde sagte Pescari, daß er auf seine Kosten
+ein leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er verlangte
+alles, was zum Schreiben nötig ist, um eine Aufstellung zu machen, was
+er kaufen wolle. Dann kam die Wärterin und er gab ihr seine Aufstellung,
+die Wärterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er sagte ihr, alles,
+das ist das Menu; dann ging ich und kümmerte mich um meine Sachen.«
+
+»Nachdem das Essen gekommen war, machten sie aus ihren Bettstellen eine
+große Tafel, dann setzten sie sich nieder und ließen die Zähne arbeiten
+und tranken fröhlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berühmten
+Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprüchen nannten. Ich
+bin eingeladen worden, aber habe nicht annehmen wollen; nach dem Essen,
+das lange dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich gesehen
+und kann ich bestätigen.«
+
+»Aber Pescari sagt, daß er einen Sack mit Kleidern in das Zimmer
+gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.«
+
+»Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, und dann vermag ich auch
+nicht zu glauben, daß meine Landsleute fähig sind zu stehlen. Wenn sie
+ihn gestohlen haben, muß er sich in dem Zimmer finden, das beste ist,
+wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, wird er sich
+finden und Sie werden den Dieb bestrafen; wenn er nicht da ist, so muß
+der Gefangene Paolo Pescari ein Verleumder sein und schwer bestraft
+werden[22]. Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor?«
+
+ [22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man möchte sagen,
+ daß M... die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem
+ Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.
+
+»Sehr logisch und verständig.«
+
+Der Direktor, der Oberwärter und die Wärter begaben sich in mein Zimmer
+und jeder Gefangene stellte sich mit der Mütze in der Hand am Fuße
+seines Bettes auf.
+
+»Kalabreser,« sprach der Direktor, »Ihr seid alle brave junge Leute, ich
+habe viel Nachsicht mit Euch gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat
+seid, und glaubt mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen
+Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet hätte[23]. Gestern
+ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. Er sagt, daß Ihr ihn mit
+Gewalt veranlaßt habt, dreißig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er
+hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit Kleidern bei
+sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. Ist das wahr, was
+Pescari behauptet?«
+
+ [23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine
+ Übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen
+ Gefängnissen, dank dieser Höflichkeit der Gefängnisdirektoren. Diese
+ armen Büreaukraten wissen, daß in einer Epoche politischer Wandlungen
+ das beste, was sie thun können, ist, ihren Vorgesetzten keinen Ärger
+ zu machen.
+
+ Wenn sie durch die Energie ihrer Maßregeln üble Laune erregt und sich
+ der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt hätten, so hätten sie den
+ Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen
+ gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen.
+ Es ist übrigens nicht lange her, daß infolge eines Aufstandes in einem
+ Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte
+ sich um eine durch das Essen veranlaßte Unzufriedenheit. Wenn es sich
+ um einen Bauernaufstand gehandelt hätte, hätte man die Leute
+ eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden wäre,
+ wäre die durch die Gerichtsbehörde gewesen, welche ihr Urteil
+ ausgesprochen hätte, ohne daß das Essen besser geworden wäre.
+
+Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal:
+
+»+Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke!+ Er ist ein Dieb, ein Lügner!«
+Und alle schrieen sie durcheinander, daß die Schildwache, welche
+vorbeiging, die Wache zu den Waffen rief.
+
+Ein Haufe von Luceranern rief von außen:
+
+»Die Kalabreser töten die ganze Wache, sie empören sich, sie wollen
+fliehen.«
+
+Der Direktor und die Wärter gehen eilig fort, die Thür heftig
+zuschließend, und wir lachen, heulen und singen.
+
+So schloß die Posse, und Paolo Pescari, der Picciotto mit der schiefen
+Mütze, bezahlte die Zeche der Camorra mit dreißig Lire und einem Sack
+neuer Kleider, die etwa fünfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er
+teuer die fünf Lire, die ich ihm im Gefängnis zu Foggia gegeben hatte.
+
++Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.+
+
+Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser wenig, sie kamen ganz
+dem armen Wärter zu Gute.
+
+In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische Camorristen, meine
+Bekannte, sie erkundigten sich nach dem Geschehenen, und als sie
+erfuhren, daß er sich den Namen und die Eigenschaften eines Picciotto
+beigelegt habe, während er durch ein bekanntes Zeichen und etwas
+anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten sie ihn
+verstümmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, ihn nicht zu
+berühren, da seine Strafe genügend sei; aber er bekam eine ordentliche
+Tracht Prügel und Fußtritte.
+
+So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im Gefängnis wie ein Fürst
+und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit
+vollständig vergessen, als ob ich sie nie genossen hätte, und Spielen,
+Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es
+anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen
+vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wüten, die armen
+Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gefängnis San
+Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt. Dieser
+Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner Wäsche und
+wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenwärter,
+ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war
+wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gefängnis
+verurteilt worden, und als unwürdig für den Heerdienst mit den
+Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterwärter
+waren reine Kalabresen.
+
+ [24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafür, was
+ die positive Schule immer behauptet hat, daß das Gefängnis so, wie es
+ in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalität
+ war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M... mit den andern
+ zusammen, die Lombroso gesammelt hat (_Palimsesti del Carcere_): »Ich
+ bin glücklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient.
+ Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande.« -- »Triumph!
+ Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt
+ wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen,
+ flieht nicht aus diesem Gefängnis, hier ißt, trinkt und schläft man
+ und braucht nicht zu arbeiten« -- und man wird folgenden Ausruf eines
+ Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: »Hier behandelt man uns
+ zu gut und übt zu viel Rücksicht.« Und den Schluß aus diesen Prämissen
+ hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewußt, der dem
+ Polizeipräfekten Gisquet sagen mußte:
+
+ »Wenn ich nicht Dieb aus Beruf wäre, würde ich es aus Neigung sein.
+ Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen Berufszweige gegen
+ einander abgewogen und gefunden, daß das Stehlen immer noch das beste
+ ist ... Ich weiß wohl, daß wir im Gefängnis enden können, aber von
+ 18000 Dieben, die in Paris sind, ist nicht ein Zehntel im Gefängnis,
+ folglich genießen wir neun Jahre in Freiheit gegen eines im Gefängnis.
+ Und wo ist der Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?...
+ Und wenn wir schließlich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten
+ der andern, man kleidet, speist und wärmt uns, und alles zu Lasten
+ derer, die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: Während
+ unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gefängnis vervollkommnen
+ wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbürgen, vor.«
+
+Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen Direktors Herrn B...
+zu rühmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu
+überweisen. Die Unterwärter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich,
+einen halben Liter Wein täglich und die Krankenkost, ausgenommen das
+Brot, welches sie =gemeinschaftlich hatten=[25].
+
+ [25] Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren und in
+ gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der Absicht,
+ sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer Korrectur
+ bedürftig zu kennzeichnen. Vielleicht rührt das Unterstreichen auch
+ von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen gegeben wurde.
+
+Die Zimmerältesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei
+Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.
+
+Die Köche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit
+einem Wärter in die Stadt, um Einkäufe zu machen und den Kessel, aus dem
+die Suppe gereicht wurde, aus einem Gefängnis ins andere zu tragen; sie
+bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die
+kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet,
+wie auch von den Wärtern und den apulischen Gefangenen -- sie waren
+gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich
+den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen.
+
+Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Geschöpfe!
+
+Der Krankensaal war voll von Kranken, so daß alle fünfunddreißig Betten
+belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden
+mußten. Mehr als zwanzig ließen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein
+schläfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin
+oder Verpflegung; Thatsache ist, daß die Ärmsten erbarmungslos sterben
+mußten.
+
+Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war
+so hinfällig, daß ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder
+ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien
+überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügende Kraft mehr, um das
+traurige Übel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und
+brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte
+ich, wie der Oberwärter mit seinem Messer den Kalk von der Wand
+abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und empörte mich
+nicht wenig, so daß ich eine Eisenstange aus dem Bett losriß und ihm
+zwei gute Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so daß er wie ein
+Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer
+Kranker den Arm gehalten hätte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit
+eisernen Klammern umschlossen hätte, dann hätte ich ihn sicher kalt
+gemacht.
+
+Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem
+Krankensaal entfernen ließ, während einige Tage darauf ein Kalabreser
+ihn mit der Klinge eines Rasiermessers gehörig auf beide Wangen
+zeichnete, so daß er ein Auge verlor -- zum Andenken an seine
+Schändlichkeit.
+
+Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gefängnis
+verurteilt war, übernahm den Posten als Oberwärter.
+
+Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und
+beschlossen, daß die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der
+Strafanstalt geschickt werden sollten.
+
+Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, nach wenigen Tagen
+begannen sie, nach ihrem Bestimmungsort abzureisen.
+
+Ich blieb allein zurück, aber die zwanzig Betten der Kalabreser in
+meinem Zimmer wurden mit apulischen Gefangenen belegt.
+
+Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den Direktor, mich nicht
+abreisen zu lassen, denn eine bessere Pflege und so gute Vorgesetzte
+fand ich nicht wieder.
+
+Die zwanzig Apulier waren sämtlich Angeschuldigte, Landleute, unwissend
+und dumm; keiner konnte lesen und schreiben; ich besorgte täglich ihre
+Briefe, wurde ihr Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren
+blöden Verstand einigermaßen zu schärfen, besorgte die Briefe an ihre
+Familien, ihre Anwälte, die Bittschriften an den Staatsanwalt, um die
+Entscheidung ihrer Sachen zu beschleunigen; dafür beschenkte mich der
+eine mit Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst und
+Eßwaaren; sie liebten und achteten mich wie einen Gott. Wenn ihre
+Familien nach Lucera kamen, um ihre Anverwandten zu sehen, so brachten
+sie in ihren Ranzen Käse und andere schöne Sachen mit. Sie nahmen alles,
+legten es auf mein Bett und sagten:
+
+»Meister, alles dies gehört Ihnen, machen Sie damit, was Ihnen am besten
+dünkt.«[26]
+
+ [26] Dies bestätigt die Vermutung, daß M... ein Haupt der Camorra war.
+ Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine derartige, daß sie sie
+ gegenüber dem Analphabetismus der Menge stark und mächtig machte. Es
+ genügt, über diesen Gegenstand das Kapitel bei Alongi zu lesen:
+ _Camorristi letterati e causidici_ (a. a. O.). Der Titel »Meister«,
+ der M... gegeben wurde, ist gerade der, den man den Häuptern der
+ Camorra gab.
+
+Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar und zufrieden.
+
+Die vollständigste Harmonie und Liebe herrschte unter uns, ich fühlte
+mich glücklich, mich unter so vielen guten Jünglingen zu sehen.
+
+Der Direktor ruft mich und sagt:
+
+»M..., Sie sind von nun an Zimmerältester in Ihrer Stube.«
+
+»Ich danke«, antwortete ich, »aus persönlichen Gründen kann ich dieses
+Amt nicht annehmen, was brauchen wir einen Zimmerältesten, wenn wir eine
+Familie sind und uns alle wie die Brüder lieben?«
+
+»Es ist der Regel wegen, ein Zimmerältester muß sein, und Sie müssen es
+werden.«
+
+»Wie Sie meinen, Herr Direktor.«
+
+Den anderen Zimmerältesten gab er monatlich drei Lire; mir wies er auf
+mein Konto alle Monate fünf Lire an, zwölf Lire hatte ich von Hause
+monatlich, fünf gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging
+es mir vorzüglich.[27]
+
+ [27] Und dann sagt man, daß die Gefängnisse Strafanstalten sind, bei
+ diesen übermäßigen Lobsprüchen!
+
+Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; das Fieber verließ
+mich nicht, ich sah aus wie Haut und Knochen, meine Augen lagen tief in
+den Höhlen und waren halb erloschen, die Wangen dürr und eingefallen,
+ohne physische und geistige Kraft.
+
+Der Arzt ordnete an, daß ich in das Gerichtsgefängnis überführt würde,
+der Luftveränderung wegen; ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener
+Erde feucht und dunkel waren, wurde ich noch kränker.
+
+Während ich in diesem Gefängnis war, ereignete sich ein Vorfall, den ich
+erzählen möchte.
+
+Ein alter Mann und sein Sohn wurden in öffentlicher Verhandlung
+abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte den Vater zu fünfzehn, den Sohn
+zu zehn Jahren Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden:
+
+»Diese fünfzehn Jahre werden Sie für mich abmachen!«
+
+Als sie ins Gefängnis gebracht waren, war der Alte heiter und lächelnd,
+als ob er in Freiheit gesetzt wäre und sagte, daß er mit der Strafe
+zufrieden sei. Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu schöpfen; der
+Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; aus dem Strick,
+an dem die Lampe hing, machte er eine Schleife, befestigte sie an einem
+großen Nagel, an dem die Lampe in die Höhe gezogen wurde, steckte den
+Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.[28] Nachdem die
+Freistunde beendet ist, treten wir ins Zimmer und sehen den Alten
+baumeln, mit der Zunge aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und
+leichenblassem Gesicht. Er war tot!
+
+ [28] Die moralische Unempfindlichkeit des M... wird durch seine
+ Ausdrucksweise bestätigt. Für ihn ist nur das schändlich, was zu
+ seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als »gut« die
+ Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer
+ Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenwärters niedersausen
+ ließ.
+
+Der Richter und die anderen Beamten kamen, er wurde abgeschnitten und
+weggetragen.
+
+Der anwesende Staatsanwalt nähert sich dem Nagel an der Wand, um ihn zu
+untersuchen und findet folgende mit Bleistift in großen Lettern
+geschriebene Worte:
+
+»Der Schurke von Staatsanwalt wird die fünfzehn Jahre Zwangsarbeit für
+mich abmachen; er sei verflucht!«
+
+Ich wurde zum Gefängnis San Domenico zurückgebracht, aber das verfluchte
+Fieber hatte sich bei mir festgebissen.
+
+Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe mich in ein Wirtshaus
+und esse, und gehe dann auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur,
+die Schlechtigkeit der Menschen, die Güte und Barmherzigkeit Gottes;
+aber die Gunst, die mir der brave Signor B... erweist, ist vergebens,
+denn ich werde immer kränker und immer stärker werden die brennenden
+Schmerzen in der Brust.
+
+Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine Eingabe an das
+Ministerium zu machen, um nach Kalabrien überführt zu werden; der
+Direktor versprach mir, mein Gesuch zu unterstützen und alles zu thun,
+daß meine Bitte erhört werde. Ich reichte das Gesuch ein; nach einigen
+Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport abreisen.
+
+Der Direktor gab mir bekannt, daß ich den Rest meiner Strafe in Trogen
+verbüßen sollte.
+
+Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, kräftig und lebensfroh
+kam ich hin, elend, schwach und sterbenskrank ging ich von dannen.
+
+Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fünfundvierzig Lire, die auf
+meinem Konto standen, steckte mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und
+nachdem ich mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste
+ich mit Thränen auf den hageren Wangen im Wagen nach Foggia ab, von zwei
+Karabinieri begleitet.
+
+In diesem Gefängnis, wo der Gefangene Paolo Pescari, der Picciotto aus
+Foggia, mir die fünf Lire abgenommen hatte, nahm ich nachts die zwanzig
+Chininpillen ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen.
+
+Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach Neapel, so dieselbe Reise
+zurückmachend, die ich vor einundzwanzig Monaten hin gemacht hatte.
+
+Man sperrte mich in das Gefängnis del Carmine in Neapel, wo ich den
+unglücklichen Perrone vor dem Messer des berühmten Camorristen Sansosti
+gerettet hatte.
+
+
+In der Strafanstalt.
+
+Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer des Gefängnisses del
+Carmine in Neapel und fand dort eine camorristische Gesellschaft von
+Neapolitanern und Sizilianern; sie wußten von meinem Kommen und kannten
+die Erkennungsrechte.[29] Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer des
+Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri fand, die mich
+transportieren sollten; man gab mir mein Geld, das ich bei meinem
+Eintritt abgegeben hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf
+einem Wagen Platz, während ein Karabiniere sagte:
+
+»Der Weg ist recht lang.«
+
+ [29] Die »Erkennungsrechte« sind die Handlungen, durch welche der
+ neuangekommene Camorrist zeigt, daß er die Autorität des Vorgesetzten
+ und die camorristische Hierarchie anerkennt.
+
+Der Kutscher fragte:
+
+»Wohin geht es?«
+
+»Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente«, erwiderte ein
+Karabiniere.
+
+»Wie?« sagte ich verwundert, »Santa Maria Apparente? Sie irren, ich soll
+nach Kalabrien.«
+
+»Nach Kalabrien?«
+
+Er öffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, nimmt eine
+Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt:
+
+»Wie heißen Sie?«
+
+»M..., Antonino mit Vornamen.«
+
+»Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt?«
+
+»Fünf Jahre.«
+
+»Von den Assisen zu Monteleone?«
+
+»Zu Monteleone.«
+
+»Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie nach Kalabrien sollten?«
+
+»Der Direktor des Gefängnisses in Lucera, wo ich war.«
+
+»Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.«
+
+»Zum besten gehabt!« Wie mir in jenem Augenblicke war, kann ich nicht
+beschreiben, ich ergab mich in mein grausames Schicksal.
+
+Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberwärter und andere Wärter
+bemächtigen sich meiner, führen mich in ein leeres Zimmer und lassen
+mich eine gute halbe Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des
+Chefs der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, Signalement
+u. s. w. in ein dickes, staubiges Register einträgt, dann fragt er:
+
+»Haben Sie Geld?«
+
+»Etwas.«
+
+»Schön, geben Sie es hier ab.«
+
+Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch.
+
+»Sie heißen M..., nicht wahr? Von jetzt ab verlieren Sie diesen Namen
+und heißen Nummer =fünfhundertneunundneunzig=. Begriffen?«
+
+»Ja.«
+
+»Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den Namen Ihres Vaters wieder.«
+
+Er läutet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort erscheint ein
+Wärter.
+
+»Sie befehlen?«
+
+»Führen Sie den Gefangenen ins Bad.«
+
+»Vorwärts, 599, kommen Sie mit!« sagt der Wärter.
+
+Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein eisernes Gitter
+öffnet und schließt.
+
+Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen von niemandem
+bewohnt zu sein.
+
+Der Wärter führt mich in mein Zimmer, wo ein Untergebener, zwei
+Gefangene und eine mit frischem und krystallklarem Wasser gefüllte Wanne
+sich befanden.
+
+»Schnell, 599«, sagt der Wärter, »kleiden Sie sich aus und steigen Sie
+ins Bad!«
+
+Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; das Wasser ging mir bis
+an die Schultern, glücklicherweise waren wir in der heißen Jahreszeit.
+Nachdem ich fünf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas zu
+verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei Gefangenen, die
+jeder eine rauhe Bürste in der Hand hatten, an, mich zu =striegeln= und
+=striegelten= mich ungefähr eine halbe Stunde lang, dann sagte der
+Beamte:
+
+»Genug; 599, kommen Sie heraus.«
+
+Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und triefend da. Nicht
+zufrieden damit, daß sie mir die Schultern und den Rücken =gestriegelt=
+hatten, wollten sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen
+übrigen Körper striegeln. Ich trockne mich mit einem Tuch ab und denke:
+Was zum Teufel ist das für ein Ort, wo die Christenmenschen wie die
+Pferde gestriegelt werden; das mußte ich erst noch erleben, ehe ich
+sterbe: mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu
+striegeln! Schön, reizend, wahrhaftig!!!
+
+Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd dar, ich bin
+neugierig, was sie von mir wollen.
+
+»Kleiden Sie sich an«, sagt der Beamte, »dort sind Ihre Kleider.«
+
+Es war ein vollständiger Anzug mit einem Paar neuer Schuhe, einem Hemd,
+einer kaffeebraunen Cravatte, einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mütze,
+alles dunkelbraun.
+
+Ich kleide mich an und frage dann:
+
+»Und meine Kleider?«
+
+»Sind im Lagerraum«, sagt der Beamte. »Wenn Ihre Strafzeit zu Ende ist,
+bekommen Sie sie zurück.«
+
+Sie führten mich durch dieselben Korridore, wir stiegen verschiedene
+Treppen hinauf und man schloß mich in eine Zelle ein, indem man mir
+sagte:
+
+»Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, auch der Barbier
+wird kommen, um Sie zu scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart
+steht Ihnen nicht!« --
+
+Bald nachher öffnete sich die Thür, zwei Gefangene brachten mir das Bett
+und Decken, dann erscheint der Barbier, der ein Gefangener war. Ich
+setze mich auf das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; mitten
+in der Arbeit sagt er:
+
+»Ich weiß, wer Sie sind -- das Losungswort?«
+
+»Recht und Brüderlichkeit«, antworte ich.
+
+»Recht und Brüderlichkeit werden Sie finden. Das Haupt der Gesellschaft,
+D. Gennarino, mit der Registernummer 188, läßt Sie grüßen.«
+
+»Bestellen Sie ihm meinen Gruß.«
+
+»Wenn Sie etwas brauchen -- nachher wird ein Wärter kommen, dem teilen
+Sie es mit.«
+
+»Sehr wohl, grüßen Sie die Genossen.«
+
+»Wir erwarteten Sie, wir wußten von Ihrem Kommen, aus Lucera hatte man
+es uns geschrieben.«[30]
+
+ [30] Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von
+ einem Gefängnis zum andern, die Camorra unterhält noch ihre
+ Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar
+ der Versetzung von Wärtern bedient.
+
+ »Das Haupt der Camorra«, schreibt Pucci (_Archivio di Psichiatria_;
+ a. a. O.), »muß von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen
+ Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch
+ Billets ermittelt, und wenn das nicht möglich ist, wird eine Krankheit
+ fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich
+ befindet.« Die Weise, in der M... von diesen Dingen spricht, als ob
+ sie die natürlichsten von der Welt wären, ist der beste Beweis, wie
+ sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengefängnis ist es nicht möglich
+ gewesen, das Übel zu beseitigen. »Ich habe in dieser Hinsicht
+ Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt«,
+ schreibt Alongi (_La Camorra, Turin, Bocca 1890_), »und alle
+ versicherten mich übereinstimmend, daß die Camorra in den
+ süditalienischen und sizilianischen Gefängnissen noch existiert und
+ mächtig ist.« Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die _Mano
+ fraterna_ beweisen es.
+
+ Die Erzählung des M... ist ferner ein neuer Beweis für das, was
+ Lombroso in seinen _Palimsesti del Carcere_ (_Turin, Bocca 1891_) zu
+ beweisen versucht hat, daß gerade die Ziele der Zellengefängnisse
+ diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollständige
+ Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was für Mittel
+ man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit
+ der Verbrecher ankämpfen müssen, gegen den Scharfsinn, den die
+ Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und nötigste Element,
+ die Geduld, verleiht. _Le génie c'est de la patience_, hat Buffon
+ geschrieben, und obgleich diese Maxime bekämpft worden ist, so ist
+ doch unleugbar, daß die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und
+ Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten
+ Anordnungen, der strengsten Überwachung nur raffiniertere Mittel
+ entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi
+ zu citieren, über den heutigen Stand der Mittel, durch welche von
+ einer Zelle zur andern korrespondiert wird. »Der Post- und
+ Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gefängnis nach
+ außerhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die
+ bewunderungswürdig wäre, wenn sie nicht entsetzlich wäre. Lange
+ Gespräche und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern;
+ es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die
+ Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen,
+ daß dies System nur bei zwei aneinanderstoßenden Sälen bequem ist.
+ Aber man vergißt, daß jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so daß
+ ein von einem Saal zum andern befördertes Telegramm bequem bis zum
+ entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die
+ vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Muße besser
+ anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf
+ diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz
+ in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt.
+ Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort
+ herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit
+ entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche
+ die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der
+ vieläugigsten und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verständigen, sind
+ ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefängnisse. Die
+ Säume und Nähte der Wäsche sind wahre Postkisten, die lange
+ Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der
+ Gefangenen mit einer Präzision und Heimlichkeit hin und hergeht, die
+ man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden
+ habt, so könnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch
+ Citronensäure ersetzt, die blos an der Wärme erscheint, und wenn Ihr
+ auch das wißt, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben eine
+ näher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der
+ Schlüssel fehlt.«
+
+ Und dies ist keine Übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche
+ Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengefängnis zu
+ Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsröhren der Heizung
+ und die Latrinen waren.
+
+ Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schließen, will ich hier
+ eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den
+ Gefängnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schläge an.
+
+ 1--1=a; 1--2=b; 1--3=c; 2--1=g; 2--3=h; 3--1=m; 3--2=n; 4--1=r;
+ 4--2=s; 4--3=t u. s. w.
+
+Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, um mir auf den linken
+Ärmel der Jacke die Nummer 599 in großen roten Ziffern zu nähen, die auf
+ein viereckiges Stück Tuch gestempelt waren.
+
+»Ihr Losungswort?« sagte er.
+
+»Recht und Brüderlichkeit.«
+
+»Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer 56, grüßt Sie und freut
+sich, Sie zu umarmen, er ist Haupt der Gesellschaft und freut sich,
+einen neuen Adepten aufzunehmen; später wird sich ein Wärter zu Ihrer
+Verfügung stellen.«
+
+»Ich danke meinem Landsmann von Herzen und unterwerfe mich seinen
+Befehlen, aber bitte sagen Sie mir, warum hat man mich hierher
+geschickt?«
+
+»Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder Neuling muß in einer
+Zelle abgesondert werden und wird behandelt wie alle anderen
+Gefangenen: jeden Morgen spricht der Arzt vor, um den Ankömmling genau
+zu untersuchen, aus Besorgnis, daß irgend eine ansteckende Krankheit
+sich entwickeln könnte. Wenn der Monat der Einzelhaft um ist, macht der
+Arzt dem Direktor Mitteilung; ist der Neuankömmling krank, so wird er im
+Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt er mit den anderen
+Gefangenen zusammen.«
+
+»So muß ich einen Monat hier bleiben?«
+
+»Gewiß.«
+
+Wenn ich daran dachte, daß ich einen Monat hier allein in der engen
+Zelle eingeschlossen verbringen sollte, dann empörte sich mein Gemüt und
+ich verfluchte wiederholt den Direktor des Gefängnisses zu Lucera, Herrn
+B...[31], der mich zum besten gehabt hatte, wie jener Karabiniere sagte.
+
+ [31] Charakteristisch für den geborenen Verbrecher ist seine geringe
+ Zuneigung. M..., der erst nur begeisterte Worte und Segenswünsche für
+ den Direktor des Gefängnisses in Lucera hatte, verflucht ihn jetzt
+ wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den M... glauben, daß er nach
+ Kalabrien gebracht werden solle, um ihn gutwillig zur Abreise zu
+ bestimmen, da M... in seiner Eigenschaft als einflußreicher und
+ gefürchteter Camorrist irgend welchen Aufstand hätte hervorrufen
+ können.
+
+Man muß wissen, daß ich, nachdem ich in Foggia fortging und die zwanzig
+Chininpillen genommen hatte, kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist
+die Luftveränderung gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein
+Neapolitaner, ein schöner Mann mit langem schwarzen Bart und einer
+blitzenden Brille auf der Adlernase; ich muß mich nackt ausziehen, und
+er untersucht mich langsam von Kopf bis zu Fuß, bald meine Haut, bald
+meine Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann legt er das Ohr
+an meine Brust und meinen Rücken und sagt:
+
+»Sagen Sie drei!«
+
+»Drei, drei, drei«, sage ich.
+
+Und ich denke, warum drei und nicht vier oder zwanzig oder hundert. Will
+sich der elende Schüler Aeskulaps über mich lustig machen? Und ich war
+im Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.[32]
+
+ [32] Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts
+ rechtfertigen läßt.
+
+»Was für eine Krankheit haben Sie gehabt?«
+
+»Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.«
+
+»Wo waren Sie?«
+
+»In Lucera della Puglia.«
+
+»Sie sind sehr zurückgekommen, wir werden Sie aber gesund machen, hier,
+da Sie nach dem Reglement nicht in das Krankenhaus dürfen; fassen Sie
+Mut, bald sind Sie geheilt.«
+
+Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. Ich bekam
+Krankenkost und der Wächter sagte:
+
+»D. Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, ob Sie irgend etwas
+brauchen.«
+
+»Ich möchte rauchen.«
+
+»Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng verboten; in den Anstalten
+darf nicht einmal der Direktor rauchen, wir nicht, keiner, auch nicht
+Viktor Emanuel II. Wenn Sie Schnupftabak wünschen, können Sie ihn haben
+und welche Sorte Sie wollen.«
+
+»Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.«
+
+»Und was wollen Sie essen und trinken?«
+
+»Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und meinen Gruß.«
+
+»Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen wachen über Ihr
+Wohlergehen.«
+
+»Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftshäupter sind hier?«
+
+»Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die Kalabreser und die
+Neapolitaner.«
+
+Damit ging er.
+
+Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! Hier heißt es
+neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. Also sei vernünftig, lieber
+M...! Also es sind zwei Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner!
+
+Der Wärter kam und brachte mir etwas Schnupftabak und bestellte Grüße
+von den neapolitanischen und sizilianischen Camorristen.
+
+Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier gab es täglich zwei
+Suppen und zwei Brote. Der Wärter sagte:
+
+»Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann und seine Gefährten
+lassen Sie grüßen; falls Sie etwas wünschen, möchten Sie es mir sagen.«
+
+»Ich danke Ihnen und brauche nichts.«
+
+Doch ich will die Sache kurz machen.
+
+Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der
+Wundarzt, um mich wie gewöhnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit
+zu Zeit ein Fläschchen Medizin verschrieb. Der =Reporter= der beiden
+=camorristischen= Parteien erschien regelmäßig, ich aber war klug und
+sagte, daß ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war,
+wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten
+Gesundheitszustand zu bessern.
+
+Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen auf, erzählte mir
+Wunder was für Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und
+versuchte mir einzureden, daß ich zu ihnen gehören müsse.
+
+Ich gab ihnen zu verstehen, daß es meine feste Absicht sei, neutral zu
+bleiben, und daß ich es nicht für anständig und eines ehrenhaften Mannes
+für würdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und daß es
+auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht
+schicke, gegen die Anhänger seiner Gesellschaft aufzutreten, daß ich sie
+alle gleichmäßig liebte und achtete als meine Genossen und
+Leidensgefährten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts,
+welcher besagt:
+
+ »Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den
+ Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne
+ irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151. Gezeichnet: Cirillo
+ Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.«
+
+ »Gestempelt.«[33]
+
+[Illustration]
+
+ [33] Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript des
+ M... fand. Es ist unverständlich. Man erblickt zwei Degen, ein Auge
+ und andere Zeichen, die ich vergebens mit den camorristischen
+ Tätowierungen und den Verbrecherhieroglyphen in Einklang zu bringen
+ versucht habe.
+
+»Sie haben Recht, lieber Freund«, sagte mir das Gesellschaftshaupt,
+»aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.«
+
+»Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.«
+
+»Ihre Hand!«
+
+»Hier ist sie!«
+
+Wir schüttelten uns die Hände und sahen uns in die Augen. Abends kam
+Borghese, der berühmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er
+wegen eines in Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen
+Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; er war
+der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von
+monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute sich
+nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34]
+
+ [34] Ein neuer Beweis für das, was ich von der Schwäche der Beamten
+ der Camorra gegenüber gesagt habe.
+
+»Landsmann und Genosse«, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, »ich
+freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft
+eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es
+schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so
+gesund und blühend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem
+Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die
+Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden
+wir über die Klinge springen lassen!!!«
+
+»Mein teurer Landsmann, ich nehme für niemand Partei; ich liebe und
+achte Sie wie einen anderen Menschen, und das ist meine Pflicht; alle
+meine Genossen muß ich gleichmäßig lieben und achten.«
+
+Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner zu
+überzeugen, daß ich auf alle Fälle neutral bleiben wolle.
+
+Endlich sagte er:
+
+»Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie für gut halten, ich habe kein
+Recht, Sie zu zwingen; aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie
+sich auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! Sind wir
+einig?«
+
+»Ja, wir sind einig«, erwiderte ich.
+
+Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben von den
+Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und der Kalabreser. Dann wurde ich an
+den Direktor, Herrn Luigi M... di Aversa, gewiesen, einem Manne von
+gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. So treffen sich böse
+und gute Menschen auf dem Pfade des Unglücks. Luigi M... war der Typus
+eines Edelmannes; eine zärtliche Mutter ist nicht so liebevoll, geduldig
+und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener Luigi M... gegen uns Söhne
+des Unglücks, uns traurige, bloßgestellte Geschöpfe war.
+
+»Wie geht es, 599?« fragte er, als er meiner ansichtig wurde.
+
+»Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.«
+
+»Und ich sage mir Glück dazu, wie Ihnen selbst; ich hörte, es ging Ihnen
+schlecht, als Sie hierherkamen?«
+
+»O, Herr Direktor, sehr schlecht.«
+
+»Armer Unglücklicher!« Zwei Thränen traten ihm in die Augen. »Sie haben
+gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhören.
+Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verläßt uns nicht. Ich
+will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie,
+nehmen Sie sie nicht übel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für
+einen anständigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, daß
+man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet
+hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlüpfrige Weg, der direkt
+zum Übel führt. Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse
+gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in zwei Parteien
+gespalten ist, die sich täglich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie
+wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie
+wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein
+zärtlicher Vater seine Söhne bitten kann, diese Streitigkeiten zu
+lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefährten zukommt; aber
+ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich
+zur Strafe: fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefängnis
+überführt worden, um sich wegen Mord und Körperverletzung zu
+verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner
+Leitung vorkommen, betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die
+Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.«
+
+Der brave Mann war untröstlich.
+
+»Sie, 599, werden mir keinen Anlaß zum Mißfallen geben, nicht wahr?«
+
+»Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung,
+Ergebenheit und Dankbarkeit.«
+
+»Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden
+Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang
+werden Sie in der Schneiderstube beschäftigt werden; später werden Sie
+dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird
+es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den bösen Genossen geschützt
+sein.«
+
+»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier
+einen so edelmütigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde für
+Ihr Wohlergehen zu Gott beten.«
+
+»Thun Sie das, ich habe es nötig.«
+
+Ein Wärter führte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf,
+einen hölzernen Löffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergefäß aus
+Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine
+Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng
+verboten war und sie die natürliche Lederfarbe tragen mußten. Ich habe
+nicht begreifen können, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, wenn ich
+von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir
+ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599,
+die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mußte. Der Wärter führte
+mich in ein großes Zimmer, ich blicke über die Thür und lese in großen
+Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das
+Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach führte der Wärter mich
+zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben
+will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der äußeren Treppe
+herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber liegende Bureaux, das
+zur rechten gehört dem Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor.
+Fünf Meter weiter trifft man ein großes hohes eisernes Gitter, durch
+welches man auf einen finsteren, etwa fünfundzwanzig Meter langen
+Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die
+Gefangenenwärter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und
+einige Lagerräume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem
+ersteren ähnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa
+zwölf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde
+gefüllte Becken, in denen Bäumchen und Blumen wachsen. Wenn die
+Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu schöpfen, eine Stunde
+abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe
+um diese Becken herum; für die, welche müde sind und nicht mitgehen
+wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier
+bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe Mauer trennt diesen
+Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer
+bewegen.
+
+Früher waren beide Höfe ein einziger gewesen, da aber die beiden
+Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es für
+gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht täglich
+umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und
+Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die
+Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und
+geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti
+predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor,
+zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die
+Zimmer der Zimmerkehrer und Köche, zur linken die Arbeitszimmer der
+Weber und eine Treppe, eine große Bibliothek, die Bücher über Reisen in
+Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente,
+an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr.
+
+Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen
+Korridor gegenüber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen
+hatte, deren jede sechs Gefangene faßte, wo die Neapolitaner und die
+Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, begeben uns in den Korridor
+der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und
+befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange
+Reihen-Zellen für sechs Personen: hier schliefen Kalabreser,
+Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer.
+
+An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pförtchen, von wo aus der Wärter
+sie Tag und Nacht übersehen konnte, und in jeder Zelle war ein großes
+langes Fenster mit einem Gitter aus Gußeisen, vier dicke eiserne
+Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer gerader
+Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in
+der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. säumte, ich
+verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi täglich,
+hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser
+Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberwächter zu
+kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng
+verboten, und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas
+Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knäuel in den Mund
+steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in
+zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde
+rissig, so daß ich diese neue Art zu kauen aufgab.
+
+Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven
+Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder
+lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes
+Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weißbrod, Abends Mehl- oder
+Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, Käse, Brod und einen Becher Wein; es
+ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen.
+
+Soll ich eine Episode erzählen, die Euch erschauern lassen wird? So
+hört:
+
+Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein,
+aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und
+frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt
+geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische
+Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht
+bemächtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends löschten sie die
+Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich
+ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett,
+steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes
+Messer heraus, das gut geschärft und gespitzt war, und auf dem Bettrand
+sitzend, hielt ich Wacht.
+
+Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete
+Camorristen fingen an, in größtem Stillschweigen zu fechten, das Blut
+floß in Strömen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die
+Kämpfenden waren entblößt, die übrigen Gefangenen saßen auf ihren
+Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich
+beugend, jetzt einen Stoß parierend, auf einmal fällt einer der
+Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der
+andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, hält mit
+der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und stößt mit der Linken
+wiederholt seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. Mit Blut
+bespritzt erhebt er sich, öffnet das Fenster und ruft die dienstthuende
+Wache.
+
+»Was giebt's?« antwortet ein Mann von draußen.
+
+»Rufen Sie einen zweiten Wächter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu
+bringen.«
+
+Die Wächter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche
+Schauspiel und erbleichen, der blutgetränkte Leichnam wurde
+fortgeschleppt, der Mörder in eine Zelle geschafft, -- wir schlossen in
+jener Nacht kein Auge.
+
+Tags darauf wurde der vierzehnjährige Jüngling, die unfreiwillige
+Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer
+verstümmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er
+war bewußtlos und starb am Abend, unaufhörlich nach seiner Mutter
+rufend. Wenn ich alles erzählen wollte, würden Euch vor Grausen die
+Haare sich sträuben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute
+Sitte, die Rücksicht auf den Leser verbietet es.[35]
+
+ [35] Man beachte, daß er selbst ein Sodomit ist, wie sich in der Folge
+ zeigen wird.
+
+Meint Ihr, daß Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde?
+Niemals, als ob nichts passiert wäre; wenn man jemand fragte, so
+antwortete man ganz trocken:
+
+»Ich weiß nichts, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen.«
+
+Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen armen Wächter in der
+Schneiderwerkstatt mittelst einer Scheere, weil er ihm untersagt hatte,
+laut zu sprechen.
+
+In der Werkstatt sollte die größte Ruhe herrschen, alle Gebote wurden
+übertreten; man sprach, lachte und scherzte, in dem Schlafzimmer durfte
+nur halblaut gesprochen werden, statt dessen herrschte dort ein
+Höllenlärm, weil der Direktor nie Strafen verhängte. Es war strenge
+Vorschrift, daß alle arbeiten sollten: aber niemand kümmerte sich darum,
+der eine blieb in seinem Zimmer, der andere ging zwar in die Werkstatt,
+aber arbeitete nicht.
+
+Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und ein Neapolitaner, krank;
+nachdem der Arzt gekommen war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt,
+dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer und stechen auf
+einander los; der Wärter, der sie trennen sollte, erhielt einen
+tüchtigen Messerstich in den Unterleib, der eine der Kämpfenden eine
+tötliche Wunde, der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen
+Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stücke, das
+Schreibpult des Arztes fällt um, und die in einander verbissenen Gegner
+waren noch nicht vom Blut gesättigt.
+
+Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft zu schöpfen, als ein Mann von
+der andern Seite der Mauer ruft:
+
+»+Ihr elenden Kalabreser!+«
+
+Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. Dreißig Kalabreser klettern
+auf die Mauer, die Waffen in der Hand, ein wütender Angriff erfolgt, man
+kämpft Mann gegen Mann; das Blut fließt in Strömen; der Wächter, der
+Direktor, eine Abteilung Soldaten eilen herbei; sie drohen Feuer zu
+geben, wenn die Gefangenen nicht auseinander gehen -- vergebens. Mit
+aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdürstigen Tiger los.
+Sechszehn blieben zum Tod verwundet liegen, ein Gefangenenwächter mit
+den Eingeweiden in den Händen, zwei Neapolitaner tot, einer leicht
+verwundet, und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft der Neapolitaner,
+mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten Händen, kämpft wie ein
+Rasender mit Borghese, dem Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden
+im Gesicht und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte.
+
+Das sind die Wirkungen der Camorra und die schweren Folgen der Spaltung
+in zwei feindliche Parteien. Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in
+das Gefängnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer
+Körperverletzung verurteilt zu werden. +Arme Thoren!!+
+
+Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle die Anstalt verlassen,
+da seine Liebe und sein Interesse für die Gefangenen so schlecht belohnt
+würden. Nach diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fünf Monate
+lang war alles ruhig; und es ist recht so, daß nach dem Sturm die
+Windstille folgt, und die gequälten Herzen sich beruhigen können.
+Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, daß die Gefangenen, die sich gut
+geführt hätten, nach der Insel Caprera gebracht würden, um dort
+Erdarbeiten auszuführen.
+
+Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und neapolitanischen
+Camorristen abzuschicken, teils, um sich die Sache vom Halse zu
+schaffen, teils um ihnen Gelegenheit zu geben, sich in aller Ruhe nach
+Belieben umzubringen.
+
+Zweiunddreißig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurück,
+da sie sich nicht gut geführt hatten; andere kamen hin und blieben dort.
+Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein
+Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese
+einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage D. Gennarinos, der
+von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der
+Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem
+Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da
+nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so
+daß ich keinen heilen Knochen behielt; ich ließ den Direktor rufen und
+bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern
+ein und lobte mein Betragen.
+
+Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, zwei brave
+neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in
+Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber
+half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute
+Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.
+
+Es besteht die Vorschrift, daß ein Gefangener, der während der Zeit, wo
+auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen muß, einen
+Zettel heraushängt, auf dem das Wort »Besetzt« steht; und auf dessen
+Rückseite das Wort »Frei« sich befindet, welches sichtbar zu machen ist,
+wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort
+»Besetzt« vorfindet, muß er warten und darf die Thür des Abtritts unter
+keinen Umständen öffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht.
+Nun geschah es, daß ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort
+»Besetzt« herausgehängt hatte; nachher vergaß er, den Zettel umzudrehen.
+Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort »Besetzt« und wartet,
+aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so daß ihm der Gedanke kommt,
+die Nr. 448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, während der
+Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich kann mich nicht mehr
+lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen
+scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in
+seinen Nöten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es
+passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot
+ist, öffnet er die Thür und bleibt wie gebannt stehen -- der Abtritt ist
+leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen,
+sucht und findet Nr. 448, nähert sich ihm und giebt ihm eine riesige
+Ohrfeige mit den Worten:
+
+»+Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht?+«
+
+Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute der 448 hinzu und
+verabfolgten dem Missethäter einige Ohrfeigen: das zündet, man ergreift
+die Waffen, und wenig fehlte, so wäre eine zweite Schlacht gefolgt; so
+endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.
+
+Mein Verwandter Cosmo M..., der in Neapel wohnte, suchte mich auf und
+war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich
+mir zur Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine
+Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenwächter
+übermittelte er mir ein Päckchen Rauchtaback, eine Pfeife und
+Zündhölzchen; der Wächter brachte sie mir heimlich, so daß ich mir
+Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei Hälften,
+die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im
+Kopfende, die andere im Fußende meines Strohsackes, die Pfeife und die
+Zündhölzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen
+wurde eine Untersuchung veranstaltet, während die Gefangenen in den
+Werkstätten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den
+Strohsack und findet eine Hälfte mit Tabak.
+
+Der Direktor kommt und sagt mir:
+
+»Woher haben Sie diesen Tabak?«
+
+»Das kann ich auf keinen Fall sagen.«
+
+»Wissen Sie, daß der Rauchtabak hier streng verboten ist?«
+
+»Nur zu gut.«
+
+»Ich müßte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber
+diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hüten Sie sich in Zukunft.«
+
+Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, daß derselbe Wächter, der mir den
+Tabak gebracht hatte, den Verräter gespielt hatte. Der Tabak war unter
+den Wächtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, daß Tags darauf
+eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere Hälfte des
+Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks
+und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen;
+dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen
+Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gewöhnlich in die Werkstatt. Die
+Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in
+meine Zelle und derselbe Wächter, der mir den Tabak brachte und ihn
+nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungriger hinein auf meinen
+Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch
+hervor, zeigt es seinen Genossen, drückt es mit väterlicher Liebe an die
+Brust und sagt:
+
+»Hier ist die Leiche!«
+
+Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, über die Brust und die Hände, entsetzt
+starrt er die »Leiche« an, während die andern durcheinander riefen:
+
+»Prächtig, wahrhaftig reizend; was für eine kostbare Bartwichse! Und der
+schöne Geruch; Dich hat man schön herausgeputzt!« Und sie bersten vor
+Lachen.
+
+Der arme Wächter mit dem beschmierten Gesicht warf das Tuch empört auf
+den Korridor und wischte sich das Gesicht, die Hände und die Brust ab.
+In der Werkstatt wurde viel über das Abenteuer gelacht, ich weiß nicht,
+ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls ließ er mich nicht rufen.
+Inzwischen lief die Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich
+nahm seine Stelle ein mit zwölf Lire monatlich, eben so viel bekam ich
+von Hause, so daß ich im Ganzen vierundzwanzig Lire hatte, die mir
+gutgeschrieben wurden. Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern
+zuweilen uns nur einen Käse, ein Ei oder einen grünen Salat leisten, was
+uns dann verrechnet wurde. Aber endlich gab der Direktor unserm
+Verlangen nach, da wir mehrere Male die Kost verweigerten, und wir
+konnten uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als einen
+fünftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. Als der gute Direktor
+sah, daß Ruhe in der Anstalt herrschte, ließ er uns eine Musikkapelle
+bilden, wozu er selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn
+Musiklehrlinge, ein tüchtiger neapolitanischer Meister kam zwei mal
+täglich, drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends, um uns zu
+unterrichten, wofür er vom Direktor monatlich hundertfünfzig Lire
+erhielt. Wir lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend
+spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart der Wache, des
+Direktors und des Rechnungsführers, die sich über unsere schönen
+Leistungen freuten.
+
+Der Präfekt, der Syndikus und andere behördliche und angesehene Personen
+wollten uns eines Tages spielen hören und lobten das Werk des Direktors.
+Die Aufführung ging nach Wunsch, wir freuten uns an unserem friedlichen
+Dasein und liebten einander, während die Rasenden, die in das
+Gerichtsgefängnis gebracht waren, zu fünf bis zehn Jahren Zuchthaus
+verurteilt wurden. Die armen Thoren!!...
+
+Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, des Schicksals oder der
+Hand Gottes ist -- es ist ein Verhängniß, daß der ins Unglück geratene
+Mensch nicht lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem Lächeln
+erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, dem Willen
+der Gottheit nachzuforschen und ist uns Verruchten und Verachteten nicht
+erlaubt, in dem geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden Grunde,
+dem Unerforschlichen nachzuspüren und zu ergründen, woher das Elend und
+die Schande in dem sinnlosen Leben so vieler Millionen böser Menschen,
+die sich mit sardonischem Lächeln über alles hinwegsetzen. Geschick,
+Fügung, Glück, Schande, Unglück -- dunkle, sinn- und verstandlose Worte,
+Abstraktionen unseres Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Träume...
+Traum und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, des
+Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und Christen, des
+Materialisten und des Rechtgläubigen, des Gelehrten und des Unwissenden,
+des Reichen wie des Armen; alles, alles, das All im All, ein
+unerbittlicher Traum unserer Träume ist das menschliche Leben, sein
+tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden Abenteuer; und wenn ich
+glaubte am Ziel zu sein und den unsinnigen Traum deiner Träume erfaßte,
+den düsteren Traum der Todesangst, den röchelnden Traum des Sterbenden,
+dann empfing ich den Urquell deiner Träume und aller Träume deines
+körperlichen und geistigen Schlafwandelns, die du schließlich in die
+Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das ist das Leben, das ist
+das eherne Geschick, das grausame Verhängnis, das herzlose Schicksal,
+das traurige Unglück. Das ist der Traum der Weisen und der des
+Urmenschen; der gräßliche Traum des Reichen und der hungrigen Armen. Das
+ist der unabänderliche Lauf des menschlichen Lebens. Und setzt sich der
+irdische Traum in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das
+träumende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, daß dort in der
+Welt, in die man geht und aus der man nicht zurückkehrt, fortgeträumt
+wird; aber es ist kein Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachende
+Träume, Träume aus dem vergangenen Leben, Träume von deinen
+Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, von dem Schmutz und der
+Schändlichkeit, mit der du dich beflecktest, als du einstmals träumtest;
+ein Traum ist deine kleinmüthige Schwäche, hartnäckige Unwissenheit,
+Träume sind die häßlichen Schauspiele deiner verderbten Liebe, deiner
+ungeheuerlichen Neigungen!!
+
+Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem des Lebens und des
+Todes, das ist die Lösung unseres Dramas. Gefällt's Euch? Scheint's Euch
+paradox? Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? Aber nehmt
+keinen Anstoß daran.
+
+Nehmt den scheußlichsten, den ungeheuerlichsten, den düstersten Traum
+heraus aus den Träumen Eures Traums.
+
+Der Gedanke ist der Dichter, der das hat wahr machen müssen, was ich
+behaupte.
+
+Ein Traum war mein Lebenslauf hienieden und wer kann die Geheimnisse
+desselben ergründen? Wer kann die Zukunft erforschen und voraussehen?
+Ein höchstes Wesen.
+
+Welche Komödie bieten unsere unglücklichen Väter hier auf dieser
+Erdkugel dar? Die Komödie des Bösen, den Traum des Unglücks, der
+Krankheit. Welche Komödie stellen wir dar? Die Komödie des Scheußlichen,
+den widerlichen Traum unserer Schande, unserer Verderbtheit.
+
+Welche Komödie werden unsere Nachkommen darstellen?
+
+Die Komödie des Betruges, der Sophisterei, den gräßlichen Traum der
+Ungeheuerlichkeit.
+
+Was ist die Geschichte? Eine verderbliche Komödie, die von den Träumen
+der Sterblichen erzählt, den Träumen, die sie auf dem großen Theater der
+Erdkugel dargestellt haben.[36]
+
+ [36] Der Abschnitt, mit dem dieses Kapitel schließt, trägt
+ unzweifelhaft den Stempel der Verrücktheit an sich; aber man sieht
+ ein, daß der erste Entwurf alles andere als vulgär ist -- es ist
+ derselbe, den Shakespeare durch den Mund einer seiner Persönlichkeiten
+ ausgesprochen hat, welche an die Unendlichkeit der Welt denkt und sie
+ mit der unendlichen Kleinheit des Menschen, mit der Relativität aller
+ seiner Abstraktionen in Gegensatz stellt. Auch die Shakespeare'sche
+ Persönlichkeit versinnbildlicht die menschliche Thätigkeit in einer
+ Reihe von Träumen.
+
+ Aus einer Sammlung von poetischen Manuskripten des M... nimmt der
+ Herausgeber hier zwei heraus, welche rein philosophische Themen
+ behandeln und welche von der seltsamen Verbrecherphantasie eine
+ Vorstellung geben.
+
+
+Ha!!!...
+
+Wir stehen im Jahre 1873 und ich befand mich in der Strafanstalt zu
+Neapel, als ein tausendköpfiges Ungeheuer tausende von Opfern in einem
+Augenblick dahinraffte, die Cholera, die furchtbare Cholera. Ja, die
+Cholera, dieser unheimliche Wanderer, das entsetzliche, tausendköpfige
+Ungeheuer rafft tausende von Opfern in einem Augenblick dahin.
+
+Neapel, das schöne, lachende Neapel, die Parthenope von einstmals, ist
+von der Cholera überfallen, und in welcher Weise! Der Tod der herrlichen
+Gegend, der grausame Tod mit der unerbittlichen Sichel, mähte seine
+Opfer rasch dahin, keine Spur hinterlassend. Es war Sonntag, wir
+arbeiteten nicht, wir hatten die heilige Messe und eine lange Predigt
+des Hanswursts von Pfarrer Herrn Borz...[37] gehört. Wir hatten die
+Kapelle verlassen, da stürzt ein armer Gefängniswächter, Vater von neun
+Kindern, gegen die Thür der Kapelle, stößt einen verzweifelten Schrei
+»Ha!« aus und fällt wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle nieder, als
+ob er ohnmächtig geworden wäre; aus dem Munde quoll ihm ein grünlicher
+Schleim, sein Gesicht und seine Hände wurden rotblau; er wird ins
+Krankenhaus gebracht, der Arzt kommt und findet ihn als Leiche,
+zusammengekrümmt und mit weit geöffneten gläsernen Augen.
+
+ [37] Derselbe, den er vorher als einen »gelehrten und geistreichen
+ Mann« bezeichnete.
+
+»Die Cholera,« sagt der Arzt.
+
+Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsmaßregeln getroffen; die
+Werkstätten wurden in Schlafräume umgewandelt, und in den Zimmern, wo
+bisher zehn Gefangene waren, blieben nur fünf, wo sechs waren, nur
+drei, und die Betten wurden auseinandergerückt.
+
+In einem großen Raum wurden die leicht Erkrankten untergebracht, in der
+Schneiderstube, die höher lag als die anderen Werkstätten und Zimmer,
+die schwer Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, die
+fünf Lire täglich bekamen und essen und trinken konnten, was sie
+wollten. Eine außerordentliche Reinlichkeit herrschte in der ganzen
+Anstalt; wir =rauchten= den ganzen Tag, die Zimmerthüren waren Tag und
+Nacht geöffnet; die Kapelle spielte häufig; am Tage und in der Nacht
+wachten je zwei Ärzte, und der menschenfreundliche Direktor nahm seine
+Frau und einen Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war ein
+förmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit Kanonen, Mitrailleusen,
+Flinten, Revolvern, Pistolen, geraden und krummen Säbeln, Bajonetten und
+Dolchen -- kurz, wir waffnen uns und rüsten uns, daß wir unbesiegbar
+sind und nehmen mächtig Lebensmittel und Munition ein; alles, um Mann
+gegen Mann das entsetzliche vielköpfige Ungeheuer, die Cholera, zu
+bekämpfen. In dem tödlichen Kampf mit der Stadt war dieses gräßliche
+Ungeheuer kühn und dreist geworden, es kämpfte gelassen und schritt
+durch die Paläste der Reichen, die bescheidenen Häuser der Arbeiter und
+die Hütten der Elenden dahin; es ließ sich gierig in der herrlichen
+Straße Corso Vittorio Emanuele nieder und griff mit mächtigem Ansturm
+unsere Burg an, die wir unerschrocken verteidigten gegen das Ungeheuer,
+das mit schwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul aus
+tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang sich aus der Brust von
+sechshundert Gefangenen; der furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in
+unsere Mauern und mit blutrünstigen Augen schwang er seine unerbittliche
+von Blut befleckte Sichel -- nur Sieger, nie besiegt, nur triumphierend,
+nie niedergeschmettert -- und doch boten wir dem Feinde noch Trotz.
+
+Am Tage nach dem Tode des Wächters aßen zwei Genossen gemeinschaftlich
+aus einer Schüssel etwas Reis, da erhebt sich der eine zitternd, tastet
+an der Mauer entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden
+Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme stößt er ein »Ha« aus und fällt
+wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er wurde aufgehoben und in das Zimmer
+der Erkrankten getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und
+schwarz am ganzen Körper.
+
+»Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei Nr. 119 verzeichnen?«
+
+»Cholera!«
+
+Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken gelähmt, denn Tag und
+Nacht mußte ich die Ärzte begleiten und die Mittel niederschreiben, die
+sie verordneten.
+
+Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens trockenen Mehlteig mit
+geschabtem Käse und ein schönes Stück gebratenes Fleisch, sowie einen
+mächtigen Becher Wein; Abends Kalbsbraten, Weißbrot und einen Becher
+Wein; beim Schluß des Tages jeder ein Glas mit Chinin versetzten
+Rosenliqueur.
+
+Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren an Heftigkeit,
+die Feindseligkeiten und die Ränke hörten auf, man dachte daran, sich
+gegenseitig zu lieben und das Ungeheuer zu bekämpfen, das uns zu
+verzehren drohte.
+
+Inzwischen war der Saal der Erkrankten überfüllt; viele starben ohne
+Erbarmen, nachdem sie aus ihrem ausgetrockneten Halse das letzte »Ha«
+ausgestoßen hatten.
+
+Da empörten sich die Gefangenen.
+
+»+Gift!!+« riefen sie.
+
+Sie verschworen sich gegen die Ärzte, den Direktor, die Wache, wollten
+die Bureaux überfallen und die Beamten morden.
+
+Die Frau des Direktors, eine ausgezeichnete Dame aus feiner
+neapolitanischer Familie, begab sich mit ihrem geliebten Söhnchen auf
+den Hof, in die Zellen und ermahnte mit thränenden Augen die Rasenden
+zur Geduld, zum Mut und zur Ergebung.
+
+Der Direktor bat weinend und mit vor Entsetzen gesträubten Haaren um
+Frieden; nicht ein Gift sei es, wie sie meinten, sondern eine tötliche
+Krankheit, welche die Stadt bedrohe und Tausende von Opfern fordere.
+
+Der Rechnungsführer begab sich nach Castellamare, wo er eine Ladung
+Citronen kaufte, die unter den Gefangenen verteilt wurden.
+
+Lob, ewiges Lob gebührt dem edlen und christlichen Herzen des Direktors
+Cav. Luigi M... di Aversa, Lob, unvergängliches Lob seiner edlen
+Gemahlin, der Zierde christlicher Tugend. Tag und Nacht begaben sich
+beide in die Zellen der Erkrankten, und salbten die schwarzen Körper der
+Leidenden mit wohlriechenden Düften, reinigten sie vom Schmutz, und die
+edle Herrin umfing die unglücklichen Sterbenden und murmelte ein Gebet,
+während ein Strom eklen Erbrechens ihr über Brust und Hände ging. O Du
+Deines Heilandes würdiges Weib! Edles Mutter- und Frauenherz; meine
+Feder ist zu schwach, um Deine heiligen Tugenden zu schildern, Deinen
+unerschrockenen Mut, Deine Selbstverleugnung, eine Ruhmespalme ist Dir
+im Himmel gewiß, und sicher hat der Schöpfer, wenn er Dein heiliges und
+frommes Wirken sah, sich gefreut, daß er Dich in die Welt gesandt hat.
+
+Den ganzen Tag ging sie mit einem Korb voll Obst, Biskuit, einer
+Rumflasche umher; wandelte durch die Zellen, gab dem eine Frucht, jenem
+ein Stück Citrone, dem dritten ein Glas Rum und sprach:
+
+»Mut, meine lieben Söhne, Gott will unsere Geduld auf die Probe
+stellen.«
+
+Brot und Braten warfen wir auf den Hof und auf die Korridore, der Hunger
+war verloren, jeder war satt, die Cholera hatte uns gesättigt. Es war
+ein Leben, das ich nicht fortsetzen konnte; am Tage immer mit den Ärzten
+unterwegs, Nachts vier oder fünf Mal in den Zimmern umher; ich fühlte
+mich wie vernichtet.
+
+Im Bureau des Krankenhauses war das Depot des Weines und der Liqueure,
+die ich morgens und Abends an sechshundert Gefangene austeilen mußte.
+
+Ich mache dem Direktor Mitteilung, daß ich mich in mein Zimmer
+zurückziehen möchte, da ich dieses Leben nicht mehr aushalten könne.
+
+»Nein«, antwortete er, »als der Wind still war, da wollten Sie fahren;
+nun müssen Sie auch im Sturme ausharren -- ich werde Ihnen zwei Genossen
+als Helfer beigeben.«
+
+Die Apotheke befand sich in der Anstalt selbst, im Krankenhause; der
+Oberwärter, ein braver Mann aus Piombini, der zu zwanzig Jahren
+verurteilt war, wußte mit Arznei gut Bescheid und that als Apotheker
+Dienste.
+
+Zwei oder drei starben jede Nacht, nichts als ein schmerzliches »Ha«
+ausstoßend. Sie wurden sofort in einen gemeinschaftlichen Kasten
+=eingesargt= und hinausgebracht, um mit den andern, die in der Stadt
+starben, zusammen begraben zu werden. Die Gefangenen wußten nicht, wer
+oder wieviel starben oder erkrankt waren.
+
+Einige Tage war Waffenstillstand, die heimtückische Krankheit schien des
+entsetzlichen Mordens müde zu sein, und wir Verschonten dankten Gott.
+
+Und dann? Das unerbittliche tausendköpfige Ungeheuer war nicht müde, es
+schöpfte nur Atem, um sich gieriger als zuvor zu erheben. In Neapel, in
+der Anstalt neue Opfer; da verdoppelte sich die Sorgfalt und
+verdoppelten sich die Mittel, um den Drachen zu bekämpfen.
+
+Verzweiflung und Entsetzen herrschten in den Herzen, die einer
+Dolchspitze und einer Messerschneide furchtlos entgegenblickten.
+
+Eines Morgens fragte ich den Doktor Biondi:
+
+»Herr Doktor, was muß man thun, um sich vor der entsetzlichen Krankheit
+zu bewahren?«
+
+»Immer Wein und Liqueur trinken, nie Wasser, und im Essen und Trinken
+sehr mäßig sein.«
+
+Wein und Liqueur hatte ich zu meiner Verfügung, mäßig zu sein, hing von
+mir selbst ab. Ich fing an, nicht wenig zu trinken, Tag und Nacht trank
+ich im Übermaß. Bisweilen hatte ich starkes Fieber mit heftigen
+Schmerzen im Unterleib und im Magen, mein Kopf schien sich umzudrehen,
+als ob ich im Strudel des Meeres wäre, kraftlos hielt ich mich mit Mühe
+auf den geschwollenen Beinen. Ich begab mich zu dem Chirurgen Herrn C...
+und ließ mich untersuchen.
+
+»Sie haben ein pferdemäßiges Fieber«, rief er aus.
+
+»Ja, ich fühle mich sehr krank und leide heftige Schmerzen im
+Unterleib.«
+
+»Wie ist die Verdauung?«
+
+»Seit vier oder fünf Tagen schlecht.«
+
+»Und Sie haben nichts gesagt?«
+
+»Was sollte ich ... die Furcht vor der Cholera.«
+
+»Ich kann Ihnen jetzt keine Purgiermittel geben. Gehen Sie in's
+Krankenhaus, wir werden sehen.«
+
+Ich ging in's Krankenhaus, ein anderer übernahm nun meinen Posten.
+
+Diese abgefeimte Bestie von einem Chirurgen verschrieb mir Chinin, kaum
+hatte ich es genommen, als sich das Fieber zum Delirium steigerte; den
+Abend und die Nacht erbrach ich mich unaufhörlich und litt an
+fortwährenden Durchfällen, so daß ich Bett, Betttuch und alles, was in
+meiner Nähe war, beschmutzte; vor meinem geistigen Auge erschienen
+Gespenster, Schatten, Gräber und Grüfte.
+
+Am Morgen kam Dr. Biondi, der Arzt, um mich zu untersuchen.
+
+»Cholerasymptome,« sagte er, »er muß in das Zimmer der Cholerakranken
+gelegt werden.«
+
+»Ich gehe nicht,« rief ich, »ich will nicht! Genossen, ich verlasse mich
+auf Euch!«[38]
+
+ [38] Ein weiterer Beweis, daß M... ein einflußreiches Haupt der
+ Camorra war.
+
+Borghese und einige Kalabreser und Neapolitaner waren zur Stelle.
+
+»Zu den Cholerakranken darf er nicht kommen,« beschwor Borghese den
+Arzt, »sonst steht heute Abend die Anstalt in Flammen.«
+
+»Er soll nicht!« riefen die andern.
+
+»Wir morden die Ärzte, den Direktor und die Wache,« drohte der Genarius.
+
+»599 soll hier bleiben und von uns bedient werden,« sagten einige
+Neapolitaner, »wehe dem, der ihn anrührt.«
+
+Der Direktor kommt, und es wird entschieden, daß ich im Krankenhaus
+bleibe, während zwei Kalabreser mich am Tage und zwei Neapolitaner des
+Nachts bedienen sollen.
+
+Der Arzt Biondi beklagte sich über den Chirurgen, weil dieser mir Chinin
+verschrieben hatte; er sagte, daß er mich getötet habe und befahl dem
+Chef der Wache, daß keiner mit mir sich abgeben solle, da ich unter
+seiner eigenen Behandlung stände.
+
+Nachts wurde es schlimmer mit mir; gräßliche Gespenster, furchtbare
+Grüfte mit Gespenstern und Ungeheuern standen vor mir und quälten mich;
+ich hörte nichts mehr; ein eiserner Ring schloß meine Eingeweide ein; in
+Zwischenräumen litt ich an Erbrechen und Durchfällen, ich konnte mich
+nicht bewegen und mit vieler Anstrengung und Vorsicht mußte ein Genosse
+mich hin und her wenden; ich lag im Sterben.
+
+Nach der Arznei wurde mir übel -- aber was bedeutete das! Zwei Tage und
+zwei Nächte wußte ich nichts von mir -- ich war tot!
+
+Nach achtundvierzig Stunden heftigen Fiebers gewann ich soweit die
+Herrschaft über meine Sinne wieder, daß ich mir meine kritische Lage
+klar machen konnte.
+
+Der Arzt kommt, er sperrt den Mund auf, sieht den Krankenwärter an und
+spricht mit ihm und den Gefährten, die mich bedienten; ich hörte nichts,
+denn ich war gänzlich taub, aber ich sah, wie der Wärter kopfnickend
+sein Einverständnis mit dem ausdrückte, was der Arzt sagte. Als der Arzt
+ging, fragte ich, was er gesagt habe. Man wollte es mir anfangs nicht
+sagen, bis auf mein wiederholtes Bitten einer meiner Genossen mir
+Folgendes aufschrieb:
+
+»Der Doktor sagte, daß es sehr schlecht mit Ihnen steht, und daß Sie
+vielleicht heute Nacht sterben werden, daß der Priester gerufen werden
+solle, um Ihnen die letzte Tröstung der Religion zu spenden.«
+
+Ein elektrischer Schlag hätte mich nicht so erschüttern können, wie die
+Worte, die ich las und die mein Todesurteil enthielten; mit
+übermenschlicher Kraft erhebe ich mich im Bett, die Augen weit geöffnet,
+die Arme mit drohend geballten Fäusten gegen ein großes Kruzifix
+ausgestreckt und rufe:
+
+»Und Du, Christus, Du Gott, willst es zugeben, daß ich am Ende meiner
+Strafzeit sterbe, daß ich sterbe, fern von meiner Heimat, in diesen
+Mauern, im Kerker! daß ich an der Cholera sterbe, niedergebeugt vom
+Unglück, im Fieber meiner Leiden! Und Du lebst? O Gott, Gott, ist es
+wahr, daß Du lebst? Sagen es nicht Millionen von Schlafwandelnden? Ist
+nicht das Firmament das Werk Deines Willens, entzündet sich nicht der
+leuchtende Glanz des Tagesgestirns an Deinem Blick? Rauschen es nicht
+die tosenden Meere, daß Du lebst? Der thörichte Zweifler leugnet Dich
+mit dem Wort, aber in seiner Brust klingt es träumend: +Ein Gott lebt!+«
+
+»Und Du, der Du lebst, läßt mich sterben, den letzten Schrei aus
+trockener Kehle ausstoßen! Nein, das wirst Du nicht, das kannst Du nicht
+thun! Ist es denn nicht wahr? Bist Du denn nicht der zärtliche Vater
+aller Deiner Geschöpfe; ist Deine Geduld nicht lang, wie die
+Jahrhunderte lang sind? Und Du lässest zu, daß ich sterbe? Nein, das
+kannst Du nicht!«
+
+Am Abend kam der Pfarrer und fragte mich ich weiß nicht was, denn ich
+war taub, ich antwortete nur ja, ohne zu verstehen, was er wollte. Der
+Krankenwärter sagte ihm, daß ich taub sei von dem Chinin, das der
+Chirurg mir verordnet hatte, und daß er mir seinen Wunsch aufschreiben
+möge. Darauf schrieb er:
+
+»Der Pfarrer fragt Sie, ob Sie beichten wollen in Anbetracht der großen
+Gefahr, in der Sie schweben.«
+
+»Jetzt habe ich keine Lust zu beichten,« sagte ich empört; »wenn ich
+wieder gesund bin, dann will ich beichten.«
+
+Ehrwürden machte ein langes Gesicht, ließ den Kopf sinken und ging ab.
+
+Diese Nacht, diese entsetzliche Nacht, in der mein Todesurteil vollzogen
+werden sollte, fluchte ich unaufhörlich jenem Christus am Kreuze. Meine
+Genossen suchten mich zu beruhigen, aber vergebens; ich verwünschte mit
+lauter Stimme die Natur, die Welt und den Himmel; ich fürchtete mich zu
+schlafen, um vielleicht in den ewigen Schlaf hinüber zu schlummern. Im
+Fieber verging mir die verhängnisvolle Nacht. Am Morgen sagte der Arzt,
+nachdem er mich untersucht hatte:
+
+»St. Petrus scheint Ihr Freund zu sein, er hat die Himmelsthür nicht
+öffnen wollen -- oder vielmehr die Pforten der Hölle waren eingerostet,
+so daß Cerberus sie nicht öffnen konnte. Jetzt werden Sie leben, das
+schwöre ich bei meinem Seelenheil.«
+
+Die Gefahr war vorüber; Christus, dem ich so glühend geflucht hatte,
+hatte sich meiner erbarmt und gesprochen:
+
+»Lebe und leide!«
+
+Ich erhielt ein Telegramm von meiner Familie, die Nachricht über mich
+wünschte. Der Direktor brachte es und er telegraphierte, daß ich genesen
+sei und demnächst selbst schreiben würde.
+
+Infolge der sorgfältigen Pflege, die mir der treffliche Professor Biondi
+angedeihen ließ und der warmen Hilfe von seiten meiner Genossen,
+besserte sich mein Zustand bald, aber ich war taub; ich applizierte mir
+zwei spanische Fliegen hinter die Ohren, aber sie halfen nichts.
+
+Ich nahm mir vor, wenn ich taub bliebe, die Bestie, den Chirurgen, zu
+ermorden.
+
+Dann ließ ich mir eine Blase im Nacken ziehen, was viel Wirkung hatte,
+indem ich allmählich das Gehör wieder erlangte. Eine spanische Fliege
+legte ich auf die Schläfe, eine zweite hinter die Ohren und auf diese
+und andere Weise erlangte ich endlich das Gehör wieder. Ich zählte die
+an der Cholera Gestorbenen, es waren neunundsechszig, mit dem Söhnchen
+des Direktors siebenzig; der Erkrankten waren zweihundert
+zweiundzwanzig. Als ich ganz geheilt war, ließ ich den Direktor rufen
+und bat ihn, mich meiner Pflicht als Schreiber zu entbinden, und mir zu
+gestatten, mich in meine Zelle zurückzuziehen, da ich dringend Ruhe
+brauche. Ich wollte dort die Bücher aus der Bibliothek lesen und die
+sieben Monate, die ich noch abzumachen hatte, in Frieden verbringen. Er
+willigte ein und ich zog mich in eine der unteren Zellen zurück.
+
+Die Cholera hörte auf; das tausendköpfige Ungeheuer zog weiter, und
+hinter sich ließ es Jammer, Trauer und Entsetzen.
+
+In meiner Zelle waren sechs brave Genossen, fünf davon erkrankten, ich
+allein las und schrieb und dachte über die trüben Traumbilder des
+menschlichen Lebens nach.
+
+Mir geschah etwas, das ich mitteilen möchte.
+
+Eines Tages, gegen Abend, als meine Gefährten bereits von der Arbeit
+zurückgekommen waren und ich ruhig in meiner Zelle in einem Winkel lag
+und meine Pfeife rauche, öffnete sich die Thür mit Geräusch und ich
+mußte die brennende Pfeife in die Tasche verstecken.
+
+»599,« sagt der Wächter, »geben Sie mir die Cigarre.«
+
+»Ich habe keine Cigarre.«
+
+»Rasch, geben Sie mir die Cigarre, Sie haben geraucht.«
+
+»Ich habe nicht geraucht und habe keine Cigarre.«
+
+»Sie haben geraucht, ich habe es gesehen und den Tabaksgeruch gerochen.«
+
+»Sie irren sich.«
+
+»Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.«
+
+Und er kam näher um die Hand in meine Tasche zu stecken, da erhebe ich
+rasch die Hand und versetze ihm eine mächtige Ohrfeige.
+
+Nach diesem niederträchtigen Streich nimmt der Wächter das Schlüsselbund
+und will sich auf mich stürzen, ich trete einen Schritt zurück, nehme
+eine Fechterstellung an und reiße die Pfeife aus der Tasche; der arme
+Wächter hält sie für einen Dolch, schließt die Thür, rennt den Korridor
+entlang und ruft um Hülfe.
+
+Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt herbei und ich werde in eine
+Strafzelle geführt.
+
+Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, fand ein förmliches Verhör
+statt, bei dem der Direktor als Vorsitzender, der Rechnungsführer als
+Ankläger und der Pfarrer als Verteidiger fungierte.
+
+Ich werde in das Bureau des Direktors geführt, die Zeugen werden
+aufgerufen und leugnen, daß ich dem Wächter eine Ohrfeige gegeben und
+ihn mit bewaffneter Hand angegriffen habe, vielmehr habe der Wächter
+mich beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich werde zu
+vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt und in Ketten gelegt, der
+Wächter erhält zwei Monate Wachtdienst und sein Lohn wird für diese Zeit
+gespart.
+
+Nachdem die Strafe verbüßt ist, kehre ich in meine Zelle zurück, der
+Wächter wird nach einer andern Strafanstalt versetzt.
+
+Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, da werde ich vom
+Direktor gerufen, der sagt: »599, Sie müssen noch drei Monate verbüßen,
+wo wollen Sie Ihr Domizil aufschlagen?«
+
+»In Parghelia, meinem Geburtsort.«
+
+Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte:
+
+»599, Sie müssen noch zwei Monate verbüßen; wenn Sie wollen, lassen Sie
+sich den Bart und die Haare wachsen.« Als der Tag der Freiheit sich
+näherte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlösser.
+Meine Gefährten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu
+veranstalten und so meine Freiheit zu feiern.
+
+Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, daß wir uns alle in einem
+großen Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner
+Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung.
+Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und
+aßen und tranken heiter, die Trinksprüche galten alle mir, die einen
+wünschen mir Glück, die andern langes Leben, und alle diese Wünsche
+kamen aus aufrichtigen aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen,
+Süßigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren.
+Am Abend umarmten und küßten wir uns, Thränen feuchteten mir die Wangen,
+während einer sagte:
+
+»599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.«
+
+Ein anderer:
+
+»Werden Sie mir schreiben, um mich zu trösten?«
+
+Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr:
+
+»Werden wir uns wiedersehen, Genosse?«
+
+Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des
+Rechnungsführers gebracht, man gab mir mein Geld und einen Brief an den
+Delegierten in Neapel. Ich vergaß zu erwähnen, daß ein Landsmann, der
+Spediteur Cosmo C... in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich
+nunmehr statt der Gefängnistracht anlegte.
+
+Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und
+hielt mir dann eine schöne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen
+solle.
+
+Ein Schutzmann erscheint, ich küsse dem braven Direktor die Hand und
+gehe mit dem Schutzmann eine lange Treppe hinauf, ein großes massiv
+eisernes Gitter öffnet sich und ich befinde mich auf der Straße. Will
+man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine Augen schmerzten von
+dem Licht, das Blut jagte in den Adern und am ganzen Körper hatte ich
+ein Jucken, als ob ich die Krätze hätte. Wenn man lange die Freiheit
+verloren hat, weiß man, wie süß sie ist.
+
+Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register eintrug und dann
+sagte:
+
+»Wann wollen Sie reisen?«
+
+»Ich möchte einige Tage hier bleiben.«
+
+»Schön, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren Paß und das Reisegeld
+ab.«
+
+Ich suchte Leonardo und Cosmo C... auf, besuchte einige Freunde und
+nachdem ich mich fünf Tage vergnügt hatte, ging ich zum Delegato, der
+mir meinen Paß und das Reisegeld gab.
+
+Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab und nach vierundzwanzig
+Stunden angestrengter Reise kam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen
+nach Monteleone fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, um mich
+nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war augenblicklich nicht zu
+haben.
+
+Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschloß und die ich
+fragte:
+
+»Wohin gehen Sie?«
+
+»Nach Tropea«, antwortete einer.
+
+»Und haben Sie einen Wagen?« fragte ich.
+
+»Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem ich zusammen fahre; meine
+drei Gefährten hier fahren mit dem Lastwagen, der unser Gepäck zum
+Seminar bringt.«
+
+»Dann gestatten Sie, daß ich mitfahre.«
+
+Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit und Ort, wo wir uns
+treffen wollten.
+
+»Ich möchte dem freundlichen Bischof die Hand küssen.«
+
+»Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.«
+
+Sie führten mich in das Haus des Apothekers Ortona, wir treten in eines
+der Zimmer und ich sehe den Bischof wie eine Wurst gekrümmt im Bett
+liegen; er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des Apothekers:
+
+»Ich bin müde, ich habe von der Reise gelitten.«
+
+Ich trat ans Bett und küßte ihm die Hand.
+
+»Wo sind Sie her, braver junger Mann?« fragte er.
+
+»Aus Tropea.«
+
+»Und woher kommen Sie?«
+
+»Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.«
+
+Der Apotheker unterbrach unser Gespräch, das wer weiß was für ein Ende
+hätte nehmen können.
+
+»Nun kommt mit mir zum Essen«, sagte Ortona. Die vier Seminaristen
+erheben sich und folgen dem Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe
+dem Bischof einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein großes
+Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen uns zu Tisch, jeder erhält
+eine halbe Literflasche Wein, es kommt eine Schüssel mit Käse, eine
+andere mit Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, trinke noch
+eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in einen Gasthof, um zu ruhen,
+denn schlafen kann ich nicht -- wer aus dem Gefängnis kommt, gewöhnt
+sich nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit.
+
+Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich auf dem Lastwagen ab,
+der mit Decken und Matratzen belegt war; als wir nach einem Ort namens
+Piozzi kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; ich lasse
+den Wagen anhalten und wir sehen, daß es Silvestro C... ist, der nach
+Monteleone gegangen war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun
+sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen -- ein nettes Vergnügen!
+
+In Tropea verließ ich die Seminaristen und ihren Wagen und ging mit
+Silvestro C... in einen Gasthof. Dort fanden wir einen schurkischen
+Mönch, der sich uns anschloß; wir ließen uns Würstchen braten und Wein
+und Brot bringen und aßen und tranken zu drei.
+
+Nachher wollte der schurkische Mönch nicht bezahlen; Silvestro C..., vom
+Wein umnebelt, fängt an zu lallen, der Mönch antwortet ihm ebenfalls
+lallend.
+
+Silvestro C... glaubt, daß der Mönch ihn verhöhnt und fängt an zu
+schimpfen, auf den Mönch, die Priester, den Papst und die ganze
+Klerisei.
+
+Der Mönch wird nun auch zornig und benennt C... mit häßlichen Worten,
+sie fassen sich an, ziehen sich hin und her und lallen.
+
+»Za--ah--le Du!«
+
+»Nein, za--ah--le Du!«
+
+»Ich za--a--ah--le nicht!«
+
+»Ich za--a--ah--le die Hä--ä--älfte!«
+
+»Nein, Du za--a--ahlst all--les!«
+
+»Nein, u--nd ich za--a--ahle ni--ichts!«
+
+»Wa--arum willst Du nicht za--a--ahlen?«
+
+»Nein -- nein, es geht mich nichts a--an!«
+
+»Dann za--ahlen wir zusa--ammen!«
+
+»Ja, za--a--ahlen wir zusammen!«
+
+
+
+
+Zweiter Teil.
+
+Meine Dienstzeit.
+
+ Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung
+ wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen
+ verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben
+ ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen
+ Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach
+ ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.
+
+
+Vorbemerkungen.
+
+Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den Samen der Gelehrsamkeit.
+
+Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die Kaserne betritt.
+
+Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mißbräuche, Quälereien und Tyrannei
+sind der Teil des Soldaten.
+
+Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die Galeere.
+
+Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister.
+
+Der Heeresdienst ist ein Übel, das innen und außen schadet.
+
+Willst Du verdammt sein? Werde Soldat!
+
+
+An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.
+
+ Mein heißgeliebter Junge!
+
+Für Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen Abenteuer meines
+Lebens, das durch vierzehn lange Jahre eines furchtbaren Geschickes und
+durch heftige Schmerzen und Unglücksfälle zerrissen ist. In diesen
+Zeilen, die von meiner heißen Liebe zu Dir diktiert sind, findest Du die
+traurigen Wechselfälle des menschlichen Lebens und die raschen
+Wandlungen dieser schmutzigen, unsauberen, bösen Welt.
+
+Mögen Dir diese Denkwürdigkeiten als Schule auf dem schlüpfrigen Pfade
+in der Welt dienen, als Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als
+Führer in den Banden der Freundschaft, als Zügel in den maßlosen
+Leidenschaften, als Beruhigung im Unglück, als Ermutigung und
+Unterwerfung in die Schicksalsschläge des Lebens.
+
+Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, mein geliebter Sohn,
+das Ergebnis meiner Leiden betrachten und mit einem Herzen voll
+kindlicher Liebe wirst Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich
+Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel Küsse gab, wie
+Sterne am Himmel stehen, und der mit überströmender Liebe Deine ersten
+Schritte lenkte, denn Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im
+Unglück verbitterten Seele.
+
+Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht durchwacht und hier,
+in diesen väterlichen Armen, habe ich Dich ganze Nächte lang gewiegt;
+ich spürte keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer müde,
+nimmer überdrüssig, habe ich Dich gewiegt. Ja, mein geliebter Sohn, ich
+war glücklich, Dich an meine Brust zu drücken, in der Stille der Nacht,
+wenn draußen der kalte, eisige Wind raste und an unserem Fenster
+rüttelte, dann war ich glücklich und zufrieden und sang Dich in den
+Schlaf.[39]
+
+Parghelia, den 20. Juni 1888.
+
+ Dein zärtlicher Vater
+
+ Antonino M...
+
+ [39] Hier folgt ein italienisches Wiegenlied.
+
+
+Die Abreise.
+
+Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie ich im ersten Teil
+dieser Erzählung berichtet habe, erblickte ich am 16. November 1874 die
+Freiheit wieder.
+
+Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglück, Soldat[40] werden zu müssen,
+denn aus der Klasse 1850 wurde ich der Klasse 1855 überwiesen und auf
+zwölfjährige Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment
+eingestellt.
+
+ [40] Dieser Teil der Selbstbiographie des M... ist ein Beweis zu
+ Gunsten derer, welche behaupten, daß Verbrecher nicht in die Armee
+ aufgenommen werden sollten.
+
+ Die Frage ist als Gefühls- und als Nützlichkeitsfrage behandelt
+ worden. Ich übergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich darüber nicht
+ verhandeln läßt: ein Heer braucht namentlich in Friedenszeiten einen
+ hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, um in Ermangelung
+ eines unmittelbaren Nutzens eine Existenzberechtigung zu haben.
+
+ In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralität weniger an und niemand
+ würde sich darum kümmern; Sergi hat in seinem _Eroismo e criminalità_
+ gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu heroischen Thaten sich
+ erheben kann. Der Mangel an Voraussehung schwächt bei ihm das Gefühl
+ der Gefahr ab.
+
+ Ich will mich auf den zweiten Punkt beschränken: daß es nutzlos und
+ unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, und zwar auf der
+ Basis elementarer Gründe des Positivismus.
+
+ Wenn man zugiebt, daß der Verbrecher ein pathologischer und anormaler
+ Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormität nicht ebenso in
+ Betracht gezogen, wie so viele andere, die physischer Natur sind?
+ Individuen, die eine Mißbildung der Füße zeigen, werden
+ ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurückweisen, welche eine
+ tiefgehende Abnormität der Seele zeigen?
+
+ Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormität festzustellen. Und ich
+ antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, in der großen
+ Mehrzahl der Fälle ist ein unfehlbares Kennzeichen gegeben -- die
+ Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden Leute erlitten
+ haben -- oder wenn sie schon Soldaten sind, die Vergehen, welche sie
+ sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher wird als ein
+ antisoziales Element definiert, d. h., er wendet sich gegen die
+ Ordnungsgrundsätze, die zur Existenz einer gegebenen Gesellschaft
+ notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen und findet
+ sie für sein eigenes Temperament und seine eigenen Neigungen zu eng.
+ Ist es nun nicht widersinnig, einen solchen Widerstrebenden in die
+ Schranken eines Organismus wie die Armee einzustellen, die durch eine
+ noch viel straffere Disziplin als die, welche in der gewöhnlichen
+ Gesellschaft herrscht, regiert wird? Heißt das nicht, aus einem Narren
+ einen Philosophen machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher
+ sind individualistische Übertreibungen, Wesen, deren Verstand oder
+ moralisches Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den
+ Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht
+ anpassen können.
+
+ Man wirft ein: Auch das Gefängnis und das Irrenhaus sind Institute,
+ die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder sieht ein, daß
+ die Zusammenstellung mit dem Heer nicht möglich ist. Dieses hat im
+ Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen utilitarische
+ Funktion. Die Armee wird verschwinden können und müssen; die
+ Gefängnisse werden ihr Aussehen ändern, wenn der Begriff der Strafe
+ durch den der Abwehr abgelöst worden ist; die Irrenhäuser werden in
+ Stätten der Pflege und der Hut umgewandelt werden, da die Gesellschaft
+ nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten Formen, den Begriff der
+ Selbstverteidigung aufrecht halten und erweitern muß, weil dies zur
+ Entwickelung der gesunderen und normaleren Kräfte beiträgt. Die
+ soziale Disziplin ist ein absolutes Bedürfnis, die militärische
+ Disziplin ein relatives Bedürfnis.
+
+ Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer gewissen
+ Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich lege nicht
+ viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der wir uns in diesen
+ letzten Jahren überzeugt haben. Misdea, Serghetti, Scaranari, Marino,
+ Missivoli und endlich Pasquala Torres haben dem Heer noch mehr
+ geschadet als zwanzig Friedensjahre. Andererseits ist bekannt, daß das
+ Kriegsministerium das Aushebungsgesetz in dem Sinne reformieren will,
+ daß diejenigen ausgeschlossen bleiben und dem königlichen Heer nicht
+ angehören können, welche zu Kerkerstrafe und zu Gefängnis nicht unter
+ fünf Jahren verurteilt sind, während das zur Zeit in Kraft befindliche
+ Gesetz nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit
+ Verurteilten und die zu Zuchthaus und Gefängnis wegen Verbrechen
+ schwerer Art Verurteilten ausschließt.
+
+ Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders
+ behandelt werden, indem sie während des Dienstes mit der Waffe einer
+ besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es in Frankreich und
+ Deutschland üblich ist.
+
+ Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig die
+ Überweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung verfügt,
+ die sich =während der Dienstzeit= schwerer Vergehen schuldig machten.
+ Dasselbe Ministerium anerkennt in dem der Kammer schon vorgelegten
+ Bericht die Nützlichkeit solcher Verfügungen, indem es hervorhebt, daß
+ man nicht erst jetzt darauf verfallen sei, sondern schon in einem dem
+ Senat am 10. Juni 1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General
+ Ferrero, in dem von einem Spezialkorps die Rede war.
+
+ Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, aber nicht
+ gelöst. Es schließt zwar die schlimmsten Verbrecher aus, aber zu viele
+ umfaßt es gar nicht, oder umfaßt sie mit einer Verschärfung der
+ Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe verbüßt hat, wird er
+ veranlaßt sein, die besondere Behandlung, die er erfährt, als eine
+ Ungerechtigkeit zu betrachten und den Fatalismus der Schuld zu
+ verstärken, von dem die Seiten M...'s voll sind. Er wird als Soldat
+ eine strengere Disziplin und daher mit größter Wahrscheinlichkeit die
+ Bestrafung finden. Ist das gerecht und logisch?
+
+ Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferiorität
+ einer Person nicht eine Entschuldigung für uns? Von einem Bauern
+ verlangen wir gewisse Äußerungen des Zartgefühls nicht, die wir bei
+ einer gebildeten Person fordern; von jenem dulden wir, was bei dieser
+ eine Beleidigung wäre.
+
+ Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, daß diese Individuen
+ Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als Soldaten betrachtet,
+ weil sie sich dem Recht, welches das Land über sie hat, nicht
+ entziehen können, so müßte man sie wenigstens dem gewöhnlichen
+ Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den militärischen
+ Codex zu bringen.
+
+ Der Grundsatz der Ausschließung, nach der vorher erlittenen Strafe
+ beurteilt, hat für mich keinen Wert. Der Soldat kommt immer im
+ jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher war, so war
+ es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das Strafgesetzbuch und
+ andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm alle möglichen
+ mildernden Umstände zubilligen.
+
+ Das sieht man aus der ersten Strafe des M... wegen Mordes, wo die
+ Überlegung und die Nachstellung nicht hinderten, daß die Strafe auf
+ fünf Jahre beschränkt wurde, und man sieht es aus den Antecedentien
+ aller Soldaten, die in diesen letzten Jahren erschossen oder dem
+ Kerker übergeben wurden. Alle hatten Strafen erlitten und keiner hatte
+ vom Dienst befreit werden können. Die angeblichen fünf Jahre würden in
+ der That zwanzig bis dreißig Jahren Gefängnis gleichkommen. Vier
+ Körperverletzungen und drei Widersetzlichkeiten gegen die
+ Polizeiorgane würden weniger gelten als ein versuchter Mord, und zwar
+ für einen Soldaten, für den das Spezialgesetzbuch des Heeres die
+ Erschießung von hinten sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand
+ seinen Vorgesetzten bedroht.
+
+ Die Blätter des M... können dazu ermahnen, eine offene und wirkliche
+ Lösung zu finden, die einerseits dem Heere nützt und andererseits den
+ Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus entspricht.
+
+ In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche Lösung
+ nur andeuten können.
+
+Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment zu kommen.
+
+In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, Signor Pietropaolo A...,
+Lieutnant; diesem würdigen und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen;
+und er wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglück schien mir
+anzuhängen; diese Kompagnie war die meist gequälte vom ganzen Regiment
+und bestand aus Leuten, die sich nicht durch gute Führung hervorthaten.
+
+Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft hörte, kam er in mein Quartier
+und hielt mir eine Vorlesung über die Art und Weise, wie ich mich zu
+benehmen hätte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann und
+den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte.
+
+Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den Säbel, die Patronentaschen und
+was sonst noch dazu gehört; dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf
+den Exerzierplatz geführt, wo ein Korporal und ein Sergeant uns
+unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando schlecht
+ausführte, wurde er geschimpft und mißhandelt, und oft hörte man solche
+Worte:
+
+»Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind ein Schweinehund!« und
+ähnliche Schmähungen. Mir stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein
+unwissender Vorgesetzter uns so behandeln konnte.
+
+(Hier fehlen im Manuskript einige Blätter.)
+
+Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und Gürtel abgelegt und suchte
+meine Mütze, die ich am Morgen an die Wand gehängt hatte. Inzwischen
+stellte sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich weiter
+suche, kommt der Korporal C... auf mich zu und fragt mich wütend,
+weshalb ich mich nicht auf meinen Platz begebe.
+
+»Ich suche meine Mütze, die ich heute Morgen hier aufgehängt habe.«
+
+»Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren immer etwas.«
+
+»Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine Mütze finde ich nicht.«
+
+»Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie Schweinehund! Was meinen Sie
+denn, wer Sie sind, Sie Galgenschwengel?«
+
+Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine Kaltblütigkeit, wütend wie
+eine Hyäne sprang ich ihm an den Hals, gab ihm eine mächtige Ohrfeige
+und schüttelte ihn hin und her wie ein Rohr.
+
+Der Korporal verliert das Gleichgewicht und fällt hin, ich werfe mich
+mit voller Kraft auf ihn, halte ihn an der Gurgel fest und ziehe einen
+Dolch aus der Tasche, um ihn zu ermorden -- in diesem Augenblick stürzt
+sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf mich, reißen uns
+auseinander und ich werde in die Wachtstube geführt, wo man mich mit
+Schimpfreden überschüttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht
+Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gefängnis zu führen.
+
+Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; Thränen standen ihm in
+den Augen, er beklagte den Vorfall und sagte, daß er alles thun werde,
+um die Gefahr abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei Cigarren
+gegeben und einen zärtlichen Blick auf mich geworfen hatte.
+
+Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch niemand;
+unvertraut mit den militärischen Gesetzen wußte ich nicht, was aus mir
+werden sollte und machte mich auf alles gefaßt. Signor Pietropaolo kam
+wieder und sagte lächelnd:
+
+»Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit gesetzt werden,
+aber versprich mir, daß Du Dich gut führen willst.«
+
+»Je nach den Umständen«, antworte ich.
+
+In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird die Thür meines
+Gefängnisses geöffnet; ich fürchtete, daß man mir etwas böses thun werde
+und schickte mich an, mich zu verteidigen.
+
+Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich folgte, er führte mich
+auf den Hof, eintöniges Schweigen herrschte ringsum, nur unterbrochen
+durch die Schritte der Schildwache; der silberne Mond stand am
+Himmelsbogen.
+
+»Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen werden Sie in Freiheit
+gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, sich gut zu führen, dann werden Sie in
+drei Monaten die Korporaltressen bekommen.«
+
+»Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, dem Herrn Oberst
+ebenfalls meinen Dank zu sagen; wenn ich nicht gereizt worden wäre,
+würde ich einen solchen Schritt nicht gethan haben, aber --«
+
+»Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. -- Korporal, führen Sie den
+Mann ins Gefängnis.«
+
+Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken durchzogen mein Gehirn
+und ungeduldig erwartete ich die Stunde meiner Befreiung.
+
+Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Geräusch gab mir einen Stich
+ins Herz; aber niemand kam, auch der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es
+wurde Abend, endlich höre ich den Schlüssel klirren, die Thür öffnet
+sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt:
+
+»Auf, M..., schnell, es geht los; alles ist bereit.«
+
+Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener Wagen, von drei
+schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig scharren und wiehern; auf dem
+Bock sitzt ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten,
+zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit aufgepflanztem Bajonett,
+standen um den Wagen herum.
+
+»Rasch, M..., steigen Sie ein und machen Sie sich's bequem,« sagte ein
+Sergeant in befehlerischem Ton.
+
+Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward ich bestürzt und wußte
+nicht, was geschah; ein Sergeant ließ mich in den Wagen hinein und nahm
+an meiner Seite Platz, die beiden anderen Plätze nahmen zwei Korporale
+ein; ich sehe mich verständnislos um und frage mich, ob ich träume, ob
+man eine Komödie mit mir aufführen will?... Der Wagen setzt sich in
+Bewegung, hält an, fährt weiter, hält wieder an und rast dann im Galopp
+davon; neben mir und vor mir sehe ich die unbeweglichen, kalten
+Gesichter der Soldaten, deren Augen auf mich gerichtet sind und die
+schweigend die Gewehre zwischen den Knieen halten. Draußen sehe ich eine
+Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte.
+
+Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, wohin man mich
+führt.
+
+»Das werden Sie später sehen; wir sind jetzt am Ziel.«
+
+»Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich würde heute früh in
+Freiheit gesetzt werden; wozu denn jetzt dieser Unsinn?«
+
+»Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt,« antwortet lachend der
+Sergeant.
+
+»Zum Besten gehabt!« rufe ich aus.
+
+»Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.«
+
+Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort schon einmal gehört habe,
+und ich erinnere mich, daß es der Karabiniere mir sagte, als ich in die
+Strafanstalt zu Neapel abgeführt wurde.
+
+»Dies ist das zweite Mal,« denke ich, »daß man mich zum Besten hat, zum
+dritten Mal soll es bei Gott nicht geschehen!«
+
+Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme fragte:
+
+»Wer ist da?«
+
+»Ein Gefangener wird eingeliefert,« entgegnete eine andere Stimme.
+
+Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das ich nicht unterscheiden
+konnte; der Wagen setzt sich langsam in Bewegung, hält an; der Schlag
+wird geöffnet und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen
+aufgefordert.
+
+Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gefängnis geführt, ein
+Sergeant trägt meinen Namen und mein Signalement in ein Register ein.
+
+»Sie sind der thätlichen Insubordination angeklagt, begriffen?«
+
+»Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe ich es nicht begriffen!«
+
+»Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht,« sagte der Sergeant wütend.
+
+Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, ohne mich eines Blickes zu
+würdigen.
+
+Man führte mich in meine Zelle, ein großes Zimmer zu ebener Erde in der
+Festung Abasso, hier war auch das Militärgericht. In diesem Zimmer
+befanden sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen
+Waffengattungen.
+
+Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrückt und unter
+Leidensgefährten war,[41] fühlte ich mich von einer schweren Last
+befreit, ich überblickte meine kritische Position und zermarterte mir
+das Gehirn, weshalb Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem
+nächtlichen Besuch mir gesagt haben könnten, daß ich befreit werden
+würde, während ich jetzt im Gegenteil geheimnisvoll ins Gefängnis
+gebracht wurde. Wozu diese elende Komödie. Schuftige, lügnerische
+Menschen, die dafür bezahlt werden, daß sie heucheln!... Wann wird man
+ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom Gesicht reißen können?
+
+ [41] Ein Beweis für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das
+ Familiengefühl, das unter den Verbrechern existiert.
+
+O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die Vergangenheit, erinnere
+Dich an die Seufzer und die Leiden, damit ich dereinst mit den Farben
+der Wahrheit das Bild meines Unglücks entwerfen und die Unwissenheit der
+engherzigen, selbstsüchtigen Despoten schildern kann. --
+
+Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen Tyrannen!
+Verkünde, wenn Du es vermagst, die Handlungen des Autokraten, der,
+väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend, auf dem
+Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als
+Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen
+Heerd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das
+erhabene Andenken der Freiheit zu schänden, und dem Bajonett, dem
+Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken der
+Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.
+
+Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen des Unglücks die Klagen
+deuten, welche in diesem Kreise ertönen, wo Leiden, Kummer, Qualen und
+der Wille eines gesetzlich sanktionierten Vatermörders die jugendlichen
+Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten reißen, um die fern
+weilenden Familien in Verzweiflung zu stürzen.
+
+Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo auf, er war
+trostlos über mein Schicksal und sagte, daß der Oberst anfänglich die
+Absicht gehabt habe, mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen
+aber vorgezogen hätte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; er flößte
+mir Mut ein und sagte, daß er meine Verteidigung vor Gericht übernehmen
+wolle.
+
+Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter ab; am 13. Juli 1875
+sollte die Verhandlung stattfinden.
+
+Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte mir unter Thränen mit,
+daß seine arme Mutter krank sei, daß er infolge dessen Urlaub genommen
+habe und daß statt seiner der Advokat C..., der erste in Florenz, meine
+Verteidigung führen werde.
+
+Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett unter
+Führung eines Sergeanten brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich
+den Advokaten C..., einen schönen Mann mit langem schwarzem Bart. Er
+trat auf mich zu und sagte:
+
+»Mut, M..., heute werden Sie frei sein; der Vorsitzende und die Richter
+sind gute Freunde von mir, der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir
+-- was brauchen Sie zu fürchten?«
+
+»Ich, Herr Advokat, fürchte nichts, und wenn es auch sicher wäre, daß
+mir schweres Unglück bevorsteht, ich bin gewöhnt zu leiden, lange habe
+ich an den Brüsten des Unglücks gelegen; Mut glaube ich zu haben, meine
+Seele zittert nicht in den Zeiten des Mißgeschicks.«
+
+»Brav, M..., heute werden wir bei mir eine Flasche trinken.«
+
+»Wenn wir nur nicht Fiasko machen!« antwortete ich.
+
+Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten Mal in meinem Leben;
+meine Personalien und Antecedentien werden verlesen; der Staatsanwalt
+vergleicht mich mit den Räubern Kalabriens, der Verteidiger empfiehlt
+mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter.
+
+Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der sich zur Beratung
+zurückgezogen hat, wieder, und ich werde wegen Insubordination und
+thätlichen Widerstandes gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren
+Militärgefängnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.
+
+Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gefängnis zurückgeführt;
+unterwegs treffe ich den Advokaten C...
+
+»Nun, M..., wir müssen Berufung einlegen; das Urteil ist ungerecht, ich
+werde es aufheben lassen, ich werde --«
+
+»Sachte, Herr Advokat,« unterbreche ich ihn, »kennen Sie nicht die Fabel
+von der Katze und der Maus?«
+
+»Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht gethan, wir müssen
+appellieren.«
+
+»Hören Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, und dann appellieren
+Sie, so viel Sie wollen.«
+
+»Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen Verwandten eine arme
+kleine Maus hatte; diese rief: Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater
+hörte die sanfte Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern Mäuse das
+jämmerliche Rufen hörten, sagten sie: Ihr eigener Onkel läßt sie so
+verzweifelt schreien; wenn, was Gott verhüte, wir mit den Grausamen
+zusammen kämen, die wir fremd sind, würden wir sicher umgebracht
+werden.«
+
+»Sie, Herr C..., haben gesagt, daß der Vorsitzende und die Richter Ihre
+besten Freunde, daß der Staatsanwalt ein alter Bekannter von Ihnen wäre,
+daß also mit Rücksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen
+Beamten mich freisprechen würden -- nicht wahr?«
+
+»Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt --«
+
+»Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, also --«
+
+»Werden wir appellieren!«
+
+»Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; warten Sie die
+Moral meiner Fabel ab und dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie
+wollen.«
+
+»Wenn die Richter mit Rücksicht auf Sie mir die gelinde Strafe von drei
+Jahren auferlegten; wenn, was Gott verhüte, der brave Herr Lieutenant
+Pietropaolo mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen hätte, der
+keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gnädigen Beamten
+unterhalten, was für eine Strafe würde ich dann bekommen haben? Lassen
+wir die Possen, Herr Advokat, mit dem Militärgericht ist nicht zu
+spaßen, ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden
+abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist groß, aber die Schlauheit der
+Beamten ist größer.«
+
+»Nein, bei allen Teufeln, wir müssen appellieren!«
+
+»Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie wollen -- ich
+nicht!«
+
+Nach einigen Tagen wurde ich in das Militärgefängniß zu Savona gebracht,
+wo jeder Gefangene zehn Stunden täglich angestrengt arbeiten mußte. Es
+war dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, Schuhmacher-,
+Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, eine Falz- und
+Gummiranstalt und mehrere andere kleinere Betriebe.
+
+Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb ich acht Monate,
+nähte Hosen, Jacken, Hemden, Bettwäsche und Taschentücher und verdiente
+täglich zwölf Centesimi.
+
+Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate blieb und täglich
+fünfzehn Centesimi verdiente.
+
+Von da kam ich in die Druckerei, einen großen langen Raum mit fünfzehn
+großen und zwanzig kleinen Pressen, ich mußte das große Rad einer
+Maschine drehen und bekam täglich zwanzig Centesimi; sechs Monate blieb
+ich dabei und im Schweiß meines Angesichts, arbeitend wie ein Ochse am
+Pflug, verdiente ich mein Brot und meinen Käse; nach diesen schweren
+sechs Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem braven jungen
+Toskaner zusammen arbeitete.
+
+Meine schwache Feder sträubt sich, all' die Leiden und Qualen und
+Kümmernisse aufzuzählen, die ich in diesen harten zweieinhalb Jahren
+erduldet habe, ein Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco
+Mastriani könnte hunderte von Bänden damit füllen.
+
+Italien hatte das Unglück, seinen Herrscher Viktor Emanuel II.[42] zu
+verlieren, und die armen Gefangenen erlebten die Freude, daß ihnen bei
+der Thronbesteigung König Humbert I. sechs Monate =der Strafe= durch
+eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am 19. Januar wurde durch
+das Kriegsgericht meine Strafe um sechs Monate gekürzt.
+
+ [42] Kurz vorher hat er ihn einen »Autokraten«, einen »gesetzlich
+ sanktionirten Vatermörder« genannt.
+
+Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbüßt war, verließ ich das
+Militärgefängniß in Savona und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt,
+wo sich mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um mich zwei
+Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren die lang entbehrte Freiheit zu
+genießen. Ich erreichte mein Regiment; an der Kasernenthür fragte mich
+der wachthabende Lieutenant:
+
+»Kommen Sie vom Urlaub?«
+
+»Nein«, antwortete ich, »ich komme aus dem Gefängnis zu Savona.«
+
+»Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer Kompagnie -- die wievielte ist
+es?«
+
+»Die achte.«
+
+»Korporal, führen Sie diesen Soldaten zur achten Kompagnie!«
+
+
+Ein Schurke. -- Unschuldig verurteilt.
+
+Als der Feldwebel V... von meiner Kompagnie mich in meiner schlechten
+Kleidung und in dem durch die langen Leiden verursachten
+heruntergekommenen Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang
+und sagte dann, sich erhebend:
+
+»Wie, M..., so sind Sie heruntergekommen?«
+
+»Das Brot der Unglücklichen schmeckt bitter.«
+
+»Wissen Sie, M...«, sagte er in mißachtendem Tone, »daß Sie sich zwei
+Tage versäumt haben; alle Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir
+erwarteten mit Ungeduld Ihre Rückkehr. Der Kommandant ist von der
+Verspätung unterrichtet, ich kann nichts thun, um Ihnen eine Bestrafung
+zu ersparen.«
+
+»Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr Kommandeur meint, daß
+ich gefehlt habe, so wird er mich bestrafen und ich werde meine Strafe
+geduldig tragen.«
+
+Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem Obersten vorgeführt.
+
+»Endlich!« rief dieser, als er mich sah, »endlich! Sie kommen etwas
+spät, zwei Tage zu spät!«
+
+»Herr Oberst«, erwiderte ich mit unterwürfiger Stimme, »ich habe in
+Neapel Rast gemacht, ich war zu müde, um die Reise fortsetzen zu
+können.«
+
+»So reden sich faule Zahler aus«, sagte der Schuft von Hauptmann.
+
+»Nun«, sagte der gütige Oberst in väterlichem Tone, ohne auf die
+höhnische Bemerkung des Hauptmanns einzugehen, »ich verzeihe Ihnen, aber
+ich empfehle Ihnen, sich von heute ab gut zu führen; ich weiß es nur zu
+gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber wenn Sie brav sind, sollen
+Sie in drei Monaten die Korporaltressen haben -- versprechen Sie es
+mir.«
+
+»Herr Oberst, ich bin nicht gewöhnt, leicht zu versprechen, aber Ihnen
+verspreche ich, brav zu sein und meine Pflicht zu thun unter der
+Bedingung aber, daß ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und daß
+ich nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt werde, wie es
+die Korporale zu thun lieben.«
+
+»Sehen Sie, Herr Hauptmann«, wandte sich der Oberst an meinen
+Vorgesetzten; »das heißt nicht kommandieren; die ganze Schuld liegt an
+den Unteroffizieren, das weiß ich; Sie müssen sie im Auge haben,
+überwachen und ermahnen. Über diesen Soldat wünsche ich täglich
+unterrichtet zu werden.«
+
+Dann wendete er sich an mich.
+
+»Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle mögliche Rücksicht finden,
+aber für Ihre Verspätung müssen Sie eine leichte Strafe bekommen
+-- einstweilen haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.«
+
+Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den Wunsch des Obersten mit,
+ich wollte mich gerade niedersetzen, um meiner Familie meinen neuen
+Aufenthaltsort zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde.
+Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der mir sagt:
+
+»Der Herr Oberst hat befohlen, daß Sie in Arrest müssen.«
+
+»Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der Herr Oberst hat mir
+die Verspätung verziehen.«
+
+Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenhändigen Unterschrift
+des Obersten, ich lese sie und sage:
+
+»Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.«
+
+Der diensthabende Sergeant führte mich in strengen Arrest ab; das
+Arrestlokal lag neben dem für einfachen Arrest bestimmten Raum.
+
+Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, mit Namen Alfonso
+S... Wir sahen uns an und verstanden uns, und unsere Augen schworen sich
+tötlichen Haß.
+
+»Wie heißen Sie?« fragte der Korporal mich, während ich in dem Zimmer
+auf und ab ging. »Woher kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest?«
+
+»Was wollen Sie?« antwortete ich gereizt, »sind Sie
+Untersuchungsrichter?«
+
+Der Korporal S... setzte sich nachlässig auf seine Pritsche.
+
+Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, S... erhielt auch Käse
+und Cigarren; er lud mich ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt
+ab -- schließlich, um nicht unhöflich zu erscheinen, nahm ich
+widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem gemeinen Zwitter.
+
+Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit diesem schweinischen
+Ungeheuer, zehn Nächte voll schändlichsten Schmutzes, den zu beschreiben
+die Feder sich sträubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot bedeckt,
+daß ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhüllen mochte. O Mensch, Du
+Ebenbild Gottes, Herrscher der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des
+Schönen, warum bist Du so verderbt?
+
+Diese zehn Tage und diese zehn höllischen Nächte kann nur das rohe und
+schmutzige Gemüt des ausschweifendsten geilsten Lüstlings unter allen
+höllischen Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn es
+das vermöchte, so würde es erschaudern ob solcher Unflätigkeit.
+
+.....
+
+Der Korporal S... wurde in Freiheit gesetzt, seine Strafe war
+abgelaufen, ich mußte noch fünf Tage im Arrest bleiben.
+
+Endlich war auch meine Strafe verbüßt, ich wurde befreit und der achten
+Kompagnie wieder zugeführt; dort setzte ich die bisherige geile
+Freundschaft, die schändliche Buhlerei mit dem S... fort.
+
+Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, er suchte mich auf
+und machte mir lebhafte Vorstellungen.
+
+Einst als ich mich ihm gegenüber über das Soldatenleben beklagte, sagte
+er:
+
+ »+Töte Dich!!+«
+
+Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal S... fort. Abends
+gingen wir zusammen spazieren, und da ich in Nocera unbekannt war, so
+führte S... mich; später gingen wir in eine abgelegene Schänke, tranken
+einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S... immer bezahlte;[43]
+.............................
+.............................
+.............................
+.............................
+.............................
+.............................
+.............................
+
+ [43] Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier genötigt,
+ eine auf den päderastischen Umgang bezügliche Stelle zu streichen.
+
+..........................
+.............................
+................... Wir traten in die Grotte mit dem dicht belaubten
+Gesträuch, und dort, im Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im
+Schweigen der Natur, sündigten, sündigten wir entsetzlich![44]
+
+ [44] Vielleicht ist eine Gegenüberstellung dieses ungebildeten M...
+ mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der Decadence,
+ Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen Freunde
+ verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M... wird poetisch, wie
+ Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit erzählt.
+
+ Daß sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu fröhnen, ist
+ auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt:
+ Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die Päderasten, ihre Laster
+ mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu vereinen. Sie
+ empfinden es als ein Bedürfnis, ihrem widernatürlichen Instinkt die
+ Empfindung der Gefahr hinzuzufügen, und wenn sie nicht soweit gehen,
+ daß sie für ihr Leben fürchten möchten, so suchen sie wenigstens für
+ ihre Ehre etwas zu riskieren.
+
+Eines Tages teilte der schändliche Zwitter mir mit, daß er den Feldwebel
+unserer Kompagnie tötlich haßte, weil dieser, der einst sein glühender
+Liebhaber gewesen, ihn verlassen habe und ihn täglich tadelte und
+Strafen aussetzte[45] und weil er, als er befördert werden sollte, durch
+eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zu vierzehn Tage strengen
+Arrestes verurteilt worden war; infolgedessen war seine Beförderung
+ausgeschlossen und sein fester Entschluß war, sich zu rächen.
+
+ [45] Ein weiterer Beweis für die Mischung von Liebe und Haß. Die
+ natürliche Liebe stillt im Besitz der Stürme die Leidenschaften und
+ gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatürliche Liebe kann
+ naturgemäß keinen normalen Abschluß und kein Gleichgewicht haben.
+
+»Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte,« sagte er, »nachdem er mich
+acht Monate lang betrogen hatte, verließ er mich, er konnte mich nicht
+mehr sehen! Der Undankbare! Einst sagte er, daß er mich liebte, er
+nannte mich seine süße Alfonsine; ..........
+.............................
+.............................
+.........[46] Er ist es gewesen, der mich durch Vorspiegelungen und
+Versprechungen verführt hat, ach! und wie habe ich ausgehalten; mir war
+als ob ich mit einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere Monate
+habe ich an Blutungen gelitten; der Schändliche! als er genug hatte, hat
+er mich verlassen!«
+
+ [46] Man erkennt die weibische Natur der passiven Päderasten an ihrer
+ Sprechweise.
+
+»Was willst Du, mein lieber S...«, sagte ich, »Du bist schön und
+verführerisch wie ein Weib; der Feldwebel V... hat es verstanden;
+nachher ist er Deiner überdrüssig geworden und hat Dich sitzen lassen.«
+
+»Ich will mich rächen. Ich beabsichtige ihm einen anonymen Brief von
+Beleidigungen und Drohungen zu schreiben.«
+
+»Nein, mein reizender S..., das geht nicht; der Feldwebel V... würde
+über Deine Thorheit lachen, und wenn es entdeckt wird, würdest Du
+streng bestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren und
+natürlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.«
+
+»Und der wäre?«
+
+»Ich meine, lieber S..., es wäre das Beste, wenn Du den Feldwebel
+irgendwo einmal Abends auflauertest, und ihm ein paar ordentliche
+Säbelhiebe über den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt
+würdest, was ich übrigens für sehr schwer halte, so hättest Du
+wenigstens die Genugthuung, daß Du ihm den Schädel oder die Knochen
+eingeschlagen hättest, und hättest Ersatz für Deinen ruinierten
+Körperteil.«
+
+»O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder Mut noch Kraft.«
+
+»Und Du willst Soldat sein!«
+
+»Warum willst Du mich nicht rächen? Du weißt, wie sehr ich Dich liebe;
+und ich meine, es ist die Pflicht des zweiten Liebhabers, die
+Beleidigungen des ersten zu rächen.«[47]
+
+ [47] Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum
+ der passiven Päderasten und Tribaden. -- Sie bedienen sich der neuen
+ Eroberung fast stets, um sich für den Verrat der vorhergehenden zu
+ rächen.
+
+»Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der Mut dazu.«
+
+»Weißt Du, S..., Du paßtest besser ins Bordell als in die Kaserne; man
+sollte Dir einen Unterrock anziehen, aber nicht eine Uniform; was meinst
+Du dazu?«
+
+»Du willst immer scherzen, M...; da ich mich Dir hingab, weil ich Dich
+liebe, meinst Du, ich könnte mich auch einem andern hingeben?«
+
+»Und wenn Dir ein anderer besser gefällt, als ich, würdest Du ihn da
+nicht an meine Stelle rücken lassen?«
+
+»Sicher!«
+
+»Du bist wie die Königin Karoline von Neapel, die nie müde wurde, ihre
+Liebhaber zu wechseln.«
+
+»Ich weiß von keiner Königin und von keiner Karoline; ich weiß nur, daß
+ich dem Feldwebel einen Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen
+will.«
+
+»Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was ich sage und nicht was Du
+denkst.«
+
+»Es ist mir unmöglich, ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihn mir
+abzuschütteln, als er damals bei mir war, -- im Gegenteil!«
+
+Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief zu, daß ich seinem Drängen
+nicht widerstehen konnte; eines Abends sagte ich zu ihm:
+
+»Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den Brief vorschreiben,
+nachher kannst Du ihn abschreiben.« Er gab mir sein Notizbuch und ich
+schrieb:
+
+»Denke an den 23ten!!!«
+
+Am 23ten war S... in Folge der falschen Anzeige des V... mit strengem
+Arrest bestraft worden.
+
+Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner Hand geschriebenen Zeilen
+und sagte:
+
+»Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!«
+
+»Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich verdient!«
+
+»M..., ich lasse mich nicht beleidigen!«
+
+»Na, nachher werde ich es wieder gut machen.«[48]
+
+ [48] Aus der cynischen Ausdrucksweise des M... geht hervor, wie wenig
+ echt sein Abscheu gegen seinen Gefährten war.
+
+»Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand machen ...«
+
+»Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, wie der Feldwebel.«
+
+»Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. Nein, ich liebe Dich,
+ich liebe Dich..., rasch M..., einen Kuß!«
+
+ »Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...«
+
+»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen ...«
+
+»Weißt Du, mein liebes Milchgesicht,« und mit der Hand streichelte ich
+ihm das Kinn und die purpurnen Lippen, »die eine Zeile sagt soviel wie
+zwei ganze Seiten.«
+
+Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte und besiegelten den Brief
+an den Feldwebel V... auf unsere Weise.
+
+Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen Leiden ergriffen, ich
+stellte mich dem Stabsarzt vor, der mich auf die Krankenstation brachte,
+die sich in derselben Kaserne befand. Nach fünf Tagen fühlte ich heftige
+Schmerzen und das Übel griff weiter um sich.
+
+Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant mit zwei bewaffneten
+Soldaten zu mir, auf Befehl des Obersten wurde ich ins Gefängnis
+gebracht, in denselben Raum, wo der schändliche S... mich zur Sünde
+verleitete.
+
+Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, der möge meinen
+Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, ich raufte mir die Haare, biß
+mir in die Hände, rannte mit dem Kopf gegen die Wände; wenn mich jemand
+gesehen hätte, er hätte mich für verrückt gehalten -- so verbrachte ich
+den Tag und sah niemand als den Sergeant, der mir meine Suppe und Wasser
+brachte.
+
+Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten Pritsche zubrachte;
+meine Schmerzen nahmen zu, und mir war, als ob der kranke Körperteil von
+tausend Nadeln durchbohrt würde.
+
+In meiner Kompagnie war ein Landsmann von mir, Namens Antonio P...,
+genannt Catanzaro, der noch am Leben ist und die Wahrheit meiner
+Erzählung bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu sprechen
+und zu erfahren, weshalb man mich ins Gefängnis gebracht hatte, aber es
+war vergebens.
+
+So vergingen drei Tage und drei Nächte in grausamen Qualen, endlich am
+vierten Tage öffnet sich die Thür, S... tritt lächelnd und heiter ein,
+die Thür schließt sich und S... bleibt als Gefangener bei mir. Ich
+fragte ihn:
+
+»Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin?«
+
+»Der Soldat Gir... hat Dich verraten, er hat dem Oberst unser Verhältnis
+mitgeteilt und wir kommen zur Strafkompagnie; aber Gir... ist nicht
+hier, er hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie
+kommen, das thut nichts.«
+
+Wer mich liest, möge ermessen, von welchen Gedanken blutiger Rache gegen
+den Gir... ich erfüllt war.[49] Bald darauf wird S... abgerufen, ich bin
+wieder allein, in der finsteren Ungewißheit über meine Lage. Ich lasse
+mir den Arzt kommen, er untersucht mich kaum und verspottet mich; mit
+Wut im Herzen lege ich mich auf meine Pritsche.
+
+ [49] Die blutige Rache erscheint bei M... als die natürlichste Sache
+ in der Welt.
+
+Am Abend läßt man mich heraus, um Luft zu schöpfen; ich komme mit den
+andern Soldaten zusammen, die im einfachen Arrest sind; ich suche mit
+dem Blick, um Gir... zu finden, mit blutrünstigen Augen sah ich ihn an,
+wie ein hungriger Löwe seine Beute, ehe er sie im Rachen hat.
+
+Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter einem Schutzdach, nahe dem
+Gefängnis, ich spähe in das Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann
+Antonio P..., genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, und
+flüstere ihm zu:
+
+»Kannst Du mir ein scharfes Messer geben?«
+
+Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes Messer heraus und
+sagt:
+
+»Da, mach' es nicht stumpf!«
+
+Mit diesem alten Messer, ohne Schärfe und Spitze gehe ich in meine Zelle
+zurück, um es zu prüfen, ich finde es für meine Zwecke unbrauchbar, aber
+ich denke: du wirst es versuchen, und wenn es glückt, bist du gerächt
+und die verwünschte Dienstzeit hat ein für alle Mal ein Ende.
+
+Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte den Gir..., ich
+näherte mich ihm, er suchte mir zu entfliehen und behielt mich im Auge;
+mehr und mehr überzeugte ich mich, daß er die Ursache meiner Leiden sei,
+mit einem Sprunge war ich bei ihm, faßte ihn an der Brust und rief:
+
+»Elender, so rächt sich Deine Schändlichkeit!«
+
+Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell mehrere Male durchs
+Gesicht und stieß es ihm in die Kehle, dann klappt das Messer zu und
+schneidet mir zwei Finger entzwei; ich muß meine Beute loslassen, aber
+verfolge sie wütend in den Hof, jedoch vergebens: die Schildwache ruft
+»Heraus!«, die wachthabenden Soldaten eilen herbei, das Gewehr in der
+Hand, der Lieutenant mit gezogenem Säbel ruft:
+
+»Halt, M..., halt, oder ich lasse schießen!«
+
+Wütend wie eine Hyäne, der man ihr Opfer entrissen, entblöße ich meine
+Brust, wende mich um und brülle, während der Schaum mir vorm Munde
+steht:
+
+»Hier ist meine Brust, lassen Sie schießen, aber rasch, ich sterbe gern,
+wenn ich unter der Knechtschaft der Tyrannen leben muß.«[50]
+
+ [50] Das ist Wahnsinn; man beachte auch, daß die Tyrannei in diesem
+ Fall darin besteht, ihn an der Ausübung der Päderastie zu behindern.
+ Es ist sehr wohl möglich, daß M... diese Worte wirklich gesprochen
+ hat; die Thatsache ist bekannt genug, daß der mörderische Impuls sich
+ in einen selbstmörderischen verwandelt, besonders bei den
+ Epileptikern.
+
+Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten:
+
+»M..., kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre Zelle, niemand soll Ihnen
+ein Haar krümmen, ich schwöre es bei meinen Tressen.«
+
+Durch diese Worte beruhigt ging ich zurück, die Thür meiner Zelle schloß
+sich hinter mir und ich blieb allein mit meinen trüben Gedanken. Mein
+erster Gedanke war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, um den, der
+es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich sehe mich um und suche,
+aber finde keinen geeigneten Ort; es aus dem Fenster werfen, hieße es
+den Vorgesetzten direkt in die Hände liefern, denn das Fenster ging auf
+den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles Gesetz des Zufalls,
+Gottes oder des höllischen Teufels: die Heißblütigen und Kopflosen
+werden gewöhnlich vom Zufall in ihren Gefahren, ihrem Mißgeschick
+begünstigt. So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter meiner
+Thür, die eine Art Doppelthür war, zu bringen und so das _corpus
+delicti_ zu entfernen.
+
+Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, ich wurde an Händen
+und Füßen gefesselt und mit Schmähreden überhäuft, von denen mir nur
+eine zu Gemüt ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide auf den
+Arm und sagte:
+
+»Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich Dich durchbohrt.«
+
+»Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen Säbel noch nicht durchbohrt und
+werden auch schwerlich dazu kommen«, erwiderte ich rasch.
+
+»Mörder, Lump!« rief er zornig und gab mir eine Ohrfeige.
+
+»Pfui, Elender«, zischte ich, »Elender, einen gefesselten Menschen zu
+ohrfeigen!« Und ich fuhr in die Höhe, um ihn zu beißen.
+
+Die ganze Nacht saß ich gefesselt auf meiner Pritsche, meine Schmerzen
+waren furchtbar, unerhört; aber sie drückten mich nicht nieder -- ich
+dachte an die Ohrfeige und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir
+wieder zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubeißen.
+
+Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach dem Hof gebracht, das ganze
+Regiment war aufgestellt, ein Dienstwagen mit einem kräftigen Maultier
+bespannt, stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten
+und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen setzt sich in Bewegung, er
+hält an; die vier Sergeanten nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt
+sich von neuem in Bewegung und führt einen Halbkreis im Hof; ich wende
+mich den schweigenden Truppen zu und grüße kalt und lächelnd mit der
+Hand und ein Ausruf erscholl aus allen Kehlen, ein Ausruf der
+Bewunderung.[51]
+
+ [51] Klassische Verbrechereitelkeit.
+
+Der Wagen verließ die Kaserne in Begleitung der bewaffneten Soldaten.
+Nach zwei Stunden kamen wir in Cava dei Tirreni an, wo das
+Militärlazarett war; hier wurde ich in die Kleiderkammer geführt, ein
+Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, mich auszuziehen.
+
+Während ich das that, näherte sich einer der Sergeanten, die mich
+eskortiert hatten, und flüsterte seinen Kameraden einige Worte ins Ohr.
+
+»Herr Sergeant«, sagte ich, »es ist überflüssig, daß mein Sergeant mich
+Ihnen empfiehlt. Ich bin ein schlechter Soldat, ich komme vors
+Kriegsgericht, und wenn es mir glücken sollte, auszureißen, so würde ich
+nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich im Auge.«
+
+Alle lachten und ich lachte mit.
+
+Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher Leinwand, ein Paar
+wollene Hosen an, die mit Flicken aller Art, in allen Farben, bedeckt
+waren, außerdem waren sie zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich
+krempelte sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog ich
+ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepaßt hätten, sowie ein Rock, der
+mir bis auf die Fersen hing und mit Blut und Eiter befleckt war, so daß
+mir übel wurde; auf den Kopf stülpe ich mir eine Mütze, die bis über
+die Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den beiden Sergeanten
+vor:
+
+»Nun, was meinen Sie, könnte ich nicht auf der Bühne auftreten? Das wäre
+zu nett! Wenn Sie erlauben, würde ich als wandernder Mime gleich
+losziehen.«
+
+Und ich trällerte ein Liedchen; beide lachten aus vollem Halse.
+
+Ein Sanitätskorporal führte mich in meine neue Wohnung. Es war eine
+Zelle, die etwas länger war als mein Bett, ein kleines Fenster mit
+Gitter und einem Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein
+anderes großes breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, eine
+hölzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein ebensolcher Becher und ein
+Holzsessel machten das bescheidene Mobiliar aus.
+
+Am folgenden Morgen höre ich einen neapolitanischen Gruß sagen, die Thür
+meiner Zelle öffnet sich und herein tritt ein Stabsarzt mit einem
+Sergeanten, man reißt mir die Bettdecke weg, der Arzt befühlt und
+besieht mich und sagt dann:
+
+»Hier müssen wir schneiden, ein Stück abschneiden!«
+
+»Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie?« rief ich aus, »schneiden Sie
+mir lieber den Kopf ab.«
+
+»Haben Sie den Dreck so lieb?«
+
+»Er ist mein Abgott, und das Entzücken meiner armen Nerven.«
+
+Lachend und trällernd ging er ab, die Thür wird geschlossen und ich
+bleibe allein. Der Stabsarzt war ein Dreißiger, heiter und sorglos, er
+scherzte gern mit mir und oft sagte er:
+
+»Sie haben eine gute Natur, ein fröhliches und starkes Gemüt; wenn ich
+in Ihrer Haut steckte, würde ich keine vierundzwanzig Stunden leben.«
+
+Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen und brachte
+mir etwas Salbe auf Papier, etwas gelbes Wasser in einem Becher, meine
+Suppe und mein Brot.
+
+»Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn etwas passiert, rufen Sie
+nur aus dem Fenster.«
+
+Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen konnte, mußte ich
+mich selbst besorgen. Ich kletterte aus dem Bett und kroch auf der Erde
+zu dem Kübel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu kurieren!
+Wenn mir dann oft die Kräfte zu erlahmen schienen, dann sagte ich mir
+oft:
+
+Mut, M..., Mut! Auch dieses Drama wird sein Ende haben; und ich lachte,
+ich lachte wie ein Wahnsinniger.
+
+Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unnützes Zeug zu
+erzählen, komme ich zum Nötigsten.
+
+Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt hatte und im
+Begriff war, einzuschlafen, höre ich, wie an mein Fenster geklopft wird,
+ich öffne die Augen und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich
+erhebe mich von meiner Pritsche und klettere, mir die Schmerzen
+verbeißend, auf die Bank, die unter dem Fenster steht, und was erblicke
+ich? Ein reizendes junges Mädchen, siebenzehn Jahre alt, schön wie eine
+Madonna, mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar in Zöpfen
+gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes Tuch bedeckt, die Stirn
+marmorweiß und keusch.
+
+»Was wünschen Sie, mein liebes Fräulein?« fragte ich.
+
+Und sie sagte:
+
+»Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, ich habe Mitleid mit den
+Soldaten; ich habe einen Bruder bei der Kapelle des 90. Regiments. Wenn
+Sie wüßten, wie ich Sie beklage ... haben Sie eine Mutter, einen
+Vater?... woher sind Sie?«
+
+»Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot ... ich bin aus Kalabrien
+und sehr unglücklich.«
+
+»O Sie Armer!« beklagte mich das reizende Geschöpf. »Verwaist! Fern von
+der Heimat im Gefängnis eingeschlossen, ohne Hülfe, von allen verlassen«
+-- sie weinte heiße Thränen -- »aber wissen Sie, verlieren Sie das
+Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt für uns Unglücklichen und er
+verläßt uns nicht, wenn wir auf ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen
+Sie, Bruder, und erlauben Sie, daß ich Sie von jetzt ab mit diesem süßen
+Namen nenne; was haben Sie begangen und wie lange müssen Sie hier
+bleiben?«
+
+»Ich weiß nicht, weswegen ich hier bin, aber ich glaube, ich werde hier
+zwei Monate lang bleiben müssen.«
+
+»Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber ich werde Sie zu
+trösten versuchen, und Ihnen Gesellschaft leisten, ich werde meinen Papa
+und meine Mama mitbringen; ich werde Gott für Sie bitten so lange, bis
+ich das Glück habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen jetzt etwas fehlt,
+so öffnen Sie Ihr zerrissenes Herz Ihrer armen Schwester.«
+
+»Ich möchte ein Licht und Streichhölzer haben, weil man mich Abends im
+Dunkeln läßt, sowie etwas Papier, eine Feder und Halter, um meiner
+Familie zu schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.«
+
+»Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.«
+
+Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen
+Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, Käse, Pasteten, Wein, zwei
+Cigarren und ich weiß nicht was sonst noch.
+
+Ich öffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach
+und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie
+als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie
+sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich,
+geduldig und mutig im Unglück zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort,
+schmerzerfüllt über mein Mißgeschick.
+
+Ich schrieb mehrere Male an den =Ehrenmann=, meinen Bruder, und bat ihn,
+mir für meine dringendsten Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf
+alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen ließ,
+empfing ich keine Antwort.
+
+Traurig und träge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu,
+immer war ich allein, immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges
+Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und
+meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust.
+
+Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, daß sie mir eine
+Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten möchten -- sie antworteten:
+
+»+Wir können es nicht!+«
+
+Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, täglich mehrere Male
+Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles
+was ich wünschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich
+noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch
+ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt:
+
+ »Mein lieber Bruder!
+
+ Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit
+ Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen
+ sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke
+ ich durch meinen Bruder.
+
+ Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut
+ dazu, das persönlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und
+ bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen.
+
+ Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer
+ haben werde, daher rührt, daß ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für
+ alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von
+ allen verlassen sind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen
+ und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden meines Vaters,
+ daß mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders
+ ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die
+ Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner,
+ schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als
+ Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen
+ Absichten hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein.
+
+ Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe
+ antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein
+ Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch?
+ Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so
+ lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich
+ auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.
+
+ Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen lindern möge, und
+ mein armes Herz sagt mir, daß Sie bald in Freiheit sein werden. Und
+ beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und
+ Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm
+ Heiland; beten Sie auch für mich.
+
+ Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergänglich, alles
+ ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.
+
+ Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken Sie oft an Ihre
+ arme Schwester
+
+ Teresina M...«
+
+ Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.
+
+Meine Antwort:
+
+ Aus dem Militärlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878.
+
+ »Meine zärtliche Schwester!
+
+ Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll;
+ der Dank allein kann mich nicht entlasten für die innere Zuneigung,
+ die Sie mir so edelmütig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist
+ heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und
+ verehren können. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe
+ und reine Gefühle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu
+ töten, Sie, die Sie die Schönheit der Engel tragen, haben mir mein
+ armes Herz wieder geöffnet für die Schönheit des Schöpfers; Ihre
+ silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts
+ zurückgerufen und mich ermahnt, mein Mißgeschick zu tragen und zu
+ überwinden.
+
+ Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute
+ vergelten?
+
+ Ich werde unaufhörlich zu Gott beten, im Unglück und im Wohlleben,
+ daß er Sie beschützt und Sie erhält zum Wohle der Unglücklichen und
+ Leidenden.
+
+ Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich
+ Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem
+ Trübsinn entreißt.
+
+ Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und
+ erwarte Sie, bei jedem Geräusch erbebt mein Herz, das Sie so
+ zärtlich liebt.
+
+ Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, die mir ewig
+ unvergeßlich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu trösten,
+ empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nicht
+
+ Ihren Sie liebenden
+ Antonino M...«
+
+Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
+
+»Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will Sie sprechen.«
+
+Ich sollte mich »fein machen!« Seit zwei Monaten hatte ich weder die
+Bett- noch andere Wäsche gewechselt, zwei Monate lang hatte ich mir
+nicht Gesicht und Hände gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp
+zugemessen, daß es kaum genügte, den Durst zu löschen. Ich war voll von
++Läusen+, von Läusen jeder Art und Größe; das Bett, die Zelle, meine
+Kleider, meine Person wimmelten davon; mein Haar war lang und struppig,
+der Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus wie ein Wilder.
+
+Zwei Karabinieri führten mich zum Auditeur; als wir allein waren, mußte
+ich mich setzen, und er fragte mich:
+
+»Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind?«
+
+»Weil ich den Soldaten Gir... verwundet habe.«
+
+»Nein, hier handelt es sich nicht um Körperverletzung, sondern um einen
+anonymen Brief.«
+
+»Davon weiß ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen Brief
+geschrieben.«
+
+Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische lag und
+holte einen Brief heraus, den er mir überreichte.
+
+Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:
+
+ »=Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.=«
+
+Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift:
+
+ »An den Herrn Feldwebel V... von der 8. Kompagnie
+ 20. Infanterie-Regiments
+ Nocera.«
+
+Der Leser möge ermessen, was in diesem Augenblick in meinem Herzen
+vorging und welchen Entschluß ich faßte.
+
+»Nun?« fragte ich.
+
+»Nun, können Sie mir sagen, was diese Worte bedeuten, worauf die Zahl 23
+anspielt? Der Korporal S... hat den Brief Ihrem Obersten überreicht und
+erklärt, daß Sie ihm denselben gegeben hätten, damit er ihn zur Post
+besorgen solle.«
+
+»Herr Auditeur, ich erkläre, daß das eine Unwahrheit ist; das ist nicht
+meine Handschrift, und wenn ich den Brief doch geschrieben hätte, wozu
+hätte ich ihn dann dem Korporal S... zur Besorgung übergeben? Konnte ich
+nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten Blick muß doch klar
+werden, daß hier ein Geheimnis, eine Schändlichkeit zu Grunde liegt!«
+
+Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll und ließ mich zum Vergleich
+mit der Handschrift des Briefes einige Zeilen schreiben; ich
+unterschrieb das Protokoll und wurde in meine Zelle zurückgeführt. Was
+ich in diesen Tagen dachte, weiß nur Gott allein, ich war in eine
+Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht befreien konnte, ich
+zermarterte mein Hirn, um den Schlüssel des Geheimnisses zu finden, aber
+vergebens, und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses
+rätselhaften Dramas ab.
+
+Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, daß die Läuse mich beinahe
+lebendig auffräßen und entsetzt ordnete dieser verweichlichte Feigling
+an, daß ich gewaschen und umgekleidet würde. Ich bekam ein reines Bett,
+man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man wusch und striegelte mich, wie
+in der Strafanstalt zu Neapel und gab mir saubere Kleidung.
+
+Meine Teresina verließ mich nicht, lange Stunden saß sie unter meinem
+Fensterchen und tröstete mich mit ihren Ermahnungen und sanften
+Ratschlägen. Gott segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der
+edelmütigen Seele.
+
+Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
+
+»M..., nachher werden Sie den Besuch des Herrn Generals bekommen, ich
+empfehle Ihnen, sich anständig zu betragen und nicht soviel zu
+sprechen.«
+
+»Gut«, sagte ich, »schon lange wollte ich eins von diesen großen Tieren
+sehen, endlich ist die Stunde gekommen, und besser spät als nie, sagt
+ein altes Sprichwort.« Am Mittag hörte ich Geräusch und Stimmengewirr
+auf dem Korridor, die Thür öffnet sich und ein großer Mensch in
+Generalsuniform mit dem Obersten und verschiedenen Ärzten des Lazaretts
+tritt herein, während andere draußen warten.
+
+»Wie heißen Sie?« fragte der General mit grober rauher Stimme, indem er
+mich vom Kopf bis zum Fuß musterte.
+
+»M..., Antonino M... vom 70. Infanterieregiment, zur Zeit hier im
+Lazarett in Behandlung.«
+
+»Weswegen sind Sie angeklagt?«
+
+»Ich weiß es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, und ungerechter
+Weise büße ich in dieser schmutzigen Zelle, von Guten und Bösen
+verlassen, von Gelehrten und Unwissenden verworfen, von Mächtigen und
+Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven gequält, von ...«[52]
+
+ [52] Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen gefunden
+ haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene
+ Ausdrucksweise sein Unglück zu adeln suchte. Diese Großsprecherei ist
+ für die Wahnsinnigen charakteristisch.
+
+»Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, was Sie gefragt
+werden.«
+
+»Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, es sei meine Pflicht,
+mit klaren Worten zu antworten.«
+
+»Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, was ich sage, und sonst
+nichts. -- Wie geht es Ihnen hier?«
+
+»Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in diesem Jammerloch, von
+Gott und allen Heiligen verlassen; zwei Monate lang atme ich diese
+üblen Dünste, die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den
+Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige Stunde
+frische Luft zu gestatten -- er hat es nicht gewährt. Tage lang wurde
+mein armer Körper von Ungeziefer gereizt, ich war voll, übervoll von
+Läusen.«
+
+»Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem Vorgesetzten; ich werde
+Sie in Eisen legen lassen!«
+
+»O, Herr, hören Sie mich an, erfüllen Sie meine einzige Bitte; ich flehe
+Sie an, gewähren Sie mir eine einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf
+dem Hof!«
+
+»Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich kann es nicht erlauben.«
+
+»O dann, Herr«, rief ich wütend, »dann lassen Sie mich lieber
+niederschießen, anstatt mich langsam hinzumorden; machen Sie ein Ende
+mit dieser verfluchten Dienstzeit!«
+
+Fluchend gingen sie fort, die Thür fiel krachend in's Schloß.
+
+Als ich allein war, erfaßten mich die Furien der Hölle, ich war
+entschlossen mich zu töten und hätte mich nicht die Stimme meiner
+Teresina an's Fenster gerufen, wer weiß, welche Schandthat ich befangen
+hätte!
+
+Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht und die Thür wurde
+aufgelassen; ich aß die Suppe und überlegte, endlich stand ich auf und
+ging hinaus und setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof.
+
+Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt mich an.
+
+So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die Absicht gefaßt, einen
+Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer war von innen nur mannshoch --
+wie sie von außen war, das wußte ich nicht, aber wenn ich auch fürchten
+mußte, mir Hals und Beine zu brechen, ich war entschlossen, einen
+Versuch zu machen.
+
+Am Morgen, nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, kam mein Arzt und
+teilte mir mit, daß ich in das Krankenhaus des Zivilgefängnisses zu
+Salerno überführt werden würde.
+
+Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank sei, aber er sagte, daß
+mir ein Wagen gestellt werden würde.
+
+Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich an, zwei Karabinieri
+begleiteten mich zur Polizeistation; dort stand ein offener Wagen
+bereit, und daneben zwei andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den
+Dreißigern, das ich für eine =Prostituierte= hielt, worin ich mich nicht
+täuschte.
+
+Die Karabinieri ließen das Frauenzimmer einsteigen und wollten mich auf
+den Bock schieben.
+
+Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, daß der Wagen für mich und
+nicht für sie und ihre Dirne sei und nach langem Hin- und Herstreiten,
+wobei der Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnürte,
+daß mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, wurde mir endlich der
+Platz neben dem Weibe eingeräumt.
+
+Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno an. Als wir in die
+Stadt einfahren, laufen die Einwohner aus den Schenken heraus und treten
+an die Fenster und schreien:
+
+»Seht den Soldaten, mit dem schönen Fräulein ist er ausgerückt, aber sie
+haben ihn gefaßt!« Und Lachen, Spotten und Pfeifen tönt hinter mir her.
+
+Ich werde zum Kriegsgericht abgeführt, ein Karabiniere meldet mich dem
+Staatsanwalt, ich werde hereingerufen und wen erblicke ich! Den
+Staatsanwalt Herrn T..., denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft
+vertrat, wo ich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
+
+Er sieht mich an und lacht, dann sagt er:
+
+»Das ist das zweite Mal, daß Sie vor mir erscheinen, Sie scheinen Pech
+zu haben.«
+
+»Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das Geschick des Menschen ist
+unbegreiflich, das Unglück verfolgt mich -- und sehen Sie, Herr
+Staatsanwalt, wie eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnürt
+haben, meine Hände sind ganz geschwollen, ist das nicht unrecht?«
+
+»Lassen Sie sehen«, und er nahm meine Hand, »nein, sie sind gar nicht
+eng, im Gegenteil, sie scheinen zu weit zu sein.«
+
+»Ich danke Ihnen für Ihre Versicherung; das Lamm, das sich mit dem Wolf
+einläßt, geht seinem Tode entgegen. Es scheint mein Verhängnis, daß mir
+alles in die Quere geht.«
+
+Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri lachen mit, und, um ihnen
+einen Gefallen zu thun, lache auch ich, aber es war ein böses giftiges
+Lachen.
+
+Er stellt mir den Schein für das Gefängnis aus, dann sagt er:
+
+»Seien Sie vernünftig, M..., Sie scheinen unter keinem guten Stern
+geboren zu sein.«
+
+Ich wurde in das Zivilgefängnis eingeliefert, weil es in Salerno kein
+Militärgefängnis giebt und ich fühlte mich glücklich, weil es mich an
+die alten Zeiten erinnerte, wo ich noch nicht Soldat war.
+
+Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger vorgestellt, einem
+jungen zwanzigjährigen Mann, der die Advokatenkarrière macht, er empfing
+mich freundlich und ich erzählte ihm alle Einzelheiten meines
+Verhältnisses zu dem elenden Korporal S... und alles, was ich von dem
+anonymen Brief wußte. Er machte mir gute Hoffnungen und ging.
+
+Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene Teresina M... mir
+entgegengebracht hatte, und es zerriß mir das Herz, wenn ich dachte, daß
+ich das Lazarett hatte verlassen müssen, ohne sie noch einmal sehen und
+ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu können; ich hatte ihr noch
+einmal danken wollen und daher schrieb ich ihr folgenden Brief:
+
+ »Meine liebe Schwester!
+
+ Meine Seele ist von Qualen zerrissen, während ich Ihnen schreibe,
+ um Ihnen mitzuteilen, daß ich ohne jedes Vorwissen in dieses
+ Gefängnis gebracht worden bin, so daß ich keine Zeit mehr hatte,
+ Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben
+ verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil
+ meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen
+ habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jünglings, muß ich hier
+ dulden, aber ich vertraue auf die göttliche Gerechtigkeit, wie Sie
+ es mir geraten haben und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott
+ beten.
+
+ Sobald ich weiß, was aus meinem Prozeß geworden ist, werde ich Sie
+ benachrichtigen.
+
+ Empfangen Sie meinen Gruß und vergessen Sie nicht
+
+ Ihren unglücklichen Sie liebenden Bruder
+ Antonino M...«
+
+ Aus dem Gerichtsgefängnis zu Salerno, 20. Juni 78.
+
+Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten mir die zwanzig
+Centesimi, um ihn zu frankieren, ich wandte mich an einen Kranken, um
+sie mir zu leihen, und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der
+Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief zur Post und wartete
+angstvoll auf Antwort, aber meine Hoffnungen wurden getäuscht.
+
+Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und ihn um Unterstützung zu
+bitten; ich schilderte ihm meine kritische Lage und meinen traurigen
+Zustand; nach einigen Tagen empfing ich folgenden liebenswürdigen Brief,
+der seiner Dummheit ganz würdig war.
+
+ »Lieber Bruder!
+
+ Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist
+ Du selbst schuld und wer an seinem Übel schuld ist, der muß sich
+ selbst beklagen.
+
+ Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie
+ entehrt, so daß ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu
+ gehen. Der Lieutenant P... war hier auf Urlaub und erzählte
+ schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, daß wir alle uns nicht auf der
+ Straße zeigen mögen -- und das alles um Deinetwillen.
+
+ Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunächst, wenn ich etwas
+ hätte, würde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht
+ und wir haben Dir früher viel Geld nach dem Gefängnis geschickt;
+ zweitens aber sind wir hier im größten Elend, meine Kinder gehen
+ nackt und bloß und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich
+ keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben -- was
+ soll ich Dir da schicken? Freue Dich, daß Du täglich Deine Suppe
+ und Dein Brot umsonst hast.
+
+ Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit
+ Dir zu thun; wir klagen über unser Unglück wie Du über Deines.
+
+ Dein Bruder
+ Michele M...«
+
+ Parghelia, den 3. Juli 1878.
+
+Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser Dummkopf, der Gatte der
+Donna Michela, genannt die ...-Sau, entworfen und geschrieben hatte.
+
+Wer ihn kennt, der möge sagen, wie ich ihn schildern soll, diesen dummen
+Schweinehund. Meine Landsleute kennen ihn und bezeichnen ihn als
+dreckig, falsch, engherzig, bösartig, als einen Schwindler, einen
+Dummkopf, einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert Grad unter dem
+säuischsten und schmutzigsten Vieh auf Erden steht.
+
+Er sagt, daß er mir ins Gefängnis so viel Geld geschickt hat, und ich
+behaupte und stelle unter Beweis, daß ich während meiner langen
+dreizehnjährigen Leidenszeit, die ich zum größten Teil wegen seiner
+Dummheit erdulden mußte, wie ich es in meinem »=Ersten Unglück=« gezeigt
+habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als zwölf Lire monatlich
+bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, das letzte meiner Pein, schickte
+er mir dreißig Lire, weil der Elende wußte, daß ich bald zurückkehren
+würde.
+
+Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir monatlich die
+gottgesegneten zwölf Lire schickte, hat er das von seinem Vermögen? Hat
+mein unglücklicher Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine Söhne
+Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine ganzen Hosen auf dem
+Leibe hat, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann, ist das auch meine
+Schuld?
+
+Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, Euch rufe ich als
+unparteiische Richter an.
+
+Der dreckige Brief ärgerte mich nicht wenig und ich nahm mir vor, nicht
+mehr zu schreiben.
+
+Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, welche mich
+als den Verfasser des anonymen Briefes erklärte.
+
+Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, zwei Karabinieri führten
+mich zum Gerichtssaal, ich nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger
+Verteidiger war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt Herr di Leo, der
+erste von Salerno.
+
+Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz ein, die Akten wurden
+gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, der Staatsanwalt T... war zur
+Stelle, mit seiner großen schwarzen Toga angethan, und ließ mich nicht
+aus den Augen.
+
+Nach den gewöhnlichen Formalitäten fragte mich der Präsident:
+
+»Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? Ist es wahr, daß Sie dem
+Korporal S... einen Brief zur Besorgung übergeben haben?«
+
+»Großmütiger Herr Richter«, antwortete ich, »von dem Verbrechen, dessen
+man mich anklagt, weiß ich nichts. Es ist unwahr, daß ich dem S... einen
+Brief zur Besorgung übergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung und
+eine Sünde und Schande; ich schwöre es vor Gott und vor den Menschen.
+Ich könnte mich leicht vor diesem S... schützen, aber ich will von
+Dingen nicht reden, die eine so gebildete Zuhörerschaft entsetzen würde;
+ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.«
+
+»Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie als hervorragende
+Militärs und gelehrte Juristen werden einen Unschuldigen nicht wegen der
+niederträchtigen Verdächtigung eines Schurken verurteilen wollen, der
+nicht wert ist, daß er zur menschlichen Gesellschaft zählt.«
+
+»Mein Herz sagt mir, daß Sie mich verurteilen werden; aber mein Herz
+sagt mir auch, daß bald Licht in dieses grausige Geheimnis kommen wird,
+und dann -- o dann ist es zu spät und Sie werden es bereuen, daß Sie
+einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen hingemordet haben.«
+
+»Und wer sagt Ihnen, daß ich schuldig bin?«
+
+»Der Korporal S..., S..., dieses verworfene Geschöpf, S..., dieser
+passive Päderast, der schändliche Sodomit, der Abschaum der Menschheit,
+der Auswurf der Natur! S..., ein ehrloses, sinnloses Wesen ... Soll ich
+das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde aussprechen lassen?«
+
+»Und Sie könnten wollen, daß ich den Schlingen der Bosheit und
+Schändlichkeit zum Opfer falle? Muß ich erst diesen Zwitter S... zeugen
+lassen?«
+
+»O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine schwarze eiserne Larve
+müßte unsere und der ganzen Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen
+sollte.«
+
+»Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um Gnade flehe ich, ich,
+der arme, unschuldige Mann, ich fordere von dem unerbittlichen Schwerte
+des Gesetzes, von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch
+Argwöhnungen und betrügerische Verdächtigungen nicht beeinflußt ist
+-- der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, Erbarmen!«
+
+»Machen Sie, in deren Hände das Gesetz gelegt ist, daß diese mit dem
+Banner Italiens geweihte Halle, die das Entsetzen der Bösen und ein Hort
+der Gerechten ist, nicht dem Betrug, der Fälschung eines verworfenen
+Schurken dienstbar werde.«[53]
+
+ [53] Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, die
+ der Soldat Francesco Torres vor dem Militärgericht zu Mailand hielt.
+ Zwischen beiden ist eine große Familienähnlichkeit. Und das beweist,
+ was Lombroso aufgezeichnet hat, daß nämlich der Begriff der sozialen
+ Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M... erklärt sich als einen
+ »reinen, unschuldigen Mann«, als ob er nicht an dem päderastischen
+ Verhältnisse beteiligt wäre, das M... dem S... in so glühenden Worten
+ vorwirft, als ob er ihm nicht den anonymen Brief diktiert und noch
+ schlimmeres angeraten hätte.
+
+ Es ist derselbe Fall wie bei dem Straßenräuber, den Lombroso
+ (_Palimsesti del carcere_) beschrieben hat, der, um seine Unschuld zu
+ erweisen, den Schauplatz der Straßenräuber zeichnete, wobei er den
+ unmittelbaren Empfänger einer Uhrkette darstellte, die ein anderer
+ gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus der Tasche gerissen
+ hatte. Und darüber war geschrieben: =Ich bin unschuldig.= -- Das
+ Kriterium der Unschuld bestand darin, daß er als Räuber beider
+ Gegenstände angeklagt war, während er nur die Kette genommen hatte.
+
+»Genug M..., genug,« unterbrach mich der Präsident, »das Gesetz ist für
+alle gleich.«
+
+Der Feldwebel V... wird gerufen und sagt aus:
+
+»Ich hatte mit dem Gemeinen M... nichts zu thun gehabt, er war ein guter
+Untergebener, ich habe ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir
+später zurückgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den Brief
+hätte schreiben sollen.«
+
+Der Korporal S... wird gerufen und sagt aus:
+
+»Ich war mit M... sehr befreundet, er vertraute mir manches an, und
+dabei schimpfte er auf den Feldwebel V...«
+
+»Weshalb that er das?« fragte der Präsident.
+
+»Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen;
+aber ich weiß, daß er ihn haßte. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir
+einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen?
+Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und
+vermutete, daß Schmähungen und Drohungen darin enthalten sein konnten;
+darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt
+ich den Brief bei mir, M... fragte mich mehrere Male, ob ich ihn
+abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M... krank und
+kam ins Lazarett, und da entschloß ich mich, die Sache dem Herrn Oberst
+zu melden.«
+
+Ich lasse den S... fragen, wo ich ihm den Brief übergeben haben soll, er
+antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. »Herr Präsident,« sage
+ich, »es scheint mir ein Unding, daß ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei
+Freistunden vor mir hatte, einen so gefährlichen Brief einem Andern zur
+Besorgung übergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst
+zur Post? Wer hinderte mich daran?«
+
+Die Richter nickten verständnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt
+erhebt sich, hält seine Anklage aufrecht und beantragt schließlich vier
+Jahre Gefängnis.
+
+Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der
+Reihe nach die Ausführungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den
+S... einer Beurteilung, in der er ihn in den schwärzesten Farben
+schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt;
+er stellt den Richtern ernste und sorgfältige Erwägung des Falles
+anheim.
+
+Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit
+den Händen bedeckt:
+
+»Man müßte sich das Gesicht verhüllen, um, ohne zu erröten, die
+Schandthaten des S... aufzuzählen; und er trägt noch die Tressen! Soll
+ich Ihnen das schmutzige Verhältnis dieses Ungeheuers mit dem armen M...
+vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren schließen, denn was ich
+mitzuteilen habe, paßt nicht für das Ohr der Öffentlichkeit.«
+
+»Herr Präsident, stellen Sie beide gegenüber und lassen Sie den
+unglücklichen M... ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert,
+an die laubverhüllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des
+S... über den Feldwebel V..., der ihm einen Blutfluß verursacht hatte,
+=über das Verhältnis Beider, um ihn dann zu verfolgen=; ob er sich
+erinnert, wie er sagte: =Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht
+Monate lang genossen hat, verließ er mich, um mich zwei Jahre lang zu
+mißhandeln, er nannte mich seine süße Alfonsine u. s. w.=«
+
+»Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter wühlen in diesem Abgrund von
+Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den
+Korporal S..., wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er
+weint! Meinen Sie, daß er Reue über seine Schandthat fühlt! Nein, meine
+Herren, solche verworfenen Geschöpfe empfinden keine Reue, weil sie kein
+Herz haben.«
+
+Und er schließt mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil.
+
+Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach drei Stunden
+wieder. Ich muß mich erheben, der Präsident liest das Urteil vor: wegen
+Insubordination werde ich zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt.
+Meine Verteidiger waren außer sich, das Publikum ging zischend hinaus,
+und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Komödie
+stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von
+diesen Dingen sprechen zu hören; dann wurde ich in das Gefängnis
+zurückgeführt.
+
+In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein:
+Antonino M... vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom
+Militärgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefängnis
+verurteilt, wegen der Schändlichkeit des Korporals Alfonso S...
+
+Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt und wen sehe ich?
+Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und küssen
+uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte heiße Thränen, er brachte
+mir einen Brief von Teresina, den zunächst der Chef der Wache las und
+abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erzählte mir, daß
+seit meiner plötzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr
+gehabt habe und täglich von mir spreche und mein Unglück beklagte.
+
+Als ich ihm mitteilte, daß ich zu einem Jahr verurteilt wäre, drückte
+der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer vermöchte zu sagen, wie
+viel Liebe und Schmerz in diesem Händedruck lagen.
+
+Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um
+keinen Preis nehmen, aber da er sagte, daß es Teresina Schmerz bereiten
+würde, wenn ich sie zurückwiese, so mußte ich sie wohl oder übel
+behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thränen
+verbergen zu können. Teresina schrieb mir:
+
+ »Mein heißgeliebter Bruder!
+
+ Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.
+
+ Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es
+ nicht erlauben wollen.
+
+ Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder gesund und frei
+ sehe, denn erst dann kann ich wieder fröhlich werden.
+
+ Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute
+ zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, später, wenn
+ Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel
+ mitbringen.
+
+ Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren.
+ Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tröstet. Wir sind
+ allzumal Sünder und müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem
+ Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.
+
+ Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und vergessen Sie nicht
+
+ Ihre arme Schwester
+ Teresina M...«
+
+ Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.
+
+Auf diesen Brief antwortete ich:
+
+ »Innig geliebte Schwester!
+
+ Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rührung geweint,
+ wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat
+ mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert.
+
+ Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller
+ Kraft, denn es thut mir not.
+
+ Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für Ihre
+ Freundlichkeit.
+
+ Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, daß Sie sie mir
+ schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem
+ Wunsche, sie eines Tages zurückgeben zu können. Das Gericht hat
+ mich verurteilt, aber ich schwöre Ihnen, liebe Schwester, ich bin
+ unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und
+ Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich für
+ unschuldig hält.
+
+ Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die höchst ungerechte
+ Strafe zu verbüßen, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich
+ komme weiß ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben
+ können, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben
+ darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen gehört mein
+ gekränktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit,
+ grüßen Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglücklichen
+ Gefangenen im Militärlazarett zu Cava dei Tirreni.
+
+ Ihr ergebenster Bruder
+ Antonino M...«
+
+ Geschrieben im Gerichtsgefängnis zu Salerno
+
+ 25. Juni 1878.
+
+Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefängnismauern in nicht geringem
+Schmerz; möge der, welcher mich würdigt, diese schmucklosen Blätter zu
+lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik
+niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was für
+traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen.
+
+Das Auge des Allmächtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den
+Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit.
+
+Der Mensch, der seinem Bruder Böses thut, wird unglücklich, elend,
+verworfen, und grausam quält ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst
+zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des
+eigenen Gewissens und früher oder später leuchtet ein silberner Glanz in
+dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglücks.
+
+Eines Morgens im Monat Juni 1878 saß ich auf meinem Bett, den Kopf
+zwischen den Händen und dachte an die Vergangenheit, klagte über Gott
+und seine Vorsehung, dachte an die Schändlichkeit des Korporals S..., an
+die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte an den Brief, den der
+Hallunke von meinem Bruder mir geschrieben hatte, dachte an die heiße
+Liebe Teresina's, an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das
+Militärgericht zu Salerno, an den Präsidenten, an den Staatsanwalt Herrn
+T..., an meinen Verteidiger, an die kalten Richter, dachte an meine
+Unschuld, an meine ungerechte Strafe, dachte an S...
+
+Da rief eine Stimme an dem Gitter:
+
+»M..., M..., Sie werden verlangt!«
+
+Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter.
+
+Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der mit einem nach Salerno
+detachierten Bataillon hergekommen war; er sagte:
+
+»M..., hol's der Teufel, ich habe das Individuum entdeckt, das mit
+eigener Hand den Brief an den Feldwebel V... geschrieben hat, S... soll
+den Brief diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habe den
+Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen sagen werde, können Sie
+leicht das Nötige ermitteln, nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn
+beim Militär kann alles schief gehen.«
+
+»Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen Sie zur Strada Porteri,
+bis Sie einen großen Palast mit großem Thorweg sehen, daselbst befindet
+sich ein Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein junger
+Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, blond, blauäugig und anständig
+gekleidet, dieser hat den Brief nach S...'s Diktat geschrieben. Sie sind
+unschuldig, weiß der Teufel, und es ist nicht hübsch, einen Unschuldigen
+wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.«
+
+Er empfahl mir die größte Verschwiegenheit und ging.
+
+Ich überlegte lange: Sollte das alles wahr sein? Und wenn auch, würde
+ich es beweisen können? Denn beweisen mußte ich es, wenn ich Anzeige
+erstattete, sonst lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung
+mindestens zu fünf Jahren verurteilt zu werden. Was war zu thun?
+
+Endlich entschloß ich mich, alles zu gewinnen oder alles zu verlieren,
+und ich erstattete die Anzeige gegen S... wegen Meineides, indem ich
+mitteilte, daß ich die Person des Briefschreibers, die auf S...'s Befehl
+gehandelt habe, bezeichnen könnte, wenn ich nach Nocera geführt werde.
+
+Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich auf und sagte: ob ich
+meiner Sache so sicher sei, da ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen
+konnte. Ich bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri,
+die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier angekommen, nahmen sie
+mir die Fesseln ab und ließen mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer
+Entfernung folgten.
+
+Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die Straße, welche der
+Sergeant mir bezeichnet hatte, aber ich verließ mich auf den Zufall.
+
+Ich gehe die Hauptstraße hinunter und dann erinnere ich mich, hier war
+ich an dem Abend mit S..., wo wir erst Wein tranken und dann so
+furchtbar sündigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, endlich komme
+ich an ein kleines Haus, hier rede ich eine Frau an, die vor der Thür
+sitzt:
+
+»Liebe Frau, haben Sie Kinder?«
+
+»Ja, zwei Söhne.«
+
+»Wie alt sind Ihre Söhne?«
+
+»Einer dreißig, der andere siebenundzwanzig.«
+
+»Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, er ist blond und
+blauäugig, aus guter Familie!«
+
+»Nein, den kenne ich nicht,« antwortete sie trocken.
+
+Nach langem Suchen endlich fand ich einen großen Palast mit weitem
+Eingang, der auch im übrigen nach der Beschreibung paßte, die jener
+Sergeant mir gegeben hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen
+Burschen, der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird heiß und kalt,
+meine Hände zittern, in den Ohren summt es mir.
+
+Ich nähere mich ihm -- er ist blond, mit blauen Augen, gut gekleidet.
+
+»Bitte,« sagte ich, »können Sie mir nicht sagen, ob vor fünf oder sechs
+Monaten ein Korporal hier war, der Sie einen Brief abschreiben ließ?«
+
+»Ja, ich erinnere mich, daß ein Korporal hier war, der mich eine Zeile
+auf ein Blatt Papier schreiben ließ; dann mußte ich die Adresse auf ein
+Couvert schreiben, den Namen weiß ich nicht mehr, aber es war ein
+Feldwebel; ich sagte, daß ich mich nicht kompromittieren wollte; er
+erwiderte, daß es sich um einen einfachen Scherz handelte, den er mit
+dem Feldwebel, seinem Freunde, machen wollte.«
+
+»Nun sagen Sie, war ich dabei?«
+
+»Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen.«
+
+»Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben wurde?«
+
+»Drei Jungen, die hier in der Nähe wohnen.«
+
+Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden hatte.
+
+»Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und fand keine; ich mit
+meinem Brotbeutel an der Seite habe gefunden, was ich suchte. Hier ist
+der brave junge Mann, der die Schandthat des S... entlarven wird.«
+
+Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und wir alle begaben uns zur
+Polizei; die Zeugen wurden in ein besonderes Zimmer geführt; der
+Polizeibeamte nimmt meine Aussage zu Protokoll.
+
+Auf dem Korridor macht sich ein Geräusch bemerkbar, die Thüre öffnet
+sich, ein Feldwebel tritt herein und meldet, daß der Korporal S... zur
+Stelle ist.
+
+»Er soll hereinkommen,« befiehlt der Beamte.
+
+Und S... trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, mit erloschenem Auge
+und thränendem Blick, niedergebeugt und abgefallen.
+
+Ist es zu glauben? Er that mir leid!
+
+Ich sah ihn mitleidig an und sagte:
+
+»Bist Du nun zufrieden, Elender?«
+
+»Ruhe,« rief der Beamte.
+
+Ich wurde hinausgeführt und nach einer halben Stunde wieder eingelassen;
+S... weinte bitterlich und sagte schluchzend zu mir:
+
+»M..., verzeihe mir, nur aus übergroßer Liebe zu Dir habe ich gefehlt;
+ich wäre glücklich, wenn ich mit Dir zusammen meine Strafe verbüßen
+könnte, um Dich noch mehr lieben zu können.«
+
+»Ruhe!« rief der Beamte wieder.
+
+Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, alsdann trat
+Francesco Crudele di Antonio, der blonde Jüngling, ein.
+
+»Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor fünf Monaten einen
+anonymen Brief an den Feldwebel V... vom 20. Infanterie-Regiment
+diktiert hat?«
+
+Crudele sah uns an, dann sagte er:
+
+»Ja, ich kenne ihn.«
+
+»Nun, so zeigen Sie ihn.«
+
+Er ging auf den Korporal S... zu, zeigte mit der Hand auf ihn und sagte:
+
+»Dieser ist es gewesen.«
+
+»Und kennen Sie den andern Soldaten?«
+
+»Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.«
+
+Die anderen Knaben bestätigten seine Aussage.
+
+»Sie haben einen armen Soldaten ins Unglück gestürzt,« sagte der Beamte
+zu S..., »aber es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.«
+
+»Herr,« sagte ich zu dem Beamten, »ich verzeihe ihm, er thut mir leid,
+ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.«
+
+»Haben Sie verstanden, S...? Er verzeiht Ihnen, aber die unerbittliche
+Schärfe des Gesetzes wird Ihr falsches, grausames, schändliches Herz zu
+treffen wissen.«
+
+S... weinte, er bereute, gern hätte er das Wort im Busen bewahrt, es war
+zu spät.
+
+
+Die Hand Gottes. -- Ungerechtigkeit.
+
+Eine Abteilung Soldaten führte den schluchzenden Alfonso S... fort; ich
+wurde in die Kaserne geleitet.
+
+»Man hat Sie unschuldig verurteilt,« sagte ein Karabiniere, »wegen der
+Schändlichkeit dieses Korporals hat man Ihnen ein Jahr Gefängnis
+auferlegt; was für eine Bande ist denn der Gerichtshof; was für
+Murmeltiere von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, wie man
+beim Militär Hals über Kopf verurteilt wird.«
+
+»Ich habe es den Richtern gesagt, daß ich unschuldig sei, und ihnen
+prophezeit, daß meine Unschuld bald ans Tageslicht kommen würde.«
+
+»Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil muß rückgängig gemacht
+werden.«
+
+Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich werde in mein Gefängnis
+zurückgeführt, der Staatsanwalt sucht mich auf und sagt wütend:
+
+»Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damals wollten Sie
+verurteilt sein, jetzt beteuern Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer
+Hartnäckigkeit haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof
+haben Sie in eine schöne Verlegenheit gebracht, jetzt müssen Sie an das
+Ministerium schreiben und um Erlaß der Strafe einkommen.«
+
+»Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die Rollen nicht verwechseln.
+Ich habe es den Richtern geweissagt, daß ich verurteilt werden würde,
+aber daß bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten müsse. Die
+Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, ich bin
+unschuldig.«
+
+»Sie glaubten nur dem elenden Korporal S...«
+
+»Jetzt kommen Sie und erzählen mir Geschichten, die kein Esel glaubt;
+anstatt mich zu bedauern, beklagen Sie sich über mich, daß Sie mich
+verurteilt haben -- wissen Sie, daß unser Herrgott die Geduld dabei
+verlieren könnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch nicht
+wußte! Erst nach meiner Verurteilung habe ich das erfahren.«
+
+»Und wer hat Ihnen das alles enthüllt?«
+
+»Die Hand Gottes.«
+
+»Oder des Teufels,« antwortete er grinsend.
+
+Wenige Tage später wurde der Korporal S... in das Gefängnis eingeliefert
+und zwar in den oberen Raum, wo die andern militärischen Angeschuldigten
+waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren.
+
+Als ich wußte, daß S... mir nahe war, im selben Hause, als ich
+überlegte, daß ich um seinetwillen unschuldig ein Jahr lang leiden
+mußte, da kochte mir das Blut in den Adern, mein rachebrütender Kopf
+glich einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach persönlicher
+Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn ich ihm in Nocera verziehen
+hatte, so hatte ich ihm damit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen,
+aber nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich plante, nun
+wo er mir so nahe in die Hand gegeben war.[54] Ich war mit dem Wärter
+befreundet: ich bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er
+verschaffte mir eine große scharfe und spitze Scheere, von der ich den
+Zapfen herausnahm, so daß ich im Besitz zweier prächtiger Dolche war;
+die eine Hälfte verbarg ich auf dem Abtritt, die andere in der
+Innentasche meiner Jacke.
+
+ [54] Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht wird, um
+ einen verbrecherischen Impuls zu beschönigen.
+
+Ich muß bemerken, daß eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem
+Hof führte, die dem Raum benachbart war, wo S... sich befand; auf diesem
+Hof gingen die Gefangenen spazieren.
+
+Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht,
+bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf
+seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde
+leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf,
+eile in den Garten, stürze mich auf den elenden S... und mache ihn mit
+einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit
+ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55]
+
+ [55] Das ist das Mitleid, das er für S... empfindet.
+
+Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche
+Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchströmte mein Blut, mein Kopf
+glühte wie eine Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die
+Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56]
+Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trüben Gedanken der
+Nacht folgten die trüben Gedanken des Tages ...
+
+ [56] Ein Beweis für die epileptische Natur des Verbrechers.
+
+Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich
+unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon
+war sie halb passiert, als ein Wächter mir begegnete und sagte:
+
+»Wohin, M...?«
+
+»In die Küche«, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen.
+
+»Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche gehen, kehren Sie um, Sie
+kommen nicht vorbei.«
+
+»Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.«
+
+»Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
+
+Wir umfaßten uns, er drängte mich zurück, ich stieß ihn vorwärts. Als
+ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand
+mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den
+Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt
+zurückriß, so daß ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene
+Hyäne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm,
+die Scheere entfiel meiner Hand.
+
+Ich wurde festgenommen und zurückgebracht, ich bewaffnete mich mit der
+anderen Hälfte der Scheere, entschlossen, den Ersten, der mir den
+geringsten Anlaß geben würde, niederzustechen. Am selben Tage kam der
+Staatsanwalt zu mir und sagte:
+
+»Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand darf selbst Vergeltung
+üben, das ist Sache des Gesetzes. Sie haben unrecht gehandelt; wenn der
+Gerichtshof Sie verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil
+aufzuheben wissen, ein Versehen kann immer wieder gut gemacht werden,
+aber nicht so, wie Sie es anfangen.«
+
+»Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Küche, der Wächter hat mich
+schlecht behandelt und ich ...«
+
+»Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich hatte Ihre Abreise bisher
+hinausgeschoben, weil ich Ihnen die Genugthuung verschaffen wollte, daß
+Sie persönlich der Verhandlung gegen S... beiwohnen könnten, aber jetzt
+sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn gegen S... verhandelt
+wird, werden Sie hergebracht werden. Also halten Sie sich morgen
+bereit.«
+
+»Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe gefehlt, verblendet von
+meinen Rachegedanken; ich wollte S... ermorden; aber jetzt verspreche
+ich Ihnen ruhig zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir hätte, würde ich ihm
+kein Haar krümmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie mich hier.«
+
+»Sie werden morgen reisen; hier würde es ein Unglück geben, wir kennen
+Sie lange genug.«
+
+Ich mußte mich fügen, Tags darauf brachten mich zwei Karabinieri nach
+Taranto.
+
+Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, das Essen elend,
+das Wasser einer alten stickigen Cisterne entnommen, die von ekelhaftem
+Getier wimmelte.
+
+Flöhe gab es wie Sand am Meer, Milliarden großer Flöhe, deren Biß
+furchtbar war.
+
+Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren unsere Schlafräume, in
+denen wir eine Nacht verweilten.
+
+Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere Arbeit, schwere Lasten
+mußten wir tragen; in einem Winkel des Hofes war ein Berg großer
+schwerer Steine, und während die eine Hälfte der Strafgefangenen
+exerzierte, mußte die andere Hälfte die Steine in die andere Ecke des
+Hofes tragen; dann mußten wir tiefe Gruben auswerfen und sie wieder
+zuschütten; kleine Steine luden wir auf Karren und fuhren sie nach einer
+Ecke des Hofes, dann schafften wir sie wieder zurück. Es war ein Leben
+wie die Verrückten, die Narren, und verrückter und närrischer waren die,
+welche es uns befahlen.[57]
+
+ [57] Denselben Gedanken drückt Dostojewski in seinen »Erinnerungen aus
+ dem Hause der Toten« aus. Er sagt, daß, wenn man jemand nötigen würde,
+ dieselbe Arbeit immer zu verrichten und wieder zu zerstören, er
+ wahnsinnig werden würde, weil die Nützlichkeit, sei sie auch im
+ Verhältnis zur Arbeit nur gering, dasjenige sei, was die Arbeit
+ rechtfertigt.
+
+Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, die uns das Gehirn
+versengte, da es streng verboten war, im Schatten der Einfassungsmauer
+zu arbeiten; im Winter unter der entsetzlichen Kälte, dem klatschenden
+Regen, dem Sturm ausgesetzt, daß uns Hände und Gesicht anschwollen, da
+es streng verboten war, sich an der Dezember-, Januar- und Februarsonne
+zu wärmen -- so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene
+teuflischen Menschenfreunde für unser Wohlergehen; verflucht seien
+sie!!!
+
+Fortwährend gequält, schlecht gekleidet, ungenügend ernährt, unsauber,
+zehn Stunden täglich mit schwerer Arbeit geplagt -- es war ein Leben, um
+sich umzubringen. Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle in Ketten
+gelegt und an die Wand gebunden, weil ich während des zehnstündigen
+Exerzierens einige Male gesprochen hatte. Es würde ein Mann von Genie,
+von Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen müssen, um die Gräuel
+dieser elenden Gruft zu schildern, um die schändlichen tyrannischen
+Herzen jener Tyrannen und die Selbstverleugnung, den Mut, die
+Ergebenheit der armen Kinder des Unglücks zu kennzeichnen.
+
++Italien!+ Du großer Name, Du große, freie und unabhängige Nation! Aber
+die meisten, die Du so als freigebige Mutter ernährst, sind Tyrannen,
+Despoten, Schinder, und dadurch, daß Du sie duldest, erniedrigst Du Dich
+zur ehrlosen, hündischen, gemeinen Dirne.
+
+Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, ich stellte mich dem
+Kommandanten vor und sagte ihm, daß ich unschuldig verurteilt wäre, er
+antwortete:
+
+»Faule Ausrede!«
+
+Ich bat ihn, mir zu gestatten, daß ich eine Eingabe an das
+Militärgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte es.
+
+Nach drei langen Monaten wurde mir von der Staatsanwaltschaft die
+Mitteilung, daß der Korporal Alfonso S... am 2. Januar 1879 zu sieben
+Jahren Gefängnis und zur Degradation verurteilt worden sei und zwar
+wegen Insubordination, begangen durch Absendung eines anonymen Briefes
+an den Feldwebel V... und wegen falscher und verleumderischer Aussagen
+gegen mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen worden.
+
+Und wer entschädigte mich für das Jahr Gefängnis, das nun bald verbüßt
+war? Wer tröstete mich für die Leiden, die ich erduldet?
+
+ +Die Hand Gottes.+
+
+Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und unerschütterlich vertrauen,
+dann schützen wir uns davor, uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund
+des Nichts zu stürzen.
+
+Es ist nicht wahr, daß die Hand Gottes schwer auf uns Menschen lastet
+und wenn wir das glauben, so beleidigen wir die Majestät des Ewigen.
+
+Es ist ein Geheimnis, ein unlösbares Rätsel wie Belsazars +Menetekel+.
+
+Ich bat den Kommandanten, daß er mir erlauben möchte, an Teresina M...
+zu schreiben, da sie eine nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht
+zu.
+
+Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das Gewissen und das Ehrgefühl
+jener Richter hatte nicht gesprochen, ich hatte wegen der Schändlichkeit
+des S... leiden müssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines tauben,
+stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!...
+
+Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen und von einigen
+Karabinieri der ersten Strafkompagnie auf dem Lido zu Venedig
+überliefert.
+
+Gemäß Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde ich der Klasse 1879
+zugeschrieben.
+
+Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten verschiedener
+Waffengattungen, und von verschiedenen Armeekorps; es wurden solche
+Soldaten einrangiert, welche unwürdig waren, dem Heere anzugehören und
+welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen und
+umstürzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland entehrt hatten.
+
+Hier fand ich zu meinem Unglück einen Soldaten Gir..., einen Vetter des
+Gir..., den ich beim Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch
+seinen Vetter über mich unterrichtet, so daß man in der Strafkompagnie
+meine Antecedentien kannte.
+
+Als ich auf dem Lido angekommen und in den »Serail« genannten Teil der
+Kaserne untergebracht war, geriet die ganze Strafkompagnie in Bewegung,
+einzelne Soldaten kamen heran, sahen mich an und liefen davon.
+
+Gir... trat mit seinen piemontesischen Landsleuten zusammen und sie
+verabredeten sich, mir einen Streich zu spielen.
+
+Einige Soldaten, die aus der Gefängniszeit her eng mit mir befreundet
+waren, brachten mir zu essen sowie Wein und Cigarren.
+
+Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ... verriet mir den Anschlag
+der Piemontesen, die sich rächen wollten, weil ich ihren Landsmann, den
+Vetter Gir...'s beim Regiment mißhandelt hatte.
+
+Mir mißfiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, alles
+geduldig zu ertragen und dann meinen Abschied zu nehmen, aber mein böser
+Stern folgte mir bis an die lachenden Ufer der Lagune.
+
++Was thun?+
+
+Wenn ich still bin, so glauben sie, daß ich Furcht habe und reizen mich
+erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, so können die schlimmsten
+Folgen daraus entstehen: ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute und
+böse Gedanken kämpften in mir mit einander; nach langem Nachdenken
+beschloß ich den Kampf aufzunehmen und dem Schicksal die Frage zu
+stellen: Welchen Schluß hat dieses
+
+ +düstere Drama?+
+
+
+
+
+Dritter Teil.
+
+In der Strafkompagnie.
+
+ Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung
+ wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen
+ verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben
+ ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen
+ Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach
+ ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.
+
+
+Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich östlich von der
+Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer bespült wird und
+den Namen Lido trägt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker
+Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu
+hindern. Aber außer seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche
+Angriffe und außer seiner Eigenschaft als Vergnügungsort in den Tagen
+des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu
+Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in
+stetem Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blühende
+Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen und was es sonst
+Herrliches in der Natur giebt, schmückt diese Gegend im Sommer, wo sie
+Scharen von Besuchern empfängt. Verborgen blüht die Rose zwischen den
+Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde küßt und die Vögel
+ihre sehnsüchtigen Melodien ertönen lassen -- und in den düsteren Zellen
+der Kaserne seufzt der Verworfene.
+
+Die träge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in
+wollüstigen Umarmungen die schönen venezianischen Sylphiden und erglüht
+unter ihrem verliebten Blick -- und sie führt die Klagen und Thränen der
+Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem
+Willen eines Tyrannen mich beugen müssen und weinen müssen, fern von
+meinen Lieben, und kämpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft
+wieder aufzurichten.
+
+Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie
+in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu
+trösten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und
+von neuem ihr schimmerndes Blütengewand anlegte -- es vermehrte nur die
+Empfindung meines Leidens.
+
+O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit
+ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der
+Unwissenheit der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann.
+
+Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es
+vermagst, die Thaten jenes Despoten, der väterliche Gefühle und
+kindliche Liebe mißachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die
+jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen
+darbender Familien vom häuslichen Herd hinwegriß, der Industrie die
+Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu
+schänden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu
+geben, den letzten Gedanken des Unglücklichen zu Todesseufzern zu
+gestalten.
+
+Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glückes die Klagen
+deuten, welche in dieser Sphäre ertönten, wo Kummer, Qualen, Ketten und
+der Wille eines gesetzmäßigen Mörders den Herzen der jungen Soldaten
+alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglück
+stürzten.
+
+Wie gesagt mißfiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat
+meinen Freund Civ... mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich
+nötigenfalls verteidigen zu können; er brachte mir einen langen
+dreieckig geschliffenen Dolch.
+
+Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch
+an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmähreden,
+aber ich sagte:
+
+»Herr Kommandant, ich bin nicht gewöhnt, Vorwürfe zu hören; wenn Sie
+meinen, daß ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur
+Verfügung.«
+
+»Wissen Sie, M..., ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie
+meine Söhne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb
+nehmen Sie es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters und
+glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und
+Brot. Ich wünschte von Herzen, daß Ihr alle in Bälde Eure Familien,
+Freunde und Bekannten wiedersehen könntet. Sie sind ein verständiger
+junger Mann, und es wäre eine Sünde, Sie im Unglück umkommen zu lassen.
+Deshalb seien Sie vernünftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden
+gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie
+sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten
+Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie
+sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es
+hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rücksicht
+auf mich.«
+
+Guar... Signor Battista aus der Markgrafschaft Ligurien war ein
+vorzüglicher, edler Vorgesetzter, aus vornehmer Familie, von Haus aus
+reich, wegen einer unglücklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und
+war zur Zeit Hauptmann.
+
+Er war ein zärtlicher Vater den Soldaten gegenüber, menschenfreundlich,
+wohlwollend, human; er hatte eine Frau und zwei Söhne. -- Die
+Strafkompagnie war eine Lust für uns: eine Stunde am Tage wurde
+exerziert und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gelärmt -- kurz, wir
+machten, was wir wollten.
+
+Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir:
+
+»M..., nimm Dich in Acht, Dir wird es schlimm gehen.«
+
+Es war für mich ein ewiges Hin- und Herschwanken -- wie konnte ich das
+Leben fassen mit dem Gedanken, jeden Tag überfallen zu werden.
+
+Endlich entschloß ich mich, der Sache ein Ende zu machen.
+
+Am Abend saßen die Soldaten im Hof und plauderten in Gruppen oder
+spielten Ball, Dame und Domino oder promenierten hin und her -- kurz,
+jeder war auf seine Weise beschäftigt.
+
+Ich rief meinen Freund C... und ließ mir den Gir... zeigen, der
+hauptsächlich den Anschlag gegen mich angezettelt hatte.
+
+Er führte mich unter einen Säulengang und zeigte mir einen langen
+hageren Soldaten, der in einer Zelle arbeitete. Ein kurzer schrecklicher
+Entschluß fuhr mir durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle
+und rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; die Rechte
+hielt hinter dem Rücken den Dolch bereit.
+
+»Also Sie sind die Seele der Verschwörung gegen mich, Sie wollen mir ans
+Leben? Sie sind ein Schurke, wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute,
+damit ich denen dasselbe sagen kann!«
+
+Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, ihm den Leib
+aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen Arm umklammerte, während
+Gir... angstvoll rief:
+
+»M..., was machen Sie?! ich bin unschuldig! Ich habe nie von Ihnen
+gesprochen.«
+
+»Sie sind ein Schurke, wir müssen ein Ende machen.«
+
+Auf unser lautes Gespräch kamen viele Soldaten hinzu, die sich um uns
+aufstellten und gespannt das Ende des Dramas erwarteten.
+
+»M..., was machen Sie?« rief der, welcher mich festgehalten hatte. »Ich
+bin Esp..., Ihr Freund und Landsmann, beruhigen Sie sich, M..., Sie
+machen sich unglücklich.«
+
+Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, ich erzählte ihm
+freimütig alles, was vorgekommen war.
+
+Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, daß ich ihn nicht von
+Anfang an unterrichtet hätte. Er versammelte die Piemontesen und meine
+Landsleute auf dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie nur ein
+zärtlicher Vater zu seinen geliebten Söhnen unter so traurigen Umständen
+sprechen kann.
+
+»Und jetzt,« schloß der würdige Offizier, »jetzt gebt Euch das Pfand des
+Friedens, der Eintracht, der Brüderlichkeit. Gir..., umarmen Sie Ihren
+Kameraden M...«
+
+Wir küßten und umarmten uns, Gir... hielt seine Thränen mit Mühe zurück.
+
+»Morgen ist Sonntag,« sagte der Hauptmann, »ein Festtag für Euch. Ihr
+werdet Euch zusammenthun, jeder giebt einen Lire, Herr Lieutenant G...
+hat Befehl, für Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen
+Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet Ihr eine Tafel
+zusammenstellen, die Bänke können als Sitze dienen, für Tischwäsche,
+Gläser u. s. w. werde ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens,
+der Einigkeit, der Brüderlichkeit essen und trinken. Sie, M..., sammeln
+das Geld und liefern es an Herrn Lieutenant G..., wer kein Geld hat, mag
+sich an mich wenden. Sie, Gir..., nehmen M... unter den Arm und gehen
+spazieren. Rührt Euch!«
+
+Ein Beifallsturm, Händeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten.
+
+Am folgenden Tage wurde eine große Tafel im Hof hergerichtet, wie der
+edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs
+Sergeanten und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen
+Mahl teil, die Becher füllten sich mit schäumendem Toskanerwein; die
+Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin --
+die Gläser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der
+Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie füllten
+unsere Becher immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, wir
+tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die
+Brüderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere
+Gesundheit, Hochrufe, Händeklatschen und Lachen ertönte aus der
+freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in
+Versen aus.
+
+Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche
+Störung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich
+hatte mich über meine vergangenen Leiden getröstet und genoß ein
+friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen
+Genossen.
+
+Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, daß meine
+Familie sich beschwert habe, daß ich so lange nicht geschrieben habe und
+trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach
+Hause zu geben.
+
+Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen Brief meines Bruders
+bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe
+zwei Jahre her, daß die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun
+der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so heißes Verlangen nach mir
+zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als daß er hoffte, ich sei
+tot, und er könne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein
+unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des
+elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem
+Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die
+verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der
+thörichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.
+
+Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zögern, wie konnte ich auch,
+da er mich täglich mit Beweisen seines Wohlwollens überhäufte. So
+schrieb ich denn folgenden Brief:
+
+ »Geliebter Schwachkopf!
+
+ Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir nach Salerno
+ schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit,
+ deiner Hartherzigkeit? -- Nun, ich danke, es geht mir sehr gut,
+ trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles:
+ Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu
+ fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige schmackhafte Suppe und
+ ein großes Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist;
+ Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche
+ Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und
+ was will man mehr?
+
+ Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin der Meere, einer
+ großen, schönen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf
+ unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir
+ lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir
+ schäkern mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken
+ unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast
+ und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, --
+ was will man mehr!
+
+ Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um uns vergnügen zu
+ können und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den
+ Hunger!
+
+ Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der
+ Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, was kann man mehr
+ verlangen?
+
+ Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge Dir genügen. Und
+ wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer
+ des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den
+ verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf
+ Erden herumkriecht.
+
+ Lido, Venedig 10. April 1879.
+
+ Dein (!)
+ Antonino M...«
+
+Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt
+nichts, es war alles wahr.
+
+Wir hatten eine prächtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft
+wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit
+unseren Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen großen
+viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostüme fertigten
+wir selbst an, fünfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir
+hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., das
+nötige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten
+gesammelt; einmal hatten wir fünfhundertzwölf Lire und achtundachtzig
+Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!!
+
+Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten
+Gasparone spielte, ich war als kalabresischer Räuber gekleidet, mit
+hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit großen vergoldeten Knöpfen
+geschmückt, zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppelläufige Flinte
+über dem Rücken, einen großen Revolver und einen langen Dolch an der
+Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten,
+Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und
+Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in Überfluß: Rum, Wermut,
+Bier, Wein und Cigarren, so daß es für die ganze Woche reichte; alles
+wurde von den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig
+und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich
+dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er:
+
+»+Haben Sie Geld?+«
+
+»Ich habe einen Lire, und das genügt für einen Tag.«
+
+»Nein, in Venedig ist das nichts,« und er nahm einen Fünflireschein
+heraus und gab ihn mir.
+
+Seine Börse war stets für alle geöffnet, und wenn man ihm das Geld
+wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in
+Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mußte er von
+der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um
+Luft zu schöpfen.[58]
+
+ [58] Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich bei M...
+ die Übertreibung des Hasses mit der Übertreibung der Zuneigung, und so
+ wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erzählung des M... in nicht
+ wenigen Punkten widersprechen.
+
+Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, daß er achtzigtausend Lire
+jährliche Rente habe, aber er machte kein Aufheben von seinem Reichtum,
+den er zum Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen seiner
+großen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und
+wäre ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erzählte
+mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von denen
+ich einige mitteilen will.
+
+Als Hauptmann Guar... noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich
+in ein Mädchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem
+Vermögen von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte
+glücklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens
+liebte; die Frucht dieser Liebe war ein Söhnchen, das Ebenbild des
+Glückes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, daß seine Gattin ihn betrog.
+
+»Unmöglich«, antwortete er, »Virginie, meine geliebte Virginie kann mich
+nicht verraten.« Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der
+ihm mitgeteilt hatte, daß seine Virginie ein unerlaubtes Verhältnis mit
+einem Lastträger hatte -- der arme Lieutenant wurde von Guar...
+erstochen.
+
+Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, daß er verreisen müsse; er
+kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so daß er
+hören konnte, was dort vorging.
+
+Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren häuslichen
+Angelegenheiten beschäftigt.
+
+Endlich gegen Abend hörte er Küsse, er lauschte und vernahm folgende
+Worte:
+
+»Ettore, süßer Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich möchte dich immer
+in meinen Armen halten, der schweigsame Offizier langweilt mich, ich
+liebe ihn nicht. Laß uns fliehen, Ettore, nach Verona; da können wir in
+Freiheit unser Glück genießen.«
+
+»Nein süße Virginia, noch ist nicht die Zeit dazu ... Wie schön Du bist,
+gieb mir einen Kuß!«
+
+Er hörte ihre Küsse, und das Blut erstarrte ihm in den Adern.
+
+Es wurde still, Seufzer und Küsse wechselten mit einander; G... blickt
+durch eine Spalte und sieht seine Virginia in wollüstiger Umarmung mit
+ihrem Geliebten.
+
+Er eilt hinaus, klopft an die Thür seines Schlaf-Gemaches, niemand
+antwortet. Endlich ruft er:
+
+»Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.«
+
+Die Thür wird geöffnet, Virginia erscheint und sagt:
+
+»Wie, Du bist nicht fort?«
+
+»Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!«
+
+»Hier bin ich,« antwortete Ettore, eine Waffe in der Hand haltend. »Sie
+befehlen?«
+
+»Nichts, lieber Ettore,« antwortete der Lieutenant, »nur Ihre Hand.«
+
+Sie reichten sich die Hände, Virginia lag auf den Knieen und zerfloß in
+Thränen. Herr G... öffnete sein Portefeuille, nahm zehn
+Tausendlirescheine heraus, reichte sie Virginia und sagte:
+
+»Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem Ettore; mein Sohn bleibt bei
+mir.«
+
+Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand und gingen, G... wurde
+ohnmächtig aufgefunden, wie er seinen Sohn in den Armen hielt.
+
+Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment in Bologna war, traf
+er eines Abends einen Zahlmeister, der ihm klagte, daß er sich das Leben
+nehmen müsse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse fehlten, Guar...
+nahm die Kassenschlüssel, öffnete sein Portefeuille, gab dem Zahlmeister
+sechs Tausendlirescheine und sagte nur:
+
+»Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie vernünftig!«
+
+Nach Gottes Fügung starb Virginia wenige Jahre später arm und elend in
+einem Irrenhaus; G... heiratete ein anderes Mädchen aus dem Volke von
+schlechten Gewohnheiten und unregelmäßigem Lebenswandel. Ehe er sie
+heiratete, sagte er:
+
+»Clelia« -- so hieß sie, »ich lege meinen Reichtum, mein Herz, meine
+Ehre, meinen guten Ruf in Deine Hände; willst Du mir treu sein, willst
+Du ein neues Leben beginnen?«
+
+Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin seines Lebens; sie gebar
+ihm ein süßes Töchterchen; der blonde Ludovico, der Sohn der Virginia,
+der jetzt zehn Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so sagte man,
+umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend.
+
+Folgen wir dem Faden unserer Erzählung.
+
+Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas viel getrunken, es war im
+Sommer, ich litt unter der Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein,
+ich wurde sehr müde, setzte mich nieder und schlief mit dem Gewehr im
+Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, jemand klopft mich auf die
+Schulter; ich springe auf und sehe den Hauptmann.
+
+»Das ist unrecht, Sie dürfen sich nicht vom Schlaf übermannen lassen
+-- es ist ein schweres Verbrechen, auf Wache zu schlafen. -- Ist Ihnen
+nicht wohl?«
+
+»Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.«
+
+»So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und geben Sie mir so lange Ihr
+Gewehr.«
+
+Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging damit hin und her, ich ging
+zur Wachtstube und kam mit dem Sergeant zurück. Der Hauptmann sagte ihm,
+daß ich krank sei und befahl, mich ablösen zu lassen.
+
+So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten ein, ich ging in's Bett.
+
+Derartiges kam öfter vor, der Hauptmann bestrafte nie; die Soldaten, die
+im süßesten Schlummer ihr Bett verlassen mußten, klagten nicht, sondern
+erwiesen sich als gute Kameraden.
+
+Man muß wissen, daß ein Soldat, der auf Wache einschläft, mit sechs
+Monaten Kerker bestraft wird.
+
+Es würde die Feder eines Francesco Mastriani erfordern, und die anderer
+Männer von Genie, um diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu
+beschreiben, und um meine klassischen Abenteuer während der vier langen
+Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke wundersame Bände ließen
+sich darüber schreiben. Ich beschränke mich darauf, die
+bemerkenswerteren und unterhaltenden Vorfälle kunstlos
+niederzuschreiben, und bitte Euch, Nachsicht zu üben, denn ich habe
+wenig oder nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte ich den
+wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht.
+
+Unser acht Soldaten schlossen uns in enger Freundschaft zusammen: meine
+Gefährten waren intelligente und gebildete junge Leute; einige Stunden
+des Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche Fragen
+mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche Darstellungen und
+Zeitungen, und organisierten eine regelrechte Polemik untereinander: wir
+machten Verse, Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen,
+kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur Poesielehre hatte
+ich einen gewissen Neapolitaner Carlo Frol... Pag..., in der Litteratur
+unterrichtete mich Luigi Mastr..., ebenfalls ein Neapolitaner, in der
+Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens Alt...
+
+Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, in welchem er mich wegen
+meiner Gefängnisstrafe zu Salerno bedauerte und seine Freude darüber
+aussprach, daß es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schickte mir
+zwölf Lire und seitdem schrieben wir uns alle Monat und ich bekam
+regelmäßig meine zwölf Lire.
+
+Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen dem Wirt und einem
+Kameraden von mir, einem gewissen Angelo M..., erhob sich ein Streit, in
+dessen Verlauf der Wirt auf einmal sagte:
+
+»Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchthäusler, eine verkommene Bande!«
+
+Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung mußte gerächt
+werden, ich nahm das Glas und schlug dem Unverschämten mit aller Gewalt
+auf den Kopf. Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, Flüche und
+Drohungen schallten durch die Luft, und wenn nicht einige Sergeanten
+hinzugekommen wären und der Wirt sich eingeschlossen hätte, wer weiß was
+für Unheil entstanden wäre.
+
+Dem armen Wirt war der Schädel zerschlagen, ich wurde acht Tage bei
+Wasser und Brot eingesperrt.
+
+Über meiner Zelle saß ein gewisser Liur... in Arrest, der mir durch eine
+Spalte in der Wand von seinem Essen etwas zusteckte. Er war in
+Untersuchung, weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann
+geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; ein gewisser
+Scar... aus Bologna und ein Cec... aus Benevento. Der Lieutenannt Gui...
+war in die Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein
+Kriegsgericht abgesetzt; zürnend zog er ab, er war in Zivilkleidung und
+als er vor der Kaserne stand, zog er seinen Säbel aus der Hose heraus
+und zerbrach ihn über das Knie. Ein neapolitanischer Soldat Namens
+Per..., der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht und sagte:
+
+»Du bist ein elender Hund!«
+
+Während ich im Gefängnis saß, hörte ich eines Morgens ein Geräusch, als
+ob zwei Personen mit einander kämpften und vernahm die Stimme eines
+Kameraden, der sagte:
+
+»Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen.«
+
+Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine Mitteilung erhalten;
+während er sie las, war der aufsichtsführende Sergeant gekommen und
+hatte ihm das Blatt wegreißen wollen; Liur... aber hatte das Papier in
+den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant ihn an den Hals gefaßt.
+
+Die Sache wurde gemeldet und Liur... wegen Insubordination vor Gericht
+gestellt; er bat mich, als Entlastungszeuge zu dienen.
+
+Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit gesetzt; ich erkundigte
+mich nach dem Schicksal des Liur..., niemand wußte, daß er das anonyme
+Schreiben verfaßt hatte, nur Cec... und Scar... traten gegen ihn auf,
+und beide waren von früherher mit ihm verfeindet.
+
+Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht verurteilt
+worden? Hatte denn jenes schändlichste Ungeheuer, der Korporal S...,
+Recht mit seiner Aussage? Ist es nicht denkbar, daß auch Liur...
+unschuldig verdächtigt und verleumdet war? Genügt die Überzeugung von
+der Schuld eines Menschen, um ihn zu verurteilen und ist ein solches
+Urteil wissenschaftlich und unanfechtbar?[59]
+
+ [59] Der gewöhnliche Refrain, der immer zum Vorteil des Übelthäters
+ ausschlägt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls
+ angeklagt, antwortete: Die Verhältnisse sprechen freilich gegen mich,
+ aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die Sache
+ zeigt, die ich gestohlen haben soll. -- Und als er später eines Mordes
+ angeklagt war, wollte er, daß man ihm die Person zeige, die ihn hatte
+ morden sehen.
+
+Ich beschloß der Sache auf den Grund zu gehen, und da ich sah, daß
+Cec... und Scar... ein Herz und eine Seele waren, so nahm ich mir vor,
+den einen durch den andern entlarven zu lassen.
+
+Ich rief den Soldaten Cec... und sagte:
+
+»Cec..., wir sind gute Freunde, ich weiß, daß Du aus guter Familie bist;
+hier in der Kompagnie sind lauter ungebildete Burschen, lauter
+entlassene Sträflinge (als ob ich aus dem Colleg herkäme); wie wäre es,
+wenn wir ein treues Freundschaftsbündnis schlössen und zusammen lebten?«
+
+»Mit Vergnügen, lieber M..., aber ich muß Scar... sprechen, mit dem ich,
+wie du weißt, seit langem zusammen lebe.«
+
+»Sehr wohl, sprich mit Scar...«
+
+Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen und trinken, die
+Freundschaft war besiegelt. So vergingen mehrere Tage, Liur... war nach
+dem Militärgefängnis zu Venedig geschafft und hatte mich als
+Entlastungszeugen angegeben; der Tag der Verhandlung kam immer näher.
+
+Ich sagte beim Promenieren zu Cec...:
+
+»Cec..., Du giebst viel Geld für den Scar... aus, der ein Schwindler
+ist; mir, der ich Dein Bestes will, mißfällt das; es ist eine Schande,
+daß Du Dich von dem Heuchler ausbeuten läßt.«
+
+»Weißt Du, M..., Du hast Recht; Scar... ist ein scheinheiliger Hund, er
+ist mir zwanzig Lire schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein
+schneiden kann.«
+
+»Was, ihm, der ärmer ist wie Hiob, hast Du zwanzig Lire geborgt, nun,
+heute Abend muß er sie Dir wieder geben.«
+
+Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen in einer Schenke: nachdem
+wir unser kärgliches Mahl verzehrt hatten, verlangte Cec... sein Geld;
+Scar... legte sich auf's Beteuern, daß er nichts habe, Cec... wurde
+wütend und das Ende vom Liede war eine große Schlägerei zwischen beiden,
+von der der Wirt den größten Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr,
+Flaschen und Gläser gingen in die Brüche. Als bittere Feinde schieden
+sie.
+
+Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar... heran und sagte:
+
+»Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir sehr nützlich sein kann,
+aber verrate mich nicht.«
+
+»Nein, M..., auf keinen Fall, Du bist ein guter Freund, der Cec... ist
+ein ungebildeter Hansnarr.«
+
+»Cec... sagte mir, daß Du ihn angestachelt hättest zu sagen, daß Du
+gesehen hättest, wie Liur... die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann
+geschrieben hatte; daß er ...«
+
+»Der Schändliche!« unterbrach er mich, »der Mörder, der Verräter; er hat
+mich verleitet, das zu sagen; ich wußte von nichts, ich habe nichts
+gesehen.«
+
+»Nun schön, Scar..., höre mich an und unterbrich mich nicht: Cec...
+sagte, daß Du die direkte Ursache von Liur...'s Ruin bist, wenn das die
+Richter wüßten, würde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir mit,
+daß er vor Gericht aussagen will, daß Du ihn zu der falschen
+Beschuldigung verführt hättest.«
+
+»Ganz im Gegenteil, der Verräter hat mich verführt, er hat den armen
+Liur... ruiniert.«
+
+Während ich mit Scar... sprach, beobachtete Cec... uns von weitem und
+verzehrte sich vor Neugier, und als wir uns endlich trennten, eilte er
+zu mir heran und fragte, was wir miteinander gehabt hätten.
+
+»Scar... hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen«, sagte ich, »den er
+dem Verteidiger Liur...'s schicken will, in dem er seine erste Aussage
+widerruft und zu Deinen Ungunsten aussagen will.«
+
+Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec... geriet in furchtbare
+Erregung und wollte von Scar... Genugthuung verlangen, aber ich hielt
+ihn zurück und sagte:
+
+»Cec..., höre zu; wir wollen vor dem Militärgericht eine schöne Posse
+aufführen: Du darfst nicht sagen, daß Du die Absicht des Scar... kennst;
+ich werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage Scar...'s
+einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat, und wenn das der Fall
+ist, mußt Du in Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar... erzählen und
+mich und den Wirt als Zeugen anrufen; auf diese Weise wird er entlarvt
+sein und als Verleumder erkannt werden.«
+
+»Vorzüglich, M..., vorzüglich ausgedacht.«
+
+»So bleibt es dabei.«
+
+Der Verhandlungstag war herangekommen, wir waren zehn Zeugen, darunter
+der Wirt; wir warteten im Zeugenzimmer. Ich rief Cec... zu mir heran und
+sagte:
+
+»Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, daß er vor einigen Tagen
+in Scar...'s Auftrag einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat.
+Vergiß nicht, Cec..., alles vor Gericht zu erzählen und rufe mich und
+den Wirt zu Zeugen an.«
+
+Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. Ich sagte aus:
+
+»Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern Zelle war Liur...,
+der sich fast täglich beklagte, daß er von den Chargierten so viel
+auszuhalten hätte. Eines Morgens hörte ich ein Geräusch, als ob zwei
+Menschen miteinander ringen und hörte, wie Liur... sagte: Er hat mich
+an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen. -- Das ist alles, was
+ich aussagen kann.«
+
+»Sagen Sie, M...,« fragte der Präsident, »ist es wahr, daß Sie dem
+Soldaten Cec... gesagt haben, daß der Soldat Scar... Ihnen einen Brief
+gezeigt habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur... gerichtet war,
+und in dem er den Verteidiger bat, dem Liur... mitzuteilen, daß er seine
+erste Aussage verwerfen wolle. Ist das wahr, daß Sie das alles gesagt
+haben?«
+
+»Wie, Herr Präsident,« antwortete ich, indem ich den Dummen spielte,
+»ich verstehe nicht, was Sie fragen.«
+
+Der Präsident wiederholte das ganze Gewäsch.
+
+»Ich!« antwortete ich entrüstet, »ich soll das dem Cec... gesagt haben?
+Das ist eine Verleumdung, eine freche Lüge! Ich habe nie mit Cec... über
+die ganze Angelegenheit gesprochen, er muß geträumt haben oder reif für
+die Zwangsjacke sein!«
+
+Cec... wird aufgerufen und erzählt die ganze Geschichte.
+
+»Was?« rufe ich empört, »Du bist ein Betrüger, ein elender Verleumder,
+Du hast den armen Liur... auf die Anklagebank gebracht!«[60]
+
+ [60] Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er den Liur...
+ retten will, und weil dieser unter ähnlicher Anklage steht, wie M...
+ selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet er eine Reihe von
+ Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder hin. Eine merkwürdige
+ Auffassung vom Guten!
+
+Der Präsident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt erklärt selbst,
+die Anklage nicht aufrecht erhalten zu können, der Verteidiger spricht
+lange und eindringlich und bittet um Gerechtigkeit für seine Klienten.
+
+Der Gerichtshof zieht sich zurück und nach langer Beratung wird Liur...
+freigesprochen.
+
+Ich teilte meinem edelmütigen Hauptmann mit, daß ich von dem Gericht zu
+Salerno unschuldig verurteilt worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu
+unterstützen, daß mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet
+würde.
+
+Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, ließ sich Abschriften
+der Urteile geben und schickte sie an das Kriegsministerium. Wir
+warteten lange vergeblich, er schrieb noch einmal und erhielt die
+Antwort, daß ein Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung
+aufgehoben werden könne, daß meinem Ersuchen demnach nicht stattgegeben
+werden könne.
+
+So waren meine Hoffnungen zerstört und ich mußte mich in das Geschick
+fügen. Ich wurde nach Rom geschickt, um in der Druckerei des Kommandos
+der Strafabteilung zu arbeiten. Es war ein großer Arbeitsraum in dem
+Kommandogebäude, drei Maschinen und acht Pressen machte die Druckerei
+aus, ich mußte mit einem Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten
+und bekam außer der Soldatenkost fünfzig Centesimi täglich. Hier blieb
+ich zwei Monate, während dieser Zeit schloß ich enge Freundschaft mit
+dem Bureauschreiber. Eines Tages sagte ich zu ihm:
+
+»Rom...,« so hieß er, »wäre es nicht möglich, im Bureau eine hübsche
+kleine Fälschung zu machen, die mir sehr nützlich sein könnte?«
+
+»Was für eine Fälschung?« rief er, die Augen aufreißend und mich
+anstarrend.
+
+»Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, könnten wir
+daraus nicht 1868 machen?«
+
+»Was für einen Unsinn verlangst Du, willst Du mich auf die Galeere
+bringen?«
+
+»Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, daß Du noch ein Neuling in diesen
+Dingen bist.«
+
+An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber ich ließ nicht nach, bis
+ich ihn verführt.
+
+Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, ich veranlaßte ihn mehr zu
+trinken als gewöhnlich und als es mir schien, daß der Weinrausch ihn
+umnebelt hatte, fing ich von neuem von der Fälschung an.
+
+Wir gingen hinaus, er sagte:
+
+»M..., warte ein wenig, ich will sehen, ob jemand im Bureau ist.«
+
+Er kam taumelnd wieder heraus, die Sache ging gut.
+
+»Komm,« sagte er, »im Bureau ist niemand.«
+
+Wir gingen die Treppe hinauf, ich gab ihm eine Cigarre, wir traten in
+das Bureau; er schlug das Register auf, ich suchte meinen Namen, bei dem
+die Jahreszahl 1869 eingetragen war, mit einem Federmesser kratzte ich
+die unverschämte 9 aus und setzte eine liebliche 8 an die Stelle.
+
+Wir brachten alles wieder in Ordnung, darauf gingen wir in ein Café und
+dachten über unsere That nach.
+
+Nach zwei Monaten wurde ich wieder von Rom fortgeschickt und kam zum
+Lido zurück.
+
+Kaum wieder bei der Kompagnie wurde ich sofort einem der Forts
+zugeteilt, welche Venedig umgeben.
+
+Die Aufgabe der zum Dienste in den Forts detachierten Soldaten war:
+niemand ohne Erlaubnis des Chefs der Wache einzulassen, die Bollwerke
+täglich und einige Male Nachts zu überwachen, zu verhindern, daß irgend
+wer topographische Aufnahmen der Gegend machte, niemand an den
+Festungsgraben kommen zu lassen und das Fischen darin zu verhindern; das
+Fort sauber zu halten und auf das Losungswort zu antworten.
+
+Ich wurde nach dem Fort San Andrea, unweit dem Lido geschickt; dieses
+Fort war ganz von Wasser umgeben; ein Boot, das von einigen Schiffern,
+Soldaten aus meiner Kompagnie, bedient wurde, lag in der Nähe vor Anker;
+der Chef der Wache war ein alter Veteran.
+
+Hier führten wir ein patriarchalisches Leben, in der fortwährenden
+Einsamkeit betrachtete man täglich die Schlechtigkeit der Menschen, die
+Schönheit der silbernen Lagunen, die Ungeheuerlichkeit dieser bösen
+Welt, die Schönheit des klaren venetianischen Himmels; hier sah man
+Venedig in seiner ganzen Größe, die flinken Gondeln huschten zu
+hunderten über die klare, krystallhelle Flut, man sah den Lido mit
+seinen hohen Bollwerken und großen Kanonen, man sah die anderen Forts,
+die wie kleine Erdhügel hier und da verstreut lagen.
+
+Ein großes Genie würde dazu gehören, um diese entzückenden Wunder der
+Natur und der Menschenhand zu beschreiben.
+
+Ich blieb mehrere Monate in diesem Fort, las Romane und schrieb einige
+Sachen, die ich meinem Freunde in der Kompagnie zur Korrektur schickte.
+
+Dann kam Befehl von der Strafabteilung, daß die Detachements in den
+Forts abwechseln sollten, indem jeder Soldat acht Tage lang dableiben
+sollte; infolge dessen mußte ich, sehr gegen meinen Wunsch, wieder zur
+Kompagnie zurück und ein anderer nahm meinen Posten ein.
+
+Wie es kam, mag Gott wissen, genug, unser edler Hauptmann Guar... wurde
+als Direktor des Militärgefängnisses nach Savona versetzt.
+
+Wir waren darüber sehr ungehalten und beklagten den schmerzlichen
+Verlust lebhaft.
+
+An seine Stelle kam der Hauptmann Alessandro Ter..., ein bestialischer,
+bösartiger Mensch. Dieser Henker hatte Weib und Kinder; er war ein
+schrecklicher unerbittlicher Schinder, ein bestialischer Mensch, eine
+Bestie von Natur und Charakter, launisch, hämisch, bockbeinig wie ein
+Esel; immer bereit, Böses zu thun, wurde er eine wahre Geißel für uns
+arme Soldaten. Nach soviel Freuden solche Leiden: so wechselt das
+menschliche Leben, so ändern sich die Dinge in einem Augenblick.
+
+Zehn Stunden täglich ward exerziert mit dem Gewehr im Arm und dem
+Tornister auf dem Rücken.
+
+Unsere Soldaten hatten Zündnadelgewehre, ein altes Modell, welches nicht
+schoß, krumme, unbrauchbare Flinten ohne Bajonett; wenn wir ausgingen,
+durften wir nur den Gürtel umschnallen, keinen Säbel, statt des Helmes
+trugen wir die Mütze.
+
+Wie gesagt: zehn Stunden täglich exerzieren, im Sommer unter der
+sengenden Sonnenglut, im Winter im Schnee, im Regen, im Schmutz -- und
+wie auch das Wetter war, immer mußten wir zehn Stunden exerzieren.
+
+Eine eiserne Disziplin spannte uns wie mit einem Ring zusammen,
+unaufhörlich regnete es Strafen, die Arrestzellen waren überfüllt,
+rostige und schimmelige Ketten wurden den Ärmsten angelegt, sechzig Tage
+mußten sie bei Wasser und Brod schmachten, viele wurden vor ein
+Kriegsgericht gestellt und zu langjährigen Strafen verurteilt.
+
+Theater, Musik, Spiel, Gesang, Lachen und Scherzen -- alles war vorbei;
+wehe dem, der noch daran dachte und sich nicht dem eisernen Willen des
+herzlosen Tyrannen, des unerbittlichen Schinders beugte.
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Die Offiziere, seine Untergebenen, waren eine Aasbande, die für
+kärglichen Sold gekauft war; die Chargierten folgten dem Beispiel der
+schändlichen Bestie, sie hoben frech ihr Haupt, das Hauptmann Guar... in
+den Staub gebeugt hatte. Sie erstatteten falsche Anzeigen,
+ungeheuerliche erlogene Meldungen und er, der legitime Schinder
+verurteilte stets, ohne Erbarmen, er hörte auf keinen Einwand, sondern
+sagte: »Der Soldat legt seinen Verstand vor dem Kasernenthor ab!«
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Weil ich während des Exerzierens mit meinem Nachbar ein einziges Wort
+gesprochen hatte, verurteilte er mich zu dreißig Tagen strengem Arrest
+bei Wasser und Brot.
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Ein so trauriges Leben führten wir unter dem Kommando des Hauptmanns
+Alessandro Ter... verfluchten Angedenkens, nach soviel Glück, Frieden
+und Fröhlichkeit gerieten wir in Trübsal, Kummer und Unglück.
+
+Das Essen war schlecht, ungenießbar, der Mehlbrei war trocken und
+schwarz, das Fleisch stinkig, das Brot trocken, schwarz und ungar, alles
+war schlecht, nach soviel Glück gerieten wir in soviel Übel.[61]
+
+ [61] Diese Übertreibung _in pejus_ bildet den logischen Gegensatz zu
+ der vorherigen optimistischen Übertreibung. Jeder begreift, daß die
+ Lebensbedingungen sich nicht so sehr ändern konnten. Dieser
+ leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch für die
+ Epileptiker.
+
+Ich wiederhole es, es würde die Feder der größten Männer erfordern, um
+die Schändlichkeiten, die Grausamkeiten, die Schindereien zu schildern,
+deren der Hauptmann Alessandro Ter... uns aussetzte.
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Meine Freunde Frol..., Mastr..., Perlil..., Ata... und andere junge
+Leute von Bildung und Wissen wurden ein Opfer dieser Bestie in Uniform,
+dessen Gattin, Frau Matilde, kein anderes Bestreben hatte, als ihm
+täglich ein neues Horn auf den Kopf zu pflanzen; sie hielt es mit dem
+Feldwebel, und er, der uniformierte Hahnrei wußte alles und war stolz
+auf die prächtigen Hörner, die auf seiner Mörderstirne prangten.
+
+Drei lange Jahre verbrachte ich in diesem Labyrinth des Jammers, Gott
+weiß wie; ich war pünktlich und aufmerksam im Dienst, aber mehrere Male
+wurde ich von dem Hauptmann Alessandro Ter... wegen nichtiger Vorwände
+in strengen Arrest geschickt, und verbrachte zwanzig, ja dreißig Tage
+bei Wasser und Brot.
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Ein niederträchtiger Lieutenant, mit einem Gesicht wie ein Affe, ein
+Lilliputaner, Antonio Car..., eine Bestie noch unter dem Vieh, der nicht
+einmal italienisch sprechen konnte, sondern nur seinen breiten
+piemontesischen Dialekt kauderwälschte, hatte es auf mich abgesehen und
+tadelte und meldete mich, wo er konnte.
+
+Eines Tages meldete er mich, weil ich ihn angesehen hatte, ohne ihn zu
+grüßen und dieser Schinder, Alessandro Ter..., verurteilte mich zu
+fünfundzwanzig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Aus dem Arrest entlassen, nahm ich mir vor, der verfluchten Dienstzeit
+einen großen, tragischen Abschluß zu geben, so sehr hatte mich die
+Strafe erbittert. Ich ging in eine Schenke und goß mir einen Liter Wein
+in den Magen, und als ich merkte, daß die Weindünste mich umnebelten,
+ging ich nach Hause, holte meinen Dolch und legte mich angekleidet zu
+Bett. Der Lieutenant mit dem Affengesicht hatte die Ronde; er mußte
+gegen Mitternacht in mein Zimmer kommen, um zu sehen, ob alles still war
+und ob die Lampen ordentlich brannten.
+
+Kurz vor Mitternacht erhob ich mich und stellte mich auf der Treppe auf,
+wo der Offizier vorbei mußte, entschlossen, ihm, sobald ich ihn sah, in
+den Rücken zu springen und ihn zu durchbohren.
+
+Ich hörte Schritte und glaubte, die Zeit sei gekommen, aber es war mein
+Kamerad Mastr..., der sich, weil er auf Wache war und es grimmig kalt
+war, seine Decke geholt hatte -- würde er entdeckt, so wären ihm
+vierzehn Tage Wasser und Brot gewiß, auf Anordnung des hochedlen
+Hahnreis Alessandro Ter...
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Ohne ein Wort zu sagen ging Mastr... vorbei, kam mit seiner Decke zurück
+und ging wieder heraus. Es war Winter, es schneite in großen Flocken, im
+Hof lag der Schnee zwei Handbreit hoch und unaufhörlich senkten sich die
+Flocken herunter.
+
+Alles war still, einförmig drangen die Schritte des Nachtpostens an mein
+Ohr.
+
+Der Lieutenant kam nicht, schon war es ein Uhr, die Grabesstille, das
+Schneien, das Dunkel und die jetzt lauten, jetzt verhallenden Schritte
+der Schildwache machten mir Furcht, vor meinem furchtbaren Entschluß
+wurden Herz und Seele matt.
+
+Jetzt schlug es zwei, ein verteufelter Lärm entstand in der Wachtstube,
+ein Kommen und Gehen von Soldaten, Waffengeklirr, ich trat an die
+Fensterbrüstung und sah zur Wachtstube herein, da erblickte ich
+bewaffnete Soldaten, zwei Korporale und einen Sergeanten; sie kamen
+herein unter Anführung des Lieutenants mit dem Affengesicht, sie stiegen
+die Treppe hinauf.
+
+Die Sache ist nicht richtig, dachte ich, ziehe die Stiefel aus und renne
+barfuß in meine Kammer.
+
+Den Dolch versteckte ich in dem Strohsack, entkleidete mich rasch und
+zog die Bettdecke über, dann that ich, als ob ich friedlich schlief. Der
+Lieutenant trat ein mit seiner Begleitung, die Betten wurden gezählt, an
+mein Bett trat er heran, lüftete die Bettdecke und sah mich an.
+
+Am andern Morgen, als uns in der Instruktionsstunde das neue Gewehr,
+Modell 1870 Wetterli, erklärt wurde, rief der Lieutenant mich heraus.
+
+»M...«, sagte er, als wir allein waren, »Sie haben gestern Nacht
+versucht, mich zu ermorden.«
+
+»Ich, Herr Lieutenant! ich hätte versucht, Sie, einen Vorgesetzten zu
+ermorden?«
+
+»Genug, M..., ich weiß alles, bedenken Sie, daß ich eine zahlreiche
+Familie zu ernähren habe, die ohne mich, da ich kein Vermögen habe, ihr
+Brot auf der Straße erbetteln müßte. Ich meinerseits habe gefehlt, indem
+ich Sie öfter getadelt und gemeldet habe, Sie, indem Sie das große
+Verbrechen auf sich luden, mich ermorden zu wollen. Jetzt ist alles aus,
+ich werde die Sache begraben sein lassen, thun Sie dasselbe, wir wollen
+gute Freunde bleiben, einverstanden, M...?«
+
+»Ja, Herr Lieutenant«, antwortete ich.
+
+Von diesem Augenblick ab war der Lieutenant zuckersüß zu mir und übte
+alle möglichen Rücksichten gegen mich.
+
+Und wie hatte er es erfahren, daß ich ihn töten wollte?
+
+Mein Kamerad Mastr... hatte mich gesehen, als er seine Decke holte und
+aus dem Umstande hatte er meine Absicht erraten; er begab sich zu dem
+Lieutenant und benachrichtigte ihn, bat ihn aber, unter keinen Umständen
+seinen Namen zu sagen; denn wenn er ihn jetzt warnte, so geschähe es, um
+ihn vor Schaden zu bewahren; morgen könne man ihn auf die Folter spannen
+und er würde kein Wort sagen.
+
+Drei Jahre verbrachte ich so im Elend, oft und aus nichtigen Gründen
+wurde ich bestraft, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und
+gingen jahrelangen Kerkerstrafen entgegen.
+
+Nachts, anstatt zu schlafen, lag ich wach und quälte mein Hirn, um nicht
+in irgend eine Schlinge zu geraten.
+
+Nie werde ich die Kaltblütigkeit meines Freundes Frol... vergessen.
+
+Eines Abends saßen wir in der Schenke, mehrere Soldaten und ein Sergeant
+von unserer Kompagnie, und sprachen bei einem Becher Wein und einem
+Stück Brot über Politik, dabei war Frol... anderen Sinnes als der
+Sergeant, sie gerieten in Wortwechsel und schließlich gab der schuftige
+Sergeant dem Frol... eine mächtige Ohrfeige auf die rosige Wange.
+Frol... blieb ruhig und kalt, lächelnd bat er den Wirt um eine Schüssel
+mit Wasser, stellte sie vor dem Sergeanten auf, wusch sich das Gesicht,
+füllte sein Glas und stieß mit dem Sergeanten an, indem er sagte:
+
+»Trinken wir auf das Wohl der Armee und auf uns armen Sünder!«
+
+Der Sergeant wollte nicht Bescheid thun, mit schamrotem Gesicht ging er
+von dannen.
+
+Der Vorfall kam dem Hauptmann zu Ohren, er rief Frol..., faßte ihn am
+Arm und sagte:
+
+»Sie sind ein schlechter Soldat, ein neapolitanischer Trotzkopf, aber
+wir werden Ihnen Ihren Starrsinn austreiben: Sie haben dreißig Tage
+strengen Arrest bei Wasser und Brot, damit Sie Ihren Hauptmann
+Alessandro Ter... nicht vergessen.«
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+
+Die Entdeckung.
+
+Ein ministerieller Erlaß ordnete an, daß die Soldaten der
+Strafkompagnie, die mit mehr als sechs Monaten Gefängnis bestraft waren
+und der Aushebungsklasse 1868 angehörten, auf dauernden Urlaub entlassen
+werden sollten. Die hiervon betroffenen Soldaten freuten sich und sahen
+ungeduldig der Stunde entgegen, wo sie dieser Hölle entrinnen konnten;
+auch ich freute mich, aber nicht ganz aufrichtig, denn ich wußte, daß
+etwas dabei nicht ganz in Ordnung war. Infolge meiner Sparsamkeit hatte
+ich mir eine ganze Ausstattung angeschafft, die ich, nachdem ich
+dreizehn Jahre lang von Hause entfernt war, gut gebrauchen konnte. Denn
+zu Hause war ich sicher, nichts vorzufinden, wie wäre das möglich, da
+mein Bruder vor =Hunger starb= und =im tiefsten Elend= saß. +Der
+Ärmste!!...+
+
+Endlich kam das Verzeichnis der Soldaten, welche auf dauernden Urlaub
+gingen, sie wurden zusammengerufen und ich mit; mein Herz schlug heftig,
+die Beine trugen mich kaum, mein Geist war trübe und verwirrt. Warum?
+Ich wußte es selber kaum.
+
+Unsere Uniform wurde uns ausgezogen, nur den Drillichanzug behielten
+wir, auch die Waffen wurden uns abgenommen und jedem von seinem Guthaben
+acht Lire und fünfzig Centesimi abgezogen. Den ganzen Tag herrschte ein
+Kommen und Gehen, wir waren sechsundachtzig Mann.
+
+Am Abend wurde uns der Paß ausgestellt, unser Guthaben ausgezahlt und
+das Fahrgeld für die Eisenbahn übergeben. Als der Hauptmann mich sah,
+sagte er:
+
+»Es thut mir leid, daß Sie schon fortgehen, ich hätte Sie gerne noch
+etwas länger hier gehabt, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter...
+nicht vergessen.«
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
+Am nächsten Sonntag reiste ich, nachdem ich meine Kameraden umarmt
+hatte, von Venedig dritter Klasse nach Bologna ab; die meisten fuhren
+nach Florenz, ich allein mit einem Gefährten nach Ancona.
+
+Ich hatte noch eine Anzahl Zehnlirenoten; in Bologna gingen wir in eine
+Schenke, dort ließ ich mir einen Bettler kommen und schenkte ihm meinen
+Drillichanzug, während ich mich in meinen schönen Zivilanzug kleidete.
+Dem Bettler schenkte ich alles, Hose, Jacke, Binde, Mütze, ja sogar das
+Taschentuch, um durch nichts mehr an den Hauptmann Alessandro Ter...
+erinnert zu werden.
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
+Dann gab ich ihm eine Zweilirenote und sagte:
+
+»Da, iß und trink, und wenn jemand Dich fragt, wer Du bist, dann sage,
+Du bist aus der ersten Strafkompagnie entlassen.«
+
+Als der Bettelsoldat fort war, sagte mein Kamerad:
+
+»Dem hast Du was schönes eingebrockt!«
+
+»Wieso?«
+
+»Weil er, ehe noch eine Stunde verstrichen ist, verhaftet sein wird.«
+
+»Unmöglich!«
+
+Tags darauf reiste mein Gefährte nach Ancona ab; ich fuhr nicht mit,
+nicht eigentlich um mir Bologna anzusehen, sondern weil es mir Vergnügen
+machte, allein und von niemandem gekannt, zu reisen.
+
+Nach vier Tagen fuhr ich nach Ancona, und depeschierte an meinen Bruder
+um Geld, worauf ich eine telegraphische Anweisung über zwanzig Lire
+empfing; dann reiste ich weiter.
+
+In Taranto blieb ich zwei Tage, hier schrieb ich in mein Taschenbuch,
+daß ich auf Ministerialerlaß vom 7. Juni 1881 am 14. Juni 1881 auf
+dauernden Urlaub entlassen sei; in Bari hielt ich mich zwei Tage auf,
+von Foggia aus telegraphierte ich wieder an meinen Bruder um Geld; hier
+blieb ich sechs Tage, da ich einen Unglücksgefährten traf, mit dem ich
+in Lucera zusammen im Gefängnis gewesen war. Am siebenten Tage ging ich
+zum Bahnhof; gerade wollte ich nach Polenza abfahren, als der Schaffner,
+welcher die Fahrkarten zu durchlochen hat, mich nach meinem Billett
+fragte, und nachdem ich es ihm gezeigt hatte, sagte:
+
+»Sie sind Soldat?«
+
+»Ja.«
+
+»Und haben Sie die Erlaubnis, in Zivil zu reisen?«
+
+»Nein.«
+
+»Nun, dann ziehen Sie Uniform an, oder bezahlen wie jeder andere
+Zivilist, so kann ich Sie nicht mitfahren lassen.«
+
+Ich widersprach, der Kontrolleur kam herzu und gab mir unrecht. Ich
+mußte aussteigen und überlegte was zu thun sei. Ich hätte mich ja bei
+der Militärbehörde melden können, aber in meinem Paß war angegeben, daß
+ich wegen schlechter Führung unter Aufsicht stand.
+
+Als Zivilist zu bezahlen kostete viel Geld und das hatte ich nicht, in
+Foggia konnte ich nicht bleiben -- was war da zu thun?
+
+Endlich faßte ich mir ein Herz und begab mich zur Militärbehörde, wo der
+Oberst mir den Vermerk in den Paß schrieb, daß ich Zivilkleider tragen
+dürfe. Erleichtert ging ich von dannen, tags darauf reiste ich nach
+Polenza, von da nach Catanzaro und dann nach Pizzo. Von hier ließ ich
+mich in einem Boot nach meinem Heimatort rudern; mein Neffe Francesco
+Antonio, der älteste Sohn meines Bruders erwartete mich. Ich betrete das
+Haus meines verstorbenen Vaters, es war Abend und die Nacht brach heran,
+mein Bruder umarmte mich und weinte vor Ärger, da er gewünscht hatte,
+daß ich das väterliche Dach nie wieder gesehen hätte; aber ihm lachte ja
+noch der süße Trost, daß ich von Mörderhand fiel oder an der
+Schwindsucht in irgend einem Krankenhause verendete.
+
+»Wie Du elend aussiehst,« sagte er, tiefen Schmerz heuchelnd.
+
+»Das macht nichts lieber Bruder; so sieht das Unglück aus, es ist das
+Werk des Hauptmanns Alessandro Ter..., +der tausendmal verflucht sei+;
+aber bald werde ich mich erholt haben; ich war schon elender als jetzt,
+und unter Eurer Pflege werde ich bald wieder frisch und rund sein, eine
+Zigeunerin hat mir in Genua prophezeit, daß ich ein Baum sei, der in
+jedem Sturm zerzaust würde, aber daß ich mich bald wieder mit Blüten und
+hellem Grün bekleiden würde.«
+
+Ich fand sechs kleine dreckige Kinderchen vor, zerlumpt, barfuß, halbtot
+vor Hunger und Durst -- es waren die Kinder meines Bruders.
+
+Ich sah seine würdige Gemahlin, Donna Michela, ein Weib wie ein
+Kürassier, wenn sie ging, zitterte der Boden unter ihrem großen,
+schweren Fuß, sie war kurzsichtig und kniff die Augen zusammen, wenn sie
+mich ansah; stets hingen ihr die fetten Brüste aus dem geöffneten
+schmutzigen und zerrissenen Kleid heraus.
+
+Ich fand zwei alte kindisch gewordene boshafte Nonnen vor, es waren die
+Schwestern meines armen verstorbenen Vaters.
+
+Mehrere Tage hindurch quälte eine schreckliche Krankheit ein Glied
+meines Körpers, ich legte mich zu Bett und rief den Doktor Antonino di
+Vita, doch die Schmerzen wurden stärker und zerrissen mir das Herz. Als
+ich endlich auf dem Wege der Besserung war, erhielt der Bürgermeister
+unserer Stadt die niederschmetternde Nachricht, daß ich auf Anordnung
+der Militärbehörde sofort zurück geschickt werden solle, da ich
+irrtümlich auf dauernden Urlaub gegangen sei.
+
+Dieser Befehl wurde mir mitgeteilt, meine Verzweiflung kannte keine
+Grenzen, mehrere Male setzte ich den kalten Lauf meines Revolvers an die
+Schläfe und war im Begriff mir den Kopf zu zerschmettern, aber ein
+anderer Gedanke kam dazwischen und sagte: Lebe und leide!
+
+Ich schickte ein ärztliches Attest, daß ich nicht reisen könne und bekam
+vierzehn Tage Aufschub.
+
+Nach diesen vierzehn Tagen mußte ich abreisen, um unter die Knechtschaft
+des Tyrannen zurückzukehren, um noch einmal in jenem Labyrinth in Jammer
+und Pein zu leben, wo Arrest und Kettenhaft, Wasser und Brot herrschen
+und jener schändliche Hauptmann Alessandro Ter...
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
+Ich bewaffne mich wie ein Brigant, eine Doppelbüchse über die Schulter,
+einen Revolver an der Seite, zwei Pistolen in der Tasche, einen langen
+Dolch und Säbel, Patronen, Pulver und Schrot trug ich in einer alten
+Patronentasche, so begab ich mich in die bergigen Gefilde von Daffina,
+entschlossen, die Karabinieri über den Haufen zu schießen, wenn sie mich
+verfolgen sollten.
+
+Die Zeit war um, wo ich mich in Catanzaro hätte melden müssen, jetzt war
+ich Deserteur.
+
+Nach sieben Tagen entschloß ich mich, das Schicksal walten zu lassen,
+ich ging nach Catanzaro und stellte mich der Militärbehörde. Hier gab
+man mir mein Reisegeld und ich machte denselben Weg zurück, den ich vor
+zwanzig Tagen gefahren war.
+
+Ich trug den Tod im Herzen, die Abteilungen dritter Klasse waren voll
+von Soldaten, die fröhlich sangen; auf den Stationen war ein Drängen,
+ein Gehen und Kommen, Ein- und Aussteigen, Umarmen, Begrüßen; fröhlich,
+jauchzend trennten sich die Kameraden, es war die Klasse 1868, die
+entlassen war; nur ich, der ich derselben Klasse zugehörte, mußte zum
+Regiment zurück! Welch trübes Verhängnis konnte mich erwarten unter der
+Herrschaft des ausgemachten Hahnreis, des Hauptmanns Alessandro Ter...?
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
+Was in mir vorging, das vermag keine Feder zu beschreiben; denn gewisse
+Schmerzen fühlt man zwar, aber man kann sie nicht äußern; die Furien der
+Hölle bemächtigten sich meiner, ich fluchte wie ein Verdammter, ich
+zerbiß mir die Hände, die Arme, ich riß mir das Haar aus und rannte mit
+dem Kopf gegen die Wand, ich schlug mir mit den Fäusten vor die Stirn
+und stopfte mir die Finger in die Ohren, um nicht den Gesang, das
+Stimmengewirr zu hören; ich war neidisch auf deren Glück, ich wünschte
+taub und blind zu sein.
+
+Nach einer langen und anstrengenden Reise kam ich auf dem Lido an, es
+war ein Uhr Nachts, ich ging zu meiner Kaserne und klopfte an die
+eisenbeschlagene Thür, ein Fenster öffnet sich und der wachthabende
+Sergeant sagt:
+
+»Wer ist da?«
+
+»Ich -- ist hier Wohnung für mich?«
+
+»Nicht übel, meinen Sie, hier sei ein Gasthaus?«
+
+»Ja, aber ein unfreiwilliges.«
+
+»Wer sind Sie denn?«
+
+»Wer soll ich sein!«
+
+»Wie heißen Sie?«
+
+»Antonino!«
+
+»Sind Sie verrückt?«
+
+»Man möchte es meinen.«
+
+»Woher kommen Sie?«
+
+»Von Hause.«
+
+»Und zum Teufel, was wollen Sie denn?«
+
+»Was ich gesagt habe.«
+
+»Und das ist?«
+
+»Hier wohnen.«
+
+»Hier wohnen nur Soldaten.«
+
+»Ich bin Soldat.«
+
+»Bei welchem Regiment?«
+
+»Ich gehörte nicht zum Regiment.«
+
+»Also zur Kompagnie?«
+
+»Ja.«
+
+»Zu welcher?«
+
+»Zur ersten.«
+
+»Zur Strafkompagnie?«
+
+»Ja, zur Strafkompagnie!«
+
+»So warten Sie!«
+
+Er öffnete die Thür, fuhr mir mit der Nase in's Gesicht und sagte dann:
+
+»Ah, Sie sind es, geliebter M..., seien Sie mir willkommen!«
+
+Ich trete ein, der Hauptmann wird gerufen und erscheint mit dem
+Lieutenant _du jour_.
+
+»Nun, paßte es Ihnen nicht zu kommen«, sagte der Hauptmann, »Sie
+scheinen zu glauben, daß wir hier dazu da sind, um auf Sie zu warten;
+Sie miserabler Kerl! Das werden wir Ihnen anstreichen. Führen Sie ihn
+sofort in Arrest und schließen Sie ihn krumm!«
+
+Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, daß ich vor ein Kriegsgericht
+gestellt werden würde und nach einigen Tagen, die mit Schmähungen
+seitens des gottverfluchten Hauptmanns Alessandro Ter... ausgefüllt
+waren, brachte man mich in das Militärgefängnis zu Venedig. Der
+Untersuchungsrichter vernahm mich, ich sagte aus, daß ich krank gewesen
+sei und deshalb meine Zeit überschritten habe. Nach einiger Zeit kam der
+Untersuchungsrichter wieder und überhäufte mich mit Schimpfreden; er
+hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor Antonino di V... und dem
+Bürgermeister meiner Heimatstadt mitteilen lassen, daß ich meinen Urlaub
+überschritten habe.
+
+Nun war ich verloren und erklärte mich der Desertion für schuldig.
+
+Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor Lodovico L... und
+sagte:
+
+»Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt haben, ich
+sehe wenig Aussicht für Sie.«
+
+»Herr Lieutenant«, sagte ich, »ich weiß, daß ich verloren bin, aber man
+muß vorsichtig operieren und versuchen, die harten Herzen der Richter zu
+erweichen«, und ich erzähle ihm in lebhaften Farben meine langen und
+schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei große helle
+Thränen fielen aus seinem schönen Auge.[62]
+
+ [62] Wiederum die gewöhnliche Übertreibung der Zuneigung, die der
+ Übertreibung des Hasses entspricht.
+
+»Sie Ärmster«, beklagte er mich, »soviel haben Sie gelitten und Sie
+leben noch! Ja, braver junger Mann, erzählen Sie den Richtern diese
+rührende Geschichte, und sicher, sie werden Mitleid fühlen. Ich wußte
+nicht, daß das menschliche Leben soviel Unglück und Schande birgt, daß
+das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. Sie Ärmster!«
+
+Er drückte mir zärtlich die Hand und ging erschüttert von dannen.
+
+Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte mir mit, daß der
+Staatsanwalt beabsichtigte, den Bürgermeister meiner Vaterstadt, den
+Doktor Antonino di V... und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea
+zur Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht wenig, denn was
+für einen Zweck hatte es, da ich mein Verbrechen selbst zugab. Es konnte
+mir nur Schaden bringen, denn sie würden auf der Eisenbahn zweiter
+Klasse fahren und das mußte ich bezahlen -- wozu nun diese Kosten
+verursachen?
+
+Mehrere Tage verbrachte ich deshalb in Sorgen.[63]
+
+ [63] Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, daß die
+ Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten?
+
+Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich mit den anderen Soldaten
+auf dem Hof, als der Wachtmeister aus Tropea erschien. Er sah mich und
+die Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt und sah uns
+wieder an.
+
+Man führte mich in das Gerichtsgebäude, das neben dem Gefängnis lag; ich
+nahm auf der Anklagebank Platz, der Staatsanwalt, in seine große
+schwarze Toga gekleidet, sah mich an und ein spöttisches Lächeln
+umspielte seine krummen Lippen.
+
+Die Richter nahmen ihre Plätze ein; der Vorsitzende war der Oberst vom
+8. Infanterie-Regiment; mein Verteidiger sah mich mit thränenfeuchtem
+Blick an.
+
+Der Präsident sagte:
+
+»Stehen Sie auf, M... und sagen Sie uns, weshalb Sie der Aufforderung,
+zum Regiment zurückzukehren, nicht Folge geleistet haben.«
+
+»Erlauchter Herr Präsident, mein gnädiger Herr Richter! Sie haben einen
+unglücklichen Menschen vor sich, der vierzehn lange Jahre hindurch vom
+Geschick grausam verfolgt worden ist, vierzehn entsetzliche Jahre lang
+hat meine Seele keine Ruhe gefunden; beim Zivil bin ich zu sechs Jahren
+Gefängnis verurteilt, die ich in düsteren Kerkermauern unter schwersten
+Entbehrungen verbracht habe -- als Soldat bin ich in Florenz aus
+nichtigen Gründen zu drei Jahren Arrest verurteilt, und in dem
+Pandämonium zu Savona habe ich sie abgebüßt und mein Leben dadurch um
+zwanzig Jahre verkürzt.
+
+In Salerno wurde ich unschuldig verurteilt, unschuldig in Gott, wegen
+der Schändlichkeit eines Korporals und der Blindheit der Richter, und
+unschuldig, ja unschuldig, meine Herren, sperrt man mich ein langes Jahr
+in eine entsetzliche Festung.
+
+Der ehrenwerte Herr Staatsanwalt weiß, daß ich die Wahrheit sage, er
+kann es bezeugen, daß ich unschuldig war, er hat selbst die Verurteilung
+des Korporals Alfonso S... beantragt, wegen Verleumdung und falscher
+Aussage wider mich. Der Herr Staatsanwalt kennt meine schmerzensreichen
+Abenteuer; er war bei allen meinen Verurteilungen zugegen, und ich habe
+wie ein wrackes Schiff, das den schäumenden Wogen überlassen ist,
+titanenhaft kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. Was wollen Sie jetzt
+noch, weshalb verfolgt mich die unerbittliche Schärfe des Gesetzes?
+
+Wollen Sie mein erbärmliches Leben?
+
+Nehmen Sie es, meine Herren, nehmen Sie es hin; ich gebe es Ihnen,
+nehmen Sie mich ganz, diesen Haufen von Knochen, an dem das Unglück sein
+Werk gethan, die Seele, die ...«
+
+»Genug, M..., genug! Beruhigen Sie sich, wir sind nicht von Stein«,
+unterbrach mich der Präsident gerührt.
+
+Meine glühenden Worte hatten Bresche gelegt in den Herzen der Richter,
+das zahlreich anwesende Publikum weinte, mein Spiel war gewonnen.
+
+Meine Vorstrafen wurden verlesen, aber mehr als alles schmerzte mich das
+Führungszeugnis, das mir der Hauptmann, Alessandro Ter... ausstellte.
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Der Wachtmeister der Karabinieri wurde aufgerufen und gefragt:
+
+»Kennen Sie den Soldaten M...?«
+
+»Ja, Herr Präsident.«
+
+»Wissen Sie, weshalb er desertierte?«
+
+»Meines Erachtens, Herr Präsident, ist M... kein Deserteur.«
+
+»Wieso?«
+
+»Weil er von seiner Vaterstadt bis nach Catanzaro sechs Tage gebraucht
+hat.«
+
+»Wie? Sechs Tage?« rief der Präsident aus, »und er sagt selbst, daß er
+drei Tage gebraucht hat.«
+
+»Wenn er die Eisenbahn benutzt hätte, aber diese Linie soll erst gebaut
+werden.«
+
+Er steckte die Hand in die Tasche seines Rockes und holte ein Blatt
+heraus, das er dem Präsidenten mit den Worten reichte:
+
+»Hier ist meine Reiseroute, ich habe sechs Etappen von Tropea nach
+Catanzaro markiert.«
+
+Der Präsident sah die Karte an, dann wandte er sich an mich und sagte:
+
+»M..., erinnern Sie sich, wieviel Tage Sie gebraucht haben?«
+
+»Genau nicht.«
+
+»Dann sagen Sie das, und sagen Sie nicht, daß Sie drei Tage gebraucht
+haben.«
+
+Damit wurde die Anklage wegen Desertion hinfällig. Der Präsident sagte
+noch, wie meine soziale Stellung in meiner Heimat sei, was für eine
+Meinung er von mir habe und der Ehrenmann sagte:
+
+»Seine Landsleute beklagen ihn und nennen ihn einen Unglücklichen, vom
+Schicksal nur zu sehr Heimgesuchten!«
+
+ +Gott segne ihn!+
+
+Der Staatsanwalt sprach bewegliche Worte zu meinen Gunsten, weil er die
+Ungerechtigkeit, die er mir vor dem Kriegsgericht zu Palermo angethan
+hatte, wieder gutmachen wollte, und er schloß damit, daß er seine
+Anklage nicht aufrecht erhalten könne.
+
+Mein Anwalt sagte bewegt:
+
+»Es ist unnötig, daß ich spreche; mein Client hat unsere Herzen gerührt
+und ich empfehle ihn Ihrer Güte und Gnade.«
+
+Der Gerichtshof zog sich zurück, der Staatsanwalt näherte sich der
+Schranke der Anklagebank und sagte:
+
+»Heute verdienen Sie das Jahr von Palermo.«
+
+»Das Jahr ist verloren.«
+
+»Sie werden freigesprochen werden.«
+
+»Ich habe nichts verbrochen.«
+
+»Nehmen Sie sich in Zukunft in Acht.«
+
+»Wohl möglich!«
+
+Der Gerichtshof trat wieder ein, ringsum herrschte das größte Schweigen;
+meine Freisprechung wurde durch den Mund des Präsidenten verkündet.
+
+Laute Hoch- und Bravorufe ertönten aus dem Publikum, ich sprang über die
+Schranken, eilte auf meinen Verteidiger zu und gab ihm einen lauten
+glühenden Kuß auf die Hand, und hätten die Umstände es erlaubt, so hätte
+ich dasselbe dem edlen Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea, dem Herrn
++Luigi Scr...+ gethan; die Hochrufe und das Beifallklatschen ertönten
+von neuem, und so schloß das rührende Schauspiel.
+
+
+Ein Jahr.
+
+Ich kam zur Kompagnie zurück, meine Unglücksgefährten umarmten mich,
+aber der Kommandant schmähte mich heftig und sagte:
+
+»Haben Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... vergessen?«
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
+Ein Befehl der Strafabteilung im Kriegsministerium verurteilte mich zu
+der harten Strafe von sechzig Tagen Wasser und Brot in Ketten.
+
+Ich mußte mich fügen, man schloß mich in eine dunkle Zelle und legte mir
+schwere Ketten um die Hand-und Fußgelenke, ich glaube keine Feder und
+keine Phantasie vermag meinen Zustand zu schildern und ich überlasse es
+dem gütigen Leser, je nach seiner Einbildungskraft sich eine Vorstellung
+davon zu machen. Wiederholt wurde ich krank, und der Stabsarzt, ein
+Landsmann von mir, sagte:
+
+»Es ist nichts, trinken Sie ein Glas Meerwasser, der Sergeant wird
+aufpassen, daß es geschieht, und es wird Ihnen gut bekommen« -- aber
+Gott, der allgerechte Richter vergalt ihm diese Schändlichkeit nach
+seinem eigenen Rezept.
+
+Es war im Monat Juli des Jahres 1881, der schändliche Stabsarzt begab
+sich an die Seeküste, um seine verfluchte Seele zu erfrischen; zwei
+Fährleute, die mit ihrem Boot in der Nähe waren, fragten, ob sie ihn
+begleiten sollten, wenn er hinausschwimmen wolle, er lehnte es ab, die
+Schiffer zogen sich in eine Strohhütte zurück und schliefen ein.
+
+Es war gegen Mittag, der Lieutenant zog sich aus, setzte sich einen
+großen Strohhut auf und glitt über das Wasser; die Schiffer wachten auf
+und sahen den Strohhut auf dem Wasser, sie dachten, der Lieutenant muß
+viel Hitze haben, denn es dauerte eine Stunde und er kam nicht heraus;
+endlich fahren sie mit ihrem Boot an den Strohhut heran, der aber
+hinwegtrieb; einer streckt nun die Hand aus und ergreift den Hut -- der
+Lieutenant war verschwunden. Die Schiffer begaben sich nach dem Kasino
+und erzählten den Vorfall.
+
+Alle Soldaten, Offiziere, Chargierten begaben sich nach der Küste und
+stellten sich am Ufer auf, und warteten, ob der Lieutenant den Wogen
+entsteigen wird, wie einst Venus dem Meeresschaum. Fünf Tage und fünf
+Nächte dauerte das, der Kommandant fuhr nach Venedig und hielt Vortrag,
+darauf wurde die ganze Bucht mit Schiffen aller Art nach dem elenden
+kleinen Lieutenant abgesucht und endlich am siebenten Tage wurde er zehn
+Kilometer von der Küste aufgefischt -- unförmig, ein ekler Haufen, ohne
+Augen.
+
+Er wurde auf dem Lido begraben; als die Soldaten an seinem Grab
+vorbeigingen, spuckte jeder aus und sandte ihm einen Fluch in die
+geweihte Erde nach, dem Stabsarzt Ger..., der Seewasser zu verschreiben
+liebte.
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Mein Arrest ging zu Ende, meine Kameraden nahmen mich unter die Arme und
+schafften mich nach dem Lazarett in Venedig, ich litt am Skorbut -- zwei
+Monate lang blieb ich dort.
+
+Kaum war ich wieder in der Kompagnie, als der Oberst mich zu zwanzig
+Tagen Arrest bei Wasser und Brot verurteilte, aber der Hauptmann Ter...
+behielt mich dreißig Tage in Arrest, damit ich mich stets an ihn
+erinnere, den charmanten Hahnrei Alessandro Ter...
+
+ +Er sei verflucht!+
+
+Ich fügte mich und ging in Arrest, sogleich kam der Hauptmann, schimpfte
+und schmähte mich und sagte hohnlachend:
+
+»Sie leben hier wie ein Fürst, Sie werden dick und fett wie ein Schwein,
+ich werde darüber nachdenken, wie ich Sie hier immer behalten kann.«
+
+Soll ich die Quälereien erzählen, die er mich erdulden ließ? So hört!
+
+Als ich eines Nachts auf Wache stand, nähert sich eine Gestalt, die
+Laternen verlöschen, ein heftiger Sturm schien die Kaserne in ihren
+Grundfesten erschüttern zu wollen.
+
+»Wer da?« rufe ich.
+
+»Ronde!« antwortet die Gestalt.
+
+»Sie dürfen nicht näher kommen, ich muß Sie erst dem dienstthuenden
+Offizier melden.«
+
+»Schweigen Sie, ich bin es, ich kann passieren.«
+
+»Ich kenne Sie nicht, zurück!«
+
+Er ging, am andern Morgen wurde ich zu dreißig Tagen Wasser und Brot
+verurteilt.
+
+Warum?
+
+Weil ich meine Pflicht gethan hatte.
+
+Wer war die Gestalt?
+
+Der Hauptmann Alessandro Ter...
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
++Weiter!+
+
+Eines Tages war ich in der Kaserne konsigniert, ich wußte es nicht, ich
+ging aus und als ich zurückkam, sagt mir ein Sergeant:
+
+»Sie kommen in Arrest.«
+
+Ich war zu zwanzig Tagen bei Wasser und Brot verurteilt, auf Befehl des
+Hauptmanns Alessandro Ter...
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
++Weiter!+
+
+Eines Sonntags war Inspektion, wir standen paarweise auf dem Hof, auf
+Kommando mußten die Tornister heruntergenommen werden, und der Hauptmann
+durchsuchte alles auf das genaueste.
+
+Als der Schinder mir gegenüber stand, nahm er mir die Mütze ab, um zu
+sehen, ob das Futter sauber war, dann ließ er mich die Ärmel
+zurückschlagen und der Teufel wollte, daß die Naht des Futters ein wenig
+aufgetrennt war.
+
+»Weshalb ist das nicht genäht?« sagte er.
+
+»Ich habe es nicht gesehen, Herr Hauptmann.«
+
+»Faule Ausreden; ich werde dafür sorgen, daß Sie es sehen, und Sie
+werden mir dankbar sein. Sergeant,« sagte er, sich an einen Chargierten
+wendend, »führen Sie ihn in Arrest, dort werden seine Augen schärfer.«
+
+Er verurteilte mich zu vierzehn Tagen bei Wasser und Brod, und täglich
+kam er in meine Zelle und sagte:
+
+»Wie es scheint, Sie sehen schon besser, bin ich nicht ein guter
+Augenarzt! Wenn Sie einmal wieder nicht sehen können, dann wenden Sie
+sich an Ihren Hauptmann Alessandro Ter...«
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
++Weiter!+
+
+Eines Morgens werde ich krank, ich hatte Fieber und der Arzt verschrieb
+mir etwas und ordnete zwei Tage Ruhe an.
+
+Der Hauptmann hob diese Anordnung auf und schickte mich fünfundzwanzig
+Tage in Arrest bei Wasser und Brot, indem er sagte, ich hätte das Fieber
+selbst herbeigeführt, um vom Dienst dispensiert zu werden.
+
+Er besuchte mich im Arrest und sagte:
+
+»Statt der zwei Tage Ruhe, habe ich Ihnen fünfundzwanzig bewilligt, ich
+hoffe Sie werden mir dankbar sein.«
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+
+
+Ich würde nie fertig werden, wenn ich alle die ungerechten, grausamen
+Sachen aufzählen wollte, die mir der verfluchte Schinder, der +große
+Hahnrei Hauptmann Alessandro Ter...+ und seine schändlichen Trabanten
+auferlegt haben.
+
+ +Sie seien tausend Mal verflucht!+
+
+
+Schluß.
+
+Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem ich so lange titanisch
+gekämpft hatte, wurde ich verabschiedet, und an dem Tage, wo ich für
+immer die elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen hielt, da
+weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich die eiserne Disziplin
+abstreifte und das elende Leben ein Ende hatte, wo ich in stiller
+Ergebung die Bedrückung der Vorgesetzten hatte ertragen müssen -- in
+jener Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die Unglücklichen,
+die Kranken und Schmachtenden verlassen mußte, da wieder schnürte sich
+meine Brust zusammen, ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich
+umarmte meine Leidensgefährten zum letzten Mal und ging von dannen, ohne
+den heißen Strom meiner Thränen zurückhalten zu können.
+
+Zwei Empfindungen kämpften in mir; der Schmerz, die Unglücklichen
+verlassen zu müssen und die Sehnsucht, meine Angehörigen wieder zu
+umarmen.
+
+Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als Kind mit meinen
+Altersgenossen gespielt hatte, und ein leuchtender Stern ging mir auf,
+die Erfüllung lang gehegter Hoffnungen verkündend. +Lebe wohl, Lido!
+Lebewohl, du fruchtbare Küste der Königin der Meere.+ Du allein kennst
+all die Unthaten, die uns heimgesucht, dir allein, dem Pandämonium der
+Schande und Schmach sende ich meinen letzten Gruß, der deinen Opfern
+Trost bringen möge!
+
+O +Serraglio+ (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), wo ich meinen
+Namen in Blut niedergeschrieben habe, ich grüße Dich! Möge in deine
+düstern Höhlen, wo das Eisen des Despotismus die Fäden des Lebens im
+Frühling der Jahre und in der Blüte jugendlicher Hoffnungen
+zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der Freiheit denen ertönen, die
+unter der Schändlichkeit dulden!
+
+Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrünt habt und verwelkt seid
+wie meine Schmerzen, lebt wohl ihr Felder, die ich mit meinen Thränen
+betaute.
+
+Leb' wohl, du trübe Woge der Adria; wie oft hast du im schäumenden
+Strudel deiner ewigen Fluten meine Thränen, das Echo meiner Leiden,
+hinabgezogen! Ich grüße dich, unseliges Gestade!... Und wenn mir eine
+Erinnerung in die Seele geprägt ist, so wird es die von der Qual sein,
+welche ich erlitt unter der drückenden Herrschaft der Tyrannen und der
+blutdürstigen Hyäne, des Hauptmanns Alessandro Ter... --
+
+ +Er sei tausend Mal verflucht!+ --
+
+Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens Volk knechtet, daß die
+blumige Erde rot von Blut und feuchten Thränen wird, jene Erde, welche
+die Wiege der Künste und Wissenschaften sein sollte, die immer wieder
+unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und dem Gelüst nach feilem Ruhme
+geopfert wurde.
+
+
+
+
+Vierter Teil.[64]
+
+Getäuschte Hoffnungen.
+
+ [64] In diesem letzten Teil der Schrift des M... wird der Leser einen
+ wahren Verfolgungswahn, eine wahnsinnige Erregung und einen Verfall
+ des Intellekts beobachten. Ich veröffentliche ihn, weil er die
+ Psychologie des Typus mit großer Treue zeigt, den leidenschaftlichen
+ Gigantismus, welcher das Erbteil der Epileptiker ist, wiedergiebt, und
+ gleichzeitig die Geschichte des M... abschließt, indem er sein letztes
+ Verbrechen in gewisser Weise erklären hilft.
+
+ Dieser Teil entbehrt auch der sinngemäßen Anordnung; er besteht aus
+ leidenschaftlichen Impressionen, die nicht von realen und
+ augenfälligen Thatsachen, sondern von Hallucinationen hervorgerufen
+ sind, wie sich aus dem Prozeß ergab und wie M... in einem Augenblick
+ der Ruhe selbst zu erkennen scheint, wofür der Brief an den Bruder,
+ der am Schlusse veröffentlicht ist, Beweis ablegt.
+
+
+Vorbemerkungen.
+
+Der Mensch denkt, Gott lenkt.
+
+Besser, den Teufel zur Seite haben, als ein schlechtes Weib.
+
+Unselig der Gatte, der sich des Friedens willen dem Unterrock beugt.
+
+Wer Pech angreift besudelt sich.
+
+
+An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.
+
+ Mein einzig geliebter Junge![65]
+
+Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, den ich Dir
+hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der letzte Teil meiner
+Erzählung, mit dem ich die traurigen und seltsamen Abenteuer meines
+Lebens abschließe.
+
+Meine Angehörigen quälten mich furchtbar, fortwährend lebte ich in
+Aufregung, sie beleidigten mich durch rauhe Worte und reizten mich auf
+tausenderlei Weisen, würdig einer Vettel, würdig der Tochter Spilingas,
+die von dem berüchtigten Ruina und den Schweinehändlern von Monte Poro
+großgezogen ist.
+
+Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen mir und dem elenden
+Scheusal, der mein Bruder heißt, dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen,
+verräterischen Wicht; die Gesellschaft wird, wenn meine Erzählung das
+Licht erblicken wird, urteilen über meine Handlungen und die des
+niederträchtigen Michele M..., über das unsaubere Betragen seines
+würdigen Weibes, der Schülerin des berüchtigten Ruina, der berühmten
+Tochter des berühmten Schweinehändlers von Poro, des Weibes, das
+sittenlos, geschwätzig, schmutzig, unwürdig ist, den geheiligten Namen
+Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser Erzählung sehen werden.
+
+Alles wirst Du hören, mein lieber Francesco, und Deine Landsleute werden
+es bestätigen.
+
+Tötlichen Haß sollst Du hegen gegen diese gemeine Brut, ich befehle es
+Dir; bekämpfe sie, wenn Du kannst, bis ins zehnte Glied und Deinen
+Söhnen, Deinen Enkeln übermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg
+muß zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, bis von
+Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Sproß mehr übrig ist -- dann werde
+ich vom Höllenrand aus Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder
+segnen und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben lassen.
+
+ Dein Vater
+Mai, 1888. Antonino M...
+
+ [65] Daß er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem Brief an
+ den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des Graphomanen.
+
+
+Wieder daheim.
+
+So bin ich denn erlöst von den schweren Ketten meines traurigen
+Unglücks, erlöst von dem grausamen Druck der Militärzeit, unter dem ich
+vierzehn lange Jahre geschmachtet habe.
+
+Ich bin im Schoße meiner Familie, in meiner lieben Heimatstadt
+Parghelia, in der Umgebung meiner Wohlthäter, meiner lieben Landsleute,
+die alle freundlich, liebevoll und edelmütig gegen mich sind.
+
+Wir stehen im Monat September 1882.
+
+Ich umarmte meinen Bruder, seine Sprößlinge; ich sah seine würdige
+Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor mir, ein Leben voll
+zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der
+brüderlichen Liebe.
+
++Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!+
+
+Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, daß ich Liebe,
+Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, da ich vierzehn Jahre alles
+hatte entbehren müssen, daß ich physischer und moralischer Hilfe
+bedürftig sei, und daß Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue
+Leben gewöhnt hatte; ich erklärte ihm rund heraus, daß er allein die
+Zügel der Familie halten solle, daß er das einzige Oberhaupt sein solle,
+um mit Sinn und Verstand alles zum Guten zu lenken; daß ich alles dazu
+beitragen wolle, für das Wohl seiner Kinder zu wirken, daß Harmonie und
+Friede zwischen uns herrschen, und eine weise Sparsamkeit im Haushalt
+walten müsse; nur um zwei Soldi für Tabak bat ich ihn, da dies das
+einzige Laster ist, dem ich ergeben bin.
+
+Ich bin mäßig im Essen, und der Mensch, der lange im Unglück gelebt hat,
+muß es sein. Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stück schwarzes Brot
+genügten mir, wenn ich das hatte, da dünkte ich mich ein Papst oder ein
+Prinz -- mit einem Salat, oder einigen Tomaten war ich glücklich.
+
+Nie bin ich ein =Fresser= gewesen, die Sparsamkeit hat meine Kehle und
+meinen Magen stets regiert, nie bin ich lecker gewesen -- ob die Suppe
+zu viel oder zu wenig gesalzen war -- stets habe ich sie mit gleichem
+Appetit verzehrt.
+
+Ich muß immer noch daran denken, wie ich in Neapel im Gefängnis saß, und
+der Reis schlecht gekocht und schlecht gewürzt war; damals schüttete ich
+meine Portion in einen großen Napf, aus dem wir uns sonst zu waschen
+pflegten, belegte mir ein großes Stück Schwarzbrot damit und verzehrte
+es mit dem größten Appetit der Welt.
+
+Meine schwache Feder möge ein Bild geben von den Familienmitgliedern,
+ihren Charakterzügen und inneren und äußeren Eigenschaften, damit man
+sich eine klare Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser
+schmutzigen Komödie auftreten.
+
+Michele M..., Familienoberhaupt, Hauptperson meines Dramas.
+
+Ein Mann in den Vierzigern, mit argwöhnischem, vorsichtigem, unruhigem
+Auge. Auf den ersten Blick sagt man: das ist ein Verräter, ein
+kleinlicher Sophist, eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein
+Skeptiker, ein Haufen von Scheußlichkeit. Michela M..., aus Spilinga,
+die Gattin des erwähnten Michele, die Schülerin des berüchtigten Ruina,
+die Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro, eine abgetakelte
+Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelmäßig gebaut, dick
+und fett; die Haare braun und struppig, die Stirn breit und flach, die
+Augen glanzlos; sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit,
+sie blickt mit halbgeöffneten Augen und kneift sie zusammen, als ob sie
+den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren will; sie sieht über ihre
+ungeheure Nase nicht heraus, die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu
+einer Fettmasse. Die Ohren sind lang und breit, die Wangen fettig und
+rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der Mund ist groß und krumm,
+die Oberlippe schmal, trocken, blutlos, die Zähne schwarz und schief,
+der Hals dick und stark und zwei starke Brüste hangen aus dem Schlitz
+des schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen stehen, denn
+sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz und schmierig.
+
+Was meint Ihr dazu? Und ich erzähle die Wahrheit, die reine Wahrheit,
+die mehr als einmal durch Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewiß, ganz
+gewiß, daß wenn meine Erzählung nur einer der Bestien in die Hände
+fällt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle spielen, sie trotz
+aller ihrer Bestialität nur sagen kann: Er erzählt nur die reine
+Wahrheit.
+
+Fünf Kinder, zwei Knaben und drei Mädchen.
+
+Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter Lümmel, der, wenn
+er geht, mit dem Kopf wackelt, als ob er einen Schlaganfall gehabt hat;
+er wiegt sich hin und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine
+würdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so der Sohn.
+
+Das älteste Mädchen, jetzt siebenzehnjährig, mit denselben Grundsätzen
+wie ihre Mutter, die brave, würdige Donna Michela, geschwätzig und
+liederlich.
+
+Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere.
+
+Hierauf können wir den Faden unserer ekelhaften Geschichte wieder
+aufnehmen.
+
+Zunächst begegnete mir mein Bruder und seine würdige Gattin, wie seine
+Söhne mit Liebe. Wir aßen zusammen, und ich schlief in einem mir
+gehörigen Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war.
+
+Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen Bruder und seine
+schmutzigen Kinder; täglich empfing ich zwei Soldi für Tabak.
+
+Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag mit den bloßen Brüsten
+herum, und es gefiel ihr, sie profanen Blicken zu zeigen, während sie
+mit den Hinterbacken schaukelte.
+
+Mein Bruder sagte zu ihr:
+
+»Michela, steck' die Klötze weg!«
+
+»Das halte ich nicht aus,« sagte sie schamhaft, indem sie ihren Hintern
+liebkoste. Dann zog sie sich die Strümpfe aus, so daß der große, lange
+und breite Fuß in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich
+nieder, hob den Rock auf und fing an Flöhe zu fangen: der Sohn und die
+Tochter standen dabei und lachten und freuten sich über ihre Mama. Welch
+schönes Beispiel, welche Schamhaftigkeit!
+
+Ich ärgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art von Laster und Schmutz
+gewöhnt war, nahm Anstoß an der ekelhaften Scene.
+
+Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne und ich nach Mandaradoni,
+einem kleinen Dorf, wo wir gemeinschaftlich einen Acker hatten;
+unterwegs fragte ich sie:
+
+»Habt Ihr Euer Testament gemacht?«
+
+»Ja«, sagte sie mit erloschener Stimme, »das haben wir gemacht.«
+
+»In welcher Weise, wenn man fragen darf?«
+
+»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«
+
+»Aber in welcher Weise?«
+
+»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«
+
+Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir heim gingen, fragte
+ich sie noch einmal und drohte ihr, wenn sie es mir nicht sagte, sie auf
+der Straße zu lassen und allein nach Hause zu gehen.
+
+Da erfuhr ich, daß sie alles meinem Neffen Francesco Antonio, dem Sohn
+des Michele M... vermacht hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord...,
+ihres Beichtvaters, den Michele M... dazu gebraucht hatte, war das erste
+Testament umgestoßen worden.
+
+Eines Tages saßen wir bei Tisch, die eine Tante nahm das Essen wie
+gewöhnlich mit den Fingern aus der Schüssel.
+
+»Scher' Dich vom Tisch, geh und friß' mit den Schweinen!« rief Donna
+Michela.
+
+Diese Unverschämtheit empörte mich nicht wenig, und der elende
+Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; das durfte die dreckige widerliche
+Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne
+so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino M..., genannt der
+Baronetto! Ich war still aus Klugheit, aber ich stand im Begriff, ihr
+einen Faustschlag auf ihre dicke Nase zu versetzen.
+
+Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen Donna Michela und
+dem alten Schwachkopf, sie schimpfte ihren Mann mit unflätigen Worten,
+und er schluckte das alles in stillem Ärger hinunter. Diese häßlichen
+Szenen mißfielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte und ihn zur
+Rede stellte, antwortete er:
+
+»Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in dem Schmutz des
+Schweinehändlers von Spilinga aufgewachsen, und vollgepfropft und
+vollgestopft mit den Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so
+ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren Brüdern umbringen
+zu lassen.«
+
+»Was, und das glaubst Du? Du fürchtest, daß die halbblinden Spilingoten
+Dich umbringen? Aber Mensch, Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du
+fürchtest Dich, daß Deine Michela Dich könnte ermorden lassen! Und von
+wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, daß Donna Michela Dich selbst
+umbringt, mit ihren dicken, fetten Hinterbacken!«
+
+»Ich fürchte mich vor ihren Brüdern.«
+
+»Elender Wicht, feiger Bruder! Was nützt Dir das Leben, wenn Du nicht
+einmal soviel Mut hast!«
+
+Die elende Bestie erzählte mir, in welcher Weise er von den Brüdern der
+Michela gequält, geärgert und geschunden wurde.
+
+Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach Spilinga, um meine
+Schwestern zu besuchen; die eine hatte den Antonio M... zum Mann, über
+diese kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an
+Gelegenheit, aber er kümmerte sich nie um meine Angelegenheiten.
+
+Ich mußte vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, den großen, dicken
+Giuseppe sah, den Mann meiner anderen Schwester. Nach seinem
+riesenhaften, kolossalen Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein
+großes Tier beim Gericht, ein Koloß von Knochen, Fleisch und Nerven,
+eine lebende Maschine; eine große Nase hatte er, mit mächtiger Brille,
+die er sich mit wichtiger Miene aufklemmte, als ob er Wunder was wäre,
+aber es war nur Albernheit, denn =ein dicker Mann, ein dummer Mann=, wie
+das Volk sagt; selbst in meinen langen Unglückszeiten sah ich nicht ein
+so dummes Vieh, wie meinen stumpfsinnigen Schwager, den großen Giuseppe.
+
+Für gewöhnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender Ritter; das arme
+Tier! alle Halbjahr wurde es gepfändet und von den Karabinieri nach
+Tropea gebracht, gepfändet wegen rückständiger Steuern, das unglückliche
+nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm und unwissend ist als sein
+Herr, dies Erzvieh!
+
+Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie ein hungriger Wolf,
+einen nußfarbenen Bart, dicke Lippen, einen großen, krummen Mund,
+häßliche Zähne, einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein
+verunglückter Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit
+geschildert, was die moralische betrifft, so war er ein ausgemachter
+Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner Verräter, ein schmutziger
+Filz, auf dem Mist geboren und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu
+verenden.
+
+Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, sie sprechen nur von
+Schweinereien, Keilereien, Prügeln, Faustschlägen, Ohrfeigen, Fußtritten
+u. s. w.: »Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du
+bist.«
+
+Nach zwei Tagen war ich müde, ihre Renommistereien, Donquixoterien
+anzuhören, ich kehrte zurück, und lachte über ihre Albernheiten und
+beklagte den armen Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte.
+
+Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren bloßen Brüsten, die
+aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, und lag im Fenster, um sich zu
+zeigen, immer hatte sie die Hände im Schoß oder streichelte ihre
+wackelnden Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand und sie
+that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden nicht einfädeln. Auch
+kochen konnte sie nicht, wo hätte sie in Spilinga kochen lernen sollen;
+ich muß noch lachen, wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war
+ein Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die Ausstellung
+gehört hätte; nie sah man sie spinnen oder stricken oder ein Möbel
+abwischen, wie es einer guten, fleißigen Hausfrau zukommt; sie wusch
+weder sich noch ihre Kinder, die voll Dreck und Läusen und Schmutz
+herumliefen.
+
+Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, Fußtritten und
+Schimpfworten zu behandeln, sie beherrschte alle im Hause, die Einnahmen
+und Ausgaben gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachköpfige Affe
+sich für zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mußte er sein liebes Weibchen
+erst bitten, ehe sie es ihm unter einer Flut von Schimpfworten gewährte.
+
+Ich, der ich sie kannte und richtig schätzte, hütete mich vor ihr und
+war entschlossen, wenn sie mir zu nahe käme, ihr einen Schlag ins
+Gesicht oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ich bat den armen
+Schwachkopf wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen
+Unterrock, den er sich hatte über den Kopf stülpen lassen, abzuwerfen.
+Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er konnte nicht los, er saß fest drin
+und ließ sich Leib und Seele fesseln, der Ärmste!
+
+Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte sie; einmal, als
+gerade die kräftige Faust der Donna Michela dem armen Schwachkopf auf
+die Nase sauste, warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne
+dazwischen: ein mächtiger Fußtritt schleuderte sie auf das Pflaster, daß
+sie die Beine in die Luft streckte; aber schnellfüßig erhob sie sich
+wieder und sprang wieder zwischen die kämpfenden Gatten, ein neuer
+Fußtritt, ein Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schußlinie;
+ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende dieser liebevollen
+Eheszene, und lachte, lachte aus vollem Halse.
+
+ +Ein edles Weib!+
+
+Nie habe ich in Stadt und Land ein so niederträchtiges Weibsstück
+gesehen, wie Donna Michela, einen solchen Haufen von Gemeinheit und
+Schmutz.
+
+O Mastriani, Du hättest die Scheußlichkeit dieses verkommenen Geschöpfes
+schildern müssen, und Du hättest ein Meisterwerk geschaffen, das Deine
+»Bettlerin«, Deine »Geheimnisse«, tausendfach übertroffen hätte; ich
+weiß nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken nicht zu
+folgen; aber andererseits, eine einfache Schilderung wird auch vom
+einfachen Menschen verstanden, der die Schriften eines Dante, eines di
+Vico, eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen würde.
+
+Und noch eines! Ich glaube, daß der Schriftsteller sich dem Thema
+anpassen muß, das er darzustellen hat; wenn man über Philosophie
+schreibt, braucht man Verstand, über Geschäfte, Gedächtnis, und über
+Litteratur, Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und
+Kenntnisse -- aber ich schreibe die Abenteuer der säuischen Donna
+Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, deshalb muß ich säuisch und
+schmutzig schreiben.
+
+Habe ich recht, Francesco Mastriani?
+
+Täglich sagte ich dem Schwachkopf, daß es so nicht weiter gehe, daß ich
+Ruhe und Frieden brauchte und nicht Zank und Streit sehen möchte, er
+war betrübt, trostlos und sagte:
+
+»Was soll ich machen, ich habe das Unglück, einen Satan zum Weib zu
+haben.«
+
+Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mußte ich meine Schmerzen
+dulden.
+
+Der Doktor di V... kam, niemand war da, ihm einen Stuhl anzubieten; er
+sagte:
+
+»Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, die kräftige Donna Michela
+kümmert sich nicht um Dich?«
+
+»Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie Sie sehen.«
+
+Er untersuchte mich, verordnete mir Umschläge von Lattich und ging
+betrübt von dannen.
+
+Ich mußte aufstehen, mich in die Küche schleppen, und selbst die
+Lattichblätter kochen, ein Tuch zurecht machen und die Umschläge
+anlegen.
+
+Und während dieser drei Tage, die ich krank war, wollten sie mich
+verhungern lassen, ja verhungern!
+
+Ich wurde wieder gesund und ging meinem gewöhnlichen Leben und
+häuslichen Gewohnheiten nach, ich kam zum Essen; oben am Tisch saß die
+brave Donna Michela, die Brüste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis
+auf die Nase, die Hände waren dreckig und schwarz, das Kleid schmierig
+und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der Nase; ihre halbverhungerten
+Kinder waren auch da, mit ihren Köpfen voller Patz und Läuse, ihren
+Rotznasen und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den elenden
+Fraß hinunter.
+
+Täglich beklagte sich der Schwachkopf bei dem üppigen Mahl, daß er etwas
+im Essen fand, lange Haare, Stücke Stroh oder Holz, Fliegen oder
+Mistkäfer; dann wieder schimpfte er, daß das Essen nicht gar oder
+versalzen war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie ich bezeugen
+kann, aber Donna Michela sagte:
+
+»Wenn Dir das Essen schmeckt, so iß; wenn nicht, geh in's Wirtshaus.«
+
+Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, schmierig und
+schmutzig zum Übermaß trug das Essen auf, das sie und die säuische Donna
+Michela gekocht hatte.
+
+Ich konnte nicht über meine zwei Soldi für Tabak verfügen, ich durfte
+kein Stück Brot annehmen; alles ging durch die Hände der Donna Michela,
+ich war immer zurückhaltend gegen das bösartige Weibstück und ließ mich
+nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele fand ich die ganze
+Erbärmlichkeit des Mannes, in der Donna Michela die ganze Schlechtigkeit
+des Weibes.
+
+Ich überlegte, was mir von einem Tag zum andern bei diesen beiden
+Dummköpfen begegnen konnte, hauptsächlich von der Verworfenheit und
+Bosheit der Spilingotin, und ich beschloß, mich von ihnen zu trennen.
+
+Als rücksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder mit, daß ich mich
+von ihnen trennen und für mich allein leben wollte. Mein Bruder willigte
+ein, und so gingen wir auseinander.
+
+Ich dachte ernstlich über meine Lage nach und fand sie höchst traurig;
+in allem mußte ich mich allein bedienen, -- that ich das nicht, so war
+ich in vierzehn Tagen voller Läuse.
+
+Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, sondern seinen Vorteil, er
+wäre froh gewesen, wenn ich mir den Hals gebrochen hätte, damit er noch
+das Wenige nehmen könnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen
+hatte; um seines Vorteils willen hätte der hinterlistige Mensch, mit
+seinem Herzen so schwarz wie die Nacht, seine Söhne verraten oder
+umgebracht, um seines Vorteils willen hätte er sein Weib zur Hure
+gemacht, um seines Vorteils willen hätte er seine Ehre dahingegeben,
+wenn er eine besessen hätte, ja sein Leben.
+
+Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch?
+
+Du unersättliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, Du würdest Deine Ehre
+um Deines Vorteils willen verraten, Deine Kinder verschachern, Dein
+schmutziges Weib verkaufen, Du Erbärmlicher, Du boshafte Bestie unter
+den Bestien, Du würdest Gott, Vaterland und Familie verraten um Deines
+Vorteils willen, feile Bestie!
+
+Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und stiehlst der Gemeinde und
+den armen Familienvätern das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du
+denn, Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, was weißt
+Du, was kannst Du? Deiner Frau den Unterrock tragen, das kannst Du!
+
+Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen Landsleute!
+
+Ich wollte das Gemüt meines Bruders auf die Probe stellen und stellte
+mich verrückt, ich fing an mit den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu
+verzerren und mit stieren, gläsernen Augen in eine Ecke zu blicken; ich
+aß wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht oder unsinnig.
+
+Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, ich ging hin und her,
+gestikulierte und zog Grimassen; mein Bruder und sein niedriges Weib
+guckten durch die Thürspalte, sahen was ich machte und lachten vergnügt;
+mein Bruder sagte zu seiner Ehehälfte: »Er ist verrückt, total
+verrückt;« und Donna Michela antwortete lachend.
+
+Nun war ich entschlossen, für immer mit diesen schändlichen Bestien zu
+brechen und nur an mich und meine Zukunft zu denken.
+
+Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z... und bat ihn, meinem Bruder
+mitzuteilen, daß ich die Absicht hätte, mich von ihm zu trennen.
+
+Mein Bruder war traurig über die Trennung, denn er sah seine Hoffnungen
+getäuscht, aber ich blieb fest und wir gingen auseinander. Nun ich
+allein war, dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich nicht
+wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, Gesellschaft; ich
+entschloß mich, ein Weib zu nehmen und auf des Himmels Fügung droben zu
+bauen. -- Der arme Diego P... teilte meinem Bruder mit, daß ich sein
+liebes Töchterchen zur Frau verlangt hätte und daß er nach sorgfältiger
+Erkundigung über mich eingewilligt habe.
+
+Mein Bruder war anfänglich vernichtet; als er wieder zu sich kam,
+versuchte er, den P... umzustimmen, indem er ihm sagte, daß ich
+verrückt, ein Sträfling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold
+und ich weiß nicht was sonst noch, sei.
+
+Aber trotz meines lieben Bruders und seines Weibes, trotz der
+Spilingoten heiratete ich meine liebe Vincenzina und machte sie zur
+Herrin meines Herzens und meiner Hoffnungen.
+
+Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P... und nannte seine Tochter
+eine Dirne; die Spilingoten, mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten
+fielen über mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen
+dieser verfluchten Brut gequält.
+
+Da ich mich nicht mehr halten und in meinem niedergeschlagenen Geist
+keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so ging ich alle Abend nach
+der Droguerie Cal..., wo sich die Honoratioren von Parghelia zusammen
+fanden; ihnen stellte ich mein Unglück vor und bat sie:
+
+»Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurück, geben Sie mir einen
+Rat; meine Verwandten beleidigen mich schwer,« und ich erzähle ihnen,
+was ich zu erdulden hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur
+Klugheit und ich folgte ihren vorzüglichen Ratschlägen wörtlich.
+
+Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V... und auch hier bat ich
+die Herren um Rat.
+
+Die Donna Michela kam mir öfter mit den Fäusten ins Gesicht, ich litt es
+geduldig und noch viel, viel mehr, so daß ich tagelang erzählen könnte.
+-- Mein unglücklicher Onkel starb und hinterließ mir zwei Zimmer, die
+mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang hatten. Und wollt
+Ihr es glauben? Eines Abends, als ich nach Hause kam, verschlossen sie
+mir die Thür, ich klopfte mehrere Male; aber von innen hörte ich mehrere
+Stimmen rufen: »Fort, Du Mörder! Dies ist nicht Dein Haus!« Und sie
+brüllten, so laut sie konnten. Und meint Ihr, daß ich mich erregte?
+Nein, ruhig zog ich zur Droguerie Cal... und erzählte dort den Vorfall
+und bat die Herren um Rat, und sie rieten mir, zum Bürgermeister zu
+gehen und im Namen des Gesetzes Einlaß zu fordern; das that ich, und so
+konnte ich unter meinem Dach schlafen.
+
+Als ich im Gefängnis war und zu fünf Jahren verurteilt war, heiratete
+meine Schwester, mein Bruder heiratete auch, und das väterliche Erbteil
+gelangte zur Verteilung.[66]
+
+ [66] Hier bricht die Erzählung ab.
+
+
+An eine Seele.
+
+Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glücklichen oder im tiefen
+Abgrund der Sünde; glaube es, meine Seele, mein Gedanke, meine
+Erinnerungen an ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch
+an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo unsere Sünden sich
+vereinten, um gegen die Natur zu kämpfen, trotz der schwachen, irdischen
+Materie; -- sprich, o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht?
+Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? Kannten sich
+unsere Seelen in der unermeßlichen Leere des Äthers? Und du weissagtest,
+daß unsere Seelen mit einander kämpfen werden? Und wer weiß es? Du
+sicherlich nicht, und wenn ein Funke des Bewußtseins im Spiegel deiner
+Seele erschienen ist, so ist er nicht von mir ausgegangen -- nein, schön
+und häßlich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das Wachen, der
+Geist der Hölle und des Lichtes; die Finsternis kann nicht das Gestirn
+des Tages erzeugen.
+
+Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst du mich von dort,
+schauen deine Augen das geheimnisvolle Drama des nichtigen Daseins?
+Siehst du es, das Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren
+Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen und meiner Seele dich
+nahen?
+
+Wer weiß? Es ist ein Geheimnis.
+
+In dem Traum meiner Träume hast du mir die Arbeit meines Lebens gezeigt:
+du hast befohlen und ich habe gehorcht.
+
+Das sind diese Blätter, die ich ohne deinen Hauch nicht hätte verfassen
+können. Du forderst sie, du hast sie verlangt, und ich glaube mich einer
+alten Schuld entledigen zu müssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind
+dein, dir gehören sie nach Recht und deinem Wunsch.
+
+Weißt du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? In vier Teile.
+
+Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und ich widme sie dir
+unter dem Namen: =Mein erstes Unglück=.
+
+Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden als Soldat darstellt,
+betitelte ich: =Meine Dienstzeit=.
+
+Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, betitelte ich:
+=Getäuschte Hoffnungen=.
+
+Du meine Seele hast mich begeistert im Unglück und in der Trübsal, du
+hast mir große und edle Gefühle eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm
+diese ärmlichen Blätter an als Pfand meiner Dankbarkeit und deines
+gütigen Verzeihens, und sei nachsichtig und mild, wenn du mich liebst,
+wie du es immer warst.
+
+Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so stände es mir nicht zu, es
+zu beurteilen, aber glaube mir, ich habe nur danach gestrebt, ein gutes
+Werk zu vollbringen.
+
+Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und verzeihe in deinem
+Edelmut dem Unglücklichen, der dir so viel Leid zugefügt hat.
+
+Parghelia, 20. Februar 1889.
+
+ Stets der Deine
+ Antonino M...
+
+
+ Erlauchte und gnädige Richter![67]
+
+ [67] Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M..., als er
+ wegen Mordversuches auf seine Schwägerin vor Gericht stand.
+
+Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz nehmen müssen, um mich
+gegen eine Anklage zu verteidigen, welche in schwarzen und tragischen
+Farben mein geliebter Bruder, Michele M..., gegen mich vorgebracht hat.
+Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um die Schändlichkeit und
+Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, und die Feigherzigkeit,
+Unwissenheit und den schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an
+das Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe auf mich,
+die häufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen klarzulegen, die ich
+acht lange Jahre von diesem elenden Spilingoten habe erdulden müssen.
+
+Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, mir das Wort zu
+gestatten, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe, da ich diese Aufgabe
+keinem Anwalt anvertrauen wollte und zwar aus den folgenden Gründen.
+
+1) um mir keine Kosten zu machen; da ich ein armer Familienvater bin,
+habe ich es für besser gehalten, meinen armen Kindern ein Stück Brot zu
+geben, als es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen.
+
+2) niemand vermag besser als ich die Kraft und die Wärme der
+Verteidigung zu empfinden, und niemand kennt besser als mein gequältes
+Herz die Leiden und die Schmähungen, die Drohungen und die Kränkungen,
+die mein lieber Bruder und seine würdige Gattin Donna Michela mir
+zugefügt haben.
+
+Am Mittag des 17. September 1868 gab mir mein Bruder eine große Pistole
+in die Hand und sagte:
+
+»Geh', töte ihn!«
+
+Ich war damals ein Jüngling, von erregbarem Temperament, ich ergriff die
+tötliche Waffe und habe auf öffentlichem Platze einen armen Menschen
+getötet.
+
+Die gnädigen Richter zu Monteleone verurteilten mich zu fünf Jahren
+Gefängnis, während der Anstifter nur meinetwillen frei ausging, da ich
+leugnete, daß er mich zu der unseligen That angeregt hatte.
+
+Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder war die Ursache, daß
+ich einen armen Menschen ermordet habe und einer langen Zeit zwischen
+düsteren Kerkermauern entgegenging.
+
+Aber die Hand Gottes wacht über unseren Geschicken. Die fünf Jahre
+verstrichen, ich wurde Soldat im königlichen Heer; dort habe ich mich
+nicht so geführt, wie ich sollte (ich möchte nicht, daß die ehrenwerten
+Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr Urteil darüber
+abgeben; das hieße mich feige zeigen; nein, meine mündliche Erklärung
+möge Ihnen genügen). Wie gesagt, beim Militär habe ich mich nicht brav
+geführt, zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei der
+Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten Ihnen vorstellen
+wollen, in dem Glauben, daß sie auf diese Weise Ihre leuchtende
+Urteilskraft blenden, wie sie es mit so viel anderen gethan haben.
+
+Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein fester Entschluß, bei
+meinem Bruder zu bleiben.
+
+Es war im September des Jahres 1882, ich umarmte meinen Bruder, seine
+Zöglinge, ich sah seine Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor
+mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des
+Friedens, der brüderlichen Liebe.
+
+ +Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!...+[68]
+
+ [68] Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang dieses
+ Kapitels sich befinden.
+
+Und nun, meine gnädigen Herren Richter, bitte ich um Gerechtigkeit, ich
+erkläre mich für nichtschuldig, ich fürchte die Anklage meines Bruders
+und den Einfluß seiner Verwandten nicht.
+
+Er behauptet, daß ich ihn in die Hand gebissen habe, das ist falsch,
+eine schwarze Verleumdung, fragen Sie, meine Herren, ob er nicht gern
+lügt, fragen Sie seine Landsleute.
+
+Einen Menschen für schuldig halten, ist das wirklich ein Urteil?
+
+Mir erübrigt nur, dem Michele M... eine letzte Antwort zu geben, und ich
+will mich eines Dichterworts bedienen --
+
+Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen ...
+
+
+
+
+Anhang.
+
+
+No. 307. Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M...[69]
+
+ [69] Dieser Brief des Antonino M... bildet ein merkwürdiges und
+ wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine
+ ziemlich einfache Deutung, daß er nämlich dazu dienen soll, sein
+ Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fünfzehn Lire monatlich
+ zu erreichen, aber es ist unleugbar, daß im Stil eine gewisse
+ Überzeugung sich bemerkbar macht. M... hat immer einen Hang zur
+ Religiosität, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen
+ Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die
+ vollständige Einsamkeit und etwaige religiöse Lektüre müssen auf
+ seinen -- was Form und Abstraktion anbelangt -- leicht
+ suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches
+ Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen
+ Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzüglich
+ hervorgehoben hat, und welche Übergänge und halbe Maßregeln nicht
+ zuläßt, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exzeß
+ geführt zu haben.
+
+ Vielleicht war der mächtigste Faktor die Unmöglichkeit, sich zu
+ bewegen. Wenn der Teufel =alt= wird, so wird er Eremit, sagt das
+ Sprichwort, und es ist bekannt, daß die Dirnen, wenn sie altern, unter
+ die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M... der Fall zu sein.
+ Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es würde
+ vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch
+ Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen behängt, im
+ Namen der Religion den König schmäht.
+
+ Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich
+ beschäftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang
+ auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker Sankt Paulus
+ und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blüte ihrer Jahre
+ einen verworfenen Lebenswandel führten, und im Alter heilig gesprochen
+ wurden, um zu begreifen, daß das Phänomen nicht ungewöhnlich ist und
+ in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.
+
+ Den 18. September 1892.
+
+ Teurer, edelmütiger Bruder!
+
+ Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, wenn es erlaubt
+ gewesen wäre. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine große
+ edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu
+ schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen
+ Nervenschwäche; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was
+ ich für Schmerzen habe, weiß nur Gott im Himmel, aber größer und
+ schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin
+ ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott
+ den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine großen Verbrechen, für
+ meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit.
+ Wenn Du mich sehen könntest, würde Dein gerechter Zorn dahin
+ schwinden, und Du würdest weinen, daß Du mir nicht verziehen hast
+ -- denn Du würdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in
+ einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem
+ Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten
+ Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine
+ Rache. Mein Leib ist krank und hinfällig unter seiner Geißel
+ geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine
+ schwere Sündenschuld denke. Zu groß ist meine Verworfenheit, und
+ alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu versöhnen; Tag und
+ Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf meiner Seele.
+
+ Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst
+ geschaffen, deshalb leide ich gerecht.
+
+ Ich weiß, daß Gott mir diese schwere Züchtigung zufügt, und daß Du
+ lieber Bruder, und alle meine Angehörigen, die ihr so gut und so
+ edelmütig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen
+ seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu
+ strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze
+ Welt wegen eines meinem ähnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und
+ ich erkenne, daß in allen seinen Werken die furchtbare
+ Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und
+ Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um
+ Mitleid, um Verzeihung.
+
+ Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen -- und deshalb
+ fühle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demütig um
+ Verzeihung zu bitten, für alles Übel und alle Undankbarkeit, die
+ ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine
+ Söhne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich
+ um Verzeihung, und bereue alles Üble, das ich gethan, allen Kummer,
+ den ich verursacht habe. Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir
+ die Hand küssen könnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch
+ nur Gutes erwiesen hat. Ich erkläre, daß bei allen unsern
+ Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethäter gewesen bin.
+ Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit
+ vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich
+ leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die
+ falsch geschworen haben.
+
+ Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!!
+ Ich umarme und küsse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von
+ Herzen.
+
+ Dein unglücklicher Bruder
+ Antonino M...
+
+ Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca.
+
+ [70] Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch Kain rächte.
+
+
+
+
+Druck von A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Roman eines geborenen Verbrechers, by
+Antonino M.
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN ***
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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