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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:51:05 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mein Weg als Deutscher und Jude + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Mein Weg + als Deutscher und Jude + + von + + Jakob Wassermann + + + + #..... vis animae conturbatur et divisa + seorsum disiectatur, eodem illo distracta + veneno. + Lucrez, III. 498.# + + + + 1921 + + S. Fischer Verlag Berlin + + + + Erste bis fünfzehnte Auflage + Alle Rechte vorbehalten + + Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + =Ferruccio Busoni= + + dem Freund dem Künstler + gewidmet + + + +Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und +Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt von innerer Not und Not der +Zeit – Rechenschaft ablegen über den problematischesten Teil meines +Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft, +nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, +die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen, +Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen. + +Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder +Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig +von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd. + +Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn nichts mehr gelten, +was mir schon einmal als bewiesen gegolten hat. Auf Beweis und +Verteidigung verzichte ich somit überhaupt, auf Anklage und jede Art +konstruktiver Beredsamkeit. Ich stütze mich auf das Erlebnis. + +Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über das Wesen jener +Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und Sein zieht und mir mit den +Jahren immer schmerzlicher fühlbar und bewußt worden ist. Der unreife +Mensch ist gewissen Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife. +Dieser, sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, was im +Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach der Besessenheit, in +der das Ich den Zauber des Unbedingten hat, und Welt und Menschheit +kraft einer angenehmen und halbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen +Willen in den Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In +dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und Zweck zu sein, +bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement wird, gleichsam +Schatten eines Körpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem +Maße wächst die Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und +unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was +man Realität und Erfahrung nennt. + +Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch bei der +genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite des Schicksals ab, wieviel +unvergeß- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterläßt. + + + + +1 + + +Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend +protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine +zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das +Verhältnis der Zahl der Juden zur übrigen Bevölkerung war etwa 1:12. + +Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten Judengemeinden +Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jüdische +Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blüte trat wahrscheinlich +erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem +benachbarten Nürnberg vertrieben wurden. Später wendete sich auch vom +Rhein her ein Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach +Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits, +die im Maintal in der Nähe von Würzburg seit Jahrhunderten dorfansässig +waren, so wie die von väterlicher Seite in Fürth, Roth am Sand, +Schwabach, Bamberg und Zirndorf. + +Beziehung zu Boden, Klima und Volk muß also den Generationen, die durch +dreißig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein +übergegangen sein, obgleich sie diesen Einflüssen entgegenstrebten und +als Fremdkörper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende +Beschränkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit und +der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten +Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und +edler Anlage, verblutete an ihnen. Daß finsterer Sektengeist, +Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten, +versteht sich am Rande. + +Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg, +war für die deutschen Juden der bürgerliche Tag längst angebrochen. Im +Parlament kämpfte die liberale Partei bereits für die Zulassung der +Juden zu den Staatsämtern, eine Anmaßung, die auch bei den +aufgeklärtesten Deutschen Entrüstung hervorrief. »Ich liebe die Juden, +aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen«, schrieb zum +Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund. + +Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner Jugend nichts mehr. +Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich +gewöhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begünstigte die Duldsamkeit. Ich +erinnere mich, daß mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger +Genugtuung sagte: »Wir leben im Zeitalter der Toleranz!« Das Wort +Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es flößte mir Respekt +ein, und ich beargwöhnte es, ohne daß ich seine Bedeutung begriff. + +In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus +vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und öffentlich. +Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und für die +fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich zählte, gab es eine +jüdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich +vor dem verführerischen und mächtigen modernen Wesen mehr und mehr ins +Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen; +diese wurde Sage, schließlich nur Wort und leere Hülse. + +Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten +seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu +erwerben. Er hatte in Geschäften eine unglückliche Hand. Er war ein +wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit +der Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen und großen +Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung +war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzüglertum der +Märzrevolution, das seine verwässerten Tendenzen ins neue Reich getragen +hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen +Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle, +von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch, +daß er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch +in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er +liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner +Reisen hatte er in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an +der Gästetafel gespeist; er erzählte oft mit Stolz davon, und in +späteren Jahren, als meine Kämpfe um den Schriftstellerberuf ihn +erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen +zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: »Was bildest du dir ein? +Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!« + +Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit +geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt hatte, aber mit großen +Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann +Versicherungsagent, eine Tätigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung +ihn mit den Seinen kaum über Wasser hielt und ihn außerdem mit dem +Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang +schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den Sechsundfünfzigjährigen +für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine beständige +stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: »Es waren die +ersten Ferien meines Lebens!« Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht +Tage nachher. + +Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit, +von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft +erzählt, daß Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf +ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir +auch erzählt, daß ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein +Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in +denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit. +Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod +hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte. + +Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr +verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, daß sie ihrer Zeit +nicht gemäß waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als +geistiger Spätling, die Mutter im Gemüt davon verdunkelt und beschwert. +Bei der Mutter äußerte es sich naturhaft und führte eine tragische +Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von +einem grundlosen, alle Sachverhalte verhängnisvoll verschleiernden +Optimismus begleitet, der ihm Enttäuschung über Enttäuschung brachte und +seinen Mut und seine Kraft zerstörte. + + + + +2 + + +Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und +ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dünkt, nicht besonders nahe, +da ich herausfühlte, daß sie weniger die Person als die Gemeinschaft +trafen. Ein höhnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick, +abschätzige Miene, gewisse wiederkehrende Verächtlichkeit, das war +alltäglich. Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der +Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt +wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb. +Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als +Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase +und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber +der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie +primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und +was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt, +schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß, +den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten +Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die +wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die +Gehässigsten waren darin die Stumpfesten. + +Das zunächst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fühlte +ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin +und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos +gelehrt. Sein böses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt +bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen +oder liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer gehört, die meisten sind +kalte Eiferer und halb lächerliche Figuren. Dieser, wie alle, bläute +Formeln ein, antiquierte hebräische Gebete, die ohne eigentliche +Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, Abseitiges, +Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektüre +des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom +Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im +Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja +unmenschlich und war durch keine höhere Anschauung geläutert. Vom Neuen +Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie Lichtschein durch eine +verschlossene Tür, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen. +Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich +in ein privates, sozusagen psychologisches Verhältnis zu ihnen treten +konnte, ein Prozeß, der sie individualisierte, im Sinne der Aufklärung +geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in +jedem Falle von der Religion ablöste. + +Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war lediglich +Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle Übung eingefleischter +Gebräuche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde +hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener Häuser im +quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen Städten +eines findet, und deren parvenühafte Prächtigkeit über die fehlende +Gemütsmacht des religiösen Kultus nicht hinwegtäuschen kann. Mir war da +alles hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch großer Worte, +unbegründete Lamentation, unbegründet, weil im Widerspruch mit +sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; Überhebung, +Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen +Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte. + +Die Konservativen und Altgläubigen hielten ihren Dienst in den +sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshäusern, oft nur Stuben in einer +entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch Köpfe und Gestalten, wie sie +Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und +glühend im Gedächtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen +wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die +lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und +Entbehrung, die ehrwürdigen Gebräuche wurden in entschlossener Hingabe +buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener, +wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost +oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber +Überzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft. + +In eine solche Schule mußte ich nach dem Tode meiner Mutter, als +neunjähriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit +Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr +hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch +zu sagen. Zehn männliche Personen über dreizehn Jahren mußten zu dem +Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die +Übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei +Schnee und Kälte, im Sommer um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu +üben, die aufgenötigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht +begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, sie dem +Geist zu verklären und so die Gefahr zu bannen, daß durch die Befolgung +eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur +vorübergehend, getrübt wurde. Dazu kam, daß im väterlichen Hause, +besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religiösen +Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse äußerliche +Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und +Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus Trieb und Zugehörigkeit. +Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest +seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch +geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem +Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der +Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz +abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von +Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau +betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit, +Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits +hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand +stützte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese +Frage wurde immer unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie +beantworten. + +Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen und +bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwärts stieß ich auf +Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener +Weg. Wenn ich sagte, daß ich von Pferch und Helotentum nichts spürte, +so bezieht sich das natürlich nur auf die rechtliche Konstruktion des +Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich +das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden +Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich höherer +Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verhält und +wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erwächst ihm die Erkenntnis seiner +Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer +Erfüllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden. + + + + +3 + + +Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner +alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als +auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen Synagoge. +Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, nichtssagend +in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner. + +Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu +fassen versuchten, einsames Denken und später Gespräche mit einem +Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter, +ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das +Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Maß, wie diese Idee sich als +unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelmäßigkeit, sei es durch +ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen +und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch gemäßer war, dieser Zeit +heilloser Verflachung und Verdünnung, die mit verstandener wie mit +mißverstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze +Gedankensphäre durch Bildung verfälschte. + +Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein Lehrer. Ich +verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und +Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich +hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung +zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die +Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die +Phantasie gerät in überschwellende Bewegung, und das Gemüt verliert den +Mittelpunkt. Wäre ich nicht als fragender Mensch in sehr frühen Jahren +nachhaltig eingeschüchtert worden, so hätte ich Brücken und Übergänge +finden können. Konventionen wären wichtig gewesen, leichte und +respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden, +den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des +Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder, +denn der Umstand, daß die unablässige Plage ihm, ihm allein, wie er +wähnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte ihn mit Scham, und er sah immer +aus wie vom bösen Gewissen gequält. Es war uns geradezu verboten zu +fragen, und Übertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs +inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, daß ich in +krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an +Dingfurcht, an Traumfurcht, daß in allem, was mich umgab, eine dunkle +Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verhängnis +zugekehrt, stets darin bestärkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast +bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand +ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke Spinozas in +zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung auf mich ausübten. Als ich +eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit +sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese Bücher lese, werde wahnsinnig. +Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Gedächtnis den Klang und +Sinn dieser Worte. So ähnlich war es auch mit allem Frohen, +Spielmäßigen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es +wurde abgedrängt, verdächtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein. + +Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die +mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewöhnlich vor der Herdstelle +und erzählte uns Geschichten. Ich entsinne mich, daß sie einmal, als ich +ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte: +»Aus dir könnt’ ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!« +Ich entsinne mich auch, daß mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens, +weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit +Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien wurde, zweitens, weil der +Begriff Christ damals noch ein unheimlicher für mich war, halb +atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente. + +In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des +Gekreuzigten, an Kirchhöfen und christlichen Priestern. Uneingestandenen +Anziehungen strebten ungewußte Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das +erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der +Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und +signalgebend in Redensarten wie im täglichen Geschehen. Von der andern +Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein Achselzucken, ein +geringschätziges Lächeln, abwartende Geste und Haltung sogar, um +Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares zu mahnen. + +Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht ergründen. Auch +als ich später das Wesentliche daran erfaßte, wies ich es für meine +Person fürs erste zurück. In der Kindheit waren ich und meine +Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker- +und Kleinbürgerwelt, daß wir dort unsere Gespielen hatten, unsere +Gönner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der +Goldschläger, der Schreiner, der Schuster, der Bäcker gingen wir aus und +ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden +mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und +sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte. + +Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht +Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht, +als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der +aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich +entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer +gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen. + +Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden +Jahren der Riß immer klaffender wurde zwischen meiner ungestümen +Forderung und ihrer Gewährung, so hätte ich mich verlieren, schließlich +mich selbst aufgeben müssen, wenn nicht zwei Phänomene rettend in mein +Leben getreten wären: die Landschaft und das Wort. + + + + +4 + + +Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des +Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hämmergestampfes, der +Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des +Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und +Lieblosigkeit im väterlichen Haus. + +Im Umkreis dürre Sandebene, schmutzige Fabrikwässer, der trübe, träge +Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere Wälder, triste Dörfer, häßliche +Steinbrüche, Staub, Lehm, Ginster. + +Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer Geschichte. Mit +uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, Brücken, Brunnen und Mauern, für +mich dennoch nie Kulisse oder Gepränge, oder leerer, romantischer +Schauplatz, sondern durch vielfache Beziehung in das persönliche +Schicksal verflochten, in der Kindheit schon und später gewichtiger +noch. + +Wenige Bahnfahrtstunden nach Süden: das hügelige Franken, Tal der +Altmühl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach alle Ferien bei der +Schwester meiner Mutter verbringen durfte, alle Sommerwochen des Jahres, +oft auch herbst- und winterliche. Die Landschaft von zarter +Linienführung, mit Wäldern, die gehegtes inneres Bild nicht so +beschämten wie jene anderen; Blumengärten, Obstgärten, Weiher, +verlassene Schlösser, umsponnene Ruinen, dörfliche Kirmessen, einfache +Menschen. Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und Pflanze; +Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; und so der Bauer, +der Händler, der Wirt, der Landstreicher, der Jäger, der Förster, der +Amtmann, der Türmer, der Soldat. Hier sah ich sie in reinen +Verhältnissen zu ihrer Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich +ausstieß. Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch +Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaßen in zwei +abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im lichteren zu vergessen, was +mich der finstere hatte erfahren lassen. Dort sozial angeschmiedet, +sozial erinnert, an die Kaste gepreßt, Parteiung erkennend, Unbill +wissend, im Häßlichen verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes, +krampfig, scheu, isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur +gegeben, in freundlicher Nähe zu ihr, durch ihren Einfluß, wenn auch +immer nur vorübergehend, losgesprochen von nicht abzuwälzender Schuld +und Anklagebürde, die sonst lähmend, ja zermalmend hätte wirken müssen. + +Über diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann die innere +Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor der Geburt mit in die +Welt bringt, die das Wesen und die Farbe des Traumes bestimmt, des +Traumes in der weitesten Bedeutung, wie überhaupt die heimlichen und +unbewußten Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche +Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und Gebirge, Höhle, +Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der unreifen Sehnsucht, der Aus- +und Zuflucht alles Ungenügens an der Gegenwart ist unter der inneren +Landschaft zu verstehen, vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens +selbst, der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein +wirkliches Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten +Wirklichkeit sich abspielende vielleicht bloß Spiegelung ist. + +In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne zu flunkern oder +zu dichten, ist fast unmöglich. Es handelt sich um Gefühlsintensitäten +und um Bilder von unfaßbarer Flüchtigkeit. Beinahe alles zu Äußernde muß +sich auf ein »ich glaube« beschränken. Man tastet hin, man ahnt zurück; +jede Erinnerung ist ja ein Stück Konstruktion. Es scheint mir +zweifellos, daß alle innere Landschaft atavistische Bestandteile +enthält, und ebenso zweifellos dünkt mich, daß sie bei den meisten +Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der Pubertät und dem +Eintritt in das sogenannte praktische Leben verwelkt, verdorrt, +schließlich abstirbt und untergeht. + +Ich war sehr naiv in meiner Abhängigkeit von Traum und Vision. Vision +darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte Zustände, unwahrnehmbare +Dinge und Figuren in Greifbarkeit zeigten. Im Alter zwischen zehn und +zwanzig Jahren lebte ich in beständigem Rausch, in einer Fernheit oft, +die den Mitmirgehenden und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose +Hülle ließ. Es ist mir später berichtet worden, daß man mich anschreien +mußte, um mich als Wachenden zu wecken. Ich hatte Anfälle von +Verzückung, von wilder, stiller Verlorenheit, und in der Regel war die +Abtrennung so gewaltsam und jäh, daß die Verbindungen rissen, und daß +ich wie gespalten blieb, auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen +war. In beiden Sphären lebte ich mit geschärfter Aufmerksamkeit, wie +überhaupt Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber es waren +keine Brücken da; ich konnte hier völlig nüchtern, dort völlig außer +mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte dabei alle Mitteilung, alle +Botschaft. Das erhielt mich in einer außerordentlichen, mich quälenden +und erregenden, für die Menschen um mich meist unverständlichen +Spannung. Staunen und Verzweiflung waren die Gemütsbewegungen, die mich +vornehmlich beherrschten; Staunen über Gesehenes, Geschautes, +Empfundenes; Verzweiflung darüber, daß es nicht mitteilbar war. +Vermutlich war meine Verfassung die: ich wußte, daß Unerhörtes oder +Merkwürdiges mit mir, an mir, in mir geschah, war aber durchaus nicht +imstande, mir oder anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war +gewissermaßen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat, +was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. Noch heute wüßte +ich nicht im geringsten zu sagen, worin eigentlich dies Verborgene, +verborgen Flammende, geheimnisvoll Jenseitige bestanden hat; ich muß es +für ewig unerforschbar halten, trotzdem es mir lockend erscheint, +einiges davon zu ergründen; es müßte dann auch zu ergründen sein, was zu +den Ahnen gehört und was zur Erde, was vom Blute kam und was vom Auge, +und aus welcher Tiefe das Individuum in den ihm gewiesenen Kreis +emporwächst. + +Mit der Darstellung dieser Kämpfe und Exaltationen ist ein Verhältnis +zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung aus der Not und +Notwendigkeit heraus zu erklären. Und wie sehr das Wort Surrogat und +Behelf ist, erweist sich in meinem Fall nicht minder offensichtlich, da +doch das Ding und Sein, worauf es sich bezog, unbekannt geworden und +hinter nicht zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, daß alle Schöpfung +von Bild und Form auf einen solchen Prozeß zurückzuführen ist. Ich +glaube, daß alle Produktion im Grunde der Versuch einer Reproduktion +ist, Annäherung an Geschautes, Gehörtes, Gefühltes, das durch einen +jenseitigen Trakt des Bewußtseins gegangen ist und in Stücken, Trümmern +und Fragmenten ausgegraben werden muß. Ich wenigstens habe mein +Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das +sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene +schmerzliche Bemühen eines manischen Schatzgräbers. + +Doch: Kunde zu geben, davon hing für mich alles ab, schon im frühesten +Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich stumm, geblendet und +mit Vergessen geschlagen in die niedrige Wirklichkeit verstießen, wollte +ich doch Kunde geben, denn trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum +Rande von ihnen gefüllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren +geriet ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit +überwindend, in zusammenhangloses Erzählen, das von Angehörigen, von +Hausgenossen und Mitschülern als halb gefährliches, halb lächerliches +Lügenwesen aufgenommen und dem mit Zurechtweisung, Spott und Züchtigung +begegnet wurde. An Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim +Linsenlesen, und es kam vor, daß ich dabei plötzlich zu phantasieren +anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und Abenteuer +dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose Nachbarn als Zeugen +sonderbarer Begegnungen anführte, mir selbst die höchsten Ehren, +höchsten Ruhm prophezeite. Die Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend, +schaute mich ängstlich verwundert an, ein Blick, der mich noch trotziger +in das unsinnig Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite +und beschwor mich mit Tränen, daß ich nicht der Schlechtigkeit verfallen +möge. + +Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine Not zum +Erzähler von Geschichten mit handelnden Figuren und geschlossener Fabel +wurde, muß ich festhalten, weil es weit über den kindlichen Bezirk +hinaus auf meinen Weg, auf meine Wurzeln wies. + +Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht +wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen +von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor +dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah +die Brotlaibe mit Zeichen, so daß sie erkennen konnte, wenn einer von +uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, daß +das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich hatte sie Mühe, mit dem ihr +zugeteilten Gelde zu wirtschaften, so wie mein Vater Mühe hatte, es +aufzubringen; desungeachtet glaube ich, daß die Kinder von Bettlern es +in dieser Hinsicht besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner +Mutter, ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, erfuhr, +wie übel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten in der Stadt +eine gewisse Summe für die Bestreitung dringender Auslagen, und ich als +Ältester erhielt wöchentlich eine Mark mit der Erlaubnis, dafür Eßwaren +für mich und meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe +in meinen Augen, und da es zu gefährlich war, das Geld bei mir zu +tragen, war ich bemüht, ein Versteck ausfindig zu machen. Mein Bruder +nun, der um fünf Jahre jünger war als ich, also ungefähr sechs, hatte +keinen andern Gedanken, als dieses Versteck zu erspähen, denn er war +unzufrieden mit der Verteilung, mißtraute mir, verlangte bei jedem Anlaß +mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, daß ich ihm zeige, +wieviel ich besaß. War der Zank einmal im Gang, so artete er gewöhnlich +bis zu Drohungen aus, und ich mußte täglich gewärtig sein, daß der +gierige Rebell mich bei der Stiefmutter denunzierte, eine Verräterei, +deren Folgen ich mehr als alles fürchtete. Insofern war mein Bruder im +Recht, als ich nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag für Brot, Obst, +Wurst und Käse ausgab, sondern mir außerdem noch billige Bücher +anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein Bruder und ich +schliefen in einer Art Verschlag in demselben Bett, und in meiner +Bedrängnis verfiel ich nun auf den Ausweg, ihm vor dem Einschlafen +Geschichten zu erzählen. Wider Erwarten fand ich an ihm den +aufmerksamsten Zuhörer, und ich nützte den Vorteil aus, indem ich jeden +Abend meine Geschichte an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er +sich dann während des folgenden Tages ungebärdig, so hatte ich +meinerseits eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklärte einfach, daß +ich die Geschichte nicht weitererzählen würde. Je verwickelter, +spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit war, je +erpichter war er natürlich, die jedesmalige Fortsetzung zu hören, und +ebenso natürlich mußte ich, um ihn im Zaum zu halten und nach meinem +Willen lenken zu können, alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe +rufen. Es war keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen +Forderer, und ich durfte nicht langweilig und nicht flüchtig werden. So +erzählte ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, im +Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide müde waren, und bis ich im +Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der Situation gelangt war, von der +ich selbst noch nicht wußte, wie sie zu lösen sei, die aber den +atemlosen Lauscher wieder für vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt +gab. + +Ich sagte, daß mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln wies. Auf den +Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, daß ein Mensch zu binden +ist, zu »fesseln«, wie der verbrauchte Tropus lautet, indem man sich +seiner Einbildungskraft bemächtigt, daß man ihn sogar vom Schlechten +abbringen kann, wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine +Wirklichkeit vortäuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen +richtet; daß man Freude, Furcht, Überraschung, Rührung, Lächeln und +Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um so stärker, je freier das +Spiel, je absichtsloser und je mehr vom Zweck befreit die Täuschung ist. +Der beständige Augenschein aller Wirkung hielt mich selbst in Atem, +weckte meinen Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur +Vervollkommnung meiner Mittel. + +Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer Trieb im +Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins Kleinbürgerliche +übertragen; schlummernder Keim, befruchtet durch Zufall und Gefahr. +Schehrasade erzählt, um ihr Leben zu retten, und während sie erzählt, +wird sie zum Genius der Erzählung schlechthin; ich – nun, um mein Leben +ging es nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz +und gar und bestimmte Denken und Sein. + +Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedürfnis wurde, die eine oder andere +der nächtlich erzählten Geschichten aufzuschreiben. Dies mußte in +größter Heimlichkeit geschehen, und es begann damit schon der Kampf. Daß +mein Treiben allmählich ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die +Stiefmutter sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen +Blätter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; Verwandte, Lehrer, +Kameraden stellten sich feindselig dagegen, beinahe derart, als ob ich +sie durch mein Unterfangen geradezu beleidigt hätte, und der zum +erstenmal bekundete Vorsatz, mich dem Schriftstellerberuf zu widmen, +rief bei den Bekannten Gelächter, beim Vater den heftigsten Unwillen +hervor. + +Die Sache war die, daß ich dem Onkel, jenem Bruder meiner Mutter, der in +kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen war. Darauf hatte mein +Vater seine ganze Hoffnung gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte +mir gelingen: reich zu werden; mich in einer großen Laufbahn als +Nachfolger des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine +Lieblingsvorstellung. Meine abgeirrte Neigung zu unterdrücken, ließ er +deshalb nichts unversucht. + +Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt in der +bürgerlichen Gesellschaft weder so häufig noch so erstrebt wie heute, +und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst aufgehört hat, das seltene und +kostbare Vergnügen weniger Erlesener zu sein, ist sie für die Vielen +Luxus, Ausrede und Gemeinplatz geworden, schließlich Betrieb, wie jeder +andere. Keiner will mehr hören und empfangen, alle wollen selber reden +und selber den Geber spielen. + +In meinem fünfzehnten Jahr hatte ich einen Roman geschrieben, ein +unsäglich dürftiges und abgeschmacktes Ding, und das Manuskript trug ich +eines Tages in die Redaktion des Tageblattes. Ein dicker Redakteur saß +verschlafen am Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein +Anliegen vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats unter +meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der Unterhaltungsbeilage der +Zeitung. Ich weiß es noch, es war ein Winterabend, wie mein Vater nach +dem Essen das Blatt zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen +Teller gelegt hatte, daß sein Blick auf mein Produkt fallen mußte, wie +ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der versorgte, müde +Ausdruck seines Gesichtes sich jäh veränderte, wie in seinen Augen +zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das aber bald dem Zorn, der Angst, +der Ratlosigkeit wich. + +Es gab schlimme Szenen, Vorwürfe, Drohungen, Beschimpfungen, Hohn. Auch +in der Schule wurde ich zur Rechenschaft verhalten, vor den Rektor +zitiert und wegen verbotener Publikation zu zwölfstündigem Karzer +verurteilt. Der Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die +Frau war seine getreue Spionin, so daß ich keine ruhige Arbeitsstunde +mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein das Bett verließ und +am Fenster, in einem leidenschaftlichen inneren Zustand, Blatt um Blatt +vollschrieb. In einer solchen Nacht brach in der hofseitig gelegenen +Fabrik meines Vaters Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug +Lärm, und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, die +Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde durch dieses +Unglück für seine Härte gegen mich bestraft. + + + + +5 + + +Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von der Unbill und dem +Gefühl erlittenen Unrechts nicht erdrückt zu werden, flüchtete ich mich +gern in die Vorstellung, daß der Weltgeist für mich im stillen wirkte. +Es war ziemlich wunderbar, daß ich an der kerkerhaften Wirklichkeit +nicht zerschellte. + +Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen +wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes +Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, jeder in seiner Weise. Beide waren +Juden, beide spielten eine typische Rolle in meiner Entwicklung. + +Der eine war ein schlanker, großer, blondlockiger Mensch, mit einem +Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe und besaß eine +ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres Beisammenseins und die +Beschäftigung mit den Werken der Dichter waren erstohlen, ihr Gepräge +war Schwärmerei. Mit unersättlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in +mich auf, Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in +diesem Bereich webte; zwischen dem Alltäglichen und der Region der +Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale Brücke, die heimlich +passiert werden mußte; hier war Kälte, Angst, Beengung, Kahlheit, +Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, Passion; und Wort, Bild, Traum waren +die Altäre eines verschwiegenen Dienstes. Möglich, daß der Freund mit +mir von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf +seine Schönheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum Kaufmann +bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da ich den künftigen +Garrick der deutschen Bühne in ihm erblickte, war die Tragödie unser +eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte in mir, meinem bewunderten +Garrick ein Shakespeare zu werden, und ich ging selbst an die +Verfertigung von Trauerspielen. Ich kannte keine Richtung oder Schule; +es war Sturm und Drang in mir, aus mir, Pathos und Überschwang aus +eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; und der +Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich schon die Unsterblichkeit +erlangt. Als uns das Geschick voneinander getrennt hatte und ich in die +Fabrik des Onkels nach Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer +Briefwechsel das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen +Episteln gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte. +Er aber verlosch bald. Ich merkte, daß ihm meine intransigente Haltung +unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen geistigen Qualen +wenigstens Echo zu sein, erschöpfte er sich in rührseligen und +verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, und eines Tages, als er +wieder lang und breit von der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben +hatte, beschloß ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie +wieder von ihm gehört. + +Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in Gunzenhausen, der +in München die Rechte studierte, drei Jahre älter als ich war, und den +ich stets in den Ferien zum Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem +ersten. Im Wachstum zurückgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der +durchdringendste jüdische Verstand gegeben, eine Fähigkeit, die +Schwächen und Blößen der Menschen wahrzunehmen und zu geißeln, die mich +ihn fürchten ließ. Meine dichterische Neigung verfolgte er mit beißendem +Spott, namentlich, wenn junge Mädchen dabei waren, vor denen er zu +glänzen liebte, und denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine +Belesenheit und Schlagfertigkeit imponierten. + +In dieser kleinen Welt war er das große Licht, die letzte Instanz der +Kritik, während ich als Poetaster und haltloser Schwärmer, der nicht +einmal den Weg humanistischer Bildung einschlug, eine mitleidswürdige +Figur machte. Durch nichts konnte ich mich vor ihm behaupten, durch +keine Anstrengung, keine Verheißung, keinen Hinweis; er zerpflückte mir +Wort und Leistung, verdächtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm zu +gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches Bemühen. Nicht +bloß, daß er Mißtrauen in meiner Umgebung säte, rief er auch Schwanken +in mir selbst hervor, und eingeschüchtert von seiner Beredsamkeit und +Argumentierungskunst, der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils, +der Überlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge, +betrachtete ich ihn als Richter und Führer. Als er sich endlich zur +Anerkennung meines Werbens und Kämpfens herbeiließ, legte ich in einer +wichtigen Stunde die Entscheidung über mein Schicksal in seine Hand. Das +kam so: + +Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar geworden. Ich +entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte mich bei der mir +zugewiesenen Arbeit lustlos und unverläßlich, entschlüpfte bei jeder +Gelegenheit dem starren Kreis, um im Verborgenen einer Neigung zu +frönen, die für befremdlich, schädlich, ja verbrecherisch geachtet +wurde; die Tage verbrachte ich in einer verworrenen, ja somnambulen +Gemütsverfassung, die Nächte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd, +berauscht, entselbstet vor meinen Manuskripten. Daß ich da lauter leeres +Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es handelt sich in solchen +Epochen der Entwicklung weniger um Qualität als um Intensität. Die +Folgen waren häusliche Auseinandersetzungen, Vorwürfe der Undankbarkeit, +Besserungsversuche, Strafmandate, Predigten, Hohn. Daß in meinem +abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen könne, von der +Möglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar nicht erwogen; mein +Onkel, ein gütiger, einfacher, obwohl schwacher Mensch, Einflüssen +ausgesetzt, die ihm mein Bild verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave, +drohte, mich mit Schimpf davonzujagen, und allerdings mußte es mir als +das Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, oder, +wie es später auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit als +Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen. + +Es war da ein langjähriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, der eine +eigentümliche geistige Ähnlichkeit mit meinem Freund hatte. Scharfer +Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, literarisch unterrichtet, +gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild von jenem aus älterer +Generation, nur daß er mehr Welt und mehr Bonhomie besaß. Derselbe Typus +heute hat überhaupt nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei +oberflächlichem Urteil bedünken, als hätte der Typus an Positivität des +Geistes gewonnen, was er an Gutmütigkeit und Schliff verloren hat. Aber +das ist nur Schein. Zieht man die Hülle weg, so steht ein Leugner da, +jetzt wie vordem, ein Entgötterter, ein Opportunist aus still nagender +Verzweiflung, deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam, +mit der nämlichen Rückhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schloß ich +mich an den älteren an, um in genau der nämlichen Art enttäuscht zu +werden. Die spezifisch jüdische Form von Weltklugheit ist mir im Laufe +meines Lebens vielfach verhängnisvoll geworden, weil ich mit völlig +anders eingestellten Sinnen unvermögend war, die praktischen Nutz- und +Nahzwecke auch nur wahrzunehmen, dabei aber mit der äußeren +Verantwortung häufig, mit der inneren immer beladen wurde. + +Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, wurden von ihm +verworfen und verlacht, waren dann auch in Gesellschaft das Ziel seiner +geistreichen Sticheleien. Doch ließ er sich zu Besprechungen mit mir +herbei und gab mir den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der +Onkel die Mittel dazu bewilligen würde, und er versprach, ihn dazu zu +überreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen Aussicht, +an meinen Freund in München, schilderte ihm, wie die Dinge lagen, +schrieb vorgreifend, daß ich möglicherweise auf die Unterstützung meines +Verwandten zählen könne und fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir +beistehen, mich zum Examen vorbereiten würde. Die Antwort war über +Erwarten herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens und +Strebens, das er, der sonst so kühl abwägende, mir machte, war so +verführerisch, daß ich plötzlich die Geduld verlor, mit dem Onkel und +seinen Beratern weiter zu verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890 +heimlich meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fünfzig oder +sechzig ersparten Gulden nach München flüchtete. + +Ich entsinne mich noch sehr gut der nächtlichen Fahrt im Personenzug, +weil ich mich während ihrer ganzen Dauer in einer Stimmung befand und +ihr gemäß handelte, die nicht oft wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich +saß in einem trüb erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa +dreißig Menschen, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern, auch Frauen und +Mädchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht hindurch, hielt +ich die Leute mit ausgelassenen Späßen, lustigen Geschichten und +unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwährendem schallenden Gelächter, in +das auch die Schaffner einfielen. Alle die lachenden, feuchten Augen +waren gespannt, dankbar-entzückt auf mich gerichtet, und ich erinnere +mich noch eines mageren alten Bauern, der vor Lachen förmlich weinte, +und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit Äpfel zusteckte +und meine Hand tätschelte. Ich hatte Vergnügen daran, zu beobachten, wie +die Traurigkeit, Bitterkeit, Wundheit in mir im selben Maße wuchsen, in +dem ich mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinriß. So frech +in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem Antrieb +jugendlich-selbstgefälliger, selbstbetrunkener Menschensucht und +Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung außerordentlicher +Einsamkeit dabei im Spiel gewesen. + +Mein Freund, der Student, hatte gehofft, daß der reiche Onkel, den er +respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerüstet und mit seinem Segen +hatte ziehen lassen und war natürlich nicht erbaut, als es sich +herausstellte, daß ich von der Krippe weggelaufen sei und um Gnade erst +betteln müsse. Halbgezwungen machte er noch einmal den Fürsprecher +meines unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes +Monatsgeld bewilligt, so gering, daß es mich kaum vor dem Hunger +bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem Studium nicht die Rede +sein konnte. Die Laune meines Mentors wurde daher immer finsterer; ich +wurde ihm zur Last, er wußte nicht, was er mit mir beginnen sollte und +suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine +Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft und +prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner Kommilitonen, in den er mich +bisweilen brachte, galt ich als traurig-komische Person, Wildling, armer +Teufel, nach studentischen Begriffen unebenbürtig, Gegenstand der +Geringschätzung auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war, +und binnen kurzem sah ich mich in einer viel übleren Lage als vor der +Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein der Obsorge und +Voraussicht beging mein Freund die Verräterei, vor seiner Reise in die +Ferien an meinen Onkel zu schreiben, daß ich es mit den neuen Aufgaben +nicht ernst nehme, und daß er infolgedessen meinem Tun und Treiben nicht +länger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn sei mir nach +seiner Überzeugung verschlossen. Darauf wurde die Geldunterstützung, die +ich bis dahin bezogen, eingestellt, und ich befand mich im Zustand der +Hilflosigkeit und Verlassenheit, die noch um das Gefühl des Zweifels an +der Zukunft vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender +Bedrängnis, beladen mit einem voluminösen Epos in Blankversen zu einem +der berühmtesten Dichter Münchens wallfahrtete, um ein Urteil, einen +Fingerzeig, ein tröstliches Wort von ihm zu empfangen. Das Gegenteil +trat ein. Der große Mann, der sich mir kühl und majestätisch gab, riet +mir ernst, mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm +wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund bot. Ich +zürnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft davon +durchdrungen, daß in den Jahren der Entwicklung Werk und Gewirktes viel +weniger zu zeugen vermögen als der Mensch, das Schicksal, das er auf +sich nimmt und der Weg, den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen +Blickes als den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen +Verhältnisses, als dem zwischen gefeierter Autorität und schüchternem +Scholaren. + + + + +6 + + +Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und Wirken zu tun, als +ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht selber einbildete. Wonach ich +begehrte, war die Menschenwelt, eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk +und Gewirktes darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn +an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von Entbehrung, +von dem ich mir bestimmte Rechenschaft hätte ablegen können, nicht die +Erkenntnis umschriebener und begrenzter Widerstände, sondern nur ein +ahnendes, blindes Ertasten davon, das sich im Bewußtsein und in der +Seele kaum formulieren ließ, zur Greifbarkeit sich erst viel später +verdichtete. Denk ich zurück, so war es wie ein Herumtappen im leeren +finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang finden muß, bevor eine +sinnvolle Tätigkeit überhaupt in Frage kommt, ein System der Dinge +entstehen kann. + +Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem +einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines +Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art, +noch von denen meiner Wahl. Denn zu wählen hatte ich mich ja nachgerade +entschlossen, und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich mich +mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschluß geschieden, +diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich selber darzubieten, +ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem entfaltete sich also in seiner +ganzen beunruhigenden Wucht. + +Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mißverstanden werden. +Keine Regentenregung war in mir. Auch Vergeßlichkeit nicht und noch +weniger Nützlichkeitserwägung. Ich lebte in schmeichelnden, die mir so +nahe, so augenscheinliche Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von +allgemeinem Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen +nicht belehrt, noch nicht gedemütigt, Erfahrungen auch sonst schwer +zugänglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch verklärte Bilder, +und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug hielt mich ab, statuierte +Unterschiede der Klasse, Kaste und Rasse, der Herkunft und des +bürgerlichen Charakters auch auf mich anzuwenden. + +Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller Täuschung +für ein typisches Los, so daß mir die Menschenwelt in lauter einzelne +ebenso unbedingte Wesen zerfiel. Hiervon wurde meine Phantasie ins +Uferlose, Bodenlose, Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und +armselig vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verführung wurde, +anderseits Fatum und Gewissensbürde. + + + + +7 + + +Um nicht zu verhungern, mußte ich Zuflucht bei meinem Vater suchen, der +zu dieser Zeit in Würzburg lebte, selbst in kümmerlichsten Umständen. +Als wahrer verlorener Sohn kehrte ich zurück; wenn es auch ohne Dramatik +abging, ohne Schmerz und Demütigung ging es nicht ab. Er ließ mich +fühlen, daß ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht hatte und +zeigte sich mir noch finsterer und kälter als vordem. Am erbittertsten +war die Stiefmutter über den unwillkommenen Kostgänger, an den sie +Wohlwollen ohnehin nie verschwendet hatte. Es war schlimm, gleichsam +betteln zu sollen um die Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war +alles von da ab. + +Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den alten Gassen und +Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf dem Hofgartenwall, im +Veitshöchheimer Schloßpark und verschanzte mich, da ich keinen Gefährten +hatte, kein Paar Augen, die mich freundlich grüßten, in +Einsamkeitswollust und Einsamkeitshochmut. Draußen waren Geister in +Bewegung, ich spürte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang +auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und neuen +Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu denken und sah +keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, aber es war auch ein +sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum vom heimlichen Kaiser, den gerade +die Verstoßenen manchmal selbstverliebt in sich nähren. + +Indes wuchs die Sorge meines Vaters über das arbeitsscheue Treiben, und +er forderte, daß ich dem Onkel einen Abbittebrief schreiben und ihn +durch das Gelöbnis der Besserung bestimmen solle, mich wieder +aufzunehmen. Mich zu sträuben war umsonst, die Quälereien wurden zu arg. +So fügte ich mich ins Unvermeidliche und verfaßte mit schriftstellerischer +Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verächtlich sagte, +die seien schöne Wortfeuerwerke. Doch willigte er in eine Probezeit. +Sein Haus und seine Fabrik sollten mir verschlossen bleiben, bis meine +Führung bewiesen, daß ich von den »Wahnideen« geheilt sei. In der +Familie eines seiner Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es +waren einfache, aber lärmende und triviale Menschen, denen ich als Neffe +ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich mißglückter +Literat lächerliches Geschöpf war. Ich trat als Lehrling in ein +Exportgeschäft, was von Beginn an eine kaum erträgliche Fron war. Der +Chef war ein cholerischer Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder, +stadtbekannter Wüstling. Im ganzen Betrieb herrschte eigentümliche Tücke +und Aufsässigkeit. Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von +mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines niedrigen +Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. Zehn Monate nahm ich +mich zusammen, um meinem Versprechen treu zu bleiben. Ein frecher +Bubenstreich machte der Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages +während meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische +Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wußte von +nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte es, +mich zu verteidigen, verließ den Posten und erklärte meinem Onkel +rundweg, daß ich mit solchen Menschen nichts mehr zu schaffen haben +wolle. Eine junge Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte, +ruhte nicht, bis sie die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum +Geständnis gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spät. Der +Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamität geworden, und man +wollte mich los sein, wenn nicht auf gute Manier, so auf schlechte. Es +wurde beschlossen, daß ich mein Militärjahr absolvieren und, falls ich +nach Verlauf dieses Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem +Schicksal überlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Würzburg +geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. Zur +Bestreitung der Kosten wurde die Hälfte eines kleinen mütterlichen +Erbteils flüssig gemacht, etwa tausend Mark; und davon sollte ich nicht +nur ein ganzes Jahr leben, sondern auch die unerläßlichen Ausgaben für +den Dienst, die Uniformierung, die Repräsentation aufbringen. Ich trat +sonach in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglückselige +Mischung, wie ich bald spüren sollte. Jude und arm, das erregte doppelte +Geringschätzung, bei der Mannschaft wie bei den Offizieren. Im übrigen +beging ich gleich zu Beginn eine Torheit und Einfältigkeit, von der das +Odium während des ganzen Jahres an mir haften blieb. Lächerlicherweise +nämlich schloß ich das schriftliche #Curriculum vitae,# dessen +Anfertigung in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermütigen +Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen +Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv hatte. Der Feldwebel las +die gereimten Verse beim Rapport unter allgemeinem Hallo vor und hielt +mir eine niederschmetternde Standrede, als hätte ich das gesamte +deutsche Heer verhöhnt. + + + + +8 + + +Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es dem +Zufälligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine eigentliche +Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern nur Darstellung +eines schicksalhaften Konflikts, genüge als Zusammenhängendes der +bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen soll, wie ich geworden, und +auf welchem Boden ich gewachsen bin. Der Weg wird nun schmaler und +bestimmter, die Richtung energischer sein müssen, Gebot der Verknüpfung +hat zurückzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden. + +Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als Soldat meine +Pflicht zu tun und das geforderte Maß der Leistung zu erfüllen, wozu +bisweilen keine geringe Selbstüberwindung nötig war, gelang es mir +nicht, die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte +bald, daß es mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre, +daß es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an +der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz, +die befriedigende Leistung selbstverständlich zu finden, die +unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von gesellschaftlicher +Annäherung konnte nicht die Rede sein, menschliche Qualität wurde nicht +einmal erwogen, Geist oder auch nur jede originelle Form der Äußerung +erweckte sofort Argwohn, Beförderung über eine zugestandene Grenze +hinaus kam nicht in Frage, alles, weil die bürgerliche Legitimation +unter der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. Aber dies +ist ja hinlänglich bekannt, niemand hat sich schließlich mehr darüber +gewundert, auch ich war von vornherein mit der Situation vertraut, was +ja an sich schlimm genug ist und eine beständige Trübung der allgemeinen +Lebensstimmung herbeiführen muß. + +Auffallender, weitaus quälender war mir in dieser Beziehung das +Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete ich jenem in den +Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem +der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch +die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß +hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der +Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des +Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und +Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie +des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, +Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit +der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und +Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein +deutscher Haß. + +Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst dieser +Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit klar zu werden +versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten. Und so erging es auch mir. +Kam hinzu, daß die katholische Bevölkerung Unterfrankens, reichlich +durchsetzt mit einem unerfreulichen Schlag noch halb ghettohafter, +handelsbeflissener, wuchernder Juden, Krämer, Trödler, Viehhändler, +Hausierer, einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanität und +natürlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stämmen stand und das +Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmärchen, +bischöfliche Bluterlässe, mörderische und gewinnbringende +Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne trug. + +Es geschah, daß ich zu einem jungen Menschen in förderliche Beziehungen +trat; wenn dann die gewisse Enthüllung unvermeidlich war, zog er sich +entweder vorsichtig zurück, oder er gab sich eine Weile unbefangen, um +schließlich doch ein schwer bekämpfbares Mißtrauen durchblicken zu +lassen, oder er ließ mich verstehen, daß er in meiner Person eine +Ausnahme statuiere und sich seines begründeten Vorurteils zu meinen +Gunsten entäußere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher noch +können wir es ertragen, daß das Individuum in uns für minderwertig +proklamiert wird, als die Gattung; eher noch darf der Charakter +verdächtigt werden, als die Geburt; gegen jenes kann man sich retten, +man kann den Irrtum beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn +widerlegen zu können; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele +machtlos, und der gehütetste innerste Spiegel des Bewußtseins trübt und +befleckt sich. + +Als ich nach der Entlassung vom Militärdienst nach Nürnberg kam, wo man +mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete Stellung in einer Kanzlei +angeboten hatte, war ich in einem wesentlichen Teil des Verhältnisses +zur Welt schon gelähmt. Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der +Furcht vor Erniedrigung eingeht, ist für die Sittlichkeit und Freiheit +des Handelns die schädigendste. Ist das errungene Gefühl des eigenen +Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung nur die +Isolierung, der Entschluß, sich suchen und finden zu lassen, die +Sehnsucht nach dem, der suchen und finden wird. Es ist das Wunderbare +der Jugend, daß sie am Menschen nie ganz zu verzweifeln vermag, eher +wirft sie sich selbst weg, als daß sie aufhört, an den Menschen, dies +geträumte Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich weg +damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares +Verlangen nach geistigem Umgang und stürzte in die Kloake des Geistes, +mich dürstete nach Bestätigung, und ich wurde aus mühselig eroberten +Festen geschleudert, ich wünschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen +Gehalt aus Geld, Schweiß und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden +getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung äfft. Mehr ist +schlechterdings nicht zu sagen nötig, um die Existenz zu kennzeichnen, +die ich durch Jahr und Tag führte; was sollte es frommen, das häßliche +Einzelne wieder hervorzuziehen aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen +Kneipen verbrachten Nächte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen +Rebellentums, jämmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, versäumte +Pflicht, würgende Not, billige Herausforderung des Bürgers. Es ist heute +nicht neu und war zu seiner Stunde nicht neu. Auch von dem Ring der +traurigen Figuren zu sprechen, lohnt nicht. So trüb oder auch merkwürdig +die Schicksale, so mittelmäßig der Zuschnitt im ganzen. In allen +Winkelkaffeehäusern der Erde wird von allen malkontenten und impotenten +Künstlern, Literaten und verkrachten Studenten, von allen Falstaffs und +Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals dieselbe Phrase in derselben Manier +vom Rausch bis in den Katzenjammer totgeschleift. + +Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom Treiben jener Jahre +für mich blieb, war einerseits die Stadt, Monument des Mittelalters, wie +durch Zauberfluch ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter, +von Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast und +werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Bürgertum und Proletariat; es ist +mir immer symbolisch bedeutend für diese Konstellation erschienen, daß +die erste Eisenbahn Europas zwischen Nürnberg und Fürth lief. +Andrerseits, im natürlichen Zusammenhang damit, war Anblick und +Erfahrung einer schroff geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden, +Stillen, Vergehenden und Welt von Wollenden, Überlauten, Kommenden. + +Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel und +Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen schwankten vor mir auf +und ab. Ich war nicht gesonnen, mein Schicksal an eine von ihnen zu +hängen. Von dort wurde mir Zärtlichkeit alter Formen geschenkt, +Ehrfurcht vor Überlieferung, Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das +Umfriedete, Geschlossene, Gesicherte zu spüren und zu denken; von hier +kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht verwandelter Zeit, +im übrigen freilich Kälte, Kälte der Seelen, Trägheit der Seelen, +Verkrustung der Seelen. + +Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, so habe ich es +vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten Augenblick +wie ein Retter in mein Leben getreten ist. Ich hatte seine Sympathie +erweckt, er beobachtete mich, näherte sich mir, zeigte mir die Gefahr, +und seine sanfte, geduldige, liebevolle Überredung bewirkte, daß ich das +verrottet-unfruchtbare Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was +ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch +kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er war ein +unermüdlicher Erzähler und barst von Geschichten. Obwohl selbst in +vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch vergrübelt und, da seine +zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible Natur ihm jeden +vertrauten Umgang erschwerte, auch vereinsamt, schloß er sich werbend, +führend, eifersüchtig wachsam an mich an. Er war einer der +problematischesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und sein Einfluß +erstreckte sich über meine wichtigsten Jahre. + +Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich. Er entstammte einem alten +Nürnberger Patriziergeschlecht, das aber völlig verarmt war. Sein Vater +war tot, er lebte mit seiner Mutter, einer welthassenden, weltfremden, +eigentümlich strengen Frau in einem Verhältnis zwischen +Unverträglichkeit und Liebe. Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit +seiner Art, die sich wie ein Fisch verbiß, hatte er sich literarischen +Interessen zugewandt, nicht als Produzierender, sondern als ein mit +seiner Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. Er war +schlank, hager, sehnig, flink, nervös wie ein Rennpferd, launenhaft, +verstand zu imponieren und zu gewinnen, war voller Impuls und +Heftigkeit, auch voll List und Witz, und hatte Neigungen zum Aszeten, +zum Bücherwurm, zum Homöopathen, zum Sonderling. + +Als er, der seine Kräfte in der Heimat verdorren fühlte, nach Zürich +gegangen war, wo ihm ein größerer Wirkungskreis in Aussicht stand, war +mir zumute, wie einem, den der gute Geist verlassen hat, und mein +Trachten war darauf gerichtet, wieder in seine Nähe zu gelangen. Ein +Briefwechsel von seltener Intensität, seiner- wie meinerseits, gab nur +ungenügenden Ersatz für die lebendigen Stunden, aber es war vorläufig +keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte indessen das +Mündigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital des mütterlichen +Vermögens ausgehändigt, fünf- bis sechshundert Mark, in deren Besitz ich +mir reich erschien. Ich kündigte meine Stellung, zahlte meine Schulden, +fuhr nach München und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was ein +vollkommen neuer Zustand für mich war, der sich auch bald rächte, denn +eines Tages war der vermeintliche Schatz erschöpft. Ich sah mich nach +einer neuen Stellung um, ließ ein Inserat drucken, und es meldete sich +ein Generalagent im badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien +ersuchte und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der +einzige Beamte in seinem Bureau und hatte täglich zehnstündige +Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich getreten, war +hart, karg, hinterhältig, schwer zu befriedigen, im Benehmen von +betonter Korrektheit, Allüre des Reserveleutnants. An einem +Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei gegangen war, um eine dringliche +Arbeit zu erledigen, erschien er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte +aber dann, ich möge die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen. +Etwas erstaunt, ihn über diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen, +antwortete ich, was zu antworten war. Sein Gesicht veränderte sich +erschreckend. Nach einem bösen Schweigen warf er mir vor, ich hätte ihn +absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wäre meine Pflicht gewesen, ihm +von meiner Konfession im Offertbrief präzise Mitteilung zu machen, er +habe an dergleichen nicht gedacht, da ihn meine Photographie und dann +auch mein Auftreten getäuscht habe, und als getäuscht müsse er sich auch +betrachten. Weiter äußerte er sich nicht, aber er bereitete mir nun, da +er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Straße zu werfen, die +gehässigsten Schwierigkeiten, nörgelte an jedem Federstrich, an jedem +Gruß und legte mir aus niedriger Erwartung heraus eine Falle, indem er +mir nämlich das gesamte Bargeld der Agentur übergab und darauf rechnete, +daß ich, dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher +vorenthalten hatte, in meiner von ihm gewußten Notlage mich an dem Geld +vergreifen würde. Es geschah auch wirklich, daß ich, während er einige +Tage verreist war, zwei Taler aus der Kasse nahm; ich konnte mir nicht +anders helfen in der Bedrängnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat, +die zwei Taler als Vorschuß zu berechnen. Jedoch er lächelte höhnisch. +Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite und entließ +mich auf der Stelle. + +Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos irrte ich +im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte Regennächte in den +Hütten der Holzfäller und wäre verhungert, wenn ich nicht von einigen +Bauern Milch und Brot bekommen hätte, und zwar durch Vermittlung ihrer +Kinder. Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg die +Schule besuchten. Ich begleitete sie häufig am Abend durch den Wald und +erzählte ihnen dabei allerlei Geschichten. Dies gewann mir ihre +Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses Leben nicht mehr, verkaufte, was +ich von meinen Habseligkeiten noch entbehren konnte, einen Rock, ein +paar Bücher, meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zürich, +wo ich nach vielen Mühseligkeiten auch glücklich anlangte und vom Freund +mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschütterte und für alle +Leiden entschädigte. + + + + +9 + + +Es erwies sich, daß der Freund ebenfalls in bedrängter Lage war; mit +seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte er seinen Posten +verlassen müssen und einen andern noch nicht gefunden. Wir lebten nun in +folgender Art: Tagsüber schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstraß, des +Abends suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstraße auf, wo der Freund +einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewährte. Dort tranken wir +Milchkaffee und aßen eine Unmenge von Weißbroten, unsere ganze Mahlzeit +für die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Wir blieben bis spät in die +Nacht sitzen, vertieft in Gespräche, dann gingen wir nach Haus, er legte +sich in sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir +weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg hatte nicht +aufgehört, mich innerlich zu quälen. Der Freund merkte, daß ich ihm +etwas verbarg, denn bisher hatte ich es noch nicht über mich gewinnen +können, ihm davon zu berichten, sondern als Ursache meiner Flucht einen +gleichgültigen Zank angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wußte +er mir endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich +viele unserer nächtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema. + +Der an sich unbedeutende Vorfall führte uns ins Allgemeine und +Schicksalhafte und wieder zurück ins begrenzt Persönliche meiner +Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege miteinander gegangen waren, +öffnete sich plötzlich ein Abgrund zwischen uns. + +Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu erkennen und zu +benennen ich bisher auch von mir abgewendet hatte: ich fühlte mich als +Mitglied einer Nation, gleichgeordnet als Mensch, gleichberechtigt als +Bürger; da mich aber ein Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne +daß es möglich war, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, als +untergeordnetes Wesen behandeln dürfte, so beruhe entweder mein Gefühl +auf einem Irrtum, oder die Übereinkunft, von der es gestützt gewesen, +sei Lüge und Betrug. + +Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, sondern meiner +Abstammung, der Zugehörigkeit zu einem Fremdkörper innerhalb der Nation; +ein Argument, auf das ich gefaßt war, und auf das ich nur mit Scham und +Empörung antworten konnte. + +Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gäste, sagte ich, warum tretet +ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die zugleich Gebote der +Menschlichkeit sind, mit Füßen? Angenommen aber, sie sind euch lästige +Eindringlinge, warum duldet ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner +Verträge schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem Dach +in scheinheiligem Frieden und heimlichem Haß. + +Die Juden gehören nun einmal dazu, sagte er rätselhaft; wie es ist, +gehören sie dazu. + +Wie, sie gehören dazu? wende ich ein, und ihr traktiert sie dennoch als +Ratten und Parasiten? + +Wer läßt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun die politischen +und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklärten Deutschen wissen, was sie +den Juden zu verdanken haben und ihnen in Zukunft auch noch werden +danken müssen. + +Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht +in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war die peinvollste Überlegung, +darüber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennende? +fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast +nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaßen, Blutart von +Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche +nicht mit französischen Emigranten vermischt? Mit Slawen, Nordländern, +Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als +ihre Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche, +ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen, +Künstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Fürsten, Könige sogar? Und +die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht +ihr Blut berührt haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft, +Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man +selbst physische Vermischung ausschließt? War auch ihr eigenes Gesetz +dagegen und der Widerstand der Völker, konnten sie sich dem natürlichen +Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Von +anderer menschlicher Prägung? + +Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als seien sie von +anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer menschlicher Prägung. +Das gerade sei vielleicht der kritische Punkt. + +Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, daß der Freiburger +Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines kleinlichen, boshaften, +gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe? + +Das räume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau geschehe, sei +nicht maßgebend für die Anschauung auf dem höheren. Übergriffe der +Exekutive bewiesen auch nie etwas gegen die Legislatur. + +So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer +Beschaffenheit und anderer menschlicher Prägung als er? + +Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, ob ich +mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fühle. Ich zögerte. Ich wollte +wissen, worauf die Frage abzielte. + +Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir werde, mich zu +bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht leicht zu umgrenzen. + +Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher. + +Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jüdin gewesen sei? Ob in der +Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung bekannt oder nur der +Verdacht davon vorhanden sei? Als ich jenes unbedingt bejahte, dieses +lächelnd verneinte, schüttelte er den Kopf und sagte, mein Fall sei +außerordentlich interessant; es sei ein ganz besonderer Fall. + +Ich ließ ihn nicht entschlüpfen. Ich wollte Aufschluß haben über das, +was er »meinen Fall« nannte. Ich bot ihm Behelfe. Ich sagte: Es ist +nicht entscheidend, daß ich mich unter Deutschen als Deutscher fühle. +Dem Deutschen steht es frei, dies als eine Prätension zu betrachten, +eine begründete oder unbegründete, je nachdem. Er kann sie erfüllen oder +nicht erfüllen, je nachdem. Erfüllen: gnadenhalber, ausnahmsweise, +befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt +oder Sympathie abringe, aus Lässigkeit, Vergeßlichkeit, aus Zwecksucht. +In einen Gesellschaftsverband aufgenommen werden, nur weil die sonstige +Abwehr eingestellt ist, ist verletzend und entwürdigend, letzten Endes +für beide Teile. + +Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich bisher überzeugt +gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht bloß +zugehörig, sondern zugeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit +mehr als das Mittel, mich zu verständigen, und mehr als das Nutzprinzip +des äußeren Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes. +Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das +Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen ich, wenn schon nicht die +Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spüre. Sie ist mir +vertraut, als sei ich von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert +gewesen. Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand +geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein +Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, in +Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß des täglichen +Seins, Spiel der Lebensläufe, Erlebnis der großen Werke zur Anschauung +Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das +nicht gültiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als +eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht +und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch Aberglauben, +Bosheit und Trägheit besteht? + +Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten meine +besondere Situation; im allgemeinen lägen die Dinge ganz und gar nicht +so. + +Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation berufen, warf ich +ein, und ich will mich nicht in ihr begnügen. + +Prüfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden als Gesamtheit +haben sich niemals mit den Interessen der Wirtsvölker selbstlos zu +identifizieren vermocht. Innerhalb des Staates haben sie sich in eine +soziale und religiöse Isolierung zurückgezogen, ein starrer, erstarrter +Block in der strömenden Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung +dauerte, hatten sie den Schein des Martyriums für sich; seit sie +aufgehoben ist, liegt der Mangel an Willen und Fähigkeit zutage. Es +steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch +heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen allein offenbarte Lehre, +bewußt oder unbewußt, und halten alle andere Lehre für Irrtum und Lüge. +Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß +richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem +Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der +Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch +könnte er gemildert werden? Nur er vielleicht erklärt die +Widerstandskraft, die Geduld, die Leidensüberwindung, die beispiellose +Vitalität des Stammes. Rache für das Erlittene zu üben, keimt +wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele, +wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der +andersgeartete Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte +wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender +Aufklärer, nicht durch den Schmerz der Abgelösten, nicht durch das +Vorbild der Verwandelten aus der Welt zu schaffen. + +Dies zu hören war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei ja der ganze +Jammer des versteinerten Mißverständnisses und der böswilligen Hetze, +doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, ich sei wie so viele das Opfer +eines Kulturblendwerkes. Wie lange ist’s denn her, sagte er, daß die +Juden aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das +achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und düsterer +Verkrochenheit. Für den greisen Goethe noch war der Jude ungefähr +dasselbe, was dem Amerikaner heute der Nigger ist, trotz Nathan dem +Weisen, trotz Spinoza und Moses Mendelssohn, trotzdem die junge +Romantik, die sich um ihn erhob, von jüdischen Einflüssen durchsetzt +war, trotzdem er gegen die historische und institutive Ehrwürdigkeit der +Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. Die +Kindheitseindrücke des Frankfurter Judenghettos zeigten sich stärker. +Die Juden weisen immer auf die Bedrückungen und Verfolgungen hin, wenn +verwerfliche Züge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein +Jude erträgt ein objektives Urteil über Juden, geschweige denn ein +abfälliges, auch über einzelne, auch über Entartete nicht, sobald das +Judentum als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler rächt +sich insofern schwer, als sich zwischen schönfärbender Apologie und +häßlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromiß finden läßt. Alle +Lobredner weisen mit Emphase auf die unbedingte Sittenreinheit und +Gesetzestreue der Juden hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein +Wässerchen getrübt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Räuberbanden, +die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands und des +Niederrheins unsicher machten, Juden in erklecklicher Menge, Diebe, +Hehler und Späher. Die Shylocks aller Grade will ich nicht erwähnen, die +mitleidlosen Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen. +Absurd wäre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die sich in +heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, fast schutzlos, an +Leben und Eigentum stets gefährdet, als ob die mehr und tiefer denn ihre +Wächter und Quäler zu makelloser Führung verpflichtet, als ob die +Verbrecher unter ihnen verabscheuenswertere Verbrecher wären als die +anderen. Gerechterweise muß man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist +auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht von höherer +Warte aus. Sie betrifft das Unvermögen zu seelischer Wandelbarkeit. +Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja in außerordentlichem Maße eigen, in +gerade verhängnisvollem Maße. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als +volkhafte Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer +biblischer Vorzeit waren. + +Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe imperativen +Autorität. Ich entsinne mich, daß ich mich der Logik und Kraft seiner +Argumente nicht entziehen konnte. Niemand wird erwarten, das Gespräch +sei hier im Wortlaut angeführt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge +von Gesprächen, und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er war +unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen wollte, liebte ihn +um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich dunkel empfand, daß er +sich in unserem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit über mich stellte, +daß er die Herrschaft an sich riß, und daß die wesentliche Erkenntnis, +zu der wir endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlöste wie mich, +dem sie ein Tor öffnete und ein Ziel zeigte, sondern, daß er in +heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr mein Widersacher +wurde. + +Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im Dasein der +Juden, führte er aus, der Humanisierungswille des neunzehnten +Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue Jahrzehnt knüpfte festere +Bande zwischen ihnen und uns. Äußerlich nur, zugegeben; solche des +bürgerlichen Zusammenschlusses, wirtschaftliche, vaterländische sogar, +in jedem Fall gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem +Ermessen, schönem Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene. +Bedingungslos wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen +Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, weil sie +sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? Warum aber? Solange +sie Geächtete waren, war es ihr Recht, ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre +Waffe, das Mittel zur Selbstachtung und Selbstaufrichtung, sich zu +verschließen, an der engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginäre, +halb schwärmerische und um desto süßere, verführerische, +tragisch-erhöhende Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege zur +Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges +Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit +erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten +zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des +Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre +wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen +Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, daß +sie hätten Christen werden sollen. Das haben viele getan, aus +Utilitätsgründen, oder weil sie sich nicht mehr verkettet fühlten, oder +auch aus Überzeugung. Die Frage ist nur, ob sie Christen werden können, +anders als im oberflächlichen Sinn, wie es ja die Mehrzahl der Christen +selbst ist. Die Frage ist, ob sie deshalb aufgehört haben, Juden zu sein +und dies in einem tieferen Sinn; man weiß es nicht, man kann es nicht +kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflüsse. Judentum +ist wie ein intensives Färbemittel; die geringste Quantität reicht hin, +um einer unvergleichlich größeren Masse seinen Charakter zu geben oder +wenigstens Spuren davon. Nicht zu leugnen, daß sie, wieder in einem +gewissen Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen. +Was mag es sein? Ist es das eigentümliche Beharren der Seele oder der +Sinne im Kontrast zur Flüssigkeit, Mobilität, Vielgesichtigkeit des +Geistes? Es beweist und erklärt zu wenig. Macht der Tradition ist es +nicht, oder nicht ausschließlich, oder nicht mehr. Tradition wird +überwunden und jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet +als Disziplin einen wohltätigen Damm gegen Maßlosigkeit und +Individualisierungsgier, hütet als politische Maxime Scheunengut und +bewahrt die Nation vor überstürzten Neuordnungen. Aber gerade die +Maßlosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, gerade die Sucht nach +Neuordnungen muß man den Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also? + +Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht läge in der +Verallgemeinerung. Es gäbe solche und solche Juden. Alle Gesamturteile +seien schief und führten zur Vergewaltigung, zur Verzerrung, zur +Ausnützung im Dienste von Parteiinteressen. Warum nicht menschlich den +Menschen sehen, nur den Menschen? Oft rufe man durch Mäkeln erst die +Fehler hervor, und in der Wiederholung entstehe die Übertreibung. Man +möge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres Rechts zu +atmen kaum bewußt, Verscheuchte, Verschüchterte, Umklammerte; immer +neuer Zustrom aus trüben Behältern trübe die gereinigten wieder, viele +seien gequält durch den latenten Haß, und ihre Entschlossenheit, sich zu +opfern, treibe sie bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch +die ungewohnte Fülle von Raum und Entfaltungsmöglichkeit: und wenn man +ein jüdisches Tribunal imaginiere, so würde dort keiner freigesprochen, +den ein christliches oder deutsches für schuldig erklärt. Aber ich +spürte bei alledem, daß meine Parade den Hieb nicht fing, weil mein +Standpunkt gegen den des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit +später, im Verfluß jahrzehntelanger Kämpfe, konnte ich mir seine Frage +beantworten, dieses »Was ist es also?«, von dem ich sogar die +Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch zur Aufrichtigkeit und +Selbstdurchforschung gebieterisch trieb. + +Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als das +auserwählte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen findet sich der +Glaube an ihre Auserwähltheit und die Verkündigung davon. Ohne daß man +die Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit der Gründe untersucht, auf +welche sich dieser Glaube, diese Verkündigung stützt, ob auf die +offenbarte Lehre, ob auf das Verhältnis zu den geliebten Dingen, ob auf +das historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, daß +eine mit solcher Hartnäckigkeit durch die Jahrtausende festgehaltene +Überzeugung einerseits ganz außerordentliche Pflichten nach sich zieht, +die von der Gesamtheit niemals restlos erfüllt werden können, ferner +ganz außerordentliche sittliche und moralische Spannung erzeugt, die +wieder durch ihre notwendigen Entladungen eine Existenz voller +Katastrophen schafft; und daß andererseits ein solches Axiom, wenn es +als selbstverständliche Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren +Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lähmt, und an ihre Stelle +den sittlichen Quietismus setzt, der zu Überheblichkeit und zum +Pharisäertum führt. + +Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner +Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung. +In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden +Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir +bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der +tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems. + +Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig einen +Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß +man Jude ist. + +Mir wurde klar, daß ein Volk nicht dauernd auserwählt sein kann und sich +nicht dauernd als auserwählt bezeichnen darf, ohne die gerechte Ordnung +in den Augen der übrigen Völker zu stürzen. Der auserwählte Einzelne ist +stets in der Lage, die Verantwortung für sein Tun und Lassen zu +übernehmen; im auserwählten Volk aber maßt sich der Einzelne nach und +nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der er nicht gewachsen ist, +und bei der er überredet wird, die Vorteile der Gesamtposition für sich +geltend zu machen, die Verantwortungen hingegen auf die Gesamtheit +abzuwälzen. Selbst den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer +einmaligen grandiosen Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwähltes +Volk zu bezeichnen, wie wäre ein solcher Anspruch gegen die Kritik, +gegen die veränderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen und zu +sichern? Wie wäre es möglich, den Komplex »Volk« abzugrenzen? Genügte +das bloße Bekenntnis zu einem Glauben, um auserwählt zu sein? Das wäre +schlechthin unsinnig und unsittlich. + +Die Idee der Auserwähltheit hat, für ein Volk, Berechtigung nur +innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie aber aus der +historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaßen ins Unendliche +gerückt wird, entsteht die Versündigung, während die persönliche +Auserwähltheit im Unendlichen steht, im Unendlichen besteht. + + + + +10 + + +Die Gespräche mit dem Freund, ein unaufhörliches Duell der Meinungen in +den Formen des gegenseitigen liebevollen Interesses, hatten +weitreichende Bedeutung für mich und stellten meine Gedanken- und +Empfindungswelt auf eine viel breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor, +als ob ich mit der ganzen Menschheit Frieden schlösse, wenn ich mit ihm +Frieden schloß, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen +Friedens festzusetzen, ja sie nur unmißverständlich zu umschreiben. + +Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in Worten als durch +seine Haltung stellte, war: bist du Jude oder bist du Deutscher? Willst +du Jude oder willst du Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um +diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der einen +oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den +ich dann nach der einen oder der andern Richtung gehen sollte. Was wurde +für mich besser oder schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort +allein, der Beschluß allein, die Richtungsänderung allein maßgebend? Ich +suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung und Bestätigung bei +denen, die mir vorangegangen waren, nach der einen oder andern Richtung, +aber das Suchen war ergebnislos. + +In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig interessierten +Kreisen Deutschlands noch ein mächtiger Name. War von jüdischer +Leistung, jüdischem Vollbringen, jüdischem Ruhm die Rede, so wurde auf +Heine hingewiesen. Durchaus nicht bloß Juden waren für Heine Feuer und +Flamme; die Wirkungen und der Einfluß dieses Poeten gingen in die +breitesten Schichten, über das Künstlerische und Poetische hinaus ins +Politische und Soziale. Und wie man weiß, gehört er zu den wenigen +Deutschen, die in Frankreich Ansehen und Bewunderung genossen haben. +Aufgeklärte und gebildete Menschen lasen Heine, zitierten ihn, beriefen +sich auf ihn, und der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem +kleinen studentischen Freund in München, der Dutzende von Heineschen +Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen Wendungen +schwelgte, bis zur Kaiserin von Österreich, die diesem ihren Abgott einen +Tempel bauen ließ. Es war mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den +charakteristischen Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung, +einer solchen nämlich, in der das Talent über das Menschentum +prävaliert. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde +sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in der zweiten Hälfte +des achtzehnten der des Genies; der Begriff des Genies umfaßte aber +damals auch die Menschlichkeit, in allen ihren Äußerungen, selbst den +unerfreulichen, während der Talentkultus, unter dessen merkwürdigen und +nicht leicht zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht, +der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu das +Schulbeispiel dafür. + +Ich befand mich von Anfang an im Verhältnis des Widerstrebens, ja der +heftigen Abneigung gegen Heine. Seine Lyrik erschien mir, gemessen an +der von Goethe, Hölderlin oder Mörike, süßlich, spielerisch und roh +sentimental; seine Prosa erregte meinen Haß durch ihr Bestreben nach +geistreicher Pointe, durch ihre Mischung von Frivolität und rohester +Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften fand +ich zum Teil seicht und von oberflächlicher Brillanz, zum Teil +unwahrhaftig und eitel. Für das Satirische, das ihre stärkste Qualität +ausmacht, hatte ich wenig Verständnis, und die sogenannten letzten +Gedichte, in denen aufrichtige und ergreifende Töne sind, waren mir +verdächtig durch ein gewisses Sichgefallen im Schmerz. + +Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefühl ungerecht. Die +Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf ließ, hatte wohl ihren Grund +darin, daß etwas unantastbar, nachahmungswürdig und mustergültig sein +sollte, was ich für schädlich und zerstörend hielt. Es sind in neuerer +Zeit so viele Ankläger und Verächter Heines aufgetreten, mit guten und +schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen und +unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, daß ich nur mit Überwindung +und weil dieses Stück Wahrheit eben zur ganzen Wahrheit gehört, mich +entschlossen habe, das Thema zu behandeln. Daß die blinden Hasser und +die böswilligen Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, daß Unrecht +überhaupt geschieht. Verschweigen und Schönfärben macht eine schwache +Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das Blut ging, war vielleicht +das Blut. Seine zeitbedingte Erscheinung war im zeitbedingten Sinn +jüdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von +Ghettogeist und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus, +von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer Vorliebe für das +Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, welch letztere Mischung man +fälschlich als romantische Ironie bezeichnet hat, während sie ein +Ergebnis fabelhafter jüdischer Anpassung und dabei tiefer innerer +Lebens- und Weltunsicherheit ist. Aus dieser Quelle fließt dann auch die +journalistische Befähigung, wie denn Heine der eigentliche Schöpfer, +wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des +Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglücklichen Surrogats von +Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer Form, Narkotikum für eine +niedergehende Gesellschaft und Mittel, Verantwortungen zu verschleiern. + +Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in voller Naivität +Deutscher. Er beklagte sein jüdisches Schicksal und sein jüdisches Leid +und verriet den Juden in sich. Er gab sich als deutscher Patriot, +deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblüt und Wahl und verriet den +Deutschen in sich. Auch dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität. +Er war der Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre +Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt, +auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, ohne Himmel und deshalb +auch ohne Erde. Wenn man mir ihn pries, fühlte ich mich stets verraten; +wodurch, kann ich kaum erklären, aber mir schien, daß ich am andern Pol +stand und daß ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einfluß erst besiegen +mußte, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einfluß beginnen konnte. Allen +Juden schmeichelte der Name Heinrich Heine; mir schien es hingegen, daß +sie ihn hätten fürchten sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren +Weg verführerisch ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur des +jüdischen Menschen und des jüdischen Deutschen gab. Es wurde mir +gesagt: Warum hältst du dich an Heine, warum blickst du nicht auf die, +die deinen Widerstand weniger oder gar nicht herausfordern? Da ist Felix +Mendelssohn, da ist Börne, da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli, +da ist Lassalle und Marx, da ist schließlich Spinoza, Menschen von +großem Zuschnitt, der letzte vom allergrößten, nicht Jude mehr, +herausgetreten aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, Mensch an +sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie hinblicken. Lockung +und Gefahr war auch in ihnen, aber sie ordneten sich williger in die +Folge der Gesichte und Erlebnisse. Heine schloß zunächst zuviel des +Gegenwärtigen ein und aus; er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten +hatte. + +Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prägung. Es würde zu +sehr ins Breite führen, wenn ich sie hier aufzählte und von Cervantes +bis Turgeniew und Dostojewski, von Dickens, Thackeray, Richardson und +Balzac bis Keller, Gotthelf, Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern +wollte; den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und +Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die gewaltigen +Herzen, die Anbetung und glühende Hingabe. Ich suchte in ihnen und bei +ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, die Gestalt, das feurige, +flüssige Unaussprechliche, das wie ein geistiger Golfstrom die Gestade +der Seele umschlingt. Nebenbei beschäftigte ich mich viel mit +geschichtlichen Studien, indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins +Einzelne ging, teils aus Neigung für das persönlich Schicksalhafte, +teils aus Hunger nach Stoff und Lebensmaterial, und außerdem mit +Astronomie, ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen +Erschütterungen sowohl wie aus Überdruß an der verzweifelten Enge und +Ausblicklosigkeit meiner Umstände. + + + + +11 + + +Allmählich wurde ich dem Freund lästig. Ich wußte nichts mit mir +anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, denn ich hatte +nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu keiner praktischen Tätigkeit. +Die dürftigen Hilfsmittel des Freundes waren völlig versiegt, in der Not +knüpfte er frühere Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten +wir uns mit deren Bestand noch über Wasser, was das Schlimme mit sich +brachte, daß wir die Freiheit verloren und wieder in ein fades und +vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen wurden. Ich war den Leuten +aus irgendwelchen Gründen unsympathisch, und als ich gelegentlich einer +Fahrt auf dem Züricher See durch einen Windstoß meinen alten Strohhut +einbüßte, wurde ich außerdem noch lächerlich. Der Freund, verängstigt +und feig geworden, gab mich preis, und mir war im Ring der Feinde übel +zumute. Es wurde beschlossen, daß ich bei einer Zeitungsredaktion +Anstellung zu suchen hätte. Man schrieb mir Adressen auf und schickte +mich mit einem geliehenen Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf +meine Stirn geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden, +mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, und so kehrte +ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurück. Da hielten sie Kriegsrat +und gelangten zu dem Ergebnis, erstens, daß mir ein neuer Hut gekauft +werden sollte, zweitens, daß durch eine Sammlung das Fahrgeld +aufzubringen sei, dessen ich zur Reise nach München bedurfte. In München +lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es waren etwa +zwanzig Franken, die außer dem Hut zusammenkamen; davon lösten sie am +Bahnhof das Billett bis Lindau, der Restbetrag wurde mir eingehändigt. +Der Abschied vom Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne. +Ich entsinne mich auch, daß ich auf der Fahrt zwischen Zürich und dem +Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der Verlockung, mich +nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, nicht widerstehen und nahm +von dem zur Weiterreise bestimmten Geld. Als ich auf dem Lindauer +Bahnhof stand, einige Minuten vor Abgang des Münchener Zuges, muß ich +als mitleidswürdige Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner +trat zu mir, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, und nachdem ich ihm +gestanden hatte, daß ich das Geld zur Reise nicht hatte, ließ er mich +einsteigen und drückte mir während der Fahrt das Billett in die Hand mit +den Worten, er vertraue meinem ehrlichen Gesicht, daß ich ihm die +Auslage wiedererstatten werde. Auf das Billett hatte er seine Münchener +Wohnung geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit +des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und meiner +Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung des Vaters; der +Vater war verreist; ich sah an allem, daß er sich in der ärmlichsten +Lage befand, trotzdem bat ich die Frau, sie möge mir das Geld für den +Schaffner geben, es waren vielleicht zehn oder zwölf Mark. Sie weigerte +sich mit Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet +außer sich, überschüttete mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen und +verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, ich langte nach +einem Küchenmesser und schritt drohend auf sie zu; nun wurde sie auf +einmal nachgiebig, sei es, daß mein Anblick sie in Furcht versetzte, sei +es, daß sie meine Verzweiflung instinktiv erfaßte; nach einer Weile +brachte sie mir ein silbernes Armband, das meiner Mutter gehört hatte +und sagte, ich möge es versetzen. + +Danach war natürlich jede Verbindung mit meinem Vater zerbrochen, und er +schrieb mir nach seiner Rückkehr nur ein paar Zeilen, die mich durch +einen ihm sonst nicht eigenen kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm +war ich nun ein gänzlich mißratener Auswürfling. Dies alles sei +berichtet, weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich +unmittelbar an dies Zerwürfnis schloß, nicht gut erklären könnte; denn +es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit und so +erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen Großstadt selten +sind, und die zu ertragen eine nicht gewöhnliche Widerstandskraft +notwendig war. Ich lebte von Äpfeln, von Käse und von Salat. Den Salat +fand ich morgens in einer Schüssel vor der Tür meines Mansardenlochs; +eine Frau, die mir gegenüber wohnte und von meiner hilflosen Lage +Kenntnis erlangt hatte, übte auf diese zarte Manier Mildtätigkeit. Als +ich ihr eines Tages dankte, schüttelte sie stumm den Kopf. Ich hätte +aber selbst so nicht weiterleben können, wenn mir nicht mein Vater hier +und da einen Brief geschickt hätte, in den er ein paar Marken gelegt +hatte, die ich veräußerte; er mußte es heimlich und ohne Wissen seiner +Frau tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, Streber, +Ordensjäger und Geschichtsforscher #ad usum delphini,# der mich eine +Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es war dies ein gewissenloser +Menschenschinder, wie man sie nicht selten unter subalternen Beamten +trifft; es machte ihm zynisches Vergnügen, aus meiner Bedrängnis Nutzen +zu ziehen und seine Macht zu mißbrauchen; selbst in gedrückter Stellung, +war es Lust für ihn, über einen noch Gedrückteren unumschränkter Herr zu +sein. Wenn ich eine Woche lang seine Exzerpte kopiert und ihm zehn bis +fünfzehn Bogen abgeliefert hatte, zahlte er mir nach Willkür und Laune +einen bis anderthalb Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig +oder dreißig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei ich +darauf bedacht sein mußte, daß ich mich nicht in einen Kampf mit +stärkeren Spielern einließ. Daß ich körperlich immer mehr herunterkam, +bedarf keiner Erwähnung; es stellten sich Magenblutungen ein, und ich +verordnete mir eine strenge Reiskur, die mich auch wirklich heilte. Im +Äußeren war ich völlig vernachlässigt, obwohl ich alle Sorge darauf +richtete, ohne Löcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich +begab sich etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb +quälender, halb beglückter Spannung, aus der sich langsam Gestalten, +Bilder und Vorgänge lösten. Mein tägliches Dasein war ein erregter +Traum; die Nächte über saß ich bei der Arbeit und schlief nur wenige +Stunden. Die Einsamkeit, der gänzliche Mangel an Umgang und Aussprache +bewirkten eine wiederkehrende und schließlich latente, rauschhafte +Verzückung, die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden +Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor mich hin +und erinnere mich, daß ich einmal von zwölf bis drei Uhr nachts im +Herbstregen durch die Straßen rannte, von Grauen erfüllt, weil ich einen +Verfolger hinter mir glaubte, einen unversöhnlichen Feind, dessen +Gesicht und Gestalt mir irgendwie genau bekannt waren. + +Dergleichen geschah öfter. Dennoch war ich keineswegs verzweifelt, im +eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht verbittert oder +anklägerisch oder menschenhassend. Ich denke nicht, daß ich mich einer +nachträglichen Verklärung schuldig mache, wenn ich sage, daß die äußeren +Leiden an mir niederrannen wie Wasser an einer geölten Wand. Ich fühlte +einen unerschöpflichen Vorrat an Kräften in mir. Was ich äußerlich zu +erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu stehen, was ich +innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden Geduld entgegen, sonst +nichts. Es war nicht eben Zuversicht, die mich stark machte; zur +Zuversicht gehört bewußtes Selbstvertrauen; das hatte ich nicht, auch +der Arbeit gegenüber nicht, die mich zwar in Flammen sah, an der ich +aber die Unreife und Unzulänglichkeit spürte, kaum daß die Flamme +ausgebrannt war, so daß ich mit einer fast nüchternen Beharrlichkeit +immer wieder zum Anfang schritt. Es ist natürlich schwer, nach +Jahrzehnten rückschauend alle Stationen einer Entwicklung wahrheitsgemäß +zu untersuchen, ohne einem gewünschten Bild zu schmeicheln, doch wie ich +auch mich und jene Zeit in mir prüfe, zwei Tatsachen bleiben mir +unverrückbar: erstens, daß ich mitten in einer deutschen Stadt in einem +Verhältnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, daß +ich diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die +Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen +Hindämmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich wohl für alles, was +mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, Stimmen, Farbe, Ton, Wort und +Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas +erschafft, woran er bloß den Anteil hat, der durch seine Existenz +gegeben ist, während er sonst Werkzeug bleibt. + + + + +12 + + +In sozialer Hinsicht mußte ich mich als Geächteter fühlen; ich war es +auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, neigt, wenn er +eine gewisse Höhe erlangt hat, gern dazu, seine finsteren Erfahrungen +mit einem Goldsaum zu umbrämen. Er vergißt die Niedrigkeit um so +bereitwilliger, als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu +denken, niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet, +lügt. Es erfordert im günstigsten Fall eine lange Zeit und lange +sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz und Unrat gereinigt +wird, mit dem sie beworfen worden ist, mit dem sie sich bedeckt hat. Es +ist geradezu eine Erneuerung nötig, und erst, wenn Erneuerung +stattgefunden hat, wird Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch +in der Qual ist gar nicht fähig, Erfahrungen zu machen und Resultate zu +ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch formen. Der +Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht zuschreibt, entsteht +daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen keinen Einwand gegen +dieses freche Luxusdiktat erheben können. Entkommt einer der Gefahr, so +darf er die Gefahr preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn +er die rühmt, die für ihn ihre Haut zu Markte tragen. + +Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr +meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu +werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Die Frage, ob +Jude oder Deutscher, war zunächst unwichtig geworden gegen die, wie ich +zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als sei ich im +Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als Schuld und Odium hing, ich +für meinen Teil, und als werde das irgendwie augenscheinlich und +beweisbar werden. Es trat eine Reihe von Zufällen ein, von Frist zu +Frist, die meiner materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der +nachtschwarzen Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor +sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege des Geistes +freigaben. + +Ich wurde Sekretär bei einem sehr geschätzten Schriftsteller, der, +obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen zu seiner Sache gemacht +hatte und dadurch allerdings mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt +geriet, die ihn mehr in bürgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte +mir seine Romane und Erzählungen, und als ich es nach einiger Zeit +wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prüfung vorzulegen, zeigte er eine +Überraschung, an der ich merkte, daß ich nicht taube Nüsse klopfte. Es +war der erste Mensch, der mich ermunterte, der erste überhaupt, der mich +als Dichter uneingeschränkt ernst nahm, und das bedeutete für mich +soviel wie Rettung und Erlösung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte +für mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwürdigen Gebilde; er scheute +nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr reizten ihn zu +bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heißsporn, der er war, begab er +sich in Fehden; ich wurde unversehens ein Objekt von Für- und +Widermeinung, was mich eher verzagt als stolz machte. + +Aber die Brücken betrat ich, die mir geschlagen waren, und schnell sah +ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. Das heißt ich nahm für +Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild der Welt war; sie täuschte +Freiheit, Weite und Würde vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als +ich längst keine Illusionen mehr über sie hatte, war doch das, was ich +hier unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je größer mein Bemühen +um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter erschien mir +ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir notwendig, wenn nicht meine +eigene Existenz eine schattenhafte sein sollte. + +Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie heute, bei uns wie +bei jeder Nation, Repräsentanten aller Stände und Schichten. Es liegt +nahe, an eine Auslese der Besten und Fähigsten zu glauben; dem ist nicht +so. Es liegt nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf höherer +Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfläche und die, eben +durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch Sein vorbildlich ist. +Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese vollzogen, es ist keine +Gemeinschaft entstanden, es ist ein zufälliges In-, Mit- und +Gegeneinander mehr oder weniger begabter, mehr oder weniger guter, mehr +oder weniger zielbewußter, ehrgeiziger oder verbitterter oder +entzündlicher Einzelner. Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste, +sozial Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer Erde +sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend, +ob es nun Proletarier, Bürger oder Aristokraten sind. Sie bauen daher +nicht auf einem gegebenen Fundament; sie müssen sich das Fundament erst +errichten, und zwar jeder für sich und auf seine Weise. So vergeuden sie +von vornherein Blut, Kraft und Geist für etwas, das Voraussetzung und +Mitgift sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner hat +die Bindung mit dem Volk, den Rückhalt an ihm, ja, das Volk beargwöhnt +und verleugnet sie, es ist keine Mitte da, keine Übereinkunft, kein +Vertrauen vom einen zum andern, nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft, +und auch wo wahrhaft Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und +hochmütige Sippe. + +Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, sogar +dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen und die geistige +Kontinuität bewahren, ist zweierlei. Eifersucht lauert stets unter der +Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. Die Erfolglosen und die +Erfolganwärter machen geschlossene Phalanx gegen die, die den mindesten +Vorsprung haben, und es bedarf schon einer überwältigenden +Persönlichkeit, um den Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich +gebärden, niederzuschlagen. Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder +führt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde Zucht und +Mangel der Idee, Mangel der Übereinkunft und Mangel der Verantwortung. +Ich erlebte es, daß frenetische Begeisterung um einen Namen lärmte, der +sich dann nur in einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um +Abkühlung und Einschränkung hervorzurufen. Fremdheit hielt stand; +Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde alles zur +Politik des Augenblicks mißbraucht. + +Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, die man +atmet, färbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene Illusion. Es +wurmte mich das kleine Maß, das die Wirklichkeit mich anzulegen zwang. +Es wurmte mich das Nichtbesserseinkönnen und Nichtbesserwerdenkönnen, +und es wurmte mich schließlich die Maske, die ich tragen mußte, wenn +höherer Wille und höhere Rücksicht Dissimulation forderten. Die lernt +sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch wieder ein +Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, als mit dem +Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel Gemüter zu beunruhigen und zu +verwirren, die nur in Dämmerung und Täuschung noch ein unsicheres Glück +genießen. Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, wahr zu sein, +ist eine Aufgabe für sich, die allerdings aus dem Bezirk des +Literarischen heraus in den der Selbsterziehung und der Liebe tritt. +Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe muß man lernen. + +Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels von Geistigkeit +und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser Opposition überfiel, die +Scham über alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch +ich mich jetzt zählte, in denen ich aber von fern die entrückten +Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich +bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader im +Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale +Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Werk, +um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken +und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit +sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle +Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier. Ich machte die +Bekanntschaft eines jungen französischen Schriftstellers, und mit ihm +erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genähert, wir hatten +fruchtbare Gespräche miteinander geführt, und bei einer schicklichen +Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer +freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine +drückende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das +ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein paar +Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause +wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines +schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an +bemerkte ich, daß sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er +hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir +begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich +selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist +war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche wie überraschende +Weise. Er hatte nämlich zufällig bei dem Antiquar, bei dem ich es +verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht +einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden, +verrohenden Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen +Beziehung vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner +Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit +ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und +zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein ähnliches unter +die Hände gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde +Manier belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen +Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt, +verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er +schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht +manches, worüber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in +Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesünder ist, aber eines werden +Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden, +was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: wahre +Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!« + +Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis romanischen +Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her verstehen. Das +deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis ins Mark; deutsche +Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blüte +münden jäh in eine Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich +abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge, +so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste +durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht +und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben +nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter, +konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein +verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr des +ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt, +was die andere preist; Traditionen brechen über Nacht, Bildung +vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg +die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb. + +Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja meiner Natur +auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen Körpers bemächtige. Ich +war nun dem umrißlosen Dämmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen, +meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der +Relation zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben; +ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner +Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration, +der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut +her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das +Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, Gerüst, Baugrund, +»Stoff« sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder +ein Übereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück, +Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches +Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben: +Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnuß, ein Ungeheures von +Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam für die Tatsache +Gesellschaft, für die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er +besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar +erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und Geistern der vor +ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwürdigkeit und gültige +Prägung erhalten haben. Dem Engländer liegt eine seit Jahrhunderten +gebahnte Straße öffentlichen und privaten Lebens vor, unumstößliche +Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer +Vergangenheit, die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft, +mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des +Geringsten im Volke fast stets gewiß; in Rußland wird Überlieferung und +fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentümliche Freiheit und +Urbanität der Führung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr +selbstverständlich und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges +Sichabschließen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht +existieren und nie existiert haben. + +Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche +Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er +Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus, +so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen. +Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert, +krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein, +unmaßgeblich und ohne typische Prägung. So ist auch, was sich im +»Wilhelm Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«, +Synthese, Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast +von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten, +poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. Größe, Charakter, +Bedeutung können dem deutschen Roman in seiner höchsten Stufung immer +erst durch den Schöpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß, +als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman +ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während der +englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch für +die Nation repräsentativ. + +Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter +(den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die +Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter +nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac +Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der +deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine +Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so +spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso +sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die +Würde. + +Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich +eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie über die flache +Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen? +Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten +darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich +brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen +Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in +Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, menschliche +Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, ein umschlingendes Band. +Statt dessen fand ich mich zurückgeworfen und isoliert unter dreifach +erschwerenden Umständen: als Literat; als Deutscher ohne +gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehörigkeit. + + + + +13 + + +Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden von Zirndorf« +schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in +Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu +betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwärtige, das +werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten, +sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir +die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat. + +Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie man einen Traum +erzählt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt +hätte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht +erschrocken, aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es +entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, dann +wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier mit einer Katze +als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll +winziger Zeilen beständig in der Brusttasche. Die äußere Lage war die +mißlichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich +war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst +nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schluß +gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer +Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder +Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin. + +Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend +zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung, +und sie fühlten sich bestätigt. Ich trat von Anfang an mit offenem +Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten +sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als +Jünger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich nicht im +Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lästerten; ich +galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei +Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik außer der des +Schweigens töricht und schädlich. Die deutsche Welt verhielt sich +gleichgültig oder ablehnend bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die +für die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im +allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im +Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den +Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel. + +Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich selbst. Die +Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden +erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer? +wurde zunächst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein +Künstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen +lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele haben, aber +auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein +erzeugen keinen Körper. Es schien mir von alles überragender +Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein +jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf, +Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre; +vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwärmerischen in +Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nächsten Freunde +mißverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklären, denn über +dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das +Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an +keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes binden und +verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist außerordentlich +schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben. +Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um +Läuterung und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß, +Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um +meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst +konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt +aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören; +ich mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie von +Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, ich mußte die +glühendste Überredung, die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere +sich mit einem »seht her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich +hatte mich ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich, +gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu +wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald den +Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben +Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal +meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. Andere hatten laufenden Kredit. +Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte +mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen +einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein und auf +erworbenem Grund zu ackern und zu ernten. + +Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und +begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von +unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich über seine +Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem Erreichten zufrieden +sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung; +daß man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen, +hörten, fühlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran +ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft +labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte und schuf +wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins und Gefühls eng +verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelöst hatte und mit einer +andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der +Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger, +ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden +unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt würde; dazu das +brodelnde Gewühl einer noch unerlösten Gestalten- und Bilderwelt in mir +und nie weichende Sorge um die Existenz. + + + + +14 + + +Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den »Caspar Hauser«. +Ich halte mich zunächst an diese beiden Beispiele meiner Produktion, +weil sie, ohne daß ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern +will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend +und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das +andere nach der des deutschen Problems. + +Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein +Großvater väterlicherseits, der als Seiler und später als Handelsmann in +Zirndorf lebte, hatte ihn in Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen +und erzählte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So +berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten Leute, +stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich +von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo Hauser sein seltsames +Leidensdasein verbracht und geendet, in Nürnberg die Burg, das +Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den +Hofgarten mit dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war +diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an Dingen, das +noch Währende der Landschaft. + +Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als ich lernte, +Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatürlich +wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte, +Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder +entzog ich mich der Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt, +was Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen. +Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, schrieb ich nur wie +zur Übung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging +jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der +einschlägigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den +Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das +Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung, +wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und +Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger +Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum +Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die +Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und +wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im +Licht. + +Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis dorthin +gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die +erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realität +unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches +Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision wurde, +daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und ich sah mich zu +langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den +Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an +mich; es war etwas Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das +Zurückhaltung zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu +unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete ich mit +ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir +Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer +Erzählung kam zutage, daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in +hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und +-Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt +hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen +hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am sonderbarsten durch den +tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem +Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener +Bruder von ihr, dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu +reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von +meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre +Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das +leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber +der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich +nun plötzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, daß sie auch +mit Vornamen Clara hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der +frauenhaften Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der +kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt. + +Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung des Buches +ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es +endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den +Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der +Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen, +den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß und +Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehörigkeit erhärten, +das Vorurteil der Fremdheit besiegen könne. Aber in dieser Erwartung +wurde ich getäuscht. Zunächst erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die +historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen +Beschimpfungen und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über mich nieder, +den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lügenfabel von fürstlicher +Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt und zum Vergnügen eines +sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß +Professor Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in +seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und wo, längst +die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser ein schwachsinniger +Betrüger gewesen sei, der die öffentliche Meinung Deutschlands und +Europas zum Narren gehabt; daß es eine naive Anmaßung und Unwissenheit +sei, das seit einem halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen +neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und daß +ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet wählen +möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und Ärgernis zu erregen. + +Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, daß +Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, für den ihn Daumer +und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder +totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege, +glaubwürdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden +einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die +Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte +Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darüber, +was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei +ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen, +daß der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte +Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte +Schuld. + +Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern +verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die +Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem +Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in +einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und +ich dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir nicht um +Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe außer Frage. Es +war mir auch nicht darum zu tun, daß der oder jener Beifall zollte, die +Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal +darum war mir letzten Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu +erschüttern, Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt +immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen +Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur +Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu verhilft, daß unter tausend zehn zum +Gefühl des Besseren erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche +Brust gesenkte Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist wohl +wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis tötet +den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und +mag es nicht genügen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich +für ihn erklären; wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn +stoßen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde +werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und dort unter +aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als +zufällig Getroffene, sei es als wählend und sichtend Berührte. Ihm geht +es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es +liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle +der Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre +Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten +Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmäßigen, vom +Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung großen Stils +unmöglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige +Übereinkunft fehlt und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu +Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages, +überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen +wird wenig geachtet, und sie müssen sich in esoterischer Tätigkeit +bescheiden. Je schwächer aber der Anteil eines Volkes an den +Hervorbringungen seiner Schöpfer ist, je herzensmatter und +unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je +unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer +ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner +Gesetzmäßigkeit. Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum +Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger +Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender +Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund +enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer +getrieben; er muß morgen schmähen, was er gestern bejubelt, das +erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn +aus dem falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit +Staub. + +Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte und erobern +konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich’s mir heilig und +schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich lesen oder spürte, daß es +im Sinnen und Meinen lag: der Jude. + + + + +15 + + +Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare +Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt +nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf. + +Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade +der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum +verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische +Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der +bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich +erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie +sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der +Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas +dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder +durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug +ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm +erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es +selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit, +sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich +vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden. +Der zuletzt den Stahl führt, ist nur ausübendes Organ; gemordet hat ihn +jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die +Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder +geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der +Clara von Kannawurf. + +Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der +Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl +sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch +der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das +Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln +mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist +und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht +beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es +billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste, +und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom +Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme +und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den +Erweckten. + +Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen +geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich, +als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben, +ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir +die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das +verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft +daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer +Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher +jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder +auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des +Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als +volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten +ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden +wäre, sie sich’s wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie +manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das +sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja +überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in +romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am +Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach +innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was +die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht +auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine: +es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude +ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb. + +Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies +vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr- +und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch +das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten +Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau +und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden +Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem +auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine +deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.) +Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche +Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer +ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es +wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das +bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu +brechen. + +Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und +Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes, +Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil +verwundet bis zurück ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich +wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits +macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den +Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt +und gewonnen. + +Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich +gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir +herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich +anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich’s, in die +sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein +Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben +vermag. + +Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals +voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der +übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund +solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn +nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den +Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was +wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln, +man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du +blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare +Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren +Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel +nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller +Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual. + +So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen, +wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was +du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt +froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine +unerschütterliche Überzeugung ist, daß alles, was du bildest und +formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann. + +Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge, +so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und +Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat +von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem +Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der +Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die +Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von +geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er +voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und +Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die +Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags +nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er +ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie +soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen +muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er +betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich +sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist; +es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von +ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es +ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei +Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll, +keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch +Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die +Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager +der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis +der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte +und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung? + +Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der +Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen, +höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie +müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder +überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben +befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt. + +Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht +einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch +nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit +Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat, +hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch +nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des +Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der +plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an +die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten +wird. + +Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben +und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich +um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt? + + + + +16 + + +Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum +zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren, +die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den +»Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische +Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das +»Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten +Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie +keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes +Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der +Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in +sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues, +wohltuendes Gefühl für mich. + +Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher +Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung, +sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt +und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur +Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein +intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste, +genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen +Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum +Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben +entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber +um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich +zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das +Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte, +wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil, +mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt +aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte. + +Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges, +Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies +mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum +Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch +das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis +zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur +ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als +eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage +hat Interesse nur im Hinblick auf mein persönliches Problem. Manche +haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte +Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich +verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt +keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur +Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie +nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches +Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut +erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens. + +Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund +wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen +in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich +Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der +lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe +Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich +Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von +ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte, +bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen. +Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht +zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem +Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man +sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es +immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat, +denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es +erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in +entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis +hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb +Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner +verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei, +daß er einst für das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war, +und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu +wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er +wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt, +die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein +eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch +an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der +Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner +Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so +peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war. + +Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo +die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in +Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren +Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und +Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen, +obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem +Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der +junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann +in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen; +er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als +Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen +meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser +hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze +Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben. +Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und +wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er +sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien, +es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen +derartigen Ausdruck von Haß, philisterhafter Bosheit und beleidigtem +Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst +es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich +getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen +Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten +überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht +gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er +mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese +Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit. + +Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als +die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr +Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns +einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete +damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns +zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit +keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins +gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht +gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches, +immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre +vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen, +daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier +verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der +Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte, +aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines +Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn +geschrieben. + +Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem +bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich +freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als +durch die Trennung der Wege und die Loslösung von gemeinsamen Zielen. +Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die +durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf +ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der +betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die +Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht +gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte +keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung +konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu +bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein, +als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und +Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen, +wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind, +wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und +Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges +darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den +Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung, +der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der +Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut, +jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit. +Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des +äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das +seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist, +und worauf ich auch werde zurückkommen müssen. + +Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll, +wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja +solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische +Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich +unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen +alte Bande, knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts +zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die +Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als +ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen +Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in +einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei +geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft +preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als +Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst +verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin +er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in +den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und +die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis +davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn +einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte +ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam +kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer. + +So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch +Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die +befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die +Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen +war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten, +die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude +ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was +ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler +die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und +Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen +Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die +Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht +mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur +nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen, +erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische +Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld +an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen +Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar +machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des +Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger +zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu +bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide +ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich +verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer +gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr +um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das +Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird +auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt +mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit; +Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein +Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die +Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel +vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe +Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu +leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da, +das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in +den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk +die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann +nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn +mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade. + + + + +17 + + +Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten. +Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir +ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er +lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit +der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm +ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent, +der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er +doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener, +Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz +verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst. +Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm +gewiß fühlbar wurde. + +Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung +ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener +Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem +Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei +alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also +hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich +mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm +zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung +sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine +Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung +freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus +dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und +Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe +hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung, +Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter +Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der +Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon +zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam +als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging. +Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu +entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir’s dann bequem werden +zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit +jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem +»Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie +Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen« +gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern +vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind +Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben +will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil, +seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein +Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf +mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich +damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich +bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. – Was? +Was ist umsonst? – Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in +euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein. +Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo +die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist +doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine +geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch +eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich +war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein +halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man +erklärte die Kunst für neutral; heute wird der Mensch geprüft und +gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift- +und Krankheitskeime aussäen kann. + +Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung +war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es +war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch, +Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu +widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines, +ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit +danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht, +ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn +nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der +geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender, +fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien +betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem +Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will +es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein +Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns +geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß +deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie +ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich +gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel +bestätigt. + +Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich, +als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich. +Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge. +Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin +nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines +bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir +sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich +räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die +Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer +ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt. + +Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald. + + + + +18 + + +Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und +hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens +nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den +Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band +mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit +mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer +erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben, +dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon +versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine +bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende +verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen +Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht. + +Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen +vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige +russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen +verwunschenen Kreis trat und, wenn ich’s recht bedenke, die erste +Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu +verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über +das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war +Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine +junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns +wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir +uns wieder. + +Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine +leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf +Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen, +williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich +durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja, +daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit +naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch +die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung +gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des +Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende +Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte +nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und +nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt +sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo +verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen. + +Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren. +Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen +Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es +Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die +Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich +mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese +österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch +erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend. + +Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und +Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit +und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen +war durchaus alles fragwürdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform, +Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik +und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus, +namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und +Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu +letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte +führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung, +die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige +Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das +öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld +vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen +Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem +System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um +sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht +achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das +Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte +es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in +seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt, +gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie, +des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen +Ende lenken konnte. + +Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen +Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich +nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen +Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des +südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden +Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das +geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene +Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden +und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm +es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder +Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei +Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor, +unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste +Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu +unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich +verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen. +Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der +großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo +ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen +meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise, +nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und +verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war. + +Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich +zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am +Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine +Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes +Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es +war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus +offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte +mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose +Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn +erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten +gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit +abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig +oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und +überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem +Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche +Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose +Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war +verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben +sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht. + +Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und +Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht +beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen +vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller, +ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein +können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu +erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die +Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut. +Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von +beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger, +einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit +seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte +wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches +Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten +darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich, +ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine +Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene +Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der +Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier +konnte ich die Bogen wölben. + +Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie +im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur, +Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie; +von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie +getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr +hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der +Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle ist noch nicht +überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da, +Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung. + + + + +19 + + +Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig. +Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte +und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von +andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem +Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit +denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren. +Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst. +Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das +Blickfeld beengte. + +Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden +beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur, +die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der +Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war +vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und +Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht +nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er +fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen +Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es +nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere, +Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der +Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß +die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher +Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine +Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten, +Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern, +Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie +äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu +sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten +unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an +bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier +wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer +Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist +ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und +Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares +inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist, +für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise +einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut +unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft +hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn. + +Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum +Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle +Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet; +apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges +Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit, +wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu +bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an +metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am +meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von +Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung +trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen, +Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht, +Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es +das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze; +der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war +untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal, +zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war +überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der +Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich +wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war. +Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel +durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern +durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist +doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht. + +Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend +hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für +das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein +nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft, +wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr +kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte +glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am +Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten +Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen +Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden, +feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren +erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als +Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in +skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft +gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits +literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände +allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen +mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den +Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab +es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche +Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und +finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum +Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der +Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter, +denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und +unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich +durchzusetzen. + +Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im +Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf +eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere +Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von +den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die +unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und +Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die +jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen +Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung +hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem +Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war +gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde, +daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und +weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot, +verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die +irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein +schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu +ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung +begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie +sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten, +den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte. +Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten, +und ihre Welt war ein Kerker gewesen. + +Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen +schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz +anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt +hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch +eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von +mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der +Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder +Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und +als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben +vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin, +dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und +mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen +wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit, +sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht +willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten +verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht +bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein +Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft. + +Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache +gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit. +Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde, +Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand +nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie +mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung +fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch +nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus +vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches +Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation +nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von +Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als +Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche +Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des +Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, +aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die +jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch +betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene +Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den +Weg. + +Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr +Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren +schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen, +schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-, +schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine +Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den +Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so +geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die +Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee, +einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun +gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen +oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich, +geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit +und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist +und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die +Geschäfte eines jeden betreiben. + +Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm, +bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu +leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder +zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja +nur von Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir +vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich +keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele +Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff +oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt +zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen +Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß +es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere +einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich +einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen +Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern +Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu +suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind +das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei +Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten, +da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß +schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck +bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als +einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist? + +Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie +sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als +Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die +Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag +eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir +sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten. + + + + +20 + + +Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast +du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft +gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen. + +Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs +dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle, +dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei +vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe +Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die +Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts +erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr +versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen +Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der +öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren +Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die +Karyatiden fast jeden großen Ruhms. + +In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine +recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an +die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad +der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt +wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis +aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch; +Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich +äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich +verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei +Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der +Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei +Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen +gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst +dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich. + +Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden +niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist +verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden +kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff +des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem +Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern +Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem +jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu +untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder +Sehnsucht die Furcht bedingt. + +In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden, +verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und +selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem +blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu +Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort, +jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde +sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein +hysterisches Triumphgeschrei an. + +Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie +ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder +wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor +kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in +Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch +dort sind. + +Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von +gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein +wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig +geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und +Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in +beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln, +ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde +Anglomane, und zwar von strengster Observanz. + +Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den +untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das +Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich +bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die +Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch, +Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das +Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das +Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger +Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und +ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie +bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres +Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen. + +Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der +edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen +unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk +getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel +stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt +sozusagen agnoszierten. + +Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von +Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie +dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen +Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine +Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als +welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit +gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß +nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die +Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr +später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich, +wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte +Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies +muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und +blauäugig war. + +Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher +geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so +wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend +ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur +ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen; +verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine +sichtbare Wandlung, das Seltenste. + +Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei +ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit +nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und +Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine +mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur +Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben. + + + + +21 + + +Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber +ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher +Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen, +Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits +die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung, +baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade +noch gut genug zu Schmuck und Kitzel. + +Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen +hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur +dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein +mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede +arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen +ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder +Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist. + +Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber, +wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die +durstig daran hängen. + +Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und +Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet. +Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das +ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein +Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt, +sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche +überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts. +In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran +mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten +Nachdenkens. + + + + +22 + + +Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die +aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung +ausgeht. + +Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht +oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische +Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im +Gefängnis gestorben, seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist +bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und +flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und +ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen +Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland. + +Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum +bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit +sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die +Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand, +der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich +entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb +zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches +Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem, +tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an +ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus +getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte +und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt. +Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine +Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie +nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit +jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der +Katastrophe. + +Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine +Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu +machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei +Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet, +warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen +Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum +Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem. +Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus +seinem Wesen gehört hätte. Ich hätte es lieber gehört; es hätte auf +Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert +gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten. + +Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des +Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war +nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern +er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die +noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die +vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über +diese zum Richter auf. + +Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem +Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt. +Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um +sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum +verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie +unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er +bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen +Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten +beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und +Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und +korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und +der, den Gott verstoßen hat. + +Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht +davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat +er ja seine Logik und sein Wissen. + +Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen +ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der +zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und +Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die +These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser +Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen entzogen? Ist es +Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb +oder herostratisches Gelüst? + +Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin. + +Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine +dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich selten. Aber die Seltenheit +mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind +späneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine +Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung und +Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwächerer, der +Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der +mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist. + +Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die +Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; die +geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen +und die Gottsucher; die am Wort hängen und ans Wort glauben; die +dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher; +die Piraten des öffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur; +alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen – Legionen. Es +fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus +miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne +Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen – Legionen. Sie alle waren +vielleicht einmal ein Ausdruck der Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine +lebendige Phrase. + +Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung. +Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das Bild, entfleischt die +Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht +nicht mehr die Gestalt und löst sich los von Sein und Werden. + +Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt, +wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzündeten +Zelle, die sich weiter frißt und endlich als Krebsgeschwür den Körper +zerstört. Sie bläht sich und bläht sich und frißt und frißt und +verfinstert die Erde und den Luftraum. + + + + +23 + + +Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die +Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur +gegenwärtigen Stunde Deutschland ist. + +Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war +und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht +überraschend für mich. + +Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein +wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben. + +Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da +aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf +die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig +anbiß. + +Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen +verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen +in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in +einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die +deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven +Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort +war die Zentralhexenküche. + +Es ist nicht meines Amtes. + +Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im +juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes. + +Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen +Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem +Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der +vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht +wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in +Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer. + +Juden sind die Jakobiner der Epoche. + +Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden +werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung +beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich +in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun +eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in +die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom +Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So +müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der +Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne +gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und +ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte +Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären. +Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt +haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat, +man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt. + +Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer und Hüter +der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes. + +Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht +abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der Haß lodert weiter. Er +macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht +nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel. + +Es ist der deutsche Haß. + +Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit +ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein. +Man weiß von ihnen, daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man +weiß, daß sie ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als +eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen? + +Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß. + +Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. Immer, wenn +es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in +jeder heiklen Situation machen sie die Juden für ihre Verlegenheit +verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der +Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die +Kurfürsten und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge +mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher +funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien. + +Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich eine +Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher +Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem +Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen +Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei +Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der +Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, ich weiß +aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel +widereinander, und es war mir zumute, als müßten die in beiden Spiegeln +enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen. + +Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig +Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches. + +Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man +darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Güte. +Ein wesentlicher Defekt muß da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so +gewohnheitsmäßig, so skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen +Auseinandersetzung zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem +Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, in +Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Völker zu +marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen Hader sät, solch +berghohen Haß häuft. + +Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten. + +Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein. +Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung und Mittelpunktslosigkeit. +Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg über alle Feinde und auf +Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott +erfunden, der, wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen +patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen, +Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der +Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. Unvereinbare Gegensätze +individueller Wesenszüge: praktische Regsamkeit und Träumerei; Gabe der +Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb, +Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu +dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben +ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris führt, zu Hoffart und +unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schließlich das Dogma der +Auserwähltheit. + +Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen blutende, +eiternde Wunden. Im schwächeren Körper unheilbare Wunden. + +Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere +reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern +Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende +Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure +asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und +das arische Prinzip von der Erde vertilgen. + +Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und wer dann jene +Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre auch nicht gedient, wenn +ich mit Engelszungen redete. + +Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig. Die +Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges, +knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche sittlicher Entrüstung, die +die Engländer vorbrachten, über sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen +aber irgendein Engländer zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so +begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk +gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich +ist. + +Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im +Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Söhne hatte, einen elf-, +einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. Einmal ließ er sich mit ihnen +in ein Gespräch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der +Elfjährige sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein Millionär. +Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der +finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich überhörte, +sagte endlich zu dem Bedränger: Erde will ich werden wie du. + +Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken +zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, daß die Deutschen +stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden, +nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwände und +Verschleierungen sein mögen. + +Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum +wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane +Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den +Nachweis schließlich, den ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß +Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir +gefallen, damit kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel +betören. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet. +Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich +da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art +in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen +freilich, das in die Zukunft deutet. + + + + +24 + + +Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung wird die +Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf. + +Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner +Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan +glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage. + +Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke +geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es +rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte. + +Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu +werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul. + +Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen +nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört. + +Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling, +er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu. + +Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie +sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? + +Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es +als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles. + +Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu +streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben. + +Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches. + +Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: +er ist ein Jude. + +In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte ich die +wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in +der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde +ihres Anblicks nicht müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen +sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter +Gemordete, irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige Leiden +Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und drängten sich in +meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wußte, trieb mich die +Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die +Lebendigen bei ihnen an. + +So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten +Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz +und gar unerträglich. + + + + +25 + + +Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung und +Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu +wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiefe; was auf der +Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks. +Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen +die Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich +kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame; +Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte, +Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und +gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken; +Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und auf die ich dennoch +zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen +ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und +Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die +unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer +Werke spüre. + +Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich +rechne, und zu denen ich mich stelle. + +Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und +selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner +Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge +zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so +faßt er doch nicht die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert +meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich +haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und +Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich +darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner +Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir zuschreiben muß. Er meint, daß +die Wut der Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die +Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er übersieht aber +die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren +Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als +Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu +beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm, +sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für +die Deutschen als für die Juden leide. + +Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn +auch am vergeblichsten? + +Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung, +dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun? + +Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe, +und ich schäme mich für ihn. + +Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der +Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die +Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon +mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem +Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand. + +Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch, +der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein +gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm: +das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die +Peitsche aus der Hand. + +Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre +viel. Es wäre genug. + + + + +26 + + +Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu +beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet jeder +Bemühung. + +Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt +auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum verbietet sich dem, der +sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem +Ergebnis nur für die, die zur Anpassung geeignet sind, also für die +schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung. + +Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, Beklommenheit und +Unfreude, zu schleppen nur für jene, die es auf pure Existenz und deren +äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, unfaßlich für die Erleuchteten +oder Seelenhaften, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser +Einsamkeit und aussichtslosem Kampf –? + +Es ist besser, nicht daran zu denken. + +Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine +Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder +Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. Vielleicht hat +er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als +einen von ihnen betrachten. + +Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, in einem +Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht +umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr +und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich +spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene +Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen +beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahnenhafter und +wahlhafter, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang +ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb, +weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen +aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil +beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen, +zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung. +Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja +ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da +ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es +mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt. + +In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die +Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst +auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise die Verlorenen +heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner und Ergreifer wird +miterhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich, daß im Abstand von den +niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts +ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne +finden. + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage. + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman. Dreiundzwanzigste Auflage. + +Der Moloch +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage. + +Alexander in Babylon +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage. + +Die Schwestern +Drei Novellen. Sechste Auflage. + +Die Masken Erwin Reiners +Roman. Fünfzehnte Auflage. + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage. + +Faustina +Ein Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage. + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen. + +Der Mann von vierzig Jahren +Roman. Vierzehnte Auflage. + +Das Gänsemännchen +Roman. Sechsundsechzigste Auflage. + +Deutsche Charaktere und Begebenheiten +Mit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen +Vierte Auflage. + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage. + +Der niegeküßte Mund +Erzählungen. Dreiundsechzigste Auflage. + +Der Wendekreis +Novellen. Neunzehnte Auflage. + + + +Die Masken Erwin Reiners + +Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, +die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. + (Westermanns Monatshefte) + + +Das Gänsemännchen + +In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« sein +Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, voll +unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt, +Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und strahlende +Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer +Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und +Krausheit des Bildwerkes. + (Der Tag, Berlin) + + +Christian Wahnschaffe + +Dies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im +Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt +des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere +Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und zu deuten +versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt +unerschöpflich auf und verebbt. – Es sind zeitlose Sätze darin von +tiefer und langer Gültigkeit. + (B.Z. am Mittag, Berlin) + + +Der Wendekreis + +Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der +unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und +eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen +Novellenbuches. Ein #Theatrum mundi# tut sich in den sechs Novellen auf, +so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne +sich offenbart. + (Leipziger Tageblatt) + + +Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe +erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltung +p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes + +Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten: + +p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?) +p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) + +Das Originalbuch war in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fettdruck: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists +all corrections applied to the original text. + +p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung +p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes + +The following peculiar spellings have been kept: + +p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?) +p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Boldface: =bold face text= +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE *** + +***** This file should be named 17413-0.txt or 17413-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/4/1/17413/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mein Weg als Deutscher und Jude + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Mein Weg + als Deutscher und Jude + + von + + Jakob Wassermann + + + + #..... vis animae conturbatur et divisa + seorsum disiectatur, eodem illo distracta + veneno. + Lucrez, III. 498.# + + + + 1921 + + S. Fischer Verlag Berlin + + + + Erste bis fünfzehnte Auflage + Alle Rechte vorbehalten + + Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + =Ferruccio Busoni= + + dem Freund dem Künstler + gewidmet + + + +Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und +Figuren zu bewegen, will ich mir -- gedrängt von innerer Not und Not der +Zeit -- Rechenschaft ablegen über den problematischesten Teil meines +Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft, +nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, +die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen, +Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen. + +Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder +Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig +von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd. + +Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn nichts mehr gelten, +was mir schon einmal als bewiesen gegolten hat. Auf Beweis und +Verteidigung verzichte ich somit überhaupt, auf Anklage und jede Art +konstruktiver Beredsamkeit. Ich stütze mich auf das Erlebnis. + +Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über das Wesen jener +Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und Sein zieht und mir mit den +Jahren immer schmerzlicher fühlbar und bewußt worden ist. Der unreife +Mensch ist gewissen Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife. +Dieser, sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, was im +Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach der Besessenheit, in +der das Ich den Zauber des Unbedingten hat, und Welt und Menschheit +kraft einer angenehmen und halbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen +Willen in den Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In +dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und Zweck zu sein, +bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement wird, gleichsam +Schatten eines Körpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem +Maße wächst die Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und +unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was +man Realität und Erfahrung nennt. + +Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch bei der +genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite des Schicksals ab, wieviel +unvergeß- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterläßt. + + + + +1 + + +Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend +protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine +zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das +Verhältnis der Zahl der Juden zur übrigen Bevölkerung war etwa 1:12. + +Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten Judengemeinden +Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jüdische +Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blüte trat wahrscheinlich +erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem +benachbarten Nürnberg vertrieben wurden. Später wendete sich auch vom +Rhein her ein Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach +Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits, +die im Maintal in der Nähe von Würzburg seit Jahrhunderten dorfansässig +waren, so wie die von väterlicher Seite in Fürth, Roth am Sand, +Schwabach, Bamberg und Zirndorf. + +Beziehung zu Boden, Klima und Volk muß also den Generationen, die durch +dreißig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein +übergegangen sein, obgleich sie diesen Einflüssen entgegenstrebten und +als Fremdkörper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende +Beschränkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit und +der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten +Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und +edler Anlage, verblutete an ihnen. Daß finsterer Sektengeist, +Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten, +versteht sich am Rande. + +Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg, +war für die deutschen Juden der bürgerliche Tag längst angebrochen. Im +Parlament kämpfte die liberale Partei bereits für die Zulassung der +Juden zu den Staatsämtern, eine Anmaßung, die auch bei den +aufgeklärtesten Deutschen Entrüstung hervorrief. »Ich liebe die Juden, +aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen«, schrieb zum +Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund. + +Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner Jugend nichts mehr. +Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich +gewöhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begünstigte die Duldsamkeit. Ich +erinnere mich, daß mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger +Genugtuung sagte: »Wir leben im Zeitalter der Toleranz!« Das Wort +Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es flößte mir Respekt +ein, und ich beargwöhnte es, ohne daß ich seine Bedeutung begriff. + +In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus +vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und öffentlich. +Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und für die +fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich zählte, gab es eine +jüdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich +vor dem verführerischen und mächtigen modernen Wesen mehr und mehr ins +Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen; +diese wurde Sage, schließlich nur Wort und leere Hülse. + +Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten +seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu +erwerben. Er hatte in Geschäften eine unglückliche Hand. Er war ein +wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit +der Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen und großen +Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung +war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzüglertum der +Märzrevolution, das seine verwässerten Tendenzen ins neue Reich getragen +hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen +Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle, +von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch, +daß er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch +in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er +liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner +Reisen hatte er in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an +der Gästetafel gespeist; er erzählte oft mit Stolz davon, und in +späteren Jahren, als meine Kämpfe um den Schriftstellerberuf ihn +erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen +zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: »Was bildest du dir ein? +Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!« + +Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit +geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt hatte, aber mit großen +Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann +Versicherungsagent, eine Tätigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung +ihn mit den Seinen kaum über Wasser hielt und ihn außerdem mit dem +Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang +schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den Sechsundfünfzigjährigen +für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine beständige +stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: »Es waren die +ersten Ferien meines Lebens!« Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht +Tage nachher. + +Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit, +von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft +erzählt, daß Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf +ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir +auch erzählt, daß ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein +Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in +denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit. +Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod +hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte. + +Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr +verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, daß sie ihrer Zeit +nicht gemäß waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als +geistiger Spätling, die Mutter im Gemüt davon verdunkelt und beschwert. +Bei der Mutter äußerte es sich naturhaft und führte eine tragische +Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von +einem grundlosen, alle Sachverhalte verhängnisvoll verschleiernden +Optimismus begleitet, der ihm Enttäuschung über Enttäuschung brachte und +seinen Mut und seine Kraft zerstörte. + + + + +2 + + +Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und +ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dünkt, nicht besonders nahe, +da ich herausfühlte, daß sie weniger die Person als die Gemeinschaft +trafen. Ein höhnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick, +abschätzige Miene, gewisse wiederkehrende Verächtlichkeit, das war +alltäglich. Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der +Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt +wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb. +Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als +Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase +und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber +der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie +primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und +was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt, +schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß, +den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten +Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die +wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die +Gehässigsten waren darin die Stumpfesten. + +Das zunächst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fühlte +ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin +und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos +gelehrt. Sein böses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt +bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen +oder liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer gehört, die meisten sind +kalte Eiferer und halb lächerliche Figuren. Dieser, wie alle, bläute +Formeln ein, antiquierte hebräische Gebete, die ohne eigentliche +Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, Abseitiges, +Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektüre +des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom +Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im +Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja +unmenschlich und war durch keine höhere Anschauung geläutert. Vom Neuen +Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie Lichtschein durch eine +verschlossene Tür, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen. +Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich +in ein privates, sozusagen psychologisches Verhältnis zu ihnen treten +konnte, ein Prozeß, der sie individualisierte, im Sinne der Aufklärung +geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in +jedem Falle von der Religion ablöste. + +Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war lediglich +Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle Übung eingefleischter +Gebräuche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde +hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener Häuser im +quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen Städten +eines findet, und deren parvenühafte Prächtigkeit über die fehlende +Gemütsmacht des religiösen Kultus nicht hinwegtäuschen kann. Mir war da +alles hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch großer Worte, +unbegründete Lamentation, unbegründet, weil im Widerspruch mit +sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; Überhebung, +Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen +Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte. + +Die Konservativen und Altgläubigen hielten ihren Dienst in den +sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshäusern, oft nur Stuben in einer +entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch Köpfe und Gestalten, wie sie +Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und +glühend im Gedächtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen +wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die +lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und +Entbehrung, die ehrwürdigen Gebräuche wurden in entschlossener Hingabe +buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener, +wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost +oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber +Überzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft. + +In eine solche Schule mußte ich nach dem Tode meiner Mutter, als +neunjähriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit +Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr +hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch +zu sagen. Zehn männliche Personen über dreizehn Jahren mußten zu dem +Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die +Übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei +Schnee und Kälte, im Sommer um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu +üben, die aufgenötigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht +begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, sie dem +Geist zu verklären und so die Gefahr zu bannen, daß durch die Befolgung +eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur +vorübergehend, getrübt wurde. Dazu kam, daß im väterlichen Hause, +besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religiösen +Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse äußerliche +Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und +Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus Trieb und Zugehörigkeit. +Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest +seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch +geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem +Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der +Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz +abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von +Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau +betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit, +Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits +hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand +stützte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese +Frage wurde immer unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie +beantworten. + +Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen und +bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwärts stieß ich auf +Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener +Weg. Wenn ich sagte, daß ich von Pferch und Helotentum nichts spürte, +so bezieht sich das natürlich nur auf die rechtliche Konstruktion des +Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich +das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden +Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich höherer +Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verhält und +wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erwächst ihm die Erkenntnis seiner +Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer +Erfüllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden. + + + + +3 + + +Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner +alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als +auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen Synagoge. +Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, nichtssagend +in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner. + +Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu +fassen versuchten, einsames Denken und später Gespräche mit einem +Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter, +ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das +Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Maß, wie diese Idee sich als +unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelmäßigkeit, sei es durch +ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen +und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch gemäßer war, dieser Zeit +heilloser Verflachung und Verdünnung, die mit verstandener wie mit +mißverstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze +Gedankensphäre durch Bildung verfälschte. + +Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein Lehrer. Ich +verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und +Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich +hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung +zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die +Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die +Phantasie gerät in überschwellende Bewegung, und das Gemüt verliert den +Mittelpunkt. Wäre ich nicht als fragender Mensch in sehr frühen Jahren +nachhaltig eingeschüchtert worden, so hätte ich Brücken und Übergänge +finden können. Konventionen wären wichtig gewesen, leichte und +respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden, +den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des +Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder, +denn der Umstand, daß die unablässige Plage ihm, ihm allein, wie er +wähnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte ihn mit Scham, und er sah immer +aus wie vom bösen Gewissen gequält. Es war uns geradezu verboten zu +fragen, und Übertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs +inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, daß ich in +krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an +Dingfurcht, an Traumfurcht, daß in allem, was mich umgab, eine dunkle +Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verhängnis +zugekehrt, stets darin bestärkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast +bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand +ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke Spinozas in +zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung auf mich ausübten. Als ich +eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit +sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese Bücher lese, werde wahnsinnig. +Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Gedächtnis den Klang und +Sinn dieser Worte. So ähnlich war es auch mit allem Frohen, +Spielmäßigen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es +wurde abgedrängt, verdächtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein. + +Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die +mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewöhnlich vor der Herdstelle +und erzählte uns Geschichten. Ich entsinne mich, daß sie einmal, als ich +ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte: +»Aus dir könnt' ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!« +Ich entsinne mich auch, daß mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens, +weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit +Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien wurde, zweitens, weil der +Begriff Christ damals noch ein unheimlicher für mich war, halb +atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente. + +In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des +Gekreuzigten, an Kirchhöfen und christlichen Priestern. Uneingestandenen +Anziehungen strebten ungewußte Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das +erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der +Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und +signalgebend in Redensarten wie im täglichen Geschehen. Von der andern +Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein Achselzucken, ein +geringschätziges Lächeln, abwartende Geste und Haltung sogar, um +Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares zu mahnen. + +Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht ergründen. Auch +als ich später das Wesentliche daran erfaßte, wies ich es für meine +Person fürs erste zurück. In der Kindheit waren ich und meine +Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker- +und Kleinbürgerwelt, daß wir dort unsere Gespielen hatten, unsere +Gönner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der +Goldschläger, der Schreiner, der Schuster, der Bäcker gingen wir aus und +ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden +mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und +sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte. + +Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht +Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht, +als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der +aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich +entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer +gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen. + +Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden +Jahren der Riß immer klaffender wurde zwischen meiner ungestümen +Forderung und ihrer Gewährung, so hätte ich mich verlieren, schließlich +mich selbst aufgeben müssen, wenn nicht zwei Phänomene rettend in mein +Leben getreten wären: die Landschaft und das Wort. + + + + +4 + + +Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des +Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hämmergestampfes, der +Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des +Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und +Lieblosigkeit im väterlichen Haus. + +Im Umkreis dürre Sandebene, schmutzige Fabrikwässer, der trübe, träge +Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere Wälder, triste Dörfer, häßliche +Steinbrüche, Staub, Lehm, Ginster. + +Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer Geschichte. Mit +uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, Brücken, Brunnen und Mauern, für +mich dennoch nie Kulisse oder Gepränge, oder leerer, romantischer +Schauplatz, sondern durch vielfache Beziehung in das persönliche +Schicksal verflochten, in der Kindheit schon und später gewichtiger +noch. + +Wenige Bahnfahrtstunden nach Süden: das hügelige Franken, Tal der +Altmühl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach alle Ferien bei der +Schwester meiner Mutter verbringen durfte, alle Sommerwochen des Jahres, +oft auch herbst- und winterliche. Die Landschaft von zarter +Linienführung, mit Wäldern, die gehegtes inneres Bild nicht so +beschämten wie jene anderen; Blumengärten, Obstgärten, Weiher, +verlassene Schlösser, umsponnene Ruinen, dörfliche Kirmessen, einfache +Menschen. Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und Pflanze; +Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; und so der Bauer, +der Händler, der Wirt, der Landstreicher, der Jäger, der Förster, der +Amtmann, der Türmer, der Soldat. Hier sah ich sie in reinen +Verhältnissen zu ihrer Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich +ausstieß. Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch +Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaßen in zwei +abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im lichteren zu vergessen, was +mich der finstere hatte erfahren lassen. Dort sozial angeschmiedet, +sozial erinnert, an die Kaste gepreßt, Parteiung erkennend, Unbill +wissend, im Häßlichen verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes, +krampfig, scheu, isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur +gegeben, in freundlicher Nähe zu ihr, durch ihren Einfluß, wenn auch +immer nur vorübergehend, losgesprochen von nicht abzuwälzender Schuld +und Anklagebürde, die sonst lähmend, ja zermalmend hätte wirken müssen. + +Über diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann die innere +Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor der Geburt mit in die +Welt bringt, die das Wesen und die Farbe des Traumes bestimmt, des +Traumes in der weitesten Bedeutung, wie überhaupt die heimlichen und +unbewußten Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche +Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und Gebirge, Höhle, +Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der unreifen Sehnsucht, der Aus- +und Zuflucht alles Ungenügens an der Gegenwart ist unter der inneren +Landschaft zu verstehen, vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens +selbst, der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein +wirkliches Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten +Wirklichkeit sich abspielende vielleicht bloß Spiegelung ist. + +In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne zu flunkern oder +zu dichten, ist fast unmöglich. Es handelt sich um Gefühlsintensitäten +und um Bilder von unfaßbarer Flüchtigkeit. Beinahe alles zu Äußernde muß +sich auf ein »ich glaube« beschränken. Man tastet hin, man ahnt zurück; +jede Erinnerung ist ja ein Stück Konstruktion. Es scheint mir +zweifellos, daß alle innere Landschaft atavistische Bestandteile +enthält, und ebenso zweifellos dünkt mich, daß sie bei den meisten +Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der Pubertät und dem +Eintritt in das sogenannte praktische Leben verwelkt, verdorrt, +schließlich abstirbt und untergeht. + +Ich war sehr naiv in meiner Abhängigkeit von Traum und Vision. Vision +darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte Zustände, unwahrnehmbare +Dinge und Figuren in Greifbarkeit zeigten. Im Alter zwischen zehn und +zwanzig Jahren lebte ich in beständigem Rausch, in einer Fernheit oft, +die den Mitmirgehenden und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose +Hülle ließ. Es ist mir später berichtet worden, daß man mich anschreien +mußte, um mich als Wachenden zu wecken. Ich hatte Anfälle von +Verzückung, von wilder, stiller Verlorenheit, und in der Regel war die +Abtrennung so gewaltsam und jäh, daß die Verbindungen rissen, und daß +ich wie gespalten blieb, auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen +war. In beiden Sphären lebte ich mit geschärfter Aufmerksamkeit, wie +überhaupt Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber es waren +keine Brücken da; ich konnte hier völlig nüchtern, dort völlig außer +mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte dabei alle Mitteilung, alle +Botschaft. Das erhielt mich in einer außerordentlichen, mich quälenden +und erregenden, für die Menschen um mich meist unverständlichen +Spannung. Staunen und Verzweiflung waren die Gemütsbewegungen, die mich +vornehmlich beherrschten; Staunen über Gesehenes, Geschautes, +Empfundenes; Verzweiflung darüber, daß es nicht mitteilbar war. +Vermutlich war meine Verfassung die: ich wußte, daß Unerhörtes oder +Merkwürdiges mit mir, an mir, in mir geschah, war aber durchaus nicht +imstande, mir oder anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war +gewissermaßen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat, +was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. Noch heute wüßte +ich nicht im geringsten zu sagen, worin eigentlich dies Verborgene, +verborgen Flammende, geheimnisvoll Jenseitige bestanden hat; ich muß es +für ewig unerforschbar halten, trotzdem es mir lockend erscheint, +einiges davon zu ergründen; es müßte dann auch zu ergründen sein, was zu +den Ahnen gehört und was zur Erde, was vom Blute kam und was vom Auge, +und aus welcher Tiefe das Individuum in den ihm gewiesenen Kreis +emporwächst. + +Mit der Darstellung dieser Kämpfe und Exaltationen ist ein Verhältnis +zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung aus der Not und +Notwendigkeit heraus zu erklären. Und wie sehr das Wort Surrogat und +Behelf ist, erweist sich in meinem Fall nicht minder offensichtlich, da +doch das Ding und Sein, worauf es sich bezog, unbekannt geworden und +hinter nicht zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, daß alle Schöpfung +von Bild und Form auf einen solchen Prozeß zurückzuführen ist. Ich +glaube, daß alle Produktion im Grunde der Versuch einer Reproduktion +ist, Annäherung an Geschautes, Gehörtes, Gefühltes, das durch einen +jenseitigen Trakt des Bewußtseins gegangen ist und in Stücken, Trümmern +und Fragmenten ausgegraben werden muß. Ich wenigstens habe mein +Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das +sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene +schmerzliche Bemühen eines manischen Schatzgräbers. + +Doch: Kunde zu geben, davon hing für mich alles ab, schon im frühesten +Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich stumm, geblendet und +mit Vergessen geschlagen in die niedrige Wirklichkeit verstießen, wollte +ich doch Kunde geben, denn trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum +Rande von ihnen gefüllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren +geriet ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit +überwindend, in zusammenhangloses Erzählen, das von Angehörigen, von +Hausgenossen und Mitschülern als halb gefährliches, halb lächerliches +Lügenwesen aufgenommen und dem mit Zurechtweisung, Spott und Züchtigung +begegnet wurde. An Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim +Linsenlesen, und es kam vor, daß ich dabei plötzlich zu phantasieren +anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und Abenteuer +dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose Nachbarn als Zeugen +sonderbarer Begegnungen anführte, mir selbst die höchsten Ehren, +höchsten Ruhm prophezeite. Die Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend, +schaute mich ängstlich verwundert an, ein Blick, der mich noch trotziger +in das unsinnig Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite +und beschwor mich mit Tränen, daß ich nicht der Schlechtigkeit verfallen +möge. + +Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine Not zum +Erzähler von Geschichten mit handelnden Figuren und geschlossener Fabel +wurde, muß ich festhalten, weil es weit über den kindlichen Bezirk +hinaus auf meinen Weg, auf meine Wurzeln wies. + +Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht +wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen +von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor +dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah +die Brotlaibe mit Zeichen, so daß sie erkennen konnte, wenn einer von +uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, daß +das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich hatte sie Mühe, mit dem ihr +zugeteilten Gelde zu wirtschaften, so wie mein Vater Mühe hatte, es +aufzubringen; desungeachtet glaube ich, daß die Kinder von Bettlern es +in dieser Hinsicht besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner +Mutter, ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, erfuhr, +wie übel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten in der Stadt +eine gewisse Summe für die Bestreitung dringender Auslagen, und ich als +Ältester erhielt wöchentlich eine Mark mit der Erlaubnis, dafür Eßwaren +für mich und meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe +in meinen Augen, und da es zu gefährlich war, das Geld bei mir zu +tragen, war ich bemüht, ein Versteck ausfindig zu machen. Mein Bruder +nun, der um fünf Jahre jünger war als ich, also ungefähr sechs, hatte +keinen andern Gedanken, als dieses Versteck zu erspähen, denn er war +unzufrieden mit der Verteilung, mißtraute mir, verlangte bei jedem Anlaß +mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, daß ich ihm zeige, +wieviel ich besaß. War der Zank einmal im Gang, so artete er gewöhnlich +bis zu Drohungen aus, und ich mußte täglich gewärtig sein, daß der +gierige Rebell mich bei der Stiefmutter denunzierte, eine Verräterei, +deren Folgen ich mehr als alles fürchtete. Insofern war mein Bruder im +Recht, als ich nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag für Brot, Obst, +Wurst und Käse ausgab, sondern mir außerdem noch billige Bücher +anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein Bruder und ich +schliefen in einer Art Verschlag in demselben Bett, und in meiner +Bedrängnis verfiel ich nun auf den Ausweg, ihm vor dem Einschlafen +Geschichten zu erzählen. Wider Erwarten fand ich an ihm den +aufmerksamsten Zuhörer, und ich nützte den Vorteil aus, indem ich jeden +Abend meine Geschichte an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er +sich dann während des folgenden Tages ungebärdig, so hatte ich +meinerseits eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklärte einfach, daß +ich die Geschichte nicht weitererzählen würde. Je verwickelter, +spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit war, je +erpichter war er natürlich, die jedesmalige Fortsetzung zu hören, und +ebenso natürlich mußte ich, um ihn im Zaum zu halten und nach meinem +Willen lenken zu können, alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe +rufen. Es war keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen +Forderer, und ich durfte nicht langweilig und nicht flüchtig werden. So +erzählte ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, im +Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide müde waren, und bis ich im +Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der Situation gelangt war, von der +ich selbst noch nicht wußte, wie sie zu lösen sei, die aber den +atemlosen Lauscher wieder für vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt +gab. + +Ich sagte, daß mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln wies. Auf den +Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, daß ein Mensch zu binden +ist, zu »fesseln«, wie der verbrauchte Tropus lautet, indem man sich +seiner Einbildungskraft bemächtigt, daß man ihn sogar vom Schlechten +abbringen kann, wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine +Wirklichkeit vortäuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen +richtet; daß man Freude, Furcht, Überraschung, Rührung, Lächeln und +Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um so stärker, je freier das +Spiel, je absichtsloser und je mehr vom Zweck befreit die Täuschung ist. +Der beständige Augenschein aller Wirkung hielt mich selbst in Atem, +weckte meinen Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur +Vervollkommnung meiner Mittel. + +Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer Trieb im +Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins Kleinbürgerliche +übertragen; schlummernder Keim, befruchtet durch Zufall und Gefahr. +Schehrasade erzählt, um ihr Leben zu retten, und während sie erzählt, +wird sie zum Genius der Erzählung schlechthin; ich -- nun, um mein Leben +ging es nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz +und gar und bestimmte Denken und Sein. + +Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedürfnis wurde, die eine oder andere +der nächtlich erzählten Geschichten aufzuschreiben. Dies mußte in +größter Heimlichkeit geschehen, und es begann damit schon der Kampf. Daß +mein Treiben allmählich ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die +Stiefmutter sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen +Blätter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; Verwandte, Lehrer, +Kameraden stellten sich feindselig dagegen, beinahe derart, als ob ich +sie durch mein Unterfangen geradezu beleidigt hätte, und der zum +erstenmal bekundete Vorsatz, mich dem Schriftstellerberuf zu widmen, +rief bei den Bekannten Gelächter, beim Vater den heftigsten Unwillen +hervor. + +Die Sache war die, daß ich dem Onkel, jenem Bruder meiner Mutter, der in +kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen war. Darauf hatte mein +Vater seine ganze Hoffnung gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte +mir gelingen: reich zu werden; mich in einer großen Laufbahn als +Nachfolger des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine +Lieblingsvorstellung. Meine abgeirrte Neigung zu unterdrücken, ließ er +deshalb nichts unversucht. + +Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt in der +bürgerlichen Gesellschaft weder so häufig noch so erstrebt wie heute, +und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst aufgehört hat, das seltene und +kostbare Vergnügen weniger Erlesener zu sein, ist sie für die Vielen +Luxus, Ausrede und Gemeinplatz geworden, schließlich Betrieb, wie jeder +andere. Keiner will mehr hören und empfangen, alle wollen selber reden +und selber den Geber spielen. + +In meinem fünfzehnten Jahr hatte ich einen Roman geschrieben, ein +unsäglich dürftiges und abgeschmacktes Ding, und das Manuskript trug ich +eines Tages in die Redaktion des Tageblattes. Ein dicker Redakteur saß +verschlafen am Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein +Anliegen vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats unter +meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der Unterhaltungsbeilage der +Zeitung. Ich weiß es noch, es war ein Winterabend, wie mein Vater nach +dem Essen das Blatt zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen +Teller gelegt hatte, daß sein Blick auf mein Produkt fallen mußte, wie +ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der versorgte, müde +Ausdruck seines Gesichtes sich jäh veränderte, wie in seinen Augen +zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das aber bald dem Zorn, der Angst, +der Ratlosigkeit wich. + +Es gab schlimme Szenen, Vorwürfe, Drohungen, Beschimpfungen, Hohn. Auch +in der Schule wurde ich zur Rechenschaft verhalten, vor den Rektor +zitiert und wegen verbotener Publikation zu zwölfstündigem Karzer +verurteilt. Der Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die +Frau war seine getreue Spionin, so daß ich keine ruhige Arbeitsstunde +mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein das Bett verließ und +am Fenster, in einem leidenschaftlichen inneren Zustand, Blatt um Blatt +vollschrieb. In einer solchen Nacht brach in der hofseitig gelegenen +Fabrik meines Vaters Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug +Lärm, und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, die +Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde durch dieses +Unglück für seine Härte gegen mich bestraft. + + + + +5 + + +Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von der Unbill und dem +Gefühl erlittenen Unrechts nicht erdrückt zu werden, flüchtete ich mich +gern in die Vorstellung, daß der Weltgeist für mich im stillen wirkte. +Es war ziemlich wunderbar, daß ich an der kerkerhaften Wirklichkeit +nicht zerschellte. + +Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen +wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes +Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, jeder in seiner Weise. Beide waren +Juden, beide spielten eine typische Rolle in meiner Entwicklung. + +Der eine war ein schlanker, großer, blondlockiger Mensch, mit einem +Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe und besaß eine +ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres Beisammenseins und die +Beschäftigung mit den Werken der Dichter waren erstohlen, ihr Gepräge +war Schwärmerei. Mit unersättlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in +mich auf, Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in +diesem Bereich webte; zwischen dem Alltäglichen und der Region der +Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale Brücke, die heimlich +passiert werden mußte; hier war Kälte, Angst, Beengung, Kahlheit, +Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, Passion; und Wort, Bild, Traum waren +die Altäre eines verschwiegenen Dienstes. Möglich, daß der Freund mit +mir von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf +seine Schönheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum Kaufmann +bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da ich den künftigen +Garrick der deutschen Bühne in ihm erblickte, war die Tragödie unser +eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte in mir, meinem bewunderten +Garrick ein Shakespeare zu werden, und ich ging selbst an die +Verfertigung von Trauerspielen. Ich kannte keine Richtung oder Schule; +es war Sturm und Drang in mir, aus mir, Pathos und Überschwang aus +eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; und der +Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich schon die Unsterblichkeit +erlangt. Als uns das Geschick voneinander getrennt hatte und ich in die +Fabrik des Onkels nach Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer +Briefwechsel das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen +Episteln gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte. +Er aber verlosch bald. Ich merkte, daß ihm meine intransigente Haltung +unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen geistigen Qualen +wenigstens Echo zu sein, erschöpfte er sich in rührseligen und +verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, und eines Tages, als er +wieder lang und breit von der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben +hatte, beschloß ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie +wieder von ihm gehört. + +Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in Gunzenhausen, der +in München die Rechte studierte, drei Jahre älter als ich war, und den +ich stets in den Ferien zum Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem +ersten. Im Wachstum zurückgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der +durchdringendste jüdische Verstand gegeben, eine Fähigkeit, die +Schwächen und Blößen der Menschen wahrzunehmen und zu geißeln, die mich +ihn fürchten ließ. Meine dichterische Neigung verfolgte er mit beißendem +Spott, namentlich, wenn junge Mädchen dabei waren, vor denen er zu +glänzen liebte, und denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine +Belesenheit und Schlagfertigkeit imponierten. + +In dieser kleinen Welt war er das große Licht, die letzte Instanz der +Kritik, während ich als Poetaster und haltloser Schwärmer, der nicht +einmal den Weg humanistischer Bildung einschlug, eine mitleidswürdige +Figur machte. Durch nichts konnte ich mich vor ihm behaupten, durch +keine Anstrengung, keine Verheißung, keinen Hinweis; er zerpflückte mir +Wort und Leistung, verdächtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm zu +gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches Bemühen. Nicht +bloß, daß er Mißtrauen in meiner Umgebung säte, rief er auch Schwanken +in mir selbst hervor, und eingeschüchtert von seiner Beredsamkeit und +Argumentierungskunst, der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils, +der Überlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge, +betrachtete ich ihn als Richter und Führer. Als er sich endlich zur +Anerkennung meines Werbens und Kämpfens herbeiließ, legte ich in einer +wichtigen Stunde die Entscheidung über mein Schicksal in seine Hand. Das +kam so: + +Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar geworden. Ich +entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte mich bei der mir +zugewiesenen Arbeit lustlos und unverläßlich, entschlüpfte bei jeder +Gelegenheit dem starren Kreis, um im Verborgenen einer Neigung zu +frönen, die für befremdlich, schädlich, ja verbrecherisch geachtet +wurde; die Tage verbrachte ich in einer verworrenen, ja somnambulen +Gemütsverfassung, die Nächte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd, +berauscht, entselbstet vor meinen Manuskripten. Daß ich da lauter leeres +Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es handelt sich in solchen +Epochen der Entwicklung weniger um Qualität als um Intensität. Die +Folgen waren häusliche Auseinandersetzungen, Vorwürfe der Undankbarkeit, +Besserungsversuche, Strafmandate, Predigten, Hohn. Daß in meinem +abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen könne, von der +Möglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar nicht erwogen; mein +Onkel, ein gütiger, einfacher, obwohl schwacher Mensch, Einflüssen +ausgesetzt, die ihm mein Bild verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave, +drohte, mich mit Schimpf davonzujagen, und allerdings mußte es mir als +das Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, oder, +wie es später auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit als +Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen. + +Es war da ein langjähriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, der eine +eigentümliche geistige Ähnlichkeit mit meinem Freund hatte. Scharfer +Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, literarisch unterrichtet, +gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild von jenem aus älterer +Generation, nur daß er mehr Welt und mehr Bonhomie besaß. Derselbe Typus +heute hat überhaupt nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei +oberflächlichem Urteil bedünken, als hätte der Typus an Positivität des +Geistes gewonnen, was er an Gutmütigkeit und Schliff verloren hat. Aber +das ist nur Schein. Zieht man die Hülle weg, so steht ein Leugner da, +jetzt wie vordem, ein Entgötterter, ein Opportunist aus still nagender +Verzweiflung, deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam, +mit der nämlichen Rückhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schloß ich +mich an den älteren an, um in genau der nämlichen Art enttäuscht zu +werden. Die spezifisch jüdische Form von Weltklugheit ist mir im Laufe +meines Lebens vielfach verhängnisvoll geworden, weil ich mit völlig +anders eingestellten Sinnen unvermögend war, die praktischen Nutz- und +Nahzwecke auch nur wahrzunehmen, dabei aber mit der äußeren +Verantwortung häufig, mit der inneren immer beladen wurde. + +Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, wurden von ihm +verworfen und verlacht, waren dann auch in Gesellschaft das Ziel seiner +geistreichen Sticheleien. Doch ließ er sich zu Besprechungen mit mir +herbei und gab mir den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der +Onkel die Mittel dazu bewilligen würde, und er versprach, ihn dazu zu +überreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen Aussicht, +an meinen Freund in München, schilderte ihm, wie die Dinge lagen, +schrieb vorgreifend, daß ich möglicherweise auf die Unterstützung meines +Verwandten zählen könne und fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir +beistehen, mich zum Examen vorbereiten würde. Die Antwort war über +Erwarten herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens und +Strebens, das er, der sonst so kühl abwägende, mir machte, war so +verführerisch, daß ich plötzlich die Geduld verlor, mit dem Onkel und +seinen Beratern weiter zu verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890 +heimlich meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fünfzig oder +sechzig ersparten Gulden nach München flüchtete. + +Ich entsinne mich noch sehr gut der nächtlichen Fahrt im Personenzug, +weil ich mich während ihrer ganzen Dauer in einer Stimmung befand und +ihr gemäß handelte, die nicht oft wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich +saß in einem trüb erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa +dreißig Menschen, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern, auch Frauen und +Mädchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht hindurch, hielt +ich die Leute mit ausgelassenen Späßen, lustigen Geschichten und +unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwährendem schallenden Gelächter, in +das auch die Schaffner einfielen. Alle die lachenden, feuchten Augen +waren gespannt, dankbar-entzückt auf mich gerichtet, und ich erinnere +mich noch eines mageren alten Bauern, der vor Lachen förmlich weinte, +und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit Äpfel zusteckte +und meine Hand tätschelte. Ich hatte Vergnügen daran, zu beobachten, wie +die Traurigkeit, Bitterkeit, Wundheit in mir im selben Maße wuchsen, in +dem ich mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinriß. So frech +in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem Antrieb +jugendlich-selbstgefälliger, selbstbetrunkener Menschensucht und +Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung außerordentlicher +Einsamkeit dabei im Spiel gewesen. + +Mein Freund, der Student, hatte gehofft, daß der reiche Onkel, den er +respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerüstet und mit seinem Segen +hatte ziehen lassen und war natürlich nicht erbaut, als es sich +herausstellte, daß ich von der Krippe weggelaufen sei und um Gnade erst +betteln müsse. Halbgezwungen machte er noch einmal den Fürsprecher +meines unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes +Monatsgeld bewilligt, so gering, daß es mich kaum vor dem Hunger +bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem Studium nicht die Rede +sein konnte. Die Laune meines Mentors wurde daher immer finsterer; ich +wurde ihm zur Last, er wußte nicht, was er mit mir beginnen sollte und +suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine +Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft und +prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner Kommilitonen, in den er mich +bisweilen brachte, galt ich als traurig-komische Person, Wildling, armer +Teufel, nach studentischen Begriffen unebenbürtig, Gegenstand der +Geringschätzung auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war, +und binnen kurzem sah ich mich in einer viel übleren Lage als vor der +Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein der Obsorge und +Voraussicht beging mein Freund die Verräterei, vor seiner Reise in die +Ferien an meinen Onkel zu schreiben, daß ich es mit den neuen Aufgaben +nicht ernst nehme, und daß er infolgedessen meinem Tun und Treiben nicht +länger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn sei mir nach +seiner Überzeugung verschlossen. Darauf wurde die Geldunterstützung, die +ich bis dahin bezogen, eingestellt, und ich befand mich im Zustand der +Hilflosigkeit und Verlassenheit, die noch um das Gefühl des Zweifels an +der Zukunft vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender +Bedrängnis, beladen mit einem voluminösen Epos in Blankversen zu einem +der berühmtesten Dichter Münchens wallfahrtete, um ein Urteil, einen +Fingerzeig, ein tröstliches Wort von ihm zu empfangen. Das Gegenteil +trat ein. Der große Mann, der sich mir kühl und majestätisch gab, riet +mir ernst, mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm +wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund bot. Ich +zürnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft davon +durchdrungen, daß in den Jahren der Entwicklung Werk und Gewirktes viel +weniger zu zeugen vermögen als der Mensch, das Schicksal, das er auf +sich nimmt und der Weg, den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen +Blickes als den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen +Verhältnisses, als dem zwischen gefeierter Autorität und schüchternem +Scholaren. + + + + +6 + + +Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und Wirken zu tun, als +ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht selber einbildete. Wonach ich +begehrte, war die Menschenwelt, eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk +und Gewirktes darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn +an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von Entbehrung, +von dem ich mir bestimmte Rechenschaft hätte ablegen können, nicht die +Erkenntnis umschriebener und begrenzter Widerstände, sondern nur ein +ahnendes, blindes Ertasten davon, das sich im Bewußtsein und in der +Seele kaum formulieren ließ, zur Greifbarkeit sich erst viel später +verdichtete. Denk ich zurück, so war es wie ein Herumtappen im leeren +finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang finden muß, bevor eine +sinnvolle Tätigkeit überhaupt in Frage kommt, ein System der Dinge +entstehen kann. + +Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem +einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines +Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art, +noch von denen meiner Wahl. Denn zu wählen hatte ich mich ja nachgerade +entschlossen, und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich mich +mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschluß geschieden, +diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich selber darzubieten, +ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem entfaltete sich also in seiner +ganzen beunruhigenden Wucht. + +Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mißverstanden werden. +Keine Regentenregung war in mir. Auch Vergeßlichkeit nicht und noch +weniger Nützlichkeitserwägung. Ich lebte in schmeichelnden, die mir so +nahe, so augenscheinliche Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von +allgemeinem Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen +nicht belehrt, noch nicht gedemütigt, Erfahrungen auch sonst schwer +zugänglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch verklärte Bilder, +und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug hielt mich ab, statuierte +Unterschiede der Klasse, Kaste und Rasse, der Herkunft und des +bürgerlichen Charakters auch auf mich anzuwenden. + +Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller Täuschung +für ein typisches Los, so daß mir die Menschenwelt in lauter einzelne +ebenso unbedingte Wesen zerfiel. Hiervon wurde meine Phantasie ins +Uferlose, Bodenlose, Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und +armselig vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verführung wurde, +anderseits Fatum und Gewissensbürde. + + + + +7 + + +Um nicht zu verhungern, mußte ich Zuflucht bei meinem Vater suchen, der +zu dieser Zeit in Würzburg lebte, selbst in kümmerlichsten Umständen. +Als wahrer verlorener Sohn kehrte ich zurück; wenn es auch ohne Dramatik +abging, ohne Schmerz und Demütigung ging es nicht ab. Er ließ mich +fühlen, daß ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht hatte und +zeigte sich mir noch finsterer und kälter als vordem. Am erbittertsten +war die Stiefmutter über den unwillkommenen Kostgänger, an den sie +Wohlwollen ohnehin nie verschwendet hatte. Es war schlimm, gleichsam +betteln zu sollen um die Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war +alles von da ab. + +Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den alten Gassen und +Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf dem Hofgartenwall, im +Veitshöchheimer Schloßpark und verschanzte mich, da ich keinen Gefährten +hatte, kein Paar Augen, die mich freundlich grüßten, in +Einsamkeitswollust und Einsamkeitshochmut. Draußen waren Geister in +Bewegung, ich spürte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang +auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und neuen +Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu denken und sah +keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, aber es war auch ein +sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum vom heimlichen Kaiser, den gerade +die Verstoßenen manchmal selbstverliebt in sich nähren. + +Indes wuchs die Sorge meines Vaters über das arbeitsscheue Treiben, und +er forderte, daß ich dem Onkel einen Abbittebrief schreiben und ihn +durch das Gelöbnis der Besserung bestimmen solle, mich wieder +aufzunehmen. Mich zu sträuben war umsonst, die Quälereien wurden zu arg. +So fügte ich mich ins Unvermeidliche und verfaßte mit schriftstellerischer +Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verächtlich sagte, +die seien schöne Wortfeuerwerke. Doch willigte er in eine Probezeit. +Sein Haus und seine Fabrik sollten mir verschlossen bleiben, bis meine +Führung bewiesen, daß ich von den »Wahnideen« geheilt sei. In der +Familie eines seiner Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es +waren einfache, aber lärmende und triviale Menschen, denen ich als Neffe +ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich mißglückter +Literat lächerliches Geschöpf war. Ich trat als Lehrling in ein +Exportgeschäft, was von Beginn an eine kaum erträgliche Fron war. Der +Chef war ein cholerischer Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder, +stadtbekannter Wüstling. Im ganzen Betrieb herrschte eigentümliche Tücke +und Aufsässigkeit. Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von +mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines niedrigen +Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. Zehn Monate nahm ich +mich zusammen, um meinem Versprechen treu zu bleiben. Ein frecher +Bubenstreich machte der Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages +während meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische +Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wußte von +nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte es, +mich zu verteidigen, verließ den Posten und erklärte meinem Onkel +rundweg, daß ich mit solchen Menschen nichts mehr zu schaffen haben +wolle. Eine junge Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte, +ruhte nicht, bis sie die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum +Geständnis gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spät. Der +Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamität geworden, und man +wollte mich los sein, wenn nicht auf gute Manier, so auf schlechte. Es +wurde beschlossen, daß ich mein Militärjahr absolvieren und, falls ich +nach Verlauf dieses Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem +Schicksal überlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Würzburg +geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. Zur +Bestreitung der Kosten wurde die Hälfte eines kleinen mütterlichen +Erbteils flüssig gemacht, etwa tausend Mark; und davon sollte ich nicht +nur ein ganzes Jahr leben, sondern auch die unerläßlichen Ausgaben für +den Dienst, die Uniformierung, die Repräsentation aufbringen. Ich trat +sonach in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglückselige +Mischung, wie ich bald spüren sollte. Jude und arm, das erregte doppelte +Geringschätzung, bei der Mannschaft wie bei den Offizieren. Im übrigen +beging ich gleich zu Beginn eine Torheit und Einfältigkeit, von der das +Odium während des ganzen Jahres an mir haften blieb. Lächerlicherweise +nämlich schloß ich das schriftliche #Curriculum vitae,# dessen +Anfertigung in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermütigen +Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen +Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv hatte. Der Feldwebel las +die gereimten Verse beim Rapport unter allgemeinem Hallo vor und hielt +mir eine niederschmetternde Standrede, als hätte ich das gesamte +deutsche Heer verhöhnt. + + + + +8 + + +Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es dem +Zufälligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine eigentliche +Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern nur Darstellung +eines schicksalhaften Konflikts, genüge als Zusammenhängendes der +bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen soll, wie ich geworden, und +auf welchem Boden ich gewachsen bin. Der Weg wird nun schmaler und +bestimmter, die Richtung energischer sein müssen, Gebot der Verknüpfung +hat zurückzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden. + +Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als Soldat meine +Pflicht zu tun und das geforderte Maß der Leistung zu erfüllen, wozu +bisweilen keine geringe Selbstüberwindung nötig war, gelang es mir +nicht, die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte +bald, daß es mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre, +daß es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an +der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz, +die befriedigende Leistung selbstverständlich zu finden, die +unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von gesellschaftlicher +Annäherung konnte nicht die Rede sein, menschliche Qualität wurde nicht +einmal erwogen, Geist oder auch nur jede originelle Form der Äußerung +erweckte sofort Argwohn, Beförderung über eine zugestandene Grenze +hinaus kam nicht in Frage, alles, weil die bürgerliche Legitimation +unter der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. Aber dies +ist ja hinlänglich bekannt, niemand hat sich schließlich mehr darüber +gewundert, auch ich war von vornherein mit der Situation vertraut, was +ja an sich schlimm genug ist und eine beständige Trübung der allgemeinen +Lebensstimmung herbeiführen muß. + +Auffallender, weitaus quälender war mir in dieser Beziehung das +Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete ich jenem in den +Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem +der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch +die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß +hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der +Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des +Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und +Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie +des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, +Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit +der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und +Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein +deutscher Haß. + +Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst dieser +Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit klar zu werden +versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten. Und so erging es auch mir. +Kam hinzu, daß die katholische Bevölkerung Unterfrankens, reichlich +durchsetzt mit einem unerfreulichen Schlag noch halb ghettohafter, +handelsbeflissener, wuchernder Juden, Krämer, Trödler, Viehhändler, +Hausierer, einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanität und +natürlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stämmen stand und das +Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmärchen, +bischöfliche Bluterlässe, mörderische und gewinnbringende +Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne trug. + +Es geschah, daß ich zu einem jungen Menschen in förderliche Beziehungen +trat; wenn dann die gewisse Enthüllung unvermeidlich war, zog er sich +entweder vorsichtig zurück, oder er gab sich eine Weile unbefangen, um +schließlich doch ein schwer bekämpfbares Mißtrauen durchblicken zu +lassen, oder er ließ mich verstehen, daß er in meiner Person eine +Ausnahme statuiere und sich seines begründeten Vorurteils zu meinen +Gunsten entäußere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher noch +können wir es ertragen, daß das Individuum in uns für minderwertig +proklamiert wird, als die Gattung; eher noch darf der Charakter +verdächtigt werden, als die Geburt; gegen jenes kann man sich retten, +man kann den Irrtum beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn +widerlegen zu können; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele +machtlos, und der gehütetste innerste Spiegel des Bewußtseins trübt und +befleckt sich. + +Als ich nach der Entlassung vom Militärdienst nach Nürnberg kam, wo man +mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete Stellung in einer Kanzlei +angeboten hatte, war ich in einem wesentlichen Teil des Verhältnisses +zur Welt schon gelähmt. Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der +Furcht vor Erniedrigung eingeht, ist für die Sittlichkeit und Freiheit +des Handelns die schädigendste. Ist das errungene Gefühl des eigenen +Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung nur die +Isolierung, der Entschluß, sich suchen und finden zu lassen, die +Sehnsucht nach dem, der suchen und finden wird. Es ist das Wunderbare +der Jugend, daß sie am Menschen nie ganz zu verzweifeln vermag, eher +wirft sie sich selbst weg, als daß sie aufhört, an den Menschen, dies +geträumte Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich weg +damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares +Verlangen nach geistigem Umgang und stürzte in die Kloake des Geistes, +mich dürstete nach Bestätigung, und ich wurde aus mühselig eroberten +Festen geschleudert, ich wünschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen +Gehalt aus Geld, Schweiß und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden +getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung äfft. Mehr ist +schlechterdings nicht zu sagen nötig, um die Existenz zu kennzeichnen, +die ich durch Jahr und Tag führte; was sollte es frommen, das häßliche +Einzelne wieder hervorzuziehen aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen +Kneipen verbrachten Nächte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen +Rebellentums, jämmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, versäumte +Pflicht, würgende Not, billige Herausforderung des Bürgers. Es ist heute +nicht neu und war zu seiner Stunde nicht neu. Auch von dem Ring der +traurigen Figuren zu sprechen, lohnt nicht. So trüb oder auch merkwürdig +die Schicksale, so mittelmäßig der Zuschnitt im ganzen. In allen +Winkelkaffeehäusern der Erde wird von allen malkontenten und impotenten +Künstlern, Literaten und verkrachten Studenten, von allen Falstaffs und +Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals dieselbe Phrase in derselben Manier +vom Rausch bis in den Katzenjammer totgeschleift. + +Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom Treiben jener Jahre +für mich blieb, war einerseits die Stadt, Monument des Mittelalters, wie +durch Zauberfluch ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter, +von Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast und +werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Bürgertum und Proletariat; es ist +mir immer symbolisch bedeutend für diese Konstellation erschienen, daß +die erste Eisenbahn Europas zwischen Nürnberg und Fürth lief. +Andrerseits, im natürlichen Zusammenhang damit, war Anblick und +Erfahrung einer schroff geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden, +Stillen, Vergehenden und Welt von Wollenden, Überlauten, Kommenden. + +Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel und +Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen schwankten vor mir auf +und ab. Ich war nicht gesonnen, mein Schicksal an eine von ihnen zu +hängen. Von dort wurde mir Zärtlichkeit alter Formen geschenkt, +Ehrfurcht vor Überlieferung, Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das +Umfriedete, Geschlossene, Gesicherte zu spüren und zu denken; von hier +kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht verwandelter Zeit, +im übrigen freilich Kälte, Kälte der Seelen, Trägheit der Seelen, +Verkrustung der Seelen. + +Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, so habe ich es +vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten Augenblick +wie ein Retter in mein Leben getreten ist. Ich hatte seine Sympathie +erweckt, er beobachtete mich, näherte sich mir, zeigte mir die Gefahr, +und seine sanfte, geduldige, liebevolle Überredung bewirkte, daß ich das +verrottet-unfruchtbare Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was +ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch +kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er war ein +unermüdlicher Erzähler und barst von Geschichten. Obwohl selbst in +vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch vergrübelt und, da seine +zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible Natur ihm jeden +vertrauten Umgang erschwerte, auch vereinsamt, schloß er sich werbend, +führend, eifersüchtig wachsam an mich an. Er war einer der +problematischesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und sein Einfluß +erstreckte sich über meine wichtigsten Jahre. + +Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich. Er entstammte einem alten +Nürnberger Patriziergeschlecht, das aber völlig verarmt war. Sein Vater +war tot, er lebte mit seiner Mutter, einer welthassenden, weltfremden, +eigentümlich strengen Frau in einem Verhältnis zwischen +Unverträglichkeit und Liebe. Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit +seiner Art, die sich wie ein Fisch verbiß, hatte er sich literarischen +Interessen zugewandt, nicht als Produzierender, sondern als ein mit +seiner Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. Er war +schlank, hager, sehnig, flink, nervös wie ein Rennpferd, launenhaft, +verstand zu imponieren und zu gewinnen, war voller Impuls und +Heftigkeit, auch voll List und Witz, und hatte Neigungen zum Aszeten, +zum Bücherwurm, zum Homöopathen, zum Sonderling. + +Als er, der seine Kräfte in der Heimat verdorren fühlte, nach Zürich +gegangen war, wo ihm ein größerer Wirkungskreis in Aussicht stand, war +mir zumute, wie einem, den der gute Geist verlassen hat, und mein +Trachten war darauf gerichtet, wieder in seine Nähe zu gelangen. Ein +Briefwechsel von seltener Intensität, seiner- wie meinerseits, gab nur +ungenügenden Ersatz für die lebendigen Stunden, aber es war vorläufig +keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte indessen das +Mündigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital des mütterlichen +Vermögens ausgehändigt, fünf- bis sechshundert Mark, in deren Besitz ich +mir reich erschien. Ich kündigte meine Stellung, zahlte meine Schulden, +fuhr nach München und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was ein +vollkommen neuer Zustand für mich war, der sich auch bald rächte, denn +eines Tages war der vermeintliche Schatz erschöpft. Ich sah mich nach +einer neuen Stellung um, ließ ein Inserat drucken, und es meldete sich +ein Generalagent im badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien +ersuchte und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der +einzige Beamte in seinem Bureau und hatte täglich zehnstündige +Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich getreten, war +hart, karg, hinterhältig, schwer zu befriedigen, im Benehmen von +betonter Korrektheit, Allüre des Reserveleutnants. An einem +Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei gegangen war, um eine dringliche +Arbeit zu erledigen, erschien er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte +aber dann, ich möge die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen. +Etwas erstaunt, ihn über diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen, +antwortete ich, was zu antworten war. Sein Gesicht veränderte sich +erschreckend. Nach einem bösen Schweigen warf er mir vor, ich hätte ihn +absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wäre meine Pflicht gewesen, ihm +von meiner Konfession im Offertbrief präzise Mitteilung zu machen, er +habe an dergleichen nicht gedacht, da ihn meine Photographie und dann +auch mein Auftreten getäuscht habe, und als getäuscht müsse er sich auch +betrachten. Weiter äußerte er sich nicht, aber er bereitete mir nun, da +er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Straße zu werfen, die +gehässigsten Schwierigkeiten, nörgelte an jedem Federstrich, an jedem +Gruß und legte mir aus niedriger Erwartung heraus eine Falle, indem er +mir nämlich das gesamte Bargeld der Agentur übergab und darauf rechnete, +daß ich, dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher +vorenthalten hatte, in meiner von ihm gewußten Notlage mich an dem Geld +vergreifen würde. Es geschah auch wirklich, daß ich, während er einige +Tage verreist war, zwei Taler aus der Kasse nahm; ich konnte mir nicht +anders helfen in der Bedrängnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat, +die zwei Taler als Vorschuß zu berechnen. Jedoch er lächelte höhnisch. +Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite und entließ +mich auf der Stelle. + +Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos irrte ich +im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte Regennächte in den +Hütten der Holzfäller und wäre verhungert, wenn ich nicht von einigen +Bauern Milch und Brot bekommen hätte, und zwar durch Vermittlung ihrer +Kinder. Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg die +Schule besuchten. Ich begleitete sie häufig am Abend durch den Wald und +erzählte ihnen dabei allerlei Geschichten. Dies gewann mir ihre +Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses Leben nicht mehr, verkaufte, was +ich von meinen Habseligkeiten noch entbehren konnte, einen Rock, ein +paar Bücher, meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zürich, +wo ich nach vielen Mühseligkeiten auch glücklich anlangte und vom Freund +mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschütterte und für alle +Leiden entschädigte. + + + + +9 + + +Es erwies sich, daß der Freund ebenfalls in bedrängter Lage war; mit +seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte er seinen Posten +verlassen müssen und einen andern noch nicht gefunden. Wir lebten nun in +folgender Art: Tagsüber schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstraß, des +Abends suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstraße auf, wo der Freund +einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewährte. Dort tranken wir +Milchkaffee und aßen eine Unmenge von Weißbroten, unsere ganze Mahlzeit +für die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Wir blieben bis spät in die +Nacht sitzen, vertieft in Gespräche, dann gingen wir nach Haus, er legte +sich in sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir +weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg hatte nicht +aufgehört, mich innerlich zu quälen. Der Freund merkte, daß ich ihm +etwas verbarg, denn bisher hatte ich es noch nicht über mich gewinnen +können, ihm davon zu berichten, sondern als Ursache meiner Flucht einen +gleichgültigen Zank angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wußte +er mir endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich +viele unserer nächtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema. + +Der an sich unbedeutende Vorfall führte uns ins Allgemeine und +Schicksalhafte und wieder zurück ins begrenzt Persönliche meiner +Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege miteinander gegangen waren, +öffnete sich plötzlich ein Abgrund zwischen uns. + +Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu erkennen und zu +benennen ich bisher auch von mir abgewendet hatte: ich fühlte mich als +Mitglied einer Nation, gleichgeordnet als Mensch, gleichberechtigt als +Bürger; da mich aber ein Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne +daß es möglich war, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, als +untergeordnetes Wesen behandeln dürfte, so beruhe entweder mein Gefühl +auf einem Irrtum, oder die Übereinkunft, von der es gestützt gewesen, +sei Lüge und Betrug. + +Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, sondern meiner +Abstammung, der Zugehörigkeit zu einem Fremdkörper innerhalb der Nation; +ein Argument, auf das ich gefaßt war, und auf das ich nur mit Scham und +Empörung antworten konnte. + +Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gäste, sagte ich, warum tretet +ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die zugleich Gebote der +Menschlichkeit sind, mit Füßen? Angenommen aber, sie sind euch lästige +Eindringlinge, warum duldet ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner +Verträge schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem Dach +in scheinheiligem Frieden und heimlichem Haß. + +Die Juden gehören nun einmal dazu, sagte er rätselhaft; wie es ist, +gehören sie dazu. + +Wie, sie gehören dazu? wende ich ein, und ihr traktiert sie dennoch als +Ratten und Parasiten? + +Wer läßt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun die politischen +und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklärten Deutschen wissen, was sie +den Juden zu verdanken haben und ihnen in Zukunft auch noch werden +danken müssen. + +Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht +in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war die peinvollste Überlegung, +darüber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennende? +fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast +nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaßen, Blutart von +Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche +nicht mit französischen Emigranten vermischt? Mit Slawen, Nordländern, +Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als +ihre Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche, +ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen, +Künstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Fürsten, Könige sogar? Und +die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht +ihr Blut berührt haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft, +Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man +selbst physische Vermischung ausschließt? War auch ihr eigenes Gesetz +dagegen und der Widerstand der Völker, konnten sie sich dem natürlichen +Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Von +anderer menschlicher Prägung? + +Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als seien sie von +anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer menschlicher Prägung. +Das gerade sei vielleicht der kritische Punkt. + +Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, daß der Freiburger +Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines kleinlichen, boshaften, +gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe? + +Das räume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau geschehe, sei +nicht maßgebend für die Anschauung auf dem höheren. Übergriffe der +Exekutive bewiesen auch nie etwas gegen die Legislatur. + +So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer +Beschaffenheit und anderer menschlicher Prägung als er? + +Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, ob ich +mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fühle. Ich zögerte. Ich wollte +wissen, worauf die Frage abzielte. + +Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir werde, mich zu +bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht leicht zu umgrenzen. + +Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher. + +Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jüdin gewesen sei? Ob in der +Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung bekannt oder nur der +Verdacht davon vorhanden sei? Als ich jenes unbedingt bejahte, dieses +lächelnd verneinte, schüttelte er den Kopf und sagte, mein Fall sei +außerordentlich interessant; es sei ein ganz besonderer Fall. + +Ich ließ ihn nicht entschlüpfen. Ich wollte Aufschluß haben über das, +was er »meinen Fall« nannte. Ich bot ihm Behelfe. Ich sagte: Es ist +nicht entscheidend, daß ich mich unter Deutschen als Deutscher fühle. +Dem Deutschen steht es frei, dies als eine Prätension zu betrachten, +eine begründete oder unbegründete, je nachdem. Er kann sie erfüllen oder +nicht erfüllen, je nachdem. Erfüllen: gnadenhalber, ausnahmsweise, +befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt +oder Sympathie abringe, aus Lässigkeit, Vergeßlichkeit, aus Zwecksucht. +In einen Gesellschaftsverband aufgenommen werden, nur weil die sonstige +Abwehr eingestellt ist, ist verletzend und entwürdigend, letzten Endes +für beide Teile. + +Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich bisher überzeugt +gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht bloß +zugehörig, sondern zugeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit +mehr als das Mittel, mich zu verständigen, und mehr als das Nutzprinzip +des äußeren Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes. +Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das +Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen ich, wenn schon nicht die +Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spüre. Sie ist mir +vertraut, als sei ich von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert +gewesen. Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand +geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein +Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, in +Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß des täglichen +Seins, Spiel der Lebensläufe, Erlebnis der großen Werke zur Anschauung +Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das +nicht gültiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als +eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht +und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch Aberglauben, +Bosheit und Trägheit besteht? + +Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten meine +besondere Situation; im allgemeinen lägen die Dinge ganz und gar nicht +so. + +Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation berufen, warf ich +ein, und ich will mich nicht in ihr begnügen. + +Prüfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden als Gesamtheit +haben sich niemals mit den Interessen der Wirtsvölker selbstlos zu +identifizieren vermocht. Innerhalb des Staates haben sie sich in eine +soziale und religiöse Isolierung zurückgezogen, ein starrer, erstarrter +Block in der strömenden Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung +dauerte, hatten sie den Schein des Martyriums für sich; seit sie +aufgehoben ist, liegt der Mangel an Willen und Fähigkeit zutage. Es +steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch +heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen allein offenbarte Lehre, +bewußt oder unbewußt, und halten alle andere Lehre für Irrtum und Lüge. +Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß +richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem +Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der +Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch +könnte er gemildert werden? Nur er vielleicht erklärt die +Widerstandskraft, die Geduld, die Leidensüberwindung, die beispiellose +Vitalität des Stammes. Rache für das Erlittene zu üben, keimt +wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele, +wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der +andersgeartete Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte +wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender +Aufklärer, nicht durch den Schmerz der Abgelösten, nicht durch das +Vorbild der Verwandelten aus der Welt zu schaffen. + +Dies zu hören war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei ja der ganze +Jammer des versteinerten Mißverständnisses und der böswilligen Hetze, +doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, ich sei wie so viele das Opfer +eines Kulturblendwerkes. Wie lange ist's denn her, sagte er, daß die +Juden aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das +achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und düsterer +Verkrochenheit. Für den greisen Goethe noch war der Jude ungefähr +dasselbe, was dem Amerikaner heute der Nigger ist, trotz Nathan dem +Weisen, trotz Spinoza und Moses Mendelssohn, trotzdem die junge +Romantik, die sich um ihn erhob, von jüdischen Einflüssen durchsetzt +war, trotzdem er gegen die historische und institutive Ehrwürdigkeit der +Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. Die +Kindheitseindrücke des Frankfurter Judenghettos zeigten sich stärker. +Die Juden weisen immer auf die Bedrückungen und Verfolgungen hin, wenn +verwerfliche Züge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein +Jude erträgt ein objektives Urteil über Juden, geschweige denn ein +abfälliges, auch über einzelne, auch über Entartete nicht, sobald das +Judentum als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler rächt +sich insofern schwer, als sich zwischen schönfärbender Apologie und +häßlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromiß finden läßt. Alle +Lobredner weisen mit Emphase auf die unbedingte Sittenreinheit und +Gesetzestreue der Juden hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein +Wässerchen getrübt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Räuberbanden, +die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands und des +Niederrheins unsicher machten, Juden in erklecklicher Menge, Diebe, +Hehler und Späher. Die Shylocks aller Grade will ich nicht erwähnen, die +mitleidlosen Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen. +Absurd wäre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die sich in +heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, fast schutzlos, an +Leben und Eigentum stets gefährdet, als ob die mehr und tiefer denn ihre +Wächter und Quäler zu makelloser Führung verpflichtet, als ob die +Verbrecher unter ihnen verabscheuenswertere Verbrecher wären als die +anderen. Gerechterweise muß man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist +auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht von höherer +Warte aus. Sie betrifft das Unvermögen zu seelischer Wandelbarkeit. +Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja in außerordentlichem Maße eigen, in +gerade verhängnisvollem Maße. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als +volkhafte Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer +biblischer Vorzeit waren. + +Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe imperativen +Autorität. Ich entsinne mich, daß ich mich der Logik und Kraft seiner +Argumente nicht entziehen konnte. Niemand wird erwarten, das Gespräch +sei hier im Wortlaut angeführt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge +von Gesprächen, und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er war +unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen wollte, liebte ihn +um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich dunkel empfand, daß er +sich in unserem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit über mich stellte, +daß er die Herrschaft an sich riß, und daß die wesentliche Erkenntnis, +zu der wir endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlöste wie mich, +dem sie ein Tor öffnete und ein Ziel zeigte, sondern, daß er in +heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr mein Widersacher +wurde. + +Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im Dasein der +Juden, führte er aus, der Humanisierungswille des neunzehnten +Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue Jahrzehnt knüpfte festere +Bande zwischen ihnen und uns. Äußerlich nur, zugegeben; solche des +bürgerlichen Zusammenschlusses, wirtschaftliche, vaterländische sogar, +in jedem Fall gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem +Ermessen, schönem Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene. +Bedingungslos wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen +Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, weil sie +sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? Warum aber? Solange +sie Geächtete waren, war es ihr Recht, ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre +Waffe, das Mittel zur Selbstachtung und Selbstaufrichtung, sich zu +verschließen, an der engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginäre, +halb schwärmerische und um desto süßere, verführerische, +tragisch-erhöhende Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege zur +Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges +Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit +erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten +zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des +Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre +wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen +Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, daß +sie hätten Christen werden sollen. Das haben viele getan, aus +Utilitätsgründen, oder weil sie sich nicht mehr verkettet fühlten, oder +auch aus Überzeugung. Die Frage ist nur, ob sie Christen werden können, +anders als im oberflächlichen Sinn, wie es ja die Mehrzahl der Christen +selbst ist. Die Frage ist, ob sie deshalb aufgehört haben, Juden zu sein +und dies in einem tieferen Sinn; man weiß es nicht, man kann es nicht +kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflüsse. Judentum +ist wie ein intensives Färbemittel; die geringste Quantität reicht hin, +um einer unvergleichlich größeren Masse seinen Charakter zu geben oder +wenigstens Spuren davon. Nicht zu leugnen, daß sie, wieder in einem +gewissen Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen. +Was mag es sein? Ist es das eigentümliche Beharren der Seele oder der +Sinne im Kontrast zur Flüssigkeit, Mobilität, Vielgesichtigkeit des +Geistes? Es beweist und erklärt zu wenig. Macht der Tradition ist es +nicht, oder nicht ausschließlich, oder nicht mehr. Tradition wird +überwunden und jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet +als Disziplin einen wohltätigen Damm gegen Maßlosigkeit und +Individualisierungsgier, hütet als politische Maxime Scheunengut und +bewahrt die Nation vor überstürzten Neuordnungen. Aber gerade die +Maßlosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, gerade die Sucht nach +Neuordnungen muß man den Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also? + +Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht läge in der +Verallgemeinerung. Es gäbe solche und solche Juden. Alle Gesamturteile +seien schief und führten zur Vergewaltigung, zur Verzerrung, zur +Ausnützung im Dienste von Parteiinteressen. Warum nicht menschlich den +Menschen sehen, nur den Menschen? Oft rufe man durch Mäkeln erst die +Fehler hervor, und in der Wiederholung entstehe die Übertreibung. Man +möge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres Rechts zu +atmen kaum bewußt, Verscheuchte, Verschüchterte, Umklammerte; immer +neuer Zustrom aus trüben Behältern trübe die gereinigten wieder, viele +seien gequält durch den latenten Haß, und ihre Entschlossenheit, sich zu +opfern, treibe sie bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch +die ungewohnte Fülle von Raum und Entfaltungsmöglichkeit: und wenn man +ein jüdisches Tribunal imaginiere, so würde dort keiner freigesprochen, +den ein christliches oder deutsches für schuldig erklärt. Aber ich +spürte bei alledem, daß meine Parade den Hieb nicht fing, weil mein +Standpunkt gegen den des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit +später, im Verfluß jahrzehntelanger Kämpfe, konnte ich mir seine Frage +beantworten, dieses »Was ist es also?«, von dem ich sogar die +Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch zur Aufrichtigkeit und +Selbstdurchforschung gebieterisch trieb. + +Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als das +auserwählte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen findet sich der +Glaube an ihre Auserwähltheit und die Verkündigung davon. Ohne daß man +die Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit der Gründe untersucht, auf +welche sich dieser Glaube, diese Verkündigung stützt, ob auf die +offenbarte Lehre, ob auf das Verhältnis zu den geliebten Dingen, ob auf +das historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, daß +eine mit solcher Hartnäckigkeit durch die Jahrtausende festgehaltene +Überzeugung einerseits ganz außerordentliche Pflichten nach sich zieht, +die von der Gesamtheit niemals restlos erfüllt werden können, ferner +ganz außerordentliche sittliche und moralische Spannung erzeugt, die +wieder durch ihre notwendigen Entladungen eine Existenz voller +Katastrophen schafft; und daß andererseits ein solches Axiom, wenn es +als selbstverständliche Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren +Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lähmt, und an ihre Stelle +den sittlichen Quietismus setzt, der zu Überheblichkeit und zum +Pharisäertum führt. + +Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner +Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung. +In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden +Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir +bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der +tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems. + +Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig einen +Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß +man Jude ist. + +Mir wurde klar, daß ein Volk nicht dauernd auserwählt sein kann und sich +nicht dauernd als auserwählt bezeichnen darf, ohne die gerechte Ordnung +in den Augen der übrigen Völker zu stürzen. Der auserwählte Einzelne ist +stets in der Lage, die Verantwortung für sein Tun und Lassen zu +übernehmen; im auserwählten Volk aber maßt sich der Einzelne nach und +nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der er nicht gewachsen ist, +und bei der er überredet wird, die Vorteile der Gesamtposition für sich +geltend zu machen, die Verantwortungen hingegen auf die Gesamtheit +abzuwälzen. Selbst den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer +einmaligen grandiosen Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwähltes +Volk zu bezeichnen, wie wäre ein solcher Anspruch gegen die Kritik, +gegen die veränderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen und zu +sichern? Wie wäre es möglich, den Komplex »Volk« abzugrenzen? Genügte +das bloße Bekenntnis zu einem Glauben, um auserwählt zu sein? Das wäre +schlechthin unsinnig und unsittlich. + +Die Idee der Auserwähltheit hat, für ein Volk, Berechtigung nur +innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie aber aus der +historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaßen ins Unendliche +gerückt wird, entsteht die Versündigung, während die persönliche +Auserwähltheit im Unendlichen steht, im Unendlichen besteht. + + + + +10 + + +Die Gespräche mit dem Freund, ein unaufhörliches Duell der Meinungen in +den Formen des gegenseitigen liebevollen Interesses, hatten +weitreichende Bedeutung für mich und stellten meine Gedanken- und +Empfindungswelt auf eine viel breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor, +als ob ich mit der ganzen Menschheit Frieden schlösse, wenn ich mit ihm +Frieden schloß, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen +Friedens festzusetzen, ja sie nur unmißverständlich zu umschreiben. + +Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in Worten als durch +seine Haltung stellte, war: bist du Jude oder bist du Deutscher? Willst +du Jude oder willst du Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um +diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der einen +oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den +ich dann nach der einen oder der andern Richtung gehen sollte. Was wurde +für mich besser oder schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort +allein, der Beschluß allein, die Richtungsänderung allein maßgebend? Ich +suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung und Bestätigung bei +denen, die mir vorangegangen waren, nach der einen oder andern Richtung, +aber das Suchen war ergebnislos. + +In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig interessierten +Kreisen Deutschlands noch ein mächtiger Name. War von jüdischer +Leistung, jüdischem Vollbringen, jüdischem Ruhm die Rede, so wurde auf +Heine hingewiesen. Durchaus nicht bloß Juden waren für Heine Feuer und +Flamme; die Wirkungen und der Einfluß dieses Poeten gingen in die +breitesten Schichten, über das Künstlerische und Poetische hinaus ins +Politische und Soziale. Und wie man weiß, gehört er zu den wenigen +Deutschen, die in Frankreich Ansehen und Bewunderung genossen haben. +Aufgeklärte und gebildete Menschen lasen Heine, zitierten ihn, beriefen +sich auf ihn, und der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem +kleinen studentischen Freund in München, der Dutzende von Heineschen +Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen Wendungen +schwelgte, bis zur Kaiserin von Österreich, die diesem ihren Abgott einen +Tempel bauen ließ. Es war mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den +charakteristischen Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung, +einer solchen nämlich, in der das Talent über das Menschentum +prävaliert. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde +sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in der zweiten Hälfte +des achtzehnten der des Genies; der Begriff des Genies umfaßte aber +damals auch die Menschlichkeit, in allen ihren Äußerungen, selbst den +unerfreulichen, während der Talentkultus, unter dessen merkwürdigen und +nicht leicht zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht, +der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu das +Schulbeispiel dafür. + +Ich befand mich von Anfang an im Verhältnis des Widerstrebens, ja der +heftigen Abneigung gegen Heine. Seine Lyrik erschien mir, gemessen an +der von Goethe, Hölderlin oder Mörike, süßlich, spielerisch und roh +sentimental; seine Prosa erregte meinen Haß durch ihr Bestreben nach +geistreicher Pointe, durch ihre Mischung von Frivolität und rohester +Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften fand +ich zum Teil seicht und von oberflächlicher Brillanz, zum Teil +unwahrhaftig und eitel. Für das Satirische, das ihre stärkste Qualität +ausmacht, hatte ich wenig Verständnis, und die sogenannten letzten +Gedichte, in denen aufrichtige und ergreifende Töne sind, waren mir +verdächtig durch ein gewisses Sichgefallen im Schmerz. + +Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefühl ungerecht. Die +Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf ließ, hatte wohl ihren Grund +darin, daß etwas unantastbar, nachahmungswürdig und mustergültig sein +sollte, was ich für schädlich und zerstörend hielt. Es sind in neuerer +Zeit so viele Ankläger und Verächter Heines aufgetreten, mit guten und +schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen und +unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, daß ich nur mit Überwindung +und weil dieses Stück Wahrheit eben zur ganzen Wahrheit gehört, mich +entschlossen habe, das Thema zu behandeln. Daß die blinden Hasser und +die böswilligen Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, daß Unrecht +überhaupt geschieht. Verschweigen und Schönfärben macht eine schwache +Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das Blut ging, war vielleicht +das Blut. Seine zeitbedingte Erscheinung war im zeitbedingten Sinn +jüdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von +Ghettogeist und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus, +von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer Vorliebe für das +Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, welch letztere Mischung man +fälschlich als romantische Ironie bezeichnet hat, während sie ein +Ergebnis fabelhafter jüdischer Anpassung und dabei tiefer innerer +Lebens- und Weltunsicherheit ist. Aus dieser Quelle fließt dann auch die +journalistische Befähigung, wie denn Heine der eigentliche Schöpfer, +wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des +Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglücklichen Surrogats von +Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer Form, Narkotikum für eine +niedergehende Gesellschaft und Mittel, Verantwortungen zu verschleiern. + +Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in voller Naivität +Deutscher. Er beklagte sein jüdisches Schicksal und sein jüdisches Leid +und verriet den Juden in sich. Er gab sich als deutscher Patriot, +deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblüt und Wahl und verriet den +Deutschen in sich. Auch dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität. +Er war der Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre +Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt, +auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, ohne Himmel und deshalb +auch ohne Erde. Wenn man mir ihn pries, fühlte ich mich stets verraten; +wodurch, kann ich kaum erklären, aber mir schien, daß ich am andern Pol +stand und daß ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einfluß erst besiegen +mußte, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einfluß beginnen konnte. Allen +Juden schmeichelte der Name Heinrich Heine; mir schien es hingegen, daß +sie ihn hätten fürchten sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren +Weg verführerisch ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur des +jüdischen Menschen und des jüdischen Deutschen gab. Es wurde mir +gesagt: Warum hältst du dich an Heine, warum blickst du nicht auf die, +die deinen Widerstand weniger oder gar nicht herausfordern? Da ist Felix +Mendelssohn, da ist Börne, da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli, +da ist Lassalle und Marx, da ist schließlich Spinoza, Menschen von +großem Zuschnitt, der letzte vom allergrößten, nicht Jude mehr, +herausgetreten aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, Mensch an +sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie hinblicken. Lockung +und Gefahr war auch in ihnen, aber sie ordneten sich williger in die +Folge der Gesichte und Erlebnisse. Heine schloß zunächst zuviel des +Gegenwärtigen ein und aus; er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten +hatte. + +Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prägung. Es würde zu +sehr ins Breite führen, wenn ich sie hier aufzählte und von Cervantes +bis Turgeniew und Dostojewski, von Dickens, Thackeray, Richardson und +Balzac bis Keller, Gotthelf, Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern +wollte; den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und +Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die gewaltigen +Herzen, die Anbetung und glühende Hingabe. Ich suchte in ihnen und bei +ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, die Gestalt, das feurige, +flüssige Unaussprechliche, das wie ein geistiger Golfstrom die Gestade +der Seele umschlingt. Nebenbei beschäftigte ich mich viel mit +geschichtlichen Studien, indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins +Einzelne ging, teils aus Neigung für das persönlich Schicksalhafte, +teils aus Hunger nach Stoff und Lebensmaterial, und außerdem mit +Astronomie, ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen +Erschütterungen sowohl wie aus Überdruß an der verzweifelten Enge und +Ausblicklosigkeit meiner Umstände. + + + + +11 + + +Allmählich wurde ich dem Freund lästig. Ich wußte nichts mit mir +anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, denn ich hatte +nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu keiner praktischen Tätigkeit. +Die dürftigen Hilfsmittel des Freundes waren völlig versiegt, in der Not +knüpfte er frühere Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten +wir uns mit deren Bestand noch über Wasser, was das Schlimme mit sich +brachte, daß wir die Freiheit verloren und wieder in ein fades und +vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen wurden. Ich war den Leuten +aus irgendwelchen Gründen unsympathisch, und als ich gelegentlich einer +Fahrt auf dem Züricher See durch einen Windstoß meinen alten Strohhut +einbüßte, wurde ich außerdem noch lächerlich. Der Freund, verängstigt +und feig geworden, gab mich preis, und mir war im Ring der Feinde übel +zumute. Es wurde beschlossen, daß ich bei einer Zeitungsredaktion +Anstellung zu suchen hätte. Man schrieb mir Adressen auf und schickte +mich mit einem geliehenen Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf +meine Stirn geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden, +mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, und so kehrte +ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurück. Da hielten sie Kriegsrat +und gelangten zu dem Ergebnis, erstens, daß mir ein neuer Hut gekauft +werden sollte, zweitens, daß durch eine Sammlung das Fahrgeld +aufzubringen sei, dessen ich zur Reise nach München bedurfte. In München +lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es waren etwa +zwanzig Franken, die außer dem Hut zusammenkamen; davon lösten sie am +Bahnhof das Billett bis Lindau, der Restbetrag wurde mir eingehändigt. +Der Abschied vom Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne. +Ich entsinne mich auch, daß ich auf der Fahrt zwischen Zürich und dem +Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der Verlockung, mich +nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, nicht widerstehen und nahm +von dem zur Weiterreise bestimmten Geld. Als ich auf dem Lindauer +Bahnhof stand, einige Minuten vor Abgang des Münchener Zuges, muß ich +als mitleidswürdige Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner +trat zu mir, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, und nachdem ich ihm +gestanden hatte, daß ich das Geld zur Reise nicht hatte, ließ er mich +einsteigen und drückte mir während der Fahrt das Billett in die Hand mit +den Worten, er vertraue meinem ehrlichen Gesicht, daß ich ihm die +Auslage wiedererstatten werde. Auf das Billett hatte er seine Münchener +Wohnung geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit +des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und meiner +Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung des Vaters; der +Vater war verreist; ich sah an allem, daß er sich in der ärmlichsten +Lage befand, trotzdem bat ich die Frau, sie möge mir das Geld für den +Schaffner geben, es waren vielleicht zehn oder zwölf Mark. Sie weigerte +sich mit Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet +außer sich, überschüttete mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen und +verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, ich langte nach +einem Küchenmesser und schritt drohend auf sie zu; nun wurde sie auf +einmal nachgiebig, sei es, daß mein Anblick sie in Furcht versetzte, sei +es, daß sie meine Verzweiflung instinktiv erfaßte; nach einer Weile +brachte sie mir ein silbernes Armband, das meiner Mutter gehört hatte +und sagte, ich möge es versetzen. + +Danach war natürlich jede Verbindung mit meinem Vater zerbrochen, und er +schrieb mir nach seiner Rückkehr nur ein paar Zeilen, die mich durch +einen ihm sonst nicht eigenen kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm +war ich nun ein gänzlich mißratener Auswürfling. Dies alles sei +berichtet, weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich +unmittelbar an dies Zerwürfnis schloß, nicht gut erklären könnte; denn +es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit und so +erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen Großstadt selten +sind, und die zu ertragen eine nicht gewöhnliche Widerstandskraft +notwendig war. Ich lebte von Äpfeln, von Käse und von Salat. Den Salat +fand ich morgens in einer Schüssel vor der Tür meines Mansardenlochs; +eine Frau, die mir gegenüber wohnte und von meiner hilflosen Lage +Kenntnis erlangt hatte, übte auf diese zarte Manier Mildtätigkeit. Als +ich ihr eines Tages dankte, schüttelte sie stumm den Kopf. Ich hätte +aber selbst so nicht weiterleben können, wenn mir nicht mein Vater hier +und da einen Brief geschickt hätte, in den er ein paar Marken gelegt +hatte, die ich veräußerte; er mußte es heimlich und ohne Wissen seiner +Frau tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, Streber, +Ordensjäger und Geschichtsforscher #ad usum delphini,# der mich eine +Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es war dies ein gewissenloser +Menschenschinder, wie man sie nicht selten unter subalternen Beamten +trifft; es machte ihm zynisches Vergnügen, aus meiner Bedrängnis Nutzen +zu ziehen und seine Macht zu mißbrauchen; selbst in gedrückter Stellung, +war es Lust für ihn, über einen noch Gedrückteren unumschränkter Herr zu +sein. Wenn ich eine Woche lang seine Exzerpte kopiert und ihm zehn bis +fünfzehn Bogen abgeliefert hatte, zahlte er mir nach Willkür und Laune +einen bis anderthalb Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig +oder dreißig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei ich +darauf bedacht sein mußte, daß ich mich nicht in einen Kampf mit +stärkeren Spielern einließ. Daß ich körperlich immer mehr herunterkam, +bedarf keiner Erwähnung; es stellten sich Magenblutungen ein, und ich +verordnete mir eine strenge Reiskur, die mich auch wirklich heilte. Im +Äußeren war ich völlig vernachlässigt, obwohl ich alle Sorge darauf +richtete, ohne Löcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich +begab sich etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb +quälender, halb beglückter Spannung, aus der sich langsam Gestalten, +Bilder und Vorgänge lösten. Mein tägliches Dasein war ein erregter +Traum; die Nächte über saß ich bei der Arbeit und schlief nur wenige +Stunden. Die Einsamkeit, der gänzliche Mangel an Umgang und Aussprache +bewirkten eine wiederkehrende und schließlich latente, rauschhafte +Verzückung, die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden +Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor mich hin +und erinnere mich, daß ich einmal von zwölf bis drei Uhr nachts im +Herbstregen durch die Straßen rannte, von Grauen erfüllt, weil ich einen +Verfolger hinter mir glaubte, einen unversöhnlichen Feind, dessen +Gesicht und Gestalt mir irgendwie genau bekannt waren. + +Dergleichen geschah öfter. Dennoch war ich keineswegs verzweifelt, im +eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht verbittert oder +anklägerisch oder menschenhassend. Ich denke nicht, daß ich mich einer +nachträglichen Verklärung schuldig mache, wenn ich sage, daß die äußeren +Leiden an mir niederrannen wie Wasser an einer geölten Wand. Ich fühlte +einen unerschöpflichen Vorrat an Kräften in mir. Was ich äußerlich zu +erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu stehen, was ich +innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden Geduld entgegen, sonst +nichts. Es war nicht eben Zuversicht, die mich stark machte; zur +Zuversicht gehört bewußtes Selbstvertrauen; das hatte ich nicht, auch +der Arbeit gegenüber nicht, die mich zwar in Flammen sah, an der ich +aber die Unreife und Unzulänglichkeit spürte, kaum daß die Flamme +ausgebrannt war, so daß ich mit einer fast nüchternen Beharrlichkeit +immer wieder zum Anfang schritt. Es ist natürlich schwer, nach +Jahrzehnten rückschauend alle Stationen einer Entwicklung wahrheitsgemäß +zu untersuchen, ohne einem gewünschten Bild zu schmeicheln, doch wie ich +auch mich und jene Zeit in mir prüfe, zwei Tatsachen bleiben mir +unverrückbar: erstens, daß ich mitten in einer deutschen Stadt in einem +Verhältnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, daß +ich diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die +Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen +Hindämmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich wohl für alles, was +mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, Stimmen, Farbe, Ton, Wort und +Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas +erschafft, woran er bloß den Anteil hat, der durch seine Existenz +gegeben ist, während er sonst Werkzeug bleibt. + + + + +12 + + +In sozialer Hinsicht mußte ich mich als Geächteter fühlen; ich war es +auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, neigt, wenn er +eine gewisse Höhe erlangt hat, gern dazu, seine finsteren Erfahrungen +mit einem Goldsaum zu umbrämen. Er vergißt die Niedrigkeit um so +bereitwilliger, als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu +denken, niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet, +lügt. Es erfordert im günstigsten Fall eine lange Zeit und lange +sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz und Unrat gereinigt +wird, mit dem sie beworfen worden ist, mit dem sie sich bedeckt hat. Es +ist geradezu eine Erneuerung nötig, und erst, wenn Erneuerung +stattgefunden hat, wird Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch +in der Qual ist gar nicht fähig, Erfahrungen zu machen und Resultate zu +ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch formen. Der +Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht zuschreibt, entsteht +daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen keinen Einwand gegen +dieses freche Luxusdiktat erheben können. Entkommt einer der Gefahr, so +darf er die Gefahr preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn +er die rühmt, die für ihn ihre Haut zu Markte tragen. + +Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr +meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu +werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Die Frage, ob +Jude oder Deutscher, war zunächst unwichtig geworden gegen die, wie ich +zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als sei ich im +Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als Schuld und Odium hing, ich +für meinen Teil, und als werde das irgendwie augenscheinlich und +beweisbar werden. Es trat eine Reihe von Zufällen ein, von Frist zu +Frist, die meiner materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der +nachtschwarzen Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor +sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege des Geistes +freigaben. + +Ich wurde Sekretär bei einem sehr geschätzten Schriftsteller, der, +obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen zu seiner Sache gemacht +hatte und dadurch allerdings mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt +geriet, die ihn mehr in bürgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte +mir seine Romane und Erzählungen, und als ich es nach einiger Zeit +wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prüfung vorzulegen, zeigte er eine +Überraschung, an der ich merkte, daß ich nicht taube Nüsse klopfte. Es +war der erste Mensch, der mich ermunterte, der erste überhaupt, der mich +als Dichter uneingeschränkt ernst nahm, und das bedeutete für mich +soviel wie Rettung und Erlösung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte +für mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwürdigen Gebilde; er scheute +nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr reizten ihn zu +bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heißsporn, der er war, begab er +sich in Fehden; ich wurde unversehens ein Objekt von Für- und +Widermeinung, was mich eher verzagt als stolz machte. + +Aber die Brücken betrat ich, die mir geschlagen waren, und schnell sah +ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. Das heißt ich nahm für +Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild der Welt war; sie täuschte +Freiheit, Weite und Würde vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als +ich längst keine Illusionen mehr über sie hatte, war doch das, was ich +hier unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je größer mein Bemühen +um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter erschien mir +ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir notwendig, wenn nicht meine +eigene Existenz eine schattenhafte sein sollte. + +Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie heute, bei uns wie +bei jeder Nation, Repräsentanten aller Stände und Schichten. Es liegt +nahe, an eine Auslese der Besten und Fähigsten zu glauben; dem ist nicht +so. Es liegt nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf höherer +Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfläche und die, eben +durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch Sein vorbildlich ist. +Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese vollzogen, es ist keine +Gemeinschaft entstanden, es ist ein zufälliges In-, Mit- und +Gegeneinander mehr oder weniger begabter, mehr oder weniger guter, mehr +oder weniger zielbewußter, ehrgeiziger oder verbitterter oder +entzündlicher Einzelner. Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste, +sozial Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer Erde +sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend, +ob es nun Proletarier, Bürger oder Aristokraten sind. Sie bauen daher +nicht auf einem gegebenen Fundament; sie müssen sich das Fundament erst +errichten, und zwar jeder für sich und auf seine Weise. So vergeuden sie +von vornherein Blut, Kraft und Geist für etwas, das Voraussetzung und +Mitgift sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner hat +die Bindung mit dem Volk, den Rückhalt an ihm, ja, das Volk beargwöhnt +und verleugnet sie, es ist keine Mitte da, keine Übereinkunft, kein +Vertrauen vom einen zum andern, nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft, +und auch wo wahrhaft Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und +hochmütige Sippe. + +Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, sogar +dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen und die geistige +Kontinuität bewahren, ist zweierlei. Eifersucht lauert stets unter der +Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. Die Erfolglosen und die +Erfolganwärter machen geschlossene Phalanx gegen die, die den mindesten +Vorsprung haben, und es bedarf schon einer überwältigenden +Persönlichkeit, um den Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich +gebärden, niederzuschlagen. Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder +führt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde Zucht und +Mangel der Idee, Mangel der Übereinkunft und Mangel der Verantwortung. +Ich erlebte es, daß frenetische Begeisterung um einen Namen lärmte, der +sich dann nur in einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um +Abkühlung und Einschränkung hervorzurufen. Fremdheit hielt stand; +Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde alles zur +Politik des Augenblicks mißbraucht. + +Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, die man +atmet, färbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene Illusion. Es +wurmte mich das kleine Maß, das die Wirklichkeit mich anzulegen zwang. +Es wurmte mich das Nichtbesserseinkönnen und Nichtbesserwerdenkönnen, +und es wurmte mich schließlich die Maske, die ich tragen mußte, wenn +höherer Wille und höhere Rücksicht Dissimulation forderten. Die lernt +sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch wieder ein +Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, als mit dem +Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel Gemüter zu beunruhigen und zu +verwirren, die nur in Dämmerung und Täuschung noch ein unsicheres Glück +genießen. Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, wahr zu sein, +ist eine Aufgabe für sich, die allerdings aus dem Bezirk des +Literarischen heraus in den der Selbsterziehung und der Liebe tritt. +Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe muß man lernen. + +Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels von Geistigkeit +und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser Opposition überfiel, die +Scham über alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch +ich mich jetzt zählte, in denen ich aber von fern die entrückten +Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich +bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader im +Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale +Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Werk, +um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken +und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit +sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle +Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier. Ich machte die +Bekanntschaft eines jungen französischen Schriftstellers, und mit ihm +erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genähert, wir hatten +fruchtbare Gespräche miteinander geführt, und bei einer schicklichen +Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer +freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine +drückende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das +ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein paar +Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause +wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines +schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an +bemerkte ich, daß sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er +hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir +begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich +selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist +war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche wie überraschende +Weise. Er hatte nämlich zufällig bei dem Antiquar, bei dem ich es +verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht +einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden, +verrohenden Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen +Beziehung vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner +Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit +ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und +zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein ähnliches unter +die Hände gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde +Manier belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen +Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt, +verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er +schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht +manches, worüber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in +Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesünder ist, aber eines werden +Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden, +was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: wahre +Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!« + +Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis romanischen +Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her verstehen. Das +deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis ins Mark; deutsche +Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blüte +münden jäh in eine Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich +abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge, +so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste +durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht +und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben +nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter, +konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein +verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr des +ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt, +was die andere preist; Traditionen brechen über Nacht, Bildung +vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg +die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb. + +Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja meiner Natur +auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen Körpers bemächtige. Ich +war nun dem umrißlosen Dämmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen, +meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der +Relation zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben; +ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner +Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration, +der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut +her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das +Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, Gerüst, Baugrund, +»Stoff« sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder +ein Übereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück, +Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches +Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben: +Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnuß, ein Ungeheures von +Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam für die Tatsache +Gesellschaft, für die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er +besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar +erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und Geistern der vor +ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwürdigkeit und gültige +Prägung erhalten haben. Dem Engländer liegt eine seit Jahrhunderten +gebahnte Straße öffentlichen und privaten Lebens vor, unumstößliche +Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer +Vergangenheit, die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft, +mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des +Geringsten im Volke fast stets gewiß; in Rußland wird Überlieferung und +fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentümliche Freiheit und +Urbanität der Führung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr +selbstverständlich und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges +Sichabschließen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht +existieren und nie existiert haben. + +Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche +Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er +Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus, +so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen. +Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert, +krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein, +unmaßgeblich und ohne typische Prägung. So ist auch, was sich im +»Wilhelm Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«, +Synthese, Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast +von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten, +poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. Größe, Charakter, +Bedeutung können dem deutschen Roman in seiner höchsten Stufung immer +erst durch den Schöpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß, +als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman +ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während der +englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch für +die Nation repräsentativ. + +Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter +(den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die +Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter +nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac +Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der +deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine +Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so +spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso +sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die +Würde. + +Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich +eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie über die flache +Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen? +Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten +darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich +brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen +Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in +Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, menschliche +Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, ein umschlingendes Band. +Statt dessen fand ich mich zurückgeworfen und isoliert unter dreifach +erschwerenden Umständen: als Literat; als Deutscher ohne +gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehörigkeit. + + + + +13 + + +Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden von Zirndorf« +schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in +Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu +betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwärtige, das +werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten, +sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir +die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat. + +Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie man einen Traum +erzählt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt +hätte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht +erschrocken, aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es +entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, dann +wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier mit einer Katze +als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll +winziger Zeilen beständig in der Brusttasche. Die äußere Lage war die +mißlichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich +war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst +nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schluß +gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer +Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder +Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin. + +Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend +zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung, +und sie fühlten sich bestätigt. Ich trat von Anfang an mit offenem +Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten +sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als +Jünger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich nicht im +Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lästerten; ich +galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei +Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik außer der des +Schweigens töricht und schädlich. Die deutsche Welt verhielt sich +gleichgültig oder ablehnend bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die +für die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im +allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im +Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den +Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel. + +Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich selbst. Die +Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden +erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer? +wurde zunächst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein +Künstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen +lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele haben, aber +auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein +erzeugen keinen Körper. Es schien mir von alles überragender +Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein +jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf, +Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre; +vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwärmerischen in +Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nächsten Freunde +mißverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklären, denn über +dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das +Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an +keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes binden und +verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist außerordentlich +schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben. +Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um +Läuterung und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß, +Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um +meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst +konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt +aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören; +ich mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie von +Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, ich mußte die +glühendste Überredung, die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere +sich mit einem »seht her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich +hatte mich ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich, +gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu +wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald den +Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben +Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal +meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. Andere hatten laufenden Kredit. +Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte +mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen +einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein und auf +erworbenem Grund zu ackern und zu ernten. + +Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und +begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von +unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich über seine +Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem Erreichten zufrieden +sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung; +daß man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen, +hörten, fühlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran +ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft +labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte und schuf +wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins und Gefühls eng +verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelöst hatte und mit einer +andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der +Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger, +ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden +unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt würde; dazu das +brodelnde Gewühl einer noch unerlösten Gestalten- und Bilderwelt in mir +und nie weichende Sorge um die Existenz. + + + + +14 + + +Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den »Caspar Hauser«. +Ich halte mich zunächst an diese beiden Beispiele meiner Produktion, +weil sie, ohne daß ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern +will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend +und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das +andere nach der des deutschen Problems. + +Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein +Großvater väterlicherseits, der als Seiler und später als Handelsmann in +Zirndorf lebte, hatte ihn in Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen +und erzählte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So +berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten Leute, +stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich +von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo Hauser sein seltsames +Leidensdasein verbracht und geendet, in Nürnberg die Burg, das +Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den +Hofgarten mit dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war +diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an Dingen, das +noch Währende der Landschaft. + +Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als ich lernte, +Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatürlich +wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte, +Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder +entzog ich mich der Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt, +was Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen. +Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, schrieb ich nur wie +zur Übung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging +jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der +einschlägigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den +Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das +Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung, +wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und +Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger +Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum +Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die +Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und +wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im +Licht. + +Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis dorthin +gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die +erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realität +unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches +Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision wurde, +daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und ich sah mich zu +langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den +Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an +mich; es war etwas Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das +Zurückhaltung zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu +unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete ich mit +ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir +Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer +Erzählung kam zutage, daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in +hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und +-Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt +hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen +hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am sonderbarsten durch den +tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem +Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener +Bruder von ihr, dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu +reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von +meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre +Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das +leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber +der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich +nun plötzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, daß sie auch +mit Vornamen Clara hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der +frauenhaften Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der +kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt. + +Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung des Buches +ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es +endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den +Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der +Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen, +den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß und +Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehörigkeit erhärten, +das Vorurteil der Fremdheit besiegen könne. Aber in dieser Erwartung +wurde ich getäuscht. Zunächst erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die +historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen +Beschimpfungen und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über mich nieder, +den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lügenfabel von fürstlicher +Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt und zum Vergnügen eines +sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß +Professor Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in +seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und wo, längst +die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser ein schwachsinniger +Betrüger gewesen sei, der die öffentliche Meinung Deutschlands und +Europas zum Narren gehabt; daß es eine naive Anmaßung und Unwissenheit +sei, das seit einem halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen +neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und daß +ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet wählen +möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und Ärgernis zu erregen. + +Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, daß +Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, für den ihn Daumer +und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder +totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege, +glaubwürdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden +einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die +Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte +Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darüber, +was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei +ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen, +daß der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte +Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte +Schuld. + +Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern +verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die +Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem +Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in +einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und +ich dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir nicht um +Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe außer Frage. Es +war mir auch nicht darum zu tun, daß der oder jener Beifall zollte, die +Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal +darum war mir letzten Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu +erschüttern, Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt +immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen +Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur +Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu verhilft, daß unter tausend zehn zum +Gefühl des Besseren erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche +Brust gesenkte Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist wohl +wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis tötet +den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und +mag es nicht genügen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich +für ihn erklären; wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn +stoßen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde +werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und dort unter +aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als +zufällig Getroffene, sei es als wählend und sichtend Berührte. Ihm geht +es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es +liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle +der Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre +Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten +Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmäßigen, vom +Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung großen Stils +unmöglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige +Übereinkunft fehlt und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu +Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages, +überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen +wird wenig geachtet, und sie müssen sich in esoterischer Tätigkeit +bescheiden. Je schwächer aber der Anteil eines Volkes an den +Hervorbringungen seiner Schöpfer ist, je herzensmatter und +unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je +unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer +ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner +Gesetzmäßigkeit. Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum +Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger +Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender +Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund +enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer +getrieben; er muß morgen schmähen, was er gestern bejubelt, das +erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn +aus dem falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit +Staub. + +Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte und erobern +konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich's mir heilig und +schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich lesen oder spürte, daß es +im Sinnen und Meinen lag: der Jude. + + + + +15 + + +Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare +Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt +nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf. + +Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade +der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum +verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische +Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der +bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich +erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie +sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der +Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas +dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder +durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug +ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm +erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es +selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit, +sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich +vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden. +Der zuletzt den Stahl führt, ist nur ausübendes Organ; gemordet hat ihn +jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die +Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder +geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der +Clara von Kannawurf. + +Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der +Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl +sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch +der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das +Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln +mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist +und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht +beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es +billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste, +und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom +Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme +und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den +Erweckten. + +Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen +geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich, +als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben, +ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir +die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das +verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft +daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer +Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher +jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder +auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des +Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als +volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten +ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden +wäre, sie sich's wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie +manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das +sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja +überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in +romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am +Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach +innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was +die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht +auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine: +es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude +ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb. + +Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies +vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr- +und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch +das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten +Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau +und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden +Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem +auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine +deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.) +Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche +Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer +ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es +wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das +bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu +brechen. + +Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und +Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes, +Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil +verwundet bis zurück ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich +wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits +macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den +Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt +und gewonnen. + +Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich +gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir +herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich +anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich's, in die +sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein +Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben +vermag. + +Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals +voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der +übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund +solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn +nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den +Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was +wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln, +man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du +blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare +Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren +Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel +nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller +Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual. + +So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen, +wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was +du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt +froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine +unerschütterliche Überzeugung ist, daß alles, was du bildest und +formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann. + +Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge, +so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und +Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat +von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem +Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der +Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die +Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von +geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er +voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und +Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die +Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags +nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er +ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie +soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen +muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er +betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich +sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist; +es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von +ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es +ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei +Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll, +keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch +Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die +Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager +der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis +der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte +und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung? + +Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der +Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen, +höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie +müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder +überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben +befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt. + +Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht +einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch +nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit +Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat, +hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch +nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des +Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der +plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an +die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten +wird. + +Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben +und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich +um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt? + + + + +16 + + +Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum +zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren, +die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den +»Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische +Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das +»Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten +Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie +keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes +Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der +Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in +sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues, +wohltuendes Gefühl für mich. + +Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher +Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung, +sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt +und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur +Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein +intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste, +genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen +Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum +Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben +entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber +um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich +zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das +Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte, +wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil, +mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt +aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte. + +Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges, +Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies +mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum +Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch +das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis +zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur +ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als +eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage +hat Interesse nur im Hinblick auf mein persönliches Problem. Manche +haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte +Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich +verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt +keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur +Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie +nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches +Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut +erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens. + +Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund +wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen +in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich +Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der +lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe +Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich +Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von +ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte, +bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen. +Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht +zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem +Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man +sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es +immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat, +denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es +erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in +entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis +hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb +Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner +verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei, +daß er einst für das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war, +und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu +wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er +wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt, +die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein +eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch +an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der +Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner +Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so +peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war. + +Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo +die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in +Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren +Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und +Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen, +obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem +Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der +junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann +in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen; +er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als +Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen +meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser +hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze +Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben. +Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und +wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er +sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien, +es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen +derartigen Ausdruck von Haß, philisterhafter Bosheit und beleidigtem +Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst +es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich +getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen +Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten +überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht +gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er +mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese +Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit. + +Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als +die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr +Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns +einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete +damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns +zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit +keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins +gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht +gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches, +immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre +vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen, +daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier +verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der +Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte, +aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines +Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn +geschrieben. + +Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem +bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich +freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als +durch die Trennung der Wege und die Loslösung von gemeinsamen Zielen. +Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die +durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf +ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der +betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die +Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht +gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte +keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung +konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu +bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein, +als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und +Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen, +wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind, +wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und +Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges +darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den +Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung, +der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der +Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut, +jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit. +Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des +äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das +seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist, +und worauf ich auch werde zurückkommen müssen. + +Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll, +wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja +solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische +Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich +unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen +alte Bande, knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts +zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die +Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als +ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen +Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in +einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei +geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft +preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als +Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst +verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin +er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in +den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und +die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis +davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn +einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte +ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam +kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer. + +So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch +Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die +befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die +Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen +war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten, +die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude +ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was +ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler +die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und +Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen +Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die +Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht +mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur +nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen, +erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische +Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld +an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen +Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar +machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des +Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger +zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu +bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide +ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich +verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer +gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr +um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das +Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird +auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt +mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit; +Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein +Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die +Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel +vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe +Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu +leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da, +das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in +den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk +die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann +nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn +mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade. + + + + +17 + + +Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten. +Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir +ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er +lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit +der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm +ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent, +der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er +doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener, +Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz +verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst. +Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm +gewiß fühlbar wurde. + +Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung +ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener +Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem +Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei +alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also +hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich +mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm +zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung +sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine +Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung +freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus +dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und +Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe +hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung, +Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter +Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der +Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon +zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam +als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging. +Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu +entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir's dann bequem werden +zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit +jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem +»Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie +Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen« +gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern +vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind +Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben +will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil, +seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein +Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf +mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich +damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich +bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. -- Was? +Was ist umsonst? -- Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in +euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein. +Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo +die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist +doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine +geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch +eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich +war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein +halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man +erklärte die Kunst für neutral; heute wird der Mensch geprüft und +gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift- +und Krankheitskeime aussäen kann. + +Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung +war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es +war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch, +Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu +widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines, +ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit +danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht, +ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn +nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der +geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender, +fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien +betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem +Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will +es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein +Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns +geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß +deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie +ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich +gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel +bestätigt. + +Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich, +als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich. +Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge. +Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin +nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines +bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir +sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich +räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die +Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer +ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt. + +Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald. + + + + +18 + + +Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und +hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens +nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den +Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band +mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit +mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer +erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben, +dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon +versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine +bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende +verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen +Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht. + +Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen +vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige +russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen +verwunschenen Kreis trat und, wenn ich's recht bedenke, die erste +Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu +verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über +das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war +Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine +junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns +wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir +uns wieder. + +Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine +leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf +Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen, +williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich +durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja, +daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit +naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch +die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung +gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des +Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende +Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte +nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und +nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt +sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo +verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen. + +Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren. +Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen +Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es +Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die +Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich +mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese +österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch +erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend. + +Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und +Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit +und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen +war durchaus alles fragwürdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform, +Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik +und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus, +namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und +Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu +letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte +führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung, +die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige +Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das +öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld +vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen +Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem +System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um +sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht +achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das +Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte +es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in +seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt, +gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie, +des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen +Ende lenken konnte. + +Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen +Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich +nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen +Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des +südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden +Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das +geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene +Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden +und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm +es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder +Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei +Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor, +unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste +Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu +unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich +verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen. +Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der +großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo +ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen +meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise, +nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und +verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war. + +Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich +zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am +Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine +Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes +Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es +war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus +offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte +mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose +Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn +erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten +gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit +abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig +oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und +überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem +Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche +Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose +Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war +verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben +sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht. + +Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und +Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht +beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen +vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller, +ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein +können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu +erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die +Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut. +Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von +beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger, +einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit +seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte +wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches +Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten +darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich, +ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine +Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene +Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der +Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier +konnte ich die Bogen wölben. + +Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie +im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur, +Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie; +von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie +getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr +hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der +Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle ist noch nicht +überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da, +Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung. + + + + +19 + + +Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig. +Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte +und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von +andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem +Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit +denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren. +Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst. +Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das +Blickfeld beengte. + +Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden +beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur, +die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der +Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war +vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und +Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht +nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er +fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen +Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es +nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere, +Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der +Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß +die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher +Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine +Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten, +Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern, +Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie +äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu +sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten +unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an +bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier +wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer +Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist +ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und +Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares +inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist, +für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise +einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut +unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft +hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn. + +Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum +Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle +Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet; +apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges +Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit, +wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu +bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an +metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am +meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von +Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung +trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen, +Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht, +Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es +das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze; +der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war +untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal, +zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war +überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der +Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich +wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war. +Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel +durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern +durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist +doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht. + +Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend +hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für +das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein +nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft, +wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr +kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte +glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am +Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten +Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen +Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden, +feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren +erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als +Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in +skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft +gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits +literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände +allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen +mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den +Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab +es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche +Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und +finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum +Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der +Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter, +denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und +unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich +durchzusetzen. + +Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im +Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf +eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere +Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von +den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die +unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und +Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die +jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen +Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung +hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem +Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war +gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde, +daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und +weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot, +verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die +irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein +schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu +ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung +begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie +sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten, +den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte. +Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten, +und ihre Welt war ein Kerker gewesen. + +Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen +schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz +anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt +hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch +eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von +mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der +Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder +Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und +als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben +vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin, +dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und +mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen +wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit, +sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht +willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten +verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht +bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein +Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft. + +Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache +gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit. +Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde, +Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand +nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie +mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung +fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch +nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus +vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches +Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation +nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von +Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als +Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche +Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des +Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, +aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die +jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch +betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene +Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den +Weg. + +Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr +Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren +schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen, +schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-, +schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine +Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den +Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so +geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die +Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee, +einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun +gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen +oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich, +geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit +und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist +und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die +Geschäfte eines jeden betreiben. + +Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm, +bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu +leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder +zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja +nur von Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir +vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich +keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele +Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff +oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt +zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen +Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß +es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere +einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich +einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen +Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern +Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu +suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind +das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei +Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten, +da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß +schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck +bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als +einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist? + +Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie +sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als +Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die +Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag +eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir +sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten. + + + + +20 + + +Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast +du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft +gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen. + +Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs +dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle, +dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei +vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe +Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die +Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts +erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr +versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen +Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der +öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren +Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die +Karyatiden fast jeden großen Ruhms. + +In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine +recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an +die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad +der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt +wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis +aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch; +Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich +äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich +verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei +Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der +Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei +Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen +gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst +dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich. + +Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden +niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist +verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden +kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff +des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem +Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern +Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem +jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu +untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder +Sehnsucht die Furcht bedingt. + +In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden, +verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und +selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem +blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu +Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort, +jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde +sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein +hysterisches Triumphgeschrei an. + +Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie +ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder +wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor +kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in +Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch +dort sind. + +Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von +gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein +wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig +geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und +Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in +beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln, +ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde +Anglomane, und zwar von strengster Observanz. + +Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den +untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das +Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich +bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die +Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch, +Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das +Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das +Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger +Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und +ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie +bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres +Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen. + +Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der +edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen +unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk +getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel +stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt +sozusagen agnoszierten. + +Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von +Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie +dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen +Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine +Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als +welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit +gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß +nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die +Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr +später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich, +wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte +Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies +muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und +blauäugig war. + +Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher +geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so +wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend +ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur +ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen; +verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine +sichtbare Wandlung, das Seltenste. + +Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei +ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit +nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und +Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine +mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur +Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben. + + + + +21 + + +Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber +ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher +Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen, +Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits +die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung, +baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade +noch gut genug zu Schmuck und Kitzel. + +Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen +hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur +dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein +mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede +arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen +ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder +Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist. + +Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber, +wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die +durstig daran hängen. + +Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und +Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet. +Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das +ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein +Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt, +sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche +überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts. +In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran +mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten +Nachdenkens. + + + + +22 + + +Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die +aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung +ausgeht. + +Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht +oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische +Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im +Gefängnis gestorben, seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist +bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und +flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und +ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen +Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland. + +Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum +bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit +sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die +Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand, +der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich +entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb +zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches +Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem, +tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an +ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus +getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte +und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt. +Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine +Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie +nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit +jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der +Katastrophe. + +Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine +Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu +machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei +Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet, +warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen +Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum +Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem. +Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus +seinem Wesen gehört hätte. Ich hätte es lieber gehört; es hätte auf +Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert +gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten. + +Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des +Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war +nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern +er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die +noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die +vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über +diese zum Richter auf. + +Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem +Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt. +Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um +sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum +verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie +unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er +bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen +Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten +beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und +Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und +korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und +der, den Gott verstoßen hat. + +Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht +davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat +er ja seine Logik und sein Wissen. + +Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen +ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der +zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und +Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die +These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser +Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen entzogen? Ist es +Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb +oder herostratisches Gelüst? + +Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin. + +Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine +dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich selten. Aber die Seltenheit +mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind +späneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine +Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung und +Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwächerer, der +Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der +mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist. + +Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die +Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; die +geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen +und die Gottsucher; die am Wort hängen und ans Wort glauben; die +dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher; +die Piraten des öffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur; +alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen -- Legionen. Es +fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus +miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne +Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen -- Legionen. Sie alle waren +vielleicht einmal ein Ausdruck der Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine +lebendige Phrase. + +Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung. +Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das Bild, entfleischt die +Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht +nicht mehr die Gestalt und löst sich los von Sein und Werden. + +Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt, +wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzündeten +Zelle, die sich weiter frißt und endlich als Krebsgeschwür den Körper +zerstört. Sie bläht sich und bläht sich und frißt und frißt und +verfinstert die Erde und den Luftraum. + + + + +23 + + +Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die +Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur +gegenwärtigen Stunde Deutschland ist. + +Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war +und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht +überraschend für mich. + +Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein +wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben. + +Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da +aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf +die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig +anbiß. + +Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen +verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen +in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in +einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die +deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven +Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort +war die Zentralhexenküche. + +Es ist nicht meines Amtes. + +Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im +juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes. + +Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen +Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem +Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der +vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht +wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in +Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer. + +Juden sind die Jakobiner der Epoche. + +Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden +werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung +beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich +in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun +eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in +die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom +Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So +müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der +Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne +gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und +ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte +Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären. +Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt +haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat, +man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt. + +Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer und Hüter +der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes. + +Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht +abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der Haß lodert weiter. Er +macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht +nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel. + +Es ist der deutsche Haß. + +Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit +ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein. +Man weiß von ihnen, daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man +weiß, daß sie ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als +eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen? + +Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß. + +Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. Immer, wenn +es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in +jeder heiklen Situation machen sie die Juden für ihre Verlegenheit +verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der +Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die +Kurfürsten und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge +mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher +funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien. + +Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich eine +Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher +Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem +Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen +Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei +Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der +Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, ich weiß +aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel +widereinander, und es war mir zumute, als müßten die in beiden Spiegeln +enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen. + +Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig +Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches. + +Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man +darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Güte. +Ein wesentlicher Defekt muß da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so +gewohnheitsmäßig, so skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen +Auseinandersetzung zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem +Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, in +Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Völker zu +marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen Hader sät, solch +berghohen Haß häuft. + +Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten. + +Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein. +Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung und Mittelpunktslosigkeit. +Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg über alle Feinde und auf +Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott +erfunden, der, wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen +patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen, +Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der +Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. Unvereinbare Gegensätze +individueller Wesenszüge: praktische Regsamkeit und Träumerei; Gabe der +Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb, +Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu +dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben +ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris führt, zu Hoffart und +unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schließlich das Dogma der +Auserwähltheit. + +Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen blutende, +eiternde Wunden. Im schwächeren Körper unheilbare Wunden. + +Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere +reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern +Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende +Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure +asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und +das arische Prinzip von der Erde vertilgen. + +Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und wer dann jene +Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre auch nicht gedient, wenn +ich mit Engelszungen redete. + +Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig. Die +Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges, +knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche sittlicher Entrüstung, die +die Engländer vorbrachten, über sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen +aber irgendein Engländer zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so +begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk +gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich +ist. + +Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im +Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Söhne hatte, einen elf-, +einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. Einmal ließ er sich mit ihnen +in ein Gespräch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der +Elfjährige sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein Millionär. +Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der +finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich überhörte, +sagte endlich zu dem Bedränger: Erde will ich werden wie du. + +Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken +zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, daß die Deutschen +stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden, +nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwände und +Verschleierungen sein mögen. + +Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum +wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane +Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den +Nachweis schließlich, den ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß +Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir +gefallen, damit kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel +betören. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet. +Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich +da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art +in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen +freilich, das in die Zukunft deutet. + + + + +24 + + +Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung wird die +Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf. + +Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner +Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan +glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage. + +Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke +geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es +rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte. + +Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu +werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul. + +Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen +nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört. + +Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling, +er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu. + +Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie +sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? + +Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es +als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles. + +Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu +streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben. + +Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches. + +Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: +er ist ein Jude. + +In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte ich die +wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in +der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde +ihres Anblicks nicht müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen +sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter +Gemordete, irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige Leiden +Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und drängten sich in +meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wußte, trieb mich die +Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die +Lebendigen bei ihnen an. + +So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten +Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz +und gar unerträglich. + + + + +25 + + +Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung und +Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu +wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiefe; was auf der +Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks. +Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen +die Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich +kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame; +Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte, +Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und +gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken; +Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und auf die ich dennoch +zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen +ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und +Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die +unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer +Werke spüre. + +Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich +rechne, und zu denen ich mich stelle. + +Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und +selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner +Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge +zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so +faßt er doch nicht die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert +meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich +haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und +Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich +darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner +Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir zuschreiben muß. Er meint, daß +die Wut der Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die +Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er übersieht aber +die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren +Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als +Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu +beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm, +sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für +die Deutschen als für die Juden leide. + +Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn +auch am vergeblichsten? + +Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung, +dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun? + +Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe, +und ich schäme mich für ihn. + +Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der +Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die +Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon +mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem +Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand. + +Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch, +der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein +gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm: +das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die +Peitsche aus der Hand. + +Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre +viel. Es wäre genug. + + + + +26 + + +Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu +beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet jeder +Bemühung. + +Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt +auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum verbietet sich dem, der +sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem +Ergebnis nur für die, die zur Anpassung geeignet sind, also für die +schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung. + +Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, Beklommenheit und +Unfreude, zu schleppen nur für jene, die es auf pure Existenz und deren +äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, unfaßlich für die Erleuchteten +oder Seelenhaften, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser +Einsamkeit und aussichtslosem Kampf --? + +Es ist besser, nicht daran zu denken. + +Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine +Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder +Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. Vielleicht hat +er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als +einen von ihnen betrachten. + +Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, in einem +Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht +umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr +und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich +spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene +Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen +beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahnenhafter und +wahlhafter, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang +ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb, +weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen +aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil +beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen, +zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung. +Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja +ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da +ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es +mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt. + +In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die +Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst +auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise die Verlorenen +heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner und Ergreifer wird +miterhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich, daß im Abstand von den +niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts +ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne +finden. + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage. + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman. Dreiundzwanzigste Auflage. + +Der Moloch +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage. + +Alexander in Babylon +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage. + +Die Schwestern +Drei Novellen. Sechste Auflage. + +Die Masken Erwin Reiners +Roman. Fünfzehnte Auflage. + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage. + +Faustina +Ein Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage. + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen. + +Der Mann von vierzig Jahren +Roman. Vierzehnte Auflage. + +Das Gänsemännchen +Roman. Sechsundsechzigste Auflage. + +Deutsche Charaktere und Begebenheiten +Mit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen +Vierte Auflage. + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage. + +Der niegeküßte Mund +Erzählungen. Dreiundsechzigste Auflage. + +Der Wendekreis +Novellen. Neunzehnte Auflage. + + + +Die Masken Erwin Reiners + +Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, +die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. + (Westermanns Monatshefte) + + +Das Gänsemännchen + +In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« sein +Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, voll +unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt, +Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und strahlende +Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer +Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und +Krausheit des Bildwerkes. + (Der Tag, Berlin) + + +Christian Wahnschaffe + +Dies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im +Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt +des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere +Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und zu deuten +versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt +unerschöpflich auf und verebbt. -- Es sind zeitlose Sätze darin von +tiefer und langer Gültigkeit. + (B.Z. am Mittag, Berlin) + + +Der Wendekreis + +Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der +unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und +eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen +Novellenbuches. Ein #Theatrum mundi# tut sich in den sechs Novellen auf, +so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne +sich offenbart. + (Leipziger Tageblatt) + + +Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe +erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltung +p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes + +Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten: + +p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?) +p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) + +Das Originalbuch war in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fettdruck: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists +all corrections applied to the original text. + +p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung +p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes + +The following peculiar spellings have been kept: + +p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?) +p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Boldface: =bold face text= +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE *** + +***** This file should be named 17413-8.txt or 17413-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/4/1/17413/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/17413-8.zip b/17413-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e985ffe --- /dev/null +++ b/17413-8.zip diff --git a/17413-h.zip b/17413-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e3ec83a --- /dev/null +++ b/17413-h.zip diff --git a/17413-h/17413-h.htm b/17413-h/17413-h.htm new file mode 100644 index 0000000..4168958 --- /dev/null +++ b/17413-h/17413-h.htm @@ -0,0 +1,5153 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by Jakob Wassermann. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + color: gray; + display: inline; /* set to "none" to make page numbers disappear */ + } + a[title].page:after { + content: attr(title); + } + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + p.copyright { + margin-top: 2em; + font-size: smaller; + text-align: center; + } + div.advertisements { + margin-top: 4em; + margin-left:10%; + margin-right:10%; + font-size: smaller; + } + div.advertisements p.right { + text-align: right; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + } + p.printer { + margin-top: 4em; + text-align: center; + font-size: smaller; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(80%,100%,80%); + font-size: smaller; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + h2 { + font-weight: normal; + font-size: medium; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 1em; + } + div.titlepage h1 { + font-size: xx-large; + letter-spacing: 0.15ex; + padding-left: 0.15ex; + line-height: 140%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 0em; + } + div.titlepage h2 { + font-size: x-large; + letter-spacing: 0.15ex; + padding-left: 0.15ex; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0.5em; + } + div.titlepage h3 { + font-size: medium; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + div.titlepage h4 { + font-weight: bold; + font-size: medium; + letter-spacing: 0.15ex; + padding-left: 0.15ex; + line-height: 200%; + margin-top: 6em; + margin-bottom: 0em; + } + div.advertisements h1 { + font-weight: normal; + font-size: x-large; + font-style: normal; + letter-spacing: 0.1ex; + padding-left: 0.1ex; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 1em; + } + div.advertisements h2 { + font-weight: normal; + font-size: large; + font-style: normal; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 1em; + } + div.advertisements h3 { + font-weight: normal; + font-size: large; + font-style: normal; + margin-top: 0.75em; + margin-bottom: 0em; + } + div.advertisements p.center { + margin-top: 0em; + text-align: center; + } + div.dedication h1 { + font-size: x-large; + font-weight: bold; + margin-top: 5em; + } + div.dedication p { + margin-left: 50%; + margin-bottom: 5em; + font-weight: normal; + line-height: 150%; + } + div.dedication span.i0 {margin-left: 0em;} + div.dedication span.i2 {margin-left: 3em;} + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + em.antiqua { + font-family: "Courier New", monospace; + font-size: smaller; + font-style: normal; + } + + hr { width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + table.quoteright { + margin-top: 6em; + margin-left: auto; + margin-right: 10%; + font-family: "Courier New", monospace; + font-size: smaller; + font-style: normal; + } + + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + .right {text-align: right;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Mein Weg als Deutscher und Jude, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mein Weg als Deutscher und Jude + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a>[Illustration: publisher's logo]</p> --> +<!-- <p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p> + +<div class="titlepage"> +<h1>Mein Weg<br /> +als Deutscher und Jude</h1> + +<h3>von</h3> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> + + +<table class="quoteright"> +<tr><td>..... vis animae conturbatur et divisa<br/> +seorsum disiectatur, eodem illo distracta<br/> +veneno.</td></tr> +<tr><td align="right">Lucrez, III. 498.</td></tr> +</table> + + +<h4>1921<br /> +S. Fischer Verlag Berlin</h4> + +<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p> +<p class="copyright">Erste bis fünfzehnte Auflage<br /> +Alle Rechte vorbehalten</p> + + +<p class="copyright">Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin</p> +</div> + +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> +<div class="dedication"> +<h1>Ferruccio Busoni</h1> +<p> +<span class="i0">dem Freund dem Künstler</span><br /> +<span class="i2">gewidmet</span></p> +</div> + +<!-- <p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p> +<p>Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich +in Bildern und Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt +von innerer Not und Not der Zeit – Rechenschaft ablegen +über den problematischesten Teil meines Lebens, den, der mein +Judentum und meine Existenz als Jude betrifft, nicht als +Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, die +auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen, +Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.</p> + +<p>Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit +Freiheit oder Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend +von der einen, gehässig von der anderen Seite. Heute ist es +ein Brandherd.</p> + +<p>Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn +nichts mehr gelten, was mir schon einmal als bewiesen gegolten +hat. Auf Beweis und Verteidigung verzichte ich somit +überhaupt, auf Anklage und jede Art konstruktiver Beredsamkeit. +Ich stütze mich auf das Erlebnis.</p> + +<p>Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über das +Wesen jener Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und +Sein zieht und mir mit den Jahren immer schmerzlicher fühlbar +und bewußt worden ist. Der unreife Mensch ist gewissen +Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife. Dieser, +sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, +was im Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach +der Besessenheit, in der das Ich den Zauber des Unbedingten +hat, und Welt und Menschheit kraft einer angenehmen und +halbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen Willen in den +Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In +<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und +Zweck zu sein, bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement +wird, gleichsam Schatten eines Körpers, den man +nicht kennt, noch erkennen kann, in dem Maße wächst die +Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und unter +den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, +was man Realität und Erfahrung nennt.</p> + +<p>Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch +bei der genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite des +Schicksals ab, wieviel unvergeß- und unverwischbare Spuren +es in der Seele hinterläßt.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p> +<h2><a name="kapitel_1" id="kapitel_1"></a>1</h2> + + +<p>Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend +protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, +in der es eine zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender +Juden gab. Das Verhältnis der Zahl der Juden zur +übrigen Bevölkerung war etwa 1:12.</p> + +<p>Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten Judengemeinden +Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen +dort jüdische Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und +Blüte trat wahrscheinlich erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts +ein, als die Juden aus dem benachbarten Nürnberg +vertrieben wurden. Später wendete sich auch vom Rhein her ein +Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach +Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits, +die im Maintal in der Nähe von Würzburg seit Jahrhunderten +dorfansässig waren, so wie die von väterlicher Seite +in Fürth, Roth am Sand, Schwabach, Bamberg und Zirndorf.</p> + +<p>Beziehung zu Boden, Klima und Volk muß also den +Generationen, die durch dreißig oder vierzig Jahrzehnte hier +hausten, in Fleisch und Bein übergegangen sein, obgleich sie +diesen Einflüssen entgegenstrebten und als Fremdkörper vom +Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende Beschränkungen, +wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit +und der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des +neunzehnten Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, +ein Mann von Bildung und edler Anlage, verblutete an ihnen. +Daß finsterer Sektengeist, Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch +immer frische Nahrung erhielten, versteht sich am Rande.</p> + +<p><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Französischen +Krieg, war für die deutschen Juden der bürgerliche +Tag längst angebrochen. Im Parlament kämpfte die liberale +Partei bereits für die Zulassung der Juden zu den Staatsämtern, +eine Anmaßung, die auch bei den aufgeklärtesten Deutschen +Entrüstung hervorrief. »Ich liebe die Juden, aber regieren +will ich mich von ihnen nicht lassen«, schrieb zum Beispiel +ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.</p> + +<p>Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner +Jugend nichts mehr. Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, +auf der andern sich gewöhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung +begünstigte die Duldsamkeit. Ich erinnere mich, daß +mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger Genugtuung +sagte: »Wir leben im Zeitalter der Toleranz!« Das +Wort Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es +flößte mir Respekt ein, und ich beargwöhnte es, ohne daß ich +seine Bedeutung begriff.</p> + +<p>In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung +durchaus vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich +und öffentlich. Man wohnte unter Christen, verkehrte mit +Christen, und für die fortgeschrittenen Juden, zu denen mein +Vater sich zählte, gab es eine jüdische Gemeinde nur im Sinn +des Kultus und der Tradition; jener wich vor dem verführerischen +und mächtigen modernen Wesen mehr und mehr ins +Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische +Gruppen; diese wurde Sage, schließlich nur Wort und leere +Hülse.</p> + +<p>Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine +Weise wie den meisten seiner Glaubens- und Altersgenossen +gelingen wollte, Reichtümer zu erwerben. Er hatte in Geschäften +eine unglückliche Hand. Er war ein wenig Phantast +und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit der +Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen +und großen Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. +<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>Seine Geistesrichtung war die sentimental-freiheitliche, laues +Nachzüglertum der Märzrevolution, das seine verwässerten +Tendenzen ins neue Reich getragen hatte. Ich entsinne mich +aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen Disputs zwischen +ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle, von +dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich +auch, daß er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre +sang. Das war noch in der guten Zeit, als ihn die Sorgen +noch nicht gebrochen hatten. Er liebte Schiller und sprach mit +Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner Reisen hatte er +in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an +der Gästetafel gespeist; er erzählte oft mit Stolz davon, und +in späteren Jahren, als meine Kämpfe um den Schriftstellerberuf +ihn erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen +zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: »Was +bildest du dir ein? Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!«</p> + +<p>Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem +Stil, mit geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt +hatte, aber mit großen Hoffnungen. Nach wenigen Jahren +machte er Bankrott und wurde dann Versicherungsagent, eine +Tätigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung ihn mit den +Seinen kaum über Wasser hielt und ihn außerdem mit dem +Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes +Leben lang schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den +Sechsundfünfzigjährigen für einige Wochen zu Gast bitten +konnte, zeigte er eine beständige stumme Verwunderung, und +beim Abschied sagte er zu mir: »Es waren die ersten Ferien +meines Lebens!« Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht +Tage nachher.</p> + +<p>Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war +eine Schönheit, von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. +Es wurde mir oft erzählt, daß Fremde, die sich in der +Stadt aufhielten, durch den Ruf ihrer Schönheit neugierig ge<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>macht, +sie zu sehen begehrten. Es wurde mir auch erzählt, daß +ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein Maschinenmeister +aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in denen +eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit. +Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter +Tod hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem +Sarg zum Friedhof folgte.</p> + +<p>Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl +gegeneinander sehr verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames +darin, daß sie ihrer Zeit nicht gemäß waren. Sie kamen von +der Romantik her, der Vater als geistiger Spätling, die Mutter +im Gemüt davon verdunkelt und beschwert. Bei der Mutter +äußerte es sich naturhaft und führte eine tragische Lebensstimmung +herbei, beim Vater drang es in das Motorische +und war von einem grundlosen, alle Sachverhalte verhängnisvoll +verschleiernden Optimismus begleitet, der ihm Enttäuschung +über Enttäuschung brachte und seinen Mut und seine +Kraft zerstörte.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_2" id="kapitel_2"></a>2</h2> + + +<p>Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in +der Kindheit und ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie +mich dünkt, nicht besonders nahe, da ich herausfühlte, daß +sie weniger die Person als die Gemeinschaft trafen. Ein höhnischer +Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick, abschätzige +Miene, gewisse wiederkehrende Verächtlichkeit, das war alltäglich. +Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der +Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr +gewußt wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig +verschont blieb. Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus +bezichtigte mich nicht als Jude, mein Gehaben nicht, +mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase und war still +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber der +diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie +primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch +ist, und was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild +entgegentritt, schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer +gefunden, daß der Rassenhaß, den sie sich einreden oder einreden +lassen, von den gröbsten Äußerlichkeiten genährt wird, +und daß sie infolgedessen über die wirkliche Gefahr in einer +ganz falschen Richtung orientiert sind. Die Gehässigsten waren +darin die Stumpfesten.</p> + +<p>Das zunächst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft +anlangt, so fühlte ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. +Religion war eine Disziplin und keine erfreuliche. Sie wurde +von einem seelenlosen Manne seelenlos gelehrt. Sein böses, +eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt bisweilen im Traum. +Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen oder +liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer gehört, die meisten +sind kalte Eiferer und halb lächerliche Figuren. Dieser, wie alle, +bläute Formeln ein, antiquierte hebräische Gebete, die ohne +eigentliche Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, +Abseitiges, Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven +Ertrag gab nur die Lektüre des Alten Testaments, aber auch da +fehlte die Erleuchtung, vom Gegenstand wie vom Interpreten +her. Vorgang und Gestalt wirkten im Einzelnen, Episodischen, +das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja unmenschlich +und war durch keine höhere Anschauung geläutert. Vom +Neuen Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie +Lichtschein durch eine verschlossene Tür, und Neugier mischte +sich mit unbestimmtem Grauen. Jene ewigen Bilder und +Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich in ein +privates, sozusagen psychologisches Verhältnis zu ihnen treten +konnte, ein Prozeß, der sie individualisierte, im Sinne der +Aufklärung geistig machte, oder im Sinne der Romantik +stofflich, je nachdem, in jedem Falle von der Religion ablöste.</p> + +<p><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war +lediglich Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle +Übung eingefleischter Gebräuche ohne Symbolik, Drill. Der +fortgeschrittene Teil der Gemeinde hatte eine moderne Synagoge +gebaut, eines jener Häuser im quasi-byzantinischen Stil, wie +man in den meisten deutschen Städten eines findet, und +deren parvenühafte Prächtigkeit über die fehlende Gemütsmacht +des religiösen Kultus nicht hinwegtäuschen kann. Mir +war da alles hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch +großer Worte, unbegründete Lamentation, unbegründet, weil +im Widerspruch mit sichtbarem Wohlleben und herzhafter +Weltlichkeit stehend; Überhebung, Pfafferei und Zelotismus. +Die einzige Erquickung waren die deutschen Predigten eines +sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.</p> + +<p>Die Konservativen und Altgläubigen hielten ihren Dienst in +den sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshäusern, oft nur +Stuben in einer entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch +Köpfe und Gestalten, wie sie Rembrandt gezeichnet hat, fanatische +Gesichter, Augen voll Askese und glühend im Gedächtnis +unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen wurden die +strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die lastbeladenen +Schultern sprachen von generationenalter Demut +und Entbehrung, die ehrwürdigen Gebräuche wurden in entschlossener +Hingabe buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des +Messias war ungebrochener, wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung +war auch unter ihnen nicht, Trost oder Innigkeit, +oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber Überzeugung +und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.</p> + +<p>In eine solche Schule mußte ich nach dem Tode meiner +Mutter, als neunjähriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, +jeden Abend mit Sonnenuntergang, am Sabbat und +an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr hindurch gehen, um +als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch zu +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>sagen. Zehn männliche Personen über dreizehn Jahren mußten +zu dem Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, +uralte Leute, die Übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war +hart, an Wintermorgen bei Schnee und Kälte, im Sommer +um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu üben, die aufgenötigt +und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht begriff +oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, +sie dem Geist zu verklären und so die Gefahr zu bannen, daß +durch die Befolgung eines als grausam empfundenen Brauches +das Bild der Mutter, obschon nur vorübergehend, getrübt +wurde. Dazu kam, daß im väterlichen Hause, besonders nach +der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religiösen +Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse äußerliche +Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf +Ruf und Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus +Trieb und Zugehörigkeit. Fest- und Fasttage galten als heilig. +Der Sabbat hatte noch einen Rest seines urtümlichen Gehalts, +die Gesetze für die Küche wurden noch geachtet. Aber mit der +wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem Eindringen der +neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der +Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die +Fessel nicht ganz abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, +obwohl von Genossenschaft wie von Religion +kaum noch Spuren geblieben waren. Genau betrachtet war man +Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit, +Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich +ihrerseits hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf +falschen Tatbestand stützte. Wozu war man also noch Jude, +und was war der Sinn davon? Diese Frage wurde immer +unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie beantworten.</p> + +<p>Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen +und bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwärts +stieß ich auf Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner +Richtung hin war offener Weg. Wenn ich sagte, daß ich von +<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Pferch und Helotentum nichts spürte, so bezieht sich das natürlich +nur auf die rechtliche Konstruktion des Lebens, auf das individuelle +Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich das Tun und +Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden +Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich +höherer Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit +verhält und wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus +erwächst ihm die Erkenntnis seiner Lebensaufgabe und, je +nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer Erfüllung. An +diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_3" id="kapitel_3"></a>3</h2> + + +<p>Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner +alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, +als auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen +Synagoge. Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, +nichtssagend in den Andeutungen der Halbrenegaten +und Verlegenheitsbekenner.</p> + +<p>Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff +zu fassen versuchten, einsames Denken und später +Gespräche mit einem Freund, entstand ein pantheistisches +Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter, ohne Tiefe, Resultat von +Zeitphrasen, beschworen allein durch das Verlangen nach einer +tragenden Idee. In dem Maß, wie diese Idee sich als unbefriedigend +erwies, sei es durch ihre Mittelmäßigkeit, sei es +durch ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht +minder billigen und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch +gemäßer war, dieser Zeit heilloser Verflachung und Verdünnung, +die mit verstandener wie mit mißverstandener Wissenschaft +Idolatrie trieb und ihre ganze Gedankensphäre durch +Bildung verfälschte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein +Lehrer. Ich verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem +ich nach Halt und Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte +Mensch ihrer entraten kann. Ich hatte mich in einer sowohl +entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung zurechtzufinden. +Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die Zweckhaftigkeit +bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die +Phantasie gerät in überschwellende Bewegung, und das Gemüt +verliert den Mittelpunkt. Wäre ich nicht als fragender Mensch +in sehr frühen Jahren nachhaltig eingeschüchtert worden, so +hätte ich Brücken und Übergänge finden können. Konventionen +wären wichtig gewesen, leichte und respektierte Formen. Die +Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden, den Vater +beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des Aufblicks. +Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner +Kinder, denn der Umstand, daß die unablässige Plage ihm, +ihm allein, wie er wähnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte +ihn mit Scham, und er sah immer aus wie vom bösen Gewissen +gequält. Es war uns geradezu verboten zu fragen, und Übertretung +wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs +inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, +daß ich in krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an +Menschenfurcht, an Dingfurcht, an Traumfurcht, daß in allem, +was mich umgab, eine dunkle Bezauberungsmacht wirkte, +stets unheilvoll, stets dem Verhängnis zugekehrt, stets darin bestärkt. +Ich war oft in einem alten Hause Gast bei einem +alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer +stand ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke +Spinozas in zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung +auf mich ausübten. Als ich eines Tages die Frau bat, mir einen +Band zu geben, sagte sie mit sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese +Bücher lese, werde wahnsinnig. Lange noch behielt der Name +Spinoza in meinem Gedächtnis den Klang und Sinn dieser +Worte. So ähnlich war es auch mit allem Frohen, Spiel<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>mäßigen, +Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. +Es wurde abgedrängt, verdächtigt, verfinstert. Lust durfte +nicht sein.</p> + +<p>Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue +Magd, die mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewöhnlich +vor der Herdstelle und erzählte uns Geschichten. Ich entsinne +mich, daß sie einmal, als ich ihr besonders ergriffen gelauscht +hatte, mich in den Arm nahm und sagte: »Aus dir könnt’ ein +guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!« Ich entsinne +mich auch, daß mir dieses Wort Schrecken erregte. +Erstens, weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt +und damit Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien +wurde, zweitens, weil der Begriff Christ damals noch ein unheimlicher +für mich war, halb atavistisch, halb lebensbang +Brennpunkt feindlicher Elemente.</p> + +<p>In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, +an Bildern des Gekreuzigten, an Kirchhöfen und christlichen +Priestern. Uneingestandenen Anziehungen strebten ungewußte +Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das erhorchte Wort eines +Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der Verfemung, +Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und +signalgebend in Redensarten wie im täglichen Geschehen. Von +der andern Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein +Achselzucken, ein geringschätziges Lächeln, abwartende Geste +und Haltung sogar, um Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares +zu mahnen.</p> + +<p>Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht +ergründen. Auch als ich später das Wesentliche daran erfaßte, +wies ich es für meine Person fürs erste zurück. In der Kindheit +waren ich und meine Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben +der christlichen Handwerker- und Kleinbürgerwelt, +daß wir dort unsere Gespielen hatten, unsere Gönner, Zuflucht +in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der Goldschläger, +der Schreiner, der Schuster, der Bäcker gingen wir aus und +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen +und wurden mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit +blieben. Ich war Gast, und sie feierten Feste, an denen +ich keinen Teil hatte.</p> + +<p>Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf +gerichtet, nicht Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. +Als gerufener nicht, als aus Mitleid und Gutmütigkeit +geduldeter noch weniger, als einer, der aufgenommen wird, +weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich entschließt, +erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer +gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.</p> + +<p>Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit +zunehmenden Jahren der Riß immer klaffender wurde zwischen +meiner ungestümen Forderung und ihrer Gewährung, so hätte +ich mich verlieren, schließlich mich selbst aufgeben müssen, wenn +nicht zwei Phänomene rettend in mein Leben getreten wären: +die Landschaft und das Wort.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_4" id="kapitel_4"></a>4</h2> + + +<p>Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, +Stadt des Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und +Hämmergestampfes, der Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- +und Erwerbsgier, des Dichtbeieinander kleiner und +kleinlicher Leute, der Luft der Armut und Lieblosigkeit im +väterlichen Haus.</p> + +<p>Im Umkreis dürre Sandebene, schmutzige Fabrikwässer, der +trübe, träge Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere Wälder, +triste Dörfer, häßliche Steinbrüche, Staub, Lehm, Ginster.</p> + +<p>Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer +Geschichte. Mit uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, +Brücken, Brunnen und Mauern, für mich dennoch nie Kulisse +oder Gepränge, oder leerer, romantischer Schauplatz, sondern +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>durch vielfache Beziehung in das persönliche Schicksal verflochten, +in der Kindheit schon und später gewichtiger noch.</p> + +<p>Wenige Bahnfahrtstunden nach Süden: das hügelige Franken, +Tal der Altmühl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach +alle Ferien bei der Schwester meiner Mutter verbringen +durfte, alle Sommerwochen des Jahres, oft auch herbst- und +winterliche. Die Landschaft von zarter Linienführung, mit Wäldern, +die gehegtes inneres Bild nicht so beschämten wie jene +anderen; Blumengärten, Obstgärten, Weiher, verlassene Schlösser, +umsponnene Ruinen, dörfliche Kirmessen, einfache Menschen. +Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und +Pflanze; Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; +und so der Bauer, der Händler, der Wirt, der Landstreicher, +der Jäger, der Förster, der Amtmann, der Türmer, +der Soldat. Hier sah ich sie in reinen Verhältnissen zu ihrer +Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich ausstieß. +Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch +Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaßen +in zwei abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im +lichteren zu vergessen, was mich der finstere hatte erfahren +lassen. Dort sozial angeschmiedet, sozial erinnert, an die Kaste +gepreßt, Parteiung erkennend, Unbill wissend, im Häßlichen +verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes, krampfig, scheu, +isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur gegeben, in +freundlicher Nähe zu ihr, durch ihren Einfluß, wenn auch +immer nur vorübergehend, losgesprochen von nicht abzuwälzender +Schuld und Anklagebürde, die sonst lähmend, ja zermalmend +hätte wirken müssen.</p> + +<p>Über diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann +die innere Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor +der Geburt mit in die Welt bringt, die das Wesen und die +Farbe des Traumes bestimmt, des Traumes in der weitesten +Bedeutung, wie überhaupt die heimlichen und unbewußten +Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und +Gebirge, Höhle, Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der +unreifen Sehnsucht, der Aus- und Zuflucht alles Ungenügens +an der Gegenwart ist unter der inneren Landschaft zu verstehen, +vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens selbst, +der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein wirkliches +Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten +Wirklichkeit sich abspielende vielleicht bloß Spiegelung ist.</p> + +<p>In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne +zu flunkern oder zu dichten, ist fast unmöglich. Es handelt +sich um Gefühlsintensitäten und um Bilder von unfaßbarer +Flüchtigkeit. Beinahe alles zu Äußernde muß sich auf ein »ich +glaube« beschränken. Man tastet hin, man ahnt zurück; jede +Erinnerung ist ja ein Stück Konstruktion. Es scheint mir +zweifellos, daß alle innere Landschaft atavistische Bestandteile +enthält, und ebenso zweifellos dünkt mich, daß sie bei den +meisten Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der +Pubertät und dem Eintritt in das sogenannte praktische Leben +verwelkt, verdorrt, schließlich abstirbt und untergeht.</p> + +<p>Ich war sehr naiv in meiner Abhängigkeit von Traum und +Vision. Vision darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte +Zustände, unwahrnehmbare Dinge und Figuren in Greifbarkeit +zeigten. Im Alter zwischen zehn und zwanzig Jahren lebte +ich in beständigem Rausch, in einer Fernheit oft, die den Mitmirgehenden +und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose +Hülle ließ. Es ist mir später berichtet worden, daß man mich +anschreien mußte, um mich als Wachenden zu wecken. Ich +hatte Anfälle von Verzückung, von wilder, stiller Verlorenheit, +und in der Regel war die Abtrennung so gewaltsam und jäh, +daß die Verbindungen rissen, und daß ich wie gespalten blieb, +auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen war. In beiden +Sphären lebte ich mit geschärfter Aufmerksamkeit, wie überhaupt +Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber +es waren keine Brücken da; ich konnte hier völlig nüchtern, +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>dort völlig außer mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte +dabei alle Mitteilung, alle Botschaft. Das erhielt mich in +einer außerordentlichen, mich quälenden und erregenden, für +die Menschen um mich meist unverständlichen Spannung. +Staunen und Verzweiflung waren die Gemütsbewegungen, die +mich vornehmlich beherrschten; Staunen über Gesehenes, Geschautes, +Empfundenes; Verzweiflung darüber, daß es nicht +mitteilbar war. Vermutlich war meine Verfassung die: ich +wußte, daß Unerhörtes oder Merkwürdiges mit mir, an mir, +in mir geschah, war aber durchaus nicht imstande, mir oder +anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war gewissermaßen +ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen +hat, was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. +Noch heute wüßte ich nicht im geringsten zu sagen, worin +eigentlich dies Verborgene, verborgen Flammende, geheimnisvoll +Jenseitige bestanden hat; ich muß es für ewig unerforschbar +halten, trotzdem es mir lockend erscheint, einiges davon +zu ergründen; es müßte dann auch zu ergründen sein, was zu +den Ahnen gehört und was zur Erde, was vom Blute kam und +was vom Auge, und aus welcher Tiefe das Individuum in +den ihm gewiesenen Kreis emporwächst.</p> + +<p>Mit der Darstellung dieser Kämpfe und Exaltationen ist ein +Verhältnis zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung +aus der Not und Notwendigkeit heraus zu erklären. Und wie +sehr das Wort Surrogat und Behelf ist, erweist sich in meinem +Fall nicht minder offensichtlich, da doch das Ding und Sein, +worauf es sich bezog, unbekannt geworden und hinter nicht +zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, daß alle Schöpfung +von Bild und Form auf einen solchen Prozeß zurückzuführen +ist. Ich glaube, daß alle Produktion im Grunde der Versuch +einer Reproduktion ist, Annäherung an Geschautes, Gehörtes, +Gefühltes, das durch einen jenseitigen Trakt des Bewußtseins +gegangen ist und in Stücken, Trümmern und Fragmenten +ausgegraben werden muß. Ich wenigstens habe mein +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das +sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene +schmerzliche Bemühen eines manischen Schatzgräbers.</p> + +<p>Doch: Kunde zu geben, davon hing für mich alles ab, schon +im frühesten Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich +stumm, geblendet und mit Vergessen geschlagen in die niedrige +Wirklichkeit verstießen, wollte ich doch Kunde geben, denn +trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum Rande von ihnen +gefüllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren geriet +ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit +überwindend, in zusammenhangloses Erzählen, das von Angehörigen, +von Hausgenossen und Mitschülern als halb gefährliches, +halb lächerliches Lügenwesen aufgenommen und dem +mit Zurechtweisung, Spott und Züchtigung begegnet wurde. An +Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim Linsenlesen, +und es kam vor, daß ich dabei plötzlich zu phantasieren +anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und +Abenteuer dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose +Nachbarn als Zeugen sonderbarer Begegnungen anführte, mir +selbst die höchsten Ehren, höchsten Ruhm prophezeite. Die +Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend, schaute mich ängstlich verwundert +an, ein Blick, der mich noch trotziger in das unsinnig +Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite und beschwor +mich mit Tränen, daß ich nicht der Schlechtigkeit verfallen +möge.</p> + +<p>Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine +Not zum Erzähler von Geschichten mit handelnden Figuren +und geschlossener Fabel wurde, muß ich festhalten, weil es +weit über den kindlichen Bezirk hinaus auf meinen Weg, auf +meine Wurzeln wies.</p> + +<p>Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus +erster Ehe nicht wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf +jede Weise spüren. Abgesehen von ungerechten und überharten +Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor dem Vater führte, +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah die Brotlaibe +mit Zeichen, so daß sie erkennen konnte, wenn einer von +uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug +Sorge, daß das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich +hatte sie Mühe, mit dem ihr zugeteilten Gelde zu wirtschaften, +so wie mein Vater Mühe hatte, es aufzubringen; desungeachtet +glaube ich, daß die Kinder von Bettlern es in dieser Hinsicht +besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner Mutter, +ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, +erfuhr, wie übel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten +in der Stadt eine gewisse Summe für die Bestreitung +dringender Auslagen, und ich als Ältester erhielt wöchentlich +eine Mark mit der Erlaubnis, dafür Eßwaren für mich und +meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe +in meinen Augen, und da es zu gefährlich war, das Geld bei +mir zu tragen, war ich bemüht, ein Versteck ausfindig zu +machen. Mein Bruder nun, der um fünf Jahre jünger war +als ich, also ungefähr sechs, hatte keinen andern Gedanken, +als dieses Versteck zu erspähen, denn er war unzufrieden mit +der Verteilung, mißtraute mir, verlangte bei jedem Anlaß +mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, daß ich ihm +zeige, wieviel ich besaß. War der Zank einmal im Gang, so +artete er gewöhnlich bis zu Drohungen aus, und ich mußte +täglich gewärtig sein, daß der gierige Rebell mich bei der Stiefmutter +denunzierte, eine Verräterei, deren Folgen ich mehr als +alles fürchtete. Insofern war mein Bruder im Recht, als ich +nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag für Brot, Obst, +Wurst und Käse ausgab, sondern mir außerdem noch billige +Bücher anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein +Bruder und ich schliefen in einer Art Verschlag in demselben +Bett, und in meiner Bedrängnis verfiel ich nun auf den Ausweg, +ihm vor dem Einschlafen Geschichten zu erzählen. Wider +Erwarten fand ich an ihm den aufmerksamsten Zuhörer, und +ich nützte den Vorteil aus, indem ich jeden Abend meine Ge<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>schichte +an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er sich dann +während des folgenden Tages ungebärdig, so hatte ich meinerseits +eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklärte einfach, +daß ich die Geschichte nicht weitererzählen würde. Je verwickelter, +spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit +war, je erpichter war er natürlich, die jedesmalige Fortsetzung +zu hören, und ebenso natürlich mußte ich, um ihn im +Zaum zu halten und nach meinem Willen lenken zu können, +alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe rufen. Es war +keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen Forderer, und +ich durfte nicht langweilig und nicht flüchtig werden. So erzählte +ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, +im Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide müde waren, +und bis ich im Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der +Situation gelangt war, von der ich selbst noch nicht wußte, +wie sie zu lösen sei, die aber den atemlosen Lauscher wieder für +vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt gab.</p> + +<p>Ich sagte, daß mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln +wies. Auf den Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, +daß ein Mensch zu binden ist, zu »fesseln«, wie der verbrauchte +Tropus lautet, indem man sich seiner Einbildungskraft bemächtigt, +daß man ihn sogar vom Schlechten abbringen kann, +wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine Wirklichkeit +vortäuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen +richtet; daß man Freude, Furcht, Überraschung, Rührung, +Lächeln und Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um +so stärker, je freier das Spiel, je absichtsloser und je mehr +vom Zweck befreit die Täuschung ist. Der beständige Augenschein +aller Wirkung hielt mich selbst in Atem, weckte meinen +Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur +Vervollkommnung meiner Mittel.</p> + +<p>Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer +Trieb im Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins +Kleinbürgerliche übertragen; schlummernder Keim, befruchtet +<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>durch Zufall und Gefahr. Schehrasade erzählt, um ihr Leben +zu retten, und während sie erzählt, wird sie zum Genius der +Erzählung schlechthin; ich – nun, um mein Leben ging es +nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz +und gar und bestimmte Denken und Sein.</p> + +<p>Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedürfnis wurde, die +eine oder andere der nächtlich erzählten Geschichten aufzuschreiben. +Dies mußte in größter Heimlichkeit geschehen, und es +begann damit schon der Kampf. Daß mein Treiben allmählich +ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die Stiefmutter +sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen +Blätter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; +Verwandte, Lehrer, Kameraden stellten sich feindselig dagegen, +beinahe derart, als ob ich sie durch mein Unterfangen geradezu +beleidigt hätte, und der zum erstenmal bekundete Vorsatz, mich +dem Schriftstellerberuf zu widmen, rief bei den Bekannten +Gelächter, beim Vater den heftigsten Unwillen hervor.</p> + +<p>Die Sache war die, daß ich dem Onkel, jenem Bruder +meiner Mutter, der in kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen +war. Darauf hatte mein Vater seine ganze Hoffnung +gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte mir gelingen: reich +zu werden; mich in einer großen Laufbahn als Nachfolger +des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine Lieblingsvorstellung. +Meine abgeirrte Neigung zu unterdrücken, ließ er +deshalb nichts unversucht.</p> + +<p>Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt +in der bürgerlichen Gesellschaft weder so häufig noch so erstrebt +wie heute, und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst +aufgehört hat, das seltene und kostbare Vergnügen weniger +Erlesener zu sein, ist sie für die Vielen Luxus, Ausrede und +Gemeinplatz geworden, schließlich Betrieb, wie jeder andere. +Keiner will mehr hören und empfangen, alle wollen selber +reden und selber den Geber spielen.</p> + +<p>In meinem fünfzehnten Jahr hatte ich einen Roman ge<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>schrieben, +ein unsäglich dürftiges und abgeschmacktes Ding, +und das Manuskript trug ich eines Tages in die Redaktion +des Tageblattes. Ein dicker Redakteur saß verschlafen am +Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein Anliegen +vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats +unter meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der +Unterhaltungsbeilage der Zeitung. Ich weiß es noch, es war +ein Winterabend, wie mein Vater nach dem Essen das Blatt +zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen Teller +gelegt hatte, daß sein Blick auf mein Produkt fallen mußte, +wie ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der +versorgte, müde Ausdruck seines Gesichtes sich jäh veränderte, +wie in seinen Augen zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das +aber bald dem Zorn, der Angst, der Ratlosigkeit wich.</p> + +<p>Es gab schlimme Szenen, Vorwürfe, Drohungen, Beschimpfungen, +Hohn. Auch in der Schule wurde ich zur +Rechenschaft verhalten, vor den Rektor zitiert und wegen verbotener +Publikation zu zwölfstündigem Karzer verurteilt. Der +Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die Frau +war seine getreue Spionin, so daß ich keine ruhige Arbeitsstunde +mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein +das Bett verließ und am Fenster, in einem leidenschaftlichen +inneren Zustand, Blatt um Blatt vollschrieb. In einer solchen +Nacht brach in der hofseitig gelegenen Fabrik meines Vaters +Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug Lärm, +und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, +die Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde +durch dieses Unglück für seine Härte gegen mich bestraft.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_5" id="kapitel_5"></a>5</h2> + + +<p>Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von +der Unbill und dem Gefühl erlittenen Unrechts nicht erdrückt +zu werden, flüchtete ich mich gern in die Vorstellung, daß der +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Weltgeist für mich im stillen wirkte. Es war ziemlich wunderbar, +daß ich an der kerkerhaften Wirklichkeit nicht zerschellte.</p> + +<p>Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur +vergewaltigen wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden +Trotz, schweigendes Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, +jeder in seiner Weise. Beide waren Juden, beide spielten +eine typische Rolle in meiner Entwicklung.</p> + +<p>Der eine war ein schlanker, großer, blondlockiger Mensch, mit +einem Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe +und besaß eine ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres +Beisammenseins und die Beschäftigung mit den Werken der +Dichter waren erstohlen, ihr Gepräge war Schwärmerei. Mit +unersättlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in mich auf, +Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in +diesem Bereich webte; zwischen dem Alltäglichen und der +Region der Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale +Brücke, die heimlich passiert werden mußte; hier war Kälte, +Angst, Beengung, Kahlheit, Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, +Passion; und Wort, Bild, Traum waren die Altäre eines +verschwiegenen Dienstes. Möglich, daß der Freund mit mir +von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf +seine Schönheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum +Kaufmann bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da +ich den künftigen Garrick der deutschen Bühne in ihm erblickte, +war die Tragödie unser eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte +in mir, meinem bewunderten Garrick ein Shakespeare zu werden, +und ich ging selbst an die Verfertigung von Trauerspielen. +Ich kannte keine Richtung oder Schule; es war Sturm +und Drang in mir, aus mir, Pathos und Überschwang aus +eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; +und der Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich +schon die Unsterblichkeit erlangt. Als uns das Geschick voneinander +getrennt hatte und ich in die Fabrik des Onkels nach +Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer Briefwechsel +<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen Episteln +gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte. +Er aber verlosch bald. Ich merkte, daß ihm meine intransigente +Haltung unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen +geistigen Qualen wenigstens Echo zu sein, erschöpfte er sich +in rührseligen und verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, +und eines Tages, als er wieder lang und breit von +der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben hatte, beschloß +ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie wieder +von ihm gehört.</p> + +<p>Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in +Gunzenhausen, der in München die Rechte studierte, drei +Jahre älter als ich war, und den ich stets in den Ferien zum +Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem ersten. Im +Wachstum zurückgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der durchdringendste +jüdische Verstand gegeben, eine Fähigkeit, die +Schwächen und Blößen der Menschen wahrzunehmen und zu +geißeln, die mich ihn fürchten ließ. Meine dichterische Neigung +verfolgte er mit beißendem Spott, namentlich, wenn junge +Mädchen dabei waren, vor denen er zu glänzen liebte, und +denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine Belesenheit +und Schlagfertigkeit imponierten.</p> + +<p>In dieser kleinen Welt war er das große Licht, die letzte +Instanz der Kritik, während ich als Poetaster und haltloser +Schwärmer, der nicht einmal den Weg humanistischer Bildung +einschlug, eine mitleidswürdige Figur machte. Durch nichts +konnte ich mich vor ihm behaupten, durch keine Anstrengung, +keine Verheißung, keinen Hinweis; er zerpflückte mir Wort und +Leistung, verdächtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm +zu gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches +Bemühen. Nicht bloß, daß er Mißtrauen in meiner Umgebung +säte, rief er auch Schwanken in mir selbst hervor, und eingeschüchtert +von seiner Beredsamkeit und Argumentierungskunst, +der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils, der +<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>Überlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge, +betrachtete ich ihn als Richter und Führer. Als er sich endlich +zur Anerkennung meines Werbens und Kämpfens herbeiließ, +legte ich in einer wichtigen Stunde die Entscheidung über +mein Schicksal in seine Hand. Das kam so:</p> + +<p>Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar +geworden. Ich entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte +mich bei der mir zugewiesenen Arbeit lustlos und unverläßlich, +entschlüpfte bei jeder Gelegenheit dem starren Kreis, um im +Verborgenen einer Neigung zu frönen, die für befremdlich, +schädlich, ja verbrecherisch geachtet wurde; die Tage verbrachte +ich in einer verworrenen, ja somnambulen Gemütsverfassung, +die Nächte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd, berauscht, +entselbstet vor meinen Manuskripten. Daß ich da +lauter leeres Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es +handelt sich in solchen Epochen der Entwicklung weniger um +Qualität als um Intensität. Die Folgen waren häusliche Auseinandersetzungen, +Vorwürfe der Undankbarkeit, Besserungsversuche, +Strafmandate, Predigten, Hohn. Daß in meinem +abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen könne, +von der Möglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar +nicht erwogen; mein Onkel, ein gütiger, einfacher, obwohl +schwacher Mensch, Einflüssen ausgesetzt, die ihm mein Bild +verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave, drohte, mich mit +Schimpf davonzujagen, und allerdings mußte es mir als das +Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, +oder, wie es später auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit +als Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen.</p> + +<p>Es war da ein langjähriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, +der eine eigentümliche geistige Ähnlichkeit mit meinem Freund +hatte. Scharfer Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, +literarisch unterrichtet, gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild +von jenem aus älterer Generation, nur daß er mehr Welt +und mehr Bonhomie besaß. Derselbe Typus heute hat über<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>haupt +nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei +oberflächlichem Urteil bedünken, als hätte der Typus an Positivität +des Geistes gewonnen, was er an Gutmütigkeit und +Schliff verloren hat. Aber das ist nur Schein. Zieht man die +Hülle weg, so steht ein Leugner da, jetzt wie vordem, ein Entgötterter, +ein Opportunist aus still nagender Verzweiflung, +deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam, mit +der nämlichen Rückhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schloß +ich mich an den älteren an, um in genau der nämlichen Art +enttäuscht zu werden. Die spezifisch jüdische Form von Weltklugheit +ist mir im Laufe meines Lebens vielfach verhängnisvoll +geworden, weil ich mit völlig anders eingestellten Sinnen +unvermögend war, die praktischen Nutz- und Nahzwecke auch +nur wahrzunehmen, dabei aber mit der äußeren Verantwortung +häufig, mit der inneren immer beladen wurde.</p> + +<p>Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, +wurden von ihm verworfen und verlacht, waren dann auch +in Gesellschaft das Ziel seiner geistreichen Sticheleien. Doch +ließ er sich zu Besprechungen mit mir herbei und gab mir +den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der Onkel die +Mittel dazu bewilligen würde, und er versprach, ihn dazu zu +überreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen +Aussicht, an meinen Freund in München, schilderte ihm, wie +die Dinge lagen, schrieb vorgreifend, daß ich möglicherweise +auf die Unterstützung meines Verwandten zählen könne und +fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir beistehen, mich zum +Examen vorbereiten würde. Die Antwort war über Erwarten +herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens +und Strebens, das er, der sonst so kühl abwägende, +mir machte, war so verführerisch, daß ich plötzlich die Geduld +verlor, mit dem Onkel und seinen Beratern weiter zu +verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890 heimlich +meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fünfzig +oder sechzig ersparten Gulden nach München flüchtete.</p> + +<p><a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>Ich entsinne mich noch sehr gut der nächtlichen Fahrt im +Personenzug, weil ich mich während ihrer ganzen Dauer in +einer Stimmung befand und ihr gemäß handelte, die nicht oft +wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich saß in einem trüb +erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa dreißig +Menschen, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern, auch Frauen und +Mädchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht +hindurch, hielt ich die Leute mit ausgelassenen Späßen, lustigen +Geschichten und unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwährendem +schallenden Gelächter, in das auch die Schaffner einfielen. +Alle die lachenden, feuchten Augen waren gespannt, +dankbar-entzückt auf mich gerichtet, und ich erinnere mich noch +eines mageren alten Bauern, der vor Lachen förmlich weinte, +und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit +Äpfel zusteckte und meine Hand tätschelte. Ich hatte Vergnügen +daran, zu beobachten, wie die Traurigkeit, Bitterkeit, +Wundheit in mir im selben Maße wuchsen, in dem ich +mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinriß. So +frech in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem +Antrieb jugendlich-selbstgefälliger, selbstbetrunkener Menschensucht +und Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung +außerordentlicher Einsamkeit dabei im Spiel gewesen.</p> + +<p>Mein Freund, der Student, hatte gehofft, daß der reiche +Onkel, den er respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerüstet +und mit seinem Segen hatte ziehen lassen und war natürlich +nicht erbaut, als es sich herausstellte, daß ich von der Krippe +weggelaufen sei und um Gnade erst betteln müsse. Halbgezwungen +machte er noch einmal den Fürsprecher meines +unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes +Monatsgeld bewilligt, so gering, daß es mich kaum +vor dem Hunger bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem +Studium nicht die Rede sein konnte. Die Laune meines +Mentors wurde daher immer finsterer; ich wurde ihm zur +Last, er wußte nicht, was er mit mir beginnen sollte und +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine +Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft +und prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner +Kommilitonen, in den er mich bisweilen brachte, galt ich als +traurig-komische Person, Wildling, armer Teufel, nach studentischen +Begriffen unebenbürtig, Gegenstand der Geringschätzung +auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war, +und binnen kurzem sah ich mich in einer viel übleren Lage als +vor der Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein +der Obsorge und Voraussicht beging mein Freund die Verräterei, +vor seiner Reise in die Ferien an meinen Onkel zu +schreiben, daß ich es mit den neuen Aufgaben nicht ernst +nehme, und daß er infolgedessen meinem Tun und Treiben +nicht länger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn +sei mir nach seiner Überzeugung verschlossen. Darauf wurde +die Geldunterstützung, die ich bis dahin bezogen, eingestellt, +und ich befand mich im Zustand der Hilflosigkeit und Verlassenheit, +die noch um das Gefühl des Zweifels an der Zukunft +vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender +Bedrängnis, beladen mit einem voluminösen Epos in Blankversen +zu einem der berühmtesten Dichter Münchens wallfahrtete, +um ein Urteil, einen Fingerzeig, ein tröstliches Wort +von ihm zu empfangen. Das Gegenteil trat ein. Der große +Mann, der sich mir kühl und majestätisch gab, riet mir ernst, +mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm +wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund +bot. Ich zürnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft +davon durchdrungen, daß in den Jahren der Entwicklung +Werk und Gewirktes viel weniger zu zeugen vermögen als der +Mensch, das Schicksal, das er auf sich nimmt und der Weg, +den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen Blickes als +den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen Verhältnisses, +als dem zwischen gefeierter Autorität und schüchternem +Scholaren.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a></p> +<h2><a name="kapitel_6" id="kapitel_6"></a>6</h2> + + +<p>Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und +Wirken zu tun, als ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht +selber einbildete. Wonach ich begehrte, war die Menschenwelt, +eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk und Gewirktes +darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn +an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von +Entbehrung, von dem ich mir bestimmte Rechenschaft hätte +ablegen können, nicht die Erkenntnis umschriebener und begrenzter +Widerstände, sondern nur ein ahnendes, blindes Ertasten +davon, das sich im Bewußtsein und in der Seele kaum +formulieren ließ, zur Greifbarkeit sich erst viel später verdichtete. +Denk ich zurück, so war es wie ein Herumtappen im +leeren finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang +finden muß, bevor eine sinnvolle Tätigkeit überhaupt in Frage +kommt, ein System der Dinge entstehen kann.</p> + +<p>Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder +von einem einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von +den Menschen meines Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, +weder von denen meiner Art, noch von denen meiner +Wahl. Denn zu wählen hatte ich mich ja nachgerade entschlossen, +und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich +mich mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschluß +geschieden, diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich +selber darzubieten, ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem +entfaltete sich also in seiner ganzen beunruhigenden Wucht.</p> + +<p>Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mißverstanden +werden. Keine Regentenregung war in mir. Auch +Vergeßlichkeit nicht und noch weniger Nützlichkeitserwägung. +Ich lebte in schmeichelnden, die mir so nahe, so augenscheinliche +Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von allgemeinem +Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen +<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>nicht belehrt, noch nicht gedemütigt, Erfahrungen auch sonst +schwer zugänglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch +verklärte Bilder, und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug +hielt mich ab, statuierte Unterschiede der Klasse, Kaste und +Rasse, der Herkunft und des bürgerlichen Charakters auch auf +mich anzuwenden.</p> + +<p>Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller +Täuschung für ein typisches Los, so daß mir die Menschenwelt +in lauter einzelne ebenso unbedingte Wesen zerfiel. +Hiervon wurde meine Phantasie ins Uferlose, Bodenlose, +Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und armselig +vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verführung wurde, +anderseits Fatum und Gewissensbürde.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_7" id="kapitel_7"></a>7</h2> + + +<p>Um nicht zu verhungern, mußte ich Zuflucht bei meinem +Vater suchen, der zu dieser Zeit in Würzburg lebte, selbst in +kümmerlichsten Umständen. Als wahrer verlorener Sohn +kehrte ich zurück; wenn es auch ohne Dramatik abging, ohne +Schmerz und Demütigung ging es nicht ab. Er ließ mich +fühlen, daß ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht +hatte und zeigte sich mir noch finsterer und kälter als vordem. +Am erbittertsten war die Stiefmutter über den unwillkommenen +Kostgänger, an den sie Wohlwollen ohnehin nie verschwendet +hatte. Es war schlimm, gleichsam betteln zu sollen um die +Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war alles von +da ab.</p> + +<p>Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den +alten Gassen und Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf +dem Hofgartenwall, im Veitshöchheimer Schloßpark und verschanzte +mich, da ich keinen Gefährten hatte, kein Paar Augen, +die mich freundlich grüßten, in Einsamkeitswollust und Ein<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>samkeitshochmut. +Draußen waren Geister in Bewegung, ich +spürte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang +auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und +neuen Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu +denken und sah keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, +aber es war auch ein sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum +vom heimlichen Kaiser, den gerade die Verstoßenen manchmal +selbstverliebt in sich nähren.</p> + +<p>Indes wuchs die Sorge meines Vaters über das arbeitsscheue +Treiben, und er forderte, daß ich dem Onkel einen Abbittebrief +schreiben und ihn durch das Gelöbnis der Besserung +bestimmen solle, mich wieder aufzunehmen. Mich zu sträuben +war umsonst, die Quälereien wurden zu arg. So fügte ich +mich ins Unvermeidliche und verfaßte mit schriftstellerischer +Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verächtlich +sagte, die seien schöne Wortfeuerwerke. Doch willigte er +in eine Probezeit. Sein Haus und seine Fabrik sollten mir +verschlossen bleiben, bis meine Führung bewiesen, daß ich von +den »Wahnideen« geheilt sei. In der Familie eines seiner +Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es waren +einfache, aber lärmende und triviale Menschen, denen ich als +Neffe ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich +mißglückter Literat lächerliches Geschöpf war. Ich trat +als Lehrling in ein Exportgeschäft, was von Beginn an eine +kaum erträgliche Fron war. Der Chef war ein cholerischer +Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder, stadtbekannter Wüstling. +Im ganzen Betrieb herrschte eigentümliche Tücke und Aufsässigkeit. +Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von +mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines +niedrigen Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. +Zehn Monate nahm ich mich zusammen, um meinem Versprechen +treu zu bleiben. Ein frecher Bubenstreich machte der +Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages während +meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wußte +von nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte +es, mich zu verteidigen, verließ den Posten und erklärte +meinem Onkel rundweg, daß ich mit solchen Menschen +nichts mehr zu schaffen haben wolle. Eine junge Praktikantin, +die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte, ruhte nicht, bis sie +die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum Geständnis +gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spät. Der +Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamität geworden, +und man wollte mich los sein, wenn nicht auf gute +Manier, so auf schlechte. Es wurde beschlossen, daß ich mein +Militärjahr absolvieren und, falls ich nach Verlauf dieses +Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem Schicksal +überlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Würzburg +geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. +Zur Bestreitung der Kosten wurde die Hälfte eines +kleinen mütterlichen Erbteils flüssig gemacht, etwa tausend +Mark; und davon sollte ich nicht nur ein ganzes Jahr leben, +sondern auch die unerläßlichen Ausgaben für den Dienst, die +Uniformierung, die Repräsentation aufbringen. Ich trat sonach +in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglückselige +Mischung, wie ich bald spüren sollte. Jude und arm, das erregte +doppelte Geringschätzung, bei der Mannschaft wie bei +den Offizieren. Im übrigen beging ich gleich zu Beginn eine +Torheit und Einfältigkeit, von der das Odium während des +ganzen Jahres an mir haften blieb. Lächerlicherweise nämlich +schloß ich das schriftliche <em class="antiqua">Curriculum vitae,</em> dessen Anfertigung +in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermütigen +Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen +Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv +hatte. Der Feldwebel las die gereimten Verse beim Rapport +unter allgemeinem Hallo vor und hielt mir eine niederschmetternde +Standrede, als hätte ich das gesamte deutsche +Heer verhöhnt.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a></p> +<h2><a name="kapitel_8" id="kapitel_8"></a>8</h2> + + +<p>Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es +dem Zufälligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine +eigentliche Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern +nur Darstellung eines schicksalhaften Konflikts, genüge als +Zusammenhängendes der bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen +soll, wie ich geworden, und auf welchem Boden ich gewachsen +bin. Der Weg wird nun schmaler und bestimmter, +die Richtung energischer sein müssen, Gebot der Verknüpfung +hat zurückzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden.</p> + +<p>Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als +Soldat meine Pflicht zu tun und das geforderte Maß der +Leistung zu erfüllen, wozu bisweilen keine geringe Selbstüberwindung +nötig war, gelang es mir nicht, die Anerkennung +meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte bald, daß es +mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre, daß +es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte +es an der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten +Tendenz, die befriedigende Leistung selbstverständlich +zu finden, die unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von +gesellschaftlicher Annäherung konnte nicht die Rede sein, menschliche +Qualität wurde nicht einmal erwogen, Geist oder auch +nur jede originelle Form der Äußerung erweckte sofort Argwohn, +Beförderung über eine zugestandene Grenze hinaus kam +nicht in Frage, alles, weil die bürgerliche Legitimation unter +der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. +Aber dies ist ja hinlänglich bekannt, niemand hat sich schließlich +mehr darüber gewundert, auch ich war von vornherein mit +der Situation vertraut, was ja an sich schlimm genug ist und +eine beständige Trübung der allgemeinen Lebensstimmung +herbeiführen muß.</p> + +<p><a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>Auffallender, weitaus quälender war mir in dieser Beziehung +das Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete +ich jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, +starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus +fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die Quelle, +noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß +hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, +der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, +der Ranküne des Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der +Unwissenheit, der Lüge und Gewissenlosigkeit wie der berechtigten +Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus. +Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt, +verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit +der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und +Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist +ein deutscher Haß.</p> + +<p>Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst +dieser Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit +klar zu werden versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten. +Und so erging es auch mir. Kam hinzu, daß die katholische +Bevölkerung Unterfrankens, reichlich durchsetzt mit einem unerfreulichen +Schlag noch halb ghettohafter, handelsbeflissener, +wuchernder Juden, Krämer, Trödler, Viehhändler, Hausierer, +einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanität und +natürlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stämmen +stand und das Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmärchen, +bischöfliche Bluterlässe, mörderische und +gewinnbringende Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne +trug.</p> + +<p>Es geschah, daß ich zu einem jungen Menschen in förderliche +Beziehungen trat; wenn dann die gewisse Enthüllung unvermeidlich +war, zog er sich entweder vorsichtig zurück, oder er +gab sich eine Weile unbefangen, um schließlich doch ein schwer +bekämpfbares Mißtrauen durchblicken zu lassen, oder er ließ +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>mich verstehen, daß er in meiner Person eine Ausnahme statuiere +und sich seines begründeten Vorurteils zu meinen Gunsten +entäußere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher +noch können wir es ertragen, daß das Individuum in uns +für minderwertig proklamiert wird, als die Gattung; eher +noch darf der Charakter verdächtigt werden, als die Geburt; +gegen jenes kann man sich retten, man kann den Irrtum +beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn widerlegen zu +können; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele machtlos, +und der gehütetste innerste Spiegel des Bewußtseins trübt +und befleckt sich.</p> + +<p>Als ich nach der Entlassung vom Militärdienst nach Nürnberg +kam, wo man mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete +Stellung in einer Kanzlei angeboten hatte, war ich in einem +wesentlichen Teil des Verhältnisses zur Welt schon gelähmt. +Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der Furcht vor +Erniedrigung eingeht, ist für die Sittlichkeit und Freiheit des +Handelns die schädigendste. Ist das errungene Gefühl des +eigenen Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung +nur die Isolierung, der Entschluß, sich suchen und +finden zu lassen, die Sehnsucht nach dem, der suchen und finden +wird. Es ist das Wunderbare der Jugend, daß sie am Menschen +nie ganz zu verzweifeln vermag, eher wirft sie sich selbst +weg, als daß sie aufhört, an den Menschen, dies geträumte +Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich +weg damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares +Verlangen nach geistigem Umgang und stürzte in +die Kloake des Geistes, mich dürstete nach Bestätigung, und +ich wurde aus mühselig eroberten Festen geschleudert, ich +wünschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen Gehalt aus +Geld, Schweiß und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden +getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung +äfft. Mehr ist schlechterdings nicht zu sagen nötig, um die +Existenz zu kennzeichnen, die ich durch Jahr und Tag führte; +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>was sollte es frommen, das häßliche Einzelne wieder hervorzuziehen +aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen Kneipen +verbrachten Nächte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen Rebellentums, +jämmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, +versäumte Pflicht, würgende Not, billige Herausforderung des +Bürgers. Es ist heute nicht neu und war zu seiner Stunde +nicht neu. Auch von dem Ring der traurigen Figuren zu +sprechen, lohnt nicht. So trüb oder auch merkwürdig die +Schicksale, so mittelmäßig der Zuschnitt im ganzen. In allen +Winkelkaffeehäusern der Erde wird von allen malkontenten und +impotenten Künstlern, Literaten und verkrachten Studenten, +von allen Falstaffs und Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals +dieselbe Phrase in derselben Manier vom Rausch bis in den +Katzenjammer totgeschleift.</p> + +<p>Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom +Treiben jener Jahre für mich blieb, war einerseits die +Stadt, Monument des Mittelalters, wie durch Zauberfluch +ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter, von +Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast +und werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Bürgertum +und Proletariat; es ist mir immer symbolisch bedeutend für +diese Konstellation erschienen, daß die erste Eisenbahn Europas +zwischen Nürnberg und Fürth lief. Andrerseits, im natürlichen +Zusammenhang damit, war Anblick und Erfahrung einer schroff +geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden, Stillen, Vergehenden +und Welt von Wollenden, Überlauten, Kommenden.</p> + +<p>Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel +und Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen +schwankten vor mir auf und ab. Ich war nicht gesonnen, +mein Schicksal an eine von ihnen zu hängen. Von dort wurde +mir Zärtlichkeit alter Formen geschenkt, Ehrfurcht vor Überlieferung, +Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das Umfriedete, +Geschlossene, Gesicherte zu spüren und zu denken; +von hier kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>verwandelter Zeit, im übrigen freilich Kälte, Kälte der Seelen, +Trägheit der Seelen, Verkrustung der Seelen.</p> + +<p>Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, +so habe ich es vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten +Augenblick wie ein Retter in mein Leben getreten +ist. Ich hatte seine Sympathie erweckt, er beobachtete mich, +näherte sich mir, zeigte mir die Gefahr, und seine sanfte, geduldige, +liebevolle Überredung bewirkte, daß ich das verrottet-unfruchtbare +Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was +ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch +kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er +war ein unermüdlicher Erzähler und barst von Geschichten. +Obwohl selbst in vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch +vergrübelt und, da seine zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible +Natur ihm jeden vertrauten Umgang erschwerte, auch +vereinsamt, schloß er sich werbend, führend, eifersüchtig wachsam +an mich an. Er war einer der problematischesten Menschen, +denen ich je begegnet bin, und sein Einfluß erstreckte sich über +meine wichtigsten Jahre.</p> + +<p>Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich. Er entstammte +einem alten Nürnberger Patriziergeschlecht, das aber völlig +verarmt war. Sein Vater war tot, er lebte mit seiner Mutter, +einer welthassenden, weltfremden, eigentümlich strengen Frau +in einem Verhältnis zwischen Unverträglichkeit und Liebe. +Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit seiner Art, die sich +wie ein Fisch verbiß, hatte er sich literarischen Interessen zugewandt, +nicht als Produzierender, sondern als ein mit seiner +Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. +Er war schlank, hager, sehnig, flink, nervös wie ein Rennpferd, +launenhaft, verstand zu imponieren und zu gewinnen, +war voller Impuls und Heftigkeit, auch voll List und Witz, +und hatte Neigungen zum Aszeten, zum Bücherwurm, zum +Homöopathen, zum Sonderling.</p> + +<p>Als er, der seine Kräfte in der Heimat verdorren fühlte, +<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>nach Zürich gegangen war, wo ihm ein größerer Wirkungskreis +in Aussicht stand, war mir zumute, wie einem, den der +gute Geist verlassen hat, und mein Trachten war darauf gerichtet, +wieder in seine Nähe zu gelangen. Ein Briefwechsel +von seltener Intensität, seiner- wie meinerseits, gab nur ungenügenden +Ersatz für die lebendigen Stunden, aber es war +vorläufig keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte +indessen das Mündigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital +des mütterlichen Vermögens ausgehändigt, fünf- bis +sechshundert Mark, in deren Besitz ich mir reich erschien. Ich +kündigte meine Stellung, zahlte meine Schulden, fuhr nach +München und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was +ein vollkommen neuer Zustand für mich war, der sich auch +bald rächte, denn eines Tages war der vermeintliche Schatz +erschöpft. Ich sah mich nach einer neuen Stellung um, ließ ein +Inserat drucken, und es meldete sich ein Generalagent im +badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien ersuchte +und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der +einzige Beamte in seinem Bureau und hatte täglich zehnstündige +Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich +getreten, war hart, karg, hinterhältig, schwer zu befriedigen, +im Benehmen von betonter Korrektheit, Allüre des Reserveleutnants. +An einem Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei +gegangen war, um eine dringliche Arbeit zu erledigen, erschien +er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte aber dann, ich möge +die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen. Etwas erstaunt, +ihn über diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen, antwortete +ich, was zu antworten war. Sein Gesicht veränderte +sich erschreckend. Nach einem bösen Schweigen warf er mir +vor, ich hätte ihn absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wäre +meine Pflicht gewesen, ihm von meiner Konfession im Offertbrief +präzise Mitteilung zu machen, er habe an dergleichen nicht +gedacht, da ihn meine Photographie und dann auch mein Auftreten +getäuscht habe, und als getäuscht müsse er sich auch +<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>betrachten. Weiter äußerte er sich nicht, aber er bereitete mir +nun, da er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Straße zu +werfen, die gehässigsten Schwierigkeiten, nörgelte an jedem +Federstrich, an jedem Gruß und legte mir aus niedriger Erwartung +heraus eine Falle, indem er mir nämlich das gesamte +Bargeld der Agentur übergab und darauf rechnete, daß ich, +dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher vorenthalten +hatte, in meiner von ihm gewußten Notlage mich +an dem Geld vergreifen würde. Es geschah auch wirklich, daß +ich, während er einige Tage verreist war, zwei Taler aus +der Kasse nahm; ich konnte mir nicht anders helfen in der +Bedrängnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat, die zwei +Taler als Vorschuß zu berechnen. Jedoch er lächelte höhnisch. +Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite +und entließ mich auf der Stelle.</p> + +<p>Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos +irrte ich im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte +Regennächte in den Hütten der Holzfäller und wäre +verhungert, wenn ich nicht von einigen Bauern Milch und Brot +bekommen hätte, und zwar durch Vermittlung ihrer Kinder. +Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg +die Schule besuchten. Ich begleitete sie häufig am Abend +durch den Wald und erzählte ihnen dabei allerlei Geschichten. +Dies gewann mir ihre Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses +Leben nicht mehr, verkaufte, was ich von meinen Habseligkeiten +noch entbehren konnte, einen Rock, ein paar Bücher, +meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zürich, +wo ich nach vielen Mühseligkeiten auch glücklich anlangte und +vom Freund mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschütterte +und für alle Leiden entschädigte.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a></p> +<h2><a name="kapitel_9" id="kapitel_9"></a>9</h2> + + +<p>Es erwies sich, daß der Freund ebenfalls in bedrängter +Lage war; mit seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte +er seinen Posten verlassen müssen und einen andern noch +nicht gefunden. Wir lebten nun in folgender Art: Tagsüber +schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstraß, des Abends +suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstraße auf, wo der +Freund einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewährte. +Dort tranken wir Milchkaffee und aßen eine Unmenge von +Weißbroten, unsere ganze Mahlzeit für die Dauer von vierundzwanzig +Stunden. Wir blieben bis spät in die Nacht sitzen, vertieft +in Gespräche, dann gingen wir nach Haus, er legte sich in +sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir +weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg +hatte nicht aufgehört, mich innerlich zu quälen. Der Freund +merkte, daß ich ihm etwas verbarg, denn bisher hatte ich es +noch nicht über mich gewinnen können, ihm davon zu berichten, +sondern als Ursache meiner Flucht einen gleichgültigen Zank +angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wußte er mir +endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich +viele unserer nächtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema.</p> + +<p>Der an sich unbedeutende Vorfall führte uns ins Allgemeine +und Schicksalhafte und wieder zurück ins begrenzt +Persönliche meiner Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege +miteinander gegangen waren, öffnete sich plötzlich ein Abgrund +zwischen uns.</p> + +<p>Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu +erkennen und zu benennen ich bisher auch von mir abgewendet +hatte: ich fühlte mich als Mitglied einer Nation, gleichgeordnet +als Mensch, gleichberechtigt als Bürger; da mich aber ein +Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne daß es möglich +war, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, als untergeordnetes +Wesen behandeln dürfte, so beruhe entweder mein +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Gefühl auf einem Irrtum, oder die Übereinkunft, von der es +gestützt gewesen, sei Lüge und Betrug.</p> + +<p>Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, +sondern meiner Abstammung, der Zugehörigkeit zu einem +Fremdkörper innerhalb der Nation; ein Argument, auf das +ich gefaßt war, und auf das ich nur mit Scham und Empörung +antworten konnte.</p> + +<p>Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gäste, sagte ich, +warum tretet ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die +zugleich Gebote der Menschlichkeit sind, mit Füßen? Angenommen +aber, sie sind euch lästige Eindringlinge, warum duldet +ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner Verträge +schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem +Dach in scheinheiligem Frieden und heimlichem Haß.</p> + +<p>Die Juden gehören nun einmal dazu, sagte er rätselhaft; +wie es ist, gehören sie dazu.</p> + +<p>Wie, sie gehören dazu? wende ich ein, und ihr traktiert +sie dennoch als Ratten und Parasiten?</p> + +<p>Wer läßt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun +die politischen und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklärten +Deutschen wissen, was sie den Juden zu verdanken haben +und ihnen in Zukunft auch noch werden danken müssen.</p> + +<p>Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe +wollte mir nicht in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war +die peinvollste Überlegung, darüber mit mir selbst ins klare +zu kommen. Worin besteht das Trennende? fragte ich. Im +Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast +nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaßen, +Blutart von Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? +Haben sich Deutsche nicht mit französischen Emigranten vermischt? +Mit Slawen, Nordländern, Spaniern, Italienern, +wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als ihre +Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche, +ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>Abkunft nennen, Künstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, +Fürsten, Könige sogar? Und die zwei Jahrtausend alte Existenz +der Juden im Abendlande sollte nicht ihr Blut berührt +haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft, +Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn +man selbst physische Vermischung ausschließt? War auch ihr +eigenes Gesetz dagegen und der Widerstand der Völker, konnten +sie sich dem natürlichen Gesetz entziehen? Sind sie von anderer +moralischer Beschaffenheit? Von anderer menschlicher Prägung?</p> + +<p>Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als +seien sie von anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer +menschlicher Prägung. Das gerade sei vielleicht der kritische +Punkt.</p> + +<p>Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, daß der +Freiburger Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines +kleinlichen, boshaften, gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe?</p> + +<p>Das räume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau +geschehe, sei nicht maßgebend für die Anschauung auf dem +höheren. Übergriffe der Exekutive bewiesen auch nie etwas +gegen die Legislatur.</p> + +<p>So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer +Beschaffenheit und anderer menschlicher Prägung als er?</p> + +<p>Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, +ob ich mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fühle. Ich +zögerte. Ich wollte wissen, worauf die Frage abzielte.</p> + +<p>Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir +werde, mich zu bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht +leicht zu umgrenzen.</p> + +<p>Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher.</p> + +<p>Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jüdin gewesen sei? +Ob in der Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung +bekannt oder nur der Verdacht davon vorhanden sei? Als +<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>ich jenes unbedingt bejahte, dieses lächelnd verneinte, schüttelte +er den Kopf und sagte, mein Fall sei außerordentlich interessant; +es sei ein ganz besonderer Fall.</p> + +<p>Ich ließ ihn nicht entschlüpfen. Ich wollte Aufschluß haben +über das, was er »meinen Fall« nannte. Ich bot ihm Behelfe. +Ich sagte: Es ist nicht entscheidend, daß ich mich unter +Deutschen als Deutscher fühle. Dem Deutschen steht es frei, +dies als eine Prätension zu betrachten, eine begründete oder +unbegründete, je nachdem. Er kann sie erfüllen oder nicht +erfüllen, je nachdem. Erfüllen: gnadenhalber, ausnahmsweise, +befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt +oder Sympathie abringe, aus Lässigkeit, Vergeßlichkeit, +aus Zwecksucht. In einen Gesellschaftsverband aufgenommen +werden, nur weil die sonstige Abwehr eingestellt ist, ist verletzend +und entwürdigend, letzten Endes für beide Teile.</p> + +<p>Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich +bisher überzeugt gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher +Menschheit nicht bloß zugehörig, sondern zugeboren. Ich atme +in der Sprache. Sie ist mir weit mehr als das Mittel, mich +zu verständigen, und mehr als das Nutzprinzip des äußeren +Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes. +Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein +aus. Sie ist das Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen +ich, wenn schon nicht die Kraft, so doch den unmittelbaren +Trieb in mir spüre. Sie ist mir vertraut, als sei ich +von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert gewesen. +Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine +Hand geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung +versetzt, mein Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; +sie hat mir das Gesehene, in Phantasie und Urteil Gesammelte +durch Geschichte, Fluß des täglichen Seins, Spiel der Lebensläufe, +Erlebnis der großen Werke zur Anschauung Gewordene +in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das nicht +gültiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch +Furcht und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch +Aberglauben, Bosheit und Trägheit besteht?</p> + +<p>Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten +meine besondere Situation; im allgemeinen lägen die +Dinge ganz und gar nicht so.</p> + +<p>Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation +berufen, warf ich ein, und ich will mich nicht in ihr begnügen.</p> + +<p>Prüfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden +als Gesamtheit haben sich niemals mit den Interessen der +Wirtsvölker selbstlos zu identifizieren vermocht. Innerhalb +des Staates haben sie sich in eine soziale und religiöse Isolierung +zurückgezogen, ein starrer, erstarrter Block in der strömenden +Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung dauerte, hatten +sie den Schein des Martyriums für sich; seit sie aufgehoben +ist, liegt der Mangel an Willen und Fähigkeit zutage. Es +steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch +heute. Noch heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen +allein offenbarte Lehre, bewußt oder unbewußt, und halten +alle andere Lehre für Irrtum und Lüge. Namentlich gegen +das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß richten, +denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus +ihrem Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, +Verräter der Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem +Haß gleichen? Wodurch könnte er gemildert werden? Nur +er vielleicht erklärt die Widerstandskraft, die Geduld, die +Leidensüberwindung, die beispiellose Vitalität des Stammes. +Rache für das Erlittene zu üben, keimt wahrscheinlich als Beschluß +seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele, wuchert in +ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der andersgeartete +Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte +wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft +gutmeinender Aufklärer, nicht durch den Schmerz der +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>Abgelösten, nicht durch das Vorbild der Verwandelten aus der +Welt zu schaffen.</p> + +<p>Dies zu hören war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei +ja der ganze Jammer des versteinerten Mißverständnisses +und der böswilligen Hetze, doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, +ich sei wie so viele das Opfer eines Kulturblendwerkes. +Wie lange ist’s denn her, sagte er, daß die Juden +aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das +achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und +düsterer Verkrochenheit. Für den greisen Goethe noch war +der Jude ungefähr dasselbe, was dem Amerikaner heute der +Nigger ist, trotz Nathan dem Weisen, trotz Spinoza und +Moses Mendelssohn, trotzdem die junge Romantik, die sich +um ihn erhob, von jüdischen Einflüssen durchsetzt war, trotzdem +er gegen die historische und institutive Ehrwürdigkeit der +Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. +Die Kindheitseindrücke des Frankfurter Judenghettos zeigten +sich stärker. Die Juden weisen immer auf die Bedrückungen +und Verfolgungen hin, wenn verwerfliche Züge aus ihrem +Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein Jude erträgt ein +objektives Urteil über Juden, geschweige denn ein abfälliges, +auch über einzelne, auch über Entartete nicht, sobald das Judentum +als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler +rächt sich insofern schwer, als sich zwischen schönfärbender +Apologie und häßlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromiß +finden läßt. Alle Lobredner weisen mit Emphase +auf die unbedingte Sittenreinheit und Gesetzestreue der Juden +hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein Wässerchen +getrübt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Räuberbanden, +die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands +und des Niederrheins unsicher machten, Juden +in erklecklicher Menge, Diebe, Hehler und Späher. Die Shylocks +aller Grade will ich nicht erwähnen, die mitleidlosen +Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen. Ab<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>surd +wäre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die +sich in heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, +fast schutzlos, an Leben und Eigentum stets gefährdet, als ob +die mehr und tiefer denn ihre Wächter und Quäler zu makelloser +Führung verpflichtet, als ob die Verbrecher unter ihnen +verabscheuenswertere Verbrecher wären als die anderen. Gerechterweise +muß man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist +auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht +von höherer Warte aus. Sie betrifft das Unvermögen zu +seelischer Wandelbarkeit. Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja +in außerordentlichem Maße eigen, in gerade verhängnisvollem +Maße. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als volkhafte +Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer +biblischer Vorzeit waren.</p> + +<p>Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe +imperativen Autorität. Ich entsinne mich, daß ich mich der +Logik und Kraft seiner Argumente nicht entziehen konnte. Niemand +wird erwarten, das Gespräch sei hier im Wortlaut +angeführt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge von Gesprächen, +und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er +war unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen +wollte, liebte ihn um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich +dunkel empfand, daß er sich in unserem gemeinsamen Ringen +um die Wahrheit über mich stellte, daß er die Herrschaft +an sich riß, und daß die wesentliche Erkenntnis, zu der wir +endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlöste wie mich, dem +sie ein Tor öffnete und ein Ziel zeigte, sondern, daß er in +heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr +mein Widersacher wurde.</p> + +<p>Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im +Dasein der Juden, führte er aus, der Humanisierungswille des +neunzehnten Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue +Jahrzehnt knüpfte festere Bande zwischen ihnen und uns. +Äußerlich nur, zugegeben; solche des bürgerlichen Zusammen<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>schlusses, +wirtschaftliche, vaterländische sogar, in jedem Fall +gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem Ermessen, schönem +Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene. Bedingungslos +wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen +Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, +weil sie sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? +Warum aber? Solange sie Geächtete waren, war es ihr Recht, +ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre Waffe, das Mittel zur Selbstachtung +und Selbstaufrichtung, sich zu verschließen, an der +engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginäre, halb +schwärmerische und um desto süßere, verführerische, tragisch-erhöhende +Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege +zur Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl +ihr geistiges Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; +mit erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie +unsere Notwendigkeiten zu den ihren, ihre zu den unseren, +schmiegten sich den Forderungen des Staatswohls an, der +öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre wunderbaren +Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen Entwicklung, +aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, daß +sie hätten Christen werden sollen. Das haben viele getan, +aus Utilitätsgründen, oder weil sie sich nicht mehr verkettet +fühlten, oder auch aus Überzeugung. Die Frage ist nur, ob +sie Christen werden können, anders als im oberflächlichen Sinn, +wie es ja die Mehrzahl der Christen selbst ist. Die Frage ist, +ob sie deshalb aufgehört haben, Juden zu sein und dies in +einem tieferen Sinn; man weiß es nicht, man kann es +nicht kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflüsse. +Judentum ist wie ein intensives Färbemittel; die geringste +Quantität reicht hin, um einer unvergleichlich größeren +Masse seinen Charakter zu geben oder wenigstens Spuren +davon. Nicht zu leugnen, daß sie, wieder in einem gewissen +Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen. +Was mag es sein? Ist es das eigentümliche Beharren +<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>der Seele oder der Sinne im Kontrast zur Flüssigkeit, Mobilität, +Vielgesichtigkeit des Geistes? Es beweist und erklärt +zu wenig. Macht der Tradition ist es nicht, oder nicht ausschließlich, +oder nicht mehr. Tradition wird überwunden und +jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet als +Disziplin einen wohltätigen Damm gegen Maßlosigkeit und +Individualisierungsgier, hütet als politische Maxime Scheunengut +und bewahrt die Nation vor überstürzten Neuordnungen. +Aber gerade die Maßlosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, +gerade die Sucht nach Neuordnungen muß man den +Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also?</p> + +<p>Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht läge in +der Verallgemeinerung. Es gäbe solche und solche Juden. Alle +Gesamturteile seien schief und führten zur Vergewaltigung, +zur Verzerrung, zur Ausnützung im Dienste von Parteiinteressen. +Warum nicht menschlich den Menschen sehen, nur +den Menschen? Oft rufe man durch Mäkeln erst die Fehler +hervor, und in der Wiederholung entstehe die Übertreibung. +Man möge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres +Rechts zu atmen kaum bewußt, Verscheuchte, Verschüchterte, +Umklammerte; immer neuer Zustrom aus trüben Behältern +trübe die gereinigten wieder, viele seien gequält durch den latenten +Haß, und ihre Entschlossenheit, sich zu opfern, treibe sie +bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch die ungewohnte +Fülle von Raum und Entfaltungsmöglichkeit: und +wenn man ein jüdisches Tribunal imaginiere, so würde dort +keiner freigesprochen, den ein christliches oder deutsches für +schuldig erklärt. Aber ich spürte bei alledem, daß meine +Parade den Hieb nicht fing, weil mein Standpunkt gegen den +des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit später, im +Verfluß jahrzehntelanger Kämpfe, konnte ich mir seine +Frage beantworten, dieses »Was ist es also?«, von dem ich +sogar die Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch +zur Aufrichtigkeit und Selbstdurchforschung gebieterisch trieb.</p> + +<p><a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als +das auserwählte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen +findet sich der Glaube an ihre Auserwähltheit und die Verkündigung +davon. Ohne daß man die Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit +der Gründe untersucht, auf welche sich dieser +Glaube, diese Verkündigung stützt, ob auf die offenbarte Lehre, +ob auf das Verhältnis zu den geliebten Dingen, ob auf das +historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, +daß eine mit solcher Hartnäckigkeit durch die Jahrtausende +festgehaltene Überzeugung einerseits ganz außerordentliche +Pflichten nach sich zieht, die von der Gesamtheit niemals restlos +erfüllt werden können, ferner ganz außerordentliche sittliche +und moralische Spannung erzeugt, die wieder durch ihre notwendigen +Entladungen eine Existenz voller Katastrophen schafft; +und daß andererseits ein solches Axiom, wenn es als selbstverständliche +Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren +Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lähmt, und an +ihre Stelle den sittlichen Quietismus setzt, der zu Überheblichkeit +und zum Pharisäertum führt.</p> + +<p>Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle +in seiner Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und +das Gefühl der Brandmarkung. In dem beständigen Anprall, +in der Reibung dieser beiden Empfindungsströme muß +er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir bei fast +allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der +tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems.</p> + +<p>Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig +einen Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man +gebrandmarkt ist dadurch, daß man Jude ist.</p> + +<p>Mir wurde klar, daß ein Volk nicht dauernd auserwählt +sein kann und sich nicht dauernd als auserwählt bezeichnen +darf, ohne die gerechte Ordnung in den Augen der übrigen +Völker zu stürzen. Der auserwählte Einzelne ist stets in der +Lage, die Verantwortung für sein Tun und Lassen zu über<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>nehmen; +im auserwählten Volk aber maßt sich der Einzelne +nach und nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der +er nicht gewachsen ist, und bei der er überredet wird, die Vorteile +der Gesamtposition für sich geltend zu machen, die Verantwortungen +hingegen auf die Gesamtheit abzuwälzen. Selbst +den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer einmaligen grandiosen +Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwähltes Volk +zu bezeichnen, wie wäre ein solcher Anspruch gegen die Kritik, +gegen die veränderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen +und zu sichern? Wie wäre es möglich, den Komplex +»Volk« abzugrenzen? Genügte das bloße Bekenntnis zu einem +Glauben, um auserwählt zu sein? Das wäre schlechthin unsinnig +und unsittlich.</p> + +<p>Die Idee der Auserwähltheit hat, für ein Volk, Berechtigung +nur innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie +aber aus der historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaßen +ins Unendliche gerückt wird, entsteht die Versündigung, +während die persönliche Auserwähltheit im Unendlichen steht, +im Unendlichen besteht.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_10" id="kapitel_10"></a>10</h2> + + +<p>Die Gespräche mit dem Freund, ein unaufhörliches Duell +der Meinungen in den Formen des gegenseitigen liebevollen +Interesses, hatten weitreichende Bedeutung für mich und +stellten meine Gedanken- und Empfindungswelt auf eine viel +breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor, als ob ich mit der +ganzen Menschheit Frieden schlösse, wenn ich mit ihm Frieden +schloß, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen +Friedens festzusetzen, ja sie nur unmißverständlich zu umschreiben.</p> + +<p>Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in +Worten als durch seine Haltung stellte, war: bist du Jude +<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>oder bist du Deutscher? Willst du Jude oder willst du +Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um diese +Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der +einen oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den +Weg nicht sah, den ich dann nach der einen oder der andern +Richtung gehen sollte. Was wurde für mich besser oder +schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort allein, der +Beschluß allein, die Richtungsänderung allein maßgebend? +Ich suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung +und Bestätigung bei denen, die mir vorangegangen waren, +nach der einen oder andern Richtung, aber das Suchen war +ergebnislos.</p> + +<p>In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig +interessierten Kreisen Deutschlands noch ein mächtiger Name. +War von jüdischer Leistung, jüdischem Vollbringen, jüdischem +Ruhm die Rede, so wurde auf Heine hingewiesen. Durchaus +nicht bloß Juden waren für Heine Feuer und Flamme; +die Wirkungen und der Einfluß dieses Poeten gingen in die +breitesten Schichten, über das Künstlerische und Poetische +hinaus ins Politische und Soziale. Und wie man weiß, gehört +er zu den wenigen Deutschen, die in Frankreich Ansehen und +Bewunderung genossen haben. Aufgeklärte und gebildete Menschen +lasen Heine, zitierten ihn, beriefen sich auf ihn, und +der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem +kleinen studentischen Freund in München, der Dutzende von +Heineschen Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen +Wendungen schwelgte, bis zur Kaiserin von Österreich, +die diesem ihren Abgott einen Tempel bauen ließ. Es war +mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den charakteristischen +Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung, einer +solchen nämlich, in der das Talent über das Menschentum prävaliert. +In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts +wurde sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in +der zweiten Hälfte des achtzehnten der des Genies; der Begriff +<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>des Genies umfaßte aber damals auch die Menschlichkeit, in +allen ihren Äußerungen, selbst den unerfreulichen, während +der Talentkultus, unter dessen merkwürdigen und nicht leicht +zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht, +der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu +das Schulbeispiel dafür.</p> + +<p>Ich befand mich von Anfang an im Verhältnis des Widerstrebens, +ja der heftigen Abneigung gegen Heine. Seine +Lyrik erschien mir, gemessen an der von Goethe, Hölderlin +oder Mörike, süßlich, spielerisch und roh sentimental; seine +Prosa erregte meinen Haß durch ihr Bestreben nach geistreicher +Pointe, durch ihre Mischung von Frivolität und rohester +Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften +fand ich zum Teil seicht und von oberflächlicher Brillanz, +zum Teil unwahrhaftig und eitel. Für das Satirische, das +ihre stärkste Qualität ausmacht, hatte ich wenig Verständnis, +und die sogenannten letzten Gedichte, in denen aufrichtige und +ergreifende Töne sind, waren mir verdächtig durch ein gewisses +Sichgefallen im Schmerz.</p> + +<p>Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefühl +ungerecht. Die Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf ließ, +hatte wohl ihren Grund darin, daß etwas unantastbar, nachahmungswürdig +und mustergültig sein sollte, was ich für +schädlich und zerstörend hielt. Es sind in neuerer Zeit so +viele Ankläger und Verächter Heines aufgetreten, mit guten +und schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen +und unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, daß ich nur +mit Überwindung und weil dieses Stück Wahrheit eben zur +ganzen Wahrheit gehört, mich entschlossen habe, das Thema +zu behandeln. Daß die blinden Hasser und die böswilligen +Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, daß Unrecht überhaupt +geschieht. Verschweigen und Schönfärben macht eine +schwache Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das +Blut ging, war vielleicht das Blut. Seine zeitbedingte Er<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>scheinung +war im zeitbedingten Sinn jüdisch, und das Auffallendste +an ihr ist das schroffe Nebeneinander von Ghettogeist +und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus, +von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer +Vorliebe für das Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, +welch letztere Mischung man fälschlich als romantische +Ironie bezeichnet hat, während sie ein Ergebnis fabelhafter +jüdischer Anpassung und dabei tiefer innerer Lebens- und Weltunsicherheit +ist. Aus dieser Quelle fließt dann auch die journalistische +Befähigung, wie denn Heine der eigentliche Schöpfer, +wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des +Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglücklichen +Surrogats von Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer +Form, Narkotikum für eine niedergehende Gesellschaft und +Mittel, Verantwortungen zu verschleiern.</p> + +<p>Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in +voller Naivität Deutscher. Er beklagte sein jüdisches Schicksal +und sein jüdisches Leid und verriet den Juden in sich. Er gab +sich als deutscher Patriot, deutscher Emigrant, als Deutscher +von Geblüt und Wahl und verriet den Deutschen in sich. Auch +dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität. Er war der +Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre +Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst +gestellt, auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, +ohne Himmel und deshalb auch ohne Erde. Wenn man mir +ihn pries, fühlte ich mich stets verraten; wodurch, kann ich +kaum erklären, aber mir schien, daß ich am andern Pol stand +und daß ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einfluß erst besiegen +mußte, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einfluß beginnen +konnte. Allen Juden schmeichelte der Name Heinrich +Heine; mir schien es hingegen, daß sie ihn hätten fürchten +sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren Weg verführerisch +ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur +des jüdischen Menschen und des jüdischen Deutschen gab. Es +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>wurde mir gesagt: Warum hältst du dich an Heine, warum +blickst du nicht auf die, die deinen Widerstand weniger oder gar +nicht herausfordern? Da ist Felix Mendelssohn, da ist Börne, +da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli, da ist Lassalle +und Marx, da ist schließlich Spinoza, Menschen von großem +Zuschnitt, der letzte vom allergrößten, nicht Jude mehr, herausgetreten +aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, +Mensch an sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie +hinblicken. Lockung und Gefahr war auch in ihnen, aber sie +ordneten sich williger in die Folge der Gesichte und Erlebnisse. +Heine schloß zunächst zuviel des Gegenwärtigen ein und aus; +er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten hatte.</p> + +<p>Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prägung. +Es würde zu sehr ins Breite führen, wenn ich sie hier aufzählte +und von Cervantes bis Turgeniew und Dostojewski, von +Dickens, Thackeray, Richardson und Balzac bis Keller, Gotthelf, +Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern wollte; +den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und +Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die +gewaltigen Herzen, die Anbetung und glühende Hingabe. Ich +suchte in ihnen und bei ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, +die Gestalt, das feurige, flüssige Unaussprechliche, das +wie ein geistiger Golfstrom die Gestade der Seele umschlingt. +Nebenbei beschäftigte ich mich viel mit geschichtlichen Studien, +indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins Einzelne ging, teils +aus Neigung für das persönlich Schicksalhafte, teils aus Hunger +nach Stoff und Lebensmaterial, und außerdem mit Astronomie, +ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen +Erschütterungen sowohl wie aus Überdruß an der verzweifelten +Enge und Ausblicklosigkeit meiner Umstände.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a></p> +<h2><a name="kapitel_11" id="kapitel_11"></a>11</h2> + + +<p>Allmählich wurde ich dem Freund lästig. Ich wußte nichts +mit mir anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, +denn ich hatte nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu +keiner praktischen Tätigkeit. Die dürftigen Hilfsmittel des +Freundes waren völlig versiegt, in der Not knüpfte er frühere +Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten wir uns +mit deren Bestand noch über Wasser, was das Schlimme mit +sich brachte, daß wir die Freiheit verloren und wieder in ein +fades und vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen +wurden. Ich war den Leuten aus irgendwelchen Gründen unsympathisch, +und als ich gelegentlich einer Fahrt auf dem +Züricher See durch einen Windstoß meinen alten Strohhut einbüßte, +wurde ich außerdem noch lächerlich. Der Freund, verängstigt +und feig geworden, gab mich preis, und mir war im +Ring der Feinde übel zumute. Es wurde beschlossen, daß ich +bei einer Zeitungsredaktion Anstellung zu suchen hätte. Man +schrieb mir Adressen auf und schickte mich mit einem geliehenen +Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf meine Stirn +geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden, +mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, +und so kehrte ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurück. +Da hielten sie Kriegsrat und gelangten zu dem Ergebnis, +erstens, daß mir ein neuer Hut gekauft werden sollte, zweitens, +daß durch eine Sammlung das Fahrgeld aufzubringen +sei, dessen ich zur Reise nach München bedurfte. In München +lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es +waren etwa zwanzig Franken, die außer dem Hut zusammenkamen; +davon lösten sie am Bahnhof das Billett bis Lindau, +der Restbetrag wurde mir eingehändigt. Der Abschied vom +Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne. Ich entsinne +mich auch, daß ich auf der Fahrt zwischen Zürich und +dem Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der +<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>Verlockung, mich nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, +nicht widerstehen und nahm von dem zur Weiterreise bestimmten +Geld. Als ich auf dem Lindauer Bahnhof stand, einige +Minuten vor Abgang des Münchener Zuges, muß ich als mitleidswürdige +Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner +trat zu mir, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, und nachdem +ich ihm gestanden hatte, daß ich das Geld zur Reise nicht +hatte, ließ er mich einsteigen und drückte mir während der Fahrt +das Billett in die Hand mit den Worten, er vertraue meinem +ehrlichen Gesicht, daß ich ihm die Auslage wiedererstatten +werde. Auf das Billett hatte er seine Münchener Wohnung +geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit +des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und +meiner Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung +des Vaters; der Vater war verreist; ich sah an allem, +daß er sich in der ärmlichsten Lage befand, trotzdem bat ich die +Frau, sie möge mir das Geld für den Schaffner geben, es +waren vielleicht zehn oder zwölf Mark. Sie weigerte sich mit +Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet außer +sich, überschüttete mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen +und verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, +ich langte nach einem Küchenmesser und schritt drohend auf sie +zu; nun wurde sie auf einmal nachgiebig, sei es, daß mein Anblick +sie in Furcht versetzte, sei es, daß sie meine Verzweiflung +instinktiv erfaßte; nach einer Weile brachte sie mir ein silbernes +Armband, das meiner Mutter gehört hatte und sagte, ich +möge es versetzen.</p> + +<p>Danach war natürlich jede Verbindung mit meinem Vater +zerbrochen, und er schrieb mir nach seiner Rückkehr nur ein +paar Zeilen, die mich durch einen ihm sonst nicht eigenen +kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm war ich nun +ein gänzlich mißratener Auswürfling. Dies alles sei berichtet, +weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich unmittelbar +an dies Zerwürfnis schloß, nicht gut erklären könnte; +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>denn es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit +und so erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen +Großstadt selten sind, und die zu ertragen eine nicht +gewöhnliche Widerstandskraft notwendig war. Ich lebte von +Äpfeln, von Käse und von Salat. Den Salat fand ich morgens +in einer Schüssel vor der Tür meines Mansardenlochs; +eine Frau, die mir gegenüber wohnte und von meiner hilflosen +Lage Kenntnis erlangt hatte, übte auf diese zarte Manier Mildtätigkeit. +Als ich ihr eines Tages dankte, schüttelte sie stumm +den Kopf. Ich hätte aber selbst so nicht weiterleben können, +wenn mir nicht mein Vater hier und da einen Brief geschickt +hätte, in den er ein paar Marken gelegt hatte, die ich veräußerte; +er mußte es heimlich und ohne Wissen seiner Frau +tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, +Streber, Ordensjäger und Geschichtsforscher <em class="antiqua">ad usum delphini,</em> +der mich eine Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es +war dies ein gewissenloser Menschenschinder, wie man sie +nicht selten unter subalternen Beamten trifft; es machte ihm +zynisches Vergnügen, aus meiner Bedrängnis Nutzen zu +ziehen und seine Macht zu mißbrauchen; selbst in gedrückter +Stellung, war es Lust für ihn, über einen noch Gedrückteren +unumschränkter Herr zu sein. Wenn ich eine Woche lang seine +Exzerpte kopiert und ihm zehn bis fünfzehn Bogen abgeliefert +hatte, zahlte er mir nach Willkür und Laune einen bis anderthalb +Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig oder +dreißig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei +ich darauf bedacht sein mußte, daß ich mich nicht in einen +Kampf mit stärkeren Spielern einließ. Daß ich körperlich immer +mehr herunterkam, bedarf keiner Erwähnung; es stellten sich +Magenblutungen ein, und ich verordnete mir eine strenge Reiskur, +die mich auch wirklich heilte. Im Äußeren war ich völlig +vernachlässigt, obwohl ich alle Sorge darauf richtete, ohne +Löcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich begab sich +etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb +<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>quälender, halb beglückter Spannung, aus der sich langsam Gestalten, +Bilder und Vorgänge lösten. Mein tägliches Dasein +war ein erregter Traum; die Nächte über saß ich bei der Arbeit +und schlief nur wenige Stunden. Die Einsamkeit, der +gänzliche Mangel an Umgang und Aussprache bewirkten eine +wiederkehrende und schließlich latente, rauschhafte Verzückung, +die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden +Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor +mich hin und erinnere mich, daß ich einmal von zwölf bis +drei Uhr nachts im Herbstregen durch die Straßen rannte, von +Grauen erfüllt, weil ich einen Verfolger hinter mir glaubte, +einen unversöhnlichen Feind, dessen Gesicht und Gestalt mir +irgendwie genau bekannt waren.</p> + +<p>Dergleichen geschah öfter. Dennoch war ich keineswegs +verzweifelt, im eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht +verbittert oder anklägerisch oder menschenhassend. Ich denke +nicht, daß ich mich einer nachträglichen Verklärung schuldig +mache, wenn ich sage, daß die äußeren Leiden an mir niederrannen +wie Wasser an einer geölten Wand. Ich fühlte einen +unerschöpflichen Vorrat an Kräften in mir. Was ich äußerlich +zu erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu +stehen, was ich innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden +Geduld entgegen, sonst nichts. Es war nicht eben Zuversicht, +die mich stark machte; zur Zuversicht gehört bewußtes Selbstvertrauen; +das hatte ich nicht, auch der Arbeit gegenüber nicht, +die mich zwar in Flammen sah, an der ich aber die Unreife +und Unzulänglichkeit spürte, kaum daß die Flamme ausgebrannt +war, so daß ich mit einer fast nüchternen Beharrlichkeit immer +wieder zum Anfang schritt. Es ist natürlich schwer, nach +Jahrzehnten rückschauend alle Stationen einer Entwicklung +wahrheitsgemäß zu untersuchen, ohne einem gewünschten Bild +zu schmeicheln, doch wie ich auch mich und jene Zeit in mir +prüfe, zwei Tatsachen bleiben mir unverrückbar: erstens, daß +ich mitten in einer deutschen Stadt in einem Verhältnis zur +<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, daß ich +diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie +die Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen +Hindämmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich +wohl für alles, was mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, +Stimmen, Farbe, Ton, Wort und Hauch, aber doch nur traumempfindlich, +gleich einem, in dem sich etwas erschafft, woran +er bloß den Anteil hat, der durch seine Existenz gegeben ist, +während er sonst Werkzeug bleibt.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_12" id="kapitel_12"></a>12</h2> + + +<p>In sozialer Hinsicht mußte ich mich als Geächteter fühlen; +ich war es auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, +neigt, wenn er eine gewisse Höhe erlangt hat, gern +dazu, seine finsteren Erfahrungen mit einem Goldsaum zu +umbrämen. Er vergißt die Niedrigkeit um so bereitwilliger, +als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu denken, +niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet, +lügt. Es erfordert im günstigsten Fall eine lange Zeit +und lange sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz +und Unrat gereinigt wird, mit dem sie beworfen worden ist, +mit dem sie sich bedeckt hat. Es ist geradezu eine Erneuerung +nötig, und erst, wenn Erneuerung stattgefunden hat, wird +Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch in der +Qual ist gar nicht fähig, Erfahrungen zu machen und Resultate +zu ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch +formen. Der Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht +zuschreibt, entsteht daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen +keinen Einwand gegen dieses freche Luxusdiktat erheben +können. Entkommt einer der Gefahr, so darf er die Gefahr +preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn er die +rühmt, die für ihn ihre Haut zu Markte tragen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem +Abgrund, galt ihr meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr +aufgenommen und anerkannt zu werden, als Gleicher unter +Gleichen, überwog jedes andere. Die Frage, ob Jude oder +Deutscher, war zunächst unwichtig geworden gegen die, wie ich +zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als +sei ich im Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als +Schuld und Odium hing, ich für meinen Teil, und als werde +das irgendwie augenscheinlich und beweisbar werden. Es trat +eine Reihe von Zufällen ein, von Frist zu Frist, die meiner +materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der nachtschwarzen +Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor +sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege +des Geistes freigaben.</p> + +<p>Ich wurde Sekretär bei einem sehr geschätzten Schriftsteller, +der, obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen +zu seiner Sache gemacht hatte und dadurch allerdings +mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt geriet, die ihn +mehr in bürgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte mir +seine Romane und Erzählungen, und als ich es nach einiger +Zeit wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prüfung vorzulegen, zeigte +er eine Überraschung, an der ich merkte, daß ich nicht taube +Nüsse klopfte. Es war der erste Mensch, der mich ermunterte, +der erste überhaupt, der mich als Dichter uneingeschränkt +ernst nahm, und das bedeutete für mich soviel wie Rettung +und Erlösung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte für +mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwürdigen Gebilde; +er scheute nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr +reizten ihn zu bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heißsporn, +der er war, begab er sich in Fehden; ich wurde unversehens +ein Objekt von Für- und Widermeinung, was mich +eher verzagt als stolz machte.</p> + +<p>Aber die Brücken betrat ich, die mir geschlagen waren, und +schnell sah ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. +<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Das heißt ich nahm für Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild +der Welt war; sie täuschte Freiheit, Weite und Würde +vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als ich längst keine +Illusionen mehr über sie hatte, war doch das, was ich hier +unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je größer mein Bemühen +um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter +erschien mir ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir +notwendig, wenn nicht meine eigene Existenz eine schattenhafte +sein sollte.</p> + +<p>Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie +heute, bei uns wie bei jeder Nation, Repräsentanten aller +Stände und Schichten. Es liegt nahe, an eine Auslese der +Besten und Fähigsten zu glauben; dem ist nicht so. Es liegt +nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf höherer +Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfläche und +die, eben durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch +Sein vorbildlich ist. Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese +vollzogen, es ist keine Gemeinschaft entstanden, es ist ein +zufälliges In-, Mit- und Gegeneinander mehr oder weniger +begabter, mehr oder weniger guter, mehr oder weniger zielbewußter, +ehrgeiziger oder verbitterter oder entzündlicher Einzelner. +Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste, sozial +Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer +Erde sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend, +ob es nun Proletarier, Bürger oder Aristokraten +sind. Sie bauen daher nicht auf einem gegebenen Fundament; +sie müssen sich das Fundament erst errichten, und zwar jeder +für sich und auf seine Weise. So vergeuden sie von vornherein +Blut, Kraft und Geist für etwas, das Voraussetzung und Mitgift +sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner +hat die Bindung mit dem Volk, den Rückhalt an ihm, ja, +das Volk beargwöhnt und verleugnet sie, es ist keine Mitte +da, keine Übereinkunft, kein Vertrauen vom einen zum andern, +nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft, und auch wo wahr<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>haft +Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und hochmütige +Sippe.</p> + +<p>Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, +sogar dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen +und die geistige Kontinuität bewahren, ist zweierlei. Eifersucht +lauert stets unter der Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. +Die Erfolglosen und die Erfolganwärter machen geschlossene +Phalanx gegen die, die den mindesten Vorsprung haben, und +es bedarf schon einer überwältigenden Persönlichkeit, um den +Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich gebärden, niederzuschlagen. +Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder +führt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde +Zucht und Mangel der Idee, Mangel der Übereinkunft und +Mangel der Verantwortung. Ich erlebte es, daß frenetische +Begeisterung um einen Namen lärmte, der sich dann nur in +einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um Abkühlung +und Einschränkung hervorzurufen. Fremdheit hielt +stand; Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde +alles zur Politik des Augenblicks mißbraucht.</p> + +<p>Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, +die man atmet, färbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene +Illusion. Es wurmte mich das kleine Maß, das die +Wirklichkeit mich anzulegen zwang. Es wurmte mich das Nichtbesserseinkönnen +und Nichtbesserwerdenkönnen, und es wurmte +mich schließlich die Maske, die ich tragen mußte, wenn höherer +Wille und höhere Rücksicht Dissimulation forderten. Die lernt +sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch +wieder ein Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, +als mit dem Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel +Gemüter zu beunruhigen und zu verwirren, die nur in +Dämmerung und Täuschung noch ein unsicheres Glück genießen. +Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, +wahr zu sein, ist eine Aufgabe für sich, die allerdings aus +dem Bezirk des Literarischen heraus in den der Selbsterziehung +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>und der Liebe tritt. Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe +muß man lernen.</p> + +<p>Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels +von Geistigkeit und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser +Opposition überfiel, die Scham über alle die polternden, +stolpernden Selbste, zu denen nun auch ich mich jetzt +zählte, in denen ich aber von fern die entrückten Bewohner +eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich bisweilen +zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader +im Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit +und das brutale Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte +Mißverstehen, wo es um Werk, um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, +um Ideenhaftes ging, um Gedanken und +Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit +sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, +die dunkle Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als +hier. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen französischen +Schriftstellers, und mit ihm erlebte ich folgendes: Ich hatte +mich ihm genähert, wir hatten fruchtbare Gespräche miteinander +geführt, und bei einer schicklichen Gelegenheit gab er +mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer freundschaftlichen +Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine drückende +Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das +ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein +paar Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir +in demselben Hause wohnten, war ein Zusammentreffen mit +dem Franzosen trotz meines schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, +und von einem bestimmten Tag an bemerkte ich, daß +sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er hatte etwas +Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir +begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, +zog mich selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, +als er abgereist war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche +wie überraschende Weise. Er hatte nämlich zufällig bei +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>dem Antiquar, bei dem ich es verkauft hatte, sein Buch gefunden, +noch mit der Widmung, denn nicht einmal soviel +Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden, verrohenden +Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen Beziehung +vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner +Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder +und mit ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument +zartester Delikatesse und zugleich vornehmster Gesinnung; es +ist mir kaum je ein ähnliches unter die Hände gekommen; es +hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde Manier +belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen +Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt, +verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an +Vertrauen. Er schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. +Es gibt dort vielleicht manches, worüber Sie sich zu beklagen +haben werden, manches, was in Ihrem Vaterland anziehender, +solider, gesünder ist, aber eines werden Sie dort unter den +Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden, was +ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: +wahre Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!«</p> + +<p>Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis +romanischen Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her +verstehen. Das deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis +ins Mark; deutsche Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; +Epochen des Reichtums und der Blüte münden jäh in eine +Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich abseitig; zwischen +bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge, +so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und +Kaste von Kaste durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. +Ein Zentrum gibt es nicht und hat es nie gegeben, die vier +Jahrzehnte des geeinten Reiches haben nicht einmal eines der +Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter, konnte er +nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein ver<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>lorenes +Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr +des ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft +verdammt, was die andere preist; Traditionen brechen +über Nacht, Bildung vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die +Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg die Folge, Liebhaberei die +Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.</p> + +<p>Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja +meiner Natur auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen +Körpers bemächtige. Ich war nun dem umrißlosen Dämmern +entwachsen; ich hatte mir meine Formen, meine Inhalte +zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der Relation +zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten +sich Aufgaben; ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher +bestand ich mit meiner Zeit und durch meine Zeit. Symbol und +Idee wurden von der Inspiration, der Phantasie gegeben; +Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut her, von +der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um +das Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, +Gerüst, Baugrund, »Stoff« sein sollte? Da gab es +weder eine Einheit noch eine Form, weder ein Übereinkommen +noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück, Person um +Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches +Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht +nur hinzuschreiben: Paris, und er hat, eingeschlossen in +eine Wortnuß, ein Ungeheures von Begebenheit und Entfaltung, +das Siegel gleichsam für die Tatsache Gesellschaft, für +die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er besitzt +damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und +zwar erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und +Geistern der vor ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, +Glaubwürdigkeit und gültige Prägung erhalten haben. Dem +Engländer liegt eine seit Jahrhunderten gebahnte Straße öffentlichen +und privaten Lebens vor, unumstößliche Konventionen; +der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer Ver<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>gangenheit, +die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft, +mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht +auch des Geringsten im Volke fast stets gewiß; in +Rußland wird Überlieferung und fertige Lebensgestalt ersetzt +durch eine eigentümliche Freiheit und Urbanität der Führung: +Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr selbstverständlich +und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges Sichabschließen +und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht existieren +und nie existiert haben.</p> + +<p>Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche +Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, +wenn er Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. +Weicht er dem aus, so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, +Zufälligen, Phantastischen. Entweder seine Wirklichkeit wird +unglaubwürdig, weil übersteigert, krampfhaft vereinfacht, willkürlich +umgebogen, oder sie bleibt klein, unmaßgeblich und ohne +typische Prägung. So ist auch, was sich im »Wilhelm +Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«, Synthese, +Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast +von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten, +poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. +Größe, Charakter, Bedeutung können dem deutschen Roman in +seiner höchsten Stufung immer erst durch den Schöpfer +verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß, als man ahnt, +Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman +ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während +der englische oder russische in erster Linie national ist und +daher auch für die Nation repräsentativ.</p> + +<p>Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein +Romandichter (den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, +vordem haben die Professoren nicht gestattet, daß man einen +Romanschreiber Dichter nenne), im selben Sinn die Nation +repräsentieren wie etwa Balzac Frankreich, Dickens England, +Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der deutsche Epiker hängt +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine Rolle, und +zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, +so spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, +eine ebenso sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen +den Ernst und die Würde.</p> + +<p>Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie +sollte ich eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie +über die flache Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen +der Anschauung gelangen? Ich stand an der Peripherie; Hunderte +wie ich dorthin verwiesen, setzten darein gerade ihre +Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich brauchte die +Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen +Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch +nicht in Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, +menschliche Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, +ein umschlingendes Band. Statt dessen fand ich mich +zurückgeworfen und isoliert unter dreifach erschwerenden Umständen: +als Literat; als Deutscher ohne gesellschaftliche Legitimation; +als Jude ohne Zugehörigkeit.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_13" id="kapitel_13"></a>13</h2> + + +<p>Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden +von Zirndorf« schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, +Ahnenbestände, in Mythos und Legende eines Volkes, als +dessen Sprößling ich mich zu betrachten hatte, und wollte +andrerseits auch das gegenwärtige, das werdende Leben dieses +Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten, sehr zusammenfassenden +Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir +die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat.</p> + +<p>Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie +man einen Traum erzählt oder wie unter einem befehlenden +Diktat. Wenn mir einer gesagt hätte: das ist der bare +Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht erschrocken, +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es entstand +auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, +dann wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier +mit einer Katze als einziger Genossin; das Manuskript trug +ich in kleinen Zetteln voll winziger Zeilen beständig in der +Brusttasche. Die äußere Lage war die mißlichste; zur gewohnten +materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich war abenteuerlich +verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst +nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor +den Schluß gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst +in einer Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem +Ende in jeder Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.</p> + +<p>Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, +der meine Jugend zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung +Begriffene war es Mitbefreiung, und sie fühlten sich bestätigt. +Ich trat von Anfang an mit offenem Visier auf, das gewann +mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten sich mir begehrlich +fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als Jünger, +doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich +nicht im Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere +lästerten; ich galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in +diesem Bezug keinerlei Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden +jede Politik außer der des Schweigens töricht und schädlich. +Die deutsche Welt verhielt sich gleichgültig oder ablehnend +bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die für die +Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im +allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen +und es im Museum der Literatur einstweilen bestehen zu +lassen. Den Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks +war ich ein Greuel.</p> + +<p>Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich +selbst. Die Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen +dringen, die Widerstrebenden erobern, wie willst du ihre +Welt zu deiner machen und deine zu ihrer? wurde zunächst +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein Künstler +ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen +lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele +haben, aber auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft +und Gedanke allein erzeugen keinen Körper. Es schien +mir von alles überragender Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung +zu verschmelzen, und es begann ein jahrelanges +schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf, +Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich +ins Starre; vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom +Schwärmerischen in Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. +Die nächsten Freunde mißverstanden mich; ich konnte mich +ihnen auch nicht erklären, denn über dem eigentlichen Ziel +war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das Einzelne, Fertige +falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an +keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes +binden und verzweifelte zwischen den Stationen am +Gelingen. Es ist außerordentlich schwer, von der Natur dieses +Kampfes einen klaren Begriff zu geben. Einerseits handelte +es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um Läuterung +und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß, +Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. +Ich rang um meine eigene Seele und um die Seele der deutschen +Welt. In mir selbst konnte ich immer wieder Quellen +und Reserven finden; die deutsche Welt aber gab sich nicht; +ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören; ich +mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie +von Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, +ich mußte die glühendste Überredung, die äußerste +Anstrengung aufwenden, wo andere sich mit einem »seht +her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich hatte mich +ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich, gleichsam +aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu +wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>den Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich +von derselben Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, +das jedesmal meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. +Andere hatten laufenden Kredit. Sie konnten gelegentlich +auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte mich +stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen +einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein +und auf erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.</p> + +<p>Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten +sich und begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen +ein von unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich +über seine Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem +Erreichten zufrieden sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, +Markterfolg, literarische Geltung; daß man genannt, gelesen, +umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen, hörten, fühlten +nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran ich +litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft +labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte +und schuf wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins +und Gefühls eng verkettet mit einer Gemeinschaft, +die sich abgelöst hatte und mit einer andern, die ich erobern +wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der Scheide; bisweilen +erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger, ohne Beglaubigung; +ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der +Boden unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt +würde; dazu das brodelnde Gewühl einer noch unerlösten +Gestalten- und Bilderwelt in mir und nie weichende Sorge +um die Existenz.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_14" id="kapitel_14"></a>14</h2> + + +<p>Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den +»Caspar Hauser«. Ich halte mich zunächst an diese beiden +Beispiele meiner Produktion, weil sie, ohne daß ich damit ein +Werturteil geben oder herausfordern will, die polaren Punkte +<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend und grenzenziehend +bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das andere +nach der des deutschen Problems.</p> + +<p>Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. +Mein Großvater väterlicherseits, der als Seiler +und später als Handelsmann in Zirndorf lebte, hatte ihn in +Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen und erzählte +von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So +berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten +Leute, stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu +reden eigentlich von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo +Hauser sein seltsames Leidensdasein verbracht und geendet, +in Nürnberg die Burg, das Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, +wo der Lehrer Mayer gewohnt und den Hofgarten mit +dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war +diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an +Dingen, das noch Währende der Landschaft.</p> + +<p>Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als +ich lernte, Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken +kreatürlich wachsen zu lassen und dann an allen +Stationen, wo ich glaubte, Fertigkeit und Sicherheit genug +errungen zu haben. Doch immer wieder entzog ich mich der +Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt, was +Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen. +Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, +schrieb ich nur wie zur Übung und Vorbereitung, und dem +ersten ernsthafteren Versuch ging jahrelanges Studium voraus, +bis in alle Ecken und Winkel der einschlägigen Akten und Literaturen. +Abermals und abermals wagte ich den Anfang, zog +weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht +das Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht +die Erleuchtung, wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch +bei all dem Probieren und Verzagen, Graben und Verzweifeln +wuchs mir die Figur des Nürnberger Findlings unerwartet +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum Schicksal des +menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen +die Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die +Schleier, und wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, +so blieb doch der Weg im Licht.</p> + +<p>Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis +dorthin gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars +Leben tritt, die ihm die erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe +gibt, verlor ich die Realität unter mir; keine Plage, kein +Denken und Erdichten, kein hundertfaches Neu- und Neubeginnen +verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision +wurde, daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und +ich sah mich zu langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da +bekam ich eines Tages den Brief einer unbekannten Frau; +sie wandte sich in einer seelischen Not an mich; es war etwas +Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das Zurückhaltung +zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu +unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete +ich mit ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten +Augenblick an waren wir Freunde; sie stand in tragischem +Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer Erzählung kam zutage, +daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in hoher Stellung +am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und -Intrigen +verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt +hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, +sich erschossen hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am +sonderbarsten durch den tiefen und schmerzlichen Anteil, den +die junge Frau noch jetzt an dem Lose des Findlings nahm, +Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener Bruder von ihr, +dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu reinigen, +zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von +meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig +dalag, ihre Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; +das leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>Fieber, Fieber der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der +Liebe. Und da hatte ich nun plötzlich Clara von Kannawurf +(das allerseltsamste war, daß sie auch mit Vornamen Clara +hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der frauenhaften +Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der kindlichen Reife, +der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt.</p> + +<p>Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung +des Buches ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, +die einer hegt, dem es endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. +Ich bildete mir ein, den Deutschen ein wesentlich +deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der Seele des +Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen, +den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß +und Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die +Zugehörigkeit erhärten, das Vorurteil der Fremdheit besiegen +könne. Aber in dieser Erwartung wurde ich getäuscht. Zunächst +erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die historische +Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen Beschimpfungen +und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über +mich nieder, den man des Verbrechens bezichtigte, die alte +Lügenfabel von fürstlicher Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt +und zum Vergnügen eines sensationshungrigen Publikums +serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß Professor +Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in +seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und +wo, längst die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser +ein schwachsinniger Betrüger gewesen sei, der die öffentliche +Meinung Deutschlands und Europas zum Narren gehabt; daß +es eine naive Anmaßung und Unwissenheit sei, das seit einem +halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen neuerdings +zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und +daß ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres +Gebiet wählen möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung +und Ärgernis zu erregen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der +Meinung, daß Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe +gewesen, für den ihn Daumer und Feuerbach und nachher viele +andere, die totgeschwiegen oder totverleumdet wurden, gehalten; +es sind mir dokumentarische Belege, glaubwürdige +Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden +einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die +Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte +Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; +ein Zweifel darüber, was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig +ableugneten, war bei ihnen gar nicht zu finden. Heute +wie vordem bin ich davon durchdrungen, daß der Name, das +Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte Schuld +ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte +Schuld.</p> + +<p>Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. +Insofern verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte +die Motive, kannte die Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt +wurden. Aber von dem Kleinlichen abgesehen, war mir +doch, als ersticke Hall und Widerhall in einer Luft, die nicht +trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und ich +dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir +nicht um Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe +außer Frage. Es war mir auch nicht darum zu tun, daß der +oder jener Beifall zollte, die Leistung anerkannte, das Streben +billigte oder pries, ja nicht einmal darum war mir letzten +Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu erschüttern, +Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt +immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen +Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn +eben einzelne zur Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu +verhilft, daß unter tausend zehn zum Gefühl des Besseren +erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche Brust gesenkte +Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist +<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>wohl wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis +tötet den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib +und Leben steht, dem kann und mag es nicht genügen, wenn +willige Gruppen mehr oder weniger lau sich für ihn erklären; +wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn stoßen; auch +nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde +werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und +dort unter aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn +richten, sei es als zufällig Getroffene, sei es als wählend und +sichtend Berührte. Ihm geht es um ein Ganzes, um das +volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es liegt ja auch in +der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle der +Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. +Ihre Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der +heterogensten Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob +Handlungsmäßigen, vom Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland +ist solche Wirkung großen Stils unmöglich, weil zwischen +den empfangenden Schichten die geistige Übereinkunft fehlt +und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu Richtern +aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode +des Tages, überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; +der Berufenen wird wenig geachtet, und sie müssen sich +in esoterischer Tätigkeit bescheiden. Je schwächer aber der Anteil +eines Volkes an den Hervorbringungen seiner Schöpfer +ist, je herzensmatter und unentschiedener, je mehr Schlacke +haftet auch den Werken selbst an, je unsicherer wird ihre Haltung, +je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer ihre Entstehung. +Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner Gesetzmäßigkeit. +Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe +zum Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger +Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender +Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich +ohne zureichenden Grund enthusiasmiert, wird notwendigerweise +zur Reue und zum Katzenjammer getrieben; er muß morgen +<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>schmähen, was er gestern bejubelt, das erscheint ihm als die +einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn aus dem +falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit +Staub.</p> + +<p>Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte +und erobern konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich’s +mir heilig und schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich +lesen oder spürte, daß es im Sinnen und Meinen lag: der +Jude.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_15" id="kapitel_15"></a>15</h2> + + +<p>Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die +klare Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. +Das Beispiel tritt nicht als ein Beispiel zur Person, sondern +zur Sache auf.</p> + +<p>Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen +aller Grade der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, +vom rohesten bis zum verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige +Streber wie der philosophische Kopf, der servile Augendiener +wie der Apostel der Humanität, der bezahlte Scherge wie der +besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich erglühte Weib wie +der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie sie alle +vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen +der Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, +daß etwas dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie +ihm ihre unreinen oder durch den Willen getrübten Absichten +unterschieben, es zum Werkzeug ihrer Ränke und Prinzipien +machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm erhärten, dies oder +jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es selbst +gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit, +sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens +besudeln, sich vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen +und schließlich morden. Der zuletzt den Stahl führt, ist nur +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>ausübendes Organ; gemordet hat ihn jeder in seiner Weise: +die Liebenden so gut wie die Hassenden, die Lehrenden wie die +Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder geworden; +so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten +Brust der Clara von Kannawurf.</p> + +<p>Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits +von der Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, +ich glaube es wohl sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. +Deutsch die Stadt, deutsch der Weg, deutsch die Nacht, deutsch +der Baum, deutsch die Luft und das Wort. Mag sein, daß ein +sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln mir zurufen +könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist +und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst +nicht beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der +Weise, würde es billigen: die es trotzdem spüren, sind schon +vom niedern Wahn Gelöste, und sie freuen sich dessen, der sie +bestätigt und erweckt; ob er vom Osten kommt oder vom +Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme und seine +Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den Erweckten.</p> + +<p>Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir +damit zu erkennen geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, +als Jude nämlich; daß ich, als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, +ihr höheres Leben mitzuleben, ihre Seele aufzurühren, +ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir die deutsche +Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das verschwisterte +Element nicht zu sich her. Was unbewußt und +pflanzenhaft daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, +Ergebnis jüdischer Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- +und Umstellung, gefährlicher jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. +Was half die stille oder auch geäußerte +Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des +Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch +als volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen +oder Unbekannten ausgegangen, vielleicht sogar für Deutsch<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>tümler +ein Fanal geworden wäre, sie sich’s wenigstens als +solches hätten aufreden lassen wie manches minder bezeichnende +und flachere, wie manches größere auch, das sie gierig +ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja überbrachte +Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend +in romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, +nur daß am Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das +Schicksal, folgerichtig nach innen, vorgangstreu nach außen, +seinen schauerlichen Weg vollzog. Was die tiefen und starken +Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht auf einem +andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das +eine: es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr +sein, daß ein Jude ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb.</p> + +<p>Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, +aber dies vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese +psychologische Bohr- und Grubentechnik hat nichts mit unserer +Stammesart gemein. Das ist noch das Mildeste, was in den +meisten der beliebten und verbreiteten Literaturgeschichten zu +lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau und Massenabschlachtung +eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden +Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung +und dem auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton +ist geradezu eine deutsche Schande, in den Augen +gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.) Was dort also zu +lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche Anstrengungen +immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte +immer ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief +ich schürfte, es wurde stets in den nämlichen Retorten das +nämliche Gift gekocht, das bestimmt war, den freien Flug zu +lähmen, die freudige Hingabe zu brechen.</p> + +<p>Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch +und Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, +ist nur ein Umgebogenes, Umgelogenes von dem, was andere +auf ihrer behindert; verwundbar, weil verwundet bis zurück +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich wie Dolchstoß, +der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits macht +Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht +den Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem +Kreis gewirkt und gewonnen.</p> + +<p>Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, +was ich gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, +die wurmhaft vor mir herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr +gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich anzuspeien. Um die +unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich’s, in die sich der +Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein Augenschein, +kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben +vermag.</p> + +<p>Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn +begehrt, niemals voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung +in nichts hinter der der übrigen Arbeiter zurücksteht, und den +man auf die Frage nach dem Grund solcher Unbill mit den +Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn nicht beanspruchen, +weil du blatternarbig bist. Er schaut in den Spiegel: +sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was +wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die +Achseln, man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, +also bist du blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht +eine sonderbare Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt +unter dem Vorwand eines äußeren Makels, und in der Beunruhigung, +die es ihm erregt, daß er den Makel nicht +finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot +aller Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte +Qual.</p> + +<p>So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch +von vielen, wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, +zu mir: für das, was du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn +genug; du kannst überhaupt froh sein, daß ich dir Spielraum +gewähre, da es ja meine unerschütterliche Überzeugung ist, +<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>daß alles, was du bildest und formst, weder nützlich, noch +erfreulich für mich sein kann.</p> + +<p>Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es +Faustschläge, so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe +schmecken. Das Evoe und Hosianna der Spärlichen, die um +einen sind, übertäubt nicht das Pereat von draußen. Man +muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem +Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten +der Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, +die Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares +Etwas von geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, +daß er voraussetzungslos genommen wird, erwachsen +ihm doch aus Werk und Handwerk so viel Hemmungen und +Ängste, daß die Jahres-, die Stundenschale randvoll davon +überfließt, des häßlich beschwerten Alltags nicht zu gedenken. +Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er ausgibt, +wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. +Wie soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser +erscheinen muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung +steht? Möglich, er betrachtet als Auszeichnung, möglich, +als drückendes Schicksal, möglich sogar, als zu sühnende +Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist; es gibt +ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch +von ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, +wird er es ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten +Bezirk mit zweierlei Maß soll gemessen werden und keine +Reinigung und Weihe zureichen soll, keine Tat, keine Entselbstung, +nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch Figur, +nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, +die Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen +Lager der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber +einmal zu der Erkenntnis der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, +woher soll er dann noch Worte und Gründe nehmen, +woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung?</p> + +<p><a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. +Der Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert +sich niemals mit ihnen, höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; +sie müssen ihm aufgeredet, sie müssen ihm plausibel +gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder überreden, +noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu +glauben befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt.</p> + +<p>Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier +ist nicht einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als +weißer Rabe. Auch nicht einer, der sich brüsten will mit einer +Märtyrerkrone oder mit Erlittenem sich schmücken. Auch nicht +einer, der sich losgetrennt hat, hüben und drüben, um sich +in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch nicht einer, der +mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des Zurückgewiesen +Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der +plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und +sich an die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit +bestritten wird.</p> + +<p>Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, +von hüben und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. +Es geht schließlich um die Frage: warum schlagt +ihr die Hand, die für euch zeugt?</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_16" id="kapitel_16"></a>16</h2> + + +<p>Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar +Hauser« zum zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe +dabei wieder die mittleren, die Versuchs- und Erprobungswerke; +etwa den »Goldenen Spiegel« und den »Mann von vierzig +Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische Folge, Darstellung +deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das +»Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde +erst im zweiten Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte +sich, daß das Buch, wie keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>herzliches und weittragendes Echo fand. Ich hatte damals oft +den Eindruck, daß die Übergewalt der Ereignisse ihm eine Art +von Anonymität verlieh, durch die es reiner in sich selbst ruhte, +stärker aus sich selbst wirkte; ein neues, wohltuendes Gefühl +für mich.</p> + +<p>Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher +deutscher Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht +in der Schilderung, sondern in der Zusammenfassung, wobei +das Entscheidende in die Gestalt und ihre seelische Wandlung +verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur Behelf und Vorwand; +es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein +intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, +zarteste, genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie +es um den deutschen Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich +zur Idee, das Allgemeine zum Besonderen verhielt. Das Buch +ist in dem Sinn, wie ich es oben entwickelt habe, provinziell. Es +war vielleicht nicht so geträumt; aber um die Mauer niederzureißen, +die mich gefangen hielt, hätte ich mich zuerst an ihr +verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das +Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen +konnte, wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, +im Gegenteil, mich mit dem mir verstatteten Raum beschied +und wie ein guter Architekt aus der Beschränkung +ein Mittel zur Entfaltung machte.</p> + +<p>Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, +Enges, Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte +zum Weg, und der Weg wies mich ins Urbane, in den Bezirk, +wo das Geschaffene unmittelbar zum Menschen spricht, ihn anrührt, +ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch das, was an ihm +offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis zu +bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der +Natur ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel +Nothafft als eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert +worden. Die Frage hat Interesse nur im Hinblick auf mein +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>persönliches Problem. Manche haben sie bejaht, manche zweifelnd +erwogen, manche verneint. Ich erlebte Kundgebungen +des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich verfochtener +Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem +Produkt keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften +meiner Stellung zur Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit +änderte sich so gut wie nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt +es ja nur ein untrügliches Regulativ, und das ist das eigene +Innere, die wiederkehrende, vom Blut erzeugte, den Sternen +gehorchende Welle des inneren Lebens.</p> + +<p>Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, +den Freund wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher +unter so häßlichen Umständen in Zürich verlassen hatte. Er +war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich Anfang der Vierzig; +die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der lange Zeitverlauf +machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe +Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich +Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. +Der Freund von ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die +mich bisweilen wunderte, bisweilen still erheiterte, denn ich +konnte die Ursache ungefähr ahnen. Der Mentor und Führer +aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht zufrieden +zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem +Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch +tut, wie man sich auch hält, wohin man auch strebt und wo +man anlangt, er hat es immer anders gedacht und gewollt. +Ihm scheint alles Irrtum und Verrat, denn er war nicht +dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es erbittert +ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in +entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis +hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich +anderthalb Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und +seelischen Schuldner verdingen? Das würde ihn zugrunde +richten. Er beharrt also lieber dabei, daß er einst für das +<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war, und daß +mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit +zu wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen +bewahrt er wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, +deren er sich schämt, die aber doch seinen Groll +vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein eigenes Geschick +den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch an +alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der Leidensgenosse +von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach +seiner Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die +Situation so peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen +uns war.</p> + +<p>Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten +Zuschnitt, wo die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten +wurde, will ich in Einschaltung erzählen: Eines Tages traf +ich in Fürth einen früheren Schulkameraden, in dessen elterlichen +Haus ich als Fünfzehn- und Sechzehnjähriger verkehrt +hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen, obschon, +da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem +Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt +fand. Der junge Mensch, der über reichliches Taschengeld +verfügte, hatte mir dann in den Nürnberger Notjahren +hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen; er wußte um +meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als +Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm +bisweilen meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick +befreundet, und dieser hatte ihm, als er die Stadt verließ, +um nach England zu gehen, ganze Berge von meinen Manuskripten +und Briefen zur Aufbewahrung übergeben. Als ich +ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße +sah und wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos +und fragte, ob er sich der Handschriften erinnere, und ob sie +noch in seinem Besitz seien, es lockte mich, sie einmal durchzusehen. +Ich habe selten einen derartigen Ausdruck von Haß, +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>philisterhafter Bosheit und beleidigtem Dünkel in einem Gesicht +vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst es, +eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich +für dich getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? +Du wagst es, einen Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, +der dich mit Wohltaten überschüttet hat, und um den +du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht gekümmert hast? +Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er mir +den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau +diese Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.</p> + +<p>Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes +in der Schwebe als die erkaltete Beziehung aus vergangener +Zeit, der keiner von uns mehr Wärme und Odem einhauchen +konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns einander glauben +zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete damals +im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten +wir uns zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, +daß der Freund mit keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, +als hätte er nie eins gelesen, als hätte er nie davon +gehört. Ich hätte ihn aber schlecht gekannt, seine Wachsamkeit, +sein rege spähendes, immer argwöhnisches, immer eiferndes +Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre vorging, wenn +ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen, +daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit +Begier verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als +ein aus der Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener +erscheinen mußte, aber doch mit der ihm eigenen +Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines Sturzes sich immer +von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn geschrieben.</p> + +<p>Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in +meinem bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine +Ursache, die mich freilich in seinen Augen wesentlicher hatte +schuldig machen müssen als durch die Trennung der Wege +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>und die Loslösung von gemeinsamen Zielen. Es war der Umstand, +daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die +durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten +auf ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß +er mir bei der Zeichnung der betreffenden Person zum Vorbild +gedient hatte, und daß die Verähnlichung, die aber durchaus +keine Vernämlichung bedeutete, nicht gerade schmeichelhaft für +den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte keinerlei Vertrauensbruch +begangen; weder Verrat noch Bezichtigung konnte ich +mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts +zu bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht +die Rede sein, als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, +Verwirrungen und Dunkelheiten übertragen war und in jenen +Jahren wirklichkeitssüchtigen, wirklichkeitsbangen Schaffens +dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind, wenn man will, +wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und Bruder, +wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges +darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt +hatte: den Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser +Reinheit der Abstammung, der aber vermöge einer +merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der Elemente unverkennbare +jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut, jüdische +Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit. +Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, +eine Verwandtschaft des äußeren Loses und inneren Seins +zwischen Deutschtum und Judentum, das seitdem sogar an die +Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist, und worauf +ich auch werde zurückkommen müssen.</p> + +<p>Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten +soll, wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen +seines Umgangs, ja solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht +haben, in seine dichterische Welt zu transponieren. In der +Jugend ist man darin ziemlich unbedenklich; ich zum mindesten +war es; man nimmt es auf sich; brechen alte Bande, +<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts zurückzuschrecken, +auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll +die Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich +vergangen hat, als ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, +in den Zigeunerjahren, einen Ehrenhandel mit einem Schauspieler, +einem ganz famosen Mann, den ich in einer leichtsinnig +hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei geschildert +und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft +preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum +zu entschuldigen als Handwerksübung. Ich erinnere mich, +daß ich eines Tages einen äußerst verzweifelten Brief von +Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin er mir +mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg +in den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als +den Auswurf und die Pest seines Landes gezeichnet habe. +Er fürchtete, daß die Kenntnis davon auch nach Deutschland +gelangt sei und bat mich, für ihn einzutreten. Das war nun +aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte ich mich in +die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam +kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham +und Kummer.</p> + +<p>So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir +wissen, auch Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß +Goethe im Werther die befreundete Familie bloßgestellt hatte. +Es wird erzählt, daß die Moskauer und Petersburger hohen +Kreise, als Anna Karenina erschienen war, sich weniger mit +den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten, die Urbilder +der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude +ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was +steht frei? Was ist verboten, was verbietet sich von selbst? +Hätte der größere Künstler die größere Befugnis? Sonderrechte +der Rücksichtslosigkeit und Ausschlachtung? Doch wohl +kaum, da es auch in dem Bezug keinen Richtspruch von zulänglicher +Kompetenz gäbe. Ich kann auf die Wirklichkeit und +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht mit +meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe +der Natur nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich +umzubiegen, erfordert mehr Kraft und Mut als eine +romantisierende, falschidealistische Erhöhung und Verallgemeinerung. +Der Mangel an realer Bindung ist Schuld an der verwässerten +Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen +Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar +machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und +Menschen nur um des Interessanten oder Ausnahmshaften, +das ihnen eigen ist, an den Pranger zu stellen; was unbedingt +des andern Eigentum ist, und was er zu bewahren +wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide +ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß +sich verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere +Verpflichtung einer gebieterischen inneren zu weichen hat; +dann aber kann es sich nicht mehr um das bloß Interessante +und Ausnahmshafte handeln, sondern um das Gültige und +Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann +wird auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; +bleibt mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht +es die Zeit; Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind +vergänglich; sein Gesetz erhält das Schicksal erst durch den +Dichter. Aber was die Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit +aus ihr machen, ist noch viel vergänglicher als Mensch +und Geschehen. Diese zufällige grobe Wirklichkeit; mit ihr ist +in der Regel wenig anzufangen, wenig zu leisten; sie ist ein +ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da, das das +Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, +in den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, +im Stückwerk die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das +Gesetz, was ist sie dann nütze? Der Augenschein gehört mir, +unter allen Umständen; wer dürfte ihn mir bestreiten? Wozu +ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_17" id="kapitel_17"></a>17</h2> + + +<p>Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem +Freund berichten. Er erkundigte sich nach meiner Familie, und +ob sie sich mit mir ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen +Verhältnissen zeigte er lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog +durch die Ausschließlichkeit, mit der er sich an das Thema +hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm ohne Rückhalt +Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent, +der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, +so übte er doch noch immer Macht über mich aus. +Solche Macht, die ein Erfahrener, Überlegener über einen +irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz verloren, +es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst. +Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, +die ihm gewiß fühlbar wurde.</p> + +<p>Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten +Richtung ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob +ich noch wie zu jener Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: +Überzeugter Jude? Mit dem Beiwort wisse ich nichts Rechtes +anzufangen. Ich sei Jude, damit sei alles gesagt. Ich könne +es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also hätte ich +mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich +mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, +ihm zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen +sei, diese Entscheidung sei keine Notwendigkeit für mich. Nur +für diejenigen sei sie eine Notwendigkeit, die sich entschlossen +hätten, das Feld ihrer Wirkung freiwillig zu beschränken und +sich damit zufrieden gäben, entweder aus dem Stolz des ungerecht +Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und Schwäche; +für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe +hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung, +Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, +<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>mehr oder minder guter Haltung überließen. Zu beidem +fehle mir die Lust, zu beidem auch der Grund. Ich stünde in +der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon zu spüren +bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam +als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein +anging. Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts +sonst, darin zu entscheiden, und nicht etwa ein für allemal +und mir’s dann bequem werden zu lassen in meiner Haut, +nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit jedem Atemzug. +Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem »Bequemwerdenlassen +in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie Schuppen +von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen« +gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert +werden, sondern vom anderswollenden, herrschsüchtigen, +zwiespältigen Andern. Es sind Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, +Verzichtserklärungen, die er haben will. Schranke will +er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil, seinen Begriff, +seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein Ungestüm; +er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel +auf mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich +begnüge mich damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. +Das verstand ich nicht; ich bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. +Er sagte: es ist umsonst. – Was? Was ist umsonst? – Er +schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in euch +mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein. +Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt +Konglomerat. Wo die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa +bei Felix Mendelssohn, ist doch kein Tiefgang da, auch keine +wirkliche Verschmelzung; es ist eine geniale Zwitterbildung +mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch eine Epoche, +in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich +war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und +wohl noch ein halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst +als am Menschen, man erklärte die Kunst für neutral; heute +<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>wird der Mensch geprüft und gewogen, und wir wissen, daß die +verführendste, vollendetste Kunst Gift- und Krankheitskeime +aussäen kann.</p> + +<p>Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In +gewisser Beziehung war es wahr, in gewisser ein Abschaum +von Unvernunft und Verdrehung. Es war sehr deutsch, wie mir +vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch, Philosophie und Weltgericht +aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu widersprechen, +fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines, +ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht +aus Eitelkeit danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar +starr. Ich ließ ihn nicht, ich bedrängte ihn wie Jakob den +Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn nicht wankend gemacht +hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der geringsten +Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender, +fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er +schien betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich +es auch in deinem Fall bedingungsweise zugeben könnte, was +wäre damit bewiesen? Ich will es zugeben, weshalb nicht? Ich +war ja stets der Meinung, du seiest ein Ausnahmeexemplar, +ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns geleitet, +Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß deutsche +Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie ist +da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese +vor sich gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre +nur die Regel bestätigt.</p> + +<p>Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, +dünkt mich, als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, +so ist es möglich. Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung +nur die nächste Folge. Hat es ein Einzelner erreicht, so +ist es überhaupt erreichbar. Ich bin nur scheinbar ein Einzelner, +ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines bestimmten +Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir sind +alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich +<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. +Die Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. +Es ist immer ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt.</p> + +<p>Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten +uns dann bald.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_18" id="kapitel_18"></a>18</h2> + + +<p>Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München +weggezogen und hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. +Dort konnte meines Bleibens nicht länger sein. Wie schon angedeutet, +hatte mich eine Frau an den Rand des Verderbens +gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band mit einem +leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit +mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend +in einer erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, +unbedingt hingegeben, dabei geschändet und mißbraucht +im Innern; meine ganze Natur war davon versengt und angefault, +meine moralische Existenz bedroht, meine bürgerliche +schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende verschlossen +mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten +meinen Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als +Bruch und Flucht.</p> + +<p>Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln +zu zerreißen vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, +eine siebzehnjährige russische Jüdin, die wie ein liebendes +Madonnchen in meinen verwunschenen Kreis trat und, +wenn ich’s recht bedenke, die erste Glückbringerin war. Nur +durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu verstehen, eine stummschenkende, +ergreifend wahre Art, half sie mir über das +Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war +Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte +<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>eine junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, +so großen Sinns wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir +uns gefunden, verloren wir uns wieder.</p> + +<p>Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf +mich durch seine leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, +die ich bei uns auf Schritt und Tritt gespürt hatte. +Die Menschen kamen mir freier entgegen, williger, offener, +und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich durch ihr +Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja, +daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit +mit naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung +und natürlich auch die Zahlung verweigerten, überhaupt +in listig-unschuldige Verwunderung gerieten, wenn man +sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des Vertrauens +zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende +Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. +Man mußte nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten +Erfahrung gürten und nicht immer mit dem schmucklosen +Anspruch auf den Plan treten. Das lernt sich. Es lernt +sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo verwandte +Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.</p> + +<p>Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu +sondieren. Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich +war auch, im heimlichen Bewußtsein, darauf angewiesen, den +Boden zu erforschen, auf dem es Wurzel schlägt und die +Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die Menschen, +die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die +ich mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. +Heute steht diese österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei +Jahrzehnte hindurch erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.</p> + +<p>Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, +Land und Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, +in seiner Rundheit und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug +mißzuverstehen. Hier dagegen war durchaus alles fragwürdig, +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Land, Volk, Staatsform, Lebensform, Nationalität und Gesellschaft, +Überlieferung und Abfall von ihr, Politik und Kunst, +Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung +aus, namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer +und Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer +Weise daran zu letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander +der verschiedenen Kräfte führte zum Verhängnis. Eine von +Jahrhunderten legitimierte Bedrückung, die unter der Flagge +von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige Herren- und +Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das +öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld +vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer +herzlosen Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und +betrogen von einem System, das sich aller verfügbaren Kräfte +schlau zu versichern wußte, um sich im gegebenen Zeitpunkt, +der Versprechungen und Verträge nicht achtend, mit frivolem +Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das Mittel zum +Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte +es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet +in seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so +sehr daran gewöhnt, gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, +des Hofes, der Aristokratie, des Großgrundbesitzes, daß keine +Menschenweisheit dies zum heilsamen Ende lenken konnte.</p> + +<p>Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen +Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner +Bruder Liederlich nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der +in seiner heimischen Langeweile anspruchsvoll geworden war, +und vom süßen Schaum des südlicheren, flinkeren Lebens genippt +hatte, fand er sich zum dauernden Zensor über Land und +Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das geschmackvolle +und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene Ritterlichkeit +und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die +Wunden und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war +nicht genau, man nahm es nicht ernst. Ob es sich um Buch +<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>oder Bild handelte, um Lehre oder Kunst, die von dort ausging: +man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei Musik und +Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor, unwiderlegliche +Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste Blüte, +wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu unbeschwerte +Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen +sich verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt +war, Verdacht zu hegen. Kurz, man hatte seine Einwände, +seine Klauseln und Abstriche auf der großen Merktafel. Ich +habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo ich meine +Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen +meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise, +nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde +unkten, warnten und verübelten es mir, daß ich bei den +»Phäaken« seßhaft geworden war.</p> + +<p>Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner +empfindlich zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo +die Zerstörung am Tage liegt, der deutsche Teil der Nation +ins Mark getroffen ist, seine Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen +erschöpft sind, weiß jedes Kind Bescheid. Mich bedrückte +die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es war kein +Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus +offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit +widerte mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, +der geistlose Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden +nicht erkannt oder, wenn erkannt, so verschwiegen; die Politiker +waren durch Parteirücksichten gehemmt, wobei eine perverse +Jovialität selbst ihre Gehässigkeit abstumpfte; die +Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig oder, +wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und +überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem +Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine +menschliche Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres +Interesse selbstlose Zustimmung; wer Wege abseits vom Tri<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>vialen +und Beliebten suchte, war verfemt, und jede Tätigkeit, +die eine innere, fernere Folge haben sollte, wurde besudelt +oder schlechthin verlacht.</p> + +<p>Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die +Schatten und Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis +war, nicht beirren lassen dürfen. Er hat durch seine +Überheblichkeit im Entstehen vernichtet, was sicherlich einmal +bestimmt war, ihn reicher, voller, ausgeglichener zu machen. +Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein können; jetzt wächst +ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu erwecken hat +er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die Herzen +nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift +einbläut. Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, +in seiner Fülle von beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, +zarter und gewaltiger, einschmeichelnder und grandioser, +der Durchsichtigkeit und Weichheit seiner Atmosphäre, seiner +Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte wohl in manchem +Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches +Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das +Wort gelten darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und +umgewandelt, als ich, ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. +Es hat mich, vielleicht durch seine Landschaft, vielleicht durch +seine Luft, vielleicht durch seltene Menschen auch, die mir +begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der Sinne, Rhythmus +der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier +konnte ich die Bogen wölben.</p> + +<p>Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist +ihnen, im guten wie im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, +Wechsel und Laune der Natur, Unbedingtheit und Bildsamkeit. +Ein leiser Hauch von Orient weht um sie; von uralten germanischen, +römischen, keltischen Elementen sind sie getragen; +die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von +ihr hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen +der Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle +<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>ist noch nicht überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es +ist noch Gebärde da, Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, +Geheimnis in der Beziehung.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_19" id="kapitel_19"></a>19</h2> + + +<p>Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt +in Wien stutzig. Während ich draußen mit Juden fast gar +keinen Verkehr gepflogen hatte und bloß hier und da einmal +einer, von dem es weder ausdrücklich von andern noch von +ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem Bezirk +aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, +mit denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden +waren. Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie +betonten es selbst. Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine +solche Exklusivität das Blickfeld beengte.</p> + +<p>Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von +Juden beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, +die Literatur, die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war +in den Händen der Juden. Nach einer Erklärung mußte man +nicht lange suchen. Der Adel war vollkommen teilnahmlos; +mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und Ausgestoßener, einiger +Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht nur ängstlich +fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er +fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen Bürgerfamilien +ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum +gab es nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die +Beamten, Offiziere, Professoren; danach kam der geschlossene +Block des Kleinbürgertums. Der Hof, die Kleinbürger und +die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß die Juden +als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher +Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war +meine Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärz<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>ten, +Advokaten, Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, +Schauspielern, Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis +zu ihnen, innerlich wie äußerlich, war von Anfang an +ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu sein, muß ich gestehen, +daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten +unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr +an bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit +gewöhnt. Hier wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. +Ich schämte mich ihrer Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. +Die Scham für den andern ist ein ungemein quälendes +Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und Rasseverwandtschaft +im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares +inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung +verpflichtet ist, für jede Äußerung und jede Handlung von +ihm in irgendwelcher Weise einzustehen. Wahre Verantwortung +ist wie ein mit Herzblut unterschriebener Vertrag. Er bindet +über alle Einwände der Vernunft hinaus, und Freiwilligkeit +und Urteil vermögen nichts gegen ihn.</p> + +<p>Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung +und bis zum Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; +das Idiom; schnelle Vertraulichkeit; Mißtrauen, das +das unlängst verlassene Ghetto verriet; apodiktische Meinung; +müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges Wortefechten, +wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit, +wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es +galt, sich zu bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; +Mangel an metaphysischer Befähigung. Gerade +dies letztere bestürzte mich am meisten und am meisten bei +den Gebildeten. Es ging ein Zug von Rationalismus durch +alle diese Juden, der jede innigere Beziehung trübte. Bei +den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen, Anbetung +des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht, +Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; +bei den Höheren war es das Unvermögen zur Idee und In<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>tuition. +Die Wissenschaft war ein Götze; der Geist war unumschränkter +Herr; was sich der Errechnung versagte, war +untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das +Schicksal, zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der +Seele. Es war überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß +zur Entgeheimnissung der Welt, und sie wagten sich darin +so weit, daß in vielen Fällen, für mich wenigstens, Schamlosigkeit +von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war. Mich +dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel +durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der +andern durch Entweihung an Scheu und fragender Demut +verliert. Wahrheit ist doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.</p> + +<p>Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang +gewinnend hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, +zu fördern, Blick für das Seltene, das Kostbare; sie hatten +Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein nervöses Mitschwingen +war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft, wobei das +Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr +kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; +man hätte glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen +sei die Rasse am Endpunkt der Bahn angelangt. Dann +wieder Typen des entgegengesetzten Gepräges: unverbrauchte +Sendlinge einer breiten, der europäischen Zivilisation noch abgekehrten, +aber drohend zu ihr drängenden, feindselig oder begehrlich +von ihr faszinierten Schicht. Sie waren erfüllt von +brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als Eroberer, +erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem +und in skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat +und Gesellschaft gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten +ihre Söhne bereits literarische Wochenschriften oder publizierten +Gedichtbände allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten +sich dermaßen mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise +von den Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr +unterschieden. Daneben aber gab es Erscheinungen von strenger +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>Art, Einsame; Lautlose; beharrliche Wühler; Menschen von +hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und finstere Religion +der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum Leben +selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der +Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau +wie die Väter, denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, +Geknechtete einer Lehre und unermüdliche Werber dafür. Auch +sie waren entschlossen, sich durchzusetzen.</p> + +<p>Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus +im Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und +Norden des Reichs schuf eine völlig andere Stimmung unter +den Juden und völlig andere Zusammensetzungen, als sie mir +bis dahin bekannt waren. Die Kunde von den Schändlichkeiten, +die die zaristische Regierung beging, die unbezweifelbaren Zeugnisse +über Bedrückungen, Mord, Folter und Vergewaltigung, +Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die +jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen +Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche +Gärung hervorgerufen, und einige Männer von Mut und +Willen widmeten sich dem Plan der Errichtung eines palästinischen +Reiches. Die Wirkung war gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke +nicht als solcher propagiert wurde, daß er sich +als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und weiterhin +als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot, verschaffte +ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, +die irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes +Dasein schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue +Heilsbotschaft zu ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die +sich auf die Wanderung begaben, tage-, wochenlang, um nur +den Mann mit Augen zu sehen und, wie sie sich ausdrückten, +den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten, den Ersehnten, +der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte. +Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit +Jahrhunderten, und ihre Welt war ein Kerker gewesen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, +bisweilen schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von +Anfang an den Sinn ganz anders richten, da ich mich ja in +ganz andere Zusammenhänge eingelebt hatte. Manche der +Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch eines +Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie +wußten von mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich +mit dem Schöpfer der Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen +war, und daß ich weder Zuneigung für ihn fassen +konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und als Menschen nicht, +noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben vermochte, +wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht +umhin, dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft +beschäftigt hat und mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das +Bedeutende eines Menschen wesentlich und nachhaltig verkennen, +wäre nicht allein Blindheit, sondern auch Verblendung. +Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht willig; der +Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten verdroß +mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, +nicht bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, +übersah ich sein Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel +Wahn und Irrtum knüpft.</p> + +<p>Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige +jüdische Sache gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich +stets in Verlegenheit. Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, +die dafür aufgewendet wurde, Opfer und Hingabe, +auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand nicht da, +wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie +mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse +Bindung fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, +und so, in meinem noch nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, +vermochte ich im Zionismus vorläufig nichts anderes +zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches Unternehmen. +Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation nannten, +<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht +von Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen +Diaspora als Idee davon lebte, schien mir besser, höher, +fruchtbarer als jegliche Realität; was war gewonnen, so schien +es mir, wenn im Jahrhundert des Nationalitätenwahnsinns +die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, aufeinander +eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die jüdische +zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch +betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus +der Not geborene Erscheinung gab mir in jedem Augenblick +Unrecht. Und die Not baut den Weg.</p> + +<p>Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, +um ihr Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr +Wort, ob sie in mir waren schließlich, ob ich in ihnen war. +Ich konnte den oder jenen würdigen, schätzen, lieben, weil er so +war, wie er war, eben dadurch würdigens-, schätzens-, liebenswert. +Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine Gesamtheit würdigen, +schätzen und lieben, nur weil man mich in den Verband einschloß. +Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so +geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen +mußt du die Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere +ich: zu einer Idee, einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden +und all meinem Tun gebietenden war ich bereits +geboren; sie durch eine andere zu ersetzen oder ihr eine andere +koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich, geistig, organisch +nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit +und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. +Was man ist und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; +sonst könnte jeder die Geschäfte eines jeden betreiben.</p> + +<p>Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich +mit ihm, bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine +Art zu denken und zu leben zu ergründen, so konnte er mich +wohl rühren oder verwundern oder zum Mitleid, zur Trauer +stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja nur von +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir +vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch +fremd, und wenn sich keine menschlich-individuelle Sympathie +ergab, sogar abstoßend. Viele Juden, die sich Juden +fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff oder Parteidiktat +zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt +zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in +meinem Fall keinen Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur +Nachahmung auf und sage nicht, daß es gut war, was ich tat, +und wie ich mich verhielt; ich schildere einfach mein Erlebnis +und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich einmal mit +einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen +Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende +und die andern Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts +nicht darin zu suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind +und ich ein deutscher Jude? Sind das nicht zwei Arten, zwei +Rassen fast oder wenigstens zwei Lebensdisziplinen? Bin ich +nicht dadurch ausgesetzter als die meisten, da ich ja nach keiner +Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß schließe +und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum +Ausdruck bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht +am Ende nützlicher als einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung +vereidigt ist?</p> + +<p>Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete +lächelnd: Sie sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie +sind Dichter, und als Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich +erinnere mich, daß mich die Antwort schmerzte und verletzte, +denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag eine gewisse ausweichende +Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir sind auf +dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a></p> +<h2><a name="kapitel_20" id="kapitel_20"></a>20</h2> + + +<p>Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern +und Frauen hast du am meisten Verständnis, Ermunterung, +Echo und Anhängerschaft gefunden, so müßte ich antworten: +bei jüdischen Männern und Frauen.</p> + +<p>Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen +Ursprungs dieselbe Frage richten würde, so müßte, in +der Mehrzahl der Fälle, dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe +die Probe gemacht; ich habe mich bei vielen Leuten von Rang +erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe Gewißheit ohnehin +war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die Lebensläufe +der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts +erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich +oft sehr versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im +erstgeborenen Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern +und Trägern der öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt +finden. Juden waren Entdecker, Empfänger, Verkündiger, +Biographen, waren und sind die Karyatiden fast jeden +großen Ruhms.</p> + +<p>In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis +und eine recht eigentümliche. Der gebildete Jude +kann sich kaum entschließen, an die schöpferische Fähigkeit eines +Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad der Bildung wird +daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt wahrscheinlich +ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis +aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und +Mensch; Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes +Ichkennedich äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich +weiß zu viel von dir, ich verstehe mich auch auf die Handgriffe; +es ist, als begegneten sich zwei Gaukler. Doch spüre +ich auch einen profunden Demokratismus darin, der Jahrtausende +zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei Nomaden<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>völkern, +wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden +tragen gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes +Gebot: du sollst dich nicht über uns erheben, denn vor Gott +sind wir alle gleich.</p> + +<p>Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den +Juden niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische +Gabe ist verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen +sie überhaupt; sie würden kein Beispiel gelten lassen, auch +wenn man sich zuvor über den Begriff des Schöpferischen +mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem Schöpferischen +steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern Menschengattung; +Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus +dem jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, +und es wäre zu untersuchen, wie und inwiefern Furcht und +Sehnsucht gepaart ist oder Sehnsucht die Furcht bedingt.</p> + +<p>In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht +sich verkünden, verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und +bizarr; lügenhaft und selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte +viele, die vor Sehnsucht nach dem blonden und blauäugigen +Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu Füßen, sie +schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort, +jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner +Erde sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, +stimmten sie ein hysterisches Triumphgeschrei an.</p> + +<p>Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; +haben sie ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, +scheint es ihnen, oder wenigstens als Bemakelte vergessen, +als Minderwertige verhüllt. Bis vor kurzem bemerkte ich sie +in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in Theater ging, +und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch dort +sind.</p> + +<p>Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, +elegant, von gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, +ein wenig Künstler, ein wenig Schwindler; den hatte die Vor<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>sehung +selbst blond und blauäugig geschaffen, aber siehe da, +er glaubte nicht an seine Blondheit und Blauäugigkeit; er hielt +sie im Innersten für gefälscht, und da er in beständiger Angst +lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln, ging er +über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde +Anglomane, und zwar von strengster Observanz.</p> + +<p>Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne +die Hingabe und den untrüglichen Enthusiasmus des modernen +Juden wäre es um das Kunstverstehen und -empfangen der +letzten fünfzig Jahre kümmerlich bestellt gewesen. Das hat +schon Nietzsche immer wieder betont, dem die Antisemiterei, wie +er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch, Beleidigung. +Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, +das Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu +entdecken, das Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. +Ihr tätiger Enthusiasmus zwang oft genug den +öffentlichen Geist zum Aufmerken, und ich kannte solche, bei +denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie bis zur +Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres +Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen +und ertragen.</p> + +<p>Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und +Mädchen sind der edelste und verheißendste Teil des Judentums; +in ihren reinen Bildungen unvergleichlich. Manche sind +fördernd, einige rettend in meinen Bezirk getreten, die ersten +Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel stillten, dem +Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt sozusagen +agnoszierten.</p> + +<p>Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der +»Juden von Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter +Eile, als hätte sie dringende Botschaft auszurichten, Botschaft +gleichsam von vielen Ungenannten. Sie bewirkte, daß +die Ungenannten auf einmal freudig meine Einsamkeit bevölkerten, +und daß das phantastische Unglaubwürdige, als welches +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit +gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und +Bejahung, gewiß nicht um Beifall und Bewunderung, sondern +schlechthin um die Lebensprobe. Die wird entschieden durch +solche Botinnen. Ich konnte ihr später schwer genugtun; sie +war eigensinnig anspruchsvoll für mich, wollte immer das +ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte Muster vor +mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies +muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich +blond und blauäugig war.</p> + +<p>Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; +von unendlicher geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur +einer Dichtung war ihr so wirklich, daß sie mit ihr hadern, an +ihr kranken konnte; beängstigend ihr forderndes, glühendes Mitsein +in einer Sphäre, die den meisten nur ein bemalter Vorhang +ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen; verstanden +wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine sichtbare +Wandlung, das Seltenste.</p> + +<p>Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. +Dabei ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung +allein treibt so weit nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel +ist eine Seelen- und Blutverfassung im Spiel, die den westlichen +Rassen nicht eigen ist, eine mediumistische Fähigkeit, +bereichert und erhöht durch den Willen zur Wahl und erst nach +vollzogener Wahl sich hinzugeben.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_21" id="kapitel_21"></a>21</h2> + + +<p>Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung +vorüber ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und +Schwelgerei, wo früher Flamme war; Schwung und Impuls +ist der modischen Übung gewichen, Gewöhnung dem Bedürfnis. +Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits die Prätension; +sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung, +<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste +ist gerade noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.</p> + +<p>Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei +Generationen hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne +ermüdet und gehorchen nur dem schärfsten Reiz. Die Folge +davon ist, daß allenthalben ein mißleiteter und unkeuscher Hang +zur Selbstproduktion hervortritt. Jede arrivierte jüdische Familie +stellt heute in die Reihen der Jugend einen ihrer Angehörigen +als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder Dirigenten, +was ein wahres Ärgernis ist.</p> + +<p>Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. +Bedenkt aber, wenn die Schale Quelle sein will, werden die +Lippen verschmachten, die durstig daran hängen.</p> + +<p>Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung +und Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit +bezeichnet. Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am +Kräftevorrat. Die mütterlichen, das ist nährenden Elemente +weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein Symptom, das +den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt, sondern +das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der +Epoche überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie +des Intellekts. In welchem Maß das Judentum daran +Teil hat, in welchem Grad es daran mitschuldig ist, bildet +seit langem den Gegenstand meines peinvollsten Nachdenkens.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_22" id="kapitel_22"></a>22</h2> + + +<p>Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär +sind, die aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine +Magie der Deutung ausgeht.</p> + +<p>Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, +vor acht oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude +nimmt an meinem Tische Platz, und nach kurzer Weile sind +wir im Gespräch. Sein Vater ist im Gefängnis gestorben, +<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist bei einem +Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und +flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet +und ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals +die deutschen Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland.</p> + +<p>Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht +ist weiß, kaum bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die +Augen von stumpfer Schwärze mit sorgfältig verhaltenem +Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die Rede, jeder +Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand, +der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich +entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch +mit einem halb zerstreuten, halb verwunderten Lächeln +auf. Es ist ein diplomatisches Verfahren, voller Vorsicht und +voller Hintergrund, doch mit stetem, tiefem, beharrlichem Eingedenken. +Alle Leidenschaft ist erstickt; an ihre Stelle ist ein +eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus getreten. +Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte +und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt. +Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein +Wissen, seine Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, +dermaßen aufgegeben, wie nur einer, der selbst Welt und +Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit jeder Sekunde gewisser: +da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der Katastrophe.</p> + +<p>Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; +seine Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es +zum geistigen Motor zu machen: ungeheuer. Der Zeiten +Schande wird entschleiert, wie es bei Shakespeare heißt, die +Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet, warum verwandelt +sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen +Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne +zum Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich +etwas von dem. Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug +um Aug, Zahn um Zahn aus seinem Wesen gehört hätte. Ich +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>hätte es lieber gehört; es hätte auf Raserei schließen lassen, +Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert gewünscht, human +empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten.</p> + +<p>Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament +des Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und +ihm auf. Er war nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem +Schicksal zu entwinden, sondern er schleuderte der Gesellschaft +die Absage auch im Namen derer zu, die noch unerweckt über +ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die vom Leiden +noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch +über diese zum Richter auf.</p> + +<p>Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch +in dem Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch +erhebt. Mit diesem Glauben stehe und falle ich. +Mag er toben, mag er alles um sich her zerstören, mag er +mit der Brandfackel in der Faust zum verfluchten Dämon +werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie unterwirft er +sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er bleibt +im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen +Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten +beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken +zwischen Himmel und Hölle kraft seines als souverän verklärten +Geistes aufhalten und korrigieren will, so ist er nur der Feind +des Menschengeschlechts und der, den Gott verstoßen hat.</p> + +<p>Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er +schreckt nicht davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein +gezogen. Dazu hat er ja seine Logik und sein Wissen.</p> + +<p>Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen +Traditionen ruhenden Judentum der politische Radikalismus +erwachsen? War der zermalmende Druck die Ursache? Ist die +Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung unerträglich geworden, +so daß die Dämme brachen? War es die These nur, +die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser +Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen +<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>entzogen? Ist es Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist +es Aposteltum und Märtyrertrieb oder herostratisches Gelüst?</p> + +<p>Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin.</p> + +<p>Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, +wie ich eine dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich +selten. Aber die Seltenheit mindert nicht nur nicht die Gefahr, +sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind späneanziehende +Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine +Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung +und Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung +Schwächerer, der Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur +der zu leisten vermag, der mit seinen Wurzeln fest in der Erde +verklammert ist.</p> + +<p>Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; +die Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; +die geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen +ziehen; die Gottlosen und die Gottsucher; die am Wort hängen +und ans Wort glauben; die dilettantischen Weltverbesserer; die +Abenteurer; die Gelegenheitsmacher; die Piraten des öffentlichen +Lebens, der Politik und der Literatur; alle, die ihr +Leben mit wesenloser Opposition hinbringen – Legionen. Es +fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die +aus miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee +ist, ohne Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen – Legionen. +Sie alle waren vielleicht einmal ein Ausdruck der +Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine lebendige Phrase.</p> + +<p>Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die +Gesinnung. Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das +Bild, entfleischt die Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum +Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht nicht mehr die Gestalt +und löst sich los von Sein und Werden.</p> + +<p>Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit +dahin gelangt, wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase +gleicht der entzündeten Zelle, die sich weiter frißt und endlich +<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>als Krebsgeschwür den Körper zerstört. Sie bläht sich und +bläht sich und frißt und frißt und verfinstert die Erde und +den Luftraum.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_23" id="kapitel_23"></a>23</h2> + + +<p>Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, +haben die Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, +deren Schauplatz zur gegenwärtigen Stunde Deutschland ist.</p> + +<p>Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken +gewohnt war und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht +zu Angesicht sah. Nicht überraschend für mich.</p> + +<p>Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich +ein wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben.</p> + +<p>Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, +der hier und da aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen +Meinungsbrauereien auf die Straße flog, und auf den der +hungrige Michel wahllos und gierig anbiß.</p> + +<p>Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen verhängnisvollen +antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit +denen in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen +Wagnerianer in einem seltsamen Zustand von Bezauberung und +geheimnisvoller Unruhe die deutsche Welt über das Mißverhältnis +zwischen Wagner, dem expressiven Deutschen, und +Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort +war die Zentralhexenküche.</p> + +<p>Es ist nicht meines Amtes.</p> + +<p>Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn +auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.</p> + +<p>Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen +Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei +allem Bildersturm, allem Paroxysmus oder sozialen Forderung +waren Juden, sind Juden in der vordersten Linie. Wo +das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht wurde, wo +<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in +Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die +Führer.</p> + +<p>Juden sind die Jakobiner der Epoche.</p> + +<p>Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden +werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von +ehrlicher Überzeugung beseelt waren, Idealisten, Utopisten, +Heilbringer, als welche sie sich in der Welt empfanden; so +müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun eine vielleicht +unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in die +Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der +vom Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen +ins Soziale. So müßte ferner zugestanden werden, daß +bei genauer Prüfung, wer aus der Verwirrung Vorteil gezogen, +wer sein Schäfchen dabei ins Trockne gebracht, wer in +die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und ungefährdet +geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte +Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären. +Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem +Feuer geholt haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, +wie es den Anschein hat, man ihnen dafür die Hände abzuhacken +beschließt.</p> + +<p>Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer +und Hüter der Tradition sind, Kundige und Diener +des Gesetzes.</p> + +<p>Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es +auch nicht abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der +Haß lodert weiter. Er macht keinen Unterschied der Person +und der Leistung, er fragt nicht nach Sinn und Ziel. Er ist +sich selber Sinn und Ziel.</p> + +<p>Es ist der deutsche Haß.</p> + +<p>Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich +die Deutschen mit ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland +liebt man die Juden fast allgemein. Man weiß von ihnen, +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man weiß, daß sie +ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als eine +Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?</p> + +<p>Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß.</p> + +<p>Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. +Immer, wenn es ihnen schlecht ergangen, nach jeder +Niederlage, in jeder Klemme, in jeder heiklen Situation machen +sie die Juden für ihre Verlegenheit verantwortlich. So ist es +seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der Massen wurde +stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die Kurfürsten +und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge +mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine +sicher funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.</p> + +<p>Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich +eine Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden +Lage ein deutscher Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die +beiden Worte mit vollem Nachdruck. Nehmen Sie sie als +die letzte Entfaltung eines langwierigen Entwicklungsganges. +Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei Fronten +ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der +Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, +ich weiß aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte +die Tafeln zweier Spiegel widereinander, und es war mir zumute, +als müßten die in beiden Spiegeln enthaltenen und bewahrten +Menschenbilder einander zerfleischen.</p> + +<p>Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen +haben zu wenig Liberalität, wenigstens seit der Gründung +des Reiches.</p> + +<p>Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, +was man darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, +an Freiheit und an Güte. Ein wesentlicher Defekt muß da +sein, wenn ein Volk so leichterdings, so gewohnheitsmäßig, so +skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen Ausein<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>andersetzung +zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem +Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, +in Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete +der Völker zu marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen +Hader sät, solch berghohen Haß häuft.</p> + +<p>Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.</p> + +<p>Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden +ist, leuchtet ein. Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung +und Mittelpunktslosigkeit. Fremdgewalt und messianische Hoffnung +auf Sieg über alle Feinde und auf Einigung. Es wurde +zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott erfunden, der, +wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen patriotischen +Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen, +Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen +innerhalb der Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. +Unvereinbare Gegensätze individueller Wesenszüge: praktische +Regsamkeit und Träumerei; Gabe der Spekulation im niedern +und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb, Handelstrieb, +Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu +dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein +seelisches Leben ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris +führt, zu Hoffart und unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort +schließlich das Dogma der Auserwähltheit.</p> + +<p>Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen +blutende, eiternde Wunden. Im schwächeren Körper +unheilbare Wunden.</p> + +<p>Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: +ihr vergiftet unsere reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere +unschuldige Jugend zu euern Taktiken und Praktiken. Ihr +tragt in unsere germanisch-strahlende Weltanschauung euer +trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure asiatische +Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und +das arische Prinzip von der Erde vertilgen.</p> + +<p>Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und +<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>wer dann jene Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre +auch nicht gedient, wenn ich mit Engelszungen redete.</p> + +<p>Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind +aufrichtig. Die Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim +Beginn des Krieges, knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche +sittlicher Entrüstung, die die Engländer vorbrachten, über +sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen aber irgendein Engländer +zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so begriffen sie +das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk gerichtet, +um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich ist.</p> + +<p>Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er +war in Polen im Haus eines armen Juden einquartiert, der +drei Söhne hatte, einen elf-, einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. +Einmal ließ er sich mit ihnen in ein Gespräch ein, +und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der Elfjährige +sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein +Millionär. Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. +Der dritte, der finster abseits stand und die Frage mehrmals +geflissentlich überhörte, sagte endlich zu dem Bedränger: Erde +will ich werden wie du.</p> + +<p>Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken +zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche +ist, daß die Deutschen stets und von jeher nur die eine, die +erste sehen, nur von ihr reden, nur gegen sie ihre Wut richten, +was auch sonst die Vorwände und Verschleierungen sein mögen.</p> + +<p>Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das +Christentum wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was +sie wider alle humane Gepflogenheit tun. Rassentheorien, +philosophische Systeme sogar, den Nachweis schließlich, den +ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß Christus von nichtsemitischer +Abkunft sei, das alles lasse ich mir gefallen, damit +kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel betören. +Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet. +Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich +<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche +Art in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen +freilich, das in die Zukunft deutet.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_24" id="kapitel_24"></a>24</h2> + + +<p>Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung +wird die Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf.</p> + +<p>Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im +Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören. Jedes +Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die +Würmer, tausend neue zutage.</p> + +<p>Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die +linke geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten +bedenklich, es rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie +schlagen auch die rechte.</p> + +<p>Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der +Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? +Stopft ihm das Maul.</p> + +<p>Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir +wissen nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört.</p> + +<p>Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: +der Feigling, er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt +ihn dazu.</p> + +<p>Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand +zu bieten. Sie sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner +jüdischen Aufdringlichkeit?</p> + +<p>Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, +sei es als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, +er kann eben alles.</p> + +<p>Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den +Gliedern zu streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon +dabei gemacht haben.</p> + +<p>Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.</p> + +<p><a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. +Sie sagen: er ist ein Jude.</p> + +<p>In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte +ich die wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof +zu wandern und die in der Leichenkammer zur Schau gestellten +Toten zu betrachten. Ich wurde ihres Anblicks nicht +müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen sprachen +zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter Gemordete, +irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige +Leiden Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und +drängten sich in meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus +noch ein wußte, trieb mich die Sinnesverwirrung und -verfinsterung +zu ihnen, und ich klagte die Lebendigen bei ihnen an.</p> + +<p>So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei +den Toten Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn +was diese tun, ist ganz und gar unerträglich.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_25" id="kapitel_25"></a>25</h2> + + +<p>Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung +und Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches +Leben genug, um zu wissen, was an der Oberfläche liegt und +was in der Tiefe; was auf der Straße vorgeht und was im +verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks. Ich kenne vor +allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen die +Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich +kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze +Einsame; Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, +Gelehrte, Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches +Ziel und gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach +Liebe schenken; Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, +und auf die ich dennoch zählen kann; und weit, an der Peripherie +des Kreises, viele, von denen ich nur, wie durch +elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und Wesens, die Be<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>harrlichkeit +in fruchtbringender Arbeit, die unzerstörbare Wirkung +weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer Werke spüre.</p> + +<p>Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu +denen ich mich rechne, und zu denen ich mich stelle.</p> + +<p>Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich +und selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, +mit meiner Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, +mit Hinweis, Frage, Sorge zu einem von ihnen komme, ich +supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so faßt er doch nicht +die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert meine +Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für +mich haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von +der Ebbe- und Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er +übersieht, daß ich mich darin, gerade darin als Arzt betrachte +und die Erfolglosigkeit meiner Bemühung einer Unzulänglichkeit +in mir zuschreiben muß. Er meint, daß die Wut der +Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für +die Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er +übersieht aber die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit +von furchtbaren Tatsachen; und er übersieht, daß es +müßig ist, wenn ich mich als Gefangener in einem Raum +voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu beruhigen, daß +morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm, sogar +ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie +mehr für die Deutschen als für die Juden leide.</p> + +<p>Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am +tiefsten liebt, wenn auch am vergeblichsten?</p> + +<p>Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit +der Wandlung, dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll +Deutschland tun?</p> + +<p>Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort +liegt zu nahe, und ich schäme mich für ihn.</p> + +<p>Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß +mit der Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des +<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Tieres springen und die Nerven zittern, und es fragt mich +einer von den untätig, obschon mitleidig Herumstehenden: +was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem Wüterich vor +allem die Peitsche aus der Hand.</p> + +<p>Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul +ist tückisch, der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich +lenken, es ist ein gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit +Stroh beladen, so sage ich ihm: das können wir nachher untersuchen; +vor allem reißt dem Wüterich die Peitsche aus der Hand.</p> + +<p>Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht +tun. Aber es wäre viel. Es wäre genug.</p> + + + + +<h2><a name="kapitel_26" id="kapitel_26"></a>26</h2> + + +<p>Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger +zu beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet +jeder Bemühung.</p> + +<p>Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung +stößt auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum +verbietet sich dem, der sich achtet, von selbst. Anpassung +in Heimlichkeit führt zu einem Ergebnis nur für die, die zur +Anpassung geeignet sind, also für die schwächsten Individuen. +Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.</p> + +<p>Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, +Beklommenheit und Unfreude, zu schleppen nur für jene, die +es auf pure Existenz und deren äußerliche Verbrämungen abgesehen +haben, unfaßlich für die Erleuchteten oder Seelenhaften, +die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser Einsamkeit +und aussichtslosem Kampf –?</p> + +<p>Es ist besser, nicht daran zu denken.</p> + +<p>Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es +eine Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, +Mensch oder Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. +Vielleicht hat er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. +Vielleicht darf ich mich als einen von ihnen betrachten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, +in einem Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, +daß das Getane nicht umsonst getan sei. Ich bin +Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und so völlig wie +das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich spüre, daß +dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene +Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit +den Elementen beider Sphären, orientalischer und abendländischer, +ahnenhafter und wahlhafter, blutmäßiger und durch die +Erde bedingter, ein neuer Vorgang ist. Dieses Neue hat mich +in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb, weil ich es +nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen +aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch +deshalb, weil beständig hüben und drüben Arme zu halten, +zu wehren, Stimmen zu rufen, zu warnen da waren. Ich +bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung. Obgleich +den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, +ja ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich +treibt. Und da ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es +das Rechte war, wozu es mich trieb, ist auch einige Ruhe +in mich eingekehrt.</p> + +<p>In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, +ob man die Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. +Nicht als ob ich selbst auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise +die Verlorenen heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner +und Ergreifer wird miterhöht um der Liebe willen. +Daher glaube ich, daß im Abstand von den niedrigen Dingen +das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts ohnmächtig +werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, +ihre Sühne finden.</p> + + +<p><a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a></p> + +<div class="advertisements"> +<h1>Werke von Jakob Wassermann</h1> + +<h3>Die Juden von Zirndorf</h3> +<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.</p> + +<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3> +<p class="center">Roman. Dreiundzwanzigste Auflage.</p> + +<h3>Der Moloch</h3> +<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.</p> + +<h3>Alexander in Babylon</h3> +<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.</p> + +<h3>Die Schwestern</h3> +<p class="center">Drei Novellen. Sechste Auflage.</p> + +<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3> +<p class="center">Roman. Fünfzehnte Auflage.</p> + +<h3>Der goldene Spiegel</h3> +<p class="center">Erzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.</p> + +<h3>Faustina</h3> +<p class="center">Ein Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage.</p> + +<h3>Die ungleichen Schalen</h3> +<p class="center">Fünf einaktige Dramen.</p> + +<h3>Der Mann von vierzig Jahren</h3> +<p class="center">Roman. Vierzehnte Auflage.</p> + +<h3>Das Gänsemännchen</h3> +<p class="center">Roman. Sechsundsechzigste Auflage.</p> + +<h3>Deutsche Charaktere und Begebenheiten</h3> +<p class="center">Mit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen. +Vierte Auflage.</p> + +<h3>Christian Wahnschaffe</h3> +<p class="center">Roman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage.</p> + +<h3>Der niegeküßte Mund</h3> +<p class="center">Erzählungen. Dreiundsechzigste Auflage.</p> + +<h3>Der Wendekreis</h3> +<p class="center">Novellen. Neunzehnte Auflage.</p> + + +<p><a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a></p> + +<h2>Die Masken Erwin Reiners</h2> + +<p>Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem +Roman, die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.</p> + +<p class="right">(Westermanns Monatshefte)</p> + + +<h2>Das Gänsemännchen</h2> + +<p>In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« +sein Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, +voll unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt, +Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und +strahlende Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie +ein gotischer Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit +und Krausheit des Bildwerkes.</p> + +<p class="right">(Der Tag, Berlin)</p> + + +<h2>Christian Wahnschaffe</h2> + +<p>Dies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im +Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt +des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. +Unsere Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und +zu deuten versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt +schwillt unerschöpflich auf und verebbt. – Es sind zeitlose Sätze darin +von tiefer und langer Gültigkeit.</p> + +<p class="right">(B.Z. am Mittag, Berlin)</p> + + +<h2>Der Wendekreis</h2> + +<p>Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der +unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und +eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen Novellenbuches. +Ein <em class="antiqua">Theatrum mundi</em> tut sich in den sechs Novellen auf, so +bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne sich +offenbart.</p> + +<p class="right">(Leipziger Tageblatt)</p> + + +<p class="printer">Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.</p> +</div> + + + + +<div class="note"> +<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe +erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<p>p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltung<br /> +p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes</p> + +<p>Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:</p> + +<p>p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)<br /> +p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) ]</p> +</div> + + +<div class="note"> +<p>[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists +all corrections applied to the original text.</p> + +<p>p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung<br /> +p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes</p> + +<p>The following peculiar spellings have been kept:</p> + +<p>p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)<br /> +p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?) ]</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE *** + +***** This file should be named 17413-h.htm or 17413-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/4/1/17413/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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