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+Project Gutenberg's Mein Weg als Deutscher und Jude, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Mein Weg als Deutscher und Jude
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
+
+
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+ Mein Weg
+ als Deutscher und Jude
+
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ #..... vis animae conturbatur et divisa
+ seorsum disiectatur, eodem illo distracta
+ veneno.
+ Lucrez, III. 498.#
+
+
+
+ 1921
+
+ S. Fischer Verlag Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+ Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+ =Ferruccio Busoni=
+
+ dem Freund dem Künstler
+ gewidmet
+
+
+
+Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und
+Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt von innerer Not und Not der
+Zeit – Rechenschaft ablegen über den problematischesten Teil meines
+Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft,
+nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe,
+die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen,
+Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.
+
+Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder
+Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig
+von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.
+
+Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn nichts mehr gelten,
+was mir schon einmal als bewiesen gegolten hat. Auf Beweis und
+Verteidigung verzichte ich somit überhaupt, auf Anklage und jede Art
+konstruktiver Beredsamkeit. Ich stütze mich auf das Erlebnis.
+
+Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über das Wesen jener
+Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und Sein zieht und mir mit den
+Jahren immer schmerzlicher fühlbar und bewußt worden ist. Der unreife
+Mensch ist gewissen Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife.
+Dieser, sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, was im
+Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach der Besessenheit, in
+der das Ich den Zauber des Unbedingten hat, und Welt und Menschheit
+kraft einer angenehmen und halbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen
+Willen in den Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In
+dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und Zweck zu sein,
+bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement wird, gleichsam
+Schatten eines Körpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem
+Maße wächst die Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und
+unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was
+man Realität und Erfahrung nennt.
+
+Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch bei der
+genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite des Schicksals ab, wieviel
+unvergeß- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterläßt.
+
+
+
+
+1
+
+
+Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend
+protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine
+zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das
+Verhältnis der Zahl der Juden zur übrigen Bevölkerung war etwa 1:12.
+
+Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten Judengemeinden
+Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jüdische
+Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blüte trat wahrscheinlich
+erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem
+benachbarten Nürnberg vertrieben wurden. Später wendete sich auch vom
+Rhein her ein Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach
+Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits,
+die im Maintal in der Nähe von Würzburg seit Jahrhunderten dorfansässig
+waren, so wie die von väterlicher Seite in Fürth, Roth am Sand,
+Schwabach, Bamberg und Zirndorf.
+
+Beziehung zu Boden, Klima und Volk muß also den Generationen, die durch
+dreißig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein
+übergegangen sein, obgleich sie diesen Einflüssen entgegenstrebten und
+als Fremdkörper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende
+Beschränkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit und
+der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten
+Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und
+edler Anlage, verblutete an ihnen. Daß finsterer Sektengeist,
+Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten,
+versteht sich am Rande.
+
+Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg,
+war für die deutschen Juden der bürgerliche Tag längst angebrochen. Im
+Parlament kämpfte die liberale Partei bereits für die Zulassung der
+Juden zu den Staatsämtern, eine Anmaßung, die auch bei den
+aufgeklärtesten Deutschen Entrüstung hervorrief. »Ich liebe die Juden,
+aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen«, schrieb zum
+Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.
+
+Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner Jugend nichts mehr.
+Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich
+gewöhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begünstigte die Duldsamkeit. Ich
+erinnere mich, daß mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger
+Genugtuung sagte: »Wir leben im Zeitalter der Toleranz!« Das Wort
+Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es flößte mir Respekt
+ein, und ich beargwöhnte es, ohne daß ich seine Bedeutung begriff.
+
+In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus
+vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und öffentlich.
+Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und für die
+fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich zählte, gab es eine
+jüdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich
+vor dem verführerischen und mächtigen modernen Wesen mehr und mehr ins
+Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen;
+diese wurde Sage, schließlich nur Wort und leere Hülse.
+
+Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten
+seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu
+erwerben. Er hatte in Geschäften eine unglückliche Hand. Er war ein
+wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit
+der Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen und großen
+Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung
+war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzüglertum der
+Märzrevolution, das seine verwässerten Tendenzen ins neue Reich getragen
+hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen
+Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle,
+von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch,
+daß er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch
+in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er
+liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner
+Reisen hatte er in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an
+der Gästetafel gespeist; er erzählte oft mit Stolz davon, und in
+späteren Jahren, als meine Kämpfe um den Schriftstellerberuf ihn
+erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen
+zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: »Was bildest du dir ein?
+Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!«
+
+Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit
+geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt hatte, aber mit großen
+Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann
+Versicherungsagent, eine Tätigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung
+ihn mit den Seinen kaum über Wasser hielt und ihn außerdem mit dem
+Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang
+schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den Sechsundfünfzigjährigen
+für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine beständige
+stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: »Es waren die
+ersten Ferien meines Lebens!« Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht
+Tage nachher.
+
+Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit,
+von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft
+erzählt, daß Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf
+ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir
+auch erzählt, daß ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein
+Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in
+denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit.
+Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod
+hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte.
+
+Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr
+verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, daß sie ihrer Zeit
+nicht gemäß waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als
+geistiger Spätling, die Mutter im Gemüt davon verdunkelt und beschwert.
+Bei der Mutter äußerte es sich naturhaft und führte eine tragische
+Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von
+einem grundlosen, alle Sachverhalte verhängnisvoll verschleiernden
+Optimismus begleitet, der ihm Enttäuschung über Enttäuschung brachte und
+seinen Mut und seine Kraft zerstörte.
+
+
+
+
+2
+
+
+Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und
+ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dünkt, nicht besonders nahe,
+da ich herausfühlte, daß sie weniger die Person als die Gemeinschaft
+trafen. Ein höhnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick,
+abschätzige Miene, gewisse wiederkehrende Verächtlichkeit, das war
+alltäglich. Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der
+Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt
+wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb.
+Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als
+Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase
+und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber
+der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie
+primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und
+was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt,
+schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß,
+den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten
+Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die
+wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die
+Gehässigsten waren darin die Stumpfesten.
+
+Das zunächst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fühlte
+ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin
+und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos
+gelehrt. Sein böses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt
+bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen
+oder liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer gehört, die meisten sind
+kalte Eiferer und halb lächerliche Figuren. Dieser, wie alle, bläute
+Formeln ein, antiquierte hebräische Gebete, die ohne eigentliche
+Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, Abseitiges,
+Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektüre
+des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom
+Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im
+Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja
+unmenschlich und war durch keine höhere Anschauung geläutert. Vom Neuen
+Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie Lichtschein durch eine
+verschlossene Tür, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen.
+Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich
+in ein privates, sozusagen psychologisches Verhältnis zu ihnen treten
+konnte, ein Prozeß, der sie individualisierte, im Sinne der Aufklärung
+geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in
+jedem Falle von der Religion ablöste.
+
+Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war lediglich
+Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle Übung eingefleischter
+Gebräuche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde
+hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener Häuser im
+quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen Städten
+eines findet, und deren parvenühafte Prächtigkeit über die fehlende
+Gemütsmacht des religiösen Kultus nicht hinwegtäuschen kann. Mir war da
+alles hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch großer Worte,
+unbegründete Lamentation, unbegründet, weil im Widerspruch mit
+sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; Überhebung,
+Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen
+Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.
+
+Die Konservativen und Altgläubigen hielten ihren Dienst in den
+sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshäusern, oft nur Stuben in einer
+entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch Köpfe und Gestalten, wie sie
+Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und
+glühend im Gedächtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen
+wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die
+lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und
+Entbehrung, die ehrwürdigen Gebräuche wurden in entschlossener Hingabe
+buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener,
+wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost
+oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber
+Überzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.
+
+In eine solche Schule mußte ich nach dem Tode meiner Mutter, als
+neunjähriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit
+Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr
+hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch
+zu sagen. Zehn männliche Personen über dreizehn Jahren mußten zu dem
+Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die
+Übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei
+Schnee und Kälte, im Sommer um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu
+üben, die aufgenötigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht
+begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, sie dem
+Geist zu verklären und so die Gefahr zu bannen, daß durch die Befolgung
+eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur
+vorübergehend, getrübt wurde. Dazu kam, daß im väterlichen Hause,
+besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religiösen
+Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse äußerliche
+Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und
+Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus Trieb und Zugehörigkeit.
+Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest
+seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch
+geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem
+Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der
+Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz
+abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von
+Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau
+betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit,
+Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits
+hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand
+stützte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese
+Frage wurde immer unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie
+beantworten.
+
+Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen und
+bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwärts stieß ich auf
+Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener
+Weg. Wenn ich sagte, daß ich von Pferch und Helotentum nichts spürte,
+so bezieht sich das natürlich nur auf die rechtliche Konstruktion des
+Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich
+das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden
+Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich höherer
+Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verhält und
+wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erwächst ihm die Erkenntnis seiner
+Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer
+Erfüllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.
+
+
+
+
+3
+
+
+Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner
+alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als
+auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen Synagoge.
+Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, nichtssagend
+in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner.
+
+Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu
+fassen versuchten, einsames Denken und später Gespräche mit einem
+Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter,
+ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das
+Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Maß, wie diese Idee sich als
+unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelmäßigkeit, sei es durch
+ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen
+und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch gemäßer war, dieser Zeit
+heilloser Verflachung und Verdünnung, die mit verstandener wie mit
+mißverstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze
+Gedankensphäre durch Bildung verfälschte.
+
+Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein Lehrer. Ich
+verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und
+Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich
+hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung
+zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die
+Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die
+Phantasie gerät in überschwellende Bewegung, und das Gemüt verliert den
+Mittelpunkt. Wäre ich nicht als fragender Mensch in sehr frühen Jahren
+nachhaltig eingeschüchtert worden, so hätte ich Brücken und Übergänge
+finden können. Konventionen wären wichtig gewesen, leichte und
+respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden,
+den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des
+Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder,
+denn der Umstand, daß die unablässige Plage ihm, ihm allein, wie er
+wähnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte ihn mit Scham, und er sah immer
+aus wie vom bösen Gewissen gequält. Es war uns geradezu verboten zu
+fragen, und Übertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs
+inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, daß ich in
+krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an
+Dingfurcht, an Traumfurcht, daß in allem, was mich umgab, eine dunkle
+Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verhängnis
+zugekehrt, stets darin bestärkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast
+bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand
+ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke Spinozas in
+zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung auf mich ausübten. Als ich
+eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit
+sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese Bücher lese, werde wahnsinnig.
+Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Gedächtnis den Klang und
+Sinn dieser Worte. So ähnlich war es auch mit allem Frohen,
+Spielmäßigen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es
+wurde abgedrängt, verdächtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein.
+
+Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die
+mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewöhnlich vor der Herdstelle
+und erzählte uns Geschichten. Ich entsinne mich, daß sie einmal, als ich
+ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte:
+»Aus dir könnt’ ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!«
+Ich entsinne mich auch, daß mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens,
+weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit
+Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien wurde, zweitens, weil der
+Begriff Christ damals noch ein unheimlicher für mich war, halb
+atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente.
+
+In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des
+Gekreuzigten, an Kirchhöfen und christlichen Priestern. Uneingestandenen
+Anziehungen strebten ungewußte Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das
+erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der
+Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und
+signalgebend in Redensarten wie im täglichen Geschehen. Von der andern
+Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein Achselzucken, ein
+geringschätziges Lächeln, abwartende Geste und Haltung sogar, um
+Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares zu mahnen.
+
+Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht ergründen. Auch
+als ich später das Wesentliche daran erfaßte, wies ich es für meine
+Person fürs erste zurück. In der Kindheit waren ich und meine
+Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker-
+und Kleinbürgerwelt, daß wir dort unsere Gespielen hatten, unsere
+Gönner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der
+Goldschläger, der Schreiner, der Schuster, der Bäcker gingen wir aus und
+ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden
+mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und
+sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte.
+
+Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht
+Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht,
+als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der
+aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich
+entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer
+gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.
+
+Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden
+Jahren der Riß immer klaffender wurde zwischen meiner ungestümen
+Forderung und ihrer Gewährung, so hätte ich mich verlieren, schließlich
+mich selbst aufgeben müssen, wenn nicht zwei Phänomene rettend in mein
+Leben getreten wären: die Landschaft und das Wort.
+
+
+
+
+4
+
+
+Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des
+Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hämmergestampfes, der
+Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des
+Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und
+Lieblosigkeit im väterlichen Haus.
+
+Im Umkreis dürre Sandebene, schmutzige Fabrikwässer, der trübe, träge
+Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere Wälder, triste Dörfer, häßliche
+Steinbrüche, Staub, Lehm, Ginster.
+
+Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer Geschichte. Mit
+uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, Brücken, Brunnen und Mauern, für
+mich dennoch nie Kulisse oder Gepränge, oder leerer, romantischer
+Schauplatz, sondern durch vielfache Beziehung in das persönliche
+Schicksal verflochten, in der Kindheit schon und später gewichtiger
+noch.
+
+Wenige Bahnfahrtstunden nach Süden: das hügelige Franken, Tal der
+Altmühl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach alle Ferien bei der
+Schwester meiner Mutter verbringen durfte, alle Sommerwochen des Jahres,
+oft auch herbst- und winterliche. Die Landschaft von zarter
+Linienführung, mit Wäldern, die gehegtes inneres Bild nicht so
+beschämten wie jene anderen; Blumengärten, Obstgärten, Weiher,
+verlassene Schlösser, umsponnene Ruinen, dörfliche Kirmessen, einfache
+Menschen. Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und Pflanze;
+Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; und so der Bauer,
+der Händler, der Wirt, der Landstreicher, der Jäger, der Förster, der
+Amtmann, der Türmer, der Soldat. Hier sah ich sie in reinen
+Verhältnissen zu ihrer Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich
+ausstieß. Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch
+Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaßen in zwei
+abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im lichteren zu vergessen, was
+mich der finstere hatte erfahren lassen. Dort sozial angeschmiedet,
+sozial erinnert, an die Kaste gepreßt, Parteiung erkennend, Unbill
+wissend, im Häßlichen verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes,
+krampfig, scheu, isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur
+gegeben, in freundlicher Nähe zu ihr, durch ihren Einfluß, wenn auch
+immer nur vorübergehend, losgesprochen von nicht abzuwälzender Schuld
+und Anklagebürde, die sonst lähmend, ja zermalmend hätte wirken müssen.
+
+Über diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann die innere
+Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor der Geburt mit in die
+Welt bringt, die das Wesen und die Farbe des Traumes bestimmt, des
+Traumes in der weitesten Bedeutung, wie überhaupt die heimlichen und
+unbewußten Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche
+Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und Gebirge, Höhle,
+Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der unreifen Sehnsucht, der Aus-
+und Zuflucht alles Ungenügens an der Gegenwart ist unter der inneren
+Landschaft zu verstehen, vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens
+selbst, der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein
+wirkliches Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten
+Wirklichkeit sich abspielende vielleicht bloß Spiegelung ist.
+
+In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne zu flunkern oder
+zu dichten, ist fast unmöglich. Es handelt sich um Gefühlsintensitäten
+und um Bilder von unfaßbarer Flüchtigkeit. Beinahe alles zu Äußernde muß
+sich auf ein »ich glaube« beschränken. Man tastet hin, man ahnt zurück;
+jede Erinnerung ist ja ein Stück Konstruktion. Es scheint mir
+zweifellos, daß alle innere Landschaft atavistische Bestandteile
+enthält, und ebenso zweifellos dünkt mich, daß sie bei den meisten
+Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der Pubertät und dem
+Eintritt in das sogenannte praktische Leben verwelkt, verdorrt,
+schließlich abstirbt und untergeht.
+
+Ich war sehr naiv in meiner Abhängigkeit von Traum und Vision. Vision
+darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte Zustände, unwahrnehmbare
+Dinge und Figuren in Greifbarkeit zeigten. Im Alter zwischen zehn und
+zwanzig Jahren lebte ich in beständigem Rausch, in einer Fernheit oft,
+die den Mitmirgehenden und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose
+Hülle ließ. Es ist mir später berichtet worden, daß man mich anschreien
+mußte, um mich als Wachenden zu wecken. Ich hatte Anfälle von
+Verzückung, von wilder, stiller Verlorenheit, und in der Regel war die
+Abtrennung so gewaltsam und jäh, daß die Verbindungen rissen, und daß
+ich wie gespalten blieb, auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen
+war. In beiden Sphären lebte ich mit geschärfter Aufmerksamkeit, wie
+überhaupt Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber es waren
+keine Brücken da; ich konnte hier völlig nüchtern, dort völlig außer
+mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte dabei alle Mitteilung, alle
+Botschaft. Das erhielt mich in einer außerordentlichen, mich quälenden
+und erregenden, für die Menschen um mich meist unverständlichen
+Spannung. Staunen und Verzweiflung waren die Gemütsbewegungen, die mich
+vornehmlich beherrschten; Staunen über Gesehenes, Geschautes,
+Empfundenes; Verzweiflung darüber, daß es nicht mitteilbar war.
+Vermutlich war meine Verfassung die: ich wußte, daß Unerhörtes oder
+Merkwürdiges mit mir, an mir, in mir geschah, war aber durchaus nicht
+imstande, mir oder anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war
+gewissermaßen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat,
+was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. Noch heute wüßte
+ich nicht im geringsten zu sagen, worin eigentlich dies Verborgene,
+verborgen Flammende, geheimnisvoll Jenseitige bestanden hat; ich muß es
+für ewig unerforschbar halten, trotzdem es mir lockend erscheint,
+einiges davon zu ergründen; es müßte dann auch zu ergründen sein, was zu
+den Ahnen gehört und was zur Erde, was vom Blute kam und was vom Auge,
+und aus welcher Tiefe das Individuum in den ihm gewiesenen Kreis
+emporwächst.
+
+Mit der Darstellung dieser Kämpfe und Exaltationen ist ein Verhältnis
+zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung aus der Not und
+Notwendigkeit heraus zu erklären. Und wie sehr das Wort Surrogat und
+Behelf ist, erweist sich in meinem Fall nicht minder offensichtlich, da
+doch das Ding und Sein, worauf es sich bezog, unbekannt geworden und
+hinter nicht zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, daß alle Schöpfung
+von Bild und Form auf einen solchen Prozeß zurückzuführen ist. Ich
+glaube, daß alle Produktion im Grunde der Versuch einer Reproduktion
+ist, Annäherung an Geschautes, Gehörtes, Gefühltes, das durch einen
+jenseitigen Trakt des Bewußtseins gegangen ist und in Stücken, Trümmern
+und Fragmenten ausgegraben werden muß. Ich wenigstens habe mein
+Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das
+sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene
+schmerzliche Bemühen eines manischen Schatzgräbers.
+
+Doch: Kunde zu geben, davon hing für mich alles ab, schon im frühesten
+Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich stumm, geblendet und
+mit Vergessen geschlagen in die niedrige Wirklichkeit verstießen, wollte
+ich doch Kunde geben, denn trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum
+Rande von ihnen gefüllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren
+geriet ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit
+überwindend, in zusammenhangloses Erzählen, das von Angehörigen, von
+Hausgenossen und Mitschülern als halb gefährliches, halb lächerliches
+Lügenwesen aufgenommen und dem mit Zurechtweisung, Spott und Züchtigung
+begegnet wurde. An Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim
+Linsenlesen, und es kam vor, daß ich dabei plötzlich zu phantasieren
+anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und Abenteuer
+dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose Nachbarn als Zeugen
+sonderbarer Begegnungen anführte, mir selbst die höchsten Ehren,
+höchsten Ruhm prophezeite. Die Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend,
+schaute mich ängstlich verwundert an, ein Blick, der mich noch trotziger
+in das unsinnig Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite
+und beschwor mich mit Tränen, daß ich nicht der Schlechtigkeit verfallen
+möge.
+
+Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine Not zum
+Erzähler von Geschichten mit handelnden Figuren und geschlossener Fabel
+wurde, muß ich festhalten, weil es weit über den kindlichen Bezirk
+hinaus auf meinen Weg, auf meine Wurzeln wies.
+
+Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht
+wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen
+von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor
+dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah
+die Brotlaibe mit Zeichen, so daß sie erkennen konnte, wenn einer von
+uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, daß
+das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich hatte sie Mühe, mit dem ihr
+zugeteilten Gelde zu wirtschaften, so wie mein Vater Mühe hatte, es
+aufzubringen; desungeachtet glaube ich, daß die Kinder von Bettlern es
+in dieser Hinsicht besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner
+Mutter, ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, erfuhr,
+wie übel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten in der Stadt
+eine gewisse Summe für die Bestreitung dringender Auslagen, und ich als
+Ältester erhielt wöchentlich eine Mark mit der Erlaubnis, dafür Eßwaren
+für mich und meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe
+in meinen Augen, und da es zu gefährlich war, das Geld bei mir zu
+tragen, war ich bemüht, ein Versteck ausfindig zu machen. Mein Bruder
+nun, der um fünf Jahre jünger war als ich, also ungefähr sechs, hatte
+keinen andern Gedanken, als dieses Versteck zu erspähen, denn er war
+unzufrieden mit der Verteilung, mißtraute mir, verlangte bei jedem Anlaß
+mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, daß ich ihm zeige,
+wieviel ich besaß. War der Zank einmal im Gang, so artete er gewöhnlich
+bis zu Drohungen aus, und ich mußte täglich gewärtig sein, daß der
+gierige Rebell mich bei der Stiefmutter denunzierte, eine Verräterei,
+deren Folgen ich mehr als alles fürchtete. Insofern war mein Bruder im
+Recht, als ich nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag für Brot, Obst,
+Wurst und Käse ausgab, sondern mir außerdem noch billige Bücher
+anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein Bruder und ich
+schliefen in einer Art Verschlag in demselben Bett, und in meiner
+Bedrängnis verfiel ich nun auf den Ausweg, ihm vor dem Einschlafen
+Geschichten zu erzählen. Wider Erwarten fand ich an ihm den
+aufmerksamsten Zuhörer, und ich nützte den Vorteil aus, indem ich jeden
+Abend meine Geschichte an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er
+sich dann während des folgenden Tages ungebärdig, so hatte ich
+meinerseits eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklärte einfach, daß
+ich die Geschichte nicht weitererzählen würde. Je verwickelter,
+spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit war, je
+erpichter war er natürlich, die jedesmalige Fortsetzung zu hören, und
+ebenso natürlich mußte ich, um ihn im Zaum zu halten und nach meinem
+Willen lenken zu können, alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe
+rufen. Es war keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen
+Forderer, und ich durfte nicht langweilig und nicht flüchtig werden. So
+erzählte ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, im
+Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide müde waren, und bis ich im
+Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der Situation gelangt war, von der
+ich selbst noch nicht wußte, wie sie zu lösen sei, die aber den
+atemlosen Lauscher wieder für vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt
+gab.
+
+Ich sagte, daß mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln wies. Auf den
+Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, daß ein Mensch zu binden
+ist, zu »fesseln«, wie der verbrauchte Tropus lautet, indem man sich
+seiner Einbildungskraft bemächtigt, daß man ihn sogar vom Schlechten
+abbringen kann, wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine
+Wirklichkeit vortäuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen
+richtet; daß man Freude, Furcht, Überraschung, Rührung, Lächeln und
+Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um so stärker, je freier das
+Spiel, je absichtsloser und je mehr vom Zweck befreit die Täuschung ist.
+Der beständige Augenschein aller Wirkung hielt mich selbst in Atem,
+weckte meinen Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur
+Vervollkommnung meiner Mittel.
+
+Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer Trieb im
+Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins Kleinbürgerliche
+übertragen; schlummernder Keim, befruchtet durch Zufall und Gefahr.
+Schehrasade erzählt, um ihr Leben zu retten, und während sie erzählt,
+wird sie zum Genius der Erzählung schlechthin; ich – nun, um mein Leben
+ging es nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz
+und gar und bestimmte Denken und Sein.
+
+Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedürfnis wurde, die eine oder andere
+der nächtlich erzählten Geschichten aufzuschreiben. Dies mußte in
+größter Heimlichkeit geschehen, und es begann damit schon der Kampf. Daß
+mein Treiben allmählich ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die
+Stiefmutter sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen
+Blätter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; Verwandte, Lehrer,
+Kameraden stellten sich feindselig dagegen, beinahe derart, als ob ich
+sie durch mein Unterfangen geradezu beleidigt hätte, und der zum
+erstenmal bekundete Vorsatz, mich dem Schriftstellerberuf zu widmen,
+rief bei den Bekannten Gelächter, beim Vater den heftigsten Unwillen
+hervor.
+
+Die Sache war die, daß ich dem Onkel, jenem Bruder meiner Mutter, der in
+kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen war. Darauf hatte mein
+Vater seine ganze Hoffnung gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte
+mir gelingen: reich zu werden; mich in einer großen Laufbahn als
+Nachfolger des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine
+Lieblingsvorstellung. Meine abgeirrte Neigung zu unterdrücken, ließ er
+deshalb nichts unversucht.
+
+Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt in der
+bürgerlichen Gesellschaft weder so häufig noch so erstrebt wie heute,
+und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst aufgehört hat, das seltene und
+kostbare Vergnügen weniger Erlesener zu sein, ist sie für die Vielen
+Luxus, Ausrede und Gemeinplatz geworden, schließlich Betrieb, wie jeder
+andere. Keiner will mehr hören und empfangen, alle wollen selber reden
+und selber den Geber spielen.
+
+In meinem fünfzehnten Jahr hatte ich einen Roman geschrieben, ein
+unsäglich dürftiges und abgeschmacktes Ding, und das Manuskript trug ich
+eines Tages in die Redaktion des Tageblattes. Ein dicker Redakteur saß
+verschlafen am Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein
+Anliegen vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats unter
+meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der Unterhaltungsbeilage der
+Zeitung. Ich weiß es noch, es war ein Winterabend, wie mein Vater nach
+dem Essen das Blatt zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen
+Teller gelegt hatte, daß sein Blick auf mein Produkt fallen mußte, wie
+ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der versorgte, müde
+Ausdruck seines Gesichtes sich jäh veränderte, wie in seinen Augen
+zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das aber bald dem Zorn, der Angst,
+der Ratlosigkeit wich.
+
+Es gab schlimme Szenen, Vorwürfe, Drohungen, Beschimpfungen, Hohn. Auch
+in der Schule wurde ich zur Rechenschaft verhalten, vor den Rektor
+zitiert und wegen verbotener Publikation zu zwölfstündigem Karzer
+verurteilt. Der Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die
+Frau war seine getreue Spionin, so daß ich keine ruhige Arbeitsstunde
+mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein das Bett verließ und
+am Fenster, in einem leidenschaftlichen inneren Zustand, Blatt um Blatt
+vollschrieb. In einer solchen Nacht brach in der hofseitig gelegenen
+Fabrik meines Vaters Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug
+Lärm, und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, die
+Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde durch dieses
+Unglück für seine Härte gegen mich bestraft.
+
+
+
+
+5
+
+
+Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von der Unbill und dem
+Gefühl erlittenen Unrechts nicht erdrückt zu werden, flüchtete ich mich
+gern in die Vorstellung, daß der Weltgeist für mich im stillen wirkte.
+Es war ziemlich wunderbar, daß ich an der kerkerhaften Wirklichkeit
+nicht zerschellte.
+
+Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen
+wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes
+Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, jeder in seiner Weise. Beide waren
+Juden, beide spielten eine typische Rolle in meiner Entwicklung.
+
+Der eine war ein schlanker, großer, blondlockiger Mensch, mit einem
+Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe und besaß eine
+ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres Beisammenseins und die
+Beschäftigung mit den Werken der Dichter waren erstohlen, ihr Gepräge
+war Schwärmerei. Mit unersättlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in
+mich auf, Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in
+diesem Bereich webte; zwischen dem Alltäglichen und der Region der
+Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale Brücke, die heimlich
+passiert werden mußte; hier war Kälte, Angst, Beengung, Kahlheit,
+Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, Passion; und Wort, Bild, Traum waren
+die Altäre eines verschwiegenen Dienstes. Möglich, daß der Freund mit
+mir von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf
+seine Schönheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum Kaufmann
+bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da ich den künftigen
+Garrick der deutschen Bühne in ihm erblickte, war die Tragödie unser
+eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte in mir, meinem bewunderten
+Garrick ein Shakespeare zu werden, und ich ging selbst an die
+Verfertigung von Trauerspielen. Ich kannte keine Richtung oder Schule;
+es war Sturm und Drang in mir, aus mir, Pathos und Überschwang aus
+eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; und der
+Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich schon die Unsterblichkeit
+erlangt. Als uns das Geschick voneinander getrennt hatte und ich in die
+Fabrik des Onkels nach Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer
+Briefwechsel das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen
+Episteln gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte.
+Er aber verlosch bald. Ich merkte, daß ihm meine intransigente Haltung
+unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen geistigen Qualen
+wenigstens Echo zu sein, erschöpfte er sich in rührseligen und
+verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, und eines Tages, als er
+wieder lang und breit von der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben
+hatte, beschloß ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie
+wieder von ihm gehört.
+
+Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in Gunzenhausen, der
+in München die Rechte studierte, drei Jahre älter als ich war, und den
+ich stets in den Ferien zum Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem
+ersten. Im Wachstum zurückgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der
+durchdringendste jüdische Verstand gegeben, eine Fähigkeit, die
+Schwächen und Blößen der Menschen wahrzunehmen und zu geißeln, die mich
+ihn fürchten ließ. Meine dichterische Neigung verfolgte er mit beißendem
+Spott, namentlich, wenn junge Mädchen dabei waren, vor denen er zu
+glänzen liebte, und denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine
+Belesenheit und Schlagfertigkeit imponierten.
+
+In dieser kleinen Welt war er das große Licht, die letzte Instanz der
+Kritik, während ich als Poetaster und haltloser Schwärmer, der nicht
+einmal den Weg humanistischer Bildung einschlug, eine mitleidswürdige
+Figur machte. Durch nichts konnte ich mich vor ihm behaupten, durch
+keine Anstrengung, keine Verheißung, keinen Hinweis; er zerpflückte mir
+Wort und Leistung, verdächtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm zu
+gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches Bemühen. Nicht
+bloß, daß er Mißtrauen in meiner Umgebung säte, rief er auch Schwanken
+in mir selbst hervor, und eingeschüchtert von seiner Beredsamkeit und
+Argumentierungskunst, der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils,
+der Überlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge,
+betrachtete ich ihn als Richter und Führer. Als er sich endlich zur
+Anerkennung meines Werbens und Kämpfens herbeiließ, legte ich in einer
+wichtigen Stunde die Entscheidung über mein Schicksal in seine Hand. Das
+kam so:
+
+Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar geworden. Ich
+entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte mich bei der mir
+zugewiesenen Arbeit lustlos und unverläßlich, entschlüpfte bei jeder
+Gelegenheit dem starren Kreis, um im Verborgenen einer Neigung zu
+frönen, die für befremdlich, schädlich, ja verbrecherisch geachtet
+wurde; die Tage verbrachte ich in einer verworrenen, ja somnambulen
+Gemütsverfassung, die Nächte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd,
+berauscht, entselbstet vor meinen Manuskripten. Daß ich da lauter leeres
+Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es handelt sich in solchen
+Epochen der Entwicklung weniger um Qualität als um Intensität. Die
+Folgen waren häusliche Auseinandersetzungen, Vorwürfe der Undankbarkeit,
+Besserungsversuche, Strafmandate, Predigten, Hohn. Daß in meinem
+abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen könne, von der
+Möglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar nicht erwogen; mein
+Onkel, ein gütiger, einfacher, obwohl schwacher Mensch, Einflüssen
+ausgesetzt, die ihm mein Bild verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave,
+drohte, mich mit Schimpf davonzujagen, und allerdings mußte es mir als
+das Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, oder,
+wie es später auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit als
+Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen.
+
+Es war da ein langjähriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, der eine
+eigentümliche geistige Ähnlichkeit mit meinem Freund hatte. Scharfer
+Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, literarisch unterrichtet,
+gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild von jenem aus älterer
+Generation, nur daß er mehr Welt und mehr Bonhomie besaß. Derselbe Typus
+heute hat überhaupt nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei
+oberflächlichem Urteil bedünken, als hätte der Typus an Positivität des
+Geistes gewonnen, was er an Gutmütigkeit und Schliff verloren hat. Aber
+das ist nur Schein. Zieht man die Hülle weg, so steht ein Leugner da,
+jetzt wie vordem, ein Entgötterter, ein Opportunist aus still nagender
+Verzweiflung, deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam,
+mit der nämlichen Rückhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schloß ich
+mich an den älteren an, um in genau der nämlichen Art enttäuscht zu
+werden. Die spezifisch jüdische Form von Weltklugheit ist mir im Laufe
+meines Lebens vielfach verhängnisvoll geworden, weil ich mit völlig
+anders eingestellten Sinnen unvermögend war, die praktischen Nutz- und
+Nahzwecke auch nur wahrzunehmen, dabei aber mit der äußeren
+Verantwortung häufig, mit der inneren immer beladen wurde.
+
+Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, wurden von ihm
+verworfen und verlacht, waren dann auch in Gesellschaft das Ziel seiner
+geistreichen Sticheleien. Doch ließ er sich zu Besprechungen mit mir
+herbei und gab mir den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der
+Onkel die Mittel dazu bewilligen würde, und er versprach, ihn dazu zu
+überreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen Aussicht,
+an meinen Freund in München, schilderte ihm, wie die Dinge lagen,
+schrieb vorgreifend, daß ich möglicherweise auf die Unterstützung meines
+Verwandten zählen könne und fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir
+beistehen, mich zum Examen vorbereiten würde. Die Antwort war über
+Erwarten herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens und
+Strebens, das er, der sonst so kühl abwägende, mir machte, war so
+verführerisch, daß ich plötzlich die Geduld verlor, mit dem Onkel und
+seinen Beratern weiter zu verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890
+heimlich meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fünfzig oder
+sechzig ersparten Gulden nach München flüchtete.
+
+Ich entsinne mich noch sehr gut der nächtlichen Fahrt im Personenzug,
+weil ich mich während ihrer ganzen Dauer in einer Stimmung befand und
+ihr gemäß handelte, die nicht oft wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich
+saß in einem trüb erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa
+dreißig Menschen, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern, auch Frauen und
+Mädchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht hindurch, hielt
+ich die Leute mit ausgelassenen Späßen, lustigen Geschichten und
+unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwährendem schallenden Gelächter, in
+das auch die Schaffner einfielen. Alle die lachenden, feuchten Augen
+waren gespannt, dankbar-entzückt auf mich gerichtet, und ich erinnere
+mich noch eines mageren alten Bauern, der vor Lachen förmlich weinte,
+und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit Äpfel zusteckte
+und meine Hand tätschelte. Ich hatte Vergnügen daran, zu beobachten, wie
+die Traurigkeit, Bitterkeit, Wundheit in mir im selben Maße wuchsen, in
+dem ich mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinriß. So frech
+in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem Antrieb
+jugendlich-selbstgefälliger, selbstbetrunkener Menschensucht und
+Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung außerordentlicher
+Einsamkeit dabei im Spiel gewesen.
+
+Mein Freund, der Student, hatte gehofft, daß der reiche Onkel, den er
+respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerüstet und mit seinem Segen
+hatte ziehen lassen und war natürlich nicht erbaut, als es sich
+herausstellte, daß ich von der Krippe weggelaufen sei und um Gnade erst
+betteln müsse. Halbgezwungen machte er noch einmal den Fürsprecher
+meines unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes
+Monatsgeld bewilligt, so gering, daß es mich kaum vor dem Hunger
+bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem Studium nicht die Rede
+sein konnte. Die Laune meines Mentors wurde daher immer finsterer; ich
+wurde ihm zur Last, er wußte nicht, was er mit mir beginnen sollte und
+suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine
+Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft und
+prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner Kommilitonen, in den er mich
+bisweilen brachte, galt ich als traurig-komische Person, Wildling, armer
+Teufel, nach studentischen Begriffen unebenbürtig, Gegenstand der
+Geringschätzung auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war,
+und binnen kurzem sah ich mich in einer viel übleren Lage als vor der
+Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein der Obsorge und
+Voraussicht beging mein Freund die Verräterei, vor seiner Reise in die
+Ferien an meinen Onkel zu schreiben, daß ich es mit den neuen Aufgaben
+nicht ernst nehme, und daß er infolgedessen meinem Tun und Treiben nicht
+länger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn sei mir nach
+seiner Überzeugung verschlossen. Darauf wurde die Geldunterstützung, die
+ich bis dahin bezogen, eingestellt, und ich befand mich im Zustand der
+Hilflosigkeit und Verlassenheit, die noch um das Gefühl des Zweifels an
+der Zukunft vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender
+Bedrängnis, beladen mit einem voluminösen Epos in Blankversen zu einem
+der berühmtesten Dichter Münchens wallfahrtete, um ein Urteil, einen
+Fingerzeig, ein tröstliches Wort von ihm zu empfangen. Das Gegenteil
+trat ein. Der große Mann, der sich mir kühl und majestätisch gab, riet
+mir ernst, mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm
+wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund bot. Ich
+zürnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft davon
+durchdrungen, daß in den Jahren der Entwicklung Werk und Gewirktes viel
+weniger zu zeugen vermögen als der Mensch, das Schicksal, das er auf
+sich nimmt und der Weg, den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen
+Blickes als den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen
+Verhältnisses, als dem zwischen gefeierter Autorität und schüchternem
+Scholaren.
+
+
+
+
+6
+
+
+Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und Wirken zu tun, als
+ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht selber einbildete. Wonach ich
+begehrte, war die Menschenwelt, eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk
+und Gewirktes darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn
+an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von Entbehrung,
+von dem ich mir bestimmte Rechenschaft hätte ablegen können, nicht die
+Erkenntnis umschriebener und begrenzter Widerstände, sondern nur ein
+ahnendes, blindes Ertasten davon, das sich im Bewußtsein und in der
+Seele kaum formulieren ließ, zur Greifbarkeit sich erst viel später
+verdichtete. Denk ich zurück, so war es wie ein Herumtappen im leeren
+finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang finden muß, bevor eine
+sinnvolle Tätigkeit überhaupt in Frage kommt, ein System der Dinge
+entstehen kann.
+
+Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem
+einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines
+Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art,
+noch von denen meiner Wahl. Denn zu wählen hatte ich mich ja nachgerade
+entschlossen, und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich mich
+mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschluß geschieden,
+diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich selber darzubieten,
+ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem entfaltete sich also in seiner
+ganzen beunruhigenden Wucht.
+
+Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mißverstanden werden.
+Keine Regentenregung war in mir. Auch Vergeßlichkeit nicht und noch
+weniger Nützlichkeitserwägung. Ich lebte in schmeichelnden, die mir so
+nahe, so augenscheinliche Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von
+allgemeinem Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen
+nicht belehrt, noch nicht gedemütigt, Erfahrungen auch sonst schwer
+zugänglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch verklärte Bilder,
+und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug hielt mich ab, statuierte
+Unterschiede der Klasse, Kaste und Rasse, der Herkunft und des
+bürgerlichen Charakters auch auf mich anzuwenden.
+
+Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller Täuschung
+für ein typisches Los, so daß mir die Menschenwelt in lauter einzelne
+ebenso unbedingte Wesen zerfiel. Hiervon wurde meine Phantasie ins
+Uferlose, Bodenlose, Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und
+armselig vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verführung wurde,
+anderseits Fatum und Gewissensbürde.
+
+
+
+
+7
+
+
+Um nicht zu verhungern, mußte ich Zuflucht bei meinem Vater suchen, der
+zu dieser Zeit in Würzburg lebte, selbst in kümmerlichsten Umständen.
+Als wahrer verlorener Sohn kehrte ich zurück; wenn es auch ohne Dramatik
+abging, ohne Schmerz und Demütigung ging es nicht ab. Er ließ mich
+fühlen, daß ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht hatte und
+zeigte sich mir noch finsterer und kälter als vordem. Am erbittertsten
+war die Stiefmutter über den unwillkommenen Kostgänger, an den sie
+Wohlwollen ohnehin nie verschwendet hatte. Es war schlimm, gleichsam
+betteln zu sollen um die Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war
+alles von da ab.
+
+Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den alten Gassen und
+Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf dem Hofgartenwall, im
+Veitshöchheimer Schloßpark und verschanzte mich, da ich keinen Gefährten
+hatte, kein Paar Augen, die mich freundlich grüßten, in
+Einsamkeitswollust und Einsamkeitshochmut. Draußen waren Geister in
+Bewegung, ich spürte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang
+auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und neuen
+Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu denken und sah
+keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, aber es war auch ein
+sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum vom heimlichen Kaiser, den gerade
+die Verstoßenen manchmal selbstverliebt in sich nähren.
+
+Indes wuchs die Sorge meines Vaters über das arbeitsscheue Treiben, und
+er forderte, daß ich dem Onkel einen Abbittebrief schreiben und ihn
+durch das Gelöbnis der Besserung bestimmen solle, mich wieder
+aufzunehmen. Mich zu sträuben war umsonst, die Quälereien wurden zu arg.
+So fügte ich mich ins Unvermeidliche und verfaßte mit schriftstellerischer
+Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verächtlich sagte,
+die seien schöne Wortfeuerwerke. Doch willigte er in eine Probezeit.
+Sein Haus und seine Fabrik sollten mir verschlossen bleiben, bis meine
+Führung bewiesen, daß ich von den »Wahnideen« geheilt sei. In der
+Familie eines seiner Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es
+waren einfache, aber lärmende und triviale Menschen, denen ich als Neffe
+ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich mißglückter
+Literat lächerliches Geschöpf war. Ich trat als Lehrling in ein
+Exportgeschäft, was von Beginn an eine kaum erträgliche Fron war. Der
+Chef war ein cholerischer Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder,
+stadtbekannter Wüstling. Im ganzen Betrieb herrschte eigentümliche Tücke
+und Aufsässigkeit. Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von
+mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines niedrigen
+Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. Zehn Monate nahm ich
+mich zusammen, um meinem Versprechen treu zu bleiben. Ein frecher
+Bubenstreich machte der Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages
+während meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische
+Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wußte von
+nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte es,
+mich zu verteidigen, verließ den Posten und erklärte meinem Onkel
+rundweg, daß ich mit solchen Menschen nichts mehr zu schaffen haben
+wolle. Eine junge Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte,
+ruhte nicht, bis sie die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum
+Geständnis gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spät. Der
+Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamität geworden, und man
+wollte mich los sein, wenn nicht auf gute Manier, so auf schlechte. Es
+wurde beschlossen, daß ich mein Militärjahr absolvieren und, falls ich
+nach Verlauf dieses Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem
+Schicksal überlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Würzburg
+geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. Zur
+Bestreitung der Kosten wurde die Hälfte eines kleinen mütterlichen
+Erbteils flüssig gemacht, etwa tausend Mark; und davon sollte ich nicht
+nur ein ganzes Jahr leben, sondern auch die unerläßlichen Ausgaben für
+den Dienst, die Uniformierung, die Repräsentation aufbringen. Ich trat
+sonach in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglückselige
+Mischung, wie ich bald spüren sollte. Jude und arm, das erregte doppelte
+Geringschätzung, bei der Mannschaft wie bei den Offizieren. Im übrigen
+beging ich gleich zu Beginn eine Torheit und Einfältigkeit, von der das
+Odium während des ganzen Jahres an mir haften blieb. Lächerlicherweise
+nämlich schloß ich das schriftliche #Curriculum vitae,# dessen
+Anfertigung in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermütigen
+Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen
+Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv hatte. Der Feldwebel las
+die gereimten Verse beim Rapport unter allgemeinem Hallo vor und hielt
+mir eine niederschmetternde Standrede, als hätte ich das gesamte
+deutsche Heer verhöhnt.
+
+
+
+
+8
+
+
+Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es dem
+Zufälligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine eigentliche
+Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern nur Darstellung
+eines schicksalhaften Konflikts, genüge als Zusammenhängendes der
+bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen soll, wie ich geworden, und
+auf welchem Boden ich gewachsen bin. Der Weg wird nun schmaler und
+bestimmter, die Richtung energischer sein müssen, Gebot der Verknüpfung
+hat zurückzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden.
+
+Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als Soldat meine
+Pflicht zu tun und das geforderte Maß der Leistung zu erfüllen, wozu
+bisweilen keine geringe Selbstüberwindung nötig war, gelang es mir
+nicht, die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte
+bald, daß es mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre,
+daß es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an
+der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz,
+die befriedigende Leistung selbstverständlich zu finden, die
+unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von gesellschaftlicher
+Annäherung konnte nicht die Rede sein, menschliche Qualität wurde nicht
+einmal erwogen, Geist oder auch nur jede originelle Form der Äußerung
+erweckte sofort Argwohn, Beförderung über eine zugestandene Grenze
+hinaus kam nicht in Frage, alles, weil die bürgerliche Legitimation
+unter der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. Aber dies
+ist ja hinlänglich bekannt, niemand hat sich schließlich mehr darüber
+gewundert, auch ich war von vornherein mit der Situation vertraut, was
+ja an sich schlimm genug ist und eine beständige Trübung der allgemeinen
+Lebensstimmung herbeiführen muß.
+
+Auffallender, weitaus quälender war mir in dieser Beziehung das
+Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete ich jenem in den
+Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem
+der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch
+die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß
+hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der
+Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des
+Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und
+Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie
+des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst,
+Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit
+der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und
+Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein
+deutscher Haß.
+
+Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst dieser
+Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit klar zu werden
+versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten. Und so erging es auch mir.
+Kam hinzu, daß die katholische Bevölkerung Unterfrankens, reichlich
+durchsetzt mit einem unerfreulichen Schlag noch halb ghettohafter,
+handelsbeflissener, wuchernder Juden, Krämer, Trödler, Viehhändler,
+Hausierer, einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanität und
+natürlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stämmen stand und das
+Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmärchen,
+bischöfliche Bluterlässe, mörderische und gewinnbringende
+Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne trug.
+
+Es geschah, daß ich zu einem jungen Menschen in förderliche Beziehungen
+trat; wenn dann die gewisse Enthüllung unvermeidlich war, zog er sich
+entweder vorsichtig zurück, oder er gab sich eine Weile unbefangen, um
+schließlich doch ein schwer bekämpfbares Mißtrauen durchblicken zu
+lassen, oder er ließ mich verstehen, daß er in meiner Person eine
+Ausnahme statuiere und sich seines begründeten Vorurteils zu meinen
+Gunsten entäußere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher noch
+können wir es ertragen, daß das Individuum in uns für minderwertig
+proklamiert wird, als die Gattung; eher noch darf der Charakter
+verdächtigt werden, als die Geburt; gegen jenes kann man sich retten,
+man kann den Irrtum beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn
+widerlegen zu können; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele
+machtlos, und der gehütetste innerste Spiegel des Bewußtseins trübt und
+befleckt sich.
+
+Als ich nach der Entlassung vom Militärdienst nach Nürnberg kam, wo man
+mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete Stellung in einer Kanzlei
+angeboten hatte, war ich in einem wesentlichen Teil des Verhältnisses
+zur Welt schon gelähmt. Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der
+Furcht vor Erniedrigung eingeht, ist für die Sittlichkeit und Freiheit
+des Handelns die schädigendste. Ist das errungene Gefühl des eigenen
+Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung nur die
+Isolierung, der Entschluß, sich suchen und finden zu lassen, die
+Sehnsucht nach dem, der suchen und finden wird. Es ist das Wunderbare
+der Jugend, daß sie am Menschen nie ganz zu verzweifeln vermag, eher
+wirft sie sich selbst weg, als daß sie aufhört, an den Menschen, dies
+geträumte Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich weg
+damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares
+Verlangen nach geistigem Umgang und stürzte in die Kloake des Geistes,
+mich dürstete nach Bestätigung, und ich wurde aus mühselig eroberten
+Festen geschleudert, ich wünschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen
+Gehalt aus Geld, Schweiß und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden
+getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung äfft. Mehr ist
+schlechterdings nicht zu sagen nötig, um die Existenz zu kennzeichnen,
+die ich durch Jahr und Tag führte; was sollte es frommen, das häßliche
+Einzelne wieder hervorzuziehen aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen
+Kneipen verbrachten Nächte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen
+Rebellentums, jämmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, versäumte
+Pflicht, würgende Not, billige Herausforderung des Bürgers. Es ist heute
+nicht neu und war zu seiner Stunde nicht neu. Auch von dem Ring der
+traurigen Figuren zu sprechen, lohnt nicht. So trüb oder auch merkwürdig
+die Schicksale, so mittelmäßig der Zuschnitt im ganzen. In allen
+Winkelkaffeehäusern der Erde wird von allen malkontenten und impotenten
+Künstlern, Literaten und verkrachten Studenten, von allen Falstaffs und
+Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals dieselbe Phrase in derselben Manier
+vom Rausch bis in den Katzenjammer totgeschleift.
+
+Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom Treiben jener Jahre
+für mich blieb, war einerseits die Stadt, Monument des Mittelalters, wie
+durch Zauberfluch ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter,
+von Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast und
+werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Bürgertum und Proletariat; es ist
+mir immer symbolisch bedeutend für diese Konstellation erschienen, daß
+die erste Eisenbahn Europas zwischen Nürnberg und Fürth lief.
+Andrerseits, im natürlichen Zusammenhang damit, war Anblick und
+Erfahrung einer schroff geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden,
+Stillen, Vergehenden und Welt von Wollenden, Überlauten, Kommenden.
+
+Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel und
+Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen schwankten vor mir auf
+und ab. Ich war nicht gesonnen, mein Schicksal an eine von ihnen zu
+hängen. Von dort wurde mir Zärtlichkeit alter Formen geschenkt,
+Ehrfurcht vor Überlieferung, Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das
+Umfriedete, Geschlossene, Gesicherte zu spüren und zu denken; von hier
+kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht verwandelter Zeit,
+im übrigen freilich Kälte, Kälte der Seelen, Trägheit der Seelen,
+Verkrustung der Seelen.
+
+Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, so habe ich es
+vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten Augenblick
+wie ein Retter in mein Leben getreten ist. Ich hatte seine Sympathie
+erweckt, er beobachtete mich, näherte sich mir, zeigte mir die Gefahr,
+und seine sanfte, geduldige, liebevolle Überredung bewirkte, daß ich das
+verrottet-unfruchtbare Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was
+ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch
+kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er war ein
+unermüdlicher Erzähler und barst von Geschichten. Obwohl selbst in
+vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch vergrübelt und, da seine
+zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible Natur ihm jeden
+vertrauten Umgang erschwerte, auch vereinsamt, schloß er sich werbend,
+führend, eifersüchtig wachsam an mich an. Er war einer der
+problematischesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und sein Einfluß
+erstreckte sich über meine wichtigsten Jahre.
+
+Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich. Er entstammte einem alten
+Nürnberger Patriziergeschlecht, das aber völlig verarmt war. Sein Vater
+war tot, er lebte mit seiner Mutter, einer welthassenden, weltfremden,
+eigentümlich strengen Frau in einem Verhältnis zwischen
+Unverträglichkeit und Liebe. Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit
+seiner Art, die sich wie ein Fisch verbiß, hatte er sich literarischen
+Interessen zugewandt, nicht als Produzierender, sondern als ein mit
+seiner Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. Er war
+schlank, hager, sehnig, flink, nervös wie ein Rennpferd, launenhaft,
+verstand zu imponieren und zu gewinnen, war voller Impuls und
+Heftigkeit, auch voll List und Witz, und hatte Neigungen zum Aszeten,
+zum Bücherwurm, zum Homöopathen, zum Sonderling.
+
+Als er, der seine Kräfte in der Heimat verdorren fühlte, nach Zürich
+gegangen war, wo ihm ein größerer Wirkungskreis in Aussicht stand, war
+mir zumute, wie einem, den der gute Geist verlassen hat, und mein
+Trachten war darauf gerichtet, wieder in seine Nähe zu gelangen. Ein
+Briefwechsel von seltener Intensität, seiner- wie meinerseits, gab nur
+ungenügenden Ersatz für die lebendigen Stunden, aber es war vorläufig
+keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte indessen das
+Mündigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital des mütterlichen
+Vermögens ausgehändigt, fünf- bis sechshundert Mark, in deren Besitz ich
+mir reich erschien. Ich kündigte meine Stellung, zahlte meine Schulden,
+fuhr nach München und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was ein
+vollkommen neuer Zustand für mich war, der sich auch bald rächte, denn
+eines Tages war der vermeintliche Schatz erschöpft. Ich sah mich nach
+einer neuen Stellung um, ließ ein Inserat drucken, und es meldete sich
+ein Generalagent im badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien
+ersuchte und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der
+einzige Beamte in seinem Bureau und hatte täglich zehnstündige
+Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich getreten, war
+hart, karg, hinterhältig, schwer zu befriedigen, im Benehmen von
+betonter Korrektheit, Allüre des Reserveleutnants. An einem
+Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei gegangen war, um eine dringliche
+Arbeit zu erledigen, erschien er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte
+aber dann, ich möge die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen.
+Etwas erstaunt, ihn über diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen,
+antwortete ich, was zu antworten war. Sein Gesicht veränderte sich
+erschreckend. Nach einem bösen Schweigen warf er mir vor, ich hätte ihn
+absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wäre meine Pflicht gewesen, ihm
+von meiner Konfession im Offertbrief präzise Mitteilung zu machen, er
+habe an dergleichen nicht gedacht, da ihn meine Photographie und dann
+auch mein Auftreten getäuscht habe, und als getäuscht müsse er sich auch
+betrachten. Weiter äußerte er sich nicht, aber er bereitete mir nun, da
+er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Straße zu werfen, die
+gehässigsten Schwierigkeiten, nörgelte an jedem Federstrich, an jedem
+Gruß und legte mir aus niedriger Erwartung heraus eine Falle, indem er
+mir nämlich das gesamte Bargeld der Agentur übergab und darauf rechnete,
+daß ich, dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher
+vorenthalten hatte, in meiner von ihm gewußten Notlage mich an dem Geld
+vergreifen würde. Es geschah auch wirklich, daß ich, während er einige
+Tage verreist war, zwei Taler aus der Kasse nahm; ich konnte mir nicht
+anders helfen in der Bedrängnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat,
+die zwei Taler als Vorschuß zu berechnen. Jedoch er lächelte höhnisch.
+Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite und entließ
+mich auf der Stelle.
+
+Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos irrte ich
+im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte Regennächte in den
+Hütten der Holzfäller und wäre verhungert, wenn ich nicht von einigen
+Bauern Milch und Brot bekommen hätte, und zwar durch Vermittlung ihrer
+Kinder. Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg die
+Schule besuchten. Ich begleitete sie häufig am Abend durch den Wald und
+erzählte ihnen dabei allerlei Geschichten. Dies gewann mir ihre
+Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses Leben nicht mehr, verkaufte, was
+ich von meinen Habseligkeiten noch entbehren konnte, einen Rock, ein
+paar Bücher, meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zürich,
+wo ich nach vielen Mühseligkeiten auch glücklich anlangte und vom Freund
+mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschütterte und für alle
+Leiden entschädigte.
+
+
+
+
+9
+
+
+Es erwies sich, daß der Freund ebenfalls in bedrängter Lage war; mit
+seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte er seinen Posten
+verlassen müssen und einen andern noch nicht gefunden. Wir lebten nun in
+folgender Art: Tagsüber schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstraß, des
+Abends suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstraße auf, wo der Freund
+einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewährte. Dort tranken wir
+Milchkaffee und aßen eine Unmenge von Weißbroten, unsere ganze Mahlzeit
+für die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Wir blieben bis spät in die
+Nacht sitzen, vertieft in Gespräche, dann gingen wir nach Haus, er legte
+sich in sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir
+weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg hatte nicht
+aufgehört, mich innerlich zu quälen. Der Freund merkte, daß ich ihm
+etwas verbarg, denn bisher hatte ich es noch nicht über mich gewinnen
+können, ihm davon zu berichten, sondern als Ursache meiner Flucht einen
+gleichgültigen Zank angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wußte
+er mir endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich
+viele unserer nächtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema.
+
+Der an sich unbedeutende Vorfall führte uns ins Allgemeine und
+Schicksalhafte und wieder zurück ins begrenzt Persönliche meiner
+Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege miteinander gegangen waren,
+öffnete sich plötzlich ein Abgrund zwischen uns.
+
+Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu erkennen und zu
+benennen ich bisher auch von mir abgewendet hatte: ich fühlte mich als
+Mitglied einer Nation, gleichgeordnet als Mensch, gleichberechtigt als
+Bürger; da mich aber ein Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne
+daß es möglich war, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, als
+untergeordnetes Wesen behandeln dürfte, so beruhe entweder mein Gefühl
+auf einem Irrtum, oder die Übereinkunft, von der es gestützt gewesen,
+sei Lüge und Betrug.
+
+Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, sondern meiner
+Abstammung, der Zugehörigkeit zu einem Fremdkörper innerhalb der Nation;
+ein Argument, auf das ich gefaßt war, und auf das ich nur mit Scham und
+Empörung antworten konnte.
+
+Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gäste, sagte ich, warum tretet
+ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die zugleich Gebote der
+Menschlichkeit sind, mit Füßen? Angenommen aber, sie sind euch lästige
+Eindringlinge, warum duldet ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner
+Verträge schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem Dach
+in scheinheiligem Frieden und heimlichem Haß.
+
+Die Juden gehören nun einmal dazu, sagte er rätselhaft; wie es ist,
+gehören sie dazu.
+
+Wie, sie gehören dazu? wende ich ein, und ihr traktiert sie dennoch als
+Ratten und Parasiten?
+
+Wer läßt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun die politischen
+und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklärten Deutschen wissen, was sie
+den Juden zu verdanken haben und ihnen in Zukunft auch noch werden
+danken müssen.
+
+Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht
+in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war die peinvollste Überlegung,
+darüber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennende?
+fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast
+nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaßen, Blutart von
+Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche
+nicht mit französischen Emigranten vermischt? Mit Slawen, Nordländern,
+Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als
+ihre Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche,
+ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen,
+Künstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Fürsten, Könige sogar? Und
+die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht
+ihr Blut berührt haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft,
+Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man
+selbst physische Vermischung ausschließt? War auch ihr eigenes Gesetz
+dagegen und der Widerstand der Völker, konnten sie sich dem natürlichen
+Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Von
+anderer menschlicher Prägung?
+
+Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als seien sie von
+anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer menschlicher Prägung.
+Das gerade sei vielleicht der kritische Punkt.
+
+Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, daß der Freiburger
+Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines kleinlichen, boshaften,
+gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe?
+
+Das räume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau geschehe, sei
+nicht maßgebend für die Anschauung auf dem höheren. Übergriffe der
+Exekutive bewiesen auch nie etwas gegen die Legislatur.
+
+So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer
+Beschaffenheit und anderer menschlicher Prägung als er?
+
+Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, ob ich
+mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fühle. Ich zögerte. Ich wollte
+wissen, worauf die Frage abzielte.
+
+Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir werde, mich zu
+bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht leicht zu umgrenzen.
+
+Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher.
+
+Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jüdin gewesen sei? Ob in der
+Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung bekannt oder nur der
+Verdacht davon vorhanden sei? Als ich jenes unbedingt bejahte, dieses
+lächelnd verneinte, schüttelte er den Kopf und sagte, mein Fall sei
+außerordentlich interessant; es sei ein ganz besonderer Fall.
+
+Ich ließ ihn nicht entschlüpfen. Ich wollte Aufschluß haben über das,
+was er »meinen Fall« nannte. Ich bot ihm Behelfe. Ich sagte: Es ist
+nicht entscheidend, daß ich mich unter Deutschen als Deutscher fühle.
+Dem Deutschen steht es frei, dies als eine Prätension zu betrachten,
+eine begründete oder unbegründete, je nachdem. Er kann sie erfüllen oder
+nicht erfüllen, je nachdem. Erfüllen: gnadenhalber, ausnahmsweise,
+befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt
+oder Sympathie abringe, aus Lässigkeit, Vergeßlichkeit, aus Zwecksucht.
+In einen Gesellschaftsverband aufgenommen werden, nur weil die sonstige
+Abwehr eingestellt ist, ist verletzend und entwürdigend, letzten Endes
+für beide Teile.
+
+Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich bisher überzeugt
+gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht bloß
+zugehörig, sondern zugeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit
+mehr als das Mittel, mich zu verständigen, und mehr als das Nutzprinzip
+des äußeren Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes.
+Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das
+Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen ich, wenn schon nicht die
+Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spüre. Sie ist mir
+vertraut, als sei ich von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert
+gewesen. Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand
+geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein
+Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, in
+Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß des täglichen
+Seins, Spiel der Lebensläufe, Erlebnis der großen Werke zur Anschauung
+Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das
+nicht gültiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als
+eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht
+und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch Aberglauben,
+Bosheit und Trägheit besteht?
+
+Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten meine
+besondere Situation; im allgemeinen lägen die Dinge ganz und gar nicht
+so.
+
+Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation berufen, warf ich
+ein, und ich will mich nicht in ihr begnügen.
+
+Prüfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden als Gesamtheit
+haben sich niemals mit den Interessen der Wirtsvölker selbstlos zu
+identifizieren vermocht. Innerhalb des Staates haben sie sich in eine
+soziale und religiöse Isolierung zurückgezogen, ein starrer, erstarrter
+Block in der strömenden Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung
+dauerte, hatten sie den Schein des Martyriums für sich; seit sie
+aufgehoben ist, liegt der Mangel an Willen und Fähigkeit zutage. Es
+steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch
+heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen allein offenbarte Lehre,
+bewußt oder unbewußt, und halten alle andere Lehre für Irrtum und Lüge.
+Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß
+richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem
+Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der
+Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch
+könnte er gemildert werden? Nur er vielleicht erklärt die
+Widerstandskraft, die Geduld, die Leidensüberwindung, die beispiellose
+Vitalität des Stammes. Rache für das Erlittene zu üben, keimt
+wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele,
+wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der
+andersgeartete Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte
+wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender
+Aufklärer, nicht durch den Schmerz der Abgelösten, nicht durch das
+Vorbild der Verwandelten aus der Welt zu schaffen.
+
+Dies zu hören war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei ja der ganze
+Jammer des versteinerten Mißverständnisses und der böswilligen Hetze,
+doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, ich sei wie so viele das Opfer
+eines Kulturblendwerkes. Wie lange ist’s denn her, sagte er, daß die
+Juden aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das
+achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und düsterer
+Verkrochenheit. Für den greisen Goethe noch war der Jude ungefähr
+dasselbe, was dem Amerikaner heute der Nigger ist, trotz Nathan dem
+Weisen, trotz Spinoza und Moses Mendelssohn, trotzdem die junge
+Romantik, die sich um ihn erhob, von jüdischen Einflüssen durchsetzt
+war, trotzdem er gegen die historische und institutive Ehrwürdigkeit der
+Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. Die
+Kindheitseindrücke des Frankfurter Judenghettos zeigten sich stärker.
+Die Juden weisen immer auf die Bedrückungen und Verfolgungen hin, wenn
+verwerfliche Züge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein
+Jude erträgt ein objektives Urteil über Juden, geschweige denn ein
+abfälliges, auch über einzelne, auch über Entartete nicht, sobald das
+Judentum als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler rächt
+sich insofern schwer, als sich zwischen schönfärbender Apologie und
+häßlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromiß finden läßt. Alle
+Lobredner weisen mit Emphase auf die unbedingte Sittenreinheit und
+Gesetzestreue der Juden hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein
+Wässerchen getrübt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Räuberbanden,
+die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands und des
+Niederrheins unsicher machten, Juden in erklecklicher Menge, Diebe,
+Hehler und Späher. Die Shylocks aller Grade will ich nicht erwähnen, die
+mitleidlosen Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen.
+Absurd wäre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die sich in
+heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, fast schutzlos, an
+Leben und Eigentum stets gefährdet, als ob die mehr und tiefer denn ihre
+Wächter und Quäler zu makelloser Führung verpflichtet, als ob die
+Verbrecher unter ihnen verabscheuenswertere Verbrecher wären als die
+anderen. Gerechterweise muß man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist
+auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht von höherer
+Warte aus. Sie betrifft das Unvermögen zu seelischer Wandelbarkeit.
+Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja in außerordentlichem Maße eigen, in
+gerade verhängnisvollem Maße. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als
+volkhafte Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer
+biblischer Vorzeit waren.
+
+Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe imperativen
+Autorität. Ich entsinne mich, daß ich mich der Logik und Kraft seiner
+Argumente nicht entziehen konnte. Niemand wird erwarten, das Gespräch
+sei hier im Wortlaut angeführt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge
+von Gesprächen, und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er war
+unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen wollte, liebte ihn
+um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich dunkel empfand, daß er
+sich in unserem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit über mich stellte,
+daß er die Herrschaft an sich riß, und daß die wesentliche Erkenntnis,
+zu der wir endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlöste wie mich,
+dem sie ein Tor öffnete und ein Ziel zeigte, sondern, daß er in
+heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr mein Widersacher
+wurde.
+
+Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im Dasein der
+Juden, führte er aus, der Humanisierungswille des neunzehnten
+Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue Jahrzehnt knüpfte festere
+Bande zwischen ihnen und uns. Äußerlich nur, zugegeben; solche des
+bürgerlichen Zusammenschlusses, wirtschaftliche, vaterländische sogar,
+in jedem Fall gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem
+Ermessen, schönem Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene.
+Bedingungslos wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen
+Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, weil sie
+sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? Warum aber? Solange
+sie Geächtete waren, war es ihr Recht, ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre
+Waffe, das Mittel zur Selbstachtung und Selbstaufrichtung, sich zu
+verschließen, an der engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginäre,
+halb schwärmerische und um desto süßere, verführerische,
+tragisch-erhöhende Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege zur
+Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges
+Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit
+erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten
+zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des
+Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre
+wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen
+Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, daß
+sie hätten Christen werden sollen. Das haben viele getan, aus
+Utilitätsgründen, oder weil sie sich nicht mehr verkettet fühlten, oder
+auch aus Überzeugung. Die Frage ist nur, ob sie Christen werden können,
+anders als im oberflächlichen Sinn, wie es ja die Mehrzahl der Christen
+selbst ist. Die Frage ist, ob sie deshalb aufgehört haben, Juden zu sein
+und dies in einem tieferen Sinn; man weiß es nicht, man kann es nicht
+kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflüsse. Judentum
+ist wie ein intensives Färbemittel; die geringste Quantität reicht hin,
+um einer unvergleichlich größeren Masse seinen Charakter zu geben oder
+wenigstens Spuren davon. Nicht zu leugnen, daß sie, wieder in einem
+gewissen Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen.
+Was mag es sein? Ist es das eigentümliche Beharren der Seele oder der
+Sinne im Kontrast zur Flüssigkeit, Mobilität, Vielgesichtigkeit des
+Geistes? Es beweist und erklärt zu wenig. Macht der Tradition ist es
+nicht, oder nicht ausschließlich, oder nicht mehr. Tradition wird
+überwunden und jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet
+als Disziplin einen wohltätigen Damm gegen Maßlosigkeit und
+Individualisierungsgier, hütet als politische Maxime Scheunengut und
+bewahrt die Nation vor überstürzten Neuordnungen. Aber gerade die
+Maßlosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, gerade die Sucht nach
+Neuordnungen muß man den Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also?
+
+Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht läge in der
+Verallgemeinerung. Es gäbe solche und solche Juden. Alle Gesamturteile
+seien schief und führten zur Vergewaltigung, zur Verzerrung, zur
+Ausnützung im Dienste von Parteiinteressen. Warum nicht menschlich den
+Menschen sehen, nur den Menschen? Oft rufe man durch Mäkeln erst die
+Fehler hervor, und in der Wiederholung entstehe die Übertreibung. Man
+möge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres Rechts zu
+atmen kaum bewußt, Verscheuchte, Verschüchterte, Umklammerte; immer
+neuer Zustrom aus trüben Behältern trübe die gereinigten wieder, viele
+seien gequält durch den latenten Haß, und ihre Entschlossenheit, sich zu
+opfern, treibe sie bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch
+die ungewohnte Fülle von Raum und Entfaltungsmöglichkeit: und wenn man
+ein jüdisches Tribunal imaginiere, so würde dort keiner freigesprochen,
+den ein christliches oder deutsches für schuldig erklärt. Aber ich
+spürte bei alledem, daß meine Parade den Hieb nicht fing, weil mein
+Standpunkt gegen den des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit
+später, im Verfluß jahrzehntelanger Kämpfe, konnte ich mir seine Frage
+beantworten, dieses »Was ist es also?«, von dem ich sogar die
+Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch zur Aufrichtigkeit und
+Selbstdurchforschung gebieterisch trieb.
+
+Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als das
+auserwählte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen findet sich der
+Glaube an ihre Auserwähltheit und die Verkündigung davon. Ohne daß man
+die Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit der Gründe untersucht, auf
+welche sich dieser Glaube, diese Verkündigung stützt, ob auf die
+offenbarte Lehre, ob auf das Verhältnis zu den geliebten Dingen, ob auf
+das historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, daß
+eine mit solcher Hartnäckigkeit durch die Jahrtausende festgehaltene
+Überzeugung einerseits ganz außerordentliche Pflichten nach sich zieht,
+die von der Gesamtheit niemals restlos erfüllt werden können, ferner
+ganz außerordentliche sittliche und moralische Spannung erzeugt, die
+wieder durch ihre notwendigen Entladungen eine Existenz voller
+Katastrophen schafft; und daß andererseits ein solches Axiom, wenn es
+als selbstverständliche Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren
+Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lähmt, und an ihre Stelle
+den sittlichen Quietismus setzt, der zu Überheblichkeit und zum
+Pharisäertum führt.
+
+Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner
+Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung.
+In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden
+Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir
+bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der
+tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems.
+
+Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig einen
+Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß
+man Jude ist.
+
+Mir wurde klar, daß ein Volk nicht dauernd auserwählt sein kann und sich
+nicht dauernd als auserwählt bezeichnen darf, ohne die gerechte Ordnung
+in den Augen der übrigen Völker zu stürzen. Der auserwählte Einzelne ist
+stets in der Lage, die Verantwortung für sein Tun und Lassen zu
+übernehmen; im auserwählten Volk aber maßt sich der Einzelne nach und
+nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der er nicht gewachsen ist,
+und bei der er überredet wird, die Vorteile der Gesamtposition für sich
+geltend zu machen, die Verantwortungen hingegen auf die Gesamtheit
+abzuwälzen. Selbst den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer
+einmaligen grandiosen Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwähltes
+Volk zu bezeichnen, wie wäre ein solcher Anspruch gegen die Kritik,
+gegen die veränderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen und zu
+sichern? Wie wäre es möglich, den Komplex »Volk« abzugrenzen? Genügte
+das bloße Bekenntnis zu einem Glauben, um auserwählt zu sein? Das wäre
+schlechthin unsinnig und unsittlich.
+
+Die Idee der Auserwähltheit hat, für ein Volk, Berechtigung nur
+innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie aber aus der
+historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaßen ins Unendliche
+gerückt wird, entsteht die Versündigung, während die persönliche
+Auserwähltheit im Unendlichen steht, im Unendlichen besteht.
+
+
+
+
+10
+
+
+Die Gespräche mit dem Freund, ein unaufhörliches Duell der Meinungen in
+den Formen des gegenseitigen liebevollen Interesses, hatten
+weitreichende Bedeutung für mich und stellten meine Gedanken- und
+Empfindungswelt auf eine viel breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor,
+als ob ich mit der ganzen Menschheit Frieden schlösse, wenn ich mit ihm
+Frieden schloß, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen
+Friedens festzusetzen, ja sie nur unmißverständlich zu umschreiben.
+
+Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in Worten als durch
+seine Haltung stellte, war: bist du Jude oder bist du Deutscher? Willst
+du Jude oder willst du Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um
+diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der einen
+oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den
+ich dann nach der einen oder der andern Richtung gehen sollte. Was wurde
+für mich besser oder schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort
+allein, der Beschluß allein, die Richtungsänderung allein maßgebend? Ich
+suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung und Bestätigung bei
+denen, die mir vorangegangen waren, nach der einen oder andern Richtung,
+aber das Suchen war ergebnislos.
+
+In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig interessierten
+Kreisen Deutschlands noch ein mächtiger Name. War von jüdischer
+Leistung, jüdischem Vollbringen, jüdischem Ruhm die Rede, so wurde auf
+Heine hingewiesen. Durchaus nicht bloß Juden waren für Heine Feuer und
+Flamme; die Wirkungen und der Einfluß dieses Poeten gingen in die
+breitesten Schichten, über das Künstlerische und Poetische hinaus ins
+Politische und Soziale. Und wie man weiß, gehört er zu den wenigen
+Deutschen, die in Frankreich Ansehen und Bewunderung genossen haben.
+Aufgeklärte und gebildete Menschen lasen Heine, zitierten ihn, beriefen
+sich auf ihn, und der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem
+kleinen studentischen Freund in München, der Dutzende von Heineschen
+Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen Wendungen
+schwelgte, bis zur Kaiserin von Österreich, die diesem ihren Abgott einen
+Tempel bauen ließ. Es war mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den
+charakteristischen Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung,
+einer solchen nämlich, in der das Talent über das Menschentum
+prävaliert. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde
+sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in der zweiten Hälfte
+des achtzehnten der des Genies; der Begriff des Genies umfaßte aber
+damals auch die Menschlichkeit, in allen ihren Äußerungen, selbst den
+unerfreulichen, während der Talentkultus, unter dessen merkwürdigen und
+nicht leicht zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht,
+der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu das
+Schulbeispiel dafür.
+
+Ich befand mich von Anfang an im Verhältnis des Widerstrebens, ja der
+heftigen Abneigung gegen Heine. Seine Lyrik erschien mir, gemessen an
+der von Goethe, Hölderlin oder Mörike, süßlich, spielerisch und roh
+sentimental; seine Prosa erregte meinen Haß durch ihr Bestreben nach
+geistreicher Pointe, durch ihre Mischung von Frivolität und rohester
+Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften fand
+ich zum Teil seicht und von oberflächlicher Brillanz, zum Teil
+unwahrhaftig und eitel. Für das Satirische, das ihre stärkste Qualität
+ausmacht, hatte ich wenig Verständnis, und die sogenannten letzten
+Gedichte, in denen aufrichtige und ergreifende Töne sind, waren mir
+verdächtig durch ein gewisses Sichgefallen im Schmerz.
+
+Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefühl ungerecht. Die
+Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf ließ, hatte wohl ihren Grund
+darin, daß etwas unantastbar, nachahmungswürdig und mustergültig sein
+sollte, was ich für schädlich und zerstörend hielt. Es sind in neuerer
+Zeit so viele Ankläger und Verächter Heines aufgetreten, mit guten und
+schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen und
+unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, daß ich nur mit Überwindung
+und weil dieses Stück Wahrheit eben zur ganzen Wahrheit gehört, mich
+entschlossen habe, das Thema zu behandeln. Daß die blinden Hasser und
+die böswilligen Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, daß Unrecht
+überhaupt geschieht. Verschweigen und Schönfärben macht eine schwache
+Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das Blut ging, war vielleicht
+das Blut. Seine zeitbedingte Erscheinung war im zeitbedingten Sinn
+jüdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von
+Ghettogeist und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus,
+von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer Vorliebe für das
+Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, welch letztere Mischung man
+fälschlich als romantische Ironie bezeichnet hat, während sie ein
+Ergebnis fabelhafter jüdischer Anpassung und dabei tiefer innerer
+Lebens- und Weltunsicherheit ist. Aus dieser Quelle fließt dann auch die
+journalistische Befähigung, wie denn Heine der eigentliche Schöpfer,
+wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des
+Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglücklichen Surrogats von
+Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer Form, Narkotikum für eine
+niedergehende Gesellschaft und Mittel, Verantwortungen zu verschleiern.
+
+Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in voller Naivität
+Deutscher. Er beklagte sein jüdisches Schicksal und sein jüdisches Leid
+und verriet den Juden in sich. Er gab sich als deutscher Patriot,
+deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblüt und Wahl und verriet den
+Deutschen in sich. Auch dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität.
+Er war der Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre
+Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt,
+auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, ohne Himmel und deshalb
+auch ohne Erde. Wenn man mir ihn pries, fühlte ich mich stets verraten;
+wodurch, kann ich kaum erklären, aber mir schien, daß ich am andern Pol
+stand und daß ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einfluß erst besiegen
+mußte, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einfluß beginnen konnte. Allen
+Juden schmeichelte der Name Heinrich Heine; mir schien es hingegen, daß
+sie ihn hätten fürchten sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren
+Weg verführerisch ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur des
+jüdischen Menschen und des jüdischen Deutschen gab. Es wurde mir
+gesagt: Warum hältst du dich an Heine, warum blickst du nicht auf die,
+die deinen Widerstand weniger oder gar nicht herausfordern? Da ist Felix
+Mendelssohn, da ist Börne, da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli,
+da ist Lassalle und Marx, da ist schließlich Spinoza, Menschen von
+großem Zuschnitt, der letzte vom allergrößten, nicht Jude mehr,
+herausgetreten aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, Mensch an
+sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie hinblicken. Lockung
+und Gefahr war auch in ihnen, aber sie ordneten sich williger in die
+Folge der Gesichte und Erlebnisse. Heine schloß zunächst zuviel des
+Gegenwärtigen ein und aus; er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten
+hatte.
+
+Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prägung. Es würde zu
+sehr ins Breite führen, wenn ich sie hier aufzählte und von Cervantes
+bis Turgeniew und Dostojewski, von Dickens, Thackeray, Richardson und
+Balzac bis Keller, Gotthelf, Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern
+wollte; den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und
+Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die gewaltigen
+Herzen, die Anbetung und glühende Hingabe. Ich suchte in ihnen und bei
+ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, die Gestalt, das feurige,
+flüssige Unaussprechliche, das wie ein geistiger Golfstrom die Gestade
+der Seele umschlingt. Nebenbei beschäftigte ich mich viel mit
+geschichtlichen Studien, indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins
+Einzelne ging, teils aus Neigung für das persönlich Schicksalhafte,
+teils aus Hunger nach Stoff und Lebensmaterial, und außerdem mit
+Astronomie, ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen
+Erschütterungen sowohl wie aus Überdruß an der verzweifelten Enge und
+Ausblicklosigkeit meiner Umstände.
+
+
+
+
+11
+
+
+Allmählich wurde ich dem Freund lästig. Ich wußte nichts mit mir
+anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, denn ich hatte
+nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu keiner praktischen Tätigkeit.
+Die dürftigen Hilfsmittel des Freundes waren völlig versiegt, in der Not
+knüpfte er frühere Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten
+wir uns mit deren Bestand noch über Wasser, was das Schlimme mit sich
+brachte, daß wir die Freiheit verloren und wieder in ein fades und
+vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen wurden. Ich war den Leuten
+aus irgendwelchen Gründen unsympathisch, und als ich gelegentlich einer
+Fahrt auf dem Züricher See durch einen Windstoß meinen alten Strohhut
+einbüßte, wurde ich außerdem noch lächerlich. Der Freund, verängstigt
+und feig geworden, gab mich preis, und mir war im Ring der Feinde übel
+zumute. Es wurde beschlossen, daß ich bei einer Zeitungsredaktion
+Anstellung zu suchen hätte. Man schrieb mir Adressen auf und schickte
+mich mit einem geliehenen Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf
+meine Stirn geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden,
+mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, und so kehrte
+ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurück. Da hielten sie Kriegsrat
+und gelangten zu dem Ergebnis, erstens, daß mir ein neuer Hut gekauft
+werden sollte, zweitens, daß durch eine Sammlung das Fahrgeld
+aufzubringen sei, dessen ich zur Reise nach München bedurfte. In München
+lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es waren etwa
+zwanzig Franken, die außer dem Hut zusammenkamen; davon lösten sie am
+Bahnhof das Billett bis Lindau, der Restbetrag wurde mir eingehändigt.
+Der Abschied vom Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne.
+Ich entsinne mich auch, daß ich auf der Fahrt zwischen Zürich und dem
+Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der Verlockung, mich
+nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, nicht widerstehen und nahm
+von dem zur Weiterreise bestimmten Geld. Als ich auf dem Lindauer
+Bahnhof stand, einige Minuten vor Abgang des Münchener Zuges, muß ich
+als mitleidswürdige Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner
+trat zu mir, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, und nachdem ich ihm
+gestanden hatte, daß ich das Geld zur Reise nicht hatte, ließ er mich
+einsteigen und drückte mir während der Fahrt das Billett in die Hand mit
+den Worten, er vertraue meinem ehrlichen Gesicht, daß ich ihm die
+Auslage wiedererstatten werde. Auf das Billett hatte er seine Münchener
+Wohnung geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit
+des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und meiner
+Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung des Vaters; der
+Vater war verreist; ich sah an allem, daß er sich in der ärmlichsten
+Lage befand, trotzdem bat ich die Frau, sie möge mir das Geld für den
+Schaffner geben, es waren vielleicht zehn oder zwölf Mark. Sie weigerte
+sich mit Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet
+außer sich, überschüttete mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen und
+verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, ich langte nach
+einem Küchenmesser und schritt drohend auf sie zu; nun wurde sie auf
+einmal nachgiebig, sei es, daß mein Anblick sie in Furcht versetzte, sei
+es, daß sie meine Verzweiflung instinktiv erfaßte; nach einer Weile
+brachte sie mir ein silbernes Armband, das meiner Mutter gehört hatte
+und sagte, ich möge es versetzen.
+
+Danach war natürlich jede Verbindung mit meinem Vater zerbrochen, und er
+schrieb mir nach seiner Rückkehr nur ein paar Zeilen, die mich durch
+einen ihm sonst nicht eigenen kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm
+war ich nun ein gänzlich mißratener Auswürfling. Dies alles sei
+berichtet, weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich
+unmittelbar an dies Zerwürfnis schloß, nicht gut erklären könnte; denn
+es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit und so
+erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen Großstadt selten
+sind, und die zu ertragen eine nicht gewöhnliche Widerstandskraft
+notwendig war. Ich lebte von Äpfeln, von Käse und von Salat. Den Salat
+fand ich morgens in einer Schüssel vor der Tür meines Mansardenlochs;
+eine Frau, die mir gegenüber wohnte und von meiner hilflosen Lage
+Kenntnis erlangt hatte, übte auf diese zarte Manier Mildtätigkeit. Als
+ich ihr eines Tages dankte, schüttelte sie stumm den Kopf. Ich hätte
+aber selbst so nicht weiterleben können, wenn mir nicht mein Vater hier
+und da einen Brief geschickt hätte, in den er ein paar Marken gelegt
+hatte, die ich veräußerte; er mußte es heimlich und ohne Wissen seiner
+Frau tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, Streber,
+Ordensjäger und Geschichtsforscher #ad usum delphini,# der mich eine
+Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es war dies ein gewissenloser
+Menschenschinder, wie man sie nicht selten unter subalternen Beamten
+trifft; es machte ihm zynisches Vergnügen, aus meiner Bedrängnis Nutzen
+zu ziehen und seine Macht zu mißbrauchen; selbst in gedrückter Stellung,
+war es Lust für ihn, über einen noch Gedrückteren unumschränkter Herr zu
+sein. Wenn ich eine Woche lang seine Exzerpte kopiert und ihm zehn bis
+fünfzehn Bogen abgeliefert hatte, zahlte er mir nach Willkür und Laune
+einen bis anderthalb Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig
+oder dreißig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei ich
+darauf bedacht sein mußte, daß ich mich nicht in einen Kampf mit
+stärkeren Spielern einließ. Daß ich körperlich immer mehr herunterkam,
+bedarf keiner Erwähnung; es stellten sich Magenblutungen ein, und ich
+verordnete mir eine strenge Reiskur, die mich auch wirklich heilte. Im
+Äußeren war ich völlig vernachlässigt, obwohl ich alle Sorge darauf
+richtete, ohne Löcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich
+begab sich etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb
+quälender, halb beglückter Spannung, aus der sich langsam Gestalten,
+Bilder und Vorgänge lösten. Mein tägliches Dasein war ein erregter
+Traum; die Nächte über saß ich bei der Arbeit und schlief nur wenige
+Stunden. Die Einsamkeit, der gänzliche Mangel an Umgang und Aussprache
+bewirkten eine wiederkehrende und schließlich latente, rauschhafte
+Verzückung, die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden
+Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor mich hin
+und erinnere mich, daß ich einmal von zwölf bis drei Uhr nachts im
+Herbstregen durch die Straßen rannte, von Grauen erfüllt, weil ich einen
+Verfolger hinter mir glaubte, einen unversöhnlichen Feind, dessen
+Gesicht und Gestalt mir irgendwie genau bekannt waren.
+
+Dergleichen geschah öfter. Dennoch war ich keineswegs verzweifelt, im
+eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht verbittert oder
+anklägerisch oder menschenhassend. Ich denke nicht, daß ich mich einer
+nachträglichen Verklärung schuldig mache, wenn ich sage, daß die äußeren
+Leiden an mir niederrannen wie Wasser an einer geölten Wand. Ich fühlte
+einen unerschöpflichen Vorrat an Kräften in mir. Was ich äußerlich zu
+erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu stehen, was ich
+innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden Geduld entgegen, sonst
+nichts. Es war nicht eben Zuversicht, die mich stark machte; zur
+Zuversicht gehört bewußtes Selbstvertrauen; das hatte ich nicht, auch
+der Arbeit gegenüber nicht, die mich zwar in Flammen sah, an der ich
+aber die Unreife und Unzulänglichkeit spürte, kaum daß die Flamme
+ausgebrannt war, so daß ich mit einer fast nüchternen Beharrlichkeit
+immer wieder zum Anfang schritt. Es ist natürlich schwer, nach
+Jahrzehnten rückschauend alle Stationen einer Entwicklung wahrheitsgemäß
+zu untersuchen, ohne einem gewünschten Bild zu schmeicheln, doch wie ich
+auch mich und jene Zeit in mir prüfe, zwei Tatsachen bleiben mir
+unverrückbar: erstens, daß ich mitten in einer deutschen Stadt in einem
+Verhältnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, daß
+ich diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die
+Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen
+Hindämmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich wohl für alles, was
+mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, Stimmen, Farbe, Ton, Wort und
+Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas
+erschafft, woran er bloß den Anteil hat, der durch seine Existenz
+gegeben ist, während er sonst Werkzeug bleibt.
+
+
+
+
+12
+
+
+In sozialer Hinsicht mußte ich mich als Geächteter fühlen; ich war es
+auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, neigt, wenn er
+eine gewisse Höhe erlangt hat, gern dazu, seine finsteren Erfahrungen
+mit einem Goldsaum zu umbrämen. Er vergißt die Niedrigkeit um so
+bereitwilliger, als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu
+denken, niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet,
+lügt. Es erfordert im günstigsten Fall eine lange Zeit und lange
+sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz und Unrat gereinigt
+wird, mit dem sie beworfen worden ist, mit dem sie sich bedeckt hat. Es
+ist geradezu eine Erneuerung nötig, und erst, wenn Erneuerung
+stattgefunden hat, wird Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch
+in der Qual ist gar nicht fähig, Erfahrungen zu machen und Resultate zu
+ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch formen. Der
+Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht zuschreibt, entsteht
+daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen keinen Einwand gegen
+dieses freche Luxusdiktat erheben können. Entkommt einer der Gefahr, so
+darf er die Gefahr preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn
+er die rühmt, die für ihn ihre Haut zu Markte tragen.
+
+Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr
+meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu
+werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Die Frage, ob
+Jude oder Deutscher, war zunächst unwichtig geworden gegen die, wie ich
+zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als sei ich im
+Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als Schuld und Odium hing, ich
+für meinen Teil, und als werde das irgendwie augenscheinlich und
+beweisbar werden. Es trat eine Reihe von Zufällen ein, von Frist zu
+Frist, die meiner materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der
+nachtschwarzen Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor
+sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege des Geistes
+freigaben.
+
+Ich wurde Sekretär bei einem sehr geschätzten Schriftsteller, der,
+obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen zu seiner Sache gemacht
+hatte und dadurch allerdings mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt
+geriet, die ihn mehr in bürgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte
+mir seine Romane und Erzählungen, und als ich es nach einiger Zeit
+wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prüfung vorzulegen, zeigte er eine
+Überraschung, an der ich merkte, daß ich nicht taube Nüsse klopfte. Es
+war der erste Mensch, der mich ermunterte, der erste überhaupt, der mich
+als Dichter uneingeschränkt ernst nahm, und das bedeutete für mich
+soviel wie Rettung und Erlösung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte
+für mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwürdigen Gebilde; er scheute
+nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr reizten ihn zu
+bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heißsporn, der er war, begab er
+sich in Fehden; ich wurde unversehens ein Objekt von Für- und
+Widermeinung, was mich eher verzagt als stolz machte.
+
+Aber die Brücken betrat ich, die mir geschlagen waren, und schnell sah
+ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. Das heißt ich nahm für
+Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild der Welt war; sie täuschte
+Freiheit, Weite und Würde vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als
+ich längst keine Illusionen mehr über sie hatte, war doch das, was ich
+hier unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je größer mein Bemühen
+um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter erschien mir
+ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir notwendig, wenn nicht meine
+eigene Existenz eine schattenhafte sein sollte.
+
+Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie heute, bei uns wie
+bei jeder Nation, Repräsentanten aller Stände und Schichten. Es liegt
+nahe, an eine Auslese der Besten und Fähigsten zu glauben; dem ist nicht
+so. Es liegt nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf höherer
+Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfläche und die, eben
+durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch Sein vorbildlich ist.
+Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese vollzogen, es ist keine
+Gemeinschaft entstanden, es ist ein zufälliges In-, Mit- und
+Gegeneinander mehr oder weniger begabter, mehr oder weniger guter, mehr
+oder weniger zielbewußter, ehrgeiziger oder verbitterter oder
+entzündlicher Einzelner. Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste,
+sozial Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer Erde
+sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend,
+ob es nun Proletarier, Bürger oder Aristokraten sind. Sie bauen daher
+nicht auf einem gegebenen Fundament; sie müssen sich das Fundament erst
+errichten, und zwar jeder für sich und auf seine Weise. So vergeuden sie
+von vornherein Blut, Kraft und Geist für etwas, das Voraussetzung und
+Mitgift sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner hat
+die Bindung mit dem Volk, den Rückhalt an ihm, ja, das Volk beargwöhnt
+und verleugnet sie, es ist keine Mitte da, keine Übereinkunft, kein
+Vertrauen vom einen zum andern, nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft,
+und auch wo wahrhaft Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und
+hochmütige Sippe.
+
+Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, sogar
+dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen und die geistige
+Kontinuität bewahren, ist zweierlei. Eifersucht lauert stets unter der
+Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. Die Erfolglosen und die
+Erfolganwärter machen geschlossene Phalanx gegen die, die den mindesten
+Vorsprung haben, und es bedarf schon einer überwältigenden
+Persönlichkeit, um den Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich
+gebärden, niederzuschlagen. Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder
+führt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde Zucht und
+Mangel der Idee, Mangel der Übereinkunft und Mangel der Verantwortung.
+Ich erlebte es, daß frenetische Begeisterung um einen Namen lärmte, der
+sich dann nur in einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um
+Abkühlung und Einschränkung hervorzurufen. Fremdheit hielt stand;
+Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde alles zur
+Politik des Augenblicks mißbraucht.
+
+Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, die man
+atmet, färbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene Illusion. Es
+wurmte mich das kleine Maß, das die Wirklichkeit mich anzulegen zwang.
+Es wurmte mich das Nichtbesserseinkönnen und Nichtbesserwerdenkönnen,
+und es wurmte mich schließlich die Maske, die ich tragen mußte, wenn
+höherer Wille und höhere Rücksicht Dissimulation forderten. Die lernt
+sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch wieder ein
+Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, als mit dem
+Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel Gemüter zu beunruhigen und zu
+verwirren, die nur in Dämmerung und Täuschung noch ein unsicheres Glück
+genießen. Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, wahr zu sein,
+ist eine Aufgabe für sich, die allerdings aus dem Bezirk des
+Literarischen heraus in den der Selbsterziehung und der Liebe tritt.
+Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe muß man lernen.
+
+Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels von Geistigkeit
+und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser Opposition überfiel, die
+Scham über alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch
+ich mich jetzt zählte, in denen ich aber von fern die entrückten
+Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich
+bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader im
+Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale
+Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Werk,
+um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken
+und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit
+sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle
+Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier. Ich machte die
+Bekanntschaft eines jungen französischen Schriftstellers, und mit ihm
+erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genähert, wir hatten
+fruchtbare Gespräche miteinander geführt, und bei einer schicklichen
+Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer
+freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine
+drückende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das
+ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein paar
+Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause
+wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines
+schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an
+bemerkte ich, daß sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er
+hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir
+begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich
+selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist
+war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche wie überraschende
+Weise. Er hatte nämlich zufällig bei dem Antiquar, bei dem ich es
+verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht
+einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden,
+verrohenden Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen
+Beziehung vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner
+Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit
+ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und
+zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein ähnliches unter
+die Hände gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde
+Manier belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen
+Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt,
+verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er
+schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht
+manches, worüber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in
+Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesünder ist, aber eines werden
+Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden,
+was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: wahre
+Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!«
+
+Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis romanischen
+Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her verstehen. Das
+deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis ins Mark; deutsche
+Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blüte
+münden jäh in eine Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich
+abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge,
+so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste
+durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht
+und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben
+nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter,
+konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein
+verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr des
+ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt,
+was die andere preist; Traditionen brechen über Nacht, Bildung
+vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg
+die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.
+
+Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja meiner Natur
+auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen Körpers bemächtige. Ich
+war nun dem umrißlosen Dämmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen,
+meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der
+Relation zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben;
+ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner
+Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration,
+der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut
+her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das
+Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, Gerüst, Baugrund,
+»Stoff« sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder
+ein Übereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück,
+Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches
+Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben:
+Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnuß, ein Ungeheures von
+Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam für die Tatsache
+Gesellschaft, für die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er
+besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar
+erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und Geistern der vor
+ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwürdigkeit und gültige
+Prägung erhalten haben. Dem Engländer liegt eine seit Jahrhunderten
+gebahnte Straße öffentlichen und privaten Lebens vor, unumstößliche
+Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer
+Vergangenheit, die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft,
+mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des
+Geringsten im Volke fast stets gewiß; in Rußland wird Überlieferung und
+fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentümliche Freiheit und
+Urbanität der Führung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr
+selbstverständlich und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges
+Sichabschließen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht
+existieren und nie existiert haben.
+
+Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche
+Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er
+Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus,
+so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen.
+Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert,
+krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein,
+unmaßgeblich und ohne typische Prägung. So ist auch, was sich im
+»Wilhelm Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«,
+Synthese, Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast
+von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten,
+poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. Größe, Charakter,
+Bedeutung können dem deutschen Roman in seiner höchsten Stufung immer
+erst durch den Schöpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß,
+als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman
+ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während der
+englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch für
+die Nation repräsentativ.
+
+Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter
+(den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die
+Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter
+nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac
+Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der
+deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine
+Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so
+spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso
+sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die
+Würde.
+
+Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich
+eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie über die flache
+Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen?
+Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten
+darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich
+brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen
+Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in
+Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, menschliche
+Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, ein umschlingendes Band.
+Statt dessen fand ich mich zurückgeworfen und isoliert unter dreifach
+erschwerenden Umständen: als Literat; als Deutscher ohne
+gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehörigkeit.
+
+
+
+
+13
+
+
+Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden von Zirndorf«
+schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in
+Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu
+betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwärtige, das
+werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten,
+sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir
+die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat.
+
+Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie man einen Traum
+erzählt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt
+hätte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht
+erschrocken, aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es
+entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, dann
+wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier mit einer Katze
+als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll
+winziger Zeilen beständig in der Brusttasche. Die äußere Lage war die
+mißlichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich
+war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst
+nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schluß
+gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer
+Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder
+Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.
+
+Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend
+zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung,
+und sie fühlten sich bestätigt. Ich trat von Anfang an mit offenem
+Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten
+sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als
+Jünger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich nicht im
+Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lästerten; ich
+galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei
+Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik außer der des
+Schweigens töricht und schädlich. Die deutsche Welt verhielt sich
+gleichgültig oder ablehnend bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die
+für die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im
+allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im
+Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den
+Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel.
+
+Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich selbst. Die
+Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden
+erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer?
+wurde zunächst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein
+Künstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen
+lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele haben, aber
+auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein
+erzeugen keinen Körper. Es schien mir von alles überragender
+Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein
+jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf,
+Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre;
+vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwärmerischen in
+Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nächsten Freunde
+mißverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklären, denn über
+dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das
+Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an
+keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes binden und
+verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist außerordentlich
+schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben.
+Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um
+Läuterung und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß,
+Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um
+meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst
+konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt
+aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören;
+ich mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie von
+Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, ich mußte die
+glühendste Überredung, die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere
+sich mit einem »seht her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich
+hatte mich ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich,
+gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu
+wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald den
+Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben
+Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal
+meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. Andere hatten laufenden Kredit.
+Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte
+mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen
+einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein und auf
+erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.
+
+Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und
+begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von
+unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich über seine
+Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem Erreichten zufrieden
+sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung;
+daß man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen,
+hörten, fühlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran
+ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft
+labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte und schuf
+wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins und Gefühls eng
+verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelöst hatte und mit einer
+andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der
+Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger,
+ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden
+unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt würde; dazu das
+brodelnde Gewühl einer noch unerlösten Gestalten- und Bilderwelt in mir
+und nie weichende Sorge um die Existenz.
+
+
+
+
+14
+
+
+Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den »Caspar Hauser«.
+Ich halte mich zunächst an diese beiden Beispiele meiner Produktion,
+weil sie, ohne daß ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern
+will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend
+und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das
+andere nach der des deutschen Problems.
+
+Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein
+Großvater väterlicherseits, der als Seiler und später als Handelsmann in
+Zirndorf lebte, hatte ihn in Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen
+und erzählte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So
+berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten Leute,
+stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich
+von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo Hauser sein seltsames
+Leidensdasein verbracht und geendet, in Nürnberg die Burg, das
+Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den
+Hofgarten mit dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war
+diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an Dingen, das
+noch Währende der Landschaft.
+
+Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als ich lernte,
+Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatürlich
+wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte,
+Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder
+entzog ich mich der Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt,
+was Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen.
+Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, schrieb ich nur wie
+zur Übung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging
+jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der
+einschlägigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den
+Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das
+Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung,
+wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und
+Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger
+Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum
+Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die
+Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und
+wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im
+Licht.
+
+Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis dorthin
+gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die
+erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realität
+unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches
+Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision wurde,
+daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und ich sah mich zu
+langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den
+Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an
+mich; es war etwas Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das
+Zurückhaltung zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu
+unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete ich mit
+ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir
+Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer
+Erzählung kam zutage, daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in
+hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und
+-Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt
+hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen
+hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am sonderbarsten durch den
+tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem
+Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener
+Bruder von ihr, dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu
+reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von
+meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre
+Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das
+leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber
+der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich
+nun plötzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, daß sie auch
+mit Vornamen Clara hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der
+frauenhaften Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der
+kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt.
+
+Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung des Buches
+ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es
+endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den
+Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der
+Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen,
+den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß und
+Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehörigkeit erhärten,
+das Vorurteil der Fremdheit besiegen könne. Aber in dieser Erwartung
+wurde ich getäuscht. Zunächst erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die
+historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen
+Beschimpfungen und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über mich nieder,
+den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lügenfabel von fürstlicher
+Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt und zum Vergnügen eines
+sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß
+Professor Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in
+seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und wo, längst
+die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser ein schwachsinniger
+Betrüger gewesen sei, der die öffentliche Meinung Deutschlands und
+Europas zum Narren gehabt; daß es eine naive Anmaßung und Unwissenheit
+sei, das seit einem halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen
+neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und daß
+ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet wählen
+möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und Ärgernis zu erregen.
+
+Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, daß
+Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, für den ihn Daumer
+und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder
+totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege,
+glaubwürdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden
+einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die
+Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte
+Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darüber,
+was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei
+ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen,
+daß der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte
+Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte
+Schuld.
+
+Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern
+verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die
+Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem
+Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in
+einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und
+ich dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir nicht um
+Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe außer Frage. Es
+war mir auch nicht darum zu tun, daß der oder jener Beifall zollte, die
+Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal
+darum war mir letzten Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu
+erschüttern, Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt
+immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen
+Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur
+Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu verhilft, daß unter tausend zehn zum
+Gefühl des Besseren erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche
+Brust gesenkte Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist wohl
+wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis tötet
+den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und
+mag es nicht genügen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich
+für ihn erklären; wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn
+stoßen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde
+werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und dort unter
+aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als
+zufällig Getroffene, sei es als wählend und sichtend Berührte. Ihm geht
+es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es
+liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle
+der Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre
+Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten
+Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmäßigen, vom
+Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung großen Stils
+unmöglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige
+Übereinkunft fehlt und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu
+Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages,
+überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen
+wird wenig geachtet, und sie müssen sich in esoterischer Tätigkeit
+bescheiden. Je schwächer aber der Anteil eines Volkes an den
+Hervorbringungen seiner Schöpfer ist, je herzensmatter und
+unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je
+unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer
+ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner
+Gesetzmäßigkeit. Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum
+Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger
+Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender
+Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund
+enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer
+getrieben; er muß morgen schmähen, was er gestern bejubelt, das
+erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn
+aus dem falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit
+Staub.
+
+Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte und erobern
+konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich’s mir heilig und
+schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich lesen oder spürte, daß es
+im Sinnen und Meinen lag: der Jude.
+
+
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+15
+
+
+Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare
+Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt
+nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf.
+
+Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade
+der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum
+verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische
+Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der
+bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich
+erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie
+sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der
+Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas
+dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder
+durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug
+ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm
+erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es
+selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit,
+sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich
+vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden.
+Der zuletzt den Stahl führt, ist nur ausübendes Organ; gemordet hat ihn
+jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die
+Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder
+geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der
+Clara von Kannawurf.
+
+Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der
+Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl
+sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch
+der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das
+Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln
+mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist
+und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht
+beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es
+billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste,
+und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom
+Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme
+und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den
+Erweckten.
+
+Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen
+geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich,
+als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben,
+ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir
+die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das
+verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft
+daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer
+Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher
+jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder
+auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des
+Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als
+volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten
+ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden
+wäre, sie sich’s wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie
+manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das
+sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja
+überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in
+romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am
+Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach
+innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was
+die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht
+auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine:
+es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude
+ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb.
+
+Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies
+vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr-
+und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch
+das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten
+Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau
+und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden
+Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem
+auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine
+deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.)
+Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche
+Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer
+ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es
+wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das
+bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu
+brechen.
+
+Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und
+Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes,
+Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil
+verwundet bis zurück ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich
+wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits
+macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den
+Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt
+und gewonnen.
+
+Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich
+gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir
+herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich
+anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich’s, in die
+sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein
+Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben
+vermag.
+
+Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals
+voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der
+übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund
+solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn
+nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den
+Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was
+wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln,
+man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du
+blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare
+Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren
+Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel
+nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller
+Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual.
+
+So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen,
+wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was
+du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt
+froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine
+unerschütterliche Überzeugung ist, daß alles, was du bildest und
+formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann.
+
+Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge,
+so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und
+Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat
+von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem
+Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der
+Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die
+Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von
+geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er
+voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und
+Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die
+Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags
+nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er
+ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie
+soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen
+muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er
+betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich
+sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist;
+es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von
+ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es
+ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei
+Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll,
+keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch
+Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die
+Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager
+der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis
+der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte
+und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung?
+
+Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der
+Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen,
+höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie
+müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder
+überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben
+befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt.
+
+Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht
+einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch
+nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit
+Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat,
+hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch
+nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des
+Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der
+plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an
+die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten
+wird.
+
+Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben
+und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich
+um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt?
+
+
+
+
+16
+
+
+Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum
+zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren,
+die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den
+»Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische
+Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das
+»Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten
+Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie
+keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes
+Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der
+Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in
+sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues,
+wohltuendes Gefühl für mich.
+
+Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher
+Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung,
+sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt
+und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur
+Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein
+intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste,
+genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen
+Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum
+Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben
+entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber
+um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich
+zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das
+Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte,
+wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil,
+mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt
+aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte.
+
+Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges,
+Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies
+mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum
+Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch
+das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis
+zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur
+ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als
+eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage
+hat Interesse nur im Hinblick auf mein persönliches Problem. Manche
+haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte
+Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich
+verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt
+keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur
+Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie
+nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches
+Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut
+erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens.
+
+Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund
+wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen
+in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich
+Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der
+lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe
+Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich
+Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von
+ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte,
+bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen.
+Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht
+zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem
+Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man
+sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es
+immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat,
+denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es
+erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in
+entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis
+hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb
+Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner
+verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei,
+daß er einst für das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war,
+und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu
+wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er
+wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt,
+die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein
+eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch
+an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der
+Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner
+Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so
+peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war.
+
+Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo
+die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in
+Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren
+Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und
+Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen,
+obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem
+Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der
+junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann
+in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen;
+er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als
+Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen
+meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser
+hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze
+Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben.
+Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und
+wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er
+sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien,
+es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen
+derartigen Ausdruck von Haß, philisterhafter Bosheit und beleidigtem
+Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst
+es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich
+getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen
+Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten
+überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht
+gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er
+mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese
+Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.
+
+Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als
+die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr
+Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns
+einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete
+damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns
+zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit
+keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins
+gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht
+gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches,
+immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre
+vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen,
+daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier
+verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der
+Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte,
+aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines
+Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn
+geschrieben.
+
+Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem
+bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich
+freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als
+durch die Trennung der Wege und die Loslösung von gemeinsamen Zielen.
+Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die
+durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf
+ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der
+betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die
+Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht
+gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte
+keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung
+konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu
+bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein,
+als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und
+Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen,
+wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind,
+wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und
+Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges
+darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den
+Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung,
+der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der
+Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut,
+jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit.
+Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des
+äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das
+seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist,
+und worauf ich auch werde zurückkommen müssen.
+
+Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll,
+wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja
+solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische
+Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich
+unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen
+alte Bande, knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts
+zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die
+Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als
+ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen
+Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in
+einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei
+geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft
+preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als
+Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst
+verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin
+er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in
+den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und
+die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis
+davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn
+einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte
+ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam
+kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer.
+
+So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch
+Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die
+befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die
+Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen
+war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten,
+die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude
+ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was
+ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler
+die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und
+Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen
+Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die
+Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht
+mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur
+nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen,
+erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische
+Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld
+an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen
+Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar
+machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des
+Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger
+zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu
+bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide
+ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich
+verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer
+gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr
+um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das
+Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird
+auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt
+mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit;
+Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein
+Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die
+Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel
+vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe
+Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu
+leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da,
+das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in
+den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk
+die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann
+nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn
+mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.
+
+
+
+
+17
+
+
+Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten.
+Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir
+ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er
+lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit
+der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm
+ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent,
+der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er
+doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener,
+Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz
+verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst.
+Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm
+gewiß fühlbar wurde.
+
+Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung
+ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener
+Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem
+Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei
+alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also
+hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich
+mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm
+zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung
+sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine
+Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung
+freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus
+dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und
+Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe
+hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung,
+Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter
+Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der
+Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon
+zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam
+als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging.
+Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu
+entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir’s dann bequem werden
+zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit
+jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem
+»Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie
+Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen«
+gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern
+vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind
+Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben
+will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil,
+seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein
+Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf
+mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich
+damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich
+bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. – Was?
+Was ist umsonst? – Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in
+euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein.
+Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo
+die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist
+doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine
+geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch
+eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich
+war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein
+halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man
+erklärte die Kunst für neutral; heute wird der Mensch geprüft und
+gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift-
+und Krankheitskeime aussäen kann.
+
+Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung
+war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es
+war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch,
+Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu
+widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines,
+ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit
+danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht,
+ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn
+nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der
+geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender,
+fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien
+betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem
+Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will
+es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein
+Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns
+geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß
+deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie
+ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich
+gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel
+bestätigt.
+
+Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich,
+als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich.
+Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge.
+Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin
+nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines
+bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir
+sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich
+räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die
+Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer
+ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt.
+
+Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald.
+
+
+
+
+18
+
+
+Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und
+hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens
+nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den
+Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band
+mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit
+mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer
+erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben,
+dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon
+versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine
+bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende
+verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen
+Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht.
+
+Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen
+vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige
+russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen
+verwunschenen Kreis trat und, wenn ich’s recht bedenke, die erste
+Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu
+verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über
+das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war
+Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine
+junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns
+wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir
+uns wieder.
+
+Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine
+leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf
+Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen,
+williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich
+durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja,
+daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit
+naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch
+die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung
+gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des
+Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende
+Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte
+nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und
+nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt
+sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo
+verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.
+
+Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren.
+Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen
+Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es
+Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die
+Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich
+mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese
+österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch
+erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.
+
+Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und
+Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit
+und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen
+war durchaus alles fragwürdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform,
+Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik
+und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus,
+namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und
+Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu
+letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte
+führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung,
+die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige
+Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das
+öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld
+vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen
+Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem
+System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um
+sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht
+achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das
+Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte
+es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in
+seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt,
+gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie,
+des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen
+Ende lenken konnte.
+
+Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen
+Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich
+nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen
+Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des
+südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden
+Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das
+geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene
+Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden
+und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm
+es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder
+Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei
+Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor,
+unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste
+Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu
+unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich
+verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen.
+Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der
+großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo
+ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen
+meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise,
+nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und
+verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war.
+
+Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich
+zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am
+Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine
+Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes
+Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es
+war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus
+offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte
+mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose
+Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn
+erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten
+gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit
+abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig
+oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und
+überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem
+Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche
+Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose
+Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war
+verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben
+sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht.
+
+Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und
+Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht
+beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen
+vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller,
+ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein
+können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu
+erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die
+Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut.
+Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von
+beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger,
+einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit
+seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte
+wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches
+Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten
+darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich,
+ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine
+Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene
+Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der
+Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier
+konnte ich die Bogen wölben.
+
+Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie
+im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur,
+Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie;
+von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie
+getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr
+hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der
+Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle ist noch nicht
+überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da,
+Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung.
+
+
+
+
+19
+
+
+Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig.
+Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte
+und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von
+andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem
+Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit
+denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren.
+Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst.
+Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das
+Blickfeld beengte.
+
+Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden
+beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur,
+die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der
+Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war
+vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und
+Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht
+nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er
+fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen
+Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es
+nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere,
+Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der
+Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß
+die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher
+Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine
+Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten,
+Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern,
+Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie
+äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu
+sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten
+unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an
+bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier
+wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer
+Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist
+ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und
+Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares
+inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist,
+für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise
+einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut
+unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft
+hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn.
+
+Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum
+Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle
+Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet;
+apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges
+Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit,
+wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu
+bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an
+metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am
+meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von
+Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung
+trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen,
+Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht,
+Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es
+das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze;
+der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war
+untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal,
+zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war
+überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der
+Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich
+wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war.
+Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel
+durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern
+durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist
+doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.
+
+Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend
+hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für
+das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein
+nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft,
+wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr
+kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte
+glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am
+Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten
+Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen
+Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden,
+feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren
+erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als
+Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in
+skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft
+gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits
+literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände
+allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen
+mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den
+Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab
+es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche
+Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und
+finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum
+Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der
+Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter,
+denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und
+unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich
+durchzusetzen.
+
+Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im
+Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf
+eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere
+Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von
+den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die
+unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und
+Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die
+jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen
+Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung
+hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem
+Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war
+gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde,
+daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und
+weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot,
+verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die
+irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein
+schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu
+ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung
+begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie
+sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten,
+den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte.
+Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten,
+und ihre Welt war ein Kerker gewesen.
+
+Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen
+schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz
+anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt
+hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch
+eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von
+mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der
+Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder
+Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und
+als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben
+vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin,
+dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und
+mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen
+wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit,
+sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht
+willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten
+verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht
+bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein
+Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft.
+
+Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache
+gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit.
+Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde,
+Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand
+nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie
+mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung
+fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch
+nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus
+vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches
+Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation
+nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von
+Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als
+Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche
+Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des
+Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten,
+aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die
+jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch
+betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene
+Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den
+Weg.
+
+Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr
+Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren
+schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen,
+schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-,
+schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine
+Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den
+Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so
+geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die
+Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee,
+einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun
+gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen
+oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich,
+geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit
+und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist
+und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die
+Geschäfte eines jeden betreiben.
+
+Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm,
+bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu
+leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder
+zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja
+nur von Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir
+vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich
+keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele
+Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff
+oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt
+zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen
+Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß
+es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere
+einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich
+einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen
+Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern
+Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu
+suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind
+das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei
+Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten,
+da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß
+schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck
+bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als
+einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist?
+
+Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie
+sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als
+Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die
+Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag
+eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir
+sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten.
+
+
+
+
+20
+
+
+Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast
+du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft
+gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen.
+
+Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs
+dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle,
+dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei
+vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe
+Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die
+Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts
+erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr
+versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen
+Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der
+öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren
+Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die
+Karyatiden fast jeden großen Ruhms.
+
+In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine
+recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an
+die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad
+der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt
+wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis
+aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch;
+Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich
+äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich
+verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei
+Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der
+Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei
+Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen
+gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst
+dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich.
+
+Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden
+niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist
+verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden
+kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff
+des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem
+Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern
+Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem
+jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu
+untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder
+Sehnsucht die Furcht bedingt.
+
+In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden,
+verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und
+selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem
+blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu
+Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort,
+jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde
+sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein
+hysterisches Triumphgeschrei an.
+
+Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie
+ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder
+wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor
+kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in
+Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch
+dort sind.
+
+Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von
+gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein
+wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig
+geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und
+Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in
+beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln,
+ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde
+Anglomane, und zwar von strengster Observanz.
+
+Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den
+untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das
+Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich
+bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die
+Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch,
+Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das
+Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das
+Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger
+Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und
+ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie
+bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres
+Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen.
+
+Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der
+edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen
+unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk
+getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel
+stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt
+sozusagen agnoszierten.
+
+Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von
+Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie
+dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen
+Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine
+Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als
+welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit
+gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß
+nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die
+Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr
+später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich,
+wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte
+Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies
+muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und
+blauäugig war.
+
+Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher
+geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so
+wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend
+ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur
+ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen;
+verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine
+sichtbare Wandlung, das Seltenste.
+
+Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei
+ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit
+nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und
+Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine
+mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur
+Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben.
+
+
+
+
+21
+
+
+Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber
+ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher
+Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen,
+Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits
+die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung,
+baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade
+noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.
+
+Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen
+hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur
+dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein
+mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede
+arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen
+ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder
+Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist.
+
+Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber,
+wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die
+durstig daran hängen.
+
+Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und
+Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet.
+Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das
+ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein
+Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt,
+sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche
+überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts.
+In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran
+mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten
+Nachdenkens.
+
+
+
+
+22
+
+
+Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die
+aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung
+ausgeht.
+
+Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht
+oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische
+Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im
+Gefängnis gestorben, seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist
+bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und
+flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und
+ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen
+Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland.
+
+Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum
+bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit
+sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die
+Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand,
+der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich
+entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb
+zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches
+Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem,
+tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an
+ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus
+getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte
+und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt.
+Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine
+Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie
+nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit
+jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der
+Katastrophe.
+
+Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine
+Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu
+machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei
+Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet,
+warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen
+Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum
+Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem.
+Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus
+seinem Wesen gehört hätte. Ich hätte es lieber gehört; es hätte auf
+Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert
+gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten.
+
+Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des
+Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war
+nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern
+er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die
+noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die
+vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über
+diese zum Richter auf.
+
+Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem
+Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt.
+Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um
+sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum
+verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie
+unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er
+bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen
+Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten
+beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und
+Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und
+korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und
+der, den Gott verstoßen hat.
+
+Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht
+davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat
+er ja seine Logik und sein Wissen.
+
+Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen
+ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der
+zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und
+Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die
+These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser
+Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen entzogen? Ist es
+Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb
+oder herostratisches Gelüst?
+
+Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin.
+
+Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine
+dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich selten. Aber die Seltenheit
+mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind
+späneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine
+Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung und
+Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwächerer, der
+Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der
+mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist.
+
+Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die
+Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; die
+geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen
+und die Gottsucher; die am Wort hängen und ans Wort glauben; die
+dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher;
+die Piraten des öffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur;
+alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen – Legionen. Es
+fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus
+miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne
+Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen – Legionen. Sie alle waren
+vielleicht einmal ein Ausdruck der Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine
+lebendige Phrase.
+
+Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung.
+Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das Bild, entfleischt die
+Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht
+nicht mehr die Gestalt und löst sich los von Sein und Werden.
+
+Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt,
+wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzündeten
+Zelle, die sich weiter frißt und endlich als Krebsgeschwür den Körper
+zerstört. Sie bläht sich und bläht sich und frißt und frißt und
+verfinstert die Erde und den Luftraum.
+
+
+
+
+23
+
+
+Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die
+Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur
+gegenwärtigen Stunde Deutschland ist.
+
+Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war
+und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht
+überraschend für mich.
+
+Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein
+wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben.
+
+Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da
+aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf
+die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig
+anbiß.
+
+Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen
+verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen
+in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in
+einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die
+deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven
+Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort
+war die Zentralhexenküche.
+
+Es ist nicht meines Amtes.
+
+Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im
+juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.
+
+Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen
+Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem
+Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der
+vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht
+wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in
+Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer.
+
+Juden sind die Jakobiner der Epoche.
+
+Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden
+werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung
+beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich
+in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun
+eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in
+die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom
+Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So
+müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der
+Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne
+gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und
+ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte
+Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären.
+Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt
+haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat,
+man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt.
+
+Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer und Hüter
+der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes.
+
+Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht
+abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der Haß lodert weiter. Er
+macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht
+nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel.
+
+Es ist der deutsche Haß.
+
+Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit
+ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein.
+Man weiß von ihnen, daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man
+weiß, daß sie ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als
+eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?
+
+Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß.
+
+Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. Immer, wenn
+es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in
+jeder heiklen Situation machen sie die Juden für ihre Verlegenheit
+verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der
+Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die
+Kurfürsten und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge
+mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher
+funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.
+
+Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich eine
+Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher
+Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem
+Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen
+Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei
+Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der
+Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, ich weiß
+aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel
+widereinander, und es war mir zumute, als müßten die in beiden Spiegeln
+enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen.
+
+Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig
+Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches.
+
+Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man
+darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Güte.
+Ein wesentlicher Defekt muß da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so
+gewohnheitsmäßig, so skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen
+Auseinandersetzung zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem
+Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, in
+Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Völker zu
+marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen Hader sät, solch
+berghohen Haß häuft.
+
+Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.
+
+Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein.
+Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung und Mittelpunktslosigkeit.
+Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg über alle Feinde und auf
+Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott
+erfunden, der, wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen
+patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen,
+Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der
+Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. Unvereinbare Gegensätze
+individueller Wesenszüge: praktische Regsamkeit und Träumerei; Gabe der
+Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb,
+Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu
+dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben
+ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris führt, zu Hoffart und
+unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schließlich das Dogma der
+Auserwähltheit.
+
+Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen blutende,
+eiternde Wunden. Im schwächeren Körper unheilbare Wunden.
+
+Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere
+reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern
+Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende
+Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure
+asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und
+das arische Prinzip von der Erde vertilgen.
+
+Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und wer dann jene
+Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre auch nicht gedient, wenn
+ich mit Engelszungen redete.
+
+Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig. Die
+Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges,
+knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche sittlicher Entrüstung, die
+die Engländer vorbrachten, über sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen
+aber irgendein Engländer zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so
+begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk
+gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich
+ist.
+
+Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im
+Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Söhne hatte, einen elf-,
+einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. Einmal ließ er sich mit ihnen
+in ein Gespräch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der
+Elfjährige sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein Millionär.
+Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der
+finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich überhörte,
+sagte endlich zu dem Bedränger: Erde will ich werden wie du.
+
+Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken
+zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, daß die Deutschen
+stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden,
+nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwände und
+Verschleierungen sein mögen.
+
+Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum
+wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane
+Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den
+Nachweis schließlich, den ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß
+Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir
+gefallen, damit kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel
+betören. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet.
+Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich
+da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art
+in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen
+freilich, das in die Zukunft deutet.
+
+
+
+
+24
+
+
+Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung wird die
+Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf.
+
+Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner
+Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan
+glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage.
+
+Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke
+geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es
+rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte.
+
+Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu
+werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul.
+
+Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen
+nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört.
+
+Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling,
+er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu.
+
+Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie
+sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit?
+
+Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es
+als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles.
+
+Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu
+streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben.
+
+Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.
+
+Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen:
+er ist ein Jude.
+
+In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte ich die
+wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in
+der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde
+ihres Anblicks nicht müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen
+sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter
+Gemordete, irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige Leiden
+Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und drängten sich in
+meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wußte, trieb mich die
+Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die
+Lebendigen bei ihnen an.
+
+So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten
+Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz
+und gar unerträglich.
+
+
+
+
+25
+
+
+Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung und
+Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu
+wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiefe; was auf der
+Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks.
+Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen
+die Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich
+kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame;
+Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte,
+Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und
+gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken;
+Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und auf die ich dennoch
+zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen
+ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und
+Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die
+unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer
+Werke spüre.
+
+Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich
+rechne, und zu denen ich mich stelle.
+
+Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und
+selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner
+Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge
+zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so
+faßt er doch nicht die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert
+meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich
+haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und
+Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich
+darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner
+Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir zuschreiben muß. Er meint, daß
+die Wut der Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die
+Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er übersieht aber
+die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren
+Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als
+Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu
+beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm,
+sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für
+die Deutschen als für die Juden leide.
+
+Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn
+auch am vergeblichsten?
+
+Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung,
+dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun?
+
+Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe,
+und ich schäme mich für ihn.
+
+Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der
+Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die
+Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon
+mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem
+Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand.
+
+Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch,
+der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein
+gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm:
+das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die
+Peitsche aus der Hand.
+
+Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre
+viel. Es wäre genug.
+
+
+
+
+26
+
+
+Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu
+beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet jeder
+Bemühung.
+
+Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt
+auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum verbietet sich dem, der
+sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem
+Ergebnis nur für die, die zur Anpassung geeignet sind, also für die
+schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.
+
+Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, Beklommenheit und
+Unfreude, zu schleppen nur für jene, die es auf pure Existenz und deren
+äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, unfaßlich für die Erleuchteten
+oder Seelenhaften, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser
+Einsamkeit und aussichtslosem Kampf –?
+
+Es ist besser, nicht daran zu denken.
+
+Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine
+Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder
+Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. Vielleicht hat
+er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als
+einen von ihnen betrachten.
+
+Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, in einem
+Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht
+umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr
+und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich
+spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene
+Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen
+beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahnenhafter und
+wahlhafter, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang
+ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb,
+weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen
+aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil
+beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen,
+zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung.
+Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja
+ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da
+ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es
+mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt.
+
+In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die
+Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst
+auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise die Verlorenen
+heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner und Ergreifer wird
+miterhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich, daß im Abstand von den
+niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts
+ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne
+finden.
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman. Dreiundzwanzigste Auflage.
+
+Der Moloch
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.
+
+Alexander in Babylon
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen. Sechste Auflage.
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman. Fünfzehnte Auflage.
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.
+
+Faustina
+Ein Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage.
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen.
+
+Der Mann von vierzig Jahren
+Roman. Vierzehnte Auflage.
+
+Das Gänsemännchen
+Roman. Sechsundsechzigste Auflage.
+
+Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+Mit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen
+Vierte Auflage.
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage.
+
+Der niegeküßte Mund
+Erzählungen. Dreiundsechzigste Auflage.
+
+Der Wendekreis
+Novellen. Neunzehnte Auflage.
+
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+ (Westermanns Monatshefte)
+
+
+Das Gänsemännchen
+
+In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« sein
+Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, voll
+unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt,
+Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und strahlende
+Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer
+Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und
+Krausheit des Bildwerkes.
+ (Der Tag, Berlin)
+
+
+Christian Wahnschaffe
+
+Dies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im
+Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt
+des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere
+Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und zu deuten
+versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt
+unerschöpflich auf und verebbt. – Es sind zeitlose Sätze darin von
+tiefer und langer Gültigkeit.
+ (B.Z. am Mittag, Berlin)
+
+
+Der Wendekreis
+
+Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der
+unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und
+eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen
+Novellenbuches. Ein #Theatrum mundi# tut sich in den sechs Novellen auf,
+so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne
+sich offenbart.
+ (Leipziger Tageblatt)
+
+
+Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltung
+p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes
+
+Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:
+
+p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
+p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?)
+
+Das Originalbuch war in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fettdruck: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists
+all corrections applied to the original text.
+
+p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung
+p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes
+
+The following peculiar spellings have been kept:
+
+p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
+p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Boldface: =bold face text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
+
+***** This file should be named 17413-0.txt or 17413-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/4/1/17413/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+++ b/17413-8.txt
@@ -0,0 +1,4394 @@
+Project Gutenberg's Mein Weg als Deutscher und Jude, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Mein Weg als Deutscher und Jude
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
+
+
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Mein Weg
+ als Deutscher und Jude
+
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ #..... vis animae conturbatur et divisa
+ seorsum disiectatur, eodem illo distracta
+ veneno.
+ Lucrez, III. 498.#
+
+
+
+ 1921
+
+ S. Fischer Verlag Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfzehnte Auflage
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+ Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+ =Ferruccio Busoni=
+
+ dem Freund dem Künstler
+ gewidmet
+
+
+
+Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und
+Figuren zu bewegen, will ich mir -- gedrängt von innerer Not und Not der
+Zeit -- Rechenschaft ablegen über den problematischesten Teil meines
+Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft,
+nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe,
+die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen,
+Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.
+
+Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder
+Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig
+von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.
+
+Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn nichts mehr gelten,
+was mir schon einmal als bewiesen gegolten hat. Auf Beweis und
+Verteidigung verzichte ich somit überhaupt, auf Anklage und jede Art
+konstruktiver Beredsamkeit. Ich stütze mich auf das Erlebnis.
+
+Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über das Wesen jener
+Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und Sein zieht und mir mit den
+Jahren immer schmerzlicher fühlbar und bewußt worden ist. Der unreife
+Mensch ist gewissen Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife.
+Dieser, sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, was im
+Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach der Besessenheit, in
+der das Ich den Zauber des Unbedingten hat, und Welt und Menschheit
+kraft einer angenehmen und halbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen
+Willen in den Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In
+dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und Zweck zu sein,
+bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement wird, gleichsam
+Schatten eines Körpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem
+Maße wächst die Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und
+unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was
+man Realität und Erfahrung nennt.
+
+Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch bei der
+genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite des Schicksals ab, wieviel
+unvergeß- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterläßt.
+
+
+
+
+1
+
+
+Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend
+protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine
+zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das
+Verhältnis der Zahl der Juden zur übrigen Bevölkerung war etwa 1:12.
+
+Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten Judengemeinden
+Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jüdische
+Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blüte trat wahrscheinlich
+erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem
+benachbarten Nürnberg vertrieben wurden. Später wendete sich auch vom
+Rhein her ein Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach
+Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits,
+die im Maintal in der Nähe von Würzburg seit Jahrhunderten dorfansässig
+waren, so wie die von väterlicher Seite in Fürth, Roth am Sand,
+Schwabach, Bamberg und Zirndorf.
+
+Beziehung zu Boden, Klima und Volk muß also den Generationen, die durch
+dreißig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein
+übergegangen sein, obgleich sie diesen Einflüssen entgegenstrebten und
+als Fremdkörper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende
+Beschränkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit und
+der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten
+Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und
+edler Anlage, verblutete an ihnen. Daß finsterer Sektengeist,
+Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten,
+versteht sich am Rande.
+
+Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg,
+war für die deutschen Juden der bürgerliche Tag längst angebrochen. Im
+Parlament kämpfte die liberale Partei bereits für die Zulassung der
+Juden zu den Staatsämtern, eine Anmaßung, die auch bei den
+aufgeklärtesten Deutschen Entrüstung hervorrief. »Ich liebe die Juden,
+aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen«, schrieb zum
+Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.
+
+Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner Jugend nichts mehr.
+Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich
+gewöhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begünstigte die Duldsamkeit. Ich
+erinnere mich, daß mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger
+Genugtuung sagte: »Wir leben im Zeitalter der Toleranz!« Das Wort
+Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es flößte mir Respekt
+ein, und ich beargwöhnte es, ohne daß ich seine Bedeutung begriff.
+
+In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus
+vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und öffentlich.
+Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und für die
+fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich zählte, gab es eine
+jüdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich
+vor dem verführerischen und mächtigen modernen Wesen mehr und mehr ins
+Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen;
+diese wurde Sage, schließlich nur Wort und leere Hülse.
+
+Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten
+seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu
+erwerben. Er hatte in Geschäften eine unglückliche Hand. Er war ein
+wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit
+der Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen und großen
+Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung
+war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzüglertum der
+Märzrevolution, das seine verwässerten Tendenzen ins neue Reich getragen
+hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen
+Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle,
+von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch,
+daß er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch
+in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er
+liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner
+Reisen hatte er in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an
+der Gästetafel gespeist; er erzählte oft mit Stolz davon, und in
+späteren Jahren, als meine Kämpfe um den Schriftstellerberuf ihn
+erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen
+zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: »Was bildest du dir ein?
+Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!«
+
+Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit
+geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt hatte, aber mit großen
+Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann
+Versicherungsagent, eine Tätigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung
+ihn mit den Seinen kaum über Wasser hielt und ihn außerdem mit dem
+Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang
+schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den Sechsundfünfzigjährigen
+für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine beständige
+stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: »Es waren die
+ersten Ferien meines Lebens!« Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht
+Tage nachher.
+
+Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit,
+von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft
+erzählt, daß Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf
+ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir
+auch erzählt, daß ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein
+Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in
+denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit.
+Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod
+hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte.
+
+Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr
+verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, daß sie ihrer Zeit
+nicht gemäß waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als
+geistiger Spätling, die Mutter im Gemüt davon verdunkelt und beschwert.
+Bei der Mutter äußerte es sich naturhaft und führte eine tragische
+Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von
+einem grundlosen, alle Sachverhalte verhängnisvoll verschleiernden
+Optimismus begleitet, der ihm Enttäuschung über Enttäuschung brachte und
+seinen Mut und seine Kraft zerstörte.
+
+
+
+
+2
+
+
+Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und
+ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dünkt, nicht besonders nahe,
+da ich herausfühlte, daß sie weniger die Person als die Gemeinschaft
+trafen. Ein höhnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick,
+abschätzige Miene, gewisse wiederkehrende Verächtlichkeit, das war
+alltäglich. Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der
+Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt
+wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb.
+Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als
+Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase
+und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber
+der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie
+primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und
+was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt,
+schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß,
+den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten
+Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die
+wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die
+Gehässigsten waren darin die Stumpfesten.
+
+Das zunächst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fühlte
+ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin
+und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos
+gelehrt. Sein böses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt
+bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen
+oder liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer gehört, die meisten sind
+kalte Eiferer und halb lächerliche Figuren. Dieser, wie alle, bläute
+Formeln ein, antiquierte hebräische Gebete, die ohne eigentliche
+Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, Abseitiges,
+Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektüre
+des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom
+Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im
+Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja
+unmenschlich und war durch keine höhere Anschauung geläutert. Vom Neuen
+Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie Lichtschein durch eine
+verschlossene Tür, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen.
+Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich
+in ein privates, sozusagen psychologisches Verhältnis zu ihnen treten
+konnte, ein Prozeß, der sie individualisierte, im Sinne der Aufklärung
+geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in
+jedem Falle von der Religion ablöste.
+
+Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war lediglich
+Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle Übung eingefleischter
+Gebräuche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde
+hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener Häuser im
+quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen Städten
+eines findet, und deren parvenühafte Prächtigkeit über die fehlende
+Gemütsmacht des religiösen Kultus nicht hinwegtäuschen kann. Mir war da
+alles hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch großer Worte,
+unbegründete Lamentation, unbegründet, weil im Widerspruch mit
+sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; Überhebung,
+Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen
+Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.
+
+Die Konservativen und Altgläubigen hielten ihren Dienst in den
+sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshäusern, oft nur Stuben in einer
+entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch Köpfe und Gestalten, wie sie
+Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und
+glühend im Gedächtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen
+wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die
+lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und
+Entbehrung, die ehrwürdigen Gebräuche wurden in entschlossener Hingabe
+buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener,
+wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost
+oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber
+Überzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.
+
+In eine solche Schule mußte ich nach dem Tode meiner Mutter, als
+neunjähriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit
+Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr
+hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch
+zu sagen. Zehn männliche Personen über dreizehn Jahren mußten zu dem
+Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die
+Übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei
+Schnee und Kälte, im Sommer um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu
+üben, die aufgenötigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht
+begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, sie dem
+Geist zu verklären und so die Gefahr zu bannen, daß durch die Befolgung
+eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur
+vorübergehend, getrübt wurde. Dazu kam, daß im väterlichen Hause,
+besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religiösen
+Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse äußerliche
+Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und
+Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus Trieb und Zugehörigkeit.
+Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest
+seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch
+geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem
+Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der
+Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz
+abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von
+Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau
+betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit,
+Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits
+hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand
+stützte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese
+Frage wurde immer unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie
+beantworten.
+
+Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen und
+bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwärts stieß ich auf
+Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener
+Weg. Wenn ich sagte, daß ich von Pferch und Helotentum nichts spürte,
+so bezieht sich das natürlich nur auf die rechtliche Konstruktion des
+Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich
+das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden
+Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich höherer
+Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verhält und
+wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erwächst ihm die Erkenntnis seiner
+Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer
+Erfüllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.
+
+
+
+
+3
+
+
+Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner
+alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als
+auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen Synagoge.
+Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, nichtssagend
+in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner.
+
+Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu
+fassen versuchten, einsames Denken und später Gespräche mit einem
+Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter,
+ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das
+Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Maß, wie diese Idee sich als
+unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelmäßigkeit, sei es durch
+ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen
+und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch gemäßer war, dieser Zeit
+heilloser Verflachung und Verdünnung, die mit verstandener wie mit
+mißverstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze
+Gedankensphäre durch Bildung verfälschte.
+
+Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein Lehrer. Ich
+verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und
+Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich
+hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung
+zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die
+Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die
+Phantasie gerät in überschwellende Bewegung, und das Gemüt verliert den
+Mittelpunkt. Wäre ich nicht als fragender Mensch in sehr frühen Jahren
+nachhaltig eingeschüchtert worden, so hätte ich Brücken und Übergänge
+finden können. Konventionen wären wichtig gewesen, leichte und
+respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden,
+den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des
+Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder,
+denn der Umstand, daß die unablässige Plage ihm, ihm allein, wie er
+wähnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte ihn mit Scham, und er sah immer
+aus wie vom bösen Gewissen gequält. Es war uns geradezu verboten zu
+fragen, und Übertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs
+inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, daß ich in
+krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an
+Dingfurcht, an Traumfurcht, daß in allem, was mich umgab, eine dunkle
+Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verhängnis
+zugekehrt, stets darin bestärkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast
+bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand
+ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke Spinozas in
+zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung auf mich ausübten. Als ich
+eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit
+sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese Bücher lese, werde wahnsinnig.
+Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Gedächtnis den Klang und
+Sinn dieser Worte. So ähnlich war es auch mit allem Frohen,
+Spielmäßigen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es
+wurde abgedrängt, verdächtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein.
+
+Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die
+mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewöhnlich vor der Herdstelle
+und erzählte uns Geschichten. Ich entsinne mich, daß sie einmal, als ich
+ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte:
+»Aus dir könnt' ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!«
+Ich entsinne mich auch, daß mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens,
+weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit
+Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien wurde, zweitens, weil der
+Begriff Christ damals noch ein unheimlicher für mich war, halb
+atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente.
+
+In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des
+Gekreuzigten, an Kirchhöfen und christlichen Priestern. Uneingestandenen
+Anziehungen strebten ungewußte Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das
+erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der
+Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und
+signalgebend in Redensarten wie im täglichen Geschehen. Von der andern
+Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein Achselzucken, ein
+geringschätziges Lächeln, abwartende Geste und Haltung sogar, um
+Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares zu mahnen.
+
+Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht ergründen. Auch
+als ich später das Wesentliche daran erfaßte, wies ich es für meine
+Person fürs erste zurück. In der Kindheit waren ich und meine
+Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker-
+und Kleinbürgerwelt, daß wir dort unsere Gespielen hatten, unsere
+Gönner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der
+Goldschläger, der Schreiner, der Schuster, der Bäcker gingen wir aus und
+ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden
+mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und
+sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte.
+
+Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht
+Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht,
+als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der
+aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich
+entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer
+gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.
+
+Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden
+Jahren der Riß immer klaffender wurde zwischen meiner ungestümen
+Forderung und ihrer Gewährung, so hätte ich mich verlieren, schließlich
+mich selbst aufgeben müssen, wenn nicht zwei Phänomene rettend in mein
+Leben getreten wären: die Landschaft und das Wort.
+
+
+
+
+4
+
+
+Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des
+Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hämmergestampfes, der
+Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des
+Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und
+Lieblosigkeit im väterlichen Haus.
+
+Im Umkreis dürre Sandebene, schmutzige Fabrikwässer, der trübe, träge
+Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere Wälder, triste Dörfer, häßliche
+Steinbrüche, Staub, Lehm, Ginster.
+
+Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer Geschichte. Mit
+uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, Brücken, Brunnen und Mauern, für
+mich dennoch nie Kulisse oder Gepränge, oder leerer, romantischer
+Schauplatz, sondern durch vielfache Beziehung in das persönliche
+Schicksal verflochten, in der Kindheit schon und später gewichtiger
+noch.
+
+Wenige Bahnfahrtstunden nach Süden: das hügelige Franken, Tal der
+Altmühl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach alle Ferien bei der
+Schwester meiner Mutter verbringen durfte, alle Sommerwochen des Jahres,
+oft auch herbst- und winterliche. Die Landschaft von zarter
+Linienführung, mit Wäldern, die gehegtes inneres Bild nicht so
+beschämten wie jene anderen; Blumengärten, Obstgärten, Weiher,
+verlassene Schlösser, umsponnene Ruinen, dörfliche Kirmessen, einfache
+Menschen. Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und Pflanze;
+Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; und so der Bauer,
+der Händler, der Wirt, der Landstreicher, der Jäger, der Förster, der
+Amtmann, der Türmer, der Soldat. Hier sah ich sie in reinen
+Verhältnissen zu ihrer Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich
+ausstieß. Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch
+Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaßen in zwei
+abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im lichteren zu vergessen, was
+mich der finstere hatte erfahren lassen. Dort sozial angeschmiedet,
+sozial erinnert, an die Kaste gepreßt, Parteiung erkennend, Unbill
+wissend, im Häßlichen verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes,
+krampfig, scheu, isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur
+gegeben, in freundlicher Nähe zu ihr, durch ihren Einfluß, wenn auch
+immer nur vorübergehend, losgesprochen von nicht abzuwälzender Schuld
+und Anklagebürde, die sonst lähmend, ja zermalmend hätte wirken müssen.
+
+Über diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann die innere
+Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor der Geburt mit in die
+Welt bringt, die das Wesen und die Farbe des Traumes bestimmt, des
+Traumes in der weitesten Bedeutung, wie überhaupt die heimlichen und
+unbewußten Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche
+Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und Gebirge, Höhle,
+Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der unreifen Sehnsucht, der Aus-
+und Zuflucht alles Ungenügens an der Gegenwart ist unter der inneren
+Landschaft zu verstehen, vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens
+selbst, der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein
+wirkliches Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten
+Wirklichkeit sich abspielende vielleicht bloß Spiegelung ist.
+
+In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne zu flunkern oder
+zu dichten, ist fast unmöglich. Es handelt sich um Gefühlsintensitäten
+und um Bilder von unfaßbarer Flüchtigkeit. Beinahe alles zu Äußernde muß
+sich auf ein »ich glaube« beschränken. Man tastet hin, man ahnt zurück;
+jede Erinnerung ist ja ein Stück Konstruktion. Es scheint mir
+zweifellos, daß alle innere Landschaft atavistische Bestandteile
+enthält, und ebenso zweifellos dünkt mich, daß sie bei den meisten
+Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der Pubertät und dem
+Eintritt in das sogenannte praktische Leben verwelkt, verdorrt,
+schließlich abstirbt und untergeht.
+
+Ich war sehr naiv in meiner Abhängigkeit von Traum und Vision. Vision
+darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte Zustände, unwahrnehmbare
+Dinge und Figuren in Greifbarkeit zeigten. Im Alter zwischen zehn und
+zwanzig Jahren lebte ich in beständigem Rausch, in einer Fernheit oft,
+die den Mitmirgehenden und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose
+Hülle ließ. Es ist mir später berichtet worden, daß man mich anschreien
+mußte, um mich als Wachenden zu wecken. Ich hatte Anfälle von
+Verzückung, von wilder, stiller Verlorenheit, und in der Regel war die
+Abtrennung so gewaltsam und jäh, daß die Verbindungen rissen, und daß
+ich wie gespalten blieb, auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen
+war. In beiden Sphären lebte ich mit geschärfter Aufmerksamkeit, wie
+überhaupt Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber es waren
+keine Brücken da; ich konnte hier völlig nüchtern, dort völlig außer
+mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte dabei alle Mitteilung, alle
+Botschaft. Das erhielt mich in einer außerordentlichen, mich quälenden
+und erregenden, für die Menschen um mich meist unverständlichen
+Spannung. Staunen und Verzweiflung waren die Gemütsbewegungen, die mich
+vornehmlich beherrschten; Staunen über Gesehenes, Geschautes,
+Empfundenes; Verzweiflung darüber, daß es nicht mitteilbar war.
+Vermutlich war meine Verfassung die: ich wußte, daß Unerhörtes oder
+Merkwürdiges mit mir, an mir, in mir geschah, war aber durchaus nicht
+imstande, mir oder anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war
+gewissermaßen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat,
+was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. Noch heute wüßte
+ich nicht im geringsten zu sagen, worin eigentlich dies Verborgene,
+verborgen Flammende, geheimnisvoll Jenseitige bestanden hat; ich muß es
+für ewig unerforschbar halten, trotzdem es mir lockend erscheint,
+einiges davon zu ergründen; es müßte dann auch zu ergründen sein, was zu
+den Ahnen gehört und was zur Erde, was vom Blute kam und was vom Auge,
+und aus welcher Tiefe das Individuum in den ihm gewiesenen Kreis
+emporwächst.
+
+Mit der Darstellung dieser Kämpfe und Exaltationen ist ein Verhältnis
+zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung aus der Not und
+Notwendigkeit heraus zu erklären. Und wie sehr das Wort Surrogat und
+Behelf ist, erweist sich in meinem Fall nicht minder offensichtlich, da
+doch das Ding und Sein, worauf es sich bezog, unbekannt geworden und
+hinter nicht zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, daß alle Schöpfung
+von Bild und Form auf einen solchen Prozeß zurückzuführen ist. Ich
+glaube, daß alle Produktion im Grunde der Versuch einer Reproduktion
+ist, Annäherung an Geschautes, Gehörtes, Gefühltes, das durch einen
+jenseitigen Trakt des Bewußtseins gegangen ist und in Stücken, Trümmern
+und Fragmenten ausgegraben werden muß. Ich wenigstens habe mein
+Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das
+sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene
+schmerzliche Bemühen eines manischen Schatzgräbers.
+
+Doch: Kunde zu geben, davon hing für mich alles ab, schon im frühesten
+Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich stumm, geblendet und
+mit Vergessen geschlagen in die niedrige Wirklichkeit verstießen, wollte
+ich doch Kunde geben, denn trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum
+Rande von ihnen gefüllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren
+geriet ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit
+überwindend, in zusammenhangloses Erzählen, das von Angehörigen, von
+Hausgenossen und Mitschülern als halb gefährliches, halb lächerliches
+Lügenwesen aufgenommen und dem mit Zurechtweisung, Spott und Züchtigung
+begegnet wurde. An Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim
+Linsenlesen, und es kam vor, daß ich dabei plötzlich zu phantasieren
+anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und Abenteuer
+dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose Nachbarn als Zeugen
+sonderbarer Begegnungen anführte, mir selbst die höchsten Ehren,
+höchsten Ruhm prophezeite. Die Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend,
+schaute mich ängstlich verwundert an, ein Blick, der mich noch trotziger
+in das unsinnig Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite
+und beschwor mich mit Tränen, daß ich nicht der Schlechtigkeit verfallen
+möge.
+
+Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine Not zum
+Erzähler von Geschichten mit handelnden Figuren und geschlossener Fabel
+wurde, muß ich festhalten, weil es weit über den kindlichen Bezirk
+hinaus auf meinen Weg, auf meine Wurzeln wies.
+
+Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht
+wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen
+von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor
+dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah
+die Brotlaibe mit Zeichen, so daß sie erkennen konnte, wenn einer von
+uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, daß
+das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich hatte sie Mühe, mit dem ihr
+zugeteilten Gelde zu wirtschaften, so wie mein Vater Mühe hatte, es
+aufzubringen; desungeachtet glaube ich, daß die Kinder von Bettlern es
+in dieser Hinsicht besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner
+Mutter, ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, erfuhr,
+wie übel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten in der Stadt
+eine gewisse Summe für die Bestreitung dringender Auslagen, und ich als
+Ältester erhielt wöchentlich eine Mark mit der Erlaubnis, dafür Eßwaren
+für mich und meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe
+in meinen Augen, und da es zu gefährlich war, das Geld bei mir zu
+tragen, war ich bemüht, ein Versteck ausfindig zu machen. Mein Bruder
+nun, der um fünf Jahre jünger war als ich, also ungefähr sechs, hatte
+keinen andern Gedanken, als dieses Versteck zu erspähen, denn er war
+unzufrieden mit der Verteilung, mißtraute mir, verlangte bei jedem Anlaß
+mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, daß ich ihm zeige,
+wieviel ich besaß. War der Zank einmal im Gang, so artete er gewöhnlich
+bis zu Drohungen aus, und ich mußte täglich gewärtig sein, daß der
+gierige Rebell mich bei der Stiefmutter denunzierte, eine Verräterei,
+deren Folgen ich mehr als alles fürchtete. Insofern war mein Bruder im
+Recht, als ich nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag für Brot, Obst,
+Wurst und Käse ausgab, sondern mir außerdem noch billige Bücher
+anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein Bruder und ich
+schliefen in einer Art Verschlag in demselben Bett, und in meiner
+Bedrängnis verfiel ich nun auf den Ausweg, ihm vor dem Einschlafen
+Geschichten zu erzählen. Wider Erwarten fand ich an ihm den
+aufmerksamsten Zuhörer, und ich nützte den Vorteil aus, indem ich jeden
+Abend meine Geschichte an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er
+sich dann während des folgenden Tages ungebärdig, so hatte ich
+meinerseits eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklärte einfach, daß
+ich die Geschichte nicht weitererzählen würde. Je verwickelter,
+spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit war, je
+erpichter war er natürlich, die jedesmalige Fortsetzung zu hören, und
+ebenso natürlich mußte ich, um ihn im Zaum zu halten und nach meinem
+Willen lenken zu können, alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe
+rufen. Es war keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen
+Forderer, und ich durfte nicht langweilig und nicht flüchtig werden. So
+erzählte ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, im
+Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide müde waren, und bis ich im
+Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der Situation gelangt war, von der
+ich selbst noch nicht wußte, wie sie zu lösen sei, die aber den
+atemlosen Lauscher wieder für vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt
+gab.
+
+Ich sagte, daß mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln wies. Auf den
+Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, daß ein Mensch zu binden
+ist, zu »fesseln«, wie der verbrauchte Tropus lautet, indem man sich
+seiner Einbildungskraft bemächtigt, daß man ihn sogar vom Schlechten
+abbringen kann, wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine
+Wirklichkeit vortäuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen
+richtet; daß man Freude, Furcht, Überraschung, Rührung, Lächeln und
+Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um so stärker, je freier das
+Spiel, je absichtsloser und je mehr vom Zweck befreit die Täuschung ist.
+Der beständige Augenschein aller Wirkung hielt mich selbst in Atem,
+weckte meinen Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur
+Vervollkommnung meiner Mittel.
+
+Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer Trieb im
+Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins Kleinbürgerliche
+übertragen; schlummernder Keim, befruchtet durch Zufall und Gefahr.
+Schehrasade erzählt, um ihr Leben zu retten, und während sie erzählt,
+wird sie zum Genius der Erzählung schlechthin; ich -- nun, um mein Leben
+ging es nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz
+und gar und bestimmte Denken und Sein.
+
+Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedürfnis wurde, die eine oder andere
+der nächtlich erzählten Geschichten aufzuschreiben. Dies mußte in
+größter Heimlichkeit geschehen, und es begann damit schon der Kampf. Daß
+mein Treiben allmählich ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die
+Stiefmutter sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen
+Blätter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; Verwandte, Lehrer,
+Kameraden stellten sich feindselig dagegen, beinahe derart, als ob ich
+sie durch mein Unterfangen geradezu beleidigt hätte, und der zum
+erstenmal bekundete Vorsatz, mich dem Schriftstellerberuf zu widmen,
+rief bei den Bekannten Gelächter, beim Vater den heftigsten Unwillen
+hervor.
+
+Die Sache war die, daß ich dem Onkel, jenem Bruder meiner Mutter, der in
+kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen war. Darauf hatte mein
+Vater seine ganze Hoffnung gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte
+mir gelingen: reich zu werden; mich in einer großen Laufbahn als
+Nachfolger des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine
+Lieblingsvorstellung. Meine abgeirrte Neigung zu unterdrücken, ließ er
+deshalb nichts unversucht.
+
+Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt in der
+bürgerlichen Gesellschaft weder so häufig noch so erstrebt wie heute,
+und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst aufgehört hat, das seltene und
+kostbare Vergnügen weniger Erlesener zu sein, ist sie für die Vielen
+Luxus, Ausrede und Gemeinplatz geworden, schließlich Betrieb, wie jeder
+andere. Keiner will mehr hören und empfangen, alle wollen selber reden
+und selber den Geber spielen.
+
+In meinem fünfzehnten Jahr hatte ich einen Roman geschrieben, ein
+unsäglich dürftiges und abgeschmacktes Ding, und das Manuskript trug ich
+eines Tages in die Redaktion des Tageblattes. Ein dicker Redakteur saß
+verschlafen am Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein
+Anliegen vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats unter
+meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der Unterhaltungsbeilage der
+Zeitung. Ich weiß es noch, es war ein Winterabend, wie mein Vater nach
+dem Essen das Blatt zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen
+Teller gelegt hatte, daß sein Blick auf mein Produkt fallen mußte, wie
+ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der versorgte, müde
+Ausdruck seines Gesichtes sich jäh veränderte, wie in seinen Augen
+zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das aber bald dem Zorn, der Angst,
+der Ratlosigkeit wich.
+
+Es gab schlimme Szenen, Vorwürfe, Drohungen, Beschimpfungen, Hohn. Auch
+in der Schule wurde ich zur Rechenschaft verhalten, vor den Rektor
+zitiert und wegen verbotener Publikation zu zwölfstündigem Karzer
+verurteilt. Der Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die
+Frau war seine getreue Spionin, so daß ich keine ruhige Arbeitsstunde
+mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein das Bett verließ und
+am Fenster, in einem leidenschaftlichen inneren Zustand, Blatt um Blatt
+vollschrieb. In einer solchen Nacht brach in der hofseitig gelegenen
+Fabrik meines Vaters Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug
+Lärm, und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, die
+Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde durch dieses
+Unglück für seine Härte gegen mich bestraft.
+
+
+
+
+5
+
+
+Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von der Unbill und dem
+Gefühl erlittenen Unrechts nicht erdrückt zu werden, flüchtete ich mich
+gern in die Vorstellung, daß der Weltgeist für mich im stillen wirkte.
+Es war ziemlich wunderbar, daß ich an der kerkerhaften Wirklichkeit
+nicht zerschellte.
+
+Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen
+wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes
+Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, jeder in seiner Weise. Beide waren
+Juden, beide spielten eine typische Rolle in meiner Entwicklung.
+
+Der eine war ein schlanker, großer, blondlockiger Mensch, mit einem
+Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe und besaß eine
+ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres Beisammenseins und die
+Beschäftigung mit den Werken der Dichter waren erstohlen, ihr Gepräge
+war Schwärmerei. Mit unersättlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in
+mich auf, Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in
+diesem Bereich webte; zwischen dem Alltäglichen und der Region der
+Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale Brücke, die heimlich
+passiert werden mußte; hier war Kälte, Angst, Beengung, Kahlheit,
+Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, Passion; und Wort, Bild, Traum waren
+die Altäre eines verschwiegenen Dienstes. Möglich, daß der Freund mit
+mir von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf
+seine Schönheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum Kaufmann
+bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da ich den künftigen
+Garrick der deutschen Bühne in ihm erblickte, war die Tragödie unser
+eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte in mir, meinem bewunderten
+Garrick ein Shakespeare zu werden, und ich ging selbst an die
+Verfertigung von Trauerspielen. Ich kannte keine Richtung oder Schule;
+es war Sturm und Drang in mir, aus mir, Pathos und Überschwang aus
+eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; und der
+Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich schon die Unsterblichkeit
+erlangt. Als uns das Geschick voneinander getrennt hatte und ich in die
+Fabrik des Onkels nach Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer
+Briefwechsel das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen
+Episteln gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte.
+Er aber verlosch bald. Ich merkte, daß ihm meine intransigente Haltung
+unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen geistigen Qualen
+wenigstens Echo zu sein, erschöpfte er sich in rührseligen und
+verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, und eines Tages, als er
+wieder lang und breit von der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben
+hatte, beschloß ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie
+wieder von ihm gehört.
+
+Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in Gunzenhausen, der
+in München die Rechte studierte, drei Jahre älter als ich war, und den
+ich stets in den Ferien zum Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem
+ersten. Im Wachstum zurückgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der
+durchdringendste jüdische Verstand gegeben, eine Fähigkeit, die
+Schwächen und Blößen der Menschen wahrzunehmen und zu geißeln, die mich
+ihn fürchten ließ. Meine dichterische Neigung verfolgte er mit beißendem
+Spott, namentlich, wenn junge Mädchen dabei waren, vor denen er zu
+glänzen liebte, und denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine
+Belesenheit und Schlagfertigkeit imponierten.
+
+In dieser kleinen Welt war er das große Licht, die letzte Instanz der
+Kritik, während ich als Poetaster und haltloser Schwärmer, der nicht
+einmal den Weg humanistischer Bildung einschlug, eine mitleidswürdige
+Figur machte. Durch nichts konnte ich mich vor ihm behaupten, durch
+keine Anstrengung, keine Verheißung, keinen Hinweis; er zerpflückte mir
+Wort und Leistung, verdächtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm zu
+gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches Bemühen. Nicht
+bloß, daß er Mißtrauen in meiner Umgebung säte, rief er auch Schwanken
+in mir selbst hervor, und eingeschüchtert von seiner Beredsamkeit und
+Argumentierungskunst, der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils,
+der Überlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge,
+betrachtete ich ihn als Richter und Führer. Als er sich endlich zur
+Anerkennung meines Werbens und Kämpfens herbeiließ, legte ich in einer
+wichtigen Stunde die Entscheidung über mein Schicksal in seine Hand. Das
+kam so:
+
+Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar geworden. Ich
+entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte mich bei der mir
+zugewiesenen Arbeit lustlos und unverläßlich, entschlüpfte bei jeder
+Gelegenheit dem starren Kreis, um im Verborgenen einer Neigung zu
+frönen, die für befremdlich, schädlich, ja verbrecherisch geachtet
+wurde; die Tage verbrachte ich in einer verworrenen, ja somnambulen
+Gemütsverfassung, die Nächte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd,
+berauscht, entselbstet vor meinen Manuskripten. Daß ich da lauter leeres
+Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es handelt sich in solchen
+Epochen der Entwicklung weniger um Qualität als um Intensität. Die
+Folgen waren häusliche Auseinandersetzungen, Vorwürfe der Undankbarkeit,
+Besserungsversuche, Strafmandate, Predigten, Hohn. Daß in meinem
+abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen könne, von der
+Möglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar nicht erwogen; mein
+Onkel, ein gütiger, einfacher, obwohl schwacher Mensch, Einflüssen
+ausgesetzt, die ihm mein Bild verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave,
+drohte, mich mit Schimpf davonzujagen, und allerdings mußte es mir als
+das Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, oder,
+wie es später auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit als
+Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen.
+
+Es war da ein langjähriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, der eine
+eigentümliche geistige Ähnlichkeit mit meinem Freund hatte. Scharfer
+Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, literarisch unterrichtet,
+gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild von jenem aus älterer
+Generation, nur daß er mehr Welt und mehr Bonhomie besaß. Derselbe Typus
+heute hat überhaupt nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei
+oberflächlichem Urteil bedünken, als hätte der Typus an Positivität des
+Geistes gewonnen, was er an Gutmütigkeit und Schliff verloren hat. Aber
+das ist nur Schein. Zieht man die Hülle weg, so steht ein Leugner da,
+jetzt wie vordem, ein Entgötterter, ein Opportunist aus still nagender
+Verzweiflung, deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam,
+mit der nämlichen Rückhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schloß ich
+mich an den älteren an, um in genau der nämlichen Art enttäuscht zu
+werden. Die spezifisch jüdische Form von Weltklugheit ist mir im Laufe
+meines Lebens vielfach verhängnisvoll geworden, weil ich mit völlig
+anders eingestellten Sinnen unvermögend war, die praktischen Nutz- und
+Nahzwecke auch nur wahrzunehmen, dabei aber mit der äußeren
+Verantwortung häufig, mit der inneren immer beladen wurde.
+
+Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, wurden von ihm
+verworfen und verlacht, waren dann auch in Gesellschaft das Ziel seiner
+geistreichen Sticheleien. Doch ließ er sich zu Besprechungen mit mir
+herbei und gab mir den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der
+Onkel die Mittel dazu bewilligen würde, und er versprach, ihn dazu zu
+überreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen Aussicht,
+an meinen Freund in München, schilderte ihm, wie die Dinge lagen,
+schrieb vorgreifend, daß ich möglicherweise auf die Unterstützung meines
+Verwandten zählen könne und fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir
+beistehen, mich zum Examen vorbereiten würde. Die Antwort war über
+Erwarten herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens und
+Strebens, das er, der sonst so kühl abwägende, mir machte, war so
+verführerisch, daß ich plötzlich die Geduld verlor, mit dem Onkel und
+seinen Beratern weiter zu verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890
+heimlich meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fünfzig oder
+sechzig ersparten Gulden nach München flüchtete.
+
+Ich entsinne mich noch sehr gut der nächtlichen Fahrt im Personenzug,
+weil ich mich während ihrer ganzen Dauer in einer Stimmung befand und
+ihr gemäß handelte, die nicht oft wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich
+saß in einem trüb erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa
+dreißig Menschen, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern, auch Frauen und
+Mädchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht hindurch, hielt
+ich die Leute mit ausgelassenen Späßen, lustigen Geschichten und
+unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwährendem schallenden Gelächter, in
+das auch die Schaffner einfielen. Alle die lachenden, feuchten Augen
+waren gespannt, dankbar-entzückt auf mich gerichtet, und ich erinnere
+mich noch eines mageren alten Bauern, der vor Lachen förmlich weinte,
+und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit Äpfel zusteckte
+und meine Hand tätschelte. Ich hatte Vergnügen daran, zu beobachten, wie
+die Traurigkeit, Bitterkeit, Wundheit in mir im selben Maße wuchsen, in
+dem ich mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinriß. So frech
+in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem Antrieb
+jugendlich-selbstgefälliger, selbstbetrunkener Menschensucht und
+Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung außerordentlicher
+Einsamkeit dabei im Spiel gewesen.
+
+Mein Freund, der Student, hatte gehofft, daß der reiche Onkel, den er
+respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerüstet und mit seinem Segen
+hatte ziehen lassen und war natürlich nicht erbaut, als es sich
+herausstellte, daß ich von der Krippe weggelaufen sei und um Gnade erst
+betteln müsse. Halbgezwungen machte er noch einmal den Fürsprecher
+meines unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes
+Monatsgeld bewilligt, so gering, daß es mich kaum vor dem Hunger
+bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem Studium nicht die Rede
+sein konnte. Die Laune meines Mentors wurde daher immer finsterer; ich
+wurde ihm zur Last, er wußte nicht, was er mit mir beginnen sollte und
+suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine
+Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft und
+prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner Kommilitonen, in den er mich
+bisweilen brachte, galt ich als traurig-komische Person, Wildling, armer
+Teufel, nach studentischen Begriffen unebenbürtig, Gegenstand der
+Geringschätzung auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war,
+und binnen kurzem sah ich mich in einer viel übleren Lage als vor der
+Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein der Obsorge und
+Voraussicht beging mein Freund die Verräterei, vor seiner Reise in die
+Ferien an meinen Onkel zu schreiben, daß ich es mit den neuen Aufgaben
+nicht ernst nehme, und daß er infolgedessen meinem Tun und Treiben nicht
+länger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn sei mir nach
+seiner Überzeugung verschlossen. Darauf wurde die Geldunterstützung, die
+ich bis dahin bezogen, eingestellt, und ich befand mich im Zustand der
+Hilflosigkeit und Verlassenheit, die noch um das Gefühl des Zweifels an
+der Zukunft vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender
+Bedrängnis, beladen mit einem voluminösen Epos in Blankversen zu einem
+der berühmtesten Dichter Münchens wallfahrtete, um ein Urteil, einen
+Fingerzeig, ein tröstliches Wort von ihm zu empfangen. Das Gegenteil
+trat ein. Der große Mann, der sich mir kühl und majestätisch gab, riet
+mir ernst, mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm
+wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund bot. Ich
+zürnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft davon
+durchdrungen, daß in den Jahren der Entwicklung Werk und Gewirktes viel
+weniger zu zeugen vermögen als der Mensch, das Schicksal, das er auf
+sich nimmt und der Weg, den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen
+Blickes als den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen
+Verhältnisses, als dem zwischen gefeierter Autorität und schüchternem
+Scholaren.
+
+
+
+
+6
+
+
+Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und Wirken zu tun, als
+ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht selber einbildete. Wonach ich
+begehrte, war die Menschenwelt, eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk
+und Gewirktes darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn
+an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von Entbehrung,
+von dem ich mir bestimmte Rechenschaft hätte ablegen können, nicht die
+Erkenntnis umschriebener und begrenzter Widerstände, sondern nur ein
+ahnendes, blindes Ertasten davon, das sich im Bewußtsein und in der
+Seele kaum formulieren ließ, zur Greifbarkeit sich erst viel später
+verdichtete. Denk ich zurück, so war es wie ein Herumtappen im leeren
+finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang finden muß, bevor eine
+sinnvolle Tätigkeit überhaupt in Frage kommt, ein System der Dinge
+entstehen kann.
+
+Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem
+einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines
+Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art,
+noch von denen meiner Wahl. Denn zu wählen hatte ich mich ja nachgerade
+entschlossen, und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich mich
+mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschluß geschieden,
+diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich selber darzubieten,
+ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem entfaltete sich also in seiner
+ganzen beunruhigenden Wucht.
+
+Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mißverstanden werden.
+Keine Regentenregung war in mir. Auch Vergeßlichkeit nicht und noch
+weniger Nützlichkeitserwägung. Ich lebte in schmeichelnden, die mir so
+nahe, so augenscheinliche Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von
+allgemeinem Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen
+nicht belehrt, noch nicht gedemütigt, Erfahrungen auch sonst schwer
+zugänglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch verklärte Bilder,
+und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug hielt mich ab, statuierte
+Unterschiede der Klasse, Kaste und Rasse, der Herkunft und des
+bürgerlichen Charakters auch auf mich anzuwenden.
+
+Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller Täuschung
+für ein typisches Los, so daß mir die Menschenwelt in lauter einzelne
+ebenso unbedingte Wesen zerfiel. Hiervon wurde meine Phantasie ins
+Uferlose, Bodenlose, Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und
+armselig vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verführung wurde,
+anderseits Fatum und Gewissensbürde.
+
+
+
+
+7
+
+
+Um nicht zu verhungern, mußte ich Zuflucht bei meinem Vater suchen, der
+zu dieser Zeit in Würzburg lebte, selbst in kümmerlichsten Umständen.
+Als wahrer verlorener Sohn kehrte ich zurück; wenn es auch ohne Dramatik
+abging, ohne Schmerz und Demütigung ging es nicht ab. Er ließ mich
+fühlen, daß ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht hatte und
+zeigte sich mir noch finsterer und kälter als vordem. Am erbittertsten
+war die Stiefmutter über den unwillkommenen Kostgänger, an den sie
+Wohlwollen ohnehin nie verschwendet hatte. Es war schlimm, gleichsam
+betteln zu sollen um die Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war
+alles von da ab.
+
+Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den alten Gassen und
+Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf dem Hofgartenwall, im
+Veitshöchheimer Schloßpark und verschanzte mich, da ich keinen Gefährten
+hatte, kein Paar Augen, die mich freundlich grüßten, in
+Einsamkeitswollust und Einsamkeitshochmut. Draußen waren Geister in
+Bewegung, ich spürte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang
+auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und neuen
+Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu denken und sah
+keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, aber es war auch ein
+sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum vom heimlichen Kaiser, den gerade
+die Verstoßenen manchmal selbstverliebt in sich nähren.
+
+Indes wuchs die Sorge meines Vaters über das arbeitsscheue Treiben, und
+er forderte, daß ich dem Onkel einen Abbittebrief schreiben und ihn
+durch das Gelöbnis der Besserung bestimmen solle, mich wieder
+aufzunehmen. Mich zu sträuben war umsonst, die Quälereien wurden zu arg.
+So fügte ich mich ins Unvermeidliche und verfaßte mit schriftstellerischer
+Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verächtlich sagte,
+die seien schöne Wortfeuerwerke. Doch willigte er in eine Probezeit.
+Sein Haus und seine Fabrik sollten mir verschlossen bleiben, bis meine
+Führung bewiesen, daß ich von den »Wahnideen« geheilt sei. In der
+Familie eines seiner Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es
+waren einfache, aber lärmende und triviale Menschen, denen ich als Neffe
+ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich mißglückter
+Literat lächerliches Geschöpf war. Ich trat als Lehrling in ein
+Exportgeschäft, was von Beginn an eine kaum erträgliche Fron war. Der
+Chef war ein cholerischer Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder,
+stadtbekannter Wüstling. Im ganzen Betrieb herrschte eigentümliche Tücke
+und Aufsässigkeit. Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von
+mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines niedrigen
+Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. Zehn Monate nahm ich
+mich zusammen, um meinem Versprechen treu zu bleiben. Ein frecher
+Bubenstreich machte der Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages
+während meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische
+Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wußte von
+nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte es,
+mich zu verteidigen, verließ den Posten und erklärte meinem Onkel
+rundweg, daß ich mit solchen Menschen nichts mehr zu schaffen haben
+wolle. Eine junge Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte,
+ruhte nicht, bis sie die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum
+Geständnis gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spät. Der
+Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamität geworden, und man
+wollte mich los sein, wenn nicht auf gute Manier, so auf schlechte. Es
+wurde beschlossen, daß ich mein Militärjahr absolvieren und, falls ich
+nach Verlauf dieses Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem
+Schicksal überlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Würzburg
+geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. Zur
+Bestreitung der Kosten wurde die Hälfte eines kleinen mütterlichen
+Erbteils flüssig gemacht, etwa tausend Mark; und davon sollte ich nicht
+nur ein ganzes Jahr leben, sondern auch die unerläßlichen Ausgaben für
+den Dienst, die Uniformierung, die Repräsentation aufbringen. Ich trat
+sonach in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglückselige
+Mischung, wie ich bald spüren sollte. Jude und arm, das erregte doppelte
+Geringschätzung, bei der Mannschaft wie bei den Offizieren. Im übrigen
+beging ich gleich zu Beginn eine Torheit und Einfältigkeit, von der das
+Odium während des ganzen Jahres an mir haften blieb. Lächerlicherweise
+nämlich schloß ich das schriftliche #Curriculum vitae,# dessen
+Anfertigung in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermütigen
+Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen
+Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv hatte. Der Feldwebel las
+die gereimten Verse beim Rapport unter allgemeinem Hallo vor und hielt
+mir eine niederschmetternde Standrede, als hätte ich das gesamte
+deutsche Heer verhöhnt.
+
+
+
+
+8
+
+
+Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es dem
+Zufälligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine eigentliche
+Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern nur Darstellung
+eines schicksalhaften Konflikts, genüge als Zusammenhängendes der
+bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen soll, wie ich geworden, und
+auf welchem Boden ich gewachsen bin. Der Weg wird nun schmaler und
+bestimmter, die Richtung energischer sein müssen, Gebot der Verknüpfung
+hat zurückzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden.
+
+Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als Soldat meine
+Pflicht zu tun und das geforderte Maß der Leistung zu erfüllen, wozu
+bisweilen keine geringe Selbstüberwindung nötig war, gelang es mir
+nicht, die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte
+bald, daß es mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre,
+daß es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an
+der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz,
+die befriedigende Leistung selbstverständlich zu finden, die
+unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von gesellschaftlicher
+Annäherung konnte nicht die Rede sein, menschliche Qualität wurde nicht
+einmal erwogen, Geist oder auch nur jede originelle Form der Äußerung
+erweckte sofort Argwohn, Beförderung über eine zugestandene Grenze
+hinaus kam nicht in Frage, alles, weil die bürgerliche Legitimation
+unter der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. Aber dies
+ist ja hinlänglich bekannt, niemand hat sich schließlich mehr darüber
+gewundert, auch ich war von vornherein mit der Situation vertraut, was
+ja an sich schlimm genug ist und eine beständige Trübung der allgemeinen
+Lebensstimmung herbeiführen muß.
+
+Auffallender, weitaus quälender war mir in dieser Beziehung das
+Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete ich jenem in den
+Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem
+der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch
+die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß
+hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der
+Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des
+Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und
+Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie
+des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst,
+Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit
+der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und
+Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein
+deutscher Haß.
+
+Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst dieser
+Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit klar zu werden
+versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten. Und so erging es auch mir.
+Kam hinzu, daß die katholische Bevölkerung Unterfrankens, reichlich
+durchsetzt mit einem unerfreulichen Schlag noch halb ghettohafter,
+handelsbeflissener, wuchernder Juden, Krämer, Trödler, Viehhändler,
+Hausierer, einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanität und
+natürlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stämmen stand und das
+Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmärchen,
+bischöfliche Bluterlässe, mörderische und gewinnbringende
+Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne trug.
+
+Es geschah, daß ich zu einem jungen Menschen in förderliche Beziehungen
+trat; wenn dann die gewisse Enthüllung unvermeidlich war, zog er sich
+entweder vorsichtig zurück, oder er gab sich eine Weile unbefangen, um
+schließlich doch ein schwer bekämpfbares Mißtrauen durchblicken zu
+lassen, oder er ließ mich verstehen, daß er in meiner Person eine
+Ausnahme statuiere und sich seines begründeten Vorurteils zu meinen
+Gunsten entäußere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher noch
+können wir es ertragen, daß das Individuum in uns für minderwertig
+proklamiert wird, als die Gattung; eher noch darf der Charakter
+verdächtigt werden, als die Geburt; gegen jenes kann man sich retten,
+man kann den Irrtum beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn
+widerlegen zu können; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele
+machtlos, und der gehütetste innerste Spiegel des Bewußtseins trübt und
+befleckt sich.
+
+Als ich nach der Entlassung vom Militärdienst nach Nürnberg kam, wo man
+mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete Stellung in einer Kanzlei
+angeboten hatte, war ich in einem wesentlichen Teil des Verhältnisses
+zur Welt schon gelähmt. Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der
+Furcht vor Erniedrigung eingeht, ist für die Sittlichkeit und Freiheit
+des Handelns die schädigendste. Ist das errungene Gefühl des eigenen
+Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung nur die
+Isolierung, der Entschluß, sich suchen und finden zu lassen, die
+Sehnsucht nach dem, der suchen und finden wird. Es ist das Wunderbare
+der Jugend, daß sie am Menschen nie ganz zu verzweifeln vermag, eher
+wirft sie sich selbst weg, als daß sie aufhört, an den Menschen, dies
+geträumte Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich weg
+damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares
+Verlangen nach geistigem Umgang und stürzte in die Kloake des Geistes,
+mich dürstete nach Bestätigung, und ich wurde aus mühselig eroberten
+Festen geschleudert, ich wünschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen
+Gehalt aus Geld, Schweiß und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden
+getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung äfft. Mehr ist
+schlechterdings nicht zu sagen nötig, um die Existenz zu kennzeichnen,
+die ich durch Jahr und Tag führte; was sollte es frommen, das häßliche
+Einzelne wieder hervorzuziehen aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen
+Kneipen verbrachten Nächte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen
+Rebellentums, jämmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, versäumte
+Pflicht, würgende Not, billige Herausforderung des Bürgers. Es ist heute
+nicht neu und war zu seiner Stunde nicht neu. Auch von dem Ring der
+traurigen Figuren zu sprechen, lohnt nicht. So trüb oder auch merkwürdig
+die Schicksale, so mittelmäßig der Zuschnitt im ganzen. In allen
+Winkelkaffeehäusern der Erde wird von allen malkontenten und impotenten
+Künstlern, Literaten und verkrachten Studenten, von allen Falstaffs und
+Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals dieselbe Phrase in derselben Manier
+vom Rausch bis in den Katzenjammer totgeschleift.
+
+Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom Treiben jener Jahre
+für mich blieb, war einerseits die Stadt, Monument des Mittelalters, wie
+durch Zauberfluch ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter,
+von Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast und
+werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Bürgertum und Proletariat; es ist
+mir immer symbolisch bedeutend für diese Konstellation erschienen, daß
+die erste Eisenbahn Europas zwischen Nürnberg und Fürth lief.
+Andrerseits, im natürlichen Zusammenhang damit, war Anblick und
+Erfahrung einer schroff geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden,
+Stillen, Vergehenden und Welt von Wollenden, Überlauten, Kommenden.
+
+Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel und
+Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen schwankten vor mir auf
+und ab. Ich war nicht gesonnen, mein Schicksal an eine von ihnen zu
+hängen. Von dort wurde mir Zärtlichkeit alter Formen geschenkt,
+Ehrfurcht vor Überlieferung, Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das
+Umfriedete, Geschlossene, Gesicherte zu spüren und zu denken; von hier
+kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht verwandelter Zeit,
+im übrigen freilich Kälte, Kälte der Seelen, Trägheit der Seelen,
+Verkrustung der Seelen.
+
+Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, so habe ich es
+vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten Augenblick
+wie ein Retter in mein Leben getreten ist. Ich hatte seine Sympathie
+erweckt, er beobachtete mich, näherte sich mir, zeigte mir die Gefahr,
+und seine sanfte, geduldige, liebevolle Überredung bewirkte, daß ich das
+verrottet-unfruchtbare Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was
+ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch
+kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er war ein
+unermüdlicher Erzähler und barst von Geschichten. Obwohl selbst in
+vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch vergrübelt und, da seine
+zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible Natur ihm jeden
+vertrauten Umgang erschwerte, auch vereinsamt, schloß er sich werbend,
+führend, eifersüchtig wachsam an mich an. Er war einer der
+problematischesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und sein Einfluß
+erstreckte sich über meine wichtigsten Jahre.
+
+Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich. Er entstammte einem alten
+Nürnberger Patriziergeschlecht, das aber völlig verarmt war. Sein Vater
+war tot, er lebte mit seiner Mutter, einer welthassenden, weltfremden,
+eigentümlich strengen Frau in einem Verhältnis zwischen
+Unverträglichkeit und Liebe. Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit
+seiner Art, die sich wie ein Fisch verbiß, hatte er sich literarischen
+Interessen zugewandt, nicht als Produzierender, sondern als ein mit
+seiner Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. Er war
+schlank, hager, sehnig, flink, nervös wie ein Rennpferd, launenhaft,
+verstand zu imponieren und zu gewinnen, war voller Impuls und
+Heftigkeit, auch voll List und Witz, und hatte Neigungen zum Aszeten,
+zum Bücherwurm, zum Homöopathen, zum Sonderling.
+
+Als er, der seine Kräfte in der Heimat verdorren fühlte, nach Zürich
+gegangen war, wo ihm ein größerer Wirkungskreis in Aussicht stand, war
+mir zumute, wie einem, den der gute Geist verlassen hat, und mein
+Trachten war darauf gerichtet, wieder in seine Nähe zu gelangen. Ein
+Briefwechsel von seltener Intensität, seiner- wie meinerseits, gab nur
+ungenügenden Ersatz für die lebendigen Stunden, aber es war vorläufig
+keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte indessen das
+Mündigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital des mütterlichen
+Vermögens ausgehändigt, fünf- bis sechshundert Mark, in deren Besitz ich
+mir reich erschien. Ich kündigte meine Stellung, zahlte meine Schulden,
+fuhr nach München und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was ein
+vollkommen neuer Zustand für mich war, der sich auch bald rächte, denn
+eines Tages war der vermeintliche Schatz erschöpft. Ich sah mich nach
+einer neuen Stellung um, ließ ein Inserat drucken, und es meldete sich
+ein Generalagent im badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien
+ersuchte und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der
+einzige Beamte in seinem Bureau und hatte täglich zehnstündige
+Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich getreten, war
+hart, karg, hinterhältig, schwer zu befriedigen, im Benehmen von
+betonter Korrektheit, Allüre des Reserveleutnants. An einem
+Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei gegangen war, um eine dringliche
+Arbeit zu erledigen, erschien er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte
+aber dann, ich möge die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen.
+Etwas erstaunt, ihn über diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen,
+antwortete ich, was zu antworten war. Sein Gesicht veränderte sich
+erschreckend. Nach einem bösen Schweigen warf er mir vor, ich hätte ihn
+absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wäre meine Pflicht gewesen, ihm
+von meiner Konfession im Offertbrief präzise Mitteilung zu machen, er
+habe an dergleichen nicht gedacht, da ihn meine Photographie und dann
+auch mein Auftreten getäuscht habe, und als getäuscht müsse er sich auch
+betrachten. Weiter äußerte er sich nicht, aber er bereitete mir nun, da
+er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Straße zu werfen, die
+gehässigsten Schwierigkeiten, nörgelte an jedem Federstrich, an jedem
+Gruß und legte mir aus niedriger Erwartung heraus eine Falle, indem er
+mir nämlich das gesamte Bargeld der Agentur übergab und darauf rechnete,
+daß ich, dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher
+vorenthalten hatte, in meiner von ihm gewußten Notlage mich an dem Geld
+vergreifen würde. Es geschah auch wirklich, daß ich, während er einige
+Tage verreist war, zwei Taler aus der Kasse nahm; ich konnte mir nicht
+anders helfen in der Bedrängnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat,
+die zwei Taler als Vorschuß zu berechnen. Jedoch er lächelte höhnisch.
+Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite und entließ
+mich auf der Stelle.
+
+Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos irrte ich
+im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte Regennächte in den
+Hütten der Holzfäller und wäre verhungert, wenn ich nicht von einigen
+Bauern Milch und Brot bekommen hätte, und zwar durch Vermittlung ihrer
+Kinder. Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg die
+Schule besuchten. Ich begleitete sie häufig am Abend durch den Wald und
+erzählte ihnen dabei allerlei Geschichten. Dies gewann mir ihre
+Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses Leben nicht mehr, verkaufte, was
+ich von meinen Habseligkeiten noch entbehren konnte, einen Rock, ein
+paar Bücher, meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zürich,
+wo ich nach vielen Mühseligkeiten auch glücklich anlangte und vom Freund
+mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschütterte und für alle
+Leiden entschädigte.
+
+
+
+
+9
+
+
+Es erwies sich, daß der Freund ebenfalls in bedrängter Lage war; mit
+seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte er seinen Posten
+verlassen müssen und einen andern noch nicht gefunden. Wir lebten nun in
+folgender Art: Tagsüber schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstraß, des
+Abends suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstraße auf, wo der Freund
+einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewährte. Dort tranken wir
+Milchkaffee und aßen eine Unmenge von Weißbroten, unsere ganze Mahlzeit
+für die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Wir blieben bis spät in die
+Nacht sitzen, vertieft in Gespräche, dann gingen wir nach Haus, er legte
+sich in sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir
+weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg hatte nicht
+aufgehört, mich innerlich zu quälen. Der Freund merkte, daß ich ihm
+etwas verbarg, denn bisher hatte ich es noch nicht über mich gewinnen
+können, ihm davon zu berichten, sondern als Ursache meiner Flucht einen
+gleichgültigen Zank angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wußte
+er mir endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich
+viele unserer nächtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema.
+
+Der an sich unbedeutende Vorfall führte uns ins Allgemeine und
+Schicksalhafte und wieder zurück ins begrenzt Persönliche meiner
+Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege miteinander gegangen waren,
+öffnete sich plötzlich ein Abgrund zwischen uns.
+
+Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu erkennen und zu
+benennen ich bisher auch von mir abgewendet hatte: ich fühlte mich als
+Mitglied einer Nation, gleichgeordnet als Mensch, gleichberechtigt als
+Bürger; da mich aber ein Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne
+daß es möglich war, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, als
+untergeordnetes Wesen behandeln dürfte, so beruhe entweder mein Gefühl
+auf einem Irrtum, oder die Übereinkunft, von der es gestützt gewesen,
+sei Lüge und Betrug.
+
+Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, sondern meiner
+Abstammung, der Zugehörigkeit zu einem Fremdkörper innerhalb der Nation;
+ein Argument, auf das ich gefaßt war, und auf das ich nur mit Scham und
+Empörung antworten konnte.
+
+Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gäste, sagte ich, warum tretet
+ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die zugleich Gebote der
+Menschlichkeit sind, mit Füßen? Angenommen aber, sie sind euch lästige
+Eindringlinge, warum duldet ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner
+Verträge schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem Dach
+in scheinheiligem Frieden und heimlichem Haß.
+
+Die Juden gehören nun einmal dazu, sagte er rätselhaft; wie es ist,
+gehören sie dazu.
+
+Wie, sie gehören dazu? wende ich ein, und ihr traktiert sie dennoch als
+Ratten und Parasiten?
+
+Wer läßt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun die politischen
+und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklärten Deutschen wissen, was sie
+den Juden zu verdanken haben und ihnen in Zukunft auch noch werden
+danken müssen.
+
+Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht
+in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war die peinvollste Überlegung,
+darüber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennende?
+fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast
+nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaßen, Blutart von
+Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche
+nicht mit französischen Emigranten vermischt? Mit Slawen, Nordländern,
+Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als
+ihre Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche,
+ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen,
+Künstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Fürsten, Könige sogar? Und
+die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht
+ihr Blut berührt haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft,
+Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man
+selbst physische Vermischung ausschließt? War auch ihr eigenes Gesetz
+dagegen und der Widerstand der Völker, konnten sie sich dem natürlichen
+Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Von
+anderer menschlicher Prägung?
+
+Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als seien sie von
+anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer menschlicher Prägung.
+Das gerade sei vielleicht der kritische Punkt.
+
+Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, daß der Freiburger
+Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines kleinlichen, boshaften,
+gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe?
+
+Das räume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau geschehe, sei
+nicht maßgebend für die Anschauung auf dem höheren. Übergriffe der
+Exekutive bewiesen auch nie etwas gegen die Legislatur.
+
+So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer
+Beschaffenheit und anderer menschlicher Prägung als er?
+
+Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, ob ich
+mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fühle. Ich zögerte. Ich wollte
+wissen, worauf die Frage abzielte.
+
+Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir werde, mich zu
+bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht leicht zu umgrenzen.
+
+Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher.
+
+Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jüdin gewesen sei? Ob in der
+Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung bekannt oder nur der
+Verdacht davon vorhanden sei? Als ich jenes unbedingt bejahte, dieses
+lächelnd verneinte, schüttelte er den Kopf und sagte, mein Fall sei
+außerordentlich interessant; es sei ein ganz besonderer Fall.
+
+Ich ließ ihn nicht entschlüpfen. Ich wollte Aufschluß haben über das,
+was er »meinen Fall« nannte. Ich bot ihm Behelfe. Ich sagte: Es ist
+nicht entscheidend, daß ich mich unter Deutschen als Deutscher fühle.
+Dem Deutschen steht es frei, dies als eine Prätension zu betrachten,
+eine begründete oder unbegründete, je nachdem. Er kann sie erfüllen oder
+nicht erfüllen, je nachdem. Erfüllen: gnadenhalber, ausnahmsweise,
+befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt
+oder Sympathie abringe, aus Lässigkeit, Vergeßlichkeit, aus Zwecksucht.
+In einen Gesellschaftsverband aufgenommen werden, nur weil die sonstige
+Abwehr eingestellt ist, ist verletzend und entwürdigend, letzten Endes
+für beide Teile.
+
+Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich bisher überzeugt
+gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht bloß
+zugehörig, sondern zugeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit
+mehr als das Mittel, mich zu verständigen, und mehr als das Nutzprinzip
+des äußeren Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes.
+Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das
+Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen ich, wenn schon nicht die
+Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spüre. Sie ist mir
+vertraut, als sei ich von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert
+gewesen. Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand
+geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein
+Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, in
+Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß des täglichen
+Seins, Spiel der Lebensläufe, Erlebnis der großen Werke zur Anschauung
+Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das
+nicht gültiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als
+eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht
+und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch Aberglauben,
+Bosheit und Trägheit besteht?
+
+Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten meine
+besondere Situation; im allgemeinen lägen die Dinge ganz und gar nicht
+so.
+
+Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation berufen, warf ich
+ein, und ich will mich nicht in ihr begnügen.
+
+Prüfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden als Gesamtheit
+haben sich niemals mit den Interessen der Wirtsvölker selbstlos zu
+identifizieren vermocht. Innerhalb des Staates haben sie sich in eine
+soziale und religiöse Isolierung zurückgezogen, ein starrer, erstarrter
+Block in der strömenden Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung
+dauerte, hatten sie den Schein des Martyriums für sich; seit sie
+aufgehoben ist, liegt der Mangel an Willen und Fähigkeit zutage. Es
+steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch
+heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen allein offenbarte Lehre,
+bewußt oder unbewußt, und halten alle andere Lehre für Irrtum und Lüge.
+Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß
+richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem
+Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der
+Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch
+könnte er gemildert werden? Nur er vielleicht erklärt die
+Widerstandskraft, die Geduld, die Leidensüberwindung, die beispiellose
+Vitalität des Stammes. Rache für das Erlittene zu üben, keimt
+wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele,
+wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der
+andersgeartete Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte
+wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender
+Aufklärer, nicht durch den Schmerz der Abgelösten, nicht durch das
+Vorbild der Verwandelten aus der Welt zu schaffen.
+
+Dies zu hören war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei ja der ganze
+Jammer des versteinerten Mißverständnisses und der böswilligen Hetze,
+doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, ich sei wie so viele das Opfer
+eines Kulturblendwerkes. Wie lange ist's denn her, sagte er, daß die
+Juden aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das
+achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und düsterer
+Verkrochenheit. Für den greisen Goethe noch war der Jude ungefähr
+dasselbe, was dem Amerikaner heute der Nigger ist, trotz Nathan dem
+Weisen, trotz Spinoza und Moses Mendelssohn, trotzdem die junge
+Romantik, die sich um ihn erhob, von jüdischen Einflüssen durchsetzt
+war, trotzdem er gegen die historische und institutive Ehrwürdigkeit der
+Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. Die
+Kindheitseindrücke des Frankfurter Judenghettos zeigten sich stärker.
+Die Juden weisen immer auf die Bedrückungen und Verfolgungen hin, wenn
+verwerfliche Züge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein
+Jude erträgt ein objektives Urteil über Juden, geschweige denn ein
+abfälliges, auch über einzelne, auch über Entartete nicht, sobald das
+Judentum als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler rächt
+sich insofern schwer, als sich zwischen schönfärbender Apologie und
+häßlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromiß finden läßt. Alle
+Lobredner weisen mit Emphase auf die unbedingte Sittenreinheit und
+Gesetzestreue der Juden hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein
+Wässerchen getrübt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Räuberbanden,
+die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands und des
+Niederrheins unsicher machten, Juden in erklecklicher Menge, Diebe,
+Hehler und Späher. Die Shylocks aller Grade will ich nicht erwähnen, die
+mitleidlosen Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen.
+Absurd wäre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die sich in
+heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, fast schutzlos, an
+Leben und Eigentum stets gefährdet, als ob die mehr und tiefer denn ihre
+Wächter und Quäler zu makelloser Führung verpflichtet, als ob die
+Verbrecher unter ihnen verabscheuenswertere Verbrecher wären als die
+anderen. Gerechterweise muß man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist
+auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht von höherer
+Warte aus. Sie betrifft das Unvermögen zu seelischer Wandelbarkeit.
+Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja in außerordentlichem Maße eigen, in
+gerade verhängnisvollem Maße. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als
+volkhafte Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer
+biblischer Vorzeit waren.
+
+Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe imperativen
+Autorität. Ich entsinne mich, daß ich mich der Logik und Kraft seiner
+Argumente nicht entziehen konnte. Niemand wird erwarten, das Gespräch
+sei hier im Wortlaut angeführt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge
+von Gesprächen, und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er war
+unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen wollte, liebte ihn
+um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich dunkel empfand, daß er
+sich in unserem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit über mich stellte,
+daß er die Herrschaft an sich riß, und daß die wesentliche Erkenntnis,
+zu der wir endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlöste wie mich,
+dem sie ein Tor öffnete und ein Ziel zeigte, sondern, daß er in
+heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr mein Widersacher
+wurde.
+
+Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im Dasein der
+Juden, führte er aus, der Humanisierungswille des neunzehnten
+Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue Jahrzehnt knüpfte festere
+Bande zwischen ihnen und uns. Äußerlich nur, zugegeben; solche des
+bürgerlichen Zusammenschlusses, wirtschaftliche, vaterländische sogar,
+in jedem Fall gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem
+Ermessen, schönem Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene.
+Bedingungslos wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen
+Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, weil sie
+sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? Warum aber? Solange
+sie Geächtete waren, war es ihr Recht, ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre
+Waffe, das Mittel zur Selbstachtung und Selbstaufrichtung, sich zu
+verschließen, an der engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginäre,
+halb schwärmerische und um desto süßere, verführerische,
+tragisch-erhöhende Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege zur
+Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges
+Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit
+erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten
+zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des
+Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre
+wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen
+Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, daß
+sie hätten Christen werden sollen. Das haben viele getan, aus
+Utilitätsgründen, oder weil sie sich nicht mehr verkettet fühlten, oder
+auch aus Überzeugung. Die Frage ist nur, ob sie Christen werden können,
+anders als im oberflächlichen Sinn, wie es ja die Mehrzahl der Christen
+selbst ist. Die Frage ist, ob sie deshalb aufgehört haben, Juden zu sein
+und dies in einem tieferen Sinn; man weiß es nicht, man kann es nicht
+kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflüsse. Judentum
+ist wie ein intensives Färbemittel; die geringste Quantität reicht hin,
+um einer unvergleichlich größeren Masse seinen Charakter zu geben oder
+wenigstens Spuren davon. Nicht zu leugnen, daß sie, wieder in einem
+gewissen Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen.
+Was mag es sein? Ist es das eigentümliche Beharren der Seele oder der
+Sinne im Kontrast zur Flüssigkeit, Mobilität, Vielgesichtigkeit des
+Geistes? Es beweist und erklärt zu wenig. Macht der Tradition ist es
+nicht, oder nicht ausschließlich, oder nicht mehr. Tradition wird
+überwunden und jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet
+als Disziplin einen wohltätigen Damm gegen Maßlosigkeit und
+Individualisierungsgier, hütet als politische Maxime Scheunengut und
+bewahrt die Nation vor überstürzten Neuordnungen. Aber gerade die
+Maßlosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, gerade die Sucht nach
+Neuordnungen muß man den Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also?
+
+Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht läge in der
+Verallgemeinerung. Es gäbe solche und solche Juden. Alle Gesamturteile
+seien schief und führten zur Vergewaltigung, zur Verzerrung, zur
+Ausnützung im Dienste von Parteiinteressen. Warum nicht menschlich den
+Menschen sehen, nur den Menschen? Oft rufe man durch Mäkeln erst die
+Fehler hervor, und in der Wiederholung entstehe die Übertreibung. Man
+möge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres Rechts zu
+atmen kaum bewußt, Verscheuchte, Verschüchterte, Umklammerte; immer
+neuer Zustrom aus trüben Behältern trübe die gereinigten wieder, viele
+seien gequält durch den latenten Haß, und ihre Entschlossenheit, sich zu
+opfern, treibe sie bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch
+die ungewohnte Fülle von Raum und Entfaltungsmöglichkeit: und wenn man
+ein jüdisches Tribunal imaginiere, so würde dort keiner freigesprochen,
+den ein christliches oder deutsches für schuldig erklärt. Aber ich
+spürte bei alledem, daß meine Parade den Hieb nicht fing, weil mein
+Standpunkt gegen den des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit
+später, im Verfluß jahrzehntelanger Kämpfe, konnte ich mir seine Frage
+beantworten, dieses »Was ist es also?«, von dem ich sogar die
+Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch zur Aufrichtigkeit und
+Selbstdurchforschung gebieterisch trieb.
+
+Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als das
+auserwählte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen findet sich der
+Glaube an ihre Auserwähltheit und die Verkündigung davon. Ohne daß man
+die Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit der Gründe untersucht, auf
+welche sich dieser Glaube, diese Verkündigung stützt, ob auf die
+offenbarte Lehre, ob auf das Verhältnis zu den geliebten Dingen, ob auf
+das historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, daß
+eine mit solcher Hartnäckigkeit durch die Jahrtausende festgehaltene
+Überzeugung einerseits ganz außerordentliche Pflichten nach sich zieht,
+die von der Gesamtheit niemals restlos erfüllt werden können, ferner
+ganz außerordentliche sittliche und moralische Spannung erzeugt, die
+wieder durch ihre notwendigen Entladungen eine Existenz voller
+Katastrophen schafft; und daß andererseits ein solches Axiom, wenn es
+als selbstverständliche Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren
+Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lähmt, und an ihre Stelle
+den sittlichen Quietismus setzt, der zu Überheblichkeit und zum
+Pharisäertum führt.
+
+Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner
+Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung.
+In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden
+Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir
+bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der
+tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems.
+
+Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig einen
+Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß
+man Jude ist.
+
+Mir wurde klar, daß ein Volk nicht dauernd auserwählt sein kann und sich
+nicht dauernd als auserwählt bezeichnen darf, ohne die gerechte Ordnung
+in den Augen der übrigen Völker zu stürzen. Der auserwählte Einzelne ist
+stets in der Lage, die Verantwortung für sein Tun und Lassen zu
+übernehmen; im auserwählten Volk aber maßt sich der Einzelne nach und
+nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der er nicht gewachsen ist,
+und bei der er überredet wird, die Vorteile der Gesamtposition für sich
+geltend zu machen, die Verantwortungen hingegen auf die Gesamtheit
+abzuwälzen. Selbst den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer
+einmaligen grandiosen Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwähltes
+Volk zu bezeichnen, wie wäre ein solcher Anspruch gegen die Kritik,
+gegen die veränderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen und zu
+sichern? Wie wäre es möglich, den Komplex »Volk« abzugrenzen? Genügte
+das bloße Bekenntnis zu einem Glauben, um auserwählt zu sein? Das wäre
+schlechthin unsinnig und unsittlich.
+
+Die Idee der Auserwähltheit hat, für ein Volk, Berechtigung nur
+innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie aber aus der
+historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaßen ins Unendliche
+gerückt wird, entsteht die Versündigung, während die persönliche
+Auserwähltheit im Unendlichen steht, im Unendlichen besteht.
+
+
+
+
+10
+
+
+Die Gespräche mit dem Freund, ein unaufhörliches Duell der Meinungen in
+den Formen des gegenseitigen liebevollen Interesses, hatten
+weitreichende Bedeutung für mich und stellten meine Gedanken- und
+Empfindungswelt auf eine viel breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor,
+als ob ich mit der ganzen Menschheit Frieden schlösse, wenn ich mit ihm
+Frieden schloß, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen
+Friedens festzusetzen, ja sie nur unmißverständlich zu umschreiben.
+
+Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in Worten als durch
+seine Haltung stellte, war: bist du Jude oder bist du Deutscher? Willst
+du Jude oder willst du Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um
+diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der einen
+oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den
+ich dann nach der einen oder der andern Richtung gehen sollte. Was wurde
+für mich besser oder schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort
+allein, der Beschluß allein, die Richtungsänderung allein maßgebend? Ich
+suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung und Bestätigung bei
+denen, die mir vorangegangen waren, nach der einen oder andern Richtung,
+aber das Suchen war ergebnislos.
+
+In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig interessierten
+Kreisen Deutschlands noch ein mächtiger Name. War von jüdischer
+Leistung, jüdischem Vollbringen, jüdischem Ruhm die Rede, so wurde auf
+Heine hingewiesen. Durchaus nicht bloß Juden waren für Heine Feuer und
+Flamme; die Wirkungen und der Einfluß dieses Poeten gingen in die
+breitesten Schichten, über das Künstlerische und Poetische hinaus ins
+Politische und Soziale. Und wie man weiß, gehört er zu den wenigen
+Deutschen, die in Frankreich Ansehen und Bewunderung genossen haben.
+Aufgeklärte und gebildete Menschen lasen Heine, zitierten ihn, beriefen
+sich auf ihn, und der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem
+kleinen studentischen Freund in München, der Dutzende von Heineschen
+Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen Wendungen
+schwelgte, bis zur Kaiserin von Österreich, die diesem ihren Abgott einen
+Tempel bauen ließ. Es war mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den
+charakteristischen Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung,
+einer solchen nämlich, in der das Talent über das Menschentum
+prävaliert. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde
+sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in der zweiten Hälfte
+des achtzehnten der des Genies; der Begriff des Genies umfaßte aber
+damals auch die Menschlichkeit, in allen ihren Äußerungen, selbst den
+unerfreulichen, während der Talentkultus, unter dessen merkwürdigen und
+nicht leicht zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht,
+der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu das
+Schulbeispiel dafür.
+
+Ich befand mich von Anfang an im Verhältnis des Widerstrebens, ja der
+heftigen Abneigung gegen Heine. Seine Lyrik erschien mir, gemessen an
+der von Goethe, Hölderlin oder Mörike, süßlich, spielerisch und roh
+sentimental; seine Prosa erregte meinen Haß durch ihr Bestreben nach
+geistreicher Pointe, durch ihre Mischung von Frivolität und rohester
+Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften fand
+ich zum Teil seicht und von oberflächlicher Brillanz, zum Teil
+unwahrhaftig und eitel. Für das Satirische, das ihre stärkste Qualität
+ausmacht, hatte ich wenig Verständnis, und die sogenannten letzten
+Gedichte, in denen aufrichtige und ergreifende Töne sind, waren mir
+verdächtig durch ein gewisses Sichgefallen im Schmerz.
+
+Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefühl ungerecht. Die
+Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf ließ, hatte wohl ihren Grund
+darin, daß etwas unantastbar, nachahmungswürdig und mustergültig sein
+sollte, was ich für schädlich und zerstörend hielt. Es sind in neuerer
+Zeit so viele Ankläger und Verächter Heines aufgetreten, mit guten und
+schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen und
+unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, daß ich nur mit Überwindung
+und weil dieses Stück Wahrheit eben zur ganzen Wahrheit gehört, mich
+entschlossen habe, das Thema zu behandeln. Daß die blinden Hasser und
+die böswilligen Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, daß Unrecht
+überhaupt geschieht. Verschweigen und Schönfärben macht eine schwache
+Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das Blut ging, war vielleicht
+das Blut. Seine zeitbedingte Erscheinung war im zeitbedingten Sinn
+jüdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von
+Ghettogeist und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus,
+von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer Vorliebe für das
+Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, welch letztere Mischung man
+fälschlich als romantische Ironie bezeichnet hat, während sie ein
+Ergebnis fabelhafter jüdischer Anpassung und dabei tiefer innerer
+Lebens- und Weltunsicherheit ist. Aus dieser Quelle fließt dann auch die
+journalistische Befähigung, wie denn Heine der eigentliche Schöpfer,
+wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des
+Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglücklichen Surrogats von
+Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer Form, Narkotikum für eine
+niedergehende Gesellschaft und Mittel, Verantwortungen zu verschleiern.
+
+Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in voller Naivität
+Deutscher. Er beklagte sein jüdisches Schicksal und sein jüdisches Leid
+und verriet den Juden in sich. Er gab sich als deutscher Patriot,
+deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblüt und Wahl und verriet den
+Deutschen in sich. Auch dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität.
+Er war der Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre
+Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt,
+auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, ohne Himmel und deshalb
+auch ohne Erde. Wenn man mir ihn pries, fühlte ich mich stets verraten;
+wodurch, kann ich kaum erklären, aber mir schien, daß ich am andern Pol
+stand und daß ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einfluß erst besiegen
+mußte, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einfluß beginnen konnte. Allen
+Juden schmeichelte der Name Heinrich Heine; mir schien es hingegen, daß
+sie ihn hätten fürchten sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren
+Weg verführerisch ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur des
+jüdischen Menschen und des jüdischen Deutschen gab. Es wurde mir
+gesagt: Warum hältst du dich an Heine, warum blickst du nicht auf die,
+die deinen Widerstand weniger oder gar nicht herausfordern? Da ist Felix
+Mendelssohn, da ist Börne, da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli,
+da ist Lassalle und Marx, da ist schließlich Spinoza, Menschen von
+großem Zuschnitt, der letzte vom allergrößten, nicht Jude mehr,
+herausgetreten aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, Mensch an
+sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie hinblicken. Lockung
+und Gefahr war auch in ihnen, aber sie ordneten sich williger in die
+Folge der Gesichte und Erlebnisse. Heine schloß zunächst zuviel des
+Gegenwärtigen ein und aus; er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten
+hatte.
+
+Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prägung. Es würde zu
+sehr ins Breite führen, wenn ich sie hier aufzählte und von Cervantes
+bis Turgeniew und Dostojewski, von Dickens, Thackeray, Richardson und
+Balzac bis Keller, Gotthelf, Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern
+wollte; den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und
+Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die gewaltigen
+Herzen, die Anbetung und glühende Hingabe. Ich suchte in ihnen und bei
+ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, die Gestalt, das feurige,
+flüssige Unaussprechliche, das wie ein geistiger Golfstrom die Gestade
+der Seele umschlingt. Nebenbei beschäftigte ich mich viel mit
+geschichtlichen Studien, indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins
+Einzelne ging, teils aus Neigung für das persönlich Schicksalhafte,
+teils aus Hunger nach Stoff und Lebensmaterial, und außerdem mit
+Astronomie, ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen
+Erschütterungen sowohl wie aus Überdruß an der verzweifelten Enge und
+Ausblicklosigkeit meiner Umstände.
+
+
+
+
+11
+
+
+Allmählich wurde ich dem Freund lästig. Ich wußte nichts mit mir
+anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, denn ich hatte
+nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu keiner praktischen Tätigkeit.
+Die dürftigen Hilfsmittel des Freundes waren völlig versiegt, in der Not
+knüpfte er frühere Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten
+wir uns mit deren Bestand noch über Wasser, was das Schlimme mit sich
+brachte, daß wir die Freiheit verloren und wieder in ein fades und
+vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen wurden. Ich war den Leuten
+aus irgendwelchen Gründen unsympathisch, und als ich gelegentlich einer
+Fahrt auf dem Züricher See durch einen Windstoß meinen alten Strohhut
+einbüßte, wurde ich außerdem noch lächerlich. Der Freund, verängstigt
+und feig geworden, gab mich preis, und mir war im Ring der Feinde übel
+zumute. Es wurde beschlossen, daß ich bei einer Zeitungsredaktion
+Anstellung zu suchen hätte. Man schrieb mir Adressen auf und schickte
+mich mit einem geliehenen Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf
+meine Stirn geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden,
+mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, und so kehrte
+ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurück. Da hielten sie Kriegsrat
+und gelangten zu dem Ergebnis, erstens, daß mir ein neuer Hut gekauft
+werden sollte, zweitens, daß durch eine Sammlung das Fahrgeld
+aufzubringen sei, dessen ich zur Reise nach München bedurfte. In München
+lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es waren etwa
+zwanzig Franken, die außer dem Hut zusammenkamen; davon lösten sie am
+Bahnhof das Billett bis Lindau, der Restbetrag wurde mir eingehändigt.
+Der Abschied vom Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne.
+Ich entsinne mich auch, daß ich auf der Fahrt zwischen Zürich und dem
+Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der Verlockung, mich
+nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, nicht widerstehen und nahm
+von dem zur Weiterreise bestimmten Geld. Als ich auf dem Lindauer
+Bahnhof stand, einige Minuten vor Abgang des Münchener Zuges, muß ich
+als mitleidswürdige Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner
+trat zu mir, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, und nachdem ich ihm
+gestanden hatte, daß ich das Geld zur Reise nicht hatte, ließ er mich
+einsteigen und drückte mir während der Fahrt das Billett in die Hand mit
+den Worten, er vertraue meinem ehrlichen Gesicht, daß ich ihm die
+Auslage wiedererstatten werde. Auf das Billett hatte er seine Münchener
+Wohnung geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit
+des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und meiner
+Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung des Vaters; der
+Vater war verreist; ich sah an allem, daß er sich in der ärmlichsten
+Lage befand, trotzdem bat ich die Frau, sie möge mir das Geld für den
+Schaffner geben, es waren vielleicht zehn oder zwölf Mark. Sie weigerte
+sich mit Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet
+außer sich, überschüttete mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen und
+verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, ich langte nach
+einem Küchenmesser und schritt drohend auf sie zu; nun wurde sie auf
+einmal nachgiebig, sei es, daß mein Anblick sie in Furcht versetzte, sei
+es, daß sie meine Verzweiflung instinktiv erfaßte; nach einer Weile
+brachte sie mir ein silbernes Armband, das meiner Mutter gehört hatte
+und sagte, ich möge es versetzen.
+
+Danach war natürlich jede Verbindung mit meinem Vater zerbrochen, und er
+schrieb mir nach seiner Rückkehr nur ein paar Zeilen, die mich durch
+einen ihm sonst nicht eigenen kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm
+war ich nun ein gänzlich mißratener Auswürfling. Dies alles sei
+berichtet, weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich
+unmittelbar an dies Zerwürfnis schloß, nicht gut erklären könnte; denn
+es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit und so
+erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen Großstadt selten
+sind, und die zu ertragen eine nicht gewöhnliche Widerstandskraft
+notwendig war. Ich lebte von Äpfeln, von Käse und von Salat. Den Salat
+fand ich morgens in einer Schüssel vor der Tür meines Mansardenlochs;
+eine Frau, die mir gegenüber wohnte und von meiner hilflosen Lage
+Kenntnis erlangt hatte, übte auf diese zarte Manier Mildtätigkeit. Als
+ich ihr eines Tages dankte, schüttelte sie stumm den Kopf. Ich hätte
+aber selbst so nicht weiterleben können, wenn mir nicht mein Vater hier
+und da einen Brief geschickt hätte, in den er ein paar Marken gelegt
+hatte, die ich veräußerte; er mußte es heimlich und ohne Wissen seiner
+Frau tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, Streber,
+Ordensjäger und Geschichtsforscher #ad usum delphini,# der mich eine
+Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es war dies ein gewissenloser
+Menschenschinder, wie man sie nicht selten unter subalternen Beamten
+trifft; es machte ihm zynisches Vergnügen, aus meiner Bedrängnis Nutzen
+zu ziehen und seine Macht zu mißbrauchen; selbst in gedrückter Stellung,
+war es Lust für ihn, über einen noch Gedrückteren unumschränkter Herr zu
+sein. Wenn ich eine Woche lang seine Exzerpte kopiert und ihm zehn bis
+fünfzehn Bogen abgeliefert hatte, zahlte er mir nach Willkür und Laune
+einen bis anderthalb Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig
+oder dreißig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei ich
+darauf bedacht sein mußte, daß ich mich nicht in einen Kampf mit
+stärkeren Spielern einließ. Daß ich körperlich immer mehr herunterkam,
+bedarf keiner Erwähnung; es stellten sich Magenblutungen ein, und ich
+verordnete mir eine strenge Reiskur, die mich auch wirklich heilte. Im
+Äußeren war ich völlig vernachlässigt, obwohl ich alle Sorge darauf
+richtete, ohne Löcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich
+begab sich etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb
+quälender, halb beglückter Spannung, aus der sich langsam Gestalten,
+Bilder und Vorgänge lösten. Mein tägliches Dasein war ein erregter
+Traum; die Nächte über saß ich bei der Arbeit und schlief nur wenige
+Stunden. Die Einsamkeit, der gänzliche Mangel an Umgang und Aussprache
+bewirkten eine wiederkehrende und schließlich latente, rauschhafte
+Verzückung, die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden
+Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor mich hin
+und erinnere mich, daß ich einmal von zwölf bis drei Uhr nachts im
+Herbstregen durch die Straßen rannte, von Grauen erfüllt, weil ich einen
+Verfolger hinter mir glaubte, einen unversöhnlichen Feind, dessen
+Gesicht und Gestalt mir irgendwie genau bekannt waren.
+
+Dergleichen geschah öfter. Dennoch war ich keineswegs verzweifelt, im
+eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht verbittert oder
+anklägerisch oder menschenhassend. Ich denke nicht, daß ich mich einer
+nachträglichen Verklärung schuldig mache, wenn ich sage, daß die äußeren
+Leiden an mir niederrannen wie Wasser an einer geölten Wand. Ich fühlte
+einen unerschöpflichen Vorrat an Kräften in mir. Was ich äußerlich zu
+erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu stehen, was ich
+innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden Geduld entgegen, sonst
+nichts. Es war nicht eben Zuversicht, die mich stark machte; zur
+Zuversicht gehört bewußtes Selbstvertrauen; das hatte ich nicht, auch
+der Arbeit gegenüber nicht, die mich zwar in Flammen sah, an der ich
+aber die Unreife und Unzulänglichkeit spürte, kaum daß die Flamme
+ausgebrannt war, so daß ich mit einer fast nüchternen Beharrlichkeit
+immer wieder zum Anfang schritt. Es ist natürlich schwer, nach
+Jahrzehnten rückschauend alle Stationen einer Entwicklung wahrheitsgemäß
+zu untersuchen, ohne einem gewünschten Bild zu schmeicheln, doch wie ich
+auch mich und jene Zeit in mir prüfe, zwei Tatsachen bleiben mir
+unverrückbar: erstens, daß ich mitten in einer deutschen Stadt in einem
+Verhältnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, daß
+ich diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die
+Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen
+Hindämmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich wohl für alles, was
+mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, Stimmen, Farbe, Ton, Wort und
+Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas
+erschafft, woran er bloß den Anteil hat, der durch seine Existenz
+gegeben ist, während er sonst Werkzeug bleibt.
+
+
+
+
+12
+
+
+In sozialer Hinsicht mußte ich mich als Geächteter fühlen; ich war es
+auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, neigt, wenn er
+eine gewisse Höhe erlangt hat, gern dazu, seine finsteren Erfahrungen
+mit einem Goldsaum zu umbrämen. Er vergißt die Niedrigkeit um so
+bereitwilliger, als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu
+denken, niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet,
+lügt. Es erfordert im günstigsten Fall eine lange Zeit und lange
+sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz und Unrat gereinigt
+wird, mit dem sie beworfen worden ist, mit dem sie sich bedeckt hat. Es
+ist geradezu eine Erneuerung nötig, und erst, wenn Erneuerung
+stattgefunden hat, wird Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch
+in der Qual ist gar nicht fähig, Erfahrungen zu machen und Resultate zu
+ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch formen. Der
+Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht zuschreibt, entsteht
+daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen keinen Einwand gegen
+dieses freche Luxusdiktat erheben können. Entkommt einer der Gefahr, so
+darf er die Gefahr preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn
+er die rühmt, die für ihn ihre Haut zu Markte tragen.
+
+Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr
+meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu
+werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Die Frage, ob
+Jude oder Deutscher, war zunächst unwichtig geworden gegen die, wie ich
+zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als sei ich im
+Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als Schuld und Odium hing, ich
+für meinen Teil, und als werde das irgendwie augenscheinlich und
+beweisbar werden. Es trat eine Reihe von Zufällen ein, von Frist zu
+Frist, die meiner materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der
+nachtschwarzen Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor
+sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege des Geistes
+freigaben.
+
+Ich wurde Sekretär bei einem sehr geschätzten Schriftsteller, der,
+obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen zu seiner Sache gemacht
+hatte und dadurch allerdings mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt
+geriet, die ihn mehr in bürgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte
+mir seine Romane und Erzählungen, und als ich es nach einiger Zeit
+wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prüfung vorzulegen, zeigte er eine
+Überraschung, an der ich merkte, daß ich nicht taube Nüsse klopfte. Es
+war der erste Mensch, der mich ermunterte, der erste überhaupt, der mich
+als Dichter uneingeschränkt ernst nahm, und das bedeutete für mich
+soviel wie Rettung und Erlösung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte
+für mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwürdigen Gebilde; er scheute
+nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr reizten ihn zu
+bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heißsporn, der er war, begab er
+sich in Fehden; ich wurde unversehens ein Objekt von Für- und
+Widermeinung, was mich eher verzagt als stolz machte.
+
+Aber die Brücken betrat ich, die mir geschlagen waren, und schnell sah
+ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. Das heißt ich nahm für
+Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild der Welt war; sie täuschte
+Freiheit, Weite und Würde vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als
+ich längst keine Illusionen mehr über sie hatte, war doch das, was ich
+hier unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je größer mein Bemühen
+um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter erschien mir
+ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir notwendig, wenn nicht meine
+eigene Existenz eine schattenhafte sein sollte.
+
+Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie heute, bei uns wie
+bei jeder Nation, Repräsentanten aller Stände und Schichten. Es liegt
+nahe, an eine Auslese der Besten und Fähigsten zu glauben; dem ist nicht
+so. Es liegt nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf höherer
+Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfläche und die, eben
+durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch Sein vorbildlich ist.
+Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese vollzogen, es ist keine
+Gemeinschaft entstanden, es ist ein zufälliges In-, Mit- und
+Gegeneinander mehr oder weniger begabter, mehr oder weniger guter, mehr
+oder weniger zielbewußter, ehrgeiziger oder verbitterter oder
+entzündlicher Einzelner. Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste,
+sozial Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer Erde
+sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend,
+ob es nun Proletarier, Bürger oder Aristokraten sind. Sie bauen daher
+nicht auf einem gegebenen Fundament; sie müssen sich das Fundament erst
+errichten, und zwar jeder für sich und auf seine Weise. So vergeuden sie
+von vornherein Blut, Kraft und Geist für etwas, das Voraussetzung und
+Mitgift sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner hat
+die Bindung mit dem Volk, den Rückhalt an ihm, ja, das Volk beargwöhnt
+und verleugnet sie, es ist keine Mitte da, keine Übereinkunft, kein
+Vertrauen vom einen zum andern, nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft,
+und auch wo wahrhaft Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und
+hochmütige Sippe.
+
+Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, sogar
+dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen und die geistige
+Kontinuität bewahren, ist zweierlei. Eifersucht lauert stets unter der
+Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. Die Erfolglosen und die
+Erfolganwärter machen geschlossene Phalanx gegen die, die den mindesten
+Vorsprung haben, und es bedarf schon einer überwältigenden
+Persönlichkeit, um den Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich
+gebärden, niederzuschlagen. Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder
+führt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde Zucht und
+Mangel der Idee, Mangel der Übereinkunft und Mangel der Verantwortung.
+Ich erlebte es, daß frenetische Begeisterung um einen Namen lärmte, der
+sich dann nur in einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um
+Abkühlung und Einschränkung hervorzurufen. Fremdheit hielt stand;
+Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde alles zur
+Politik des Augenblicks mißbraucht.
+
+Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, die man
+atmet, färbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene Illusion. Es
+wurmte mich das kleine Maß, das die Wirklichkeit mich anzulegen zwang.
+Es wurmte mich das Nichtbesserseinkönnen und Nichtbesserwerdenkönnen,
+und es wurmte mich schließlich die Maske, die ich tragen mußte, wenn
+höherer Wille und höhere Rücksicht Dissimulation forderten. Die lernt
+sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch wieder ein
+Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, als mit dem
+Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel Gemüter zu beunruhigen und zu
+verwirren, die nur in Dämmerung und Täuschung noch ein unsicheres Glück
+genießen. Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, wahr zu sein,
+ist eine Aufgabe für sich, die allerdings aus dem Bezirk des
+Literarischen heraus in den der Selbsterziehung und der Liebe tritt.
+Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe muß man lernen.
+
+Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels von Geistigkeit
+und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser Opposition überfiel, die
+Scham über alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch
+ich mich jetzt zählte, in denen ich aber von fern die entrückten
+Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich
+bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader im
+Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale
+Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Werk,
+um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken
+und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit
+sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle
+Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier. Ich machte die
+Bekanntschaft eines jungen französischen Schriftstellers, und mit ihm
+erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genähert, wir hatten
+fruchtbare Gespräche miteinander geführt, und bei einer schicklichen
+Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer
+freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine
+drückende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das
+ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein paar
+Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause
+wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines
+schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an
+bemerkte ich, daß sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er
+hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir
+begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich
+selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist
+war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche wie überraschende
+Weise. Er hatte nämlich zufällig bei dem Antiquar, bei dem ich es
+verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht
+einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden,
+verrohenden Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen
+Beziehung vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner
+Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit
+ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und
+zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein ähnliches unter
+die Hände gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde
+Manier belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen
+Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt,
+verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er
+schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht
+manches, worüber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in
+Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesünder ist, aber eines werden
+Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden,
+was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: wahre
+Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!«
+
+Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis romanischen
+Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her verstehen. Das
+deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis ins Mark; deutsche
+Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blüte
+münden jäh in eine Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich
+abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge,
+so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste
+durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht
+und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben
+nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter,
+konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein
+verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr des
+ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt,
+was die andere preist; Traditionen brechen über Nacht, Bildung
+vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg
+die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.
+
+Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja meiner Natur
+auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen Körpers bemächtige. Ich
+war nun dem umrißlosen Dämmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen,
+meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der
+Relation zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben;
+ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner
+Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration,
+der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut
+her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das
+Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, Gerüst, Baugrund,
+»Stoff« sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder
+ein Übereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück,
+Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches
+Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben:
+Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnuß, ein Ungeheures von
+Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam für die Tatsache
+Gesellschaft, für die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er
+besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar
+erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und Geistern der vor
+ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwürdigkeit und gültige
+Prägung erhalten haben. Dem Engländer liegt eine seit Jahrhunderten
+gebahnte Straße öffentlichen und privaten Lebens vor, unumstößliche
+Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer
+Vergangenheit, die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft,
+mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des
+Geringsten im Volke fast stets gewiß; in Rußland wird Überlieferung und
+fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentümliche Freiheit und
+Urbanität der Führung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr
+selbstverständlich und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges
+Sichabschließen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht
+existieren und nie existiert haben.
+
+Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche
+Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er
+Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus,
+so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen.
+Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert,
+krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein,
+unmaßgeblich und ohne typische Prägung. So ist auch, was sich im
+»Wilhelm Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«,
+Synthese, Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast
+von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten,
+poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. Größe, Charakter,
+Bedeutung können dem deutschen Roman in seiner höchsten Stufung immer
+erst durch den Schöpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß,
+als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman
+ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während der
+englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch für
+die Nation repräsentativ.
+
+Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter
+(den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die
+Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter
+nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac
+Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der
+deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine
+Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so
+spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso
+sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die
+Würde.
+
+Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich
+eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie über die flache
+Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen?
+Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten
+darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich
+brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen
+Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in
+Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, menschliche
+Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, ein umschlingendes Band.
+Statt dessen fand ich mich zurückgeworfen und isoliert unter dreifach
+erschwerenden Umständen: als Literat; als Deutscher ohne
+gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehörigkeit.
+
+
+
+
+13
+
+
+Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden von Zirndorf«
+schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in
+Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu
+betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwärtige, das
+werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten,
+sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir
+die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat.
+
+Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie man einen Traum
+erzählt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt
+hätte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht
+erschrocken, aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es
+entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, dann
+wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier mit einer Katze
+als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll
+winziger Zeilen beständig in der Brusttasche. Die äußere Lage war die
+mißlichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich
+war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst
+nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schluß
+gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer
+Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder
+Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.
+
+Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend
+zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung,
+und sie fühlten sich bestätigt. Ich trat von Anfang an mit offenem
+Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten
+sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als
+Jünger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich nicht im
+Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lästerten; ich
+galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei
+Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik außer der des
+Schweigens töricht und schädlich. Die deutsche Welt verhielt sich
+gleichgültig oder ablehnend bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die
+für die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im
+allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im
+Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den
+Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel.
+
+Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich selbst. Die
+Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden
+erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer?
+wurde zunächst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein
+Künstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen
+lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele haben, aber
+auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein
+erzeugen keinen Körper. Es schien mir von alles überragender
+Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein
+jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf,
+Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre;
+vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwärmerischen in
+Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nächsten Freunde
+mißverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklären, denn über
+dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das
+Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an
+keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes binden und
+verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist außerordentlich
+schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben.
+Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um
+Läuterung und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß,
+Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um
+meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst
+konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt
+aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören;
+ich mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie von
+Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, ich mußte die
+glühendste Überredung, die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere
+sich mit einem »seht her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich
+hatte mich ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich,
+gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu
+wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald den
+Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben
+Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal
+meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. Andere hatten laufenden Kredit.
+Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte
+mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen
+einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein und auf
+erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.
+
+Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und
+begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von
+unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich über seine
+Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem Erreichten zufrieden
+sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung;
+daß man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen,
+hörten, fühlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran
+ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft
+labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte und schuf
+wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins und Gefühls eng
+verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelöst hatte und mit einer
+andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der
+Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger,
+ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden
+unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt würde; dazu das
+brodelnde Gewühl einer noch unerlösten Gestalten- und Bilderwelt in mir
+und nie weichende Sorge um die Existenz.
+
+
+
+
+14
+
+
+Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den »Caspar Hauser«.
+Ich halte mich zunächst an diese beiden Beispiele meiner Produktion,
+weil sie, ohne daß ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern
+will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend
+und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das
+andere nach der des deutschen Problems.
+
+Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein
+Großvater väterlicherseits, der als Seiler und später als Handelsmann in
+Zirndorf lebte, hatte ihn in Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen
+und erzählte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So
+berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten Leute,
+stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich
+von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo Hauser sein seltsames
+Leidensdasein verbracht und geendet, in Nürnberg die Burg, das
+Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den
+Hofgarten mit dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war
+diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an Dingen, das
+noch Währende der Landschaft.
+
+Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als ich lernte,
+Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatürlich
+wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte,
+Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder
+entzog ich mich der Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt,
+was Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen.
+Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, schrieb ich nur wie
+zur Übung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging
+jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der
+einschlägigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den
+Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das
+Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung,
+wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und
+Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger
+Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum
+Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die
+Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und
+wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im
+Licht.
+
+Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis dorthin
+gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die
+erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realität
+unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches
+Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision wurde,
+daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und ich sah mich zu
+langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den
+Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an
+mich; es war etwas Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das
+Zurückhaltung zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu
+unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete ich mit
+ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir
+Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer
+Erzählung kam zutage, daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in
+hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und
+-Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt
+hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen
+hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am sonderbarsten durch den
+tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem
+Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener
+Bruder von ihr, dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu
+reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von
+meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre
+Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das
+leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber
+der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich
+nun plötzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, daß sie auch
+mit Vornamen Clara hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der
+frauenhaften Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der
+kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt.
+
+Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung des Buches
+ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es
+endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den
+Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der
+Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen,
+den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß und
+Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehörigkeit erhärten,
+das Vorurteil der Fremdheit besiegen könne. Aber in dieser Erwartung
+wurde ich getäuscht. Zunächst erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die
+historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen
+Beschimpfungen und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über mich nieder,
+den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lügenfabel von fürstlicher
+Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt und zum Vergnügen eines
+sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß
+Professor Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in
+seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und wo, längst
+die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser ein schwachsinniger
+Betrüger gewesen sei, der die öffentliche Meinung Deutschlands und
+Europas zum Narren gehabt; daß es eine naive Anmaßung und Unwissenheit
+sei, das seit einem halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen
+neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und daß
+ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet wählen
+möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und Ärgernis zu erregen.
+
+Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, daß
+Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, für den ihn Daumer
+und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder
+totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege,
+glaubwürdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden
+einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die
+Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte
+Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darüber,
+was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei
+ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen,
+daß der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte
+Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte
+Schuld.
+
+Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern
+verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die
+Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem
+Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in
+einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und
+ich dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir nicht um
+Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe außer Frage. Es
+war mir auch nicht darum zu tun, daß der oder jener Beifall zollte, die
+Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal
+darum war mir letzten Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu
+erschüttern, Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt
+immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen
+Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur
+Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu verhilft, daß unter tausend zehn zum
+Gefühl des Besseren erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche
+Brust gesenkte Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist wohl
+wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis tötet
+den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und
+mag es nicht genügen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich
+für ihn erklären; wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn
+stoßen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde
+werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und dort unter
+aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als
+zufällig Getroffene, sei es als wählend und sichtend Berührte. Ihm geht
+es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es
+liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle
+der Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre
+Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten
+Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmäßigen, vom
+Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung großen Stils
+unmöglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige
+Übereinkunft fehlt und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu
+Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages,
+überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen
+wird wenig geachtet, und sie müssen sich in esoterischer Tätigkeit
+bescheiden. Je schwächer aber der Anteil eines Volkes an den
+Hervorbringungen seiner Schöpfer ist, je herzensmatter und
+unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je
+unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer
+ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner
+Gesetzmäßigkeit. Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum
+Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger
+Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender
+Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund
+enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer
+getrieben; er muß morgen schmähen, was er gestern bejubelt, das
+erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn
+aus dem falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit
+Staub.
+
+Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte und erobern
+konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich's mir heilig und
+schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich lesen oder spürte, daß es
+im Sinnen und Meinen lag: der Jude.
+
+
+
+
+15
+
+
+Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare
+Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt
+nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf.
+
+Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade
+der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum
+verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische
+Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der
+bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich
+erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie
+sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der
+Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas
+dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder
+durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug
+ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm
+erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es
+selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit,
+sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich
+vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden.
+Der zuletzt den Stahl führt, ist nur ausübendes Organ; gemordet hat ihn
+jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die
+Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder
+geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der
+Clara von Kannawurf.
+
+Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der
+Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl
+sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch
+der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das
+Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln
+mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist
+und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht
+beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es
+billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste,
+und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom
+Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme
+und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den
+Erweckten.
+
+Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen
+geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich,
+als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben,
+ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir
+die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das
+verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft
+daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer
+Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher
+jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder
+auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des
+Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als
+volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten
+ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden
+wäre, sie sich's wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie
+manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das
+sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja
+überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in
+romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am
+Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach
+innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was
+die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht
+auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine:
+es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude
+ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb.
+
+Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies
+vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr-
+und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch
+das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten
+Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau
+und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden
+Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem
+auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine
+deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.)
+Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche
+Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer
+ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es
+wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das
+bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu
+brechen.
+
+Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und
+Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes,
+Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil
+verwundet bis zurück ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich
+wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits
+macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den
+Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt
+und gewonnen.
+
+Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich
+gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir
+herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich
+anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich's, in die
+sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein
+Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben
+vermag.
+
+Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals
+voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der
+übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund
+solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn
+nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den
+Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was
+wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln,
+man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du
+blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare
+Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren
+Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel
+nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller
+Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual.
+
+So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen,
+wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was
+du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt
+froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine
+unerschütterliche Überzeugung ist, daß alles, was du bildest und
+formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann.
+
+Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge,
+so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und
+Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat
+von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem
+Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der
+Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die
+Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von
+geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er
+voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und
+Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die
+Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags
+nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er
+ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie
+soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen
+muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er
+betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich
+sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist;
+es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von
+ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es
+ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei
+Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll,
+keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch
+Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die
+Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager
+der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis
+der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte
+und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung?
+
+Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der
+Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen,
+höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie
+müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder
+überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben
+befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt.
+
+Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht
+einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch
+nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit
+Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat,
+hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch
+nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des
+Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der
+plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an
+die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten
+wird.
+
+Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben
+und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich
+um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt?
+
+
+
+
+16
+
+
+Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum
+zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren,
+die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den
+»Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische
+Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das
+»Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten
+Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie
+keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes
+Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der
+Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in
+sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues,
+wohltuendes Gefühl für mich.
+
+Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher
+Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung,
+sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt
+und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur
+Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein
+intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste,
+genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen
+Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum
+Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben
+entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber
+um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich
+zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das
+Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte,
+wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil,
+mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt
+aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte.
+
+Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges,
+Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies
+mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum
+Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch
+das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis
+zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur
+ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als
+eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage
+hat Interesse nur im Hinblick auf mein persönliches Problem. Manche
+haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte
+Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich
+verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt
+keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur
+Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie
+nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches
+Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut
+erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens.
+
+Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund
+wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen
+in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich
+Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der
+lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe
+Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich
+Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von
+ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte,
+bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen.
+Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht
+zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem
+Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man
+sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es
+immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat,
+denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es
+erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in
+entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis
+hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb
+Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner
+verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei,
+daß er einst für das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war,
+und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu
+wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er
+wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt,
+die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein
+eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch
+an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der
+Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner
+Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so
+peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war.
+
+Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo
+die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in
+Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren
+Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und
+Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen,
+obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem
+Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der
+junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann
+in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen;
+er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als
+Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen
+meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser
+hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze
+Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben.
+Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und
+wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er
+sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien,
+es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen
+derartigen Ausdruck von Haß, philisterhafter Bosheit und beleidigtem
+Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst
+es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich
+getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen
+Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten
+überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht
+gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er
+mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese
+Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.
+
+Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als
+die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr
+Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns
+einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete
+damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns
+zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit
+keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins
+gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht
+gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches,
+immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre
+vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen,
+daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier
+verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der
+Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte,
+aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines
+Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn
+geschrieben.
+
+Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem
+bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich
+freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als
+durch die Trennung der Wege und die Loslösung von gemeinsamen Zielen.
+Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die
+durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf
+ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der
+betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die
+Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht
+gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte
+keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung
+konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu
+bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein,
+als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und
+Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen,
+wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind,
+wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und
+Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges
+darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den
+Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung,
+der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der
+Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut,
+jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit.
+Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des
+äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das
+seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist,
+und worauf ich auch werde zurückkommen müssen.
+
+Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll,
+wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja
+solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische
+Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich
+unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen
+alte Bande, knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts
+zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die
+Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als
+ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen
+Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in
+einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei
+geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft
+preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als
+Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst
+verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin
+er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in
+den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und
+die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis
+davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn
+einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte
+ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam
+kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer.
+
+So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch
+Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die
+befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die
+Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen
+war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten,
+die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude
+ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was
+ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler
+die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und
+Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen
+Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die
+Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht
+mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur
+nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen,
+erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische
+Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld
+an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen
+Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar
+machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des
+Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger
+zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu
+bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide
+ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich
+verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer
+gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr
+um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das
+Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird
+auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt
+mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit;
+Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein
+Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die
+Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel
+vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe
+Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu
+leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da,
+das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in
+den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk
+die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann
+nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn
+mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.
+
+
+
+
+17
+
+
+Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten.
+Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir
+ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er
+lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit
+der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm
+ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent,
+der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er
+doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener,
+Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz
+verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst.
+Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm
+gewiß fühlbar wurde.
+
+Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung
+ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener
+Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem
+Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei
+alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also
+hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich
+mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm
+zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung
+sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine
+Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung
+freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus
+dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und
+Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe
+hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung,
+Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter
+Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der
+Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon
+zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam
+als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging.
+Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu
+entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir's dann bequem werden
+zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit
+jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem
+»Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie
+Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen«
+gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern
+vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind
+Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben
+will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil,
+seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein
+Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf
+mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich
+damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich
+bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. -- Was?
+Was ist umsonst? -- Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in
+euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein.
+Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo
+die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist
+doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine
+geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch
+eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich
+war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein
+halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man
+erklärte die Kunst für neutral; heute wird der Mensch geprüft und
+gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift-
+und Krankheitskeime aussäen kann.
+
+Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung
+war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es
+war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch,
+Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu
+widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines,
+ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit
+danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht,
+ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn
+nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der
+geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender,
+fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien
+betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem
+Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will
+es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein
+Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns
+geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß
+deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie
+ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich
+gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel
+bestätigt.
+
+Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich,
+als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich.
+Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge.
+Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin
+nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines
+bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir
+sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich
+räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die
+Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer
+ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt.
+
+Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald.
+
+
+
+
+18
+
+
+Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und
+hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens
+nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den
+Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band
+mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit
+mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer
+erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben,
+dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon
+versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine
+bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende
+verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen
+Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht.
+
+Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen
+vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige
+russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen
+verwunschenen Kreis trat und, wenn ich's recht bedenke, die erste
+Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu
+verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über
+das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war
+Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine
+junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns
+wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir
+uns wieder.
+
+Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine
+leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf
+Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen,
+williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich
+durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja,
+daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit
+naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch
+die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung
+gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des
+Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende
+Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte
+nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und
+nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt
+sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo
+verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.
+
+Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren.
+Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen
+Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es
+Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die
+Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich
+mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese
+österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch
+erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.
+
+Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und
+Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit
+und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen
+war durchaus alles fragwürdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform,
+Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik
+und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus,
+namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und
+Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu
+letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte
+führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung,
+die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige
+Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das
+öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld
+vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen
+Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem
+System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um
+sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht
+achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das
+Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte
+es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in
+seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt,
+gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie,
+des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen
+Ende lenken konnte.
+
+Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen
+Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich
+nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen
+Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des
+südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden
+Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das
+geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene
+Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden
+und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm
+es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder
+Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei
+Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor,
+unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste
+Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu
+unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich
+verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen.
+Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der
+großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo
+ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen
+meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise,
+nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und
+verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war.
+
+Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich
+zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am
+Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine
+Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes
+Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es
+war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus
+offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte
+mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose
+Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn
+erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten
+gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit
+abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig
+oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und
+überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem
+Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche
+Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose
+Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war
+verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben
+sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht.
+
+Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und
+Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht
+beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen
+vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller,
+ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein
+können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu
+erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die
+Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut.
+Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von
+beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger,
+einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit
+seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte
+wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches
+Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten
+darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich,
+ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine
+Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene
+Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der
+Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier
+konnte ich die Bogen wölben.
+
+Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie
+im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur,
+Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie;
+von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie
+getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr
+hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der
+Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle ist noch nicht
+überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da,
+Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung.
+
+
+
+
+19
+
+
+Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig.
+Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte
+und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von
+andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem
+Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit
+denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren.
+Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst.
+Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das
+Blickfeld beengte.
+
+Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden
+beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur,
+die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der
+Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war
+vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und
+Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht
+nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er
+fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen
+Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es
+nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere,
+Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der
+Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß
+die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher
+Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine
+Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten,
+Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern,
+Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie
+äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu
+sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten
+unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an
+bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier
+wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer
+Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist
+ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und
+Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares
+inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist,
+für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise
+einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut
+unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft
+hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn.
+
+Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum
+Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle
+Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet;
+apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges
+Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit,
+wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu
+bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an
+metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am
+meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von
+Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung
+trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen,
+Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht,
+Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es
+das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze;
+der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war
+untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal,
+zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war
+überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der
+Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich
+wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war.
+Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel
+durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern
+durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist
+doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.
+
+Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend
+hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für
+das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein
+nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft,
+wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr
+kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte
+glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am
+Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten
+Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen
+Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden,
+feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren
+erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als
+Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in
+skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft
+gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits
+literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände
+allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen
+mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den
+Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab
+es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche
+Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und
+finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum
+Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der
+Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter,
+denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und
+unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich
+durchzusetzen.
+
+Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im
+Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf
+eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere
+Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von
+den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die
+unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und
+Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die
+jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen
+Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung
+hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem
+Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war
+gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde,
+daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und
+weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot,
+verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die
+irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein
+schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu
+ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung
+begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie
+sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten,
+den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte.
+Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten,
+und ihre Welt war ein Kerker gewesen.
+
+Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen
+schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz
+anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt
+hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch
+eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von
+mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der
+Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder
+Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und
+als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben
+vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin,
+dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und
+mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen
+wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit,
+sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht
+willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten
+verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht
+bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein
+Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft.
+
+Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache
+gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit.
+Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde,
+Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand
+nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie
+mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung
+fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch
+nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus
+vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches
+Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation
+nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von
+Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als
+Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche
+Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des
+Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten,
+aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die
+jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch
+betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene
+Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den
+Weg.
+
+Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr
+Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren
+schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen,
+schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-,
+schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine
+Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den
+Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so
+geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die
+Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee,
+einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun
+gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen
+oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich,
+geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit
+und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist
+und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die
+Geschäfte eines jeden betreiben.
+
+Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm,
+bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu
+leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder
+zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja
+nur von Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir
+vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich
+keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele
+Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff
+oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt
+zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen
+Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß
+es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere
+einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich
+einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen
+Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern
+Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu
+suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind
+das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei
+Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten,
+da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß
+schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck
+bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als
+einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist?
+
+Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie
+sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als
+Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die
+Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag
+eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir
+sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten.
+
+
+
+
+20
+
+
+Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast
+du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft
+gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen.
+
+Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs
+dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle,
+dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei
+vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe
+Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die
+Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts
+erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr
+versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen
+Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der
+öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren
+Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die
+Karyatiden fast jeden großen Ruhms.
+
+In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine
+recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an
+die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad
+der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt
+wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis
+aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch;
+Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich
+äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich
+verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei
+Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der
+Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei
+Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen
+gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst
+dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich.
+
+Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden
+niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist
+verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden
+kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff
+des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem
+Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern
+Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem
+jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu
+untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder
+Sehnsucht die Furcht bedingt.
+
+In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden,
+verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und
+selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem
+blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu
+Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort,
+jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde
+sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein
+hysterisches Triumphgeschrei an.
+
+Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie
+ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder
+wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor
+kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in
+Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch
+dort sind.
+
+Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von
+gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein
+wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig
+geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und
+Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in
+beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln,
+ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde
+Anglomane, und zwar von strengster Observanz.
+
+Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den
+untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das
+Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich
+bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die
+Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch,
+Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das
+Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das
+Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger
+Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und
+ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie
+bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres
+Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen.
+
+Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der
+edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen
+unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk
+getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel
+stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt
+sozusagen agnoszierten.
+
+Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von
+Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie
+dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen
+Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine
+Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als
+welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit
+gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß
+nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die
+Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr
+später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich,
+wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte
+Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies
+muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und
+blauäugig war.
+
+Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher
+geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so
+wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend
+ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur
+ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen;
+verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine
+sichtbare Wandlung, das Seltenste.
+
+Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei
+ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit
+nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und
+Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine
+mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur
+Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben.
+
+
+
+
+21
+
+
+Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber
+ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher
+Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen,
+Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits
+die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung,
+baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade
+noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.
+
+Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen
+hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur
+dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein
+mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede
+arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen
+ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder
+Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist.
+
+Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber,
+wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die
+durstig daran hängen.
+
+Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und
+Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet.
+Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das
+ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein
+Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt,
+sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche
+überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts.
+In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran
+mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten
+Nachdenkens.
+
+
+
+
+22
+
+
+Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die
+aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung
+ausgeht.
+
+Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht
+oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische
+Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im
+Gefängnis gestorben, seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist
+bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und
+flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und
+ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen
+Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland.
+
+Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum
+bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit
+sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die
+Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand,
+der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich
+entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb
+zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches
+Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem,
+tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an
+ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus
+getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte
+und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt.
+Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine
+Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie
+nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit
+jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der
+Katastrophe.
+
+Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine
+Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu
+machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei
+Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet,
+warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen
+Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum
+Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem.
+Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus
+seinem Wesen gehört hätte. Ich hätte es lieber gehört; es hätte auf
+Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert
+gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten.
+
+Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des
+Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war
+nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern
+er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die
+noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die
+vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über
+diese zum Richter auf.
+
+Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem
+Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt.
+Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um
+sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum
+verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie
+unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er
+bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen
+Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten
+beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und
+Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und
+korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und
+der, den Gott verstoßen hat.
+
+Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht
+davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat
+er ja seine Logik und sein Wissen.
+
+Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen
+ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der
+zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und
+Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die
+These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser
+Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen entzogen? Ist es
+Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb
+oder herostratisches Gelüst?
+
+Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin.
+
+Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine
+dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich selten. Aber die Seltenheit
+mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind
+späneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine
+Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung und
+Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwächerer, der
+Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der
+mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist.
+
+Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die
+Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; die
+geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen
+und die Gottsucher; die am Wort hängen und ans Wort glauben; die
+dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher;
+die Piraten des öffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur;
+alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen -- Legionen. Es
+fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus
+miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne
+Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen -- Legionen. Sie alle waren
+vielleicht einmal ein Ausdruck der Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine
+lebendige Phrase.
+
+Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung.
+Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das Bild, entfleischt die
+Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht
+nicht mehr die Gestalt und löst sich los von Sein und Werden.
+
+Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt,
+wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzündeten
+Zelle, die sich weiter frißt und endlich als Krebsgeschwür den Körper
+zerstört. Sie bläht sich und bläht sich und frißt und frißt und
+verfinstert die Erde und den Luftraum.
+
+
+
+
+23
+
+
+Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die
+Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur
+gegenwärtigen Stunde Deutschland ist.
+
+Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war
+und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht
+überraschend für mich.
+
+Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein
+wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben.
+
+Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da
+aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf
+die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig
+anbiß.
+
+Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen
+verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen
+in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in
+einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die
+deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven
+Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort
+war die Zentralhexenküche.
+
+Es ist nicht meines Amtes.
+
+Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im
+juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.
+
+Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen
+Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem
+Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der
+vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht
+wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in
+Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer.
+
+Juden sind die Jakobiner der Epoche.
+
+Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden
+werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung
+beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich
+in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun
+eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in
+die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom
+Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So
+müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der
+Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne
+gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und
+ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte
+Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären.
+Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt
+haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat,
+man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt.
+
+Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer und Hüter
+der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes.
+
+Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht
+abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der Haß lodert weiter. Er
+macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht
+nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel.
+
+Es ist der deutsche Haß.
+
+Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit
+ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein.
+Man weiß von ihnen, daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man
+weiß, daß sie ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als
+eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?
+
+Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß.
+
+Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. Immer, wenn
+es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in
+jeder heiklen Situation machen sie die Juden für ihre Verlegenheit
+verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der
+Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die
+Kurfürsten und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge
+mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher
+funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.
+
+Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich eine
+Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher
+Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem
+Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen
+Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei
+Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der
+Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, ich weiß
+aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel
+widereinander, und es war mir zumute, als müßten die in beiden Spiegeln
+enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen.
+
+Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig
+Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches.
+
+Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man
+darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Güte.
+Ein wesentlicher Defekt muß da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so
+gewohnheitsmäßig, so skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen
+Auseinandersetzung zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem
+Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, in
+Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Völker zu
+marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen Hader sät, solch
+berghohen Haß häuft.
+
+Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.
+
+Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein.
+Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung und Mittelpunktslosigkeit.
+Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg über alle Feinde und auf
+Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott
+erfunden, der, wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen
+patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen,
+Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der
+Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. Unvereinbare Gegensätze
+individueller Wesenszüge: praktische Regsamkeit und Träumerei; Gabe der
+Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb,
+Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu
+dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben
+ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris führt, zu Hoffart und
+unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schließlich das Dogma der
+Auserwähltheit.
+
+Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen blutende,
+eiternde Wunden. Im schwächeren Körper unheilbare Wunden.
+
+Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere
+reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern
+Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende
+Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure
+asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und
+das arische Prinzip von der Erde vertilgen.
+
+Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und wer dann jene
+Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre auch nicht gedient, wenn
+ich mit Engelszungen redete.
+
+Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig. Die
+Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges,
+knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche sittlicher Entrüstung, die
+die Engländer vorbrachten, über sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen
+aber irgendein Engländer zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so
+begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk
+gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich
+ist.
+
+Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im
+Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Söhne hatte, einen elf-,
+einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. Einmal ließ er sich mit ihnen
+in ein Gespräch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der
+Elfjährige sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein Millionär.
+Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der
+finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich überhörte,
+sagte endlich zu dem Bedränger: Erde will ich werden wie du.
+
+Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken
+zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, daß die Deutschen
+stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden,
+nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwände und
+Verschleierungen sein mögen.
+
+Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum
+wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane
+Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den
+Nachweis schließlich, den ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß
+Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir
+gefallen, damit kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel
+betören. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet.
+Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich
+da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art
+in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen
+freilich, das in die Zukunft deutet.
+
+
+
+
+24
+
+
+Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung wird die
+Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf.
+
+Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner
+Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan
+glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage.
+
+Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke
+geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es
+rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte.
+
+Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu
+werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul.
+
+Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen
+nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört.
+
+Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling,
+er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu.
+
+Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie
+sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit?
+
+Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es
+als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles.
+
+Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu
+streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben.
+
+Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.
+
+Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen:
+er ist ein Jude.
+
+In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte ich die
+wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in
+der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde
+ihres Anblicks nicht müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen
+sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter
+Gemordete, irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige Leiden
+Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und drängten sich in
+meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wußte, trieb mich die
+Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die
+Lebendigen bei ihnen an.
+
+So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten
+Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz
+und gar unerträglich.
+
+
+
+
+25
+
+
+Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung und
+Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu
+wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiefe; was auf der
+Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks.
+Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen
+die Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich
+kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame;
+Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte,
+Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und
+gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken;
+Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und auf die ich dennoch
+zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen
+ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und
+Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die
+unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer
+Werke spüre.
+
+Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich
+rechne, und zu denen ich mich stelle.
+
+Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und
+selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner
+Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge
+zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so
+faßt er doch nicht die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert
+meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich
+haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und
+Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich
+darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner
+Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir zuschreiben muß. Er meint, daß
+die Wut der Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die
+Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er übersieht aber
+die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren
+Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als
+Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu
+beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm,
+sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für
+die Deutschen als für die Juden leide.
+
+Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn
+auch am vergeblichsten?
+
+Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung,
+dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun?
+
+Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe,
+und ich schäme mich für ihn.
+
+Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der
+Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die
+Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon
+mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem
+Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand.
+
+Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch,
+der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein
+gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm:
+das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die
+Peitsche aus der Hand.
+
+Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre
+viel. Es wäre genug.
+
+
+
+
+26
+
+
+Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu
+beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet jeder
+Bemühung.
+
+Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt
+auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum verbietet sich dem, der
+sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem
+Ergebnis nur für die, die zur Anpassung geeignet sind, also für die
+schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.
+
+Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, Beklommenheit und
+Unfreude, zu schleppen nur für jene, die es auf pure Existenz und deren
+äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, unfaßlich für die Erleuchteten
+oder Seelenhaften, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser
+Einsamkeit und aussichtslosem Kampf --?
+
+Es ist besser, nicht daran zu denken.
+
+Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine
+Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder
+Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. Vielleicht hat
+er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als
+einen von ihnen betrachten.
+
+Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, in einem
+Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht
+umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr
+und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich
+spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene
+Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen
+beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahnenhafter und
+wahlhafter, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang
+ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb,
+weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen
+aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil
+beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen,
+zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung.
+Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja
+ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da
+ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es
+mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt.
+
+In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die
+Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst
+auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise die Verlorenen
+heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner und Ergreifer wird
+miterhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich, daß im Abstand von den
+niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts
+ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne
+finden.
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman. Dreiundzwanzigste Auflage.
+
+Der Moloch
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.
+
+Alexander in Babylon
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen. Sechste Auflage.
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman. Fünfzehnte Auflage.
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.
+
+Faustina
+Ein Gespräch über die Liebe. Dritte Auflage.
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen.
+
+Der Mann von vierzig Jahren
+Roman. Vierzehnte Auflage.
+
+Das Gänsemännchen
+Roman. Sechsundsechzigste Auflage.
+
+Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+Mit elf Abbildungen nach zeitgenössischen Originalen
+Vierte Auflage.
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden. Vierunddreißigste Auflage.
+
+Der niegeküßte Mund
+Erzählungen. Dreiundsechzigste Auflage.
+
+Der Wendekreis
+Novellen. Neunzehnte Auflage.
+
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+ (Westermanns Monatshefte)
+
+
+Das Gänsemännchen
+
+In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem »Caspar Hauser« sein
+Größtes gegeben; ein Werk menschlicher und künstlerischer Reife, voll
+unheimlicher Abgründe und lichter Höhen; Höllenfahrt und Himmelfahrt,
+Dämonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewürm und strahlende
+Schönheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer
+Dom; eins und groß, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und
+Krausheit des Bildwerkes.
+ (Der Tag, Berlin)
+
+
+Christian Wahnschaffe
+
+Dies Werk ist groß in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im
+Rausch seiner Farben und Gefühle. In ihm vollzieht sich der Übertritt
+des großen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere
+Wirklichkeit ist im »Christian Wahnschaffe« eingefangen und zu deuten
+versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt
+unerschöpflich auf und verebbt. -- Es sind zeitlose Sätze darin von
+tiefer und langer Gültigkeit.
+ (B.Z. am Mittag, Berlin)
+
+
+Der Wendekreis
+
+Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkräften, nach der
+unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und
+eine unerhörte Lebensfülle, das ist der Gehalt dieses neuen
+Novellenbuches. Ein #Theatrum mundi# tut sich in den sechs Novellen auf,
+so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur höchst selten von einer Bühne
+sich offenbart.
+ (Leipziger Tageblatt)
+
+
+Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 075: Komma hinzugefügt: Markterfolg, literarische Geltung
+p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes
+
+Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:
+
+p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
+p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?)
+
+Das Originalbuch war in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fettdruck: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists
+all corrections applied to the original text.
+
+p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung
+p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes
+
+The following peculiar spellings have been kept:
+
+p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
+p 086: Trotz des Zurückgewiesen (Zurückgewiesenen?)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Boldface: =bold face text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
+
+***** This file should be named 17413-8.txt or 17413-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/4/1/17413/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+Project Gutenberg's Mein Weg als Deutscher und Jude, by Jakob Wassermann
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+Title: Mein Weg als Deutscher und Jude
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<!-- <p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a>[Illustration: publisher's logo]</p> -->
+<!-- <p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p>
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+<div class="titlepage">
+<h1>Mein Weg<br />
+als Deutscher und Jude</h1>
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+<h3>von</h3>
+
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+
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+<table class="quoteright">
+<tr><td>..... vis animae conturbatur et divisa<br/>
+seorsum disiectatur, eodem illo distracta<br/>
+veneno.</td></tr>
+<tr><td align="right">Lucrez, III. 498.</td></tr>
+</table>
+
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+<h4>1921<br />
+S. Fischer Verlag Berlin</h4>
+
+<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p>
+<p class="copyright">Erste bis f&uuml;nfzehnte Auflage<br />
+Alle Rechte vorbehalten</p>
+
+
+<p class="copyright">Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin</p>
+</div>
+
+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
+<div class="dedication">
+<h1>Ferruccio Busoni</h1>
+<p>
+<span class="i0">dem Freund dem K&uuml;nstler</span><br />
+<span class="i2">gewidmet</span></p>
+</div>
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+<!-- <p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p>
+<p>Ohne R&uuml;cksicht auf die Gew&ouml;hnung meines Geistes, sich
+in Bildern und Figuren zu bewegen, will ich mir &#8211; gedr&auml;ngt
+von innerer Not und Not der Zeit &#8211; Rechenschaft ablegen
+&uuml;ber den problematischesten Teil meines Lebens, den, der mein
+Judentum und meine Existenz als Jude betrifft, nicht als
+Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, die
+auch dem Unbefangenen Ausblick auf F&uuml;lle von Mi&szlig;verst&auml;ndnissen,
+Tragik, Widerspr&uuml;chen, Hader und Leiden er&ouml;ffnen.</p>
+
+<p>Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit
+Freiheit oder Herausforderung behandelt wurde, sch&ouml;nf&auml;rbend
+von der einen, geh&auml;ssig von der anderen Seite. Heute ist es
+ein Brandherd.</p>
+
+<p>Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn
+nichts mehr gelten, was mir schon einmal als bewiesen gegolten
+hat. Auf Beweis und Verteidigung verzichte ich somit
+&uuml;berhaupt, auf Anklage und jede Art konstruktiver Beredsamkeit.
+Ich st&uuml;tze mich auf das Erlebnis.</p>
+
+<p>Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen &uuml;ber das
+Wesen jener Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und
+Sein zieht und mir mit den Jahren immer schmerzlicher f&uuml;hlbar
+und bewu&szlig;t worden ist. Der unreife Mensch ist gewissen
+Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife. Dieser,
+sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee,
+was im Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach
+der Besessenheit, in der das Ich den Zauber des Unbedingten
+hat, und Welt und Menschheit kraft einer angenehmen und
+halbfreiwilligen T&auml;uschung dem gebundenen Willen in den
+Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In
+<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>dem Ma&szlig;e, in dem die eigene Person aufh&ouml;rt, Wunder und
+Zweck zu sein, bis sie zuletzt ein kaum gesp&uuml;rtes Zwischenelement
+wird, gleichsam Schatten eines K&ouml;rpers, den man
+nicht kennt, noch erkennen kann, in dem Ma&szlig;e w&auml;chst die
+Schwierigkeit und Gef&auml;hrlichkeit des Lebens mit und unter
+den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen,
+was man Realit&auml;t und Erfahrung nennt.</p>
+
+<p>Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch
+bei der genialsten Rezeption. Es h&auml;ngt von der Breite des
+Schicksals ab, wieviel unverge&szlig;- und unverwischbare Spuren
+es in der Seele hinterl&auml;&szlig;t.</p>
+
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+<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p>
+<h2><a name="kapitel_1" id="kapitel_1"></a>1</h2>
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+
+<p>Ich bin in F&uuml;rth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend
+protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken,
+in der es eine zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender
+Juden gab. Das Verh&auml;ltnis der Zahl der Juden zur
+&uuml;brigen Bev&ouml;lkerung war etwa 1:12.</p>
+
+<p>Der &Uuml;berlieferung nach ist es eine der &auml;ltesten Judengemeinden
+Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen
+dort j&uuml;dische Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und
+Bl&uuml;te trat wahrscheinlich erst zu Ende des f&uuml;nfzehnten Jahrhunderts
+ein, als die Juden aus dem benachbarten N&uuml;rnberg
+vertrieben wurden. Sp&auml;ter wendete sich auch vom Rhein her ein
+Fl&uuml;chtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach
+Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren m&uuml;tterlicherseits,
+die im Maintal in der N&auml;he von W&uuml;rzburg seit Jahrhunderten
+dorfans&auml;ssig waren, so wie die von v&auml;terlicher Seite
+in F&uuml;rth, Roth am Sand, Schwabach, Bamberg und Zirndorf.</p>
+
+<p>Beziehung zu Boden, Klima und Volk mu&szlig; also den
+Generationen, die durch drei&szlig;ig oder vierzig Jahrzehnte hier
+hausten, in Fleisch und Bein &uuml;bergegangen sein, obgleich sie
+diesen Einfl&uuml;ssen entgegenstrebten und als Fremdk&ouml;rper vom
+Volksorganismus ausgeschieden waren. Dr&uuml;ckende Beschr&auml;nkungen,
+wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freiz&uuml;gigkeit
+und der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des
+neunzehnten Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter,
+ein Mann von Bildung und edler Anlage, verblutete an ihnen.
+Da&szlig; finsterer Sektengeist, Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch
+immer frische Nahrung erhielten, versteht sich am Rande.</p>
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+<p><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Franz&ouml;sischen
+Krieg, war f&uuml;r die deutschen Juden der b&uuml;rgerliche
+Tag l&auml;ngst angebrochen. Im Parlament k&auml;mpfte die liberale
+Partei bereits f&uuml;r die Zulassung der Juden zu den Staats&auml;mtern,
+eine Anma&szlig;ung, die auch bei den aufgekl&auml;rtesten Deutschen
+Entr&uuml;stung hervorrief. &raquo;Ich liebe die Juden, aber regieren
+will ich mich von ihnen nicht lassen&laquo;, schrieb zum Beispiel
+ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.</p>
+
+<p>Von Pferch und Helotentum sp&uuml;rte ich also in meiner
+Jugend nichts mehr. Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt,
+auf der andern sich gew&ouml;hnt. Wirtschaftlicher Aufschwung
+beg&uuml;nstigte die Duldsamkeit. Ich erinnere mich, da&szlig;
+mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger Genugtuung
+sagte: &raquo;Wir leben im Zeitalter der Toleranz!&laquo; Das
+Wort Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es
+fl&ouml;&szlig;te mir Respekt ein, und ich beargw&ouml;hnte es, ohne da&szlig; ich
+seine Bedeutung begriff.</p>
+
+<p>In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung
+durchaus vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich
+und &ouml;ffentlich. Man wohnte unter Christen, verkehrte mit
+Christen, und f&uuml;r die fortgeschrittenen Juden, zu denen mein
+Vater sich z&auml;hlte, gab es eine j&uuml;dische Gemeinde nur im Sinn
+des Kultus und der Tradition; jener wich vor dem verf&uuml;hrerischen
+und m&auml;chtigen modernen Wesen mehr und mehr ins
+Konventikelhafte zur&uuml;ck, in heimliche, abgekehrte, frenetische
+Gruppen; diese wurde Sage, schlie&szlig;lich nur Wort und leere
+H&uuml;lse.</p>
+
+<p>Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine
+Weise wie den meisten seiner Glaubens- und Altersgenossen
+gelingen wollte, Reicht&uuml;mer zu erwerben. Er hatte in Gesch&auml;ften
+eine ungl&uuml;ckliche Hand. Er war ein wenig Phantast
+und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit der
+Geldmacher beraubte. Er tr&auml;umte von gro&szlig;en Spekulationen
+und gro&szlig;en Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl.
+<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>Seine Geistesrichtung war die sentimental-freiheitliche, laues
+Nachz&uuml;glertum der M&auml;rzrevolution, das seine verw&auml;sserten
+Tendenzen ins neue Reich getragen hatte. Ich entsinne mich
+aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen Disputs zwischen
+ihm und einem seiner Vettern &uuml;ber Ferdinand Lassalle, von
+dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich
+auch, da&szlig; er manchmal am Abend r&uuml;hrende Lieder zur Gitarre
+sang. Das war noch in der guten Zeit, als ihn die Sorgen
+noch nicht gebrochen hatten. Er liebte Schiller und sprach mit
+Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner Reisen hatte er
+in einem th&uuml;ringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an
+der G&auml;stetafel gespeist; er erz&auml;hlte oft mit Stolz davon, und
+in sp&auml;teren Jahren, als meine K&auml;mpfe um den Schriftstellerberuf
+ihn erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen
+zur&uuml;ckzuweisen, als deren Beute er mich sah: &raquo;Was
+bildest du dir ein? Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!&laquo;</p>
+
+<p>Mitte der achtziger Jahre gr&uuml;ndete er eine Fabrik in kleinem
+Stil, mit geringem Kapital, das er m&uuml;hselig zusammengeborgt
+hatte, aber mit gro&szlig;en Hoffnungen. Nach wenigen Jahren
+machte er Bankrott und wurde dann Versicherungsagent, eine
+T&auml;tigkeit, die trotz unerm&uuml;dlicher Anstrengung ihn mit den
+Seinen kaum &uuml;ber Wasser hielt und ihn au&szlig;erdem mit dem
+Gef&uuml;hl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes
+Leben lang schwer gearbeitet; als ich, drei&szlig;igj&auml;hrig, den
+Sechsundf&uuml;nfzigj&auml;hrigen f&uuml;r einige Wochen zu Gast bitten
+konnte, zeigte er eine best&auml;ndige stumme Verwunderung, und
+beim Abschied sagte er zu mir: &raquo;Es waren die ersten Ferien
+meines Lebens!&laquo; Nach Hause zur&uuml;ckgekehrt, starb er, acht
+Tage nachher.</p>
+
+<p>Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war
+eine Sch&ouml;nheit, von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam.
+Es wurde mir oft erz&auml;hlt, da&szlig; Fremde, die sich in der
+Stadt aufhielten, durch den Ruf ihrer Sch&ouml;nheit neugierig ge<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>macht,
+sie zu sehen begehrten. Es wurde mir auch erz&auml;hlt, da&szlig;
+ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein Maschinenmeister
+aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in denen
+eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit.
+Ich entsinne mich noch gut, welche Best&uuml;rzung ihr unerwarteter
+Tod hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem
+Sarg zum Friedhof folgte.</p>
+
+<p>Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl
+gegeneinander sehr verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames
+darin, da&szlig; sie ihrer Zeit nicht gem&auml;&szlig; waren. Sie kamen von
+der Romantik her, der Vater als geistiger Sp&auml;tling, die Mutter
+im Gem&uuml;t davon verdunkelt und beschwert. Bei der Mutter
+&auml;u&szlig;erte es sich naturhaft und f&uuml;hrte eine tragische Lebensstimmung
+herbei, beim Vater drang es in das Motorische
+und war von einem grundlosen, alle Sachverhalte verh&auml;ngnisvoll
+verschleiernden Optimismus begleitet, der ihm Entt&auml;uschung
+&uuml;ber Entt&auml;uschung brachte und seinen Mut und seine
+Kraft zerst&ouml;rte.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_2" id="kapitel_2"></a>2</h2>
+
+
+<p>Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in
+der Kindheit und ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie
+mich d&uuml;nkt, nicht besonders nahe, da ich herausf&uuml;hlte, da&szlig;
+sie weniger die Person als die Gemeinschaft trafen. Ein h&ouml;hnischer
+Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick, absch&auml;tzige
+Miene, gewisse wiederkehrende Ver&auml;chtlichkeit, das war allt&auml;glich.
+Aber ich merkte, da&szlig; meine Person, sobald sie au&szlig;erhalb der
+Gemeinschaft auftrat, das hei&szlig;t sobald die Beziehung nicht mehr
+gewu&szlig;t wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast v&ouml;llig
+verschont blieb. Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus
+bezichtigte mich nicht als Jude, mein Gehaben nicht,
+mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase und war still
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber der
+diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie
+primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was j&uuml;disch
+ist, und was sie f&uuml;r j&uuml;disch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild
+entgegentritt, schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer
+gefunden, da&szlig; der Rassenha&szlig;, den sie sich einreden oder einreden
+lassen, von den gr&ouml;bsten &Auml;u&szlig;erlichkeiten gen&auml;hrt wird,
+und da&szlig; sie infolgedessen &uuml;ber die wirkliche Gefahr in einer
+ganz falschen Richtung orientiert sind. Die Geh&auml;ssigsten waren
+darin die Stumpfesten.</p>
+
+<p>Das zun&auml;chst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft
+anlangt, so f&uuml;hlte ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang.
+Religion war eine Disziplin und keine erfreuliche. Sie wurde
+von einem seelenlosen Manne seelenlos gelehrt. Sein b&ouml;ses,
+eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt bisweilen im Traum.
+Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen oder
+liebensw&uuml;rdigen j&uuml;dischen Religionslehrer geh&ouml;rt, die meisten
+sind kalte Eiferer und halb l&auml;cherliche Figuren. Dieser, wie alle,
+bl&auml;ute Formeln ein, antiquierte hebr&auml;ische Gebete, die ohne
+eigentliche Kenntnis der Sprache mechanisch &uuml;bersetzt wurden,
+Abseitiges, Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven
+Ertrag gab nur die Lekt&uuml;re des Alten Testaments, aber auch da
+fehlte die Erleuchtung, vom Gegenstand wie vom Interpreten
+her. Vorgang und Gestalt wirkten im Einzelnen, Episodischen,
+das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja unmenschlich
+und war durch keine h&ouml;here Anschauung gel&auml;utert. Vom
+Neuen Testament brach bisweilen ein Strahl her&uuml;ber wie
+Lichtschein durch eine verschlossene T&uuml;r, und Neugier mischte
+sich mit unbestimmtem Grauen. Jene ewigen Bilder und
+Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich in ein
+privates, sozusagen psychologisches Verh&auml;ltnis zu ihnen treten
+konnte, ein Proze&szlig;, der sie individualisierte, im Sinne der
+Aufkl&auml;rung geistig machte, oder im Sinne der Romantik
+stofflich, je nachdem, in jedem Falle von der Religion abl&ouml;ste.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Um den Gottesdienst war es noch &uuml;bler bestellt. Er war
+lediglich Betrieb, Versammlung ohne Weihe, ger&auml;uschvolle
+&Uuml;bung eingefleischter Gebr&auml;uche ohne Symbolik, Drill. Der
+fortgeschrittene Teil der Gemeinde hatte eine moderne Synagoge
+gebaut, eines jener H&auml;user im quasi-byzantinischen Stil, wie
+man in den meisten deutschen St&auml;dten eines findet, und
+deren parven&uuml;hafte Pr&auml;chtigkeit &uuml;ber die fehlende Gem&uuml;tsmacht
+des religi&ouml;sen Kultus nicht hinwegt&auml;uschen kann. Mir
+war da alles hohler L&auml;rm, Ert&ouml;tung der Andacht, Mi&szlig;brauch
+gro&szlig;er Worte, unbegr&uuml;ndete Lamentation, unbegr&uuml;ndet, weil
+im Widerspruch mit sichtbarem Wohlleben und herzhafter
+Weltlichkeit stehend; &Uuml;berhebung, Pfafferei und Zelotismus.
+Die einzige Erquickung waren die deutschen Predigten eines
+sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.</p>
+
+<p>Die Konservativen und Altgl&auml;ubigen hielten ihren Dienst in
+den sogenannten Schulen ab, kleinen Gottesh&auml;usern, oft nur
+Stuben in einer entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch
+K&ouml;pfe und Gestalten, wie sie Rembrandt gezeichnet hat, fanatische
+Gesichter, Augen voll Askese und gl&uuml;hend im Ged&auml;chtnis
+unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen wurden die
+strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die lastbeladenen
+Schultern sprachen von generationenalter Demut
+und Entbehrung, die ehrw&uuml;rdigen Gebr&auml;uche wurden in entschlossener
+Hingabe buchstabentreu erf&uuml;llt, die Erwartung des
+Messias war ungebrochener, wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung
+war auch unter ihnen nicht, Trost oder Innigkeit,
+oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber &Uuml;berzeugung
+und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.</p>
+
+<p>In eine solche Schule mu&szlig;te ich nach dem Tode meiner
+Mutter, als neunj&auml;hriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang,
+jeden Abend mit Sonnenuntergang, am Sabbat und
+an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr hindurch gehen, um
+als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch zu
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>sagen. Zehn m&auml;nnliche Personen &uuml;ber dreizehn Jahren mu&szlig;ten
+zu dem Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte,
+uralte Leute, die &Uuml;briggebliebenen einer fr&uuml;heren Welt. Es war
+hart, an Wintermorgen bei Schnee und K&auml;lte, im Sommer
+um f&uuml;nf Uhr und fr&uuml;her noch, eine Pflicht zu &uuml;ben, die aufgen&ouml;tigt
+und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht begriff
+oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die M&uuml;he,
+sie dem Geist zu verkl&auml;ren und so die Gefahr zu bannen, da&szlig;
+durch die Befolgung eines als grausam empfundenen Brauches
+das Bild der Mutter, obschon nur vor&uuml;bergehend, getr&uuml;bt
+wurde. Dazu kam, da&szlig; im v&auml;terlichen Hause, besonders nach
+der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religi&ouml;sen
+Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse &auml;u&szlig;erliche
+Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus R&uuml;cksicht auf
+Ruf und Verwandte, aus Furcht und Gew&ouml;hnung, als aus
+Trieb und Zugeh&ouml;rigkeit. Fest- und Fasttage galten als heilig.
+Der Sabbat hatte noch einen Rest seines urt&uuml;mlichen Gehalts,
+die Gesetze f&uuml;r die K&uuml;che wurden noch geachtet. Aber mit der
+wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem Eindringen der
+neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der
+Andersgl&auml;ubigen unterschiedenen F&uuml;hrung. Man wagte die
+Fessel nicht ganz abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen,
+obwohl von Genossenschaft wie von Religion
+kaum noch Spuren geblieben waren. Genau betrachtet war man
+Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit,
+Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich
+ihrerseits hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf
+falschen Tatbestand st&uuml;tzte. Wozu war man also noch Jude,
+und was war der Sinn davon? Diese Frage wurde immer
+unabweisbarer f&uuml;r mich, und niemand konnte sie beantworten.</p>
+
+<p>Es war ein tr&uuml;bes Medium zwischen mir und allen geistigen
+und b&uuml;rgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorw&auml;rts
+stie&szlig; ich auf Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner
+Richtung hin war offener Weg. Wenn ich sagte, da&szlig; ich von
+<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Pferch und Helotentum nichts sp&uuml;rte, so bezieht sich das nat&uuml;rlich
+nur auf die rechtliche Konstruktion des Lebens, auf das individuelle
+Sicherheitsgef&uuml;hl, innerhalb dessen sich das Tun und
+Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden
+Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich
+h&ouml;herer Wichtigkeit f&uuml;r ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit
+verh&auml;lt und wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus
+erw&auml;chst ihm die Erkenntnis seiner Lebensaufgabe und, je
+nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer Erf&uuml;llung. An
+diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_3" id="kapitel_3"></a>3</h2>
+
+
+<p>Der j&uuml;dische Gott war Schemen f&uuml;r mich, sowohl in seiner
+alttestamentarischen Gestalt, unvers&ouml;hnlicher Z&uuml;rner und Z&uuml;chtiger,
+als auch in der opportunistisch abgekl&auml;rten der modernen
+Synagoge. Erschreckend sein Bild in den K&ouml;pfen der Strenggl&auml;ubigen,
+nichtssagend in den Andeutungen der Halbrenegaten
+und Verlegenheitsbekenner.</p>
+
+<p>Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff
+zu fassen versuchten, einsames Denken und sp&auml;ter
+Gespr&auml;che mit einem Freund, entstand ein pantheistisches
+Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter, ohne Tiefe, Resultat von
+Zeitphrasen, beschworen allein durch das Verlangen nach einer
+tragenden Idee. In dem Ma&szlig;, wie diese Idee sich als unbefriedigend
+erwies, sei es durch ihre Mittelm&auml;&szlig;igkeit, sei es
+durch ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht
+minder billigen und fl&uuml;ssigen Atheismus, der der Epoche noch
+gem&auml;&szlig;er war, dieser Zeit heilloser Verflachung und Verd&uuml;nnung,
+die mit verstandener wie mit mi&szlig;verstandener Wissenschaft
+Idolatrie trieb und ihre ganze Gedankensph&auml;re durch
+Bildung verf&auml;lschte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>Es war keine leitende Hand f&uuml;r mich da, kein F&uuml;hrer, kein
+Lehrer. Ich verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem
+ich nach Halt und Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte
+Mensch ihrer entraten kann. Ich hatte mich in einer sowohl
+entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung zurechtzufinden.
+Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die Zweckhaftigkeit
+bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die
+Phantasie ger&auml;t in &uuml;berschwellende Bewegung, und das Gem&uuml;t
+verliert den Mittelpunkt. W&auml;re ich nicht als fragender Mensch
+in sehr fr&uuml;hen Jahren nachhaltig eingesch&uuml;chtert worden, so
+h&auml;tte ich Br&uuml;cken und &Uuml;berg&auml;nge finden k&ouml;nnen. Konventionen
+w&auml;ren wichtig gewesen, leichte und respektierte Formen. Die
+Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden, den Vater
+beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des Aufblicks.
+Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner
+Kinder, denn der Umstand, da&szlig; die unabl&auml;ssige Plage ihm,
+ihm allein, wie er w&auml;hnte, keinen Erfolg brachte, erf&uuml;llte
+ihn mit Scham, und er sah immer aus wie vom b&ouml;sen Gewissen
+gequ&auml;lt. Es war uns geradezu verboten zu fragen, und &Uuml;bertretung
+wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs
+inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich,
+da&szlig; ich in krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an
+Menschenfurcht, an Dingfurcht, an Traumfurcht, da&szlig; in allem,
+was mich umgab, eine dunkle Bezauberungsmacht wirkte,
+stets unheilvoll, stets dem Verh&auml;ngnis zugekehrt, stets darin best&auml;rkt.
+Ich war oft in einem alten Hause Gast bei einem
+alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer
+stand ein B&uuml;cherschrank, hinter dessen Glast&uuml;re die Werke
+Spinozas in zahlreichen Ausgaben eigent&uuml;mliche Verlockung
+auf mich aus&uuml;bten. Als ich eines Tages die Frau bat, mir einen
+Band zu geben, sagte sie mit sibyllenhafter D&uuml;sterkeit, wer diese
+B&uuml;cher lese, werde wahnsinnig. Lange noch behielt der Name
+Spinoza in meinem Ged&auml;chtnis den Klang und Sinn dieser
+Worte. So &auml;hnlich war es auch mit allem Frohen, Spiel<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>m&auml;&szlig;igen,
+Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte.
+Es wurde abgedr&auml;ngt, verd&auml;chtigt, verfinstert. Lust durfte
+nicht sein.</p>
+
+<p>Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue
+Magd, die mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gew&ouml;hnlich
+vor der Herdstelle und erz&auml;hlte uns Geschichten. Ich entsinne
+mich, da&szlig; sie einmal, als ich ihr besonders ergriffen gelauscht
+hatte, mich in den Arm nahm und sagte: &raquo;Aus dir k&ouml;nnt&#8217; ein
+guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!&laquo; Ich entsinne
+mich auch, da&szlig; mir dieses Wort Schrecken erregte.
+Erstens, weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt
+und damit Nahrung f&uuml;r bereits vorhandene Gr&uuml;beleien
+wurde, zweitens, weil der Begriff Christ damals noch ein unheimlicher
+f&uuml;r mich war, halb atavistisch, halb lebensbang
+Brennpunkt feindlicher Elemente.</p>
+
+<p>In demselben Gef&uuml;hl befangen ging ich an Kirchen vorbei,
+an Bildern des Gekreuzigten, an Kirchh&ouml;fen und christlichen
+Priestern. Uneingestandenen Anziehungen strebten ungewu&szlig;te
+Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das erhorchte Wort eines
+Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der Verfemung,
+Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und
+signalgebend in Redensarten wie im t&auml;glichen Geschehen. Von
+der andern Seite wieder gen&uuml;gte ein pr&uuml;fender Blick, ein
+Achselzucken, ein geringsch&auml;tziges L&auml;cheln, abwartende Geste
+und Haltung sogar, um Vorsicht zu gebieten und an Un&uuml;berbr&uuml;ckbares
+zu mahnen.</p>
+
+<p>Worin aber das Un&uuml;berbr&uuml;ckbare bestand, konnte ich nicht
+ergr&uuml;nden. Auch als ich sp&auml;ter das Wesentliche daran erfa&szlig;te,
+wies ich es f&uuml;r meine Person f&uuml;rs erste zur&uuml;ck. In der Kindheit
+waren ich und meine Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben
+der christlichen Handwerker- und Kleinb&uuml;rgerwelt,
+da&szlig; wir dort unsere Gespielen hatten, unsere G&ouml;nner, Zuflucht
+in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der Goldschl&auml;ger,
+der Schreiner, der Schuster, der B&auml;cker gingen wir aus und
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen
+und wurden mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit
+blieben. Ich war Gast, und sie feierten Feste, an denen
+ich keinen Teil hatte.</p>
+
+<p>Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf
+gerichtet, nicht Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden.
+Als gerufener nicht, als aus Mitleid und Gutm&uuml;tigkeit
+geduldeter noch weniger, als einer, der aufgenommen wird,
+weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich entschlie&szlig;t,
+erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer
+gewissen F&uuml;lle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.</p>
+
+<p>Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit
+zunehmenden Jahren der Ri&szlig; immer klaffender wurde zwischen
+meiner ungest&uuml;men Forderung und ihrer Gew&auml;hrung, so h&auml;tte
+ich mich verlieren, schlie&szlig;lich mich selbst aufgeben m&uuml;ssen, wenn
+nicht zwei Ph&auml;nomene rettend in mein Leben getreten w&auml;ren:
+die Landschaft und das Wort.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_4" id="kapitel_4"></a>4</h2>
+
+
+<p>Erstickend in ihrer Engigkeit und &Ouml;de die gartenlose Stadt,
+Stadt des Ru&szlig;es, der tausend Schl&ouml;te, des Maschinen- und
+H&auml;mmergestampfes, der Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs-
+und Erwerbsgier, des Dichtbeieinander kleiner und
+kleinlicher Leute, der Luft der Armut und Lieblosigkeit im
+v&auml;terlichen Haus.</p>
+
+<p>Im Umkreis d&uuml;rre Sandebene, schmutzige Fabrikw&auml;sser, der
+tr&uuml;be, tr&auml;ge Flu&szlig;, der geradlinige Kanal, sch&uuml;ttere W&auml;lder,
+triste D&ouml;rfer, h&auml;&szlig;liche Steinbr&uuml;che, Staub, Lehm, Ginster.</p>
+
+<p>Eine Wegstunde nach Osten: N&uuml;rnberg, Denkmal gro&szlig;er
+Geschichte. Mit uralten H&auml;usern, H&ouml;fen, Gassen, Domen,
+Br&uuml;cken, Brunnen und Mauern, f&uuml;r mich dennoch nie Kulisse
+oder Gepr&auml;nge, oder leerer, romantischer Schauplatz, sondern
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>durch vielfache Beziehung in das pers&ouml;nliche Schicksal verflochten,
+in der Kindheit schon und sp&auml;ter gewichtiger noch.</p>
+
+<p>Wenige Bahnfahrtstunden nach S&uuml;den: das h&uuml;gelige Franken,
+Tal der Altm&uuml;hl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach
+alle Ferien bei der Schwester meiner Mutter verbringen
+durfte, alle Sommerwochen des Jahres, oft auch herbst- und
+winterliche. Die Landschaft von zarter Linienf&uuml;hrung, mit W&auml;ldern,
+die gehegtes inneres Bild nicht so besch&auml;mten wie jene
+anderen; Blumeng&auml;rten, Obstg&auml;rten, Weiher, verlassene Schl&ouml;sser,
+umsponnene Ruinen, d&ouml;rfliche Kirmessen, einfache Menschen.
+Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und
+Pflanze; Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut;
+und so der Bauer, der H&auml;ndler, der Wirt, der Landstreicher,
+der J&auml;ger, der F&ouml;rster, der Amtmann, der T&uuml;rmer,
+der Soldat. Hier sah ich sie in reinen Verh&auml;ltnissen zu ihrer
+Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich ausstie&szlig;.
+Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch
+Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewisserma&szlig;en
+in zwei abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im
+lichteren zu vergessen, was mich der finstere hatte erfahren
+lassen. Dort sozial angeschmiedet, sozial erinnert, an die Kaste
+gepre&szlig;t, Parteiung erkennend, Unbill wissend, im H&auml;&szlig;lichen
+verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes, krampfig, scheu,
+isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur gegeben, in
+freundlicher N&auml;he zu ihr, durch ihren Einflu&szlig;, wenn auch
+immer nur vor&uuml;bergehend, losgesprochen von nicht abzuw&auml;lzender
+Schuld und Anklageb&uuml;rde, die sonst l&auml;hmend, ja zermalmend
+h&auml;tte wirken m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&Uuml;ber diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann
+die innere Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor
+der Geburt mit in die Welt bringt, die das Wesen und die
+Farbe des Traumes bestimmt, des Traumes in der weitesten
+Bedeutung, wie &uuml;berhaupt die heimlichen und unbewu&szlig;ten
+Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und
+Gebirge, H&ouml;hle, Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der
+unreifen Sehnsucht, der Aus- und Zuflucht alles Ungen&uuml;gens
+an der Gegenwart ist unter der inneren Landschaft zu verstehen,
+vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens selbst,
+der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein wirkliches
+Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten
+Wirklichkeit sich abspielende vielleicht blo&szlig; Spiegelung ist.</p>
+
+<p>In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne
+zu flunkern oder zu dichten, ist fast unm&ouml;glich. Es handelt
+sich um Gef&uuml;hlsintensit&auml;ten und um Bilder von unfa&szlig;barer
+Fl&uuml;chtigkeit. Beinahe alles zu &Auml;u&szlig;ernde mu&szlig; sich auf ein &raquo;ich
+glaube&laquo; beschr&auml;nken. Man tastet hin, man ahnt zur&uuml;ck; jede
+Erinnerung ist ja ein St&uuml;ck Konstruktion. Es scheint mir
+zweifellos, da&szlig; alle innere Landschaft atavistische Bestandteile
+enth&auml;lt, und ebenso zweifellos d&uuml;nkt mich, da&szlig; sie bei den
+meisten Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der
+Pubert&auml;t und dem Eintritt in das sogenannte praktische Leben
+verwelkt, verdorrt, schlie&szlig;lich abstirbt und untergeht.</p>
+
+<p>Ich war sehr naiv in meiner Abh&auml;ngigkeit von Traum und
+Vision. Vision darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte
+Zust&auml;nde, unwahrnehmbare Dinge und Figuren in Greifbarkeit
+zeigten. Im Alter zwischen zehn und zwanzig Jahren lebte
+ich in best&auml;ndigem Rausch, in einer Fernheit oft, die den Mitmirgehenden
+und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose
+H&uuml;lle lie&szlig;. Es ist mir sp&auml;ter berichtet worden, da&szlig; man mich
+anschreien mu&szlig;te, um mich als Wachenden zu wecken. Ich
+hatte Anf&auml;lle von Verz&uuml;ckung, von wilder, stiller Verlorenheit,
+und in der Regel war die Abtrennung so gewaltsam und j&auml;h,
+da&szlig; die Verbindungen rissen, und da&szlig; ich wie gespalten blieb,
+auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen war. In beiden
+Sph&auml;ren lebte ich mit gesch&auml;rfter Aufmerksamkeit, wie &uuml;berhaupt
+Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber
+es waren keine Br&uuml;cken da; ich konnte hier v&ouml;llig n&uuml;chtern,
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>dort v&ouml;llig au&szlig;er mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte
+dabei alle Mitteilung, alle Botschaft. Das erhielt mich in
+einer au&szlig;erordentlichen, mich qu&auml;lenden und erregenden, f&uuml;r
+die Menschen um mich meist unverst&auml;ndlichen Spannung.
+Staunen und Verzweiflung waren die Gem&uuml;tsbewegungen, die
+mich vornehmlich beherrschten; Staunen &uuml;ber Gesehenes, Geschautes,
+Empfundenes; Verzweiflung dar&uuml;ber, da&szlig; es nicht
+mitteilbar war. Vermutlich war meine Verfassung die: ich
+wu&szlig;te, da&szlig; Unerh&ouml;rtes oder Merkw&uuml;rdiges mit mir, an mir,
+in mir geschah, war aber durchaus nicht imstande, mir oder
+anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war gewisserma&szlig;en
+ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen
+hat, was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat.
+Noch heute w&uuml;&szlig;te ich nicht im geringsten zu sagen, worin
+eigentlich dies Verborgene, verborgen Flammende, geheimnisvoll
+Jenseitige bestanden hat; ich mu&szlig; es f&uuml;r ewig unerforschbar
+halten, trotzdem es mir lockend erscheint, einiges davon
+zu ergr&uuml;nden; es m&uuml;&szlig;te dann auch zu ergr&uuml;nden sein, was zu
+den Ahnen geh&ouml;rt und was zur Erde, was vom Blute kam und
+was vom Auge, und aus welcher Tiefe das Individuum in
+den ihm gewiesenen Kreis emporw&auml;chst.</p>
+
+<p>Mit der Darstellung dieser K&auml;mpfe und Exaltationen ist ein
+Verh&auml;ltnis zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung
+aus der Not und Notwendigkeit heraus zu erkl&auml;ren. Und wie
+sehr das Wort Surrogat und Behelf ist, erweist sich in meinem
+Fall nicht minder offensichtlich, da doch das Ding und Sein,
+worauf es sich bezog, unbekannt geworden und hinter nicht
+zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, da&szlig; alle Sch&ouml;pfung
+von Bild und Form auf einen solchen Proze&szlig; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren
+ist. Ich glaube, da&szlig; alle Produktion im Grunde der Versuch
+einer Reproduktion ist, Ann&auml;herung an Geschautes, Geh&ouml;rtes,
+Gef&uuml;hltes, das durch einen jenseitigen Trakt des Bewu&szlig;tseins
+gegangen ist und in St&uuml;cken, Tr&uuml;mmern und Fragmenten
+ausgegraben werden mu&szlig;. Ich wenigstens habe mein
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das
+sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene
+schmerzliche Bem&uuml;hen eines manischen Schatzgr&auml;bers.</p>
+
+<p>Doch: Kunde zu geben, davon hing f&uuml;r mich alles ab, schon
+im fr&uuml;hesten Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich
+stumm, geblendet und mit Vergessen geschlagen in die niedrige
+Wirklichkeit verstie&szlig;en, wollte ich doch Kunde geben, denn
+trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum Rande von ihnen
+gef&uuml;llt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren geriet
+ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit
+&uuml;berwindend, in zusammenhangloses Erz&auml;hlen, das von Angeh&ouml;rigen,
+von Hausgenossen und Mitsch&uuml;lern als halb gef&auml;hrliches,
+halb l&auml;cherliches L&uuml;genwesen aufgenommen und dem
+mit Zurechtweisung, Spott und Z&uuml;chtigung begegnet wurde. An
+Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim Linsenlesen,
+und es kam vor, da&szlig; ich dabei pl&ouml;tzlich zu phantasieren
+anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und
+Abenteuer dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose
+Nachbarn als Zeugen sonderbarer Begegnungen anf&uuml;hrte, mir
+selbst die h&ouml;chsten Ehren, h&ouml;chsten Ruhm prophezeite. Die
+Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend, schaute mich &auml;ngstlich verwundert
+an, ein Blick, der mich noch trotziger in das unsinnig
+Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite und beschwor
+mich mit Tr&auml;nen, da&szlig; ich nicht der Schlechtigkeit verfallen
+m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine
+Not zum Erz&auml;hler von Geschichten mit handelnden Figuren
+und geschlossener Fabel wurde, mu&szlig; ich festhalten, weil es
+weit &uuml;ber den kindlichen Bezirk hinaus auf meinen Weg, auf
+meine Wurzeln wies.</p>
+
+<p>Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus
+erster Ehe nicht wohlgesinnt und lie&szlig; uns ihre Abneigung auf
+jede Weise sp&uuml;ren. Abgesehen von ungerechten und &uuml;berharten
+Z&uuml;chtigungen, steten Klagen, die sie vor dem Vater f&uuml;hrte,
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>schr&auml;nkte sie die Nahrung aufs &auml;u&szlig;erste ein, versah die Brotlaibe
+mit Zeichen, so da&szlig; sie erkennen konnte, wenn einer von
+uns sich zu Unrecht ein St&uuml;ck abgeschnitten hatte, und trug
+Sorge, da&szlig; das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich
+hatte sie M&uuml;he, mit dem ihr zugeteilten Gelde zu wirtschaften,
+so wie mein Vater M&uuml;he hatte, es aufzubringen; desungeachtet
+glaube ich, da&szlig; die Kinder von Bettlern es in dieser Hinsicht
+besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner Mutter,
+ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte,
+erfuhr, wie &uuml;bel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten
+in der Stadt eine gewisse Summe f&uuml;r die Bestreitung
+dringender Auslagen, und ich als &Auml;ltester erhielt w&ouml;chentlich
+eine Mark mit der Erlaubnis, daf&uuml;r E&szlig;waren f&uuml;r mich und
+meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe
+in meinen Augen, und da es zu gef&auml;hrlich war, das Geld bei
+mir zu tragen, war ich bem&uuml;ht, ein Versteck ausfindig zu
+machen. Mein Bruder nun, der um f&uuml;nf Jahre j&uuml;nger war
+als ich, also ungef&auml;hr sechs, hatte keinen andern Gedanken,
+als dieses Versteck zu ersp&auml;hen, denn er war unzufrieden mit
+der Verteilung, mi&szlig;traute mir, verlangte bei jedem Anla&szlig;
+mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, da&szlig; ich ihm
+zeige, wieviel ich besa&szlig;. War der Zank einmal im Gang, so
+artete er gew&ouml;hnlich bis zu Drohungen aus, und ich mu&szlig;te
+t&auml;glich gew&auml;rtig sein, da&szlig; der gierige Rebell mich bei der Stiefmutter
+denunzierte, eine Verr&auml;terei, deren Folgen ich mehr als
+alles f&uuml;rchtete. Insofern war mein Bruder im Recht, als ich
+nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag f&uuml;r Brot, Obst,
+Wurst und K&auml;se ausgab, sondern mir au&szlig;erdem noch billige
+B&uuml;cher anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein
+Bruder und ich schliefen in einer Art Verschlag in demselben
+Bett, und in meiner Bedr&auml;ngnis verfiel ich nun auf den Ausweg,
+ihm vor dem Einschlafen Geschichten zu erz&auml;hlen. Wider
+Erwarten fand ich an ihm den aufmerksamsten Zuh&ouml;rer, und
+ich n&uuml;tzte den Vorteil aus, indem ich jeden Abend meine Ge<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>schichte
+an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er sich dann
+w&auml;hrend des folgenden Tages ungeb&auml;rdig, so hatte ich meinerseits
+eine wirksame Waffe und Drohung: ich erkl&auml;rte einfach,
+da&szlig; ich die Geschichte nicht weitererz&auml;hlen w&uuml;rde. Je verwickelter,
+spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit
+war, je erpichter war er nat&uuml;rlich, die jedesmalige Fortsetzung
+zu h&ouml;ren, und ebenso nat&uuml;rlich mu&szlig;te ich, um ihn im
+Zaum zu halten und nach meinem Willen lenken zu k&ouml;nnen,
+alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe rufen. Es war
+keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen Forderer, und
+ich durfte nicht langweilig und nicht fl&uuml;chtig werden. So erz&auml;hlte
+ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte,
+im Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide m&uuml;de waren,
+und bis ich im Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der
+Situation gelangt war, von der ich selbst noch nicht wu&szlig;te,
+wie sie zu l&ouml;sen sei, die aber den atemlosen Lauscher wieder f&uuml;r
+vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt gab.</p>
+
+<p>Ich sagte, da&szlig; mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln
+wies. Auf den Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte,
+da&szlig; ein Mensch zu binden ist, zu &raquo;fesseln&laquo;, wie der verbrauchte
+Tropus lautet, indem man sich seiner Einbildungskraft bem&auml;chtigt,
+da&szlig; man ihn sogar vom Schlechten abbringen kann,
+wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine Wirklichkeit
+vort&auml;uschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen
+richtet; da&szlig; man Freude, Furcht, &Uuml;berraschung, R&uuml;hrung,
+L&auml;cheln und Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um
+so st&auml;rker, je freier das Spiel, je absichtsloser und je mehr
+vom Zweck befreit die T&auml;uschung ist. Der best&auml;ndige Augenschein
+aller Wirkung hielt mich selbst in Atem, weckte meinen
+Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur
+Vervollkommnung meiner Mittel.</p>
+
+<p>Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer
+Trieb im Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins
+Kleinb&uuml;rgerliche &uuml;bertragen; schlummernder Keim, befruchtet
+<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>durch Zufall und Gefahr. Schehrasade erz&auml;hlt, um ihr Leben
+zu retten, und w&auml;hrend sie erz&auml;hlt, wird sie zum Genius der
+Erz&auml;hlung schlechthin; ich &#8211; nun, um mein Leben ging es
+nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz
+und gar und bestimmte Denken und Sein.</p>
+
+<p>Es dauerte nicht lange, bis es mir Bed&uuml;rfnis wurde, die
+eine oder andere der n&auml;chtlich erz&auml;hlten Geschichten aufzuschreiben.
+Dies mu&szlig;te in gr&ouml;&szlig;ter Heimlichkeit geschehen, und es
+begann damit schon der Kampf. Da&szlig; mein Treiben allm&auml;hlich
+ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die Stiefmutter
+sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen
+Bl&auml;tter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer;
+Verwandte, Lehrer, Kameraden stellten sich feindselig dagegen,
+beinahe derart, als ob ich sie durch mein Unterfangen geradezu
+beleidigt h&auml;tte, und der zum erstenmal bekundete Vorsatz, mich
+dem Schriftstellerberuf zu widmen, rief bei den Bekannten
+Gel&auml;chter, beim Vater den heftigsten Unwillen hervor.</p>
+
+<p>Die Sache war die, da&szlig; ich dem Onkel, jenem Bruder
+meiner Mutter, der in kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen
+war. Darauf hatte mein Vater seine ganze Hoffnung
+gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte mir gelingen: reich
+zu werden; mich in einer gro&szlig;en Laufbahn als Nachfolger
+des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine Lieblingsvorstellung.
+Meine abgeirrte Neigung zu unterdr&uuml;cken, lie&szlig; er
+deshalb nichts unversucht.</p>
+
+<p>Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt
+in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft weder so h&auml;ufig noch so erstrebt
+wie heute, und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst
+aufgeh&ouml;rt hat, das seltene und kostbare Vergn&uuml;gen weniger
+Erlesener zu sein, ist sie f&uuml;r die Vielen Luxus, Ausrede und
+Gemeinplatz geworden, schlie&szlig;lich Betrieb, wie jeder andere.
+Keiner will mehr h&ouml;ren und empfangen, alle wollen selber
+reden und selber den Geber spielen.</p>
+
+<p>In meinem f&uuml;nfzehnten Jahr hatte ich einen Roman ge<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>schrieben,
+ein uns&auml;glich d&uuml;rftiges und abgeschmacktes Ding,
+und das Manuskript trug ich eines Tages in die Redaktion
+des Tageblattes. Ein dicker Redakteur sa&szlig; verschlafen am
+Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein Anliegen
+vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats
+unter meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der
+Unterhaltungsbeilage der Zeitung. Ich wei&szlig; es noch, es war
+ein Winterabend, wie mein Vater nach dem Essen das Blatt
+zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen Teller
+gelegt hatte, da&szlig; sein Blick auf mein Produkt fallen mu&szlig;te,
+wie ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der
+versorgte, m&uuml;de Ausdruck seines Gesichtes sich j&auml;h ver&auml;nderte,
+wie in seinen Augen zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das
+aber bald dem Zorn, der Angst, der Ratlosigkeit wich.</p>
+
+<p>Es gab schlimme Szenen, Vorw&uuml;rfe, Drohungen, Beschimpfungen,
+Hohn. Auch in der Schule wurde ich zur
+Rechenschaft verhalten, vor den Rektor zitiert und wegen verbotener
+Publikation zu zw&ouml;lfst&uuml;ndigem Karzer verurteilt. Der
+Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die Frau
+war seine getreue Spionin, so da&szlig; ich keine ruhige Arbeitsstunde
+mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein
+das Bett verlie&szlig; und am Fenster, in einem leidenschaftlichen
+inneren Zustand, Blatt um Blatt vollschrieb. In einer solchen
+Nacht brach in der hofseitig gelegenen Fabrik meines Vaters
+Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug L&auml;rm,
+und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet,
+die Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde
+durch dieses Ungl&uuml;ck f&uuml;r seine H&auml;rte gegen mich bestraft.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_5" id="kapitel_5"></a>5</h2>
+
+
+<p>Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von
+der Unbill und dem Gef&uuml;hl erlittenen Unrechts nicht erdr&uuml;ckt
+zu werden, fl&uuml;chtete ich mich gern in die Vorstellung, da&szlig; der
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Weltgeist f&uuml;r mich im stillen wirkte. Es war ziemlich wunderbar,
+da&szlig; ich an der kerkerhaften Wirklichkeit nicht zerschellte.</p>
+
+<p>Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur
+vergewaltigen wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden
+Trotz, schweigendes Anderssein. Zwei Freunde halfen mir,
+jeder in seiner Weise. Beide waren Juden, beide spielten
+eine typische Rolle in meiner Entwicklung.</p>
+
+<p>Der eine war ein schlanker, gro&szlig;er, blondlockiger Mensch, mit
+einem Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe
+und besa&szlig; eine ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres
+Beisammenseins und die Besch&auml;ftigung mit den Werken der
+Dichter waren erstohlen, ihr Gepr&auml;ge war Schw&auml;rmerei. Mit
+uners&auml;ttlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in mich auf,
+Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in
+diesem Bereich webte; zwischen dem Allt&auml;glichen und der
+Region der Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale
+Br&uuml;cke, die heimlich passiert werden mu&szlig;te; hier war K&auml;lte,
+Angst, Beengung, Kahlheit, Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit,
+Passion; und Wort, Bild, Traum waren die Alt&auml;re eines
+verschwiegenen Dienstes. M&ouml;glich, da&szlig; der Freund mit mir
+von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf
+seine Sch&ouml;nheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum
+Kaufmann bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da
+ich den k&uuml;nftigen Garrick der deutschen B&uuml;hne in ihm erblickte,
+war die Trag&ouml;die unser eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte
+in mir, meinem bewunderten Garrick ein Shakespeare zu werden,
+und ich ging selbst an die Verfertigung von Trauerspielen.
+Ich kannte keine Richtung oder Schule; es war Sturm
+und Drang in mir, aus mir, Pathos und &Uuml;berschwang aus
+eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei;
+und der Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich
+schon die Unsterblichkeit erlangt. Als uns das Geschick voneinander
+getrennt hatte und ich in die Fabrik des Onkels nach
+Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer Briefwechsel
+<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen Episteln
+gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte.
+Er aber verlosch bald. Ich merkte, da&szlig; ihm meine intransigente
+Haltung unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen
+geistigen Qualen wenigstens Echo zu sein, ersch&ouml;pfte er sich
+in r&uuml;hrseligen und verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer,
+und eines Tages, als er wieder lang und breit von
+der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben hatte, beschlo&szlig;
+ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie wieder
+von ihm geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in
+Gunzenhausen, der in M&uuml;nchen die Rechte studierte, drei
+Jahre &auml;lter als ich war, und den ich stets in den Ferien zum
+Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem ersten. Im
+Wachstum zur&uuml;ckgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der durchdringendste
+j&uuml;dische Verstand gegeben, eine F&auml;higkeit, die
+Schw&auml;chen und Bl&ouml;&szlig;en der Menschen wahrzunehmen und zu
+gei&szlig;eln, die mich ihn f&uuml;rchten lie&szlig;. Meine dichterische Neigung
+verfolgte er mit bei&szlig;endem Spott, namentlich, wenn junge
+M&auml;dchen dabei waren, vor denen er zu gl&auml;nzen liebte, und
+denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine Belesenheit
+und Schlagfertigkeit imponierten.</p>
+
+<p>In dieser kleinen Welt war er das gro&szlig;e Licht, die letzte
+Instanz der Kritik, w&auml;hrend ich als Poetaster und haltloser
+Schw&auml;rmer, der nicht einmal den Weg humanistischer Bildung
+einschlug, eine mitleidsw&uuml;rdige Figur machte. Durch nichts
+konnte ich mich vor ihm behaupten, durch keine Anstrengung,
+keine Verhei&szlig;ung, keinen Hinweis; er zerpfl&uuml;ckte mir Wort und
+Leistung, verd&auml;chtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm
+zu gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches
+Bem&uuml;hen. Nicht blo&szlig;, da&szlig; er Mi&szlig;trauen in meiner Umgebung
+s&auml;te, rief er auch Schwanken in mir selbst hervor, und eingesch&uuml;chtert
+von seiner Beredsamkeit und Argumentierungskunst,
+der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils, der
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>&Uuml;berlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge,
+betrachtete ich ihn als Richter und F&uuml;hrer. Als er sich endlich
+zur Anerkennung meines Werbens und K&auml;mpfens herbeilie&szlig;,
+legte ich in einer wichtigen Stunde die Entscheidung &uuml;ber
+mein Schicksal in seine Hand. Das kam so:</p>
+
+<p>Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar
+geworden. Ich entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte
+mich bei der mir zugewiesenen Arbeit lustlos und unverl&auml;&szlig;lich,
+entschl&uuml;pfte bei jeder Gelegenheit dem starren Kreis, um im
+Verborgenen einer Neigung zu fr&ouml;nen, die f&uuml;r befremdlich,
+sch&auml;dlich, ja verbrecherisch geachtet wurde; die Tage verbrachte
+ich in einer verworrenen, ja somnambulen Gem&uuml;tsverfassung,
+die N&auml;chte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd, berauscht,
+entselbstet vor meinen Manuskripten. Da&szlig; ich da
+lauter leeres Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es
+handelt sich in solchen Epochen der Entwicklung weniger um
+Qualit&auml;t als um Intensit&auml;t. Die Folgen waren h&auml;usliche Auseinandersetzungen,
+Vorw&uuml;rfe der Undankbarkeit, Besserungsversuche,
+Strafmandate, Predigten, Hohn. Da&szlig; in meinem
+abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen k&ouml;nne,
+von der M&ouml;glichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar
+nicht erwogen; mein Onkel, ein g&uuml;tiger, einfacher, obwohl
+schwacher Mensch, Einfl&uuml;ssen ausgesetzt, die ihm mein Bild
+verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave, drohte, mich mit
+Schimpf davonzujagen, und allerdings mu&szlig;te es mir als das
+Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen,
+oder, wie es sp&auml;ter auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit
+als Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen.</p>
+
+<p>Es war da ein langj&auml;hriger Hausarzt, zugleich Hausfreund,
+der eine eigent&uuml;mliche geistige &Auml;hnlichkeit mit meinem Freund
+hatte. Scharfer Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand,
+literarisch unterrichtet, gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild
+von jenem aus &auml;lterer Generation, nur da&szlig; er mehr Welt
+und mehr Bonhomie besa&szlig;. Derselbe Typus heute hat &uuml;ber<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>haupt
+nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei
+oberfl&auml;chlichem Urteil bed&uuml;nken, als h&auml;tte der Typus an Positivit&auml;t
+des Geistes gewonnen, was er an Gutm&uuml;tigkeit und
+Schliff verloren hat. Aber das ist nur Schein. Zieht man die
+H&uuml;lle weg, so steht ein Leugner da, jetzt wie vordem, ein Entg&ouml;tterter,
+ein Opportunist aus still nagender Verzweiflung,
+deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam, mit
+der n&auml;mlichen R&uuml;ckhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schlo&szlig;
+ich mich an den &auml;lteren an, um in genau der n&auml;mlichen Art
+entt&auml;uscht zu werden. Die spezifisch j&uuml;dische Form von Weltklugheit
+ist mir im Laufe meines Lebens vielfach verh&auml;ngnisvoll
+geworden, weil ich mit v&ouml;llig anders eingestellten Sinnen
+unverm&ouml;gend war, die praktischen Nutz- und Nahzwecke auch
+nur wahrzunehmen, dabei aber mit der &auml;u&szlig;eren Verantwortung
+h&auml;ufig, mit der inneren immer beladen wurde.</p>
+
+<p>Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte,
+wurden von ihm verworfen und verlacht, waren dann auch
+in Gesellschaft das Ziel seiner geistreichen Sticheleien. Doch
+lie&szlig; er sich zu Besprechungen mit mir herbei und gab mir
+den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der Onkel die
+Mittel dazu bewilligen w&uuml;rde, und er versprach, ihn dazu zu
+&uuml;berreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen
+Aussicht, an meinen Freund in M&uuml;nchen, schilderte ihm, wie
+die Dinge lagen, schrieb vorgreifend, da&szlig; ich m&ouml;glicherweise
+auf die Unterst&uuml;tzung meines Verwandten z&auml;hlen k&ouml;nne und
+fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir beistehen, mich zum
+Examen vorbereiten w&uuml;rde. Die Antwort war &uuml;ber Erwarten
+herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens
+und Strebens, das er, der sonst so k&uuml;hl abw&auml;gende,
+mir machte, war so verf&uuml;hrerisch, da&szlig; ich pl&ouml;tzlich die Geduld
+verlor, mit dem Onkel und seinen Beratern weiter zu
+verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890 heimlich
+meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit f&uuml;nfzig
+oder sechzig ersparten Gulden nach M&uuml;nchen fl&uuml;chtete.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>Ich entsinne mich noch sehr gut der n&auml;chtlichen Fahrt im
+Personenzug, weil ich mich w&auml;hrend ihrer ganzen Dauer in
+einer Stimmung befand und ihr gem&auml;&szlig; handelte, die nicht oft
+wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich sa&szlig; in einem tr&uuml;b
+erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa drei&szlig;ig
+Menschen, Bauern, Kleinb&uuml;rgern, Arbeitern, auch Frauen und
+M&auml;dchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht
+hindurch, hielt ich die Leute mit ausgelassenen Sp&auml;&szlig;en, lustigen
+Geschichten und unbedenklichen Hanswurstiaden in fortw&auml;hrendem
+schallenden Gel&auml;chter, in das auch die Schaffner einfielen.
+Alle die lachenden, feuchten Augen waren gespannt,
+dankbar-entz&uuml;ckt auf mich gerichtet, und ich erinnere mich noch
+eines mageren alten Bauern, der vor Lachen f&ouml;rmlich weinte,
+und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit
+&Auml;pfel zusteckte und meine Hand t&auml;tschelte. Ich hatte Vergn&uuml;gen
+daran, zu beobachten, wie die Traurigkeit, Bitterkeit,
+Wundheit in mir im selben Ma&szlig;e wuchsen, in dem ich
+mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinri&szlig;. So
+frech in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem
+Antrieb jugendlich-selbstgef&auml;lliger, selbstbetrunkener Menschensucht
+und Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung
+au&szlig;erordentlicher Einsamkeit dabei im Spiel gewesen.</p>
+
+<p>Mein Freund, der Student, hatte gehofft, da&szlig; der reiche
+Onkel, den er respektierte, mich mit Geldmitteln ausger&uuml;stet
+und mit seinem Segen hatte ziehen lassen und war nat&uuml;rlich
+nicht erbaut, als es sich herausstellte, da&szlig; ich von der Krippe
+weggelaufen sei und um Gnade erst betteln m&uuml;sse. Halbgezwungen
+machte er noch einmal den F&uuml;rsprecher meines
+unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes
+Monatsgeld bewilligt, so gering, da&szlig; es mich kaum
+vor dem Hunger bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem
+Studium nicht die Rede sein konnte. Die Laune meines
+Mentors wurde daher immer finsterer; ich wurde ihm zur
+Last, er wu&szlig;te nicht, was er mit mir beginnen sollte und
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine
+Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft
+und prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner
+Kommilitonen, in den er mich bisweilen brachte, galt ich als
+traurig-komische Person, Wildling, armer Teufel, nach studentischen
+Begriffen unebenb&uuml;rtig, Gegenstand der Geringsch&auml;tzung
+auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war,
+und binnen kurzem sah ich mich in einer viel &uuml;bleren Lage als
+vor der Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein
+der Obsorge und Voraussicht beging mein Freund die Verr&auml;terei,
+vor seiner Reise in die Ferien an meinen Onkel zu
+schreiben, da&szlig; ich es mit den neuen Aufgaben nicht ernst
+nehme, und da&szlig; er infolgedessen meinem Tun und Treiben
+nicht l&auml;nger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn
+sei mir nach seiner &Uuml;berzeugung verschlossen. Darauf wurde
+die Geldunterst&uuml;tzung, die ich bis dahin bezogen, eingestellt,
+und ich befand mich im Zustand der Hilflosigkeit und Verlassenheit,
+die noch um das Gef&uuml;hl des Zweifels an der Zukunft
+vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender
+Bedr&auml;ngnis, beladen mit einem volumin&ouml;sen Epos in Blankversen
+zu einem der ber&uuml;hmtesten Dichter M&uuml;nchens wallfahrtete,
+um ein Urteil, einen Fingerzeig, ein tr&ouml;stliches Wort
+von ihm zu empfangen. Das Gegenteil trat ein. Der gro&szlig;e
+Mann, der sich mir k&uuml;hl und majest&auml;tisch gab, riet mir ernst,
+mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm
+wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund
+bot. Ich z&uuml;rnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft
+davon durchdrungen, da&szlig; in den Jahren der Entwicklung
+Werk und Gewirktes viel weniger zu zeugen verm&ouml;gen als der
+Mensch, das Schicksal, das er auf sich nimmt und der Weg,
+den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen Blickes als
+den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen Verh&auml;ltnisses,
+als dem zwischen gefeierter Autorit&auml;t und sch&uuml;chternem
+Scholaren.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a></p>
+<h2><a name="kapitel_6" id="kapitel_6"></a>6</h2>
+
+
+<p>Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und
+Wirken zu tun, als ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht
+selber einbildete. Wonach ich begehrte, war die Menschenwelt,
+eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk und Gewirktes
+darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn
+an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von
+Entbehrung, von dem ich mir bestimmte Rechenschaft h&auml;tte
+ablegen k&ouml;nnen, nicht die Erkenntnis umschriebener und begrenzter
+Widerst&auml;nde, sondern nur ein ahnendes, blindes Ertasten
+davon, das sich im Bewu&szlig;tsein und in der Seele kaum
+formulieren lie&szlig;, zur Greifbarkeit sich erst viel sp&auml;ter verdichtete.
+Denk ich zur&uuml;ck, so war es wie ein Herumtappen im
+leeren finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang
+finden mu&szlig;, bevor eine sinnvolle T&auml;tigkeit &uuml;berhaupt in Frage
+kommt, ein System der Dinge entstehen kann.</p>
+
+<p>Ich wurde als Mensch nicht als zugeh&ouml;rig gefordert, weder
+von einem einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von
+den Menschen meines Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht,
+weder von denen meiner Art, noch von denen meiner
+Wahl. Denn zu w&auml;hlen hatte ich mich ja nachgerade entschlossen,
+und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich
+mich mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschlu&szlig;
+geschieden, diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich
+selber darzubieten, ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem
+entfaltete sich also in seiner ganzen beunruhigenden Wucht.</p>
+
+<p>Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mi&szlig;verstanden
+werden. Keine Regentenregung war in mir. Auch
+Verge&szlig;lichkeit nicht und noch weniger N&uuml;tzlichkeitserw&auml;gung.
+Ich lebte in schmeichelnden, die mir so nahe, so augenscheinliche
+Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von allgemeinem
+Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>nicht belehrt, noch nicht gedem&uuml;tigt, Erfahrungen auch sonst
+schwer zug&auml;nglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch
+verkl&auml;rte Bilder, und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug
+hielt mich ab, statuierte Unterschiede der Klasse, Kaste und
+Rasse, der Herkunft und des b&uuml;rgerlichen Charakters auch auf
+mich anzuwenden.</p>
+
+<p>Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller
+T&auml;uschung f&uuml;r ein typisches Los, so da&szlig; mir die Menschenwelt
+in lauter einzelne ebenso unbedingte Wesen zerfiel.
+Hiervon wurde meine Phantasie ins Uferlose, Bodenlose,
+Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und armselig
+vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verf&uuml;hrung wurde,
+anderseits Fatum und Gewissensb&uuml;rde.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_7" id="kapitel_7"></a>7</h2>
+
+
+<p>Um nicht zu verhungern, mu&szlig;te ich Zuflucht bei meinem
+Vater suchen, der zu dieser Zeit in W&uuml;rzburg lebte, selbst in
+k&uuml;mmerlichsten Umst&auml;nden. Als wahrer verlorener Sohn
+kehrte ich zur&uuml;ck; wenn es auch ohne Dramatik abging, ohne
+Schmerz und Dem&uuml;tigung ging es nicht ab. Er lie&szlig; mich
+f&uuml;hlen, da&szlig; ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht
+hatte und zeigte sich mir noch finsterer und k&auml;lter als vordem.
+Am erbittertsten war die Stiefmutter &uuml;ber den unwillkommenen
+Kostg&auml;nger, an den sie Wohlwollen ohnehin nie verschwendet
+hatte. Es war schlimm, gleichsam betteln zu sollen um die
+Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war alles von
+da ab.</p>
+
+<p>Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den
+alten Gassen und Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf
+dem Hofgartenwall, im Veitsh&ouml;chheimer Schlo&szlig;park und verschanzte
+mich, da ich keinen Gef&auml;hrten hatte, kein Paar Augen,
+die mich freundlich gr&uuml;&szlig;ten, in Einsamkeitswollust und Ein<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>samkeitshochmut.
+Drau&szlig;en waren Geister in Bewegung, ich
+sp&uuml;rte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang
+auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und
+neuen Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu
+denken und sah keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht,
+aber es war auch ein sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum
+vom heimlichen Kaiser, den gerade die Versto&szlig;enen manchmal
+selbstverliebt in sich n&auml;hren.</p>
+
+<p>Indes wuchs die Sorge meines Vaters &uuml;ber das arbeitsscheue
+Treiben, und er forderte, da&szlig; ich dem Onkel einen Abbittebrief
+schreiben und ihn durch das Gel&ouml;bnis der Besserung
+bestimmen solle, mich wieder aufzunehmen. Mich zu str&auml;uben
+war umsonst, die Qu&auml;lereien wurden zu arg. So f&uuml;gte ich
+mich ins Unvermeidliche und verfa&szlig;te mit schriftstellerischer
+Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel ver&auml;chtlich
+sagte, die seien sch&ouml;ne Wortfeuerwerke. Doch willigte er
+in eine Probezeit. Sein Haus und seine Fabrik sollten mir
+verschlossen bleiben, bis meine F&uuml;hrung bewiesen, da&szlig; ich von
+den &raquo;Wahnideen&laquo; geheilt sei. In der Familie eines seiner
+Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es waren
+einfache, aber l&auml;rmende und triviale Menschen, denen ich als
+Neffe ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich
+mi&szlig;gl&uuml;ckter Literat l&auml;cherliches Gesch&ouml;pf war. Ich trat
+als Lehrling in ein Exportgesch&auml;ft, was von Beginn an eine
+kaum ertr&auml;gliche Fron war. Der Chef war ein cholerischer
+Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder, stadtbekannter W&uuml;stling.
+Im ganzen Betrieb herrschte eigent&uuml;mliche T&uuml;cke und Aufs&auml;ssigkeit.
+Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von
+mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines
+niedrigen Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit.
+Zehn Monate nahm ich mich zusammen, um meinem Versprechen
+treu zu bleiben. Ein frecher Bubenstreich machte der
+Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages w&auml;hrend
+meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wu&szlig;te
+von nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschm&auml;hte
+es, mich zu verteidigen, verlie&szlig; den Posten und erkl&auml;rte
+meinem Onkel rundweg, da&szlig; ich mit solchen Menschen
+nichts mehr zu schaffen haben wolle. Eine junge Praktikantin,
+die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte, ruhte nicht, bis sie
+die Verschw&ouml;rung aufgedeckt und den Schuldigen zum Gest&auml;ndnis
+gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu sp&auml;t. Der
+Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamit&auml;t geworden,
+und man wollte mich los sein, wenn nicht auf gute
+Manier, so auf schlechte. Es wurde beschlossen, da&szlig; ich mein
+Milit&auml;rjahr absolvieren und, falls ich nach Verlauf dieses
+Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem Schicksal
+&uuml;berlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach W&uuml;rzburg
+geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen.
+Zur Bestreitung der Kosten wurde die H&auml;lfte eines
+kleinen m&uuml;tterlichen Erbteils fl&uuml;ssig gemacht, etwa tausend
+Mark; und davon sollte ich nicht nur ein ganzes Jahr leben,
+sondern auch die unerl&auml;&szlig;lichen Ausgaben f&uuml;r den Dienst, die
+Uniformierung, die Repr&auml;sentation aufbringen. Ich trat sonach
+in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, ungl&uuml;ckselige
+Mischung, wie ich bald sp&uuml;ren sollte. Jude und arm, das erregte
+doppelte Geringsch&auml;tzung, bei der Mannschaft wie bei
+den Offizieren. Im &uuml;brigen beging ich gleich zu Beginn eine
+Torheit und Einf&auml;ltigkeit, von der das Odium w&auml;hrend des
+ganzen Jahres an mir haften blieb. L&auml;cherlicherweise n&auml;mlich
+schlo&szlig; ich das schriftliche <em class="antiqua">Curriculum vitae,</em> dessen Anfertigung
+in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwerm&uuml;tigen
+Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen
+Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv
+hatte. Der Feldwebel las die gereimten Verse beim Rapport
+unter allgemeinem Hallo vor und hielt mir eine niederschmetternde
+Standrede, als h&auml;tte ich das gesamte deutsche
+Heer verh&ouml;hnt.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a></p>
+<h2><a name="kapitel_8" id="kapitel_8"></a>8</h2>
+
+
+<p>Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es
+dem Zuf&auml;lligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine
+eigentliche Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern
+nur Darstellung eines schicksalhaften Konflikts, gen&uuml;ge als
+Zusammenh&auml;ngendes der bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen
+soll, wie ich geworden, und auf welchem Boden ich gewachsen
+bin. Der Weg wird nun schmaler und bestimmter,
+die Richtung energischer sein m&uuml;ssen, Gebot der Verkn&uuml;pfung
+hat zur&uuml;ckzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden.</p>
+
+<p>Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als
+Soldat meine Pflicht zu tun und das geforderte Ma&szlig; der
+Leistung zu erf&uuml;llen, wozu bisweilen keine geringe Selbst&uuml;berwindung
+n&ouml;tig war, gelang es mir nicht, die Anerkennung
+meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte bald, da&szlig; es
+mir auch bei exemplarischer F&uuml;hrung nicht gelungen w&auml;re, da&szlig;
+es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte
+es an der ver&auml;chtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten
+Tendenz, die befriedigende Leistung selbstverst&auml;ndlich
+zu finden, die unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von
+gesellschaftlicher Ann&auml;herung konnte nicht die Rede sein, menschliche
+Qualit&auml;t wurde nicht einmal erwogen, Geist oder auch
+nur jede originelle Form der &Auml;u&szlig;erung erweckte sofort Argwohn,
+Bef&ouml;rderung &uuml;ber eine zugestandene Grenze hinaus kam
+nicht in Frage, alles, weil die b&uuml;rgerliche Legitimation unter
+der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug.
+Aber dies ist ja hinl&auml;nglich bekannt, niemand hat sich schlie&szlig;lich
+mehr dar&uuml;ber gewundert, auch ich war von vornherein mit
+der Situation vertraut, was ja an sich schlimm genug ist und
+eine best&auml;ndige Tr&uuml;bung der allgemeinen Lebensstimmung
+herbeif&uuml;hren mu&szlig;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>Auffallender, weitaus qu&auml;lender war mir in dieser Beziehung
+das Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete
+ich jenem in den Volksk&ouml;rper gedrungenen dumpfen,
+starren, fast sprachlosen Ha&szlig;, von dem der Name Antisemitismus
+fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die Quelle,
+noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Ha&szlig;
+hat Z&uuml;ge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung,
+der D&auml;monenfurcht wie der pf&auml;ffischen Verstocktheit,
+der Rank&uuml;ne des Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der
+Unwissenheit, der L&uuml;ge und Gewissenlosigkeit wie der berechtigten
+Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religi&ouml;sen Fanatismus.
+Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verf&uuml;hrt,
+verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit
+der Selbsteinsch&auml;tzung. Er ist in solcher Verquickung und
+Hintergr&uuml;ndigkeit ein besonderes deutsches Ph&auml;nomen. Es ist
+ein deutscher Ha&szlig;.</p>
+
+<p>Jeder redliche und sich achtende Jude mu&szlig;, wenn ihn zuerst
+dieser Gifthauch anweht und er sich &uuml;ber dessen Beschaffenheit
+klar zu werden versucht, in nachhaltige Best&uuml;rzung geraten.
+Und so erging es auch mir. Kam hinzu, da&szlig; die katholische
+Bev&ouml;lkerung Unterfrankens, reichlich durchsetzt mit einem unerfreulichen
+Schlag noch halb ghettohafter, handelsbeflissener,
+wuchernder Juden, Kr&auml;mer, Tr&ouml;dler, Viehh&auml;ndler, Hausierer,
+einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanit&auml;t und
+nat&uuml;rlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten St&auml;mmen
+stand und das Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsm&auml;rchen,
+bisch&ouml;fliche Bluterl&auml;sse, m&ouml;rderische und
+gewinnbringende Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne
+trug.</p>
+
+<p>Es geschah, da&szlig; ich zu einem jungen Menschen in f&ouml;rderliche
+Beziehungen trat; wenn dann die gewisse Enth&uuml;llung unvermeidlich
+war, zog er sich entweder vorsichtig zur&uuml;ck, oder er
+gab sich eine Weile unbefangen, um schlie&szlig;lich doch ein schwer
+bek&auml;mpfbares Mi&szlig;trauen durchblicken zu lassen, oder er lie&szlig;
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>mich verstehen, da&szlig; er in meiner Person eine Ausnahme statuiere
+und sich seines begr&uuml;ndeten Vorurteils zu meinen Gunsten
+ent&auml;u&szlig;ere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher
+noch k&ouml;nnen wir es ertragen, da&szlig; das Individuum in uns
+f&uuml;r minderwertig proklamiert wird, als die Gattung; eher
+noch darf der Charakter verd&auml;chtigt werden, als die Geburt;
+gegen jenes kann man sich retten, man kann den Irrtum
+beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn widerlegen zu
+k&ouml;nnen; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele machtlos,
+und der geh&uuml;tetste innerste Spiegel des Bewu&szlig;tseins tr&uuml;bt
+und befleckt sich.</p>
+
+<p>Als ich nach der Entlassung vom Milit&auml;rdienst nach N&uuml;rnberg
+kam, wo man mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete
+Stellung in einer Kanzlei angeboten hatte, war ich in einem
+wesentlichen Teil des Verh&auml;ltnisses zur Welt schon gel&auml;hmt.
+Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der Furcht vor
+Erniedrigung eingeht, ist f&uuml;r die Sittlichkeit und Freiheit des
+Handelns die sch&auml;digendste. Ist das errungene Gef&uuml;hl des
+eigenen Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung
+nur die Isolierung, der Entschlu&szlig;, sich suchen und
+finden zu lassen, die Sehnsucht nach dem, der suchen und finden
+wird. Es ist das Wunderbare der Jugend, da&szlig; sie am Menschen
+nie ganz zu verzweifeln vermag, eher wirft sie sich selbst
+weg, als da&szlig; sie aufh&ouml;rt, an den Menschen, dies getr&auml;umte
+Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich
+weg damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares
+Verlangen nach geistigem Umgang und st&uuml;rzte in
+die Kloake des Geistes, mich d&uuml;rstete nach Best&auml;tigung, und
+ich wurde aus m&uuml;hselig eroberten Festen geschleudert, ich
+w&uuml;nschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen Gehalt aus
+Geld, Schwei&szlig; und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden
+getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung
+&auml;fft. Mehr ist schlechterdings nicht zu sagen n&ouml;tig, um die
+Existenz zu kennzeichnen, die ich durch Jahr und Tag f&uuml;hrte;
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>was sollte es frommen, das h&auml;&szlig;liche Einzelne wieder hervorzuziehen
+aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen Kneipen
+verbrachten N&auml;chte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen Rebellentums,
+j&auml;mmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut,
+vers&auml;umte Pflicht, w&uuml;rgende Not, billige Herausforderung des
+B&uuml;rgers. Es ist heute nicht neu und war zu seiner Stunde
+nicht neu. Auch von dem Ring der traurigen Figuren zu
+sprechen, lohnt nicht. So tr&uuml;b oder auch merkw&uuml;rdig die
+Schicksale, so mittelm&auml;&szlig;ig der Zuschnitt im ganzen. In allen
+Winkelkaffeeh&auml;usern der Erde wird von allen malkontenten und
+impotenten K&uuml;nstlern, Literaten und verkrachten Studenten,
+von allen Falstaffs und Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals
+dieselbe Phrase in derselben Manier vom Rausch bis in den
+Katzenjammer totgeschleift.</p>
+
+<p>Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom
+Treiben jener Jahre f&uuml;r mich blieb, war einerseits die
+Stadt, Monument des Mittelalters, wie durch Zauberfluch
+ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter, von
+Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast
+und werdendes Zentrum des Kampfes zwischen B&uuml;rgertum
+und Proletariat; es ist mir immer symbolisch bedeutend f&uuml;r
+diese Konstellation erschienen, da&szlig; die erste Eisenbahn Europas
+zwischen N&uuml;rnberg und F&uuml;rth lief. Andrerseits, im nat&uuml;rlichen
+Zusammenhang damit, war Anblick und Erfahrung einer schroff
+geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden, Stillen, Vergehenden
+und Welt von Wollenden, &Uuml;berlauten, Kommenden.</p>
+
+<p>Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel
+und Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen
+schwankten vor mir auf und ab. Ich war nicht gesonnen,
+mein Schicksal an eine von ihnen zu h&auml;ngen. Von dort wurde
+mir Z&auml;rtlichkeit alter Formen geschenkt, Ehrfurcht vor &Uuml;berlieferung,
+Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das Umfriedete,
+Geschlossene, Gesicherte zu sp&uuml;ren und zu denken;
+von hier kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>verwandelter Zeit, im &uuml;brigen freilich K&auml;lte, K&auml;lte der Seelen,
+Tr&auml;gheit der Seelen, Verkrustung der Seelen.</p>
+
+<p>Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin,
+so habe ich es vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten
+Augenblick wie ein Retter in mein Leben getreten
+ist. Ich hatte seine Sympathie erweckt, er beobachtete mich,
+n&auml;herte sich mir, zeigte mir die Gefahr, und seine sanfte, geduldige,
+liebevolle &Uuml;berredung bewirkte, da&szlig; ich das verrottet-unfruchtbare
+Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was
+ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch
+kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er
+war ein unerm&uuml;dlicher Erz&auml;hler und barst von Geschichten.
+Obwohl selbst in vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch
+vergr&uuml;belt und, da seine zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible
+Natur ihm jeden vertrauten Umgang erschwerte, auch
+vereinsamt, schlo&szlig; er sich werbend, f&uuml;hrend, eifers&uuml;chtig wachsam
+an mich an. Er war einer der problematischesten Menschen,
+denen ich je begegnet bin, und sein Einflu&szlig; erstreckte sich &uuml;ber
+meine wichtigsten Jahre.</p>
+
+<p>Er war sechs oder sieben Jahre &auml;lter als ich. Er entstammte
+einem alten N&uuml;rnberger Patriziergeschlecht, das aber v&ouml;llig
+verarmt war. Sein Vater war tot, er lebte mit seiner Mutter,
+einer welthassenden, weltfremden, eigent&uuml;mlich strengen Frau
+in einem Verh&auml;ltnis zwischen Unvertr&auml;glichkeit und Liebe.
+Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit seiner Art, die sich
+wie ein Fisch verbi&szlig;, hatte er sich literarischen Interessen zugewandt,
+nicht als Produzierender, sondern als ein mit seiner
+Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder.
+Er war schlank, hager, sehnig, flink, nerv&ouml;s wie ein Rennpferd,
+launenhaft, verstand zu imponieren und zu gewinnen,
+war voller Impuls und Heftigkeit, auch voll List und Witz,
+und hatte Neigungen zum Aszeten, zum B&uuml;cherwurm, zum
+Hom&ouml;opathen, zum Sonderling.</p>
+
+<p>Als er, der seine Kr&auml;fte in der Heimat verdorren f&uuml;hlte,
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>nach Z&uuml;rich gegangen war, wo ihm ein gr&ouml;&szlig;erer Wirkungskreis
+in Aussicht stand, war mir zumute, wie einem, den der
+gute Geist verlassen hat, und mein Trachten war darauf gerichtet,
+wieder in seine N&auml;he zu gelangen. Ein Briefwechsel
+von seltener Intensit&auml;t, seiner- wie meinerseits, gab nur ungen&uuml;genden
+Ersatz f&uuml;r die lebendigen Stunden, aber es war
+vorl&auml;ufig keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte
+indessen das M&uuml;ndigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital
+des m&uuml;tterlichen Verm&ouml;gens ausgeh&auml;ndigt, f&uuml;nf- bis
+sechshundert Mark, in deren Besitz ich mir reich erschien. Ich
+k&uuml;ndigte meine Stellung, zahlte meine Schulden, fuhr nach
+M&uuml;nchen und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was
+ein vollkommen neuer Zustand f&uuml;r mich war, der sich auch
+bald r&auml;chte, denn eines Tages war der vermeintliche Schatz
+ersch&ouml;pft. Ich sah mich nach einer neuen Stellung um, lie&szlig; ein
+Inserat drucken, und es meldete sich ein Generalagent im
+badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien ersuchte
+und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der
+einzige Beamte in seinem Bureau und hatte t&auml;glich zehnst&uuml;ndige
+Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich
+getreten, war hart, karg, hinterh&auml;ltig, schwer zu befriedigen,
+im Benehmen von betonter Korrektheit, All&uuml;re des Reserveleutnants.
+An einem Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei
+gegangen war, um eine dringliche Arbeit zu erledigen, erschien
+er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte aber dann, ich m&ouml;ge
+die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen. Etwas erstaunt,
+ihn &uuml;ber diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen, antwortete
+ich, was zu antworten war. Sein Gesicht ver&auml;nderte
+sich erschreckend. Nach einem b&ouml;sen Schweigen warf er mir
+vor, ich h&auml;tte ihn absichtlich in Unwissenheit gehalten, es w&auml;re
+meine Pflicht gewesen, ihm von meiner Konfession im Offertbrief
+pr&auml;zise Mitteilung zu machen, er habe an dergleichen nicht
+gedacht, da ihn meine Photographie und dann auch mein Auftreten
+get&auml;uscht habe, und als get&auml;uscht m&uuml;sse er sich auch
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>betrachten. Weiter &auml;u&szlig;erte er sich nicht, aber er bereitete mir
+nun, da er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Stra&szlig;e zu
+werfen, die geh&auml;ssigsten Schwierigkeiten, n&ouml;rgelte an jedem
+Federstrich, an jedem Gru&szlig; und legte mir aus niedriger Erwartung
+heraus eine Falle, indem er mir n&auml;mlich das gesamte
+Bargeld der Agentur &uuml;bergab und darauf rechnete, da&szlig; ich,
+dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher vorenthalten
+hatte, in meiner von ihm gewu&szlig;ten Notlage mich
+an dem Geld vergreifen w&uuml;rde. Es geschah auch wirklich, da&szlig;
+ich, w&auml;hrend er einige Tage verreist war, zwei Taler aus
+der Kasse nahm; ich konnte mir nicht anders helfen in der
+Bedr&auml;ngnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat, die zwei
+Taler als Vorschu&szlig; zu berechnen. Jedoch er l&auml;chelte h&ouml;hnisch.
+Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite
+und entlie&szlig; mich auf der Stelle.</p>
+
+<p>Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos
+irrte ich im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte
+Regenn&auml;chte in den H&uuml;tten der Holzf&auml;ller und w&auml;re
+verhungert, wenn ich nicht von einigen Bauern Milch und Brot
+bekommen h&auml;tte, und zwar durch Vermittlung ihrer Kinder.
+Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg
+die Schule besuchten. Ich begleitete sie h&auml;ufig am Abend
+durch den Wald und erz&auml;hlte ihnen dabei allerlei Geschichten.
+Dies gewann mir ihre Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses
+Leben nicht mehr, verkaufte, was ich von meinen Habseligkeiten
+noch entbehren konnte, einen Rock, ein paar B&uuml;cher,
+meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Z&uuml;rich,
+wo ich nach vielen M&uuml;hseligkeiten auch gl&uuml;cklich anlangte und
+vom Freund mit einer Freude empfangen wurde, die mich ersch&uuml;tterte
+und f&uuml;r alle Leiden entsch&auml;digte.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a></p>
+<h2><a name="kapitel_9" id="kapitel_9"></a>9</h2>
+
+
+<p>Es erwies sich, da&szlig; der Freund ebenfalls in bedr&auml;ngter
+Lage war; mit seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte
+er seinen Posten verlassen m&uuml;ssen und einen andern noch
+nicht gefunden. Wir lebten nun in folgender Art: Tags&uuml;ber
+schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstra&szlig;, des Abends
+suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstra&szlig;e auf, wo der
+Freund einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gew&auml;hrte.
+Dort tranken wir Milchkaffee und a&szlig;en eine Unmenge von
+Wei&szlig;broten, unsere ganze Mahlzeit f&uuml;r die Dauer von vierundzwanzig
+Stunden. Wir blieben bis sp&auml;t in die Nacht sitzen, vertieft
+in Gespr&auml;che, dann gingen wir nach Haus, er legte sich in
+sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir
+weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg
+hatte nicht aufgeh&ouml;rt, mich innerlich zu qu&auml;len. Der Freund
+merkte, da&szlig; ich ihm etwas verbarg, denn bisher hatte ich es
+noch nicht &uuml;ber mich gewinnen k&ouml;nnen, ihm davon zu berichten,
+sondern als Ursache meiner Flucht einen gleichg&uuml;ltigen Zank
+angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wu&szlig;te er mir
+endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich
+viele unserer n&auml;chtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema.</p>
+
+<p>Der an sich unbedeutende Vorfall f&uuml;hrte uns ins Allgemeine
+und Schicksalhafte und wieder zur&uuml;ck ins begrenzt
+Pers&ouml;nliche meiner Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege
+miteinander gegangen waren, &ouml;ffnete sich pl&ouml;tzlich ein Abgrund
+zwischen uns.</p>
+
+<p>Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu
+erkennen und zu benennen ich bisher auch von mir abgewendet
+hatte: ich f&uuml;hlte mich als Mitglied einer Nation, gleichgeordnet
+als Mensch, gleichberechtigt als B&uuml;rger; da mich aber ein
+Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne da&szlig; es m&ouml;glich
+war, ihn daf&uuml;r zur Verantwortung zu ziehen, als untergeordnetes
+Wesen behandeln d&uuml;rfte, so beruhe entweder mein
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Gef&uuml;hl auf einem Irrtum, oder die &Uuml;bereinkunft, von der es
+gest&uuml;tzt gewesen, sei L&uuml;ge und Betrug.</p>
+
+<p>Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten,
+sondern meiner Abstammung, der Zugeh&ouml;rigkeit zu einem
+Fremdk&ouml;rper innerhalb der Nation; ein Argument, auf das
+ich gefa&szlig;t war, und auf das ich nur mit Scham und Emp&ouml;rung
+antworten konnte.</p>
+
+<p>Angenommen, diese Fremdlinge sind eure G&auml;ste, sagte ich,
+warum tretet ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die
+zugleich Gebote der Menschlichkeit sind, mit F&uuml;&szlig;en? Angenommen
+aber, sie sind euch l&auml;stige Eindringlinge, warum duldet
+ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner Vertr&auml;ge
+schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem
+Dach in scheinheiligem Frieden und heimlichem Ha&szlig;.</p>
+
+<p>Die Juden geh&ouml;ren nun einmal dazu, sagte er r&auml;tselhaft;
+wie es ist, geh&ouml;ren sie dazu.</p>
+
+<p>Wie, sie geh&ouml;ren dazu? wende ich ein, und ihr traktiert
+sie dennoch als Ratten und Parasiten?</p>
+
+<p>Wer l&auml;&szlig;t sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun
+die politischen und sozialen Unheilstifter. Die aufgekl&auml;rten
+Deutschen wissen, was sie den Juden zu verdanken haben
+und ihnen in Zukunft auch noch werden danken m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe
+wollte mir nicht in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war
+die peinvollste &Uuml;berlegung, dar&uuml;ber mit mir selbst ins klare
+zu kommen. Worin besteht das Trennende? fragte ich. Im
+Glauben? Ich habe nicht den j&uuml;dischen Glauben, du hast
+nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anma&szlig;en,
+Blutart von Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche?
+Haben sich Deutsche nicht mit franz&ouml;sischen Emigranten vermischt?
+Mit Slawen, Nordl&auml;ndern, Spaniern, Italienern,
+wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als ihre
+Horden deutsches Gebiet &uuml;berfluteten? Kann man nicht vorz&uuml;gliche,
+ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>Abkunft nennen, K&uuml;nstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte,
+F&uuml;rsten, K&ouml;nige sogar? Und die zwei Jahrtausend alte Existenz
+der Juden im Abendlande sollte nicht ihr Blut ber&uuml;hrt
+haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft,
+Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn
+man selbst physische Vermischung ausschlie&szlig;t? War auch ihr
+eigenes Gesetz dagegen und der Widerstand der V&ouml;lker, konnten
+sie sich dem nat&uuml;rlichen Gesetz entziehen? Sind sie von anderer
+moralischer Beschaffenheit? Von anderer menschlicher Pr&auml;gung?</p>
+
+<p>Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als
+seien sie von anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer
+menschlicher Pr&auml;gung. Das gerade sei vielleicht der kritische
+Punkt.</p>
+
+<p>Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, da&szlig; der
+Freiburger Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines
+kleinlichen, boshaften, gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe?</p>
+
+<p>Das r&auml;ume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau
+geschehe, sei nicht ma&szlig;gebend f&uuml;r die Anschauung auf dem
+h&ouml;heren. &Uuml;bergriffe der Exekutive bewiesen auch nie etwas
+gegen die Legislatur.</p>
+
+<p>So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer
+Beschaffenheit und anderer menschlicher Pr&auml;gung als er?</p>
+
+<p>Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich,
+ob ich mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude f&uuml;hle. Ich
+z&ouml;gerte. Ich wollte wissen, worauf die Frage abzielte.</p>
+
+<p>Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir
+werde, mich zu bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht
+leicht zu umgrenzen.</p>
+
+<p>Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher.</p>
+
+<p>Er fragte, ob meine Mutter zweifellos J&uuml;din gewesen sei?
+Ob in der Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung
+bekannt oder nur der Verdacht davon vorhanden sei? Als
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>ich jenes unbedingt bejahte, dieses l&auml;chelnd verneinte, sch&uuml;ttelte
+er den Kopf und sagte, mein Fall sei au&szlig;erordentlich interessant;
+es sei ein ganz besonderer Fall.</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; ihn nicht entschl&uuml;pfen. Ich wollte Aufschlu&szlig; haben
+&uuml;ber das, was er &raquo;meinen Fall&laquo; nannte. Ich bot ihm Behelfe.
+Ich sagte: Es ist nicht entscheidend, da&szlig; ich mich unter
+Deutschen als Deutscher f&uuml;hle. Dem Deutschen steht es frei,
+dies als eine Pr&auml;tension zu betrachten, eine begr&uuml;ndete oder
+unbegr&uuml;ndete, je nachdem. Er kann sie erf&uuml;llen oder nicht
+erf&uuml;llen, je nachdem. Erf&uuml;llen: gnadenhalber, ausnahmsweise,
+befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt
+oder Sympathie abringe, aus L&auml;ssigkeit, Verge&szlig;lichkeit,
+aus Zwecksucht. In einen Gesellschaftsverband aufgenommen
+werden, nur weil die sonstige Abwehr eingestellt ist, ist verletzend
+und entw&uuml;rdigend, letzten Endes f&uuml;r beide Teile.</p>
+
+<p>Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich
+bisher &uuml;berzeugt gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher
+Menschheit nicht blo&szlig; zugeh&ouml;rig, sondern zugeboren. Ich atme
+in der Sprache. Sie ist mir weit mehr als das Mittel, mich
+zu verst&auml;ndigen, und mehr als das Nutzprinzip des &auml;u&szlig;eren
+Lebens, mehr als zuf&auml;llig Gelerntes, zuf&auml;llig Angewandtes.
+Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein
+aus. Sie ist das Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen
+ich, wenn schon nicht die Kraft, so doch den unmittelbaren
+Trieb in mir sp&uuml;re. Sie ist mir vertraut, als sei ich
+von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert gewesen.
+Sie hat meine Z&uuml;ge geformt, mein Auge erleuchtet, meine
+Hand gef&uuml;hrt, meinen Fu&szlig; gelenkt, meine Nerven in Schwingung
+versetzt, mein Herz f&uuml;hlen, mein Hirn denken gelehrt;
+sie hat mir das Gesehene, in Phantasie und Urteil Gesammelte
+durch Geschichte, Flu&szlig; des t&auml;glichen Seins, Spiel der Lebensl&auml;ufe,
+Erlebnis der gro&szlig;en Werke zur Anschauung Gewordene
+in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das nicht
+g&uuml;ltiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch
+Furcht und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch
+Aberglauben, Bosheit und Tr&auml;gheit besteht?</p>
+
+<p>Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten
+meine besondere Situation; im allgemeinen l&auml;gen die
+Dinge ganz und gar nicht so.</p>
+
+<p>Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation
+berufen, warf ich ein, und ich will mich nicht in ihr begn&uuml;gen.</p>
+
+<p>Pr&uuml;fen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden
+als Gesamtheit haben sich niemals mit den Interessen der
+Wirtsv&ouml;lker selbstlos zu identifizieren vermocht. Innerhalb
+des Staates haben sie sich in eine soziale und religi&ouml;se Isolierung
+zur&uuml;ckgezogen, ein starrer, erstarrter Block in der str&ouml;menden
+Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung dauerte, hatten
+sie den Schein des Martyriums f&uuml;r sich; seit sie aufgehoben
+ist, liegt der Mangel an Willen und F&auml;higkeit zutage. Es
+steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch
+heute. Noch heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen
+allein offenbarte Lehre, bewu&szlig;t oder unbewu&szlig;t, und halten
+alle andere Lehre f&uuml;r Irrtum und L&uuml;ge. Namentlich gegen
+das Christentum mu&szlig;te sich ihr unausl&ouml;schlicher Ha&szlig; richten,
+denn ihm gegen&uuml;ber empfanden sie wie eine Mutter, die aus
+ihrem Scho&szlig; den Verr&auml;ter geboren hat, Verr&auml;ter des Volkes,
+Verr&auml;ter der Menschheit, Verr&auml;ter Gottes. Was kann solchem
+Ha&szlig; gleichen? Wodurch k&ouml;nnte er gemildert werden? Nur
+er vielleicht erkl&auml;rt die Widerstandskraft, die Geduld, die
+Leidens&uuml;berwindung, die beispiellose Vitalit&auml;t des Stammes.
+Rache f&uuml;r das Erlittene zu &uuml;ben, keimt wahrscheinlich als Beschlu&szlig;
+seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele, wuchert in
+ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der andersgeartete
+Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte
+wirken unterirdisch fort und sind durch keine &Uuml;bereinkunft
+gutmeinender Aufkl&auml;rer, nicht durch den Schmerz der
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>Abgel&ouml;sten, nicht durch das Vorbild der Verwandelten aus der
+Welt zu schaffen.</p>
+
+<p>Dies zu h&ouml;ren war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei
+ja der ganze Jammer des versteinerten Mi&szlig;verst&auml;ndnisses
+und der b&ouml;swilligen Hetze, doch er nahm es nicht an. Er erwiderte,
+ich sei wie so viele das Opfer eines Kulturblendwerkes.
+Wie lange ist&#8217;s denn her, sagte er, da&szlig; die Juden
+aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das
+achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und
+d&uuml;sterer Verkrochenheit. F&uuml;r den greisen Goethe noch war
+der Jude ungef&auml;hr dasselbe, was dem Amerikaner heute der
+Nigger ist, trotz Nathan dem Weisen, trotz Spinoza und
+Moses Mendelssohn, trotzdem die junge Romantik, die sich
+um ihn erhob, von j&uuml;dischen Einfl&uuml;ssen durchsetzt war, trotzdem
+er gegen die historische und institutive Ehrw&uuml;rdigkeit der
+Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war.
+Die Kindheitseindr&uuml;cke des Frankfurter Judenghettos zeigten
+sich st&auml;rker. Die Juden weisen immer auf die Bedr&uuml;ckungen
+und Verfolgungen hin, wenn verwerfliche Z&uuml;ge aus ihrem
+Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein Jude ertr&auml;gt ein
+objektives Urteil &uuml;ber Juden, geschweige denn ein abf&auml;lliges,
+auch &uuml;ber einzelne, auch &uuml;ber Entartete nicht, sobald das Judentum
+als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler
+r&auml;cht sich insofern schwer, als sich zwischen sch&ouml;nf&auml;rbender
+Apologie und h&auml;&szlig;licher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromi&szlig;
+finden l&auml;&szlig;t. Alle Lobredner weisen mit Emphase
+auf die unbedingte Sittenreinheit und Gesetzestreue der Juden
+hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein W&auml;sserchen
+getr&uuml;bt habe. Dabei waren zum Exempel unter den R&auml;uberbanden,
+die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands
+und des Niederrheins unsicher machten, Juden
+in erklecklicher Menge, Diebe, Hehler und Sp&auml;her. Die Shylocks
+aller Grade will ich nicht erw&auml;hnen, die mitleidlosen
+Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen. Ab<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>surd
+w&auml;re ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die
+sich in heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden,
+fast schutzlos, an Leben und Eigentum stets gef&auml;hrdet, als ob
+die mehr und tiefer denn ihre W&auml;chter und Qu&auml;ler zu makelloser
+F&uuml;hrung verpflichtet, als ob die Verbrecher unter ihnen
+verabscheuenswertere Verbrecher w&auml;ren als die anderen. Gerechterweise
+mu&szlig; man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist
+auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht
+von h&ouml;herer Warte aus. Sie betrifft das Unverm&ouml;gen zu
+seelischer Wandelbarkeit. Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja
+in au&szlig;erordentlichem Ma&szlig;e eigen, in gerade verh&auml;ngnisvollem
+Ma&szlig;e. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als volkhafte
+Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer
+biblischer Vorzeit waren.</p>
+
+<p>Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe
+imperativen Autorit&auml;t. Ich entsinne mich, da&szlig; ich mich der
+Logik und Kraft seiner Argumente nicht entziehen konnte. Niemand
+wird erwarten, das Gespr&auml;ch sei hier im Wortlaut
+angef&uuml;hrt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge von Gespr&auml;chen,
+und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er
+war unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen
+wollte, liebte ihn um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich
+dunkel empfand, da&szlig; er sich in unserem gemeinsamen Ringen
+um die Wahrheit &uuml;ber mich stellte, da&szlig; er die Herrschaft
+an sich ri&szlig;, und da&szlig; die wesentliche Erkenntnis, zu der wir
+endlich gelangten, ihn nicht befreite und erl&ouml;ste wie mich, dem
+sie ein Tor &ouml;ffnete und ein Ziel zeigte, sondern, da&szlig; er in
+heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr
+mein Widersacher wurde.</p>
+
+<p>Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im
+Dasein der Juden, f&uuml;hrte er aus, der Humanisierungswille des
+neunzehnten Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue
+Jahrzehnt kn&uuml;pfte festere Bande zwischen ihnen und uns.
+&Auml;u&szlig;erlich nur, zugegeben; solche des b&uuml;rgerlichen Zusammen<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>schlusses,
+wirtschaftliche, vaterl&auml;ndische sogar, in jedem Fall
+gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem Ermessen, sch&ouml;nem
+Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene. Bedingungslos
+wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen
+Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb,
+weil sie sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten?
+Warum aber? Solange sie Ge&auml;chtete waren, war es ihr Recht,
+ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre Waffe, das Mittel zur Selbstachtung
+und Selbstaufrichtung, sich zu verschlie&szlig;en, an der
+engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imagin&auml;re, halb
+schw&auml;rmerische und um desto s&uuml;&szlig;ere, verf&uuml;hrerische, tragisch-erh&ouml;hende
+Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege
+zur Gemeinschaft mit uns geebnet waren, ver&auml;nderte sich wohl
+ihr geistiges Antlitz, ihre Spiritualit&auml;t mit erstaunlicher Schnelligkeit;
+mit erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie
+unsere Notwendigkeiten zu den ihren, ihre zu den unseren,
+schmiegten sich den Forderungen des Staatswohls an, der
+&ouml;ffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre wunderbaren
+Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen Entwicklung,
+aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, da&szlig;
+sie h&auml;tten Christen werden sollen. Das haben viele getan,
+aus Utilit&auml;tsgr&uuml;nden, oder weil sie sich nicht mehr verkettet
+f&uuml;hlten, oder auch aus &Uuml;berzeugung. Die Frage ist nur, ob
+sie Christen werden k&ouml;nnen, anders als im oberfl&auml;chlichen Sinn,
+wie es ja die Mehrzahl der Christen selbst ist. Die Frage ist,
+ob sie deshalb aufgeh&ouml;rt haben, Juden zu sein und dies in
+einem tieferen Sinn; man wei&szlig; es nicht, man kann es
+nicht kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einfl&uuml;sse.
+Judentum ist wie ein intensives F&auml;rbemittel; die geringste
+Quantit&auml;t reicht hin, um einer unvergleichlich gr&ouml;&szlig;eren
+Masse seinen Charakter zu geben oder wenigstens Spuren
+davon. Nicht zu leugnen, da&szlig; sie, wieder in einem gewissen
+Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen.
+Was mag es sein? Ist es das eigent&uuml;mliche Beharren
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>der Seele oder der Sinne im Kontrast zur Fl&uuml;ssigkeit, Mobilit&auml;t,
+Vielgesichtigkeit des Geistes? Es beweist und erkl&auml;rt
+zu wenig. Macht der Tradition ist es nicht, oder nicht ausschlie&szlig;lich,
+oder nicht mehr. Tradition wird &uuml;berwunden und
+jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet als
+Disziplin einen wohlt&auml;tigen Damm gegen Ma&szlig;losigkeit und
+Individualisierungsgier, h&uuml;tet als politische Maxime Scheunengut
+und bewahrt die Nation vor &uuml;berst&uuml;rzten Neuordnungen.
+Aber gerade die Ma&szlig;losigkeit, gerade die Individualisierungsgier,
+gerade die Sucht nach Neuordnungen mu&szlig; man den
+Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also?</p>
+
+<p>Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht l&auml;ge in
+der Verallgemeinerung. Es g&auml;be solche und solche Juden. Alle
+Gesamturteile seien schief und f&uuml;hrten zur Vergewaltigung,
+zur Verzerrung, zur Ausn&uuml;tzung im Dienste von Parteiinteressen.
+Warum nicht menschlich den Menschen sehen, nur
+den Menschen? Oft rufe man durch M&auml;keln erst die Fehler
+hervor, und in der Wiederholung entstehe die &Uuml;bertreibung.
+Man m&ouml;ge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres
+Rechts zu atmen kaum bewu&szlig;t, Verscheuchte, Versch&uuml;chterte,
+Umklammerte; immer neuer Zustrom aus tr&uuml;ben Beh&auml;ltern
+tr&uuml;be die gereinigten wieder, viele seien gequ&auml;lt durch den latenten
+Ha&szlig;, und ihre Entschlossenheit, sich zu opfern, treibe sie
+bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch die ungewohnte
+F&uuml;lle von Raum und Entfaltungsm&ouml;glichkeit: und
+wenn man ein j&uuml;disches Tribunal imaginiere, so w&uuml;rde dort
+keiner freigesprochen, den ein christliches oder deutsches f&uuml;r
+schuldig erkl&auml;rt. Aber ich sp&uuml;rte bei alledem, da&szlig; meine
+Parade den Hieb nicht fing, weil mein Standpunkt gegen den
+des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit sp&auml;ter, im
+Verflu&szlig; jahrzehntelanger K&auml;mpfe, konnte ich mir seine
+Frage beantworten, dieses &raquo;Was ist es also?&laquo;, von dem ich
+sogar die Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch
+zur Aufrichtigkeit und Selbstdurchforschung gebieterisch trieb.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als
+das auserw&auml;hlte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen
+findet sich der Glaube an ihre Auserw&auml;hltheit und die Verk&uuml;ndigung
+davon. Ohne da&szlig; man die Zul&auml;nglichkeit oder Unzul&auml;nglichkeit
+der Gr&uuml;nde untersucht, auf welche sich dieser
+Glaube, diese Verk&uuml;ndigung st&uuml;tzt, ob auf die offenbarte Lehre,
+ob auf das Verh&auml;ltnis zu den geliebten Dingen, ob auf das
+historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen,
+da&szlig; eine mit solcher Hartn&auml;ckigkeit durch die Jahrtausende
+festgehaltene &Uuml;berzeugung einerseits ganz au&szlig;erordentliche
+Pflichten nach sich zieht, die von der Gesamtheit niemals restlos
+erf&uuml;llt werden k&ouml;nnen, ferner ganz au&szlig;erordentliche sittliche
+und moralische Spannung erzeugt, die wieder durch ihre notwendigen
+Entladungen eine Existenz voller Katastrophen schafft;
+und da&szlig; andererseits ein solches Axiom, wenn es als selbstverst&auml;ndliche
+Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren
+Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung l&auml;hmt, und an
+ihre Stelle den sittlichen Quietismus setzt, der zu &Uuml;berheblichkeit
+und zum Pharis&auml;ertum f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Es ist die Tragik im Dasein des Juden, da&szlig; er zwei Gef&uuml;hle
+in seiner Seele einigt: das Gef&uuml;hl des Vorrangs und
+das Gef&uuml;hl der Brandmarkung. In dem best&auml;ndigen Anprall,
+in der Reibung dieser beiden Empfindungsstr&ouml;me mu&szlig;
+er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir bei fast
+allen Juden, denen ich begegnet bin, best&auml;tigt, und es ist der
+tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des j&uuml;dischen Problems.</p>
+
+<p>Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig
+einen Vorrang dadurch, da&szlig; man Jude ist, wie man
+gebrandmarkt ist dadurch, da&szlig; man Jude ist.</p>
+
+<p>Mir wurde klar, da&szlig; ein Volk nicht dauernd auserw&auml;hlt
+sein kann und sich nicht dauernd als auserw&auml;hlt bezeichnen
+darf, ohne die gerechte Ordnung in den Augen der &uuml;brigen
+V&ouml;lker zu st&uuml;rzen. Der auserw&auml;hlte Einzelne ist stets in der
+Lage, die Verantwortung f&uuml;r sein Tun und Lassen zu &uuml;ber<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>nehmen;
+im auserw&auml;hlten Volk aber ma&szlig;t sich der Einzelne
+nach und nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der
+er nicht gewachsen ist, und bei der er &uuml;berredet wird, die Vorteile
+der Gesamtposition f&uuml;r sich geltend zu machen, die Verantwortungen
+hingegen auf die Gesamtheit abzuw&auml;lzen. Selbst
+den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer einmaligen grandiosen
+Leistung berechtigt, sich dauernd als auserw&auml;hltes Volk
+zu bezeichnen, wie w&auml;re ein solcher Anspruch gegen die Kritik,
+gegen die ver&auml;nderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen
+und zu sichern? Wie w&auml;re es m&ouml;glich, den Komplex
+&raquo;Volk&laquo; abzugrenzen? Gen&uuml;gte das blo&szlig;e Bekenntnis zu einem
+Glauben, um auserw&auml;hlt zu sein? Das w&auml;re schlechthin unsinnig
+und unsittlich.</p>
+
+<p>Die Idee der Auserw&auml;hltheit hat, f&uuml;r ein Volk, Berechtigung
+nur innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie
+aber aus der historischen Bedingtheit gerissen und gewisserma&szlig;en
+ins Unendliche ger&uuml;ckt wird, entsteht die Vers&uuml;ndigung,
+w&auml;hrend die pers&ouml;nliche Auserw&auml;hltheit im Unendlichen steht,
+im Unendlichen besteht.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_10" id="kapitel_10"></a>10</h2>
+
+
+<p>Die Gespr&auml;che mit dem Freund, ein unaufh&ouml;rliches Duell
+der Meinungen in den Formen des gegenseitigen liebevollen
+Interesses, hatten weitreichende Bedeutung f&uuml;r mich und
+stellten meine Gedanken- und Empfindungswelt auf eine viel
+breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor, als ob ich mit der
+ganzen Menschheit Frieden schl&ouml;sse, wenn ich mit ihm Frieden
+schlo&szlig;, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen
+Friedens festzusetzen, ja sie nur unmi&szlig;verst&auml;ndlich zu umschreiben.</p>
+
+<p>Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in
+Worten als durch seine Haltung stellte, war: bist du Jude
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>oder bist du Deutscher? Willst du Jude oder willst du
+Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um diese
+Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der
+einen oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den
+Weg nicht sah, den ich dann nach der einen oder der andern
+Richtung gehen sollte. Was wurde f&uuml;r mich besser oder
+schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort allein, der
+Beschlu&szlig; allein, die Richtungs&auml;nderung allein ma&szlig;gebend?
+Ich suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung
+und Best&auml;tigung bei denen, die mir vorangegangen waren,
+nach der einen oder andern Richtung, aber das Suchen war
+ergebnislos.</p>
+
+<p>In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig
+interessierten Kreisen Deutschlands noch ein m&auml;chtiger Name.
+War von j&uuml;discher Leistung, j&uuml;dischem Vollbringen, j&uuml;dischem
+Ruhm die Rede, so wurde auf Heine hingewiesen. Durchaus
+nicht blo&szlig; Juden waren f&uuml;r Heine Feuer und Flamme;
+die Wirkungen und der Einflu&szlig; dieses Poeten gingen in die
+breitesten Schichten, &uuml;ber das K&uuml;nstlerische und Poetische
+hinaus ins Politische und Soziale. Und wie man wei&szlig;, geh&ouml;rt
+er zu den wenigen Deutschen, die in Frankreich Ansehen und
+Bewunderung genossen haben. Aufgekl&auml;rte und gebildete Menschen
+lasen Heine, zitierten ihn, beriefen sich auf ihn, und
+der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem
+kleinen studentischen Freund in M&uuml;nchen, der Dutzende von
+Heineschen Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen
+Wendungen schwelgte, bis zur Kaiserin von &Ouml;sterreich,
+die diesem ihren Abgott einen Tempel bauen lie&szlig;. Es war
+mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den charakteristischen
+Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung, einer
+solchen n&auml;mlich, in der das Talent &uuml;ber das Menschentum pr&auml;valiert.
+In der zweiten H&auml;lfte des neunzehnten Jahrhunderts
+wurde sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in
+der zweiten H&auml;lfte des achtzehnten der des Genies; der Begriff
+<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>des Genies umfa&szlig;te aber damals auch die Menschlichkeit, in
+allen ihren &Auml;u&szlig;erungen, selbst den unerfreulichen, w&auml;hrend
+der Talentkultus, unter dessen merkw&uuml;rdigen und nicht leicht
+zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht,
+der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu
+das Schulbeispiel daf&uuml;r.</p>
+
+<p>Ich befand mich von Anfang an im Verh&auml;ltnis des Widerstrebens,
+ja der heftigen Abneigung gegen Heine. Seine
+Lyrik erschien mir, gemessen an der von Goethe, H&ouml;lderlin
+oder M&ouml;rike, s&uuml;&szlig;lich, spielerisch und roh sentimental; seine
+Prosa erregte meinen Ha&szlig; durch ihr Bestreben nach geistreicher
+Pointe, durch ihre Mischung von Frivolit&auml;t und rohester
+Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften
+fand ich zum Teil seicht und von oberfl&auml;chlicher Brillanz,
+zum Teil unwahrhaftig und eitel. F&uuml;r das Satirische, das
+ihre st&auml;rkste Qualit&auml;t ausmacht, hatte ich wenig Verst&auml;ndnis,
+und die sogenannten letzten Gedichte, in denen aufrichtige und
+ergreifende T&ouml;ne sind, waren mir verd&auml;chtig durch ein gewisses
+Sichgefallen im Schmerz.</p>
+
+<p>Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gef&uuml;hl
+ungerecht. Die Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf lie&szlig;,
+hatte wohl ihren Grund darin, da&szlig; etwas unantastbar, nachahmungsw&uuml;rdig
+und musterg&uuml;ltig sein sollte, was ich f&uuml;r
+sch&auml;dlich und zerst&ouml;rend hielt. Es sind in neuerer Zeit so
+viele Ankl&auml;ger und Ver&auml;chter Heines aufgetreten, mit guten
+und schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen
+und unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, da&szlig; ich nur
+mit &Uuml;berwindung und weil dieses St&uuml;ck Wahrheit eben zur
+ganzen Wahrheit geh&ouml;rt, mich entschlossen habe, das Thema
+zu behandeln. Da&szlig; die blinden Hasser und die b&ouml;swilligen
+Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, da&szlig; Unrecht &uuml;berhaupt
+geschieht. Verschweigen und Sch&ouml;nf&auml;rben macht eine
+schwache Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das
+Blut ging, war vielleicht das Blut. Seine zeitbedingte Er<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>scheinung
+war im zeitbedingten Sinn j&uuml;disch, und das Auffallendste
+an ihr ist das schroffe Nebeneinander von Ghettogeist
+und Weltgeist, von j&uuml;dischem Kleinb&uuml;rgertum und Europ&auml;ismus,
+von dichterischer Imagination und j&uuml;disch-talmudischer
+Vorliebe f&uuml;r das Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom,
+welch letztere Mischung man f&auml;lschlich als romantische
+Ironie bezeichnet hat, w&auml;hrend sie ein Ergebnis fabelhafter
+j&uuml;discher Anpassung und dabei tiefer innerer Lebens- und Weltunsicherheit
+ist. Aus dieser Quelle flie&szlig;t dann auch die journalistische
+Bef&auml;higung, wie denn Heine der eigentliche Sch&ouml;pfer,
+wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des
+Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses ungl&uuml;cklichen
+Surrogats von Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer
+Form, Narkotikum f&uuml;r eine niedergehende Gesellschaft und
+Mittel, Verantwortungen zu verschleiern.</p>
+
+<p>Heine war sicher in voller Naivit&auml;t Jude; er war auch in
+voller Naivit&auml;t Deutscher. Er beklagte sein j&uuml;disches Schicksal
+und sein j&uuml;disches Leid und verriet den Juden in sich. Er gab
+sich als deutscher Patriot, deutscher Emigrant, als Deutscher
+von Gebl&uuml;t und Wahl und verriet den Deutschen in sich. Auch
+dies, wie ich &uuml;berzeugt bin, in voller Naivit&auml;t. Er war der
+Talentmensch, katexochen, ohne g&ouml;ttliche Bindung, ohne wahre
+Zusammenh&auml;nge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst
+gestellt, auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne M&uuml;tter,
+ohne Himmel und deshalb auch ohne Erde. Wenn man mir
+ihn pries, f&uuml;hlte ich mich stets verraten; wodurch, kann ich
+kaum erkl&auml;ren, aber mir schien, da&szlig; ich am andern Pol stand
+und da&szlig; ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einflu&szlig; erst besiegen
+mu&szlig;te, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einflu&szlig; beginnen
+konnte. Allen Juden schmeichelte der Name Heinrich
+Heine; mir schien es hingegen, da&szlig; sie ihn h&auml;tten f&uuml;rchten
+sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren Weg verf&uuml;hrerisch
+ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur
+des j&uuml;dischen Menschen und des j&uuml;dischen Deutschen gab. Es
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>wurde mir gesagt: Warum h&auml;ltst du dich an Heine, warum
+blickst du nicht auf die, die deinen Widerstand weniger oder gar
+nicht herausfordern? Da ist Felix Mendelssohn, da ist B&ouml;rne,
+da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli, da ist Lassalle
+und Marx, da ist schlie&szlig;lich Spinoza, Menschen von gro&szlig;em
+Zuschnitt, der letzte vom allergr&ouml;&szlig;ten, nicht Jude mehr, herausgetreten
+aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte,
+Mensch an sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie
+hinblicken. Lockung und Gefahr war auch in ihnen, aber sie
+ordneten sich williger in die Folge der Gesichte und Erlebnisse.
+Heine schlo&szlig; zun&auml;chst zuviel des Gegenw&auml;rtigen ein und aus;
+er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten hatte.</p>
+
+<p>Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Pr&auml;gung.
+Es w&uuml;rde zu sehr ins Breite f&uuml;hren, wenn ich sie hier aufz&auml;hlte
+und von Cervantes bis Turgeniew und Dostojewski, von
+Dickens, Thackeray, Richardson und Balzac bis Keller, Gotthelf,
+Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern wollte;
+den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und
+Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die
+gewaltigen Herzen, die Anbetung und gl&uuml;hende Hingabe. Ich
+suchte in ihnen und bei ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit,
+die Gestalt, das feurige, fl&uuml;ssige Unaussprechliche, das
+wie ein geistiger Golfstrom die Gestade der Seele umschlingt.
+Nebenbei besch&auml;ftigte ich mich viel mit geschichtlichen Studien,
+indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins Einzelne ging, teils
+aus Neigung f&uuml;r das pers&ouml;nlich Schicksalhafte, teils aus Hunger
+nach Stoff und Lebensmaterial, und au&szlig;erdem mit Astronomie,
+ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen
+Ersch&uuml;tterungen sowohl wie aus &Uuml;berdru&szlig; an der verzweifelten
+Enge und Ausblicklosigkeit meiner Umst&auml;nde.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a></p>
+<h2><a name="kapitel_11" id="kapitel_11"></a>11</h2>
+
+
+<p>Allm&auml;hlich wurde ich dem Freund l&auml;stig. Ich wu&szlig;te nichts
+mit mir anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht,
+denn ich hatte nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu
+keiner praktischen T&auml;tigkeit. Die d&uuml;rftigen Hilfsmittel des
+Freundes waren v&ouml;llig versiegt, in der Not kn&uuml;pfte er fr&uuml;here
+Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten wir uns
+mit deren Bestand noch &uuml;ber Wasser, was das Schlimme mit
+sich brachte, da&szlig; wir die Freiheit verloren und wieder in ein
+fades und vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen
+wurden. Ich war den Leuten aus irgendwelchen Gr&uuml;nden unsympathisch,
+und als ich gelegentlich einer Fahrt auf dem
+Z&uuml;richer See durch einen Windsto&szlig; meinen alten Strohhut einb&uuml;&szlig;te,
+wurde ich au&szlig;erdem noch l&auml;cherlich. Der Freund, ver&auml;ngstigt
+und feig geworden, gab mich preis, und mir war im
+Ring der Feinde &uuml;bel zumute. Es wurde beschlossen, da&szlig; ich
+bei einer Zeitungsredaktion Anstellung zu suchen h&auml;tte. Man
+schrieb mir Adressen auf und schickte mich mit einem geliehenen
+Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf meine Stirn
+geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden,
+mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein,
+und so kehrte ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zur&uuml;ck.
+Da hielten sie Kriegsrat und gelangten zu dem Ergebnis,
+erstens, da&szlig; mir ein neuer Hut gekauft werden sollte, zweitens,
+da&szlig; durch eine Sammlung das Fahrgeld aufzubringen
+sei, dessen ich zur Reise nach M&uuml;nchen bedurfte. In M&uuml;nchen
+lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es
+waren etwa zwanzig Franken, die au&szlig;er dem Hut zusammenkamen;
+davon l&ouml;sten sie am Bahnhof das Billett bis Lindau,
+der Restbetrag wurde mir eingeh&auml;ndigt. Der Abschied vom
+Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne. Ich entsinne
+mich auch, da&szlig; ich auf der Fahrt zwischen Z&uuml;rich und
+dem Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>Verlockung, mich nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen,
+nicht widerstehen und nahm von dem zur Weiterreise bestimmten
+Geld. Als ich auf dem Lindauer Bahnhof stand, einige
+Minuten vor Abgang des M&uuml;nchener Zuges, mu&szlig; ich als mitleidsw&uuml;rdige
+Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner
+trat zu mir, lie&szlig; sich in ein Gespr&auml;ch mit mir ein, und nachdem
+ich ihm gestanden hatte, da&szlig; ich das Geld zur Reise nicht
+hatte, lie&szlig; er mich einsteigen und dr&uuml;ckte mir w&auml;hrend der Fahrt
+das Billett in die Hand mit den Worten, er vertraue meinem
+ehrlichen Gesicht, da&szlig; ich ihm die Auslage wiedererstatten
+werde. Auf das Billett hatte er seine M&uuml;nchener Wohnung
+geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit
+des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und
+meiner Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung
+des Vaters; der Vater war verreist; ich sah an allem,
+da&szlig; er sich in der &auml;rmlichsten Lage befand, trotzdem bat ich die
+Frau, sie m&ouml;ge mir das Geld f&uuml;r den Schaffner geben, es
+waren vielleicht zehn oder zw&ouml;lf Mark. Sie weigerte sich mit
+Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet au&szlig;er
+sich, &uuml;bersch&uuml;ttete mich mit Vorw&uuml;rfen und Beschimpfungen
+und verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung,
+ich langte nach einem K&uuml;chenmesser und schritt drohend auf sie
+zu; nun wurde sie auf einmal nachgiebig, sei es, da&szlig; mein Anblick
+sie in Furcht versetzte, sei es, da&szlig; sie meine Verzweiflung
+instinktiv erfa&szlig;te; nach einer Weile brachte sie mir ein silbernes
+Armband, das meiner Mutter geh&ouml;rt hatte und sagte, ich
+m&ouml;ge es versetzen.</p>
+
+<p>Danach war nat&uuml;rlich jede Verbindung mit meinem Vater
+zerbrochen, und er schrieb mir nach seiner R&uuml;ckkehr nur ein
+paar Zeilen, die mich durch einen ihm sonst nicht eigenen
+kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm war ich nun
+ein g&auml;nzlich mi&szlig;ratener Ausw&uuml;rfling. Dies alles sei berichtet,
+weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich unmittelbar
+an dies Zerw&uuml;rfnis schlo&szlig;, nicht gut erkl&auml;ren k&ouml;nnte;
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>denn es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit
+und so erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen
+Gro&szlig;stadt selten sind, und die zu ertragen eine nicht
+gew&ouml;hnliche Widerstandskraft notwendig war. Ich lebte von
+&Auml;pfeln, von K&auml;se und von Salat. Den Salat fand ich morgens
+in einer Sch&uuml;ssel vor der T&uuml;r meines Mansardenlochs;
+eine Frau, die mir gegen&uuml;ber wohnte und von meiner hilflosen
+Lage Kenntnis erlangt hatte, &uuml;bte auf diese zarte Manier Mildt&auml;tigkeit.
+Als ich ihr eines Tages dankte, sch&uuml;ttelte sie stumm
+den Kopf. Ich h&auml;tte aber selbst so nicht weiterleben k&ouml;nnen,
+wenn mir nicht mein Vater hier und da einen Brief geschickt
+h&auml;tte, in den er ein paar Marken gelegt hatte, die ich ver&auml;u&szlig;erte;
+er mu&szlig;te es heimlich und ohne Wissen seiner Frau
+tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars,
+Streber, Ordensj&auml;ger und Geschichtsforscher <em class="antiqua">ad usum delphini,</em>
+der mich eine Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es
+war dies ein gewissenloser Menschenschinder, wie man sie
+nicht selten unter subalternen Beamten trifft; es machte ihm
+zynisches Vergn&uuml;gen, aus meiner Bedr&auml;ngnis Nutzen zu
+ziehen und seine Macht zu mi&szlig;brauchen; selbst in gedr&uuml;ckter
+Stellung, war es Lust f&uuml;r ihn, &uuml;ber einen noch Gedr&uuml;ckteren
+unumschr&auml;nkter Herr zu sein. Wenn ich eine Woche lang seine
+Exzerpte kopiert und ihm zehn bis f&uuml;nfzehn Bogen abgeliefert
+hatte, zahlte er mir nach Willk&uuml;r und Laune einen bis anderthalb
+Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig oder
+drei&szlig;ig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei
+ich darauf bedacht sein mu&szlig;te, da&szlig; ich mich nicht in einen
+Kampf mit st&auml;rkeren Spielern einlie&szlig;. Da&szlig; ich k&ouml;rperlich immer
+mehr herunterkam, bedarf keiner Erw&auml;hnung; es stellten sich
+Magenblutungen ein, und ich verordnete mir eine strenge Reiskur,
+die mich auch wirklich heilte. Im &Auml;u&szlig;eren war ich v&ouml;llig
+vernachl&auml;ssigt, obwohl ich alle Sorge darauf richtete, ohne
+L&ouml;cher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich begab sich
+etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>qu&auml;lender, halb begl&uuml;ckter Spannung, aus der sich langsam Gestalten,
+Bilder und Vorg&auml;nge l&ouml;sten. Mein t&auml;gliches Dasein
+war ein erregter Traum; die N&auml;chte &uuml;ber sa&szlig; ich bei der Arbeit
+und schlief nur wenige Stunden. Die Einsamkeit, der
+g&auml;nzliche Mangel an Umgang und Aussprache bewirkten eine
+wiederkehrende und schlie&szlig;lich latente, rauschhafte Verz&uuml;ckung,
+die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden
+Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor
+mich hin und erinnere mich, da&szlig; ich einmal von zw&ouml;lf bis
+drei Uhr nachts im Herbstregen durch die Stra&szlig;en rannte, von
+Grauen erf&uuml;llt, weil ich einen Verfolger hinter mir glaubte,
+einen unvers&ouml;hnlichen Feind, dessen Gesicht und Gestalt mir
+irgendwie genau bekannt waren.</p>
+
+<p>Dergleichen geschah &ouml;fter. Dennoch war ich keineswegs
+verzweifelt, im eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht
+verbittert oder ankl&auml;gerisch oder menschenhassend. Ich denke
+nicht, da&szlig; ich mich einer nachtr&auml;glichen Verkl&auml;rung schuldig
+mache, wenn ich sage, da&szlig; die &auml;u&szlig;eren Leiden an mir niederrannen
+wie Wasser an einer ge&ouml;lten Wand. Ich f&uuml;hlte einen
+unersch&ouml;pflichen Vorrat an Kr&auml;ften in mir. Was ich &auml;u&szlig;erlich
+zu erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu
+stehen, was ich innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden
+Geduld entgegen, sonst nichts. Es war nicht eben Zuversicht,
+die mich stark machte; zur Zuversicht geh&ouml;rt bewu&szlig;tes Selbstvertrauen;
+das hatte ich nicht, auch der Arbeit gegen&uuml;ber nicht,
+die mich zwar in Flammen sah, an der ich aber die Unreife
+und Unzul&auml;nglichkeit sp&uuml;rte, kaum da&szlig; die Flamme ausgebrannt
+war, so da&szlig; ich mit einer fast n&uuml;chternen Beharrlichkeit immer
+wieder zum Anfang schritt. Es ist nat&uuml;rlich schwer, nach
+Jahrzehnten r&uuml;ckschauend alle Stationen einer Entwicklung
+wahrheitsgem&auml;&szlig; zu untersuchen, ohne einem gew&uuml;nschten Bild
+zu schmeicheln, doch wie ich auch mich und jene Zeit in mir
+pr&uuml;fe, zwei Tatsachen bleiben mir unverr&uuml;ckbar: erstens, da&szlig;
+ich mitten in einer deutschen Stadt in einem Verh&auml;ltnis zur
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, da&szlig; ich
+diese dauernde und d&uuml;stere Isolierung nur ertrug, weil ich wie
+die Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen
+Hind&auml;mmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich
+wohl f&uuml;r alles, was mit mir sich begab, f&uuml;r Menschen, Dinge,
+Stimmen, Farbe, Ton, Wort und Hauch, aber doch nur traumempfindlich,
+gleich einem, in dem sich etwas erschafft, woran
+er blo&szlig; den Anteil hat, der durch seine Existenz gegeben ist,
+w&auml;hrend er sonst Werkzeug bleibt.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_12" id="kapitel_12"></a>12</h2>
+
+
+<p>In sozialer Hinsicht mu&szlig;te ich mich als Ge&auml;chteter f&uuml;hlen;
+ich war es auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt,
+neigt, wenn er eine gewisse H&ouml;he erlangt hat, gern
+dazu, seine finsteren Erfahrungen mit einem Goldsaum zu
+umbr&auml;men. Er vergi&szlig;t die Niedrigkeit um so bereitwilliger,
+als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu denken,
+niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet,
+l&uuml;gt. Es erfordert im g&uuml;nstigsten Fall eine lange Zeit
+und lange sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz
+und Unrat gereinigt wird, mit dem sie beworfen worden ist,
+mit dem sie sich bedeckt hat. Es ist geradezu eine Erneuerung
+n&ouml;tig, und erst, wenn Erneuerung stattgefunden hat, wird
+Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch in der
+Qual ist gar nicht f&auml;hig, Erfahrungen zu machen und Resultate
+zu ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch
+formen. Der Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht
+zuschreibt, entsteht daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen
+keinen Einwand gegen dieses freche Luxusdiktat erheben
+k&ouml;nnen. Entkommt einer der Gefahr, so darf er die Gefahr
+preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn er die
+r&uuml;hmt, die f&uuml;r ihn ihre Haut zu Markte tragen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem
+Abgrund, galt ihr meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr
+aufgenommen und anerkannt zu werden, als Gleicher unter
+Gleichen, &uuml;berwog jedes andere. Die Frage, ob Jude oder
+Deutscher, war zun&auml;chst unwichtig geworden gegen die, wie ich
+zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als
+sei ich im Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als
+Schuld und Odium hing, ich f&uuml;r meinen Teil, und als werde
+das irgendwie augenscheinlich und beweisbar werden. Es trat
+eine Reihe von Zuf&auml;llen ein, von Frist zu Frist, die meiner
+materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der nachtschwarzen
+Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor
+sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege
+des Geistes freigaben.</p>
+
+<p>Ich wurde Sekret&auml;r bei einem sehr gesch&auml;tzten Schriftsteller,
+der, obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen
+zu seiner Sache gemacht hatte und dadurch allerdings
+mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt geriet, die ihn
+mehr in b&uuml;rgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte mir
+seine Romane und Erz&auml;hlungen, und als ich es nach einiger
+Zeit wagte, ihm eigene Arbeiten zur Pr&uuml;fung vorzulegen, zeigte
+er eine &Uuml;berraschung, an der ich merkte, da&szlig; ich nicht taube
+N&uuml;sse klopfte. Es war der erste Mensch, der mich ermunterte,
+der erste &uuml;berhaupt, der mich als Dichter uneingeschr&auml;nkt
+ernst nahm, und das bedeutete f&uuml;r mich soviel wie Rettung
+und Erl&ouml;sung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte f&uuml;r
+mich und jene sehr unfertigen, sehr fragw&uuml;rdigen Gebilde;
+er scheute nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr
+reizten ihn zu bedingungslosem Enthusiasmus, und als Hei&szlig;sporn,
+der er war, begab er sich in Fehden; ich wurde unversehens
+ein Objekt von F&uuml;r- und Widermeinung, was mich
+eher verzagt als stolz machte.</p>
+
+<p>Aber die Br&uuml;cken betrat ich, die mir geschlagen waren, und
+schnell sah ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen.
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Das hei&szlig;t ich nahm f&uuml;r Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild
+der Welt war; sie t&auml;uschte Freiheit, Weite und W&uuml;rde
+vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als ich l&auml;ngst keine
+Illusionen mehr &uuml;ber sie hatte, war doch das, was ich hier
+unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je gr&ouml;&szlig;er mein Bem&uuml;hen
+um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter
+erschien mir ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir
+notwendig, wenn nicht meine eigene Existenz eine schattenhafte
+sein sollte.</p>
+
+<p>Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie
+heute, bei uns wie bei jeder Nation, Repr&auml;sentanten aller
+St&auml;nde und Schichten. Es liegt nahe, an eine Auslese der
+Besten und F&auml;higsten zu glauben; dem ist nicht so. Es liegt
+nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf h&ouml;herer
+Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfl&auml;che und
+die, eben durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch
+Sein vorbildlich ist. Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese
+vollzogen, es ist keine Gemeinschaft entstanden, es ist ein
+zuf&auml;lliges In-, Mit- und Gegeneinander mehr oder weniger
+begabter, mehr oder weniger guter, mehr oder weniger zielbewu&szlig;ter,
+ehrgeiziger oder verbitterter oder entz&uuml;ndlicher Einzelner.
+Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste, sozial
+Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer
+Erde sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend,
+ob es nun Proletarier, B&uuml;rger oder Aristokraten
+sind. Sie bauen daher nicht auf einem gegebenen Fundament;
+sie m&uuml;ssen sich das Fundament erst errichten, und zwar jeder
+f&uuml;r sich und auf seine Weise. So vergeuden sie von vornherein
+Blut, Kraft und Geist f&uuml;r etwas, das Voraussetzung und Mitgift
+sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner
+hat die Bindung mit dem Volk, den R&uuml;ckhalt an ihm, ja,
+das Volk beargw&ouml;hnt und verleugnet sie, es ist keine Mitte
+da, keine &Uuml;bereinkunft, kein Vertrauen vom einen zum andern,
+nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft, und auch wo wahr<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>haft
+Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und hochm&uuml;tige
+Sippe.</p>
+
+<p>Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du,
+sogar dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen
+und die geistige Kontinuit&auml;t bewahren, ist zweierlei. Eifersucht
+lauert stets unter der Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott.
+Die Erfolglosen und die Erfolganw&auml;rter machen geschlossene
+Phalanx gegen die, die den mindesten Vorsprung haben, und
+es bedarf schon einer &uuml;berw&auml;ltigenden Pers&ouml;nlichkeit, um den
+Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich geb&auml;rden, niederzuschlagen.
+Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder
+f&uuml;hrt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde
+Zucht und Mangel der Idee, Mangel der &Uuml;bereinkunft und
+Mangel der Verantwortung. Ich erlebte es, da&szlig; frenetische
+Begeisterung um einen Namen l&auml;rmte, der sich dann nur in
+einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um Abk&uuml;hlung
+und Einschr&auml;nkung hervorzurufen. Fremdheit hielt
+stand; Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde
+alles zur Politik des Augenblicks mi&szlig;braucht.</p>
+
+<p>Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft,
+die man atmet, f&auml;rbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene
+Illusion. Es wurmte mich das kleine Ma&szlig;, das die
+Wirklichkeit mich anzulegen zwang. Es wurmte mich das Nichtbesserseink&ouml;nnen
+und Nichtbesserwerdenk&ouml;nnen, und es wurmte
+mich schlie&szlig;lich die Maske, die ich tragen mu&szlig;te, wenn h&ouml;herer
+Wille und h&ouml;here R&uuml;cksicht Dissimulation forderten. Die lernt
+sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch
+wieder ein Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser,
+als mit dem Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel
+Gem&uuml;ter zu beunruhigen und zu verwirren, die nur in
+D&auml;mmerung und T&auml;uschung noch ein unsicheres Gl&uuml;ck genie&szlig;en.
+Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn,
+wahr zu sein, ist eine Aufgabe f&uuml;r sich, die allerdings aus
+dem Bezirk des Literarischen heraus in den der Selbsterziehung
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>und der Liebe tritt. Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe
+mu&szlig; man lernen.</p>
+
+<p>Die Entmutigung, die mich oft inmitten des H&ouml;llenkessels
+von Geistigkeit und Herzenstaubheit, Anma&szlig;ung und wesenloser
+Opposition &uuml;berfiel, die Scham &uuml;ber alle die polternden,
+stolpernden Selbste, zu denen nun auch ich mich jetzt
+z&auml;hlte, in denen ich aber von fern die entr&uuml;ckten Bewohner
+eines magischen Gartens gesehen hatte, veranla&szlig;ten mich bisweilen
+zu der Frage, ob die enge Aufs&auml;ssigkeit, der Brothader
+im Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit
+und das brutale Strebertum, das Mi&szlig;trauen und vorgesetzte
+Mi&szlig;verstehen, wo es um Werk, um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken,
+um Ideenhaftes ging, um Gedanken und
+Gestalt, ob das eine deutsche Eigent&uuml;mlichkeit, deutsche Krankheit
+sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war,
+die dunkle Kehrseite, und in anderen L&auml;ndern nicht anders als
+hier. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen franz&ouml;sischen
+Schriftstellers, und mit ihm erlebte ich folgendes: Ich hatte
+mich ihm gen&auml;hert, wir hatten fruchtbare Gespr&auml;che miteinander
+gef&uuml;hrt, und bei einer schicklichen Gelegenheit gab er
+mir ein von ihm verfa&szlig;tes Buch mit einer freundschaftlichen
+Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine dr&uuml;ckende
+Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das
+ich beim Antiquar f&uuml;r ein paar Groschen ver&auml;u&szlig;erte. Mit ein
+paar Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir
+in demselben Hause wohnten, war ein Zusammentreffen mit
+dem Franzosen trotz meines schlechten Gewissens nicht zu vermeiden,
+und von einem bestimmten Tag an bemerkte ich, da&szlig;
+sich sein Benehmen gegen mich ver&auml;ndert hatte; er hatte etwas
+Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir
+begegnete; ich wu&szlig;te seine Miene und Haltung nicht zu deuten,
+zog mich selber zur&uuml;ck, bedauerte die Entfremdung, und erst,
+als er abgereist war, l&ouml;ste sich mir das R&auml;tsel auf ebenso peinliche
+wie &uuml;berraschende Weise. Er hatte n&auml;mlich zuf&auml;llig bei
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>dem Antiquar, bei dem ich es verkauft hatte, sein Buch gefunden,
+noch mit der Widmung, denn nicht einmal soviel
+Klugheit und Takt hatte ich in meiner verh&auml;rtenden, verrohenden
+Bedr&auml;ngnis aufgebracht, dies Zeichen einer pers&ouml;nlichen Beziehung
+vorher zu verl&ouml;schen. Er hatte gewartet bis zu seiner
+Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder
+und mit ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument
+zartester Delikatesse und zugleich vornehmster Gesinnung; es
+ist mir kaum je ein &auml;hnliches unter die H&auml;nde gekommen; es
+hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde Manier
+belehrt und auf so feine besch&auml;mt. Was mich zu dem h&auml;&szlig;lichen
+Schritt getrieben, hatte er erraten; da&szlig; er sich verletzt gef&uuml;hlt,
+verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an
+Vertrauen. Er schrieb ungef&auml;hr: &raquo;Kommen Sie nach Paris.
+Es gibt dort vielleicht manches, wor&uuml;ber Sie sich zu beklagen
+haben werden, manches, was in Ihrem Vaterland anziehender,
+solider, ges&uuml;nder ist, aber eines werden Sie dort unter den
+Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden, was
+ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermi&szlig;t habe:
+wahre Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!&laquo;</p>
+
+<p>Es ist mir dies sp&auml;ter best&auml;tigt worden. Die Kenntnis
+romanischen Geistes- und sozialen Lebens l&auml;&szlig;t es von innen her
+verstehen. Das deutsche Wesen ist Zerst&uuml;ckung; Zerst&uuml;ckung bis
+ins Mark; deutsche Entwicklung geht von Ruck zu Ruck;
+Epochen des Reichtums und der Bl&uuml;te m&uuml;nden j&auml;h in eine
+&Ouml;dnis; gro&szlig;e Erscheinungen sind unbegreiflich abseitig; zwischen
+bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und &Uuml;berg&auml;nge,
+so da&szlig; an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und
+Kaste von Kaste durch un&uuml;bersteigliche Mauern geschieden ist.
+Ein Zentrum gibt es nicht und hat es nie gegeben, die vier
+Jahrzehnte des geeinten Reiches haben nicht einmal eines der
+Verwaltung geschaffen; der K&uuml;nstler, der Dichter, konnte er
+nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein ver<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>lorenes
+Individuum, und seine Position hing vom Ungef&auml;hr
+des &ouml;konomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft
+verdammt, was die andere preist; Traditionen brechen
+&uuml;ber Nacht, Bildung vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die
+Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg die Folge, Liebhaberei die
+Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.</p>
+
+<p>Alles dies erfuhr ich und mu&szlig;te es erfahren, da es ja
+meiner Natur auferlegt war, da&szlig; sie sich sozusagen des ganzen
+K&ouml;rpers bem&auml;chtige. Ich war nun dem umri&szlig;losen D&auml;mmern
+entwachsen; ich hatte mir meine Formen, meine Inhalte
+zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der Relation
+zum Realen und der Erg&auml;nzung in ihm. Es zeigten
+sich Aufgaben; ich f&uuml;hlte mich zum Epiker berufen; als solcher
+bestand ich mit meiner Zeit und durch meine Zeit. Symbol und
+Idee wurden von der Inspiration, der Phantasie gegeben;
+Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut her, von
+der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um
+das Au&szlig;en bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anla&szlig;,
+Ger&uuml;st, Baugrund, &raquo;Stoff&laquo; sein sollte? Da gab es
+weder eine Einheit noch eine Form, weder ein &Uuml;bereinkommen
+noch ein organisch Entstehendes. St&uuml;ck um St&uuml;ck, Person um
+Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches
+Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht
+nur hinzuschreiben: Paris, und er hat, eingeschlossen in
+eine Wortnu&szlig;, ein Ungeheures von Begebenheit und Entfaltung,
+das Siegel gleichsam f&uuml;r die Tatsache Gesellschaft, f&uuml;r
+die Tatsache Nation, f&uuml;r die Tatsache Frankreich. Er besitzt
+damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und
+zwar erlesenen Voraussetzungen, die schon in den H&auml;nden und
+Geistern der vor ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt,
+Glaubw&uuml;rdigkeit und g&uuml;ltige Pr&auml;gung erhalten haben. Dem
+Engl&auml;nder liegt eine seit Jahrhunderten gebahnte Stra&szlig;e &ouml;ffentlichen
+und privaten Lebens vor, unumst&ouml;&szlig;liche Konventionen;
+der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu gro&szlig;er Ver<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>gangenheit,
+die ihn immer noch tr&auml;gt, durch mitwirkende Landschaft,
+mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht
+auch des Geringsten im Volke fast stets gewi&szlig;; in
+Ru&szlig;land wird &Uuml;berlieferung und fertige Lebensgestalt ersetzt
+durch eine eigent&uuml;mliche Freiheit und Urbanit&auml;t der F&uuml;hrung:
+Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr selbstverst&auml;ndlich
+und verwirrend oft, da ein kastenm&auml;&szlig;iges Sichabschlie&szlig;en
+und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht existieren
+und nie existiert haben.</p>
+
+<p>Der Deutsche allein mu&szlig; &raquo;dichten&laquo;, wenn er gesellschaftliche
+Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft &uuml;berhaupt,
+wenn er Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will.
+Weicht er dem aus, so zerflie&szlig;t ihm alles im Unbestimmten,
+Zuf&auml;lligen, Phantastischen. Entweder seine Wirklichkeit wird
+unglaubw&uuml;rdig, weil &uuml;bersteigert, krampfhaft vereinfacht, willk&uuml;rlich
+umgebogen, oder sie bleibt klein, unma&szlig;geblich und ohne
+typische Pr&auml;gung. So ist auch, was sich im &raquo;Wilhelm
+Meister&laquo; als Gesellschaft zeigt, durchaus &raquo;gedichtet&laquo;, Synthese,
+&Uuml;bertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast
+von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zust&auml;ndlichkeiten,
+poetischen Kuriosit&auml;ten mit sich wie die deutsche.
+Gr&ouml;&szlig;e, Charakter, Bedeutung k&ouml;nnen dem deutschen Roman in
+seiner h&ouml;chsten Stufung immer erst durch den Sch&ouml;pfer
+verliehen werden, der in viel weiterem Ausma&szlig;, als man ahnt,
+Erfinder, Verdichter, Dichter sein mu&szlig;. Der deutsche Roman
+ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), w&auml;hrend
+der englische oder russische in erster Linie national ist und
+daher auch f&uuml;r die Nation repr&auml;sentativ.</p>
+
+<p>Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein
+Romandichter (den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren,
+vordem haben die Professoren nicht gestattet, da&szlig; man einen
+Romanschreiber Dichter nenne), im selben Sinn die Nation
+repr&auml;sentieren wie etwa Balzac Frankreich, Dickens England,
+Tolstoi Ru&szlig;land repr&auml;sentiert hat. Der deutsche Epiker h&auml;ngt
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine Rolle, und
+zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich,
+so sp&uuml;rt er zugleich einen sonderbaren &ouml;ffentlichen Widerstand,
+eine ebenso sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen
+den Ernst und die W&uuml;rde.</p>
+
+<p>Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie
+sollte ich eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie
+&uuml;ber die flache Wahrheit des blo&szlig;en Sehens hinaus zur tieferen
+der Anschauung gelangen? Ich stand an der Peripherie; Hunderte
+wie ich dorthin verwiesen, setzten darein gerade ihre
+Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich brauchte die
+Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen
+Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch
+nicht in Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschlu&szlig;,
+menschliche Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfl&auml;che,
+ein umschlingendes Band. Statt dessen fand ich mich
+zur&uuml;ckgeworfen und isoliert unter dreifach erschwerenden Umst&auml;nden:
+als Literat; als Deutscher ohne gesellschaftliche Legitimation;
+als Jude ohne Zugeh&ouml;rigkeit.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_13" id="kapitel_13"></a>13</h2>
+
+
+<p>Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die &raquo;Juden
+von Zirndorf&laquo; schrieb, griff ich einerseits zur&uuml;ck in Urbest&auml;nde,
+Ahnenbest&auml;nde, in Mythos und Legende eines Volkes, als
+dessen Spr&ouml;&szlig;ling ich mich zu betrachten hatte, und wollte
+andrerseits auch das gegenw&auml;rtige, das werdende Leben dieses
+Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten, sehr zusammenfassenden
+Sinn gestalten. Realen Boden f&uuml;r beides gab mir
+die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fr&auml;nkische Heimat.</p>
+
+<p>Ich schrieb das Buch ohne wissentliche &Uuml;berlegung, wie
+man einen Traum erz&auml;hlt oder wie unter einem befehlenden
+Diktat. Wenn mir einer gesagt h&auml;tte: das ist der bare
+Unsinn, was du da machst, w&auml;re ich vielleicht erschrocken,
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>aber eigentlich &uuml;berrascht h&auml;tte es mich nicht. Es entstand
+auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichst&auml;tt,
+dann wieder in einem tristen, entlegenen M&uuml;nchener Atelier
+mit einer Katze als einziger Genossin; das Manuskript trug
+ich in kleinen Zetteln voll winziger Zeilen best&auml;ndig in der
+Brusttasche. Die &auml;u&szlig;ere Lage war die mi&szlig;lichste; zur gewohnten
+materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich war abenteuerlich
+verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst
+nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor
+den Schlu&szlig; gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst
+in einer Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem
+Ende in jeder Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.</p>
+
+<p>Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp,
+der meine Jugend zermalmt hatte. F&uuml;r viele in Verwandlung
+Begriffene war es Mitbefreiung, und sie f&uuml;hlten sich best&auml;tigt.
+Ich trat von Anfang an mit offenem Visier auf, das gewann
+mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten sich mir begehrlich
+fordernd zu, umsturzl&uuml;stern und gaben sich als J&uuml;nger,
+doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erf&uuml;llen, da ich
+nicht im Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere
+l&auml;sterten; ich galt ihnen als Abtr&uuml;nniger, sie liebten in
+diesem Bezug keinerlei &Ouml;ffentlichkeit des Verfahrens und fanden
+jede Politik au&szlig;er der des Schweigens t&ouml;richt und sch&auml;dlich.
+Die deutsche Welt verhielt sich gleichg&uuml;ltig oder ablehnend
+bis auf einige unb&uuml;rgerliche Gruppen, die f&uuml;r die
+Dichtung als solche und ihre Gestalten empf&auml;nglich waren; im
+allgemeinen begn&uuml;gte man sich damit, das Buch einzuordnen
+und es im Museum der Literatur einstweilen bestehen zu
+lassen. Den Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks
+war ich ein Greuel.</p>
+
+<p>Da&szlig; der eingeschlagene Weg in Wildnis f&uuml;hrte, erkannte ich
+selbst. Die Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen
+dringen, die Widerstrebenden erobern, wie willst du ihre
+Welt zu deiner machen und deine zu ihrer? wurde zun&auml;chst
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein K&uuml;nstler
+ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen
+lebendig aufersteht; damit dies geschehe, mu&szlig; es eine Seele
+haben, aber auch einen K&ouml;rper. Gef&uuml;hl und Wort, Leidenschaft
+und Gedanke allein erzeugen keinen K&ouml;rper. Es schien
+mir von alles &uuml;berragender Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung
+zu verschmelzen, und es begann ein jahrelanges
+schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf,
+Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich
+ins Starre; vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom
+Schw&auml;rmerischen in Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache.
+Die n&auml;chsten Freunde mi&szlig;verstanden mich; ich konnte mich
+ihnen auch nicht erkl&auml;ren, denn &uuml;ber dem eigentlichen Ziel
+war Dunkelheit; ich sah nur immer, da&szlig; das Einzelne, Fertige
+falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an
+keine Wegweisung, keine Schule, lie&szlig; mich an kein Geleistetes
+binden und verzweifelte zwischen den Stationen am
+Gelingen. Es ist au&szlig;erordentlich schwer, von der Natur dieses
+Kampfes einen klaren Begriff zu geben. Einerseits handelte
+es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um L&auml;uterung
+und Erh&ouml;hung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Ma&szlig;,
+Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst.
+Ich rang um meine eigene Seele und um die Seele der deutschen
+Welt. In mir selbst konnte ich immer wieder Quellen
+und Reserven finden; die deutsche Welt aber gab sich nicht;
+ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschw&ouml;ren; ich
+mu&szlig;te darauf dringen, da&szlig; sie sich mir stelle, ich mu&szlig;te sie
+von Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache &uuml;berzeugen,
+ich mu&szlig;te die gl&uuml;hendste &Uuml;berredung, die &auml;u&szlig;erste
+Anstrengung aufwenden, wo andere sich mit einem &raquo;seht
+her&laquo; begn&uuml;gen durften. Sie glaubte mir nicht; ich hatte mich
+ihr zu fr&uuml;h dekuvriert; vom einzelnen lie&szlig; sie sich, gleichsam
+aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu
+wehren vermochte, g&uuml;nstig stimmen; doch verlor sie alsbald
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>den Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich
+von derselben Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen,
+das jedesmal meine Kraft bis zur Neige ersch&ouml;pfte.
+Andere hatten laufenden Kredit. Sie konnten gelegentlich
+auf den Kredit hin l&auml;ssig werden; ich mu&szlig;te mich
+stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Verm&ouml;gen
+einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, s&auml;ssig zu sein
+und auf erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.</p>
+
+<p>Au&szlig;enstehende wu&szlig;ten davon nichts; Nahestehende wunderten
+sich und begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen
+ein von unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich
+&uuml;ber seine F&auml;higkeiten spannt; sie meinten, ich d&uuml;rfte mit dem
+Erreichten zufrieden sein, wiesen auf Untergeordnetes hin,
+Markterfolg, literarische Geltung; da&szlig; man genannt, gelesen,
+umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen, h&ouml;rten, f&uuml;hlten
+nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran ich
+litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft
+labil und doch von so unerme&szlig;licher Tragweite; ich handelte
+und schuf wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewu&szlig;tseins
+und Gef&uuml;hls eng verkettet mit einer Gemeinschaft,
+die sich abgel&ouml;st hatte und mit einer andern, die ich erobern
+wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der Scheide; bisweilen
+erschien ich mir wie ein Pr&auml;tendent ohne Anh&auml;nger, ohne Beglaubigung;
+ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der
+Boden unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt
+w&uuml;rde; dazu das brodelnde Gew&uuml;hl einer noch unerl&ouml;sten
+Gestalten- und Bilderwelt in mir und nie weichende Sorge
+um die Existenz.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_14" id="kapitel_14"></a>14</h2>
+
+
+<p>Elf Jahre nach den &raquo;Juden von Zirndorf&laquo; schrieb ich den
+&raquo;Caspar Hauser&laquo;. Ich halte mich zun&auml;chst an diese beiden
+Beispiele meiner Produktion, weil sie, ohne da&szlig; ich damit ein
+Werturteil geben oder herausfordern will, die polaren Punkte
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend und grenzenziehend
+bewegte, das eine nach der Seite des j&uuml;dischen, das andere
+nach der des deutschen Problems.</p>
+
+<p>Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen.
+Mein Gro&szlig;vater v&auml;terlicherseits, der als Seiler
+und sp&auml;ter als Handelsmann in Zirndorf lebte, hatte ihn in
+N&uuml;rnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen und erz&auml;hlte
+von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So
+berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, n&uuml;chternsten
+Leute, stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu
+reden eigentlich von &Uuml;bel war. Ich kannte die St&auml;tten, wo
+Hauser sein seltsames Leidensdasein verbracht und geendet,
+in N&uuml;rnberg die Burg, das Tucherhaus, in Ansbach das G&auml;&szlig;chen,
+wo der Lehrer Mayer gewohnt und den Hofgarten mit
+dem Oktogon, der die sch&ouml;ne Inschrift tr&auml;gt; alles war
+diesem Schicksal so zauberisch angepa&szlig;t, das Gebliebene an
+Dingen, das noch W&auml;hrende der Landschaft.</p>
+
+<p>Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufr&uuml;hest, als
+ich lernte, Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken
+kreat&uuml;rlich wachsen zu lassen und dann an allen
+Stationen, wo ich glaubte, Fertigkeit und Sicherheit genug
+errungen zu haben. Doch immer wieder entzog ich mich der
+Versuchung, als w&auml;re was Heiliges an der Gestalt, was
+Verletzliches, und ich d&uuml;rfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen.
+Gewisse B&uuml;cher, die damals selbst&auml;ndig auftraten,
+schrieb ich nur wie zur &Uuml;bung und Vorbereitung, und dem
+ersten ernsthafteren Versuch ging jahrelanges Studium voraus,
+bis in alle Ecken und Winkel der einschl&auml;gigen Akten und Literaturen.
+Abermals und abermals wagte ich den Anfang, zog
+weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht
+das Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht
+die Erleuchtung, wurde mutlos und lie&szlig; wieder ab. Doch
+bei all dem Probieren und Verzagen, Graben und Verzweifeln
+wuchs mir die Figur des N&uuml;rnberger Findlings unerwartet
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum Schicksal des
+menschlichen Herzens &uuml;berhaupt. Das Menschenherz gegen
+die Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die
+Schleier, und wenngleich noch viele M&uuml;hsal zu bezwingen war,
+so blieb doch der Weg im Licht.</p>
+
+<p>Wunderliches begegnete mir w&auml;hrend der Arbeit. Als ich bis
+dorthin gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars
+Leben tritt, die ihm die erste D&auml;mmerahnung der Geschlechtsliebe
+gibt, verlor ich die Realit&auml;t unter mir; keine Plage, kein
+Denken und Erdichten, kein hundertfaches Neu- und Neubeginnen
+verhalf mir dazu, da&szlig; mir die Figur Vision
+wurde, da&szlig; sie Wahrheit und Glaubw&uuml;rdigkeit erhielt, und
+ich sah mich zu langer, wartender Unt&auml;tigkeit verurteilt. Da
+bekam ich eines Tages den Brief einer unbekannten Frau;
+sie wandte sich in einer seelischen Not an mich; es war etwas
+Un&uuml;berh&ouml;rbares im Ton des Schreibens, das Zur&uuml;ckhaltung
+zur Grausamkeit gemacht h&auml;tte; im Begriff, eine Reise zu
+unternehmen, und da sie mich zu treffen w&uuml;nschte, verabredete
+ich mit ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten
+Augenblick an waren wir Freunde; sie stand in tragischem
+Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer Erz&auml;hlung kam zutage,
+da&szlig; sie die Enkelin eines Mannes war, der, in hoher Stellung
+am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und -Intrigen
+verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen gef&uuml;hrt
+hatten, und da&szlig; er, verleumdet und kompromittiert,
+sich erschossen hatte. Ich war &uuml;berrascht und eigen ber&uuml;hrt, am
+sonderbarsten durch den tiefen und schmerzlichen Anteil, den
+die junge Frau noch jetzt an dem Lose des Findlings nahm,
+Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener Bruder von ihr,
+dessen gesch&auml;ndeten Namen und befleckte Ehre zu reinigen,
+zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wu&szlig;te nichts von
+meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig
+dalag, ihre Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst;
+das leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>Fieber, Fieber der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der
+Liebe. Und da hatte ich nun pl&ouml;tzlich Clara von Kannawurf
+(das allerseltsamste war, da&szlig; sie auch mit Vornamen Clara
+hie&szlig;), da stand sie leibhaftig vor mir in der frauenhaften
+Jungfr&auml;ulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der kindlichen Reife,
+der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer tr&auml;gen Welt.</p>
+
+<p>Ich kann nicht leugnen, da&szlig; ich an die Ver&ouml;ffentlichung
+des Buches ungew&ouml;hnliche Erwartungen kn&uuml;pfte, Erwartungen,
+die einer hegt, dem es endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen.
+Ich bildete mir ein, den Deutschen ein wesentlich
+deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der Seele des
+Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen,
+den Beweis geliefert zu haben, da&szlig; ein Jude nicht durch Beschlu&szlig;
+und Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die
+Zugeh&ouml;rigkeit erh&auml;rten, das Vorurteil der Fremdheit besiegen
+k&ouml;nne. Aber in dieser Erwartung wurde ich get&auml;uscht. Zun&auml;chst
+erhob sich ein &uuml;bler Zeitungsstreit um die historische
+Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von h&auml;mischen Beschimpfungen
+und d&uuml;nkelhaften Zurechtweisungen ging &uuml;ber
+mich nieder, den man des Verbrechens bezichtigte, die alte
+L&uuml;genfabel von f&uuml;rstlicher Abkunft des Findlings wieder aufgew&auml;rmt
+und zum Vergn&uuml;gen eines sensationshungrigen Publikums
+serviert zu haben. Ich wurde belehrt, da&szlig; Professor
+Mittelst&auml;dt in seiner ber&uuml;hmten Schrift und Lehrer Mayer in
+seiner aktenm&auml;&szlig;igen Darstellung, und wer wei&szlig; wer noch und
+wo, l&auml;ngst die Welt davon &uuml;berzeugt habe, da&szlig; Caspar Hauser
+ein schwachsinniger Betr&uuml;ger gewesen sei, der die &ouml;ffentliche
+Meinung Deutschlands und Europas zum Narren gehabt; da&szlig;
+es eine naive Anma&szlig;ung und Unwissenheit sei, das seit einem
+halben Jahrhundert gl&uuml;cklich begrabene M&auml;rchen neuerdings
+zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und
+da&szlig; ich mir f&uuml;r meine literarische Stoffgier ein harmloseres
+Gebiet w&auml;hlen m&ouml;ge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung
+und &Auml;rgernis zu erregen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der
+Meinung, da&szlig; Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe
+gewesen, f&uuml;r den ihn Daumer und Feuerbach und nachher viele
+andere, die totgeschwiegen oder totverleumdet wurden, gehalten;
+es sind mir dokumentarische Belege, glaubw&uuml;rdige
+Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden
+einst aus t&uuml;ckisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die
+Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte
+Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt;
+ein Zweifel dar&uuml;ber, was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig
+ableugneten, war bei ihnen gar nicht zu finden. Heute
+wie vordem bin ich davon durchdrungen, da&szlig; der Name, das
+Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht ges&uuml;hnte Schuld
+ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht ges&uuml;hnte
+Schuld.</p>
+
+<p>Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen.
+Insofern verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte
+die Motive, kannte die Werkst&auml;tten, wo sie ersonnen und gelenkt
+wurden. Aber von dem Kleinlichen abgesehen, war mir
+doch, als ersticke Hall und Widerhall in einer Luft, die nicht
+trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und ich
+dachte deshalb, das Geringe m&uuml;sse zerschellen. Es war mir
+nicht um Pers&ouml;nliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe
+au&szlig;er Frage. Es war mir auch nicht darum zu tun, da&szlig; der
+oder jener Beifall zollte, die Leistung anerkannte, das Streben
+billigte oder pries, ja nicht einmal darum war mir letzten
+Endes zu tun, da&szlig; ich einzelne zu gewinnen, zu ersch&uuml;ttern,
+Seltene sogar zu erh&ouml;hen, zu wandeln vermochte. Man sagt
+immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen
+Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn
+eben einzelne zur Besinnung k&auml;men, wenn ein Werk dazu
+verhilft, da&szlig; unter tausend zehn zum Gef&uuml;hl des Besseren
+erwachen, und da&szlig; der in eine einzige empf&auml;ngliche Brust gesenkte
+Keim tausendf&auml;ltige Frucht tragen m&uuml;sse. Das ist
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>wohl wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+t&ouml;tet den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib
+und Leben steht, dem kann und mag es nicht gen&uuml;gen, wenn
+willige Gruppen mehr oder weniger lau sich f&uuml;r ihn erkl&auml;ren;
+wenn literarisch Mitinteressierte f&uuml;r ihn ins Horn sto&szlig;en; auch
+nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde
+werben; auch nicht, wenn die sehns&uuml;chtigen Wesen, da und
+dort unter aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn
+richten, sei es als zuf&auml;llig Getroffene, sei es als w&auml;hlend und
+sichtend Ber&uuml;hrte. Ihm geht es um ein Ganzes, um das
+volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es liegt ja auch in
+der Art der epischen Kunst. Ihre F&uuml;lle z&auml;hlt auf F&uuml;lle der
+H&ouml;renden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen.
+Ihre Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der
+heterogensten Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob
+Handlungsm&auml;&szlig;igen, vom Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland
+ist solche Wirkung gro&szlig;en Stils unm&ouml;glich, weil zwischen
+den empfangenden Schichten die geistige &Uuml;bereinkunft fehlt
+und &uuml;ber ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu Richtern
+aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode
+des Tages, &uuml;berheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik;
+der Berufenen wird wenig geachtet, und sie m&uuml;ssen sich
+in esoterischer T&auml;tigkeit bescheiden. Je schw&auml;cher aber der Anteil
+eines Volkes an den Hervorbringungen seiner Sch&ouml;pfer
+ist, je herzensmatter und unentschiedener, je mehr Schlacke
+haftet auch den Werken selbst an, je unsicherer wird ihre Haltung,
+je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer ihre Entstehung.
+Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner Gesetzm&auml;&szlig;igkeit.
+F&uuml;r den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe
+zum Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger
+Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender
+Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich
+ohne zureichenden Grund enthusiasmiert, wird notwendigerweise
+zur Reue und zum Katzenjammer getrieben; er mu&szlig; morgen
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>schm&auml;hen, was er gestern bejubelt, das erscheint ihm als die
+einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn aus dem
+falschen Geleise, auch seine G&ouml;tterbilder bedecken sich mit
+Staub.</p>
+
+<p>Ich erfuhr also, da&szlig; ich keinen Fu&szlig;breit Boden erobert hatte
+und erobern konnte, nicht in dem Bezirk n&auml;mlich, um den sich&#8217;s
+mir heilig und schmerzlich handelte. Immer wieder mu&szlig;te ich
+lesen oder sp&uuml;rte, da&szlig; es im Sinnen und Meinen lag: der
+Jude.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_15" id="kapitel_15"></a>15</h2>
+
+
+<p>Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die
+klare Beweisf&uuml;hrung zur klaren Schlu&szlig;folgerung zu gelangen.
+Das Beispiel tritt nicht als ein Beispiel zur Person, sondern
+zur Sache auf.</p>
+
+<p>Die Idee des &raquo;Caspar Hauser&laquo; war, zu zeigen, wie Menschen
+aller Grade der Entwicklung des Gem&uuml;ts und des Geistes,
+vom rohesten bis zum verfeinertsten Typus, der zwecks&uuml;chtige
+Streber wie der philosophische Kopf, der servile Augendiener
+wie der Apostel der Humanit&auml;t, der bezahlte Scherge wie der
+besserungss&uuml;chtige P&auml;dagoge, das sinnlich ergl&uuml;hte Weib wie
+der edle Repr&auml;sentant der irdischen Gerechtigkeit, wie sie alle
+vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Ph&auml;nomen
+der Unschuld gegen&uuml;berstehen, wie sie nicht zu fassen verm&ouml;gen,
+da&szlig; etwas dergleichen &uuml;berhaupt auf Erden wandelt, wie sie
+ihm ihre unreinen oder durch den Willen getr&uuml;bten Absichten
+unterschieben, es zum Werkzeug ihrer R&auml;nke und Prinzipien
+machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm erh&auml;rten, dies oder
+jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es selbst
+gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit,
+sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens
+besudeln, sich vordringlich und sch&auml;nderisch an ihm vergreifen
+und schlie&szlig;lich morden. Der zuletzt den Stahl f&uuml;hrt, ist nur
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>aus&uuml;bendes Organ; gemordet hat ihn jeder in seiner Weise:
+die Liebenden so gut wie die Hassenden, die Lehrenden wie die
+Verkl&auml;renden; die ganze Welt ist an ihm zum M&ouml;rder geworden;
+so schreit es ja auch schlie&szlig;lich aus der gequ&auml;lten
+Brust der Clara von Kannawurf.</p>
+
+<p>Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits
+von der Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und,
+ich glaube es wohl sagen zu d&uuml;rfen, g&uuml;ltige deutsche Menschen.
+Deutsch die Stadt, deutsch der Weg, deutsch die Nacht, deutsch
+der Baum, deutsch die Luft und das Wort. Mag sein, da&szlig; ein
+sehr hoch thronender Richter mit weisem L&auml;cheln mir zurufen
+k&ouml;nnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist
+und in deinem Werk sich mitverk&uuml;ndigt, das kannst du selbst
+nicht beurteilen. So w&uuml;rde ich doch antworten, und er, der
+Weise, w&uuml;rde es billigen: die es trotzdem sp&uuml;ren, sind schon
+vom niedern Wahn Gel&ouml;ste, und sie freuen sich dessen, der sie
+best&auml;tigt und erweckt; ob er vom Osten kommt oder vom
+Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme und seine
+Opfertat ist ihnen wichtig. So viel wei&szlig; ich von den Erweckten.</p>
+
+<p>Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir
+damit zu erkennen geben, da&szlig; ich ihnen nicht genug tun konnte,
+als Jude n&auml;mlich; da&szlig; ich, als Jude, nicht f&auml;hig sei, ihr geheimes,
+ihr h&ouml;heres Leben mitzuleben, ihre Seele aufzur&uuml;hren,
+ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie r&auml;umten mir die deutsche
+Farbe, die deutsche Pr&auml;gung nicht ein, sie lie&szlig;en das verschwisterte
+Element nicht zu sich her. Was unbewu&szlig;t und
+pflanzenhaft daran war, schien ihnen ein Produkt der Erkl&uuml;gelung,
+Ergebnis j&uuml;discher Geschicklichkeit, schlauer j&uuml;discher Ein-
+und Umstellung, gef&auml;hrlicher j&uuml;discher T&auml;uschungs- und Bestrickungsmacht.
+Was half die stille oder auch ge&auml;u&szlig;erte
+&Uuml;berzeugung, da&szlig; ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des
+Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch
+als volksm&auml;&szlig;ig ansprechbar, w&auml;re es von einem Namenlosen
+oder Unbekannten ausgegangen, vielleicht sogar f&uuml;r Deutsch<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>t&uuml;mler
+ein Fanal geworden w&auml;re, sie sich&#8217;s wenigstens als
+solches h&auml;tten aufreden lassen wie manches minder bezeichnende
+und flachere, wie manches gr&ouml;&szlig;ere auch, das sie gierig
+ins Joch ihrer Machenschaften pre&szlig;ten? Da waren ja &uuml;berbrachte
+Symbole, das verfolgte F&uuml;rstenkind, hinschmelzend
+in romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich,
+nur da&szlig; am Ende Vers&ouml;hnung und Glorie fehlten und das
+Schicksal, folgerichtig nach innen, vorgangstreu nach au&szlig;en,
+seinen schauerlichen Weg vollzog. Was die tiefen und starken
+Empf&auml;nger daneben noch empfangen konnten, steht auf einem
+andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewi&szlig; ist nur das
+eine: es durfte vor der deutschen &Ouml;ffentlichkeit nicht wahr
+sein, da&szlig; ein Jude ein so eigent&uuml;mlich deutsches Buch schrieb.</p>
+
+<p>Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und sch&ouml;n,
+aber dies vergr&uuml;belte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese
+psychologische Bohr- und Grubentechnik hat nichts mit unserer
+Stammesart gemein. Das ist noch das Mildeste, was in den
+meisten der beliebten und verbreiteten Literaturgeschichten zu
+lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau und Massenabschlachtung
+eines Gro&szlig;teils dieser wissenschaftlich tuenden
+Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung
+und dem auf Unwissende und Unm&uuml;ndige berechneten Oberlehrerton
+ist geradezu eine deutsche Schande, in den Augen
+gebildeter Nationen eine L&auml;cherlichkeit.) Was dort also zu
+lesen ist, wurde zur g&auml;ngigen Urteilsm&uuml;nze, und welche Anstrengungen
+immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte
+immer ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief
+ich sch&uuml;rfte, es wurde stets in den n&auml;mlichen Retorten das
+n&auml;mliche Gift gekocht, das bestimmt war, den freien Flug zu
+l&auml;hmen, die freudige Hingabe zu brechen.</p>
+
+<p>Man wird einwenden: alles Geschaffene st&ouml;&szlig;t auf Widerspruch
+und Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt,
+ist nur ein Umgebogenes, Umgelogenes von dem, was andere
+auf ihrer behindert; verwundbar, weil verwundet bis zur&uuml;ck
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich wie Dolchsto&szlig;,
+der Faustschlag wie Kn&uuml;ppelhieb; dein Argwohn bereits macht
+Unsichere zu Feinden und N&ouml;rgler zu Meuchlern; vergi&szlig; nicht
+den Dornenpfad Gr&ouml;&szlig;erer, vergi&szlig; auch nicht, was du in deinem
+Kreis gewirkt und gewonnen.</p>
+
+<p>Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum,
+was ich gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die L&uuml;ge,
+die wurmhaft vor mir herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr
+gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich anzuspeien. Um die
+unbesiegbare, grauenvolle L&uuml;ge handelt sich&#8217;s, in die sich der
+Geist eines ganzen Volkes geh&uuml;llt hat, und der kein Augenschein,
+kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben
+vermag.</p>
+
+<p>Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn
+begehrt, niemals voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung
+in nichts hinter der der &uuml;brigen Arbeiter zur&uuml;cksteht, und den
+man auf die Frage nach dem Grund solcher Unbill mit den
+Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn nicht beanspruchen,
+weil du blatternarbig bist. Er schaut in den Spiegel:
+sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was
+wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die
+Achseln, man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet,
+also bist du blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht
+eine sonderbare Verwirrung: das Recht wird ihm verk&uuml;rzt
+unter dem Vorwand eines &auml;u&szlig;eren Makels, und in der Beunruhigung,
+die es ihm erregt, da&szlig; er den Makel nicht
+finden und erkennen kann, unterl&auml;&szlig;t er es, mit dem Aufgebot
+aller Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte
+Qual.</p>
+
+<p>So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch
+von vielen, wenn ich in seine heimlichsten Hintergr&uuml;nde dringe,
+zu mir: f&uuml;r das, was du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn
+genug; du kannst &uuml;berhaupt froh sein, da&szlig; ich dir Spielraum
+gew&auml;hre, da es ja meine unersch&uuml;tterliche &Uuml;berzeugung ist,
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>da&szlig; alles, was du bildest und formst, weder n&uuml;tzlich, noch
+erfreulich f&uuml;r mich sein kann.</p>
+
+<p>Sind das Nadelstiche, so sind es doch m&ouml;rderische; sind es
+Faustschl&auml;ge, so will ich nicht erfahren, wie Kn&uuml;ppelhiebe
+schmecken. Das Evoe und Hosianna der Sp&auml;rlichen, die um
+einen sind, &uuml;bert&auml;ubt nicht das Pereat von drau&szlig;en. Man
+mu&szlig; wachsam sein auf die Stimmen von drau&szlig;en. Jedem
+Schriftsteller gegen&uuml;ber konstituiert sich ein Gesamtverhalten
+der Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gem&uuml;ts,
+die Sicherheit seiner All&uuml;re und ein schwer umschreibbares
+Etwas von geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerl&auml;&szlig;lich,
+da&szlig; er voraussetzungslos genommen wird, erwachsen
+ihm doch aus Werk und Handwerk so viel Hemmungen und
+&Auml;ngste, da&szlig; die Jahres-, die Stundenschale randvoll davon
+&uuml;berflie&szlig;t, des h&auml;&szlig;lich beschwerten Alltags nicht zu gedenken.
+Bekommt er nicht zu sp&uuml;ren, da&szlig; die W&auml;rme, die er ausgibt,
+wieder W&auml;rme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen.
+Wie soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser
+erscheinen mu&szlig;, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung
+steht? M&ouml;glich, er betrachtet als Auszeichnung, m&ouml;glich,
+als dr&uuml;ckendes Schicksal, m&ouml;glich sogar, als zu s&uuml;hnende
+Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist; es gibt
+ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch
+von ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen,
+wird er es ertragen lernen, da&szlig; im gereinigtsten, geweihtesten
+Bezirk mit zweierlei Ma&szlig; soll gemessen werden und keine
+Reinigung und Weihe zureichen soll, keine Tat, keine Entselbstung,
+nicht Schwei&szlig; noch Blut, nicht Bild noch Figur,
+nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die W&uuml;rde,
+die Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen
+Lager der Geringste ohne Abzug genie&szlig;t. Ist er aber
+einmal zu der Erkenntnis der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt,
+woher soll er dann noch Worte und Gr&uuml;nde nehmen,
+woher den Mut zur Erweisung und Verk&uuml;ndigung?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>Bild und Figur f&uuml;hren im deutschen Leben eine Katalogexistenz.
+Der Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert
+sich niemals mit ihnen, h&ouml;chstens, da&szlig; er von ihnen abstrahiert;
+sie m&uuml;ssen ihm aufgeredet, sie m&uuml;ssen ihm plausibel
+gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder &uuml;berreden,
+noch eigentlich &uuml;berzeugen; er glaubt nur, was zu
+glauben befohlen ist oder wozu eine Majorit&auml;t ihn zwingt.</p>
+
+<p>Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier
+ist nicht einer, der sich als reuiger S&uuml;nder geb&auml;rdet oder als
+wei&szlig;er Rabe. Auch nicht einer, der sich br&uuml;sten will mit einer
+M&auml;rtyrerkrone oder mit Erlittenem sich schm&uuml;cken. Auch nicht
+einer, der sich losgetrennt hat, h&uuml;ben und dr&uuml;ben, um sich
+in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch nicht einer, der
+mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des Zur&uuml;ckgewiesen
+Komplotte schmiedet und Konventikel gr&uuml;ndet, der
+pl&ouml;tzlich uralt-ehrw&uuml;rdige Zugeh&ouml;rigkeit als neu entdeckt und
+sich an die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugeh&ouml;rigkeit
+bestritten wird.</p>
+
+<p>Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft,
+von h&uuml;ben und von dr&uuml;ben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit.
+Es geht schlie&szlig;lich um die Frage: warum schlagt
+ihr die Hand, die f&uuml;r euch zeugt?</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_16" id="kapitel_16"></a>16</h2>
+
+
+<p>Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem &raquo;Caspar
+Hauser&laquo; zum zweitenmal im &raquo;G&auml;nsem&auml;nnchen&laquo;. Ich &uuml;bergehe
+dabei wieder die mittleren, die Versuchs- und Erprobungswerke;
+etwa den &raquo;Goldenen Spiegel&laquo; und den &raquo;Mann von vierzig
+Jahren&laquo;. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische Folge, Darstellung
+deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das
+&raquo;G&auml;nsem&auml;nnchen&laquo;, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde
+erst im zweiten Jahr des Krieges ver&ouml;ffentlicht, und es f&uuml;gte
+sich, da&szlig; das Buch, wie keines meiner B&uuml;cher zuvor, sogleich ein
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>herzliches und weittragendes Echo fand. Ich hatte damals oft
+den Eindruck, da&szlig; die &Uuml;bergewalt der Ereignisse ihm eine Art
+von Anonymit&auml;t verlieh, durch die es reiner in sich selbst ruhte,
+st&auml;rker aus sich selbst wirkte; ein neues, wohltuendes Gef&uuml;hl
+f&uuml;r mich.</p>
+
+<p>Es enth&auml;lt und gibt ein charakteristisches St&uuml;ck b&uuml;rgerlicher
+deutscher Geschichte, deutscher Zust&auml;nde um 1900, doch nicht
+in der Schilderung, sondern in der Zusammenfassung, wobei
+das Entscheidende in die Gestalt und ihre seelische Wandlung
+verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur Behelf und Vorwand;
+es war n&ouml;tig, f&uuml;r alle Kl&auml;nge und Widerkl&auml;nge ein
+intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste,
+zarteste, genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie
+es um den deutschen Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich
+zur Idee, das Allgemeine zum Besonderen verhielt. Das Buch
+ist in dem Sinn, wie ich es oben entwickelt habe, provinziell. Es
+war vielleicht nicht so getr&auml;umt; aber um die Mauer niederzurei&szlig;en,
+die mich gefangen hielt, h&auml;tte ich mich zuerst an ihr
+verbluten m&uuml;ssen, und w&auml;hrend der Arbeit zeigte sich das
+Sonderbare, da&szlig; ich eine verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige Breite nur erringen
+konnte, wenn ich nicht t&ouml;richt wider die Mauer anrannte, sondern,
+im Gegenteil, mich mit dem mir verstatteten Raum beschied
+und wie ein guter Architekt aus der Beschr&auml;nkung
+ein Mittel zur Entfaltung machte.</p>
+
+<p>Freilich lief damit viel Schn&ouml;rkelhaftes unter, viel Skurrilit&auml;t,
+Enges, Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies geh&ouml;rte
+zum Weg, und der Weg wies mich ins Urbane, in den Bezirk,
+wo das Geschaffene unmittelbar zum Menschen spricht, ihn anr&uuml;hrt,
+ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch das, was an ihm
+offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis zu
+bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der
+Natur ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel
+Nothafft als eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel er&ouml;rtert
+worden. Die Frage hat Interesse nur im Hinblick auf mein
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>pers&ouml;nliches Problem. Manche haben sie bejaht, manche zweifelnd
+erwogen, manche verneint. Ich erlebte Kundgebungen
+des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich verfochtener
+Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem
+Produkt keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften
+meiner Stellung zur Gesellschaft und zur deutschen &Ouml;ffentlichkeit
+&auml;nderte sich so gut wie nichts. F&uuml;r dieses Gesetzhafte gibt
+es ja nur ein untr&uuml;gliches Regulativ, und das ist das eigene
+Innere, die wiederkehrende, vom Blut erzeugte, den Sternen
+gehorchende Welle des inneren Lebens.</p>
+
+<p>Ich hatte inzwischen, w&auml;hrend eines Aufenthaltes in N&uuml;rnberg,
+den Freund wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher
+unter so h&auml;&szlig;lichen Umst&auml;nden in Z&uuml;rich verlassen hatte. Er
+war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich Anfang der Vierzig;
+die Jugendst&uuml;rme lagen weit hinter uns, und der lange Zeitverlauf
+machte, da&szlig; man kaum noch das Gef&uuml;hl hatte, derselbe
+Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas f&uuml;r sich
+Bestehendes, und die Gegenwart mu&szlig;te mit ihr paktieren.
+Der Freund von ehemals beobachtete eine Zur&uuml;ckhaltung, die
+mich bisweilen wunderte, bisweilen still erheiterte, denn ich
+konnte die Ursache ungef&auml;hr ahnen. Der Mentor und F&uuml;hrer
+aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht zufrieden
+zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem
+Tag, wo man sich seinem Einflu&szlig; entzogen hat. Was man auch
+tut, wie man sich auch h&auml;lt, wohin man auch strebt und wo
+man anlangt, er hat es immer anders gedacht und gewollt.
+Ihm scheint alles Irrtum und Verrat, denn er war nicht
+dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es erbittert
+ihn, da&szlig; er entbehrlich gewesen ist. Da&szlig; er selbst in
+entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Ged&auml;chtnis
+hinweggewischt, mu&szlig; auch hinweggewischt sein; wer kann sich
+anderthalb Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und
+seelischen Schuldner verdingen? Das w&uuml;rde ihn zugrunde
+richten. Er beharrt also lieber dabei, da&szlig; er einst f&uuml;r das
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war, und da&szlig;
+mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit
+zu wirken aufgeh&ouml;rt haben, das &Uuml;bel begonnen hat. Im Verborgenen
+bewahrt er wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung,
+deren er sich sch&auml;mt, die aber doch seinen Groll
+vermehrt. Kommt dann noch hinzu, da&szlig; sein eigenes Geschick
+den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, da&szlig; er noch an
+alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der Leidensgenosse
+von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach
+seiner Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die
+Situation so peinlich, so hintergr&uuml;ndig, wie sie eben zwischen
+uns war.</p>
+
+<p>Ich hatte &auml;hnliche Begegnungen &ouml;fter. Eine vom gr&ouml;bsten
+Zuschnitt, wo die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten
+wurde, will ich in Einschaltung erz&auml;hlen: Eines Tages traf
+ich in F&uuml;rth einen fr&uuml;heren Schulkameraden, in dessen elterlichen
+Haus ich als F&uuml;nfzehn- und Sechzehnj&auml;hriger verkehrt
+hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen, obschon,
+da die Leute verm&ouml;gend waren und ich demnach von geringerem
+Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt
+fand. Der junge Mensch, der &uuml;ber reichliches Taschengeld
+verf&uuml;gte, hatte mir dann in den N&uuml;rnberger Notjahren
+hier und da mit einem Goldst&uuml;ck ausgeholfen; er wu&szlig;te um
+meine literarischen Bem&uuml;hungen, gab sich mir gegen&uuml;ber als
+G&ouml;nner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm
+bisweilen meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick
+befreundet, und dieser hatte ihm, als er die Stadt verlie&szlig;,
+um nach England zu gehen, ganze Berge von meinen Manuskripten
+und Briefen zur Aufbewahrung &uuml;bergeben. Als ich
+ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Stra&szlig;e
+sah und wiedererkannte, hielt ich ihn an, begr&uuml;&szlig;te ihn arglos
+und fragte, ob er sich der Handschriften erinnere, und ob sie
+noch in seinem Besitz seien, es lockte mich, sie einmal durchzusehen.
+Ich habe selten einen derartigen Ausdruck von Ha&szlig;,
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>philisterhafter Bosheit und beleidigtem D&uuml;nkel in einem Gesicht
+vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst es,
+eine Sache zur&uuml;ckzufordern, auf die ich nach allem, was ich
+f&uuml;r dich getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann?
+Du wagst es, einen Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen,
+der dich mit Wohltaten &uuml;bersch&uuml;ttet hat, und um den
+du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht gek&uuml;mmert hast?
+Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er mir
+den R&uuml;cken. Es ist keine &Uuml;bertreibung, er gebrauchte genau
+diese Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.</p>
+
+<p>Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes
+in der Schwebe als die erkaltete Beziehung aus vergangener
+Zeit, der keiner von uns mehr W&auml;rme und Odem einhauchen
+konnte, obwohl wir M&uuml;he aufwanden, uns einander glauben
+zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete damals
+im st&auml;dtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten
+wir uns zu Ausfl&uuml;gen in die Umgegend. Das Wunderliche war,
+da&szlig; der Freund mit keiner Silbe eines meiner B&uuml;cher erw&auml;hnte,
+als h&auml;tte er nie eins gelesen, als h&auml;tte er nie davon
+geh&ouml;rt. Ich h&auml;tte ihn aber schlecht gekannt, seine Wachsamkeit,
+sein rege sp&auml;hendes, immer argw&ouml;hnisches, immer eiferndes
+Interesse f&uuml;r alles, was in der geistigen Sph&auml;re vorging, wenn
+ich nicht gewu&szlig;t, mit Sicherheit h&auml;tte annehmen d&uuml;rfen,
+da&szlig; er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit
+Begier verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als
+ein aus der Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mi&szlig;ratener
+erscheinen mu&szlig;te, aber doch mit der ihm eigenen
+Hartn&auml;ckigkeit, eben um die Tiefe meines Sturzes sich immer
+von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn geschrieben.</p>
+
+<p>Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in
+meinem bedr&uuml;ckten, bedauernden Nachdenken fand ich eine
+Ursache, die mich freilich in seinen Augen wesentlicher hatte
+schuldig machen m&uuml;ssen als durch die Trennung der Wege
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>und die Losl&ouml;sung von gemeinsamen Zielen. Es war der Umstand,
+da&szlig; es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die
+durch eine gewisse Konstellation von Charakterz&uuml;gen und Gewohnheiten
+auf ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, da&szlig;
+er mir bei der Zeichnung der betreffenden Person zum Vorbild
+gedient hatte, und da&szlig; die Ver&auml;hnlichung, die aber durchaus
+keine Vern&auml;mlichung bedeutete, nicht gerade schmeichelhaft f&uuml;r
+den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte keinerlei Vertrauensbruch
+begangen; weder Verrat noch Bezichtigung konnte ich
+mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts
+zu bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht
+die Rede sein, als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden,
+Verwirrungen und Dunkelheiten &uuml;bertragen war und in jenen
+Jahren wirklichkeitss&uuml;chtigen, wirklichkeitsbangen Schaffens
+dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind, wenn man will,
+wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und Bruder,
+wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges
+darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt
+hatte: den Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser
+Reinheit der Abstammung, der aber verm&ouml;ge einer
+merkw&uuml;rdigen Chemie des Schicksals oder der Elemente unverkennbare
+j&uuml;dische Eigenschaften besitzt, j&uuml;dische Glut, j&uuml;dische
+Verschlagenheit, j&uuml;dische Labilit&auml;t, j&uuml;dische Augenblickhaftigkeit.
+Da ist etwas vorausempfunden und -geformt,
+eine Verwandtschaft des &auml;u&szlig;eren Loses und inneren Seins
+zwischen Deutschtum und Judentum, das seitdem sogar an die
+Oberfl&auml;che &ouml;ffentlicher Diskussion gedrungen ist, und worauf
+ich auch werde zur&uuml;ckkommen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten
+soll, wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen
+seines Umgangs, ja solche, die nur harmlos seine N&auml;he gesucht
+haben, in seine dichterische Welt zu transponieren. In der
+Jugend ist man darin ziemlich unbedenklich; ich zum mindesten
+war es; man nimmt es auf sich; brechen alte Bande,
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>kn&uuml;pfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts zur&uuml;ckzuschrecken,
+auch vor heillosen &Uuml;bergriffen nicht; alles soll
+die Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich
+vergangen hat, als ob das m&ouml;glich w&auml;re. Ich hatte einmal,
+in den Zigeunerjahren, einen Ehrenhandel mit einem Schauspieler,
+einem ganz famosen Mann, den ich in einer leichtsinnig
+hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei geschildert
+und dem Gel&auml;chter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft
+preisgegeben hatte. Es war unn&uuml;tzes Zeug, kaum
+zu entschuldigen als Handwerks&uuml;bung. Ich erinnere mich,
+da&szlig; ich eines Tages einen &auml;u&szlig;erst verzweifelten Brief von
+Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin er mir
+mitteilte, da&szlig; er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg
+in den &raquo;Schwarzen Fahnen&laquo;, f&uuml;r alle Leser kenntlich, als
+den Auswurf und die Pest seines Landes gezeichnet habe.
+Er f&uuml;rchtete, da&szlig; die Kenntnis davon auch nach Deutschland
+gelangt sei und bat mich, f&uuml;r ihn einzutreten. Das war nun
+aus mancherlei Gr&uuml;nden untunlich; wie durfte ich mich in
+die schwedischen H&auml;ndel mischen. &Uuml;brigens starb Geijerstam
+kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham
+und Kummer.</p>
+
+<p>So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir
+wissen, auch Kestner konnte nicht dar&uuml;ber hinwegkommen, da&szlig;
+Goethe im Werther die befreundete Familie blo&szlig;gestellt hatte.
+Es wird erz&auml;hlt, da&szlig; die Moskauer und Petersburger hohen
+Kreise, als Anna Karenina erschienen war, sich weniger mit
+den Vorz&uuml;gen des Werkes als damit besch&auml;ftigten, die Urbilder
+der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude
+ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was
+steht frei? Was ist verboten, was verbietet sich von selbst?
+H&auml;tte der gr&ouml;&szlig;ere K&uuml;nstler die gr&ouml;&szlig;ere Befugnis? Sonderrechte
+der R&uuml;cksichtslosigkeit und Ausschlachtung? Doch wohl
+kaum, da es auch in dem Bezug keinen Richtspruch von zul&auml;nglicher
+Kompetenz g&auml;be. Ich kann auf die Wirklichkeit und
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht mit
+meinen Gesch&ouml;pfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe
+der Natur nicht zu &uuml;berschminken, ihre Wahrheit nicht willk&uuml;rlich
+umzubiegen, erfordert mehr Kraft und Mut als eine
+romantisierende, falschidealistische Erh&ouml;hung und Verallgemeinerung.
+Der Mangel an realer Bindung ist Schuld an der verw&auml;sserten
+Tragik, grundlosen &Uuml;berhitzung und schematischen
+Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erz&auml;hlung so schwer genie&szlig;bar
+machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und
+Menschen nur um des Interessanten oder Ausnahmshaften,
+das ihnen eigen ist, an den Pranger zu stellen; was unbedingt
+des andern Eigentum ist, und was er zu bewahren
+w&uuml;nscht, darf ich ihm nicht rauben und entrei&szlig;en; verkleide
+ichs, veredle ichs auch, f&uuml;r ihn verzerrt es sich, und er mu&szlig;
+sich verarmt d&uuml;nken. Dennoch gibt es F&auml;lle, wo die &auml;u&szlig;ere
+Verpflichtung einer gebieterischen inneren zu weichen hat;
+dann aber kann es sich nicht mehr um das blo&szlig; Interessante
+und Ausnahmshafte handeln, sondern um das G&uuml;ltige und
+Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann
+wird auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinf&auml;llig;
+bleibt mi&szlig;verst&auml;ndlicherweise ein Odium davon, so verweht
+es die Zeit; Menschengeschehen ist fl&uuml;chtig, und Menschen sind
+verg&auml;nglich; sein Gesetz erh&auml;lt das Schicksal erst durch den
+Dichter. Aber was die Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit
+aus ihr machen, ist noch viel verg&auml;nglicher als Mensch
+und Geschehen. Diese zuf&auml;llige grobe Wirklichkeit; mit ihr ist
+in der Regel wenig anzufangen, wenig zu leisten; sie ist ein
+ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da, das das
+Verworrene entwirrt, im Vielf&auml;ltigen das Einfache wahrnimmt,
+in den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht,
+im St&uuml;ckwerk die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das
+Gesetz, was ist sie dann n&uuml;tze? Der Augenschein geh&ouml;rt mir,
+unter allen Umst&auml;nden; wer d&uuml;rfte ihn mir bestreiten? Wozu
+ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_17" id="kapitel_17"></a>17</h2>
+
+
+<p>Aber ich will von einem Gespr&auml;ch zwischen mir und dem
+Freund berichten. Er erkundigte sich nach meiner Familie, und
+ob sie sich mit mir ausges&ouml;hnt habe. An meinen pers&ouml;nlichen
+Verh&auml;ltnissen zeigte er lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog
+durch die Ausschlie&szlig;lichkeit, mit der er sich an das Thema
+hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm ohne R&uuml;ckhalt
+Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent,
+der ihm ehemals B&uuml;rde gewesen, und den er von sich gesto&szlig;en,
+so &uuml;bte er doch noch immer Macht &uuml;ber mich aus.
+Solche Macht, die ein Erfahrener, &Uuml;berlegener &uuml;ber einen
+irrend Suchenden erlangt, geht &uuml;berhaupt nie ganz verloren,
+es sei denn, der eine oder der andere verl&ouml;re sich selbst.
+Au&szlig;erdem bewahrte ich dem merkw&uuml;rdigen Mann eine Anh&auml;nglichkeit,
+die ihm gewi&szlig; f&uuml;hlbar wurde.</p>
+
+<p>Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten
+Richtung ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob
+ich noch wie zu jener Zeit &uuml;berzeugter Jude sei. Ich antwortete:
+&Uuml;berzeugter Jude? Mit dem Beiwort wisse ich nichts Rechtes
+anzufangen. Ich sei Jude, damit sei alles gesagt. Ich k&ouml;nne
+es nicht &auml;ndern; ich wolle es nicht &auml;ndern. Also h&auml;tte ich
+mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich
+mit seinem scharfen Blick durch die Augengl&auml;ser an. Ich versuchte,
+ihm zu erkl&auml;ren, da&szlig; ich zu der Erkenntnis gekommen
+sei, diese Entscheidung sei keine Notwendigkeit f&uuml;r mich. Nur
+f&uuml;r diejenigen sei sie eine Notwendigkeit, die sich entschlossen
+h&auml;tten, das Feld ihrer Wirkung freiwillig zu beschr&auml;nken und
+sich damit zufrieden g&auml;ben, entweder aus dem Stolz des ungerecht
+Verkannten heraus, oder aus M&uuml;digkeit und Schw&auml;che;
+f&uuml;r diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe
+hinter sich verbrannt h&auml;tten und sich dem Proze&szlig; der Anpassung,
+Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen,
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>mehr oder minder guter Haltung &uuml;berlie&szlig;en. Zu beidem
+fehle mir die Lust, zu beidem auch der Grund. Ich st&uuml;nde in
+der Welt mit einer Sendung; so viel h&auml;tte ich schon zu sp&uuml;ren
+bekommen, da&szlig; ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam
+als leibhaftige L&uuml;ge zu betrachten habe, was dieses Bewu&szlig;tsein
+anging. Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts
+sonst, darin zu entscheiden, und nicht etwa ein f&uuml;r allemal
+und mir&#8217;s dann bequem werden zu lassen in meiner Haut,
+nein, Tag f&uuml;r Tag, bei jedem Schritt, mit jedem Atemzug.
+Ich wu&szlig;te, da&szlig; ich &uuml;bers Ziel scho&szlig; mit dem &raquo;Bequemwerdenlassen
+in meiner Haut&laquo;, aber es fiel mir pl&ouml;tzlich wie Schuppen
+von den Augen, da&szlig; ich inne wurde, was mit den &raquo;Entscheidungen&laquo;
+gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert
+werden, sondern vom anderswollenden, herrschs&uuml;chtigen,
+zwiesp&auml;ltigen Andern. Es sind Abdr&auml;ngungen, Gebietsschm&auml;lerungen,
+Verzichtserkl&auml;rungen, die er haben will. Schranke will
+er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil, seinen Begriff,
+seine Form. Der Freund war etwas erstaunt &uuml;ber mein Ungest&uuml;m;
+er erwiderte bed&auml;chtig, da n&auml;hme ich entweder zu viel
+auf mich, das Unm&ouml;gliche sogar, oder er m&uuml;sse glauben, ich
+begn&uuml;ge mich damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten.
+Das verstand ich nicht; ich bat ihn, sich deutlicher auszudr&uuml;cken.
+Er sagte: es ist umsonst. &#8211; Was? Was ist umsonst? &#8211; Er
+schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in euch
+mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein.
+Es gibt keine Bl&uuml;te, es gibt keinen Organismus, es gibt
+Konglomerat. Wo die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa
+bei Felix Mendelssohn, ist doch kein Tiefgang da, auch keine
+wirkliche Verschmelzung; es ist eine geniale Zwitterbildung
+mit &uuml;briggebliebenen Rudimenten, beg&uuml;nstigt durch eine Epoche,
+in der die Invasion des fremden Wesens noch unbetr&auml;chtlich
+war und die Witterung f&uuml;r die Gefahr schwach. Damals und
+wohl noch ein halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst
+als am Menschen, man erkl&auml;rte die Kunst f&uuml;r neutral; heute
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>wird der Mensch gepr&uuml;ft und gewogen, und wir wissen, da&szlig; die
+verf&uuml;hrendste, vollendetste Kunst Gift- und Krankheitskeime
+auss&auml;en kann.</p>
+
+<p>Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In
+gewisser Beziehung war es wahr, in gewisser ein Abschaum
+von Unvernunft und Verdrehung. Es war sehr deutsch, wie mir
+vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch, Philosophie und Weltgericht
+aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu widersprechen,
+fragte ich ihn, ob er B&uuml;cher von mir kenne, irgendeines,
+ein einziges nur; er werde begreifen, da&szlig; ich mich nicht
+aus Eitelkeit danach erkundige. Seine Z&uuml;ge wurden sonderbar
+starr. Ich lie&szlig; ihn nicht, ich bedr&auml;ngte ihn wie Jakob den
+Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn nicht wankend gemacht
+h&auml;tten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der geringsten
+Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender,
+f&uuml;hlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er
+schien betreten, ja beklommen. Schlie&szlig;lich sagte er: Wenn ich
+es auch in deinem Fall bedingungsweise zugeben k&ouml;nnte, was
+w&auml;re damit bewiesen? Ich will es zugeben, weshalb nicht? Ich
+war ja stets der Meinung, du seiest ein Ausnahmeexemplar,
+ich will zugeben, da&szlig; du Str&ouml;me des Ostens zu uns geleitet,
+Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, da&szlig; deutsche
+Art in dir ist, Art von unserer Art, r&auml;tselhaft wie, aber sie ist
+da; zugeben, da&szlig; da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese
+vor sich gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es w&auml;re
+nur die Regel best&auml;tigt.</p>
+
+<p>Darauf antwortete ich ihm, inbr&uuml;nstiger und eindringlicher,
+d&uuml;nkt mich, als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar,
+so ist es m&ouml;glich. Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung
+nur die n&auml;chste Folge. Hat es ein Einzelner erreicht, so
+ist es &uuml;berhaupt erreichbar. Ich bin nur scheinbar ein Einzelner,
+ich stehe f&uuml;r alle, ich bin Ausdruck eines bestimmten
+Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir sind
+alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn f&uuml;r alle, ich
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>r&auml;ume die L&uuml;ge weg f&uuml;r alle, und da&szlig; ich da bin, ist Beweis.
+Die Ausnahme best&auml;tigt nicht die Regel, sie bricht die Regel.
+Es ist immer ein erster Tropfen, der den Felsen durchh&ouml;hlt.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten
+uns dann bald.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_18" id="kapitel_18"></a>18</h2>
+
+
+<p>Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von M&uuml;nchen
+weggezogen und hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen.
+Dort konnte meines Bleibens nicht l&auml;nger sein. Wie schon angedeutet,
+hatte mich eine Frau an den Rand des Verderbens
+gebracht, und h&auml;tte ich nicht das unheilvolle Band mit einem
+leidenschaftlichen Entschlu&szlig; durchschnitten, so w&auml;re es mit
+mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend
+in einer erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erf&uuml;llt,
+unbedingt hingegeben, dabei gesch&auml;ndet und mi&szlig;braucht
+im Innern; meine ganze Natur war davon versengt und angefault,
+meine moralische Existenz bedroht, meine b&uuml;rgerliche
+schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende verschlossen
+mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten
+meinen Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als
+Bruch und Flucht.</p>
+
+<p>Vielleicht h&auml;tte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln
+zu zerrei&szlig;en vermocht, w&auml;re nicht ein junges M&auml;dchen gewesen,
+eine siebzehnj&auml;hrige russische J&uuml;din, die wie ein liebendes
+Madonnchen in meinen verwunschenen Kreis trat und,
+wenn ich&#8217;s recht bedenke, die erste Gl&uuml;ckbringerin war. Nur
+durch ihre Art zu sein, zu l&auml;cheln, zu verstehen, eine stummschenkende,
+ergreifend wahre Art, half sie mir &uuml;ber das
+Schwere und machte, da&szlig; ich verga&szlig; und beharrte. Sie war
+Tabakarbeiterin, in &auml;rmlichsten Verh&auml;ltnissen, doch sie h&auml;tte
+<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>eine junge F&uuml;rstin sein k&ouml;nnen; sie war so stolz wie anmutig,
+so gro&szlig;en Sinns wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir
+uns gefunden, verloren wir uns wieder.</p>
+
+<p>Das Leben in Wien und &Ouml;sterreich wirkte wohlt&auml;tig auf
+mich durch seine leichtere Form. Da waren Widerst&auml;nde aufgehoben,
+die ich bei uns auf Schritt und Tritt gesp&uuml;rt hatte.
+Die Menschen kamen mir freier entgegen, williger, offener,
+und wenn es sich auch meistens erwies, da&szlig; sie sich durch ihr
+Entgegenkommen nicht f&uuml;r sonderlich verpflichtet hielten, ja,
+da&szlig; sie gewisserma&szlig;en jedem ausgestellten Wechsel auf Verl&auml;&szlig;lichkeit
+mit naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung
+und nat&uuml;rlich auch die Zahlung verweigerten, &uuml;berhaupt
+in listig-unschuldige Verwunderung gerieten, wenn man
+sich einfallen lie&szlig;, aus ihrem Wort die Folgerung des Vertrauens
+zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende
+Reibung, der Ton des Verkehrs gutm&uuml;tiger und unverf&auml;nglicher.
+Man mu&szlig;te nur wissen; man mu&szlig;te sich mit einer bestimmten
+Erfahrung g&uuml;rten und nicht immer mit dem schmucklosen
+Anspruch auf den Plan treten. Das lernt sich. Es lernt
+sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo verwandte
+Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.</p>
+
+<p>Aber dies geht wohl tiefer, und es ist n&ouml;tig, die Tiefe zu
+sondieren. Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich
+war auch, im heimlichen Bewu&szlig;tsein, darauf angewiesen, den
+Boden zu erforschen, auf dem es Wurzel schl&auml;gt und die
+Atmosph&auml;re, in der es gedeiht. Ich wu&szlig;te um die Menschen,
+die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die
+ich mir hart erk&auml;mpfte, drang ihre Welt noch laut genug.
+Heute steht diese &ouml;sterreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei
+Jahrzehnte hindurch erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.</p>
+
+<p>Ich war als erzogener Deutscher gew&ouml;hnt, eben das Deutsche,
+Land und Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar,
+in seiner Rundheit und Fa&szlig;lichkeit erfreulich, in keinem Bezug
+mi&szlig;zuverstehen. Hier dagegen war durchaus alles fragw&uuml;rdig,
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Land, Volk, Staatsform, Lebensform, Nationalit&auml;t und Gesellschaft,
+&Uuml;berlieferung und Abfall von ihr, Politik und Kunst,
+Organisation und Individuen. Das Fragw&uuml;rdige &uuml;bt Lockung
+aus, namentlich in seiner Oberfl&auml;chenschicht, und die Genie&szlig;er
+und Ferienbeobachter haben ja nicht vers&auml;umt, sich in ihrer
+Weise daran zu letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander
+der verschiedenen Kr&auml;fte f&uuml;hrte zum Verh&auml;ngnis. Eine von
+Jahrhunderten legitimierte Bedr&uuml;ckung, die unter der Flagge
+von Schlichtung und Ausgleich selbsts&uuml;chtige Herren- und
+Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einflu&szlig; auf das
+&ouml;ffentliche und private Leben bleiben. Die mit tr&auml;ger Geduld
+vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer
+herzlosen Regierungsmaschinerie gewesen, solange bet&ouml;rt und
+betrogen von einem System, das sich aller verf&uuml;gbaren Kr&auml;fte
+schlau zu versichern wu&szlig;te, um sich im gegebenen Zeitpunkt,
+der Versprechungen und Vertr&auml;ge nicht achtend, mit frivolem
+Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das Mittel zum
+Zweck f&uuml;r eine Minderzahl von M&auml;chtigen, an deren Vorrechte
+es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet
+in seinen geistigen und religi&ouml;sen Bed&uuml;rfnissen, so
+sehr daran gew&ouml;hnt, gierige Anspr&uuml;che zu erf&uuml;llen: der Kirche,
+des Hofes, der Aristokratie, des Gro&szlig;grundbesitzes, da&szlig; keine
+Menschenweisheit dies zum heilsamen Ende lenken konnte.</p>
+
+<p>&Ouml;sterreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen
+Geringsch&auml;tzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner
+Bruder Liederlich nach Wien kam, irgendein Spie&szlig;b&uuml;rger, der
+in seiner heimischen Langeweile anspruchsvoll geworden war,
+und vom s&uuml;&szlig;en Schaum des s&uuml;dlicheren, flinkeren Lebens genippt
+hatte, fand er sich zum dauernden Zensor &uuml;ber Land und
+Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das geschmackvolle
+und bestechende Kost&uuml;m der Metropole, angeborene Ritterlichkeit
+und Gastlichkeit der Bewohner t&auml;uschte &uuml;ber die
+Wunden und Abgr&uuml;nde. Man war nicht scharfsichtig, man war
+nicht genau, man nahm es nicht ernst. Ob es sich um Buch
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>oder Bild handelte, um Lehre oder Kunst, die von dort ausging:
+man nahm es nicht ganz ernst. Au&szlig;er bei Musik und
+Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor, unwiderlegliche
+Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste Bl&uuml;te,
+wenn schon nicht selten beide durch &Uuml;ppigkeit und gar zu unbeschwerte
+Heiterkeit dem gr&uuml;ndlicher veranlagten Stammesgenossen
+sich verd&auml;chtig machten, wo es gerade noch erlaubt
+war, Verdacht zu hegen. Kurz, man hatte seine Einw&auml;nde,
+seine Klauseln und Abstriche auf der gro&szlig;en Merktafel. Ich
+habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo ich meine
+B&uuml;cher in &Ouml;sterreich schrieb, war ich in den Augen von vielen
+meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise,
+nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde
+unkten, warnten und ver&uuml;belten es mir, da&szlig; ich bei den
+&raquo;Ph&auml;aken&laquo; se&szlig;haft geworden war.</p>
+
+<p>Da&szlig; ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner
+empfindlich zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo
+die Zerst&ouml;rung am Tage liegt, der deutsche Teil der Nation
+ins Mark getroffen ist, seine Kr&auml;fte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen
+ersch&ouml;pft sind, wei&szlig; jedes Kind Bescheid. Mich bedr&uuml;ckte
+die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es war kein
+Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus
+offene Bekenntnis der sich selbst sp&uuml;renden Unzul&auml;nglichkeit
+widerte mich; es widerte mich der Taumel, die Zerm&uuml;rbung,
+der geistlose Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Sch&auml;den wurden
+nicht erkannt oder, wenn erkannt, so verschwiegen; die Politiker
+waren durch Parteir&uuml;cksichten gehemmt, wobei eine perverse
+Jovialit&auml;t selbst ihre Geh&auml;ssigkeit abstumpfte; die
+Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabh&auml;ngig oder,
+wenn unabh&auml;ngig, so einseitig an Sexualit&auml;t, Theater und
+&uuml;berschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem
+Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine
+menschliche Bet&auml;tigung fand einen Widerhall, kein h&ouml;heres
+Interesse selbstlose Zustimmung; wer Wege abseits vom Tri<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>vialen
+und Beliebten suchte, war verfemt, und jede T&auml;tigkeit,
+die eine innere, fernere Folge haben sollte, wurde besudelt
+oder schlechthin verlacht.</p>
+
+<p>Aber der Deutsche h&auml;tte sich durch das Wissen um die
+Schatten und Laster, das ja oft von dorther r&uuml;hrendes Eingest&auml;ndnis
+war, nicht beirren lassen d&uuml;rfen. Er hat durch seine
+&Uuml;berheblichkeit im Entstehen vernichtet, was sicherlich einmal
+bestimmt war, ihn reicher, voller, ausgeglichener zu machen.
+Er h&auml;tte Erbe eines bl&uuml;henden Besitzes sein k&ouml;nnen; jetzt w&auml;chst
+ihm, bestenfalls, ein gepl&uuml;nderter zu. Liebe zu erwecken hat
+er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die Herzen
+nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift
+einbl&auml;ut. Dieses &Ouml;sterreich, ich sehe von den Menschen ab,
+in seiner F&uuml;lle von beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer,
+zarter und gewaltiger, einschmeichelnder und grandioser,
+der Durchsichtigkeit und Weichheit seiner Atmosph&auml;re, seiner
+Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, k&ouml;nnte wohl in manchem
+Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches
+Wesen wirken; ich m&ouml;chte sagen musikalisierend, wenn das
+Wort gelten darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und
+umgewandelt, als ich, ein Gebrochener, dort Aufnahme fand.
+Es hat mich, vielleicht durch seine Landschaft, vielleicht durch
+seine Luft, vielleicht durch seltene Menschen auch, die mir
+begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der Sinne, Rhythmus
+der Linie. Drau&szlig;en hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier
+konnte ich die Bogen w&ouml;lben.</p>
+
+<p>Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist
+ihnen, im guten wie im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen,
+Wechsel und Laune der Natur, Unbedingtheit und Bildsamkeit.
+Ein leiser Hauch von Orient weht um sie; von uralten germanischen,
+r&ouml;mischen, keltischen Elementen sind sie getragen;
+die N&auml;he slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von
+ihr hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen
+der Vergangenheit sind noch tragf&auml;hig; das Individuelle
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>ist noch nicht &uuml;berz&uuml;chtet, das Typische noch nicht leer; es
+ist noch Geb&auml;rde da, Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung,
+Geheimnis in der Beziehung.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_19" id="kapitel_19"></a>19</h2>
+
+
+<p>Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt
+in Wien stutzig. W&auml;hrend ich drau&szlig;en mit Juden fast gar
+keinen Verkehr gepflogen hatte und blo&szlig; hier und da einmal
+einer, von dem es weder ausdr&uuml;cklich von andern noch von
+ihm selbst betont wurde, da&szlig; er Jude sei, in meinem Bezirk
+aufgetaucht war, zeigte es sich, da&szlig; hier fast alle Menschen,
+mit denen ich in geistige oder herzliche Ber&uuml;hrung kam, Juden
+waren. Au&szlig;erdem wurde es von andern stets betont, und sie
+betonten es selbst. Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine
+solche Exklusivit&auml;t das Blickfeld beengte.</p>
+
+<p>Ich erkannte aber bald, da&szlig; die ganze &Ouml;ffentlichkeit von
+Juden beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater,
+die Literatur, die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war
+in den H&auml;nden der Juden. Nach einer Erkl&auml;rung mu&szlig;te man
+nicht lange suchen. Der Adel war vollkommen teilnahmlos;
+mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und Ausgesto&szlig;ener, einiger
+Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht nur &auml;ngstlich
+fern von geistigem und k&uuml;nstlerischem Leben, sondern er
+f&uuml;rchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen B&uuml;rgerfamilien
+ahmten dem Adel nach; ein autochthones B&uuml;rgertum
+gab es nicht mehr, die L&uuml;cke war ausgef&uuml;llt durch die
+Beamten, Offiziere, Professoren; danach kam der geschlossene
+Block des Kleinb&uuml;rgertums. Der Hof, die Kleinb&uuml;rger und
+die Juden verliehen der Stadt das Gepr&auml;ge. Da&szlig; die Juden
+als die beweglichste Gruppe alle &uuml;brigen in unaufh&ouml;rlicher
+Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war
+meine Verwunderung gro&szlig; &uuml;ber die Menge von j&uuml;dischen &Auml;rz<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>ten,
+Advokaten, Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern,
+Schauspielern, Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verh&auml;ltnis
+zu ihnen, innerlich wie &auml;u&szlig;erlich, war von Anfang an
+ein h&ouml;chst zwiesp&auml;ltiges. Um aufrichtig zu sein, mu&szlig; ich gestehen,
+da&szlig; ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten
+unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr
+an b&uuml;rgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauff&auml;lligkeit
+gew&ouml;hnt. Hier wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los.
+Ich sch&auml;mte mich ihrer Manieren, ich sch&auml;mte mich ihrer Haltung.
+Die Scham f&uuml;r den andern ist ein ungemein qu&auml;lendes
+Gef&uuml;hl, am qu&auml;lendsten nat&uuml;rlich, wo Blut- und Rasseverwandtschaft
+im Spiel ist, und man durch ein unabw&auml;lzbares
+inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung
+verpflichtet ist, f&uuml;r jede &Auml;u&szlig;erung und jede Handlung von
+ihm in irgendwelcher Weise einzustehen. Wahre Verantwortung
+ist wie ein mit Herzblut unterschriebener Vertrag. Er bindet
+&uuml;ber alle Einw&auml;nde der Vernunft hinaus, und Freiwilligkeit
+und Urteil verm&ouml;gen nichts gegen ihn.</p>
+
+<p>Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung
+und bis zum Ekel. Anla&szlig; war das Geringe wie das Bedeutende;
+das Idiom; schnelle Vertraulichkeit; Mi&szlig;trauen, das
+das unl&auml;ngst verlassene Ghetto verriet; apodiktische Meinung;
+m&uuml;&szlig;ige Gr&uuml;belei um Einfaches; spitzfindiges Wortefechten,
+wo nichts weiter n&ouml;tig war als Schauen; Unterw&uuml;rfigkeit,
+wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es
+galt, sich zu bescheiden; Mangel an W&uuml;rde, Mangel an Gebundenheit;
+Mangel an metaphysischer Bef&auml;higung. Gerade
+dies letztere best&uuml;rzte mich am meisten und am meisten bei
+den Gebildeten. Es ging ein Zug von Rationalismus durch
+alle diese Juden, der jede innigere Beziehung tr&uuml;bte. Bei
+den Niedrigen &auml;u&szlig;erte es sich und wirkte im Niedrigen, Anbetung
+des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht,
+Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus;
+bei den H&ouml;heren war es das Unverm&ouml;gen zur Idee und In<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>tuition.
+Die Wissenschaft war ein G&ouml;tze; der Geist war unumschr&auml;nkter
+Herr; was sich der Errechnung versagte, war
+untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das
+Schicksal, zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der
+Seele. Es war &uuml;berhaupt in ihnen ein Wille und Entschlu&szlig;
+zur Entgeheimnissung der Welt, und sie wagten sich darin
+so weit, da&szlig; in vielen F&auml;llen, f&uuml;r mich wenigstens, Schamlosigkeit
+von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war. Mich
+d&uuml;nkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel
+durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der
+andern durch Entweihung an Scheu und fragender Demut
+verliert. Wahrheit ist doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.</p>
+
+<p>Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang
+gewinnend hervor, Verstand und G&uuml;te, Bereitschaft zu dienen,
+zu f&ouml;rdern, Blick f&uuml;r das Seltene, das Kostbare; sie hatten
+W&auml;rme, Gabe der Ahnung sogar, ein nerv&ouml;ses Mitschwingen
+war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft, wobei das
+Tempo &uuml;ber die Intensit&auml;t und Tiefe t&auml;uschte. Ich lernte sehr
+kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit;
+man h&auml;tte glauben m&ouml;gen, mit ihnen als letzten m&uuml;den Sprossen
+sei die Rasse am Endpunkt der Bahn angelangt. Dann
+wieder Typen des entgegengesetzten Gepr&auml;ges: unverbrauchte
+Sendlinge einer breiten, der europ&auml;ischen Zivilisation noch abgekehrten,
+aber drohend zu ihr dr&auml;ngenden, feindselig oder begehrlich
+von ihr faszinierten Schicht. Sie waren erf&uuml;llt von
+brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als Eroberer,
+erzwangen sich Raum, bem&auml;chtigten sich binnen kurzem
+und in skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat
+und Gesellschaft gew&auml;hrten. Zwanzig Jahre sp&auml;ter gr&uuml;ndeten
+ihre S&ouml;hne bereits literarische Wochenschriften oder publizierten
+Gedichtb&auml;nde allermodernsten Stils, und ihre T&ouml;chter hatten
+sich derma&szlig;en mimikrisiert, da&szlig; sie sich in All&uuml;re und Ausdrucksweise
+von den Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr
+unterschieden. Daneben aber gab es Erscheinungen von strenger
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>Art, Einsame; Lautlose; beharrliche W&uuml;hler; Menschen von
+hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und finstere Religion
+der V&auml;ter ein hartes und finsteres Verh&auml;ltnis zum Leben
+selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der
+Menschheit Bl&uuml;te ist, &uuml;bertragene Form und wurden, genau
+wie die V&auml;ter, denen gegen&uuml;ber sie doch Abtr&uuml;nnige waren,
+Geknechtete einer Lehre und unerm&uuml;dliche Werber daf&uuml;r. Auch
+sie waren entschlossen, sich durchzusetzen.</p>
+
+<p>Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus
+im Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und
+Norden des Reichs schuf eine v&ouml;llig andere Stimmung unter
+den Juden und v&ouml;llig andere Zusammensetzungen, als sie mir
+bis dahin bekannt waren. Die Kunde von den Sch&auml;ndlichkeiten,
+die die zaristische Regierung beging, die unbezweifelbaren Zeugnisse
+&uuml;ber Bedr&uuml;ckungen, Mord, Folter und Vergewaltigung,
+Beugung des Rechts, Verh&ouml;hnung des Gerichts, zudem die
+jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den &ouml;sterreichisch-slawischen
+Provinzen hatten nach und nach eine au&szlig;erordentliche
+G&auml;rung hervorgerufen, und einige M&auml;nner von Mut und
+Willen widmeten sich dem Plan der Errichtung eines pal&auml;stinischen
+Reiches. Die Wirkung war gewaltig. Da&szlig; der Siedlungsgedanke
+nicht als solcher propagiert wurde, da&szlig; er sich
+als staatliche Gr&uuml;ndung ins Politische gesteigert und weiterhin
+als religi&ouml;se Idee in messianischer Fassung darbot, verschaffte
+ihm zahllose Anh&auml;nger. Ich h&ouml;rte damals von Juden,
+die irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes
+Dasein schleppten und in Tr&auml;nen ausbrachen, als die neue
+Heilsbotschaft zu ihnen gelangte. Ich h&ouml;rte von solchen, die
+sich auf die Wanderung begaben, tage-, wochenlang, um nur
+den Mann mit Augen zu sehen und, wie sie sich ausdr&uuml;ckten,
+den Saum seines Gewandes zu k&uuml;ssen, den Propheten, den Ersehnten,
+der ihnen die M&ouml;glichkeit dieses Gl&uuml;cks geschenkt hatte.
+Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit
+Jahrhunderten, und ihre Welt war ein Kerker gewesen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>Mein pers&ouml;nliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher,
+bisweilen schmerzlich unsicher. Erstens mu&szlig;te ich von
+Anfang an den Sinn ganz anders richten, da ich mich ja in
+ganz andere Zusammenh&auml;nge eingelebt hatte. Manche der
+Adepten sagten, ich m&uuml;sse erwachen, und ich w&uuml;rde auch eines
+Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie
+wu&szlig;ten von mir nichts. Zweitens hatte es sich gef&uuml;gt, da&szlig; ich
+mit dem Sch&ouml;pfer der Idee gesellschaftlich in Ber&uuml;hrung gekommen
+war, und da&szlig; ich weder Zuneigung f&uuml;r ihn fassen
+konnte, f&uuml;r ihn als Schriftsteller nicht und als Menschen nicht,
+noch an seine Ungew&ouml;hnlichkeit und Gr&ouml;&szlig;e zu glauben vermochte,
+wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht
+umhin, dessen Erw&auml;hnung zu tun, weil es mich im stillen oft
+besch&auml;ftigt hat und mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das
+Bedeutende eines Menschen wesentlich und nachhaltig verkennen,
+w&auml;re nicht allein Blindheit, sondern auch Verblendung.
+Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht willig; der
+Anblick und die N&auml;he kleiner Schw&auml;chen und Eitelkeiten verdro&szlig;
+mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben,
+nicht bestimmt. Weil ich den Menschen zu &uuml;bersehen glaubte,
+&uuml;bersah ich sein Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel
+Wahn und Irrtum kn&uuml;pft.</p>
+
+<p>Da&szlig; ich von Juden immer wieder f&uuml;r diese lebenswichtige
+j&uuml;dische Sache gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich
+stets in Verlegenheit. Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen,
+die daf&uuml;r aufgewendet wurde, Opfer und Hingabe,
+auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand nicht da,
+wo sie standen. Ich f&uuml;hlte nicht die Solidarit&auml;t, auf die sie
+mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religi&ouml;se
+Bindung fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte,
+und so, in meinem noch nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben,
+vermochte ich im Zionismus vorl&auml;ufig nichts anderes
+zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches Unternehmen.
+Es widerstrebte mir das, was sie die j&uuml;dische Nation nannten,
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>rundweg gesagt, denn mir war, als k&ouml;nne eine Nation nicht
+von Menschen gewollt und gemacht werden; was in der j&uuml;dischen
+Diaspora als Idee davon lebte, schien mir besser, h&ouml;her,
+fruchtbarer als jegliche Realit&auml;t; was war gewonnen, so schien
+es mir, wenn im Jahrhundert des Nationalit&auml;tenwahnsinns
+die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, aufeinander
+eifers&uuml;chtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die j&uuml;dische
+zwei Dutzend und eine geworden w&auml;ren? Historisch-psychologisch
+betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus
+der Not geborene Erscheinung gab mir in jedem Augenblick
+Unrecht. Und die Not baut den Weg.</p>
+
+<p>Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen,
+um ihr Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Geb&auml;rde, ihr
+Wort, ob sie in mir waren schlie&szlig;lich, ob ich in ihnen war.
+Ich konnte den oder jenen w&uuml;rdigen, sch&auml;tzen, lieben, weil er so
+war, wie er war, eben dadurch w&uuml;rdigens-, sch&auml;tzens-, liebenswert.
+Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine Gesamtheit w&uuml;rdigen,
+sch&auml;tzen und lieben, nur weil man mich in den Verband einschlo&szlig;.
+Vielleicht k&ouml;nnen es andere; mich hatte Gott nicht so
+geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen
+mu&szlig;t du die Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere
+ich: zu einer Idee, einer unbeirrbaren, mich v&ouml;llig durchdringenden
+und all meinem Tun gebietenden war ich bereits
+geboren; sie durch eine andere zu ersetzen oder ihr eine andere
+koordinieren, war nicht m&ouml;glich, ist menschlich, geistig, organisch
+nicht m&ouml;glich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit
+und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und L&uuml;ckenf&uuml;llen.
+Was man ist und tut, hat man ganz zu sein und zu tun;
+sonst k&ouml;nnte jeder die Gesch&auml;fte eines jeden betreiben.</p>
+
+<p>Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich
+mit ihm, bem&uuml;hte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine
+Art zu denken und zu leben zu ergr&uuml;nden, so konnte er mich
+wohl r&uuml;hren oder verwundern oder zum Mitleid, zur Trauer
+stimmen, aber eine Regung von Br&uuml;derlichkeit, ja nur von
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Verwandtschaft versp&uuml;rte ich durchaus nicht. Er war mir
+vollkommen fremd, in den &Auml;u&szlig;erungen, in jedem Hauch
+fremd, und wenn sich keine menschlich-individuelle Sympathie
+ergab, sogar absto&szlig;end. Viele Juden, die sich Juden
+f&uuml;hlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff oder Parteidiktat
+zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt
+zu geben, &uuml;ben sie Zwang auf sich aus. Das hat in
+meinem Fall keinen Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur
+Nachahmung auf und sage nicht, da&szlig; es gut war, was ich tat,
+und wie ich mich verhielt; ich schildere einfach mein Erlebnis
+und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich einmal mit
+einem mir befreundeten J&uuml;disch-Nationalen, einem sehr edlen
+Mann und vorbildlichen Menschen &uuml;ber das mich Bedr&uuml;ckende
+und die andern Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts
+nicht darin zu suchen, da&szlig; Sie ein j&uuml;discher Jude sind
+und ich ein deutscher Jude? Sind das nicht zwei Arten, zwei
+Rassen fast oder wenigstens zwei Lebensdisziplinen? Bin ich
+nicht dadurch ausgesetzter als die meisten, da ich ja nach keiner
+Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromi&szlig; schlie&szlig;e
+und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum
+Ausdruck bringen, zur Br&uuml;cke machen will? Bin ich so nicht
+am Ende n&uuml;tzlicher als einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung
+vereidigt ist?</p>
+
+<p>Er lie&szlig; sich auf Er&ouml;rterung nicht ein und entgegnete
+l&auml;chelnd: Sie sollen sich mit all dem gar nicht qu&auml;len; Sie
+sind Dichter, und als Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich
+erinnere mich, da&szlig; mich die Antwort schmerzte und verletzte,
+denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag eine gewisse ausweichende
+Absch&auml;tzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir sind auf
+dich nicht angewiesen und k&ouml;nnen auf dich verzichten.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a></p>
+<h2><a name="kapitel_20" id="kapitel_20"></a>20</h2>
+
+
+<p>Wenn mir die Frage gestellt w&uuml;rde: bei welchen M&auml;nnern
+und Frauen hast du am meisten Verst&auml;ndnis, Ermunterung,
+Echo und Anh&auml;ngerschaft gefunden, so m&uuml;&szlig;te ich antworten:
+bei j&uuml;dischen M&auml;nnern und Frauen.</p>
+
+<p>Wenn man an irgendeinen Dichter oder K&uuml;nstler nichtj&uuml;dischen
+Ursprungs dieselbe Frage richten w&uuml;rde, so m&uuml;&szlig;te, in
+der Mehrzahl der F&auml;lle, dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe
+die Probe gemacht; ich habe mich bei vielen Leuten von Rang
+erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe Gewi&szlig;heit ohnehin
+war, ist jedesmal best&auml;tigt worden. Und wer die Lebensl&auml;ufe
+der Neuerer und Sch&ouml;pfer des neunzehnten Jahrhunderts
+erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich
+oft sehr versteckten &Auml;u&szlig;erungen, sei es im Urteil, n&auml;mlich im
+erstgeborenen Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern
+und Tr&auml;gern der &ouml;ffentlichen Meinung, wird es auch dort best&auml;tigt
+finden. Juden waren Entdecker, Empf&auml;nger, Verk&uuml;ndiger,
+Biographen, waren und sind die Karyatiden fast jeden
+gro&szlig;en Ruhms.</p>
+
+<p>In meinem pers&ouml;nlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis
+und eine recht eigent&uuml;mliche. Der gebildete Jude
+kann sich kaum entschlie&szlig;en, an die sch&ouml;pferische F&auml;higkeit eines
+Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad der Bildung wird
+daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt wahrscheinlich
+ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitenged&auml;chtnis
+aufbewahrte Gew&ouml;hnung des Dichtbeieinander von Haus und
+Mensch; Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes
+Ichkennedich &auml;u&szlig;ert sich so, du machst mir nichts vor, ich
+wei&szlig; zu viel von dir, ich verstehe mich auch auf die Handgriffe;
+es ist, als begegneten sich zwei Gaukler. Doch sp&uuml;re
+ich auch einen profunden Demokratismus darin, der Jahrtausende
+zur&uuml;ckweist auf die nat&uuml;rliche Gleichheit bei Nomaden<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>v&ouml;lkern,
+wo keiner sich &uuml;ber den andern erhebt. Die Juden
+tragen gegen ihre gro&szlig;en M&auml;nner stets ein unausgesprochenes
+Gebot: du sollst dich nicht &uuml;ber uns erheben, denn vor Gott
+sind wir alle gleich.</p>
+
+<p>Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den
+Juden niemals frei entfalten k&ouml;nnen; die wahrhaft sch&ouml;pferische
+Gabe ist verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig sehr selten. Manche leugnen
+sie &uuml;berhaupt; sie w&uuml;rden kein Beispiel gelten lassen, auch
+wenn man sich zuvor &uuml;ber den Begriff des Sch&ouml;pferischen
+mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem Sch&ouml;pferischen
+steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern Menschengattung;
+Sehnsucht nach dem Sch&ouml;pfer: sie erkl&auml;rt sich aus
+dem j&uuml;dischen Gottesgef&uuml;hl, aus der Gottesfurcht sozusagen,
+und es w&auml;re zu untersuchen, wie und inwiefern Furcht und
+Sehnsucht gepaart ist oder Sehnsucht die Furcht bedingt.</p>
+
+<p>In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht
+sich verk&uuml;nden, verlarvt und verkleidet oft; l&auml;cherlich oft und
+bizarr; l&uuml;genhaft und selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte
+viele, die vor Sehnsucht nach dem blonden und blau&auml;ugigen
+Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu F&uuml;&szlig;en, sie
+schwangen R&auml;ucherf&auml;sser vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort,
+jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner
+Erde sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug,
+stimmten sie ein hysterisches Triumphgeschrei an.</p>
+
+<p>Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein;
+haben sie ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen,
+scheint es ihnen, oder wenigstens als Bemakelte vergessen,
+als Minderwertige verh&uuml;llt. Bis vor kurzem bemerkte ich sie
+in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in Theater ging,
+und in allen Konzerts&auml;len. Ich wei&szlig; nicht, ob sie noch dort
+sind.</p>
+
+<p>Eine erg&ouml;tzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude,
+elegant, von ged&auml;mpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch,
+ein wenig K&uuml;nstler, ein wenig Schwindler; den hatte die Vor<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>sehung
+selbst blond und blau&auml;ugig geschaffen, aber siehe da,
+er glaubte nicht an seine Blondheit und Blau&auml;ugigkeit; er hielt
+sie im Innersten f&uuml;r gef&auml;lscht, und da er in best&auml;ndiger Angst
+lebte, auch andere k&ouml;nnten an der Echtheit zweifeln, ging er
+&uuml;ber das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde
+Anglomane, und zwar von strengster Observanz.</p>
+
+<p>Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne
+die Hingabe und den untr&uuml;glichen Enthusiasmus des modernen
+Juden w&auml;re es um das Kunstverstehen und -empfangen der
+letzten f&uuml;nfzig Jahre k&uuml;mmerlich bestellt gewesen. Das hat
+schon Nietzsche immer wieder betont, dem die Antisemiterei, wie
+er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch, Beleidigung.
+Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte,
+das Auge, das sichtete; sie waren bef&auml;higt, das Geheimnis zu
+entdecken, das Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen.
+Ihr t&auml;tiger Enthusiasmus zwang oft genug den
+&ouml;ffentlichen Geist zum Aufmerken, und ich kannte solche, bei
+denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie bis zur
+Stunde, die sie zu der begl&uuml;ckenden Sendung erw&auml;hlt, leeres
+Gef&auml;&szlig; gewesen und k&ouml;nnten nun den neuen Inhalt kaum tragen
+und ertragen.</p>
+
+<p>Frauen insbesondere fand ich so. J&uuml;dische Frauen und
+M&auml;dchen sind der edelste und verhei&szlig;endste Teil des Judentums;
+in ihren reinen Bildungen unvergleichlich. Manche sind
+f&ouml;rdernd, einige rettend in meinen Bezirk getreten, die ersten
+Best&auml;tigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel stillten, dem
+Ruf antworteten, die Gestalt gr&uuml;&szlig;ten, die innere Welt sozusagen
+agnoszierten.</p>
+
+<p>Mir ist die gegenw&auml;rtig, die nach der Ver&ouml;ffentlichung der
+&raquo;Juden von Zirndorf&laquo; zu mir kam, als Fremde, mit befl&uuml;gelter
+Eile, als h&auml;tte sie dringende Botschaft auszurichten, Botschaft
+gleichsam von vielen Ungenannten. Sie bewirkte, da&szlig;
+die Ungenannten auf einmal freudig meine Einsamkeit bev&ouml;lkerten,
+und da&szlig; das phantastische Unglaubw&uuml;rdige, als welches
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und G&uuml;ltigkeit
+gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und
+Bejahung, gewi&szlig; nicht um Beifall und Bewunderung, sondern
+schlechthin um die Lebensprobe. Die wird entschieden durch
+solche Botinnen. Ich konnte ihr sp&auml;ter schwer genugtun; sie
+war eigensinnig anspruchsvoll f&uuml;r mich, wollte immer das
+ausnahmshaft Letzte, verglich, pr&uuml;fte, wog, stellte Muster vor
+mich hin und sagte sich vom Mi&szlig;lungenen zornig los. &Uuml;berdies
+mu&szlig; ich l&auml;cheln, wenn ich denke, da&szlig; gerade sie erstaunlich
+blond und blau&auml;ugig war.</p>
+
+<p>Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten;
+von unendlicher geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur
+einer Dichtung war ihr so wirklich, da&szlig; sie mit ihr hadern, an
+ihr kranken konnte; be&auml;ngstigend ihr forderndes, gl&uuml;hendes Mitsein
+in einer Sph&auml;re, die den meisten nur ein bemalter Vorhang
+ist. Da f&uuml;hlt man sich dann w&ouml;rtlich genommen; verstanden
+w&auml;re ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine sichtbare
+Wandlung, das Seltenste.</p>
+
+<p>Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals ent&auml;u&szlig;ern.
+Dabei ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung
+allein treibt so weit nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel
+ist eine Seelen- und Blutverfassung im Spiel, die den westlichen
+Rassen nicht eigen ist, eine mediumistische F&auml;higkeit,
+bereichert und erh&ouml;ht durch den Willen zur Wahl und erst nach
+vollzogener Wahl sich hinzugeben.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_21" id="kapitel_21"></a>21</h2>
+
+
+<p>Ich f&uuml;rchte aber bisweilen, da&szlig; die Bl&uuml;te dieser Entwicklung
+vor&uuml;ber ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und
+Schwelgerei, wo fr&uuml;her Flamme war; Schwung und Impuls
+ist der modischen &Uuml;bung gewichen, Gew&ouml;hnung dem Bed&uuml;rfnis.
+Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits die Pr&auml;tension;
+sie diktieren Werturteile aus Geschm&auml;cklerstimmung,
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>baden sich in einer schw&uuml;len F&uuml;lle, und das Ungew&ouml;hnlichste
+ist gerade noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.</p>
+
+<p>Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei
+Generationen hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne
+erm&uuml;det und gehorchen nur dem sch&auml;rfsten Reiz. Die Folge
+davon ist, da&szlig; allenthalben ein mi&szlig;leiteter und unkeuscher Hang
+zur Selbstproduktion hervortritt. Jede arrivierte j&uuml;dische Familie
+stellt heute in die Reihen der Jugend einen ihrer Angeh&ouml;rigen
+als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder Dirigenten,
+was ein wahres &Auml;rgernis ist.</p>
+
+<p>Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein.
+Bedenkt aber, wenn die Schale Quelle sein will, werden die
+Lippen verschmachten, die durstig daran h&auml;ngen.</p>
+
+<p>&Auml;rgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung
+und Besch&ouml;nigung instinktm&auml;&szlig;ig gesp&uuml;rter Lebensunt&uuml;chtigkeit
+bezeichnet. Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am
+Kr&auml;ftevorrat. Die m&uuml;tterlichen, das ist n&auml;hrenden Elemente
+weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein Symptom, das
+den Beobachter nicht blo&szlig; im Leben der Juden erschreckt, sondern
+das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der
+Epoche &uuml;berhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie
+des Intellekts. In welchem Ma&szlig; das Judentum daran
+Teil hat, in welchem Grad es daran mitschuldig ist, bildet
+seit langem den Gegenstand meines peinvollsten Nachdenkens.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_22" id="kapitel_22"></a>22</h2>
+
+
+<p>Es gibt Begegnungen, die zun&auml;chst unscheinbar und singul&auml;r
+sind, die aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine
+Magie der Deutung ausgeht.</p>
+
+<p>Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus,
+vor acht oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude
+nimmt an meinem Tische Platz, und nach kurzer Weile sind
+wir im Gespr&auml;ch. Sein Vater ist im Gef&auml;ngnis gestorben,
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>seine Br&uuml;der sind in Sibirien, seine Schwester ist bei einem
+Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und
+fl&uuml;chtig. Gef&auml;llt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet
+und ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals
+die deutschen Beh&ouml;rden sehr dienstfertig gegen Ru&szlig;land.</p>
+
+<p>Er hat eine ungemein k&uuml;hle Art zu berichten. Sein Gesicht
+ist wei&szlig;, kaum bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die
+Augen von stumpfer Schw&auml;rze mit sorgf&auml;ltig verhaltenem
+Feuer. Ein m&ouml;nchisches Gesicht. Er beherrscht die Rede, jeder
+Satz hat Schliff, er &auml;u&szlig;ert auch das Beil&auml;ufige wie jemand,
+der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unersch&uuml;tterlich
+entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch
+mit einem halb zerstreuten, halb verwunderten L&auml;cheln
+auf. Es ist ein diplomatisches Verfahren, voller Vorsicht und
+voller Hintergrund, doch mit stetem, tiefem, beharrlichem Eingedenken.
+Alle Leidenschaft ist erstickt; an ihre Stelle ist ein
+eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus getreten.
+Und so, als Fanatiker, mit Bewu&szlig;tsein, Unerbittlichkeit, K&auml;lte
+und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn st&uuml;tzt und rechtfertigt.
+Ich erstaune &uuml;ber dreierlei: seinen Scharfsinn, sein
+Wissen, seine Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint,
+derma&szlig;en aufgegeben, wie nur einer, der selbst Welt und
+Menschheit aufgibt, f&uuml;hle ich doch mit jeder Sekunde gewisser:
+da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der Katastrophe.</p>
+
+<p>Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische;
+seine Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es
+zum geistigen Motor zu machen: ungeheuer. Der Zeiten
+Schande wird entschleiert, wie es bei Shakespeare hei&szlig;t, die
+Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet, warum verwandelt
+sich mir das strenge M&auml;nnerantlitz zur medusischen
+Fratze? Ist es die furchtbare Anma&szlig;ung, da&szlig; sich der einzelne
+zum Richter ernennt &uuml;ber die gesamte Menschheit? Sicherlich
+etwas von dem. Es w&auml;re nah gelegen, da&szlig; ich das uralte Aug
+um Aug, Zahn um Zahn aus seinem Wesen geh&ouml;rt h&auml;tte. Ich
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>h&auml;tte es lieber geh&ouml;rt; es h&auml;tte auf Raserei schlie&szlig;en lassen,
+St&uuml;rme des Bluts. H&auml;tte ich ihn resigniert gew&uuml;nscht, human
+empfindsam, philosophisch w&auml;gend? Mit nichten.</p>
+
+<p>Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament
+des Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und
+ihm auf. Er war nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem
+Schicksal zu entwinden, sondern er schleuderte der Gesellschaft
+die Absage auch im Namen derer zu, die noch unerweckt &uuml;ber
+ihrem Leid br&uuml;teten, ja im Namen derer sogar, die vom Leiden
+noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch
+&uuml;ber diese zum Richter auf.</p>
+
+<p>Es geht gegen die g&ouml;ttliche Idee, wenn der einzelne Mensch
+in dem Verh&auml;ltnis zwischen Schuld und S&uuml;hne den Entscheidungsanspruch
+erhebt. Mit diesem Glauben stehe und falle ich.
+Mag er toben, mag er alles um sich her zerst&ouml;ren, mag er
+mit der Brandfackel in der Faust zum verfluchten D&auml;mon
+werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie unterwirft er
+sich doch der g&ouml;ttlichen Idee, so scheint es mir, denn er bleibt
+im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen
+Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten
+beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken
+zwischen Himmel und H&ouml;lle kraft seines als souver&auml;n verkl&auml;rten
+Geistes aufhalten und korrigieren will, so ist er nur der Feind
+des Menschengeschlechts und der, den Gott versto&szlig;en hat.</p>
+
+<p>Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er
+schreckt nicht davor zur&uuml;ck. Er hat alle Konsequenzen von vornherein
+gezogen. Dazu hat er ja seine Logik und sein Wissen.</p>
+
+<p>Warum ist gerade aus dem altehrw&uuml;rdigen, in heiligen
+Traditionen ruhenden Judentum der politische Radikalismus
+erwachsen? War der zermalmende Druck die Ursache? Ist die
+Spannung zwischen Sehnsucht und Erf&uuml;llung unertr&auml;glich geworden,
+so da&szlig; die D&auml;mme brachen? War es die These nur,
+die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser
+Gruppen zu j&auml;h und hat ihnen den Boden unter den F&uuml;&szlig;en
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>entzogen? Ist es Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist
+es Aposteltum und M&auml;rtyrertrieb oder herostratisches Gel&uuml;st?</p>
+
+<p>Fragen &uuml;ber Fragen, die zu beantworten ich au&szlig;erstande bin.</p>
+
+<p>Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt,
+wie ich eine dort in Hamburg kennenlernte, sind nat&uuml;rlich
+selten. Aber die Seltenheit mindert nicht nur nicht die Gefahr,
+sie erh&ouml;ht sie im Gegenteil. Es sind sp&auml;neanziehende
+Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine
+Kraft der &Uuml;bertragung inne, der Entflammung, der Zerr&uuml;ttung
+und Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung
+Schw&auml;cherer, der Gefolgsaufbietung, da&szlig; ihnen Widerstand nur
+der zu leisten vermag, der mit seinen Wurzeln fest in der Erde
+verklammert ist.</p>
+
+<p>Es fallen ihnen m&uuml;helos zu: die Unzufriedenen; die Leugner;
+die Ents&auml;fteten und Morschen; die &Uuml;bers&auml;ttigten; die Entt&auml;uschten;
+die geborenen Verr&auml;ter und die aus dem Verrat Nutzen
+ziehen; die Gottlosen und die Gottsucher; die am Wort h&auml;ngen
+und ans Wort glauben; die dilettantischen Weltverbesserer; die
+Abenteurer; die Gelegenheitsmacher; die Piraten des &ouml;ffentlichen
+Lebens, der Politik und der Literatur; alle, die ihr
+Leben mit wesenloser Opposition hinbringen &#8211; Legionen. Es
+fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die
+aus miasmischem Luxus Fl&uuml;chtenden, die Jugend, die ohne Idee
+ist, ohne Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen &#8211; Legionen.
+Sie alle waren vielleicht einmal ein Ausdruck der
+Sch&ouml;pfung; jetzt wird aus jedem eine lebendige Phrase.</p>
+
+<p>Der Proze&szlig; ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die
+Gesinnung. Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschl&auml;gt das
+Bild, entfleischt die Gestalt, da&szlig; sie zum Skelett wird, zum
+Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht nicht mehr die Gestalt
+und l&ouml;st sich los von Sein und Werden.</p>
+
+<p>Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit
+dahin gelangt, wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase
+gleicht der entz&uuml;ndeten Zelle, die sich weiter fri&szlig;t und endlich
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>als Krebsgeschw&uuml;r den K&ouml;rper zerst&ouml;rt. Sie bl&auml;ht sich und
+bl&auml;ht sich und fri&szlig;t und fri&szlig;t und verfinstert die Erde und
+den Luftraum.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_23" id="kapitel_23"></a>23</h2>
+
+
+<p>Diese Umst&auml;nde, in Verflechtung mit den fr&uuml;her ber&uuml;hrten,
+haben die Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und gesch&uuml;rt,
+deren Schauplatz zur gegenw&auml;rtigen Stunde Deutschland ist.</p>
+
+<p>Nicht &uuml;berraschend f&uuml;r den, der auf den Kompa&szlig; zu blicken
+gewohnt war und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht
+zu Angesicht sah. Nicht &uuml;berraschend f&uuml;r mich.</p>
+
+<p>Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, w&uuml;rde zugleich
+ein wichtiges St&uuml;ck deutscher Kulturgeschichte geben.</p>
+
+<p>Es w&auml;re interessant, den lockenden K&ouml;der zu untersuchen,
+der hier und da aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen
+Meinungsbrauereien auf die Stra&szlig;e flog, und auf den der
+hungrige Michel wahllos und gierig anbi&szlig;.</p>
+
+<p>Es w&auml;re interessant, die vielf&auml;ltigen und in ihren Folgen verh&auml;ngnisvollen
+antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit
+denen in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen
+Wagnerianer in einem seltsamen Zustand von Bezauberung und
+geheimnisvoller Unruhe die deutsche Welt &uuml;ber das Mi&szlig;verh&auml;ltnis
+zwischen Wagner, dem expressiven Deutschen, und
+Wagner, dem Musiker, hinwegzut&auml;uschen wu&szlig;ten; denn dort
+war die Zentralhexenk&uuml;che.</p>
+
+<p>Es ist nicht meines Amtes.</p>
+
+<p>Leider steht es so, da&szlig; der Jude heute vogelfrei ist. Wenn
+auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gef&uuml;hl des Volkes.</p>
+
+<p>Leider steht es so, da&szlig; man den beauftragten wie den freiwilligen
+Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei
+allem Bildersturm, allem Paroxysmus oder sozialen Forderung
+waren Juden, sind Juden in der vordersten Linie. Wo
+das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht wurde, wo
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in
+Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die
+F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>Juden sind die Jakobiner der Epoche.</p>
+
+<p>W&auml;re irgend Billigkeit zu erwarten, so m&uuml;&szlig;te freilich zugestanden
+werden, da&szlig; diese Juden fast ohne Ausnahme von
+ehrlicher &Uuml;berzeugung beseelt waren, Idealisten, Utopisten,
+Heilbringer, als welche sie sich in der Welt empfanden; so
+m&uuml;&szlig;te zugestanden werden, da&szlig; in ihrem Tun eine vielleicht
+unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in die
+Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die &Uuml;berpflanzung der
+vom Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religi&ouml;sen
+ins Soziale. So m&uuml;&szlig;te ferner zugestanden werden, da&szlig;
+bei genauer Pr&uuml;fung, wer aus der Verwirrung Vorteil gezogen,
+wer sein Sch&auml;fchen dabei ins Trockne gebracht, wer in
+die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und ungef&auml;hrdet
+geschehen konnte und sich zu bergen wu&szlig;te, als die gute alte
+Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten w&auml;ren.
+Zugestanden m&uuml;&szlig;te werden, da&szlig; sie die Kastanien aus dem
+Feuer geholt haben, und, da die Kastanien verbrannt sind,
+wie es den Anschein hat, man ihnen daf&uuml;r die H&auml;nde abzuhacken
+beschlie&szlig;t.</p>
+
+<p>Zugestanden m&uuml;&szlig;te auch werden, da&szlig; Juden ebenso die Bewahrer
+und H&uuml;ter der Tradition sind, Kundige und Diener
+des Gesetzes.</p>
+
+<p>Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es
+auch nicht abgesehen. Auf den Ha&szlig; ist es abgesehen, und der
+Ha&szlig; lodert weiter. Er macht keinen Unterschied der Person
+und der Leistung, er fragt nicht nach Sinn und Ziel. Er ist
+sich selber Sinn und Ziel.</p>
+
+<p>Es ist der deutsche Ha&szlig;.</p>
+
+<p>Ein vornehmer D&auml;ne sagte zu mir: Was wollen eigentlich
+die Deutschen mit ihrem Judenha&szlig;? In meinem Vaterland
+liebt man die Juden fast allgemein. Man wei&szlig; von ihnen,
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>da&szlig; sie die verl&auml;&szlig;lichsten Patrioten sind; man wei&szlig;, da&szlig; sie
+ein ehrenhaftes Privatleben f&uuml;hren; man achtet sie als eine
+Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?</p>
+
+<p>Ich h&auml;tte ihm antworten m&uuml;ssen: den Ha&szlig;.</p>
+
+<p>Ich h&auml;tte ihm antworten m&uuml;ssen: sie wollen einen S&uuml;ndenbock.
+Immer, wenn es ihnen schlecht ergangen, nach jeder
+Niederlage, in jeder Klemme, in jeder heiklen Situation machen
+sie die Juden f&uuml;r ihre Verlegenheit verantwortlich. So ist es
+seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der Massen wurde
+stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die Kurf&uuml;rsten
+und Erzbisch&ouml;fe am Rhein hatten, wenn ihre Waffeng&auml;nge
+mi&szlig;lungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine
+sicher funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.</p>
+
+<p>Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unm&ouml;glich
+eine Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden
+Lage ein deutscher Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die
+beiden Worte mit vollem Nachdruck. Nehmen Sie sie als
+die letzte Entfaltung eines langwierigen Entwicklungsganges.
+Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei Fronten
+ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedr&auml;ngt. Der
+Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis getr&auml;umt,
+ich wei&szlig; aber nicht, ob es verst&auml;ndlich ist. Ich legte
+die Tafeln zweier Spiegel widereinander, und es war mir zumute,
+als m&uuml;&szlig;ten die in beiden Spiegeln enthaltenen und bewahrten
+Menschenbilder einander zerfleischen.</p>
+
+<p>Der D&auml;ne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen
+haben zu wenig Liberalit&auml;t, wenigstens seit der Gr&uuml;ndung
+des Reiches.</p>
+
+<p>Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste,
+was man dar&uuml;ber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie,
+an Freiheit und an G&uuml;te. Ein wesentlicher Defekt mu&szlig; da
+sein, wenn ein Volk so leichterdings, so gewohnheitsm&auml;&szlig;ig, so
+skrupellos, keine Berufung h&ouml;rend, keiner redlichen Ausein<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>andersetzung
+zug&auml;nglich, keiner gro&szlig;m&uuml;tigen Regung in diesem
+Punkt f&auml;hig, ein Volk, das unabl&auml;ssig von sich selbst verk&uuml;ndet,
+in Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete
+der V&ouml;lker zu marschieren, dauernd solche Unbill &uuml;bt, solchen
+Hader s&auml;t, solch berghohen Ha&szlig; h&auml;uft.</p>
+
+<p>Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.</p>
+
+<p>Da&szlig; eine Schicksals- und Charakter&auml;hnlichkeit vorhanden
+ist, leuchtet ein. Hier wie dort jahrhundertelange Zerst&uuml;ckelung
+und Mittelpunktslosigkeit. Fremdgewalt und messianische Hoffnung
+auf Sieg &uuml;ber alle Feinde und auf Einigung. Es wurde
+zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott erfunden, der,
+wie der j&uuml;dische Gott in den Gebeten, in allen patriotischen
+Hymnen figurierte. Hier wie dort Mi&szlig;kennung von au&szlig;en,
+&Uuml;belwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen
+innerhalb der Nation hier wie dort, Zwietracht der St&auml;mme.
+Unvereinbare Gegens&auml;tze individueller Wesensz&uuml;ge: praktische
+Regsamkeit und Tr&auml;umerei; Gabe der Spekulation im niedern
+und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb, Handelstrieb,
+Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu
+dienen. &Uuml;berf&uuml;lle der Formeln und Mangel an Form. Ein
+seelisches Leben ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris
+f&uuml;hrt, zu Hoffart und unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort
+schlie&szlig;lich das Dogma der Auserw&auml;hltheit.</p>
+
+<p>Die Ber&uuml;hrungen haben Sch&uuml;rfungen erzeugt, die Sch&uuml;rfungen
+blutende, eiternde Wunden. Im schw&auml;cheren K&ouml;rper
+unheilbare Wunden.</p>
+
+<p>Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen:
+ihr vergiftet unsere reine Atmosph&auml;re. Ihr verf&uuml;hrt unsere
+unschuldige Jugend zu euern Taktiken und Praktiken. Ihr
+tragt in unsere germanisch-strahlende Weltanschauung euer
+tr&uuml;bes Gr&uuml;beln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure asiatische
+Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und
+das arische Prinzip von der Erde vertilgen.</p>
+
+<p>Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>wer dann jene Anschuldigungen noch aufrechterh&auml;lt, dem w&auml;re
+auch nicht gedient, wenn ich mit Engelszungen redete.</p>
+
+<p>Andere sagen: ihr verderbt uns das Gesch&auml;ft. Diese sind
+aufrichtig. Die Deutschen m&ouml;gen sich erinnern, wie sie beim
+Beginn des Krieges, knirschend &uuml;ber die Heuchelei, die Ausbr&uuml;che
+sittlicher Entr&uuml;stung, die die Engl&auml;nder vorbrachten, &uuml;ber
+sich ergehen lassen mu&szlig;ten. Wenn ihnen aber irgendein Engl&auml;nder
+zurief: ihr verderbt uns das Gesch&auml;ft, so begriffen sie
+das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk gerichtet,
+um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich ist.</p>
+
+<p>Ein junger Freund erz&auml;hlte mir folgende Geschichte: Er
+war in Polen im Haus eines armen Juden einquartiert, der
+drei S&ouml;hne hatte, einen elf-, einen dreizehn-, einen f&uuml;nfzehnj&auml;hrigen.
+Einmal lie&szlig; er sich mit ihnen in ein Gespr&auml;ch ein,
+und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der Elfj&auml;hrige
+sagte voll Eifer: Ich will was Gro&szlig;es werden; ein
+Million&auml;r. Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden.
+Der dritte, der finster abseits stand und die Frage mehrmals
+geflissentlich &uuml;berh&ouml;rte, sagte endlich zu dem Bedr&auml;nger: Erde
+will ich werden wie du.</p>
+
+<p>Hier sind drei Kategorien j&uuml;discher Menschheit in drei Repliken
+zusammengefa&szlig;t. Das Sonderbare und Schmerzliche
+ist, da&szlig; die Deutschen stets und von jeher nur die eine, die
+erste sehen, nur von ihr reden, nur gegen sie ihre Wut richten,
+was auch sonst die Vorw&auml;nde und Verschleierungen sein m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das
+Christentum w&auml;re und mit Christentum zu entschuldigen, was
+sie wider alle humane Gepflogenheit tun. Rassentheorien,
+philosophische Systeme sogar, den Nachweis schlie&szlig;lich, den
+ein Ekstatiker des Hasses gef&uuml;hrt hat, da&szlig; Christus von nichtsemitischer
+Abkunft sei, das alles lasse ich mir gefallen, damit
+kann man Oberfl&auml;chliche blenden und den Janhagel bet&ouml;ren.
+Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet.
+Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich
+<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche
+Art in kristallener Reinheit ausgepr&auml;gt ist, ein Verwandlungsph&auml;nomen
+freilich, das in die Zukunft deutet.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_24" id="kapitel_24"></a>24</h2>
+
+
+<p>Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bem&uuml;hung
+wird die Bitterkeit in der Brust zum t&ouml;dlichen Krampf.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im
+Namen seiner Dichter und Denker zu beschw&ouml;ren. Jedes
+Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die
+W&uuml;rmer, tausend neue zutage.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die
+linke geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten
+bedenklich, es r&uuml;hrt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie
+schlagen auch die rechte.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, in das tobs&uuml;chtige Geschrei Worte der
+Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken?
+Stopft ihm das Maul.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir
+wissen nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen:
+der Feigling, er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt
+ihn dazu.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand
+zu bieten. Sie sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner
+j&uuml;dischen Aufdringlichkeit?</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitk&auml;mpfer,
+sei es als Mitb&uuml;rger. Sie sagen: er ist der Proteus,
+er kann eben alles.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den
+Gliedern zu streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon
+dabei gemacht haben.</p>
+
+<p>Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Es ist vergeblich, f&uuml;r sie zu leben und f&uuml;r sie zu sterben.
+Sie sagen: er ist ein Jude.</p>
+
+<p>In den verzweifelten Tagen meiner M&uuml;nchener Not hatte
+ich die wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof
+zu wandern und die in der Leichenkammer zur Schau gestellten
+Toten zu betrachten. Ich wurde ihres Anblicks nicht
+m&uuml;de. Die w&auml;chsernen Stirnen, Augen und Lippen sprachen
+zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter Gemordete,
+irgendwie durch Mi&szlig;verst&auml;ndnis und &uuml;berfl&uuml;ssige
+Leiden Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteri&ouml;s und
+dr&auml;ngten sich in meine Tr&auml;ume. Wenn ich nicht mehr aus
+noch ein wu&szlig;te, trieb mich die Sinnesverwirrung und -verfinsterung
+zu ihnen, und ich klagte die Lebendigen bei ihnen an.</p>
+
+<p>So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als w&auml;re nur bei
+den Toten Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn
+was diese tun, ist ganz und gar unertr&auml;glich.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_25" id="kapitel_25"></a>25</h2>
+
+
+<p>&Uuml;brigens enth&auml;lt dieses &raquo;die Deutschen&laquo; in seiner Wiederholung
+und Fixierung eine Absurdit&auml;t. Ich kenne deutsches
+Leben genug, um zu wissen, was an der Oberfl&auml;che liegt und
+was in der Tiefe; was auf der Stra&szlig;e vorgeht und was im
+verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks. Ich kenne vor
+allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen die
+Mi&szlig;billigung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich
+kehrt. Freunde und Weggenossen wei&szlig; ich da und dort; stolze
+Einsame; Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; K&uuml;nstler,
+Gelehrte, Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches
+Ziel und gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach
+Liebe schenken; Unbekannte dann, die mich bisweilen gr&uuml;&szlig;en,
+und auf die ich dennoch z&auml;hlen kann; und weit, an der Peripherie
+des Kreises, viele, von denen ich nur, wie durch
+elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und Wesens, die Be<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>harrlichkeit
+in fruchtbringender Arbeit, die unzerst&ouml;rbare Wirkung
+weiser und gro&szlig;er Gedanken, leuchtender und tiefer Werke sp&uuml;re.</p>
+
+<p>Diese sind mir &raquo;die Deutschen&laquo;. Es sind die Deutschen, zu
+denen ich mich rechne, und zu denen ich mich stelle.</p>
+
+<p>Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es f&uuml;r nat&uuml;rlich
+und selbstverst&auml;ndlich. Aber wenn ich mit meiner Qual,
+mit meiner Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem,
+mit Hinweis, Frage, Sorge zu einem von ihnen komme, ich
+supponiere zum Edelsten, Bew&auml;hrtesten, so fa&szlig;t er doch nicht
+die ganze Tragweite des Ungl&uuml;cks und verschlimmert meine
+Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr f&uuml;r
+mich haben. Er meint mich tr&ouml;sten zu k&ouml;nnen, wenn er von
+der Ebbe- und Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er
+&uuml;bersieht, da&szlig; ich mich darin, gerade darin als Arzt betrachte
+und die Erfolglosigkeit meiner Bem&uuml;hung einer Unzul&auml;nglichkeit
+in mir zuschreiben mu&szlig;. Er meint, da&szlig; die Wut der
+L&auml;rmmacher und Schaumschl&auml;ger nicht beweisg&uuml;ltig sei f&uuml;r
+die Gem&uuml;tsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er
+&uuml;bersieht aber die Zahl der Opfer; er &uuml;bersieht die Beredsamkeit
+von furchtbaren Tatsachen; und er &uuml;bersieht, da&szlig; es
+m&uuml;&szlig;ig ist, wenn ich mich als Gefangener in einem Raum
+voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu beruhigen, da&szlig;
+morgen die Fenster ge&ouml;ffnet werden. Endlich fehlt ihm, sogar
+ihm, das Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, da&szlig; ich in allerletzter Linie
+mehr f&uuml;r die Deutschen als f&uuml;r die Juden leide.</p>
+
+<p>Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am
+tiefsten liebt, wenn auch am vergeblichsten?</p>
+
+<p>Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit
+der Wandlung, dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll
+Deutschland tun?</p>
+
+<p>Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort
+liegt zu nahe, und ich sch&auml;me mich f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p>Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Ro&szlig;
+mit der Peitsche derma&szlig;en mi&szlig;handelt, da&szlig; die Adern des
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Tieres springen und die Nerven zittern, und es fragt mich
+einer von den unt&auml;tig, obschon mitleidig Herumstehenden:
+was soll geschehen? so sage ich ihm: rei&szlig;t dem W&uuml;terich vor
+allem die Peitsche aus der Hand.</p>
+
+<p>Erwidert mir dann einer: der Gaul ist st&ouml;rrisch, der Gaul
+ist t&uuml;ckisch, der Gaul will blo&szlig; die Aufmerksamkeit auf sich
+lenken, es ist ein gutgen&auml;hrter Gaul, und der Wagen ist mit
+Stroh beladen, so sage ich ihm: das k&ouml;nnen wir nachher untersuchen;
+vor allem rei&szlig;t dem W&uuml;terich die Peitsche aus der Hand.</p>
+
+<p>Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewi&szlig; nicht
+tun. Aber es w&auml;re viel. Es w&auml;re genug.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="kapitel_26" id="kapitel_26"></a>26</h2>
+
+
+<p>Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger
+zu beantworten. Das Thema in seiner Unersch&ouml;pflichkeit spottet
+jeder Bem&uuml;hung.</p>
+
+<p>Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mi&szlig;deutet. Vermittlung
+st&ouml;&szlig;t auf K&auml;lte, wenn nicht auf Hohn. &Uuml;berl&auml;ufertum
+verbietet sich dem, der sich achtet, von selbst. Anpassung
+in Heimlichkeit f&uuml;hrt zu einem Ergebnis nur f&uuml;r die, die zur
+Anpassung geeignet sind, also f&uuml;r die schw&auml;chsten Individuen.
+Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.</p>
+
+<p>Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in D&auml;mmerung,
+Beklommenheit und Unfreude, zu schleppen nur f&uuml;r jene, die
+es auf pure Existenz und deren &auml;u&szlig;erliche Verbr&auml;mungen abgesehen
+haben, unfa&szlig;lich f&uuml;r die Erleuchteten oder Seelenhaften,
+die nur zu w&auml;hlen haben zwischen grenzenloser Einsamkeit
+und aussichtslosem Kampf &#8211;?</p>
+
+<p>Es ist besser, nicht daran zu denken.</p>
+
+<p>Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es
+eine M&ouml;glichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter,
+Mensch oder Geist, h&uuml;ben oder dr&uuml;ben, oder auf der Br&uuml;cke dazwischen.
+Vielleicht hat er seine Wegbereiter schon vorausgesandt.
+Vielleicht darf ich mich als einen von ihnen betrachten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Ich stehe, am Abstieg des f&uuml;nften Jahrzehnts meines Lebens,
+in einem Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern,
+da&szlig; das Getane nicht umsonst getan sei. Ich bin
+Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und so v&ouml;llig wie
+das andere, keines ist vom anderen zu l&ouml;sen. Ich sp&uuml;re, da&szlig;
+dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene
+Bewu&szlig;tsein davon und die vollkommene Durchdringung mit
+den Elementen beider Sph&auml;ren, orientalischer und abendl&auml;ndischer,
+ahnenhafter und wahlhafter, blutm&auml;&szlig;iger und durch die
+Erde bedingter, ein neuer Vorgang ist. Dieses Neue hat mich
+in fr&uuml;herer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb, weil ich es
+nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen
+aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch
+deshalb, weil best&auml;ndig h&uuml;ben und dr&uuml;ben Arme zu halten,
+zu wehren, Stimmen zu rufen, zu warnen da waren. Ich
+bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung. Obgleich
+den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet,
+ja ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich
+treibt. Und da ich allm&auml;hlich vertrauen gelernt habe, da&szlig; es
+das Rechte war, wozu es mich trieb, ist auch einige Ruhe
+in mich eingekehrt.</p>
+
+<p>In dem Bereich, in dem ich wirke, h&auml;ngt alles davon ab,
+ob man die Menschen er&ouml;ffnen, ergreifen und erh&ouml;hen kann.
+Nicht als ob ich selbst auf einer H&ouml;he st&uuml;nde, um nach G&ouml;tterweise
+die Verlorenen heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Er&ouml;ffner
+und Ergreifer wird miterh&ouml;ht um der Liebe willen.
+Daher glaube ich, da&szlig; im Abstand von den niedrigen Dingen
+das Geschw&auml;tz und der Geifer des Hasses und Unrechts ohnm&auml;chtig
+werden und die Missetaten sogar, die sie begehen,
+ihre S&uuml;hne finden.</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a></p>
+
+<div class="advertisements">
+<h1>Werke von Jakob Wassermann</h1>
+
+<h3>Die Juden von Zirndorf</h3>
+<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.</p>
+
+<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3>
+<p class="center">Roman. Dreiundzwanzigste Auflage.</p>
+
+<h3>Der Moloch</h3>
+<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.</p>
+
+<h3>Alexander in Babylon</h3>
+<p class="center">Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.</p>
+
+<h3>Die Schwestern</h3>
+<p class="center">Drei Novellen. Sechste Auflage.</p>
+
+<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3>
+<p class="center">Roman. F&uuml;nfzehnte Auflage.</p>
+
+<h3>Der goldene Spiegel</h3>
+<p class="center">Erz&auml;hlungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.</p>
+
+<h3>Faustina</h3>
+<p class="center">Ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die Liebe. Dritte Auflage.</p>
+
+<h3>Die ungleichen Schalen</h3>
+<p class="center">F&uuml;nf einaktige Dramen.</p>
+
+<h3>Der Mann von vierzig Jahren</h3>
+<p class="center">Roman. Vierzehnte Auflage.</p>
+
+<h3>Das G&auml;nsem&auml;nnchen</h3>
+<p class="center">Roman. Sechsundsechzigste Auflage.</p>
+
+<h3>Deutsche Charaktere und Begebenheiten</h3>
+<p class="center">Mit elf Abbildungen nach zeitgen&ouml;ssischen Originalen.
+Vierte Auflage.</p>
+
+<h3>Christian Wahnschaffe</h3>
+<p class="center">Roman in zwei B&auml;nden. Vierunddrei&szlig;igste Auflage.</p>
+
+<h3>Der niegek&uuml;&szlig;te Mund</h3>
+<p class="center">Erz&auml;hlungen. Dreiundsechzigste Auflage.</p>
+
+<h3>Der Wendekreis</h3>
+<p class="center">Novellen. Neunzehnte Auflage.</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a></p>
+
+<h2>Die Masken Erwin Reiners</h2>
+
+<p>Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des z&uuml;gellosen
+Individualit&auml;tsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem
+Roman, die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.</p>
+
+<p class="right">(Westermanns Monatshefte)</p>
+
+
+<h2>Das G&auml;nsem&auml;nnchen</h2>
+
+<p>In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem &raquo;Caspar Hauser&laquo;
+sein Gr&ouml;&szlig;tes gegeben; ein Werk menschlicher und k&uuml;nstlerischer Reife,
+voll unheimlicher Abgr&uuml;nde und lichter H&ouml;hen; H&ouml;llenfahrt und Himmelfahrt,
+D&auml;monen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gew&uuml;rm und
+strahlende Sch&ouml;nheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie
+ein gotischer Dom; eins und gro&szlig;, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit
+und Krausheit des Bildwerkes.</p>
+
+<p class="right">(Der Tag, Berlin)</p>
+
+
+<h2>Christian Wahnschaffe</h2>
+
+<p>Dies Werk ist gro&szlig; in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im
+Rausch seiner Farben und Gef&uuml;hle. In ihm vollzieht sich der &Uuml;bertritt
+des gro&szlig;en Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation.
+Unsere Wirklichkeit ist im &raquo;Christian Wahnschaffe&laquo; eingefangen und
+zu deuten versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt
+schwillt unersch&ouml;pflich auf und verebbt. &#8211; Es sind zeitlose S&auml;tze darin
+von tiefer und langer G&uuml;ltigkeit.</p>
+
+<p class="right">(B.Z. am Mittag, Berlin)</p>
+
+
+<h2>Der Wendekreis</h2>
+
+<p>Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkr&auml;ften, nach der
+unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und
+eine unerh&ouml;rte Lebensf&uuml;lle, das ist der Gehalt dieses neuen Novellenbuches.
+Ein <em class="antiqua">Theatrum mundi</em> tut sich in den sechs Novellen auf, so
+bunt, so tief, so bewegt, wie es nur h&ouml;chst selten von einer B&uuml;hne sich
+offenbart.</p>
+
+<p class="right">(Leipziger Tageblatt)</p>
+
+
+<p class="printer">Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<div class="note">
+<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller
+gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<p>p 075: Komma hinzugef&uuml;gt: Markterfolg, literarische Geltung<br />
+p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes</p>
+
+<p>Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:</p>
+
+<p>p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)<br />
+p 086: Trotz des Zur&uuml;ckgewiesen (Zur&uuml;ckgewiesenen?) ]</p>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p>[Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists
+all corrections applied to the original text.</p>
+
+<p>p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung<br />
+p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes</p>
+
+<p>The following peculiar spellings have been kept:</p>
+
+<p>p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)<br />
+p 086: Trotz des Zur&uuml;ckgewiesen (Zur&uuml;ckgewiesenen?) ]</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN WEG ALS DEUTSCHER UND JUDE ***
+
+***** This file should be named 17413-h.htm or 17413-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/4/1/17413/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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