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+The Project Gutenberg EBook of Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Casanovas Heimfahrt
+
+Author: Arthur Schnitzler
+
+Release Date: April 11, 2006 [EBook #18148]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
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+
+ CASANOVAS HEIMFAHRT
+
+
+ NOVELLE
+ VON
+
+ ARTHUR SCHNITZLER
+
+
+ 1918
+
+ S. FISCHER * VERLAG
+ BERLIN
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1918 S. Fischer, Verlag
+
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+
+CASANOVAS HEIMFAHRT
+
+
+In seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahre, als Casanova längst nicht
+mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit
+nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde, fühlte er in seiner Seele
+das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig so heftig anwachsen, daß er
+sie, gleich einem Vogel, der aus luftigen Höhen zum Sterben allmählich
+nach abwärts steigt, in eng und immer enger werdenden Kreisen zu
+umziehen begann. Öfter schon in den letzten zehn Jahren seiner
+Verbannung hatte er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man möge ihm die
+Heimkehr gestatten; doch hatten ihm früher bei der Abfassung solcher
+Satzschriften, in denen er Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal
+auch ein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst die Feder geführt, so
+schien sich seit einiger Zeit in seinen fast demütig flehenden Worten
+ein schmerzliches Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer
+auszusprechen. Er glaubte um so sicherer auf Erhörung rechnen zu dürfen,
+als die Sünden seiner früheren Jahre, unter denen übrigens nicht
+Zuchtlosigkeit, Händelsucht und Betrügereien meist lustiger Natur,
+sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren die unverzeihlichste
+dünkte, allmählich in Vergessenheit zu geraten begannen und die
+Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig,
+die er unzählige Male an regierenden Höfen, in adeligen Schlössern, an
+bürgerlichen Tischen und in übelberüchtigten Häusern zum besten gegeben
+hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen knüpfte, zu
+übertönen anfing; und eben wieder, in Briefen nach Mantua, wo er sich
+seit zwei Monaten aufhielt, hatten hochmögende Herren dem an innerm wie
+an äußerm Glanz langsam verlöschenden Abenteurer Hoffnung gemacht, daß
+sich sein Schicksal binnen kurzem günstig entscheiden würde.
+
+Da seine Geldmittel recht spärlich geworden waren, hatte Casanova
+beschlossen, in dem bescheidenen, aber anständigen Gasthof, den er schon
+in glücklicheren Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen der
+Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich indes die Zeit –
+ungeistigerer Zerstreuungen nicht zu gedenken, auf die gänzlich zu
+verzichten er nicht imstande war – hauptsächlich mit Abfassung einer
+Streitschrift gegen den Lästerer Voltaire, durch deren Veröffentlichung
+er seine Stellung und sein Ansehen in Venedig gleich nach seiner
+Wiederkehr bei allen Gutgesinnten in unzerstörbarer Weise zu befestigen
+gedachte.
+
+Eines Morgens auf einem Spaziergang außerhalb der Stadt, während er für
+einen vernichtenden, gegen den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die
+letzte Abrundung zu finden sich mühte, befiel ihn plötzlich eine
+außerordentliche, fast körperlich peinvolle Unruhe; das Leben, das er in
+leidiger Gewöhnung nun schon durch drei Monate führte: die
+Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus, die kleinen Spielabende
+bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten,
+die Zärtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber feurigen Wirtin,
+ja sogar die Beschäftigung mit den Werken Voltaires und die Arbeit an
+seiner eigenen kühnen und bisher, wie ihm dünkte, nicht übel gelungenen
+Erwiderung; – all dies erschien ihm, in der linden, allzu süßen Luft
+dieses Spätsommermorgens, gleichermaßen sinnlos und widerwärtig; er
+murmelte einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen oder was er
+damit treffen wollte; und, den Griff seines Degens umklammernd,
+feindselige Blicke nach allen Seiten sendend, als richteten aus der
+Einsamkeit ringsum unsichtbare Augen sich höhnend auf ihn, wandte er
+plötzlich seine Schritte nach der Stadt zurück, in der Absicht, noch in
+derselben Stunde Anstalten für seine sofortige Abreise zu treffen. Denn
+er zweifelte nicht, daß er sich sofort besser befinden würde, wenn er
+nur erst der ersehnten Heimat wieder um einige Meilen näher gerückt
+wäre. Er beschleunigte seinen Gang, um sich rechtzeitig einen Platz in
+der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang in der Richtung nach
+Osten abfuhr; – weiter hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen
+Abschiedsbesuch beim Baron Perotti wohl schenken durfte, und ihm eine
+halbe Stunde vollauf genügte, um seine gesamten Habseligkeiten für die
+Reise einzupacken. Er dachte der zwei etwas abgetragenen Gewänder, von
+denen er das schlechtere am Leibe trug, und der vielfach geflickten,
+einst fein gewesenen Wäsche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen
+Kette samt Uhr und einer Anzahl von Büchern seinen ganzen Besitz
+ausmachten; – vergangene Tage fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann,
+mit allem Notwendigen und Überflüssigen reichlich ausgestattet, wohl
+auch mit einem Diener – der freilich meist ein Gauner war – im
+prächtigen Reisewagen durch die Lande fuhr; – und ohnmächtiger Zorn
+trieb ihm die Tränen in die Augen. Ein junges Weib, die Peitsche in der
+Hand, kutschierte ein Wägelchen an ihm vorbei, darin zwischen Säcken und
+allerlei Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag. Sie blickte
+Casanova, wie er verzerrten Gesichtes, Unverständliches durch die Zähne
+murmelnd, unter den abgeblühten Kastanienbäumen der Heerstraße
+langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig spöttisch ins
+Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig blitzend erwidert sah, nahmen
+ihre Augen einen erschrockenen, und endlich, wie sie sich im
+Weiterfahren nach ihm umwandte, einen wohlgefällig lüsternen Ausdruck
+an. Casanova, der wohl wußte, daß Grimm und Haß länger in den Farben der
+Jugend zu spielen vermögen als Sanftheit und Zärtlichkeit, erkannte
+sofort, daß es nur eines frechen Anrufs von seiner Seite bedurft hätte,
+um dem Wagen Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib anstellen zu
+können, was ihm weiter beliebte; doch, obzwar diese Erkenntnis seine
+Laune für den Augenblick besserte, schien es ihm nicht der Mühe wert, um
+eines so geringen Abenteuers willen auch nur wenige Minuten zu
+verziehen; und so ließ er das Bauernwägelchen samt seinen Insassen im
+Staub und Dunst der Landstraße unangefochten weiterknarren.
+
+Der Schatten der Bäume nahm der emporsteigenden Sonne nur wenig von
+ihrer sengenden Kraft, und Casanova sah sich genötigt, seinen Schritt
+allmählich zu mäßigen. Der Staub der Straße hatte sich so dicht auf sein
+Gewand und Schuhwerk gelegt, daß ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr
+anzumerken war, und so konnte man Casanova, nach Tracht und Haltung,
+ohne weiteres für einen Herrn von Stande nehmen, dem es just gefallen
+hatte, seine Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte sich der
+Torbogen vor ihm aus, in dessen nächster Nähe der Gasthof gelegen war,
+in dem er wohnte, als ihm ein ländlich schwerfälliger Wagen
+entgegengeholpert kam, in dem ein behäbiger, gutgekleideter, noch
+ziemlich junger Mann saß. Er hatte die Hände über dem Magen gekreuzt und
+schien eben mit blinzelnden Augen einnicken zu wollen, als sein Blick,
+zufällig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit aufglänzte,
+wie zugleich seine ganze Erscheinung in eine Art von heiterm Aufruhr zu
+geraten schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort zurück, stand wieder
+auf, versetzte dem Kutscher einen Stoß in den Rücken, um ihn zum Halten
+zu veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen um, um Casanova
+nicht aus dem Gesicht zu verlieren, winkte ihm mit beiden Händen zu und
+rief endlich mit einer dünnen hellen Stimme dreimal dessen Namen in die
+Luft. Erst an der Stimme hatte Casanova den Mann erkannt, trat auf den
+Wagen zu, der stehengeblieben war, ergriff lächelnd die beiden sich ihm
+entgegenstreckenden Hände und sagte: »Ist es möglich, Olivo – Sie sind
+es?« – »Ja, ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also wieder?« –
+»Warum sollt’ ich nicht? Sie haben zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem
+ich Sie zuletzt gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, – aber auch ich
+mag mich in den fünfzehn Jahren nicht unerheblich verändert haben, wenn
+auch nicht in gleicher Weise.« – »Kaum,« rief Olivo, »so gut wie gar
+nicht, Herr Casanova! Übrigens sind es sechzehn Jahre, vor wenigen Tagen
+waren es sechzehn! Und wie Sie sich wohl denken können, haben wir,
+gerade bei dieser Gelegenheit, ein hübsches Weilchen lang von Ihnen
+gesprochen, Amalia und ich ...« – »Wirklich,« sagte Casanova herzlich,
+»Sie erinnern sich beide noch manchmal meiner?« Olivos Augen wurden
+feucht. Noch immer hielt er Casanovas Hände in den seinen und drückte
+sie nun gerührt. »Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr Casanova? Und
+wir sollten unsres Wohltäters jemals vergessen? Und wenn wir jemals –« –
+»Reden wir nicht davon,« unterbrach Casanova. »Wie befindet sich Frau
+Amalia? Wie ist es überhaupt zu verstehn, daß ich in diesen ganzen zwei
+Monaten, die ich nun in Mantua verbringe – freilich recht zurückgezogen,
+aber ich gehe doch viel spazieren nach alter Gewohnheit – wie kommt es,
+daß ich Ihnen, Olivo, daß ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal
+begegnet bin?« – »Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen ja längst
+nicht mehr in der Stadt, die ich übrigens niemals habe leiden können, so
+wenig als Amalia sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr
+Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir bei mir zu Hause« –
+und da Casanova leicht abwehrte – »Sagen Sie nicht nein. Wie glücklich
+wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz, Ihnen unsre drei
+Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter Mädchen. Dreizehn,
+zehn und acht ... Also noch keines in den Jahren, sich – mit Verlaub –
+sich – von Casanova das Köpfchen verdrehen zu lassen.« Er lachte
+gutmütig und machte Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen
+hereinzuziehen. Casanova aber schüttelte den Kopf. Denn, nachdem er fast
+schon versucht gewesen war, einer begreiflichen Neugier nachzugeben und
+der Aufforderung Olivos zu folgen, überkam ihn seine Ungeduld mit neuer
+Macht, und er versicherte Olivo, daß er leider genötigt sei, heute noch
+vor Abend Mantua in wichtigen Geschäften zu verlassen. Was hatte er auch
+in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia
+war indes gewiß nicht jünger und schöner geworden; bei dem
+dreizehnjährigen Töchterlein würde er in seinen Jahren kaum sonderlichen
+Anwert finden; und Herrn Olivo selbst, der damals ein magerer, der
+Studien beflissener Jüngling gewesen war, als bäurisch behäbigen
+Hausvater in ländlicher Umgebung zu bewundern, das lockte ihn nicht
+genug, als daß er darum eine Reise hätte aufschieben sollen, die ihn
+Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen näher brachte. Olivo aber,
+der nicht gesonnen schien, Casanovas Weigerung ohne weiteres
+hinzunehmen, bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach dem
+Gasthof zu bringen, was ihm Casanova füglich nicht abschlagen konnte. In
+wenigen Minuten waren sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in
+der Mitte der Dreißig, begrüßte in der Einfahrt Casanova mit einem
+Blick, der das zwischen ihnen bestehende zärtliche Verhältnis auch für
+Olivo ohne weitres ersichtlich machen mußte. Diesem aber reichte sie die
+Hand als einem guten Bekannten, von dem sie – wie sie Casanova gegenüber
+gleich bemerkte – eine gewisse, auf seinem Gut wachsende, sehr
+preiswürdige, süßlich-herbe Weinsorte regelmäßig zu beziehen pflegte.
+Olivo beklagte sich sofort, daß der Chevalier von Seingalt (denn so
+hatte die Wirtin Casanova begrüßt, und Olivo zögerte nicht, sich
+gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so grausam sei, die Einladung
+eines wiedergefundenen alten Freundes auszuschlagen, aus dem
+lächerlichen Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute, von
+Mantua wieder abreisen müsse. Die befremdete Miene der Wirtin belehrte
+ihn sofort, daß diese von Casanovas Absicht bisher noch nichts gewußt
+hatte, und Casanova hielt es daraufhin für angebracht, zu erklären, daß
+er den Reiseplan zwar nur vorgeschützt, um nicht der Familie des
+Freundes durch einen so unerwarteten Besuch lästig zu fallen;
+tatsächlich aber sei er genötigt, ja verpflichtet, in den nächsten Tagen
+eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschließen, wofür er keinen
+geeignetern Ort wüßte, als diesen vorzüglichen Gasthof, in dem ihm ein
+kühles und ruhiges Zimmer zur Verfügung stände. Darauf beteuerte Olivo,
+daß seinem bescheidenen Haus keine größre Ehre widerfahren könne, als
+wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk zum Abschluß brächte; die
+ländliche Abgeschiedenheit könne einem solchen Unternehmen doch nur
+förderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsbüchern, wenn Casanova
+solcher benötigte, wäre auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die
+Tochter seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber trotz ihrer
+Jugend schon höchst gelehrtes Mädchen, vor wenigen Wochen mit einer
+ganzen Kiste voll Büchern bei ihnen eingetroffen sei; – und wenn des
+Abends gelegentlich Gäste erschienen, so brauchte sich der Herr
+Chevalier weiter nicht um sie zu kümmern; es sei denn, daß ihm nach des
+Tages Arbeit und Bemühen eine heitre Unterhaltung oder ein kleines
+Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung bedeutete. Casanova
+hatte kaum von einer jungen Nichte vernommen, als er auch schon
+entschlossen war, sich dieses Geschöpf in der Nähe zu besehn;
+anscheinend noch immer zögernd, gab er dem Drängen Olivos endlich nach,
+erklärte aber gleich, daß er keineswegs länger als ein oder zwei Tage
+von Mantua fernbleiben könne, und beschwor seine liebenswürdige Wirtin,
+Briefe, die für ihn indes hier anlangen mochten und vielleicht von
+höchster Wichtigkeit waren, ihm unverzüglich durch einen Boten
+nachzusenden. Nachdem die Sache so zu Olivos großer Zufriedenheit
+geordnet war, begab sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich für die
+Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat er in die
+Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges Gespräch geschäftlicher
+Natur mit der Wirtin eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend
+sein Glas Wein aus, und verständnisvoll zwinkernd versprach er ihr, den
+Chevalier – wenn auch nicht bereits morgen oder übermorgen – doch in
+jedem Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zurückzustellen. Casanova
+aber, plötzlich zerstreut und hastig, empfahl sich so kühl von seiner
+freundlichen Wirtin, daß sie ihm, schon am Wagenschlag, ein
+Abschiedswort ins Ohr flüsterte, das eben keine Liebkosung war.
+
+Während die beiden Männer die staubige, im sengenden Mittagsglanz
+daliegende Straße ins Land hinausfuhren, erzählte Olivo weitschweifig
+und wenig geordnet von seinen Lebensumständen: wie er bald nach seiner
+Verheiratung ein winziges Grundstück nahe der Stadt gekauft, einen
+kleinen Gemüsehandel angefangen; dann seinen Besitz allmählich erweitert
+und Landwirtschaft zu treiben begonnen; – wie er es endlich durch die
+eigne und seiner Gattin Tüchtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht,
+daß er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen Marazzani dessen
+altes, etwas verfallenes Schloß samt dazugehörigem Weingut käuflich zu
+erwerben imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem Grund mit
+Frau und Kindern behaglich, wenn auch keineswegs gräflich, eingerichtet
+habe. All dies aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertfünfzig
+Goldstücken, die seine Braut oder vielmehr deren Mutter von Casanova zum
+Geschenk erhalten habe; – ohne diese zauberkräftige Hilfe wäre sein Los
+wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen: ungezogne Rangen im
+Lesen und Schreiben zu unterweisen; wahrscheinlich wäre er auch ein
+alter Junggeselle und Amalie eine alte Jungfer geworden ... Casanova
+ließ ihn reden und hörte ihm kaum zu. Ihm zog das Abenteuer durch den
+Sinn, in das er damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern
+verstrickt gewesen war, und das, als das geringste von allen, seine
+Seele so wenig als seither seine Erinnerung beschäftigt hatte. Auf einer
+Reise von Rom nach Turin oder Paris – er wußte es selbst nicht mehr –
+während eines kurzen Aufenthalts in Mantua hatte er Amalia eines Morgens
+in der Kirche erblickt und, da ihm ihr hübsches blasses, etwas
+verweintes Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante Frage an sie
+gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle gegen ihn waren, hatte sie ihm
+gern ihr Herz aufgeschlossen, und so erfuhr er, daß sie, die selbst in
+dürftigen Verhältnissen lebte, in einen armen Schullehrer verliebt war,
+dessen Vater ebenso wie ihre Mutter zu einer so aussichtslosen
+Verbindung die Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erklärte
+sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine zu bringen. Er ließ sich
+vor allem mit Amaliens Mutter bekannt machen, und da diese als eine
+hübsche Witwe von sechsunddreißig Jahren auf Huldigungen noch Anspruch
+machen durfte, war Casanova bald so innig mit ihr befreundet, daß seine
+Fürsprache alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst ihre
+ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch Olivos Vater, ein
+heruntergekommener Kaufmann, seine Zustimmung nicht länger, insbesondre
+als Casanova, der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter
+vorgestellt wurde, sich großmütig verpflichtete, die Kosten der Hochzeit
+und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte
+nicht anders als dem edlen Gönner, der ihr erschienen war wie ein Bote
+aus einer andern höhern Welt, sich in einer Weise dankbar erzeigen, die
+das eigne Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer Hochzeit
+der letzten Umarmung Casanovas mit glühenden Wangen entrang, war ihr der
+Gedanke völlig fern, an ihrem Bräutigam, der sein Glück am Ende doch nur
+der Liebenswürdigkeit und dem Edelsinn des wunderbaren Fremden
+verdankte, ein Unrecht begangen zu haben. Ob Olivo von der
+außerordentlichen Erkenntlichkeit Amaliens gegenüber dem Wohltäter je
+durch ein Geständnis Kunde erhalten, ob er ihr Opfer vielleicht als ein
+selbstverständliches vorausgesetzt und ohne nachträgliche Eifersucht
+hingenommen hatte, oder ob ihm gar, was geschehen, bis heute ein
+Geheimnis geblieben war, – darum hatte Casanova sich niemals gekümmert
+und kümmerte sich auch heute nicht darum.
+
+Die Hitze stieg immer höher an. Der Wagen, schlecht gefedert und mit
+harten Kissen versehn, rumpelte und stieß zum Erbarmen, das dünnstimmig
+gutmütige Geschwätz Olivos, der nicht abließ, seinen Begleiter von der
+Ersprießlichkeit seines Bodens, der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau,
+der Wohlgeratenheit seiner Kinder und von dem vergnügt harmlosen Verkehr
+mit bäuerlicher und adliger Nachbarschaft zu unterhalten, begann
+Casanova zu langweilen, und ärgerlich fragte er sich, aus welchem
+Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen, die für ihn nichts
+als Unbequemlichkeiten und am Ende gar Enttäuschungen im Gefolge haben
+konnte. Er sehnte sich nach seinem kühlen Gasthofszimmer in Mantua, wo
+er zu dieser selben Stunde ungestört an seiner Schrift gegen Voltaire
+hätte weiterarbeiten können, – und schon war er entschlossen, beim
+nächsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde, auszusteigen, ein
+beliebiges Gefährt zu mieten und zurückzufahren, als Olivo ein lautes
+Holla he! hören ließ, nach seiner Art mit beiden Händen zu winken begann
+und, Casanova beim Arm packend, auf einen Wagen deutete, der neben dem
+ihren, zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben war.
+Von jenem andern aber sprangen, eines hinter dem andern, drei ganz junge
+Mädchen herunter, so daß das schmale Brett, das ihnen als Sitz gedient
+hatte, in die Höhe flog und umkippte. »Meine Töchter,« wandte sich
+Olivo, nicht ohne Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene
+machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: »Bleiben Sie nur sitzen,
+mein teurer Chevalier, in einer Viertelstunde sind wir am Ziel, und so
+lange können wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen. Maria,
+Nanetta, Teresina – seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter
+Freund eures Vaters, kommt nur näher, küßt ihm die Hand, denn ohne ihn
+wäret ihr« – er unterbrach sich und flüsterte Casanova zu: »Bald hätt’
+ich was Dummes gesagt.« Dann verbesserte er sich laut: »Ohne ihn wäre
+manches anders!« Die Mädchen, schwarzhaarig und dunkeläugig wie Olivo,
+und alle, auch die älteste, Teresina, noch von kindlichem Aussehn,
+betrachteten den Fremden mit ungezwungener, etwas bäurischer Neugier,
+und die jüngste, Maria, schickte sich, der väterlichen Weisung folgend,
+an, ihm allen Ernstes die Hand zu küssen; Casanova aber ließ es nicht
+zu, sondern nahm eins der Mädchen nach dem andern beim Kopf und küßte
+jedes auf beide Wangen. Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem
+jungen Burschen, der das Wägelchen mit den Kindern bis hierher gebracht
+hatte, worauf jener auf das Pferd einhieb und die Landstraße in der
+Richtung nach Mantua weiterfuhr.
+
+Die Mädchen nahmen Olivo und Casanova gegenüber unter Lachen und
+scherzhaftem Gezänk auf dem Rücksitz Platz; sie saßen eng
+aneinandergedrängt, redeten alle zugleich, und da ihr Vater gleichfalls
+zu sprechen nicht aufhörte, war es Casanova anfangs nicht leicht, ihren
+Worten zu entnehmen, was sie alle einander eigentlich zu erzählen
+hatten. Ein Name klang auf: der eines Leutnants Lorenzi; er sei, wie
+Teresina berichtete, vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten, habe für
+den Abend seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater
+schönstens grüßen. Ferner meldeten die Kinder, daß die Mutter anfangs
+gleichfalls beabsichtigt hätte, dem Vater entgegenzufahren; aber in
+Anbetracht der großen Hitze hatte sie’s doch vorgezogen, daheim bei
+Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch in den Federn gelegen, als
+man von Hause wegfuhr; und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten
+sie sie mit Beeren und Haselnüssen beworfen, sonst schliefe sie wohl
+noch zu dieser Stunde.
+
+»Das ist sonst nicht Marcolinens Art,« wandte sich Olivo an seinen Gast;
+»meistens sitzt sie schon um sechs Uhr oder noch früher im Garten und
+studiert bis zur Mittagszeit. Gestern freilich hatten wir Gäste, und es
+dauerte etwas länger als gewöhnlich; auch ein kleines Spielchen wurde
+gemacht, – nicht eins, wie es der Herr Chevalier gewöhnt sein mögen –
+wir sind harmlose Leute und wollen einander nicht das Geld abnehmen. Und
+da auch unser würdiger Abbate sich zu beteiligen pflegt, so können Sie
+sich wohl denken, Herr Chevalier, daß es nicht sehr sündhaft dabei
+zugeht.«
+
+Als vom Abbate die Rede war, lachten die Mädchen und hatten einander
+weiß Gott was zu erzählen, worüber es noch mehr zu lachen gab als
+vorher. Casanova aber nickte nur zerstreut; in der Phantasie sah er das
+Fräulein Marcolina, das er noch gar nicht kannte, in ihrem weißen Bette
+liegend, dem Fenster gegenüber, die Decke heruntergestreift, halb
+entblößten Leibes, mit schlaftrunknen Händen sich gegen die
+hereinfliegenden Beeren und Haselnüsse wehrend; – und eine törichte Glut
+flog durch seine Sinne. Daß Marcolina die Geliebte des Leutnants Lorenzi
+war, daran zweifelte er so wenig, als hätte er selbst sie beide in
+zärtlichster Umschlingung gesehn, und er war so bereit, den unbekannten
+Lorenzi zu hassen, als ihn nach der niemals geschauten Marcolina
+verlangte.
+
+Im zitternden Dunst des Mittags, über graugrünes Laubwerk emporragend,
+ward ein viereckiges Türmchen sichtbar. Bald bog der Wagen von der
+Landstraße auf einen Seitenweg; links stiegen Weinhügel gelinde an,
+rechts über den Rand einer Gartenmauer neigten sich Kronen uralter
+Bäume. Der Wagen hielt an einem Tor, dessen verwitterte Holzflügel weit
+offen standen, die Fahrgäste stiegen aus, der Kutscher, auf einen Wink
+Olivos, fuhr weiter, dem Stalle zu. Ein breiter Weg unter
+Kastanienbäumen führte zu dem Schlößchen, das sich auf den ersten
+Anblick etwas kahl, ja vernachlässigt darbot. Was Casanova vor allem ins
+Auge fiel, war ein zerbrochenes Fenster im ersten Stockwerk; ebenso
+entging es ihm nicht, daß die Umfassung auf der Plattform des breiten,
+aber niedern Turmes, der etwas plump auf dem Gebäude saß, da und dort
+abbröckelte. Hingegen zeigte die Haustüre eine edle Schnitzerei, und in
+den Flur tretend, erkannte Casanova sofort, daß das Innere des Hauses
+sich in einem wohlerhaltenen und jedenfalls weit bessern Zustand befand,
+als dessen Äußres hätte vermuten lassen.
+
+»Amalia,« rief Olivo laut, daß es von den gewölbten Mauern widerhallte.
+»Komm herunter so geschwind du kannst! Ich hab’ dir einen Gast
+mitgebracht, Amalia, und was für einen Gast!« – Aber Amalia war schon
+vorher oben auf der Stiege erschienen, ohne für die aus der vollen Sonne
+in das Dämmer Tretenden sofort sichtbar zu sein. Casanova, dessen
+scharfe Augen sich die Fähigkeit bewahrt hatten, selbst das Dunkel der
+Nacht zu durchdringen, hatte sie früher bemerkt als der Gatte. Er
+lächelte und fühlte zugleich, daß dieses Lächeln sein Antlitz jünger
+machte. Amalia war keineswegs fett geworden, wie er gefürchtet, sondern
+sah schlank und jugendlich aus. Sie hatte ihn gleich erkannt. »Welche
+Überraschung, welches Glück!« rief sie ohne jede Verlegenheit aus, eilte
+rasch die Stufen hinab und reichte Casanova zur Begrüßung die Wange,
+worauf dieser sie ohne weitres wie eine liebe Freundin umarmte. »Und ich
+soll wirklich glauben,« sagte er dann, »daß Maria, Nanetta und Teresina
+Ihre leiblichen Töchter sind, Amalia? Der Zeit nach möchte es zwar
+stimmen –« »Und allem übrigen nach auch,« ergänzte Olivo, »verlassen Sie
+sich darauf, Chevalier!« – »Dein Zusammentreffen mit dem Chevalier,«
+sagte Amalia mit einem erinnerungstrunknen Blick auf den Gast, »ist wohl
+an deiner Verspätung schuld, Olivo?« – »So ist es, Amalia, aber
+hoffentlich gibt es trotz der Verspätung noch etwas zu essen?« – »Wir
+haben uns natürlich nicht allein zu Tisch gesetzt, Marcolina und ich, so
+hungrig wir schon waren.« – »Und werden Sie sich nun,« fragte Casanova,
+»auch noch so lange gedulden, bis ich meine Kleider und mich selbst ein
+wenig vom Staub der Landstraße gereinigt habe?« – »Gleich will ich Ihnen
+Ihr Zimmer zeigen,« sagte Olivo, »und hoffe, Chevalier, Sie werden
+zufrieden sein, beinahe so zufrieden ...« er zwinkerte und fügte leise
+hinzu: »wie in Ihrem Gasthof zu Mantua, wenn es auch an mancherlei
+fehlen dürfte.« Er ging voraus, die Stiege zur Galerie hinauf, die sich
+rings um die Halle im Viereck zog, und von deren äußerstem Winkel eine
+schmale Holztreppe sich nach oben wand. In der Höhe angelangt, öffnete
+Olivo die Türe zum Turmgemach und, an der Schwelle stehenbleibend, wies
+er es Casanova mit vielen Komplimenten als bescheidenes Fremdenzimmer
+an. Eine Magd brachte den Mantelsack nach, entfernte sich mit Olivo, und
+Casanova stand allein in einem mäßigen, mit allem Notwendigen
+ausgestatteten, doch ziemlich kahlen Raum, durch dessen vier schmale
+hohe Bogenfenster sich ein weiter Blick nach allen Seiten auf die
+sonnbeglänzte Ebene mit grünen Weingeländen, bunten Fluren, gelben
+Feldern, weißen Straßen, hellen Häusern und dunklen Gärtchen darbot.
+Casanova kümmerte sich nicht weiter um die Aussicht und machte sich
+rasch fertig, nicht so sehr aus Hunger, als aus einer quälenden Neugier,
+Marcolina so bald als möglich von Angesicht zu Angesicht zu sehen; er
+wechselte nicht einmal das Gewand, weil er erst am Abend glänzender
+aufzutreten gedachte.
+
+Als er das im Erdgeschoß gelegene holzgetäfelte Speisezimmer betrat, sah
+er um den wohlbestellten Tisch außer dem Ehepaar und den drei Töchtern
+ein in mattschimmerndes, einfach herunterfließendes Grau gekleidetes
+Mädchen von zierlicher Gestalt sitzen, das ihn mit so unbefangenem Blick
+betrachtete, als wäre er jemand, der zum Hause gehörte oder doch schon
+hundertmal hier zu Gast gewesen. Daß sich in ihrem Blick nichts von
+jenem Leuchten zeigte, wie es ihn früher so oft begrüßt, auch wenn er
+als Nichtgekannter im berückenden Glanz seiner Jugend oder in der
+gefährlichen Schönheit seiner Mannesjahre erschienen war, das mußte
+Casanova freilich als eine längst nicht mehr neue Erfahrung hinnehmen.
+Aber auch in der letzten Zeit noch genügte meist die Nennung seines
+Namens, um auf Frauenlippen den Ausdruck einer verspäteten Bewunderung
+oder doch wenigstens ein leises Zucken des Bedauerns hervorzurufen, das
+gestand, wie gern man ihm ein paar Jahre früher begegnet wäre. Doch als
+ihn jetzt Olivo seiner Nichte als Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt
+vorstellte, lächelte sie nicht anders, als wenn man ihr irgendeinen
+gleichgültigen Namen genannt hätte, in dem kein Klang von Abenteuern und
+Geheimnissen verzitterte. Und selbst als er neben ihr Platz nahm, ihr
+die Hand küßte, und aus seinen Augen ein Funkenregen von Entzücken und
+Begier über sie niederging, verriet ihre Miene nichts von der leisen
+Befriedigung, die doch als bescheidene Antwort auf eine so glühende
+Huldigung zu erwarten gewesen wäre.
+
+Nach wenigen höflich einleitenden Worten ließ Casanova seine Nachbarin
+merken, daß er von ihren gelehrten Bestrebungen in Kenntnis gesetzt sei,
+und fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn besonders abgebe?
+Sie erwiderte, daß sie vor allem das Studium der höhern Mathematik
+betreibe, in das sie durch Professor Morgagni, den berühmten Lehrer an
+der Universität von Bologna, eingeführt worden sei. Casanova äußerte
+seine Verwunderung über ein solches bei anmutigen jungen Mädchen
+wahrlich ungewöhnliches Interesse an einem so schwierigen und dabei
+nüchternen Gegenstand, erhielt aber von Marcolina die Antwort, daß ihrer
+Ansicht nach die höhere Mathematik die phantastischeste, ja man könnte
+sagen, unter allen Wissenschaften die ihrer Natur nach wahrhaft
+göttliche vorstelle. Als Casanova sich über diese ihm ganz neue
+Auffassung eine nähere Erklärung erbitten wollte, wehrte Marcolina
+bescheiden ab und äußerte, daß es den Anwesenden, vor allem aber ihrem
+lieben Oheim, viel erwünschter sein dürfte, Näheres von den Erlebnissen
+eines vielgereisten Freundes zu erfahren, den er so lange nicht gesehn,
+als einem philosophischen Gespräch zuzuhören. Amalia schloß sich ihrer
+Anregung lebhaft an, und Casanova, immer gern bereit, Wünschen solcher
+Art nachzugeben, bemerkte leichthin, daß er in den letzten Jahren sich
+vorzüglich auf geheimen diplomatischen Sendungen befunden, die ihn, um
+nur die größern Städte zu nennen, zwischen Madrid, Paris, London,
+Amsterdam und Petersburg umhergetrieben. Er berichtete von Begegnungen
+und Unterhaltungen ernster und heitrer Art mit Männern und Frauen der
+verschiedensten Stände, auch des freundlichen Empfangs zu erwähnen
+vergaß er nicht, der ihm am Hof der Katharina von Rußland zuteil
+geworden, und sehr spaßhaft erzählte er, wie Friedrich der Große ihn
+beinahe zum Erzieher an einer Kadettenschule für pommersche Junker
+gemacht hatte; – eine Gefahr, der er sich allerdings durch rasche Flucht
+entzogen. Von all dem und manchem andern sprach er, als hätte es sich in
+einer eben erst verflossenen Zeit zugetragen und läge nicht in
+Wirklichkeit Jahre und Jahrzehnte zurück; mancherlei erfand er dazu,
+ohne sich seiner größern und kleinern Lügen selber recht bewußt zu
+werden, freute sich seiner eignen Laune wie der Teilnahme, mit der man
+ihm lauschte; und während er so erzählte und phantasierte, ward ihm
+fast, als wäre er in der Tat noch heute der glückverwöhnte,
+unverschämte, strahlende Casanova, der mit schönen Frauen durch die Welt
+gefahren, den weltliche und geistliche Fürsten mit hoher Gunst
+ausgezeichnet, der Tausende verschwendet, verspielt und verschenkt hatte
+– und nicht ein herabgekommener Schlucker, den ehemalige Freunde von
+England und Spanien her mit lächerlichen Summen unterstützten, – die
+indes auch manchmal ausblieben, so daß er auf die paar armseligen
+Geldstücke angewiesen war, die er dem Baron Perotti oder dessen Gästen
+abgewann; ja, er vergaß sogar, daß es ihm wie ein höchstes Ziel
+erschien, in der Vaterstadt, die ihn erst eingekerkert und nach seiner
+Flucht geächtet und verbannt hatte, als der geringste ihrer Bürger, als
+ein Schreiber, als ein Bettler, als ein Nichts – sein einst so
+prangendes Dasein zu beschließen.
+
+Auch Marcolina hörte ihm aufmerksam zu, aber mit keinem andern
+Ausdruck, als wenn man ihr etwa aus einem Buch leidlich unterhaltsame
+Geschichten vorläse. Daß ihr ein Mensch, ein Mann, daß ihr Casanova
+selbst, der all dies erlebt hatte und noch vieles andre, was er nicht
+erzählte, daß ihr der Geliebte von tausend Frauen gegenübersaß, – und
+daß sie das wußte, davon verrieten ihre Mienen nicht das geringste.
+Anders schimmerte es in Amaliens Augen. Für sie war Casanova derselbe
+geblieben, der er gewesen; ihr klang seine Stimme verführerisch wie vor
+sechzehn Jahren, und er selbst fühlte, daß es ihn nur ein Wort und kaum
+so viel kosten würde, das Abenteuer von damals, sobald es ihm beliebte,
+von neuem aufzunehmen. Doch was war ihm Amalia in dieser Stunde, da ihn
+nach Marcolina verlangte wie nach keiner vor ihr? Durch das mattglänzend
+sie umfließende Gewand glaubte er ihren nackten Leib zu sehen; die
+knospenden Brüste blühten ihm entgegen, und als sie sich einmal neigte,
+um ihr zu Boden geglittenes Taschentuch aufzuheben, legte Casanovas
+entflammte Phantasie ihrer Bewegung einen so lüsternen Sinn unter, daß
+er sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Daß er eine Sekunde lang
+unwillkürlich im Erzählen stockte, entging Marcolina so wenig, wie daß
+sein Blick seltsam zu flirren begann, und er las in dem ihren ein
+plötzliches Befremden, Verwahrung, ja eine Spur von Ekel. Rasch faßte
+er sich wieder und schickte sich eben an, seine Erzählung mit neuer
+Lebhaftigkeit fortzusetzen, als ein wohlbeleibter Geistlicher eintrat,
+der vom Hausherrn als der Abbate Rossi begrüßt und von Casanova sofort
+als derselbe erkannt wurde, mit dem er vor siebenundzwanzig Jahren auf
+einem Marktschiff zusammengetroffen war, das von Venedig nach Chioggia
+fuhr. »Sie hatten damals ein Auge verbunden,« sagte Casanova, der selten
+eine Gelegenheit vorübergehen ließ, mit seinem vorzüglichen Gedächtnis
+zu prunken, »und ein Bauernweib mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine
+heilkräftige Salbe, die ein junger, sehr heisrer Apotheker zufällig mit
+sich führte.« Der Abbate nickte und lächelte geschmeichelt. Dann aber,
+mit einem pfiffigen Gesicht, trat er ganz nahe an Casanova heran, als
+hätte er ihm ein Geheimnis mitzuteilen. Doch mit ganz lauter Stimme
+sagte er: »Und Sie, Herr Casanova, befanden sich in Begleitung einer
+Hochzeitsgesellschaft ... ich weiß nicht, ob als zufälliger Gast oder
+gar als Brautführer, jedenfalls sah die Braut Sie mit viel zärtlichern
+Augen an als den Bräutigam ... Ein Wind erhob sich, beinahe ein Sturm,
+und Sie begannen ein höchst verwegenes Gedicht vorzulesen.« – »Das tat
+der Chevalier gewiß nur,« sagte Marcolina, »um den Sturm zu
+beschwichtigen.« – »Solche Zaubermacht«, erwiderte Casanova, »traute
+ich mir niemals zu; allerdings will ich nicht leugnen, daß sich niemand
+mehr um den Sturm kümmerte, als ich zu lesen begonnen.«
+
+Die drei Mädchen hatten sich an den Abbate herangemacht. Sie wußten wohl
+warum. Denn seinen ungeheuren Taschen entnahm er köstliches Zuckerwerk
+in großen Mengen und schob es mit seinen dicken Fingern den Kindern
+zwischen die Lippen. Indes berichtete Olivo dem Abbate in aller
+Ausführlichkeit, wie er Casanova wiedergefunden. Wie verloren hielt
+Amalia auf die herrische braune Stirn des teuren Gastes ihren
+leuchtenden Blick geheftet. Die Kinder liefen in den Garten; Marcolina
+hatte sich erhoben und sah ihnen durchs offne Fenster nach. Der Abbate
+hatte Grüße vom Marchese Celsi zu bestellen, der, wenn es seine
+Gesundheit zuließe, heute abend samt Gemahlin bei seinem werten Freund
+Olivo erscheinen wollte. »Das trifft sich gut,« sagte dieser, »da haben
+wir gleich dem Chevalier zu Ehren eine hübsche kleine Spielgesellschaft;
+die Brüder Ricardi erwarte ich gleichfalls, und auch Lorenzi kommt; die
+Kinder sind ihm auf seinem Spazierritt begegnet.« – »Er ist noch immer
+da?« fragte der Abbate. »Schon vor einer Woche hieß es, er solle zu
+seinem Regiment abgehen.« – »Die Marchesa,« meinte Olivo lachend, »wird
+ihm beim Obersten einen Urlaub erwirkt haben.« – »Es wundert mich,«
+warf Casanova ein, »daß es für Mantueser Offiziere jetzt Urlaub gibt.«
+Und er erfand weiter: »Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua, der
+andre aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern in der Richtung
+gegen Mailand abmarschiert.« – »Gibt’s Krieg?« fragte Marcolina vom
+Fenster her; sie hatte sich umgewandt, die Züge ihres umschatteten
+Gesichts blieben undeutbar, – doch ein leises Beben ihrer Stimme hatte
+Casanova als einziger wohl gemerkt. »Es wird vielleicht zu nichts
+kommen,« sagte er leichthin. »Aber da die Spanier eine drohende Haltung
+einnehmen, heißt es bereit sein.« – »Weiß man denn überhaupt,« fragte
+Olivo wichtig und stirnrunzelnd, »auf welche Seite wir uns schlagen
+werden, auf die spanische oder auf die französische?« – »Das dürfte dem
+Leutnant Lorenzi gleich sein,« meinte der Abbate. »Wenn er nur endlich
+dazu kommt, sein Heldentum zu erproben.« – »Das hat er schon getan,«
+sagte Amalia. »Bei Pavia vor drei Jahren hat er mitgefochten.« Marcolina
+aber schwieg.
+
+Casanova wußte genug. Er trat an Marcolinens Seite und umfaßte den
+Garten mit einem großen Blick. Er sah nichts als die ausgedehnte wilde
+Wiese, auf der die Kinder spielten, und die von einer Reihe hoher
+dichter Bäume gegen die Mauer zu abgeschlossen war. »Was für ein
+prächtiger Besitz,« wandte er sich an Olivo. »Ich wäre neugierig, ihn
+näher kennenzulernen.« – »Und ich, Chevalier,« erwiderte Olivo, »wünsche
+mir kein größeres Vergnügen, als Sie über meine Weinberge und durch
+meine Felder zu führen. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, fragen Sie
+doch Amalia, in den Jahren, seit das kleine Gütchen mir gehört, hab’ ich
+mir nichts sehnlicher gewünscht, als Sie endlich auf meinem eignen Grund
+und Boden als Gast zu begrüßen. Zehnmal war ich daran, Ihnen zu
+schreiben, Sie einzuladen. Aber war man denn je sicher, daß eine
+Nachricht Sie erreichen würde? Erzählte einem irgendwer, man hätte Sie
+kürzlich in Lissabon gesehn – so konnte man sicher sein, daß Sie indes
+nach Warschau oder nach Wien abgereist waren. Und nun, da ich Sie wie
+durch ein Wunder eben in der Stunde wiederfinde, da Sie Mantua verlassen
+wollen, und es mir – es war nicht leicht, Amalia – gelingt, Sie
+hierherzulocken, da geizen Sie so mit Ihrer Zeit, daß Sie uns – möchten
+Sie es glauben, Herr Abbate – daß er uns nicht mehr als zwei Tage
+schenken will!« – »Der Chevalier wird sich vielleicht zu einer
+Verlängerung seines Aufenthalts überreden lassen,« sagte der Abbate, der
+eben mit viel Behagen eine Pfirsichschnitte im Mund zergehen ließ, und
+warf auf Amalia einen raschen Blick, aus dem Casanova zu entnehmen
+glaubte, daß sie den Abbate in tieferes Vertrauen gezogen hatte als
+ihren Gatten. – »Das wird mir leider nicht möglich sein,« erwiderte
+Casanova förmlich; »denn ich darf Freunden, die solchen Anteil an meinem
+Schicksal nehmen, nicht verhehlen, daß meine venezianischen Mitbürger im
+Begriffe sind, mir für das Unrecht, das sie mir vor Jahren zugefügt,
+eine etwas verspätete, aber um so ehrenvollere Genugtuung zu geben, und
+ich ihrem Drängen mich nicht länger werde versagen können, wenn ich
+nicht undankbar oder gar nachträgerisch erscheinen will.« Mit einer
+leichten Handbewegung wehrte er eine neugierig-ehrfurchtsvolle Frage ab,
+die er auf Olivos Lippen sich runden sah, und bemerkte rasch: »Nun,
+Olivo, ich bin bereit. Zeigen Sie mir Ihr kleines Königreich.«
+
+»Wär’ es nicht geratener,« warf Amalia ein, »dazu die kühlere Tageszeit
+abzuwarten? Der Chevalier wird jetzt gewiß lieber ein wenig ruhen oder
+sich im Schatten ergehen wollen?« Und aus ihren Augen schimmerte zu
+Casanova ein schüchternes Flehen hin, als müßte während eines solchen
+Lustwandelns draußen im Garten ihr Schicksal sich zum zweitenmal
+entscheiden. – Niemand hatte gegen Amaliens Vorschlag etwas einzuwenden,
+und man begab sich ins Freie. Marcolina, den andern voraus, lief im
+Sonnenschein über die Wiese zu den Kindern, die dort mit Federbällen
+spielten, und nahm sofort am Spiele teil. Sie war kaum größer als das
+älteste der drei Mädchen, und, wie ihr nun das freigelockte Haar um die
+Schultern flatterte, sah sie selber einem Kinde gleich. Olivo und der
+Abbate ließen sich in der Allee, in der Nähe des Hauses, auf einer
+steinernen Bank nieder. Amalia wandelte an Casanovas Seite weiter. Als
+sie von den andern nicht mehr gehört werden konnte, begann sie im
+Tonfall von einst, als wäre ihre Stimme für Casanova niemals in einem
+andern erklungen:
+
+»So bist du wieder da, Casanova! Wie hab’ ich diesen Tag ersehnt. Daß er
+einmal kommen würde, hab’ ich gewußt.« – »Es ist ein Zufall, daß ich da
+bin,« sagte Casanova kalt. Amalia lächelte nur. »Nenn’ es wie du willst.
+Du bist da! Ich habe in diesen sechzehn Jahren von nichts anderm
+geträumt als von diesem Tag!« – »Es ist anzunehmen,« entgegnete
+Casanova, »daß du im Laufe dieser Zeit von mancherlei anderm geträumt
+und – nicht nur geträumt hast.« Amalia schüttelte den Kopf. »Du weißt,
+daß es nicht so ist, Casanova. Und auch du hast meiner nicht vergessen,
+sonst hättest du, der du so eilig bist, nach Venedig zu gelangen, Olivos
+Einladung nicht angenommen!« – »Was denkst du eigentlich, Amalia? Ich
+sei hergekommen, um deinen guten Mann zum Hahnrei zu machen?« – »Warum
+sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir wieder gehöre, so ist es weder
+Betrug noch Sünde!« Casanova lachte laut auf. »Keine Sünde? Warum keine
+Sünde? Weil ich ein alter Mann bin?« – »Du bist nicht alt. Für mich
+kannst du es niemals werden. In deinen Armen hab’ ich meine erste
+Seligkeit genossen – und so ist es mir gewiß bestimmt, daß mir mit dir
+auch meine letzte zuteil wird!« – »Deine letzte?« wiederholte Casanova
+höhnisch, obwohl er nicht ganz ungerührt war, – »dagegen dürfte mein
+Freund Olivo wohl mancherlei einzuwenden haben.« – »Das,« erwiderte
+Amalia errötend, »das ist Pflicht – meinethalben sogar Vergnügen; aber
+Seligkeit ist es doch nicht ... war es niemals.«
+
+Sie gingen die Allee nicht zu Ende, als scheuten beide die Nähe des
+Wiesenplatzes, wo Marcolina und die Kinder spielten, – wie auf
+Verabredung kehrten sie um und waren bald wieder, schweigend, beim
+Wohnhaus angelangt. An der Schmalseite stand ein Fenster des
+Erdgeschosses offen. Casanova sah in der dämmernden Tiefe des Gemachs
+einen halbgerafften Vorhang, hinter dem das Fußende des Bettes sichtbar
+wurde. Über einem Stuhl daneben hing ein lichtes, schleierartiges
+Gewand. »Marcolinens Zimmer?« fragte Casanova. – Amalia nickte. Und zu
+Casanova anscheinend heiter und wie ohne jeden Verdacht: »Sie gefällt
+dir?« – »Da sie schön ist.« – »Schön und tugendhaft.« – Casanova zuckte
+die Achseln, als hätte er danach nicht gefragt. Dann sagte er: »Wenn du
+mich heute zum erstenmal sähest – ob ich dir wohl auch gefiele, Amalia?«
+– »Ich weiß nicht, ob du heute anders aussiehst als damals. Ich sehe
+dich – wie du damals warst. Wie ich dich seither immer, auch in meinen
+Träumen sah.« – »Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln meiner Stirn ...
+Die Falten meines Halses! Und die tiefe Rinne da von den Augen den
+Schläfen zu! Und hier – ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn,« – er
+riß den Mund grinsend auf. »Und diese Hände, Amalia! Sieh sie doch an!
+Finger wie Krallen ... kleine gelbe Flecken auf den Nägeln ... Und die
+Adern da – blau und geschwollen – Greisenhände, Amalia!« – Sie nahm
+seine beiden Hände, so wie er sie ihr wies, und im Schatten der Allee
+küßte sie eine nach der andern mit Andacht. »Und heute nacht will ich
+deine Lippen küssen,« sagte sie in einer demütig zärtlichen Art, die ihn
+erbitterte.
+
+Unweit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina im Gras, die Hände
+unter den Kopf gestützt, den Blick in die Höhe gewandt, und die Bälle
+der Kinder flogen über sie hin. Plötzlich streckte sie den einen Arm aus
+und haschte nach einem der Bälle. Sie fing ihn auf, lachte hell, die
+Kinder fielen über sie her, sie konnte sich ihrer nicht erwehren, ihre
+Locken flogen. Casanova bebte. »Du wirst weder meine Lippen noch meine
+Hände küssen,« sagte er zu Amalia, »und du sollst mich vergeblich
+erwartet und vergeblich von mir geträumt haben – es sei denn, daß ich
+vorher Marcolina besessen habe.« – »Bist du wahnsinnig, Casanova?« rief
+Amalia mit weher Stimme. – »So haben wir einander nichts vorzuwerfen,«
+sagte Casanova. »Du bist wahnsinnig, da du in mir altem Manne den
+Geliebten deiner Jugend wiederzusehen glaubst, ich, weil ich mir in den
+Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber vielleicht ist uns beiden
+beschieden, wieder zu Verstand zu kommen. Marcolina soll mich wieder
+jung machen – für dich. Also – führe meine Sache bei ihr, Amalia!« – »Du
+bist nicht bei dir, Casanova. Es ist unmöglich. Sie will von keinem Mann
+etwas wissen.« – Casanova lachte auf. »Und der Leutnant Lorenzi?« – »Was
+soll’s mit Lorenzi sein?« – »Er ist ihr Liebhaber, ich weiß es.« – »Wie
+du dich irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten, und sie hat sie
+ausgeschlagen. Und er ist jung – er ist schön – ja, fast glaub’ ich,
+schöner als du je gewesen bist, Casanova!« – »Er hätte um sie geworben?«
+– »Frage doch Olivo, wenn du mir nicht glaubst.« – »Nun, mir gilt’s
+gleich. Was geht’s mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne,
+Braut oder Witwe – ich will sie haben, ich will sie!« – »Ich kann sie
+dir nicht geben, mein Freund.« Und er fühlte aus dem Ton ihrer Stimme,
+daß sie ihn beklagte. »Nun siehst du,« sagte er, »was für ein
+schmählicher Kerl ich geworden bin, Amalia! Noch vor zehn – noch vor
+fünf Jahren hätt’ ich keinen Beistand und keine Fürsprache gebraucht,
+und wäre Marcolina die Göttin der Tugend selbst gewesen. Und nun will
+ich dich zur Kupplerin machen. Oder wenn ich reich wäre ... Ja, mit
+zehntausend Dukaten ... Aber ich habe nicht zehn. Ein Bettler bin ich,
+Amalia.« – »Auch für hunderttausend bekämst du Marcolina nicht. Was kann
+ihr am Reichtum liegen? Sie liebt die Bücher, den Himmel, die Wiesen,
+die Schmetterlinge und die Spiele mit Kindern ... Und mit ihrem kleinen
+Erbteil hat sie mehr als sie bedarf.« – »O, wär’ ich ein Fürst!« rief
+Casanova, ein wenig deklamierend, wie es zuweilen seine Art war, gerade
+wenn ihn eine echte Leidenschaft durchwühlte. »Hätt’ ich die Macht,
+Menschen ins Gefängnis werfen, hinrichten zu lassen ... Aber ich bin
+nichts. Ein Bettler – und ein Lügner dazu. Ich bettle bei den hohen
+Herrn in Venedig um ein Amt, um ein Stück Brot, um Heimat! Was ist aus
+mir geworden? Ekelt dich nicht vor mir, Amalia?« – »Ich liebe dich,
+Casanova!« – »So verschaffe sie mir, Amalia! Es steht bei dir, ich weiß
+es. Sag’ ihr, was du willst. Sag’ ihr, daß ich euch gedroht habe. Daß du
+mir zutraust, ich könnte euch das Dach über dem Hause anzünden! Sag’
+ihr, ich wär’ ein Narr, ein gefährlicher Narr, aus dem Irrenhaus
+entsprungen, aber die Umarmung einer Jungfrau könnte mich wieder gesund
+machen. Ja, das sag’ ihr.« – »Sie glaubt nicht an Wunder.« – »Wie? Nicht
+an Wunder? So glaubt sie auch nicht an Gott. Um so besser! Ich bin gut
+angeschrieben beim Erzbischof von Mailand! Sag’ ihr das! Ich kann sie
+verderben! Euch alle kann ich verderben. Das ist wahr, Amalia! Was sind
+es für Bücher, die sie liest? Gewiß sind auch solche darunter, die die
+Kirche verboten hat. Laß sie mich sehen. Ich will eine Liste
+zusammenstellen. Ein Wort von mir ...« – »Schweige, Casanova! Dort kommt
+sie. Verrate dich nicht! Nimm deine Augen in acht! Nie, Casanova, nie,
+höre wohl, was ich sage, nie hab’ ich ein reineres Wesen gekannt. Ahnte
+sie, was ich eben habe hören müssen, sie erschiene sich wie beschmutzt;
+und du würdest sie, solang du hier bist, mit keinem Blick mehr zu sehen
+bekommen. Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr – du wirst sie, du wirst
+_mich_ um Verzeihung bitten.«
+
+Marcolina, mit den Kindern, kam heran; diese liefen an ihr vorbei, ins
+Haus, sie selber aber, wie um dem Gast eine Höflichkeit zu erweisen,
+blieb vor ihm stehn, während Amalia, wie mit Absicht, sich entfernte.
+Und nun war es Casanova in der Tat, als wehte es ihm von diesen blassen,
+halb geöffneten Lippen, dieser glatten, von dunkelblondem, nun
+aufgestecktem Haar umrahmten Stirn wie ein Hauch von Herbheit und
+Keuschheit entgegen; – was er selten einer Frau, was er auch ihr
+gegenüber früher im geschlossnen Raum nicht verspürt – eine Art von
+Andacht, von Hingegebenheit ohne jedes Verlangen floß durch seine Seele.
+Und mit Zurückhaltung, ja in einem Ton von Ehrerbietung, wie man sie
+Höhergebornen gegenüber an den Tag zu legen liebt, und der ihr
+schmeicheln mußte, stellte er die Frage an sie, ob sie die kommenden
+Abendstunden wieder dem Studium zu widmen beabsichtige. Sie erwiderte,
+daß sie auf dem Land überhaupt nicht regelmäßig zu arbeiten pflege, doch
+könne sie’s nicht hindern, daß gewisse mathematische Probleme, mit denen
+sie sich eben beschäftige, ihr auch in den Ruhestunden nachgingen, wie
+es ihr eben jetzt begegnet sei, während sie auf der Wiese gelegen war
+und zum Himmel aufgesehn hatte. Doch als Casanova, durch ihre
+Freundlichkeit ermutigt, sich scherzend erkundigte, was denn dies für
+ein hohes und dabei so zudringliches Problem gewesen sei, entgegnete sie
+etwas spöttisch, es habe keineswegs das allergeringste mit jener
+berühmten Kabbala zu tun, in der der Chevalier von Seingalt, wie man
+sich erzähle, Bedeutendes leiste, und so würde er kaum viel damit
+anzufangen wissen. Es ärgerte ihn, daß sie von der Kabbala mit so
+unverhohlener Ablehnung sprach, und obwohl ihm selbst, in den freilich
+seltnen Stunden innerer Einkehr, bewußt war, daß jener eigentümlichen
+Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt, keinerlei Sinn und keine
+Berechtigung zukäme, daß sie in der Natur gewissermaßen gar nicht
+vorhanden, nur von Gaunern und Spaßmachern – welche Rolle er
+abwechselnd, aber immer mit Überlegenheit gespielt – zur Nasführung von
+Leichtgläubigen und Toren benutzt würde, so versuchte er jetzt doch
+gegen seine eigne bessre Überzeugung Marcolina gegenüber die Kabbala als
+vollgültige und ernsthafte Wissenschaft zu verteidigen. Er sprach von
+der göttlichen Natur der Siebenzahl, die sich so schon in der Heiligen
+Schrift angedeutet fände, von der tiefsinnig-prophetischen Bedeutung der
+Zahlenpyramiden, die er selbst nach einem neuen System aufzubauen
+gelehrt hatte, und von dem häufigen Eintreffen seiner auf diesem System
+beruhenden Voraussagen. Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in
+Amsterdam den Bankier Hope durch den Aufbau einer solchen Zahlenpyramide
+veranlaßt, die Versicherung eines schon verloren geglaubten
+Handelsschiffes zu übernehmen und ihn dadurch zweimalhunderttausend
+Goldgulden verdienen lassen? Noch immer war er so geschickt im Vortrag
+seiner schwindelhaft geistreichen Theorien, daß er auch diesmal, wie es
+ihm oft geschah, an all das Unsinnige zu glauben begann, das er vortrug,
+und sogar mit der Behauptung zu schließen sich getraute, die Kabbala
+stelle nicht so sehr einen Zweig als vielmehr die metaphysische
+Vollendung der Mathematik vor. Marcolina, die ihm bisher sehr aufmerksam
+und anscheinend ganz ernsthaft zugehört hatte, schaute nun plötzlich mit
+einem halb bedauernden, halb spitzbübischen Blick zu ihm auf und sagte:
+»Es liegt Ihnen daran, mein werter Herr Casanova« (sie schien ihn jetzt
+mit Absicht nicht »Chevalier« zu nennen), »mir eine ausgesuchte Probe
+von Ihrem weltbekannten Unterhaltungstalent zu geben, wofür ich Ihnen
+aufrichtig dankbar bin. Aber Sie wissen natürlich so gut wie ich, daß
+die Kabbala nicht nur nichts mit der Mathematik zu tun hat, sondern
+geradezu eine Versündigung an ihrem eigentlichen Wesen bedeutet; und
+sich zu ihr nicht anders verhält als das verworrene oder lügenhafte
+Geschwätz der Sophisten zu den klaren und hohen Lehren des Plato und des
+Aristoteles.« – »Immerhin,« erwiderte Casanova rasch, »werden Sie mir
+zugeben müssen, schöne und gelehrte Marcolina, daß auch die Sophisten
+keineswegs durchaus als so verächtliche und törichte Gesellen zu gelten
+haben, wie man nach Ihrem allzu strengen Urteil annehmen müßte. So wird
+man – um nur ein Beispiel aus der Gegenwart anzuführen – Herrn Voltaire
+seiner ganzen Denk- und Schreibart nach gewiß als das Muster eines
+Sophisten bezeichnen dürfen, und trotzdem wird es niemandem einfallen,
+auch mir nicht, der ich mich als seinen entschiedenen Gegner bekenne,
+ja, wie ich nicht leugnen will, eben damit beschäftigt bin, eine Schrift
+gegen ihn zu verfassen, auch mir fällt es nicht ein, seiner
+außerordentlichen Begabung die gebührende Anerkennung zu versagen. Und
+ich bemerke gleich, daß ich mich nicht etwa durch die übertriebene
+Zuvorkommenheit habe bestechen lassen, die mir Herr Voltaire bei
+Gelegenheit meines Besuchs in Ferney vor zehn Jahren zu erweisen die
+Güte hatte.« – Marcolina lächelte. »Das ist ja sehr hübsch von Ihnen,
+Chevalier, daß Sie den größten Geist des Jahrhunderts so milde zu
+beurteilen die Gewogenheit haben.« – »Ein großer Geist – der größte
+gar?« rief Casanova aus. »Ihn so zu nennen, scheint mir schon deshalb
+unstatthaft, weil er bei all seinem Genie ein gottloser Mensch, ja
+geradezu ein Gottesleugner ist. Und ein Gottesleugner kann niemals ein
+großer Geist sein.« »Meiner Ansicht nach, Herr Chevalier, bedeutet das
+durchaus keinen Widerspruch. Aber Sie werden vor allem zu beweisen
+haben, daß man Voltaire einen Gottesleugner nennen darf.« –
+
+Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten Kapitel seiner
+Streitschrift hatte er eine ganze Menge von Stellen aus Voltaires
+Werken, vor allem aus der berüchtigten »Pucelle« zusammengetragen, die
+ihm besonders geeignet schienen, dessen Ungläubigkeit zu beweisen; und
+die er nun dank seinem vorzüglichen Gedächtnis, zusammen mit seinen
+eigenen Gegenargumenten, wörtlich zu zitieren wußte. Aber in Marcolina
+hatte er eine Gegnerin gefunden, die ihm sowohl an Kenntnissen wie an
+Geistesschärfe wenig nachgab und ihm überdies, wenn auch nicht an
+Redegewandtheit, so doch an eigentlicher Kunst und insbesondre an
+Klarheit des Ausdrucks weit überlegen war. Die Stellen, die Casanova als
+Beweise für die Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit Voltaires
+auszulegen versucht hatte, deutete Marcolina gewandt und schlagfertig
+als ebenso viele Zeugnisse für des Franzosen wissenschaftliches und
+schriftstellerisches Genie, sowie für sein unermüdlich heißes Streben
+nach Wahrheit, und sie sprach es ungescheut aus, daß Zweifel, Spott, ja
+daß der Unglaube selbst, wenn er mit so reichem Wissen, solch
+unbedingter Ehrlichkeit und solch hohem Mut verbunden sei, Gott
+wohlgefälliger sein müsse als die Demut des Frommen, hinter der sich
+meist nichts andres verberge, als eine mangelhafte Fähigkeit,
+folgerichtig zu denken, ja oftmals – wofür es an Beispielen nicht fehle
+– Feigheit und Heuchelei.
+
+Casanova hörte ihr mit wachsendem Staunen zu. Da er sich außerstande
+fühlte, Marcolina zu bekehren, um so weniger, als er immer mehr
+erkannte, wie sehr eine gewisse schwankende Seelenstimmung seiner
+letzten Jahre, die er als Gläubigkeit aufzufassen sich gewöhnt hatte,
+durch Marcolinens Einwürfe sich völlig aufzulösen drohte, so rettete er
+sich in die allgemein gehaltene Betrachtung, daß Ansichten, wie
+Marcolina sie eben ausgesprochen, nicht nur die Ordnung im Bereich der
+Kirche, sondern daß sie auch die Grundlagen des Staates in hohem Grade
+zu gefährden geeignet seien, und sprang von hier aus gewandt auf das
+Gebiet der Politik über, wo er mit seiner Erfahrung und Weltläufigkeit
+eher darauf rechnen konnte, Marcolinen gegenüber eine gewisse
+Überlegenheit zu zeigen. Aber wenn es ihr hier auch an Personenkenntnis
+und Einblick in das höfisch-diplomatische Getriebe gebrach und sie
+darauf verzichten mußte, Casanova im einzelnen zu widersprechen, auch wo
+sie der Verläßlichkeit seiner Darstellung zu mißtrauen Neigung
+verspürte; – aus ihren Bemerkungen ging unwidersprechlich für ihn
+hervor, daß sie weder vor den Fürsten dieser Erde noch vor den
+Staatsgebilden als solchen sonderliche Achtung hegte und der
+Überzeugung war, daß die Welt im Kleinen wie im Großen von Eigennutz und
+Herrschsucht nicht so sehr regiert, als vielmehr in Verwirrung gebracht
+werde. Einer solchen Freiheit des Denkens war Casanova bisher nur selten
+bei Frauen, bei einem jungen Mädchen gar, das gewiß noch keine zwanzig
+Jahre zählte, war er ihr noch nie begegnet; und nicht ohne Wehmut
+erinnerte er sich, daß sein eigener Geist in vergangenen Tagen, die
+schöner waren als die gegenwärtigen, mit einer bewußten und etwas
+selbstzufriedenen Kühnheit die gleichen Wege gegangen war, die er nun
+Marcolina beschreiten sah, ohne daß diese sich ihrer Kühnheit überhaupt
+bewußt zu werden schien. Und ganz hingenommen von der Eigenart ihrer
+Denk- und Ausdrucksweise vergaß er beinahe, daß er an der Seite eines
+jungen, schönen und höchst begehrenswerten Wesens einherwandelte, was um
+so verwunderlicher war, als er sich mit ihr ganz allein in der nun
+völlig durchschatteten Allee, ziemlich weit vom Wohnhaus, befand.
+Plötzlich aber, sich in einem eben begonnenen Satz unterbrechend, rief
+Marcolina lebhaft, ja wie freudig aus: »Da kommt mein Oheim!« ... Und
+Casanova, als hätte er Versäumtes nachzuholen, flüsterte ihr zu: »Wie
+schade. Gar zu gerne hätte ich mich noch stundenlang mit Ihnen weiter
+unterhalten, Marcolina!« – Er fühlte selbst, wie während dieser Worte
+in seinen Augen die Begier von neuem aufzuleuchten begann, worauf
+Marcolina, die in dem abgelaufenen Gespräch in aller Spöttelei sich fast
+zutraulich gegeben, sofort wieder eine kühlere Haltung annahm, und ihr
+Blick die gleiche Verwahrung, ja den gleichen Widerwillen ausdrückte,
+der Casanova heute schon einmal so tief verletzt hatte. Bin ich wirklich
+so verabscheuungswürdig? fragte er sich angstvoll. Nein, gab er sich
+selbst zur Antwort. Nicht das ist’s. Aber Marcolina – ist kein Weib.
+Eine Gelehrte, eine Philosophin, ein Weltwunder meinethalben – aber kein
+Weib. – Doch er wußte zugleich, daß er sich so nur selbst zu belügen, zu
+trösten, zu retten versuchte, und daß diese Versuche vergeblich waren.
+Olivo stand vor ihnen. »Nun,« meinte er zu Marcolina, »hab’ ich das
+nicht gut gemacht, daß ich dir endlich jemanden ins Haus gebracht habe,
+mit dem sich’s so klug reden läßt, wie du’s von deinen Professoren in
+Bologna her gewohnt sein magst?« – »Und nicht einmal unter diesen,
+liebster Oheim,« erwiderte Marcolina, »gibt es einen, der es sich
+getrauen dürfte, Voltaire selbst zum Zweikampf herauszufordern!« – »Ei,
+Voltaire? Der Chevalier fordert ihn heraus?« rief Olivo ohne zu
+verstehen. – »Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht von der Streitschrift,
+die mich in der letzten Zeit beschäftigt. Liebhaberei für müßige
+Stunden. Früher hatte ich Gescheiteres zu tun.« Marcolina, ohne auf
+diese Bemerkung zu achten, sagte: »Sie werden eine angenehme kühle Luft
+für Ihren Spaziergang haben. Auf Wiedersehen.« Sie nickte kurz und eilte
+über die Wiese dem Hause zu. Casanova hielt sich davor zurück, ihr
+nachzublicken und fragte: »Wird uns Frau Amalia begleiten?« – »Nein,
+mein werter Chevalier,« erwiderte Olivo, »sie hat allerlei im Hause zu
+besorgen und anzuordnen – und jetzt ist auch die Stunde, in der sie die
+Mädchen zu unterrichten pflegt.« – »Was für eine tüchtige, brave
+Hausfrau und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo!« – »Ja, das sag’ ich
+mir selbst alle Tage,« entgegnete Olivo, und die Augen wurden ihm
+feucht.
+
+Sie gingen die Schmalseite des Hauses entlang. Das Fenster Marcolinens
+stand offen, wie vorher; aus dem dämmernden Grund des Gemachs schimmerte
+das schleierartige helle Gewand. Durch die breite Kastanienallee
+gelangten sie auf die Straße, die schon völlig im Schatten lag. Langsam
+gingen sie aufwärts längs der Gartenmauer; wo sie im rechten Winkel
+umbog, begann das Weingelände. Zwischen den hohen Stöcken, an denen
+schwere dunkelblaue Beeren hingen, führte Olivo seinen Gast zur Höhe,
+und deutete mit einer behaglich zufriedenen Handbewegung nach seinem
+Haus zurück, das nun ziemlich tief unter ihnen lag. Im Fensterrahmen
+des Turmgemachs glaubte Casanova eine weibliche Figur auf und nieder
+schweben zu sehen.
+
+Die Sonne neigte sich dem Untergang zu; aber noch war es heiß genug.
+Über Olivos Wangen rannen die Schweißtropfen, während Casanovas Stirne
+vollkommen trocken blieb. Allmählich weiter und nun nach abwärts
+schreitend kamen sie auf üppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum
+andern rankte sich das Geäst der Reben, zwischen den Baumreihen wiegten
+sich die hohen gelben Ähren. – »Segen der Sonne,« sagte Casanova wie
+anerkennend, »in tausendfältiger Gestalt.« Olivo erzählte wieder und mit
+noch größerer Ausführlichkeit als vorher, wie er nach und nach diesen
+schönen Besitz erworben, und wie ein paar glückliche Ernte- und Lesejahre
+ihn zum wohlhabenden, ja zum reichen Manne gemacht. Casanova aber hing
+seinen eigenen Gedanken nach und griff nur selten ein Wort Olivos auf,
+um durch irgendeine höfliche Zwischenfrage seine Aufmerksamkeit zu
+beweisen. Erst als Olivo, von allem möglichen schwatzend, auf seine
+Familie und endlich auf Marcolina geraten war, horchte Casanova auf.
+Aber er erfuhr nicht viel mehr, als er schon vorher gewußt hatte. Da sie
+schon als Kind, noch im Hause ihres Vaters, der Olivos Stiefbruder, früh
+verwitwet und Arzt in Bologna gewesen war, durch die zeitig erwachenden
+Fähigkeiten ihres Verstandes ihre Umgebung in Erstaunen gesetzt, hatte
+man indes Muße genug gehabt, sich an ihre Art zu gewöhnen. Vor wenigen
+Jahren war ihr Vater gestorben, und seither lebte sie in der Familie
+eines berühmten Professors der hohen Schule von Bologna, eben jenes
+Morgagni, der sich vermaß, seine Schülerin zu einer großen Gelehrten
+heranzubilden; in den Sommermonaten war sie stets beim Oheim zu Gaste.
+Eine Anzahl Bewerbungen um ihre Hand, die eines Bologneser Kaufmanns,
+die eines Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, und zuletzt die des
+Leutnant Lorenzi habe sie zurückgewiesen und scheine tatsächlich
+gewillt, ihr Dasein völlig dem Dienst der Wissenschaft zu widmen.
+Während Olivo dies erzählte, fühlte Casanova sein Verlangen ins
+Ungemessene wachsen, und die Einsicht, daß es so töricht als
+hoffnungslos war, brachte ihn der Verzweiflung nahe. Eben als sie aus
+dem Feld- und Wiesenland auf die Fahrstraße traten, erschallte ihnen aus
+einer Staubwolke, die sich näherte, Rufen und Grüßen entgegen. Ein Wagen
+wurde sichtbar, in dem ein vornehm gekleideter älterer Herr an der Seite
+einer etwas jüngern üppigen und geschminkten Dame saß. »Der Marchese,«
+flüsterte Olivo seinem Begleiter zu, »er ist auf dem Wege zu mir.«
+
+Der Wagen hielt. »Guten Abend, mein trefflicher Olivo,« rief der
+Marchese, »darf ich Sie bitten, mich mit dem Chevalier von Seingalt
+bekannt zu machen? Denn ich zweifle nicht, daß ich das Vergnügen habe,
+mich ihm gegenüber zu sehen.« – Casanova verbeugte sich leicht. »Ich bin
+es,« sagte er. – »Und ich der Marchese Celsi, – hier die Marchesa, meine
+Gattin.« Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen; er berührte sie
+mit den Lippen.
+
+»Nun, mein bester Olivo,« sagte der Marchese, dessen wachsgelbes
+schmales Antlitz durch die über den stechenden grünlichen Augen
+zusammengewachsenen dichten roten Brauen ein nicht eben freundliches
+Ansehen erhielt, – »mein bester Olivo, wir haben denselben Weg, nämlich
+zu Ihnen. Und da es kaum ein Viertelstündchen bis dahin ist, will ich
+aussteigen und mit Ihnen zu Fuß gehen. Du hast wohl nichts dagegen, die
+kleine Strecke allein zu fahren,« wandte er sich an die Marchesa, die
+Casanova die ganze Zeit über mit lüstern prüfenden Augen betrachtet
+hatte; gab, ohne die Antwort seiner Gattin abzuwarten, dem Kutscher
+einen Wink, worauf dieser sofort wie toll auf die Pferde einhieb, als
+käme es ihm aus irgendeinem Grund darauf an, seine Herrin möglichst
+geschwind davonzubringen; und gleich war der Wagen hinter einer
+Staubwolke verschwunden.
+
+»Man weiß nämlich schon in unsrer Gegend,« sagte der Marchese, der noch
+ein paar Zoll höher als Casanova und von einer unnatürlichen Magerkeit
+war, »daß der Chevalier von Seingalt hier angekommen und bei seinem
+Freund Olivo abgestiegen ist. Es muß ein erhebendes Gefühl sein, einen
+so berühmten Namen zu tragen.«
+
+»Sie sind sehr gütig, Herr Marchese,« erwiderte Casanova, »ich habe
+allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen
+zu erwerben, finde mich aber vorläufig davon noch recht weit entfernt. –
+Eine Arbeit, mit der ich eben beschäftigt bin, wird mich meinem Ziele
+hoffentlich etwas näher bringen.«
+
+»Wir können den Weg hier abkürzen,« sagte Olivo und schlug einen Feldweg
+ein, der gerade auf die Mauer seines Gartens zuführte. – »Arbeit?«
+wiederholte der Marchese mit einem unbestimmten Ausdruck. »Darf man
+fragen, von welcher Art von Arbeit Sie sprechen, Chevalier?« – »Wenn Sie
+mich danach fragen, Herr Marchese, so sehe ich mich genötigt,
+meinerseits an Sie die Frage zu richten, von was für einer Art von Ruhm
+Sie vorhin geredet haben?« Dabei sah er dem Marchese hochmütig in die
+stechenden Augen. Denn wenn er auch sehr wohl wußte, daß weder sein
+phantastischer Roman »Icosameron«, noch seine dreibändige »Widerlegung
+von Amelots Geschichte der venezianischen Regierung« ihm nennenswerten
+schriftstellerischen Ruhm eingebracht hatten, es lag ihm daran, für
+sich keinen andern als erstrebenswert gelten zu lassen, und er
+mißverstand absichtlich alle weiteren vorsichtig tastenden Bemerkungen
+und Anspielungen des Marchese, der sich unter Casanova wohl einen
+berühmten Frauenverführer, Spieler, Geschäftsmann, politischen Emissär
+und sonst alles mögliche, nur durchaus keinen Schriftsteller
+vorzustellen imstande war, um so weniger, als weder von der Widerlegung
+des Amelotischen Werkes noch von dem »Icosameron« jemals eine Kunde zu
+ihm gedrungen war. So bemerkte er endlich mit einer gewissen höflichen
+Verlegenheit: »Immerhin gibt es nur einen Casanova.« – »Auch das ist ein
+Irrtum, Herr Marchese,« entgegnete Casanova kalt. »Ich habe Geschwister,
+und der Name eines meiner Brüder, des Malers Francesco Casanova, dürfte
+einem Kenner nicht fremd klingen.«
+
+Es zeigte sich, daß der Marchese auch auf diesem Gebiete nicht zu den
+Kennern gehörte, und so lenkte er das Gespräch auf Bekannte, die ihm in
+Neapel, Rom, Mailand und Mantua wohnten, und von denen er annehmen
+konnte, daß Casanova mit ihnen gelegentlich zusammengetroffen war. In
+diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen des Barons Perotti, doch in
+einigermaßen verächtlichem Tone, und Casanova mußte zugestehen, daß er
+manchmal im Hause des Barons ein kleines Spiel zu machen pflege – »zur
+Zerstreuung,« setzte er hinzu, – »ein halbes Stündchen vor dem
+Schlafengehen. Im übrigen hab’ ich diese Art von Zeitvertreib so
+ziemlich aufgegeben.« – »Das täte mir leid,« sagte der Marchese, »denn
+ich will Ihnen nicht verhehlen, Herr Chevalier, daß es ein Traum meines
+Lebens war, mich mit Ihnen zu messen – sowohl im Spiel als – in jüngern
+Jahren – auch auf andern Gebieten. Denken Sie übrigens, daß ich – wie
+lange mag es her sein? – daß ich in Spa genau an dem Tage, ja in der
+Stunde ankam, als Sie es verließen. Unsre Wagen fuhren aneinander
+vorüber. Und in Regensburg widerfuhr mir ein ähnliches Mißgeschick. Dort
+bewohnte ich sogar das Zimmer, das Sie eine Stunde vorher verlassen
+hatten.« – »Es ist ein rechtes Unglück,« sagte Casanova, immerhin ein
+wenig geschmeichelt, »daß man einander manchmal zu spät im Leben
+begegnet.« – »Es ist noch nicht zu spät,« rief der Marchese lebhaft. »In
+Hinsicht auf mancherlei andres will ich mich gern im vorhinein
+geschlagen geben, und es kümmert mich wenig, – aber was das Spiel
+anbelangt, mein lieber Chevalier, so sind wir beide vielleicht gerade in
+den Jahren –«
+
+Casanova unterbrach ihn: »In den Jahren – mag sein. Aber leider kann ich
+gerade auf dem Gebiet des Spiels nicht mehr auf das Vergnügen Anspruch
+erheben, mich mit einem Partner Ihres Ranges messen zu dürfen – weil
+ich« – und dies sagte er im Ton eines entthronten Fürsten – »weil ich es
+mit all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis heute nicht viel
+weiter als bis zum Bettler gebracht habe.«
+
+Der Marchese schlug unwillkürlich vor Casanovas stolzem Blick die Augen
+nieder und schüttelte dann nur ungläubig, wie zu einem sonderbaren Spaß,
+den Kopf. Olivo aber, der dem ganzen Gespräch mit Spannung gelauscht und
+die gewandt überlegenen Antworten seines außerordentlichen Freundes mit
+beifälligem Nicken begleitet hatte, vermochte eine Bewegung des
+Erschreckens kaum zu unterdrücken. Sie standen eben alle an der
+rückwärtigen Gartenmauer vor einer schmalen Holztür, und während Olivo
+sie mit einem kreischenden Schlüssel öffnete und den Marchese voraus in
+den Garten treten ließ, flüsterte er Casanova zu, ihn beim Arm fassend:
+»Sie werden Ihr letztes Wort zurücknehmen, Chevalier, ehe Sie den Fuß
+wieder in mein Haus setzen. Das Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren
+schulde, liegt bereit. Ich wagte nur nicht ... Fragen Sie Amalia ...
+Abgezählt liegt es bereit. Beim Abschied wollte ich mir erlauben –«
+Casanova unterbrach ihn sanft. »Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo.
+Die paar Goldstücke waren – Sie wissen es wohl – ein Hochzeitsgeschenk,
+das ich, als Freund von Amaliens Mutter ... Doch wozu überhaupt davon
+reden. Was sollen mir die paar Dukaten? Ich stehe an einer Wende meines
+Schicksals,« setzte er absichtlich laut hinzu, so daß ihn der Marchese,
+der nach ein paar Schritten stehengeblieben war, hören konnte. Olivo
+tauschte einen Blick mit Casanova, um sich seiner Zustimmung zu
+versichern, dann bemerkte er zum Marchese: »Der Chevalier ist nämlich
+nach Venedig zurückberufen und reist in wenigen Tagen nach seiner
+Vaterstadt ab.« – »Vielmehr,« bemerkte Casanova, während sie alle sich
+dem Hause näherten, »man ruft bereits seit geraumer Zeit nach mir und
+immer dringender. Aber ich finde, die Herren Senatoren haben sich lange
+genug Zeit gelassen. Mögen nun sie sich in Geduld fassen.« – »Ein
+Stolz,« sagte der Marchese, »zu dem Sie im höchsten Maße berechtigt
+sind, Chevalier!«
+
+Als sie aus der Allee auf die Wiese hinaustraten, die nun schon völlig
+im Schatten dalag, sahen sie, dem Hause nahe, die kleine Gesellschaft
+versammelt, von der sie erwartet wurden. Alle erhoben sich, um ihnen
+entgegenzugehen, zuerst der Abbate, zwischen Marcolina und Amalia; ihnen
+folgte die Marchesa, ihr zur Seite ein hochgewachsener bartloser junger
+Offizier in roter silberverschnürter Uniform und glänzenden
+Reiterstiefeln, der kein andrer sein konnte als Lorenzi. Wie er zu der
+Marchesa sprach, ihre weißen gepuderten Schultern mit dem Blicke
+streifend als eine wohlbekannte Probe von nicht minder bekannten
+hübschen Dingen; noch mehr die Art, wie die Marchesa mit
+halbgeschlossenen Lidern lächelnd zu ihm aufsah, konnte auch weniger
+Erfahrene über die Natur der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen
+nicht in Zweifel lassen; sowie auch darüber, daß sie keinen Wert darauf
+legten, sie vor irgend jemandem geheimzuhalten. Sie unterbrachen ihr
+leises aber lebhaftes Gespräch erst, als sie den Herankommenden schon
+gegenüberstanden.
+
+Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor. Die beiden maßen sich
+mit einem kurzen kalten Blick, in dem sie sich gegenseitig ihrer
+Abneigung zu versichern schienen, dann lächelten sie beide flüchtig und
+verneigten sich, ohne einander die Hände zu reichen, da jeder zu diesem
+Zweck dem andern hätte einen Schritt entgegentreten müssen. Lorenzi war
+schön, von schmalem Antlitz und in Anbetracht seiner Jugend auffallend
+scharfen Zügen; im Hintergrund seiner Augen schillerte irgend etwas
+Unfaßbares, das den Erfahrenen zur Vorsicht mahnen mußte. Nur eine
+Sekunde lang überlegte Casanova, an wen ihn Lorenzi erinnerte. Dann
+wußte er, daß es sein eigenes Bild war, das ihm, um dreißig Jahre
+verjüngt, hier entgegentrat. Bin ich etwa in seiner Gestalt
+wiedergekehrt? fragte er sich. Da müßte ich doch vorher gestorben sein
+... Und es durchbebte ihn: Bin ich’s denn nicht seit lange? Was ist denn
+noch an mir von dem Casanova, der jung, schön und glücklich war?
+
+Er hörte Amaliens Stimme. Sie fragte ihn, wie aus der Ferne, obzwar sie
+neben ihm stand, wie ihm der Spaziergang behagt habe, worauf er sich
+laut, so daß es alle hören konnten, mit höchster Anerkennung über den
+fruchtbaren wohlgepflegten Besitz aussprach, den er mit Olivo
+durchwandert hatte. Indes deckte die Magd auf der Wiese einen länglichen
+Tisch, die zwei älteren Töchter Olivos waren ihr dabei behilflich, indem
+sie aus dem Hause Geschirr, Gläser und was sonst nötig war, mit viel
+Gekicher und Getu herbeischafften. Mählich brach die Dämmerung ein; ein
+leise kühlender Wind strich durch den Garten. Marcolina eilte an den
+Tisch, um zu vollenden, was die Kinder im Verein mit der Magd begonnen,
+und zu verbessern, was sie verfehlt hatten. Die übrigen ergingen sich
+zwanglos auf der Wiese und in den Alleen. Die Marchesa erwies Casanova
+viele Höflichkeit, auch wünschte sie von ihm die berühmte Geschichte
+seiner Flucht aus den Bleikammern von Venedig zu vernehmen, wenngleich
+ihr keineswegs unbekannt sei – wie sie mit vieldeutigem Lächeln
+hinzufügte –, daß er weit gefährlichere Abenteuer bestanden, die zu
+erzählen freilich bedenklicher sein möchte. Casanova erwiderte: wenn er
+auch mancherlei ernste und heitere Beschwernis mitgemacht – gerade
+dasjenige Leben, dessen Sinn und eigentliches Wesen die Gefahr bedeute,
+habe er niemals so recht kennengelernt; denn wenn er auch ein paar
+Monate lang in unruhigen Zeiten Soldat gewesen, vor vielen Jahren, auf
+der Insel Korfu, – gab es denn einen Beruf auf Erden, in den ihn das
+Schicksal nicht verschlagen?! – er habe nie das Glück gehabt, einen
+wirklichen Feldzug mitzumachen, wie das nun dem Herrn Leutnant Lorenzi
+bevorstünde, und worum er ihn fast beneiden möchte. – »Da wissen Sie
+mehr als ich, Herr Casanova,« sagte Lorenzi mit einer hellen und frechen
+Stimme – »und sogar mehr als mein Oberst, denn ich habe eben
+Verlängerung meines Urlaubs auf unbestimmte Zeit erhalten.« –
+»Wahrhaftig!« rief der Marchese mit unbeherrschtem Grimme, und höhnisch
+setzte er hinzu: »Und denken Sie nur, Lorenzi, wir – meine Gattin
+vielmehr, hatte schon so sicher auf Ihre Abreise gerechnet, daß sie für
+Anfang nächster Woche einen unsrer Freunde, den Sänger Baldi, auf unser
+Schloß einlud.« – »Das trifft sich gut,« entgegnete Lorenzi unbeirrt,
+»Baldi und ich sind gute Freunde, wir werden uns vertragen. Nicht wahr?«
+wandte er sich an die Marchesa und ließ seine Zähne blitzen. – »Ich
+würde es Ihnen beiden raten,« meinte die Marchesa mit einem heitern
+Lächeln.
+
+Mit diesen Worten nahm sie als erste am Tische Platz; ihr zur Seite
+Olivo, an ihrer andern Lorenzi. Ihnen gegenüber saß Amalia zwischen dem
+Marchese und Casanova; neben diesem an einem schmalen Tischende
+Marcolina; am andern, neben Olivo, der Abbate. Es war wie mittags ein
+einfaches und dabei höchst schmackhaftes Mahl. Die zwei älteren Töchter
+des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die Schüsseln und schenkten
+von dem trefflichen Wein, der auf Olivos Hügeln wuchs; und sowohl der
+Marchese wie der Abbate dankten den Mädchen mit scherzhaft derben
+Liebkosungen, die ein gestrengerer Vater als Olivo sich vielleicht
+verbeten hätte. Amalia schien nichts zu bemerken; sie war blaß, blickte
+trüb und sah aus wie eine Frau, die entschlossen ist, alt zu werden,
+weil das Jungsein jeden Sinn für sie verloren hat. Ist dies nun meine
+ganze Macht? dachte Casanova bitter, sie von der Seite betrachtend. Doch
+vielleicht war es die Beleuchtung, die Amaliens Züge so traurig
+veränderte. Es fiel nämlich nur ein breiter Strahl von Licht aus dem
+Innern des Hauses auf die Gäste; im übrigen ließ man sich’s am
+Dämmerschein des Himmels genügen. In scharfen schwarzen Linien schlossen
+die Baumwipfel alle Aussicht ab, und Casanova fühlte sich an irgendeinen
+geheimnisvollen Garten erinnert, in dem er vor vielen Jahren
+nächtlicherweile eine Geliebte erwartet hatte. »Murano,« flüsterte er
+vor sich hin und erbebte; dann sprach er laut: »Es gibt einen Garten auf
+einer Insel nahe von Venedig, einen Klostergarten, den ich vor etlichen
+Jahrzehnten zum letztenmal betreten habe; – in dem duftete es nachts
+gerade so, wie heute hier.« – »Sie sind wohl auch einmal Mönch gewesen?«
+fragte die Marchesa scherzend. – »Beinahe,« erwiderte Casanova lächelnd
+und erzählte wahrheitsgemäß, daß ihm als einem fünfzehnjährigen Knaben
+der Patriarch von Venedig die niederen Weihen verliehen, daß er aber
+schon als Jüngling vorgezogen habe, das geistliche Gewand wieder
+abzulegen. Der Abbate tat eines nahegelegenen Frauenklosters Erwähnung,
+zu dessen Besuch er Casanova dringend rate, falls er es noch nicht
+kennen sollte. Olivo stimmte lebhaft zu; er rühmte den düstern alten
+Bau, die anmutige Gegend, in der er gelegen war, den abwechslungsreichen
+Weg dahin. Übrigens, fuhr der Abbate fort, habe die Äbtissin, Schwester
+Seraphina, – eine höchst gelehrte Frau, Herzogin von Geburt – in einem
+Brief an ihn den Wunsch geäußert (schriftlich darum, weil in jenem
+Kloster das Gelübde ewigen Schweigens herrsche), Marcolina, von deren
+Gelehrsamkeit sie erfahren, von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. –
+»Ich hoffe, Marcolina,« sagte Lorenzi, und es war das erstemal, daß er
+das Wort geradaus an sie richtete, »Sie werden sich nicht dazu verführen
+lassen, der Herzogin-Äbtissin in jeder Beziehung nachzueifern.« – »Warum
+sollt’ ich auch?« erwiderte Marcolina heiter; »man kann seine Freiheit
+auch ohne Gelübde bewahren – und besser, denn Gelübde ist Zwang.«
+
+Casanova saß neben ihr. Er wagte es nicht einmal, leise ihren Fuß zu
+berühren, oder sein Knie an das ihre zu drängen: noch ein drittes Mal
+jenen Ausdruck des Grauens, des Ekels in ihrem Blick gewahren zu müssen
+– des war er gewiß – hätte ihn unfehlbar zu einer Tat des Wahnsinns
+getrieben. Während mit dem Fortschreiten des Mahls und der steigenden
+Zahl der geleerten Gläser die Unterhaltung lebhafter und allgemeiner
+wurde, hörte Casanova, wieder wie von fern, Amaliens Stimme. »Ich habe
+mit Marcolina gesprochen.« – »Du hast mit ihr –« – Eine tolle Hoffnung
+flammte in ihm auf. »Stille, Casanova. Von dir war nicht die Rede, nur
+von ihr und ihren Zukunftsplänen. Und ich sage es dir noch einmal:
+Niemals wird sie irgendeinem Manne angehören.« – Olivo, der dem Weine
+stark zugesprochen hatte, erhob sich unerwarteterweise, und, das Glas in
+der Hand, sprach er ein paar unbeholfene Worte über die hohe Ehre, die
+seinem armen Hause durch den Besuch seines teuern Freundes, des
+Chevalier von Seingalt, geworden sei.
+
+»Wo ist der Chevalier von Seingalt, mein lieber Olivo, von dem Sie da
+reden?« fragte Lorenzi mit seiner hellen, frechen Stimme. Casanovas
+erste Regung war es, dem Unverschämten sein gefülltes Glas an den Kopf
+zu schleudern; Amalia aber berührte leicht seinen Arm und sagte: »Viele
+Leute, Herr Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem älteren und
+berühmteren Namen Casanova.«
+
+»Ich wußte nicht,« sagte Lorenzi mit beleidigendem Ernst, »daß der König
+von Frankreich Herrn Casanova den Adel verliehen hat.«
+
+»Ich konnte dem König diese Mühe ersparen,« erwiderte Casanova ruhig,
+»und hoffe, daß Sie, Leutnant Lorenzi, sich mit einer Erklärung
+zufrieden geben werden, gegen die der Bürgermeister von Nürnberg nichts
+einzuwenden hatte, dem ich sie bei einer im übrigen gleichgültigen
+Gelegenheit vorzutragen die Ehre hatte.« Und da die andern in Spannung
+schwiegen –: »Das Alphabet ist bekanntlich allgemeines Gut. Ich habe mir
+eine Anzahl Buchstaben ausgesucht, die mir gefallen, und mich zum
+Edelmann gemacht, ohne einem Fürsten verpflichtet zu sein, der meine
+Ansprüche zu würdigen kaum imstande gewesen wäre. Ich bin Casanova
+Chevalier von Seingalt. Es täte mir leid um Ihretwillen, Leutnant
+Lorenzi, wenn dieser Name Ihren Beifall nicht finden sollte.« –
+»Seingalt – ein vortrefflicher Name,« sagte der Abbate und wiederholte
+ihn ein paarmal, als schmeckte er ihn mit den Lippen nach. – »Und es
+gibt niemanden auf der Welt,« rief Olivo aus, »der sich mit höherem
+Rechte Chevalier nennen dürfte als mein edler Freund Casanova!« – »Und
+sobald Ihr Ruhm, Lorenzi,« fügte der Marchese hinzu, »so weit erschallen
+sollte, als der des Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt, werden wir
+nicht zögern, wenn es Ihnen so beliebt, auch Sie Chevalier zu nennen.« –
+Casanova, ärgerlich über den unerwünschten Beistand, der ihm von allen
+Seiten wurde, war eben im Begriffe, sich ihn zu verbitten, um seine
+Sache persönlich weiterzuführen, als aus dem Dunkel des Gartens zwei
+eben noch anständig gekleidete, alte Herren an den Tisch traten. Olivo
+begrüßte sie herzlich und geräuschvoll, sehr froh, damit einem Zwist,
+der bedenklich zu werden und die Heiterkeit des Abends zu gefährden
+drohte, die Spitze abzubrechen. Die Neuangekommenen waren die Brüder
+Ricardi, Junggesellen, die, wie Casanova von Olivo erfuhr, früher in der
+großen Welt gelebt, mit allerlei Unternehmungen wenig Glück gehabt und
+sich endlich in das benachbarte Dorf, ihren Geburtsort, zurückgezogen,
+wo sie in einem elenden Häuschen zur Miete wohnten. Sonderbare, aber
+harmlose Leute. Die beiden Ricardi drückten ihr Entzücken aus, die
+Bekanntschaft des Chevaliers zu erneuern, mit dem sie in Paris vor
+Jahren zusammengetroffen waren. Casanova erinnerte sich nicht. Oder war
+es in Madrid?... »Das wäre möglich,« sagte Casanova, aber er wußte, daß
+er die beiden niemals gesehen hatte. Nur der eine, offenbar jüngere von
+ihnen, führte das Wort, der andre, der wie ein Neunzigjähriger aussah,
+begleitete die Reden seines Bruders mit unaufhörlichem Kopfnicken und
+einem verlorenen Grinsen.
+
+Man hatte sich von Tisch erhoben. Die Kinder waren schon früher
+verschwunden. Lorenzi und die Marchesa spazierten im Dämmer über die
+Wiese hin, Marcolina und Amalia wurden bald im Saale sichtbar, wo sie
+Vorbereitungen für das Spiel zu treffen schienen. Was hat das alles zu
+bedeuten? fragte sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten sie
+mich für reich? Wollen sie mich rupfen? Denn alle diese Anstalten, auch
+die Zuvorkommenheit des Marchese, die Beflissenheit des Abbate sogar,
+das Erscheinen der Brüder Ricardi, kamen ihm irgendwie verdächtig vor;
+konnte nicht auch Lorenzi in die Intrige verwickelt sein? Oder
+Marcolina? Oder gar Amalia? Ist das Ganze, dachte er flüchtig, ein
+Streich meiner Feinde, um mir die Rückkehr nach Venedig zu erschweren, –
+im letzten Augenblick unmöglich zu machen? Aber sofort mußte er sich
+sagen, daß dieser Einfall völlig unsinnig war, vor allem schon darum,
+weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte. Er war ein ungefährlicher,
+herabgekommener alter Tropf; wen konnte seine Rückkehr nach Venedig
+überhaupt kümmern? Und als er durch die offenen Fenster des Hauses die
+Herren sich geschäftig um den Tisch reihen sah, auf dem die Karten
+bereit lagen und gefüllte Weingläser standen, wurde ihm über jeden
+Zweifel klar, daß hier nichts anderes geplant war als ein
+gewohnheitsmäßig harmloses Spiel, bei dem ein neuer Partner immerhin
+willkommen sein mochte. Marcolina streifte an ihm vorüber und wünschte
+ihm Glück. »Sie bleiben nicht? Schauen dem Spiel nicht wenigstens zu?« –
+»Was soll ich dabei? Gute Nacht, Chevalier von Seingalt – und auf
+morgen!«
+
+Stimmen klangen ins Freie. »Lorenzi« rief es – »Herr Chevalier.« – »Wir
+warten.« Casanova, im Schatten des Hauses, konnte sehen, wie die
+Marchesa Lorenzi von der Wiese gegen das Dunkel der Bäume hinzuziehen
+suchte. Dort drängte sie sich heftig an ihn, Lorenzi aber riß sich
+ungebärdig von ihr los und eilte dem Hause zu. Er traf am Eingang mit
+Casanova zusammen und, mit einer Art von spöttischer Höflichkeit, ließ
+er ihm den Vortritt, was Casanova ohne Dank annahm.
+
+Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die Brüder Ricardi und der
+Abbate setzten so geringe Münzen ein, daß das ganze Spiel auf Casanova –
+auch heute, da sein ganzes Vermögen nur in ein paar Dukaten bestand –
+wie ein Spaß wirkte. Es erschien ihm um so lächerlicher, als der
+Marchese mit einer so großartigen Miene das Geld einstrich und
+auszahlte, als wenn es um hohe Summen ginge. Plötzlich warf Lorenzi, der
+sich bisher nicht beteiligt hatte, einen Dukaten hin, gewann, ließ den
+so verdoppelten Einsatz stehen, gewann ein zweites und drittes Mal und
+so mit geringen Unterbrechungen immer weiter. Die andern Herren setzten
+indes ihre kleinen Münzen wie zuvor, und insbesondere die beiden Ricardi
+zeigten sich höchst ungehalten, wenn der Marchese sie nicht mit der
+gleichen Rücksichtnahme zu behandeln schien, wie den Leutnant Lorenzi.
+Die Brüder spielten gemeinsam auf das gleiche Blatt; dem einen, älteren,
+der die Karten empfing, perlte der Schweiß von der Stirn, der andere,
+hinter ihm stehend, redete unablässig auf ihn ein wie mit
+wichtig-unfehlbaren Ratschlägen. Wenn er den schweigsamen Bruder
+einziehen sah, leuchteten seine Augen, im andern Falle richteten sie
+sich verzweifelt gen Himmel. Der Abbate, sonst ziemlich teilnahmlos, gab
+zuweilen spruchähnliche Sätze zum besten – wie »Das Glück und die Frauen
+zwingst du nicht« – oder »Die Erde ist rund, der Himmel weit« –
+manchmal blickte er auch pfiffig ermutigend Casanova und gleich darauf
+die diesem gegenüber, ihrem Gatten zur Seite sitzende Amalia an, als
+läge ihm daran, die beiden alten Liebesleute neu miteinander zu
+verkuppeln. Casanova aber dachte an nichts anderes, als daß Marcolina
+sich jetzt in ihrem Zimmer langsam entkleidete, und daß, wenn das
+Fenster offen stand, ihre weiße Haut in die Nacht hinausschimmerte. Von
+einer Begier erfaßt, die ihm die Sinne verstörte, wollte er sich von
+seinem Platz neben dem Marchese erheben und den Raum verlassen; der
+Marchese aber nahm diese Bewegung als einen Entschluß, sich am Spiel zu
+beteiligen und sagte: »Nun endlich – wir wußten ja, daß Sie nicht
+Zuschauer bleiben würden, Chevalier.« Er legte eine Karte vor ihn hin,
+Casanova setzte alles, was er bei sich trug – und dies war so ziemlich
+alles, was er besaß – zehn Dukaten etwa, er zählte sie nicht, ließ sie
+aus seiner Börse auf den Tisch gleiten und wünschte, sie auf einen Satz
+zu verlieren: dies sollte dann ein Zeichen sein, ein glückverheißendes
+Zeichen – er wußte nicht recht wofür, ob für seine baldige Heimfahrt
+nach Venedig oder den ihm bevorstehenden Anblick der entkleideten
+Marcolina; – doch ehe er sich entschieden, hatte der Marchese das Spiel
+gegen ihn bereits verloren. Auch Casanova ließ, wie Lorenzi es getan,
+den verdoppelten Einsatz stehen, und auch ihm blieb das Glück treu wie
+dem Leutnant. Um die übrigen kümmerte sich der Marchese nicht mehr, der
+schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der andre rang die Hände – dann
+standen sie zusammen in einer Ecke des Saales wie vernichtet. Der Abbate
+und Olivo fanden sich leichter ab; der erste aß Süßigkeiten und
+wiederholte seine Sprüchlein, der andre schaute dem Fall der Karten in
+Erregung zu. Endlich hatte der Marchese fünfhundert Dukaten verloren, in
+die sich Casanova und Lorenzi teilten. Die Marchesa erhob sich und gab
+dem Leutnant einen Wink mit den Augen, ehe sie den Saal verließ, Amalia
+geleitete sie. Die Marchesa wiegte sich in den Hüften, was Casanova
+anwiderte; Amalia schlich an ihrer Seite wie ein demütiges ältliches
+Weib. Da der Marchese sein ganzes Bargeld verloren hatte, übernahm
+Casanova die Bank, er bestand, zum Mißvergnügen des Marchese darauf, daß
+die andern wieder am Spiele teilnähmen. Sofort waren die Brüder Ricardi
+zur Stelle, gierig und erregt; der Abbate schüttelte den Kopf, er hatte
+genug, und Olivo spielte nur mit, um sich dem Wunsch seines edlen Gastes
+nicht zu versagen. Lorenzi hatte weiter Glück; als er im ganzen die
+Summe von vierhundert Dukaten gewonnen, stand er auf und sagte: »Morgen
+bin ich gern bereit, Revanche zu geben. Jetzt bitte ich um die
+Erlaubnis, nach Hause reiten zu dürfen.« – »Nach Hause,« rief der
+Marchese hohnlachend, der übrigens ein paar Dukaten zurückgewonnen
+hatte, »das ist nicht übel! Der Leutnant wohnt nämlich bei mir!« wandte
+er sich zu den andern. »Und meine Gattin ist voraus nach Hause gefahren.
+Gute Unterhaltung, Lorenzi!« – »Sie wissen sehr gut,« erwiderte Lorenzi,
+ohne eine Miene zu verziehen, »daß ich geradeswegs nach Mantua reite und
+nicht nach Ihrem Schloß, wo Sie so gütig waren, mir gestern Unterkunft
+zu gewähren.« – »Reiten Sie, wohin Sie wollen, zum Teufel meinetwegen!«
+– Lorenzi empfahl sich von den andern aufs höflichste und ging, ohne dem
+Marchese eine gebührende Antwort zu erteilen, was Casanova in
+Verwunderung setzte. Er legte weiter die Karten auf und gewann, so daß
+der Marchese bald mit ein paar hundert Dukaten in seiner Schuld stand.
+Wozu? fragte sich Casanova anfangs. Allmählich aber nahm ihn der Reiz
+des Spiels doch wieder gefangen. Es geht nicht übel, dachte er ... Nun
+sind es bald tausend ... es können auch zweitausend werden. Der Marchese
+wird seine Schuld bezahlen. Mit einem kleinen Vermögen in Venedig Einzug
+halten, das wäre so übel nicht. Doch warum nach Venedig? Man wird wieder
+reich, man wird wieder jung. Reichtum ist alles. Nun werd’ ich sie mir
+doch wenigstens wieder kaufen können. Wen? Ich will keine andere ...
+Nackt steht sie am Fenster – ganz gewiß ... wartet am Ende ... ahnt, daß
+ich kommen werde ... Steht am Fenster, um mich toll zu machen. Und ich
+bin da. – Indes teilte er weiter die Karten aus, mit unbeweglicher
+Miene, nicht nur an den Marchese, auch an Olivo und die Brüder Ricardi,
+denen er zuweilen ein Goldstück hinschob, auf das sie keinen Anspruch
+hatten. Sie ließen sich’s gefallen. Aus der Nacht drang ein Geräusch,
+wie die Hufschläge eines über die Straße trabenden Rosses. Lorenzi,
+dachte Casanova ... Von der Gartenmauer schallte es wie im Echo wieder,
+dann verklang allmählich Hall und Widerhall. Nun aber wandte sich das
+Glück gegen Casanova. Der Marchese setzte hoch, immer höher; und um
+Mitternacht fand sich Casanova so arm wie er gewesen, ärmer noch; er
+hatte auch seine eigenen paar Goldstücke verloren. Er schob die Karten
+von sich weg, erhob sich lächelnd. »Ich danke, meine Herren.«
+
+Olivo breitete die Arme nach ihm aus. »Mein Freund, wir wollen weiter
+spielen ... Hundertfünfzig Dukaten, – haben Sie denn vergessen, – nein,
+nicht hundertfünfzig! Alles, was ich habe, was ich bin – alles – alles!«
+Er lallte; denn er hatte während des ganzen Abends zu trinken nicht
+aufgehört. Casanova wehrte mit einer übertrieben vornehmen Handbewegung
+ab. »Die Frauen und das Glück zwingt man nicht,« sagte er mit einer
+Verneigung gegen den Abbate hin. Dieser nickte befriedigt und klatschte
+in die Hände. »Auf morgen also, mein verehrter Chevalier,« sagte der
+Marchese, »wir werden gemeinsam dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder
+abnehmen.«
+
+Die Ricardi bestanden darauf, daß weitergespielt würde. Der Marchese,
+sehr aufgeräumt, gab ihnen eine Bank. Sie rückten mit den Goldstücken
+heraus, die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten hatte
+der Marchese sie ihnen abgenommen und lehnte es entschieden ab, mit
+ihnen weiterzuspielen, wenn sie nicht Bargeld vorzuweisen hätten. Sie
+rangen die Hände. Der ältere begann zu weinen wie ein Kind. Der andere
+küßte ihn wie zur Beruhigung auf beide Wangen. Der Marchese fragte, ob
+sein Wagen schon wieder zurückgekommen sei. Der Abbate bejahte; er hatte
+ihn vor einer halben Stunde vorfahren gehört. Der Marchese lud den
+Abbate und die Brüder Ricardi in seinen Wagen ein; er wollte sie vor
+ihren Wohnhäusern absetzen; – und alle verließen das Haus.
+
+Als die andern fort waren, nahm Olivo Casanovas Arm und versicherte ihn
+immer wieder, mit Tränen in der Stimme, daß alles in diesem Hause ihm,
+Casanova, gehöre und daß er damit schalten möge, wie es ihm beliebe. Sie
+kamen an Marcolinens Fenster vorbei. Es war nicht nur verschlossen,
+auch ein Gitter war vorgeschoben, und innen senkte sich ein Vorhang
+herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, wo all das nichts nützte oder wo
+es nichts zu bedeuten hatte. Sie traten ins Haus. Olivo ließ es sich
+nicht nehmen, den Gast über die etwas knarrende Treppe bis in das
+Turmgemach zu begleiten, wo er ihn zum Abschied umarmte. »Also morgen,«
+sagte er, »sollen Sie das Kloster zu sehen bekommen. Doch schlafen Sie
+nur ruhig, wir brechen nicht in allzu früher Stunde auf und richten uns
+jedenfalls völlig nach Ihrer Bequemlichkeit. Gute Nacht.« Er ging, die
+Tür leise hinter sich schließend, aber seine Schritte dröhnten über die
+Treppe durch das ganze Haus.
+
+Casanova stand allein in seinem durch zwei Kerzen matt erhellten Zimmer
+und ließ das Auge von einem zum andern der vier Fenster schweifen, die
+nach den verschiedenen Himmelsrichtungen wiesen. In bläulichem Glanze
+lag die Landschaft da, nach allen Seiten fast das gleiche Bild: weite
+Ebenen, mit geringen Erhebungen, nur nordwärts verschwimmende
+Berglinien, da und dort vereinzelte Häuser, Gehöfte, auch größere
+Gebäude; darunter eines etwas höher gelegen, aus dem ein Licht
+herschimmerte, nach Casanovas Vermutung das Schloß des Marchese. Im
+Zimmer, das außer dem freistehenden breiten Bett nichts enthielt, als
+einen langen Tisch, auf dem die zwei Kerzen brannten, ein paar Stühle,
+eine Kommode und einen goldgerahmten Spiegel darüber, war von sorglichen
+Händen Ordnung gemacht, auch war der Reisesack ausgepackt worden. Auf
+dem Tische lag die versperrte, abgegriffene Ledermappe, die Casanovas
+Papiere enthielt, sowie ein paar Bücher, deren er für seine Arbeit
+bedurfte und die er daher mit sich genommen hatte; auch Schreibzeug war
+bereit. Da er nicht die geringste Schläfrigkeit verspürte, nahm er sein
+Manuskript aus der Mappe und durchlas beim Schein der Kerzen, was er
+zuletzt geschrieben. Da er mitten in einem Absatz stehengeblieben, war
+es ihm ein leichtes, auf der Stelle fortzufahren. Er nahm die Feder zur
+Hand, schrieb hastig ein paar Sätze und hielt plötzlich wieder inne.
+Wozu? fragte er sich, wie in einer grausamen inneren Erleuchtung. Und
+wenn ich auch wüßte, daß das, was ich hier schrieb und schreiben werde,
+herrlich würde ohne Vergleich, – ja, wenn es mir wirklich gelänge,
+Voltaire zu vernichten und mit meinem Ruhm den seinen zu überstrahlen; –
+wäre ich nicht trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu
+verbrennen, wenn es mir dafür vergönnt wäre, in dieser Stunde Marcolina
+zu umarmen? Ja, wäre ich um den gleichen Preis nicht zu dem Gelübde
+bereit, Venedig niemals wieder zu betreten, – auch wenn sie mich im
+Triumph dahin zurückholen wollten? Venedig!... Er wiederholte das Wort,
+es klang um ihn in seiner ganzen Herrlichkeit; – und schon hatte es die
+alte Macht über ihn gewonnen. Die Stadt seiner Jugend stieg vor ihm auf,
+umflossen von allem Zauber der Erinnerung, und das Herz schwoll ihm in
+einer Sehnsucht, so qualvoll und über alles Maß, wie er sie noch nie
+empfunden zu haben glaubte. Auf die Heimkehr zu verzichten erschien ihm
+als das unmöglichste von allen Opfern, die das Schicksal von ihm fordern
+dürfte. Was sollte er weiter in dieser kläglich verblaßten Welt ohne die
+Hoffnung, die Gewißheit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen? Nach
+Jahren und Jahrzehnten der Wanderungen und Abenteuer, nach all dem Glück
+und Unglück, das er erlebt, nach all der Ehre und Schmach, nach den
+Triumphen und nach den Erniedrigungen, die er erfahren, mußte er doch
+endlich eine Ruhestatt, eine Heimat haben. Und gab es eine andere Heimat
+für ihn als Venedig? Und ein anderes Glück als das Bewußtsein, wieder
+eine Heimat zu haben? In der Fremde vermochte er längst nicht mehr ein
+Glück dauernd an sich heranzuzwingen. Noch war ihm zuweilen die Kraft
+gegönnt, es zu erfassen, doch nicht mehr die, es festzuhalten. Seine
+Macht über die Menschen, Frauen wie Männer, war dahin. Nur wo er
+Erinnerung bedeutete, vermochte sein Wort, seine Stimme, sein Blick noch
+zu bannen; seiner Gegenwart war die Wirkung versagt. Vorbei war seine
+Zeit! Und nun gestand er sich auch ein, was er sich sonst mit besonderer
+Beflissenheit zu verhehlen suchte, daß selbst seinen schriftstellerischen
+Leistungen, daß sogar seiner Streitschrift gegen Voltaire, auf die er
+seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, niemals ein in die Weite tragender
+Erfolg beschieden sein würde. Auch dazu war es zu spät. Ja, hätte er in
+jüngeren Jahren Muße und Geduld gehabt, sich mit derlei Arbeiten
+ernstlicher zu beschäftigen, – das wußte er wohl – den ersten dieses
+Fachs, Dichtern und Philosophen hätte er es gleich getan; ebenso wie er
+als Finanzmann oder als Diplomat mit größerer Beharrlichkeit und
+Vorsicht, als ihm eigen war, zum Höchsten wäre berufen gewesen. Doch wo
+war all seine Geduld und seine Vorsicht, wo waren alle seine Lebenspläne
+hin, wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Frauen – Frauen überall. Für
+sie hatte er alles hingeworfen in jedem Augenblick; für edle wie für
+gemeine, für die leidenschaftlichen wie für die kalten; für Jungfrauen
+wie für Dirnen; – für eine Nacht auf einem neuen Liebeslager waren ihm
+alle Ehren dieser und alle Seligkeiten jener Welt immer feil gewesen. –
+Doch bereute er, was er durch dieses ewige Suchen und Niemals- oder
+Immer-Finden, durch dies irdisch-überirdische Fliehen von Begier zu Lust
+und von Lust zu Begier sonst im Dasein etwa versäumt haben mochte? Nein,
+er bereute nichts. Er hatte sein Leben gelebt wie keiner; – und lebte er
+es nicht noch heute in seiner Art? Überall noch gab es Weiber auf seinem
+Weg: wenn sie auch nicht mehr gerade toll um ihn wurden wie einstmals. –
+Amalia? – er konnte sie haben, wann er wollte, in dieser Stunde, in
+ihres betrunkenen Gatten Bett; – und die Wirtin in Mantua – war sie
+nicht verliebt in ihn wie in einen hübschen Knaben, mit Zärtlichkeit und
+Eifersucht? – und die blatternarbige, aber wohlgebaute Geliebte Perottis
+– hatte sie ihn nicht, berauscht von dem Namen Casanova, der die Wollust
+von tausend Nächten über sie hinzusprühen schien – hatte sie ihn nicht
+angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu gewähren, und hatte er sie
+nicht verschmäht wie einer, der noch immer nach eigenem Geschmacke
+wählen durfte? Freilich – Marcolina – solche wie Marcolina waren nicht
+mehr für ihn da. Oder – wäre sie niemals für ihn dagewesen? Es gab ja
+wohl auch Frauen solcher Art. Er war vielleicht in früheren Jahren solch
+einer begegnet; aber da immer zugleich eine andere, willigere zur Stelle
+war, hatte er sich nicht damit aufgehalten, auch nur einen Tag
+vergeblich zu seufzen. Und da es nicht einmal Lorenzi gelungen war,
+Marcolina zu erobern, – da sie sogar die Hand dieses Menschen
+ausgeschlagen, der ebenso schön und ebenso frech war, wie er, Casanova,
+in seiner Jugend es gewesen – so mochte Marcolina in der Tat jenes
+Wundergeschöpf vorstellen, an dessen Vorhandensein auf Erden er bisher
+gezweifelt – das tugendhafte Weib. Nun aber lachte er so hell auf, daß
+es durchs Zimmer hallte. »Der Ungeschickte, der Dummkopf!« rief er laut,
+wie er es bei solchen Selbstgesprächen öfters tat. »Er hat die
+Gelegenheit nicht zu benützen verstanden. Oder die Marchesa läßt ihn
+nicht los. Oder hat er sich die erst genommen, als er Marcolina nicht
+bekommen konnte, die Gelehrte – die Philosophin?!« Und plötzlich kam ihm
+der Einfall: Ich will ihr morgen meine Streitschrift gegen Voltaire
+vorlesen! Sie ist das einzige Geschöpf, dem ich das nötige Verständnis
+dafür zutrauen darf. Ich werde sie überzeugen ... Sie wird mich
+bewundern. »Natürlich wird sie ... Vortrefflich, Herr Casanova! Sie
+schreiben einen glänzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben
+Voltaire vernichtet ... genialer Greis!« So sprach er, so zischte er vor
+sich hin und lief im Zimmer hin und her wie in einem Käfig. Ein
+ungeheurer Grimm hatte ihn erfaßt, gegen Marcolina, gegen Voltaire,
+gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Er nahm seine letzte Kraft
+zusammen, um nicht aufzubrüllen. Endlich warf er sich aufs Bett, ohne
+sich auszukleiden, und lag nun da, die weit offenen Augen zum Gebälk der
+Decke gerichtet, inmitten dessen er jetzt an einzelnen Stellen im Schein
+der Kerzen Spinnengewebe silbrig glänzen sah. Dann, wie es ihm zuweilen
+nach Spielpartien vor dem Einschlafen begegnete, jagten mit
+phantastischer Geschwindigkeit Kartenbilder an ihm vorbei, und endlich
+versank er wirklich in einen traumlosen Schlummer, der aber nur eine
+kurze Weile dauerte. Nun horchte er auf die geheimnisvolle Stille rings
+um sich. Nach Osten und Süden standen die Fenster des Turmgemachs offen,
+aus Garten und Feld drangen linde süße Gerüche aller Art, aus der
+Landschaft unbestimmte Geräusche zu ihm herein, wie die kommende Frühe
+sie aus der Weite und Nähe zu bringen pflegt. Casanova vermochte nicht
+länger still zu liegen; ein lebhafter Drang nach Veränderung erfaßte ihn
+und lockte ihn ins Freie. Vogelgesang rief ihn von draußen, morgenkühler
+Wind rührte an seine Stirn. Leise öffnete Casanova die Tür, ging
+vorsichtig über die Treppe hinab, mit seiner oft erprobten
+Geschicklichkeit brachte er es zuwege, daß die Holzstufen unter seinem
+Schritt nicht im geringsten knarrten; über die steinerne Treppe gelangte
+er ins Erdgeschoß, und durch das Speisezimmer, wo auf dem Tisch noch die
+halbgefüllten Gläser standen, in den Garten. Da auf dem Kies seine
+Schritte hörbar wurden, trat er gleich auf die Wiese über, die nun, im
+Frühdämmerschein, zu unwirklicher Weite sich dehnte. Dann schlich er
+sich in die Allee, nach der Seite hin, wo ihm Marcolinens Fenster in den
+Blick fallen mußte. Es war vergittert, verschlossen, verhängt, so wie er
+es zuletzt gesehen. Kaum fünfzig Schritt vom Hause entfernt setzte sich
+Casanova auf eine Steinbank. Jenseits der Gartenmauer hörte er einen
+Wagen vorbeifahren, dann war es wieder still. Aus dem Wiesengrund
+schwebte ein feiner grauer Dunst; als läge da ein durchsichtig-trüber
+Teich mit verschwimmenden Grenzen. Wieder dachte Casanova jener
+Jugendnacht im Klostergarten von Murano – oder eines andern Parks –
+einer andern Nacht; – er wußte nicht mehr welcher – vielleicht waren es
+hundert Nächte, die ihm in der Erinnerung in eine einzige
+zusammenflossen, sowie ihm manchmal hundert Frauen, die er geliebt, in
+der Erinnerung zu einer einzigen wurden, die als Rätselgestalt durch
+seine fragenden Sinne schwebte. Und _war_ denn nicht am Ende eine Nacht
+wie die andere? Und eine Frau wie die andere? Besonders, wenn es vorbei
+war? Und dieses Wort »vorbei« hämmerte in seinen Schläfen weiter, als
+sei es bestimmt, von nun ab der Pulsschlag seines verlorenen Daseins zu
+werden.
+
+Es war ihm, als raschelte irgend etwas hinter ihm längs der Mauer hin.
+Oder war’s nur ein Widerklang? Ja, das Geräusch kam vom Hause her.
+Marcolinens Fenster stand mit einemmal offen, das Gitter war
+zurückgeschoben, der Vorhang nach der einen Seite hin gerafft; aus dem
+Dunkel des Gemachs hob sich eine schattenhafte Erscheinung; Marcolina
+selbst war es, die in hochgeschlossenem weißen Nachtgewand an die
+Brüstung trat, wie um die holde Luft des Morgens einzuatmen. Casanova
+hatte sich rasch von der Bank heruntergleiten lassen; über ihren Rand,
+durch das Gezweig der Allee sah er gebannt Marcolina an, deren Augen
+scheinbar gedanken- ja richtungslos in die Dämmerung tauchten. Nach ein
+paar Sekunden erst schien sie ihr noch wie schlafbefangenes Wesen in
+einem Blicke sammeln zu können, den sie nun langsam nach rechts und
+links schweifen ließ. Dann beugte sie sich vornüber, wie um auf dem Kies
+etwas zu suchen, und gleich darauf wandte sie das Haupt mit dem gelösten
+Haar nach aufwärts wie zu einem Fenster des oberen Stockwerks. Dann
+stand sie wieder eine Weile ohne Bewegung, die Hände beiderseits an die
+Fensterstöcke stützend, wie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen. Nun
+erst, als wären sie plötzlich von innen erleuchtet worden, gewannen ihre
+dämmernden Züge für Casanova an Deutlichkeit. Ein Lächeln spielte um
+ihren Mund, das gleich wieder erstarrte. Nun ließ sie die Arme sinken;
+ihre Lippen bewegten sich sonderbar, als flüsterten sie ein Gebet;
+wieder schweifte ihr Blick langsam suchend durch den Garten, dann
+nickte sie kurz, und im selben Augenblick schwang sich jemand über die
+Brüstung ins Freie, der bis jetzt zu Marcolinens Füßen gekauert sein
+mußte, – Lorenzi. Er flog mehr als er ging über den Kies zur Allee hin,
+durchquerte sie kaum zehn Schritte weit von Casanova, der den Atem
+anhaltend unter der Bank lag, und eilte dann jenseits der Allee, wo ein
+schmaler Wiesenstreif die Mauer entlang lief, den Blicken Casanovas
+entschwindend, nach rückwärts. Casanova hörte eine Tür in den Angeln
+seufzen, – es konnte keine andre sein, als diejenige, durch die er
+selbst gestern abend mit Olivo und dem Marchese in den Garten
+zurückgekehrt war – dann war alles still. Marcolina war die ganze Zeit
+völlig regungslos dagestanden: sobald sie Lorenzi in Sicherheit wußte,
+atmete sie tief auf, schloß Gitter und Fenster, der Vorhang fiel nieder
+wie durch eigene Kraft, und alles war, wie es vorher gewesen; – nur daß
+indes, als hätte er nun keinen Anlaß mehr zu zögern, der Tag über Haus
+und Garten aufgezogen war.
+
+Auch Casanova lag noch da, wie zuvor, die Hände vor sich hingestreckt,
+unter der Bank. Nach einer Weile kroch er weiter, in die Mitte der
+Allee, und weiter auf allen vieren, bis er an eine Stelle kam, wo er
+weder von Marcolinens Fenster noch von einem andern aus gesehen werden
+konnte. Nun erhob er sich mit schmerzendem Rücken, reckte sich in die
+Höhe, dehnte die Glieder und kam endlich zur Besinnung, ja fand sich
+jetzt erst selber wieder, als hätte er sich aus einem geprügelten Hund
+in einen Menschen zurückverwandelt, der die Prügel nicht als
+körperlichen Schmerz, sondern als tiefe Beschämung weiter zu verspüren
+verdammt war. Warum, fragte er sich, bin ich nicht zu dem Fenster hin,
+solang es noch offen stand? Und über die Brüstung hinein zu ihr? – Hätte
+sie Widerstand leisten können – dürfen – die Heuchlerin, die Lügnerin,
+die Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter, als hätte er ein Recht
+dazu, als hätte sie ihm Treue gelobt wie einem Geliebten und ihn
+betrogen. Er schwor sich zu, sie zur Rede zu stellen von Angesicht zu
+Angesicht, ihr ins Antlitz zu schleudern, vor Olivo, vor Amalia, vor dem
+Marchese, dem Abbate, vor der Magd und den Knechten, daß sie eine
+lüsterne kleine Hure war und nichts anderes. Wie zur Übung, in aller
+Ausführlichkeit erzählte er sich selber vor, was er eben mit angesehen,
+und machte sich das Vergnügen, allerlei dazu zu erfinden, um sie noch
+tiefer zu erniedrigen; daß sie nackt am Fenster gestanden, daß sie im
+Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten sich habe unzüchtig liebkosen
+lassen. Nachdem er so seine Wut fürs erste zur Not beschwichtigt hatte,
+dachte er nach, ob mit dem, was er nun wußte, nicht doch vielleicht was
+Besseres anzufangen wäre. Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt?
+Konnte er nun die Gunst, die sie ihm gutwillig nicht gewährt hätte,
+nicht durch Drohungen von ihr erzwingen? Aber dieser schmähliche Plan
+sank sofort wieder in sich zusammen, nicht so sehr weil Casanova dessen
+Schmählichkeit, als weil er dessen Zweck- und Sinnlosigkeit gerade in
+diesem Fall erkennen mußte. Was konnten seine Drohungen Marcolina
+kümmern, die niemandem Rechenschaft schuldig, die am Ende auch, wenn’s
+ihr darauf ankam, verschlagen genug war, ihn als einen Verleumder und
+Erpresser von ihrer Schwelle zu jagen? Und selbst wenn sie aus
+irgendeinem Grunde das Geheimnis ihrer Liebschaft mit Lorenzi durch ihre
+Preisgabe zu erkaufen bereit war (er wußte freilich, daß er etwas erwog,
+das außer dem Bereich aller Möglichkeiten lag), mußte ein so erzwungener
+Genuß für ihn, der, wenn er liebte, tausendmal heißer danach verlangte
+Glück zu geben, als Glück zu empfangen, sich nicht in eine unnennbare
+Qual verwandeln, – die ihn zum Wahnsinn und in Selbstvernichtung trieb?
+Er fand sich plötzlich an der Gartentür. Sie war versperrt. Lorenzi
+hatte also einen Nachschlüssel. Und wer – fiel ihm nun ein – war denn
+durch die Nacht auf trabendem Roß davongesprengt, nachdem Lorenzi sich
+vom Spieltisch erhoben? Ein bestellter Knecht offenbar. – Unwillkürlich
+mußte Casanova beifällig lächeln ... Sie waren einander würdig,
+Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und der Offizier. Und ihnen
+beiden stand noch eine herrliche Laufbahn bevor. Wer wird Marcolinens
+nächster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor in Bologna, in
+dessen Hause sie wohnt? O, ich Narr. Der war’s ja längst ... Wer noch?
+Olivo? Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht, der gestern
+glotzend am Tore stand, als wir angefahren kamen? Alle! Ich weiß es.
+Aber Lorenzi weiß es nicht. Das hab’ ich vor ihm voraus. – Zwar war er
+im Innersten überzeugt, daß Lorenzi nicht nur Marcolinens erster
+Liebhaber, sondern er vermutete sogar, daß es heute die erste Nacht war,
+die sie ihm geschenkt hatte; doch das hielt ihn nicht ab, seine
+boshaft-lüsternen Gedankenspiele weiterzutreiben, während er den Garten
+längs der Mauer umkreiste. So stand er denn wieder vor der Saaltür, die
+er offen gelassen, und sah ein, daß ihm vorläufig nichts andres zu tun
+übrigblieb, als ungesehen und ungehört sich zurück ins Turmgemach zu
+begeben. Mit aller Vorsicht schlich er hinauf und ließ sich oben auf den
+Lehnstuhl sinken, auf dem er schon früher gesessen; vor den Tisch hin,
+auf dem die losen Blätter des Manuskriptes seiner Wiederkehr nur zu
+warten schienen. Unwillkürlich fiel sein Auge auf den Satz, den er
+vorhin in der Mitte abgebrochen hatte; und er las: »Voltaire wird
+unsterblich sein, gewiß; aber er wird diese Unsterblichkeit erkauft
+haben mit seinem unsterblichen Teil; – der Witz hat sein Herz
+aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und also –« In diesem
+Augenblick brach die Morgensonne rötlich flutend herein, so daß das
+Blatt, das er in Händen hielt, zu erglühen anfing, und wie besiegt ließ
+er es auf den Tisch zu den andern sinken. Er fühlte plötzlich die
+Trockenheit seiner Lippen, schenkte sich ein Glas Wasser ein aus einer
+Flasche, die auf dem Tisch stand; es schmeckte lau und süßlich.
+Angewidert wandte er den Kopf nach der Seite; von der Wand, aus dem
+Spiegel über der Kommode, starrte ihm ein bleiches altes Gesicht
+entgegen mit wirrem, über die Stirn fließendem Haar. In
+selbstquälerischer Lust ließ er seine Mundwinkel noch schlaffer
+herabsinken, als gälte es eine abgeschmackte Rolle auf dem Theater
+durchzuführen, fuhr sich ins Haar, daß die Strähne noch ungeordneter
+fielen, streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, krächzte mit
+absichtlich heiserer Stimme eine Reihe alberner Schimpfworte gegen sich
+selbst und blies endlich, wie ein ungezogenes Kind, die Blätter seines
+Manuskriptes vom Tisch herunter. Dann begann er von neuem Marcolina zu
+beschimpfen, und nachdem er sie mit den unflätigsten Worten bedacht,
+zischte er zwischen den Zähnen: Denkst du, die Freude währt lang? Du
+wirst fett und runzlig und alt werden wie die andern Weiber, die mit dir
+zugleich jung gewesen sind, – ein altes Weib mit schlaffen Brüsten, mit
+trocknem grauen Haar, zahnlos und von üblem Duft ... und endlich wirst
+du sterben! Auch jung kannst du sterben! Und wirst verwesen! Und Speise
+sein für Würmer. – Um eine letzte Rache an ihr zu nehmen, versuchte er
+sich sie als Tote vorzustellen. Er sah sie weiß gekleidet im offenen
+Sarge liegen, doch war er unfähig, irgendwelche Zeichen der Zerstörung
+an ihr zu denken; sondern ihre wahrhaft überirdische Schönheit brachte
+ihn in neue Raserei. Vor seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum
+Brautbett; Marcolina lag lächelnd da mit blinzelnden Lidern, und mit
+ihren schmalen bleichen Händen, wie zum Hohn, über ihren zarten Brüsten
+zerriß sie das weiße Gewand. Doch wie er seine Arme nach ihr
+ausstreckte, sich auf sie stürzen, sie umfangen wollte, zerfloß die
+Erscheinung in nichts. – Es klopfte an die Tür; er fuhr aus dumpfem
+Schlaf empor, Olivo stand vor ihm. »Wie, schon am Schreibtisch?« – »Es
+ist meine Gewohnheit,« erwiderte Casanova sofort gefaßt, »der Arbeit die
+ersten Morgenstunden zu widmen. Wie spät mag es sein?« – »Acht Uhr,«
+erwiderte Olivo, »das Frühstück steht im Garten bereit; sobald Sie
+befehlen, Chevalier, wollen wir unsere Fahrt nach dem Kloster antreten.
+Doch ich sehe, der Wind hat Ihnen die Blätter verstreut!« Und er machte
+sich daran, die Papiere vom Fußboden aufzulesen. Casanova ließ es
+geschehen, denn er war ans Fenster getreten und erblickte, um den
+Frühstückstisch gereiht, den man auf die Wiese in den Schatten des
+Hauses gestellt hatte, alle weiß gekleidet, Amalia, Marcolina und die
+drei kleinen Mädchen. Sie riefen ihm einen Morgengruß zu. Er sah nur
+Marcolina, sie lächelte freundlich zu ihm auf mit hellen Augen, hielt
+einen Teller mit frühgereiften Trauben auf dem Schoß und steckte eine
+Beere nach der andern in den Mund. Alle Verachtung, aller Zorn, aller
+Haß schmolz in Casanovas Herzen dahin; er wußte nur mehr, daß er sie
+liebte. Wie trunken von ihrem Anblick zog er sich wieder ins Zimmer
+zurück, wo Olivo noch immer auf dem Fußboden kniend die verstreuten
+Blätter unter Tisch und Kommode hervorsuchte, verbat sich dessen weitere
+Bemühungen und wünschte allein gelassen zu werden, um sich für die
+Spazierfahrt fertigzumachen. »Es eilt nicht,« sagte Olivo und streifte
+den Staub von seinen Beinkleidern, »wir sind zum Mittagessen bequem
+zurück. Übrigens hat der Marchese bitten lassen, daß wir mit dem Spiel
+heute schon in früher Nachmittagsstunde beginnen; offenbar liegt ihm
+daran, vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein.« »Mir ist es ziemlich
+gleichgültig, wann das Spiel beginnt,« sagte Casanova, während er seine
+Blätter in die Mappe ordnete; »ich werde mich keineswegs daran
+beteiligen.« »Sie werden,« erklärte Olivo mit einer Entschiedenheit, die
+sonst nicht seine Art war, und legte eine Rolle von Goldstücken auf den
+Tisch. »Meine Schuld, Chevalier, spät, doch aus dankerfülltem Herzen.«
+Casanova wehrte ab. »Sie müssen,« beteuerte Olivo, »wenn Sie mich nicht
+aufs tiefste beleidigen wollen; überdies hat Amalia heute nacht einen
+Traum gehabt, der Sie veranlassen wird – doch den soll sie Ihnen selbst
+erzählen.« Und er verschwand eiligst. Casanova zählte immerhin die
+Goldstücke; es waren hundertfünfzig, genau die Summe, die er vor
+fünfzehn Jahren dem Bräutigam oder der Braut oder ihrer Mutter – er
+wußte es selbst nicht mehr recht – zum Geschenk gemacht hatte. Das
+Vernünftigste wäre, sagte er zu sich, ich steckte das Geld ein, nähme
+Abschied und verließe das Haus, womöglich ohne Marcolina noch einmal zu
+sehen. Doch hab’ ich je das Vernünftige getan? – Und ob nicht indes eine
+Nachricht aus Venedig gekommen ist?... Zwar hat meine vortreffliche
+Wirtin versprochen, sie mir unverzüglich nachzusenden ...
+
+Die Magd hatte indes einen großen irdenen Krug mit quellkaltem Wasser
+heraufgebracht, und Casanova wusch sich den ganzen Leib, was ihn sehr
+erfrischte; dann legte er sein besseres, eine Art von Staatsgewand an,
+wie er es schon gestern abend getan hätte, wenn er nur Zeit gefunden,
+die Kleidung zu wechseln; doch war er’s nun ganz zufrieden, daß er heute
+in vornehmerer Tracht als am vergangenen Tag, ja gewissermaßen in einer
+neuen Gestalt vor Marcolina erscheinen durfte.
+
+In einem Rock von grauer Glanzseide mit Stickereien und breiten
+spanischen Silberspitzen, in gelber Weste und kirschroten seidenen
+Beinkleidern, in edler, dabei nicht geradezu stolzer Haltung, mit einem
+zwar überlegenen aber liebenswürdigen Lächeln um die Lippen, und das
+Auge wie im Feuer unverlöschlicher Jugend strahlend, so trat er in den
+Garten, wo er zu seiner Enttäuschung vorerst nur Olivo vorfand, der ihn
+einlud, neben ihm am Tische Platz und mit dem bescheidenen Frühmahl
+vorliebzunehmen. Casanova erlabte sich an Milch, Butter, Eiern, Weißbrot
+und dann noch an Pfirsichen und Trauben, die ihm köstlicher dünkten als
+irgendwelche, die er jemals genossen. Die drei Mädchen kamen über den
+Rasen herbeigelaufen, Casanova küßte sie alle, und der Dreizehnjährigen
+erwies er kleine Liebkosungen in der Art, wie sie sich gestern solche
+auch vom Abbate hatte gefallen lassen; doch die Funken, die in ihren
+Augen aufglimmten, waren, wie Casanova wohl erkannte, von einer andern
+Lust als der an einem kindisch-harmlosen Spiel entzündet. Olivo hatte
+seine Freude daran, wie gut der Chevalier mit den Kindern umzugehen
+verstünde. »Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder verlassen?«
+fragte er schüchtern-zärtlich. – »Heute abend,« sagte Casanova, aber mit
+einem scherzhaften Blinzeln. »Sie wissen ja, mein bester Olivo, die
+Senatoren von Venedig –« »Haben es nicht um Sie verdient,« unterbrach
+ihn Olivo lebhaft. »Lassen Sie sie warten. Bleiben Sie bei uns bis
+übermorgen, nein, eine Woche lang.« Casanova schüttelte langsam den
+Kopf, während er die kleine Teresina bei den Händen gefaßt und zwischen
+seinen Knien wie gefangen hielt. Sie entwand sich ihm sanft mit einem
+Lächeln, das nun gar nichts Kindliches mehr hatte, als Amalia und
+Marcolina aus dem Hause traten, jene mit einem schwarzen, diese mit
+einem weißen Schaltuch über den hellen Gewändern. Olivo forderte sie
+beide auf, ihre Bitten mit der seinigen zu vereinen. »Es ist unmöglich,«
+sagte Casanova mit einer übertriebenen Härte in Stimme und Ausdruck, da
+weder Amalia noch Marcolina ein Wort fanden, Olivos Einladung zu
+unterstützen.
+
+Während sie durch die Kastanienallee dem Tore zuschritten, richtete
+Marcolina an Casanova die Frage, ob er heute nacht seine Arbeit, über
+der ihn Olivo, wie er gleich erzählt, noch am hellen Morgen wach
+gefunden, beträchtlich gefördert habe? Schon gedachte Casanova ihr eine
+zweideutig-boshafte Antwort zu geben, die sie stutzig gemacht hätte,
+ohne ihn doch selbst zu verraten; aber er zügelte seinen Witz in der
+Erwägung, daß jede Voreiligkeit von Übel sein könnte, und erwiderte
+höflich, daß er nur einige Änderungen angebracht habe, zu denen er die
+Anregung der gestrigen Unterhaltung mit ihr verdanke. Sie stiegen in den
+unförmlichen, schlechtgepolsterten, aber sonst bequemen Wagen. Casanova
+saß Marcolinen, Olivo seiner Gattin gegenüber; doch das Gefährt war so
+geräumig, daß es trotz des Hinundherrüttelns zu keiner ungewollten
+Berührung zwischen den Insassen kommen konnte. Casanova bat Amalia, ihm
+ihren Traum zu erzählen. Sie lächelte ihn freundlich, fast gütig an;
+jede Spur von Gekränktheit oder Groll war aus ihren Zügen verschwunden.
+Dann begann sie: »Ich sah Sie, Casanova, in einem herrlichen, mit sechs
+dunklen Pferden bespannten Wagen vor einem hellen Gebäude vorfahren.
+Vielmehr: der Wagen hielt an und ich wußte noch nicht, wer drin saß – da
+stiegen Sie aus, in einem prächtigen, weißen, goldgestickten
+Staatsgewand, fast noch prächtiger anzuschaun, als Sie heute angetan
+sind – (es war ein freundlicher Spott in ihren Mienen) – und Sie trugen
+– wahrhaftig, die gleiche schmale Goldkette trugen Sie, die Sie heute
+tragen, und die ich doch wahrlich niemals noch an Ihnen gesehen habe!
+(Diese Kette mit der goldenen Uhr und eine mit Halbedelsteinen besetzte
+goldene Dose, die Casanova eben wie spielend in der Hand hielt, waren
+die letzten Schmuckstücke von mäßigem Wert, die er sich zu bewahren
+gewußt hatte.) – Ein alter, bettelhaft aussehender Mann öffnete den
+Wagenschlag – es war Lorenzi; Sie aber, Casanova, Sie waren jung, ganz
+jung, noch jünger, als Sie damals gewesen sind. – (Sie sagte »damals«,
+unbekümmert darum, daß aus diesem Worte flügelrauschend all ihre
+Erinnerungen geflattert kamen.) »Sie grüßten nach allen Seiten, obwohl
+weit und breit kein Mensch zu sehen war, und traten durch das Tor; es
+schlug heftig hinter Ihnen zu, ich wußte nicht, ob es der Sturm
+zugeschleudert oder Lorenzi; – so heftig, daß die Pferde scheuten und
+mit dem Wagen davonrasten. Nun hörte ich ein Geschrei aus Nebengassen,
+wie von Menschen, die sich zu retten suchen, das verstummte gleich. Sie
+aber erschienen an einem Fenster des Hauses, ich wußte jetzt, daß es ein
+Spielhaus war, und grüßten herab nach allen Seiten, und es war doch
+niemand da. Dann wandten Sie sich über Ihre Schulter nach rückwärts, als
+stände irgendwer hinter Ihnen im Zimmer; aber ich wußte, daß auch dort
+niemand war. Nun erblickte ich Sie plötzlich an einem andern Fenster,
+in einem höhern Stockwerk, wo genau dasselbe vor sich ging, dann wieder
+höher, und wieder, es war, als wüchse das Gebäude ins Unendliche; und
+von überall grüßten Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter
+Ihnen standen, aber doch eigentlich gar nicht da waren. Lorenzi aber
+lief immerfort auf den Treppen Ihnen nach, ohne Sie einzuholen. Sie
+hatten nämlich nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben ...«
+
+»Nun?« fragte Casanova, als Amalia schwieg. – »Es kam wohl noch
+allerlei, aber ich hab’ es vergessen,« sagte Amalia. Casanova war
+enttäuscht; an ihrer Stelle hätte er, wie er es in solchen Fällen, ob es
+sich nun um Träume handelte oder um Wirklichkeiten, immer tat, der
+Erzählung eine Abrundung, einen Sinn zu geben versucht, und so bemerkte
+er nun etwas unzufrieden: »Wie der Traum doch alles verkehrt. – Ich –
+als reicher Mann und Lorenzi als Bettler und alter Mann.« – »Mit
+Lorenzis Reichtum,« sagte Olivo, »ist es nicht weit her; sein Vater ist
+zwar ziemlich begütert, aber er steht mit dem Sohne nicht zum besten.« –
+Und ohne sich mit Fragen weiter bemühen zu müssen, erfuhr Casanova, daß
+man des Leutnants Bekanntschaft dem Marchese verdanke, der ihn vor
+wenigen Wochen eines Tages einfach in Olivos Haus mitgebracht habe. Wie
+der junge Offizier mit der Marchesa stünde, das müsse man einem Kenner,
+wie dem Chevalier, nicht erst ausdrücklich zu verstehen geben; da
+übrigens der Gatte nichts dagegen einzuwenden finde, könne man sich als
+Unbeteiligter gleichfalls dabei beruhigen.
+
+»Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie zu glauben scheinen,
+Olivo,« sagte Casanova, »möchte ich bezweifeln. Haben Sie nicht bemerkt,
+mit welchem Gemisch von Verachtung und Grimm er den jungen Menschen
+behandelt? Ich möchte nicht darauf schwören, daß die Sache ein gutes
+Ende nimmt.«
+
+Auch jetzt rührte sich nichts in Marcolinens Antlitz und Haltung. Sie
+schien an dem ganzen Gespräch über Lorenzi nicht den geringsten Anteil
+zu nehmen und sich still am Anblick der Landschaft zu erfreuen. Man fuhr
+eine in zahlreichen Windungen sanft ansteigende Straße durch einen Wald
+von Oliven und Steineichen; und da man eben an eine Stelle kam, wo die
+Pferde noch langsamer trotteten als vorher, zog es Casanova vor,
+auszusteigen und neben dem Gefährt einherzugehen. Marcolina sprach von
+der schönen Umgebung Bolognas und von den Abendspaziergängen, die sie
+mit der Tochter des Professors Morgagni zu unternehmen pflegte. Auch
+erwähnte sie der Absicht, nächstes Jahr nach Frankreich zu reisen, um
+den berühmten Mathematiker Saugrenue von der Pariser Universität, mit
+dem sie in Korrespondenz stehe, persönlich kennenzulernen. »Vielleicht
+mache ich mir das Vergnügen,« sagte sie lächelnd, »mich auf dem Weg in
+Ferney aufzuhalten, um aus Voltaires eigenem Mund zu erfahren, wie er
+die Streitschrift seines gefährlichsten Widersachers, des Chevaliers von
+Seingalt, aufgenommen.« Casanova, die Hand auf der Seitenlehne des
+Wagens, neben Marcolinens Arm, dessen sich bauschende Hülle seine Finger
+streifte, erwiderte kühl: »Es wird sich weniger darum handeln, wie Herr
+Voltaire, als vielmehr wie die Nachwelt meine Schrift aufnimmt; denn
+diese erst wird ein Recht darauf haben, die endgültige Entscheidung zu
+treffen.« – »Sie glauben,« meinte Marcolina ernsthaft, »daß in den
+Fragen, die hier zur Sprache stehen, überhaupt endgültige Entscheidungen
+gefällt werden können?« – »Diese Frage wundert mich aus Ihrem Munde,
+Marcolina, deren philosophische, und wenn das Wort hier angebracht
+erscheint, religiöse Ansichten mir zwar keineswegs an sich
+unbestreitbar, aber doch in Ihrer Seele – falls Sie eine solche als
+vorhanden annehmen – vollkommen fest gegründet schienen.« – Marcolina,
+der Spitzen in Casanovas Rede nicht achtend, sah ruhig zum Himmel auf,
+der sich in dunkler Bläue über die Wipfel der Bäume breitete, und
+erwiderte: »Manchmal, besonders an Tagen wie heute,« – und in diesem
+Wort klang nur für Casanova, den Wissenden, aus den Tiefen ihres
+erwachten Frauenherzens eine bebende Andacht mit – »ist mir, als wäre
+all das, was man Philosophie und Religion nennt, nur ein Spiel mit
+Worten, edler freilich, doch auch sinnloser als alle andern sind. Die
+Unendlichkeit und die Ewigkeit zu erfassen wird uns immer versagt sein;
+unser Weg geht von der Geburt zum Tode; was bleibt uns übrig als nach
+dem Gesetz zu leben, das jedem von uns in die Brust gesenkt ist – oder
+auch wider das Gesetz? Denn Auflehnung wie Demut kommen gleichermaßen
+von Gott.«
+
+Olivo sah auf seine Nichte mit scheuer Bewunderung, dann ängstlich zu
+Casanova hin, der nach einer Entgegnung suchte, mit der er Marcolinen
+klarmachen könnte, daß sie Gott sozusagen in einem Atemzug bewies und
+leugnete, – oder daß Gott und Teufel für sie eines seien; – aber er
+spürte, daß er gegen ihr Gefühl nichts andres einzusetzen hatte als
+leere Worte, – und nicht einmal die boten sich ihm heute dar. Doch der
+sonderbar sich verzerrende Ausdruck seiner Mienen schien in Amalia die
+Erinnerung an seine wirren Drohungen von gestern wieder aufzuwecken, und
+sie beeilte sich zu bemerken: »Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie
+mir, Chevalier.« – Marcolina lächelte verloren. »Wir sind es alle in
+unsrer Weise,« sagte Casanova höflich und sah vor sich hin.
+
+Eine plötzliche Biegung des Wegs, und das Kloster lag vor ihnen. Über
+die hohe Umfassungsmauer ragten die schlanken Enden der Zypressen. Auf
+das Geräusch des heranrollenden Wagens hatte sich das Tor aufgetan, ein
+Pförtner mit langem weißen Barte grüßte bedächtig und ließ die Gäste
+ein. Durch einen offenen Bogengang, zwischen dessen Säulen man
+beiderseits in einen ganz verwachsenen, dunkelgrünen Garten sah,
+näherten sie sich dem eigentlichen Klostergebäude, von dessen grauen,
+völlig schmucklosen, gefängnisartigen Mauern eine unfreundlich-kühle
+Luft über sie geweht kam. Olivo zog an dem Glockenstrang, es tönte
+schrill und verhallte sofort, eine tiefverschleierte Nonne öffnete
+schweigend und geleitete die Gäste in den geräumigen kahlen Sprechsaal,
+in dem nur ein paar einfache hölzerne Stühle standen. Nach rückwärts war
+er durch ein dickstäbiges Eisengitter abgeschlossen, jenseits dessen der
+Raum in ein unbestimmtes Dunkel verschwamm. Bitternis im Herzen, dachte
+Casanova jenes Abenteuers, das ihm auch heute noch eines seiner
+wunderbarsten dünkte und das in ganz ähnlicher Umgebung seinen Anfang
+genommen: in seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen von
+Murano auf, die in der Liebe für ihn als Freundinnen sich gefunden und
+ihm gemeinsam unvergleichliche Stunden der Lust geschenkt hatten. Und
+als Olivo im Flüsterton von der strengen Zucht zu sprechen anhub, in
+der hier die Schwestern gehalten seien, die, einmal eingekleidet, ihr
+Antlitz unverhüllt vor keinem Manne zeigen dürften und überdies zu
+ewigem Schweigen verurteilt wären, zuckte um seine Lippen ein Lächeln,
+das gleich wieder erstarrte.
+
+Die Äbtissin stand in ihrer Mitte, wie aus dem Dämmer hervorgetaucht.
+Stumm begrüßte sie die Gäste: mit einem über alle Maßen gütigen Neigen
+des verhüllten Hauptes nahm sie Casanovas Dank für den auch ihm
+gewährten Einlaß entgegen; Marcolina aber, die ihr die Hand küssen
+wollte, schloß sie in die Arme. Dann lud sie alle durch eine
+Handbewegung ein, ihr zu folgen, und führte sie durch einen kleinen
+Nebenraum in einen Gang, der im Viereck rings um einen blühenden Garten
+lief. Im Gegensatz zu jenem äußeren verwilderten schien er mit besondrer
+Sorgfalt gepflegt, und die vielen reichen sonnbeglänzten Beete spielten
+in wundersamen aufgeglühten und verklingenden Farben. Den heißen, fast
+betäubenden Düften aber, die den Blütenkelchen entströmten, schien ein
+ganz besonders geheimnisvoller beigemischt, für den Casanova in seiner
+Erinnerung keinen Vergleich zu finden wußte. Doch wie er eben zu
+Marcolina hiervon ein Wort sagen wollte, merkte er, daß dieser
+geheimnisvolle, herz- und sinnerregende Duft von ihr selber ausging, die
+den Schal, den sie bisher über den Schultern getragen, über den Arm
+gelegt hatte, so daß aus dem Ausschnitt ihrer nun loser gewordenen
+Gewandung aufsteigend der Duft ihres Leibes sich dem der hunderttausend
+Blumen wie ein von Natur verwandter und doch eigentümlicher beigesellte.
+Die Äbtissin, immer stumm, führte die Besucher zwischen den Beeten auf
+schmalen, vielfach gewundenen Wegen, wie durch ein zierliches Labyrinth
+hin und her; in der Leichtigkeit und Raschheit ihres Gangs war die
+Freude zu merken, die sie selbst daran empfand, den andern die bunte
+Pracht ihres Gartens zu weisen; – und als hätte sie’s drauf angelegt,
+sie schwindlig zu machen, wie die Führerin eines heiteren Reigentanzes,
+schritt sie, immer eiliger, ihnen voran. Plötzlich aber – Casanova war
+es zumute, als wachte er aus einem wirren Traume auf – fanden sie sich
+alle im Sprechsaal wieder. Jenseits des Gitters schwebten dunkle
+Gestalten; niemand hätte zu unterscheiden vermocht, ob es drei oder fünf
+oder zwanzig verschleierte Frauen waren, die hinter den dichtgestellten
+Stäben wie aufgescheuchte Geister hin und her irrten; und nur Casanovas
+nachtscharfes Auge war imstande, in der tiefen Dämmerung überhaupt
+menschliche Umrisse zu erkennen. Die Äbtissin geleitete ihre Gäste zur
+Tür, gab ihnen stumm das Zeichen, daß sie entlassen seien, und war
+spurlos verschwunden, ehe jene nur Zeit gefunden hatten, ihr den
+schuldigen Dank auszusprechen. Plötzlich, als sie eben den Saal
+verlassen wollten, erklang es aus der Gegend des Gitters her von einer
+Frauenstimme – »Casanova« – nichts als der Name, doch mit einem
+Ausdruck, wie ihn Casanova noch niemals gehört zu haben vermeinte. Ob
+eine Einstmalsgeliebte, – ob eine Niemalsgeschaute eben ein heiliges
+Gelübde gebrochen, um ein letztes, – oder ein erstes Mal seinen Namen in
+die Luft zu hauchen; – ob darin die Seligkeit eines unerwarteten
+Wiedersehens, der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes oder die Klage
+gezittert, daß ein heißer Wunsch aus fernen Tagen sich so spät und
+nutzlos erfüllte, – Casanova vermochte es nicht zu deuten; nur dies eine
+wußte er, daß sein Name, so oft Zärtlichkeit ihn geflüstert,
+Leidenschaft ihn gestammelt, Glück ihn gejubelt hatte, heute zum
+erstenmal mit dem vollen Klang der Liebe an sein Herz gedrungen war.
+Doch eben darum schien jede weitere Neugier ihm unlauter und sinnlos; –
+und hinter einem Geheimnis, das er nimmer enträtseln sollte, schloß sich
+die Tür. Hätten nicht die andern durch Blicke sich scheu und flüchtig zu
+verstehen gegeben, daß auch sie den gleich wieder verhallten Ruf gehört,
+so hätte jeder für seinen Teil an eine Sinnestäuschung glauben können;
+denn keiner sprach ein Wort, während sie durch den Säulengang dem Tore
+zuschritten. Casanova aber folgte als letzter, mit geneigtem Haupt, wie
+von einem großen Abschied. –
+
+Der Pförtner stand am Tor, empfing sein Almosen, und die Gäste stiegen
+in den Wagen, der sie ohne weiteren Verzug heimwärts führte. Olivo
+schien verlegen, Amalia entrückt, Marcolina jedoch völlig unberührt; und
+allzu absichtlich, wie es Casanova dünkte, versuchte sie mit Amalia ein
+Gespräch über Angelegenheiten der Hauswirtschaft einzuleiten, das aber
+Olivo an Stelle seiner Gattin aufnehmen mußte. Bald nahm auch Casanova
+daran teil, der sich auf Fragen, die Küche und Keller betrafen,
+vortrefflich verstand, und keinen Anlaß sah, mit seinen Kenntnissen und
+Erfahrungen auch auf diesem Gebiet, wie zu einem neuen Beweis seiner
+Vielseitigkeit, zurückzuhalten. Nun wachte auch Amalia aus ihrer
+Versonnenheit auf; nach dem fast märchenhaften und doch beklemmenden
+Abenteuer, aus dem sie eben emporgetaucht waren, schienen sich alle,
+besonders aber Casanova, in so irdisch alltäglicher Atmosphäre
+vorzüglich zu behagen, und, als der Wagen vor Olivos Hause hielt, aus
+dem ihnen schon einladend der Geruch von Braten und allerlei Gewürzen
+entgegenströmte, war Casanova gerade in der äußerst appetitreizenden
+Schilderung eines polnischen Pastetengerichts begriffen, der auch
+Marcolina mit einer liebenswürdig-hausfraulichen, von Casanova als
+schmeichelhaft empfundenen Teilnahme zuhörte.
+
+In einer seltsam beruhigten, beinahe vergnügten Stimmung, über die er
+selbst verwundert war, saß er dann mit den andern bei Tische und machte
+Marcolinen in einer scherzhaft aufgeräumten Weise den Hof, wie es sich
+etwa für einen vornehmen ältern Herrn einem wohlerzogenen jungen Mädchen
+aus bürgerlichem Hause gegenüber schicken mochte. Sie ließ es sich gern
+gefallen und gab ihm seine Artigkeiten mit vollendeter Anmut zurück. Ihm
+machte es ebenso große Mühe, sich vorzustellen, daß seine gesittete
+Nachbarin dieselbe Marcolina war, aus deren Fenster er heute nacht einen
+jungen Offizier hatte flüchten sehen, der offenbar noch in der Sekunde
+vorher in ihren Armen gelegen war, – als es ihm schwer fiel, anzunehmen,
+daß dieses zarte Fräulein, das sich mit andern kaum erwachsenen Mädchen
+im Gras herumzuwälzen liebte, – eine gelehrte Korrespondenz mit dem
+berühmten Saugrenue in Paris unterhielt; und er schalt sich zugleich ob
+dieser lächerlichen Trägheit seiner Phantasie. Hatte er nicht schon
+unzählige Male erfahren, daß in jedes wahrhaft lebendigen Menschen Seele
+nicht nur verschiedene, daß sogar scheinbar feindliche Elemente auf die
+friedlichste Weise darin zusammenwohnten? Er selbst, vor kurzem noch ein
+im tiefsten aufgewühlter, ein verzweifelter, ja ein zu bösem Tun
+bereiter Mann; – war er jetzt nicht sanft, gütig und zu so lustigen
+Späßchen aufgelegt, daß die kleinen Töchter Olivos sich manchmal vor
+Lachen schüttelten? Nur an seinem ganz außerordentlichen, fast
+tierischen Hunger, der ihn immer nach starken Aufregungen zu überfallen
+pflegte, erkannte er selbst, daß die Ordnung in seiner Seele noch
+keineswegs völlig hergestellt war.
+
+Mit dem letzten Gang zugleich brachte die Magd ein Schreiben, das ein
+Bote aus Mantua soeben für den Chevalier abgegeben hätte. Olivo, der
+merkte, wie Casanova vor Aufregung erblaßte, gab Auftrag, dem Boten
+Speise und Trank zu reichen, dann wandte er sich an seinen Gast mit den
+Worten: »Lassen Sie sich nicht stören, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren
+Brief.« – »Mit Ihrer Erlaubnis,« erwiderte Casanova, erhob sich, mit
+einer leichten Verneigung, vom Tisch, trat ans Fenster und öffnete das
+Schreiben mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Es kam von Herrn
+Bragadino, seinem väterlichen Freund aus Jugendtagen, einem alten
+Hagestolz, der, nun über achtzig, und vor zehn Jahren Mitglied des Hohen
+Rats geworden, Casanovas Sache in Venedig mit mehr Eifer als die andern
+Gönner zu führen schien. Der Brief, ausnehmend zierlich, nur von etwas
+zittriger Hand geschrieben, lautete wörtlich:
+
+»Mein lieber Casanova. Heute endlich befinde ich mich in der angenehmen
+Lage, Ihnen eine Nachricht zu senden, die, wie ich hoffe, in der
+Hauptsache Ihren Wünschen gerecht werden dürfte. Der Hohe Rat hat sich
+in seiner letzten Sitzung, die gestern abend stattfand, nicht nur bereit
+erklärt, Ihnen die Rückkehr nach Venedig zu gestatten, sondern wünscht
+sogar, daß Sie diese Ihre Rückkehr tunlichst beschleunigen, da
+beabsichtigt wird, die tätige Dankbarkeit, die Sie in zahlreichen
+Briefen in Aussicht gestellt haben, baldigst in Anspruch zu nehmen. Wie
+Ihnen vielleicht nicht bekannt ist, mein lieber Casanova (da wir ja Ihre
+Gegenwart so lange entbehren mußten), haben sich die innern Verhältnisse
+unsrer teuern Vaterstadt im Laufe der letzten Zeit sowohl in politischer
+als auch in sittlicher Hinsicht einigermaßen bedenklich gestaltet.
+Geheime Verbindungen bestehen, die gegen unsre Staatsverfassung
+gerichtet sind, ja einen gewaltsamen Umsturz zu planen scheinen, und wie
+es in der Natur der Dinge liegt, sind es vor allem gewisse freigeistige,
+irreligiöse und in jedem Sinne zuchtlose Elemente, die an diesen
+Verbindungen, die man mit einem härteren Worte auch Verschwörungen
+nennen könnte, in hervorragendem Maße teilhaben. Auf öffentlichen
+Plätzen, in den Kaffeehäusern, von Privatörtlichkeiten gar nicht zu
+reden, werden, wie uns bekannt ist, die ungeheuerlichsten, ja geradezu
+hochverräterische Unterhaltungen geführt; aber nur in den seltensten
+Fällen gelingt es, die Schuldigen auf frischer Tat zu ertappen oder
+ihnen etwas Sicheres nachzuweisen, da gerade gewisse, auf der Folter
+erzwungene Geständnisse sich als so unzuverlässig erwiesen haben, daß
+einige Mitglieder unsres Hohen Rats sich dafür aussprachen, in Hinkunft
+von einer solchen grausamen und dabei oft irreführenden
+Untersuchungsmethode lieber abzusehen. Zwar ist kein Mangel an Leuten,
+die sich gern in den Dienst der Regierung stellen, zum Besten der
+öffentlichen Ordnung und des Staatswohls; aber gerade von diesen Leuten
+sind die meisten als gesinnungstüchtige Anhänger der bestehenden
+Verfassung zu sehr bekannt, als daß man sich in ihrer Gegenwart so
+leicht zu einer unvorsichtigen Bemerkung oder gar zu hochverräterischen
+Reden hinreißen ließe. Nun wurde von einem der Senatoren, den ich
+vorläufig nicht nennen will, in der gestrigen Sitzung die Ansicht
+ausgesprochen, daß jemand, dem der Ruf eines Mannes ohne sittliche
+Grundsätze und überdies der Ruf eines Freigeistes voranginge – kurzum,
+daß ein Mensch wie Sie, Casanova, sobald er sich in Venedig wieder
+zeigte, zweifellos gerade in den verdächtigen Kreisen, von denen hier
+die Rede ist, sofortiger Sympathie und – bei einiger Geschicklichkeit
+von seiner Seite – bald einem rückhaltlosen Vertrauen begegnen müßte.
+Ja meines Erachtens würden sich mit Notwendigkeit, wie nach dem Walten
+eines Naturgesetzes, gerade diejenigen Elemente um Sie versammeln, an
+deren Unschädlichmachung und exemplarischer Bestrafung dem Hohen Rat in
+seiner unermüdlichen Sorge um das Wohl des Staates am meisten gelegen
+ist, und so würden wir es nicht nur als einen Beweis Ihres patriotischen
+Eifers, mein lieber Casanova, sondern auch als ein untrügliches Zeichen
+Ihrer vollkommenen Abkehr von all jenen Tendenzen betrachten, die Sie
+seinerzeit unter den Bleidächern zwar hart, doch, wie auch Sie heute
+einsehen (wenn wir Ihren brieflichen Versicherungen glauben dürfen),
+nicht ganz ungerecht büßen mußten, – wenn Sie sich bereit fänden, in dem
+oben angedeuteten Sinne sofort nach Ihrer Heimkehr bei den nun genügend
+gekennzeichneten Elementen Anschluß zu suchen, sich ihnen in
+freundschaftlicher Weise zuzugesellen, wie einer, der den gleichen
+Tendenzen huldigt, und von allem, was Ihnen verdächtig oder sonstwie
+wissenswürdig erschiene, dem Senat unverzüglichen und eingehenden
+Bericht zu erstatten. Für diese Dienste wäre man geneigt, Ihnen fürs
+erste einen monatlichen Gehalt von zweihundertfünfzig Lire auszusetzen,
+abgesehen von Extragratifikationen in einzelnen besonders wichtigen
+Fällen, sowie Ihnen natürlich auch alle Ihnen in Ausübung Ihres
+Dienstes erwachsenden Kosten (als da sind Freihalten des einen oder
+andern Individuums, kleine Geschenke an Frauenspersonen usw.) ohne
+Bedenklichkeit und Knickerei ersetzt würden. Ich verhehle mir
+keineswegs, daß Sie gewisse Skrupel werden niederzukämpfen haben, ehe
+Sie sich in dem von uns gewünschten Sinne entscheiden sollten; aber
+erlauben Sie mir als Ihrem alten und aufrichtigen Freunde (der auch
+einmal jung gewesen ist) Ihnen zur Erwägung zu geben, daß es niemals als
+unehrenhaft gelten kann, seinem geliebten Vaterlande irgendeinen für
+dessen gesichertes Weiterbestehen notwendigen Dienst zu erweisen, auch
+wenn es ein Dienst von einer Art wäre, wie sie dem oberflächlich und
+nicht patriotisch denkenden Bürger als minder würdig zu erscheinen
+pflegen. Auch möchte ich noch hinzufügen, daß Sie, Casanova, ja
+Menschenkenner genug sind, um den Leichtfertigen vom Verbrecher oder den
+Spötter vom Ketzer zu unterscheiden; und so werden Sie selbst es in der
+Hand haben, in berücksichtigungswerten Fällen Gnade vor Recht ergehen zu
+lassen, und immer nur denjenigen der Strafe zuzuführen, dem eine solche
+Ihrer eigenen Überzeugung nach gebührt. Vor allem aber bedenken Sie, daß
+die Erfüllung Ihres sehnlichsten Wunsches – Ihre Rückkehr in die
+Vaterstadt – wenn Sie den gnädigen Vorschlag des Hohen Rates ablehnen
+sollten, auf lange, ja, wie ich fürchte, auf unabsehbare Frist
+hinausgeschoben wäre, und daß ich selbst, wenn ich auch das hier
+erwähnen darf, als einundachtzigjähriger Greis nach aller menschlicher
+Berechnung auf die Freude verzichten müßte, Sie jemals in meinem Leben
+wiederzusehen. Da Ihre Anstellung aus begreiflichen Gründen nicht so
+sehr einen öffentlichen als einen vertraulichen Charakter tragen soll,
+bitte ich Sie, Ihre Antwort, die ich mich anheischig mache, dem Hohen
+Rate in der nächsten, heute über acht Tage stattfindenden Sitzung
+mitzuteilen, an mich persönlich zu adressieren; und zwar mit möglichster
+Beschleunigung, da, wie ich schon oben andeutete, täglich Gesuche von
+zum Teil höchst vertrauenswürdigen Personen an uns gelangen, die sich
+dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig zur Verfügung stellen.
+Freilich gibt es kaum einen unter diesen, der es an Erfahrung und Geist
+mit Ihnen, mein lieber Casanova, aufzunehmen imstande wäre; und wenn Sie
+zu alldem noch meine Sympathie für Sie ein wenig in Betracht ziehen, so
+kann ich kaum daran zweifeln, daß Sie dem Rufe, der von so hoher und
+wohlgeneigter Stelle an Sie ergeht, freudig Folge leisten werden. Bis
+dahin bin ich in unveränderlicher Freundschaft Ihr anhänglicher
+Bragadino.
+
+Nachschrift. Es wird mir angenehm sein, Ihnen sofort nach Ankündigung
+Ihres Entschlusses einen Wechsel im Betrage von zweihundert Lire auf
+das Bankhaus Valori in Mantua zur Bestreitung der Reisekosten
+auszustellen. Der Obige.«
+
+Casanova hatte längst zu Ende gelesen, aber noch immer hielt er das
+Blatt vors Gesicht, um die Totenblässe seiner verzerrten Züge nicht
+merken zu lassen. Das Geräusch des Mahles mit Tellergeklapper und
+Gläsergeklirr ging indes weiter, doch niemand sprach ein Wort. Endlich
+ließ sich Amalia schüchtern vernehmen: »Die Schüssel wird kalt,
+Chevalier, wollen Sie sich nicht bedienen?« – »Ich danke,« sagte
+Casanova und ließ sein Antlitz wieder sehen, dem er nun dank seiner
+außerordentlichen Verstellungskunst einen ruhigen Ausdruck zu verleihen
+vermocht hatte. »Es sind vortreffliche Nachrichten, die ich hier aus
+Venedig erhalten habe, und ich muß unverzüglich meine Antwort absenden.
+Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich mich sofort zurückziehe.« –
+»Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, Chevalier,« sagte Olivo. »Aber
+vergessen Sie nicht, daß in einer Stunde das Spiel beginnt.«
+
+Casanova ging auf sein Zimmer, sank auf einen Stuhl, kalter Schweiß
+brach an seinem ganzen Körper aus, Frost warf ihn hin und her, und der
+Ekel stieg ihm bis zum Halse hinauf, so daß er glaubte, auf der Stelle
+ersticken zu müssen. Einen klaren Gedanken zu fassen, war er vorerst
+außerstande, und seine ganze Kraft verwandte er darauf, sich
+zurückzuhalten, ohne daß er zu sagen gewußt hätte, wovor. Denn hier im
+Hause war ja niemand, an dem er seinen ungeheuren Zorn hätte austoben
+können, und den dumpfen Einfall, daß Marcolina irgendwie an der
+namenlosen Schmach mitschuldig sei, die ihm widerfahren, vermochte er
+immerhin noch als Tollheit zu erkennen. Als er sich zur Not gesammelt,
+war sein erster Gedanke, an den Schurken Rache zu nehmen, die geglaubt
+hatten, ihn als Polizeispion dingen zu können. In irgendeiner
+Verkleidung wollte er sich nach Venedig schleichen und all die Wichte
+auf listige Weise vom Leben zum Tode bringen – oder wenigstens den
+einen, der den jämmerlichen Plan ausgeheckt hatte. War es etwa gar
+Bragadino selbst? Warum nicht? Ein Greis – so schamlos geworden, daß er
+diesen Brief an Casanova zu schreiben wagte, – so schwachsinnig, daß er
+Casanova – Casanova! den er doch einst gekannt hatte – für einen Spion
+eben gut genug hielt! Ah, er kannte eben Casanova nicht mehr! Niemand
+kannte ihn mehr, so wenig in Venedig als anderswo. Aber man sollte ihn
+wieder kennenlernen. Er war freilich nicht mehr jung und schön genug, um
+ein tugendhaftes Mädchen zu verführen – und kaum mehr gewandt und
+gelenkig genug, um aus Kerkern zu entwischen und auf Dachfirsten zu
+turnen – aber klüger war er noch immer als alle! Und wenn er nur einmal
+in Venedig war, so konnte er dort treiben und lassen, was ihm beliebte;
+es kam nur darauf an, endlich dort zu sein! Dann war es vielleicht gar
+nicht nötig, irgendwen umzubringen; es gab allerlei Arten von Rache,
+witzigere, teuflischere, als eine gewöhnliche Mordtat wäre; und wenn man
+zum Schein etwa den Antrag der Herren annahm, so war es die leichteste
+Sache von der Welt, gerade diejenigen Leute zu verderben, die man
+verderben wollte, und nicht diejenigen, auf die es der Hohe Rat
+abgesehen hatte und die unter allen Venezianern gewiß die allerbravsten
+Kerle waren! Wie? Weil sie Feinde dieser niederträchtigen Regierung
+waren, weil sie als Ketzer galten, sollten sie in dieselben Bleikammern,
+wo er vor fünfundzwanzig Jahren geschmachtet, oder gar unters Beil? Er
+haßte die Regierung noch hundertmal mehr und mit bessern Gründen als
+jene taten, und ein Ketzer war er sein Lebenlang gewesen, war es heute
+noch und mit heiligerer Überzeugung als sie alle! Er hatte sich ja
+selber nur eine vertrackte Komödie vorgespielt in diesen letzten Jahren
+– aus Langeweile und Ekel. Er an Gott glauben? Was war denn das für ein
+Gott, der nur den Jungen hold war und die Alten im Stich ließ? Ein Gott,
+der sich, wann es ihm beliebte, zum Teufel wandelte, Reichtum in Armut,
+Unglück in Glück, und Lust in Verzweiflung kehrte? Hast du deinen Spaß
+mit uns – und wir sollen zu dir beten? – An dir zweifeln ist das einzige
+Mittel, das uns bleibt – dich nicht zu lästern! – Sei nicht! Denn, wenn
+du bist, so muß ich dir fluchen! Er ballte die Fäuste zum Himmel, er
+reckte sich auf. Unwillkürlich drängte sich ein verhaßter Name auf seine
+Lippen. Voltaire! Ja, nun war er in der rechten Verfassung, seine
+Schrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden. Zu vollenden?
+Nein, nun erst sollte sie begonnen werden. Eine neue! Eine andre! – in
+der der lächerliche Greis hergenommen werden sollte, wie er es verdiente
+... um seiner Vorsicht, seiner Halbheit, seiner Kriecherei willen. Ein
+Ungläubiger der? Von dem man in der letzten Zeit immer wieder hörte, daß
+er sich aufs trefflichste mit den Pfaffen stand und zur Kirche, an
+Festtagen sogar zur Beichte ging? Ein Ketzer der? Ein Schwätzer, ein
+großsprecherischer Feigling – nichts andres! Nun aber war die
+fürchterliche Abrechnung nah, nach der von dem großen Philosophen nichts
+übrig bleiben sollte als ein kleines witziges Schreiberlein. Wie hatte
+er sich aufgespielt, der gute Herr Voltaire ... »Ah, mein guter Herr
+Casanova, ich bin Ihnen ernstlich böse. Was gehen mich die Werke des
+Herrn Merlin an? Sie sind schuld, daß ich vier Stunden mit Dummheiten
+verbracht habe.« – Geschmackssache, mein bester Herr Voltaire! Man wird
+die Werke Merlins noch lesen, wenn die Pucelle längst vergessen ist ...
+und auch meine Sonette wird man möglicherweise dann noch schätzen, die
+Sie mir mit einem so unverschämten Lächeln zurückgaben, ohne ein Wort
+darüber zu äußern. Doch das sind Kleinigkeiten. Wir wollen eine große
+Angelegenheit nicht durch schriftstellerische Empfindlichkeiten
+verwirren. Es handelt sich um die Philosophie – um Gott ...! Wir wollen
+die Klingen kreuzen, Herr Voltaire, sterben Sie mir nur gefälligst nicht
+zu früh.
+
+Schon dachte er daran, seine Arbeit auf der Stelle zu beginnen, als ihm
+einfiel, daß der Bote auf Antwort wartete. Und mit fliegender Hand
+entwarf er einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino, einen Brief voll
+geheuchelter Demut und verlogenen Entzückens: er nehme die Gnade des
+Hohen Rats mit freudiger Dankbarkeit an und erwarte den Wechsel mit
+wendender Post, um sich seinen Gönnern, vor allem seinem hochverehrten
+väterlichen Freunde Bragadino sobald als möglich zu Füßen legen zu
+dürfen. Während er eben daran war, den Brief zu versiegeln, klopfte es
+leise an die Tür; Olivos ältestes Töchterlein, die Dreizehnjährige, trat
+ein und bestellte, daß die ganze Gesellschaft bereits versammelt sei und
+den Chevalier mit Ungeduld zum Spiel erwarte. In ihren Augen glimmte es
+sonderbar, ihre Wangen waren gerötet, das frauenhaft dichte Haar
+spielte bläulich-schwarz um ihre Schläfen; der kindliche Mund war halb
+geöffnet: »Hast du Wein getrunken, Teresina?« fragte Casanova und machte
+einen langen Schritt auf sie zu. – »Wahrhaftig – und der Herr Chevalier
+merken das gleich?« Sie wurde noch röter, und wie in Verlegenheit strich
+sie sich mit der Zunge über die Unterlippe. Casanova packte sie bei den
+Schultern, hauchte ihr seinen Atem ins Gesicht, zog sie mit sich, warf
+sie aufs Bett; sie sah ihn mit großen hilflosen Augen an, in denen das
+Glimmen erloschen war; doch als sie ihren Mund wie zum Schreien öffnete,
+zeigte ihr Casanova eine so drohende Miene, daß sie fast erstarrte und
+alles mit sich geschehen ließ, was ihm beliebte. Er küßte sie zärtlich
+wild und flüsterte: »Du mußt es dem Abbate nicht sagen, Teresina, auch
+in der Beichte nicht. Und wenn du später einen Liebhaber kriegst oder
+einen Bräutigam oder gar einen Mann, der braucht es auch nicht zu
+wissen. Du sollst überhaupt immer lügen; auch Vater und Mutter und
+Geschwister sollst du anlügen; auf daß es dir wohl ergehe auf Erden.
+Merk’ dir das.« – So lästerte er, und Teresina mußte es wohl für einen
+Segen halten, den er über sie sprach, denn sie nahm seine Hand und küßte
+sie andächtig wie die eines Priesters. Er lachte laut auf. »Komm,« sagte
+er dann, »komm, meine kleine Frau, wir wollen Arm in Arm im Saal unten
+erscheinen!« Sie zierte sich wohl ein wenig, lächelte aber dabei nicht
+unzufrieden.
+
+Es war die höchste Zeit, daß sie aus der Tür traten, denn Olivo kam eben
+erhitzt mit gerunzelten Brauen die Treppe herauf, und Casanova vermutete
+gleich, daß unzarte Scherze des Marchese oder des Abbate über das lange
+Ausbleiben der Kleinen ihm Bedenken verursacht haben mochten. Seine Züge
+erheiterten sich sofort, als er Casanova wie zum Scherz in die Kleine
+eingehängt auf der Schwelle stehen sah. »Verzeihen Sie, mein bester
+Olivo,« sagte Casanova, »daß ich warten ließ. Ich mußte meinen Brief
+erst zu Ende schreiben.« Er hielt ihn Olivo wie ein Beweisstück
+entgegen. »Nimm ihn,« sagte Olivo zu Teresina, indem er ihr die etwas
+verwirrten Haare zurecht strich, »und bring’ ihn dem Boten.« – »Und
+hier,« fügte Casanova hinzu, »sind zwei Goldstücke, die gibst du dem
+Mann: er möge sich beeilen, daß der Brief noch heute richtig von Mantua
+nach Venedig abgehe – und meiner Wirtin möge er bestellen, daß ich ...
+heute abend wieder daheim bin.« – »Heute abend?« rief Olivo.
+»Unmöglich!« – »Nun, wir werden sehen,« sagte Casanova herablassend. –
+»Und hier, Teresina, ein Goldstück für dich« ... und auf Olivos Einrede:
+»Leg’ es in deine Sparbüchse, Teresina; der Brief, den du in Händen
+hast, ist seine paar tausend Goldstücke wert.« – Teresina lief, und
+Casanova nickte vergnügt; es machte ihm einen ganz besondern Spaß, das
+Dirnchen, deren Mutter und Großmutter ihm auch schon gehört hatten, im
+Angesicht ihres eigenen Vaters für ihre Gunst zu bezahlen.
+
+Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, war das Spiel schon im Gange.
+Die emphatische Begrüßung der andern erwiderte er mit heitrer Würde und
+nahm gegenüber dem Marchese Platz, der die Bank hielt. Die Fenster waren
+gegen den Garten zu offen; Casanova hörte Stimmen, die sich näherten;
+Marcolina und Amalia kamen vorüber, blickten flüchtig in den Saal,
+verschwanden und waren dann nicht mehr zu sehen. Während der Marchese
+die Karten auflegte, wandte sich Lorenzi mit großer Höflichkeit an
+Casanova. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Chevalier, Sie waren besser
+unterrichtet, als ich es gewesen bin: unser Regiment marschiert in der
+Tat bereits morgen vor Abend aus.« Der Marchese schien erstaunt. »Und
+das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi?« – »Es ist wohl nicht so
+wichtig!« – »Für mich nicht so sehr,« meinte der Marchese, »aber für
+meine Gattin! Finden Sie nicht?« Er lachte in einer abstoßenden heisern
+Art. »Übrigens ein wenig doch auch für mich! Da ich gestern vierhundert
+Dukaten an Sie verloren habe und am Ende keine Zeit bleibt, sie
+zurückzugewinnen.« – »Auch uns hat der Leutnant Geld abgewonnen,« sagte
+der jüngere Ricardi, und der ältere, schweigende, sah über die Schulter
+zu dem Bruder auf, der, wie gestern, hinter ihm stand. – »Glück und
+Frauen« ... begann der Abbate. Und der Marchese schloß statt seiner:
+»Zwingt, wer mag.« – Lorenzi streute seine Goldstücke wie achtlos vor
+sich hin. »Da sind sie. Wenn Sie wünschen, alle auf ein Blatt, Marchese,
+damit Sie Ihrem Gelde nicht lange nachzulaufen haben.« Casanova
+verspürte plötzlich eine Art Mitleid für Lorenzi, das er sich selbst
+nicht recht erklären konnte; doch da er von seinem Ahnungsvermögen etwas
+hielt, war er überzeugt, daß der Leutnant im ersten Gefechte, das ihm
+bevorstand, fallen werde. Der Marchese nahm den hohen Satz nicht an;
+Lorenzi bestand nicht darauf; so ging das Spiel, an dem sich auch die
+andern in ihrer bescheidenen Weise, wie tags vorher, beteiligten,
+vorerst nur mit mäßigen Einsätzen weiter. Schon in der nächsten
+Viertelstunde wurden diese höher; und vor Ablauf der darauffolgenden
+hatte Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese verloren. Um
+Casanova schien sich das Glück nicht zu kümmern; er gewann, verlor und
+gewann wieder in fast lächerlich regelmäßigem Wechsel. Lorenzi atmete
+auf, als sein letztes Goldstück zum Marchese hinübergerollt war und
+erhob sich. »Ich danke, meine Herren. Dies wird nun,« er zögerte – »für
+lange mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen Hause gewesen sein.
+Und nun, mein verehrter Herr Olivo, gestatten Sie mir noch, mich von den
+Damen zu verabschieden, ehe ich nach der Stadt reite, wo ich vor
+Sonnenuntergang eintreffen möchte, um meine Zurüstungen für morgen zu
+treffen.« – Unverschämter Lügner, dachte Casanova. In der Nacht bist du
+wieder hier und – bei Marcolina! Neu flammte der Zorn in ihm auf. »Wie?«
+rief der Marchese übel gelaunt, »der Abend noch stundenfern, und das
+Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie wünschen, Lorenzi, mag mein
+Kutscher nach Hause fahren und der Marchesa bestellen, daß Sie sich
+verspäten.« – »Ich reite nach Mantua,« entgegnete Lorenzi ungeduldig. –
+Der Marchese, ohne darauf zu achten, sprach weiter: »Es ist noch Zeit
+genug; rücken Sie nur mit Ihren eigenen Goldstücken heraus, so wenig es
+sein mögen.« Und er warf ihm eine Karte hin. »Ich habe nicht ein
+einziges Goldstück mehr,« sprach Lorenzi müde. – »Was Sie nicht sagen!«
+– »Nicht eines,« wiederholte Lorenzi wie angeekelt. – »Was tut’s,« rief
+der Marchese mit einer plötzlichen, nicht sehr angenehm wirkenden
+Freundlichkeit. »Sie sind mir für zehn Dukaten gut, und wenn’s sein muß,
+für mehr.« – »Ein Dukaten also,« sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der
+Marchese schlug sie mit den seinen. Lorenzi spielte weiter, als
+verstände sich das nun von selbst; und bald war er dem Marchese hundert
+Dukaten schuldig. Casanova übernahm die Bank und hatte noch mehr Glück
+als der Marchese. Es war indes wieder ein Spiel zu dreien geworden,
+heute ließen sich’s auch die Brüder Ricardi ohne Einspruch gefallen; mit
+Olivo und dem Abbate waren sie bewundernde Zuschauer. Kein lautes Wort
+wurde gewechselt, nur die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich
+genug. Der Zufall des Spieles wollte, daß alles Bargeld zu Casanova
+hinüberfloß, und als eine Stunde vergangen war, hatte er zweitausend
+Dukaten zwar von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus des Marchese
+Tasche, der nun ohne einen Soldo dasaß. Casanova stellte ihm zur
+Verfügung, was ihm belieben sollte. Der Marchese schüttelte den Kopf.
+»Ich danke,« sagte er, »nun ist es genug. Für mich ist das Spiel zu
+Ende.« Aus dem Garten klang das Lachen und Rufen der Kinder. Casanova
+hörte Teresinas Stimme heraus; er saß mit dem Rücken gegen das Fenster
+und wandte sich nicht um. Noch einmal versuchte er, zugunsten Lorenzis,
+er wußte selbst nicht warum, den Marchese zum Weiterspielen zu bewegen.
+Dieser erwiderte nur durch ein noch entschiedeneres Kopfschütteln.
+Lorenzi erhob sich. »Ich werde mir erlauben, Herr Marchese, die Summe,
+die ich Ihnen schulde, morgen vor zwölf Uhr mittags persönlich in Ihre
+Hände zu übergeben.« Der Marchese lachte kurz. »Ich bin neugierig, wie
+Sie das anstellen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. Es gibt keinen Menschen
+in Mantua oder anderswo, der Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen würde,
+geschweige zweitausend, insbesondre heute, da Sie morgen ins Feld gehen;
+und es ist nicht so ausgemacht, daß Sie zurückkehren.« – »Sie werden Ihr
+Geld morgen früh acht Uhr erhalten, Herr Marchese, auf – Ehrenwort.« –
+»Ihr Ehrenwort,« sagte der Marchese kalt, »ist mir nicht einmal einen
+Dukaten wert, viel weniger zweitausend.« – Die andern hielten den Atem
+an. Doch Lorenzi erwiderte nur, anscheinend ohne tiefere Erregung: »Sie
+werden mir Genugtuung geben, Herr Marchese.« – »Mit Vergnügen, Herr
+Leutnant,« entgegnete der Marchese, »sobald Sie Ihre Schuld bezahlt
+haben.« – Olivo, aufs peinlichste berührt, sagte ein wenig stotternd:
+»Ich bürge für die Summe, Herr Marchese. Leider habe ich nicht Bargeld
+genug zur Hand, um sofort – doch mein Haus, meine Besitzung« – und er
+wies mit einer ungeschickten Bewegung rings im Kreise umher. »Ich nehme
+Ihre Bürgschaft nicht an,« sagte der Marchese, »um Ihretwillen, Sie
+würden Ihr Geld verlieren.« Casanova sah, wie sich alle Blicke auf das
+Gold richteten, das vor ihm lag. – Wenn ich für Lorenzi bürgte – dachte
+er. Wenn ich für ihn zahlte ... Dies könnte der Marchese nicht
+zurückweisen ... Wär’ es nicht beinahe meine Verpflichtung? Es ist ja
+das Gold des Marchese. – Doch er schwieg. Er fühlte, wie ein Plan in ihm
+dumpf erstand, dem er vor allem Zeit lassen mußte, sich klar zu
+gestalten. »Sie sollen Ihr Geld noch heute vor Anbruch der Nacht haben,«
+sagte Lorenzi. »In einer Stunde bin ich in Mantua.« – »Ihr Pferd kann
+den Hals brechen,« erwiderte der Marchese, »Sie auch ... am Ende gar mit
+Absicht.« – »Immerhin,« sagte der Abbate unwillig, »kann Ihnen der
+Leutnant das Geld nicht herzaubern.« Die beiden Ricardi lachten, brachen
+aber gleich wieder ab. »Es ist klar,« wandte sich Olivo an den Marchese,
+»daß Sie dem Leutnant Lorenzi vor allem einmal gestatten müssen, sich zu
+entfernen.« – »Gegen ein Pfand,« rief der Marchese mit funkelnden Augen,
+als machte ihm sein Einfall ein besondres Vergnügen. »Das scheint mir
+nicht übel,« sagte Casanova etwas zerstreut, denn sein Plan reifte
+heran. Lorenzi zog einen Ring vom Finger und ließ ihn auf den Tisch
+gleiten. Der Marchese nahm ihn. »Der mag für tausend gelten.« – »Und der
+hier?« Lorenzi schleuderte einen zweiten Ring vor den Marchese hin.
+Dieser nickte und meinte: »Für ebensoviel.« – »Sind Sie nun zufrieden,
+Herr Marchese?« sagte Lorenzi und schickte sich an, zu gehen. »Ich bin
+zufrieden,« entgegnete der Marchese schmunzelnd, »um so mehr, als diese
+Ringe gestohlen sind.« Lorenzi wandte sich rasch um, und über den Tisch
+hin erhob er die Faust, um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen.
+Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest. »Ich kenne die beiden
+Steine,« sagte der Marchese, ohne sich von seinem Platz zu rühren, »wenn
+sie auch neu gefaßt sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd hat einen
+kleinen Fehler, sonst wäre er zehnmal soviel wert. Der Rubin ist
+tadellos, aber nicht sehr groß. Beide Steine stammen aus einem Schmuck,
+den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe. Und da ich doch nicht
+annehmen kann, daß die Marchesa diese Steine für den Leutnant Lorenzi zu
+Ringen hat fassen lassen, so können sie, – so kann offenbar der ganze
+Schmuck nur gestohlen sein. Also – das Pfand genügt mir, Herr Leutnant,
+bis auf weiteres.« – »Lorenzi!« rief Olivo, »von uns allen haben Sie das
+Wort, daß keine Seele jemals erfahren wird, was soeben hier vorgegangen
+ist.« – »Und was auch Herr Lorenzi begangen haben mag,« sagte Casanova,
+»Sie, Herr Marchese, sind der größre Schuft.« – »Das will ich hoffen,«
+erwiderte der Marchese. »Wenn man einmal so alt ist wie unsereiner, Herr
+Chevalier von Seingalt, darf man sich wenigstens in der Schurkerei von
+niemandem andern übertreffen lassen. Guten Abend, meine Herren.« Er
+stand auf, niemand erwiderte seinen Gruß, und er ging. Für eine kurze
+Weile ward es so still, daß wieder das Lachen der Kinder vom Garten her
+wie in übertriebener Lautheit vernehmlich wurde. Wer hätte auch das Wort
+zu finden vermocht, das jetzt bis in Lorenzis Seele gedrungen wäre, der
+noch immer mit über dem Tisch erhobenem Arm dastand wie vorher?
+Casanova, der als einziger auf seinem Platz sitzengeblieben war, fand
+ein unwillkürliches künstlerisches Gefallen an dieser zwar sinnlos
+gewordenen, gleichsam versteinerten, aber drohend-edlen Geste, die den
+ganzen Jüngling in ein Standbild zu verwandeln schien. Endlich wandte
+sich Olivo an ihn wie mit einer Gebärde der Beschwichtigung, auch die
+Ricardis näherten sich, und der Abbate schien sich zu einer Anrede
+entschließen zu wollen; da fuhr es durch Lorenzis Glieder wie ein kurzes
+Beben; eine gebieterisch unwillige Bewegung wehrte jeden Versuch einer
+Einmischung ab, und mit einem höflichen Neigen des Kopfes verließ er
+ohne Hast den Raum. Im selben Augenblick erhob sich Casanova, der indes
+das Gold, das vor ihm lag, in ein Seidentuch zusammengerafft hatte, und
+folgte ihm auf dem Fuß. Er fühlte, ohne die Mienen der andern zu sehen,
+daß sie alle der Meinung waren, er beeile sich nun, dasjenige zu tun,
+was sie die ganze Zeit über von ihm erwartet, und werde Lorenzi die
+gewonnene Geldsumme zur Verfügung stellen.
+
+In der Kastanienallee, die vom Hause zum Tore führte, holte er Lorenzi
+ein und sagte in leichtem Tone: »Würden Sie mir erlauben, Herr Leutnant
+Lorenzi, mich Ihrem Spaziergang anzuschließen?« Lorenzi, ohne ihn
+anzusehen, erwiderte in einem hochmütigen, seiner Lage kaum ganz
+angemessenen Tone: »Wie’s beliebt, Herr Chevalier; aber ich fürchte, Sie
+werden in mir keinen unterhaltenden Gesellschafter finden.« – »Sie,
+Leutnant Lorenzi, vielleicht einen um so unterhaltenderen in mir,« sagte
+Casanova, »und wenn Sie einverstanden sind, nehmen wir den Weg über die
+Weinberge, wo wir ungestört plaudern können.« Sie bogen von der
+Fahrstraße auf denselben schmalen Pfad ein, den, die Gartenmauer
+entlang, Casanova tags vorher mit Olivo gegangen war. »Sie vermuten ganz
+richtig,« so setzte Casanova ein, »daß ich gesonnen bin, Ihnen die Summe
+Geldes anzubieten, die Sie dem Marchese schuldig sind; nicht leihweise,
+denn das – Sie werden mir verzeihen – hielte ich für ein allzu riskantes
+Geschäft, sondern als – freilich geringen Gegenwert für eine
+Gefälligkeit, die Sie mir zu erweisen vielleicht imstande wären.« – »Ich
+höre,« sagte Lorenzi kalt. – »Ehe ich mich weiter äußere,« erwiderte
+Casanova im selben Tone, »bin ich genötigt, eine Bedingung zu stellen,
+von deren Annahme durch Sie ich die Fortsetzung dieser Unterhaltung
+abhängig mache.« – »Nennen Sie Ihre Bedingung.« – »Ich verlange Ihr
+Ehrenwort, daß Sie mich anhören, ohne mich zu unterbrechen, auch wenn
+das, was ich Ihnen zu sagen habe, Ihr Befremden oder Ihr Mißfallen oder
+gar Ihre Empörung erregen sollte. Es steht vollkommen bei Ihnen, Herr
+Leutnant Lorenzi, ob Sie nachher meinen Vorschlag annehmen wollen, über
+dessen Ungewöhnlichkeit ich mich keiner Täuschung hingebe, oder nicht;
+aber die Antwort, die ich von Ihnen erwarte, ist nur ein Ja oder Nein;
+und wie immer sie ausfallen sollte, – von dem, was hier verhandelt
+wurde, zwischen zwei Ehrenmännern, die vielleicht beide zugleich
+Verlorene sind, wird niemals eine Menschenseele erfahren.« – »Ich bin
+bereit, Ihren Vorschlag zu hören.« – »Und nehmen meine Vorbedingung an?«
+– »Ich werde Sie nicht unterbrechen.« – »Und werden kein andres Wort
+erwidern als Ja oder Nein?« – »Kein andres als Ja oder Nein.« – »Gut
+denn,« sagte Casanova. Und während sie langsam hügelaufwärts stiegen,
+zwischen den Rebenstöcken, unter einem schwülen Spätnachmittagshimmel,
+begann Casanova: »Lassen Sie uns die Angelegenheit nach den Gesetzen der
+Logik behandeln, so werden wir einander am besten verstehen. Es besteht
+offenbar keine Möglichkeit für Sie, sich das Geld, das Sie dem Marchese
+schuldig sind, bis zu der von ihm festgesetzten Frist zu verschaffen;
+und für den Fall, daß Sie es ihm nicht zahlen sollten, auch darüber kann
+kein Zweifel sein, ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Da er
+mehr von Ihnen weiß (hier wagte sich Casanova weiter vor als er mußte,
+doch er liebte solche kleine nicht ganz ungefährliche Abenteuer auf
+einem im übrigen vorgezeichneten Weg), als er uns heute verraten hat,
+sind Sie tatsächlich völlig in der Gewalt dieses Schurken, und Ihr
+Schicksal als Offizier, als Edelmann wäre besiegelt. Das ist die eine
+Seite der Sache. Dagegen sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre Schuld
+bezahlt und die – irgendwie in Ihren Besitz gelangten Ringe wieder in
+Händen haben; – und gerettet sein: das heißt für Sie in diesem Fall
+nicht weniger, als daß Ihnen ein Dasein wieder gehört, mit dem Sie schon
+so gut wie abgeschlossen hatten, und zwar, da Sie jung, schön und kühn
+sind, ein Dasein voll Glanz, Glück und Ruhm. Eine solche Aussicht
+scheint mir herrlich genug, besonders wenn auf der andern Seite nichts
+winkt als ein ruhmloser, ja schimpflicher Untergang, um ihr zuliebe ein
+Vorurteil aufzuopfern, das man persönlich eigentlich niemals besaß. Ich
+weiß es, Lorenzi,« setzte er rasch hinzu, als sei er einer Entgegnung
+gewärtig und wollte ihr zuvorkommen, »Sie haben gar keine Vorurteile,
+so wenig als ich sie habe oder jemals hatte; und was ich von Ihnen zu
+verlangen willens bin, ist nichts andres, als was ich selbst an Ihrer
+Stelle unter den gleichen Umständen zu erfüllen mich keinen Augenblick
+besonnen hätte, – wie ich mich auch tatsächlich nie gescheut habe, wenn
+es das Schicksal oder auch nur meine Laune so forderte, eine Schurkerei
+zu begehen oder vielmehr das, was die Narren dieser Erde so zu nennen
+pflegen. Dafür war ich aber auch, gleich Ihnen, Lorenzi, in jeder Stunde
+bereit, mein Leben für weniger als nichts aufs Spiel zu setzen, und das
+macht alles wieder wett. Ich bin es auch jetzt – für den Fall, daß Ihnen
+mein Vorschlag nicht gefiele. Wir sind aus gleichem Stoff gemacht,
+Lorenzi, sind Brüder im Geiste, und so dürfen sich unsre Seelen ohne
+falsche Scham, stolz und nackt, gegenüberstehen. Hier sind meine
+zweitausend Dukaten – vielmehr die Ihren – wenn Sie es ermöglichen, daß
+ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle mit Marcolina verbringe. Wir
+wollen nicht stehenbleiben, Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.«
+
+Sie gingen in den Feldern, unter den niedrigen Obstbäumen, zwischen
+denen die Rebenranken beerenbeladen sich hinschlangen; und Casanova
+sprach ohne Pause weiter. »Antworten Sie mir noch nicht, Lorenzi, denn
+ich bin noch nicht zu Ende. Mein Ansinnen wäre natürlich – nicht etwa
+frevelhaft, aber aussichts- und daher sinnlos, wenn Sie die Absicht
+hätten, Marcolina zu Ihrer Gattin zu machen, oder wenn Marcolina selbst
+ihre Hoffnungen und Wünsche in dieser Richtung schweifen ließe. Aber
+ebenso, wie die vergangene Liebesnacht Ihre erste war (er sprach auch
+diese seine Vermutung wie eine unbezweifelbare Gewißheit aus), ebenso
+war die kommende aller menschlichen Berechnung nach, ja auch nach Ihrer
+eigenen und Marcolinens Voraussicht bestimmt, Ihre letzte zu sein – auf
+sehr lange Zeit – wahrscheinlich auf immer; und ich bin völlig
+überzeugt, daß Marcolina selbst, um ihren Geliebten vor dem sicheren
+Untergange zu bewahren, einfach auf seinen Wunsch hin, ohne Zögern
+bereit wäre, diese eine Nacht seinem Retter zu gewähren. Denn auch sie
+ist Philosophin und daher von Vorurteilen so frei wie wir beide. Aber so
+gewiß ich bin, daß sie diese Probe bestünde, es liegt keineswegs in
+meiner Absicht, daß sie ihr auferlegt werde. Denn eine Willenlose, eine
+innerlich Widerstrebende zu besitzen, das ist etwas, das gerade in
+diesem Falle meinen Ansprüchen nicht genügen würde. Nicht nur als ein
+Liebender, – als ein Geliebter will ich ein Glück genießen, das mir am
+Ende auch groß genug erschiene, um es mit meinem Leben zu bezahlen.
+Verstehen Sie mich wohl, Lorenzi. Daher darf Marcolina nicht einmal
+ahnen, daß ich es bin, den sie an ihren himmlischen Busen schließt; sie
+muß vielmehr fest davon überzeugt sein, daß sie keinen andern als Sie in
+ihren Armen empfängt. Diese Täuschung vorzubereiten ist Ihre Sache, sie
+aufrechtzuerhalten, die meine. Ohne besondre Schwierigkeit werden Sie
+ihr begreiflich machen können, daß Sie genötigt sind, sie vor Eintritt
+der Morgendämmerung zu verlassen; und um einen Vorwand dafür, daß
+diesmal nur stumme Zärtlichkeiten sie beglücken sollen, werden Sie auch
+nicht verlegen sein. Um im übrigen auch jede Gefahr einer nachträglichen
+Entdeckung auszuschließen, werde ich mich im gegebenen Moment anstellen,
+als hörte ich ein verdächtiges Geräusch vor dem Fenster, meinen Mantel
+nehmen – oder vielmehr den Ihren, den Sie mir zu diesem Zwecke natürlich
+leihen müssen – und durchs Fenster verschwinden – auf Nimmerwiedersehen.
+Denn selbstverständlich werde ich dem Anschein nach bereits heute abend
+abreisen, dann unter dem Vorgeben, ich hätte wichtige Papiere vergessen,
+den Kutscher auf halbem Wege zur Umkehr veranlassen und mich durch die
+Hintertür – den Nachschlüssel stellen Sie mir zur Verfügung, Lorenzi, –
+in den Garten, ans Fenster Marcolinens schleichen, das sich um
+Mitternacht auftun wird. Meines Gewands, auch der Schuhe und Strümpfe,
+werde ich mich im Wagen entledigt haben und nur mit dem Mantel angetan
+sein, so daß bei meinem fluchtartigen Entweichen nichts zurückbleibt,
+was mich oder Sie verraten könnte. Den Mantel aber werden Sie zugleich
+mit den zweitausend Dukaten morgen früh fünf Uhr in meinem Gasthof zu
+Mantua in Empfang nehmen, so daß Sie dem Marchese noch vor der
+festgesetzten Stunde sein Geld vor die Füße schleudern können. Hierauf
+nehmen Sie meinen feierlichen Eid entgegen. Und nun bin ich zu Ende.«
+
+Er blieb plötzlich stehen. Die Sonne neigte sich zum Niedergang, ein
+leiser Wind strich über die gelben Ähren, rötlicher Abendschein lag über
+dem Turm von Olivos Haus. Auch Lorenzi stand stille; keine Muskel in
+seinem blassen Antlitz bewegte sich, und er blickte über Casanovas
+Schulter unbewegt ins Weite. Seine Arme hingen schlaff herab, während
+Casanovas Hand, der auf alles gefaßt war, wie zufällig den Griff des
+Degens hielt. Einige Sekunden vergingen, ohne daß Lorenzi seine starre
+Haltung und sein Schweigen aufgab. Er schien in ein ruhiges Nachdenken
+versunken; doch Casanova blieb weiter auf seiner Hut, und in der Linken
+das Tuch mit den Dukaten, die Rechte auf dem Degengriff, sagte er: »Sie
+haben meine Vorbedingung erfüllt als ein Ehrenmann. Ich weiß, daß es
+Ihnen nicht leicht geworden ist. Denn wenn wir auch keine Vorurteile
+besitzen, – die Atmosphäre, in der wir leben, ist von ihnen so
+vergiftet, daß wir uns ihrem Einfluß nicht völlig entziehen können. Und
+so wie Sie, Lorenzi, im Laufe der letzten Viertelstunde mehr als einmal
+nah daran waren, mir an die Gurgel zu fahren, so habe ich wieder –
+lassen Sie mich’s Ihnen gestehen – eine Weile mit dem Gedanken gespielt,
+Ihnen die zweitausend Dukaten zu schenken – wie einem – nein, als meinem
+Freund; denn selten, Lorenzi, habe ich zu einem Menschen vom ersten
+Augenblick eine solche rätselhafte Sympathie empfunden wie zu Ihnen.
+Aber hätt’ ich dieser großmütigen Regung nachgegeben, in der Sekunde
+darauf hätte ich sie aufs tiefste bereut, geradeso wie Sie, Lorenzi, in
+der Sekunde, eh’ Sie sich die Kugel in den Kopf jagten, zur
+verzweiflungsvollen Erkenntnis kämen, daß Sie ein Narr ohnegleichen
+gewesen sind, – um tausend Liebesnächte mit immer neuen Frauen
+hinzuwerfen für eine einzige, der dann keine Nacht – und kein Tag mehr
+folgte.«
+
+Noch immer schwieg Lorenzi; sein Schweigen dauerte sekunden-, es dauerte
+minutenlang, und Casanova fragte sich, wie lang er sich’s noch dürfte
+gefallen lassen. Schon war er im Begriff, sich mit einem kurzen Gruße
+abzuwenden und so anzudeuten, daß er seinen Vorschlag als abgelehnt
+betrachte, als Lorenzi, immer wortlos, mit einer durchaus nicht raschen
+Bewegung der rechten Hand nach rückwärts in die Tasche seines
+Rockschoßes griff, und Casanova, der im gleichen Augenblick, nach wie
+vor auf alles gefaßt, einen Schritt zurückgetreten war, wie um sich
+niederzuducken – den Gartenschlüssel überreichte. Die Bewegung
+Casanovas, die immerhin eine Regung von Furcht ausgedrückt hatte, ließ
+um Lorenzis Lippen ein sofort wieder verschwindendes Lächeln des Hohns
+erscheinen. Casanova verstand es, seine aufsteigende Wut, deren
+wirklicher Ausbruch alles wieder hätte zunichte machen können, zu
+unterdrücken, ja zu verbergen, und, den Schlüssel mit einem leichten
+Kopfneigen an sich nehmend, bemerkte er nur: »Das darf ich wohl als ein
+Ja gelten lassen. Von jetzt in einer Stunde – bis dahin werden Sie sich
+mit Marcolina wohl verständigt haben – erwarte ich Sie im Turmgemach, wo
+ich mir erlauben werde, Ihnen gegen Überlassung Ihres Mantels die
+zweitausend Goldstücke sofort zu übergeben. Erstens zum Zeichen meines
+Vertrauens und zweitens, weil ich ja wirklich nicht wüßte, wo ich das
+Gold im Laufe der Nacht verwahren sollte.« – Sie trennten sich ohne
+weitere Förmlichkeit, Lorenzi nahm den Weg zurück, den sie beide
+gekommen, Casanova, auf einem andern, begab sich ins Dorf und sicherte
+sich im Wirtshaus durch ein reichliches Angeld ein Gefährt, das ihn um
+zehn Uhr nachts vor Olivos Hause zur Fahrt nach Mantua erwarten sollte.
+
+Bald darauf, nachdem er sein Gold vorerst an sichrer Stelle im
+Turmgemach verwahrt hatte, trat er in Olivos Garten, wo sich ihm ein
+Anblick bot, der an sich keineswegs merkwürdig, ihn in der Stimmung
+dieser Stunde sonderbar genug berührte. Auf einer Bank am Wiesenrand saß
+Olivo neben Amalia, den Arm um ihre Schulter geschlungen; ihnen zu Füßen
+lagerten die drei Mädchen, wie ermüdet von den Spielen des Nachmittags;
+das jüngste, Maria, hatte das Köpfchen auf dem Schoß der Mutter liegen
+und schien zu schlummern, Nanetta lag ihr zu Füßen auf den Rasen
+hingestreckt, die Arme unter dem Nacken; Teresina lehnte an den Knien
+des Vaters, dessen Finger zärtlich in ihren Locken ruhten; und als
+Casanova sich näherte, grüßte ihn aus ihren Augen keineswegs ein Blick
+lüsternen Einverständnisses, wie er unwillkürlich ihn erwartet, sondern
+ein offenes Lächeln kindlicher Vertrautheit, als wäre, was zwischen ihr
+und ihm vor wenig Stunden erst geschehen, eben nichts andres gewesen als
+ein nichts bedeutendes Spiel. In Olivos Zügen leuchtete es freundlich
+auf, und Amalia nickte dem Herantretenden dankbar herzlich zu. Sie beide
+empfingen ihn, Casanova konnte nicht daran zweifeln, wie jemanden, der
+eben eine edle Tat begangen, aber der zugleich erwartet, daß man aus
+Feingefühl vermeiden werde, ihrer mit einem Worte Erwähnung zu tun.
+»Bleibt es wirklich dabei,« fragte Olivo, »daß Sie uns schon morgen
+verlassen, mein teurer Chevalier?« – »Nicht morgen,« erwiderte Casanova,
+»sondern – wie gesagt – schon heute abend.« Und als Olivo eine neue
+Einwendung erheben wollte, mit einem bedauernden Achselzucken: »Der
+Brief, den ich heute aus Venedig erhielt, läßt mir leider keine andre
+Entscheidung übrig. Die an mich ergangene Aufforderung ist in jedem
+Sinne so ehrenvoll, daß eine Verzögerung meiner Heimkehr eine arge, ja
+eine unverzeihliche Unhöflichkeit gegenüber meinen hohen Gönnern
+bedeuten würde.« Zugleich bat er um die Erlaubnis, sich jetzt
+zurückziehen zu dürfen, um sich für die Abreise bereitzumachen und dann
+die letzten Stunden seines Hierseins ungestört im Kreise seiner
+liebenswürdigen Freunde verbringen zu können.
+
+Und aller Einrede nicht achtend, begab er sich ins Haus, stieg die
+Treppe zum Turmgemach empor und vertauschte vor allem seine prächtige
+Gewandung wieder mit der einfacheren, die für die Fahrt gut genug sein
+mußte. Dann packte er seinen Reisesack und horchte mit einer von Minute
+zu Minute gespannteren Aufmerksamkeit, ob sich nicht endlich die
+Schritte Lorenzis vernehmen ließen. Noch eh’ die Frist verstrichen war,
+klopfte es mit einem kurzen Schlag an die Türe, und Lorenzi trat ein,
+im weiten dunkelblauen Reitermantel. Ohne ein Wort zu reden, mit einer
+leichten Bewegung ließ er ihn von den Schultern gleiten, so daß er
+zwischen den beiden Männern als ein formloses Stück Tuch auf dem Boden
+lag. Casanova holte seine Goldstücke unter dem Polster des Bettes hervor
+und streute sie auf den Tisch. Er zählte sorgfältig vor Lorenzis Augen,
+was ziemlich rasch geschehen war, da viele Goldstücke von höherm als
+eines Dukaten Wert darunter waren, übergab Lorenzi die verabredete
+Summe, nachdem er sie zuvor in zwei Beutel verteilt hatte, worauf ihm
+selbst noch etwa hundert Dukaten übrigblieben. Lorenzi tat die
+Geldbeutel in seine beiden Rockschöße und wollte sich wortlos entfernen.
+»Halt, Lorenzi,« sagte Casanova, »es wäre immerhin möglich, daß man
+einander noch einmal im Leben begegnete. Dann sei es nicht mit Groll. Es
+war ein Handel wie ein andrer, wir sind quitt.« Er streckte ihm die Hand
+entgegen. Lorenzi nahm sie nicht; doch nun sprach er das erste Wort.
+»Ich erinnere mich nicht,« sagte er, »daß auch dies in unserm Pakt
+enthalten gewesen wäre.« Er wandte sich und ging.
+
+Sind wir so genau, mein Freund? dachte Casanova. So darf ich mich um so
+sicherer darauf verlassen, daß ich nicht am Ende der Geprellte sein
+werde. Freilich hatte er an diese Möglichkeit keinen Augenblick
+ernstlich gedacht; er wußte aus eigener Erfahrung, daß Leute wie
+Lorenzi ihre besondre Art von Ehre haben, deren Gesetze in Paragraphen
+nicht aufzuzeichnen sind, über die aber von Fall zu Fall ein Zweifel
+kaum bestehen kann. – Er legte Lorenzis Mantel zu oberst in den
+Reisesack, schloß diesen zu; die Goldstücke, die ihm geblieben, steckte
+er zu sich, blickte sich in dem Raum, den er wohl niemals wieder
+betreten sollte, nach allen Seiten um, und, mit Degen und Hut, zur
+Abfahrt fertig, begab er sich in den Saal, wo er Olivo mit Frau und
+Kindern schon am gedeckten Tische sitzend fand. Marcolina trat zugleich
+mit ihm, was Casanova als günstiges Schicksalszeichen deutete, von der
+andern Seite aus dem Garten ein und erwiderte seinen Gruß mit einem
+unbefangenen Neigen des Hauptes. Das Essen wurde aufgetragen; die
+Unterhaltung ging anfangs langsam, ja wie gedämpft von der Stimmung des
+Abschieds in fast mühseliger Weise vonstatten. Amalia schien in
+auffallender Weise mit ihren Kindern beschäftigt und immer besorgt, daß
+diese nicht zuviel oder zuwenig auf ihre Teller bekämen. Olivo, ohne
+ersichtliche Nötigung, sprach von einem unbedeutenden, zu seinen Gunsten
+entschiedenen Prozeß mit einem Gutsnachbar, sowie von einer
+Geschäftsreise, die ihn demnächst nach Mantua und Cremona führen sollte.
+Casanova gab der Hoffnung Ausdruck, den Freund in nicht allzu ferner
+Zeit in Venedig zu begrüßen. Gerade dort, ein sonderbarer Zufall, war
+Olivo noch niemals gewesen. Amalia aber hatte die wunderbare Stadt vor
+langen Jahren als Kind gesehen; wie sie dahingekommen, wußte sie nicht
+mehr zu sagen und erinnerte sich nur eines alten, in einen
+scharlachroten Mantel gehüllten Mannes, der aus einem länglichen
+schwarzen Schiff ausgestiegen, gestolpert und der Länge nach hingefallen
+war. »Auch Sie kennen Venedig nicht?« fragte Casanova Marcolina, die
+gerade ihm gegenübersaß und über seine Schulter in das tiefe Dunkel des
+Gartens schaute. Sie schüttelte wortlos den Kopf. Und Casanova dachte:
+Könnt’ ich sie dir zeigen, die Stadt, in der ich jung gewesen bin! O,
+wärst du jung gewesen mit mir ... Und noch ein Gedanke kam ihm,
+sinnloser beinahe als jene: Wenn ich dich jetzt mit mir dahin nähme?
+Aber während all dies unausgesprochen durch seine Seele ging, hatte er
+schon mit jener Leichtigkeit, die ihm auch in Momenten stärkster innerer
+Erregung gegeben war, von der Stadt seiner Jugend zu reden begonnen; so
+kunstvoll und kühl, als gälte es, ein Gemälde zu schildern, bis er,
+unwillkürlich den Ton erwärmend, in die Geschichte seines Lebens geriet,
+und mit einemmal in eigner Gestalt mitten in dem Bilde stand, das nun
+erst zu leben und zu leuchten anfing. Er sprach von seiner Mutter, der
+berühmten Schauspielerin, für die der große Goldoni, ihr Bewunderer,
+seine vortreffliche Komödie »Das Mündel« verfaßt hatte; dann erzählte er
+von seinem trübseligen Aufenthalt in der Pension des geizigen Doktors
+Gozzi, von seiner kindischen Liebe zu der kleinen Gärtnerstochter, die
+später mit einem Lakaien durchgegangen war, von seiner ersten Predigt
+als junger Abbate, nach der er in dem Beutel des Sakristans nicht nur
+die üblichen Geldstücke, sondern auch ein paar zärtliche Briefchen
+vorgefunden, von den Spitzbübereien, die er als Geiger im Orchester des
+Theaters San Samuele mit ein paar gleichgesinnten Kameraden in den
+Gäßchen, Schenken, Tanz- und Spielsälen Venedigs maskiert oder auch
+unmaskiert verübt; doch auch von diesen übermütigen und manchmal recht
+bedenklichen Streichen berichtete er ohne irgendein anstößiges Wort zu
+gebrauchen, ja in einer poetisch-verklärenden Weise, als wollte er auf
+die Kinder Rücksicht nehmen, die wie die andern, Marcolina nicht
+ausgenommen, gespannt an seinen Lippen hingen. Doch die Zeit schritt
+vor, und Amalia schickte ihre Töchter zu Bett. Ehe sie gingen, küßte
+Casanova sie alle aufs zärtlichste, Teresina nicht anders als die zwei
+jüngern, und alle mußten ihm versprechen, ihn bald mit den Eltern in
+Venedig zu besuchen. Als die Kinder fort waren, tat er sich wohl weniger
+Zwang an, aber alles, was er erzählte, brachte er ohne jede
+Zweideutigkeit und vor allem ohne jede Eitelkeit vor, so daß man eher
+den Bericht eines gefühlvollen Narren der Liebe als den eines
+gefährlich-wilden Verführers und Abenteurers zu hören vermeinte. – Er
+sprach von der wunderbaren Unbekannten, die wochenlang mit ihm als
+Offizier verkleidet herumgereist und eines Morgens plötzlich von seiner
+Seite verschwunden war; von der Tochter des adligen Schuhflickers in
+Madrid, die ihn zwischen zwei Umarmungen immer wieder zum frommen
+Katholiken hatte bekehren wollen; von der schönen Jüdin Lia in Turin,
+die prächtiger zu Pferde gesessen war als irgendeine Fürstin; von der
+lieblich-unschuldigen Manon Balletti, der einzigen, die er beinahe
+geheiratet hätte, von jener schlechten Sängerin in Warschau, die er
+ausgepfiffen, worauf er sich mit ihrem Geliebten, dem Krongeneral
+Branitzky, hatte duellieren und aus Warschau fliehen müssen; von der
+bösen Charpillon, die ihn in London so jämmerlich zum Narren gehalten;
+von einer nächtlichen Sturmfahrt, die ihm fast das Leben gekostet, durch
+die Lagunen nach Murano zu seiner angebeteten Nonne; von dem Spieler
+Croce, der, nachdem er in Spa ein Vermögen verloren, auf der Landstraße
+tränenvollen Abschied von ihm genommen und sich auf den Weg nach
+Petersburg gemacht hatte – so wie er dagestanden war, in seidenen
+Strümpfen, in einem apfelgrünen Samtrock und ein Rohrstöckchen in der
+Hand. Er erzählte von Schauspielerinnen, Sängerinnen, Modistinnen,
+Gräfinnen, Tänzerinnen, Kammermädchen; von Spielern, Offizieren,
+Fürsten, Gesandten, Finanzleuten, Musikanten und Abenteurern; und so
+wundersam ward ihm selbst der Sinn von dem wieder neu gefühlten Zauber
+seiner eigenen Vergangenheit umfangen, so vollständig war der Triumph
+all des herrlichen durchlebten, doch unwiederbringlich Gewesenen über
+das armselig Schattenhafte, das sich seiner Gegenwärtigkeit brüsten
+durfte, daß er eben im Begriffe war, die Geschichte eines hübschen
+blassen Mädchens zu berichten, das ihm im Dämmer einer Kirche zu Mantua
+seinen Liebeskummer anvertraut hatte, ohne daran zu denken, daß ihm
+dieses selbe Geschöpf, um sechzehn Jahre gealtert, als die Frau seines
+Freundes Olivo hier am Tische gegenübersaß; – als mit plumpem Schritt
+die Magd eintrat und meldete, daß vor dem Tore der Wagen bereitstehe.
+Und sofort, mit seiner unvergleichlichen Gabe, sich in Traum und Wachen,
+wann immer es nötig war, ohne Zögern zurechtzufinden, erhob sich
+Casanova, um Abschied zu nehmen. Er forderte Olivo, dem vor Rührung die
+Worte versagten, nochmals mit Herzlichkeit auf, ihn mit Frau und Kindern
+in Venedig zu besuchen, und umarmte ihn; als er sich mit der gleichen
+Absicht Amalien näherte, wehrte sie leicht ab und reichte ihm nur die
+Hand, die er ehrerbietig küßte. Wie er sich nun zu Marcolina wandte,
+sagte diese: »All das, was Sie uns heute abend erzählt haben – und noch
+viel mehr – sollten Sie niederschreiben, Herr Chevalier, so wie Sie es
+mit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben.« – »Ist das Ihr
+Ernst, Marcolina?« fragte er mit der Schüchternheit eines jungen Autors.
+Sie lächelte mit leisem Spott. »Ich vermute,« sagte sie, »ein solches
+Buch könnte noch weit unterhaltender werden als Ihre Streitschrift gegen
+Voltaire.« – Das möchte leicht wahr sein, dachte er, ohne es
+auszusprechen. Wer weiß, ob ich deinen Rat nicht einmal befolge? Und du
+selbst, Marcolina, sollst das letzte Kapitel sein. – Dieser Einfall,
+mehr noch der Gedanke, daß dieses letzte Kapitel im Laufe der kommenden
+Nacht erlebt werden sollte, ließ seinen Blick so seltsam erflackern, daß
+Marcolina die Hand, die sie ihm zum Abschied gereicht, aus der seinen
+gleiten ließ, eh’ er, sich herabbeugend, einen Kuß darauf zu drücken
+vermocht hatte. Ohne sich irgend etwas, sei es Enttäuschung, sei es
+Groll, merken zu lassen, wandte sich Casanova zum Gehen, indem er durch
+eine jener klaren und einfachen Gesten, die nur ihm gehörten, zu
+verstehen gab, daß ihm niemand, auch Olivo nicht, folgen solle.
+
+Raschen Schritts durcheilte er die Kastanienallee: gab der Magd, die
+den Reisesack in den Wagen geschafft hatte, ein Goldstück, stieg ein und
+fuhr davon.
+
+Der Himmel war von Wolken verhängt. Nachdem man das Dorf hinter sich
+gelassen, wo noch hinter armen Fenstern da und dort ein kleines Licht
+geschimmert hatte, leuchtete nur mehr die gelbe Laterne, die vorn an der
+Deichsel befestigt war, durch die Nacht. Casanova öffnete den Reisesack,
+der zu seinen Füßen lag, nahm Lorenzis Mantel heraus und, nachdem er ihn
+über sich gebreitet, entkleidete er sich unter dessen Schutz mit aller
+gebotenen Vorsicht. Die abgelegte Gewandung, auch Schuhe und Strümpfe,
+versperrte er in den Sack und hüllte sich fester in den Mantel ein.
+Jetzt rief er den Kutscher an: »He, wir müssen wieder zurück!« – Der
+Kutscher wandte sich verdrossen um. – »Ich habe meine Papiere im Hause
+vergessen. Hörst du? Wir müssen zurück.« Und da jener, ein verdrossener,
+magerer, graubärtiger Mensch, zu zögern schien: »Ich verlange es
+natürlich nicht umsonst. Da!« Und er drückte ihm ein Goldstück in die
+Hand. Der Kutscher nickte, murmelte etwas, und mit einem gänzlich
+überflüssigen Peitschenhieb auf das Pferd, wandte er den Wagen. Als sie
+wieder durch das Dorf fuhren, lagen die Häuser alle stumm und
+ausgelöscht. Noch ein Stück Wegs die Landstraße hin, und nun wollte der
+Kutscher in die schmälere, leicht ansteigende Straße einlenken, die zu
+Olivos Besitzung führte. »Halt!« rief Casanova, »wir wollen nicht so nah
+heranfahren, sonst wecken wir die Leute auf. Warte hier an der Ecke. Ich
+bin bald wieder da ... Und sollt’ es etwas länger dauern, jede Stunde
+trägt einen Dukaten!« Nun glaubte der Mann ungefähr zu wissen, woran er
+war; Casanova merkte es an der Art, wie jener mit dem Kopf nickte. Er
+stieg aus und eilte weiter, den Augen des Kutschers bald entschwindend,
+bis ans verschlossene Tor, daran vorüber, die Mauer entlang bis zu der
+Ecke, wo sie im rechten Winkel nach oben bog, und nahm nun den Weg durch
+die Weinberge, den er, nachdem er ihn schon zweimal im Tagesschein
+gegangen, leicht zu finden wußte. Er hielt sich der Mauer nahe und
+folgte ihr auch, als sie nun, etwa auf der mittleren Höhe des Hügels,
+wieder im rechten Winkel umbog. Hier ging er auf weichem Wiesengrund, im
+Dunkel der verhängten Nacht weiter, und mußte nur achtgeben, daß er die
+Gartentür nicht verfehlte. Er tastete längs der glatten steinernen
+Umfassung, bis seine Finger das rauhe Holz spürten; worauf er die Türe
+auch in ihrem schmalen Umriß deutlich wahrzunehmen vermochte. Er steckte
+den Schlüssel in das rasch gefundene Schloß, öffnete, trat in den
+Garten und sperrte hinter sich wieder zu. Er sah das Haus mit dem Turm
+jenseits der Wiese in unwahrscheinlicher Entfernung und in einer ebenso
+unwahrscheinlichen Höhe aufragen. Eine Weile stand er ruhig; er sah um
+sich; denn was für andre Augen noch undurchdringliche Finsternis gewesen
+wäre, war für die seinen nur tiefe Dämmerung. Er wagte es, statt in der
+Allee, deren Kies seinen nackten Füßen weh tat, auf der Wiese
+weiterzugehen, die den Ton seiner Schritte verschlang. Er glaubte zu
+schweben; so leicht war sein Gang. – War mir anders zumute, dachte er,
+zur Zeit, da ich als Dreißigjähriger solche Wege ging? Fühl’ ich nicht
+wie damals alle Gluten des Verlangens und alle Säfte der Jugend durch
+meine Adern kreisen? Bin ich nicht heute Casanova, wie ich’s damals
+war?... Und da ich Casanova bin, warum sollte an mir das klägliche
+Gesetz nicht zuschanden werden, dem andre unterworfen sind, und das
+Altern heißt! Und immer kühner werdend, fragte er sich: Warum schleich
+ich in einer Maske zu Marcolina? Ist Casanova nicht mehr als Lorenzi,
+auch wenn er um dreißig Jahre älter ist? Und wäre sie nicht das Weib,
+dies Unbegreifliche zu begreifen?... War es nötig, eine kleine
+Schurkerei zu begehen und einen andern zu einer etwas größern zu
+verleiten? Wäre man nicht mit etwas Geduld zum gleichen Ziel gekommen?
+Lorenzi ist morgen fort, ich wäre geblieben ... Fünf Tage ... drei –
+und sie hätte mir gehört – _wissend_ mir gehört. – Er stand an die Wand
+des Hauses gedrückt, neben Marcolinens Fenster, das noch fest
+verschlossen war, und seine Gedanken flogen weiter. Ist es denn zu spät
+dazu?... Ich könnte wiederkommen, – morgen, übermorgen ... und begänne
+das Werk der Verführung – als ehrlicher Mann sozusagen. Die heutige
+Nacht wäre ein Vorschuß auf die künftigen. Ja Marcolina müßte nicht
+einmal erfahren, daß ich heute dagewesen bin – oder erst später – viel
+später. –
+
+Das Fenster war noch immer fest geschlossen; auch dahinter rührte sich
+nichts. Es fehlten wohl noch ein paar Minuten auf Mitternacht. Sollte er
+sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster klopfen? Da nichts
+dergleichen ausgemacht war, hätte es vielleicht doch in Marcolina einen
+Verdacht werfen können. Also warten. Lange konnte es nicht mehr dauern.
+Der Gedanke, daß sie ihn sofort erkennen, den Betrug durchschauen
+konnte, eh’ er vollzogen war, kam ihm, nicht zum erstenmal, doch ebenso
+flüchtig und als die natürliche verstandesmäßige Erwägung einer
+entfernten, ins Unwahrscheinliche verschwimmenden Möglichkeit, nicht als
+eine ernstliche Befürchtung. Ein etwas lächerliches Abenteuer fiel ihm
+ein, das nun zwanzig Jahre zurücklag; das mit der häßlichen Alten in
+Solothurn, mit der er eine köstliche Nacht verbracht hatte, in der
+Meinung, eine angebetete schöne junge Frau zu besitzen – und die ihn
+überdies tags darauf in einem unverschämten Brief ob seines ihr höchst
+erwünschten, von ihr mit infamer List geförderten Irrtums verhöhnt
+hatte. Er schüttelte sich in der Erinnerung vor Ekel. Gerade daran hätte
+er jetzt lieber nicht denken sollen, und er verjagte das abscheuliche
+Bild. – Nun, war es nicht endlich Mitternacht? Wie lange sollte er noch
+hier stehen an die Mauer gedrückt, fröstelnd in der Kühle der Nacht?
+Oder gar vergeblich warten? Der Geprellte sein – trotz allem? –
+Zweitausend Dukaten für nichts? Und Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang?
+Seiner spottend? – Unwillkürlich faßte er den Degen etwas fester, den er
+unter dem Mantel an seinen nackten Leib gepreßt hielt. Von einem Kerl
+wie Lorenzi mußte man am Ende auch der peinlichsten Überraschung
+gewärtig sein. – Aber dann ... In diesem Augenblick hörte er ein leises
+knackendes Geräusch, – er wußte, daß nun das Gitter von Marcolinens
+Fenster sich zurückschob, gleich darauf öffneten sich beide Flügel weit,
+während der Vorhang noch zugezogen blieb. Casanova hielt sich ein paar
+Sekunden regungslos, bis von unsichtbarer Hand gerafft der Vorhang sich
+nach der einen Seite hob; das war für Casanova ein Zeichen, sich über
+die Brüstung ins Zimmer zu schwingen und sofort Fenster und Gitter
+hinter sich zu schließen. Der geraffte Vorhang war über seinen Schultern
+wieder gesunken, so daß er genötigt war, darunter hervorzukriechen, und
+nun wäre er in völliger Finsternis dagestanden, wenn nicht aus der Tiefe
+des Gemachs, in unbegreiflicher Entfernung, wie von seinem eignen Blick
+erweckt, ein mattes Schimmern ihm den Weg gewiesen hätte. Nur drei
+Schritt – und sehnsüchtige Arme breiteten sich nach ihm aus; er ließ den
+Degen aus der Hand, den Mantel von seinen Schultern gleiten und sank in
+sein Glück.
+
+An Marcolinens seufzendem Vergehen, an den Tränen der Seligkeit, die er
+ihr von den Wangen küßte, an der immer wieder erneuten Glut, mit der sie
+seine Zärtlichkeiten empfing, erkannte er bald, daß sie seine
+Entzückungen teilte, die ihm als höhere, ja von neuer, andrer Art
+erschienen, als er jemals genossen. Lust ward zur Andacht, tiefster
+Rausch ward Wachsein ohnegleichen; hier endlich war, die er schon so
+oft, töricht genug zu erleben geglaubt, und die er noch niemals wirklich
+erlebt hatte – Erfüllung war an Marcolinens Herzen. Er hielt die Frau in
+seinen Armen, an die er sich verschwenden durfte, um sich unerschöpflich
+zu fühlen; – an deren Brüsten der Augenblick des letzten Hingegebenseins
+und des neuen Verlangens in einen einzigen von ungeahnter Seelenwonne
+zusammenfloß. War an diesen Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und
+Ewigkeit Eines? War er nicht ein Gott –? Jugend und Alter nur eine
+Fabel, von Menschen erfunden? – Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm
+und Vergessensein – wesenlose Unterscheidungen zum Gebrauch von
+Ruhelosen, von Einsamen, von Eiteln – und sinnlos geworden, wenn man
+Casanova war und Marcolina gefunden? Unwürdig, ja lächerlicher von
+Minute zu Minute erschien es ihm, sich, einem Vorsatz getreu, den er
+früher als Kleinmütiger gefaßt, aus dieser Wundernacht stumm, unerkannt,
+wie ein Dieb zu flüchten. Im untrüglichen Gefühl ebenso der Beglückende
+zu sein, als er der Beglückte war, glaubte er sich schon zu dem Wagnis
+entschlossen, seinen Namen zu nennen, wenn er sich auch immer noch
+bewußt war, damit ein großes Spiel zu spielen, das er, wenn er es
+verlor, bereit sein mußte, mit dem Dasein zu bezahlen. Noch war
+undurchdringliche Dunkelheit um ihn, und bis durch den dichten Vorhang
+das erste Dämmern brach, durfte er ein Geständnis hinauszögern, an
+dessen Aufnahme durch Marcolina sein Schicksal, ja sein Leben hing. Aber
+war denn nicht gerade dieses stummselige, süßverlorene Zusammensein dazu
+gemacht, ihm Marcolina von Kuß zu Kuß unlöslicher zu verbinden? Wurde,
+was sich als Betrug entsponnen, nicht Wahrheit in den namenlosen
+Entzückungen dieser Nacht? Ja, durchschauerte sie, die Betrogene, die
+Geliebte, die Einzige, nicht selbst schon eine Ahnung, daß es nicht
+Lorenzi, der Jüngling, der Wicht, daß es ein Mann, – daß es Casanova
+war, in dessen Göttergluten sie verging? Und schon begann er es für
+möglich zu halten, daß ihm der ersehnte und doch gefürchtete Augenblick
+des Geständnisses gänzlich erspart bleiben würde; er träumte davon, daß
+Marcolina selbst, bebend, gebannt, erlöst ihm seinen Namen
+entgegenflüstern würde. Und dann – wenn sie so ihm verziehen – nein –
+seine Verzeihung empfangen –, dann wollte er sie mit sich nehmen,
+sofort, in dieser selben Stunde noch; – mit ihr im Grauen der Frühe das
+Haus verlassen, mit ihr in den Wagen steigen, der draußen an der
+Straßenbiegung wartete ... mit ihr davonfahren, für immer sie halten,
+sein Lebenswerk damit krönen, daß er, in Jahren, da andre sich zu einem
+trüben Greisentum bereiten, die Jüngste, die Schönste, die Klügste durch
+die ungeheure Macht seines unverlöschlichen Wesens gewonnen und sie für
+alle Zeit zur Seinen gemacht hatte. Denn diese war sein, wie keine vor
+ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle schmale Kanäle, zwischen
+Palästen hin, in deren Schatten er nun wieder heimisch war, unter
+geschwungenen Brücken, über die verdämmernde Gestalten huschten; manche
+winkten über die Brüstung ihnen entgegen und waren wieder verschwunden,
+eh’ man sie recht erblickt. Nun legte die Gondel an; Marmorstufen
+führten in das prächtige Haus des Senators Bragadino; es war als das
+einzige festlich beleuchtet; treppauf, treppab liefen Vermummte – manche
+blieben neugierig stehen, aber wer konnte Casanova und Marcolina hinter
+ihren Masken erkennen? Er trat mit ihr in den Saal. Hier wurde ein
+großes Spiel gespielt. Alle Senatoren, auch Bragadino, in ihren
+Purpurmänteln, reihten sich um den Tisch. Als Casanova eintrat,
+flüsterten sie alle seinen Namen wie im höchsten Schrecken; denn am
+Blitz seiner Augen hinter der Maske hatten sie ihn erkannt. Er setzte
+sich nicht nieder; er nahm keine Karten, aber er spielte mit. Er gewann,
+er gewann alles Gold, das auf dem Tische lag, das war aber zuwenig; die
+Senatoren mußten Wechsel ausstellen; sie verloren ihr Vermögen, ihre
+Paläste, ihre Purpurmäntel, – sie waren Bettler, sie krochen in Lumpen
+um ihn her, sie küßten ihm die Hände, und daneben, in einem dunkelroten
+Saale, war Musik und Tanz. Casanova wollte mit Marcolina tanzen, doch
+die war fort. Die Senatoren in ihren Purpurmänteln saßen wieder um den
+Tisch wie vorher; aber nun wußte Casanova, daß es nicht Karten waren,
+sondern Angeklagte, Verbrecher und Unschuldige, um deren Schicksal es
+ging. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze Zeit ihr Handgelenk
+umklammert gehalten? Er stürzte die Treppen hinunter, die Gondel
+wartete; nur weiter, weiter, durch das Gewirr von Kanälen, natürlich
+wußte der Ruderer, wo Marcolina weilte; warum aber war auch er maskiert?
+Das war früher nicht üblich gewesen in Venedig. Casanova wollte ihn zur
+Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird man so feig als alter Mann?
+Und immer weiter – was für eine Riesenstadt war Venedig in diesen
+fünfundzwanzig Jahren geworden! Nun endlich wichen die Häuser zurück,
+breiter wurde der Kanal – zwischen Inseln glitten sie hin, dort ragten
+die Mauern des Klosters von Murano, in das Marcolina sich geflüchtet
+hatte. Fort war die Gondel, – jetzt hieß es schwimmen –, wie war das
+schön! Indes spielten freilich die Kinder in Venedig mit seinen
+Goldstücken; aber was lag ihm an Gold?... Das Wasser war bald warm, bald
+kühl; es tropfte von seinen Kleidern, als er die Mauer hinankletterte. –
+Wo ist Marcolina? fragte er im Sprechsaal laut, schallend, wie nur ein
+Fürst fragen darf. Ich werde sie rufen, sagte die Herzogin-Äbtissin und
+versank. Casanova ging, flog, flatterte hin und her, immer längs der
+Gitterstäbe, wie eine Fledermaus. Hätte ich das nur früher gewußt, daß
+ich fliegen kann. Ich werde es auch Marcolina lehren. Hinter den Stäben
+schwebten weibliche Gestalten. Nonnen – doch sie trugen alle weltliche
+Tracht. Er wußte es, obwohl er sie gar nicht sah, und er wußte auch, wer
+sie waren. Henriette war es, die Unbekannte, und die Tänzerin Corticelli
+und Cristina, die Braut, und die schöne Dubois und die verfluchte Alte
+aus Solothurn und Manon Balletti ... und hundert andre, nur Marcolina
+war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen, rief er dem Ruderer zu, der
+unten in der Gondel wartete; er hatte noch keinen Menschen auf Erden so
+gehaßt wie den, und er schwor sich zu, eine ausgesuchte Rache an ihm zu
+nehmen. Aber war es nicht auch eine Narrheit, daß er Marcolina im
+Kloster von Murano gesucht hatte, da sie doch zu Voltaire gereist war?
+Wie gut, daß er fliegen konnte, einen Wagen hätte er doch nicht mehr
+bezahlen können. Und er schwamm davon; aber nun war das gar kein solches
+Glück mehr, als er gedacht hatte; es wurde kalt und immer kälter, er
+trieb im offenen Meer, weit von Murano, weit von Venedig – kein Schiff
+ringsum, seine schwere goldgestickte Gewandung zog ihn nach unten; er
+versuchte sich ihrer zu entledigen, doch es war unmöglich, da er sein
+Manuskript in der Hand hielt, das er Herrn Voltaire überreichen mußte, –
+er bekam Wasser in den Mund, in die Nase, Todesangst überfiel ihn, er
+griff um sich, er röchelte, er schrie und öffnete mühselig die Augen.
+
+Durch einen schmalen Spalt zwischen Vorhang und Fensterrand war ein
+Strahl der Dämmerung hereingebrochen. Marcolina, in ihr weißes
+Nachtgewand gehüllt, das sie mit beiden Händen über der Brust
+zusammenhielt, stand am Fußende des Bettes und betrachtete Casanova mit
+einem Blick unnennbaren Grauens, der ihn sofort und völlig wach machte.
+Unwillkürlich, wie mit einer Gebärde des Flehens, streckte er die Arme
+nach ihr aus. Marcolina, wie zur Erwiderung, wehrte mit einer Bewegung
+ihrer Linken ab, während sie mit der Rechten ihr Gewand über der Brust
+noch krampfhafter zusammenfaßte. Casanova erhob sich halb, sich mit
+beiden Händen auf das Lager stützend, und starrte sie an. Er vermochte
+den Blick von ihr so wenig abzuwenden als sie von ihm. Wut und Scham war
+in dem seinen, in dem ihren Scham und Entsetzen. Und Casanova wußte, wie
+sie ihn sah; denn er sah sich selbst gleichsam im Spiegel der Luft und
+erblickte sich so, wie er sich gestern in dem Spiegel gesehen, der im
+Turmgemach gehangen: ein gelbes böses Antlitz mit tiefgegrabenen Falten,
+schmalen Lippen, stechenden Augen – und überdies von den Ausschweifungen
+der verflossenen Nacht, dem gehetzten Traum des Morgens, der furchtbaren
+Erkenntnis des Erwachens dreifach verwüstet. Und was er in Marcolinens
+Blick las, war nicht, was er tausendmal lieber darin gelesen: Dieb –
+Wüstling – Schurke –; er las nur dies eine –, das ihn schmachvoller zu
+Boden schlug als alle andern Beschimpfungen vermocht hätten – er las das
+Wort, das ihm von allen das furchtbarste war, da es sein endgültiges
+Urteil sprach: Alter Mann. – Wäre es in diesem Augenblick in seiner Macht
+gestanden, sich selbst durch ein Zauberwort zu vernichten – er hätte es
+getan, nur um nicht unter der Decke hervorkriechen und sich Marcolinen
+in seiner Blöße zeigen zu müssen, die ihr verabscheuungswürdiger dünken
+mußte als der Anblick eines ekelhaften Tieres. – Sie aber, wie
+allmählich zur Besinnung kommend, und offenbar in dem Bedürfnis, ihm
+möglichst rasch zu dem Gelegenheit zu geben, was doch unerläßlich war,
+kehrte ihr Gesicht nach der Wand, und er benutzte die Zeit, um aus dem
+Bette zu steigen, den Mantel vom Boden aufzunehmen und sich darein zu
+hüllen. Auch seines Degens versicherte er sich sofort, und nun, da er
+sich zum mindesten der schlimmsten Schmach, der Lächerlichkeit entronnen
+dünkte, dachte er schon daran, ob er nicht etwa die ganze, für ihn so
+klägliche Angelegenheit durch wohlgesetzte Worte, um die er ja sonst
+nicht verlegen war, in ein andres Licht rücken, ja irgendwie zu seinen
+Gunsten wenden könnte. Daß Lorenzi Marcolina an ihn verkauft hatte,
+daran konnte nach der Lage der Dinge kein Zweifel für sie sein; – aber
+wie tief sie den Elenden in diesem Augenblick auch hassen mochte,
+Casanova fühlte, daß er, der feige Dieb, ihr noch tausendmal
+hassenswerter erscheinen mußte. Etwas andres verhieß vielleicht eher
+Genugtuung: Marcolina mit anspielungsreicher, mit höhnisch-lüsterner
+Rede zu erniedrigen: – doch auch dieser tückische Einfall schwand dahin
+vor einem Blick, dessen entsetzensvoller Ausdruck sich allmählich in
+eine unendliche Traurigkeit gewandelt hatte, als wäre es nicht nur
+Marcolinens Weiblichkeit, die Casanova geschändet – nein, als hätte in
+dieser Nacht List gegen Vertrauen, Lust gegen Liebe, Alter gegen Jugend
+sich namenlos und unsühnbar vergangen. Unter diesem Blick, der zu
+Casanovas schlimmster Qual alles, was noch gut in ihm war, für eine
+kurze Weile neu entzündete, wandte er sich ab; – ohne sich noch einmal
+nach Marcolinen umzusehen, ging er ans Fenster, raffte den Vorhang zur
+Seite, öffnete Fenster und Gitter, warf einen Blick in den dämmernden
+Garten, der noch zu schlummern schien, und schwang sich über die
+Brüstung ins Freie. Da er die Möglichkeit erwog, daß irgendwer im Hause
+schon erwacht sein und ihn von einem Fenster aus erblicken könnte,
+vermied er die Wiese und ließ sich von der Allee in ihren schützenden
+Schatten aufnehmen. Er trat durch die Gartentür ins Freie hinaus und
+hatte kaum hinter sich zugeschlossen, als ihm jemand entgegentrat und
+den Weg verstellte. Der Ruderer ... war sein erster Gedanke. Denn nun
+wußte er plötzlich, daß der Gondelführer in seinem Traum niemand andrer
+gewesen war als Lorenzi. Da stand er. Sein roter Waffenrock mit der
+silbernen Verschnürung brannte durch den Morgen. Welche prächtige
+Uniform, dachte Casanova in seinem verwirrten und ermüdeten Gehirn,
+sieht sie nicht aus wie neu? – Und ist sicher nicht bezahlt ... Diese
+nüchternen Erwägungen brachten ihn völlig zur Besinnung, und sobald er
+sich der Lage bewußt war, fühlte er sich froh. Er nahm seine stolzeste
+Haltung an, faßte den Degengriff unter dem hüllenden Mantel fester und
+sagte im liebenswürdigsten Ton: »Finden Sie nicht, Herr Leutnant
+Lorenzi, daß Ihnen dieser Einfall etwas verspätet kommt?« – »Doch
+nicht,« erwiderte Lorenzi – und er war schöner in diesem Augenblick als
+irgendein Mensch, den Casanova je gesehen –, »da doch nur einer von uns
+den Platz lebend verlassen wird.« – »Sie haben es eilig, Lorenzi,« sagte
+Casanova in einem fast weichen Ton. »Wollen wir die Sache nicht
+wenigstens bis Mantua aufschieben? Es wird mir eine Ehre sein, Sie in
+meinem Wagen mitzunehmen. Er wartet an der Straßenbiegung. Auch hätte
+es manches für sich, wenn die Formen gewahrt würden ... gerade in unserm
+Fall.« – »Es bedarf keiner Formen. Sie, Casanova, oder ich, – und noch
+in dieser Stunde.« Er zog den Degen. Casanova zuckte die Achseln. »Wie
+Sie wünschen, Lorenzi. Aber ich möchte Ihnen doch zu bedenken geben, daß
+ich leider gezwungen wäre, in einem völlig unangemessenen Kostüm
+anzutreten.« Er schlug den Mantel auseinander und stand nackt da, den
+Degen wie spielend in der Hand. In Lorenzis Augen stieg eine Welle von
+Haß. »Sie sollen nicht im Nachteil mir gegenüber sein,« sagte er und
+begann mit großer Geschwindigkeit, sich all seiner Kleidungsstücke zu
+entledigen. Casanova wandte sich ab und hüllte sich solange wieder in
+seinen Mantel, da es trotz der allmählich durch den Morgendunst
+brechenden Sonne nun empfindlich kühl geworden war. Von den Bäumen, die
+spärlich auf der Höhe des Hügels standen, fielen lange Schatten über den
+Rasen hin. Einen Moment lang dachte Casanova, ob nicht am Ende jemand
+hier vorbeikommen könnte? Doch der Pfad, der längs der Mauer zur
+rückwärtigen Gartentür lief, wurde wohl nur von Olivo und den Seinen
+benutzt. Es fiel Casanova ein, daß er nun vielleicht die letzten Minuten
+seines Daseins durchlebte, und er wunderte sich, daß er vollkommen ruhig
+war. Herr Voltaire hat Glück, dachte er flüchtig; aber im Grunde war
+ihm Voltaire höchst gleichgültig, und er hätte gewünscht, in dieser
+Stunde holdere Bilder vor seine Seele zaubern zu können als das
+widerliche Vogelgesicht des alten Literaten. War es übrigens nicht
+sonderbar, daß jenseits der Mauer in den Wipfeln der Bäume keine Vögel
+sangen? Das Wetter würde sich wohl ändern. Doch was ging ihn das Wetter
+an? Er wollte lieber Marcolinens gedenken, der Wonnen, die er in ihren
+Armen genossen, und die er nun teuer bezahlen sollte. Teuer? – Wohlfeil
+genug! Ein paar Greisenjahre – in Elend und Niedrigkeit ... Was hatte er
+noch zu tun auf der Welt?... Herrn Bragadino vergiften? – War es der
+Mühe wert? Nichts war der Mühe wert ... Wie dünn dort oben die Bäume
+standen! Er begann sie zu zählen. Fünf ... sieben ... zehn – Sollte ich
+nichts Wichtigeres zu tun haben?... – »Ich bin bereit, Herr Chevalier!«
+Rasch wandte sich Casanova um. Lorenzi stand ihm gegenüber, herrlich in
+seiner Nacktheit wie ein junger Gott. Alles Gemeine war aus seinem
+Antlitz weggelöscht; er schien so bereit, zu töten als zu sterben. –
+Wenn ich meinen Degen hinwürfe? dachte Casanova. Wenn ich ihn umarmte?
+Er ließ den Mantel von seinen Schultern gleiten und stand nun da wie
+Lorenzi, schlank und nackt. Lorenzi senkte den Degen zum Gruß nach den
+Regeln der Fechtkunst, Casanova gab den Gruß zurück; im nächsten
+Augenblick kreuzten sie die Klingen, und silbernes Morgenlicht spielte
+glitzernd von Stahl zu Stahl. Wie lang ist es nur her, dachte Casanova,
+seit ich zum letztenmal einem Gegner mit dem Degen gegenübergestanden
+bin? Doch keines seiner ernsthafteren Duelle wollte ihm jetzt einfallen,
+sondern nur die Fechtübungen, die er vor zehn Jahren noch mit Costa,
+seinem Kammerdiener, abzuhalten pflegte, dem Lumpen, der ihm später mit
+hundertfünfzigtausend Lire durchgegangen war. Immerhin, dachte Casanova,
+er war ein tüchtiger Fechter; – und auch ich habe nichts verlernt! Sein
+Arm war sicher, seine Hand war leicht, sein Auge blickte so scharf wie
+je. Eine Fabel ist Jugend und Alter, dachte er ... Bin ich nicht ein
+Gott? Wir beide nicht Götter? Wer uns jetzt sähe! – Es gäbe Damen, die
+sich’s was kosten ließen. Die Schneiden bogen sich, die Spitzen
+flirrten; nach jeder Berührung der Klingen sang es leise in der
+Morgenluft nach. Ein Kampf? Nein, ein Turnier ... Warum dieser Blick des
+Entsetzens, Marcolina? Sind wir nicht beide deiner Liebe wert? Er ist
+nur jung, ich aber bin Casanova!... Da sank Lorenzi hin, mit einem Stich
+mitten ins Herz. Der Degen entfiel seiner Hand, er riß die Augen weit
+auf, wie im höchsten Erstaunen, hob noch einmal das Haupt, seine Lippen
+verzogen sich schmerzlich, er ließ das Haupt sinken, seine Nasenflügel
+öffneten sich weit, ein leises Röcheln, er starb. – Casanova beugte sich
+zu ihm hinab, kniete neben ihm nieder, sah ein paar Blutstropfen aus der
+Wunde sickern, führte die Hand ganz nahe an des Gefallenen Mund; kein
+Hauch des Lebens berührte sie. Ein kühler Schauer floß durch Casanovas
+Glieder. Er erhob sich und nahm seinen Mantel um. Dann trat er wieder an
+die Leiche und blickte auf den Jünglingsleib hinab, der in
+unvergleichlicher Schönheit auf dem Rasen hingestreckt lag. Ein leises
+Rauschen ging durch die Stille; es war der Morgenwind, der durch die
+Wipfel jenseits der Gartenmauer strich. Was tun? fragte sich Casanova.
+Leute rufen? Olivo? Amalia? Marcolina? – Wozu? Lebendig macht ihn keiner
+mehr! – Er überlegte mit der kalten Ruhe, die ihm in den gefährlichsten
+Momenten seines Daseins immer eigen gewesen war. – Bis man ihn findet,
+kann es viele Stunden dauern, vielleicht bis zum Abend, auch länger. Bis
+dahin hab’ ich Zeit gewonnen, und darauf allein kommt es an. – Er hielt
+immer noch seinen Degen in der Hand, er sah Blut daran schimmern und
+wischte es im Grase ab. Der Einfall kam ihm, die Leiche anzukleiden,
+aber das hätte ihn Minuten verlieren lassen, die kostbar und
+unwiederbringlich waren. Wie zu einem letzten Opfer beugte er sich
+nochmals nieder und drückte dem Toten die Augen zu. »Glücklicher,«
+sagte er vor sich hin, und, wie in traumhafter Benommenheit, küßte er
+den Ermordeten auf die Stirn. Dann erhob er sich rasch und eilte, der
+Mauer entlang, um die Ecke, nach abwärts biegend, der Straße zu. Der
+Wagen stand an der Kreuzung, wo er ihn verlassen, der Kutscher war auf
+dem Bock fest eingeschlafen. Casanova hatte acht, ihn nicht aufzuwecken,
+stieg mit äußerster Vorsicht ein, und jetzt erst rief er ihn an. »He!
+Wird’s bald?« und puffte ihn in den Rücken. Der Kutscher schrak auf,
+schaute um sich, staunte, daß es schon ganz licht war, dann hieb er auf
+die Rosse ein und fuhr davon. Casanova lehnte sich tief zurück, in den
+Mantel gehüllt, der einmal Lorenzi gehört hatte. Im Dorf waren nur ein
+paar Kinder auf der Straße zu sehen; die Männer und Weiber offenbar
+schon alle bei der Arbeit auf dem Feld. Als die Häuser hinter ihnen
+lagen, atmete Casanova auf; er öffnete den Reisesack, nahm seine Sachen
+heraus und begann sich unter dem Schutz des Mantels anzukleiden, nicht
+ohne Sorge, daß der Kutscher sich umdrehen und ihm seines Fahrgastes
+sonderbares Gebaren auffallen könnte. Doch nichts dergleichen geschah;
+Casanova konnte sich ungestört fertigmachen, brachte Lorenzis Mantel im
+Sack unter und nahm wieder den seinen um. Er blickte nach dem Himmel,
+der sich indes getrübt hatte. Er fühlte sich nicht müde, vielmehr aufs
+höchste angespannt und überwach. Er überdachte seine Lage und kam, wie
+immer er sie betrachtete, zu dem Schluß, daß sie wohl einigermaßen
+bedenklich war, aber nicht so gefährlich, wie sie ängstlichern Gemütern
+vielleicht erschienen wäre. Daß man ihn sofort verdächtigen würde,
+Lorenzi getötet zu haben, war freilich wahrscheinlich; aber keiner
+konnte zweifeln, daß es im ehrlichen Zweikampf geschehen war, und besser
+noch: er war von Lorenzi überfallen, zum Duell gezwungen worden, und
+niemand durfte es ihm als Verbrechen anrechnen, daß er sich zur Wehr
+gesetzt hatte. Aber warum hatte er ihn auf dem Rasen liegen lassen wie
+einen toten Hund? Auch das durfte ihm niemand zum Vorwurf machen: rasche
+Flucht war sein gutes Recht, beinahe seine Pflicht gewesen. Lorenzi
+hätte es nicht anders gemacht. Aber konnte ihn Venedig nicht ausliefern?
+Sofort nach seiner Ankunft wollte er sich in den Schutz seines Gönners
+Bragadino stellen. Aber bezichtigte er sich so nicht selbst einer Tat,
+die am Ende unentdeckt bleiben oder doch nicht ihm zur Last gelegt
+werden würde? Gab es überhaupt einen Beweis gegen ihn? War er nicht nach
+Venedig berufen? Wer durfte sagen, daß es eine Flucht war? Der Kutscher
+etwa, der die halbe Nacht an der Straße gewartet? Mit noch ein paar
+Goldstücken war ihm das Maul gestopft. So liefen seine Gedanken im
+Kreise. Plötzlich war ihm, als hörte er hinter seinem Rücken das Getrabe
+von Pferden. Schon? war sein erster Gedanke. Er steckte den Kopf zum
+Wagenfenster hinaus, sah nach rückwärts, die Straße war leer. Sie waren
+an einem Gehöft vorbeigefahren; es war der Widerhall vom Hufschlag
+seiner eignen Pferde gewesen. Daß er sich getäuscht hatte, beruhigte ihn
+für eine Weile so sehr, als wäre nun jede Gefahr für allemal vorüber.
+Dort ragten die Türme von Mantua ... »Vorwärts, vorwärts,« sagte er vor
+sich hin; denn er wollte gar nicht, daß es der Kutscher hörte. Der aber,
+in der Nähe des Ziels, ließ die Rosse aus eignem Antrieb immer rascher
+laufen; bald waren sie am Tor, durch das Casanova vor noch nicht zweimal
+vierundzwanzig Stunden mit Olivo die Stadt verlassen; er gab dem
+Kutscher den Namen des Gasthofs an, vor dem er zu halten hätte; nach
+wenigen Minuten zeigte sich das Schild mit dem goldenen Löwen, und
+Casanova sprang aus dem Wagen. In der Tür stand die Wirtin; frisch, mit
+lachendem Gesicht, und schien nicht übel gelaunt, Casanova zu empfangen,
+wie man eben einen Geliebten empfängt, der nach unerwünschter
+Abwesenheit als ein Heißersehnter wiederkehrt; er aber wies mit einem
+ärgerlichen Blick auf den Kutscher wie auf einen lästigen Zeugen und
+hieß ihn dann, sich an Speise und Trank nach Herzenslust gütlich tun.
+»Ein Brief aus Venedig ist gestern abend für Sie angekommen, Herr
+Chevalier,« sagte die Wirtin. – »Noch einer?« fragte Casanova und lief
+die Treppen hinauf in sein Zimmer. Die Wirtin folgte ihm. Auf dem Tisch
+lag ein versiegeltes Schreiben. In höchster Erregung öffnete es
+Casanova. – Ein Widerruf? dachte er in Angst. Doch als er gelesen,
+erheiterte sich sein Gesicht. Es waren ein paar Zeilen von Bragadino mit
+einer Anweisung auf zweihundertfünfzig Lire, die beilag, damit er seine
+Reise, wenn er etwa dazu entschlossen, auch nicht einen Tag länger
+aufzuschieben genötigt sei. Casanova wandte sich zu der Wirtin und
+erklärte ihr mit einer angenommenen verdrießlichen Miene, daß er leider
+gezwungen sei, schon in dieser selben Stunde seine Reise fortzusetzen,
+wenn er nicht Gefahr laufen wolle, die Stelle zu verlieren, die ihm sein
+Freund Bragadino in Venedig verschafft habe, und um die hundert Bewerber
+da seien. Aber, setzte er gleich hinzu, als er bedrohliche Wolken auf
+der Wirtin Stirn aufziehen sah, er wolle sich die Stelle nur erst einmal
+sichern, sein Dekret – nämlich als Sekretär des Hohen Rats von Venedig –
+in Empfang nehmen, dann, wenn er einmal in Amt und Würden sei, werde er
+sofort einen Urlaub verlangen, um seine Angelegenheiten in Mantua zu
+ordnen, den könne man ihm natürlich nicht verweigern; er lasse ja sogar
+seine meisten Habseligkeiten hier zurück – und dann, dann hänge es nur
+von seiner teuern, von seiner entzückenden Freundin ab, ob sie nicht ihr
+Wirtsgeschäft hier aufgeben und ihm als seine Gattin nach Venedig folgen
+wolle ... Sie fiel ihm um den Hals und fragte ihn mit schwimmenden
+Augen, ob sie ihm nicht vor seiner Abfahrt wenigstens ein tüchtiges
+Frühstück ins Zimmer bringen dürfe. Er wußte, daß es auf eine
+Abschiedsfeier abgesehen war, zu der er nicht das geringste Verlangen
+verspürte, doch er erklärte sich einverstanden, um sie nur endlich
+einmal los zu sein; als sie die Treppe hinunter war, packte er noch von
+Wäsche und Büchern, was er am dringendsten benötigte, in seine Tasche,
+begab sich in die Wirtsstube, wo er den Kutscher bei einem reichlichen
+Mahle fand, und fragte ihn, ob er – gegen eine Summe, die den
+gewöhnlichen Preis um das Doppelte überstieg – bereit wäre, sofort mit
+den gleichen Pferden in der Richtung gegen Venedig zu fahren, bis zur
+nächsten Poststation. Der Kutscher schlug ohne weiteres ein, und so war
+Casanova für den Augenblick die schlimmste Sorge los. Die Wirtin trat
+ein, zornrot im Gesicht, und fragte ihn, ob er vergessen habe, daß sein
+Frühstück ihn auf dem Zimmer erwarte. Casanova erwiderte ihr in der
+unbefangensten Weise, er habe es keineswegs vergessen, und bat sie
+zugleich, da es ihm an Zeit mangle, das Bankhaus aufzusuchen, auf das
+sein Wechsel ausgestellt war, ihm gegen die Anweisung, die er ihr
+überreichte, zweihundertfünfzig Lire auszuhändigen. Während sie lief,
+das Geld zu holen, ging Casanova auf sein Zimmer und begann mit einer
+wahrhaft tierischen Gier das Essen hinunterzuschlingen, das
+bereitgestellt war. Er ließ sich nicht stören, da die Wirtin erschien,
+steckte nur rasch das Geld ein, das sie ihm gebracht hatte; – als er
+fertig war, wandte er sich der Frau zu, die zärtlich an seine Seite
+gerückt war, nun endlich ihre Stunde für gekommen hielt und in nicht
+mißzuverstehender Weise ihre Arme gegen ihn ausbreitete, – er umschlang
+sie heftig, küßte sie auf beide Wangen, drückte sie an sich, und als sie
+bereit schien, ihm nichts mehr zu versagen, riß er sich mit den Worten:
+»Ich muß fort ... auf Wiedersehen!« so heftig von ihr los, daß sie nach
+rückwärts in die Ecke des Sofas fiel. Der Ausdruck ihrer Mienen, in
+seiner Mischung von Enttäuschung, Zorn, Ohnmacht, hatte etwas so
+unwiderstehlich Komisches, daß Casanova, während er die Tür hinter sich
+zuschloß, sich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.
+
+Daß sein Fahrgast es eilig hatte, konnte dem Kutscher nicht entgangen
+sein; sich über die Gründe Gedanken zu machen, war er nicht
+verpflichtet; jedenfalls saß er fahrtbereit auf dem Bock, als Casanova
+aus der Tür des Gasthofs trat, und hieb mächtig auf die Pferde ein,
+sobald jener eingestiegen war. Auch hielt er es für richtig, nicht
+mitten durch die Stadt zu fahren, sondern umkreiste sie, um an ihrem
+andern Ende wieder auf die Landstraße zu geraten. Noch stand die Sonne
+nicht hoch, es fehlten drei Stunden auf Mittag. Casanova dachte: Es ist
+sehr wohl möglich, daß man den toten Lorenzi noch nicht einmal gefunden
+hat. Daß er selbst Lorenzi umgebracht hatte, kam ihm kaum recht zu
+Bewußtsein; er war nur froh, daß er sich immer weiter von Mantua
+entfernte, daß ihm endlich für eine Weile Ruhe gegönnt war ... Er
+verfiel in den tiefsten Schlaf seines Lebens, der gewissermaßen zwei
+Tage und zwei Nächte dauerte; denn die kurzen Unterbrechungen, die das
+Wechseln der Pferde notwendig machte, und während deren er in
+Wirtsstuben saß, vor Posthäusern auf und ab ging, mit Postmeistern,
+Wirten, Zollwächtern, Reisenden gleichgültige Zufallsworte tauschte,
+hatte er als Einzelvorfälle nicht im Gedächtnis zu bewahren vermocht. So
+floß später die Erinnerung dieser zwei Tage und Nächte mit dem Traum
+zusammen, den er in Marcolinens Bett geträumt, und auch der Zweikampf
+der zwei nackten Menschen auf einem grünen Rasen im Frühsonnenschein
+gehörte irgendwie zu diesem Traum, in dem er manchmal in einer
+rätselhaften Weise nicht Casanova, sondern Lorenzi, nicht der Sieger,
+sondern der Gefallene, nicht der Entfliehende, sondern der Tote war, um
+dessen blassen Jünglingsleib einsamer Morgenwind spielte; und beide, er
+selbst und Lorenzi, waren nicht wirklicher als die Senatoren in den
+roten Purpurmänteln, die als Bettler vor ihm auf den Knien
+herumgerutscht waren, und nicht weniger wirklich als jener ans Geländer
+irgendeiner Brücke gelehnte Alte, dem er in der Abenddämmerung aus dem
+Wagen ein Almosen zugeworfen hatte. Hätte Casanova nicht mittelst seiner
+Urteilskraft das Erlebte und Geträumte auseinanderzuhalten vermocht, so
+hätte er sich einbilden können, daß er in Marcolinens Armen in einen
+wirren Traum verfallen war, aus dem er erst beim Anblick des Campanile
+von Venedig erwachte.
+
+Es war am dritten Morgen seiner Reise, daß er, von Mestre aus, den
+Glockenturm nach mehr als zwanzig Jahren der Sehnsucht zum erstenmal
+wieder erschaute, – ein graues Steingebilde, das einsam ragend aus der
+Dämmerung wie aus weiter Ferne vor ihm auftauchte. Aber er wußte, daß
+ihn jetzt nur mehr eine Fahrt von zwei Stunden von der geliebten Stadt
+trennte, in der er jung gewesen war. Er entlohnte den Kutscher, ohne zu
+wissen, ob es der vierte, fünfte oder sechste war, mit dem er seit
+Mantua abzurechnen hatte, und eilte, von einem Jungen gefolgt, der ihm
+das Gepäck nachtrug, durch die armseligen Straßen zum Hafen, um das
+Marktschiff zu erreichen, das heute noch, wie vor fünfundzwanzig Jahren,
+um sechs Uhr nach Venedig abging. Es schien nur noch auf ihn gewartet zu
+haben; kaum hatte er unter Weibern, die ihre Ware zur Stadt brachten,
+kleinen Geschäftsleuten, Handwerkern auf einer schmalen Bank seinen
+Platz eingenommen, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Der Himmel
+war trüb; Dunst lag auf den Lagunen; es roch nach faulem Wasser, nach
+feuchtem Holz, nach Fischen und nach frischem Obst. Immer höher ragte
+der Campanile, andre Türme zeichneten sich in der Luft ab,
+Kirchenkuppeln wurden sichtbar; von irgendeinem Dach, von zweien, von
+vielen glänzte der Strahl der Morgensonne ihm entgegen; – Häuser rückten
+auseinander, wuchsen in die Höhe; Schiffe, größere und kleinere,
+tauchten aus dem Nebel; Grüße von einem zum andern wurden getauscht. Das
+Geschwätz rings um ihn wurde lauter; ein kleines Mädchen bot ihm Trauben
+zum Kauf; er verzehrte die blauen Beeren, spuckte die Schalen nach der
+Art seiner Landsleute hinter sich über Bord und ließ sich in ein
+Gespräch mit irgendeinem Menschen ein, der seine Befriedigung darüber
+äußerte, daß nun endlich schönes Wetter anzubrechen scheine. Wie, es
+hatte hier drei Tage lang geregnet? Er wußte nichts davon; er kam aus
+dem Süden, aus Neapel, aus Rom ... Schon fuhr das Schiff durch die
+Kanäle der Vorstadt; schmutzige Häuser starrten ihn aus trüben Fenstern
+wie mit blöden fremden Augen an, zwei-, dreimal hielt das Schiff an, ein
+paar junge Leute, einer mit einer großen Mappe unterm Arm, Weiber mit
+Körben stiegen aus; – nun kam man in freundlichere Bezirke. War dies
+nicht die Kirche, in der Martina zur Beichte gegangen war? – Und dies
+nicht das Haus, in dem er die blasse, todkranke Agathe auf seine Weise
+wieder rot und gesund gemacht hatte? – Und hatte er in jenem nicht den
+schuftigen Bruder der reizenden Silvia braun und blau geprügelt? Und in
+jenem Seitenkanal das kleine gelbliche Haus, auf dessen wasserbespülten
+Stufen ein dickes Frauenzimmer mit nackten Füßen stand ... Ehe er sich
+noch zu besinnen vermochte, welche Erscheinung aus fernen Jugendtagen er
+dahin zu versetzen hatte, war das Schiff in den großen Kanal eingelenkt
+und fuhr nun auf der breiten Wasserstraße langsam zwischen Palästen
+weiter. Es war Casanova, von seinem Traume her, als wär’ er erst tags
+vorher denselben Weg gefahren. An der Rialtobrücke stieg er aus; denn
+eh’ er sich zu Herrn Bragadino begab, wollte er in einem nahen kleinen
+wohlfeilen Gasthof, dessen er sich der Lage, aber nicht dem Namen nach
+erinnerte, sein Gepäck unterbringen und sich eines Zimmers versichern.
+Er fand das Haus verfallener, oder mindestens vernachlässigter, als er
+es im Gedächtnis bewahrt hatte; ein verdrossener unrasierter Kellner
+wies ihm einen wenig freundlichen Raum mit der Aussicht auf die
+fensterlose Mauer eines gegenüberliegenden Hauses an. Doch Casanova
+wollte keine Zeit verlieren; auch war ihm, da sich seine Barschaft auf
+der Reise beinahe gänzlich erschöpft hatte, der niedrige Preis des
+Zimmers sehr erwünscht; so beschloß er, vorläufig hier zu bleiben,
+befreite sich vom Staub und Schmutz der langen Reise, überlegte eine
+Weile, ob er sich in sein Prachtgewand werfen sollte, fand es dann doch
+angemessen, wieder das bescheidenere anzulegen, und verließ endlich den
+Gasthof. Nur hundert Schritte waren es, durch ein schmales Gäßchen und
+über eine Brücke, zu dem kleinen vornehmen Palazzo, in dem Bragadino
+wohnte. Ein junger Bedienter mit einem ziemlich unverschämten Gesicht
+nahm Casanovas Anmeldung entgegen, tat, als wenn er den berühmten Namen
+niemals gehört hätte, kam aber mit einer etwas freundlicheren Miene aus
+den Gemächern seines Herrn wieder und ließ den Gast eintreten. Bragadino
+saß an einem nah ans offene Fenster gerückten Tisch beim Frühstück; er
+wollte sich erheben, was Casanova nicht zuließ. – »Mein teuerer
+Casanova,« rief Bragadino aus, »wie glücklich bin ich, Sie
+wiederzusehen! Ja, wer hätte gedacht, daß wir uns überhaupt jemals
+wiedersehen würden?« Und er streckte ihm beide Hände entgegen. Casanova
+ergriff sie, als wenn er sie küssen wollte, tat es aber nicht und
+erwiderte die herzliche Begrüßung mit Worten heißen Dankes in der etwas
+hochtrabenden Art, von der seine Ausdrucksweise bei solchen
+Gelegenheiten nicht frei war. Bragadino forderte ihn auf, Platz zu
+nehmen, und fragte ihn vor allem, ob er schon gefrühstückt habe. Als
+Casanova verneinte, klingelte Bragadino dem Diener und gab ihm die
+entsprechende Weisung. Als der Diener sich entfernt hatte, äußerte
+Bragadino seine Befriedigung darüber, daß Casanova das Anerbieten des
+Hohen Rats ohne Vorbehalt angenommen; es werde ihm gewiß nicht zum
+Nachteil gereichen, daß er sich entschlossen habe, dem Vaterland seine
+Dienste zu widmen. Casanova erklärte, daß er sich glücklich schätzen
+werde, die Zufriedenheit des Hohen Rats zu erwerben. – So sprach er und
+dachte sich sein Teil dabei. Freilich von irgendwelchem Haß gegen
+Bragadino verspürte er nichts mehr in sich; eher eine gewisse Rührung
+über den einfältig gewordenen uralten Mann, der ihm da gegenübersaß mit
+dünngewordenem weißem Bart und rotgeränderten Augen, und dem die Tasse
+in der mageren Hand zitterte. Als Casanova ihn zum letztenmal gesehen
+hatte, mochte Bragadino etwa soviel Jahre zählen als Casanova heute;
+freilich war er ihm schon damals wie ein Greis erschienen.
+
+Nun brachte der Diener das Frühstück für Casanova, der sich’s, ohne sich
+viel zureden zu lassen, vortrefflich schmecken ließ, da er auf seiner
+Reise nur hie und da einen spärlichen Imbiß in Hast zu sich genommen. –
+Ja, Tag und Nacht war er von Mantua bis hierher gereist; – so eilig
+hatte er’s, dem Hohen Rat seine Bereitwilligkeit, dem edlen Gönner seine
+unauslöschliche Dankbarkeit zu beweisen: dies brachte er zur
+Entschuldigung vor für die beinahe unanständige Gier, mit der er die
+dampfende Schokolade schlürfte. Durchs Fenster drangen die
+tausendfältigen Geräusche des Lebens von den großen und kleinen Kanälen;
+die Rufe der Gondelführer schwebten eintönig über alle andern hin;
+irgendwo, nicht zu weit, vielleicht in dem Palast gegenüber – war es
+nicht der des Fogazzari? – sang eine schöne, ziemlich hohe Frauenstimme
+Koloraturen; sie gehörte offenbar einem sehr jungen Wesen an, einem
+Wesen, das noch nicht einmal geboren war zur Zeit, da Casanova aus den
+Bleikammern entflohen war. – Er aß Zwieback und Butter, Eier, kaltes
+Fleisch; und entschuldigte sich immer wieder ob seiner Unersättlichkeit
+bei Bragadino, der ihm vergnügt zusah. »Ich liebe es,« sagte er, »wenn
+junge Leute Appetit haben! Und soviel ich mich erinnere, mein teuerer
+Casanova, hat es Ihnen daran nie gefehlt!« Und er entsann sich eines
+Mahls, das er in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft gemeinsam mit
+Casanova genossen – vielmehr, bei dem er seinem jungen Freunde
+bewundernd zugeschaut hatte – wie heute; denn er selbst war damals noch
+nicht so weit gewesen, es war nämlich, kurz nachdem Casanova den Arzt
+hinausgeworfen, der den armen Bragadino durch die ewigen Aderlässe fast
+ins Grab gebracht hatte ... Sie redeten von vergangenen Zeiten; ja –
+damals war das Leben in Venedig schöner gewesen als heute. – »Nicht
+überall,« sagte Casanova und spielte durch ein feines Lächeln auf die
+Bleidächer an. Bragadino wehrte mit einer Handbewegung ab, als wäre nun
+nicht die Stunde, sich solcher kleiner Unannehmlichkeiten zu erinnern.
+Übrigens, er, Bragadino, hatte auch damals alles mögliche versucht, um
+Casanova vor der Strafe zu retten, wenn auch leider vergeblich. Ja, wenn
+er schon damals dem Rat der Zehn angehört hätte! –
+
+So kamen sie auf politische Angelegenheiten zu reden, und Casanova
+erfuhr von dem alten Mann, der, von seinem Thema entzündet, den Witz und
+die ganze Lebendigkeit seiner jüngeren Jahre wiederzufinden schien, gar
+Vieles und Merkwürdiges über die bedenkliche Geistesrichtung, der ein
+Teil der Venezianer Jugend neuerdings anzuhängen, und über die
+gefährlichen Umtriebe, die sich in unverkennbaren Zeichen anzukündigen
+begännen; und er war gar nicht übel vorbereitet, als er sich noch am
+Abend desselben Tags, den er, in sein trübseliges Gasthofzimmer
+eingeschlossen, nur zur Beschwichtigung seiner vielfach aufgestörten
+Seele mit dem Ordnen und teilweisen Verbrennen von Papieren verbracht
+hatte, in das Café Quadri am Markusplatz verfügte, das als
+Hauptversammlungsort der Freidenker und Umstürzler galt. Durch einen
+alten Musiker, der ihn sofort wiedererkannte, den einstigen
+Kapellmeister des Theaters San Samuele, desselben, in dem Casanova vor
+dreißig Jahren Geige gespielt hatte, wurde er auf die ungezwungenste
+Weise in eine Gesellschaft von meist jüngern Leuten eingeführt, deren
+Namen ihm von seinem Morgengespräch mit Bragadino her als besonders
+verdächtige in Erinnerung verblieben waren. Sein eigner Name aber schien
+auf die andern keineswegs in der Art zu wirken, die zu erwarten er
+berechtigt gewesen wäre; ja die meisten wußten offenbar nicht mehr von
+Casanova, als daß er vor langer Zeit aus irgendeinem Grunde oder
+vielleicht auch ganz unschuldig in den Bleikammern gefangen gesessen und
+unter allerlei Fährlichkeiten von dort entkommen war. Das Büchlein, in
+dem er schon vor Jahren seine Flucht so lebendig geschildert hatte, war
+zwar nicht unbekannt geblieben, doch mit der gebührenden Aufmerksamkeit
+schien es niemand gelesen zu haben. Es machte Casanova einigen Spaß, zu
+denken, daß es nur von ihm abhinge, jedem dieser jungen Herrn baldigst
+zu persönlichen Erfahrungen über die Lebensbedingungen unter den
+Bleidächern von Venedig und über die Schwierigkeiten des Entkommens zu
+verhelfen; aber fern davon, einen so boshaften Einfall durchschimmern
+oder gar erraten zu lassen, verstand er es vielmehr, auch hier den
+Harmlosen und Liebenswürdigen zu spielen, und unterhielt bald die
+Gesellschaft nach seiner Art mit der Erzählung von allerlei heitern
+Abenteuern, die ihm auf seiner letzten Reise von Rom hierher begegnet
+waren; – Geschichten, die, wenn auch im ganzen ziemlich wahr, in
+Wirklichkeit immerhin fünfzehn bis zwanzig Jahre zurücklagen. Während
+man ihm noch angeregt zuhörte, brachte irgendwer mit andern Neuigkeiten
+die Kunde, daß ein Offizier aus Mantua in der Nähe des Landguts eines
+Freundes, wo er zu Besuch geweilt, umgebracht und die Leiche von den
+Räubern bis aufs Hemd ausgeplündert worden wäre. Da dergleichen
+Überfälle und Mordtaten zu jener Zeit nicht gerade selten vorkamen,
+erregte der Fall auch in diesem Kreise kein sonderliches Aufsehen, und
+Casanova fuhr in seiner Erzählung fort, wo man ihn unterbrochen hatte, –
+als ginge ihn die Sache so wenig an wie die übrigen; ja, von einer
+Unruhe befreit, die er sich nur nicht recht eingestanden hatte, fand er
+noch lustigere und frechere Worte als vorher.
+
+Mitternacht war vorbei, als er nach flüchtigem Abschied von seinen neuen
+Bekannten unbegleitet auf den weiten leeren Platz hinaustrat, über dem
+sternenlos, doch ruhelos flimmernd ein dunstschwerer Himmel hing. Mit
+einer Art von schlafwandlerischer Sicherheit, ohne sich eigentlich
+bewußt zu werden, daß er ihn in dieser Stunde nach einem
+Vierteljahrhundert zum ersten Male wieder ging, fand er den Weg durch
+enge Gäßchen zwischen dunklen Häusermauern und über schmale
+Brückenstege, unter denen die schwärzlichen Kanäle den ewigen Wassern
+zuzogen, nach seinem elenden Gasthof, dessen Tor erst auf wiederholtes
+Klopfen sich träg und unfreundlich vor ihm öffnete; – und wenige Minuten
+später, in einer schmerzenden Müdigkeit, die durch seine Glieder
+lastete, ohne sie zu lösen, mit einem bittern Nachgeschmack auf den
+Lippen, den er gleichsam aus dem Innersten seines Wesens nach oben
+steigen fühlte, warf er sich, nur halb ausgekleidet, auf ein schlechtes
+Bett, um nach fünfundzwanzig Jahren der Verbannung den ersten, so lang
+ersehnten Heimatschlaf zu tun, der endlich, bei anbrechendem Morgen,
+traumlos und dumpf, sich des alten Abenteurers erbarmte.
+
+ENDE
+
+
+
+
+Anmerkung
+
+Ein Besuch Casanovas bei Voltaire in Ferney hat tatsächlich
+stattgefunden, doch alle in der vorstehenden Novelle daran geknüpften
+Folgerungen, wie insbesondre die, daß Casanova sich mit einer gegen
+Voltaire gerichteten Streitschrift beschäftigt hätte, haben mit der
+geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun. Historisch ist ferner, daß
+Casanova sich im Alter zwischen fünfzig und sechzig genötigt sah, in
+seiner Vaterstadt Venedig Spionendienste zu leisten; wie man auch über
+manche andre frühere Erlebnisse des berühmten Abenteurers, deren im
+Verlaufe der Novelle beiläufig Erwähnung geschieht, in seinen
+»Erinnerungen« ausführlichere und getreuere Nachrichten finden kann. Im
+übrigen ist die ganze Erzählung von »Casanovas Heimfahrt« frei erfunden.
+ A. S.
+
+
+
+
+Werke von Arthur Schnitzler in Einzelausgaben
+
+
+Das Märchen. Schauspiel ................... 3. Auflage
+Anatol. Ein Einakterzyklus ................ 20. Auflage
+Sterben. Novelle .......................... 10. Auflage
+Liebelei. Schauspiel ...................... 16. Auflage
+Freiwild. Schauspiel ...................... 3. Auflage
+Die Frau des Weisen. Novelletten .......... 8. Auflage
+Das Vermächtnis. Schauspiel ............... 3. Auflage
+Der grüne Kakadu. Drei Einakter ........... 8. Auflage
+Der Schleier der Beatrice. Schauspiel ..... 4. Auflage
+Frau Berta Garlan. Novelle ................ 61. Auflage
+Leutnant Gustl. Novelle ................... 18. Auflage
+Lebendige Stunden. Vier Einakter .......... 9. Auflage
+Der einsame Weg. Schauspiel ............... 7. Auflage
+Zwischenspiel. Komödie .................... 5. Auflage
+Der Ruf des Lebens. Schauspiel ............ 4. Auflage
+Marionetten. Drei Einakter ................ 3. Auflage
+Dämmerseelen. Novellen .................... 13. Auflage
+Der Weg ins Freie. Roman .................. 33. Auflage
+Komtesse Mizzi. Komödie ................... 4. Auflage
+Der junge Medardus. Dramatische Historie .. 7. Auflage
+Das weite Land. Tragikomödie .............. 7. Auflage
+Masken und Wunder. Novellen ............... 14. Auflage
+Professor Bernhardi. Komödie .............. 14. Auflage
+Frau Beate und ihr Sohn. Novelle .......... 13. Auflage
+Die griechische Tänzerin. Novellen ........ 55. Auflage
+Komödie der Worte. Drei Einakter .......... 7. Auflage
+Doktor Gräsler, Badearzt. Erzählung ....... 26. Auflage
+Fink und Fliederbusch. Komödie ............ 6. Auflage
+
+
+
+
+Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler
+
+
+1. Die erzählenden Schriften in 3 Bänden
+
+1. Band: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der
+Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der
+blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische
+Tänzerin.
+
+2. Band: Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg.
+Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der
+tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mörder. Die dreifache
+Warnung. Die Hirtenflöte.
+
+3. Band: Der Weg ins Freie.
+
+
+2. Die Theaterstücke in 4 Bänden
+
+1. Band: Anatol. Das Märchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermächtnis.
+
+2. Band: Paracelsus. Die Gefährtin. Der grüne Kakadu. Der Schleier der
+Beatrice. Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten
+Masken. Literatur.
+
+3. Band: Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der tapfere
+Cassian. Zum großen Wurstel. Der Ruf des Lebens.
+
+4. Band: Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das
+weite Land.
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1918 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die gescannten Bilddateien wurden freundlicherweise vom
+austrian literature online Archiv zur Verfügung gestellt.
+(http://www.literature.at)
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
+p 035: Punkt ergänzt: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.«
+p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie
+p 161: Punkt ergänzt: daß er vollkommen ruhig war.
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1918 by S. Fischer, Berlin. The scanned images
+have been generously made available by the austrian literature online
+archive. (http://www.literature.at)
+
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
+p 035: added period: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.«
+p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie
+p 161: added period: daß er vollkommen ruhig war.
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
+
+***** This file should be named 18148-0.txt or 18148-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/1/4/18148/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
+
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
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+electronic works
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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