diff options
Diffstat (limited to '18148-0.txt')
| -rw-r--r-- | 18148-0.txt | 4007 |
1 files changed, 4007 insertions, 0 deletions
diff --git a/18148-0.txt b/18148-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a05de3f --- /dev/null +++ b/18148-0.txt @@ -0,0 +1,4007 @@ +The Project Gutenberg EBook of Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Casanovas Heimfahrt + +Author: Arthur Schnitzler + +Release Date: April 11, 2006 [EBook #18148] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at Austrian Literature +Online.) + + + + + + + CASANOVAS HEIMFAHRT + + + NOVELLE + VON + + ARTHUR SCHNITZLER + + + 1918 + + S. FISCHER * VERLAG + BERLIN + + + Erste bis fünfzehnte Auflage + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + Copyright 1918 S. Fischer, Verlag + + + + +CASANOVAS HEIMFAHRT + + +In seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahre, als Casanova längst nicht +mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit +nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde, fühlte er in seiner Seele +das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig so heftig anwachsen, daß er +sie, gleich einem Vogel, der aus luftigen Höhen zum Sterben allmählich +nach abwärts steigt, in eng und immer enger werdenden Kreisen zu +umziehen begann. Öfter schon in den letzten zehn Jahren seiner +Verbannung hatte er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man möge ihm die +Heimkehr gestatten; doch hatten ihm früher bei der Abfassung solcher +Satzschriften, in denen er Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal +auch ein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst die Feder geführt, so +schien sich seit einiger Zeit in seinen fast demütig flehenden Worten +ein schmerzliches Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer +auszusprechen. Er glaubte um so sicherer auf Erhörung rechnen zu dürfen, +als die Sünden seiner früheren Jahre, unter denen übrigens nicht +Zuchtlosigkeit, Händelsucht und Betrügereien meist lustiger Natur, +sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren die unverzeihlichste +dünkte, allmählich in Vergessenheit zu geraten begannen und die +Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig, +die er unzählige Male an regierenden Höfen, in adeligen Schlössern, an +bürgerlichen Tischen und in übelberüchtigten Häusern zum besten gegeben +hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen knüpfte, zu +übertönen anfing; und eben wieder, in Briefen nach Mantua, wo er sich +seit zwei Monaten aufhielt, hatten hochmögende Herren dem an innerm wie +an äußerm Glanz langsam verlöschenden Abenteurer Hoffnung gemacht, daß +sich sein Schicksal binnen kurzem günstig entscheiden würde. + +Da seine Geldmittel recht spärlich geworden waren, hatte Casanova +beschlossen, in dem bescheidenen, aber anständigen Gasthof, den er schon +in glücklicheren Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen der +Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich indes die Zeit – +ungeistigerer Zerstreuungen nicht zu gedenken, auf die gänzlich zu +verzichten er nicht imstande war – hauptsächlich mit Abfassung einer +Streitschrift gegen den Lästerer Voltaire, durch deren Veröffentlichung +er seine Stellung und sein Ansehen in Venedig gleich nach seiner +Wiederkehr bei allen Gutgesinnten in unzerstörbarer Weise zu befestigen +gedachte. + +Eines Morgens auf einem Spaziergang außerhalb der Stadt, während er für +einen vernichtenden, gegen den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die +letzte Abrundung zu finden sich mühte, befiel ihn plötzlich eine +außerordentliche, fast körperlich peinvolle Unruhe; das Leben, das er in +leidiger Gewöhnung nun schon durch drei Monate führte: die +Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus, die kleinen Spielabende +bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten, +die Zärtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber feurigen Wirtin, +ja sogar die Beschäftigung mit den Werken Voltaires und die Arbeit an +seiner eigenen kühnen und bisher, wie ihm dünkte, nicht übel gelungenen +Erwiderung; – all dies erschien ihm, in der linden, allzu süßen Luft +dieses Spätsommermorgens, gleichermaßen sinnlos und widerwärtig; er +murmelte einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen oder was er +damit treffen wollte; und, den Griff seines Degens umklammernd, +feindselige Blicke nach allen Seiten sendend, als richteten aus der +Einsamkeit ringsum unsichtbare Augen sich höhnend auf ihn, wandte er +plötzlich seine Schritte nach der Stadt zurück, in der Absicht, noch in +derselben Stunde Anstalten für seine sofortige Abreise zu treffen. Denn +er zweifelte nicht, daß er sich sofort besser befinden würde, wenn er +nur erst der ersehnten Heimat wieder um einige Meilen näher gerückt +wäre. Er beschleunigte seinen Gang, um sich rechtzeitig einen Platz in +der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang in der Richtung nach +Osten abfuhr; – weiter hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen +Abschiedsbesuch beim Baron Perotti wohl schenken durfte, und ihm eine +halbe Stunde vollauf genügte, um seine gesamten Habseligkeiten für die +Reise einzupacken. Er dachte der zwei etwas abgetragenen Gewänder, von +denen er das schlechtere am Leibe trug, und der vielfach geflickten, +einst fein gewesenen Wäsche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen +Kette samt Uhr und einer Anzahl von Büchern seinen ganzen Besitz +ausmachten; – vergangene Tage fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann, +mit allem Notwendigen und Überflüssigen reichlich ausgestattet, wohl +auch mit einem Diener – der freilich meist ein Gauner war – im +prächtigen Reisewagen durch die Lande fuhr; – und ohnmächtiger Zorn +trieb ihm die Tränen in die Augen. Ein junges Weib, die Peitsche in der +Hand, kutschierte ein Wägelchen an ihm vorbei, darin zwischen Säcken und +allerlei Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag. Sie blickte +Casanova, wie er verzerrten Gesichtes, Unverständliches durch die Zähne +murmelnd, unter den abgeblühten Kastanienbäumen der Heerstraße +langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig spöttisch ins +Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig blitzend erwidert sah, nahmen +ihre Augen einen erschrockenen, und endlich, wie sie sich im +Weiterfahren nach ihm umwandte, einen wohlgefällig lüsternen Ausdruck +an. Casanova, der wohl wußte, daß Grimm und Haß länger in den Farben der +Jugend zu spielen vermögen als Sanftheit und Zärtlichkeit, erkannte +sofort, daß es nur eines frechen Anrufs von seiner Seite bedurft hätte, +um dem Wagen Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib anstellen zu +können, was ihm weiter beliebte; doch, obzwar diese Erkenntnis seine +Laune für den Augenblick besserte, schien es ihm nicht der Mühe wert, um +eines so geringen Abenteuers willen auch nur wenige Minuten zu +verziehen; und so ließ er das Bauernwägelchen samt seinen Insassen im +Staub und Dunst der Landstraße unangefochten weiterknarren. + +Der Schatten der Bäume nahm der emporsteigenden Sonne nur wenig von +ihrer sengenden Kraft, und Casanova sah sich genötigt, seinen Schritt +allmählich zu mäßigen. Der Staub der Straße hatte sich so dicht auf sein +Gewand und Schuhwerk gelegt, daß ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr +anzumerken war, und so konnte man Casanova, nach Tracht und Haltung, +ohne weiteres für einen Herrn von Stande nehmen, dem es just gefallen +hatte, seine Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte sich der +Torbogen vor ihm aus, in dessen nächster Nähe der Gasthof gelegen war, +in dem er wohnte, als ihm ein ländlich schwerfälliger Wagen +entgegengeholpert kam, in dem ein behäbiger, gutgekleideter, noch +ziemlich junger Mann saß. Er hatte die Hände über dem Magen gekreuzt und +schien eben mit blinzelnden Augen einnicken zu wollen, als sein Blick, +zufällig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit aufglänzte, +wie zugleich seine ganze Erscheinung in eine Art von heiterm Aufruhr zu +geraten schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort zurück, stand wieder +auf, versetzte dem Kutscher einen Stoß in den Rücken, um ihn zum Halten +zu veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen um, um Casanova +nicht aus dem Gesicht zu verlieren, winkte ihm mit beiden Händen zu und +rief endlich mit einer dünnen hellen Stimme dreimal dessen Namen in die +Luft. Erst an der Stimme hatte Casanova den Mann erkannt, trat auf den +Wagen zu, der stehengeblieben war, ergriff lächelnd die beiden sich ihm +entgegenstreckenden Hände und sagte: »Ist es möglich, Olivo – Sie sind +es?« – »Ja, ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also wieder?« – +»Warum sollt’ ich nicht? Sie haben zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem +ich Sie zuletzt gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, – aber auch ich +mag mich in den fünfzehn Jahren nicht unerheblich verändert haben, wenn +auch nicht in gleicher Weise.« – »Kaum,« rief Olivo, »so gut wie gar +nicht, Herr Casanova! Übrigens sind es sechzehn Jahre, vor wenigen Tagen +waren es sechzehn! Und wie Sie sich wohl denken können, haben wir, +gerade bei dieser Gelegenheit, ein hübsches Weilchen lang von Ihnen +gesprochen, Amalia und ich ...« – »Wirklich,« sagte Casanova herzlich, +»Sie erinnern sich beide noch manchmal meiner?« Olivos Augen wurden +feucht. Noch immer hielt er Casanovas Hände in den seinen und drückte +sie nun gerührt. »Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr Casanova? Und +wir sollten unsres Wohltäters jemals vergessen? Und wenn wir jemals –« – +»Reden wir nicht davon,« unterbrach Casanova. »Wie befindet sich Frau +Amalia? Wie ist es überhaupt zu verstehn, daß ich in diesen ganzen zwei +Monaten, die ich nun in Mantua verbringe – freilich recht zurückgezogen, +aber ich gehe doch viel spazieren nach alter Gewohnheit – wie kommt es, +daß ich Ihnen, Olivo, daß ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal +begegnet bin?« – »Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen ja längst +nicht mehr in der Stadt, die ich übrigens niemals habe leiden können, so +wenig als Amalia sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr +Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir bei mir zu Hause« – +und da Casanova leicht abwehrte – »Sagen Sie nicht nein. Wie glücklich +wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz, Ihnen unsre drei +Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter Mädchen. Dreizehn, +zehn und acht ... Also noch keines in den Jahren, sich – mit Verlaub – +sich – von Casanova das Köpfchen verdrehen zu lassen.« Er lachte +gutmütig und machte Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen +hereinzuziehen. Casanova aber schüttelte den Kopf. Denn, nachdem er fast +schon versucht gewesen war, einer begreiflichen Neugier nachzugeben und +der Aufforderung Olivos zu folgen, überkam ihn seine Ungeduld mit neuer +Macht, und er versicherte Olivo, daß er leider genötigt sei, heute noch +vor Abend Mantua in wichtigen Geschäften zu verlassen. Was hatte er auch +in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia +war indes gewiß nicht jünger und schöner geworden; bei dem +dreizehnjährigen Töchterlein würde er in seinen Jahren kaum sonderlichen +Anwert finden; und Herrn Olivo selbst, der damals ein magerer, der +Studien beflissener Jüngling gewesen war, als bäurisch behäbigen +Hausvater in ländlicher Umgebung zu bewundern, das lockte ihn nicht +genug, als daß er darum eine Reise hätte aufschieben sollen, die ihn +Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen näher brachte. Olivo aber, +der nicht gesonnen schien, Casanovas Weigerung ohne weiteres +hinzunehmen, bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach dem +Gasthof zu bringen, was ihm Casanova füglich nicht abschlagen konnte. In +wenigen Minuten waren sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in +der Mitte der Dreißig, begrüßte in der Einfahrt Casanova mit einem +Blick, der das zwischen ihnen bestehende zärtliche Verhältnis auch für +Olivo ohne weitres ersichtlich machen mußte. Diesem aber reichte sie die +Hand als einem guten Bekannten, von dem sie – wie sie Casanova gegenüber +gleich bemerkte – eine gewisse, auf seinem Gut wachsende, sehr +preiswürdige, süßlich-herbe Weinsorte regelmäßig zu beziehen pflegte. +Olivo beklagte sich sofort, daß der Chevalier von Seingalt (denn so +hatte die Wirtin Casanova begrüßt, und Olivo zögerte nicht, sich +gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so grausam sei, die Einladung +eines wiedergefundenen alten Freundes auszuschlagen, aus dem +lächerlichen Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute, von +Mantua wieder abreisen müsse. Die befremdete Miene der Wirtin belehrte +ihn sofort, daß diese von Casanovas Absicht bisher noch nichts gewußt +hatte, und Casanova hielt es daraufhin für angebracht, zu erklären, daß +er den Reiseplan zwar nur vorgeschützt, um nicht der Familie des +Freundes durch einen so unerwarteten Besuch lästig zu fallen; +tatsächlich aber sei er genötigt, ja verpflichtet, in den nächsten Tagen +eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschließen, wofür er keinen +geeignetern Ort wüßte, als diesen vorzüglichen Gasthof, in dem ihm ein +kühles und ruhiges Zimmer zur Verfügung stände. Darauf beteuerte Olivo, +daß seinem bescheidenen Haus keine größre Ehre widerfahren könne, als +wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk zum Abschluß brächte; die +ländliche Abgeschiedenheit könne einem solchen Unternehmen doch nur +förderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsbüchern, wenn Casanova +solcher benötigte, wäre auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die +Tochter seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber trotz ihrer +Jugend schon höchst gelehrtes Mädchen, vor wenigen Wochen mit einer +ganzen Kiste voll Büchern bei ihnen eingetroffen sei; – und wenn des +Abends gelegentlich Gäste erschienen, so brauchte sich der Herr +Chevalier weiter nicht um sie zu kümmern; es sei denn, daß ihm nach des +Tages Arbeit und Bemühen eine heitre Unterhaltung oder ein kleines +Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung bedeutete. Casanova +hatte kaum von einer jungen Nichte vernommen, als er auch schon +entschlossen war, sich dieses Geschöpf in der Nähe zu besehn; +anscheinend noch immer zögernd, gab er dem Drängen Olivos endlich nach, +erklärte aber gleich, daß er keineswegs länger als ein oder zwei Tage +von Mantua fernbleiben könne, und beschwor seine liebenswürdige Wirtin, +Briefe, die für ihn indes hier anlangen mochten und vielleicht von +höchster Wichtigkeit waren, ihm unverzüglich durch einen Boten +nachzusenden. Nachdem die Sache so zu Olivos großer Zufriedenheit +geordnet war, begab sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich für die +Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat er in die +Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges Gespräch geschäftlicher +Natur mit der Wirtin eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend +sein Glas Wein aus, und verständnisvoll zwinkernd versprach er ihr, den +Chevalier – wenn auch nicht bereits morgen oder übermorgen – doch in +jedem Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zurückzustellen. Casanova +aber, plötzlich zerstreut und hastig, empfahl sich so kühl von seiner +freundlichen Wirtin, daß sie ihm, schon am Wagenschlag, ein +Abschiedswort ins Ohr flüsterte, das eben keine Liebkosung war. + +Während die beiden Männer die staubige, im sengenden Mittagsglanz +daliegende Straße ins Land hinausfuhren, erzählte Olivo weitschweifig +und wenig geordnet von seinen Lebensumständen: wie er bald nach seiner +Verheiratung ein winziges Grundstück nahe der Stadt gekauft, einen +kleinen Gemüsehandel angefangen; dann seinen Besitz allmählich erweitert +und Landwirtschaft zu treiben begonnen; – wie er es endlich durch die +eigne und seiner Gattin Tüchtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht, +daß er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen Marazzani dessen +altes, etwas verfallenes Schloß samt dazugehörigem Weingut käuflich zu +erwerben imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem Grund mit +Frau und Kindern behaglich, wenn auch keineswegs gräflich, eingerichtet +habe. All dies aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertfünfzig +Goldstücken, die seine Braut oder vielmehr deren Mutter von Casanova zum +Geschenk erhalten habe; – ohne diese zauberkräftige Hilfe wäre sein Los +wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen: ungezogne Rangen im +Lesen und Schreiben zu unterweisen; wahrscheinlich wäre er auch ein +alter Junggeselle und Amalie eine alte Jungfer geworden ... Casanova +ließ ihn reden und hörte ihm kaum zu. Ihm zog das Abenteuer durch den +Sinn, in das er damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern +verstrickt gewesen war, und das, als das geringste von allen, seine +Seele so wenig als seither seine Erinnerung beschäftigt hatte. Auf einer +Reise von Rom nach Turin oder Paris – er wußte es selbst nicht mehr – +während eines kurzen Aufenthalts in Mantua hatte er Amalia eines Morgens +in der Kirche erblickt und, da ihm ihr hübsches blasses, etwas +verweintes Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante Frage an sie +gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle gegen ihn waren, hatte sie ihm +gern ihr Herz aufgeschlossen, und so erfuhr er, daß sie, die selbst in +dürftigen Verhältnissen lebte, in einen armen Schullehrer verliebt war, +dessen Vater ebenso wie ihre Mutter zu einer so aussichtslosen +Verbindung die Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erklärte +sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine zu bringen. Er ließ sich +vor allem mit Amaliens Mutter bekannt machen, und da diese als eine +hübsche Witwe von sechsunddreißig Jahren auf Huldigungen noch Anspruch +machen durfte, war Casanova bald so innig mit ihr befreundet, daß seine +Fürsprache alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst ihre +ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch Olivos Vater, ein +heruntergekommener Kaufmann, seine Zustimmung nicht länger, insbesondre +als Casanova, der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter +vorgestellt wurde, sich großmütig verpflichtete, die Kosten der Hochzeit +und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte +nicht anders als dem edlen Gönner, der ihr erschienen war wie ein Bote +aus einer andern höhern Welt, sich in einer Weise dankbar erzeigen, die +das eigne Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer Hochzeit +der letzten Umarmung Casanovas mit glühenden Wangen entrang, war ihr der +Gedanke völlig fern, an ihrem Bräutigam, der sein Glück am Ende doch nur +der Liebenswürdigkeit und dem Edelsinn des wunderbaren Fremden +verdankte, ein Unrecht begangen zu haben. Ob Olivo von der +außerordentlichen Erkenntlichkeit Amaliens gegenüber dem Wohltäter je +durch ein Geständnis Kunde erhalten, ob er ihr Opfer vielleicht als ein +selbstverständliches vorausgesetzt und ohne nachträgliche Eifersucht +hingenommen hatte, oder ob ihm gar, was geschehen, bis heute ein +Geheimnis geblieben war, – darum hatte Casanova sich niemals gekümmert +und kümmerte sich auch heute nicht darum. + +Die Hitze stieg immer höher an. Der Wagen, schlecht gefedert und mit +harten Kissen versehn, rumpelte und stieß zum Erbarmen, das dünnstimmig +gutmütige Geschwätz Olivos, der nicht abließ, seinen Begleiter von der +Ersprießlichkeit seines Bodens, der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau, +der Wohlgeratenheit seiner Kinder und von dem vergnügt harmlosen Verkehr +mit bäuerlicher und adliger Nachbarschaft zu unterhalten, begann +Casanova zu langweilen, und ärgerlich fragte er sich, aus welchem +Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen, die für ihn nichts +als Unbequemlichkeiten und am Ende gar Enttäuschungen im Gefolge haben +konnte. Er sehnte sich nach seinem kühlen Gasthofszimmer in Mantua, wo +er zu dieser selben Stunde ungestört an seiner Schrift gegen Voltaire +hätte weiterarbeiten können, – und schon war er entschlossen, beim +nächsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde, auszusteigen, ein +beliebiges Gefährt zu mieten und zurückzufahren, als Olivo ein lautes +Holla he! hören ließ, nach seiner Art mit beiden Händen zu winken begann +und, Casanova beim Arm packend, auf einen Wagen deutete, der neben dem +ihren, zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben war. +Von jenem andern aber sprangen, eines hinter dem andern, drei ganz junge +Mädchen herunter, so daß das schmale Brett, das ihnen als Sitz gedient +hatte, in die Höhe flog und umkippte. »Meine Töchter,« wandte sich +Olivo, nicht ohne Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene +machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: »Bleiben Sie nur sitzen, +mein teurer Chevalier, in einer Viertelstunde sind wir am Ziel, und so +lange können wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen. Maria, +Nanetta, Teresina – seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter +Freund eures Vaters, kommt nur näher, küßt ihm die Hand, denn ohne ihn +wäret ihr« – er unterbrach sich und flüsterte Casanova zu: »Bald hätt’ +ich was Dummes gesagt.« Dann verbesserte er sich laut: »Ohne ihn wäre +manches anders!« Die Mädchen, schwarzhaarig und dunkeläugig wie Olivo, +und alle, auch die älteste, Teresina, noch von kindlichem Aussehn, +betrachteten den Fremden mit ungezwungener, etwas bäurischer Neugier, +und die jüngste, Maria, schickte sich, der väterlichen Weisung folgend, +an, ihm allen Ernstes die Hand zu küssen; Casanova aber ließ es nicht +zu, sondern nahm eins der Mädchen nach dem andern beim Kopf und küßte +jedes auf beide Wangen. Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem +jungen Burschen, der das Wägelchen mit den Kindern bis hierher gebracht +hatte, worauf jener auf das Pferd einhieb und die Landstraße in der +Richtung nach Mantua weiterfuhr. + +Die Mädchen nahmen Olivo und Casanova gegenüber unter Lachen und +scherzhaftem Gezänk auf dem Rücksitz Platz; sie saßen eng +aneinandergedrängt, redeten alle zugleich, und da ihr Vater gleichfalls +zu sprechen nicht aufhörte, war es Casanova anfangs nicht leicht, ihren +Worten zu entnehmen, was sie alle einander eigentlich zu erzählen +hatten. Ein Name klang auf: der eines Leutnants Lorenzi; er sei, wie +Teresina berichtete, vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten, habe für +den Abend seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater +schönstens grüßen. Ferner meldeten die Kinder, daß die Mutter anfangs +gleichfalls beabsichtigt hätte, dem Vater entgegenzufahren; aber in +Anbetracht der großen Hitze hatte sie’s doch vorgezogen, daheim bei +Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch in den Federn gelegen, als +man von Hause wegfuhr; und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten +sie sie mit Beeren und Haselnüssen beworfen, sonst schliefe sie wohl +noch zu dieser Stunde. + +»Das ist sonst nicht Marcolinens Art,« wandte sich Olivo an seinen Gast; +»meistens sitzt sie schon um sechs Uhr oder noch früher im Garten und +studiert bis zur Mittagszeit. Gestern freilich hatten wir Gäste, und es +dauerte etwas länger als gewöhnlich; auch ein kleines Spielchen wurde +gemacht, – nicht eins, wie es der Herr Chevalier gewöhnt sein mögen – +wir sind harmlose Leute und wollen einander nicht das Geld abnehmen. Und +da auch unser würdiger Abbate sich zu beteiligen pflegt, so können Sie +sich wohl denken, Herr Chevalier, daß es nicht sehr sündhaft dabei +zugeht.« + +Als vom Abbate die Rede war, lachten die Mädchen und hatten einander +weiß Gott was zu erzählen, worüber es noch mehr zu lachen gab als +vorher. Casanova aber nickte nur zerstreut; in der Phantasie sah er das +Fräulein Marcolina, das er noch gar nicht kannte, in ihrem weißen Bette +liegend, dem Fenster gegenüber, die Decke heruntergestreift, halb +entblößten Leibes, mit schlaftrunknen Händen sich gegen die +hereinfliegenden Beeren und Haselnüsse wehrend; – und eine törichte Glut +flog durch seine Sinne. Daß Marcolina die Geliebte des Leutnants Lorenzi +war, daran zweifelte er so wenig, als hätte er selbst sie beide in +zärtlichster Umschlingung gesehn, und er war so bereit, den unbekannten +Lorenzi zu hassen, als ihn nach der niemals geschauten Marcolina +verlangte. + +Im zitternden Dunst des Mittags, über graugrünes Laubwerk emporragend, +ward ein viereckiges Türmchen sichtbar. Bald bog der Wagen von der +Landstraße auf einen Seitenweg; links stiegen Weinhügel gelinde an, +rechts über den Rand einer Gartenmauer neigten sich Kronen uralter +Bäume. Der Wagen hielt an einem Tor, dessen verwitterte Holzflügel weit +offen standen, die Fahrgäste stiegen aus, der Kutscher, auf einen Wink +Olivos, fuhr weiter, dem Stalle zu. Ein breiter Weg unter +Kastanienbäumen führte zu dem Schlößchen, das sich auf den ersten +Anblick etwas kahl, ja vernachlässigt darbot. Was Casanova vor allem ins +Auge fiel, war ein zerbrochenes Fenster im ersten Stockwerk; ebenso +entging es ihm nicht, daß die Umfassung auf der Plattform des breiten, +aber niedern Turmes, der etwas plump auf dem Gebäude saß, da und dort +abbröckelte. Hingegen zeigte die Haustüre eine edle Schnitzerei, und in +den Flur tretend, erkannte Casanova sofort, daß das Innere des Hauses +sich in einem wohlerhaltenen und jedenfalls weit bessern Zustand befand, +als dessen Äußres hätte vermuten lassen. + +»Amalia,« rief Olivo laut, daß es von den gewölbten Mauern widerhallte. +»Komm herunter so geschwind du kannst! Ich hab’ dir einen Gast +mitgebracht, Amalia, und was für einen Gast!« – Aber Amalia war schon +vorher oben auf der Stiege erschienen, ohne für die aus der vollen Sonne +in das Dämmer Tretenden sofort sichtbar zu sein. Casanova, dessen +scharfe Augen sich die Fähigkeit bewahrt hatten, selbst das Dunkel der +Nacht zu durchdringen, hatte sie früher bemerkt als der Gatte. Er +lächelte und fühlte zugleich, daß dieses Lächeln sein Antlitz jünger +machte. Amalia war keineswegs fett geworden, wie er gefürchtet, sondern +sah schlank und jugendlich aus. Sie hatte ihn gleich erkannt. »Welche +Überraschung, welches Glück!« rief sie ohne jede Verlegenheit aus, eilte +rasch die Stufen hinab und reichte Casanova zur Begrüßung die Wange, +worauf dieser sie ohne weitres wie eine liebe Freundin umarmte. »Und ich +soll wirklich glauben,« sagte er dann, »daß Maria, Nanetta und Teresina +Ihre leiblichen Töchter sind, Amalia? Der Zeit nach möchte es zwar +stimmen –« »Und allem übrigen nach auch,« ergänzte Olivo, »verlassen Sie +sich darauf, Chevalier!« – »Dein Zusammentreffen mit dem Chevalier,« +sagte Amalia mit einem erinnerungstrunknen Blick auf den Gast, »ist wohl +an deiner Verspätung schuld, Olivo?« – »So ist es, Amalia, aber +hoffentlich gibt es trotz der Verspätung noch etwas zu essen?« – »Wir +haben uns natürlich nicht allein zu Tisch gesetzt, Marcolina und ich, so +hungrig wir schon waren.« – »Und werden Sie sich nun,« fragte Casanova, +»auch noch so lange gedulden, bis ich meine Kleider und mich selbst ein +wenig vom Staub der Landstraße gereinigt habe?« – »Gleich will ich Ihnen +Ihr Zimmer zeigen,« sagte Olivo, »und hoffe, Chevalier, Sie werden +zufrieden sein, beinahe so zufrieden ...« er zwinkerte und fügte leise +hinzu: »wie in Ihrem Gasthof zu Mantua, wenn es auch an mancherlei +fehlen dürfte.« Er ging voraus, die Stiege zur Galerie hinauf, die sich +rings um die Halle im Viereck zog, und von deren äußerstem Winkel eine +schmale Holztreppe sich nach oben wand. In der Höhe angelangt, öffnete +Olivo die Türe zum Turmgemach und, an der Schwelle stehenbleibend, wies +er es Casanova mit vielen Komplimenten als bescheidenes Fremdenzimmer +an. Eine Magd brachte den Mantelsack nach, entfernte sich mit Olivo, und +Casanova stand allein in einem mäßigen, mit allem Notwendigen +ausgestatteten, doch ziemlich kahlen Raum, durch dessen vier schmale +hohe Bogenfenster sich ein weiter Blick nach allen Seiten auf die +sonnbeglänzte Ebene mit grünen Weingeländen, bunten Fluren, gelben +Feldern, weißen Straßen, hellen Häusern und dunklen Gärtchen darbot. +Casanova kümmerte sich nicht weiter um die Aussicht und machte sich +rasch fertig, nicht so sehr aus Hunger, als aus einer quälenden Neugier, +Marcolina so bald als möglich von Angesicht zu Angesicht zu sehen; er +wechselte nicht einmal das Gewand, weil er erst am Abend glänzender +aufzutreten gedachte. + +Als er das im Erdgeschoß gelegene holzgetäfelte Speisezimmer betrat, sah +er um den wohlbestellten Tisch außer dem Ehepaar und den drei Töchtern +ein in mattschimmerndes, einfach herunterfließendes Grau gekleidetes +Mädchen von zierlicher Gestalt sitzen, das ihn mit so unbefangenem Blick +betrachtete, als wäre er jemand, der zum Hause gehörte oder doch schon +hundertmal hier zu Gast gewesen. Daß sich in ihrem Blick nichts von +jenem Leuchten zeigte, wie es ihn früher so oft begrüßt, auch wenn er +als Nichtgekannter im berückenden Glanz seiner Jugend oder in der +gefährlichen Schönheit seiner Mannesjahre erschienen war, das mußte +Casanova freilich als eine längst nicht mehr neue Erfahrung hinnehmen. +Aber auch in der letzten Zeit noch genügte meist die Nennung seines +Namens, um auf Frauenlippen den Ausdruck einer verspäteten Bewunderung +oder doch wenigstens ein leises Zucken des Bedauerns hervorzurufen, das +gestand, wie gern man ihm ein paar Jahre früher begegnet wäre. Doch als +ihn jetzt Olivo seiner Nichte als Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt +vorstellte, lächelte sie nicht anders, als wenn man ihr irgendeinen +gleichgültigen Namen genannt hätte, in dem kein Klang von Abenteuern und +Geheimnissen verzitterte. Und selbst als er neben ihr Platz nahm, ihr +die Hand küßte, und aus seinen Augen ein Funkenregen von Entzücken und +Begier über sie niederging, verriet ihre Miene nichts von der leisen +Befriedigung, die doch als bescheidene Antwort auf eine so glühende +Huldigung zu erwarten gewesen wäre. + +Nach wenigen höflich einleitenden Worten ließ Casanova seine Nachbarin +merken, daß er von ihren gelehrten Bestrebungen in Kenntnis gesetzt sei, +und fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn besonders abgebe? +Sie erwiderte, daß sie vor allem das Studium der höhern Mathematik +betreibe, in das sie durch Professor Morgagni, den berühmten Lehrer an +der Universität von Bologna, eingeführt worden sei. Casanova äußerte +seine Verwunderung über ein solches bei anmutigen jungen Mädchen +wahrlich ungewöhnliches Interesse an einem so schwierigen und dabei +nüchternen Gegenstand, erhielt aber von Marcolina die Antwort, daß ihrer +Ansicht nach die höhere Mathematik die phantastischeste, ja man könnte +sagen, unter allen Wissenschaften die ihrer Natur nach wahrhaft +göttliche vorstelle. Als Casanova sich über diese ihm ganz neue +Auffassung eine nähere Erklärung erbitten wollte, wehrte Marcolina +bescheiden ab und äußerte, daß es den Anwesenden, vor allem aber ihrem +lieben Oheim, viel erwünschter sein dürfte, Näheres von den Erlebnissen +eines vielgereisten Freundes zu erfahren, den er so lange nicht gesehn, +als einem philosophischen Gespräch zuzuhören. Amalia schloß sich ihrer +Anregung lebhaft an, und Casanova, immer gern bereit, Wünschen solcher +Art nachzugeben, bemerkte leichthin, daß er in den letzten Jahren sich +vorzüglich auf geheimen diplomatischen Sendungen befunden, die ihn, um +nur die größern Städte zu nennen, zwischen Madrid, Paris, London, +Amsterdam und Petersburg umhergetrieben. Er berichtete von Begegnungen +und Unterhaltungen ernster und heitrer Art mit Männern und Frauen der +verschiedensten Stände, auch des freundlichen Empfangs zu erwähnen +vergaß er nicht, der ihm am Hof der Katharina von Rußland zuteil +geworden, und sehr spaßhaft erzählte er, wie Friedrich der Große ihn +beinahe zum Erzieher an einer Kadettenschule für pommersche Junker +gemacht hatte; – eine Gefahr, der er sich allerdings durch rasche Flucht +entzogen. Von all dem und manchem andern sprach er, als hätte es sich in +einer eben erst verflossenen Zeit zugetragen und läge nicht in +Wirklichkeit Jahre und Jahrzehnte zurück; mancherlei erfand er dazu, +ohne sich seiner größern und kleinern Lügen selber recht bewußt zu +werden, freute sich seiner eignen Laune wie der Teilnahme, mit der man +ihm lauschte; und während er so erzählte und phantasierte, ward ihm +fast, als wäre er in der Tat noch heute der glückverwöhnte, +unverschämte, strahlende Casanova, der mit schönen Frauen durch die Welt +gefahren, den weltliche und geistliche Fürsten mit hoher Gunst +ausgezeichnet, der Tausende verschwendet, verspielt und verschenkt hatte +– und nicht ein herabgekommener Schlucker, den ehemalige Freunde von +England und Spanien her mit lächerlichen Summen unterstützten, – die +indes auch manchmal ausblieben, so daß er auf die paar armseligen +Geldstücke angewiesen war, die er dem Baron Perotti oder dessen Gästen +abgewann; ja, er vergaß sogar, daß es ihm wie ein höchstes Ziel +erschien, in der Vaterstadt, die ihn erst eingekerkert und nach seiner +Flucht geächtet und verbannt hatte, als der geringste ihrer Bürger, als +ein Schreiber, als ein Bettler, als ein Nichts – sein einst so +prangendes Dasein zu beschließen. + +Auch Marcolina hörte ihm aufmerksam zu, aber mit keinem andern +Ausdruck, als wenn man ihr etwa aus einem Buch leidlich unterhaltsame +Geschichten vorläse. Daß ihr ein Mensch, ein Mann, daß ihr Casanova +selbst, der all dies erlebt hatte und noch vieles andre, was er nicht +erzählte, daß ihr der Geliebte von tausend Frauen gegenübersaß, – und +daß sie das wußte, davon verrieten ihre Mienen nicht das geringste. +Anders schimmerte es in Amaliens Augen. Für sie war Casanova derselbe +geblieben, der er gewesen; ihr klang seine Stimme verführerisch wie vor +sechzehn Jahren, und er selbst fühlte, daß es ihn nur ein Wort und kaum +so viel kosten würde, das Abenteuer von damals, sobald es ihm beliebte, +von neuem aufzunehmen. Doch was war ihm Amalia in dieser Stunde, da ihn +nach Marcolina verlangte wie nach keiner vor ihr? Durch das mattglänzend +sie umfließende Gewand glaubte er ihren nackten Leib zu sehen; die +knospenden Brüste blühten ihm entgegen, und als sie sich einmal neigte, +um ihr zu Boden geglittenes Taschentuch aufzuheben, legte Casanovas +entflammte Phantasie ihrer Bewegung einen so lüsternen Sinn unter, daß +er sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Daß er eine Sekunde lang +unwillkürlich im Erzählen stockte, entging Marcolina so wenig, wie daß +sein Blick seltsam zu flirren begann, und er las in dem ihren ein +plötzliches Befremden, Verwahrung, ja eine Spur von Ekel. Rasch faßte +er sich wieder und schickte sich eben an, seine Erzählung mit neuer +Lebhaftigkeit fortzusetzen, als ein wohlbeleibter Geistlicher eintrat, +der vom Hausherrn als der Abbate Rossi begrüßt und von Casanova sofort +als derselbe erkannt wurde, mit dem er vor siebenundzwanzig Jahren auf +einem Marktschiff zusammengetroffen war, das von Venedig nach Chioggia +fuhr. »Sie hatten damals ein Auge verbunden,« sagte Casanova, der selten +eine Gelegenheit vorübergehen ließ, mit seinem vorzüglichen Gedächtnis +zu prunken, »und ein Bauernweib mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine +heilkräftige Salbe, die ein junger, sehr heisrer Apotheker zufällig mit +sich führte.« Der Abbate nickte und lächelte geschmeichelt. Dann aber, +mit einem pfiffigen Gesicht, trat er ganz nahe an Casanova heran, als +hätte er ihm ein Geheimnis mitzuteilen. Doch mit ganz lauter Stimme +sagte er: »Und Sie, Herr Casanova, befanden sich in Begleitung einer +Hochzeitsgesellschaft ... ich weiß nicht, ob als zufälliger Gast oder +gar als Brautführer, jedenfalls sah die Braut Sie mit viel zärtlichern +Augen an als den Bräutigam ... Ein Wind erhob sich, beinahe ein Sturm, +und Sie begannen ein höchst verwegenes Gedicht vorzulesen.« – »Das tat +der Chevalier gewiß nur,« sagte Marcolina, »um den Sturm zu +beschwichtigen.« – »Solche Zaubermacht«, erwiderte Casanova, »traute +ich mir niemals zu; allerdings will ich nicht leugnen, daß sich niemand +mehr um den Sturm kümmerte, als ich zu lesen begonnen.« + +Die drei Mädchen hatten sich an den Abbate herangemacht. Sie wußten wohl +warum. Denn seinen ungeheuren Taschen entnahm er köstliches Zuckerwerk +in großen Mengen und schob es mit seinen dicken Fingern den Kindern +zwischen die Lippen. Indes berichtete Olivo dem Abbate in aller +Ausführlichkeit, wie er Casanova wiedergefunden. Wie verloren hielt +Amalia auf die herrische braune Stirn des teuren Gastes ihren +leuchtenden Blick geheftet. Die Kinder liefen in den Garten; Marcolina +hatte sich erhoben und sah ihnen durchs offne Fenster nach. Der Abbate +hatte Grüße vom Marchese Celsi zu bestellen, der, wenn es seine +Gesundheit zuließe, heute abend samt Gemahlin bei seinem werten Freund +Olivo erscheinen wollte. »Das trifft sich gut,« sagte dieser, »da haben +wir gleich dem Chevalier zu Ehren eine hübsche kleine Spielgesellschaft; +die Brüder Ricardi erwarte ich gleichfalls, und auch Lorenzi kommt; die +Kinder sind ihm auf seinem Spazierritt begegnet.« – »Er ist noch immer +da?« fragte der Abbate. »Schon vor einer Woche hieß es, er solle zu +seinem Regiment abgehen.« – »Die Marchesa,« meinte Olivo lachend, »wird +ihm beim Obersten einen Urlaub erwirkt haben.« – »Es wundert mich,« +warf Casanova ein, »daß es für Mantueser Offiziere jetzt Urlaub gibt.« +Und er erfand weiter: »Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua, der +andre aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern in der Richtung +gegen Mailand abmarschiert.« – »Gibt’s Krieg?« fragte Marcolina vom +Fenster her; sie hatte sich umgewandt, die Züge ihres umschatteten +Gesichts blieben undeutbar, – doch ein leises Beben ihrer Stimme hatte +Casanova als einziger wohl gemerkt. »Es wird vielleicht zu nichts +kommen,« sagte er leichthin. »Aber da die Spanier eine drohende Haltung +einnehmen, heißt es bereit sein.« – »Weiß man denn überhaupt,« fragte +Olivo wichtig und stirnrunzelnd, »auf welche Seite wir uns schlagen +werden, auf die spanische oder auf die französische?« – »Das dürfte dem +Leutnant Lorenzi gleich sein,« meinte der Abbate. »Wenn er nur endlich +dazu kommt, sein Heldentum zu erproben.« – »Das hat er schon getan,« +sagte Amalia. »Bei Pavia vor drei Jahren hat er mitgefochten.« Marcolina +aber schwieg. + +Casanova wußte genug. Er trat an Marcolinens Seite und umfaßte den +Garten mit einem großen Blick. Er sah nichts als die ausgedehnte wilde +Wiese, auf der die Kinder spielten, und die von einer Reihe hoher +dichter Bäume gegen die Mauer zu abgeschlossen war. »Was für ein +prächtiger Besitz,« wandte er sich an Olivo. »Ich wäre neugierig, ihn +näher kennenzulernen.« – »Und ich, Chevalier,« erwiderte Olivo, »wünsche +mir kein größeres Vergnügen, als Sie über meine Weinberge und durch +meine Felder zu führen. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, fragen Sie +doch Amalia, in den Jahren, seit das kleine Gütchen mir gehört, hab’ ich +mir nichts sehnlicher gewünscht, als Sie endlich auf meinem eignen Grund +und Boden als Gast zu begrüßen. Zehnmal war ich daran, Ihnen zu +schreiben, Sie einzuladen. Aber war man denn je sicher, daß eine +Nachricht Sie erreichen würde? Erzählte einem irgendwer, man hätte Sie +kürzlich in Lissabon gesehn – so konnte man sicher sein, daß Sie indes +nach Warschau oder nach Wien abgereist waren. Und nun, da ich Sie wie +durch ein Wunder eben in der Stunde wiederfinde, da Sie Mantua verlassen +wollen, und es mir – es war nicht leicht, Amalia – gelingt, Sie +hierherzulocken, da geizen Sie so mit Ihrer Zeit, daß Sie uns – möchten +Sie es glauben, Herr Abbate – daß er uns nicht mehr als zwei Tage +schenken will!« – »Der Chevalier wird sich vielleicht zu einer +Verlängerung seines Aufenthalts überreden lassen,« sagte der Abbate, der +eben mit viel Behagen eine Pfirsichschnitte im Mund zergehen ließ, und +warf auf Amalia einen raschen Blick, aus dem Casanova zu entnehmen +glaubte, daß sie den Abbate in tieferes Vertrauen gezogen hatte als +ihren Gatten. – »Das wird mir leider nicht möglich sein,« erwiderte +Casanova förmlich; »denn ich darf Freunden, die solchen Anteil an meinem +Schicksal nehmen, nicht verhehlen, daß meine venezianischen Mitbürger im +Begriffe sind, mir für das Unrecht, das sie mir vor Jahren zugefügt, +eine etwas verspätete, aber um so ehrenvollere Genugtuung zu geben, und +ich ihrem Drängen mich nicht länger werde versagen können, wenn ich +nicht undankbar oder gar nachträgerisch erscheinen will.« Mit einer +leichten Handbewegung wehrte er eine neugierig-ehrfurchtsvolle Frage ab, +die er auf Olivos Lippen sich runden sah, und bemerkte rasch: »Nun, +Olivo, ich bin bereit. Zeigen Sie mir Ihr kleines Königreich.« + +»Wär’ es nicht geratener,« warf Amalia ein, »dazu die kühlere Tageszeit +abzuwarten? Der Chevalier wird jetzt gewiß lieber ein wenig ruhen oder +sich im Schatten ergehen wollen?« Und aus ihren Augen schimmerte zu +Casanova ein schüchternes Flehen hin, als müßte während eines solchen +Lustwandelns draußen im Garten ihr Schicksal sich zum zweitenmal +entscheiden. – Niemand hatte gegen Amaliens Vorschlag etwas einzuwenden, +und man begab sich ins Freie. Marcolina, den andern voraus, lief im +Sonnenschein über die Wiese zu den Kindern, die dort mit Federbällen +spielten, und nahm sofort am Spiele teil. Sie war kaum größer als das +älteste der drei Mädchen, und, wie ihr nun das freigelockte Haar um die +Schultern flatterte, sah sie selber einem Kinde gleich. Olivo und der +Abbate ließen sich in der Allee, in der Nähe des Hauses, auf einer +steinernen Bank nieder. Amalia wandelte an Casanovas Seite weiter. Als +sie von den andern nicht mehr gehört werden konnte, begann sie im +Tonfall von einst, als wäre ihre Stimme für Casanova niemals in einem +andern erklungen: + +»So bist du wieder da, Casanova! Wie hab’ ich diesen Tag ersehnt. Daß er +einmal kommen würde, hab’ ich gewußt.« – »Es ist ein Zufall, daß ich da +bin,« sagte Casanova kalt. Amalia lächelte nur. »Nenn’ es wie du willst. +Du bist da! Ich habe in diesen sechzehn Jahren von nichts anderm +geträumt als von diesem Tag!« – »Es ist anzunehmen,« entgegnete +Casanova, »daß du im Laufe dieser Zeit von mancherlei anderm geträumt +und – nicht nur geträumt hast.« Amalia schüttelte den Kopf. »Du weißt, +daß es nicht so ist, Casanova. Und auch du hast meiner nicht vergessen, +sonst hättest du, der du so eilig bist, nach Venedig zu gelangen, Olivos +Einladung nicht angenommen!« – »Was denkst du eigentlich, Amalia? Ich +sei hergekommen, um deinen guten Mann zum Hahnrei zu machen?« – »Warum +sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir wieder gehöre, so ist es weder +Betrug noch Sünde!« Casanova lachte laut auf. »Keine Sünde? Warum keine +Sünde? Weil ich ein alter Mann bin?« – »Du bist nicht alt. Für mich +kannst du es niemals werden. In deinen Armen hab’ ich meine erste +Seligkeit genossen – und so ist es mir gewiß bestimmt, daß mir mit dir +auch meine letzte zuteil wird!« – »Deine letzte?« wiederholte Casanova +höhnisch, obwohl er nicht ganz ungerührt war, – »dagegen dürfte mein +Freund Olivo wohl mancherlei einzuwenden haben.« – »Das,« erwiderte +Amalia errötend, »das ist Pflicht – meinethalben sogar Vergnügen; aber +Seligkeit ist es doch nicht ... war es niemals.« + +Sie gingen die Allee nicht zu Ende, als scheuten beide die Nähe des +Wiesenplatzes, wo Marcolina und die Kinder spielten, – wie auf +Verabredung kehrten sie um und waren bald wieder, schweigend, beim +Wohnhaus angelangt. An der Schmalseite stand ein Fenster des +Erdgeschosses offen. Casanova sah in der dämmernden Tiefe des Gemachs +einen halbgerafften Vorhang, hinter dem das Fußende des Bettes sichtbar +wurde. Über einem Stuhl daneben hing ein lichtes, schleierartiges +Gewand. »Marcolinens Zimmer?« fragte Casanova. – Amalia nickte. Und zu +Casanova anscheinend heiter und wie ohne jeden Verdacht: »Sie gefällt +dir?« – »Da sie schön ist.« – »Schön und tugendhaft.« – Casanova zuckte +die Achseln, als hätte er danach nicht gefragt. Dann sagte er: »Wenn du +mich heute zum erstenmal sähest – ob ich dir wohl auch gefiele, Amalia?« +– »Ich weiß nicht, ob du heute anders aussiehst als damals. Ich sehe +dich – wie du damals warst. Wie ich dich seither immer, auch in meinen +Träumen sah.« – »Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln meiner Stirn ... +Die Falten meines Halses! Und die tiefe Rinne da von den Augen den +Schläfen zu! Und hier – ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn,« – er +riß den Mund grinsend auf. »Und diese Hände, Amalia! Sieh sie doch an! +Finger wie Krallen ... kleine gelbe Flecken auf den Nägeln ... Und die +Adern da – blau und geschwollen – Greisenhände, Amalia!« – Sie nahm +seine beiden Hände, so wie er sie ihr wies, und im Schatten der Allee +küßte sie eine nach der andern mit Andacht. »Und heute nacht will ich +deine Lippen küssen,« sagte sie in einer demütig zärtlichen Art, die ihn +erbitterte. + +Unweit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina im Gras, die Hände +unter den Kopf gestützt, den Blick in die Höhe gewandt, und die Bälle +der Kinder flogen über sie hin. Plötzlich streckte sie den einen Arm aus +und haschte nach einem der Bälle. Sie fing ihn auf, lachte hell, die +Kinder fielen über sie her, sie konnte sich ihrer nicht erwehren, ihre +Locken flogen. Casanova bebte. »Du wirst weder meine Lippen noch meine +Hände küssen,« sagte er zu Amalia, »und du sollst mich vergeblich +erwartet und vergeblich von mir geträumt haben – es sei denn, daß ich +vorher Marcolina besessen habe.« – »Bist du wahnsinnig, Casanova?« rief +Amalia mit weher Stimme. – »So haben wir einander nichts vorzuwerfen,« +sagte Casanova. »Du bist wahnsinnig, da du in mir altem Manne den +Geliebten deiner Jugend wiederzusehen glaubst, ich, weil ich mir in den +Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber vielleicht ist uns beiden +beschieden, wieder zu Verstand zu kommen. Marcolina soll mich wieder +jung machen – für dich. Also – führe meine Sache bei ihr, Amalia!« – »Du +bist nicht bei dir, Casanova. Es ist unmöglich. Sie will von keinem Mann +etwas wissen.« – Casanova lachte auf. »Und der Leutnant Lorenzi?« – »Was +soll’s mit Lorenzi sein?« – »Er ist ihr Liebhaber, ich weiß es.« – »Wie +du dich irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten, und sie hat sie +ausgeschlagen. Und er ist jung – er ist schön – ja, fast glaub’ ich, +schöner als du je gewesen bist, Casanova!« – »Er hätte um sie geworben?« +– »Frage doch Olivo, wenn du mir nicht glaubst.« – »Nun, mir gilt’s +gleich. Was geht’s mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne, +Braut oder Witwe – ich will sie haben, ich will sie!« – »Ich kann sie +dir nicht geben, mein Freund.« Und er fühlte aus dem Ton ihrer Stimme, +daß sie ihn beklagte. »Nun siehst du,« sagte er, »was für ein +schmählicher Kerl ich geworden bin, Amalia! Noch vor zehn – noch vor +fünf Jahren hätt’ ich keinen Beistand und keine Fürsprache gebraucht, +und wäre Marcolina die Göttin der Tugend selbst gewesen. Und nun will +ich dich zur Kupplerin machen. Oder wenn ich reich wäre ... Ja, mit +zehntausend Dukaten ... Aber ich habe nicht zehn. Ein Bettler bin ich, +Amalia.« – »Auch für hunderttausend bekämst du Marcolina nicht. Was kann +ihr am Reichtum liegen? Sie liebt die Bücher, den Himmel, die Wiesen, +die Schmetterlinge und die Spiele mit Kindern ... Und mit ihrem kleinen +Erbteil hat sie mehr als sie bedarf.« – »O, wär’ ich ein Fürst!« rief +Casanova, ein wenig deklamierend, wie es zuweilen seine Art war, gerade +wenn ihn eine echte Leidenschaft durchwühlte. »Hätt’ ich die Macht, +Menschen ins Gefängnis werfen, hinrichten zu lassen ... Aber ich bin +nichts. Ein Bettler – und ein Lügner dazu. Ich bettle bei den hohen +Herrn in Venedig um ein Amt, um ein Stück Brot, um Heimat! Was ist aus +mir geworden? Ekelt dich nicht vor mir, Amalia?« – »Ich liebe dich, +Casanova!« – »So verschaffe sie mir, Amalia! Es steht bei dir, ich weiß +es. Sag’ ihr, was du willst. Sag’ ihr, daß ich euch gedroht habe. Daß du +mir zutraust, ich könnte euch das Dach über dem Hause anzünden! Sag’ +ihr, ich wär’ ein Narr, ein gefährlicher Narr, aus dem Irrenhaus +entsprungen, aber die Umarmung einer Jungfrau könnte mich wieder gesund +machen. Ja, das sag’ ihr.« – »Sie glaubt nicht an Wunder.« – »Wie? Nicht +an Wunder? So glaubt sie auch nicht an Gott. Um so besser! Ich bin gut +angeschrieben beim Erzbischof von Mailand! Sag’ ihr das! Ich kann sie +verderben! Euch alle kann ich verderben. Das ist wahr, Amalia! Was sind +es für Bücher, die sie liest? Gewiß sind auch solche darunter, die die +Kirche verboten hat. Laß sie mich sehen. Ich will eine Liste +zusammenstellen. Ein Wort von mir ...« – »Schweige, Casanova! Dort kommt +sie. Verrate dich nicht! Nimm deine Augen in acht! Nie, Casanova, nie, +höre wohl, was ich sage, nie hab’ ich ein reineres Wesen gekannt. Ahnte +sie, was ich eben habe hören müssen, sie erschiene sich wie beschmutzt; +und du würdest sie, solang du hier bist, mit keinem Blick mehr zu sehen +bekommen. Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr – du wirst sie, du wirst +_mich_ um Verzeihung bitten.« + +Marcolina, mit den Kindern, kam heran; diese liefen an ihr vorbei, ins +Haus, sie selber aber, wie um dem Gast eine Höflichkeit zu erweisen, +blieb vor ihm stehn, während Amalia, wie mit Absicht, sich entfernte. +Und nun war es Casanova in der Tat, als wehte es ihm von diesen blassen, +halb geöffneten Lippen, dieser glatten, von dunkelblondem, nun +aufgestecktem Haar umrahmten Stirn wie ein Hauch von Herbheit und +Keuschheit entgegen; – was er selten einer Frau, was er auch ihr +gegenüber früher im geschlossnen Raum nicht verspürt – eine Art von +Andacht, von Hingegebenheit ohne jedes Verlangen floß durch seine Seele. +Und mit Zurückhaltung, ja in einem Ton von Ehrerbietung, wie man sie +Höhergebornen gegenüber an den Tag zu legen liebt, und der ihr +schmeicheln mußte, stellte er die Frage an sie, ob sie die kommenden +Abendstunden wieder dem Studium zu widmen beabsichtige. Sie erwiderte, +daß sie auf dem Land überhaupt nicht regelmäßig zu arbeiten pflege, doch +könne sie’s nicht hindern, daß gewisse mathematische Probleme, mit denen +sie sich eben beschäftige, ihr auch in den Ruhestunden nachgingen, wie +es ihr eben jetzt begegnet sei, während sie auf der Wiese gelegen war +und zum Himmel aufgesehn hatte. Doch als Casanova, durch ihre +Freundlichkeit ermutigt, sich scherzend erkundigte, was denn dies für +ein hohes und dabei so zudringliches Problem gewesen sei, entgegnete sie +etwas spöttisch, es habe keineswegs das allergeringste mit jener +berühmten Kabbala zu tun, in der der Chevalier von Seingalt, wie man +sich erzähle, Bedeutendes leiste, und so würde er kaum viel damit +anzufangen wissen. Es ärgerte ihn, daß sie von der Kabbala mit so +unverhohlener Ablehnung sprach, und obwohl ihm selbst, in den freilich +seltnen Stunden innerer Einkehr, bewußt war, daß jener eigentümlichen +Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt, keinerlei Sinn und keine +Berechtigung zukäme, daß sie in der Natur gewissermaßen gar nicht +vorhanden, nur von Gaunern und Spaßmachern – welche Rolle er +abwechselnd, aber immer mit Überlegenheit gespielt – zur Nasführung von +Leichtgläubigen und Toren benutzt würde, so versuchte er jetzt doch +gegen seine eigne bessre Überzeugung Marcolina gegenüber die Kabbala als +vollgültige und ernsthafte Wissenschaft zu verteidigen. Er sprach von +der göttlichen Natur der Siebenzahl, die sich so schon in der Heiligen +Schrift angedeutet fände, von der tiefsinnig-prophetischen Bedeutung der +Zahlenpyramiden, die er selbst nach einem neuen System aufzubauen +gelehrt hatte, und von dem häufigen Eintreffen seiner auf diesem System +beruhenden Voraussagen. Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in +Amsterdam den Bankier Hope durch den Aufbau einer solchen Zahlenpyramide +veranlaßt, die Versicherung eines schon verloren geglaubten +Handelsschiffes zu übernehmen und ihn dadurch zweimalhunderttausend +Goldgulden verdienen lassen? Noch immer war er so geschickt im Vortrag +seiner schwindelhaft geistreichen Theorien, daß er auch diesmal, wie es +ihm oft geschah, an all das Unsinnige zu glauben begann, das er vortrug, +und sogar mit der Behauptung zu schließen sich getraute, die Kabbala +stelle nicht so sehr einen Zweig als vielmehr die metaphysische +Vollendung der Mathematik vor. Marcolina, die ihm bisher sehr aufmerksam +und anscheinend ganz ernsthaft zugehört hatte, schaute nun plötzlich mit +einem halb bedauernden, halb spitzbübischen Blick zu ihm auf und sagte: +»Es liegt Ihnen daran, mein werter Herr Casanova« (sie schien ihn jetzt +mit Absicht nicht »Chevalier« zu nennen), »mir eine ausgesuchte Probe +von Ihrem weltbekannten Unterhaltungstalent zu geben, wofür ich Ihnen +aufrichtig dankbar bin. Aber Sie wissen natürlich so gut wie ich, daß +die Kabbala nicht nur nichts mit der Mathematik zu tun hat, sondern +geradezu eine Versündigung an ihrem eigentlichen Wesen bedeutet; und +sich zu ihr nicht anders verhält als das verworrene oder lügenhafte +Geschwätz der Sophisten zu den klaren und hohen Lehren des Plato und des +Aristoteles.« – »Immerhin,« erwiderte Casanova rasch, »werden Sie mir +zugeben müssen, schöne und gelehrte Marcolina, daß auch die Sophisten +keineswegs durchaus als so verächtliche und törichte Gesellen zu gelten +haben, wie man nach Ihrem allzu strengen Urteil annehmen müßte. So wird +man – um nur ein Beispiel aus der Gegenwart anzuführen – Herrn Voltaire +seiner ganzen Denk- und Schreibart nach gewiß als das Muster eines +Sophisten bezeichnen dürfen, und trotzdem wird es niemandem einfallen, +auch mir nicht, der ich mich als seinen entschiedenen Gegner bekenne, +ja, wie ich nicht leugnen will, eben damit beschäftigt bin, eine Schrift +gegen ihn zu verfassen, auch mir fällt es nicht ein, seiner +außerordentlichen Begabung die gebührende Anerkennung zu versagen. Und +ich bemerke gleich, daß ich mich nicht etwa durch die übertriebene +Zuvorkommenheit habe bestechen lassen, die mir Herr Voltaire bei +Gelegenheit meines Besuchs in Ferney vor zehn Jahren zu erweisen die +Güte hatte.« – Marcolina lächelte. »Das ist ja sehr hübsch von Ihnen, +Chevalier, daß Sie den größten Geist des Jahrhunderts so milde zu +beurteilen die Gewogenheit haben.« – »Ein großer Geist – der größte +gar?« rief Casanova aus. »Ihn so zu nennen, scheint mir schon deshalb +unstatthaft, weil er bei all seinem Genie ein gottloser Mensch, ja +geradezu ein Gottesleugner ist. Und ein Gottesleugner kann niemals ein +großer Geist sein.« »Meiner Ansicht nach, Herr Chevalier, bedeutet das +durchaus keinen Widerspruch. Aber Sie werden vor allem zu beweisen +haben, daß man Voltaire einen Gottesleugner nennen darf.« – + +Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten Kapitel seiner +Streitschrift hatte er eine ganze Menge von Stellen aus Voltaires +Werken, vor allem aus der berüchtigten »Pucelle« zusammengetragen, die +ihm besonders geeignet schienen, dessen Ungläubigkeit zu beweisen; und +die er nun dank seinem vorzüglichen Gedächtnis, zusammen mit seinen +eigenen Gegenargumenten, wörtlich zu zitieren wußte. Aber in Marcolina +hatte er eine Gegnerin gefunden, die ihm sowohl an Kenntnissen wie an +Geistesschärfe wenig nachgab und ihm überdies, wenn auch nicht an +Redegewandtheit, so doch an eigentlicher Kunst und insbesondre an +Klarheit des Ausdrucks weit überlegen war. Die Stellen, die Casanova als +Beweise für die Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit Voltaires +auszulegen versucht hatte, deutete Marcolina gewandt und schlagfertig +als ebenso viele Zeugnisse für des Franzosen wissenschaftliches und +schriftstellerisches Genie, sowie für sein unermüdlich heißes Streben +nach Wahrheit, und sie sprach es ungescheut aus, daß Zweifel, Spott, ja +daß der Unglaube selbst, wenn er mit so reichem Wissen, solch +unbedingter Ehrlichkeit und solch hohem Mut verbunden sei, Gott +wohlgefälliger sein müsse als die Demut des Frommen, hinter der sich +meist nichts andres verberge, als eine mangelhafte Fähigkeit, +folgerichtig zu denken, ja oftmals – wofür es an Beispielen nicht fehle +– Feigheit und Heuchelei. + +Casanova hörte ihr mit wachsendem Staunen zu. Da er sich außerstande +fühlte, Marcolina zu bekehren, um so weniger, als er immer mehr +erkannte, wie sehr eine gewisse schwankende Seelenstimmung seiner +letzten Jahre, die er als Gläubigkeit aufzufassen sich gewöhnt hatte, +durch Marcolinens Einwürfe sich völlig aufzulösen drohte, so rettete er +sich in die allgemein gehaltene Betrachtung, daß Ansichten, wie +Marcolina sie eben ausgesprochen, nicht nur die Ordnung im Bereich der +Kirche, sondern daß sie auch die Grundlagen des Staates in hohem Grade +zu gefährden geeignet seien, und sprang von hier aus gewandt auf das +Gebiet der Politik über, wo er mit seiner Erfahrung und Weltläufigkeit +eher darauf rechnen konnte, Marcolinen gegenüber eine gewisse +Überlegenheit zu zeigen. Aber wenn es ihr hier auch an Personenkenntnis +und Einblick in das höfisch-diplomatische Getriebe gebrach und sie +darauf verzichten mußte, Casanova im einzelnen zu widersprechen, auch wo +sie der Verläßlichkeit seiner Darstellung zu mißtrauen Neigung +verspürte; – aus ihren Bemerkungen ging unwidersprechlich für ihn +hervor, daß sie weder vor den Fürsten dieser Erde noch vor den +Staatsgebilden als solchen sonderliche Achtung hegte und der +Überzeugung war, daß die Welt im Kleinen wie im Großen von Eigennutz und +Herrschsucht nicht so sehr regiert, als vielmehr in Verwirrung gebracht +werde. Einer solchen Freiheit des Denkens war Casanova bisher nur selten +bei Frauen, bei einem jungen Mädchen gar, das gewiß noch keine zwanzig +Jahre zählte, war er ihr noch nie begegnet; und nicht ohne Wehmut +erinnerte er sich, daß sein eigener Geist in vergangenen Tagen, die +schöner waren als die gegenwärtigen, mit einer bewußten und etwas +selbstzufriedenen Kühnheit die gleichen Wege gegangen war, die er nun +Marcolina beschreiten sah, ohne daß diese sich ihrer Kühnheit überhaupt +bewußt zu werden schien. Und ganz hingenommen von der Eigenart ihrer +Denk- und Ausdrucksweise vergaß er beinahe, daß er an der Seite eines +jungen, schönen und höchst begehrenswerten Wesens einherwandelte, was um +so verwunderlicher war, als er sich mit ihr ganz allein in der nun +völlig durchschatteten Allee, ziemlich weit vom Wohnhaus, befand. +Plötzlich aber, sich in einem eben begonnenen Satz unterbrechend, rief +Marcolina lebhaft, ja wie freudig aus: »Da kommt mein Oheim!« ... Und +Casanova, als hätte er Versäumtes nachzuholen, flüsterte ihr zu: »Wie +schade. Gar zu gerne hätte ich mich noch stundenlang mit Ihnen weiter +unterhalten, Marcolina!« – Er fühlte selbst, wie während dieser Worte +in seinen Augen die Begier von neuem aufzuleuchten begann, worauf +Marcolina, die in dem abgelaufenen Gespräch in aller Spöttelei sich fast +zutraulich gegeben, sofort wieder eine kühlere Haltung annahm, und ihr +Blick die gleiche Verwahrung, ja den gleichen Widerwillen ausdrückte, +der Casanova heute schon einmal so tief verletzt hatte. Bin ich wirklich +so verabscheuungswürdig? fragte er sich angstvoll. Nein, gab er sich +selbst zur Antwort. Nicht das ist’s. Aber Marcolina – ist kein Weib. +Eine Gelehrte, eine Philosophin, ein Weltwunder meinethalben – aber kein +Weib. – Doch er wußte zugleich, daß er sich so nur selbst zu belügen, zu +trösten, zu retten versuchte, und daß diese Versuche vergeblich waren. +Olivo stand vor ihnen. »Nun,« meinte er zu Marcolina, »hab’ ich das +nicht gut gemacht, daß ich dir endlich jemanden ins Haus gebracht habe, +mit dem sich’s so klug reden läßt, wie du’s von deinen Professoren in +Bologna her gewohnt sein magst?« – »Und nicht einmal unter diesen, +liebster Oheim,« erwiderte Marcolina, »gibt es einen, der es sich +getrauen dürfte, Voltaire selbst zum Zweikampf herauszufordern!« – »Ei, +Voltaire? Der Chevalier fordert ihn heraus?« rief Olivo ohne zu +verstehen. – »Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht von der Streitschrift, +die mich in der letzten Zeit beschäftigt. Liebhaberei für müßige +Stunden. Früher hatte ich Gescheiteres zu tun.« Marcolina, ohne auf +diese Bemerkung zu achten, sagte: »Sie werden eine angenehme kühle Luft +für Ihren Spaziergang haben. Auf Wiedersehen.« Sie nickte kurz und eilte +über die Wiese dem Hause zu. Casanova hielt sich davor zurück, ihr +nachzublicken und fragte: »Wird uns Frau Amalia begleiten?« – »Nein, +mein werter Chevalier,« erwiderte Olivo, »sie hat allerlei im Hause zu +besorgen und anzuordnen – und jetzt ist auch die Stunde, in der sie die +Mädchen zu unterrichten pflegt.« – »Was für eine tüchtige, brave +Hausfrau und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo!« – »Ja, das sag’ ich +mir selbst alle Tage,« entgegnete Olivo, und die Augen wurden ihm +feucht. + +Sie gingen die Schmalseite des Hauses entlang. Das Fenster Marcolinens +stand offen, wie vorher; aus dem dämmernden Grund des Gemachs schimmerte +das schleierartige helle Gewand. Durch die breite Kastanienallee +gelangten sie auf die Straße, die schon völlig im Schatten lag. Langsam +gingen sie aufwärts längs der Gartenmauer; wo sie im rechten Winkel +umbog, begann das Weingelände. Zwischen den hohen Stöcken, an denen +schwere dunkelblaue Beeren hingen, führte Olivo seinen Gast zur Höhe, +und deutete mit einer behaglich zufriedenen Handbewegung nach seinem +Haus zurück, das nun ziemlich tief unter ihnen lag. Im Fensterrahmen +des Turmgemachs glaubte Casanova eine weibliche Figur auf und nieder +schweben zu sehen. + +Die Sonne neigte sich dem Untergang zu; aber noch war es heiß genug. +Über Olivos Wangen rannen die Schweißtropfen, während Casanovas Stirne +vollkommen trocken blieb. Allmählich weiter und nun nach abwärts +schreitend kamen sie auf üppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum +andern rankte sich das Geäst der Reben, zwischen den Baumreihen wiegten +sich die hohen gelben Ähren. – »Segen der Sonne,« sagte Casanova wie +anerkennend, »in tausendfältiger Gestalt.« Olivo erzählte wieder und mit +noch größerer Ausführlichkeit als vorher, wie er nach und nach diesen +schönen Besitz erworben, und wie ein paar glückliche Ernte- und Lesejahre +ihn zum wohlhabenden, ja zum reichen Manne gemacht. Casanova aber hing +seinen eigenen Gedanken nach und griff nur selten ein Wort Olivos auf, +um durch irgendeine höfliche Zwischenfrage seine Aufmerksamkeit zu +beweisen. Erst als Olivo, von allem möglichen schwatzend, auf seine +Familie und endlich auf Marcolina geraten war, horchte Casanova auf. +Aber er erfuhr nicht viel mehr, als er schon vorher gewußt hatte. Da sie +schon als Kind, noch im Hause ihres Vaters, der Olivos Stiefbruder, früh +verwitwet und Arzt in Bologna gewesen war, durch die zeitig erwachenden +Fähigkeiten ihres Verstandes ihre Umgebung in Erstaunen gesetzt, hatte +man indes Muße genug gehabt, sich an ihre Art zu gewöhnen. Vor wenigen +Jahren war ihr Vater gestorben, und seither lebte sie in der Familie +eines berühmten Professors der hohen Schule von Bologna, eben jenes +Morgagni, der sich vermaß, seine Schülerin zu einer großen Gelehrten +heranzubilden; in den Sommermonaten war sie stets beim Oheim zu Gaste. +Eine Anzahl Bewerbungen um ihre Hand, die eines Bologneser Kaufmanns, +die eines Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, und zuletzt die des +Leutnant Lorenzi habe sie zurückgewiesen und scheine tatsächlich +gewillt, ihr Dasein völlig dem Dienst der Wissenschaft zu widmen. +Während Olivo dies erzählte, fühlte Casanova sein Verlangen ins +Ungemessene wachsen, und die Einsicht, daß es so töricht als +hoffnungslos war, brachte ihn der Verzweiflung nahe. Eben als sie aus +dem Feld- und Wiesenland auf die Fahrstraße traten, erschallte ihnen aus +einer Staubwolke, die sich näherte, Rufen und Grüßen entgegen. Ein Wagen +wurde sichtbar, in dem ein vornehm gekleideter älterer Herr an der Seite +einer etwas jüngern üppigen und geschminkten Dame saß. »Der Marchese,« +flüsterte Olivo seinem Begleiter zu, »er ist auf dem Wege zu mir.« + +Der Wagen hielt. »Guten Abend, mein trefflicher Olivo,« rief der +Marchese, »darf ich Sie bitten, mich mit dem Chevalier von Seingalt +bekannt zu machen? Denn ich zweifle nicht, daß ich das Vergnügen habe, +mich ihm gegenüber zu sehen.« – Casanova verbeugte sich leicht. »Ich bin +es,« sagte er. – »Und ich der Marchese Celsi, – hier die Marchesa, meine +Gattin.« Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen; er berührte sie +mit den Lippen. + +»Nun, mein bester Olivo,« sagte der Marchese, dessen wachsgelbes +schmales Antlitz durch die über den stechenden grünlichen Augen +zusammengewachsenen dichten roten Brauen ein nicht eben freundliches +Ansehen erhielt, – »mein bester Olivo, wir haben denselben Weg, nämlich +zu Ihnen. Und da es kaum ein Viertelstündchen bis dahin ist, will ich +aussteigen und mit Ihnen zu Fuß gehen. Du hast wohl nichts dagegen, die +kleine Strecke allein zu fahren,« wandte er sich an die Marchesa, die +Casanova die ganze Zeit über mit lüstern prüfenden Augen betrachtet +hatte; gab, ohne die Antwort seiner Gattin abzuwarten, dem Kutscher +einen Wink, worauf dieser sofort wie toll auf die Pferde einhieb, als +käme es ihm aus irgendeinem Grund darauf an, seine Herrin möglichst +geschwind davonzubringen; und gleich war der Wagen hinter einer +Staubwolke verschwunden. + +»Man weiß nämlich schon in unsrer Gegend,« sagte der Marchese, der noch +ein paar Zoll höher als Casanova und von einer unnatürlichen Magerkeit +war, »daß der Chevalier von Seingalt hier angekommen und bei seinem +Freund Olivo abgestiegen ist. Es muß ein erhebendes Gefühl sein, einen +so berühmten Namen zu tragen.« + +»Sie sind sehr gütig, Herr Marchese,« erwiderte Casanova, »ich habe +allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen +zu erwerben, finde mich aber vorläufig davon noch recht weit entfernt. – +Eine Arbeit, mit der ich eben beschäftigt bin, wird mich meinem Ziele +hoffentlich etwas näher bringen.« + +»Wir können den Weg hier abkürzen,« sagte Olivo und schlug einen Feldweg +ein, der gerade auf die Mauer seines Gartens zuführte. – »Arbeit?« +wiederholte der Marchese mit einem unbestimmten Ausdruck. »Darf man +fragen, von welcher Art von Arbeit Sie sprechen, Chevalier?« – »Wenn Sie +mich danach fragen, Herr Marchese, so sehe ich mich genötigt, +meinerseits an Sie die Frage zu richten, von was für einer Art von Ruhm +Sie vorhin geredet haben?« Dabei sah er dem Marchese hochmütig in die +stechenden Augen. Denn wenn er auch sehr wohl wußte, daß weder sein +phantastischer Roman »Icosameron«, noch seine dreibändige »Widerlegung +von Amelots Geschichte der venezianischen Regierung« ihm nennenswerten +schriftstellerischen Ruhm eingebracht hatten, es lag ihm daran, für +sich keinen andern als erstrebenswert gelten zu lassen, und er +mißverstand absichtlich alle weiteren vorsichtig tastenden Bemerkungen +und Anspielungen des Marchese, der sich unter Casanova wohl einen +berühmten Frauenverführer, Spieler, Geschäftsmann, politischen Emissär +und sonst alles mögliche, nur durchaus keinen Schriftsteller +vorzustellen imstande war, um so weniger, als weder von der Widerlegung +des Amelotischen Werkes noch von dem »Icosameron« jemals eine Kunde zu +ihm gedrungen war. So bemerkte er endlich mit einer gewissen höflichen +Verlegenheit: »Immerhin gibt es nur einen Casanova.« – »Auch das ist ein +Irrtum, Herr Marchese,« entgegnete Casanova kalt. »Ich habe Geschwister, +und der Name eines meiner Brüder, des Malers Francesco Casanova, dürfte +einem Kenner nicht fremd klingen.« + +Es zeigte sich, daß der Marchese auch auf diesem Gebiete nicht zu den +Kennern gehörte, und so lenkte er das Gespräch auf Bekannte, die ihm in +Neapel, Rom, Mailand und Mantua wohnten, und von denen er annehmen +konnte, daß Casanova mit ihnen gelegentlich zusammengetroffen war. In +diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen des Barons Perotti, doch in +einigermaßen verächtlichem Tone, und Casanova mußte zugestehen, daß er +manchmal im Hause des Barons ein kleines Spiel zu machen pflege – »zur +Zerstreuung,« setzte er hinzu, – »ein halbes Stündchen vor dem +Schlafengehen. Im übrigen hab’ ich diese Art von Zeitvertreib so +ziemlich aufgegeben.« – »Das täte mir leid,« sagte der Marchese, »denn +ich will Ihnen nicht verhehlen, Herr Chevalier, daß es ein Traum meines +Lebens war, mich mit Ihnen zu messen – sowohl im Spiel als – in jüngern +Jahren – auch auf andern Gebieten. Denken Sie übrigens, daß ich – wie +lange mag es her sein? – daß ich in Spa genau an dem Tage, ja in der +Stunde ankam, als Sie es verließen. Unsre Wagen fuhren aneinander +vorüber. Und in Regensburg widerfuhr mir ein ähnliches Mißgeschick. Dort +bewohnte ich sogar das Zimmer, das Sie eine Stunde vorher verlassen +hatten.« – »Es ist ein rechtes Unglück,« sagte Casanova, immerhin ein +wenig geschmeichelt, »daß man einander manchmal zu spät im Leben +begegnet.« – »Es ist noch nicht zu spät,« rief der Marchese lebhaft. »In +Hinsicht auf mancherlei andres will ich mich gern im vorhinein +geschlagen geben, und es kümmert mich wenig, – aber was das Spiel +anbelangt, mein lieber Chevalier, so sind wir beide vielleicht gerade in +den Jahren –« + +Casanova unterbrach ihn: »In den Jahren – mag sein. Aber leider kann ich +gerade auf dem Gebiet des Spiels nicht mehr auf das Vergnügen Anspruch +erheben, mich mit einem Partner Ihres Ranges messen zu dürfen – weil +ich« – und dies sagte er im Ton eines entthronten Fürsten – »weil ich es +mit all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis heute nicht viel +weiter als bis zum Bettler gebracht habe.« + +Der Marchese schlug unwillkürlich vor Casanovas stolzem Blick die Augen +nieder und schüttelte dann nur ungläubig, wie zu einem sonderbaren Spaß, +den Kopf. Olivo aber, der dem ganzen Gespräch mit Spannung gelauscht und +die gewandt überlegenen Antworten seines außerordentlichen Freundes mit +beifälligem Nicken begleitet hatte, vermochte eine Bewegung des +Erschreckens kaum zu unterdrücken. Sie standen eben alle an der +rückwärtigen Gartenmauer vor einer schmalen Holztür, und während Olivo +sie mit einem kreischenden Schlüssel öffnete und den Marchese voraus in +den Garten treten ließ, flüsterte er Casanova zu, ihn beim Arm fassend: +»Sie werden Ihr letztes Wort zurücknehmen, Chevalier, ehe Sie den Fuß +wieder in mein Haus setzen. Das Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren +schulde, liegt bereit. Ich wagte nur nicht ... Fragen Sie Amalia ... +Abgezählt liegt es bereit. Beim Abschied wollte ich mir erlauben –« +Casanova unterbrach ihn sanft. »Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo. +Die paar Goldstücke waren – Sie wissen es wohl – ein Hochzeitsgeschenk, +das ich, als Freund von Amaliens Mutter ... Doch wozu überhaupt davon +reden. Was sollen mir die paar Dukaten? Ich stehe an einer Wende meines +Schicksals,« setzte er absichtlich laut hinzu, so daß ihn der Marchese, +der nach ein paar Schritten stehengeblieben war, hören konnte. Olivo +tauschte einen Blick mit Casanova, um sich seiner Zustimmung zu +versichern, dann bemerkte er zum Marchese: »Der Chevalier ist nämlich +nach Venedig zurückberufen und reist in wenigen Tagen nach seiner +Vaterstadt ab.« – »Vielmehr,« bemerkte Casanova, während sie alle sich +dem Hause näherten, »man ruft bereits seit geraumer Zeit nach mir und +immer dringender. Aber ich finde, die Herren Senatoren haben sich lange +genug Zeit gelassen. Mögen nun sie sich in Geduld fassen.« – »Ein +Stolz,« sagte der Marchese, »zu dem Sie im höchsten Maße berechtigt +sind, Chevalier!« + +Als sie aus der Allee auf die Wiese hinaustraten, die nun schon völlig +im Schatten dalag, sahen sie, dem Hause nahe, die kleine Gesellschaft +versammelt, von der sie erwartet wurden. Alle erhoben sich, um ihnen +entgegenzugehen, zuerst der Abbate, zwischen Marcolina und Amalia; ihnen +folgte die Marchesa, ihr zur Seite ein hochgewachsener bartloser junger +Offizier in roter silberverschnürter Uniform und glänzenden +Reiterstiefeln, der kein andrer sein konnte als Lorenzi. Wie er zu der +Marchesa sprach, ihre weißen gepuderten Schultern mit dem Blicke +streifend als eine wohlbekannte Probe von nicht minder bekannten +hübschen Dingen; noch mehr die Art, wie die Marchesa mit +halbgeschlossenen Lidern lächelnd zu ihm aufsah, konnte auch weniger +Erfahrene über die Natur der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen +nicht in Zweifel lassen; sowie auch darüber, daß sie keinen Wert darauf +legten, sie vor irgend jemandem geheimzuhalten. Sie unterbrachen ihr +leises aber lebhaftes Gespräch erst, als sie den Herankommenden schon +gegenüberstanden. + +Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor. Die beiden maßen sich +mit einem kurzen kalten Blick, in dem sie sich gegenseitig ihrer +Abneigung zu versichern schienen, dann lächelten sie beide flüchtig und +verneigten sich, ohne einander die Hände zu reichen, da jeder zu diesem +Zweck dem andern hätte einen Schritt entgegentreten müssen. Lorenzi war +schön, von schmalem Antlitz und in Anbetracht seiner Jugend auffallend +scharfen Zügen; im Hintergrund seiner Augen schillerte irgend etwas +Unfaßbares, das den Erfahrenen zur Vorsicht mahnen mußte. Nur eine +Sekunde lang überlegte Casanova, an wen ihn Lorenzi erinnerte. Dann +wußte er, daß es sein eigenes Bild war, das ihm, um dreißig Jahre +verjüngt, hier entgegentrat. Bin ich etwa in seiner Gestalt +wiedergekehrt? fragte er sich. Da müßte ich doch vorher gestorben sein +... Und es durchbebte ihn: Bin ich’s denn nicht seit lange? Was ist denn +noch an mir von dem Casanova, der jung, schön und glücklich war? + +Er hörte Amaliens Stimme. Sie fragte ihn, wie aus der Ferne, obzwar sie +neben ihm stand, wie ihm der Spaziergang behagt habe, worauf er sich +laut, so daß es alle hören konnten, mit höchster Anerkennung über den +fruchtbaren wohlgepflegten Besitz aussprach, den er mit Olivo +durchwandert hatte. Indes deckte die Magd auf der Wiese einen länglichen +Tisch, die zwei älteren Töchter Olivos waren ihr dabei behilflich, indem +sie aus dem Hause Geschirr, Gläser und was sonst nötig war, mit viel +Gekicher und Getu herbeischafften. Mählich brach die Dämmerung ein; ein +leise kühlender Wind strich durch den Garten. Marcolina eilte an den +Tisch, um zu vollenden, was die Kinder im Verein mit der Magd begonnen, +und zu verbessern, was sie verfehlt hatten. Die übrigen ergingen sich +zwanglos auf der Wiese und in den Alleen. Die Marchesa erwies Casanova +viele Höflichkeit, auch wünschte sie von ihm die berühmte Geschichte +seiner Flucht aus den Bleikammern von Venedig zu vernehmen, wenngleich +ihr keineswegs unbekannt sei – wie sie mit vieldeutigem Lächeln +hinzufügte –, daß er weit gefährlichere Abenteuer bestanden, die zu +erzählen freilich bedenklicher sein möchte. Casanova erwiderte: wenn er +auch mancherlei ernste und heitere Beschwernis mitgemacht – gerade +dasjenige Leben, dessen Sinn und eigentliches Wesen die Gefahr bedeute, +habe er niemals so recht kennengelernt; denn wenn er auch ein paar +Monate lang in unruhigen Zeiten Soldat gewesen, vor vielen Jahren, auf +der Insel Korfu, – gab es denn einen Beruf auf Erden, in den ihn das +Schicksal nicht verschlagen?! – er habe nie das Glück gehabt, einen +wirklichen Feldzug mitzumachen, wie das nun dem Herrn Leutnant Lorenzi +bevorstünde, und worum er ihn fast beneiden möchte. – »Da wissen Sie +mehr als ich, Herr Casanova,« sagte Lorenzi mit einer hellen und frechen +Stimme – »und sogar mehr als mein Oberst, denn ich habe eben +Verlängerung meines Urlaubs auf unbestimmte Zeit erhalten.« – +»Wahrhaftig!« rief der Marchese mit unbeherrschtem Grimme, und höhnisch +setzte er hinzu: »Und denken Sie nur, Lorenzi, wir – meine Gattin +vielmehr, hatte schon so sicher auf Ihre Abreise gerechnet, daß sie für +Anfang nächster Woche einen unsrer Freunde, den Sänger Baldi, auf unser +Schloß einlud.« – »Das trifft sich gut,« entgegnete Lorenzi unbeirrt, +»Baldi und ich sind gute Freunde, wir werden uns vertragen. Nicht wahr?« +wandte er sich an die Marchesa und ließ seine Zähne blitzen. – »Ich +würde es Ihnen beiden raten,« meinte die Marchesa mit einem heitern +Lächeln. + +Mit diesen Worten nahm sie als erste am Tische Platz; ihr zur Seite +Olivo, an ihrer andern Lorenzi. Ihnen gegenüber saß Amalia zwischen dem +Marchese und Casanova; neben diesem an einem schmalen Tischende +Marcolina; am andern, neben Olivo, der Abbate. Es war wie mittags ein +einfaches und dabei höchst schmackhaftes Mahl. Die zwei älteren Töchter +des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die Schüsseln und schenkten +von dem trefflichen Wein, der auf Olivos Hügeln wuchs; und sowohl der +Marchese wie der Abbate dankten den Mädchen mit scherzhaft derben +Liebkosungen, die ein gestrengerer Vater als Olivo sich vielleicht +verbeten hätte. Amalia schien nichts zu bemerken; sie war blaß, blickte +trüb und sah aus wie eine Frau, die entschlossen ist, alt zu werden, +weil das Jungsein jeden Sinn für sie verloren hat. Ist dies nun meine +ganze Macht? dachte Casanova bitter, sie von der Seite betrachtend. Doch +vielleicht war es die Beleuchtung, die Amaliens Züge so traurig +veränderte. Es fiel nämlich nur ein breiter Strahl von Licht aus dem +Innern des Hauses auf die Gäste; im übrigen ließ man sich’s am +Dämmerschein des Himmels genügen. In scharfen schwarzen Linien schlossen +die Baumwipfel alle Aussicht ab, und Casanova fühlte sich an irgendeinen +geheimnisvollen Garten erinnert, in dem er vor vielen Jahren +nächtlicherweile eine Geliebte erwartet hatte. »Murano,« flüsterte er +vor sich hin und erbebte; dann sprach er laut: »Es gibt einen Garten auf +einer Insel nahe von Venedig, einen Klostergarten, den ich vor etlichen +Jahrzehnten zum letztenmal betreten habe; – in dem duftete es nachts +gerade so, wie heute hier.« – »Sie sind wohl auch einmal Mönch gewesen?« +fragte die Marchesa scherzend. – »Beinahe,« erwiderte Casanova lächelnd +und erzählte wahrheitsgemäß, daß ihm als einem fünfzehnjährigen Knaben +der Patriarch von Venedig die niederen Weihen verliehen, daß er aber +schon als Jüngling vorgezogen habe, das geistliche Gewand wieder +abzulegen. Der Abbate tat eines nahegelegenen Frauenklosters Erwähnung, +zu dessen Besuch er Casanova dringend rate, falls er es noch nicht +kennen sollte. Olivo stimmte lebhaft zu; er rühmte den düstern alten +Bau, die anmutige Gegend, in der er gelegen war, den abwechslungsreichen +Weg dahin. Übrigens, fuhr der Abbate fort, habe die Äbtissin, Schwester +Seraphina, – eine höchst gelehrte Frau, Herzogin von Geburt – in einem +Brief an ihn den Wunsch geäußert (schriftlich darum, weil in jenem +Kloster das Gelübde ewigen Schweigens herrsche), Marcolina, von deren +Gelehrsamkeit sie erfahren, von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. – +»Ich hoffe, Marcolina,« sagte Lorenzi, und es war das erstemal, daß er +das Wort geradaus an sie richtete, »Sie werden sich nicht dazu verführen +lassen, der Herzogin-Äbtissin in jeder Beziehung nachzueifern.« – »Warum +sollt’ ich auch?« erwiderte Marcolina heiter; »man kann seine Freiheit +auch ohne Gelübde bewahren – und besser, denn Gelübde ist Zwang.« + +Casanova saß neben ihr. Er wagte es nicht einmal, leise ihren Fuß zu +berühren, oder sein Knie an das ihre zu drängen: noch ein drittes Mal +jenen Ausdruck des Grauens, des Ekels in ihrem Blick gewahren zu müssen +– des war er gewiß – hätte ihn unfehlbar zu einer Tat des Wahnsinns +getrieben. Während mit dem Fortschreiten des Mahls und der steigenden +Zahl der geleerten Gläser die Unterhaltung lebhafter und allgemeiner +wurde, hörte Casanova, wieder wie von fern, Amaliens Stimme. »Ich habe +mit Marcolina gesprochen.« – »Du hast mit ihr –« – Eine tolle Hoffnung +flammte in ihm auf. »Stille, Casanova. Von dir war nicht die Rede, nur +von ihr und ihren Zukunftsplänen. Und ich sage es dir noch einmal: +Niemals wird sie irgendeinem Manne angehören.« – Olivo, der dem Weine +stark zugesprochen hatte, erhob sich unerwarteterweise, und, das Glas in +der Hand, sprach er ein paar unbeholfene Worte über die hohe Ehre, die +seinem armen Hause durch den Besuch seines teuern Freundes, des +Chevalier von Seingalt, geworden sei. + +»Wo ist der Chevalier von Seingalt, mein lieber Olivo, von dem Sie da +reden?« fragte Lorenzi mit seiner hellen, frechen Stimme. Casanovas +erste Regung war es, dem Unverschämten sein gefülltes Glas an den Kopf +zu schleudern; Amalia aber berührte leicht seinen Arm und sagte: »Viele +Leute, Herr Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem älteren und +berühmteren Namen Casanova.« + +»Ich wußte nicht,« sagte Lorenzi mit beleidigendem Ernst, »daß der König +von Frankreich Herrn Casanova den Adel verliehen hat.« + +»Ich konnte dem König diese Mühe ersparen,« erwiderte Casanova ruhig, +»und hoffe, daß Sie, Leutnant Lorenzi, sich mit einer Erklärung +zufrieden geben werden, gegen die der Bürgermeister von Nürnberg nichts +einzuwenden hatte, dem ich sie bei einer im übrigen gleichgültigen +Gelegenheit vorzutragen die Ehre hatte.« Und da die andern in Spannung +schwiegen –: »Das Alphabet ist bekanntlich allgemeines Gut. Ich habe mir +eine Anzahl Buchstaben ausgesucht, die mir gefallen, und mich zum +Edelmann gemacht, ohne einem Fürsten verpflichtet zu sein, der meine +Ansprüche zu würdigen kaum imstande gewesen wäre. Ich bin Casanova +Chevalier von Seingalt. Es täte mir leid um Ihretwillen, Leutnant +Lorenzi, wenn dieser Name Ihren Beifall nicht finden sollte.« – +»Seingalt – ein vortrefflicher Name,« sagte der Abbate und wiederholte +ihn ein paarmal, als schmeckte er ihn mit den Lippen nach. – »Und es +gibt niemanden auf der Welt,« rief Olivo aus, »der sich mit höherem +Rechte Chevalier nennen dürfte als mein edler Freund Casanova!« – »Und +sobald Ihr Ruhm, Lorenzi,« fügte der Marchese hinzu, »so weit erschallen +sollte, als der des Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt, werden wir +nicht zögern, wenn es Ihnen so beliebt, auch Sie Chevalier zu nennen.« – +Casanova, ärgerlich über den unerwünschten Beistand, der ihm von allen +Seiten wurde, war eben im Begriffe, sich ihn zu verbitten, um seine +Sache persönlich weiterzuführen, als aus dem Dunkel des Gartens zwei +eben noch anständig gekleidete, alte Herren an den Tisch traten. Olivo +begrüßte sie herzlich und geräuschvoll, sehr froh, damit einem Zwist, +der bedenklich zu werden und die Heiterkeit des Abends zu gefährden +drohte, die Spitze abzubrechen. Die Neuangekommenen waren die Brüder +Ricardi, Junggesellen, die, wie Casanova von Olivo erfuhr, früher in der +großen Welt gelebt, mit allerlei Unternehmungen wenig Glück gehabt und +sich endlich in das benachbarte Dorf, ihren Geburtsort, zurückgezogen, +wo sie in einem elenden Häuschen zur Miete wohnten. Sonderbare, aber +harmlose Leute. Die beiden Ricardi drückten ihr Entzücken aus, die +Bekanntschaft des Chevaliers zu erneuern, mit dem sie in Paris vor +Jahren zusammengetroffen waren. Casanova erinnerte sich nicht. Oder war +es in Madrid?... »Das wäre möglich,« sagte Casanova, aber er wußte, daß +er die beiden niemals gesehen hatte. Nur der eine, offenbar jüngere von +ihnen, führte das Wort, der andre, der wie ein Neunzigjähriger aussah, +begleitete die Reden seines Bruders mit unaufhörlichem Kopfnicken und +einem verlorenen Grinsen. + +Man hatte sich von Tisch erhoben. Die Kinder waren schon früher +verschwunden. Lorenzi und die Marchesa spazierten im Dämmer über die +Wiese hin, Marcolina und Amalia wurden bald im Saale sichtbar, wo sie +Vorbereitungen für das Spiel zu treffen schienen. Was hat das alles zu +bedeuten? fragte sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten sie +mich für reich? Wollen sie mich rupfen? Denn alle diese Anstalten, auch +die Zuvorkommenheit des Marchese, die Beflissenheit des Abbate sogar, +das Erscheinen der Brüder Ricardi, kamen ihm irgendwie verdächtig vor; +konnte nicht auch Lorenzi in die Intrige verwickelt sein? Oder +Marcolina? Oder gar Amalia? Ist das Ganze, dachte er flüchtig, ein +Streich meiner Feinde, um mir die Rückkehr nach Venedig zu erschweren, – +im letzten Augenblick unmöglich zu machen? Aber sofort mußte er sich +sagen, daß dieser Einfall völlig unsinnig war, vor allem schon darum, +weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte. Er war ein ungefährlicher, +herabgekommener alter Tropf; wen konnte seine Rückkehr nach Venedig +überhaupt kümmern? Und als er durch die offenen Fenster des Hauses die +Herren sich geschäftig um den Tisch reihen sah, auf dem die Karten +bereit lagen und gefüllte Weingläser standen, wurde ihm über jeden +Zweifel klar, daß hier nichts anderes geplant war als ein +gewohnheitsmäßig harmloses Spiel, bei dem ein neuer Partner immerhin +willkommen sein mochte. Marcolina streifte an ihm vorüber und wünschte +ihm Glück. »Sie bleiben nicht? Schauen dem Spiel nicht wenigstens zu?« – +»Was soll ich dabei? Gute Nacht, Chevalier von Seingalt – und auf +morgen!« + +Stimmen klangen ins Freie. »Lorenzi« rief es – »Herr Chevalier.« – »Wir +warten.« Casanova, im Schatten des Hauses, konnte sehen, wie die +Marchesa Lorenzi von der Wiese gegen das Dunkel der Bäume hinzuziehen +suchte. Dort drängte sie sich heftig an ihn, Lorenzi aber riß sich +ungebärdig von ihr los und eilte dem Hause zu. Er traf am Eingang mit +Casanova zusammen und, mit einer Art von spöttischer Höflichkeit, ließ +er ihm den Vortritt, was Casanova ohne Dank annahm. + +Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die Brüder Ricardi und der +Abbate setzten so geringe Münzen ein, daß das ganze Spiel auf Casanova – +auch heute, da sein ganzes Vermögen nur in ein paar Dukaten bestand – +wie ein Spaß wirkte. Es erschien ihm um so lächerlicher, als der +Marchese mit einer so großartigen Miene das Geld einstrich und +auszahlte, als wenn es um hohe Summen ginge. Plötzlich warf Lorenzi, der +sich bisher nicht beteiligt hatte, einen Dukaten hin, gewann, ließ den +so verdoppelten Einsatz stehen, gewann ein zweites und drittes Mal und +so mit geringen Unterbrechungen immer weiter. Die andern Herren setzten +indes ihre kleinen Münzen wie zuvor, und insbesondere die beiden Ricardi +zeigten sich höchst ungehalten, wenn der Marchese sie nicht mit der +gleichen Rücksichtnahme zu behandeln schien, wie den Leutnant Lorenzi. +Die Brüder spielten gemeinsam auf das gleiche Blatt; dem einen, älteren, +der die Karten empfing, perlte der Schweiß von der Stirn, der andere, +hinter ihm stehend, redete unablässig auf ihn ein wie mit +wichtig-unfehlbaren Ratschlägen. Wenn er den schweigsamen Bruder +einziehen sah, leuchteten seine Augen, im andern Falle richteten sie +sich verzweifelt gen Himmel. Der Abbate, sonst ziemlich teilnahmlos, gab +zuweilen spruchähnliche Sätze zum besten – wie »Das Glück und die Frauen +zwingst du nicht« – oder »Die Erde ist rund, der Himmel weit« – +manchmal blickte er auch pfiffig ermutigend Casanova und gleich darauf +die diesem gegenüber, ihrem Gatten zur Seite sitzende Amalia an, als +läge ihm daran, die beiden alten Liebesleute neu miteinander zu +verkuppeln. Casanova aber dachte an nichts anderes, als daß Marcolina +sich jetzt in ihrem Zimmer langsam entkleidete, und daß, wenn das +Fenster offen stand, ihre weiße Haut in die Nacht hinausschimmerte. Von +einer Begier erfaßt, die ihm die Sinne verstörte, wollte er sich von +seinem Platz neben dem Marchese erheben und den Raum verlassen; der +Marchese aber nahm diese Bewegung als einen Entschluß, sich am Spiel zu +beteiligen und sagte: »Nun endlich – wir wußten ja, daß Sie nicht +Zuschauer bleiben würden, Chevalier.« Er legte eine Karte vor ihn hin, +Casanova setzte alles, was er bei sich trug – und dies war so ziemlich +alles, was er besaß – zehn Dukaten etwa, er zählte sie nicht, ließ sie +aus seiner Börse auf den Tisch gleiten und wünschte, sie auf einen Satz +zu verlieren: dies sollte dann ein Zeichen sein, ein glückverheißendes +Zeichen – er wußte nicht recht wofür, ob für seine baldige Heimfahrt +nach Venedig oder den ihm bevorstehenden Anblick der entkleideten +Marcolina; – doch ehe er sich entschieden, hatte der Marchese das Spiel +gegen ihn bereits verloren. Auch Casanova ließ, wie Lorenzi es getan, +den verdoppelten Einsatz stehen, und auch ihm blieb das Glück treu wie +dem Leutnant. Um die übrigen kümmerte sich der Marchese nicht mehr, der +schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der andre rang die Hände – dann +standen sie zusammen in einer Ecke des Saales wie vernichtet. Der Abbate +und Olivo fanden sich leichter ab; der erste aß Süßigkeiten und +wiederholte seine Sprüchlein, der andre schaute dem Fall der Karten in +Erregung zu. Endlich hatte der Marchese fünfhundert Dukaten verloren, in +die sich Casanova und Lorenzi teilten. Die Marchesa erhob sich und gab +dem Leutnant einen Wink mit den Augen, ehe sie den Saal verließ, Amalia +geleitete sie. Die Marchesa wiegte sich in den Hüften, was Casanova +anwiderte; Amalia schlich an ihrer Seite wie ein demütiges ältliches +Weib. Da der Marchese sein ganzes Bargeld verloren hatte, übernahm +Casanova die Bank, er bestand, zum Mißvergnügen des Marchese darauf, daß +die andern wieder am Spiele teilnähmen. Sofort waren die Brüder Ricardi +zur Stelle, gierig und erregt; der Abbate schüttelte den Kopf, er hatte +genug, und Olivo spielte nur mit, um sich dem Wunsch seines edlen Gastes +nicht zu versagen. Lorenzi hatte weiter Glück; als er im ganzen die +Summe von vierhundert Dukaten gewonnen, stand er auf und sagte: »Morgen +bin ich gern bereit, Revanche zu geben. Jetzt bitte ich um die +Erlaubnis, nach Hause reiten zu dürfen.« – »Nach Hause,« rief der +Marchese hohnlachend, der übrigens ein paar Dukaten zurückgewonnen +hatte, »das ist nicht übel! Der Leutnant wohnt nämlich bei mir!« wandte +er sich zu den andern. »Und meine Gattin ist voraus nach Hause gefahren. +Gute Unterhaltung, Lorenzi!« – »Sie wissen sehr gut,« erwiderte Lorenzi, +ohne eine Miene zu verziehen, »daß ich geradeswegs nach Mantua reite und +nicht nach Ihrem Schloß, wo Sie so gütig waren, mir gestern Unterkunft +zu gewähren.« – »Reiten Sie, wohin Sie wollen, zum Teufel meinetwegen!« +– Lorenzi empfahl sich von den andern aufs höflichste und ging, ohne dem +Marchese eine gebührende Antwort zu erteilen, was Casanova in +Verwunderung setzte. Er legte weiter die Karten auf und gewann, so daß +der Marchese bald mit ein paar hundert Dukaten in seiner Schuld stand. +Wozu? fragte sich Casanova anfangs. Allmählich aber nahm ihn der Reiz +des Spiels doch wieder gefangen. Es geht nicht übel, dachte er ... Nun +sind es bald tausend ... es können auch zweitausend werden. Der Marchese +wird seine Schuld bezahlen. Mit einem kleinen Vermögen in Venedig Einzug +halten, das wäre so übel nicht. Doch warum nach Venedig? Man wird wieder +reich, man wird wieder jung. Reichtum ist alles. Nun werd’ ich sie mir +doch wenigstens wieder kaufen können. Wen? Ich will keine andere ... +Nackt steht sie am Fenster – ganz gewiß ... wartet am Ende ... ahnt, daß +ich kommen werde ... Steht am Fenster, um mich toll zu machen. Und ich +bin da. – Indes teilte er weiter die Karten aus, mit unbeweglicher +Miene, nicht nur an den Marchese, auch an Olivo und die Brüder Ricardi, +denen er zuweilen ein Goldstück hinschob, auf das sie keinen Anspruch +hatten. Sie ließen sich’s gefallen. Aus der Nacht drang ein Geräusch, +wie die Hufschläge eines über die Straße trabenden Rosses. Lorenzi, +dachte Casanova ... Von der Gartenmauer schallte es wie im Echo wieder, +dann verklang allmählich Hall und Widerhall. Nun aber wandte sich das +Glück gegen Casanova. Der Marchese setzte hoch, immer höher; und um +Mitternacht fand sich Casanova so arm wie er gewesen, ärmer noch; er +hatte auch seine eigenen paar Goldstücke verloren. Er schob die Karten +von sich weg, erhob sich lächelnd. »Ich danke, meine Herren.« + +Olivo breitete die Arme nach ihm aus. »Mein Freund, wir wollen weiter +spielen ... Hundertfünfzig Dukaten, – haben Sie denn vergessen, – nein, +nicht hundertfünfzig! Alles, was ich habe, was ich bin – alles – alles!« +Er lallte; denn er hatte während des ganzen Abends zu trinken nicht +aufgehört. Casanova wehrte mit einer übertrieben vornehmen Handbewegung +ab. »Die Frauen und das Glück zwingt man nicht,« sagte er mit einer +Verneigung gegen den Abbate hin. Dieser nickte befriedigt und klatschte +in die Hände. »Auf morgen also, mein verehrter Chevalier,« sagte der +Marchese, »wir werden gemeinsam dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder +abnehmen.« + +Die Ricardi bestanden darauf, daß weitergespielt würde. Der Marchese, +sehr aufgeräumt, gab ihnen eine Bank. Sie rückten mit den Goldstücken +heraus, die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten hatte +der Marchese sie ihnen abgenommen und lehnte es entschieden ab, mit +ihnen weiterzuspielen, wenn sie nicht Bargeld vorzuweisen hätten. Sie +rangen die Hände. Der ältere begann zu weinen wie ein Kind. Der andere +küßte ihn wie zur Beruhigung auf beide Wangen. Der Marchese fragte, ob +sein Wagen schon wieder zurückgekommen sei. Der Abbate bejahte; er hatte +ihn vor einer halben Stunde vorfahren gehört. Der Marchese lud den +Abbate und die Brüder Ricardi in seinen Wagen ein; er wollte sie vor +ihren Wohnhäusern absetzen; – und alle verließen das Haus. + +Als die andern fort waren, nahm Olivo Casanovas Arm und versicherte ihn +immer wieder, mit Tränen in der Stimme, daß alles in diesem Hause ihm, +Casanova, gehöre und daß er damit schalten möge, wie es ihm beliebe. Sie +kamen an Marcolinens Fenster vorbei. Es war nicht nur verschlossen, +auch ein Gitter war vorgeschoben, und innen senkte sich ein Vorhang +herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, wo all das nichts nützte oder wo +es nichts zu bedeuten hatte. Sie traten ins Haus. Olivo ließ es sich +nicht nehmen, den Gast über die etwas knarrende Treppe bis in das +Turmgemach zu begleiten, wo er ihn zum Abschied umarmte. »Also morgen,« +sagte er, »sollen Sie das Kloster zu sehen bekommen. Doch schlafen Sie +nur ruhig, wir brechen nicht in allzu früher Stunde auf und richten uns +jedenfalls völlig nach Ihrer Bequemlichkeit. Gute Nacht.« Er ging, die +Tür leise hinter sich schließend, aber seine Schritte dröhnten über die +Treppe durch das ganze Haus. + +Casanova stand allein in seinem durch zwei Kerzen matt erhellten Zimmer +und ließ das Auge von einem zum andern der vier Fenster schweifen, die +nach den verschiedenen Himmelsrichtungen wiesen. In bläulichem Glanze +lag die Landschaft da, nach allen Seiten fast das gleiche Bild: weite +Ebenen, mit geringen Erhebungen, nur nordwärts verschwimmende +Berglinien, da und dort vereinzelte Häuser, Gehöfte, auch größere +Gebäude; darunter eines etwas höher gelegen, aus dem ein Licht +herschimmerte, nach Casanovas Vermutung das Schloß des Marchese. Im +Zimmer, das außer dem freistehenden breiten Bett nichts enthielt, als +einen langen Tisch, auf dem die zwei Kerzen brannten, ein paar Stühle, +eine Kommode und einen goldgerahmten Spiegel darüber, war von sorglichen +Händen Ordnung gemacht, auch war der Reisesack ausgepackt worden. Auf +dem Tische lag die versperrte, abgegriffene Ledermappe, die Casanovas +Papiere enthielt, sowie ein paar Bücher, deren er für seine Arbeit +bedurfte und die er daher mit sich genommen hatte; auch Schreibzeug war +bereit. Da er nicht die geringste Schläfrigkeit verspürte, nahm er sein +Manuskript aus der Mappe und durchlas beim Schein der Kerzen, was er +zuletzt geschrieben. Da er mitten in einem Absatz stehengeblieben, war +es ihm ein leichtes, auf der Stelle fortzufahren. Er nahm die Feder zur +Hand, schrieb hastig ein paar Sätze und hielt plötzlich wieder inne. +Wozu? fragte er sich, wie in einer grausamen inneren Erleuchtung. Und +wenn ich auch wüßte, daß das, was ich hier schrieb und schreiben werde, +herrlich würde ohne Vergleich, – ja, wenn es mir wirklich gelänge, +Voltaire zu vernichten und mit meinem Ruhm den seinen zu überstrahlen; – +wäre ich nicht trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu +verbrennen, wenn es mir dafür vergönnt wäre, in dieser Stunde Marcolina +zu umarmen? Ja, wäre ich um den gleichen Preis nicht zu dem Gelübde +bereit, Venedig niemals wieder zu betreten, – auch wenn sie mich im +Triumph dahin zurückholen wollten? Venedig!... Er wiederholte das Wort, +es klang um ihn in seiner ganzen Herrlichkeit; – und schon hatte es die +alte Macht über ihn gewonnen. Die Stadt seiner Jugend stieg vor ihm auf, +umflossen von allem Zauber der Erinnerung, und das Herz schwoll ihm in +einer Sehnsucht, so qualvoll und über alles Maß, wie er sie noch nie +empfunden zu haben glaubte. Auf die Heimkehr zu verzichten erschien ihm +als das unmöglichste von allen Opfern, die das Schicksal von ihm fordern +dürfte. Was sollte er weiter in dieser kläglich verblaßten Welt ohne die +Hoffnung, die Gewißheit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen? Nach +Jahren und Jahrzehnten der Wanderungen und Abenteuer, nach all dem Glück +und Unglück, das er erlebt, nach all der Ehre und Schmach, nach den +Triumphen und nach den Erniedrigungen, die er erfahren, mußte er doch +endlich eine Ruhestatt, eine Heimat haben. Und gab es eine andere Heimat +für ihn als Venedig? Und ein anderes Glück als das Bewußtsein, wieder +eine Heimat zu haben? In der Fremde vermochte er längst nicht mehr ein +Glück dauernd an sich heranzuzwingen. Noch war ihm zuweilen die Kraft +gegönnt, es zu erfassen, doch nicht mehr die, es festzuhalten. Seine +Macht über die Menschen, Frauen wie Männer, war dahin. Nur wo er +Erinnerung bedeutete, vermochte sein Wort, seine Stimme, sein Blick noch +zu bannen; seiner Gegenwart war die Wirkung versagt. Vorbei war seine +Zeit! Und nun gestand er sich auch ein, was er sich sonst mit besonderer +Beflissenheit zu verhehlen suchte, daß selbst seinen schriftstellerischen +Leistungen, daß sogar seiner Streitschrift gegen Voltaire, auf die er +seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, niemals ein in die Weite tragender +Erfolg beschieden sein würde. Auch dazu war es zu spät. Ja, hätte er in +jüngeren Jahren Muße und Geduld gehabt, sich mit derlei Arbeiten +ernstlicher zu beschäftigen, – das wußte er wohl – den ersten dieses +Fachs, Dichtern und Philosophen hätte er es gleich getan; ebenso wie er +als Finanzmann oder als Diplomat mit größerer Beharrlichkeit und +Vorsicht, als ihm eigen war, zum Höchsten wäre berufen gewesen. Doch wo +war all seine Geduld und seine Vorsicht, wo waren alle seine Lebenspläne +hin, wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Frauen – Frauen überall. Für +sie hatte er alles hingeworfen in jedem Augenblick; für edle wie für +gemeine, für die leidenschaftlichen wie für die kalten; für Jungfrauen +wie für Dirnen; – für eine Nacht auf einem neuen Liebeslager waren ihm +alle Ehren dieser und alle Seligkeiten jener Welt immer feil gewesen. – +Doch bereute er, was er durch dieses ewige Suchen und Niemals- oder +Immer-Finden, durch dies irdisch-überirdische Fliehen von Begier zu Lust +und von Lust zu Begier sonst im Dasein etwa versäumt haben mochte? Nein, +er bereute nichts. Er hatte sein Leben gelebt wie keiner; – und lebte er +es nicht noch heute in seiner Art? Überall noch gab es Weiber auf seinem +Weg: wenn sie auch nicht mehr gerade toll um ihn wurden wie einstmals. – +Amalia? – er konnte sie haben, wann er wollte, in dieser Stunde, in +ihres betrunkenen Gatten Bett; – und die Wirtin in Mantua – war sie +nicht verliebt in ihn wie in einen hübschen Knaben, mit Zärtlichkeit und +Eifersucht? – und die blatternarbige, aber wohlgebaute Geliebte Perottis +– hatte sie ihn nicht, berauscht von dem Namen Casanova, der die Wollust +von tausend Nächten über sie hinzusprühen schien – hatte sie ihn nicht +angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu gewähren, und hatte er sie +nicht verschmäht wie einer, der noch immer nach eigenem Geschmacke +wählen durfte? Freilich – Marcolina – solche wie Marcolina waren nicht +mehr für ihn da. Oder – wäre sie niemals für ihn dagewesen? Es gab ja +wohl auch Frauen solcher Art. Er war vielleicht in früheren Jahren solch +einer begegnet; aber da immer zugleich eine andere, willigere zur Stelle +war, hatte er sich nicht damit aufgehalten, auch nur einen Tag +vergeblich zu seufzen. Und da es nicht einmal Lorenzi gelungen war, +Marcolina zu erobern, – da sie sogar die Hand dieses Menschen +ausgeschlagen, der ebenso schön und ebenso frech war, wie er, Casanova, +in seiner Jugend es gewesen – so mochte Marcolina in der Tat jenes +Wundergeschöpf vorstellen, an dessen Vorhandensein auf Erden er bisher +gezweifelt – das tugendhafte Weib. Nun aber lachte er so hell auf, daß +es durchs Zimmer hallte. »Der Ungeschickte, der Dummkopf!« rief er laut, +wie er es bei solchen Selbstgesprächen öfters tat. »Er hat die +Gelegenheit nicht zu benützen verstanden. Oder die Marchesa läßt ihn +nicht los. Oder hat er sich die erst genommen, als er Marcolina nicht +bekommen konnte, die Gelehrte – die Philosophin?!« Und plötzlich kam ihm +der Einfall: Ich will ihr morgen meine Streitschrift gegen Voltaire +vorlesen! Sie ist das einzige Geschöpf, dem ich das nötige Verständnis +dafür zutrauen darf. Ich werde sie überzeugen ... Sie wird mich +bewundern. »Natürlich wird sie ... Vortrefflich, Herr Casanova! Sie +schreiben einen glänzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben +Voltaire vernichtet ... genialer Greis!« So sprach er, so zischte er vor +sich hin und lief im Zimmer hin und her wie in einem Käfig. Ein +ungeheurer Grimm hatte ihn erfaßt, gegen Marcolina, gegen Voltaire, +gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Er nahm seine letzte Kraft +zusammen, um nicht aufzubrüllen. Endlich warf er sich aufs Bett, ohne +sich auszukleiden, und lag nun da, die weit offenen Augen zum Gebälk der +Decke gerichtet, inmitten dessen er jetzt an einzelnen Stellen im Schein +der Kerzen Spinnengewebe silbrig glänzen sah. Dann, wie es ihm zuweilen +nach Spielpartien vor dem Einschlafen begegnete, jagten mit +phantastischer Geschwindigkeit Kartenbilder an ihm vorbei, und endlich +versank er wirklich in einen traumlosen Schlummer, der aber nur eine +kurze Weile dauerte. Nun horchte er auf die geheimnisvolle Stille rings +um sich. Nach Osten und Süden standen die Fenster des Turmgemachs offen, +aus Garten und Feld drangen linde süße Gerüche aller Art, aus der +Landschaft unbestimmte Geräusche zu ihm herein, wie die kommende Frühe +sie aus der Weite und Nähe zu bringen pflegt. Casanova vermochte nicht +länger still zu liegen; ein lebhafter Drang nach Veränderung erfaßte ihn +und lockte ihn ins Freie. Vogelgesang rief ihn von draußen, morgenkühler +Wind rührte an seine Stirn. Leise öffnete Casanova die Tür, ging +vorsichtig über die Treppe hinab, mit seiner oft erprobten +Geschicklichkeit brachte er es zuwege, daß die Holzstufen unter seinem +Schritt nicht im geringsten knarrten; über die steinerne Treppe gelangte +er ins Erdgeschoß, und durch das Speisezimmer, wo auf dem Tisch noch die +halbgefüllten Gläser standen, in den Garten. Da auf dem Kies seine +Schritte hörbar wurden, trat er gleich auf die Wiese über, die nun, im +Frühdämmerschein, zu unwirklicher Weite sich dehnte. Dann schlich er +sich in die Allee, nach der Seite hin, wo ihm Marcolinens Fenster in den +Blick fallen mußte. Es war vergittert, verschlossen, verhängt, so wie er +es zuletzt gesehen. Kaum fünfzig Schritt vom Hause entfernt setzte sich +Casanova auf eine Steinbank. Jenseits der Gartenmauer hörte er einen +Wagen vorbeifahren, dann war es wieder still. Aus dem Wiesengrund +schwebte ein feiner grauer Dunst; als läge da ein durchsichtig-trüber +Teich mit verschwimmenden Grenzen. Wieder dachte Casanova jener +Jugendnacht im Klostergarten von Murano – oder eines andern Parks – +einer andern Nacht; – er wußte nicht mehr welcher – vielleicht waren es +hundert Nächte, die ihm in der Erinnerung in eine einzige +zusammenflossen, sowie ihm manchmal hundert Frauen, die er geliebt, in +der Erinnerung zu einer einzigen wurden, die als Rätselgestalt durch +seine fragenden Sinne schwebte. Und _war_ denn nicht am Ende eine Nacht +wie die andere? Und eine Frau wie die andere? Besonders, wenn es vorbei +war? Und dieses Wort »vorbei« hämmerte in seinen Schläfen weiter, als +sei es bestimmt, von nun ab der Pulsschlag seines verlorenen Daseins zu +werden. + +Es war ihm, als raschelte irgend etwas hinter ihm längs der Mauer hin. +Oder war’s nur ein Widerklang? Ja, das Geräusch kam vom Hause her. +Marcolinens Fenster stand mit einemmal offen, das Gitter war +zurückgeschoben, der Vorhang nach der einen Seite hin gerafft; aus dem +Dunkel des Gemachs hob sich eine schattenhafte Erscheinung; Marcolina +selbst war es, die in hochgeschlossenem weißen Nachtgewand an die +Brüstung trat, wie um die holde Luft des Morgens einzuatmen. Casanova +hatte sich rasch von der Bank heruntergleiten lassen; über ihren Rand, +durch das Gezweig der Allee sah er gebannt Marcolina an, deren Augen +scheinbar gedanken- ja richtungslos in die Dämmerung tauchten. Nach ein +paar Sekunden erst schien sie ihr noch wie schlafbefangenes Wesen in +einem Blicke sammeln zu können, den sie nun langsam nach rechts und +links schweifen ließ. Dann beugte sie sich vornüber, wie um auf dem Kies +etwas zu suchen, und gleich darauf wandte sie das Haupt mit dem gelösten +Haar nach aufwärts wie zu einem Fenster des oberen Stockwerks. Dann +stand sie wieder eine Weile ohne Bewegung, die Hände beiderseits an die +Fensterstöcke stützend, wie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen. Nun +erst, als wären sie plötzlich von innen erleuchtet worden, gewannen ihre +dämmernden Züge für Casanova an Deutlichkeit. Ein Lächeln spielte um +ihren Mund, das gleich wieder erstarrte. Nun ließ sie die Arme sinken; +ihre Lippen bewegten sich sonderbar, als flüsterten sie ein Gebet; +wieder schweifte ihr Blick langsam suchend durch den Garten, dann +nickte sie kurz, und im selben Augenblick schwang sich jemand über die +Brüstung ins Freie, der bis jetzt zu Marcolinens Füßen gekauert sein +mußte, – Lorenzi. Er flog mehr als er ging über den Kies zur Allee hin, +durchquerte sie kaum zehn Schritte weit von Casanova, der den Atem +anhaltend unter der Bank lag, und eilte dann jenseits der Allee, wo ein +schmaler Wiesenstreif die Mauer entlang lief, den Blicken Casanovas +entschwindend, nach rückwärts. Casanova hörte eine Tür in den Angeln +seufzen, – es konnte keine andre sein, als diejenige, durch die er +selbst gestern abend mit Olivo und dem Marchese in den Garten +zurückgekehrt war – dann war alles still. Marcolina war die ganze Zeit +völlig regungslos dagestanden: sobald sie Lorenzi in Sicherheit wußte, +atmete sie tief auf, schloß Gitter und Fenster, der Vorhang fiel nieder +wie durch eigene Kraft, und alles war, wie es vorher gewesen; – nur daß +indes, als hätte er nun keinen Anlaß mehr zu zögern, der Tag über Haus +und Garten aufgezogen war. + +Auch Casanova lag noch da, wie zuvor, die Hände vor sich hingestreckt, +unter der Bank. Nach einer Weile kroch er weiter, in die Mitte der +Allee, und weiter auf allen vieren, bis er an eine Stelle kam, wo er +weder von Marcolinens Fenster noch von einem andern aus gesehen werden +konnte. Nun erhob er sich mit schmerzendem Rücken, reckte sich in die +Höhe, dehnte die Glieder und kam endlich zur Besinnung, ja fand sich +jetzt erst selber wieder, als hätte er sich aus einem geprügelten Hund +in einen Menschen zurückverwandelt, der die Prügel nicht als +körperlichen Schmerz, sondern als tiefe Beschämung weiter zu verspüren +verdammt war. Warum, fragte er sich, bin ich nicht zu dem Fenster hin, +solang es noch offen stand? Und über die Brüstung hinein zu ihr? – Hätte +sie Widerstand leisten können – dürfen – die Heuchlerin, die Lügnerin, +die Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter, als hätte er ein Recht +dazu, als hätte sie ihm Treue gelobt wie einem Geliebten und ihn +betrogen. Er schwor sich zu, sie zur Rede zu stellen von Angesicht zu +Angesicht, ihr ins Antlitz zu schleudern, vor Olivo, vor Amalia, vor dem +Marchese, dem Abbate, vor der Magd und den Knechten, daß sie eine +lüsterne kleine Hure war und nichts anderes. Wie zur Übung, in aller +Ausführlichkeit erzählte er sich selber vor, was er eben mit angesehen, +und machte sich das Vergnügen, allerlei dazu zu erfinden, um sie noch +tiefer zu erniedrigen; daß sie nackt am Fenster gestanden, daß sie im +Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten sich habe unzüchtig liebkosen +lassen. Nachdem er so seine Wut fürs erste zur Not beschwichtigt hatte, +dachte er nach, ob mit dem, was er nun wußte, nicht doch vielleicht was +Besseres anzufangen wäre. Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt? +Konnte er nun die Gunst, die sie ihm gutwillig nicht gewährt hätte, +nicht durch Drohungen von ihr erzwingen? Aber dieser schmähliche Plan +sank sofort wieder in sich zusammen, nicht so sehr weil Casanova dessen +Schmählichkeit, als weil er dessen Zweck- und Sinnlosigkeit gerade in +diesem Fall erkennen mußte. Was konnten seine Drohungen Marcolina +kümmern, die niemandem Rechenschaft schuldig, die am Ende auch, wenn’s +ihr darauf ankam, verschlagen genug war, ihn als einen Verleumder und +Erpresser von ihrer Schwelle zu jagen? Und selbst wenn sie aus +irgendeinem Grunde das Geheimnis ihrer Liebschaft mit Lorenzi durch ihre +Preisgabe zu erkaufen bereit war (er wußte freilich, daß er etwas erwog, +das außer dem Bereich aller Möglichkeiten lag), mußte ein so erzwungener +Genuß für ihn, der, wenn er liebte, tausendmal heißer danach verlangte +Glück zu geben, als Glück zu empfangen, sich nicht in eine unnennbare +Qual verwandeln, – die ihn zum Wahnsinn und in Selbstvernichtung trieb? +Er fand sich plötzlich an der Gartentür. Sie war versperrt. Lorenzi +hatte also einen Nachschlüssel. Und wer – fiel ihm nun ein – war denn +durch die Nacht auf trabendem Roß davongesprengt, nachdem Lorenzi sich +vom Spieltisch erhoben? Ein bestellter Knecht offenbar. – Unwillkürlich +mußte Casanova beifällig lächeln ... Sie waren einander würdig, +Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und der Offizier. Und ihnen +beiden stand noch eine herrliche Laufbahn bevor. Wer wird Marcolinens +nächster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor in Bologna, in +dessen Hause sie wohnt? O, ich Narr. Der war’s ja längst ... Wer noch? +Olivo? Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht, der gestern +glotzend am Tore stand, als wir angefahren kamen? Alle! Ich weiß es. +Aber Lorenzi weiß es nicht. Das hab’ ich vor ihm voraus. – Zwar war er +im Innersten überzeugt, daß Lorenzi nicht nur Marcolinens erster +Liebhaber, sondern er vermutete sogar, daß es heute die erste Nacht war, +die sie ihm geschenkt hatte; doch das hielt ihn nicht ab, seine +boshaft-lüsternen Gedankenspiele weiterzutreiben, während er den Garten +längs der Mauer umkreiste. So stand er denn wieder vor der Saaltür, die +er offen gelassen, und sah ein, daß ihm vorläufig nichts andres zu tun +übrigblieb, als ungesehen und ungehört sich zurück ins Turmgemach zu +begeben. Mit aller Vorsicht schlich er hinauf und ließ sich oben auf den +Lehnstuhl sinken, auf dem er schon früher gesessen; vor den Tisch hin, +auf dem die losen Blätter des Manuskriptes seiner Wiederkehr nur zu +warten schienen. Unwillkürlich fiel sein Auge auf den Satz, den er +vorhin in der Mitte abgebrochen hatte; und er las: »Voltaire wird +unsterblich sein, gewiß; aber er wird diese Unsterblichkeit erkauft +haben mit seinem unsterblichen Teil; – der Witz hat sein Herz +aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und also –« In diesem +Augenblick brach die Morgensonne rötlich flutend herein, so daß das +Blatt, das er in Händen hielt, zu erglühen anfing, und wie besiegt ließ +er es auf den Tisch zu den andern sinken. Er fühlte plötzlich die +Trockenheit seiner Lippen, schenkte sich ein Glas Wasser ein aus einer +Flasche, die auf dem Tisch stand; es schmeckte lau und süßlich. +Angewidert wandte er den Kopf nach der Seite; von der Wand, aus dem +Spiegel über der Kommode, starrte ihm ein bleiches altes Gesicht +entgegen mit wirrem, über die Stirn fließendem Haar. In +selbstquälerischer Lust ließ er seine Mundwinkel noch schlaffer +herabsinken, als gälte es eine abgeschmackte Rolle auf dem Theater +durchzuführen, fuhr sich ins Haar, daß die Strähne noch ungeordneter +fielen, streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, krächzte mit +absichtlich heiserer Stimme eine Reihe alberner Schimpfworte gegen sich +selbst und blies endlich, wie ein ungezogenes Kind, die Blätter seines +Manuskriptes vom Tisch herunter. Dann begann er von neuem Marcolina zu +beschimpfen, und nachdem er sie mit den unflätigsten Worten bedacht, +zischte er zwischen den Zähnen: Denkst du, die Freude währt lang? Du +wirst fett und runzlig und alt werden wie die andern Weiber, die mit dir +zugleich jung gewesen sind, – ein altes Weib mit schlaffen Brüsten, mit +trocknem grauen Haar, zahnlos und von üblem Duft ... und endlich wirst +du sterben! Auch jung kannst du sterben! Und wirst verwesen! Und Speise +sein für Würmer. – Um eine letzte Rache an ihr zu nehmen, versuchte er +sich sie als Tote vorzustellen. Er sah sie weiß gekleidet im offenen +Sarge liegen, doch war er unfähig, irgendwelche Zeichen der Zerstörung +an ihr zu denken; sondern ihre wahrhaft überirdische Schönheit brachte +ihn in neue Raserei. Vor seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum +Brautbett; Marcolina lag lächelnd da mit blinzelnden Lidern, und mit +ihren schmalen bleichen Händen, wie zum Hohn, über ihren zarten Brüsten +zerriß sie das weiße Gewand. Doch wie er seine Arme nach ihr +ausstreckte, sich auf sie stürzen, sie umfangen wollte, zerfloß die +Erscheinung in nichts. – Es klopfte an die Tür; er fuhr aus dumpfem +Schlaf empor, Olivo stand vor ihm. »Wie, schon am Schreibtisch?« – »Es +ist meine Gewohnheit,« erwiderte Casanova sofort gefaßt, »der Arbeit die +ersten Morgenstunden zu widmen. Wie spät mag es sein?« – »Acht Uhr,« +erwiderte Olivo, »das Frühstück steht im Garten bereit; sobald Sie +befehlen, Chevalier, wollen wir unsere Fahrt nach dem Kloster antreten. +Doch ich sehe, der Wind hat Ihnen die Blätter verstreut!« Und er machte +sich daran, die Papiere vom Fußboden aufzulesen. Casanova ließ es +geschehen, denn er war ans Fenster getreten und erblickte, um den +Frühstückstisch gereiht, den man auf die Wiese in den Schatten des +Hauses gestellt hatte, alle weiß gekleidet, Amalia, Marcolina und die +drei kleinen Mädchen. Sie riefen ihm einen Morgengruß zu. Er sah nur +Marcolina, sie lächelte freundlich zu ihm auf mit hellen Augen, hielt +einen Teller mit frühgereiften Trauben auf dem Schoß und steckte eine +Beere nach der andern in den Mund. Alle Verachtung, aller Zorn, aller +Haß schmolz in Casanovas Herzen dahin; er wußte nur mehr, daß er sie +liebte. Wie trunken von ihrem Anblick zog er sich wieder ins Zimmer +zurück, wo Olivo noch immer auf dem Fußboden kniend die verstreuten +Blätter unter Tisch und Kommode hervorsuchte, verbat sich dessen weitere +Bemühungen und wünschte allein gelassen zu werden, um sich für die +Spazierfahrt fertigzumachen. »Es eilt nicht,« sagte Olivo und streifte +den Staub von seinen Beinkleidern, »wir sind zum Mittagessen bequem +zurück. Übrigens hat der Marchese bitten lassen, daß wir mit dem Spiel +heute schon in früher Nachmittagsstunde beginnen; offenbar liegt ihm +daran, vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein.« »Mir ist es ziemlich +gleichgültig, wann das Spiel beginnt,« sagte Casanova, während er seine +Blätter in die Mappe ordnete; »ich werde mich keineswegs daran +beteiligen.« »Sie werden,« erklärte Olivo mit einer Entschiedenheit, die +sonst nicht seine Art war, und legte eine Rolle von Goldstücken auf den +Tisch. »Meine Schuld, Chevalier, spät, doch aus dankerfülltem Herzen.« +Casanova wehrte ab. »Sie müssen,« beteuerte Olivo, »wenn Sie mich nicht +aufs tiefste beleidigen wollen; überdies hat Amalia heute nacht einen +Traum gehabt, der Sie veranlassen wird – doch den soll sie Ihnen selbst +erzählen.« Und er verschwand eiligst. Casanova zählte immerhin die +Goldstücke; es waren hundertfünfzig, genau die Summe, die er vor +fünfzehn Jahren dem Bräutigam oder der Braut oder ihrer Mutter – er +wußte es selbst nicht mehr recht – zum Geschenk gemacht hatte. Das +Vernünftigste wäre, sagte er zu sich, ich steckte das Geld ein, nähme +Abschied und verließe das Haus, womöglich ohne Marcolina noch einmal zu +sehen. Doch hab’ ich je das Vernünftige getan? – Und ob nicht indes eine +Nachricht aus Venedig gekommen ist?... Zwar hat meine vortreffliche +Wirtin versprochen, sie mir unverzüglich nachzusenden ... + +Die Magd hatte indes einen großen irdenen Krug mit quellkaltem Wasser +heraufgebracht, und Casanova wusch sich den ganzen Leib, was ihn sehr +erfrischte; dann legte er sein besseres, eine Art von Staatsgewand an, +wie er es schon gestern abend getan hätte, wenn er nur Zeit gefunden, +die Kleidung zu wechseln; doch war er’s nun ganz zufrieden, daß er heute +in vornehmerer Tracht als am vergangenen Tag, ja gewissermaßen in einer +neuen Gestalt vor Marcolina erscheinen durfte. + +In einem Rock von grauer Glanzseide mit Stickereien und breiten +spanischen Silberspitzen, in gelber Weste und kirschroten seidenen +Beinkleidern, in edler, dabei nicht geradezu stolzer Haltung, mit einem +zwar überlegenen aber liebenswürdigen Lächeln um die Lippen, und das +Auge wie im Feuer unverlöschlicher Jugend strahlend, so trat er in den +Garten, wo er zu seiner Enttäuschung vorerst nur Olivo vorfand, der ihn +einlud, neben ihm am Tische Platz und mit dem bescheidenen Frühmahl +vorliebzunehmen. Casanova erlabte sich an Milch, Butter, Eiern, Weißbrot +und dann noch an Pfirsichen und Trauben, die ihm köstlicher dünkten als +irgendwelche, die er jemals genossen. Die drei Mädchen kamen über den +Rasen herbeigelaufen, Casanova küßte sie alle, und der Dreizehnjährigen +erwies er kleine Liebkosungen in der Art, wie sie sich gestern solche +auch vom Abbate hatte gefallen lassen; doch die Funken, die in ihren +Augen aufglimmten, waren, wie Casanova wohl erkannte, von einer andern +Lust als der an einem kindisch-harmlosen Spiel entzündet. Olivo hatte +seine Freude daran, wie gut der Chevalier mit den Kindern umzugehen +verstünde. »Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder verlassen?« +fragte er schüchtern-zärtlich. – »Heute abend,« sagte Casanova, aber mit +einem scherzhaften Blinzeln. »Sie wissen ja, mein bester Olivo, die +Senatoren von Venedig –« »Haben es nicht um Sie verdient,« unterbrach +ihn Olivo lebhaft. »Lassen Sie sie warten. Bleiben Sie bei uns bis +übermorgen, nein, eine Woche lang.« Casanova schüttelte langsam den +Kopf, während er die kleine Teresina bei den Händen gefaßt und zwischen +seinen Knien wie gefangen hielt. Sie entwand sich ihm sanft mit einem +Lächeln, das nun gar nichts Kindliches mehr hatte, als Amalia und +Marcolina aus dem Hause traten, jene mit einem schwarzen, diese mit +einem weißen Schaltuch über den hellen Gewändern. Olivo forderte sie +beide auf, ihre Bitten mit der seinigen zu vereinen. »Es ist unmöglich,« +sagte Casanova mit einer übertriebenen Härte in Stimme und Ausdruck, da +weder Amalia noch Marcolina ein Wort fanden, Olivos Einladung zu +unterstützen. + +Während sie durch die Kastanienallee dem Tore zuschritten, richtete +Marcolina an Casanova die Frage, ob er heute nacht seine Arbeit, über +der ihn Olivo, wie er gleich erzählt, noch am hellen Morgen wach +gefunden, beträchtlich gefördert habe? Schon gedachte Casanova ihr eine +zweideutig-boshafte Antwort zu geben, die sie stutzig gemacht hätte, +ohne ihn doch selbst zu verraten; aber er zügelte seinen Witz in der +Erwägung, daß jede Voreiligkeit von Übel sein könnte, und erwiderte +höflich, daß er nur einige Änderungen angebracht habe, zu denen er die +Anregung der gestrigen Unterhaltung mit ihr verdanke. Sie stiegen in den +unförmlichen, schlechtgepolsterten, aber sonst bequemen Wagen. Casanova +saß Marcolinen, Olivo seiner Gattin gegenüber; doch das Gefährt war so +geräumig, daß es trotz des Hinundherrüttelns zu keiner ungewollten +Berührung zwischen den Insassen kommen konnte. Casanova bat Amalia, ihm +ihren Traum zu erzählen. Sie lächelte ihn freundlich, fast gütig an; +jede Spur von Gekränktheit oder Groll war aus ihren Zügen verschwunden. +Dann begann sie: »Ich sah Sie, Casanova, in einem herrlichen, mit sechs +dunklen Pferden bespannten Wagen vor einem hellen Gebäude vorfahren. +Vielmehr: der Wagen hielt an und ich wußte noch nicht, wer drin saß – da +stiegen Sie aus, in einem prächtigen, weißen, goldgestickten +Staatsgewand, fast noch prächtiger anzuschaun, als Sie heute angetan +sind – (es war ein freundlicher Spott in ihren Mienen) – und Sie trugen +– wahrhaftig, die gleiche schmale Goldkette trugen Sie, die Sie heute +tragen, und die ich doch wahrlich niemals noch an Ihnen gesehen habe! +(Diese Kette mit der goldenen Uhr und eine mit Halbedelsteinen besetzte +goldene Dose, die Casanova eben wie spielend in der Hand hielt, waren +die letzten Schmuckstücke von mäßigem Wert, die er sich zu bewahren +gewußt hatte.) – Ein alter, bettelhaft aussehender Mann öffnete den +Wagenschlag – es war Lorenzi; Sie aber, Casanova, Sie waren jung, ganz +jung, noch jünger, als Sie damals gewesen sind. – (Sie sagte »damals«, +unbekümmert darum, daß aus diesem Worte flügelrauschend all ihre +Erinnerungen geflattert kamen.) »Sie grüßten nach allen Seiten, obwohl +weit und breit kein Mensch zu sehen war, und traten durch das Tor; es +schlug heftig hinter Ihnen zu, ich wußte nicht, ob es der Sturm +zugeschleudert oder Lorenzi; – so heftig, daß die Pferde scheuten und +mit dem Wagen davonrasten. Nun hörte ich ein Geschrei aus Nebengassen, +wie von Menschen, die sich zu retten suchen, das verstummte gleich. Sie +aber erschienen an einem Fenster des Hauses, ich wußte jetzt, daß es ein +Spielhaus war, und grüßten herab nach allen Seiten, und es war doch +niemand da. Dann wandten Sie sich über Ihre Schulter nach rückwärts, als +stände irgendwer hinter Ihnen im Zimmer; aber ich wußte, daß auch dort +niemand war. Nun erblickte ich Sie plötzlich an einem andern Fenster, +in einem höhern Stockwerk, wo genau dasselbe vor sich ging, dann wieder +höher, und wieder, es war, als wüchse das Gebäude ins Unendliche; und +von überall grüßten Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter +Ihnen standen, aber doch eigentlich gar nicht da waren. Lorenzi aber +lief immerfort auf den Treppen Ihnen nach, ohne Sie einzuholen. Sie +hatten nämlich nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben ...« + +»Nun?« fragte Casanova, als Amalia schwieg. – »Es kam wohl noch +allerlei, aber ich hab’ es vergessen,« sagte Amalia. Casanova war +enttäuscht; an ihrer Stelle hätte er, wie er es in solchen Fällen, ob es +sich nun um Träume handelte oder um Wirklichkeiten, immer tat, der +Erzählung eine Abrundung, einen Sinn zu geben versucht, und so bemerkte +er nun etwas unzufrieden: »Wie der Traum doch alles verkehrt. – Ich – +als reicher Mann und Lorenzi als Bettler und alter Mann.« – »Mit +Lorenzis Reichtum,« sagte Olivo, »ist es nicht weit her; sein Vater ist +zwar ziemlich begütert, aber er steht mit dem Sohne nicht zum besten.« – +Und ohne sich mit Fragen weiter bemühen zu müssen, erfuhr Casanova, daß +man des Leutnants Bekanntschaft dem Marchese verdanke, der ihn vor +wenigen Wochen eines Tages einfach in Olivos Haus mitgebracht habe. Wie +der junge Offizier mit der Marchesa stünde, das müsse man einem Kenner, +wie dem Chevalier, nicht erst ausdrücklich zu verstehen geben; da +übrigens der Gatte nichts dagegen einzuwenden finde, könne man sich als +Unbeteiligter gleichfalls dabei beruhigen. + +»Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie zu glauben scheinen, +Olivo,« sagte Casanova, »möchte ich bezweifeln. Haben Sie nicht bemerkt, +mit welchem Gemisch von Verachtung und Grimm er den jungen Menschen +behandelt? Ich möchte nicht darauf schwören, daß die Sache ein gutes +Ende nimmt.« + +Auch jetzt rührte sich nichts in Marcolinens Antlitz und Haltung. Sie +schien an dem ganzen Gespräch über Lorenzi nicht den geringsten Anteil +zu nehmen und sich still am Anblick der Landschaft zu erfreuen. Man fuhr +eine in zahlreichen Windungen sanft ansteigende Straße durch einen Wald +von Oliven und Steineichen; und da man eben an eine Stelle kam, wo die +Pferde noch langsamer trotteten als vorher, zog es Casanova vor, +auszusteigen und neben dem Gefährt einherzugehen. Marcolina sprach von +der schönen Umgebung Bolognas und von den Abendspaziergängen, die sie +mit der Tochter des Professors Morgagni zu unternehmen pflegte. Auch +erwähnte sie der Absicht, nächstes Jahr nach Frankreich zu reisen, um +den berühmten Mathematiker Saugrenue von der Pariser Universität, mit +dem sie in Korrespondenz stehe, persönlich kennenzulernen. »Vielleicht +mache ich mir das Vergnügen,« sagte sie lächelnd, »mich auf dem Weg in +Ferney aufzuhalten, um aus Voltaires eigenem Mund zu erfahren, wie er +die Streitschrift seines gefährlichsten Widersachers, des Chevaliers von +Seingalt, aufgenommen.« Casanova, die Hand auf der Seitenlehne des +Wagens, neben Marcolinens Arm, dessen sich bauschende Hülle seine Finger +streifte, erwiderte kühl: »Es wird sich weniger darum handeln, wie Herr +Voltaire, als vielmehr wie die Nachwelt meine Schrift aufnimmt; denn +diese erst wird ein Recht darauf haben, die endgültige Entscheidung zu +treffen.« – »Sie glauben,« meinte Marcolina ernsthaft, »daß in den +Fragen, die hier zur Sprache stehen, überhaupt endgültige Entscheidungen +gefällt werden können?« – »Diese Frage wundert mich aus Ihrem Munde, +Marcolina, deren philosophische, und wenn das Wort hier angebracht +erscheint, religiöse Ansichten mir zwar keineswegs an sich +unbestreitbar, aber doch in Ihrer Seele – falls Sie eine solche als +vorhanden annehmen – vollkommen fest gegründet schienen.« – Marcolina, +der Spitzen in Casanovas Rede nicht achtend, sah ruhig zum Himmel auf, +der sich in dunkler Bläue über die Wipfel der Bäume breitete, und +erwiderte: »Manchmal, besonders an Tagen wie heute,« – und in diesem +Wort klang nur für Casanova, den Wissenden, aus den Tiefen ihres +erwachten Frauenherzens eine bebende Andacht mit – »ist mir, als wäre +all das, was man Philosophie und Religion nennt, nur ein Spiel mit +Worten, edler freilich, doch auch sinnloser als alle andern sind. Die +Unendlichkeit und die Ewigkeit zu erfassen wird uns immer versagt sein; +unser Weg geht von der Geburt zum Tode; was bleibt uns übrig als nach +dem Gesetz zu leben, das jedem von uns in die Brust gesenkt ist – oder +auch wider das Gesetz? Denn Auflehnung wie Demut kommen gleichermaßen +von Gott.« + +Olivo sah auf seine Nichte mit scheuer Bewunderung, dann ängstlich zu +Casanova hin, der nach einer Entgegnung suchte, mit der er Marcolinen +klarmachen könnte, daß sie Gott sozusagen in einem Atemzug bewies und +leugnete, – oder daß Gott und Teufel für sie eines seien; – aber er +spürte, daß er gegen ihr Gefühl nichts andres einzusetzen hatte als +leere Worte, – und nicht einmal die boten sich ihm heute dar. Doch der +sonderbar sich verzerrende Ausdruck seiner Mienen schien in Amalia die +Erinnerung an seine wirren Drohungen von gestern wieder aufzuwecken, und +sie beeilte sich zu bemerken: »Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie +mir, Chevalier.« – Marcolina lächelte verloren. »Wir sind es alle in +unsrer Weise,« sagte Casanova höflich und sah vor sich hin. + +Eine plötzliche Biegung des Wegs, und das Kloster lag vor ihnen. Über +die hohe Umfassungsmauer ragten die schlanken Enden der Zypressen. Auf +das Geräusch des heranrollenden Wagens hatte sich das Tor aufgetan, ein +Pförtner mit langem weißen Barte grüßte bedächtig und ließ die Gäste +ein. Durch einen offenen Bogengang, zwischen dessen Säulen man +beiderseits in einen ganz verwachsenen, dunkelgrünen Garten sah, +näherten sie sich dem eigentlichen Klostergebäude, von dessen grauen, +völlig schmucklosen, gefängnisartigen Mauern eine unfreundlich-kühle +Luft über sie geweht kam. Olivo zog an dem Glockenstrang, es tönte +schrill und verhallte sofort, eine tiefverschleierte Nonne öffnete +schweigend und geleitete die Gäste in den geräumigen kahlen Sprechsaal, +in dem nur ein paar einfache hölzerne Stühle standen. Nach rückwärts war +er durch ein dickstäbiges Eisengitter abgeschlossen, jenseits dessen der +Raum in ein unbestimmtes Dunkel verschwamm. Bitternis im Herzen, dachte +Casanova jenes Abenteuers, das ihm auch heute noch eines seiner +wunderbarsten dünkte und das in ganz ähnlicher Umgebung seinen Anfang +genommen: in seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen von +Murano auf, die in der Liebe für ihn als Freundinnen sich gefunden und +ihm gemeinsam unvergleichliche Stunden der Lust geschenkt hatten. Und +als Olivo im Flüsterton von der strengen Zucht zu sprechen anhub, in +der hier die Schwestern gehalten seien, die, einmal eingekleidet, ihr +Antlitz unverhüllt vor keinem Manne zeigen dürften und überdies zu +ewigem Schweigen verurteilt wären, zuckte um seine Lippen ein Lächeln, +das gleich wieder erstarrte. + +Die Äbtissin stand in ihrer Mitte, wie aus dem Dämmer hervorgetaucht. +Stumm begrüßte sie die Gäste: mit einem über alle Maßen gütigen Neigen +des verhüllten Hauptes nahm sie Casanovas Dank für den auch ihm +gewährten Einlaß entgegen; Marcolina aber, die ihr die Hand küssen +wollte, schloß sie in die Arme. Dann lud sie alle durch eine +Handbewegung ein, ihr zu folgen, und führte sie durch einen kleinen +Nebenraum in einen Gang, der im Viereck rings um einen blühenden Garten +lief. Im Gegensatz zu jenem äußeren verwilderten schien er mit besondrer +Sorgfalt gepflegt, und die vielen reichen sonnbeglänzten Beete spielten +in wundersamen aufgeglühten und verklingenden Farben. Den heißen, fast +betäubenden Düften aber, die den Blütenkelchen entströmten, schien ein +ganz besonders geheimnisvoller beigemischt, für den Casanova in seiner +Erinnerung keinen Vergleich zu finden wußte. Doch wie er eben zu +Marcolina hiervon ein Wort sagen wollte, merkte er, daß dieser +geheimnisvolle, herz- und sinnerregende Duft von ihr selber ausging, die +den Schal, den sie bisher über den Schultern getragen, über den Arm +gelegt hatte, so daß aus dem Ausschnitt ihrer nun loser gewordenen +Gewandung aufsteigend der Duft ihres Leibes sich dem der hunderttausend +Blumen wie ein von Natur verwandter und doch eigentümlicher beigesellte. +Die Äbtissin, immer stumm, führte die Besucher zwischen den Beeten auf +schmalen, vielfach gewundenen Wegen, wie durch ein zierliches Labyrinth +hin und her; in der Leichtigkeit und Raschheit ihres Gangs war die +Freude zu merken, die sie selbst daran empfand, den andern die bunte +Pracht ihres Gartens zu weisen; – und als hätte sie’s drauf angelegt, +sie schwindlig zu machen, wie die Führerin eines heiteren Reigentanzes, +schritt sie, immer eiliger, ihnen voran. Plötzlich aber – Casanova war +es zumute, als wachte er aus einem wirren Traume auf – fanden sie sich +alle im Sprechsaal wieder. Jenseits des Gitters schwebten dunkle +Gestalten; niemand hätte zu unterscheiden vermocht, ob es drei oder fünf +oder zwanzig verschleierte Frauen waren, die hinter den dichtgestellten +Stäben wie aufgescheuchte Geister hin und her irrten; und nur Casanovas +nachtscharfes Auge war imstande, in der tiefen Dämmerung überhaupt +menschliche Umrisse zu erkennen. Die Äbtissin geleitete ihre Gäste zur +Tür, gab ihnen stumm das Zeichen, daß sie entlassen seien, und war +spurlos verschwunden, ehe jene nur Zeit gefunden hatten, ihr den +schuldigen Dank auszusprechen. Plötzlich, als sie eben den Saal +verlassen wollten, erklang es aus der Gegend des Gitters her von einer +Frauenstimme – »Casanova« – nichts als der Name, doch mit einem +Ausdruck, wie ihn Casanova noch niemals gehört zu haben vermeinte. Ob +eine Einstmalsgeliebte, – ob eine Niemalsgeschaute eben ein heiliges +Gelübde gebrochen, um ein letztes, – oder ein erstes Mal seinen Namen in +die Luft zu hauchen; – ob darin die Seligkeit eines unerwarteten +Wiedersehens, der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes oder die Klage +gezittert, daß ein heißer Wunsch aus fernen Tagen sich so spät und +nutzlos erfüllte, – Casanova vermochte es nicht zu deuten; nur dies eine +wußte er, daß sein Name, so oft Zärtlichkeit ihn geflüstert, +Leidenschaft ihn gestammelt, Glück ihn gejubelt hatte, heute zum +erstenmal mit dem vollen Klang der Liebe an sein Herz gedrungen war. +Doch eben darum schien jede weitere Neugier ihm unlauter und sinnlos; – +und hinter einem Geheimnis, das er nimmer enträtseln sollte, schloß sich +die Tür. Hätten nicht die andern durch Blicke sich scheu und flüchtig zu +verstehen gegeben, daß auch sie den gleich wieder verhallten Ruf gehört, +so hätte jeder für seinen Teil an eine Sinnestäuschung glauben können; +denn keiner sprach ein Wort, während sie durch den Säulengang dem Tore +zuschritten. Casanova aber folgte als letzter, mit geneigtem Haupt, wie +von einem großen Abschied. – + +Der Pförtner stand am Tor, empfing sein Almosen, und die Gäste stiegen +in den Wagen, der sie ohne weiteren Verzug heimwärts führte. Olivo +schien verlegen, Amalia entrückt, Marcolina jedoch völlig unberührt; und +allzu absichtlich, wie es Casanova dünkte, versuchte sie mit Amalia ein +Gespräch über Angelegenheiten der Hauswirtschaft einzuleiten, das aber +Olivo an Stelle seiner Gattin aufnehmen mußte. Bald nahm auch Casanova +daran teil, der sich auf Fragen, die Küche und Keller betrafen, +vortrefflich verstand, und keinen Anlaß sah, mit seinen Kenntnissen und +Erfahrungen auch auf diesem Gebiet, wie zu einem neuen Beweis seiner +Vielseitigkeit, zurückzuhalten. Nun wachte auch Amalia aus ihrer +Versonnenheit auf; nach dem fast märchenhaften und doch beklemmenden +Abenteuer, aus dem sie eben emporgetaucht waren, schienen sich alle, +besonders aber Casanova, in so irdisch alltäglicher Atmosphäre +vorzüglich zu behagen, und, als der Wagen vor Olivos Hause hielt, aus +dem ihnen schon einladend der Geruch von Braten und allerlei Gewürzen +entgegenströmte, war Casanova gerade in der äußerst appetitreizenden +Schilderung eines polnischen Pastetengerichts begriffen, der auch +Marcolina mit einer liebenswürdig-hausfraulichen, von Casanova als +schmeichelhaft empfundenen Teilnahme zuhörte. + +In einer seltsam beruhigten, beinahe vergnügten Stimmung, über die er +selbst verwundert war, saß er dann mit den andern bei Tische und machte +Marcolinen in einer scherzhaft aufgeräumten Weise den Hof, wie es sich +etwa für einen vornehmen ältern Herrn einem wohlerzogenen jungen Mädchen +aus bürgerlichem Hause gegenüber schicken mochte. Sie ließ es sich gern +gefallen und gab ihm seine Artigkeiten mit vollendeter Anmut zurück. Ihm +machte es ebenso große Mühe, sich vorzustellen, daß seine gesittete +Nachbarin dieselbe Marcolina war, aus deren Fenster er heute nacht einen +jungen Offizier hatte flüchten sehen, der offenbar noch in der Sekunde +vorher in ihren Armen gelegen war, – als es ihm schwer fiel, anzunehmen, +daß dieses zarte Fräulein, das sich mit andern kaum erwachsenen Mädchen +im Gras herumzuwälzen liebte, – eine gelehrte Korrespondenz mit dem +berühmten Saugrenue in Paris unterhielt; und er schalt sich zugleich ob +dieser lächerlichen Trägheit seiner Phantasie. Hatte er nicht schon +unzählige Male erfahren, daß in jedes wahrhaft lebendigen Menschen Seele +nicht nur verschiedene, daß sogar scheinbar feindliche Elemente auf die +friedlichste Weise darin zusammenwohnten? Er selbst, vor kurzem noch ein +im tiefsten aufgewühlter, ein verzweifelter, ja ein zu bösem Tun +bereiter Mann; – war er jetzt nicht sanft, gütig und zu so lustigen +Späßchen aufgelegt, daß die kleinen Töchter Olivos sich manchmal vor +Lachen schüttelten? Nur an seinem ganz außerordentlichen, fast +tierischen Hunger, der ihn immer nach starken Aufregungen zu überfallen +pflegte, erkannte er selbst, daß die Ordnung in seiner Seele noch +keineswegs völlig hergestellt war. + +Mit dem letzten Gang zugleich brachte die Magd ein Schreiben, das ein +Bote aus Mantua soeben für den Chevalier abgegeben hätte. Olivo, der +merkte, wie Casanova vor Aufregung erblaßte, gab Auftrag, dem Boten +Speise und Trank zu reichen, dann wandte er sich an seinen Gast mit den +Worten: »Lassen Sie sich nicht stören, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren +Brief.« – »Mit Ihrer Erlaubnis,« erwiderte Casanova, erhob sich, mit +einer leichten Verneigung, vom Tisch, trat ans Fenster und öffnete das +Schreiben mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Es kam von Herrn +Bragadino, seinem väterlichen Freund aus Jugendtagen, einem alten +Hagestolz, der, nun über achtzig, und vor zehn Jahren Mitglied des Hohen +Rats geworden, Casanovas Sache in Venedig mit mehr Eifer als die andern +Gönner zu führen schien. Der Brief, ausnehmend zierlich, nur von etwas +zittriger Hand geschrieben, lautete wörtlich: + +»Mein lieber Casanova. Heute endlich befinde ich mich in der angenehmen +Lage, Ihnen eine Nachricht zu senden, die, wie ich hoffe, in der +Hauptsache Ihren Wünschen gerecht werden dürfte. Der Hohe Rat hat sich +in seiner letzten Sitzung, die gestern abend stattfand, nicht nur bereit +erklärt, Ihnen die Rückkehr nach Venedig zu gestatten, sondern wünscht +sogar, daß Sie diese Ihre Rückkehr tunlichst beschleunigen, da +beabsichtigt wird, die tätige Dankbarkeit, die Sie in zahlreichen +Briefen in Aussicht gestellt haben, baldigst in Anspruch zu nehmen. Wie +Ihnen vielleicht nicht bekannt ist, mein lieber Casanova (da wir ja Ihre +Gegenwart so lange entbehren mußten), haben sich die innern Verhältnisse +unsrer teuern Vaterstadt im Laufe der letzten Zeit sowohl in politischer +als auch in sittlicher Hinsicht einigermaßen bedenklich gestaltet. +Geheime Verbindungen bestehen, die gegen unsre Staatsverfassung +gerichtet sind, ja einen gewaltsamen Umsturz zu planen scheinen, und wie +es in der Natur der Dinge liegt, sind es vor allem gewisse freigeistige, +irreligiöse und in jedem Sinne zuchtlose Elemente, die an diesen +Verbindungen, die man mit einem härteren Worte auch Verschwörungen +nennen könnte, in hervorragendem Maße teilhaben. Auf öffentlichen +Plätzen, in den Kaffeehäusern, von Privatörtlichkeiten gar nicht zu +reden, werden, wie uns bekannt ist, die ungeheuerlichsten, ja geradezu +hochverräterische Unterhaltungen geführt; aber nur in den seltensten +Fällen gelingt es, die Schuldigen auf frischer Tat zu ertappen oder +ihnen etwas Sicheres nachzuweisen, da gerade gewisse, auf der Folter +erzwungene Geständnisse sich als so unzuverlässig erwiesen haben, daß +einige Mitglieder unsres Hohen Rats sich dafür aussprachen, in Hinkunft +von einer solchen grausamen und dabei oft irreführenden +Untersuchungsmethode lieber abzusehen. Zwar ist kein Mangel an Leuten, +die sich gern in den Dienst der Regierung stellen, zum Besten der +öffentlichen Ordnung und des Staatswohls; aber gerade von diesen Leuten +sind die meisten als gesinnungstüchtige Anhänger der bestehenden +Verfassung zu sehr bekannt, als daß man sich in ihrer Gegenwart so +leicht zu einer unvorsichtigen Bemerkung oder gar zu hochverräterischen +Reden hinreißen ließe. Nun wurde von einem der Senatoren, den ich +vorläufig nicht nennen will, in der gestrigen Sitzung die Ansicht +ausgesprochen, daß jemand, dem der Ruf eines Mannes ohne sittliche +Grundsätze und überdies der Ruf eines Freigeistes voranginge – kurzum, +daß ein Mensch wie Sie, Casanova, sobald er sich in Venedig wieder +zeigte, zweifellos gerade in den verdächtigen Kreisen, von denen hier +die Rede ist, sofortiger Sympathie und – bei einiger Geschicklichkeit +von seiner Seite – bald einem rückhaltlosen Vertrauen begegnen müßte. +Ja meines Erachtens würden sich mit Notwendigkeit, wie nach dem Walten +eines Naturgesetzes, gerade diejenigen Elemente um Sie versammeln, an +deren Unschädlichmachung und exemplarischer Bestrafung dem Hohen Rat in +seiner unermüdlichen Sorge um das Wohl des Staates am meisten gelegen +ist, und so würden wir es nicht nur als einen Beweis Ihres patriotischen +Eifers, mein lieber Casanova, sondern auch als ein untrügliches Zeichen +Ihrer vollkommenen Abkehr von all jenen Tendenzen betrachten, die Sie +seinerzeit unter den Bleidächern zwar hart, doch, wie auch Sie heute +einsehen (wenn wir Ihren brieflichen Versicherungen glauben dürfen), +nicht ganz ungerecht büßen mußten, – wenn Sie sich bereit fänden, in dem +oben angedeuteten Sinne sofort nach Ihrer Heimkehr bei den nun genügend +gekennzeichneten Elementen Anschluß zu suchen, sich ihnen in +freundschaftlicher Weise zuzugesellen, wie einer, der den gleichen +Tendenzen huldigt, und von allem, was Ihnen verdächtig oder sonstwie +wissenswürdig erschiene, dem Senat unverzüglichen und eingehenden +Bericht zu erstatten. Für diese Dienste wäre man geneigt, Ihnen fürs +erste einen monatlichen Gehalt von zweihundertfünfzig Lire auszusetzen, +abgesehen von Extragratifikationen in einzelnen besonders wichtigen +Fällen, sowie Ihnen natürlich auch alle Ihnen in Ausübung Ihres +Dienstes erwachsenden Kosten (als da sind Freihalten des einen oder +andern Individuums, kleine Geschenke an Frauenspersonen usw.) ohne +Bedenklichkeit und Knickerei ersetzt würden. Ich verhehle mir +keineswegs, daß Sie gewisse Skrupel werden niederzukämpfen haben, ehe +Sie sich in dem von uns gewünschten Sinne entscheiden sollten; aber +erlauben Sie mir als Ihrem alten und aufrichtigen Freunde (der auch +einmal jung gewesen ist) Ihnen zur Erwägung zu geben, daß es niemals als +unehrenhaft gelten kann, seinem geliebten Vaterlande irgendeinen für +dessen gesichertes Weiterbestehen notwendigen Dienst zu erweisen, auch +wenn es ein Dienst von einer Art wäre, wie sie dem oberflächlich und +nicht patriotisch denkenden Bürger als minder würdig zu erscheinen +pflegen. Auch möchte ich noch hinzufügen, daß Sie, Casanova, ja +Menschenkenner genug sind, um den Leichtfertigen vom Verbrecher oder den +Spötter vom Ketzer zu unterscheiden; und so werden Sie selbst es in der +Hand haben, in berücksichtigungswerten Fällen Gnade vor Recht ergehen zu +lassen, und immer nur denjenigen der Strafe zuzuführen, dem eine solche +Ihrer eigenen Überzeugung nach gebührt. Vor allem aber bedenken Sie, daß +die Erfüllung Ihres sehnlichsten Wunsches – Ihre Rückkehr in die +Vaterstadt – wenn Sie den gnädigen Vorschlag des Hohen Rates ablehnen +sollten, auf lange, ja, wie ich fürchte, auf unabsehbare Frist +hinausgeschoben wäre, und daß ich selbst, wenn ich auch das hier +erwähnen darf, als einundachtzigjähriger Greis nach aller menschlicher +Berechnung auf die Freude verzichten müßte, Sie jemals in meinem Leben +wiederzusehen. Da Ihre Anstellung aus begreiflichen Gründen nicht so +sehr einen öffentlichen als einen vertraulichen Charakter tragen soll, +bitte ich Sie, Ihre Antwort, die ich mich anheischig mache, dem Hohen +Rate in der nächsten, heute über acht Tage stattfindenden Sitzung +mitzuteilen, an mich persönlich zu adressieren; und zwar mit möglichster +Beschleunigung, da, wie ich schon oben andeutete, täglich Gesuche von +zum Teil höchst vertrauenswürdigen Personen an uns gelangen, die sich +dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig zur Verfügung stellen. +Freilich gibt es kaum einen unter diesen, der es an Erfahrung und Geist +mit Ihnen, mein lieber Casanova, aufzunehmen imstande wäre; und wenn Sie +zu alldem noch meine Sympathie für Sie ein wenig in Betracht ziehen, so +kann ich kaum daran zweifeln, daß Sie dem Rufe, der von so hoher und +wohlgeneigter Stelle an Sie ergeht, freudig Folge leisten werden. Bis +dahin bin ich in unveränderlicher Freundschaft Ihr anhänglicher +Bragadino. + +Nachschrift. Es wird mir angenehm sein, Ihnen sofort nach Ankündigung +Ihres Entschlusses einen Wechsel im Betrage von zweihundert Lire auf +das Bankhaus Valori in Mantua zur Bestreitung der Reisekosten +auszustellen. Der Obige.« + +Casanova hatte längst zu Ende gelesen, aber noch immer hielt er das +Blatt vors Gesicht, um die Totenblässe seiner verzerrten Züge nicht +merken zu lassen. Das Geräusch des Mahles mit Tellergeklapper und +Gläsergeklirr ging indes weiter, doch niemand sprach ein Wort. Endlich +ließ sich Amalia schüchtern vernehmen: »Die Schüssel wird kalt, +Chevalier, wollen Sie sich nicht bedienen?« – »Ich danke,« sagte +Casanova und ließ sein Antlitz wieder sehen, dem er nun dank seiner +außerordentlichen Verstellungskunst einen ruhigen Ausdruck zu verleihen +vermocht hatte. »Es sind vortreffliche Nachrichten, die ich hier aus +Venedig erhalten habe, und ich muß unverzüglich meine Antwort absenden. +Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich mich sofort zurückziehe.« – +»Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, Chevalier,« sagte Olivo. »Aber +vergessen Sie nicht, daß in einer Stunde das Spiel beginnt.« + +Casanova ging auf sein Zimmer, sank auf einen Stuhl, kalter Schweiß +brach an seinem ganzen Körper aus, Frost warf ihn hin und her, und der +Ekel stieg ihm bis zum Halse hinauf, so daß er glaubte, auf der Stelle +ersticken zu müssen. Einen klaren Gedanken zu fassen, war er vorerst +außerstande, und seine ganze Kraft verwandte er darauf, sich +zurückzuhalten, ohne daß er zu sagen gewußt hätte, wovor. Denn hier im +Hause war ja niemand, an dem er seinen ungeheuren Zorn hätte austoben +können, und den dumpfen Einfall, daß Marcolina irgendwie an der +namenlosen Schmach mitschuldig sei, die ihm widerfahren, vermochte er +immerhin noch als Tollheit zu erkennen. Als er sich zur Not gesammelt, +war sein erster Gedanke, an den Schurken Rache zu nehmen, die geglaubt +hatten, ihn als Polizeispion dingen zu können. In irgendeiner +Verkleidung wollte er sich nach Venedig schleichen und all die Wichte +auf listige Weise vom Leben zum Tode bringen – oder wenigstens den +einen, der den jämmerlichen Plan ausgeheckt hatte. War es etwa gar +Bragadino selbst? Warum nicht? Ein Greis – so schamlos geworden, daß er +diesen Brief an Casanova zu schreiben wagte, – so schwachsinnig, daß er +Casanova – Casanova! den er doch einst gekannt hatte – für einen Spion +eben gut genug hielt! Ah, er kannte eben Casanova nicht mehr! Niemand +kannte ihn mehr, so wenig in Venedig als anderswo. Aber man sollte ihn +wieder kennenlernen. Er war freilich nicht mehr jung und schön genug, um +ein tugendhaftes Mädchen zu verführen – und kaum mehr gewandt und +gelenkig genug, um aus Kerkern zu entwischen und auf Dachfirsten zu +turnen – aber klüger war er noch immer als alle! Und wenn er nur einmal +in Venedig war, so konnte er dort treiben und lassen, was ihm beliebte; +es kam nur darauf an, endlich dort zu sein! Dann war es vielleicht gar +nicht nötig, irgendwen umzubringen; es gab allerlei Arten von Rache, +witzigere, teuflischere, als eine gewöhnliche Mordtat wäre; und wenn man +zum Schein etwa den Antrag der Herren annahm, so war es die leichteste +Sache von der Welt, gerade diejenigen Leute zu verderben, die man +verderben wollte, und nicht diejenigen, auf die es der Hohe Rat +abgesehen hatte und die unter allen Venezianern gewiß die allerbravsten +Kerle waren! Wie? Weil sie Feinde dieser niederträchtigen Regierung +waren, weil sie als Ketzer galten, sollten sie in dieselben Bleikammern, +wo er vor fünfundzwanzig Jahren geschmachtet, oder gar unters Beil? Er +haßte die Regierung noch hundertmal mehr und mit bessern Gründen als +jene taten, und ein Ketzer war er sein Lebenlang gewesen, war es heute +noch und mit heiligerer Überzeugung als sie alle! Er hatte sich ja +selber nur eine vertrackte Komödie vorgespielt in diesen letzten Jahren +– aus Langeweile und Ekel. Er an Gott glauben? Was war denn das für ein +Gott, der nur den Jungen hold war und die Alten im Stich ließ? Ein Gott, +der sich, wann es ihm beliebte, zum Teufel wandelte, Reichtum in Armut, +Unglück in Glück, und Lust in Verzweiflung kehrte? Hast du deinen Spaß +mit uns – und wir sollen zu dir beten? – An dir zweifeln ist das einzige +Mittel, das uns bleibt – dich nicht zu lästern! – Sei nicht! Denn, wenn +du bist, so muß ich dir fluchen! Er ballte die Fäuste zum Himmel, er +reckte sich auf. Unwillkürlich drängte sich ein verhaßter Name auf seine +Lippen. Voltaire! Ja, nun war er in der rechten Verfassung, seine +Schrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden. Zu vollenden? +Nein, nun erst sollte sie begonnen werden. Eine neue! Eine andre! – in +der der lächerliche Greis hergenommen werden sollte, wie er es verdiente +... um seiner Vorsicht, seiner Halbheit, seiner Kriecherei willen. Ein +Ungläubiger der? Von dem man in der letzten Zeit immer wieder hörte, daß +er sich aufs trefflichste mit den Pfaffen stand und zur Kirche, an +Festtagen sogar zur Beichte ging? Ein Ketzer der? Ein Schwätzer, ein +großsprecherischer Feigling – nichts andres! Nun aber war die +fürchterliche Abrechnung nah, nach der von dem großen Philosophen nichts +übrig bleiben sollte als ein kleines witziges Schreiberlein. Wie hatte +er sich aufgespielt, der gute Herr Voltaire ... »Ah, mein guter Herr +Casanova, ich bin Ihnen ernstlich böse. Was gehen mich die Werke des +Herrn Merlin an? Sie sind schuld, daß ich vier Stunden mit Dummheiten +verbracht habe.« – Geschmackssache, mein bester Herr Voltaire! Man wird +die Werke Merlins noch lesen, wenn die Pucelle längst vergessen ist ... +und auch meine Sonette wird man möglicherweise dann noch schätzen, die +Sie mir mit einem so unverschämten Lächeln zurückgaben, ohne ein Wort +darüber zu äußern. Doch das sind Kleinigkeiten. Wir wollen eine große +Angelegenheit nicht durch schriftstellerische Empfindlichkeiten +verwirren. Es handelt sich um die Philosophie – um Gott ...! Wir wollen +die Klingen kreuzen, Herr Voltaire, sterben Sie mir nur gefälligst nicht +zu früh. + +Schon dachte er daran, seine Arbeit auf der Stelle zu beginnen, als ihm +einfiel, daß der Bote auf Antwort wartete. Und mit fliegender Hand +entwarf er einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino, einen Brief voll +geheuchelter Demut und verlogenen Entzückens: er nehme die Gnade des +Hohen Rats mit freudiger Dankbarkeit an und erwarte den Wechsel mit +wendender Post, um sich seinen Gönnern, vor allem seinem hochverehrten +väterlichen Freunde Bragadino sobald als möglich zu Füßen legen zu +dürfen. Während er eben daran war, den Brief zu versiegeln, klopfte es +leise an die Tür; Olivos ältestes Töchterlein, die Dreizehnjährige, trat +ein und bestellte, daß die ganze Gesellschaft bereits versammelt sei und +den Chevalier mit Ungeduld zum Spiel erwarte. In ihren Augen glimmte es +sonderbar, ihre Wangen waren gerötet, das frauenhaft dichte Haar +spielte bläulich-schwarz um ihre Schläfen; der kindliche Mund war halb +geöffnet: »Hast du Wein getrunken, Teresina?« fragte Casanova und machte +einen langen Schritt auf sie zu. – »Wahrhaftig – und der Herr Chevalier +merken das gleich?« Sie wurde noch röter, und wie in Verlegenheit strich +sie sich mit der Zunge über die Unterlippe. Casanova packte sie bei den +Schultern, hauchte ihr seinen Atem ins Gesicht, zog sie mit sich, warf +sie aufs Bett; sie sah ihn mit großen hilflosen Augen an, in denen das +Glimmen erloschen war; doch als sie ihren Mund wie zum Schreien öffnete, +zeigte ihr Casanova eine so drohende Miene, daß sie fast erstarrte und +alles mit sich geschehen ließ, was ihm beliebte. Er küßte sie zärtlich +wild und flüsterte: »Du mußt es dem Abbate nicht sagen, Teresina, auch +in der Beichte nicht. Und wenn du später einen Liebhaber kriegst oder +einen Bräutigam oder gar einen Mann, der braucht es auch nicht zu +wissen. Du sollst überhaupt immer lügen; auch Vater und Mutter und +Geschwister sollst du anlügen; auf daß es dir wohl ergehe auf Erden. +Merk’ dir das.« – So lästerte er, und Teresina mußte es wohl für einen +Segen halten, den er über sie sprach, denn sie nahm seine Hand und küßte +sie andächtig wie die eines Priesters. Er lachte laut auf. »Komm,« sagte +er dann, »komm, meine kleine Frau, wir wollen Arm in Arm im Saal unten +erscheinen!« Sie zierte sich wohl ein wenig, lächelte aber dabei nicht +unzufrieden. + +Es war die höchste Zeit, daß sie aus der Tür traten, denn Olivo kam eben +erhitzt mit gerunzelten Brauen die Treppe herauf, und Casanova vermutete +gleich, daß unzarte Scherze des Marchese oder des Abbate über das lange +Ausbleiben der Kleinen ihm Bedenken verursacht haben mochten. Seine Züge +erheiterten sich sofort, als er Casanova wie zum Scherz in die Kleine +eingehängt auf der Schwelle stehen sah. »Verzeihen Sie, mein bester +Olivo,« sagte Casanova, »daß ich warten ließ. Ich mußte meinen Brief +erst zu Ende schreiben.« Er hielt ihn Olivo wie ein Beweisstück +entgegen. »Nimm ihn,« sagte Olivo zu Teresina, indem er ihr die etwas +verwirrten Haare zurecht strich, »und bring’ ihn dem Boten.« – »Und +hier,« fügte Casanova hinzu, »sind zwei Goldstücke, die gibst du dem +Mann: er möge sich beeilen, daß der Brief noch heute richtig von Mantua +nach Venedig abgehe – und meiner Wirtin möge er bestellen, daß ich ... +heute abend wieder daheim bin.« – »Heute abend?« rief Olivo. +»Unmöglich!« – »Nun, wir werden sehen,« sagte Casanova herablassend. – +»Und hier, Teresina, ein Goldstück für dich« ... und auf Olivos Einrede: +»Leg’ es in deine Sparbüchse, Teresina; der Brief, den du in Händen +hast, ist seine paar tausend Goldstücke wert.« – Teresina lief, und +Casanova nickte vergnügt; es machte ihm einen ganz besondern Spaß, das +Dirnchen, deren Mutter und Großmutter ihm auch schon gehört hatten, im +Angesicht ihres eigenen Vaters für ihre Gunst zu bezahlen. + +Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, war das Spiel schon im Gange. +Die emphatische Begrüßung der andern erwiderte er mit heitrer Würde und +nahm gegenüber dem Marchese Platz, der die Bank hielt. Die Fenster waren +gegen den Garten zu offen; Casanova hörte Stimmen, die sich näherten; +Marcolina und Amalia kamen vorüber, blickten flüchtig in den Saal, +verschwanden und waren dann nicht mehr zu sehen. Während der Marchese +die Karten auflegte, wandte sich Lorenzi mit großer Höflichkeit an +Casanova. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Chevalier, Sie waren besser +unterrichtet, als ich es gewesen bin: unser Regiment marschiert in der +Tat bereits morgen vor Abend aus.« Der Marchese schien erstaunt. »Und +das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi?« – »Es ist wohl nicht so +wichtig!« – »Für mich nicht so sehr,« meinte der Marchese, »aber für +meine Gattin! Finden Sie nicht?« Er lachte in einer abstoßenden heisern +Art. »Übrigens ein wenig doch auch für mich! Da ich gestern vierhundert +Dukaten an Sie verloren habe und am Ende keine Zeit bleibt, sie +zurückzugewinnen.« – »Auch uns hat der Leutnant Geld abgewonnen,« sagte +der jüngere Ricardi, und der ältere, schweigende, sah über die Schulter +zu dem Bruder auf, der, wie gestern, hinter ihm stand. – »Glück und +Frauen« ... begann der Abbate. Und der Marchese schloß statt seiner: +»Zwingt, wer mag.« – Lorenzi streute seine Goldstücke wie achtlos vor +sich hin. »Da sind sie. Wenn Sie wünschen, alle auf ein Blatt, Marchese, +damit Sie Ihrem Gelde nicht lange nachzulaufen haben.« Casanova +verspürte plötzlich eine Art Mitleid für Lorenzi, das er sich selbst +nicht recht erklären konnte; doch da er von seinem Ahnungsvermögen etwas +hielt, war er überzeugt, daß der Leutnant im ersten Gefechte, das ihm +bevorstand, fallen werde. Der Marchese nahm den hohen Satz nicht an; +Lorenzi bestand nicht darauf; so ging das Spiel, an dem sich auch die +andern in ihrer bescheidenen Weise, wie tags vorher, beteiligten, +vorerst nur mit mäßigen Einsätzen weiter. Schon in der nächsten +Viertelstunde wurden diese höher; und vor Ablauf der darauffolgenden +hatte Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese verloren. Um +Casanova schien sich das Glück nicht zu kümmern; er gewann, verlor und +gewann wieder in fast lächerlich regelmäßigem Wechsel. Lorenzi atmete +auf, als sein letztes Goldstück zum Marchese hinübergerollt war und +erhob sich. »Ich danke, meine Herren. Dies wird nun,« er zögerte – »für +lange mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen Hause gewesen sein. +Und nun, mein verehrter Herr Olivo, gestatten Sie mir noch, mich von den +Damen zu verabschieden, ehe ich nach der Stadt reite, wo ich vor +Sonnenuntergang eintreffen möchte, um meine Zurüstungen für morgen zu +treffen.« – Unverschämter Lügner, dachte Casanova. In der Nacht bist du +wieder hier und – bei Marcolina! Neu flammte der Zorn in ihm auf. »Wie?« +rief der Marchese übel gelaunt, »der Abend noch stundenfern, und das +Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie wünschen, Lorenzi, mag mein +Kutscher nach Hause fahren und der Marchesa bestellen, daß Sie sich +verspäten.« – »Ich reite nach Mantua,« entgegnete Lorenzi ungeduldig. – +Der Marchese, ohne darauf zu achten, sprach weiter: »Es ist noch Zeit +genug; rücken Sie nur mit Ihren eigenen Goldstücken heraus, so wenig es +sein mögen.« Und er warf ihm eine Karte hin. »Ich habe nicht ein +einziges Goldstück mehr,« sprach Lorenzi müde. – »Was Sie nicht sagen!« +– »Nicht eines,« wiederholte Lorenzi wie angeekelt. – »Was tut’s,« rief +der Marchese mit einer plötzlichen, nicht sehr angenehm wirkenden +Freundlichkeit. »Sie sind mir für zehn Dukaten gut, und wenn’s sein muß, +für mehr.« – »Ein Dukaten also,« sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der +Marchese schlug sie mit den seinen. Lorenzi spielte weiter, als +verstände sich das nun von selbst; und bald war er dem Marchese hundert +Dukaten schuldig. Casanova übernahm die Bank und hatte noch mehr Glück +als der Marchese. Es war indes wieder ein Spiel zu dreien geworden, +heute ließen sich’s auch die Brüder Ricardi ohne Einspruch gefallen; mit +Olivo und dem Abbate waren sie bewundernde Zuschauer. Kein lautes Wort +wurde gewechselt, nur die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich +genug. Der Zufall des Spieles wollte, daß alles Bargeld zu Casanova +hinüberfloß, und als eine Stunde vergangen war, hatte er zweitausend +Dukaten zwar von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus des Marchese +Tasche, der nun ohne einen Soldo dasaß. Casanova stellte ihm zur +Verfügung, was ihm belieben sollte. Der Marchese schüttelte den Kopf. +»Ich danke,« sagte er, »nun ist es genug. Für mich ist das Spiel zu +Ende.« Aus dem Garten klang das Lachen und Rufen der Kinder. Casanova +hörte Teresinas Stimme heraus; er saß mit dem Rücken gegen das Fenster +und wandte sich nicht um. Noch einmal versuchte er, zugunsten Lorenzis, +er wußte selbst nicht warum, den Marchese zum Weiterspielen zu bewegen. +Dieser erwiderte nur durch ein noch entschiedeneres Kopfschütteln. +Lorenzi erhob sich. »Ich werde mir erlauben, Herr Marchese, die Summe, +die ich Ihnen schulde, morgen vor zwölf Uhr mittags persönlich in Ihre +Hände zu übergeben.« Der Marchese lachte kurz. »Ich bin neugierig, wie +Sie das anstellen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. Es gibt keinen Menschen +in Mantua oder anderswo, der Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen würde, +geschweige zweitausend, insbesondre heute, da Sie morgen ins Feld gehen; +und es ist nicht so ausgemacht, daß Sie zurückkehren.« – »Sie werden Ihr +Geld morgen früh acht Uhr erhalten, Herr Marchese, auf – Ehrenwort.« – +»Ihr Ehrenwort,« sagte der Marchese kalt, »ist mir nicht einmal einen +Dukaten wert, viel weniger zweitausend.« – Die andern hielten den Atem +an. Doch Lorenzi erwiderte nur, anscheinend ohne tiefere Erregung: »Sie +werden mir Genugtuung geben, Herr Marchese.« – »Mit Vergnügen, Herr +Leutnant,« entgegnete der Marchese, »sobald Sie Ihre Schuld bezahlt +haben.« – Olivo, aufs peinlichste berührt, sagte ein wenig stotternd: +»Ich bürge für die Summe, Herr Marchese. Leider habe ich nicht Bargeld +genug zur Hand, um sofort – doch mein Haus, meine Besitzung« – und er +wies mit einer ungeschickten Bewegung rings im Kreise umher. »Ich nehme +Ihre Bürgschaft nicht an,« sagte der Marchese, »um Ihretwillen, Sie +würden Ihr Geld verlieren.« Casanova sah, wie sich alle Blicke auf das +Gold richteten, das vor ihm lag. – Wenn ich für Lorenzi bürgte – dachte +er. Wenn ich für ihn zahlte ... Dies könnte der Marchese nicht +zurückweisen ... Wär’ es nicht beinahe meine Verpflichtung? Es ist ja +das Gold des Marchese. – Doch er schwieg. Er fühlte, wie ein Plan in ihm +dumpf erstand, dem er vor allem Zeit lassen mußte, sich klar zu +gestalten. »Sie sollen Ihr Geld noch heute vor Anbruch der Nacht haben,« +sagte Lorenzi. »In einer Stunde bin ich in Mantua.« – »Ihr Pferd kann +den Hals brechen,« erwiderte der Marchese, »Sie auch ... am Ende gar mit +Absicht.« – »Immerhin,« sagte der Abbate unwillig, »kann Ihnen der +Leutnant das Geld nicht herzaubern.« Die beiden Ricardi lachten, brachen +aber gleich wieder ab. »Es ist klar,« wandte sich Olivo an den Marchese, +»daß Sie dem Leutnant Lorenzi vor allem einmal gestatten müssen, sich zu +entfernen.« – »Gegen ein Pfand,« rief der Marchese mit funkelnden Augen, +als machte ihm sein Einfall ein besondres Vergnügen. »Das scheint mir +nicht übel,« sagte Casanova etwas zerstreut, denn sein Plan reifte +heran. Lorenzi zog einen Ring vom Finger und ließ ihn auf den Tisch +gleiten. Der Marchese nahm ihn. »Der mag für tausend gelten.« – »Und der +hier?« Lorenzi schleuderte einen zweiten Ring vor den Marchese hin. +Dieser nickte und meinte: »Für ebensoviel.« – »Sind Sie nun zufrieden, +Herr Marchese?« sagte Lorenzi und schickte sich an, zu gehen. »Ich bin +zufrieden,« entgegnete der Marchese schmunzelnd, »um so mehr, als diese +Ringe gestohlen sind.« Lorenzi wandte sich rasch um, und über den Tisch +hin erhob er die Faust, um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen. +Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest. »Ich kenne die beiden +Steine,« sagte der Marchese, ohne sich von seinem Platz zu rühren, »wenn +sie auch neu gefaßt sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd hat einen +kleinen Fehler, sonst wäre er zehnmal soviel wert. Der Rubin ist +tadellos, aber nicht sehr groß. Beide Steine stammen aus einem Schmuck, +den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe. Und da ich doch nicht +annehmen kann, daß die Marchesa diese Steine für den Leutnant Lorenzi zu +Ringen hat fassen lassen, so können sie, – so kann offenbar der ganze +Schmuck nur gestohlen sein. Also – das Pfand genügt mir, Herr Leutnant, +bis auf weiteres.« – »Lorenzi!« rief Olivo, »von uns allen haben Sie das +Wort, daß keine Seele jemals erfahren wird, was soeben hier vorgegangen +ist.« – »Und was auch Herr Lorenzi begangen haben mag,« sagte Casanova, +»Sie, Herr Marchese, sind der größre Schuft.« – »Das will ich hoffen,« +erwiderte der Marchese. »Wenn man einmal so alt ist wie unsereiner, Herr +Chevalier von Seingalt, darf man sich wenigstens in der Schurkerei von +niemandem andern übertreffen lassen. Guten Abend, meine Herren.« Er +stand auf, niemand erwiderte seinen Gruß, und er ging. Für eine kurze +Weile ward es so still, daß wieder das Lachen der Kinder vom Garten her +wie in übertriebener Lautheit vernehmlich wurde. Wer hätte auch das Wort +zu finden vermocht, das jetzt bis in Lorenzis Seele gedrungen wäre, der +noch immer mit über dem Tisch erhobenem Arm dastand wie vorher? +Casanova, der als einziger auf seinem Platz sitzengeblieben war, fand +ein unwillkürliches künstlerisches Gefallen an dieser zwar sinnlos +gewordenen, gleichsam versteinerten, aber drohend-edlen Geste, die den +ganzen Jüngling in ein Standbild zu verwandeln schien. Endlich wandte +sich Olivo an ihn wie mit einer Gebärde der Beschwichtigung, auch die +Ricardis näherten sich, und der Abbate schien sich zu einer Anrede +entschließen zu wollen; da fuhr es durch Lorenzis Glieder wie ein kurzes +Beben; eine gebieterisch unwillige Bewegung wehrte jeden Versuch einer +Einmischung ab, und mit einem höflichen Neigen des Kopfes verließ er +ohne Hast den Raum. Im selben Augenblick erhob sich Casanova, der indes +das Gold, das vor ihm lag, in ein Seidentuch zusammengerafft hatte, und +folgte ihm auf dem Fuß. Er fühlte, ohne die Mienen der andern zu sehen, +daß sie alle der Meinung waren, er beeile sich nun, dasjenige zu tun, +was sie die ganze Zeit über von ihm erwartet, und werde Lorenzi die +gewonnene Geldsumme zur Verfügung stellen. + +In der Kastanienallee, die vom Hause zum Tore führte, holte er Lorenzi +ein und sagte in leichtem Tone: »Würden Sie mir erlauben, Herr Leutnant +Lorenzi, mich Ihrem Spaziergang anzuschließen?« Lorenzi, ohne ihn +anzusehen, erwiderte in einem hochmütigen, seiner Lage kaum ganz +angemessenen Tone: »Wie’s beliebt, Herr Chevalier; aber ich fürchte, Sie +werden in mir keinen unterhaltenden Gesellschafter finden.« – »Sie, +Leutnant Lorenzi, vielleicht einen um so unterhaltenderen in mir,« sagte +Casanova, »und wenn Sie einverstanden sind, nehmen wir den Weg über die +Weinberge, wo wir ungestört plaudern können.« Sie bogen von der +Fahrstraße auf denselben schmalen Pfad ein, den, die Gartenmauer +entlang, Casanova tags vorher mit Olivo gegangen war. »Sie vermuten ganz +richtig,« so setzte Casanova ein, »daß ich gesonnen bin, Ihnen die Summe +Geldes anzubieten, die Sie dem Marchese schuldig sind; nicht leihweise, +denn das – Sie werden mir verzeihen – hielte ich für ein allzu riskantes +Geschäft, sondern als – freilich geringen Gegenwert für eine +Gefälligkeit, die Sie mir zu erweisen vielleicht imstande wären.« – »Ich +höre,« sagte Lorenzi kalt. – »Ehe ich mich weiter äußere,« erwiderte +Casanova im selben Tone, »bin ich genötigt, eine Bedingung zu stellen, +von deren Annahme durch Sie ich die Fortsetzung dieser Unterhaltung +abhängig mache.« – »Nennen Sie Ihre Bedingung.« – »Ich verlange Ihr +Ehrenwort, daß Sie mich anhören, ohne mich zu unterbrechen, auch wenn +das, was ich Ihnen zu sagen habe, Ihr Befremden oder Ihr Mißfallen oder +gar Ihre Empörung erregen sollte. Es steht vollkommen bei Ihnen, Herr +Leutnant Lorenzi, ob Sie nachher meinen Vorschlag annehmen wollen, über +dessen Ungewöhnlichkeit ich mich keiner Täuschung hingebe, oder nicht; +aber die Antwort, die ich von Ihnen erwarte, ist nur ein Ja oder Nein; +und wie immer sie ausfallen sollte, – von dem, was hier verhandelt +wurde, zwischen zwei Ehrenmännern, die vielleicht beide zugleich +Verlorene sind, wird niemals eine Menschenseele erfahren.« – »Ich bin +bereit, Ihren Vorschlag zu hören.« – »Und nehmen meine Vorbedingung an?« +– »Ich werde Sie nicht unterbrechen.« – »Und werden kein andres Wort +erwidern als Ja oder Nein?« – »Kein andres als Ja oder Nein.« – »Gut +denn,« sagte Casanova. Und während sie langsam hügelaufwärts stiegen, +zwischen den Rebenstöcken, unter einem schwülen Spätnachmittagshimmel, +begann Casanova: »Lassen Sie uns die Angelegenheit nach den Gesetzen der +Logik behandeln, so werden wir einander am besten verstehen. Es besteht +offenbar keine Möglichkeit für Sie, sich das Geld, das Sie dem Marchese +schuldig sind, bis zu der von ihm festgesetzten Frist zu verschaffen; +und für den Fall, daß Sie es ihm nicht zahlen sollten, auch darüber kann +kein Zweifel sein, ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Da er +mehr von Ihnen weiß (hier wagte sich Casanova weiter vor als er mußte, +doch er liebte solche kleine nicht ganz ungefährliche Abenteuer auf +einem im übrigen vorgezeichneten Weg), als er uns heute verraten hat, +sind Sie tatsächlich völlig in der Gewalt dieses Schurken, und Ihr +Schicksal als Offizier, als Edelmann wäre besiegelt. Das ist die eine +Seite der Sache. Dagegen sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre Schuld +bezahlt und die – irgendwie in Ihren Besitz gelangten Ringe wieder in +Händen haben; – und gerettet sein: das heißt für Sie in diesem Fall +nicht weniger, als daß Ihnen ein Dasein wieder gehört, mit dem Sie schon +so gut wie abgeschlossen hatten, und zwar, da Sie jung, schön und kühn +sind, ein Dasein voll Glanz, Glück und Ruhm. Eine solche Aussicht +scheint mir herrlich genug, besonders wenn auf der andern Seite nichts +winkt als ein ruhmloser, ja schimpflicher Untergang, um ihr zuliebe ein +Vorurteil aufzuopfern, das man persönlich eigentlich niemals besaß. Ich +weiß es, Lorenzi,« setzte er rasch hinzu, als sei er einer Entgegnung +gewärtig und wollte ihr zuvorkommen, »Sie haben gar keine Vorurteile, +so wenig als ich sie habe oder jemals hatte; und was ich von Ihnen zu +verlangen willens bin, ist nichts andres, als was ich selbst an Ihrer +Stelle unter den gleichen Umständen zu erfüllen mich keinen Augenblick +besonnen hätte, – wie ich mich auch tatsächlich nie gescheut habe, wenn +es das Schicksal oder auch nur meine Laune so forderte, eine Schurkerei +zu begehen oder vielmehr das, was die Narren dieser Erde so zu nennen +pflegen. Dafür war ich aber auch, gleich Ihnen, Lorenzi, in jeder Stunde +bereit, mein Leben für weniger als nichts aufs Spiel zu setzen, und das +macht alles wieder wett. Ich bin es auch jetzt – für den Fall, daß Ihnen +mein Vorschlag nicht gefiele. Wir sind aus gleichem Stoff gemacht, +Lorenzi, sind Brüder im Geiste, und so dürfen sich unsre Seelen ohne +falsche Scham, stolz und nackt, gegenüberstehen. Hier sind meine +zweitausend Dukaten – vielmehr die Ihren – wenn Sie es ermöglichen, daß +ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle mit Marcolina verbringe. Wir +wollen nicht stehenbleiben, Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.« + +Sie gingen in den Feldern, unter den niedrigen Obstbäumen, zwischen +denen die Rebenranken beerenbeladen sich hinschlangen; und Casanova +sprach ohne Pause weiter. »Antworten Sie mir noch nicht, Lorenzi, denn +ich bin noch nicht zu Ende. Mein Ansinnen wäre natürlich – nicht etwa +frevelhaft, aber aussichts- und daher sinnlos, wenn Sie die Absicht +hätten, Marcolina zu Ihrer Gattin zu machen, oder wenn Marcolina selbst +ihre Hoffnungen und Wünsche in dieser Richtung schweifen ließe. Aber +ebenso, wie die vergangene Liebesnacht Ihre erste war (er sprach auch +diese seine Vermutung wie eine unbezweifelbare Gewißheit aus), ebenso +war die kommende aller menschlichen Berechnung nach, ja auch nach Ihrer +eigenen und Marcolinens Voraussicht bestimmt, Ihre letzte zu sein – auf +sehr lange Zeit – wahrscheinlich auf immer; und ich bin völlig +überzeugt, daß Marcolina selbst, um ihren Geliebten vor dem sicheren +Untergange zu bewahren, einfach auf seinen Wunsch hin, ohne Zögern +bereit wäre, diese eine Nacht seinem Retter zu gewähren. Denn auch sie +ist Philosophin und daher von Vorurteilen so frei wie wir beide. Aber so +gewiß ich bin, daß sie diese Probe bestünde, es liegt keineswegs in +meiner Absicht, daß sie ihr auferlegt werde. Denn eine Willenlose, eine +innerlich Widerstrebende zu besitzen, das ist etwas, das gerade in +diesem Falle meinen Ansprüchen nicht genügen würde. Nicht nur als ein +Liebender, – als ein Geliebter will ich ein Glück genießen, das mir am +Ende auch groß genug erschiene, um es mit meinem Leben zu bezahlen. +Verstehen Sie mich wohl, Lorenzi. Daher darf Marcolina nicht einmal +ahnen, daß ich es bin, den sie an ihren himmlischen Busen schließt; sie +muß vielmehr fest davon überzeugt sein, daß sie keinen andern als Sie in +ihren Armen empfängt. Diese Täuschung vorzubereiten ist Ihre Sache, sie +aufrechtzuerhalten, die meine. Ohne besondre Schwierigkeit werden Sie +ihr begreiflich machen können, daß Sie genötigt sind, sie vor Eintritt +der Morgendämmerung zu verlassen; und um einen Vorwand dafür, daß +diesmal nur stumme Zärtlichkeiten sie beglücken sollen, werden Sie auch +nicht verlegen sein. Um im übrigen auch jede Gefahr einer nachträglichen +Entdeckung auszuschließen, werde ich mich im gegebenen Moment anstellen, +als hörte ich ein verdächtiges Geräusch vor dem Fenster, meinen Mantel +nehmen – oder vielmehr den Ihren, den Sie mir zu diesem Zwecke natürlich +leihen müssen – und durchs Fenster verschwinden – auf Nimmerwiedersehen. +Denn selbstverständlich werde ich dem Anschein nach bereits heute abend +abreisen, dann unter dem Vorgeben, ich hätte wichtige Papiere vergessen, +den Kutscher auf halbem Wege zur Umkehr veranlassen und mich durch die +Hintertür – den Nachschlüssel stellen Sie mir zur Verfügung, Lorenzi, – +in den Garten, ans Fenster Marcolinens schleichen, das sich um +Mitternacht auftun wird. Meines Gewands, auch der Schuhe und Strümpfe, +werde ich mich im Wagen entledigt haben und nur mit dem Mantel angetan +sein, so daß bei meinem fluchtartigen Entweichen nichts zurückbleibt, +was mich oder Sie verraten könnte. Den Mantel aber werden Sie zugleich +mit den zweitausend Dukaten morgen früh fünf Uhr in meinem Gasthof zu +Mantua in Empfang nehmen, so daß Sie dem Marchese noch vor der +festgesetzten Stunde sein Geld vor die Füße schleudern können. Hierauf +nehmen Sie meinen feierlichen Eid entgegen. Und nun bin ich zu Ende.« + +Er blieb plötzlich stehen. Die Sonne neigte sich zum Niedergang, ein +leiser Wind strich über die gelben Ähren, rötlicher Abendschein lag über +dem Turm von Olivos Haus. Auch Lorenzi stand stille; keine Muskel in +seinem blassen Antlitz bewegte sich, und er blickte über Casanovas +Schulter unbewegt ins Weite. Seine Arme hingen schlaff herab, während +Casanovas Hand, der auf alles gefaßt war, wie zufällig den Griff des +Degens hielt. Einige Sekunden vergingen, ohne daß Lorenzi seine starre +Haltung und sein Schweigen aufgab. Er schien in ein ruhiges Nachdenken +versunken; doch Casanova blieb weiter auf seiner Hut, und in der Linken +das Tuch mit den Dukaten, die Rechte auf dem Degengriff, sagte er: »Sie +haben meine Vorbedingung erfüllt als ein Ehrenmann. Ich weiß, daß es +Ihnen nicht leicht geworden ist. Denn wenn wir auch keine Vorurteile +besitzen, – die Atmosphäre, in der wir leben, ist von ihnen so +vergiftet, daß wir uns ihrem Einfluß nicht völlig entziehen können. Und +so wie Sie, Lorenzi, im Laufe der letzten Viertelstunde mehr als einmal +nah daran waren, mir an die Gurgel zu fahren, so habe ich wieder – +lassen Sie mich’s Ihnen gestehen – eine Weile mit dem Gedanken gespielt, +Ihnen die zweitausend Dukaten zu schenken – wie einem – nein, als meinem +Freund; denn selten, Lorenzi, habe ich zu einem Menschen vom ersten +Augenblick eine solche rätselhafte Sympathie empfunden wie zu Ihnen. +Aber hätt’ ich dieser großmütigen Regung nachgegeben, in der Sekunde +darauf hätte ich sie aufs tiefste bereut, geradeso wie Sie, Lorenzi, in +der Sekunde, eh’ Sie sich die Kugel in den Kopf jagten, zur +verzweiflungsvollen Erkenntnis kämen, daß Sie ein Narr ohnegleichen +gewesen sind, – um tausend Liebesnächte mit immer neuen Frauen +hinzuwerfen für eine einzige, der dann keine Nacht – und kein Tag mehr +folgte.« + +Noch immer schwieg Lorenzi; sein Schweigen dauerte sekunden-, es dauerte +minutenlang, und Casanova fragte sich, wie lang er sich’s noch dürfte +gefallen lassen. Schon war er im Begriff, sich mit einem kurzen Gruße +abzuwenden und so anzudeuten, daß er seinen Vorschlag als abgelehnt +betrachte, als Lorenzi, immer wortlos, mit einer durchaus nicht raschen +Bewegung der rechten Hand nach rückwärts in die Tasche seines +Rockschoßes griff, und Casanova, der im gleichen Augenblick, nach wie +vor auf alles gefaßt, einen Schritt zurückgetreten war, wie um sich +niederzuducken – den Gartenschlüssel überreichte. Die Bewegung +Casanovas, die immerhin eine Regung von Furcht ausgedrückt hatte, ließ +um Lorenzis Lippen ein sofort wieder verschwindendes Lächeln des Hohns +erscheinen. Casanova verstand es, seine aufsteigende Wut, deren +wirklicher Ausbruch alles wieder hätte zunichte machen können, zu +unterdrücken, ja zu verbergen, und, den Schlüssel mit einem leichten +Kopfneigen an sich nehmend, bemerkte er nur: »Das darf ich wohl als ein +Ja gelten lassen. Von jetzt in einer Stunde – bis dahin werden Sie sich +mit Marcolina wohl verständigt haben – erwarte ich Sie im Turmgemach, wo +ich mir erlauben werde, Ihnen gegen Überlassung Ihres Mantels die +zweitausend Goldstücke sofort zu übergeben. Erstens zum Zeichen meines +Vertrauens und zweitens, weil ich ja wirklich nicht wüßte, wo ich das +Gold im Laufe der Nacht verwahren sollte.« – Sie trennten sich ohne +weitere Förmlichkeit, Lorenzi nahm den Weg zurück, den sie beide +gekommen, Casanova, auf einem andern, begab sich ins Dorf und sicherte +sich im Wirtshaus durch ein reichliches Angeld ein Gefährt, das ihn um +zehn Uhr nachts vor Olivos Hause zur Fahrt nach Mantua erwarten sollte. + +Bald darauf, nachdem er sein Gold vorerst an sichrer Stelle im +Turmgemach verwahrt hatte, trat er in Olivos Garten, wo sich ihm ein +Anblick bot, der an sich keineswegs merkwürdig, ihn in der Stimmung +dieser Stunde sonderbar genug berührte. Auf einer Bank am Wiesenrand saß +Olivo neben Amalia, den Arm um ihre Schulter geschlungen; ihnen zu Füßen +lagerten die drei Mädchen, wie ermüdet von den Spielen des Nachmittags; +das jüngste, Maria, hatte das Köpfchen auf dem Schoß der Mutter liegen +und schien zu schlummern, Nanetta lag ihr zu Füßen auf den Rasen +hingestreckt, die Arme unter dem Nacken; Teresina lehnte an den Knien +des Vaters, dessen Finger zärtlich in ihren Locken ruhten; und als +Casanova sich näherte, grüßte ihn aus ihren Augen keineswegs ein Blick +lüsternen Einverständnisses, wie er unwillkürlich ihn erwartet, sondern +ein offenes Lächeln kindlicher Vertrautheit, als wäre, was zwischen ihr +und ihm vor wenig Stunden erst geschehen, eben nichts andres gewesen als +ein nichts bedeutendes Spiel. In Olivos Zügen leuchtete es freundlich +auf, und Amalia nickte dem Herantretenden dankbar herzlich zu. Sie beide +empfingen ihn, Casanova konnte nicht daran zweifeln, wie jemanden, der +eben eine edle Tat begangen, aber der zugleich erwartet, daß man aus +Feingefühl vermeiden werde, ihrer mit einem Worte Erwähnung zu tun. +»Bleibt es wirklich dabei,« fragte Olivo, »daß Sie uns schon morgen +verlassen, mein teurer Chevalier?« – »Nicht morgen,« erwiderte Casanova, +»sondern – wie gesagt – schon heute abend.« Und als Olivo eine neue +Einwendung erheben wollte, mit einem bedauernden Achselzucken: »Der +Brief, den ich heute aus Venedig erhielt, läßt mir leider keine andre +Entscheidung übrig. Die an mich ergangene Aufforderung ist in jedem +Sinne so ehrenvoll, daß eine Verzögerung meiner Heimkehr eine arge, ja +eine unverzeihliche Unhöflichkeit gegenüber meinen hohen Gönnern +bedeuten würde.« Zugleich bat er um die Erlaubnis, sich jetzt +zurückziehen zu dürfen, um sich für die Abreise bereitzumachen und dann +die letzten Stunden seines Hierseins ungestört im Kreise seiner +liebenswürdigen Freunde verbringen zu können. + +Und aller Einrede nicht achtend, begab er sich ins Haus, stieg die +Treppe zum Turmgemach empor und vertauschte vor allem seine prächtige +Gewandung wieder mit der einfacheren, die für die Fahrt gut genug sein +mußte. Dann packte er seinen Reisesack und horchte mit einer von Minute +zu Minute gespannteren Aufmerksamkeit, ob sich nicht endlich die +Schritte Lorenzis vernehmen ließen. Noch eh’ die Frist verstrichen war, +klopfte es mit einem kurzen Schlag an die Türe, und Lorenzi trat ein, +im weiten dunkelblauen Reitermantel. Ohne ein Wort zu reden, mit einer +leichten Bewegung ließ er ihn von den Schultern gleiten, so daß er +zwischen den beiden Männern als ein formloses Stück Tuch auf dem Boden +lag. Casanova holte seine Goldstücke unter dem Polster des Bettes hervor +und streute sie auf den Tisch. Er zählte sorgfältig vor Lorenzis Augen, +was ziemlich rasch geschehen war, da viele Goldstücke von höherm als +eines Dukaten Wert darunter waren, übergab Lorenzi die verabredete +Summe, nachdem er sie zuvor in zwei Beutel verteilt hatte, worauf ihm +selbst noch etwa hundert Dukaten übrigblieben. Lorenzi tat die +Geldbeutel in seine beiden Rockschöße und wollte sich wortlos entfernen. +»Halt, Lorenzi,« sagte Casanova, »es wäre immerhin möglich, daß man +einander noch einmal im Leben begegnete. Dann sei es nicht mit Groll. Es +war ein Handel wie ein andrer, wir sind quitt.« Er streckte ihm die Hand +entgegen. Lorenzi nahm sie nicht; doch nun sprach er das erste Wort. +»Ich erinnere mich nicht,« sagte er, »daß auch dies in unserm Pakt +enthalten gewesen wäre.« Er wandte sich und ging. + +Sind wir so genau, mein Freund? dachte Casanova. So darf ich mich um so +sicherer darauf verlassen, daß ich nicht am Ende der Geprellte sein +werde. Freilich hatte er an diese Möglichkeit keinen Augenblick +ernstlich gedacht; er wußte aus eigener Erfahrung, daß Leute wie +Lorenzi ihre besondre Art von Ehre haben, deren Gesetze in Paragraphen +nicht aufzuzeichnen sind, über die aber von Fall zu Fall ein Zweifel +kaum bestehen kann. – Er legte Lorenzis Mantel zu oberst in den +Reisesack, schloß diesen zu; die Goldstücke, die ihm geblieben, steckte +er zu sich, blickte sich in dem Raum, den er wohl niemals wieder +betreten sollte, nach allen Seiten um, und, mit Degen und Hut, zur +Abfahrt fertig, begab er sich in den Saal, wo er Olivo mit Frau und +Kindern schon am gedeckten Tische sitzend fand. Marcolina trat zugleich +mit ihm, was Casanova als günstiges Schicksalszeichen deutete, von der +andern Seite aus dem Garten ein und erwiderte seinen Gruß mit einem +unbefangenen Neigen des Hauptes. Das Essen wurde aufgetragen; die +Unterhaltung ging anfangs langsam, ja wie gedämpft von der Stimmung des +Abschieds in fast mühseliger Weise vonstatten. Amalia schien in +auffallender Weise mit ihren Kindern beschäftigt und immer besorgt, daß +diese nicht zuviel oder zuwenig auf ihre Teller bekämen. Olivo, ohne +ersichtliche Nötigung, sprach von einem unbedeutenden, zu seinen Gunsten +entschiedenen Prozeß mit einem Gutsnachbar, sowie von einer +Geschäftsreise, die ihn demnächst nach Mantua und Cremona führen sollte. +Casanova gab der Hoffnung Ausdruck, den Freund in nicht allzu ferner +Zeit in Venedig zu begrüßen. Gerade dort, ein sonderbarer Zufall, war +Olivo noch niemals gewesen. Amalia aber hatte die wunderbare Stadt vor +langen Jahren als Kind gesehen; wie sie dahingekommen, wußte sie nicht +mehr zu sagen und erinnerte sich nur eines alten, in einen +scharlachroten Mantel gehüllten Mannes, der aus einem länglichen +schwarzen Schiff ausgestiegen, gestolpert und der Länge nach hingefallen +war. »Auch Sie kennen Venedig nicht?« fragte Casanova Marcolina, die +gerade ihm gegenübersaß und über seine Schulter in das tiefe Dunkel des +Gartens schaute. Sie schüttelte wortlos den Kopf. Und Casanova dachte: +Könnt’ ich sie dir zeigen, die Stadt, in der ich jung gewesen bin! O, +wärst du jung gewesen mit mir ... Und noch ein Gedanke kam ihm, +sinnloser beinahe als jene: Wenn ich dich jetzt mit mir dahin nähme? +Aber während all dies unausgesprochen durch seine Seele ging, hatte er +schon mit jener Leichtigkeit, die ihm auch in Momenten stärkster innerer +Erregung gegeben war, von der Stadt seiner Jugend zu reden begonnen; so +kunstvoll und kühl, als gälte es, ein Gemälde zu schildern, bis er, +unwillkürlich den Ton erwärmend, in die Geschichte seines Lebens geriet, +und mit einemmal in eigner Gestalt mitten in dem Bilde stand, das nun +erst zu leben und zu leuchten anfing. Er sprach von seiner Mutter, der +berühmten Schauspielerin, für die der große Goldoni, ihr Bewunderer, +seine vortreffliche Komödie »Das Mündel« verfaßt hatte; dann erzählte er +von seinem trübseligen Aufenthalt in der Pension des geizigen Doktors +Gozzi, von seiner kindischen Liebe zu der kleinen Gärtnerstochter, die +später mit einem Lakaien durchgegangen war, von seiner ersten Predigt +als junger Abbate, nach der er in dem Beutel des Sakristans nicht nur +die üblichen Geldstücke, sondern auch ein paar zärtliche Briefchen +vorgefunden, von den Spitzbübereien, die er als Geiger im Orchester des +Theaters San Samuele mit ein paar gleichgesinnten Kameraden in den +Gäßchen, Schenken, Tanz- und Spielsälen Venedigs maskiert oder auch +unmaskiert verübt; doch auch von diesen übermütigen und manchmal recht +bedenklichen Streichen berichtete er ohne irgendein anstößiges Wort zu +gebrauchen, ja in einer poetisch-verklärenden Weise, als wollte er auf +die Kinder Rücksicht nehmen, die wie die andern, Marcolina nicht +ausgenommen, gespannt an seinen Lippen hingen. Doch die Zeit schritt +vor, und Amalia schickte ihre Töchter zu Bett. Ehe sie gingen, küßte +Casanova sie alle aufs zärtlichste, Teresina nicht anders als die zwei +jüngern, und alle mußten ihm versprechen, ihn bald mit den Eltern in +Venedig zu besuchen. Als die Kinder fort waren, tat er sich wohl weniger +Zwang an, aber alles, was er erzählte, brachte er ohne jede +Zweideutigkeit und vor allem ohne jede Eitelkeit vor, so daß man eher +den Bericht eines gefühlvollen Narren der Liebe als den eines +gefährlich-wilden Verführers und Abenteurers zu hören vermeinte. – Er +sprach von der wunderbaren Unbekannten, die wochenlang mit ihm als +Offizier verkleidet herumgereist und eines Morgens plötzlich von seiner +Seite verschwunden war; von der Tochter des adligen Schuhflickers in +Madrid, die ihn zwischen zwei Umarmungen immer wieder zum frommen +Katholiken hatte bekehren wollen; von der schönen Jüdin Lia in Turin, +die prächtiger zu Pferde gesessen war als irgendeine Fürstin; von der +lieblich-unschuldigen Manon Balletti, der einzigen, die er beinahe +geheiratet hätte, von jener schlechten Sängerin in Warschau, die er +ausgepfiffen, worauf er sich mit ihrem Geliebten, dem Krongeneral +Branitzky, hatte duellieren und aus Warschau fliehen müssen; von der +bösen Charpillon, die ihn in London so jämmerlich zum Narren gehalten; +von einer nächtlichen Sturmfahrt, die ihm fast das Leben gekostet, durch +die Lagunen nach Murano zu seiner angebeteten Nonne; von dem Spieler +Croce, der, nachdem er in Spa ein Vermögen verloren, auf der Landstraße +tränenvollen Abschied von ihm genommen und sich auf den Weg nach +Petersburg gemacht hatte – so wie er dagestanden war, in seidenen +Strümpfen, in einem apfelgrünen Samtrock und ein Rohrstöckchen in der +Hand. Er erzählte von Schauspielerinnen, Sängerinnen, Modistinnen, +Gräfinnen, Tänzerinnen, Kammermädchen; von Spielern, Offizieren, +Fürsten, Gesandten, Finanzleuten, Musikanten und Abenteurern; und so +wundersam ward ihm selbst der Sinn von dem wieder neu gefühlten Zauber +seiner eigenen Vergangenheit umfangen, so vollständig war der Triumph +all des herrlichen durchlebten, doch unwiederbringlich Gewesenen über +das armselig Schattenhafte, das sich seiner Gegenwärtigkeit brüsten +durfte, daß er eben im Begriffe war, die Geschichte eines hübschen +blassen Mädchens zu berichten, das ihm im Dämmer einer Kirche zu Mantua +seinen Liebeskummer anvertraut hatte, ohne daran zu denken, daß ihm +dieses selbe Geschöpf, um sechzehn Jahre gealtert, als die Frau seines +Freundes Olivo hier am Tische gegenübersaß; – als mit plumpem Schritt +die Magd eintrat und meldete, daß vor dem Tore der Wagen bereitstehe. +Und sofort, mit seiner unvergleichlichen Gabe, sich in Traum und Wachen, +wann immer es nötig war, ohne Zögern zurechtzufinden, erhob sich +Casanova, um Abschied zu nehmen. Er forderte Olivo, dem vor Rührung die +Worte versagten, nochmals mit Herzlichkeit auf, ihn mit Frau und Kindern +in Venedig zu besuchen, und umarmte ihn; als er sich mit der gleichen +Absicht Amalien näherte, wehrte sie leicht ab und reichte ihm nur die +Hand, die er ehrerbietig küßte. Wie er sich nun zu Marcolina wandte, +sagte diese: »All das, was Sie uns heute abend erzählt haben – und noch +viel mehr – sollten Sie niederschreiben, Herr Chevalier, so wie Sie es +mit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben.« – »Ist das Ihr +Ernst, Marcolina?« fragte er mit der Schüchternheit eines jungen Autors. +Sie lächelte mit leisem Spott. »Ich vermute,« sagte sie, »ein solches +Buch könnte noch weit unterhaltender werden als Ihre Streitschrift gegen +Voltaire.« – Das möchte leicht wahr sein, dachte er, ohne es +auszusprechen. Wer weiß, ob ich deinen Rat nicht einmal befolge? Und du +selbst, Marcolina, sollst das letzte Kapitel sein. – Dieser Einfall, +mehr noch der Gedanke, daß dieses letzte Kapitel im Laufe der kommenden +Nacht erlebt werden sollte, ließ seinen Blick so seltsam erflackern, daß +Marcolina die Hand, die sie ihm zum Abschied gereicht, aus der seinen +gleiten ließ, eh’ er, sich herabbeugend, einen Kuß darauf zu drücken +vermocht hatte. Ohne sich irgend etwas, sei es Enttäuschung, sei es +Groll, merken zu lassen, wandte sich Casanova zum Gehen, indem er durch +eine jener klaren und einfachen Gesten, die nur ihm gehörten, zu +verstehen gab, daß ihm niemand, auch Olivo nicht, folgen solle. + +Raschen Schritts durcheilte er die Kastanienallee: gab der Magd, die +den Reisesack in den Wagen geschafft hatte, ein Goldstück, stieg ein und +fuhr davon. + +Der Himmel war von Wolken verhängt. Nachdem man das Dorf hinter sich +gelassen, wo noch hinter armen Fenstern da und dort ein kleines Licht +geschimmert hatte, leuchtete nur mehr die gelbe Laterne, die vorn an der +Deichsel befestigt war, durch die Nacht. Casanova öffnete den Reisesack, +der zu seinen Füßen lag, nahm Lorenzis Mantel heraus und, nachdem er ihn +über sich gebreitet, entkleidete er sich unter dessen Schutz mit aller +gebotenen Vorsicht. Die abgelegte Gewandung, auch Schuhe und Strümpfe, +versperrte er in den Sack und hüllte sich fester in den Mantel ein. +Jetzt rief er den Kutscher an: »He, wir müssen wieder zurück!« – Der +Kutscher wandte sich verdrossen um. – »Ich habe meine Papiere im Hause +vergessen. Hörst du? Wir müssen zurück.« Und da jener, ein verdrossener, +magerer, graubärtiger Mensch, zu zögern schien: »Ich verlange es +natürlich nicht umsonst. Da!« Und er drückte ihm ein Goldstück in die +Hand. Der Kutscher nickte, murmelte etwas, und mit einem gänzlich +überflüssigen Peitschenhieb auf das Pferd, wandte er den Wagen. Als sie +wieder durch das Dorf fuhren, lagen die Häuser alle stumm und +ausgelöscht. Noch ein Stück Wegs die Landstraße hin, und nun wollte der +Kutscher in die schmälere, leicht ansteigende Straße einlenken, die zu +Olivos Besitzung führte. »Halt!« rief Casanova, »wir wollen nicht so nah +heranfahren, sonst wecken wir die Leute auf. Warte hier an der Ecke. Ich +bin bald wieder da ... Und sollt’ es etwas länger dauern, jede Stunde +trägt einen Dukaten!« Nun glaubte der Mann ungefähr zu wissen, woran er +war; Casanova merkte es an der Art, wie jener mit dem Kopf nickte. Er +stieg aus und eilte weiter, den Augen des Kutschers bald entschwindend, +bis ans verschlossene Tor, daran vorüber, die Mauer entlang bis zu der +Ecke, wo sie im rechten Winkel nach oben bog, und nahm nun den Weg durch +die Weinberge, den er, nachdem er ihn schon zweimal im Tagesschein +gegangen, leicht zu finden wußte. Er hielt sich der Mauer nahe und +folgte ihr auch, als sie nun, etwa auf der mittleren Höhe des Hügels, +wieder im rechten Winkel umbog. Hier ging er auf weichem Wiesengrund, im +Dunkel der verhängten Nacht weiter, und mußte nur achtgeben, daß er die +Gartentür nicht verfehlte. Er tastete längs der glatten steinernen +Umfassung, bis seine Finger das rauhe Holz spürten; worauf er die Türe +auch in ihrem schmalen Umriß deutlich wahrzunehmen vermochte. Er steckte +den Schlüssel in das rasch gefundene Schloß, öffnete, trat in den +Garten und sperrte hinter sich wieder zu. Er sah das Haus mit dem Turm +jenseits der Wiese in unwahrscheinlicher Entfernung und in einer ebenso +unwahrscheinlichen Höhe aufragen. Eine Weile stand er ruhig; er sah um +sich; denn was für andre Augen noch undurchdringliche Finsternis gewesen +wäre, war für die seinen nur tiefe Dämmerung. Er wagte es, statt in der +Allee, deren Kies seinen nackten Füßen weh tat, auf der Wiese +weiterzugehen, die den Ton seiner Schritte verschlang. Er glaubte zu +schweben; so leicht war sein Gang. – War mir anders zumute, dachte er, +zur Zeit, da ich als Dreißigjähriger solche Wege ging? Fühl’ ich nicht +wie damals alle Gluten des Verlangens und alle Säfte der Jugend durch +meine Adern kreisen? Bin ich nicht heute Casanova, wie ich’s damals +war?... Und da ich Casanova bin, warum sollte an mir das klägliche +Gesetz nicht zuschanden werden, dem andre unterworfen sind, und das +Altern heißt! Und immer kühner werdend, fragte er sich: Warum schleich +ich in einer Maske zu Marcolina? Ist Casanova nicht mehr als Lorenzi, +auch wenn er um dreißig Jahre älter ist? Und wäre sie nicht das Weib, +dies Unbegreifliche zu begreifen?... War es nötig, eine kleine +Schurkerei zu begehen und einen andern zu einer etwas größern zu +verleiten? Wäre man nicht mit etwas Geduld zum gleichen Ziel gekommen? +Lorenzi ist morgen fort, ich wäre geblieben ... Fünf Tage ... drei – +und sie hätte mir gehört – _wissend_ mir gehört. – Er stand an die Wand +des Hauses gedrückt, neben Marcolinens Fenster, das noch fest +verschlossen war, und seine Gedanken flogen weiter. Ist es denn zu spät +dazu?... Ich könnte wiederkommen, – morgen, übermorgen ... und begänne +das Werk der Verführung – als ehrlicher Mann sozusagen. Die heutige +Nacht wäre ein Vorschuß auf die künftigen. Ja Marcolina müßte nicht +einmal erfahren, daß ich heute dagewesen bin – oder erst später – viel +später. – + +Das Fenster war noch immer fest geschlossen; auch dahinter rührte sich +nichts. Es fehlten wohl noch ein paar Minuten auf Mitternacht. Sollte er +sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster klopfen? Da nichts +dergleichen ausgemacht war, hätte es vielleicht doch in Marcolina einen +Verdacht werfen können. Also warten. Lange konnte es nicht mehr dauern. +Der Gedanke, daß sie ihn sofort erkennen, den Betrug durchschauen +konnte, eh’ er vollzogen war, kam ihm, nicht zum erstenmal, doch ebenso +flüchtig und als die natürliche verstandesmäßige Erwägung einer +entfernten, ins Unwahrscheinliche verschwimmenden Möglichkeit, nicht als +eine ernstliche Befürchtung. Ein etwas lächerliches Abenteuer fiel ihm +ein, das nun zwanzig Jahre zurücklag; das mit der häßlichen Alten in +Solothurn, mit der er eine köstliche Nacht verbracht hatte, in der +Meinung, eine angebetete schöne junge Frau zu besitzen – und die ihn +überdies tags darauf in einem unverschämten Brief ob seines ihr höchst +erwünschten, von ihr mit infamer List geförderten Irrtums verhöhnt +hatte. Er schüttelte sich in der Erinnerung vor Ekel. Gerade daran hätte +er jetzt lieber nicht denken sollen, und er verjagte das abscheuliche +Bild. – Nun, war es nicht endlich Mitternacht? Wie lange sollte er noch +hier stehen an die Mauer gedrückt, fröstelnd in der Kühle der Nacht? +Oder gar vergeblich warten? Der Geprellte sein – trotz allem? – +Zweitausend Dukaten für nichts? Und Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang? +Seiner spottend? – Unwillkürlich faßte er den Degen etwas fester, den er +unter dem Mantel an seinen nackten Leib gepreßt hielt. Von einem Kerl +wie Lorenzi mußte man am Ende auch der peinlichsten Überraschung +gewärtig sein. – Aber dann ... In diesem Augenblick hörte er ein leises +knackendes Geräusch, – er wußte, daß nun das Gitter von Marcolinens +Fenster sich zurückschob, gleich darauf öffneten sich beide Flügel weit, +während der Vorhang noch zugezogen blieb. Casanova hielt sich ein paar +Sekunden regungslos, bis von unsichtbarer Hand gerafft der Vorhang sich +nach der einen Seite hob; das war für Casanova ein Zeichen, sich über +die Brüstung ins Zimmer zu schwingen und sofort Fenster und Gitter +hinter sich zu schließen. Der geraffte Vorhang war über seinen Schultern +wieder gesunken, so daß er genötigt war, darunter hervorzukriechen, und +nun wäre er in völliger Finsternis dagestanden, wenn nicht aus der Tiefe +des Gemachs, in unbegreiflicher Entfernung, wie von seinem eignen Blick +erweckt, ein mattes Schimmern ihm den Weg gewiesen hätte. Nur drei +Schritt – und sehnsüchtige Arme breiteten sich nach ihm aus; er ließ den +Degen aus der Hand, den Mantel von seinen Schultern gleiten und sank in +sein Glück. + +An Marcolinens seufzendem Vergehen, an den Tränen der Seligkeit, die er +ihr von den Wangen küßte, an der immer wieder erneuten Glut, mit der sie +seine Zärtlichkeiten empfing, erkannte er bald, daß sie seine +Entzückungen teilte, die ihm als höhere, ja von neuer, andrer Art +erschienen, als er jemals genossen. Lust ward zur Andacht, tiefster +Rausch ward Wachsein ohnegleichen; hier endlich war, die er schon so +oft, töricht genug zu erleben geglaubt, und die er noch niemals wirklich +erlebt hatte – Erfüllung war an Marcolinens Herzen. Er hielt die Frau in +seinen Armen, an die er sich verschwenden durfte, um sich unerschöpflich +zu fühlen; – an deren Brüsten der Augenblick des letzten Hingegebenseins +und des neuen Verlangens in einen einzigen von ungeahnter Seelenwonne +zusammenfloß. War an diesen Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und +Ewigkeit Eines? War er nicht ein Gott –? Jugend und Alter nur eine +Fabel, von Menschen erfunden? – Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm +und Vergessensein – wesenlose Unterscheidungen zum Gebrauch von +Ruhelosen, von Einsamen, von Eiteln – und sinnlos geworden, wenn man +Casanova war und Marcolina gefunden? Unwürdig, ja lächerlicher von +Minute zu Minute erschien es ihm, sich, einem Vorsatz getreu, den er +früher als Kleinmütiger gefaßt, aus dieser Wundernacht stumm, unerkannt, +wie ein Dieb zu flüchten. Im untrüglichen Gefühl ebenso der Beglückende +zu sein, als er der Beglückte war, glaubte er sich schon zu dem Wagnis +entschlossen, seinen Namen zu nennen, wenn er sich auch immer noch +bewußt war, damit ein großes Spiel zu spielen, das er, wenn er es +verlor, bereit sein mußte, mit dem Dasein zu bezahlen. Noch war +undurchdringliche Dunkelheit um ihn, und bis durch den dichten Vorhang +das erste Dämmern brach, durfte er ein Geständnis hinauszögern, an +dessen Aufnahme durch Marcolina sein Schicksal, ja sein Leben hing. Aber +war denn nicht gerade dieses stummselige, süßverlorene Zusammensein dazu +gemacht, ihm Marcolina von Kuß zu Kuß unlöslicher zu verbinden? Wurde, +was sich als Betrug entsponnen, nicht Wahrheit in den namenlosen +Entzückungen dieser Nacht? Ja, durchschauerte sie, die Betrogene, die +Geliebte, die Einzige, nicht selbst schon eine Ahnung, daß es nicht +Lorenzi, der Jüngling, der Wicht, daß es ein Mann, – daß es Casanova +war, in dessen Göttergluten sie verging? Und schon begann er es für +möglich zu halten, daß ihm der ersehnte und doch gefürchtete Augenblick +des Geständnisses gänzlich erspart bleiben würde; er träumte davon, daß +Marcolina selbst, bebend, gebannt, erlöst ihm seinen Namen +entgegenflüstern würde. Und dann – wenn sie so ihm verziehen – nein – +seine Verzeihung empfangen –, dann wollte er sie mit sich nehmen, +sofort, in dieser selben Stunde noch; – mit ihr im Grauen der Frühe das +Haus verlassen, mit ihr in den Wagen steigen, der draußen an der +Straßenbiegung wartete ... mit ihr davonfahren, für immer sie halten, +sein Lebenswerk damit krönen, daß er, in Jahren, da andre sich zu einem +trüben Greisentum bereiten, die Jüngste, die Schönste, die Klügste durch +die ungeheure Macht seines unverlöschlichen Wesens gewonnen und sie für +alle Zeit zur Seinen gemacht hatte. Denn diese war sein, wie keine vor +ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle schmale Kanäle, zwischen +Palästen hin, in deren Schatten er nun wieder heimisch war, unter +geschwungenen Brücken, über die verdämmernde Gestalten huschten; manche +winkten über die Brüstung ihnen entgegen und waren wieder verschwunden, +eh’ man sie recht erblickt. Nun legte die Gondel an; Marmorstufen +führten in das prächtige Haus des Senators Bragadino; es war als das +einzige festlich beleuchtet; treppauf, treppab liefen Vermummte – manche +blieben neugierig stehen, aber wer konnte Casanova und Marcolina hinter +ihren Masken erkennen? Er trat mit ihr in den Saal. Hier wurde ein +großes Spiel gespielt. Alle Senatoren, auch Bragadino, in ihren +Purpurmänteln, reihten sich um den Tisch. Als Casanova eintrat, +flüsterten sie alle seinen Namen wie im höchsten Schrecken; denn am +Blitz seiner Augen hinter der Maske hatten sie ihn erkannt. Er setzte +sich nicht nieder; er nahm keine Karten, aber er spielte mit. Er gewann, +er gewann alles Gold, das auf dem Tische lag, das war aber zuwenig; die +Senatoren mußten Wechsel ausstellen; sie verloren ihr Vermögen, ihre +Paläste, ihre Purpurmäntel, – sie waren Bettler, sie krochen in Lumpen +um ihn her, sie küßten ihm die Hände, und daneben, in einem dunkelroten +Saale, war Musik und Tanz. Casanova wollte mit Marcolina tanzen, doch +die war fort. Die Senatoren in ihren Purpurmänteln saßen wieder um den +Tisch wie vorher; aber nun wußte Casanova, daß es nicht Karten waren, +sondern Angeklagte, Verbrecher und Unschuldige, um deren Schicksal es +ging. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze Zeit ihr Handgelenk +umklammert gehalten? Er stürzte die Treppen hinunter, die Gondel +wartete; nur weiter, weiter, durch das Gewirr von Kanälen, natürlich +wußte der Ruderer, wo Marcolina weilte; warum aber war auch er maskiert? +Das war früher nicht üblich gewesen in Venedig. Casanova wollte ihn zur +Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird man so feig als alter Mann? +Und immer weiter – was für eine Riesenstadt war Venedig in diesen +fünfundzwanzig Jahren geworden! Nun endlich wichen die Häuser zurück, +breiter wurde der Kanal – zwischen Inseln glitten sie hin, dort ragten +die Mauern des Klosters von Murano, in das Marcolina sich geflüchtet +hatte. Fort war die Gondel, – jetzt hieß es schwimmen –, wie war das +schön! Indes spielten freilich die Kinder in Venedig mit seinen +Goldstücken; aber was lag ihm an Gold?... Das Wasser war bald warm, bald +kühl; es tropfte von seinen Kleidern, als er die Mauer hinankletterte. – +Wo ist Marcolina? fragte er im Sprechsaal laut, schallend, wie nur ein +Fürst fragen darf. Ich werde sie rufen, sagte die Herzogin-Äbtissin und +versank. Casanova ging, flog, flatterte hin und her, immer längs der +Gitterstäbe, wie eine Fledermaus. Hätte ich das nur früher gewußt, daß +ich fliegen kann. Ich werde es auch Marcolina lehren. Hinter den Stäben +schwebten weibliche Gestalten. Nonnen – doch sie trugen alle weltliche +Tracht. Er wußte es, obwohl er sie gar nicht sah, und er wußte auch, wer +sie waren. Henriette war es, die Unbekannte, und die Tänzerin Corticelli +und Cristina, die Braut, und die schöne Dubois und die verfluchte Alte +aus Solothurn und Manon Balletti ... und hundert andre, nur Marcolina +war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen, rief er dem Ruderer zu, der +unten in der Gondel wartete; er hatte noch keinen Menschen auf Erden so +gehaßt wie den, und er schwor sich zu, eine ausgesuchte Rache an ihm zu +nehmen. Aber war es nicht auch eine Narrheit, daß er Marcolina im +Kloster von Murano gesucht hatte, da sie doch zu Voltaire gereist war? +Wie gut, daß er fliegen konnte, einen Wagen hätte er doch nicht mehr +bezahlen können. Und er schwamm davon; aber nun war das gar kein solches +Glück mehr, als er gedacht hatte; es wurde kalt und immer kälter, er +trieb im offenen Meer, weit von Murano, weit von Venedig – kein Schiff +ringsum, seine schwere goldgestickte Gewandung zog ihn nach unten; er +versuchte sich ihrer zu entledigen, doch es war unmöglich, da er sein +Manuskript in der Hand hielt, das er Herrn Voltaire überreichen mußte, – +er bekam Wasser in den Mund, in die Nase, Todesangst überfiel ihn, er +griff um sich, er röchelte, er schrie und öffnete mühselig die Augen. + +Durch einen schmalen Spalt zwischen Vorhang und Fensterrand war ein +Strahl der Dämmerung hereingebrochen. Marcolina, in ihr weißes +Nachtgewand gehüllt, das sie mit beiden Händen über der Brust +zusammenhielt, stand am Fußende des Bettes und betrachtete Casanova mit +einem Blick unnennbaren Grauens, der ihn sofort und völlig wach machte. +Unwillkürlich, wie mit einer Gebärde des Flehens, streckte er die Arme +nach ihr aus. Marcolina, wie zur Erwiderung, wehrte mit einer Bewegung +ihrer Linken ab, während sie mit der Rechten ihr Gewand über der Brust +noch krampfhafter zusammenfaßte. Casanova erhob sich halb, sich mit +beiden Händen auf das Lager stützend, und starrte sie an. Er vermochte +den Blick von ihr so wenig abzuwenden als sie von ihm. Wut und Scham war +in dem seinen, in dem ihren Scham und Entsetzen. Und Casanova wußte, wie +sie ihn sah; denn er sah sich selbst gleichsam im Spiegel der Luft und +erblickte sich so, wie er sich gestern in dem Spiegel gesehen, der im +Turmgemach gehangen: ein gelbes böses Antlitz mit tiefgegrabenen Falten, +schmalen Lippen, stechenden Augen – und überdies von den Ausschweifungen +der verflossenen Nacht, dem gehetzten Traum des Morgens, der furchtbaren +Erkenntnis des Erwachens dreifach verwüstet. Und was er in Marcolinens +Blick las, war nicht, was er tausendmal lieber darin gelesen: Dieb – +Wüstling – Schurke –; er las nur dies eine –, das ihn schmachvoller zu +Boden schlug als alle andern Beschimpfungen vermocht hätten – er las das +Wort, das ihm von allen das furchtbarste war, da es sein endgültiges +Urteil sprach: Alter Mann. – Wäre es in diesem Augenblick in seiner Macht +gestanden, sich selbst durch ein Zauberwort zu vernichten – er hätte es +getan, nur um nicht unter der Decke hervorkriechen und sich Marcolinen +in seiner Blöße zeigen zu müssen, die ihr verabscheuungswürdiger dünken +mußte als der Anblick eines ekelhaften Tieres. – Sie aber, wie +allmählich zur Besinnung kommend, und offenbar in dem Bedürfnis, ihm +möglichst rasch zu dem Gelegenheit zu geben, was doch unerläßlich war, +kehrte ihr Gesicht nach der Wand, und er benutzte die Zeit, um aus dem +Bette zu steigen, den Mantel vom Boden aufzunehmen und sich darein zu +hüllen. Auch seines Degens versicherte er sich sofort, und nun, da er +sich zum mindesten der schlimmsten Schmach, der Lächerlichkeit entronnen +dünkte, dachte er schon daran, ob er nicht etwa die ganze, für ihn so +klägliche Angelegenheit durch wohlgesetzte Worte, um die er ja sonst +nicht verlegen war, in ein andres Licht rücken, ja irgendwie zu seinen +Gunsten wenden könnte. Daß Lorenzi Marcolina an ihn verkauft hatte, +daran konnte nach der Lage der Dinge kein Zweifel für sie sein; – aber +wie tief sie den Elenden in diesem Augenblick auch hassen mochte, +Casanova fühlte, daß er, der feige Dieb, ihr noch tausendmal +hassenswerter erscheinen mußte. Etwas andres verhieß vielleicht eher +Genugtuung: Marcolina mit anspielungsreicher, mit höhnisch-lüsterner +Rede zu erniedrigen: – doch auch dieser tückische Einfall schwand dahin +vor einem Blick, dessen entsetzensvoller Ausdruck sich allmählich in +eine unendliche Traurigkeit gewandelt hatte, als wäre es nicht nur +Marcolinens Weiblichkeit, die Casanova geschändet – nein, als hätte in +dieser Nacht List gegen Vertrauen, Lust gegen Liebe, Alter gegen Jugend +sich namenlos und unsühnbar vergangen. Unter diesem Blick, der zu +Casanovas schlimmster Qual alles, was noch gut in ihm war, für eine +kurze Weile neu entzündete, wandte er sich ab; – ohne sich noch einmal +nach Marcolinen umzusehen, ging er ans Fenster, raffte den Vorhang zur +Seite, öffnete Fenster und Gitter, warf einen Blick in den dämmernden +Garten, der noch zu schlummern schien, und schwang sich über die +Brüstung ins Freie. Da er die Möglichkeit erwog, daß irgendwer im Hause +schon erwacht sein und ihn von einem Fenster aus erblicken könnte, +vermied er die Wiese und ließ sich von der Allee in ihren schützenden +Schatten aufnehmen. Er trat durch die Gartentür ins Freie hinaus und +hatte kaum hinter sich zugeschlossen, als ihm jemand entgegentrat und +den Weg verstellte. Der Ruderer ... war sein erster Gedanke. Denn nun +wußte er plötzlich, daß der Gondelführer in seinem Traum niemand andrer +gewesen war als Lorenzi. Da stand er. Sein roter Waffenrock mit der +silbernen Verschnürung brannte durch den Morgen. Welche prächtige +Uniform, dachte Casanova in seinem verwirrten und ermüdeten Gehirn, +sieht sie nicht aus wie neu? – Und ist sicher nicht bezahlt ... Diese +nüchternen Erwägungen brachten ihn völlig zur Besinnung, und sobald er +sich der Lage bewußt war, fühlte er sich froh. Er nahm seine stolzeste +Haltung an, faßte den Degengriff unter dem hüllenden Mantel fester und +sagte im liebenswürdigsten Ton: »Finden Sie nicht, Herr Leutnant +Lorenzi, daß Ihnen dieser Einfall etwas verspätet kommt?« – »Doch +nicht,« erwiderte Lorenzi – und er war schöner in diesem Augenblick als +irgendein Mensch, den Casanova je gesehen –, »da doch nur einer von uns +den Platz lebend verlassen wird.« – »Sie haben es eilig, Lorenzi,« sagte +Casanova in einem fast weichen Ton. »Wollen wir die Sache nicht +wenigstens bis Mantua aufschieben? Es wird mir eine Ehre sein, Sie in +meinem Wagen mitzunehmen. Er wartet an der Straßenbiegung. Auch hätte +es manches für sich, wenn die Formen gewahrt würden ... gerade in unserm +Fall.« – »Es bedarf keiner Formen. Sie, Casanova, oder ich, – und noch +in dieser Stunde.« Er zog den Degen. Casanova zuckte die Achseln. »Wie +Sie wünschen, Lorenzi. Aber ich möchte Ihnen doch zu bedenken geben, daß +ich leider gezwungen wäre, in einem völlig unangemessenen Kostüm +anzutreten.« Er schlug den Mantel auseinander und stand nackt da, den +Degen wie spielend in der Hand. In Lorenzis Augen stieg eine Welle von +Haß. »Sie sollen nicht im Nachteil mir gegenüber sein,« sagte er und +begann mit großer Geschwindigkeit, sich all seiner Kleidungsstücke zu +entledigen. Casanova wandte sich ab und hüllte sich solange wieder in +seinen Mantel, da es trotz der allmählich durch den Morgendunst +brechenden Sonne nun empfindlich kühl geworden war. Von den Bäumen, die +spärlich auf der Höhe des Hügels standen, fielen lange Schatten über den +Rasen hin. Einen Moment lang dachte Casanova, ob nicht am Ende jemand +hier vorbeikommen könnte? Doch der Pfad, der längs der Mauer zur +rückwärtigen Gartentür lief, wurde wohl nur von Olivo und den Seinen +benutzt. Es fiel Casanova ein, daß er nun vielleicht die letzten Minuten +seines Daseins durchlebte, und er wunderte sich, daß er vollkommen ruhig +war. Herr Voltaire hat Glück, dachte er flüchtig; aber im Grunde war +ihm Voltaire höchst gleichgültig, und er hätte gewünscht, in dieser +Stunde holdere Bilder vor seine Seele zaubern zu können als das +widerliche Vogelgesicht des alten Literaten. War es übrigens nicht +sonderbar, daß jenseits der Mauer in den Wipfeln der Bäume keine Vögel +sangen? Das Wetter würde sich wohl ändern. Doch was ging ihn das Wetter +an? Er wollte lieber Marcolinens gedenken, der Wonnen, die er in ihren +Armen genossen, und die er nun teuer bezahlen sollte. Teuer? – Wohlfeil +genug! Ein paar Greisenjahre – in Elend und Niedrigkeit ... Was hatte er +noch zu tun auf der Welt?... Herrn Bragadino vergiften? – War es der +Mühe wert? Nichts war der Mühe wert ... Wie dünn dort oben die Bäume +standen! Er begann sie zu zählen. Fünf ... sieben ... zehn – Sollte ich +nichts Wichtigeres zu tun haben?... – »Ich bin bereit, Herr Chevalier!« +Rasch wandte sich Casanova um. Lorenzi stand ihm gegenüber, herrlich in +seiner Nacktheit wie ein junger Gott. Alles Gemeine war aus seinem +Antlitz weggelöscht; er schien so bereit, zu töten als zu sterben. – +Wenn ich meinen Degen hinwürfe? dachte Casanova. Wenn ich ihn umarmte? +Er ließ den Mantel von seinen Schultern gleiten und stand nun da wie +Lorenzi, schlank und nackt. Lorenzi senkte den Degen zum Gruß nach den +Regeln der Fechtkunst, Casanova gab den Gruß zurück; im nächsten +Augenblick kreuzten sie die Klingen, und silbernes Morgenlicht spielte +glitzernd von Stahl zu Stahl. Wie lang ist es nur her, dachte Casanova, +seit ich zum letztenmal einem Gegner mit dem Degen gegenübergestanden +bin? Doch keines seiner ernsthafteren Duelle wollte ihm jetzt einfallen, +sondern nur die Fechtübungen, die er vor zehn Jahren noch mit Costa, +seinem Kammerdiener, abzuhalten pflegte, dem Lumpen, der ihm später mit +hundertfünfzigtausend Lire durchgegangen war. Immerhin, dachte Casanova, +er war ein tüchtiger Fechter; – und auch ich habe nichts verlernt! Sein +Arm war sicher, seine Hand war leicht, sein Auge blickte so scharf wie +je. Eine Fabel ist Jugend und Alter, dachte er ... Bin ich nicht ein +Gott? Wir beide nicht Götter? Wer uns jetzt sähe! – Es gäbe Damen, die +sich’s was kosten ließen. Die Schneiden bogen sich, die Spitzen +flirrten; nach jeder Berührung der Klingen sang es leise in der +Morgenluft nach. Ein Kampf? Nein, ein Turnier ... Warum dieser Blick des +Entsetzens, Marcolina? Sind wir nicht beide deiner Liebe wert? Er ist +nur jung, ich aber bin Casanova!... Da sank Lorenzi hin, mit einem Stich +mitten ins Herz. Der Degen entfiel seiner Hand, er riß die Augen weit +auf, wie im höchsten Erstaunen, hob noch einmal das Haupt, seine Lippen +verzogen sich schmerzlich, er ließ das Haupt sinken, seine Nasenflügel +öffneten sich weit, ein leises Röcheln, er starb. – Casanova beugte sich +zu ihm hinab, kniete neben ihm nieder, sah ein paar Blutstropfen aus der +Wunde sickern, führte die Hand ganz nahe an des Gefallenen Mund; kein +Hauch des Lebens berührte sie. Ein kühler Schauer floß durch Casanovas +Glieder. Er erhob sich und nahm seinen Mantel um. Dann trat er wieder an +die Leiche und blickte auf den Jünglingsleib hinab, der in +unvergleichlicher Schönheit auf dem Rasen hingestreckt lag. Ein leises +Rauschen ging durch die Stille; es war der Morgenwind, der durch die +Wipfel jenseits der Gartenmauer strich. Was tun? fragte sich Casanova. +Leute rufen? Olivo? Amalia? Marcolina? – Wozu? Lebendig macht ihn keiner +mehr! – Er überlegte mit der kalten Ruhe, die ihm in den gefährlichsten +Momenten seines Daseins immer eigen gewesen war. – Bis man ihn findet, +kann es viele Stunden dauern, vielleicht bis zum Abend, auch länger. Bis +dahin hab’ ich Zeit gewonnen, und darauf allein kommt es an. – Er hielt +immer noch seinen Degen in der Hand, er sah Blut daran schimmern und +wischte es im Grase ab. Der Einfall kam ihm, die Leiche anzukleiden, +aber das hätte ihn Minuten verlieren lassen, die kostbar und +unwiederbringlich waren. Wie zu einem letzten Opfer beugte er sich +nochmals nieder und drückte dem Toten die Augen zu. »Glücklicher,« +sagte er vor sich hin, und, wie in traumhafter Benommenheit, küßte er +den Ermordeten auf die Stirn. Dann erhob er sich rasch und eilte, der +Mauer entlang, um die Ecke, nach abwärts biegend, der Straße zu. Der +Wagen stand an der Kreuzung, wo er ihn verlassen, der Kutscher war auf +dem Bock fest eingeschlafen. Casanova hatte acht, ihn nicht aufzuwecken, +stieg mit äußerster Vorsicht ein, und jetzt erst rief er ihn an. »He! +Wird’s bald?« und puffte ihn in den Rücken. Der Kutscher schrak auf, +schaute um sich, staunte, daß es schon ganz licht war, dann hieb er auf +die Rosse ein und fuhr davon. Casanova lehnte sich tief zurück, in den +Mantel gehüllt, der einmal Lorenzi gehört hatte. Im Dorf waren nur ein +paar Kinder auf der Straße zu sehen; die Männer und Weiber offenbar +schon alle bei der Arbeit auf dem Feld. Als die Häuser hinter ihnen +lagen, atmete Casanova auf; er öffnete den Reisesack, nahm seine Sachen +heraus und begann sich unter dem Schutz des Mantels anzukleiden, nicht +ohne Sorge, daß der Kutscher sich umdrehen und ihm seines Fahrgastes +sonderbares Gebaren auffallen könnte. Doch nichts dergleichen geschah; +Casanova konnte sich ungestört fertigmachen, brachte Lorenzis Mantel im +Sack unter und nahm wieder den seinen um. Er blickte nach dem Himmel, +der sich indes getrübt hatte. Er fühlte sich nicht müde, vielmehr aufs +höchste angespannt und überwach. Er überdachte seine Lage und kam, wie +immer er sie betrachtete, zu dem Schluß, daß sie wohl einigermaßen +bedenklich war, aber nicht so gefährlich, wie sie ängstlichern Gemütern +vielleicht erschienen wäre. Daß man ihn sofort verdächtigen würde, +Lorenzi getötet zu haben, war freilich wahrscheinlich; aber keiner +konnte zweifeln, daß es im ehrlichen Zweikampf geschehen war, und besser +noch: er war von Lorenzi überfallen, zum Duell gezwungen worden, und +niemand durfte es ihm als Verbrechen anrechnen, daß er sich zur Wehr +gesetzt hatte. Aber warum hatte er ihn auf dem Rasen liegen lassen wie +einen toten Hund? Auch das durfte ihm niemand zum Vorwurf machen: rasche +Flucht war sein gutes Recht, beinahe seine Pflicht gewesen. Lorenzi +hätte es nicht anders gemacht. Aber konnte ihn Venedig nicht ausliefern? +Sofort nach seiner Ankunft wollte er sich in den Schutz seines Gönners +Bragadino stellen. Aber bezichtigte er sich so nicht selbst einer Tat, +die am Ende unentdeckt bleiben oder doch nicht ihm zur Last gelegt +werden würde? Gab es überhaupt einen Beweis gegen ihn? War er nicht nach +Venedig berufen? Wer durfte sagen, daß es eine Flucht war? Der Kutscher +etwa, der die halbe Nacht an der Straße gewartet? Mit noch ein paar +Goldstücken war ihm das Maul gestopft. So liefen seine Gedanken im +Kreise. Plötzlich war ihm, als hörte er hinter seinem Rücken das Getrabe +von Pferden. Schon? war sein erster Gedanke. Er steckte den Kopf zum +Wagenfenster hinaus, sah nach rückwärts, die Straße war leer. Sie waren +an einem Gehöft vorbeigefahren; es war der Widerhall vom Hufschlag +seiner eignen Pferde gewesen. Daß er sich getäuscht hatte, beruhigte ihn +für eine Weile so sehr, als wäre nun jede Gefahr für allemal vorüber. +Dort ragten die Türme von Mantua ... »Vorwärts, vorwärts,« sagte er vor +sich hin; denn er wollte gar nicht, daß es der Kutscher hörte. Der aber, +in der Nähe des Ziels, ließ die Rosse aus eignem Antrieb immer rascher +laufen; bald waren sie am Tor, durch das Casanova vor noch nicht zweimal +vierundzwanzig Stunden mit Olivo die Stadt verlassen; er gab dem +Kutscher den Namen des Gasthofs an, vor dem er zu halten hätte; nach +wenigen Minuten zeigte sich das Schild mit dem goldenen Löwen, und +Casanova sprang aus dem Wagen. In der Tür stand die Wirtin; frisch, mit +lachendem Gesicht, und schien nicht übel gelaunt, Casanova zu empfangen, +wie man eben einen Geliebten empfängt, der nach unerwünschter +Abwesenheit als ein Heißersehnter wiederkehrt; er aber wies mit einem +ärgerlichen Blick auf den Kutscher wie auf einen lästigen Zeugen und +hieß ihn dann, sich an Speise und Trank nach Herzenslust gütlich tun. +»Ein Brief aus Venedig ist gestern abend für Sie angekommen, Herr +Chevalier,« sagte die Wirtin. – »Noch einer?« fragte Casanova und lief +die Treppen hinauf in sein Zimmer. Die Wirtin folgte ihm. Auf dem Tisch +lag ein versiegeltes Schreiben. In höchster Erregung öffnete es +Casanova. – Ein Widerruf? dachte er in Angst. Doch als er gelesen, +erheiterte sich sein Gesicht. Es waren ein paar Zeilen von Bragadino mit +einer Anweisung auf zweihundertfünfzig Lire, die beilag, damit er seine +Reise, wenn er etwa dazu entschlossen, auch nicht einen Tag länger +aufzuschieben genötigt sei. Casanova wandte sich zu der Wirtin und +erklärte ihr mit einer angenommenen verdrießlichen Miene, daß er leider +gezwungen sei, schon in dieser selben Stunde seine Reise fortzusetzen, +wenn er nicht Gefahr laufen wolle, die Stelle zu verlieren, die ihm sein +Freund Bragadino in Venedig verschafft habe, und um die hundert Bewerber +da seien. Aber, setzte er gleich hinzu, als er bedrohliche Wolken auf +der Wirtin Stirn aufziehen sah, er wolle sich die Stelle nur erst einmal +sichern, sein Dekret – nämlich als Sekretär des Hohen Rats von Venedig – +in Empfang nehmen, dann, wenn er einmal in Amt und Würden sei, werde er +sofort einen Urlaub verlangen, um seine Angelegenheiten in Mantua zu +ordnen, den könne man ihm natürlich nicht verweigern; er lasse ja sogar +seine meisten Habseligkeiten hier zurück – und dann, dann hänge es nur +von seiner teuern, von seiner entzückenden Freundin ab, ob sie nicht ihr +Wirtsgeschäft hier aufgeben und ihm als seine Gattin nach Venedig folgen +wolle ... Sie fiel ihm um den Hals und fragte ihn mit schwimmenden +Augen, ob sie ihm nicht vor seiner Abfahrt wenigstens ein tüchtiges +Frühstück ins Zimmer bringen dürfe. Er wußte, daß es auf eine +Abschiedsfeier abgesehen war, zu der er nicht das geringste Verlangen +verspürte, doch er erklärte sich einverstanden, um sie nur endlich +einmal los zu sein; als sie die Treppe hinunter war, packte er noch von +Wäsche und Büchern, was er am dringendsten benötigte, in seine Tasche, +begab sich in die Wirtsstube, wo er den Kutscher bei einem reichlichen +Mahle fand, und fragte ihn, ob er – gegen eine Summe, die den +gewöhnlichen Preis um das Doppelte überstieg – bereit wäre, sofort mit +den gleichen Pferden in der Richtung gegen Venedig zu fahren, bis zur +nächsten Poststation. Der Kutscher schlug ohne weiteres ein, und so war +Casanova für den Augenblick die schlimmste Sorge los. Die Wirtin trat +ein, zornrot im Gesicht, und fragte ihn, ob er vergessen habe, daß sein +Frühstück ihn auf dem Zimmer erwarte. Casanova erwiderte ihr in der +unbefangensten Weise, er habe es keineswegs vergessen, und bat sie +zugleich, da es ihm an Zeit mangle, das Bankhaus aufzusuchen, auf das +sein Wechsel ausgestellt war, ihm gegen die Anweisung, die er ihr +überreichte, zweihundertfünfzig Lire auszuhändigen. Während sie lief, +das Geld zu holen, ging Casanova auf sein Zimmer und begann mit einer +wahrhaft tierischen Gier das Essen hinunterzuschlingen, das +bereitgestellt war. Er ließ sich nicht stören, da die Wirtin erschien, +steckte nur rasch das Geld ein, das sie ihm gebracht hatte; – als er +fertig war, wandte er sich der Frau zu, die zärtlich an seine Seite +gerückt war, nun endlich ihre Stunde für gekommen hielt und in nicht +mißzuverstehender Weise ihre Arme gegen ihn ausbreitete, – er umschlang +sie heftig, küßte sie auf beide Wangen, drückte sie an sich, und als sie +bereit schien, ihm nichts mehr zu versagen, riß er sich mit den Worten: +»Ich muß fort ... auf Wiedersehen!« so heftig von ihr los, daß sie nach +rückwärts in die Ecke des Sofas fiel. Der Ausdruck ihrer Mienen, in +seiner Mischung von Enttäuschung, Zorn, Ohnmacht, hatte etwas so +unwiderstehlich Komisches, daß Casanova, während er die Tür hinter sich +zuschloß, sich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen. + +Daß sein Fahrgast es eilig hatte, konnte dem Kutscher nicht entgangen +sein; sich über die Gründe Gedanken zu machen, war er nicht +verpflichtet; jedenfalls saß er fahrtbereit auf dem Bock, als Casanova +aus der Tür des Gasthofs trat, und hieb mächtig auf die Pferde ein, +sobald jener eingestiegen war. Auch hielt er es für richtig, nicht +mitten durch die Stadt zu fahren, sondern umkreiste sie, um an ihrem +andern Ende wieder auf die Landstraße zu geraten. Noch stand die Sonne +nicht hoch, es fehlten drei Stunden auf Mittag. Casanova dachte: Es ist +sehr wohl möglich, daß man den toten Lorenzi noch nicht einmal gefunden +hat. Daß er selbst Lorenzi umgebracht hatte, kam ihm kaum recht zu +Bewußtsein; er war nur froh, daß er sich immer weiter von Mantua +entfernte, daß ihm endlich für eine Weile Ruhe gegönnt war ... Er +verfiel in den tiefsten Schlaf seines Lebens, der gewissermaßen zwei +Tage und zwei Nächte dauerte; denn die kurzen Unterbrechungen, die das +Wechseln der Pferde notwendig machte, und während deren er in +Wirtsstuben saß, vor Posthäusern auf und ab ging, mit Postmeistern, +Wirten, Zollwächtern, Reisenden gleichgültige Zufallsworte tauschte, +hatte er als Einzelvorfälle nicht im Gedächtnis zu bewahren vermocht. So +floß später die Erinnerung dieser zwei Tage und Nächte mit dem Traum +zusammen, den er in Marcolinens Bett geträumt, und auch der Zweikampf +der zwei nackten Menschen auf einem grünen Rasen im Frühsonnenschein +gehörte irgendwie zu diesem Traum, in dem er manchmal in einer +rätselhaften Weise nicht Casanova, sondern Lorenzi, nicht der Sieger, +sondern der Gefallene, nicht der Entfliehende, sondern der Tote war, um +dessen blassen Jünglingsleib einsamer Morgenwind spielte; und beide, er +selbst und Lorenzi, waren nicht wirklicher als die Senatoren in den +roten Purpurmänteln, die als Bettler vor ihm auf den Knien +herumgerutscht waren, und nicht weniger wirklich als jener ans Geländer +irgendeiner Brücke gelehnte Alte, dem er in der Abenddämmerung aus dem +Wagen ein Almosen zugeworfen hatte. Hätte Casanova nicht mittelst seiner +Urteilskraft das Erlebte und Geträumte auseinanderzuhalten vermocht, so +hätte er sich einbilden können, daß er in Marcolinens Armen in einen +wirren Traum verfallen war, aus dem er erst beim Anblick des Campanile +von Venedig erwachte. + +Es war am dritten Morgen seiner Reise, daß er, von Mestre aus, den +Glockenturm nach mehr als zwanzig Jahren der Sehnsucht zum erstenmal +wieder erschaute, – ein graues Steingebilde, das einsam ragend aus der +Dämmerung wie aus weiter Ferne vor ihm auftauchte. Aber er wußte, daß +ihn jetzt nur mehr eine Fahrt von zwei Stunden von der geliebten Stadt +trennte, in der er jung gewesen war. Er entlohnte den Kutscher, ohne zu +wissen, ob es der vierte, fünfte oder sechste war, mit dem er seit +Mantua abzurechnen hatte, und eilte, von einem Jungen gefolgt, der ihm +das Gepäck nachtrug, durch die armseligen Straßen zum Hafen, um das +Marktschiff zu erreichen, das heute noch, wie vor fünfundzwanzig Jahren, +um sechs Uhr nach Venedig abging. Es schien nur noch auf ihn gewartet zu +haben; kaum hatte er unter Weibern, die ihre Ware zur Stadt brachten, +kleinen Geschäftsleuten, Handwerkern auf einer schmalen Bank seinen +Platz eingenommen, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Der Himmel +war trüb; Dunst lag auf den Lagunen; es roch nach faulem Wasser, nach +feuchtem Holz, nach Fischen und nach frischem Obst. Immer höher ragte +der Campanile, andre Türme zeichneten sich in der Luft ab, +Kirchenkuppeln wurden sichtbar; von irgendeinem Dach, von zweien, von +vielen glänzte der Strahl der Morgensonne ihm entgegen; – Häuser rückten +auseinander, wuchsen in die Höhe; Schiffe, größere und kleinere, +tauchten aus dem Nebel; Grüße von einem zum andern wurden getauscht. Das +Geschwätz rings um ihn wurde lauter; ein kleines Mädchen bot ihm Trauben +zum Kauf; er verzehrte die blauen Beeren, spuckte die Schalen nach der +Art seiner Landsleute hinter sich über Bord und ließ sich in ein +Gespräch mit irgendeinem Menschen ein, der seine Befriedigung darüber +äußerte, daß nun endlich schönes Wetter anzubrechen scheine. Wie, es +hatte hier drei Tage lang geregnet? Er wußte nichts davon; er kam aus +dem Süden, aus Neapel, aus Rom ... Schon fuhr das Schiff durch die +Kanäle der Vorstadt; schmutzige Häuser starrten ihn aus trüben Fenstern +wie mit blöden fremden Augen an, zwei-, dreimal hielt das Schiff an, ein +paar junge Leute, einer mit einer großen Mappe unterm Arm, Weiber mit +Körben stiegen aus; – nun kam man in freundlichere Bezirke. War dies +nicht die Kirche, in der Martina zur Beichte gegangen war? – Und dies +nicht das Haus, in dem er die blasse, todkranke Agathe auf seine Weise +wieder rot und gesund gemacht hatte? – Und hatte er in jenem nicht den +schuftigen Bruder der reizenden Silvia braun und blau geprügelt? Und in +jenem Seitenkanal das kleine gelbliche Haus, auf dessen wasserbespülten +Stufen ein dickes Frauenzimmer mit nackten Füßen stand ... Ehe er sich +noch zu besinnen vermochte, welche Erscheinung aus fernen Jugendtagen er +dahin zu versetzen hatte, war das Schiff in den großen Kanal eingelenkt +und fuhr nun auf der breiten Wasserstraße langsam zwischen Palästen +weiter. Es war Casanova, von seinem Traume her, als wär’ er erst tags +vorher denselben Weg gefahren. An der Rialtobrücke stieg er aus; denn +eh’ er sich zu Herrn Bragadino begab, wollte er in einem nahen kleinen +wohlfeilen Gasthof, dessen er sich der Lage, aber nicht dem Namen nach +erinnerte, sein Gepäck unterbringen und sich eines Zimmers versichern. +Er fand das Haus verfallener, oder mindestens vernachlässigter, als er +es im Gedächtnis bewahrt hatte; ein verdrossener unrasierter Kellner +wies ihm einen wenig freundlichen Raum mit der Aussicht auf die +fensterlose Mauer eines gegenüberliegenden Hauses an. Doch Casanova +wollte keine Zeit verlieren; auch war ihm, da sich seine Barschaft auf +der Reise beinahe gänzlich erschöpft hatte, der niedrige Preis des +Zimmers sehr erwünscht; so beschloß er, vorläufig hier zu bleiben, +befreite sich vom Staub und Schmutz der langen Reise, überlegte eine +Weile, ob er sich in sein Prachtgewand werfen sollte, fand es dann doch +angemessen, wieder das bescheidenere anzulegen, und verließ endlich den +Gasthof. Nur hundert Schritte waren es, durch ein schmales Gäßchen und +über eine Brücke, zu dem kleinen vornehmen Palazzo, in dem Bragadino +wohnte. Ein junger Bedienter mit einem ziemlich unverschämten Gesicht +nahm Casanovas Anmeldung entgegen, tat, als wenn er den berühmten Namen +niemals gehört hätte, kam aber mit einer etwas freundlicheren Miene aus +den Gemächern seines Herrn wieder und ließ den Gast eintreten. Bragadino +saß an einem nah ans offene Fenster gerückten Tisch beim Frühstück; er +wollte sich erheben, was Casanova nicht zuließ. – »Mein teuerer +Casanova,« rief Bragadino aus, »wie glücklich bin ich, Sie +wiederzusehen! Ja, wer hätte gedacht, daß wir uns überhaupt jemals +wiedersehen würden?« Und er streckte ihm beide Hände entgegen. Casanova +ergriff sie, als wenn er sie küssen wollte, tat es aber nicht und +erwiderte die herzliche Begrüßung mit Worten heißen Dankes in der etwas +hochtrabenden Art, von der seine Ausdrucksweise bei solchen +Gelegenheiten nicht frei war. Bragadino forderte ihn auf, Platz zu +nehmen, und fragte ihn vor allem, ob er schon gefrühstückt habe. Als +Casanova verneinte, klingelte Bragadino dem Diener und gab ihm die +entsprechende Weisung. Als der Diener sich entfernt hatte, äußerte +Bragadino seine Befriedigung darüber, daß Casanova das Anerbieten des +Hohen Rats ohne Vorbehalt angenommen; es werde ihm gewiß nicht zum +Nachteil gereichen, daß er sich entschlossen habe, dem Vaterland seine +Dienste zu widmen. Casanova erklärte, daß er sich glücklich schätzen +werde, die Zufriedenheit des Hohen Rats zu erwerben. – So sprach er und +dachte sich sein Teil dabei. Freilich von irgendwelchem Haß gegen +Bragadino verspürte er nichts mehr in sich; eher eine gewisse Rührung +über den einfältig gewordenen uralten Mann, der ihm da gegenübersaß mit +dünngewordenem weißem Bart und rotgeränderten Augen, und dem die Tasse +in der mageren Hand zitterte. Als Casanova ihn zum letztenmal gesehen +hatte, mochte Bragadino etwa soviel Jahre zählen als Casanova heute; +freilich war er ihm schon damals wie ein Greis erschienen. + +Nun brachte der Diener das Frühstück für Casanova, der sich’s, ohne sich +viel zureden zu lassen, vortrefflich schmecken ließ, da er auf seiner +Reise nur hie und da einen spärlichen Imbiß in Hast zu sich genommen. – +Ja, Tag und Nacht war er von Mantua bis hierher gereist; – so eilig +hatte er’s, dem Hohen Rat seine Bereitwilligkeit, dem edlen Gönner seine +unauslöschliche Dankbarkeit zu beweisen: dies brachte er zur +Entschuldigung vor für die beinahe unanständige Gier, mit der er die +dampfende Schokolade schlürfte. Durchs Fenster drangen die +tausendfältigen Geräusche des Lebens von den großen und kleinen Kanälen; +die Rufe der Gondelführer schwebten eintönig über alle andern hin; +irgendwo, nicht zu weit, vielleicht in dem Palast gegenüber – war es +nicht der des Fogazzari? – sang eine schöne, ziemlich hohe Frauenstimme +Koloraturen; sie gehörte offenbar einem sehr jungen Wesen an, einem +Wesen, das noch nicht einmal geboren war zur Zeit, da Casanova aus den +Bleikammern entflohen war. – Er aß Zwieback und Butter, Eier, kaltes +Fleisch; und entschuldigte sich immer wieder ob seiner Unersättlichkeit +bei Bragadino, der ihm vergnügt zusah. »Ich liebe es,« sagte er, »wenn +junge Leute Appetit haben! Und soviel ich mich erinnere, mein teuerer +Casanova, hat es Ihnen daran nie gefehlt!« Und er entsann sich eines +Mahls, das er in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft gemeinsam mit +Casanova genossen – vielmehr, bei dem er seinem jungen Freunde +bewundernd zugeschaut hatte – wie heute; denn er selbst war damals noch +nicht so weit gewesen, es war nämlich, kurz nachdem Casanova den Arzt +hinausgeworfen, der den armen Bragadino durch die ewigen Aderlässe fast +ins Grab gebracht hatte ... Sie redeten von vergangenen Zeiten; ja – +damals war das Leben in Venedig schöner gewesen als heute. – »Nicht +überall,« sagte Casanova und spielte durch ein feines Lächeln auf die +Bleidächer an. Bragadino wehrte mit einer Handbewegung ab, als wäre nun +nicht die Stunde, sich solcher kleiner Unannehmlichkeiten zu erinnern. +Übrigens, er, Bragadino, hatte auch damals alles mögliche versucht, um +Casanova vor der Strafe zu retten, wenn auch leider vergeblich. Ja, wenn +er schon damals dem Rat der Zehn angehört hätte! – + +So kamen sie auf politische Angelegenheiten zu reden, und Casanova +erfuhr von dem alten Mann, der, von seinem Thema entzündet, den Witz und +die ganze Lebendigkeit seiner jüngeren Jahre wiederzufinden schien, gar +Vieles und Merkwürdiges über die bedenkliche Geistesrichtung, der ein +Teil der Venezianer Jugend neuerdings anzuhängen, und über die +gefährlichen Umtriebe, die sich in unverkennbaren Zeichen anzukündigen +begännen; und er war gar nicht übel vorbereitet, als er sich noch am +Abend desselben Tags, den er, in sein trübseliges Gasthofzimmer +eingeschlossen, nur zur Beschwichtigung seiner vielfach aufgestörten +Seele mit dem Ordnen und teilweisen Verbrennen von Papieren verbracht +hatte, in das Café Quadri am Markusplatz verfügte, das als +Hauptversammlungsort der Freidenker und Umstürzler galt. Durch einen +alten Musiker, der ihn sofort wiedererkannte, den einstigen +Kapellmeister des Theaters San Samuele, desselben, in dem Casanova vor +dreißig Jahren Geige gespielt hatte, wurde er auf die ungezwungenste +Weise in eine Gesellschaft von meist jüngern Leuten eingeführt, deren +Namen ihm von seinem Morgengespräch mit Bragadino her als besonders +verdächtige in Erinnerung verblieben waren. Sein eigner Name aber schien +auf die andern keineswegs in der Art zu wirken, die zu erwarten er +berechtigt gewesen wäre; ja die meisten wußten offenbar nicht mehr von +Casanova, als daß er vor langer Zeit aus irgendeinem Grunde oder +vielleicht auch ganz unschuldig in den Bleikammern gefangen gesessen und +unter allerlei Fährlichkeiten von dort entkommen war. Das Büchlein, in +dem er schon vor Jahren seine Flucht so lebendig geschildert hatte, war +zwar nicht unbekannt geblieben, doch mit der gebührenden Aufmerksamkeit +schien es niemand gelesen zu haben. Es machte Casanova einigen Spaß, zu +denken, daß es nur von ihm abhinge, jedem dieser jungen Herrn baldigst +zu persönlichen Erfahrungen über die Lebensbedingungen unter den +Bleidächern von Venedig und über die Schwierigkeiten des Entkommens zu +verhelfen; aber fern davon, einen so boshaften Einfall durchschimmern +oder gar erraten zu lassen, verstand er es vielmehr, auch hier den +Harmlosen und Liebenswürdigen zu spielen, und unterhielt bald die +Gesellschaft nach seiner Art mit der Erzählung von allerlei heitern +Abenteuern, die ihm auf seiner letzten Reise von Rom hierher begegnet +waren; – Geschichten, die, wenn auch im ganzen ziemlich wahr, in +Wirklichkeit immerhin fünfzehn bis zwanzig Jahre zurücklagen. Während +man ihm noch angeregt zuhörte, brachte irgendwer mit andern Neuigkeiten +die Kunde, daß ein Offizier aus Mantua in der Nähe des Landguts eines +Freundes, wo er zu Besuch geweilt, umgebracht und die Leiche von den +Räubern bis aufs Hemd ausgeplündert worden wäre. Da dergleichen +Überfälle und Mordtaten zu jener Zeit nicht gerade selten vorkamen, +erregte der Fall auch in diesem Kreise kein sonderliches Aufsehen, und +Casanova fuhr in seiner Erzählung fort, wo man ihn unterbrochen hatte, – +als ginge ihn die Sache so wenig an wie die übrigen; ja, von einer +Unruhe befreit, die er sich nur nicht recht eingestanden hatte, fand er +noch lustigere und frechere Worte als vorher. + +Mitternacht war vorbei, als er nach flüchtigem Abschied von seinen neuen +Bekannten unbegleitet auf den weiten leeren Platz hinaustrat, über dem +sternenlos, doch ruhelos flimmernd ein dunstschwerer Himmel hing. Mit +einer Art von schlafwandlerischer Sicherheit, ohne sich eigentlich +bewußt zu werden, daß er ihn in dieser Stunde nach einem +Vierteljahrhundert zum ersten Male wieder ging, fand er den Weg durch +enge Gäßchen zwischen dunklen Häusermauern und über schmale +Brückenstege, unter denen die schwärzlichen Kanäle den ewigen Wassern +zuzogen, nach seinem elenden Gasthof, dessen Tor erst auf wiederholtes +Klopfen sich träg und unfreundlich vor ihm öffnete; – und wenige Minuten +später, in einer schmerzenden Müdigkeit, die durch seine Glieder +lastete, ohne sie zu lösen, mit einem bittern Nachgeschmack auf den +Lippen, den er gleichsam aus dem Innersten seines Wesens nach oben +steigen fühlte, warf er sich, nur halb ausgekleidet, auf ein schlechtes +Bett, um nach fünfundzwanzig Jahren der Verbannung den ersten, so lang +ersehnten Heimatschlaf zu tun, der endlich, bei anbrechendem Morgen, +traumlos und dumpf, sich des alten Abenteurers erbarmte. + +ENDE + + + + +Anmerkung + +Ein Besuch Casanovas bei Voltaire in Ferney hat tatsächlich +stattgefunden, doch alle in der vorstehenden Novelle daran geknüpften +Folgerungen, wie insbesondre die, daß Casanova sich mit einer gegen +Voltaire gerichteten Streitschrift beschäftigt hätte, haben mit der +geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun. Historisch ist ferner, daß +Casanova sich im Alter zwischen fünfzig und sechzig genötigt sah, in +seiner Vaterstadt Venedig Spionendienste zu leisten; wie man auch über +manche andre frühere Erlebnisse des berühmten Abenteurers, deren im +Verlaufe der Novelle beiläufig Erwähnung geschieht, in seinen +»Erinnerungen« ausführlichere und getreuere Nachrichten finden kann. Im +übrigen ist die ganze Erzählung von »Casanovas Heimfahrt« frei erfunden. + A. S. + + + + +Werke von Arthur Schnitzler in Einzelausgaben + + +Das Märchen. Schauspiel ................... 3. Auflage +Anatol. Ein Einakterzyklus ................ 20. Auflage +Sterben. Novelle .......................... 10. Auflage +Liebelei. Schauspiel ...................... 16. Auflage +Freiwild. Schauspiel ...................... 3. Auflage +Die Frau des Weisen. Novelletten .......... 8. Auflage +Das Vermächtnis. Schauspiel ............... 3. Auflage +Der grüne Kakadu. Drei Einakter ........... 8. Auflage +Der Schleier der Beatrice. Schauspiel ..... 4. Auflage +Frau Berta Garlan. Novelle ................ 61. Auflage +Leutnant Gustl. Novelle ................... 18. Auflage +Lebendige Stunden. Vier Einakter .......... 9. Auflage +Der einsame Weg. Schauspiel ............... 7. Auflage +Zwischenspiel. Komödie .................... 5. Auflage +Der Ruf des Lebens. Schauspiel ............ 4. Auflage +Marionetten. Drei Einakter ................ 3. Auflage +Dämmerseelen. Novellen .................... 13. Auflage +Der Weg ins Freie. Roman .................. 33. Auflage +Komtesse Mizzi. Komödie ................... 4. Auflage +Der junge Medardus. Dramatische Historie .. 7. Auflage +Das weite Land. Tragikomödie .............. 7. Auflage +Masken und Wunder. Novellen ............... 14. Auflage +Professor Bernhardi. Komödie .............. 14. Auflage +Frau Beate und ihr Sohn. Novelle .......... 13. Auflage +Die griechische Tänzerin. Novellen ........ 55. Auflage +Komödie der Worte. Drei Einakter .......... 7. Auflage +Doktor Gräsler, Badearzt. Erzählung ....... 26. Auflage +Fink und Fliederbusch. Komödie ............ 6. Auflage + + + + +Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler + + +1. Die erzählenden Schriften in 3 Bänden + +1. Band: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der +Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der +blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische +Tänzerin. + +2. Band: Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg. +Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der +tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mörder. Die dreifache +Warnung. Die Hirtenflöte. + +3. Band: Der Weg ins Freie. + + +2. Die Theaterstücke in 4 Bänden + +1. Band: Anatol. Das Märchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermächtnis. + +2. Band: Paracelsus. Die Gefährtin. Der grüne Kakadu. Der Schleier der +Beatrice. Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten +Masken. Literatur. + +3. Band: Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der tapfere +Cassian. Zum großen Wurstel. Der Ruf des Lebens. + +4. Band: Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das +weite Land. + + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1918 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe +erstellt. Die gescannten Bilddateien wurden freundlicherweise vom +austrian literature online Archiv zur Verfügung gestellt. +(http://www.literature.at) + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das +p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit +p 035: Punkt ergänzt: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.« +p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie +p 161: Punkt ergänzt: daß er vollkommen ruhig war. +p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition, published in 1918 by S. Fischer, Berlin. The scanned images +have been generously made available by the austrian literature online +archive. (http://www.literature.at) + +The table below lists all corrections applied to the original text. + +p 021: das schmale Brett, daß ihnen -> das +p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit +p 035: added period: »Ich wäre neugierig, ihn näher kennenzulernen.« +p 035: daß sie indes nach Warschau -> Sie +p 161: added period: daß er vollkommen ruhig war. +p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASANOVAS HEIMFAHRT *** + +***** This file should be named 18148-0.txt or 18148-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/1/4/18148/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at Austrian Literature +Online.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
