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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:52:40 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Casanovas Heimfahrt
+
+Author: Arthur Schnitzler
+
+Release Date: April 11, 2006 [EBook #18148]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
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+
+
+
+ CASANOVAS HEIMFAHRT
+
+
+ NOVELLE
+ VON
+
+ ARTHUR SCHNITZLER
+
+
+ 1918
+
+ S. FISCHER * VERLAG
+ BERLIN
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1918 S. Fischer, Verlag
+
+
+
+
+CASANOVAS HEIMFAHRT
+
+
+In seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahre, als Casanova längst nicht
+mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit
+nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde, fühlte er in seiner Seele
+das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig so heftig anwachsen, daß er
+sie, gleich einem Vogel, der aus luftigen Höhen zum Sterben allmählich
+nach abwärts steigt, in eng und immer enger werdenden Kreisen zu
+umziehen begann. Öfter schon in den letzten zehn Jahren seiner
+Verbannung hatte er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man möge ihm die
+Heimkehr gestatten; doch hatten ihm früher bei der Abfassung solcher
+Satzschriften, in denen er Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal
+auch ein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst die Feder geführt, so
+schien sich seit einiger Zeit in seinen fast demütig flehenden Worten
+ein schmerzliches Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer
+auszusprechen. Er glaubte um so sicherer auf Erhörung rechnen zu dürfen,
+als die Sünden seiner früheren Jahre, unter denen übrigens nicht
+Zuchtlosigkeit, Händelsucht und Betrügereien meist lustiger Natur,
+sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren die unverzeihlichste
+dünkte, allmählich in Vergessenheit zu geraten begannen und die
+Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig,
+die er unzählige Male an regierenden Höfen, in adeligen Schlössern, an
+bürgerlichen Tischen und in übelberüchtigten Häusern zum besten gegeben
+hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen knüpfte, zu
+übertönen anfing; und eben wieder, in Briefen nach Mantua, wo er sich
+seit zwei Monaten aufhielt, hatten hochmögende Herren dem an innerm wie
+an äußerm Glanz langsam verlöschenden Abenteurer Hoffnung gemacht, daß
+sich sein Schicksal binnen kurzem günstig entscheiden würde.
+
+Da seine Geldmittel recht spärlich geworden waren, hatte Casanova
+beschlossen, in dem bescheidenen, aber anständigen Gasthof, den er schon
+in glücklicheren Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen der
+Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich indes die Zeit –
+ungeistigerer Zerstreuungen nicht zu gedenken, auf die gänzlich zu
+verzichten er nicht imstande war – hauptsächlich mit Abfassung einer
+Streitschrift gegen den Lästerer Voltaire, durch deren Veröffentlichung
+er seine Stellung und sein Ansehen in Venedig gleich nach seiner
+Wiederkehr bei allen Gutgesinnten in unzerstörbarer Weise zu befestigen
+gedachte.
+
+Eines Morgens auf einem Spaziergang außerhalb der Stadt, während er für
+einen vernichtenden, gegen den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die
+letzte Abrundung zu finden sich mühte, befiel ihn plötzlich eine
+außerordentliche, fast körperlich peinvolle Unruhe; das Leben, das er in
+leidiger Gewöhnung nun schon durch drei Monate führte: die
+Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus, die kleinen Spielabende
+bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten,
+die Zärtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber feurigen Wirtin,
+ja sogar die Beschäftigung mit den Werken Voltaires und die Arbeit an
+seiner eigenen kühnen und bisher, wie ihm dünkte, nicht übel gelungenen
+Erwiderung; – all dies erschien ihm, in der linden, allzu süßen Luft
+dieses Spätsommermorgens, gleichermaßen sinnlos und widerwärtig; er
+murmelte einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen oder was er
+damit treffen wollte; und, den Griff seines Degens umklammernd,
+feindselige Blicke nach allen Seiten sendend, als richteten aus der
+Einsamkeit ringsum unsichtbare Augen sich höhnend auf ihn, wandte er
+plötzlich seine Schritte nach der Stadt zurück, in der Absicht, noch in
+derselben Stunde Anstalten für seine sofortige Abreise zu treffen. Denn
+er zweifelte nicht, daß er sich sofort besser befinden würde, wenn er
+nur erst der ersehnten Heimat wieder um einige Meilen näher gerückt
+wäre. Er beschleunigte seinen Gang, um sich rechtzeitig einen Platz in
+der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang in der Richtung nach
+Osten abfuhr; – weiter hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen
+Abschiedsbesuch beim Baron Perotti wohl schenken durfte, und ihm eine
+halbe Stunde vollauf genügte, um seine gesamten Habseligkeiten für die
+Reise einzupacken. Er dachte der zwei etwas abgetragenen Gewänder, von
+denen er das schlechtere am Leibe trug, und der vielfach geflickten,
+einst fein gewesenen Wäsche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen
+Kette samt Uhr und einer Anzahl von Büchern seinen ganzen Besitz
+ausmachten; – vergangene Tage fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann,
+mit allem Notwendigen und Überflüssigen reichlich ausgestattet, wohl
+auch mit einem Diener – der freilich meist ein Gauner war – im
+prächtigen Reisewagen durch die Lande fuhr; – und ohnmächtiger Zorn
+trieb ihm die Tränen in die Augen. Ein junges Weib, die Peitsche in der
+Hand, kutschierte ein Wägelchen an ihm vorbei, darin zwischen Säcken und
+allerlei Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag. Sie blickte
+Casanova, wie er verzerrten Gesichtes, Unverständliches durch die Zähne
+murmelnd, unter den abgeblühten Kastanienbäumen der Heerstraße
+langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig spöttisch ins
+Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig blitzend erwidert sah, nahmen
+ihre Augen einen erschrockenen, und endlich, wie sie sich im
+Weiterfahren nach ihm umwandte, einen wohlgefällig lüsternen Ausdruck
+an. Casanova, der wohl wußte, daß Grimm und Haß länger in den Farben der
+Jugend zu spielen vermögen als Sanftheit und Zärtlichkeit, erkannte
+sofort, daß es nur eines frechen Anrufs von seiner Seite bedurft hätte,
+um dem Wagen Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib anstellen zu
+können, was ihm weiter beliebte; doch, obzwar diese Erkenntnis seine
+Laune für den Augenblick besserte, schien es ihm nicht der Mühe wert, um
+eines so geringen Abenteuers willen auch nur wenige Minuten zu
+verziehen; und so ließ er das Bauernwägelchen samt seinen Insassen im
+Staub und Dunst der Landstraße unangefochten weiterknarren.
+
+Der Schatten der Bäume nahm der emporsteigenden Sonne nur wenig von
+ihrer sengenden Kraft, und Casanova sah sich genötigt, seinen Schritt
+allmählich zu mäßigen. Der Staub der Straße hatte sich so dicht auf sein
+Gewand und Schuhwerk gelegt, daß ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr
+anzumerken war, und so konnte man Casanova, nach Tracht und Haltung,
+ohne weiteres für einen Herrn von Stande nehmen, dem es just gefallen
+hatte, seine Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte sich der
+Torbogen vor ihm aus, in dessen nächster Nähe der Gasthof gelegen war,
+in dem er wohnte, als ihm ein ländlich schwerfälliger Wagen
+entgegengeholpert kam, in dem ein behäbiger, gutgekleideter, noch
+ziemlich junger Mann saß. Er hatte die Hände über dem Magen gekreuzt und
+schien eben mit blinzelnden Augen einnicken zu wollen, als sein Blick,
+zufällig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit aufglänzte,
+wie zugleich seine ganze Erscheinung in eine Art von heiterm Aufruhr zu
+geraten schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort zurück, stand wieder
+auf, versetzte dem Kutscher einen Stoß in den Rücken, um ihn zum Halten
+zu veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen um, um Casanova
+nicht aus dem Gesicht zu verlieren, winkte ihm mit beiden Händen zu und
+rief endlich mit einer dünnen hellen Stimme dreimal dessen Namen in die
+Luft. Erst an der Stimme hatte Casanova den Mann erkannt, trat auf den
+Wagen zu, der stehengeblieben war, ergriff lächelnd die beiden sich ihm
+entgegenstreckenden Hände und sagte: »Ist es möglich, Olivo – Sie sind
+es?« – »Ja, ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also wieder?« –
+»Warum sollt’ ich nicht? Sie haben zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem
+ich Sie zuletzt gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, – aber auch ich
+mag mich in den fünfzehn Jahren nicht unerheblich verändert haben, wenn
+auch nicht in gleicher Weise.« – »Kaum,« rief Olivo, »so gut wie gar
+nicht, Herr Casanova! Übrigens sind es sechzehn Jahre, vor wenigen Tagen
+waren es sechzehn! Und wie Sie sich wohl denken können, haben wir,
+gerade bei dieser Gelegenheit, ein hübsches Weilchen lang von Ihnen
+gesprochen, Amalia und ich ...« – »Wirklich,« sagte Casanova herzlich,
+»Sie erinnern sich beide noch manchmal meiner?« Olivos Augen wurden
+feucht. Noch immer hielt er Casanovas Hände in den seinen und drückte
+sie nun gerührt. »Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr Casanova? Und
+wir sollten unsres Wohltäters jemals vergessen? Und wenn wir jemals –« –
+»Reden wir nicht davon,« unterbrach Casanova. »Wie befindet sich Frau
+Amalia? Wie ist es überhaupt zu verstehn, daß ich in diesen ganzen zwei
+Monaten, die ich nun in Mantua verbringe – freilich recht zurückgezogen,
+aber ich gehe doch viel spazieren nach alter Gewohnheit – wie kommt es,
+daß ich Ihnen, Olivo, daß ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal
+begegnet bin?« – »Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen ja längst
+nicht mehr in der Stadt, die ich übrigens niemals habe leiden können, so
+wenig als Amalia sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr
+Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir bei mir zu Hause« –
+und da Casanova leicht abwehrte – »Sagen Sie nicht nein. Wie glücklich
+wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz, Ihnen unsre drei
+Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter Mädchen. Dreizehn,
+zehn und acht ... Also noch keines in den Jahren, sich – mit Verlaub –
+sich – von Casanova das Köpfchen verdrehen zu lassen.« Er lachte
+gutmütig und machte Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen
+hereinzuziehen. Casanova aber schüttelte den Kopf. Denn, nachdem er fast
+schon versucht gewesen war, einer begreiflichen Neugier nachzugeben und
+der Aufforderung Olivos zu folgen, überkam ihn seine Ungeduld mit neuer
+Macht, und er versicherte Olivo, daß er leider genötigt sei, heute noch
+vor Abend Mantua in wichtigen Geschäften zu verlassen. Was hatte er auch
+in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia
+war indes gewiß nicht jünger und schöner geworden; bei dem
+dreizehnjährigen Töchterlein würde er in seinen Jahren kaum sonderlichen
+Anwert finden; und Herrn Olivo selbst, der damals ein magerer, der
+Studien beflissener Jüngling gewesen war, als bäurisch behäbigen
+Hausvater in ländlicher Umgebung zu bewundern, das lockte ihn nicht
+genug, als daß er darum eine Reise hätte aufschieben sollen, die ihn
+Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen näher brachte. Olivo aber,
+der nicht gesonnen schien, Casanovas Weigerung ohne weiteres
+hinzunehmen, bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach dem
+Gasthof zu bringen, was ihm Casanova füglich nicht abschlagen konnte. In
+wenigen Minuten waren sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in
+der Mitte der Dreißig, begrüßte in der Einfahrt Casanova mit einem
+Blick, der das zwischen ihnen bestehende zärtliche Verhältnis auch für
+Olivo ohne weitres ersichtlich machen mußte. Diesem aber reichte sie die
+Hand als einem guten Bekannten, von dem sie – wie sie Casanova gegenüber
+gleich bemerkte – eine gewisse, auf seinem Gut wachsende, sehr
+preiswürdige, süßlich-herbe Weinsorte regelmäßig zu beziehen pflegte.
+Olivo beklagte sich sofort, daß der Chevalier von Seingalt (denn so
+hatte die Wirtin Casanova begrüßt, und Olivo zögerte nicht, sich
+gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so grausam sei, die Einladung
+eines wiedergefundenen alten Freundes auszuschlagen, aus dem
+lächerlichen Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute, von
+Mantua wieder abreisen müsse. Die befremdete Miene der Wirtin belehrte
+ihn sofort, daß diese von Casanovas Absicht bisher noch nichts gewußt
+hatte, und Casanova hielt es daraufhin für angebracht, zu erklären, daß
+er den Reiseplan zwar nur vorgeschützt, um nicht der Familie des
+Freundes durch einen so unerwarteten Besuch lästig zu fallen;
+tatsächlich aber sei er genötigt, ja verpflichtet, in den nächsten Tagen
+eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschließen, wofür er keinen
+geeignetern Ort wüßte, als diesen vorzüglichen Gasthof, in dem ihm ein
+kühles und ruhiges Zimmer zur Verfügung stände. Darauf beteuerte Olivo,
+daß seinem bescheidenen Haus keine größre Ehre widerfahren könne, als
+wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk zum Abschluß brächte; die
+ländliche Abgeschiedenheit könne einem solchen Unternehmen doch nur
+förderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsbüchern, wenn Casanova
+solcher benötigte, wäre auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die
+Tochter seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber trotz ihrer
+Jugend schon höchst gelehrtes Mädchen, vor wenigen Wochen mit einer
+ganzen Kiste voll Büchern bei ihnen eingetroffen sei; – und wenn des
+Abends gelegentlich Gäste erschienen, so brauchte sich der Herr
+Chevalier weiter nicht um sie zu kümmern; es sei denn, daß ihm nach des
+Tages Arbeit und Bemühen eine heitre Unterhaltung oder ein kleines
+Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung bedeutete. Casanova
+hatte kaum von einer jungen Nichte vernommen, als er auch schon
+entschlossen war, sich dieses Geschöpf in der Nähe zu besehn;
+anscheinend noch immer zögernd, gab er dem Drängen Olivos endlich nach,
+erklärte aber gleich, daß er keineswegs länger als ein oder zwei Tage
+von Mantua fernbleiben könne, und beschwor seine liebenswürdige Wirtin,
+Briefe, die für ihn indes hier anlangen mochten und vielleicht von
+höchster Wichtigkeit waren, ihm unverzüglich durch einen Boten
+nachzusenden. Nachdem die Sache so zu Olivos großer Zufriedenheit
+geordnet war, begab sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich für die
+Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat er in die
+Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges Gespräch geschäftlicher
+Natur mit der Wirtin eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend
+sein Glas Wein aus, und verständnisvoll zwinkernd versprach er ihr, den
+Chevalier – wenn auch nicht bereits morgen oder übermorgen – doch in
+jedem Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zurückzustellen. Casanova
+aber, plötzlich zerstreut und hastig, empfahl sich so kühl von seiner
+freundlichen Wirtin, daß sie ihm, schon am Wagenschlag, ein
+Abschiedswort ins Ohr flüsterte, das eben keine Liebkosung war.
+
+Während die beiden Männer die staubige, im sengenden Mittagsglanz
+daliegende Straße ins Land hinausfuhren, erzählte Olivo weitschweifig
+und wenig geordnet von seinen Lebensumständen: wie er bald nach seiner
+Verheiratung ein winziges Grundstück nahe der Stadt gekauft, einen
+kleinen Gemüsehandel angefangen; dann seinen Besitz allmählich erweitert
+und Landwirtschaft zu treiben begonnen; – wie er es endlich durch die
+eigne und seiner Gattin Tüchtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht,
+daß er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen Marazzani dessen
+altes, etwas verfallenes Schloß samt dazugehörigem Weingut käuflich zu
+erwerben imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem Grund mit
+Frau und Kindern behaglich, wenn auch keineswegs gräflich, eingerichtet
+habe. All dies aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertfünfzig
+Goldstücken, die seine Braut oder vielmehr deren Mutter von Casanova zum
+Geschenk erhalten habe; – ohne diese zauberkräftige Hilfe wäre sein Los
+wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen: ungezogne Rangen im
+Lesen und Schreiben zu unterweisen; wahrscheinlich wäre er auch ein
+alter Junggeselle und Amalie eine alte Jungfer geworden ... Casanova
+ließ ihn reden und hörte ihm kaum zu. Ihm zog das Abenteuer durch den
+Sinn, in das er damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern
+verstrickt gewesen war, und das, als das geringste von allen, seine
+Seele so wenig als seither seine Erinnerung beschäftigt hatte. Auf einer
+Reise von Rom nach Turin oder Paris – er wußte es selbst nicht mehr –
+während eines kurzen Aufenthalts in Mantua hatte er Amalia eines Morgens
+in der Kirche erblickt und, da ihm ihr hübsches blasses, etwas
+verweintes Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante Frage an sie
+gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle gegen ihn waren, hatte sie ihm
+gern ihr Herz aufgeschlossen, und so erfuhr er, daß sie, die selbst in
+dürftigen Verhältnissen lebte, in einen armen Schullehrer verliebt war,
+dessen Vater ebenso wie ihre Mutter zu einer so aussichtslosen
+Verbindung die Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erklärte
+sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine zu bringen. Er ließ sich
+vor allem mit Amaliens Mutter bekannt machen, und da diese als eine
+hübsche Witwe von sechsunddreißig Jahren auf Huldigungen noch Anspruch
+machen durfte, war Casanova bald so innig mit ihr befreundet, daß seine
+Fürsprache alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst ihre
+ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch Olivos Vater, ein
+heruntergekommener Kaufmann, seine Zustimmung nicht länger, insbesondre
+als Casanova, der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter
+vorgestellt wurde, sich großmütig verpflichtete, die Kosten der Hochzeit
+und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte
+nicht anders als dem edlen Gönner, der ihr erschienen war wie ein Bote
+aus einer andern höhern Welt, sich in einer Weise dankbar erzeigen, die
+das eigne Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer Hochzeit
+der letzten Umarmung Casanovas mit glühenden Wangen entrang, war ihr der
+Gedanke völlig fern, an ihrem Bräutigam, der sein Glück am Ende doch nur
+der Liebenswürdigkeit und dem Edelsinn des wunderbaren Fremden
+verdankte, ein Unrecht begangen zu haben. Ob Olivo von der
+außerordentlichen Erkenntlichkeit Amaliens gegenüber dem Wohltäter je
+durch ein Geständnis Kunde erhalten, ob er ihr Opfer vielleicht als ein
+selbstverständliches vorausgesetzt und ohne nachträgliche Eifersucht
+hingenommen hatte, oder ob ihm gar, was geschehen, bis heute ein
+Geheimnis geblieben war, – darum hatte Casanova sich niemals gekümmert
+und kümmerte sich auch heute nicht darum.
+
+Die Hitze stieg immer höher an. Der Wagen, schlecht gefedert und mit
+harten Kissen versehn, rumpelte und stieß zum Erbarmen, das dünnstimmig
+gutmütige Geschwätz Olivos, der nicht abließ, seinen Begleiter von der
+Ersprießlichkeit seines Bodens, der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau,
+der Wohlgeratenheit seiner Kinder und von dem vergnügt harmlosen Verkehr
+mit bäuerlicher und adliger Nachbarschaft zu unterhalten, begann
+Casanova zu langweilen, und ärgerlich fragte er sich, aus welchem
+Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen, die für ihn nichts
+als Unbequemlichkeiten und am Ende gar Enttäuschungen im Gefolge haben
+konnte. Er sehnte sich nach seinem kühlen Gasthofszimmer in Mantua, wo
+er zu dieser selben Stunde ungestört an seiner Schrift gegen Voltaire
+hätte weiterarbeiten können, – und schon war er entschlossen, beim
+nächsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde, auszusteigen, ein
+beliebiges Gefährt zu mieten und zurückzufahren, als Olivo ein lautes
+Holla he! hören ließ, nach seiner Art mit beiden Händen zu winken begann
+und, Casanova beim Arm packend, auf einen Wagen deutete, der neben dem
+ihren, zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben war.
+Von jenem andern aber sprangen, eines hinter dem andern, drei ganz junge
+Mädchen herunter, so daß das schmale Brett, das ihnen als Sitz gedient
+hatte, in die Höhe flog und umkippte. »Meine Töchter,« wandte sich
+Olivo, nicht ohne Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene
+machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: »Bleiben Sie nur sitzen,
+mein teurer Chevalier, in einer Viertelstunde sind wir am Ziel, und so
+lange können wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen. Maria,
+Nanetta, Teresina – seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter
+Freund eures Vaters, kommt nur näher, küßt ihm die Hand, denn ohne ihn
+wäret ihr« – er unterbrach sich und flüsterte Casanova zu: »Bald hätt’
+ich was Dummes gesagt.« Dann verbesserte er sich laut: »Ohne ihn wäre
+manches anders!« Die Mädchen, schwarzhaarig und dunkeläugig wie Olivo,
+und alle, auch die älteste, Teresina, noch von kindlichem Aussehn,
+betrachteten den Fremden mit ungezwungener, etwas bäurischer Neugier,
+und die jüngste, Maria, schickte sich, der väterlichen Weisung folgend,
+an, ihm allen Ernstes die Hand zu küssen; Casanova aber ließ es nicht
+zu, sondern nahm eins der Mädchen nach dem andern beim Kopf und küßte
+jedes auf beide Wangen. Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem
+jungen Burschen, der das Wägelchen mit den Kindern bis hierher gebracht
+hatte, worauf jener auf das Pferd einhieb und die Landstraße in der
+Richtung nach Mantua weiterfuhr.
+
+Die Mädchen nahmen Olivo und Casanova gegenüber unter Lachen und
+scherzhaftem Gezänk auf dem Rücksitz Platz; sie saßen eng
+aneinandergedrängt, redeten alle zugleich, und da ihr Vater gleichfalls
+zu sprechen nicht aufhörte, war es Casanova anfangs nicht leicht, ihren
+Worten zu entnehmen, was sie alle einander eigentlich zu erzählen
+hatten. Ein Name klang auf: der eines Leutnants Lorenzi; er sei, wie
+Teresina berichtete, vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten, habe für
+den Abend seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater
+schönstens grüßen. Ferner meldeten die Kinder, daß die Mutter anfangs
+gleichfalls beabsichtigt hätte, dem Vater entgegenzufahren; aber in
+Anbetracht der großen Hitze hatte sie’s doch vorgezogen, daheim bei
+Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch in den Federn gelegen, als
+man von Hause wegfuhr; und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten
+sie sie mit Beeren und Haselnüssen beworfen, sonst schliefe sie wohl
+noch zu dieser Stunde.
+
+»Das ist sonst nicht Marcolinens Art,« wandte sich Olivo an seinen Gast;
+»meistens sitzt sie schon um sechs Uhr oder noch früher im Garten und
+studiert bis zur Mittagszeit. Gestern freilich hatten wir Gäste, und es
+dauerte etwas länger als gewöhnlich; auch ein kleines Spielchen wurde
+gemacht, – nicht eins, wie es der Herr Chevalier gewöhnt sein mögen –
+wir sind harmlose Leute und wollen einander nicht das Geld abnehmen. Und
+da auch unser würdiger Abbate sich zu beteiligen pflegt, so können Sie
+sich wohl denken, Herr Chevalier, daß es nicht sehr sündhaft dabei
+zugeht.«
+
+Als vom Abbate die Rede war, lachten die Mädchen und hatten einander
+weiß Gott was zu erzählen, worüber es noch mehr zu lachen gab als
+vorher. Casanova aber nickte nur zerstreut; in der Phantasie sah er das
+Fräulein Marcolina, das er noch gar nicht kannte, in ihrem weißen Bette
+liegend, dem Fenster gegenüber, die Decke heruntergestreift, halb
+entblößten Leibes, mit schlaftrunknen Händen sich gegen die
+hereinfliegenden Beeren und Haselnüsse wehrend; – und eine törichte Glut
+flog durch seine Sinne. Daß Marcolina die Geliebte des Leutnants Lorenzi
+war, daran zweifelte er so wenig, als hätte er selbst sie beide in
+zärtlichster Umschlingung gesehn, und er war so bereit, den unbekannten
+Lorenzi zu hassen, als ihn nach der niemals geschauten Marcolina
+verlangte.
+
+Im zitternden Dunst des Mittags, über graugrünes Laubwerk emporragend,
+ward ein viereckiges Türmchen sichtbar. Bald bog der Wagen von der
+Landstraße auf einen Seitenweg; links stiegen Weinhügel gelinde an,
+rechts über den Rand einer Gartenmauer neigten sich Kronen uralter
+Bäume. Der Wagen hielt an einem Tor, dessen verwitterte Holzflügel weit
+offen standen, die Fahrgäste stiegen aus, der Kutscher, auf einen Wink
+Olivos, fuhr weiter, dem Stalle zu. Ein breiter Weg unter
+Kastanienbäumen führte zu dem Schlößchen, das sich auf den ersten
+Anblick etwas kahl, ja vernachlässigt darbot. Was Casanova vor allem ins
+Auge fiel, war ein zerbrochenes Fenster im ersten Stockwerk; ebenso
+entging es ihm nicht, daß die Umfassung auf der Plattform des breiten,
+aber niedern Turmes, der etwas plump auf dem Gebäude saß, da und dort
+abbröckelte. Hingegen zeigte die Haustüre eine edle Schnitzerei, und in
+den Flur tretend, erkannte Casanova sofort, daß das Innere des Hauses
+sich in einem wohlerhaltenen und jedenfalls weit bessern Zustand befand,
+als dessen Äußres hätte vermuten lassen.
+
+»Amalia,« rief Olivo laut, daß es von den gewölbten Mauern widerhallte.
+»Komm herunter so geschwind du kannst! Ich hab’ dir einen Gast
+mitgebracht, Amalia, und was für einen Gast!« – Aber Amalia war schon
+vorher oben auf der Stiege erschienen, ohne für die aus der vollen Sonne
+in das Dämmer Tretenden sofort sichtbar zu sein. Casanova, dessen
+scharfe Augen sich die Fähigkeit bewahrt hatten, selbst das Dunkel der
+Nacht zu durchdringen, hatte sie früher bemerkt als der Gatte. Er
+lächelte und fühlte zugleich, daß dieses Lächeln sein Antlitz jünger
+machte. Amalia war keineswegs fett geworden, wie er gefürchtet, sondern
+sah schlank und jugendlich aus. Sie hatte ihn gleich erkannt. »Welche
+Überraschung, welches Glück!« rief sie ohne jede Verlegenheit aus, eilte
+rasch die Stufen hinab und reichte Casanova zur Begrüßung die Wange,
+worauf dieser sie ohne weitres wie eine liebe Freundin umarmte. »Und ich
+soll wirklich glauben,« sagte er dann, »daß Maria, Nanetta und Teresina
+Ihre leiblichen Töchter sind, Amalia? Der Zeit nach möchte es zwar
+stimmen –« »Und allem übrigen nach auch,« ergänzte Olivo, »verlassen Sie
+sich darauf, Chevalier!« – »Dein Zusammentreffen mit dem Chevalier,«
+sagte Amalia mit einem erinnerungstrunknen Blick auf den Gast, »ist wohl
+an deiner Verspätung schuld, Olivo?« – »So ist es, Amalia, aber
+hoffentlich gibt es trotz der Verspätung noch etwas zu essen?« – »Wir
+haben uns natürlich nicht allein zu Tisch gesetzt, Marcolina und ich, so
+hungrig wir schon waren.« – »Und werden Sie sich nun,« fragte Casanova,
+»auch noch so lange gedulden, bis ich meine Kleider und mich selbst ein
+wenig vom Staub der Landstraße gereinigt habe?« – »Gleich will ich Ihnen
+Ihr Zimmer zeigen,« sagte Olivo, »und hoffe, Chevalier, Sie werden
+zufrieden sein, beinahe so zufrieden ...« er zwinkerte und fügte leise
+hinzu: »wie in Ihrem Gasthof zu Mantua, wenn es auch an mancherlei
+fehlen dürfte.« Er ging voraus, die Stiege zur Galerie hinauf, die sich
+rings um die Halle im Viereck zog, und von deren äußerstem Winkel eine
+schmale Holztreppe sich nach oben wand. In der Höhe angelangt, öffnete
+Olivo die Türe zum Turmgemach und, an der Schwelle stehenbleibend, wies
+er es Casanova mit vielen Komplimenten als bescheidenes Fremdenzimmer
+an. Eine Magd brachte den Mantelsack nach, entfernte sich mit Olivo, und
+Casanova stand allein in einem mäßigen, mit allem Notwendigen
+ausgestatteten, doch ziemlich kahlen Raum, durch dessen vier schmale
+hohe Bogenfenster sich ein weiter Blick nach allen Seiten auf die
+sonnbeglänzte Ebene mit grünen Weingeländen, bunten Fluren, gelben
+Feldern, weißen Straßen, hellen Häusern und dunklen Gärtchen darbot.
+Casanova kümmerte sich nicht weiter um die Aussicht und machte sich
+rasch fertig, nicht so sehr aus Hunger, als aus einer quälenden Neugier,
+Marcolina so bald als möglich von Angesicht zu Angesicht zu sehen; er
+wechselte nicht einmal das Gewand, weil er erst am Abend glänzender
+aufzutreten gedachte.
+
+Als er das im Erdgeschoß gelegene holzgetäfelte Speisezimmer betrat, sah
+er um den wohlbestellten Tisch außer dem Ehepaar und den drei Töchtern
+ein in mattschimmerndes, einfach herunterfließendes Grau gekleidetes
+Mädchen von zierlicher Gestalt sitzen, das ihn mit so unbefangenem Blick
+betrachtete, als wäre er jemand, der zum Hause gehörte oder doch schon
+hundertmal hier zu Gast gewesen. Daß sich in ihrem Blick nichts von
+jenem Leuchten zeigte, wie es ihn früher so oft begrüßt, auch wenn er
+als Nichtgekannter im berückenden Glanz seiner Jugend oder in der
+gefährlichen Schönheit seiner Mannesjahre erschienen war, das mußte
+Casanova freilich als eine längst nicht mehr neue Erfahrung hinnehmen.
+Aber auch in der letzten Zeit noch genügte meist die Nennung seines
+Namens, um auf Frauenlippen den Ausdruck einer verspäteten Bewunderung
+oder doch wenigstens ein leises Zucken des Bedauerns hervorzurufen, das
+gestand, wie gern man ihm ein paar Jahre früher begegnet wäre. Doch als
+ihn jetzt Olivo seiner Nichte als Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt
+vorstellte, lächelte sie nicht anders, als wenn man ihr irgendeinen
+gleichgültigen Namen genannt hätte, in dem kein Klang von Abenteuern und
+Geheimnissen verzitterte. Und selbst als er neben ihr Platz nahm, ihr
+die Hand küßte, und aus seinen Augen ein Funkenregen von Entzücken und
+Begier über sie niederging, verriet ihre Miene nichts von der leisen
+Befriedigung, die doch als bescheidene Antwort auf eine so glühende
+Huldigung zu erwarten gewesen wäre.
+
+Nach wenigen höflich einleitenden Worten ließ Casanova seine Nachbarin
+merken, daß er von ihren gelehrten Bestrebungen in Kenntnis gesetzt sei,
+und fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn besonders abgebe?
+Sie erwiderte, daß sie vor allem das Studium der höhern Mathematik
+betreibe, in das sie durch Professor Morgagni, den berühmten Lehrer an
+der Universität von Bologna, eingeführt worden sei. Casanova äußerte
+seine Verwunderung über ein solches bei anmutigen jungen Mädchen
+wahrlich ungewöhnliches Interesse an einem so schwierigen und dabei
+nüchternen Gegenstand, erhielt aber von Marcolina die Antwort, daß ihrer
+Ansicht nach die höhere Mathematik die phantastischeste, ja man könnte
+sagen, unter allen Wissenschaften die ihrer Natur nach wahrhaft
+göttliche vorstelle. Als Casanova sich über diese ihm ganz neue
+Auffassung eine nähere Erklärung erbitten wollte, wehrte Marcolina
+bescheiden ab und äußerte, daß es den Anwesenden, vor allem aber ihrem
+lieben Oheim, viel erwünschter sein dürfte, Näheres von den Erlebnissen
+eines vielgereisten Freundes zu erfahren, den er so lange nicht gesehn,
+als einem philosophischen Gespräch zuzuhören. Amalia schloß sich ihrer
+Anregung lebhaft an, und Casanova, immer gern bereit, Wünschen solcher
+Art nachzugeben, bemerkte leichthin, daß er in den letzten Jahren sich
+vorzüglich auf geheimen diplomatischen Sendungen befunden, die ihn, um
+nur die größern Städte zu nennen, zwischen Madrid, Paris, London,
+Amsterdam und Petersburg umhergetrieben. Er berichtete von Begegnungen
+und Unterhaltungen ernster und heitrer Art mit Männern und Frauen der
+verschiedensten Stände, auch des freundlichen Empfangs zu erwähnen
+vergaß er nicht, der ihm am Hof der Katharina von Rußland zuteil
+geworden, und sehr spaßhaft erzählte er, wie Friedrich der Große ihn
+beinahe zum Erzieher an einer Kadettenschule für pommersche Junker
+gemacht hatte; – eine Gefahr, der er sich allerdings durch rasche Flucht
+entzogen. Von all dem und manchem andern sprach er, als hätte es sich in
+einer eben erst verflossenen Zeit zugetragen und läge nicht in
+Wirklichkeit Jahre und Jahrzehnte zurück; mancherlei erfand er dazu,
+ohne sich seiner größern und kleinern Lügen selber recht bewußt zu
+werden, freute sich seiner eignen Laune wie der Teilnahme, mit der man
+ihm lauschte; und während er so erzählte und phantasierte, ward ihm
+fast, als wäre er in der Tat noch heute der glückverwöhnte,
+unverschämte, strahlende Casanova, der mit schönen Frauen durch die Welt
+gefahren, den weltliche und geistliche Fürsten mit hoher Gunst
+ausgezeichnet, der Tausende verschwendet, verspielt und verschenkt hatte
+– und nicht ein herabgekommener Schlucker, den ehemalige Freunde von
+England und Spanien her mit lächerlichen Summen unterstützten, – die
+indes auch manchmal ausblieben, so daß er auf die paar armseligen
+Geldstücke angewiesen war, die er dem Baron Perotti oder dessen Gästen
+abgewann; ja, er vergaß sogar, daß es ihm wie ein höchstes Ziel
+erschien, in der Vaterstadt, die ihn erst eingekerkert und nach seiner
+Flucht geächtet und verbannt hatte, als der geringste ihrer Bürger, als
+ein Schreiber, als ein Bettler, als ein Nichts – sein einst so
+prangendes Dasein zu beschließen.
+
+Auch Marcolina hörte ihm aufmerksam zu, aber mit keinem andern
+Ausdruck, als wenn man ihr etwa aus einem Buch leidlich unterhaltsame
+Geschichten vorläse. Daß ihr ein Mensch, ein Mann, daß ihr Casanova
+selbst, der all dies erlebt hatte und noch vieles andre, was er nicht
+erzählte, daß ihr der Geliebte von tausend Frauen gegenübersaß, – und
+daß sie das wußte, davon verrieten ihre Mienen nicht das geringste.
+Anders schimmerte es in Amaliens Augen. Für sie war Casanova derselbe
+geblieben, der er gewesen; ihr klang seine Stimme verführerisch wie vor
+sechzehn Jahren, und er selbst fühlte, daß es ihn nur ein Wort und kaum
+so viel kosten würde, das Abenteuer von damals, sobald es ihm beliebte,
+von neuem aufzunehmen. Doch was war ihm Amalia in dieser Stunde, da ihn
+nach Marcolina verlangte wie nach keiner vor ihr? Durch das mattglänzend
+sie umfließende Gewand glaubte er ihren nackten Leib zu sehen; die
+knospenden Brüste blühten ihm entgegen, und als sie sich einmal neigte,
+um ihr zu Boden geglittenes Taschentuch aufzuheben, legte Casanovas
+entflammte Phantasie ihrer Bewegung einen so lüsternen Sinn unter, daß
+er sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Daß er eine Sekunde lang
+unwillkürlich im Erzählen stockte, entging Marcolina so wenig, wie daß
+sein Blick seltsam zu flirren begann, und er las in dem ihren ein
+plötzliches Befremden, Verwahrung, ja eine Spur von Ekel. Rasch faßte
+er sich wieder und schickte sich eben an, seine Erzählung mit neuer
+Lebhaftigkeit fortzusetzen, als ein wohlbeleibter Geistlicher eintrat,
+der vom Hausherrn als der Abbate Rossi begrüßt und von Casanova sofort
+als derselbe erkannt wurde, mit dem er vor siebenundzwanzig Jahren auf
+einem Marktschiff zusammengetroffen war, das von Venedig nach Chioggia
+fuhr. »Sie hatten damals ein Auge verbunden,« sagte Casanova, der selten
+eine Gelegenheit vorübergehen ließ, mit seinem vorzüglichen Gedächtnis
+zu prunken, »und ein Bauernweib mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine
+heilkräftige Salbe, die ein junger, sehr heisrer Apotheker zufällig mit
+sich führte.« Der Abbate nickte und lächelte geschmeichelt. Dann aber,
+mit einem pfiffigen Gesicht, trat er ganz nahe an Casanova heran, als
+hätte er ihm ein Geheimnis mitzuteilen. Doch mit ganz lauter Stimme
+sagte er: »Und Sie, Herr Casanova, befanden sich in Begleitung einer
+Hochzeitsgesellschaft ... ich weiß nicht, ob als zufälliger Gast oder
+gar als Brautführer, jedenfalls sah die Braut Sie mit viel zärtlichern
+Augen an als den Bräutigam ... Ein Wind erhob sich, beinahe ein Sturm,
+und Sie begannen ein höchst verwegenes Gedicht vorzulesen.« – »Das tat
+der Chevalier gewiß nur,« sagte Marcolina, »um den Sturm zu
+beschwichtigen.« – »Solche Zaubermacht«, erwiderte Casanova, »traute
+ich mir niemals zu; allerdings will ich nicht leugnen, daß sich niemand
+mehr um den Sturm kümmerte, als ich zu lesen begonnen.«
+
+Die drei Mädchen hatten sich an den Abbate herangemacht. Sie wußten wohl
+warum. Denn seinen ungeheuren Taschen entnahm er köstliches Zuckerwerk
+in großen Mengen und schob es mit seinen dicken Fingern den Kindern
+zwischen die Lippen. Indes berichtete Olivo dem Abbate in aller
+Ausführlichkeit, wie er Casanova wiedergefunden. Wie verloren hielt
+Amalia auf die herrische braune Stirn des teuren Gastes ihren
+leuchtenden Blick geheftet. Die Kinder liefen in den Garten; Marcolina
+hatte sich erhoben und sah ihnen durchs offne Fenster nach. Der Abbate
+hatte Grüße vom Marchese Celsi zu bestellen, der, wenn es seine
+Gesundheit zuließe, heute abend samt Gemahlin bei seinem werten Freund
+Olivo erscheinen wollte. »Das trifft sich gut,« sagte dieser, »da haben
+wir gleich dem Chevalier zu Ehren eine hübsche kleine Spielgesellschaft;
+die Brüder Ricardi erwarte ich gleichfalls, und auch Lorenzi kommt; die
+Kinder sind ihm auf seinem Spazierritt begegnet.« – »Er ist noch immer
+da?« fragte der Abbate. »Schon vor einer Woche hieß es, er solle zu
+seinem Regiment abgehen.« – »Die Marchesa,« meinte Olivo lachend, »wird
+ihm beim Obersten einen Urlaub erwirkt haben.« – »Es wundert mich,«
+warf Casanova ein, »daß es für Mantueser Offiziere jetzt Urlaub gibt.«
+Und er erfand weiter: »Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua, der
+andre aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern in der Richtung
+gegen Mailand abmarschiert.« – »Gibt’s Krieg?« fragte Marcolina vom
+Fenster her; sie hatte sich umgewandt, die Züge ihres umschatteten
+Gesichts blieben undeutbar, – doch ein leises Beben ihrer Stimme hatte
+Casanova als einziger wohl gemerkt. »Es wird vielleicht zu nichts
+kommen,« sagte er leichthin. »Aber da die Spanier eine drohende Haltung
+einnehmen, heißt es bereit sein.« – »Weiß man denn überhaupt,« fragte
+Olivo wichtig und stirnrunzelnd, »auf welche Seite wir uns schlagen
+werden, auf die spanische oder auf die französische?« – »Das dürfte dem
+Leutnant Lorenzi gleich sein,« meinte der Abbate. »Wenn er nur endlich
+dazu kommt, sein Heldentum zu erproben.« – »Das hat er schon getan,«
+sagte Amalia. »Bei Pavia vor drei Jahren hat er mitgefochten.« Marcolina
+aber schwieg.
+
+Casanova wußte genug. Er trat an Marcolinens Seite und umfaßte den
+Garten mit einem großen Blick. Er sah nichts als die ausgedehnte wilde
+Wiese, auf der die Kinder spielten, und die von einer Reihe hoher
+dichter Bäume gegen die Mauer zu abgeschlossen war. »Was für ein
+prächtiger Besitz,« wandte er sich an Olivo. »Ich wäre neugierig, ihn
+näher kennenzulernen.« – »Und ich, Chevalier,« erwiderte Olivo, »wünsche
+mir kein größeres Vergnügen, als Sie über meine Weinberge und durch
+meine Felder zu führen. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, fragen Sie
+doch Amalia, in den Jahren, seit das kleine Gütchen mir gehört, hab’ ich
+mir nichts sehnlicher gewünscht, als Sie endlich auf meinem eignen Grund
+und Boden als Gast zu begrüßen. Zehnmal war ich daran, Ihnen zu
+schreiben, Sie einzuladen. Aber war man denn je sicher, daß eine
+Nachricht Sie erreichen würde? Erzählte einem irgendwer, man hätte Sie
+kürzlich in Lissabon gesehn – so konnte man sicher sein, daß Sie indes
+nach Warschau oder nach Wien abgereist waren. Und nun, da ich Sie wie
+durch ein Wunder eben in der Stunde wiederfinde, da Sie Mantua verlassen
+wollen, und es mir – es war nicht leicht, Amalia – gelingt, Sie
+hierherzulocken, da geizen Sie so mit Ihrer Zeit, daß Sie uns – möchten
+Sie es glauben, Herr Abbate – daß er uns nicht mehr als zwei Tage
+schenken will!« – »Der Chevalier wird sich vielleicht zu einer
+Verlängerung seines Aufenthalts überreden lassen,« sagte der Abbate, der
+eben mit viel Behagen eine Pfirsichschnitte im Mund zergehen ließ, und
+warf auf Amalia einen raschen Blick, aus dem Casanova zu entnehmen
+glaubte, daß sie den Abbate in tieferes Vertrauen gezogen hatte als
+ihren Gatten. – »Das wird mir leider nicht möglich sein,« erwiderte
+Casanova förmlich; »denn ich darf Freunden, die solchen Anteil an meinem
+Schicksal nehmen, nicht verhehlen, daß meine venezianischen Mitbürger im
+Begriffe sind, mir für das Unrecht, das sie mir vor Jahren zugefügt,
+eine etwas verspätete, aber um so ehrenvollere Genugtuung zu geben, und
+ich ihrem Drängen mich nicht länger werde versagen können, wenn ich
+nicht undankbar oder gar nachträgerisch erscheinen will.« Mit einer
+leichten Handbewegung wehrte er eine neugierig-ehrfurchtsvolle Frage ab,
+die er auf Olivos Lippen sich runden sah, und bemerkte rasch: »Nun,
+Olivo, ich bin bereit. Zeigen Sie mir Ihr kleines Königreich.«
+
+»Wär’ es nicht geratener,« warf Amalia ein, »dazu die kühlere Tageszeit
+abzuwarten? Der Chevalier wird jetzt gewiß lieber ein wenig ruhen oder
+sich im Schatten ergehen wollen?« Und aus ihren Augen schimmerte zu
+Casanova ein schüchternes Flehen hin, als müßte während eines solchen
+Lustwandelns draußen im Garten ihr Schicksal sich zum zweitenmal
+entscheiden. – Niemand hatte gegen Amaliens Vorschlag etwas einzuwenden,
+und man begab sich ins Freie. Marcolina, den andern voraus, lief im
+Sonnenschein über die Wiese zu den Kindern, die dort mit Federbällen
+spielten, und nahm sofort am Spiele teil. Sie war kaum größer als das
+älteste der drei Mädchen, und, wie ihr nun das freigelockte Haar um die
+Schultern flatterte, sah sie selber einem Kinde gleich. Olivo und der
+Abbate ließen sich in der Allee, in der Nähe des Hauses, auf einer
+steinernen Bank nieder. Amalia wandelte an Casanovas Seite weiter. Als
+sie von den andern nicht mehr gehört werden konnte, begann sie im
+Tonfall von einst, als wäre ihre Stimme für Casanova niemals in einem
+andern erklungen:
+
+»So bist du wieder da, Casanova! Wie hab’ ich diesen Tag ersehnt. Daß er
+einmal kommen würde, hab’ ich gewußt.« – »Es ist ein Zufall, daß ich da
+bin,« sagte Casanova kalt. Amalia lächelte nur. »Nenn’ es wie du willst.
+Du bist da! Ich habe in diesen sechzehn Jahren von nichts anderm
+geträumt als von diesem Tag!« – »Es ist anzunehmen,« entgegnete
+Casanova, »daß du im Laufe dieser Zeit von mancherlei anderm geträumt
+und – nicht nur geträumt hast.« Amalia schüttelte den Kopf. »Du weißt,
+daß es nicht so ist, Casanova. Und auch du hast meiner nicht vergessen,
+sonst hättest du, der du so eilig bist, nach Venedig zu gelangen, Olivos
+Einladung nicht angenommen!« – »Was denkst du eigentlich, Amalia? Ich
+sei hergekommen, um deinen guten Mann zum Hahnrei zu machen?« – »Warum
+sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir wieder gehöre, so ist es weder
+Betrug noch Sünde!« Casanova lachte laut auf. »Keine Sünde? Warum keine
+Sünde? Weil ich ein alter Mann bin?« – »Du bist nicht alt. Für mich
+kannst du es niemals werden. In deinen Armen hab’ ich meine erste
+Seligkeit genossen – und so ist es mir gewiß bestimmt, daß mir mit dir
+auch meine letzte zuteil wird!« – »Deine letzte?« wiederholte Casanova
+höhnisch, obwohl er nicht ganz ungerührt war, – »dagegen dürfte mein
+Freund Olivo wohl mancherlei einzuwenden haben.« – »Das,« erwiderte
+Amalia errötend, »das ist Pflicht – meinethalben sogar Vergnügen; aber
+Seligkeit ist es doch nicht ... war es niemals.«
+
+Sie gingen die Allee nicht zu Ende, als scheuten beide die Nähe des
+Wiesenplatzes, wo Marcolina und die Kinder spielten, – wie auf
+Verabredung kehrten sie um und waren bald wieder, schweigend, beim
+Wohnhaus angelangt. An der Schmalseite stand ein Fenster des
+Erdgeschosses offen. Casanova sah in der dämmernden Tiefe des Gemachs
+einen halbgerafften Vorhang, hinter dem das Fußende des Bettes sichtbar
+wurde. Über einem Stuhl daneben hing ein lichtes, schleierartiges
+Gewand. »Marcolinens Zimmer?« fragte Casanova. – Amalia nickte. Und zu
+Casanova anscheinend heiter und wie ohne jeden Verdacht: »Sie gefällt
+dir?« – »Da sie schön ist.« – »Schön und tugendhaft.« – Casanova zuckte
+die Achseln, als hätte er danach nicht gefragt. Dann sagte er: »Wenn du
+mich heute zum erstenmal sähest – ob ich dir wohl auch gefiele, Amalia?«
+– »Ich weiß nicht, ob du heute anders aussiehst als damals. Ich sehe
+dich – wie du damals warst. Wie ich dich seither immer, auch in meinen
+Träumen sah.« – »Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln meiner Stirn ...
+Die Falten meines Halses! Und die tiefe Rinne da von den Augen den
+Schläfen zu! Und hier – ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn,« – er
+riß den Mund grinsend auf. »Und diese Hände, Amalia! Sieh sie doch an!
+Finger wie Krallen ... kleine gelbe Flecken auf den Nägeln ... Und die
+Adern da – blau und geschwollen – Greisenhände, Amalia!« – Sie nahm
+seine beiden Hände, so wie er sie ihr wies, und im Schatten der Allee
+küßte sie eine nach der andern mit Andacht. »Und heute nacht will ich
+deine Lippen küssen,« sagte sie in einer demütig zärtlichen Art, die ihn
+erbitterte.
+
+Unweit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina im Gras, die Hände
+unter den Kopf gestützt, den Blick in die Höhe gewandt, und die Bälle
+der Kinder flogen über sie hin. Plötzlich streckte sie den einen Arm aus
+und haschte nach einem der Bälle. Sie fing ihn auf, lachte hell, die
+Kinder fielen über sie her, sie konnte sich ihrer nicht erwehren, ihre
+Locken flogen. Casanova bebte. »Du wirst weder meine Lippen noch meine
+Hände küssen,« sagte er zu Amalia, »und du sollst mich vergeblich
+erwartet und vergeblich von mir geträumt haben – es sei denn, daß ich
+vorher Marcolina besessen habe.« – »Bist du wahnsinnig, Casanova?« rief
+Amalia mit weher Stimme. – »So haben wir einander nichts vorzuwerfen,«
+sagte Casanova. »Du bist wahnsinnig, da du in mir altem Manne den
+Geliebten deiner Jugend wiederzusehen glaubst, ich, weil ich mir in den
+Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber vielleicht ist uns beiden
+beschieden, wieder zu Verstand zu kommen. Marcolina soll mich wieder
+jung machen – für dich. Also – führe meine Sache bei ihr, Amalia!« – »Du
+bist nicht bei dir, Casanova. Es ist unmöglich. Sie will von keinem Mann
+etwas wissen.« – Casanova lachte auf. »Und der Leutnant Lorenzi?« – »Was
+soll’s mit Lorenzi sein?« – »Er ist ihr Liebhaber, ich weiß es.« – »Wie
+du dich irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten, und sie hat sie
+ausgeschlagen. Und er ist jung – er ist schön – ja, fast glaub’ ich,
+schöner als du je gewesen bist, Casanova!« – »Er hätte um sie geworben?«
+– »Frage doch Olivo, wenn du mir nicht glaubst.« – »Nun, mir gilt’s
+gleich. Was geht’s mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne,
+Braut oder Witwe – ich will sie haben, ich will sie!« – »Ich kann sie
+dir nicht geben, mein Freund.« Und er fühlte aus dem Ton ihrer Stimme,
+daß sie ihn beklagte. »Nun siehst du,« sagte er, »was für ein
+schmählicher Kerl ich geworden bin, Amalia! Noch vor zehn – noch vor
+fünf Jahren hätt’ ich keinen Beistand und keine Fürsprache gebraucht,
+und wäre Marcolina die Göttin der Tugend selbst gewesen. Und nun will
+ich dich zur Kupplerin machen. Oder wenn ich reich wäre ... Ja, mit
+zehntausend Dukaten ... Aber ich habe nicht zehn. Ein Bettler bin ich,
+Amalia.« – »Auch für hunderttausend bekämst du Marcolina nicht. Was kann
+ihr am Reichtum liegen? Sie liebt die Bücher, den Himmel, die Wiesen,
+die Schmetterlinge und die Spiele mit Kindern ... Und mit ihrem kleinen
+Erbteil hat sie mehr als sie bedarf.« – »O, wär’ ich ein Fürst!« rief
+Casanova, ein wenig deklamierend, wie es zuweilen seine Art war, gerade
+wenn ihn eine echte Leidenschaft durchwühlte. »Hätt’ ich die Macht,
+Menschen ins Gefängnis werfen, hinrichten zu lassen ... Aber ich bin
+nichts. Ein Bettler – und ein Lügner dazu. Ich bettle bei den hohen
+Herrn in Venedig um ein Amt, um ein Stück Brot, um Heimat! Was ist aus
+mir geworden? Ekelt dich nicht vor mir, Amalia?« – »Ich liebe dich,
+Casanova!« – »So verschaffe sie mir, Amalia! Es steht bei dir, ich weiß
+es. Sag’ ihr, was du willst. Sag’ ihr, daß ich euch gedroht habe. Daß du
+mir zutraust, ich könnte euch das Dach über dem Hause anzünden! Sag’
+ihr, ich wär’ ein Narr, ein gefährlicher Narr, aus dem Irrenhaus
+entsprungen, aber die Umarmung einer Jungfrau könnte mich wieder gesund
+machen. Ja, das sag’ ihr.« – »Sie glaubt nicht an Wunder.« – »Wie? Nicht
+an Wunder? So glaubt sie auch nicht an Gott. Um so besser! Ich bin gut
+angeschrieben beim Erzbischof von Mailand! Sag’ ihr das! Ich kann sie
+verderben! Euch alle kann ich verderben. Das ist wahr, Amalia! Was sind
+es für Bücher, die sie liest? Gewiß sind auch solche darunter, die die
+Kirche verboten hat. Laß sie mich sehen. Ich will eine Liste
+zusammenstellen. Ein Wort von mir ...« – »Schweige, Casanova! Dort kommt
+sie. Verrate dich nicht! Nimm deine Augen in acht! Nie, Casanova, nie,
+höre wohl, was ich sage, nie hab’ ich ein reineres Wesen gekannt. Ahnte
+sie, was ich eben habe hören müssen, sie erschiene sich wie beschmutzt;
+und du würdest sie, solang du hier bist, mit keinem Blick mehr zu sehen
+bekommen. Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr – du wirst sie, du wirst
+_mich_ um Verzeihung bitten.«
+
+Marcolina, mit den Kindern, kam heran; diese liefen an ihr vorbei, ins
+Haus, sie selber aber, wie um dem Gast eine Höflichkeit zu erweisen,
+blieb vor ihm stehn, während Amalia, wie mit Absicht, sich entfernte.
+Und nun war es Casanova in der Tat, als wehte es ihm von diesen blassen,
+halb geöffneten Lippen, dieser glatten, von dunkelblondem, nun
+aufgestecktem Haar umrahmten Stirn wie ein Hauch von Herbheit und
+Keuschheit entgegen; – was er selten einer Frau, was er auch ihr
+gegenüber früher im geschlossnen Raum nicht verspürt – eine Art von
+Andacht, von Hingegebenheit ohne jedes Verlangen floß durch seine Seele.
+Und mit Zurückhaltung, ja in einem Ton von Ehrerbietung, wie man sie
+Höhergebornen gegenüber an den Tag zu legen liebt, und der ihr
+schmeicheln mußte, stellte er die Frage an sie, ob sie die kommenden
+Abendstunden wieder dem Studium zu widmen beabsichtige. Sie erwiderte,
+daß sie auf dem Land überhaupt nicht regelmäßig zu arbeiten pflege, doch
+könne sie’s nicht hindern, daß gewisse mathematische Probleme, mit denen
+sie sich eben beschäftige, ihr auch in den Ruhestunden nachgingen, wie
+es ihr eben jetzt begegnet sei, während sie auf der Wiese gelegen war
+und zum Himmel aufgesehn hatte. Doch als Casanova, durch ihre
+Freundlichkeit ermutigt, sich scherzend erkundigte, was denn dies für
+ein hohes und dabei so zudringliches Problem gewesen sei, entgegnete sie
+etwas spöttisch, es habe keineswegs das allergeringste mit jener
+berühmten Kabbala zu tun, in der der Chevalier von Seingalt, wie man
+sich erzähle, Bedeutendes leiste, und so würde er kaum viel damit
+anzufangen wissen. Es ärgerte ihn, daß sie von der Kabbala mit so
+unverhohlener Ablehnung sprach, und obwohl ihm selbst, in den freilich
+seltnen Stunden innerer Einkehr, bewußt war, daß jener eigentümlichen
+Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt, keinerlei Sinn und keine
+Berechtigung zukäme, daß sie in der Natur gewissermaßen gar nicht
+vorhanden, nur von Gaunern und Spaßmachern – welche Rolle er
+abwechselnd, aber immer mit Überlegenheit gespielt – zur Nasführung von
+Leichtgläubigen und Toren benutzt würde, so versuchte er jetzt doch
+gegen seine eigne bessre Überzeugung Marcolina gegenüber die Kabbala als
+vollgültige und ernsthafte Wissenschaft zu verteidigen. Er sprach von
+der göttlichen Natur der Siebenzahl, die sich so schon in der Heiligen
+Schrift angedeutet fände, von der tiefsinnig-prophetischen Bedeutung der
+Zahlenpyramiden, die er selbst nach einem neuen System aufzubauen
+gelehrt hatte, und von dem häufigen Eintreffen seiner auf diesem System
+beruhenden Voraussagen. Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in
+Amsterdam den Bankier Hope durch den Aufbau einer solchen Zahlenpyramide
+veranlaßt, die Versicherung eines schon verloren geglaubten
+Handelsschiffes zu übernehmen und ihn dadurch zweimalhunderttausend
+Goldgulden verdienen lassen? Noch immer war er so geschickt im Vortrag
+seiner schwindelhaft geistreichen Theorien, daß er auch diesmal, wie es
+ihm oft geschah, an all das Unsinnige zu glauben begann, das er vortrug,
+und sogar mit der Behauptung zu schließen sich getraute, die Kabbala
+stelle nicht so sehr einen Zweig als vielmehr die metaphysische
+Vollendung der Mathematik vor. Marcolina, die ihm bisher sehr aufmerksam
+und anscheinend ganz ernsthaft zugehört hatte, schaute nun plötzlich mit
+einem halb bedauernden, halb spitzbübischen Blick zu ihm auf und sagte:
+»Es liegt Ihnen daran, mein werter Herr Casanova« (sie schien ihn jetzt
+mit Absicht nicht »Chevalier« zu nennen), »mir eine ausgesuchte Probe
+von Ihrem weltbekannten Unterhaltungstalent zu geben, wofür ich Ihnen
+aufrichtig dankbar bin. Aber Sie wissen natürlich so gut wie ich, daß
+die Kabbala nicht nur nichts mit der Mathematik zu tun hat, sondern
+geradezu eine Versündigung an ihrem eigentlichen Wesen bedeutet; und
+sich zu ihr nicht anders verhält als das verworrene oder lügenhafte
+Geschwätz der Sophisten zu den klaren und hohen Lehren des Plato und des
+Aristoteles.« – »Immerhin,« erwiderte Casanova rasch, »werden Sie mir
+zugeben müssen, schöne und gelehrte Marcolina, daß auch die Sophisten
+keineswegs durchaus als so verächtliche und törichte Gesellen zu gelten
+haben, wie man nach Ihrem allzu strengen Urteil annehmen müßte. So wird
+man – um nur ein Beispiel aus der Gegenwart anzuführen – Herrn Voltaire
+seiner ganzen Denk- und Schreibart nach gewiß als das Muster eines
+Sophisten bezeichnen dürfen, und trotzdem wird es niemandem einfallen,
+auch mir nicht, der ich mich als seinen entschiedenen Gegner bekenne,
+ja, wie ich nicht leugnen will, eben damit beschäftigt bin, eine Schrift
+gegen ihn zu verfassen, auch mir fällt es nicht ein, seiner
+außerordentlichen Begabung die gebührende Anerkennung zu versagen. Und
+ich bemerke gleich, daß ich mich nicht etwa durch die übertriebene
+Zuvorkommenheit habe bestechen lassen, die mir Herr Voltaire bei
+Gelegenheit meines Besuchs in Ferney vor zehn Jahren zu erweisen die
+Güte hatte.« – Marcolina lächelte. »Das ist ja sehr hübsch von Ihnen,
+Chevalier, daß Sie den größten Geist des Jahrhunderts so milde zu
+beurteilen die Gewogenheit haben.« – »Ein großer Geist – der größte
+gar?« rief Casanova aus. »Ihn so zu nennen, scheint mir schon deshalb
+unstatthaft, weil er bei all seinem Genie ein gottloser Mensch, ja
+geradezu ein Gottesleugner ist. Und ein Gottesleugner kann niemals ein
+großer Geist sein.« »Meiner Ansicht nach, Herr Chevalier, bedeutet das
+durchaus keinen Widerspruch. Aber Sie werden vor allem zu beweisen
+haben, daß man Voltaire einen Gottesleugner nennen darf.« –
+
+Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten Kapitel seiner
+Streitschrift hatte er eine ganze Menge von Stellen aus Voltaires
+Werken, vor allem aus der berüchtigten »Pucelle« zusammengetragen, die
+ihm besonders geeignet schienen, dessen Ungläubigkeit zu beweisen; und
+die er nun dank seinem vorzüglichen Gedächtnis, zusammen mit seinen
+eigenen Gegenargumenten, wörtlich zu zitieren wußte. Aber in Marcolina
+hatte er eine Gegnerin gefunden, die ihm sowohl an Kenntnissen wie an
+Geistesschärfe wenig nachgab und ihm überdies, wenn auch nicht an
+Redegewandtheit, so doch an eigentlicher Kunst und insbesondre an
+Klarheit des Ausdrucks weit überlegen war. Die Stellen, die Casanova als
+Beweise für die Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit Voltaires
+auszulegen versucht hatte, deutete Marcolina gewandt und schlagfertig
+als ebenso viele Zeugnisse für des Franzosen wissenschaftliches und
+schriftstellerisches Genie, sowie für sein unermüdlich heißes Streben
+nach Wahrheit, und sie sprach es ungescheut aus, daß Zweifel, Spott, ja
+daß der Unglaube selbst, wenn er mit so reichem Wissen, solch
+unbedingter Ehrlichkeit und solch hohem Mut verbunden sei, Gott
+wohlgefälliger sein müsse als die Demut des Frommen, hinter der sich
+meist nichts andres verberge, als eine mangelhafte Fähigkeit,
+folgerichtig zu denken, ja oftmals – wofür es an Beispielen nicht fehle
+– Feigheit und Heuchelei.
+
+Casanova hörte ihr mit wachsendem Staunen zu. Da er sich außerstande
+fühlte, Marcolina zu bekehren, um so weniger, als er immer mehr
+erkannte, wie sehr eine gewisse schwankende Seelenstimmung seiner
+letzten Jahre, die er als Gläubigkeit aufzufassen sich gewöhnt hatte,
+durch Marcolinens Einwürfe sich völlig aufzulösen drohte, so rettete er
+sich in die allgemein gehaltene Betrachtung, daß Ansichten, wie
+Marcolina sie eben ausgesprochen, nicht nur die Ordnung im Bereich der
+Kirche, sondern daß sie auch die Grundlagen des Staates in hohem Grade
+zu gefährden geeignet seien, und sprang von hier aus gewandt auf das
+Gebiet der Politik über, wo er mit seiner Erfahrung und Weltläufigkeit
+eher darauf rechnen konnte, Marcolinen gegenüber eine gewisse
+Überlegenheit zu zeigen. Aber wenn es ihr hier auch an Personenkenntnis
+und Einblick in das höfisch-diplomatische Getriebe gebrach und sie
+darauf verzichten mußte, Casanova im einzelnen zu widersprechen, auch wo
+sie der Verläßlichkeit seiner Darstellung zu mißtrauen Neigung
+verspürte; – aus ihren Bemerkungen ging unwidersprechlich für ihn
+hervor, daß sie weder vor den Fürsten dieser Erde noch vor den
+Staatsgebilden als solchen sonderliche Achtung hegte und der
+Überzeugung war, daß die Welt im Kleinen wie im Großen von Eigennutz und
+Herrschsucht nicht so sehr regiert, als vielmehr in Verwirrung gebracht
+werde. Einer solchen Freiheit des Denkens war Casanova bisher nur selten
+bei Frauen, bei einem jungen Mädchen gar, das gewiß noch keine zwanzig
+Jahre zählte, war er ihr noch nie begegnet; und nicht ohne Wehmut
+erinnerte er sich, daß sein eigener Geist in vergangenen Tagen, die
+schöner waren als die gegenwärtigen, mit einer bewußten und etwas
+selbstzufriedenen Kühnheit die gleichen Wege gegangen war, die er nun
+Marcolina beschreiten sah, ohne daß diese sich ihrer Kühnheit überhaupt
+bewußt zu werden schien. Und ganz hingenommen von der Eigenart ihrer
+Denk- und Ausdrucksweise vergaß er beinahe, daß er an der Seite eines
+jungen, schönen und höchst begehrenswerten Wesens einherwandelte, was um
+so verwunderlicher war, als er sich mit ihr ganz allein in der nun
+völlig durchschatteten Allee, ziemlich weit vom Wohnhaus, befand.
+Plötzlich aber, sich in einem eben begonnenen Satz unterbrechend, rief
+Marcolina lebhaft, ja wie freudig aus: »Da kommt mein Oheim!« ... Und
+Casanova, als hätte er Versäumtes nachzuholen, flüsterte ihr zu: »Wie
+schade. Gar zu gerne hätte ich mich noch stundenlang mit Ihnen weiter
+unterhalten, Marcolina!« – Er fühlte selbst, wie während dieser Worte
+in seinen Augen die Begier von neuem aufzuleuchten begann, worauf
+Marcolina, die in dem abgelaufenen Gespräch in aller Spöttelei sich fast
+zutraulich gegeben, sofort wieder eine kühlere Haltung annahm, und ihr
+Blick die gleiche Verwahrung, ja den gleichen Widerwillen ausdrückte,
+der Casanova heute schon einmal so tief verletzt hatte. Bin ich wirklich
+so verabscheuungswürdig? fragte er sich angstvoll. Nein, gab er sich
+selbst zur Antwort. Nicht das ist’s. Aber Marcolina – ist kein Weib.
+Eine Gelehrte, eine Philosophin, ein Weltwunder meinethalben – aber kein
+Weib. – Doch er wußte zugleich, daß er sich so nur selbst zu belügen, zu
+trösten, zu retten versuchte, und daß diese Versuche vergeblich waren.
+Olivo stand vor ihnen. »Nun,« meinte er zu Marcolina, »hab’ ich das
+nicht gut gemacht, daß ich dir endlich jemanden ins Haus gebracht habe,
+mit dem sich’s so klug reden läßt, wie du’s von deinen Professoren in
+Bologna her gewohnt sein magst?« – »Und nicht einmal unter diesen,
+liebster Oheim,« erwiderte Marcolina, »gibt es einen, der es sich
+getrauen dürfte, Voltaire selbst zum Zweikampf herauszufordern!« – »Ei,
+Voltaire? Der Chevalier fordert ihn heraus?« rief Olivo ohne zu
+verstehen. – »Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht von der Streitschrift,
+die mich in der letzten Zeit beschäftigt. Liebhaberei für müßige
+Stunden. Früher hatte ich Gescheiteres zu tun.« Marcolina, ohne auf
+diese Bemerkung zu achten, sagte: »Sie werden eine angenehme kühle Luft
+für Ihren Spaziergang haben. Auf Wiedersehen.« Sie nickte kurz und eilte
+über die Wiese dem Hause zu. Casanova hielt sich davor zurück, ihr
+nachzublicken und fragte: »Wird uns Frau Amalia begleiten?« – »Nein,
+mein werter Chevalier,« erwiderte Olivo, »sie hat allerlei im Hause zu
+besorgen und anzuordnen – und jetzt ist auch die Stunde, in der sie die
+Mädchen zu unterrichten pflegt.« – »Was für eine tüchtige, brave
+Hausfrau und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo!« – »Ja, das sag’ ich
+mir selbst alle Tage,« entgegnete Olivo, und die Augen wurden ihm
+feucht.
+
+Sie gingen die Schmalseite des Hauses entlang. Das Fenster Marcolinens
+stand offen, wie vorher; aus dem dämmernden Grund des Gemachs schimmerte
+das schleierartige helle Gewand. Durch die breite Kastanienallee
+gelangten sie auf die Straße, die schon völlig im Schatten lag. Langsam
+gingen sie aufwärts längs der Gartenmauer; wo sie im rechten Winkel
+umbog, begann das Weingelände. Zwischen den hohen Stöcken, an denen
+schwere dunkelblaue Beeren hingen, führte Olivo seinen Gast zur Höhe,
+und deutete mit einer behaglich zufriedenen Handbewegung nach seinem
+Haus zurück, das nun ziemlich tief unter ihnen lag. Im Fensterrahmen
+des Turmgemachs glaubte Casanova eine weibliche Figur auf und nieder
+schweben zu sehen.
+
+Die Sonne neigte sich dem Untergang zu; aber noch war es heiß genug.
+Über Olivos Wangen rannen die Schweißtropfen, während Casanovas Stirne
+vollkommen trocken blieb. Allmählich weiter und nun nach abwärts
+schreitend kamen sie auf üppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum
+andern rankte sich das Geäst der Reben, zwischen den Baumreihen wiegten
+sich die hohen gelben Ähren. – »Segen der Sonne,« sagte Casanova wie
+anerkennend, »in tausendfältiger Gestalt.« Olivo erzählte wieder und mit
+noch größerer Ausführlichkeit als vorher, wie er nach und nach diesen
+schönen Besitz erworben, und wie ein paar glückliche Ernte- und Lesejahre
+ihn zum wohlhabenden, ja zum reichen Manne gemacht. Casanova aber hing
+seinen eigenen Gedanken nach und griff nur selten ein Wort Olivos auf,
+um durch irgendeine höfliche Zwischenfrage seine Aufmerksamkeit zu
+beweisen. Erst als Olivo, von allem möglichen schwatzend, auf seine
+Familie und endlich auf Marcolina geraten war, horchte Casanova auf.
+Aber er erfuhr nicht viel mehr, als er schon vorher gewußt hatte. Da sie
+schon als Kind, noch im Hause ihres Vaters, der Olivos Stiefbruder, früh
+verwitwet und Arzt in Bologna gewesen war, durch die zeitig erwachenden
+Fähigkeiten ihres Verstandes ihre Umgebung in Erstaunen gesetzt, hatte
+man indes Muße genug gehabt, sich an ihre Art zu gewöhnen. Vor wenigen
+Jahren war ihr Vater gestorben, und seither lebte sie in der Familie
+eines berühmten Professors der hohen Schule von Bologna, eben jenes
+Morgagni, der sich vermaß, seine Schülerin zu einer großen Gelehrten
+heranzubilden; in den Sommermonaten war sie stets beim Oheim zu Gaste.
+Eine Anzahl Bewerbungen um ihre Hand, die eines Bologneser Kaufmanns,
+die eines Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, und zuletzt die des
+Leutnant Lorenzi habe sie zurückgewiesen und scheine tatsächlich
+gewillt, ihr Dasein völlig dem Dienst der Wissenschaft zu widmen.
+Während Olivo dies erzählte, fühlte Casanova sein Verlangen ins
+Ungemessene wachsen, und die Einsicht, daß es so töricht als
+hoffnungslos war, brachte ihn der Verzweiflung nahe. Eben als sie aus
+dem Feld- und Wiesenland auf die Fahrstraße traten, erschallte ihnen aus
+einer Staubwolke, die sich näherte, Rufen und Grüßen entgegen. Ein Wagen
+wurde sichtbar, in dem ein vornehm gekleideter älterer Herr an der Seite
+einer etwas jüngern üppigen und geschminkten Dame saß. »Der Marchese,«
+flüsterte Olivo seinem Begleiter zu, »er ist auf dem Wege zu mir.«
+
+Der Wagen hielt. »Guten Abend, mein trefflicher Olivo,« rief der
+Marchese, »darf ich Sie bitten, mich mit dem Chevalier von Seingalt
+bekannt zu machen? Denn ich zweifle nicht, daß ich das Vergnügen habe,
+mich ihm gegenüber zu sehen.« – Casanova verbeugte sich leicht. »Ich bin
+es,« sagte er. – »Und ich der Marchese Celsi, – hier die Marchesa, meine
+Gattin.« Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen; er berührte sie
+mit den Lippen.
+
+»Nun, mein bester Olivo,« sagte der Marchese, dessen wachsgelbes
+schmales Antlitz durch die über den stechenden grünlichen Augen
+zusammengewachsenen dichten roten Brauen ein nicht eben freundliches
+Ansehen erhielt, – »mein bester Olivo, wir haben denselben Weg, nämlich
+zu Ihnen. Und da es kaum ein Viertelstündchen bis dahin ist, will ich
+aussteigen und mit Ihnen zu Fuß gehen. Du hast wohl nichts dagegen, die
+kleine Strecke allein zu fahren,« wandte er sich an die Marchesa, die
+Casanova die ganze Zeit über mit lüstern prüfenden Augen betrachtet
+hatte; gab, ohne die Antwort seiner Gattin abzuwarten, dem Kutscher
+einen Wink, worauf dieser sofort wie toll auf die Pferde einhieb, als
+käme es ihm aus irgendeinem Grund darauf an, seine Herrin möglichst
+geschwind davonzubringen; und gleich war der Wagen hinter einer
+Staubwolke verschwunden.
+
+»Man weiß nämlich schon in unsrer Gegend,« sagte der Marchese, der noch
+ein paar Zoll höher als Casanova und von einer unnatürlichen Magerkeit
+war, »daß der Chevalier von Seingalt hier angekommen und bei seinem
+Freund Olivo abgestiegen ist. Es muß ein erhebendes Gefühl sein, einen
+so berühmten Namen zu tragen.«
+
+»Sie sind sehr gütig, Herr Marchese,« erwiderte Casanova, »ich habe
+allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen
+zu erwerben, finde mich aber vorläufig davon noch recht weit entfernt. –
+Eine Arbeit, mit der ich eben beschäftigt bin, wird mich meinem Ziele
+hoffentlich etwas näher bringen.«
+
+»Wir können den Weg hier abkürzen,« sagte Olivo und schlug einen Feldweg
+ein, der gerade auf die Mauer seines Gartens zuführte. – »Arbeit?«
+wiederholte der Marchese mit einem unbestimmten Ausdruck. »Darf man
+fragen, von welcher Art von Arbeit Sie sprechen, Chevalier?« – »Wenn Sie
+mich danach fragen, Herr Marchese, so sehe ich mich genötigt,
+meinerseits an Sie die Frage zu richten, von was für einer Art von Ruhm
+Sie vorhin geredet haben?« Dabei sah er dem Marchese hochmütig in die
+stechenden Augen. Denn wenn er auch sehr wohl wußte, daß weder sein
+phantastischer Roman »Icosameron«, noch seine dreibändige »Widerlegung
+von Amelots Geschichte der venezianischen Regierung« ihm nennenswerten
+schriftstellerischen Ruhm eingebracht hatten, es lag ihm daran, für
+sich keinen andern als erstrebenswert gelten zu lassen, und er
+mißverstand absichtlich alle weiteren vorsichtig tastenden Bemerkungen
+und Anspielungen des Marchese, der sich unter Casanova wohl einen
+berühmten Frauenverführer, Spieler, Geschäftsmann, politischen Emissär
+und sonst alles mögliche, nur durchaus keinen Schriftsteller
+vorzustellen imstande war, um so weniger, als weder von der Widerlegung
+des Amelotischen Werkes noch von dem »Icosameron« jemals eine Kunde zu
+ihm gedrungen war. So bemerkte er endlich mit einer gewissen höflichen
+Verlegenheit: »Immerhin gibt es nur einen Casanova.« – »Auch das ist ein
+Irrtum, Herr Marchese,« entgegnete Casanova kalt. »Ich habe Geschwister,
+und der Name eines meiner Brüder, des Malers Francesco Casanova, dürfte
+einem Kenner nicht fremd klingen.«
+
+Es zeigte sich, daß der Marchese auch auf diesem Gebiete nicht zu den
+Kennern gehörte, und so lenkte er das Gespräch auf Bekannte, die ihm in
+Neapel, Rom, Mailand und Mantua wohnten, und von denen er annehmen
+konnte, daß Casanova mit ihnen gelegentlich zusammengetroffen war. In
+diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen des Barons Perotti, doch in
+einigermaßen verächtlichem Tone, und Casanova mußte zugestehen, daß er
+manchmal im Hause des Barons ein kleines Spiel zu machen pflege – »zur
+Zerstreuung,« setzte er hinzu, – »ein halbes Stündchen vor dem
+Schlafengehen. Im übrigen hab’ ich diese Art von Zeitvertreib so
+ziemlich aufgegeben.« – »Das täte mir leid,« sagte der Marchese, »denn
+ich will Ihnen nicht verhehlen, Herr Chevalier, daß es ein Traum meines
+Lebens war, mich mit Ihnen zu messen – sowohl im Spiel als – in jüngern
+Jahren – auch auf andern Gebieten. Denken Sie übrigens, daß ich – wie
+lange mag es her sein? – daß ich in Spa genau an dem Tage, ja in der
+Stunde ankam, als Sie es verließen. Unsre Wagen fuhren aneinander
+vorüber. Und in Regensburg widerfuhr mir ein ähnliches Mißgeschick. Dort
+bewohnte ich sogar das Zimmer, das Sie eine Stunde vorher verlassen
+hatten.« – »Es ist ein rechtes Unglück,« sagte Casanova, immerhin ein
+wenig geschmeichelt, »daß man einander manchmal zu spät im Leben
+begegnet.« – »Es ist noch nicht zu spät,« rief der Marchese lebhaft. »In
+Hinsicht auf mancherlei andres will ich mich gern im vorhinein
+geschlagen geben, und es kümmert mich wenig, – aber was das Spiel
+anbelangt, mein lieber Chevalier, so sind wir beide vielleicht gerade in
+den Jahren –«
+
+Casanova unterbrach ihn: »In den Jahren – mag sein. Aber leider kann ich
+gerade auf dem Gebiet des Spiels nicht mehr auf das Vergnügen Anspruch
+erheben, mich mit einem Partner Ihres Ranges messen zu dürfen – weil
+ich« – und dies sagte er im Ton eines entthronten Fürsten – »weil ich es
+mit all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis heute nicht viel
+weiter als bis zum Bettler gebracht habe.«
+
+Der Marchese schlug unwillkürlich vor Casanovas stolzem Blick die Augen
+nieder und schüttelte dann nur ungläubig, wie zu einem sonderbaren Spaß,
+den Kopf. Olivo aber, der dem ganzen Gespräch mit Spannung gelauscht und
+die gewandt überlegenen Antworten seines außerordentlichen Freundes mit
+beifälligem Nicken begleitet hatte, vermochte eine Bewegung des
+Erschreckens kaum zu unterdrücken. Sie standen eben alle an der
+rückwärtigen Gartenmauer vor einer schmalen Holztür, und während Olivo
+sie mit einem kreischenden Schlüssel öffnete und den Marchese voraus in
+den Garten treten ließ, flüsterte er Casanova zu, ihn beim Arm fassend:
+»Sie werden Ihr letztes Wort zurücknehmen, Chevalier, ehe Sie den Fuß
+wieder in mein Haus setzen. Das Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren
+schulde, liegt bereit. Ich wagte nur nicht ... Fragen Sie Amalia ...
+Abgezählt liegt es bereit. Beim Abschied wollte ich mir erlauben –«
+Casanova unterbrach ihn sanft. »Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo.
+Die paar Goldstücke waren – Sie wissen es wohl – ein Hochzeitsgeschenk,
+das ich, als Freund von Amaliens Mutter ... Doch wozu überhaupt davon
+reden. Was sollen mir die paar Dukaten? Ich stehe an einer Wende meines
+Schicksals,« setzte er absichtlich laut hinzu, so daß ihn der Marchese,
+der nach ein paar Schritten stehengeblieben war, hören konnte. Olivo
+tauschte einen Blick mit Casanova, um sich seiner Zustimmung zu
+versichern, dann bemerkte er zum Marchese: »Der Chevalier ist nämlich
+nach Venedig zurückberufen und reist in wenigen Tagen nach seiner
+Vaterstadt ab.« – »Vielmehr,« bemerkte Casanova, während sie alle sich
+dem Hause näherten, »man ruft bereits seit geraumer Zeit nach mir und
+immer dringender. Aber ich finde, die Herren Senatoren haben sich lange
+genug Zeit gelassen. Mögen nun sie sich in Geduld fassen.« – »Ein
+Stolz,« sagte der Marchese, »zu dem Sie im höchsten Maße berechtigt
+sind, Chevalier!«
+
+Als sie aus der Allee auf die Wiese hinaustraten, die nun schon völlig
+im Schatten dalag, sahen sie, dem Hause nahe, die kleine Gesellschaft
+versammelt, von der sie erwartet wurden. Alle erhoben sich, um ihnen
+entgegenzugehen, zuerst der Abbate, zwischen Marcolina und Amalia; ihnen
+folgte die Marchesa, ihr zur Seite ein hochgewachsener bartloser junger
+Offizier in roter silberverschnürter Uniform und glänzenden
+Reiterstiefeln, der kein andrer sein konnte als Lorenzi. Wie er zu der
+Marchesa sprach, ihre weißen gepuderten Schultern mit dem Blicke
+streifend als eine wohlbekannte Probe von nicht minder bekannten
+hübschen Dingen; noch mehr die Art, wie die Marchesa mit
+halbgeschlossenen Lidern lächelnd zu ihm aufsah, konnte auch weniger
+Erfahrene über die Natur der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen
+nicht in Zweifel lassen; sowie auch darüber, daß sie keinen Wert darauf
+legten, sie vor irgend jemandem geheimzuhalten. Sie unterbrachen ihr
+leises aber lebhaftes Gespräch erst, als sie den Herankommenden schon
+gegenüberstanden.
+
+Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor. Die beiden maßen sich
+mit einem kurzen kalten Blick, in dem sie sich gegenseitig ihrer
+Abneigung zu versichern schienen, dann lächelten sie beide flüchtig und
+verneigten sich, ohne einander die Hände zu reichen, da jeder zu diesem
+Zweck dem andern hätte einen Schritt entgegentreten müssen. Lorenzi war
+schön, von schmalem Antlitz und in Anbetracht seiner Jugend auffallend
+scharfen Zügen; im Hintergrund seiner Augen schillerte irgend etwas
+Unfaßbares, das den Erfahrenen zur Vorsicht mahnen mußte. Nur eine
+Sekunde lang überlegte Casanova, an wen ihn Lorenzi erinnerte. Dann
+wußte er, daß es sein eigenes Bild war, das ihm, um dreißig Jahre
+verjüngt, hier entgegentrat. Bin ich etwa in seiner Gestalt
+wiedergekehrt? fragte er sich. Da müßte ich doch vorher gestorben sein
+... Und es durchbebte ihn: Bin ich’s denn nicht seit lange? Was ist denn
+noch an mir von dem Casanova, der jung, schön und glücklich war?
+
+Er hörte Amaliens Stimme. Sie fragte ihn, wie aus der Ferne, obzwar sie
+neben ihm stand, wie ihm der Spaziergang behagt habe, worauf er sich
+laut, so daß es alle hören konnten, mit höchster Anerkennung über den
+fruchtbaren wohlgepflegten Besitz aussprach, den er mit Olivo
+durchwandert hatte. Indes deckte die Magd auf der Wiese einen länglichen
+Tisch, die zwei älteren Töchter Olivos waren ihr dabei behilflich, indem
+sie aus dem Hause Geschirr, Gläser und was sonst nötig war, mit viel
+Gekicher und Getu herbeischafften. Mählich brach die Dämmerung ein; ein
+leise kühlender Wind strich durch den Garten. Marcolina eilte an den
+Tisch, um zu vollenden, was die Kinder im Verein mit der Magd begonnen,
+und zu verbessern, was sie verfehlt hatten. Die übrigen ergingen sich
+zwanglos auf der Wiese und in den Alleen. Die Marchesa erwies Casanova
+viele Höflichkeit, auch wünschte sie von ihm die berühmte Geschichte
+seiner Flucht aus den Bleikammern von Venedig zu vernehmen, wenngleich
+ihr keineswegs unbekannt sei – wie sie mit vieldeutigem Lächeln
+hinzufügte –, daß er weit gefährlichere Abenteuer bestanden, die zu
+erzählen freilich bedenklicher sein möchte. Casanova erwiderte: wenn er
+auch mancherlei ernste und heitere Beschwernis mitgemacht – gerade
+dasjenige Leben, dessen Sinn und eigentliches Wesen die Gefahr bedeute,
+habe er niemals so recht kennengelernt; denn wenn er auch ein paar
+Monate lang in unruhigen Zeiten Soldat gewesen, vor vielen Jahren, auf
+der Insel Korfu, – gab es denn einen Beruf auf Erden, in den ihn das
+Schicksal nicht verschlagen?! – er habe nie das Glück gehabt, einen
+wirklichen Feldzug mitzumachen, wie das nun dem Herrn Leutnant Lorenzi
+bevorstünde, und worum er ihn fast beneiden möchte. – »Da wissen Sie
+mehr als ich, Herr Casanova,« sagte Lorenzi mit einer hellen und frechen
+Stimme – »und sogar mehr als mein Oberst, denn ich habe eben
+Verlängerung meines Urlaubs auf unbestimmte Zeit erhalten.« –
+»Wahrhaftig!« rief der Marchese mit unbeherrschtem Grimme, und höhnisch
+setzte er hinzu: »Und denken Sie nur, Lorenzi, wir – meine Gattin
+vielmehr, hatte schon so sicher auf Ihre Abreise gerechnet, daß sie für
+Anfang nächster Woche einen unsrer Freunde, den Sänger Baldi, auf unser
+Schloß einlud.« – »Das trifft sich gut,« entgegnete Lorenzi unbeirrt,
+»Baldi und ich sind gute Freunde, wir werden uns vertragen. Nicht wahr?«
+wandte er sich an die Marchesa und ließ seine Zähne blitzen. – »Ich
+würde es Ihnen beiden raten,« meinte die Marchesa mit einem heitern
+Lächeln.
+
+Mit diesen Worten nahm sie als erste am Tische Platz; ihr zur Seite
+Olivo, an ihrer andern Lorenzi. Ihnen gegenüber saß Amalia zwischen dem
+Marchese und Casanova; neben diesem an einem schmalen Tischende
+Marcolina; am andern, neben Olivo, der Abbate. Es war wie mittags ein
+einfaches und dabei höchst schmackhaftes Mahl. Die zwei älteren Töchter
+des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die Schüsseln und schenkten
+von dem trefflichen Wein, der auf Olivos Hügeln wuchs; und sowohl der
+Marchese wie der Abbate dankten den Mädchen mit scherzhaft derben
+Liebkosungen, die ein gestrengerer Vater als Olivo sich vielleicht
+verbeten hätte. Amalia schien nichts zu bemerken; sie war blaß, blickte
+trüb und sah aus wie eine Frau, die entschlossen ist, alt zu werden,
+weil das Jungsein jeden Sinn für sie verloren hat. Ist dies nun meine
+ganze Macht? dachte Casanova bitter, sie von der Seite betrachtend. Doch
+vielleicht war es die Beleuchtung, die Amaliens Züge so traurig
+veränderte. Es fiel nämlich nur ein breiter Strahl von Licht aus dem
+Innern des Hauses auf die Gäste; im übrigen ließ man sich’s am
+Dämmerschein des Himmels genügen. In scharfen schwarzen Linien schlossen
+die Baumwipfel alle Aussicht ab, und Casanova fühlte sich an irgendeinen
+geheimnisvollen Garten erinnert, in dem er vor vielen Jahren
+nächtlicherweile eine Geliebte erwartet hatte. »Murano,« flüsterte er
+vor sich hin und erbebte; dann sprach er laut: »Es gibt einen Garten auf
+einer Insel nahe von Venedig, einen Klostergarten, den ich vor etlichen
+Jahrzehnten zum letztenmal betreten habe; – in dem duftete es nachts
+gerade so, wie heute hier.« – »Sie sind wohl auch einmal Mönch gewesen?«
+fragte die Marchesa scherzend. – »Beinahe,« erwiderte Casanova lächelnd
+und erzählte wahrheitsgemäß, daß ihm als einem fünfzehnjährigen Knaben
+der Patriarch von Venedig die niederen Weihen verliehen, daß er aber
+schon als Jüngling vorgezogen habe, das geistliche Gewand wieder
+abzulegen. Der Abbate tat eines nahegelegenen Frauenklosters Erwähnung,
+zu dessen Besuch er Casanova dringend rate, falls er es noch nicht
+kennen sollte. Olivo stimmte lebhaft zu; er rühmte den düstern alten
+Bau, die anmutige Gegend, in der er gelegen war, den abwechslungsreichen
+Weg dahin. Übrigens, fuhr der Abbate fort, habe die Äbtissin, Schwester
+Seraphina, – eine höchst gelehrte Frau, Herzogin von Geburt – in einem
+Brief an ihn den Wunsch geäußert (schriftlich darum, weil in jenem
+Kloster das Gelübde ewigen Schweigens herrsche), Marcolina, von deren
+Gelehrsamkeit sie erfahren, von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. –
+»Ich hoffe, Marcolina,« sagte Lorenzi, und es war das erstemal, daß er
+das Wort geradaus an sie richtete, »Sie werden sich nicht dazu verführen
+lassen, der Herzogin-Äbtissin in jeder Beziehung nachzueifern.« – »Warum
+sollt’ ich auch?« erwiderte Marcolina heiter; »man kann seine Freiheit
+auch ohne Gelübde bewahren – und besser, denn Gelübde ist Zwang.«
+
+Casanova saß neben ihr. Er wagte es nicht einmal, leise ihren Fuß zu
+berühren, oder sein Knie an das ihre zu drängen: noch ein drittes Mal
+jenen Ausdruck des Grauens, des Ekels in ihrem Blick gewahren zu müssen
+– des war er gewiß – hätte ihn unfehlbar zu einer Tat des Wahnsinns
+getrieben. Während mit dem Fortschreiten des Mahls und der steigenden
+Zahl der geleerten Gläser die Unterhaltung lebhafter und allgemeiner
+wurde, hörte Casanova, wieder wie von fern, Amaliens Stimme. »Ich habe
+mit Marcolina gesprochen.« – »Du hast mit ihr –« – Eine tolle Hoffnung
+flammte in ihm auf. »Stille, Casanova. Von dir war nicht die Rede, nur
+von ihr und ihren Zukunftsplänen. Und ich sage es dir noch einmal:
+Niemals wird sie irgendeinem Manne angehören.« – Olivo, der dem Weine
+stark zugesprochen hatte, erhob sich unerwarteterweise, und, das Glas in
+der Hand, sprach er ein paar unbeholfene Worte über die hohe Ehre, die
+seinem armen Hause durch den Besuch seines teuern Freundes, des
+Chevalier von Seingalt, geworden sei.
+
+»Wo ist der Chevalier von Seingalt, mein lieber Olivo, von dem Sie da
+reden?« fragte Lorenzi mit seiner hellen, frechen Stimme. Casanovas
+erste Regung war es, dem Unverschämten sein gefülltes Glas an den Kopf
+zu schleudern; Amalia aber berührte leicht seinen Arm und sagte: »Viele
+Leute, Herr Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem älteren und
+berühmteren Namen Casanova.«
+
+»Ich wußte nicht,« sagte Lorenzi mit beleidigendem Ernst, »daß der König
+von Frankreich Herrn Casanova den Adel verliehen hat.«
+
+»Ich konnte dem König diese Mühe ersparen,« erwiderte Casanova ruhig,
+»und hoffe, daß Sie, Leutnant Lorenzi, sich mit einer Erklärung
+zufrieden geben werden, gegen die der Bürgermeister von Nürnberg nichts
+einzuwenden hatte, dem ich sie bei einer im übrigen gleichgültigen
+Gelegenheit vorzutragen die Ehre hatte.« Und da die andern in Spannung
+schwiegen –: »Das Alphabet ist bekanntlich allgemeines Gut. Ich habe mir
+eine Anzahl Buchstaben ausgesucht, die mir gefallen, und mich zum
+Edelmann gemacht, ohne einem Fürsten verpflichtet zu sein, der meine
+Ansprüche zu würdigen kaum imstande gewesen wäre. Ich bin Casanova
+Chevalier von Seingalt. Es täte mir leid um Ihretwillen, Leutnant
+Lorenzi, wenn dieser Name Ihren Beifall nicht finden sollte.« –
+»Seingalt – ein vortrefflicher Name,« sagte der Abbate und wiederholte
+ihn ein paarmal, als schmeckte er ihn mit den Lippen nach. – »Und es
+gibt niemanden auf der Welt,« rief Olivo aus, »der sich mit höherem
+Rechte Chevalier nennen dürfte als mein edler Freund Casanova!« – »Und
+sobald Ihr Ruhm, Lorenzi,« fügte der Marchese hinzu, »so weit erschallen
+sollte, als der des Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt, werden wir
+nicht zögern, wenn es Ihnen so beliebt, auch Sie Chevalier zu nennen.« –
+Casanova, ärgerlich über den unerwünschten Beistand, der ihm von allen
+Seiten wurde, war eben im Begriffe, sich ihn zu verbitten, um seine
+Sache persönlich weiterzuführen, als aus dem Dunkel des Gartens zwei
+eben noch anständig gekleidete, alte Herren an den Tisch traten. Olivo
+begrüßte sie herzlich und geräuschvoll, sehr froh, damit einem Zwist,
+der bedenklich zu werden und die Heiterkeit des Abends zu gefährden
+drohte, die Spitze abzubrechen. Die Neuangekommenen waren die Brüder
+Ricardi, Junggesellen, die, wie Casanova von Olivo erfuhr, früher in der
+großen Welt gelebt, mit allerlei Unternehmungen wenig Glück gehabt und
+sich endlich in das benachbarte Dorf, ihren Geburtsort, zurückgezogen,
+wo sie in einem elenden Häuschen zur Miete wohnten. Sonderbare, aber
+harmlose Leute. Die beiden Ricardi drückten ihr Entzücken aus, die
+Bekanntschaft des Chevaliers zu erneuern, mit dem sie in Paris vor
+Jahren zusammengetroffen waren. Casanova erinnerte sich nicht. Oder war
+es in Madrid?... »Das wäre möglich,« sagte Casanova, aber er wußte, daß
+er die beiden niemals gesehen hatte. Nur der eine, offenbar jüngere von
+ihnen, führte das Wort, der andre, der wie ein Neunzigjähriger aussah,
+begleitete die Reden seines Bruders mit unaufhörlichem Kopfnicken und
+einem verlorenen Grinsen.
+
+Man hatte sich von Tisch erhoben. Die Kinder waren schon früher
+verschwunden. Lorenzi und die Marchesa spazierten im Dämmer über die
+Wiese hin, Marcolina und Amalia wurden bald im Saale sichtbar, wo sie
+Vorbereitungen für das Spiel zu treffen schienen. Was hat das alles zu
+bedeuten? fragte sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten sie
+mich für reich? Wollen sie mich rupfen? Denn alle diese Anstalten, auch
+die Zuvorkommenheit des Marchese, die Beflissenheit des Abbate sogar,
+das Erscheinen der Brüder Ricardi, kamen ihm irgendwie verdächtig vor;
+konnte nicht auch Lorenzi in die Intrige verwickelt sein? Oder
+Marcolina? Oder gar Amalia? Ist das Ganze, dachte er flüchtig, ein
+Streich meiner Feinde, um mir die Rückkehr nach Venedig zu erschweren, –
+im letzten Augenblick unmöglich zu machen? Aber sofort mußte er sich
+sagen, daß dieser Einfall völlig unsinnig war, vor allem schon darum,
+weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte. Er war ein ungefährlicher,
+herabgekommener alter Tropf; wen konnte seine Rückkehr nach Venedig
+überhaupt kümmern? Und als er durch die offenen Fenster des Hauses die
+Herren sich geschäftig um den Tisch reihen sah, auf dem die Karten
+bereit lagen und gefüllte Weingläser standen, wurde ihm über jeden
+Zweifel klar, daß hier nichts anderes geplant war als ein
+gewohnheitsmäßig harmloses Spiel, bei dem ein neuer Partner immerhin
+willkommen sein mochte. Marcolina streifte an ihm vorüber und wünschte
+ihm Glück. »Sie bleiben nicht? Schauen dem Spiel nicht wenigstens zu?« –
+»Was soll ich dabei? Gute Nacht, Chevalier von Seingalt – und auf
+morgen!«
+
+Stimmen klangen ins Freie. »Lorenzi« rief es – »Herr Chevalier.« – »Wir
+warten.« Casanova, im Schatten des Hauses, konnte sehen, wie die
+Marchesa Lorenzi von der Wiese gegen das Dunkel der Bäume hinzuziehen
+suchte. Dort drängte sie sich heftig an ihn, Lorenzi aber riß sich
+ungebärdig von ihr los und eilte dem Hause zu. Er traf am Eingang mit
+Casanova zusammen und, mit einer Art von spöttischer Höflichkeit, ließ
+er ihm den Vortritt, was Casanova ohne Dank annahm.
+
+Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die Brüder Ricardi und der
+Abbate setzten so geringe Münzen ein, daß das ganze Spiel auf Casanova –
+auch heute, da sein ganzes Vermögen nur in ein paar Dukaten bestand –
+wie ein Spaß wirkte. Es erschien ihm um so lächerlicher, als der
+Marchese mit einer so großartigen Miene das Geld einstrich und
+auszahlte, als wenn es um hohe Summen ginge. Plötzlich warf Lorenzi, der
+sich bisher nicht beteiligt hatte, einen Dukaten hin, gewann, ließ den
+so verdoppelten Einsatz stehen, gewann ein zweites und drittes Mal und
+so mit geringen Unterbrechungen immer weiter. Die andern Herren setzten
+indes ihre kleinen Münzen wie zuvor, und insbesondere die beiden Ricardi
+zeigten sich höchst ungehalten, wenn der Marchese sie nicht mit der
+gleichen Rücksichtnahme zu behandeln schien, wie den Leutnant Lorenzi.
+Die Brüder spielten gemeinsam auf das gleiche Blatt; dem einen, älteren,
+der die Karten empfing, perlte der Schweiß von der Stirn, der andere,
+hinter ihm stehend, redete unablässig auf ihn ein wie mit
+wichtig-unfehlbaren Ratschlägen. Wenn er den schweigsamen Bruder
+einziehen sah, leuchteten seine Augen, im andern Falle richteten sie
+sich verzweifelt gen Himmel. Der Abbate, sonst ziemlich teilnahmlos, gab
+zuweilen spruchähnliche Sätze zum besten – wie »Das Glück und die Frauen
+zwingst du nicht« – oder »Die Erde ist rund, der Himmel weit« –
+manchmal blickte er auch pfiffig ermutigend Casanova und gleich darauf
+die diesem gegenüber, ihrem Gatten zur Seite sitzende Amalia an, als
+läge ihm daran, die beiden alten Liebesleute neu miteinander zu
+verkuppeln. Casanova aber dachte an nichts anderes, als daß Marcolina
+sich jetzt in ihrem Zimmer langsam entkleidete, und daß, wenn das
+Fenster offen stand, ihre weiße Haut in die Nacht hinausschimmerte. Von
+einer Begier erfaßt, die ihm die Sinne verstörte, wollte er sich von
+seinem Platz neben dem Marchese erheben und den Raum verlassen; der
+Marchese aber nahm diese Bewegung als einen Entschluß, sich am Spiel zu
+beteiligen und sagte: »Nun endlich – wir wußten ja, daß Sie nicht
+Zuschauer bleiben würden, Chevalier.« Er legte eine Karte vor ihn hin,
+Casanova setzte alles, was er bei sich trug – und dies war so ziemlich
+alles, was er besaß – zehn Dukaten etwa, er zählte sie nicht, ließ sie
+aus seiner Börse auf den Tisch gleiten und wünschte, sie auf einen Satz
+zu verlieren: dies sollte dann ein Zeichen sein, ein glückverheißendes
+Zeichen – er wußte nicht recht wofür, ob für seine baldige Heimfahrt
+nach Venedig oder den ihm bevorstehenden Anblick der entkleideten
+Marcolina; – doch ehe er sich entschieden, hatte der Marchese das Spiel
+gegen ihn bereits verloren. Auch Casanova ließ, wie Lorenzi es getan,
+den verdoppelten Einsatz stehen, und auch ihm blieb das Glück treu wie
+dem Leutnant. Um die übrigen kümmerte sich der Marchese nicht mehr, der
+schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der andre rang die Hände – dann
+standen sie zusammen in einer Ecke des Saales wie vernichtet. Der Abbate
+und Olivo fanden sich leichter ab; der erste aß Süßigkeiten und
+wiederholte seine Sprüchlein, der andre schaute dem Fall der Karten in
+Erregung zu. Endlich hatte der Marchese fünfhundert Dukaten verloren, in
+die sich Casanova und Lorenzi teilten. Die Marchesa erhob sich und gab
+dem Leutnant einen Wink mit den Augen, ehe sie den Saal verließ, Amalia
+geleitete sie. Die Marchesa wiegte sich in den Hüften, was Casanova
+anwiderte; Amalia schlich an ihrer Seite wie ein demütiges ältliches
+Weib. Da der Marchese sein ganzes Bargeld verloren hatte, übernahm
+Casanova die Bank, er bestand, zum Mißvergnügen des Marchese darauf, daß
+die andern wieder am Spiele teilnähmen. Sofort waren die Brüder Ricardi
+zur Stelle, gierig und erregt; der Abbate schüttelte den Kopf, er hatte
+genug, und Olivo spielte nur mit, um sich dem Wunsch seines edlen Gastes
+nicht zu versagen. Lorenzi hatte weiter Glück; als er im ganzen die
+Summe von vierhundert Dukaten gewonnen, stand er auf und sagte: »Morgen
+bin ich gern bereit, Revanche zu geben. Jetzt bitte ich um die
+Erlaubnis, nach Hause reiten zu dürfen.« – »Nach Hause,« rief der
+Marchese hohnlachend, der übrigens ein paar Dukaten zurückgewonnen
+hatte, »das ist nicht übel! Der Leutnant wohnt nämlich bei mir!« wandte
+er sich zu den andern. »Und meine Gattin ist voraus nach Hause gefahren.
+Gute Unterhaltung, Lorenzi!« – »Sie wissen sehr gut,« erwiderte Lorenzi,
+ohne eine Miene zu verziehen, »daß ich geradeswegs nach Mantua reite und
+nicht nach Ihrem Schloß, wo Sie so gütig waren, mir gestern Unterkunft
+zu gewähren.« – »Reiten Sie, wohin Sie wollen, zum Teufel meinetwegen!«
+– Lorenzi empfahl sich von den andern aufs höflichste und ging, ohne dem
+Marchese eine gebührende Antwort zu erteilen, was Casanova in
+Verwunderung setzte. Er legte weiter die Karten auf und gewann, so daß
+der Marchese bald mit ein paar hundert Dukaten in seiner Schuld stand.
+Wozu? fragte sich Casanova anfangs. Allmählich aber nahm ihn der Reiz
+des Spiels doch wieder gefangen. Es geht nicht übel, dachte er ... Nun
+sind es bald tausend ... es können auch zweitausend werden. Der Marchese
+wird seine Schuld bezahlen. Mit einem kleinen Vermögen in Venedig Einzug
+halten, das wäre so übel nicht. Doch warum nach Venedig? Man wird wieder
+reich, man wird wieder jung. Reichtum ist alles. Nun werd’ ich sie mir
+doch wenigstens wieder kaufen können. Wen? Ich will keine andere ...
+Nackt steht sie am Fenster – ganz gewiß ... wartet am Ende ... ahnt, daß
+ich kommen werde ... Steht am Fenster, um mich toll zu machen. Und ich
+bin da. – Indes teilte er weiter die Karten aus, mit unbeweglicher
+Miene, nicht nur an den Marchese, auch an Olivo und die Brüder Ricardi,
+denen er zuweilen ein Goldstück hinschob, auf das sie keinen Anspruch
+hatten. Sie ließen sich’s gefallen. Aus der Nacht drang ein Geräusch,
+wie die Hufschläge eines über die Straße trabenden Rosses. Lorenzi,
+dachte Casanova ... Von der Gartenmauer schallte es wie im Echo wieder,
+dann verklang allmählich Hall und Widerhall. Nun aber wandte sich das
+Glück gegen Casanova. Der Marchese setzte hoch, immer höher; und um
+Mitternacht fand sich Casanova so arm wie er gewesen, ärmer noch; er
+hatte auch seine eigenen paar Goldstücke verloren. Er schob die Karten
+von sich weg, erhob sich lächelnd. »Ich danke, meine Herren.«
+
+Olivo breitete die Arme nach ihm aus. »Mein Freund, wir wollen weiter
+spielen ... Hundertfünfzig Dukaten, – haben Sie denn vergessen, – nein,
+nicht hundertfünfzig! Alles, was ich habe, was ich bin – alles – alles!«
+Er lallte; denn er hatte während des ganzen Abends zu trinken nicht
+aufgehört. Casanova wehrte mit einer übertrieben vornehmen Handbewegung
+ab. »Die Frauen und das Glück zwingt man nicht,« sagte er mit einer
+Verneigung gegen den Abbate hin. Dieser nickte befriedigt und klatschte
+in die Hände. »Auf morgen also, mein verehrter Chevalier,« sagte der
+Marchese, »wir werden gemeinsam dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder
+abnehmen.«
+
+Die Ricardi bestanden darauf, daß weitergespielt würde. Der Marchese,
+sehr aufgeräumt, gab ihnen eine Bank. Sie rückten mit den Goldstücken
+heraus, die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten hatte
+der Marchese sie ihnen abgenommen und lehnte es entschieden ab, mit
+ihnen weiterzuspielen, wenn sie nicht Bargeld vorzuweisen hätten. Sie
+rangen die Hände. Der ältere begann zu weinen wie ein Kind. Der andere
+küßte ihn wie zur Beruhigung auf beide Wangen. Der Marchese fragte, ob
+sein Wagen schon wieder zurückgekommen sei. Der Abbate bejahte; er hatte
+ihn vor einer halben Stunde vorfahren gehört. Der Marchese lud den
+Abbate und die Brüder Ricardi in seinen Wagen ein; er wollte sie vor
+ihren Wohnhäusern absetzen; – und alle verließen das Haus.
+
+Als die andern fort waren, nahm Olivo Casanovas Arm und versicherte ihn
+immer wieder, mit Tränen in der Stimme, daß alles in diesem Hause ihm,
+Casanova, gehöre und daß er damit schalten möge, wie es ihm beliebe. Sie
+kamen an Marcolinens Fenster vorbei. Es war nicht nur verschlossen,
+auch ein Gitter war vorgeschoben, und innen senkte sich ein Vorhang
+herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, wo all das nichts nützte oder wo
+es nichts zu bedeuten hatte. Sie traten ins Haus. Olivo ließ es sich
+nicht nehmen, den Gast über die etwas knarrende Treppe bis in das
+Turmgemach zu begleiten, wo er ihn zum Abschied umarmte. »Also morgen,«
+sagte er, »sollen Sie das Kloster zu sehen bekommen. Doch schlafen Sie
+nur ruhig, wir brechen nicht in allzu früher Stunde auf und richten uns
+jedenfalls völlig nach Ihrer Bequemlichkeit. Gute Nacht.« Er ging, die
+Tür leise hinter sich schließend, aber seine Schritte dröhnten über die
+Treppe durch das ganze Haus.
+
+Casanova stand allein in seinem durch zwei Kerzen matt erhellten Zimmer
+und ließ das Auge von einem zum andern der vier Fenster schweifen, die
+nach den verschiedenen Himmelsrichtungen wiesen. In bläulichem Glanze
+lag die Landschaft da, nach allen Seiten fast das gleiche Bild: weite
+Ebenen, mit geringen Erhebungen, nur nordwärts verschwimmende
+Berglinien, da und dort vereinzelte Häuser, Gehöfte, auch größere
+Gebäude; darunter eines etwas höher gelegen, aus dem ein Licht
+herschimmerte, nach Casanovas Vermutung das Schloß des Marchese. Im
+Zimmer, das außer dem freistehenden breiten Bett nichts enthielt, als
+einen langen Tisch, auf dem die zwei Kerzen brannten, ein paar Stühle,
+eine Kommode und einen goldgerahmten Spiegel darüber, war von sorglichen
+Händen Ordnung gemacht, auch war der Reisesack ausgepackt worden. Auf
+dem Tische lag die versperrte, abgegriffene Ledermappe, die Casanovas
+Papiere enthielt, sowie ein paar Bücher, deren er für seine Arbeit
+bedurfte und die er daher mit sich genommen hatte; auch Schreibzeug war
+bereit. Da er nicht die geringste Schläfrigkeit verspürte, nahm er sein
+Manuskript aus der Mappe und durchlas beim Schein der Kerzen, was er
+zuletzt geschrieben. Da er mitten in einem Absatz stehengeblieben, war
+es ihm ein leichtes, auf der Stelle fortzufahren. Er nahm die Feder zur
+Hand, schrieb hastig ein paar Sätze und hielt plötzlich wieder inne.
+Wozu? fragte er sich, wie in einer grausamen inneren Erleuchtung. Und
+wenn ich auch wüßte, daß das, was ich hier schrieb und schreiben werde,
+herrlich würde ohne Vergleich, – ja, wenn es mir wirklich gelänge,
+Voltaire zu vernichten und mit meinem Ruhm den seinen zu überstrahlen; –
+wäre ich nicht trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu
+verbrennen, wenn es mir dafür vergönnt wäre, in dieser Stunde Marcolina
+zu umarmen? Ja, wäre ich um den gleichen Preis nicht zu dem Gelübde
+bereit, Venedig niemals wieder zu betreten, – auch wenn sie mich im
+Triumph dahin zurückholen wollten? Venedig!... Er wiederholte das Wort,
+es klang um ihn in seiner ganzen Herrlichkeit; – und schon hatte es die
+alte Macht über ihn gewonnen. Die Stadt seiner Jugend stieg vor ihm auf,
+umflossen von allem Zauber der Erinnerung, und das Herz schwoll ihm in
+einer Sehnsucht, so qualvoll und über alles Maß, wie er sie noch nie
+empfunden zu haben glaubte. Auf die Heimkehr zu verzichten erschien ihm
+als das unmöglichste von allen Opfern, die das Schicksal von ihm fordern
+dürfte. Was sollte er weiter in dieser kläglich verblaßten Welt ohne die
+Hoffnung, die Gewißheit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen? Nach
+Jahren und Jahrzehnten der Wanderungen und Abenteuer, nach all dem Glück
+und Unglück, das er erlebt, nach all der Ehre und Schmach, nach den
+Triumphen und nach den Erniedrigungen, die er erfahren, mußte er doch
+endlich eine Ruhestatt, eine Heimat haben. Und gab es eine andere Heimat
+für ihn als Venedig? Und ein anderes Glück als das Bewußtsein, wieder
+eine Heimat zu haben? In der Fremde vermochte er längst nicht mehr ein
+Glück dauernd an sich heranzuzwingen. Noch war ihm zuweilen die Kraft
+gegönnt, es zu erfassen, doch nicht mehr die, es festzuhalten. Seine
+Macht über die Menschen, Frauen wie Männer, war dahin. Nur wo er
+Erinnerung bedeutete, vermochte sein Wort, seine Stimme, sein Blick noch
+zu bannen; seiner Gegenwart war die Wirkung versagt. Vorbei war seine
+Zeit! Und nun gestand er sich auch ein, was er sich sonst mit besonderer
+Beflissenheit zu verhehlen suchte, daß selbst seinen schriftstellerischen
+Leistungen, daß sogar seiner Streitschrift gegen Voltaire, auf die er
+seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, niemals ein in die Weite tragender
+Erfolg beschieden sein würde. Auch dazu war es zu spät. Ja, hätte er in
+jüngeren Jahren Muße und Geduld gehabt, sich mit derlei Arbeiten
+ernstlicher zu beschäftigen, – das wußte er wohl – den ersten dieses
+Fachs, Dichtern und Philosophen hätte er es gleich getan; ebenso wie er
+als Finanzmann oder als Diplomat mit größerer Beharrlichkeit und
+Vorsicht, als ihm eigen war, zum Höchsten wäre berufen gewesen. Doch wo
+war all seine Geduld und seine Vorsicht, wo waren alle seine Lebenspläne
+hin, wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Frauen – Frauen überall. Für
+sie hatte er alles hingeworfen in jedem Augenblick; für edle wie für
+gemeine, für die leidenschaftlichen wie für die kalten; für Jungfrauen
+wie für Dirnen; – für eine Nacht auf einem neuen Liebeslager waren ihm
+alle Ehren dieser und alle Seligkeiten jener Welt immer feil gewesen. –
+Doch bereute er, was er durch dieses ewige Suchen und Niemals- oder
+Immer-Finden, durch dies irdisch-überirdische Fliehen von Begier zu Lust
+und von Lust zu Begier sonst im Dasein etwa versäumt haben mochte? Nein,
+er bereute nichts. Er hatte sein Leben gelebt wie keiner; – und lebte er
+es nicht noch heute in seiner Art? Überall noch gab es Weiber auf seinem
+Weg: wenn sie auch nicht mehr gerade toll um ihn wurden wie einstmals. –
+Amalia? – er konnte sie haben, wann er wollte, in dieser Stunde, in
+ihres betrunkenen Gatten Bett; – und die Wirtin in Mantua – war sie
+nicht verliebt in ihn wie in einen hübschen Knaben, mit Zärtlichkeit und
+Eifersucht? – und die blatternarbige, aber wohlgebaute Geliebte Perottis
+– hatte sie ihn nicht, berauscht von dem Namen Casanova, der die Wollust
+von tausend Nächten über sie hinzusprühen schien – hatte sie ihn nicht
+angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu gewähren, und hatte er sie
+nicht verschmäht wie einer, der noch immer nach eigenem Geschmacke
+wählen durfte? Freilich – Marcolina – solche wie Marcolina waren nicht
+mehr für ihn da. Oder – wäre sie niemals für ihn dagewesen? Es gab ja
+wohl auch Frauen solcher Art. Er war vielleicht in früheren Jahren solch
+einer begegnet; aber da immer zugleich eine andere, willigere zur Stelle
+war, hatte er sich nicht damit aufgehalten, auch nur einen Tag
+vergeblich zu seufzen. Und da es nicht einmal Lorenzi gelungen war,
+Marcolina zu erobern, – da sie sogar die Hand dieses Menschen
+ausgeschlagen, der ebenso schön und ebenso frech war, wie er, Casanova,
+in seiner Jugend es gewesen – so mochte Marcolina in der Tat jenes
+Wundergeschöpf vorstellen, an dessen Vorhandensein auf Erden er bisher
+gezweifelt – das tugendhafte Weib. Nun aber lachte er so hell auf, daß
+es durchs Zimmer hallte. »Der Ungeschickte, der Dummkopf!« rief er laut,
+wie er es bei solchen Selbstgesprächen öfters tat. »Er hat die
+Gelegenheit nicht zu benützen verstanden. Oder die Marchesa läßt ihn
+nicht los. Oder hat er sich die erst genommen, als er Marcolina nicht
+bekommen konnte, die Gelehrte – die Philosophin?!« Und plötzlich kam ihm
+der Einfall: Ich will ihr morgen meine Streitschrift gegen Voltaire
+vorlesen! Sie ist das einzige Geschöpf, dem ich das nötige Verständnis
+dafür zutrauen darf. Ich werde sie überzeugen ... Sie wird mich
+bewundern. »Natürlich wird sie ... Vortrefflich, Herr Casanova! Sie
+schreiben einen glänzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben
+Voltaire vernichtet ... genialer Greis!« So sprach er, so zischte er vor
+sich hin und lief im Zimmer hin und her wie in einem Käfig. Ein
+ungeheurer Grimm hatte ihn erfaßt, gegen Marcolina, gegen Voltaire,
+gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Er nahm seine letzte Kraft
+zusammen, um nicht aufzubrüllen. Endlich warf er sich aufs Bett, ohne
+sich auszukleiden, und lag nun da, die weit offenen Augen zum Gebälk der
+Decke gerichtet, inmitten dessen er jetzt an einzelnen Stellen im Schein
+der Kerzen Spinnengewebe silbrig glänzen sah. Dann, wie es ihm zuweilen
+nach Spielpartien vor dem Einschlafen begegnete, jagten mit
+phantastischer Geschwindigkeit Kartenbilder an ihm vorbei, und endlich
+versank er wirklich in einen traumlosen Schlummer, der aber nur eine
+kurze Weile dauerte. Nun horchte er auf die geheimnisvolle Stille rings
+um sich. Nach Osten und Süden standen die Fenster des Turmgemachs offen,
+aus Garten und Feld drangen linde süße Gerüche aller Art, aus der
+Landschaft unbestimmte Geräusche zu ihm herein, wie die kommende Frühe
+sie aus der Weite und Nähe zu bringen pflegt. Casanova vermochte nicht
+länger still zu liegen; ein lebhafter Drang nach Veränderung erfaßte ihn
+und lockte ihn ins Freie. Vogelgesang rief ihn von draußen, morgenkühler
+Wind rührte an seine Stirn. Leise öffnete Casanova die Tür, ging
+vorsichtig über die Treppe hinab, mit seiner oft erprobten
+Geschicklichkeit brachte er es zuwege, daß die Holzstufen unter seinem
+Schritt nicht im geringsten knarrten; über die steinerne Treppe gelangte
+er ins Erdgeschoß, und durch das Speisezimmer, wo auf dem Tisch noch die
+halbgefüllten Gläser standen, in den Garten. Da auf dem Kies seine
+Schritte hörbar wurden, trat er gleich auf die Wiese über, die nun, im
+Frühdämmerschein, zu unwirklicher Weite sich dehnte. Dann schlich er
+sich in die Allee, nach der Seite hin, wo ihm Marcolinens Fenster in den
+Blick fallen mußte. Es war vergittert, verschlossen, verhängt, so wie er
+es zuletzt gesehen. Kaum fünfzig Schritt vom Hause entfernt setzte sich
+Casanova auf eine Steinbank. Jenseits der Gartenmauer hörte er einen
+Wagen vorbeifahren, dann war es wieder still. Aus dem Wiesengrund
+schwebte ein feiner grauer Dunst; als läge da ein durchsichtig-trüber
+Teich mit verschwimmenden Grenzen. Wieder dachte Casanova jener
+Jugendnacht im Klostergarten von Murano – oder eines andern Parks –
+einer andern Nacht; – er wußte nicht mehr welcher – vielleicht waren es
+hundert Nächte, die ihm in der Erinnerung in eine einzige
+zusammenflossen, sowie ihm manchmal hundert Frauen, die er geliebt, in
+der Erinnerung zu einer einzigen wurden, die als Rätselgestalt durch
+seine fragenden Sinne schwebte. Und _war_ denn nicht am Ende eine Nacht
+wie die andere? Und eine Frau wie die andere? Besonders, wenn es vorbei
+war? Und dieses Wort »vorbei« hämmerte in seinen Schläfen weiter, als
+sei es bestimmt, von nun ab der Pulsschlag seines verlorenen Daseins zu
+werden.
+
+Es war ihm, als raschelte irgend etwas hinter ihm längs der Mauer hin.
+Oder war’s nur ein Widerklang? Ja, das Geräusch kam vom Hause her.
+Marcolinens Fenster stand mit einemmal offen, das Gitter war
+zurückgeschoben, der Vorhang nach der einen Seite hin gerafft; aus dem
+Dunkel des Gemachs hob sich eine schattenhafte Erscheinung; Marcolina
+selbst war es, die in hochgeschlossenem weißen Nachtgewand an die
+Brüstung trat, wie um die holde Luft des Morgens einzuatmen. Casanova
+hatte sich rasch von der Bank heruntergleiten lassen; über ihren Rand,
+durch das Gezweig der Allee sah er gebannt Marcolina an, deren Augen
+scheinbar gedanken- ja richtungslos in die Dämmerung tauchten. Nach ein
+paar Sekunden erst schien sie ihr noch wie schlafbefangenes Wesen in
+einem Blicke sammeln zu können, den sie nun langsam nach rechts und
+links schweifen ließ. Dann beugte sie sich vornüber, wie um auf dem Kies
+etwas zu suchen, und gleich darauf wandte sie das Haupt mit dem gelösten
+Haar nach aufwärts wie zu einem Fenster des oberen Stockwerks. Dann
+stand sie wieder eine Weile ohne Bewegung, die Hände beiderseits an die
+Fensterstöcke stützend, wie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen. Nun
+erst, als wären sie plötzlich von innen erleuchtet worden, gewannen ihre
+dämmernden Züge für Casanova an Deutlichkeit. Ein Lächeln spielte um
+ihren Mund, das gleich wieder erstarrte. Nun ließ sie die Arme sinken;
+ihre Lippen bewegten sich sonderbar, als flüsterten sie ein Gebet;
+wieder schweifte ihr Blick langsam suchend durch den Garten, dann
+nickte sie kurz, und im selben Augenblick schwang sich jemand über die
+Brüstung ins Freie, der bis jetzt zu Marcolinens Füßen gekauert sein
+mußte, – Lorenzi. Er flog mehr als er ging über den Kies zur Allee hin,
+durchquerte sie kaum zehn Schritte weit von Casanova, der den Atem
+anhaltend unter der Bank lag, und eilte dann jenseits der Allee, wo ein
+schmaler Wiesenstreif die Mauer entlang lief, den Blicken Casanovas
+entschwindend, nach rückwärts. Casanova hörte eine Tür in den Angeln
+seufzen, – es konnte keine andre sein, als diejenige, durch die er
+selbst gestern abend mit Olivo und dem Marchese in den Garten
+zurückgekehrt war – dann war alles still. Marcolina war die ganze Zeit
+völlig regungslos dagestanden: sobald sie Lorenzi in Sicherheit wußte,
+atmete sie tief auf, schloß Gitter und Fenster, der Vorhang fiel nieder
+wie durch eigene Kraft, und alles war, wie es vorher gewesen; – nur daß
+indes, als hätte er nun keinen Anlaß mehr zu zögern, der Tag über Haus
+und Garten aufgezogen war.
+
+Auch Casanova lag noch da, wie zuvor, die Hände vor sich hingestreckt,
+unter der Bank. Nach einer Weile kroch er weiter, in die Mitte der
+Allee, und weiter auf allen vieren, bis er an eine Stelle kam, wo er
+weder von Marcolinens Fenster noch von einem andern aus gesehen werden
+konnte. Nun erhob er sich mit schmerzendem Rücken, reckte sich in die
+Höhe, dehnte die Glieder und kam endlich zur Besinnung, ja fand sich
+jetzt erst selber wieder, als hätte er sich aus einem geprügelten Hund
+in einen Menschen zurückverwandelt, der die Prügel nicht als
+körperlichen Schmerz, sondern als tiefe Beschämung weiter zu verspüren
+verdammt war. Warum, fragte er sich, bin ich nicht zu dem Fenster hin,
+solang es noch offen stand? Und über die Brüstung hinein zu ihr? – Hätte
+sie Widerstand leisten können – dürfen – die Heuchlerin, die Lügnerin,
+die Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter, als hätte er ein Recht
+dazu, als hätte sie ihm Treue gelobt wie einem Geliebten und ihn
+betrogen. Er schwor sich zu, sie zur Rede zu stellen von Angesicht zu
+Angesicht, ihr ins Antlitz zu schleudern, vor Olivo, vor Amalia, vor dem
+Marchese, dem Abbate, vor der Magd und den Knechten, daß sie eine
+lüsterne kleine Hure war und nichts anderes. Wie zur Übung, in aller
+Ausführlichkeit erzählte er sich selber vor, was er eben mit angesehen,
+und machte sich das Vergnügen, allerlei dazu zu erfinden, um sie noch
+tiefer zu erniedrigen; daß sie nackt am Fenster gestanden, daß sie im
+Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten sich habe unzüchtig liebkosen
+lassen. Nachdem er so seine Wut fürs erste zur Not beschwichtigt hatte,
+dachte er nach, ob mit dem, was er nun wußte, nicht doch vielleicht was
+Besseres anzufangen wäre. Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt?
+Konnte er nun die Gunst, die sie ihm gutwillig nicht gewährt hätte,
+nicht durch Drohungen von ihr erzwingen? Aber dieser schmähliche Plan
+sank sofort wieder in sich zusammen, nicht so sehr weil Casanova dessen
+Schmählichkeit, als weil er dessen Zweck- und Sinnlosigkeit gerade in
+diesem Fall erkennen mußte. Was konnten seine Drohungen Marcolina
+kümmern, die niemandem Rechenschaft schuldig, die am Ende auch, wenn’s
+ihr darauf ankam, verschlagen genug war, ihn als einen Verleumder und
+Erpresser von ihrer Schwelle zu jagen? Und selbst wenn sie aus
+irgendeinem Grunde das Geheimnis ihrer Liebschaft mit Lorenzi durch ihre
+Preisgabe zu erkaufen bereit war (er wußte freilich, daß er etwas erwog,
+das außer dem Bereich aller Möglichkeiten lag), mußte ein so erzwungener
+Genuß für ihn, der, wenn er liebte, tausendmal heißer danach verlangte
+Glück zu geben, als Glück zu empfangen, sich nicht in eine unnennbare
+Qual verwandeln, – die ihn zum Wahnsinn und in Selbstvernichtung trieb?
+Er fand sich plötzlich an der Gartentür. Sie war versperrt. Lorenzi
+hatte also einen Nachschlüssel. Und wer – fiel ihm nun ein – war denn
+durch die Nacht auf trabendem Roß davongesprengt, nachdem Lorenzi sich
+vom Spieltisch erhoben? Ein bestellter Knecht offenbar. – Unwillkürlich
+mußte Casanova beifällig lächeln ... Sie waren einander würdig,
+Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und der Offizier. Und ihnen
+beiden stand noch eine herrliche Laufbahn bevor. Wer wird Marcolinens
+nächster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor in Bologna, in
+dessen Hause sie wohnt? O, ich Narr. Der war’s ja längst ... Wer noch?
+Olivo? Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht, der gestern
+glotzend am Tore stand, als wir angefahren kamen? Alle! Ich weiß es.
+Aber Lorenzi weiß es nicht. Das hab’ ich vor ihm voraus. – Zwar war er
+im Innersten überzeugt, daß Lorenzi nicht nur Marcolinens erster
+Liebhaber, sondern er vermutete sogar, daß es heute die erste Nacht war,
+die sie ihm geschenkt hatte; doch das hielt ihn nicht ab, seine
+boshaft-lüsternen Gedankenspiele weiterzutreiben, während er den Garten
+längs der Mauer umkreiste. So stand er denn wieder vor der Saaltür, die
+er offen gelassen, und sah ein, daß ihm vorläufig nichts andres zu tun
+übrigblieb, als ungesehen und ungehört sich zurück ins Turmgemach zu
+begeben. Mit aller Vorsicht schlich er hinauf und ließ sich oben auf den
+Lehnstuhl sinken, auf dem er schon früher gesessen; vor den Tisch hin,
+auf dem die losen Blätter des Manuskriptes seiner Wiederkehr nur zu
+warten schienen. Unwillkürlich fiel sein Auge auf den Satz, den er
+vorhin in der Mitte abgebrochen hatte; und er las: »Voltaire wird
+unsterblich sein, gewiß; aber er wird diese Unsterblichkeit erkauft
+haben mit seinem unsterblichen Teil; – der Witz hat sein Herz
+aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und also –« In diesem
+Augenblick brach die Morgensonne rötlich flutend herein, so daß das
+Blatt, das er in Händen hielt, zu erglühen anfing, und wie besiegt ließ
+er es auf den Tisch zu den andern sinken. Er fühlte plötzlich die
+Trockenheit seiner Lippen, schenkte sich ein Glas Wasser ein aus einer
+Flasche, die auf dem Tisch stand; es schmeckte lau und süßlich.
+Angewidert wandte er den Kopf nach der Seite; von der Wand, aus dem
+Spiegel über der Kommode, starrte ihm ein bleiches altes Gesicht
+entgegen mit wirrem, über die Stirn fließendem Haar. In
+selbstquälerischer Lust ließ er seine Mundwinkel noch schlaffer
+herabsinken, als gälte es eine abgeschmackte Rolle auf dem Theater
+durchzuführen, fuhr sich ins Haar, daß die Strähne noch ungeordneter
+fielen, streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, krächzte mit
+absichtlich heiserer Stimme eine Reihe alberner Schimpfworte gegen sich
+selbst und blies endlich, wie ein ungezogenes Kind, die Blätter seines
+Manuskriptes vom Tisch herunter. Dann begann er von neuem Marcolina zu
+beschimpfen, und nachdem er sie mit den unflätigsten Worten bedacht,
+zischte er zwischen den Zähnen: Denkst du, die Freude währt lang? Du
+wirst fett und runzlig und alt werden wie die andern Weiber, die mit dir
+zugleich jung gewesen sind, – ein altes Weib mit schlaffen Brüsten, mit
+trocknem grauen Haar, zahnlos und von üblem Duft ... und endlich wirst
+du sterben! Auch jung kannst du sterben! Und wirst verwesen! Und Speise
+sein für Würmer. – Um eine letzte Rache an ihr zu nehmen, versuchte er
+sich sie als Tote vorzustellen. Er sah sie weiß gekleidet im offenen
+Sarge liegen, doch war er unfähig, irgendwelche Zeichen der Zerstörung
+an ihr zu denken; sondern ihre wahrhaft überirdische Schönheit brachte
+ihn in neue Raserei. Vor seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum
+Brautbett; Marcolina lag lächelnd da mit blinzelnden Lidern, und mit
+ihren schmalen bleichen Händen, wie zum Hohn, über ihren zarten Brüsten
+zerriß sie das weiße Gewand. Doch wie er seine Arme nach ihr
+ausstreckte, sich auf sie stürzen, sie umfangen wollte, zerfloß die
+Erscheinung in nichts. – Es klopfte an die Tür; er fuhr aus dumpfem
+Schlaf empor, Olivo stand vor ihm. »Wie, schon am Schreibtisch?« – »Es
+ist meine Gewohnheit,« erwiderte Casanova sofort gefaßt, »der Arbeit die
+ersten Morgenstunden zu widmen. Wie spät mag es sein?« – »Acht Uhr,«
+erwiderte Olivo, »das Frühstück steht im Garten bereit; sobald Sie
+befehlen, Chevalier, wollen wir unsere Fahrt nach dem Kloster antreten.
+Doch ich sehe, der Wind hat Ihnen die Blätter verstreut!« Und er machte
+sich daran, die Papiere vom Fußboden aufzulesen. Casanova ließ es
+geschehen, denn er war ans Fenster getreten und erblickte, um den
+Frühstückstisch gereiht, den man auf die Wiese in den Schatten des
+Hauses gestellt hatte, alle weiß gekleidet, Amalia, Marcolina und die
+drei kleinen Mädchen. Sie riefen ihm einen Morgengruß zu. Er sah nur
+Marcolina, sie lächelte freundlich zu ihm auf mit hellen Augen, hielt
+einen Teller mit frühgereiften Trauben auf dem Schoß und steckte eine
+Beere nach der andern in den Mund. Alle Verachtung, aller Zorn, aller
+Haß schmolz in Casanovas Herzen dahin; er wußte nur mehr, daß er sie
+liebte. Wie trunken von ihrem Anblick zog er sich wieder ins Zimmer
+zurück, wo Olivo noch immer auf dem Fußboden kniend die verstreuten
+Blätter unter Tisch und Kommode hervorsuchte, verbat sich dessen weitere
+Bemühungen und wünschte allein gelassen zu werden, um sich für die
+Spazierfahrt fertigzumachen. »Es eilt nicht,« sagte Olivo und streifte
+den Staub von seinen Beinkleidern, »wir sind zum Mittagessen bequem
+zurück. Übrigens hat der Marchese bitten lassen, daß wir mit dem Spiel
+heute schon in früher Nachmittagsstunde beginnen; offenbar liegt ihm
+daran, vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein.« »Mir ist es ziemlich
+gleichgültig, wann das Spiel beginnt,« sagte Casanova, während er seine
+Blätter in die Mappe ordnete; »ich werde mich keineswegs daran
+beteiligen.« »Sie werden,« erklärte Olivo mit einer Entschiedenheit, die
+sonst nicht seine Art war, und legte eine Rolle von Goldstücken auf den
+Tisch. »Meine Schuld, Chevalier, spät, doch aus dankerfülltem Herzen.«
+Casanova wehrte ab. »Sie müssen,« beteuerte Olivo, »wenn Sie mich nicht
+aufs tiefste beleidigen wollen; überdies hat Amalia heute nacht einen
+Traum gehabt, der Sie veranlassen wird – doch den soll sie Ihnen selbst
+erzählen.« Und er verschwand eiligst. Casanova zählte immerhin die
+Goldstücke; es waren hundertfünfzig, genau die Summe, die er vor
+fünfzehn Jahren dem Bräutigam oder der Braut oder ihrer Mutter – er
+wußte es selbst nicht mehr recht – zum Geschenk gemacht hatte. Das
+Vernünftigste wäre, sagte er zu sich, ich steckte das Geld ein, nähme
+Abschied und verließe das Haus, womöglich ohne Marcolina noch einmal zu
+sehen. Doch hab’ ich je das Vernünftige getan? – Und ob nicht indes eine
+Nachricht aus Venedig gekommen ist?... Zwar hat meine vortreffliche
+Wirtin versprochen, sie mir unverzüglich nachzusenden ...
+
+Die Magd hatte indes einen großen irdenen Krug mit quellkaltem Wasser
+heraufgebracht, und Casanova wusch sich den ganzen Leib, was ihn sehr
+erfrischte; dann legte er sein besseres, eine Art von Staatsgewand an,
+wie er es schon gestern abend getan hätte, wenn er nur Zeit gefunden,
+die Kleidung zu wechseln; doch war er’s nun ganz zufrieden, daß er heute
+in vornehmerer Tracht als am vergangenen Tag, ja gewissermaßen in einer
+neuen Gestalt vor Marcolina erscheinen durfte.
+
+In einem Rock von grauer Glanzseide mit Stickereien und breiten
+spanischen Silberspitzen, in gelber Weste und kirschroten seidenen
+Beinkleidern, in edler, dabei nicht geradezu stolzer Haltung, mit einem
+zwar überlegenen aber liebenswürdigen Lächeln um die Lippen, und das
+Auge wie im Feuer unverlöschlicher Jugend strahlend, so trat er in den
+Garten, wo er zu seiner Enttäuschung vorerst nur Olivo vorfand, der ihn
+einlud, neben ihm am Tische Platz und mit dem bescheidenen Frühmahl
+vorliebzunehmen. Casanova erlabte sich an Milch, Butter, Eiern, Weißbrot
+und dann noch an Pfirsichen und Trauben, die ihm köstlicher dünkten als
+irgendwelche, die er jemals genossen. Die drei Mädchen kamen über den
+Rasen herbeigelaufen, Casanova küßte sie alle, und der Dreizehnjährigen
+erwies er kleine Liebkosungen in der Art, wie sie sich gestern solche
+auch vom Abbate hatte gefallen lassen; doch die Funken, die in ihren
+Augen aufglimmten, waren, wie Casanova wohl erkannte, von einer andern
+Lust als der an einem kindisch-harmlosen Spiel entzündet. Olivo hatte
+seine Freude daran, wie gut der Chevalier mit den Kindern umzugehen
+verstünde. »Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder verlassen?«
+fragte er schüchtern-zärtlich. – »Heute abend,« sagte Casanova, aber mit
+einem scherzhaften Blinzeln. »Sie wissen ja, mein bester Olivo, die
+Senatoren von Venedig –« »Haben es nicht um Sie verdient,« unterbrach
+ihn Olivo lebhaft. »Lassen Sie sie warten. Bleiben Sie bei uns bis
+übermorgen, nein, eine Woche lang.« Casanova schüttelte langsam den
+Kopf, während er die kleine Teresina bei den Händen gefaßt und zwischen
+seinen Knien wie gefangen hielt. Sie entwand sich ihm sanft mit einem
+Lächeln, das nun gar nichts Kindliches mehr hatte, als Amalia und
+Marcolina aus dem Hause traten, jene mit einem schwarzen, diese mit
+einem weißen Schaltuch über den hellen Gewändern. Olivo forderte sie
+beide auf, ihre Bitten mit der seinigen zu vereinen. »Es ist unmöglich,«
+sagte Casanova mit einer übertriebenen Härte in Stimme und Ausdruck, da
+weder Amalia noch Marcolina ein Wort fanden, Olivos Einladung zu
+unterstützen.
+
+Während sie durch die Kastanienallee dem Tore zuschritten, richtete
+Marcolina an Casanova die Frage, ob er heute nacht seine Arbeit, über
+der ihn Olivo, wie er gleich erzählt, noch am hellen Morgen wach
+gefunden, beträchtlich gefördert habe? Schon gedachte Casanova ihr eine
+zweideutig-boshafte Antwort zu geben, die sie stutzig gemacht hätte,
+ohne ihn doch selbst zu verraten; aber er zügelte seinen Witz in der
+Erwägung, daß jede Voreiligkeit von Übel sein könnte, und erwiderte
+höflich, daß er nur einige Änderungen angebracht habe, zu denen er die
+Anregung der gestrigen Unterhaltung mit ihr verdanke. Sie stiegen in den
+unförmlichen, schlechtgepolsterten, aber sonst bequemen Wagen. Casanova
+saß Marcolinen, Olivo seiner Gattin gegenüber; doch das Gefährt war so
+geräumig, daß es trotz des Hinundherrüttelns zu keiner ungewollten
+Berührung zwischen den Insassen kommen konnte. Casanova bat Amalia, ihm
+ihren Traum zu erzählen. Sie lächelte ihn freundlich, fast gütig an;
+jede Spur von Gekränktheit oder Groll war aus ihren Zügen verschwunden.
+Dann begann sie: »Ich sah Sie, Casanova, in einem herrlichen, mit sechs
+dunklen Pferden bespannten Wagen vor einem hellen Gebäude vorfahren.
+Vielmehr: der Wagen hielt an und ich wußte noch nicht, wer drin saß – da
+stiegen Sie aus, in einem prächtigen, weißen, goldgestickten
+Staatsgewand, fast noch prächtiger anzuschaun, als Sie heute angetan
+sind – (es war ein freundlicher Spott in ihren Mienen) – und Sie trugen
+– wahrhaftig, die gleiche schmale Goldkette trugen Sie, die Sie heute
+tragen, und die ich doch wahrlich niemals noch an Ihnen gesehen habe!
+(Diese Kette mit der goldenen Uhr und eine mit Halbedelsteinen besetzte
+goldene Dose, die Casanova eben wie spielend in der Hand hielt, waren
+die letzten Schmuckstücke von mäßigem Wert, die er sich zu bewahren
+gewußt hatte.) – Ein alter, bettelhaft aussehender Mann öffnete den
+Wagenschlag – es war Lorenzi; Sie aber, Casanova, Sie waren jung, ganz
+jung, noch jünger, als Sie damals gewesen sind. – (Sie sagte »damals«,
+unbekümmert darum, daß aus diesem Worte flügelrauschend all ihre
+Erinnerungen geflattert kamen.) »Sie grüßten nach allen Seiten, obwohl
+weit und breit kein Mensch zu sehen war, und traten durch das Tor; es
+schlug heftig hinter Ihnen zu, ich wußte nicht, ob es der Sturm
+zugeschleudert oder Lorenzi; – so heftig, daß die Pferde scheuten und
+mit dem Wagen davonrasten. Nun hörte ich ein Geschrei aus Nebengassen,
+wie von Menschen, die sich zu retten suchen, das verstummte gleich. Sie
+aber erschienen an einem Fenster des Hauses, ich wußte jetzt, daß es ein
+Spielhaus war, und grüßten herab nach allen Seiten, und es war doch
+niemand da. Dann wandten Sie sich über Ihre Schulter nach rückwärts, als
+stände irgendwer hinter Ihnen im Zimmer; aber ich wußte, daß auch dort
+niemand war. Nun erblickte ich Sie plötzlich an einem andern Fenster,
+in einem höhern Stockwerk, wo genau dasselbe vor sich ging, dann wieder
+höher, und wieder, es war, als wüchse das Gebäude ins Unendliche; und
+von überall grüßten Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter
+Ihnen standen, aber doch eigentlich gar nicht da waren. Lorenzi aber
+lief immerfort auf den Treppen Ihnen nach, ohne Sie einzuholen. Sie
+hatten nämlich nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben ...«
+
+»Nun?« fragte Casanova, als Amalia schwieg. – »Es kam wohl noch
+allerlei, aber ich hab’ es vergessen,« sagte Amalia. Casanova war
+enttäuscht; an ihrer Stelle hätte er, wie er es in solchen Fällen, ob es
+sich nun um Träume handelte oder um Wirklichkeiten, immer tat, der
+Erzählung eine Abrundung, einen Sinn zu geben versucht, und so bemerkte
+er nun etwas unzufrieden: »Wie der Traum doch alles verkehrt. – Ich –
+als reicher Mann und Lorenzi als Bettler und alter Mann.« – »Mit
+Lorenzis Reichtum,« sagte Olivo, »ist es nicht weit her; sein Vater ist
+zwar ziemlich begütert, aber er steht mit dem Sohne nicht zum besten.« –
+Und ohne sich mit Fragen weiter bemühen zu müssen, erfuhr Casanova, daß
+man des Leutnants Bekanntschaft dem Marchese verdanke, der ihn vor
+wenigen Wochen eines Tages einfach in Olivos Haus mitgebracht habe. Wie
+der junge Offizier mit der Marchesa stünde, das müsse man einem Kenner,
+wie dem Chevalier, nicht erst ausdrücklich zu verstehen geben; da
+übrigens der Gatte nichts dagegen einzuwenden finde, könne man sich als
+Unbeteiligter gleichfalls dabei beruhigen.
+
+»Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie zu glauben scheinen,
+Olivo,« sagte Casanova, »möchte ich bezweifeln. Haben Sie nicht bemerkt,
+mit welchem Gemisch von Verachtung und Grimm er den jungen Menschen
+behandelt? Ich möchte nicht darauf schwören, daß die Sache ein gutes
+Ende nimmt.«
+
+Auch jetzt rührte sich nichts in Marcolinens Antlitz und Haltung. Sie
+schien an dem ganzen Gespräch über Lorenzi nicht den geringsten Anteil
+zu nehmen und sich still am Anblick der Landschaft zu erfreuen. Man fuhr
+eine in zahlreichen Windungen sanft ansteigende Straße durch einen Wald
+von Oliven und Steineichen; und da man eben an eine Stelle kam, wo die
+Pferde noch langsamer trotteten als vorher, zog es Casanova vor,
+auszusteigen und neben dem Gefährt einherzugehen. Marcolina sprach von
+der schönen Umgebung Bolognas und von den Abendspaziergängen, die sie
+mit der Tochter des Professors Morgagni zu unternehmen pflegte. Auch
+erwähnte sie der Absicht, nächstes Jahr nach Frankreich zu reisen, um
+den berühmten Mathematiker Saugrenue von der Pariser Universität, mit
+dem sie in Korrespondenz stehe, persönlich kennenzulernen. »Vielleicht
+mache ich mir das Vergnügen,« sagte sie lächelnd, »mich auf dem Weg in
+Ferney aufzuhalten, um aus Voltaires eigenem Mund zu erfahren, wie er
+die Streitschrift seines gefährlichsten Widersachers, des Chevaliers von
+Seingalt, aufgenommen.« Casanova, die Hand auf der Seitenlehne des
+Wagens, neben Marcolinens Arm, dessen sich bauschende Hülle seine Finger
+streifte, erwiderte kühl: »Es wird sich weniger darum handeln, wie Herr
+Voltaire, als vielmehr wie die Nachwelt meine Schrift aufnimmt; denn
+diese erst wird ein Recht darauf haben, die endgültige Entscheidung zu
+treffen.« – »Sie glauben,« meinte Marcolina ernsthaft, »daß in den
+Fragen, die hier zur Sprache stehen, überhaupt endgültige Entscheidungen
+gefällt werden können?« – »Diese Frage wundert mich aus Ihrem Munde,
+Marcolina, deren philosophische, und wenn das Wort hier angebracht
+erscheint, religiöse Ansichten mir zwar keineswegs an sich
+unbestreitbar, aber doch in Ihrer Seele – falls Sie eine solche als
+vorhanden annehmen – vollkommen fest gegründet schienen.« – Marcolina,
+der Spitzen in Casanovas Rede nicht achtend, sah ruhig zum Himmel auf,
+der sich in dunkler Bläue über die Wipfel der Bäume breitete, und
+erwiderte: »Manchmal, besonders an Tagen wie heute,« – und in diesem
+Wort klang nur für Casanova, den Wissenden, aus den Tiefen ihres
+erwachten Frauenherzens eine bebende Andacht mit – »ist mir, als wäre
+all das, was man Philosophie und Religion nennt, nur ein Spiel mit
+Worten, edler freilich, doch auch sinnloser als alle andern sind. Die
+Unendlichkeit und die Ewigkeit zu erfassen wird uns immer versagt sein;
+unser Weg geht von der Geburt zum Tode; was bleibt uns übrig als nach
+dem Gesetz zu leben, das jedem von uns in die Brust gesenkt ist – oder
+auch wider das Gesetz? Denn Auflehnung wie Demut kommen gleichermaßen
+von Gott.«
+
+Olivo sah auf seine Nichte mit scheuer Bewunderung, dann ängstlich zu
+Casanova hin, der nach einer Entgegnung suchte, mit der er Marcolinen
+klarmachen könnte, daß sie Gott sozusagen in einem Atemzug bewies und
+leugnete, – oder daß Gott und Teufel für sie eines seien; – aber er
+spürte, daß er gegen ihr Gefühl nichts andres einzusetzen hatte als
+leere Worte, – und nicht einmal die boten sich ihm heute dar. Doch der
+sonderbar sich verzerrende Ausdruck seiner Mienen schien in Amalia die
+Erinnerung an seine wirren Drohungen von gestern wieder aufzuwecken, und
+sie beeilte sich zu bemerken: »Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie
+mir, Chevalier.« – Marcolina lächelte verloren. »Wir sind es alle in
+unsrer Weise,« sagte Casanova höflich und sah vor sich hin.
+
+Eine plötzliche Biegung des Wegs, und das Kloster lag vor ihnen. Über
+die hohe Umfassungsmauer ragten die schlanken Enden der Zypressen. Auf
+das Geräusch des heranrollenden Wagens hatte sich das Tor aufgetan, ein
+Pförtner mit langem weißen Barte grüßte bedächtig und ließ die Gäste
+ein. Durch einen offenen Bogengang, zwischen dessen Säulen man
+beiderseits in einen ganz verwachsenen, dunkelgrünen Garten sah,
+näherten sie sich dem eigentlichen Klostergebäude, von dessen grauen,
+völlig schmucklosen, gefängnisartigen Mauern eine unfreundlich-kühle
+Luft über sie geweht kam. Olivo zog an dem Glockenstrang, es tönte
+schrill und verhallte sofort, eine tiefverschleierte Nonne öffnete
+schweigend und geleitete die Gäste in den geräumigen kahlen Sprechsaal,
+in dem nur ein paar einfache hölzerne Stühle standen. Nach rückwärts war
+er durch ein dickstäbiges Eisengitter abgeschlossen, jenseits dessen der
+Raum in ein unbestimmtes Dunkel verschwamm. Bitternis im Herzen, dachte
+Casanova jenes Abenteuers, das ihm auch heute noch eines seiner
+wunderbarsten dünkte und das in ganz ähnlicher Umgebung seinen Anfang
+genommen: in seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen von
+Murano auf, die in der Liebe für ihn als Freundinnen sich gefunden und
+ihm gemeinsam unvergleichliche Stunden der Lust geschenkt hatten. Und
+als Olivo im Flüsterton von der strengen Zucht zu sprechen anhub, in
+der hier die Schwestern gehalten seien, die, einmal eingekleidet, ihr
+Antlitz unverhüllt vor keinem Manne zeigen dürften und überdies zu
+ewigem Schweigen verurteilt wären, zuckte um seine Lippen ein Lächeln,
+das gleich wieder erstarrte.
+
+Die Äbtissin stand in ihrer Mitte, wie aus dem Dämmer hervorgetaucht.
+Stumm begrüßte sie die Gäste: mit einem über alle Maßen gütigen Neigen
+des verhüllten Hauptes nahm sie Casanovas Dank für den auch ihm
+gewährten Einlaß entgegen; Marcolina aber, die ihr die Hand küssen
+wollte, schloß sie in die Arme. Dann lud sie alle durch eine
+Handbewegung ein, ihr zu folgen, und führte sie durch einen kleinen
+Nebenraum in einen Gang, der im Viereck rings um einen blühenden Garten
+lief. Im Gegensatz zu jenem äußeren verwilderten schien er mit besondrer
+Sorgfalt gepflegt, und die vielen reichen sonnbeglänzten Beete spielten
+in wundersamen aufgeglühten und verklingenden Farben. Den heißen, fast
+betäubenden Düften aber, die den Blütenkelchen entströmten, schien ein
+ganz besonders geheimnisvoller beigemischt, für den Casanova in seiner
+Erinnerung keinen Vergleich zu finden wußte. Doch wie er eben zu
+Marcolina hiervon ein Wort sagen wollte, merkte er, daß dieser
+geheimnisvolle, herz- und sinnerregende Duft von ihr selber ausging, die
+den Schal, den sie bisher über den Schultern getragen, über den Arm
+gelegt hatte, so daß aus dem Ausschnitt ihrer nun loser gewordenen
+Gewandung aufsteigend der Duft ihres Leibes sich dem der hunderttausend
+Blumen wie ein von Natur verwandter und doch eigentümlicher beigesellte.
+Die Äbtissin, immer stumm, führte die Besucher zwischen den Beeten auf
+schmalen, vielfach gewundenen Wegen, wie durch ein zierliches Labyrinth
+hin und her; in der Leichtigkeit und Raschheit ihres Gangs war die
+Freude zu merken, die sie selbst daran empfand, den andern die bunte
+Pracht ihres Gartens zu weisen; – und als hätte sie’s drauf angelegt,
+sie schwindlig zu machen, wie die Führerin eines heiteren Reigentanzes,
+schritt sie, immer eiliger, ihnen voran. Plötzlich aber – Casanova war
+es zumute, als wachte er aus einem wirren Traume auf – fanden sie sich
+alle im Sprechsaal wieder. Jenseits des Gitters schwebten dunkle
+Gestalten; niemand hätte zu unterscheiden vermocht, ob es drei oder fünf
+oder zwanzig verschleierte Frauen waren, die hinter den dichtgestellten
+Stäben wie aufgescheuchte Geister hin und her irrten; und nur Casanovas
+nachtscharfes Auge war imstande, in der tiefen Dämmerung überhaupt
+menschliche Umrisse zu erkennen. Die Äbtissin geleitete ihre Gäste zur
+Tür, gab ihnen stumm das Zeichen, daß sie entlassen seien, und war
+spurlos verschwunden, ehe jene nur Zeit gefunden hatten, ihr den
+schuldigen Dank auszusprechen. Plötzlich, als sie eben den Saal
+verlassen wollten, erklang es aus der Gegend des Gitters her von einer
+Frauenstimme – »Casanova« – nichts als der Name, doch mit einem
+Ausdruck, wie ihn Casanova noch niemals gehört zu haben vermeinte. Ob
+eine Einstmalsgeliebte, – ob eine Niemalsgeschaute eben ein heiliges
+Gelübde gebrochen, um ein letztes, – oder ein erstes Mal seinen Namen in
+die Luft zu hauchen; – ob darin die Seligkeit eines unerwarteten
+Wiedersehens, der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes oder die Klage
+gezittert, daß ein heißer Wunsch aus fernen Tagen sich so spät und
+nutzlos erfüllte, – Casanova vermochte es nicht zu deuten; nur dies eine
+wußte er, daß sein Name, so oft Zärtlichkeit ihn geflüstert,
+Leidenschaft ihn gestammelt, Glück ihn gejubelt hatte, heute zum
+erstenmal mit dem vollen Klang der Liebe an sein Herz gedrungen war.
+Doch eben darum schien jede weitere Neugier ihm unlauter und sinnlos; –
+und hinter einem Geheimnis, das er nimmer enträtseln sollte, schloß sich
+die Tür. Hätten nicht die andern durch Blicke sich scheu und flüchtig zu
+verstehen gegeben, daß auch sie den gleich wieder verhallten Ruf gehört,
+so hätte jeder für seinen Teil an eine Sinnestäuschung glauben können;
+denn keiner sprach ein Wort, während sie durch den Säulengang dem Tore
+zuschritten. Casanova aber folgte als letzter, mit geneigtem Haupt, wie
+von einem großen Abschied. –
+
+Der Pförtner stand am Tor, empfing sein Almosen, und die Gäste stiegen
+in den Wagen, der sie ohne weiteren Verzug heimwärts führte. Olivo
+schien verlegen, Amalia entrückt, Marcolina jedoch völlig unberührt; und
+allzu absichtlich, wie es Casanova dünkte, versuchte sie mit Amalia ein
+Gespräch über Angelegenheiten der Hauswirtschaft einzuleiten, das aber
+Olivo an Stelle seiner Gattin aufnehmen mußte. Bald nahm auch Casanova
+daran teil, der sich auf Fragen, die Küche und Keller betrafen,
+vortrefflich verstand, und keinen Anlaß sah, mit seinen Kenntnissen und
+Erfahrungen auch auf diesem Gebiet, wie zu einem neuen Beweis seiner
+Vielseitigkeit, zurückzuhalten. Nun wachte auch Amalia aus ihrer
+Versonnenheit auf; nach dem fast märchenhaften und doch beklemmenden
+Abenteuer, aus dem sie eben emporgetaucht waren, schienen sich alle,
+besonders aber Casanova, in so irdisch alltäglicher Atmosphäre
+vorzüglich zu behagen, und, als der Wagen vor Olivos Hause hielt, aus
+dem ihnen schon einladend der Geruch von Braten und allerlei Gewürzen
+entgegenströmte, war Casanova gerade in der äußerst appetitreizenden
+Schilderung eines polnischen Pastetengerichts begriffen, der auch
+Marcolina mit einer liebenswürdig-hausfraulichen, von Casanova als
+schmeichelhaft empfundenen Teilnahme zuhörte.
+
+In einer seltsam beruhigten, beinahe vergnügten Stimmung, über die er
+selbst verwundert war, saß er dann mit den andern bei Tische und machte
+Marcolinen in einer scherzhaft aufgeräumten Weise den Hof, wie es sich
+etwa für einen vornehmen ältern Herrn einem wohlerzogenen jungen Mädchen
+aus bürgerlichem Hause gegenüber schicken mochte. Sie ließ es sich gern
+gefallen und gab ihm seine Artigkeiten mit vollendeter Anmut zurück. Ihm
+machte es ebenso große Mühe, sich vorzustellen, daß seine gesittete
+Nachbarin dieselbe Marcolina war, aus deren Fenster er heute nacht einen
+jungen Offizier hatte flüchten sehen, der offenbar noch in der Sekunde
+vorher in ihren Armen gelegen war, – als es ihm schwer fiel, anzunehmen,
+daß dieses zarte Fräulein, das sich mit andern kaum erwachsenen Mädchen
+im Gras herumzuwälzen liebte, – eine gelehrte Korrespondenz mit dem
+berühmten Saugrenue in Paris unterhielt; und er schalt sich zugleich ob
+dieser lächerlichen Trägheit seiner Phantasie. Hatte er nicht schon
+unzählige Male erfahren, daß in jedes wahrhaft lebendigen Menschen Seele
+nicht nur verschiedene, daß sogar scheinbar feindliche Elemente auf die
+friedlichste Weise darin zusammenwohnten? Er selbst, vor kurzem noch ein
+im tiefsten aufgewühlter, ein verzweifelter, ja ein zu bösem Tun
+bereiter Mann; – war er jetzt nicht sanft, gütig und zu so lustigen
+Späßchen aufgelegt, daß die kleinen Töchter Olivos sich manchmal vor
+Lachen schüttelten? Nur an seinem ganz außerordentlichen, fast
+tierischen Hunger, der ihn immer nach starken Aufregungen zu überfallen
+pflegte, erkannte er selbst, daß die Ordnung in seiner Seele noch
+keineswegs völlig hergestellt war.
+
+Mit dem letzten Gang zugleich brachte die Magd ein Schreiben, das ein
+Bote aus Mantua soeben für den Chevalier abgegeben hätte. Olivo, der
+merkte, wie Casanova vor Aufregung erblaßte, gab Auftrag, dem Boten
+Speise und Trank zu reichen, dann wandte er sich an seinen Gast mit den
+Worten: »Lassen Sie sich nicht stören, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren
+Brief.« – »Mit Ihrer Erlaubnis,« erwiderte Casanova, erhob sich, mit
+einer leichten Verneigung, vom Tisch, trat ans Fenster und öffnete das
+Schreiben mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Es kam von Herrn
+Bragadino, seinem väterlichen Freund aus Jugendtagen, einem alten
+Hagestolz, der, nun über achtzig, und vor zehn Jahren Mitglied des Hohen
+Rats geworden, Casanovas Sache in Venedig mit mehr Eifer als die andern
+Gönner zu führen schien. Der Brief, ausnehmend zierlich, nur von etwas
+zittriger Hand geschrieben, lautete wörtlich:
+
+»Mein lieber Casanova. Heute endlich befinde ich mich in der angenehmen
+Lage, Ihnen eine Nachricht zu senden, die, wie ich hoffe, in der
+Hauptsache Ihren Wünschen gerecht werden dürfte. Der Hohe Rat hat sich
+in seiner letzten Sitzung, die gestern abend stattfand, nicht nur bereit
+erklärt, Ihnen die Rückkehr nach Venedig zu gestatten, sondern wünscht
+sogar, daß Sie diese Ihre Rückkehr tunlichst beschleunigen, da
+beabsichtigt wird, die tätige Dankbarkeit, die Sie in zahlreichen
+Briefen in Aussicht gestellt haben, baldigst in Anspruch zu nehmen. Wie
+Ihnen vielleicht nicht bekannt ist, mein lieber Casanova (da wir ja Ihre
+Gegenwart so lange entbehren mußten), haben sich die innern Verhältnisse
+unsrer teuern Vaterstadt im Laufe der letzten Zeit sowohl in politischer
+als auch in sittlicher Hinsicht einigermaßen bedenklich gestaltet.
+Geheime Verbindungen bestehen, die gegen unsre Staatsverfassung
+gerichtet sind, ja einen gewaltsamen Umsturz zu planen scheinen, und wie
+es in der Natur der Dinge liegt, sind es vor allem gewisse freigeistige,
+irreligiöse und in jedem Sinne zuchtlose Elemente, die an diesen
+Verbindungen, die man mit einem härteren Worte auch Verschwörungen
+nennen könnte, in hervorragendem Maße teilhaben. Auf öffentlichen
+Plätzen, in den Kaffeehäusern, von Privatörtlichkeiten gar nicht zu
+reden, werden, wie uns bekannt ist, die ungeheuerlichsten, ja geradezu
+hochverräterische Unterhaltungen geführt; aber nur in den seltensten
+Fällen gelingt es, die Schuldigen auf frischer Tat zu ertappen oder
+ihnen etwas Sicheres nachzuweisen, da gerade gewisse, auf der Folter
+erzwungene Geständnisse sich als so unzuverlässig erwiesen haben, daß
+einige Mitglieder unsres Hohen Rats sich dafür aussprachen, in Hinkunft
+von einer solchen grausamen und dabei oft irreführenden
+Untersuchungsmethode lieber abzusehen. Zwar ist kein Mangel an Leuten,
+die sich gern in den Dienst der Regierung stellen, zum Besten der
+öffentlichen Ordnung und des Staatswohls; aber gerade von diesen Leuten
+sind die meisten als gesinnungstüchtige Anhänger der bestehenden
+Verfassung zu sehr bekannt, als daß man sich in ihrer Gegenwart so
+leicht zu einer unvorsichtigen Bemerkung oder gar zu hochverräterischen
+Reden hinreißen ließe. Nun wurde von einem der Senatoren, den ich
+vorläufig nicht nennen will, in der gestrigen Sitzung die Ansicht
+ausgesprochen, daß jemand, dem der Ruf eines Mannes ohne sittliche
+Grundsätze und überdies der Ruf eines Freigeistes voranginge – kurzum,
+daß ein Mensch wie Sie, Casanova, sobald er sich in Venedig wieder
+zeigte, zweifellos gerade in den verdächtigen Kreisen, von denen hier
+die Rede ist, sofortiger Sympathie und – bei einiger Geschicklichkeit
+von seiner Seite – bald einem rückhaltlosen Vertrauen begegnen müßte.
+Ja meines Erachtens würden sich mit Notwendigkeit, wie nach dem Walten
+eines Naturgesetzes, gerade diejenigen Elemente um Sie versammeln, an
+deren Unschädlichmachung und exemplarischer Bestrafung dem Hohen Rat in
+seiner unermüdlichen Sorge um das Wohl des Staates am meisten gelegen
+ist, und so würden wir es nicht nur als einen Beweis Ihres patriotischen
+Eifers, mein lieber Casanova, sondern auch als ein untrügliches Zeichen
+Ihrer vollkommenen Abkehr von all jenen Tendenzen betrachten, die Sie
+seinerzeit unter den Bleidächern zwar hart, doch, wie auch Sie heute
+einsehen (wenn wir Ihren brieflichen Versicherungen glauben dürfen),
+nicht ganz ungerecht büßen mußten, – wenn Sie sich bereit fänden, in dem
+oben angedeuteten Sinne sofort nach Ihrer Heimkehr bei den nun genügend
+gekennzeichneten Elementen Anschluß zu suchen, sich ihnen in
+freundschaftlicher Weise zuzugesellen, wie einer, der den gleichen
+Tendenzen huldigt, und von allem, was Ihnen verdächtig oder sonstwie
+wissenswürdig erschiene, dem Senat unverzüglichen und eingehenden
+Bericht zu erstatten. Für diese Dienste wäre man geneigt, Ihnen fürs
+erste einen monatlichen Gehalt von zweihundertfünfzig Lire auszusetzen,
+abgesehen von Extragratifikationen in einzelnen besonders wichtigen
+Fällen, sowie Ihnen natürlich auch alle Ihnen in Ausübung Ihres
+Dienstes erwachsenden Kosten (als da sind Freihalten des einen oder
+andern Individuums, kleine Geschenke an Frauenspersonen usw.) ohne
+Bedenklichkeit und Knickerei ersetzt würden. Ich verhehle mir
+keineswegs, daß Sie gewisse Skrupel werden niederzukämpfen haben, ehe
+Sie sich in dem von uns gewünschten Sinne entscheiden sollten; aber
+erlauben Sie mir als Ihrem alten und aufrichtigen Freunde (der auch
+einmal jung gewesen ist) Ihnen zur Erwägung zu geben, daß es niemals als
+unehrenhaft gelten kann, seinem geliebten Vaterlande irgendeinen für
+dessen gesichertes Weiterbestehen notwendigen Dienst zu erweisen, auch
+wenn es ein Dienst von einer Art wäre, wie sie dem oberflächlich und
+nicht patriotisch denkenden Bürger als minder würdig zu erscheinen
+pflegen. Auch möchte ich noch hinzufügen, daß Sie, Casanova, ja
+Menschenkenner genug sind, um den Leichtfertigen vom Verbrecher oder den
+Spötter vom Ketzer zu unterscheiden; und so werden Sie selbst es in der
+Hand haben, in berücksichtigungswerten Fällen Gnade vor Recht ergehen zu
+lassen, und immer nur denjenigen der Strafe zuzuführen, dem eine solche
+Ihrer eigenen Überzeugung nach gebührt. Vor allem aber bedenken Sie, daß
+die Erfüllung Ihres sehnlichsten Wunsches – Ihre Rückkehr in die
+Vaterstadt – wenn Sie den gnädigen Vorschlag des Hohen Rates ablehnen
+sollten, auf lange, ja, wie ich fürchte, auf unabsehbare Frist
+hinausgeschoben wäre, und daß ich selbst, wenn ich auch das hier
+erwähnen darf, als einundachtzigjähriger Greis nach aller menschlicher
+Berechnung auf die Freude verzichten müßte, Sie jemals in meinem Leben
+wiederzusehen. Da Ihre Anstellung aus begreiflichen Gründen nicht so
+sehr einen öffentlichen als einen vertraulichen Charakter tragen soll,
+bitte ich Sie, Ihre Antwort, die ich mich anheischig mache, dem Hohen
+Rate in der nächsten, heute über acht Tage stattfindenden Sitzung
+mitzuteilen, an mich persönlich zu adressieren; und zwar mit möglichster
+Beschleunigung, da, wie ich schon oben andeutete, täglich Gesuche von
+zum Teil höchst vertrauenswürdigen Personen an uns gelangen, die sich
+dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig zur Verfügung stellen.
+Freilich gibt es kaum einen unter diesen, der es an Erfahrung und Geist
+mit Ihnen, mein lieber Casanova, aufzunehmen imstande wäre; und wenn Sie
+zu alldem noch meine Sympathie für Sie ein wenig in Betracht ziehen, so
+kann ich kaum daran zweifeln, daß Sie dem Rufe, der von so hoher und
+wohlgeneigter Stelle an Sie ergeht, freudig Folge leisten werden. Bis
+dahin bin ich in unveränderlicher Freundschaft Ihr anhänglicher
+Bragadino.
+
+Nachschrift. Es wird mir angenehm sein, Ihnen sofort nach Ankündigung
+Ihres Entschlusses einen Wechsel im Betrage von zweihundert Lire auf
+das Bankhaus Valori in Mantua zur Bestreitung der Reisekosten
+auszustellen. Der Obige.«
+
+Casanova hatte längst zu Ende gelesen, aber noch immer hielt er das
+Blatt vors Gesicht, um die Totenblässe seiner verzerrten Züge nicht
+merken zu lassen. Das Geräusch des Mahles mit Tellergeklapper und
+Gläsergeklirr ging indes weiter, doch niemand sprach ein Wort. Endlich
+ließ sich Amalia schüchtern vernehmen: »Die Schüssel wird kalt,
+Chevalier, wollen Sie sich nicht bedienen?« – »Ich danke,« sagte
+Casanova und ließ sein Antlitz wieder sehen, dem er nun dank seiner
+außerordentlichen Verstellungskunst einen ruhigen Ausdruck zu verleihen
+vermocht hatte. »Es sind vortreffliche Nachrichten, die ich hier aus
+Venedig erhalten habe, und ich muß unverzüglich meine Antwort absenden.
+Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich mich sofort zurückziehe.« –
+»Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, Chevalier,« sagte Olivo. »Aber
+vergessen Sie nicht, daß in einer Stunde das Spiel beginnt.«
+
+Casanova ging auf sein Zimmer, sank auf einen Stuhl, kalter Schweiß
+brach an seinem ganzen Körper aus, Frost warf ihn hin und her, und der
+Ekel stieg ihm bis zum Halse hinauf, so daß er glaubte, auf der Stelle
+ersticken zu müssen. Einen klaren Gedanken zu fassen, war er vorerst
+außerstande, und seine ganze Kraft verwandte er darauf, sich
+zurückzuhalten, ohne daß er zu sagen gewußt hätte, wovor. Denn hier im
+Hause war ja niemand, an dem er seinen ungeheuren Zorn hätte austoben
+können, und den dumpfen Einfall, daß Marcolina irgendwie an der
+namenlosen Schmach mitschuldig sei, die ihm widerfahren, vermochte er
+immerhin noch als Tollheit zu erkennen. Als er sich zur Not gesammelt,
+war sein erster Gedanke, an den Schurken Rache zu nehmen, die geglaubt
+hatten, ihn als Polizeispion dingen zu können. In irgendeiner
+Verkleidung wollte er sich nach Venedig schleichen und all die Wichte
+auf listige Weise vom Leben zum Tode bringen – oder wenigstens den
+einen, der den jämmerlichen Plan ausgeheckt hatte. War es etwa gar
+Bragadino selbst? Warum nicht? Ein Greis – so schamlos geworden, daß er
+diesen Brief an Casanova zu schreiben wagte, – so schwachsinnig, daß er
+Casanova – Casanova! den er doch einst gekannt hatte – für einen Spion
+eben gut genug hielt! Ah, er kannte eben Casanova nicht mehr! Niemand
+kannte ihn mehr, so wenig in Venedig als anderswo. Aber man sollte ihn
+wieder kennenlernen. Er war freilich nicht mehr jung und schön genug, um
+ein tugendhaftes Mädchen zu verführen – und kaum mehr gewandt und
+gelenkig genug, um aus Kerkern zu entwischen und auf Dachfirsten zu
+turnen – aber klüger war er noch immer als alle! Und wenn er nur einmal
+in Venedig war, so konnte er dort treiben und lassen, was ihm beliebte;
+es kam nur darauf an, endlich dort zu sein! Dann war es vielleicht gar
+nicht nötig, irgendwen umzubringen; es gab allerlei Arten von Rache,
+witzigere, teuflischere, als eine gewöhnliche Mordtat wäre; und wenn man
+zum Schein etwa den Antrag der Herren annahm, so war es die leichteste
+Sache von der Welt, gerade diejenigen Leute zu verderben, die man
+verderben wollte, und nicht diejenigen, auf die es der Hohe Rat
+abgesehen hatte und die unter allen Venezianern gewiß die allerbravsten
+Kerle waren! Wie? Weil sie Feinde dieser niederträchtigen Regierung
+waren, weil sie als Ketzer galten, sollten sie in dieselben Bleikammern,
+wo er vor fünfundzwanzig Jahren geschmachtet, oder gar unters Beil? Er
+haßte die Regierung noch hundertmal mehr und mit bessern Gründen als
+jene taten, und ein Ketzer war er sein Lebenlang gewesen, war es heute
+noch und mit heiligerer Überzeugung als sie alle! Er hatte sich ja
+selber nur eine vertrackte Komödie vorgespielt in diesen letzten Jahren
+– aus Langeweile und Ekel. Er an Gott glauben? Was war denn das für ein
+Gott, der nur den Jungen hold war und die Alten im Stich ließ? Ein Gott,
+der sich, wann es ihm beliebte, zum Teufel wandelte, Reichtum in Armut,
+Unglück in Glück, und Lust in Verzweiflung kehrte? Hast du deinen Spaß
+mit uns – und wir sollen zu dir beten? – An dir zweifeln ist das einzige
+Mittel, das uns bleibt – dich nicht zu lästern! – Sei nicht! Denn, wenn
+du bist, so muß ich dir fluchen! Er ballte die Fäuste zum Himmel, er
+reckte sich auf. Unwillkürlich drängte sich ein verhaßter Name auf seine
+Lippen. Voltaire! Ja, nun war er in der rechten Verfassung, seine
+Schrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden. Zu vollenden?
+Nein, nun erst sollte sie begonnen werden. Eine neue! Eine andre! – in
+der der lächerliche Greis hergenommen werden sollte, wie er es verdiente
+... um seiner Vorsicht, seiner Halbheit, seiner Kriecherei willen. Ein
+Ungläubiger der? Von dem man in der letzten Zeit immer wieder hörte, daß
+er sich aufs trefflichste mit den Pfaffen stand und zur Kirche, an
+Festtagen sogar zur Beichte ging? Ein Ketzer der? Ein Schwätzer, ein
+großsprecherischer Feigling – nichts andres! Nun aber war die
+fürchterliche Abrechnung nah, nach der von dem großen Philosophen nichts
+übrig bleiben sollte als ein kleines witziges Schreiberlein. Wie hatte
+er sich aufgespielt, der gute Herr Voltaire ... »Ah, mein guter Herr
+Casanova, ich bin Ihnen ernstlich böse. Was gehen mich die Werke des
+Herrn Merlin an? Sie sind schuld, daß ich vier Stunden mit Dummheiten
+verbracht habe.« – Geschmackssache, mein bester Herr Voltaire! Man wird
+die Werke Merlins noch lesen, wenn die Pucelle längst vergessen ist ...
+und auch meine Sonette wird man möglicherweise dann noch schätzen, die
+Sie mir mit einem so unverschämten Lächeln zurückgaben, ohne ein Wort
+darüber zu äußern. Doch das sind Kleinigkeiten. Wir wollen eine große
+Angelegenheit nicht durch schriftstellerische Empfindlichkeiten
+verwirren. Es handelt sich um die Philosophie – um Gott ...! Wir wollen
+die Klingen kreuzen, Herr Voltaire, sterben Sie mir nur gefälligst nicht
+zu früh.
+
+Schon dachte er daran, seine Arbeit auf der Stelle zu beginnen, als ihm
+einfiel, daß der Bote auf Antwort wartete. Und mit fliegender Hand
+entwarf er einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino, einen Brief voll
+geheuchelter Demut und verlogenen Entzückens: er nehme die Gnade des
+Hohen Rats mit freudiger Dankbarkeit an und erwarte den Wechsel mit
+wendender Post, um sich seinen Gönnern, vor allem seinem hochverehrten
+väterlichen Freunde Bragadino sobald als möglich zu Füßen legen zu
+dürfen. Während er eben daran war, den Brief zu versiegeln, klopfte es
+leise an die Tür; Olivos ältestes Töchterlein, die Dreizehnjährige, trat
+ein und bestellte, daß die ganze Gesellschaft bereits versammelt sei und
+den Chevalier mit Ungeduld zum Spiel erwarte. In ihren Augen glimmte es
+sonderbar, ihre Wangen waren gerötet, das frauenhaft dichte Haar
+spielte bläulich-schwarz um ihre Schläfen; der kindliche Mund war halb
+geöffnet: »Hast du Wein getrunken, Teresina?« fragte Casanova und machte
+einen langen Schritt auf sie zu. – »Wahrhaftig – und der Herr Chevalier
+merken das gleich?« Sie wurde noch röter, und wie in Verlegenheit strich
+sie sich mit der Zunge über die Unterlippe. Casanova packte sie bei den
+Schultern, hauchte ihr seinen Atem ins Gesicht, zog sie mit sich, warf
+sie aufs Bett; sie sah ihn mit großen hilflosen Augen an, in denen das
+Glimmen erloschen war; doch als sie ihren Mund wie zum Schreien öffnete,
+zeigte ihr Casanova eine so drohende Miene, daß sie fast erstarrte und
+alles mit sich geschehen ließ, was ihm beliebte. Er küßte sie zärtlich
+wild und flüsterte: »Du mußt es dem Abbate nicht sagen, Teresina, auch
+in der Beichte nicht. Und wenn du später einen Liebhaber kriegst oder
+einen Bräutigam oder gar einen Mann, der braucht es auch nicht zu
+wissen. Du sollst überhaupt immer lügen; auch Vater und Mutter und
+Geschwister sollst du anlügen; auf daß es dir wohl ergehe auf Erden.
+Merk’ dir das.« – So lästerte er, und Teresina mußte es wohl für einen
+Segen halten, den er über sie sprach, denn sie nahm seine Hand und küßte
+sie andächtig wie die eines Priesters. Er lachte laut auf. »Komm,« sagte
+er dann, »komm, meine kleine Frau, wir wollen Arm in Arm im Saal unten
+erscheinen!« Sie zierte sich wohl ein wenig, lächelte aber dabei nicht
+unzufrieden.
+
+Es war die höchste Zeit, daß sie aus der Tür traten, denn Olivo kam eben
+erhitzt mit gerunzelten Brauen die Treppe herauf, und Casanova vermutete
+gleich, daß unzarte Scherze des Marchese oder des Abbate über das lange
+Ausbleiben der Kleinen ihm Bedenken verursacht haben mochten. Seine Züge
+erheiterten sich sofort, als er Casanova wie zum Scherz in die Kleine
+eingehängt auf der Schwelle stehen sah. »Verzeihen Sie, mein bester
+Olivo,« sagte Casanova, »daß ich warten ließ. Ich mußte meinen Brief
+erst zu Ende schreiben.« Er hielt ihn Olivo wie ein Beweisstück
+entgegen. »Nimm ihn,« sagte Olivo zu Teresina, indem er ihr die etwas
+verwirrten Haare zurecht strich, »und bring’ ihn dem Boten.« – »Und
+hier,« fügte Casanova hinzu, »sind zwei Goldstücke, die gibst du dem
+Mann: er möge sich beeilen, daß der Brief noch heute richtig von Mantua
+nach Venedig abgehe – und meiner Wirtin möge er bestellen, daß ich ...
+heute abend wieder daheim bin.« – »Heute abend?« rief Olivo.
+»Unmöglich!« – »Nun, wir werden sehen,« sagte Casanova herablassend. –
+»Und hier, Teresina, ein Goldstück für dich« ... und auf Olivos Einrede:
+»Leg’ es in deine Sparbüchse, Teresina; der Brief, den du in Händen
+hast, ist seine paar tausend Goldstücke wert.« – Teresina lief, und
+Casanova nickte vergnügt; es machte ihm einen ganz besondern Spaß, das
+Dirnchen, deren Mutter und Großmutter ihm auch schon gehört hatten, im
+Angesicht ihres eigenen Vaters für ihre Gunst zu bezahlen.
+
+Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, war das Spiel schon im Gange.
+Die emphatische Begrüßung der andern erwiderte er mit heitrer Würde und
+nahm gegenüber dem Marchese Platz, der die Bank hielt. Die Fenster waren
+gegen den Garten zu offen; Casanova hörte Stimmen, die sich näherten;
+Marcolina und Amalia kamen vorüber, blickten flüchtig in den Saal,
+verschwanden und waren dann nicht mehr zu sehen. Während der Marchese
+die Karten auflegte, wandte sich Lorenzi mit großer Höflichkeit an
+Casanova. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Chevalier, Sie waren besser
+unterrichtet, als ich es gewesen bin: unser Regiment marschiert in der
+Tat bereits morgen vor Abend aus.« Der Marchese schien erstaunt. »Und
+das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi?« – »Es ist wohl nicht so
+wichtig!« – »Für mich nicht so sehr,« meinte der Marchese, »aber für
+meine Gattin! Finden Sie nicht?« Er lachte in einer abstoßenden heisern
+Art. »Übrigens ein wenig doch auch für mich! Da ich gestern vierhundert
+Dukaten an Sie verloren habe und am Ende keine Zeit bleibt, sie
+zurückzugewinnen.« – »Auch uns hat der Leutnant Geld abgewonnen,« sagte
+der jüngere Ricardi, und der ältere, schweigende, sah über die Schulter
+zu dem Bruder auf, der, wie gestern, hinter ihm stand. – »Glück und
+Frauen« ... begann der Abbate. Und der Marchese schloß statt seiner:
+»Zwingt, wer mag.« – Lorenzi streute seine Goldstücke wie achtlos vor
+sich hin. »Da sind sie. Wenn Sie wünschen, alle auf ein Blatt, Marchese,
+damit Sie Ihrem Gelde nicht lange nachzulaufen haben.« Casanova
+verspürte plötzlich eine Art Mitleid für Lorenzi, das er sich selbst
+nicht recht erklären konnte; doch da er von seinem Ahnungsvermögen etwas
+hielt, war er überzeugt, daß der Leutnant im ersten Gefechte, das ihm
+bevorstand, fallen werde. Der Marchese nahm den hohen Satz nicht an;
+Lorenzi bestand nicht darauf; so ging das Spiel, an dem sich auch die
+andern in ihrer bescheidenen Weise, wie tags vorher, beteiligten,
+vorerst nur mit mäßigen Einsätzen weiter. Schon in der nächsten
+Viertelstunde wurden diese höher; und vor Ablauf der darauffolgenden
+hatte Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese verloren. Um
+Casanova schien sich das Glück nicht zu kümmern; er gewann, verlor und
+gewann wieder in fast lächerlich regelmäßigem Wechsel. Lorenzi atmete
+auf, als sein letztes Goldstück zum Marchese hinübergerollt war und
+erhob sich. »Ich danke, meine Herren. Dies wird nun,« er zögerte – »für
+lange mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen Hause gewesen sein.
+Und nun, mein verehrter Herr Olivo, gestatten Sie mir noch, mich von den
+Damen zu verabschieden, ehe ich nach der Stadt reite, wo ich vor
+Sonnenuntergang eintreffen möchte, um meine Zurüstungen für morgen zu
+treffen.« – Unverschämter Lügner, dachte Casanova. In der Nacht bist du
+wieder hier und – bei Marcolina! Neu flammte der Zorn in ihm auf. »Wie?«
+rief der Marchese übel gelaunt, »der Abend noch stundenfern, und das
+Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie wünschen, Lorenzi, mag mein
+Kutscher nach Hause fahren und der Marchesa bestellen, daß Sie sich
+verspäten.« – »Ich reite nach Mantua,« entgegnete Lorenzi ungeduldig. –
+Der Marchese, ohne darauf zu achten, sprach weiter: »Es ist noch Zeit
+genug; rücken Sie nur mit Ihren eigenen Goldstücken heraus, so wenig es
+sein mögen.« Und er warf ihm eine Karte hin. »Ich habe nicht ein
+einziges Goldstück mehr,« sprach Lorenzi müde. – »Was Sie nicht sagen!«
+– »Nicht eines,« wiederholte Lorenzi wie angeekelt. – »Was tut’s,« rief
+der Marchese mit einer plötzlichen, nicht sehr angenehm wirkenden
+Freundlichkeit. »Sie sind mir für zehn Dukaten gut, und wenn’s sein muß,
+für mehr.« – »Ein Dukaten also,« sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der
+Marchese schlug sie mit den seinen. Lorenzi spielte weiter, als
+verstände sich das nun von selbst; und bald war er dem Marchese hundert
+Dukaten schuldig. Casanova übernahm die Bank und hatte noch mehr Glück
+als der Marchese. Es war indes wieder ein Spiel zu dreien geworden,
+heute ließen sich’s auch die Brüder Ricardi ohne Einspruch gefallen; mit
+Olivo und dem Abbate waren sie bewundernde Zuschauer. Kein lautes Wort
+wurde gewechselt, nur die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich
+genug. Der Zufall des Spieles wollte, daß alles Bargeld zu Casanova
+hinüberfloß, und als eine Stunde vergangen war, hatte er zweitausend
+Dukaten zwar von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus des Marchese
+Tasche, der nun ohne einen Soldo dasaß. Casanova stellte ihm zur
+Verfügung, was ihm belieben sollte. Der Marchese schüttelte den Kopf.
+»Ich danke,« sagte er, »nun ist es genug. Für mich ist das Spiel zu
+Ende.« Aus dem Garten klang das Lachen und Rufen der Kinder. Casanova
+hörte Teresinas Stimme heraus; er saß mit dem Rücken gegen das Fenster
+und wandte sich nicht um. Noch einmal versuchte er, zugunsten Lorenzis,
+er wußte selbst nicht warum, den Marchese zum Weiterspielen zu bewegen.
+Dieser erwiderte nur durch ein noch entschiedeneres Kopfschütteln.
+Lorenzi erhob sich. »Ich werde mir erlauben, Herr Marchese, die Summe,
+die ich Ihnen schulde, morgen vor zwölf Uhr mittags persönlich in Ihre
+Hände zu übergeben.« Der Marchese lachte kurz. »Ich bin neugierig, wie
+Sie das anstellen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. Es gibt keinen Menschen
+in Mantua oder anderswo, der Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen würde,
+geschweige zweitausend, insbesondre heute, da Sie morgen ins Feld gehen;
+und es ist nicht so ausgemacht, daß Sie zurückkehren.« – »Sie werden Ihr
+Geld morgen früh acht Uhr erhalten, Herr Marchese, auf – Ehrenwort.« –
+»Ihr Ehrenwort,« sagte der Marchese kalt, »ist mir nicht einmal einen
+Dukaten wert, viel weniger zweitausend.« – Die andern hielten den Atem
+an. Doch Lorenzi erwiderte nur, anscheinend ohne tiefere Erregung: »Sie
+werden mir Genugtuung geben, Herr Marchese.« – »Mit Vergnügen, Herr
+Leutnant,« entgegnete der Marchese, »sobald Sie Ihre Schuld bezahlt
+haben.« – Olivo, aufs peinlichste berührt, sagte ein wenig stotternd:
+»Ich bürge für die Summe, Herr Marchese. Leider habe ich nicht Bargeld
+genug zur Hand, um sofort – doch mein Haus, meine Besitzung« – und er
+wies mit einer ungeschickten Bewegung rings im Kreise umher. »Ich nehme
+Ihre Bürgschaft nicht an,« sagte der Marchese, »um Ihretwillen, Sie
+würden Ihr Geld verlieren.« Casanova sah, wie sich alle Blicke auf das
+Gold richteten, das vor ihm lag. – Wenn ich für Lorenzi bürgte – dachte
+er. Wenn ich für ihn zahlte ... Dies könnte der Marchese nicht
+zurückweisen ... Wär’ es nicht beinahe meine Verpflichtung? Es ist ja
+das Gold des Marchese. – Doch er schwieg. Er fühlte, wie ein Plan in ihm
+dumpf erstand, dem er vor allem Zeit lassen mußte, sich klar zu
+gestalten. »Sie sollen Ihr Geld noch heute vor Anbruch der Nacht haben,«
+sagte Lorenzi. »In einer Stunde bin ich in Mantua.« – »Ihr Pferd kann
+den Hals brechen,« erwiderte der Marchese, »Sie auch ... am Ende gar mit
+Absicht.« – »Immerhin,« sagte der Abbate unwillig, »kann Ihnen der
+Leutnant das Geld nicht herzaubern.« Die beiden Ricardi lachten, brachen
+aber gleich wieder ab. »Es ist klar,« wandte sich Olivo an den Marchese,
+»daß Sie dem Leutnant Lorenzi vor allem einmal gestatten müssen, sich zu
+entfernen.« – »Gegen ein Pfand,« rief der Marchese mit funkelnden Augen,
+als machte ihm sein Einfall ein besondres Vergnügen. »Das scheint mir
+nicht übel,« sagte Casanova etwas zerstreut, denn sein Plan reifte
+heran. Lorenzi zog einen Ring vom Finger und ließ ihn auf den Tisch
+gleiten. Der Marchese nahm ihn. »Der mag für tausend gelten.« – »Und der
+hier?« Lorenzi schleuderte einen zweiten Ring vor den Marchese hin.
+Dieser nickte und meinte: »Für ebensoviel.« – »Sind Sie nun zufrieden,
+Herr Marchese?« sagte Lorenzi und schickte sich an, zu gehen. »Ich bin
+zufrieden,« entgegnete der Marchese schmunzelnd, »um so mehr, als diese
+Ringe gestohlen sind.« Lorenzi wandte sich rasch um, und über den Tisch
+hin erhob er die Faust, um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen.
+Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest. »Ich kenne die beiden
+Steine,« sagte der Marchese, ohne sich von seinem Platz zu rühren, »wenn
+sie auch neu gefaßt sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd hat einen
+kleinen Fehler, sonst wäre er zehnmal soviel wert. Der Rubin ist
+tadellos, aber nicht sehr groß. Beide Steine stammen aus einem Schmuck,
+den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe. Und da ich doch nicht
+annehmen kann, daß die Marchesa diese Steine für den Leutnant Lorenzi zu
+Ringen hat fassen lassen, so können sie, – so kann offenbar der ganze
+Schmuck nur gestohlen sein. Also – das Pfand genügt mir, Herr Leutnant,
+bis auf weiteres.« – »Lorenzi!« rief Olivo, »von uns allen haben Sie das
+Wort, daß keine Seele jemals erfahren wird, was soeben hier vorgegangen
+ist.« – »Und was auch Herr Lorenzi begangen haben mag,« sagte Casanova,
+»Sie, Herr Marchese, sind der größre Schuft.« – »Das will ich hoffen,«
+erwiderte der Marchese. »Wenn man einmal so alt ist wie unsereiner, Herr
+Chevalier von Seingalt, darf man sich wenigstens in der Schurkerei von
+niemandem andern übertreffen lassen. Guten Abend, meine Herren.« Er
+stand auf, niemand erwiderte seinen Gruß, und er ging. Für eine kurze
+Weile ward es so still, daß wieder das Lachen der Kinder vom Garten her
+wie in übertriebener Lautheit vernehmlich wurde. Wer hätte auch das Wort
+zu finden vermocht, das jetzt bis in Lorenzis Seele gedrungen wäre, der
+noch immer mit über dem Tisch erhobenem Arm dastand wie vorher?
+Casanova, der als einziger auf seinem Platz sitzengeblieben war, fand
+ein unwillkürliches künstlerisches Gefallen an dieser zwar sinnlos
+gewordenen, gleichsam versteinerten, aber drohend-edlen Geste, die den
+ganzen Jüngling in ein Standbild zu verwandeln schien. Endlich wandte
+sich Olivo an ihn wie mit einer Gebärde der Beschwichtigung, auch die
+Ricardis näherten sich, und der Abbate schien sich zu einer Anrede
+entschließen zu wollen; da fuhr es durch Lorenzis Glieder wie ein kurzes
+Beben; eine gebieterisch unwillige Bewegung wehrte jeden Versuch einer
+Einmischung ab, und mit einem höflichen Neigen des Kopfes verließ er
+ohne Hast den Raum. Im selben Augenblick erhob sich Casanova, der indes
+das Gold, das vor ihm lag, in ein Seidentuch zusammengerafft hatte, und
+folgte ihm auf dem Fuß. Er fühlte, ohne die Mienen der andern zu sehen,
+daß sie alle der Meinung waren, er beeile sich nun, dasjenige zu tun,
+was sie die ganze Zeit über von ihm erwartet, und werde Lorenzi die
+gewonnene Geldsumme zur Verfügung stellen.
+
+In der Kastanienallee, die vom Hause zum Tore führte, holte er Lorenzi
+ein und sagte in leichtem Tone: »Würden Sie mir erlauben, Herr Leutnant
+Lorenzi, mich Ihrem Spaziergang anzuschließen?« Lorenzi, ohne ihn
+anzusehen, erwiderte in einem hochmütigen, seiner Lage kaum ganz
+angemessenen Tone: »Wie’s beliebt, Herr Chevalier; aber ich fürchte, Sie
+werden in mir keinen unterhaltenden Gesellschafter finden.« – »Sie,
+Leutnant Lorenzi, vielleicht einen um so unterhaltenderen in mir,« sagte
+Casanova, »und wenn Sie einverstanden sind, nehmen wir den Weg über die
+Weinberge, wo wir ungestört plaudern können.« Sie bogen von der
+Fahrstraße auf denselben schmalen Pfad ein, den, die Gartenmauer
+entlang, Casanova tags vorher mit Olivo gegangen war. »Sie vermuten ganz
+richtig,« so setzte Casanova ein, »daß ich gesonnen bin, Ihnen die Summe
+Geldes anzubieten, die Sie dem Marchese schuldig sind; nicht leihweise,
+denn das – Sie werden mir verzeihen – hielte ich für ein allzu riskantes
+Geschäft, sondern als – freilich geringen Gegenwert für eine
+Gefälligkeit, die Sie mir zu erweisen vielleicht imstande wären.« – »Ich
+höre,« sagte Lorenzi kalt. – »Ehe ich mich weiter äußere,« erwiderte
+Casanova im selben Tone, »bin ich genötigt, eine Bedingung zu stellen,
+von deren Annahme durch Sie ich die Fortsetzung dieser Unterhaltung
+abhängig mache.« – »Nennen Sie Ihre Bedingung.« – »Ich verlange Ihr
+Ehrenwort, daß Sie mich anhören, ohne mich zu unterbrechen, auch wenn
+das, was ich Ihnen zu sagen habe, Ihr Befremden oder Ihr Mißfallen oder
+gar Ihre Empörung erregen sollte. Es steht vollkommen bei Ihnen, Herr
+Leutnant Lorenzi, ob Sie nachher meinen Vorschlag annehmen wollen, über
+dessen Ungewöhnlichkeit ich mich keiner Täuschung hingebe, oder nicht;
+aber die Antwort, die ich von Ihnen erwarte, ist nur ein Ja oder Nein;
+und wie immer sie ausfallen sollte, – von dem, was hier verhandelt
+wurde, zwischen zwei Ehrenmännern, die vielleicht beide zugleich
+Verlorene sind, wird niemals eine Menschenseele erfahren.« – »Ich bin
+bereit, Ihren Vorschlag zu hören.« – »Und nehmen meine Vorbedingung an?«
+– »Ich werde Sie nicht unterbrechen.« – »Und werden kein andres Wort
+erwidern als Ja oder Nein?« – »Kein andres als Ja oder Nein.« – »Gut
+denn,« sagte Casanova. Und während sie langsam hügelaufwärts stiegen,
+zwischen den Rebenstöcken, unter einem schwülen Spätnachmittagshimmel,
+begann Casanova: »Lassen Sie uns die Angelegenheit nach den Gesetzen der
+Logik behandeln, so werden wir einander am besten verstehen. Es besteht
+offenbar keine Möglichkeit für Sie, sich das Geld, das Sie dem Marchese
+schuldig sind, bis zu der von ihm festgesetzten Frist zu verschaffen;
+und für den Fall, daß Sie es ihm nicht zahlen sollten, auch darüber kann
+kein Zweifel sein, ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Da er
+mehr von Ihnen weiß (hier wagte sich Casanova weiter vor als er mußte,
+doch er liebte solche kleine nicht ganz ungefährliche Abenteuer auf
+einem im übrigen vorgezeichneten Weg), als er uns heute verraten hat,
+sind Sie tatsächlich völlig in der Gewalt dieses Schurken, und Ihr
+Schicksal als Offizier, als Edelmann wäre besiegelt. Das ist die eine
+Seite der Sache. Dagegen sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre Schuld
+bezahlt und die – irgendwie in Ihren Besitz gelangten Ringe wieder in
+Händen haben; – und gerettet sein: das heißt für Sie in diesem Fall
+nicht weniger, als daß Ihnen ein Dasein wieder gehört, mit dem Sie schon
+so gut wie abgeschlossen hatten, und zwar, da Sie jung, schön und kühn
+sind, ein Dasein voll Glanz, Glück und Ruhm. Eine solche Aussicht
+scheint mir herrlich genug, besonders wenn auf der andern Seite nichts
+winkt als ein ruhmloser, ja schimpflicher Untergang, um ihr zuliebe ein
+Vorurteil aufzuopfern, das man persönlich eigentlich niemals besaß. Ich
+weiß es, Lorenzi,« setzte er rasch hinzu, als sei er einer Entgegnung
+gewärtig und wollte ihr zuvorkommen, »Sie haben gar keine Vorurteile,
+so wenig als ich sie habe oder jemals hatte; und was ich von Ihnen zu
+verlangen willens bin, ist nichts andres, als was ich selbst an Ihrer
+Stelle unter den gleichen Umständen zu erfüllen mich keinen Augenblick
+besonnen hätte, – wie ich mich auch tatsächlich nie gescheut habe, wenn
+es das Schicksal oder auch nur meine Laune so forderte, eine Schurkerei
+zu begehen oder vielmehr das, was die Narren dieser Erde so zu nennen
+pflegen. Dafür war ich aber auch, gleich Ihnen, Lorenzi, in jeder Stunde
+bereit, mein Leben für weniger als nichts aufs Spiel zu setzen, und das
+macht alles wieder wett. Ich bin es auch jetzt – für den Fall, daß Ihnen
+mein Vorschlag nicht gefiele. Wir sind aus gleichem Stoff gemacht,
+Lorenzi, sind Brüder im Geiste, und so dürfen sich unsre Seelen ohne
+falsche Scham, stolz und nackt, gegenüberstehen. Hier sind meine
+zweitausend Dukaten – vielmehr die Ihren – wenn Sie es ermöglichen, daß
+ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle mit Marcolina verbringe. Wir
+wollen nicht stehenbleiben, Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.«
+
+Sie gingen in den Feldern, unter den niedrigen Obstbäumen, zwischen
+denen die Rebenranken beerenbeladen sich hinschlangen; und Casanova
+sprach ohne Pause weiter. »Antworten Sie mir noch nicht, Lorenzi, denn
+ich bin noch nicht zu Ende. Mein Ansinnen wäre natürlich – nicht etwa
+frevelhaft, aber aussichts- und daher sinnlos, wenn Sie die Absicht
+hätten, Marcolina zu Ihrer Gattin zu machen, oder wenn Marcolina selbst
+ihre Hoffnungen und Wünsche in dieser Richtung schweifen ließe. Aber
+ebenso, wie die vergangene Liebesnacht Ihre erste war (er sprach auch
+diese seine Vermutung wie eine unbezweifelbare Gewißheit aus), ebenso
+war die kommende aller menschlichen Berechnung nach, ja auch nach Ihrer
+eigenen und Marcolinens Voraussicht bestimmt, Ihre letzte zu sein – auf
+sehr lange Zeit – wahrscheinlich auf immer; und ich bin völlig
+überzeugt, daß Marcolina selbst, um ihren Geliebten vor dem sicheren
+Untergange zu bewahren, einfach auf seinen Wunsch hin, ohne Zögern
+bereit wäre, diese eine Nacht seinem Retter zu gewähren. Denn auch sie
+ist Philosophin und daher von Vorurteilen so frei wie wir beide. Aber so
+gewiß ich bin, daß sie diese Probe bestünde, es liegt keineswegs in
+meiner Absicht, daß sie ihr auferlegt werde. Denn eine Willenlose, eine
+innerlich Widerstrebende zu besitzen, das ist etwas, das gerade in
+diesem Falle meinen Ansprüchen nicht genügen würde. Nicht nur als ein
+Liebender, – als ein Geliebter will ich ein Glück genießen, das mir am
+Ende auch groß genug erschiene, um es mit meinem Leben zu bezahlen.
+Verstehen Sie mich wohl, Lorenzi. Daher darf Marcolina nicht einmal
+ahnen, daß ich es bin, den sie an ihren himmlischen Busen schließt; sie
+muß vielmehr fest davon überzeugt sein, daß sie keinen andern als Sie in
+ihren Armen empfängt. Diese Täuschung vorzubereiten ist Ihre Sache, sie
+aufrechtzuerhalten, die meine. Ohne besondre Schwierigkeit werden Sie
+ihr begreiflich machen können, daß Sie genötigt sind, sie vor Eintritt
+der Morgendämmerung zu verlassen; und um einen Vorwand dafür, daß
+diesmal nur stumme Zärtlichkeiten sie beglücken sollen, werden Sie auch
+nicht verlegen sein. Um im übrigen auch jede Gefahr einer nachträglichen
+Entdeckung auszuschließen, werde ich mich im gegebenen Moment anstellen,
+als hörte ich ein verdächtiges Geräusch vor dem Fenster, meinen Mantel
+nehmen – oder vielmehr den Ihren, den Sie mir zu diesem Zwecke natürlich
+leihen müssen – und durchs Fenster verschwinden – auf Nimmerwiedersehen.
+Denn selbstverständlich werde ich dem Anschein nach bereits heute abend
+abreisen, dann unter dem Vorgeben, ich hätte wichtige Papiere vergessen,
+den Kutscher auf halbem Wege zur Umkehr veranlassen und mich durch die
+Hintertür – den Nachschlüssel stellen Sie mir zur Verfügung, Lorenzi, –
+in den Garten, ans Fenster Marcolinens schleichen, das sich um
+Mitternacht auftun wird. Meines Gewands, auch der Schuhe und Strümpfe,
+werde ich mich im Wagen entledigt haben und nur mit dem Mantel angetan
+sein, so daß bei meinem fluchtartigen Entweichen nichts zurückbleibt,
+was mich oder Sie verraten könnte. Den Mantel aber werden Sie zugleich
+mit den zweitausend Dukaten morgen früh fünf Uhr in meinem Gasthof zu
+Mantua in Empfang nehmen, so daß Sie dem Marchese noch vor der
+festgesetzten Stunde sein Geld vor die Füße schleudern können. Hierauf
+nehmen Sie meinen feierlichen Eid entgegen. Und nun bin ich zu Ende.«
+
+Er blieb plötzlich stehen. Die Sonne neigte sich zum Niedergang, ein
+leiser Wind strich über die gelben Ähren, rötlicher Abendschein lag über
+dem Turm von Olivos Haus. Auch Lorenzi stand stille; keine Muskel in
+seinem blassen Antlitz bewegte sich, und er blickte über Casanovas
+Schulter unbewegt ins Weite. Seine Arme hingen schlaff herab, während
+Casanovas Hand, der auf alles gefaßt war, wie zufällig den Griff des
+Degens hielt. Einige Sekunden vergingen, ohne daß Lorenzi seine starre
+Haltung und sein Schweigen aufgab. Er schien in ein ruhiges Nachdenken
+versunken; doch Casanova blieb weiter auf seiner Hut, und in der Linken
+das Tuch mit den Dukaten, die Rechte auf dem Degengriff, sagte er: »Sie
+haben meine Vorbedingung erfüllt als ein Ehrenmann. Ich weiß, daß es
+Ihnen nicht leicht geworden ist. Denn wenn wir auch keine Vorurteile
+besitzen, – die Atmosphäre, in der wir leben, ist von ihnen so
+vergiftet, daß wir uns ihrem Einfluß nicht völlig entziehen können. Und
+so wie Sie, Lorenzi, im Laufe der letzten Viertelstunde mehr als einmal
+nah daran waren, mir an die Gurgel zu fahren, so habe ich wieder –
+lassen Sie mich’s Ihnen gestehen – eine Weile mit dem Gedanken gespielt,
+Ihnen die zweitausend Dukaten zu schenken – wie einem – nein, als meinem
+Freund; denn selten, Lorenzi, habe ich zu einem Menschen vom ersten
+Augenblick eine solche rätselhafte Sympathie empfunden wie zu Ihnen.
+Aber hätt’ ich dieser großmütigen Regung nachgegeben, in der Sekunde
+darauf hätte ich sie aufs tiefste bereut, geradeso wie Sie, Lorenzi, in
+der Sekunde, eh’ Sie sich die Kugel in den Kopf jagten, zur
+verzweiflungsvollen Erkenntnis kämen, daß Sie ein Narr ohnegleichen
+gewesen sind, – um tausend Liebesnächte mit immer neuen Frauen
+hinzuwerfen für eine einzige, der dann keine Nacht – und kein Tag mehr
+folgte.«
+
+Noch immer schwieg Lorenzi; sein Schweigen dauerte sekunden-, es dauerte
+minutenlang, und Casanova fragte sich, wie lang er sich’s noch dürfte
+gefallen lassen. Schon war er im Begriff, sich mit einem kurzen Gruße
+abzuwenden und so anzudeuten, daß er seinen Vorschlag als abgelehnt
+betrachte, als Lorenzi, immer wortlos, mit einer durchaus nicht raschen
+Bewegung der rechten Hand nach rückwärts in die Tasche seines
+Rockschoßes griff, und Casanova, der im gleichen Augenblick, nach wie
+vor auf alles gefaßt, einen Schritt zurückgetreten war, wie um sich
+niederzuducken – den Gartenschlüssel überreichte. Die Bewegung
+Casanovas, die immerhin eine Regung von Furcht ausgedrückt hatte, ließ
+um Lorenzis Lippen ein sofort wieder verschwindendes Lächeln des Hohns
+erscheinen. Casanova verstand es, seine aufsteigende Wut, deren
+wirklicher Ausbruch alles wieder hätte zunichte machen können, zu
+unterdrücken, ja zu verbergen, und, den Schlüssel mit einem leichten
+Kopfneigen an sich nehmend, bemerkte er nur: »Das darf ich wohl als ein
+Ja gelten lassen. Von jetzt in einer Stunde – bis dahin werden Sie sich
+mit Marcolina wohl verständigt haben – erwarte ich Sie im Turmgemach, wo
+ich mir erlauben werde, Ihnen gegen Überlassung Ihres Mantels die
+zweitausend Goldstücke sofort zu übergeben. Erstens zum Zeichen meines
+Vertrauens und zweitens, weil ich ja wirklich nicht wüßte, wo ich das
+Gold im Laufe der Nacht verwahren sollte.« – Sie trennten sich ohne
+weitere Förmlichkeit, Lorenzi nahm den Weg zurück, den sie beide
+gekommen, Casanova, auf einem andern, begab sich ins Dorf und sicherte
+sich im Wirtshaus durch ein reichliches Angeld ein Gefährt, das ihn um
+zehn Uhr nachts vor Olivos Hause zur Fahrt nach Mantua erwarten sollte.
+
+Bald darauf, nachdem er sein Gold vorerst an sichrer Stelle im
+Turmgemach verwahrt hatte, trat er in Olivos Garten, wo sich ihm ein
+Anblick bot, der an sich keineswegs merkwürdig, ihn in der Stimmung
+dieser Stunde sonderbar genug berührte. Auf einer Bank am Wiesenrand saß
+Olivo neben Amalia, den Arm um ihre Schulter geschlungen; ihnen zu Füßen
+lagerten die drei Mädchen, wie ermüdet von den Spielen des Nachmittags;
+das jüngste, Maria, hatte das Köpfchen auf dem Schoß der Mutter liegen
+und schien zu schlummern, Nanetta lag ihr zu Füßen auf den Rasen
+hingestreckt, die Arme unter dem Nacken; Teresina lehnte an den Knien
+des Vaters, dessen Finger zärtlich in ihren Locken ruhten; und als
+Casanova sich näherte, grüßte ihn aus ihren Augen keineswegs ein Blick
+lüsternen Einverständnisses, wie er unwillkürlich ihn erwartet, sondern
+ein offenes Lächeln kindlicher Vertrautheit, als wäre, was zwischen ihr
+und ihm vor wenig Stunden erst geschehen, eben nichts andres gewesen als
+ein nichts bedeutendes Spiel. In Olivos Zügen leuchtete es freundlich
+auf, und Amalia nickte dem Herantretenden dankbar herzlich zu. Sie beide
+empfingen ihn, Casanova konnte nicht daran zweifeln, wie jemanden, der
+eben eine edle Tat begangen, aber der zugleich erwartet, daß man aus
+Feingefühl vermeiden werde, ihrer mit einem Worte Erwähnung zu tun.
+»Bleibt es wirklich dabei,« fragte Olivo, »daß Sie uns schon morgen
+verlassen, mein teurer Chevalier?« – »Nicht morgen,« erwiderte Casanova,
+»sondern – wie gesagt – schon heute abend.« Und als Olivo eine neue
+Einwendung erheben wollte, mit einem bedauernden Achselzucken: »Der
+Brief, den ich heute aus Venedig erhielt, läßt mir leider keine andre
+Entscheidung übrig. Die an mich ergangene Aufforderung ist in jedem
+Sinne so ehrenvoll, daß eine Verzögerung meiner Heimkehr eine arge, ja
+eine unverzeihliche Unhöflichkeit gegenüber meinen hohen Gönnern
+bedeuten würde.« Zugleich bat er um die Erlaubnis, sich jetzt
+zurückziehen zu dürfen, um sich für die Abreise bereitzumachen und dann
+die letzten Stunden seines Hierseins ungestört im Kreise seiner
+liebenswürdigen Freunde verbringen zu können.
+
+Und aller Einrede nicht achtend, begab er sich ins Haus, stieg die
+Treppe zum Turmgemach empor und vertauschte vor allem seine prächtige
+Gewandung wieder mit der einfacheren, die für die Fahrt gut genug sein
+mußte. Dann packte er seinen Reisesack und horchte mit einer von Minute
+zu Minute gespannteren Aufmerksamkeit, ob sich nicht endlich die
+Schritte Lorenzis vernehmen ließen. Noch eh’ die Frist verstrichen war,
+klopfte es mit einem kurzen Schlag an die Türe, und Lorenzi trat ein,
+im weiten dunkelblauen Reitermantel. Ohne ein Wort zu reden, mit einer
+leichten Bewegung ließ er ihn von den Schultern gleiten, so daß er
+zwischen den beiden Männern als ein formloses Stück Tuch auf dem Boden
+lag. Casanova holte seine Goldstücke unter dem Polster des Bettes hervor
+und streute sie auf den Tisch. Er zählte sorgfältig vor Lorenzis Augen,
+was ziemlich rasch geschehen war, da viele Goldstücke von höherm als
+eines Dukaten Wert darunter waren, übergab Lorenzi die verabredete
+Summe, nachdem er sie zuvor in zwei Beutel verteilt hatte, worauf ihm
+selbst noch etwa hundert Dukaten übrigblieben. Lorenzi tat die
+Geldbeutel in seine beiden Rockschöße und wollte sich wortlos entfernen.
+»Halt, Lorenzi,« sagte Casanova, »es wäre immerhin möglich, daß man
+einander noch einmal im Leben begegnete. Dann sei es nicht mit Groll. Es
+war ein Handel wie ein andrer, wir sind quitt.« Er streckte ihm die Hand
+entgegen. Lorenzi nahm sie nicht; doch nun sprach er das erste Wort.
+»Ich erinnere mich nicht,« sagte er, »daß auch dies in unserm Pakt
+enthalten gewesen wäre.« Er wandte sich und ging.
+
+Sind wir so genau, mein Freund? dachte Casanova. So darf ich mich um so
+sicherer darauf verlassen, daß ich nicht am Ende der Geprellte sein
+werde. Freilich hatte er an diese Möglichkeit keinen Augenblick
+ernstlich gedacht; er wußte aus eigener Erfahrung, daß Leute wie
+Lorenzi ihre besondre Art von Ehre haben, deren Gesetze in Paragraphen
+nicht aufzuzeichnen sind, über die aber von Fall zu Fall ein Zweifel
+kaum bestehen kann. – Er legte Lorenzis Mantel zu oberst in den
+Reisesack, schloß diesen zu; die Goldstücke, die ihm geblieben, steckte
+er zu sich, blickte sich in dem Raum, den er wohl niemals wieder
+betreten sollte, nach allen Seiten um, und, mit Degen und Hut, zur
+Abfahrt fertig, begab er sich in den Saal, wo er Olivo mit Frau und
+Kindern schon am gedeckten Tische sitzend fand. Marcolina trat zugleich
+mit ihm, was Casanova als günstiges Schicksalszeichen deutete, von der
+andern Seite aus dem Garten ein und erwiderte seinen Gruß mit einem
+unbefangenen Neigen des Hauptes. Das Essen wurde aufgetragen; die
+Unterhaltung ging anfangs langsam, ja wie gedämpft von der Stimmung des
+Abschieds in fast mühseliger Weise vonstatten. Amalia schien in
+auffallender Weise mit ihren Kindern beschäftigt und immer besorgt, daß
+diese nicht zuviel oder zuwenig auf ihre Teller bekämen. Olivo, ohne
+ersichtliche Nötigung, sprach von einem unbedeutenden, zu seinen Gunsten
+entschiedenen Prozeß mit einem Gutsnachbar, sowie von einer
+Geschäftsreise, die ihn demnächst nach Mantua und Cremona führen sollte.
+Casanova gab der Hoffnung Ausdruck, den Freund in nicht allzu ferner
+Zeit in Venedig zu begrüßen. Gerade dort, ein sonderbarer Zufall, war
+Olivo noch niemals gewesen. Amalia aber hatte die wunderbare Stadt vor
+langen Jahren als Kind gesehen; wie sie dahingekommen, wußte sie nicht
+mehr zu sagen und erinnerte sich nur eines alten, in einen
+scharlachroten Mantel gehüllten Mannes, der aus einem länglichen
+schwarzen Schiff ausgestiegen, gestolpert und der Länge nach hingefallen
+war. »Auch Sie kennen Venedig nicht?« fragte Casanova Marcolina, die
+gerade ihm gegenübersaß und über seine Schulter in das tiefe Dunkel des
+Gartens schaute. Sie schüttelte wortlos den Kopf. Und Casanova dachte:
+Könnt’ ich sie dir zeigen, die Stadt, in der ich jung gewesen bin! O,
+wärst du jung gewesen mit mir ... Und noch ein Gedanke kam ihm,
+sinnloser beinahe als jene: Wenn ich dich jetzt mit mir dahin nähme?
+Aber während all dies unausgesprochen durch seine Seele ging, hatte er
+schon mit jener Leichtigkeit, die ihm auch in Momenten stärkster innerer
+Erregung gegeben war, von der Stadt seiner Jugend zu reden begonnen; so
+kunstvoll und kühl, als gälte es, ein Gemälde zu schildern, bis er,
+unwillkürlich den Ton erwärmend, in die Geschichte seines Lebens geriet,
+und mit einemmal in eigner Gestalt mitten in dem Bilde stand, das nun
+erst zu leben und zu leuchten anfing. Er sprach von seiner Mutter, der
+berühmten Schauspielerin, für die der große Goldoni, ihr Bewunderer,
+seine vortreffliche Komödie »Das Mündel« verfaßt hatte; dann erzählte er
+von seinem trübseligen Aufenthalt in der Pension des geizigen Doktors
+Gozzi, von seiner kindischen Liebe zu der kleinen Gärtnerstochter, die
+später mit einem Lakaien durchgegangen war, von seiner ersten Predigt
+als junger Abbate, nach der er in dem Beutel des Sakristans nicht nur
+die üblichen Geldstücke, sondern auch ein paar zärtliche Briefchen
+vorgefunden, von den Spitzbübereien, die er als Geiger im Orchester des
+Theaters San Samuele mit ein paar gleichgesinnten Kameraden in den
+Gäßchen, Schenken, Tanz- und Spielsälen Venedigs maskiert oder auch
+unmaskiert verübt; doch auch von diesen übermütigen und manchmal recht
+bedenklichen Streichen berichtete er ohne irgendein anstößiges Wort zu
+gebrauchen, ja in einer poetisch-verklärenden Weise, als wollte er auf
+die Kinder Rücksicht nehmen, die wie die andern, Marcolina nicht
+ausgenommen, gespannt an seinen Lippen hingen. Doch die Zeit schritt
+vor, und Amalia schickte ihre Töchter zu Bett. Ehe sie gingen, küßte
+Casanova sie alle aufs zärtlichste, Teresina nicht anders als die zwei
+jüngern, und alle mußten ihm versprechen, ihn bald mit den Eltern in
+Venedig zu besuchen. Als die Kinder fort waren, tat er sich wohl weniger
+Zwang an, aber alles, was er erzählte, brachte er ohne jede
+Zweideutigkeit und vor allem ohne jede Eitelkeit vor, so daß man eher
+den Bericht eines gefühlvollen Narren der Liebe als den eines
+gefährlich-wilden Verführers und Abenteurers zu hören vermeinte. – Er
+sprach von der wunderbaren Unbekannten, die wochenlang mit ihm als
+Offizier verkleidet herumgereist und eines Morgens plötzlich von seiner
+Seite verschwunden war; von der Tochter des adligen Schuhflickers in
+Madrid, die ihn zwischen zwei Umarmungen immer wieder zum frommen
+Katholiken hatte bekehren wollen; von der schönen Jüdin Lia in Turin,
+die prächtiger zu Pferde gesessen war als irgendeine Fürstin; von der
+lieblich-unschuldigen Manon Balletti, der einzigen, die er beinahe
+geheiratet hätte, von jener schlechten Sängerin in Warschau, die er
+ausgepfiffen, worauf er sich mit ihrem Geliebten, dem Krongeneral
+Branitzky, hatte duellieren und aus Warschau fliehen müssen; von der
+bösen Charpillon, die ihn in London so jämmerlich zum Narren gehalten;
+von einer nächtlichen Sturmfahrt, die ihm fast das Leben gekostet, durch
+die Lagunen nach Murano zu seiner angebeteten Nonne; von dem Spieler
+Croce, der, nachdem er in Spa ein Vermögen verloren, auf der Landstraße
+tränenvollen Abschied von ihm genommen und sich auf den Weg nach
+Petersburg gemacht hatte – so wie er dagestanden war, in seidenen
+Strümpfen, in einem apfelgrünen Samtrock und ein Rohrstöckchen in der
+Hand. Er erzählte von Schauspielerinnen, Sängerinnen, Modistinnen,
+Gräfinnen, Tänzerinnen, Kammermädchen; von Spielern, Offizieren,
+Fürsten, Gesandten, Finanzleuten, Musikanten und Abenteurern; und so
+wundersam ward ihm selbst der Sinn von dem wieder neu gefühlten Zauber
+seiner eigenen Vergangenheit umfangen, so vollständig war der Triumph
+all des herrlichen durchlebten, doch unwiederbringlich Gewesenen über
+das armselig Schattenhafte, das sich seiner Gegenwärtigkeit brüsten
+durfte, daß er eben im Begriffe war, die Geschichte eines hübschen
+blassen Mädchens zu berichten, das ihm im Dämmer einer Kirche zu Mantua
+seinen Liebeskummer anvertraut hatte, ohne daran zu denken, daß ihm
+dieses selbe Geschöpf, um sechzehn Jahre gealtert, als die Frau seines
+Freundes Olivo hier am Tische gegenübersaß; – als mit plumpem Schritt
+die Magd eintrat und meldete, daß vor dem Tore der Wagen bereitstehe.
+Und sofort, mit seiner unvergleichlichen Gabe, sich in Traum und Wachen,
+wann immer es nötig war, ohne Zögern zurechtzufinden, erhob sich
+Casanova, um Abschied zu nehmen. Er forderte Olivo, dem vor Rührung die
+Worte versagten, nochmals mit Herzlichkeit auf, ihn mit Frau und Kindern
+in Venedig zu besuchen, und umarmte ihn; als er sich mit der gleichen
+Absicht Amalien näherte, wehrte sie leicht ab und reichte ihm nur die
+Hand, die er ehrerbietig küßte. Wie er sich nun zu Marcolina wandte,
+sagte diese: »All das, was Sie uns heute abend erzählt haben – und noch
+viel mehr – sollten Sie niederschreiben, Herr Chevalier, so wie Sie es
+mit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben.« – »Ist das Ihr
+Ernst, Marcolina?« fragte er mit der Schüchternheit eines jungen Autors.
+Sie lächelte mit leisem Spott. »Ich vermute,« sagte sie, »ein solches
+Buch könnte noch weit unterhaltender werden als Ihre Streitschrift gegen
+Voltaire.« – Das möchte leicht wahr sein, dachte er, ohne es
+auszusprechen. Wer weiß, ob ich deinen Rat nicht einmal befolge? Und du
+selbst, Marcolina, sollst das letzte Kapitel sein. – Dieser Einfall,
+mehr noch der Gedanke, daß dieses letzte Kapitel im Laufe der kommenden
+Nacht erlebt werden sollte, ließ seinen Blick so seltsam erflackern, daß
+Marcolina die Hand, die sie ihm zum Abschied gereicht, aus der seinen
+gleiten ließ, eh’ er, sich herabbeugend, einen Kuß darauf zu drücken
+vermocht hatte. Ohne sich irgend etwas, sei es Enttäuschung, sei es
+Groll, merken zu lassen, wandte sich Casanova zum Gehen, indem er durch
+eine jener klaren und einfachen Gesten, die nur ihm gehörten, zu
+verstehen gab, daß ihm niemand, auch Olivo nicht, folgen solle.
+
+Raschen Schritts durcheilte er die Kastanienallee: gab der Magd, die
+den Reisesack in den Wagen geschafft hatte, ein Goldstück, stieg ein und
+fuhr davon.
+
+Der Himmel war von Wolken verhängt. Nachdem man das Dorf hinter sich
+gelassen, wo noch hinter armen Fenstern da und dort ein kleines Licht
+geschimmert hatte, leuchtete nur mehr die gelbe Laterne, die vorn an der
+Deichsel befestigt war, durch die Nacht. Casanova öffnete den Reisesack,
+der zu seinen Füßen lag, nahm Lorenzis Mantel heraus und, nachdem er ihn
+über sich gebreitet, entkleidete er sich unter dessen Schutz mit aller
+gebotenen Vorsicht. Die abgelegte Gewandung, auch Schuhe und Strümpfe,
+versperrte er in den Sack und hüllte sich fester in den Mantel ein.
+Jetzt rief er den Kutscher an: »He, wir müssen wieder zurück!« – Der
+Kutscher wandte sich verdrossen um. – »Ich habe meine Papiere im Hause
+vergessen. Hörst du? Wir müssen zurück.« Und da jener, ein verdrossener,
+magerer, graubärtiger Mensch, zu zögern schien: »Ich verlange es
+natürlich nicht umsonst. Da!« Und er drückte ihm ein Goldstück in die
+Hand. Der Kutscher nickte, murmelte etwas, und mit einem gänzlich
+überflüssigen Peitschenhieb auf das Pferd, wandte er den Wagen. Als sie
+wieder durch das Dorf fuhren, lagen die Häuser alle stumm und
+ausgelöscht. Noch ein Stück Wegs die Landstraße hin, und nun wollte der
+Kutscher in die schmälere, leicht ansteigende Straße einlenken, die zu
+Olivos Besitzung führte. »Halt!« rief Casanova, »wir wollen nicht so nah
+heranfahren, sonst wecken wir die Leute auf. Warte hier an der Ecke. Ich
+bin bald wieder da ... Und sollt’ es etwas länger dauern, jede Stunde
+trägt einen Dukaten!« Nun glaubte der Mann ungefähr zu wissen, woran er
+war; Casanova merkte es an der Art, wie jener mit dem Kopf nickte. Er
+stieg aus und eilte weiter, den Augen des Kutschers bald entschwindend,
+bis ans verschlossene Tor, daran vorüber, die Mauer entlang bis zu der
+Ecke, wo sie im rechten Winkel nach oben bog, und nahm nun den Weg durch
+die Weinberge, den er, nachdem er ihn schon zweimal im Tagesschein
+gegangen, leicht zu finden wußte. Er hielt sich der Mauer nahe und
+folgte ihr auch, als sie nun, etwa auf der mittleren Höhe des Hügels,
+wieder im rechten Winkel umbog. Hier ging er auf weichem Wiesengrund, im
+Dunkel der verhängten Nacht weiter, und mußte nur achtgeben, daß er die
+Gartentür nicht verfehlte. Er tastete längs der glatten steinernen
+Umfassung, bis seine Finger das rauhe Holz spürten; worauf er die Türe
+auch in ihrem schmalen Umriß deutlich wahrzunehmen vermochte. Er steckte
+den Schlüssel in das rasch gefundene Schloß, öffnete, trat in den
+Garten und sperrte hinter sich wieder zu. Er sah das Haus mit dem Turm
+jenseits der Wiese in unwahrscheinlicher Entfernung und in einer ebenso
+unwahrscheinlichen Höhe aufragen. Eine Weile stand er ruhig; er sah um
+sich; denn was für andre Augen noch undurchdringliche Finsternis gewesen
+wäre, war für die seinen nur tiefe Dämmerung. Er wagte es, statt in der
+Allee, deren Kies seinen nackten Füßen weh tat, auf der Wiese
+weiterzugehen, die den Ton seiner Schritte verschlang. Er glaubte zu
+schweben; so leicht war sein Gang. – War mir anders zumute, dachte er,
+zur Zeit, da ich als Dreißigjähriger solche Wege ging? Fühl’ ich nicht
+wie damals alle Gluten des Verlangens und alle Säfte der Jugend durch
+meine Adern kreisen? Bin ich nicht heute Casanova, wie ich’s damals
+war?... Und da ich Casanova bin, warum sollte an mir das klägliche
+Gesetz nicht zuschanden werden, dem andre unterworfen sind, und das
+Altern heißt! Und immer kühner werdend, fragte er sich: Warum schleich
+ich in einer Maske zu Marcolina? Ist Casanova nicht mehr als Lorenzi,
+auch wenn er um dreißig Jahre älter ist? Und wäre sie nicht das Weib,
+dies Unbegreifliche zu begreifen?... War es nötig, eine kleine
+Schurkerei zu begehen und einen andern zu einer etwas größern zu
+verleiten? Wäre man nicht mit etwas Geduld zum gleichen Ziel gekommen?
+Lorenzi ist morgen fort, ich wäre geblieben ... Fünf Tage ... drei –
+und sie hätte mir gehört – _wissend_ mir gehört. – Er stand an die Wand
+des Hauses gedrückt, neben Marcolinens Fenster, das noch fest
+verschlossen war, und seine Gedanken flogen weiter. Ist es denn zu spät
+dazu?... Ich könnte wiederkommen, – morgen, übermorgen ... und begänne
+das Werk der Verführung – als ehrlicher Mann sozusagen. Die heutige
+Nacht wäre ein Vorschuß auf die künftigen. Ja Marcolina müßte nicht
+einmal erfahren, daß ich heute dagewesen bin – oder erst später – viel
+später. –
+
+Das Fenster war noch immer fest geschlossen; auch dahinter rührte sich
+nichts. Es fehlten wohl noch ein paar Minuten auf Mitternacht. Sollte er
+sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster klopfen? Da nichts
+dergleichen ausgemacht war, hätte es vielleicht doch in Marcolina einen
+Verdacht werfen können. Also warten. Lange konnte es nicht mehr dauern.
+Der Gedanke, daß sie ihn sofort erkennen, den Betrug durchschauen
+konnte, eh’ er vollzogen war, kam ihm, nicht zum erstenmal, doch ebenso
+flüchtig und als die natürliche verstandesmäßige Erwägung einer
+entfernten, ins Unwahrscheinliche verschwimmenden Möglichkeit, nicht als
+eine ernstliche Befürchtung. Ein etwas lächerliches Abenteuer fiel ihm
+ein, das nun zwanzig Jahre zurücklag; das mit der häßlichen Alten in
+Solothurn, mit der er eine köstliche Nacht verbracht hatte, in der
+Meinung, eine angebetete schöne junge Frau zu besitzen – und die ihn
+überdies tags darauf in einem unverschämten Brief ob seines ihr höchst
+erwünschten, von ihr mit infamer List geförderten Irrtums verhöhnt
+hatte. Er schüttelte sich in der Erinnerung vor Ekel. Gerade daran hätte
+er jetzt lieber nicht denken sollen, und er verjagte das abscheuliche
+Bild. – Nun, war es nicht endlich Mitternacht? Wie lange sollte er noch
+hier stehen an die Mauer gedrückt, fröstelnd in der Kühle der Nacht?
+Oder gar vergeblich warten? Der Geprellte sein – trotz allem? –
+Zweitausend Dukaten für nichts? Und Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang?
+Seiner spottend? – Unwillkürlich faßte er den Degen etwas fester, den er
+unter dem Mantel an seinen nackten Leib gepreßt hielt. Von einem Kerl
+wie Lorenzi mußte man am Ende auch der peinlichsten Überraschung
+gewärtig sein. – Aber dann ... In diesem Augenblick hörte er ein leises
+knackendes Geräusch, – er wußte, daß nun das Gitter von Marcolinens
+Fenster sich zurückschob, gleich darauf öffneten sich beide Flügel weit,
+während der Vorhang noch zugezogen blieb. Casanova hielt sich ein paar
+Sekunden regungslos, bis von unsichtbarer Hand gerafft der Vorhang sich
+nach der einen Seite hob; das war für Casanova ein Zeichen, sich über
+die Brüstung ins Zimmer zu schwingen und sofort Fenster und Gitter
+hinter sich zu schließen. Der geraffte Vorhang war über seinen Schultern
+wieder gesunken, so daß er genötigt war, darunter hervorzukriechen, und
+nun wäre er in völliger Finsternis dagestanden, wenn nicht aus der Tiefe
+des Gemachs, in unbegreiflicher Entfernung, wie von seinem eignen Blick
+erweckt, ein mattes Schimmern ihm den Weg gewiesen hätte. Nur drei
+Schritt – und sehnsüchtige Arme breiteten sich nach ihm aus; er ließ den
+Degen aus der Hand, den Mantel von seinen Schultern gleiten und sank in
+sein Glück.
+
+An Marcolinens seufzendem Vergehen, an den Tränen der Seligkeit, die er
+ihr von den Wangen küßte, an der immer wieder erneuten Glut, mit der sie
+seine Zärtlichkeiten empfing, erkannte er bald, daß sie seine
+Entzückungen teilte, die ihm als höhere, ja von neuer, andrer Art
+erschienen, als er jemals genossen. Lust ward zur Andacht, tiefster
+Rausch ward Wachsein ohnegleichen; hier endlich war, die er schon so
+oft, töricht genug zu erleben geglaubt, und die er noch niemals wirklich
+erlebt hatte – Erfüllung war an Marcolinens Herzen. Er hielt die Frau in
+seinen Armen, an die er sich verschwenden durfte, um sich unerschöpflich
+zu fühlen; – an deren Brüsten der Augenblick des letzten Hingegebenseins
+und des neuen Verlangens in einen einzigen von ungeahnter Seelenwonne
+zusammenfloß. War an diesen Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und
+Ewigkeit Eines? War er nicht ein Gott –? Jugend und Alter nur eine
+Fabel, von Menschen erfunden? – Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm
+und Vergessensein – wesenlose Unterscheidungen zum Gebrauch von
+Ruhelosen, von Einsamen, von Eiteln – und sinnlos geworden, wenn man
+Casanova war und Marcolina gefunden? Unwürdig, ja lächerlicher von
+Minute zu Minute erschien es ihm, sich, einem Vorsatz getreu, den er
+früher als Kleinmütiger gefaßt, aus dieser Wundernacht stumm, unerkannt,
+wie ein Dieb zu flüchten. Im untrüglichen Gefühl ebenso der Beglückende
+zu sein, als er der Beglückte war, glaubte er sich schon zu dem Wagnis
+entschlossen, seinen Namen zu nennen, wenn er sich auch immer noch
+bewußt war, damit ein großes Spiel zu spielen, das er, wenn er es
+verlor, bereit sein mußte, mit dem Dasein zu bezahlen. Noch war
+undurchdringliche Dunkelheit um ihn, und bis durch den dichten Vorhang
+das erste Dämmern brach, durfte er ein Geständnis hinauszögern, an
+dessen Aufnahme durch Marcolina sein Schicksal, ja sein Leben hing. Aber
+war denn nicht gerade dieses stummselige, süßverlorene Zusammensein dazu
+gemacht, ihm Marcolina von Kuß zu Kuß unlöslicher zu verbinden? Wurde,
+was sich als Betrug entsponnen, nicht Wahrheit in den namenlosen
+Entzückungen dieser Nacht? Ja, durchschauerte sie, die Betrogene, die
+Geliebte, die Einzige, nicht selbst schon eine Ahnung, daß es nicht
+Lorenzi, der Jüngling, der Wicht, daß es ein Mann, – daß es Casanova
+war, in dessen Göttergluten sie verging? Und schon begann er es für
+möglich zu halten, daß ihm der ersehnte und doch gefürchtete Augenblick
+des Geständnisses gänzlich erspart bleiben würde; er träumte davon, daß
+Marcolina selbst, bebend, gebannt, erlöst ihm seinen Namen
+entgegenflüstern würde. Und dann – wenn sie so ihm verziehen – nein –
+seine Verzeihung empfangen –, dann wollte er sie mit sich nehmen,
+sofort, in dieser selben Stunde noch; – mit ihr im Grauen der Frühe das
+Haus verlassen, mit ihr in den Wagen steigen, der draußen an der
+Straßenbiegung wartete ... mit ihr davonfahren, für immer sie halten,
+sein Lebenswerk damit krönen, daß er, in Jahren, da andre sich zu einem
+trüben Greisentum bereiten, die Jüngste, die Schönste, die Klügste durch
+die ungeheure Macht seines unverlöschlichen Wesens gewonnen und sie für
+alle Zeit zur Seinen gemacht hatte. Denn diese war sein, wie keine vor
+ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle schmale Kanäle, zwischen
+Palästen hin, in deren Schatten er nun wieder heimisch war, unter
+geschwungenen Brücken, über die verdämmernde Gestalten huschten; manche
+winkten über die Brüstung ihnen entgegen und waren wieder verschwunden,
+eh’ man sie recht erblickt. Nun legte die Gondel an; Marmorstufen
+führten in das prächtige Haus des Senators Bragadino; es war als das
+einzige festlich beleuchtet; treppauf, treppab liefen Vermummte – manche
+blieben neugierig stehen, aber wer konnte Casanova und Marcolina hinter
+ihren Masken erkennen? Er trat mit ihr in den Saal. Hier wurde ein
+großes Spiel gespielt. Alle Senatoren, auch Bragadino, in ihren
+Purpurmänteln, reihten sich um den Tisch. Als Casanova eintrat,
+flüsterten sie alle seinen Namen wie im höchsten Schrecken; denn am
+Blitz seiner Augen hinter der Maske hatten sie ihn erkannt. Er setzte
+sich nicht nieder; er nahm keine Karten, aber er spielte mit. Er gewann,
+er gewann alles Gold, das auf dem Tische lag, das war aber zuwenig; die
+Senatoren mußten Wechsel ausstellen; sie verloren ihr Vermögen, ihre
+Paläste, ihre Purpurmäntel, – sie waren Bettler, sie krochen in Lumpen
+um ihn her, sie küßten ihm die Hände, und daneben, in einem dunkelroten
+Saale, war Musik und Tanz. Casanova wollte mit Marcolina tanzen, doch
+die war fort. Die Senatoren in ihren Purpurmänteln saßen wieder um den
+Tisch wie vorher; aber nun wußte Casanova, daß es nicht Karten waren,
+sondern Angeklagte, Verbrecher und Unschuldige, um deren Schicksal es
+ging. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze Zeit ihr Handgelenk
+umklammert gehalten? Er stürzte die Treppen hinunter, die Gondel
+wartete; nur weiter, weiter, durch das Gewirr von Kanälen, natürlich
+wußte der Ruderer, wo Marcolina weilte; warum aber war auch er maskiert?
+Das war früher nicht üblich gewesen in Venedig. Casanova wollte ihn zur
+Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird man so feig als alter Mann?
+Und immer weiter – was für eine Riesenstadt war Venedig in diesen
+fünfundzwanzig Jahren geworden! Nun endlich wichen die Häuser zurück,
+breiter wurde der Kanal – zwischen Inseln glitten sie hin, dort ragten
+die Mauern des Klosters von Murano, in das Marcolina sich geflüchtet
+hatte. Fort war die Gondel, – jetzt hieß es schwimmen –, wie war das
+schön! Indes spielten freilich die Kinder in Venedig mit seinen
+Goldstücken; aber was lag ihm an Gold?... Das Wasser war bald warm, bald
+kühl; es tropfte von seinen Kleidern, als er die Mauer hinankletterte. –
+Wo ist Marcolina? fragte er im Sprechsaal laut, schallend, wie nur ein
+Fürst fragen darf. Ich werde sie rufen, sagte die Herzogin-Äbtissin und
+versank. Casanova ging, flog, flatterte hin und her, immer längs der
+Gitterstäbe, wie eine Fledermaus. Hätte ich das nur früher gewußt, daß
+ich fliegen kann. Ich werde es auch Marcolina lehren. Hinter den Stäben
+schwebten weibliche Gestalten. Nonnen – doch sie trugen alle weltliche
+Tracht. Er wußte es, obwohl er sie gar nicht sah, und er wußte auch, wer
+sie waren. Henriette war es, die Unbekannte, und die Tänzerin Corticelli
+und Cristina, die Braut, und die schöne Dubois und die verfluchte Alte
+aus Solothurn und Manon Balletti ... und hundert andre, nur Marcolina
+war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen, rief er dem Ruderer zu, der
+unten in der Gondel wartete; er hatte noch keinen Menschen auf Erden so
+gehaßt wie den, und er schwor sich zu, eine ausgesuchte Rache an ihm zu
+nehmen. Aber war es nicht auch eine Narrheit, daß er Marcolina im
+Kloster von Murano gesucht hatte, da sie doch zu Voltaire gereist war?
+Wie gut, daß er fliegen konnte, einen Wagen hätte er doch nicht mehr
+bezahlen können. Und er schwamm davon; aber nun war das gar kein solches
+Glück mehr, als er gedacht hatte; es wurde kalt und immer kälter, er
+trieb im offenen Meer, weit von Murano, weit von Venedig – kein Schiff
+ringsum, seine schwere goldgestickte Gewandung zog ihn nach unten; er
+versuchte sich ihrer zu entledigen, doch es war unmöglich, da er sein
+Manuskript in der Hand hielt, das er Herrn Voltaire überreichen mußte, –
+er bekam Wasser in den Mund, in die Nase, Todesangst überfiel ihn, er
+griff um sich, er röchelte, er schrie und öffnete mühselig die Augen.
+
+Durch einen schmalen Spalt zwischen Vorhang und Fensterrand war ein
+Strahl der Dämmerung hereingebrochen. Marcolina, in ihr weißes
+Nachtgewand gehüllt, das sie mit beiden Händen über der Brust
+zusammenhielt, stand am Fußende des Bettes und betrachtete Casanova mit
+einem Blick unnennbaren Grauens, der ihn sofort und völlig wach machte.
+Unwillkürlich, wie mit einer Gebärde des Flehens, streckte er die Arme
+nach ihr aus. Marcolina, wie zur Erwiderung, wehrte mit einer Bewegung
+ihrer Linken ab, während sie mit der Rechten ihr Gewand über der Brust
+noch krampfhafter zusammenfaßte. Casanova erhob sich halb, sich mit
+beiden Händen auf das Lager stützend, und starrte sie an. Er vermochte
+den Blick von ihr so wenig abzuwenden als sie von ihm. Wut und Scham war
+in dem seinen, in dem ihren Scham und Entsetzen. Und Casanova wußte, wie
+sie ihn sah; denn er sah sich selbst gleichsam im Spiegel der Luft und
+erblickte sich so, wie er sich gestern in dem Spiegel gesehen, der im
+Turmgemach gehangen: ein gelbes böses Antlitz mit tiefgegrabenen Falten,
+schmalen Lippen, stechenden Augen – und überdies von den Ausschweifungen
+der verflossenen Nacht, dem gehetzten Traum des Morgens, der furchtbaren
+Erkenntnis des Erwachens dreifach verwüstet. Und was er in Marcolinens
+Blick las, war nicht, was er tausendmal lieber darin gelesen: Dieb –
+Wüstling – Schurke –; er las nur dies eine –, das ihn schmachvoller zu
+Boden schlug als alle andern Beschimpfungen vermocht hätten – er las das
+Wort, das ihm von allen das furchtbarste war, da es sein endgültiges
+Urteil sprach: Alter Mann. – Wäre es in diesem Augenblick in seiner Macht
+gestanden, sich selbst durch ein Zauberwort zu vernichten – er hätte es
+getan, nur um nicht unter der Decke hervorkriechen und sich Marcolinen
+in seiner Blöße zeigen zu müssen, die ihr verabscheuungswürdiger dünken
+mußte als der Anblick eines ekelhaften Tieres. – Sie aber, wie
+allmählich zur Besinnung kommend, und offenbar in dem Bedürfnis, ihm
+möglichst rasch zu dem Gelegenheit zu geben, was doch unerläßlich war,
+kehrte ihr Gesicht nach der Wand, und er benutzte die Zeit, um aus dem
+Bette zu steigen, den Mantel vom Boden aufzunehmen und sich darein zu
+hüllen. Auch seines Degens versicherte er sich sofort, und nun, da er
+sich zum mindesten der schlimmsten Schmach, der Lächerlichkeit entronnen
+dünkte, dachte er schon daran, ob er nicht etwa die ganze, für ihn so
+klägliche Angelegenheit durch wohlgesetzte Worte, um die er ja sonst
+nicht verlegen war, in ein andres Licht rücken, ja irgendwie zu seinen
+Gunsten wenden könnte. Daß Lorenzi Marcolina an ihn verkauft hatte,
+daran konnte nach der Lage der Dinge kein Zweifel für sie sein; – aber
+wie tief sie den Elenden in diesem Augenblick auch hassen mochte,
+Casanova fühlte, daß er, der feige Dieb, ihr noch tausendmal
+hassenswerter erscheinen mußte. Etwas andres verhieß vielleicht eher
+Genugtuung: Marcolina mit anspielungsreicher, mit höhnisch-lüsterner
+Rede zu erniedrigen: – doch auch dieser tückische Einfall schwand dahin
+vor einem Blick, dessen entsetzensvoller Ausdruck sich allmählich in
+eine unendliche Traurigkeit gewandelt hatte, als wäre es nicht nur
+Marcolinens Weiblichkeit, die Casanova geschändet – nein, als hätte in
+dieser Nacht List gegen Vertrauen, Lust gegen Liebe, Alter gegen Jugend
+sich namenlos und unsühnbar vergangen. Unter diesem Blick, der zu
+Casanovas schlimmster Qual alles, was noch gut in ihm war, für eine
+kurze Weile neu entzündete, wandte er sich ab; – ohne sich noch einmal
+nach Marcolinen umzusehen, ging er ans Fenster, raffte den Vorhang zur
+Seite, öffnete Fenster und Gitter, warf einen Blick in den dämmernden
+Garten, der noch zu schlummern schien, und schwang sich über die
+Brüstung ins Freie. Da er die Möglichkeit erwog, daß irgendwer im Hause
+schon erwacht sein und ihn von einem Fenster aus erblicken könnte,
+vermied er die Wiese und ließ sich von der Allee in ihren schützenden
+Schatten aufnehmen. Er trat durch die Gartentür ins Freie hinaus und
+hatte kaum hinter sich zugeschlossen, als ihm jemand entgegentrat und
+den Weg verstellte. Der Ruderer ... war sein erster Gedanke. Denn nun
+wußte er plötzlich, daß der Gondelführer in seinem Traum niemand andrer
+gewesen war als Lorenzi. Da stand er. Sein roter Waffenrock mit der
+silbernen Verschnürung brannte durch den Morgen. Welche prächtige
+Uniform, dachte Casanova in seinem verwirrten und ermüdeten Gehirn,
+sieht sie nicht aus wie neu? – Und ist sicher nicht bezahlt ... Diese
+nüchternen Erwägungen brachten ihn völlig zur Besinnung, und sobald er
+sich der Lage bewußt war, fühlte er sich froh. Er nahm seine stolzeste
+Haltung an, faßte den Degengriff unter dem hüllenden Mantel fester und
+sagte im liebenswürdigsten Ton: »Finden Sie nicht, Herr Leutnant
+Lorenzi, daß Ihnen dieser Einfall etwas verspätet kommt?« – »Doch
+nicht,« erwiderte Lorenzi – und er war schöner in diesem Augenblick als
+irgendein Mensch, den Casanova je gesehen –, »da doch nur einer von uns
+den Platz lebend verlassen wird.« – »Sie haben es eilig, Lorenzi,« sagte
+Casanova in einem fast weichen Ton. »Wollen wir die Sache nicht
+wenigstens bis Mantua aufschieben? Es wird mir eine Ehre sein, Sie in
+meinem Wagen mitzunehmen. Er wartet an der Straßenbiegung. Auch hätte
+es manches für sich, wenn die Formen gewahrt würden ... gerade in unserm
+Fall.« – »Es bedarf keiner Formen. Sie, Casanova, oder ich, – und noch
+in dieser Stunde.« Er zog den Degen. Casanova zuckte die Achseln. »Wie
+Sie wünschen, Lorenzi. Aber ich möchte Ihnen doch zu bedenken geben, daß
+ich leider gezwungen wäre, in einem völlig unangemessenen Kostüm
+anzutreten.« Er schlug den Mantel auseinander und stand nackt da, den
+Degen wie spielend in der Hand. In Lorenzis Augen stieg eine Welle von
+Haß. »Sie sollen nicht im Nachteil mir gegenüber sein,« sagte er und
+begann mit großer Geschwindigkeit, sich all seiner Kleidungsstücke zu
+entledigen. Casanova wandte sich ab und hüllte sich solange wieder in
+seinen Mantel, da es trotz der allmählich durch den Morgendunst
+brechenden Sonne nun empfindlich kühl geworden war. Von den Bäumen, die
+spärlich auf der Höhe des Hügels standen, fielen lange Schatten über den
+Rasen hin. Einen Moment lang dachte Casanova, ob nicht am Ende jemand
+hier vorbeikommen könnte? Doch der Pfad, der längs der Mauer zur
+rückwärtigen Gartentür lief, wurde wohl nur von Olivo und den Seinen
+benutzt. Es fiel Casanova ein, daß er nun vielleicht die letzten Minuten
+seines Daseins durchlebte, und er wunderte sich, daß er vollkommen ruhig
+war. Herr Voltaire hat Glück, dachte er flüchtig; aber im Grunde war
+ihm Voltaire höchst gleichgültig, und er hätte gewünscht, in dieser
+Stunde holdere Bilder vor seine Seele zaubern zu können als das
+widerliche Vogelgesicht des alten Literaten. War es übrigens nicht
+sonderbar, daß jenseits der Mauer in den Wipfeln der Bäume keine Vögel
+sangen? Das Wetter würde sich wohl ändern. Doch was ging ihn das Wetter
+an? Er wollte lieber Marcolinens gedenken, der Wonnen, die er in ihren
+Armen genossen, und die er nun teuer bezahlen sollte. Teuer? – Wohlfeil
+genug! Ein paar Greisenjahre – in Elend und Niedrigkeit ... Was hatte er
+noch zu tun auf der Welt?... Herrn Bragadino vergiften? – War es der
+Mühe wert? Nichts war der Mühe wert ... Wie dünn dort oben die Bäume
+standen! Er begann sie zu zählen. Fünf ... sieben ... zehn – Sollte ich
+nichts Wichtigeres zu tun haben?... – »Ich bin bereit, Herr Chevalier!«
+Rasch wandte sich Casanova um. Lorenzi stand ihm gegenüber, herrlich in
+seiner Nacktheit wie ein junger Gott. Alles Gemeine war aus seinem
+Antlitz weggelöscht; er schien so bereit, zu töten als zu sterben. –
+Wenn ich meinen Degen hinwürfe? dachte Casanova. Wenn ich ihn umarmte?
+Er ließ den Mantel von seinen Schultern gleiten und stand nun da wie
+Lorenzi, schlank und nackt. Lorenzi senkte den Degen zum Gruß nach den
+Regeln der Fechtkunst, Casanova gab den Gruß zurück; im nächsten
+Augenblick kreuzten sie die Klingen, und silbernes Morgenlicht spielte
+glitzernd von Stahl zu Stahl. Wie lang ist es nur her, dachte Casanova,
+seit ich zum letztenmal einem Gegner mit dem Degen gegenübergestanden
+bin? Doch keines seiner ernsthafteren Duelle wollte ihm jetzt einfallen,
+sondern nur die Fechtübungen, die er vor zehn Jahren noch mit Costa,
+seinem Kammerdiener, abzuhalten pflegte, dem Lumpen, der ihm später mit
+hundertfünfzigtausend Lire durchgegangen war. Immerhin, dachte Casanova,
+er war ein tüchtiger Fechter; – und auch ich habe nichts verlernt! Sein
+Arm war sicher, seine Hand war leicht, sein Auge blickte so scharf wie
+je. Eine Fabel ist Jugend und Alter, dachte er ... Bin ich nicht ein
+Gott? Wir beide nicht Götter? Wer uns jetzt sähe! – Es gäbe Damen, die
+sich’s was kosten ließen. Die Schneiden bogen sich, die Spitzen
+flirrten; nach jeder Berührung der Klingen sang es leise in der
+Morgenluft nach. Ein Kampf? Nein, ein Turnier ... Warum dieser Blick des
+Entsetzens, Marcolina? Sind wir nicht beide deiner Liebe wert? Er ist
+nur jung, ich aber bin Casanova!... Da sank Lorenzi hin, mit einem Stich
+mitten ins Herz. Der Degen entfiel seiner Hand, er riß die Augen weit
+auf, wie im höchsten Erstaunen, hob noch einmal das Haupt, seine Lippen
+verzogen sich schmerzlich, er ließ das Haupt sinken, seine Nasenflügel
+öffneten sich weit, ein leises Röcheln, er starb. – Casanova beugte sich
+zu ihm hinab, kniete neben ihm nieder, sah ein paar Blutstropfen aus der
+Wunde sickern, führte die Hand ganz nahe an des Gefallenen Mund; kein
+Hauch des Lebens berührte sie. Ein kühler Schauer floß durch Casanovas
+Glieder. Er erhob sich und nahm seinen Mantel um. Dann trat er wieder an
+die Leiche und blickte auf den Jünglingsleib hinab, der in
+unvergleichlicher Schönheit auf dem Rasen hingestreckt lag. Ein leises
+Rauschen ging durch die Stille; es war der Morgenwind, der durch die
+Wipfel jenseits der Gartenmauer strich. Was tun? fragte sich Casanova.
+Leute rufen? Olivo? Amalia? Marcolina? – Wozu? Lebendig macht ihn keiner
+mehr! – Er überlegte mit der kalten Ruhe, die ihm in den gefährlichsten
+Momenten seines Daseins immer eigen gewesen war. – Bis man ihn findet,
+kann es viele Stunden dauern, vielleicht bis zum Abend, auch länger. Bis
+dahin hab’ ich Zeit gewonnen, und darauf allein kommt es an. – Er hielt
+immer noch seinen Degen in der Hand, er sah Blut daran schimmern und
+wischte es im Grase ab. Der Einfall kam ihm, die Leiche anzukleiden,
+aber das hätte ihn Minuten verlieren lassen, die kostbar und
+unwiederbringlich waren. Wie zu einem letzten Opfer beugte er sich
+nochmals nieder und drückte dem Toten die Augen zu. »Glücklicher,«
+sagte er vor sich hin, und, wie in traumhafter Benommenheit, küßte er
+den Ermordeten auf die Stirn. Dann erhob er sich rasch und eilte, der
+Mauer entlang, um die Ecke, nach abwärts biegend, der Straße zu. Der
+Wagen stand an der Kreuzung, wo er ihn verlassen, der Kutscher war auf
+dem Bock fest eingeschlafen. Casanova hatte acht, ihn nicht aufzuwecken,
+stieg mit äußerster Vorsicht ein, und jetzt erst rief er ihn an. »He!
+Wird’s bald?« und puffte ihn in den Rücken. Der Kutscher schrak auf,
+schaute um sich, staunte, daß es schon ganz licht war, dann hieb er auf
+die Rosse ein und fuhr davon. Casanova lehnte sich tief zurück, in den
+Mantel gehüllt, der einmal Lorenzi gehört hatte. Im Dorf waren nur ein
+paar Kinder auf der Straße zu sehen; die Männer und Weiber offenbar
+schon alle bei der Arbeit auf dem Feld. Als die Häuser hinter ihnen
+lagen, atmete Casanova auf; er öffnete den Reisesack, nahm seine Sachen
+heraus und begann sich unter dem Schutz des Mantels anzukleiden, nicht
+ohne Sorge, daß der Kutscher sich umdrehen und ihm seines Fahrgastes
+sonderbares Gebaren auffallen könnte. Doch nichts dergleichen geschah;
+Casanova konnte sich ungestört fertigmachen, brachte Lorenzis Mantel im
+Sack unter und nahm wieder den seinen um. Er blickte nach dem Himmel,
+der sich indes getrübt hatte. Er fühlte sich nicht müde, vielmehr aufs
+höchste angespannt und überwach. Er überdachte seine Lage und kam, wie
+immer er sie betrachtete, zu dem Schluß, daß sie wohl einigermaßen
+bedenklich war, aber nicht so gefährlich, wie sie ängstlichern Gemütern
+vielleicht erschienen wäre. Daß man ihn sofort verdächtigen würde,
+Lorenzi getötet zu haben, war freilich wahrscheinlich; aber keiner
+konnte zweifeln, daß es im ehrlichen Zweikampf geschehen war, und besser
+noch: er war von Lorenzi überfallen, zum Duell gezwungen worden, und
+niemand durfte es ihm als Verbrechen anrechnen, daß er sich zur Wehr
+gesetzt hatte. Aber warum hatte er ihn auf dem Rasen liegen lassen wie
+einen toten Hund? Auch das durfte ihm niemand zum Vorwurf machen: rasche
+Flucht war sein gutes Recht, beinahe seine Pflicht gewesen. Lorenzi
+hätte es nicht anders gemacht. Aber konnte ihn Venedig nicht ausliefern?
+Sofort nach seiner Ankunft wollte er sich in den Schutz seines Gönners
+Bragadino stellen. Aber bezichtigte er sich so nicht selbst einer Tat,
+die am Ende unentdeckt bleiben oder doch nicht ihm zur Last gelegt
+werden würde? Gab es überhaupt einen Beweis gegen ihn? War er nicht nach
+Venedig berufen? Wer durfte sagen, daß es eine Flucht war? Der Kutscher
+etwa, der die halbe Nacht an der Straße gewartet? Mit noch ein paar
+Goldstücken war ihm das Maul gestopft. So liefen seine Gedanken im
+Kreise. Plötzlich war ihm, als hörte er hinter seinem Rücken das Getrabe
+von Pferden. Schon? war sein erster Gedanke. Er steckte den Kopf zum
+Wagenfenster hinaus, sah nach rückwärts, die Straße war leer. Sie waren
+an einem Gehöft vorbeigefahren; es war der Widerhall vom Hufschlag
+seiner eignen Pferde gewesen. Daß er sich getäuscht hatte, beruhigte ihn
+für eine Weile so sehr, als wäre nun jede Gefahr für allemal vorüber.
+Dort ragten die Türme von Mantua ... »Vorwärts, vorwärts,« sagte er vor
+sich hin; denn er wollte gar nicht, daß es der Kutscher hörte. Der aber,
+in der Nähe des Ziels, ließ die Rosse aus eignem Antrieb immer rascher
+laufen; bald waren sie am Tor, durch das Casanova vor noch nicht zweimal
+vierundzwanzig Stunden mit Olivo die Stadt verlassen; er gab dem
+Kutscher den Namen des Gasthofs an, vor dem er zu halten hätte; nach
+wenigen Minuten zeigte sich das Schild mit dem goldenen Löwen, und
+Casanova sprang aus dem Wagen. In der Tür stand die Wirtin; frisch, mit
+lachendem Gesicht, und schien nicht übel gelaunt, Casanova zu empfangen,
+wie man eben einen Geliebten empfängt, der nach unerwünschter
+Abwesenheit als ein Heißersehnter wiederkehrt; er aber wies mit einem
+ärgerlichen Blick auf den Kutscher wie auf einen lästigen Zeugen und
+hieß ihn dann, sich an Speise und Trank nach Herzenslust gütlich tun.
+»Ein Brief aus Venedig ist gestern abend für Sie angekommen, Herr
+Chevalier,« sagte die Wirtin. – »Noch einer?« fragte Casanova und lief
+die Treppen hinauf in sein Zimmer. Die Wirtin folgte ihm. Auf dem Tisch
+lag ein versiegeltes Schreiben. In höchster Erregung öffnete es
+Casanova. – Ein Widerruf? dachte er in Angst. Doch als er gelesen,
+erheiterte sich sein Gesicht. Es waren ein paar Zeilen von Bragadino mit
+einer Anweisung auf zweihundertfünfzig Lire, die beilag, damit er seine
+Reise, wenn er etwa dazu entschlossen, auch nicht einen Tag länger
+aufzuschieben genötigt sei. Casanova wandte sich zu der Wirtin und
+erklärte ihr mit einer angenommenen verdrießlichen Miene, daß er leider
+gezwungen sei, schon in dieser selben Stunde seine Reise fortzusetzen,
+wenn er nicht Gefahr laufen wolle, die Stelle zu verlieren, die ihm sein
+Freund Bragadino in Venedig verschafft habe, und um die hundert Bewerber
+da seien. Aber, setzte er gleich hinzu, als er bedrohliche Wolken auf
+der Wirtin Stirn aufziehen sah, er wolle sich die Stelle nur erst einmal
+sichern, sein Dekret – nämlich als Sekretär des Hohen Rats von Venedig –
+in Empfang nehmen, dann, wenn er einmal in Amt und Würden sei, werde er
+sofort einen Urlaub verlangen, um seine Angelegenheiten in Mantua zu
+ordnen, den könne man ihm natürlich nicht verweigern; er lasse ja sogar
+seine meisten Habseligkeiten hier zurück – und dann, dann hänge es nur
+von seiner teuern, von seiner entzückenden Freundin ab, ob sie nicht ihr
+Wirtsgeschäft hier aufgeben und ihm als seine Gattin nach Venedig folgen
+wolle ... Sie fiel ihm um den Hals und fragte ihn mit schwimmenden
+Augen, ob sie ihm nicht vor seiner Abfahrt wenigstens ein tüchtiges
+Frühstück ins Zimmer bringen dürfe. Er wußte, daß es auf eine
+Abschiedsfeier abgesehen war, zu der er nicht das geringste Verlangen
+verspürte, doch er erklärte sich einverstanden, um sie nur endlich
+einmal los zu sein; als sie die Treppe hinunter war, packte er noch von
+Wäsche und Büchern, was er am dringendsten benötigte, in seine Tasche,
+begab sich in die Wirtsstube, wo er den Kutscher bei einem reichlichen
+Mahle fand, und fragte ihn, ob er – gegen eine Summe, die den
+gewöhnlichen Preis um das Doppelte überstieg – bereit wäre, sofort mit
+den gleichen Pferden in der Richtung gegen Venedig zu fahren, bis zur
+nächsten Poststation. Der Kutscher schlug ohne weiteres ein, und so war
+Casanova für den Augenblick die schlimmste Sorge los. Die Wirtin trat
+ein, zornrot im Gesicht, und fragte ihn, ob er vergessen habe, daß sein
+Frühstück ihn auf dem Zimmer erwarte. Casanova erwiderte ihr in der
+unbefangensten Weise, er habe es keineswegs vergessen, und bat sie
+zugleich, da es ihm an Zeit mangle, das Bankhaus aufzusuchen, auf das
+sein Wechsel ausgestellt war, ihm gegen die Anweisung, die er ihr
+überreichte, zweihundertfünfzig Lire auszuhändigen. Während sie lief,
+das Geld zu holen, ging Casanova auf sein Zimmer und begann mit einer
+wahrhaft tierischen Gier das Essen hinunterzuschlingen, das
+bereitgestellt war. Er ließ sich nicht stören, da die Wirtin erschien,
+steckte nur rasch das Geld ein, das sie ihm gebracht hatte; – als er
+fertig war, wandte er sich der Frau zu, die zärtlich an seine Seite
+gerückt war, nun endlich ihre Stunde für gekommen hielt und in nicht
+mißzuverstehender Weise ihre Arme gegen ihn ausbreitete, – er umschlang
+sie heftig, küßte sie auf beide Wangen, drückte sie an sich, und als sie
+bereit schien, ihm nichts mehr zu versagen, riß er sich mit den Worten:
+»Ich muß fort ... auf Wiedersehen!« so heftig von ihr los, daß sie nach
+rückwärts in die Ecke des Sofas fiel. Der Ausdruck ihrer Mienen, in
+seiner Mischung von Enttäuschung, Zorn, Ohnmacht, hatte etwas so
+unwiderstehlich Komisches, daß Casanova, während er die Tür hinter sich
+zuschloß, sich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.
+
+Daß sein Fahrgast es eilig hatte, konnte dem Kutscher nicht entgangen
+sein; sich über die Gründe Gedanken zu machen, war er nicht
+verpflichtet; jedenfalls saß er fahrtbereit auf dem Bock, als Casanova
+aus der Tür des Gasthofs trat, und hieb mächtig auf die Pferde ein,
+sobald jener eingestiegen war. Auch hielt er es für richtig, nicht
+mitten durch die Stadt zu fahren, sondern umkreiste sie, um an ihrem
+andern Ende wieder auf die Landstraße zu geraten. Noch stand die Sonne
+nicht hoch, es fehlten drei Stunden auf Mittag. Casanova dachte: Es ist
+sehr wohl möglich, daß man den toten Lorenzi noch nicht einmal gefunden
+hat. Daß er selbst Lorenzi umgebracht hatte, kam ihm kaum recht zu
+Bewußtsein; er war nur froh, daß er sich immer weiter von Mantua
+entfernte, daß ihm endlich für eine Weile Ruhe gegönnt war ... Er
+verfiel in den tiefsten Schlaf seines Lebens, der gewissermaßen zwei
+Tage und zwei Nächte dauerte; denn die kurzen Unterbrechungen, die das
+Wechseln der Pferde notwendig machte, und während deren er in
+Wirtsstuben saß, vor Posthäusern auf und ab ging, mit Postmeistern,
+Wirten, Zollwächtern, Reisenden gleichgültige Zufallsworte tauschte,
+hatte er als Einzelvorfälle nicht im Gedächtnis zu bewahren vermocht. So
+floß später die Erinnerung dieser zwei Tage und Nächte mit dem Traum
+zusammen, den er in Marcolinens Bett geträumt, und auch der Zweikampf
+der zwei nackten Menschen auf einem grünen Rasen im Frühsonnenschein
+gehörte irgendwie zu diesem Traum, in dem er manchmal in einer
+rätselhaften Weise nicht Casanova, sondern Lorenzi, nicht der Sieger,
+sondern der Gefallene, nicht der Entfliehende, sondern der Tote war, um
+dessen blassen Jünglingsleib einsamer Morgenwind spielte; und beide, er
+selbst und Lorenzi, waren nicht wirklicher als die Senatoren in den
+roten Purpurmänteln, die als Bettler vor ihm auf den Knien
+herumgerutscht waren, und nicht weniger wirklich als jener ans Geländer
+irgendeiner Brücke gelehnte Alte, dem er in der Abenddämmerung aus dem
+Wagen ein Almosen zugeworfen hatte. Hätte Casanova nicht mittelst seiner
+Urteilskraft das Erlebte und Geträumte auseinanderzuhalten vermocht, so
+hätte er sich einbilden können, daß er in Marcolinens Armen in einen
+wirren Traum verfallen war, aus dem er erst beim Anblick des Campanile
+von Venedig erwachte.
+
+Es war am dritten Morgen seiner Reise, daß er, von Mestre aus, den
+Glockenturm nach mehr als zwanzig Jahren der Sehnsucht zum erstenmal
+wieder erschaute, – ein graues Steingebilde, das einsam ragend aus der
+Dämmerung wie aus weiter Ferne vor ihm auftauchte. Aber er wußte, daß
+ihn jetzt nur mehr eine Fahrt von zwei Stunden von der geliebten Stadt
+trennte, in der er jung gewesen war. Er entlohnte den Kutscher, ohne zu
+wissen, ob es der vierte, fünfte oder sechste war, mit dem er seit
+Mantua abzurechnen hatte, und eilte, von einem Jungen gefolgt, der ihm
+das Gepäck nachtrug, durch die armseligen Straßen zum Hafen, um das
+Marktschiff zu erreichen, das heute noch, wie vor fünfundzwanzig Jahren,
+um sechs Uhr nach Venedig abging. Es schien nur noch auf ihn gewartet zu
+haben; kaum hatte er unter Weibern, die ihre Ware zur Stadt brachten,
+kleinen Geschäftsleuten, Handwerkern auf einer schmalen Bank seinen
+Platz eingenommen, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Der Himmel
+war trüb; Dunst lag auf den Lagunen; es roch nach faulem Wasser, nach
+feuchtem Holz, nach Fischen und nach frischem Obst. Immer höher ragte
+der Campanile, andre Türme zeichneten sich in der Luft ab,
+Kirchenkuppeln wurden sichtbar; von irgendeinem Dach, von zweien, von
+vielen glänzte der Strahl der Morgensonne ihm entgegen; – Häuser rückten
+auseinander, wuchsen in die Höhe; Schiffe, größere und kleinere,
+tauchten aus dem Nebel; Grüße von einem zum andern wurden getauscht. Das
+Geschwätz rings um ihn wurde lauter; ein kleines Mädchen bot ihm Trauben
+zum Kauf; er verzehrte die blauen Beeren, spuckte die Schalen nach der
+Art seiner Landsleute hinter sich über Bord und ließ sich in ein
+Gespräch mit irgendeinem Menschen ein, der seine Befriedigung darüber
+äußerte, daß nun endlich schönes Wetter anzubrechen scheine. Wie, es
+hatte hier drei Tage lang geregnet? Er wußte nichts davon; er kam aus
+dem Süden, aus Neapel, aus Rom ... Schon fuhr das Schiff durch die
+Kanäle der Vorstadt; schmutzige Häuser starrten ihn aus trüben Fenstern
+wie mit blöden fremden Augen an, zwei-, dreimal hielt das Schiff an, ein
+paar junge Leute, einer mit einer großen Mappe unterm Arm, Weiber mit
+Körben stiegen aus; – nun kam man in freundlichere Bezirke. War dies
+nicht die Kirche, in der Martina zur Beichte gegangen war? – Und dies
+nicht das Haus, in dem er die blasse, todkranke Agathe auf seine Weise
+wieder rot und gesund gemacht hatte? – Und hatte er in jenem nicht den
+schuftigen Bruder der reizenden Silvia braun und blau geprügelt? Und in
+jenem Seitenkanal das kleine gelbliche Haus, auf dessen wasserbespülten
+Stufen ein dickes Frauenzimmer mit nackten Füßen stand ... Ehe er sich
+noch zu besinnen vermochte, welche Erscheinung aus fernen Jugendtagen er
+dahin zu versetzen hatte, war das Schiff in den großen Kanal eingelenkt
+und fuhr nun auf der breiten Wasserstraße langsam zwischen Palästen
+weiter. Es war Casanova, von seinem Traume her, als wär’ er erst tags
+vorher denselben Weg gefahren. An der Rialtobrücke stieg er aus; denn
+eh’ er sich zu Herrn Bragadino begab, wollte er in einem nahen kleinen
+wohlfeilen Gasthof, dessen er sich der Lage, aber nicht dem Namen nach
+erinnerte, sein Gepäck unterbringen und sich eines Zimmers versichern.
+Er fand das Haus verfallener, oder mindestens vernachlässigter, als er
+es im Gedächtnis bewahrt hatte; ein verdrossener unrasierter Kellner
+wies ihm einen wenig freundlichen Raum mit der Aussicht auf die
+fensterlose Mauer eines gegenüberliegenden Hauses an. Doch Casanova
+wollte keine Zeit verlieren; auch war ihm, da sich seine Barschaft auf
+der Reise beinahe gänzlich erschöpft hatte, der niedrige Preis des
+Zimmers sehr erwünscht; so beschloß er, vorläufig hier zu bleiben,
+befreite sich vom Staub und Schmutz der langen Reise, überlegte eine
+Weile, ob er sich in sein Prachtgewand werfen sollte, fand es dann doch
+angemessen, wieder das bescheidenere anzulegen, und verließ endlich den
+Gasthof. Nur hundert Schritte waren es, durch ein schmales Gäßchen und
+über eine Brücke, zu dem kleinen vornehmen Palazzo, in dem Bragadino
+wohnte. Ein junger Bedienter mit einem ziemlich unverschämten Gesicht
+nahm Casanovas Anmeldung entgegen, tat, als wenn er den berühmten Namen
+niemals gehört hätte, kam aber mit einer etwas freundlicheren Miene aus
+den Gemächern seines Herrn wieder und ließ den Gast eintreten. Bragadino
+saß an einem nah ans offene Fenster gerückten Tisch beim Frühstück; er
+wollte sich erheben, was Casanova nicht zuließ. – »Mein teuerer
+Casanova,« rief Bragadino aus, »wie glücklich bin ich, Sie
+wiederzusehen! Ja, wer hätte gedacht, daß wir uns überhaupt jemals
+wiedersehen würden?« Und er streckte ihm beide Hände entgegen. Casanova
+ergriff sie, als wenn er sie küssen wollte, tat es aber nicht und
+erwiderte die herzliche Begrüßung mit Worten heißen Dankes in der etwas
+hochtrabenden Art, von der seine Ausdrucksweise bei solchen
+Gelegenheiten nicht frei war. Bragadino forderte ihn auf, Platz zu
+nehmen, und fragte ihn vor allem, ob er schon gefrühstückt habe. Als
+Casanova verneinte, klingelte Bragadino dem Diener und gab ihm die
+entsprechende Weisung. Als der Diener sich entfernt hatte, äußerte
+Bragadino seine Befriedigung darüber, daß Casanova das Anerbieten des
+Hohen Rats ohne Vorbehalt angenommen; es werde ihm gewiß nicht zum
+Nachteil gereichen, daß er sich entschlossen habe, dem Vaterland seine
+Dienste zu widmen. Casanova erklärte, daß er sich glücklich schätzen
+werde, die Zufriedenheit des Hohen Rats zu erwerben. – So sprach er und
+dachte sich sein Teil dabei. Freilich von irgendwelchem Haß gegen
+Bragadino verspürte er nichts mehr in sich; eher eine gewisse Rührung
+über den einfältig gewordenen uralten Mann, der ihm da gegenübersaß mit
+dünngewordenem weißem Bart und rotgeränderten Augen, und dem die Tasse
+in der mageren Hand zitterte. Als Casanova ihn zum letztenmal gesehen
+hatte, mochte Bragadino etwa soviel Jahre zählen als Casanova heute;
+freilich war er ihm schon damals wie ein Greis erschienen.
+
+Nun brachte der Diener das Frühstück für Casanova, der sich’s, ohne sich
+viel zureden zu lassen, vortrefflich schmecken ließ, da er auf seiner
+Reise nur hie und da einen spärlichen Imbiß in Hast zu sich genommen. –
+Ja, Tag und Nacht war er von Mantua bis hierher gereist; – so eilig
+hatte er’s, dem Hohen Rat seine Bereitwilligkeit, dem edlen Gönner seine
+unauslöschliche Dankbarkeit zu beweisen: dies brachte er zur
+Entschuldigung vor für die beinahe unanständige Gier, mit der er die
+dampfende Schokolade schlürfte. Durchs Fenster drangen die
+tausendfältigen Geräusche des Lebens von den großen und kleinen Kanälen;
+die Rufe der Gondelführer schwebten eintönig über alle andern hin;
+irgendwo, nicht zu weit, vielleicht in dem Palast gegenüber – war es
+nicht der des Fogazzari? – sang eine schöne, ziemlich hohe Frauenstimme
+Koloraturen; sie gehörte offenbar einem sehr jungen Wesen an, einem
+Wesen, das noch nicht einmal geboren war zur Zeit, da Casanova aus den
+Bleikammern entflohen war. – Er aß Zwieback und Butter, Eier, kaltes
+Fleisch; und entschuldigte sich immer wieder ob seiner Unersättlichkeit
+bei Bragadino, der ihm vergnügt zusah. »Ich liebe es,« sagte er, »wenn
+junge Leute Appetit haben! Und soviel ich mich erinnere, mein teuerer
+Casanova, hat es Ihnen daran nie gefehlt!« Und er entsann sich eines
+Mahls, das er in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft gemeinsam mit
+Casanova genossen – vielmehr, bei dem er seinem jungen Freunde
+bewundernd zugeschaut hatte – wie heute; denn er selbst war damals noch
+nicht so weit gewesen, es war nämlich, kurz nachdem Casanova den Arzt
+hinausgeworfen, der den armen Bragadino durch die ewigen Aderlässe fast
+ins Grab gebracht hatte ... Sie redeten von vergangenen Zeiten; ja –
+damals war das Leben in Venedig schöner gewesen als heute. – »Nicht
+überall,« sagte Casanova und spielte durch ein feines Lächeln auf die
+Bleidächer an. Bragadino wehrte mit einer Handbewegung ab, als wäre nun
+nicht die Stunde, sich solcher kleiner Unannehmlichkeiten zu erinnern.
+Übrigens, er, Bragadino, hatte auch damals alles mögliche versucht, um
+Casanova vor der Strafe zu retten, wenn auch leider vergeblich. Ja, wenn
+er schon damals dem Rat der Zehn angehört hätte! –
+
+So kamen sie auf politische Angelegenheiten zu reden, und Casanova
+erfuhr von dem alten Mann, der, von seinem Thema entzündet, den Witz und
+die ganze Lebendigkeit seiner jüngeren Jahre wiederzufinden schien, gar
+Vieles und Merkwürdiges über die bedenkliche Geistesrichtung, der ein
+Teil der Venezianer Jugend neuerdings anzuhängen, und über die
+gefährlichen Umtriebe, die sich in unverkennbaren Zeichen anzukündigen
+begännen; und er war gar nicht übel vorbereitet, als er sich noch am
+Abend desselben Tags, den er, in sein trübseliges Gasthofzimmer
+eingeschlossen, nur zur Beschwichtigung seiner vielfach aufgestörten
+Seele mit dem Ordnen und teilweisen Verbrennen von Papieren verbracht
+hatte, in das Café Quadri am Markusplatz verfügte, das als
+Hauptversammlungsort der Freidenker und Umstürzler galt. Durch einen
+alten Musiker, der ihn sofort wiedererkannte, den einstigen
+Kapellmeister des Theaters San Samuele, desselben, in dem Casanova vor
+dreißig Jahren Geige gespielt hatte, wurde er auf die ungezwungenste
+Weise in eine Gesellschaft von meist jüngern Leuten eingeführt, deren
+Namen ihm von seinem Morgengespräch mit Bragadino her als besonders
+verdächtige in Erinnerung verblieben waren. Sein eigner Name aber schien
+auf die andern keineswegs in der Art zu wirken, die zu erwarten er
+berechtigt gewesen wäre; ja die meisten wußten offenbar nicht mehr von
+Casanova, als daß er vor langer Zeit aus irgendeinem Grunde oder
+vielleicht auch ganz unschuldig in den Bleikammern gefangen gesessen und
+unter allerlei Fährlichkeiten von dort entkommen war. Das Büchlein, in
+dem er schon vor Jahren seine Flucht so lebendig geschildert hatte, war
+zwar nicht unbekannt geblieben, doch mit der gebührenden Aufmerksamkeit
+schien es niemand gelesen zu haben. Es machte Casanova einigen Spaß, zu
+denken, daß es nur von ihm abhinge, jedem dieser jungen Herrn baldigst
+zu persönlichen Erfahrungen über die Lebensbedingungen unter den
+Bleidächern von Venedig und über die Schwierigkeiten des Entkommens zu
+verhelfen; aber fern davon, einen so boshaften Einfall durchschimmern
+oder gar erraten zu lassen, verstand er es vielmehr, auch hier den
+Harmlosen und Liebenswürdigen zu spielen, und unterhielt bald die
+Gesellschaft nach seiner Art mit der Erzählung von allerlei heitern
+Abenteuern, die ihm auf seiner letzten Reise von Rom hierher begegnet
+waren; – Geschichten, die, wenn auch im ganzen ziemlich wahr, in
+Wirklichkeit immerhin fünfzehn bis zwanzig Jahre zurücklagen. Während
+man ihm noch angeregt zuhörte, brachte irgendwer mit andern Neuigkeiten
+die Kunde, daß ein Offizier aus Mantua in der Nähe des Landguts eines
+Freundes, wo er zu Besuch geweilt, umgebracht und die Leiche von den
+Räubern bis aufs Hemd ausgeplündert worden wäre. Da dergleichen
+Überfälle und Mordtaten zu jener Zeit nicht gerade selten vorkamen,
+erregte der Fall auch in diesem Kreise kein sonderliches Aufsehen, und
+Casanova fuhr in seiner Erzählung fort, wo man ihn unterbrochen hatte, –
+als ginge ihn die Sache so wenig an wie die übrigen; ja, von einer
+Unruhe befreit, die er sich nur nicht recht eingestanden hatte, fand er
+noch lustigere und frechere Worte als vorher.
+
+Mitternacht war vorbei, als er nach flüchtigem Abschied von seinen neuen
+Bekannten unbegleitet auf den weiten leeren Platz hinaustrat, über dem
+sternenlos, doch ruhelos flimmernd ein dunstschwerer Himmel hing. Mit
+einer Art von schlafwandlerischer Sicherheit, ohne sich eigentlich
+bewußt zu werden, daß er ihn in dieser Stunde nach einem
+Vierteljahrhundert zum ersten Male wieder ging, fand er den Weg durch
+enge Gäßchen zwischen dunklen Häusermauern und über schmale
+Brückenstege, unter denen die schwärzlichen Kanäle den ewigen Wassern
+zuzogen, nach seinem elenden Gasthof, dessen Tor erst auf wiederholtes
+Klopfen sich träg und unfreundlich vor ihm öffnete; – und wenige Minuten
+später, in einer schmerzenden Müdigkeit, die durch seine Glieder
+lastete, ohne sie zu lösen, mit einem bittern Nachgeschmack auf den
+Lippen, den er gleichsam aus dem Innersten seines Wesens nach oben
+steigen fühlte, warf er sich, nur halb ausgekleidet, auf ein schlechtes
+Bett, um nach fünfundzwanzig Jahren der Verbannung den ersten, so lang
+ersehnten Heimatschlaf zu tun, der endlich, bei anbrechendem Morgen,
+traumlos und dumpf, sich des alten Abenteurers erbarmte.
+
+ENDE
+
+
+
+
+Anmerkung
+
+Ein Besuch Casanovas bei Voltaire in Ferney hat tatsächlich
+stattgefunden, doch alle in der vorstehenden Novelle daran geknüpften
+Folgerungen, wie insbesondre die, daß Casanova sich mit einer gegen
+Voltaire gerichteten Streitschrift beschäftigt hätte, haben mit der
+geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun. Historisch ist ferner, daß
+Casanova sich im Alter zwischen fünfzig und sechzig genötigt sah, in
+seiner Vaterstadt Venedig Spionendienste zu leisten; wie man auch über
+manche andre frühere Erlebnisse des berühmten Abenteurers, deren im
+Verlaufe der Novelle beiläufig Erwähnung geschieht, in seinen
+»Erinnerungen« ausführlichere und getreuere Nachrichten finden kann. Im
+übrigen ist die ganze Erzählung von »Casanovas Heimfahrt« frei erfunden.
+ A. S.
+
+
+
+
+Werke von Arthur Schnitzler in Einzelausgaben
+
+
+Das Märchen. Schauspiel ................... 3. Auflage
+Anatol. Ein Einakterzyklus ................ 20. Auflage
+Sterben. Novelle .......................... 10. Auflage
+Liebelei. Schauspiel ...................... 16. Auflage
+Freiwild. Schauspiel ...................... 3. Auflage
+Die Frau des Weisen. Novelletten .......... 8. Auflage
+Das Vermächtnis. Schauspiel ............... 3. Auflage
+Der grüne Kakadu. Drei Einakter ........... 8. Auflage
+Der Schleier der Beatrice. Schauspiel ..... 4. Auflage
+Frau Berta Garlan. Novelle ................ 61. Auflage
+Leutnant Gustl. Novelle ................... 18. Auflage
+Lebendige Stunden. Vier Einakter .......... 9. Auflage
+Der einsame Weg. Schauspiel ............... 7. Auflage
+Zwischenspiel. Komödie .................... 5. Auflage
+Der Ruf des Lebens. Schauspiel ............ 4. Auflage
+Marionetten. Drei Einakter ................ 3. Auflage
+Dämmerseelen. Novellen .................... 13. Auflage
+Der Weg ins Freie. Roman .................. 33. Auflage
+Komtesse Mizzi. Komödie ................... 4. Auflage
+Der junge Medardus. Dramatische Historie .. 7. Auflage
+Das weite Land. Tragikomödie .............. 7. Auflage
+Masken und Wunder. Novellen ............... 14. Auflage
+Professor Bernhardi. Komödie .............. 14. Auflage
+Frau Beate und ihr Sohn. Novelle .......... 13. Auflage
+Die griechische Tänzerin. Novellen ........ 55. Auflage
+Komödie der Worte. Drei Einakter .......... 7. Auflage
+Doktor Gräsler, Badearzt. Erzählung ....... 26. Auflage
+Fink und Fliederbusch. Komödie ............ 6. Auflage
+
+
+
+
+Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler
+
+
+1. Die erzählenden Schriften in 3 Bänden
+
+1. Band: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der
+Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der
+blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische
+Tänzerin.
+
+2. Band: Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg.
+Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der
+tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mörder. Die dreifache
+Warnung. Die Hirtenflöte.
+
+3. Band: Der Weg ins Freie.
+
+
+2. Die Theaterstücke in 4 Bänden
+
+1. Band: Anatol. Das Märchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermächtnis.
+
+2. Band: Paracelsus. Die Gefährtin. Der grüne Kakadu. Der Schleier der
+Beatrice. Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten
+Masken. Literatur.
+
+3. Band: Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der tapfere
+Cassian. Zum großen Wurstel. Der Ruf des Lebens.
+
+4. Band: Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das
+weite Land.
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1918 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die gescannten Bilddateien wurden freundlicherweise vom
+austrian literature online Archiv zur Verfügung gestellt.
+(http://www.literature.at)
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
+p 035: Punkt ergänzt: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.«
+p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie
+p 161: Punkt ergänzt: daß er vollkommen ruhig war.
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1918 by S. Fischer, Berlin. The scanned images
+have been generously made available by the austrian literature online
+archive. (http://www.literature.at)
+
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
+p 035: added period: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.«
+p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie
+p 161: added period: daß er vollkommen ruhig war.
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
+
+***** This file should be named 18148-0.txt or 18148-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/1/4/18148/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
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+
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+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+that
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+The Project Gutenberg EBook of Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Casanovas Heimfahrt
+
+Author: Arthur Schnitzler
+
+Release Date: April 11, 2006 [EBook #18148]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
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+ CASANOVAS HEIMFAHRT
+
+
+ NOVELLE
+ VON
+
+ ARTHUR SCHNITZLER
+
+
+ 1918
+
+ S. FISCHER * VERLAG
+ BERLIN
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1918 S. Fischer, Verlag
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+CASANOVAS HEIMFAHRT
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+
+In seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahre, als Casanova längst nicht
+mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit
+nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde, fühlte er in seiner Seele
+das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig so heftig anwachsen, daß er
+sie, gleich einem Vogel, der aus luftigen Höhen zum Sterben allmählich
+nach abwärts steigt, in eng und immer enger werdenden Kreisen zu
+umziehen begann. Öfter schon in den letzten zehn Jahren seiner
+Verbannung hatte er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man möge ihm die
+Heimkehr gestatten; doch hatten ihm früher bei der Abfassung solcher
+Satzschriften, in denen er Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal
+auch ein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst die Feder geführt, so
+schien sich seit einiger Zeit in seinen fast demütig flehenden Worten
+ein schmerzliches Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer
+auszusprechen. Er glaubte um so sicherer auf Erhörung rechnen zu dürfen,
+als die Sünden seiner früheren Jahre, unter denen übrigens nicht
+Zuchtlosigkeit, Händelsucht und Betrügereien meist lustiger Natur,
+sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren die unverzeihlichste
+dünkte, allmählich in Vergessenheit zu geraten begannen und die
+Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig,
+die er unzählige Male an regierenden Höfen, in adeligen Schlössern, an
+bürgerlichen Tischen und in übelberüchtigten Häusern zum besten gegeben
+hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen knüpfte, zu
+übertönen anfing; und eben wieder, in Briefen nach Mantua, wo er sich
+seit zwei Monaten aufhielt, hatten hochmögende Herren dem an innerm wie
+an äußerm Glanz langsam verlöschenden Abenteurer Hoffnung gemacht, daß
+sich sein Schicksal binnen kurzem günstig entscheiden würde.
+
+Da seine Geldmittel recht spärlich geworden waren, hatte Casanova
+beschlossen, in dem bescheidenen, aber anständigen Gasthof, den er schon
+in glücklicheren Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen der
+Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich indes die Zeit -
+ungeistigerer Zerstreuungen nicht zu gedenken, auf die gänzlich zu
+verzichten er nicht imstande war - hauptsächlich mit Abfassung einer
+Streitschrift gegen den Lästerer Voltaire, durch deren Veröffentlichung
+er seine Stellung und sein Ansehen in Venedig gleich nach seiner
+Wiederkehr bei allen Gutgesinnten in unzerstörbarer Weise zu befestigen
+gedachte.
+
+Eines Morgens auf einem Spaziergang außerhalb der Stadt, während er für
+einen vernichtenden, gegen den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die
+letzte Abrundung zu finden sich mühte, befiel ihn plötzlich eine
+außerordentliche, fast körperlich peinvolle Unruhe; das Leben, das er in
+leidiger Gewöhnung nun schon durch drei Monate führte: die
+Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus, die kleinen Spielabende
+bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten,
+die Zärtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber feurigen Wirtin,
+ja sogar die Beschäftigung mit den Werken Voltaires und die Arbeit an
+seiner eigenen kühnen und bisher, wie ihm dünkte, nicht übel gelungenen
+Erwiderung; - all dies erschien ihm, in der linden, allzu süßen Luft
+dieses Spätsommermorgens, gleichermaßen sinnlos und widerwärtig; er
+murmelte einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen oder was er
+damit treffen wollte; und, den Griff seines Degens umklammernd,
+feindselige Blicke nach allen Seiten sendend, als richteten aus der
+Einsamkeit ringsum unsichtbare Augen sich höhnend auf ihn, wandte er
+plötzlich seine Schritte nach der Stadt zurück, in der Absicht, noch in
+derselben Stunde Anstalten für seine sofortige Abreise zu treffen. Denn
+er zweifelte nicht, daß er sich sofort besser befinden würde, wenn er
+nur erst der ersehnten Heimat wieder um einige Meilen näher gerückt
+wäre. Er beschleunigte seinen Gang, um sich rechtzeitig einen Platz in
+der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang in der Richtung nach
+Osten abfuhr; - weiter hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen
+Abschiedsbesuch beim Baron Perotti wohl schenken durfte, und ihm eine
+halbe Stunde vollauf genügte, um seine gesamten Habseligkeiten für die
+Reise einzupacken. Er dachte der zwei etwas abgetragenen Gewänder, von
+denen er das schlechtere am Leibe trug, und der vielfach geflickten,
+einst fein gewesenen Wäsche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen
+Kette samt Uhr und einer Anzahl von Büchern seinen ganzen Besitz
+ausmachten; - vergangene Tage fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann,
+mit allem Notwendigen und Überflüssigen reichlich ausgestattet, wohl
+auch mit einem Diener - der freilich meist ein Gauner war - im
+prächtigen Reisewagen durch die Lande fuhr; - und ohnmächtiger Zorn
+trieb ihm die Tränen in die Augen. Ein junges Weib, die Peitsche in der
+Hand, kutschierte ein Wägelchen an ihm vorbei, darin zwischen Säcken und
+allerlei Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag. Sie blickte
+Casanova, wie er verzerrten Gesichtes, Unverständliches durch die Zähne
+murmelnd, unter den abgeblühten Kastanienbäumen der Heerstraße
+langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig spöttisch ins
+Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig blitzend erwidert sah, nahmen
+ihre Augen einen erschrockenen, und endlich, wie sie sich im
+Weiterfahren nach ihm umwandte, einen wohlgefällig lüsternen Ausdruck
+an. Casanova, der wohl wußte, daß Grimm und Haß länger in den Farben der
+Jugend zu spielen vermögen als Sanftheit und Zärtlichkeit, erkannte
+sofort, daß es nur eines frechen Anrufs von seiner Seite bedurft hätte,
+um dem Wagen Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib anstellen zu
+können, was ihm weiter beliebte; doch, obzwar diese Erkenntnis seine
+Laune für den Augenblick besserte, schien es ihm nicht der Mühe wert, um
+eines so geringen Abenteuers willen auch nur wenige Minuten zu
+verziehen; und so ließ er das Bauernwägelchen samt seinen Insassen im
+Staub und Dunst der Landstraße unangefochten weiterknarren.
+
+Der Schatten der Bäume nahm der emporsteigenden Sonne nur wenig von
+ihrer sengenden Kraft, und Casanova sah sich genötigt, seinen Schritt
+allmählich zu mäßigen. Der Staub der Straße hatte sich so dicht auf sein
+Gewand und Schuhwerk gelegt, daß ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr
+anzumerken war, und so konnte man Casanova, nach Tracht und Haltung,
+ohne weiteres für einen Herrn von Stande nehmen, dem es just gefallen
+hatte, seine Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte sich der
+Torbogen vor ihm aus, in dessen nächster Nähe der Gasthof gelegen war,
+in dem er wohnte, als ihm ein ländlich schwerfälliger Wagen
+entgegengeholpert kam, in dem ein behäbiger, gutgekleideter, noch
+ziemlich junger Mann saß. Er hatte die Hände über dem Magen gekreuzt und
+schien eben mit blinzelnden Augen einnicken zu wollen, als sein Blick,
+zufällig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit aufglänzte,
+wie zugleich seine ganze Erscheinung in eine Art von heiterm Aufruhr zu
+geraten schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort zurück, stand wieder
+auf, versetzte dem Kutscher einen Stoß in den Rücken, um ihn zum Halten
+zu veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen um, um Casanova
+nicht aus dem Gesicht zu verlieren, winkte ihm mit beiden Händen zu und
+rief endlich mit einer dünnen hellen Stimme dreimal dessen Namen in die
+Luft. Erst an der Stimme hatte Casanova den Mann erkannt, trat auf den
+Wagen zu, der stehengeblieben war, ergriff lächelnd die beiden sich ihm
+entgegenstreckenden Hände und sagte: »Ist es möglich, Olivo - Sie sind
+es?« - »Ja, ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also wieder?« -
+»Warum sollt' ich nicht? Sie haben zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem
+ich Sie zuletzt gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, - aber auch ich
+mag mich in den fünfzehn Jahren nicht unerheblich verändert haben, wenn
+auch nicht in gleicher Weise.« - »Kaum,« rief Olivo, »so gut wie gar
+nicht, Herr Casanova! Übrigens sind es sechzehn Jahre, vor wenigen Tagen
+waren es sechzehn! Und wie Sie sich wohl denken können, haben wir,
+gerade bei dieser Gelegenheit, ein hübsches Weilchen lang von Ihnen
+gesprochen, Amalia und ich ...« - »Wirklich,« sagte Casanova herzlich,
+»Sie erinnern sich beide noch manchmal meiner?« Olivos Augen wurden
+feucht. Noch immer hielt er Casanovas Hände in den seinen und drückte
+sie nun gerührt. »Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr Casanova? Und
+wir sollten unsres Wohltäters jemals vergessen? Und wenn wir jemals -« -
+»Reden wir nicht davon,« unterbrach Casanova. »Wie befindet sich Frau
+Amalia? Wie ist es überhaupt zu verstehn, daß ich in diesen ganzen zwei
+Monaten, die ich nun in Mantua verbringe - freilich recht zurückgezogen,
+aber ich gehe doch viel spazieren nach alter Gewohnheit - wie kommt es,
+daß ich Ihnen, Olivo, daß ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal
+begegnet bin?« - »Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen ja längst
+nicht mehr in der Stadt, die ich übrigens niemals habe leiden können, so
+wenig als Amalia sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr
+Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir bei mir zu Hause« -
+und da Casanova leicht abwehrte - »Sagen Sie nicht nein. Wie glücklich
+wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz, Ihnen unsre drei
+Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter Mädchen. Dreizehn,
+zehn und acht ... Also noch keines in den Jahren, sich - mit Verlaub -
+sich - von Casanova das Köpfchen verdrehen zu lassen.« Er lachte
+gutmütig und machte Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen
+hereinzuziehen. Casanova aber schüttelte den Kopf. Denn, nachdem er fast
+schon versucht gewesen war, einer begreiflichen Neugier nachzugeben und
+der Aufforderung Olivos zu folgen, überkam ihn seine Ungeduld mit neuer
+Macht, und er versicherte Olivo, daß er leider genötigt sei, heute noch
+vor Abend Mantua in wichtigen Geschäften zu verlassen. Was hatte er auch
+in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia
+war indes gewiß nicht jünger und schöner geworden; bei dem
+dreizehnjährigen Töchterlein würde er in seinen Jahren kaum sonderlichen
+Anwert finden; und Herrn Olivo selbst, der damals ein magerer, der
+Studien beflissener Jüngling gewesen war, als bäurisch behäbigen
+Hausvater in ländlicher Umgebung zu bewundern, das lockte ihn nicht
+genug, als daß er darum eine Reise hätte aufschieben sollen, die ihn
+Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen näher brachte. Olivo aber,
+der nicht gesonnen schien, Casanovas Weigerung ohne weiteres
+hinzunehmen, bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach dem
+Gasthof zu bringen, was ihm Casanova füglich nicht abschlagen konnte. In
+wenigen Minuten waren sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in
+der Mitte der Dreißig, begrüßte in der Einfahrt Casanova mit einem
+Blick, der das zwischen ihnen bestehende zärtliche Verhältnis auch für
+Olivo ohne weitres ersichtlich machen mußte. Diesem aber reichte sie die
+Hand als einem guten Bekannten, von dem sie - wie sie Casanova gegenüber
+gleich bemerkte - eine gewisse, auf seinem Gut wachsende, sehr
+preiswürdige, süßlich-herbe Weinsorte regelmäßig zu beziehen pflegte.
+Olivo beklagte sich sofort, daß der Chevalier von Seingalt (denn so
+hatte die Wirtin Casanova begrüßt, und Olivo zögerte nicht, sich
+gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so grausam sei, die Einladung
+eines wiedergefundenen alten Freundes auszuschlagen, aus dem
+lächerlichen Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute, von
+Mantua wieder abreisen müsse. Die befremdete Miene der Wirtin belehrte
+ihn sofort, daß diese von Casanovas Absicht bisher noch nichts gewußt
+hatte, und Casanova hielt es daraufhin für angebracht, zu erklären, daß
+er den Reiseplan zwar nur vorgeschützt, um nicht der Familie des
+Freundes durch einen so unerwarteten Besuch lästig zu fallen;
+tatsächlich aber sei er genötigt, ja verpflichtet, in den nächsten Tagen
+eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschließen, wofür er keinen
+geeignetern Ort wüßte, als diesen vorzüglichen Gasthof, in dem ihm ein
+kühles und ruhiges Zimmer zur Verfügung stände. Darauf beteuerte Olivo,
+daß seinem bescheidenen Haus keine größre Ehre widerfahren könne, als
+wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk zum Abschluß brächte; die
+ländliche Abgeschiedenheit könne einem solchen Unternehmen doch nur
+förderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsbüchern, wenn Casanova
+solcher benötigte, wäre auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die
+Tochter seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber trotz ihrer
+Jugend schon höchst gelehrtes Mädchen, vor wenigen Wochen mit einer
+ganzen Kiste voll Büchern bei ihnen eingetroffen sei; - und wenn des
+Abends gelegentlich Gäste erschienen, so brauchte sich der Herr
+Chevalier weiter nicht um sie zu kümmern; es sei denn, daß ihm nach des
+Tages Arbeit und Bemühen eine heitre Unterhaltung oder ein kleines
+Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung bedeutete. Casanova
+hatte kaum von einer jungen Nichte vernommen, als er auch schon
+entschlossen war, sich dieses Geschöpf in der Nähe zu besehn;
+anscheinend noch immer zögernd, gab er dem Drängen Olivos endlich nach,
+erklärte aber gleich, daß er keineswegs länger als ein oder zwei Tage
+von Mantua fernbleiben könne, und beschwor seine liebenswürdige Wirtin,
+Briefe, die für ihn indes hier anlangen mochten und vielleicht von
+höchster Wichtigkeit waren, ihm unverzüglich durch einen Boten
+nachzusenden. Nachdem die Sache so zu Olivos großer Zufriedenheit
+geordnet war, begab sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich für die
+Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat er in die
+Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges Gespräch geschäftlicher
+Natur mit der Wirtin eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend
+sein Glas Wein aus, und verständnisvoll zwinkernd versprach er ihr, den
+Chevalier - wenn auch nicht bereits morgen oder übermorgen - doch in
+jedem Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zurückzustellen. Casanova
+aber, plötzlich zerstreut und hastig, empfahl sich so kühl von seiner
+freundlichen Wirtin, daß sie ihm, schon am Wagenschlag, ein
+Abschiedswort ins Ohr flüsterte, das eben keine Liebkosung war.
+
+Während die beiden Männer die staubige, im sengenden Mittagsglanz
+daliegende Straße ins Land hinausfuhren, erzählte Olivo weitschweifig
+und wenig geordnet von seinen Lebensumständen: wie er bald nach seiner
+Verheiratung ein winziges Grundstück nahe der Stadt gekauft, einen
+kleinen Gemüsehandel angefangen; dann seinen Besitz allmählich erweitert
+und Landwirtschaft zu treiben begonnen; - wie er es endlich durch die
+eigne und seiner Gattin Tüchtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht,
+daß er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen Marazzani dessen
+altes, etwas verfallenes Schloß samt dazugehörigem Weingut käuflich zu
+erwerben imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem Grund mit
+Frau und Kindern behaglich, wenn auch keineswegs gräflich, eingerichtet
+habe. All dies aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertfünfzig
+Goldstücken, die seine Braut oder vielmehr deren Mutter von Casanova zum
+Geschenk erhalten habe; - ohne diese zauberkräftige Hilfe wäre sein Los
+wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen: ungezogne Rangen im
+Lesen und Schreiben zu unterweisen; wahrscheinlich wäre er auch ein
+alter Junggeselle und Amalie eine alte Jungfer geworden ... Casanova
+ließ ihn reden und hörte ihm kaum zu. Ihm zog das Abenteuer durch den
+Sinn, in das er damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern
+verstrickt gewesen war, und das, als das geringste von allen, seine
+Seele so wenig als seither seine Erinnerung beschäftigt hatte. Auf einer
+Reise von Rom nach Turin oder Paris - er wußte es selbst nicht mehr -
+während eines kurzen Aufenthalts in Mantua hatte er Amalia eines Morgens
+in der Kirche erblickt und, da ihm ihr hübsches blasses, etwas
+verweintes Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante Frage an sie
+gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle gegen ihn waren, hatte sie ihm
+gern ihr Herz aufgeschlossen, und so erfuhr er, daß sie, die selbst in
+dürftigen Verhältnissen lebte, in einen armen Schullehrer verliebt war,
+dessen Vater ebenso wie ihre Mutter zu einer so aussichtslosen
+Verbindung die Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erklärte
+sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine zu bringen. Er ließ sich
+vor allem mit Amaliens Mutter bekannt machen, und da diese als eine
+hübsche Witwe von sechsunddreißig Jahren auf Huldigungen noch Anspruch
+machen durfte, war Casanova bald so innig mit ihr befreundet, daß seine
+Fürsprache alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst ihre
+ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch Olivos Vater, ein
+heruntergekommener Kaufmann, seine Zustimmung nicht länger, insbesondre
+als Casanova, der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter
+vorgestellt wurde, sich großmütig verpflichtete, die Kosten der Hochzeit
+und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte
+nicht anders als dem edlen Gönner, der ihr erschienen war wie ein Bote
+aus einer andern höhern Welt, sich in einer Weise dankbar erzeigen, die
+das eigne Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer Hochzeit
+der letzten Umarmung Casanovas mit glühenden Wangen entrang, war ihr der
+Gedanke völlig fern, an ihrem Bräutigam, der sein Glück am Ende doch nur
+der Liebenswürdigkeit und dem Edelsinn des wunderbaren Fremden
+verdankte, ein Unrecht begangen zu haben. Ob Olivo von der
+außerordentlichen Erkenntlichkeit Amaliens gegenüber dem Wohltäter je
+durch ein Geständnis Kunde erhalten, ob er ihr Opfer vielleicht als ein
+selbstverständliches vorausgesetzt und ohne nachträgliche Eifersucht
+hingenommen hatte, oder ob ihm gar, was geschehen, bis heute ein
+Geheimnis geblieben war, - darum hatte Casanova sich niemals gekümmert
+und kümmerte sich auch heute nicht darum.
+
+Die Hitze stieg immer höher an. Der Wagen, schlecht gefedert und mit
+harten Kissen versehn, rumpelte und stieß zum Erbarmen, das dünnstimmig
+gutmütige Geschwätz Olivos, der nicht abließ, seinen Begleiter von der
+Ersprießlichkeit seines Bodens, der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau,
+der Wohlgeratenheit seiner Kinder und von dem vergnügt harmlosen Verkehr
+mit bäuerlicher und adliger Nachbarschaft zu unterhalten, begann
+Casanova zu langweilen, und ärgerlich fragte er sich, aus welchem
+Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen, die für ihn nichts
+als Unbequemlichkeiten und am Ende gar Enttäuschungen im Gefolge haben
+konnte. Er sehnte sich nach seinem kühlen Gasthofszimmer in Mantua, wo
+er zu dieser selben Stunde ungestört an seiner Schrift gegen Voltaire
+hätte weiterarbeiten können, - und schon war er entschlossen, beim
+nächsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde, auszusteigen, ein
+beliebiges Gefährt zu mieten und zurückzufahren, als Olivo ein lautes
+Holla he! hören ließ, nach seiner Art mit beiden Händen zu winken begann
+und, Casanova beim Arm packend, auf einen Wagen deutete, der neben dem
+ihren, zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben war.
+Von jenem andern aber sprangen, eines hinter dem andern, drei ganz junge
+Mädchen herunter, so daß das schmale Brett, das ihnen als Sitz gedient
+hatte, in die Höhe flog und umkippte. »Meine Töchter,« wandte sich
+Olivo, nicht ohne Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene
+machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: »Bleiben Sie nur sitzen,
+mein teurer Chevalier, in einer Viertelstunde sind wir am Ziel, und so
+lange können wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen. Maria,
+Nanetta, Teresina - seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter
+Freund eures Vaters, kommt nur näher, küßt ihm die Hand, denn ohne ihn
+wäret ihr« - er unterbrach sich und flüsterte Casanova zu: »Bald hätt'
+ich was Dummes gesagt.« Dann verbesserte er sich laut: »Ohne ihn wäre
+manches anders!« Die Mädchen, schwarzhaarig und dunkeläugig wie Olivo,
+und alle, auch die älteste, Teresina, noch von kindlichem Aussehn,
+betrachteten den Fremden mit ungezwungener, etwas bäurischer Neugier,
+und die jüngste, Maria, schickte sich, der väterlichen Weisung folgend,
+an, ihm allen Ernstes die Hand zu küssen; Casanova aber ließ es nicht
+zu, sondern nahm eins der Mädchen nach dem andern beim Kopf und küßte
+jedes auf beide Wangen. Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem
+jungen Burschen, der das Wägelchen mit den Kindern bis hierher gebracht
+hatte, worauf jener auf das Pferd einhieb und die Landstraße in der
+Richtung nach Mantua weiterfuhr.
+
+Die Mädchen nahmen Olivo und Casanova gegenüber unter Lachen und
+scherzhaftem Gezänk auf dem Rücksitz Platz; sie saßen eng
+aneinandergedrängt, redeten alle zugleich, und da ihr Vater gleichfalls
+zu sprechen nicht aufhörte, war es Casanova anfangs nicht leicht, ihren
+Worten zu entnehmen, was sie alle einander eigentlich zu erzählen
+hatten. Ein Name klang auf: der eines Leutnants Lorenzi; er sei, wie
+Teresina berichtete, vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten, habe für
+den Abend seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater
+schönstens grüßen. Ferner meldeten die Kinder, daß die Mutter anfangs
+gleichfalls beabsichtigt hätte, dem Vater entgegenzufahren; aber in
+Anbetracht der großen Hitze hatte sie's doch vorgezogen, daheim bei
+Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch in den Federn gelegen, als
+man von Hause wegfuhr; und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten
+sie sie mit Beeren und Haselnüssen beworfen, sonst schliefe sie wohl
+noch zu dieser Stunde.
+
+»Das ist sonst nicht Marcolinens Art,« wandte sich Olivo an seinen Gast;
+»meistens sitzt sie schon um sechs Uhr oder noch früher im Garten und
+studiert bis zur Mittagszeit. Gestern freilich hatten wir Gäste, und es
+dauerte etwas länger als gewöhnlich; auch ein kleines Spielchen wurde
+gemacht, - nicht eins, wie es der Herr Chevalier gewöhnt sein mögen -
+wir sind harmlose Leute und wollen einander nicht das Geld abnehmen. Und
+da auch unser würdiger Abbate sich zu beteiligen pflegt, so können Sie
+sich wohl denken, Herr Chevalier, daß es nicht sehr sündhaft dabei
+zugeht.«
+
+Als vom Abbate die Rede war, lachten die Mädchen und hatten einander
+weiß Gott was zu erzählen, worüber es noch mehr zu lachen gab als
+vorher. Casanova aber nickte nur zerstreut; in der Phantasie sah er das
+Fräulein Marcolina, das er noch gar nicht kannte, in ihrem weißen Bette
+liegend, dem Fenster gegenüber, die Decke heruntergestreift, halb
+entblößten Leibes, mit schlaftrunknen Händen sich gegen die
+hereinfliegenden Beeren und Haselnüsse wehrend; - und eine törichte Glut
+flog durch seine Sinne. Daß Marcolina die Geliebte des Leutnants Lorenzi
+war, daran zweifelte er so wenig, als hätte er selbst sie beide in
+zärtlichster Umschlingung gesehn, und er war so bereit, den unbekannten
+Lorenzi zu hassen, als ihn nach der niemals geschauten Marcolina
+verlangte.
+
+Im zitternden Dunst des Mittags, über graugrünes Laubwerk emporragend,
+ward ein viereckiges Türmchen sichtbar. Bald bog der Wagen von der
+Landstraße auf einen Seitenweg; links stiegen Weinhügel gelinde an,
+rechts über den Rand einer Gartenmauer neigten sich Kronen uralter
+Bäume. Der Wagen hielt an einem Tor, dessen verwitterte Holzflügel weit
+offen standen, die Fahrgäste stiegen aus, der Kutscher, auf einen Wink
+Olivos, fuhr weiter, dem Stalle zu. Ein breiter Weg unter
+Kastanienbäumen führte zu dem Schlößchen, das sich auf den ersten
+Anblick etwas kahl, ja vernachlässigt darbot. Was Casanova vor allem ins
+Auge fiel, war ein zerbrochenes Fenster im ersten Stockwerk; ebenso
+entging es ihm nicht, daß die Umfassung auf der Plattform des breiten,
+aber niedern Turmes, der etwas plump auf dem Gebäude saß, da und dort
+abbröckelte. Hingegen zeigte die Haustüre eine edle Schnitzerei, und in
+den Flur tretend, erkannte Casanova sofort, daß das Innere des Hauses
+sich in einem wohlerhaltenen und jedenfalls weit bessern Zustand befand,
+als dessen Äußres hätte vermuten lassen.
+
+»Amalia,« rief Olivo laut, daß es von den gewölbten Mauern widerhallte.
+»Komm herunter so geschwind du kannst! Ich hab' dir einen Gast
+mitgebracht, Amalia, und was für einen Gast!« - Aber Amalia war schon
+vorher oben auf der Stiege erschienen, ohne für die aus der vollen Sonne
+in das Dämmer Tretenden sofort sichtbar zu sein. Casanova, dessen
+scharfe Augen sich die Fähigkeit bewahrt hatten, selbst das Dunkel der
+Nacht zu durchdringen, hatte sie früher bemerkt als der Gatte. Er
+lächelte und fühlte zugleich, daß dieses Lächeln sein Antlitz jünger
+machte. Amalia war keineswegs fett geworden, wie er gefürchtet, sondern
+sah schlank und jugendlich aus. Sie hatte ihn gleich erkannt. »Welche
+Überraschung, welches Glück!« rief sie ohne jede Verlegenheit aus, eilte
+rasch die Stufen hinab und reichte Casanova zur Begrüßung die Wange,
+worauf dieser sie ohne weitres wie eine liebe Freundin umarmte. »Und ich
+soll wirklich glauben,« sagte er dann, »daß Maria, Nanetta und Teresina
+Ihre leiblichen Töchter sind, Amalia? Der Zeit nach möchte es zwar
+stimmen -« »Und allem übrigen nach auch,« ergänzte Olivo, »verlassen Sie
+sich darauf, Chevalier!« - »Dein Zusammentreffen mit dem Chevalier,«
+sagte Amalia mit einem erinnerungstrunknen Blick auf den Gast, »ist wohl
+an deiner Verspätung schuld, Olivo?« - »So ist es, Amalia, aber
+hoffentlich gibt es trotz der Verspätung noch etwas zu essen?« - »Wir
+haben uns natürlich nicht allein zu Tisch gesetzt, Marcolina und ich, so
+hungrig wir schon waren.« - »Und werden Sie sich nun,« fragte Casanova,
+»auch noch so lange gedulden, bis ich meine Kleider und mich selbst ein
+wenig vom Staub der Landstraße gereinigt habe?« - »Gleich will ich Ihnen
+Ihr Zimmer zeigen,« sagte Olivo, »und hoffe, Chevalier, Sie werden
+zufrieden sein, beinahe so zufrieden ...« er zwinkerte und fügte leise
+hinzu: »wie in Ihrem Gasthof zu Mantua, wenn es auch an mancherlei
+fehlen dürfte.« Er ging voraus, die Stiege zur Galerie hinauf, die sich
+rings um die Halle im Viereck zog, und von deren äußerstem Winkel eine
+schmale Holztreppe sich nach oben wand. In der Höhe angelangt, öffnete
+Olivo die Türe zum Turmgemach und, an der Schwelle stehenbleibend, wies
+er es Casanova mit vielen Komplimenten als bescheidenes Fremdenzimmer
+an. Eine Magd brachte den Mantelsack nach, entfernte sich mit Olivo, und
+Casanova stand allein in einem mäßigen, mit allem Notwendigen
+ausgestatteten, doch ziemlich kahlen Raum, durch dessen vier schmale
+hohe Bogenfenster sich ein weiter Blick nach allen Seiten auf die
+sonnbeglänzte Ebene mit grünen Weingeländen, bunten Fluren, gelben
+Feldern, weißen Straßen, hellen Häusern und dunklen Gärtchen darbot.
+Casanova kümmerte sich nicht weiter um die Aussicht und machte sich
+rasch fertig, nicht so sehr aus Hunger, als aus einer quälenden Neugier,
+Marcolina so bald als möglich von Angesicht zu Angesicht zu sehen; er
+wechselte nicht einmal das Gewand, weil er erst am Abend glänzender
+aufzutreten gedachte.
+
+Als er das im Erdgeschoß gelegene holzgetäfelte Speisezimmer betrat, sah
+er um den wohlbestellten Tisch außer dem Ehepaar und den drei Töchtern
+ein in mattschimmerndes, einfach herunterfließendes Grau gekleidetes
+Mädchen von zierlicher Gestalt sitzen, das ihn mit so unbefangenem Blick
+betrachtete, als wäre er jemand, der zum Hause gehörte oder doch schon
+hundertmal hier zu Gast gewesen. Daß sich in ihrem Blick nichts von
+jenem Leuchten zeigte, wie es ihn früher so oft begrüßt, auch wenn er
+als Nichtgekannter im berückenden Glanz seiner Jugend oder in der
+gefährlichen Schönheit seiner Mannesjahre erschienen war, das mußte
+Casanova freilich als eine längst nicht mehr neue Erfahrung hinnehmen.
+Aber auch in der letzten Zeit noch genügte meist die Nennung seines
+Namens, um auf Frauenlippen den Ausdruck einer verspäteten Bewunderung
+oder doch wenigstens ein leises Zucken des Bedauerns hervorzurufen, das
+gestand, wie gern man ihm ein paar Jahre früher begegnet wäre. Doch als
+ihn jetzt Olivo seiner Nichte als Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt
+vorstellte, lächelte sie nicht anders, als wenn man ihr irgendeinen
+gleichgültigen Namen genannt hätte, in dem kein Klang von Abenteuern und
+Geheimnissen verzitterte. Und selbst als er neben ihr Platz nahm, ihr
+die Hand küßte, und aus seinen Augen ein Funkenregen von Entzücken und
+Begier über sie niederging, verriet ihre Miene nichts von der leisen
+Befriedigung, die doch als bescheidene Antwort auf eine so glühende
+Huldigung zu erwarten gewesen wäre.
+
+Nach wenigen höflich einleitenden Worten ließ Casanova seine Nachbarin
+merken, daß er von ihren gelehrten Bestrebungen in Kenntnis gesetzt sei,
+und fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn besonders abgebe?
+Sie erwiderte, daß sie vor allem das Studium der höhern Mathematik
+betreibe, in das sie durch Professor Morgagni, den berühmten Lehrer an
+der Universität von Bologna, eingeführt worden sei. Casanova äußerte
+seine Verwunderung über ein solches bei anmutigen jungen Mädchen
+wahrlich ungewöhnliches Interesse an einem so schwierigen und dabei
+nüchternen Gegenstand, erhielt aber von Marcolina die Antwort, daß ihrer
+Ansicht nach die höhere Mathematik die phantastischeste, ja man könnte
+sagen, unter allen Wissenschaften die ihrer Natur nach wahrhaft
+göttliche vorstelle. Als Casanova sich über diese ihm ganz neue
+Auffassung eine nähere Erklärung erbitten wollte, wehrte Marcolina
+bescheiden ab und äußerte, daß es den Anwesenden, vor allem aber ihrem
+lieben Oheim, viel erwünschter sein dürfte, Näheres von den Erlebnissen
+eines vielgereisten Freundes zu erfahren, den er so lange nicht gesehn,
+als einem philosophischen Gespräch zuzuhören. Amalia schloß sich ihrer
+Anregung lebhaft an, und Casanova, immer gern bereit, Wünschen solcher
+Art nachzugeben, bemerkte leichthin, daß er in den letzten Jahren sich
+vorzüglich auf geheimen diplomatischen Sendungen befunden, die ihn, um
+nur die größern Städte zu nennen, zwischen Madrid, Paris, London,
+Amsterdam und Petersburg umhergetrieben. Er berichtete von Begegnungen
+und Unterhaltungen ernster und heitrer Art mit Männern und Frauen der
+verschiedensten Stände, auch des freundlichen Empfangs zu erwähnen
+vergaß er nicht, der ihm am Hof der Katharina von Rußland zuteil
+geworden, und sehr spaßhaft erzählte er, wie Friedrich der Große ihn
+beinahe zum Erzieher an einer Kadettenschule für pommersche Junker
+gemacht hatte; - eine Gefahr, der er sich allerdings durch rasche Flucht
+entzogen. Von all dem und manchem andern sprach er, als hätte es sich in
+einer eben erst verflossenen Zeit zugetragen und läge nicht in
+Wirklichkeit Jahre und Jahrzehnte zurück; mancherlei erfand er dazu,
+ohne sich seiner größern und kleinern Lügen selber recht bewußt zu
+werden, freute sich seiner eignen Laune wie der Teilnahme, mit der man
+ihm lauschte; und während er so erzählte und phantasierte, ward ihm
+fast, als wäre er in der Tat noch heute der glückverwöhnte,
+unverschämte, strahlende Casanova, der mit schönen Frauen durch die Welt
+gefahren, den weltliche und geistliche Fürsten mit hoher Gunst
+ausgezeichnet, der Tausende verschwendet, verspielt und verschenkt hatte
+- und nicht ein herabgekommener Schlucker, den ehemalige Freunde von
+England und Spanien her mit lächerlichen Summen unterstützten, - die
+indes auch manchmal ausblieben, so daß er auf die paar armseligen
+Geldstücke angewiesen war, die er dem Baron Perotti oder dessen Gästen
+abgewann; ja, er vergaß sogar, daß es ihm wie ein höchstes Ziel
+erschien, in der Vaterstadt, die ihn erst eingekerkert und nach seiner
+Flucht geächtet und verbannt hatte, als der geringste ihrer Bürger, als
+ein Schreiber, als ein Bettler, als ein Nichts - sein einst so
+prangendes Dasein zu beschließen.
+
+Auch Marcolina hörte ihm aufmerksam zu, aber mit keinem andern
+Ausdruck, als wenn man ihr etwa aus einem Buch leidlich unterhaltsame
+Geschichten vorläse. Daß ihr ein Mensch, ein Mann, daß ihr Casanova
+selbst, der all dies erlebt hatte und noch vieles andre, was er nicht
+erzählte, daß ihr der Geliebte von tausend Frauen gegenübersaß, - und
+daß sie das wußte, davon verrieten ihre Mienen nicht das geringste.
+Anders schimmerte es in Amaliens Augen. Für sie war Casanova derselbe
+geblieben, der er gewesen; ihr klang seine Stimme verführerisch wie vor
+sechzehn Jahren, und er selbst fühlte, daß es ihn nur ein Wort und kaum
+so viel kosten würde, das Abenteuer von damals, sobald es ihm beliebte,
+von neuem aufzunehmen. Doch was war ihm Amalia in dieser Stunde, da ihn
+nach Marcolina verlangte wie nach keiner vor ihr? Durch das mattglänzend
+sie umfließende Gewand glaubte er ihren nackten Leib zu sehen; die
+knospenden Brüste blühten ihm entgegen, und als sie sich einmal neigte,
+um ihr zu Boden geglittenes Taschentuch aufzuheben, legte Casanovas
+entflammte Phantasie ihrer Bewegung einen so lüsternen Sinn unter, daß
+er sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Daß er eine Sekunde lang
+unwillkürlich im Erzählen stockte, entging Marcolina so wenig, wie daß
+sein Blick seltsam zu flirren begann, und er las in dem ihren ein
+plötzliches Befremden, Verwahrung, ja eine Spur von Ekel. Rasch faßte
+er sich wieder und schickte sich eben an, seine Erzählung mit neuer
+Lebhaftigkeit fortzusetzen, als ein wohlbeleibter Geistlicher eintrat,
+der vom Hausherrn als der Abbate Rossi begrüßt und von Casanova sofort
+als derselbe erkannt wurde, mit dem er vor siebenundzwanzig Jahren auf
+einem Marktschiff zusammengetroffen war, das von Venedig nach Chioggia
+fuhr. »Sie hatten damals ein Auge verbunden,« sagte Casanova, der selten
+eine Gelegenheit vorübergehen ließ, mit seinem vorzüglichen Gedächtnis
+zu prunken, »und ein Bauernweib mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine
+heilkräftige Salbe, die ein junger, sehr heisrer Apotheker zufällig mit
+sich führte.« Der Abbate nickte und lächelte geschmeichelt. Dann aber,
+mit einem pfiffigen Gesicht, trat er ganz nahe an Casanova heran, als
+hätte er ihm ein Geheimnis mitzuteilen. Doch mit ganz lauter Stimme
+sagte er: »Und Sie, Herr Casanova, befanden sich in Begleitung einer
+Hochzeitsgesellschaft ... ich weiß nicht, ob als zufälliger Gast oder
+gar als Brautführer, jedenfalls sah die Braut Sie mit viel zärtlichern
+Augen an als den Bräutigam ... Ein Wind erhob sich, beinahe ein Sturm,
+und Sie begannen ein höchst verwegenes Gedicht vorzulesen.« - »Das tat
+der Chevalier gewiß nur,« sagte Marcolina, »um den Sturm zu
+beschwichtigen.« - »Solche Zaubermacht«, erwiderte Casanova, »traute
+ich mir niemals zu; allerdings will ich nicht leugnen, daß sich niemand
+mehr um den Sturm kümmerte, als ich zu lesen begonnen.«
+
+Die drei Mädchen hatten sich an den Abbate herangemacht. Sie wußten wohl
+warum. Denn seinen ungeheuren Taschen entnahm er köstliches Zuckerwerk
+in großen Mengen und schob es mit seinen dicken Fingern den Kindern
+zwischen die Lippen. Indes berichtete Olivo dem Abbate in aller
+Ausführlichkeit, wie er Casanova wiedergefunden. Wie verloren hielt
+Amalia auf die herrische braune Stirn des teuren Gastes ihren
+leuchtenden Blick geheftet. Die Kinder liefen in den Garten; Marcolina
+hatte sich erhoben und sah ihnen durchs offne Fenster nach. Der Abbate
+hatte Grüße vom Marchese Celsi zu bestellen, der, wenn es seine
+Gesundheit zuließe, heute abend samt Gemahlin bei seinem werten Freund
+Olivo erscheinen wollte. »Das trifft sich gut,« sagte dieser, »da haben
+wir gleich dem Chevalier zu Ehren eine hübsche kleine Spielgesellschaft;
+die Brüder Ricardi erwarte ich gleichfalls, und auch Lorenzi kommt; die
+Kinder sind ihm auf seinem Spazierritt begegnet.« - »Er ist noch immer
+da?« fragte der Abbate. »Schon vor einer Woche hieß es, er solle zu
+seinem Regiment abgehen.« - »Die Marchesa,« meinte Olivo lachend, »wird
+ihm beim Obersten einen Urlaub erwirkt haben.« - »Es wundert mich,«
+warf Casanova ein, »daß es für Mantueser Offiziere jetzt Urlaub gibt.«
+Und er erfand weiter: »Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua, der
+andre aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern in der Richtung
+gegen Mailand abmarschiert.« - »Gibt's Krieg?« fragte Marcolina vom
+Fenster her; sie hatte sich umgewandt, die Züge ihres umschatteten
+Gesichts blieben undeutbar, - doch ein leises Beben ihrer Stimme hatte
+Casanova als einziger wohl gemerkt. »Es wird vielleicht zu nichts
+kommen,« sagte er leichthin. »Aber da die Spanier eine drohende Haltung
+einnehmen, heißt es bereit sein.« - »Weiß man denn überhaupt,« fragte
+Olivo wichtig und stirnrunzelnd, »auf welche Seite wir uns schlagen
+werden, auf die spanische oder auf die französische?« - »Das dürfte dem
+Leutnant Lorenzi gleich sein,« meinte der Abbate. »Wenn er nur endlich
+dazu kommt, sein Heldentum zu erproben.« - »Das hat er schon getan,«
+sagte Amalia. »Bei Pavia vor drei Jahren hat er mitgefochten.« Marcolina
+aber schwieg.
+
+Casanova wußte genug. Er trat an Marcolinens Seite und umfaßte den
+Garten mit einem großen Blick. Er sah nichts als die ausgedehnte wilde
+Wiese, auf der die Kinder spielten, und die von einer Reihe hoher
+dichter Bäume gegen die Mauer zu abgeschlossen war. »Was für ein
+prächtiger Besitz,« wandte er sich an Olivo. »Ich wäre neugierig, ihn
+näher kennenzulernen.« - »Und ich, Chevalier,« erwiderte Olivo, »wünsche
+mir kein größeres Vergnügen, als Sie über meine Weinberge und durch
+meine Felder zu führen. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, fragen Sie
+doch Amalia, in den Jahren, seit das kleine Gütchen mir gehört, hab' ich
+mir nichts sehnlicher gewünscht, als Sie endlich auf meinem eignen Grund
+und Boden als Gast zu begrüßen. Zehnmal war ich daran, Ihnen zu
+schreiben, Sie einzuladen. Aber war man denn je sicher, daß eine
+Nachricht Sie erreichen würde? Erzählte einem irgendwer, man hätte Sie
+kürzlich in Lissabon gesehn - so konnte man sicher sein, daß Sie indes
+nach Warschau oder nach Wien abgereist waren. Und nun, da ich Sie wie
+durch ein Wunder eben in der Stunde wiederfinde, da Sie Mantua verlassen
+wollen, und es mir - es war nicht leicht, Amalia - gelingt, Sie
+hierherzulocken, da geizen Sie so mit Ihrer Zeit, daß Sie uns - möchten
+Sie es glauben, Herr Abbate - daß er uns nicht mehr als zwei Tage
+schenken will!« - »Der Chevalier wird sich vielleicht zu einer
+Verlängerung seines Aufenthalts überreden lassen,« sagte der Abbate, der
+eben mit viel Behagen eine Pfirsichschnitte im Mund zergehen ließ, und
+warf auf Amalia einen raschen Blick, aus dem Casanova zu entnehmen
+glaubte, daß sie den Abbate in tieferes Vertrauen gezogen hatte als
+ihren Gatten. - »Das wird mir leider nicht möglich sein,« erwiderte
+Casanova förmlich; »denn ich darf Freunden, die solchen Anteil an meinem
+Schicksal nehmen, nicht verhehlen, daß meine venezianischen Mitbürger im
+Begriffe sind, mir für das Unrecht, das sie mir vor Jahren zugefügt,
+eine etwas verspätete, aber um so ehrenvollere Genugtuung zu geben, und
+ich ihrem Drängen mich nicht länger werde versagen können, wenn ich
+nicht undankbar oder gar nachträgerisch erscheinen will.« Mit einer
+leichten Handbewegung wehrte er eine neugierig-ehrfurchtsvolle Frage ab,
+die er auf Olivos Lippen sich runden sah, und bemerkte rasch: »Nun,
+Olivo, ich bin bereit. Zeigen Sie mir Ihr kleines Königreich.«
+
+»Wär' es nicht geratener,« warf Amalia ein, »dazu die kühlere Tageszeit
+abzuwarten? Der Chevalier wird jetzt gewiß lieber ein wenig ruhen oder
+sich im Schatten ergehen wollen?« Und aus ihren Augen schimmerte zu
+Casanova ein schüchternes Flehen hin, als müßte während eines solchen
+Lustwandelns draußen im Garten ihr Schicksal sich zum zweitenmal
+entscheiden. - Niemand hatte gegen Amaliens Vorschlag etwas einzuwenden,
+und man begab sich ins Freie. Marcolina, den andern voraus, lief im
+Sonnenschein über die Wiese zu den Kindern, die dort mit Federbällen
+spielten, und nahm sofort am Spiele teil. Sie war kaum größer als das
+älteste der drei Mädchen, und, wie ihr nun das freigelockte Haar um die
+Schultern flatterte, sah sie selber einem Kinde gleich. Olivo und der
+Abbate ließen sich in der Allee, in der Nähe des Hauses, auf einer
+steinernen Bank nieder. Amalia wandelte an Casanovas Seite weiter. Als
+sie von den andern nicht mehr gehört werden konnte, begann sie im
+Tonfall von einst, als wäre ihre Stimme für Casanova niemals in einem
+andern erklungen:
+
+»So bist du wieder da, Casanova! Wie hab' ich diesen Tag ersehnt. Daß er
+einmal kommen würde, hab' ich gewußt.« - »Es ist ein Zufall, daß ich da
+bin,« sagte Casanova kalt. Amalia lächelte nur. »Nenn' es wie du willst.
+Du bist da! Ich habe in diesen sechzehn Jahren von nichts anderm
+geträumt als von diesem Tag!« - »Es ist anzunehmen,« entgegnete
+Casanova, »daß du im Laufe dieser Zeit von mancherlei anderm geträumt
+und - nicht nur geträumt hast.« Amalia schüttelte den Kopf. »Du weißt,
+daß es nicht so ist, Casanova. Und auch du hast meiner nicht vergessen,
+sonst hättest du, der du so eilig bist, nach Venedig zu gelangen, Olivos
+Einladung nicht angenommen!« - »Was denkst du eigentlich, Amalia? Ich
+sei hergekommen, um deinen guten Mann zum Hahnrei zu machen?« - »Warum
+sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir wieder gehöre, so ist es weder
+Betrug noch Sünde!« Casanova lachte laut auf. »Keine Sünde? Warum keine
+Sünde? Weil ich ein alter Mann bin?« - »Du bist nicht alt. Für mich
+kannst du es niemals werden. In deinen Armen hab' ich meine erste
+Seligkeit genossen - und so ist es mir gewiß bestimmt, daß mir mit dir
+auch meine letzte zuteil wird!« - »Deine letzte?« wiederholte Casanova
+höhnisch, obwohl er nicht ganz ungerührt war, - »dagegen dürfte mein
+Freund Olivo wohl mancherlei einzuwenden haben.« - »Das,« erwiderte
+Amalia errötend, »das ist Pflicht - meinethalben sogar Vergnügen; aber
+Seligkeit ist es doch nicht ... war es niemals.«
+
+Sie gingen die Allee nicht zu Ende, als scheuten beide die Nähe des
+Wiesenplatzes, wo Marcolina und die Kinder spielten, - wie auf
+Verabredung kehrten sie um und waren bald wieder, schweigend, beim
+Wohnhaus angelangt. An der Schmalseite stand ein Fenster des
+Erdgeschosses offen. Casanova sah in der dämmernden Tiefe des Gemachs
+einen halbgerafften Vorhang, hinter dem das Fußende des Bettes sichtbar
+wurde. Über einem Stuhl daneben hing ein lichtes, schleierartiges
+Gewand. »Marcolinens Zimmer?« fragte Casanova. - Amalia nickte. Und zu
+Casanova anscheinend heiter und wie ohne jeden Verdacht: »Sie gefällt
+dir?« - »Da sie schön ist.« - »Schön und tugendhaft.« - Casanova zuckte
+die Achseln, als hätte er danach nicht gefragt. Dann sagte er: »Wenn du
+mich heute zum erstenmal sähest - ob ich dir wohl auch gefiele, Amalia?«
+- »Ich weiß nicht, ob du heute anders aussiehst als damals. Ich sehe
+dich - wie du damals warst. Wie ich dich seither immer, auch in meinen
+Träumen sah.« - »Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln meiner Stirn ...
+Die Falten meines Halses! Und die tiefe Rinne da von den Augen den
+Schläfen zu! Und hier - ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn,« - er
+riß den Mund grinsend auf. »Und diese Hände, Amalia! Sieh sie doch an!
+Finger wie Krallen ... kleine gelbe Flecken auf den Nägeln ... Und die
+Adern da - blau und geschwollen - Greisenhände, Amalia!« - Sie nahm
+seine beiden Hände, so wie er sie ihr wies, und im Schatten der Allee
+küßte sie eine nach der andern mit Andacht. »Und heute nacht will ich
+deine Lippen küssen,« sagte sie in einer demütig zärtlichen Art, die ihn
+erbitterte.
+
+Unweit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina im Gras, die Hände
+unter den Kopf gestützt, den Blick in die Höhe gewandt, und die Bälle
+der Kinder flogen über sie hin. Plötzlich streckte sie den einen Arm aus
+und haschte nach einem der Bälle. Sie fing ihn auf, lachte hell, die
+Kinder fielen über sie her, sie konnte sich ihrer nicht erwehren, ihre
+Locken flogen. Casanova bebte. »Du wirst weder meine Lippen noch meine
+Hände küssen,« sagte er zu Amalia, »und du sollst mich vergeblich
+erwartet und vergeblich von mir geträumt haben - es sei denn, daß ich
+vorher Marcolina besessen habe.« - »Bist du wahnsinnig, Casanova?« rief
+Amalia mit weher Stimme. - »So haben wir einander nichts vorzuwerfen,«
+sagte Casanova. »Du bist wahnsinnig, da du in mir altem Manne den
+Geliebten deiner Jugend wiederzusehen glaubst, ich, weil ich mir in den
+Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber vielleicht ist uns beiden
+beschieden, wieder zu Verstand zu kommen. Marcolina soll mich wieder
+jung machen - für dich. Also - führe meine Sache bei ihr, Amalia!« - »Du
+bist nicht bei dir, Casanova. Es ist unmöglich. Sie will von keinem Mann
+etwas wissen.« - Casanova lachte auf. »Und der Leutnant Lorenzi?« - »Was
+soll's mit Lorenzi sein?« - »Er ist ihr Liebhaber, ich weiß es.« - »Wie
+du dich irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten, und sie hat sie
+ausgeschlagen. Und er ist jung - er ist schön - ja, fast glaub' ich,
+schöner als du je gewesen bist, Casanova!« - »Er hätte um sie geworben?«
+- »Frage doch Olivo, wenn du mir nicht glaubst.« - »Nun, mir gilt's
+gleich. Was geht's mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne,
+Braut oder Witwe - ich will sie haben, ich will sie!« - »Ich kann sie
+dir nicht geben, mein Freund.« Und er fühlte aus dem Ton ihrer Stimme,
+daß sie ihn beklagte. »Nun siehst du,« sagte er, »was für ein
+schmählicher Kerl ich geworden bin, Amalia! Noch vor zehn - noch vor
+fünf Jahren hätt' ich keinen Beistand und keine Fürsprache gebraucht,
+und wäre Marcolina die Göttin der Tugend selbst gewesen. Und nun will
+ich dich zur Kupplerin machen. Oder wenn ich reich wäre ... Ja, mit
+zehntausend Dukaten ... Aber ich habe nicht zehn. Ein Bettler bin ich,
+Amalia.« - »Auch für hunderttausend bekämst du Marcolina nicht. Was kann
+ihr am Reichtum liegen? Sie liebt die Bücher, den Himmel, die Wiesen,
+die Schmetterlinge und die Spiele mit Kindern ... Und mit ihrem kleinen
+Erbteil hat sie mehr als sie bedarf.« - »O, wär' ich ein Fürst!« rief
+Casanova, ein wenig deklamierend, wie es zuweilen seine Art war, gerade
+wenn ihn eine echte Leidenschaft durchwühlte. »Hätt' ich die Macht,
+Menschen ins Gefängnis werfen, hinrichten zu lassen ... Aber ich bin
+nichts. Ein Bettler - und ein Lügner dazu. Ich bettle bei den hohen
+Herrn in Venedig um ein Amt, um ein Stück Brot, um Heimat! Was ist aus
+mir geworden? Ekelt dich nicht vor mir, Amalia?« - »Ich liebe dich,
+Casanova!« - »So verschaffe sie mir, Amalia! Es steht bei dir, ich weiß
+es. Sag' ihr, was du willst. Sag' ihr, daß ich euch gedroht habe. Daß du
+mir zutraust, ich könnte euch das Dach über dem Hause anzünden! Sag'
+ihr, ich wär' ein Narr, ein gefährlicher Narr, aus dem Irrenhaus
+entsprungen, aber die Umarmung einer Jungfrau könnte mich wieder gesund
+machen. Ja, das sag' ihr.« - »Sie glaubt nicht an Wunder.« - »Wie? Nicht
+an Wunder? So glaubt sie auch nicht an Gott. Um so besser! Ich bin gut
+angeschrieben beim Erzbischof von Mailand! Sag' ihr das! Ich kann sie
+verderben! Euch alle kann ich verderben. Das ist wahr, Amalia! Was sind
+es für Bücher, die sie liest? Gewiß sind auch solche darunter, die die
+Kirche verboten hat. Laß sie mich sehen. Ich will eine Liste
+zusammenstellen. Ein Wort von mir ...« - »Schweige, Casanova! Dort kommt
+sie. Verrate dich nicht! Nimm deine Augen in acht! Nie, Casanova, nie,
+höre wohl, was ich sage, nie hab' ich ein reineres Wesen gekannt. Ahnte
+sie, was ich eben habe hören müssen, sie erschiene sich wie beschmutzt;
+und du würdest sie, solang du hier bist, mit keinem Blick mehr zu sehen
+bekommen. Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr - du wirst sie, du wirst
+_mich_ um Verzeihung bitten.«
+
+Marcolina, mit den Kindern, kam heran; diese liefen an ihr vorbei, ins
+Haus, sie selber aber, wie um dem Gast eine Höflichkeit zu erweisen,
+blieb vor ihm stehn, während Amalia, wie mit Absicht, sich entfernte.
+Und nun war es Casanova in der Tat, als wehte es ihm von diesen blassen,
+halb geöffneten Lippen, dieser glatten, von dunkelblondem, nun
+aufgestecktem Haar umrahmten Stirn wie ein Hauch von Herbheit und
+Keuschheit entgegen; - was er selten einer Frau, was er auch ihr
+gegenüber früher im geschlossnen Raum nicht verspürt - eine Art von
+Andacht, von Hingegebenheit ohne jedes Verlangen floß durch seine Seele.
+Und mit Zurückhaltung, ja in einem Ton von Ehrerbietung, wie man sie
+Höhergebornen gegenüber an den Tag zu legen liebt, und der ihr
+schmeicheln mußte, stellte er die Frage an sie, ob sie die kommenden
+Abendstunden wieder dem Studium zu widmen beabsichtige. Sie erwiderte,
+daß sie auf dem Land überhaupt nicht regelmäßig zu arbeiten pflege, doch
+könne sie's nicht hindern, daß gewisse mathematische Probleme, mit denen
+sie sich eben beschäftige, ihr auch in den Ruhestunden nachgingen, wie
+es ihr eben jetzt begegnet sei, während sie auf der Wiese gelegen war
+und zum Himmel aufgesehn hatte. Doch als Casanova, durch ihre
+Freundlichkeit ermutigt, sich scherzend erkundigte, was denn dies für
+ein hohes und dabei so zudringliches Problem gewesen sei, entgegnete sie
+etwas spöttisch, es habe keineswegs das allergeringste mit jener
+berühmten Kabbala zu tun, in der der Chevalier von Seingalt, wie man
+sich erzähle, Bedeutendes leiste, und so würde er kaum viel damit
+anzufangen wissen. Es ärgerte ihn, daß sie von der Kabbala mit so
+unverhohlener Ablehnung sprach, und obwohl ihm selbst, in den freilich
+seltnen Stunden innerer Einkehr, bewußt war, daß jener eigentümlichen
+Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt, keinerlei Sinn und keine
+Berechtigung zukäme, daß sie in der Natur gewissermaßen gar nicht
+vorhanden, nur von Gaunern und Spaßmachern - welche Rolle er
+abwechselnd, aber immer mit Überlegenheit gespielt - zur Nasführung von
+Leichtgläubigen und Toren benutzt würde, so versuchte er jetzt doch
+gegen seine eigne bessre Überzeugung Marcolina gegenüber die Kabbala als
+vollgültige und ernsthafte Wissenschaft zu verteidigen. Er sprach von
+der göttlichen Natur der Siebenzahl, die sich so schon in der Heiligen
+Schrift angedeutet fände, von der tiefsinnig-prophetischen Bedeutung der
+Zahlenpyramiden, die er selbst nach einem neuen System aufzubauen
+gelehrt hatte, und von dem häufigen Eintreffen seiner auf diesem System
+beruhenden Voraussagen. Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in
+Amsterdam den Bankier Hope durch den Aufbau einer solchen Zahlenpyramide
+veranlaßt, die Versicherung eines schon verloren geglaubten
+Handelsschiffes zu übernehmen und ihn dadurch zweimalhunderttausend
+Goldgulden verdienen lassen? Noch immer war er so geschickt im Vortrag
+seiner schwindelhaft geistreichen Theorien, daß er auch diesmal, wie es
+ihm oft geschah, an all das Unsinnige zu glauben begann, das er vortrug,
+und sogar mit der Behauptung zu schließen sich getraute, die Kabbala
+stelle nicht so sehr einen Zweig als vielmehr die metaphysische
+Vollendung der Mathematik vor. Marcolina, die ihm bisher sehr aufmerksam
+und anscheinend ganz ernsthaft zugehört hatte, schaute nun plötzlich mit
+einem halb bedauernden, halb spitzbübischen Blick zu ihm auf und sagte:
+»Es liegt Ihnen daran, mein werter Herr Casanova« (sie schien ihn jetzt
+mit Absicht nicht »Chevalier« zu nennen), »mir eine ausgesuchte Probe
+von Ihrem weltbekannten Unterhaltungstalent zu geben, wofür ich Ihnen
+aufrichtig dankbar bin. Aber Sie wissen natürlich so gut wie ich, daß
+die Kabbala nicht nur nichts mit der Mathematik zu tun hat, sondern
+geradezu eine Versündigung an ihrem eigentlichen Wesen bedeutet; und
+sich zu ihr nicht anders verhält als das verworrene oder lügenhafte
+Geschwätz der Sophisten zu den klaren und hohen Lehren des Plato und des
+Aristoteles.« - »Immerhin,« erwiderte Casanova rasch, »werden Sie mir
+zugeben müssen, schöne und gelehrte Marcolina, daß auch die Sophisten
+keineswegs durchaus als so verächtliche und törichte Gesellen zu gelten
+haben, wie man nach Ihrem allzu strengen Urteil annehmen müßte. So wird
+man - um nur ein Beispiel aus der Gegenwart anzuführen - Herrn Voltaire
+seiner ganzen Denk- und Schreibart nach gewiß als das Muster eines
+Sophisten bezeichnen dürfen, und trotzdem wird es niemandem einfallen,
+auch mir nicht, der ich mich als seinen entschiedenen Gegner bekenne,
+ja, wie ich nicht leugnen will, eben damit beschäftigt bin, eine Schrift
+gegen ihn zu verfassen, auch mir fällt es nicht ein, seiner
+außerordentlichen Begabung die gebührende Anerkennung zu versagen. Und
+ich bemerke gleich, daß ich mich nicht etwa durch die übertriebene
+Zuvorkommenheit habe bestechen lassen, die mir Herr Voltaire bei
+Gelegenheit meines Besuchs in Ferney vor zehn Jahren zu erweisen die
+Güte hatte.« - Marcolina lächelte. »Das ist ja sehr hübsch von Ihnen,
+Chevalier, daß Sie den größten Geist des Jahrhunderts so milde zu
+beurteilen die Gewogenheit haben.« - »Ein großer Geist - der größte
+gar?« rief Casanova aus. »Ihn so zu nennen, scheint mir schon deshalb
+unstatthaft, weil er bei all seinem Genie ein gottloser Mensch, ja
+geradezu ein Gottesleugner ist. Und ein Gottesleugner kann niemals ein
+großer Geist sein.« »Meiner Ansicht nach, Herr Chevalier, bedeutet das
+durchaus keinen Widerspruch. Aber Sie werden vor allem zu beweisen
+haben, daß man Voltaire einen Gottesleugner nennen darf.« -
+
+Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten Kapitel seiner
+Streitschrift hatte er eine ganze Menge von Stellen aus Voltaires
+Werken, vor allem aus der berüchtigten »Pucelle« zusammengetragen, die
+ihm besonders geeignet schienen, dessen Ungläubigkeit zu beweisen; und
+die er nun dank seinem vorzüglichen Gedächtnis, zusammen mit seinen
+eigenen Gegenargumenten, wörtlich zu zitieren wußte. Aber in Marcolina
+hatte er eine Gegnerin gefunden, die ihm sowohl an Kenntnissen wie an
+Geistesschärfe wenig nachgab und ihm überdies, wenn auch nicht an
+Redegewandtheit, so doch an eigentlicher Kunst und insbesondre an
+Klarheit des Ausdrucks weit überlegen war. Die Stellen, die Casanova als
+Beweise für die Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit Voltaires
+auszulegen versucht hatte, deutete Marcolina gewandt und schlagfertig
+als ebenso viele Zeugnisse für des Franzosen wissenschaftliches und
+schriftstellerisches Genie, sowie für sein unermüdlich heißes Streben
+nach Wahrheit, und sie sprach es ungescheut aus, daß Zweifel, Spott, ja
+daß der Unglaube selbst, wenn er mit so reichem Wissen, solch
+unbedingter Ehrlichkeit und solch hohem Mut verbunden sei, Gott
+wohlgefälliger sein müsse als die Demut des Frommen, hinter der sich
+meist nichts andres verberge, als eine mangelhafte Fähigkeit,
+folgerichtig zu denken, ja oftmals - wofür es an Beispielen nicht fehle
+- Feigheit und Heuchelei.
+
+Casanova hörte ihr mit wachsendem Staunen zu. Da er sich außerstande
+fühlte, Marcolina zu bekehren, um so weniger, als er immer mehr
+erkannte, wie sehr eine gewisse schwankende Seelenstimmung seiner
+letzten Jahre, die er als Gläubigkeit aufzufassen sich gewöhnt hatte,
+durch Marcolinens Einwürfe sich völlig aufzulösen drohte, so rettete er
+sich in die allgemein gehaltene Betrachtung, daß Ansichten, wie
+Marcolina sie eben ausgesprochen, nicht nur die Ordnung im Bereich der
+Kirche, sondern daß sie auch die Grundlagen des Staates in hohem Grade
+zu gefährden geeignet seien, und sprang von hier aus gewandt auf das
+Gebiet der Politik über, wo er mit seiner Erfahrung und Weltläufigkeit
+eher darauf rechnen konnte, Marcolinen gegenüber eine gewisse
+Überlegenheit zu zeigen. Aber wenn es ihr hier auch an Personenkenntnis
+und Einblick in das höfisch-diplomatische Getriebe gebrach und sie
+darauf verzichten mußte, Casanova im einzelnen zu widersprechen, auch wo
+sie der Verläßlichkeit seiner Darstellung zu mißtrauen Neigung
+verspürte; - aus ihren Bemerkungen ging unwidersprechlich für ihn
+hervor, daß sie weder vor den Fürsten dieser Erde noch vor den
+Staatsgebilden als solchen sonderliche Achtung hegte und der
+Überzeugung war, daß die Welt im Kleinen wie im Großen von Eigennutz und
+Herrschsucht nicht so sehr regiert, als vielmehr in Verwirrung gebracht
+werde. Einer solchen Freiheit des Denkens war Casanova bisher nur selten
+bei Frauen, bei einem jungen Mädchen gar, das gewiß noch keine zwanzig
+Jahre zählte, war er ihr noch nie begegnet; und nicht ohne Wehmut
+erinnerte er sich, daß sein eigener Geist in vergangenen Tagen, die
+schöner waren als die gegenwärtigen, mit einer bewußten und etwas
+selbstzufriedenen Kühnheit die gleichen Wege gegangen war, die er nun
+Marcolina beschreiten sah, ohne daß diese sich ihrer Kühnheit überhaupt
+bewußt zu werden schien. Und ganz hingenommen von der Eigenart ihrer
+Denk- und Ausdrucksweise vergaß er beinahe, daß er an der Seite eines
+jungen, schönen und höchst begehrenswerten Wesens einherwandelte, was um
+so verwunderlicher war, als er sich mit ihr ganz allein in der nun
+völlig durchschatteten Allee, ziemlich weit vom Wohnhaus, befand.
+Plötzlich aber, sich in einem eben begonnenen Satz unterbrechend, rief
+Marcolina lebhaft, ja wie freudig aus: »Da kommt mein Oheim!« ... Und
+Casanova, als hätte er Versäumtes nachzuholen, flüsterte ihr zu: »Wie
+schade. Gar zu gerne hätte ich mich noch stundenlang mit Ihnen weiter
+unterhalten, Marcolina!« - Er fühlte selbst, wie während dieser Worte
+in seinen Augen die Begier von neuem aufzuleuchten begann, worauf
+Marcolina, die in dem abgelaufenen Gespräch in aller Spöttelei sich fast
+zutraulich gegeben, sofort wieder eine kühlere Haltung annahm, und ihr
+Blick die gleiche Verwahrung, ja den gleichen Widerwillen ausdrückte,
+der Casanova heute schon einmal so tief verletzt hatte. Bin ich wirklich
+so verabscheuungswürdig? fragte er sich angstvoll. Nein, gab er sich
+selbst zur Antwort. Nicht das ist's. Aber Marcolina - ist kein Weib.
+Eine Gelehrte, eine Philosophin, ein Weltwunder meinethalben - aber kein
+Weib. - Doch er wußte zugleich, daß er sich so nur selbst zu belügen, zu
+trösten, zu retten versuchte, und daß diese Versuche vergeblich waren.
+Olivo stand vor ihnen. »Nun,« meinte er zu Marcolina, »hab' ich das
+nicht gut gemacht, daß ich dir endlich jemanden ins Haus gebracht habe,
+mit dem sich's so klug reden läßt, wie du's von deinen Professoren in
+Bologna her gewohnt sein magst?« - »Und nicht einmal unter diesen,
+liebster Oheim,« erwiderte Marcolina, »gibt es einen, der es sich
+getrauen dürfte, Voltaire selbst zum Zweikampf herauszufordern!« - »Ei,
+Voltaire? Der Chevalier fordert ihn heraus?« rief Olivo ohne zu
+verstehen. - »Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht von der Streitschrift,
+die mich in der letzten Zeit beschäftigt. Liebhaberei für müßige
+Stunden. Früher hatte ich Gescheiteres zu tun.« Marcolina, ohne auf
+diese Bemerkung zu achten, sagte: »Sie werden eine angenehme kühle Luft
+für Ihren Spaziergang haben. Auf Wiedersehen.« Sie nickte kurz und eilte
+über die Wiese dem Hause zu. Casanova hielt sich davor zurück, ihr
+nachzublicken und fragte: »Wird uns Frau Amalia begleiten?« - »Nein,
+mein werter Chevalier,« erwiderte Olivo, »sie hat allerlei im Hause zu
+besorgen und anzuordnen - und jetzt ist auch die Stunde, in der sie die
+Mädchen zu unterrichten pflegt.« - »Was für eine tüchtige, brave
+Hausfrau und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo!« - »Ja, das sag' ich
+mir selbst alle Tage,« entgegnete Olivo, und die Augen wurden ihm
+feucht.
+
+Sie gingen die Schmalseite des Hauses entlang. Das Fenster Marcolinens
+stand offen, wie vorher; aus dem dämmernden Grund des Gemachs schimmerte
+das schleierartige helle Gewand. Durch die breite Kastanienallee
+gelangten sie auf die Straße, die schon völlig im Schatten lag. Langsam
+gingen sie aufwärts längs der Gartenmauer; wo sie im rechten Winkel
+umbog, begann das Weingelände. Zwischen den hohen Stöcken, an denen
+schwere dunkelblaue Beeren hingen, führte Olivo seinen Gast zur Höhe,
+und deutete mit einer behaglich zufriedenen Handbewegung nach seinem
+Haus zurück, das nun ziemlich tief unter ihnen lag. Im Fensterrahmen
+des Turmgemachs glaubte Casanova eine weibliche Figur auf und nieder
+schweben zu sehen.
+
+Die Sonne neigte sich dem Untergang zu; aber noch war es heiß genug.
+Über Olivos Wangen rannen die Schweißtropfen, während Casanovas Stirne
+vollkommen trocken blieb. Allmählich weiter und nun nach abwärts
+schreitend kamen sie auf üppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum
+andern rankte sich das Geäst der Reben, zwischen den Baumreihen wiegten
+sich die hohen gelben Ähren. - »Segen der Sonne,« sagte Casanova wie
+anerkennend, »in tausendfältiger Gestalt.« Olivo erzählte wieder und mit
+noch größerer Ausführlichkeit als vorher, wie er nach und nach diesen
+schönen Besitz erworben, und wie ein paar glückliche Ernte- und Lesejahre
+ihn zum wohlhabenden, ja zum reichen Manne gemacht. Casanova aber hing
+seinen eigenen Gedanken nach und griff nur selten ein Wort Olivos auf,
+um durch irgendeine höfliche Zwischenfrage seine Aufmerksamkeit zu
+beweisen. Erst als Olivo, von allem möglichen schwatzend, auf seine
+Familie und endlich auf Marcolina geraten war, horchte Casanova auf.
+Aber er erfuhr nicht viel mehr, als er schon vorher gewußt hatte. Da sie
+schon als Kind, noch im Hause ihres Vaters, der Olivos Stiefbruder, früh
+verwitwet und Arzt in Bologna gewesen war, durch die zeitig erwachenden
+Fähigkeiten ihres Verstandes ihre Umgebung in Erstaunen gesetzt, hatte
+man indes Muße genug gehabt, sich an ihre Art zu gewöhnen. Vor wenigen
+Jahren war ihr Vater gestorben, und seither lebte sie in der Familie
+eines berühmten Professors der hohen Schule von Bologna, eben jenes
+Morgagni, der sich vermaß, seine Schülerin zu einer großen Gelehrten
+heranzubilden; in den Sommermonaten war sie stets beim Oheim zu Gaste.
+Eine Anzahl Bewerbungen um ihre Hand, die eines Bologneser Kaufmanns,
+die eines Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, und zuletzt die des
+Leutnant Lorenzi habe sie zurückgewiesen und scheine tatsächlich
+gewillt, ihr Dasein völlig dem Dienst der Wissenschaft zu widmen.
+Während Olivo dies erzählte, fühlte Casanova sein Verlangen ins
+Ungemessene wachsen, und die Einsicht, daß es so töricht als
+hoffnungslos war, brachte ihn der Verzweiflung nahe. Eben als sie aus
+dem Feld- und Wiesenland auf die Fahrstraße traten, erschallte ihnen aus
+einer Staubwolke, die sich näherte, Rufen und Grüßen entgegen. Ein Wagen
+wurde sichtbar, in dem ein vornehm gekleideter älterer Herr an der Seite
+einer etwas jüngern üppigen und geschminkten Dame saß. »Der Marchese,«
+flüsterte Olivo seinem Begleiter zu, »er ist auf dem Wege zu mir.«
+
+Der Wagen hielt. »Guten Abend, mein trefflicher Olivo,« rief der
+Marchese, »darf ich Sie bitten, mich mit dem Chevalier von Seingalt
+bekannt zu machen? Denn ich zweifle nicht, daß ich das Vergnügen habe,
+mich ihm gegenüber zu sehen.« - Casanova verbeugte sich leicht. »Ich bin
+es,« sagte er. - »Und ich der Marchese Celsi, - hier die Marchesa, meine
+Gattin.« Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen; er berührte sie
+mit den Lippen.
+
+»Nun, mein bester Olivo,« sagte der Marchese, dessen wachsgelbes
+schmales Antlitz durch die über den stechenden grünlichen Augen
+zusammengewachsenen dichten roten Brauen ein nicht eben freundliches
+Ansehen erhielt, - »mein bester Olivo, wir haben denselben Weg, nämlich
+zu Ihnen. Und da es kaum ein Viertelstündchen bis dahin ist, will ich
+aussteigen und mit Ihnen zu Fuß gehen. Du hast wohl nichts dagegen, die
+kleine Strecke allein zu fahren,« wandte er sich an die Marchesa, die
+Casanova die ganze Zeit über mit lüstern prüfenden Augen betrachtet
+hatte; gab, ohne die Antwort seiner Gattin abzuwarten, dem Kutscher
+einen Wink, worauf dieser sofort wie toll auf die Pferde einhieb, als
+käme es ihm aus irgendeinem Grund darauf an, seine Herrin möglichst
+geschwind davonzubringen; und gleich war der Wagen hinter einer
+Staubwolke verschwunden.
+
+»Man weiß nämlich schon in unsrer Gegend,« sagte der Marchese, der noch
+ein paar Zoll höher als Casanova und von einer unnatürlichen Magerkeit
+war, »daß der Chevalier von Seingalt hier angekommen und bei seinem
+Freund Olivo abgestiegen ist. Es muß ein erhebendes Gefühl sein, einen
+so berühmten Namen zu tragen.«
+
+»Sie sind sehr gütig, Herr Marchese,« erwiderte Casanova, »ich habe
+allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen
+zu erwerben, finde mich aber vorläufig davon noch recht weit entfernt. -
+Eine Arbeit, mit der ich eben beschäftigt bin, wird mich meinem Ziele
+hoffentlich etwas näher bringen.«
+
+»Wir können den Weg hier abkürzen,« sagte Olivo und schlug einen Feldweg
+ein, der gerade auf die Mauer seines Gartens zuführte. - »Arbeit?«
+wiederholte der Marchese mit einem unbestimmten Ausdruck. »Darf man
+fragen, von welcher Art von Arbeit Sie sprechen, Chevalier?« - »Wenn Sie
+mich danach fragen, Herr Marchese, so sehe ich mich genötigt,
+meinerseits an Sie die Frage zu richten, von was für einer Art von Ruhm
+Sie vorhin geredet haben?« Dabei sah er dem Marchese hochmütig in die
+stechenden Augen. Denn wenn er auch sehr wohl wußte, daß weder sein
+phantastischer Roman »Icosameron«, noch seine dreibändige »Widerlegung
+von Amelots Geschichte der venezianischen Regierung« ihm nennenswerten
+schriftstellerischen Ruhm eingebracht hatten, es lag ihm daran, für
+sich keinen andern als erstrebenswert gelten zu lassen, und er
+mißverstand absichtlich alle weiteren vorsichtig tastenden Bemerkungen
+und Anspielungen des Marchese, der sich unter Casanova wohl einen
+berühmten Frauenverführer, Spieler, Geschäftsmann, politischen Emissär
+und sonst alles mögliche, nur durchaus keinen Schriftsteller
+vorzustellen imstande war, um so weniger, als weder von der Widerlegung
+des Amelotischen Werkes noch von dem »Icosameron« jemals eine Kunde zu
+ihm gedrungen war. So bemerkte er endlich mit einer gewissen höflichen
+Verlegenheit: »Immerhin gibt es nur einen Casanova.« - »Auch das ist ein
+Irrtum, Herr Marchese,« entgegnete Casanova kalt. »Ich habe Geschwister,
+und der Name eines meiner Brüder, des Malers Francesco Casanova, dürfte
+einem Kenner nicht fremd klingen.«
+
+Es zeigte sich, daß der Marchese auch auf diesem Gebiete nicht zu den
+Kennern gehörte, und so lenkte er das Gespräch auf Bekannte, die ihm in
+Neapel, Rom, Mailand und Mantua wohnten, und von denen er annehmen
+konnte, daß Casanova mit ihnen gelegentlich zusammengetroffen war. In
+diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen des Barons Perotti, doch in
+einigermaßen verächtlichem Tone, und Casanova mußte zugestehen, daß er
+manchmal im Hause des Barons ein kleines Spiel zu machen pflege - »zur
+Zerstreuung,« setzte er hinzu, - »ein halbes Stündchen vor dem
+Schlafengehen. Im übrigen hab' ich diese Art von Zeitvertreib so
+ziemlich aufgegeben.« - »Das täte mir leid,« sagte der Marchese, »denn
+ich will Ihnen nicht verhehlen, Herr Chevalier, daß es ein Traum meines
+Lebens war, mich mit Ihnen zu messen - sowohl im Spiel als - in jüngern
+Jahren - auch auf andern Gebieten. Denken Sie übrigens, daß ich - wie
+lange mag es her sein? - daß ich in Spa genau an dem Tage, ja in der
+Stunde ankam, als Sie es verließen. Unsre Wagen fuhren aneinander
+vorüber. Und in Regensburg widerfuhr mir ein ähnliches Mißgeschick. Dort
+bewohnte ich sogar das Zimmer, das Sie eine Stunde vorher verlassen
+hatten.« - »Es ist ein rechtes Unglück,« sagte Casanova, immerhin ein
+wenig geschmeichelt, »daß man einander manchmal zu spät im Leben
+begegnet.« - »Es ist noch nicht zu spät,« rief der Marchese lebhaft. »In
+Hinsicht auf mancherlei andres will ich mich gern im vorhinein
+geschlagen geben, und es kümmert mich wenig, - aber was das Spiel
+anbelangt, mein lieber Chevalier, so sind wir beide vielleicht gerade in
+den Jahren -«
+
+Casanova unterbrach ihn: »In den Jahren - mag sein. Aber leider kann ich
+gerade auf dem Gebiet des Spiels nicht mehr auf das Vergnügen Anspruch
+erheben, mich mit einem Partner Ihres Ranges messen zu dürfen - weil
+ich« - und dies sagte er im Ton eines entthronten Fürsten - »weil ich es
+mit all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis heute nicht viel
+weiter als bis zum Bettler gebracht habe.«
+
+Der Marchese schlug unwillkürlich vor Casanovas stolzem Blick die Augen
+nieder und schüttelte dann nur ungläubig, wie zu einem sonderbaren Spaß,
+den Kopf. Olivo aber, der dem ganzen Gespräch mit Spannung gelauscht und
+die gewandt überlegenen Antworten seines außerordentlichen Freundes mit
+beifälligem Nicken begleitet hatte, vermochte eine Bewegung des
+Erschreckens kaum zu unterdrücken. Sie standen eben alle an der
+rückwärtigen Gartenmauer vor einer schmalen Holztür, und während Olivo
+sie mit einem kreischenden Schlüssel öffnete und den Marchese voraus in
+den Garten treten ließ, flüsterte er Casanova zu, ihn beim Arm fassend:
+»Sie werden Ihr letztes Wort zurücknehmen, Chevalier, ehe Sie den Fuß
+wieder in mein Haus setzen. Das Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren
+schulde, liegt bereit. Ich wagte nur nicht ... Fragen Sie Amalia ...
+Abgezählt liegt es bereit. Beim Abschied wollte ich mir erlauben -«
+Casanova unterbrach ihn sanft. »Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo.
+Die paar Goldstücke waren - Sie wissen es wohl - ein Hochzeitsgeschenk,
+das ich, als Freund von Amaliens Mutter ... Doch wozu überhaupt davon
+reden. Was sollen mir die paar Dukaten? Ich stehe an einer Wende meines
+Schicksals,« setzte er absichtlich laut hinzu, so daß ihn der Marchese,
+der nach ein paar Schritten stehengeblieben war, hören konnte. Olivo
+tauschte einen Blick mit Casanova, um sich seiner Zustimmung zu
+versichern, dann bemerkte er zum Marchese: »Der Chevalier ist nämlich
+nach Venedig zurückberufen und reist in wenigen Tagen nach seiner
+Vaterstadt ab.« - »Vielmehr,« bemerkte Casanova, während sie alle sich
+dem Hause näherten, »man ruft bereits seit geraumer Zeit nach mir und
+immer dringender. Aber ich finde, die Herren Senatoren haben sich lange
+genug Zeit gelassen. Mögen nun sie sich in Geduld fassen.« - »Ein
+Stolz,« sagte der Marchese, »zu dem Sie im höchsten Maße berechtigt
+sind, Chevalier!«
+
+Als sie aus der Allee auf die Wiese hinaustraten, die nun schon völlig
+im Schatten dalag, sahen sie, dem Hause nahe, die kleine Gesellschaft
+versammelt, von der sie erwartet wurden. Alle erhoben sich, um ihnen
+entgegenzugehen, zuerst der Abbate, zwischen Marcolina und Amalia; ihnen
+folgte die Marchesa, ihr zur Seite ein hochgewachsener bartloser junger
+Offizier in roter silberverschnürter Uniform und glänzenden
+Reiterstiefeln, der kein andrer sein konnte als Lorenzi. Wie er zu der
+Marchesa sprach, ihre weißen gepuderten Schultern mit dem Blicke
+streifend als eine wohlbekannte Probe von nicht minder bekannten
+hübschen Dingen; noch mehr die Art, wie die Marchesa mit
+halbgeschlossenen Lidern lächelnd zu ihm aufsah, konnte auch weniger
+Erfahrene über die Natur der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen
+nicht in Zweifel lassen; sowie auch darüber, daß sie keinen Wert darauf
+legten, sie vor irgend jemandem geheimzuhalten. Sie unterbrachen ihr
+leises aber lebhaftes Gespräch erst, als sie den Herankommenden schon
+gegenüberstanden.
+
+Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor. Die beiden maßen sich
+mit einem kurzen kalten Blick, in dem sie sich gegenseitig ihrer
+Abneigung zu versichern schienen, dann lächelten sie beide flüchtig und
+verneigten sich, ohne einander die Hände zu reichen, da jeder zu diesem
+Zweck dem andern hätte einen Schritt entgegentreten müssen. Lorenzi war
+schön, von schmalem Antlitz und in Anbetracht seiner Jugend auffallend
+scharfen Zügen; im Hintergrund seiner Augen schillerte irgend etwas
+Unfaßbares, das den Erfahrenen zur Vorsicht mahnen mußte. Nur eine
+Sekunde lang überlegte Casanova, an wen ihn Lorenzi erinnerte. Dann
+wußte er, daß es sein eigenes Bild war, das ihm, um dreißig Jahre
+verjüngt, hier entgegentrat. Bin ich etwa in seiner Gestalt
+wiedergekehrt? fragte er sich. Da müßte ich doch vorher gestorben sein
+... Und es durchbebte ihn: Bin ich's denn nicht seit lange? Was ist denn
+noch an mir von dem Casanova, der jung, schön und glücklich war?
+
+Er hörte Amaliens Stimme. Sie fragte ihn, wie aus der Ferne, obzwar sie
+neben ihm stand, wie ihm der Spaziergang behagt habe, worauf er sich
+laut, so daß es alle hören konnten, mit höchster Anerkennung über den
+fruchtbaren wohlgepflegten Besitz aussprach, den er mit Olivo
+durchwandert hatte. Indes deckte die Magd auf der Wiese einen länglichen
+Tisch, die zwei älteren Töchter Olivos waren ihr dabei behilflich, indem
+sie aus dem Hause Geschirr, Gläser und was sonst nötig war, mit viel
+Gekicher und Getu herbeischafften. Mählich brach die Dämmerung ein; ein
+leise kühlender Wind strich durch den Garten. Marcolina eilte an den
+Tisch, um zu vollenden, was die Kinder im Verein mit der Magd begonnen,
+und zu verbessern, was sie verfehlt hatten. Die übrigen ergingen sich
+zwanglos auf der Wiese und in den Alleen. Die Marchesa erwies Casanova
+viele Höflichkeit, auch wünschte sie von ihm die berühmte Geschichte
+seiner Flucht aus den Bleikammern von Venedig zu vernehmen, wenngleich
+ihr keineswegs unbekannt sei - wie sie mit vieldeutigem Lächeln
+hinzufügte -, daß er weit gefährlichere Abenteuer bestanden, die zu
+erzählen freilich bedenklicher sein möchte. Casanova erwiderte: wenn er
+auch mancherlei ernste und heitere Beschwernis mitgemacht - gerade
+dasjenige Leben, dessen Sinn und eigentliches Wesen die Gefahr bedeute,
+habe er niemals so recht kennengelernt; denn wenn er auch ein paar
+Monate lang in unruhigen Zeiten Soldat gewesen, vor vielen Jahren, auf
+der Insel Korfu, - gab es denn einen Beruf auf Erden, in den ihn das
+Schicksal nicht verschlagen?! - er habe nie das Glück gehabt, einen
+wirklichen Feldzug mitzumachen, wie das nun dem Herrn Leutnant Lorenzi
+bevorstünde, und worum er ihn fast beneiden möchte. - »Da wissen Sie
+mehr als ich, Herr Casanova,« sagte Lorenzi mit einer hellen und frechen
+Stimme - »und sogar mehr als mein Oberst, denn ich habe eben
+Verlängerung meines Urlaubs auf unbestimmte Zeit erhalten.« -
+»Wahrhaftig!« rief der Marchese mit unbeherrschtem Grimme, und höhnisch
+setzte er hinzu: »Und denken Sie nur, Lorenzi, wir - meine Gattin
+vielmehr, hatte schon so sicher auf Ihre Abreise gerechnet, daß sie für
+Anfang nächster Woche einen unsrer Freunde, den Sänger Baldi, auf unser
+Schloß einlud.« - »Das trifft sich gut,« entgegnete Lorenzi unbeirrt,
+»Baldi und ich sind gute Freunde, wir werden uns vertragen. Nicht wahr?«
+wandte er sich an die Marchesa und ließ seine Zähne blitzen. - »Ich
+würde es Ihnen beiden raten,« meinte die Marchesa mit einem heitern
+Lächeln.
+
+Mit diesen Worten nahm sie als erste am Tische Platz; ihr zur Seite
+Olivo, an ihrer andern Lorenzi. Ihnen gegenüber saß Amalia zwischen dem
+Marchese und Casanova; neben diesem an einem schmalen Tischende
+Marcolina; am andern, neben Olivo, der Abbate. Es war wie mittags ein
+einfaches und dabei höchst schmackhaftes Mahl. Die zwei älteren Töchter
+des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die Schüsseln und schenkten
+von dem trefflichen Wein, der auf Olivos Hügeln wuchs; und sowohl der
+Marchese wie der Abbate dankten den Mädchen mit scherzhaft derben
+Liebkosungen, die ein gestrengerer Vater als Olivo sich vielleicht
+verbeten hätte. Amalia schien nichts zu bemerken; sie war blaß, blickte
+trüb und sah aus wie eine Frau, die entschlossen ist, alt zu werden,
+weil das Jungsein jeden Sinn für sie verloren hat. Ist dies nun meine
+ganze Macht? dachte Casanova bitter, sie von der Seite betrachtend. Doch
+vielleicht war es die Beleuchtung, die Amaliens Züge so traurig
+veränderte. Es fiel nämlich nur ein breiter Strahl von Licht aus dem
+Innern des Hauses auf die Gäste; im übrigen ließ man sich's am
+Dämmerschein des Himmels genügen. In scharfen schwarzen Linien schlossen
+die Baumwipfel alle Aussicht ab, und Casanova fühlte sich an irgendeinen
+geheimnisvollen Garten erinnert, in dem er vor vielen Jahren
+nächtlicherweile eine Geliebte erwartet hatte. »Murano,« flüsterte er
+vor sich hin und erbebte; dann sprach er laut: »Es gibt einen Garten auf
+einer Insel nahe von Venedig, einen Klostergarten, den ich vor etlichen
+Jahrzehnten zum letztenmal betreten habe; - in dem duftete es nachts
+gerade so, wie heute hier.« - »Sie sind wohl auch einmal Mönch gewesen?«
+fragte die Marchesa scherzend. - »Beinahe,« erwiderte Casanova lächelnd
+und erzählte wahrheitsgemäß, daß ihm als einem fünfzehnjährigen Knaben
+der Patriarch von Venedig die niederen Weihen verliehen, daß er aber
+schon als Jüngling vorgezogen habe, das geistliche Gewand wieder
+abzulegen. Der Abbate tat eines nahegelegenen Frauenklosters Erwähnung,
+zu dessen Besuch er Casanova dringend rate, falls er es noch nicht
+kennen sollte. Olivo stimmte lebhaft zu; er rühmte den düstern alten
+Bau, die anmutige Gegend, in der er gelegen war, den abwechslungsreichen
+Weg dahin. Übrigens, fuhr der Abbate fort, habe die Äbtissin, Schwester
+Seraphina, - eine höchst gelehrte Frau, Herzogin von Geburt - in einem
+Brief an ihn den Wunsch geäußert (schriftlich darum, weil in jenem
+Kloster das Gelübde ewigen Schweigens herrsche), Marcolina, von deren
+Gelehrsamkeit sie erfahren, von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. -
+»Ich hoffe, Marcolina,« sagte Lorenzi, und es war das erstemal, daß er
+das Wort geradaus an sie richtete, »Sie werden sich nicht dazu verführen
+lassen, der Herzogin-Äbtissin in jeder Beziehung nachzueifern.« - »Warum
+sollt' ich auch?« erwiderte Marcolina heiter; »man kann seine Freiheit
+auch ohne Gelübde bewahren - und besser, denn Gelübde ist Zwang.«
+
+Casanova saß neben ihr. Er wagte es nicht einmal, leise ihren Fuß zu
+berühren, oder sein Knie an das ihre zu drängen: noch ein drittes Mal
+jenen Ausdruck des Grauens, des Ekels in ihrem Blick gewahren zu müssen
+- des war er gewiß - hätte ihn unfehlbar zu einer Tat des Wahnsinns
+getrieben. Während mit dem Fortschreiten des Mahls und der steigenden
+Zahl der geleerten Gläser die Unterhaltung lebhafter und allgemeiner
+wurde, hörte Casanova, wieder wie von fern, Amaliens Stimme. »Ich habe
+mit Marcolina gesprochen.« - »Du hast mit ihr -« - Eine tolle Hoffnung
+flammte in ihm auf. »Stille, Casanova. Von dir war nicht die Rede, nur
+von ihr und ihren Zukunftsplänen. Und ich sage es dir noch einmal:
+Niemals wird sie irgendeinem Manne angehören.« - Olivo, der dem Weine
+stark zugesprochen hatte, erhob sich unerwarteterweise, und, das Glas in
+der Hand, sprach er ein paar unbeholfene Worte über die hohe Ehre, die
+seinem armen Hause durch den Besuch seines teuern Freundes, des
+Chevalier von Seingalt, geworden sei.
+
+»Wo ist der Chevalier von Seingalt, mein lieber Olivo, von dem Sie da
+reden?« fragte Lorenzi mit seiner hellen, frechen Stimme. Casanovas
+erste Regung war es, dem Unverschämten sein gefülltes Glas an den Kopf
+zu schleudern; Amalia aber berührte leicht seinen Arm und sagte: »Viele
+Leute, Herr Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem älteren und
+berühmteren Namen Casanova.«
+
+»Ich wußte nicht,« sagte Lorenzi mit beleidigendem Ernst, »daß der König
+von Frankreich Herrn Casanova den Adel verliehen hat.«
+
+»Ich konnte dem König diese Mühe ersparen,« erwiderte Casanova ruhig,
+»und hoffe, daß Sie, Leutnant Lorenzi, sich mit einer Erklärung
+zufrieden geben werden, gegen die der Bürgermeister von Nürnberg nichts
+einzuwenden hatte, dem ich sie bei einer im übrigen gleichgültigen
+Gelegenheit vorzutragen die Ehre hatte.« Und da die andern in Spannung
+schwiegen -: »Das Alphabet ist bekanntlich allgemeines Gut. Ich habe mir
+eine Anzahl Buchstaben ausgesucht, die mir gefallen, und mich zum
+Edelmann gemacht, ohne einem Fürsten verpflichtet zu sein, der meine
+Ansprüche zu würdigen kaum imstande gewesen wäre. Ich bin Casanova
+Chevalier von Seingalt. Es täte mir leid um Ihretwillen, Leutnant
+Lorenzi, wenn dieser Name Ihren Beifall nicht finden sollte.« -
+»Seingalt - ein vortrefflicher Name,« sagte der Abbate und wiederholte
+ihn ein paarmal, als schmeckte er ihn mit den Lippen nach. - »Und es
+gibt niemanden auf der Welt,« rief Olivo aus, »der sich mit höherem
+Rechte Chevalier nennen dürfte als mein edler Freund Casanova!« - »Und
+sobald Ihr Ruhm, Lorenzi,« fügte der Marchese hinzu, »so weit erschallen
+sollte, als der des Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt, werden wir
+nicht zögern, wenn es Ihnen so beliebt, auch Sie Chevalier zu nennen.« -
+Casanova, ärgerlich über den unerwünschten Beistand, der ihm von allen
+Seiten wurde, war eben im Begriffe, sich ihn zu verbitten, um seine
+Sache persönlich weiterzuführen, als aus dem Dunkel des Gartens zwei
+eben noch anständig gekleidete, alte Herren an den Tisch traten. Olivo
+begrüßte sie herzlich und geräuschvoll, sehr froh, damit einem Zwist,
+der bedenklich zu werden und die Heiterkeit des Abends zu gefährden
+drohte, die Spitze abzubrechen. Die Neuangekommenen waren die Brüder
+Ricardi, Junggesellen, die, wie Casanova von Olivo erfuhr, früher in der
+großen Welt gelebt, mit allerlei Unternehmungen wenig Glück gehabt und
+sich endlich in das benachbarte Dorf, ihren Geburtsort, zurückgezogen,
+wo sie in einem elenden Häuschen zur Miete wohnten. Sonderbare, aber
+harmlose Leute. Die beiden Ricardi drückten ihr Entzücken aus, die
+Bekanntschaft des Chevaliers zu erneuern, mit dem sie in Paris vor
+Jahren zusammengetroffen waren. Casanova erinnerte sich nicht. Oder war
+es in Madrid?... »Das wäre möglich,« sagte Casanova, aber er wußte, daß
+er die beiden niemals gesehen hatte. Nur der eine, offenbar jüngere von
+ihnen, führte das Wort, der andre, der wie ein Neunzigjähriger aussah,
+begleitete die Reden seines Bruders mit unaufhörlichem Kopfnicken und
+einem verlorenen Grinsen.
+
+Man hatte sich von Tisch erhoben. Die Kinder waren schon früher
+verschwunden. Lorenzi und die Marchesa spazierten im Dämmer über die
+Wiese hin, Marcolina und Amalia wurden bald im Saale sichtbar, wo sie
+Vorbereitungen für das Spiel zu treffen schienen. Was hat das alles zu
+bedeuten? fragte sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten sie
+mich für reich? Wollen sie mich rupfen? Denn alle diese Anstalten, auch
+die Zuvorkommenheit des Marchese, die Beflissenheit des Abbate sogar,
+das Erscheinen der Brüder Ricardi, kamen ihm irgendwie verdächtig vor;
+konnte nicht auch Lorenzi in die Intrige verwickelt sein? Oder
+Marcolina? Oder gar Amalia? Ist das Ganze, dachte er flüchtig, ein
+Streich meiner Feinde, um mir die Rückkehr nach Venedig zu erschweren, -
+im letzten Augenblick unmöglich zu machen? Aber sofort mußte er sich
+sagen, daß dieser Einfall völlig unsinnig war, vor allem schon darum,
+weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte. Er war ein ungefährlicher,
+herabgekommener alter Tropf; wen konnte seine Rückkehr nach Venedig
+überhaupt kümmern? Und als er durch die offenen Fenster des Hauses die
+Herren sich geschäftig um den Tisch reihen sah, auf dem die Karten
+bereit lagen und gefüllte Weingläser standen, wurde ihm über jeden
+Zweifel klar, daß hier nichts anderes geplant war als ein
+gewohnheitsmäßig harmloses Spiel, bei dem ein neuer Partner immerhin
+willkommen sein mochte. Marcolina streifte an ihm vorüber und wünschte
+ihm Glück. »Sie bleiben nicht? Schauen dem Spiel nicht wenigstens zu?« -
+»Was soll ich dabei? Gute Nacht, Chevalier von Seingalt - und auf
+morgen!«
+
+Stimmen klangen ins Freie. »Lorenzi« rief es - »Herr Chevalier.« - »Wir
+warten.« Casanova, im Schatten des Hauses, konnte sehen, wie die
+Marchesa Lorenzi von der Wiese gegen das Dunkel der Bäume hinzuziehen
+suchte. Dort drängte sie sich heftig an ihn, Lorenzi aber riß sich
+ungebärdig von ihr los und eilte dem Hause zu. Er traf am Eingang mit
+Casanova zusammen und, mit einer Art von spöttischer Höflichkeit, ließ
+er ihm den Vortritt, was Casanova ohne Dank annahm.
+
+Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die Brüder Ricardi und der
+Abbate setzten so geringe Münzen ein, daß das ganze Spiel auf Casanova -
+auch heute, da sein ganzes Vermögen nur in ein paar Dukaten bestand -
+wie ein Spaß wirkte. Es erschien ihm um so lächerlicher, als der
+Marchese mit einer so großartigen Miene das Geld einstrich und
+auszahlte, als wenn es um hohe Summen ginge. Plötzlich warf Lorenzi, der
+sich bisher nicht beteiligt hatte, einen Dukaten hin, gewann, ließ den
+so verdoppelten Einsatz stehen, gewann ein zweites und drittes Mal und
+so mit geringen Unterbrechungen immer weiter. Die andern Herren setzten
+indes ihre kleinen Münzen wie zuvor, und insbesondere die beiden Ricardi
+zeigten sich höchst ungehalten, wenn der Marchese sie nicht mit der
+gleichen Rücksichtnahme zu behandeln schien, wie den Leutnant Lorenzi.
+Die Brüder spielten gemeinsam auf das gleiche Blatt; dem einen, älteren,
+der die Karten empfing, perlte der Schweiß von der Stirn, der andere,
+hinter ihm stehend, redete unablässig auf ihn ein wie mit
+wichtig-unfehlbaren Ratschlägen. Wenn er den schweigsamen Bruder
+einziehen sah, leuchteten seine Augen, im andern Falle richteten sie
+sich verzweifelt gen Himmel. Der Abbate, sonst ziemlich teilnahmlos, gab
+zuweilen spruchähnliche Sätze zum besten - wie »Das Glück und die Frauen
+zwingst du nicht« - oder »Die Erde ist rund, der Himmel weit« -
+manchmal blickte er auch pfiffig ermutigend Casanova und gleich darauf
+die diesem gegenüber, ihrem Gatten zur Seite sitzende Amalia an, als
+läge ihm daran, die beiden alten Liebesleute neu miteinander zu
+verkuppeln. Casanova aber dachte an nichts anderes, als daß Marcolina
+sich jetzt in ihrem Zimmer langsam entkleidete, und daß, wenn das
+Fenster offen stand, ihre weiße Haut in die Nacht hinausschimmerte. Von
+einer Begier erfaßt, die ihm die Sinne verstörte, wollte er sich von
+seinem Platz neben dem Marchese erheben und den Raum verlassen; der
+Marchese aber nahm diese Bewegung als einen Entschluß, sich am Spiel zu
+beteiligen und sagte: »Nun endlich - wir wußten ja, daß Sie nicht
+Zuschauer bleiben würden, Chevalier.« Er legte eine Karte vor ihn hin,
+Casanova setzte alles, was er bei sich trug - und dies war so ziemlich
+alles, was er besaß - zehn Dukaten etwa, er zählte sie nicht, ließ sie
+aus seiner Börse auf den Tisch gleiten und wünschte, sie auf einen Satz
+zu verlieren: dies sollte dann ein Zeichen sein, ein glückverheißendes
+Zeichen - er wußte nicht recht wofür, ob für seine baldige Heimfahrt
+nach Venedig oder den ihm bevorstehenden Anblick der entkleideten
+Marcolina; - doch ehe er sich entschieden, hatte der Marchese das Spiel
+gegen ihn bereits verloren. Auch Casanova ließ, wie Lorenzi es getan,
+den verdoppelten Einsatz stehen, und auch ihm blieb das Glück treu wie
+dem Leutnant. Um die übrigen kümmerte sich der Marchese nicht mehr, der
+schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der andre rang die Hände - dann
+standen sie zusammen in einer Ecke des Saales wie vernichtet. Der Abbate
+und Olivo fanden sich leichter ab; der erste aß Süßigkeiten und
+wiederholte seine Sprüchlein, der andre schaute dem Fall der Karten in
+Erregung zu. Endlich hatte der Marchese fünfhundert Dukaten verloren, in
+die sich Casanova und Lorenzi teilten. Die Marchesa erhob sich und gab
+dem Leutnant einen Wink mit den Augen, ehe sie den Saal verließ, Amalia
+geleitete sie. Die Marchesa wiegte sich in den Hüften, was Casanova
+anwiderte; Amalia schlich an ihrer Seite wie ein demütiges ältliches
+Weib. Da der Marchese sein ganzes Bargeld verloren hatte, übernahm
+Casanova die Bank, er bestand, zum Mißvergnügen des Marchese darauf, daß
+die andern wieder am Spiele teilnähmen. Sofort waren die Brüder Ricardi
+zur Stelle, gierig und erregt; der Abbate schüttelte den Kopf, er hatte
+genug, und Olivo spielte nur mit, um sich dem Wunsch seines edlen Gastes
+nicht zu versagen. Lorenzi hatte weiter Glück; als er im ganzen die
+Summe von vierhundert Dukaten gewonnen, stand er auf und sagte: »Morgen
+bin ich gern bereit, Revanche zu geben. Jetzt bitte ich um die
+Erlaubnis, nach Hause reiten zu dürfen.« - »Nach Hause,« rief der
+Marchese hohnlachend, der übrigens ein paar Dukaten zurückgewonnen
+hatte, »das ist nicht übel! Der Leutnant wohnt nämlich bei mir!« wandte
+er sich zu den andern. »Und meine Gattin ist voraus nach Hause gefahren.
+Gute Unterhaltung, Lorenzi!« - »Sie wissen sehr gut,« erwiderte Lorenzi,
+ohne eine Miene zu verziehen, »daß ich geradeswegs nach Mantua reite und
+nicht nach Ihrem Schloß, wo Sie so gütig waren, mir gestern Unterkunft
+zu gewähren.« - »Reiten Sie, wohin Sie wollen, zum Teufel meinetwegen!«
+- Lorenzi empfahl sich von den andern aufs höflichste und ging, ohne dem
+Marchese eine gebührende Antwort zu erteilen, was Casanova in
+Verwunderung setzte. Er legte weiter die Karten auf und gewann, so daß
+der Marchese bald mit ein paar hundert Dukaten in seiner Schuld stand.
+Wozu? fragte sich Casanova anfangs. Allmählich aber nahm ihn der Reiz
+des Spiels doch wieder gefangen. Es geht nicht übel, dachte er ... Nun
+sind es bald tausend ... es können auch zweitausend werden. Der Marchese
+wird seine Schuld bezahlen. Mit einem kleinen Vermögen in Venedig Einzug
+halten, das wäre so übel nicht. Doch warum nach Venedig? Man wird wieder
+reich, man wird wieder jung. Reichtum ist alles. Nun werd' ich sie mir
+doch wenigstens wieder kaufen können. Wen? Ich will keine andere ...
+Nackt steht sie am Fenster - ganz gewiß ... wartet am Ende ... ahnt, daß
+ich kommen werde ... Steht am Fenster, um mich toll zu machen. Und ich
+bin da. - Indes teilte er weiter die Karten aus, mit unbeweglicher
+Miene, nicht nur an den Marchese, auch an Olivo und die Brüder Ricardi,
+denen er zuweilen ein Goldstück hinschob, auf das sie keinen Anspruch
+hatten. Sie ließen sich's gefallen. Aus der Nacht drang ein Geräusch,
+wie die Hufschläge eines über die Straße trabenden Rosses. Lorenzi,
+dachte Casanova ... Von der Gartenmauer schallte es wie im Echo wieder,
+dann verklang allmählich Hall und Widerhall. Nun aber wandte sich das
+Glück gegen Casanova. Der Marchese setzte hoch, immer höher; und um
+Mitternacht fand sich Casanova so arm wie er gewesen, ärmer noch; er
+hatte auch seine eigenen paar Goldstücke verloren. Er schob die Karten
+von sich weg, erhob sich lächelnd. »Ich danke, meine Herren.«
+
+Olivo breitete die Arme nach ihm aus. »Mein Freund, wir wollen weiter
+spielen ... Hundertfünfzig Dukaten, - haben Sie denn vergessen, - nein,
+nicht hundertfünfzig! Alles, was ich habe, was ich bin - alles - alles!«
+Er lallte; denn er hatte während des ganzen Abends zu trinken nicht
+aufgehört. Casanova wehrte mit einer übertrieben vornehmen Handbewegung
+ab. »Die Frauen und das Glück zwingt man nicht,« sagte er mit einer
+Verneigung gegen den Abbate hin. Dieser nickte befriedigt und klatschte
+in die Hände. »Auf morgen also, mein verehrter Chevalier,« sagte der
+Marchese, »wir werden gemeinsam dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder
+abnehmen.«
+
+Die Ricardi bestanden darauf, daß weitergespielt würde. Der Marchese,
+sehr aufgeräumt, gab ihnen eine Bank. Sie rückten mit den Goldstücken
+heraus, die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten hatte
+der Marchese sie ihnen abgenommen und lehnte es entschieden ab, mit
+ihnen weiterzuspielen, wenn sie nicht Bargeld vorzuweisen hätten. Sie
+rangen die Hände. Der ältere begann zu weinen wie ein Kind. Der andere
+küßte ihn wie zur Beruhigung auf beide Wangen. Der Marchese fragte, ob
+sein Wagen schon wieder zurückgekommen sei. Der Abbate bejahte; er hatte
+ihn vor einer halben Stunde vorfahren gehört. Der Marchese lud den
+Abbate und die Brüder Ricardi in seinen Wagen ein; er wollte sie vor
+ihren Wohnhäusern absetzen; - und alle verließen das Haus.
+
+Als die andern fort waren, nahm Olivo Casanovas Arm und versicherte ihn
+immer wieder, mit Tränen in der Stimme, daß alles in diesem Hause ihm,
+Casanova, gehöre und daß er damit schalten möge, wie es ihm beliebe. Sie
+kamen an Marcolinens Fenster vorbei. Es war nicht nur verschlossen,
+auch ein Gitter war vorgeschoben, und innen senkte sich ein Vorhang
+herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, wo all das nichts nützte oder wo
+es nichts zu bedeuten hatte. Sie traten ins Haus. Olivo ließ es sich
+nicht nehmen, den Gast über die etwas knarrende Treppe bis in das
+Turmgemach zu begleiten, wo er ihn zum Abschied umarmte. »Also morgen,«
+sagte er, »sollen Sie das Kloster zu sehen bekommen. Doch schlafen Sie
+nur ruhig, wir brechen nicht in allzu früher Stunde auf und richten uns
+jedenfalls völlig nach Ihrer Bequemlichkeit. Gute Nacht.« Er ging, die
+Tür leise hinter sich schließend, aber seine Schritte dröhnten über die
+Treppe durch das ganze Haus.
+
+Casanova stand allein in seinem durch zwei Kerzen matt erhellten Zimmer
+und ließ das Auge von einem zum andern der vier Fenster schweifen, die
+nach den verschiedenen Himmelsrichtungen wiesen. In bläulichem Glanze
+lag die Landschaft da, nach allen Seiten fast das gleiche Bild: weite
+Ebenen, mit geringen Erhebungen, nur nordwärts verschwimmende
+Berglinien, da und dort vereinzelte Häuser, Gehöfte, auch größere
+Gebäude; darunter eines etwas höher gelegen, aus dem ein Licht
+herschimmerte, nach Casanovas Vermutung das Schloß des Marchese. Im
+Zimmer, das außer dem freistehenden breiten Bett nichts enthielt, als
+einen langen Tisch, auf dem die zwei Kerzen brannten, ein paar Stühle,
+eine Kommode und einen goldgerahmten Spiegel darüber, war von sorglichen
+Händen Ordnung gemacht, auch war der Reisesack ausgepackt worden. Auf
+dem Tische lag die versperrte, abgegriffene Ledermappe, die Casanovas
+Papiere enthielt, sowie ein paar Bücher, deren er für seine Arbeit
+bedurfte und die er daher mit sich genommen hatte; auch Schreibzeug war
+bereit. Da er nicht die geringste Schläfrigkeit verspürte, nahm er sein
+Manuskript aus der Mappe und durchlas beim Schein der Kerzen, was er
+zuletzt geschrieben. Da er mitten in einem Absatz stehengeblieben, war
+es ihm ein leichtes, auf der Stelle fortzufahren. Er nahm die Feder zur
+Hand, schrieb hastig ein paar Sätze und hielt plötzlich wieder inne.
+Wozu? fragte er sich, wie in einer grausamen inneren Erleuchtung. Und
+wenn ich auch wüßte, daß das, was ich hier schrieb und schreiben werde,
+herrlich würde ohne Vergleich, - ja, wenn es mir wirklich gelänge,
+Voltaire zu vernichten und mit meinem Ruhm den seinen zu überstrahlen; -
+wäre ich nicht trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu
+verbrennen, wenn es mir dafür vergönnt wäre, in dieser Stunde Marcolina
+zu umarmen? Ja, wäre ich um den gleichen Preis nicht zu dem Gelübde
+bereit, Venedig niemals wieder zu betreten, - auch wenn sie mich im
+Triumph dahin zurückholen wollten? Venedig!... Er wiederholte das Wort,
+es klang um ihn in seiner ganzen Herrlichkeit; - und schon hatte es die
+alte Macht über ihn gewonnen. Die Stadt seiner Jugend stieg vor ihm auf,
+umflossen von allem Zauber der Erinnerung, und das Herz schwoll ihm in
+einer Sehnsucht, so qualvoll und über alles Maß, wie er sie noch nie
+empfunden zu haben glaubte. Auf die Heimkehr zu verzichten erschien ihm
+als das unmöglichste von allen Opfern, die das Schicksal von ihm fordern
+dürfte. Was sollte er weiter in dieser kläglich verblaßten Welt ohne die
+Hoffnung, die Gewißheit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen? Nach
+Jahren und Jahrzehnten der Wanderungen und Abenteuer, nach all dem Glück
+und Unglück, das er erlebt, nach all der Ehre und Schmach, nach den
+Triumphen und nach den Erniedrigungen, die er erfahren, mußte er doch
+endlich eine Ruhestatt, eine Heimat haben. Und gab es eine andere Heimat
+für ihn als Venedig? Und ein anderes Glück als das Bewußtsein, wieder
+eine Heimat zu haben? In der Fremde vermochte er längst nicht mehr ein
+Glück dauernd an sich heranzuzwingen. Noch war ihm zuweilen die Kraft
+gegönnt, es zu erfassen, doch nicht mehr die, es festzuhalten. Seine
+Macht über die Menschen, Frauen wie Männer, war dahin. Nur wo er
+Erinnerung bedeutete, vermochte sein Wort, seine Stimme, sein Blick noch
+zu bannen; seiner Gegenwart war die Wirkung versagt. Vorbei war seine
+Zeit! Und nun gestand er sich auch ein, was er sich sonst mit besonderer
+Beflissenheit zu verhehlen suchte, daß selbst seinen schriftstellerischen
+Leistungen, daß sogar seiner Streitschrift gegen Voltaire, auf die er
+seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, niemals ein in die Weite tragender
+Erfolg beschieden sein würde. Auch dazu war es zu spät. Ja, hätte er in
+jüngeren Jahren Muße und Geduld gehabt, sich mit derlei Arbeiten
+ernstlicher zu beschäftigen, - das wußte er wohl - den ersten dieses
+Fachs, Dichtern und Philosophen hätte er es gleich getan; ebenso wie er
+als Finanzmann oder als Diplomat mit größerer Beharrlichkeit und
+Vorsicht, als ihm eigen war, zum Höchsten wäre berufen gewesen. Doch wo
+war all seine Geduld und seine Vorsicht, wo waren alle seine Lebenspläne
+hin, wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Frauen - Frauen überall. Für
+sie hatte er alles hingeworfen in jedem Augenblick; für edle wie für
+gemeine, für die leidenschaftlichen wie für die kalten; für Jungfrauen
+wie für Dirnen; - für eine Nacht auf einem neuen Liebeslager waren ihm
+alle Ehren dieser und alle Seligkeiten jener Welt immer feil gewesen. -
+Doch bereute er, was er durch dieses ewige Suchen und Niemals- oder
+Immer-Finden, durch dies irdisch-überirdische Fliehen von Begier zu Lust
+und von Lust zu Begier sonst im Dasein etwa versäumt haben mochte? Nein,
+er bereute nichts. Er hatte sein Leben gelebt wie keiner; - und lebte er
+es nicht noch heute in seiner Art? Überall noch gab es Weiber auf seinem
+Weg: wenn sie auch nicht mehr gerade toll um ihn wurden wie einstmals. -
+Amalia? - er konnte sie haben, wann er wollte, in dieser Stunde, in
+ihres betrunkenen Gatten Bett; - und die Wirtin in Mantua - war sie
+nicht verliebt in ihn wie in einen hübschen Knaben, mit Zärtlichkeit und
+Eifersucht? - und die blatternarbige, aber wohlgebaute Geliebte Perottis
+- hatte sie ihn nicht, berauscht von dem Namen Casanova, der die Wollust
+von tausend Nächten über sie hinzusprühen schien - hatte sie ihn nicht
+angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu gewähren, und hatte er sie
+nicht verschmäht wie einer, der noch immer nach eigenem Geschmacke
+wählen durfte? Freilich - Marcolina - solche wie Marcolina waren nicht
+mehr für ihn da. Oder - wäre sie niemals für ihn dagewesen? Es gab ja
+wohl auch Frauen solcher Art. Er war vielleicht in früheren Jahren solch
+einer begegnet; aber da immer zugleich eine andere, willigere zur Stelle
+war, hatte er sich nicht damit aufgehalten, auch nur einen Tag
+vergeblich zu seufzen. Und da es nicht einmal Lorenzi gelungen war,
+Marcolina zu erobern, - da sie sogar die Hand dieses Menschen
+ausgeschlagen, der ebenso schön und ebenso frech war, wie er, Casanova,
+in seiner Jugend es gewesen - so mochte Marcolina in der Tat jenes
+Wundergeschöpf vorstellen, an dessen Vorhandensein auf Erden er bisher
+gezweifelt - das tugendhafte Weib. Nun aber lachte er so hell auf, daß
+es durchs Zimmer hallte. »Der Ungeschickte, der Dummkopf!« rief er laut,
+wie er es bei solchen Selbstgesprächen öfters tat. »Er hat die
+Gelegenheit nicht zu benützen verstanden. Oder die Marchesa läßt ihn
+nicht los. Oder hat er sich die erst genommen, als er Marcolina nicht
+bekommen konnte, die Gelehrte - die Philosophin?!« Und plötzlich kam ihm
+der Einfall: Ich will ihr morgen meine Streitschrift gegen Voltaire
+vorlesen! Sie ist das einzige Geschöpf, dem ich das nötige Verständnis
+dafür zutrauen darf. Ich werde sie überzeugen ... Sie wird mich
+bewundern. »Natürlich wird sie ... Vortrefflich, Herr Casanova! Sie
+schreiben einen glänzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben
+Voltaire vernichtet ... genialer Greis!« So sprach er, so zischte er vor
+sich hin und lief im Zimmer hin und her wie in einem Käfig. Ein
+ungeheurer Grimm hatte ihn erfaßt, gegen Marcolina, gegen Voltaire,
+gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Er nahm seine letzte Kraft
+zusammen, um nicht aufzubrüllen. Endlich warf er sich aufs Bett, ohne
+sich auszukleiden, und lag nun da, die weit offenen Augen zum Gebälk der
+Decke gerichtet, inmitten dessen er jetzt an einzelnen Stellen im Schein
+der Kerzen Spinnengewebe silbrig glänzen sah. Dann, wie es ihm zuweilen
+nach Spielpartien vor dem Einschlafen begegnete, jagten mit
+phantastischer Geschwindigkeit Kartenbilder an ihm vorbei, und endlich
+versank er wirklich in einen traumlosen Schlummer, der aber nur eine
+kurze Weile dauerte. Nun horchte er auf die geheimnisvolle Stille rings
+um sich. Nach Osten und Süden standen die Fenster des Turmgemachs offen,
+aus Garten und Feld drangen linde süße Gerüche aller Art, aus der
+Landschaft unbestimmte Geräusche zu ihm herein, wie die kommende Frühe
+sie aus der Weite und Nähe zu bringen pflegt. Casanova vermochte nicht
+länger still zu liegen; ein lebhafter Drang nach Veränderung erfaßte ihn
+und lockte ihn ins Freie. Vogelgesang rief ihn von draußen, morgenkühler
+Wind rührte an seine Stirn. Leise öffnete Casanova die Tür, ging
+vorsichtig über die Treppe hinab, mit seiner oft erprobten
+Geschicklichkeit brachte er es zuwege, daß die Holzstufen unter seinem
+Schritt nicht im geringsten knarrten; über die steinerne Treppe gelangte
+er ins Erdgeschoß, und durch das Speisezimmer, wo auf dem Tisch noch die
+halbgefüllten Gläser standen, in den Garten. Da auf dem Kies seine
+Schritte hörbar wurden, trat er gleich auf die Wiese über, die nun, im
+Frühdämmerschein, zu unwirklicher Weite sich dehnte. Dann schlich er
+sich in die Allee, nach der Seite hin, wo ihm Marcolinens Fenster in den
+Blick fallen mußte. Es war vergittert, verschlossen, verhängt, so wie er
+es zuletzt gesehen. Kaum fünfzig Schritt vom Hause entfernt setzte sich
+Casanova auf eine Steinbank. Jenseits der Gartenmauer hörte er einen
+Wagen vorbeifahren, dann war es wieder still. Aus dem Wiesengrund
+schwebte ein feiner grauer Dunst; als läge da ein durchsichtig-trüber
+Teich mit verschwimmenden Grenzen. Wieder dachte Casanova jener
+Jugendnacht im Klostergarten von Murano - oder eines andern Parks -
+einer andern Nacht; - er wußte nicht mehr welcher - vielleicht waren es
+hundert Nächte, die ihm in der Erinnerung in eine einzige
+zusammenflossen, sowie ihm manchmal hundert Frauen, die er geliebt, in
+der Erinnerung zu einer einzigen wurden, die als Rätselgestalt durch
+seine fragenden Sinne schwebte. Und _war_ denn nicht am Ende eine Nacht
+wie die andere? Und eine Frau wie die andere? Besonders, wenn es vorbei
+war? Und dieses Wort »vorbei« hämmerte in seinen Schläfen weiter, als
+sei es bestimmt, von nun ab der Pulsschlag seines verlorenen Daseins zu
+werden.
+
+Es war ihm, als raschelte irgend etwas hinter ihm längs der Mauer hin.
+Oder war's nur ein Widerklang? Ja, das Geräusch kam vom Hause her.
+Marcolinens Fenster stand mit einemmal offen, das Gitter war
+zurückgeschoben, der Vorhang nach der einen Seite hin gerafft; aus dem
+Dunkel des Gemachs hob sich eine schattenhafte Erscheinung; Marcolina
+selbst war es, die in hochgeschlossenem weißen Nachtgewand an die
+Brüstung trat, wie um die holde Luft des Morgens einzuatmen. Casanova
+hatte sich rasch von der Bank heruntergleiten lassen; über ihren Rand,
+durch das Gezweig der Allee sah er gebannt Marcolina an, deren Augen
+scheinbar gedanken- ja richtungslos in die Dämmerung tauchten. Nach ein
+paar Sekunden erst schien sie ihr noch wie schlafbefangenes Wesen in
+einem Blicke sammeln zu können, den sie nun langsam nach rechts und
+links schweifen ließ. Dann beugte sie sich vornüber, wie um auf dem Kies
+etwas zu suchen, und gleich darauf wandte sie das Haupt mit dem gelösten
+Haar nach aufwärts wie zu einem Fenster des oberen Stockwerks. Dann
+stand sie wieder eine Weile ohne Bewegung, die Hände beiderseits an die
+Fensterstöcke stützend, wie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen. Nun
+erst, als wären sie plötzlich von innen erleuchtet worden, gewannen ihre
+dämmernden Züge für Casanova an Deutlichkeit. Ein Lächeln spielte um
+ihren Mund, das gleich wieder erstarrte. Nun ließ sie die Arme sinken;
+ihre Lippen bewegten sich sonderbar, als flüsterten sie ein Gebet;
+wieder schweifte ihr Blick langsam suchend durch den Garten, dann
+nickte sie kurz, und im selben Augenblick schwang sich jemand über die
+Brüstung ins Freie, der bis jetzt zu Marcolinens Füßen gekauert sein
+mußte, - Lorenzi. Er flog mehr als er ging über den Kies zur Allee hin,
+durchquerte sie kaum zehn Schritte weit von Casanova, der den Atem
+anhaltend unter der Bank lag, und eilte dann jenseits der Allee, wo ein
+schmaler Wiesenstreif die Mauer entlang lief, den Blicken Casanovas
+entschwindend, nach rückwärts. Casanova hörte eine Tür in den Angeln
+seufzen, - es konnte keine andre sein, als diejenige, durch die er
+selbst gestern abend mit Olivo und dem Marchese in den Garten
+zurückgekehrt war - dann war alles still. Marcolina war die ganze Zeit
+völlig regungslos dagestanden: sobald sie Lorenzi in Sicherheit wußte,
+atmete sie tief auf, schloß Gitter und Fenster, der Vorhang fiel nieder
+wie durch eigene Kraft, und alles war, wie es vorher gewesen; - nur daß
+indes, als hätte er nun keinen Anlaß mehr zu zögern, der Tag über Haus
+und Garten aufgezogen war.
+
+Auch Casanova lag noch da, wie zuvor, die Hände vor sich hingestreckt,
+unter der Bank. Nach einer Weile kroch er weiter, in die Mitte der
+Allee, und weiter auf allen vieren, bis er an eine Stelle kam, wo er
+weder von Marcolinens Fenster noch von einem andern aus gesehen werden
+konnte. Nun erhob er sich mit schmerzendem Rücken, reckte sich in die
+Höhe, dehnte die Glieder und kam endlich zur Besinnung, ja fand sich
+jetzt erst selber wieder, als hätte er sich aus einem geprügelten Hund
+in einen Menschen zurückverwandelt, der die Prügel nicht als
+körperlichen Schmerz, sondern als tiefe Beschämung weiter zu verspüren
+verdammt war. Warum, fragte er sich, bin ich nicht zu dem Fenster hin,
+solang es noch offen stand? Und über die Brüstung hinein zu ihr? - Hätte
+sie Widerstand leisten können - dürfen - die Heuchlerin, die Lügnerin,
+die Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter, als hätte er ein Recht
+dazu, als hätte sie ihm Treue gelobt wie einem Geliebten und ihn
+betrogen. Er schwor sich zu, sie zur Rede zu stellen von Angesicht zu
+Angesicht, ihr ins Antlitz zu schleudern, vor Olivo, vor Amalia, vor dem
+Marchese, dem Abbate, vor der Magd und den Knechten, daß sie eine
+lüsterne kleine Hure war und nichts anderes. Wie zur Übung, in aller
+Ausführlichkeit erzählte er sich selber vor, was er eben mit angesehen,
+und machte sich das Vergnügen, allerlei dazu zu erfinden, um sie noch
+tiefer zu erniedrigen; daß sie nackt am Fenster gestanden, daß sie im
+Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten sich habe unzüchtig liebkosen
+lassen. Nachdem er so seine Wut fürs erste zur Not beschwichtigt hatte,
+dachte er nach, ob mit dem, was er nun wußte, nicht doch vielleicht was
+Besseres anzufangen wäre. Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt?
+Konnte er nun die Gunst, die sie ihm gutwillig nicht gewährt hätte,
+nicht durch Drohungen von ihr erzwingen? Aber dieser schmähliche Plan
+sank sofort wieder in sich zusammen, nicht so sehr weil Casanova dessen
+Schmählichkeit, als weil er dessen Zweck- und Sinnlosigkeit gerade in
+diesem Fall erkennen mußte. Was konnten seine Drohungen Marcolina
+kümmern, die niemandem Rechenschaft schuldig, die am Ende auch, wenn's
+ihr darauf ankam, verschlagen genug war, ihn als einen Verleumder und
+Erpresser von ihrer Schwelle zu jagen? Und selbst wenn sie aus
+irgendeinem Grunde das Geheimnis ihrer Liebschaft mit Lorenzi durch ihre
+Preisgabe zu erkaufen bereit war (er wußte freilich, daß er etwas erwog,
+das außer dem Bereich aller Möglichkeiten lag), mußte ein so erzwungener
+Genuß für ihn, der, wenn er liebte, tausendmal heißer danach verlangte
+Glück zu geben, als Glück zu empfangen, sich nicht in eine unnennbare
+Qual verwandeln, - die ihn zum Wahnsinn und in Selbstvernichtung trieb?
+Er fand sich plötzlich an der Gartentür. Sie war versperrt. Lorenzi
+hatte also einen Nachschlüssel. Und wer - fiel ihm nun ein - war denn
+durch die Nacht auf trabendem Roß davongesprengt, nachdem Lorenzi sich
+vom Spieltisch erhoben? Ein bestellter Knecht offenbar. - Unwillkürlich
+mußte Casanova beifällig lächeln ... Sie waren einander würdig,
+Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und der Offizier. Und ihnen
+beiden stand noch eine herrliche Laufbahn bevor. Wer wird Marcolinens
+nächster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor in Bologna, in
+dessen Hause sie wohnt? O, ich Narr. Der war's ja längst ... Wer noch?
+Olivo? Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht, der gestern
+glotzend am Tore stand, als wir angefahren kamen? Alle! Ich weiß es.
+Aber Lorenzi weiß es nicht. Das hab' ich vor ihm voraus. - Zwar war er
+im Innersten überzeugt, daß Lorenzi nicht nur Marcolinens erster
+Liebhaber, sondern er vermutete sogar, daß es heute die erste Nacht war,
+die sie ihm geschenkt hatte; doch das hielt ihn nicht ab, seine
+boshaft-lüsternen Gedankenspiele weiterzutreiben, während er den Garten
+längs der Mauer umkreiste. So stand er denn wieder vor der Saaltür, die
+er offen gelassen, und sah ein, daß ihm vorläufig nichts andres zu tun
+übrigblieb, als ungesehen und ungehört sich zurück ins Turmgemach zu
+begeben. Mit aller Vorsicht schlich er hinauf und ließ sich oben auf den
+Lehnstuhl sinken, auf dem er schon früher gesessen; vor den Tisch hin,
+auf dem die losen Blätter des Manuskriptes seiner Wiederkehr nur zu
+warten schienen. Unwillkürlich fiel sein Auge auf den Satz, den er
+vorhin in der Mitte abgebrochen hatte; und er las: »Voltaire wird
+unsterblich sein, gewiß; aber er wird diese Unsterblichkeit erkauft
+haben mit seinem unsterblichen Teil; - der Witz hat sein Herz
+aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und also -« In diesem
+Augenblick brach die Morgensonne rötlich flutend herein, so daß das
+Blatt, das er in Händen hielt, zu erglühen anfing, und wie besiegt ließ
+er es auf den Tisch zu den andern sinken. Er fühlte plötzlich die
+Trockenheit seiner Lippen, schenkte sich ein Glas Wasser ein aus einer
+Flasche, die auf dem Tisch stand; es schmeckte lau und süßlich.
+Angewidert wandte er den Kopf nach der Seite; von der Wand, aus dem
+Spiegel über der Kommode, starrte ihm ein bleiches altes Gesicht
+entgegen mit wirrem, über die Stirn fließendem Haar. In
+selbstquälerischer Lust ließ er seine Mundwinkel noch schlaffer
+herabsinken, als gälte es eine abgeschmackte Rolle auf dem Theater
+durchzuführen, fuhr sich ins Haar, daß die Strähne noch ungeordneter
+fielen, streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, krächzte mit
+absichtlich heiserer Stimme eine Reihe alberner Schimpfworte gegen sich
+selbst und blies endlich, wie ein ungezogenes Kind, die Blätter seines
+Manuskriptes vom Tisch herunter. Dann begann er von neuem Marcolina zu
+beschimpfen, und nachdem er sie mit den unflätigsten Worten bedacht,
+zischte er zwischen den Zähnen: Denkst du, die Freude währt lang? Du
+wirst fett und runzlig und alt werden wie die andern Weiber, die mit dir
+zugleich jung gewesen sind, - ein altes Weib mit schlaffen Brüsten, mit
+trocknem grauen Haar, zahnlos und von üblem Duft ... und endlich wirst
+du sterben! Auch jung kannst du sterben! Und wirst verwesen! Und Speise
+sein für Würmer. - Um eine letzte Rache an ihr zu nehmen, versuchte er
+sich sie als Tote vorzustellen. Er sah sie weiß gekleidet im offenen
+Sarge liegen, doch war er unfähig, irgendwelche Zeichen der Zerstörung
+an ihr zu denken; sondern ihre wahrhaft überirdische Schönheit brachte
+ihn in neue Raserei. Vor seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum
+Brautbett; Marcolina lag lächelnd da mit blinzelnden Lidern, und mit
+ihren schmalen bleichen Händen, wie zum Hohn, über ihren zarten Brüsten
+zerriß sie das weiße Gewand. Doch wie er seine Arme nach ihr
+ausstreckte, sich auf sie stürzen, sie umfangen wollte, zerfloß die
+Erscheinung in nichts. - Es klopfte an die Tür; er fuhr aus dumpfem
+Schlaf empor, Olivo stand vor ihm. »Wie, schon am Schreibtisch?« - »Es
+ist meine Gewohnheit,« erwiderte Casanova sofort gefaßt, »der Arbeit die
+ersten Morgenstunden zu widmen. Wie spät mag es sein?« - »Acht Uhr,«
+erwiderte Olivo, »das Frühstück steht im Garten bereit; sobald Sie
+befehlen, Chevalier, wollen wir unsere Fahrt nach dem Kloster antreten.
+Doch ich sehe, der Wind hat Ihnen die Blätter verstreut!« Und er machte
+sich daran, die Papiere vom Fußboden aufzulesen. Casanova ließ es
+geschehen, denn er war ans Fenster getreten und erblickte, um den
+Frühstückstisch gereiht, den man auf die Wiese in den Schatten des
+Hauses gestellt hatte, alle weiß gekleidet, Amalia, Marcolina und die
+drei kleinen Mädchen. Sie riefen ihm einen Morgengruß zu. Er sah nur
+Marcolina, sie lächelte freundlich zu ihm auf mit hellen Augen, hielt
+einen Teller mit frühgereiften Trauben auf dem Schoß und steckte eine
+Beere nach der andern in den Mund. Alle Verachtung, aller Zorn, aller
+Haß schmolz in Casanovas Herzen dahin; er wußte nur mehr, daß er sie
+liebte. Wie trunken von ihrem Anblick zog er sich wieder ins Zimmer
+zurück, wo Olivo noch immer auf dem Fußboden kniend die verstreuten
+Blätter unter Tisch und Kommode hervorsuchte, verbat sich dessen weitere
+Bemühungen und wünschte allein gelassen zu werden, um sich für die
+Spazierfahrt fertigzumachen. »Es eilt nicht,« sagte Olivo und streifte
+den Staub von seinen Beinkleidern, »wir sind zum Mittagessen bequem
+zurück. Übrigens hat der Marchese bitten lassen, daß wir mit dem Spiel
+heute schon in früher Nachmittagsstunde beginnen; offenbar liegt ihm
+daran, vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein.« »Mir ist es ziemlich
+gleichgültig, wann das Spiel beginnt,« sagte Casanova, während er seine
+Blätter in die Mappe ordnete; »ich werde mich keineswegs daran
+beteiligen.« »Sie werden,« erklärte Olivo mit einer Entschiedenheit, die
+sonst nicht seine Art war, und legte eine Rolle von Goldstücken auf den
+Tisch. »Meine Schuld, Chevalier, spät, doch aus dankerfülltem Herzen.«
+Casanova wehrte ab. »Sie müssen,« beteuerte Olivo, »wenn Sie mich nicht
+aufs tiefste beleidigen wollen; überdies hat Amalia heute nacht einen
+Traum gehabt, der Sie veranlassen wird - doch den soll sie Ihnen selbst
+erzählen.« Und er verschwand eiligst. Casanova zählte immerhin die
+Goldstücke; es waren hundertfünfzig, genau die Summe, die er vor
+fünfzehn Jahren dem Bräutigam oder der Braut oder ihrer Mutter - er
+wußte es selbst nicht mehr recht - zum Geschenk gemacht hatte. Das
+Vernünftigste wäre, sagte er zu sich, ich steckte das Geld ein, nähme
+Abschied und verließe das Haus, womöglich ohne Marcolina noch einmal zu
+sehen. Doch hab' ich je das Vernünftige getan? - Und ob nicht indes eine
+Nachricht aus Venedig gekommen ist?... Zwar hat meine vortreffliche
+Wirtin versprochen, sie mir unverzüglich nachzusenden ...
+
+Die Magd hatte indes einen großen irdenen Krug mit quellkaltem Wasser
+heraufgebracht, und Casanova wusch sich den ganzen Leib, was ihn sehr
+erfrischte; dann legte er sein besseres, eine Art von Staatsgewand an,
+wie er es schon gestern abend getan hätte, wenn er nur Zeit gefunden,
+die Kleidung zu wechseln; doch war er's nun ganz zufrieden, daß er heute
+in vornehmerer Tracht als am vergangenen Tag, ja gewissermaßen in einer
+neuen Gestalt vor Marcolina erscheinen durfte.
+
+In einem Rock von grauer Glanzseide mit Stickereien und breiten
+spanischen Silberspitzen, in gelber Weste und kirschroten seidenen
+Beinkleidern, in edler, dabei nicht geradezu stolzer Haltung, mit einem
+zwar überlegenen aber liebenswürdigen Lächeln um die Lippen, und das
+Auge wie im Feuer unverlöschlicher Jugend strahlend, so trat er in den
+Garten, wo er zu seiner Enttäuschung vorerst nur Olivo vorfand, der ihn
+einlud, neben ihm am Tische Platz und mit dem bescheidenen Frühmahl
+vorliebzunehmen. Casanova erlabte sich an Milch, Butter, Eiern, Weißbrot
+und dann noch an Pfirsichen und Trauben, die ihm köstlicher dünkten als
+irgendwelche, die er jemals genossen. Die drei Mädchen kamen über den
+Rasen herbeigelaufen, Casanova küßte sie alle, und der Dreizehnjährigen
+erwies er kleine Liebkosungen in der Art, wie sie sich gestern solche
+auch vom Abbate hatte gefallen lassen; doch die Funken, die in ihren
+Augen aufglimmten, waren, wie Casanova wohl erkannte, von einer andern
+Lust als der an einem kindisch-harmlosen Spiel entzündet. Olivo hatte
+seine Freude daran, wie gut der Chevalier mit den Kindern umzugehen
+verstünde. »Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder verlassen?«
+fragte er schüchtern-zärtlich. - »Heute abend,« sagte Casanova, aber mit
+einem scherzhaften Blinzeln. »Sie wissen ja, mein bester Olivo, die
+Senatoren von Venedig -« »Haben es nicht um Sie verdient,« unterbrach
+ihn Olivo lebhaft. »Lassen Sie sie warten. Bleiben Sie bei uns bis
+übermorgen, nein, eine Woche lang.« Casanova schüttelte langsam den
+Kopf, während er die kleine Teresina bei den Händen gefaßt und zwischen
+seinen Knien wie gefangen hielt. Sie entwand sich ihm sanft mit einem
+Lächeln, das nun gar nichts Kindliches mehr hatte, als Amalia und
+Marcolina aus dem Hause traten, jene mit einem schwarzen, diese mit
+einem weißen Schaltuch über den hellen Gewändern. Olivo forderte sie
+beide auf, ihre Bitten mit der seinigen zu vereinen. »Es ist unmöglich,«
+sagte Casanova mit einer übertriebenen Härte in Stimme und Ausdruck, da
+weder Amalia noch Marcolina ein Wort fanden, Olivos Einladung zu
+unterstützen.
+
+Während sie durch die Kastanienallee dem Tore zuschritten, richtete
+Marcolina an Casanova die Frage, ob er heute nacht seine Arbeit, über
+der ihn Olivo, wie er gleich erzählt, noch am hellen Morgen wach
+gefunden, beträchtlich gefördert habe? Schon gedachte Casanova ihr eine
+zweideutig-boshafte Antwort zu geben, die sie stutzig gemacht hätte,
+ohne ihn doch selbst zu verraten; aber er zügelte seinen Witz in der
+Erwägung, daß jede Voreiligkeit von Übel sein könnte, und erwiderte
+höflich, daß er nur einige Änderungen angebracht habe, zu denen er die
+Anregung der gestrigen Unterhaltung mit ihr verdanke. Sie stiegen in den
+unförmlichen, schlechtgepolsterten, aber sonst bequemen Wagen. Casanova
+saß Marcolinen, Olivo seiner Gattin gegenüber; doch das Gefährt war so
+geräumig, daß es trotz des Hinundherrüttelns zu keiner ungewollten
+Berührung zwischen den Insassen kommen konnte. Casanova bat Amalia, ihm
+ihren Traum zu erzählen. Sie lächelte ihn freundlich, fast gütig an;
+jede Spur von Gekränktheit oder Groll war aus ihren Zügen verschwunden.
+Dann begann sie: »Ich sah Sie, Casanova, in einem herrlichen, mit sechs
+dunklen Pferden bespannten Wagen vor einem hellen Gebäude vorfahren.
+Vielmehr: der Wagen hielt an und ich wußte noch nicht, wer drin saß - da
+stiegen Sie aus, in einem prächtigen, weißen, goldgestickten
+Staatsgewand, fast noch prächtiger anzuschaun, als Sie heute angetan
+sind - (es war ein freundlicher Spott in ihren Mienen) - und Sie trugen
+- wahrhaftig, die gleiche schmale Goldkette trugen Sie, die Sie heute
+tragen, und die ich doch wahrlich niemals noch an Ihnen gesehen habe!
+(Diese Kette mit der goldenen Uhr und eine mit Halbedelsteinen besetzte
+goldene Dose, die Casanova eben wie spielend in der Hand hielt, waren
+die letzten Schmuckstücke von mäßigem Wert, die er sich zu bewahren
+gewußt hatte.) - Ein alter, bettelhaft aussehender Mann öffnete den
+Wagenschlag - es war Lorenzi; Sie aber, Casanova, Sie waren jung, ganz
+jung, noch jünger, als Sie damals gewesen sind. - (Sie sagte »damals«,
+unbekümmert darum, daß aus diesem Worte flügelrauschend all ihre
+Erinnerungen geflattert kamen.) »Sie grüßten nach allen Seiten, obwohl
+weit und breit kein Mensch zu sehen war, und traten durch das Tor; es
+schlug heftig hinter Ihnen zu, ich wußte nicht, ob es der Sturm
+zugeschleudert oder Lorenzi; - so heftig, daß die Pferde scheuten und
+mit dem Wagen davonrasten. Nun hörte ich ein Geschrei aus Nebengassen,
+wie von Menschen, die sich zu retten suchen, das verstummte gleich. Sie
+aber erschienen an einem Fenster des Hauses, ich wußte jetzt, daß es ein
+Spielhaus war, und grüßten herab nach allen Seiten, und es war doch
+niemand da. Dann wandten Sie sich über Ihre Schulter nach rückwärts, als
+stände irgendwer hinter Ihnen im Zimmer; aber ich wußte, daß auch dort
+niemand war. Nun erblickte ich Sie plötzlich an einem andern Fenster,
+in einem höhern Stockwerk, wo genau dasselbe vor sich ging, dann wieder
+höher, und wieder, es war, als wüchse das Gebäude ins Unendliche; und
+von überall grüßten Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter
+Ihnen standen, aber doch eigentlich gar nicht da waren. Lorenzi aber
+lief immerfort auf den Treppen Ihnen nach, ohne Sie einzuholen. Sie
+hatten nämlich nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben ...«
+
+»Nun?« fragte Casanova, als Amalia schwieg. - »Es kam wohl noch
+allerlei, aber ich hab' es vergessen,« sagte Amalia. Casanova war
+enttäuscht; an ihrer Stelle hätte er, wie er es in solchen Fällen, ob es
+sich nun um Träume handelte oder um Wirklichkeiten, immer tat, der
+Erzählung eine Abrundung, einen Sinn zu geben versucht, und so bemerkte
+er nun etwas unzufrieden: »Wie der Traum doch alles verkehrt. - Ich -
+als reicher Mann und Lorenzi als Bettler und alter Mann.« - »Mit
+Lorenzis Reichtum,« sagte Olivo, »ist es nicht weit her; sein Vater ist
+zwar ziemlich begütert, aber er steht mit dem Sohne nicht zum besten.« -
+Und ohne sich mit Fragen weiter bemühen zu müssen, erfuhr Casanova, daß
+man des Leutnants Bekanntschaft dem Marchese verdanke, der ihn vor
+wenigen Wochen eines Tages einfach in Olivos Haus mitgebracht habe. Wie
+der junge Offizier mit der Marchesa stünde, das müsse man einem Kenner,
+wie dem Chevalier, nicht erst ausdrücklich zu verstehen geben; da
+übrigens der Gatte nichts dagegen einzuwenden finde, könne man sich als
+Unbeteiligter gleichfalls dabei beruhigen.
+
+»Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie zu glauben scheinen,
+Olivo,« sagte Casanova, »möchte ich bezweifeln. Haben Sie nicht bemerkt,
+mit welchem Gemisch von Verachtung und Grimm er den jungen Menschen
+behandelt? Ich möchte nicht darauf schwören, daß die Sache ein gutes
+Ende nimmt.«
+
+Auch jetzt rührte sich nichts in Marcolinens Antlitz und Haltung. Sie
+schien an dem ganzen Gespräch über Lorenzi nicht den geringsten Anteil
+zu nehmen und sich still am Anblick der Landschaft zu erfreuen. Man fuhr
+eine in zahlreichen Windungen sanft ansteigende Straße durch einen Wald
+von Oliven und Steineichen; und da man eben an eine Stelle kam, wo die
+Pferde noch langsamer trotteten als vorher, zog es Casanova vor,
+auszusteigen und neben dem Gefährt einherzugehen. Marcolina sprach von
+der schönen Umgebung Bolognas und von den Abendspaziergängen, die sie
+mit der Tochter des Professors Morgagni zu unternehmen pflegte. Auch
+erwähnte sie der Absicht, nächstes Jahr nach Frankreich zu reisen, um
+den berühmten Mathematiker Saugrenue von der Pariser Universität, mit
+dem sie in Korrespondenz stehe, persönlich kennenzulernen. »Vielleicht
+mache ich mir das Vergnügen,« sagte sie lächelnd, »mich auf dem Weg in
+Ferney aufzuhalten, um aus Voltaires eigenem Mund zu erfahren, wie er
+die Streitschrift seines gefährlichsten Widersachers, des Chevaliers von
+Seingalt, aufgenommen.« Casanova, die Hand auf der Seitenlehne des
+Wagens, neben Marcolinens Arm, dessen sich bauschende Hülle seine Finger
+streifte, erwiderte kühl: »Es wird sich weniger darum handeln, wie Herr
+Voltaire, als vielmehr wie die Nachwelt meine Schrift aufnimmt; denn
+diese erst wird ein Recht darauf haben, die endgültige Entscheidung zu
+treffen.« - »Sie glauben,« meinte Marcolina ernsthaft, »daß in den
+Fragen, die hier zur Sprache stehen, überhaupt endgültige Entscheidungen
+gefällt werden können?« - »Diese Frage wundert mich aus Ihrem Munde,
+Marcolina, deren philosophische, und wenn das Wort hier angebracht
+erscheint, religiöse Ansichten mir zwar keineswegs an sich
+unbestreitbar, aber doch in Ihrer Seele - falls Sie eine solche als
+vorhanden annehmen - vollkommen fest gegründet schienen.« - Marcolina,
+der Spitzen in Casanovas Rede nicht achtend, sah ruhig zum Himmel auf,
+der sich in dunkler Bläue über die Wipfel der Bäume breitete, und
+erwiderte: »Manchmal, besonders an Tagen wie heute,« - und in diesem
+Wort klang nur für Casanova, den Wissenden, aus den Tiefen ihres
+erwachten Frauenherzens eine bebende Andacht mit - »ist mir, als wäre
+all das, was man Philosophie und Religion nennt, nur ein Spiel mit
+Worten, edler freilich, doch auch sinnloser als alle andern sind. Die
+Unendlichkeit und die Ewigkeit zu erfassen wird uns immer versagt sein;
+unser Weg geht von der Geburt zum Tode; was bleibt uns übrig als nach
+dem Gesetz zu leben, das jedem von uns in die Brust gesenkt ist - oder
+auch wider das Gesetz? Denn Auflehnung wie Demut kommen gleichermaßen
+von Gott.«
+
+Olivo sah auf seine Nichte mit scheuer Bewunderung, dann ängstlich zu
+Casanova hin, der nach einer Entgegnung suchte, mit der er Marcolinen
+klarmachen könnte, daß sie Gott sozusagen in einem Atemzug bewies und
+leugnete, - oder daß Gott und Teufel für sie eines seien; - aber er
+spürte, daß er gegen ihr Gefühl nichts andres einzusetzen hatte als
+leere Worte, - und nicht einmal die boten sich ihm heute dar. Doch der
+sonderbar sich verzerrende Ausdruck seiner Mienen schien in Amalia die
+Erinnerung an seine wirren Drohungen von gestern wieder aufzuwecken, und
+sie beeilte sich zu bemerken: »Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie
+mir, Chevalier.« - Marcolina lächelte verloren. »Wir sind es alle in
+unsrer Weise,« sagte Casanova höflich und sah vor sich hin.
+
+Eine plötzliche Biegung des Wegs, und das Kloster lag vor ihnen. Über
+die hohe Umfassungsmauer ragten die schlanken Enden der Zypressen. Auf
+das Geräusch des heranrollenden Wagens hatte sich das Tor aufgetan, ein
+Pförtner mit langem weißen Barte grüßte bedächtig und ließ die Gäste
+ein. Durch einen offenen Bogengang, zwischen dessen Säulen man
+beiderseits in einen ganz verwachsenen, dunkelgrünen Garten sah,
+näherten sie sich dem eigentlichen Klostergebäude, von dessen grauen,
+völlig schmucklosen, gefängnisartigen Mauern eine unfreundlich-kühle
+Luft über sie geweht kam. Olivo zog an dem Glockenstrang, es tönte
+schrill und verhallte sofort, eine tiefverschleierte Nonne öffnete
+schweigend und geleitete die Gäste in den geräumigen kahlen Sprechsaal,
+in dem nur ein paar einfache hölzerne Stühle standen. Nach rückwärts war
+er durch ein dickstäbiges Eisengitter abgeschlossen, jenseits dessen der
+Raum in ein unbestimmtes Dunkel verschwamm. Bitternis im Herzen, dachte
+Casanova jenes Abenteuers, das ihm auch heute noch eines seiner
+wunderbarsten dünkte und das in ganz ähnlicher Umgebung seinen Anfang
+genommen: in seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen von
+Murano auf, die in der Liebe für ihn als Freundinnen sich gefunden und
+ihm gemeinsam unvergleichliche Stunden der Lust geschenkt hatten. Und
+als Olivo im Flüsterton von der strengen Zucht zu sprechen anhub, in
+der hier die Schwestern gehalten seien, die, einmal eingekleidet, ihr
+Antlitz unverhüllt vor keinem Manne zeigen dürften und überdies zu
+ewigem Schweigen verurteilt wären, zuckte um seine Lippen ein Lächeln,
+das gleich wieder erstarrte.
+
+Die Äbtissin stand in ihrer Mitte, wie aus dem Dämmer hervorgetaucht.
+Stumm begrüßte sie die Gäste: mit einem über alle Maßen gütigen Neigen
+des verhüllten Hauptes nahm sie Casanovas Dank für den auch ihm
+gewährten Einlaß entgegen; Marcolina aber, die ihr die Hand küssen
+wollte, schloß sie in die Arme. Dann lud sie alle durch eine
+Handbewegung ein, ihr zu folgen, und führte sie durch einen kleinen
+Nebenraum in einen Gang, der im Viereck rings um einen blühenden Garten
+lief. Im Gegensatz zu jenem äußeren verwilderten schien er mit besondrer
+Sorgfalt gepflegt, und die vielen reichen sonnbeglänzten Beete spielten
+in wundersamen aufgeglühten und verklingenden Farben. Den heißen, fast
+betäubenden Düften aber, die den Blütenkelchen entströmten, schien ein
+ganz besonders geheimnisvoller beigemischt, für den Casanova in seiner
+Erinnerung keinen Vergleich zu finden wußte. Doch wie er eben zu
+Marcolina hiervon ein Wort sagen wollte, merkte er, daß dieser
+geheimnisvolle, herz- und sinnerregende Duft von ihr selber ausging, die
+den Schal, den sie bisher über den Schultern getragen, über den Arm
+gelegt hatte, so daß aus dem Ausschnitt ihrer nun loser gewordenen
+Gewandung aufsteigend der Duft ihres Leibes sich dem der hunderttausend
+Blumen wie ein von Natur verwandter und doch eigentümlicher beigesellte.
+Die Äbtissin, immer stumm, führte die Besucher zwischen den Beeten auf
+schmalen, vielfach gewundenen Wegen, wie durch ein zierliches Labyrinth
+hin und her; in der Leichtigkeit und Raschheit ihres Gangs war die
+Freude zu merken, die sie selbst daran empfand, den andern die bunte
+Pracht ihres Gartens zu weisen; - und als hätte sie's drauf angelegt,
+sie schwindlig zu machen, wie die Führerin eines heiteren Reigentanzes,
+schritt sie, immer eiliger, ihnen voran. Plötzlich aber - Casanova war
+es zumute, als wachte er aus einem wirren Traume auf - fanden sie sich
+alle im Sprechsaal wieder. Jenseits des Gitters schwebten dunkle
+Gestalten; niemand hätte zu unterscheiden vermocht, ob es drei oder fünf
+oder zwanzig verschleierte Frauen waren, die hinter den dichtgestellten
+Stäben wie aufgescheuchte Geister hin und her irrten; und nur Casanovas
+nachtscharfes Auge war imstande, in der tiefen Dämmerung überhaupt
+menschliche Umrisse zu erkennen. Die Äbtissin geleitete ihre Gäste zur
+Tür, gab ihnen stumm das Zeichen, daß sie entlassen seien, und war
+spurlos verschwunden, ehe jene nur Zeit gefunden hatten, ihr den
+schuldigen Dank auszusprechen. Plötzlich, als sie eben den Saal
+verlassen wollten, erklang es aus der Gegend des Gitters her von einer
+Frauenstimme - »Casanova« - nichts als der Name, doch mit einem
+Ausdruck, wie ihn Casanova noch niemals gehört zu haben vermeinte. Ob
+eine Einstmalsgeliebte, - ob eine Niemalsgeschaute eben ein heiliges
+Gelübde gebrochen, um ein letztes, - oder ein erstes Mal seinen Namen in
+die Luft zu hauchen; - ob darin die Seligkeit eines unerwarteten
+Wiedersehens, der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes oder die Klage
+gezittert, daß ein heißer Wunsch aus fernen Tagen sich so spät und
+nutzlos erfüllte, - Casanova vermochte es nicht zu deuten; nur dies eine
+wußte er, daß sein Name, so oft Zärtlichkeit ihn geflüstert,
+Leidenschaft ihn gestammelt, Glück ihn gejubelt hatte, heute zum
+erstenmal mit dem vollen Klang der Liebe an sein Herz gedrungen war.
+Doch eben darum schien jede weitere Neugier ihm unlauter und sinnlos; -
+und hinter einem Geheimnis, das er nimmer enträtseln sollte, schloß sich
+die Tür. Hätten nicht die andern durch Blicke sich scheu und flüchtig zu
+verstehen gegeben, daß auch sie den gleich wieder verhallten Ruf gehört,
+so hätte jeder für seinen Teil an eine Sinnestäuschung glauben können;
+denn keiner sprach ein Wort, während sie durch den Säulengang dem Tore
+zuschritten. Casanova aber folgte als letzter, mit geneigtem Haupt, wie
+von einem großen Abschied. -
+
+Der Pförtner stand am Tor, empfing sein Almosen, und die Gäste stiegen
+in den Wagen, der sie ohne weiteren Verzug heimwärts führte. Olivo
+schien verlegen, Amalia entrückt, Marcolina jedoch völlig unberührt; und
+allzu absichtlich, wie es Casanova dünkte, versuchte sie mit Amalia ein
+Gespräch über Angelegenheiten der Hauswirtschaft einzuleiten, das aber
+Olivo an Stelle seiner Gattin aufnehmen mußte. Bald nahm auch Casanova
+daran teil, der sich auf Fragen, die Küche und Keller betrafen,
+vortrefflich verstand, und keinen Anlaß sah, mit seinen Kenntnissen und
+Erfahrungen auch auf diesem Gebiet, wie zu einem neuen Beweis seiner
+Vielseitigkeit, zurückzuhalten. Nun wachte auch Amalia aus ihrer
+Versonnenheit auf; nach dem fast märchenhaften und doch beklemmenden
+Abenteuer, aus dem sie eben emporgetaucht waren, schienen sich alle,
+besonders aber Casanova, in so irdisch alltäglicher Atmosphäre
+vorzüglich zu behagen, und, als der Wagen vor Olivos Hause hielt, aus
+dem ihnen schon einladend der Geruch von Braten und allerlei Gewürzen
+entgegenströmte, war Casanova gerade in der äußerst appetitreizenden
+Schilderung eines polnischen Pastetengerichts begriffen, der auch
+Marcolina mit einer liebenswürdig-hausfraulichen, von Casanova als
+schmeichelhaft empfundenen Teilnahme zuhörte.
+
+In einer seltsam beruhigten, beinahe vergnügten Stimmung, über die er
+selbst verwundert war, saß er dann mit den andern bei Tische und machte
+Marcolinen in einer scherzhaft aufgeräumten Weise den Hof, wie es sich
+etwa für einen vornehmen ältern Herrn einem wohlerzogenen jungen Mädchen
+aus bürgerlichem Hause gegenüber schicken mochte. Sie ließ es sich gern
+gefallen und gab ihm seine Artigkeiten mit vollendeter Anmut zurück. Ihm
+machte es ebenso große Mühe, sich vorzustellen, daß seine gesittete
+Nachbarin dieselbe Marcolina war, aus deren Fenster er heute nacht einen
+jungen Offizier hatte flüchten sehen, der offenbar noch in der Sekunde
+vorher in ihren Armen gelegen war, - als es ihm schwer fiel, anzunehmen,
+daß dieses zarte Fräulein, das sich mit andern kaum erwachsenen Mädchen
+im Gras herumzuwälzen liebte, - eine gelehrte Korrespondenz mit dem
+berühmten Saugrenue in Paris unterhielt; und er schalt sich zugleich ob
+dieser lächerlichen Trägheit seiner Phantasie. Hatte er nicht schon
+unzählige Male erfahren, daß in jedes wahrhaft lebendigen Menschen Seele
+nicht nur verschiedene, daß sogar scheinbar feindliche Elemente auf die
+friedlichste Weise darin zusammenwohnten? Er selbst, vor kurzem noch ein
+im tiefsten aufgewühlter, ein verzweifelter, ja ein zu bösem Tun
+bereiter Mann; - war er jetzt nicht sanft, gütig und zu so lustigen
+Späßchen aufgelegt, daß die kleinen Töchter Olivos sich manchmal vor
+Lachen schüttelten? Nur an seinem ganz außerordentlichen, fast
+tierischen Hunger, der ihn immer nach starken Aufregungen zu überfallen
+pflegte, erkannte er selbst, daß die Ordnung in seiner Seele noch
+keineswegs völlig hergestellt war.
+
+Mit dem letzten Gang zugleich brachte die Magd ein Schreiben, das ein
+Bote aus Mantua soeben für den Chevalier abgegeben hätte. Olivo, der
+merkte, wie Casanova vor Aufregung erblaßte, gab Auftrag, dem Boten
+Speise und Trank zu reichen, dann wandte er sich an seinen Gast mit den
+Worten: »Lassen Sie sich nicht stören, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren
+Brief.« - »Mit Ihrer Erlaubnis,« erwiderte Casanova, erhob sich, mit
+einer leichten Verneigung, vom Tisch, trat ans Fenster und öffnete das
+Schreiben mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Es kam von Herrn
+Bragadino, seinem väterlichen Freund aus Jugendtagen, einem alten
+Hagestolz, der, nun über achtzig, und vor zehn Jahren Mitglied des Hohen
+Rats geworden, Casanovas Sache in Venedig mit mehr Eifer als die andern
+Gönner zu führen schien. Der Brief, ausnehmend zierlich, nur von etwas
+zittriger Hand geschrieben, lautete wörtlich:
+
+»Mein lieber Casanova. Heute endlich befinde ich mich in der angenehmen
+Lage, Ihnen eine Nachricht zu senden, die, wie ich hoffe, in der
+Hauptsache Ihren Wünschen gerecht werden dürfte. Der Hohe Rat hat sich
+in seiner letzten Sitzung, die gestern abend stattfand, nicht nur bereit
+erklärt, Ihnen die Rückkehr nach Venedig zu gestatten, sondern wünscht
+sogar, daß Sie diese Ihre Rückkehr tunlichst beschleunigen, da
+beabsichtigt wird, die tätige Dankbarkeit, die Sie in zahlreichen
+Briefen in Aussicht gestellt haben, baldigst in Anspruch zu nehmen. Wie
+Ihnen vielleicht nicht bekannt ist, mein lieber Casanova (da wir ja Ihre
+Gegenwart so lange entbehren mußten), haben sich die innern Verhältnisse
+unsrer teuern Vaterstadt im Laufe der letzten Zeit sowohl in politischer
+als auch in sittlicher Hinsicht einigermaßen bedenklich gestaltet.
+Geheime Verbindungen bestehen, die gegen unsre Staatsverfassung
+gerichtet sind, ja einen gewaltsamen Umsturz zu planen scheinen, und wie
+es in der Natur der Dinge liegt, sind es vor allem gewisse freigeistige,
+irreligiöse und in jedem Sinne zuchtlose Elemente, die an diesen
+Verbindungen, die man mit einem härteren Worte auch Verschwörungen
+nennen könnte, in hervorragendem Maße teilhaben. Auf öffentlichen
+Plätzen, in den Kaffeehäusern, von Privatörtlichkeiten gar nicht zu
+reden, werden, wie uns bekannt ist, die ungeheuerlichsten, ja geradezu
+hochverräterische Unterhaltungen geführt; aber nur in den seltensten
+Fällen gelingt es, die Schuldigen auf frischer Tat zu ertappen oder
+ihnen etwas Sicheres nachzuweisen, da gerade gewisse, auf der Folter
+erzwungene Geständnisse sich als so unzuverlässig erwiesen haben, daß
+einige Mitglieder unsres Hohen Rats sich dafür aussprachen, in Hinkunft
+von einer solchen grausamen und dabei oft irreführenden
+Untersuchungsmethode lieber abzusehen. Zwar ist kein Mangel an Leuten,
+die sich gern in den Dienst der Regierung stellen, zum Besten der
+öffentlichen Ordnung und des Staatswohls; aber gerade von diesen Leuten
+sind die meisten als gesinnungstüchtige Anhänger der bestehenden
+Verfassung zu sehr bekannt, als daß man sich in ihrer Gegenwart so
+leicht zu einer unvorsichtigen Bemerkung oder gar zu hochverräterischen
+Reden hinreißen ließe. Nun wurde von einem der Senatoren, den ich
+vorläufig nicht nennen will, in der gestrigen Sitzung die Ansicht
+ausgesprochen, daß jemand, dem der Ruf eines Mannes ohne sittliche
+Grundsätze und überdies der Ruf eines Freigeistes voranginge - kurzum,
+daß ein Mensch wie Sie, Casanova, sobald er sich in Venedig wieder
+zeigte, zweifellos gerade in den verdächtigen Kreisen, von denen hier
+die Rede ist, sofortiger Sympathie und - bei einiger Geschicklichkeit
+von seiner Seite - bald einem rückhaltlosen Vertrauen begegnen müßte.
+Ja meines Erachtens würden sich mit Notwendigkeit, wie nach dem Walten
+eines Naturgesetzes, gerade diejenigen Elemente um Sie versammeln, an
+deren Unschädlichmachung und exemplarischer Bestrafung dem Hohen Rat in
+seiner unermüdlichen Sorge um das Wohl des Staates am meisten gelegen
+ist, und so würden wir es nicht nur als einen Beweis Ihres patriotischen
+Eifers, mein lieber Casanova, sondern auch als ein untrügliches Zeichen
+Ihrer vollkommenen Abkehr von all jenen Tendenzen betrachten, die Sie
+seinerzeit unter den Bleidächern zwar hart, doch, wie auch Sie heute
+einsehen (wenn wir Ihren brieflichen Versicherungen glauben dürfen),
+nicht ganz ungerecht büßen mußten, - wenn Sie sich bereit fänden, in dem
+oben angedeuteten Sinne sofort nach Ihrer Heimkehr bei den nun genügend
+gekennzeichneten Elementen Anschluß zu suchen, sich ihnen in
+freundschaftlicher Weise zuzugesellen, wie einer, der den gleichen
+Tendenzen huldigt, und von allem, was Ihnen verdächtig oder sonstwie
+wissenswürdig erschiene, dem Senat unverzüglichen und eingehenden
+Bericht zu erstatten. Für diese Dienste wäre man geneigt, Ihnen fürs
+erste einen monatlichen Gehalt von zweihundertfünfzig Lire auszusetzen,
+abgesehen von Extragratifikationen in einzelnen besonders wichtigen
+Fällen, sowie Ihnen natürlich auch alle Ihnen in Ausübung Ihres
+Dienstes erwachsenden Kosten (als da sind Freihalten des einen oder
+andern Individuums, kleine Geschenke an Frauenspersonen usw.) ohne
+Bedenklichkeit und Knickerei ersetzt würden. Ich verhehle mir
+keineswegs, daß Sie gewisse Skrupel werden niederzukämpfen haben, ehe
+Sie sich in dem von uns gewünschten Sinne entscheiden sollten; aber
+erlauben Sie mir als Ihrem alten und aufrichtigen Freunde (der auch
+einmal jung gewesen ist) Ihnen zur Erwägung zu geben, daß es niemals als
+unehrenhaft gelten kann, seinem geliebten Vaterlande irgendeinen für
+dessen gesichertes Weiterbestehen notwendigen Dienst zu erweisen, auch
+wenn es ein Dienst von einer Art wäre, wie sie dem oberflächlich und
+nicht patriotisch denkenden Bürger als minder würdig zu erscheinen
+pflegen. Auch möchte ich noch hinzufügen, daß Sie, Casanova, ja
+Menschenkenner genug sind, um den Leichtfertigen vom Verbrecher oder den
+Spötter vom Ketzer zu unterscheiden; und so werden Sie selbst es in der
+Hand haben, in berücksichtigungswerten Fällen Gnade vor Recht ergehen zu
+lassen, und immer nur denjenigen der Strafe zuzuführen, dem eine solche
+Ihrer eigenen Überzeugung nach gebührt. Vor allem aber bedenken Sie, daß
+die Erfüllung Ihres sehnlichsten Wunsches - Ihre Rückkehr in die
+Vaterstadt - wenn Sie den gnädigen Vorschlag des Hohen Rates ablehnen
+sollten, auf lange, ja, wie ich fürchte, auf unabsehbare Frist
+hinausgeschoben wäre, und daß ich selbst, wenn ich auch das hier
+erwähnen darf, als einundachtzigjähriger Greis nach aller menschlicher
+Berechnung auf die Freude verzichten müßte, Sie jemals in meinem Leben
+wiederzusehen. Da Ihre Anstellung aus begreiflichen Gründen nicht so
+sehr einen öffentlichen als einen vertraulichen Charakter tragen soll,
+bitte ich Sie, Ihre Antwort, die ich mich anheischig mache, dem Hohen
+Rate in der nächsten, heute über acht Tage stattfindenden Sitzung
+mitzuteilen, an mich persönlich zu adressieren; und zwar mit möglichster
+Beschleunigung, da, wie ich schon oben andeutete, täglich Gesuche von
+zum Teil höchst vertrauenswürdigen Personen an uns gelangen, die sich
+dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig zur Verfügung stellen.
+Freilich gibt es kaum einen unter diesen, der es an Erfahrung und Geist
+mit Ihnen, mein lieber Casanova, aufzunehmen imstande wäre; und wenn Sie
+zu alldem noch meine Sympathie für Sie ein wenig in Betracht ziehen, so
+kann ich kaum daran zweifeln, daß Sie dem Rufe, der von so hoher und
+wohlgeneigter Stelle an Sie ergeht, freudig Folge leisten werden. Bis
+dahin bin ich in unveränderlicher Freundschaft Ihr anhänglicher
+Bragadino.
+
+Nachschrift. Es wird mir angenehm sein, Ihnen sofort nach Ankündigung
+Ihres Entschlusses einen Wechsel im Betrage von zweihundert Lire auf
+das Bankhaus Valori in Mantua zur Bestreitung der Reisekosten
+auszustellen. Der Obige.«
+
+Casanova hatte längst zu Ende gelesen, aber noch immer hielt er das
+Blatt vors Gesicht, um die Totenblässe seiner verzerrten Züge nicht
+merken zu lassen. Das Geräusch des Mahles mit Tellergeklapper und
+Gläsergeklirr ging indes weiter, doch niemand sprach ein Wort. Endlich
+ließ sich Amalia schüchtern vernehmen: »Die Schüssel wird kalt,
+Chevalier, wollen Sie sich nicht bedienen?« - »Ich danke,« sagte
+Casanova und ließ sein Antlitz wieder sehen, dem er nun dank seiner
+außerordentlichen Verstellungskunst einen ruhigen Ausdruck zu verleihen
+vermocht hatte. »Es sind vortreffliche Nachrichten, die ich hier aus
+Venedig erhalten habe, und ich muß unverzüglich meine Antwort absenden.
+Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich mich sofort zurückziehe.« -
+»Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, Chevalier,« sagte Olivo. »Aber
+vergessen Sie nicht, daß in einer Stunde das Spiel beginnt.«
+
+Casanova ging auf sein Zimmer, sank auf einen Stuhl, kalter Schweiß
+brach an seinem ganzen Körper aus, Frost warf ihn hin und her, und der
+Ekel stieg ihm bis zum Halse hinauf, so daß er glaubte, auf der Stelle
+ersticken zu müssen. Einen klaren Gedanken zu fassen, war er vorerst
+außerstande, und seine ganze Kraft verwandte er darauf, sich
+zurückzuhalten, ohne daß er zu sagen gewußt hätte, wovor. Denn hier im
+Hause war ja niemand, an dem er seinen ungeheuren Zorn hätte austoben
+können, und den dumpfen Einfall, daß Marcolina irgendwie an der
+namenlosen Schmach mitschuldig sei, die ihm widerfahren, vermochte er
+immerhin noch als Tollheit zu erkennen. Als er sich zur Not gesammelt,
+war sein erster Gedanke, an den Schurken Rache zu nehmen, die geglaubt
+hatten, ihn als Polizeispion dingen zu können. In irgendeiner
+Verkleidung wollte er sich nach Venedig schleichen und all die Wichte
+auf listige Weise vom Leben zum Tode bringen - oder wenigstens den
+einen, der den jämmerlichen Plan ausgeheckt hatte. War es etwa gar
+Bragadino selbst? Warum nicht? Ein Greis - so schamlos geworden, daß er
+diesen Brief an Casanova zu schreiben wagte, - so schwachsinnig, daß er
+Casanova - Casanova! den er doch einst gekannt hatte - für einen Spion
+eben gut genug hielt! Ah, er kannte eben Casanova nicht mehr! Niemand
+kannte ihn mehr, so wenig in Venedig als anderswo. Aber man sollte ihn
+wieder kennenlernen. Er war freilich nicht mehr jung und schön genug, um
+ein tugendhaftes Mädchen zu verführen - und kaum mehr gewandt und
+gelenkig genug, um aus Kerkern zu entwischen und auf Dachfirsten zu
+turnen - aber klüger war er noch immer als alle! Und wenn er nur einmal
+in Venedig war, so konnte er dort treiben und lassen, was ihm beliebte;
+es kam nur darauf an, endlich dort zu sein! Dann war es vielleicht gar
+nicht nötig, irgendwen umzubringen; es gab allerlei Arten von Rache,
+witzigere, teuflischere, als eine gewöhnliche Mordtat wäre; und wenn man
+zum Schein etwa den Antrag der Herren annahm, so war es die leichteste
+Sache von der Welt, gerade diejenigen Leute zu verderben, die man
+verderben wollte, und nicht diejenigen, auf die es der Hohe Rat
+abgesehen hatte und die unter allen Venezianern gewiß die allerbravsten
+Kerle waren! Wie? Weil sie Feinde dieser niederträchtigen Regierung
+waren, weil sie als Ketzer galten, sollten sie in dieselben Bleikammern,
+wo er vor fünfundzwanzig Jahren geschmachtet, oder gar unters Beil? Er
+haßte die Regierung noch hundertmal mehr und mit bessern Gründen als
+jene taten, und ein Ketzer war er sein Lebenlang gewesen, war es heute
+noch und mit heiligerer Überzeugung als sie alle! Er hatte sich ja
+selber nur eine vertrackte Komödie vorgespielt in diesen letzten Jahren
+- aus Langeweile und Ekel. Er an Gott glauben? Was war denn das für ein
+Gott, der nur den Jungen hold war und die Alten im Stich ließ? Ein Gott,
+der sich, wann es ihm beliebte, zum Teufel wandelte, Reichtum in Armut,
+Unglück in Glück, und Lust in Verzweiflung kehrte? Hast du deinen Spaß
+mit uns - und wir sollen zu dir beten? - An dir zweifeln ist das einzige
+Mittel, das uns bleibt - dich nicht zu lästern! - Sei nicht! Denn, wenn
+du bist, so muß ich dir fluchen! Er ballte die Fäuste zum Himmel, er
+reckte sich auf. Unwillkürlich drängte sich ein verhaßter Name auf seine
+Lippen. Voltaire! Ja, nun war er in der rechten Verfassung, seine
+Schrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden. Zu vollenden?
+Nein, nun erst sollte sie begonnen werden. Eine neue! Eine andre! - in
+der der lächerliche Greis hergenommen werden sollte, wie er es verdiente
+... um seiner Vorsicht, seiner Halbheit, seiner Kriecherei willen. Ein
+Ungläubiger der? Von dem man in der letzten Zeit immer wieder hörte, daß
+er sich aufs trefflichste mit den Pfaffen stand und zur Kirche, an
+Festtagen sogar zur Beichte ging? Ein Ketzer der? Ein Schwätzer, ein
+großsprecherischer Feigling - nichts andres! Nun aber war die
+fürchterliche Abrechnung nah, nach der von dem großen Philosophen nichts
+übrig bleiben sollte als ein kleines witziges Schreiberlein. Wie hatte
+er sich aufgespielt, der gute Herr Voltaire ... »Ah, mein guter Herr
+Casanova, ich bin Ihnen ernstlich böse. Was gehen mich die Werke des
+Herrn Merlin an? Sie sind schuld, daß ich vier Stunden mit Dummheiten
+verbracht habe.« - Geschmackssache, mein bester Herr Voltaire! Man wird
+die Werke Merlins noch lesen, wenn die Pucelle längst vergessen ist ...
+und auch meine Sonette wird man möglicherweise dann noch schätzen, die
+Sie mir mit einem so unverschämten Lächeln zurückgaben, ohne ein Wort
+darüber zu äußern. Doch das sind Kleinigkeiten. Wir wollen eine große
+Angelegenheit nicht durch schriftstellerische Empfindlichkeiten
+verwirren. Es handelt sich um die Philosophie - um Gott ...! Wir wollen
+die Klingen kreuzen, Herr Voltaire, sterben Sie mir nur gefälligst nicht
+zu früh.
+
+Schon dachte er daran, seine Arbeit auf der Stelle zu beginnen, als ihm
+einfiel, daß der Bote auf Antwort wartete. Und mit fliegender Hand
+entwarf er einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino, einen Brief voll
+geheuchelter Demut und verlogenen Entzückens: er nehme die Gnade des
+Hohen Rats mit freudiger Dankbarkeit an und erwarte den Wechsel mit
+wendender Post, um sich seinen Gönnern, vor allem seinem hochverehrten
+väterlichen Freunde Bragadino sobald als möglich zu Füßen legen zu
+dürfen. Während er eben daran war, den Brief zu versiegeln, klopfte es
+leise an die Tür; Olivos ältestes Töchterlein, die Dreizehnjährige, trat
+ein und bestellte, daß die ganze Gesellschaft bereits versammelt sei und
+den Chevalier mit Ungeduld zum Spiel erwarte. In ihren Augen glimmte es
+sonderbar, ihre Wangen waren gerötet, das frauenhaft dichte Haar
+spielte bläulich-schwarz um ihre Schläfen; der kindliche Mund war halb
+geöffnet: »Hast du Wein getrunken, Teresina?« fragte Casanova und machte
+einen langen Schritt auf sie zu. - »Wahrhaftig - und der Herr Chevalier
+merken das gleich?« Sie wurde noch röter, und wie in Verlegenheit strich
+sie sich mit der Zunge über die Unterlippe. Casanova packte sie bei den
+Schultern, hauchte ihr seinen Atem ins Gesicht, zog sie mit sich, warf
+sie aufs Bett; sie sah ihn mit großen hilflosen Augen an, in denen das
+Glimmen erloschen war; doch als sie ihren Mund wie zum Schreien öffnete,
+zeigte ihr Casanova eine so drohende Miene, daß sie fast erstarrte und
+alles mit sich geschehen ließ, was ihm beliebte. Er küßte sie zärtlich
+wild und flüsterte: »Du mußt es dem Abbate nicht sagen, Teresina, auch
+in der Beichte nicht. Und wenn du später einen Liebhaber kriegst oder
+einen Bräutigam oder gar einen Mann, der braucht es auch nicht zu
+wissen. Du sollst überhaupt immer lügen; auch Vater und Mutter und
+Geschwister sollst du anlügen; auf daß es dir wohl ergehe auf Erden.
+Merk' dir das.« - So lästerte er, und Teresina mußte es wohl für einen
+Segen halten, den er über sie sprach, denn sie nahm seine Hand und küßte
+sie andächtig wie die eines Priesters. Er lachte laut auf. »Komm,« sagte
+er dann, »komm, meine kleine Frau, wir wollen Arm in Arm im Saal unten
+erscheinen!« Sie zierte sich wohl ein wenig, lächelte aber dabei nicht
+unzufrieden.
+
+Es war die höchste Zeit, daß sie aus der Tür traten, denn Olivo kam eben
+erhitzt mit gerunzelten Brauen die Treppe herauf, und Casanova vermutete
+gleich, daß unzarte Scherze des Marchese oder des Abbate über das lange
+Ausbleiben der Kleinen ihm Bedenken verursacht haben mochten. Seine Züge
+erheiterten sich sofort, als er Casanova wie zum Scherz in die Kleine
+eingehängt auf der Schwelle stehen sah. »Verzeihen Sie, mein bester
+Olivo,« sagte Casanova, »daß ich warten ließ. Ich mußte meinen Brief
+erst zu Ende schreiben.« Er hielt ihn Olivo wie ein Beweisstück
+entgegen. »Nimm ihn,« sagte Olivo zu Teresina, indem er ihr die etwas
+verwirrten Haare zurecht strich, »und bring' ihn dem Boten.« - »Und
+hier,« fügte Casanova hinzu, »sind zwei Goldstücke, die gibst du dem
+Mann: er möge sich beeilen, daß der Brief noch heute richtig von Mantua
+nach Venedig abgehe - und meiner Wirtin möge er bestellen, daß ich ...
+heute abend wieder daheim bin.« - »Heute abend?« rief Olivo.
+»Unmöglich!« - »Nun, wir werden sehen,« sagte Casanova herablassend. -
+»Und hier, Teresina, ein Goldstück für dich« ... und auf Olivos Einrede:
+»Leg' es in deine Sparbüchse, Teresina; der Brief, den du in Händen
+hast, ist seine paar tausend Goldstücke wert.« - Teresina lief, und
+Casanova nickte vergnügt; es machte ihm einen ganz besondern Spaß, das
+Dirnchen, deren Mutter und Großmutter ihm auch schon gehört hatten, im
+Angesicht ihres eigenen Vaters für ihre Gunst zu bezahlen.
+
+Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, war das Spiel schon im Gange.
+Die emphatische Begrüßung der andern erwiderte er mit heitrer Würde und
+nahm gegenüber dem Marchese Platz, der die Bank hielt. Die Fenster waren
+gegen den Garten zu offen; Casanova hörte Stimmen, die sich näherten;
+Marcolina und Amalia kamen vorüber, blickten flüchtig in den Saal,
+verschwanden und waren dann nicht mehr zu sehen. Während der Marchese
+die Karten auflegte, wandte sich Lorenzi mit großer Höflichkeit an
+Casanova. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Chevalier, Sie waren besser
+unterrichtet, als ich es gewesen bin: unser Regiment marschiert in der
+Tat bereits morgen vor Abend aus.« Der Marchese schien erstaunt. »Und
+das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi?« - »Es ist wohl nicht so
+wichtig!« - »Für mich nicht so sehr,« meinte der Marchese, »aber für
+meine Gattin! Finden Sie nicht?« Er lachte in einer abstoßenden heisern
+Art. »Übrigens ein wenig doch auch für mich! Da ich gestern vierhundert
+Dukaten an Sie verloren habe und am Ende keine Zeit bleibt, sie
+zurückzugewinnen.« - »Auch uns hat der Leutnant Geld abgewonnen,« sagte
+der jüngere Ricardi, und der ältere, schweigende, sah über die Schulter
+zu dem Bruder auf, der, wie gestern, hinter ihm stand. - »Glück und
+Frauen« ... begann der Abbate. Und der Marchese schloß statt seiner:
+»Zwingt, wer mag.« - Lorenzi streute seine Goldstücke wie achtlos vor
+sich hin. »Da sind sie. Wenn Sie wünschen, alle auf ein Blatt, Marchese,
+damit Sie Ihrem Gelde nicht lange nachzulaufen haben.« Casanova
+verspürte plötzlich eine Art Mitleid für Lorenzi, das er sich selbst
+nicht recht erklären konnte; doch da er von seinem Ahnungsvermögen etwas
+hielt, war er überzeugt, daß der Leutnant im ersten Gefechte, das ihm
+bevorstand, fallen werde. Der Marchese nahm den hohen Satz nicht an;
+Lorenzi bestand nicht darauf; so ging das Spiel, an dem sich auch die
+andern in ihrer bescheidenen Weise, wie tags vorher, beteiligten,
+vorerst nur mit mäßigen Einsätzen weiter. Schon in der nächsten
+Viertelstunde wurden diese höher; und vor Ablauf der darauffolgenden
+hatte Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese verloren. Um
+Casanova schien sich das Glück nicht zu kümmern; er gewann, verlor und
+gewann wieder in fast lächerlich regelmäßigem Wechsel. Lorenzi atmete
+auf, als sein letztes Goldstück zum Marchese hinübergerollt war und
+erhob sich. »Ich danke, meine Herren. Dies wird nun,« er zögerte - »für
+lange mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen Hause gewesen sein.
+Und nun, mein verehrter Herr Olivo, gestatten Sie mir noch, mich von den
+Damen zu verabschieden, ehe ich nach der Stadt reite, wo ich vor
+Sonnenuntergang eintreffen möchte, um meine Zurüstungen für morgen zu
+treffen.« - Unverschämter Lügner, dachte Casanova. In der Nacht bist du
+wieder hier und - bei Marcolina! Neu flammte der Zorn in ihm auf. »Wie?«
+rief der Marchese übel gelaunt, »der Abend noch stundenfern, und das
+Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie wünschen, Lorenzi, mag mein
+Kutscher nach Hause fahren und der Marchesa bestellen, daß Sie sich
+verspäten.« - »Ich reite nach Mantua,« entgegnete Lorenzi ungeduldig. -
+Der Marchese, ohne darauf zu achten, sprach weiter: »Es ist noch Zeit
+genug; rücken Sie nur mit Ihren eigenen Goldstücken heraus, so wenig es
+sein mögen.« Und er warf ihm eine Karte hin. »Ich habe nicht ein
+einziges Goldstück mehr,« sprach Lorenzi müde. - »Was Sie nicht sagen!«
+- »Nicht eines,« wiederholte Lorenzi wie angeekelt. - »Was tut's,« rief
+der Marchese mit einer plötzlichen, nicht sehr angenehm wirkenden
+Freundlichkeit. »Sie sind mir für zehn Dukaten gut, und wenn's sein muß,
+für mehr.« - »Ein Dukaten also,« sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der
+Marchese schlug sie mit den seinen. Lorenzi spielte weiter, als
+verstände sich das nun von selbst; und bald war er dem Marchese hundert
+Dukaten schuldig. Casanova übernahm die Bank und hatte noch mehr Glück
+als der Marchese. Es war indes wieder ein Spiel zu dreien geworden,
+heute ließen sich's auch die Brüder Ricardi ohne Einspruch gefallen; mit
+Olivo und dem Abbate waren sie bewundernde Zuschauer. Kein lautes Wort
+wurde gewechselt, nur die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich
+genug. Der Zufall des Spieles wollte, daß alles Bargeld zu Casanova
+hinüberfloß, und als eine Stunde vergangen war, hatte er zweitausend
+Dukaten zwar von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus des Marchese
+Tasche, der nun ohne einen Soldo dasaß. Casanova stellte ihm zur
+Verfügung, was ihm belieben sollte. Der Marchese schüttelte den Kopf.
+»Ich danke,« sagte er, »nun ist es genug. Für mich ist das Spiel zu
+Ende.« Aus dem Garten klang das Lachen und Rufen der Kinder. Casanova
+hörte Teresinas Stimme heraus; er saß mit dem Rücken gegen das Fenster
+und wandte sich nicht um. Noch einmal versuchte er, zugunsten Lorenzis,
+er wußte selbst nicht warum, den Marchese zum Weiterspielen zu bewegen.
+Dieser erwiderte nur durch ein noch entschiedeneres Kopfschütteln.
+Lorenzi erhob sich. »Ich werde mir erlauben, Herr Marchese, die Summe,
+die ich Ihnen schulde, morgen vor zwölf Uhr mittags persönlich in Ihre
+Hände zu übergeben.« Der Marchese lachte kurz. »Ich bin neugierig, wie
+Sie das anstellen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. Es gibt keinen Menschen
+in Mantua oder anderswo, der Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen würde,
+geschweige zweitausend, insbesondre heute, da Sie morgen ins Feld gehen;
+und es ist nicht so ausgemacht, daß Sie zurückkehren.« - »Sie werden Ihr
+Geld morgen früh acht Uhr erhalten, Herr Marchese, auf - Ehrenwort.« -
+»Ihr Ehrenwort,« sagte der Marchese kalt, »ist mir nicht einmal einen
+Dukaten wert, viel weniger zweitausend.« - Die andern hielten den Atem
+an. Doch Lorenzi erwiderte nur, anscheinend ohne tiefere Erregung: »Sie
+werden mir Genugtuung geben, Herr Marchese.« - »Mit Vergnügen, Herr
+Leutnant,« entgegnete der Marchese, »sobald Sie Ihre Schuld bezahlt
+haben.« - Olivo, aufs peinlichste berührt, sagte ein wenig stotternd:
+»Ich bürge für die Summe, Herr Marchese. Leider habe ich nicht Bargeld
+genug zur Hand, um sofort - doch mein Haus, meine Besitzung« - und er
+wies mit einer ungeschickten Bewegung rings im Kreise umher. »Ich nehme
+Ihre Bürgschaft nicht an,« sagte der Marchese, »um Ihretwillen, Sie
+würden Ihr Geld verlieren.« Casanova sah, wie sich alle Blicke auf das
+Gold richteten, das vor ihm lag. - Wenn ich für Lorenzi bürgte - dachte
+er. Wenn ich für ihn zahlte ... Dies könnte der Marchese nicht
+zurückweisen ... Wär' es nicht beinahe meine Verpflichtung? Es ist ja
+das Gold des Marchese. - Doch er schwieg. Er fühlte, wie ein Plan in ihm
+dumpf erstand, dem er vor allem Zeit lassen mußte, sich klar zu
+gestalten. »Sie sollen Ihr Geld noch heute vor Anbruch der Nacht haben,«
+sagte Lorenzi. »In einer Stunde bin ich in Mantua.« - »Ihr Pferd kann
+den Hals brechen,« erwiderte der Marchese, »Sie auch ... am Ende gar mit
+Absicht.« - »Immerhin,« sagte der Abbate unwillig, »kann Ihnen der
+Leutnant das Geld nicht herzaubern.« Die beiden Ricardi lachten, brachen
+aber gleich wieder ab. »Es ist klar,« wandte sich Olivo an den Marchese,
+»daß Sie dem Leutnant Lorenzi vor allem einmal gestatten müssen, sich zu
+entfernen.« - »Gegen ein Pfand,« rief der Marchese mit funkelnden Augen,
+als machte ihm sein Einfall ein besondres Vergnügen. »Das scheint mir
+nicht übel,« sagte Casanova etwas zerstreut, denn sein Plan reifte
+heran. Lorenzi zog einen Ring vom Finger und ließ ihn auf den Tisch
+gleiten. Der Marchese nahm ihn. »Der mag für tausend gelten.« - »Und der
+hier?« Lorenzi schleuderte einen zweiten Ring vor den Marchese hin.
+Dieser nickte und meinte: »Für ebensoviel.« - »Sind Sie nun zufrieden,
+Herr Marchese?« sagte Lorenzi und schickte sich an, zu gehen. »Ich bin
+zufrieden,« entgegnete der Marchese schmunzelnd, »um so mehr, als diese
+Ringe gestohlen sind.« Lorenzi wandte sich rasch um, und über den Tisch
+hin erhob er die Faust, um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen.
+Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest. »Ich kenne die beiden
+Steine,« sagte der Marchese, ohne sich von seinem Platz zu rühren, »wenn
+sie auch neu gefaßt sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd hat einen
+kleinen Fehler, sonst wäre er zehnmal soviel wert. Der Rubin ist
+tadellos, aber nicht sehr groß. Beide Steine stammen aus einem Schmuck,
+den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe. Und da ich doch nicht
+annehmen kann, daß die Marchesa diese Steine für den Leutnant Lorenzi zu
+Ringen hat fassen lassen, so können sie, - so kann offenbar der ganze
+Schmuck nur gestohlen sein. Also - das Pfand genügt mir, Herr Leutnant,
+bis auf weiteres.« - »Lorenzi!« rief Olivo, »von uns allen haben Sie das
+Wort, daß keine Seele jemals erfahren wird, was soeben hier vorgegangen
+ist.« - »Und was auch Herr Lorenzi begangen haben mag,« sagte Casanova,
+»Sie, Herr Marchese, sind der größre Schuft.« - »Das will ich hoffen,«
+erwiderte der Marchese. »Wenn man einmal so alt ist wie unsereiner, Herr
+Chevalier von Seingalt, darf man sich wenigstens in der Schurkerei von
+niemandem andern übertreffen lassen. Guten Abend, meine Herren.« Er
+stand auf, niemand erwiderte seinen Gruß, und er ging. Für eine kurze
+Weile ward es so still, daß wieder das Lachen der Kinder vom Garten her
+wie in übertriebener Lautheit vernehmlich wurde. Wer hätte auch das Wort
+zu finden vermocht, das jetzt bis in Lorenzis Seele gedrungen wäre, der
+noch immer mit über dem Tisch erhobenem Arm dastand wie vorher?
+Casanova, der als einziger auf seinem Platz sitzengeblieben war, fand
+ein unwillkürliches künstlerisches Gefallen an dieser zwar sinnlos
+gewordenen, gleichsam versteinerten, aber drohend-edlen Geste, die den
+ganzen Jüngling in ein Standbild zu verwandeln schien. Endlich wandte
+sich Olivo an ihn wie mit einer Gebärde der Beschwichtigung, auch die
+Ricardis näherten sich, und der Abbate schien sich zu einer Anrede
+entschließen zu wollen; da fuhr es durch Lorenzis Glieder wie ein kurzes
+Beben; eine gebieterisch unwillige Bewegung wehrte jeden Versuch einer
+Einmischung ab, und mit einem höflichen Neigen des Kopfes verließ er
+ohne Hast den Raum. Im selben Augenblick erhob sich Casanova, der indes
+das Gold, das vor ihm lag, in ein Seidentuch zusammengerafft hatte, und
+folgte ihm auf dem Fuß. Er fühlte, ohne die Mienen der andern zu sehen,
+daß sie alle der Meinung waren, er beeile sich nun, dasjenige zu tun,
+was sie die ganze Zeit über von ihm erwartet, und werde Lorenzi die
+gewonnene Geldsumme zur Verfügung stellen.
+
+In der Kastanienallee, die vom Hause zum Tore führte, holte er Lorenzi
+ein und sagte in leichtem Tone: »Würden Sie mir erlauben, Herr Leutnant
+Lorenzi, mich Ihrem Spaziergang anzuschließen?« Lorenzi, ohne ihn
+anzusehen, erwiderte in einem hochmütigen, seiner Lage kaum ganz
+angemessenen Tone: »Wie's beliebt, Herr Chevalier; aber ich fürchte, Sie
+werden in mir keinen unterhaltenden Gesellschafter finden.« - »Sie,
+Leutnant Lorenzi, vielleicht einen um so unterhaltenderen in mir,« sagte
+Casanova, »und wenn Sie einverstanden sind, nehmen wir den Weg über die
+Weinberge, wo wir ungestört plaudern können.« Sie bogen von der
+Fahrstraße auf denselben schmalen Pfad ein, den, die Gartenmauer
+entlang, Casanova tags vorher mit Olivo gegangen war. »Sie vermuten ganz
+richtig,« so setzte Casanova ein, »daß ich gesonnen bin, Ihnen die Summe
+Geldes anzubieten, die Sie dem Marchese schuldig sind; nicht leihweise,
+denn das - Sie werden mir verzeihen - hielte ich für ein allzu riskantes
+Geschäft, sondern als - freilich geringen Gegenwert für eine
+Gefälligkeit, die Sie mir zu erweisen vielleicht imstande wären.« - »Ich
+höre,« sagte Lorenzi kalt. - »Ehe ich mich weiter äußere,« erwiderte
+Casanova im selben Tone, »bin ich genötigt, eine Bedingung zu stellen,
+von deren Annahme durch Sie ich die Fortsetzung dieser Unterhaltung
+abhängig mache.« - »Nennen Sie Ihre Bedingung.« - »Ich verlange Ihr
+Ehrenwort, daß Sie mich anhören, ohne mich zu unterbrechen, auch wenn
+das, was ich Ihnen zu sagen habe, Ihr Befremden oder Ihr Mißfallen oder
+gar Ihre Empörung erregen sollte. Es steht vollkommen bei Ihnen, Herr
+Leutnant Lorenzi, ob Sie nachher meinen Vorschlag annehmen wollen, über
+dessen Ungewöhnlichkeit ich mich keiner Täuschung hingebe, oder nicht;
+aber die Antwort, die ich von Ihnen erwarte, ist nur ein Ja oder Nein;
+und wie immer sie ausfallen sollte, - von dem, was hier verhandelt
+wurde, zwischen zwei Ehrenmännern, die vielleicht beide zugleich
+Verlorene sind, wird niemals eine Menschenseele erfahren.« - »Ich bin
+bereit, Ihren Vorschlag zu hören.« - »Und nehmen meine Vorbedingung an?«
+- »Ich werde Sie nicht unterbrechen.« - »Und werden kein andres Wort
+erwidern als Ja oder Nein?« - »Kein andres als Ja oder Nein.« - »Gut
+denn,« sagte Casanova. Und während sie langsam hügelaufwärts stiegen,
+zwischen den Rebenstöcken, unter einem schwülen Spätnachmittagshimmel,
+begann Casanova: »Lassen Sie uns die Angelegenheit nach den Gesetzen der
+Logik behandeln, so werden wir einander am besten verstehen. Es besteht
+offenbar keine Möglichkeit für Sie, sich das Geld, das Sie dem Marchese
+schuldig sind, bis zu der von ihm festgesetzten Frist zu verschaffen;
+und für den Fall, daß Sie es ihm nicht zahlen sollten, auch darüber kann
+kein Zweifel sein, ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Da er
+mehr von Ihnen weiß (hier wagte sich Casanova weiter vor als er mußte,
+doch er liebte solche kleine nicht ganz ungefährliche Abenteuer auf
+einem im übrigen vorgezeichneten Weg), als er uns heute verraten hat,
+sind Sie tatsächlich völlig in der Gewalt dieses Schurken, und Ihr
+Schicksal als Offizier, als Edelmann wäre besiegelt. Das ist die eine
+Seite der Sache. Dagegen sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre Schuld
+bezahlt und die - irgendwie in Ihren Besitz gelangten Ringe wieder in
+Händen haben; - und gerettet sein: das heißt für Sie in diesem Fall
+nicht weniger, als daß Ihnen ein Dasein wieder gehört, mit dem Sie schon
+so gut wie abgeschlossen hatten, und zwar, da Sie jung, schön und kühn
+sind, ein Dasein voll Glanz, Glück und Ruhm. Eine solche Aussicht
+scheint mir herrlich genug, besonders wenn auf der andern Seite nichts
+winkt als ein ruhmloser, ja schimpflicher Untergang, um ihr zuliebe ein
+Vorurteil aufzuopfern, das man persönlich eigentlich niemals besaß. Ich
+weiß es, Lorenzi,« setzte er rasch hinzu, als sei er einer Entgegnung
+gewärtig und wollte ihr zuvorkommen, »Sie haben gar keine Vorurteile,
+so wenig als ich sie habe oder jemals hatte; und was ich von Ihnen zu
+verlangen willens bin, ist nichts andres, als was ich selbst an Ihrer
+Stelle unter den gleichen Umständen zu erfüllen mich keinen Augenblick
+besonnen hätte, - wie ich mich auch tatsächlich nie gescheut habe, wenn
+es das Schicksal oder auch nur meine Laune so forderte, eine Schurkerei
+zu begehen oder vielmehr das, was die Narren dieser Erde so zu nennen
+pflegen. Dafür war ich aber auch, gleich Ihnen, Lorenzi, in jeder Stunde
+bereit, mein Leben für weniger als nichts aufs Spiel zu setzen, und das
+macht alles wieder wett. Ich bin es auch jetzt - für den Fall, daß Ihnen
+mein Vorschlag nicht gefiele. Wir sind aus gleichem Stoff gemacht,
+Lorenzi, sind Brüder im Geiste, und so dürfen sich unsre Seelen ohne
+falsche Scham, stolz und nackt, gegenüberstehen. Hier sind meine
+zweitausend Dukaten - vielmehr die Ihren - wenn Sie es ermöglichen, daß
+ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle mit Marcolina verbringe. Wir
+wollen nicht stehenbleiben, Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.«
+
+Sie gingen in den Feldern, unter den niedrigen Obstbäumen, zwischen
+denen die Rebenranken beerenbeladen sich hinschlangen; und Casanova
+sprach ohne Pause weiter. »Antworten Sie mir noch nicht, Lorenzi, denn
+ich bin noch nicht zu Ende. Mein Ansinnen wäre natürlich - nicht etwa
+frevelhaft, aber aussichts- und daher sinnlos, wenn Sie die Absicht
+hätten, Marcolina zu Ihrer Gattin zu machen, oder wenn Marcolina selbst
+ihre Hoffnungen und Wünsche in dieser Richtung schweifen ließe. Aber
+ebenso, wie die vergangene Liebesnacht Ihre erste war (er sprach auch
+diese seine Vermutung wie eine unbezweifelbare Gewißheit aus), ebenso
+war die kommende aller menschlichen Berechnung nach, ja auch nach Ihrer
+eigenen und Marcolinens Voraussicht bestimmt, Ihre letzte zu sein - auf
+sehr lange Zeit - wahrscheinlich auf immer; und ich bin völlig
+überzeugt, daß Marcolina selbst, um ihren Geliebten vor dem sicheren
+Untergange zu bewahren, einfach auf seinen Wunsch hin, ohne Zögern
+bereit wäre, diese eine Nacht seinem Retter zu gewähren. Denn auch sie
+ist Philosophin und daher von Vorurteilen so frei wie wir beide. Aber so
+gewiß ich bin, daß sie diese Probe bestünde, es liegt keineswegs in
+meiner Absicht, daß sie ihr auferlegt werde. Denn eine Willenlose, eine
+innerlich Widerstrebende zu besitzen, das ist etwas, das gerade in
+diesem Falle meinen Ansprüchen nicht genügen würde. Nicht nur als ein
+Liebender, - als ein Geliebter will ich ein Glück genießen, das mir am
+Ende auch groß genug erschiene, um es mit meinem Leben zu bezahlen.
+Verstehen Sie mich wohl, Lorenzi. Daher darf Marcolina nicht einmal
+ahnen, daß ich es bin, den sie an ihren himmlischen Busen schließt; sie
+muß vielmehr fest davon überzeugt sein, daß sie keinen andern als Sie in
+ihren Armen empfängt. Diese Täuschung vorzubereiten ist Ihre Sache, sie
+aufrechtzuerhalten, die meine. Ohne besondre Schwierigkeit werden Sie
+ihr begreiflich machen können, daß Sie genötigt sind, sie vor Eintritt
+der Morgendämmerung zu verlassen; und um einen Vorwand dafür, daß
+diesmal nur stumme Zärtlichkeiten sie beglücken sollen, werden Sie auch
+nicht verlegen sein. Um im übrigen auch jede Gefahr einer nachträglichen
+Entdeckung auszuschließen, werde ich mich im gegebenen Moment anstellen,
+als hörte ich ein verdächtiges Geräusch vor dem Fenster, meinen Mantel
+nehmen - oder vielmehr den Ihren, den Sie mir zu diesem Zwecke natürlich
+leihen müssen - und durchs Fenster verschwinden - auf Nimmerwiedersehen.
+Denn selbstverständlich werde ich dem Anschein nach bereits heute abend
+abreisen, dann unter dem Vorgeben, ich hätte wichtige Papiere vergessen,
+den Kutscher auf halbem Wege zur Umkehr veranlassen und mich durch die
+Hintertür - den Nachschlüssel stellen Sie mir zur Verfügung, Lorenzi, -
+in den Garten, ans Fenster Marcolinens schleichen, das sich um
+Mitternacht auftun wird. Meines Gewands, auch der Schuhe und Strümpfe,
+werde ich mich im Wagen entledigt haben und nur mit dem Mantel angetan
+sein, so daß bei meinem fluchtartigen Entweichen nichts zurückbleibt,
+was mich oder Sie verraten könnte. Den Mantel aber werden Sie zugleich
+mit den zweitausend Dukaten morgen früh fünf Uhr in meinem Gasthof zu
+Mantua in Empfang nehmen, so daß Sie dem Marchese noch vor der
+festgesetzten Stunde sein Geld vor die Füße schleudern können. Hierauf
+nehmen Sie meinen feierlichen Eid entgegen. Und nun bin ich zu Ende.«
+
+Er blieb plötzlich stehen. Die Sonne neigte sich zum Niedergang, ein
+leiser Wind strich über die gelben Ähren, rötlicher Abendschein lag über
+dem Turm von Olivos Haus. Auch Lorenzi stand stille; keine Muskel in
+seinem blassen Antlitz bewegte sich, und er blickte über Casanovas
+Schulter unbewegt ins Weite. Seine Arme hingen schlaff herab, während
+Casanovas Hand, der auf alles gefaßt war, wie zufällig den Griff des
+Degens hielt. Einige Sekunden vergingen, ohne daß Lorenzi seine starre
+Haltung und sein Schweigen aufgab. Er schien in ein ruhiges Nachdenken
+versunken; doch Casanova blieb weiter auf seiner Hut, und in der Linken
+das Tuch mit den Dukaten, die Rechte auf dem Degengriff, sagte er: »Sie
+haben meine Vorbedingung erfüllt als ein Ehrenmann. Ich weiß, daß es
+Ihnen nicht leicht geworden ist. Denn wenn wir auch keine Vorurteile
+besitzen, - die Atmosphäre, in der wir leben, ist von ihnen so
+vergiftet, daß wir uns ihrem Einfluß nicht völlig entziehen können. Und
+so wie Sie, Lorenzi, im Laufe der letzten Viertelstunde mehr als einmal
+nah daran waren, mir an die Gurgel zu fahren, so habe ich wieder -
+lassen Sie mich's Ihnen gestehen - eine Weile mit dem Gedanken gespielt,
+Ihnen die zweitausend Dukaten zu schenken - wie einem - nein, als meinem
+Freund; denn selten, Lorenzi, habe ich zu einem Menschen vom ersten
+Augenblick eine solche rätselhafte Sympathie empfunden wie zu Ihnen.
+Aber hätt' ich dieser großmütigen Regung nachgegeben, in der Sekunde
+darauf hätte ich sie aufs tiefste bereut, geradeso wie Sie, Lorenzi, in
+der Sekunde, eh' Sie sich die Kugel in den Kopf jagten, zur
+verzweiflungsvollen Erkenntnis kämen, daß Sie ein Narr ohnegleichen
+gewesen sind, - um tausend Liebesnächte mit immer neuen Frauen
+hinzuwerfen für eine einzige, der dann keine Nacht - und kein Tag mehr
+folgte.«
+
+Noch immer schwieg Lorenzi; sein Schweigen dauerte sekunden-, es dauerte
+minutenlang, und Casanova fragte sich, wie lang er sich's noch dürfte
+gefallen lassen. Schon war er im Begriff, sich mit einem kurzen Gruße
+abzuwenden und so anzudeuten, daß er seinen Vorschlag als abgelehnt
+betrachte, als Lorenzi, immer wortlos, mit einer durchaus nicht raschen
+Bewegung der rechten Hand nach rückwärts in die Tasche seines
+Rockschoßes griff, und Casanova, der im gleichen Augenblick, nach wie
+vor auf alles gefaßt, einen Schritt zurückgetreten war, wie um sich
+niederzuducken - den Gartenschlüssel überreichte. Die Bewegung
+Casanovas, die immerhin eine Regung von Furcht ausgedrückt hatte, ließ
+um Lorenzis Lippen ein sofort wieder verschwindendes Lächeln des Hohns
+erscheinen. Casanova verstand es, seine aufsteigende Wut, deren
+wirklicher Ausbruch alles wieder hätte zunichte machen können, zu
+unterdrücken, ja zu verbergen, und, den Schlüssel mit einem leichten
+Kopfneigen an sich nehmend, bemerkte er nur: »Das darf ich wohl als ein
+Ja gelten lassen. Von jetzt in einer Stunde - bis dahin werden Sie sich
+mit Marcolina wohl verständigt haben - erwarte ich Sie im Turmgemach, wo
+ich mir erlauben werde, Ihnen gegen Überlassung Ihres Mantels die
+zweitausend Goldstücke sofort zu übergeben. Erstens zum Zeichen meines
+Vertrauens und zweitens, weil ich ja wirklich nicht wüßte, wo ich das
+Gold im Laufe der Nacht verwahren sollte.« - Sie trennten sich ohne
+weitere Förmlichkeit, Lorenzi nahm den Weg zurück, den sie beide
+gekommen, Casanova, auf einem andern, begab sich ins Dorf und sicherte
+sich im Wirtshaus durch ein reichliches Angeld ein Gefährt, das ihn um
+zehn Uhr nachts vor Olivos Hause zur Fahrt nach Mantua erwarten sollte.
+
+Bald darauf, nachdem er sein Gold vorerst an sichrer Stelle im
+Turmgemach verwahrt hatte, trat er in Olivos Garten, wo sich ihm ein
+Anblick bot, der an sich keineswegs merkwürdig, ihn in der Stimmung
+dieser Stunde sonderbar genug berührte. Auf einer Bank am Wiesenrand saß
+Olivo neben Amalia, den Arm um ihre Schulter geschlungen; ihnen zu Füßen
+lagerten die drei Mädchen, wie ermüdet von den Spielen des Nachmittags;
+das jüngste, Maria, hatte das Köpfchen auf dem Schoß der Mutter liegen
+und schien zu schlummern, Nanetta lag ihr zu Füßen auf den Rasen
+hingestreckt, die Arme unter dem Nacken; Teresina lehnte an den Knien
+des Vaters, dessen Finger zärtlich in ihren Locken ruhten; und als
+Casanova sich näherte, grüßte ihn aus ihren Augen keineswegs ein Blick
+lüsternen Einverständnisses, wie er unwillkürlich ihn erwartet, sondern
+ein offenes Lächeln kindlicher Vertrautheit, als wäre, was zwischen ihr
+und ihm vor wenig Stunden erst geschehen, eben nichts andres gewesen als
+ein nichts bedeutendes Spiel. In Olivos Zügen leuchtete es freundlich
+auf, und Amalia nickte dem Herantretenden dankbar herzlich zu. Sie beide
+empfingen ihn, Casanova konnte nicht daran zweifeln, wie jemanden, der
+eben eine edle Tat begangen, aber der zugleich erwartet, daß man aus
+Feingefühl vermeiden werde, ihrer mit einem Worte Erwähnung zu tun.
+»Bleibt es wirklich dabei,« fragte Olivo, »daß Sie uns schon morgen
+verlassen, mein teurer Chevalier?« - »Nicht morgen,« erwiderte Casanova,
+»sondern - wie gesagt - schon heute abend.« Und als Olivo eine neue
+Einwendung erheben wollte, mit einem bedauernden Achselzucken: »Der
+Brief, den ich heute aus Venedig erhielt, läßt mir leider keine andre
+Entscheidung übrig. Die an mich ergangene Aufforderung ist in jedem
+Sinne so ehrenvoll, daß eine Verzögerung meiner Heimkehr eine arge, ja
+eine unverzeihliche Unhöflichkeit gegenüber meinen hohen Gönnern
+bedeuten würde.« Zugleich bat er um die Erlaubnis, sich jetzt
+zurückziehen zu dürfen, um sich für die Abreise bereitzumachen und dann
+die letzten Stunden seines Hierseins ungestört im Kreise seiner
+liebenswürdigen Freunde verbringen zu können.
+
+Und aller Einrede nicht achtend, begab er sich ins Haus, stieg die
+Treppe zum Turmgemach empor und vertauschte vor allem seine prächtige
+Gewandung wieder mit der einfacheren, die für die Fahrt gut genug sein
+mußte. Dann packte er seinen Reisesack und horchte mit einer von Minute
+zu Minute gespannteren Aufmerksamkeit, ob sich nicht endlich die
+Schritte Lorenzis vernehmen ließen. Noch eh' die Frist verstrichen war,
+klopfte es mit einem kurzen Schlag an die Türe, und Lorenzi trat ein,
+im weiten dunkelblauen Reitermantel. Ohne ein Wort zu reden, mit einer
+leichten Bewegung ließ er ihn von den Schultern gleiten, so daß er
+zwischen den beiden Männern als ein formloses Stück Tuch auf dem Boden
+lag. Casanova holte seine Goldstücke unter dem Polster des Bettes hervor
+und streute sie auf den Tisch. Er zählte sorgfältig vor Lorenzis Augen,
+was ziemlich rasch geschehen war, da viele Goldstücke von höherm als
+eines Dukaten Wert darunter waren, übergab Lorenzi die verabredete
+Summe, nachdem er sie zuvor in zwei Beutel verteilt hatte, worauf ihm
+selbst noch etwa hundert Dukaten übrigblieben. Lorenzi tat die
+Geldbeutel in seine beiden Rockschöße und wollte sich wortlos entfernen.
+»Halt, Lorenzi,« sagte Casanova, »es wäre immerhin möglich, daß man
+einander noch einmal im Leben begegnete. Dann sei es nicht mit Groll. Es
+war ein Handel wie ein andrer, wir sind quitt.« Er streckte ihm die Hand
+entgegen. Lorenzi nahm sie nicht; doch nun sprach er das erste Wort.
+»Ich erinnere mich nicht,« sagte er, »daß auch dies in unserm Pakt
+enthalten gewesen wäre.« Er wandte sich und ging.
+
+Sind wir so genau, mein Freund? dachte Casanova. So darf ich mich um so
+sicherer darauf verlassen, daß ich nicht am Ende der Geprellte sein
+werde. Freilich hatte er an diese Möglichkeit keinen Augenblick
+ernstlich gedacht; er wußte aus eigener Erfahrung, daß Leute wie
+Lorenzi ihre besondre Art von Ehre haben, deren Gesetze in Paragraphen
+nicht aufzuzeichnen sind, über die aber von Fall zu Fall ein Zweifel
+kaum bestehen kann. - Er legte Lorenzis Mantel zu oberst in den
+Reisesack, schloß diesen zu; die Goldstücke, die ihm geblieben, steckte
+er zu sich, blickte sich in dem Raum, den er wohl niemals wieder
+betreten sollte, nach allen Seiten um, und, mit Degen und Hut, zur
+Abfahrt fertig, begab er sich in den Saal, wo er Olivo mit Frau und
+Kindern schon am gedeckten Tische sitzend fand. Marcolina trat zugleich
+mit ihm, was Casanova als günstiges Schicksalszeichen deutete, von der
+andern Seite aus dem Garten ein und erwiderte seinen Gruß mit einem
+unbefangenen Neigen des Hauptes. Das Essen wurde aufgetragen; die
+Unterhaltung ging anfangs langsam, ja wie gedämpft von der Stimmung des
+Abschieds in fast mühseliger Weise vonstatten. Amalia schien in
+auffallender Weise mit ihren Kindern beschäftigt und immer besorgt, daß
+diese nicht zuviel oder zuwenig auf ihre Teller bekämen. Olivo, ohne
+ersichtliche Nötigung, sprach von einem unbedeutenden, zu seinen Gunsten
+entschiedenen Prozeß mit einem Gutsnachbar, sowie von einer
+Geschäftsreise, die ihn demnächst nach Mantua und Cremona führen sollte.
+Casanova gab der Hoffnung Ausdruck, den Freund in nicht allzu ferner
+Zeit in Venedig zu begrüßen. Gerade dort, ein sonderbarer Zufall, war
+Olivo noch niemals gewesen. Amalia aber hatte die wunderbare Stadt vor
+langen Jahren als Kind gesehen; wie sie dahingekommen, wußte sie nicht
+mehr zu sagen und erinnerte sich nur eines alten, in einen
+scharlachroten Mantel gehüllten Mannes, der aus einem länglichen
+schwarzen Schiff ausgestiegen, gestolpert und der Länge nach hingefallen
+war. »Auch Sie kennen Venedig nicht?« fragte Casanova Marcolina, die
+gerade ihm gegenübersaß und über seine Schulter in das tiefe Dunkel des
+Gartens schaute. Sie schüttelte wortlos den Kopf. Und Casanova dachte:
+Könnt' ich sie dir zeigen, die Stadt, in der ich jung gewesen bin! O,
+wärst du jung gewesen mit mir ... Und noch ein Gedanke kam ihm,
+sinnloser beinahe als jene: Wenn ich dich jetzt mit mir dahin nähme?
+Aber während all dies unausgesprochen durch seine Seele ging, hatte er
+schon mit jener Leichtigkeit, die ihm auch in Momenten stärkster innerer
+Erregung gegeben war, von der Stadt seiner Jugend zu reden begonnen; so
+kunstvoll und kühl, als gälte es, ein Gemälde zu schildern, bis er,
+unwillkürlich den Ton erwärmend, in die Geschichte seines Lebens geriet,
+und mit einemmal in eigner Gestalt mitten in dem Bilde stand, das nun
+erst zu leben und zu leuchten anfing. Er sprach von seiner Mutter, der
+berühmten Schauspielerin, für die der große Goldoni, ihr Bewunderer,
+seine vortreffliche Komödie »Das Mündel« verfaßt hatte; dann erzählte er
+von seinem trübseligen Aufenthalt in der Pension des geizigen Doktors
+Gozzi, von seiner kindischen Liebe zu der kleinen Gärtnerstochter, die
+später mit einem Lakaien durchgegangen war, von seiner ersten Predigt
+als junger Abbate, nach der er in dem Beutel des Sakristans nicht nur
+die üblichen Geldstücke, sondern auch ein paar zärtliche Briefchen
+vorgefunden, von den Spitzbübereien, die er als Geiger im Orchester des
+Theaters San Samuele mit ein paar gleichgesinnten Kameraden in den
+Gäßchen, Schenken, Tanz- und Spielsälen Venedigs maskiert oder auch
+unmaskiert verübt; doch auch von diesen übermütigen und manchmal recht
+bedenklichen Streichen berichtete er ohne irgendein anstößiges Wort zu
+gebrauchen, ja in einer poetisch-verklärenden Weise, als wollte er auf
+die Kinder Rücksicht nehmen, die wie die andern, Marcolina nicht
+ausgenommen, gespannt an seinen Lippen hingen. Doch die Zeit schritt
+vor, und Amalia schickte ihre Töchter zu Bett. Ehe sie gingen, küßte
+Casanova sie alle aufs zärtlichste, Teresina nicht anders als die zwei
+jüngern, und alle mußten ihm versprechen, ihn bald mit den Eltern in
+Venedig zu besuchen. Als die Kinder fort waren, tat er sich wohl weniger
+Zwang an, aber alles, was er erzählte, brachte er ohne jede
+Zweideutigkeit und vor allem ohne jede Eitelkeit vor, so daß man eher
+den Bericht eines gefühlvollen Narren der Liebe als den eines
+gefährlich-wilden Verführers und Abenteurers zu hören vermeinte. - Er
+sprach von der wunderbaren Unbekannten, die wochenlang mit ihm als
+Offizier verkleidet herumgereist und eines Morgens plötzlich von seiner
+Seite verschwunden war; von der Tochter des adligen Schuhflickers in
+Madrid, die ihn zwischen zwei Umarmungen immer wieder zum frommen
+Katholiken hatte bekehren wollen; von der schönen Jüdin Lia in Turin,
+die prächtiger zu Pferde gesessen war als irgendeine Fürstin; von der
+lieblich-unschuldigen Manon Balletti, der einzigen, die er beinahe
+geheiratet hätte, von jener schlechten Sängerin in Warschau, die er
+ausgepfiffen, worauf er sich mit ihrem Geliebten, dem Krongeneral
+Branitzky, hatte duellieren und aus Warschau fliehen müssen; von der
+bösen Charpillon, die ihn in London so jämmerlich zum Narren gehalten;
+von einer nächtlichen Sturmfahrt, die ihm fast das Leben gekostet, durch
+die Lagunen nach Murano zu seiner angebeteten Nonne; von dem Spieler
+Croce, der, nachdem er in Spa ein Vermögen verloren, auf der Landstraße
+tränenvollen Abschied von ihm genommen und sich auf den Weg nach
+Petersburg gemacht hatte - so wie er dagestanden war, in seidenen
+Strümpfen, in einem apfelgrünen Samtrock und ein Rohrstöckchen in der
+Hand. Er erzählte von Schauspielerinnen, Sängerinnen, Modistinnen,
+Gräfinnen, Tänzerinnen, Kammermädchen; von Spielern, Offizieren,
+Fürsten, Gesandten, Finanzleuten, Musikanten und Abenteurern; und so
+wundersam ward ihm selbst der Sinn von dem wieder neu gefühlten Zauber
+seiner eigenen Vergangenheit umfangen, so vollständig war der Triumph
+all des herrlichen durchlebten, doch unwiederbringlich Gewesenen über
+das armselig Schattenhafte, das sich seiner Gegenwärtigkeit brüsten
+durfte, daß er eben im Begriffe war, die Geschichte eines hübschen
+blassen Mädchens zu berichten, das ihm im Dämmer einer Kirche zu Mantua
+seinen Liebeskummer anvertraut hatte, ohne daran zu denken, daß ihm
+dieses selbe Geschöpf, um sechzehn Jahre gealtert, als die Frau seines
+Freundes Olivo hier am Tische gegenübersaß; - als mit plumpem Schritt
+die Magd eintrat und meldete, daß vor dem Tore der Wagen bereitstehe.
+Und sofort, mit seiner unvergleichlichen Gabe, sich in Traum und Wachen,
+wann immer es nötig war, ohne Zögern zurechtzufinden, erhob sich
+Casanova, um Abschied zu nehmen. Er forderte Olivo, dem vor Rührung die
+Worte versagten, nochmals mit Herzlichkeit auf, ihn mit Frau und Kindern
+in Venedig zu besuchen, und umarmte ihn; als er sich mit der gleichen
+Absicht Amalien näherte, wehrte sie leicht ab und reichte ihm nur die
+Hand, die er ehrerbietig küßte. Wie er sich nun zu Marcolina wandte,
+sagte diese: »All das, was Sie uns heute abend erzählt haben - und noch
+viel mehr - sollten Sie niederschreiben, Herr Chevalier, so wie Sie es
+mit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben.« - »Ist das Ihr
+Ernst, Marcolina?« fragte er mit der Schüchternheit eines jungen Autors.
+Sie lächelte mit leisem Spott. »Ich vermute,« sagte sie, »ein solches
+Buch könnte noch weit unterhaltender werden als Ihre Streitschrift gegen
+Voltaire.« - Das möchte leicht wahr sein, dachte er, ohne es
+auszusprechen. Wer weiß, ob ich deinen Rat nicht einmal befolge? Und du
+selbst, Marcolina, sollst das letzte Kapitel sein. - Dieser Einfall,
+mehr noch der Gedanke, daß dieses letzte Kapitel im Laufe der kommenden
+Nacht erlebt werden sollte, ließ seinen Blick so seltsam erflackern, daß
+Marcolina die Hand, die sie ihm zum Abschied gereicht, aus der seinen
+gleiten ließ, eh' er, sich herabbeugend, einen Kuß darauf zu drücken
+vermocht hatte. Ohne sich irgend etwas, sei es Enttäuschung, sei es
+Groll, merken zu lassen, wandte sich Casanova zum Gehen, indem er durch
+eine jener klaren und einfachen Gesten, die nur ihm gehörten, zu
+verstehen gab, daß ihm niemand, auch Olivo nicht, folgen solle.
+
+Raschen Schritts durcheilte er die Kastanienallee: gab der Magd, die
+den Reisesack in den Wagen geschafft hatte, ein Goldstück, stieg ein und
+fuhr davon.
+
+Der Himmel war von Wolken verhängt. Nachdem man das Dorf hinter sich
+gelassen, wo noch hinter armen Fenstern da und dort ein kleines Licht
+geschimmert hatte, leuchtete nur mehr die gelbe Laterne, die vorn an der
+Deichsel befestigt war, durch die Nacht. Casanova öffnete den Reisesack,
+der zu seinen Füßen lag, nahm Lorenzis Mantel heraus und, nachdem er ihn
+über sich gebreitet, entkleidete er sich unter dessen Schutz mit aller
+gebotenen Vorsicht. Die abgelegte Gewandung, auch Schuhe und Strümpfe,
+versperrte er in den Sack und hüllte sich fester in den Mantel ein.
+Jetzt rief er den Kutscher an: »He, wir müssen wieder zurück!« - Der
+Kutscher wandte sich verdrossen um. - »Ich habe meine Papiere im Hause
+vergessen. Hörst du? Wir müssen zurück.« Und da jener, ein verdrossener,
+magerer, graubärtiger Mensch, zu zögern schien: »Ich verlange es
+natürlich nicht umsonst. Da!« Und er drückte ihm ein Goldstück in die
+Hand. Der Kutscher nickte, murmelte etwas, und mit einem gänzlich
+überflüssigen Peitschenhieb auf das Pferd, wandte er den Wagen. Als sie
+wieder durch das Dorf fuhren, lagen die Häuser alle stumm und
+ausgelöscht. Noch ein Stück Wegs die Landstraße hin, und nun wollte der
+Kutscher in die schmälere, leicht ansteigende Straße einlenken, die zu
+Olivos Besitzung führte. »Halt!« rief Casanova, »wir wollen nicht so nah
+heranfahren, sonst wecken wir die Leute auf. Warte hier an der Ecke. Ich
+bin bald wieder da ... Und sollt' es etwas länger dauern, jede Stunde
+trägt einen Dukaten!« Nun glaubte der Mann ungefähr zu wissen, woran er
+war; Casanova merkte es an der Art, wie jener mit dem Kopf nickte. Er
+stieg aus und eilte weiter, den Augen des Kutschers bald entschwindend,
+bis ans verschlossene Tor, daran vorüber, die Mauer entlang bis zu der
+Ecke, wo sie im rechten Winkel nach oben bog, und nahm nun den Weg durch
+die Weinberge, den er, nachdem er ihn schon zweimal im Tagesschein
+gegangen, leicht zu finden wußte. Er hielt sich der Mauer nahe und
+folgte ihr auch, als sie nun, etwa auf der mittleren Höhe des Hügels,
+wieder im rechten Winkel umbog. Hier ging er auf weichem Wiesengrund, im
+Dunkel der verhängten Nacht weiter, und mußte nur achtgeben, daß er die
+Gartentür nicht verfehlte. Er tastete längs der glatten steinernen
+Umfassung, bis seine Finger das rauhe Holz spürten; worauf er die Türe
+auch in ihrem schmalen Umriß deutlich wahrzunehmen vermochte. Er steckte
+den Schlüssel in das rasch gefundene Schloß, öffnete, trat in den
+Garten und sperrte hinter sich wieder zu. Er sah das Haus mit dem Turm
+jenseits der Wiese in unwahrscheinlicher Entfernung und in einer ebenso
+unwahrscheinlichen Höhe aufragen. Eine Weile stand er ruhig; er sah um
+sich; denn was für andre Augen noch undurchdringliche Finsternis gewesen
+wäre, war für die seinen nur tiefe Dämmerung. Er wagte es, statt in der
+Allee, deren Kies seinen nackten Füßen weh tat, auf der Wiese
+weiterzugehen, die den Ton seiner Schritte verschlang. Er glaubte zu
+schweben; so leicht war sein Gang. - War mir anders zumute, dachte er,
+zur Zeit, da ich als Dreißigjähriger solche Wege ging? Fühl' ich nicht
+wie damals alle Gluten des Verlangens und alle Säfte der Jugend durch
+meine Adern kreisen? Bin ich nicht heute Casanova, wie ich's damals
+war?... Und da ich Casanova bin, warum sollte an mir das klägliche
+Gesetz nicht zuschanden werden, dem andre unterworfen sind, und das
+Altern heißt! Und immer kühner werdend, fragte er sich: Warum schleich
+ich in einer Maske zu Marcolina? Ist Casanova nicht mehr als Lorenzi,
+auch wenn er um dreißig Jahre älter ist? Und wäre sie nicht das Weib,
+dies Unbegreifliche zu begreifen?... War es nötig, eine kleine
+Schurkerei zu begehen und einen andern zu einer etwas größern zu
+verleiten? Wäre man nicht mit etwas Geduld zum gleichen Ziel gekommen?
+Lorenzi ist morgen fort, ich wäre geblieben ... Fünf Tage ... drei -
+und sie hätte mir gehört - _wissend_ mir gehört. - Er stand an die Wand
+des Hauses gedrückt, neben Marcolinens Fenster, das noch fest
+verschlossen war, und seine Gedanken flogen weiter. Ist es denn zu spät
+dazu?... Ich könnte wiederkommen, - morgen, übermorgen ... und begänne
+das Werk der Verführung - als ehrlicher Mann sozusagen. Die heutige
+Nacht wäre ein Vorschuß auf die künftigen. Ja Marcolina müßte nicht
+einmal erfahren, daß ich heute dagewesen bin - oder erst später - viel
+später. -
+
+Das Fenster war noch immer fest geschlossen; auch dahinter rührte sich
+nichts. Es fehlten wohl noch ein paar Minuten auf Mitternacht. Sollte er
+sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster klopfen? Da nichts
+dergleichen ausgemacht war, hätte es vielleicht doch in Marcolina einen
+Verdacht werfen können. Also warten. Lange konnte es nicht mehr dauern.
+Der Gedanke, daß sie ihn sofort erkennen, den Betrug durchschauen
+konnte, eh' er vollzogen war, kam ihm, nicht zum erstenmal, doch ebenso
+flüchtig und als die natürliche verstandesmäßige Erwägung einer
+entfernten, ins Unwahrscheinliche verschwimmenden Möglichkeit, nicht als
+eine ernstliche Befürchtung. Ein etwas lächerliches Abenteuer fiel ihm
+ein, das nun zwanzig Jahre zurücklag; das mit der häßlichen Alten in
+Solothurn, mit der er eine köstliche Nacht verbracht hatte, in der
+Meinung, eine angebetete schöne junge Frau zu besitzen - und die ihn
+überdies tags darauf in einem unverschämten Brief ob seines ihr höchst
+erwünschten, von ihr mit infamer List geförderten Irrtums verhöhnt
+hatte. Er schüttelte sich in der Erinnerung vor Ekel. Gerade daran hätte
+er jetzt lieber nicht denken sollen, und er verjagte das abscheuliche
+Bild. - Nun, war es nicht endlich Mitternacht? Wie lange sollte er noch
+hier stehen an die Mauer gedrückt, fröstelnd in der Kühle der Nacht?
+Oder gar vergeblich warten? Der Geprellte sein - trotz allem? -
+Zweitausend Dukaten für nichts? Und Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang?
+Seiner spottend? - Unwillkürlich faßte er den Degen etwas fester, den er
+unter dem Mantel an seinen nackten Leib gepreßt hielt. Von einem Kerl
+wie Lorenzi mußte man am Ende auch der peinlichsten Überraschung
+gewärtig sein. - Aber dann ... In diesem Augenblick hörte er ein leises
+knackendes Geräusch, - er wußte, daß nun das Gitter von Marcolinens
+Fenster sich zurückschob, gleich darauf öffneten sich beide Flügel weit,
+während der Vorhang noch zugezogen blieb. Casanova hielt sich ein paar
+Sekunden regungslos, bis von unsichtbarer Hand gerafft der Vorhang sich
+nach der einen Seite hob; das war für Casanova ein Zeichen, sich über
+die Brüstung ins Zimmer zu schwingen und sofort Fenster und Gitter
+hinter sich zu schließen. Der geraffte Vorhang war über seinen Schultern
+wieder gesunken, so daß er genötigt war, darunter hervorzukriechen, und
+nun wäre er in völliger Finsternis dagestanden, wenn nicht aus der Tiefe
+des Gemachs, in unbegreiflicher Entfernung, wie von seinem eignen Blick
+erweckt, ein mattes Schimmern ihm den Weg gewiesen hätte. Nur drei
+Schritt - und sehnsüchtige Arme breiteten sich nach ihm aus; er ließ den
+Degen aus der Hand, den Mantel von seinen Schultern gleiten und sank in
+sein Glück.
+
+An Marcolinens seufzendem Vergehen, an den Tränen der Seligkeit, die er
+ihr von den Wangen küßte, an der immer wieder erneuten Glut, mit der sie
+seine Zärtlichkeiten empfing, erkannte er bald, daß sie seine
+Entzückungen teilte, die ihm als höhere, ja von neuer, andrer Art
+erschienen, als er jemals genossen. Lust ward zur Andacht, tiefster
+Rausch ward Wachsein ohnegleichen; hier endlich war, die er schon so
+oft, töricht genug zu erleben geglaubt, und die er noch niemals wirklich
+erlebt hatte - Erfüllung war an Marcolinens Herzen. Er hielt die Frau in
+seinen Armen, an die er sich verschwenden durfte, um sich unerschöpflich
+zu fühlen; - an deren Brüsten der Augenblick des letzten Hingegebenseins
+und des neuen Verlangens in einen einzigen von ungeahnter Seelenwonne
+zusammenfloß. War an diesen Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und
+Ewigkeit Eines? War er nicht ein Gott -? Jugend und Alter nur eine
+Fabel, von Menschen erfunden? - Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm
+und Vergessensein - wesenlose Unterscheidungen zum Gebrauch von
+Ruhelosen, von Einsamen, von Eiteln - und sinnlos geworden, wenn man
+Casanova war und Marcolina gefunden? Unwürdig, ja lächerlicher von
+Minute zu Minute erschien es ihm, sich, einem Vorsatz getreu, den er
+früher als Kleinmütiger gefaßt, aus dieser Wundernacht stumm, unerkannt,
+wie ein Dieb zu flüchten. Im untrüglichen Gefühl ebenso der Beglückende
+zu sein, als er der Beglückte war, glaubte er sich schon zu dem Wagnis
+entschlossen, seinen Namen zu nennen, wenn er sich auch immer noch
+bewußt war, damit ein großes Spiel zu spielen, das er, wenn er es
+verlor, bereit sein mußte, mit dem Dasein zu bezahlen. Noch war
+undurchdringliche Dunkelheit um ihn, und bis durch den dichten Vorhang
+das erste Dämmern brach, durfte er ein Geständnis hinauszögern, an
+dessen Aufnahme durch Marcolina sein Schicksal, ja sein Leben hing. Aber
+war denn nicht gerade dieses stummselige, süßverlorene Zusammensein dazu
+gemacht, ihm Marcolina von Kuß zu Kuß unlöslicher zu verbinden? Wurde,
+was sich als Betrug entsponnen, nicht Wahrheit in den namenlosen
+Entzückungen dieser Nacht? Ja, durchschauerte sie, die Betrogene, die
+Geliebte, die Einzige, nicht selbst schon eine Ahnung, daß es nicht
+Lorenzi, der Jüngling, der Wicht, daß es ein Mann, - daß es Casanova
+war, in dessen Göttergluten sie verging? Und schon begann er es für
+möglich zu halten, daß ihm der ersehnte und doch gefürchtete Augenblick
+des Geständnisses gänzlich erspart bleiben würde; er träumte davon, daß
+Marcolina selbst, bebend, gebannt, erlöst ihm seinen Namen
+entgegenflüstern würde. Und dann - wenn sie so ihm verziehen - nein -
+seine Verzeihung empfangen -, dann wollte er sie mit sich nehmen,
+sofort, in dieser selben Stunde noch; - mit ihr im Grauen der Frühe das
+Haus verlassen, mit ihr in den Wagen steigen, der draußen an der
+Straßenbiegung wartete ... mit ihr davonfahren, für immer sie halten,
+sein Lebenswerk damit krönen, daß er, in Jahren, da andre sich zu einem
+trüben Greisentum bereiten, die Jüngste, die Schönste, die Klügste durch
+die ungeheure Macht seines unverlöschlichen Wesens gewonnen und sie für
+alle Zeit zur Seinen gemacht hatte. Denn diese war sein, wie keine vor
+ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle schmale Kanäle, zwischen
+Palästen hin, in deren Schatten er nun wieder heimisch war, unter
+geschwungenen Brücken, über die verdämmernde Gestalten huschten; manche
+winkten über die Brüstung ihnen entgegen und waren wieder verschwunden,
+eh' man sie recht erblickt. Nun legte die Gondel an; Marmorstufen
+führten in das prächtige Haus des Senators Bragadino; es war als das
+einzige festlich beleuchtet; treppauf, treppab liefen Vermummte - manche
+blieben neugierig stehen, aber wer konnte Casanova und Marcolina hinter
+ihren Masken erkennen? Er trat mit ihr in den Saal. Hier wurde ein
+großes Spiel gespielt. Alle Senatoren, auch Bragadino, in ihren
+Purpurmänteln, reihten sich um den Tisch. Als Casanova eintrat,
+flüsterten sie alle seinen Namen wie im höchsten Schrecken; denn am
+Blitz seiner Augen hinter der Maske hatten sie ihn erkannt. Er setzte
+sich nicht nieder; er nahm keine Karten, aber er spielte mit. Er gewann,
+er gewann alles Gold, das auf dem Tische lag, das war aber zuwenig; die
+Senatoren mußten Wechsel ausstellen; sie verloren ihr Vermögen, ihre
+Paläste, ihre Purpurmäntel, - sie waren Bettler, sie krochen in Lumpen
+um ihn her, sie küßten ihm die Hände, und daneben, in einem dunkelroten
+Saale, war Musik und Tanz. Casanova wollte mit Marcolina tanzen, doch
+die war fort. Die Senatoren in ihren Purpurmänteln saßen wieder um den
+Tisch wie vorher; aber nun wußte Casanova, daß es nicht Karten waren,
+sondern Angeklagte, Verbrecher und Unschuldige, um deren Schicksal es
+ging. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze Zeit ihr Handgelenk
+umklammert gehalten? Er stürzte die Treppen hinunter, die Gondel
+wartete; nur weiter, weiter, durch das Gewirr von Kanälen, natürlich
+wußte der Ruderer, wo Marcolina weilte; warum aber war auch er maskiert?
+Das war früher nicht üblich gewesen in Venedig. Casanova wollte ihn zur
+Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird man so feig als alter Mann?
+Und immer weiter - was für eine Riesenstadt war Venedig in diesen
+fünfundzwanzig Jahren geworden! Nun endlich wichen die Häuser zurück,
+breiter wurde der Kanal - zwischen Inseln glitten sie hin, dort ragten
+die Mauern des Klosters von Murano, in das Marcolina sich geflüchtet
+hatte. Fort war die Gondel, - jetzt hieß es schwimmen -, wie war das
+schön! Indes spielten freilich die Kinder in Venedig mit seinen
+Goldstücken; aber was lag ihm an Gold?... Das Wasser war bald warm, bald
+kühl; es tropfte von seinen Kleidern, als er die Mauer hinankletterte. -
+Wo ist Marcolina? fragte er im Sprechsaal laut, schallend, wie nur ein
+Fürst fragen darf. Ich werde sie rufen, sagte die Herzogin-Äbtissin und
+versank. Casanova ging, flog, flatterte hin und her, immer längs der
+Gitterstäbe, wie eine Fledermaus. Hätte ich das nur früher gewußt, daß
+ich fliegen kann. Ich werde es auch Marcolina lehren. Hinter den Stäben
+schwebten weibliche Gestalten. Nonnen - doch sie trugen alle weltliche
+Tracht. Er wußte es, obwohl er sie gar nicht sah, und er wußte auch, wer
+sie waren. Henriette war es, die Unbekannte, und die Tänzerin Corticelli
+und Cristina, die Braut, und die schöne Dubois und die verfluchte Alte
+aus Solothurn und Manon Balletti ... und hundert andre, nur Marcolina
+war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen, rief er dem Ruderer zu, der
+unten in der Gondel wartete; er hatte noch keinen Menschen auf Erden so
+gehaßt wie den, und er schwor sich zu, eine ausgesuchte Rache an ihm zu
+nehmen. Aber war es nicht auch eine Narrheit, daß er Marcolina im
+Kloster von Murano gesucht hatte, da sie doch zu Voltaire gereist war?
+Wie gut, daß er fliegen konnte, einen Wagen hätte er doch nicht mehr
+bezahlen können. Und er schwamm davon; aber nun war das gar kein solches
+Glück mehr, als er gedacht hatte; es wurde kalt und immer kälter, er
+trieb im offenen Meer, weit von Murano, weit von Venedig - kein Schiff
+ringsum, seine schwere goldgestickte Gewandung zog ihn nach unten; er
+versuchte sich ihrer zu entledigen, doch es war unmöglich, da er sein
+Manuskript in der Hand hielt, das er Herrn Voltaire überreichen mußte, -
+er bekam Wasser in den Mund, in die Nase, Todesangst überfiel ihn, er
+griff um sich, er röchelte, er schrie und öffnete mühselig die Augen.
+
+Durch einen schmalen Spalt zwischen Vorhang und Fensterrand war ein
+Strahl der Dämmerung hereingebrochen. Marcolina, in ihr weißes
+Nachtgewand gehüllt, das sie mit beiden Händen über der Brust
+zusammenhielt, stand am Fußende des Bettes und betrachtete Casanova mit
+einem Blick unnennbaren Grauens, der ihn sofort und völlig wach machte.
+Unwillkürlich, wie mit einer Gebärde des Flehens, streckte er die Arme
+nach ihr aus. Marcolina, wie zur Erwiderung, wehrte mit einer Bewegung
+ihrer Linken ab, während sie mit der Rechten ihr Gewand über der Brust
+noch krampfhafter zusammenfaßte. Casanova erhob sich halb, sich mit
+beiden Händen auf das Lager stützend, und starrte sie an. Er vermochte
+den Blick von ihr so wenig abzuwenden als sie von ihm. Wut und Scham war
+in dem seinen, in dem ihren Scham und Entsetzen. Und Casanova wußte, wie
+sie ihn sah; denn er sah sich selbst gleichsam im Spiegel der Luft und
+erblickte sich so, wie er sich gestern in dem Spiegel gesehen, der im
+Turmgemach gehangen: ein gelbes böses Antlitz mit tiefgegrabenen Falten,
+schmalen Lippen, stechenden Augen - und überdies von den Ausschweifungen
+der verflossenen Nacht, dem gehetzten Traum des Morgens, der furchtbaren
+Erkenntnis des Erwachens dreifach verwüstet. Und was er in Marcolinens
+Blick las, war nicht, was er tausendmal lieber darin gelesen: Dieb -
+Wüstling - Schurke -; er las nur dies eine -, das ihn schmachvoller zu
+Boden schlug als alle andern Beschimpfungen vermocht hätten - er las das
+Wort, das ihm von allen das furchtbarste war, da es sein endgültiges
+Urteil sprach: Alter Mann. - Wäre es in diesem Augenblick in seiner Macht
+gestanden, sich selbst durch ein Zauberwort zu vernichten - er hätte es
+getan, nur um nicht unter der Decke hervorkriechen und sich Marcolinen
+in seiner Blöße zeigen zu müssen, die ihr verabscheuungswürdiger dünken
+mußte als der Anblick eines ekelhaften Tieres. - Sie aber, wie
+allmählich zur Besinnung kommend, und offenbar in dem Bedürfnis, ihm
+möglichst rasch zu dem Gelegenheit zu geben, was doch unerläßlich war,
+kehrte ihr Gesicht nach der Wand, und er benutzte die Zeit, um aus dem
+Bette zu steigen, den Mantel vom Boden aufzunehmen und sich darein zu
+hüllen. Auch seines Degens versicherte er sich sofort, und nun, da er
+sich zum mindesten der schlimmsten Schmach, der Lächerlichkeit entronnen
+dünkte, dachte er schon daran, ob er nicht etwa die ganze, für ihn so
+klägliche Angelegenheit durch wohlgesetzte Worte, um die er ja sonst
+nicht verlegen war, in ein andres Licht rücken, ja irgendwie zu seinen
+Gunsten wenden könnte. Daß Lorenzi Marcolina an ihn verkauft hatte,
+daran konnte nach der Lage der Dinge kein Zweifel für sie sein; - aber
+wie tief sie den Elenden in diesem Augenblick auch hassen mochte,
+Casanova fühlte, daß er, der feige Dieb, ihr noch tausendmal
+hassenswerter erscheinen mußte. Etwas andres verhieß vielleicht eher
+Genugtuung: Marcolina mit anspielungsreicher, mit höhnisch-lüsterner
+Rede zu erniedrigen: - doch auch dieser tückische Einfall schwand dahin
+vor einem Blick, dessen entsetzensvoller Ausdruck sich allmählich in
+eine unendliche Traurigkeit gewandelt hatte, als wäre es nicht nur
+Marcolinens Weiblichkeit, die Casanova geschändet - nein, als hätte in
+dieser Nacht List gegen Vertrauen, Lust gegen Liebe, Alter gegen Jugend
+sich namenlos und unsühnbar vergangen. Unter diesem Blick, der zu
+Casanovas schlimmster Qual alles, was noch gut in ihm war, für eine
+kurze Weile neu entzündete, wandte er sich ab; - ohne sich noch einmal
+nach Marcolinen umzusehen, ging er ans Fenster, raffte den Vorhang zur
+Seite, öffnete Fenster und Gitter, warf einen Blick in den dämmernden
+Garten, der noch zu schlummern schien, und schwang sich über die
+Brüstung ins Freie. Da er die Möglichkeit erwog, daß irgendwer im Hause
+schon erwacht sein und ihn von einem Fenster aus erblicken könnte,
+vermied er die Wiese und ließ sich von der Allee in ihren schützenden
+Schatten aufnehmen. Er trat durch die Gartentür ins Freie hinaus und
+hatte kaum hinter sich zugeschlossen, als ihm jemand entgegentrat und
+den Weg verstellte. Der Ruderer ... war sein erster Gedanke. Denn nun
+wußte er plötzlich, daß der Gondelführer in seinem Traum niemand andrer
+gewesen war als Lorenzi. Da stand er. Sein roter Waffenrock mit der
+silbernen Verschnürung brannte durch den Morgen. Welche prächtige
+Uniform, dachte Casanova in seinem verwirrten und ermüdeten Gehirn,
+sieht sie nicht aus wie neu? - Und ist sicher nicht bezahlt ... Diese
+nüchternen Erwägungen brachten ihn völlig zur Besinnung, und sobald er
+sich der Lage bewußt war, fühlte er sich froh. Er nahm seine stolzeste
+Haltung an, faßte den Degengriff unter dem hüllenden Mantel fester und
+sagte im liebenswürdigsten Ton: »Finden Sie nicht, Herr Leutnant
+Lorenzi, daß Ihnen dieser Einfall etwas verspätet kommt?« - »Doch
+nicht,« erwiderte Lorenzi - und er war schöner in diesem Augenblick als
+irgendein Mensch, den Casanova je gesehen -, »da doch nur einer von uns
+den Platz lebend verlassen wird.« - »Sie haben es eilig, Lorenzi,« sagte
+Casanova in einem fast weichen Ton. »Wollen wir die Sache nicht
+wenigstens bis Mantua aufschieben? Es wird mir eine Ehre sein, Sie in
+meinem Wagen mitzunehmen. Er wartet an der Straßenbiegung. Auch hätte
+es manches für sich, wenn die Formen gewahrt würden ... gerade in unserm
+Fall.« - »Es bedarf keiner Formen. Sie, Casanova, oder ich, - und noch
+in dieser Stunde.« Er zog den Degen. Casanova zuckte die Achseln. »Wie
+Sie wünschen, Lorenzi. Aber ich möchte Ihnen doch zu bedenken geben, daß
+ich leider gezwungen wäre, in einem völlig unangemessenen Kostüm
+anzutreten.« Er schlug den Mantel auseinander und stand nackt da, den
+Degen wie spielend in der Hand. In Lorenzis Augen stieg eine Welle von
+Haß. »Sie sollen nicht im Nachteil mir gegenüber sein,« sagte er und
+begann mit großer Geschwindigkeit, sich all seiner Kleidungsstücke zu
+entledigen. Casanova wandte sich ab und hüllte sich solange wieder in
+seinen Mantel, da es trotz der allmählich durch den Morgendunst
+brechenden Sonne nun empfindlich kühl geworden war. Von den Bäumen, die
+spärlich auf der Höhe des Hügels standen, fielen lange Schatten über den
+Rasen hin. Einen Moment lang dachte Casanova, ob nicht am Ende jemand
+hier vorbeikommen könnte? Doch der Pfad, der längs der Mauer zur
+rückwärtigen Gartentür lief, wurde wohl nur von Olivo und den Seinen
+benutzt. Es fiel Casanova ein, daß er nun vielleicht die letzten Minuten
+seines Daseins durchlebte, und er wunderte sich, daß er vollkommen ruhig
+war. Herr Voltaire hat Glück, dachte er flüchtig; aber im Grunde war
+ihm Voltaire höchst gleichgültig, und er hätte gewünscht, in dieser
+Stunde holdere Bilder vor seine Seele zaubern zu können als das
+widerliche Vogelgesicht des alten Literaten. War es übrigens nicht
+sonderbar, daß jenseits der Mauer in den Wipfeln der Bäume keine Vögel
+sangen? Das Wetter würde sich wohl ändern. Doch was ging ihn das Wetter
+an? Er wollte lieber Marcolinens gedenken, der Wonnen, die er in ihren
+Armen genossen, und die er nun teuer bezahlen sollte. Teuer? - Wohlfeil
+genug! Ein paar Greisenjahre - in Elend und Niedrigkeit ... Was hatte er
+noch zu tun auf der Welt?... Herrn Bragadino vergiften? - War es der
+Mühe wert? Nichts war der Mühe wert ... Wie dünn dort oben die Bäume
+standen! Er begann sie zu zählen. Fünf ... sieben ... zehn - Sollte ich
+nichts Wichtigeres zu tun haben?... - »Ich bin bereit, Herr Chevalier!«
+Rasch wandte sich Casanova um. Lorenzi stand ihm gegenüber, herrlich in
+seiner Nacktheit wie ein junger Gott. Alles Gemeine war aus seinem
+Antlitz weggelöscht; er schien so bereit, zu töten als zu sterben. -
+Wenn ich meinen Degen hinwürfe? dachte Casanova. Wenn ich ihn umarmte?
+Er ließ den Mantel von seinen Schultern gleiten und stand nun da wie
+Lorenzi, schlank und nackt. Lorenzi senkte den Degen zum Gruß nach den
+Regeln der Fechtkunst, Casanova gab den Gruß zurück; im nächsten
+Augenblick kreuzten sie die Klingen, und silbernes Morgenlicht spielte
+glitzernd von Stahl zu Stahl. Wie lang ist es nur her, dachte Casanova,
+seit ich zum letztenmal einem Gegner mit dem Degen gegenübergestanden
+bin? Doch keines seiner ernsthafteren Duelle wollte ihm jetzt einfallen,
+sondern nur die Fechtübungen, die er vor zehn Jahren noch mit Costa,
+seinem Kammerdiener, abzuhalten pflegte, dem Lumpen, der ihm später mit
+hundertfünfzigtausend Lire durchgegangen war. Immerhin, dachte Casanova,
+er war ein tüchtiger Fechter; - und auch ich habe nichts verlernt! Sein
+Arm war sicher, seine Hand war leicht, sein Auge blickte so scharf wie
+je. Eine Fabel ist Jugend und Alter, dachte er ... Bin ich nicht ein
+Gott? Wir beide nicht Götter? Wer uns jetzt sähe! - Es gäbe Damen, die
+sich's was kosten ließen. Die Schneiden bogen sich, die Spitzen
+flirrten; nach jeder Berührung der Klingen sang es leise in der
+Morgenluft nach. Ein Kampf? Nein, ein Turnier ... Warum dieser Blick des
+Entsetzens, Marcolina? Sind wir nicht beide deiner Liebe wert? Er ist
+nur jung, ich aber bin Casanova!... Da sank Lorenzi hin, mit einem Stich
+mitten ins Herz. Der Degen entfiel seiner Hand, er riß die Augen weit
+auf, wie im höchsten Erstaunen, hob noch einmal das Haupt, seine Lippen
+verzogen sich schmerzlich, er ließ das Haupt sinken, seine Nasenflügel
+öffneten sich weit, ein leises Röcheln, er starb. - Casanova beugte sich
+zu ihm hinab, kniete neben ihm nieder, sah ein paar Blutstropfen aus der
+Wunde sickern, führte die Hand ganz nahe an des Gefallenen Mund; kein
+Hauch des Lebens berührte sie. Ein kühler Schauer floß durch Casanovas
+Glieder. Er erhob sich und nahm seinen Mantel um. Dann trat er wieder an
+die Leiche und blickte auf den Jünglingsleib hinab, der in
+unvergleichlicher Schönheit auf dem Rasen hingestreckt lag. Ein leises
+Rauschen ging durch die Stille; es war der Morgenwind, der durch die
+Wipfel jenseits der Gartenmauer strich. Was tun? fragte sich Casanova.
+Leute rufen? Olivo? Amalia? Marcolina? - Wozu? Lebendig macht ihn keiner
+mehr! - Er überlegte mit der kalten Ruhe, die ihm in den gefährlichsten
+Momenten seines Daseins immer eigen gewesen war. - Bis man ihn findet,
+kann es viele Stunden dauern, vielleicht bis zum Abend, auch länger. Bis
+dahin hab' ich Zeit gewonnen, und darauf allein kommt es an. - Er hielt
+immer noch seinen Degen in der Hand, er sah Blut daran schimmern und
+wischte es im Grase ab. Der Einfall kam ihm, die Leiche anzukleiden,
+aber das hätte ihn Minuten verlieren lassen, die kostbar und
+unwiederbringlich waren. Wie zu einem letzten Opfer beugte er sich
+nochmals nieder und drückte dem Toten die Augen zu. »Glücklicher,«
+sagte er vor sich hin, und, wie in traumhafter Benommenheit, küßte er
+den Ermordeten auf die Stirn. Dann erhob er sich rasch und eilte, der
+Mauer entlang, um die Ecke, nach abwärts biegend, der Straße zu. Der
+Wagen stand an der Kreuzung, wo er ihn verlassen, der Kutscher war auf
+dem Bock fest eingeschlafen. Casanova hatte acht, ihn nicht aufzuwecken,
+stieg mit äußerster Vorsicht ein, und jetzt erst rief er ihn an. »He!
+Wird's bald?« und puffte ihn in den Rücken. Der Kutscher schrak auf,
+schaute um sich, staunte, daß es schon ganz licht war, dann hieb er auf
+die Rosse ein und fuhr davon. Casanova lehnte sich tief zurück, in den
+Mantel gehüllt, der einmal Lorenzi gehört hatte. Im Dorf waren nur ein
+paar Kinder auf der Straße zu sehen; die Männer und Weiber offenbar
+schon alle bei der Arbeit auf dem Feld. Als die Häuser hinter ihnen
+lagen, atmete Casanova auf; er öffnete den Reisesack, nahm seine Sachen
+heraus und begann sich unter dem Schutz des Mantels anzukleiden, nicht
+ohne Sorge, daß der Kutscher sich umdrehen und ihm seines Fahrgastes
+sonderbares Gebaren auffallen könnte. Doch nichts dergleichen geschah;
+Casanova konnte sich ungestört fertigmachen, brachte Lorenzis Mantel im
+Sack unter und nahm wieder den seinen um. Er blickte nach dem Himmel,
+der sich indes getrübt hatte. Er fühlte sich nicht müde, vielmehr aufs
+höchste angespannt und überwach. Er überdachte seine Lage und kam, wie
+immer er sie betrachtete, zu dem Schluß, daß sie wohl einigermaßen
+bedenklich war, aber nicht so gefährlich, wie sie ängstlichern Gemütern
+vielleicht erschienen wäre. Daß man ihn sofort verdächtigen würde,
+Lorenzi getötet zu haben, war freilich wahrscheinlich; aber keiner
+konnte zweifeln, daß es im ehrlichen Zweikampf geschehen war, und besser
+noch: er war von Lorenzi überfallen, zum Duell gezwungen worden, und
+niemand durfte es ihm als Verbrechen anrechnen, daß er sich zur Wehr
+gesetzt hatte. Aber warum hatte er ihn auf dem Rasen liegen lassen wie
+einen toten Hund? Auch das durfte ihm niemand zum Vorwurf machen: rasche
+Flucht war sein gutes Recht, beinahe seine Pflicht gewesen. Lorenzi
+hätte es nicht anders gemacht. Aber konnte ihn Venedig nicht ausliefern?
+Sofort nach seiner Ankunft wollte er sich in den Schutz seines Gönners
+Bragadino stellen. Aber bezichtigte er sich so nicht selbst einer Tat,
+die am Ende unentdeckt bleiben oder doch nicht ihm zur Last gelegt
+werden würde? Gab es überhaupt einen Beweis gegen ihn? War er nicht nach
+Venedig berufen? Wer durfte sagen, daß es eine Flucht war? Der Kutscher
+etwa, der die halbe Nacht an der Straße gewartet? Mit noch ein paar
+Goldstücken war ihm das Maul gestopft. So liefen seine Gedanken im
+Kreise. Plötzlich war ihm, als hörte er hinter seinem Rücken das Getrabe
+von Pferden. Schon? war sein erster Gedanke. Er steckte den Kopf zum
+Wagenfenster hinaus, sah nach rückwärts, die Straße war leer. Sie waren
+an einem Gehöft vorbeigefahren; es war der Widerhall vom Hufschlag
+seiner eignen Pferde gewesen. Daß er sich getäuscht hatte, beruhigte ihn
+für eine Weile so sehr, als wäre nun jede Gefahr für allemal vorüber.
+Dort ragten die Türme von Mantua ... »Vorwärts, vorwärts,« sagte er vor
+sich hin; denn er wollte gar nicht, daß es der Kutscher hörte. Der aber,
+in der Nähe des Ziels, ließ die Rosse aus eignem Antrieb immer rascher
+laufen; bald waren sie am Tor, durch das Casanova vor noch nicht zweimal
+vierundzwanzig Stunden mit Olivo die Stadt verlassen; er gab dem
+Kutscher den Namen des Gasthofs an, vor dem er zu halten hätte; nach
+wenigen Minuten zeigte sich das Schild mit dem goldenen Löwen, und
+Casanova sprang aus dem Wagen. In der Tür stand die Wirtin; frisch, mit
+lachendem Gesicht, und schien nicht übel gelaunt, Casanova zu empfangen,
+wie man eben einen Geliebten empfängt, der nach unerwünschter
+Abwesenheit als ein Heißersehnter wiederkehrt; er aber wies mit einem
+ärgerlichen Blick auf den Kutscher wie auf einen lästigen Zeugen und
+hieß ihn dann, sich an Speise und Trank nach Herzenslust gütlich tun.
+»Ein Brief aus Venedig ist gestern abend für Sie angekommen, Herr
+Chevalier,« sagte die Wirtin. - »Noch einer?« fragte Casanova und lief
+die Treppen hinauf in sein Zimmer. Die Wirtin folgte ihm. Auf dem Tisch
+lag ein versiegeltes Schreiben. In höchster Erregung öffnete es
+Casanova. - Ein Widerruf? dachte er in Angst. Doch als er gelesen,
+erheiterte sich sein Gesicht. Es waren ein paar Zeilen von Bragadino mit
+einer Anweisung auf zweihundertfünfzig Lire, die beilag, damit er seine
+Reise, wenn er etwa dazu entschlossen, auch nicht einen Tag länger
+aufzuschieben genötigt sei. Casanova wandte sich zu der Wirtin und
+erklärte ihr mit einer angenommenen verdrießlichen Miene, daß er leider
+gezwungen sei, schon in dieser selben Stunde seine Reise fortzusetzen,
+wenn er nicht Gefahr laufen wolle, die Stelle zu verlieren, die ihm sein
+Freund Bragadino in Venedig verschafft habe, und um die hundert Bewerber
+da seien. Aber, setzte er gleich hinzu, als er bedrohliche Wolken auf
+der Wirtin Stirn aufziehen sah, er wolle sich die Stelle nur erst einmal
+sichern, sein Dekret - nämlich als Sekretär des Hohen Rats von Venedig -
+in Empfang nehmen, dann, wenn er einmal in Amt und Würden sei, werde er
+sofort einen Urlaub verlangen, um seine Angelegenheiten in Mantua zu
+ordnen, den könne man ihm natürlich nicht verweigern; er lasse ja sogar
+seine meisten Habseligkeiten hier zurück - und dann, dann hänge es nur
+von seiner teuern, von seiner entzückenden Freundin ab, ob sie nicht ihr
+Wirtsgeschäft hier aufgeben und ihm als seine Gattin nach Venedig folgen
+wolle ... Sie fiel ihm um den Hals und fragte ihn mit schwimmenden
+Augen, ob sie ihm nicht vor seiner Abfahrt wenigstens ein tüchtiges
+Frühstück ins Zimmer bringen dürfe. Er wußte, daß es auf eine
+Abschiedsfeier abgesehen war, zu der er nicht das geringste Verlangen
+verspürte, doch er erklärte sich einverstanden, um sie nur endlich
+einmal los zu sein; als sie die Treppe hinunter war, packte er noch von
+Wäsche und Büchern, was er am dringendsten benötigte, in seine Tasche,
+begab sich in die Wirtsstube, wo er den Kutscher bei einem reichlichen
+Mahle fand, und fragte ihn, ob er - gegen eine Summe, die den
+gewöhnlichen Preis um das Doppelte überstieg - bereit wäre, sofort mit
+den gleichen Pferden in der Richtung gegen Venedig zu fahren, bis zur
+nächsten Poststation. Der Kutscher schlug ohne weiteres ein, und so war
+Casanova für den Augenblick die schlimmste Sorge los. Die Wirtin trat
+ein, zornrot im Gesicht, und fragte ihn, ob er vergessen habe, daß sein
+Frühstück ihn auf dem Zimmer erwarte. Casanova erwiderte ihr in der
+unbefangensten Weise, er habe es keineswegs vergessen, und bat sie
+zugleich, da es ihm an Zeit mangle, das Bankhaus aufzusuchen, auf das
+sein Wechsel ausgestellt war, ihm gegen die Anweisung, die er ihr
+überreichte, zweihundertfünfzig Lire auszuhändigen. Während sie lief,
+das Geld zu holen, ging Casanova auf sein Zimmer und begann mit einer
+wahrhaft tierischen Gier das Essen hinunterzuschlingen, das
+bereitgestellt war. Er ließ sich nicht stören, da die Wirtin erschien,
+steckte nur rasch das Geld ein, das sie ihm gebracht hatte; - als er
+fertig war, wandte er sich der Frau zu, die zärtlich an seine Seite
+gerückt war, nun endlich ihre Stunde für gekommen hielt und in nicht
+mißzuverstehender Weise ihre Arme gegen ihn ausbreitete, - er umschlang
+sie heftig, küßte sie auf beide Wangen, drückte sie an sich, und als sie
+bereit schien, ihm nichts mehr zu versagen, riß er sich mit den Worten:
+»Ich muß fort ... auf Wiedersehen!« so heftig von ihr los, daß sie nach
+rückwärts in die Ecke des Sofas fiel. Der Ausdruck ihrer Mienen, in
+seiner Mischung von Enttäuschung, Zorn, Ohnmacht, hatte etwas so
+unwiderstehlich Komisches, daß Casanova, während er die Tür hinter sich
+zuschloß, sich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.
+
+Daß sein Fahrgast es eilig hatte, konnte dem Kutscher nicht entgangen
+sein; sich über die Gründe Gedanken zu machen, war er nicht
+verpflichtet; jedenfalls saß er fahrtbereit auf dem Bock, als Casanova
+aus der Tür des Gasthofs trat, und hieb mächtig auf die Pferde ein,
+sobald jener eingestiegen war. Auch hielt er es für richtig, nicht
+mitten durch die Stadt zu fahren, sondern umkreiste sie, um an ihrem
+andern Ende wieder auf die Landstraße zu geraten. Noch stand die Sonne
+nicht hoch, es fehlten drei Stunden auf Mittag. Casanova dachte: Es ist
+sehr wohl möglich, daß man den toten Lorenzi noch nicht einmal gefunden
+hat. Daß er selbst Lorenzi umgebracht hatte, kam ihm kaum recht zu
+Bewußtsein; er war nur froh, daß er sich immer weiter von Mantua
+entfernte, daß ihm endlich für eine Weile Ruhe gegönnt war ... Er
+verfiel in den tiefsten Schlaf seines Lebens, der gewissermaßen zwei
+Tage und zwei Nächte dauerte; denn die kurzen Unterbrechungen, die das
+Wechseln der Pferde notwendig machte, und während deren er in
+Wirtsstuben saß, vor Posthäusern auf und ab ging, mit Postmeistern,
+Wirten, Zollwächtern, Reisenden gleichgültige Zufallsworte tauschte,
+hatte er als Einzelvorfälle nicht im Gedächtnis zu bewahren vermocht. So
+floß später die Erinnerung dieser zwei Tage und Nächte mit dem Traum
+zusammen, den er in Marcolinens Bett geträumt, und auch der Zweikampf
+der zwei nackten Menschen auf einem grünen Rasen im Frühsonnenschein
+gehörte irgendwie zu diesem Traum, in dem er manchmal in einer
+rätselhaften Weise nicht Casanova, sondern Lorenzi, nicht der Sieger,
+sondern der Gefallene, nicht der Entfliehende, sondern der Tote war, um
+dessen blassen Jünglingsleib einsamer Morgenwind spielte; und beide, er
+selbst und Lorenzi, waren nicht wirklicher als die Senatoren in den
+roten Purpurmänteln, die als Bettler vor ihm auf den Knien
+herumgerutscht waren, und nicht weniger wirklich als jener ans Geländer
+irgendeiner Brücke gelehnte Alte, dem er in der Abenddämmerung aus dem
+Wagen ein Almosen zugeworfen hatte. Hätte Casanova nicht mittelst seiner
+Urteilskraft das Erlebte und Geträumte auseinanderzuhalten vermocht, so
+hätte er sich einbilden können, daß er in Marcolinens Armen in einen
+wirren Traum verfallen war, aus dem er erst beim Anblick des Campanile
+von Venedig erwachte.
+
+Es war am dritten Morgen seiner Reise, daß er, von Mestre aus, den
+Glockenturm nach mehr als zwanzig Jahren der Sehnsucht zum erstenmal
+wieder erschaute, - ein graues Steingebilde, das einsam ragend aus der
+Dämmerung wie aus weiter Ferne vor ihm auftauchte. Aber er wußte, daß
+ihn jetzt nur mehr eine Fahrt von zwei Stunden von der geliebten Stadt
+trennte, in der er jung gewesen war. Er entlohnte den Kutscher, ohne zu
+wissen, ob es der vierte, fünfte oder sechste war, mit dem er seit
+Mantua abzurechnen hatte, und eilte, von einem Jungen gefolgt, der ihm
+das Gepäck nachtrug, durch die armseligen Straßen zum Hafen, um das
+Marktschiff zu erreichen, das heute noch, wie vor fünfundzwanzig Jahren,
+um sechs Uhr nach Venedig abging. Es schien nur noch auf ihn gewartet zu
+haben; kaum hatte er unter Weibern, die ihre Ware zur Stadt brachten,
+kleinen Geschäftsleuten, Handwerkern auf einer schmalen Bank seinen
+Platz eingenommen, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Der Himmel
+war trüb; Dunst lag auf den Lagunen; es roch nach faulem Wasser, nach
+feuchtem Holz, nach Fischen und nach frischem Obst. Immer höher ragte
+der Campanile, andre Türme zeichneten sich in der Luft ab,
+Kirchenkuppeln wurden sichtbar; von irgendeinem Dach, von zweien, von
+vielen glänzte der Strahl der Morgensonne ihm entgegen; - Häuser rückten
+auseinander, wuchsen in die Höhe; Schiffe, größere und kleinere,
+tauchten aus dem Nebel; Grüße von einem zum andern wurden getauscht. Das
+Geschwätz rings um ihn wurde lauter; ein kleines Mädchen bot ihm Trauben
+zum Kauf; er verzehrte die blauen Beeren, spuckte die Schalen nach der
+Art seiner Landsleute hinter sich über Bord und ließ sich in ein
+Gespräch mit irgendeinem Menschen ein, der seine Befriedigung darüber
+äußerte, daß nun endlich schönes Wetter anzubrechen scheine. Wie, es
+hatte hier drei Tage lang geregnet? Er wußte nichts davon; er kam aus
+dem Süden, aus Neapel, aus Rom ... Schon fuhr das Schiff durch die
+Kanäle der Vorstadt; schmutzige Häuser starrten ihn aus trüben Fenstern
+wie mit blöden fremden Augen an, zwei-, dreimal hielt das Schiff an, ein
+paar junge Leute, einer mit einer großen Mappe unterm Arm, Weiber mit
+Körben stiegen aus; - nun kam man in freundlichere Bezirke. War dies
+nicht die Kirche, in der Martina zur Beichte gegangen war? - Und dies
+nicht das Haus, in dem er die blasse, todkranke Agathe auf seine Weise
+wieder rot und gesund gemacht hatte? - Und hatte er in jenem nicht den
+schuftigen Bruder der reizenden Silvia braun und blau geprügelt? Und in
+jenem Seitenkanal das kleine gelbliche Haus, auf dessen wasserbespülten
+Stufen ein dickes Frauenzimmer mit nackten Füßen stand ... Ehe er sich
+noch zu besinnen vermochte, welche Erscheinung aus fernen Jugendtagen er
+dahin zu versetzen hatte, war das Schiff in den großen Kanal eingelenkt
+und fuhr nun auf der breiten Wasserstraße langsam zwischen Palästen
+weiter. Es war Casanova, von seinem Traume her, als wär' er erst tags
+vorher denselben Weg gefahren. An der Rialtobrücke stieg er aus; denn
+eh' er sich zu Herrn Bragadino begab, wollte er in einem nahen kleinen
+wohlfeilen Gasthof, dessen er sich der Lage, aber nicht dem Namen nach
+erinnerte, sein Gepäck unterbringen und sich eines Zimmers versichern.
+Er fand das Haus verfallener, oder mindestens vernachlässigter, als er
+es im Gedächtnis bewahrt hatte; ein verdrossener unrasierter Kellner
+wies ihm einen wenig freundlichen Raum mit der Aussicht auf die
+fensterlose Mauer eines gegenüberliegenden Hauses an. Doch Casanova
+wollte keine Zeit verlieren; auch war ihm, da sich seine Barschaft auf
+der Reise beinahe gänzlich erschöpft hatte, der niedrige Preis des
+Zimmers sehr erwünscht; so beschloß er, vorläufig hier zu bleiben,
+befreite sich vom Staub und Schmutz der langen Reise, überlegte eine
+Weile, ob er sich in sein Prachtgewand werfen sollte, fand es dann doch
+angemessen, wieder das bescheidenere anzulegen, und verließ endlich den
+Gasthof. Nur hundert Schritte waren es, durch ein schmales Gäßchen und
+über eine Brücke, zu dem kleinen vornehmen Palazzo, in dem Bragadino
+wohnte. Ein junger Bedienter mit einem ziemlich unverschämten Gesicht
+nahm Casanovas Anmeldung entgegen, tat, als wenn er den berühmten Namen
+niemals gehört hätte, kam aber mit einer etwas freundlicheren Miene aus
+den Gemächern seines Herrn wieder und ließ den Gast eintreten. Bragadino
+saß an einem nah ans offene Fenster gerückten Tisch beim Frühstück; er
+wollte sich erheben, was Casanova nicht zuließ. - »Mein teuerer
+Casanova,« rief Bragadino aus, »wie glücklich bin ich, Sie
+wiederzusehen! Ja, wer hätte gedacht, daß wir uns überhaupt jemals
+wiedersehen würden?« Und er streckte ihm beide Hände entgegen. Casanova
+ergriff sie, als wenn er sie küssen wollte, tat es aber nicht und
+erwiderte die herzliche Begrüßung mit Worten heißen Dankes in der etwas
+hochtrabenden Art, von der seine Ausdrucksweise bei solchen
+Gelegenheiten nicht frei war. Bragadino forderte ihn auf, Platz zu
+nehmen, und fragte ihn vor allem, ob er schon gefrühstückt habe. Als
+Casanova verneinte, klingelte Bragadino dem Diener und gab ihm die
+entsprechende Weisung. Als der Diener sich entfernt hatte, äußerte
+Bragadino seine Befriedigung darüber, daß Casanova das Anerbieten des
+Hohen Rats ohne Vorbehalt angenommen; es werde ihm gewiß nicht zum
+Nachteil gereichen, daß er sich entschlossen habe, dem Vaterland seine
+Dienste zu widmen. Casanova erklärte, daß er sich glücklich schätzen
+werde, die Zufriedenheit des Hohen Rats zu erwerben. - So sprach er und
+dachte sich sein Teil dabei. Freilich von irgendwelchem Haß gegen
+Bragadino verspürte er nichts mehr in sich; eher eine gewisse Rührung
+über den einfältig gewordenen uralten Mann, der ihm da gegenübersaß mit
+dünngewordenem weißem Bart und rotgeränderten Augen, und dem die Tasse
+in der mageren Hand zitterte. Als Casanova ihn zum letztenmal gesehen
+hatte, mochte Bragadino etwa soviel Jahre zählen als Casanova heute;
+freilich war er ihm schon damals wie ein Greis erschienen.
+
+Nun brachte der Diener das Frühstück für Casanova, der sich's, ohne sich
+viel zureden zu lassen, vortrefflich schmecken ließ, da er auf seiner
+Reise nur hie und da einen spärlichen Imbiß in Hast zu sich genommen. -
+Ja, Tag und Nacht war er von Mantua bis hierher gereist; - so eilig
+hatte er's, dem Hohen Rat seine Bereitwilligkeit, dem edlen Gönner seine
+unauslöschliche Dankbarkeit zu beweisen: dies brachte er zur
+Entschuldigung vor für die beinahe unanständige Gier, mit der er die
+dampfende Schokolade schlürfte. Durchs Fenster drangen die
+tausendfältigen Geräusche des Lebens von den großen und kleinen Kanälen;
+die Rufe der Gondelführer schwebten eintönig über alle andern hin;
+irgendwo, nicht zu weit, vielleicht in dem Palast gegenüber - war es
+nicht der des Fogazzari? - sang eine schöne, ziemlich hohe Frauenstimme
+Koloraturen; sie gehörte offenbar einem sehr jungen Wesen an, einem
+Wesen, das noch nicht einmal geboren war zur Zeit, da Casanova aus den
+Bleikammern entflohen war. - Er aß Zwieback und Butter, Eier, kaltes
+Fleisch; und entschuldigte sich immer wieder ob seiner Unersättlichkeit
+bei Bragadino, der ihm vergnügt zusah. »Ich liebe es,« sagte er, »wenn
+junge Leute Appetit haben! Und soviel ich mich erinnere, mein teuerer
+Casanova, hat es Ihnen daran nie gefehlt!« Und er entsann sich eines
+Mahls, das er in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft gemeinsam mit
+Casanova genossen - vielmehr, bei dem er seinem jungen Freunde
+bewundernd zugeschaut hatte - wie heute; denn er selbst war damals noch
+nicht so weit gewesen, es war nämlich, kurz nachdem Casanova den Arzt
+hinausgeworfen, der den armen Bragadino durch die ewigen Aderlässe fast
+ins Grab gebracht hatte ... Sie redeten von vergangenen Zeiten; ja -
+damals war das Leben in Venedig schöner gewesen als heute. - »Nicht
+überall,« sagte Casanova und spielte durch ein feines Lächeln auf die
+Bleidächer an. Bragadino wehrte mit einer Handbewegung ab, als wäre nun
+nicht die Stunde, sich solcher kleiner Unannehmlichkeiten zu erinnern.
+Übrigens, er, Bragadino, hatte auch damals alles mögliche versucht, um
+Casanova vor der Strafe zu retten, wenn auch leider vergeblich. Ja, wenn
+er schon damals dem Rat der Zehn angehört hätte! -
+
+So kamen sie auf politische Angelegenheiten zu reden, und Casanova
+erfuhr von dem alten Mann, der, von seinem Thema entzündet, den Witz und
+die ganze Lebendigkeit seiner jüngeren Jahre wiederzufinden schien, gar
+Vieles und Merkwürdiges über die bedenkliche Geistesrichtung, der ein
+Teil der Venezianer Jugend neuerdings anzuhängen, und über die
+gefährlichen Umtriebe, die sich in unverkennbaren Zeichen anzukündigen
+begännen; und er war gar nicht übel vorbereitet, als er sich noch am
+Abend desselben Tags, den er, in sein trübseliges Gasthofzimmer
+eingeschlossen, nur zur Beschwichtigung seiner vielfach aufgestörten
+Seele mit dem Ordnen und teilweisen Verbrennen von Papieren verbracht
+hatte, in das Café Quadri am Markusplatz verfügte, das als
+Hauptversammlungsort der Freidenker und Umstürzler galt. Durch einen
+alten Musiker, der ihn sofort wiedererkannte, den einstigen
+Kapellmeister des Theaters San Samuele, desselben, in dem Casanova vor
+dreißig Jahren Geige gespielt hatte, wurde er auf die ungezwungenste
+Weise in eine Gesellschaft von meist jüngern Leuten eingeführt, deren
+Namen ihm von seinem Morgengespräch mit Bragadino her als besonders
+verdächtige in Erinnerung verblieben waren. Sein eigner Name aber schien
+auf die andern keineswegs in der Art zu wirken, die zu erwarten er
+berechtigt gewesen wäre; ja die meisten wußten offenbar nicht mehr von
+Casanova, als daß er vor langer Zeit aus irgendeinem Grunde oder
+vielleicht auch ganz unschuldig in den Bleikammern gefangen gesessen und
+unter allerlei Fährlichkeiten von dort entkommen war. Das Büchlein, in
+dem er schon vor Jahren seine Flucht so lebendig geschildert hatte, war
+zwar nicht unbekannt geblieben, doch mit der gebührenden Aufmerksamkeit
+schien es niemand gelesen zu haben. Es machte Casanova einigen Spaß, zu
+denken, daß es nur von ihm abhinge, jedem dieser jungen Herrn baldigst
+zu persönlichen Erfahrungen über die Lebensbedingungen unter den
+Bleidächern von Venedig und über die Schwierigkeiten des Entkommens zu
+verhelfen; aber fern davon, einen so boshaften Einfall durchschimmern
+oder gar erraten zu lassen, verstand er es vielmehr, auch hier den
+Harmlosen und Liebenswürdigen zu spielen, und unterhielt bald die
+Gesellschaft nach seiner Art mit der Erzählung von allerlei heitern
+Abenteuern, die ihm auf seiner letzten Reise von Rom hierher begegnet
+waren; - Geschichten, die, wenn auch im ganzen ziemlich wahr, in
+Wirklichkeit immerhin fünfzehn bis zwanzig Jahre zurücklagen. Während
+man ihm noch angeregt zuhörte, brachte irgendwer mit andern Neuigkeiten
+die Kunde, daß ein Offizier aus Mantua in der Nähe des Landguts eines
+Freundes, wo er zu Besuch geweilt, umgebracht und die Leiche von den
+Räubern bis aufs Hemd ausgeplündert worden wäre. Da dergleichen
+Überfälle und Mordtaten zu jener Zeit nicht gerade selten vorkamen,
+erregte der Fall auch in diesem Kreise kein sonderliches Aufsehen, und
+Casanova fuhr in seiner Erzählung fort, wo man ihn unterbrochen hatte, -
+als ginge ihn die Sache so wenig an wie die übrigen; ja, von einer
+Unruhe befreit, die er sich nur nicht recht eingestanden hatte, fand er
+noch lustigere und frechere Worte als vorher.
+
+Mitternacht war vorbei, als er nach flüchtigem Abschied von seinen neuen
+Bekannten unbegleitet auf den weiten leeren Platz hinaustrat, über dem
+sternenlos, doch ruhelos flimmernd ein dunstschwerer Himmel hing. Mit
+einer Art von schlafwandlerischer Sicherheit, ohne sich eigentlich
+bewußt zu werden, daß er ihn in dieser Stunde nach einem
+Vierteljahrhundert zum ersten Male wieder ging, fand er den Weg durch
+enge Gäßchen zwischen dunklen Häusermauern und über schmale
+Brückenstege, unter denen die schwärzlichen Kanäle den ewigen Wassern
+zuzogen, nach seinem elenden Gasthof, dessen Tor erst auf wiederholtes
+Klopfen sich träg und unfreundlich vor ihm öffnete; - und wenige Minuten
+später, in einer schmerzenden Müdigkeit, die durch seine Glieder
+lastete, ohne sie zu lösen, mit einem bittern Nachgeschmack auf den
+Lippen, den er gleichsam aus dem Innersten seines Wesens nach oben
+steigen fühlte, warf er sich, nur halb ausgekleidet, auf ein schlechtes
+Bett, um nach fünfundzwanzig Jahren der Verbannung den ersten, so lang
+ersehnten Heimatschlaf zu tun, der endlich, bei anbrechendem Morgen,
+traumlos und dumpf, sich des alten Abenteurers erbarmte.
+
+ENDE
+
+
+
+
+Anmerkung
+
+Ein Besuch Casanovas bei Voltaire in Ferney hat tatsächlich
+stattgefunden, doch alle in der vorstehenden Novelle daran geknüpften
+Folgerungen, wie insbesondre die, daß Casanova sich mit einer gegen
+Voltaire gerichteten Streitschrift beschäftigt hätte, haben mit der
+geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun. Historisch ist ferner, daß
+Casanova sich im Alter zwischen fünfzig und sechzig genötigt sah, in
+seiner Vaterstadt Venedig Spionendienste zu leisten; wie man auch über
+manche andre frühere Erlebnisse des berühmten Abenteurers, deren im
+Verlaufe der Novelle beiläufig Erwähnung geschieht, in seinen
+»Erinnerungen« ausführlichere und getreuere Nachrichten finden kann. Im
+übrigen ist die ganze Erzählung von »Casanovas Heimfahrt« frei erfunden.
+ A. S.
+
+
+
+
+Werke von Arthur Schnitzler in Einzelausgaben
+
+
+Das Märchen. Schauspiel ................... 3. Auflage
+Anatol. Ein Einakterzyklus ................ 20. Auflage
+Sterben. Novelle .......................... 10. Auflage
+Liebelei. Schauspiel ...................... 16. Auflage
+Freiwild. Schauspiel ...................... 3. Auflage
+Die Frau des Weisen. Novelletten .......... 8. Auflage
+Das Vermächtnis. Schauspiel ............... 3. Auflage
+Der grüne Kakadu. Drei Einakter ........... 8. Auflage
+Der Schleier der Beatrice. Schauspiel ..... 4. Auflage
+Frau Berta Garlan. Novelle ................ 61. Auflage
+Leutnant Gustl. Novelle ................... 18. Auflage
+Lebendige Stunden. Vier Einakter .......... 9. Auflage
+Der einsame Weg. Schauspiel ............... 7. Auflage
+Zwischenspiel. Komödie .................... 5. Auflage
+Der Ruf des Lebens. Schauspiel ............ 4. Auflage
+Marionetten. Drei Einakter ................ 3. Auflage
+Dämmerseelen. Novellen .................... 13. Auflage
+Der Weg ins Freie. Roman .................. 33. Auflage
+Komtesse Mizzi. Komödie ................... 4. Auflage
+Der junge Medardus. Dramatische Historie .. 7. Auflage
+Das weite Land. Tragikomödie .............. 7. Auflage
+Masken und Wunder. Novellen ............... 14. Auflage
+Professor Bernhardi. Komödie .............. 14. Auflage
+Frau Beate und ihr Sohn. Novelle .......... 13. Auflage
+Die griechische Tänzerin. Novellen ........ 55. Auflage
+Komödie der Worte. Drei Einakter .......... 7. Auflage
+Doktor Gräsler, Badearzt. Erzählung ....... 26. Auflage
+Fink und Fliederbusch. Komödie ............ 6. Auflage
+
+
+
+
+Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler
+
+
+1. Die erzählenden Schriften in 3 Bänden
+
+1. Band: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der
+Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der
+blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische
+Tänzerin.
+
+2. Band: Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg.
+Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der
+tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mörder. Die dreifache
+Warnung. Die Hirtenflöte.
+
+3. Band: Der Weg ins Freie.
+
+
+2. Die Theaterstücke in 4 Bänden
+
+1. Band: Anatol. Das Märchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermächtnis.
+
+2. Band: Paracelsus. Die Gefährtin. Der grüne Kakadu. Der Schleier der
+Beatrice. Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten
+Masken. Literatur.
+
+3. Band: Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der tapfere
+Cassian. Zum großen Wurstel. Der Ruf des Lebens.
+
+4. Band: Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das
+weite Land.
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1918 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die gescannten Bilddateien wurden freundlicherweise vom
+austrian literature online Archiv zur Verfügung gestellt.
+(http://www.literature.at)
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
+p 035: Punkt ergänzt: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.«
+p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie
+p 161: Punkt ergänzt: daß er vollkommen ruhig war.
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1918 by S. Fischer, Berlin. The scanned images
+have been generously made available by the austrian literature online
+archive. (http://www.literature.at)
+
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
+p 035: added period: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.«
+p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie
+p 161: added period: daß er vollkommen ruhig war.
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
+
+***** This file should be named 18148-8.txt or 18148-8.zip *****
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
+
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
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+
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+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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+ The Project Gutenberg eBook of Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
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+The Project Gutenberg EBook of Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Casanovas Heimfahrt
+
+Author: Arthur Schnitzler
+
+Release Date: April 11, 2006 [EBook #18148]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
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+<h1>CASANOVAS HEIMFAHRT</h1>
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+<p class="copyright"><em class="gesperrt">Erste bis f&uuml;nfzehnte Auflage</em><br />
+<br />
+Alle Rechte, insbesondere das der &Uuml;bersetzung, vorbehalten<br />
+Copyright 1918 S. Fischer, Verlag</p>
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+<hr style="width: 65%;" />
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+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
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+<h2>CASANOVAS HEIMFAHRT</h2>
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+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p>
+<p class="newsection">In seinem dreiundf&uuml;nfzigsten Lebensjahre, als
+Casanova l&auml;ngst nicht mehr von der Abenteuerlust
+der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit nahenden
+Alters durch die Welt gejagt wurde, f&uuml;hlte er in
+seiner Seele das Heimweh nach seiner Vaterstadt
+Venedig so heftig anwachsen, da&szlig; er sie, gleich einem
+Vogel, der aus luftigen H&ouml;hen zum Sterben allm&auml;hlich
+nach abw&auml;rts steigt, in eng und immer enger
+werdenden Kreisen zu umziehen begann. &Ouml;fter schon
+in den letzten zehn Jahren seiner Verbannung hatte
+er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man m&ouml;ge
+ihm die Heimkehr gestatten; doch hatten ihm fr&uuml;her
+bei der Abfassung solcher Satzschriften, in denen er
+Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal auch
+ein grimmiges Vergn&uuml;gen an der Arbeit selbst die
+Feder gef&uuml;hrt, so schien sich seit einiger Zeit in seinen
+fast dem&uuml;tig flehenden Worten ein schmerzliches
+Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer auszusprechen.
+Er glaubte um so sicherer auf Erh&ouml;rung
+rechnen zu d&uuml;rfen, als die S&uuml;nden seiner fr&uuml;heren
+<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>Jahre, unter denen &uuml;brigens nicht Zuchtlosigkeit,
+H&auml;ndelsucht und Betr&uuml;gereien meist lustiger
+Natur, sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren
+die unverzeihlichste d&uuml;nkte, allm&auml;hlich in Vergessenheit
+zu geraten begannen und die Geschichte seiner
+wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig,
+die er unz&auml;hlige Male an regierenden H&ouml;fen,
+in adeligen Schl&ouml;ssern, an b&uuml;rgerlichen Tischen und
+in &uuml;belber&uuml;chtigten H&auml;usern zum besten gegeben
+hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen
+kn&uuml;pfte, zu &uuml;bert&ouml;nen anfing; und eben wieder,
+in Briefen nach Mantua, wo er sich seit zwei Monaten
+aufhielt, hatten hochm&ouml;gende Herren dem an
+innerm wie an &auml;u&szlig;erm Glanz langsam verl&ouml;schenden
+Abenteurer Hoffnung gemacht, da&szlig; sich sein
+Schicksal binnen kurzem g&uuml;nstig entscheiden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Da seine Geldmittel recht sp&auml;rlich geworden waren,
+hatte Casanova beschlossen, in dem bescheidenen,
+aber anst&auml;ndigen Gasthof, den er schon in gl&uuml;cklicheren
+Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen
+der Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich
+indes die Zeit &#8211; ungeistigerer Zerstreuungen nicht
+zu gedenken, auf die g&auml;nzlich zu verzichten er nicht
+imstande war &#8211; haupts&auml;chlich mit Abfassung einer
+Streitschrift gegen den L&auml;sterer Voltaire, durch deren
+Ver&ouml;ffentlichung er seine Stellung und sein Ansehen
+in Venedig gleich nach seiner Wiederkehr bei allen
+<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>Gutgesinnten in unzerst&ouml;rbarer Weise zu befestigen
+gedachte.</p>
+
+<p>Eines Morgens auf einem Spaziergang au&szlig;erhalb
+der Stadt, w&auml;hrend er f&uuml;r einen vernichtenden, gegen
+den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die
+letzte Abrundung zu finden sich m&uuml;hte, befiel ihn
+pl&ouml;tzlich eine au&szlig;erordentliche, fast k&ouml;rperlich peinvolle
+Unruhe; das Leben, das er in leidiger Gew&ouml;hnung
+nun schon durch drei Monate f&uuml;hrte: die
+Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus,
+die kleinen Spielabende bei dem angeblichen Baron
+Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten, die
+Z&auml;rtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber
+feurigen Wirtin, ja sogar die Besch&auml;ftigung mit den
+Werken Voltaires und die Arbeit an seiner eigenen
+k&uuml;hnen und bisher, wie ihm d&uuml;nkte, nicht &uuml;bel gelungenen
+Erwiderung; &#8211; all dies erschien ihm, in der
+linden, allzu s&uuml;&szlig;en Luft dieses Sp&auml;tsommermorgens,
+gleicherma&szlig;en sinnlos und widerw&auml;rtig; er murmelte
+einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen
+oder was er damit treffen wollte; und, den Griff seines
+Degens umklammernd, feindselige Blicke nach
+allen Seiten sendend, als richteten aus der Einsamkeit
+ringsum unsichtbare Augen sich h&ouml;hnend auf
+ihn, wandte er pl&ouml;tzlich seine Schritte nach der Stadt
+zur&uuml;ck, in der Absicht, noch in derselben Stunde Anstalten
+f&uuml;r seine sofortige Abreise zu treffen. Denn
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>er zweifelte nicht, da&szlig; er sich sofort besser befinden
+w&uuml;rde, wenn er nur erst der ersehnten Heimat wieder
+um einige Meilen n&auml;her ger&uuml;ckt w&auml;re. Er beschleunigte
+seinen Gang, um sich rechtzeitig einen
+Platz in der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang
+in der Richtung nach Osten abfuhr; &#8211; weiter
+hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen Abschiedsbesuch
+beim Baron Perotti wohl schenken
+durfte, und ihm eine halbe Stunde vollauf gen&uuml;gte,
+um seine gesamten Habseligkeiten f&uuml;r die Reise einzupacken.
+Er dachte der zwei etwas abgetragenen
+Gew&auml;nder, von denen er das schlechtere am Leibe
+trug, und der vielfach geflickten, einst fein gewesenen
+W&auml;sche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen
+Kette samt Uhr und einer Anzahl von B&uuml;chern seinen
+ganzen Besitz ausmachten; &#8211; vergangene Tage
+fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann, mit allem
+Notwendigen und &Uuml;berfl&uuml;ssigen reichlich ausgestattet,
+wohl auch mit einem Diener &#8211; der freilich
+meist ein Gauner war &#8211; im pr&auml;chtigen Reisewagen
+durch die Lande fuhr; &#8211; und ohnm&auml;chtiger Zorn
+trieb ihm die Tr&auml;nen in die Augen. Ein junges Weib,
+die Peitsche in der Hand, kutschierte ein W&auml;gelchen
+an ihm vorbei, darin zwischen S&auml;cken und allerlei
+Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag.
+Sie blickte Casanova, wie er verzerrten Gesichtes,
+Unverst&auml;ndliches durch die Z&auml;hne murmelnd, unter
+<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>den abgebl&uuml;hten Kastanienb&auml;umen der Heerstra&szlig;e
+langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig
+sp&ouml;ttisch ins Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig
+blitzend erwidert sah, nahmen ihre Augen einen erschrockenen,
+und endlich, wie sie sich im Weiterfahren
+nach ihm umwandte, einen wohlgef&auml;llig l&uuml;sternen
+Ausdruck an. Casanova, der wohl wu&szlig;te,
+da&szlig; Grimm und Ha&szlig; l&auml;nger in den Farben der Jugend
+zu spielen verm&ouml;gen als Sanftheit und Z&auml;rtlichkeit,
+erkannte sofort, da&szlig; es nur eines frechen Anrufs
+von seiner Seite bedurft h&auml;tte, um dem Wagen
+Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib
+anstellen zu k&ouml;nnen, was ihm weiter beliebte; doch,
+obzwar diese Erkenntnis seine Laune f&uuml;r den Augenblick
+besserte, schien es ihm nicht der M&uuml;he wert,
+um eines so geringen Abenteuers willen auch nur
+wenige Minuten zu verziehen; und so lie&szlig; er das
+Bauernw&auml;gelchen samt seinen Insassen im Staub
+und Dunst der Landstra&szlig;e unangefochten weiterknarren.</p>
+
+<p>Der Schatten der B&auml;ume nahm der emporsteigenden
+Sonne nur wenig von ihrer sengenden Kraft,
+und Casanova sah sich gen&ouml;tigt, seinen Schritt allm&auml;hlich
+zu m&auml;&szlig;igen. Der Staub der Stra&szlig;e hatte
+sich so dicht auf sein Gewand und Schuhwerk gelegt,
+da&szlig; ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr anzumerken
+war, und so konnte man Casanova, nach
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Tracht und Haltung, ohne weiteres f&uuml;r einen Herrn
+von Stande nehmen, dem es just gefallen hatte, seine
+Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte
+sich der Torbogen vor ihm aus, in dessen n&auml;chster
+N&auml;he der Gasthof gelegen war, in dem er wohnte,
+als ihm ein l&auml;ndlich schwerf&auml;lliger Wagen entgegengeholpert
+kam, in dem ein beh&auml;biger, gutgekleideter,
+noch ziemlich junger Mann sa&szlig;. Er hatte die H&auml;nde
+&uuml;ber dem Magen gekreuzt und schien eben mit blinzelnden
+Augen einnicken zu wollen, als sein Blick,
+zuf&auml;llig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit
+aufgl&auml;nzte, wie zugleich seine ganze Erscheinung
+in eine Art von heiterm Aufruhr zu geraten
+schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort
+zur&uuml;ck, stand wieder auf, versetzte dem Kutscher
+einen Sto&szlig; in den R&uuml;cken, um ihn zum Halten zu
+veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen
+um, um Casanova nicht aus dem Gesicht zu verlieren,
+winkte ihm mit beiden H&auml;nden zu und rief
+endlich mit einer d&uuml;nnen hellen Stimme dreimal
+dessen Namen in die Luft. Erst an der Stimme hatte
+Casanova den Mann erkannt, trat auf den Wagen
+zu, der stehengeblieben war, ergriff l&auml;chelnd die
+beiden sich ihm entgegenstreckenden H&auml;nde und
+sagte: &raquo;Ist es m&ouml;glich, Olivo &#8211; Sie sind es?&laquo; &#8211; &raquo;Ja,
+ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also
+wieder?&laquo; &#8211; &raquo;Warum sollt&#8217; ich nicht? Sie haben
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem ich Sie zuletzt
+gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, &#8211; aber
+auch ich mag mich in den f&uuml;nfzehn Jahren nicht
+unerheblich ver&auml;ndert haben, wenn auch nicht in
+gleicher Weise.&laquo; &#8211; &raquo;Kaum,&laquo; rief Olivo, &raquo;so gut wie
+gar nicht, Herr Casanova! &Uuml;brigens sind es sechzehn
+Jahre, vor wenigen Tagen waren es sechzehn!
+Und wie Sie sich wohl denken k&ouml;nnen, haben wir,
+gerade bei dieser Gelegenheit, ein h&uuml;bsches Weilchen
+lang von Ihnen gesprochen, Amalia und ich ...&laquo;
+&#8211; &raquo;Wirklich,&laquo; sagte Casanova herzlich, &raquo;Sie erinnern
+sich beide noch manchmal meiner?&laquo; Olivos
+Augen wurden feucht. Noch immer hielt er Casanovas
+H&auml;nde in den seinen und dr&uuml;ckte sie nun ger&uuml;hrt.
+&raquo;Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr
+Casanova? Und wir sollten unsres Wohlt&auml;ters jemals
+vergessen? Und wenn wir jemals &#8211;&laquo; &#8211; &raquo;Reden
+wir nicht davon,&laquo; unterbrach Casanova. &raquo;Wie befindet
+sich Frau Amalia? Wie ist es &uuml;berhaupt zu verstehn,
+da&szlig; ich in diesen ganzen zwei Monaten, die ich
+nun in Mantua verbringe &#8211; freilich recht zur&uuml;ckgezogen,
+aber ich gehe doch viel spazieren nach alter
+Gewohnheit &#8211; wie kommt es, da&szlig; ich Ihnen, Olivo,
+da&szlig; ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal begegnet
+bin?&laquo; &#8211; &raquo;Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen
+ja l&auml;ngst nicht mehr in der Stadt, die ich &uuml;brigens
+niemals habe leiden k&ouml;nnen, so wenig als Amalia
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr
+Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir
+bei mir zu Hause&laquo; &#8211; und da Casanova leicht abwehrte
+&#8211; &raquo;Sagen Sie nicht nein. Wie gl&uuml;cklich
+wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz,
+Ihnen unsre drei Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr
+Casanova. Lauter M&auml;dchen. Dreizehn, zehn und
+acht ... Also noch keines in den Jahren, sich &#8211; mit
+Verlaub &#8211; sich &#8211; von Casanova das K&ouml;pfchen verdrehen
+zu lassen.&laquo; Er lachte gutm&uuml;tig und machte
+Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen
+hereinzuziehen. Casanova aber sch&uuml;ttelte den Kopf.
+Denn, nachdem er fast schon versucht gewesen war,
+einer begreiflichen Neugier nachzugeben und der
+Aufforderung Olivos zu folgen, &uuml;berkam ihn seine
+Ungeduld mit neuer Macht, und er versicherte Olivo,
+da&szlig; er leider gen&ouml;tigt sei, heute noch vor Abend
+Mantua in wichtigen Gesch&auml;ften zu verlassen. Was
+hatte er auch in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn
+Jahre waren eine lange Zeit! Amalia war indes gewi&szlig;
+nicht j&uuml;nger und sch&ouml;ner geworden; bei dem
+dreizehnj&auml;hrigen T&ouml;chterlein w&uuml;rde er in seinen
+Jahren kaum sonderlichen Anwert finden; und Herrn
+Olivo selbst, der damals ein magerer, der Studien
+beflissener J&uuml;ngling gewesen war, als b&auml;urisch beh&auml;bigen
+Hausvater in l&auml;ndlicher Umgebung zu bewundern,
+das lockte ihn nicht genug, als da&szlig; er
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>darum eine Reise h&auml;tte aufschieben sollen, die ihn
+Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen n&auml;her
+brachte. Olivo aber, der nicht gesonnen schien,
+Casanovas Weigerung ohne weiteres hinzunehmen,
+bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach
+dem Gasthof zu bringen, was ihm Casanova f&uuml;glich
+nicht abschlagen konnte. In wenigen Minuten waren
+sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in der
+Mitte der Drei&szlig;ig, begr&uuml;&szlig;te in der Einfahrt Casanova
+mit einem Blick, der das zwischen ihnen bestehende
+z&auml;rtliche Verh&auml;ltnis auch f&uuml;r Olivo ohne
+weitres ersichtlich machen mu&szlig;te. Diesem aber
+reichte sie die Hand als einem guten Bekannten, von
+dem sie &#8211; wie sie Casanova gegen&uuml;ber gleich bemerkte
+&#8211; eine gewisse, auf seinem Gut wachsende,
+sehr preisw&uuml;rdige, s&uuml;&szlig;lich-herbe Weinsorte regelm&auml;&szlig;ig
+zu beziehen pflegte. Olivo beklagte sich sofort,
+da&szlig; der Chevalier von Seingalt (denn so hatte
+die Wirtin Casanova begr&uuml;&szlig;t, und Olivo z&ouml;gerte
+nicht, sich gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so
+grausam sei, die Einladung eines wiedergefundenen
+alten Freundes auszuschlagen, aus dem l&auml;cherlichen
+Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute,
+von Mantua wieder abreisen m&uuml;sse. Die befremdete
+Miene der Wirtin belehrte ihn sofort, da&szlig; diese von
+Casanovas Absicht bisher noch nichts gewu&szlig;t hatte,
+und Casanova hielt es daraufhin f&uuml;r angebracht, zu
+<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>erkl&auml;ren, da&szlig; er den Reiseplan zwar nur vorgesch&uuml;tzt,
+um nicht der Familie des Freundes durch einen so
+unerwarteten Besuch l&auml;stig zu fallen; tats&auml;chlich
+aber sei er gen&ouml;tigt, ja verpflichtet, in den n&auml;chsten
+Tagen eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschlie&szlig;en,
+wof&uuml;r er keinen geeignetern Ort w&uuml;&szlig;te,
+als diesen vorz&uuml;glichen Gasthof, in dem ihm ein
+k&uuml;hles und ruhiges Zimmer zur Verf&uuml;gung st&auml;nde.
+Darauf beteuerte Olivo, da&szlig; seinem bescheidenen
+Haus keine gr&ouml;&szlig;re Ehre widerfahren k&ouml;nne, als
+wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk
+zum Abschlu&szlig; br&auml;chte; die l&auml;ndliche Abgeschiedenheit
+k&ouml;nne einem solchen Unternehmen doch nur
+f&ouml;rderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsb&uuml;chern,
+wenn Casanova solcher ben&ouml;tigte, w&auml;re
+auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die Tochter
+seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber
+trotz ihrer Jugend schon h&ouml;chst gelehrtes M&auml;dchen,
+vor wenigen Wochen mit einer ganzen Kiste voll
+B&uuml;chern bei ihnen eingetroffen sei; &#8211; und wenn des
+Abends gelegentlich G&auml;ste erschienen, so brauchte
+sich der Herr Chevalier weiter nicht um sie zu k&uuml;mmern;
+es sei denn, da&szlig; ihm nach des Tages Arbeit
+und Bem&uuml;hen eine heitre Unterhaltung oder ein
+kleines Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung
+bedeutete. Casanova hatte kaum von einer
+jungen Nichte vernommen, als er auch schon entschlossen
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>war, sich dieses Gesch&ouml;pf in der N&auml;he zu
+besehn; anscheinend noch immer z&ouml;gernd, gab er
+dem Dr&auml;ngen Olivos endlich nach, erkl&auml;rte aber
+gleich, da&szlig; er keineswegs l&auml;nger als ein oder zwei
+Tage von Mantua fernbleiben k&ouml;nne, und beschwor
+seine liebensw&uuml;rdige Wirtin, Briefe, die f&uuml;r ihn indes
+hier anlangen mochten und vielleicht von h&ouml;chster
+Wichtigkeit waren, ihm unverz&uuml;glich durch
+einen Boten nachzusenden. Nachdem die Sache so
+zu Olivos gro&szlig;er Zufriedenheit geordnet war, begab
+sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich f&uuml;r die
+Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat
+er in die Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges
+Gespr&auml;ch gesch&auml;ftlicher Natur mit der Wirtin
+eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend
+sein Glas Wein aus, und verst&auml;ndnisvoll zwinkernd
+versprach er ihr, den Chevalier &#8211; wenn auch nicht
+bereits morgen oder &uuml;bermorgen &#8211; doch in jedem
+Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zur&uuml;ckzustellen.
+Casanova aber, pl&ouml;tzlich zerstreut und
+hastig, empfahl sich so k&uuml;hl von seiner freundlichen
+Wirtin, da&szlig; sie ihm, schon am Wagenschlag, ein
+Abschiedswort ins Ohr fl&uuml;sterte, das eben keine Liebkosung
+war.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die beiden M&auml;nner die staubige, im
+sengenden Mittagsglanz daliegende Stra&szlig;e ins Land
+hinausfuhren, erz&auml;hlte Olivo weitschweifig und wenig
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>geordnet von seinen Lebensumst&auml;nden: wie er
+bald nach seiner Verheiratung ein winziges Grundst&uuml;ck
+nahe der Stadt gekauft, einen kleinen Gem&uuml;sehandel
+angefangen; dann seinen Besitz allm&auml;hlich
+erweitert und Landwirtschaft zu treiben begonnen;
+&#8211; wie er es endlich durch die eigne und seiner Gattin
+T&uuml;chtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht,
+da&szlig; er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen
+Marazzani dessen altes, etwas verfallenes Schlo&szlig;
+samt dazugeh&ouml;rigem Weingut k&auml;uflich zu erwerben
+imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem
+Grund mit Frau und Kindern behaglich, wenn auch
+keineswegs gr&auml;flich, eingerichtet habe. All dies
+aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertf&uuml;nfzig
+Goldst&uuml;cken, die seine Braut oder vielmehr deren
+Mutter von Casanova zum Geschenk erhalten habe;
+&#8211; ohne diese zauberkr&auml;ftige Hilfe w&auml;re sein Los
+wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen:
+ungezogne Rangen im Lesen und Schreiben zu unterweisen;
+wahrscheinlich w&auml;re er auch ein alter Junggeselle
+und Amalie eine alte Jungfer geworden ...
+Casanova lie&szlig; ihn reden und h&ouml;rte ihm kaum zu.
+Ihm zog das Abenteuer durch den Sinn, in das er
+damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern
+verstrickt gewesen war, und das, als das geringste
+von allen, seine Seele so wenig als seither
+seine Erinnerung besch&auml;ftigt hatte. Auf einer Reise
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>von Rom nach Turin oder Paris &#8211; er wu&szlig;te es selbst
+nicht mehr &#8211; w&auml;hrend eines kurzen Aufenthalts in
+Mantua hatte er Amalia eines Morgens in der Kirche
+erblickt und, da ihm ihr h&uuml;bsches blasses, etwas verweintes
+Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante
+Frage an sie gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle
+gegen ihn waren, hatte sie ihm gern ihr Herz aufgeschlossen,
+und so erfuhr er, da&szlig; sie, die selbst in
+d&uuml;rftigen Verh&auml;ltnissen lebte, in einen armen Schullehrer
+verliebt war, dessen Vater ebenso wie ihre
+Mutter zu einer so aussichtslosen Verbindung die
+Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erkl&auml;rte
+sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine
+zu bringen. Er lie&szlig; sich vor allem mit Amaliens
+Mutter bekannt machen, und da diese als eine h&uuml;bsche
+Witwe von sechsunddrei&szlig;ig Jahren auf Huldigungen
+noch Anspruch machen durfte, war Casanova bald
+so innig mit ihr befreundet, da&szlig; seine F&uuml;rsprache
+alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst
+ihre ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch
+Olivos Vater, ein heruntergekommener Kaufmann,
+seine Zustimmung nicht l&auml;nger, insbesondre als Casanova,
+der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter
+vorgestellt wurde, sich gro&szlig;m&uuml;tig verpflichtete,
+die Kosten der Hochzeit und einen Teil der
+Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte
+nicht anders als dem edlen G&ouml;nner, der ihr erschienen
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>war wie ein Bote aus einer andern h&ouml;hern Welt, sich
+in einer Weise dankbar erzeigen, die das eigne
+Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer
+Hochzeit der letzten Umarmung Casanovas mit gl&uuml;henden
+Wangen entrang, war ihr der Gedanke v&ouml;llig
+fern, an ihrem Br&auml;utigam, der sein Gl&uuml;ck am Ende
+doch nur der Liebensw&uuml;rdigkeit und dem Edelsinn
+des wunderbaren Fremden verdankte, ein Unrecht
+begangen zu haben. Ob Olivo von der au&szlig;erordentlichen
+Erkenntlichkeit Amaliens gegen&uuml;ber dem
+Wohlt&auml;ter je durch ein Gest&auml;ndnis Kunde erhalten,
+ob er ihr Opfer vielleicht als ein selbstverst&auml;ndliches
+vorausgesetzt und ohne nachtr&auml;gliche Eifersucht hingenommen
+hatte, oder ob ihm gar, was geschehen,
+bis heute ein Geheimnis geblieben war, &#8211; darum
+hatte Casanova sich niemals gek&uuml;mmert und k&uuml;mmerte
+sich auch heute nicht darum.</p>
+
+<p>Die Hitze stieg immer h&ouml;her an. Der Wagen,
+schlecht gefedert und mit harten Kissen versehn,
+rumpelte und stie&szlig; zum Erbarmen, das d&uuml;nnstimmig
+gutm&uuml;tige Geschw&auml;tz Olivos, der nicht ablie&szlig;, seinen
+Begleiter von der Ersprie&szlig;lichkeit seines Bodens,
+der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau, der Wohlgeratenheit
+seiner Kinder und von dem vergn&uuml;gt
+harmlosen Verkehr mit b&auml;uerlicher und adliger Nachbarschaft
+zu unterhalten, begann Casanova zu langweilen,
+und &auml;rgerlich fragte er sich, aus welchem
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen,
+die f&uuml;r ihn nichts als Unbequemlichkeiten und
+am Ende gar Entt&auml;uschungen im Gefolge haben
+konnte. Er sehnte sich nach seinem k&uuml;hlen Gasthofszimmer
+in Mantua, wo er zu dieser selben Stunde
+ungest&ouml;rt an seiner Schrift gegen Voltaire h&auml;tte weiterarbeiten
+k&ouml;nnen, &#8211; und schon war er entschlossen,
+beim n&auml;chsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde,
+auszusteigen, ein beliebiges Gef&auml;hrt zu mieten und
+zur&uuml;ckzufahren, als Olivo ein lautes Holla he!
+h&ouml;ren lie&szlig;, nach seiner Art mit beiden H&auml;nden zu
+winken begann und, Casanova beim Arm packend,
+auf einen Wagen deutete, der neben dem ihren,
+zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben
+war. Von jenem andern aber sprangen,
+eines hinter dem andern, drei ganz junge M&auml;dchen
+herunter, so da&szlig; das schmale Brett, das ihnen als
+Sitz gedient hatte, in die H&ouml;he flog und umkippte.
+&raquo;Meine T&ouml;chter,&laquo; wandte sich Olivo, nicht ohne
+Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene
+machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: &raquo;Bleiben
+Sie nur sitzen, mein teurer Chevalier, in einer
+Viertelstunde sind wir am Ziel, und so lange k&ouml;nnen
+wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen.
+Maria, Nanetta, Teresina &#8211; seht, das ist der Chevalier
+von Seingalt, ein alter Freund eures Vaters,
+kommt nur n&auml;her, k&uuml;&szlig;t ihm die Hand, denn ohne
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>ihn w&auml;ret ihr&laquo; &#8211; er unterbrach sich und fl&uuml;sterte
+Casanova zu: &raquo;Bald h&auml;tt&#8217; ich was Dummes gesagt.&laquo;
+Dann verbesserte er sich laut: &raquo;Ohne ihn w&auml;re manches
+anders!&laquo; Die M&auml;dchen, schwarzhaarig und
+dunkel&auml;ugig wie Olivo, und alle, auch die &auml;lteste,
+Teresina, noch von kindlichem Aussehn, betrachteten
+den Fremden mit ungezwungener, etwas b&auml;urischer
+Neugier, und die j&uuml;ngste, Maria, schickte
+sich, der v&auml;terlichen Weisung folgend, an, ihm allen
+Ernstes die Hand zu k&uuml;ssen; Casanova aber lie&szlig; es
+nicht zu, sondern nahm eins der M&auml;dchen nach dem
+andern beim Kopf und k&uuml;&szlig;te jedes auf beide Wangen.
+Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem jungen
+Burschen, der das W&auml;gelchen mit den Kindern
+bis hierher gebracht hatte, worauf jener auf das
+Pferd einhieb und die Landstra&szlig;e in der Richtung
+nach Mantua weiterfuhr.</p>
+
+<p>Die M&auml;dchen nahmen Olivo und Casanova gegen&uuml;ber
+unter Lachen und scherzhaftem Gez&auml;nk auf
+dem R&uuml;cksitz Platz; sie sa&szlig;en eng aneinandergedr&auml;ngt,
+redeten alle zugleich, und da ihr Vater
+gleichfalls zu sprechen nicht aufh&ouml;rte, war es Casanova
+anfangs nicht leicht, ihren Worten zu entnehmen,
+was sie alle einander eigentlich zu erz&auml;hlen
+hatten. Ein Name klang auf: der eines Leutnants
+Lorenzi; er sei, wie Teresina berichtete, vor einer
+Weile an ihnen vorbeigeritten, habe f&uuml;r den Abend
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater
+sch&ouml;nstens gr&uuml;&szlig;en. Ferner meldeten die Kinder,
+da&szlig; die Mutter anfangs gleichfalls beabsichtigt h&auml;tte,
+dem Vater entgegenzufahren; aber in Anbetracht
+der gro&szlig;en Hitze hatte sie&#8217;s doch vorgezogen, daheim
+bei Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch
+in den Federn gelegen, als man von Hause wegfuhr;
+und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten sie
+sie mit Beeren und Haseln&uuml;ssen beworfen, sonst
+schliefe sie wohl noch zu dieser Stunde.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sonst nicht Marcolinens Art,&laquo; wandte
+sich Olivo an seinen Gast; &raquo;meistens sitzt sie schon
+um sechs Uhr oder noch fr&uuml;her im Garten und studiert
+bis zur Mittagszeit. Gestern freilich hatten wir
+G&auml;ste, und es dauerte etwas l&auml;nger als gew&ouml;hnlich;
+auch ein kleines Spielchen wurde gemacht, &#8211; nicht
+eins, wie es der Herr Chevalier gew&ouml;hnt sein m&ouml;gen
+&#8211; wir sind harmlose Leute und wollen einander
+nicht das Geld abnehmen. Und da auch unser w&uuml;rdiger
+Abbate sich zu beteiligen pflegt, so k&ouml;nnen Sie
+sich wohl denken, Herr Chevalier, da&szlig; es nicht sehr
+s&uuml;ndhaft dabei zugeht.&laquo;</p>
+
+<p>Als vom Abbate die Rede war, lachten die M&auml;dchen
+und hatten einander wei&szlig; Gott was zu erz&auml;hlen,
+wor&uuml;ber es noch mehr zu lachen gab als vorher.
+Casanova aber nickte nur zerstreut; in der Phantasie
+sah er das Fr&auml;ulein Marcolina, das er noch gar nicht
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>kannte, in ihrem wei&szlig;en Bette liegend, dem Fenster
+gegen&uuml;ber, die Decke heruntergestreift, halb entbl&ouml;&szlig;ten
+Leibes, mit schlaftrunknen H&auml;nden sich gegen
+die hereinfliegenden Beeren und Haseln&uuml;sse wehrend;
+&#8211; und eine t&ouml;richte Glut flog durch seine
+Sinne. Da&szlig; Marcolina die Geliebte des Leutnants
+Lorenzi war, daran zweifelte er so wenig, als h&auml;tte
+er selbst sie beide in z&auml;rtlichster Umschlingung gesehn,
+und er war so bereit, den unbekannten Lorenzi
+zu hassen, als ihn nach der niemals geschauten Marcolina
+verlangte.</p>
+
+<p>Im zitternden Dunst des Mittags, &uuml;ber graugr&uuml;nes
+Laubwerk emporragend, ward ein viereckiges T&uuml;rmchen
+sichtbar. Bald bog der Wagen von der Landstra&szlig;e
+auf einen Seitenweg; links stiegen Weinh&uuml;gel
+gelinde an, rechts &uuml;ber den Rand einer Gartenmauer
+neigten sich Kronen uralter B&auml;ume. Der Wagen
+hielt an einem Tor, dessen verwitterte Holzfl&uuml;gel
+weit offen standen, die Fahrg&auml;ste stiegen aus, der
+Kutscher, auf einen Wink Olivos, fuhr weiter, dem
+Stalle zu. Ein breiter Weg unter Kastanienb&auml;umen
+f&uuml;hrte zu dem Schl&ouml;&szlig;chen, das sich auf den ersten
+Anblick etwas kahl, ja vernachl&auml;ssigt darbot. Was
+Casanova vor allem ins Auge fiel, war ein zerbrochenes
+Fenster im ersten Stockwerk; ebenso entging es
+ihm nicht, da&szlig; die Umfassung auf der Plattform des
+breiten, aber niedern Turmes, der etwas plump auf
+<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>dem Geb&auml;ude sa&szlig;, da und dort abbr&ouml;ckelte. Hingegen
+zeigte die Haust&uuml;re eine edle Schnitzerei, und
+in den Flur tretend, erkannte Casanova sofort, da&szlig;
+das Innere des Hauses sich in einem wohlerhaltenen
+und jedenfalls weit bessern Zustand befand, als dessen
+&Auml;u&szlig;res h&auml;tte vermuten lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Amalia,&laquo; rief Olivo laut, da&szlig; es von den gew&ouml;lbten
+Mauern widerhallte. &raquo;Komm herunter so geschwind
+du kannst! Ich hab&#8217; dir einen Gast mitgebracht,
+Amalia, und was f&uuml;r einen Gast!&laquo; &#8211; Aber
+Amalia war schon vorher oben auf der Stiege erschienen,
+ohne f&uuml;r die aus der vollen Sonne in das
+D&auml;mmer Tretenden sofort sichtbar zu sein. Casanova,
+dessen scharfe Augen sich die F&auml;higkeit bewahrt
+hatten, selbst das Dunkel der Nacht zu durchdringen,
+hatte sie fr&uuml;her bemerkt als der Gatte. Er
+l&auml;chelte und f&uuml;hlte zugleich, da&szlig; dieses L&auml;cheln sein
+Antlitz j&uuml;nger machte. Amalia war keineswegs fett
+geworden, wie er gef&uuml;rchtet, sondern sah schlank
+und jugendlich aus. Sie hatte ihn gleich erkannt.
+&raquo;Welche &Uuml;berraschung, welches Gl&uuml;ck!&laquo; rief sie
+ohne jede Verlegenheit aus, eilte rasch die Stufen
+hinab und reichte Casanova zur Begr&uuml;&szlig;ung die
+Wange, worauf dieser sie ohne weitres wie eine liebe
+Freundin umarmte. &raquo;Und ich soll wirklich glauben,&laquo;
+sagte er dann, &raquo;da&szlig; Maria, Nanetta und Teresina
+Ihre leiblichen T&ouml;chter sind, Amalia? Der Zeit nach
+<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>m&ouml;chte es zwar stimmen &#8211;&laquo; &raquo;Und allem &uuml;brigen
+nach auch,&laquo; erg&auml;nzte Olivo, &raquo;verlassen Sie sich darauf,
+Chevalier!&laquo; &#8211; &raquo;Dein Zusammentreffen mit dem
+Chevalier,&laquo; sagte Amalia mit einem erinnerungstrunknen
+Blick auf den Gast, &raquo;ist wohl an deiner
+Versp&auml;tung schuld, Olivo?&laquo; &#8211; &raquo;So ist es, Amalia,
+aber hoffentlich gibt es trotz der Versp&auml;tung noch
+etwas zu essen?&laquo; &#8211; &raquo;Wir haben uns nat&uuml;rlich nicht
+allein zu Tisch gesetzt, Marcolina und ich, so hungrig
+wir schon waren.&laquo; &#8211; &raquo;Und werden Sie sich nun,&laquo;
+fragte Casanova, &raquo;auch noch so lange gedulden, bis
+ich meine Kleider und mich selbst ein wenig vom
+Staub der Landstra&szlig;e gereinigt habe?&laquo; &#8211; &raquo;Gleich
+will ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen,&laquo; sagte Olivo, &raquo;und
+hoffe, Chevalier, Sie werden zufrieden sein, beinahe
+so zufrieden ...&laquo; er zwinkerte und f&uuml;gte leise hinzu:
+&raquo;wie in Ihrem Gasthof zu Mantua, wenn es auch an
+mancherlei fehlen d&uuml;rfte.&laquo; Er ging voraus, die Stiege
+zur Galerie hinauf, die sich rings um die Halle im
+Viereck zog, und von deren &auml;u&szlig;erstem Winkel eine
+schmale Holztreppe sich nach oben wand. In der H&ouml;he
+angelangt, &ouml;ffnete Olivo die T&uuml;re zum Turmgemach
+und, an der Schwelle stehenbleibend, wies er es
+Casanova mit vielen Komplimenten als bescheidenes
+Fremdenzimmer an. Eine Magd brachte den Mantelsack
+nach, entfernte sich mit Olivo, und Casanova
+stand allein in einem m&auml;&szlig;igen, mit allem Notwendigen
+<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>ausgestatteten, doch ziemlich kahlen Raum,
+durch dessen vier schmale hohe Bogenfenster sich
+ein weiter Blick nach allen Seiten auf die sonnbegl&auml;nzte
+Ebene mit gr&uuml;nen Weingel&auml;nden, bunten
+Fluren, gelben Feldern, wei&szlig;en Stra&szlig;en, hellen H&auml;usern
+und dunklen G&auml;rtchen darbot. Casanova k&uuml;mmerte
+sich nicht weiter um die Aussicht und machte
+sich rasch fertig, nicht so sehr aus Hunger, als aus
+einer qu&auml;lenden Neugier, Marcolina so bald als m&ouml;glich
+von Angesicht zu Angesicht zu sehen; er wechselte
+nicht einmal das Gewand, weil er erst am Abend
+gl&auml;nzender aufzutreten gedachte.</p>
+
+<p>Als er das im Erdgescho&szlig; gelegene holzget&auml;felte
+Speisezimmer betrat, sah er um den wohlbestellten
+Tisch au&szlig;er dem Ehepaar und den drei T&ouml;chtern
+ein in mattschimmerndes, einfach herunterflie&szlig;endes
+Grau gekleidetes M&auml;dchen von zierlicher Gestalt
+sitzen, das ihn mit so unbefangenem Blick betrachtete,
+als w&auml;re er jemand, der zum Hause geh&ouml;rte
+oder doch schon hundertmal hier zu Gast gewesen.
+Da&szlig; sich in ihrem Blick nichts von jenem
+Leuchten zeigte, wie es ihn fr&uuml;her so oft begr&uuml;&szlig;t,
+auch wenn er als Nichtgekannter im ber&uuml;ckenden
+Glanz seiner Jugend oder in der gef&auml;hrlichen Sch&ouml;nheit
+seiner Mannesjahre erschienen war, das mu&szlig;te
+Casanova freilich als eine l&auml;ngst nicht mehr neue
+Erfahrung hinnehmen. Aber auch in der letzten
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Zeit noch gen&uuml;gte meist die Nennung seines Namens,
+um auf Frauenlippen den Ausdruck einer versp&auml;teten
+Bewunderung oder doch wenigstens ein leises Zucken
+des Bedauerns hervorzurufen, das gestand, wie gern
+man ihm ein paar Jahre fr&uuml;her begegnet w&auml;re. Doch
+als ihn jetzt Olivo seiner Nichte als Herrn Casanova,
+Chevalier von Seingalt vorstellte, l&auml;chelte sie nicht
+anders, als wenn man ihr irgendeinen gleichg&uuml;ltigen
+Namen genannt h&auml;tte, in dem kein Klang von Abenteuern
+und Geheimnissen verzitterte. Und selbst als
+er neben ihr Platz nahm, ihr die Hand k&uuml;&szlig;te, und
+aus seinen Augen ein Funkenregen von Entz&uuml;cken
+und Begier &uuml;ber sie niederging, verriet ihre Miene
+nichts von der leisen Befriedigung, die doch als bescheidene
+Antwort auf eine so gl&uuml;hende Huldigung
+zu erwarten gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Nach wenigen h&ouml;flich einleitenden Worten lie&szlig;
+Casanova seine Nachbarin merken, da&szlig; er von ihren
+gelehrten Bestrebungen in Kenntnis gesetzt sei, und
+fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn
+besonders abgebe? Sie erwiderte, da&szlig; sie vor allem
+das Studium der h&ouml;hern Mathematik betreibe, in
+das sie durch Professor Morgagni, den ber&uuml;hmten
+Lehrer an der Universit&auml;t von Bologna, eingef&uuml;hrt
+worden sei. Casanova &auml;u&szlig;erte seine Verwunderung
+&uuml;ber ein solches bei anmutigen jungen M&auml;dchen
+wahrlich ungew&ouml;hnliches Interesse an einem so
+<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>schwierigen und dabei n&uuml;chternen Gegenstand, erhielt
+aber von Marcolina die Antwort, da&szlig; ihrer Ansicht
+nach die h&ouml;here Mathematik die phantastischeste,
+ja man k&ouml;nnte sagen, unter allen Wissenschaften
+die ihrer Natur nach wahrhaft g&ouml;ttliche vorstelle.
+Als Casanova sich &uuml;ber diese ihm ganz neue Auffassung
+eine n&auml;here Erkl&auml;rung erbitten wollte,
+wehrte Marcolina bescheiden ab und &auml;u&szlig;erte, da&szlig;
+es den Anwesenden, vor allem aber ihrem lieben
+Oheim, viel erw&uuml;nschter sein d&uuml;rfte, N&auml;heres von
+den Erlebnissen eines vielgereisten Freundes zu erfahren,
+den er so lange nicht gesehn, als einem philosophischen
+Gespr&auml;ch zuzuh&ouml;ren. Amalia schlo&szlig; sich
+ihrer Anregung lebhaft an, und Casanova, immer
+gern bereit, W&uuml;nschen solcher Art nachzugeben, bemerkte
+leichthin, da&szlig; er in den letzten Jahren sich
+vorz&uuml;glich auf geheimen diplomatischen Sendungen
+befunden, die ihn, um nur die gr&ouml;&szlig;ern St&auml;dte zu
+nennen, zwischen Madrid, Paris, London, Amsterdam
+und Petersburg umhergetrieben. Er berichtete
+von Begegnungen und Unterhaltungen ernster und
+heitrer Art mit M&auml;nnern und Frauen der verschiedensten
+St&auml;nde, auch des freundlichen Empfangs zu
+erw&auml;hnen verga&szlig; er nicht, der ihm am Hof der Katharina
+von Ru&szlig;land zuteil geworden, und sehr
+spa&szlig;haft erz&auml;hlte er, wie Friedrich der Gro&szlig;e ihn
+beinahe zum Erzieher an einer Kadettenschule f&uuml;r
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>pommersche Junker gemacht hatte; &#8211; eine Gefahr,
+der er sich allerdings durch rasche Flucht entzogen.
+Von all dem und manchem andern sprach er, als
+h&auml;tte es sich in einer eben erst verflossenen Zeit zugetragen
+und l&auml;ge nicht in Wirklichkeit Jahre und
+Jahrzehnte zur&uuml;ck; mancherlei erfand er dazu, ohne
+sich seiner gr&ouml;&szlig;ern und kleinern L&uuml;gen selber recht
+bewu&szlig;t zu werden, freute sich seiner eignen Laune
+wie der Teilnahme, mit der man ihm lauschte; und
+w&auml;hrend er so erz&auml;hlte und phantasierte, ward ihm
+fast, als w&auml;re er in der Tat noch heute der gl&uuml;ckverw&ouml;hnte,
+unversch&auml;mte, strahlende Casanova, der
+mit sch&ouml;nen Frauen durch die Welt gefahren, den
+weltliche und geistliche F&uuml;rsten mit hoher Gunst
+ausgezeichnet, der Tausende verschwendet, verspielt
+und verschenkt hatte &#8211; und nicht ein herabgekommener
+Schlucker, den ehemalige Freunde von England
+und Spanien her mit l&auml;cherlichen Summen
+unterst&uuml;tzten, &#8211; die indes auch manchmal ausblieben,
+so da&szlig; er auf die paar armseligen Geldst&uuml;cke
+angewiesen war, die er dem Baron Perotti oder dessen
+G&auml;sten abgewann; ja, er verga&szlig; sogar, da&szlig; es ihm
+wie ein h&ouml;chstes Ziel erschien, in der Vaterstadt, die
+ihn erst eingekerkert und nach seiner Flucht ge&auml;chtet
+und verbannt hatte, als der geringste ihrer
+B&uuml;rger, als ein Schreiber, als ein Bettler, als ein Nichts
+&#8211; sein einst so prangendes Dasein zu beschlie&szlig;en.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>Auch Marcolina h&ouml;rte ihm aufmerksam zu, aber
+mit keinem andern Ausdruck, als wenn man ihr
+etwa aus einem Buch leidlich unterhaltsame Geschichten
+vorl&auml;se. Da&szlig; ihr ein Mensch, ein Mann,
+da&szlig; ihr Casanova selbst, der all dies erlebt hatte und
+noch vieles andre, was er nicht erz&auml;hlte, da&szlig; ihr der
+Geliebte von tausend Frauen gegen&uuml;bersa&szlig;, &#8211; und
+da&szlig; sie das wu&szlig;te, davon verrieten ihre Mienen nicht
+das geringste. Anders schimmerte es in Amaliens
+Augen. F&uuml;r sie war Casanova derselbe geblieben,
+der er gewesen; ihr klang seine Stimme verf&uuml;hrerisch
+wie vor sechzehn Jahren, und er selbst f&uuml;hlte,
+da&szlig; es ihn nur ein Wort und kaum so viel kosten
+w&uuml;rde, das Abenteuer von damals, sobald es ihm beliebte,
+von neuem aufzunehmen. Doch was war ihm
+Amalia in dieser Stunde, da ihn nach Marcolina
+verlangte wie nach keiner vor ihr? Durch das mattgl&auml;nzend
+sie umflie&szlig;ende Gewand glaubte er ihren
+nackten Leib zu sehen; die knospenden Br&uuml;ste bl&uuml;hten
+ihm entgegen, und als sie sich einmal neigte, um
+ihr zu Boden geglittenes Taschentuch aufzuheben,
+legte Casanovas entflammte Phantasie ihrer Bewegung
+einen so l&uuml;sternen Sinn unter, da&szlig; er sich
+einer Ohnmacht nahe f&uuml;hlte. Da&szlig; er eine Sekunde
+lang unwillk&uuml;rlich im Erz&auml;hlen stockte, entging
+Marcolina so wenig, wie da&szlig; sein Blick seltsam zu
+flirren begann, und er las in dem ihren ein pl&ouml;tzliches
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>Befremden, Verwahrung, ja eine Spur von
+Ekel. Rasch fa&szlig;te er sich wieder und schickte sich
+eben an, seine Erz&auml;hlung mit neuer Lebhaftigkeit
+fortzusetzen, als ein wohlbeleibter Geistlicher eintrat,
+der vom Hausherrn als der Abbate Rossi begr&uuml;&szlig;t
+und von Casanova sofort als derselbe erkannt
+wurde, mit dem er vor siebenundzwanzig Jahren auf
+einem Marktschiff zusammengetroffen war, das von
+Venedig nach Chioggia fuhr. &raquo;Sie hatten damals
+ein Auge verbunden,&laquo; sagte Casanova, der selten
+eine Gelegenheit vor&uuml;bergehen lie&szlig;, mit seinem vorz&uuml;glichen
+Ged&auml;chtnis zu prunken, &raquo;und ein Bauernweib
+mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine heilkr&auml;ftige
+Salbe, die ein junger, sehr heisrer Apotheker
+zuf&auml;llig mit sich f&uuml;hrte.&laquo; Der Abbate nickte
+und l&auml;chelte geschmeichelt. Dann aber, mit einem
+pfiffigen Gesicht, trat er ganz nahe an Casanova
+heran, als h&auml;tte er ihm ein Geheimnis mitzuteilen.
+Doch mit ganz lauter Stimme sagte er: &raquo;Und Sie,
+Herr Casanova, befanden sich in Begleitung einer
+Hochzeitsgesellschaft ... ich wei&szlig; nicht, ob als zuf&auml;lliger
+Gast oder gar als Brautf&uuml;hrer, jedenfalls sah
+die Braut Sie mit viel z&auml;rtlichern Augen an als den
+Br&auml;utigam ... Ein Wind erhob sich, beinahe ein
+Sturm, und Sie begannen ein h&ouml;chst verwegenes Gedicht
+vorzulesen.&laquo; &#8211; &raquo;Das tat der Chevalier gewi&szlig;
+nur,&laquo; sagte Marcolina, &raquo;um den Sturm zu beschwichtigen.&laquo;
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>&#8211; &raquo;Solche Zaubermacht&laquo;, erwiderte Casanova,
+&raquo;traute ich mir niemals zu; allerdings will ich
+nicht leugnen, da&szlig; sich niemand mehr um den
+Sturm k&uuml;mmerte, als ich zu lesen begonnen.&laquo;</p>
+
+<p>Die drei M&auml;dchen hatten sich an den Abbate
+herangemacht. Sie wu&szlig;ten wohl warum. Denn seinen
+ungeheuren Taschen entnahm er k&ouml;stliches
+Zuckerwerk in gro&szlig;en Mengen und schob es mit
+seinen dicken Fingern den Kindern zwischen die
+Lippen. Indes berichtete Olivo dem Abbate in aller
+Ausf&uuml;hrlichkeit, wie er Casanova wiedergefunden.
+Wie verloren hielt Amalia auf die herrische braune
+Stirn des teuren Gastes ihren leuchtenden Blick geheftet.
+Die Kinder liefen in den Garten; Marcolina
+hatte sich erhoben und sah ihnen durchs offne Fenster
+nach. Der Abbate hatte Gr&uuml;&szlig;e vom Marchese
+Celsi zu bestellen, der, wenn es seine Gesundheit zulie&szlig;e,
+heute abend samt Gemahlin bei seinem werten
+Freund Olivo erscheinen wollte. &raquo;Das trifft sich
+gut,&laquo; sagte dieser, &raquo;da haben wir gleich dem Chevalier
+zu Ehren eine h&uuml;bsche kleine Spielgesellschaft;
+die Br&uuml;der Ricardi erwarte ich gleichfalls, und auch
+Lorenzi kommt; die Kinder sind ihm auf seinem
+Spazierritt begegnet.&laquo; &#8211; &raquo;Er ist noch immer da?&laquo;
+fragte der Abbate. &raquo;Schon vor einer Woche hie&szlig;
+es, er solle zu seinem Regiment abgehen.&laquo; &#8211; &raquo;Die
+Marchesa,&laquo; meinte Olivo lachend, &raquo;wird ihm beim
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>Obersten einen Urlaub erwirkt haben.&laquo; &#8211; &raquo;Es wundert
+mich,&laquo; warf Casanova ein, &raquo;da&szlig; es f&uuml;r Mantueser
+Offiziere jetzt Urlaub gibt.&laquo; Und er erfand
+weiter: &raquo;Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua,
+der andre aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern
+in der Richtung gegen Mailand abmarschiert.&laquo;
+&#8211; &raquo;Gibt&#8217;s Krieg?&laquo; fragte Marcolina vom
+Fenster her; sie hatte sich umgewandt, die Z&uuml;ge
+ihres umschatteten Gesichts blieben undeutbar, &#8211;
+doch ein leises Beben ihrer Stimme hatte Casanova
+als einziger wohl gemerkt. &raquo;Es wird vielleicht zu
+nichts kommen,&laquo; sagte er leichthin. &raquo;Aber da die
+Spanier eine drohende Haltung einnehmen, hei&szlig;t es
+bereit sein.&laquo; &#8211; &raquo;Wei&szlig; man denn &uuml;berhaupt,&laquo; fragte
+Olivo wichtig und stirnrunzelnd, &raquo;auf welche Seite
+wir uns schlagen werden, auf die spanische oder auf
+die franz&ouml;sische?&laquo; &#8211; &raquo;Das d&uuml;rfte dem Leutnant
+Lorenzi gleich sein,&laquo; meinte der Abbate. &raquo;Wenn er
+nur endlich dazu kommt, sein Heldentum zu erproben.&laquo;
+&#8211; &raquo;Das hat er schon getan,&laquo; sagte Amalia.
+&raquo;Bei Pavia vor drei Jahren hat er mitgefochten.&laquo;
+Marcolina aber schwieg.</p>
+
+<p>Casanova wu&szlig;te genug. Er trat an Marcolinens
+Seite und umfa&szlig;te den Garten mit einem gro&szlig;en
+Blick. Er sah nichts als die ausgedehnte wilde Wiese,
+auf der die Kinder spielten, und die von einer Reihe
+hoher dichter B&auml;ume gegen die Mauer zu abgeschlossen
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>war. &raquo;Was f&uuml;r ein pr&auml;chtiger Besitz,&laquo; wandte
+er sich an Olivo. &raquo;Ich w&auml;re neugierig, ihn n&auml;her
+kennenzulernen.&laquo; &#8211; &raquo;Und ich, Chevalier,&laquo; erwiderte
+Olivo, &raquo;w&uuml;nsche mir kein gr&ouml;&szlig;eres Vergn&uuml;gen,
+als Sie &uuml;ber meine Weinberge und durch meine
+Felder zu f&uuml;hren. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen
+soll, fragen Sie doch Amalia, in den Jahren, seit das
+kleine G&uuml;tchen mir geh&ouml;rt, hab&#8217; ich mir nichts sehnlicher
+gew&uuml;nscht, als Sie endlich auf meinem eignen
+Grund und Boden als Gast zu begr&uuml;&szlig;en. Zehnmal
+war ich daran, Ihnen zu schreiben, Sie einzuladen.
+Aber war man denn je sicher, da&szlig; eine Nachricht
+Sie erreichen w&uuml;rde? Erz&auml;hlte einem irgendwer,
+man h&auml;tte Sie k&uuml;rzlich in Lissabon gesehn &#8211; so
+konnte man sicher sein, da&szlig; Sie indes nach Warschau
+oder nach Wien abgereist waren. Und nun, da ich
+Sie wie durch ein Wunder eben in der Stunde wiederfinde,
+da Sie Mantua verlassen wollen, und es
+mir &#8211; es war nicht leicht, Amalia &#8211; gelingt, Sie
+hierherzulocken, da geizen Sie so mit Ihrer Zeit,
+da&szlig; Sie uns &#8211; m&ouml;chten Sie es glauben, Herr Abbate
+&#8211; da&szlig; er uns nicht mehr als zwei Tage schenken
+will!&laquo; &#8211; &raquo;Der Chevalier wird sich vielleicht
+zu einer Verl&auml;ngerung seines Aufenthalts &uuml;berreden
+lassen,&laquo; sagte der Abbate, der eben mit viel Behagen
+eine Pfirsichschnitte im Mund zergehen lie&szlig;,
+und warf auf Amalia einen raschen Blick, aus dem
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Casanova zu entnehmen glaubte, da&szlig; sie den Abbate
+in tieferes Vertrauen gezogen hatte als ihren
+Gatten. &#8211; &raquo;Das wird mir leider nicht m&ouml;glich sein,&laquo;
+erwiderte Casanova f&ouml;rmlich; &raquo;denn ich darf Freunden,
+die solchen Anteil an meinem Schicksal nehmen,
+nicht verhehlen, da&szlig; meine venezianischen Mitb&uuml;rger
+im Begriffe sind, mir f&uuml;r das Unrecht, das sie
+mir vor Jahren zugef&uuml;gt, eine etwas versp&auml;tete, aber
+um so ehrenvollere Genugtuung zu geben, und ich
+ihrem Dr&auml;ngen mich nicht l&auml;nger werde versagen
+k&ouml;nnen, wenn ich nicht undankbar oder gar nachtr&auml;gerisch
+erscheinen will.&laquo; Mit einer leichten Handbewegung
+wehrte er eine neugierig-ehrfurchtsvolle
+Frage ab, die er auf Olivos Lippen sich runden sah,
+und bemerkte rasch: &raquo;Nun, Olivo, ich bin bereit.
+Zeigen Sie mir Ihr kleines K&ouml;nigreich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;r&#8217; es nicht geratener,&laquo; warf Amalia ein, &raquo;dazu
+die k&uuml;hlere Tageszeit abzuwarten? Der Chevalier
+wird jetzt gewi&szlig; lieber ein wenig ruhen oder sich im
+Schatten ergehen wollen?&laquo; Und aus ihren Augen
+schimmerte zu Casanova ein sch&uuml;chternes Flehen
+hin, als m&uuml;&szlig;te w&auml;hrend eines solchen Lustwandelns
+drau&szlig;en im Garten ihr Schicksal sich zum zweitenmal
+entscheiden. &#8211; Niemand hatte gegen Amaliens
+Vorschlag etwas einzuwenden, und man begab sich
+ins Freie. Marcolina, den andern voraus, lief im
+Sonnenschein &uuml;ber die Wiese zu den Kindern, die
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>dort mit Federb&auml;llen spielten, und nahm sofort am
+Spiele teil. Sie war kaum gr&ouml;&szlig;er als das &auml;lteste der
+drei M&auml;dchen, und, wie ihr nun das freigelockte
+Haar um die Schultern flatterte, sah sie selber einem
+Kinde gleich. Olivo und der Abbate lie&szlig;en sich in
+der Allee, in der N&auml;he des Hauses, auf einer steinernen
+Bank nieder. Amalia wandelte an Casanovas
+Seite weiter. Als sie von den andern nicht mehr geh&ouml;rt
+werden konnte, begann sie im Tonfall von einst,
+als w&auml;re ihre Stimme f&uuml;r Casanova niemals in einem
+andern erklungen:</p>
+
+<p>&raquo;So bist du wieder da, Casanova! Wie hab&#8217; ich
+diesen Tag ersehnt. Da&szlig; er einmal kommen w&uuml;rde,
+hab&#8217; ich gewu&szlig;t.&laquo; &#8211; &raquo;Es ist ein Zufall, da&szlig; ich da
+bin,&laquo; sagte Casanova kalt. Amalia l&auml;chelte nur.
+&raquo;Nenn&#8217; es wie du willst. Du bist da! Ich habe in
+diesen sechzehn Jahren von nichts anderm getr&auml;umt
+als von diesem Tag!&laquo; &#8211; &raquo;Es ist anzunehmen,&laquo; entgegnete
+Casanova, &raquo;da&szlig; du im Laufe dieser Zeit von
+mancherlei anderm getr&auml;umt und &#8211; nicht nur getr&auml;umt
+hast.&laquo; Amalia sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Du
+wei&szlig;t, da&szlig; es nicht so ist, Casanova. Und auch du
+hast meiner nicht vergessen, sonst h&auml;ttest du, der
+du so eilig bist, nach Venedig zu gelangen, Olivos
+Einladung nicht angenommen!&laquo; &#8211; &raquo;Was denkst du
+eigentlich, Amalia? Ich sei hergekommen, um deinen
+guten Mann zum Hahnrei zu machen?&laquo; &#8211;
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>&raquo;Warum sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir
+wieder geh&ouml;re, so ist es weder Betrug noch S&uuml;nde!&laquo;
+Casanova lachte laut auf. &raquo;Keine S&uuml;nde? Warum
+keine S&uuml;nde? Weil ich ein alter Mann bin?&laquo; &#8211;
+&raquo;Du bist nicht alt. F&uuml;r mich kannst du es niemals
+werden. In deinen Armen hab&#8217; ich meine erste Seligkeit
+genossen &#8211; und so ist es mir gewi&szlig; bestimmt,
+da&szlig; mir mit dir auch meine letzte zuteil wird!&laquo; &#8211;
+&raquo;Deine letzte?&laquo; wiederholte Casanova h&ouml;hnisch, obwohl
+er nicht ganz unger&uuml;hrt war, &#8211; &raquo;dagegen
+d&uuml;rfte mein Freund Olivo wohl mancherlei einzuwenden
+haben.&laquo; &#8211; &raquo;Das,&laquo; erwiderte Amalia err&ouml;tend,
+&raquo;das ist Pflicht &#8211; meinethalben sogar Vergn&uuml;gen;
+aber Seligkeit ist es doch nicht ... war es
+niemals.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen die Allee nicht zu Ende, als scheuten
+beide die N&auml;he des Wiesenplatzes, wo Marcolina und
+die Kinder spielten, &#8211; wie auf Verabredung kehrten
+sie um und waren bald wieder, schweigend, beim
+Wohnhaus angelangt. An der Schmalseite stand ein
+Fenster des Erdgeschosses offen. Casanova sah in der
+d&auml;mmernden Tiefe des Gemachs einen halbgerafften
+Vorhang, hinter dem das Fu&szlig;ende des Bettes sichtbar
+wurde. &Uuml;ber einem Stuhl daneben hing ein
+lichtes, schleierartiges Gewand. &raquo;Marcolinens Zimmer?&laquo;
+fragte Casanova. &#8211; Amalia nickte. Und zu
+Casanova anscheinend heiter und wie ohne jeden
+<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>Verdacht: &raquo;Sie gef&auml;llt dir?&laquo; &#8211; &raquo;Da sie sch&ouml;n ist.&laquo;
+&#8211; &raquo;Sch&ouml;n und tugendhaft.&laquo; &#8211; Casanova zuckte die
+Achseln, als h&auml;tte er danach nicht gefragt. Dann
+sagte er: &raquo;Wenn du mich heute zum erstenmal
+s&auml;hest &#8211; ob ich dir wohl auch gefiele, Amalia?&laquo; &#8211;
+&raquo;Ich wei&szlig; nicht, ob du heute anders aussiehst als
+damals. Ich sehe dich &#8211; wie du damals warst. Wie
+ich dich seither immer, auch in meinen Tr&auml;umen
+sah.&laquo; &#8211; &raquo;Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln
+meiner Stirn ... Die Falten meines Halses! Und die
+tiefe Rinne da von den Augen den Schl&auml;fen zu! Und
+hier &#8211; ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn,&laquo; &#8211;
+er ri&szlig; den Mund grinsend auf. &raquo;Und diese H&auml;nde,
+Amalia! Sieh sie doch an! Finger wie Krallen ...
+kleine gelbe Flecken auf den N&auml;geln ... Und die
+Adern da &#8211; blau und geschwollen &#8211; Greisenh&auml;nde,
+Amalia!&laquo; &#8211; Sie nahm seine beiden H&auml;nde, so wie er
+sie ihr wies, und im Schatten der Allee k&uuml;&szlig;te sie
+eine nach der andern mit Andacht. &raquo;Und heute
+nacht will ich deine Lippen k&uuml;ssen,&laquo; sagte sie in einer
+dem&uuml;tig z&auml;rtlichen Art, die ihn erbitterte.</p>
+
+<p>Unweit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina
+im Gras, die H&auml;nde unter den Kopf gest&uuml;tzt,
+den Blick in die H&ouml;he gewandt, und die B&auml;lle der
+Kinder flogen &uuml;ber sie hin. Pl&ouml;tzlich streckte sie den
+einen Arm aus und haschte nach einem der B&auml;lle.
+Sie fing ihn auf, lachte hell, die Kinder fielen &uuml;ber
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>sie her, sie konnte sich ihrer nicht erwehren, ihre
+Locken flogen. Casanova bebte. &raquo;Du wirst weder
+meine Lippen noch meine H&auml;nde k&uuml;ssen,&laquo; sagte er
+zu Amalia, &raquo;und du sollst mich vergeblich erwartet
+und vergeblich von mir getr&auml;umt haben &#8211; es sei
+denn, da&szlig; ich vorher Marcolina besessen habe.&laquo; &#8211;
+&raquo;Bist du wahnsinnig, Casanova?&laquo; rief Amalia mit
+weher Stimme. &#8211; &raquo;So haben wir einander nichts
+vorzuwerfen,&laquo; sagte Casanova. &raquo;Du bist wahnsinnig,
+da du in mir altem Manne den Geliebten deiner Jugend
+wiederzusehen glaubst, ich, weil ich mir in
+den Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber
+vielleicht ist uns beiden beschieden, wieder zu Verstand
+zu kommen. Marcolina soll mich wieder jung
+machen &#8211; f&uuml;r dich. Also &#8211; f&uuml;hre meine Sache bei
+ihr, Amalia!&laquo; &#8211; &raquo;Du bist nicht bei dir, Casanova.
+Es ist unm&ouml;glich. Sie will von keinem Mann etwas
+wissen.&laquo; &#8211; Casanova lachte auf. &raquo;Und der Leutnant
+Lorenzi?&laquo; &#8211; &raquo;Was soll&#8217;s mit Lorenzi sein?&laquo; &#8211;
+&raquo;Er ist ihr Liebhaber, ich wei&szlig; es.&laquo; &#8211; &raquo;Wie du dich
+irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten,
+und sie hat sie ausgeschlagen. Und er ist jung &#8211; er
+ist sch&ouml;n &#8211; ja, fast glaub&#8217; ich, sch&ouml;ner als du je gewesen
+bist, Casanova!&laquo; &#8211; &raquo;Er h&auml;tte um sie geworben?&laquo;
+&#8211; &raquo;Frage doch Olivo, wenn du mir nicht
+glaubst.&laquo; &#8211; &raquo;Nun, mir gilt&#8217;s gleich. Was geht&#8217;s
+mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne,
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>Braut oder Witwe &#8211; ich will sie haben, ich will sie!&laquo;
+&#8211; &raquo;Ich kann sie dir nicht geben, mein Freund.&laquo;
+Und er f&uuml;hlte aus dem Ton ihrer Stimme, da&szlig; sie
+ihn beklagte. &raquo;Nun siehst du,&laquo; sagte er, &raquo;was f&uuml;r
+ein schm&auml;hlicher Kerl ich geworden bin, Amalia!
+Noch vor zehn &#8211; noch vor f&uuml;nf Jahren h&auml;tt&#8217; ich
+keinen Beistand und keine F&uuml;rsprache gebraucht,
+und w&auml;re Marcolina die G&ouml;ttin der Tugend selbst
+gewesen. Und nun will ich dich zur Kupplerin
+machen. Oder wenn ich reich w&auml;re ... Ja, mit
+zehntausend Dukaten ... Aber ich habe nicht zehn.
+Ein Bettler bin ich, Amalia.&laquo; &#8211; &raquo;Auch f&uuml;r hunderttausend
+bek&auml;mst du Marcolina nicht. Was kann ihr
+am Reichtum liegen? Sie liebt die B&uuml;cher, den Himmel,
+die Wiesen, die Schmetterlinge und die Spiele
+mit Kindern ... Und mit ihrem kleinen Erbteil hat
+sie mehr als sie bedarf.&laquo; &#8211; &raquo;O, w&auml;r&#8217; ich ein F&uuml;rst!&laquo;
+rief Casanova, ein wenig deklamierend, wie es zuweilen
+seine Art war, gerade wenn ihn eine echte
+Leidenschaft durchw&uuml;hlte. &raquo;H&auml;tt&#8217; ich die Macht,
+Menschen ins Gef&auml;ngnis werfen, hinrichten zu lassen
+... Aber ich bin nichts. Ein Bettler &#8211; und ein
+L&uuml;gner dazu. Ich bettle bei den hohen Herrn in
+Venedig um ein Amt, um ein St&uuml;ck Brot, um Heimat!
+Was ist aus mir geworden? Ekelt dich nicht
+vor mir, Amalia?&laquo; &#8211; &raquo;Ich liebe dich, Casanova!&laquo; &#8211;
+&raquo;So verschaffe sie mir, Amalia! Es steht bei dir,
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>ich wei&szlig; es. Sag&#8217; ihr, was du willst. Sag&#8217; ihr, da&szlig;
+ich euch gedroht habe. Da&szlig; du mir zutraust, ich
+k&ouml;nnte euch das Dach &uuml;ber dem Hause anz&uuml;nden!
+Sag&#8217; ihr, ich w&auml;r&#8217; ein Narr, ein gef&auml;hrlicher Narr,
+aus dem Irrenhaus entsprungen, aber die Umarmung
+einer Jungfrau k&ouml;nnte mich wieder gesund machen.
+Ja, das sag&#8217; ihr.&laquo; &#8211; &raquo;Sie glaubt nicht an Wunder.&laquo;
+&#8211; &raquo;Wie? Nicht an Wunder? So glaubt sie auch
+nicht an Gott. Um so besser! Ich bin gut angeschrieben
+beim Erzbischof von Mailand! Sag&#8217; ihr das!
+Ich kann sie verderben! Euch alle kann ich verderben.
+Das ist wahr, Amalia! Was sind es f&uuml;r B&uuml;cher,
+die sie liest? Gewi&szlig; sind auch solche darunter, die
+die Kirche verboten hat. La&szlig; sie mich sehen. Ich
+will eine Liste zusammenstellen. Ein Wort von
+mir ...&laquo; &#8211; &raquo;Schweige, Casanova! Dort kommt sie.
+Verrate dich nicht! Nimm deine Augen in acht!
+Nie, Casanova, nie, h&ouml;re wohl, was ich sage, nie
+hab&#8217; ich ein reineres Wesen gekannt. Ahnte sie,
+was ich eben habe h&ouml;ren m&uuml;ssen, sie erschiene sich
+wie beschmutzt; und du w&uuml;rdest sie, solang du hier
+bist, mit keinem Blick mehr zu sehen bekommen.
+Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr &#8211; du wirst sie,
+du wirst <em class="gesperrt">mich</em> um Verzeihung bitten.&laquo;</p>
+
+<p>Marcolina, mit den Kindern, kam heran; diese
+liefen an ihr vorbei, ins Haus, sie selber aber, wie
+um dem Gast eine H&ouml;flichkeit zu erweisen, blieb vor
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>ihm stehn, w&auml;hrend Amalia, wie mit Absicht, sich
+entfernte. Und nun war es Casanova in der Tat,
+als wehte es ihm von diesen blassen, halb ge&ouml;ffneten
+Lippen, dieser glatten, von dunkelblondem, nun aufgestecktem
+Haar umrahmten Stirn wie ein Hauch
+von Herbheit und Keuschheit entgegen; &#8211; was er
+selten einer Frau, was er auch ihr gegen&uuml;ber fr&uuml;her
+im geschlossnen Raum nicht versp&uuml;rt &#8211; eine Art von
+Andacht, von Hingegebenheit ohne jedes Verlangen
+flo&szlig; durch seine Seele. Und mit Zur&uuml;ckhaltung, ja
+in einem Ton von Ehrerbietung, wie man sie H&ouml;hergebornen
+gegen&uuml;ber an den Tag zu legen liebt, und
+der ihr schmeicheln mu&szlig;te, stellte er die Frage an
+sie, ob sie die kommenden Abendstunden wieder
+dem Studium zu widmen beabsichtige. Sie erwiderte,
+da&szlig; sie auf dem Land &uuml;berhaupt nicht regelm&auml;&szlig;ig
+zu arbeiten pflege, doch k&ouml;nne sie&#8217;s nicht hindern,
+da&szlig; gewisse mathematische Probleme, mit denen sie
+sich eben besch&auml;ftige, ihr auch in den Ruhestunden
+nachgingen, wie es ihr eben jetzt begegnet sei, w&auml;hrend
+sie auf der Wiese gelegen war und zum Himmel
+aufgesehn hatte. Doch als Casanova, durch ihre
+Freundlichkeit ermutigt, sich scherzend erkundigte,
+was denn dies f&uuml;r ein hohes und dabei so zudringliches
+Problem gewesen sei, entgegnete sie etwas
+sp&ouml;ttisch, es habe keineswegs das allergeringste mit
+jener ber&uuml;hmten Kabbala zu tun, in der der Chevalier
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>von Seingalt, wie man sich erz&auml;hle, Bedeutendes
+leiste, und so w&uuml;rde er kaum viel damit anzufangen
+wissen. Es &auml;rgerte ihn, da&szlig; sie von der Kabbala
+mit so unverhohlener Ablehnung sprach, und
+obwohl ihm selbst, in den freilich seltnen Stunden
+innerer Einkehr, bewu&szlig;t war, da&szlig; jener eigent&uuml;mlichen
+Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt,
+keinerlei Sinn und keine Berechtigung zuk&auml;me, da&szlig;
+sie in der Natur gewisserma&szlig;en gar nicht vorhanden,
+nur von Gaunern und Spa&szlig;machern &#8211; welche Rolle
+er abwechselnd, aber immer mit &Uuml;berlegenheit gespielt
+&#8211; zur Nasf&uuml;hrung von Leichtgl&auml;ubigen und
+Toren benutzt w&uuml;rde, so versuchte er jetzt doch
+gegen seine eigne bessre &Uuml;berzeugung Marcolina
+gegen&uuml;ber die Kabbala als vollg&uuml;ltige und ernsthafte
+Wissenschaft zu verteidigen. Er sprach von der
+g&ouml;ttlichen Natur der Siebenzahl, die sich so schon
+in der Heiligen Schrift angedeutet f&auml;nde, von der
+tiefsinnig-prophetischen Bedeutung der Zahlenpyramiden,
+die er selbst nach einem neuen System aufzubauen
+gelehrt hatte, und von dem h&auml;ufigen Eintreffen
+seiner auf diesem System beruhenden Voraussagen.
+Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in
+Amsterdam den Bankier Hope durch den Aufbau einer
+solchen Zahlenpyramide veranla&szlig;t, die Versicherung
+eines schon verloren geglaubten Handelsschiffes zu
+&uuml;bernehmen und ihn dadurch zweimalhunderttausend
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Goldgulden verdienen lassen? Noch immer war
+er so geschickt im Vortrag seiner schwindelhaft
+geistreichen Theorien, da&szlig; er auch diesmal, wie es
+ihm oft geschah, an all das Unsinnige zu glauben
+begann, das er vortrug, und sogar mit der Behauptung
+zu schlie&szlig;en sich getraute, die Kabbala stelle
+nicht so sehr einen Zweig als vielmehr die metaphysische
+Vollendung der Mathematik vor. Marcolina,
+die ihm bisher sehr aufmerksam und anscheinend
+ganz ernsthaft zugeh&ouml;rt hatte, schaute nun pl&ouml;tzlich
+mit einem halb bedauernden, halb spitzb&uuml;bischen
+Blick zu ihm auf und sagte: &raquo;Es liegt Ihnen daran,
+mein werter Herr Casanova&laquo; (sie schien ihn jetzt mit
+Absicht nicht &raquo;Chevalier&laquo; zu nennen), &raquo;mir eine
+ausgesuchte Probe von Ihrem weltbekannten Unterhaltungstalent
+zu geben, wof&uuml;r ich Ihnen aufrichtig
+dankbar bin. Aber Sie wissen nat&uuml;rlich so gut wie
+ich, da&szlig; die Kabbala nicht nur nichts mit der Mathematik
+zu tun hat, sondern geradezu eine Vers&uuml;ndigung
+an ihrem eigentlichen Wesen bedeutet; und
+sich zu ihr nicht anders verh&auml;lt als das verworrene
+oder l&uuml;genhafte Geschw&auml;tz der Sophisten zu den
+klaren und hohen Lehren des Plato und des Aristoteles.&laquo;
+&#8211; &raquo;Immerhin,&laquo; erwiderte Casanova rasch,
+&raquo;werden Sie mir zugeben m&uuml;ssen, sch&ouml;ne und gelehrte
+Marcolina, da&szlig; auch die Sophisten keineswegs
+durchaus als so ver&auml;chtliche und t&ouml;richte Gesellen
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>zu gelten haben, wie man nach Ihrem allzu
+strengen Urteil annehmen m&uuml;&szlig;te. So wird man &#8211;
+um nur ein Beispiel aus der Gegenwart anzuf&uuml;hren &#8211;
+Herrn Voltaire seiner ganzen Denk- und Schreibart
+nach gewi&szlig; als das Muster eines Sophisten bezeichnen
+d&uuml;rfen, und trotzdem wird es niemandem
+einfallen, auch mir nicht, der ich mich als seinen
+entschiedenen Gegner bekenne, ja, wie ich nicht
+leugnen will, eben damit besch&auml;ftigt bin, eine Schrift
+gegen ihn zu verfassen, auch mir f&auml;llt es nicht ein,
+seiner au&szlig;erordentlichen Begabung die geb&uuml;hrende
+Anerkennung zu versagen. Und ich bemerke gleich,
+da&szlig; ich mich nicht etwa durch die &uuml;bertriebene Zuvorkommenheit
+habe bestechen lassen, die mir Herr
+Voltaire bei Gelegenheit meines Besuchs in Ferney
+vor zehn Jahren zu erweisen die G&uuml;te hatte.&laquo; &#8211;
+Marcolina l&auml;chelte. &raquo;Das ist ja sehr h&uuml;bsch von
+Ihnen, Chevalier, da&szlig; Sie den gr&ouml;&szlig;ten Geist des Jahrhunderts
+so milde zu beurteilen die Gewogenheit
+haben.&laquo; &#8211; &raquo;Ein gro&szlig;er Geist &#8211; der gr&ouml;&szlig;te gar?&laquo;
+rief Casanova aus. &raquo;Ihn so zu nennen, scheint mir
+schon deshalb unstatthaft, weil er bei all seinem
+Genie ein gottloser Mensch, ja geradezu ein Gottesleugner
+ist. Und ein Gottesleugner kann niemals ein
+gro&szlig;er Geist sein.&laquo; &raquo;Meiner Ansicht nach, Herr
+Chevalier, bedeutet das durchaus keinen Widerspruch.
+Aber Sie werden vor allem zu beweisen
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>haben, da&szlig; man Voltaire einen Gottesleugner nennen
+darf.&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten
+Kapitel seiner Streitschrift hatte er eine ganze Menge
+von Stellen aus Voltaires Werken, vor allem aus
+der ber&uuml;chtigten &raquo;Pucelle&laquo; zusammengetragen, die
+ihm besonders geeignet schienen, dessen Ungl&auml;ubigkeit
+zu beweisen; und die er nun dank seinem vorz&uuml;glichen
+Ged&auml;chtnis, zusammen mit seinen eigenen
+Gegenargumenten, w&ouml;rtlich zu zitieren wu&szlig;te. Aber
+in Marcolina hatte er eine Gegnerin gefunden, die
+ihm sowohl an Kenntnissen wie an Geistessch&auml;rfe
+wenig nachgab und ihm &uuml;berdies, wenn auch nicht
+an Redegewandtheit, so doch an eigentlicher Kunst
+und insbesondre an Klarheit des Ausdrucks weit
+&uuml;berlegen war. Die Stellen, die Casanova als Beweise
+f&uuml;r die Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit
+Voltaires auszulegen versucht hatte, deutete
+Marcolina gewandt und schlagfertig als ebenso viele
+Zeugnisse f&uuml;r des Franzosen wissenschaftliches und
+schriftstellerisches Genie, sowie f&uuml;r sein unerm&uuml;dlich
+hei&szlig;es Streben nach Wahrheit, und sie sprach es
+ungescheut aus, da&szlig; Zweifel, Spott, ja da&szlig; der Unglaube
+selbst, wenn er mit so reichem Wissen, solch
+unbedingter Ehrlichkeit und solch hohem Mut verbunden
+sei, Gott wohlgef&auml;lliger sein m&uuml;sse als die
+Demut des Frommen, hinter der sich meist nichts
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>andres verberge, als eine mangelhafte F&auml;higkeit, folgerichtig
+zu denken, ja oftmals &#8211; wof&uuml;r es an Beispielen
+nicht fehle &#8211; Feigheit und Heuchelei.</p>
+
+<p>Casanova h&ouml;rte ihr mit wachsendem Staunen zu.
+Da er sich au&szlig;erstande f&uuml;hlte, Marcolina zu bekehren,
+um so weniger, als er immer mehr erkannte,
+wie sehr eine gewisse schwankende Seelenstimmung
+seiner letzten Jahre, die er als Gl&auml;ubigkeit
+aufzufassen sich gew&ouml;hnt hatte, durch Marcolinens
+Einw&uuml;rfe sich v&ouml;llig aufzul&ouml;sen drohte, so rettete er
+sich in die allgemein gehaltene Betrachtung, da&szlig; Ansichten,
+wie Marcolina sie eben ausgesprochen, nicht
+nur die Ordnung im Bereich der Kirche, sondern
+da&szlig; sie auch die Grundlagen des Staates in hohem
+Grade zu gef&auml;hrden geeignet seien, und sprang von
+hier aus gewandt auf das Gebiet der Politik &uuml;ber,
+wo er mit seiner Erfahrung und Weltl&auml;ufigkeit eher
+darauf rechnen konnte, Marcolinen gegen&uuml;ber eine
+gewisse &Uuml;berlegenheit zu zeigen. Aber wenn es ihr
+hier auch an Personenkenntnis und Einblick in das
+h&ouml;fisch-diplomatische Getriebe gebrach und sie darauf
+verzichten mu&szlig;te, Casanova im einzelnen zu
+widersprechen, auch wo sie der Verl&auml;&szlig;lichkeit seiner
+Darstellung zu mi&szlig;trauen Neigung versp&uuml;rte; &#8211; aus
+ihren Bemerkungen ging unwidersprechlich f&uuml;r ihn
+hervor, da&szlig; sie weder vor den F&uuml;rsten dieser Erde noch
+vor den Staatsgebilden als solchen sonderliche Achtung
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>hegte und der &Uuml;berzeugung war, da&szlig; die Welt
+im Kleinen wie im Gro&szlig;en von Eigennutz und Herrschsucht
+nicht so sehr regiert, als vielmehr in Verwirrung
+gebracht werde. Einer solchen Freiheit des Denkens
+war Casanova bisher nur selten bei Frauen, bei
+einem jungen M&auml;dchen gar, das gewi&szlig; noch keine
+zwanzig Jahre z&auml;hlte, war er ihr noch nie begegnet;
+und nicht ohne Wehmut erinnerte er sich, da&szlig; sein
+eigener Geist in vergangenen Tagen, die sch&ouml;ner
+waren als die gegenw&auml;rtigen, mit einer bewu&szlig;ten
+und etwas selbstzufriedenen K&uuml;hnheit die gleichen
+Wege gegangen war, die er nun Marcolina beschreiten
+sah, ohne da&szlig; diese sich ihrer K&uuml;hnheit &uuml;berhaupt
+bewu&szlig;t zu werden schien. Und ganz hingenommen
+von der Eigenart ihrer Denk- und Ausdrucksweise
+verga&szlig; er beinahe, da&szlig; er an der Seite
+eines jungen, sch&ouml;nen und h&ouml;chst begehrenswerten
+Wesens einherwandelte, was um so verwunderlicher
+war, als er sich mit ihr ganz allein in der nun v&ouml;llig
+durchschatteten Allee, ziemlich weit vom Wohnhaus,
+befand. Pl&ouml;tzlich aber, sich in einem eben begonnenen
+Satz unterbrechend, rief Marcolina lebhaft,
+ja wie freudig aus: &raquo;Da kommt mein Oheim!&laquo; ...
+Und Casanova, als h&auml;tte er Vers&auml;umtes nachzuholen,
+fl&uuml;sterte ihr zu: &raquo;Wie schade. Gar zu gerne h&auml;tte
+ich mich noch stundenlang mit Ihnen weiter unterhalten,
+Marcolina!&laquo; &#8211; Er f&uuml;hlte selbst, wie w&auml;hrend
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>dieser Worte in seinen Augen die Begier von neuem
+aufzuleuchten begann, worauf Marcolina, die in dem
+abgelaufenen Gespr&auml;ch in aller Sp&ouml;ttelei sich fast
+zutraulich gegeben, sofort wieder eine k&uuml;hlere Haltung
+annahm, und ihr Blick die gleiche Verwahrung,
+ja den gleichen Widerwillen ausdr&uuml;ckte, der Casanova
+heute schon einmal so tief verletzt hatte. Bin
+ich wirklich so verabscheuungsw&uuml;rdig? fragte er sich
+angstvoll. Nein, gab er sich selbst zur Antwort.
+Nicht das ist&#8217;s. Aber Marcolina &#8211; ist kein Weib.
+Eine Gelehrte, eine Philosophin, ein Weltwunder
+meinethalben &#8211; aber kein Weib. &#8211; Doch er wu&szlig;te
+zugleich, da&szlig; er sich so nur selbst zu bel&uuml;gen, zu
+tr&ouml;sten, zu retten versuchte, und da&szlig; diese Versuche
+vergeblich waren. Olivo stand vor ihnen. &raquo;Nun,&laquo;
+meinte er zu Marcolina, &raquo;hab&#8217; ich das nicht gut gemacht,
+da&szlig; ich dir endlich jemanden ins Haus gebracht
+habe, mit dem sich&#8217;s so klug reden l&auml;&szlig;t, wie
+du&#8217;s von deinen Professoren in Bologna her gewohnt
+sein magst?&laquo; &#8211; &raquo;Und nicht einmal unter diesen,
+liebster Oheim,&laquo; erwiderte Marcolina, &raquo;gibt es einen,
+der es sich getrauen d&uuml;rfte, Voltaire selbst zum
+Zweikampf herauszufordern!&laquo; &#8211; &raquo;Ei, Voltaire? Der
+Chevalier fordert ihn heraus?&laquo; rief Olivo ohne zu
+verstehen. &#8211; &raquo;Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht
+von der Streitschrift, die mich in der letzten Zeit besch&auml;ftigt.
+Liebhaberei f&uuml;r m&uuml;&szlig;ige Stunden. Fr&uuml;her
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>hatte ich Gescheiteres zu tun.&laquo; Marcolina, ohne auf
+diese Bemerkung zu achten, sagte: &raquo;Sie werden eine
+angenehme k&uuml;hle Luft f&uuml;r Ihren Spaziergang haben.
+Auf Wiedersehen.&laquo; Sie nickte kurz und eilte &uuml;ber
+die Wiese dem Hause zu. Casanova hielt sich davor
+zur&uuml;ck, ihr nachzublicken und fragte: &raquo;Wird uns Frau
+Amalia begleiten?&laquo; &#8211; &raquo;Nein, mein werter Chevalier,&laquo;
+erwiderte Olivo, &raquo;sie hat allerlei im Hause zu besorgen
+und anzuordnen &#8211; und jetzt ist auch die
+Stunde, in der sie die M&auml;dchen zu unterrichten
+pflegt.&laquo; &#8211; &raquo;Was f&uuml;r eine t&uuml;chtige, brave Hausfrau
+und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo!&laquo; &#8211; &raquo;Ja,
+das sag&#8217; ich mir selbst alle Tage,&laquo; entgegnete Olivo,
+und die Augen wurden ihm feucht.</p>
+
+<p>Sie gingen die Schmalseite des Hauses entlang.
+Das Fenster Marcolinens stand offen, wie vorher;
+aus dem d&auml;mmernden Grund des Gemachs schimmerte
+das schleierartige helle Gewand. Durch die
+breite Kastanienallee gelangten sie auf die Stra&szlig;e,
+die schon v&ouml;llig im Schatten lag. Langsam gingen
+sie aufw&auml;rts l&auml;ngs der Gartenmauer; wo sie im rechten
+Winkel umbog, begann das Weingel&auml;nde. Zwischen
+den hohen St&ouml;cken, an denen schwere dunkelblaue
+Beeren hingen, f&uuml;hrte Olivo seinen Gast zur
+H&ouml;he, und deutete mit einer behaglich zufriedenen
+Handbewegung nach seinem Haus zur&uuml;ck, das nun
+ziemlich tief unter ihnen lag. Im Fensterrahmen
+<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>des Turmgemachs glaubte Casanova eine weibliche
+Figur auf und nieder schweben zu sehen.</p>
+
+<p>Die Sonne neigte sich dem Untergang zu; aber
+noch war es hei&szlig; genug. &Uuml;ber Olivos Wangen
+rannen die Schwei&szlig;tropfen, w&auml;hrend Casanovas
+Stirne vollkommen trocken blieb. Allm&auml;hlich weiter
+und nun nach abw&auml;rts schreitend kamen sie auf
+&uuml;ppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum
+andern rankte sich das Ge&auml;st der Reben, zwischen
+den Baumreihen wiegten sich die hohen gelben
+&Auml;hren. &#8211; &raquo;Segen der Sonne,&laquo; sagte Casanova wie
+anerkennend, &raquo;in tausendf&auml;ltiger Gestalt.&laquo; Olivo erz&auml;hlte
+wieder und mit noch gr&ouml;&szlig;erer Ausf&uuml;hrlichkeit
+als vorher, wie er nach und nach diesen sch&ouml;nen Besitz
+erworben, und wie ein paar gl&uuml;ckliche Ernte-
+und Lesejahre ihn zum wohlhabenden, ja zum reichen
+Manne gemacht. Casanova aber hing seinen
+eigenen Gedanken nach und griff nur selten ein
+Wort Olivos auf, um durch irgendeine h&ouml;fliche
+Zwischenfrage seine Aufmerksamkeit zu beweisen.
+Erst als Olivo, von allem m&ouml;glichen schwatzend, auf
+seine Familie und endlich auf Marcolina geraten war,
+horchte Casanova auf. Aber er erfuhr nicht viel
+mehr, als er schon vorher gewu&szlig;t hatte. Da sie schon
+als Kind, noch im Hause ihres Vaters, der Olivos
+Stiefbruder, fr&uuml;h verwitwet und Arzt in Bologna
+gewesen war, durch die zeitig erwachenden F&auml;higkeiten
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>ihres Verstandes ihre Umgebung in Erstaunen
+gesetzt, hatte man indes Mu&szlig;e genug gehabt, sich
+an ihre Art zu gew&ouml;hnen. Vor wenigen Jahren war
+ihr Vater gestorben, und seither lebte sie in der Familie
+eines ber&uuml;hmten Professors der hohen Schule
+von Bologna, eben jenes Morgagni, der sich verma&szlig;,
+seine Sch&uuml;lerin zu einer gro&szlig;en Gelehrten heranzubilden;
+in den Sommermonaten war sie stets beim
+Oheim zu Gaste. Eine Anzahl Bewerbungen um
+ihre Hand, die eines Bologneser Kaufmanns, die eines
+Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, und zuletzt die
+des Leutnant Lorenzi habe sie zur&uuml;ckgewiesen und
+scheine tats&auml;chlich gewillt, ihr Dasein v&ouml;llig dem
+Dienst der Wissenschaft zu widmen. W&auml;hrend Olivo
+dies erz&auml;hlte, f&uuml;hlte Casanova sein Verlangen ins
+Ungemessene wachsen, und die Einsicht, da&szlig; es so
+t&ouml;richt als hoffnungslos war, brachte ihn der Verzweiflung
+nahe. Eben als sie aus dem Feld- und
+Wiesenland auf die Fahrstra&szlig;e traten, erschallte
+ihnen aus einer Staubwolke, die sich n&auml;herte, Rufen
+und Gr&uuml;&szlig;en entgegen. Ein Wagen wurde sichtbar,
+in dem ein vornehm gekleideter &auml;lterer Herr an der
+Seite einer etwas j&uuml;ngern &uuml;ppigen und geschminkten
+Dame sa&szlig;. &raquo;Der Marchese,&laquo; fl&uuml;sterte Olivo seinem
+Begleiter zu, &raquo;er ist auf dem Wege zu mir.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wagen hielt. &raquo;Guten Abend, mein trefflicher
+Olivo,&laquo; rief der Marchese, &raquo;darf ich Sie bitten, mich
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>mit dem Chevalier von Seingalt bekannt zu machen?
+Denn ich zweifle nicht, da&szlig; ich das Vergn&uuml;gen habe,
+mich ihm gegen&uuml;ber zu sehen.&laquo; &#8211; Casanova verbeugte
+sich leicht. &raquo;Ich bin es,&laquo; sagte er. &#8211; &raquo;Und
+ich der Marchese Celsi, &#8211; hier die Marchesa, meine
+Gattin.&laquo; Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen;
+er ber&uuml;hrte sie mit den Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, mein bester Olivo,&laquo; sagte der Marchese,
+dessen wachsgelbes schmales Antlitz durch die &uuml;ber
+den stechenden gr&uuml;nlichen Augen zusammengewachsenen
+dichten roten Brauen ein nicht eben freundliches
+Ansehen erhielt, &#8211; &raquo;mein bester Olivo, wir
+haben denselben Weg, n&auml;mlich zu Ihnen. Und da
+es kaum ein Viertelst&uuml;ndchen bis dahin ist, will ich
+aussteigen und mit Ihnen zu Fu&szlig; gehen. Du hast
+wohl nichts dagegen, die kleine Strecke allein zu
+fahren,&laquo; wandte er sich an die Marchesa, die Casanova
+die ganze Zeit &uuml;ber mit l&uuml;stern pr&uuml;fenden Augen
+betrachtet hatte; gab, ohne die Antwort seiner
+Gattin abzuwarten, dem Kutscher einen Wink, worauf
+dieser sofort wie toll auf die Pferde einhieb, als
+k&auml;me es ihm aus irgendeinem Grund darauf an,
+seine Herrin m&ouml;glichst geschwind davonzubringen;
+und gleich war der Wagen hinter einer Staubwolke
+verschwunden.</p>
+
+<p>&raquo;Man wei&szlig; n&auml;mlich schon in unsrer Gegend,&laquo;
+sagte der Marchese, der noch ein paar Zoll h&ouml;her als
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>Casanova und von einer unnat&uuml;rlichen Magerkeit
+war, &raquo;da&szlig; der Chevalier von Seingalt hier angekommen
+und bei seinem Freund Olivo abgestiegen ist.
+Es mu&szlig; ein erhebendes Gef&uuml;hl sein, einen so ber&uuml;hmten
+Namen zu tragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind sehr g&uuml;tig, Herr Marchese,&laquo; erwiderte
+Casanova, &raquo;ich habe allerdings die Hoffnung noch
+nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen zu erwerben,
+finde mich aber vorl&auml;ufig davon noch recht
+weit entfernt. &#8211; Eine Arbeit, mit der ich eben besch&auml;ftigt
+bin, wird mich meinem Ziele hoffentlich
+etwas n&auml;her bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnen den Weg hier abk&uuml;rzen,&laquo; sagte Olivo
+und schlug einen Feldweg ein, der gerade auf die
+Mauer seines Gartens zuf&uuml;hrte. &#8211; &raquo;Arbeit?&laquo; wiederholte
+der Marchese mit einem unbestimmten Ausdruck.
+&raquo;Darf man fragen, von welcher Art von Arbeit
+Sie sprechen, Chevalier?&laquo; &#8211; &raquo;Wenn Sie mich
+danach fragen, Herr Marchese, so sehe ich mich gen&ouml;tigt,
+meinerseits an Sie die Frage zu richten, von
+was f&uuml;r einer Art von Ruhm Sie vorhin geredet haben?&laquo;
+Dabei sah er dem Marchese hochm&uuml;tig in die
+stechenden Augen. Denn wenn er auch sehr wohl
+wu&szlig;te, da&szlig; weder sein phantastischer Roman &raquo;Icosameron&laquo;,
+noch seine dreib&auml;ndige &raquo;Widerlegung von
+Amelots Geschichte der venezianischen Regierung&laquo;
+ihm nennenswerten schriftstellerischen Ruhm eingebracht
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>hatten, es lag ihm daran, f&uuml;r sich keinen
+andern als erstrebenswert gelten zu lassen, und er
+mi&szlig;verstand absichtlich alle weiteren vorsichtig
+tastenden Bemerkungen und Anspielungen des Marchese,
+der sich unter Casanova wohl einen ber&uuml;hmten
+Frauenverf&uuml;hrer, Spieler, Gesch&auml;ftsmann, politischen
+Emiss&auml;r und sonst alles m&ouml;gliche, nur durchaus
+keinen Schriftsteller vorzustellen imstande war,
+um so weniger, als weder von der Widerlegung des
+Amelotischen Werkes noch von dem &raquo;Icosameron&laquo;
+jemals eine Kunde zu ihm gedrungen war. So bemerkte
+er endlich mit einer gewissen h&ouml;flichen Verlegenheit:
+&raquo;Immerhin gibt es nur einen Casanova.&laquo;
+&#8211; &raquo;Auch das ist ein Irrtum, Herr Marchese,&laquo; entgegnete
+Casanova kalt. &raquo;Ich habe Geschwister, und
+der Name eines meiner Br&uuml;der, des Malers Francesco
+Casanova, d&uuml;rfte einem Kenner nicht fremd klingen.&laquo;</p>
+
+<p>Es zeigte sich, da&szlig; der Marchese auch auf diesem
+Gebiete nicht zu den Kennern geh&ouml;rte, und so lenkte
+er das Gespr&auml;ch auf Bekannte, die ihm in Neapel,
+Rom, Mailand und Mantua wohnten, und von denen
+er annehmen konnte, da&szlig; Casanova mit ihnen gelegentlich
+zusammengetroffen war. In diesem Zusammenhang
+nannte er auch den Namen des Barons
+Perotti, doch in einigerma&szlig;en ver&auml;chtlichem Tone,
+und Casanova mu&szlig;te zugestehen, da&szlig; er manchmal
+im Hause des Barons ein kleines Spiel zu machen
+<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>pflege &#8211; &raquo;zur Zerstreuung,&laquo; setzte er hinzu, &#8211; &raquo;ein
+halbes St&uuml;ndchen vor dem Schlafengehen. Im &uuml;brigen
+hab&#8217; ich diese Art von Zeitvertreib so ziemlich
+aufgegeben.&laquo; &#8211; &raquo;Das t&auml;te mir leid,&laquo; sagte der Marchese,
+&raquo;denn ich will Ihnen nicht verhehlen, Herr
+Chevalier, da&szlig; es ein Traum meines Lebens war,
+mich mit Ihnen zu messen &#8211; sowohl im Spiel als
+&#8211; in j&uuml;ngern Jahren &#8211; auch auf andern Gebieten.
+Denken Sie &uuml;brigens, da&szlig; ich &#8211; wie lange mag es
+her sein? &#8211; da&szlig; ich in Spa genau an dem Tage,
+ja in der Stunde ankam, als Sie es verlie&szlig;en. Unsre
+Wagen fuhren aneinander vor&uuml;ber. Und in Regensburg
+widerfuhr mir ein &auml;hnliches Mi&szlig;geschick. Dort
+bewohnte ich sogar das Zimmer, das Sie eine Stunde
+vorher verlassen hatten.&laquo; &#8211; &raquo;Es ist ein rechtes Ungl&uuml;ck,&laquo;
+sagte Casanova, immerhin ein wenig geschmeichelt,
+&raquo;da&szlig; man einander manchmal zu sp&auml;t
+im Leben begegnet.&laquo; &#8211; &raquo;Es ist noch nicht zu sp&auml;t,&laquo;
+rief der Marchese lebhaft. &raquo;In Hinsicht auf mancherlei
+andres will ich mich gern im vorhinein geschlagen
+geben, und es k&uuml;mmert mich wenig, &#8211;
+aber was das Spiel anbelangt, mein lieber Chevalier,
+so sind wir beide vielleicht gerade in den Jahren &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Casanova unterbrach ihn: &raquo;In den Jahren &#8211; mag
+sein. Aber leider kann ich gerade auf dem Gebiet
+des Spiels nicht mehr auf das Vergn&uuml;gen Anspruch
+erheben, mich mit einem Partner Ihres Ranges messen
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>zu d&uuml;rfen &#8211; weil ich&laquo; &#8211; und dies sagte er im
+Ton eines entthronten F&uuml;rsten &#8211; &raquo;weil ich es mit
+all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis
+heute nicht viel weiter als bis zum Bettler gebracht
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Der Marchese schlug unwillk&uuml;rlich vor Casanovas
+stolzem Blick die Augen nieder und sch&uuml;ttelte dann
+nur ungl&auml;ubig, wie zu einem sonderbaren Spa&szlig;, den
+Kopf. Olivo aber, der dem ganzen Gespr&auml;ch mit
+Spannung gelauscht und die gewandt &uuml;berlegenen
+Antworten seines au&szlig;erordentlichen Freundes mit
+beif&auml;lligem Nicken begleitet hatte, vermochte eine
+Bewegung des Erschreckens kaum zu unterdr&uuml;cken.
+Sie standen eben alle an der r&uuml;ckw&auml;rtigen Gartenmauer
+vor einer schmalen Holzt&uuml;r, und w&auml;hrend
+Olivo sie mit einem kreischenden Schl&uuml;ssel &ouml;ffnete
+und den Marchese voraus in den Garten treten lie&szlig;,
+fl&uuml;sterte er Casanova zu, ihn beim Arm fassend: &raquo;Sie
+werden Ihr letztes Wort zur&uuml;cknehmen, Chevalier,
+ehe Sie den Fu&szlig; wieder in mein Haus setzen. Das
+Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren schulde,
+liegt bereit. Ich wagte nur nicht ... Fragen Sie
+Amalia ... Abgez&auml;hlt liegt es bereit. Beim Abschied
+wollte ich mir erlauben &#8211;&laquo; Casanova unterbrach
+ihn sanft. &raquo;Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo.
+Die paar Goldst&uuml;cke waren &#8211; Sie wissen es wohl &#8211;
+ein Hochzeitsgeschenk, das ich, als Freund von
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>Amaliens Mutter ... Doch wozu &uuml;berhaupt davon
+reden. Was sollen mir die paar Dukaten? Ich stehe
+an einer Wende meines Schicksals,&laquo; setzte er absichtlich
+laut hinzu, so da&szlig; ihn der Marchese, der
+nach ein paar Schritten stehengeblieben war, h&ouml;ren
+konnte. Olivo tauschte einen Blick mit Casanova,
+um sich seiner Zustimmung zu versichern, dann bemerkte
+er zum Marchese: &raquo;Der Chevalier ist n&auml;mlich
+nach Venedig zur&uuml;ckberufen und reist in wenigen
+Tagen nach seiner Vaterstadt ab.&laquo; &#8211; &raquo;Vielmehr,&laquo;
+bemerkte Casanova, w&auml;hrend sie alle sich dem Hause
+n&auml;herten, &raquo;man ruft bereits seit geraumer Zeit nach
+mir und immer dringender. Aber ich finde, die
+Herren Senatoren haben sich lange genug Zeit gelassen.
+M&ouml;gen nun sie sich in Geduld fassen.&laquo; &#8211;
+&raquo;Ein Stolz,&laquo; sagte der Marchese, &raquo;zu dem Sie im
+h&ouml;chsten Ma&szlig;e berechtigt sind, Chevalier!&laquo;</p>
+
+<p>Als sie aus der Allee auf die Wiese hinaustraten,
+die nun schon v&ouml;llig im Schatten dalag, sahen sie,
+dem Hause nahe, die kleine Gesellschaft versammelt,
+von der sie erwartet wurden. Alle erhoben sich, um
+ihnen entgegenzugehen, zuerst der Abbate, zwischen
+Marcolina und Amalia; ihnen folgte die Marchesa,
+ihr zur Seite ein hochgewachsener bartloser
+junger Offizier in roter silberverschn&uuml;rter Uniform
+und gl&auml;nzenden Reiterstiefeln, der kein andrer sein
+konnte als Lorenzi. Wie er zu der Marchesa sprach,
+<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>ihre wei&szlig;en gepuderten Schultern mit dem Blicke
+streifend als eine wohlbekannte Probe von nicht
+minder bekannten h&uuml;bschen Dingen; noch mehr
+die Art, wie die Marchesa mit halbgeschlossenen
+Lidern l&auml;chelnd zu ihm aufsah, konnte auch weniger
+Erfahrene &uuml;ber die Natur der zwischen ihnen bestehenden
+Beziehungen nicht in Zweifel lassen; sowie
+auch dar&uuml;ber, da&szlig; sie keinen Wert darauf legten,
+sie vor irgend jemandem geheimzuhalten. Sie unterbrachen
+ihr leises aber lebhaftes Gespr&auml;ch erst,
+als sie den Herankommenden schon gegen&uuml;berstanden.</p>
+
+<p>Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor.
+Die beiden ma&szlig;en sich mit einem kurzen kalten
+Blick, in dem sie sich gegenseitig ihrer Abneigung
+zu versichern schienen, dann l&auml;chelten sie beide
+fl&uuml;chtig und verneigten sich, ohne einander die H&auml;nde
+zu reichen, da jeder zu diesem Zweck dem andern
+h&auml;tte einen Schritt entgegentreten m&uuml;ssen. Lorenzi
+war sch&ouml;n, von schmalem Antlitz und in Anbetracht
+seiner Jugend auffallend scharfen Z&uuml;gen; im Hintergrund
+seiner Augen schillerte irgend etwas Unfa&szlig;bares,
+das den Erfahrenen zur Vorsicht mahnen
+mu&szlig;te. Nur eine Sekunde lang &uuml;berlegte Casanova,
+an wen ihn Lorenzi erinnerte. Dann wu&szlig;te er, da&szlig;
+es sein eigenes Bild war, das ihm, um drei&szlig;ig Jahre
+verj&uuml;ngt, hier entgegentrat. Bin ich etwa in seiner
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>Gestalt wiedergekehrt? fragte er sich. Da m&uuml;&szlig;te ich
+doch vorher gestorben sein ... Und es durchbebte
+ihn: Bin ich&#8217;s denn nicht seit lange? Was ist denn
+noch an mir von dem Casanova, der jung, sch&ouml;n und
+gl&uuml;cklich war?</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte Amaliens Stimme. Sie fragte ihn, wie
+aus der Ferne, obzwar sie neben ihm stand, wie ihm
+der Spaziergang behagt habe, worauf er sich laut,
+so da&szlig; es alle h&ouml;ren konnten, mit h&ouml;chster Anerkennung
+&uuml;ber den fruchtbaren wohlgepflegten Besitz
+aussprach, den er mit Olivo durchwandert hatte.
+Indes deckte die Magd auf der Wiese einen l&auml;nglichen
+Tisch, die zwei &auml;lteren T&ouml;chter Olivos waren
+ihr dabei behilflich, indem sie aus dem Hause Geschirr,
+Gl&auml;ser und was sonst n&ouml;tig war, mit viel Gekicher
+und Getu herbeischafften. M&auml;hlich brach die
+D&auml;mmerung ein; ein leise k&uuml;hlender Wind strich
+durch den Garten. Marcolina eilte an den Tisch,
+um zu vollenden, was die Kinder im Verein mit der
+Magd begonnen, und zu verbessern, was sie verfehlt
+hatten. Die &uuml;brigen ergingen sich zwanglos auf der
+Wiese und in den Alleen. Die Marchesa erwies Casanova
+viele H&ouml;flichkeit, auch w&uuml;nschte sie von ihm
+die ber&uuml;hmte Geschichte seiner Flucht aus den Bleikammern
+von Venedig zu vernehmen, wenngleich
+ihr keineswegs unbekannt sei &#8211; wie sie mit vieldeutigem
+L&auml;cheln hinzuf&uuml;gte &#8211;, da&szlig; er weit gef&auml;hrlichere
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>Abenteuer bestanden, die zu erz&auml;hlen freilich
+bedenklicher sein m&ouml;chte. Casanova erwiderte: wenn
+er auch mancherlei ernste und heitere Beschwernis
+mitgemacht &#8211; gerade dasjenige Leben, dessen Sinn
+und eigentliches Wesen die Gefahr bedeute, habe er
+niemals so recht kennengelernt; denn wenn er auch
+ein paar Monate lang in unruhigen Zeiten Soldat gewesen,
+vor vielen Jahren, auf der Insel Korfu, &#8211; gab
+es denn einen Beruf auf Erden, in den ihn das Schicksal
+nicht verschlagen?! &#8211; er habe nie das Gl&uuml;ck gehabt,
+einen wirklichen Feldzug mitzumachen, wie das
+nun dem Herrn Leutnant Lorenzi bevorst&uuml;nde, und
+worum er ihn fast beneiden m&ouml;chte. &#8211; &raquo;Da wissen Sie
+mehr als ich, Herr Casanova,&laquo; sagte Lorenzi mit einer
+hellen und frechen Stimme &#8211; &raquo;und sogar mehr als
+mein Oberst, denn ich habe eben Verl&auml;ngerung meines
+Urlaubs auf unbestimmte Zeit erhalten.&laquo; &#8211;
+&raquo;Wahrhaftig!&laquo; rief der Marchese mit unbeherrschtem
+Grimme, und h&ouml;hnisch setzte er hinzu: &raquo;Und
+denken Sie nur, Lorenzi, wir &#8211; meine Gattin vielmehr,
+hatte schon so sicher auf Ihre Abreise gerechnet,
+da&szlig; sie f&uuml;r Anfang n&auml;chster Woche einen
+unsrer Freunde, den S&auml;nger Baldi, auf unser Schlo&szlig;
+einlud.&laquo; &#8211; &raquo;Das trifft sich gut,&laquo; entgegnete Lorenzi
+unbeirrt, &raquo;Baldi und ich sind gute Freunde, wir
+werden uns vertragen. Nicht wahr?&laquo; wandte er sich
+an die Marchesa und lie&szlig; seine Z&auml;hne blitzen. &#8211; &raquo;Ich
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>w&uuml;rde es Ihnen beiden raten,&laquo; meinte die Marchesa
+mit einem heitern L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Mit diesen Worten nahm sie als erste am Tische
+Platz; ihr zur Seite Olivo, an ihrer andern Lorenzi.
+Ihnen gegen&uuml;ber sa&szlig; Amalia zwischen dem Marchese
+und Casanova; neben diesem an einem schmalen
+Tischende Marcolina; am andern, neben Olivo, der
+Abbate. Es war wie mittags ein einfaches und dabei
+h&ouml;chst schmackhaftes Mahl. Die zwei &auml;lteren T&ouml;chter
+des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die
+Sch&uuml;sseln und schenkten von dem trefflichen Wein,
+der auf Olivos H&uuml;geln wuchs; und sowohl der Marchese
+wie der Abbate dankten den M&auml;dchen mit
+scherzhaft derben Liebkosungen, die ein gestrengerer
+Vater als Olivo sich vielleicht verbeten h&auml;tte. Amalia
+schien nichts zu bemerken; sie war bla&szlig;, blickte
+tr&uuml;b und sah aus wie eine Frau, die entschlossen
+ist, alt zu werden, weil das Jungsein jeden Sinn f&uuml;r sie
+verloren hat. Ist dies nun meine ganze Macht? dachte
+Casanova bitter, sie von der Seite betrachtend. Doch
+vielleicht war es die Beleuchtung, die Amaliens
+Z&uuml;ge so traurig ver&auml;nderte. Es fiel n&auml;mlich nur ein
+breiter Strahl von Licht aus dem Innern des Hauses auf
+die G&auml;ste; im &uuml;brigen lie&szlig; man sich&#8217;s am D&auml;mmerschein
+des Himmels gen&uuml;gen. In scharfen schwarzen
+Linien schlossen die Baumwipfel alle Aussicht ab, und
+Casanova f&uuml;hlte sich an irgendeinen geheimnisvollen
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Garten erinnert, in dem er vor vielen Jahren n&auml;chtlicherweile
+eine Geliebte erwartet hatte. &raquo;Murano,&laquo;
+fl&uuml;sterte er vor sich hin und erbebte; dann sprach
+er laut: &raquo;Es gibt einen Garten auf einer Insel nahe
+von Venedig, einen Klostergarten, den ich vor etlichen
+Jahrzehnten zum letztenmal betreten habe;
+&#8211; in dem duftete es nachts gerade so, wie heute hier.&laquo;
+&#8211; &raquo;Sie sind wohl auch einmal M&ouml;nch gewesen?&laquo;
+fragte die Marchesa scherzend. &#8211; &raquo;Beinahe,&laquo; erwiderte
+Casanova l&auml;chelnd und erz&auml;hlte wahrheitsgem&auml;&szlig;,
+da&szlig; ihm als einem f&uuml;nfzehnj&auml;hrigen Knaben
+der Patriarch von Venedig die niederen Weihen verliehen,
+da&szlig; er aber schon als J&uuml;ngling vorgezogen
+habe, das geistliche Gewand wieder abzulegen. Der
+Abbate tat eines nahegelegenen Frauenklosters Erw&auml;hnung,
+zu dessen Besuch er Casanova dringend
+rate, falls er es noch nicht kennen sollte. Olivo
+stimmte lebhaft zu; er r&uuml;hmte den d&uuml;stern alten
+Bau, die anmutige Gegend, in der er gelegen war,
+den abwechslungsreichen Weg dahin. &Uuml;brigens,
+fuhr der Abbate fort, habe die &Auml;btissin, Schwester
+Seraphina, &#8211; eine h&ouml;chst gelehrte Frau, Herzogin
+von Geburt &#8211; in einem Brief an ihn den Wunsch
+ge&auml;u&szlig;ert (schriftlich darum, weil in jenem Kloster
+das Gel&uuml;bde ewigen Schweigens herrsche), Marcolina,
+von deren Gelehrsamkeit sie erfahren, von Angesicht
+zu Angesicht kennenzulernen. &#8211; &raquo;Ich hoffe,
+<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Marcolina,&laquo; sagte Lorenzi, und es war das erstemal,
+da&szlig; er das Wort geradaus an sie richtete,
+&raquo;Sie werden sich nicht dazu verf&uuml;hren lassen, der
+Herzogin-&Auml;btissin in jeder Beziehung nachzueifern.&laquo;
+&#8211; &raquo;Warum sollt&#8217; ich auch?&laquo; erwiderte Marcolina
+heiter; &raquo;man kann seine Freiheit auch ohne
+Gel&uuml;bde bewahren &#8211; und besser, denn Gel&uuml;bde ist
+Zwang.&laquo;</p>
+
+<p>Casanova sa&szlig; neben ihr. Er wagte es nicht einmal,
+leise ihren Fu&szlig; zu ber&uuml;hren, oder sein Knie an
+das ihre zu dr&auml;ngen: noch ein drittes Mal jenen Ausdruck
+des Grauens, des Ekels in ihrem Blick gewahren
+zu m&uuml;ssen &#8211; des war er gewi&szlig; &#8211; h&auml;tte ihn
+unfehlbar zu einer Tat des Wahnsinns getrieben.
+W&auml;hrend mit dem Fortschreiten des Mahls und der
+steigenden Zahl der geleerten Gl&auml;ser die Unterhaltung
+lebhafter und allgemeiner wurde, h&ouml;rte Casanova,
+wieder wie von fern, Amaliens Stimme. &raquo;Ich
+habe mit Marcolina gesprochen.&laquo; &#8211; &raquo;Du hast mit
+ihr &#8211;&laquo; &#8211; Eine tolle Hoffnung flammte in ihm auf.
+&raquo;Stille, Casanova. Von dir war nicht die Rede, nur
+von ihr und ihren Zukunftspl&auml;nen. Und ich sage
+es dir noch einmal: Niemals wird sie irgendeinem
+Manne angeh&ouml;ren.&laquo; &#8211; Olivo, der dem Weine stark
+zugesprochen hatte, erhob sich unerwarteterweise,
+und, das Glas in der Hand, sprach er ein paar unbeholfene
+Worte &uuml;ber die hohe Ehre, die seinem
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>armen Hause durch den Besuch seines teuern Freundes,
+des Chevalier von Seingalt, geworden sei.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist der Chevalier von Seingalt, mein lieber
+Olivo, von dem Sie da reden?&laquo; fragte Lorenzi mit
+seiner hellen, frechen Stimme. Casanovas erste Regung
+war es, dem Unversch&auml;mten sein gef&uuml;lltes Glas
+an den Kopf zu schleudern; Amalia aber ber&uuml;hrte
+leicht seinen Arm und sagte: &raquo;Viele Leute, Herr
+Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem
+&auml;lteren und ber&uuml;hmteren Namen Casanova.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wu&szlig;te nicht,&laquo; sagte Lorenzi mit beleidigendem
+Ernst, &raquo;da&szlig; der K&ouml;nig von Frankreich Herrn
+Casanova den Adel verliehen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich konnte dem K&ouml;nig diese M&uuml;he ersparen,&laquo; erwiderte
+Casanova ruhig, &raquo;und hoffe, da&szlig; Sie, Leutnant
+Lorenzi, sich mit einer Erkl&auml;rung zufrieden
+geben werden, gegen die der B&uuml;rgermeister von N&uuml;rnberg
+nichts einzuwenden hatte, dem ich sie bei einer
+im &uuml;brigen gleichg&uuml;ltigen Gelegenheit vorzutragen
+die Ehre hatte.&laquo; Und da die andern in Spannung
+schwiegen &#8211;: &raquo;Das Alphabet ist bekanntlich allgemeines
+Gut. Ich habe mir eine Anzahl Buchstaben
+ausgesucht, die mir gefallen, und mich zum Edelmann
+gemacht, ohne einem F&uuml;rsten verpflichtet zu
+sein, der meine Anspr&uuml;che zu w&uuml;rdigen kaum imstande
+gewesen w&auml;re. Ich bin Casanova Chevalier
+von Seingalt. Es t&auml;te mir leid um Ihretwillen, Leutnant
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Lorenzi, wenn dieser Name Ihren Beifall nicht
+finden sollte.&laquo; &#8211; &raquo;Seingalt &#8211; ein vortrefflicher
+Name,&laquo; sagte der Abbate und wiederholte ihn ein
+paarmal, als schmeckte er ihn mit den Lippen nach.
+&#8211; &raquo;Und es gibt niemanden auf der Welt,&laquo; rief Olivo
+aus, &raquo;der sich mit h&ouml;herem Rechte Chevalier nennen
+d&uuml;rfte als mein edler Freund Casanova!&laquo; &#8211; &raquo;Und
+sobald Ihr Ruhm, Lorenzi,&laquo; f&uuml;gte der Marchese hinzu,
+&raquo;so weit erschallen sollte, als der des Herrn Casanova,
+Chevalier von Seingalt, werden wir nicht z&ouml;gern,
+wenn es Ihnen so beliebt, auch Sie Chevalier
+zu nennen.&laquo; &#8211; Casanova, &auml;rgerlich &uuml;ber den unerw&uuml;nschten
+Beistand, der ihm von allen Seiten
+wurde, war eben im Begriffe, sich ihn zu verbitten,
+um seine Sache pers&ouml;nlich weiterzuf&uuml;hren, als aus
+dem Dunkel des Gartens zwei eben noch anst&auml;ndig
+gekleidete, alte Herren an den Tisch traten. Olivo
+begr&uuml;&szlig;te sie herzlich und ger&auml;uschvoll, sehr froh,
+damit einem Zwist, der bedenklich zu werden und
+die Heiterkeit des Abends zu gef&auml;hrden drohte, die
+Spitze abzubrechen. Die Neuangekommenen waren
+die Br&uuml;der Ricardi, Junggesellen, die, wie Casanova
+von Olivo erfuhr, fr&uuml;her in der gro&szlig;en Welt gelebt,
+mit allerlei Unternehmungen wenig Gl&uuml;ck gehabt
+und sich endlich in das benachbarte Dorf, ihren Geburtsort,
+zur&uuml;ckgezogen, wo sie in einem elenden
+H&auml;uschen zur Miete wohnten. Sonderbare, aber
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>harmlose Leute. Die beiden Ricardi dr&uuml;ckten ihr
+Entz&uuml;cken aus, die Bekanntschaft des Chevaliers zu
+erneuern, mit dem sie in Paris vor Jahren zusammengetroffen
+waren. Casanova erinnerte sich nicht. Oder
+war es in Madrid?... &raquo;Das w&auml;re m&ouml;glich,&laquo; sagte
+Casanova, aber er wu&szlig;te, da&szlig; er die beiden niemals
+gesehen hatte. Nur der eine, offenbar j&uuml;ngere von
+ihnen, f&uuml;hrte das Wort, der andre, der wie ein
+Neunzigj&auml;hriger aussah, begleitete die Reden seines
+Bruders mit unaufh&ouml;rlichem Kopfnicken und einem
+verlorenen Grinsen.</p>
+
+<p>Man hatte sich von Tisch erhoben. Die Kinder
+waren schon fr&uuml;her verschwunden. Lorenzi und die
+Marchesa spazierten im D&auml;mmer &uuml;ber die Wiese
+hin, Marcolina und Amalia wurden bald im Saale
+sichtbar, wo sie Vorbereitungen f&uuml;r das Spiel zu treffen
+schienen. Was hat das alles zu bedeuten? fragte
+sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten
+sie mich f&uuml;r reich? Wollen sie mich rupfen? Denn
+alle diese Anstalten, auch die Zuvorkommenheit des
+Marchese, die Beflissenheit des Abbate sogar, das Erscheinen
+der Br&uuml;der Ricardi, kamen ihm irgendwie
+verd&auml;chtig vor; konnte nicht auch Lorenzi in die
+Intrige verwickelt sein? Oder Marcolina? Oder gar
+Amalia? Ist das Ganze, dachte er fl&uuml;chtig, ein Streich
+meiner Feinde, um mir die R&uuml;ckkehr nach Venedig
+zu erschweren, &#8211; im letzten Augenblick unm&ouml;glich
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>zu machen? Aber sofort mu&szlig;te er sich sagen, da&szlig;
+dieser Einfall v&ouml;llig unsinnig war, vor allem schon
+darum, weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte.
+Er war ein ungef&auml;hrlicher, herabgekommener alter
+Tropf; wen konnte seine R&uuml;ckkehr nach Venedig
+&uuml;berhaupt k&uuml;mmern? Und als er durch die offenen
+Fenster des Hauses die Herren sich gesch&auml;ftig um
+den Tisch reihen sah, auf dem die Karten bereit
+lagen und gef&uuml;llte Weingl&auml;ser standen, wurde ihm
+&uuml;ber jeden Zweifel klar, da&szlig; hier nichts anderes geplant
+war als ein gewohnheitsm&auml;&szlig;ig harmloses Spiel,
+bei dem ein neuer Partner immerhin willkommen
+sein mochte. Marcolina streifte an ihm vor&uuml;ber und
+w&uuml;nschte ihm Gl&uuml;ck. &raquo;Sie bleiben nicht? Schauen
+dem Spiel nicht wenigstens zu?&laquo; &#8211; &raquo;Was soll ich
+dabei? Gute Nacht, Chevalier von Seingalt &#8211; und
+auf morgen!&laquo;</p>
+
+<p>Stimmen klangen ins Freie. &raquo;Lorenzi&laquo; rief es &#8211;
+&raquo;Herr Chevalier.&laquo; &#8211; &raquo;Wir warten.&laquo; Casanova, im
+Schatten des Hauses, konnte sehen, wie die Marchesa
+Lorenzi von der Wiese gegen das Dunkel der B&auml;ume
+hinzuziehen suchte. Dort dr&auml;ngte sie sich heftig an
+ihn, Lorenzi aber ri&szlig; sich ungeb&auml;rdig von ihr los
+und eilte dem Hause zu. Er traf am Eingang mit
+Casanova zusammen und, mit einer Art von sp&ouml;ttischer
+H&ouml;flichkeit, lie&szlig; er ihm den Vortritt, was Casanova
+ohne Dank annahm.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die
+Br&uuml;der Ricardi und der Abbate setzten so geringe
+M&uuml;nzen ein, da&szlig; das ganze Spiel auf Casanova &#8211;
+auch heute, da sein ganzes Verm&ouml;gen nur in ein paar
+Dukaten bestand &#8211; wie ein Spa&szlig; wirkte. Es erschien
+ihm um so l&auml;cherlicher, als der Marchese mit
+einer so gro&szlig;artigen Miene das Geld einstrich und
+auszahlte, als wenn es um hohe Summen ginge.
+Pl&ouml;tzlich warf Lorenzi, der sich bisher nicht beteiligt
+hatte, einen Dukaten hin, gewann, lie&szlig; den so verdoppelten
+Einsatz stehen, gewann ein zweites und
+drittes Mal und so mit geringen Unterbrechungen
+immer weiter. Die andern Herren setzten indes ihre
+kleinen M&uuml;nzen wie zuvor, und insbesondere die
+beiden Ricardi zeigten sich h&ouml;chst ungehalten, wenn
+der Marchese sie nicht mit der gleichen R&uuml;cksichtnahme
+zu behandeln schien, wie den Leutnant Lorenzi.
+Die Br&uuml;der spielten gemeinsam auf das gleiche
+Blatt; dem einen, &auml;lteren, der die Karten empfing,
+perlte der Schwei&szlig; von der Stirn, der andere, hinter
+ihm stehend, redete unabl&auml;ssig auf ihn ein wie mit
+wichtig-unfehlbaren Ratschl&auml;gen. Wenn er den
+schweigsamen Bruder einziehen sah, leuchteten seine
+Augen, im andern Falle richteten sie sich verzweifelt
+gen Himmel. Der Abbate, sonst ziemlich teilnahmlos,
+gab zuweilen spruch&auml;hnliche S&auml;tze zum besten
+&#8211; wie &raquo;Das Gl&uuml;ck und die Frauen zwingst du nicht&laquo;
+<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>&#8211; oder &raquo;Die Erde ist rund, der Himmel weit&laquo; &#8211;
+manchmal blickte er auch pfiffig ermutigend Casanova
+und gleich darauf die diesem gegen&uuml;ber, ihrem
+Gatten zur Seite sitzende Amalia an, als l&auml;ge ihm
+daran, die beiden alten Liebesleute neu miteinander
+zu verkuppeln. Casanova aber dachte an nichts anderes,
+als da&szlig; Marcolina sich jetzt in ihrem Zimmer
+langsam entkleidete, und da&szlig;, wenn das Fenster offen
+stand, ihre wei&szlig;e Haut in die Nacht hinausschimmerte.
+Von einer Begier erfa&szlig;t, die ihm die Sinne
+verst&ouml;rte, wollte er sich von seinem Platz neben dem
+Marchese erheben und den Raum verlassen; der
+Marchese aber nahm diese Bewegung als einen Entschlu&szlig;,
+sich am Spiel zu beteiligen und sagte: &raquo;Nun
+endlich &#8211; wir wu&szlig;ten ja, da&szlig; Sie nicht Zuschauer
+bleiben w&uuml;rden, Chevalier.&laquo; Er legte eine Karte vor
+ihn hin, Casanova setzte alles, was er bei sich trug
+&#8211; und dies war so ziemlich alles, was er besa&szlig; &#8211;
+zehn Dukaten etwa, er z&auml;hlte sie nicht, lie&szlig; sie aus
+seiner B&ouml;rse auf den Tisch gleiten und w&uuml;nschte, sie
+auf einen Satz zu verlieren: dies sollte dann ein
+Zeichen sein, ein gl&uuml;ckverhei&szlig;endes Zeichen &#8211; er
+wu&szlig;te nicht recht wof&uuml;r, ob f&uuml;r seine baldige Heimfahrt
+nach Venedig oder den ihm bevorstehenden
+Anblick der entkleideten Marcolina; &#8211; doch ehe er
+sich entschieden, hatte der Marchese das Spiel gegen
+ihn bereits verloren. Auch Casanova lie&szlig;, wie Lorenzi
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>es getan, den verdoppelten Einsatz stehen, und auch
+ihm blieb das Gl&uuml;ck treu wie dem Leutnant. Um
+die &uuml;brigen k&uuml;mmerte sich der Marchese nicht mehr,
+der schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der
+andre rang die H&auml;nde &#8211; dann standen sie zusammen
+in einer Ecke des Saales wie vernichtet. Der
+Abbate und Olivo fanden sich leichter ab; der erste
+a&szlig; S&uuml;&szlig;igkeiten und wiederholte seine Spr&uuml;chlein,
+der andre schaute dem Fall der Karten in Erregung
+zu. Endlich hatte der Marchese f&uuml;nfhundert Dukaten
+verloren, in die sich Casanova und Lorenzi teilten.
+Die Marchesa erhob sich und gab dem Leutnant
+einen Wink mit den Augen, ehe sie den Saal verlie&szlig;,
+Amalia geleitete sie. Die Marchesa wiegte sich in
+den H&uuml;ften, was Casanova anwiderte; Amalia schlich
+an ihrer Seite wie ein dem&uuml;tiges &auml;ltliches Weib. Da
+der Marchese sein ganzes Bargeld verloren hatte,
+&uuml;bernahm Casanova die Bank, er bestand, zum Mi&szlig;vergn&uuml;gen
+des Marchese darauf, da&szlig; die andern
+wieder am Spiele teiln&auml;hmen. Sofort waren die Br&uuml;der
+Ricardi zur Stelle, gierig und erregt; der Abbate
+sch&uuml;ttelte den Kopf, er hatte genug, und Olivo spielte
+nur mit, um sich dem Wunsch seines edlen Gastes
+nicht zu versagen. Lorenzi hatte weiter Gl&uuml;ck; als
+er im ganzen die Summe von vierhundert Dukaten
+gewonnen, stand er auf und sagte: &raquo;Morgen bin ich
+gern bereit, Revanche zu geben. Jetzt bitte ich um
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>die Erlaubnis, nach Hause reiten zu d&uuml;rfen.&laquo; &#8211; &raquo;Nach
+Hause,&laquo; rief der Marchese hohnlachend, der &uuml;brigens
+ein paar Dukaten zur&uuml;ckgewonnen hatte, &raquo;das ist
+nicht &uuml;bel! Der Leutnant wohnt n&auml;mlich bei mir!&laquo;
+wandte er sich zu den andern. &raquo;Und meine Gattin
+ist voraus nach Hause gefahren. Gute Unterhaltung,
+Lorenzi!&laquo; &#8211; &raquo;Sie wissen sehr gut,&laquo; erwiderte Lorenzi,
+ohne eine Miene zu verziehen, &raquo;da&szlig; ich geradeswegs
+nach Mantua reite und nicht nach Ihrem Schlo&szlig;, wo
+Sie so g&uuml;tig waren, mir gestern Unterkunft zu gew&auml;hren.&laquo;
+&#8211; &raquo;Reiten Sie, wohin Sie wollen, zum
+Teufel meinetwegen!&laquo; &#8211; Lorenzi empfahl sich von
+den andern aufs h&ouml;flichste und ging, ohne dem Marchese
+eine geb&uuml;hrende Antwort zu erteilen, was Casanova
+in Verwunderung setzte. Er legte weiter die
+Karten auf und gewann, so da&szlig; der Marchese bald
+mit ein paar hundert Dukaten in seiner Schuld stand.
+Wozu? fragte sich Casanova anfangs. Allm&auml;hlich
+aber nahm ihn der Reiz des Spiels doch wieder gefangen.
+Es geht nicht &uuml;bel, dachte er ... Nun sind
+es bald tausend ... es k&ouml;nnen auch zweitausend
+werden. Der Marchese wird seine Schuld bezahlen.
+Mit einem kleinen Verm&ouml;gen in Venedig Einzug
+halten, das w&auml;re so &uuml;bel nicht. Doch warum nach
+Venedig? Man wird wieder reich, man wird wieder
+jung. Reichtum ist alles. Nun werd&#8217; ich sie mir
+doch wenigstens wieder kaufen k&ouml;nnen. Wen?
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Ich will keine andere ... Nackt steht sie am
+Fenster &#8211; ganz gewi&szlig; ... wartet am Ende ...
+ahnt, da&szlig; ich kommen werde ... Steht am Fenster,
+um mich toll zu machen. Und ich bin da. &#8211; Indes
+teilte er weiter die Karten aus, mit unbeweglicher
+Miene, nicht nur an den Marchese, auch an Olivo
+und die Br&uuml;der Ricardi, denen er zuweilen ein Goldst&uuml;ck
+hinschob, auf das sie keinen Anspruch hatten.
+Sie lie&szlig;en sich&#8217;s gefallen. Aus der Nacht drang ein
+Ger&auml;usch, wie die Hufschl&auml;ge eines &uuml;ber die Stra&szlig;e
+trabenden Rosses. Lorenzi, dachte Casanova ... Von
+der Gartenmauer schallte es wie im Echo wieder,
+dann verklang allm&auml;hlich Hall und Widerhall. Nun
+aber wandte sich das Gl&uuml;ck gegen Casanova. Der
+Marchese setzte hoch, immer h&ouml;her; und um Mitternacht
+fand sich Casanova so arm wie er gewesen,
+&auml;rmer noch; er hatte auch seine eigenen paar Goldst&uuml;cke
+verloren. Er schob die Karten von sich weg,
+erhob sich l&auml;chelnd. &raquo;Ich danke, meine Herren.&laquo;</p>
+
+<p>Olivo breitete die Arme nach ihm aus. &raquo;Mein
+Freund, wir wollen weiter spielen ... Hundertf&uuml;nfzig
+Dukaten, &#8211; haben Sie denn vergessen, &#8211; nein,
+nicht hundertf&uuml;nfzig! Alles, was ich habe, was ich
+bin &#8211; alles &#8211; alles!&laquo; Er lallte; denn er hatte w&auml;hrend
+des ganzen Abends zu trinken nicht aufgeh&ouml;rt.
+Casanova wehrte mit einer &uuml;bertrieben vornehmen
+Handbewegung ab. &raquo;Die Frauen und das Gl&uuml;ck
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>zwingt man nicht,&laquo; sagte er mit einer Verneigung
+gegen den Abbate hin. Dieser nickte befriedigt und
+klatschte in die H&auml;nde. &raquo;Auf morgen also, mein verehrter
+Chevalier,&laquo; sagte der Marchese, &raquo;wir werden
+gemeinsam dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder
+abnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Ricardi bestanden darauf, da&szlig; weitergespielt
+w&uuml;rde. Der Marchese, sehr aufger&auml;umt, gab ihnen
+eine Bank. Sie r&uuml;ckten mit den Goldst&uuml;cken heraus,
+die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten
+hatte der Marchese sie ihnen abgenommen
+und lehnte es entschieden ab, mit ihnen weiterzuspielen,
+wenn sie nicht Bargeld vorzuweisen h&auml;tten.
+Sie rangen die H&auml;nde. Der &auml;ltere begann zu weinen
+wie ein Kind. Der andere k&uuml;&szlig;te ihn wie zur Beruhigung
+auf beide Wangen. Der Marchese fragte, ob
+sein Wagen schon wieder zur&uuml;ckgekommen sei. Der
+Abbate bejahte; er hatte ihn vor einer halben Stunde
+vorfahren geh&ouml;rt. Der Marchese lud den Abbate und
+die Br&uuml;der Ricardi in seinen Wagen ein; er wollte
+sie vor ihren Wohnh&auml;usern absetzen; &#8211; und alle
+verlie&szlig;en das Haus.</p>
+
+<p>Als die andern fort waren, nahm Olivo Casanovas
+Arm und versicherte ihn immer wieder, mit Tr&auml;nen
+in der Stimme, da&szlig; alles in diesem Hause ihm, Casanova,
+geh&ouml;re und da&szlig; er damit schalten m&ouml;ge, wie
+es ihm beliebe. Sie kamen an Marcolinens Fenster
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>vorbei. Es war nicht nur verschlossen, auch ein
+Gitter war vorgeschoben, und innen senkte sich ein
+Vorhang herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, wo
+all das nichts n&uuml;tzte oder wo es nichts zu bedeuten
+hatte. Sie traten ins Haus. Olivo lie&szlig; es sich nicht
+nehmen, den Gast &uuml;ber die etwas knarrende Treppe
+bis in das Turmgemach zu begleiten, wo er ihn zum
+Abschied umarmte. &raquo;Also morgen,&laquo; sagte er, &raquo;sollen
+Sie das Kloster zu sehen bekommen. Doch schlafen
+Sie nur ruhig, wir brechen nicht in allzu fr&uuml;her
+Stunde auf und richten uns jedenfalls v&ouml;llig nach
+Ihrer Bequemlichkeit. Gute Nacht.&laquo; Er ging, die
+T&uuml;r leise hinter sich schlie&szlig;end, aber seine Schritte
+dr&ouml;hnten &uuml;ber die Treppe durch das ganze Haus.</p>
+
+<p>Casanova stand allein in seinem durch zwei Kerzen
+matt erhellten Zimmer und lie&szlig; das Auge von
+einem zum andern der vier Fenster schweifen, die nach
+den verschiedenen Himmelsrichtungen wiesen. In
+bl&auml;ulichem Glanze lag die Landschaft da, nach allen
+Seiten fast das gleiche Bild: weite Ebenen, mit geringen
+Erhebungen, nur nordw&auml;rts verschwimmende
+Berglinien, da und dort vereinzelte H&auml;user, Geh&ouml;fte,
+auch gr&ouml;&szlig;ere Geb&auml;ude; darunter eines etwas h&ouml;her
+gelegen, aus dem ein Licht herschimmerte, nach Casanovas
+Vermutung das Schlo&szlig; des Marchese. Im
+Zimmer, das au&szlig;er dem freistehenden breiten Bett
+nichts enthielt, als einen langen Tisch, auf dem die
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>zwei Kerzen brannten, ein paar St&uuml;hle, eine Kommode
+und einen goldgerahmten Spiegel dar&uuml;ber, war
+von sorglichen H&auml;nden Ordnung gemacht, auch war
+der Reisesack ausgepackt worden. Auf dem Tische
+lag die versperrte, abgegriffene Ledermappe, die Casanovas
+Papiere enthielt, sowie ein paar B&uuml;cher,
+deren er f&uuml;r seine Arbeit bedurfte und die er daher
+mit sich genommen hatte; auch Schreibzeug war
+bereit. Da er nicht die geringste Schl&auml;frigkeit versp&uuml;rte,
+nahm er sein Manuskript aus der Mappe und
+durchlas beim Schein der Kerzen, was er zuletzt geschrieben.
+Da er mitten in einem Absatz stehengeblieben,
+war es ihm ein leichtes, auf der Stelle fortzufahren.
+Er nahm die Feder zur Hand, schrieb
+hastig ein paar S&auml;tze und hielt pl&ouml;tzlich wieder inne.
+Wozu? fragte er sich, wie in einer grausamen inneren
+Erleuchtung. Und wenn ich auch w&uuml;&szlig;te, da&szlig; das,
+was ich hier schrieb und schreiben werde, herrlich
+w&uuml;rde ohne Vergleich, &#8211; ja, wenn es mir wirklich
+gel&auml;nge, Voltaire zu vernichten und mit meinem
+Ruhm den seinen zu &uuml;berstrahlen; &#8211; w&auml;re ich nicht
+trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu verbrennen,
+wenn es mir daf&uuml;r verg&ouml;nnt w&auml;re, in dieser
+Stunde Marcolina zu umarmen? Ja, w&auml;re ich um
+den gleichen Preis nicht zu dem Gel&uuml;bde bereit,
+Venedig niemals wieder zu betreten, &#8211; auch wenn
+sie mich im Triumph dahin zur&uuml;ckholen wollten?
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>Venedig!... Er wiederholte das Wort, es klang um
+ihn in seiner ganzen Herrlichkeit; &#8211; und schon hatte
+es die alte Macht &uuml;ber ihn gewonnen. Die Stadt
+seiner Jugend stieg vor ihm auf, umflossen von allem
+Zauber der Erinnerung, und das Herz schwoll ihm
+in einer Sehnsucht, so qualvoll und &uuml;ber alles Ma&szlig;,
+wie er sie noch nie empfunden zu haben glaubte.
+Auf die Heimkehr zu verzichten erschien ihm als
+das unm&ouml;glichste von allen Opfern, die das Schicksal
+von ihm fordern d&uuml;rfte. Was sollte er weiter in
+dieser kl&auml;glich verbla&szlig;ten Welt ohne die Hoffnung,
+die Gewi&szlig;heit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen?
+Nach Jahren und Jahrzehnten der Wanderungen
+und Abenteuer, nach all dem Gl&uuml;ck und
+Ungl&uuml;ck, das er erlebt, nach all der Ehre und
+Schmach, nach den Triumphen und nach den Erniedrigungen,
+die er erfahren, mu&szlig;te er doch endlich
+eine Ruhestatt, eine Heimat haben. Und gab
+es eine andere Heimat f&uuml;r ihn als Venedig? Und ein
+anderes Gl&uuml;ck als das Bewu&szlig;tsein, wieder eine Heimat
+zu haben? In der Fremde vermochte er l&auml;ngst
+nicht mehr ein Gl&uuml;ck dauernd an sich heranzuzwingen.
+Noch war ihm zuweilen die Kraft geg&ouml;nnt, es
+zu erfassen, doch nicht mehr die, es festzuhalten.
+Seine Macht &uuml;ber die Menschen, Frauen wie M&auml;nner,
+war dahin. Nur wo er Erinnerung bedeutete, vermochte
+sein Wort, seine Stimme, sein Blick noch zu
+<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>bannen; seiner Gegenwart war die Wirkung versagt.
+Vorbei war seine Zeit! Und nun gestand er sich auch
+ein, was er sich sonst mit besonderer Beflissenheit
+zu verhehlen suchte, da&szlig; selbst seinen schriftstellerischen
+Leistungen, da&szlig; sogar seiner Streitschrift
+gegen Voltaire, auf die er seine letzte Hoffnung gesetzt
+hatte, niemals ein in die Weite tragender Erfolg
+beschieden sein w&uuml;rde. Auch dazu war es
+zu sp&auml;t. Ja, h&auml;tte er in j&uuml;ngeren Jahren Mu&szlig;e und
+Geduld gehabt, sich mit derlei Arbeiten ernstlicher
+zu besch&auml;ftigen, &#8211; das wu&szlig;te er wohl &#8211; den ersten
+dieses Fachs, Dichtern und Philosophen h&auml;tte er es
+gleich getan; ebenso wie er als Finanzmann oder
+als Diplomat mit gr&ouml;&szlig;erer Beharrlichkeit und Vorsicht,
+als ihm eigen war, zum H&ouml;chsten w&auml;re berufen
+gewesen. Doch wo war all seine Geduld und
+seine Vorsicht, wo waren alle seine Lebenspl&auml;ne hin,
+wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Frauen &#8211;
+Frauen &uuml;berall. F&uuml;r sie hatte er alles hingeworfen
+in jedem Augenblick; f&uuml;r edle wie f&uuml;r gemeine, f&uuml;r
+die leidenschaftlichen wie f&uuml;r die kalten; f&uuml;r Jungfrauen
+wie f&uuml;r Dirnen; &#8211; f&uuml;r eine Nacht auf einem
+neuen Liebeslager waren ihm alle Ehren dieser und
+alle Seligkeiten jener Welt immer feil gewesen. &#8211;
+Doch bereute er, was er durch dieses ewige Suchen
+und Niemals- oder Immer-Finden, durch dies irdisch-&uuml;berirdische
+Fliehen von Begier zu Lust und von
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Lust zu Begier sonst im Dasein etwa vers&auml;umt haben
+mochte? Nein, er bereute nichts. Er hatte sein Leben
+gelebt wie keiner; &#8211; und lebte er es nicht noch heute
+in seiner Art? &Uuml;berall noch gab es Weiber auf seinem
+Weg: wenn sie auch nicht mehr gerade toll um
+ihn wurden wie einstmals. &#8211; Amalia? &#8211; er konnte
+sie haben, wann er wollte, in dieser Stunde, in ihres
+betrunkenen Gatten Bett; &#8211; und die Wirtin in Mantua
+&#8211; war sie nicht verliebt in ihn wie in einen h&uuml;bschen
+Knaben, mit Z&auml;rtlichkeit und Eifersucht? &#8211;
+und die blatternarbige, aber wohlgebaute Geliebte
+Perottis &#8211; hatte sie ihn nicht, berauscht von dem
+Namen Casanova, der die Wollust von tausend N&auml;chten
+&uuml;ber sie hinzuspr&uuml;hen schien &#8211; hatte sie ihn
+nicht angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu
+gew&auml;hren, und hatte er sie nicht verschm&auml;ht wie
+einer, der noch immer nach eigenem Geschmacke
+w&auml;hlen durfte? Freilich &#8211; Marcolina &#8211; solche wie
+Marcolina waren nicht mehr f&uuml;r ihn da. Oder &#8211;
+w&auml;re sie niemals f&uuml;r ihn dagewesen? Es gab ja wohl
+auch Frauen solcher Art. Er war vielleicht in fr&uuml;heren
+Jahren solch einer begegnet; aber da immer zugleich
+eine andere, willigere zur Stelle war, hatte er
+sich nicht damit aufgehalten, auch nur einen Tag
+vergeblich zu seufzen. Und da es nicht einmal Lorenzi
+gelungen war, Marcolina zu erobern, &#8211; da sie
+sogar die Hand dieses Menschen ausgeschlagen, der
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>ebenso sch&ouml;n und ebenso frech war, wie er, Casanova,
+in seiner Jugend es gewesen &#8211; so mochte
+Marcolina in der Tat jenes Wundergesch&ouml;pf vorstellen,
+an dessen Vorhandensein auf Erden er bisher
+gezweifelt &#8211; das tugendhafte Weib. Nun aber lachte
+er so hell auf, da&szlig; es durchs Zimmer hallte. &raquo;Der
+Ungeschickte, der Dummkopf!&laquo; rief er laut, wie er
+es bei solchen Selbstgespr&auml;chen &ouml;fters tat. &raquo;Er hat
+die Gelegenheit nicht zu ben&uuml;tzen verstanden. Oder
+die Marchesa l&auml;&szlig;t ihn nicht los. Oder hat er sich
+die erst genommen, als er Marcolina nicht bekommen
+konnte, die Gelehrte &#8211; die Philosophin?!&laquo; Und
+pl&ouml;tzlich kam ihm der Einfall: Ich will ihr morgen
+meine Streitschrift gegen Voltaire vorlesen! Sie ist
+das einzige Gesch&ouml;pf, dem ich das n&ouml;tige Verst&auml;ndnis
+daf&uuml;r zutrauen darf. Ich werde sie &uuml;berzeugen
+... Sie wird mich bewundern. &raquo;Nat&uuml;rlich wird sie
+... Vortrefflich, Herr Casanova! Sie schreiben einen
+gl&auml;nzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben
+Voltaire vernichtet ... genialer Greis!&laquo; So sprach
+er, so zischte er vor sich hin und lief im Zimmer hin
+und her wie in einem K&auml;fig. Ein ungeheurer Grimm
+hatte ihn erfa&szlig;t, gegen Marcolina, gegen Voltaire,
+gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Er nahm
+seine letzte Kraft zusammen, um nicht aufzubr&uuml;llen.
+Endlich warf er sich aufs Bett, ohne sich auszukleiden,
+und lag nun da, die weit offenen Augen zum
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>Geb&auml;lk der Decke gerichtet, inmitten dessen er jetzt
+an einzelnen Stellen im Schein der Kerzen Spinnengewebe
+silbrig gl&auml;nzen sah. Dann, wie es ihm zuweilen
+nach Spielpartien vor dem Einschlafen begegnete,
+jagten mit phantastischer Geschwindigkeit
+Kartenbilder an ihm vorbei, und endlich versank er
+wirklich in einen traumlosen Schlummer, der aber
+nur eine kurze Weile dauerte. Nun horchte er auf
+die geheimnisvolle Stille rings um sich. Nach Osten
+und S&uuml;den standen die Fenster des Turmgemachs
+offen, aus Garten und Feld drangen linde s&uuml;&szlig;e Ger&uuml;che
+aller Art, aus der Landschaft unbestimmte
+Ger&auml;usche zu ihm herein, wie die kommende Fr&uuml;he
+sie aus der Weite und N&auml;he zu bringen pflegt. Casanova
+vermochte nicht l&auml;nger still zu liegen; ein lebhafter
+Drang nach Ver&auml;nderung erfa&szlig;te ihn und
+lockte ihn ins Freie. Vogelgesang rief ihn von drau&szlig;en,
+morgenk&uuml;hler Wind r&uuml;hrte an seine Stirn. Leise
+&ouml;ffnete Casanova die T&uuml;r, ging vorsichtig &uuml;ber die
+Treppe hinab, mit seiner oft erprobten Geschicklichkeit
+brachte er es zuwege, da&szlig; die Holzstufen unter
+seinem Schritt nicht im geringsten knarrten; &uuml;ber
+die steinerne Treppe gelangte er ins Erdgescho&szlig;, und
+durch das Speisezimmer, wo auf dem Tisch noch die
+halbgef&uuml;llten Gl&auml;ser standen, in den Garten. Da auf
+dem Kies seine Schritte h&ouml;rbar wurden, trat er gleich
+auf die Wiese &uuml;ber, die nun, im Fr&uuml;hd&auml;mmerschein,
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>zu unwirklicher Weite sich dehnte. Dann schlich
+er sich in die Allee, nach der Seite hin, wo ihm Marcolinens
+Fenster in den Blick fallen mu&szlig;te. Es war
+vergittert, verschlossen, verh&auml;ngt, so wie er es zuletzt
+gesehen. Kaum f&uuml;nfzig Schritt vom Hause entfernt
+setzte sich Casanova auf eine Steinbank. Jenseits der
+Gartenmauer h&ouml;rte er einen Wagen vorbeifahren,
+dann war es wieder still. Aus dem Wiesengrund
+schwebte ein feiner grauer Dunst; als l&auml;ge da ein
+durchsichtig-tr&uuml;ber Teich mit verschwimmenden
+Grenzen. Wieder dachte Casanova jener Jugendnacht
+im Klostergarten von Murano &#8211; oder eines
+andern Parks &#8211; einer andern Nacht; &#8211; er wu&szlig;te
+nicht mehr welcher &#8211; vielleicht waren es hundert
+N&auml;chte, die ihm in der Erinnerung in eine einzige
+zusammenflossen, sowie ihm manchmal hundert
+Frauen, die er geliebt, in der Erinnerung zu einer
+einzigen wurden, die als R&auml;tselgestalt durch seine
+fragenden Sinne schwebte. Und <em class="gesperrt">war</em> denn nicht am
+Ende eine Nacht wie die andere? Und eine Frau wie
+die andere? Besonders, wenn es vorbei war? Und
+dieses Wort &raquo;vorbei&laquo; h&auml;mmerte in seinen Schl&auml;fen
+weiter, als sei es bestimmt, von nun ab der Pulsschlag
+seines verlorenen Daseins zu werden.</p>
+
+<p>Es war ihm, als raschelte irgend etwas hinter ihm
+l&auml;ngs der Mauer hin. Oder war&#8217;s nur ein Widerklang?
+Ja, das Ger&auml;usch kam vom Hause her. Marcolinens
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>Fenster stand mit einemmal offen, das Gitter
+war zur&uuml;ckgeschoben, der Vorhang nach der
+einen Seite hin gerafft; aus dem Dunkel des Gemachs
+hob sich eine schattenhafte Erscheinung; Marcolina
+selbst war es, die in hochgeschlossenem wei&szlig;en
+Nachtgewand an die Br&uuml;stung trat, wie um die holde
+Luft des Morgens einzuatmen. Casanova hatte sich
+rasch von der Bank heruntergleiten lassen; &uuml;ber
+ihren Rand, durch das Gezweig der Allee sah er gebannt
+Marcolina an, deren Augen scheinbar gedanken-
+ja richtungslos in die D&auml;mmerung tauchten.
+Nach ein paar Sekunden erst schien sie ihr noch wie
+schlafbefangenes Wesen in einem Blicke sammeln
+zu k&ouml;nnen, den sie nun langsam nach rechts und
+links schweifen lie&szlig;. Dann beugte sie sich vorn&uuml;ber,
+wie um auf dem Kies etwas zu suchen, und gleich
+darauf wandte sie das Haupt mit dem gel&ouml;sten Haar
+nach aufw&auml;rts wie zu einem Fenster des oberen
+Stockwerks. Dann stand sie wieder eine Weile ohne
+Bewegung, die H&auml;nde beiderseits an die Fensterst&ouml;cke
+st&uuml;tzend, wie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen.
+Nun erst, als w&auml;ren sie pl&ouml;tzlich von innen erleuchtet
+worden, gewannen ihre d&auml;mmernden Z&uuml;ge f&uuml;r
+Casanova an Deutlichkeit. Ein L&auml;cheln spielte um
+ihren Mund, das gleich wieder erstarrte. Nun lie&szlig;
+sie die Arme sinken; ihre Lippen bewegten sich
+sonderbar, als fl&uuml;sterten sie ein Gebet; wieder
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>schweifte ihr Blick langsam suchend durch den Garten,
+dann nickte sie kurz, und im selben Augenblick
+schwang sich jemand &uuml;ber die Br&uuml;stung ins Freie,
+der bis jetzt zu Marcolinens F&uuml;&szlig;en gekauert sein
+mu&szlig;te, &#8211; Lorenzi. Er flog mehr als er ging &uuml;ber
+den Kies zur Allee hin, durchquerte sie kaum zehn
+Schritte weit von Casanova, der den Atem anhaltend
+unter der Bank lag, und eilte dann jenseits der Allee,
+wo ein schmaler Wiesenstreif die Mauer entlang lief,
+den Blicken Casanovas entschwindend, nach r&uuml;ckw&auml;rts.
+Casanova h&ouml;rte eine T&uuml;r in den Angeln seufzen,
+&#8211; es konnte keine andre sein, als diejenige,
+durch die er selbst gestern abend mit Olivo und dem
+Marchese in den Garten zur&uuml;ckgekehrt war &#8211; dann
+war alles still. Marcolina war die ganze Zeit v&ouml;llig
+regungslos dagestanden: sobald sie Lorenzi in Sicherheit
+wu&szlig;te, atmete sie tief auf, schlo&szlig; Gitter und
+Fenster, der Vorhang fiel nieder wie durch eigene
+Kraft, und alles war, wie es vorher gewesen; &#8211; nur
+da&szlig; indes, als h&auml;tte er nun keinen Anla&szlig; mehr zu
+z&ouml;gern, der Tag &uuml;ber Haus und Garten aufgezogen
+war.</p>
+
+<p>Auch Casanova lag noch da, wie zuvor, die H&auml;nde
+vor sich hingestreckt, unter der Bank. Nach einer
+Weile kroch er weiter, in die Mitte der Allee, und
+weiter auf allen vieren, bis er an eine Stelle kam,
+wo er weder von Marcolinens Fenster noch von
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>einem andern aus gesehen werden konnte. Nun erhob
+er sich mit schmerzendem R&uuml;cken, reckte sich
+in die H&ouml;he, dehnte die Glieder und kam endlich
+zur Besinnung, ja fand sich jetzt erst selber wieder,
+als h&auml;tte er sich aus einem gepr&uuml;gelten Hund in
+einen Menschen zur&uuml;ckverwandelt, der die Pr&uuml;gel
+nicht als k&ouml;rperlichen Schmerz, sondern als tiefe Besch&auml;mung
+weiter zu versp&uuml;ren verdammt war. Warum,
+fragte er sich, bin ich nicht zu dem Fenster hin,
+solang es noch offen stand? Und &uuml;ber die Br&uuml;stung
+hinein zu ihr? &#8211; H&auml;tte sie Widerstand leisten k&ouml;nnen
+&#8211; d&uuml;rfen &#8211; die Heuchlerin, die L&uuml;gnerin, die
+Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter, als
+h&auml;tte er ein Recht dazu, als h&auml;tte sie ihm Treue gelobt
+wie einem Geliebten und ihn betrogen. Er
+schwor sich zu, sie zur Rede zu stellen von Angesicht
+zu Angesicht, ihr ins Antlitz zu schleudern, vor Olivo,
+vor Amalia, vor dem Marchese, dem Abbate, vor der
+Magd und den Knechten, da&szlig; sie eine l&uuml;sterne kleine
+Hure war und nichts anderes. Wie zur &Uuml;bung, in
+aller Ausf&uuml;hrlichkeit erz&auml;hlte er sich selber vor, was
+er eben mit angesehen, und machte sich das Vergn&uuml;gen,
+allerlei dazu zu erfinden, um sie noch tiefer
+zu erniedrigen; da&szlig; sie nackt am Fenster gestanden,
+da&szlig; sie im Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten
+sich habe unz&uuml;chtig liebkosen lassen. Nachdem
+er so seine Wut f&uuml;rs erste zur Not beschwichtigt
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>hatte, dachte er nach, ob mit dem, was er nun
+wu&szlig;te, nicht doch vielleicht was Besseres anzufangen
+w&auml;re. Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt?
+Konnte er nun die Gunst, die sie ihm gutwillig nicht
+gew&auml;hrt h&auml;tte, nicht durch Drohungen von ihr erzwingen?
+Aber dieser schm&auml;hliche Plan sank sofort
+wieder in sich zusammen, nicht so sehr weil Casanova
+dessen Schm&auml;hlichkeit, als weil er dessen Zweck-
+und Sinnlosigkeit gerade in diesem Fall erkennen
+mu&szlig;te. Was konnten seine Drohungen Marcolina
+k&uuml;mmern, die niemandem Rechenschaft schuldig,
+die am Ende auch, wenn&#8217;s ihr darauf ankam, verschlagen
+genug war, ihn als einen Verleumder und
+Erpresser von ihrer Schwelle zu jagen? Und selbst
+wenn sie aus irgendeinem Grunde das Geheimnis
+ihrer Liebschaft mit Lorenzi durch ihre Preisgabe
+zu erkaufen bereit war (er wu&szlig;te freilich, da&szlig; er
+etwas erwog, das au&szlig;er dem Bereich aller M&ouml;glichkeiten
+lag), mu&szlig;te ein so erzwungener Genu&szlig; f&uuml;r ihn,
+der, wenn er liebte, tausendmal hei&szlig;er danach verlangte
+Gl&uuml;ck zu geben, als Gl&uuml;ck zu empfangen,
+sich nicht in eine unnennbare Qual verwandeln, &#8211;
+die ihn zum Wahnsinn und in Selbstvernichtung
+trieb? Er fand sich pl&ouml;tzlich an der Gartent&uuml;r. Sie
+war versperrt. Lorenzi hatte also einen Nachschl&uuml;ssel.
+Und wer &#8211; fiel ihm nun ein &#8211; war denn durch
+die Nacht auf trabendem Ro&szlig; davongesprengt, nachdem
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>Lorenzi sich vom Spieltisch erhoben? Ein bestellter
+Knecht offenbar. &#8211; Unwillk&uuml;rlich mu&szlig;te
+Casanova beif&auml;llig l&auml;cheln ... Sie waren einander
+w&uuml;rdig, Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und
+der Offizier. Und ihnen beiden stand noch eine
+herrliche Laufbahn bevor. Wer wird Marcolinens
+n&auml;chster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor
+in Bologna, in dessen Hause sie wohnt? O, ich
+Narr. Der war&#8217;s ja l&auml;ngst ... Wer noch? Olivo?
+Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht,
+der gestern glotzend am Tore stand, als wir angefahren
+kamen? Alle! Ich wei&szlig; es. Aber Lorenzi wei&szlig;
+es nicht. Das hab&#8217; ich vor ihm voraus. &#8211; Zwar war
+er im Innersten &uuml;berzeugt, da&szlig; Lorenzi nicht nur
+Marcolinens erster Liebhaber, sondern er vermutete
+sogar, da&szlig; es heute die erste Nacht war, die sie ihm
+geschenkt hatte; doch das hielt ihn nicht ab, seine
+boshaft-l&uuml;sternen Gedankenspiele weiterzutreiben,
+w&auml;hrend er den Garten l&auml;ngs der Mauer umkreiste.
+So stand er denn wieder vor der Saalt&uuml;r, die er offen
+gelassen, und sah ein, da&szlig; ihm vorl&auml;ufig nichts
+andres zu tun &uuml;brigblieb, als ungesehen und ungeh&ouml;rt
+sich zur&uuml;ck ins Turmgemach zu begeben. Mit
+aller Vorsicht schlich er hinauf und lie&szlig; sich oben
+auf den Lehnstuhl sinken, auf dem er schon fr&uuml;her
+gesessen; vor den Tisch hin, auf dem die losen Bl&auml;tter
+des Manuskriptes seiner Wiederkehr nur zu warten
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>schienen. Unwillk&uuml;rlich fiel sein Auge auf den
+Satz, den er vorhin in der Mitte abgebrochen hatte;
+und er las: &raquo;Voltaire wird unsterblich sein, gewi&szlig;;
+aber er wird diese Unsterblichkeit erkauft haben
+mit seinem unsterblichen Teil; &#8211; der Witz hat sein
+Herz aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und
+also &#8211;&laquo; In diesem Augenblick brach die Morgensonne
+r&ouml;tlich flutend herein, so da&szlig; das Blatt, das er
+in H&auml;nden hielt, zu ergl&uuml;hen anfing, und wie besiegt
+lie&szlig; er es auf den Tisch zu den andern sinken. Er
+f&uuml;hlte pl&ouml;tzlich die Trockenheit seiner Lippen,
+schenkte sich ein Glas Wasser ein aus einer Flasche,
+die auf dem Tisch stand; es schmeckte lau und s&uuml;&szlig;lich.
+Angewidert wandte er den Kopf nach der Seite;
+von der Wand, aus dem Spiegel &uuml;ber der Kommode,
+starrte ihm ein bleiches altes Gesicht entgegen mit
+wirrem, &uuml;ber die Stirn flie&szlig;endem Haar. In selbstqu&auml;lerischer
+Lust lie&szlig; er seine Mundwinkel noch
+schlaffer herabsinken, als g&auml;lte es eine abgeschmackte
+Rolle auf dem Theater durchzuf&uuml;hren, fuhr sich ins
+Haar, da&szlig; die Str&auml;hne noch ungeordneter fielen,
+streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, kr&auml;chzte
+mit absichtlich heiserer Stimme eine Reihe alberner
+Schimpfworte gegen sich selbst und blies endlich,
+wie ein ungezogenes Kind, die Bl&auml;tter seines Manuskriptes
+vom Tisch herunter. Dann begann er von
+neuem Marcolina zu beschimpfen, und nachdem er
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>sie mit den unfl&auml;tigsten Worten bedacht, zischte er
+zwischen den Z&auml;hnen: Denkst du, die Freude w&auml;hrt
+lang? Du wirst fett und runzlig und alt werden wie
+die andern Weiber, die mit dir zugleich jung gewesen
+sind, &#8211; ein altes Weib mit schlaffen Br&uuml;sten,
+mit trocknem grauen Haar, zahnlos und von &uuml;blem
+Duft ... und endlich wirst du sterben! Auch jung
+kannst du sterben! Und wirst verwesen! Und Speise
+sein f&uuml;r W&uuml;rmer. &#8211; Um eine letzte Rache an ihr zu
+nehmen, versuchte er sich sie als Tote vorzustellen.
+Er sah sie wei&szlig; gekleidet im offenen Sarge liegen,
+doch war er unf&auml;hig, irgendwelche Zeichen der Zerst&ouml;rung
+an ihr zu denken; sondern ihre wahrhaft
+&uuml;berirdische Sch&ouml;nheit brachte ihn in neue Raserei.
+Vor seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum
+Brautbett; Marcolina lag l&auml;chelnd da mit blinzelnden
+Lidern, und mit ihren schmalen bleichen H&auml;nden,
+wie zum Hohn, &uuml;ber ihren zarten Br&uuml;sten zerri&szlig; sie
+das wei&szlig;e Gewand. Doch wie er seine Arme nach
+ihr ausstreckte, sich auf sie st&uuml;rzen, sie umfangen
+wollte, zerflo&szlig; die Erscheinung in nichts. &#8211; Es
+klopfte an die T&uuml;r; er fuhr aus dumpfem Schlaf
+empor, Olivo stand vor ihm. &raquo;Wie, schon am Schreibtisch?&laquo;
+&#8211; &raquo;Es ist meine Gewohnheit,&laquo; erwiderte
+Casanova sofort gefa&szlig;t, &raquo;der Arbeit die ersten Morgenstunden
+zu widmen. Wie sp&auml;t mag es sein?&laquo; &#8211;
+&raquo;Acht Uhr,&laquo; erwiderte Olivo, &raquo;das Fr&uuml;hst&uuml;ck steht
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>im Garten bereit; sobald Sie befehlen, Chevalier,
+wollen wir unsere Fahrt nach dem Kloster antreten.
+Doch ich sehe, der Wind hat Ihnen die Bl&auml;tter verstreut!&laquo;
+Und er machte sich daran, die Papiere vom
+Fu&szlig;boden aufzulesen. Casanova lie&szlig; es geschehen,
+denn er war ans Fenster getreten und erblickte, um
+den Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch gereiht, den man auf die Wiese
+in den Schatten des Hauses gestellt hatte, alle wei&szlig;
+gekleidet, Amalia, Marcolina und die drei kleinen
+M&auml;dchen. Sie riefen ihm einen Morgengru&szlig; zu. Er
+sah nur Marcolina, sie l&auml;chelte freundlich zu ihm
+auf mit hellen Augen, hielt einen Teller mit fr&uuml;hgereiften
+Trauben auf dem Scho&szlig; und steckte eine
+Beere nach der andern in den Mund. Alle Verachtung,
+aller Zorn, aller Ha&szlig; schmolz in Casanovas
+Herzen dahin; er wu&szlig;te nur mehr, da&szlig; er sie liebte.
+Wie trunken von ihrem Anblick zog er sich wieder
+ins Zimmer zur&uuml;ck, wo Olivo noch immer auf dem
+Fu&szlig;boden kniend die verstreuten Bl&auml;tter unter Tisch
+und Kommode hervorsuchte, verbat sich dessen weitere
+Bem&uuml;hungen und w&uuml;nschte allein gelassen zu
+werden, um sich f&uuml;r die Spazierfahrt fertigzumachen.
+&raquo;Es eilt nicht,&laquo; sagte Olivo und streifte den Staub
+von seinen Beinkleidern, &raquo;wir sind zum Mittagessen
+bequem zur&uuml;ck. &Uuml;brigens hat der Marchese bitten
+lassen, da&szlig; wir mit dem Spiel heute schon in fr&uuml;her
+Nachmittagsstunde beginnen; offenbar liegt ihm daran,
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein.&laquo; &raquo;Mir
+ist es ziemlich gleichg&uuml;ltig, wann das Spiel beginnt,&laquo;
+sagte Casanova, w&auml;hrend er seine Bl&auml;tter in die
+Mappe ordnete; &raquo;ich werde mich keineswegs daran
+beteiligen.&laquo; &raquo;Sie werden,&laquo; erkl&auml;rte Olivo mit einer
+Entschiedenheit, die sonst nicht seine Art war, und
+legte eine Rolle von Goldst&uuml;cken auf den Tisch.
+&raquo;Meine Schuld, Chevalier, sp&auml;t, doch aus dankerf&uuml;lltem
+Herzen.&laquo; Casanova wehrte ab. &raquo;Sie m&uuml;ssen,&laquo;
+beteuerte Olivo, &raquo;wenn Sie mich nicht aufs tiefste
+beleidigen wollen; &uuml;berdies hat Amalia heute nacht
+einen Traum gehabt, der Sie veranlassen wird &#8211;
+doch den soll sie Ihnen selbst erz&auml;hlen.&laquo; Und er
+verschwand eiligst. Casanova z&auml;hlte immerhin die
+Goldst&uuml;cke; es waren hundertf&uuml;nfzig, genau die
+Summe, die er vor f&uuml;nfzehn Jahren dem Br&auml;utigam
+oder der Braut oder ihrer Mutter &#8211; er wu&szlig;te es
+selbst nicht mehr recht &#8211; zum Geschenk gemacht
+hatte. Das Vern&uuml;nftigste w&auml;re, sagte er zu sich, ich
+steckte das Geld ein, n&auml;hme Abschied und verlie&szlig;e
+das Haus, wom&ouml;glich ohne Marcolina noch einmal
+zu sehen. Doch hab&#8217; ich je das Vern&uuml;nftige getan?
+&#8211; Und ob nicht indes eine Nachricht aus Venedig
+gekommen ist?... Zwar hat meine vortreffliche Wirtin
+versprochen, sie mir unverz&uuml;glich nachzusenden ...</p>
+
+<p>Die Magd hatte indes einen gro&szlig;en irdenen Krug
+mit quellkaltem Wasser heraufgebracht, und Casanova
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>wusch sich den ganzen Leib, was ihn sehr erfrischte;
+dann legte er sein besseres, eine Art von
+Staatsgewand an, wie er es schon gestern abend getan
+h&auml;tte, wenn er nur Zeit gefunden, die Kleidung
+zu wechseln; doch war er&#8217;s nun ganz zufrieden, da&szlig;
+er heute in vornehmerer Tracht als am vergangenen
+Tag, ja gewisserma&szlig;en in einer neuen Gestalt vor
+Marcolina erscheinen durfte.</p>
+
+<p>In einem Rock von grauer Glanzseide mit Stickereien
+und breiten spanischen Silberspitzen, in gelber
+Weste und kirschroten seidenen Beinkleidern, in
+edler, dabei nicht geradezu stolzer Haltung, mit
+einem zwar &uuml;berlegenen aber liebensw&uuml;rdigen L&auml;cheln
+um die Lippen, und das Auge wie im Feuer
+unverl&ouml;schlicher Jugend strahlend, so trat er in den
+Garten, wo er zu seiner Entt&auml;uschung vorerst nur
+Olivo vorfand, der ihn einlud, neben ihm am Tische
+Platz und mit dem bescheidenen Fr&uuml;hmahl vorliebzunehmen.
+Casanova erlabte sich an Milch, Butter,
+Eiern, Wei&szlig;brot und dann noch an Pfirsichen und
+Trauben, die ihm k&ouml;stlicher d&uuml;nkten als irgendwelche,
+die er jemals genossen. Die drei M&auml;dchen
+kamen &uuml;ber den Rasen herbeigelaufen, Casanova
+k&uuml;&szlig;te sie alle, und der Dreizehnj&auml;hrigen erwies er
+kleine Liebkosungen in der Art, wie sie sich gestern
+solche auch vom Abbate hatte gefallen lassen;
+doch die Funken, die in ihren Augen aufglimmten,
+<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>waren, wie Casanova wohl erkannte, von einer andern
+Lust als der an einem kindisch-harmlosen Spiel
+entz&uuml;ndet. Olivo hatte seine Freude daran, wie gut
+der Chevalier mit den Kindern umzugehen verst&uuml;nde.
+&raquo;Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder
+verlassen?&laquo; fragte er sch&uuml;chtern-z&auml;rtlich. &#8211; &raquo;Heute
+abend,&laquo; sagte Casanova, aber mit einem scherzhaften
+Blinzeln. &raquo;Sie wissen ja, mein bester Olivo, die Senatoren
+von Venedig &#8211;&laquo; &raquo;Haben es nicht um Sie verdient,&laquo;
+unterbrach ihn Olivo lebhaft. &raquo;Lassen Sie
+sie warten. Bleiben Sie bei uns bis &uuml;bermorgen, nein,
+eine Woche lang.&laquo; Casanova sch&uuml;ttelte langsam den
+Kopf, w&auml;hrend er die kleine Teresina bei den H&auml;nden
+gefa&szlig;t und zwischen seinen Knien wie gefangen
+hielt. Sie entwand sich ihm sanft mit einem L&auml;cheln,
+das nun gar nichts Kindliches mehr hatte, als Amalia
+und Marcolina aus dem Hause traten, jene mit einem
+schwarzen, diese mit einem wei&szlig;en Schaltuch &uuml;ber
+den hellen Gew&auml;ndern. Olivo forderte sie beide auf,
+ihre Bitten mit der seinigen zu vereinen. &raquo;Es ist
+unm&ouml;glich,&laquo; sagte Casanova mit einer &uuml;bertriebenen
+H&auml;rte in Stimme und Ausdruck, da weder Amalia
+noch Marcolina ein Wort fanden, Olivos Einladung
+zu unterst&uuml;tzen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie durch die Kastanienallee dem Tore
+zuschritten, richtete Marcolina an Casanova die Frage,
+ob er heute nacht seine Arbeit, &uuml;ber der ihn Olivo,
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>wie er gleich erz&auml;hlt, noch am hellen Morgen wach
+gefunden, betr&auml;chtlich gef&ouml;rdert habe? Schon gedachte
+Casanova ihr eine zweideutig-boshafte Antwort
+zu geben, die sie stutzig gemacht h&auml;tte, ohne
+ihn doch selbst zu verraten; aber er z&uuml;gelte seinen
+Witz in der Erw&auml;gung, da&szlig; jede Voreiligkeit von
+&Uuml;bel sein k&ouml;nnte, und erwiderte h&ouml;flich, da&szlig; er nur
+einige &Auml;nderungen angebracht habe, zu denen er
+die Anregung der gestrigen Unterhaltung mit ihr
+verdanke. Sie stiegen in den unf&ouml;rmlichen, schlechtgepolsterten,
+aber sonst bequemen Wagen. Casanova
+sa&szlig; Marcolinen, Olivo seiner Gattin gegen&uuml;ber;
+doch das Gef&auml;hrt war so ger&auml;umig, da&szlig; es trotz des
+Hinundherr&uuml;ttelns zu keiner ungewollten Ber&uuml;hrung
+zwischen den Insassen kommen konnte. Casanova
+bat Amalia, ihm ihren Traum zu erz&auml;hlen. Sie
+l&auml;chelte ihn freundlich, fast g&uuml;tig an; jede Spur von
+Gekr&auml;nktheit oder Groll war aus ihren Z&uuml;gen verschwunden.
+Dann begann sie: &raquo;Ich sah Sie, Casanova,
+in einem herrlichen, mit sechs dunklen Pferden
+bespannten Wagen vor einem hellen Geb&auml;ude vorfahren.
+Vielmehr: der Wagen hielt an und ich wu&szlig;te
+noch nicht, wer drin sa&szlig; &#8211; da stiegen Sie aus, in einem
+pr&auml;chtigen, wei&szlig;en, goldgestickten Staatsgewand,
+fast noch pr&auml;chtiger anzuschaun, als Sie heute angetan
+sind &#8211; (es war ein freundlicher Spott in ihren
+Mienen) &#8211; und Sie trugen &#8211; wahrhaftig, die gleiche
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>schmale Goldkette trugen Sie, die Sie heute tragen,
+und die ich doch wahrlich niemals noch an Ihnen
+gesehen habe! (Diese Kette mit der goldenen Uhr
+und eine mit Halbedelsteinen besetzte goldene Dose,
+die Casanova eben wie spielend in der Hand hielt,
+waren die letzten Schmuckst&uuml;cke von m&auml;&szlig;igem
+Wert, die er sich zu bewahren gewu&szlig;t hatte.) &#8211; Ein
+alter, bettelhaft aussehender Mann &ouml;ffnete den Wagenschlag
+&#8211; es war Lorenzi; Sie aber, Casanova, Sie
+waren jung, ganz jung, noch j&uuml;nger, als Sie damals
+gewesen sind. &#8211; (Sie sagte &raquo;damals&laquo;, unbek&uuml;mmert
+darum, da&szlig; aus diesem Worte fl&uuml;gelrauschend all
+ihre Erinnerungen geflattert kamen.) &raquo;Sie gr&uuml;&szlig;ten
+nach allen Seiten, obwohl weit und breit kein Mensch
+zu sehen war, und traten durch das Tor; es schlug
+heftig hinter Ihnen zu, ich wu&szlig;te nicht, ob es der
+Sturm zugeschleudert oder Lorenzi; &#8211; so heftig, da&szlig;
+die Pferde scheuten und mit dem Wagen davonrasten.
+Nun h&ouml;rte ich ein Geschrei aus Nebengassen,
+wie von Menschen, die sich zu retten suchen, das
+verstummte gleich. Sie aber erschienen an einem
+Fenster des Hauses, ich wu&szlig;te jetzt, da&szlig; es ein Spielhaus
+war, und gr&uuml;&szlig;ten herab nach allen Seiten, und
+es war doch niemand da. Dann wandten Sie sich
+&uuml;ber Ihre Schulter nach r&uuml;ckw&auml;rts, als st&auml;nde irgendwer
+hinter Ihnen im Zimmer; aber ich wu&szlig;te, da&szlig;
+auch dort niemand war. Nun erblickte ich Sie pl&ouml;tzlich
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>an einem andern Fenster, in einem h&ouml;hern
+Stockwerk, wo genau dasselbe vor sich ging, dann
+wieder h&ouml;her, und wieder, es war, als w&uuml;chse das
+Geb&auml;ude ins Unendliche; und von &uuml;berall gr&uuml;&szlig;ten
+Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter
+Ihnen standen, aber doch eigentlich gar nicht da
+waren. Lorenzi aber lief immerfort auf den Treppen
+Ihnen nach, ohne Sie einzuholen. Sie hatten n&auml;mlich
+nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben
+...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo; fragte Casanova, als Amalia schwieg. &#8211;
+&raquo;Es kam wohl noch allerlei, aber ich hab&#8217; es vergessen,&laquo;
+sagte Amalia. Casanova war entt&auml;uscht;
+an ihrer Stelle h&auml;tte er, wie er es in solchen F&auml;llen,
+ob es sich nun um Tr&auml;ume handelte oder um Wirklichkeiten,
+immer tat, der Erz&auml;hlung eine Abrundung,
+einen Sinn zu geben versucht, und so bemerkte
+er nun etwas unzufrieden: &raquo;Wie der Traum
+doch alles verkehrt. &#8211; Ich &#8211; als reicher Mann und
+Lorenzi als Bettler und alter Mann.&laquo; &#8211; &raquo;Mit Lorenzis
+Reichtum,&laquo; sagte Olivo, &raquo;ist es nicht weit her; sein
+Vater ist zwar ziemlich beg&uuml;tert, aber er steht mit
+dem Sohne nicht zum besten.&laquo; &#8211; Und ohne sich mit
+Fragen weiter bem&uuml;hen zu m&uuml;ssen, erfuhr Casanova,
+da&szlig; man des Leutnants Bekanntschaft dem Marchese
+verdanke, der ihn vor wenigen Wochen eines Tages
+einfach in Olivos Haus mitgebracht habe. Wie der
+<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>junge Offizier mit der Marchesa st&uuml;nde, das m&uuml;sse
+man einem Kenner, wie dem Chevalier, nicht erst
+ausdr&uuml;cklich zu verstehen geben; da &uuml;brigens der
+Gatte nichts dagegen einzuwenden finde, k&ouml;nne man
+sich als Unbeteiligter gleichfalls dabei beruhigen.</p>
+
+<p>&raquo;Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie zu
+glauben scheinen, Olivo,&laquo; sagte Casanova, &raquo;m&ouml;chte ich
+bezweifeln. Haben Sie nicht bemerkt, mit welchem
+Gemisch von Verachtung und Grimm er den jungen
+Menschen behandelt? Ich m&ouml;chte nicht darauf
+schw&ouml;ren, da&szlig; die Sache ein gutes Ende nimmt.&laquo;</p>
+
+<p>Auch jetzt r&uuml;hrte sich nichts in Marcolinens Antlitz
+und Haltung. Sie schien an dem ganzen Gespr&auml;ch
+&uuml;ber Lorenzi nicht den geringsten Anteil zu nehmen
+und sich still am Anblick der Landschaft zu erfreuen.
+Man fuhr eine in zahlreichen Windungen sanft ansteigende
+Stra&szlig;e durch einen Wald von Oliven und
+Steineichen; und da man eben an eine Stelle kam,
+wo die Pferde noch langsamer trotteten als vorher,
+zog es Casanova vor, auszusteigen und neben dem
+Gef&auml;hrt einherzugehen. Marcolina sprach von der
+sch&ouml;nen Umgebung Bolognas und von den Abendspazierg&auml;ngen,
+die sie mit der Tochter des Professors
+Morgagni zu unternehmen pflegte. Auch erw&auml;hnte
+sie der Absicht, n&auml;chstes Jahr nach Frankreich zu
+reisen, um den ber&uuml;hmten Mathematiker Saugrenue
+von der Pariser Universit&auml;t, mit dem sie in Korrespondenz
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>stehe, pers&ouml;nlich kennenzulernen. &raquo;Vielleicht
+mache ich mir das Vergn&uuml;gen,&laquo; sagte sie
+l&auml;chelnd, &raquo;mich auf dem Weg in Ferney aufzuhalten,
+um aus Voltaires eigenem Mund zu erfahren,
+wie er die Streitschrift seines gef&auml;hrlichsten Widersachers,
+des Chevaliers von Seingalt, aufgenommen.&laquo;
+Casanova, die Hand auf der Seitenlehne des Wagens,
+neben Marcolinens Arm, dessen sich bauschende
+H&uuml;lle seine Finger streifte, erwiderte k&uuml;hl: &raquo;Es wird
+sich weniger darum handeln, wie Herr Voltaire, als
+vielmehr wie die Nachwelt meine Schrift aufnimmt;
+denn diese erst wird ein Recht darauf haben, die
+endg&uuml;ltige Entscheidung zu treffen.&laquo; &#8211; &raquo;Sie glauben,&laquo;
+meinte Marcolina ernsthaft, &raquo;da&szlig; in den Fragen,
+die hier zur Sprache stehen, &uuml;berhaupt endg&uuml;ltige
+Entscheidungen gef&auml;llt werden k&ouml;nnen?&laquo; &#8211;
+&raquo;Diese Frage wundert mich aus Ihrem Munde, Marcolina,
+deren philosophische, und wenn das Wort
+hier angebracht erscheint, religi&ouml;se Ansichten mir
+zwar keineswegs an sich unbestreitbar, aber doch in
+Ihrer Seele &#8211; falls Sie eine solche als vorhanden annehmen
+&#8211; vollkommen fest gegr&uuml;ndet schienen.&laquo;
+&#8211; Marcolina, der Spitzen in Casanovas Rede nicht
+achtend, sah ruhig zum Himmel auf, der sich in
+dunkler Bl&auml;ue &uuml;ber die Wipfel der B&auml;ume breitete,
+und erwiderte: &raquo;Manchmal, besonders an Tagen wie
+heute,&laquo; &#8211; und in diesem Wort klang nur f&uuml;r Casanova,
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>den Wissenden, aus den Tiefen ihres erwachten
+Frauenherzens eine bebende Andacht mit &#8211; &raquo;ist
+mir, als w&auml;re all das, was man Philosophie und Religion
+nennt, nur ein Spiel mit Worten, edler freilich,
+doch auch sinnloser als alle andern sind. Die Unendlichkeit
+und die Ewigkeit zu erfassen wird uns
+immer versagt sein; unser Weg geht von der Geburt
+zum Tode; was bleibt uns &uuml;brig als nach dem Gesetz
+zu leben, das jedem von uns in die Brust gesenkt ist
+&#8211; oder auch wider das Gesetz? Denn Auflehnung
+wie Demut kommen gleicherma&szlig;en von Gott.&laquo;</p>
+
+<p>Olivo sah auf seine Nichte mit scheuer Bewunderung,
+dann &auml;ngstlich zu Casanova hin, der nach
+einer Entgegnung suchte, mit der er Marcolinen
+klarmachen k&ouml;nnte, da&szlig; sie Gott sozusagen in einem
+Atemzug bewies und leugnete, &#8211; oder da&szlig; Gott und
+Teufel f&uuml;r sie eines seien; &#8211; aber er sp&uuml;rte, da&szlig; er
+gegen ihr Gef&uuml;hl nichts andres einzusetzen hatte
+als leere Worte, &#8211; und nicht einmal die boten sich
+ihm heute dar. Doch der sonderbar sich verzerrende
+Ausdruck seiner Mienen schien in Amalia die Erinnerung
+an seine wirren Drohungen von gestern
+wieder aufzuwecken, und sie beeilte sich zu bemerken:
+&raquo;Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie
+mir, Chevalier.&laquo; &#8211; Marcolina l&auml;chelte verloren.
+&raquo;Wir sind es alle in unsrer Weise,&laquo; sagte Casanova
+h&ouml;flich und sah vor sich hin.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>Eine pl&ouml;tzliche Biegung des Wegs, und das Kloster
+lag vor ihnen. &Uuml;ber die hohe Umfassungsmauer
+ragten die schlanken Enden der Zypressen. Auf das
+Ger&auml;usch des heranrollenden Wagens hatte sich das
+Tor aufgetan, ein Pf&ouml;rtner mit langem wei&szlig;en Barte
+gr&uuml;&szlig;te bed&auml;chtig und lie&szlig; die G&auml;ste ein. Durch
+einen offenen Bogengang, zwischen dessen S&auml;ulen
+man beiderseits in einen ganz verwachsenen, dunkelgr&uuml;nen
+Garten sah, n&auml;herten sie sich dem eigentlichen
+Klostergeb&auml;ude, von dessen grauen, v&ouml;llig
+schmucklosen, gef&auml;ngnisartigen Mauern eine unfreundlich-k&uuml;hle
+Luft &uuml;ber sie geweht kam. Olivo
+zog an dem Glockenstrang, es t&ouml;nte schrill und verhallte
+sofort, eine tiefverschleierte Nonne &ouml;ffnete
+schweigend und geleitete die G&auml;ste in den ger&auml;umigen
+kahlen Sprechsaal, in dem nur ein paar einfache
+h&ouml;lzerne St&uuml;hle standen. Nach r&uuml;ckw&auml;rts war er
+durch ein dickst&auml;biges Eisengitter abgeschlossen,
+jenseits dessen der Raum in ein unbestimmtes Dunkel
+verschwamm. Bitternis im Herzen, dachte Casanova
+jenes Abenteuers, das ihm auch heute noch
+eines seiner wunderbarsten d&uuml;nkte und das in ganz
+&auml;hnlicher Umgebung seinen Anfang genommen: in
+seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen
+von Murano auf, die in der Liebe f&uuml;r ihn als Freundinnen
+sich gefunden und ihm gemeinsam unvergleichliche
+Stunden der Lust geschenkt hatten. Und
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>als Olivo im Fl&uuml;sterton von der strengen Zucht zu
+sprechen anhub, in der hier die Schwestern gehalten
+seien, die, einmal eingekleidet, ihr Antlitz unverh&uuml;llt
+vor keinem Manne zeigen d&uuml;rften und &uuml;berdies
+zu ewigem Schweigen verurteilt w&auml;ren, zuckte um
+seine Lippen ein L&auml;cheln, das gleich wieder erstarrte.</p>
+
+<p>Die &Auml;btissin stand in ihrer Mitte, wie aus dem
+D&auml;mmer hervorgetaucht. Stumm begr&uuml;&szlig;te sie die
+G&auml;ste: mit einem &uuml;ber alle Ma&szlig;en g&uuml;tigen Neigen
+des verh&uuml;llten Hauptes nahm sie Casanovas Dank
+f&uuml;r den auch ihm gew&auml;hrten Einla&szlig; entgegen; Marcolina
+aber, die ihr die Hand k&uuml;ssen wollte, schlo&szlig;
+sie in die Arme. Dann lud sie alle durch eine Handbewegung
+ein, ihr zu folgen, und f&uuml;hrte sie durch
+einen kleinen Nebenraum in einen Gang, der im
+Viereck rings um einen bl&uuml;henden Garten lief. Im
+Gegensatz zu jenem &auml;u&szlig;eren verwilderten schien er
+mit besondrer Sorgfalt gepflegt, und die vielen reichen
+sonnbegl&auml;nzten Beete spielten in wundersamen
+aufgegl&uuml;hten und verklingenden Farben. Den hei&szlig;en,
+fast bet&auml;ubenden D&uuml;ften aber, die den Bl&uuml;tenkelchen
+entstr&ouml;mten, schien ein ganz besonders geheimnisvoller
+beigemischt, f&uuml;r den Casanova in seiner
+Erinnerung keinen Vergleich zu finden wu&szlig;te. Doch
+wie er eben zu Marcolina hiervon ein Wort sagen
+wollte, merkte er, da&szlig; dieser geheimnisvolle, herz-
+und sinnerregende Duft von ihr selber ausging, die
+<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>den Schal, den sie bisher &uuml;ber den Schultern getragen,
+&uuml;ber den Arm gelegt hatte, so da&szlig; aus dem
+Ausschnitt ihrer nun loser gewordenen Gewandung
+aufsteigend der Duft ihres Leibes sich dem der hunderttausend
+Blumen wie ein von Natur verwandter
+und doch eigent&uuml;mlicher beigesellte. Die &Auml;btissin,
+immer stumm, f&uuml;hrte die Besucher zwischen den
+Beeten auf schmalen, vielfach gewundenen Wegen,
+wie durch ein zierliches Labyrinth hin und her; in
+der Leichtigkeit und Raschheit ihres Gangs war die
+Freude zu merken, die sie selbst daran empfand,
+den andern die bunte Pracht ihres Gartens zu weisen;
+&#8211; und als h&auml;tte sie&#8217;s drauf angelegt, sie schwindlig
+zu machen, wie die F&uuml;hrerin eines heiteren Reigentanzes,
+schritt sie, immer eiliger, ihnen voran. Pl&ouml;tzlich
+aber &#8211; Casanova war es zumute, als wachte er
+aus einem wirren Traume auf &#8211; fanden sie sich alle
+im Sprechsaal wieder. Jenseits des Gitters schwebten
+dunkle Gestalten; niemand h&auml;tte zu unterscheiden
+vermocht, ob es drei oder f&uuml;nf oder zwanzig verschleierte
+Frauen waren, die hinter den dichtgestellten
+St&auml;ben wie aufgescheuchte Geister hin und her
+irrten; und nur Casanovas nachtscharfes Auge war
+imstande, in der tiefen D&auml;mmerung &uuml;berhaupt
+menschliche Umrisse zu erkennen. Die &Auml;btissin geleitete
+ihre G&auml;ste zur T&uuml;r, gab ihnen stumm das
+Zeichen, da&szlig; sie entlassen seien, und war spurlos
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>verschwunden, ehe jene nur Zeit gefunden hatten,
+ihr den schuldigen Dank auszusprechen. Pl&ouml;tzlich,
+als sie eben den Saal verlassen wollten, erklang es
+aus der Gegend des Gitters her von einer Frauenstimme
+&#8211; &raquo;Casanova&laquo; &#8211; nichts als der Name, doch
+mit einem Ausdruck, wie ihn Casanova noch niemals
+geh&ouml;rt zu haben vermeinte. Ob eine Einstmalsgeliebte,
+&#8211; ob eine Niemalsgeschaute eben ein heiliges
+Gel&uuml;bde gebrochen, um ein letztes, &#8211; oder ein
+erstes Mal seinen Namen in die Luft zu hauchen; &#8211;
+ob darin die Seligkeit eines unerwarteten Wiedersehens,
+der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes
+oder die Klage gezittert, da&szlig; ein hei&szlig;er
+Wunsch aus fernen Tagen sich so sp&auml;t und nutzlos
+erf&uuml;llte, &#8211; Casanova vermochte es nicht zu deuten;
+nur dies eine wu&szlig;te er, da&szlig; sein Name, so oft Z&auml;rtlichkeit
+ihn gefl&uuml;stert, Leidenschaft ihn gestammelt,
+Gl&uuml;ck ihn gejubelt hatte, heute zum erstenmal mit
+dem vollen Klang der Liebe an sein Herz gedrungen
+war. Doch eben darum schien jede weitere Neugier
+ihm unlauter und sinnlos; &#8211; und hinter einem Geheimnis,
+das er nimmer entr&auml;tseln sollte, schlo&szlig; sich
+die T&uuml;r. H&auml;tten nicht die andern durch Blicke sich
+scheu und fl&uuml;chtig zu verstehen gegeben, da&szlig; auch
+sie den gleich wieder verhallten Ruf geh&ouml;rt, so h&auml;tte
+jeder f&uuml;r seinen Teil an eine Sinnest&auml;uschung glauben
+k&ouml;nnen; denn keiner sprach ein Wort, w&auml;hrend
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>sie durch den S&auml;ulengang dem Tore zuschritten.
+Casanova aber folgte als letzter, mit geneigtem Haupt,
+wie von einem gro&szlig;en Abschied.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Der Pf&ouml;rtner stand am Tor, empfing sein Almosen,
+und die G&auml;ste stiegen in den Wagen, der sie ohne
+weiteren Verzug heimw&auml;rts f&uuml;hrte. Olivo schien
+verlegen, Amalia entr&uuml;ckt, Marcolina jedoch v&ouml;llig
+unber&uuml;hrt; und allzu absichtlich, wie es Casanova
+d&uuml;nkte, versuchte sie mit Amalia ein Gespr&auml;ch &uuml;ber
+Angelegenheiten der Hauswirtschaft einzuleiten, das
+aber Olivo an Stelle seiner Gattin aufnehmen mu&szlig;te.
+Bald nahm auch Casanova daran teil, der sich auf Fragen,
+die K&uuml;che und Keller betrafen, vortrefflich verstand,
+und keinen Anla&szlig; sah, mit seinen Kenntnissen
+und Erfahrungen auch auf diesem Gebiet, wie zu einem
+neuen Beweis seiner Vielseitigkeit, zur&uuml;ckzuhalten.
+Nun wachte auch Amalia aus ihrer Versonnenheit
+auf; nach dem fast m&auml;rchenhaften und doch beklemmenden
+Abenteuer, aus dem sie eben emporgetaucht
+waren, schienen sich alle, besonders aber
+Casanova, in so irdisch allt&auml;glicher Atmosph&auml;re vorz&uuml;glich
+zu behagen, und, als der Wagen vor Olivos
+Hause hielt, aus dem ihnen schon einladend der Geruch
+von Braten und allerlei Gew&uuml;rzen entgegenstr&ouml;mte,
+war Casanova gerade in der &auml;u&szlig;erst appetitreizenden
+Schilderung eines polnischen Pastetengerichts
+begriffen, der auch Marcolina mit einer liebensw&uuml;rdig-hausfraulichen,
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>von Casanova als schmeichelhaft
+empfundenen Teilnahme zuh&ouml;rte.</p>
+
+<p>In einer seltsam beruhigten, beinahe vergn&uuml;gten
+Stimmung, &uuml;ber die er selbst verwundert war, sa&szlig;
+er dann mit den andern bei Tische und machte Marcolinen
+in einer scherzhaft aufger&auml;umten Weise den
+Hof, wie es sich etwa f&uuml;r einen vornehmen &auml;ltern
+Herrn einem wohlerzogenen jungen M&auml;dchen aus
+b&uuml;rgerlichem Hause gegen&uuml;ber schicken mochte.
+Sie lie&szlig; es sich gern gefallen und gab ihm seine
+Artigkeiten mit vollendeter Anmut zur&uuml;ck. Ihm
+machte es ebenso gro&szlig;e M&uuml;he, sich vorzustellen,
+da&szlig; seine gesittete Nachbarin dieselbe Marcolina war,
+aus deren Fenster er heute nacht einen jungen Offizier
+hatte fl&uuml;chten sehen, der offenbar noch in der
+Sekunde vorher in ihren Armen gelegen war, &#8211; als
+es ihm schwer fiel, anzunehmen, da&szlig; dieses zarte
+Fr&auml;ulein, das sich mit andern kaum erwachsenen
+M&auml;dchen im Gras herumzuw&auml;lzen liebte, &#8211; eine gelehrte
+Korrespondenz mit dem ber&uuml;hmten Saugrenue
+in Paris unterhielt; und er schalt sich zugleich ob
+dieser l&auml;cherlichen Tr&auml;gheit seiner Phantasie. Hatte
+er nicht schon unz&auml;hlige Male erfahren, da&szlig; in jedes
+wahrhaft lebendigen Menschen Seele nicht nur verschiedene,
+da&szlig; sogar scheinbar feindliche Elemente
+auf die friedlichste Weise darin zusammenwohnten?
+Er selbst, vor kurzem noch ein im tiefsten aufgew&uuml;hlter,
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>ein verzweifelter, ja ein zu b&ouml;sem Tun bereiter
+Mann; &#8211; war er jetzt nicht sanft, g&uuml;tig und zu so
+lustigen Sp&auml;&szlig;chen aufgelegt, da&szlig; die kleinen T&ouml;chter
+Olivos sich manchmal vor Lachen sch&uuml;ttelten?
+Nur an seinem ganz au&szlig;erordentlichen, fast tierischen
+Hunger, der ihn immer nach starken Aufregungen
+zu &uuml;berfallen pflegte, erkannte er selbst,
+da&szlig; die Ordnung in seiner Seele noch keineswegs
+v&ouml;llig hergestellt war.</p>
+
+<p>Mit dem letzten Gang zugleich brachte die Magd
+ein Schreiben, das ein Bote aus Mantua soeben f&uuml;r
+den Chevalier abgegeben h&auml;tte. Olivo, der merkte,
+wie Casanova vor Aufregung erbla&szlig;te, gab Auftrag,
+dem Boten Speise und Trank zu reichen, dann wandte
+er sich an seinen Gast mit den Worten: &raquo;Lassen Sie
+sich nicht st&ouml;ren, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren
+Brief.&laquo; &#8211; &raquo;Mit Ihrer Erlaubnis,&laquo; erwiderte Casanova,
+erhob sich, mit einer leichten Verneigung, vom
+Tisch, trat ans Fenster und &ouml;ffnete das Schreiben
+mit gut gespielter Gleichg&uuml;ltigkeit. Es kam von
+Herrn Bragadino, seinem v&auml;terlichen Freund aus
+Jugendtagen, einem alten Hagestolz, der, nun &uuml;ber
+achtzig, und vor zehn Jahren Mitglied des Hohen
+Rats geworden, Casanovas Sache in Venedig mit mehr
+Eifer als die andern G&ouml;nner zu f&uuml;hren schien. Der
+Brief, ausnehmend zierlich, nur von etwas zittriger
+Hand geschrieben, lautete w&ouml;rtlich:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>&raquo;Mein lieber Casanova. Heute endlich befinde ich
+mich in der angenehmen Lage, Ihnen eine Nachricht
+zu senden, die, wie ich hoffe, in der Hauptsache
+Ihren W&uuml;nschen gerecht werden d&uuml;rfte. Der Hohe
+Rat hat sich in seiner letzten Sitzung, die gestern
+abend stattfand, nicht nur bereit erkl&auml;rt, Ihnen die
+R&uuml;ckkehr nach Venedig zu gestatten, sondern
+w&uuml;nscht sogar, da&szlig; Sie diese Ihre R&uuml;ckkehr tunlichst
+beschleunigen, da beabsichtigt wird, die t&auml;tige Dankbarkeit,
+die Sie in zahlreichen Briefen in Aussicht
+gestellt haben, baldigst in Anspruch zu nehmen.
+Wie Ihnen vielleicht nicht bekannt ist, mein lieber
+Casanova (da wir ja Ihre Gegenwart so lange entbehren
+mu&szlig;ten), haben sich die innern Verh&auml;ltnisse
+unsrer teuern Vaterstadt im Laufe der letzten Zeit
+sowohl in politischer als auch in sittlicher Hinsicht
+einigerma&szlig;en bedenklich gestaltet. Geheime Verbindungen
+bestehen, die gegen unsre Staatsverfassung
+gerichtet sind, ja einen gewaltsamen Umsturz
+zu planen scheinen, und wie es in der Natur der
+Dinge liegt, sind es vor allem gewisse freigeistige,
+irreligi&ouml;se und in jedem Sinne zuchtlose Elemente,
+die an diesen Verbindungen, die man mit einem
+h&auml;rteren Worte auch Verschw&ouml;rungen nennen
+k&ouml;nnte, in hervorragendem Ma&szlig;e teilhaben. Auf
+&ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen, in den Kaffeeh&auml;usern, von Privat&ouml;rtlichkeiten
+gar nicht zu reden, werden, wie uns
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>bekannt ist, die ungeheuerlichsten, ja geradezu hochverr&auml;terische
+Unterhaltungen gef&uuml;hrt; aber nur in
+den seltensten F&auml;llen gelingt es, die Schuldigen auf
+frischer Tat zu ertappen oder ihnen etwas Sicheres
+nachzuweisen, da gerade gewisse, auf der Folter erzwungene
+Gest&auml;ndnisse sich als so unzuverl&auml;ssig erwiesen
+haben, da&szlig; einige Mitglieder unsres Hohen
+Rats sich daf&uuml;r aussprachen, in Hinkunft von einer
+solchen grausamen und dabei oft irref&uuml;hrenden Untersuchungsmethode
+lieber abzusehen. Zwar ist kein
+Mangel an Leuten, die sich gern in den Dienst der
+Regierung stellen, zum Besten der &ouml;ffentlichen Ordnung
+und des Staatswohls; aber gerade von diesen
+Leuten sind die meisten als gesinnungst&uuml;chtige Anh&auml;nger
+der bestehenden Verfassung zu sehr bekannt,
+als da&szlig; man sich in ihrer Gegenwart so leicht zu
+einer unvorsichtigen Bemerkung oder gar zu hochverr&auml;terischen
+Reden hinrei&szlig;en lie&szlig;e. Nun wurde
+von einem der Senatoren, den ich vorl&auml;ufig nicht
+nennen will, in der gestrigen Sitzung die Ansicht
+ausgesprochen, da&szlig; jemand, dem der Ruf eines
+Mannes ohne sittliche Grunds&auml;tze und &uuml;berdies der
+Ruf eines Freigeistes voranginge &#8211; kurzum, da&szlig; ein
+Mensch wie Sie, Casanova, sobald er sich in Venedig
+wieder zeigte, zweifellos gerade in den verd&auml;chtigen
+Kreisen, von denen hier die Rede ist, sofortiger Sympathie
+und &#8211; bei einiger Geschicklichkeit von seiner
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Seite &#8211; bald einem r&uuml;ckhaltlosen Vertrauen begegnen
+m&uuml;&szlig;te. Ja meines Erachtens w&uuml;rden sich mit Notwendigkeit,
+wie nach dem Walten eines Naturgesetzes,
+gerade diejenigen Elemente um Sie versammeln, an
+deren Unsch&auml;dlichmachung und exemplarischer Bestrafung
+dem Hohen Rat in seiner unerm&uuml;dlichen
+Sorge um das Wohl des Staates am meisten gelegen
+ist, und so w&uuml;rden wir es nicht nur als einen Beweis
+Ihres patriotischen Eifers, mein lieber Casanova, sondern
+auch als ein untr&uuml;gliches Zeichen Ihrer vollkommenen
+Abkehr von all jenen Tendenzen betrachten,
+die Sie seinerzeit unter den Bleid&auml;chern zwar
+hart, doch, wie auch Sie heute einsehen (wenn wir
+Ihren brieflichen Versicherungen glauben d&uuml;rfen),
+nicht ganz ungerecht b&uuml;&szlig;en mu&szlig;ten, &#8211; wenn Sie
+sich bereit f&auml;nden, in dem oben angedeuteten Sinne
+sofort nach Ihrer Heimkehr bei den nun gen&uuml;gend
+gekennzeichneten Elementen Anschlu&szlig; zu suchen,
+sich ihnen in freundschaftlicher Weise zuzugesellen,
+wie einer, der den gleichen Tendenzen huldigt, und
+von allem, was Ihnen verd&auml;chtig oder sonstwie wissensw&uuml;rdig
+erschiene, dem Senat unverz&uuml;glichen und
+eingehenden Bericht zu erstatten. F&uuml;r diese Dienste
+w&auml;re man geneigt, Ihnen f&uuml;rs erste einen monatlichen
+Gehalt von zweihundertf&uuml;nfzig Lire auszusetzen, abgesehen
+von Extragratifikationen in einzelnen besonders
+wichtigen F&auml;llen, sowie Ihnen nat&uuml;rlich auch
+<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>alle Ihnen in Aus&uuml;bung Ihres Dienstes erwachsenden
+Kosten (als da sind Freihalten des einen oder andern
+Individuums, kleine Geschenke an Frauenspersonen
+usw.) ohne Bedenklichkeit und Knickerei ersetzt
+w&uuml;rden. Ich verhehle mir keineswegs, da&szlig; Sie gewisse
+Skrupel werden niederzuk&auml;mpfen haben, ehe
+Sie sich in dem von uns gew&uuml;nschten Sinne entscheiden
+sollten; aber erlauben Sie mir als Ihrem alten
+und aufrichtigen Freunde (der auch einmal jung gewesen
+ist) Ihnen zur Erw&auml;gung zu geben, da&szlig; es niemals
+als unehrenhaft gelten kann, seinem geliebten
+Vaterlande irgendeinen f&uuml;r dessen gesichertes Weiterbestehen
+notwendigen Dienst zu erweisen, auch wenn
+es ein Dienst von einer Art w&auml;re, wie sie dem oberfl&auml;chlich
+und nicht patriotisch denkenden B&uuml;rger als
+minder w&uuml;rdig zu erscheinen pflegen. Auch m&ouml;chte
+ich noch hinzuf&uuml;gen, da&szlig; Sie, Casanova, ja Menschenkenner
+genug sind, um den Leichtfertigen vom
+Verbrecher oder den Sp&ouml;tter vom Ketzer zu unterscheiden;
+und so werden Sie selbst es in der Hand
+haben, in ber&uuml;cksichtigungswerten F&auml;llen Gnade vor
+Recht ergehen zu lassen, und immer nur denjenigen
+der Strafe zuzuf&uuml;hren, dem eine solche Ihrer eigenen
+&Uuml;berzeugung nach geb&uuml;hrt. Vor allem aber bedenken
+Sie, da&szlig; die Erf&uuml;llung Ihres sehnlichsten Wunsches
+&#8211; Ihre R&uuml;ckkehr in die Vaterstadt &#8211; wenn Sie
+den gn&auml;digen Vorschlag des Hohen Rates ablehnen
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>sollten, auf lange, ja, wie ich f&uuml;rchte, auf unabsehbare
+Frist hinausgeschoben w&auml;re, und da&szlig; ich selbst,
+wenn ich auch das hier erw&auml;hnen darf, als einundachtzigj&auml;hriger
+Greis nach aller menschlicher Berechnung
+auf die Freude verzichten m&uuml;&szlig;te, Sie jemals
+in meinem Leben wiederzusehen. Da Ihre Anstellung
+aus begreiflichen Gr&uuml;nden nicht so sehr
+einen &ouml;ffentlichen als einen vertraulichen Charakter
+tragen soll, bitte ich Sie, Ihre Antwort, die ich mich
+anheischig mache, dem Hohen Rate in der n&auml;chsten,
+heute &uuml;ber acht Tage stattfindenden Sitzung mitzuteilen,
+an mich pers&ouml;nlich zu adressieren; und zwar
+mit m&ouml;glichster Beschleunigung, da, wie ich schon
+oben andeutete, t&auml;glich Gesuche von zum Teil h&ouml;chst
+vertrauensw&uuml;rdigen Personen an uns gelangen, die
+sich dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig
+zur Verf&uuml;gung stellen. Freilich gibt es kaum
+einen unter diesen, der es an Erfahrung und Geist mit
+Ihnen, mein lieber Casanova, aufzunehmen imstande
+w&auml;re; und wenn Sie zu alldem noch meine Sympathie
+f&uuml;r Sie ein wenig in Betracht ziehen, so kann ich kaum
+daran zweifeln, da&szlig; Sie dem Rufe, der von so hoher
+und wohlgeneigter Stelle an Sie ergeht, freudig Folge
+leisten werden. Bis dahin bin ich in unver&auml;nderlicher
+Freundschaft Ihr anh&auml;nglicher Bragadino.</p>
+
+<p>Nachschrift. Es wird mir angenehm sein, Ihnen
+sofort nach Ank&uuml;ndigung Ihres Entschlusses einen
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Wechsel im Betrage von zweihundert Lire auf das
+Bankhaus Valori in Mantua zur Bestreitung der
+Reisekosten auszustellen. Der Obige.&laquo;</p>
+
+<p>Casanova hatte l&auml;ngst zu Ende gelesen, aber noch
+immer hielt er das Blatt vors Gesicht, um die Totenbl&auml;sse
+seiner verzerrten Z&uuml;ge nicht merken zu lassen.
+Das Ger&auml;usch des Mahles mit Tellergeklapper und
+Gl&auml;sergeklirr ging indes weiter, doch niemand sprach
+ein Wort. Endlich lie&szlig; sich Amalia sch&uuml;chtern vernehmen:
+&raquo;Die Sch&uuml;ssel wird kalt, Chevalier, wollen
+Sie sich nicht bedienen?&laquo; &#8211; &raquo;Ich danke,&laquo; sagte Casanova
+und lie&szlig; sein Antlitz wieder sehen, dem er
+nun dank seiner au&szlig;erordentlichen Verstellungskunst
+einen ruhigen Ausdruck zu verleihen vermocht
+hatte. &raquo;Es sind vortreffliche Nachrichten, die ich
+hier aus Venedig erhalten habe, und ich mu&szlig; unverz&uuml;glich
+meine Antwort absenden. Ich bitte daher
+um Entschuldigung, wenn ich mich sofort zur&uuml;ckziehe.&laquo;
+&#8211; &raquo;Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben,
+Chevalier,&laquo; sagte Olivo. &raquo;Aber vergessen Sie nicht,
+da&szlig; in einer Stunde das Spiel beginnt.&laquo;</p>
+
+<p>Casanova ging auf sein Zimmer, sank auf einen
+Stuhl, kalter Schwei&szlig; brach an seinem ganzen K&ouml;rper
+aus, Frost warf ihn hin und her, und der Ekel
+stieg ihm bis zum Halse hinauf, so da&szlig; er glaubte,
+auf der Stelle ersticken zu m&uuml;ssen. Einen klaren
+Gedanken zu fassen, war er vorerst au&szlig;erstande, und
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>seine ganze Kraft verwandte er darauf, sich zur&uuml;ckzuhalten,
+ohne da&szlig; er zu sagen gewu&szlig;t h&auml;tte, wovor.
+Denn hier im Hause war ja niemand, an dem
+er seinen ungeheuren Zorn h&auml;tte austoben k&ouml;nnen,
+und den dumpfen Einfall, da&szlig; Marcolina irgendwie
+an der namenlosen Schmach mitschuldig sei, die ihm
+widerfahren, vermochte er immerhin noch als Tollheit
+zu erkennen. Als er sich zur Not gesammelt,
+war sein erster Gedanke, an den Schurken Rache zu
+nehmen, die geglaubt hatten, ihn als Polizeispion
+dingen zu k&ouml;nnen. In irgendeiner Verkleidung
+wollte er sich nach Venedig schleichen und all die
+Wichte auf listige Weise vom Leben zum Tode
+bringen &#8211; oder wenigstens den einen, der den j&auml;mmerlichen
+Plan ausgeheckt hatte. War es etwa gar
+Bragadino selbst? Warum nicht? Ein Greis &#8211; so
+schamlos geworden, da&szlig; er diesen Brief an Casanova
+zu schreiben wagte, &#8211; so schwachsinnig, da&szlig; er Casanova
+&#8211; Casanova! den er doch einst gekannt hatte
+&#8211; f&uuml;r einen Spion eben gut genug hielt! Ah, er
+kannte eben Casanova nicht mehr! Niemand kannte
+ihn mehr, so wenig in Venedig als anderswo. Aber
+man sollte ihn wieder kennenlernen. Er war freilich
+nicht mehr jung und sch&ouml;n genug, um ein tugendhaftes
+M&auml;dchen zu verf&uuml;hren &#8211; und kaum mehr gewandt
+und gelenkig genug, um aus Kerkern zu entwischen
+und auf Dachfirsten zu turnen &#8211; aber kl&uuml;ger
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>war er noch immer als alle! Und wenn er nur einmal
+in Venedig war, so konnte er dort treiben und
+lassen, was ihm beliebte; es kam nur darauf an, endlich
+dort zu sein! Dann war es vielleicht gar nicht
+n&ouml;tig, irgendwen umzubringen; es gab allerlei Arten
+von Rache, witzigere, teuflischere, als eine gew&ouml;hnliche
+Mordtat w&auml;re; und wenn man zum Schein
+etwa den Antrag der Herren annahm, so war es die
+leichteste Sache von der Welt, gerade diejenigen
+Leute zu verderben, die man verderben wollte, und
+nicht diejenigen, auf die es der Hohe Rat abgesehen
+hatte und die unter allen Venezianern gewi&szlig; die
+allerbravsten Kerle waren! Wie? Weil sie Feinde
+dieser niedertr&auml;chtigen Regierung waren, weil sie
+als Ketzer galten, sollten sie in dieselben Bleikammern,
+wo er vor f&uuml;nfundzwanzig Jahren geschmachtet,
+oder gar unters Beil? Er ha&szlig;te die Regierung
+noch hundertmal mehr und mit bessern Gr&uuml;nden
+als jene taten, und ein Ketzer war er sein Lebenlang
+gewesen, war es heute noch und mit heiligerer &Uuml;berzeugung
+als sie alle! Er hatte sich ja selber nur eine vertrackte
+Kom&ouml;die vorgespielt in diesen letzten Jahren
+&#8211; aus Langeweile und Ekel. Er an Gott glauben?
+Was war denn das f&uuml;r ein Gott, der nur den Jungen
+hold war und die Alten im Stich lie&szlig;? Ein Gott, der
+sich, wann es ihm beliebte, zum Teufel wandelte,
+Reichtum in Armut, Ungl&uuml;ck in Gl&uuml;ck, und Lust
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>in Verzweiflung kehrte? Hast du deinen Spa&szlig; mit
+uns &#8211; und wir sollen zu dir beten? &#8211; An dir zweifeln
+ist das einzige Mittel, das uns bleibt &#8211; dich
+nicht zu l&auml;stern! &#8211; Sei nicht! Denn, wenn du bist,
+so mu&szlig; ich dir fluchen! Er ballte die F&auml;uste zum
+Himmel, er reckte sich auf. Unwillk&uuml;rlich dr&auml;ngte
+sich ein verha&szlig;ter Name auf seine Lippen. Voltaire!
+Ja, nun war er in der rechten Verfassung, seine
+Schrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden.
+Zu vollenden? Nein, nun erst sollte sie begonnen
+werden. Eine neue! Eine andre! &#8211; in der
+der l&auml;cherliche Greis hergenommen werden sollte,
+wie er es verdiente ... um seiner Vorsicht, seiner
+Halbheit, seiner Kriecherei willen. Ein Ungl&auml;ubiger
+der? Von dem man in der letzten Zeit immer wieder
+h&ouml;rte, da&szlig; er sich aufs trefflichste mit den Pfaffen
+stand und zur Kirche, an Festtagen sogar zur
+Beichte ging? Ein Ketzer der? Ein Schw&auml;tzer, ein
+gro&szlig;sprecherischer Feigling &#8211; nichts andres! Nun
+aber war die f&uuml;rchterliche Abrechnung nah, nach
+der von dem gro&szlig;en Philosophen nichts &uuml;brig bleiben
+sollte als ein kleines witziges Schreiberlein. Wie
+hatte er sich aufgespielt, der gute Herr Voltaire ...
+&raquo;Ah, mein guter Herr Casanova, ich bin Ihnen ernstlich
+b&ouml;se. Was gehen mich die Werke des Herrn
+Merlin an? Sie sind schuld, da&szlig; ich vier Stunden
+mit Dummheiten verbracht habe.&laquo; &#8211; Geschmackssache,
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>mein bester Herr Voltaire! Man wird die
+Werke Merlins noch lesen, wenn die Pucelle l&auml;ngst
+vergessen ist ... und auch meine Sonette wird man
+m&ouml;glicherweise dann noch sch&auml;tzen, die Sie mir
+mit einem so unversch&auml;mten L&auml;cheln zur&uuml;ckgaben,
+ohne ein Wort dar&uuml;ber zu &auml;u&szlig;ern. Doch das sind
+Kleinigkeiten. Wir wollen eine gro&szlig;e Angelegenheit
+nicht durch schriftstellerische Empfindlichkeiten
+verwirren. Es handelt sich um die Philosophie &#8211;
+um Gott ...! Wir wollen die Klingen kreuzen, Herr
+Voltaire, sterben Sie mir nur gef&auml;lligst nicht zu fr&uuml;h.</p>
+
+<p>Schon dachte er daran, seine Arbeit auf der Stelle
+zu beginnen, als ihm einfiel, da&szlig; der Bote auf Antwort
+wartete. Und mit fliegender Hand entwarf er
+einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino, einen
+Brief voll geheuchelter Demut und verlogenen Entz&uuml;ckens:
+er nehme die Gnade des Hohen Rats mit
+freudiger Dankbarkeit an und erwarte den Wechsel
+mit wendender Post, um sich seinen G&ouml;nnern, vor
+allem seinem hochverehrten v&auml;terlichen Freunde
+Bragadino sobald als m&ouml;glich zu F&uuml;&szlig;en legen zu d&uuml;rfen.
+W&auml;hrend er eben daran war, den Brief zu versiegeln,
+klopfte es leise an die T&uuml;r; Olivos &auml;ltestes
+T&ouml;chterlein, die Dreizehnj&auml;hrige, trat ein und bestellte,
+da&szlig; die ganze Gesellschaft bereits versammelt
+sei und den Chevalier mit Ungeduld zum Spiel erwarte.
+In ihren Augen glimmte es sonderbar, ihre
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>Wangen waren ger&ouml;tet, das frauenhaft dichte Haar
+spielte bl&auml;ulich-schwarz um ihre Schl&auml;fen; der kindliche
+Mund war halb ge&ouml;ffnet: &raquo;Hast du Wein getrunken,
+Teresina?&laquo; fragte Casanova und machte
+einen langen Schritt auf sie zu. &#8211; &raquo;Wahrhaftig &#8211;
+und der Herr Chevalier merken das gleich?&laquo; Sie
+wurde noch r&ouml;ter, und wie in Verlegenheit strich sie
+sich mit der Zunge &uuml;ber die Unterlippe. Casanova
+packte sie bei den Schultern, hauchte ihr seinen
+Atem ins Gesicht, zog sie mit sich, warf sie aufs Bett;
+sie sah ihn mit gro&szlig;en hilflosen Augen an, in denen
+das Glimmen erloschen war; doch als sie ihren Mund
+wie zum Schreien &ouml;ffnete, zeigte ihr Casanova eine
+so drohende Miene, da&szlig; sie fast erstarrte und alles
+mit sich geschehen lie&szlig;, was ihm beliebte. Er k&uuml;&szlig;te
+sie z&auml;rtlich wild und fl&uuml;sterte: &raquo;Du mu&szlig;t es dem
+Abbate nicht sagen, Teresina, auch in der Beichte
+nicht. Und wenn du sp&auml;ter einen Liebhaber kriegst
+oder einen Br&auml;utigam oder gar einen Mann, der
+braucht es auch nicht zu wissen. Du sollst &uuml;berhaupt
+immer l&uuml;gen; auch Vater und Mutter und
+Geschwister sollst du anl&uuml;gen; auf da&szlig; es dir wohl
+ergehe auf Erden. Merk&#8217; dir das.&laquo; &#8211; So l&auml;sterte er,
+und Teresina mu&szlig;te es wohl f&uuml;r einen Segen halten,
+den er &uuml;ber sie sprach, denn sie nahm seine Hand
+und k&uuml;&szlig;te sie and&auml;chtig wie die eines Priesters. Er
+lachte laut auf. &raquo;Komm,&laquo; sagte er dann, &raquo;komm,
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>meine kleine Frau, wir wollen Arm in Arm im Saal
+unten erscheinen!&laquo; Sie zierte sich wohl ein wenig,
+l&auml;chelte aber dabei nicht unzufrieden.</p>
+
+<p>Es war die h&ouml;chste Zeit, da&szlig; sie aus der T&uuml;r traten,
+denn Olivo kam eben erhitzt mit gerunzelten
+Brauen die Treppe herauf, und Casanova vermutete
+gleich, da&szlig; unzarte Scherze des Marchese oder des
+Abbate &uuml;ber das lange Ausbleiben der Kleinen ihm
+Bedenken verursacht haben mochten. Seine Z&uuml;ge
+erheiterten sich sofort, als er Casanova wie zum Scherz
+in die Kleine eingeh&auml;ngt auf der Schwelle stehen
+sah. &raquo;Verzeihen Sie, mein bester Olivo,&laquo; sagte Casanova,
+&raquo;da&szlig; ich warten lie&szlig;. Ich mu&szlig;te meinen
+Brief erst zu Ende schreiben.&laquo; Er hielt ihn Olivo
+wie ein Beweisst&uuml;ck entgegen. &raquo;Nimm ihn,&laquo; sagte
+Olivo zu Teresina, indem er ihr die etwas verwirrten
+Haare zurecht strich, &raquo;und bring&#8217; ihn dem Boten.&laquo; &#8211;
+&raquo;Und hier,&laquo; f&uuml;gte Casanova hinzu, &raquo;sind zwei Goldst&uuml;cke,
+die gibst du dem Mann: er m&ouml;ge sich beeilen,
+da&szlig; der Brief noch heute richtig von Mantua nach
+Venedig abgehe &#8211; und meiner Wirtin m&ouml;ge er bestellen,
+da&szlig; ich ... heute abend wieder daheim bin.&laquo;
+&#8211; &raquo;Heute abend?&laquo; rief Olivo. &raquo;Unm&ouml;glich!&laquo; &#8211; &raquo;Nun,
+wir werden sehen,&laquo; sagte Casanova herablassend. &#8211;
+&raquo;Und hier, Teresina, ein Goldst&uuml;ck f&uuml;r dich&laquo; ... und
+auf Olivos Einrede: &raquo;Leg&#8217; es in deine Sparb&uuml;chse,
+Teresina; der Brief, den du in H&auml;nden hast, ist seine
+<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>paar tausend Goldst&uuml;cke wert.&laquo; &#8211; Teresina lief, und
+Casanova nickte vergn&uuml;gt; es machte ihm einen ganz
+besondern Spa&szlig;, das Dirnchen, deren Mutter und
+Gro&szlig;mutter ihm auch schon geh&ouml;rt hatten, im Angesicht
+ihres eigenen Vaters f&uuml;r ihre Gunst zu bezahlen.</p>
+
+<p>Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, war das
+Spiel schon im Gange. Die emphatische Begr&uuml;&szlig;ung
+der andern erwiderte er mit heitrer W&uuml;rde und
+nahm gegen&uuml;ber dem Marchese Platz, der die Bank
+hielt. Die Fenster waren gegen den Garten zu offen;
+Casanova h&ouml;rte Stimmen, die sich n&auml;herten; Marcolina
+und Amalia kamen vor&uuml;ber, blickten fl&uuml;chtig
+in den Saal, verschwanden und waren dann nicht
+mehr zu sehen. W&auml;hrend der Marchese die Karten
+auflegte, wandte sich Lorenzi mit gro&szlig;er H&ouml;flichkeit
+an Casanova. &raquo;Ich mache Ihnen mein Kompliment,
+Chevalier, Sie waren besser unterrichtet, als ich es
+gewesen bin: unser Regiment marschiert in der Tat
+bereits morgen vor Abend aus.&laquo; Der Marchese schien
+erstaunt. &raquo;Und das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi?&laquo;
+&#8211; &raquo;Es ist wohl nicht so wichtig!&laquo; &#8211; &raquo;F&uuml;r mich
+nicht so sehr,&laquo; meinte der Marchese, &raquo;aber f&uuml;r meine
+Gattin! Finden Sie nicht?&laquo; Er lachte in einer absto&szlig;enden
+heisern Art. &raquo;&Uuml;brigens ein wenig doch
+auch f&uuml;r mich! Da ich gestern vierhundert Dukaten
+an Sie verloren habe und am Ende keine Zeit bleibt,
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>sie zur&uuml;ckzugewinnen.&laquo; &#8211; &raquo;Auch uns hat der Leutnant
+Geld abgewonnen,&laquo; sagte der j&uuml;ngere Ricardi,
+und der &auml;ltere, schweigende, sah &uuml;ber die Schulter
+zu dem Bruder auf, der, wie gestern, hinter ihm
+stand. &#8211; &raquo;Gl&uuml;ck und Frauen&laquo; ... begann der Abbate.
+Und der Marchese schlo&szlig; statt seiner: &raquo;Zwingt,
+wer mag.&laquo; &#8211; Lorenzi streute seine Goldst&uuml;cke wie
+achtlos vor sich hin. &raquo;Da sind sie. Wenn Sie w&uuml;nschen,
+alle auf ein Blatt, Marchese, damit Sie Ihrem
+Gelde nicht lange nachzulaufen haben.&laquo; Casanova
+versp&uuml;rte pl&ouml;tzlich eine Art Mitleid f&uuml;r Lorenzi, das
+er sich selbst nicht recht erkl&auml;ren konnte; doch da
+er von seinem Ahnungsverm&ouml;gen etwas hielt, war er
+&uuml;berzeugt, da&szlig; der Leutnant im ersten Gefechte, das
+ihm bevorstand, fallen werde. Der Marchese nahm
+den hohen Satz nicht an; Lorenzi bestand nicht darauf;
+so ging das Spiel, an dem sich auch die andern
+in ihrer bescheidenen Weise, wie tags vorher, beteiligten,
+vorerst nur mit m&auml;&szlig;igen Eins&auml;tzen weiter.
+Schon in der n&auml;chsten Viertelstunde wurden diese
+h&ouml;her; und vor Ablauf der darauffolgenden hatte
+Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese
+verloren. Um Casanova schien sich das Gl&uuml;ck nicht
+zu k&uuml;mmern; er gewann, verlor und gewann wieder
+in fast l&auml;cherlich regelm&auml;&szlig;igem Wechsel. Lorenzi
+atmete auf, als sein letztes Goldst&uuml;ck zum Marchese
+hin&uuml;bergerollt war und erhob sich. &raquo;Ich danke,
+<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>meine Herren. Dies wird nun,&laquo; er z&ouml;gerte &#8211; &raquo;f&uuml;r
+lange mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen
+Hause gewesen sein. Und nun, mein verehrter Herr
+Olivo, gestatten Sie mir noch, mich von den Damen
+zu verabschieden, ehe ich nach der Stadt reite, wo
+ich vor Sonnenuntergang eintreffen m&ouml;chte, um
+meine Zur&uuml;stungen f&uuml;r morgen zu treffen.&laquo; &#8211; Unversch&auml;mter
+L&uuml;gner, dachte Casanova. In der Nacht
+bist du wieder hier und &#8211; bei Marcolina! Neu
+flammte der Zorn in ihm auf. &raquo;Wie?&laquo; rief der Marchese
+&uuml;bel gelaunt, &raquo;der Abend noch stundenfern,
+und das Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie
+w&uuml;nschen, Lorenzi, mag mein Kutscher nach Hause
+fahren und der Marchesa bestellen, da&szlig; Sie sich versp&auml;ten.&laquo;
+&#8211; &raquo;Ich reite nach Mantua,&laquo; entgegnete
+Lorenzi ungeduldig. &#8211; Der Marchese, ohne darauf
+zu achten, sprach weiter: &raquo;Es ist noch Zeit genug;
+r&uuml;cken Sie nur mit Ihren eigenen Goldst&uuml;cken heraus,
+so wenig es sein m&ouml;gen.&laquo; Und er warf ihm eine
+Karte hin. &raquo;Ich habe nicht ein einziges Goldst&uuml;ck
+mehr,&laquo; sprach Lorenzi m&uuml;de. &#8211; &raquo;Was Sie nicht
+sagen!&laquo; &#8211; &raquo;Nicht eines,&laquo; wiederholte Lorenzi wie
+angeekelt. &#8211; &raquo;Was tut&#8217;s,&laquo; rief der Marchese mit
+einer pl&ouml;tzlichen, nicht sehr angenehm wirkenden
+Freundlichkeit. &raquo;Sie sind mir f&uuml;r zehn Dukaten gut,
+und wenn&#8217;s sein mu&szlig;, f&uuml;r mehr.&laquo; &#8211; &raquo;Ein Dukaten
+also,&laquo; sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der Marchese
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>schlug sie mit den seinen. Lorenzi spielte weiter,
+als verst&auml;nde sich das nun von selbst; und bald
+war er dem Marchese hundert Dukaten schuldig.
+Casanova &uuml;bernahm die Bank und hatte noch mehr
+Gl&uuml;ck als der Marchese. Es war indes wieder ein
+Spiel zu dreien geworden, heute lie&szlig;en sich&#8217;s auch
+die Br&uuml;der Ricardi ohne Einspruch gefallen; mit
+Olivo und dem Abbate waren sie bewundernde Zuschauer.
+Kein lautes Wort wurde gewechselt, nur
+die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich genug.
+Der Zufall des Spieles wollte, da&szlig; alles Bargeld
+zu Casanova hin&uuml;berflo&szlig;, und als eine Stunde
+vergangen war, hatte er zweitausend Dukaten zwar
+von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus des
+Marchese Tasche, der nun ohne einen Soldo dasa&szlig;.
+Casanova stellte ihm zur Verf&uuml;gung, was ihm belieben
+sollte. Der Marchese sch&uuml;ttelte den Kopf.
+&raquo;Ich danke,&laquo; sagte er, &raquo;nun ist es genug. F&uuml;r mich
+ist das Spiel zu Ende.&laquo; Aus dem Garten klang das
+Lachen und Rufen der Kinder. Casanova h&ouml;rte Teresinas
+Stimme heraus; er sa&szlig; mit dem R&uuml;cken gegen
+das Fenster und wandte sich nicht um. Noch einmal
+versuchte er, zugunsten Lorenzis, er wu&szlig;te selbst
+nicht warum, den Marchese zum Weiterspielen zu
+bewegen. Dieser erwiderte nur durch ein noch entschiedeneres
+Kopfsch&uuml;tteln. Lorenzi erhob sich. &raquo;Ich
+werde mir erlauben, Herr Marchese, die Summe, die
+<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>ich Ihnen schulde, morgen vor zw&ouml;lf Uhr mittags
+pers&ouml;nlich in Ihre H&auml;nde zu &uuml;bergeben.&laquo; Der Marchese
+lachte kurz. &raquo;Ich bin neugierig, wie Sie das
+anstellen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. Es gibt
+keinen Menschen in Mantua oder anderswo, der
+Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen w&uuml;rde, geschweige
+zweitausend, insbesondre heute, da Sie morgen
+ins Feld gehen; und es ist nicht so ausgemacht,
+da&szlig; Sie zur&uuml;ckkehren.&laquo; &#8211; &raquo;Sie werden Ihr Geld
+morgen fr&uuml;h acht Uhr erhalten, Herr Marchese, auf
+&#8211; Ehrenwort.&laquo; &#8211; &raquo;Ihr Ehrenwort,&laquo; sagte der Marchese
+kalt, &raquo;ist mir nicht einmal einen Dukaten wert,
+viel weniger zweitausend.&laquo; &#8211; Die andern hielten
+den Atem an. Doch Lorenzi erwiderte nur, anscheinend
+ohne tiefere Erregung: &raquo;Sie werden mir
+Genugtuung geben, Herr Marchese.&laquo; &#8211; &raquo;Mit Vergn&uuml;gen,
+Herr Leutnant,&laquo; entgegnete der Marchese,
+&raquo;sobald Sie Ihre Schuld bezahlt haben.&laquo; &#8211; Olivo,
+aufs peinlichste ber&uuml;hrt, sagte ein wenig stotternd:
+&raquo;Ich b&uuml;rge f&uuml;r die Summe, Herr Marchese. Leider
+habe ich nicht Bargeld genug zur Hand, um sofort &#8211;
+doch mein Haus, meine Besitzung&laquo; &#8211; und er wies
+mit einer ungeschickten Bewegung rings im Kreise
+umher. &raquo;Ich nehme Ihre B&uuml;rgschaft nicht an,&laquo;
+sagte der Marchese, &raquo;um Ihretwillen, Sie w&uuml;rden
+Ihr Geld verlieren.&laquo; Casanova sah, wie sich alle
+Blicke auf das Gold richteten, das vor ihm lag. &#8211;
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Wenn ich f&uuml;r Lorenzi b&uuml;rgte &#8211; dachte er. Wenn
+ich f&uuml;r ihn zahlte ... Dies k&ouml;nnte der Marchese
+nicht zur&uuml;ckweisen ... W&auml;r&#8217; es nicht beinahe meine
+Verpflichtung? Es ist ja das Gold des Marchese. &#8211;
+Doch er schwieg. Er f&uuml;hlte, wie ein Plan in ihm
+dumpf erstand, dem er vor allem Zeit lassen mu&szlig;te,
+sich klar zu gestalten. &raquo;Sie sollen Ihr Geld noch
+heute vor Anbruch der Nacht haben,&laquo; sagte Lorenzi.
+&raquo;In einer Stunde bin ich in Mantua.&laquo; &#8211; &raquo;Ihr Pferd
+kann den Hals brechen,&laquo; erwiderte der Marchese,
+&raquo;Sie auch ... am Ende gar mit Absicht.&laquo; &#8211; &raquo;Immerhin,&laquo;
+sagte der Abbate unwillig, &raquo;kann Ihnen der
+Leutnant das Geld nicht herzaubern.&laquo; Die beiden
+Ricardi lachten, brachen aber gleich wieder ab. &raquo;Es
+ist klar,&laquo; wandte sich Olivo an den Marchese, &raquo;da&szlig;
+Sie dem Leutnant Lorenzi vor allem einmal gestatten
+m&uuml;ssen, sich zu entfernen.&laquo; &#8211; &raquo;Gegen ein Pfand,&laquo;
+rief der Marchese mit funkelnden Augen, als machte
+ihm sein Einfall ein besondres Vergn&uuml;gen. &raquo;Das
+scheint mir nicht &uuml;bel,&laquo; sagte Casanova etwas zerstreut,
+denn sein Plan reifte heran. Lorenzi zog
+einen Ring vom Finger und lie&szlig; ihn auf den Tisch
+gleiten. Der Marchese nahm ihn. &raquo;Der mag f&uuml;r
+tausend gelten.&laquo; &#8211; &raquo;Und der hier?&laquo; Lorenzi schleuderte
+einen zweiten Ring vor den Marchese hin.
+Dieser nickte und meinte: &raquo;F&uuml;r ebensoviel.&laquo; &#8211; &raquo;Sind
+Sie nun zufrieden, Herr Marchese?&laquo; sagte Lorenzi
+<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>und schickte sich an, zu gehen. &raquo;Ich bin zufrieden,&laquo;
+entgegnete der Marchese schmunzelnd, &raquo;um so mehr,
+als diese Ringe gestohlen sind.&laquo; Lorenzi wandte sich
+rasch um, und &uuml;ber den Tisch hin erhob er die Faust,
+um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen.
+Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest. &raquo;Ich
+kenne die beiden Steine,&laquo; sagte der Marchese, ohne
+sich von seinem Platz zu r&uuml;hren, &raquo;wenn sie auch neu
+gefa&szlig;t sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd
+hat einen kleinen Fehler, sonst w&auml;re er zehnmal soviel
+wert. Der Rubin ist tadellos, aber nicht sehr
+gro&szlig;. Beide Steine stammen aus einem Schmuck,
+den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe.
+Und da ich doch nicht annehmen kann, da&szlig; die
+Marchesa diese Steine f&uuml;r den Leutnant Lorenzi zu
+Ringen hat fassen lassen, so k&ouml;nnen sie, &#8211; so kann
+offenbar der ganze Schmuck nur gestohlen sein.
+Also &#8211; das Pfand gen&uuml;gt mir, Herr Leutnant, bis
+auf weiteres.&laquo; &#8211; &raquo;Lorenzi!&laquo; rief Olivo, &raquo;von uns
+allen haben Sie das Wort, da&szlig; keine Seele jemals erfahren
+wird, was soeben hier vorgegangen ist.&laquo; &#8211;
+&raquo;Und was auch Herr Lorenzi begangen haben mag,&laquo;
+sagte Casanova, &raquo;Sie, Herr Marchese, sind der gr&ouml;&szlig;re
+Schuft.&laquo; &#8211; &raquo;Das will ich hoffen,&laquo; erwiderte der Marchese.
+&raquo;Wenn man einmal so alt ist wie unsereiner,
+Herr Chevalier von Seingalt, darf man sich wenigstens
+in der Schurkerei von niemandem andern &uuml;bertreffen
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>lassen. Guten Abend, meine Herren.&laquo; Er
+stand auf, niemand erwiderte seinen Gru&szlig;, und er
+ging. F&uuml;r eine kurze Weile ward es so still, da&szlig;
+wieder das Lachen der Kinder vom Garten her wie
+in &uuml;bertriebener Lautheit vernehmlich wurde. Wer
+h&auml;tte auch das Wort zu finden vermocht, das jetzt
+bis in Lorenzis Seele gedrungen w&auml;re, der noch
+immer mit &uuml;ber dem Tisch erhobenem Arm dastand
+wie vorher? Casanova, der als einziger auf seinem
+Platz sitzengeblieben war, fand ein unwillk&uuml;rliches
+k&uuml;nstlerisches Gefallen an dieser zwar sinnlos gewordenen,
+gleichsam versteinerten, aber drohend-edlen
+Geste, die den ganzen J&uuml;ngling in ein Standbild
+zu verwandeln schien. Endlich wandte sich
+Olivo an ihn wie mit einer Geb&auml;rde der Beschwichtigung,
+auch die Ricardis n&auml;herten sich, und der Abbate
+schien sich zu einer Anrede entschlie&szlig;en zu
+wollen; da fuhr es durch Lorenzis Glieder wie ein
+kurzes Beben; eine gebieterisch unwillige Bewegung
+wehrte jeden Versuch einer Einmischung ab, und
+mit einem h&ouml;flichen Neigen des Kopfes verlie&szlig; er
+ohne Hast den Raum. Im selben Augenblick erhob
+sich Casanova, der indes das Gold, das vor ihm lag,
+in ein Seidentuch zusammengerafft hatte, und folgte
+ihm auf dem Fu&szlig;. Er f&uuml;hlte, ohne die Mienen der
+andern zu sehen, da&szlig; sie alle der Meinung waren,
+er beeile sich nun, dasjenige zu tun, was sie die ganze
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>Zeit &uuml;ber von ihm erwartet, und werde Lorenzi die
+gewonnene Geldsumme zur Verf&uuml;gung stellen.</p>
+
+<p>In der Kastanienallee, die vom Hause zum Tore
+f&uuml;hrte, holte er Lorenzi ein und sagte in leichtem
+Tone: &raquo;W&uuml;rden Sie mir erlauben, Herr Leutnant
+Lorenzi, mich Ihrem Spaziergang anzuschlie&szlig;en?&laquo;
+Lorenzi, ohne ihn anzusehen, erwiderte in einem
+hochm&uuml;tigen, seiner Lage kaum ganz angemessenen
+Tone: &raquo;Wie&#8217;s beliebt, Herr Chevalier; aber ich f&uuml;rchte,
+Sie werden in mir keinen unterhaltenden Gesellschafter
+finden.&laquo; &#8211; &raquo;Sie, Leutnant Lorenzi, vielleicht
+einen um so unterhaltenderen in mir,&laquo; sagte Casanova,
+&raquo;und wenn Sie einverstanden sind, nehmen
+wir den Weg &uuml;ber die Weinberge, wo wir ungest&ouml;rt
+plaudern k&ouml;nnen.&laquo; Sie bogen von der Fahrstra&szlig;e
+auf denselben schmalen Pfad ein, den, die Gartenmauer
+entlang, Casanova tags vorher mit Olivo gegangen
+war. &raquo;Sie vermuten ganz richtig,&laquo; so setzte
+Casanova ein, &raquo;da&szlig; ich gesonnen bin, Ihnen die
+Summe Geldes anzubieten, die Sie dem Marchese
+schuldig sind; nicht leihweise, denn das &#8211; Sie werden
+mir verzeihen &#8211; hielte ich f&uuml;r ein allzu riskantes
+Gesch&auml;ft, sondern als &#8211; freilich geringen Gegenwert
+f&uuml;r eine Gef&auml;lligkeit, die Sie mir zu erweisen vielleicht
+imstande w&auml;ren.&laquo; &#8211; &raquo;Ich h&ouml;re,&laquo; sagte Lorenzi
+kalt. &#8211; &raquo;Ehe ich mich weiter &auml;u&szlig;ere,&laquo; erwiderte
+Casanova im selben Tone, &raquo;bin ich gen&ouml;tigt, eine
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Bedingung zu stellen, von deren Annahme durch
+Sie ich die Fortsetzung dieser Unterhaltung abh&auml;ngig
+mache.&laquo; &#8211; &raquo;Nennen Sie Ihre Bedingung.&laquo; &#8211; &raquo;Ich
+verlange Ihr Ehrenwort, da&szlig; Sie mich anh&ouml;ren, ohne
+mich zu unterbrechen, auch wenn das, was ich Ihnen
+zu sagen habe, Ihr Befremden oder Ihr Mi&szlig;fallen
+oder gar Ihre Emp&ouml;rung erregen sollte. Es steht
+vollkommen bei Ihnen, Herr Leutnant Lorenzi, ob
+Sie nachher meinen Vorschlag annehmen wollen,
+&uuml;ber dessen Ungew&ouml;hnlichkeit ich mich keiner T&auml;uschung
+hingebe, oder nicht; aber die Antwort, die
+ich von Ihnen erwarte, ist nur ein Ja oder Nein; und
+wie immer sie ausfallen sollte, &#8211; von dem, was hier
+verhandelt wurde, zwischen zwei Ehrenm&auml;nnern,
+die vielleicht beide zugleich Verlorene sind, wird niemals
+eine Menschenseele erfahren.&laquo; &#8211; &raquo;Ich bin bereit,
+Ihren Vorschlag zu h&ouml;ren.&laquo; &#8211; &raquo;Und nehmen
+meine Vorbedingung an?&laquo; &#8211; &raquo;Ich werde Sie nicht
+unterbrechen.&laquo; &#8211; &raquo;Und werden kein andres Wort
+erwidern als Ja oder Nein?&laquo; &#8211; &raquo;Kein andres als
+Ja oder Nein.&laquo; &#8211; &raquo;Gut denn,&laquo; sagte Casanova. Und
+w&auml;hrend sie langsam h&uuml;gelaufw&auml;rts stiegen, zwischen
+den Rebenst&ouml;cken, unter einem schw&uuml;len Sp&auml;tnachmittagshimmel,
+begann Casanova: &raquo;Lassen Sie uns
+die Angelegenheit nach den Gesetzen der Logik behandeln,
+so werden wir einander am besten verstehen.
+Es besteht offenbar keine M&ouml;glichkeit f&uuml;r
+<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Sie, sich das Geld, das Sie dem Marchese schuldig
+sind, bis zu der von ihm festgesetzten Frist zu verschaffen;
+und f&uuml;r den Fall, da&szlig; Sie es ihm nicht
+zahlen sollten, auch dar&uuml;ber kann kein Zweifel sein,
+ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Da er
+mehr von Ihnen wei&szlig; (hier wagte sich Casanova
+weiter vor als er mu&szlig;te, doch er liebte solche kleine
+nicht ganz ungef&auml;hrliche Abenteuer auf einem im
+&uuml;brigen vorgezeichneten Weg), als er uns heute verraten
+hat, sind Sie tats&auml;chlich v&ouml;llig in der Gewalt
+dieses Schurken, und Ihr Schicksal als Offizier, als
+Edelmann w&auml;re besiegelt. Das ist die eine Seite der
+Sache. Dagegen sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre
+Schuld bezahlt und die &#8211; irgendwie in Ihren Besitz
+gelangten Ringe wieder in H&auml;nden haben; &#8211; und
+gerettet sein: das hei&szlig;t f&uuml;r Sie in diesem Fall nicht
+weniger, als da&szlig; Ihnen ein Dasein wieder geh&ouml;rt,
+mit dem Sie schon so gut wie abgeschlossen hatten,
+und zwar, da Sie jung, sch&ouml;n und k&uuml;hn sind, ein Dasein
+voll Glanz, Gl&uuml;ck und Ruhm. Eine solche Aussicht
+scheint mir herrlich genug, besonders wenn
+auf der andern Seite nichts winkt als ein ruhmloser,
+ja schimpflicher Untergang, um ihr zuliebe ein Vorurteil
+aufzuopfern, das man pers&ouml;nlich eigentlich
+niemals besa&szlig;. Ich wei&szlig; es, Lorenzi,&laquo; setzte er rasch
+hinzu, als sei er einer Entgegnung gew&auml;rtig und
+wollte ihr zuvorkommen, &raquo;Sie haben gar keine Vorurteile,
+<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>so wenig als ich sie habe oder jemals hatte;
+und was ich von Ihnen zu verlangen willens bin, ist
+nichts andres, als was ich selbst an Ihrer Stelle unter
+den gleichen Umst&auml;nden zu erf&uuml;llen mich keinen
+Augenblick besonnen h&auml;tte, &#8211; wie ich mich auch
+tats&auml;chlich nie gescheut habe, wenn es das Schicksal
+oder auch nur meine Laune so forderte, eine
+Schurkerei zu begehen oder vielmehr das, was die
+Narren dieser Erde so zu nennen pflegen. Daf&uuml;r war
+ich aber auch, gleich Ihnen, Lorenzi, in jeder Stunde
+bereit, mein Leben f&uuml;r weniger als nichts aufs Spiel
+zu setzen, und das macht alles wieder wett. Ich bin
+es auch jetzt &#8211; f&uuml;r den Fall, da&szlig; Ihnen mein Vorschlag
+nicht gefiele. Wir sind aus gleichem Stoff gemacht,
+Lorenzi, sind Br&uuml;der im Geiste, und so d&uuml;rfen
+sich unsre Seelen ohne falsche Scham, stolz und
+nackt, gegen&uuml;berstehen. Hier sind meine zweitausend
+Dukaten &#8211; vielmehr die Ihren &#8211; wenn Sie es erm&ouml;glichen,
+da&szlig; ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle
+mit Marcolina verbringe. Wir wollen nicht stehenbleiben,
+Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen in den Feldern, unter den niedrigen
+Obstb&auml;umen, zwischen denen die Rebenranken
+beerenbeladen sich hinschlangen; und Casanova
+sprach ohne Pause weiter. &raquo;Antworten Sie mir noch
+nicht, Lorenzi, denn ich bin noch nicht zu Ende.
+Mein Ansinnen w&auml;re nat&uuml;rlich &#8211; nicht etwa frevelhaft,
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>aber aussichts- und daher sinnlos, wenn Sie
+die Absicht h&auml;tten, Marcolina zu Ihrer Gattin zu
+machen, oder wenn Marcolina selbst ihre Hoffnungen
+und W&uuml;nsche in dieser Richtung schweifen lie&szlig;e.
+Aber ebenso, wie die vergangene Liebesnacht Ihre erste
+war (er sprach auch diese seine Vermutung wie eine
+unbezweifelbare Gewi&szlig;heit aus), ebenso war die
+kommende aller menschlichen Berechnung nach, ja
+auch nach Ihrer eigenen und Marcolinens Voraussicht
+bestimmt, Ihre letzte zu sein &#8211; auf sehr lange
+Zeit &#8211; wahrscheinlich auf immer; und ich bin v&ouml;llig
+&uuml;berzeugt, da&szlig; Marcolina selbst, um ihren Geliebten
+vor dem sicheren Untergange zu bewahren, einfach
+auf seinen Wunsch hin, ohne Z&ouml;gern bereit w&auml;re,
+diese eine Nacht seinem Retter zu gew&auml;hren. Denn
+auch sie ist Philosophin und daher von Vorurteilen
+so frei wie wir beide. Aber so gewi&szlig; ich bin, da&szlig;
+sie diese Probe best&uuml;nde, es liegt keineswegs in meiner
+Absicht, da&szlig; sie ihr auferlegt werde. Denn eine
+Willenlose, eine innerlich Widerstrebende zu besitzen,
+das ist etwas, das gerade in diesem Falle
+meinen Anspr&uuml;chen nicht gen&uuml;gen w&uuml;rde. Nicht
+nur als ein Liebender, &#8211; als ein Geliebter will ich
+ein Gl&uuml;ck genie&szlig;en, das mir am Ende auch gro&szlig;
+genug erschiene, um es mit meinem Leben zu bezahlen.
+Verstehen Sie mich wohl, Lorenzi. Daher
+darf Marcolina nicht einmal ahnen, da&szlig; ich es bin,
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>den sie an ihren himmlischen Busen schlie&szlig;t; sie
+mu&szlig; vielmehr fest davon &uuml;berzeugt sein, da&szlig; sie
+keinen andern als Sie in ihren Armen empf&auml;ngt. Diese
+T&auml;uschung vorzubereiten ist Ihre Sache, sie aufrechtzuerhalten,
+die meine. Ohne besondre Schwierigkeit
+werden Sie ihr begreiflich machen k&ouml;nnen, da&szlig;
+Sie gen&ouml;tigt sind, sie vor Eintritt der Morgend&auml;mmerung
+zu verlassen; und um einen Vorwand daf&uuml;r,
+da&szlig; diesmal nur stumme Z&auml;rtlichkeiten sie begl&uuml;cken
+sollen, werden Sie auch nicht verlegen sein. Um im
+&uuml;brigen auch jede Gefahr einer nachtr&auml;glichen Entdeckung
+auszuschlie&szlig;en, werde ich mich im gegebenen
+Moment anstellen, als h&ouml;rte ich ein verd&auml;chtiges
+Ger&auml;usch vor dem Fenster, meinen Mantel
+nehmen &#8211; oder vielmehr den Ihren, den Sie mir zu
+diesem Zwecke nat&uuml;rlich leihen m&uuml;ssen &#8211; und
+durchs Fenster verschwinden &#8211; auf Nimmerwiedersehen.
+Denn selbstverst&auml;ndlich werde ich dem Anschein
+nach bereits heute abend abreisen, dann
+unter dem Vorgeben, ich h&auml;tte wichtige Papiere vergessen,
+den Kutscher auf halbem Wege zur Umkehr
+veranlassen und mich durch die Hintert&uuml;r &#8211; den
+Nachschl&uuml;ssel stellen Sie mir zur Verf&uuml;gung, Lorenzi,
+&#8211; in den Garten, ans Fenster Marcolinens schleichen,
+das sich um Mitternacht auftun wird. Meines Gewands,
+auch der Schuhe und Str&uuml;mpfe, werde ich
+mich im Wagen entledigt haben und nur mit dem
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>Mantel angetan sein, so da&szlig; bei meinem fluchtartigen
+Entweichen nichts zur&uuml;ckbleibt, was mich oder Sie
+verraten k&ouml;nnte. Den Mantel aber werden Sie zugleich
+mit den zweitausend Dukaten morgen fr&uuml;h
+f&uuml;nf Uhr in meinem Gasthof zu Mantua in Empfang
+nehmen, so da&szlig; Sie dem Marchese noch vor der festgesetzten
+Stunde sein Geld vor die F&uuml;&szlig;e schleudern
+k&ouml;nnen. Hierauf nehmen Sie meinen feierlichen Eid
+entgegen. Und nun bin ich zu Ende.&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb pl&ouml;tzlich stehen. Die Sonne neigte sich
+zum Niedergang, ein leiser Wind strich &uuml;ber die
+gelben &Auml;hren, r&ouml;tlicher Abendschein lag &uuml;ber dem
+Turm von Olivos Haus. Auch Lorenzi stand stille;
+keine Muskel in seinem blassen Antlitz bewegte sich,
+und er blickte &uuml;ber Casanovas Schulter unbewegt
+ins Weite. Seine Arme hingen schlaff herab, w&auml;hrend
+Casanovas Hand, der auf alles gefa&szlig;t war, wie
+zuf&auml;llig den Griff des Degens hielt. Einige Sekunden
+vergingen, ohne da&szlig; Lorenzi seine starre Haltung
+und sein Schweigen aufgab. Er schien in ein
+ruhiges Nachdenken versunken; doch Casanova blieb
+weiter auf seiner Hut, und in der Linken das Tuch
+mit den Dukaten, die Rechte auf dem Degengriff,
+sagte er: &raquo;Sie haben meine Vorbedingung erf&uuml;llt als
+ein Ehrenmann. Ich wei&szlig;, da&szlig; es Ihnen nicht leicht
+geworden ist. Denn wenn wir auch keine Vorurteile
+besitzen, &#8211; die Atmosph&auml;re, in der wir leben, ist von
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>ihnen so vergiftet, da&szlig; wir uns ihrem Einflu&szlig; nicht
+v&ouml;llig entziehen k&ouml;nnen. Und so wie Sie, Lorenzi,
+im Laufe der letzten Viertelstunde mehr als einmal
+nah daran waren, mir an die Gurgel zu fahren, so
+habe ich wieder &#8211; lassen Sie mich&#8217;s Ihnen gestehen
+&#8211; eine Weile mit dem Gedanken gespielt, Ihnen die
+zweitausend Dukaten zu schenken &#8211; wie einem &#8211;
+nein, als meinem Freund; denn selten, Lorenzi, habe
+ich zu einem Menschen vom ersten Augenblick eine
+solche r&auml;tselhafte Sympathie empfunden wie zu
+Ihnen. Aber h&auml;tt&#8217; ich dieser gro&szlig;m&uuml;tigen Regung
+nachgegeben, in der Sekunde darauf h&auml;tte ich sie
+aufs tiefste bereut, geradeso wie Sie, Lorenzi, in der
+Sekunde, eh&#8217; Sie sich die Kugel in den Kopf jagten,
+zur verzweiflungsvollen Erkenntnis k&auml;men, da&szlig; Sie
+ein Narr ohnegleichen gewesen sind, &#8211; um tausend
+Liebesn&auml;chte mit immer neuen Frauen hinzuwerfen
+f&uuml;r eine einzige, der dann keine Nacht &#8211; und kein
+Tag mehr folgte.&laquo;</p>
+
+<p>Noch immer schwieg Lorenzi; sein Schweigen
+dauerte sekunden-, es dauerte minutenlang, und
+Casanova fragte sich, wie lang er sich&#8217;s noch d&uuml;rfte
+gefallen lassen. Schon war er im Begriff, sich mit
+einem kurzen Gru&szlig;e abzuwenden und so anzudeuten,
+da&szlig; er seinen Vorschlag als abgelehnt betrachte, als
+Lorenzi, immer wortlos, mit einer durchaus nicht
+raschen Bewegung der rechten Hand nach r&uuml;ckw&auml;rts
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>in die Tasche seines Rockscho&szlig;es griff, und Casanova,
+der im gleichen Augenblick, nach wie vor auf
+alles gefa&szlig;t, einen Schritt zur&uuml;ckgetreten war, wie
+um sich niederzuducken &#8211; den Gartenschl&uuml;ssel &uuml;berreichte.
+Die Bewegung Casanovas, die immerhin
+eine Regung von Furcht ausgedr&uuml;ckt hatte, lie&szlig; um
+Lorenzis Lippen ein sofort wieder verschwindendes
+L&auml;cheln des Hohns erscheinen. Casanova verstand
+es, seine aufsteigende Wut, deren wirklicher Ausbruch
+alles wieder h&auml;tte zunichte machen k&ouml;nnen,
+zu unterdr&uuml;cken, ja zu verbergen, und, den Schl&uuml;ssel
+mit einem leichten Kopfneigen an sich nehmend, bemerkte
+er nur: &raquo;Das darf ich wohl als ein Ja gelten
+lassen. Von jetzt in einer Stunde &#8211; bis dahin werden
+Sie sich mit Marcolina wohl verst&auml;ndigt haben
+&#8211; erwarte ich Sie im Turmgemach, wo ich mir erlauben
+werde, Ihnen gegen &Uuml;berlassung Ihres Mantels
+die zweitausend Goldst&uuml;cke sofort zu &uuml;bergeben.
+Erstens zum Zeichen meines Vertrauens und zweitens,
+weil ich ja wirklich nicht w&uuml;&szlig;te, wo ich das
+Gold im Laufe der Nacht verwahren sollte.&laquo; &#8211; Sie
+trennten sich ohne weitere F&ouml;rmlichkeit, Lorenzi
+nahm den Weg zur&uuml;ck, den sie beide gekommen,
+Casanova, auf einem andern, begab sich ins Dorf
+und sicherte sich im Wirtshaus durch ein reichliches
+Angeld ein Gef&auml;hrt, das ihn um zehn Uhr nachts vor
+Olivos Hause zur Fahrt nach Mantua erwarten sollte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Bald darauf, nachdem er sein Gold vorerst an
+sichrer Stelle im Turmgemach verwahrt hatte, trat
+er in Olivos Garten, wo sich ihm ein Anblick bot,
+der an sich keineswegs merkw&uuml;rdig, ihn in der Stimmung
+dieser Stunde sonderbar genug ber&uuml;hrte. Auf
+einer Bank am Wiesenrand sa&szlig; Olivo neben Amalia,
+den Arm um ihre Schulter geschlungen; ihnen zu
+F&uuml;&szlig;en lagerten die drei M&auml;dchen, wie erm&uuml;det von
+den Spielen des Nachmittags; das j&uuml;ngste, Maria,
+hatte das K&ouml;pfchen auf dem Scho&szlig; der Mutter liegen
+und schien zu schlummern, Nanetta lag ihr zu
+F&uuml;&szlig;en auf den Rasen hingestreckt, die Arme unter
+dem Nacken; Teresina lehnte an den Knien des Vaters,
+dessen Finger z&auml;rtlich in ihren Locken ruhten;
+und als Casanova sich n&auml;herte, gr&uuml;&szlig;te ihn aus ihren
+Augen keineswegs ein Blick l&uuml;sternen Einverst&auml;ndnisses,
+wie er unwillk&uuml;rlich ihn erwartet, sondern
+ein offenes L&auml;cheln kindlicher Vertrautheit, als w&auml;re,
+was zwischen ihr und ihm vor wenig Stunden erst
+geschehen, eben nichts andres gewesen als ein nichts
+bedeutendes Spiel. In Olivos Z&uuml;gen leuchtete es
+freundlich auf, und Amalia nickte dem Herantretenden
+dankbar herzlich zu. Sie beide empfingen ihn,
+Casanova konnte nicht daran zweifeln, wie jemanden,
+der eben eine edle Tat begangen, aber der zugleich
+erwartet, da&szlig; man aus Feingef&uuml;hl vermeiden werde,
+ihrer mit einem Worte Erw&auml;hnung zu tun. &raquo;Bleibt
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>es wirklich dabei,&laquo; fragte Olivo, &raquo;da&szlig; Sie uns schon
+morgen verlassen, mein teurer Chevalier?&laquo; &#8211; &raquo;Nicht
+morgen,&laquo; erwiderte Casanova, &raquo;sondern &#8211; wie gesagt
+&#8211; schon heute abend.&laquo; Und als Olivo eine
+neue Einwendung erheben wollte, mit einem bedauernden
+Achselzucken: &raquo;Der Brief, den ich heute
+aus Venedig erhielt, l&auml;&szlig;t mir leider keine andre Entscheidung
+&uuml;brig. Die an mich ergangene Aufforderung
+ist in jedem Sinne so ehrenvoll, da&szlig; eine Verz&ouml;gerung
+meiner Heimkehr eine arge, ja eine unverzeihliche
+Unh&ouml;flichkeit gegen&uuml;ber meinen hohen
+G&ouml;nnern bedeuten w&uuml;rde.&laquo; Zugleich bat er um die
+Erlaubnis, sich jetzt zur&uuml;ckziehen zu d&uuml;rfen, um
+sich f&uuml;r die Abreise bereitzumachen und dann die
+letzten Stunden seines Hierseins ungest&ouml;rt im Kreise
+seiner liebensw&uuml;rdigen Freunde verbringen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Und aller Einrede nicht achtend, begab er sich
+ins Haus, stieg die Treppe zum Turmgemach empor
+und vertauschte vor allem seine pr&auml;chtige Gewandung
+wieder mit der einfacheren, die f&uuml;r die
+Fahrt gut genug sein mu&szlig;te. Dann packte er seinen
+Reisesack und horchte mit einer von Minute zu Minute
+gespannteren Aufmerksamkeit, ob sich nicht
+endlich die Schritte Lorenzis vernehmen lie&szlig;en.
+Noch eh&#8217; die Frist verstrichen war, klopfte es mit
+einem kurzen Schlag an die T&uuml;re, und Lorenzi trat
+<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>ein, im weiten dunkelblauen Reitermantel. Ohne
+ein Wort zu reden, mit einer leichten Bewegung
+lie&szlig; er ihn von den Schultern gleiten, so da&szlig; er zwischen
+den beiden M&auml;nnern als ein formloses St&uuml;ck
+Tuch auf dem Boden lag. Casanova holte seine Goldst&uuml;cke
+unter dem Polster des Bettes hervor und streute
+sie auf den Tisch. Er z&auml;hlte sorgf&auml;ltig vor Lorenzis
+Augen, was ziemlich rasch geschehen war, da viele
+Goldst&uuml;cke von h&ouml;herm als eines Dukaten Wert darunter
+waren, &uuml;bergab Lorenzi die verabredete Summe,
+nachdem er sie zuvor in zwei Beutel verteilt hatte,
+worauf ihm selbst noch etwa hundert Dukaten &uuml;brigblieben.
+Lorenzi tat die Geldbeutel in seine beiden
+Rocksch&ouml;&szlig;e und wollte sich wortlos entfernen. &raquo;Halt,
+Lorenzi,&laquo; sagte Casanova, &raquo;es w&auml;re immerhin m&ouml;glich,
+da&szlig; man einander noch einmal im Leben begegnete.
+Dann sei es nicht mit Groll. Es war ein
+Handel wie ein andrer, wir sind quitt.&laquo; Er streckte
+ihm die Hand entgegen. Lorenzi nahm sie nicht;
+doch nun sprach er das erste Wort. &raquo;Ich erinnere
+mich nicht,&laquo; sagte er, &raquo;da&szlig; auch dies in unserm Pakt
+enthalten gewesen w&auml;re.&laquo; Er wandte sich und ging.</p>
+
+<p>Sind wir so genau, mein Freund? dachte Casanova.
+So darf ich mich um so sicherer darauf verlassen,
+da&szlig; ich nicht am Ende der Geprellte sein
+werde. Freilich hatte er an diese M&ouml;glichkeit keinen
+Augenblick ernstlich gedacht; er wu&szlig;te aus eigener
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>Erfahrung, da&szlig; Leute wie Lorenzi ihre besondre
+Art von Ehre haben, deren Gesetze in Paragraphen
+nicht aufzuzeichnen sind, &uuml;ber die aber von Fall zu
+Fall ein Zweifel kaum bestehen kann. &#8211; Er legte
+Lorenzis Mantel zu oberst in den Reisesack, schlo&szlig;
+diesen zu; die Goldst&uuml;cke, die ihm geblieben, steckte
+er zu sich, blickte sich in dem Raum, den er wohl
+niemals wieder betreten sollte, nach allen Seiten um,
+und, mit Degen und Hut, zur Abfahrt fertig, begab
+er sich in den Saal, wo er Olivo mit Frau und Kindern
+schon am gedeckten Tische sitzend fand. Marcolina
+trat zugleich mit ihm, was Casanova als g&uuml;nstiges
+Schicksalszeichen deutete, von der andern Seite
+aus dem Garten ein und erwiderte seinen Gru&szlig; mit
+einem unbefangenen Neigen des Hauptes. Das Essen
+wurde aufgetragen; die Unterhaltung ging anfangs
+langsam, ja wie ged&auml;mpft von der Stimmung des
+Abschieds in fast m&uuml;hseliger Weise vonstatten.
+Amalia schien in auffallender Weise mit ihren Kindern
+besch&auml;ftigt und immer besorgt, da&szlig; diese nicht
+zuviel oder zuwenig auf ihre Teller bek&auml;men. Olivo,
+ohne ersichtliche N&ouml;tigung, sprach von einem unbedeutenden,
+zu seinen Gunsten entschiedenen Proze&szlig;
+mit einem Gutsnachbar, sowie von einer Gesch&auml;ftsreise,
+die ihn demn&auml;chst nach Mantua und
+Cremona f&uuml;hren sollte. Casanova gab der Hoffnung
+Ausdruck, den Freund in nicht allzu ferner Zeit in
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>Venedig zu begr&uuml;&szlig;en. Gerade dort, ein sonderbarer
+Zufall, war Olivo noch niemals gewesen. Amalia
+aber hatte die wunderbare Stadt vor langen Jahren
+als Kind gesehen; wie sie dahingekommen, wu&szlig;te
+sie nicht mehr zu sagen und erinnerte sich nur eines
+alten, in einen scharlachroten Mantel geh&uuml;llten
+Mannes, der aus einem l&auml;nglichen schwarzen Schiff
+ausgestiegen, gestolpert und der L&auml;nge nach hingefallen
+war. &raquo;Auch Sie kennen Venedig nicht?&laquo;
+fragte Casanova Marcolina, die gerade ihm gegen&uuml;bersa&szlig;
+und &uuml;ber seine Schulter in das tiefe Dunkel
+des Gartens schaute. Sie sch&uuml;ttelte wortlos den Kopf.
+Und Casanova dachte: K&ouml;nnt&#8217; ich sie dir zeigen, die
+Stadt, in der ich jung gewesen bin! O, w&auml;rst du
+jung gewesen mit mir ... Und noch ein Gedanke
+kam ihm, sinnloser beinahe als jene: Wenn ich dich
+jetzt mit mir dahin n&auml;hme? Aber w&auml;hrend all dies
+unausgesprochen durch seine Seele ging, hatte er
+schon mit jener Leichtigkeit, die ihm auch in Momenten
+st&auml;rkster innerer Erregung gegeben war,
+von der Stadt seiner Jugend zu reden begonnen; so
+kunstvoll und k&uuml;hl, als g&auml;lte es, ein Gem&auml;lde zu
+schildern, bis er, unwillk&uuml;rlich den Ton erw&auml;rmend,
+in die Geschichte seines Lebens geriet, und mit einemmal
+in eigner Gestalt mitten in dem Bilde stand,
+das nun erst zu leben und zu leuchten anfing. Er
+sprach von seiner Mutter, der ber&uuml;hmten Schauspielerin,
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>f&uuml;r die der gro&szlig;e Goldoni, ihr Bewunderer,
+seine vortreffliche Kom&ouml;die &raquo;Das M&uuml;ndel&laquo; verfa&szlig;t
+hatte; dann erz&auml;hlte er von seinem tr&uuml;bseligen Aufenthalt
+in der Pension des geizigen Doktors Gozzi, von
+seiner kindischen Liebe zu der kleinen G&auml;rtnerstochter,
+die sp&auml;ter mit einem Lakaien durchgegangen
+war, von seiner ersten Predigt als junger Abbate,
+nach der er in dem Beutel des Sakristans nicht nur
+die &uuml;blichen Geldst&uuml;cke, sondern auch ein paar z&auml;rtliche
+Briefchen vorgefunden, von den Spitzb&uuml;bereien,
+die er als Geiger im Orchester des Theaters San Samuele
+mit ein paar gleichgesinnten Kameraden in
+den G&auml;&szlig;chen, Schenken, Tanz- und Spiels&auml;len Venedigs
+maskiert oder auch unmaskiert ver&uuml;bt; doch
+auch von diesen &uuml;berm&uuml;tigen und manchmal recht
+bedenklichen Streichen berichtete er ohne irgendein
+anst&ouml;&szlig;iges Wort zu gebrauchen, ja in einer poetisch-verkl&auml;renden
+Weise, als wollte er auf die Kinder
+R&uuml;cksicht nehmen, die wie die andern, Marcolina
+nicht ausgenommen, gespannt an seinen Lippen
+hingen. Doch die Zeit schritt vor, und Amalia
+schickte ihre T&ouml;chter zu Bett. Ehe sie gingen, k&uuml;&szlig;te
+Casanova sie alle aufs z&auml;rtlichste, Teresina nicht anders
+als die zwei j&uuml;ngern, und alle mu&szlig;ten ihm versprechen,
+ihn bald mit den Eltern in Venedig zu besuchen.
+Als die Kinder fort waren, tat er sich wohl
+weniger Zwang an, aber alles, was er erz&auml;hlte,
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>brachte er ohne jede Zweideutigkeit und vor allem
+ohne jede Eitelkeit vor, so da&szlig; man eher den Bericht
+eines gef&uuml;hlvollen Narren der Liebe als den eines
+gef&auml;hrlich-wilden Verf&uuml;hrers und Abenteurers zu
+h&ouml;ren vermeinte. &#8211; Er sprach von der wunderbaren
+Unbekannten, die wochenlang mit ihm als Offizier
+verkleidet herumgereist und eines Morgens pl&ouml;tzlich
+von seiner Seite verschwunden war; von der Tochter
+des adligen Schuhflickers in Madrid, die ihn zwischen
+zwei Umarmungen immer wieder zum frommen
+Katholiken hatte bekehren wollen; von der
+sch&ouml;nen J&uuml;din Lia in Turin, die pr&auml;chtiger zu Pferde
+gesessen war als irgendeine F&uuml;rstin; von der lieblich-unschuldigen
+Manon Balletti, der einzigen, die er
+beinahe geheiratet h&auml;tte, von jener schlechten S&auml;ngerin
+in Warschau, die er ausgepfiffen, worauf er
+sich mit ihrem Geliebten, dem Krongeneral Branitzky,
+hatte duellieren und aus Warschau fliehen m&uuml;ssen;
+von der b&ouml;sen Charpillon, die ihn in London so j&auml;mmerlich
+zum Narren gehalten; von einer n&auml;chtlichen
+Sturmfahrt, die ihm fast das Leben gekostet, durch
+die Lagunen nach Murano zu seiner angebeteten
+Nonne; von dem Spieler Croce, der, nachdem er in
+Spa ein Verm&ouml;gen verloren, auf der Landstra&szlig;e
+tr&auml;nenvollen Abschied von ihm genommen und sich
+auf den Weg nach Petersburg gemacht hatte &#8211; so
+wie er dagestanden war, in seidenen Str&uuml;mpfen, in
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>einem apfelgr&uuml;nen Samtrock und ein Rohrst&ouml;ckchen
+in der Hand. Er erz&auml;hlte von Schauspielerinnen,
+S&auml;ngerinnen, Modistinnen, Gr&auml;finnen, T&auml;nzerinnen,
+Kammerm&auml;dchen; von Spielern, Offizieren, F&uuml;rsten,
+Gesandten, Finanzleuten, Musikanten und Abenteurern;
+und so wundersam ward ihm selbst der Sinn
+von dem wieder neu gef&uuml;hlten Zauber seiner eigenen
+Vergangenheit umfangen, so vollst&auml;ndig war der
+Triumph all des herrlichen durchlebten, doch unwiederbringlich
+Gewesenen &uuml;ber das armselig Schattenhafte,
+das sich seiner Gegenw&auml;rtigkeit br&uuml;sten
+durfte, da&szlig; er eben im Begriffe war, die Geschichte
+eines h&uuml;bschen blassen M&auml;dchens zu berichten, das
+ihm im D&auml;mmer einer Kirche zu Mantua seinen Liebeskummer
+anvertraut hatte, ohne daran zu denken,
+da&szlig; ihm dieses selbe Gesch&ouml;pf, um sechzehn Jahre
+gealtert, als die Frau seines Freundes Olivo hier am
+Tische gegen&uuml;bersa&szlig;; &#8211; als mit plumpem Schritt
+die Magd eintrat und meldete, da&szlig; vor dem Tore
+der Wagen bereitstehe. Und sofort, mit seiner unvergleichlichen
+Gabe, sich in Traum und Wachen,
+wann immer es n&ouml;tig war, ohne Z&ouml;gern zurechtzufinden,
+erhob sich Casanova, um Abschied zu nehmen.
+Er forderte Olivo, dem vor R&uuml;hrung die Worte
+versagten, nochmals mit Herzlichkeit auf, ihn mit
+Frau und Kindern in Venedig zu besuchen, und umarmte
+ihn; als er sich mit der gleichen Absicht
+<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Amalien n&auml;herte, wehrte sie leicht ab und reichte
+ihm nur die Hand, die er ehrerbietig k&uuml;&szlig;te. Wie er
+sich nun zu Marcolina wandte, sagte diese: &raquo;All das,
+was Sie uns heute abend erz&auml;hlt haben &#8211; und noch
+viel mehr &#8211; sollten Sie niederschreiben, Herr Chevalier,
+so wie Sie es mit Ihrer Flucht aus den Bleikammern
+gemacht haben.&laquo; &#8211; &raquo;Ist das Ihr Ernst,
+Marcolina?&laquo; fragte er mit der Sch&uuml;chternheit eines
+jungen Autors. Sie l&auml;chelte mit leisem Spott. &raquo;Ich
+vermute,&laquo; sagte sie, &raquo;ein solches Buch k&ouml;nnte noch
+weit unterhaltender werden als Ihre Streitschrift
+gegen Voltaire.&laquo; &#8211; Das m&ouml;chte leicht wahr sein,
+dachte er, ohne es auszusprechen. Wer wei&szlig;, ob ich
+deinen Rat nicht einmal befolge? Und du selbst,
+Marcolina, sollst das letzte Kapitel sein. &#8211; Dieser
+Einfall, mehr noch der Gedanke, da&szlig; dieses letzte
+Kapitel im Laufe der kommenden Nacht erlebt werden
+sollte, lie&szlig; seinen Blick so seltsam erflackern,
+da&szlig; Marcolina die Hand, die sie ihm zum Abschied
+gereicht, aus der seinen gleiten lie&szlig;, eh&#8217; er, sich
+herabbeugend, einen Ku&szlig; darauf zu dr&uuml;cken vermocht
+hatte. Ohne sich irgend etwas, sei es Entt&auml;uschung,
+sei es Groll, merken zu lassen, wandte sich
+Casanova zum Gehen, indem er durch eine jener
+klaren und einfachen Gesten, die nur ihm geh&ouml;rten,
+zu verstehen gab, da&szlig; ihm niemand, auch Olivo
+nicht, folgen solle.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Raschen Schritts durcheilte er die Kastanienallee:
+gab der Magd, die den Reisesack in den Wagen geschafft
+hatte, ein Goldst&uuml;ck, stieg ein und fuhr
+davon.</p>
+
+<p>Der Himmel war von Wolken verh&auml;ngt. Nachdem
+man das Dorf hinter sich gelassen, wo noch hinter
+armen Fenstern da und dort ein kleines Licht geschimmert
+hatte, leuchtete nur mehr die gelbe Laterne,
+die vorn an der Deichsel befestigt war, durch
+die Nacht. Casanova &ouml;ffnete den Reisesack, der zu
+seinen F&uuml;&szlig;en lag, nahm Lorenzis Mantel heraus und,
+nachdem er ihn &uuml;ber sich gebreitet, entkleidete er
+sich unter dessen Schutz mit aller gebotenen Vorsicht.
+Die abgelegte Gewandung, auch Schuhe und
+Str&uuml;mpfe, versperrte er in den Sack und h&uuml;llte sich
+fester in den Mantel ein. Jetzt rief er den Kutscher
+an: &raquo;He, wir m&uuml;ssen wieder zur&uuml;ck!&laquo; &#8211; Der Kutscher
+wandte sich verdrossen um. &#8211; &raquo;Ich habe meine
+Papiere im Hause vergessen. H&ouml;rst du? Wir m&uuml;ssen
+zur&uuml;ck.&laquo; Und da jener, ein verdrossener, magerer,
+graub&auml;rtiger Mensch, zu z&ouml;gern schien: &raquo;Ich verlange
+es nat&uuml;rlich nicht umsonst. Da!&laquo; Und er
+dr&uuml;ckte ihm ein Goldst&uuml;ck in die Hand. Der Kutscher
+nickte, murmelte etwas, und mit einem g&auml;nzlich
+&uuml;berfl&uuml;ssigen Peitschenhieb auf das Pferd, wandte
+er den Wagen. Als sie wieder durch das Dorf fuhren,
+lagen die H&auml;user alle stumm und ausgel&ouml;scht. Noch
+<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>ein St&uuml;ck Wegs die Landstra&szlig;e hin, und nun wollte
+der Kutscher in die schm&auml;lere, leicht ansteigende
+Stra&szlig;e einlenken, die zu Olivos Besitzung f&uuml;hrte.
+&raquo;Halt!&laquo; rief Casanova, &raquo;wir wollen nicht so nah
+heranfahren, sonst wecken wir die Leute auf. Warte
+hier an der Ecke. Ich bin bald wieder da ... Und
+sollt&#8217; es etwas l&auml;nger dauern, jede Stunde tr&auml;gt einen
+Dukaten!&laquo; Nun glaubte der Mann ungef&auml;hr zu
+wissen, woran er war; Casanova merkte es an der
+Art, wie jener mit dem Kopf nickte. Er stieg aus
+und eilte weiter, den Augen des Kutschers bald entschwindend,
+bis ans verschlossene Tor, daran vor&uuml;ber,
+die Mauer entlang bis zu der Ecke, wo sie im
+rechten Winkel nach oben bog, und nahm nun den
+Weg durch die Weinberge, den er, nachdem er ihn
+schon zweimal im Tagesschein gegangen, leicht zu
+finden wu&szlig;te. Er hielt sich der Mauer nahe und
+folgte ihr auch, als sie nun, etwa auf der mittleren
+H&ouml;he des H&uuml;gels, wieder im rechten Winkel umbog.
+Hier ging er auf weichem Wiesengrund, im Dunkel
+der verh&auml;ngten Nacht weiter, und mu&szlig;te nur achtgeben,
+da&szlig; er die Gartent&uuml;r nicht verfehlte. Er
+tastete l&auml;ngs der glatten steinernen Umfassung, bis
+seine Finger das rauhe Holz sp&uuml;rten; worauf er die
+T&uuml;re auch in ihrem schmalen Umri&szlig; deutlich wahrzunehmen
+vermochte. Er steckte den Schl&uuml;ssel in
+das rasch gefundene Schlo&szlig;, &ouml;ffnete, trat in den Garten
+<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>und sperrte hinter sich wieder zu. Er sah das
+Haus mit dem Turm jenseits der Wiese in unwahrscheinlicher
+Entfernung und in einer ebenso unwahrscheinlichen
+H&ouml;he aufragen. Eine Weile stand
+er ruhig; er sah um sich; denn was f&uuml;r andre Augen
+noch undurchdringliche Finsternis gewesen w&auml;re,
+war f&uuml;r die seinen nur tiefe D&auml;mmerung. Er wagte
+es, statt in der Allee, deren Kies seinen nackten F&uuml;&szlig;en
+weh tat, auf der Wiese weiterzugehen, die
+den Ton seiner Schritte verschlang. Er glaubte zu
+schweben; so leicht war sein Gang. &#8211; War mir anders
+zumute, dachte er, zur Zeit, da ich als Drei&szlig;igj&auml;hriger
+solche Wege ging? F&uuml;hl&#8217; ich nicht wie damals
+alle Gluten des Verlangens und alle S&auml;fte der
+Jugend durch meine Adern kreisen? Bin ich nicht
+heute Casanova, wie ich&#8217;s damals war?... Und da
+ich Casanova bin, warum sollte an mir das kl&auml;gliche
+Gesetz nicht zuschanden werden, dem andre unterworfen
+sind, und das Altern hei&szlig;t! Und immer
+k&uuml;hner werdend, fragte er sich: Warum schleich ich
+in einer Maske zu Marcolina? Ist Casanova nicht
+mehr als Lorenzi, auch wenn er um drei&szlig;ig Jahre
+&auml;lter ist? Und w&auml;re sie nicht das Weib, dies Unbegreifliche
+zu begreifen?... War es n&ouml;tig, eine
+kleine Schurkerei zu begehen und einen andern zu
+einer etwas gr&ouml;&szlig;ern zu verleiten? W&auml;re man nicht
+mit etwas Geduld zum gleichen Ziel gekommen?
+<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Lorenzi ist morgen fort, ich w&auml;re geblieben ... F&uuml;nf
+Tage ... drei &#8211; und sie h&auml;tte mir geh&ouml;rt &#8211; <em class="gesperrt">wissend</em>
+mir geh&ouml;rt. &#8211; Er stand an die Wand des Hauses gedr&uuml;ckt,
+neben Marcolinens Fenster, das noch fest
+verschlossen war, und seine Gedanken flogen weiter.
+Ist es denn zu sp&auml;t dazu?... Ich k&ouml;nnte wiederkommen,
+&#8211; morgen, &uuml;bermorgen ... und beg&auml;nne
+das Werk der Verf&uuml;hrung &#8211; als ehrlicher Mann sozusagen.
+Die heutige Nacht w&auml;re ein Vorschu&szlig; auf
+die k&uuml;nftigen. Ja Marcolina m&uuml;&szlig;te nicht einmal erfahren,
+da&szlig; ich heute dagewesen bin &#8211; oder erst
+sp&auml;ter &#8211; viel sp&auml;ter.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Das Fenster war noch immer fest geschlossen;
+auch dahinter r&uuml;hrte sich nichts. Es fehlten wohl
+noch ein paar Minuten auf Mitternacht. Sollte er
+sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster
+klopfen? Da nichts dergleichen ausgemacht war,
+h&auml;tte es vielleicht doch in Marcolina einen Verdacht
+werfen k&ouml;nnen. Also warten. Lange konnte es nicht
+mehr dauern. Der Gedanke, da&szlig; sie ihn sofort erkennen,
+den Betrug durchschauen konnte, eh&#8217; er vollzogen
+war, kam ihm, nicht zum erstenmal, doch
+ebenso fl&uuml;chtig und als die nat&uuml;rliche verstandesm&auml;&szlig;ige
+Erw&auml;gung einer entfernten, ins Unwahrscheinliche
+verschwimmenden M&ouml;glichkeit, nicht als
+eine ernstliche Bef&uuml;rchtung. Ein etwas l&auml;cherliches
+Abenteuer fiel ihm ein, das nun zwanzig Jahre zur&uuml;cklag;
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>das mit der h&auml;&szlig;lichen Alten in Solothurn,
+mit der er eine k&ouml;stliche Nacht verbracht hatte, in
+der Meinung, eine angebetete sch&ouml;ne junge Frau zu
+besitzen &#8211; und die ihn &uuml;berdies tags darauf in einem
+unversch&auml;mten Brief ob seines ihr h&ouml;chst erw&uuml;nschten,
+von ihr mit infamer List gef&ouml;rderten Irrtums
+verh&ouml;hnt hatte. Er sch&uuml;ttelte sich in der Erinnerung
+vor Ekel. Gerade daran h&auml;tte er jetzt lieber nicht
+denken sollen, und er verjagte das abscheuliche
+Bild. &#8211; Nun, war es nicht endlich Mitternacht?
+Wie lange sollte er noch hier stehen an die Mauer
+gedr&uuml;ckt, fr&ouml;stelnd in der K&uuml;hle der Nacht? Oder
+gar vergeblich warten? Der Geprellte sein &#8211; trotz
+allem? &#8211; Zweitausend Dukaten f&uuml;r nichts? Und
+Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang? Seiner spottend?
+&#8211; Unwillk&uuml;rlich fa&szlig;te er den Degen etwas
+fester, den er unter dem Mantel an seinen nackten
+Leib gepre&szlig;t hielt. Von einem Kerl wie Lorenzi
+mu&szlig;te man am Ende auch der peinlichsten &Uuml;berraschung
+gew&auml;rtig sein. &#8211; Aber dann ... In diesem
+Augenblick h&ouml;rte er ein leises knackendes Ger&auml;usch,
+&#8211; er wu&szlig;te, da&szlig; nun das Gitter von Marcolinens
+Fenster sich zur&uuml;ckschob, gleich darauf &ouml;ffneten sich
+beide Fl&uuml;gel weit, w&auml;hrend der Vorhang noch zugezogen
+blieb. Casanova hielt sich ein paar Sekunden
+regungslos, bis von unsichtbarer Hand gerafft
+der Vorhang sich nach der einen Seite hob; das war
+<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>f&uuml;r Casanova ein Zeichen, sich &uuml;ber die Br&uuml;stung
+ins Zimmer zu schwingen und sofort Fenster und
+Gitter hinter sich zu schlie&szlig;en. Der geraffte Vorhang
+war &uuml;ber seinen Schultern wieder gesunken, so da&szlig;
+er gen&ouml;tigt war, darunter hervorzukriechen, und nun
+w&auml;re er in v&ouml;lliger Finsternis dagestanden, wenn
+nicht aus der Tiefe des Gemachs, in unbegreiflicher
+Entfernung, wie von seinem eignen Blick erweckt,
+ein mattes Schimmern ihm den Weg gewiesen h&auml;tte.
+Nur drei Schritt &#8211; und sehns&uuml;chtige Arme breiteten
+sich nach ihm aus; er lie&szlig; den Degen aus der
+Hand, den Mantel von seinen Schultern gleiten und
+sank in sein Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>An Marcolinens seufzendem Vergehen, an den
+Tr&auml;nen der Seligkeit, die er ihr von den Wangen
+k&uuml;&szlig;te, an der immer wieder erneuten Glut, mit der
+sie seine Z&auml;rtlichkeiten empfing, erkannte er bald,
+da&szlig; sie seine Entz&uuml;ckungen teilte, die ihm als h&ouml;here,
+ja von neuer, andrer Art erschienen, als er jemals genossen.
+Lust ward zur Andacht, tiefster Rausch
+ward Wachsein ohnegleichen; hier endlich war, die
+er schon so oft, t&ouml;richt genug zu erleben geglaubt,
+und die er noch niemals wirklich erlebt hatte &#8211; Erf&uuml;llung
+war an Marcolinens Herzen. Er hielt die
+Frau in seinen Armen, an die er sich verschwenden
+durfte, um sich unersch&ouml;pflich zu f&uuml;hlen; &#8211; an deren
+Br&uuml;sten der Augenblick des letzten Hingegebenseins
+<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>und des neuen Verlangens in einen einzigen von ungeahnter
+Seelenwonne zusammenflo&szlig;. War an diesen
+Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und Ewigkeit
+Eines? War er nicht ein Gott &#8211;? Jugend und
+Alter nur eine Fabel, von Menschen erfunden? &#8211;
+Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm und
+Vergessensein &#8211; wesenlose Unterscheidungen zum
+Gebrauch von Ruhelosen, von Einsamen, von Eiteln
+&#8211; und sinnlos geworden, wenn man Casanova war und
+Marcolina gefunden? Unw&uuml;rdig, ja l&auml;cherlicher von
+Minute zu Minute erschien es ihm, sich, einem Vorsatz
+getreu, den er fr&uuml;her als Kleinm&uuml;tiger gefa&szlig;t,
+aus dieser Wundernacht stumm, unerkannt, wie ein
+Dieb zu fl&uuml;chten. Im untr&uuml;glichen Gef&uuml;hl ebenso
+der Begl&uuml;ckende zu sein, als er der Begl&uuml;ckte war,
+glaubte er sich schon zu dem Wagnis entschlossen,
+seinen Namen zu nennen, wenn er sich auch immer
+noch bewu&szlig;t war, damit ein gro&szlig;es Spiel zu spielen,
+das er, wenn er es verlor, bereit sein mu&szlig;te, mit dem
+Dasein zu bezahlen. Noch war undurchdringliche
+Dunkelheit um ihn, und bis durch den dichten Vorhang
+das erste D&auml;mmern brach, durfte er ein Gest&auml;ndnis
+hinausz&ouml;gern, an dessen Aufnahme durch
+Marcolina sein Schicksal, ja sein Leben hing. Aber
+war denn nicht gerade dieses stummselige, s&uuml;&szlig;verlorene
+Zusammensein dazu gemacht, ihm Marcolina
+von Ku&szlig; zu Ku&szlig; unl&ouml;slicher zu verbinden? Wurde,
+<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>was sich als Betrug entsponnen, nicht Wahrheit in
+den namenlosen Entz&uuml;ckungen dieser Nacht? Ja,
+durchschauerte sie, die Betrogene, die Geliebte, die
+Einzige, nicht selbst schon eine Ahnung, da&szlig; es
+nicht Lorenzi, der J&uuml;ngling, der Wicht, da&szlig; es ein
+Mann, &#8211; da&szlig; es Casanova war, in dessen G&ouml;ttergluten
+sie verging? Und schon begann er es f&uuml;r m&ouml;glich
+zu halten, da&szlig; ihm der ersehnte und doch gef&uuml;rchtete
+Augenblick des Gest&auml;ndnisses g&auml;nzlich erspart
+bleiben w&uuml;rde; er tr&auml;umte davon, da&szlig; Marcolina
+selbst, bebend, gebannt, erl&ouml;st ihm seinen
+Namen entgegenfl&uuml;stern w&uuml;rde. Und dann &#8211; wenn
+sie so ihm verziehen &#8211; nein &#8211; seine Verzeihung
+empfangen &#8211;, dann wollte er sie mit sich nehmen,
+sofort, in dieser selben Stunde noch; &#8211; mit ihr im
+Grauen der Fr&uuml;he das Haus verlassen, mit ihr in
+den Wagen steigen, der drau&szlig;en an der Stra&szlig;enbiegung
+wartete ... mit ihr davonfahren, f&uuml;r immer
+sie halten, sein Lebenswerk damit kr&ouml;nen, da&szlig; er,
+in Jahren, da andre sich zu einem tr&uuml;ben Greisentum
+bereiten, die J&uuml;ngste, die Sch&ouml;nste, die Kl&uuml;gste
+durch die ungeheure Macht seines unverl&ouml;schlichen
+Wesens gewonnen und sie f&uuml;r alle Zeit zur Seinen
+gemacht hatte. Denn diese war sein, wie keine vor
+ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle schmale
+Kan&auml;le, zwischen Pal&auml;sten hin, in deren Schatten er
+nun wieder heimisch war, unter geschwungenen
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Br&uuml;cken, &uuml;ber die verd&auml;mmernde Gestalten huschten;
+manche winkten &uuml;ber die Br&uuml;stung ihnen entgegen
+und waren wieder verschwunden, eh&#8217; man sie
+recht erblickt. Nun legte die Gondel an; Marmorstufen
+f&uuml;hrten in das pr&auml;chtige Haus des Senators
+Bragadino; es war als das einzige festlich beleuchtet;
+treppauf, treppab liefen Vermummte &#8211; manche blieben
+neugierig stehen, aber wer konnte Casanova und
+Marcolina hinter ihren Masken erkennen? Er trat
+mit ihr in den Saal. Hier wurde ein gro&szlig;es Spiel
+gespielt. Alle Senatoren, auch Bragadino, in ihren
+Purpurm&auml;nteln, reihten sich um den Tisch. Als Casanova
+eintrat, fl&uuml;sterten sie alle seinen Namen wie
+im h&ouml;chsten Schrecken; denn am Blitz seiner Augen
+hinter der Maske hatten sie ihn erkannt. Er setzte
+sich nicht nieder; er nahm keine Karten, aber er
+spielte mit. Er gewann, er gewann alles Gold, das
+auf dem Tische lag, das war aber zuwenig; die Senatoren
+mu&szlig;ten Wechsel ausstellen; sie verloren ihr
+Verm&ouml;gen, ihre Pal&auml;ste, ihre Purpurm&auml;ntel, &#8211; sie
+waren Bettler, sie krochen in Lumpen um ihn her,
+sie k&uuml;&szlig;ten ihm die H&auml;nde, und daneben, in einem
+dunkelroten Saale, war Musik und Tanz. Casanova
+wollte mit Marcolina tanzen, doch die war fort. Die
+Senatoren in ihren Purpurm&auml;nteln sa&szlig;en wieder um
+den Tisch wie vorher; aber nun wu&szlig;te Casanova,
+da&szlig; es nicht Karten waren, sondern Angeklagte, Verbrecher
+<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>und Unschuldige, um deren Schicksal es
+ging. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze
+Zeit ihr Handgelenk umklammert gehalten? Er
+st&uuml;rzte die Treppen hinunter, die Gondel wartete;
+nur weiter, weiter, durch das Gewirr von Kan&auml;len,
+nat&uuml;rlich wu&szlig;te der Ruderer, wo Marcolina weilte;
+warum aber war auch er maskiert? Das war fr&uuml;her
+nicht &uuml;blich gewesen in Venedig. Casanova wollte
+ihn zur Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird
+man so feig als alter Mann? Und immer weiter &#8211;
+was f&uuml;r eine Riesenstadt war Venedig in diesen f&uuml;nfundzwanzig
+Jahren geworden! Nun endlich wichen
+die H&auml;user zur&uuml;ck, breiter wurde der Kanal &#8211; zwischen
+Inseln glitten sie hin, dort ragten die Mauern
+des Klosters von Murano, in das Marcolina sich gefl&uuml;chtet
+hatte. Fort war die Gondel, &#8211; jetzt hie&szlig; es
+schwimmen &#8211;, wie war das sch&ouml;n! Indes spielten
+freilich die Kinder in Venedig mit seinen Goldst&uuml;cken;
+aber was lag ihm an Gold?... Das Wasser
+war bald warm, bald k&uuml;hl; es tropfte von seinen
+Kleidern, als er die Mauer hinankletterte. &#8211; Wo ist
+Marcolina? fragte er im Sprechsaal laut, schallend,
+wie nur ein F&uuml;rst fragen darf. Ich werde sie rufen,
+sagte die Herzogin-&Auml;btissin und versank. Casanova
+ging, flog, flatterte hin und her, immer l&auml;ngs der
+Gitterst&auml;be, wie eine Fledermaus. H&auml;tte ich das nur
+fr&uuml;her gewu&szlig;t, da&szlig; ich fliegen kann. Ich werde es
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>auch Marcolina lehren. Hinter den St&auml;ben schwebten
+weibliche Gestalten. Nonnen &#8211; doch sie trugen
+alle weltliche Tracht. Er wu&szlig;te es, obwohl er sie
+gar nicht sah, und er wu&szlig;te auch, wer sie waren.
+Henriette war es, die Unbekannte, und die T&auml;nzerin
+Corticelli und Cristina, die Braut, und die sch&ouml;ne
+Dubois und die verfluchte Alte aus Solothurn und
+Manon Balletti ... und hundert andre, nur Marcolina
+war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen, rief er
+dem Ruderer zu, der unten in der Gondel wartete; er
+hatte noch keinen Menschen auf Erden so geha&szlig;t
+wie den, und er schwor sich zu, eine ausgesuchte
+Rache an ihm zu nehmen. Aber war es nicht auch
+eine Narrheit, da&szlig; er Marcolina im Kloster von
+Murano gesucht hatte, da sie doch zu Voltaire gereist
+war? Wie gut, da&szlig; er fliegen konnte, einen
+Wagen h&auml;tte er doch nicht mehr bezahlen k&ouml;nnen.
+Und er schwamm davon; aber nun war das gar kein
+solches Gl&uuml;ck mehr, als er gedacht hatte; es wurde
+kalt und immer k&auml;lter, er trieb im offenen Meer,
+weit von Murano, weit von Venedig &#8211; kein Schiff
+ringsum, seine schwere goldgestickte Gewandung
+zog ihn nach unten; er versuchte sich ihrer zu entledigen,
+doch es war unm&ouml;glich, da er sein Manuskript
+in der Hand hielt, das er Herrn Voltaire &uuml;berreichen
+mu&szlig;te, &#8211; er bekam Wasser in den Mund,
+in die Nase, Todesangst &uuml;berfiel ihn, er griff um
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>sich, er r&ouml;chelte, er schrie und &ouml;ffnete m&uuml;hselig die
+Augen.</p>
+
+<p>Durch einen schmalen Spalt zwischen Vorhang
+und Fensterrand war ein Strahl der D&auml;mmerung
+hereingebrochen. Marcolina, in ihr wei&szlig;es Nachtgewand
+geh&uuml;llt, das sie mit beiden H&auml;nden &uuml;ber der
+Brust zusammenhielt, stand am Fu&szlig;ende des Bettes
+und betrachtete Casanova mit einem Blick unnennbaren
+Grauens, der ihn sofort und v&ouml;llig wach
+machte. Unwillk&uuml;rlich, wie mit einer Geb&auml;rde des
+Flehens, streckte er die Arme nach ihr aus. Marcolina,
+wie zur Erwiderung, wehrte mit einer Bewegung
+ihrer Linken ab, w&auml;hrend sie mit der Rechten
+ihr Gewand &uuml;ber der Brust noch krampfhafter
+zusammenfa&szlig;te. Casanova erhob sich halb, sich mit
+beiden H&auml;nden auf das Lager st&uuml;tzend, und starrte
+sie an. Er vermochte den Blick von ihr so wenig abzuwenden
+als sie von ihm. Wut und Scham war in
+dem seinen, in dem ihren Scham und Entsetzen.
+Und Casanova wu&szlig;te, wie sie ihn sah; denn er sah
+sich selbst gleichsam im Spiegel der Luft und erblickte
+sich so, wie er sich gestern in dem Spiegel
+gesehen, der im Turmgemach gehangen: ein gelbes
+b&ouml;ses Antlitz mit tiefgegrabenen Falten, schmalen
+Lippen, stechenden Augen &#8211; und &uuml;berdies von den
+Ausschweifungen der verflossenen Nacht, dem gehetzten
+Traum des Morgens, der furchtbaren Erkenntnis
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>des Erwachens dreifach verw&uuml;stet. Und
+was er in Marcolinens Blick las, war nicht, was er
+tausendmal lieber darin gelesen: Dieb &#8211; W&uuml;stling
+&#8211; Schurke &#8211;; er las nur dies eine &#8211;, das ihn schmachvoller
+zu Boden schlug als alle andern Beschimpfungen
+vermocht h&auml;tten &#8211; er las das Wort, das ihm von
+allen das furchtbarste war, da es sein endg&uuml;ltiges
+Urteil sprach: Alter Mann. &#8211; W&auml;re es in diesem
+Augenblick in seiner Macht gestanden, sich selbst
+durch ein Zauberwort zu vernichten &#8211; er h&auml;tte es getan,
+nur um nicht unter der Decke hervorkriechen
+und sich Marcolinen in seiner Bl&ouml;&szlig;e zeigen zu m&uuml;ssen,
+die ihr verabscheuungsw&uuml;rdiger d&uuml;nken mu&szlig;te als
+der Anblick eines ekelhaften Tieres. &#8211; Sie aber, wie
+allm&auml;hlich zur Besinnung kommend, und offenbar
+in dem Bed&uuml;rfnis, ihm m&ouml;glichst rasch zu dem Gelegenheit
+zu geben, was doch unerl&auml;&szlig;lich war, kehrte
+ihr Gesicht nach der Wand, und er benutzte die Zeit,
+um aus dem Bette zu steigen, den Mantel vom Boden
+aufzunehmen und sich darein zu h&uuml;llen. Auch
+seines Degens versicherte er sich sofort, und nun, da
+er sich zum mindesten der schlimmsten Schmach,
+der L&auml;cherlichkeit entronnen d&uuml;nkte, dachte er
+schon daran, ob er nicht etwa die ganze, f&uuml;r ihn so
+kl&auml;gliche Angelegenheit durch wohlgesetzte Worte,
+um die er ja sonst nicht verlegen war, in ein andres
+Licht r&uuml;cken, ja irgendwie zu seinen Gunsten wenden
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>k&ouml;nnte. Da&szlig; Lorenzi Marcolina an ihn verkauft
+hatte, daran konnte nach der Lage der Dinge kein
+Zweifel f&uuml;r sie sein; &#8211; aber wie tief sie den Elenden
+in diesem Augenblick auch hassen mochte, Casanova
+f&uuml;hlte, da&szlig; er, der feige Dieb, ihr noch tausendmal
+hassenswerter erscheinen mu&szlig;te. Etwas andres verhie&szlig;
+vielleicht eher Genugtuung: Marcolina mit anspielungsreicher,
+mit h&ouml;hnisch-l&uuml;sterner Rede zu
+erniedrigen: &#8211; doch auch dieser t&uuml;ckische Einfall
+schwand dahin vor einem Blick, dessen entsetzensvoller
+Ausdruck sich allm&auml;hlich in eine unendliche
+Traurigkeit gewandelt hatte, als w&auml;re es nicht nur
+Marcolinens Weiblichkeit, die Casanova gesch&auml;ndet
+&#8211; nein, als h&auml;tte in dieser Nacht List gegen Vertrauen,
+Lust gegen Liebe, Alter gegen Jugend sich
+namenlos und uns&uuml;hnbar vergangen. Unter diesem
+Blick, der zu Casanovas schlimmster Qual alles, was
+noch gut in ihm war, f&uuml;r eine kurze Weile neu entz&uuml;ndete,
+wandte er sich ab; &#8211; ohne sich noch einmal
+nach Marcolinen umzusehen, ging er ans Fenster,
+raffte den Vorhang zur Seite, &ouml;ffnete Fenster und
+Gitter, warf einen Blick in den d&auml;mmernden Garten,
+der noch zu schlummern schien, und schwang sich
+&uuml;ber die Br&uuml;stung ins Freie. Da er die M&ouml;glichkeit
+erwog, da&szlig; irgendwer im Hause schon erwacht sein
+und ihn von einem Fenster aus erblicken k&ouml;nnte,
+vermied er die Wiese und lie&szlig; sich von der Allee in
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>ihren sch&uuml;tzenden Schatten aufnehmen. Er trat
+durch die Gartent&uuml;r ins Freie hinaus und hatte
+kaum hinter sich zugeschlossen, als ihm jemand entgegentrat
+und den Weg verstellte. Der Ruderer ...
+war sein erster Gedanke. Denn nun wu&szlig;te er pl&ouml;tzlich,
+da&szlig; der Gondelf&uuml;hrer in seinem Traum niemand
+andrer gewesen war als Lorenzi. Da stand er. Sein
+roter Waffenrock mit der silbernen Verschn&uuml;rung
+brannte durch den Morgen. Welche pr&auml;chtige Uniform,
+dachte Casanova in seinem verwirrten und erm&uuml;deten
+Gehirn, sieht sie nicht aus wie neu? &#8211; Und
+ist sicher nicht bezahlt ... Diese n&uuml;chternen Erw&auml;gungen
+brachten ihn v&ouml;llig zur Besinnung, und
+sobald er sich der Lage bewu&szlig;t war, f&uuml;hlte er sich
+froh. Er nahm seine stolzeste Haltung an, fa&szlig;te den
+Degengriff unter dem h&uuml;llenden Mantel fester und
+sagte im liebensw&uuml;rdigsten Ton: &raquo;Finden Sie nicht,
+Herr Leutnant Lorenzi, da&szlig; Ihnen dieser Einfall
+etwas versp&auml;tet kommt?&laquo; &#8211; &raquo;Doch nicht,&laquo; erwiderte
+Lorenzi &#8211; und er war sch&ouml;ner in diesem Augenblick
+als irgendein Mensch, den Casanova je gesehen &#8211;,
+&raquo;da doch nur einer von uns den Platz lebend verlassen
+wird.&laquo; &#8211; &raquo;Sie haben es eilig, Lorenzi,&laquo; sagte
+Casanova in einem fast weichen Ton. &raquo;Wollen wir
+die Sache nicht wenigstens bis Mantua aufschieben?
+Es wird mir eine Ehre sein, Sie in meinem Wagen
+mitzunehmen. Er wartet an der Stra&szlig;enbiegung.
+<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>Auch h&auml;tte es manches f&uuml;r sich, wenn die Formen
+gewahrt w&uuml;rden ... gerade in unserm Fall.&laquo; &#8211; &raquo;Es
+bedarf keiner Formen. Sie, Casanova, oder ich, &#8211;
+und noch in dieser Stunde.&laquo; Er zog den Degen.
+Casanova zuckte die Achseln. &raquo;Wie Sie w&uuml;nschen,
+Lorenzi. Aber ich m&ouml;chte Ihnen doch zu bedenken
+geben, da&szlig; ich leider gezwungen w&auml;re, in einem
+v&ouml;llig unangemessenen Kost&uuml;m anzutreten.&laquo; Er
+schlug den Mantel auseinander und stand nackt da,
+den Degen wie spielend in der Hand. In Lorenzis
+Augen stieg eine Welle von Ha&szlig;. &raquo;Sie sollen nicht
+im Nachteil mir gegen&uuml;ber sein,&laquo; sagte er und begann
+mit gro&szlig;er Geschwindigkeit, sich all seiner
+Kleidungsst&uuml;cke zu entledigen. Casanova wandte
+sich ab und h&uuml;llte sich solange wieder in seinen
+Mantel, da es trotz der allm&auml;hlich durch den Morgendunst
+brechenden Sonne nun empfindlich k&uuml;hl
+geworden war. Von den B&auml;umen, die sp&auml;rlich auf
+der H&ouml;he des H&uuml;gels standen, fielen lange Schatten
+&uuml;ber den Rasen hin. Einen Moment lang dachte
+Casanova, ob nicht am Ende jemand hier vorbeikommen
+k&ouml;nnte? Doch der Pfad, der l&auml;ngs der
+Mauer zur r&uuml;ckw&auml;rtigen Gartent&uuml;r lief, wurde wohl
+nur von Olivo und den Seinen benutzt. Es fiel Casanova
+ein, da&szlig; er nun vielleicht die letzten Minuten
+seines Daseins durchlebte, und er wunderte sich, da&szlig;
+er vollkommen ruhig war. Herr Voltaire hat Gl&uuml;ck,
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>dachte er fl&uuml;chtig; aber im Grunde war ihm Voltaire
+h&ouml;chst gleichg&uuml;ltig, und er h&auml;tte gew&uuml;nscht, in dieser
+Stunde holdere Bilder vor seine Seele zaubern zu
+k&ouml;nnen als das widerliche Vogelgesicht des alten
+Literaten. War es &uuml;brigens nicht sonderbar, da&szlig;
+jenseits der Mauer in den Wipfeln der B&auml;ume keine
+V&ouml;gel sangen? Das Wetter w&uuml;rde sich wohl &auml;ndern.
+Doch was ging ihn das Wetter an? Er wollte lieber
+Marcolinens gedenken, der Wonnen, die er in ihren
+Armen genossen, und die er nun teuer bezahlen
+sollte. Teuer? &#8211; Wohlfeil genug! Ein paar Greisenjahre
+&#8211; in Elend und Niedrigkeit ... Was hatte er
+noch zu tun auf der Welt?... Herrn Bragadino vergiften?
+&#8211; War es der M&uuml;he wert? Nichts war der
+M&uuml;he wert ... Wie d&uuml;nn dort oben die B&auml;ume
+standen! Er begann sie zu z&auml;hlen. F&uuml;nf ... sieben
+... zehn &#8211; Sollte ich nichts Wichtigeres zu tun
+haben?... &#8211; &raquo;Ich bin bereit, Herr Chevalier!&laquo;
+Rasch wandte sich Casanova um. Lorenzi stand ihm
+gegen&uuml;ber, herrlich in seiner Nacktheit wie ein junger
+Gott. Alles Gemeine war aus seinem Antlitz weggel&ouml;scht;
+er schien so bereit, zu t&ouml;ten als zu sterben. &#8211;
+Wenn ich meinen Degen hinw&uuml;rfe? dachte Casanova.
+Wenn ich ihn umarmte? Er lie&szlig; den Mantel von
+seinen Schultern gleiten und stand nun da wie Lorenzi,
+schlank und nackt. Lorenzi senkte den Degen
+zum Gru&szlig; nach den Regeln der Fechtkunst, Casanova
+<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>gab den Gru&szlig; zur&uuml;ck; im n&auml;chsten Augenblick
+kreuzten sie die Klingen, und silbernes Morgenlicht
+spielte glitzernd von Stahl zu Stahl. Wie lang ist es
+nur her, dachte Casanova, seit ich zum letztenmal
+einem Gegner mit dem Degen gegen&uuml;bergestanden
+bin? Doch keines seiner ernsthafteren Duelle wollte
+ihm jetzt einfallen, sondern nur die Fecht&uuml;bungen,
+die er vor zehn Jahren noch mit Costa, seinem Kammerdiener,
+abzuhalten pflegte, dem Lumpen, der
+ihm sp&auml;ter mit hundertf&uuml;nfzigtausend Lire durchgegangen
+war. Immerhin, dachte Casanova, er war
+ein t&uuml;chtiger Fechter; &#8211; und auch ich habe nichts
+verlernt! Sein Arm war sicher, seine Hand war leicht,
+sein Auge blickte so scharf wie je. Eine Fabel ist
+Jugend und Alter, dachte er ... Bin ich nicht ein
+Gott? Wir beide nicht G&ouml;tter? Wer uns jetzt s&auml;he!
+&#8211; Es g&auml;be Damen, die sich&#8217;s was kosten lie&szlig;en. Die
+Schneiden bogen sich, die Spitzen flirrten; nach jeder
+Ber&uuml;hrung der Klingen sang es leise in der Morgenluft
+nach. Ein Kampf? Nein, ein Turnier ...
+Warum dieser Blick des Entsetzens, Marcolina? Sind
+wir nicht beide deiner Liebe wert? Er ist nur jung,
+ich aber bin Casanova!... Da sank Lorenzi hin, mit
+einem Stich mitten ins Herz. Der Degen entfiel
+seiner Hand, er ri&szlig; die Augen weit auf, wie im h&ouml;chsten
+Erstaunen, hob noch einmal das Haupt, seine
+Lippen verzogen sich schmerzlich, er lie&szlig; das Haupt
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>sinken, seine Nasenfl&uuml;gel &ouml;ffneten sich weit, ein leises
+R&ouml;cheln, er starb. &#8211; Casanova beugte sich zu ihm
+hinab, kniete neben ihm nieder, sah ein paar Blutstropfen
+aus der Wunde sickern, f&uuml;hrte die Hand
+ganz nahe an des Gefallenen Mund; kein Hauch des
+Lebens ber&uuml;hrte sie. Ein k&uuml;hler Schauer flo&szlig; durch
+Casanovas Glieder. Er erhob sich und nahm seinen
+Mantel um. Dann trat er wieder an die Leiche und
+blickte auf den J&uuml;nglingsleib hinab, der in unvergleichlicher
+Sch&ouml;nheit auf dem Rasen hingestreckt
+lag. Ein leises Rauschen ging durch die Stille; es
+war der Morgenwind, der durch die Wipfel jenseits
+der Gartenmauer strich. Was tun? fragte sich Casanova.
+Leute rufen? Olivo? Amalia? Marcolina? &#8211;
+Wozu? Lebendig macht ihn keiner mehr! &#8211; Er
+&uuml;berlegte mit der kalten Ruhe, die ihm in den gef&auml;hrlichsten
+Momenten seines Daseins immer eigen
+gewesen war. &#8211; Bis man ihn findet, kann es viele
+Stunden dauern, vielleicht bis zum Abend, auch
+l&auml;nger. Bis dahin hab&#8217; ich Zeit gewonnen, und darauf
+allein kommt es an. &#8211; Er hielt immer noch seinen
+Degen in der Hand, er sah Blut daran schimmern
+und wischte es im Grase ab. Der Einfall kam ihm,
+die Leiche anzukleiden, aber das h&auml;tte ihn Minuten
+verlieren lassen, die kostbar und unwiederbringlich
+waren. Wie zu einem letzten Opfer beugte er sich
+nochmals nieder und dr&uuml;ckte dem Toten die Augen
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>zu. &raquo;Gl&uuml;cklicher,&laquo; sagte er vor sich hin, und, wie
+in traumhafter Benommenheit, k&uuml;&szlig;te er den Ermordeten
+auf die Stirn. Dann erhob er sich rasch und
+eilte, der Mauer entlang, um die Ecke, nach abw&auml;rts
+biegend, der Stra&szlig;e zu. Der Wagen stand an der
+Kreuzung, wo er ihn verlassen, der Kutscher war
+auf dem Bock fest eingeschlafen. Casanova hatte
+acht, ihn nicht aufzuwecken, stieg mit &auml;u&szlig;erster
+Vorsicht ein, und jetzt erst rief er ihn an. &raquo;He!
+Wird&#8217;s bald?&laquo; und puffte ihn in den R&uuml;cken. Der
+Kutscher schrak auf, schaute um sich, staunte, da&szlig;
+es schon ganz licht war, dann hieb er auf die Rosse
+ein und fuhr davon. Casanova lehnte sich tief zur&uuml;ck,
+in den Mantel geh&uuml;llt, der einmal Lorenzi geh&ouml;rt
+hatte. Im Dorf waren nur ein paar Kinder auf der
+Stra&szlig;e zu sehen; die M&auml;nner und Weiber offenbar
+schon alle bei der Arbeit auf dem Feld. Als die
+H&auml;user hinter ihnen lagen, atmete Casanova auf; er
+&ouml;ffnete den Reisesack, nahm seine Sachen heraus
+und begann sich unter dem Schutz des Mantels anzukleiden,
+nicht ohne Sorge, da&szlig; der Kutscher sich
+umdrehen und ihm seines Fahrgastes sonderbares
+Gebaren auffallen k&ouml;nnte. Doch nichts dergleichen
+geschah; Casanova konnte sich ungest&ouml;rt fertigmachen,
+brachte Lorenzis Mantel im Sack unter und
+nahm wieder den seinen um. Er blickte nach dem
+Himmel, der sich indes getr&uuml;bt hatte. Er f&uuml;hlte sich
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>nicht m&uuml;de, vielmehr aufs h&ouml;chste angespannt und
+&uuml;berwach. Er &uuml;berdachte seine Lage und kam, wie
+immer er sie betrachtete, zu dem Schlu&szlig;, da&szlig; sie
+wohl einigerma&szlig;en bedenklich war, aber nicht so
+gef&auml;hrlich, wie sie &auml;ngstlichern Gem&uuml;tern vielleicht
+erschienen w&auml;re. Da&szlig; man ihn sofort verd&auml;chtigen
+w&uuml;rde, Lorenzi get&ouml;tet zu haben, war freilich wahrscheinlich;
+aber keiner konnte zweifeln, da&szlig; es im
+ehrlichen Zweikampf geschehen war, und besser
+noch: er war von Lorenzi &uuml;berfallen, zum Duell gezwungen
+worden, und niemand durfte es ihm als
+Verbrechen anrechnen, da&szlig; er sich zur Wehr gesetzt
+hatte. Aber warum hatte er ihn auf dem Rasen
+liegen lassen wie einen toten Hund? Auch das durfte
+ihm niemand zum Vorwurf machen: rasche Flucht
+war sein gutes Recht, beinahe seine Pflicht gewesen.
+Lorenzi h&auml;tte es nicht anders gemacht. Aber konnte
+ihn Venedig nicht ausliefern? Sofort nach seiner
+Ankunft wollte er sich in den Schutz seines G&ouml;nners
+Bragadino stellen. Aber bezichtigte er sich so nicht
+selbst einer Tat, die am Ende unentdeckt bleiben
+oder doch nicht ihm zur Last gelegt werden w&uuml;rde?
+Gab es &uuml;berhaupt einen Beweis gegen ihn? War er
+nicht nach Venedig berufen? Wer durfte sagen,
+da&szlig; es eine Flucht war? Der Kutscher etwa, der die
+halbe Nacht an der Stra&szlig;e gewartet? Mit noch ein
+paar Goldst&uuml;cken war ihm das Maul gestopft. So
+<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>liefen seine Gedanken im Kreise. Pl&ouml;tzlich war ihm,
+als h&ouml;rte er hinter seinem R&uuml;cken das Getrabe von
+Pferden. Schon? war sein erster Gedanke. Er steckte
+den Kopf zum Wagenfenster hinaus, sah nach r&uuml;ckw&auml;rts,
+die Stra&szlig;e war leer. Sie waren an einem Geh&ouml;ft
+vorbeigefahren; es war der Widerhall vom Hufschlag
+seiner eignen Pferde gewesen. Da&szlig; er sich
+get&auml;uscht hatte, beruhigte ihn f&uuml;r eine Weile so
+sehr, als w&auml;re nun jede Gefahr f&uuml;r allemal vor&uuml;ber.
+Dort ragten die T&uuml;rme von Mantua ... &raquo;Vorw&auml;rts,
+vorw&auml;rts,&laquo; sagte er vor sich hin; denn er wollte gar
+nicht, da&szlig; es der Kutscher h&ouml;rte. Der aber, in der
+N&auml;he des Ziels, lie&szlig; die Rosse aus eignem Antrieb
+immer rascher laufen; bald waren sie am Tor, durch
+das Casanova vor noch nicht zweimal vierundzwanzig
+Stunden mit Olivo die Stadt verlassen; er gab dem
+Kutscher den Namen des Gasthofs an, vor dem er zu
+halten h&auml;tte; nach wenigen Minuten zeigte sich das
+Schild mit dem goldenen L&ouml;wen, und Casanova
+sprang aus dem Wagen. In der T&uuml;r stand die Wirtin;
+frisch, mit lachendem Gesicht, und schien nicht
+&uuml;bel gelaunt, Casanova zu empfangen, wie man eben
+einen Geliebten empf&auml;ngt, der nach unerw&uuml;nschter
+Abwesenheit als ein Hei&szlig;ersehnter wiederkehrt; er
+aber wies mit einem &auml;rgerlichen Blick auf den Kutscher
+wie auf einen l&auml;stigen Zeugen und hie&szlig; ihn
+dann, sich an Speise und Trank nach Herzenslust
+<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>g&uuml;tlich tun. &raquo;Ein Brief aus Venedig ist gestern abend
+f&uuml;r Sie angekommen, Herr Chevalier,&laquo; sagte die
+Wirtin. &#8211; &raquo;Noch einer?&laquo; fragte Casanova und lief
+die Treppen hinauf in sein Zimmer. Die Wirtin
+folgte ihm. Auf dem Tisch lag ein versiegeltes
+Schreiben. In h&ouml;chster Erregung &ouml;ffnete es Casanova.
+&#8211; Ein Widerruf? dachte er in Angst. Doch als er
+gelesen, erheiterte sich sein Gesicht. Es waren ein
+paar Zeilen von Bragadino mit einer Anweisung auf
+zweihundertf&uuml;nfzig Lire, die beilag, damit er seine
+Reise, wenn er etwa dazu entschlossen, auch nicht
+einen Tag l&auml;nger aufzuschieben gen&ouml;tigt sei. Casanova
+wandte sich zu der Wirtin und erkl&auml;rte ihr mit
+einer angenommenen verdrie&szlig;lichen Miene, da&szlig; er
+leider gezwungen sei, schon in dieser selben Stunde
+seine Reise fortzusetzen, wenn er nicht Gefahr laufen
+wolle, die Stelle zu verlieren, die ihm sein Freund
+Bragadino in Venedig verschafft habe, und um die
+hundert Bewerber da seien. Aber, setzte er gleich
+hinzu, als er bedrohliche Wolken auf der Wirtin
+Stirn aufziehen sah, er wolle sich die Stelle nur erst
+einmal sichern, sein Dekret &#8211; n&auml;mlich als Sekret&auml;r
+des Hohen Rats von Venedig &#8211; in Empfang nehmen,
+dann, wenn er einmal in Amt und W&uuml;rden sei, werde
+er sofort einen Urlaub verlangen, um seine Angelegenheiten
+in Mantua zu ordnen, den k&ouml;nne man
+ihm nat&uuml;rlich nicht verweigern; er lasse ja sogar
+<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>seine meisten Habseligkeiten hier zur&uuml;ck &#8211; und
+dann, dann h&auml;nge es nur von seiner teuern, von
+seiner entz&uuml;ckenden Freundin ab, ob sie nicht ihr
+Wirtsgesch&auml;ft hier aufgeben und ihm als seine Gattin
+nach Venedig folgen wolle ... Sie fiel ihm um den
+Hals und fragte ihn mit schwimmenden Augen, ob
+sie ihm nicht vor seiner Abfahrt wenigstens ein
+t&uuml;chtiges Fr&uuml;hst&uuml;ck ins Zimmer bringen d&uuml;rfe. Er
+wu&szlig;te, da&szlig; es auf eine Abschiedsfeier abgesehen
+war, zu der er nicht das geringste Verlangen versp&uuml;rte,
+doch er erkl&auml;rte sich einverstanden, um sie
+nur endlich einmal los zu sein; als sie die Treppe
+hinunter war, packte er noch von W&auml;sche und B&uuml;chern,
+was er am dringendsten ben&ouml;tigte, in seine
+Tasche, begab sich in die Wirtsstube, wo er den
+Kutscher bei einem reichlichen Mahle fand, und fragte
+ihn, ob er &#8211; gegen eine Summe, die den gew&ouml;hnlichen
+Preis um das Doppelte &uuml;berstieg &#8211; bereit w&auml;re,
+sofort mit den gleichen Pferden in der Richtung gegen
+Venedig zu fahren, bis zur n&auml;chsten Poststation.
+Der Kutscher schlug ohne weiteres ein, und so war
+Casanova f&uuml;r den Augenblick die schlimmste Sorge
+los. Die Wirtin trat ein, zornrot im Gesicht, und
+fragte ihn, ob er vergessen habe, da&szlig; sein Fr&uuml;hst&uuml;ck
+ihn auf dem Zimmer erwarte. Casanova erwiderte
+ihr in der unbefangensten Weise, er habe es keineswegs
+vergessen, und bat sie zugleich, da es ihm an
+<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Zeit mangle, das Bankhaus aufzusuchen, auf das sein
+Wechsel ausgestellt war, ihm gegen die Anweisung,
+die er ihr &uuml;berreichte, zweihundertf&uuml;nfzig Lire auszuh&auml;ndigen.
+W&auml;hrend sie lief, das Geld zu holen,
+ging Casanova auf sein Zimmer und begann mit einer
+wahrhaft tierischen Gier das Essen hinunterzuschlingen,
+das bereitgestellt war. Er lie&szlig; sich nicht
+st&ouml;ren, da die Wirtin erschien, steckte nur rasch
+das Geld ein, das sie ihm gebracht hatte; &#8211; als er
+fertig war, wandte er sich der Frau zu, die z&auml;rtlich
+an seine Seite ger&uuml;ckt war, nun endlich ihre Stunde
+f&uuml;r gekommen hielt und in nicht mi&szlig;zuverstehender
+Weise ihre Arme gegen ihn ausbreitete, &#8211; er umschlang
+sie heftig, k&uuml;&szlig;te sie auf beide Wangen,
+dr&uuml;ckte sie an sich, und als sie bereit schien, ihm
+nichts mehr zu versagen, ri&szlig; er sich mit den Worten:
+&raquo;Ich mu&szlig; fort ... auf Wiedersehen!&laquo; so heftig von
+ihr los, da&szlig; sie nach r&uuml;ckw&auml;rts in die Ecke des
+Sofas fiel. Der Ausdruck ihrer Mienen, in seiner
+Mischung von Entt&auml;uschung, Zorn, Ohnmacht, hatte
+etwas so unwiderstehlich Komisches, da&szlig; Casanova,
+w&auml;hrend er die T&uuml;r hinter sich zuschlo&szlig;, sich nicht
+enthalten konnte, laut aufzulachen.</p>
+
+<p>Da&szlig; sein Fahrgast es eilig hatte, konnte dem Kutscher
+nicht entgangen sein; sich &uuml;ber die Gr&uuml;nde
+Gedanken zu machen, war er nicht verpflichtet;
+jedenfalls sa&szlig; er fahrtbereit auf dem Bock, als Casanova
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>aus der T&uuml;r des Gasthofs trat, und hieb m&auml;chtig
+auf die Pferde ein, sobald jener eingestiegen war.
+Auch hielt er es f&uuml;r richtig, nicht mitten durch die
+Stadt zu fahren, sondern umkreiste sie, um an ihrem
+andern Ende wieder auf die Landstra&szlig;e zu geraten.
+Noch stand die Sonne nicht hoch, es fehlten drei
+Stunden auf Mittag. Casanova dachte: Es ist sehr
+wohl m&ouml;glich, da&szlig; man den toten Lorenzi noch nicht
+einmal gefunden hat. Da&szlig; er selbst Lorenzi umgebracht
+hatte, kam ihm kaum recht zu Bewu&szlig;tsein;
+er war nur froh, da&szlig; er sich immer weiter von
+Mantua entfernte, da&szlig; ihm endlich f&uuml;r eine Weile
+Ruhe geg&ouml;nnt war ... Er verfiel in den tiefsten
+Schlaf seines Lebens, der gewisserma&szlig;en zwei Tage
+und zwei N&auml;chte dauerte; denn die kurzen Unterbrechungen,
+die das Wechseln der Pferde notwendig
+machte, und w&auml;hrend deren er in Wirtsstuben sa&szlig;,
+vor Posth&auml;usern auf und ab ging, mit Postmeistern,
+Wirten, Zollw&auml;chtern, Reisenden gleichg&uuml;ltige Zufallsworte
+tauschte, hatte er als Einzelvorf&auml;lle nicht
+im Ged&auml;chtnis zu bewahren vermocht. So flo&szlig; sp&auml;ter
+die Erinnerung dieser zwei Tage und N&auml;chte mit
+dem Traum zusammen, den er in Marcolinens Bett
+getr&auml;umt, und auch der Zweikampf der zwei nackten
+Menschen auf einem gr&uuml;nen Rasen im Fr&uuml;hsonnenschein
+geh&ouml;rte irgendwie zu diesem Traum, in dem
+er manchmal in einer r&auml;tselhaften Weise nicht Casanova,
+<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>sondern Lorenzi, nicht der Sieger, sondern
+der Gefallene, nicht der Entfliehende, sondern der
+Tote war, um dessen blassen J&uuml;nglingsleib einsamer
+Morgenwind spielte; und beide, er selbst und Lorenzi,
+waren nicht wirklicher als die Senatoren in
+den roten Purpurm&auml;nteln, die als Bettler vor ihm
+auf den Knien herumgerutscht waren, und nicht
+weniger wirklich als jener ans Gel&auml;nder irgendeiner
+Br&uuml;cke gelehnte Alte, dem er in der Abendd&auml;mmerung
+aus dem Wagen ein Almosen zugeworfen hatte.
+H&auml;tte Casanova nicht mittelst seiner Urteilskraft das
+Erlebte und Getr&auml;umte auseinanderzuhalten vermocht,
+so h&auml;tte er sich einbilden k&ouml;nnen, da&szlig; er in
+Marcolinens Armen in einen wirren Traum verfallen
+war, aus dem er erst beim Anblick des Campanile
+von Venedig erwachte.</p>
+
+<p>Es war am dritten Morgen seiner Reise, da&szlig; er,
+von Mestre aus, den Glockenturm nach mehr als
+zwanzig Jahren der Sehnsucht zum erstenmal wieder
+erschaute, &#8211; ein graues Steingebilde, das einsam
+ragend aus der D&auml;mmerung wie aus weiter Ferne
+vor ihm auftauchte. Aber er wu&szlig;te, da&szlig; ihn jetzt
+nur mehr eine Fahrt von zwei Stunden von der geliebten
+Stadt trennte, in der er jung gewesen war.
+Er entlohnte den Kutscher, ohne zu wissen, ob es
+der vierte, f&uuml;nfte oder sechste war, mit dem er seit
+Mantua abzurechnen hatte, und eilte, von einem
+<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Jungen gefolgt, der ihm das Gep&auml;ck nachtrug, durch
+die armseligen Stra&szlig;en zum Hafen, um das Marktschiff
+zu erreichen, das heute noch, wie vor f&uuml;nfundzwanzig
+Jahren, um sechs Uhr nach Venedig abging.
+Es schien nur noch auf ihn gewartet zu haben; kaum
+hatte er unter Weibern, die ihre Ware zur Stadt
+brachten, kleinen Gesch&auml;ftsleuten, Handwerkern auf
+einer schmalen Bank seinen Platz eingenommen, als
+sich das Schiff in Bewegung setzte. Der Himmel
+war tr&uuml;b; Dunst lag auf den Lagunen; es roch nach
+faulem Wasser, nach feuchtem Holz, nach Fischen
+und nach frischem Obst. Immer h&ouml;her ragte der
+Campanile, andre T&uuml;rme zeichneten sich in der Luft
+ab, Kirchenkuppeln wurden sichtbar; von irgendeinem
+Dach, von zweien, von vielen gl&auml;nzte der
+Strahl der Morgensonne ihm entgegen; &#8211; H&auml;user
+r&uuml;ckten auseinander, wuchsen in die H&ouml;he; Schiffe,
+gr&ouml;&szlig;ere und kleinere, tauchten aus dem Nebel; Gr&uuml;&szlig;e
+von einem zum andern wurden getauscht. Das Geschw&auml;tz
+rings um ihn wurde lauter; ein kleines
+M&auml;dchen bot ihm Trauben zum Kauf; er verzehrte
+die blauen Beeren, spuckte die Schalen nach der Art
+seiner Landsleute hinter sich &uuml;ber Bord und lie&szlig;
+sich in ein Gespr&auml;ch mit irgendeinem Menschen ein,
+der seine Befriedigung dar&uuml;ber &auml;u&szlig;erte, da&szlig; nun
+endlich sch&ouml;nes Wetter anzubrechen scheine. Wie,
+es hatte hier drei Tage lang geregnet? Er wu&szlig;te
+<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>nichts davon; er kam aus dem S&uuml;den, aus Neapel,
+aus Rom ... Schon fuhr das Schiff durch die Kan&auml;le
+der Vorstadt; schmutzige H&auml;user starrten ihn aus
+tr&uuml;ben Fenstern wie mit bl&ouml;den fremden Augen an,
+zwei-, dreimal hielt das Schiff an, ein paar junge
+Leute, einer mit einer gro&szlig;en Mappe unterm Arm,
+Weiber mit K&ouml;rben stiegen aus; &#8211; nun kam man in
+freundlichere Bezirke. War dies nicht die Kirche,
+in der Martina zur Beichte gegangen war? &#8211; Und
+dies nicht das Haus, in dem er die blasse, todkranke
+Agathe auf seine Weise wieder rot und gesund gemacht
+hatte? &#8211; Und hatte er in jenem nicht den
+schuftigen Bruder der reizenden Silvia braun und
+blau gepr&uuml;gelt? Und in jenem Seitenkanal das kleine
+gelbliche Haus, auf dessen wasserbesp&uuml;lten Stufen
+ein dickes Frauenzimmer mit nackten F&uuml;&szlig;en stand ...
+Ehe er sich noch zu besinnen vermochte, welche Erscheinung
+aus fernen Jugendtagen er dahin zu versetzen
+hatte, war das Schiff in den gro&szlig;en Kanal
+eingelenkt und fuhr nun auf der breiten Wasserstra&szlig;e
+langsam zwischen Pal&auml;sten weiter. Es war Casanova,
+von seinem Traume her, als w&auml;r&#8217; er erst tags vorher
+denselben Weg gefahren. An der Rialtobr&uuml;cke stieg
+er aus; denn eh&#8217; er sich zu Herrn Bragadino begab,
+wollte er in einem nahen kleinen wohlfeilen Gasthof,
+dessen er sich der Lage, aber nicht dem Namen nach
+erinnerte, sein Gep&auml;ck unterbringen und sich eines
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Zimmers versichern. Er fand das Haus verfallener,
+oder mindestens vernachl&auml;ssigter, als er es im Ged&auml;chtnis
+bewahrt hatte; ein verdrossener unrasierter
+Kellner wies ihm einen wenig freundlichen Raum
+mit der Aussicht auf die fensterlose Mauer eines
+gegen&uuml;berliegenden Hauses an. Doch Casanova wollte
+keine Zeit verlieren; auch war ihm, da sich seine
+Barschaft auf der Reise beinahe g&auml;nzlich ersch&ouml;pft
+hatte, der niedrige Preis des Zimmers sehr erw&uuml;nscht;
+so beschlo&szlig; er, vorl&auml;ufig hier zu bleiben, befreite
+sich vom Staub und Schmutz der langen Reise, &uuml;berlegte
+eine Weile, ob er sich in sein Prachtgewand
+werfen sollte, fand es dann doch angemessen, wieder
+das bescheidenere anzulegen, und verlie&szlig; endlich
+den Gasthof. Nur hundert Schritte waren es, durch
+ein schmales G&auml;&szlig;chen und &uuml;ber eine Br&uuml;cke, zu dem
+kleinen vornehmen Palazzo, in dem Bragadino
+wohnte. Ein junger Bedienter mit einem ziemlich
+unversch&auml;mten Gesicht nahm Casanovas Anmeldung
+entgegen, tat, als wenn er den ber&uuml;hmten Namen
+niemals geh&ouml;rt h&auml;tte, kam aber mit einer etwas
+freundlicheren Miene aus den Gem&auml;chern seines
+Herrn wieder und lie&szlig; den Gast eintreten. Bragadino
+sa&szlig; an einem nah ans offene Fenster ger&uuml;ckten
+Tisch beim Fr&uuml;hst&uuml;ck; er wollte sich erheben, was
+Casanova nicht zulie&szlig;. &#8211; &raquo;Mein teuerer Casanova,&laquo;
+rief Bragadino aus, &raquo;wie gl&uuml;cklich bin ich, Sie wiederzusehen!
+<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>Ja, wer h&auml;tte gedacht, da&szlig; wir uns
+&uuml;berhaupt jemals wiedersehen w&uuml;rden?&laquo; Und er
+streckte ihm beide H&auml;nde entgegen. Casanova ergriff
+sie, als wenn er sie k&uuml;ssen wollte, tat es aber
+nicht und erwiderte die herzliche Begr&uuml;&szlig;ung mit
+Worten hei&szlig;en Dankes in der etwas hochtrabenden
+Art, von der seine Ausdrucksweise bei solchen Gelegenheiten
+nicht frei war. Bragadino forderte ihn
+auf, Platz zu nehmen, und fragte ihn vor allem, ob
+er schon gefr&uuml;hst&uuml;ckt habe. Als Casanova verneinte,
+klingelte Bragadino dem Diener und gab ihm die
+entsprechende Weisung. Als der Diener sich entfernt
+hatte, &auml;u&szlig;erte Bragadino seine Befriedigung dar&uuml;ber,
+da&szlig; Casanova das Anerbieten des Hohen Rats ohne
+Vorbehalt angenommen; es werde ihm gewi&szlig; nicht
+zum Nachteil gereichen, da&szlig; er sich entschlossen habe,
+dem Vaterland seine Dienste zu widmen. Casanova
+erkl&auml;rte, da&szlig; er sich gl&uuml;cklich sch&auml;tzen werde, die
+Zufriedenheit des Hohen Rats zu erwerben. &#8211; So
+sprach er und dachte sich sein Teil dabei. Freilich
+von irgendwelchem Ha&szlig; gegen Bragadino versp&uuml;rte
+er nichts mehr in sich; eher eine gewisse R&uuml;hrung
+&uuml;ber den einf&auml;ltig gewordenen uralten Mann, der ihm
+da gegen&uuml;bersa&szlig; mit d&uuml;nngewordenem wei&szlig;em Bart
+und rotger&auml;nderten Augen, und dem die Tasse in
+der mageren Hand zitterte. Als Casanova ihn zum
+letztenmal gesehen hatte, mochte Bragadino etwa
+<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>soviel Jahre z&auml;hlen als Casanova heute; freilich war
+er ihm schon damals wie ein Greis erschienen.</p>
+
+<p>Nun brachte der Diener das Fr&uuml;hst&uuml;ck f&uuml;r Casanova,
+der sich&#8217;s, ohne sich viel zureden zu lassen,
+vortrefflich schmecken lie&szlig;, da er auf seiner Reise
+nur hie und da einen sp&auml;rlichen Imbi&szlig; in Hast zu
+sich genommen. &#8211; Ja, Tag und Nacht war er von
+Mantua bis hierher gereist; &#8211; so eilig hatte er&#8217;s,
+dem Hohen Rat seine Bereitwilligkeit, dem edlen
+G&ouml;nner seine unausl&ouml;schliche Dankbarkeit zu beweisen:
+dies brachte er zur Entschuldigung vor f&uuml;r die
+beinahe unanst&auml;ndige Gier, mit der er die dampfende
+Schokolade schl&uuml;rfte. Durchs Fenster drangen die
+tausendf&auml;ltigen Ger&auml;usche des Lebens von den gro&szlig;en
+und kleinen Kan&auml;len; die Rufe der Gondelf&uuml;hrer
+schwebten eint&ouml;nig &uuml;ber alle andern hin; irgendwo,
+nicht zu weit, vielleicht in dem Palast gegen&uuml;ber &#8211;
+war es nicht der des Fogazzari? &#8211; sang eine sch&ouml;ne,
+ziemlich hohe Frauenstimme Koloraturen; sie geh&ouml;rte
+offenbar einem sehr jungen Wesen an, einem
+Wesen, das noch nicht einmal geboren war zur Zeit,
+da Casanova aus den Bleikammern entflohen war. &#8211;
+Er a&szlig; Zwieback und Butter, Eier, kaltes Fleisch;
+und entschuldigte sich immer wieder ob seiner Uners&auml;ttlichkeit
+bei Bragadino, der ihm vergn&uuml;gt zusah.
+&raquo;Ich liebe es,&laquo; sagte er, &raquo;wenn junge Leute Appetit
+haben! Und soviel ich mich erinnere, mein teuerer
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>Casanova, hat es Ihnen daran nie gefehlt!&laquo; Und er
+entsann sich eines Mahls, das er in den ersten Tagen
+ihrer Bekanntschaft gemeinsam mit Casanova genossen
+&#8211; vielmehr, bei dem er seinem jungen Freunde
+bewundernd zugeschaut hatte &#8211; wie heute; denn er
+selbst war damals noch nicht so weit gewesen, es
+war n&auml;mlich, kurz nachdem Casanova den Arzt
+hinausgeworfen, der den armen Bragadino durch
+die ewigen Aderl&auml;sse fast ins Grab gebracht hatte ...
+Sie redeten von vergangenen Zeiten; ja &#8211; damals war
+das Leben in Venedig sch&ouml;ner gewesen als heute. &#8211;
+&raquo;Nicht &uuml;berall,&laquo; sagte Casanova und spielte durch ein
+feines L&auml;cheln auf die Bleid&auml;cher an. Bragadino wehrte
+mit einer Handbewegung ab, als w&auml;re nun nicht die
+Stunde, sich solcher kleiner Unannehmlichkeiten zu
+erinnern. &Uuml;brigens, er, Bragadino, hatte auch damals
+alles m&ouml;gliche versucht, um Casanova vor der Strafe
+zu retten, wenn auch leider vergeblich. Ja, wenn er
+schon damals dem Rat der Zehn angeh&ouml;rt h&auml;tte!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>So kamen sie auf politische Angelegenheiten zu
+reden, und Casanova erfuhr von dem alten Mann,
+der, von seinem Thema entz&uuml;ndet, den Witz und
+die ganze Lebendigkeit seiner j&uuml;ngeren Jahre wiederzufinden
+schien, gar Vieles und Merkw&uuml;rdiges
+&uuml;ber die bedenkliche Geistesrichtung, der ein Teil
+der Venezianer Jugend neuerdings anzuh&auml;ngen, und
+&uuml;ber die gef&auml;hrlichen Umtriebe, die sich in unverkennbaren
+<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>Zeichen anzuk&uuml;ndigen beg&auml;nnen; und
+er war gar nicht &uuml;bel vorbereitet, als er sich noch
+am Abend desselben Tags, den er, in sein tr&uuml;bseliges
+Gasthofzimmer eingeschlossen, nur zur Beschwichtigung
+seiner vielfach aufgest&ouml;rten Seele mit dem
+Ordnen und teilweisen Verbrennen von Papieren
+verbracht hatte, in das Caf&eacute; Quadri am Markusplatz
+verf&uuml;gte, das als Hauptversammlungsort der Freidenker
+und Umst&uuml;rzler galt. Durch einen alten
+Musiker, der ihn sofort wiedererkannte, den einstigen
+Kapellmeister des Theaters San Samuele, desselben,
+in dem Casanova vor drei&szlig;ig Jahren Geige gespielt
+hatte, wurde er auf die ungezwungenste Weise in
+eine Gesellschaft von meist j&uuml;ngern Leuten eingef&uuml;hrt,
+deren Namen ihm von seinem Morgengespr&auml;ch
+mit Bragadino her als besonders verd&auml;chtige
+in Erinnerung verblieben waren. Sein eigner
+Name aber schien auf die andern keineswegs in der
+Art zu wirken, die zu erwarten er berechtigt gewesen
+w&auml;re; ja die meisten wu&szlig;ten offenbar nicht
+mehr von Casanova, als da&szlig; er vor langer Zeit aus
+irgendeinem Grunde oder vielleicht auch ganz unschuldig
+in den Bleikammern gefangen gesessen und
+unter allerlei F&auml;hrlichkeiten von dort entkommen
+war. Das B&uuml;chlein, in dem er schon vor Jahren
+seine Flucht so lebendig geschildert hatte, war zwar
+nicht unbekannt geblieben, doch mit der geb&uuml;hrenden
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>Aufmerksamkeit schien es niemand gelesen zu
+haben. Es machte Casanova einigen Spa&szlig;, zu denken,
+da&szlig; es nur von ihm abhinge, jedem dieser
+jungen Herrn baldigst zu pers&ouml;nlichen Erfahrungen
+&uuml;ber die Lebensbedingungen unter den Bleid&auml;chern
+von Venedig und &uuml;ber die Schwierigkeiten des Entkommens
+zu verhelfen; aber fern davon, einen so
+boshaften Einfall durchschimmern oder gar erraten
+zu lassen, verstand er es vielmehr, auch hier den
+Harmlosen und Liebensw&uuml;rdigen zu spielen, und
+unterhielt bald die Gesellschaft nach seiner Art mit
+der Erz&auml;hlung von allerlei heitern Abenteuern, die
+ihm auf seiner letzten Reise von Rom hierher begegnet
+waren; &#8211; Geschichten, die, wenn auch im ganzen
+ziemlich wahr, in Wirklichkeit immerhin f&uuml;nfzehn
+bis zwanzig Jahre zur&uuml;cklagen. W&auml;hrend man ihm
+noch angeregt zuh&ouml;rte, brachte irgendwer mit andern
+Neuigkeiten die Kunde, da&szlig; ein Offizier aus
+Mantua in der N&auml;he des Landguts eines Freundes,
+wo er zu Besuch geweilt, umgebracht und die Leiche
+von den R&auml;ubern bis aufs Hemd ausgepl&uuml;ndert worden
+w&auml;re. Da dergleichen &Uuml;berf&auml;lle und Mordtaten
+zu jener Zeit nicht gerade selten vorkamen, erregte
+der Fall auch in diesem Kreise kein sonderliches Aufsehen,
+und Casanova fuhr in seiner Erz&auml;hlung fort, wo
+man ihn unterbrochen hatte, &#8211; als ginge ihn die Sache
+so wenig an wie die &uuml;brigen; ja, von einer Unruhe
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>befreit, die er sich nur nicht recht eingestanden hatte,
+fand er noch lustigere und frechere Worte als vorher.</p>
+
+<p>Mitternacht war vorbei, als er nach fl&uuml;chtigem
+Abschied von seinen neuen Bekannten unbegleitet
+auf den weiten leeren Platz hinaustrat, &uuml;ber dem
+sternenlos, doch ruhelos flimmernd ein dunstschwerer
+Himmel hing. Mit einer Art von schlafwandlerischer
+Sicherheit, ohne sich eigentlich bewu&szlig;t
+zu werden, da&szlig; er ihn in dieser Stunde nach
+einem Vierteljahrhundert zum ersten Male wieder
+ging, fand er den Weg durch enge G&auml;&szlig;chen zwischen
+dunklen H&auml;usermauern und &uuml;ber schmale Br&uuml;ckenstege,
+unter denen die schw&auml;rzlichen Kan&auml;le den
+ewigen Wassern zuzogen, nach seinem elenden Gasthof,
+dessen Tor erst auf wiederholtes Klopfen sich
+tr&auml;g und unfreundlich vor ihm &ouml;ffnete; &#8211; und wenige
+Minuten sp&auml;ter, in einer schmerzenden M&uuml;digkeit,
+die durch seine Glieder lastete, ohne sie zu l&ouml;sen,
+mit einem bittern Nachgeschmack auf den Lippen,
+den er gleichsam aus dem Innersten seines Wesens
+nach oben steigen f&uuml;hlte, warf er sich, nur halb ausgekleidet,
+auf ein schlechtes Bett, um nach f&uuml;nfundzwanzig
+Jahren der Verbannung den ersten, so lang
+ersehnten Heimatschlaf zu tun, der endlich, bei anbrechendem
+Morgen, traumlos und dumpf, sich des
+alten Abenteurers erbarmte.</p>
+
+<p class="ende">ENDE</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a></p>
+<h3>Anmerkung</h3>
+
+<p>Ein Besuch Casanovas bei Voltaire in Ferney hat
+tats&auml;chlich stattgefunden, doch alle in der vorstehenden
+Novelle daran gekn&uuml;pften Folgerungen, wie insbesondre
+die, da&szlig; Casanova sich mit einer gegen Voltaire
+gerichteten Streitschrift besch&auml;ftigt h&auml;tte, haben
+mit der geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun.
+Historisch ist ferner, da&szlig; Casanova sich im Alter zwischen
+f&uuml;nfzig und sechzig gen&ouml;tigt sah, in seiner Vaterstadt
+Venedig Spionendienste zu leisten; wie man
+auch &uuml;ber manche andre fr&uuml;here Erlebnisse des ber&uuml;hmten
+Abenteurers, deren im Verlaufe der Novelle
+beil&auml;ufig Erw&auml;hnung geschieht, in seinen &raquo;Erinnerungen&laquo;
+ausf&uuml;hrlichere und getreuere Nachrichten finden
+kann. Im &uuml;brigen ist die ganze Erz&auml;hlung von
+&raquo;Casanovas Heimfahrt&laquo; frei erfunden.</p>
+
+<p class="right">A.&nbsp;S.</p>
+</div>
+
+<p><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a></p>
+<div class="advertisements">
+<h1>Werke von Arthur Schnitzler<br />
+in Einzelausgaben</h1>
+
+<table>
+<tr><td class="title">Das M&auml;rchen. Schauspiel</td><td align="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Anatol. Ein Einakterzyklus</td><td align="right">20. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Sterben. Novelle</td><td align="right">10. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Liebelei. Schauspiel</td><td align="right">16. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Freiwild. Schauspiel</td><td align="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Die Frau des Weisen. Novelletten</td><td align="right">8. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Das Verm&auml;chtnis. Schauspiel</td><td align="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Der gr&uuml;ne Kakadu. Drei Einakter</td><td align="right">8. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Der Schleier der Beatrice. Schauspiel</td><td align="right">4. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Frau Berta Garlan. Novelle</td><td align="right">61. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Leutnant Gustl. Novelle</td><td align="right">18. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Lebendige Stunden. Vier Einakter</td><td align="right">9. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Der einsame Weg. Schauspiel</td><td align="right">7. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Zwischenspiel. Kom&ouml;die</td><td align="right"> 5. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Der Ruf des Lebens. Schauspiel</td><td align="right">4. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Marionetten. Drei Einakter</td><td align="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">D&auml;mmerseelen. Novellen</td><td align="right">13. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Der Weg ins Freie. Roman</td><td align="right">33. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Komtesse Mizzi. Kom&ouml;die</td><td align="right">4. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Der junge Medardus. Dramatische Historie</td><td align="right">7. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Das weite Land. Tragikom&ouml;die</td><td align="right">7. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Masken und Wunder. Novellen</td><td align="right">14. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Professor Bernhardi. Kom&ouml;die</td><td align="right">14. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Frau Beate und ihr Sohn. Novelle</td><td align="right">13. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Die griechische T&auml;nzerin. Novellen</td><td align="right">55. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Kom&ouml;die der Worte. Drei Einakter</td><td align="right">7. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Doktor Gr&auml;sler, Badearzt. Erz&auml;hlung</td><td align="right">26. Auflage</td></tr>
+<tr><td class="title">Fink und Fliederbusch. Kom&ouml;die</td><td align="right">6. Auflage</td></tr>
+</table>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a></p>
+<h1>Gesammelte Werke<br />
+von Arthur Schnitzler</h1>
+
+
+<h2>1. Die erz&auml;hlenden Schriften in 3 B&auml;nden</h2>
+
+<p><em class="gesperrt">1. Band: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau
+des Weisen. Der Ehrentag. Die Toten schweigen.
+Andreas Thameyers letzter Brief. Der blinde
+Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die
+griechische T&auml;nzerin.</em></p>
+
+<p><em class="gesperrt">2. Band: Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn
+von Leisenbohg. Die Fremde. Die Weissagung.
+Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen.
+Der tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda.
+Der M&ouml;rder. Die dreifache Warnung. Die Hirtenfl&ouml;te.</em></p>
+
+<p><em class="gesperrt">3. Band: Der Weg ins Freie.</em></p>
+
+
+<h2>2. Die Theaterst&uuml;cke in 4 B&auml;nden</h2>
+
+<p><em class="gesperrt">1. Band: Anatol. Das M&auml;rchen. Liebelei. Freiwild.
+Das Verm&auml;chtnis.</em></p>
+
+<p><em class="gesperrt">2. Band: Paracelsus. Die Gef&auml;hrtin. Der gr&uuml;ne
+Kakadu. Der Schleier der Beatrice. Lebendige
+Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten
+Masken. Literatur.</em></p>
+
+<p><em class="gesperrt">3. Band: Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der
+Puppenspieler. Der tapfere Cassian. Zum gro&szlig;en
+Wurstel. Der Ruf des Lebens.</em></p>
+
+<p><em class="gesperrt">4. Band: Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Der
+junge Medardus. Das weite Land.</em></p>
+
+
+<p class="printer"><em class="gesperrt">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</em></p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1918 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die gescannten Bilddateien wurden freundlicherweise vom
+<strong>austrian literature online</strong> Archiv zur Verf&uuml;gung gestellt.
+(<a href="http://www.literature.at">http://www.literature.at</a>)</p>
+
+<p>Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller
+gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<p>p 021: das schmale Brett, da&szlig; ihnen -> das<br />
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit<br />
+p 035: [Punkt erg&auml;nzt] &raquo;Ich w&auml;re neugierig, ihn n&auml;her kennenzulernen.&laquo;<br />
+p 035: da&szlig; sie indes nach Warschau -> Sie<br />
+p 161: [Punkt erg&auml;nzt] da&szlig; er vollkommen ruhig war.<br />
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den</p>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p>Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1918 by S. Fischer, Berlin. The scanned images
+have been generously made available by the <strong>austrian literature online</strong>
+archive. (<a href="http://www.literature.at">http://www.literature.at</a>)</p>
+
+<p>The table below lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+<p>p 021: das schmale Brett, da&szlig; ihnen -> das<br />
+p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit<br />
+p 035: [added period] &raquo;Ich w&auml;re neugierig, ihn n&auml;her kennenzulernen.&laquo;<br />
+p 035: da&szlig; sie indes nach Warschau -> Sie<br />
+p 161: [added period] da&szlig; er vollkommen ruhig war.<br />
+p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT ***
+
+***** This file should be named 18148-h.htm or 18148-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/1/4/18148/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
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+States.
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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new file mode 100644
index 0000000..6e7a518
--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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