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+Project Gutenberg's Mein Weg als Deutscher und Jude, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Mein Weg als Deutscher und Jude
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
+
+
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+ Mein Weg
+ als Deutscher und Jude
+
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ #..... vis animae conturbatur et divisa
+ seorsum disiectatur, eodem illo distracta
+ veneno.
+ Lucrez, III. 498.#
+
+
+
+ 1921
+
+ S. Fischer Verlag Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+ Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+ =Ferruccio Busoni=
+
+ dem Freund dem Künstler
+ gewidmet
+
+
+
+Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und
+Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt von innerer Not und Not der
+Zeit – Rechenschaft ablegen über den problematischesten Teil meines
+Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft,
+nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe,
+die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen,
+Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.
+
+Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder
+Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig
+von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.
+
+Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn nichts mehr gelten,
+was mir schon einmal als bewiesen gegolten hat. Auf Beweis und
+Verteidigung verzichte ich somit überhaupt, auf Anklage und jede Art
+konstruktiver Beredsamkeit. Ich stütze mich auf das Erlebnis.
+
+Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über das Wesen jener
+Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und Sein zieht und mir mit den
+Jahren immer schmerzlicher fühlbar und bewußt worden ist. Der unreife
+Mensch ist gewissen Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife.
+Dieser, sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, was im
+Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach der Besessenheit, in
+der das Ich den Zauber des Unbedingten hat, und Welt und Menschheit
+kraft einer angenehmen und halbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen
+Willen in den Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In
+dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und Zweck zu sein,
+bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement wird, gleichsam
+Schatten eines Körpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem
+Maße wächst die Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und
+unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was
+man Realität und Erfahrung nennt.
+
+Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch bei der
+genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite des Schicksals ab, wieviel
+unvergeß- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterläßt.
+
+
+
+
+1
+
+
+Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend
+protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine
+zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das
+Verhältnis der Zahl der Juden zur übrigen Bevölkerung war etwa 1:12.
+
+Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten Judengemeinden
+Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jüdische
+Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blüte trat wahrscheinlich
+erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem
+benachbarten Nürnberg vertrieben wurden. Später wendete sich auch vom
+Rhein her ein Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach
+Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits,
+die im Maintal in der Nähe von Würzburg seit Jahrhunderten dorfansässig
+waren, so wie die von väterlicher Seite in Fürth, Roth am Sand,
+Schwabach, Bamberg und Zirndorf.
+
+Beziehung zu Boden, Klima und Volk muß also den Generationen, die durch
+dreißig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein
+übergegangen sein, obgleich sie diesen Einflüssen entgegenstrebten und
+als Fremdkörper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende
+Beschränkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit und
+der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten
+Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und
+edler Anlage, verblutete an ihnen. Daß finsterer Sektengeist,
+Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten,
+versteht sich am Rande.
+
+Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg,
+war für die deutschen Juden der bürgerliche Tag längst angebrochen. Im
+Parlament kämpfte die liberale Partei bereits für die Zulassung der
+Juden zu den Staatsämtern, eine Anmaßung, die auch bei den
+aufgeklärtesten Deutschen Entrüstung hervorrief. »Ich liebe die Juden,
+aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen«, schrieb zum
+Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.
+
+Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner Jugend nichts mehr.
+Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich
+gewöhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begünstigte die Duldsamkeit. Ich
+erinnere mich, daß mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger
+Genugtuung sagte: »Wir leben im Zeitalter der Toleranz!« Das Wort
+Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es flößte mir Respekt
+ein, und ich beargwöhnte es, ohne daß ich seine Bedeutung begriff.
+
+In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus
+vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und öffentlich.
+Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und für die
+fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich zählte, gab es eine
+jüdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich
+vor dem verführerischen und mächtigen modernen Wesen mehr und mehr ins
+Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen;
+diese wurde Sage, schließlich nur Wort und leere Hülse.
+
+Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten
+seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu
+erwerben. Er hatte in Geschäften eine unglückliche Hand. Er war ein
+wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit
+der Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen und großen
+Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung
+war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzüglertum der
+Märzrevolution, das seine verwässerten Tendenzen ins neue Reich getragen
+hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen
+Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle,
+von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch,
+daß er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch
+in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er
+liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner
+Reisen hatte er in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an
+der Gästetafel gespeist; er erzählte oft mit Stolz davon, und in
+späteren Jahren, als meine Kämpfe um den Schriftstellerberuf ihn
+erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen
+zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: »Was bildest du dir ein?
+Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!«
+
+Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit
+geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt hatte, aber mit großen
+Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann
+Versicherungsagent, eine Tätigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung
+ihn mit den Seinen kaum über Wasser hielt und ihn außerdem mit dem
+Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang
+schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den Sechsundfünfzigjährigen
+für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine beständige
+stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: »Es waren die
+ersten Ferien meines Lebens!« Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht
+Tage nachher.
+
+Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit,
+von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft
+erzählt, daß Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf
+ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir
+auch erzählt, daß ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein
+Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in
+denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit.
+Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod
+hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte.
+
+Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr
+verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, daß sie ihrer Zeit
+nicht gemäß waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als
+geistiger Spätling, die Mutter im Gemüt davon verdunkelt und beschwert.
+Bei der Mutter äußerte es sich naturhaft und führte eine tragische
+Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von
+einem grundlosen, alle Sachverhalte verhängnisvoll verschleiernden
+Optimismus begleitet, der ihm Enttäuschung über Enttäuschung brachte und
+seinen Mut und seine Kraft zerstörte.
+
+
+
+
+2
+
+
+Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und
+ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dünkt, nicht besonders nahe,
+da ich herausfühlte, daß sie weniger die Person als die Gemeinschaft
+trafen. Ein höhnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick,
+abschätzige Miene, gewisse wiederkehrende Verächtlichkeit, das war
+alltäglich. Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der
+Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt
+wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb.
+Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als
+Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase
+und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber
+der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie
+primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und
+was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt,
+schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß,
+den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten
+Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die
+wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die
+Gehässigsten waren darin die Stumpfesten.
+
+Das zunächst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fühlte
+ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin
+und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos
+gelehrt. Sein böses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt
+bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen
+oder liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer gehört, die meisten sind
+kalte Eiferer und halb lächerliche Figuren. Dieser, wie alle, bläute
+Formeln ein, antiquierte hebräische Gebete, die ohne eigentliche
+Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, Abseitiges,
+Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektüre
+des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom
+Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im
+Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja
+unmenschlich und war durch keine höhere Anschauung geläutert. Vom Neuen
+Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie Lichtschein durch eine
+verschlossene Tür, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen.
+Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich
+in ein privates, sozusagen psychologisches Verhältnis zu ihnen treten
+konnte, ein Prozeß, der sie individualisierte, im Sinne der Aufklärung
+geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in
+jedem Falle von der Religion ablöste.
+
+Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war lediglich
+Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle Übung eingefleischter
+Gebräuche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde
+hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener Häuser im
+quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen Städten
+eines findet, und deren parvenühafte Prächtigkeit über die fehlende
+Gemütsmacht des religiösen Kultus nicht hinwegtäuschen kann. Mir war da
+alles hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch großer Worte,
+unbegründete Lamentation, unbegründet, weil im Widerspruch mit
+sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; Überhebung,
+Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen
+Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.
+
+Die Konservativen und Altgläubigen hielten ihren Dienst in den
+sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshäusern, oft nur Stuben in einer
+entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch Köpfe und Gestalten, wie sie
+Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und
+glühend im Gedächtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen
+wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die
+lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und
+Entbehrung, die ehrwürdigen Gebräuche wurden in entschlossener Hingabe
+buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener,
+wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost
+oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber
+Überzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.
+
+In eine solche Schule mußte ich nach dem Tode meiner Mutter, als
+neunjähriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit
+Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr
+hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch
+zu sagen. Zehn männliche Personen über dreizehn Jahren mußten zu dem
+Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die
+Übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei
+Schnee und Kälte, im Sommer um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu
+üben, die aufgenötigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht
+begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, sie dem
+Geist zu verklären und so die Gefahr zu bannen, daß durch die Befolgung
+eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur
+vorübergehend, getrübt wurde. Dazu kam, daß im väterlichen Hause,
+besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religiösen
+Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse äußerliche
+Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und
+Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus Trieb und Zugehörigkeit.
+Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest
+seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch
+geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem
+Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der
+Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz
+abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von
+Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau
+betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit,
+Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits
+hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand
+stützte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese
+Frage wurde immer unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie
+beantworten.
+
+Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen und
+bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwärts stieß ich auf
+Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener
+Weg. Wenn ich sagte, daß ich von Pferch und Helotentum nichts spürte,
+so bezieht sich das natürlich nur auf die rechtliche Konstruktion des
+Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich
+das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden
+Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich höherer
+Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verhält und
+wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erwächst ihm die Erkenntnis seiner
+Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer
+Erfüllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.
+
+
+
+
+3
+
+
+Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner
+alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als
+auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen Synagoge.
+Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, nichtssagend
+in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner.
+
+Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu
+fassen versuchten, einsames Denken und später Gespräche mit einem
+Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter,
+ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das
+Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Maß, wie diese Idee sich als
+unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelmäßigkeit, sei es durch
+ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen
+und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch gemäßer war, dieser Zeit
+heilloser Verflachung und Verdünnung, die mit verstandener wie mit
+mißverstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze
+Gedankensphäre durch Bildung verfälschte.
+
+Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein Lehrer. Ich
+verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und
+Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich
+hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung
+zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die
+Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die
+Phantasie gerät in überschwellende Bewegung, und das Gemüt verliert den
+Mittelpunkt. Wäre ich nicht als fragender Mensch in sehr frühen Jahren
+nachhaltig eingeschüchtert worden, so hätte ich Brücken und Übergänge
+finden können. Konventionen wären wichtig gewesen, leichte und
+respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden,
+den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des
+Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder,
+denn der Umstand, daß die unablässige Plage ihm, ihm allein, wie er
+wähnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte ihn mit Scham, und er sah immer
+aus wie vom bösen Gewissen gequält. Es war uns geradezu verboten zu
+fragen, und Übertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs
+inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, daß ich in
+krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an
+Dingfurcht, an Traumfurcht, daß in allem, was mich umgab, eine dunkle
+Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verhängnis
+zugekehrt, stets darin bestärkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast
+bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand
+ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke Spinozas in
+zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung auf mich ausübten. Als ich
+eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit
+sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese Bücher lese, werde wahnsinnig.
+Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Gedächtnis den Klang und
+Sinn dieser Worte. So ähnlich war es auch mit allem Frohen,
+Spielmäßigen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es
+wurde abgedrängt, verdächtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein.
+
+Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die
+mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewöhnlich vor der Herdstelle
+und erzählte uns Geschichten. Ich entsinne mich, daß sie einmal, als ich
+ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte:
+»Aus dir könnt’ ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!«
+Ich entsinne mich auch, daß mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens,
+weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit
+Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien wurde, zweitens, weil der
+Begriff Christ damals noch ein unheimlicher für mich war, halb
+atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente.
+
+In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des
+Gekreuzigten, an Kirchhöfen und christlichen Priestern. Uneingestandenen
+Anziehungen strebten ungewußte Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das
+erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der
+Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und
+signalgebend in Redensarten wie im täglichen Geschehen. Von der andern
+Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein Achselzucken, ein
+geringschätziges Lächeln, abwartende Geste und Haltung sogar, um
+Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares zu mahnen.
+
+Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht ergründen. Auch
+als ich später das Wesentliche daran erfaßte, wies ich es für meine
+Person fürs erste zurück. In der Kindheit waren ich und meine
+Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker-
+und Kleinbürgerwelt, daß wir dort unsere Gespielen hatten, unsere
+Gönner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der
+Goldschläger, der Schreiner, der Schuster, der Bäcker gingen wir aus und
+ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden
+mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und
+sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte.
+
+Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht
+Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht,
+als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der
+aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich
+entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer
+gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.
+
+Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden
+Jahren der Riß immer klaffender wurde zwischen meiner ungestümen
+Forderung und ihrer Gewährung, so hätte ich mich verlieren, schließlich
+mich selbst aufgeben müssen, wenn nicht zwei Phänomene rettend in mein
+Leben getreten wären: die Landschaft und das Wort.
+
+
+
+
+4
+
+
+Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des
+Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hämmergestampfes, der
+Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des
+Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und
+Lieblosigkeit im väterlichen Haus.
+
+Im Umkreis dürre Sandebene, schmutzige Fabrikwässer, der trübe, träge
+Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere Wälder, triste Dörfer, häßliche
+Steinbrüche, Staub, Lehm, Ginster.
+
+Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer Geschichte. Mit
+uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, Brücken, Brunnen und Mauern, für
+mich dennoch nie Kulisse oder Gepränge, oder leerer, romantischer
+Schauplatz, sondern durch vielfache Beziehung in das persönliche
+Schicksal verflochten, in der Kindheit schon und später gewichtiger
+noch.
+
+Wenige Bahnfahrtstunden nach Süden: das hügelige Franken, Tal der
+Altmühl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach alle Ferien bei der
+Schwester meiner Mutter verbringen durfte, alle Sommerwochen des Jahres,
+oft auch herbst- und winterliche. Die Landschaft von zarter
+Linienführung, mit Wäldern, die gehegtes inneres Bild nicht so
+beschämten wie jene anderen; Blumengärten, Obstgärten, Weiher,
+verlassene Schlösser, umsponnene Ruinen, dörfliche Kirmessen, einfache
+Menschen. Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und Pflanze;
+Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; und so der Bauer,
+der Händler, der Wirt, der Landstreicher, der Jäger, der Förster, der
+Amtmann, der Türmer, der Soldat. Hier sah ich sie in reinen
+Verhältnissen zu ihrer Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich
+ausstieß. Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch
+Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaßen in zwei
+abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im lichteren zu vergessen, was
+mich der finstere hatte erfahren lassen. Dort sozial angeschmiedet,
+sozial erinnert, an die Kaste gepreßt, Parteiung erkennend, Unbill
+wissend, im Häßlichen verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes,
+krampfig, scheu, isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur
+gegeben, in freundlicher Nähe zu ihr, durch ihren Einfluß, wenn auch
+immer nur vorübergehend, losgesprochen von nicht abzuwälzender Schuld
+und Anklagebürde, die sonst lähmend, ja zermalmend hätte wirken müssen.
+
+Über diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann die innere
+Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor der Geburt mit in die
+Welt bringt, die das Wesen und die Farbe des Traumes bestimmt, des
+Traumes in der weitesten Bedeutung, wie überhaupt die heimlichen und
+unbewußten Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche
+Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und Gebirge, Höhle,
+Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der unreifen Sehnsucht, der Aus-
+und Zuflucht alles Ungenügens an der Gegenwart ist unter der inneren
+Landschaft zu verstehen, vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens
+selbst, der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein
+wirkliches Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten
+Wirklichkeit sich abspielende vielleicht bloß Spiegelung ist.
+
+In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne zu flunkern oder
+zu dichten, ist fast unmöglich. Es handelt sich um Gefühlsintensitäten
+und um Bilder von unfaßbarer Flüchtigkeit. Beinahe alles zu Äußernde muß
+sich auf ein »ich glaube« beschränken. Man tastet hin, man ahnt zurück;
+jede Erinnerung ist ja ein Stück Konstruktion. Es scheint mir
+zweifellos, daß alle innere Landschaft atavistische Bestandteile
+enthält, und ebenso zweifellos dünkt mich, daß sie bei den meisten
+Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der Pubertät und dem
+Eintritt in das sogenannte praktische Leben verwelkt, verdorrt,
+schließlich abstirbt und untergeht.
+
+Ich war sehr naiv in meiner Abhängigkeit von Traum und Vision. Vision
+darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte Zustände, unwahrnehmbare
+Dinge und Figuren in Greifbarkeit zeigten. Im Alter zwischen zehn und
+zwanzig Jahren lebte ich in beständigem Rausch, in einer Fernheit oft,
+die den Mitmirgehenden und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose
+Hülle ließ. Es ist mir später berichtet worden, daß man mich anschreien
+mußte, um mich als Wachenden zu wecken. Ich hatte Anfälle von
+Verzückung, von wilder, stiller Verlorenheit, und in der Regel war die
+Abtrennung so gewaltsam und jäh, daß die Verbindungen rissen, und daß
+ich wie gespalten blieb, auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen
+war. In beiden Sphären lebte ich mit geschärfter Aufmerksamkeit, wie
+überhaupt Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber es waren
+keine Brücken da; ich konnte hier völlig nüchtern, dort völlig außer
+mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte dabei alle Mitteilung, alle
+Botschaft. Das erhielt mich in einer außerordentlichen, mich quälenden
+und erregenden, für die Menschen um mich meist unverständlichen
+Spannung. Staunen und Verzweiflung waren die Gemütsbewegungen, die mich
+vornehmlich beherrschten; Staunen über Gesehenes, Geschautes,
+Empfundenes; Verzweiflung darüber, daß es nicht mitteilbar war.
+Vermutlich war meine Verfassung die: ich wußte, daß Unerhörtes oder
+Merkwürdiges mit mir, an mir, in mir geschah, war aber durchaus nicht
+imstande, mir oder anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war
+gewissermaßen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat,
+was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. Noch heute wüßte
+ich nicht im geringsten zu sagen, worin eigentlich dies Verborgene,
+verborgen Flammende, geheimnisvoll Jenseitige bestanden hat; ich muß es
+für ewig unerforschbar halten, trotzdem es mir lockend erscheint,
+einiges davon zu ergründen; es müßte dann auch zu ergründen sein, was zu
+den Ahnen gehört und was zur Erde, was vom Blute kam und was vom Auge,
+und aus welcher Tiefe das Individuum in den ihm gewiesenen Kreis
+emporwächst.
+
+Mit der Darstellung dieser Kämpfe und Exaltationen ist ein Verhältnis
+zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung aus der Not und
+Notwendigkeit heraus zu erklären. Und wie sehr das Wort Surrogat und
+Behelf ist, erweist sich in meinem Fall nicht minder offensichtlich, da
+doch das Ding und Sein, worauf es sich bezog, unbekannt geworden und
+hinter nicht zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, daß alle Schöpfung
+von Bild und Form auf einen solchen Prozeß zurückzuführen ist. Ich
+glaube, daß alle Produktion im Grunde der Versuch einer Reproduktion
+ist, Annäherung an Geschautes, Gehörtes, Gefühltes, das durch einen
+jenseitigen Trakt des Bewußtseins gegangen ist und in Stücken, Trümmern
+und Fragmenten ausgegraben werden muß. Ich wenigstens habe mein
+Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das
+sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene
+schmerzliche Bemühen eines manischen Schatzgräbers.
+
+Doch: Kunde zu geben, davon hing für mich alles ab, schon im frühesten
+Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich stumm, geblendet und
+mit Vergessen geschlagen in die niedrige Wirklichkeit verstießen, wollte
+ich doch Kunde geben, denn trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum
+Rande von ihnen gefüllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren
+geriet ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit
+überwindend, in zusammenhangloses Erzählen, das von Angehörigen, von
+Hausgenossen und Mitschülern als halb gefährliches, halb lächerliches
+Lügenwesen aufgenommen und dem mit Zurechtweisung, Spott und Züchtigung
+begegnet wurde. An Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim
+Linsenlesen, und es kam vor, daß ich dabei plötzlich zu phantasieren
+anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und Abenteuer
+dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose Nachbarn als Zeugen
+sonderbarer Begegnungen anführte, mir selbst die höchsten Ehren,
+höchsten Ruhm prophezeite. Die Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend,
+schaute mich ängstlich verwundert an, ein Blick, der mich noch trotziger
+in das unsinnig Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite
+und beschwor mich mit Tränen, daß ich nicht der Schlechtigkeit verfallen
+möge.
+
+Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine Not zum
+Erzähler von Geschichten mit handelnden Figuren und geschlossener Fabel
+wurde, muß ich festhalten, weil es weit über den kindlichen Bezirk
+hinaus auf meinen Weg, auf meine Wurzeln wies.
+
+Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht
+wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen
+von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor
+dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah
+die Brotlaibe mit Zeichen, so daß sie erkennen konnte, wenn einer von
+uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, daß
+das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich hatte sie Mühe, mit dem ihr
+zugeteilten Gelde zu wirtschaften, so wie mein Vater Mühe hatte, es
+aufzubringen; desungeachtet glaube ich, daß die Kinder von Bettlern es
+in dieser Hinsicht besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner
+Mutter, ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, erfuhr,
+wie übel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten in der Stadt
+eine gewisse Summe für die Bestreitung dringender Auslagen, und ich als
+Ältester erhielt wöchentlich eine Mark mit der Erlaubnis, dafür Eßwaren
+für mich und meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe
+in meinen Augen, und da es zu gefährlich war, das Geld bei mir zu
+tragen, war ich bemüht, ein Versteck ausfindig zu machen. Mein Bruder
+nun, der um fünf Jahre jünger war als ich, also ungefähr sechs, hatte
+keinen andern Gedanken, als dieses Versteck zu erspähen, denn er war
+unzufrieden mit der Verteilung, mißtraute mir, verlangte bei jedem Anlaß
+mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, daß ich ihm zeige,
+wieviel ich besaß. War der Zank einmal im Gang, so artete er gewöhnlich
+bis zu Drohungen aus, und ich mußte täglich gewärtig sein, daß der
+gierige Rebell mich bei der Stiefmutter denunzierte, eine Verräterei,
+deren Folgen ich mehr als alles fürchtete. Insofern war mein Bruder im
+Recht, als ich nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag für Brot, Obst,
+Wurst und Käse ausgab, sondern mir außerdem noch billige Bücher
+anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein Bruder und ich
+schliefen in einer Art Verschlag in demselben Bett, und in meiner
+Bedrängnis verfiel ich nun auf den Ausweg, ihm vor dem Einschlafen
+Geschichten zu erzählen. Wider Erwarten fand ich an ihm den
+aufmerksamsten Zuhörer, und ich nützte den Vorteil aus, indem ich jeden
+Abend meine Geschichte an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er
+sich dann während des folgenden Tages ungebärdig, so hatte ich
+meinerseits eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklärte einfach, daß
+ich die Geschichte nicht weitererzählen würde. Je verwickelter,
+spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit war, je
+erpichter war er natürlich, die jedesmalige Fortsetzung zu hören, und
+ebenso natürlich mußte ich, um ihn im Zaum zu halten und nach meinem
+Willen lenken zu können, alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe
+rufen. Es war keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen
+Forderer, und ich durfte nicht langweilig und nicht flüchtig werden. So
+erzählte ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, im
+Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide müde waren, und bis ich im
+Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der Situation gelangt war, von der
+ich selbst noch nicht wußte, wie sie zu lösen sei, die aber den
+atemlosen Lauscher wieder für vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt
+gab.
+
+Ich sagte, daß mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln wies. Auf den
+Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, daß ein Mensch zu binden
+ist, zu »fesseln«, wie der verbrauchte Tropus lautet, indem man sich
+seiner Einbildungskraft bemächtigt, daß man ihn sogar vom Schlechten
+abbringen kann, wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine
+Wirklichkeit vortäuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen
+richtet; daß man Freude, Furcht, Überraschung, Rührung, Lächeln und
+Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um so stärker, je freier das
+Spiel, je absichtsloser und je mehr vom Zweck befreit die Täuschung ist.
+Der beständige Augenschein aller Wirkung hielt mich selbst in Atem,
+weckte meinen Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur
+Vervollkommnung meiner Mittel.
+
+Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer Trieb im
+Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins Kleinbürgerliche
+übertragen; schlummernder Keim, befruchtet durch Zufall und Gefahr.
+Schehrasade erzählt, um ihr Leben zu retten, und während sie erzählt,
+wird sie zum Genius der Erzählung schlechthin; ich – nun, um mein Leben
+ging es nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz
+und gar und bestimmte Denken und Sein.
+
+Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedürfnis wurde, die eine oder andere
+der nächtlich erzählten Geschichten aufzuschreiben. Dies mußte in
+größter Heimlichkeit geschehen, und es begann damit schon der Kampf. Daß
+mein Treiben allmählich ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die
+Stiefmutter sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen
+Blätter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; Verwandte, Lehrer,
+Kameraden stellten sich feindselig dagegen, beinahe derart, als ob ich
+sie durch mein Unterfangen geradezu beleidigt hätte, und der zum
+erstenmal bekundete Vorsatz, mich dem Schriftstellerberuf zu widmen,
+rief bei den Bekannten Gelächter, beim Vater den heftigsten Unwillen
+hervor.
+
+Die Sache war die, daß ich dem Onkel, jenem Bruder meiner Mutter, der in
+kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen war. Darauf hatte mein
+Vater seine ganze Hoffnung gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte
+mir gelingen: reich zu werden; mich in einer großen Laufbahn als
+Nachfolger des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine
+Lieblingsvorstellung. Meine abgeirrte Neigung zu unterdrücken, ließ er
+deshalb nichts unversucht.
+
+Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt in der
+bürgerlichen Gesellschaft weder so häufig noch so erstrebt wie heute,
+und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst aufgehört hat, das seltene und
+kostbare Vergnügen weniger Erlesener zu sein, ist sie für die Vielen
+Luxus, Ausrede und Gemeinplatz geworden, schließlich Betrieb, wie jeder
+andere. Keiner will mehr hören und empfangen, alle wollen selber reden
+und selber den Geber spielen.
+
+In meinem fünfzehnten Jahr hatte ich einen Roman geschrieben, ein
+unsäglich dürftiges und abgeschmacktes Ding, und das Manuskript trug ich
+eines Tages in die Redaktion des Tageblattes. Ein dicker Redakteur saß
+verschlafen am Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein
+Anliegen vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats unter
+meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der Unterhaltungsbeilage der
+Zeitung. Ich weiß es noch, es war ein Winterabend, wie mein Vater nach
+dem Essen das Blatt zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen
+Teller gelegt hatte, daß sein Blick auf mein Produkt fallen mußte, wie
+ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der versorgte, müde
+Ausdruck seines Gesichtes sich jäh veränderte, wie in seinen Augen
+zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das aber bald dem Zorn, der Angst,
+der Ratlosigkeit wich.
+
+Es gab schlimme Szenen, Vorwürfe, Drohungen, Beschimpfungen, Hohn. Auch
+in der Schule wurde ich zur Rechenschaft verhalten, vor den Rektor
+zitiert und wegen verbotener Publikation zu zwölfstündigem Karzer
+verurteilt. Der Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die
+Frau war seine getreue Spionin, so daß ich keine ruhige Arbeitsstunde
+mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein das Bett verließ und
+am Fenster, in einem leidenschaftlichen inneren Zustand, Blatt um Blatt
+vollschrieb. In einer solchen Nacht brach in der hofseitig gelegenen
+Fabrik meines Vaters Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug
+Lärm, und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, die
+Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde durch dieses
+Unglück für seine Härte gegen mich bestraft.
+
+
+
+
+5
+
+
+Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von der Unbill und dem
+Gefühl erlittenen Unrechts nicht erdrückt zu werden, flüchtete ich mich
+gern in die Vorstellung, daß der Weltgeist für mich im stillen wirkte.
+Es war ziemlich wunderbar, daß ich an der kerkerhaften Wirklichkeit
+nicht zerschellte.
+
+Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen
+wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes
+Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, jeder in seiner Weise. Beide waren
+Juden, beide spielten eine typische Rolle in meiner Entwicklung.
+
+Der eine war ein schlanker, großer, blondlockiger Mensch, mit einem
+Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe und besaß eine
+ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres Beisammenseins und die
+Beschäftigung mit den Werken der Dichter waren erstohlen, ihr Gepräge
+war Schwärmerei. Mit unersättlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in
+mich auf, Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in
+diesem Bereich webte; zwischen dem Alltäglichen und der Region der
+Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale Brücke, die heimlich
+passiert werden mußte; hier war Kälte, Angst, Beengung, Kahlheit,
+Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, Passion; und Wort, Bild, Traum waren
+die Altäre eines verschwiegenen Dienstes. Möglich, daß der Freund mit
+mir von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf
+seine Schönheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum Kaufmann
+bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da ich den künftigen
+Garrick der deutschen Bühne in ihm erblickte, war die Tragödie unser
+eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte in mir, meinem bewunderten
+Garrick ein Shakespeare zu werden, und ich ging selbst an die
+Verfertigung von Trauerspielen. Ich kannte keine Richtung oder Schule;
+es war Sturm und Drang in mir, aus mir, Pathos und Überschwang aus
+eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; und der
+Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich schon die Unsterblichkeit
+erlangt. Als uns das Geschick voneinander getrennt hatte und ich in die
+Fabrik des Onkels nach Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer
+Briefwechsel das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen
+Episteln gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte.
+Er aber verlosch bald. Ich merkte, daß ihm meine intransigente Haltung
+unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen geistigen Qualen
+wenigstens Echo zu sein, erschöpfte er sich in rührseligen und
+verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, und eines Tages, als er
+wieder lang und breit von der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben
+hatte, beschloß ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie
+wieder von ihm gehört.
+
+Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in Gunzenhausen, der
+in München die Rechte studierte, drei Jahre älter als ich war, und den
+ich stets in den Ferien zum Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem
+ersten. Im Wachstum zurückgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der
+durchdringendste jüdische Verstand gegeben, eine Fähigkeit, die
+Schwächen und Blößen der Menschen wahrzunehmen und zu geißeln, die mich
+ihn fürchten ließ. Meine dichterische Neigung verfolgte er mit beißendem
+Spott, namentlich, wenn junge Mädchen dabei waren, vor denen er zu
+glänzen liebte, und denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine
+Belesenheit und Schlagfertigkeit imponierten.
+
+In dieser kleinen Welt war er das große Licht, die letzte Instanz der
+Kritik, während ich als Poetaster und haltloser Schwärmer, der nicht
+einmal den Weg humanistischer Bildung einschlug, eine mitleidswürdige
+Figur machte. Durch nichts konnte ich mich vor ihm behaupten, durch
+keine Anstrengung, keine Verheißung, keinen Hinweis; er zerpflückte mir
+Wort und Leistung, verdächtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm zu
+gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches Bemühen. Nicht
+bloß, daß er Mißtrauen in meiner Umgebung säte, rief er auch Schwanken
+in mir selbst hervor, und eingeschüchtert von seiner Beredsamkeit und
+Argumentierungskunst, der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils,
+der Überlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge,
+betrachtete ich ihn als Richter und Führer. Als er sich endlich zur
+Anerkennung meines Werbens und Kämpfens herbeiließ, legte ich in einer
+wichtigen Stunde die Entscheidung über mein Schicksal in seine Hand. Das
+kam so:
+
+Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar geworden. Ich
+entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte mich bei der mir
+zugewiesenen Arbeit lustlos und unverläßlich, entschlüpfte bei jeder
+Gelegenheit dem starren Kreis, um im Verborgenen einer Neigung zu
+frönen, die für befremdlich, schädlich, ja verbrecherisch geachtet
+wurde; die Tage verbrachte ich in einer verworrenen, ja somnambulen
+Gemütsverfassung, die Nächte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd,
+berauscht, entselbstet vor meinen Manuskripten. Daß ich da lauter leeres
+Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es handelt sich in solchen
+Epochen der Entwicklung weniger um Qualität als um Intensität. Die
+Folgen waren häusliche Auseinandersetzungen, Vorwürfe der Undankbarkeit,
+Besserungsversuche, Strafmandate, Predigten, Hohn. Daß in meinem
+abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen könne, von der
+Möglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar nicht erwogen; mein
+Onkel, ein gütiger, einfacher, obwohl schwacher Mensch, Einflüssen
+ausgesetzt, die ihm mein Bild verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave,
+drohte, mich mit Schimpf davonzujagen, und allerdings mußte es mir als
+das Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, oder,
+wie es später auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit als
+Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen.
+
+Es war da ein langjähriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, der eine
+eigentümliche geistige Ähnlichkeit mit meinem Freund hatte. Scharfer
+Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, literarisch unterrichtet,
+gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild von jenem aus älterer
+Generation, nur daß er mehr Welt und mehr Bonhomie besaß. Derselbe Typus
+heute hat überhaupt nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei
+oberflächlichem Urteil bedünken, als hätte der Typus an Positivität des
+Geistes gewonnen, was er an Gutmütigkeit und Schliff verloren hat. Aber
+das ist nur Schein. Zieht man die Hülle weg, so steht ein Leugner da,
+jetzt wie vordem, ein Entgötterter, ein Opportunist aus still nagender
+Verzweiflung, deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam,
+mit der nämlichen Rückhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schloß ich
+mich an den älteren an, um in genau der nämlichen Art enttäuscht zu
+werden. Die spezifisch jüdische Form von Weltklugheit ist mir im Laufe
+meines Lebens vielfach verhängnisvoll geworden, weil ich mit völlig
+anders eingestellten Sinnen unvermögend war, die praktischen Nutz- und
+Nahzwecke auch nur wahrzunehmen, dabei aber mit der äußeren
+Verantwortung häufig, mit der inneren immer beladen wurde.
+
+Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, wurden von ihm
+verworfen und verlacht, waren dann auch in Gesellschaft das Ziel seiner
+geistreichen Sticheleien. Doch ließ er sich zu Besprechungen mit mir
+herbei und gab mir den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der
+Onkel die Mittel dazu bewilligen würde, und er versprach, ihn dazu zu
+überreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen Aussicht,
+an meinen Freund in München, schilderte ihm, wie die Dinge lagen,
+schrieb vorgreifend, daß ich möglicherweise auf die Unterstützung meines
+Verwandten zählen könne und fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir
+beistehen, mich zum Examen vorbereiten würde. Die Antwort war über
+Erwarten herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens und
+Strebens, das er, der sonst so kühl abwägende, mir machte, war so
+verführerisch, daß ich plötzlich die Geduld verlor, mit dem Onkel und
+seinen Beratern weiter zu verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890
+heimlich meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fünfzig oder
+sechzig ersparten Gulden nach München flüchtete.
+
+Ich entsinne mich noch sehr gut der nächtlichen Fahrt im Personenzug,
+weil ich mich während ihrer ganzen Dauer in einer Stimmung befand und
+ihr gemäß handelte, die nicht oft wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich
+saß in einem trüb erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa
+dreißig Menschen, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern, auch Frauen und
+Mädchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht hindurch, hielt
+ich die Leute mit ausgelassenen Späßen, lustigen Geschichten und
+unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwährendem schallenden Gelächter, in
+das auch die Schaffner einfielen. Alle die lachenden, feuchten Augen
+waren gespannt, dankbar-entzückt auf mich gerichtet, und ich erinnere
+mich noch eines mageren alten Bauern, der vor Lachen förmlich weinte,
+und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit Äpfel zusteckte
+und meine Hand tätschelte. Ich hatte Vergnügen daran, zu beobachten, wie
+die Traurigkeit, Bitterkeit, Wundheit in mir im selben Maße wuchsen, in
+dem ich mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinriß. So frech
+in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem Antrieb
+jugendlich-selbstgefälliger, selbstbetrunkener Menschensucht und
+Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung außerordentlicher
+Einsamkeit dabei im Spiel gewesen.
+
+Mein Freund, der Student, hatte gehofft, daß der reiche Onkel, den er
+respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerüstet und mit seinem Segen
+hatte ziehen lassen und war natürlich nicht erbaut, als es sich
+herausstellte, daß ich von der Krippe weggelaufen sei und um Gnade erst
+betteln müsse. Halbgezwungen machte er noch einmal den Fürsprecher
+meines unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes
+Monatsgeld bewilligt, so gering, daß es mich kaum vor dem Hunger
+bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem Studium nicht die Rede
+sein konnte. Die Laune meines Mentors wurde daher immer finsterer; ich
+wurde ihm zur Last, er wußte nicht, was er mit mir beginnen sollte und
+suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine
+Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft und
+prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner Kommilitonen, in den er mich
+bisweilen brachte, galt ich als traurig-komische Person, Wildling, armer
+Teufel, nach studentischen Begriffen unebenbürtig, Gegenstand der
+Geringschätzung auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war,
+und binnen kurzem sah ich mich in einer viel übleren Lage als vor der
+Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein der Obsorge und
+Voraussicht beging mein Freund die Verräterei, vor seiner Reise in die
+Ferien an meinen Onkel zu schreiben, daß ich es mit den neuen Aufgaben
+nicht ernst nehme, und daß er infolgedessen meinem Tun und Treiben nicht
+länger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn sei mir nach
+seiner Überzeugung verschlossen. Darauf wurde die Geldunterstützung, die
+ich bis dahin bezogen, eingestellt, und ich befand mich im Zustand der
+Hilflosigkeit und Verlassenheit, die noch um das Gefühl des Zweifels an
+der Zukunft vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender
+Bedrängnis, beladen mit einem voluminösen Epos in Blankversen zu einem
+der berühmtesten Dichter Münchens wallfahrtete, um ein Urteil, einen
+Fingerzeig, ein tröstliches Wort von ihm zu empfangen. Das Gegenteil
+trat ein. Der große Mann, der sich mir kühl und majestätisch gab, riet
+mir ernst, mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm
+wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund bot. Ich
+zürnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft davon
+durchdrungen, daß in den Jahren der Entwicklung Werk und Gewirktes viel
+weniger zu zeugen vermögen als der Mensch, das Schicksal, das er auf
+sich nimmt und der Weg, den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen
+Blickes als den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen
+Verhältnisses, als dem zwischen gefeierter Autorität und schüchternem
+Scholaren.
+
+
+
+
+6
+
+
+Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und Wirken zu tun, als
+ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht selber einbildete. Wonach ich
+begehrte, war die Menschenwelt, eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk
+und Gewirktes darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn
+an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von Entbehrung,
+von dem ich mir bestimmte Rechenschaft hätte ablegen können, nicht die
+Erkenntnis umschriebener und begrenzter Widerstände, sondern nur ein
+ahnendes, blindes Ertasten davon, das sich im Bewußtsein und in der
+Seele kaum formulieren ließ, zur Greifbarkeit sich erst viel später
+verdichtete. Denk ich zurück, so war es wie ein Herumtappen im leeren
+finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang finden muß, bevor eine
+sinnvolle Tätigkeit überhaupt in Frage kommt, ein System der Dinge
+entstehen kann.
+
+Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem
+einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines
+Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art,
+noch von denen meiner Wahl. Denn zu wählen hatte ich mich ja nachgerade
+entschlossen, und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich mich
+mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschluß geschieden,
+diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich selber darzubieten,
+ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem entfaltete sich also in seiner
+ganzen beunruhigenden Wucht.
+
+Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mißverstanden werden.
+Keine Regentenregung war in mir. Auch Vergeßlichkeit nicht und noch
+weniger Nützlichkeitserwägung. Ich lebte in schmeichelnden, die mir so
+nahe, so augenscheinliche Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von
+allgemeinem Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen
+nicht belehrt, noch nicht gedemütigt, Erfahrungen auch sonst schwer
+zugänglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch verklärte Bilder,
+und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug hielt mich ab, statuierte
+Unterschiede der Klasse, Kaste und Rasse, der Herkunft und des
+bürgerlichen Charakters auch auf mich anzuwenden.
+
+Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller Täuschung
+für ein typisches Los, so daß mir die Menschenwelt in lauter einzelne
+ebenso unbedingte Wesen zerfiel. Hiervon wurde meine Phantasie ins
+Uferlose, Bodenlose, Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und
+armselig vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verführung wurde,
+anderseits Fatum und Gewissensbürde.
+
+
+
+
+7
+
+
+Um nicht zu verhungern, mußte ich Zuflucht bei meinem Vater suchen, der
+zu dieser Zeit in Würzburg lebte, selbst in kümmerlichsten Umständen.
+Als wahrer verlorener Sohn kehrte ich zurück; wenn es auch ohne Dramatik
+abging, ohne Schmerz und Demütigung ging es nicht ab. Er ließ mich
+fühlen, daß ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht hatte und
+zeigte sich mir noch finsterer und kälter als vordem. Am erbittertsten
+war die Stiefmutter über den unwillkommenen Kostgänger, an den sie
+Wohlwollen ohnehin nie verschwendet hatte. Es war schlimm, gleichsam
+betteln zu sollen um die Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war
+alles von da ab.
+
+Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den alten Gassen und
+Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf dem Hofgartenwall, im
+Veitshöchheimer Schloßpark und verschanzte mich, da ich keinen Gefährten
+hatte, kein Paar Augen, die mich freundlich grüßten, in
+Einsamkeitswollust und Einsamkeitshochmut. Draußen waren Geister in
+Bewegung, ich spürte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang
+auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und neuen
+Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu denken und sah
+keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, aber es war auch ein
+sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum vom heimlichen Kaiser, den gerade
+die Verstoßenen manchmal selbstverliebt in sich nähren.
+
+Indes wuchs die Sorge meines Vaters über das arbeitsscheue Treiben, und
+er forderte, daß ich dem Onkel einen Abbittebrief schreiben und ihn
+durch das Gelöbnis der Besserung bestimmen solle, mich wieder
+aufzunehmen. Mich zu sträuben war umsonst, die Quälereien wurden zu arg.
+So fügte ich mich ins Unvermeidliche und verfaßte mit schriftstellerischer
+Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verächtlich sagte,
+die seien schöne Wortfeuerwerke. Doch willigte er in eine Probezeit.
+Sein Haus und seine Fabrik sollten mir verschlossen bleiben, bis meine
+Führung bewiesen, daß ich von den »Wahnideen« geheilt sei. In der
+Familie eines seiner Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es
+waren einfache, aber lärmende und triviale Menschen, denen ich als Neffe
+ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich mißglückter
+Literat lächerliches Geschöpf war. Ich trat als Lehrling in ein
+Exportgeschäft, was von Beginn an eine kaum erträgliche Fron war. Der
+Chef war ein cholerischer Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder,
+stadtbekannter Wüstling. Im ganzen Betrieb herrschte eigentümliche Tücke
+und Aufsässigkeit. Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von
+mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines niedrigen
+Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. Zehn Monate nahm ich
+mich zusammen, um meinem Versprechen treu zu bleiben. Ein frecher
+Bubenstreich machte der Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages
+während meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische
+Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wußte von
+nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte es,
+mich zu verteidigen, verließ den Posten und erklärte meinem Onkel
+rundweg, daß ich mit solchen Menschen nichts mehr zu schaffen haben
+wolle. Eine junge Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte,
+ruhte nicht, bis sie die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum
+Geständnis gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spät. Der
+Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamität geworden, und man
+wollte mich los sein, wenn nicht auf gute Manier, so auf schlechte. Es
+wurde beschlossen, daß ich mein Militärjahr absolvieren und, falls ich
+nach Verlauf dieses Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem
+Schicksal überlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Würzburg
+geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. Zur
+Bestreitung der Kosten wurde die Hälfte eines kleinen mütterlichen
+Erbteils flüssig gemacht, etwa tausend Mark; und davon sollte ich nicht
+nur ein ganzes Jahr leben, sondern auch die unerläßlichen Ausgaben für
+den Dienst, die Uniformierung, die Repräsentation aufbringen. Ich trat
+sonach in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglückselige
+Mischung, wie ich bald spüren sollte. Jude und arm, das erregte doppelte
+Geringschätzung, bei der Mannschaft wie bei den Offizieren. Im übrigen
+beging ich gleich zu Beginn eine Torheit und Einfältigkeit, von der das
+Odium während des ganzen Jahres an mir haften blieb. Lächerlicherweise
+nämlich schloß ich das schriftliche #Curriculum vitae,# dessen
+Anfertigung in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermütigen
+Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen
+Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv hatte. Der Feldwebel las
+die gereimten Verse beim Rapport unter allgemeinem Hallo vor und hielt
+mir eine niederschmetternde Standrede, als hätte ich das gesamte
+deutsche Heer verhöhnt.
+
+
+
+
+8
+
+
+Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es dem
+Zufälligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine eigentliche
+Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern nur Darstellung
+eines schicksalhaften Konflikts, genüge als Zusammenhängendes der
+bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen soll, wie ich geworden, und
+auf welchem Boden ich gewachsen bin. Der Weg wird nun schmaler und
+bestimmter, die Richtung energischer sein müssen, Gebot der Verknüpfung
+hat zurückzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden.
+
+Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als Soldat meine
+Pflicht zu tun und das geforderte Maß der Leistung zu erfüllen, wozu
+bisweilen keine geringe Selbstüberwindung nötig war, gelang es mir
+nicht, die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte
+bald, daß es mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre,
+daß es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an
+der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz,
+die befriedigende Leistung selbstverständlich zu finden, die
+unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von gesellschaftlicher
+Annäherung konnte nicht die Rede sein, menschliche Qualität wurde nicht
+einmal erwogen, Geist oder auch nur jede originelle Form der Äußerung
+erweckte sofort Argwohn, Beförderung über eine zugestandene Grenze
+hinaus kam nicht in Frage, alles, weil die bürgerliche Legitimation
+unter der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. Aber dies
+ist ja hinlänglich bekannt, niemand hat sich schließlich mehr darüber
+gewundert, auch ich war von vornherein mit der Situation vertraut, was
+ja an sich schlimm genug ist und eine beständige Trübung der allgemeinen
+Lebensstimmung herbeiführen muß.
+
+Auffallender, weitaus quälender war mir in dieser Beziehung das
+Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete ich jenem in den
+Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem
+der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch
+die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß
+hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der
+Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des
+Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und
+Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie
+des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst,
+Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit
+der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und
+Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein
+deutscher Haß.
+
+Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst dieser
+Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit klar zu werden
+versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten. Und so erging es auch mir.
+Kam hinzu, daß die katholische Bevölkerung Unterfrankens, reichlich
+durchsetzt mit einem unerfreulichen Schlag noch halb ghettohafter,
+handelsbeflissener, wuchernder Juden, Krämer, Trödler, Viehhändler,
+Hausierer, einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanität und
+natürlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stämmen stand und das
+Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmärchen,
+bischöfliche Bluterlässe, mörderische und gewinnbringende
+Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne trug.
+
+Es geschah, daß ich zu einem jungen Menschen in förderliche Beziehungen
+trat; wenn dann die gewisse Enthüllung unvermeidlich war, zog er sich
+entweder vorsichtig zurück, oder er gab sich eine Weile unbefangen, um
+schließlich doch ein schwer bekämpfbares Mißtrauen durchblicken zu
+lassen, oder er ließ mich verstehen, daß er in meiner Person eine
+Ausnahme statuiere und sich seines begründeten Vorurteils zu meinen
+Gunsten entäußere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher noch
+können wir es ertragen, daß das Individuum in uns für minderwertig
+proklamiert wird, als die Gattung; eher noch darf der Charakter
+verdächtigt werden, als die Geburt; gegen jenes kann man sich retten,
+man kann den Irrtum beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn
+widerlegen zu können; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele
+machtlos, und der gehütetste innerste Spiegel des Bewußtseins trübt und
+befleckt sich.
+
+Als ich nach der Entlassung vom Militärdienst nach Nürnberg kam, wo man
+mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete Stellung in einer Kanzlei
+angeboten hatte, war ich in einem wesentlichen Teil des Verhältnisses
+zur Welt schon gelähmt. Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der
+Furcht vor Erniedrigung eingeht, ist für die Sittlichkeit und Freiheit
+des Handelns die schädigendste. Ist das errungene Gefühl des eigenen
+Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung nur die
+Isolierung, der Entschluß, sich suchen und finden zu lassen, die
+Sehnsucht nach dem, der suchen und finden wird. Es ist das Wunderbare
+der Jugend, daß sie am Menschen nie ganz zu verzweifeln vermag, eher
+wirft sie sich selbst weg, als daß sie aufhört, an den Menschen, dies
+geträumte Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich weg
+damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares
+Verlangen nach geistigem Umgang und stürzte in die Kloake des Geistes,
+mich dürstete nach Bestätigung, und ich wurde aus mühselig eroberten
+Festen geschleudert, ich wünschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen
+Gehalt aus Geld, Schweiß und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden
+getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung äfft. Mehr ist
+schlechterdings nicht zu sagen nötig, um die Existenz zu kennzeichnen,
+die ich durch Jahr und Tag führte; was sollte es frommen, das häßliche
+Einzelne wieder hervorzuziehen aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen
+Kneipen verbrachten Nächte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen
+Rebellentums, jämmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, versäumte
+Pflicht, würgende Not, billige Herausforderung des Bürgers. Es ist heute
+nicht neu und war zu seiner Stunde nicht neu. Auch von dem Ring der
+traurigen Figuren zu sprechen, lohnt nicht. So trüb oder auch merkwürdig
+die Schicksale, so mittelmäßig der Zuschnitt im ganzen. In allen
+Winkelkaffeehäusern der Erde wird von allen malkontenten und impotenten
+Künstlern, Literaten und verkrachten Studenten, von allen Falstaffs und
+Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals dieselbe Phrase in derselben Manier
+vom Rausch bis in den Katzenjammer totgeschleift.
+
+Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom Treiben jener Jahre
+für mich blieb, war einerseits die Stadt, Monument des Mittelalters, wie
+durch Zauberfluch ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter,
+von Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast und
+werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Bürgertum und Proletariat; es ist
+mir immer symbolisch bedeutend für diese Konstellation erschienen, daß
+die erste Eisenbahn Europas zwischen Nürnberg und Fürth lief.
+Andrerseits, im natürlichen Zusammenhang damit, war Anblick und
+Erfahrung einer schroff geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden,
+Stillen, Vergehenden und Welt von Wollenden, Überlauten, Kommenden.
+
+Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel und
+Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen schwankten vor mir auf
+und ab. Ich war nicht gesonnen, mein Schicksal an eine von ihnen zu
+hängen. Von dort wurde mir Zärtlichkeit alter Formen geschenkt,
+Ehrfurcht vor Überlieferung, Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das
+Umfriedete, Geschlossene, Gesicherte zu spüren und zu denken; von hier
+kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht verwandelter Zeit,
+im übrigen freilich Kälte, Kälte der Seelen, Trägheit der Seelen,
+Verkrustung der Seelen.
+
+Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, so habe ich es
+vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten Augenblick
+wie ein Retter in mein Leben getreten ist. Ich hatte seine Sympathie
+erweckt, er beobachtete mich, näherte sich mir, zeigte mir die Gefahr,
+und seine sanfte, geduldige, liebevolle Überredung bewirkte, daß ich das
+verrottet-unfruchtbare Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was
+ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch
+kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er war ein
+unermüdlicher Erzähler und barst von Geschichten. Obwohl selbst in
+vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch vergrübelt und, da seine
+zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible Natur ihm jeden
+vertrauten Umgang erschwerte, auch vereinsamt, schloß er sich werbend,
+führend, eifersüchtig wachsam an mich an. Er war einer der
+problematischesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und sein Einfluß
+erstreckte sich über meine wichtigsten Jahre.
+
+Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich. Er entstammte einem alten
+Nürnberger Patriziergeschlecht, das aber völlig verarmt war. Sein Vater
+war tot, er lebte mit seiner Mutter, einer welthassenden, weltfremden,
+eigentümlich strengen Frau in einem Verhältnis zwischen
+Unverträglichkeit und Liebe. Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit
+seiner Art, die sich wie ein Fisch verbiß, hatte er sich literarischen
+Interessen zugewandt, nicht als Produzierender, sondern als ein mit
+seiner Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. Er war
+schlank, hager, sehnig, flink, nervös wie ein Rennpferd, launenhaft,
+verstand zu imponieren und zu gewinnen, war voller Impuls und
+Heftigkeit, auch voll List und Witz, und hatte Neigungen zum Aszeten,
+zum Bücherwurm, zum Homöopathen, zum Sonderling.
+
+Als er, der seine Kräfte in der Heimat verdorren fühlte, nach Zürich
+gegangen war, wo ihm ein größerer Wirkungskreis in Aussicht stand, war
+mir zumute, wie einem, den der gute Geist verlassen hat, und mein
+Trachten war darauf gerichtet, wieder in seine Nähe zu gelangen. Ein
+Briefwechsel von seltener Intensität, seiner- wie meinerseits, gab nur
+ungenügenden Ersatz für die lebendigen Stunden, aber es war vorläufig
+keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte indessen das
+Mündigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital des mütterlichen
+Vermögens ausgehändigt, fünf- bis sechshundert Mark, in deren Besitz ich
+mir reich erschien. Ich kündigte meine Stellung, zahlte meine Schulden,
+fuhr nach München und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was ein
+vollkommen neuer Zustand für mich war, der sich auch bald rächte, denn
+eines Tages war der vermeintliche Schatz erschöpft. Ich sah mich nach
+einer neuen Stellung um, ließ ein Inserat drucken, und es meldete sich
+ein Generalagent im badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien
+ersuchte und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der
+einzige Beamte in seinem Bureau und hatte täglich zehnstündige
+Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich getreten, war
+hart, karg, hinterhältig, schwer zu befriedigen, im Benehmen von
+betonter Korrektheit, Allüre des Reserveleutnants. An einem
+Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei gegangen war, um eine dringliche
+Arbeit zu erledigen, erschien er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte
+aber dann, ich möge die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen.
+Etwas erstaunt, ihn über diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen,
+antwortete ich, was zu antworten war. Sein Gesicht veränderte sich
+erschreckend. Nach einem bösen Schweigen warf er mir vor, ich hätte ihn
+absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wäre meine Pflicht gewesen, ihm
+von meiner Konfession im Offertbrief präzise Mitteilung zu machen, er
+habe an dergleichen nicht gedacht, da ihn meine Photographie und dann
+auch mein Auftreten getäuscht habe, und als getäuscht müsse er sich auch
+betrachten. Weiter äußerte er sich nicht, aber er bereitete mir nun, da
+er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Straße zu werfen, die
+gehässigsten Schwierigkeiten, nörgelte an jedem Federstrich, an jedem
+Gruß und legte mir aus niedriger Erwartung heraus eine Falle, indem er
+mir nämlich das gesamte Bargeld der Agentur übergab und darauf rechnete,
+daß ich, dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher
+vorenthalten hatte, in meiner von ihm gewußten Notlage mich an dem Geld
+vergreifen würde. Es geschah auch wirklich, daß ich, während er einige
+Tage verreist war, zwei Taler aus der Kasse nahm; ich konnte mir nicht
+anders helfen in der Bedrängnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat,
+die zwei Taler als Vorschuß zu berechnen. Jedoch er lächelte höhnisch.
+Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite und entließ
+mich auf der Stelle.
+
+Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos irrte ich
+im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte Regennächte in den
+Hütten der Holzfäller und wäre verhungert, wenn ich nicht von einigen
+Bauern Milch und Brot bekommen hätte, und zwar durch Vermittlung ihrer
+Kinder. Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg die
+Schule besuchten. Ich begleitete sie häufig am Abend durch den Wald und
+erzählte ihnen dabei allerlei Geschichten. Dies gewann mir ihre
+Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses Leben nicht mehr, verkaufte, was
+ich von meinen Habseligkeiten noch entbehren konnte, einen Rock, ein
+paar Bücher, meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zürich,
+wo ich nach vielen Mühseligkeiten auch glücklich anlangte und vom Freund
+mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschütterte und für alle
+Leiden entschädigte.
+
+
+
+
+9
+
+
+Es erwies sich, daß der Freund ebenfalls in bedrängter Lage war; mit
+seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte er seinen Posten
+verlassen müssen und einen andern noch nicht gefunden. Wir lebten nun in
+folgender Art: Tagsüber schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstraß, des
+Abends suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstraße auf, wo der Freund
+einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewährte. Dort tranken wir
+Milchkaffee und aßen eine Unmenge von Weißbroten, unsere ganze Mahlzeit
+für die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Wir blieben bis spät in die
+Nacht sitzen, vertieft in Gespräche, dann gingen wir nach Haus, er legte
+sich in sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir
+weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg hatte nicht
+aufgehört, mich innerlich zu quälen. Der Freund merkte, daß ich ihm
+etwas verbarg, denn bisher hatte ich es noch nicht über mich gewinnen
+können, ihm davon zu berichten, sondern als Ursache meiner Flucht einen
+gleichgültigen Zank angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wußte
+er mir endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich
+viele unserer nächtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema.
+
+Der an sich unbedeutende Vorfall führte uns ins Allgemeine und
+Schicksalhafte und wieder zurück ins begrenzt Persönliche meiner
+Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege miteinander gegangen waren,
+öffnete sich plötzlich ein Abgrund zwischen uns.
+
+Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu erkennen und zu
+benennen ich bisher auch von mir abgewendet hatte: ich fühlte mich als
+Mitglied einer Nation, gleichgeordnet als Mensch, gleichberechtigt als
+Bürger; da mich aber ein Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne
+daß es möglich war, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, als
+untergeordnetes Wesen behandeln dürfte, so beruhe entweder mein Gefühl
+auf einem Irrtum, oder die Übereinkunft, von der es gestützt gewesen,
+sei Lüge und Betrug.
+
+Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, sondern meiner
+Abstammung, der Zugehörigkeit zu einem Fremdkörper innerhalb der Nation;
+ein Argument, auf das ich gefaßt war, und auf das ich nur mit Scham und
+Empörung antworten konnte.
+
+Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gäste, sagte ich, warum tretet
+ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die zugleich Gebote der
+Menschlichkeit sind, mit Füßen? Angenommen aber, sie sind euch lästige
+Eindringlinge, warum duldet ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner
+Verträge schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem Dach
+in scheinheiligem Frieden und heimlichem Haß.
+
+Die Juden gehören nun einmal dazu, sagte er rätselhaft; wie es ist,
+gehören sie dazu.
+
+Wie, sie gehören dazu? wende ich ein, und ihr traktiert sie dennoch als
+Ratten und Parasiten?
+
+Wer läßt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun die politischen
+und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklärten Deutschen wissen, was sie
+den Juden zu verdanken haben und ihnen in Zukunft auch noch werden
+danken müssen.
+
+Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht
+in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war die peinvollste Überlegung,
+darüber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennende?
+fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast
+nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaßen, Blutart von
+Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche
+nicht mit französischen Emigranten vermischt? Mit Slawen, Nordländern,
+Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als
+ihre Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche,
+ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen,
+Künstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Fürsten, Könige sogar? Und
+die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht
+ihr Blut berührt haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft,
+Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man
+selbst physische Vermischung ausschließt? War auch ihr eigenes Gesetz
+dagegen und der Widerstand der Völker, konnten sie sich dem natürlichen
+Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Von
+anderer menschlicher Prägung?
+
+Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als seien sie von
+anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer menschlicher Prägung.
+Das gerade sei vielleicht der kritische Punkt.
+
+Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, daß der Freiburger
+Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines kleinlichen, boshaften,
+gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe?
+
+Das räume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau geschehe, sei
+nicht maßgebend für die Anschauung auf dem höheren. Übergriffe der
+Exekutive bewiesen auch nie etwas gegen die Legislatur.
+
+So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer
+Beschaffenheit und anderer menschlicher Prägung als er?
+
+Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, ob ich
+mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fühle. Ich zögerte. Ich wollte
+wissen, worauf die Frage abzielte.
+
+Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir werde, mich zu
+bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht leicht zu umgrenzen.
+
+Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher.
+
+Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jüdin gewesen sei? Ob in der
+Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung bekannt oder nur der
+Verdacht davon vorhanden sei? Als ich jenes unbedingt bejahte, dieses
+lächelnd verneinte, schüttelte er den Kopf und sagte, mein Fall sei
+außerordentlich interessant; es sei ein ganz besonderer Fall.
+
+Ich ließ ihn nicht entschlüpfen. Ich wollte Aufschluß haben über das,
+was er »meinen Fall« nannte. Ich bot ihm Behelfe. Ich sagte: Es ist
+nicht entscheidend, daß ich mich unter Deutschen als Deutscher fühle.
+Dem Deutschen steht es frei, dies als eine Prätension zu betrachten,
+eine begründete oder unbegründete, je nachdem. Er kann sie erfüllen oder
+nicht erfüllen, je nachdem. Erfüllen: gnadenhalber, ausnahmsweise,
+befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt
+oder Sympathie abringe, aus Lässigkeit, Vergeßlichkeit, aus Zwecksucht.
+In einen Gesellschaftsverband aufgenommen werden, nur weil die sonstige
+Abwehr eingestellt ist, ist verletzend und entwürdigend, letzten Endes
+für beide Teile.
+
+Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich bisher überzeugt
+gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht bloß
+zugehörig, sondern zugeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit
+mehr als das Mittel, mich zu verständigen, und mehr als das Nutzprinzip
+des äußeren Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes.
+Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das
+Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen ich, wenn schon nicht die
+Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spüre. Sie ist mir
+vertraut, als sei ich von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert
+gewesen. Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand
+geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein
+Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, in
+Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß des täglichen
+Seins, Spiel der Lebensläufe, Erlebnis der großen Werke zur Anschauung
+Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das
+nicht gültiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als
+eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht
+und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch Aberglauben,
+Bosheit und Trägheit besteht?
+
+Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten meine
+besondere Situation; im allgemeinen lägen die Dinge ganz und gar nicht
+so.
+
+Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation berufen, warf ich
+ein, und ich will mich nicht in ihr begnügen.
+
+Prüfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden als Gesamtheit
+haben sich niemals mit den Interessen der Wirtsvölker selbstlos zu
+identifizieren vermocht. Innerhalb des Staates haben sie sich in eine
+soziale und religiöse Isolierung zurückgezogen, ein starrer, erstarrter
+Block in der strömenden Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung
+dauerte, hatten sie den Schein des Martyriums für sich; seit sie
+aufgehoben ist, liegt der Mangel an Willen und Fähigkeit zutage. Es
+steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch
+heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen allein offenbarte Lehre,
+bewußt oder unbewußt, und halten alle andere Lehre für Irrtum und Lüge.
+Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß
+richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem
+Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der
+Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch
+könnte er gemildert werden? Nur er vielleicht erklärt die
+Widerstandskraft, die Geduld, die Leidensüberwindung, die beispiellose
+Vitalität des Stammes. Rache für das Erlittene zu üben, keimt
+wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele,
+wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der
+andersgeartete Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte
+wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender
+Aufklärer, nicht durch den Schmerz der Abgelösten, nicht durch das
+Vorbild der Verwandelten aus der Welt zu schaffen.
+
+Dies zu hören war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei ja der ganze
+Jammer des versteinerten Mißverständnisses und der böswilligen Hetze,
+doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, ich sei wie so viele das Opfer
+eines Kulturblendwerkes. Wie lange ist’s denn her, sagte er, daß die
+Juden aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das
+achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und düsterer
+Verkrochenheit. Für den greisen Goethe noch war der Jude ungefähr
+dasselbe, was dem Amerikaner heute der Nigger ist, trotz Nathan dem
+Weisen, trotz Spinoza und Moses Mendelssohn, trotzdem die junge
+Romantik, die sich um ihn erhob, von jüdischen Einflüssen durchsetzt
+war, trotzdem er gegen die historische und institutive Ehrwürdigkeit der
+Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. Die
+Kindheitseindrücke des Frankfurter Judenghettos zeigten sich stärker.
+Die Juden weisen immer auf die Bedrückungen und Verfolgungen hin, wenn
+verwerfliche Züge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein
+Jude erträgt ein objektives Urteil über Juden, geschweige denn ein
+abfälliges, auch über einzelne, auch über Entartete nicht, sobald das
+Judentum als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler rächt
+sich insofern schwer, als sich zwischen schönfärbender Apologie und
+häßlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromiß finden läßt. Alle
+Lobredner weisen mit Emphase auf die unbedingte Sittenreinheit und
+Gesetzestreue der Juden hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein
+Wässerchen getrübt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Räuberbanden,
+die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands und des
+Niederrheins unsicher machten, Juden in erklecklicher Menge, Diebe,
+Hehler und Späher. Die Shylocks aller Grade will ich nicht erwähnen, die
+mitleidlosen Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen.
+Absurd wäre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die sich in
+heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, fast schutzlos, an
+Leben und Eigentum stets gefährdet, als ob die mehr und tiefer denn ihre
+Wächter und Quäler zu makelloser Führung verpflichtet, als ob die
+Verbrecher unter ihnen verabscheuenswertere Verbrecher wären als die
+anderen. Gerechterweise muß man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist
+auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht von höherer
+Warte aus. Sie betrifft das Unvermögen zu seelischer Wandelbarkeit.
+Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja in außerordentlichem Maße eigen, in
+gerade verhängnisvollem Maße. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als
+volkhafte Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer
+biblischer Vorzeit waren.
+
+Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe imperativen
+Autorität. Ich entsinne mich, daß ich mich der Logik und Kraft seiner
+Argumente nicht entziehen konnte. Niemand wird erwarten, das Gespräch
+sei hier im Wortlaut angeführt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge
+von Gesprächen, und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er war
+unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen wollte, liebte ihn
+um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich dunkel empfand, daß er
+sich in unserem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit über mich stellte,
+daß er die Herrschaft an sich riß, und daß die wesentliche Erkenntnis,
+zu der wir endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlöste wie mich,
+dem sie ein Tor öffnete und ein Ziel zeigte, sondern, daß er in
+heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr mein Widersacher
+wurde.
+
+Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im Dasein der
+Juden, führte er aus, der Humanisierungswille des neunzehnten
+Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue Jahrzehnt knüpfte festere
+Bande zwischen ihnen und uns. Äußerlich nur, zugegeben; solche des
+bürgerlichen Zusammenschlusses, wirtschaftliche, vaterländische sogar,
+in jedem Fall gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem
+Ermessen, schönem Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene.
+Bedingungslos wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen
+Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, weil sie
+sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? Warum aber? Solange
+sie Geächtete waren, war es ihr Recht, ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre
+Waffe, das Mittel zur Selbstachtung und Selbstaufrichtung, sich zu
+verschließen, an der engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginäre,
+halb schwärmerische und um desto süßere, verführerische,
+tragisch-erhöhende Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege zur
+Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges
+Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit
+erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten
+zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des
+Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre
+wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen
+Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, daß
+sie hätten Christen werden sollen. Das haben viele getan, aus
+Utilitätsgründen, oder weil sie sich nicht mehr verkettet fühlten, oder
+auch aus Überzeugung. Die Frage ist nur, ob sie Christen werden können,
+anders als im oberflächlichen Sinn, wie es ja die Mehrzahl der Christen
+selbst ist. Die Frage ist, ob sie deshalb aufgehört haben, Juden zu sein
+und dies in einem tieferen Sinn; man weiß es nicht, man kann es nicht
+kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflüsse. Judentum
+ist wie ein intensives Färbemittel; die geringste Quantität reicht hin,
+um einer unvergleichlich größeren Masse seinen Charakter zu geben oder
+wenigstens Spuren davon. Nicht zu leugnen, daß sie, wieder in einem
+gewissen Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen.
+Was mag es sein? Ist es das eigentümliche Beharren der Seele oder der
+Sinne im Kontrast zur Flüssigkeit, Mobilität, Vielgesichtigkeit des
+Geistes? Es beweist und erklärt zu wenig. Macht der Tradition ist es
+nicht, oder nicht ausschließlich, oder nicht mehr. Tradition wird
+überwunden und jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet
+als Disziplin einen wohltätigen Damm gegen Maßlosigkeit und
+Individualisierungsgier, hütet als politische Maxime Scheunengut und
+bewahrt die Nation vor überstürzten Neuordnungen. Aber gerade die
+Maßlosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, gerade die Sucht nach
+Neuordnungen muß man den Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also?
+
+Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht läge in der
+Verallgemeinerung. Es gäbe solche und solche Juden. Alle Gesamturteile
+seien schief und führten zur Vergewaltigung, zur Verzerrung, zur
+Ausnützung im Dienste von Parteiinteressen. Warum nicht menschlich den
+Menschen sehen, nur den Menschen? Oft rufe man durch Mäkeln erst die
+Fehler hervor, und in der Wiederholung entstehe die Übertreibung. Man
+möge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres Rechts zu
+atmen kaum bewußt, Verscheuchte, Verschüchterte, Umklammerte; immer
+neuer Zustrom aus trüben Behältern trübe die gereinigten wieder, viele
+seien gequält durch den latenten Haß, und ihre Entschlossenheit, sich zu
+opfern, treibe sie bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch
+die ungewohnte Fülle von Raum und Entfaltungsmöglichkeit: und wenn man
+ein jüdisches Tribunal imaginiere, so würde dort keiner freigesprochen,
+den ein christliches oder deutsches für schuldig erklärt. Aber ich
+spürte bei alledem, daß meine Parade den Hieb nicht fing, weil mein
+Standpunkt gegen den des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit
+später, im Verfluß jahrzehntelanger Kämpfe, konnte ich mir seine Frage
+beantworten, dieses »Was ist es also?«, von dem ich sogar die
+Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch zur Aufrichtigkeit und
+Selbstdurchforschung gebieterisch trieb.
+
+Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als das
+auserwählte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen findet sich der
+Glaube an ihre Auserwähltheit und die Verkündigung davon. Ohne daß man
+die Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit der Gründe untersucht, auf
+welche sich dieser Glaube, diese Verkündigung stützt, ob auf die
+offenbarte Lehre, ob auf das Verhältnis zu den geliebten Dingen, ob auf
+das historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, daß
+eine mit solcher Hartnäckigkeit durch die Jahrtausende festgehaltene
+Überzeugung einerseits ganz außerordentliche Pflichten nach sich zieht,
+die von der Gesamtheit niemals restlos erfüllt werden können, ferner
+ganz außerordentliche sittliche und moralische Spannung erzeugt, die
+wieder durch ihre notwendigen Entladungen eine Existenz voller
+Katastrophen schafft; und daß andererseits ein solches Axiom, wenn es
+als selbstverständliche Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren
+Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lähmt, und an ihre Stelle
+den sittlichen Quietismus setzt, der zu Überheblichkeit und zum
+Pharisäertum führt.
+
+Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner
+Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung.
+In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden
+Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir
+bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der
+tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems.
+
+Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig einen
+Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß
+man Jude ist.
+
+Mir wurde klar, daß ein Volk nicht dauernd auserwählt sein kann und sich
+nicht dauernd als auserwählt bezeichnen darf, ohne die gerechte Ordnung
+in den Augen der übrigen Völker zu stürzen. Der auserwählte Einzelne ist
+stets in der Lage, die Verantwortung für sein Tun und Lassen zu
+übernehmen; im auserwählten Volk aber maßt sich der Einzelne nach und
+nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der er nicht gewachsen ist,
+und bei der er überredet wird, die Vorteile der Gesamtposition für sich
+geltend zu machen, die Verantwortungen hingegen auf die Gesamtheit
+abzuwälzen. Selbst den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer
+einmaligen grandiosen Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwähltes
+Volk zu bezeichnen, wie wäre ein solcher Anspruch gegen die Kritik,
+gegen die veränderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen und zu
+sichern? Wie wäre es möglich, den Komplex »Volk« abzugrenzen? Genügte
+das bloße Bekenntnis zu einem Glauben, um auserwählt zu sein? Das wäre
+schlechthin unsinnig und unsittlich.
+
+Die Idee der Auserwähltheit hat, für ein Volk, Berechtigung nur
+innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie aber aus der
+historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaßen ins Unendliche
+gerückt wird, entsteht die Versündigung, während die persönliche
+Auserwähltheit im Unendlichen steht, im Unendlichen besteht.
+
+
+
+
+10
+
+
+Die Gespräche mit dem Freund, ein unaufhörliches Duell der Meinungen in
+den Formen des gegenseitigen liebevollen Interesses, hatten
+weitreichende Bedeutung für mich und stellten meine Gedanken- und
+Empfindungswelt auf eine viel breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor,
+als ob ich mit der ganzen Menschheit Frieden schlösse, wenn ich mit ihm
+Frieden schloß, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen
+Friedens festzusetzen, ja sie nur unmißverständlich zu umschreiben.
+
+Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in Worten als durch
+seine Haltung stellte, war: bist du Jude oder bist du Deutscher? Willst
+du Jude oder willst du Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um
+diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der einen
+oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den
+ich dann nach der einen oder der andern Richtung gehen sollte. Was wurde
+für mich besser oder schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort
+allein, der Beschluß allein, die Richtungsänderung allein maßgebend? Ich
+suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung und Bestätigung bei
+denen, die mir vorangegangen waren, nach der einen oder andern Richtung,
+aber das Suchen war ergebnislos.
+
+In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig interessierten
+Kreisen Deutschlands noch ein mächtiger Name. War von jüdischer
+Leistung, jüdischem Vollbringen, jüdischem Ruhm die Rede, so wurde auf
+Heine hingewiesen. Durchaus nicht bloß Juden waren für Heine Feuer und
+Flamme; die Wirkungen und der Einfluß dieses Poeten gingen in die
+breitesten Schichten, über das Künstlerische und Poetische hinaus ins
+Politische und Soziale. Und wie man weiß, gehört er zu den wenigen
+Deutschen, die in Frankreich Ansehen und Bewunderung genossen haben.
+Aufgeklärte und gebildete Menschen lasen Heine, zitierten ihn, beriefen
+sich auf ihn, und der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem
+kleinen studentischen Freund in München, der Dutzende von Heineschen
+Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen Wendungen
+schwelgte, bis zur Kaiserin von Österreich, die diesem ihren Abgott einen
+Tempel bauen ließ. Es war mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den
+charakteristischen Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung,
+einer solchen nämlich, in der das Talent über das Menschentum
+prävaliert. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde
+sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in der zweiten Hälfte
+des achtzehnten der des Genies; der Begriff des Genies umfaßte aber
+damals auch die Menschlichkeit, in allen ihren Äußerungen, selbst den
+unerfreulichen, während der Talentkultus, unter dessen merkwürdigen und
+nicht leicht zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht,
+der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu das
+Schulbeispiel dafür.
+
+Ich befand mich von Anfang an im Verhältnis des Widerstrebens, ja der
+heftigen Abneigung gegen Heine. Seine Lyrik erschien mir, gemessen an
+der von Goethe, Hölderlin oder Mörike, süßlich, spielerisch und roh
+sentimental; seine Prosa erregte meinen Haß durch ihr Bestreben nach
+geistreicher Pointe, durch ihre Mischung von Frivolität und rohester
+Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften fand
+ich zum Teil seicht und von oberflächlicher Brillanz, zum Teil
+unwahrhaftig und eitel. Für das Satirische, das ihre stärkste Qualität
+ausmacht, hatte ich wenig Verständnis, und die sogenannten letzten
+Gedichte, in denen aufrichtige und ergreifende Töne sind, waren mir
+verdächtig durch ein gewisses Sichgefallen im Schmerz.
+
+Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefühl ungerecht. Die
+Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf ließ, hatte wohl ihren Grund
+darin, daß etwas unantastbar, nachahmungswürdig und mustergültig sein
+sollte, was ich für schädlich und zerstörend hielt. Es sind in neuerer
+Zeit so viele Ankläger und Verächter Heines aufgetreten, mit guten und
+schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen und
+unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, daß ich nur mit Überwindung
+und weil dieses Stück Wahrheit eben zur ganzen Wahrheit gehört, mich
+entschlossen habe, das Thema zu behandeln. Daß die blinden Hasser und
+die böswilligen Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, daß Unrecht
+überhaupt geschieht. Verschweigen und Schönfärben macht eine schwache
+Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das Blut ging, war vielleicht
+das Blut. Seine zeitbedingte Erscheinung war im zeitbedingten Sinn
+jüdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von
+Ghettogeist und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus,
+von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer Vorliebe für das
+Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, welch letztere Mischung man
+fälschlich als romantische Ironie bezeichnet hat, während sie ein
+Ergebnis fabelhafter jüdischer Anpassung und dabei tiefer innerer
+Lebens- und Weltunsicherheit ist. Aus dieser Quelle fließt dann auch die
+journalistische Befähigung, wie denn Heine der eigentliche Schöpfer,
+wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des
+Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglücklichen Surrogats von
+Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer Form, Narkotikum für eine
+niedergehende Gesellschaft und Mittel, Verantwortungen zu verschleiern.
+
+Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in voller Naivität
+Deutscher. Er beklagte sein jüdisches Schicksal und sein jüdisches Leid
+und verriet den Juden in sich. Er gab sich als deutscher Patriot,
+deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblüt und Wahl und verriet den
+Deutschen in sich. Auch dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität.
+Er war der Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre
+Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt,
+auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, ohne Himmel und deshalb
+auch ohne Erde. Wenn man mir ihn pries, fühlte ich mich stets verraten;
+wodurch, kann ich kaum erklären, aber mir schien, daß ich am andern Pol
+stand und daß ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einfluß erst besiegen
+mußte, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einfluß beginnen konnte. Allen
+Juden schmeichelte der Name Heinrich Heine; mir schien es hingegen, daß
+sie ihn hätten fürchten sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren
+Weg verführerisch ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur des
+jüdischen Menschen und des jüdischen Deutschen gab. Es wurde mir
+gesagt: Warum hältst du dich an Heine, warum blickst du nicht auf die,
+die deinen Widerstand weniger oder gar nicht herausfordern? Da ist Felix
+Mendelssohn, da ist Börne, da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli,
+da ist Lassalle und Marx, da ist schließlich Spinoza, Menschen von
+großem Zuschnitt, der letzte vom allergrößten, nicht Jude mehr,
+herausgetreten aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, Mensch an
+sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie hinblicken. Lockung
+und Gefahr war auch in ihnen, aber sie ordneten sich williger in die
+Folge der Gesichte und Erlebnisse. Heine schloß zunächst zuviel des
+Gegenwärtigen ein und aus; er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten
+hatte.
+
+Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prägung. Es würde zu
+sehr ins Breite führen, wenn ich sie hier aufzählte und von Cervantes
+bis Turgeniew und Dostojewski, von Dickens, Thackeray, Richardson und
+Balzac bis Keller, Gotthelf, Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern
+wollte; den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und
+Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die gewaltigen
+Herzen, die Anbetung und glühende Hingabe. Ich suchte in ihnen und bei
+ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, die Gestalt, das feurige,
+flüssige Unaussprechliche, das wie ein geistiger Golfstrom die Gestade
+der Seele umschlingt. Nebenbei beschäftigte ich mich viel mit
+geschichtlichen Studien, indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins
+Einzelne ging, teils aus Neigung für das persönlich Schicksalhafte,
+teils aus Hunger nach Stoff und Lebensmaterial, und außerdem mit
+Astronomie, ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen
+Erschütterungen sowohl wie aus Überdruß an der verzweifelten Enge und
+Ausblicklosigkeit meiner Umstände.
+
+
+
+
+11
+
+
+Allmählich wurde ich dem Freund lästig. Ich wußte nichts mit mir
+anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, denn ich hatte
+nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu keiner praktischen Tätigkeit.
+Die dürftigen Hilfsmittel des Freundes waren völlig versiegt, in der Not
+knüpfte er frühere Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten
+wir uns mit deren Bestand noch über Wasser, was das Schlimme mit sich
+brachte, daß wir die Freiheit verloren und wieder in ein fades und
+vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen wurden. Ich war den Leuten
+aus irgendwelchen Gründen unsympathisch, und als ich gelegentlich einer
+Fahrt auf dem Züricher See durch einen Windstoß meinen alten Strohhut
+einbüßte, wurde ich außerdem noch lächerlich. Der Freund, verängstigt
+und feig geworden, gab mich preis, und mir war im Ring der Feinde übel
+zumute. Es wurde beschlossen, daß ich bei einer Zeitungsredaktion
+Anstellung zu suchen hätte. Man schrieb mir Adressen auf und schickte
+mich mit einem geliehenen Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf
+meine Stirn geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden,
+mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, und so kehrte
+ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurück. Da hielten sie Kriegsrat
+und gelangten zu dem Ergebnis, erstens, daß mir ein neuer Hut gekauft
+werden sollte, zweitens, daß durch eine Sammlung das Fahrgeld
+aufzubringen sei, dessen ich zur Reise nach München bedurfte. In München
+lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es waren etwa
+zwanzig Franken, die außer dem Hut zusammenkamen; davon lösten sie am
+Bahnhof das Billett bis Lindau, der Restbetrag wurde mir eingehändigt.
+Der Abschied vom Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne.
+Ich entsinne mich auch, daß ich auf der Fahrt zwischen Zürich und dem
+Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der Verlockung, mich
+nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, nicht widerstehen und nahm
+von dem zur Weiterreise bestimmten Geld. Als ich auf dem Lindauer
+Bahnhof stand, einige Minuten vor Abgang des Münchener Zuges, muß ich
+als mitleidswürdige Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner
+trat zu mir, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, und nachdem ich ihm
+gestanden hatte, daß ich das Geld zur Reise nicht hatte, ließ er mich
+einsteigen und drückte mir während der Fahrt das Billett in die Hand mit
+den Worten, er vertraue meinem ehrlichen Gesicht, daß ich ihm die
+Auslage wiedererstatten werde. Auf das Billett hatte er seine Münchener
+Wohnung geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit
+des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und meiner
+Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung des Vaters; der
+Vater war verreist; ich sah an allem, daß er sich in der ärmlichsten
+Lage befand, trotzdem bat ich die Frau, sie möge mir das Geld für den
+Schaffner geben, es waren vielleicht zehn oder zwölf Mark. Sie weigerte
+sich mit Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet
+außer sich, überschüttete mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen und
+verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, ich langte nach
+einem Küchenmesser und schritt drohend auf sie zu; nun wurde sie auf
+einmal nachgiebig, sei es, daß mein Anblick sie in Furcht versetzte, sei
+es, daß sie meine Verzweiflung instinktiv erfaßte; nach einer Weile
+brachte sie mir ein silbernes Armband, das meiner Mutter gehört hatte
+und sagte, ich möge es versetzen.
+
+Danach war natürlich jede Verbindung mit meinem Vater zerbrochen, und er
+schrieb mir nach seiner Rückkehr nur ein paar Zeilen, die mich durch
+einen ihm sonst nicht eigenen kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm
+war ich nun ein gänzlich mißratener Auswürfling. Dies alles sei
+berichtet, weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich
+unmittelbar an dies Zerwürfnis schloß, nicht gut erklären könnte; denn
+es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit und so
+erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen Großstadt selten
+sind, und die zu ertragen eine nicht gewöhnliche Widerstandskraft
+notwendig war. Ich lebte von Äpfeln, von Käse und von Salat. Den Salat
+fand ich morgens in einer Schüssel vor der Tür meines Mansardenlochs;
+eine Frau, die mir gegenüber wohnte und von meiner hilflosen Lage
+Kenntnis erlangt hatte, übte auf diese zarte Manier Mildtätigkeit. Als
+ich ihr eines Tages dankte, schüttelte sie stumm den Kopf. Ich hätte
+aber selbst so nicht weiterleben können, wenn mir nicht mein Vater hier
+und da einen Brief geschickt hätte, in den er ein paar Marken gelegt
+hatte, die ich veräußerte; er mußte es heimlich und ohne Wissen seiner
+Frau tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, Streber,
+Ordensjäger und Geschichtsforscher #ad usum delphini,# der mich eine
+Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es war dies ein gewissenloser
+Menschenschinder, wie man sie nicht selten unter subalternen Beamten
+trifft; es machte ihm zynisches Vergnügen, aus meiner Bedrängnis Nutzen
+zu ziehen und seine Macht zu mißbrauchen; selbst in gedrückter Stellung,
+war es Lust für ihn, über einen noch Gedrückteren unumschränkter Herr zu
+sein. Wenn ich eine Woche lang seine Exzerpte kopiert und ihm zehn bis
+fünfzehn Bogen abgeliefert hatte, zahlte er mir nach Willkür und Laune
+einen bis anderthalb Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig
+oder dreißig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei ich
+darauf bedacht sein mußte, daß ich mich nicht in einen Kampf mit
+stärkeren Spielern einließ. Daß ich körperlich immer mehr herunterkam,
+bedarf keiner Erwähnung; es stellten sich Magenblutungen ein, und ich
+verordnete mir eine strenge Reiskur, die mich auch wirklich heilte. Im
+Äußeren war ich völlig vernachlässigt, obwohl ich alle Sorge darauf
+richtete, ohne Löcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich
+begab sich etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb
+quälender, halb beglückter Spannung, aus der sich langsam Gestalten,
+Bilder und Vorgänge lösten. Mein tägliches Dasein war ein erregter
+Traum; die Nächte über saß ich bei der Arbeit und schlief nur wenige
+Stunden. Die Einsamkeit, der gänzliche Mangel an Umgang und Aussprache
+bewirkten eine wiederkehrende und schließlich latente, rauschhafte
+Verzückung, die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden
+Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor mich hin
+und erinnere mich, daß ich einmal von zwölf bis drei Uhr nachts im
+Herbstregen durch die Straßen rannte, von Grauen erfüllt, weil ich einen
+Verfolger hinter mir glaubte, einen unversöhnlichen Feind, dessen
+Gesicht und Gestalt mir irgendwie genau bekannt waren.
+
+Dergleichen geschah öfter. Dennoch war ich keineswegs verzweifelt, im
+eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht verbittert oder
+anklägerisch oder menschenhassend. Ich denke nicht, daß ich mich einer
+nachträglichen Verklärung schuldig mache, wenn ich sage, daß die äußeren
+Leiden an mir niederrannen wie Wasser an einer geölten Wand. Ich fühlte
+einen unerschöpflichen Vorrat an Kräften in mir. Was ich äußerlich zu
+erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu stehen, was ich
+innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden Geduld entgegen, sonst
+nichts. Es war nicht eben Zuversicht, die mich stark machte; zur
+Zuversicht gehört bewußtes Selbstvertrauen; das hatte ich nicht, auch
+der Arbeit gegenüber nicht, die mich zwar in Flammen sah, an der ich
+aber die Unreife und Unzulänglichkeit spürte, kaum daß die Flamme
+ausgebrannt war, so daß ich mit einer fast nüchternen Beharrlichkeit
+immer wieder zum Anfang schritt. Es ist natürlich schwer, nach
+Jahrzehnten rückschauend alle Stationen einer Entwicklung wahrheitsgemäß
+zu untersuchen, ohne einem gewünschten Bild zu schmeicheln, doch wie ich
+auch mich und jene Zeit in mir prüfe, zwei Tatsachen bleiben mir
+unverrückbar: erstens, daß ich mitten in einer deutschen Stadt in einem
+Verhältnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, daß
+ich diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die
+Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen
+Hindämmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich wohl für alles, was
+mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, Stimmen, Farbe, Ton, Wort und
+Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas
+erschafft, woran er bloß den Anteil hat, der durch seine Existenz
+gegeben ist, während er sonst Werkzeug bleibt.
+
+
+
+
+12
+
+
+In sozialer Hinsicht mußte ich mich als Geächteter fühlen; ich war es
+auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, neigt, wenn er
+eine gewisse Höhe erlangt hat, gern dazu, seine finsteren Erfahrungen
+mit einem Goldsaum zu umbrämen. Er vergißt die Niedrigkeit um so
+bereitwilliger, als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu
+denken, niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet,
+lügt. Es erfordert im günstigsten Fall eine lange Zeit und lange
+sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz und Unrat gereinigt
+wird, mit dem sie beworfen worden ist, mit dem sie sich bedeckt hat. Es
+ist geradezu eine Erneuerung nötig, und erst, wenn Erneuerung
+stattgefunden hat, wird Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch
+in der Qual ist gar nicht fähig, Erfahrungen zu machen und Resultate zu
+ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch formen. Der
+Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht zuschreibt, entsteht
+daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen keinen Einwand gegen
+dieses freche Luxusdiktat erheben können. Entkommt einer der Gefahr, so
+darf er die Gefahr preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn
+er die rühmt, die für ihn ihre Haut zu Markte tragen.
+
+Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr
+meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu
+werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Die Frage, ob
+Jude oder Deutscher, war zunächst unwichtig geworden gegen die, wie ich
+zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als sei ich im
+Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als Schuld und Odium hing, ich
+für meinen Teil, und als werde das irgendwie augenscheinlich und
+beweisbar werden. Es trat eine Reihe von Zufällen ein, von Frist zu
+Frist, die meiner materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der
+nachtschwarzen Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor
+sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege des Geistes
+freigaben.
+
+Ich wurde Sekretär bei einem sehr geschätzten Schriftsteller, der,
+obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen zu seiner Sache gemacht
+hatte und dadurch allerdings mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt
+geriet, die ihn mehr in bürgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte
+mir seine Romane und Erzählungen, und als ich es nach einiger Zeit
+wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prüfung vorzulegen, zeigte er eine
+Überraschung, an der ich merkte, daß ich nicht taube Nüsse klopfte. Es
+war der erste Mensch, der mich ermunterte, der erste überhaupt, der mich
+als Dichter uneingeschränkt ernst nahm, und das bedeutete für mich
+soviel wie Rettung und Erlösung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte
+für mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwürdigen Gebilde; er scheute
+nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr reizten ihn zu
+bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heißsporn, der er war, begab er
+sich in Fehden; ich wurde unversehens ein Objekt von Für- und
+Widermeinung, was mich eher verzagt als stolz machte.
+
+Aber die Brücken betrat ich, die mir geschlagen waren, und schnell sah
+ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. Das heißt ich nahm für
+Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild der Welt war; sie täuschte
+Freiheit, Weite und Würde vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als
+ich längst keine Illusionen mehr über sie hatte, war doch das, was ich
+hier unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je größer mein Bemühen
+um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter erschien mir
+ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir notwendig, wenn nicht meine
+eigene Existenz eine schattenhafte sein sollte.
+
+Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie heute, bei uns wie
+bei jeder Nation, Repräsentanten aller Stände und Schichten. Es liegt
+nahe, an eine Auslese der Besten und Fähigsten zu glauben; dem ist nicht
+so. Es liegt nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf höherer
+Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfläche und die, eben
+durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch Sein vorbildlich ist.
+Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese vollzogen, es ist keine
+Gemeinschaft entstanden, es ist ein zufälliges In-, Mit- und
+Gegeneinander mehr oder weniger begabter, mehr oder weniger guter, mehr
+oder weniger zielbewußter, ehrgeiziger oder verbitterter oder
+entzündlicher Einzelner. Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste,
+sozial Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer Erde
+sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend,
+ob es nun Proletarier, Bürger oder Aristokraten sind. Sie bauen daher
+nicht auf einem gegebenen Fundament; sie müssen sich das Fundament erst
+errichten, und zwar jeder für sich und auf seine Weise. So vergeuden sie
+von vornherein Blut, Kraft und Geist für etwas, das Voraussetzung und
+Mitgift sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner hat
+die Bindung mit dem Volk, den Rückhalt an ihm, ja, das Volk beargwöhnt
+und verleugnet sie, es ist keine Mitte da, keine Übereinkunft, kein
+Vertrauen vom einen zum andern, nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft,
+und auch wo wahrhaft Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und
+hochmütige Sippe.
+
+Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, sogar
+dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen und die geistige
+Kontinuität bewahren, ist zweierlei. Eifersucht lauert stets unter der
+Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. Die Erfolglosen und die
+Erfolganwärter machen geschlossene Phalanx gegen die, die den mindesten
+Vorsprung haben, und es bedarf schon einer überwältigenden
+Persönlichkeit, um den Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich
+gebärden, niederzuschlagen. Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder
+führt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde Zucht und
+Mangel der Idee, Mangel der Übereinkunft und Mangel der Verantwortung.
+Ich erlebte es, daß frenetische Begeisterung um einen Namen lärmte, der
+sich dann nur in einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um
+Abkühlung und Einschränkung hervorzurufen. Fremdheit hielt stand;
+Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde alles zur
+Politik des Augenblicks mißbraucht.
+
+Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, die man
+atmet, färbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene Illusion. Es
+wurmte mich das kleine Maß, das die Wirklichkeit mich anzulegen zwang.
+Es wurmte mich das Nichtbesserseinkönnen und Nichtbesserwerdenkönnen,
+und es wurmte mich schließlich die Maske, die ich tragen mußte, wenn
+höherer Wille und höhere Rücksicht Dissimulation forderten. Die lernt
+sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch wieder ein
+Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, als mit dem
+Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel Gemüter zu beunruhigen und zu
+verwirren, die nur in Dämmerung und Täuschung noch ein unsicheres Glück
+genießen. Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, wahr zu sein,
+ist eine Aufgabe für sich, die allerdings aus dem Bezirk des
+Literarischen heraus in den der Selbsterziehung und der Liebe tritt.
+Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe muß man lernen.
+
+Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels von Geistigkeit
+und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser Opposition überfiel, die
+Scham über alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch
+ich mich jetzt zählte, in denen ich aber von fern die entrückten
+Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich
+bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader im
+Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale
+Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Werk,
+um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken
+und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit
+sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle
+Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier. Ich machte die
+Bekanntschaft eines jungen französischen Schriftstellers, und mit ihm
+erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genähert, wir hatten
+fruchtbare Gespräche miteinander geführt, und bei einer schicklichen
+Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer
+freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine
+drückende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das
+ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein paar
+Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause
+wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines
+schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an
+bemerkte ich, daß sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er
+hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir
+begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich
+selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist
+war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche wie überraschende
+Weise. Er hatte nämlich zufällig bei dem Antiquar, bei dem ich es
+verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht
+einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden,
+verrohenden Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen
+Beziehung vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner
+Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit
+ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und
+zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein ähnliches unter
+die Hände gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde
+Manier belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen
+Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt,
+verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er
+schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht
+manches, worüber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in
+Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesünder ist, aber eines werden
+Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden,
+was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: wahre
+Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!«
+
+Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis romanischen
+Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her verstehen. Das
+deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis ins Mark; deutsche
+Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blüte
+münden jäh in eine Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich
+abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge,
+so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste
+durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht
+und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben
+nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter,
+konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein
+verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr des
+ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt,
+was die andere preist; Traditionen brechen über Nacht, Bildung
+vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg
+die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.
+
+Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja meiner Natur
+auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen Körpers bemächtige. Ich
+war nun dem umrißlosen Dämmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen,
+meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der
+Relation zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben;
+ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner
+Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration,
+der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut
+her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das
+Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, Gerüst, Baugrund,
+»Stoff« sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder
+ein Übereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück,
+Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches
+Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben:
+Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnuß, ein Ungeheures von
+Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam für die Tatsache
+Gesellschaft, für die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er
+besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar
+erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und Geistern der vor
+ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwürdigkeit und gültige
+Prägung erhalten haben. Dem Engländer liegt eine seit Jahrhunderten
+gebahnte Straße öffentlichen und privaten Lebens vor, unumstößliche
+Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer
+Vergangenheit, die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft,
+mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des
+Geringsten im Volke fast stets gewiß; in Rußland wird Überlieferung und
+fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentümliche Freiheit und
+Urbanität der Führung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr
+selbstverständlich und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges
+Sichabschließen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht
+existieren und nie existiert haben.
+
+Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche
+Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er
+Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus,
+so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen.
+Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert,
+krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein,
+unmaßgeblich und ohne typische Prägung. So ist auch, was sich im
+»Wilhelm Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«,
+Synthese, Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast
+von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten,
+poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. Größe, Charakter,
+Bedeutung können dem deutschen Roman in seiner höchsten Stufung immer
+erst durch den Schöpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß,
+als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman
+ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während der
+englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch für
+die Nation repräsentativ.
+
+Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter
+(den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die
+Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter
+nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac
+Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der
+deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine
+Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so
+spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso
+sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die
+Würde.
+
+Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich
+eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie über die flache
+Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen?
+Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten
+darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich
+brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen
+Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in
+Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, menschliche
+Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, ein umschlingendes Band.
+Statt dessen fand ich mich zurückgeworfen und isoliert unter dreifach
+erschwerenden Umständen: als Literat; als Deutscher ohne
+gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehörigkeit.
+
+
+
+
+13
+
+
+Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden von Zirndorf«
+schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in
+Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu
+betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwärtige, das
+werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten,
+sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir
+die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat.
+
+Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie man einen Traum
+erzählt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt
+hätte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht
+erschrocken, aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es
+entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, dann
+wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier mit einer Katze
+als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll
+winziger Zeilen beständig in der Brusttasche. Die äußere Lage war die
+mißlichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich
+war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst
+nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schluß
+gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer
+Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder
+Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.
+
+Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend
+zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung,
+und sie fühlten sich bestätigt. Ich trat von Anfang an mit offenem
+Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten
+sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als
+Jünger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich nicht im
+Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lästerten; ich
+galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei
+Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik außer der des
+Schweigens töricht und schädlich. Die deutsche Welt verhielt sich
+gleichgültig oder ablehnend bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die
+für die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im
+allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im
+Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den
+Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel.
+
+Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich selbst. Die
+Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden
+erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer?
+wurde zunächst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein
+Künstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen
+lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele haben, aber
+auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein
+erzeugen keinen Körper. Es schien mir von alles überragender
+Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein
+jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf,
+Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre;
+vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwärmerischen in
+Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nächsten Freunde
+mißverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklären, denn über
+dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das
+Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an
+keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes binden und
+verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist außerordentlich
+schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben.
+Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um
+Läuterung und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß,
+Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um
+meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst
+konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt
+aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören;
+ich mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie von
+Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, ich mußte die
+glühendste Überredung, die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere
+sich mit einem »seht her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich
+hatte mich ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich,
+gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu
+wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald den
+Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben
+Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal
+meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. Andere hatten laufenden Kredit.
+Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte
+mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen
+einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein und auf
+erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.
+
+Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und
+begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von
+unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich über seine
+Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem Erreichten zufrieden
+sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung;
+daß man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen,
+hörten, fühlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran
+ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft
+labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte und schuf
+wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins und Gefühls eng
+verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelöst hatte und mit einer
+andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der
+Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger,
+ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden
+unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt würde; dazu das
+brodelnde Gewühl einer noch unerlösten Gestalten- und Bilderwelt in mir
+und nie weichende Sorge um die Existenz.
+
+
+
+
+14
+
+
+Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den »Caspar Hauser«.
+Ich halte mich zunächst an diese beiden Beispiele meiner Produktion,
+weil sie, ohne daß ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern
+will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend
+und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das
+andere nach der des deutschen Problems.
+
+Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein
+Großvater väterlicherseits, der als Seiler und später als Handelsmann in
+Zirndorf lebte, hatte ihn in Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen
+und erzählte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So
+berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten Leute,
+stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich
+von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo Hauser sein seltsames
+Leidensdasein verbracht und geendet, in Nürnberg die Burg, das
+Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den
+Hofgarten mit dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war
+diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an Dingen, das
+noch Währende der Landschaft.
+
+Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als ich lernte,
+Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatürlich
+wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte,
+Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder
+entzog ich mich der Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt,
+was Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen.
+Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, schrieb ich nur wie
+zur Übung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging
+jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der
+einschlägigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den
+Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das
+Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung,
+wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und
+Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger
+Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum
+Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die
+Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und
+wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im
+Licht.
+
+Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis dorthin
+gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die
+erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realität
+unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches
+Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision wurde,
+daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und ich sah mich zu
+langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den
+Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an
+mich; es war etwas Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das
+Zurückhaltung zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu
+unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete ich mit
+ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir
+Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer
+Erzählung kam zutage, daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in
+hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und
+-Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt
+hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen
+hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am sonderbarsten durch den
+tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem
+Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener
+Bruder von ihr, dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu
+reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von
+meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre
+Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das
+leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber
+der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich
+nun plötzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, daß sie auch
+mit Vornamen Clara hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der
+frauenhaften Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der
+kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt.
+
+Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung des Buches
+ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es
+endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den
+Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der
+Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen,
+den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß und
+Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehörigkeit erhärten,
+das Vorurteil der Fremdheit besiegen könne. Aber in dieser Erwartung
+wurde ich getäuscht. Zunächst erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die
+historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen
+Beschimpfungen und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über mich nieder,
+den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lügenfabel von fürstlicher
+Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt und zum Vergnügen eines
+sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß
+Professor Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in
+seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und wo, längst
+die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser ein schwachsinniger
+Betrüger gewesen sei, der die öffentliche Meinung Deutschlands und
+Europas zum Narren gehabt; daß es eine naive Anmaßung und Unwissenheit
+sei, das seit einem halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen
+neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und daß
+ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet wählen
+möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und Ärgernis zu erregen.
+
+Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, daß
+Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, für den ihn Daumer
+und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder
+totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege,
+glaubwürdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden
+einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die
+Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte
+Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darüber,
+was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei
+ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen,
+daß der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte
+Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte
+Schuld.
+
+Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern
+verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die
+Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem
+Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in
+einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und
+ich dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir nicht um
+Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe außer Frage. Es
+war mir auch nicht darum zu tun, daß der oder jener Beifall zollte, die
+Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal
+darum war mir letzten Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu
+erschüttern, Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt
+immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen
+Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur
+Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu verhilft, daß unter tausend zehn zum
+Gefühl des Besseren erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche
+Brust gesenkte Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist wohl
+wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis tötet
+den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und
+mag es nicht genügen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich
+für ihn erklären; wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn
+stoßen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde
+werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und dort unter
+aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als
+zufällig Getroffene, sei es als wählend und sichtend Berührte. Ihm geht
+es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es
+liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle
+der Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre
+Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten
+Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmäßigen, vom
+Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung großen Stils
+unmöglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige
+Übereinkunft fehlt und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu
+Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages,
+überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen
+wird wenig geachtet, und sie müssen sich in esoterischer Tätigkeit
+bescheiden. Je schwächer aber der Anteil eines Volkes an den
+Hervorbringungen seiner Schöpfer ist, je herzensmatter und
+unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je
+unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer
+ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner
+Gesetzmäßigkeit. Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum
+Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger
+Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender
+Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund
+enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer
+getrieben; er muß morgen schmähen, was er gestern bejubelt, das
+erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn
+aus dem falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit
+Staub.
+
+Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte und erobern
+konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich’s mir heilig und
+schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich lesen oder spürte, daß es
+im Sinnen und Meinen lag: der Jude.
+
+
+
+
+15
+
+
+Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare
+Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt
+nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf.
+
+Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade
+der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum
+verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische
+Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der
+bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich
+erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie
+sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der
+Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas
+dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder
+durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug
+ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm
+erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es
+selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit,
+sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich
+vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden.
+Der zuletzt den Stahl führt, ist nur ausübendes Organ; gemordet hat ihn
+jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die
+Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder
+geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der
+Clara von Kannawurf.
+
+Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der
+Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl
+sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch
+der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das
+Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln
+mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist
+und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht
+beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es
+billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste,
+und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom
+Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme
+und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den
+Erweckten.
+
+Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen
+geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich,
+als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben,
+ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir
+die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das
+verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft
+daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer
+Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher
+jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder
+auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des
+Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als
+volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten
+ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden
+wäre, sie sich’s wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie
+manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das
+sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja
+überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in
+romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am
+Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach
+innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was
+die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht
+auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine:
+es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude
+ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb.
+
+Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies
+vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr-
+und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch
+das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten
+Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau
+und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden
+Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem
+auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine
+deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.)
+Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche
+Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer
+ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es
+wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das
+bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu
+brechen.
+
+Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und
+Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes,
+Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil
+verwundet bis zurück ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich
+wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits
+macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den
+Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt
+und gewonnen.
+
+Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich
+gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir
+herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich
+anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich’s, in die
+sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein
+Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben
+vermag.
+
+Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals
+voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der
+übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund
+solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn
+nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den
+Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was
+wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln,
+man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du
+blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare
+Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren
+Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel
+nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller
+Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual.
+
+So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen,
+wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was
+du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt
+froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine
+unerschütterliche Überzeugung ist, daß alles, was du bildest und
+formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann.
+
+Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge,
+so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und
+Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat
+von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem
+Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der
+Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die
+Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von
+geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er
+voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und
+Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die
+Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags
+nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er
+ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie
+soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen
+muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er
+betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich
+sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist;
+es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von
+ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es
+ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei
+Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll,
+keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch
+Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die
+Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager
+der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis
+der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte
+und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung?
+
+Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der
+Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen,
+höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie
+müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder
+überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben
+befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt.
+
+Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht
+einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch
+nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit
+Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat,
+hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch
+nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des
+Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der
+plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an
+die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten
+wird.
+
+Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben
+und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich
+um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt?
+
+
+
+
+16
+
+
+Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum
+zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren,
+die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den
+»Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische
+Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das
+»Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten
+Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie
+keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes
+Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der
+Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in
+sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues,
+wohltuendes Gefühl für mich.
+
+Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher
+Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung,
+sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt
+und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur
+Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein
+intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste,
+genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen
+Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum
+Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben
+entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber
+um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich
+zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das
+Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte,
+wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil,
+mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt
+aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte.
+
+Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges,
+Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies
+mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum
+Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch
+das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis
+zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur
+ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als
+eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage
+hat Interesse nur im Hinblick auf mein persönliches Problem. Manche
+haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte
+Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich
+verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt
+keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur
+Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie
+nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches
+Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut
+erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens.
+
+Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund
+wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen
+in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich
+Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der
+lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe
+Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich
+Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von
+ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte,
+bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen.
+Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht
+zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem
+Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man
+sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es
+immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat,
+denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es
+erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in
+entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis
+hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb
+Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner
+verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei,
+daß er einst für das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war,
+und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu
+wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er
+wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt,
+die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein
+eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch
+an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der
+Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner
+Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so
+peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war.
+
+Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo
+die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in
+Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren
+Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und
+Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen,
+obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem
+Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der
+junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann
+in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen;
+er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als
+Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen
+meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser
+hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze
+Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben.
+Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und
+wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er
+sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien,
+es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen
+derartigen Ausdruck von Haß, philisterhafter Bosheit und beleidigtem
+Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst
+es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich
+getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen
+Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten
+überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht
+gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er
+mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese
+Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.
+
+Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als
+die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr
+Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns
+einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete
+damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns
+zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit
+keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins
+gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht
+gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches,
+immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre
+vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen,
+daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier
+verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der
+Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte,
+aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines
+Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn
+geschrieben.
+
+Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem
+bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich
+freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als
+durch die Trennung der Wege und die Loslösung von gemeinsamen Zielen.
+Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die
+durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf
+ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der
+betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die
+Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht
+gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte
+keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung
+konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu
+bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein,
+als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und
+Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen,
+wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind,
+wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und
+Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges
+darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den
+Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung,
+der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der
+Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut,
+jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit.
+Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des
+äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das
+seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist,
+und worauf ich auch werde zurückkommen müssen.
+
+Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll,
+wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja
+solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische
+Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich
+unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen
+alte Bande, knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts
+zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die
+Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als
+ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen
+Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in
+einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei
+geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft
+preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als
+Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst
+verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin
+er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in
+den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und
+die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis
+davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn
+einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte
+ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam
+kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer.
+
+So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch
+Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die
+befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die
+Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen
+war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten,
+die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude
+ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was
+ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler
+die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und
+Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen
+Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die
+Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht
+mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur
+nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen,
+erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische
+Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld
+an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen
+Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar
+machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des
+Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger
+zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu
+bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide
+ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich
+verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer
+gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr
+um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das
+Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird
+auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt
+mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit;
+Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein
+Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die
+Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel
+vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe
+Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu
+leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da,
+das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in
+den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk
+die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann
+nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn
+mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.
+
+
+
+
+17
+
+
+Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten.
+Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir
+ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er
+lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit
+der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm
+ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent,
+der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er
+doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener,
+Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz
+verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst.
+Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm
+gewiß fühlbar wurde.
+
+Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung
+ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener
+Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem
+Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei
+alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also
+hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich
+mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm
+zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung
+sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine
+Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung
+freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus
+dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und
+Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe
+hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung,
+Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter
+Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der
+Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon
+zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam
+als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging.
+Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu
+entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir’s dann bequem werden
+zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit
+jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem
+»Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie
+Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen«
+gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern
+vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind
+Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben
+will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil,
+seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein
+Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf
+mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich
+damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich
+bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. – Was?
+Was ist umsonst? – Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in
+euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein.
+Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo
+die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist
+doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine
+geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch
+eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich
+war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein
+halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man
+erklärte die Kunst für neutral; heute wird der Mensch geprüft und
+gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift-
+und Krankheitskeime aussäen kann.
+
+Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung
+war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es
+war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch,
+Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu
+widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines,
+ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit
+danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht,
+ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn
+nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der
+geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender,
+fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien
+betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem
+Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will
+es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein
+Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns
+geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß
+deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie
+ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich
+gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel
+bestätigt.
+
+Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich,
+als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich.
+Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge.
+Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin
+nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines
+bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir
+sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich
+räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die
+Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer
+ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt.
+
+Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald.
+
+
+
+
+18
+
+
+Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und
+hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens
+nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den
+Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band
+mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit
+mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer
+erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben,
+dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon
+versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine
+bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende
+verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen
+Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht.
+
+Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen
+vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige
+russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen
+verwunschenen Kreis trat und, wenn ich’s recht bedenke, die erste
+Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu
+verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über
+das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war
+Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine
+junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns
+wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir
+uns wieder.
+
+Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine
+leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf
+Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen,
+williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich
+durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja,
+daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit
+naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch
+die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung
+gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des
+Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende
+Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte
+nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und
+nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt
+sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo
+verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.
+
+Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren.
+Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen
+Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es
+Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die
+Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich
+mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese
+österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch
+erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.
+
+Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und
+Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit
+und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen
+war durchaus alles fragwürdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform,
+Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik
+und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus,
+namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und
+Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu
+letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte
+führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung,
+die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige
+Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das
+öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld
+vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen
+Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem
+System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um
+sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht
+achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das
+Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte
+es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in
+seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt,
+gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie,
+des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen
+Ende lenken konnte.
+
+Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen
+Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich
+nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen
+Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des
+südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden
+Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das
+geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene
+Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden
+und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm
+es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder
+Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei
+Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor,
+unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste
+Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu
+unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich
+verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen.
+Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der
+großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo
+ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen
+meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise,
+nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und
+verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war.
+
+Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich
+zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am
+Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine
+Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes
+Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es
+war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus
+offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte
+mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose
+Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn
+erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten
+gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit
+abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig
+oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und
+überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem
+Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche
+Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose
+Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war
+verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben
+sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht.
+
+Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und
+Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht
+beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen
+vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller,
+ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein
+können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu
+erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die
+Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut.
+Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von
+beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger,
+einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit
+seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte
+wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches
+Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten
+darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich,
+ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine
+Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene
+Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der
+Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier
+konnte ich die Bogen wölben.
+
+Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie
+im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur,
+Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie;
+von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie
+getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr
+hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der
+Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle ist noch nicht
+überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da,
+Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung.
+
+
+
+
+19
+
+
+Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig.
+Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte
+und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von
+andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem
+Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit
+denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren.
+Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst.
+Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das
+Blickfeld beengte.
+
+Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden
+beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur,
+die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der
+Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war
+vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und
+Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht
+nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er
+fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen
+Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es
+nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere,
+Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der
+Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß
+die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher
+Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine
+Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten,
+Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern,
+Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie
+äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu
+sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten
+unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an
+bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier
+wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer
+Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist
+ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und
+Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares
+inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist,
+für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise
+einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut
+unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft
+hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn.
+
+Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum
+Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle
+Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet;
+apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges
+Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit,
+wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu
+bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an
+metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am
+meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von
+Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung
+trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen,
+Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht,
+Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es
+das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze;
+der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war
+untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal,
+zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war
+überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der
+Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich
+wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war.
+Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel
+durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern
+durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist
+doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.
+
+Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend
+hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für
+das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein
+nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft,
+wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr
+kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte
+glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am
+Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten
+Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen
+Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden,
+feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren
+erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als
+Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in
+skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft
+gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits
+literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände
+allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen
+mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den
+Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab
+es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche
+Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und
+finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum
+Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der
+Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter,
+denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und
+unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich
+durchzusetzen.
+
+Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im
+Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf
+eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere
+Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von
+den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die
+unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und
+Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die
+jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen
+Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung
+hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem
+Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war
+gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde,
+daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und
+weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot,
+verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die
+irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein
+schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu
+ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung
+begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie
+sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten,
+den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte.
+Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten,
+und ihre Welt war ein Kerker gewesen.
+
+Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen
+schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz
+anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt
+hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch
+eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von
+mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der
+Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder
+Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und
+als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben
+vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin,
+dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und
+mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen
+wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit,
+sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht
+willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten
+verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht
+bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein
+Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft.
+
+Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache
+gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit.
+Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde,
+Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand
+nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie
+mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung
+fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch
+nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus
+vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches
+Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation
+nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von
+Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als
+Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche
+Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des
+Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten,
+aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die
+jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch
+betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene
+Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den
+Weg.
+
+Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr
+Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren
+schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen,
+schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-,
+schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine
+Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den
+Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so
+geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die
+Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee,
+einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun
+gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen
+oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich,
+geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit
+und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist
+und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die
+Geschäfte eines jeden betreiben.
+
+Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm,
+bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu
+leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder
+zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja
+nur von Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir
+vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich
+keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele
+Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff
+oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt
+zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen
+Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß
+es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere
+einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich
+einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen
+Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern
+Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu
+suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind
+das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei
+Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten,
+da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß
+schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck
+bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als
+einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist?
+
+Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie
+sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als
+Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die
+Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag
+eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir
+sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten.
+
+
+
+
+20
+
+
+Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast
+du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft
+gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen.
+
+Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs
+dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle,
+dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei
+vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe
+Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die
+Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts
+erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr
+versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen
+Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der
+öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren
+Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die
+Karyatiden fast jeden großen Ruhms.
+
+In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine
+recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an
+die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad
+der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt
+wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis
+aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch;
+Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich
+äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich
+verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei
+Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der
+Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei
+Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen
+gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst
+dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich.
+
+Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden
+niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist
+verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden
+kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff
+des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem
+Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern
+Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem
+jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu
+untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder
+Sehnsucht die Furcht bedingt.
+
+In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden,
+verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und
+selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem
+blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu
+Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort,
+jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde
+sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein
+hysterisches Triumphgeschrei an.
+
+Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie
+ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder
+wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor
+kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in
+Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch
+dort sind.
+
+Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von
+gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein
+wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig
+geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und
+Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in
+beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln,
+ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde
+Anglomane, und zwar von strengster Observanz.
+
+Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den
+untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das
+Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich
+bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die
+Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch,
+Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das
+Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das
+Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger
+Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und
+ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie
+bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres
+Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen.
+
+Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der
+edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen
+unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk
+getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel
+stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt
+sozusagen agnoszierten.
+
+Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von
+Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie
+dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen
+Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine
+Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als
+welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit
+gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß
+nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die
+Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr
+später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich,
+wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte
+Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies
+muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und
+blauäugig war.
+
+Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher
+geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so
+wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend
+ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur
+ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen;
+verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine
+sichtbare Wandlung, das Seltenste.
+
+Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei
+ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit
+nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und
+Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine
+mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur
+Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben.
+
+
+
+
+21
+
+
+Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber
+ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher
+Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen,
+Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits
+die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung,
+baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade
+noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.
+
+Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen
+hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur
+dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein
+mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede
+arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen
+ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder
+Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist.
+
+Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber,
+wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die
+durstig daran hängen.
+
+Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und
+Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet.
+Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das
+ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein
+Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt,
+sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche
+überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts.
+In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran
+mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten
+Nachdenkens.
+
+
+
+
+22
+
+
+Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die
+aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung
+ausgeht.
+
+Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht
+oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische
+Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im
+Gefängnis gestorben, seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist
+bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und
+flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und
+ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen
+Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland.
+
+Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum
+bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit
+sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die
+Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand,
+der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich
+entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb
+zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches
+Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem,
+tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an
+ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus
+getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte
+und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt.
+Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine
+Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie
+nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit
+jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der
+Katastrophe.
+
+Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine
+Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu
+machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei
+Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet,
+warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen
+Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum
+Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem.
+Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus
+seinem Wesen gehört hätte. Ich hätte es lieber gehört; es hätte auf
+Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert
+gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten.
+
+Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des
+Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war
+nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern
+er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die
+noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die
+vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über
+diese zum Richter auf.
+
+Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem
+Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt.
+Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um
+sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum
+verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie
+unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er
+bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen
+Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten
+beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und
+Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und
+korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und
+der, den Gott verstoßen hat.
+
+Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht
+davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat
+er ja seine Logik und sein Wissen.
+
+Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen
+ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der
+zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und
+Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die
+These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser
+Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen entzogen? Ist es
+Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb
+oder herostratisches Gelüst?
+
+Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin.
+
+Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine
+dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich selten. Aber die Seltenheit
+mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind
+späneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine
+Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung und
+Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwächerer, der
+Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der
+mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist.
+
+Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die
+Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; die
+geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen
+und die Gottsucher; die am Wort hängen und ans Wort glauben; die
+dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher;
+die Piraten des öffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur;
+alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen – Legionen. Es
+fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus
+miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne
+Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen – Legionen. Sie alle waren
+vielleicht einmal ein Ausdruck der Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine
+lebendige Phrase.
+
+Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung.
+Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das Bild, entfleischt die
+Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht
+nicht mehr die Gestalt und löst sich los von Sein und Werden.
+
+Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt,
+wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzündeten
+Zelle, die sich weiter frißt und endlich als Krebsgeschwür den Körper
+zerstört. Sie bläht sich und bläht sich und frißt und frißt und
+verfinstert die Erde und den Luftraum.
+
+
+
+
+23
+
+
+Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die
+Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur
+gegenwärtigen Stunde Deutschland ist.
+
+Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war
+und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht
+überraschend für mich.
+
+Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein
+wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben.
+
+Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da
+aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf
+die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig
+anbiß.
+
+Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen
+verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen
+in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in
+einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die
+deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven
+Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort
+war die Zentralhexenküche.
+
+Es ist nicht meines Amtes.
+
+Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im
+juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.
+
+Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen
+Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem
+Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der
+vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht
+wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in
+Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer.
+
+Juden sind die Jakobiner der Epoche.
+
+Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden
+werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung
+beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich
+in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun
+eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in
+die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom
+Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So
+müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der
+Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne
+gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und
+ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte
+Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären.
+Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt
+haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat,
+man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt.
+
+Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer und Hüter
+der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes.
+
+Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht
+abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der Haß lodert weiter. Er
+macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht
+nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel.
+
+Es ist der deutsche Haß.
+
+Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit
+ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein.
+Man weiß von ihnen, daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man
+weiß, daß sie ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als
+eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?
+
+Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß.
+
+Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. Immer, wenn
+es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in
+jeder heiklen Situation machen sie die Juden für ihre Verlegenheit
+verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der
+Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die
+Kurfürsten und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge
+mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher
+funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.
+
+Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich eine
+Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher
+Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem
+Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen
+Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei
+Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der
+Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, ich weiß
+aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel
+widereinander, und es war mir zumute, als müßten die in beiden Spiegeln
+enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen.
+
+Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig
+Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches.
+
+Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man
+darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Güte.
+Ein wesentlicher Defekt muß da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so
+gewohnheitsmäßig, so skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen
+Auseinandersetzung zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem
+Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, in
+Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Völker zu
+marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen Hader sät, solch
+berghohen Haß häuft.
+
+Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.
+
+Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein.
+Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung und Mittelpunktslosigkeit.
+Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg über alle Feinde und auf
+Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott
+erfunden, der, wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen
+patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen,
+Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der
+Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. Unvereinbare Gegensätze
+individueller Wesenszüge: praktische Regsamkeit und Träumerei; Gabe der
+Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb,
+Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu
+dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben
+ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris führt, zu Hoffart und
+unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schließlich das Dogma der
+Auserwähltheit.
+
+Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen blutende,
+eiternde Wunden. Im schwächeren Körper unheilbare Wunden.
+
+Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere
+reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern
+Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende
+Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure
+asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und
+das arische Prinzip von der Erde vertilgen.
+
+Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und wer dann jene
+Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre auch nicht gedient, wenn
+ich mit Engelszungen redete.
+
+Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig. Die
+Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges,
+knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche sittlicher Entrüstung, die
+die Engländer vorbrachten, über sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen
+aber irgendein Engländer zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so
+begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk
+gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich
+ist.
+
+Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im
+Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Söhne hatte, einen elf-,
+einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. Einmal ließ er sich mit ihnen
+in ein Gespräch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der
+Elfjährige sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein Millionär.
+Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der
+finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich überhörte,
+sagte endlich zu dem Bedränger: Erde will ich werden wie du.
+
+Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken
+zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, daß die Deutschen
+stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden,
+nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwände und
+Verschleierungen sein mögen.
+
+Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum
+wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane
+Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den
+Nachweis schließlich, den ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß
+Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir
+gefallen, damit kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel
+betören. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet.
+Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich
+da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art
+in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen
+freilich, das in die Zukunft deutet.
+
+
+
+
+24
+
+
+Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung wird die
+Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf.
+
+Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner
+Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan
+glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage.
+
+Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke
+geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es
+rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte.
+
+Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu
+werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul.
+
+Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen
+nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört.
+
+Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling,
+er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu.
+
+Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie
+sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit?
+
+Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es
+als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles.
+
+Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu
+streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben.
+
+Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.
+
+Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen:
+er ist ein Jude.
+
+In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte ich die
+wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in
+der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde
+ihres Anblicks nicht müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen
+sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter
+Gemordete, irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige Leiden
+Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und drängten sich in
+meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wußte, trieb mich die
+Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die
+Lebendigen bei ihnen an.
+
+So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten
+Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz
+und gar unerträglich.
+
+
+
+
+25
+
+
+Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung und
+Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu
+wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiefe; was auf der
+Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks.
+Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen
+die Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich
+kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame;
+Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte,
+Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und
+gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken;
+Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und auf die ich dennoch
+zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen
+ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und
+Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die
+unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer
+Werke spüre.
+
+Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich
+rechne, und zu denen ich mich stelle.
+
+Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und
+selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner
+Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge
+zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so
+faßt er doch nicht die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert
+meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich
+haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und
+Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich
+darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner
+Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir zuschreiben muß. Er meint, daß
+die Wut der Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die
+Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er übersieht aber
+die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren
+Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als
+Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu
+beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm,
+sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für
+die Deutschen als für die Juden leide.
+
+Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn
+auch am vergeblichsten?
+
+Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung,
+dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun?
+
+Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe,
+und ich schäme mich für ihn.
+
+Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der
+Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die
+Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon
+mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem
+Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand.
+
+Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch,
+der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein
+gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm:
+das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die
+Peitsche aus der Hand.
+
+Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre
+viel. Es wäre genug.
+
+
+
+
+26
+
+
+Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu
+beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet jeder
+Bemühung.
+
+Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt
+auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum verbietet sich dem, der
+sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem
+Ergebnis nur für die, die zur Anpassung geeignet sind, also für die
+schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.
+
+Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, Beklommenheit und
+Unfreude, zu schleppen nur für jene, die es auf pure Existenz und deren
+äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, unfaßlich für die Erleuchteten
+oder Seelenhaften, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser
+Einsamkeit und aussichtslosem Kampf –?
+
+Es ist besser, nicht daran zu denken.
+
+Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine
+Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder
+Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. Vielleicht hat
+er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als
+einen von ihnen betrachten.
+
+Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, in einem
+Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht
+umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr
+und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich
+spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene
+Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen
+beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahnenhafter und
+wahlhafter, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang
+ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb,
+weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen
+aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil
+beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen,
+zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung.
+Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja
+ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da
+ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es
+mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt.
+
+In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die
+Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst
+auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise die Verlorenen
+heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner und Ergreifer wird
+miterhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich, daß im Abstand von den
+niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts
+ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne
+finden.
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman. Dreiundzwanzigste Auflage.
+
+Der Moloch
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.
+
+Alexander in Babylon
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen. Sechste Auflage.
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman. Fünfzehnte Auflage.
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.
+
+Faustina
+Ein Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage.
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen.
+
+Der Mann von vierzig Jahren
+Roman. Vierzehnte Auflage.
+
+Das Gänsemännchen
+Roman. Sechsundsechzigste Auflage.
+
+Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+Mit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen
+Vierte Auflage.
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage.
+
+Der niegeküßte Mund
+Erzählungen. Dreiundsechzigste Auflage.
+
+Der Wendekreis
+Novellen. Neunzehnte Auflage.
+
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+ (Westermanns Monatshefte)
+
+
+Das Gänsemännchen
+
+In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« sein
+Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, voll
+unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt,
+Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und strahlende
+Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer
+Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und
+Krausheit des Bildwerkes.
+ (Der Tag, Berlin)
+
+
+Christian Wahnschaffe
+
+Dies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im
+Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt
+des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere
+Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und zu deuten
+versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt
+unerschöpflich auf und verebbt. – Es sind zeitlose Sätze darin von
+tiefer und langer Gültigkeit.
+ (B.Z. am Mittag, Berlin)
+
+
+Der Wendekreis
+
+Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der
+unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und
+eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen
+Novellenbuches. Ein #Theatrum mundi# tut sich in den sechs Novellen auf,
+so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne
+sich offenbart.
+ (Leipziger Tageblatt)
+
+
+Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltung
+p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes
+
+Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:
+
+p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
+p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?)
+
+Das Originalbuch war in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fettdruck: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists
+all corrections applied to the original text.
+
+p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung
+p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes
+
+The following peculiar spellings have been kept:
+
+p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
+p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Boldface: =bold face text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
+
+***** This file should be named 17413-0.txt or 17413-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/4/1/17413/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+electronic works
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
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+
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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